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-The Project Gutenberg eBook of Sämtliche Werke 13: Politische
-Schriften, by Fjodor Michailowitsch Dostojewski
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
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-using this eBook.
-
-Title: Sämtliche Werke 13: Politische Schriften
-
-Author: Fjodor Michailowitsch Dostojewski
-
-Editor: Arthur Moeller van den Bruck
-
-Translator: E. K. Rahsin
-
-Contributor: Dmitri Mereschkowski
-
-Release Date: January 24, 2022 [eBook #67241]
-
-Language: German
-
-Produced by: The Online Distributed Proofreading Team at
- https://www.pgdp.net. This book was produced from images
- made available by the HathiTrust Digital Library.
-
-*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK SÄMTLICHE WERKE 13:
-POLITISCHE SCHRIFTEN ***
-
-
- F. M. Dostojewski: Sämtliche Werke
-
- Unter Mitarbeiterschaft Dmitri Mereschkowskis
- herausgegeben von Moeller van den Bruck
-
- Übertragen von E. K. Rahsin
-
-
- Erste Abteilung: Dreizehnter Band
-
-
- F. M. Dostojewski
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- Politische Schriften
-
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- Eingeleitet von den Herausgebern
-
- R. Piper & Co. Verlag, München
-
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- R. Piper & Co. Verlag, München, 1917
- Zweite Auflage
- Drittes bis fünftes Tausend
-
-
- Copyright 1917 by R. Piper & Co., G. m. b. H.,
- Verlag in München
-
- Herrosé & Ziemsen, G. m. b. H., Wittenberg.
-
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-
- Inhalt
-
-
- Seite
- Zur Einführung
- Die politischen Voraussetzungen der Dostojewskischen Ideen. VII
- Von Moeller van den Bruck
- Die religiöse Revolution. Von Dmitri Mereschkowski XXIX
- Vorwort LIII
-
- Erster Teil. Westeuropäisches
- Gedanken über Europa
- Republik oder Monarchie 3
- Parteimenschen 15
- Frankreich und Deutschland 24
- Frankreich und die Kultur 26
- Deutschland und Rom 32
- Frankreich, die Republik und der Sozialismus 39
- Katholizismus und Sozialismus 47
- Drei Ideen 55
- Die deutsche Weltfrage
- Deutschland, die protestierende Macht 65
- Ein genial-mißtrauischer Mensch (Bismarck) 72
- Ärger und Macht (Papstmacht) 79
- Das schwarze Heer. Die Meinung der Legionen als neues 88
- Element der Zivilisation
- Ein ziemlich unangenehmes Geheimnis (Ausblicke) 94
- Die Lage Frankreichs
- Unselige Pechvögel (Französische Republikaner) 101
- Ein merkwürdiger Charakter (Mac-Mahon. Französische 109
- Reaktionäre)
- Die katholische Verschwörung 116
- Österreichs gegenwärtige Gedanken 129
-
- Zweiter Teil. Russisches
- Vom russischen Volk
- Davon, daß wir gute Menschen sind. Die Ähnlichkeit der 147
- russischen Gesellschaft mit dem Marschall Mac-Mahon
- Von der Liebe zum Volke. Der unumgänglich notwendige Vertrag 153
- der Gesellschaft mit dem Volke
- Der Bauer Marei 159
- Einiges über den Krieg 168
- Mein Paradox
- Das Paradox 178
- Das Ergebnis des Paradoxons 187
- Utopische Geschichtsauffassung 190
- Foma Daniloff, der zu Tode gemarterte russische Held
- Foma Daniloff 201
- Die Versöhnungsmöglichkeit außerhalb der Wissenschaft 210
- In Europa sind wir bloß Landstreicher 218
- Eine der wichtigsten gegenwärtigen Fragen
- Was sollen wir denn tun? 225
- Die brennende Tagesfrage 233
- Die Tagesfrage in Europa 240
- Die russische Lösung des Problems 245
- Ehemalige Landwirte – zukünftige Diplomaten 252
- Die Diplomatie vor den Weltfragen 267
- Niemals ist Rußland so mächtig gewesen wie jetzt, – eine 272
- nicht-diplomatische Auffassung
- Die römisch-klerikale Verschwörung in Rußland 282
- Russische Finanzen 293
- Die Meinung eines geistreichen Bureaukraten über unsere 324
- Liberalen und Westler
- Die Judenfrage
- Vorbemerkungen 334
- _Pro_ und _contra_ 340
- _Status in statu._ Vierzig Jahrhunderte geschichtliches 348
- Dasein
- Doch es lebe die Brüderlichkeit! 358
- Die Beerdigung des Allmenschen 363
- Ein einzelner Fall 367
-
- Dritter Teil. Balkan und Orient
- Idealisten oder Zyniker 375
- Früher oder später muß Konstantinopel doch uns gehören
- Unser Verhältnis zum Orient 383
- Gedanken unserer Zeit 390
- Der Krieg
- Wir sind die Stärksten 400
- Nicht immer ist der Krieg eine Geißel, zuweilen ist er sogar 409
- die einzige Rettung
- Rettet denn vergossenes Blut? 414
- Wie Rußlands „sanftester“ Zar die Orientfrage aufgefaßt hat 420
- Aus dem Buch der Weissagungen Johannes Lichtenbergers – aus 422
- dem Jahre 1528
- Lüge sucht sich durch Lüge zu erhalten
- Don Quijote 429
- Mollusken, die man für Menschen hält. Was ist für uns 436
- vorteilhafter: wenn man über uns die Wahrheit weiß, oder
- wenn man über uns Unsinn schwätzt?
- Zur Orientfrage
- Lakaientum oder Zartgefühl 445
- Der größte Beweis unseres Lakaientums 456
- Ein ganz persönliches Wort über die Slawen, das ich schon 463
- lange habe sagen wollen
- Was man jetzt über den Frieden spricht. Muß Konstantinopel 471
- Rußland gehören, und ist das überhaupt möglich?
- Verschiedene Meinungen
-
- Vierter Teil. Asien
- Die Asienfrage
- Was ist Asien für uns? 493
- Fragen und Antworten 501
-
-
- Wir Russen sind ein junges Volk, wir fangen erst an
- zu leben, obgleich wir schon tausend Jahre alt
- sind: aber ein großes Schiff braucht auch ein
- tiefes Fahrwasser.
-
- Dostojewski.
-
-
-
-
- Zur Einführung
-
-
- Die politischen Voraussetzungen der Dostojewskischen Ideen
-
-Die russische Politik ist immer wieder auf ihre byzantinische Grundidee
-zurückgekommen. Nur die Begründung dieser Idee hat durch die
-Jahrhunderte gewechselt. Und fast unterscheiden sich die einzelnen
-Zeitalter der russischen Geschichte wie die verschiedenen Formulierungen
-des byzantinischen Gedankens.
-
-Diese Begründung war nacheinander machtpolitisch, kirchenpolitisch und
-panslawistisch, sie war zwischendurch bald das eine, bald das andere,
-oft mehreres zugleich – je nachdem, welche Persönlichkeiten und
-Gesichtspunkte, welche Kreise und Stimmungen die Begründung bestimmten.
-Macht verband sich freilich immer mit ihr. Es war für die Zaren eine
-besonders lockende Vorstellung, Selbstherrscher in der Stadt desselben
-Konstantin zu werden, der einst verkündet hatte, daß der Wille des
-Kaisers Kanon für das Volk sei. Ebenso fühlte sich die Beamtenschaft,
-die höfische und politische Bürokratie, schon durch ihre Gewaltneigungen
-zu der Stätte hingezogen, wo der Zeremonialstaat, aber auch der
-Polizeistaat entstanden war. In einem verwandten und nur geheiligteren
-Drange sehnte sich die Orthodoxie danach, wieder in die Stadt des
-ökumenischen Patriarchen einziehen zu können, in der vordem das erste
-Kyrie eleison erklang. Byzanz gab dem Russischen Reiche seinen
-theokratischen Stil. Wie die mittelalterlichen Deutschen aus Rom das
-Romanische herüberholten, so nahmen die Russen in Byzanz das Griechische
-auf. Während den Rumänen auf dem Balkan das freilich entartete und
-verkümmerte Erbe des Lateinertums zufiel, übernahmen die Russen für das
-Slawentum die reichere und stolzere Überlieferung des oströmischen
-Hellenismus. Byzanz wurde nach Rußland übertragen: und nicht nur in den
-Symbolen, sondern vor allem in den Instinkten und Prinzipien. Nach jener
-symbolischen Vermählung mit der letzten Palaiologin, die man Sophia
-hieß, wie die große Kathedrale von Ostrom, wurden Wappen und
-Herrschertitel, byzantinische Etikette, aber auch byzantinisches
-Patriarchat, Klerikalverfassung, Klosterleben, byzantinisches Recht, das
-an die Stelle des normannischen trat, nach Rußland hinübergeführt. Und
-so fest wuchs in Moskau die Autokratie mit der Orthodoxie zusammen, so
-sehr wurde das Byzantinische zur Grundlage des Reichsgefüges wie
-Volkstums, daß man es schließlich gar nicht mehr als Byzantinismus,
-sondern als autochthones, altheiliges, echtrussisches Gut empfand. Und
-schon diese kirchen- und machtpolitische Begründung begleitete ein
-nationalistisches Empfinden: Kyrill und die Slawenapostel, die Schöpfer
-des russischen Alphabets und der altslawischen Kirchensprache,
-vereinigten Russentum und Byzantinertum in einer slawophilen Gesinnung,
-die später, als Rußland in seine historischen Gegensätze zum
-europäischen Westen wie zum islamitischen Orient geriet, als
-panslawistisches Bewußtsein der russischen Politik ihr geschichtliches
-Ziel geben sollte: mit dem Besitz von Byzanz diese ganze Entwicklung
-abzuschließen.
-
-Die Eroberung von Byzanz ist früh versucht worden. Es waren noch
-griechische Kaiser und bulgarische Zaren, die russische Großfürsten vom
-Balkan zurückschlugen. Dann kam die Zeit, in der die Mongolen über
-Rußland herrschten. Damals entschwand Byzanz völlig den russischen
-Blicken. Auf die Mongolen aber folgten im Süden von Rußland die Tataren
-und schoben sich trennend zwischen Moskau und den Balkan. Diesem
-Tatarengürtel, dem Khanat der Krim, das seine Macht um den nördlichen
-Rand des Schwarzen Meeres lagerte, verdanken die Balkanslawen heute, daß
-ihre Nationalität sich erhielt, die ohne diese Trennung vom
-Großslawentum in diesen Jahrhunderten der Russifizierung verfallen wäre.
-Als aber Moskau, als das Großrussentum, das im Großslawentum die
-politische Führung übernahm, wieder politische Bewegungsfreiheit erhielt
-und von neuem den Blick nach Byzanz hinüberwandte, da waren hier
-inzwischen große Veränderungen geschehen. Die Türken waren den Russen
-zuvorgekommen: Byzanz war mohammedanisch geworden. Kaum ließ sich in
-dieser Zeit das Schutzrecht über die Balkanslawen und Balkanchristen
-aufrechterhalten und wenigstens andeuten, das erst Peter der Große
-wieder gegen die Türkei ausgespielt hat, und das bis zum letzten
-russisch-türkischen Kriege von der russischen Politik bald mehr
-diplomatisch, bald mehr ideologisch ausgespielt worden ist. Es wurde
-früh Prinzip dieser Politik, Prinzip von Instinkten der Rasse, die ihre
-historischen Hemmnisse wie Möglichkeiten herauswitterte, sich immer auf
-der Linie des geringeren Widerstandes vorwärts zu bewegen: sinkender
-Staaten oder wilder, niederer, jedenfalls schwächerer Völkerschaften.
-Und vorläufig lag diese Türkei, der gelungen war, was Rußland versäumt
-oder verfehlt hatte, und die damals Ungarn, Polen, Wien bedrohte,
-entschieden nicht auf dieser Linie des geringeren Widerstandes, auf der
-die russische Politik ihre größten Erfolge erringen sollte. Vorläufig,
-in einer Zeit, als Europa in den Wirren der Religionskriege und
-Erbfolgestreite sich selber schwächte, als Österreich den Türkensturm
-auszuhalten hatte, die schwedische Politik zwischen Rußland und Polen
-als Gegner schwankte, Polen zerfiel, schien eher der Westen auf dieser
-Linie zu liegen. Und so füllte denn die russische Politik diese Zeit, in
-der sie vom Süden und Osten abgedrängt war, und in der abgewartet werden
-mußte, bis die Türkei schwächer wurde und sich allmählich jenes Prinzip
-des geringeren Widerstandes auch auf sie anwenden ließ, mit ihren
-Vorstößen nach Europa aus, die dem Russentum allerdings nur die
-Zwieschaften eines Westlertums in das Land und das Leben tragen sollten.
-Über der Gründung von Petersburg wurde die Eroberung von Byzanz
-vergessen. Doch blieb der Norden den Russen stets unheimlich, wie der
-Westen ihnen peinlich war. Nur Peter konnte wagen, den Norden zu
-zwingen. Peter war selbst ein nordischer Mensch, schon deshalb, weil er
-sich auch auf die unrussische Linie des größeren Widerstandes vorwagte,
-war ein letzter Waräger, im Temperamente vom Willensschlage und
-Schaffensdrange des Großen Kurfürsten, im Charakter mit strindbergischen
-Zügen grausamen Menschenmißtrauens. Aber sogar die Ostsee blieb den
-Russen immer fremd. Früh fühlten sie, daß das baltische Meer nie ein
-slawisches Meer werden würde, daß der Mensch der Steppe kein Mensch des
-Ruders ist. Im Kampf um die Ostsee wurde das Russentum nur an die Grenze
-des größeren Widerstandes abgedrängt, an der es schließlich Europa vor
-sich hatte, eine kulturelle und, aus ihr sich immer wieder ergebend,
-eine politische Überlegenheit, gegen die es nicht aufzukommen vermochte.
-Zwar suchte es die Grenze immer wieder zu überschreiten, aber nur, um
-neue Zwieschaften des Westlertums in sich aufzunehmen, die das Russentum
-auf Nachahmung stellten, und damit vor die Gefahr, sich von sich selber
-zu entfremden. Die Linie des geringeren Widerstandes konnte für Rußland
-immer nur in den Grenzenlosigkeiten von Osten und Süden liegen, dort, wo
-die slawische Welt sich einst mit der verfallenden antiken, jetzt mit
-der heraufgekommenen islamitischen mischte. Die russische Politik blieb
-daher, was sie war: eine Politik dieser Grenzenlosigkeit. Sie suchte die
-russische Herrschaft mit der Schrankenlosigkeit von Instinkten
-auszudehnen, die von der weiten Natur des russischen Landes in einem
-besonderen Maße gerechtfertigt, ja, herausgefordert zu werden schienen.
-Und ein einziges festeres, ein phantasmagorisches, freilich auch sehr
-realpolitisches Ziel in dieser orientalischen Grenzenlosigkeit, in deren
-Fernen die Wüste, Indien und Asien lag, war dann stets, bei europäischer
-Nähe und russischer Erreichbarkeit, die Stadt des Konstantin, von der
-aus Selbstherrschertum wie Rechtgläubigkeit einst in die slawische Welt
-gekommen war. Immer wieder, langsam, auf einem asiatischen Umwege, auf
-dem zuerst Kasan und Astrachan erobert, das Kaspische Meer erreicht
-wurde, und der sich noch im Bogen um das Schwarze Meer bewegte, fühlte
-deshalb das Russentum, zunächst im Kampf gegen das Krimtatarentum, in
-der Richtung auf die Türkei und Konstantinopel vor, in der sich, als
-Symbol seiner geistigen Selbständigkeit und geschichtlichen Sendung, der
-Kuppelberg der Agia Sofia erhob.
-
- * * * * *
-
-Schon Iwan der Dritte steckte die Grenzenlosigkeiten der russischen
-Ausdehnungsmöglichkeiten nach geopolitischen Prinzipien ab und wies der
-russischen Politik das Ziel: „Die Grenzen des Moskowitischen Reiches bis
-zu den von der Natur gewiesenen Marken hinauszurücken, das heißt, bis
-zum Uralischen Bergrücken, den Gestaden des Kaspischen Meeres, dem
-Kaukasus und dem Pontus.“ Und Iwan der Große, unter dem ohne sein Zutun
-die ungeheure kosakische Erwerbung von Sibirien geschah, leitete dann
-mit seiner persönlichen Politik die Umklammerung des Schwarzen Meeres
-ein, die schließlich zum Kampf gegen die Türkei führen mußte. Sogar
-Peter der Große, der durch die Geschichte mit dem Rufe des Westlers
-geht, und dem die russische Geschichtsphilosophie der slawophilen und
-panslawistischen Epoche später alle Zwiespälte vorwarf, die durch die
-Hinüberwendung nach Europa und die Abwendung von Byzanz in den
-russischen Volkskörper gekommen sind, hat den Ausgang zum Schwarzen
-Meere früher gesucht als den zum Baltischen Meere. Die ganze
-klimatische, rassengeographische und religionspolitische Einstellung
-Rußlands, die Ausdehnungspolitik, die er vorfand, und übrigens auch
-schon Verträge seiner Vorgänger mit Polen und Österreich, verwiesen ihn
-auf den Kampf im Orient. Gerade weil er den Westen bewunderte, wollte er
-nicht eher vor dessen Urteil treten, als bis er einen Ruhm mit seinem
-Namen verbunden hatte: Und dieser Ruhm ließ sich von Rußland aus nur im
-Osten erwerben. Die Eroberung von Asow und die Gründung von Taganrog im
-damals türkischen Mündungsgebiet des Don wurde deshalb seine erste Tat.
-Und dann erst beging er seinen genialen Fehler, der ihn in der
-Geschichte so groß gemacht hat, diesen „petrinischen Fehler“, den schon
-seine altrussischen Zeitgenossen erkannt, gegen den sie sich als das
-Verhängnis Rußlands gewehrt und dessen Rückgängigmachung sie Slawophilie
-und Panslawismus hinterlassen haben. Sein russischer Blick blieb nach
-Süden und Osten gerichtet: nach Byzanz, orientwärts, asienwärts. Aber
-daneben hatte Peter diesen kulturellen Blick, den er nicht wohl
-anderswohin wenden konnte als dorthin, wo die nächste überlegene
-Nachbarkultur war: nach Europa. Durch eine doppelte Politik, eine, die
-orientalisch und europäisch zugleich sein sollte, legte er die weitere
-Entwicklung des russischen Staatsgedankens in einer Zwieschaft fest, die
-das russische Volkstum aus seiner Ruhe, Verwurzelung, gewohnten Lagerung
-warf und den russischen Menschen an sich irre machte. Nun wurde, statt
-daß Konstantinopel erobert worden wäre, an ähnlich schicksalsvoller
-Stelle, gleichfalls zwischen Wasser und Land, aber ohne Heiligung durch
-Überlieferung, zwischen fremden Völkern, Bekenntnissen und Gesittungen,
-durch fremde Menschen und Arbeitsweisen, eine neue, eine künstliche, die
-befohlene Hauptstadt Petersburg gegründet. Schon bei Peters Lebzeiten
-wandte sich das Altrussentum von dem Geiste dieser Gründung ab: Peters
-eigener Sohn Alexei sollte das Werkzeug werden, um der eindeutigen,
-rechtgläubigen moskowitischen Partei wieder zum Siege zu verhelfen: der
-schlaffe Prätendent einer ewigen Idee, der erste Panslawist auf einem
-Throne, den er nie bestieg. Peter selbst wandte sich gegen Ausgang
-seiner Regierung wieder dem Orient zu. Die Ausdehnung, die er im
-Baltikum gegen die Schweden erreicht hatte, konnte ihn nicht für die
-Enttäuschung entschädigen, die er am Pontus durch die Türken erlitt.
-Asow, der Stolz seiner Jugend, war wieder verloren gegangen. Fast
-scheint es, als ob er bereit gewesen ist, seine nordischen Eroberungen,
-bis auf Petersburg, gegen Bezahlung wieder herauszugeben, wie dies unter
-seinem Vater schon einmal geschehen war. Aber jetzt wollte Schweden
-nicht und suchte eine Entscheidung, der es nicht mehr gewachsen war.
-Peters letzte Gedanken gingen nach Asien, Persien, China, Sibirien
-hinüber. Das machtpolitische Testament, das er hinterließ, geschrieben
-oder ungeschrieben, forderte die Zertrümmerung der Türkei. Das
-religionspolitische Testament forderte gar, in einer orthodoxen
-Wiederaufnahme der katholischen Kreuzzugsgedanken des Mittelalters, den
-Erwerb Jerusalems und der heiligen Stätte für Rußland. Und das beinahe
-mystische Testament, das er hinterließ, ging noch weiter und forderte
-die Eroberung Indiens, des weißen und heiligen Landes am Ganges, für das
-Volk des weißen und heiligen Zaren.
-
-Nach Peters Tode schien zunächst das Altrussentum zu siegen, das im
-Grunde weder Petersburg noch Konstantinopel, nur sich selbst will,
-obwohl seine politischen Ideen noch am ehesten, schon aus religiösen
-Motiven, mit byzantinischen Tendenzen in Übereinstimmung zu bringen
-sind. Residenz wie Regierung wurden wieder nach Moskau verlegt, freilich
-auch wieder nach Petersburg zurück, hin und her. Auch Katharina die
-Große, dieser zweite universale Mensch auf dem russischen Throne, die zu
-organisieren hatte, was unter Peter pionierhaft abgesteckt worden war,
-sah sich in der europäisch-orientalischen Zwieschaft festgelegt, die er
-ihr hinterlassen. Doch ihre größten Unternehmungen hat auch sie gegen
-die Türkei gerichtet. Die Nordküste des Schwarzen Meeres wurde gewonnen.
-Aus den baltischen Häfen lief eine erste Flotte aus, um die Einfahrt in
-die Dardanellen, freilich schon damals vergeblich, zu erzwingen. Doch
-der entscheidende Friede von Kainardschi, den sie abschloß, und der
-Rußland sein Schutzrecht über die Balkanchristen und zugleich eine
-Meistbegünstigung seines Handels bestätigte, legte den Grund zu der
-ganzen künftigen russischen Orientpolitik. Und wie weitausschauend ihr
-Blick war, auch noch über dieses Ergebnis hinaus, das zeigte ihr
-Lieblingsplan, ein großes rumänisch-bulgarisches Schutzreich Dazien
-zwischen Rußland, Österreich und der Türkei zu schaffen, aus dem
-vielleicht einmal ein neubyzantinisches mit der Hauptstadt
-Konstantinopel werden konnte, und für das sie bereits ihren Enkel
-Konstantin taufen ließ. Und wie realpolitisch zugleich dieser Blick war,
-das zeigte ihr Lieblingswunsch, Ägypten zu erobern und zum mindesten
-schon Malta im Rücken der Türkei und an Stelle von Franzosen oder
-Engländern zu besetzen.
-
-Doch erreicht wurde zunächst nur, unter den Nachfolgern Peters wie
-Katharinas: daß Zeit verloren wurde, und daß der richtige Anschluß
-verfehlt wurde. Rußland hat durch die petrinische Politik zwei
-Jahrhunderte verloren und manche Gelegenheit verfehlt. Jener halbe und
-eigentlich planlose Zustand kam auf, von dem Pozzo di Borgo als Minister
-Alexanders I. gesagt hat, daß die ganze neuere Politik Rußlands fast
-ausschließlich die Zerstückelung Polens zum Gegenstande gehabt habe; und
-das war zu wenig für Rußland; war eine kleine Politik; eine unrussische
-Politik.
-
-Dafür haben freilich diese zwei Jahrhunderte das russische Volk in die
-unmittelbare Nachbarschaft und unter die nachhaltende Einwirkung des
-europäischen Westens gebracht, dessen Beispiele es zu seiner Entwicklung
-brauchte. Aber gerade dieses russische Westlertum, das sich bildete,
-mußte das autochthone Russentum, nachdem es einmal seine byzantinische
-Selbständigkeit in Moskau gefunden hatte, in seiner russischen
-Selbständigkeit in Rußland gefährden. Schon in der Zeit des falschen
-Demetrius hatte ein erstes Westlertum das Moskowitertum vorübergehend
-mit der Gefahr der Polonisierung und Katholisierung bedroht. Später
-wurden Deutsche, Holländer und Schweden die Lehrmeister, die Rußland
-brauchte, um sich in seiner künstlichen europäischen Stellung zu
-erhalten, und deren Einfluß es doch immer wieder zurückstieß, weil das
-natürliche russische Leben ihn nicht vertrug. Auf den deutschen Einfluß
-folgte dann der französische, und auf den französischen wieder der
-deutsche, auf den Einfluß Voltaires derjenige Friedrichs des Großen,
-selbst Josephs des Zweiten, später Herders, Schillers und Hegels. Aber
-gerade auf diesem Umwege über das Westlertum hat die russische
-Geschichtsphilosophie, die sich bildete, sich mit den volklichen
-Gegenbewegung der Slawophilie und des Panslawismus verbunden und ist von
-dem europäischen Gedanken auf den byzantinischen zurückgekommen. Die
-Verbindung mit dem Westen, die stets mehr enthusiastische als kritische
-Übernahme seiner Probleme, machte das Russentum schließlich selbst
-problematisch, brachte es in Widersprüche und Gegensätze aller Art, in
-Unvereinbarkeiten des Geistes wie des Staates. Es ist dabei durchaus
-eine Sache und Seite für sich, daß diese Problematik das Russentum
-zugleich schöpferisch machte: nicht nur in der Arbeit, die Peter und
-Katharina für Rußland leisteten, sondern auch in der Selbsterkenntnis
-aller der Mißverständnisse und Übertreibungen des Westlertums, die Gogol
-zur grotesken Drastik erhob, und in derjenigen seiner schweren
-seelischen Erregungen, Erschütterungen, Erkrankungen, die Dostojewski in
-dem realistischen Schattenreich einer russischen Apokalypse umgehen
-ließ. Dieses russische Schöpfertum verbindet uns heute mit der
-russischen Geistigkeit, die, nicht ein Teil, doch eine östliche
-Ergänzung unserer eigenen Geistigkeit ist – und zwar um so mehr, je
-weniger westlich, je echter russisch, slawisch, byzantinisch, je weniger
-liberal und je mehr konservativ sie ist. Politisch aber, ideologisch,
-geschichtsphilosophisch, in dem geistigen Sinne, den der Dichter und
-Menschenforscher wie der Politiker und Geschichtsdenker Dostojewski
-vertritt, mußte das Russentum sich von dem Westlertume, das seine
-Geschichte wie ein Verhängnis begleitete, frei zu machen suchen.
-
-Wie eine Erlösung wurde es in Rußland empfunden, als das neunzehnte
-Jahrhundert wieder den Willen zu einer großen russischen und nunmehr
-altrussischen Politik brachte und Petersburg sich erneut dem Orient
-zuwandte: denn im Mittelpunkte des Orients stand Konstantinopel! Die
-Befreiungskriege der Balkanslawen gaben den Anlaß, sich in die
-türkischen Angelegenheiten einzumischen: und dieser Anlaß wurde der
-ideologische Ausgangspunkt für die Slawophilie, als sie den
-byzantinischen Gedanken zum panslawistischen erweiterte. Doch nun zeigte
-sich politisch, daß der Besitz von Konstantinopel, nachdem die Türkei
-allerdings genügend zersetzt und geschwächt sein mochte, um von Rußland
-überrannt werden zu können, gar kein russisch-türkisches, vielmehr ein
-durchaus europäisches Problem geworden war. Wie ein Spiel ging es
-infolgedessen in den Kabinetten und auf den Kongressen um den einen
-Stadtnamen: Konstantinopel! Schon Friedrich der Große hatte auf die
-Frage geantwortet, warum er die Russen nicht nach Konstantinopel lassen
-wolle: „Weil sie dann am anderen Tage in Königsberg stehen.“ Und
-Alexander I. hatte Konstantinopel den „Hausschlüssel“ zu Rußland
-genannt, worauf Napoleon antwortete, daß es zugleich der „Schlüssel zu
-Toulon“ sei. Später schloß Skobeleff umgekehrt wie Friedrich der Große
-und meinte, daß der Weg nach Konstantinopel über Berlin gehe. Und von
-österreichischer Seite ist die schlagfertige Erwiderung auf die drohende
-Bemerkung eines russischen Geschäftsträgers bekannt, daß der Weg nach
-Konstantinopel über Wien führe: „Ja, und der nach Petersburg über
-Warschau!“ Wahr war an allen diesen Beziehungen und Anspielungen: daß
-für Rußland der Weg nach Konstantinopel allerdings nicht nur über die
-Türkei, sondern über Europa führte.
-
-Immerhin wurde manches von Rußland erreicht. Nikolaus I. erlangte, was
-zuletzt Katharina verlangt hatte: die freie Durchfahrt durch die
-Dardanellen für russische Handelsschiffe und ihre Sperrung für fremde
-Kriegsschiffe. Aber er erlangte dies Zugeständnis um den Preis eines
-Bündnisses zwischen Rußland und der Türkei, durch das beide Staaten sich
-unter anderem zum wechselseitigen Schutze ihrer Völker und Bekenntnisse
-verpflichteten, der Mohammedaner hier, der Slawen dort. Und dieser Preis
-bedeutete ebenso einen Verzicht auf die alten macht- und
-kirchenpolitischen Ansprüche, wie eine Verleugnung der neuen
-panslawistischen Gesichtspunkte. Immerhin war Rußland nunmehr
-Selbstherrscher auf dem Schwarzen Meere geworden. Dafür warfen dann die
-Ergebnisse das Russentum um so weiter zurück. Im Pariser Frieden mußte
-Rußland auf seine Bewegungsfreiheit im Schwarzen Meere wie auf sein
-Schutzrecht über die Balkanchristen verzichten. Der Russisch-Türkische
-Krieg wiederholte dann den Versuch, nach Konstantinopel vorzudringen,
-noch ein letztes Mal, und wiederholte ihn nun auf der Grundlage und vor
-dem Hintergrunde eines großen und leidenschaftlichen Panslawismus, dem
-sich der größte und leidenschaftlichste Russe Dostojewski nicht entzog.
-Die „slawische Frage“ kam auf und drang, wie der große beschauliche
-Russe Tolstoi diese Zeit schildert, nachdem sie bis dahin nur die
-Gesellschaft beschäftigt hatte, mehr und mehr in das Volk ein. Fast wäre
-es erreicht worden, das große Ziel: die Russen vor Konstantinopel! und
-die Russen in Konstantinopel! Aber wie die Türken, nachdem sie vor Wien,
-nicht in Wien erschienen waren, nie wieder Wien bedrohen konnten, so
-mußten die Russen auf Konstantinopel verzichten. Nach dem Berliner
-Kongreß blieb nur die eine Möglichkeit einer veränderten politischen
-Taktik übrig: durch die autonom gewordenen Balkanslawen, durch Slawen
-und Bulgaren, auf dem Balkan zu herrschen. Und auch diese Möglichkeit
-sollte versagen. Schon Dostojewski mußte vertrösten: „Einmal wird
-Konstantinopel doch unser werden!“ Ja, einmal! Aber wann? Und schon
-Dostojewski wandte den Blick nach Asien hinüber, nahm die letzten
-russischen Waffenerfolge, die er noch erlebte, die Siege Skobeleffs in
-Mittelasien, zum Anlaß, um dem Prinzip von der Linie des geringeren
-Widerstandes, das sich bei ihm zuerst formuliert findet, eine andere
-Richtung zu geben, und beantwortete in einer sibirischen Übertragung und
-Auflösung des alten Gegensatzes von Westlertum und Altrussentum die
-Frage: „Was ist Asien für uns?“ mit einem: „Asien ist unser Amerika!“
-„In Europa sind wir Sklaven. Nach Asien kommen wir als Herren. In Europa
-waren wir Tataren. Nach Asien kommen wir als Europäer!“ Byzanz blieb der
-Mittelpunkt seines politischen Denkens. Aber Asien wurde zum letzten
-Wort seiner russischen Hoffnung.
-
- * * * * *
-
-Byzanz war für Dostojewski mehr als ein Symbol, wie es für Rußland mehr
-als ein Symbol ist. Das russische Selbstherrschertum war ursprünglich
-eine barbarische Machtanmaßung, die zu ihrer Anerkennung der Heiligung
-durch das Recht und durch die Überlieferung bedurfte: Byzanz gab ihr
-beides. Durch Byzanz konnte das Zartum vertieft und vergeistigt, durch
-Verchristlichung gerechtfertigt, durch Mystifizierung erhoben werden.
-Ebenso sehnte sich der Panslawismus, den Dostojewski vertrat, nach Größe
-und Reinheit und Überschwenglichkeit, die in den russischen
-Volksgedanken kommen sollten. Dostojewski wollte die Macht in Gnade
-verwandeln und mit ihr die Massen, die Balkanbrüder und zuletzt alle
-Menschen beglücken. Ist nicht alle unsere Menschenmacht eine Anmaßung?
-Bedürfen wir nicht alle der Gnade? In Byzanz sah er das Urchristentum
-erhalten, während ihm der Katholizismus durch seine papale Verbindung
-mit Staatlichkeit, der Protestantismus durch seine humanistische mit
-Lehrhaftigkeit entartet erschien: ein Materialismus genau wie der
-Sozialismus, und ein Ausdruck des Westlertums und Europäertums, gegen
-das er sich in allen seinen Formen wandte. Dostojewski wollte die
-russische Nationalkirche zur Allerweltskirche erheben, von der noch
-einmal die Erlösung ausgehen sollte, die er persönlich, in der
-Lauterkeit seiner Absichten, für möglich und kommend hielt, während sie
-praktisch allerdings stets nur die Vergewaltigung der Völker und
-Bekenntnisse bedeutet hat. In dieser Verbindung von Staat und Macht,
-Volk und Kirche, Religion und Politik ist der Dichter Dostojewski mit
-dem Politiker Dostojewski verbunden. Als Politiker mußte er werden, was
-er als Dichter, als Volksfreund, als Mensch der Liebe zum Nächsten und
-als Enträtseler des gemeinsamen Schicksals im einzelnen, des einzelnen
-im gemeinsamen, war: der Slawophile, der Panslawist, der Konservative,
-der sich auf den Boden des patriarchalisch geschichteten Russentums
-stellte, um zu einem religiös gerichteten Menschentum zu gelangen. Der
-Konservative in Dostojewski: das war der Boden, der Unterbau, war
-Rußland mit seinem natürlichen, primitiven, altruistischen Sozialismus
-bäuerlichen Lebens. Und der Nihilist in Dostojewski, den er in sich
-überwand: das war der Mensch, der Europa und den Westen kannte, und der
-das einzige russische und allmenschliche Hemmnis auf dem ewigen Wege zu
-Gnade und Erlösung, in Europa im Liberalismus, in Rußland im Westlertum
-erkannte: als den Träger von Egoismus und Individualismus, als den
-Verbreiter jenes nur allzu russischen Nihilismus und den Bringer eines
-ganz unrussischen Industrialismus, Kapitalismus, Materialismus.
-
- * * * * *
-
-Der byzantinische Gedanke im russischen Geschichtsdenken ist heute
-entartet. Nachdem er durch die Jahrhunderte abwechselnd machtpolitisch,
-kirchenpolitisch und panslawistisch begründet worden war, wurde er
-wirtschaftlich. Im russischen Westlertum selbst folgte auf den
-französischen und deutschen Einfluß des achtzehnten und neunzehnten
-Jahrhunderts der englische des zwanzigsten, folgte nicht geistig, weil
-er dies nicht wohl sein konnte, wohl aber gesellschaftlich und vor allem
-handelspolitisch. Ein neuer Menschenschlag kam in Rußland herauf:
-Industrielle und Großkaufleute, Liberale, die nunmehr auf russische
-Weise eine britische Wirtschaftspolitik machen wollten. Oder war es ein
-alter Schlag, der wieder durchbrach? War es der moskowitische Kaufmann,
-der tatarische Unternehmer, der an Stelle des Petersburger
-Verwaltungsbeamten in das Wirtschaftsleben des Russischen Reiches
-eingriff und mehr und mehr auch die Politik des Staates in die
-Richtlinie seiner Gesichtspunkte abdrängte? Eisenbahnen erschlossen die
-Steppe und Fabrikanfänge entstanden um die Städte. Vor allem aber fand
-die Aufhebung der Leibeigenschaft eine späte, doch breite Nachwirkung in
-der Landwirtschaft, in den Massen des Landes und in den Massen der
-Menschen. Die geplante Stolypin-Kriwoscheïnsche Agrarreform, die durch
-Aufhebung des Mir dem russischen Bauern erst volle Arbeitsfähigkeit, der
-russischen Erde erst volle Ertragfähigkeit geben wird, soll nun die
-Entwicklung vollenden. Schon ist das Verhältnis von Ausfuhr und Einfuhr
-zugunsten der ersteren völlig verschoben worden und hat Veränderungen
-für den Staatshaushalt mit sich gebracht, deren Reichweite sich noch gar
-nicht absehen läßt. Namentlich das südrussische Getreide, dessen
-Verschiffung durch den Schwarzmeerhandel erfolgt, wurde als das
-bequemste nationale Zahlungsmittel erkannt. Und wichtiger noch als die
-Eroberung von Konstantinopel erschien mit einem Male der Erwerb der
-Dardanellen, deren Öffnung dem russischen Handel den Anschluß an den
-Weltverkehr sichern sollte. Die Türkenkämpfe, die von dem russischen
-Staate bis dahin als Ausdehnungskampf betrieben, von dem russischen
-Volke als Glaubenskampf empfunden worden waren, wurden zum
-Wirtschaftskrieg. Es war das Neue der Zeit und das Neue in der
-russischen Geschichte, das der europäische Krieg nicht gebracht, doch
-offenbart hat: an Stelle einer autokratischen oder theokratischen, immer
-slawokratischen Geschichtsanschauung griff jener selbe europäische
-Materialismus, jene selbe westlerische Unheiligkeit, vor der Dostojewski
-durch eine religiöse Erneuerung des byzantinischen Gedankens das
-Russentum hatte bewahren wollen, auf Rußland über.
-
-Es fragt sich nur, wie das russische Volk sich mit dieser Entwicklung
-abfinden wird, durch die der russische Konservatismus hinter einen
-russischen Liberalismus zurücktritt, wenn es dem russischen Staate nicht
-gelingt, diese unvermittelte Wendung mit dem Besitz von Konstantinopel
-wie dem der Dardanellen machtpolitisch abzuschließen? wenn Rußland
-vielmehr auf diesen Besitz verzichten muß? dauernd und endgültig? Für
-die russische Ideologie kann die wirtschaftliche, diese ökonomische,
-nicht mehr ökumenische Auffassung des byzantinischen Gedankens nur eine
-Entweihung sein, seine positivistische Entartung, sein tiefster,
-materialistischer Fall und Verfall. Die russischen Ideologen sind denn
-auch bereits in eine Gegenbewegung eingetreten, die sie von dem
-neurussischen Liberalismus, von Manchestertum, Opportunität und Skepsis
-abrücken und sich wieder dem altrussischen Patriarchentum und der Mystik
-annähern läßt. Aber sie selbst sind nur Epigonen großer Ideen eines
-Zeitalters, das die geschichtliche Möglichkeit, Byzanz zu besetzen und
-für Rußland zu besitzen, bereits verfehlt hat. Während die russischen
-Liberalen diese Möglichkeit in letzter Stunde noch nachzuholen suchten,
-nicht durch einen Kreuzzug, sondern durch einen Ausfuhrkrieg, gehen die
-russischen Ideologen noch einmal auf Dostojewski zurück, ohne freilich
-in den eigenen Ideen über ihn hinauskommen zu können. Die politischen
-Ideen Dostojewskis sind auch heute noch die geistige Plattform, auf der
-Rußland steht. Nur in den Formulierungen und Postulaten sind die
-ideologischen Epigonen der Dostojewskischen Dogmatik weicher und
-nervöser, aber auch einseitiger und extremer – schon weil sie in dem
-neurussischen Liberalismus denn doch einen anderen wirklicheren
-gefährlicheren Gegner haben, als es das flaue und faule kosmopolitische
-Westlertum war, gegen das Dostojewski sich wandte. Sie befinden sich
-dabei in der Zwangslage, heute, mitten im Kriege, diesen Gegner, das
-neue englische Westlertum, noch nicht bekämpfen zu können. Im Gegenteil,
-sie suchen, wenn auch rein dialektisch, mit allen Zeichen der Ausflucht
-und inneren Unvereinbarkeit, ihre geistigen Probleme mit den politischen
-des Krieges in eine Übereinstimmung zu bringen. Sie sprechen davon, daß
-das Bündnis mit den Nationen des Westens dem russischen Volkstum erst
-seine wahre Ausdehnung sichere, mit der staatlichen und wirtschaftlichen
-auch die künftige seelische, sprechen von einer wichtigsten Aufgabe der
-Weltgeschichte, die der Weltkrieg lösen und die in einem Zusammenfließen
-von Osten und Westen bestehen soll, über Deutschland hinweg. Aber die
-Gegnerschaft gegen Liberalismus und Westlertum im eigenen Lande ist da
-und lebt in der Sehnsucht der Seelen, die nicht Wirtschaft wollen,
-sondern Glauben, nicht europäische Ordnung, sondern russisches Chaos und
-russische Universalität. Die religiöse Revolution, deren Auslegung schon
-Mereschkowski gab, will Wirklichkeit werden. Der jüngere Ssolowjoff
-verkündet jetzt die religiöse Kultivierung der Welt und deren
-Ausbreitung durch die russische Kirche. Rosanoff verherrlicht die
-russische Trägheit und bringt sie in einen ewigen Gegensatz zu der
-modernen futuristischen Betriebsamkeit, die er in Deutschland zu
-verhaßter Gegenwart geworden sieht. Der alte politische Nihilismus kehrt
-als Mönchtum wieder, als Wunsch und Wille zu einer reinen und erneuerten
-Kirchlichkeit, hinter der sich, noch von ferne und undeutlich, der alte
-Gedanke einer russischen Allerweltskirche erhebt und zu neuen
-politischen panslawistischen und byzantinischen Schlußfolgen und
-Forderungen überleitet. Aber auch für Rußland selbst taucht in einer
-Verbindung alter demokratischer Neigungen des russischen Kirchentums mit
-der Abneigung des Liberalismus gegen die absolute Zarengewalt ein
-Gedanke auf, der nun freilich die Rückgängigmachung einer der
-wichtigsten staatsrechtlichen Errungenschaften Peters des Großen
-bedeuten würde: die Idee, wieder einen Patriarchen, jenes geistliche
-Oberhaupt, das Peter der Große abschaffte, weil es das politische
-Selbstherrschertum der Zaren hinderte, an die Spitze einer kirchlichen
-Hierarchie zu setzen. Im Patriarchentum lag einst ein erster russischer
-Sozialismus. Boris Godunoff hatte das Patriarchat und die
-Leibeigenschaft eingeführt. Dann hatte Peter das Patriarchat beseitigt
-und die Leibeigenschaft verschärft. Und später war es der noch absolute
-Zarenwille Alexanders des Zweiten, der die liberale Aufhebung der
-Leibeigenschaft verfügte. Nun kehrt die Entwicklung im Kreise von
-mannigfachen Abwandlungen und Umwegen zu ihren Ausgängen zurück und
-sucht Demokratisches und Autokratisches auf eine neue und doch
-alte russische Weise zu vereinen. Es sind geistespolitische
-Auseinandersetzungen, die bis zu einem Grade nur das innere russische
-Schicksal angehen, über diesen Grad aber auch uns, die wir in
-Deutschland die mitteleuropäische Grenzscheide, nicht nur von Westen und
-Osten, sondern auch von Atavismus und Modernität bilden und die
-Gegensätze von Konservatismus und Liberalismus, Überlieferung und
-Entwicklung, Ewigkeit und Zeitlichkeit in das Gleichgewicht einer neuen
-Wirklichkeit zu bringen haben. Wohin diese Auseinandersetzungen in
-Rußland führen werden, kann niemand voraussehen: sicherlich zu schweren
-seelischen Konflikten und Dilemmen, zu Problemen, deren schwerstes immer
-darin bestehen wird, daß Rußland durch Deutschland von Byzanz abgedrängt
-worden ist – bis Rußland dann eines Tages zu der Erkenntnis kommt, daß
-der innere Grund dieser Abdrängung im Russentum selbst liegt, in der
-russischen Geschichte, die Byzanz zu einer neuen europäisch-asiatischen
-Form längst in Rußland verwirklicht hat.
-
-Darüber mögen Jahrhunderte vergehen. Aber auch Städte und heilige
-Stätten vergessen sich in der Erinnerung der Menschen. Schon heute hat
-Byzanz diese neue Bedeutung für Rußland bekommen, daß aus dem
-Machtproblem ein Wirtschaftsproblem geworden ist. Damit wird Rußland
-sich abfinden müssen. Und darüber werden, wie die Nachfahren der
-Kreuzritter längst Jerusalem, wie die Deutschen, die im Mittelalter das
-Erbe von Westrom tatsächlich besaßen und verwalteten, heute längst Rom
-vergessen haben, auch die Russen, die das Erbe von Ostrom antreten
-wollten, schließlich Byzanz vergessen.
-
- Moeller van den Bruck.
-
-
- Die religiöse Revolution
-
-Dostojewski starb am 28. Januar 1881. Es scheint eine ewige Vorbedeutung
-darin zu liegen, daß er gewissermaßen am Vorabend des 1. März 1881[1]
-starb, gerade vor dem ersten Donnerschlage jenes furchtbaren Gewitters,
-das jetzt bereits seit einem Vierteljahrhundert heraufzieht und sich
-immer dunkler über uns zusammenballt, – und daß die erste
-Gedächtnisfeier seines Todestages, am 28. Januar 1906, unter dem Getöse
-des endlich ausgebrochenen Sturmes stattfinden mußte. Dostojewski trug
-selbst den Anfang dieses Sturmes in sich, den Anfang der endlosen
-Bewegung, obgleich er die Schutzwehr der endlosen Unbeweglichkeit sein
-oder scheinen wollte: er war die Revolution, die scheinbar Reaktion war.
-
-„Die zukünftige selbständige russische Idee ist bei uns noch nicht
-geboren, doch die Erde ist unheimlich schwanger mit ihr, und schon
-schickt sie sich an, sie unter furchtbaren Qualen zu gebären,“ schrieb
-er kurz vor seinem Tode. Dostojewski aber war der erste Schrei dieser
-Qualen.
-
-„Ganz Rußland steht gewissermaßen an einem Endpunkte und schwankt über
-dem Abgrund,“ schrieb er im Jahre 1878. Immer wieder suchte Dostojewski
-sich von diesem Abgrunde abzuwenden, und krampfhaft klammerte er sich an
-den glatten Rand des Verderbens, an die vermeintlich festen Felsen der
-Vergangenheit – an Orthodoxie, Autokratie und Nationalität. Doch wenn er
-gesehen hätte, was wir heute sehen, würde er dann begriffen haben, daß
-Orthodoxie, Autokratie und Nationalität, so wie er sie verstand, nicht
-drei Felsen sind, sondern drei Abgründe auf den unvermeidlichen Wegen
-des heutigen Rußlands zum zukünftigen? Rußland ging dorthin, wohin
-Dostojewski es rief, ging zu dem, was Dostojewski für die Wahrheit
-hielt. Doch da haben wir nun die Früchte dieser Wahrheit! Rußland
-„schwankt“ heute nicht mehr über dem Abgrund, heute stürzt es bereits in
-ihn hinab. Die Autokratie stürzt zusammen. Die Orthodoxie ist gelähmter
-denn je. Und die russische Nationalität steht heute nicht mehr vor der
-Frage, ob sie einmal die erste in Europa werden kann, sondern ob sie
-sich überhaupt noch zu erhalten vermag. Auf welche Seite würde sich nun
-Dostojewski stellen: auf die der Revolution oder die der Reaktion? Oder
-würde er sich wirklich auch jetzt nicht um seiner großen Wahrheit willen
-von seinem großen Irrtume lossagen?
-
-Dostojewski ist der Prophet der russischen Revolution. Doch, wie das
-häufig mit Propheten geschieht, ihm selbst war der wahre Sinn seiner
-Prophezeiungen verborgen. Ein unversöhnlicher Widerspruch klafft
-zwischen der äußeren Schale und dem inneren Wesen Dostojewskis. Von
-außen ist es die tote Schale zeitgebundenen Irrtums; von innen – der
-lebendige Kern ewiger Wahrheit. Wir müssen die Schale zerschlagen, um
-ihr den Kern entnehmen zu können. Als die russische Revolution vieles
-von dem, was bis dahin unzerstörbar-fest erschien, zerschlug,
-vernichtete sie auch den politischen Irrtum Dostojewskis.
-
-Nicht wir werden ihn richten; das wird die Geschichte tun. Wir aber, die
-wir ihn liebten, die wir mit ihm untergingen, um uns mit ihm zu retten,
-werden ihn vor diesem furchtbaren Gerichte nicht verlassen: mit ihm
-werden wir verurteilt oder mit ihm freigesprochen werden.
-
- * * * * *
-
-Einmal in der Kindheit, als er an einem klaren Frühherbsttage ganz
-allein im Gestrüpp am Waldrande stand, hörte er plötzlich inmitten der
-tiefen Stille den lauten Schrei: „Ein Wolf kommt!“ – und außer sich vor
-Schreck lief er schreiend auf das Feld hinaus, geradenwegs zum
-pflügenden Bauer Marei; um im vollen Lauf nicht zu fallen, ergriff er
-hastig mit einer Hand die Pflugstange und mit der anderen den Ärmel des
-Bauern. Der beruhigte ihn: „... Geh doch! wo denn? Was für ’n Wolf soll
-denn – ... Ist dir ja nur so vorgekommen! ... Ich werde dich schon nicht
-vom Wolf rauben lassen ... Christus ist mit dir!“ Und „fast mütterlich
-lächelnd“ bekreuzte der Bauer „mit seinen erdigen Fingern“ den Knaben.
-
-In dieser Erinnerung ist das ganze religiöse Leben Dostojewskis
-enthalten. Der kleine Fedjä wuchs auf und wurde zu einem großen
-Schriftsteller. Mit Fedjä wuchs auch der Bauer Marei zu einem großen
-„Gotträger-Volk“. Doch die geheimnisvolle Verbindung zwischen ihnen
-blieb. Seit der Zeit hörte Dostojewski oftmals den Schrei: Ein Wolf
-kommt! Das Tier kommt! Der Antichrist kommt! – und jedesmal stürzte er
-dann außer sich vor Schreck zum Bauer Marei, der ihn wieder beschützte
-und „mit fast mütterlichem Lächeln“ beruhigte, der „ich werde dich schon
-nicht von dem Wolf rauben lassen“ zu ihm sagte, ein „Christus ist mit
-dir!“ zu ihm sprach und ihn bekreuzte. Das war die wahre Taufe
-Dostojewskis – nicht in der Kirche, sondern auf freiem Felde, nicht mit
-heiligem Wasser, sondern mit heiliger Erde.
-
-Worin liegt nun eigentlich die Kraft des Bauern Marei, der vor dem
-„Wolf“, dem Tier-Antichrist beschützen kann? In der heiligen Erde Gottes
-liegt sie, in der feuchten Muttererde, die sich dort, wo der Horizont
-sich hinzieht, mit dem heiligen Himmel Gottes vereinigt. In dieser
-letzten zukünftigen, noch nicht vollzogenen, jedoch möglichen
-Vereinigung des Bauerntums mit dem Christentum, der Wahrheit der Erde
-mit der Wahrheit des Himmels, liegt die religiöse Kraft des Bauern
-Marei. Er ist, gleich dem Recken Mikula Sseljäninowitsch in unseren
-alten Sagen, der Held der dunklen Tiefen unserer Erde, und zu gleicher
-Zeit der neue Sswjätogor, der Held der Berges- und Sternenhöhen. Er ist
-der heilige Georg, der „Besieger des Drachens, des uralten Wurmes“. Er
-ist – das russische „Gotträger-Volk“ selbst. Bauerntum ist Christentum,
-oder vielleicht ist es auch umgekehrt: Christentum ist Bauerntum. Doch
-nicht das alte, staatliche, byzantinische, griechisch-russische, wohl
-aber das junge, freie, volkliche Bauernchristentum ist – die
-„Rechtgläubigkeit“. Dies ist der Grundgedanke Dostojewskis. „Das
-russische Volk ruht ganz in der Rechtgläubigkeit. Die ist alles, was es
-hat. Doch mehr braucht es auch nicht, denn seine Rechtgläubigkeit ist –
-alles. Wer die nicht versteht, der wird auch von unserem Volke nichts
-verstehen; ja, der wird das russische Volk nicht einmal lieben können.“
-
-In diesem Grundgedanken liegt zugleich der Grundirrtum Dostojewskis. Er
-nimmt Zukünftiges für Gegenwärtiges, Mögliches für Wirkliches, sein
-neues apokalyptisches Christentum für die alte historische Orthodoxie.
-
-Das Bauerntum will Christentum werden, doch ist es das noch nicht
-geworden. Die Wahrheit der Erde will sich mit der Wahrheit des Himmels
-vereinigen, doch noch hat sie sich nicht mit ihr vereinigt: für das
-historische Christentum, die Orthodoxie, hat sich diese Vereinigung als
-unmöglich erwiesen. Und noch niemals ist das Bauerntum dem Christentum
-so entgegengesetzt gewesen wie in der jetzigen Zeit. Als das Christentum
-sich in den Himmel zurückzog, verließ es die Erde; und das Bauerntum,
-das an der Erdenwahrheit verzweifelte, ist jetzt bereit, auch an der
-Himmelswahrheit zu verzweifeln. Die Erde ist ohne Himmel, der Himmel ist
-ohne Erde; Erde und Himmel drohen, in ein uferloses Chaos
-ineinanderzufließen. Und wer kann wissen, wo der Boden dieses Chaos ist,
-dieses klaffenden Abgrunds, der sich zwischen Erde und Himmel, zwischen
-Bauerntum und Christentum aufgetan hat?
-
-Aus diesem einen Grundirrtum ergeben sich auch alle übrigen Täuschungen
-oder Selbsttäuschungen Dostojewskis. Derselbe Irrtum, der in seiner
-Auffassung des russischen volkstümlichen Christentums liegt, liegt auch
-in seiner Auffassung der Beziehung dieses Christentums zur allgemeinen
-Aufklärung: er verwechselt das Zukünftige mit dem Gegenwärtigen, das
-Mögliche mit dem bereits Vorhandenen, das Apokalyptische mit dem
-Historischen. Worin besteht nun die Besonderheit der Orthodoxie oder,
-wie Dostojewski sagt, des „russischen Christus“?
-
-Er gibt mehrere Definitionen der Rechtgläubigkeit, doch keine befriedigt
-ihn vollkommen.
-
-„In der ganzen Welt gibt es keinen anderen Namen, denn seinen – den
-Namen Christi –, der uns erlösen kann,“ das wäre, wie er meint, die
-„Hauptidee der Rechtgläubigkeit“. Nur ist das eine viel zu allgemeine
-Definition: sie umfaßt nicht nur das orthodoxe, sondern auch das
-katholische und protestantische sowie überhaupt jedes christliche
-Glaubensbekenntnis; denn sie alle erkennen, ganz wie die Orthodoxie, den
-Namen Christi als den einzigen erlösenden an.
-
-Schließlich aber fand er eine für seine persönliche Religion allerdings
-tiefere und genauere, für die Orthodoxie aber durchaus falsche
-Definition. Die östliche Orthodoxie sei, wie er meint, die universale
-_geistige_ Vereinigung der Menschen in Christo; das westliche,
-römisch-katholische, päpstliche Christentum aber sei dem östlichen
-gerade entgegengesetzt. Er sagt: „Das römische Papsttum verkündete, daß
-das Christentum und seine Idee ohne die universale Beherrschung der
-Länder und Völker – _nicht geistig, sondern staatlich_ – auf Erden nicht
-zu verwirklichen sei. Auf diese Weise ist das östliche Ideal: zuerst die
-geistige Vereinigung der Menschheit in Christo anstreben, und dann erst,
-kraft dieser geistigen Vereinigung aller in Christo, die zweifellos sich
-aus ihr ergebende rechte staatliche wie soziale Vereinigung zu
-verwirklichen. Nach der römischen Auffassung ist das Ideal dagegen das
-Umgekehrte: zuerst sich eine dauerhafte staatliche Vereinigung in der
-Form einer universalen Monarchie zu sichern und dann, nachher,
-meinetwegen auch eine geistige Vereinigung zustande zu bringen unter der
-Obrigkeit des Papstes, des Herrn dieser Welt.“
-
-Hierbei fällt einem infolge des zweideutigen Gebrauchs des Wortes
-„Staat“ oder „staatlich“ eine gewisse Unklarheit auf. Zuerst ist der
-„Staat“ als Reich Gottes, als _Theokratie_ aufgefaßt, d. h. als durchaus
-freies, nur auf Liebe begründetes Gemeinwesen, das jede äußere
-vergewaltigende Macht verneint und folglich allen bis jetzt in der
-Geschichte bekannten Staatsformen vollkommen unähnlich ist; im zweiten
-Fall aber versteht Dostojewski darunter eine äußere, vergewaltigende
-Macht, eine Herrschaft von dieser Welt, das Reich des Teufels – die
-_Dämonokratie_. Hätte nun Dostojewski diese Zweideutigkeit nicht
-zugelassen und die Entgegenstellung der brüderlichen, freien Vereinigung
-gedanklich zu Ende geführt, so hätte sich auch für ihn ein völlig
-unerwarteter, doch ganz unvermeidlicher Folgeschluß ergeben, und zwar:
-die vollständige Verneinung jeder äußeren staatlichen Macht, jedes
-Reiches, jeder Herrschaft auf Erden im Namen des Königs aller Könige,
-des Herrschers aller Herrscher: die volle _Anarchie_, – natürlich nicht
-die Anarchie im alten oberflächlichen, sozialpolitischen, sondern im
-neuen, viel tieferen, religiösen Sinne, eine universale Monarchie als
-Weg zur universalen Theokratie, die Herrschaftslosigkeit als Weg zur
-Gottherrschaft.
-
-Es ist aber kaum anzunehmen, daß Dostojewski sich entschlossen haben
-würde, zu behaupten, die theokratische Anarchie sei das Ideal des
-östlichen und speziell des russischen Christentums, der
-Rechtgläubigkeit. Was aber nicht im religiösen Ideal ist, das ist
-natürlich auch nicht in der religiösen Wirklichkeit und kann es ja auch
-gar nicht sein: unbedingter Gehorsam allen weltlichen Machthabern,
-völliger Verzicht auf brüderliche und freie Gemeinsamkeit, vollständige
-Unterjochung der Kirche durch den Staat – das ist die historische
-Wirklichkeit der Orthodoxie. Im Westen kam es zum Kampf der geistlichen
-Macht mit der weltlichen, des neuen christlichen Ideals einer
-universalen Theokratie mit dem altrömischen, heidnischen Ideal einer
-universalen Monarchie; das römische Kirchenoberhaupt mußte sein
-anfängliches christliches Ideal verraten, um sich in einen römischen
-Cäsar verwandeln zu können. Im Osten ging die Verzichtleistung auf die
-christliche Freiheit im öffentlichen Leben, d. h. ging der Sieg des
-heidnischen Staates über die christliche Kirche ohne jeden Kampf vor
-sich und ohne jeden Verrat; denn es gab nichts, wogegen man hätte
-kämpfen müssen, bzw. was man hätte verraten können – aus Mangel an einer
-Idee einer allgemeinen Heiligkeit im Ideale der Rechtgläubigkeit selbst.
-Die historische Wirklichkeit ist dem historischen Schema Dostojewskis
-vollkommen entgegengesetzt: die Idee der universalen geistigen
-Vereinigung der Menschheit in Christo hat nur in der westlichen Hälfte
-des Christentums, im Katholizismus, existiert – wenn auch ihre
-Realisierungsversuche schließlich erfolglos geblieben sind, während die
-östliche Orthodoxie von dieser Idee sich nicht einmal hat träumen
-lassen. Hier im Osten ist der römische Cäsar, der Selbstherrscher im
-heidnischen Sinne, der „Erdengott“, der „Mensch-Gott“, auch im
-Christentum das geblieben, was er vor dem Christentum war. Und keine
-Vergewaltigung, keine Religionsspötterei, keine Willkür der
-autokratischen Macht hat es hier gegeben, die die orthodoxe Kirche nicht
-gesegnet hätte. Die letzte Grenze dieser Macht ist in der natürlichen
-Fortsetzung und Vollendung des Oströmischen Reiches, in der russischen
-Autokratie erreicht. Und wenn die staatliche Macht der Päpste
-Dostojewski eine Lossagung von Christus erscheint, so müßte ihm die
-russische Autokratie als der gerade und breite Weg zur Herrschaft des
-Antichrist erscheinen. Die Autokratie aber dem Papsttum als geistige
-christliche Freiheit der staatlichen heidnischen Vergewaltigung, als
-Theokratie der Demokratie gegenüberstellen, heißt das Schwarze weiß
-machen und das Weiße schwarz.
-
-Schließlich begriff Dostojewski aber doch, daß man, wenn man auf dem
-Boden der Rechtgläubigkeit blieb, im „russischen Christ“ keine
-universale Bedeutung finden konnte. Da verließ er denn die Kirche und
-wandte sich der russischen Aufklärung, ihren zwei größten
-Repräsentanten, zu – Peter und Puschkin.
-
-In den Reformen Peters findet Dostojewski „eine hervorragend
-synthetische Begabung, die Fähigkeit zur Allversöhnung, zur
-Allmenschheit“. „Der Russe kennt keine europäische Begrenztheit. Er lebt
-sich mit allem ein und lebt sich in alles ein. Allem Menschlichen, wenn
-es auch außerhalb seiner Nationalität, seines Blutes und Bodens steht,
-kann er nachfühlen. Sein Instinkt errät sofort den allmenschlichen Zug
-selbst in den schroffsten Sonderheiten anderer Völker: sofort
-vergleicht, versöhnt er sie in seiner Idee, und nicht selten findet er
-einen Einigungs- und Versöhnungspunkt in vollkommen entgegengesetzten
-feindlichen Ideen zweier ganz verschiedener europäischer Nationen.“
-
-„... Dort, in Europa, lebt jede nationale Persönlichkeit einzig für sich
-und in sich; wir aber werden, wenn unsere Zeit anbricht, gerade damit
-beginnen, daß wir die Diener aller werden, um der allgemeinen Versöhnung
-willen. Und darin besteht unsere Größe, denn all das führt zur
-endgültigen Vereinigung der Menschheit. Wer der Erste im Reiche Gottes
-sein will – der werde der Diener aller. So verstehe ich die russische
-Bestimmung in ihrem Ideal.“
-
-Dieselbe russische Besonderheit sieht Dostojewski auch in Puschkin: „Wir
-begriffen in ihm, daß das russische Ideal – Ganzheit, Allheit,
-Allversöhnung, Allmenschheit ist.“
-
-Peter gab die staatliche, Puschkin die ästhetische Form der russischen
-„Allmenschheit“; Dostojewski war es vorbehalten, den religiösen Inhalt
-in diese Form zu gießen. Die Allmenschheit, als Übergang zur
-Gottmenschheit, die Vereinigung der Welt Christi mit der universalen
-Aufklärung ist nur möglich, wenn in der letzteren die Grundlage der Welt
-Christi enthalten ist: in der Allmenschheit – Gottmenschheit, die in
-ihrer ganzen Größe zu offenbaren eben der christlichen Erkenntnis
-bevorsteht. Doch braucht dabei das geringe Vorhandensein oder der
-völlige Mangel dieser christlichen Erkenntnis in der heutigen
-europäischen Kultur – in der Wissenschaft, Philosophie, Kunst, im
-öffentlichen Leben überhaupt – nicht zu beunruhigen: der
-Hauptunterschied der Allmenschheit, als Übergang und Mittel, von der
-Gottmenschheit, als Ziel, besteht ja gerade darin, daß in der ersten, in
-der Allmenschheit, das Menschliche mit dem Göttlichen noch nicht durch
-die religiöse Erkenntnis verbunden ist, während im zweiten, in der
-Gottmenschheit, die Vereinigung sich schon endgültig vollzogen hat.
-Dostojewski stand nun vor der Aufgabe, das Unvereinbare zu vereinigen,
-zu zeigen, daß die europäische Kultur außerhalb Christi und scheinbar
-sogar gegen Christus, dennoch zu Christus geht, vom gekommenen Christ
-zum kommenden Christ, und daß folglich die Wege Rußlands und Europas,
-trotz aller scheinbaren zeitweiligen Abweichungen, ein und derselbe
-ewige Weg sind.
-
- * * * * *
-
-In der politischen Tat fand Dostojewski, was er in der religiösen
-Anschauung nicht finden konnte, – die Definition der Rechtgläubigkeit.
-
-Es könnte noch die Frage sein, ob Dostojewski selbst die Anschauungen
-seines Helden in den „Dämonen“ teilt, wenn er sie nicht in dem „Tagebuch
-eines Schriftstellers“ wiederholte: „Jedes große Volk glaubt und muß
-glauben, daß in ihm und nur in ihm allein die Rettung der Welt liegt,
-daß es bloß lebt, um an die Spitze aller Völker zu treten und sie zu dem
-letzten Ziele, das ihnen allen vorbestimmt ist, zu führen ... Der große
-Eigendünkel, der Glaube, daß man das letzte Wort der Welt sagen will und
-kann, ist das Unterpfand des höchsten Lebens einer Nation.“
-
-So ist denn die Rechtgläubigkeit, ist das wahre Christentum nach
-Dostojewskis Meinung der „große Eigendünkel“ des russischen Volkes, der
-Glaube an sich selbst, wie an Gott; denn er sagt doch, daß der russische
-Gott, oder der „russische Christus“, nichts anderes sei als die
-„synthetische Persönlichkeit“ des russischen Volkes. Folglich kann man
-an die Stelle der früheren Formel: „das russische Volk ruht ganz in der
-Rechtgläubigkeit“, die umgekehrte Formel setzen: „die ganze
-Rechtgläubigkeit ruht im russischen Volke“. Nur dann, wenn Rußland mit
-seinem Gott, mit seinem Christ „alle anderen Götter und Christusse
-besiegt und aus der Welt vertrieben haben wird“, kann oder wird der
-„russische Christus“ zum Christus der ganzen Welt werden. Wenn aber Gott
-nur die „synthetische Persönlichkeit des Volkes“ ist, so ist nicht das
-Volk der Leib Gottes, sondern Gott der Leib, die Fleischwerdung der
-Volksseele; dann erhält nicht das Volk sein Dasein von Gott, sondern
-erhält Gott sein Dasein vom Volk. Dann hat nicht Gott das Volk
-geschaffen, sondern das Volk und überhaupt die Menschheit, d. h. der
-Mensch, hat Gott geschaffen, nach seinem, des Menschen, Ebenbilde. Das
-Volk ist absolut; Gott ist relativ. Folglich sind alle Religionen – nur
-Mythologien, nur scheingöttliche Ebenbilder der menschlichen Wahrheit.
-Also hat der Atheist Feuerbach recht, wenn er behauptet, daß der Mensch
-in Gott sich selbst so lange verehrt, bis er erkennt, daß er, der
-Mensch, selbst Gott ist und es einen anderen Gott außer ihm überhaupt
-nicht gibt.
-
-Das schrecklichste ist ja, daß, wer an den „russischen Christus“, an den
-„russischen Gott“, glaubt, nicht an das wahre Gotteswort, an den
-universalen Christ glauben kann. Die vermeintliche Gottmenschheit, oder
-„Volkgottheit“, ist, ebenso wie die wahre Menschgottheit, der sichere
-Weg zur Gottlosigkeit. Die religiöse Tragödie Dostojewskis besteht
-darin, daß er, dessen wahre Religion nicht die Orthodoxie war, glaubte,
-ein Nicht-rechtgläubiger könne auch nicht Russe sein, aber aus Furcht
-vor dem ewigen Schrei: „ein Wolf kommt!“ den Bauer Marei nicht auf einen
-Augenblick zu verlassen wagte. Der kleine Fedjä täuschte sich: dieser
-ewige Schrei ertönte nicht neben ihm, sondern in ihm; es war der erste
-Schrei des letzten Entsetzens: „das Tier kommt, der Antichrist kommt!“
-Vor diesem Entsetzen konnte ihn der Bauer Marei (das russische Volk)
-nicht retten; denn nachdem er der „russische Christ“ geworden ist, der
-Doppelgänger Christi, hat er sich in ein Tier verwandelt, in den
-Antichrist, denn der Antichrist ist der Doppelgänger Christi.
-
- * * * * *
-
-In der Autokratie vollendete sich für Dostojewski das, was bei ihm in
-der Orthodoxie begonnen hatte: die Verwechslung der Menschgottheit mit
-der Gottmenschheit.
-
-Der Zar sei unserem Volk der Vater und das Volk verhalte sich wie ein
-Kind zu ihm. „Hierin liegt eine überaus tiefe, ursprüngliche Idee ...
-Der Zar ist für das Volk nicht eine äußere Kraft, nicht die Macht
-irgendeines Besiegers, sondern ist eine allvolkliche, allvereinende
-Kraft, die das Volk selbst begehrt, die es in seinem Herzen großgezogen,
-für die es gezittert hat; denn nur von ihr allein erwartete es seinen
-Auszug aus Ägypten. Für das Volk ist der Zar die eigene Fleischwerdung,
-die Inkarnation seiner Idee, seiner Hoffnungen und seines Glaubens. Das
-Verhältnis des russischen Volkes zu seinem Zaren ist der ureigenste Zug,
-der unser Volk von allen anderen Völkern Europas und der ganzen Welt
-unterscheidet ... Diese Idee enthält eine so große Kraft, daß sie
-natürlich unsere ganze weitere geschichtliche Entwicklung beeinflussen
-wird ... Ja, genau genommen haben wir in Rußland überhaupt keine andere
-Kraft, die uns erhält und leitet, als diese organische lebendige
-Verbindung des Volkes mit seinem Zaren, und aus ihr allein entsteht bei
-uns alles.“
-
-Wie soll man nun die Behauptung Dostojewskis: „das russische Volk ruht
-ganz in der Rechtgläubigkeit, außer ihr hat es nichts und braucht es
-auch nichts, denn die Rechtgläubigkeit ist alles“, mit dieser neuen
-Behauptung: „das russische Volk ruht ganz in der Autokratie, die ist
-alles, was es hat, doch mehr braucht es auch nicht, denn die Autokratie
-ist alles“, vereinigen? Entweder heben sich diese Behauptungen
-gegenseitig auf, oder sie verbinden sich zu einer dritten: Autokratie
-und Rechtgläubigkeit sind in ihrem letzten Wesen ein und dasselbe. Die
-Autokratie ist der Leib und die Rechtgläubigkeit ist die Seele. Die
-Autokratie ist ebenso eine absolute, ewige, göttliche Wahrheit, wie die
-Rechtgläubigkeit. Und ebendies ist jenes „neue Wort“, das das russische
-„Gottträger-Volk“ der Welt zu sagen berufen ist.
-
-Die Autokratie wie die Orthodoxie hat Rußland von Byzanz geerbt, vom
-zweiten christlichen Rom, das sie seinerseits vom ersten, dem
-heidnischen Rom, geerbt hatte. Auch im Heidentum war die Idee der
-Autokratie in ihrer letzten Tiefe keine bloß politische, sondern
-zugleich eine religiöse Idee. Die unumschränkte Macht des römischen
-Kaisers über das Imperium, die Macht eines Menschen über die ganze
-Menschheit, schien eine göttliche Macht, und der Mensch, der diese Macht
-besaß, schien kein Mensch sondern ein Gott zu sein, ein Erdengott, der
-dem Himmelsgott gleichkam. So ergab sich die Apotheose des römischen
-Kaisers: Divus Cäsar, göttlicher Cäsar, Cäsar-Gott, Mensch-Gott. Doch
-unter der Maske des Gottes verbarg sich das Gesicht des Tier-Nero, des
-Tiberius, des Caligula. Und in dem Augenblick, als auf dem strahlenden
-Gipfel des Imperiums in den Prunkgemächern der römischen Cäsaren der
-Mensch zum Gott wurde, da geschah es, daß zu Bethlehem in einer dunklen
-unterirdischen Höhle bei Hirten Gott zum Menschen ward – da ward
-Christus geboren. Nach Dostojewskis Worten geschah „der Zusammenstoß
-zweier denkbar entgegengesetzter Ideen, der entgegengesetztesten, die es
-überhaupt auf der Erde geben konnte: der Menschgott stieß auf den
-Gottmenschen, Apollo auf – Christus.“
-
-Wodurch wurde dieser Zusammenstoß entschieden? Wer siegte? – Niemand.
-„Es ergab sich ein Kompromiß,“ antwortet Dostojewski. Ein „Kompromiß“,
-d. h. ein ungeheuerlicher Vertrag zwischen dem Gottmenschen und dem
-Tier-Gott. Solange die Autokratie noch heidnisch blieb, starben die
-christlichen Märtyrer lieber, als daß sie das Tier in der Person des
-Kaisers anbeteten. Als jedoch die Autokratie das „Christentum“ annahm,
-natürlich nur dem Namen nach, denn seinem Wesen nach kann die Herrschaft
-des Tieres nicht die Herrschaft Christi sein, da nahm die Kirche
-ihrerseits wiederum die Autokratie an, beugte sich vor dem römischen
-Cäsar und segnete das Tier mit dem Namen Christi. Dostojewski behauptet,
-dieses sei nur im Westen, im Katholizismus, geschehen, keineswegs aber
-im Osten, in der Orthodoxie. Doch diese Behauptung ist ein Irrtum oder
-ein Selbstbetrug Dostojewskis. Im Westen wie im Osten geschah ein und
-dasselbe, wenn auch in zwei entgegengesetzten Richtungen: im Westen
-verwandelte sich die Kirche in einen Staat, der Papst, der christliche
-Erzpriester, wurde zum römischen Cäsar; im Osten verwandelte sich der
-Staat in eine Kirche, die er verschlang, der russische Kaiser wurde zum
-christlichen Erzpriester, wurde das Kirchenoberhaupt, „der oberste
-Richter der Kirchenangelegenheiten“, nach den Worten Peters des Großen
-in dem Reglement des Heiligen Synod. Doch hier wie dort geschah die
-gleiche Verwechslung dessen, was des Kaisers ist, mit dem, was Gottes
-ist, nur mit dem Unterschiede, daß im Westen durch den – wenn auch
-mißlungenen – Versuch einer Theokratie, durch den Kampf der geistlichen
-Macht mit der weltlichen, der Päpste mit den Kaisern, die religiöse Idee
-des römischen Imperiums geschwächt wurde; während im Osten diese Idee,
-da sie auf keine Hindernisse stieß, sich entwickelte, auswuchs und
-schließlich ihre letzte universal-historische Vollendung in dem dritten
-Rom, in der russischen „orthodoxen Autokratie“ erreichte. Die alte
-heidnische Maske der Menschgottheit wurde durch die neue christliche
-Maske der Gottmenschheit ersetzt; doch das wahre Gesicht blieb dasselbe
-– die Fratze des Tieres. Und nirgendwo in der Welt ist die Herrschaft
-des Tieres so grausam, so gottlos und glaubenslästerlich gewesen wie
-gerade hier, in der russischen Autokratie.
-
-Die rechtgläubige Kirche weiß selbst nicht, was sie tut, wenn sie die
-Nachfolger des römischen Tieres „Christen“, d. h. die „Gottgesalbten“,
-nennt. Sollte sie es aber einmal erfahren und sich dann doch nicht von
-der Autokratie lossagen, so könnte sie von sich dasselbe sagen, was der
-Großinquisitor Dostojewskis zu Christus von der römischen Kirche sagt.
-
-„Wir sind nicht mit dir, sondern mit _ihm_ (mit dem Teufel), das ist
-unser Geheimnis! ... Wir nahmen von ihm das, was du unwillig
-verschmähtest, jenes Letzte, das er dir anbot, als er dir alle
-Erdenreiche zeigte: wir nahmen von ihm Rom und das Schwert des Kaisers.“
-
-Womit sonst, wenn nicht mit dem Schwert des Kaisers, muß nun die
-orthodoxe Autokratie Konstantinopel erobern und das letzte dritte Rom
-gründen – „die Erde mit Blut überschwemmend“? Daß in der auswärtigen
-Politik das Angesicht der Autokratie das Gesicht des Tieres ist, daran
-zweifelte, wie’s scheint, selbst Dostojewski nicht. Nur glaubte er
-gleichzeitig, daß das Gesicht des Tieres in der inneren Politik, also
-das zu Rußland gewandte, das Angesicht Gottes werden würde. Er
-versichert, daß bei uns die allergrößte bürgerliche Freiheit sich
-ausbilden könne, und zwar „gerade auf diesem selben unerschütterlichen
-Boden (auf der Autokratie) wird sie sich aufbauen. Nicht durch ein
-geschriebenes Gesetz wird sie sich bilden, sondern einzig auf Grund der
-kindlichen Liebe des Volkes zum Zaren, als zu seinem Vater; denn Kindern
-kann man vieles erlauben, was bei anderen Völkern, die nach Gesetzen
-leben, undenkbar ist; Kindern kann man so viel anvertrauen, wie es noch
-in keinem Staate erlebt worden ist, denn die Kinder werden ihren Vater
-nicht verraten.“ „Ja, zu unserem Volke kann man Zutrauen haben, denn es
-ist dessen würdig.“
-
-Übrigens hat Dostojewski, wie es scheint, selbst gefühlt, daß etwas in
-diesen Gedanken über das Zutrauen des Zaren zum Volke nicht stimmte,
-etwas, das nicht so sehr jenem „unerschütterlichen Boden“ gleicht als
-jenem Abgrund, über dem der „Eherne Reiter“[2] mit seinem Zügelruck
-Rußland zum Aufbäumen gebracht hat.
-
-„Ich bin der Diener des Zaren. Ich werde noch mehr sein Diener sein,
-wenn er wirklich glauben wollte, daß das Volk sich zu ihm wie ein Kind
-verhält. Woran mag es nur liegen, daß er, wie es doch scheint, noch
-immer nicht daran glaubt?“ schrieb er wenige Tage vor seinem Tode.
-
-Warum glaubte er denn nicht daran, und wird er vielleicht niemals daran
-glauben? – das ist die Frage, die Dostojewski hätte beantworten müssen.
-Aber er kam nicht dazu, – er starb. Und kaum war er gestorben, da rollte
-auch schon der erste Donnerschlag der großen russischen Revolution durch
-die Welt. Ein Vierteljahrhundert zog das Gewitter herauf, doch erst
-jetzt, zur fünfundzwanzigjährigen Gedächtnisfeier Dostojewskis, beginnt
-es, sich zu entladen.
-
- * * * * *
-
-Alle Irrtümer Dostojewskis ergeben sich daraus, daß er die
-Widerstandskraft, die der Staat der Kirche entgegensetzt, überhaupt
-nicht beachtet. Diese Widerstandskraft kommt der ganzen Lebenskraft des
-Staates gleich: das Leben der Kirche – ist der Tod des Staates, das
-Leben des Staates – ist der Tod der Kirche.
-
-„Glaubt mir, wir haben nicht nur einen absoluten Staat überhaupt noch
-nicht gesehen, sondern nicht einmal einen mehr oder weniger vollendeten.
-Alle blieben sie Embryos!“ Diese rätselhaften Worte, die Dostojewski
-kurz vor seinem Tode niederschrieb, weisen auf einen tiefen und
-verborgenen Gedankengang hin. Wenn es den einzelnen „Embryos“ bestimmt
-ist, sich zu einem einzigen zukünftigen „vollendeten und absoluten“
-Staat zu entwickeln: ist dieser Staat dann nicht vielleicht das in der
-Apokalypse geweissagte „Große Babylon, die Mutter aller irdischen
-Greuel“ – jene universale Monarchie, die Pseudotheokratie, die
-Herrschaft als Kirche, mit der sogar Dostojewski zuweilen die wahre
-Theokratie, die Kirche als Herrschaft, verwechselt?
-
-Dann aber, wenn dieser „absolute Staat“ historische Wirklichkeit wird,
-dann wird sich auch die „absolute Kirche“ verwirklichen, das absolute,
-religiöse Gemeinwesen, die geliebte Stadt. Und zwischen diesen zwei
-Herrschaften wird, wiederum hier auf Erden, zu Ende der universalen
-Geschichte, doch bis zum Ende der Welt, der letzte Kampf vor sich gehen.
-
-„Der Antichrist wird kommen und sich auf die Anarchie stützen,“ sagt
-Dostojewski gleichfalls kurz vor seinem Tode. Das ist nicht ganz
-richtig. Der Antichrist wird kommen, wird aus der Anarchie hervorgehen,
-doch sich nicht auf die Anarchie, sondern auf die Monarchie stützen,
-nicht auf die Herrscherlosigkeit, sondern auf die Einherrschaft, die
-Selbstherrschaft. Der Antichrist wird der letzte und größte
-Selbstherrscher sein, der Namensusurpator Christi. Und in diesem Sinne
-sind alle historischen Selbstherrschaften, alle historischen Staaten nur
-kleine „Embryos“ des apokalyptischen Staates, der Selbstherrschaft des
-Antichrists.
-
-Der Antichrist ist Usurpator, Pseudozar, denn der einzige wahre Zar ist
-– Christus. Im letzten Kampf des Staates mit der Kirche wird dann jener
-Kampf des Pseudozaren mit dem wahrhaften Zaren vor sich gehen, des
-Tieres mit dem Lamm, von dem gesagt ist: „Sie (die Selbstherrscher, die
-Diener des Antichrists) werden ihre Kraft und Macht dem Tiere geben. Sie
-werden Kampf führen mit dem Lamm, und das Lamm wird sie besiegen, denn
-Er ist der Herr der Herrschenden und der König der Könige.“
-
-Entweder ist das theokratische Bewußtsein noch nicht geboren, und dann
-ist das „Also geschehe es!“ des Mönches Sossima und Dostojewskis
-vergeblich; denn es wird nur das sein, was gewesen ist – endlose
-Verwechslung der Kirche mit dem Staate. Oder dieses Bewußtsein ist schon
-geboren, und dann beginnt in ihm der letzte Kampf des Lammes mit dem
-Tier. Und die Spitze des Schwertes Christi, das zu diesem Kampfe erhoben
-ist, ist das erste prophetische Wort der großen russischen religiösen
-Revolution, das Wort, das nicht umsonst gerade von uns, den Schülern
-Dostojewskis, ausgeht: Selbstherrschaft ist vom Antichrist.
-
-Wie konnte Dostojewski dieses Wort nicht aussprechen, wie konnte er
-seine größte Wahrheit unter dem größten Irrtum verbergen, seine
-religiöse Revolution unter politischer Reaktion, das Antlitz des
-heiligen Eiferers, des alten Sossima, unter der Maske des verfluchten
-Vergewaltigers, des Großinquisitors? Wie konnte er die Selbstherrschaft,
-die Herrschaft des Teufels, für die Herrschaft Gottes halten?
-
-„Der Staat verwandelt sich in Kirche“ – und „das ist die große
-Bestimmung der Rechtgläubigkeit“, so führt der Bruder Païssij die
-apokalyptische Verheißung – „Also geschehe es!“ – seines Lehrers zu
-historischer Realität.
-
-Dies ist der große Irrtum Dostojewskis, die Quelle der unüberwindlichen
-Furcht, die ihn veranlaßte, sein neues Gesicht unter alter Maske zu
-verbergen, seinen neuen Wein in alte Schläuche zu gießen. Er glaubte
-oder wollte glauben, seine Religion sei Orthodoxie. Doch seine wahre
-Religion war, wenn auch noch nicht im Bewußtsein, so doch in den
-tiefsten unbewußten Erlebnissen, keineswegs Orthodoxie, und auch nicht
-das historische Christentum, ja, war nicht einmal Christentum überhaupt,
-sondern das, was nach dem Christentum sein wird, nach dem Neuen
-Testament – war Apokalypse, das nahende Dritte Testament, die
-Offenbarung der dritten Person der Dreieinigkeit Gottes, war die
-Religion des Heiligen Geistes.
-
-Das Christentum ist die Offenbarung der einzigen gottmenschlichen
-Persönlichkeit; dies ist der Grund, warum die wahrhafte christliche
-Heiligkeit eine vorzugsweise persönliche, innerliche, einsame, nicht
-gemeinsame Heiligkeit ist; und dies ist auch der Grund, warum alle
-Versuche, die Gemeinsamkeit in das Christentum einzuschließen, so
-fruchtlos geblieben sind, denn die Gemeinsamkeit ist die Basis der
-Vielheit und ihrem Wesen nach, wenn auch nicht ein Widerspruch, so doch
-das Entgegengesetzte der Grundlage der Einheit, der Grundlage der
-Persönlichkeit. Nicht in das Christentum, sondern nur in die Religion
-der Dreieinigkeit, aller drei – der göttlichen Vielheit, die sich in der
-göttlichen Einheit offenbart – schließt sich auch die menschliche
-Vielheit, die Gesamtheit der Persönlichkeiten ein: die heilige
-Gemeinsamkeit. Nur in die Religion der heiligen Erde schließt sich
-natürlicherweise auch die universale Vereinigung und Einrichtung der
-Menschen auf Erden ein – in die Kirche als Staat. Im Christentum ist die
-Kirche ein himmlisches Reich – ein erdenloses, geistiges, körperloses.
-In der Religion des Heiligen Geistes ist die Kirche das
-himmlisch-irdische, geistig-körperhafte Reich, nicht nur unsichtbar
-mystisch, sondern auch sichtbar, historisch-real. Das ist – die
-Erfüllung des Dritten Testaments, die Inkarnation der Dritten Person,
-der Dreieinigkeit Gottes. Denn ganz wie die Erste Person der
-Dreieinigkeit, Gott-Vater, sich in der Naturwelt inkarniert, in der
-vormenschlichen, – im Kosmos, und die Zweite, die des Sohnes – im
-Gottmenschen, so wird sich die Dritte Person der Dreieinigkeit, der
-Heilige Geist, – in der Gottmenschheit, in der Theokratie inkarnieren.
-
-Das ist es, was für uns jene Prophezeiung Dostojewskis bedeutet: „Die
-Kirche ist in Wahrheit das Reich, und ihr ist bestimmt, zu herrschen,
-und zum Schluß wird sie kommen müssen als Reich der ganzen Erde.“
-
-Dies ist das Antlitz und derart war seine Maske; das Antlitz ist der
-Maske entgegengesetzt. Die Maske ist: Orthodoxie, Autokratie,
-Nationalität; das Antlitz ist: Überwindung der Nationalität in der
-Allmenschlichkeit, Überwindung der Autokratie in der Theokratie,
-Überwindung der Orthodoxie in der Religion des Heiligen Geistes.
-
-Zuweilen scheint es, daß derselbe Widerspruch zwischen Gesicht und
-Maske, wie bei Dostojewski, auch in ganz Rußland existiert, und daß die
-russische Revolution nichts anderes ist als das Abreißen der Maske vom
-Gesicht. Von diesem unaufgedeckten Gesichte, von dieser ungeborenen Idee
-spricht Dostojewski, wenn er sagt:
-
-„Die zukünftige selbständige russische Idee ist bei uns noch nicht
-geboren, doch die Erde ist unheimlich schwanger mit ihr, und schon
-schickt sie sich an, sie unter furchtbaren Qualen zu gebären.“
-
- Dmitri Mereschkowski.
-
-
-
-
- Vorwort
-
-
-Dostojewski hat bereits sehr früh Politisches geschrieben. Schon das
-Jahr 1861, das zweite nach seiner Rückkehr aus Sibirien, findet ihn in
-publizistischer Tätigkeit: er gab damals zusammen mit seinem Bruder
-Michail „Die Zeit“ heraus; und als diese von der Zensur infolge eines
-Mißverständnisses unterdrückt wurde, „Die Epoche“. Doch politisch
-bedeutend sind seine Leistungen erst später geworden. Und seine letzten
-kritischen Schriften schließen sein Lebenswerk wie ein intellektueller
-Rechenschaftsbericht ab.
-
-Für eine deutsche Ausgabe seiner politischen Schriften kamen daher nur
-diese letzteren in Frage: 1. „Tagebuch eines Schriftstellers aus dem
-Jahre 1873“; 2. „Politische Artikel: Ausländische Begebenheiten aus den
-Jahren 1873 und 1874“; 3. „Tagebuch eines Schriftstellers aus dem Jahre
-1876“; 4. „Tagebuch eines Schriftstellers aus dem Jahre 1877“ (mit einem
-Schlußteil vom Januar 1881, den er kurz vor seinem Tode, am 28. Januar
-1881, geschrieben). Auch zwischen ihnen mußte noch geschieden werden.
-Die weit über tausendseitige Masse dieser Tagebücher, die Dostojewski in
-der zweiten Hälfte seines Lebens zusammengetragen hat, einfach
-abzudrucken, ging nicht an. Dostojewski hat nie nach einem bestimmten
-Plane kritisch gearbeitet; er hat immer nur an sehr aktuellen
-Ereignissen seine Ideen entwickelt; tagebuchartig trug er seinen Lesern
-seine Meinungen vor; als der bedeutende russische Mensch, der er war,
-nahm er Stellung zu den Tagesfragen, wie sie gerade auftauchten. Diese
-unsystematische, rein menschliche Art seiner kritischen Tätigkeit
-brachte von selbst mit sich, daß er sich, sobald er auf verwandte Fragen
-stieß, oft wiederholen mußte. Diejenigen Stücke, die solche
-Wiederholungen brachten, galt es daher auszusondern und im übrigen alle
-diejenigen zusammenzustellen, in denen Dostojewski selbst seine Ideen am
-reinsten herausgearbeitet hat.
-
-Vor allem war eine Teilung in „Politische Schriften“ und „Literarische
-Schriften“ notwendig, wobei der Begriff „Literarischer Schriften“ im
-weitesten Sinne des Wortes genommen ist. Die Teilung war nicht ganz
-einfach, da Dostojewski, eben infolge seiner Abhängigkeit vom zufälligen
-Stoff, nicht nur ständig vom Literarischen aufs Politische und vom
-Politischen wieder aufs Literarische überspringt, sondern zwischendurch
-auch noch alle möglichen religiösen oder ethischen oder
-volkspsychologischen Fragen behandelt, bei denen es durchaus zweifelhaft
-sein kann, welcher von den beiden großen Gruppen die betreffenden Stücke
-angehören; finden sich doch sogar Novellen, die letzten, die er
-geschrieben hat, in die Tagebücher aufgenommen. Doch ließ sich die
-angegebene Teilung schließlich durchführen; nur einzelnes, so vor allem
-die Novellen, wurde anderen Bänden der Ausgabe zugewiesen. Immerhin
-schließt die Teilung, so wie sie geschehen ist, nicht aus, daß der
-Kenner des russischen Originals in den „Politischen Schriften“
-vielleicht das eine oder andere vermissen wird, was er dann in den
-„Literarischen Schriften“ findet. Eine eindeutige Scheidung vorzunehmen,
-erlaubte das vorhandene Material nicht; und das einzige, was erreicht
-werden konnte, war eine gewisse Geschlossenheit in der Gesamtwirkung
-jedes einzelnen Bandes.
-
-Für den Band „Politische Schriften“ wurden herangezogen: 1. „Politische
-Artikel: Ausländische Begebenheiten aus den Jahren 1873 und 1874“; 2.
-„Tagebuch eines Schriftstellers aus dem Jahre 1876“ und 3. „Tagebuch
-eines Schriftstellers aus dem Jahre 1877“ mit dem Schlußteil vom Januar
-1881. Um dem deutschen Leser, der heute nicht mehr, wie einst der
-russische, eine Zeitchronik lesen, sondern Dostojewskis Gesamtanschauung
-kennen lernen will, dieses Material übersichtlich darzubieten, wurde es
-noch einmal abgeteilt, und zwar nach den sachlichen Gesichtspunkten a)
-Westeuropäisches; b) Russisches; c) Balkan und Orient; d) Asien. Aus dem
-gleichen Grunde größerer Übersichtlichkeit wurde es hin und wieder
-nötig, Untertitel anzubringen, die sich bei Dostojewski nicht finden. Es
-sind das die ganz allgemein gehaltenen: Republik oder Monarchie;
-Parteimenschen; Frankreich und Deutschland; Frankreich und die Kultur;
-Deutschland und Rom; Frankreich, die Republik und der Sozialismus;
-Katholizismus und Sozialismus; Bismarck; Papstwahl; Ausblicke;
-Französische Republikaner; Französische Reaktionäre; Vorbemerkungen;
-Unser Verhältnis zum Orient.
-
-Die Aufsatzreihe „Gedanken über Europa“ ist Aufsätzen Dostojewskis aus
-den Jahren 1873/74 und 1876 entnommen.
-
-Die Aufsätze „Russische Finanzen“, „Die Meinung eines geistreichen
-Bureaukraten“ und „Die Asiatische Frage“ stammen aus dem Jahre 1881.
-
-Der gesamte Rest der Aufsätze, also fast der ganze Band „Politische
-Schriften“, stammt aus den Jahren 1876 und 1877.
-
- E. K. R.
-
-
-
-
- Erster Teil.
-
- Westeuropäisches
-
-
- Gedanken über Europa
-
-
- Republik oder Monarchie
-
-In Frankreich erleben wir heute[3] den Kampf zwischen Republik und
-Monarchie.
-
-Die republikanische Partei hat zwar die meisten Anhänger, doch trotzdem
-glaube ich, daß das Ende der französischen Republik herannaht. Denn was
-ist schließlich solch eine Republik wie die eines Thiers? Das ist doch
-etwas durchaus Negatives. Thiers hat ja selbst von seiner Republik
-gesagt, daß sie eigentlich nur notwendig sei, weil keine einzige der
-anderen Regierungsformen, die die gegnerischen Parteien einführen
-wollen, in Frankreich zurzeit möglich wäre. Solch ein negativer Vorzug
-kann aber das müde Frankreich, das um jeden Preis Ordnung und eine sie
-erhaltende Kraft haben will und haben muß, unmöglich befriedigen – um so
-weniger als diese negative und, wie Thiers sagt, einzig mögliche
-Regierungsform im gegenwärtigen Frankreich die anderen Parteien
-keineswegs beseitigt, sondern sie durch ihre Negativität nur anspornt;
-denn jede der anderen Parteien ist überzeugt, daß sie etwas Positives
-bringen könnte. Die Republik so bezeichnen, wie es Thiers tut, heißt
-selbst an sie nicht glauben. Das ist wahrscheinlich auch der Grund,
-warum alle Franzosen ihre Republik unwillkürlich als etwas
-Vorübergehendes, fast als ein mehr oder weniger unvermeidliches Übel
-betrachten. Solch eine schiefe Stellung ist auf die Dauer unerträglich,
-und so wird sich die Republik in Frankreich wohl nicht sehr lange halten
-können.
-
-Wie steht es aber mit der rechtmäßigen Monarchie?
-
-Nun, stellen wir uns vor, daß der Graf von Chambord[4] den Thron schon
-bestiegen hat, daß die Partei der Republikaner schon aufgelöst worden
-ist, daß das Land sich allmählich beruhigt, wenigstens dem Anscheine
-nach, und alles schließlich in Ruhe seinen Verlauf nimmt. – Versichern
-doch viele Legitimisten, daß der Graf von Chambord den Franzosen
-„mindestens 18 Jahre Frieden und Ruhe“ geben würde; schön, wir glauben
-ihnen gern, – wenn auch nicht gerade, daß es „mindestens“ 18 Jahre sein
-würden –. Die Frage aber: was dann? bleibt nichtsdestoweniger bestehen.
-Wodurch wird das Schicksal Frankreichs entschieden, selbst wenn der Graf
-sich längere Zeit auf dem Throne behauptet? Wodurch werden Europa und
-die Welt beruhigt?
-
-Louis Veuillot[5] sagt: „Die ganze Kraft des Prätendenten besteht in der
-unbedingten Aufrechterhaltung seiner Prinzipien; denn nur, wenn er diese
-nicht um ein Atom verändert, behält er die Möglichkeit, Frankreich zu
-retten und zu beruhigen.“ Ja, aber was wird denn der neue König tun, um
-Frankreich zu „retten“? Und was bedeutet eigentlich das Wort
-„Möglichkeit“ in diesem Falle?
-
-Das Wesen der Prinzipien des Grafen besteht erstens und hauptsächlich
-darin, daß seine Macht eine – rechtmäßige Macht ist; zweitens, ... ja,
-was dann folgt, ist so phantastisch, daß man nicht begreift, wie es so
-ideale Dinge in der Wirklichkeit überhaupt geben kann. Das heißt, wenn
-die Triebfedern, die jetzt die ganze legitimistische Partei veranlassen,
-die Monarchie zu proklamieren, auch äußerst verständlich und nichts
-weniger als ideal sind, so sind doch der Graf von Chambord und alle, die
-ebenso denken wie er – es gibt ja auch solche unter seinen Anhängern –,
-vollkommen phantastische Erscheinungen. Die Hauptsache ist aber nicht,
-daß der König von der Rechtmäßigkeit seiner Macht überzeugt ist,
-sondern, daß alle Franzosen gleichfalls an die Rechtmäßigkeit seiner
-Macht glauben; das aber ist doch in Frankreich ganz unmöglich. Sollte
-dies dennoch einmal geschehen, so würde ja Frankreich nichts mehr zu
-wünschen übrigbleiben: es würde dann wieder stark und zum erstenmal in
-unserem Jahrhundert wirklich zu einem Ganzen vereinigt, es würde frei
-und glücklich sein.
-
-Napoleon III. war während seiner ganzen Regierungszeit gezwungen, alle
-seine Kräfte zur Befestigung seiner Dynastie zu verwenden. Wäre er von
-dieser verhängnisvollen Sorge befreit gewesen, so würde er vielleicht
-noch heute Kaiser sein, und Frankreich hätte vielleicht kein Sedan
-erlebt. So jedoch mußte er vieles unternehmen, was Frankreich unmöglich
-zum Vorteil gereichen konnte. Die Franzosen aber begriffen das sehr
-bald, und zwar sehr gut. Wenigstens liegt hier der Grund, warum sie sich
-während der ganzen Regierungszeit Napoleons III. trotz des Glanzes ihrer
-damaligen Macht und ihres großen Ruhmes in einer zweideutigen,
-unhaltbaren Lage fühlten. Wenn sogar der Kaiser nicht an die Sicherheit
-seiner Macht glaubte, um wieviel weniger konnte das dann das Volk tun!
-Sollte aber jetzt das Wunder geschehen, daß schließlich alle an die
-Rechtmäßigkeit der Macht des Grafen von Chambord glauben, dann – ja dann
-wäre doch alles erreicht. Weiß der König, daß sein Volk an ihn glaubt,
-so muß auch er an sein Volk glauben. Erst wenn er keine Verschwörungen
-oder sonst irgendwelche Anschläge gegen sich zu fürchten braucht, kann
-er seinem Volke die größten Freiheiten geben, sagen wir: Preßfreiheit,
-Freiheiten in der inneren Verwaltung und überhaupt im ganzen staatlichen
-und bürgerlichen Leben, kann, wenn er will, sogar den Kommunismus
-einführen, ... wenn diese Neuerungen nur nicht dem Ganzen schaden. Aber
-solch ein allgemeines Einverständnis ist doch ein unrealisierbares
-Ideal. Man denke doch nur an das in Frankreich eingewurzelte Vorurteil
-gegen die alte Monarchie, an die hundertjährige Entwöhnung der Franzosen
-von derselben und die schon hundertjährigen ganz neuen Gewohnheiten, an
-die fünf oder sechs Generationen, die seit dem Sturze der alten
-Monarchie aufgewachsen sind, – und schließlich an das Volk, an den
-Pöbel, der die alte Monarchie gänzlich vergessen hat, sich von ihr
-überhaupt keine genaue Vorstellung machen kann und heutzutage bestimmt
-nicht begreift, warum er sich einem Grafen von Chambord unterwerfen
-soll. Der Graf sagt, er könne sich nicht als König bloß einer Partei
-denken; das bedeutet, daß er von _allen_ gewählt sein will. Darin aber
-besteht ja die ganze Phantastik seiner Auffassung Frankreichs, daß er,
-wie es scheint, von der Möglichkeit solch einer Wahl vollkommen
-überzeugt ist. „Ohne die Zustimmung aller Franzosen und ohne die
-rechtmäßige Macht des Königs kann Frankreich nicht glücklich werden,“
-sagen die Legitimisten. Schön; – wie aber diese allgemeine Zustimmung
-erreichen? – wie diese hundert Jahre überspringen? Das ist doch eine
-Illusion, die sie sich da machen! Ich wiederhole: alle diese
-Monarchisten, die um jeden Preis die Monarchie proklamieren wollen, sind
-durchaus verständlich, doch der Graf von Chambord, der ernstlich glaubt,
-daß ihn _alle_ wählen könnten, und daß er nicht ein König bloß seiner
-Partei sein würde, – dieser Graf von Chambord kommt einem denn doch,
-gelinde gesagt, etwas wunderlich vor.
-
-Diejenigen Legitimisten, denen es nicht ausschließlich darum zu tun ist,
-daß ein König den Thron einnimmt – der legitime Klerus hat natürlich
-seine eigenen, besonderen Ziele im Auge –, die, meine ich, müssen doch
-irgendeinen vernünftigen Plan haben; denn sie können doch schließlich
-nicht auch an die allgemeine Zustimmung, die plötzlich fertig vom Himmel
-fallen soll, glauben? Was kann aber das für ein Plan sein? Es wird doch
-nicht genügen, nach Paris zu kommen, sich auf den Thron zu setzen, den
-Mac-Mahons gehorsame Bajonette umringen würden, und König zu sein. Man
-wird doch auch etwas tun müssen. Man wird irgendeine neue Idee bringen,
-ein neues Wort sagen müssen, doch eines, das wirklich die Kraft hat, mit
-dem bösen Geiste der Uneinigkeiten des ganzen Jahrhunderts, mit der
-Anarchie und den zwecklosen Revolutionen, den Kampf aufzunehmen. Nicht
-zu vergessen, daß dieser böse Geist einen leidenschaftlichen Glauben in
-sich trägt – also wirkt er nicht durch Lähmung der Verneinung, sondern
-durch die Verführung der positivsten Versprechungen: er trägt den neuen
-antichristlichen Glauben in sich, also neue moralische Grundsätze für
-die menschliche Gesellschaft. Er versichert, daß er fähig sei, die ganze
-Welt von neuem aufzubauen, alle gleich und glücklich zu machen und
-endgültig den ewigen babylonischen Turm zu vollenden. Diesem Glauben
-gehören Menschen der höchsten Intelligenz an, sowie alle Geringen und
-Verwaisten, alle Mühseligen und Beladenen, die da müde geworden, das
-Reich Christi zu erwarten, alle der Erdengüter Beraubten, alle
-Besitzlosen – und in Frankreich gibt es derer schon Millionen! Und diese
-drohenden Scharen stehen bereits vor der Tür! Also muß doch der Graf von
-Chambord etwas sagen und tun; denn sonst – warum kommt er denn
-überhaupt? – Was aber wird nach seiner Krönung in Wirklichkeit
-geschehen? Am wahrscheinlichsten ist, daß sich der Faubourg St. Germain
-wieder bevölkern wird, daß die Priester sich bereichern und Vicomtes und
-Marquis wieder große Rollen spielen werden, daß viele neue Moden
-aufkommen, und mit ihnen eine Unmenge neuer Bonmots entstehen; daß man
-in der Hofetikette etwas Besonderes einführt, das dann sofort eiligst an
-allen anderen europäischen Höfen nachgeahmt wird; daß man sich etwas
-Neues für die Bälle und Balletts ausdenkt, daß neue Horsd’oeuvres und
-Konfitüren berühmt werden. Hinzu kommt dann vielleicht noch, daß in der
-Kammer, der vielleicht eine kleine Macht zugestanden wird, von einer
-Seite Doktrinäre, von der anderen die kleinen Helden der Linken sich
-erheben werden, und die Linke in ihrer ungereimten Lage dann doch noch
-dümmer sein wird als die Rechte. Darauf wird dann langsam eine dumpfe,
-unbestimmte Unzufriedenheit im Volke aufsteigen. Der böse Geist, der
-zunächst noch sehr jung ist, wird wachsen und wachsen und immer
-drohender werden. Und dann, an einem wundervollen Morgen, wird der König
-irgendeinen Befehl erlassen: – Paris braust auf! Das Militär greift zu
-den Waffen und – der böse Geist klopft mit starker Hand an die Tür ...
-
-Nein, bestimmt gibt es unter den Legitimisten auch schon Männer, und zu
-ihnen gehört sicherlich auch der Graf von Chambord – natürlich, der
-unbedingt, – die da ganz anders vorzugehen gedenken, Männer, deren
-Absichten viel tiefer und edler sind. Sie brennen geradezu darauf, mit
-dem bösen Geist den Kampf aufzunehmen und ihn zu besiegen. Das ist ihr
-Ziel, nur zu diesem Zweck tun sie alles, was sie tun. Doch Wunsch und
-Tat sind zwei verschiedene Dinge. Nur fragt es sich: womit den Kampf mit
-dem neuen, auflösenden Element beginnen? Mit klerikaler Gewalt und
-Arglist ist dabei nichts mehr zu erreichen. Die Antwort kann natürlich
-nur lauten: „Der erste Schritt zum Ziel – das ist die Wiederherstellung
-der Weltmacht des Papstes.“
-
-Oh, umsonst werden die aufgeklärten Legitimisten diese Idee ableugnen!
-Umsonst wird der Graf versichern, so wie er bis jetzt versichert hat,
-daß er des Papstes wegen keinen Krieg beginnen wird, daß er mit seiner
-Regierung nicht zugleich das _Gouvernement der Patres_ bringen will. Nun
-– diesen Weg einzuschlagen, werden sie nicht verfehlen können! Auf den
-wird man sie gar bald gezogen haben! Manche Beobachter erraten denn auch
-schon, daß diese ganze legitimistische Bewegung, die so plötzlich und
-mit solch einer Anspannung aller Kräfte in Frankreich ausgebrochen ist,
-vielleicht nichts anderes ist als eine klerikale Machenschaft, und daß
-die Losung dazu in Rom gegeben und das Ziel des Ganzen – die
-Wiederherstellung der Papstmacht ist. Die Klerikalen haben sich
-natürlich weder Chambord noch die Legitimisten ausgedacht, dafür aber
-haben sie sich – ihrer bemächtigt. Viele Anzeichen sprechen dafür, daß
-es sich so verhält. Die römische Bewegung hat im letzten halben Jahre
-ganz Europa durchzogen. Zwei Prätendenten im äußersten Westen, der Graf
-von Chambord und Don Carlos; die römisch-katholische Agitation in
-Deutschland, die die Katholiken des Reiches mit gerechtem Unwillen gegen
-das neue Kirchengesetz erfüllte; die Versuche, in Frankreich,
-Deutschland und der Schweiz dem Volke mit einer neuen Erfindung – der
-Veranstaltung von Volksgottesdiensten – näherzutreten; einige bis jetzt
-unerhörte demokratische Ausfälle und Aufrufe der katholischen höheren
-Geistlichkeit in Deutschland: all das bringt auf den Gedanken von einer
-großen, überall gleichzeitig eingeleiteten Agitation des Klerus
-zugunsten des unfehlbaren, doch besitzlosen Papstes. Diese ganze
-klerikale Bewegung ist dadurch bedeutungsvoll, daß sie vielleicht der
-_letzte_ Versuch des römischen Katholizismus sein wird, noch einmal, zum
-_letzten_ Male, die Könige und Großen dieser Welt um Hilfe anzugehen.
-Seine Hoffnungen werden aber nicht in Erfüllung gehen, und Rom wird zum
-ersten Male in 1500 Jahren sich sagen, daß nun die Zeit gekommen ist, da
-es mit den Großen dieser Welt brechen und die Hoffnung auf die Könige
-fallen lassen muß! Man glaube mir – Rom wird es von da ab _verstehen_,
-sich ans _Volk_ zu wenden, an dieses selbe Volk, das die römische Kirche
-bis dahin immer nur hochmütig von sich gestoßen und dem sie sogar das
-Evangelium Christi vorenthalten hat, indem sie verbot, es zu übersetzen.
-Der Papst wird es verstehen, barfuß zum Volk zu kommen mit seiner Armee
-von zwanzigtausend Jesuitenkämpfern, diesen alterfahrenen Seelenjägern.
-Werden Karl Marx und Bakunin diesem Heer standhalten können? Wohl kaum!
-Der Katholizismus versteht es zu gut, wenn es nötig ist, nachzugeben und
-alles zu versöhnen. Was kostet es ihn, das dunkle und arme Volk zu
-überzeugen, daß der Kommunismus dieses selbe Christentum sei, und daß
-Christus überhaupt nur von ihm gesprochen habe! Es gibt ja selbst jetzt
-schon kluge und geistreiche Sozialisten, die überzeugt sind, daß dieses
-wie jenes – ein und dasselbe sei, und die im Ernst den Antichrist für
-Christus nehmen.
-
-Heinrich V. wird schon allein deswegen den Krieg für den Papst nicht
-vermeiden können, weil die nächsten Jahre vielleicht die einzige Zeit
-sind, da ein Krieg für den Papst noch populär sein kann und das Volk
-sich zu ihm noch sympathisch verhalten wird. Wäre Heinrich V. fähig, in
-einem Kriege mit Deutschland die Milliarden und die Erniedrigung zu
-rächen und ihm Elsaß und Lothringen wieder abzunehmen, so würde er sich
-dadurch zweifellos den Thron auf Lebenszeit sichern. Wollte er aber,
-wenn er König geworden, Deutschland ohne weiteres den Krieg erklären –
-so würde ihm doch kein einziger folgen, ja man würde ihn den Krieg
-einfach nicht erklären lassen: das wäre den Franzosen denn doch zu
-unheimlich und ein viel zu großes Wagnis! Der Papst jedoch, der von
-Deutschland Verfolgte, würde in kurzer Zeit Sympathie für die Idee zu
-gewinnen verstehen. Wer aber ist jetzt sonst der Gegner des
-„Unfehlbaren“, wenn nicht Deutschland? Die Wiederherstellung der Macht
-des Papstes hält Deutschland für die schwerste Zukunftsdrohung und wird
-deshalb mit allem Nachdruck für Italien einstehen. Allmählich geht es
-dann von den Unterhandlungen zur Spannung über, und von der Spannung zur
-Tat und – das Papstproblem wird, im Falle der Thronbesteigung des Grafen
-von Chambord, seine Lösung in dem großen und _unfreiwilligen_ Kriege
-zwischen Frankreich und Deutschland ganz von selbst finden. Unmittelbar
-für das Elsaß gehen die Franzosen nicht in den Krieg; aber so nach und
-nach, ohne es eigentlich zu wollen, werden sie sich, wenn sie einmal für
-den Papst eintreten, gutmütig, wie sie nun einmal sind, hineinziehen
-lassen, und es ist möglich, daß der Krieg dann sogar populär wird. Nein,
-solch eine Gelegenheit wird der Graf von Chambord nicht unbenutzt
-vorübergehen lassen können.
-
-Nun, nehmen wir selbst an, daß er als Sieger aus dem Kampf hervorgeht,
-daß Frankreich sich wieder mit Ruhm bedeckt, die Provinzen
-zurückerobert, und daß dann der Papst womöglich nach Paris zur
-Grundsteinlegung irgendeines Domes fährt, worum man ihn schon kürzlich
-gebeten hat. Was dann aber weiter geschieht? Nicht das ist wichtig, daß
-Heinrich V. nach seiner Heldentat vielleicht glücklich seinen Thron bis
-zu seinem Lebensende behält. Wichtig ist vielmehr einzig die Frage, ob
-sich mit dem Grafen von Chambord die rechtmäßige Monarchie als solche in
-Frankreich unangefochten für die nächsten Jahrhunderte festsetzen kann,
-und was sie dem Lande geben wird? Welch ein Glück? Ob sie es beruhigen
-wird? und den bösen Geist, der so nahe an der Tür steht, auf ewig
-vertreiben kann?
-
-Was will es besagen, daß der Papst nach Paris kommt und der römische
-Katholizismus wieder mit neuem, noch nie geschautem Glanze die
-Herrschaft ergreift! Kann denn etwa der Papst, der triumphierende und
-„unfehlbare“ und nicht der „barfüßige“, den bösen Geist verjagen? Können
-das etwa seine Jesuiten, die so geschäftigen „Geistlichen“ mit ihrem
-_status in statu_, diese geriebenen, schamlosen, abgefeimten? Nein, der
-böse Geist ist stärker und _reiner_ als sie! Nicht mit diesem Heer kann
-der Graf von Chambord sein _neues Wort_ sagen. Wenn aber nicht mit
-diesem, – mit welchem dann? Unwillkürlich glaubt man ja jetzt, daß der
-Graf tatsächlich ein höheres Wesen sei, so ein gebotener König mit dem
-reinsten Herzen. Und sicherlich wird er in der Verzückung seiner Seele
-begreifen, daß sein ganzes neues Wort – gerade dieser Kampf für Christus
-mit dem furchtbaren emporsteigenden Antichrist ist, daß man Frankreich
-retten muß, indem man seine Klugen, seine Denker zu Gott bekehrt und in
-die Herzen der Millionen „Ungetaufter“ das Heil Christi gießt und sie
-zum erstenmal mit seiner Lichtgestalt bekannt macht. Wodurch könnte denn
-sonst der neue „allerchristlichste“ König sein Frankreich retten? Er
-sagt doch selbst, daß er es retten will, und er glaubt doch an den
-Erfolg. Er weiß doch, daß die erste der Schlachten zwischen der
-zukünftigen neuen Gesellschaft und der alten Ordnung der Dinge auf
-Frankreichs Boden stattzufinden hat. Er weiß aber auch, daß gerade davor
-die ganze französische Gesellschaft zittert, alle Reichen und mit
-Erdengütern Beschenkten, daß sie gerade deswegen so nach einer starken
-Regierung verlangen und suchen, wo die Kraft ist, die sie nicht finden
-können; daß sie einzig zur Abwehr dieses neuen emporsteigenden Feindes
-auch Napoleon III. auf den Thron haben steigen lassen; und daß sie, wenn
-sie sich jetzt für den Grafen von Chambord entscheiden, es nur in der
-Hoffnung tun, daß er vielleicht irgendeine neue Kraft mit sich bringen
-wird, die sie beschützen kann? Ist dem aber so, wo soll er dann die
-Menschen zu diesem furchtbaren Kampf hernehmen? Ist er auch selbst schon
-so weit und so reif, um ihn zu verstehen? Trotz seines guten Herzens –
-bestimmt nicht. Wie soll er obendrein vor solch einer schrecklichen
-Armut der Mittel, mit denen er handeln könnte, nicht zurückschrecken?
-Schrickt er aber nicht zurück, – wie soll man ihn dann in solch einem
-Falle nicht entweder für einen beschränkten, unwissenden Menschen halten
-oder aber für einen, der nicht weit vom Irrsinn entfernt ist? Wo bleibt
-nun die Antwort auf meine Frage? Zu guter Letzt also, wodurch, mit
-welchen Kräften kann denn der Legitimismus Frankreich retten und heilen?
-Da wäre doch selbst ein Prophet Gottes zu wenig, nicht nur ein Graf von
-Chambord! Und sogar der Prophet würde gesteinigt werden! Der neue Geist
-kommt, die neue Gesellschaft wird zweifellos triumphieren – als das
-_einzige_, das eine neue, positive Idee bringt, als der _einzige_, ganz
-Europa vorherbestimmte Ausweg, als das _einzige_ Heil. Darüber kann kein
-Zweifel bestehen. Die Welt wird erst nach ihrer Heimsuchung durch den
-bösen Geist gerettet werden. Der böse Geist aber ist nah. Unsere Kinder
-vielleicht werden ihn schauen ...
-
-Im übrigen habe ich nur sagen wollen, daß der Legitimismus für
-Frankreich nicht nur jetzt unmöglich, sondern überhaupt nicht nötig ist:
-niemals nötig war, noch in der Zukunft sein wird; denn er hat die
-geringsten Mittel, es zu _retten_.
-
-Aber in Frankreich heißt es jetzt nun einmal: entweder Monarchie oder
-Republik, eine andere Regierungsform ist unmöglich. Mir jedoch will es
-scheinen, daß man auch der Republik in Frankreich müde und überdrüssig
-ist. Diese meine Worte zu rechtfertigen, damit man sie nicht etwa für
-ein Wortspiel oder eine absichtliche Leichtfertigkeit halte, werde ich
-in anderem Zusammenhange einmal versuchen.
-
-
- Parteimenschen
-
-Vor einem Monat hat in Versailles, im Trianon, der Prozeß des Marschalls
-Bazaine begonnen. Der Marschall ist des Verrates angeklagt. – Aber: des
-Verrats an wem? Richten wir unsere Aufmerksamkeit auf diese Frage. Sie
-ist in Anbetracht der gegenwärtigen französischen Lage nicht
-uninteressant.
-
-Zur Zeit der Regierung Napoleons III. zählte der Marschall Bazaine zu
-den fähigsten Generälen der kaiserlichen Armee. Als man vor jetzt
-anderthalb Jahren zuerst davon sprach, daß er vor ein Kriegsgericht
-gestellt werden würde, rief ein Marschall, einer seiner Kameraden, aus:
-„Wie? Einer der ehrlichsten Soldaten! Schade! _Il était pourtant le
-moins incapable de nous tous!_“ Dieser „am wenigsten unfähige“ Marschall
-hatte also das Kommando über die größere Hälfte der Armee in diesem
-unheimlichen Kriege mit Preußen erhalten. Einen Generalfeldmarschall
-hatten die Franzosen nicht; der Kaiser selbst nannte sich nicht einmal
-so, sondern begnügte sich damit, in den Gang der Ereignisse oftmals
-störend einzugreifen – doch das war schließlich noch nicht das
-schlimmste! Alle diese alten Generäle wie Canrobert, Niel, Bourbaki,
-Frossard, Ladmirault usw., die als Bazaines Zeugen vor Gericht geladen
-sind, äußern sich über ihn mit großer Hochachtung. Für ihre Aussagen
-interessiert sich das Auditorium am meisten. Hauptsächlich zeugen sie
-von der außergewöhnlichen Tapferkeit Bazaines – zum Beispiel in der
-Schlacht bei St. Privat, wo er persönlich, ungeachtet seiner Stellung
-als Schlachtführer, sich in erster Reihe unter die Kämpfenden gemischt
-hatte – „obgleich er die Bedeutung dieser Schlacht nicht begriff,“ fügte
-einer von den Marschällen hinzu. Ob er sie nun begriff oder nicht
-begriff: jedenfalls kam es in dieser Schlacht dazu, daß aus Mangel an
-Patronen die Soldaten aus ihren modernen Chassepots nur alle zwei
-Minuten eine Kugel abschießen konnten und der Hauptteil der Armee in den
-Kampf eintrat, ohne seit vierundzwanzig Stunden etwas gegessen zu haben.
-Aber nicht darin bestand das Unglück, obgleich, wie bekannt, die
-schlechte und ordnungslose Versorgung der französischen Armee mit
-Lebensmitteln und Gewehren ganz Europa in Erstaunen setzte. Der Kaiser
-versäumte, zur rechten Zeit mit seinem ihm nach schweren
-Schicksalsschlägen noch verbliebenen Heer nach Paris zurückzukehren, was
-für ihn die einzige Rettung gewesen wäre, die beste Ausflucht aus seinem
-damaligen Unglück. Aber mit ihm geschah das, was ich vorhin schon
-erwähnte, als ich von den charakteristischen und verhängnisvollen Zügen
-seiner Regierung sprach, daß er um der Befestigung und Verwurzelung
-seiner Dynastie willen gezwungen war, während der ganzen Zeit seiner
-Herrschaft ununterbrochen eine Menge Dinge zu unternehmen, die immer zum
-Unglück Frankreichs und nie zu seinem Glück ausfielen. Auf diese Weise
-war dieser mächtige Herrscher, im Grunde genommen, sogar auf seinem
-Throne – kein Franzose, sondern nichts als der Mensch seiner Partei, ihr
-Hauptführer sozusagen. Den Rückzug nach Paris, wenn auch mit einer
-geschlagenem so doch immerhin noch mit einer Armee – diese Armee hat
-Frankreich in der letzten Schlacht sehr große Dienste geleistet –, wagte
-er nicht: er fürchtete die Unzufriedenheit des Landes, den Verlust der
-Anhänglichkeit des Volkes, fürchtete Aufstand, Revolution, kurz, er
-fürchtete Paris und zog es daher vor, sich in Sedan zu ergeben und sein
-Schicksal und das seiner Dynastie der Großmut seines Feindes
-anheimzustellen. Zweifellos ist auch jetzt noch nicht alles, was
-zwischen ihm und dem preußischen König bei ihrer Zusammenkunft
-verhandelt worden, der Geschichte bekannt. Viele Geheimnisse werden wohl
-erst lange nachher aufgedeckt werden; aber es ist unmöglich, _nicht_ zu
-dem Schluß zu kommen, daß Napoleon mit seiner Übergabe und der seiner
-Armee darauf gerechnet hatte, daß er seinen Thron behalten werde. Damit,
-daß er seine Armee übergab, damit gedachte er wohl die Kräfte seines
-Feindes zu schwächen – ich meine die Kräfte der Revolutionäre ... denn
-an Frankreich dachte dabei der Parteimensch in ihm nicht.
-
-Ebenso dachte auch der Marschall Bazaine nicht an Frankreich.
-Eingeschlossen in Metz mit einer sehr bedeutenden Armee, ignorierte er
-vollständig die Regierung der Nationalversammlung, die sich nach der
-Gefangennahme des Kaisers in Paris gebildet hatte. Er zog es vor, sich
-gleichfalls zu ergeben, und nahm damit Frankreich seine letzte Armee,
-die, selbst wenn sie in Metz eingeschlossen war, dem Vaterlande doch
-noch äußerst nützlich hätte sein können – wenn auch, wie gesagt, nur
-dadurch, daß sie einen bedeutenden Teil der feindlichen Kräfte
-festlegte. Es ist ganz unmöglich, sich vorzustellen, daß der Marschall,
-als er sich in dieser Weise schnell und ohne rechten Grund ergab, nicht
-irgendwelche geheimen Bedingungen mit dem Feinde abgeschlossen,
-wenigstens nicht irgendwelche Versprechungen von ihm gefordert hatte ...
-die dann später nicht erfüllt wurden. Aber, wenn dem auch nicht so
-gewesen wäre, so ist es doch klar, daß der Marschall, ähnlich dem
-Kaiser, es vorzog, seine Armee den Preußen zu überlassen, anstatt sie
-für die Republik aufzusparen.
-
-Der Marschall – wenn er auch jetzt vor dem Gerichte lügt und
-augenscheinlich die Absicht hat, bei diesem Verfahren zu bleiben –
-verheimlicht doch zum Teil seine damaligen Eindrücke und Empfindungen
-nicht. Er sagt geradeheraus, daß es in den Metzer Tagen eine gesetzliche
-Regierung nicht mehr gab, und daß er das damalige Chaos von Regierung in
-Paris als eine wirkliche Regierung nicht anerkennen konnte – das ist
-ungefähr der Sinn seiner Worte vor Gericht. „Wenn es für Sie damals
-keine Regierung gab – _la France existait_!“ rief darauf der Herzog
-d’Aumale, der Vorsitzende des Kriegsgerichtes, aus.
-
-Und damit war der Punkt, von dem die Richter ausgehen werden, gefunden.
-Diese Worte des Herzogs machten auf das Publikum, auf ganz Frankreich,
-einen großen Eindruck. Dem schuldigen Marschall wurde damit klar zu
-verstehen gegeben, daß ihn jetzt nicht eine Partei richte, keine
-Republik, keine unrechtmäßige Regierung, die er, wenn er will, auch
-jetzt nicht anzuerkennen braucht – sondern Frankreich, das er um einer
-rechtmäßigen Regierung willen verkauft, das Vaterland, das er verraten
-aus Parteiinteresse.
-
-Man kann einen Verräter seines Vaterlandes niemals entschuldigen. Sind
-aber hier auch die im Recht, die über den Verräter zu Gerichte sitzen?
-Das ist es, worauf ich hinweisen will. Sind nicht im Gegenteil Bazaines
-Richter ein Teil jenes Grundübels, das den Organismus dieser großen
-Nation zerstört und erschöpft hat; verkörpern nicht auch sie ein
-Unglück, das wie eine schwarze Wolke ständig über ihr liegt? Und
-verstehen sie dieses Unglück jetzt; sind sie fähig, es zu begreifen? Ist
-der Marschall aber nicht ähnlich dem altjüdischen Opferlamm, auf das die
-Sünden des ganzen Volkes gelegt wurden?
-
-In der Tat, was konnte er damals von Metz aus erwarten? Angenommen, der
-Parteimensch in ihm habe dem Bürger in ihm einmal Platz gegeben beim
-Anblick des ganzen großen nationalen Unglücks; angenommen, er habe
-aufrichtig gewünscht, dem Vaterlande zu dienen: was konnte er aber in
-dem damaligen Paris erblicken? Es ist wahr, die triumphierende
-Revolution des 4. September nannte sich nicht Republik, sondern
-„Regierung der Nationalverteidigung“. Diejenigen aber, die an der Spitze
-dieser Volksregierung standen, konnten Bazaine, General und
-Parteimensch, wie er war, einem tätigen und energischen Menschen
-zugleich, nur Widerwillen einflößen. Dieser talentlose Maniak, der
-General Trochu, alle diese Garnier-Pagès, Jules Favre, sind, wenn auch
-als Menschen aller Hochachtung wert, doch schließlich erbärmliche,
-talentlose Mumien, Phrasenhelden der ersten Tage einer Pariser
-Revolution und – leider – immer noch nicht den Parisern langweilig genug
-geworden. Wie mußte das dem Marschall und seinem scharfen beobachtenden
-Menschenkennerblick in Metz erscheinen!? Aber – mögen sie auch talentlos
-gewesen sein! Mag auch jegliche Aufgabe, der sie nicht gewachsen waren,
-von ihnen verpfuscht worden sein, solange sie die Macht hatten! Sie
-waren doch wenigstens treue Bürger, Leute mit reinem Herzen, wahre Söhne
-des Vaterlandes! War dem nicht so? Aber nein, das waren ja wiederum auch
-nur Republikaner! _La république avant tout, la république avant la
-France_ – das war und ist auch jetzt noch ihre Devise! Und darum hätte
-der Marschall, wenn er, um gleichfalls „Bürger zu werden“, sich von der
-Partei des Kaisers losgesagt hätte – und wär’s auch nur zeitweilig und
-scheinbar gewesen, zur „Rettung des Vaterlandes“ – sich doch nicht den
-Rettern des Vaterlandes, sondern wieder nur Leuten einer anderen Partei
-anschließen müssen. Aber diese Partei haßte er, und ihr zu helfen: dazu
-konnte er sich nicht entschließen! Einige Zeit nachher kam aus dieser
-lächerlichen Gruppe ein Mann, der im Luftballon Paris verließ, um in den
-noch freien Teil Frankreichs zu gelangen: Gambetta. Er erklärte sich
-selbstherrlich zum Kriegsminister, und die ganze Nation, die sich nach
-irgendeiner Regierung sehnte, ernannte ihn sofort zu ihrem Diktator. Er
-aber verlor darüber nicht den Kopf, sondern wurde in Wahrheit ihr
-Diktator. Dieser Mensch zeigte eine große Energie, er regierte
-Frankreich und stampfte ein neues Heer aus dem Boden. Einige
-beschuldigen ihn jetzt unter anderem, daß er unnütz Geld verschwendet
-hätte und mit diesem Geld fünfmal mehr für das Heer hätte tun können.
-Gambetta könnte freilich seinen Anschuldigern mit Recht erwidern, daß
-sie, wenn sie auch fünfmal mehr Geld gehabt hätten als er, doch nicht
-einen einzigen Soldaten hätten aufstellen können. Und siehe da, dieser
-kluge und energische Mensch, der wirklich viel für Frankreich getan hat,
-und mit dem zu arbeiten Bazaine sich nicht hätte zu schämen brauchen –
-besteht doch auch auf der Devise: „_la république avant la France!_“
-Jetzt sagt er das freilich nicht mehr laut, schlau und geduldig wartet
-er, bis an ihn die Reihe kommt, und wenn es nötig ist, so unterstützt er
-mit Eifer sogar Thiers, der ihn schon vor drei Jahren ersetzt hat. Aber
-auch dessen Devise ist: „_la république avant tout_“, und auch er ist
-vor allem und zuerst der Mensch seiner Partei! Diese seine Eigenschaft
-ist den Republikanern offenbar die liebste.
-
-Und so ist alles in Frankreich Partei und sind alle Franzosen Menschen
-einer Partei. Es ist wahr, in Frankreich tauchten zur Zeit des schwarzen
-Jahres auch einige beruhigende Erscheinungen auf. Die Bretagner,
-gebotene Legitimisten, erschienen mit ihren Führern, um für ihr
-Vaterland zu kämpfen, und sie kämpften tapfer! Mit ihrem
-Muttergottesbild auf der Fahne schlossen sie sich zeitweise der
-Regierung der Republikaner und Atheisten an. Auch die Orleansschen
-Herzöge kämpften in gleicher Reihe mit ihren Feinden in der
-neugebildeten französischen Armee. Kämpften sie aber fürs Vaterland? Das
-ist heute mehr als zweifelhaft. Wenn man zurzeit ihre Rolle in
-Frankreich beobachtet, ihre Verschwörung gegen Frankreich zugunsten
-eines „legitimen Königs“ – so ist es wohl erlaubt, daraus zu schließen,
-daß sie vor drei Jahren nur deshalb mitgekämpft haben, weil sie darin
-endlich eine Chance für ihre Partei, die schon so lange auf eine solche
-gewartet hatte, erblickten. Und sie haben sich nicht in der Möglichkeit
-einer derartigen Chance getäuscht: sie strömten in großer Anzahl bei den
-ersten Wahlen zur Nationalversammlung herbei und brachten es auch
-richtig zu einer Mehrheit.
-
-Überall Parteien! Freilich: wenn man alle diese Parteien zusammenlegt,
-so ist die Gesamtzahl ihrer Anhänger – ausgenommen die Partei der
-Kommunisten – sehr gering, im Vergleich zu der Anzahl aller Franzosen,
-denn die übrigen Franzosen sind indifferent. Sie erwarten alle, geradeso
-wie damals vor dem Erscheinen Gambettas im verhängnisvollen Jahr – einen
-Diktator, damit er sie väterlich in seine Gewalt nehme und ihnen ihr
-Leben und Gut behüte. Ihre Devise ist das bekannte Sprichwort: „_Chacun
-pour soi et Dieu pour tous_“. Aber auch bei dieser Devise gehört der
-Mensch seiner eigenen Partei an und – was kann für solch einen Menschen
-das Wort Vaterland bedeuten?
-
-Das ist das Grundübel Frankreichs: der Verlust einer allen gemeinsamen
-Idee der Einigung! Man sagt von den Legitimisten, daß sie diese Idee mit
-Gewalt wiedererwecken wollten. Aber sogar die besten ihrer Partei denken
-nicht an die Idee, sondern nur an den Triumph ihrer Partei. Die
-Allerbegeistertsten von ihnen denken noch nicht einmal an den
-Legitimismus. Der Triumph des Grafen Chambord ist für sie – der
-zukünftige Triumph des Papstes und des Katholizismus. Das ist dann schon
-wieder eine Partei in der Partei.
-
-Und so richten jetzt die Menschen der Partei den Marschall Bazaine
-dafür, daß er – der Anhänger seiner Partei blieb! Ist er nicht wirklich
-dem altjüdischen Opferlamm ähnlich, mit dem ich ihn verglich? ... Es
-kommt in Frankreich noch so weit, daß jeder Verrat des Vaterlandes nicht
-mit ruhigem Gewissen gerichtet werden kann – aus Mangel an Richtern;
-denn alle sind sie Menschen bloß der Partei und nicht des Vaterlandes. –
-Wenn die Franzosen Bazaine verurteilen, werden sie dann wissen, was sie
-tun?
-
-
- Frankreich und Deutschland
-
-In Deutschland wird die Nachricht von den gescheiterten Hoffnungen der
-französischen Legitimisten[6] fast von der ganzen Presse, sogar
-einschließlich der offiziösen preußischen Organe, mit unverhohlener
-Freude aufgenommen. Die nächstliegendste Erklärung dieser Freude wäre
-wohl in der Befürchtung zu suchen, daß die Thronbesteigung des Grafen
-von Chambord den Versuch einer Wiederherstellung der Papstmacht von
-seiten Frankreichs nach sich gezogen haben würde. Nun, und auf diesem
-Wege wäre ein Zusammenstoß mit Deutschland unvermeidlich gewesen.
-Erklärt man sich aber so die deutsche Zufriedenheit – um wieviel
-auffallender ist es dann, daß in Deutschland selbst die ernsten Blätter
-an die Dauerhaftigkeit dieser Restauration haben glauben können. Die
-Deutschen vertrauen, scheint es, etwas zu sehr auf den Erfolg von „Blut
-und Eisen“. Ich glaube, daß in der gegenwärtigen französischen Krise –
-„der Gärung aller Geister und Wünsche“ – ein Staatsstreich in diesem
-Lande beinahe unmöglich ist: sie haben dort keinen einzigen, der ihn
-ausführen könnte! Das heißt, Liebhaber würden sich dazu schon finden,
-und (was am interessantesten ist) vielleicht gleichfalls eine
-außerordentlich große Anzahl Leute, die aufrichtig ihre eigene
-Vergewaltigung wünschen, und zwar: um der endgültigen Herstellung der
-Ruhe und Ordnung willen, sogar eine möglichst baldige Vergewaltigung
-herbeiwünschen. In diesem Lande aber genügt zu einer erfolgreichen
-Gewaltherrschaft nicht Kraft allein und selbst nicht einmal die
-Zustimmung der zu Vergewaltigenden. Dort bedarf die Gewalt unbedingt der
-Autorität: wenn es auch eine verhaßte und wenn es auch keine wahre
-Autorität ist, so muß es doch eine Herrscherautorität sein, eine, der
-man die Kraft der Macht wirklich zutrauen kann. Der Graf von Chambord
-nun hat nichts von solch einer Autorität, und selbst von seinen
-Anhängern werden wohl kaum alle glauben, daß er solch eine Kraft ist.
-Darum aber – ich wiederhole bereits früher von mir Gesagtes – wäre er
-zweifellos und sogar sehr bald wieder vertrieben worden. Doch selbst
-solch eine Wendung der Sache wäre für Frankreich vielleicht
-vorteilhafter gewesen als der jetzige chaotische Zustand – wenn auch nur
-insofern vorteilhafter, als es dann eine Partei weniger gegeben hätte
-und die Herrschaft der gemäßigten Republikaner somit wieder möglich
-gewesen wäre.
-
-Nun aber will ein Teil der konservativen Presse Deutschlands der von der
-liberalen deutschen Presse angegebenen Begründung ihrer Freude über den
-Mißerfolg des Prätendenten nicht recht glauben; das heißt, will nicht
-glauben, daß die Furcht, Frankreich hätte den gefährlichen Weg der
-ultramontanen Politik einschlagen können, die Ursache dieser
-gegenwärtigen Freude wäre. Die „Kreuzzeitung“, zum Beispiel, erklärt
-unumwunden, daß die Liberalen der ganzen Welt sich solidarisch fühlten;
-daß im Radikalismus die Nationalitäten verschwänden, und darum sich auch
-die deutschen Radikalen für die französischen Radikalen freuten, wenn
-sie, wie hier, ihren Erfolg sähen. Es ist das vielleicht so unrichtig
-nicht. Merkwürdig nur, daß diese Bemerkung – die gewissermaßen wie ein
-Vorwurf und eine Befürchtung klingt – in einem Reiche gemacht wird, wo
-gerade in diesem Augenblick die nationalen Ideen so mächtigen Erfolg
-haben, wo nach dem kürzlichen Triumph über Frankreich das Gefühl der
-nationalen Selbstzufriedenheit sich bis zur Abgeschmacktheit gesteigert
-hat, wo sogar die Wissenschaft chauvinistische Züge aufweist. Sollte es
-wirklich wahr sein, daß der kosmopolitische Radikalismus auch in
-Deutschland schon Wurzel gefaßt hat? Daß auch dort schon die
-französische Lehre – der Kommunismus – an die Tür klopft? Wenn es fast
-seit dem Anfang des Jahrhunderts bei den europäischen „Geistern“ gang
-und gäbe ist, Rußland für einen „furchteinflößenden Koloß auf tönernen
-Füßen“ zu halten – während in Wirklichkeit, wenn es bei uns etwas
-besonders Gutes und Ganzes gibt, es gerade die Grundlage, das Volk ist,
-auf dem Rußland von jeher gestanden hat und auch hinfort stehen wird –
-so, sollte es dann, frage ich, vielleicht wirklich möglich sein, daß
-solch eine Annahme, wenn auch nur teilweise, auch von dem neuen
-germanischen Koloß zutreffend sein könnte?
-
-
- Frankreich und die Kultur
-
-Ein Pariser Telegramm berichtete unlängst aller Welt, daß ein gewisser
-Sir Henry Richard, eine ziemlich unbekannte Persönlichkeit, auf dem ihm
-zu Ehren gegebenen Diner in einer Rede über seinen Plan einer
-internationalen Vermittlerschaft unter anderem auch gesagt habe: „Keine
-einzige Idee kann sich verwirklichen ohne die Protektion Frankreichs,
-dem an Einfluß kein anderes Land gleichkommt, dessen Sprache und
-Literatur universal sind!“ ... Worte, die in Paris gierig aufgefangen
-und von den „erniedrigten“ Franzosen sofort allen sichtbar und hörbar
-gemacht worden sind. So hat man sie denn auch schon in Deutschland
-vernommen, doch haben sie dort, wie in Europa überhaupt, nur eine
-gewisse fragende Stirnfalte und mißbilligendes Kopfschütteln
-hervorgerufen. Nun, wir glauben natürlich an jedes Wort Sir Richards.
-Nichtsdestoweniger aber, – ist es nicht auffallend, daß man jetzt sogar
-in Paris solche Worte für ungewöhnlich hält? Wie lange ist es denn her,
-daß ähnliche Worte in Frankreich niemand bemerkt hätte, da sie wie
-schuldiger Tribut, wie etwas von der Art eines _sine qua non_, das zu
-erwähnen überhaupt nicht der Mühe wert ist, aufgefaßt worden wären?
-
-Diese hochbegabte Nation, diese Erbin der Alten Welt, die 15
-Jahrhunderte an der Spitze der romanischen Völker Europas gestanden und
-in den letzten Jahrhunderten fraglos erstrangigen Einfluß auf alle
-Nationen Europas gehabt hat, verlor vor nun bald hundert Jahren jene
-lebendige Kraft, die sie so lange bewegt und genährt hatte. Diese
-lebendige Kraft bestand in der Repräsentation des europäischen
-Katholizismus durch Frankreich – fast seit der allerersten Zeit des
-Christentums. Als darauf Frankreich am Ende des 18. Jahrhunderts mit der
-katholischen Idee vollkommen und bewußt brach, verkündete es sich laut
-über die ganze Welt hin als Erneuerin der Menschheit durch _neue_
-Grundsätze, deren Hauptträgerin und Beschützerin es allein sei. „Komm
-alle zu mir!“ rief es in pythischer Trunkenheit. Diese neuen und
-selbständigen Grundsätze der zukünftigen menschlichen Gesellschaft waren
-den Europäern bereits als die Grundsätze der von ihnen ausgearbeiteten
-Zivilisation bekannt –: die Wissenschaft und der Staat waren bereits
-einzig auf den Gesetzen der Vernunft begründet. Frankreich hat bloß die
-Selbständigkeit dieser Grundsätze revolutionär verkündet – ich meine
-ihre vollste Unabhängigkeit von der Religion. Dieses geschah zum
-erstenmal im Leben der Menschheit, und darin hat, behaupte ich, das
-eigentliche Wesen der Französischen Revolution bestanden. Über dieses
-ungemein wichtige Thema habe ich in diesen flüchtigen Zeilen nicht etwa
-deswegen einiges gesagt, um die vor hundert Jahren von Frankreich an der
-Spitze Europas verkündeten revolutionären Grundsätze zu untersuchen und
-sie ihrem Wesen nach zu beurteilen. Ich wollte nur bemerken, daß
-Frankreich, das für sich und die Menschheit so viel auf seine Schultern
-genommen – abgesehen davon, daß es diese Last, selbst wenn es gewollt,
-überhaupt nicht hätte ablehnen können –, von dieser Last doch noch
-niemals so zu Boden gedrückt gewesen ist wie in dem letzten, jetzt
-allmählich auslaufenden Jahrhundert seiner Geschichte: sie hat sich als
-viel zu groß erwiesen für die Kräfte des geistreichen Volkes. Die
-Führerin der Menschheit war nach ihrem letzten Unglück gezwungen, durch
-ihre besten Vertreter einzugestehen, daß sie die Grundlage des
-lebendigen Lebens fast ganz verloren hat, daß ihr Lebensquell versiegt
-und vertrocknet ist. Im gegenwärtigen Augenblick bietet das französische
-Volk ein sonderbares Schauspiel dar – was es auch selbst vollkommen
-begreift. Dieses Sonderbare besteht darin, daß der intelligente und
-politisch herrschende Teil dieser Nation sich wissentlich und wehmütig
-so gut wie von allen ihren einst so begeistert verkündeten Ideen
-entfernt hat und nun ohne Glauben, doch mit jener Angst um das eigene
-Sein, die Despotismus und Vergewaltigung nach sich zieht, wie eine
-Polizei über den anderen Teil der Nation wacht. Dieser andere Teil aber
-glaubt an seine Zukunft, glaubt, daß sie kommen wird mit der
-Verwirklichung der neuen Grundsätze in einer künftigen Gesellschaft,
-und, da er arm ist an Gütern des Lebens, da er lange gelitten hat, so
-ist er bereit, sich wie ein hungriges Tier auf seine glücklicheren
-Brüder zu stürzen und sie zu zerfleischen. Nachdem die Franzosen Baboeuf
-guillotiniert hatten, den ersten, der schon vor 80 Jahren den
-begeisterten Revolutionären gesagt, daß ihre ganze Revolution nicht die
-Erneuerung der Gesellschaft nach neuen Grundsätzen wäre, sondern nur der
-Sieg der einen mächtigen Gesellschaftsklasse über die anderen: nachdem
-sie diesen ersten lästigen Kritiker der Revolution beseitigt hatten,
-mußten die Führer der ganzen republikanischen und demokratischen
-Bewegung im neuen Jahrhundert allmählich einsehen, daß das ganze Leben
-Frankreichs sich mehr und mehr in eine erlogene Vorspiegelung
-verwandelte, in irgendein phantastisches Gebilde, und daß es jede
-Bedeutung eines lebendigen und notwendigen Lebens einbüßte. Alle diese
-Perioden seiner letzten Entwicklungsgeschichte – das Erste Kaiserreich,
-die Restauration, die Herrschaft der Bourgeoisie unter den Orleans, das
-Zweite Kaiserreich usf. – könnte man jetzt eher für Luftspiegelungen
-halten als für gewesene Wirklichkeit; jede dieser Erscheinungen hätte
-gewissermaßen gerade so gut auch nicht sein können, und die große Nation
-wäre vortrefflich auch ohne sie ausgekommem. Diese ganze vorübergehende
-Phantasmagorie hat der Seele der Nation, die sich immer nach lebendigem
-Leben gesehnt hat, nichts Wesentliches gegeben. Und darauf kam nun die
-Katastrophe dieses furchtbaren Krieges – mit dessen Ausgang in
-Frankreich alle diese Vorspiegelungen fast mit einem Schlage
-verschwanden und sich aller Augen öffneten. Diese Katastrophe sagte
-gleichsam jedem Franzosen: „Sieh, wie arm und blind, wie niedrig und
-nackt und nichtig du in deiner ganzen, phantasmagorischen Existenz warst
-– und das nun schon ein ganzes Jahrhundert lang!“
-
-Wird nun die große Nation an der Aufgabe, die sie vor einem Jahrhundert
-auf sich genommen hat, und die sie doch zu einem Abschluß wird bringen
-müssen, mitsamt ihrem Genie zugrunde gehen, oder wird sie sich dieses
-Genie doch noch erhalten? Das ist die Frage! Wird ihr Genie solche
-Prüfung überstehen können? Oder wird vielleicht alles einstürzen und
-irgendeine neue, geniale Nation von Gott auserwählt werden, die
-westliche Menschheit zu führen? Das sind vom Standpunkt der vernünftigen
-und geschäftigen Leute aus selbstverständlich nur müßige Fragen, doch
-nichtsdestoweniger gab es und gibt es in ganz Europa viele Herzen und
-Gedanken, die angstvoll vor ihnen standen und noch stehen. In dieser
-verhängnisvollen Frage nach Leben oder Tod Frankreichs, nach
-Auferstehung oder Erlöschen seines großen, der Menschheit sympathischen
-Genies, liegt vielleicht die Entscheidung über Leben und Tod der
-europäischen Menschheit, – was auch immer die jungen Besieger
-Frankreichs, die Deutschen dazu sagen mögen. Wird denn Europa Frankreich
-überhaupt vermissen können? Ein Europa ohne Frankreich ist für viele
-sogar jetzt noch undenkbar, und nicht etwa nur für müßige Menschen, die
-unseres tätigen Jahrhunderts unwürdig sind. Einstweilen aber, nachdem
-ich die Frage gestellt habe, die natürlich ohne Antwort bleiben muß,
-sage ich noch bei der Gelegenheit, – meinetwegen in der Eigenschaft
-eines Reporters der Gegenwart, – daß es einige Anzeichen und
-Erscheinungen gibt, die von dem heißen Wunsch der geistvollen Nation
-zeugen, aus allen Kräften zu leben, und daß aus diesem Wunsch für Europa
-sogar in kürzester Zeit sehr viele Sorgen erwachsen können.
-
-Vor einer Woche hat sich in Frankreich ein äußerst exzentrischer
-Zwischenfall zugetragen, der gar manchen Europäer belustigt haben
-dürfte. Als der Kriegsminister, General Dubarail, sein Budget der
-Versammlung unterbreitete, fiel man sofort von allen Seiten mit
-bitteren, heftigen Vorwürfen wegen der „Ärmlichkeit“ und „Nichtigkeit“
-desselben über ihn her –: weil er so wenig Geld für den Ausbau des
-Heeres verlangte! Darauf soll man sogar die Regierung beschimpft und
-schließlich ganz ungewöhnliche Veränderungen vorgeschlagen haben. Erst
-nach einiger Zeit, sagt man, sei es dem General gelungen, die
-Versammlung zu beruhigen, und zwar nur durch die Erklärung, daß das
-Budget des nächsten Jahres sehr groß sein werde, daß allein die
-Veränderung des Armeematerials nicht weniger als 1380000000 Franken
-fordern würde. Diese Summe soll dann eine einigermaßen ernüchternde
-Wirkung auf die Gemüter ausgeübt haben.
-
-Ich habe gesagt, daß diese große Nation _leben will_, – um jeden Preis!
-Doch, – ist es andererseits nicht wieder im höchsten Grade phantastisch,
-dieses „Leben der Vergeltung“, für das sie sich jetzt so einmütig
-entschließt, obgleich sie erst kürzlich fünf Milliarden an Deutschland
-gezahlt hat, indem sie sich einwandlos zu neuen Milliardenausgaben
-bereit erklärt – wenn nur dem verhaßten Feinde für die militärische wie
-moralische Erniedrigung heimgezahlt wird!? Also ist doch in dem
-moralisch so zerspaltenen Lande, das schon seit so langer Zeit wehmütig
-und skeptisch auf das Leben sieht, wo das allgemeine Gefühl bloß das
-allerbeschränkteste Gefühl der Selbsterhaltung und das „_chacun pour
-soi_“ die erste Regel ist, – also hat sich in diesem Lande doch
-plötzlich und unerwartet etwas gefunden, das sogar die feindlichsten
-Elemente vereinigen kann. Nein, der Quell des _unmittelbaren_ Lebens
-versiegt in den Völkern doch nicht so leicht.
-
-
- Deutschland und Rom
-
-Das päpstliche _Non possumus_ ist meiner Meinung nach so ernst zu
-nehmen, daß man in ihm überhaupt die Existenzfrage der Religion in
-Europa sehen kann. Lassen wir die protestantischen Glaubensbekenntnisse
-dabei ganz aus dem Spiel; denn wenn der römische Katholizismus fallen
-würde – wie sollten sich dann noch Glaubensbekenntnisse erhalten, deren
-Wesen der Protest gegen den Katholizismus ausmacht? Wenn nichts mehr
-vorhanden ist, wogegen es zu protestieren gilt, wozu dann noch ein
-Protest? Andererseits kann aber die römische Kirche in ihrer
-gegenwärtigen Form nicht weiterbestehen. Sie hat ja selbst erklärt, daß
-ihr Reich von _dieser_ Welt sei, und daß ihr Christus sich „ohne
-Erdenreich auf der Erde nicht erhalten kann“. Die römische Kirche hat
-die Idee der römischen Weltherrschaft über die Wahrheit und über Gott
-gesetzt; zu demselben Zweck hat sie auch die Unfehlbarkeit ihres
-Oberhauptes als Dogma aufgestellt und hat das gerade in dem Augenblick
-getan, da die weltliche Macht schon an die Pforten Roms klopfte, um
-einzutreten: ein beachtenswertes Zusammentreffen, das vielleicht von dem
-„letzten Ende“ zeugt. Bis zur Stunde des Sturzes Napoleons III. konnte
-die römische Kirche noch auf den Schutz der Könige – und besonders der
-Könige Frankreichs, mit deren Hilfe sie sich so viele Jahrhunderte
-gehalten – rechnen. Kaum aber wurde sie von Frankreich verlassen – da
-fiel auch ihre weltliche Macht. Nun aber wird die katholische Kirche
-diese ihre weltliche Welt für keinen Preis, niemals und niemandem,
-abtreten und würde eher damit einverstanden sein, daß das Christentum
-vollkommen unterginge, als daß die weltliche Herrschaft der Kirche
-aufhörte. Ich weiß: gar manche klugen Leute werden meine Behauptung mit
-einem Lächeln aufnehmen, doch soll mich das nicht abhalten, sie mit
-allem Nachdruck zu verteidigen. Und so sage ich denn nochmals: Es gibt
-in Europa augenblicklich keine einzige Frage, die zu beantworten
-schwieriger wäre, als die katholische, und gleichfalls keine einzige
-politische, keine „soziale“ Schwierigkeit, mit der sich diese
-römisch-katholische Frage nicht vereinigte. Mit einem Wort: Das
-Schwerste, was Europa in Zukunft bevorsteht, ist die Lösung dieses
-Problems, wenn auch neunundneunzig Prozent aller Europäer augenblicklich
-vielleicht nicht einmal an dasselbe denken.
-
-Ich habe bereits im Laufe des vorigen Jahres meine Gedanken über diese
-Frage mitgeteilt: – nach gewissen Anzeichen zu urteilen, kann man
-wirklich glauben, daß die katholische Kirche zur Wiederherstellung ihrer
-Macht bereit ist, sich mit dem niedrigen Volk zu verbinden und hinfort
-den Königen den Rücken zu kehren. – Allerdings haben die Könige sie
-zuerst verlassen. Doch ohne mich über diesen Punkt weitläufig zu
-verbreiten, will ich einstweilen nur sagen, daß von den europäischen
-politischen Begebenheiten des vorigen Jahres der Briefwechsel des
-Papstes mit dem Deutschen Kaiser zweifellos eine der wichtigsten war. In
-seiner Zuschrift erklärte ja der Papst, daß er der von Gott selbst
-eingesetzte Vater und Beschützer aller Christen sei, – gleichviel welch
-einem Bekenntnis sie angehören, und gleichviel, ob sie ihn für ihr Haupt
-anerkennen oder nicht, – wenn sie nur getauft sind.
-
-Als die italienische Regierung dem Papst die Summe von drei Millionen
-Franken jährlich aussetzte und sie ihm anbot, da glaubte und hoffte sie
-natürlich doch, daß er dieses, übrigens sehr annehmbare Budget
-akzeptieren werde. Hätte der Papst das getan, so würde er sich mit dem
-_Statuts quo_ einverstanden erklärt haben und – _es wäre zu Ende gewesen
-mit dem römischen Katholizismus_! An seiner Stelle aber hätte dann etwas
-ganz anderes, noch Unbekanntes begonnen. Doch der Papst nahm sie nicht
-an. Jetzt hoffen einige, der ihm folgende Papst werde es tun. Aber der
-84jährige Greis weiß nur zu gut, daß auch sein Nachfolger, wer er auch
-sei, gleichfalls kein einziges Budget annehmen kann und allen und jedem,
-wie er es getan, erklären wird: „_Non possumus._“
-
-Abgesehen davon, daß der Deutsche Kaiser dem Papst gemessen und von oben
-herab geantwortet[7] hat, sieht man in Deutschland auf die gegenwärtige
-Lage der römischen Kirche denn doch etwas ernster, als die italienische
-Regierung es tut. Anderenfalls: womit könnte man sich sonst jene
-sonderbare Verfolgung des römischen – ultramontanen – Katholizismus in
-Deutschland erklären? Man könnte wirklich glauben, daß das kolossale
-neue Reich, in dem es so viel andere Schwierigkeiten und neue Fragen
-gibt, die römische Frage für die bedeutungsvollste von allen hält. Nun
-und –: das scheint auch in der Tat der Fall zu sein! Es ist natürlich
-kaum möglich, sich vorzustellen, daß solch ein mächtiges Reich und an
-seiner Spitze so mächtige Herrscher und Lenker plötzlich irgendwelche
-„lächerlichen“ ultramontanen Ansprüche eines „kraftlosen, armseligen
-Mönches“ fürchten könnten, und das noch in welchem Jahrhundert? – im
-_neunzehnten_, im Jahrhundert der Maschinen, der Philosophie und unserer
-Aufklärung! Zudem wäre es ein äußerst grober Fehler, in dem allgemeinen
-Indifferentismus durch die Verfolgung der Kirche den religiösen
-Fanatismus zu erwecken, was doch für solche Staatsmänner, wie Graf
-Bismarck einer ist, keinen Augenblick unklar bleiben dürfte. Wenn nun
-Graf Bismarck gegen die Kirche vorgeht – wie u. a. durch das Gesetz über
-die bürgerliche Ehe –, dann geht er scheinbar Hand in Hand mit den
-Feinden der Kirche, – nicht nur mit den Feinden der katholischen Kirche,
-sondern jeder christlichen Kirche überhaupt, – Hand in Hand mit den
-Atheisten und Sozialisten!!! Auf diese Weise werden zwei sich
-entgegengesetzte Fanatismen angefacht: der Fanatismus des Glaubens und
-der der Verneinung. Ist das aber geschickt von einem so großen
-Staatsmann, wie Graf Bismarck? Und folgt daraus nicht wiederum, daß die
-römische Frage von so weitsichtigen Staatsleuten für eine der
-wichtigsten zukünftigen Schicksalsfragen des Deutschen Reiches gehalten
-wird? Sonst würde man doch nicht zu ihrer Bewältigung so wichtige
-Interessen opfern! – Wie aber, wenn Graf Bismarck – oder, besser gesagt
-– wenn Deutschland seinen zukünftigen und dann wohl endgültigen Kampf
-mit Frankreich am ehesten für möglich hält – auf Grund der römischen
-Frage? Bedenken wir bloß eines: mag der letzte deutsch-französische
-Krieg auch als noch so „zufällig“ erscheinen, jetzt, nach seiner
-Beendung, können doch weder Deutschland noch Frankreich auf ihren
-stattgefundenen furchtbaren Kampf wie auf etwas Zufällig-Politisches,
-sozusagen bloß Napoleonisches sehen. Deutschland, das so viele
-Jahrhunderte hindurch alles gehabt: Reichtum, Zivilisation,
-Wissenschaft, und das nur eines, das Ersehnteste, nicht hatte – die
-politische Einheit –, mußte doch endlich begreifen, was es übrigens
-schon seit Jahrhunderten tat, daß es seine politische Einheit nicht
-erreichen konnte, solange an der Spitze Europas noch Frankreich stand;
-nun aber weiß es, daß es sich mit einer zweitrangigen Rolle, wie
-irgendein Italien, in Europa nicht begnügen kann, und daß doch wiederum
-zwei führende Mächte in Europa zu gleicher Zeit nicht möglich sind; daß
-es sich hier schließlich um die Frage des Geistes handelt, des Lebens
-und der Ideale; daß die Ideale der westlich-katholischen und der
-germanischen Kultur verschieden und unvereinbar sind – so daß denn der
-Deutsch-Französische Krieg schließlich nichts anderes gewesen ist, als
-der Zusammenstoß zweier europäischer Kulturen, der katholischen und der
-protestantischen, oder der französischen und der germanischen, der
-unvereinbaren und entgegengesetztem die sich schon seit Jahrhunderten zu
-diesem Kampf vorbereitet hatten. Andererseits muß Frankreich, der
-tausendjährige Repräsentant des westlichen Katholizismus, selbst jetzt
-noch, einsehen, daß es dieser Führer der katholischen Welt, sogar bei
-deren heutigem Zerfall, nur dann bleiben kann, wenn es dem Katholizismus
-und seiner Idee tatsächlich treu bleibt.
-
-Ich will nur sagen, daß die Wiedererstehung des Katholizismus im Sinne
-der _Grundidee der Nation_ in Frankreich vielleicht durchaus nicht so
-unmöglich ist, wie es viele glauben. Alles, was in Frankreich im letzten
-Jahrhundert, dem Jahrhundert der ununterbrochenen Schwankungen, vor sich
-gegangen ist, könnte in mancher Beziehung zur Bekräftigung solch einer
-Annahme dienen. In diesem letzten Jahrhundert haben alle die so
-verschiedenen Regierungen Frankreichs – die Könige, die Republiken,
-Napoleon III. – alle haben sie den Papst mit dem Schwert in der Hand
-unterstützt oder sind bereit gewesen, ihn zu unterstützen, wenigstens
-sind sie alle _für_ Rom und seine weltliche Macht gewesen. Graf Bismarck
-aber muß doch vorausfühlen, wenn auch nur zum Teil, daß Frankreich sich
-niemals mit einem zweitrangigen Platz in Europa und einer solchen
-militärischen Niederlage zufrieden geben wird, daß dieses in seiner Art
-für Frankreich vielmehr gleichfalls ein _Non possumus_ ist. Und warum
-soll er nicht auch voraussehen, daß dieses Frankreich, das noch nicht
-endgültig vernichtete, wohl aber so kürzlich noch vollkommen zu Boden
-geschlagene, das so plötzlich die ganze Welt durch seinen Reichtum und –
-vor allen Dingen – Kredit in Erstaunen gesetzt hat – was dem Grafen
-Bismarck so unerwartet kam –, daß dieses Frankreich den Kampf noch
-längst nicht aufgegeben hat, daß der Streit um die Vorherrschaft somit
-unvermeidlich noch einmal ausbrechen und es dann aber wirklich um Leben
-oder Tod der beiden Nationen gehen wird!? Wie sollte er es nicht
-begreifen, daß dieser Kampf eigentlich überhaupt erst anfängt, –
-geschweige denn, daß er beendet sei –? Und, da dieser Kampf schließlich
-der entscheidende und abschließende Kampf zweier so verschiedener
-europäischer Zivilisationen sein wird –, warum soll er da nicht
-annehmen, daß auch der entscheidende Zusammenstoß gerade dort
-stattfinden wird, wo das Wesen der beiden Zivilisationen liegt: auf dem
-Boden der Kultur, dort, wo Katholizismus und Protestantismus einander
-feindlich begegnen?
-
-Diese Idee zu entwickeln, würde zu weit führen; lassen wir es genug
-sein, daß wir sie ausgesprochen haben. Ich wollte im übrigen bloß sagen,
-daß Graf Bismarck, wenn er den Katholizismus in seinem Zentrum angreift,
-vielleicht nur den jüngsten deutsch-französischen Krieg noch weiter
-fortführt und – sich zu einem neuen vorbereitet. Handelt er nun
-geschickt oder nicht – das mag vorläufig dahingestellt sein, jedenfalls
-aber handelt er mit einem scharfen Blick.
-
-
- Frankreich, die Republik und der Sozialismus
-
-Bei uns sprechen jetzt[8] alle über den Frieden. Alle glauben an einen
-langandauernden Frieden, überall sieht man helle Horizonte, neue
-Bündnisse, neue Kräfte. Daß in Paris die Republik wiederhergestellt ist,
-darin sieht man eine Bürgschaft für den Frieden, und daß diese Republik
-von Bismarck wiedereingesetzt wurde – sogar darin sieht man eine
-Bürgschaft für den Frieden. Zweifellos sieht man sie auch in der
-Übereinstimmung der großen östlichen Mächte – und vielleicht erblicken
-nicht minder einige in den jetzigen Unruhen der Herzegowina
-unzweifelhafte Zeichen für die Dauerhaftigkeit des europäischen Friedens
-... vielleicht auch darum, weil der Schlüssel zu dieser Herzegowinafrage
-sich in Berlin befindet, und wiederum in der Schatulle des Fürsten
-Bismarck? Aber am meisten freut man sich bei uns über die Französische
-Republik. Übrigens, warum ist Frankreich immer noch auf dem ersten Platz
-in Europa, und nicht das siegreiche Deutschland? Das allerkleinste
-Ereignis in Paris erweckt nach wie vor in Europa mehr Sympathie und
-Aufmerksamkeit als manches schwerwiegende Berliner Ereignis.
-Unbestreitbar deshalb, weil dieses Land immer das Land des ersten
-Schrittes, der ersten Probe und der Anregung von neuen Ideen war! Darum
-erwarten alle von dort den „Anfang vom Ende“. Und wer wird wohl auch von
-allen zuerst diesen verhängnisvollen und endgültigen Schritt tun, wenn
-nicht Frankreich?
-
-Darum vielleicht haben sich die unversöhnlichsten Parteibildungen gerade
-in diesem, seit alters alle Neuerungen vermittelnden Lande entwickelt.
-Ein Friede ist da überhaupt nicht eher möglich, als bis es einmal
-wirklich zu jenem „Ende“, zu einem großen Zusammenbruch gekommen sein
-wird. Diejenigen in Europa, die die Republik bewillkommnen, sagen, daß
-sie schon deshalb für Frankreich und für Europa unumgänglich nötig sei,
-weil nur in ihr ein Revanchekrieg mit Deutschland ausgeschlossen
-scheint, und daß nur die republikanische Partei, von allen zur Stunde
-Ansprüche erhebenden Parteien, ihn nicht wagen wird, noch überhaupt
-unternehmen will. Indessen sind das nichts als Luftspiegelungen. Im
-übrigen ist auch die Republik eines Kampfes wegen ausgerufen worden,
-wenn auch nicht zu einem Kriege mit Deutschland, so doch mit einem viel
-gefährlicheren Gegner: dem Feind und Gegner von ganz Europa – dem
-Kommunismus und Sozialismus. Dieser Gegner erhebt sich viel leichter in
-einer Republik als unter jeder anderen Regierung! Jede andere Regierung
-würde sich mit ihm schließlich einigen, die Katastrophe vermeiden; nur
-eine Republik wird ihm nichts abtreten wollen, sondern ihn selbst
-herausfordern, ihn zum Kampfe zwingen. Und so mögen die guten Leute nur
-behaupten, die „Republik sei der Friede“! In der Tat, wer hat dieses Mal
-die Republik errichtet, wenn nicht die Bourgeoisie und die kleinen
-Rentiers? Wenn diese Leute wohl auch schon seit langem Republikaner
-waren, so fürchteten doch gerade sie im Grunde die Republik, sahen in
-ihr nur Unordnung und den ersten Schritt zum Kommunismus. Der Konvent
-der ersten Revolution teilte in Frankreich den großen Besitz der
-Emigranten und der Kirche in kleine Teile und verkaufte sie in
-Anbetracht der ununterbrochenen damaligen Geldkrisis. Dieses Verfahren
-bereicherte einen großen Teil Franzosen und gab ihnen die Möglichkeit,
-achtzig Jahre später fünf Milliarden Kontribution zu bezahlen, ohne mit
-der Wimper zu zucken. Aber wenn dieses Verfahren zurzeit auch den
-Wohlstand sehr hob, so paralysierte es doch die demokratischen
-Bestrebungen, indem es die Zahl der Besitzenden vergrößerte und so
-Frankreich dem grenzenlosen Besitz der Bourgeoisie in die Hände gab –
-die aber ist der erste Feind des Demos, des eigentlichen Volkes. Ohne
-dieses Verfahren hatte sich die Bourgeoisie in Frankreich nie so lange
-an der Spitze des Staates und an Stelle des früheren Beherrschers von
-Frankreich, des Adels, erhalten können. So jedoch erbitterte das Volk
-und ward unversöhnlich: die Bourgeoisie verdarb selbst den natürlichen
-Gang der demokratischen Bestrebungen und verwandelte ihn in einen
-einzigen Haß und einen einzigen Neid. Die Scheidung der Parteien ging so
-weit, daß der ganze Organismus des Landes endgültig zusammenbrach und
-jegliche Wiederherstellung unmöglich wurde. Wenn sich Frankreich bis
-jetzt im Ganzen noch immer aufrechthält, so tut es dies nur nach dem
-Gesetz der Natur, nach dem sogar eine Handvoll Schnee nicht früher als
-in einer bestimmten Zeit auftauen kann. Diesen Schein eines Ganzen
-nehmen die unglücklichen Bourgeois und mit ihnen eine Menge gutmütiger
-Menschen in Europa noch für eine lebendige Kraft des Organismus,
-betrügen sich mit der Hoffnung, und zu gleicher Zeit zittern sie doch
-vor Furcht. Im Grunde hat die Einheit sich bereits vollständig
-aufgelöst. Die Aristokraten haben nur den eigenen Nutzen im Auge, die
-Demokraten nur den der Armen. Um den allgemeinen Vorteil dagegen, den
-Vorteil Aller und des zukünftigen Frankreichs, kümmert sich niemand,
-außer den Schwärmern von Sozialisten und den Träumern von Positivisten,
-die von der Wissenschaft alles erwarten, alles, d. h. eine neue Einigung
-der Menschen und neue Grundsätze eines gesellschaftlichen Organismus.
-Aber die Wissenschaft, auf die alle so große Hoffnungen setzen, wird
-kaum imstande sein, sich mit der Angelegenheit gleich zu beschäftigen.
-Es ist schwer, anzunehmen, daß sie schon so gut Bescheid um die
-menschliche Natur wissen wird, um fehlerlos neue Gesetze des
-gesellschaftlichen Organismus aufzustellen. Da man aber hier weder
-schwanken noch warten kann, so stellt sich von selbst die Frage ein: Ist
-die Wissenschaft sofort zu dieser Aufgabe bereit, und geht diese Aufgabe
-nicht über die Kräfte ihrer zukünftigen Entwicklung? Ich bin sogar bis
-jetzt geneigt, zu behaupten, daß diese Aufgabe allerdings über die
-Kräfte der menschlichen Wissenschaft gehen wird, trotz ihrer, wie ich
-zugebe, großen zukünftigen Entwicklungsmöglichkeit. Da also die
-Wissenschaft diesem Anspruch an sie nicht gerecht werden wird, so ist es
-klar, daß die ganze Bewegung des Volkes, des vierten Standes, in
-Frankreich, wie überall in der ganzen Welt, von Schwärmern – und die
-Schwärmer wieder von allen möglichen Spekulanten – geleitet werden wird.
-Ja, und selbst in der Wissenschaft, gibt es denn da keine Träumer? In
-der Tat, die Träumer haben jetzt mit Recht die Führung der Bewegung
-ergriffen; denn sie allein kümmern sich in Frankreich um die sogenannte
-Einigung aller, um das Zukünftige; und es scheint, daß moralisch ihnen
-allein das Erbe Frankreichs zufallen wird, ungeachtet ihrer
-augenscheinlichen Schwäche und Phantasterei – wie denn das so ziemlich
-alle auch fühlen! Aber am furchtbarsten ist es, daß neben all dem
-Phantastischen ein Bestreben sich kundtut, daß das grausamste und
-unmenschlichste ist und schon nichts Phantastisches mehr an sich hat,
-sondern real und historisch unvermeidlich erscheint. Es drückt sich in
-folgenden Worten aus: „_Ôte-toi de là, que je m’y mette!_“ – Fort von
-dem Platz, damit ich mich hinsetze! Bei den Millionen des unteren Volkes
-– abgesehen von einigen wenigen Ausnahmen vielleicht – kommt in der
-ersten Linie und steht zu Anfang aller Wünsche: das Plündern der
-Besitzenden. Man kann dabei die Besitzlosen nicht einmal verurteilen:
-die Besitzenden selbst hielten sie bis zu dem Grade in der Dunkelheit,
-daß all diese Millionen unglücklicher, elender und blinder Leute ohne
-Zweifel und auf die naivste Weise glauben, daß sie durch diesen Raub
-sich bereichern können, und daß darin die ganze soziale Idee besteht,
-über die sich ihre Führer streiten. Ja, und wie können sie denn auch die
-Träume der Führer oder irgendeine Prophezeiung der Wissenschaft
-verstehen? Nichtsdestoweniger werden sie siegen, und wenn die Reichen
-ihnen vor der Zeit nichts abtreten, so kann es noch zu furchtbaren
-Ereignissen kommen. Aber keiner wird zur rechten Zeit etwas abtreten –
-vielleicht auch deshalb nicht, weil schon heute die Zeit der Abtretung
-überschritten ist. Ja, und die Besitzlosen wollen jetzt selbst nicht
-mehr eine Verständigung mit ihnen, wenn man ihnen auch alles gewähren
-würde: sie würden doch nur glauben, daß man sie wieder betrügt und
-übervorteilt. Sie wollen selbst und allein bestimmen.
-
-Die beiden Bonaparte hielten sich dadurch, daß sie die Möglichkeit eines
-Ausgleichs mit ihnen wenigstens versprachen; und sie machten auch
-mikroskopische Versuche dazu, wenn auch immer nur hinterhältig und
-unaufrichtig. Aber die Oligarchen fühlten sich enttäuscht durch sie, und
-der Demos glaubte ihnen erst recht nicht. Was die royalistischen
-Prätendenten (älterer Linie) anbetrifft, so können die dem Proletariat
-als Rettung im Grunde nur den römisch-katholischen Glauben bieten, von
-dem jedoch nicht nur das Volk, sondern auch die Mehrzahl der Intelligenz
-in Frankreich schon lange nichts mehr wissen will. Man spricht davon,
-daß unter dem Proletariat in letzter Zeit mit außerordentlicher Stärke
-der Spiritismus sich entwickelt hat, vor allen Dingen in Paris. Die
-jüngere Linie der Könige, die Linie Orleans, ist sogar der Bourgeoisie
-verhaßt geworden, obgleich man eine Zeitlang gerade an diese Familie
-glaubte und sie für den eigentlichen Führer in der französischen
-besitzenden Klasse ansah. Aber ihre Unfähigkeit wurde bald von allen
-erkannt. Nichtsdestoweniger mußte die Bourgeoisie sich retten, sie mußte
-durchaus und so schnell wie möglich sich einen Führer suchen für die
-große und letzte Schlacht mit dem furchtbaren, von unten heraufkommenden
-Feind. Die Erkenntnis und der Instinkt ließen sie auf ein richtiges
-Mittel verfallen, und sie wählten – die Republik.
-
-Es gibt ein politisches Gesetz und sogar ein Gesetz der Natur, nach dem
-von zwei starken und einander nahestehenden Nachbarn, wie befreundet sie
-auch miteinander sein mögen, doch der eine den anderen vernichten möchte
-und früher oder später diesen Wunsch auch in die Tat umsetzt. „Von der
-roten Republik gibt es einen Übergang zum Kommunismus,“ – dieser Gedanke
-erschreckte bis jetzt die französischen Bourgeois, und es mußte viel
-Zeit vergehen, bis plötzlich die Mehrzahl von ihnen erriet, daß diese
-nächsten Nachbarn zu den erhärtetsten Feinden werden würden, schon
-allein aus dem Prinzip der Selbsterhaltung. In der Tat, ungeachtet der
-so engen Nachbarschaft der roten Republik mit dem Kommunismus – wer kann
-in Wirklichkeit feindlicher und dem Kommunismus radikaler
-entgegengesetzt sein als die Republik? sogar, wenn man will, als die
-blutige Revolution der neunziger Jahre? In der Republik handelt es sich
-vor allem um die republikanische Form: „_la république avant tout, avant
-la France_“. In der Republik ist die ganze Hoffnung: die Staats_form_;
-und ob der Mac-Mahonismus an die Stelle Frankreichs tritt – es bleibt
-sich gleich, wenn er sich nur Republik nennt! Das ist das
-Charakteristische der jetzigen „Siege“ der Republikaner in Frankreich.
-So sucht man denn in der bloßen Form die Rettung. Von der anderen Seite
-dagegen, was geht den Kommunismus die republikanische Staatsform an, da
-er im Grunde jede Regierungsform verneint, und nicht nur jegliche Form
-einer Regierung, sondern auch den Staat an sich und die ganze
-zeitgenössische Gesellschaft? Dieses gerade Gegenteil, diese gemeinsame
-Antithese zweier Kräfte vermochte die französische Masse erst in achtzig
-Jahren zu erkennen, zuletzt erkannte sie sie aber doch und – errichtete
-die Republik: dem Feinde stellte sie endlich den allergefährlichsten und
-allernatürlichsten Gegner entgegen; denn um nichts in der Welt will die
-Republik im Kommunismus und Sozialismus untergehen. Im Grunde ist die
-Republik der natürlichste Ausdruck und die gegebene Staatsform der
-Bourgeoisie, ja, die ganze französische Bourgeoisie ist doch das Kind
-der Republik, für sie geschaffen und für sie organisiert in der ersten
-Revolution. Auf diese Weise ist die Scheidung vollständig erreicht. Man
-sagt, der Kampf der beiden sei noch weit. Ob er so weit ist? Vielleicht
-ist es besser, die Katastrophe nicht noch hinauszuschieben. Schon jetzt
-hat der Sozialismus Europa durchsetzt, und bis zu der Zeit wird er es
-noch mehr durchsetzt haben. Fürst Bismarck weiß es, aber er baut nach
-deutscher Art zu sehr auf Blut und Eisen. Was kann man aber da mit Blut
-und Eisen ausrichten?
-
-
- Katholizismus und Sozialismus
-
-Man wird sagen: Aber jetzt wenigstens, jetzt gleich hat man nicht den
-geringsten Grund, sich aufzuregen; alles ist hell und klar: In
-Frankreich ist der Mac-Mahonismus, im Osten die große Einigung der
-Mächte, die Kriegsbudgets werden überall und außerordentlich vergrößert
-– wie soll es da keinen Frieden geben!
-
-Aber der Papst? Wenn der heute oder morgen stirbt – was wird dann
-werden? Wie sollte der römische Katholizismus einwilligen, gleichsam ihm
-zur Gesellschaft mit ihm zu sterben? Oh, nie noch dürstete es ihn so, zu
-leben – wie jetzt! Übrigens, unsere Propheten, wie sollten sie nicht
-über den Papst lachen? „Eine Papstfrage gibt es bei uns ja überhaupt
-nicht mehr!“ Indessen ist die Frage des Katholizismus zu
-bedeutungsschwer und der Katholizismus selber so voll von grenzenlosen
-Widersprüchen, daß er diese nie um des Friedens willen, nicht um der
-ganzen Welt willen aufgeben würde. Ja, für wen denn auch, und zu wessen
-Nutzen sie denn aufgeben? Um der Menschheit willen etwa? Der Papst hält
-sich schon lange für höher als die Menschheit. Er hat bis jetzt nur um
-die Starken der Erde gebuhlt und auf sie gehofft bis zum letzten
-Augenblick. Dieser Augenblick ist heute gekommen, und nun scheint es,
-daß der römische Katholizismus endlich sich von den Großen der Erde
-abgewandt hat, die ihm ja doch schon lange untreu geworden waren und in
-Europa jene Hetzjagd auf ihn geplant hatten, die wir in unseren Tagen
-erlebten. Und haben wir von dem römischen Katholizismus nicht bereits
-die unglaublichsten Überraschungen erlebt? Einmal, wenn es nötig war,
-hat er Christus für weltlichen Besitz verkauft und das Dogma
-aufgestellt, „daß das Christentum auf der Erde ohne die weltliche
-Herrschaft des Papstes nicht bestehen könne“, und so einen neuen
-Christus geschaffen, einen, der dem früheren in nichts mehr ähnlich ist,
-der verführt war durch die dritte teuflische Versuchung, die weltliche
-Herrschaft: „Alles das gebe ich dir, bete mich an!“ Oh, ich habe heftige
-Ableugnungen dieses Gedankens gehört: man hat mir versichert, daß der
-Glaube an Christus und sein Bild in den Herzen der meisten Katholiken
-noch in alter Wahrheit und Reinheit weiterlebe. Das kann durchaus wahr
-sein, aber ich behaupte trotzdem: die Hauptquelle ist trübe und auf ewig
-verschüttet; denn nicht umsonst verfiel Rom dieser teuflischen
-Versuchung, seine weltliche Herrschaft in der Form eines unerhörten
-Dogmas zu verkünden – eine Tat, deren Folgen wir heute noch nicht
-absehen können. Bemerkenswert ist nur, daß die Verkündung dieses Dogmas
-gerade in dem Augenblick erfolgte, als das geeinte Italien vor den Toren
-Roms stand. Viele von uns lachten und spotteten über den Papst: wüten
-kann er, aber machtlos ist er doch, sagte man ... Wer weiß, ob er so
-machtlos ist! Nein, solche Menschen, die fähig sind zu solchen
-Entschlüssen, können nicht ohne Kampf sterben. Man wird mir erwidern,
-daß es immer so im Katholizismus gewesen und daß in ihm überhaupt keine
-Veränderung vor sich gegangen sei. Möglich, aber es hat in ihm doch
-immer ein Geheimnis gegeben: es hatte viele Jahrhunderte das Aussehen,
-als sei der Papst mit seinem kleinen Besitztum, mit dem Lande des
-Kirchenstaates, durchaus zufrieden – ... aber alles das war dann doch
-nur Allegorie. Die Hauptsache in dieser Allegorie, das Samenkorn des
-Grundgedankens, war die immer gegenwärtige Hoffnung des Papsttums, daß
-aus diesem Samenkorn dereinst ein prächtiger Baum werden würde,
-bestimmt, die ganze Erde zu beschatten. Und siehe da, als man ihm die
-letzte Quadratmeile seines westlichen Besitztums nimmt, da erhebt sich
-der Beherrscher des Katholizismus, seinen Tod voraussehend, und erklärt
-der ganzen Welt das Geheimnis: „Ihr glaubt wohl, daß ich nur dem Titel
-nach Herrscher des Kirchenstaates bin? So wisset denn, daß ich mich
-immer als den Herrscher der ganzen Welt, aller Herrscher der Erde, der
-geistlichen wie der weltlichen, gefühlt habe, als ihren wirklichen Herrn
-und Imperator. Ich – ich bin der Zar aller Zaren und der Herrscher aller
-Herrscher, und mir allein auf der Erde gehören die Schicksale und die
-Zeiten: und das erkläre ich aller Welt jetzt im Dogma meiner
-Unfehlbarkeit.“ Nein, dort steckt noch eine Kraft, das ist erhaben, aber
-nicht lächerlich; das ist eine Auferstehung der alten römischen Idee der
-Weltherrschaft, die nie im römischen Katholizismus aussterben wird; das
-ist das Rom Julian Apostatas, das nicht von Christus besiegte, sondern
-das Christum besiegende, in einem neuen und letzten Kampf! Auf diese
-Weise hat sich der Eintausch des wahrhaftigen Christus gegen ein
-weltliches Reich vollzogen. Und im römischen Katholizismus vollzieht er
-sich in der Tat! Ich wiederhole es, diese schreckliche Armee hat zu
-scharfe Augen, um nicht endlich zu erblicken, wo jetzt die wirkliche
-Kraft ist, auf die man sich stützen kann. In dem Augenblick, da er seine
-verbündeten Großen verliert, wird er sich an das Volk klammern. Er hat
-zu seiner Verfügung zehntausend Verführer, kluge, gewandte
-Herzensbesieger und Psychologen, Dialektiker und Sophisten. Das Volk war
-und ist überall redlich und gut. Außerdem – in Frankreich wie auch an
-anderen Orten Europas – haßt das Volk den Glauben, verachtet ihn, ohne
-das Evangelium zu kennen. Alle diese Herzenskundigen und Seelenkenner
-werfen sich nun auf das Volk und bringen ihm den neuen Christus, einen
-der in, alles einwilligt, einen, wie er auf dem letzten römischen Konzil
-aufgestellt wurde. „Ja, unsere Freunde und Brüder,“ werden sie sagen,
-„alles, was ihr euch wünscht – alles das steht schon längst in unseren
-Büchern, und eure Führer haben es von uns gestohlen. Wenn wir euch
-früher noch nichts davon gesagt haben, so ist es nur deshalb nicht
-geschehen, weil ihr bis jetzt noch wie unreife Kinder waret, für die es
-zu früh war, die ganze Wahrheit zu erfahren. Aber jetzt ist die Zeit der
-Wahrheit für euch gekommen. Wisset, daß beim Papst die Schlüssel des
-heiligen Petrus sind – und der Glaube an Gott ist nur der Glaube an den
-Papst, der von Gott auf der Erde an Stelle Gottes eingesetzt worden ist.
-Er ist unfehlbar, und ihm ist göttliche Macht gegeben, er ist der
-Beherrscher der Schicksale und der Zeiten; er hat beschlossen, daß auch
-eure Zeit jetzt gekommen sein soll. Früher lag die Hauptkraft des
-Glaubens in der Ergebung, jetzt ist aber die Frist der Ergebung um, und
-der Papst hat die Macht, sie aufzuheben, da ihm alle Macht auf Erden
-gegeben ist. Ja, wir sind alle Brüder, und Christus selbst hat uns
-befohlen, Brüder zu sein. Wenn eure älteren Brüder euch nicht als Brüder
-anerkennen wollen, so nehmt Waffen, dringt in ihre Häuser ein und zwingt
-sie mit Gewalt, eure Brüder zu sein. Christus hat lange gewartet, daß
-eure älteren Brüder bereuen würden, aber jetzt hat er uns selbst
-befohlen: ‚_Fraternité ou la mort!_‘ – Sei mir ein Bruder oder stirb!
-Wenn dein Bruder zögert, sein Gut mit dir zu teilen, so nimm ihm alles;
-denn Christus hat lange gewartet auf seine Reue und Buße, jetzt schlägt
-die Stunde der Vergeltung und des Zornes. Wisset auch, daß ihr
-unschuldig seid an allen euren vergangenen und zukünftigen Sünden; denn
-eure Sünden kamen nur aus eurer Armut. Und wenn eure Führer und Lehrer
-das schon früher gesagt, und wenn sie euch auch die Wahrheit gesagt
-haben, so hatten sie nicht die Macht, es euch vor der Zeit zu
-_verkünden_; denn die Macht dazu hat nur der Papst von Gott selbst
-erhalten. Der Beweis dafür ist, daß diese Lehrer euch noch zu nichts
-Gescheitem gebracht haben, und daß all ihr Beginnen an sich unfruchtbar
-war; ja, und außerdem waren sie treulos; auf euch gestützt, erschienen
-sie stark, um sich dann für einen höheren Preis euren Feinden zu
-verkaufen. Aber der Papst wird euch nicht verkaufen, denn über ihm gibt
-es keine höhere Gewalt, er ist der Erste aller Ersten; nur glaubt an
-_ihn_, nicht an Gott, sondern nur an den Papst, und daran, daß er allein
-der Herrscher auf Erden ist, und sonst niemand, und daß alle anderen,
-wenn ihre Stunde kommt, verschwinden müssen. Freut euch jetzt, denn das
-Paradies auf Erden hat begonnen, alle werdet ihr reich sein und durch
-den Reichtum ehrlich und selig, weil alle eure Wünsche erfüllt sein
-werden und jeglicher Grund zum Bösen euch genommen wird.“ Diese Worte
-sind gleisnerisch, aber das Volk wird unbedingt den Vorschlag annehmen:
-es sieht in dem unerwarteten Verbündeten eine große vereinigende Macht,
-die auf alles eingeht, – eine reale, historische Macht an Stelle von
-verschwärmten Führern und Spekulanten, an deren praktische Fähigkeiten
-und auch an deren Ehrlichkeit die Menschen nicht mehr glauben. Dort ist
-der Stützpunkt gefunden und der Hebel in die Hand gegeben, jetzt heißt
-es, mit der ganzen Masse ihn umdrehen. Und zur Vervollständigung des
-Ganzen gibt man ihm wieder den Glauben und beruhigt mit ihm viele
-Herzen, denn viele von ihnen sehnen sich nach Gott ...
-
-Ich habe schon einmal in einem Roman darüber gesprochen. Möge man mir
-meine feste Überzeugung verzeihen, aber ich bin sicher, daß alles sich
-einmal im westlichen Europa so zutragen wird, in der einen oder anderen
-Form, d. h. daß der Katholizismus sich der Demokratie zuwenden und die
-Großen der Welt verlassen wird, weil sie ihn verließen. Alle Macht in
-Europa verachtet ihn, denn er ist jetzt nach außen allzu arm und allzu
-überwunden. Und doch erscheint er lange nicht in einer so tragikomischen
-Lage, wie sich ihn gutmütigerweise unsere politischen Publizisten
-vorstellen. Indessen würde ein Fürst Bismarck ihn nicht so verfolgen,
-wenn er in ihm nicht seinen furchtbarsten und mächtigsten Feind der
-Zukunft sähe. Fürst Bismarck ist ein zu großer Mensch, um seine Kräfte
-an einen lächerlichen und machtlosen Feind zu verschwenden. Aber der
-Papst ist stärker als er. Ich wiederhole, daß das Papsttum vielleicht am
-stärksten den Weltfrieden bedroht. Und dem Frieden droht noch vieles
-sonst. Noch wie war Europa so angefüllt von feindlichen Elementen, wie
-in unserer Zeit: als wäre alles mit Dynamit unterlegt und wartete nur
-auf den zündenden Funken ...
-
-„Ja, aber was geht das uns an? Das ist ja alles dort in Europa und nicht
-bei uns in Rußland!“ Nun, bei uns wird Europa dann anklopfen und uns
-anflehen, es zu retten, wenn die letzte Stunde seiner jetzigen Ordnung
-der Dinge schlägt. Und es wird unsere Hilfe verlangen, als ob es ein
-Recht darauf hätte: es wird uns sagen, daß auch wir Europa seien, daß
-auch bei uns diese „Ordnung der Dinge“ sein müsse, da wir es doch nicht
-umsonst zweihundert Jahre lang imitiert und uns gebrüstet hätten,
-Europäer zu sein, und daß wir, wenn wir Europa retteten, im Grunde nur
-uns selbst retten würden. Freilich wären wir vielleicht nicht sehr
-geneigt, diese Angelegenheit nur zugunsten der einen Hälfte zu
-entscheiden, denn diese Aufgabe wird auch über unsere Kraft gehen: und
-haben wir uns nicht schon längst entwöhnt, darüber nachzudenken, worin
-unser Unterschied von Europa als Nation und worin unsere wirkliche Rolle
-in Europa besteht? Wir verstehen nicht nur nichts von diesen Dingen,
-sondern wollen überhaupt solche Fragen nicht zulassen; und sie auch nur
-anzuhören, halten wir für rückständig. Wenn aber wirklich Europa bei uns
-anklopft und uns auffordert, hinzugehen und seine Ordnung zu retten, so
-werden wir vielleicht zum erstenmal und plötzlich begreifen, bis zu
-welchem Grade wir die ganze Zeit über Europa nicht ähnlich gewesen sind,
-ungeachtet unseres zweihundertjährigen Wunsches und unserer Träume,
-Europa gleich zu sein, wie sie sich manchmal bis zu den
-leidenschaftlichsten Ausbrüchen versteigen konnten. Übrigens, vielleicht
-werden wir das auch dann nicht einmal begreifen; denn es wird vielleicht
-auch dann schon zu spät sein. Wenn dem so ist, so werden wir freilich
-auch nicht verstehen, was Europa von uns haben will, und worin wir ihm
-in der Tat helfen könnten. Und würden wir dann nicht den Feind Europas
-und seiner Ordnung ebenso beruhigen wollen wie Fürst Bismarck –: mit
-Eisen und Blut? Nun, im Falle es dazu kommen würde, könnten wir uns
-allerdings als vollständige Europäer beglückwünschen.
-
-Aber all das steht uns erst noch bevor und ist reine Phantasie – denn
-jetzt ist ja alles in Europa so klar, so klar, so klar!
-
-
- Drei Ideen
-
-Ich habe unlängst folgenden Satz geschrieben: „Alle unsere russischen
-Spaltungen und Sonderbestrebungen sind fast immer auf Grund von Zweifeln
-und Bedenken entstanden, und zwar auf Grund von solchen, zu denen
-eigentlich gar keine Veranlassung vorlag.“ Und heute[9] kann ich
-wiederholen, daß in der Tat alle unsere Streitigkeiten und Zerwürfnisse
-einzig aus dem Irrtum des Verstandes, nicht aber aus dem Irrtum des
-Herzens entstehen. In dieser Definition liegt das ganze Wesen unserer
-Uneinigkeiten und Zwiespälte – doch ist dieses Wesen an sich deshalb
-noch nicht so unerfreulich. Irrtümer und Zweifel des Verstandes
-verschwinden schneller und spurloser als die Irrtümer und Zweifel des
-Herzens; aufgehoben aber werden sie nicht so sehr von gelehrten
-Diskussionen und Disputen, als von der unabweisbaren Logik der
-Ereignisse des lebendigen Lebens, die nichts weniger als selten den
-richtigen Ausweg in sich tragen und auf den geraden Weg weisen, wenn
-auch nicht plötzlich, nicht im ersten Augenblick, so doch jedenfalls in
-sehr kurzer Frist, zuweilen sogar, ohne die nächste Generation
-abzuwarten. Anders ist es mit den Irrtümern des Herzens. Der Irrtum des
-Herzens wiegt schwerer: er bedeutet, daß der Geist, oft schon der Geist
-der ganzen Nation, an irgend etwas erkrankt, von irgend etwas angesteckt
-ist, und nicht selten führt diese Erkrankung, diese Ansteckung solch
-einen Grad von Blindheit mit sich, daß die ganze Nation nicht mehr
-geheilt werden kann – wieviel Rettungsversuche dem zunächst auch
-widersprechen und auf den richtigen Weg weisen mögen. Im Gegenteil,
-diese Blindheit entstellt die Tatsachen, wie es ihr gefällt, verändert
-sie nach den Wahnbildern des kranken Geistes, und es kommt sogar vor,
-daß eher die ganze Nation dem Untergange entgegengeht, im vollen
-Bewußtsein dessen, was sie tut, d. h. sogar nachdem sie ihre Blindheit
-eingesehen, als daß sie einwilligt, sich heilen zu lassen – denn nun
-_will_ sie bereits nicht mehr geheilt werden. Möge man nicht im voraus
-über mich lachen, daß ich umgekehrt die Irrungen des Verstandes für
-leicht und schnell wieder gutzumachen halte. Und am lächerlichsten wäre
-es wohl für einerlei wen, für jeden, nicht nur für mich allein, in
-diesem Falle die Rolle des Ausgleichers zu spielen, der fest überzeugt
-ist, mit Worten durchdringen und die Tagesüberzeugungen in der
-Gesellschaft umkehren zu können. Alles das sehe ich vollkommen ein; doch
-nichtsdestoweniger darf man sich nicht seiner Überzeugungen schämen, und
-wer ein Wort zu sagen hat, der sage es.
-
-Es will mir scheinen, daß jetzt eine Zeit gekommen ist, in der sich
-_alle_ möglichst offen aussprechen müssen, ohne sich der naiven
-Nacktheit manches Gedankens zu schämen. Tatsächlich erwarten uns, d. h.
-ganz Rußland, vielleicht ungewöhnliche und große Ereignisse. „Es können
-plötzlich gewaltige Fakta dasein und unsere intelligenten Kräfte
-überraschen, und dann, – wird es dann nicht zu spät sein?“ habe ich
-damals gefragt. Ich dachte dabei nicht nur an die politischen Ereignisse
-der nächsten Zukunft, wenn sie auch heute derart sind, daß sie die
-Aufmerksamkeit selbst der kläglichsten, selbst der verjudetsten, d. h.
-der sich sonst um nichts, als nur um sich selbst kümmernden Geister in
-Anspruch nehmen. In der Tat, wer kann es wissen, was der Welt im
-nächsten Vierteljahrhundert bevorsteht, oder vielleicht schon in diesem
-Jahre? Europa ist unruhig. Aber ist es nicht vielleicht nur eine jähe
-vorübergehende Unruhe? Keineswegs: man fühlt, es ist die Zeit für etwas
-Tausendjähriges, für etwas Ewiges gekommen, für das, was sich auf der
-Erde seit dem Anfang ihrer Zivilisation vorbereitet hat.
-
-Drei Ideen erheben sich vor der Welt und formulieren sich, scheint es,
-endgültig.
-
-Von einer Seite – am Rande Europas – die Idee des Katholizismus, die,
-schon längst verurteilt, nun in großen Qualen und Zweifeln nicht weiß,
-was ihrer harrt: Sein oder Nichtsein, Leben oder schon – Sterben? Ich
-spreche nicht nur von der katholischen Religion, sondern von der ganzen
-_katholischen Idee_, und dem Los derjenigen Nationen, welche unter dem
-Joch dieser Idee seit einem Jahrtausend gelebt haben und ganz von ihr
-durchdrungen sind. In diesem Sinne ist Frankreich die vollkommenste
-Verkörperung der katholischen Idee im Verlaufe von Jahrhunderten
-gewesen, ist das Haupt dieser Idee, die es schon von den Römern und in
-durchaus römischem Geiste übernommen hat. Dieses Frankreich, das jetzt
-sogar jegliche Religion, man kann wohl sagen, verloren hat – Jesuiten
-und Atheisten sind dort ein und dasselbe –, das schon mehrmals seine
-Kirchen geschlossen und einmal sogar Gott selber der Ballotage einer
-Versammlung unterworfen hat, dieses selbe Frankreich, das aus den Ideen
-von 1789 seinen eigenen französischen Sozialismus entwickelt hat, d. h.
-die Pazifizierung und Organisation der menschlichen Gesellschaft ohne
-Christus und außerhalb Christi, ganz so wie sie der Katholizismus _in_
-Christus organisieren gewollt, doch nicht gekonnt hat: dieses selbe
-Frankreich ist und fährt fort, wie in seinen Revolutionären des
-Konvents, so auch in seinen Atheisten, seinen Sozialisten und seinen
-modernen Kommunisten – immer noch im höchsten Grade eine katholische
-Nation zu sein, bis ins Kleinste durchdrungen vom katholischen Geist und
-Buchstaben. Durch den Mund seiner bekannten Atheisten verkündet es
-„_Liberté, Egalité, Fraternité – ou la mort_,“ also auf ein Haar so, wie
-es der Papst selbst ausrufen lassen würde, wenn er genötigt wäre,
-_liberté, égalité, fraternité_ zu proklamieren – ganz in seinem Stil,
-ganz in seinem Geist, in dem echtesten Geist und Stil der Päpste des
-Mittelalters. Selbst der heutige Sozialismus – scheinbar ein heftiger,
-verhängnisvoller Protest aller Nationen gegen die katholische Idee,
-aller Menschen, die sie gequält und erstickt hat, und die um jeden Preis
-leben wollen, aber leben ohne Katholizismus und ohne seine Götter, –
-selbst dieser Protest, der offiziell am Ende des vorigen Jahrhunderts
-begonnen hat, in Wirklichkeit aber viel früher, – ist in Frankreich
-nichts anderes als die treueste und geradeste Fortsetzung der
-katholischen Idee, ihre endgültige Vollendung, ihre verhängnisvolle
-Folge, von Jahrhunderten ausgearbeitet! Denn der französische
-Sozialismus ist nichts anderes als die _gewaltsame_ Vereinigung der
-Menschen – eine Idee, die noch aus dem alten Rom stammt und sich
-unversehrt im Katholizismus erhalten hat. Auf diese Weise hat sich die
-Idee der Befreiung des Menschengeschlechtes vom Katholizismus gerade
-hier in die allerengsten katholischen Formen gehüllt, in Formen, die dem
-Herzen des katholischen Geistes, seinem Despotismus und wohl auch seiner
-Moral entlehnt sind.
-
-Von der anderen Seite erhebt sich der alte Protestantismus, der nun
-bereits neunzehn Jahrhunderte lang gegen Rom und die römische Idee
-protestiert, gegen die alte heidnische, wie gegen die erneute
-katholische Idee, gegen Roms Weltgedanken, den Menschen auf der ganzen
-Erde zu beherrschen, moralisch wie materiell, gegen Roms ganze Kultur –
-der bereits seit den Tagen Armins und des Teutoburger Waldes
-protestiert, protestiert und immer wieder protestiert. Das ist der
-Germane, der blind glaubt, daß nur in ihm die Erneuerung der Menschheit
-liegt und nicht in jener katholischen Kultur. In seiner ganzen
-geschichtlichen Entwicklung hat er ja von seiner Einheit nur geträumt,
-hat er nach ihr gelechzt nur, um sie verwirklichen zu können, seine
-stolze protestantische Idee! Sie aber hat sich schon im Luthertum selbst
-stark ausgeprägt und in gewisser Weise auch bereits abgeschlossen. Und
-jetzt nach dem Sturze Frankreichs, der ersten, wichtigsten und
-„allerchristlichsten“ katholischen Nation – jetzt ist der Germane
-überzeugt von seinem Triumph und gleichfalls davon, daß niemand an
-seiner Stelle der Führer der Menschheit werden wird und ihr die
-Wiedergeburt bringen kann. Daran glaubt er fest, er glaubt, daß es etwas
-Höheres als germanischen Geist und Wort in der Welt nicht gebe, und daß
-Deutschland allein fähig sei, der Welt dieses Höchste zu geben. Es kommt
-ihm lächerlich vor, selbst nur anzunehmen, daß auch anderswo in der Welt
-irgendeine besondere Idee – meinetwegen nur im Keime – leben solle, eine
-Idee, die das zur Führung der Welt bestimmte Deutschland nicht
-gleichfalls haben könnte. Währenddessen wäre es jedoch alles andere als
-überflüssig, zu bemerken, daß Deutschland in all diesen neunzehn
-Jahrhunderten seines Daseins nichts anderes getan hat, als eben nur
-protestiert, und daß es selber sein eigenes _neues Wort_ überhaupt noch
-nicht gesagt, sondern die ganze Zeit über nur der Verneinung seines
-Feindes gelebt hat, so daß in Zukunft vielleicht etwas überaus Seltsames
-geschehen kann: daß nämlich, wenn Deutschland dereinst alles zerstört
-haben wird, wogegen es neunzehn Jahrhunderte lang protestiert, es
-plötzlich geistig selbst wird sterben müssen, unmittelbar nach seinem
-Feinde, einfach, weil es dann keinen Grund mehr haben wird, zu leben;
-_denn es wird ja nichts mehr geben, wogegen es protestieren kann_! Doch
-möge das bloß eine Schimäre von mir sein – dafür ist Luthers
-Protestantismus um so mehr ein Faktum: der aber ist eben ein
-kritisierender und damit bloß _verneinender_ Glaube, der dann, wenn der
-Katholizismus von der Erde verschwindet, nach ihm bestimmt auch
-verschwinden wird, da er, wenn er gegen nichts mehr zu protestieren hat,
-sich eben in reinen Atheismus verwandeln und damit sich selbst aufheben
-wird. Doch auch das ist vorläufig bloß eine Schimäre von mir.
-
-Die slawische Idee wird von dem Germanen ganz ebenso verachtet wie die
-katholische, nur mit dem Unterschied, daß er die letztere immer als
-starken und mächtigen Feind geschätzt hat, die slawische Idee dagegen
-nicht nur für nichts wert hält, sondern sie sogar überhaupt nicht
-anerkennt, überhaupt kaum kennt. Erst seit ganz kurzer Zeit fängt er an,
-mißtrauisch zu den Slawen hinüberzusehen. Wenn es ihm auch jetzt noch
-lächerlich erscheint, anzunehmen, daß auch die Slawen irgendein Ziel
-oder eine Idee haben könnten, irgendeine Hoffnung, gleichfalls „der Welt
-etwas zu sagen“, so hat sich einstweilen nach dem Sturze Frankreichs
-sein mißtrauischer Verdacht doch verstärkt, und die Ereignisse des
-vorigen Jahres[10] haben ihm dieses Mißtrauen natürlich nicht nehmen
-können. Augenblicklich ist Deutschland sogar beinahe besorgt. In jedem
-Fall, sagt es sich, und vor allen etwaigen Orientgedanken, muß es erst
-seine Arbeit im Westen beenden! Wer aber kann da leugnen, daß Frankreich
-in diesen fünf Jahren nach seinem Zusammenbruch den Deutschen gerade
-dadurch beunruhigt, daß dieser es 1870/71 _nicht_ total zertrümmert,
-zerstampft, vernichtet hat. 1875 erreichte diese Unruhe in Berlin einen
-sehr hohen Grad, und Deutschland würde sich bestimmt von neuem auf
-seinen uralten Feind gestürzt haben, um ihn, solange es noch Zeit ist,
-endgültig zu erwürgen, wenn nicht einige äußerst wichtige Umstände es
-daran gehindert hätten. Jetzt aber, in diesem Jahre, schreckt
-Frankreich, das seine Position mit jedem Tage verstärkt hat, Deutschland
-noch weit mehr als vor zwei Jahren. Deutschland weiß, daß sein Feind
-nicht ohne Kampf sterben wird, daß er vielmehr, wenn er sich ganz erholt
-hat, womöglich selbst zum Kampf rufen wird, so daß es nach drei, nach
-fünf Jahren für Deutschland schon zu spät sein kann. Und nun, in
-Anbetracht dessen, daß der slawische Osten Europas so ganz von einer
-eigenen, plötzlich entstandenen Idee durchdrungen ist und jetzt genug
-bei sich zu Hause zu tun hat, kann es sehr, sehr leicht geschehen, daß
-Deutschland, sobald es seinen Rücken gesichert sieht, sich zum
-letztenmal auf seinen westlichen Feind stürzt und sich von diesem
-quälenden Alb befreit. Und das können wir schon in allernächster Zukunft
-erleben. Im allgemeinen jedoch kann man sagen, daß, sobald die Dinge im
-Osten ein wenig heikel oder gespannt sind, Deutschland in einer fast
-noch unvorteilhafteren Lage ist. Beinahe muß es dann noch mehr
-Befürchtungen und Sorgen haben, ganz abgesehen von seinem über die Maßen
-stolzen Ton – das könnten wir doch wenigstens etwas mehr beachten.
-
-Währenddessen aber ist im Osten tatsächlich die dritte Weltidee
-großartig aufgegangen, sie, die slawische Idee, die Idee von morgen –
-vielleicht die dritte aufsteigende Möglichkeit einer Entscheidung über
-das Schicksal der Menschheit und Europas. Es ist schon heute allen klar,
-daß mit der Lösung des Orientproblems in die Menschheit ein neues
-Element dringen wird, eine neue Macht, die bis jetzt passiv dagelegen
-hat, und bei der es ganz ausgeschlossen ist, daß sie auf das Schicksal
-der Welt _nicht_ stark und entscheidend wirken wird. Was aber ist das
-für eine Idee, was wird die Vereinigung aller Slawen mit sich bringen?
-
-All das ist heute noch viel zu unbestimmt; doch daß wirklich etwas Neues
-gesagt werden muß – daran zweifelt jetzt wohl niemand mehr. Und alle
-diese drei mächtigen Weltideen drängen fast zur selben Zeit zu ihrer
-Entscheidung. Das sind keine Launen mehr, kein Krieg um irgendeine
-Thronfolge oder wegen der Zänkereien irgendwelcher hochgestellten Damen,
-wie im vorigen Jahrhundert. Hier ist etwas Allgemeines und Endgültiges,
-und wenn auch durchaus nicht alle Menschenschicksale Entscheidendes, so
-doch zweifellos etwas, das den Anfang vom Ende der ganzen früheren
-Geschichte Europas mit sich bringt, – den Anfang der Entscheidung über
-unsere ganze Zukunft, die in Gottes Hand steht, und die der Mensch nicht
-vorauswissen, wohl aber ahnen kann.
-
-Die Frage, die sich nun jedem denkenden Menschen unwillkürlich stellt,
-ist: Können solche Ereignisse in ihrem Laufe stehen bleiben? Können sich
-Ideen von solcher Größe kleinlichen, jüdischen, drittklassigen
-Erwägungen unterordnen? Läßt sich ihre Entscheidung hinausschieben, und
-wäre das überhaupt wünschenswert? Zweifellos muß die Weisheit die
-Nationen beschützen und verteidigen und der Nächstenliebe und der
-Menschheit dienen, doch gewisse Ideen haben ihre gewaltige, alles
-fortreißende Macht. Die abgebrochene und fallende Spitze eines Felsens
-hältst du mit der Hand nicht auf! Wir Russen haben dabei zweierlei für
-uns, zwei Kräfte, die da allen anderen in der Welt zusammengenommen
-gleichkommen, das sind: die Ganzheit, die geistige Unteilbarkeit der
-Millionen unseres Volkes und dessen unlösbare Verbindung mit dem
-Zarentum. Es ist das natürlich etwas ganz Unbestreitbares, doch unsere
-„Klugen“ verstehen nicht nur nicht die russische Volksidee, sie _wollen_
-sie noch nicht einmal verstehen.
-
-
- Die deutsche Weltfrage
-
-
- Deutschland, die protestierende Macht
-
-Sprechen wir jetzt[11] einmal von Deutschland, über seine jetzige
-Aufgabe, diese ganze verhängnisvolle und auch alle anderen Völker
-angehende deutsche Weltfrage.
-
-Was ist das nun für eine Aufgabe? Und warum hat sich diese Aufgabe denn
-erst jetzt für Deutschland in eine so schwierige Frage verwandelt, warum
-nicht schon früher, warum nicht schon längst, sondern erst vor einem
-Jahr, was sag’ ich, erst vor zwei Monaten?
-
-Diese Aufgabe Deutschlands, seine einzige, hat es auch früher schon
-gegeben, hat es gegeben, solange es überhaupt ein Deutschland gibt. Das
-ist sein _Protestantentum_: nicht allein jene Formel des
-Protestantismus, die sich zu Luthers Zeiten entwickelte, sondern sein
-_ewiges_ Protestantentum, sein ewiger _Protest_, wie er einsetzte einst
-mit Armin gegen die römische Welt, gegen alles, was Rom und römische
-Aufgabe war, und später gegen alles, was vom alten Rom aufs neue Rom und
-auf all die Völker überging, die Roms Idee, seine Formel und sein Wesen
-übernahmen, der Protest gegen die Erben Roms und gegen alles, was dieses
-Erbe ausmacht. Ich bin überzeugt, daß viele Leser über das, was ich
-soeben geschrieben, mit den Achseln zucken und lachen werden: „Wie kann
-man nur im neunzehnten Jahrhundert, im Jahrhundert der freien Ideen und
-der Wissenschaft, noch über Katholizismus und Protestantismus reden und
-streiten, ganz so, als ob wir noch im Mittelalter wären! Es gibt ja
-allerdings noch religiöse Leute und sogar Fanatiker, aber die haben sich
-doch nur noch wie archäologische Raritäten erhalten, die verdammt und
-verlacht und von allen verurteilt in weltfernen Winkeln sitzen, ein
-armseliges, klägliches Häuschen rückständiger Leutchen. Wie kann man sie
-bei einer so großen Frage, wie es die der Weltpolitik ist, überhaupt nur
-erwähnen?“
-
-Ich aber meine nicht den „Protestantismus“, noch denke ich dabei an die
-zeitweiligen Formeln der altrömischen Idee, noch an den ewig gegen sie
-gerichteten germanischen Protest. Ich nehme nur die Grundidee, die schon
-vor zweitausend Jahren geboren wurde und seit der Zeit nicht gestorben
-ist, obgleich sie sich fortlaufend in verschiedenen Formeln verkörpert
-hat. Und heute ist es die Erbin Roms, die ganze westeuropäische Welt,
-die sich in den Geburtswehen einer neuen Umgestaltung dieser übererbten
-alten Idee windet und quält. Das ist für denjenigen, der zu schauen
-versteht, schon dermaßen augenscheinlich, daß es für ihn weiter keiner
-Erklärungen bedarf.
-
-Das alte Rom war die erste Macht, die die Idee einer universalen
-Vereinigung der Menschen hervorbrachte, und die erste, die da _glaubte_
-und fest überzeugt war, sie praktisch in Gestalt einer Weltmonarchie
-verwirklichen zu können. Diese Formel jedoch fiel vor dem Christentum, –
-die Formel, aber nicht die Idee. Denn diese Idee ist die Idee der
-europäischen Menschheit, aus ihr bildete sich deren Kultur, für sie
-allein lebt sie überhaupt. Es fiel bloß die Idee der universalen
-_römischen_ Monarchie, und sie wurde durch das neue Ideal einer wiederum
-universalen _neuen_ Vereinigung in Christo ersetzt. Dieses neue Ideal
-zerspaltete sich in das östliche, das Ideal der vollkommen geistigen
-Vereinigung der Menschen, und das westeuropäische, römisch-katholische
-des Papstes, das dem östlichen durchaus entgegengesetzt ist. Diese
-westliche, römisch-katholische Verkörperung der Idee vollzog sich auf
-ihre Art, ohne den christlichen, geistigen Ursprung der Idee ganz zu
-verlieren, und indem sie diese Idee mit dem altrömischen Erbe verband.
-Das römische Papsttum verkündete, daß das Christentum und seine Idee
-ohne die universale Beherrschung der Länder und Völker, – nicht geistig,
-sondern staatlich, mit anderen Worten: daß es ohne die irdische
-Verwirklichung einer neuen universalen römischen Monarchie, deren Haupt
-nicht der römische Imperator, sondern der Papst sein würde – nicht
-verwirklichbar wäre. Und da begann dann wieder der Versuch einer
-universalen Monarchie – ganz und gar im Geiste der altrömischen Welt,
-aber doch schon in einer anderen Form. Auf diese Weise ist das östliche
-Ideal: zuerst die geistige Vereinigung der Menschheit in Christo
-anstreben und dann erst, kraft dieser geistigen Vereinigung aller in
-Christo, die zweifellos sich aus ihr ergebende rechte staatliche wie
-soziale Vereinigung verwirklichen. Nach der römischen Auffassung ist das
-Ideal dagegen das umgekehrte: zuerst sich eine dauerhafte staatliche
-Vereinigung in der Form einer universalen Monarchie zu sichern und dann,
-nachher, meinetwegen auch eine geistige Vereinigung zustande zu bringen
-unter der Obrigkeit des Papstes, des Herrn dieser Welt.
-
-Seit der Zeit hat dieser Versuch in der römischen Welt immer
-Fortschritte gemacht und sich ununterbrochen verändert. Mit der
-Entwicklung dieses selben Versuchs ist dann der wesentlichste Teil der
-christlichen Grundsätze gänzlich eingebüßt worden. Als aber die Erben
-der altrömischen Welt schließlich das Christentum geistig verwarfen, da
-verwarfen sie mit ihm auch das Papsttum. Das geschah in der
-Französischen Revolution, die im Grunde nichts anderes war wie die
-letzte Gestaltveränderung oder Umverkörperung dieser selben altrömischen
-Formel der universalen Vereinigung. Doch die neue Formel erwies sich als
-ungenügend, die neue Idee verwirklichte sich nicht. Es gab sogar einen
-Augenblick, da alle Nationen, die die altrömische Bestimmung übernommen
-hatten, fast verzweifelten. Oh, versteht sich, der Teil der menschlichen
-Gesellschaft, der 1789 für sich die politische Suprematie gewonnen
-hatte, – die Bourgeoisie – triumphierte natürlich und erklärte, daß
-weiter zu gehen nun nicht mehr nötig sei. Dafür aber schlugen sich alle
-die Geister, die nach den unvergänglichen Gesetzen der Natur zur ewigen
-Beunruhigung der Welt bestimmt sind, zum Suchen neuer Formeln des Ideals
-und des neuen Wortes, wie sie beide unentbehrlich sind, – sie alle
-schlugen sich zu den Erniedrigten und Umgangenen, zu denen, die von der
-neuen Formel der allmenschlichen Vereinigung, die von der Französischen
-Revolution 1789 proklamiert worden war, _nichts_ erhalten hatten. Diese
-Geister verkündeten nun _ihr_ neues Wort, gerade die Notwendigkeit der
-Allvereinigung der Menschheit, und zwar nicht mehr in der Absicht,
-Gleichheit der Lebensrechte für etwa einen vierten Teil der ganzen
-Menschheit zu verschaffen und die übrigen bloß als Rohmaterial und
-auszunutzendes Mittel zum Glück dieses Viertels bestehen zu lassen,
-sondern im Gegenteil: um die Allvereinigung der Menschen auf den
-Grundsätzen der _allgemeinen_ Gleichheit zustande zu bringen, mit der
-Teilnahme aller und jedes einzelnen an der Nutznießung der Güter dieser
-Welt, welcher Art sie auch sein mögen. Zur Verwirklichung dieser Lösung
-aber beschlossen sie, sich _jedes_ Mittels zu bedienen, d. h. also
-durchaus nicht nur mit den Mitteln der christlichen Kultur vorzugehen,
-sondern vor nichts mehr zurückzuschrecken.
-
-Was hat nun das alles in diesen ganzen zweitausend Jahren mit
-Deutschland und den Deutschen zu tun gehabt? Der charakteristischste,
-wesentlichste Zug dieses großen, stolzen und besonderen Volkes bestand
-schon seit dem ersten Augenblick seines Auftretens in der
-geschichtlichen Welt darin, daß es sich niemals, weder in seiner
-Bestimmung noch in seinen Grundsätzen, mit der äußersten westlichen
-europäischen Welt hat vereinigen wollen, d. h. mit all den Erben der
-altrömischen Bestimmung. Es protestierte gegen diese Welt diese ganzen
-zweitausend Jahre hindurch, und wenn es auch sein eigenes Wort nicht
-aussprach – und es überhaupt noch nie ausgesprochen hat, sein scharf
-formuliertes eigenes Ideal, zum positiven Ersatz für die von ihm
-zerstörte altrömische Idee – so, glaube ich, war es doch im Herzen immer
-überzeugt, daß es noch einmal imstande sein werde, dieses neue Wort zu
-sagen und mit ihm die Menschheit zu führen. Schon mit Armin begann es,
-gegen die römische Welt zu kämpfen. Darauf, zur Zeit des römischen
-Christentums, kämpfte es mit dem neuen Rom mehr denn jedes andere Volk
-um die Vorherrschaft. Und endlich protestierte es in der mächtigsten
-Weise, indem es die neue Formel des Protestes aus den geistigsten,
-elementarsten Gründen der germanischen Welt zog. Die Stimme Gottes tönte
-aus ihm und verkündete die Freiheit des Geistes. Die Spaltung war
-furchtbar und allgemein, – die Formel des Protestes war gefunden und
-ging in Erfüllung, – wenngleich es noch immer eine negative Formel
-blieb, und das _positive_ Wort noch immer nicht gesagt wurde.
-
-Und siehe, nachdem der germanische Geist dieses neue Wort des Protestes
-gesprochen – erstarb er geradezu für eine Zeitlang, und zwar geschah das
-parallel mit einer ebensolchen Erschlaffung der früher scharf
-formulierten Einheit der Kräfte seines Gegners. Die äußerste westliche
-Welt suchte, unter dem Einfluß der Entdeckung Amerikas, der neuen
-Wissenschaften und der neuen Grundsätze, sich in eine andere „neue
-Wahrheit“ umzugebären, gleichfalls in eine neue Phase einzutreten. Als
-der erste Versuch dieser Umgestaltung zur Zeit der Französischen
-Revolution gemacht wurde, da war der germanische Geist in großer
-Verwirrung und nahe daran, seine Individualität zu verlieren, mitsamt
-dem Glauben an sich. Er konnte nichts gegen die neuen Ideen der
-äußersten westlichen europäischen Welt sagen. Luthers Protestantismus
-hatte seine Zeit schon längst hinter sich, die Idee aber des freien
-Geistes, der freien Forschung war bereits von der Wissenschaft der
-ganzen Welt angenommen worden. Der riesige Organismus Deutschlands
-fühlte mehr denn je, daß er keinen, sagen wir, Körper und keine Form für
-seinen Ausdruck hatte. Und damals war es denn, daß in ihm das dringende
-Bedürfnis entstand, sich wenigstens äußerlich in einen einzigen festen
-Organismus zusammenzufügen, in Anbetracht der neuen herannahenden Phasen
-seines ewigen Kampfes mit der äußersten westlichen Welt Europas. Hierbei
-ist nun ein interessantes Zusammentreffen bemerkenswert: beide
-feindlichen Lager, beide Gegner, beide Kämpfer um die Hegemonie im alten
-Europa ergreifen und erfüllen zu ein und derselben Zeit – oder ungefähr
-ein und derselben – jeder eine Aufgabe, die der des anderen sehr ähnlich
-sieht. Die neue, noch phantastische zukünftige Formel der äußersten
-westlichen Welt – die Erneuerung der menschlichen Gesellschaft durch
-neue soziale Grundsätze – diese Formel, die fast unser ganzes
-Jahrhundert hindurch nur von Schwärmern und ihren halbwissenschaftlichen
-Vertretern, von allen möglichen Idealisten und Phantasten gepredigt
-worden ist, verändert plötzlich in den letzten Jahren ihr Aussehen und
-den Gang ihrer Entwicklung und beschließt: vorläufig von der
-theoretischen Definition und Propagandierung ihrer Aufgabe abzulassen
-und sofort den ersten praktischen Schritt zu tun, das heißt so viel wie
-sofort den Kampf zu beginnen, zu diesem Zweck aber die Vereinigung aller
-zukünftigen Kämpfer für die neue Idee in einer einzigen Organisation
-zustande zu bringen, also des ganzen _vierten_ 1789 umgangenen Standes,
-aller Besitzlosen, aller Arbeitenden, aller Armen, und erst darauf die
-rote Fahne der neuen unerhörten Weltrevolution zu erheben. Es bildete
-sich die Internationale, die Vereinigung aller Armen dieser Welt, es gab
-Zusammenkünfte, Kongresse, Beschlüsse, neue Ordnungen, – mit einem Wort,
-_im ganzen alten Westeuropa_ wurde der Grundstein zu einem neuen _status
-in statu_ gelegt, und die zukünftige Ordnung dieser Welt sollte die
-alte, die dort im äußersten Westen Europas herrscht, verschlingen. Zu
-derselben Zeit aber, da dieses beim Gegner vor sich ging, begriff der
-deutsche Geist, daß auch die deutsche Aufgabe, vor allen anderen Dingen
-und neuen Anfängen, vor jedem Versuch eines neuen Wortes gegen den aus
-der alten katholischen Idee umgestalteten Gegner, zuerst nur eine war –:
-die eigene politische Einheit herzustellen, die Schöpfung des eigenen
-staatlichen Organismus zu vollenden und, erst nachdem das geschehen war,
-sich Stirn gegen Stirn seinem alten Feinde entgegenzustellen. So geschah
-es auch: nachdem Deutschland seine Vereinigung innerlich vollendet
-hatte, warf es sich auf den Gegner und trat mit ihm in eine neue
-Kampfperiode ein, die mit Eisen und Blut begann. Der Kampf mit dem Eisen
-ist heute beendet, – jetzt steht nur noch bevor, ihn geistig zu beenden.
-
-Da taucht aber plötzlich für Deutschland eine neue Sorge auf, eine neue,
-unerwartete Wendung der Sache, die die Aufgabe arg erschwert. Was ist
-das nun für eine Aufgabe, und worin besteht diese neue Wendung der
-Sache?
-
-
- Ein genial-mißtrauischer Mensch
-
- (Bismarck)
-
-Diese Aufgabe, diese unvorhergesehene Sorge Deutschlands, hat sich, wenn
-man will, schon längst erklären wollen, aber erst jetzt ist sie,
-vielleicht etwas zu plötzlich, allen sichtbar geworden – und zwar
-infolge der unvorhergesehenen klerikalen Umwälzung in Frankreich. Man
-kann sie etwa in der Form folgenden Zweifels ausdrücken: Hat sich nun
-der deutsche Organismus tatsächlich in ein einziges Ganzes vereinigt,
-durch die genialen Anstrengungen der Führer Deutschlands in den letzten
-fünfundzwanzig Jahren? Und überdies noch: Hat er sich denn wirklich
-politisch vereinigt, ist nicht vielleicht auch das nur ein Trugbild,
-ungeachtet des Deutsch-Französischen Krieges und des nach ihm
-proklamierten, früher undenkbar gewesenen großen Deutschen Reiches?
-
-Die ganze Schwierigkeit dieser Frage besteht hauptsächlich darin, daß
-man sie fast bis zur allerjüngsten Zeit als überhaupt nicht vorhanden
-annahm – wenigstens, wenn man dabei an die große Mehrzahl der Deutschen
-denkt. Begeisterung für sich selber, Stolz und unanfechtbarer Glaube an
-ihre unumschränkte Macht haben ja alle Deutschen ohne Ausnahme nach dem
-Kriege wie trunken gemacht. Dieses Volk, das ungewöhnlich selten gesiegt
-hat, dafür aber bis zur Seltsamkeit oft besiegt worden ist, – dieses
-Volk besiegte plötzlich einen Feind, der fast immer und überall Sieger
-gewesen. Da es aber nun einmal klar war, daß es ihn nicht
-_nicht-besiegen_ konnte, infolge der mustergültigen Organisation seiner
-großen Armee und der eigenartigen Umgestaltung derselben nach völlig
-neuen Grundsätzen, und außerdem, da es so geniale Führer an der Spitze
-hatte, so war es für den Deutschen natürlich ganz unmöglich, darauf
-_nicht_ bis zur Trunkenheit stolz zu werden. Hier braucht man gar nicht
-den uralten Zug des deutschen Charakters, die selbstzufriedene Prahlerei
-eines jeden Deutschen, in Betracht zu ziehen. Anderseits: aus dem so
-kürzlich noch zerstückelten staatlichen Organismus entstand plötzlich
-ein so festes Ganzes, daß der Deutsche nicht gut auch hierüber in
-Zweifel geraten konnte und daher einwandlos glaubte, die Einigung sei
-nun tatsächlich für immer vollbracht, und für den deutschen Organismus
-bräche nun eine neue, glänzende und große Phase der Entwicklung an. Und
-so wuchsen denn nicht nur Stolz und Chauvinismus, sondern es schoß sogar
-richtiger Leichtsinn auf. Was konnte es noch für Fragen geben, – nicht
-nur für irgendeinen kriegerischen Ladenjüngling oder Bäckergesellen,
-sondern selbst für einen Professor oder Minister? Einstweilen aber blieb
-doch noch ein kleiner Kreis von Deutschen übrig, der schon sehr bald,
-fast sofort nach dem Deutsch-Französischen Kriege, zu zweifeln und
-nachzudenken begann.
-
-Das Haupt dieses Kreises war zweifellos _Fürst Bismarck_.
-
-Noch hatten die deutschen Truppen Frankreich nicht verlassen, als er
-schon einsah, daß mit „Blut und Eisen“ zu wenig getan worden war, daß
-man, wenn man Ziele von solcher Größe vor sich hatte, wenigstens zweimal
-mehr hätte tun müssen, da die Gelegenheit nun einmal so günstig war.
-Allerdings, militärische Vorteile blieben immerhin unvergleichlich mehr
-auf seiten Deutschlands, und das noch für lange. Frankreich ist nach der
-Abtretung der beiden Provinzen Elsaß und Lothringen für eine Großmacht
-an Landumfang so klein geworden, daß im Fall eines neuen Krieges nach
-ein oder zwei für Deutschland erfolgreichen Schlachten die deutschen
-Heere schon im Zentrum Frankreichs stehen würden und es somit in
-strategischer Beziehung erobert hätten. Sind nun aber diese Siege so
-gewiß, kann man sich wirklich auf diese zwei erfolgreichen Schlachten
-mit solcher Sicherheit verlassen? 1870–71 haben ja die Deutschen
-eigentlich nicht Frankreich besiegt, sondern nur Napoleon und seine
-Institutionen. Nicht immer werden in Frankreich die Heere so schlecht
-organisiert sein und kommandiert werden; nicht immer werden dort
-Usurpatoren herrschen, die aus dynastischen Interessen gezwungen sind,
-solche klägliche Fahrlässigkeit zu dulden, daß ein reguläres Heer sich
-nicht ein paar Monate im Felde erhalten kann. Nicht immer wird sich auch
-ein Sedan finden, denn Sedan war ja im Grunde nur ein einzelner Fall,
-der sich aus dem Umstande ergab, daß Napoleon nach Paris nur durch die
-Gnade des Königs von Preußen hätte zurückkehren können. Und nicht immer
-werden dort so wenig begabte Generale wie Mac-Mahon oder solche
-„Verräter“ wie Bazaine sein. Die Deutschen, trunken von einem bis dahin
-noch nie erlebten Triumph, konnten natürlich alle bis auf den letzten
-glauben, alles das hätten sie, und nur sie allein, einzig mit ihrem
-kriegerischen Genie gemacht. In jenem zweifelnden Kreise jedoch dachte
-man anders, ... besonders nachdem der besiegte Feind, noch eben so
-zerrüttet und erschüttert, plötzlich mit einem Schlage fünf Milliarden
-Kontribution bezahlte und dabei nicht mal die Miene verzog. Das,
-versteht sich, betrübte sehr den Fürsten Bismarck.
-
-Von der anderen Seite stellte sich dem zweifelnden Kreise noch eine
-zweite, vielleicht noch wichtigere Frage, und zwar: Hat sich nun
-wirklich die staatliche und bürgerliche Vereinigung innerhalb des
-Organismus vollzogen? Ich glaube, in ganz Europa, und besonders bei uns
-in Rußland, hat bis jetzt noch niemand daran gezweifelt. Überhaupt haben
-wir Russen alles, was in Deutschland in den letzten zehn, fünfzehn
-Jahren geschehen ist, für etwas Endgültiges, im höchsten Grade nicht
-Zufälliges, sondern durchaus Natürliches angesehen, für etwas, das sich
-nun nicht mehr verändern kann. Die vollbrachten Taten flößten uns
-außerordentliche Achtung ein. Währenddessen aber nahm wohl in den Augen
-so genialer Menschen, wie Fürst Bismarck, kaum alles, so wie er es sich
-innerlich wünschte, bereits die Gestalt endgültiger Dauerhaftigkeit an.
-Das, was heute noch dauerhaft scheint, kann dies vielleicht nur in der
-Phantasie sein. Es ist schwer, anzunehmen, daß eine so alte Gewöhnung
-der Deutschen an politische Zerspaltung so schnell verschwunden sei wie
-ein ausgetrunkenes Glas Wasser. Der Deutsche ist schon von Natur
-starrsinnig. Zudem wurde die jetzige Generation der Deutschen von den
-Erfolgen bestochen, trunken gemacht durch den Stolz und von der eisernen
-Hand der Führer gelenkt. In Zukunft aber, wenn diese Führer in das
-Jenseits abgerufen sein werden und ihren Platz im Diesseits anderen
-überlassen haben, werden sich vielleicht doch die zeitweilig
-unterdrückten Probleme und Instinkte wieder einstellen. Sehr
-wahrscheinlich ist gleichfalls, daß dann die Energie der
-Einheitsbewegung wieder erschlafft sein wird und im Gegenteil die alte
-Energie der Opposition von neuem ersteht und das ins Wanken bringt, was
-so mühsam aufgebaut wurde. Es wird sich das Bestreben, sich abzusondern,
-sich zurückzuziehen, einstellen, und das gerade dann, wenn sich im
-Westen der furchtbare Feind von dem Schlage ganz und gar erholt hat,
-dieser Feind, der auch jetzt nicht schläft, nicht müßig ist, und von dem
-man weiß, welches seine erste Aufgabe sein muß von allen, die er sich
-gestellt hat. Und da kommt dann noch zum Überfluß, sagen wir, das
-Naturgesetz selber hinzu: Deutschland ist doch in Europa immerhin das
-Land, das in der _Mitte_ liegt: wie stark es also auch sein mag – auf
-der einen Seite bleibt Frankreich, auf der anderen Rußland. Es ist ja
-wahr, die Russen sind vorläufig noch höflich. Wie aber, wenn sie
-plötzlich erraten, daß nicht _sie_ das Bündnis mit Deutschland brauchen,
-wohl aber Deutschland das Bündnis mit Rußland; und überdies noch: _daß
-die Abhängigkeit von dem Bündnis mit Rußland allem Anschein nach die
-verhängnisvolle Bestimmung Deutschlands ist, und besonders seit dem
-Deutsch-Französischen Kriege_ –?[12] Das ist es ja, warum an die allzu
-große Ehrerbietung Rußlands selbst ein von seiner Kraft so überzeugter
-Mensch, wie Fürst Bismarck, nicht imstande ist, zu glauben. Ja, bis zu
-diesem letzten, unvorhergesehenen Zwischenfall in Frankreich, der
-plötzlich die ganze Sachlage verändert hat, hoffte Fürst Bismarck immer
-noch, daß die ungewöhnliche Höflichkeit Rußlands noch lange
-unerschütterlich anhalten werde. Und nun plötzlich dieser Zwischenfall!
-Ja, es ist in der Tat etwas Ungewöhnliches geschehen.
-
-Ungewöhnlich für alle, doch nicht für den Fürsten Bismarck! Jetzt
-erweist es sich, daß sein genialer Blick dieses „Ereignis“ schon längst
-vorausgesehen hat. Oder ist es nicht sein Genie, sein scharfes Auge, das
-den Hauptfeind bereits vor so langer Zeit entdeckte? Warum haßte er denn
-gerade so den Katholizismus, warum verfolgte er alles, was von Rom, – d.
-h. vom Papste – ausging, nun schon so viele Jahre lang? Warum bemühte er
-sich so weitsichtig, sich das _Bündnis_ – so kann man sich ausdrücken –
-mit Italien zu sichern, wenn nicht, um mit Hilfe der italienischen
-Regierung die Wurzel des Papsttums in der Hand zu haben, wenn die Zeit
-kommen wird, da ein neuer Papst gewählt werden muß? Nicht den
-katholischen Glauben verfolgte er, sondern den römischen Ursprung dieses
-Glaubens. Zweifellos handelte er dabei als Deutscher, als Protestant; er
-arbeitete gegen die Grundmacht der äußersten westlichen, Deutschland
-immer feindlichen Welt – trotzdem sahen viele, sehr, sehr viele von den
-intelligentesten und liberalsten Denkern Europas auf diesen Feldzug des
-mächtigen Bismarck gegen den nichtssagenden Papst wie auf den Kampf
-eines Elefanten mit einer Mücke. Manche erklärten sich das mit einer
-Marotte oder einer Laune des genialen Mannes. Das wichtigste war aber,
-daß der geniale Politiker, vielleicht als einziger von allen
-Staatsmännern der Welt, einzuschätzen _verstand_, wie stark das römische
-Element noch in sich selbst und inmitten der Feinde Deutschlands ist,
-und was für einen furchtbaren Kitt es in Zukunft abgeben kann, wenn es
-heißt, alle diese Feinde zu vereinigen. Er allein war fähig, zu erraten,
-daß sich vielleicht einzig in der römischen Idee eine solche Fahne wird
-finden lassen, unter der man in dem unheilvollen und in Bismarcks Augen
-unabwendbaren Augenblick alle von ihm schon erdrückten Feinde
-Deutschlands wieder zu einem furchtbaren Ganzen wird zusammenbringen
-können. Und siehe, der geniale Argwohn hat sich plötzlich bewahrheitet:
-alle Parteien im besiegten Frankreich, die eine Bewegung gegen
-Deutschland hätten beginnen können, waren zersprengt, und keine einzige
-konnte die anderen besiegen und die Macht in Frankreich an sich reißen.
-Vereinigen konnten sie sich gleichfalls auf keine Weise, da jede ihre
-besonderen, entgegengesetzten Ziele im Auge hatte. – Und nun vereint die
-Fahne des Papstes und der Jesuiten mit einem Male alle! Der Feind erhebt
-sich, und dieser Feind ist nicht mehr Frankreich, sondern der Papst
-selbst. Es ist der Papst, der Führer aller, dem die römische Idee
-vermacht ist, der da kommt, um sich auf Deutschland zu stürzen.
-
-Wie aber sieht es nun im Lager dieser Gegner Deutschlands aus?
-
-
- Ärger und Macht
-
- (Papstmacht)
-
-Der Papst liegt im Sterben und wird bald gestorben sein. Die ganze
-katholische Welt, die an Christus in der Gestalt der römischen Idee
-glaubt, ist schon lange in ungewöhnlicher Aufregung: der unheilvolle
-Augenblick rückt heran – da heißt es denn, Nichts versäumen und außer
-acht lassen; denn sonst ist das Todesurteil der römischen Idee gefällt.
-Es kann nämlich geschehen, daß der neue Papst unter dem Druck der
-Regierungen ganz Europas, also nicht „frei“, gewählt wird, und daß er,
-zum Papst ausgerufen, einwilligt, auf ewig und im Prinzip jedem
-Landbesitz zu entsagen, wie auch natürlich dem Titel des weltlichen
-Herrschers, auf den Pius IX. nicht verzichtete, vielmehr in demselben
-verhängnisvollen Augenblick, da ihm Rom und das letzte Stück Land
-genommen wurde und ihm nur noch der Vatikan blieb, wie zum Trotz seine
-Unfehlbarkeit verkündete und zu gleicher Zeit die These vertrat, daß
-ohne irdisches Reich das Christentum auf Erden nicht bestehen könne, –
-also im Grunde sich für den Herrscher der Welt erklärte, und vor den
-Katholizismus dogmatisch als einziges Ziel die universale Monarchie
-hinstellte, nach deren Verwirklichung zu streben er zum Ruhme Gottes des
-Vaters und des Sohnes auf Erden einfach befahl –! Selbstverständlich
-belustigte er damit seinerzeit alle geistreichen Leute: „Er ärgert sich,
-doch hilft ihm das nichts,“ sagte man damals. Und jetzt, plötzlich, wenn
-der neugewählte Papst bestochen wird, wenn sogar das Konklave selber
-unter dem Druck ganz Europas gezwungen wird, mit den Gegnern der
-römischen Idee einen Kompromiß zu schließen, – nun, dann kann man sie ja
-begraben! Denn, wenn einmal ein regelrecht gewählter, folglich also ein
-„unfehlbarer“ Papst im Prinzip die Würde eines weltlichen Herrschers
-ablehnt, so wird es auch weiterhin und auf ewig so bleiben. Anderseits:
-tut der durch das Konklave neugewählte Papst fest und über die ganze
-Welt hin kund, daß er nichts abzulehnen gedenke und ganz und gar in der
-alten Idee verbleibe, und schleudert er das Anathema gegen alle Feinde
-Roms und des römischen Katholizismus, so können ihn die Regierungen
-Europas, wenn sie wollen, nicht anerkennen und somit eine so
-verhängnisvolle Erschütterung der römischen Kirche heraufbeschwören, daß
-die Folgen derselben unberechenbar und unabsehbar wären.
-
-Oh, für die Politiker und Diplomaten fast ganz Europas war der
-gestürzte, im Vatikan gefangene Papst in den letzten Jahren solch eine
-Nichtigkeit, daß sie sich schämten, ihn auch nur zu erwähnen, besonders
-die geistreichen und liberalen unter ihnen. Der Papst, der Allokutionen
-hielt und Syllabusse herausgab, Pilger empfing und verfluchend im
-Sterben lag, glich in ihren Augen einem Narren, der bloß zu ihrer
-Belustigung lebte. Daß die größte Idee der Welt, die Idee, die aus dem
-Kopfe des Teufels entsprungen während seiner Versuchung Christi in der
-Wüste, die Idee, die in der Welt schon zweitausend Jahre lebt, daß diese
-Idee so einfach mir nichts dir nichts sich hinzulegen und sterben werde,
-womöglich in einer kurzen Minute – das wurde als unbestreitbar
-angenommen! Der Fehler lag hier natürlich in der Auffassung der
-religiösen Bedeutung dieser Idee, lag darin, daß zwei Bedeutungen
-verwechselt wurden: „Da heutzutage,“ hieß es, „selten jemand in der Welt
-noch an Gott glaubt, von dem Gott der römischen Auslegung schon ganz zu
-schweigen, in Frankreich aber selbst das Volk nicht mehr glaubt,
-höchstens noch die höhere Gesellschaft – aber auch die nicht wirklich
-mehr glaubt, sondern nur so tut – _ergo_, was können dann in unserem
-Jahrhundert der Bildung der Papst und der römische Katholizismus noch
-für eine Macht haben?“ – das ist es, wovon jetzt die geistreichen Leute
-überzeugt sind. Doch die religiöse Idee und die Papstidee sind
-grundverschieden. Und diese selbe Papstidee hat nun plötzlich in unseren
-Tagen, im ganzen erst vor zwei Monaten, mit einemmal solch eine
-Lebenszähigkeit bewiesen, solch eine Kraft, daß sie in Frankreich die
-radikalste politische Umwälzung zustande gebracht, ganz Frankreich den
-Zaum aufgelegt hat und es jetzt sklavisch nach sich zieht.
-
-In Frankreich bildete sich in den letzten Jahren die parlamentarische
-Mehrheit aus Republikanern: und sie führten ihre Sachen ziemlich gut,
-ehrlich, ruhig, ohne Aufregungen durch. Sie verbesserten die Armee,
-bewilligten für sie ohne ein Wort des Streites riesige Summen, dachten
-aber nicht einmal an den Krieg, und alle begriffen, in Frankreich wie in
-Europa, daß, wenn es irgendwo eine friedliebende Partei gab, es
-zweifellos diese republikanische in Frankreich war. Ihre Führer
-zeichneten sich durch Mäßigung und eine an ihnen ganz ungewohnte
-Vernunft aus. Einstweilen aber sind das in Wirklichkeit lauter abstrakte
-Leute und Idealisten, Sänger eines schon längst verklungenen Liedes und
-furchtbar kraftlose Menschen: liberale, ergraute, doch sich jünger
-machende Greise, die sich einbilden, immer noch jung zu sein. Sie sind
-bei den Ideen der ersten französischen Revolution stehen geblieben, d.
-h. beim Triumph des dritten Standes, und sind im vollen Sinne des Wortes
-die Verkörperung des Begriffes „Bourgeoisie“. Das ist ganz dieselbe
-Julimonarchie, aber nur mit dem Unterschied, daß sie Republik heißt und
-es keinen König in ihr gibt – versteht sich, letzteren im Sinne von
-„Tyrann“. Alles, was sie Neues gebracht haben – das ist das Anno 48
-eingeführte allgemeine Stimmrecht, das von der königlichen Juliregierung
-so gefürchtet wurde, und aus dem nicht nur nichts Gefährliches
-entstanden ist, sondern umgekehrt, sogar sehr viel für die Bourgeoisie
-Nützliches. Sehr zustatten kam diese Idee auch der Regierung Napoleons
-III. Doch die alten Herren waren im höchsten Grade zufrieden mit ihr,
-und es beruhigt und lullt sie ein wie kleine Kinder, daß sie
-„Republikaner“ sind. Das Wort „Republik“ hat bei ihnen etwas
-Komisch-Ideales. Man sollte meinen, daß diese unschuldige Partei
-Frankreich und die Franzosen vollkommen zufriedenstellen könnte, das
-heißt, die städtische Bourgeoisie und die Grundbesitzer. Doch siehe, in
-Wirklichkeit ist es umgekehrt. In der Tat, warum erschien die Republik
-in Frankreich immer als eine unzuverlässige Regierungsform? Und wenn die
-Republikaner nicht immer gehaßt worden sind, so werden sie doch immer
-von der großen Mehrzahl der Bourgeoisie wegen ihrer Kraftlosigkeit
-verachtet, oder wenn auch nicht gleich verachtet, so doch immerhin nicht
-wirklich geachtet. Auch das Volk hat ihnen fast nie getraut. Jedesmal,
-wenn in Frankreich die Republik die Regierung antrat, verlor geradezu
-alles im Lande seine Festigkeit und sein Selbstvertrauen. Bis jetzt ist
-die Republik immer nur ein Übergangszustand gewesen – zwischen
-revolutionären Versuchen allerschrecklichster Art und irgendeinem,
-zuweilen allerdummdreistesten Usurpator. Und da sie fast immer ein
-solches Ende genommen, hat sich auch die Gesellschaft gewöhnt, sie
-danach zu beurteilen. Dieses Mal war es nicht anders: kaum daß die
-Republik begann, fingen alle an, sich gleichsam in einem Interregnum zu
-fühlen – und wie vernünftig die Republikaner auch regieren mögen, die
-Bourgeoisie bleibt doch im stillen überzeugt, daß früher oder später der
-rote Bund aufflammen oder wieder irgendeine Monarchie beginnen wird. Das
-Ergebnis ist, daß der Bourgeoisie nun die monarchische Regierung viel
-lieber geworden ist als die republikanische, sogar ungeachtet dessen,
-daß die Monarchie, wie zum Beispiel die Napoleons III., gewissermaßen
-Versuche einer Vereinbarung mit den Sozialisten gemacht hat, während
-doch in der ganzen Welt niemand und nichts den Sozialisten feindlicher
-sein kann als die echten Republikaner: für die ist ja nur das Wort
-„Republik“ nötig, die Sozialisten aber suchen nicht Worte, sondern
-Taten. Nach den Prinzipien der Sozialisten ist’s ihnen einerlei – bilden
-sie eine Republik oder eine Monarchie, bleiben sie Franzosen oder werden
-sie womöglich Deutsche, und, offen gestanden, selbst wenn sich die Sache
-irgendwie so wenden sollte, daß ihnen der Papst zustatten käme, so
-würden sie selbst den Papst wählen. Sie suchen vor allen anderen Dingen
-zuerst _ihre Sache_ durchzuführen, das heißt, den Sieg des vierten
-Standes sowie Gleichheit in der Verteilung der Rechte bei der
-Nutznießung der Lebensgüter, unter welch einer Fahne jedoch – das ist
-ihnen einerlei, meinetwegen unter der allerdespotischsten.
-
-Auffallend ist, daß Fürst Bismarck den Sozialismus nicht weniger als das
-Papsttum haßt, und daß die deutsche Regierung, besonders in der
-allerletzten Zeit, scheinbar schon etwas zu sehr die sozialistische
-Propaganda zu fürchten anfängt. Zweifellos geschieht das nur, weil der
-Sozialismus die nationale Grundlage aufhebt, überhaupt die Wurzel der
-Nationalität untergräbt: das Prinzip der Nationalität aber ist die
-Grundlage der ganzen deutschen Einheit, die Hauptidee alles dessen, was
-in Deutschland in den letzten Jahren vollführt worden ist. Es kann
-jedoch sehr leicht möglich sein, daß Fürst Bismarck noch tiefer sieht
-und sich folgendes sagt: Der Sozialismus ist für ganz Westeuropa eine
-zukünftige Macht oder doch Kraft, und wenn das Papsttum irgendeinmal von
-den Mächten dieser Welt verlassen und verworfen sein wird, so kann es
-sehr, sehr leicht geschehen, daß es sich in die Arme des Sozialismus
-wirft und mit ihm zu einem Ganzen verschmilzt. Der Papst kommt mit
-bloßen Füßen zu allen Armen und sagt, daß alles, was sie lehren, schon
-längst in der Bibel geschrieben stehe, daß bisher bloß die Zeit für sie
-noch nicht gekommen wäre, dieses zu wissen, jetzt aber sei sie endlich
-angebrochen, und nun sei er, der Papst selber, bereit, ihnen Christus zu
-opfern, und statt an Ihn, gleichfalls an den menschlichen Ameisenhaufen
-zu glauben. Der römische Katholizismus – das liegt auf der Hand – bedarf
-nicht Christi, sondern der Weltherrschaft: „Also ihr braucht eine
-Vereinigung gegen den Feind? Vereinigt euch unter meiner Macht; denn ich
-allein bin von allen Mächten und Machthabern der Welt _universal_, –
-laßt uns zusammengehen!“ Dieses Zukunftsbild stellt sich wahrscheinlich
-Fürst Bismarck vor; denn von allen Diplomaten hat er allein einen so
-scharfen Blick gehabt, um die Lebenszähigkeit der römischen Idee und
-diese ganze Energie zu erkennen, mit der sie bereit ist, sich zu
-verteidigen, ohne jetzt noch die Mittel zu wählen. Leben will sie
-höllisch gern, sie zu töten aber ist schwer, denn sie ist eine Schlange!
-– Der einzige, der das erkennt, ist Bismarck – der größte Feind des
-Papsttums und der römischen Idee!
-
-Doch siehe, die sich immer jünger machenden alten Herrchen, die
-französischen Republikaner, sind nicht fähig, dies zu verstehen. Den
-Klerus hassen sie schon aus bloßem Liberalismus, den Papst halten sie
-für machtlos und verächtlich und die römische Idee für vollständig
-überlebt. Sie verfallen nicht mal darauf, sich mit der furchtbaren
-klerikalen Partei zu versöhnen, wenn auch nur politisch, um sich etwas
-mehr Festigkeit zu verleihen. Wenigstens könnten sie es doch vorläufig
-unterlassen, die Klerikalen zu reizen, sie mit einem so anmaßenden
-Selbstvertrauen zu foppen, ja, sie könnten ihnen sogar einige
-Unterstützung bei der so nah bevorstehenden Wahl des neuen Papstes
-versprechen. Sie aber tun gerade das Gegenteil – entweder aus der
-idealen Ehrlichkeit ihrer Überzeugungen, oder einfach aus Leichtsinn. In
-der letzten Zeit haben sie noch zum Überfluß angefangen ganz besonders
-den Klerus zu verfolgen, und zwar genau in dem Augenblick, da dem
-Papsttum nur noch Frankreich als einzige Stütze verblieb. Denn wer
-könnte wohl im Notfalle für die „Freiheit“ der Papstwahl und für die
-Freiheit des gewählten Papstes das Schwert ziehen? Und dieses Schwert
-muß zudem noch stark und mächtig sein. Es blieb keine andere Wahl als
-Frankreich und seine große Armee. Und nun Frankreich an der Spitze der
-Feinde! Freilich, Marschall Mac-Mahon ist gehorsam, doch ist er selber
-in der Klemme und kann sich nicht mal selbst befreien: Die Mehrheit der
-Kammer ist republikanisch und liberal, und keine einzige der anderen
-Parteien vermag sie zu stürzen. Kurz, die republikanische Mehrheit zu
-verdrängen ist unmöglich ... Und nun plötzlich befreit dieser Klerus –
-dieser verachtete, machtlose Klerus! – den Marschall Mac-Mahon und
-beweist der ganzen Welt eine Macht, wie sie niemand von ihm mehr
-erwartet hätte. Die Pfaffen geben den Parteien zu verstehen, daß sie
-sich nur unter der Fahne des Klerus vereinigen können, und die Parteien,
-frappiert durch die Augenscheinlichkeit dieser Wahrheit, sind sofort mit
-ihnen einverstanden. In der Tat: für die Legitimisten wie für die
-Bonapartisten ist der größte und nächste Feind – diese selbe
-republikanische Mehrheit. Wenn jede dieser Parteien einzeln für sich
-arbeiten wollte, so würde sie nichts erreichen, zusammen aber, vereint,
-können sie eine Macht bilden, die am Ende fähig wäre, alle zu besiegen
-und selbst die Republikaner zu verjagen. Dann aber, wenn sie die
-Republik erdrosselt haben, wird jede Partei sich um sich allein kümmern
-können und, versteht sich, jede von ihnen wird dann um so größere
-Aussichten auf Erfolg haben, je mehr sie dem Klerus Gefallen erweist.
-Alles das hat der Klerus mathematisch berechnet und – – die Vereinigung
-ist zustande gekommen: schon hat die klerikale Mehrheit des Senats den
-Marschall Mac-Mahon ermächtigt, die Republikaner anzugreifen.
-
-
- Das schwarze Heer.
-
- Die Meinung der Legionen als neues Element der Zivilisation
-
-Nachdem der Klerus plötzlich solch eine unerwartete Macht und
-Gewandtheit bewiesen hat, wird er fraglos noch weiter gehen. Dieses
-schwarze Heer wird einfach in der entscheidenden Stunde Deutschland den
-Krieg erklären – und das ist es, was Fürst Bismarck alsbald durchschaut
-hat! Das Wichtigste haben sie ja schon erreicht: Mac-Mahon hat
-eingewilligt, Frankreich in die Abenteuerpolitik zu stürzen. Nun, und
-die Klerikalen sind nicht derart, um vor dem Weiteren zurückzuschrecken.
-Die haben kein Mitleid mit Frankreich. Wie alles in der Welt, brauchen
-sie auch Frankreich nur so lange, wie sie aus ihm Nutzen ziehen können.
-Dieses Land, das ihre einzige Hoffnung ist und ihnen so viele
-Jahrhunderte lang treu gedient hat, könnten sie eigentlich wohl
-verschonen! Aber ihre Stunde im Jahrtausend hebt schon an zum Schlage,
-und wenn ihnen da gerade Frankreich in die Hände fällt: warum sollen sie
-dann nicht aus ihm Kräfte herausquetschen, soviel sie eben nur können,
-und wenn sie damit auch hundertmal seine Existenz, sein Leben aufs Spiel
-setzen? Sie müssen alles nehmen, was es noch hergeben kann, und vor
-allen Dingen dürfen sie keinen Augenblick versäumen: wollten sie nur ein
-wenig später beginnen, so wäre es für sie schon zu spät. Darum heißt es
-gerade jetzt versuchen, Bismarck zu schlagen; denn wenn jemand bei der
-Wahl des Papstes stören wird, so ist es natürlich nur er. Und hinzu
-kommt jetzt noch, daß Bismarck gerade in diesem Augenblick ganz allein
-ist, ohne einen einzigen Verbündeten: Rußland – seine ganze Hoffnung –
-ist durch den Krieg in Anspruch genommen. Und schließlich, wenn es
-gelingt, Bismarck, wenn auch nur zeitweilig, zu besänftigen, so heißt es
-für sie doch, so schnell wie nur möglich, das Zukünftige anbahnen: den
-günstigen Augenblick benutzen und ein für allemal aus Frankreich einen
-dauerhaften Bundesgenossen machen, einen, der zu allem bereit ist und
-gehorsam bleibt, und der einwilligt, zu diesem Zweck daselbst eine
-radikale, diesmal aber _ernstliche_, auf ewig geltende Umwälzung
-zustande zu bringen. Zweifellos ist damit viel gewagt, doch schwanken
-können wohl andere, nicht aber die Jesuiten. Die Sache liegt nämlich so,
-daß sie gegenwärtig überhaupt keine andere Wahl haben, als riskieren und
-riskieren und nochmals riskieren ... Sich mit der klerikalen Umwälzung
-in Frankreich begnügen, – ohne Krieg mit Deutschland und ohne
-_ernstliche_ Revolution in Frankreich, ist ihnen einfach unmöglich:
-derart ist jetzt ihre Lage. Sie wollen alles haben – oder nichts –, und
-da würde wenig nehmen, sich mit irgendeinem „Einfluß auf die Regierung“
-zufrieden geben, ihnen nicht den geringsten Nutzen bringen. Ihre
-Bedürfnisse aber sind jetzt riesengroß! Und so bleibt ihnen nichts
-anderes übrig, als _va banque_ zu spielen. Wenn ihnen aber, nehmen wir
-an, der Coup in Frankreich nicht gelingt, wenn, sagen wir, die Deutschen
-nochmals siegen und Frankreich den letzten Todesstoß geben, so kommt es
-für sie doch auf eins heraus: sie, also der Klerus, werden es deswegen
-nicht schlechter haben als jetzt, ich meine, als wenn sie jetzt artig
-die Hände in den Schoß legten und keine Umwälzung beabsichtigten: sie
-würden beim Alten bleiben, bei dem, wo sie vor den „Abenteuern“ waren,
-das heißt soviel wie in der allerschlimmsten Lage, die nur einen Trost
-hat, nämlich den, daß sie nicht mehr schlimmer werden kann. Eine andere
-Sache ist es mit Frankreich: wird es nochmals besiegt, so ist es
-unrettbar verloren. Doch nicht den Jesuiten steht es an, davor
-zurückzuschrecken: sie wissen, daß sie, wenn Frankreich _siegt_, _alles_
-bekommen und sich dann endgültig einnisten können. Dazu aber haben sie
-ihre besonderen Mittel, in Frankreich noch unerhörte Mittel!
-
-Alle anderen Revolutionäre, selbst die wildesten „rotesten“, verbinden
-sich doch, wenn sie den Umsturz vollbracht, mit irgend etwas
-Allgemeinem, vorher Gegebenem und sogar Gesetzmäßigem. Die
-revolutionären Jesuiten jedoch können nicht gesetzmäßig, sondern nur
-_ungewöhnlich_ handeln. Dieses schwarze Heer steht außerhalb der
-Menschheit, außerhalb des Bürgertums, außerhalb der Zivilisation und
-geht ganz von sich allein aus. Das ist ein _status in statu_, das ist
-die Armee des Papstes, die braucht nur den Triumph _einzig ihrer_ Idee,
-– das übrige mag untergehen, was ihr im Wege liegt, mag verderben, was
-nicht mit ihnen übereinstimmt, mag sterben – Kultur, Gesellschaft,
-Wissenschaft! Sicherlich wollen sie Frankreich zu einer neuen und
-jedenfalls endgültigen Form umarbeiten, wenn bloß die Gelegenheit ihnen
-günstig ist; und wollen aus dem Lande allen Kehricht hinausfegen, und
-zwar mit einem Ofenbesen, wie ihn bis jetzt noch niemand gesehen hat,
-auf daß nicht einmal ein Geruch von irgendeinem Widerstande im Lande
-bleibe; und wollen dann dem Französischen Staat eine neue Verfassung
-geben, die ewig unter der strengsten Vormundschaft der Jesuiten bleiben
-muß.
-
-All das kann auf den ersten Blick lächerlich absurd erscheinen. In der
-französischen Presse – und auch in der unsrigen – sind alle
-wohlgesinnten Leute fest davon überzeugt, daß die klerikale Partei sich
-bei den nächsten Wahlen unbedingt das Bein brechen werde. Die
-französischen Republikaner sind in ihrer geistigen Unschuld gleichfalls
-vollkommen überzeugt, daß „die ganze _activité dévorante_ der von neuem
-ausgesandten Präfekten und Maires so gut wie nichts erreichen wird und
-nur die früheren Republikaner gewählt werden, die dann wiederum die
-frühere Mehrheit ausmachen und alsbald den Absichten Mac-Mahons ein Veto
-entgegensetzen werden; darauf wird dann der ganze Klerus verjagt und mit
-ihm vielleicht auch Mac-Mahon“. Doch diese Überzeugung ist leider nicht
-sehr begründet, und sicher machen sich die Klerikalen in der Beziehung
-die geringsten Sorgen. Die Sache ist nämlich eigentlich die, daß die
-naiven, harmlosen Greise, wie es scheint, immer noch nicht, trotz der
-vielen Erfahrungen, im ganzen Umfang begreifen können, mit was für
-Leuten sie es zu tun haben. Denn so wie die Wahlen für die Klerikalen
-nur ein wenig unvorteilhaft ausfallen, werden sie auch die neue Kammer
-auflösen, ungeachtet aller konstitutionellen Rechte derselben. Man wird
-vielleicht einwenden, dieses sei ungesetzmäßig, illegitim und darum
-unmöglich? Das ist allerdings wahr, doch wann kümmert sich dieses
-schwarze Heer um das Gesetz und die Rechte? Sie werden bestimmt – wir
-haben ja schon Tatsachen, die davon zeugen – ihrem gehorsamen Marschall
-den tollkühnen Gedanken eingehen, ein Mittel zu gebrauchen, das in
-Frankreich noch nie angewandt worden ist, und zwar: den _militärischen
-Despotismus_. Man wird natürlich sofort sagen, daß das ein altes Mittel
-sei, daß es schon mehrmals angewandt worden wäre, zum Beispiel von den
-Napoleonen! Und doch wage ich zu behaupten, daß es _in seiner ganzen
-Gewaltsamkeit tatsächlich_ noch kein einziges Mal in Frankreich
-gebraucht worden ist. Hat sich der Marschall Mac-Mahon der Armee
-versichert, so kann er die ganze zukünftige Versammlung der
-Landesvertreter, _wenn sie gegen ihn ist_, einfach mit dem Bajonett
-auseinanderjagen und darauf dem Volke erklären, daß _die Armee es so
-gewollt habe_. Wie ein römischer Imperator der Verfallszeit kann er
-daraufhin ruhig kundtun, daß er sich hinfort „_nur noch nach der Meinung
-der Armee richten werde_“. Dann kommt der allgemeine Belagerungszustand
-und der militärische Despotismus, – und Sie werden sehen, meine
-Herrschaften, das wird furchtbar vielen in Frankreich sogar ungemein
-gefallen! Glauben Sie mir, wenn es not tut, werden auch die Abgeordneten
-kommen und mit der _Stimmenmehrheit ganz Frankreich_ den Krieg gestatten
-und die nötigen Gelder dazu hergeben. In seiner kürzlichen Rede an das
-Heer hat sich der Marschall wenigstens in diesem Sinne ausgedrückt, und
-seine Worte haben großen Anklang gefunden. Wir können also nicht mehr
-zweifeln, daß das Heer mehr auf seiner Seite ist. Hinzu kommt noch, daß
-er jetzt schon zu weit gegangen ist, um noch stehenbleiben zu können,
-andernfalls würde er seinen Posten nicht mehr behalten, während doch
-seine ganze Politik und seine ganze Person sich in dem einen Wort „_J’y
-suis et j’y reste_“ ausdrückt. Über diese Phrase hinaus ist er
-bekanntlich noch nicht gegangen, doch wird er selbstverständlich alles
-für den Triumph derselben tun, wird, wenn’s drauf ankommt, selbst die
-Existenz Frankreichs aufs Spiel setzen. Die Fähigkeit und
-Bereitwilligkeit zu solch einem Wagnis hat er ja schon einmal im
-Deutsch-Französischen Krieg bewiesen, als er sich unter dem Einfluß der
-Bonapartisten entschloß, aus Treue zur Dynastie Napoleons, Frankreich
-bewußt seiner Armee zu berauben. Die Klerikalen haben ihm bestimmt sein
-„_J’y suis et j’y reste_“ sicher gestellt. Zweifellos haben sie es schon
-verstanden, Mac-Mahon geschickt darauf _hinzuweisen_, daß man im
-Notfalle – sind erst einmal die Parteien, die Bonapartisten und
-Legitimisten, unter der Fahne vereinigt – daß man im Notfalle, wie
-gesagt, auch ohne Chambord und ohne Bonaparte auskommen könne und man
-sie durchaus nicht zu rufen brauche, ja, dieses sogar in keinem Fall,
-sondern daß einfach der Marschall Mac-Mahon Diktator und unabsetzbarer
-Regent – doch dann nicht nur auf sieben Jahre – werden könne. Auf diese
-Weise würde sich also die These „_J’y suis et j’y reste_“ ohne Wunder
-verwirklichen – wenn man nur erst das Einverständnis der Armee hätte!
-Die Zustimmung Frankreichs kommt später ganz von selbst hinzu, denn eine
-feste Diktatorenhand an der Spitze der Macht wird vielen, sehr vielen
-gefallen. Solcher schmeichelhaften _Hinweise_ wird es, wie gesagt,
-fraglos schon gegeben haben. Vielleicht wird man Bedenken tragen, ob ein
-Mann wie Mac-Mahon so etwas unternehmen und auch ausführen kann? Nun,
-erstens hat er schon die eine Hälfte ausgeführt, und zwar diejenige
-Hälfte, die, was Entschlossenheit anbetrifft, keineswegs leichter ist
-als die andere. Und zweitens, – gerade solche Leute, die an und für sich
-nicht im geringsten unternehmend sind, können, wenn sie plötzlich unter
-irgend jemandes höheren, energischen Einfluß kommen, eine ganz
-unerwartete, verhängnisvolle Entschlossenheit bekunden – nicht etwa weil
-sie Genies sind, sondern viel eher aus dem entgegengesetzten Grunde.
-Hier handelt es sich nicht um Erwägung, sondern einfach um das
-In-Bewegung-Setzen, darum daß man den Anstoß gibt; und hat man solche
-Menschen erst einmal ordentlich vorwärtsgestoßen, so ziehen sie eben die
-Karre so lange schnurgerade weiter, bis sie entweder mit dem Kopf die
-Wand einrennen oder aber sich selbst die Hörner abstoßen.
-
-
- Ein ziemlich unangenehmes Geheimnis
-
- (Ausblicke)
-
-All das begreift man in Deutschland nur zu gut. Wenigstens halten alle
-offiziösen Organe der Presse, die vom Fürsten Bismarck beeinflußt
-werden, den Krieg für unvermeidlich. Wer von den Gegnern sich zuerst auf
-den anderen stürzen wird, und wann gerade, – das kann man natürlich
-nicht voraussagen, doch kann der Krieg sehr, sehr leicht ausbrechen.
-Selbstverständlich „kann“ das Gewitter auch vorüberziehen, nämlich wenn
-Mac-Mahon plötzlich Angst befällt vor dem, was er auf sich genommen, und
-er, wie einstmals Ajax, in Zweifeln befangen, auf halbem Wege
-stehenbleibt. Dieser Zufall ist allerdings möglich, doch kann man wohl
-kaum irgendwie auf ihn oder mit ihm rechnen. Vorläufig verfolgt Fürst
-Bismarck mit fieberhafter Aufmerksamkeit alles, was in Frankreich vor
-sich geht, und beobachtet und wartet. Für ihn besteht das
-Verhängnisvolle gerade darin, daß die Sache nicht in dem Augenblick
-angefangen hat, in dem er es erwartete. Jetzt jedoch sind ihm die Hände
-gebunden. Am unangenehmsten aber ist, daß sich plötzlich die Wunden
-aufgedeckt haben, die bis jetzt so sorgsam geheimgehalten wurden. Über
-die größte von ihnen habe ich schon einmal gesprochen – das ist die
-Befürchtung, Rußland könnte erraten, wie mächtig es ist, und welch eine
-Bedeutung sein entscheidendes Wort jetzt, gerade in diesem Augenblick
-haben kann, und – die Hauptsache – „_daß die Abhängigkeit vom Bündnis
-mit Rußland allem Anschein nach die Schicksalsbestimmung Deutschlands
-ist, besonders seit dem Deutsch-Französischen Kriege_“. Dieses deutsche
-Geheimnis könnte jetzt plötzlich ans Licht kommen – und das wäre für die
-Deutschen zum mindesten peinlich. Wie aufrichtig gewogen uns auch die
-Politik Deutschlands in den letzten Jahren gewesen ist: dieses Geheimnis
-ist von allen Deutschen streng bewahrt worden, niemals auch nur
-angedeutet worden – auch nicht in der Presse. Bis jetzt hatten die
-Deutschen immer eine ruhige und stolze Haltung, die natürlicherweise der
-Macht, die niemandes Hilfe braucht, eigen ist; nun aber muß die schwache
-Stelle leider herauskommen. Denn wenn das klerikale Frankreich sich zum
-verhängnisvollen Kampf entschließt, so ist es damit nicht getan, daß man
-seinen Angriff, falls es zuerst angreifen sollte, zurückschlägt, sondern
-man muß es für immer entkräften, es einfach erdrücken und die
-Gelegenheit ausnutzen – das ist die Aufgabe! Da aber Frankreich zudem
-reichlich eine Million Soldaten hat, so muß es den Sieg, um des Endes
-der Sache gewiß zu sein, unbedingt _sicher_ stellen; denn anders lohnt
-es sich überhaupt nicht, anzufangen. Und die einzige Sicherstellung
-wäre, sich des entscheidenden Wortes Rußlands zu vergewissern. Kurz, am
-unangenehmsten ist, daß all das so plötzlich und unvorbereitet
-herauskommt. Alle früheren Berechnungen sind umgeworfen, und jetzt sind
-es schon die Ereignisse, die die Berechnungen lenken – nicht umgekehrt,
-wie früher. Heute oder morgen kann Frankreich im Innern mit sich zur
-Ruhe kommen. Es hat sich in eine Abenteuerpolitik gestürzt, und daher
-kann man sich wohl fragen, wo diese Abenteuer aufhören werden, wo ihnen
-eine Grenze gezogen sein wird? Das ist sehr unangenehm: noch vor so
-kurzer Zeit zeigten die Deutschen ein so unabhängiges Auftreten,
-besonders im letzten Jahre. Erinnern wir uns, daß in diesem Jahre auch
-Rußland sich bemühte, in Europa zu erkennen, wer ihm freund war, und die
-Deutschen kannten unsere Sorgen und machten ihre feierlich-festlichste
-Miene, die wohl den Umständen am angemessensten war. Es ist ja
-verständlich, wenn Deutschland sich über jede slawische Bewegung immer
-ein wenig beunruhigt; doch kann man wohl sagen, daß die Kriegserklärung
-Rußlands vor zwei Monaten für Deutschland vielleicht sogar nicht einmal
-so ganz unangenehm war: „Nein, jetzt werden sie es schon bestimmt nicht
-erraten,“ dachte man in Deutschland vor zwei Monaten, „daß wir es sind,
-die ihrer bedürfen, jetzt werden die Russen, an der Donau, dem
-‚deutschen Strom‘, stehend, vollkommen überzeugt sein, daß, umgekehrt,
-mir sie allein uns furchtbar nötig haben und es am Ende des Krieges ohne
-unser gewichtiges Wort unmöglich abgehen wird. Und es ist gut, daß die
-Russen so denken, das kann uns später sehr zustatten kommen.“ Fraglos
-hat es viele kluge Deutsche gegeben, die vor zwei Monaten so von uns
-gedacht haben; ihre ganze Presse dachte und schrieb so und – nun
-plötzlich hat diese klerikale Stimmung durch alles einen Strich gezogen
-und alles umgestürzt! „Oh, jetzt werden sie es erraten, jetzt werden sie
-alles erraten! Und außerdem ist es unbedingt nötig, daß Rußland so
-schnell wie möglich diesen Krieg beendet und wieder frei wird! Doch wäre
-es äußerst gefährlich, hierbei eine Beeinflussung zu versuchen.
-Vielleicht wird es vor England und Österreich Angst bekommen – was aber
-nicht anzunehmen ist. Uns aber England und Österreich zur Beeinflussung
-Rußlands anzuschließen, daran ist nicht zu denken: die werden später
-sowieso nicht helfen, und Rußland würden wir nur verärgern. Sonderbare
-Lage! Oder sollte man Rußland womöglich helfen, damit es den Krieg
-schneller los wird? Nun ... das könnte man auch ohne Waffen tun, einfach
-mit politischem Druck, auf Österreich zum Beispiel ...“ So ungefähr
-überlegen jetzt dieselben Politiker, und es kann sehr, sehr leicht
-geschehen, daß all das in Wirklichkeit eintrifft.
-
-Um es kurz zu machen – ich wollte nur meine Überzeugung äußern, meinen
-Glauben, daß Rußland nicht nur so stark und mächtig wie immer ist,
-sondern jetzt, gerade jetzt, die stärkste aller europäischen Mächte ist,
-und daß noch niemals sein entscheidendes Wort in Europa so geschätzt
-werden konnte wie im gegenwärtigen Augenblick. Mag Rußland jetzt auch
-mit den Türken beschäftigt sein, so kann doch schon seine Entscheidung
-für diesen oder jenen die Wage der europäischen Politik je nach seinem
-Wunsch und Willen in starkes Schwanken bringen. Sogar England selbst
-sieht jetzt, wie es, in Anbetracht der _Möglichkeit_ äußerst
-umständlicher neuer Ereignisse in Westeuropa, sogar in den Augen der
-Russen zwei Drittel seines Prestige verliert, und wie doch endlich auch
-die mißtrauischsten Russen begreifen, daß es ihm, England, nicht
-einfällt, es auf einen Krieg ankommen zu lassen, wenn Rußland fest
-entschlossen ist, seine Sache fortzuführen, und daß England weit mehr
-auf eine Teilung des Erbes nach dem Tore des „kranken Mannes“
-spekuliert, als daß es sich entschlösse, _für_ denselben, in dieser
-ohnehin schon ungemütlichen Zeit, noch einen offenen Krieg zu beginnen.
-In der Tat, sollte es geschehen, daß etwas Unerwartetes, Unheilvolles in
-Westeuropa ausbräche, so wird doch England sich nie und nimmer in eine
-so heikle Sache gar zu sehr einmischen, die dem gewohnten Charakter
-seiner Interessen so überaus unähnlich sieht, und wird, versteht sich,
-bloß eine aufmerksam beobachtende Stellung einnehmen und nach seiner
-alten Gewohnheit den günstigen Augenblick abwarten, in dem sich irgendwo
-irgendeine Teilung der Beute ausschnüffeln läßt, um sich dann geschwind
-mit seinen Forderungen einzufinden. Jetzt jedoch, das heißt, vor der
-Klärung der Verhältnisse im Westen, wäre es keine Berechnung für
-England, gegen Rußland irgend etwas Ernstes zu unternehmen. Anderseits:
-was kann Österreich machen, wenn es _allein_ bleibt? Ist es doch
-unwahrscheinlich, daß die klerikale Verwicklung der Sache in Westeuropa
-nicht auch auf Österreich hinüberwirken wird. Und so harrt denn
-natürlich auch Österreich, ganz wie alle anderen, der ferneren Dinge und
-der Entscheidungen der Fragen, so daß auch ihm jetzt, ganz wie allen
-anderen, die Hände teilweise gebunden sind. Ja, allen sind jetzt die
-Hände irgendwie gebunden, nur Rußland hat die seinen noch frei. Nun, und
-da hat denn auch schon etwas _Unvorhergesehenes_ zu unseren Gunsten
-eingesetzt. Wie soll man auch nicht mit dem _Unvorhergesehenen_ rechnen,
-wenn es sich um die Geschicksentscheidung der Menschheit handelt?
-
-Gott und seine Gesetze regieren die Welt, und wenn über Europa sich
-wirklich etwas Neues mit Schicksalsmacht entladen soll, so ist es wohl
-nötig, daß es früher oder später geschieht. Gebe Gott, daß ich mich
-täusche. Gebe Gott, daß die heraufziehende Wolke sich verzieht und all
-meine Vorahnungen sich nur als meine eigenen „hitzigen“ Phantasien
-erweisen – als Phantasien eines Menschen, der von der Politik nichts
-versteht. Die ganze Frage ist ja nur –: Haben die offiziösen Organe der
-deutschen Presse, die den Krieg prophezeien und ihn erwarten, recht oder
-unrecht? Anderseits versichern die Minister Mac-Mahons den Franzosen und
-der ganzen Welt aus allen Kräften – übrigens ohne jegliche
-beschuldigende Anspielungen –, daß „Frankreich den Krieg nicht beginnen
-wird“. Nun, da wird man doch wohl zugeben müssen, daß all dieses zum
-mindesten verdächtig ist, und daß die Lösung der Zweifel, schon nach dem
-Gang der Sache selbst zu urteilen, in äußerst kurzer Zeit eintreffen
-kann. Wie aber, wenn jetzt so viel von der „Meinung der Armee“ abhängt?
-Schlimm, wenn es soweit kommt: dann ist es zu Ende mit Frankreich.
-Übrigens kann das ja nur mit Frankreich allein geschehen und sonst mit
-niemandem in der ganzen Welt. Doch gebe Gott, daß es auch mit ihm nicht
-geschehe: Das würde ein schlimmer Anfang sein und ein noch schlimmeres
-Beispiel.
-
-
- Die Lage Frankreichs
-
-
- Unselige Pechvögel
-
- (Französische Republikaner)
-
-Es ist schwer, sich etwas Unglückseligeres vorzustellen, als es die
-französischen Republikaner und die Französische Republik sind.[13] Nun
-ist es bald schon hundert Jahre her, daß diese Einrichtung auf die Welt
-gekommen. Und seit der Zeit ist es immer wieder geschehen – jetzt zum
-drittenmal –, daß, wenn gewandte Usurpatoren die Republik sozusagen
-konfiszierten, sich niemand erhob, sie ernstlich zu verteidigen, außer
-vielleicht irgendeinem kleinen Häufchen Machtloser. Eine allgemeine,
-starke Unterstützung der Republik von seiten des ganzen Volkes hat es
-noch nie gegeben. Und selbst in den Zeiten, da sie ein Recht hatte, zu
-existieren, hat sie selten jemand für eine _nicht_ vorübergehende, für
-die definitive politische Institution Frankreichs genommen.
-Nichtsdestoweniger gibt es wohl kaum Leute, die von der Sympathie des
-ganzen Landes für die Republikaner überzeugter wären als die
-französischen Republikaner selbst.
-
-Übrigens, während der zwei ersten Versuche, in Frankreich die Republik
-zu begründen, im vorigen Jahrhundert sowie 1848, konnten die damaligen
-Republikaner noch einige Gründe haben, besonders zu Anfang ihrer
-Versuche, auf die Sympathie des Landes zu rechnen. Die jetzigen
-Republikaner jedoch, – diese selben, denen es bestimmt ist, in
-allerkürzester Zeit samt ihrer Republik von irgend jemandem kurz und
-bündig aufgehoben zu werden – die, sollte man meinen, hätten schon
-wirklich keinen Grund mehr, sich Hoffnungen auf eine sichere Zukunft zu
-machen, selbst wenn ihnen das Land auch einige Zuneigung
-entgegenbrächte, eine Zuneigung, die, _nota bene_, in Frankreich nicht
-allzu zuverlässig ist; denn das Volk sympathisiert jetzt ja nur negativ
-mit ihnen, etwa nach dem Sprichwort: bei Fischmangel ist auch der Krebs
-ein Fisch – mit anderen Worten: im Notfalle nimmt man mit allem fürlieb.
-Währenddessen aber sind sie noch am Vorabend ihres sicheren Sturzes von
-ihrem Siege fest überzeugt. Und doch: was waren das für unglückliche
-Leute, was war das für eine Republik, diese dritte, die der selige
-Thiers wohl anerkannte, doch eben nur wie den Krebs bei Fischmangel! Wir
-brauchen uns ja nur der Geburt dieser dritten Republik zu erinnern: fast
-zwanzig Jahre lang erwarteten diese Republikaner den „ruhmvollen“
-Augenblick, da der Usurpator gestürzt sein und „das Land sie
-zurückrufen“ werde. Und was geschah? Als diese Pechvögel nach Sedan
-glücklich die Herrschaft an sich gerissen hatten, waren sie gezwungen,
-diesen furchtbaren Krieg auf ihre Schultern zu nehmen, diesen Krieg, den
-sie niemals gewollt hätten, und den ihnen der Usurpator hinterließ, als
-er Frankreich verließ, um in das schöne Schloß Wilhelmshöhe einzuziehen
-und dort seine Zigarren weiterzurauchen. Und wenn dieser geriebene
-Usurpator, als er dann durch die Alleen des deutschen Schloßparks
-spazierte, sich auch über sie geärgert haben mag, die seine Macht an
-sich gerissen hatten, so wird er zuweilen doch bestimmt auch boshaft
-gelächelt haben, bei dem Gedanken, wie gut er sich an ihnen gerächt,
-indem er seine Schuld auf ihr schwaches Haupt gewälzt hatte. Denn, wie
-dem auch sein möge – später beschuldigte Frankreich doch eher sie als
-ihn alles dessen, worüber es sich zu beklagen hatte: daß sie den
-hoffnungslosen Krieg überhaupt weitergeführt und nicht verstanden
-hatten, sofort Frieden zu schließen, daß sie zwei große Provinzen, fünf
-Milliarden fortgegeben, das Land zugrunde gerichtet, sich schlecht
-geschlagen und ihre Anordnungen aufs Geratewohl getroffen. Letzteres
-wirft man noch heute dem damaligen Diktator Gambetta vor, der jedoch an
-nichts schuld ist, im Gegenteil, alles getan hat, was unter jenen
-Verhältnissen möglich war. Kurz, die Anklage gegen die Republikaner, daß
-sie ungeschickt gewesen seien und das Land ins Verderben gestürzt
-hätten, hielt sich und hält sich auch jetzt noch unangefochten aufrecht.
-Was tut’s, wenn alle wissen, daß Napoleon die erste Ursache des Unglücks
-war, es heißt trotzdem: „Warum haben sie denn die Sache nicht besser
-gemacht, wenn sie sie einmal übernahmen? Und wenn’s nur das wäre – aber
-sie haben sie ja noch so verschlimmert, wie man sie sich schlimmer gar
-nicht vorstellen kann.“ – Ein schöner Vorwurf! Doch das ist noch nicht
-alles: zusammen mit dieser Anschuldigung heftete sich ihnen auch noch
-etwas Verächtliches und Lächerliches an, bei dem Gedanken, in welch eine
-Klemme sie gleich zu Anfang ihrer Herrschaft geraten waren. Und doch –
-was hätten sie anderes tun können? Den Krieg nicht weiterzuführen,
-gleich nach Sedan Frieden zu schließen, war unmöglich: Die Deutschen
-würden auch dann Land und Geld gefordert haben, und was wäre da aus den
-Republikanern geworden, wenn sie auf diese Bedingungen eingegangen
-wären? Man würde sie einfach Feiglinge oder „Traitres“ genannt haben,
-wenn sie, „noch im Besitze einer Armee“, sich nicht verteidigt, sondern
-schmählich ergeben hätten. Das wäre eine schöne Empfehlung für ihre neue
-Republik gewesen! Da ihnen aber die Republik und deren Errichtung in
-Frankreich viel mehr am Herzen lag als die Rettung des Landes, so waren
-sie eben gezwungen, den Krieg weiterzuführen, trotz der Ahnung, daß nach
-dem Kriege sie eine noch weit größere Schande erwartete! Also stand vor
-ihnen Schande, und stand hinter ihnen Schande – eine Lage, die nicht nur
-unglücklich, nicht nur tragisch, sondern in gewisser Beziehung sogar
-komisch war; denn wahrlich nicht in _der_ Gestalt hatten sie sich den
-Antritt ihrer Herrschaft nach dem Sturz des „Tyrannen“ erträumt!
-
-Diese Komik wurde noch durch den Umstand verstärkt, daß sie trotz allem
-mit dem leichtesten Herzen die Herrschaft ergriffen, trotz allem ... das
-heißt, Verzeihung, ich will keineswegs behaupten, sie hätten nicht um
-Frankreich getrauert – oh, unter ihnen gibt es, was Gefühle anbelangt,
-vortreffliche Leute und sogar wirkliche Diener des Vaterlandes, versteht
-sich, im Falle es Republik heißt. Vielleicht gibt es sogar solche, einen
-oder zwei, die selbst die Republik an die zweite Stelle setzen würden,
-wenn nur Frankreich glücklich wäre – obgleich es kaum wahrscheinlich
-ist, daß es solche gibt, höchstens, wie gesagt, einen oder zwei,
-jedenfalls bestimmt nicht mehr. Die Sache war nun aber die: die
-Republikaner bildeten sich nämlich sofort ein – kaum daß der Friede mit
-Deutschland geschlossen war und sie sich angeschickt hatten, das Land in
-Ruhe zu verwalten –, sie hätten schon die Liebe Frankreichs errungen,
-und zwar gleich auf ewig, für alle kommenden Zeiten. Das war es, was so
-komisch wirkte! Entschieden hat jeder französische Republikaner die
-verhängnisvolle, verderbliche Überzeugung, es genüge das Wort
-„Republik“, es genüge schon, das Land eine Republik zu nennen, und
-sofort werde es für immer glücklich sein. Jedes Mißlingen der Republik
-schreiben sie unentwegt stets einem äußeren störenden Umstand zu, wie
-zum Beispiel dem, daß es auch Usurpatoren in der Welt gibt und überhaupt
-böse Menschen; und kein einziges Mal denken sie an die ungemeine
-Schwäche jener Wurzeln, die die Republik im Boden Frankreichs
-geschlagen, und die in ganzen hundert Jahren nicht haben erstarken und
-tiefer eindringen können. Überdies ist es den Republikanern in diesen
-sechs Jahren noch nie eingefallen, daß ihre komische Lage, wie Napoleon
-III. sie ihnen hinterlassen hat, auch jetzt noch besteht und daß, wenn
-das alte Unglück vergangen ist, ein neues Unglück, ein dem alten
-ähnliches, sich nähert, und zwar eines, das sie bestimmt in die
-_aller_komischste Lage bringen wird, in eine so ungemein komische Lage,
-daß sie sich vielleicht schon in allernächster Zukunft nicht mehr werden
-halten können. Diese Komik besteht darin, daß dieses kommende Unglück,
-erstens ganz so wie das vergangene, in ihrer Erfüllung der hohen Pflicht
-liegt, dem Vaterlande _wissentlich_ zum Verderben dienen zu müssen;
-zweitens, daß dieses Unglück wieder ganz so wie das erste vollkommen
-unabwendbar ist; drittens, daß es sie in eine ebensolche Klemme zu
-bringen droht, wie die, in der sie 1871 staken; und viertens, daß es,
-zur Vollendung des Verdrusses, ihnen ganz so wie das erste Mal von
-diesem selben Napoleon III., den sie so hassen und dessen Andenken sie
-so verfluchen, vermacht worden ist. In der Tat: wer ist jetzt der
-eifrigste Anhänger der Französischen Republik? Zweifellos Fürst
-Bismarck. So lange, wie in Frankreich die Republik besteht, ist jeder
-Revanchekrieg unmöglich. Man stelle sich nur vor: die Republikaner
-entschlössen sich, den Deutschen den Krieg zu erklären!! Nun, Fürst
-Bismarck begreift die Lage. Und währenddessen ist es doch sonnenklar,
-daß der große Organismus Frankreichs – vierzig Millionen – nicht ewig
-schmachvoll unter der Vormundschaft Deutschlands bleiben kann. Die
-Wunden werden zuheilen, die Erschütterung wird allmählich in
-Vergessenheit geraten, es werden sich neue Kräfte ansammeln, Mittel,
-Heere ... Und _kann_ denn überhaupt eine Nation, die so lange politisch
-die erste Rolle gespielt hat, nach ihrem alten Ansehen in Europa _nicht_
-verlangen? Der Augenblick, in dem das geschehen wird, ist vielleicht
-nicht mehr gar so fern: die Fülle innerer Kraft muß unbedingt darnach
-streben, die Vormundschaft Bismarcks abzuschütteln und ihre frühere
-_Unabhängigkeit_ wiederzugewinnen; denn augenblicklich kann man
-Frankreich unmöglich unabhängig nennen. In besagtem Falle aber würde
-eben ganz Frankreich sofort beim ersten Schritt mit dem Kopf an seine
-Republik stoßen. Wie kann man sich also, wiederhole ich, nur vorstellen,
-daß die jetzigen Republikaner überhaupt wollen könnten, dem Fürsten
-Bismarck in irgendeiner Angelegenheit „grob zu kommen“, und sogar in
-solch einer Weise, daß sie einen Krieg mit ihm riskierten!? Erstens,
-welch ein Franzose wird denn mit ihnen gehn, sogar in dem Falle, wenn
-Frankreich den Krieg wollte? Und zweitens wird sich doch jeder Franzose
-die unabweisbare, furchtbare Frage stellen: Was aber dann, wenn die
-Deutschen uns wieder schlagen? Dann ist ja für die Republik in
-Frankreich das letzte Ende gekommen: dann wird Frankreich ausschließlich
-den Republikanern die Schuld an der Niederlage zuschreiben und sie dann
-aber endgültig verjagen, wobei es natürlich ganz vergessen wird, daß es
-selbst nach der „Vergeltung“ und der alten dominierenden Stellung
-verlangt hatte ... Sollten aber anderseits die Republikaner festen Fuß
-fassen, auf die neuen Stimmen und Schreiereien nicht hören, den Krieg
-nicht erklären – so hieße das gegen den Wunsch des Landes gehen, das sie
-dann wiederum absetzen und sich dem ersten besten gewandten Führer
-anvertrauen würde. Mit einem Worte: – vorne Sedan und hinten Sedan!
-Inzwischen haben die Republikaner aber bestimmt noch nicht einmal
-angefangen an all das zu denken, obgleich der neue Ausbruch des Volkes
-vielleicht nicht mehr lange auf sich warten lassen wird. Und gleichfalls
-haben sie auch daran noch nicht gedacht, daß sie im Grunde nichts
-anderes sind, als die Protégés des Fürsten Bismarck, daß Frankreich aber
-diese Situation mit jedem Jahr mehr und mehr begreifen muß, und zwar im
-genauen Verhältnis zur Wiedererstehung und Erstarkung seiner Kräfte, und
-daß es folglich sie, die Republikaner, immer mehr verachten wird,
-anfänglich im geheimen und noch nicht bewußt, allmählich jedoch immer
-bewußter und schließlich offen und laut ...
-
-Doch die Republikaner erkennen ihre Komik nicht an – bewahre: das sind
-pathetische Leute. Im Gegenteil, gerade jetzt haben sie neuen Mut
-geschöpft, jetzt, nachdem Mac-Mahon, der Präsident der „Republik“, sie
-nach Haus geschickt und die Kammer bis zu den nächsten Oktoberwahlen
-vertagt hat. Jetzt sind _sie_ die „Verfolgten“ und fühlen sich deshalb
-ungeheuer in ihrer Aureole. Sie erwarten, daß ganz Frankreich plötzlich
-die Marseillaise anstimmen und der Ruf „_on assassine nos frères_!“ von
-Mund zu Mund gehen werde; wie einst zur Zeit der Revolution. Jedenfalls
-vertrauen sie auf den „Sieg der Gesetzmäßigkeit“ und erwarten, daß das
-Land im Unwillen über den Maréchal Mac-Mahon, über dieses kaum an seine
-Schale pickende Usurpatorenküchlein, wieder die ganze republikanische
-Mehrheit in die Kammer wählen wird – und womöglich noch neue
-republikanische Kandidaten dazu – und daß dann die neue versammelte
-Kammer dem Maréchal ein strenges Veto sagen und dieser, erschreckt durch
-die „Gesetzmäßigkeit“, sich von dannen machen wird. Von der Macht dieser
-„Gesetzmäßigkeit“ sind sie felsenfest überzeugt, – und nicht vielleicht
-aus Mangel an Intelligenz, sondern einfach, weil sie, diese guten Leute,
-zu sehr Leute ihrer Partei sind und etwas zu lange in ihrer Ecke
-gesessen haben. Sie haben zu lange um ihre geliebte Republik gelitten,
-darum glauben sie so fest an die republikanische „Vergeltung“.
-Sonderbarerweise glauben auch bei uns in Rußland viele unserer Zeitungen
-an ihren bisherigen Triumph und den unfehlbaren Sieg ihrer
-„Gesetzmäßigkeit“. Wodurch aber ist diese „Gesetzmäßigkeit“ gesichert,
-wenn Mac-Mahon nicht geruht, sich ihr zu unterwerfen, wovon er übrigens
-dem Lande schon in seinem bewunderungswürdigen Manifeste Mitteilung
-gemacht hat? – Durch den Unwillen, den Zorn des Landes? Aber der
-Marschall wird doch sofort in diesem selben Lande unzählige Anhänger
-finden, wie das ja in ähnlichen Fällen in Frankreich immer gewesen ist.
-Was soll man dann machen? Barrikaden bauen? Doch bei dem heutigen
-Gewehr, der heutigen Artillerie sind die alten Barrikaden unmöglich! Ja,
-und Frankreich wird sie ja gar nicht bauen wollen, selbst wenn es
-wirklich die Republik wollte. Ermüdet und überdrüssig der
-hundertjährigen politischen Unordnung wird es auf die allerprosaischste
-Weise sich überlegen, auf welcher Seite die Kraft ist, und sich dann der
-Kraft unterwerfen. Die Kraft aber liegt jetzt in der Armee, und das ahnt
-das Land. Folglich kann die ganze Frage nur sein: Für wen steht die
-Armee?
-
-
- Ein merkwürdiger Charakter
-
- (Mac-Mahon. Französische Reaktionäre)
-
-Über die Legionen, als die neue Kraft, die da emporsteigt, um Frankreich
-noch einmal zu einem ersten Platz in Europa zu verhelfen, habe ich schon
-früher geschrieben, lange vor dem Manifest des Maréchal-Président – und
-siehe, es ist alles so in Erfüllung gegangen, wie ich es damals erwartet
-hatte. In diesem Manifest, das alle Welt nicht wenig Wunder genommen
-hat, tut der Marschall unumwunden kund, – wenn er auch verspricht, der
-„Gesetzmäßigkeit“ zu folgen, den Frieden aufrechtzuerhalten, usw. – daß
-er, wenn das Land sich mit seiner Meinung nicht einverstanden erklären
-und ihm in den bevorstehenden Wahlen wieder die ganze frühere
-republikanische Mehrheit schicken sollte, gezwungen sein werde, sich
-dann seinerseits mit der Meinung des Landes _nicht_ einverstanden zu
-erklären und sich dem Willen desselben _nicht_ zu fügen. Solch ein
-erstaunliches Manifest des Marschalls muß seine besonderen Gründe haben!
-In solch einer Sprache und in solchem Tone hätte er nicht mit dem Lande
-sprechen können – Frankreich ist doch nicht irgendein Dorf –, wenn er
-nicht seiner Macht und des Erfolges sicher gewesen wäre! So dürfte es
-wohl klar sein, daß er seine Hoffnungen auf die Armee setzt. Und
-wirklich, als der Marschall im Sommer durch Frankreich reiste, wurde er
-zwar in vielen, ich glaube, schon in allzu vielen Städten und Provinzen
-recht zweideutig empfangen, das Heer jedoch und die Flotte bekundeten
-überall volle Anhänglichkeit und begrüßten den Marschall mit
-begeisterten Hurras. Fraglos darf man an den guten und, sagen wir,
-unschuldigen Gefühlen des Marschalls nicht zweifeln. Hat er auch etwas
-mehr als ungewöhnlich gehandelt, indem er im voraus zu verstehen gab,
-daß er dem rechtmäßigen Willen des Landes nicht gehorchen werde, wenn
-dieses nicht ihm gehorcht, so hat er das natürlich nur getan, weil er
-auf seine Weise dem Lande Wohlergehen bringen will und überzeugt ist,
-daß er dazu auch fähig sei. So braucht man denn wegen der moralischen
-Eigenschaften des Marschalls weiter keine Bedenken zu tragen, wohl aber
-vielleicht in Betreff irgendwelcher anderen ... Er scheint einer jener
-Charaktere zu sein, die immer unter irgend jemandes Vormundschaft stehen
-müssen: von dieser Seite betrachtet, bietet sein Charakter einzelne
-bemerkenswerte Sonderheiten. Zum Beispiel fragt es sich, – für wen
-arbeitet er jetzt? Für wen bemüht er sich so sehr, und für wen wagt er
-so viel? Zweifellos ist er unter der strengsten Vormundschaft, doch bin
-ich überzeugt – allerdings ist das nur meine persönliche Meinung: nur er
-allein ist in ganz Europa bis jetzt noch überzeugt, daß er unter
-niemandes Einfluß steht und daß er nur von sich aus handelt. Die
-geschickten Leute, die sich seiner bemächtigt haben, werden ihn
-wahrscheinlich, solange sie es für gut befinden, in diesem Glauben
-bestärken – und ihn inzwischen dorthin lenken, wohin sie ihn haben
-wollen. Das ist natürlich nur möglich, weil sie die Eigenschaften und
-die Eigenliebe solcher Charaktere vorzüglich kennen. Doch solche
-geschickten Leute kann man nur in einer einzigen Partei finden,
-allerdings, der größten und stärksten: in der klerikalen. Alle anderen
-politischen Parteien Frankreichs zeichnen sich nicht durch Gewandtheit
-aus. In der Tat nun, unter wessen Vormundschaft steht eigentlich der
-Marschall? Es ist jetzt wohl schon allgemein bekannt, daß die
-Legitimisten in Bewegung sind, daß eine ganze Reihe von Kandidaten
-vorhanden ist, ja – es heißt sogar, daß der Marschall sie protegiere –,
-daß sie von ihrem Siege bei den Wahlen im voraus überzeugt sind, und
-ferner, daß sie sich auf das Heer verlassen können, und daß im übrigen
-der kaiserliche Prinz schon auf das Festland zurückgekehrt sein soll,
-ja, man sagte sogar, er werde sich nach Paris begeben. Soll man nun
-wirklich glauben, daß der Marschall Mac-Mahon, dieser so selbstbewußte
-Präsident der „Republik“, so viel Arbeit und Gefahren auf sich nimmt,
-einzig um den kaiserlichen Prinzen auf den Thron zu setzen? Ich glaube –
-wiederum nur meine ganz persönliche Ansicht –, ich glaube, daß das nicht
-der Fall ist. Ich nehme natürlich den anderen Fall aus, daß es
-irgendwelche ganz besondere Kombinationen gibt, wie zum Beispiel, daß
-der Prinz sich mit der Tochter des Marschalls verlobt habe, wie es vor
-einem Monat verlautete: dann ist es natürlich etwas anderes. Gibt es
-aber keine solchen besonderen Kombinationen oder geheimen Abmachungen,
-so scheint mir, daß der Marschall eher geneigt wäre, das Land zu
-_seinem_ Vorteil zu beglücken, als zum Vorteil eines anderen, und wenn
-er die bonapartistischen Kandidaten protegiert, so tut er das wohl nur,
-weil er sie für die verläßlichsten hält, später aber sie so, wie es
-_ihm_ gefällt, zu lenken gedenkt. Gott mag wissen, was für Gedanken in
-diesem Hirn entstanden sind. Nicht umsonst hat doch ein Bischof beim
-Empfange des Marschalls in seiner Begrüßungsrede erwähnt, daß er,
-Mac-Mahon, weiblicherseits von Karl dem Großen abstamme. Mit einem Wort,
-ein paar Jahre Präsidentschaft haben vielleicht genügt, um in seine
-Seele einige erregende und phantastische Gedanken zu pflanzen. Zudem ist
-er Soldat! Übrigens sind alle diese Erwägungen nur abstrakte Versuche,
-diesen wirtschaften Charakter zu erklären. Die Wahrheit beschränkt sich
-vorläufig auf die Tatsache, daß der Marschall in den Händen der
-Klerikalen ist, und daß diese ihn lenken, nicht aber er sie, wie er es
-wohl glaubt. Das Schicksal Frankreichs hängt im gegenwärtigen Augenblick
-entschieden nur von ihnen ab, ausschließlich von ihnen. Zweifellos geht
-die furchtbare unterirdische Intrige immer noch weiter, und obgleich
-ganz Europa schon von Anfang an weiß, daß die Klerikalen in der
-gegenwärtigen westeuropäischen Bewegung eine große Rolle spielen, so ist
-es diesen, glaube ich, denn doch gelungen, den _Umfang_ und die _Macht_
-dieser ihrer Rolle zu verheimlichen, sich hinter anderen zu verstecken,
-hinter dem Marschall, zum Beispiel, hinter den Bonapartisten, und das
-wird so fortdauern, bis sie das gewünschte Ziel erreicht haben. Im
-Grunde ist es ihnen ganz gleich, wer da siegt, der Marschall oder der
-Prinz. Persönliche Sympathien haben sie nicht und sollen sie auch nicht
-haben. Sie haben bloß eine Aufgabe: daß Frankreich so schnell wie
-möglich sein Schwert zieht und sich auf Deutschland stürzt. Nun, und zu
-diesem Zweck haben sie denn auch die Republikaner, die unfähig waren,
-für den Papst einzustehen, einfach beseitigt. Jetzt aber warten sie noch
-ab: wer wird schließlich für ihre Absichten vorteilhafter sein? Sollte
-der kaiserliche Prinz ihnen wirklich mehr Aussichten für den Krieg
-bieten, so werden sie sich an ihn machen und ihn nach Paris bringen,
-natürlich ohne dann noch an Mac-Mahon zu denken. Doch vorläufig scheinen
-sie sich noch an den Marschall zu halten. Bei der Gelegenheit – vor
-kurzem noch hieß es, der Marschall habe in einem Gespräch gesagt,
-selbstverständlich so, daß alle es hören konnten: „Man sagt von mir, ich
-hätte die Absicht, die republikanischen Einrichtungen zu annullieren,
-und vergißt dabei natürlich, daß ich, als ich die Präsidentschaft der
-Republik übernahm, mein Wort gegeben habe, sie zu erhalten.“ Diese Worte
-bestätigen durchaus die Annahme von der moralischen Unschuld des
-Marschalls, trotz aller Anschuldigungen der Republikaner. Als ehrlichem
-Menschen und Offizier ist ihm sein Ehrenwort heilig und er wird es
-selbstverständlich nicht brechen. Wenn er aber die Republik erhält und
-zu gleicher Zeit die Republikaner verjagt, so heißt das wohl, daß er die
-Republik ohne Republikaner fortzuführen gedenkt. Man sollte meinen,
-dieses wäre tatsächlich sein politisches Programm, und man habe ihn
-überzeugt, daß es wirklich durchführbar sei. Dieses Programm mit der
-These: „_J’y suis et j’y reste_“ – „hab’ mich mal hier hingesetzt und
-gehe nicht mehr fort“ – bildet augenscheinlich das A und O all seiner
-politischen Überzeugungen und wird es noch rund bis zum Jahre 1880
-bilden, wann die Frist für seine Präsidentschaft und folglich auch die
-für sein Ehrenwort abläuft. Dann jedoch beginnt schon der Traum ... Das
-dankbare Land wird, wenn es sieht, daß er die Präsidentschaft
-niederlegen will, ihm für die Rettung vor den Demagogen eine neue Würde
-anbieten, nun, meinetwegen die Karls des Großen, und dann wird wieder
-alles wie geölt gehen ... Selbstverständlich werden die ihn lenkenden
-Schlauköpfe, im Falle er wirklich sein Ehrenwort halten und die
-republikanischen Einrichtungen bestehen lassen wollte, ihn sofort gegen
-Bonaparte eintauschen, wenn diese Republik ohne Republikaner ihren
-weiteren Plänen unvorteilhaft sein sollte. In Anbetracht dessen haben
-sie ihn denn auch, wie es scheint, veranlaßt, die bonapartischen
-Kandidaturen zu unterstützen – natürlich mit der Versicherung, es sei
-für ihn selbst vorteilhaft. Jedenfalls bleibt er unter so unbarmherziger
-Vormundschaft, daß er auf keine Weise aus ihr heraus kann. Ja,
-irgendwelche großen, noch nie dagewesenen Ereignisse erwarten die Welt,
-man ahnt, daß die Armee in Tätigkeit treten wird, ahnt die mächtige
-Bewegung des Katholizismus. Die Gesundheit des Papstes, schreibt man,
-sei „befriedigend“. Doch wehe, wenn der Tod des Papstes mit den
-französischen Wahlen zusammenfällt, oder wenn der Papst auch nur bald
-nach ihnen stirbt. Dann kann sich die Orientfrage mit einem Schlage in
-eine europäische verwandeln ...
-
-
- Die katholische Verschwörung
-
-Den Gedanken einer katholischen Verschwörung[14] habe ich schon früher
-einmal[15] recht ausführlich behandelt, doch scheint der Hauptpunkt
-meiner Ausführungen, – daß der Kern der gegenwärtigen wie der
-bevorstehenden Ereignisse ganz Europas _in der katholischen
-Verschwörung_ und der baldigen, zweifellos mächtigen Bewegung des
-Katholizismus, die mit dem Tode des alten und der Wahl des neuen Papstes
-zusammenfallen wird, liegt, – dieser Hauptpunkt scheint übersehen worden
-zu sein. Heute bin ich noch fester von meiner Ansicht überzeugt, als vor
-zwei Monaten. Seit der Zeit ist so vieles geschehen, was mich in meiner
-Lösung des Rätsels bestärkt hat, daß ich an ihrer Richtigkeit nicht mehr
-zweifle. Seit der Zeit haben auch die Zeitungen, die unsrigen wie die
-ausländischen, angefangen über dasselbe Thema zu schreiben, – wenn auch,
-wie es scheint, immer noch nicht so recht entschlossen, die letzte
-Folgerung zu ziehen.
-
-Ich will hier eine Stelle aus dem vorzüglichen Leitartikel der „Moskauer
-Nachrichten“ anführen, die unter anderem auch die Meinungen der
-Korrespondenten englischer Blätter zitiert:
-
- Die Korrespondenten der englischen Blätter ergehen sich in recht
- aufrichtigen Erklärungen. Der Schlüssel der europäischen Politik ist
- nach ihrer Meinung in den Händen Deutschlands. Deutschland aber wäre
- aus sehr begreiflichen Gründen aufgelegt, gerade jetzt sich noch
- fester als zuvor Rußland anzuschließen. – Erstens hat man in Berlin
- bemerkt, daß die Mißerfolge der russischen Strategie Österreich
- belebt und sogar ermuntert haben, also dasjenige Land, welches, wie
- man annimmt, immer noch einigen Unwillen gegen Preußen nährt.
- Zweitens, daß die Hauptfeinde Deutschlands, Frankreich und der
- Katholizismus, ihre ganze Sympathie der Türkei entgegenbringen. Zu
- Anfang der Balkanwirren allerdings, da liebäugelte Frankreich noch
- mit Rußland, doch wenn es damals vielleicht noch einiges Wohlwollen
- für uns dort gab, so hat sich dasselbe jetzt nicht nur vermindert,
- es hat sich sogar mit dem ganzen Herzen den Türken zugewandt. Und
- was den kriegerischen Katholizismus anbetrifft, so hat er nicht erst
- jetzt, sondern von Anfang an, wie allen bekannt, leidenschaftlich
- die „rechtgläubige“ Türkei gegen das schismatische Rußland unter
- seinen Schutz genommen. Die Gesinnungslosigkeit des eifernden Klerus
- ist sogar so weit gegangen, daß sich ein Vertreter dieser Partei mit
- unmißverständlicher Zärtlichkeit über den Koran geäußert, so daß
- selbst die ultramontane „Germania“ es für nötig befunden hat,
- ähnliche Ausfälle durch die Bemerkung abzuschwächen, daß, wenn man
- sich auch der Siege der Türken über die verhaßten Russen freuen
- müsse, es doch nicht ganz angebracht sei, gleich Sympathie für den
- Islam zu bekunden. Da nun das _mot d’ordre_ des Katholizismus
- auffallend mit der Veränderung der öffentlichen Meinung Frankreichs
- zugunsten der Türken zusammenfällt, und da die Interessen des
- gleichfalls katholischen Österreichs den Interessen Rußlands
- zuwiderlaufen, so fürchtet man natürlich in Berlin die Möglichkeit
- solch einer katholischen und antideutschen Liga, in die vielleicht
- später die ultramontanen Interessen sowie die separatistischen
- Süddeutschlands und „sogar England“ hineingezogen werden könnten. So
- schreiben nämlich die englischen Korrespondenten, doch kann hierüber
- wohl kein Zweifel bestehen, daß es England ist, das die Hauptrolle
- in diesen Intrigen spielt. Also bleiben wir wieder allein mit der
- Türkei.
-
-Das ist ja alles ganz wunderschön, doch ist es einstweilen noch immer
-nicht das erklärende und letzte Wort, das zu sagen sich offenbar niemand
-getraut. Doch spricht man in diesem Leitartikel wenigstens auch von dem
-_kriegerischen Katholizismus_ und der Bedeutung, die er in den Augen
-Bismarcks hat, und von dem gegenwärtigen Einfluß des ersteren auf
-Frankreich; und endlich sogar von der Liga: daß man in Berlin _natürlich
-die Möglichkeit solch einer katholischen und antideutschen Liga fürchte,
-in die vielleicht später die Ultramontanen und die separatistischen
-Elemente Süddeutschlands und „sogar England“ hineingezogen werden
-könnten_. Nun, von einer katholischen Liga, von einem katholischen
-Komplott sprach ich ja gerade vor zwei Monaten, doch sagte ich damals
-auch mein letztes abschließendes Wort darüber: nämlich, daß gerade in
-der Verschwörung die ganze Sache bestände, daß von ihr jetzt alles in
-Europa abhänge, und daß sogar der ganze Balkankrieg sich in kürzester
-Zeit in einen alleuropäischen verwandeln könne – und dieses einzig nur
-infolge dieser mächtigen Verschwörung des sterbenden Katholizismus.
-Währenddessen wollen die englischen Korrespondenten und die „Moskauer
-Nachrichten“ diesen Gedanken gewissermaßen noch nicht zugeben, und
-letztere behaupten statt seiner sogar, daß „zweifellos England es ist,
-das die Hauptrolle in diesen Intrigen spielt“, und daß „_wir mit der
-Türkei wieder allein bleiben werden_“. – Wirklich? Steht es uns nicht
-vielleicht schon in allernächster Zukunft bevor, daß wir uns plötzlich
-nicht der Türkei, sondern ganz Europa allein gegenüber befinden?
-
-In der Tat, was ist denn das für ein „kriegerischer Katholizismus“, den
-zu bemerken und in den gegenwärtigen Ereignissen zuzugestehen, sich alle
-bequemen? Woher kommt dieser kriegerische Mut, der sogar „bis zur
-Leidenschaft“ wird, mit dem der Katholizismus die „rechtgläubige“ Türkei
-gegen das schismatische Rußland in seinen „Schutz“ nimmt? Sollte das
-wirklich nur deshalb geschehen, „weil Rußland das abtrünnige Land ist“?
-Der Katholizismus hat heutzutage so viel Scherereien und ernste Sorgen,
-daß ihm an all diese alten Kirchenstreitigkeiten nicht mal zu denken
-Zeit übrigbleibt. Doch vor allem eine Frage: Woher kommt denn diese
-„katholische Liga“, die man in Berlin so fürchtet? Übrigens, eben davon
-habe ich ja schon früher gesprochen, und meine Folgerung war damals, daß
-diese Liga, die jetzt auch schon von anderen zugegeben wird, eine feste,
-streng organisierte katholische _Verschwörung_ ist, mit der Absicht, die
-römische Weltherrschaft wiederherzustellen, ferner, daß sie sich schon
-heute über ganz Europa verbreitet hat, und daß infolgedessen der
-Schlüssel der gegenwärtigen Intrigen weder hier noch dort und nicht nur
-in England allein, sondern gerade in dieser universalen katholischen
-Verschwörung liegt!
-
-Der kriegerische Katholizismus stellt sich eifrig und „leidenschaftlich“
-gegen uns auf die Seite der Türken. Selbst in England, selbst in Ungarn
-gibt es augenblicklich keine so eifernden Hasser Rußlands, wie diese
-kriegerischen Klerikalen. Nicht irgendein Prälat, sondern der Papst
-selber hat in den Versammlungen im Vatikan freudig von den „türkischen
-Siegen“ gesprochen und Rußland eine „furchtbare Zukunft“ prophezeit.
-Dieser sterbende Greis, der sich noch dazu das „Haupt der Christenheit“
-nennt, hat sich nicht geschämt, öffentlich zu gestehen, daß er jedesmal
-freudig erregt von den Niederlagen der Russen höre. Ein so furchtbarer
-Haß wird sofort begreiflich, wenn man zugesteht, daß der römische
-Katholizismus jetzt tatsächlich „Krieg führt“, daß er in Wirklichkeit
-und mit dem Schwert in Europa gegen seine verhängnisvollen Feinde im
-Felde steht. Doch wer ist denn in Europa augenblicklich der größte Feind
-des römischen Katholizismus, das heißt, der Weltmonarchie des Papstes?
-Fraglos Fürst Bismarck. Rom selber wurde dem Papst ausgerechnet in der
-Stunde der Größe und Herrlichkeit Deutschlands und Bismarcks genommen,
-in der Stunde, da Deutschland den ersten Verteidiger des Papsttums,
-Frankreich, vernichtete, wodurch es bekanntlich dem italienischen König
-die ersehnte Freiheit zum Handeln gab – der dann auch unverzüglich Rom
-einnahm. Seit der Zeit hat Rom nur eine einzige Sorge gehabt, und zwar:
-einen Feind und Gegner Deutschlands und des Fürsten Bismarck zu finden.
-Fürst Bismarck wiederum begreift seinerseits schon längst und besser,
-als man es sich denkt, daß der römische päpstliche Katholizismus –
-abgesehen von seiner ewigen Feindschaft gegen das protestantische
-Deutschland, das seinerseits wiederum so viele Jahrhunderte lang gegen
-Rom und die römische Idee in allen ihren Gestalten und gegen alle
-Verbündeten und Beschützer und Anhänger Roms protestiert hat –, daß der
-Katholizismus namentlich _jetzt_, also in der für das geeinte
-Deutschland gefährlichsten Zeit, das allerschädlichste aller diese
-Vereinigung erschwerenden Elemente ist, mit anderen Worten, daß Rom die
-Vollendung dieses Gebäudes verhindern will, das zu errichten das
-mühevolle Lebenswerk Otto von Bismarcks gewesen ist. Außer dieser
-„Möglichkeit“ einer katholischen, antideutschen Liga fürchtet man jetzt
-in Berlin noch, was man eigentlich schon lange vorhergesehen hat: daß
-der Katholizismus, sei es früher oder später, jedenfalls aber einmal,
-die Ursache der nächsten Erhebung Frankreichs sein wird, um Rache an
-Deutschland zu nehmen, von dem es erniedrigt und besiegt worden ist –
-und daß die Veranlassung dazu der römische Katholizismus früher und
-sicherer als alle anderen Feinde geben wird, und daß folglich er die
-größte Gefahr für das geeinte Deutschland bleibt. Diese Berliner
-Befürchtung hat sich aus der ganz natürlichen Kombination ergeben, daß
-erstens das Papsttum in der Welt keinen anderen Verteidiger hat, als
-immer noch dasselbe Frankreich, das sich einzig auf sein Schwert
-verlassen kann, _wenn es ihm nur gelingt, dieses Schwert wieder fest mit
-der Hand zu fassen_, und zweitens, daß der römische Katholizismus noch
-längst kein toter Feind ist, daß er schon tausendjährig ist, daß er mit
-wahrer Leidenschaft leben will und seine Lebensfähigkeit geradezu
-großartig ist, daß er Kräfte hat in Überfülle, und daß eine so mächtige
-Idee, wie die weltliche Papstmacht, nicht in einer Minute sterben kann.
-Ja, in Berlin hat man nicht nur den Feind erkannt, sondern auch seine
-Macht. In Berlin verachtet man seine Feinde nicht vor dem Kampf.
-
-Wenn nun aber der Katholizismus mit solchem Drange leben will und leben
-muß, und wenn das Schwert, das ihn verteidigen könnte, sich nur in
-Frankreichs Hand befindet, so ist es wohl klar, daß Rom Frankreich nicht
-aus den Fingern lassen wird, besonders wenn es den günstigen Augenblick
-abwartet. Dieser günstige Augenblick kam nun im Frühling – das war der
-Russisch-Türkische Krieg, die Aufrollung der Balkanfrage. In der Tat:
-wer ist der Hauptverbündete Deutschlands? Selbstverständlich Rußland.
-Und das hat Rom vorzüglich eingesehen. Da haben wir nun den Grund, warum
-sich der Papst über die russischen „Mißerfolge“ freut: durch sie ist der
-größte Bundesgenosse des furchtbarsten Feindes der päpstlichen Macht von
-seinem uralten und natürlichsten Verbündeten durch den Krieg abgelenkt
-worden, und folglich ist Deutschland jetzt allein, – das heißt aber so
-viel, daß jetzt der Augenblick gekommen ist, den der Katholizismus so
-lange ersehnt hat. Wann sonst, wenn nicht jetzt, sollte es wohl am
-besten sein, den alten Haß zu schüren und Frankreich in den Rachekrieg
-zu treiben?
-
-Zudem nähern sich für den Katholizismus noch andere gefährliche Krisen,
-so daß es jetzt wirklich für ihn heißt: keinen Augenblick verlieren. So
-naht unaufhaltsam der Tod Pius’ IX. und damit die Wahl des neuen
-Papstes. In Rom aber weiß man nur zu gut, daß Fürst Bismarck seine ganze
-Genialität und seine ganze Kraft anwenden wird, um den letzten,
-furchtbarsten Schlag gegen die päpstliche Macht auszuführen: daß er aus
-allen Kräften die Wahl des neuen Papstes zu beeinflussen versuchen wird,
-und zwar, um ihn aus einem weltlichen Herrscher und Machthaber in nichts
-weiter als einen gewöhnlichen Patriarchen zu verwandeln, und das wenn
-möglich noch mit seiner eigenen Zustimmung – um darauf, nachdem der
-Katholizismus sich dann in zwei feindliche Lager gespalten hat, ihn
-zerbröckeln und all seine Absichten, Ansprüche und Hoffnungen auf ewig
-vernichten zu können. Wie soll sich da der Katholizismus nicht beeilen,
-alle Maßregeln, die gegen Bismarck zu ergreifen sind, so schnell wie
-möglich zu treffen! Und siehe, da kommt gerade zur rechten Zeit die
-Orientfrage dazwischen! Oh, jetzt wird man für Frankreich schon
-Verbündete, die es so lange vergeblich gesucht, mit Leichtigkeit finden
-können! Jetzt wird sich sogar eine ganze Koalition zusammentreiben
-lassen! Und wenn auch Europa von Blutströmen überschwemmt wird, – was
-hat das zu sagen! Dafür wird der Papst triumphieren, – das aber ist für
-die römischen Verkünder Christi alles!
-
-Nun, und da haben sie sich denn an die Arbeit gemacht. Als erstes,
-versteht sich, mußte man erreichen, daß Frankreich für sie einsteht. Wie
-das machen? Sie haben es verstanden! Jetzt wird es schon von allen
-Staatsmännern und der ganzen Presse zugegeben, daß die Maiumwälzung in
-Frankreich von den Klerikalen veranlaßt worden ist; nur, wiederhole ich,
-scheinen sie alle dieser Tatsache noch nicht die volle Bedeutung
-zugestehen zu wollen, die sie zweifellos in sich schließt. Man könnte
-glauben, Europa hätte sich vor vier Monaten endgültig überzeugt, daß die
-Klerikalen und der Klerus den Staatsstreich in Frankreich bloß deshalb
-gemacht, um letzterem daselbst mehr Freiheit, gewisse Nutznießungen und
-größere Rechte zu verschaffen, während es doch unmöglich ist, auch nur
-anzunehmen, daß dieser Umsturz nicht mit den allerradikalsten Zielen
-vorgenommen worden sei, um – in Anbetracht der baldigen Unruhen in der
-römischen Kirche bei Gelegenheit der Papstwahl – den möglichst
-sofortigen Ausbruch des nun nicht länger aufschiebbaren Krieges zwischen
-Frankreich und Deutschland zu bewirken! Ja! gerade den Krieg wollen sie!
-Womit die Sache auch enden mag: sie werden ihren Willen doch
-durchsetzen, werden es doch zu dem Kriege bringen, durch den, falls
-Frankreich siegen sollte, dann auch der Papst vielleicht wieder zu
-seiner weltlichen Macht kommen kann.
-
-Sie haben es bewunderungswürdig gewandt begonnen: schon allein, daß sie
-eine Zeit gewählt, in der alles zu ihrem Vorteil wie vorherbestimmt
-zusammentraf. Beginnen mußten sie unbedingt damit, daß sie die
-Republikaner, die den Papst um keinen Preis unterstützen, und die sich
-niemals zu einem neuen Krieg gegen Deutschland entschließen würden, nach
-Hause schickten. So haben sie es denn auch getan. Darauf hieß es, den
-Marschall Mac-Mahon zwingen, einen unverbesserlichen Fehler zu begehen –
-unbedingt einen unverbesserlichen –, um ihn auf einen Weg zu treiben,
-auf dem es kein Zurück mehr gibt. Das ist gleichfalls glücklich
-geschehen: er hat die Republikaner verjagt und verkündet, daß sie nicht
-mehr zurückkehren würden. So ist jetzt schon ein guter Grundstein
-gelegt, und die Klerikalen sind vorläufig zufrieden: sie wissen, daß, im
-Falle das französische Volk wieder die republikanische Mehrheit schicken
-sollte, der Marschall die Abgeordneten zurückschicken wird. Gambetta hat
-allerdings erklärt, Mac-Mahon müsse sich entweder der Entscheidung des
-Landes fügen oder seinen Posten verlassen. Dasselbe erklären nach ihm
-auch alle Republikaner; doch vergessen sie bloß, daß die Devise des
-Marschalls „_J’y suis et j’y reste_“ ist, und er sich von seinem Sessel
-nicht erheben wird. Seine Hoffnung setzt der Marschall natürlich auf die
-Ergebenheit der Armee. Dieser Ergebenheit der Armee – dem Marschall oder
-sonst wem – wollen sich nun auch die Klerikalen bedienen. Wäre nur erst
-die staatliche Umwälzung für sie vollzogen, dann könnten sie ja schon
-steuern, wohin sie wollen! Am wahrscheinlichsten ist, daß es so auch
-geschehen wird: sie werden den Usurpator einfach umringen und dann nach
-Gutdünken lenken. Doch selbst, wenn sie nicht mehr da wären, würde die
-Sache jetzt schon ohne sie ganz von selbst gehen: die gute Saat ist von
-ihnen in den richtigen Boden gesät, – wenn nur die staatliche Umwälzung
-sich vollziehen würde! Sie wissen, welch einen kolossalen Eindruck auf
-den Fürsten Bismarck _jede staatliche Veränderung in Frankreich_ macht.
-Schon 1875 wollte er Frankreich den Krieg erklären, da er fürchtete, der
-Feind könne, wenn es mit seiner Erholung und Erstarkung immer so weiter
-bergauf ginge, gar bald gefährlich werden. Die Republikaner freilich,
-die er begünstigte, hätten es um nichts in der Welt gewagt, mit ihm
-einen Krieg zu beginnen, und so war er denn bis jetzt zum Teil beruhigt,
-da er sie an der Spitze des feindlichen Reiches wußte, sogar trotz der
-von Jahr zu Jahr größeren Erstarkung desselben. Dafür aber regt ihn jede
-neue Regierungsveränderung in Frankreich natürlich ungemein auf. Und in
-welch einem Augenblick: da Deutschlands natürlicher Verbündeter durch
-den Krieg gegen die Türkei in Anspruch genommen ist, da Österreich – der
-alte Gegner Deutschlands –, in dem so viel Deutschland feindliche
-katholische Elemente stecken, plötzlich seinen Wert so hoch schätzt, und
-da England schon seit dem Ausbruch des Türkenkrieges mit einer so
-gereizten Ungeduld sich in Europa einen Bundesgenossen sucht! Wie nun,
-wird man in Berlin denken, wenn Frankreich mit seiner zukünftigen
-Regierung an der Spitze, die von den Klerikalen beherrscht und gelenkt
-wird, – wie nun, wenn Frankreich plötzlich errät, daß für den
-Vergeltungskrieg, wenn er überhaupt einmal geführt werden soll, eine
-bessere Gelegenheit, als die gegenwärtige, sich niemals mehr wird finden
-lassen, und ebensowenig jemals wieder so bedeutende Verbündete, wie
-jetzt? Und wie nun, wenn gerade zu der Zeit der Papst stirbt? Wie, wenn
-die Klerikalen die neue französische Regierung zwingen, Bismarck zu
-melden, daß seine Ansichten über die Wahl des neuen Papstes mit den
-Ansichten Frankreichs nicht übereinstimmen, – was bestimmt geschehen
-wird, wenn die Republikaner sich stürzen lassen – –? Wie, wenn auch die
-neue französische Regierung zu gleicher Zeit errät, daß sie, wenn es ihr
-gelänge – in Anbetracht der Möglichkeit, in Europa mächtige Verbündete
-zu finden – wenigstens eine der 1871 verlorenen Provinzen
-zurückzuerobern, dadurch ihre Macht und ihren Einfluß im Lande
-mindestens auf zwanzig Jahre befestigen könnte? Nun, wie soll man sich
-da nicht aufregen?
-
-Und dann gibt es hierbei noch einen kleinen Umstand: der Deutsche ist
-hochmütig und stolz, der Deutsche wird Ungehorsam nicht ertragen. Bis
-jetzt war Frankreich gehorsam unter voller Vormundschaft Deutschlands,
-gab Rechenschaft auf seine Anfragen fast über jede Bewegung, die es tat,
-mußte Entschuldigungen machen und Erklärungen schicken für jede dem
-Heere neu hinzugefügte Division, für jede neue Batterie. Und plötzlich
-erkühnt sich dieses selbe Frankreich, das Haupt zu erheben! So können
-die Klerikalen eigentlich darauf rechnen, daß Fürst Bismarck womöglich
-selber als erster den Krieg beginnen wird. Er hat es ja schon einmal tun
-wollen, – 1875. Den Krieg jetzt nicht beginnen, heißt Frankreich auf
-ewig aus den Händen lassen. Allerdings war 1875 die Situation nicht wie
-heute, doch wenn Österreich zu Deutschland hält, so ... Mit einem Wort,
-bei der kürzlichen Zusammenkunft der deutschen und österreichischen
-„Premiers“ ist wahrscheinlich nicht nur über die Balkanfrage gesprochen
-worden. Und wenn es jetzt irgendwo ein Reich gibt, das in der
-vorteilhaftesten außenpolitischen Lage ist, so ist das zweifellos
-Österreich!
-
-
- Österreichs gegenwärtige Gedanken
-
-„Wieso?“ wird man fragen.[16] „In Österreich sind jetzt Unruhen; halb
-Österreich will nicht, was seine Regierung will; in Ungarn kommt es zu
-Manifestationen; Ungarn brennt vor Begierde, mit den Türken gegen die
-Russen zu kämpfen; man hat sogar eine Verschwörung entdeckt,
-tatsächlich: eine englisch-magyarisch-polnische! Anderseits sieht die
-österreichische Regierung auch auf die slawischen Elemente, die ihr Land
-bewohnen, mit einem gewissen Mißtrauen, obgleich diese bis jetzt noch
-zur Regierung halten. Wie kann man also sagen, daß Österreich zurzeit in
-der vorteilhaftesten politischen Lage sei, in der sich ein europäisches
-Reich nur befinden kann?“
-
-Ja, das ist wahr. Wahr, daß die katholische Tätigkeit sich fraglos auch
-auf Österreich erstreckt. Die Klerikalen sind weitsichtige Leute: wie
-sollten sie die augenblickliche Bedeutung dieses Landes nicht zu
-schätzen wissen, wie sollten sie die Gelegenheit vorübergehen lassen!
-Und schon, versteht sich, haben sie die Gelegenheit benutzt, um in
-diesem katholischen „allerchristlichsten“ Lande alle möglichen Unruhen
-unter den bis zur Unkenntlichkeit verschiedensten Vorwänden, Formen und
-Ausartungen zustande zu bringen. Nun noch eines: wer weiß, vielleicht
-ist man in Österreich, obgleich man sich natürlich den Anschein gibt,
-als ärgere man sich sehr über diese Unruhen, in Wirklichkeit gar nicht
-so ungehalten über sie. Ja, vielleicht ist sogar das Gegenteil der Fall:
-man „bewahrt“ diese Unruhen _für alle Fälle_ auf, in Anbetracht dessen,
-daß sie sich in nächster Zukunft vielleicht verwerten lassen ... Am
-augenscheinlichsten ist übrigens, daß Österreich, wenn es sich auch, was
-die laufenden Angelegenheiten betrifft, in der glücklichsten politischen
-Lage fühlt, sich für eine _weitsichtige_ und sehr bestimmte Politik doch
-noch nicht entschlossen hat, sondern erst überlegt und abwartet: was
-wird ihm die _Vernunft_ zu tun raten? Sollte es sich aber doch zu irgend
-etwas Bestimmtem entschlossen haben, so wäre das wohl höchstens in
-betreff der nächstliegenden politischen Fragen der Fall – und selbst das
-nur bedingt. Überhaupt ist es in der glücklichsten Gemütsverfassung: es
-entschließt sich, ohne sich zu beeilen, es wartet ruhig, da es weiß, daß
-es alle auf sich warten macht, und alle es brauchen, es lauert auf seine
-Beute, die es selber auswählen wird, und leckt sich schon wonnig die
-Lippen beim Gedanken an die nun bald ihm zufallenden, unentwischbaren
-Bissen.
-
-Während der Zusammenkunft der Kanzler beider deutschen Reiche, die
-kürzlich stattfand, ist vielleicht sehr viel „Bedingungsweise-Mögliches“
-berührt worden. Wenigstens hat die österreichische Regierung schon in
-ihrem Lande kundgetan – doch so, daß alle Länder es hören mußten –, daß
-am Balkan nichts geschehen noch entschieden wird, was den Interessen
-Österreichs entgegen ist: ein ungemein schwerwiegender Gedanke. So ist
-Österreich schon überzeugt, ohne noch die Hand an irgend etwas gelegt zu
-haben, daß es bedeutenden Anteil an den russischen Erfolgen, falls es zu
-solchen kommen sollte, haben wird, und vielleicht noch bedeutenderen
-Anteil, falls es zu ihnen _nicht_ kommen sollte. Und das bloß mit der
-„Augenblickspolitik“! Was wird es da erst mit der ferneren Politik
-geben? – Schon jetzt brauchen alle dieses Österreich so notwendig,
-horchen auf seine Meinung, suchen seine Neutralität, machen ihm
-Versprechungen und womöglich Geschenke, und alles das dafür, daß es bloß
-stillsitzt und den Mund hält! Wie kann nun diese Macht, die sich jetzt
-so hoch schätzt, nicht auch auf die Aussichten ihrer ferneren Politik
-rechnen, die, davon bin ich überzeugt, noch allen unbekannt ist, trotz
-der freundschaftlichen Zusammenkunft der Kanzler!? Und überzeugt bin
-ich gleichfalls, daß diese Politik bis zur allerletzten,
-allerverhängnisvollsten Stunde allen unbekannt bleiben wird – was
-durchaus den alten Traditionen der österreichischen Politik entsprechen
-würde. Und habsüchtig, heißhungrig sitzt es jetzt da und lauert auf
-Frankreich und erwartet dessen Schicksal, erwartet neue interessante
-Fakta und tut’s – vor allem, vor allem nicht zu vergessen – in der
-selbstzufriedensten Gemütsverfassung. Doch nicht lange wird es so
-bleiben können: vielleicht wird es sich schon sehr bald zu einer viel
-weiter reichenden Politik entschließen müssen – und das dann endgültig:
-eine Aufregung, die in seiner Lage sogar angenehm sein mag, doch die
-nichtsdestoweniger stark sein wird. Österreich begreift doch, und
-vielleicht sogar sehr feinfühlig, daß mit jeder so leicht und so bald
-möglichen Veränderung in Frankreich, daß mit jeder neuen Regierung
-daselbst – nur nicht wieder der republikanischen – die Gefahr eines
-Zusammenstoßes Frankreichs mit Deutschland _entschieden unvermeidlich_
-ist: und das sogar in dem Falle, wenn die neuen Regenten Frankreichs für
-ihre Person den Krieg überhaupt nicht wollten und sich womöglich aus
-allen Kräften bemühen würden, den alten Zustand zu erhalten. Oh,
-Österreich ist vielleicht fähig, besser als alle anderen zu verstehen,
-daß es im Leben der Nationen solche Momente gibt, in denen schon nicht
-mehr Wille und Berechnung sie zu gewissen Taten treiben, sondern das
-Schicksal selber.
-
-Ich werde mir jetzt erlauben, aus der Phantasie heraus ein Bild von dem
-zu entwerfen, was – nach meiner Annahme – Österreich in der
-gegenwärtigen unbestimmten Stunde über diese seine _fernere_ Politik,
-für die es sich natürlich noch nicht entschieden hat, eigentlich denkt.
-Einstweilen hört es jemanden schon an die Tür klopfen, es sieht, jemand
-will unbedingt eintreten, sogar die Klinke ist schon einmal
-niedergedrückt worden, doch die Tür hat sich noch nicht geöffnet ... und
-wer eintreten wird – das weiß niemand. In Frankreich liegt das Rätsel,
-dort muß es auch zuerst gelöst werden ... Vorläufig sitzt Österreich und
-_denkt_. Ja, wie soll es da auch nicht nachdenklich werden! Wenn nun
-Deutschland und Frankreich zum Entscheidungskampf die Schwerter ziehen
-und sich aufeinander stürzen – für wen soll dann Österreich einstehen,
-auf wessen Seite Österreich sich halten? Das ist die fernere Frage und
-vielleicht – wird es sie schon sehr bald beantworten müssen!
-
-Wie soll es da nicht seinen Wert, seine Bedeutung zu schätzen wissen: zu
-wem es sich hält, der wird siegen! Was die Kanzler der beiden deutschen
-Reiche unter sich gesprochen, das kann niemand wissen, doch Andeutungen
-wird es zwischen ihnen bestimmt gegeben haben. Wie hätte es auch anders
-sein sollen! Vielleicht ist einiges auch deutlicher gesagt oder
-_vorgeschlagen_ worden – wer kann es wissen? Kurz, Geschenke und
-Belohnungen sind ihm in Mengen versprochen, und die sind so gut wie
-sicher; so kann es vollkommen überzeugt sein, daß es, wenn es
-Deutschland im Falle eines Krieges gegen Frankreich nicht verrät, dafür
-... _viel_ bekommen wird. Und zwar für eine lumpige _Neutralität_, bloß
-dafür, daß es etwa ein halbes Jahr lang stillsitzt, in Erwartung der
-Belohnung für sein artiges Betragen. – Das ist doch wirklich nicht übel!
-Denn zu einer aktiven Tätigkeit gegen Frankreich würde es, glaube ich,
-kein einziger Kanzler bringen können: solch einen Fehler wird Österreich
-nie und nimmer begehen! Nein, Österreich wird sich nicht verleiten
-lassen, mitzuhelfen, wenn Deutschland Frankreich den Todesstoß gibt, o
-nein! Vielleicht aber wird es umgekehrt in der letzten verhängnisvollen
-Sekunde durch diplomatische Verwendung Frankreich vor allzu Bösem
-beschützen und sich auf diese Weise auch von dort noch eine Belohnung
-verdienen. Es kann doch nicht _ganz ohne Frankreich_ bleiben, besonders
-nicht in der freundschaftlichen Umarmung solch eines Riesen, zu dem nach
-einem zweiten Sieg über Frankreich das junge Deutschland heranwachsen
-muß! Womöglich wird dieser Riese es dann plötzlich so umarmen und so an
-sich pressen, daß er es, aus Versehen natürlich, wie eine Fliege
-zerdrückt. Und zu der Zeit wird dann vielleicht noch ein anderer Gigant
-erwachsen, im Osten, rechts vom lieben Österreich, und sich endlich von
-seiner Lagerstätte, auf der er jahrhundertelang geschlafen hat, erheben
-...
-
-„Gutes Betragen ist eine gute Sache,“ denkt Österreich jetzt
-wahrscheinlich bei sich, „aber ...“ Es wäre nicht gut möglich, daß ihm
-nicht auch noch ein anderer Gedanke käme, übrigens ein äußerst
-phantastischer, – nämlich:
-
-„Die Umwälzung in Frankreich kann sogar schon in diesem Herbst beginnen
-und vielleicht schnell, sehr schnell beendet sein. Stürzt die Republik,
-oder bleibt sie bloß in einer nominellen, in irgendeiner absurden Form
-bestehen, so wird man es vielleicht bis zum Winter mit Deutschland schon
-zu Meinungsverschiedenheiten gebracht haben können. Jedenfalls werden
-dafür die Klerikalen sorgen, um so mehr, als der Papst bis dahin
-bestimmt gestorben sein wird und dann die Neuwahl sofort den gewünschten
-Vorwand zu Mißverständnissen und Spannungen abgeben kann. Stirbt der
-Papst jedoch nicht, so vermindern sich die Gelegenheiten, Spannungen zu
-verursachen, deshalb noch nicht im geringsten. Ist also Deutschland nur
-fest entschlossen, so kann im Frühling der Krieg ausbrechen. Am anderen
-Ende Europas ist augenscheinlich die Winterkampagne gegen die Türkei
-unvermeidlich, so daß Deutschlands Verbündeter im Frühjahr immer noch
-gebunden sein wird. Ergo, entbrennt der Revanchekrieg, so findet
-Frankreich sofort zwei Bundesgenossen: England und die Türkei.
-
-Deutschland wird folglich allein sein ... mit Italien, d. h. so gut wie
-allein. Oh, natürlich, Deutschland ist mutig und mächtig. Aber auch
-Frankreich hat Zeit gehabt, sich zu erholen: Frankreich hat eine Armee
-von einer Million, und England ist immerhin doch auch eine gewisse
-Hilfe: man wird die deutschen Häfen vor seiner Flotte beschützen müssen,
-und das fordert Mannschaften, Artillerie, Gewehre, Vorräte. Das wird
-Deutschland in irgend etwas doch ein wenig schwächen. Wie gesagt,
-Aussichten, mit Erfolg diesen Krieg zu führen, hat Frankreich auch ohne
-mich genügend, sagt sich Österreich, – wenigstens zweimal mehr als 1870,
-da es jetzt sicherlich nicht seine Fehler von damals wiederholen wird.
-Und dann, einerlei ob Frankreich besiegt wird, oder nicht, ich bekomme
-das Meine im Osten sowieso, denn: Nichts wird im Osten vor sich gehen,
-was den Interessen Österreichs zuwider ist! Das ist ja schon festgesetzt
-und unterschrieben. Aber wie, wenn ich ... im letzten ... entscheidenden
-Augenblick, ... nachdem ich vernünftigerweise die ganze Freiheit der
-Entscheidung zurückbehalten, ... plötzlich einfach für Frankreich
-eintrete und noch dazu die Klinge ziehe!?“
-
-In der Tat, was dann?
-
-Dann befindet sich Österreich sofort zwischen drei Feinden: Italien,
-Deutschland und Rußland. Rußland jedoch wird durch seinen Krieg so in
-Anspruch genommen sein, daß es eine Offensive kaum würde ergreifen
-können. Italien ist jedenfalls nicht allzusehr zu fürchten. Bleibt –
-Deutschland. Muß Deutschland dann auch gegen Österreich ein Heer
-schicken, so wird dieses doch nicht allzu groß sein, denn es braucht ja
-alle seine Kräfte gegen Frankreich. In der Tat: wollte sich Österreich
-zu einer Verbindung mit Frankreich entschließen, so würde Frankreich
-vielleicht sogar Deutschland zuerst angreifen, selbst wenn Deutschland
-den Krieg nicht einmal wollte. Frankreich, Österreich, England und die
-Türkei gegen Deutschland und Italien – das ist ja eine furchtbare
-Koalition! Erfolg wäre sehr, sehr leicht möglich. Nach einem Erfolg aber
-kann Österreich all das wiedergewinnen, was es bei Sadowa verloren hat,
-und vielleicht noch unendlich viel mehr als das. Außerdem können ihm
-seine Vorteile im Osten und all das ihm schon Versprochene gleichfalls
-nicht verloren gehen. Und die Hauptsache: es wird im katholischen
-Deutschland zweifellos großen Einfluß gewinnen. Wird dagegen Deutschland
-besiegt, oder nicht mal besiegt, sagen wir: kehrt Deutschland aus dem
-Kriege nicht ganz glücklich zurück – so ist die Einheit des Deutschen
-Reiches plötzlich stark erschüttert. Im katholischen Süden erhebt sich
-dann der Separatismus – um den sich die Klerikalen aus allen Kräften
-bemühen werden und dessen sich selbstverständlich auch Österreich
-bedienen wird: erhebt sich vielleicht sogar in solch einem Maße, daß
-zwei geeinte Deutsche Reiche entstehen, ein katholisches und ein
-protestantisches. Und darauf könnte Österreich, nachdem es sich um so
-viel Deutsche verstärkt hat, es ja auch auf seinen „Dualismus“ ankommen
-lassen: Ungarn in das alte ehrerbietige Verhältnis zu sich zurückbringen
-und, wenn das geschehen, versteht sich, auch über seine Slawen verfügen,
-und zwar jetzt endgültig und unwandelbar. Mit einem Wort, der Vorteile
-könnte es unzählige geben. Sogar in dem Fall, wenn Deutschland Sieger
-bliebe, wäre Österreich nicht so schlimm daran, denn so _entscheidend_
-wie 1871 könnte Deutschland eine so mächtige Koalition schließlich doch
-nicht besiegen: es würde auch als Sieger seine Wunden haben. So ließe
-sich denn ohne besonders furchtbare Folgen der Friede schließen. „Also,
-für wen soll ich mich entscheiden? Wie ist es besser, mit wem ist es
-vorteilhafter?“
-
-In Anbetracht der gegenwärtigen europäischen Verhältnisse, meine ich,
-sind solche Gewissensfragen in Österreich ganz zweifellos vorhanden ...
-
- * * * * *
-
-Als ich das vorhergehende Kapitel schrieb, gab es noch nicht jene
-Tatsachen und Meldungen, die jetzt so plötzlich die ganze europäische
-Presse erfüllen, so daß alles, was ich damals noch mehr mutmaßlich
-sagte, jetzt schon beinahe pünktlich eingetroffen ist. Mein Artikel wird
-erst im nächsten Monat, am 7. Oktober, erscheinen, heute haben wir erst
-den 29. September, und meine sogenannten „Prophezeiungen“, zu denen ich
-mich nicht ohne Risiko hatte verleiten lassen, werden teilweise schon
-als veraltete Tatsachen bekannt sein. Darum erlaube ich mir, meine Leser
-an meine Ausführungen im Mai zu erinnern. Fast alles, was ich damals
-über die nächste Zukunft Europas geschrieben, hat sich entweder schon
-bestätigt oder beginnt gerade, sich zu bestätigen. Und doch hörte ich
-damals strenge Urteile über diesen Artikel, allerdings von Privatleuten,
-die ihn eine „phantastische Übertreibung“ und ein „verschrobenes
-Hirngespinst“ nannten. Über die Macht und die Bedeutung der klerikalen
-Verschwörung wurde einfach gelacht und eine „Verschwörung“ überhaupt
-nicht anerkannt. Übrigens hatte ich vor zwei Wochen Gelegenheit, die
-Meinung einer „kompetenten“ Persönlichkeit zu hören, die dahin lautete,
-daß der Tod und die Neuwahl des Papstes an sich vollkommen bedeutungslos
-seien und in Europa unbemerkt vorübergehen würden. Jedoch ist schon
-jetzt bekannt, welch eine Bedeutung Fürst Bismarck ihnen beilegt, und
-was in Berlin mit Crispi gesprochen worden ist. Ich habe in meinem
-Maiartikel gesagt, Fürst Bismarck hätte sofort nach dem
-Deutsch-Französischen Kriege begriffen, daß der furchtbarste Feind des
-neugeeinten Deutschlands kein anderer ist als der römische
-Katholizismus, der zu allererst den Vorwand abgeben werde zum großen
-„Vergeltungskrieg“ und gesamteuropäischen Weltkrieg. Dieses fand man
-unsinnig, ungereimt, usw., usw. Und das alles, weil ich es zu einer Zeit
-geschrieben, da noch niemand, weder bei uns noch in der europäischen
-Presse, sich wegen dieser Frage zu beunruhigen gedachte, – trotz des
-Orientkrieges, der schon ausgebrochen war und alle Welt besorgt machte.
-Alle glaubten damals, er würde auch dort fern im Orient enden, und auch
-jetzt noch glaubt vielleicht niemand ernstlich an die Gewißheit eines
-europäischen Krieges in nächster Zukunft. Im Gegenteil, man lenkte noch
-kürzlich ernstlich die Aufmerksamkeit auf die Meinung jener Engländer,
-die es ja wissen mußten, daß Rußland und die Türkei sehr wohl noch vor
-dem Winter Frieden schließen könnten. So ist es denn vielleicht
-überflüssig, daß ich mein Kapitel für überlebt halte: obgleich die
-ersten Fakta sich schon gemeldet haben, obgleich über ganz Europa etwas
-Unheilvolles heraufzieht, und der Ausbruch vielleicht eines Weltkrieges
-nicht mehr fern ist, bin ich doch überzeugt, daß viele auch jetzt noch
-meine Erklärungen dieser Fakta abermals für erdichtet, lächerlich,
-phantastisch und übertrieben halten werden, denn alle halten sie ja das
-Vorsichgehende für unvergleichlich bedeutungsloser, als es in
-Wirklichkeit ist. Da nähern sich zum Beispiel die Wahlen in Frankreich,
-und vielleicht schickt das Land wieder die frühere republikanische
-Mehrheit in die Kammer, was sehr leicht geschehen kann, und dann – davon
-bin ich so gut wie überzeugt – wird man sofort versichern, daß alles
-glücklich beendet sei, daß der Himmel sich aufgeklärt und Mac-Mahon sich
-gefügt habe, daß die _machtlosen_ Klerikalen schmählich abgezogen seien,
-und in Europa wieder Friede und „Gesetzlichkeit“ oder „Rechtmäßigkeit“
-herrsche. Alle meine „Erfindungen“ werden sich dann wieder als „Produkte
-müßiger Einbildungskraft“ erwiesen haben. Wieder wird man sagen, daß ich
-Dingen, die womöglich schon geschehen sind, eine ungenaue Bedeutung
-zugeschrieben, und vor allem eine, die ihnen sonst nirgendwo
-zugeschrieben wird. Doch warten wir lieber die Ereignisse ab, bevor wir
-urteilen, welche Deutung die richtige ist. Zur Übersicht aber werde ich
-versuchen, zum Schluß noch einmal die Richtung und besondere Art dieses
-vor allen sich öffnenden Weges zu zeigen – den zu betreten allen, ob sie
-wollen oder nicht, bestimmt zu sein scheint. Ich tue es zur besseren
-Übersicht, damit man später vergleichen und prüfen kann. Es ist zudem
-nur eine einfache Zusammenfassung dieses selben Kapitels.
-
-1. Der Weg beginnt in Rom und führt aus dem Vatikan, wo der sterbende
-Greis, das Haupt der ihn umringenden Jesuiten, diesen Weg schon längst
-bezeichnet hat. Als die Orientfrage aufgeworfen wurde, begriffen die
-Jesuiten gar bald, daß die günstigste Zeit angebrochen sei. Auf dem
-vorgezeichneten Wege machten sie sich in Frankreich an ihr Werk und
-brachten es in solch eine Lage, daß sein baldiger Krieg mit Deutschland
-nun so gut wie sicher ist, selbst dann, wenn es ihn überhaupt nicht
-will. All das ist vom Fürsten Bismarck schon lange, lange vorhergesehen
-worden. Wenigstens scheint nur er allein, und vielleicht schon vor
-mehreren Jahren, seinen größten Feind entdeckt und durchschaut zu haben
-und damit auch die große Bedeutung jenes letzten Kampfes ums Dasein, den
-der _päpstliche Katholizismus_, vor seinem Untergange, in allernächster
-Zukunft mit der Welt aufnehmen wird.
-
-2. Dieser vom Schicksal bestimmte Kampf spitzt sich im gegenwärtigen
-Augenblick schon zu, und die Notwendigkeit, die letzte Schlacht zu
-schlagen, naht mit furchtbarer Schnelligkeit. Frankreich ward ausersehen
-und bestimmt für den ungeheuren Kampf – und der Kampf wird stattfinden.
-Der Kampf ist unvermeidlich, darüber besteht kein Zweifel. Allerdings
-gibt es noch eine kleine, kleinste Möglichkeit, daß er aufgeschoben wird
-– doch das dann gewiß nur auf die allerskürzeste Zeit. In jedem Fall ist
-er _unvermeidlich_ und _nahe_.
-
-3. Sowie der Kampf beginnt, wird er sich sofort in einen alleuropäischen
-verwandeln. Die Orientfrage und der Orientkampf werden durch die Macht
-des Schicksals mit dem alleuropäischen Kampf zusammenfließen. Eine der
-wichtigsten Episoden dieses Kampfes wird die definitive Entscheidung
-Österreichs sein: zu welcher Partei soll es sich halten? Doch der
-allerwesentlichste Teil dieses letzten Kampfes wird einerseits darin
-bestehen, daß durch ihn die tausendjährige römisch-katholische Frage
-gelöst wird, und daß das östliche Christentum durch den Willen der
-Vorsehung seinen Platz einnehmen kann. Auf diese Weise erweitert sich
-unsere russische Orientfrage zu einer universalen Frage mit
-ungewöhnlicher vorbestimmter Bedeutung, wenn sich diese Bestimmung auch
-vor blinden Augen vollzogen hat, die sie nicht anerkennen, und die fähig
-sind, bis zur letzten Stunde das Sichtbare nicht zu sehen, und den Sinn
-des Vorherbestimmten nicht zu begreifen. Endlich –
-
-4. – Möge man das für die phantastischste meiner Annahmen halten, ich
-bin im voraus damit einverstanden –: Ich bin überzeugt, daß der Kampf
-zugunsten des Ostens enden wird, zugunsten des östlichen Bundes, daß
-Rußland nichts zu fürchten hat, wenn der orientalische Krieg mit dem
-alleuropäischen zusammenfließt, und daß es sogar besser ist, wenn die
-Sache derart entschieden wird. Es ist furchtbar, daß so viel wertvolles
-Menschenblut fließen muß! Doch kann die Überzeugung, daß dieses
-vergossene Blut Europa vor zehnfach größerem Blutvergießen bewahrt, wenn
-sich die Sache hinausschieben und nochmals hinziehen würde, immerhin zum
-Trost gereichen, um so mehr, als dieser große Kampf zweifellos schnell
-enden wird. Dafür aber wird auf einmal so vieles endgültig entschieden –
-die römisch-katholische Frage samt dem Schicksal Frankreichs, die
-deutschen, die orientalischen und die mohammedanischen Fragen – so viel
-Angelegenheiten werden in Ordnung gebracht, Probleme, die im alten Gang
-der Dinge ganz unlösbar waren. Und dermaßen wird sich Europas Angesicht
-verändern, so viel neues Zukünftiges wird in den Beziehungen der
-Menschen einsetzen, daß es vielleicht unnütz ist, zu trauern und vor
-diesem letzten Kampf des alten Europas am Vorabend seiner sicheren und
-großen Erneuerung zurückzuschrecken.
-
-Zum Schluß füge ich noch eine Erwägung hinzu: wenn man es als Regel
-annimmt, daß man über alle Weltereignisse (sogar über die, welche schon
-auf den oberflächlichsten Blick von allergrößter Wichtigkeit zu sein
-scheinen) unbedingt nach dem Prinzip: „heute so wie gestern, und morgen
-so wie heute,“ urteilen muß, so wird es dann wohl augenscheinlich
-werden, daß diese Regel entschieden der Geschichte der Nationen und der
-Menschheit widerspricht. Währenddessen wird gerade dieses Prinzip von
-der sogenannten realen, nüchternen „gesunden Vernunft“ vorgeschrieben,
-so daß fast ein jeder, der sich erdreistet, anzunehmen, eine Sache
-könnte am nächsten Tage vor aller Augen vielleicht anders erscheinen,
-als am Tage vorher, verlacht und ausgepfiffen wird. Sogar jetzt, da doch
-schon die Tatsachen sprechen, glauben noch sehr viele, daß die klerikale
-Bewegung die kleinlichste Sache sei, daß Gambetta eine Rede halten, und
-alles wieder so wie gestern seinen alten Gang nehmen werde, daß unser
-Krieg mit der Türkei sehr, sehr leicht vor dem Winter beendet sein
-könne, und dann wieder das Börsenspiel beginnen, der Rubel erheblich
-steigen wird, wir wieder ins Ausland reisen werden usw. Die
-Undenkbarkeit der Fortdauer der alten Verhältnisse war in Europa vor der
-ersten Französischen Revolution für die führenden Geister eine auf der
-Hand liegende Wahrheit. Währenddessen aber – wer konnte am Vorabend der
-Einberufung der Etats Généraux die Form voraussehen, die die Situation
-beinahe schon am zweiten Tage annahm? Und als die Situation sich
-verändert hatte, wer hätte dann das Erscheinen Napoleons I. prophezeien
-können, der doch im Grunde wie ein vorherbestimmter Vollender der ersten
-historischen Phase derselben Tat, die 1879 begonnen worden war,
-eingriff? Ja, selbst zur Zeit Napoleons I. schien es in Europa
-vielleicht jedem einzelnen, daß sein Erscheinen ein vollkommener Zufall
-war, der nicht im geringsten mit diesem selben Weltgesetz verbunden sein
-konnte, nach dem sich zu verändern der Alten Welt seit dem Ende des
-vorigen Jahrhunderts vorherbestimmt war.
-
-Ja, auch jetzt klopft jemand an die Tür, irgendwer, ein neuer Mensch,
-mit einem neuen Wort. Er will die Tür öffnen und eintreten ... Wer aber
-ist Er – das ist die Frage: ist es ein ganz neuer Mensch, oder einer,
-der wieder uns allen, uns alten Menschen, gleicht!?
-
-
-
-
- Zweiter Teil.
-
- Russisches
-
-
- Vom russischen Volk
-
-
- Davon, daß wir gute Menschen sind.
-
- Die Ähnlichkeit der russischen Gesellschaft mit dem Marschall
- Mac-Mahon[17]
-
-Ja, in der Tat: sind wir nicht alle gute Menschen, – nun, versteht sich,
-ausgenommen die schlechten? Ich füge sogar noch hinzu: es gibt bei uns
-überhaupt keine schlechten Menschen, sondern nur untaugliche. An die
-wirklich Schlechten reichen wir gar nicht hinan! Denken Sie nach, lachen
-Sie nicht über mich: aus Mangel an schlechten Menschen waren wir
-seinerzeit sehr bereit, verschiedene wirklich schlechte Menschen
-hochzuschätzen, wie es gewisse Typen unserer Literatur beweisen, die
-größtenteils der ausländischen entlehnt worden sind. Oh, nicht genug
-damit, daß wir sie schätzten, nein, sklavisch versuchten wir, sie im
-wirklichen Leben zu kopieren. Beinahe waren wir schon nicht mehr wir
-selbst, nicht mehr Russen! Erinnern Sie sich nur dieser vielen
-Petschorins, die es bei uns gab, die angeregt durch die Lektüre von
-Lermontoffs „Helden unserer Zeit“ in Wirklichkeit Schlechtigkeiten
-vollführten. Der Ahnherr all dieser schlechten Menschlein in unserer
-Literatur ist wohl der Typ Silvio, den unser herrlicher Puschkin dem
-Engländer Byron entlehnt hatte.
-
-Wenn wir diese schlechten Menschen so achteten, so geschah es nur
-deshalb, weil diese Menschen eines andauernden Hasses fähig waren, im
-Gegensatz zu uns Russen, die wir nun einmal nicht richtig hassen können
-und uns darum damals nicht wenig selbst verachteten. Der russische
-Mensch ist in der Tat nicht imstande, ernstlich und lange zu hassen,
-weder Menschen noch Laster, weder Unwissenheit noch Despotismus, noch
-tiefsten Obskurantismus. Bei uns ist man sofort bereit, sich zu
-versöhnen, gleich bei der ersten Gelegenheit sogar. Oder ist das nicht
-wahr? In der Tat, warum sollte einer den anderen hassen? Wegen
-schlechter Handlungen etwa? Nun, lassen wir dieses Thema lieber, es ist
-zu zweischneidig. Und der Haß der Überzeugung? An _den_ Haß glaube ich
-schon gar nicht bei uns. Früher einmal, gewiß, gab es bei uns Slawophile
-und Westler, und die haßten sich sehr – aber dann, als es mit der
-Aufhebung der Leibeigenschaft auch mit der Reform Peters des Großen zu
-Ende ging, und ein allgemeines „_sauve qui peut_“ eintrat, da waren
-Slawophile und Westler einig in demselben Gedanken, daß man jetzt alles
-vom Volke selbst erwarten müsse, daß es auferstehen werde, und daß nur
-das Volk allein uns in allem das letzte Wort sagen könne. Darüber hätten
-sich die Slawophilen und Westler ja nun versöhnen können, aber das ging
-auch wieder nicht an, denn die Slawophilen glauben an das Volk, weil sie
-das Eigene und Eigenartige seiner Anlagen anerkennen. Die Westler
-dagegen lassen sich nur unter der Bedingung herbei, an das Volk zu
-glauben, daß man ihm alles Eigene und Eigenartige nimmt. Und siehe da,
-der Kampf dauert fort. Doch an diesen Haß: Kampf gegen Kampf und Haß
-gegen Haß, an den glaube ich, wie gesagt, _nicht_. Warum können sich die
-Streitenden nicht auch zu gleicher Zeit liebhaben? Das geschieht bei uns
-nur zu oft in den Fällen, in denen sich gute, allzu gute Menschen
-streiten. Und warum sollten wir nicht gute Menschen sein? Auch streiten
-wir uns doch hauptsächlich nur, weil jetzt eine Zeit angebrochen ist,
-die von uns nicht mehr Theorien und Kritik, sondern Taten und praktische
-Entschlüsse verlangt. Plötzlich hatte man bei uns das Bedürfnis nach
-grundlegenden Worten über Pädagogik, Eisenbahnen, Semstwo, Hygiene und
-hundert andere Themata. Und alles wollte man _sofort_ wissen, möglichst
-schnell, um nicht die Arbeit aufzuhalten. Da wir aber alle, nach
-hundertjähriger Entwöhnung von jeglicher Arbeit, sogar von der
-kleinsten, uns als dazu unfähig erwiesen, so war es nur natürlich, daß
-wir uns gegenseitig in die Haare gerieten – und zwar stritt im
-allgemeinen derjenige am meisten, der sich zu ihr am allerunfähigsten
-erwies. Was ist dabei Schlechtes, frage ich Sie? Das ist doch bloß
-rührend und weiter nichts. Sehen Sie die Kinder an: die streiten sich
-nur dann, wenn sie noch nicht gelernt haben, ihre Gedanken auszudrücken:
-genau so machen wir es. Und es ist auch gar nichts Unerfreuliches dabei,
-im Gegenteil, es zeugt ja nur von unserer Frische und Unberührtheit und
-Jugend. In unserer Literatur beispielsweise beschimpft man sich aus
-Mangel an Gedanken buchstäblich mit allen Schimpfwörtern auf einmal: ein
-äußerst naives Verfahren, das man sonst nur bei den Urvölkern findet.
-Doch auch darin liegt beinahe etwas Rührendes, diese Unerfahrenheit,
-dieses kindliche Unvermögen sogar – sich tüchtig auszuschimpfen. Ich
-scherze durchaus nicht, und ich spotte über niemanden. Es ist aber bei
-uns allerorten ein ehrliches Wünschen und Erwarten des Guten. Das ist
-gewiß wahr. Der Wunsch nach allgemeiner Arbeit und allgemeinem
-Wohlergehen steht über jeglichem Egoismus. Die naivsten Wünsche werden
-wach, und alles ist voller Glauben bei uns. Es gibt bei uns keinen
-Kastengeist, oder höchstens nur in ganz kleinen und seltenen
-Erscheinungen, die kaum bemerkt werden. Das ist sehr wichtig! Doch genug
-davon. Weshalb sollte also noch von einem wirklichen Haß die Rede sein?
-Die Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit unserer Gesellschaft unterliegt nicht
-nur keinem Zweifel, sondern fällt geradezu auf. Beobachten Sie doch nur,
-und Sie werden bemerken, daß der Glaube an die Idee, an das Ideal allem
-persönlichen, materiellen Wohlergehen vorangeht. Oh, natürlich, den
-schlechten Menschen gelingt es auch bei uns, ihre Geschäftchen
-abzuwickeln, Geschäftchen gerade im eigennützigsten Sinne, und in
-unserer Zeit, scheint es, mehr denn je. Doch dafür beherrschen diese
-nichtsnutzigen Menschen niemals die Meinung, gehen nie der Gesellschaft
-irgendwie voran, sondern sind selbst dann, wenn sie auf der sogenannten
-Höhe des Lebens stehen, überhäuft mit allen Ehren – selbst dann sind sie
-noch genötigt, sich dem Tone der Idealisten, der Jungen und Abstrakten,
-diesen in ihren Augen nur lächerlichen Menschen, irgendwie anzupassen.
-In diesem Sinne gleicht unsere Gesellschaft durchaus unserem einfachen
-Volke, darin liegt der Hauptpunkt seiner Einheit mit dem Volke, das auch
-seinen Glauben und seine Ideale höher schätzt als alles Materielle und
-Vergängliche. Der Idealismus ist ihm lieb, hier wie dort: ist der
-Idealismus _verloren_, so kann man ihn mit keinem Gelde zurückkaufen.
-Wenn unser Volk auch von seinen Lastern geknechtet wird, jetzt
-vielleicht mehr denn je, und wenn es auch noch in einer richtigen
-Anarchie lebt, so hat doch selbst der letzte Schurke bei uns noch
-niemals gesagt: „So wie ich es mache, ist es richtig.“ Im Gegenteil,
-immer weiß er und seufzt selbst darüber, daß er schlecht ist, und daß es
-ein Gutes in der Welt gibt, das besser ist als er und alles, was er tut.
-Der Glaube an die Ideale ist in unserem Volke unerschütterlich.
-Verbessert seine Lage, verringert die Lasterhaftigkeit, und das
-Volk wird sich aufrichten! Die Ideale aber stehen dann noch
-unerschütterlicher und heiliger da als je vorher. Unsere Jugend sucht
-große Taten und bringt ihren Ideen alles zum Opfer. Unser
-zeitgenössischer russischer Jüngling, von dem so viel in verschiedenem
-Sinne gesprochen wird, vergöttert oft das allersimpelste Paradox und
-weiht ihm sein Leben und sein Schicksal, nur, weil er das Paradox für
-eine Wahrheit hält. Es fehlt ihm nur noch an Aufklärung, aber das Licht
-wird sich schon verbreiten, und andere Anschauungen werden dann ganz von
-selbst auftauchen, und die Paradoxe werden verschwinden. Die Reinheit
-seines Herzens jedoch bleibt und damit auch der Durst in ihm nach Taten
-und Opfer: das aber ist das Gute. Nichtsdestoweniger gibt es eine Frage,
-die bei uns bis jetzt noch nicht beantwortet ist. Alle nämlich, die wir
-das Wohl aller und die Besserung der allgemeinen Lage in unserem Lande
-und unserem Volke wünschen – worin sehen wir nun die Mittel zu diesem
-Wohl und zu dieser Besserung? Man muß leider gestehen, daß bei uns in
-dieser Hinsicht noch wenig geschehen ist, und daß unsere Gesellschaft in
-diesem Sinne – dem Marschall Mac-Mahon sehr ähnlich sieht. Auf einer
-seiner Reisen durch Frankreich erklärte der ehrenwerte Marschall
-unlängst in einer feierlichen Rede, als Antwort auf eine Ansprache
-irgendeines Maires – die Franzosen sind ja solche Liebhaber von
-feierlichen Reden und Ansprachen –, daß nach seiner Meinung die ganze
-Politik in dem einen Worte enthalten sei: „Die Liebe zum Vaterlande“.
-Ein sehr sinniger Ausspruch, meine ich, in einem Augenblicke, da ganz
-Frankreich gespannt darauf wartet, was er sagen wird. Eine wichtige
-Behauptung, unbestreitbar lobenswert, aber – sonderbar unbestimmt. Der
-Maire hätte seiner Exzellenz antworten können, daß man mit derselben
-Liebe auch das Vaterland zugrunde richten könnte. Aber der Maire
-erwiderte nichts, vielleicht aus Angst, die Antwort zu erhalten: „_J’y
-suis et j’y reste_“, eine Phrase, über die der ehrenwerte Marschall nun
-einmal nicht hinauskommt. Nun, und gerade so steht es mit unserer
-Gesellschaft: wir alle verstehen uns in der Liebe zum Vaterlande oder
-zur „allgemeinen Sache“ – Worte tun’s nicht! Worin bestehen aber die
-Mittel, und nicht nur die Mittel, sondern worin besteht die allgemeine
-Sache selbst? Darüber herrscht bei uns, meines Erachtens, gerade solch
-eine Unklarheit, wie bei dem Marschall Mac-Mahon.
-
-
- Von der Liebe zum Volke.
-
- Der unumgänglich notwendige Vertrag der Gesellschaft mit dem
- Volke
-
-Vor kurzem schrieb ich, daß unser Volk noch roh und unwissend sei und
-dem Laster ergeben: „ein Barbar, der das Licht erwartet,“ wie ich mich
-ausdrückte! Bald darauf habe ich in der „Hilfe“ einen Artikel Konstantin
-Akssakoffs, unseres unvergeßlichen und allen Russen teuren Verstorbenen,
-gelesen, nach welchem unser russisches Volk schon lange aufgeklärt und
-gebildet sein soll. Ist nun dieser augenscheinliche Gegensatz meiner
-Meinung und derjenigen Konstantin Akssakoffs ein Widerspruch? Nicht im
-geringsten: ich teile seine Ansicht vollständig und fühle ihre Wahrheit
-schon lange. Trotzdem aber bleibt doch der Widerspruch? Gewiß – darin
-besteht gerade mein Geheimnis: während nach der Meinung anderer diese
-beiden Behauptungen unvereinbar scheinen, behaupte ich das Gegenteil. In
-dem russischen Menschen, in dem Volke muß man eben die Schönheit dieser
-Barbarei zu sehen verstehen. Der ganzen russischen Geschichte nach war
-unser Volk so dem Laster ergeben und dermaßen verdorben, verirrt und
-ständig gequält und gepeinigt, daß es wunderbar ist, wie es überhaupt
-noch sein menschliches Aussehen hat bewahren können, und nicht nur das
-allein, sondern auch noch seine volkliche Schönheit. Die aber hat es
-sich wirklich bewahrt! Wer ein aufrichtiger Freund des Volkes ist, wem
-das Herz nur einmal für die Leiden des Volkes geschlagen hat, der
-versteht es und wird auch den Schmutz entschuldigen, in den unser Volk
-gesunken ist, und die Perlen trotzdem zu finden wissen. Ich wiederhole
-es: Richtet nicht das russische Volk nach seinen Fehlern und Lastern,
-sondern beurteilt es nach seinen großen und heiligen Idealen, nach denen
-es in seinem Schmutze lechzt. Und es gibt in unserem Volke nicht nur
-Schurken und Verbrecher, sondern auch Heilige, die uns voranleuchten und
-unser Dunkel erhellen! Und ich glaube tief und fest, daß es bei uns
-keinen Schurken gibt, der nicht wüßte, daß er schlecht und gemein ist.
-Bei den anderen Völkern ist es anders: wenn dort jemand eine Gemeinheit
-vollführt, so stellt er sie zum Prinzip auf, bejaht sie, behauptet, daß
-in ihr die Ordnung und das Licht der Zivilisation läge – und der
-Unglückliche kommt schließlich so weit, daß er daran blind und sogar
-ehrlich glaubt. Nein, beurteilen Sie unser Volk nicht danach, wie es
-ist, sondern danach, wie es sein möchte. Seine Ideale sind stark und
-heilig, und sie retteten das Volk in all diesen Jahrhunderten vor dem
-Elend und dem völligen Untergang. Sie wuchsen mit seiner Seele zusammen
-und gaben ihr bis in alle Ewigkeit Einfachheit, Gutmütigkeit und
-Aufrichtigkeit und einen weiten, offenen Verstand – und alles das in
-einer anziehenden, zusammenklingenden, einer schönen Vereinigung. Und
-wenn trotzdem so viel Schmutz in dem russischen Menschen ist, so leidet
-er darunter selbst am meisten: er glaubt und hofft, daß das nur zeitlich
-und eine teuflische Versuchung sei, daß die Dunkelheit, die ihn umgibt,
-einmal aufhören und das ewige Licht dann auch auf ihn herniederscheinen
-werde. Ich will noch nicht einmal von seinen historischen Idealgestalten
-reden, von Feodossij Petscherski[18] oder Tichon Sadonski.[19] Übrigens:
-wie viele von uns kennen denn überhaupt einen Tichon Sadonski? Warum
-liest man nie etwas von ihm? Glauben Sie mir, Sie würden zu Ihrem
-Erstaunen wunderbare Sachen erfahren. Und abgesehen von diesen
-Volksheiligen: wie steht es mit unserer Literatur? Alles, was in ihr
-wahrhaft schön ist, das ist aus dem Volke genommen. Der Typ Belkin von
-Puschkin zum Beispiel! Bei uns ist alles von Puschkin. Seine Umkehr zum
-Volke, schon in der frühesten Zeit seiner Tätigkeit, ist so beispiellos
-und Erstaunen erregend und bedeutete einen für die damalige Zeit so
-unerwarteten und neuen Schritt, daß sie sich, wenn nicht durch ein
-Wunder, dann eben nur durch seine geniale Größe erklären läßt, die wir
-nur, füge ich hinzu, bis jetzt noch nicht die Kraft hatten, richtig zu
-werten. Erinnern Sie sich der „Oblomoffs“ von Gontscharoff, der „Väter
-und Söhne“ von Turgenjeff. In denen ist freilich nicht vom Volke die
-Rede, aber alles, was in den Typen Turgenjeffs und Gontscharoffs Ewiges
-und Schönes ist, das liegt dort, wo sie sich mit dem Volke kreuzen. Nur
-die Berührung mit dem Volke gibt ihnen diese ungewöhnliche Kraft. Diese
-Typen haben seine Gutmütigkeit, Reinheit und Bescheidenheit, die Weite
-seines Verstandes und seiner Güte, im Gegensatz zu allem Unnatürlichen
-und Falschem angenommen. Wundern Sie sich bitte nicht, daß ich plötzlich
-von unserer Literatur spreche; aber ihr gebührt das Verdienst, daß sie
-in ihren besten Vertretern und früher als unsere ganze Intelligenz,
-bemerken Sie das wohl, sich vor der Wahrheit des Volkes gebeugt und die
-Ideale des Volkes als die wahrhaft schönen anerkannt hat. Es ist wahr,
-daß unsere Dichter zum Teil dazu genötigt waren und es wohl mehr aus
-künstlerischem Instinkt, als aus gutem vaterländischem Willen taten.
-Doch genug von der Literatur – sprach ich von ihr doch nur im großen
-Zusammenhange mit dem Volke und mit der allgemeinen Frage der russischen
-Volklichkeit!
-
-Diese Frage und das richtige Verständnis derselben ist für uns jetzt das
-Wichtigste: von ihr hängt unsere ganze, auch die praktische Zukunft ab.
-Aber das Volk ist für uns alle noch immer Theorie und ein Rätsel. Wir
-alle, wir Freunde des Volkes, sehen auf das Volk wie auf eine Theorie,
-und niemand liebt daher dasselbe so, wie es in der Tat ist, sondern so,
-wie er es sich vorstellt. Wenn das russische Volk in der Folge sich
-nicht als dasjenige erweisen sollte, als das ein jeder von uns es sich
-vorstellt, so würden wir, ungeachtet unserer vermeintlichen Liebe zu
-ihm, uns sofort und ohne jegliches Bedauern von ihm abwenden. Ich
-behaupte das von allen, die Slawophilen nicht ausgenommen: ja, die
-würden es vielleicht sogar noch früher tun als alle anderen. Was mich
-anbelangt, so verhehle ich nicht meine Überzeugung, und um
-Mißverständnissen vorzubeugen, weise ich geradezu auf sie hin. Ich
-glaube nämlich, daß wir Intellektuellen kaum so gut und vortrefflich
-sind, um uns als Ideal vor das Volk hinstellen und von ihm ohne weiteres
-verlangen zu können, daß es gerade so werde, wie wir sind. Wundern Sie
-sich nicht über die Frage (man ist ihr noch nie bei uns begegnet): „Wer
-ist besser – wir oder das Volk? Sollen wir uns nach dem Volke richten
-oder das Volk sich nach uns?“ Das ist die Frage, die uns jetzt alle
-beschäftigt, wenigstens diejenigen unter uns, die nicht aller Gedanken
-bar sind und die Sache des russischen Volkes in ihrem Herzen tragen.
-Denen kann ich auch aufrichtig antworten: daß wir uns vor dem Volke
-beugen müssen und von ihm alles zu erwarten haben, unsere Gedanken und
-Vorstellungen, daß wir uns vor der Wahrheit des Volkes beugen und sie
-als _unsere_ Wahrheit anerkennen müssen, selbst in dem Falle, wenn sie
-zum Teil aus dem Leben der Volksheiligen käme. Mit einem Wort, wir sind
-die verirrten Kinder, die zweihundert Jahre nicht zu Hause waren, aber
-doch als Russen zurückkehrten, – was unser einziges Verdienst ist. Aber
-wir können uns nur unter einer Bedingung vor dem Volke beugen und das
-_sine qua non_: daß das Volk auch das von _uns_ annimmt, was wir ihm
-Gutes mitgebracht haben. Ganz vernichten und aufgeben können wir uns
-doch nicht, selbst vor einerlei welcher Wahrheit des Volkes nicht; sonst
-behalten wir lieber das Unserige für uns, und müßten wir auch im
-äußersten Falle auf das Glück einer Vereinigung mit dem Volke
-verzichten. Dann mögen wir eben beide untergehen. Aber zu diesem
-Äußersten wird es nie kommen. Ich bin überzeugt, daß auch das Unserige,
-das wir mitbringen, in der Tat etwas ist: nicht ein Hirngespinst etwa,
-sondern daß es Bild, Form und Gewicht hat. Nichtsdestoweniger bleibt vor
-uns das Rätsel bestehen, das uns auf seine Lösung warten läßt – und es
-ist angstvoll, zu warten. Zweifel an der Zivilisation tauchen auf. Man
-behauptet, daß die Zivilisation das Volk verderbe. Der Gang der Dinge
-wäre danach der, daß neben der Erlösung und dem Lichte auch viel
-Falsches und Unwahres und eine große Unruhe heraufzöge. Nur den
-zukünftigen Geschlechtern würde ihr guter Samen aufgehen, aber uns und
-unseren Kindern drohe Verderben. Ist das auch Eure Meinung, die Ihr
-dieses lest? Ist es unserem Volke bestimmt, noch eine neue Phase von
-Lüge und Verderbnis durchzumachen, wie wir sie mit dem europäischen
-Pfropfreis von Zivilisation schon durchgemacht haben? Ich glaube,
-niemand wird es bestreiten, daß bei uns die Zivilisation zunächst mit
-der Sittenverderbnis anfing. Doch ich glaube auch, daß unser Volk von
-einer so ungeheuren Größe und Tiefe ist, daß alle neuen trüben und
-unreinen Ströme, die es aufnimmt, in ihm verschwinden werden, und es nur
-reine und klare wiederausströmen wird. Lassen Sie uns zusammenwirken,
-reichen Sie mir dazu die Hand, auf daß ein jeder mit seiner kleinen
-Arbeit das Seine beisteuere, auf daß die Dinge sich gerade und immer
-fehlerloser entwickeln! Wir selbst verstehen davon wenig: wir „lieben
-nur unser Vaterland“. In den Mitteln, ihm zu helfen, stimmen wir nicht
-überein und werden nicht aufhören, uns darüber zu streiten: aber nun ist
-doch wenigstens schon einmal ausgemacht, daß wir gute Menschen sind, und
-schließlich muß doch alles zu einer Ordnung kommen. Daran glaube ich,
-und ich wiederhole es, daß es nur die zweihundertjährige Entwöhnung von
-jeglicher Arbeit ist und weiter nichts. So, wie es jetzt ist, schließen
-wir unsere „Kulturperiode“ damit ab, daß wir allgemein aufhören, uns
-gegenseitig zu verstehen. Ich spreche nur von den aufrichtigen und
-ernsten Menschen – nur sie allein wollen sich nicht mehr verstehen.
-Spekulanten sind eine andere Sache: die haben sich bei uns immer und zu
-jeder Zeit verstanden.
-
-
- Der Bauer Marei
-
-Ich will, zur Abwechselung, einmal eine kleine Geschichte erzählen. Das
-heißt: eigentlich kann man das nicht recht eine Geschichte nennen; es
-ist nur eine alte Erinnerung. Ich war damals neun Jahre alt ... Doch
-nein: ich werde lieber mit meinem neunundzwanzigsten Jahre beginnen.
-
-Es war am zweiten Osterfeiertag. Die Luft war warm, der Himmel hoch und
-blau und die Sonne so hell und schön. In meiner Seele aber war es dunkel
-und häßlich. Ich schlenderte hinter den Kasernen umher, betrachtete den
-Palisadenzaun, der unser Gefängnis umgab, und zählte die einzelnen
-Pfähle. Doch selbst das ewige Zählen wurde langweilig, wenn ich’s auch
-nur ganz mechanisch, aus Gewohnheit, tat. Es war schon der zweite Tag,
-daß im Gefängnis „gefeiert“ wurde: die Gefangenen brauchten nicht zu
-arbeiten, und so waren denn fast alle betrunken. In jedem Augenblick
-entstand ein neuer Streit, der mit Schimpfwörtern begann und mit
-Schlägen endete. Gemeine Lieder, Spielhöllen unter den Pritschen,
-mehrere für besonderen Unfug von den Kameraden halbtotgeprügelte
-Sträflinge, die man mit Pelzen bedeckt hatte und ruhig liegen ließ, bis
-sie wieder zu sich kommen und aufwachen würden; oft schon waren die
-Messer gezogen worden: all das hatte mich in den zwei Feiertagen bis zum
-Wahnsinn gequält.
-
-Niemals habe ich betrunkenes Volk ohne Ekel sehen können; hier aber, an
-diesem Ort, war es mir ganz besonders widerlich. An solchen Feiertagen
-kamen nicht einmal die Beamten ins Gefängnis, um zu inspizieren oder
-nach dem verbotenen Branntwein zu suchen. Sie sahen wohl ein, daß man
-auch diesen Verstoßenen doch wenigstens einmal im Jahr etwas Freiheit
-lassen mußte, um Schlimmerem vorzubeugen.
-
-Plötzlich ertrug ich die Qual nicht mehr. Heiße Wut packte mich. Da kam
-mir der Pole M...tzki, auch ein „politischer“ Zwangssarbeiter, entgegen;
-er blieb vor mir stehen und sah mich zornig, mit zuckenden Lippen, an.
-„_Je hais ces brigands!_“ stieß er halblaut durch die Zähne hervor und
-ging an mir vorüber. Ich kehrte in die Kaserne zurück, obgleich ich erst
-vor einer Viertelstunde halb wahnsinnig aus ihr hinausgelaufen war; denn
-sechs Kerle, wahre Athleten, hatten sich zugleich auf den betrunkenen
-Tataren Gasin gestürzt, um ihn mit den Fäusten zu „beruhigen“. Sie
-schlugen ihn unsinnig (ein Kamel hätte solche Schläge nicht überlebt),
-wußten aber, daß dieser tatarische Herkules viel aushalten konnte. Als
-ich nun zurückkam, sah ich in einer Ecke den schändlich zugerichteten
-Gasin, der ohne jedes Lebenszeichen auf seiner Pritsche lag. Man hatte
-ihn mit einem Pelz zugedeckt. Die anderen umstanden ihn schweigend. Wenn
-sie auch überzeugt waren, daß er am nächsten Tage wiedererwachen werde,
-so kratzte sich doch einer von ihnen den Kopf und meinte etwas besorgt:
-„Aber ... Weiß Gott doch ... Ist die Stunde vertrackt, so stirbt ’n
-Mensch wie nichts von solchen Schlägen.“ Ich ging zu meiner Pritsche am
-vergitterten Fenster, legte mich auf den Rücken, schob die Hände unter
-den Kopf und schloß die Augen. So lag ich immer gern: die Schlafenden
-werden gewöhnlich in Ruhe gelassen, und so kann man denken und träumen.
-Diesmal wollte es jedoch mit dem Träumen nicht gehen: mein Herz schlug
-unruhig, und in den Ohren klang mir noch das Wort: „_Je hais ces
-brigands!_“ Jetzt noch träume ich in mancher Nacht von jener Zeit; ich
-kenne keinen qualvolleren Traum.
-
-Allmählich vergaß ich die Gegenwart und verlor mich unmerklich in
-Erinnerungen. In den langen Jahren, die ich dort verbrachte, erinnerte
-ich mich meines ganzen früheren Lebens: ich glaube, ich habe es so von
-Anfang an nochmals durchlebt. Diese Erinnerungen kamen, ohne daß ich
-selbst wußte, wie; nur selten habe ich sie gerufen. Gewöhnlich fingen
-sie mit irgendeinem Punkt, einem kleinen Zug an, dem sich dann immer
-mehr Züge anfügten, bis das Vergangene zum großen Bilde wurde. Ich
-analysierte dann die alten Eindrücke, fügte dem längst Erlebten neue
-Seiten hinzu und (die Hauptsache) verbesserte, verbesserte
-ununterbrochen: darin bestand ja mein einziger Zeitvertreib, meine
-Unterhaltung und Zerstreuung. An jenem zweiten Osterfeiertag nun stand
-mir plötzlich, ich weiß nicht warum, eine Stunde aus meiner Kindheit vor
-der Seele, eine Begegnung des Neunjährigen, die ich schon längst
-vergessen hatte; und ich liebte damals Erinnerungen aus meinen
-Kinderjahren ganz besonders.
-
- - - - - - - - - - - - - - - - - -
-
-Mir fiel der Augustmonat auf unserem Landgut ein. Ein trockenen klarer
-Tag; ein wenig kühl und windig; der Sommer neigt sich dem Ende zu, und
-bald muß man wieder nach Moskau fahren, wieder den ganzen Winter über in
-französischen Stunden sich langweilen; und ich verlasse das Landgut so
-ungern! Ich ging hinter die Tenne und weiter in die Schlucht, von der
-sich auf der anderen Seite ein dichtes Gestrüpp bis zum Wald hinzog.
-Weiter und immer weiter drang ich in das Buschwerk ein und höre noch,
-wie, vielleicht dreißig Schritt vor mir, auf dem Neubruch einsam ein
-Bauer pflügt. Ich weiß: er muß steil den Abhang heraufpflügen, das Pferd
-hat es schwer, und manchmal tönt bis zu mir sein ermunternder Zuruf:
-„Nu, nu!“ Ich kenne alle unsere Bauern, weiß aber nicht, welcher von
-ihnen da gerade pflügt; ist mir auch einerlei. Ich bin ganz und gar in
-meine eigene Arbeit vertieft; denn auch ich bin beschäftigt: von einem
-Nußbaum breche ich mir eine gute Gerte, um mit ihr Frösche zu schlagen.
-Die Gerten von Nußbäumen sind so hübsch, viel besser als Birkenruten.
-Auch Käfer und andere Tierchen nehmen mich in Anspruch; ich habe sogar
-eine große Käfersammlung. Viele sind so putzig! Auch liebe ich die
-kleinen rotgelben Eidechsen mit den schwarzen Tüpfelchen; doch vor
-Schlangen habe ich Angst. Aber Schlangen trifft man viel seltener als
-Eidechsen. Pilze gibt’s hier wenig. Pilze muß man im Birkenwald suchen.
-Und ich mache mich auf, weiter durch das Gestrüpp in den Wald zu gehen.
-In meinem ganzen Leben habe ich nichts so geliebt, wie den Wald mit
-seinen Pilzen und Beeren, mit seinen Käfern und Vögeln, Igeln und
-Eichkätzchen, mit dem mich immer wieder entzückenden feuchten Duft
-faulender Blätter. Und noch jetzt, während ich dieses schreibe, rieche
-ich geradezu, atme ich den Duft unseres Birkenwaldes; solche Eindrücke
-haften fürs ganze Leben.
-
-Da, plötzlich, inmitten der tiefen Stille, hörte ich laut und deutlich
-den Ruf: „Ein Wolf kommt!“ Ich schrie auf vor Schreck und lief schreiend
-auf die Wiese zu dem pflügenden Bauer.
-
-Es war unser Bauer Marei. Ich weiß nicht, ob es den Namen gibt; aber bei
-uns nannten ihn alle Marei. Er war ein etwa fünfzigjähriger, stämmiger,
-ziemlich großer Mann, mit langem, schon stark ergrautem dunkelblondem
-Bart. Ich kannte ihn, hatte aber noch nie mit ihm gesprochen. Als er
-jetzt meinen Schrei hörte, hielt er das Pferd an und blieb stehen. Ich
-raste den Abhang hinab auf ihn zu und ergriff, um im vollen Lauf nicht
-zu fallen, hastig mit einer Hand die Pflugstange und mit der anderen
-seinen Ärmel: er beugte sich zu mir nieder; und da erst gewahrte er
-meinen Schreck.
-
-„Ein Wolf kommt!“ keuchte ich atemlos.
-
-Er hob schnell den Kopf und blickte sich unwillig um; einen Augenblick
-glaubte er mir.
-
-„Es schrie ... Jemand schrie: Ein Wolf kommt! ...“ stammelte ich
-zitternd.
-
-„Geh doch! Wo denn? Was für ’n Wolf soll denn – ... Ist dir ja nur so
-vorgekommen! Was kann denn hier für ’n Wolf sein!“ sprach er halblaut in
-den Bart, wie um mich zu beruhigen.
-
-Ich aber zitterte noch immer am ganzen Leibe, klammerte mich noch fester
-an seinen Bauernkittel und war, glaube ich, sehr bleich. Er betrachtete
-mich mit besorgtem Lächeln; offenbar regte er sich meinetwegen auf.
-
-„Sieh mal an! Du hast dich aber verschreckt! Ei – ei!“ sagte er und
-schüttelte den Kopf. „Genug schon, Kleinerchen, nun, laß gut sein!“ Er
-streckte die Hand aus und streichelte plötzlich meine Wange. „Nun, schon
-gut, Kleinerchen! Christus ist mit dir; mach ’n Kreuz!“
-
-Doch ich bekreuzte mich nicht. Meine Mundwinkel zuckten. Das schien ihn
-besonders zu wundern: langsam erhob er seinen dicken, mit Erde
-beschmutzten Mittelfinger und berührte vorsichtig meine zitternden
-Lippen. „Sieh mal an! So was! Ei – ei!“ sagte er lächelnd (es war ein
-ganz besonderes, mütterlich zärtliches Lächeln). „Herrgott! Das ist doch
-...“
-
-Endlich begriff ich, daß der Schrei: „Ein Wolf kommt!“ in meiner
-Phantasie entstanden war. Der Schrei hatte so hell und deutlich
-geklungen, daß ein Zweifel ausgeschlossen schien; doch ich wußte, daß
-ich schon früher manchmal irgendeinen Schrei zu hören geglaubt hatte,
-während in Wirklichkeit alles still gewesen war. Später vergingen diese
-Halluzinationen der Kinderjahre.
-
-„Jetzt werde ich gehen,“ sagte ich endlich, nachdem ich etwas Mut gefaßt
-hatte; doch blickte ich Marei noch fragend und schüchtern an.
-
-„Nu, geh nur; und ich werde Dir nachsehen. Ich werde Dich schon nicht
-vom Wolf nehmen lassen!“ fügte er mit demselben mütterlichen Lächeln
-hinzu. „Nu, Christus ist mit dir, nu, geh nur“; und er bekreuzte mich
-mit seinen erdigen Fingern und bekreuzte sich dann selbst.
-
-Ich ging. Doch jedesmal, wenn ich zehn Schritte gemacht hatte, blickte
-ich mich nach ihm um. Marei stand mit seinem Pferdchen, während ich die
-Schlucht hinunter- und wieder hinaufging, stand am Pflug und sah mir
-nach; und so oft ich mich umkehrte, nickte er mir mit dem Kopf zu. Ich
-schämte mich, offen gestanden, nicht wenig vor ihm: weil ich solche
-Angst gehabt hatte. Trotzdem fürchtete ich mich immer noch vor dem Wolf,
-bis ich glücklich auf der anderen Seite der Schlucht an der
-Getreidedarre ankam: hier verließ mich die Angst; und plötzlich kam auch
-noch, ich weiß nicht, woher, unser Hofhund Woltschok mir
-entgegengelaufen. Erst in dessen Begleitung fühlte ich mich ganz sicher;
-und so wandte ich mich denn zum letztenmal nach Marei um. Sein Gesicht
-konnte ich nicht mehr unterscheiden; aber ich fühlte, daß er mir noch
-ebenso freundlich zulächelte und mit dem Kopf zunickte. Ich winkte ihm
-noch einmal mit der Hand zu und er winkte mir wieder. Dann wandte er
-sich zum Pflug und trieb das Pferd an. „Nu, nu!“ Noch von fern her hörte
-ich seinen Zuruf; und das Pferd zog wieder den Pflug.
-
- - - - - - - - - - - - - - - - - -
-
-Ich weiß nicht, warum mir das alles mit einemmal einfiel, und warum noch
-dazu alle Einzelheiten so deutlich vor mir standen. Ich wachte plötzlich
-auf, setzte mich auf die Pritsche; und ich weiß: auf meinem Gesicht
-fühlte ich noch das Lächeln der Erinnerung. Eine Weile dachte ich weiter
-nach und suchte mich des Folgenden zu erinnern.
-
-Als ich damals von Marei nach Hause gekommen war, hatte ich keinem
-Menschen von meinem „Erlebnis“ erzählt. Was war denn da auch zu
-erzählen? Den Marei vergaß ich gar bald. Wenn ich ihn später traf,
-sprach ich niemals mit ihm, nicht nur nicht über den Wolf, sondern
-überhaupt nicht. Und nun, plötzlich, nach zwanzig Jahren, in Sibirien,
-steht diese Begegnung so deutlich, bis in die kleinsten Einzelheiten,
-vor mir. Also muß sie doch, mir unbewußt, in meiner Seele geblieben
-sein, ganz von selbst und vielleicht sogar gegen meinen Willen; und sie
-tauchte erst wieder auf, als die Zeit gekommen war. Mir fiel dieses
-zärtliche, mütterliche Lächeln des armen Leibeigenen ein, seine
-Bekreuzung und sein Kopfschütteln: „Ei – ei, du hast dich aber
-verschreckt, Kleinerchen!“ Und besonders der dicke, von der Erde
-beschmutzte Finger mit dem schwarzen Nagel, mit dem er vorsichtig, in so
-schüchterner Zärtlichkeit, meine zuckenden Lippen berührte. Natürlich:
-Ein jeder hätte ein erschrecktes Kind beruhigt; doch hier, bei dieser
-einsamen Begegnung, geschah etwas ganz anderes. Und wenn ich sein
-eigener Sohn gewesen wäre, hätte Marei mich nicht mit einer tieferen,
-helleren Liebe anzublicken vermocht. Wer aber zwang ihn dazu? Er war
-unser Leibeigener und ich immerhin sein Herrensohn. Niemand hätte jemals
-erfahren, daß er mich gestreichelt, niemand ihn dafür belohnt. Liebte er
-vielleicht kleine Kinder so sehr? Solche Leute gibt es allerdings. Die
-Begegnung geschah auf einsamem Feld, und nur Gott wußte, mit welch einem
-tiefen, heiligen menschlichen Gefühl, von welch einer weichen, fast
-weiblichen Zärtlichkeit die Seele eines rohen, tierisch unwissenden
-russischen Muschiks erfüllt sein kann. War es nicht dieses, was
-Konstantin Akssakoff meinte, als er von der tiefen inneren Bildung des
-russischen Volkes sprach?
-
-Ich weiß noch: als ich von der Pritsche aufstand und mich umblickte,
-fühlte ich mit einemmal, daß ich diese Unglücklichen mit ganz anderen
-Augen betrachten konnte, und daß plötzlich, wie durch ein Wunder, aller
-Haß und alle Wut aus meinem Herzen verschwunden waren. Ich ging wieder
-hinaus und schaute aufmerksam in die Gesichter der Gefangenen, die mir
-begegneten. Dieser glattrasierte ehrlose Muschik mit dem gebrandmarkten
-Verbrechergesicht, der mit heiserer Stimme sein rohes Lied gröhlt, ist
-vielleicht auch so einer wie der Marei, der mich als Kind streichelte:
-ich kann ja nicht in sein Herz sehen.
-
-Am selben Abend traf ich noch einmal den Polen M...tzki. Der Arme! Der
-konnte keine Erinnerungen an irgendeinen Marei haben und für alle diese
-Menschen nichts anderes empfinden als: „_Je hais ces brigands!_“
-Wahrhaftig: diese Polen haben dort doch mehr gelitten als unsereiner!
-
-
- Einiges über den Krieg[20]
-
-Ich habe einen Freund, der sich durch sehr paradoxe Anschauungen
-auszeichnet. Ich kenne ihn schon lange. Es ist ein ganz unbekannter
-Mensch und ein höchst sonderbarer Charakter: er ist nämlich ein
-_Denker_. Ich werde unbedingt noch ausführlicher von ihm sprechen – doch
-später einmal. Jetzt ist mir nur zufällig eingefallen, wie er einmal, es
-ist schon etliche Jahre her, mit mir über den Krieg stritt. Er
-verteidigte den Krieg als solchen und vielleicht einzig um mit Paradoxen
-zu spielen. Ich bemerke hier noch, daß er nicht etwa Offizier ist,
-sondern der friedliebendste und gutmütigste Mensch, den es in der Welt
-und bei uns in Petersburg überhaupt geben kann.
-
-„Toller Gedanke,“ sagte er unter anderem, „daß der Krieg eine Geißel für
-die Menschheit sei! Im Gegenteil, er ist das Nützlichste, was man sich
-überhaupt denken kann! Nur eine einzige Art Krieg ist verabscheuenswert
-und wirklich verderblich: das ist der innere, der Bürgerkrieg. Er lähmt
-und zerreißt den Staat, dauert immer viel zu lang und vertiert das Volk
-auf ganze Jahrhunderte. Der politische Krieg aber, der zwischen
-verschiedenen Völkern ausgekämpft wird, bringt einzig und allein Nutzen
-– in jeder Beziehung. Und dann ist er auch vollkommen unentbehrlich.“
-
-„Aber hören Sie mal! Ein Volk geht aufs andere los, Menschen schlagen
-sich gegenseitig tot – was ist hier unentbehrlich?“
-
-„Alles, und zwar im höchsten Grade. Doch erstens ist es nicht wahr, daß
-die Menschen in den Krieg gehen, um sich gegenseitig totzuschlagen. Das
-ist nie der Beweggrund gewesen, sondern sie gehen, um ihr eigenes Leben
-zu opfern, – das aber ist denn doch etwas ganz anderes. Es gibt keine
-höhere Idee als die, sein eigenes Leben zu opfern, indem man seine
-Brüder und sein Vaterland beschützt oder einfach, indem man die
-Interessen seines Vaterlandes verteidigt. Die Menschheit kann nicht ohne
-hochherzige Ideen leben, und ich vermute sogar, daß die Menschheit
-gerade deswegen den Krieg liebt, weil sie sich an einer hochherzigen
-Idee beteiligen will. Es ist ein Bedürfnis.“
-
-„Ja, liebt denn die Menschheit den Krieg?“
-
-„Ja, zweifeln Sie denn daran? Wer ist zurzeit eines Krieges noch
-kopfhängerisch? Alle sind sofort munter und ermutigt, und von der
-gewöhnlichen Schlaffheit und Langeweile der Friedenszeiten ist nichts
-mehr zu sehen und zu hören. Und nachher, wenn der Krieg beendet ist, mit
-welcher Hingabe denken sie an ihn zurück, selbst wenn sie geschlagen
-worden sind! Glauben Sie den Leuten nicht, wenn sie sich beim ersten
-Wiedersehen nach der Kriegserklärung kopfschüttelnd sagen: ‚Ach, welch
-ein Unglück! Ach, daß wir das noch erleben mußten!‘ sie tun es ja nur
-aus Wohlerzogenheit. Glauben Sie mir, jeder hat dann hohen Feiertag im
-Herzen. Wissen Sie, es ist furchtbar schwer, sich zu gewissen Ideen zu
-bekennen: gleich ist das Geschrei groß. – Tier! Barbar! schreien sie
-sofort und sind zum Verurteilen bereit. Das aber fürchtet man, und so
-zieht man vor, den Krieg lieber nicht zu loben.“
-
-„Aber Sie sprechen von hochherzigen Ideen, von Menschlicherwerden.
-Lassen sich denn hochherzige Ideen nicht auch ohne Krieg finden? Ich
-glaube vielmehr, daß sie sich in Friedenszeiten noch leichter entwickeln
-können.“
-
-„Ganz im Gegenteil, vollkommen umgekehrt! Die Hochherzigkeit verkommt in
-der Zeit eines langen Friedens, und an ihre Stelle treten Zynismus,
-Gleichgültigkeit, Langeweile und viel, viel boshafter Spott, und das
-noch dazu nur zur leeren Zerstreuung und nicht mal um einer Sache
-willen. Man kann geradezu behaupten, daß ein langer Friede die Menschen
-gefühllos macht. Das soziale Übergewicht geht dann immer auf die Seite
-alles dessen über, was in der Menschheit schlecht und roh ist –
-hauptsächlich zum Reichtum, zum Kapital. Ehre, Nächstenliebe,
-Selbstverleugnung werden in der ersten Zeit nach dem Kriege noch
-geachtet, sie stehen noch hoch im Preis, doch je länger der Friede
-dauert – desto mehr sieht man diese schönen und großen Tugenden
-verbleichen, einschlafen, absterben, und den Reichtum, die Sucht nach
-Erwerb alles ergreifen. Schließlich bleibt nur noch Heuchelei übrig –
-geheuchelte Ehre, geheuchelte Selbstverleugnung um der Pflicht willen.
-Und wenn man trotz des ganzen Zynismus auch noch fortfährt, diese großen
-Begriffe zu achten, so geschieht es dann doch nur in schönen Worten und
-bloß zum Anschein, aus Form. Die wirkliche Ehre ist nicht mehr, es
-bleiben nur Formeln übrig. Formeln der Ehre aber – die sind der Tod der
-Ehre. Ein langer Friede bringt Gleichgültigkeit hervor, niedrige
-Gedanken, bringt Sittenverderbnis und Abstumpfung der Gefühle. Die
-Vergnügungen werden nicht feiner, sondern wüster. Der plumpe Reichtum
-kann sich nicht an Idealen erquicken und verlangt nach anspruchsloseren,
-mehr ‚auf die Sache‘ gehenden Genüssen, d. h. nach unmittelbarster
-Befriedigung des Fleisches. Die Vergnügungen werden rein sinnlich.
-Sinnlichkeit ruft Wollust hervor, und Wollust immer Grausamkeit. Alles
-das werden Sie unmöglich leugnen, denn Sie können die erste Tatsache
-nicht verneinen: daß das soziale Übergewicht in der Zeit eines langen
-Friedens sich zum Schluß immer auf die Seite des Reichtums neigt.“
-
-„Aber die Wissenschaft, die Kunst – können die sich denn während des
-Krieges entwickeln? Und das sind doch wirklich große und hochherzige
-Ideen!“
-
-„Warten Sie, gerade hiermit fange ich Sie! Die Wissenschaft und die
-Kunst entwickeln sich immer und gerade in der ersten Periode nach dem
-Kriege. Der Krieg erneut sie, erfrischt sie, ruft sie hervor, stärkt die
-Gedanken und gibt ihnen gewissermaßen einen Stoß. In einem langen
-Frieden dagegen verkommt auch die Wissenschaft. Zweifellos fordert die
-Beschäftigung mit der Wissenschaft Mut und sogar Selbstaufopferung. Doch
-wie viele Gelehrte widerstehen denn der Pest des Friedens? Die
-geheuchelte Ehre, Selbstsucht und oberflächliche tierische
-Vergnügungslust erfassen auch sie. Versuchen Sie es nur einmal, mit
-solch einer Leidenschaft fertig zu werden, wie es beispielsweise der
-Neid ist: er ist roh und gemein, aber er wird trotzdem auch in die
-edelste Gelehrtenseele eindringen. Auch der Gelehrte will schließlich an
-dem allgemeinen Prunk und Glanz teilhaben. Was bedeutet vor dem Triumph
-des Reichtums der Triumph irgendeiner wissenschaftlichen Entdeckung,
-wenn sie nicht gerade so effektvoll ist wie die Entdeckung etwa eines
-neuen Planeten! Was meinen Sie wohl, ob unter solchen Umständen noch
-viel wirkliche Arbeitssklaven für das Allgemeinwohl übrigbleiben? Im
-Gegenteil, man sucht den Ruhm, und so kommt es dann zu Scharlatanerie,
-zur Jagd nach dem Effekt und, vor allen Dingen, zum Utilitarismus – denn
-man will doch zu gleicher Zeit auch reich werden! In der Kunst ist es
-genau so wie in der Wissenschaft: dieselbe Jagd nach dem Effekt, nach
-irgendeiner Verfeinerung. Einfache, klare, hochherzige und gesunde Ideen
-sind dann schon viel zu unmodern, man braucht etwas viel Verboteneres,
-Ungesünderes: die Künstlichkeit der Leidenschaften will man. Allmählich
-verliert sich dann das Gefühl für das Maß und die Harmonie, und man
-bekommt dafür die Entstellung der Gefühle und Leidenschaften, die
-sogenannte ‚Differenzierung‘ der Gefühle, die in Wirklichkeit nur ihre
-Verrohung ist. Sehen Sie, zu all dem entartet die Kunst in einem langen
-Frieden. Wenn es in der Welt keinen Krieg gäbe, so würde die Kunst
-einfach verkommen und verderben. Alle guten Ideen der Kunst ja ihre
-besten, sind vom Kriege, vom Kampf geschaffen worden. Lesen Sie eine
-Tragödie, sehen Sie sich die Statuen an, da haben Sie Horaz, und da
-haben Sie den Apollo von Belvedere, der selbst einen Wilden in Erstaunen
-setzen müßte ...“
-
-„Aber die Madonnen, das Christentum?“
-
-„Das Christentum erkennt das Faktum des Krieges vollkommen an und
-weissagt bekanntlich, daß das Schwert nicht vergehen werde, solange die
-Welt steht: das ist sehr bemerkenswert und sollte viele stutzig machen.
-Oh, natürlich im höheren, im moralischen Sinne verwirft es den Krieg und
-verlangt Nächstenliebe. Ich werde selbst der erste sein, der sich freut,
-wenn man die Schwerter in Pflugscharen umschmiedet. Doch fragt es sich:
-wann wird das möglich sein? Und lohnte es sich überhaupt, die Schwerter
-jetzt in Pflüge zu verwandeln? Der jetzige Friede ist immer und überall
-schlimmer als der Krieg, so unvergleichlich viel schlimmer, daß es zum
-Schluß geradezu unmoralisch wird, ihn noch aufrechtzuerhalten. Es gibt
-nichts mehr, was man schützen möchte, überhaupt nichts mehr, was wert
-wäre, erhalten zu bleiben, es ist beinahe gewissenlos und eine Schande,
-irgend etwas noch zu erhalten! Der Reichtum und die Roheit der
-Vergnügungen gebären Faulheit, und die Faulheit gebiert Sklaven. Um die
-Sklaven in der Sklaverei zu erhalten, muß man ihnen den freien Willen
-und die Möglichkeit der Aufklärung nehmen. Wer Sie auch sein mögen, mein
-Lieber, selbst wenn Sie der humanste Mensch sind: einen Sklaven werden
-auch Sie immer nur als Sklaven behandeln können – nicht wahr? Ich
-bemerke noch, daß in der Periode des Friedens Feigheit und Unehrlichkeit
-gute Wurzeln schlagen. Der Mensch ist naturgemäß stark zu Feigheit und
-Unehrlichkeit geneigt, und das weiß er selbst ganz genau. Deshalb
-vielleicht sehnt er sich auch so nach dem Kriege, und darum liebt er ihn
-so sehr: er ahnt in ihm das Heilmittel. Der Krieg entwickelt in ihm die
-Nächstenliebe und nähert und befreundet die Völker.“
-
-„Wieso, befreundet?“
-
-„Indem er sie lehrt, einander zu achten. Der Krieg erfrischt die
-Menschen. Die Menschenliebe entwickelt sich am meisten und fast
-ausschließlich auf dem Schlachtfelde. Es ist eine scheinbar sonderbare
-Tatsache, daß der Krieg weniger erbittert und aufreizt als der Friede.
-Irgendeine politische Beleidigung in der Friedenszeit, irgendeine
-herausfordernde Konvention, ein politischer Druck, anmaßende Forderungen
-– in der Art etwa, wie Europa sie uns 1863 stellte – erbittern viel mehr
-als ein offener Kampf. Erinnern Sie sich: haßten Sie etwa die Franzosen
-oder Engländer zur Zeit des Krimkrieges? Im Gegenteil, man kam sich
-näher, trat geradezu in Freundschaft miteinander. Wir interessierten uns
-für unsere Feinde und pflegten unsere Gefangenen. Unsere Soldaten und
-Offiziere gingen während des Waffenstillstands zu den feindlichen
-Vorposten, verbrüderten sich fast mit ihnen, tranken Wodka zusammen, und
-ganz Rußland las es schmunzelnd in den Zeitungen – was jedoch nicht
-hinderte, daß man sich prächtig schlug. Es entwickelte sich der Geist
-der Ritterlichkeit ... Und über die materiellen Schäden des Krieges
-lohnt es sich nicht einmal zu sprechen: wer kennt nicht die alte
-Erfahrung, daß nach einem Kriege alles wie mit neuen Kräften aufersteht?
-Die ökonomischen Kräfte des Landes treten zehnmal mehr hervor, ganz als
-ob eine Gewitterwolke Regen auf trockenen Boden niedergesandt hätte.
-Denen, die durch den Krieg gelitten haben, wird sofort und von allen
-Seiten geholfen, während in Friedenszeiten ganze Distrikte eher Hungers
-sterben können, bevor wir uns zur Hilfe rühren oder drei Rubel spenden.“
-
-„Ja, leidet denn das Volk nicht am meisten unter dem Kriege, muß es
-nicht Verheerungen und Bürden ertragen, die unvergleichlich größer sind
-als die der höheren Gesellschaftsschichten?“
-
-„Vielleicht; – doch immer nur zeitweilig, dafür aber gewinnt das Volk
-weit mehr, als es verliert. Gerade für das Volk hat der Krieg die besten
-und schönsten Folgen. Selbst wenn Sie der humanste Mensch sind, werden
-Sie sich doch für mehr als den Bauer halten. Wer mißt in unserer Zeit
-noch Seele mit Seele – mit dem christlichen Maß? Man mißt mit dem
-Geldbeutel, der Macht, der Kraft, – und der einfache Mann, der weiß das
-nur zu genau. Nicht daß hierbei Neid wäre, – aber es entsteht das
-unerträgliche Gefühl einer moralischen Ungleichheit, die viel
-verletzender für ihn ist, als wir es ahnen. Wie Sie die Menschen auch
-befreien oder welche Gesetze Sie ihnen auch geben mögen, diese
-Ungleichheit der Menschen wird in der jetzigen Gesellschaft doch nicht
-aufgehoben werden. Das einzige Heilmittel dagegen ist – der Krieg. Ein
-Palliativmittel vielleicht, doch ein tröstendes für das Volk. Der Krieg
-hebt den Geist des Volkes und die Erkenntnis des eigenen Wertes. Der
-Krieg macht in der Stunde des Kampfes alle gleich und versöhnt den Herrn
-mit dem Knecht in der allerhöchsten Erscheinung der menschlichen Würde,
-– im Opfer des Lebens für die gemeinsame Sache, für alle, für das
-Vaterland! Glauben Sie denn wirklich, daß die Masse, selbst die ganz
-unwissende Masse der Bauern und Bettler, nicht auch der _aktiven_
-Offenbarung hochherziger Gefühle bedarf? Worin kann nun die Masse im
-Frieden ihre Hochherzigkeit und ihre menschliche Würde beweisen? Auf die
-einzelnen Durchbrüche derselben sehen wir, wenn wir sie überhaupt zu
-beachten geruhen, mit verwundertem Lächeln, ja selbst mit ungläubigem
-Lachen, und zuweilen sogar mit unverhülltem Mißtrauen. Glauben wir aber
-einmal dem Heroismus eines einzelnen, so schlagen wir darob solch einen
-Lärm, als ob es etwas schier Unmögliches wäre; und was kommt dabei
-heraus? Unsere Verwunderung und unser Lob gleichen beinahe der
-Verachtung. In Kriegszeiten verschwindet all das ganz von selbst und die
-volle Gleichheit des Heroismus tritt an seine Stelle. Vergossenes Blut
-ist eine wichtige Sache. Die gemeinsame Heldentat erzeugt die stärkste
-Verbindung zwischen den verschiedenen Ständen. Der Gutsbesitzer und der
-Muschik standen sich im Jahre 1812, als sie gemeinsam fürs Vaterland
-kämpften, näher als in Friedenszeiten zu Haus auf dem Gute. Der Krieg
-ist der Masse ein Anlaß, sich zu achten, und darum liebt das Volk den
-Krieg: es dichtet über ihn Lieder und kann sich nicht satt hören an den
-Geschichten und Erzählungen aus dem Kriege ... Noch einmal: Vergossenes
-Blut ist eine wichtige Sache! Nein, der Krieg ist _in unserer Zeit_
-unentbehrlich; ohne Krieg würde die Welt untergehen oder wenigstens sich
-in einen schmutzigen Schlamm verwandeln, in irgendeinen gemeinen Schmutz
-mit faulenden Wunden ...“
-
-Ich widersprach ihm natürlich nicht weiter. Mit Denkern kann man nicht
-streiten. Aber es ist doch eine höchst sonderbare Tatsache: man fängt
-jetzt an über Dinge nachzudenken und zu streiten, die, wie man doch
-meinen sollte, schon längst allen klar und ins allgemeine Archiv des
-Abgetanen gestapelt worden sind. Jetzt wird das alles wieder ausgegraben
-... Das auffallendste aber ist, wie mir scheint, daß dieses heutzutage
-überall geschieht.
-
-
- Mein Paradox
-
-
- Das Paradox
-
-Wieder ein Zusammenstoß mit Europa![21] Und noch kein Krieg? Vom Kriege,
-sagt man, seien wir, d. h., sei Rußland noch weit entfernt ... Wieder
-ist die endlose Orientfrage aufs Tapet gebracht, wieder blickt Europa
-mißtrauisch auf uns Russen ... Doch was geht uns schließlich das
-Vertrauen Europas an? Hat es denn jemals vertrauensvoll auf uns
-geblickt? und kann es das überhaupt? Oh, versteht sich, _irgendeinmal_
-wird sich dieser Blick ändern, _einmal_ wird Europa auch uns besser
-begreifen: und es lohnte sich wirklich, über dieses _irgendeinmal_ zu
-sprechen. Einstweilen jedoch – einstweilen ist mir eine ganz
-nebensächliche Frage eingefallen, eine, mit deren Beantwortung ich noch
-kürzlich sehr beschäftigt gewesen bin. Wenn nun auch heute niemand mit
-mir übereinstimmen wird, so scheint mir doch, daß ich nicht so ganz
-unrecht habe.
-
-Ich sagte, daß man die Russen in Europa nicht liebe. Nun, das wird,
-glaube ich, niemand bestreiten; aber unter anderem wirft uns Europa auch
-vor, daß wir alle, ohne Ausnahme, furchtbar liberal, ja selbst
-revolutionär seien, und immer, sogar mit einer gewissen Vorliebe,
-geneigt, uns eher den zerstörenden als den konservativen Elementen
-Europas anzuschließen. Zur Strafe dafür sehen viele Europäer spöttisch
-und von oben auf uns herab, nicht selten geradezu gehässig: es ist ihnen
-unbegreiflich, wie wir darauf kommen, in _fremden Angelegenheiten_
-Verneiner zu sein? Sie nehmen uns kurzerhand das Recht, nach
-europäischer Art zu verneinen – und zwar deshalb, weil sie uns für ein
-Volk halten, das nicht zur „Zivilisation“ gehört. Eher sehen sie in uns
-Barbaren, die sich in Europa herumtreiben und sich freuen, irgendwo
-irgend etwas zerstören zu können – zerstören bloß um der Zerstörung
-willen, um das Vergnügen zu haben, zuzusehen, wie das alles
-zusammenkracht – gleich den Hunnen, gleich einer Horde Wilder, die
-bereit ist, Europa wie das alte Rom zu überschwemmen und alles Große,
-Alte und Heilige zu zerstören, ohne auch nur zu ahnen, welch einen
-Schatz sie der Vernichtung weiht.
-
-Daß die Russen tatsächlich in ihrer Mehrzahl sich in Europa als Liberale
-erwiesen haben – das ist wahr und ist sogar, ich gestehe es, sonderbar.
-Hat sich aber schon jemand die Frage gestellt, warum das der Fall ist?
-Warum beinahe neun Zehntel von den Russen, die in diesem Jahrhundert in
-Europa ihre Bildung erhalten hatten, sich immer derjenigen Partei der
-Europäer angeschlossen haben, die liberal war, der Partei der „Linken“,
-d. h. immer derjenigen Seite, die ihre eigene Zivilisation, ihre eigene
-Kultur verneinte? Das, was Thiers an der Zivilisation verneint, und das,
-was die Pariser Kommune an ihr 1871 verneinte, ist keineswegs dasselbe.
-Ebenso „mehr oder weniger“ liberal und ebenso verschieden liberal sind
-aber auch die Russen in Europa; doch immer sind sie, ich wiederhole es,
-geneigter als die Europäer, sofort zur äußersten Linken überzutreten,
-statt sich zunächst noch auf den unteren Stufen des Liberalismus
-aufzuhalten. Mit einem Wort, man findet unter den Russen weit weniger
-Thieristen als Kommunarden. Und man beachte wohl: das sind keineswegs
-irgendwelche vom Wind verwehte Leute – Ausnahmen natürlich zugegeben –,
-sondern Leute, die sogar sehr solid und zivilisiert aussehen, zuweilen
-fast schon Minister sind. Doch die Europäer trauen diesem Scheine nicht:
-„_Grattez le Russe et vous verrez le Tartare_,“ sagen sie. Das kann ja
-alles stimmen, aber, frage ich mich, woher kommt das? Schließt sich der
-Russe in seiner Gemeinschaft mit Europa der äußersten Linken an, weil er
-Tatar ist und die Zerstörung liebt, also als Wilder, oder bewegen ihn
-vielleicht andere Gründe dazu? – Das ist die Frage! ... Man wird mir
-wohl zugeben, daß sie nicht so uninteressant ist. Petersburg spielt
-jetzt nicht mehr die Rolle des Fensters, das uns aus Europa Licht
-bringt. Es beginnt etwas Neues, es muß wenigstens etwas Neues beginnen:
-das sieht jetzt ein jeder ein, der nur ein wenig nachzudenken gelernt
-hat. Kurz, wir fangen an mehr und mehr zu fühlen, daß wir zu irgend
-etwas bereit sein müssen, zu einem neuen Zusammenstoß mit Europa, und
-vielleicht einem viel eigenartigeren, als es die bisherigen waren, – ob
-es nun in der Orientfrage sein wird, oder sonstwo, wer kann das wissen!
-... Darum aber sind ähnliche Fragen, Vermutungen, selbst Rätsel und
-sogar Paradoxe interessant – und wäre es auch nur, weil sie vielleicht
-auf einen richtigen Gedanken bringen können. Wie aber soll einem da
-nicht eine so auffallende Erscheinung zu denken geben, wie die, daß
-gerade diejenigen Russen, welche sich am meisten für Europäer halten und
-bei uns allgemein die „Westler“ genannt werden, die auf diesen Namen
-stolz sind und noch heute auf die anderen Russen wie auf Kwastrinker und
-Bauernkittel herabsehen, – wie soll es da nicht interessant sein, frage
-ich, daß gerade diese sich am schnellsten den Verneinern der
-Zivilisation, den Zerstörern der Kultur, der „äußersten Linken“
-anschließen, und daß dieses in Rußland niemanden wundert, ja nicht
-einmal zum Nachdenken bringt? Wie soll einem das nicht merkwürdig
-erscheinen?
-
-Ich habe schon eine Antwort auf diese Frage gefunden, doch werde ich
-meine Idee nicht beweisen, werde sie nur ein wenig zu erklären und die
-Tatsache zu entwickeln versuchen.
-
-Mir scheint ... folgendes: Zeigt sich nicht in dieser Tatsache – d. h.
-im Anschluß unserer eifrigsten Westler an jene äußerste Linke, in
-Wirklichkeit an die verneinenden Elemente Europas, an die Verneiner
-Europas geradezu, – zeigt sich darin nicht die protestierende russische
-Seele, der die europäische Kultur von jeher, von Peter dem Großen an,
-verhaßt gewesen ist, und ihr Protest gegen diese Kultur, die sich in
-vielem, in allzu vielem, der russischen Seele als fremd erwiesen hat?
-Geradeso scheint es mir zu sein. Oh, versteht sich, dieser Protest ist
-fast die ganze Zeit nur unbewußt geschehen, doch wertvoll an ihm ist,
-daß er zeigt, wie gerade der russische Instinkt nicht erstorben ist: die
-russische Seele hat, wenn auch unbewußt, gerade im Namen ihres
-Russentums protestiert, im Namen ihres echt russischen, ursprünglichen,
-eigenen und dann unterdrückten Kulturversuchs. Natürlich wird man sagen,
-es sei noch kein Grund vorhanden, sich zu freuen, wenn dem auch so wäre:
-„Immerhin bist du ein Verneiner – Hunne, Barbar, Tatar –, der nicht im
-Namen eines Höheren verneint, sondern im Namen seiner eigenen
-Niedrigkeit, da er ja in ganzen zwei Jahrhunderten die europäische Höhe
-noch nicht einmal hat begreifen können.“
-
-Ich gebe zu, daß das eine offene Frage ist, doch werde ich nicht
-versuchen, sie zu beantworten. Ich sage nur, daß ich diesen Einwand aus
-allen Kräften verneine – eine Begründung würde zu weit führen. Oh, wer
-wird jetzt noch von uns Russen, und besonders, nachdem das alles
-vergangen ist – denn diese Periode ist jetzt tatsächlich vergangen –,
-wer wird jetzt noch gegen die Tat Peters sein, sich gegen das
-„durchbrochene“ Fenster auflehnen und vom alten Zarenreich Moskau
-träumen? Doch nicht davon spreche ich jetzt; ich meine nur: wie schön
-und gut auch alles gewesen sein mag, was wir durch das Fenster erblickt
-haben, so war doch auch so viel Häßliches und Schädliches darunter, daß
-der russische Instinkt nicht aufgehört hat, sich dagegen aufzulehnen und
-zu protestieren, ... wenn er sich auch vielleicht so weit verloren haben
-mag, daß er selbst nicht mehr wußte, was er mit diesem Protest
-eigentlich tat. Und er hat nicht aus seinem Tatarentum heraus
-protestiert, sondern in der Tat vielleicht deswegen, weil er in sich
-etwas Höheres und Besseres fühlte als das, was er durch das Fenster
-erblickte ... Versteht sich, der Instinkt hat ja nicht gleich gegen
-alles protestiert: wir haben viel Gutes und Schönes bekommen, und wollen
-nicht undankbar sein; nun, aber gegen die Hälfte zum mindesten hat er,
-glaube ich, doch protestieren können.
-
-Ich wiederhole nochmals, daß dieses ungemein sonderbar vor sich gegangen
-ist: gerade unsere feurigsten Westler, gerade unsere Kämpfer für die
-Reform wurden zu gleicher Zeit zu Verneinern Europas und stellten sich
-in die Reihen der äußersten Linken. Nun, und so geschah es, daß sie sich
-selbst gerade dadurch zu den eifrigsten Russen machten, zu Kämpfern für
-Rußland und den russischen Geist. Hätte man ihnen das seinerzeit
-erklärt, so würden sie entweder – gelacht haben, oder sie wären entsetzt
-gewesen. Es kann darüber kein Zweifel bestehen, daß sie nicht im
-geringsten die Höhe und eigentliche Bedeutung ihres Protestes erkannt
-haben. Im Gegenteil: sie haben ja die ganzen zwei Jahrhunderte hindurch
-ihren eigensten Wert fortgesetzt verleugnet, und nicht nur den allein,
-sondern sogar die Achtung vor sich selbst – solche gab es ja auch unter
-ihnen! – und in einem Grade, der ganz Europa mit Recht wundergenommen
-hat. Und nun stellt es sich heraus, daß gerade sie sich als die wahren
-Russen erwiesen haben. Ebendiese meine Deutung aber nenne ich „mein
-Paradox“. Belinski[22] zum Beispiel, ein von Natur leicht und
-leidenschaftlich begeisterter Mensch, ist fast als erster direkt zu den
-europäischen Sozialisten, die schon die ganze Form der europäischen
-Zivilisation verneinten, übergetreten, und zu gleicher Zeit hat er bei
-uns, in der russischen Literatur, bis zum Schluß gegen die Slawophilen
-gekämpft – scheinbar für das ganz Entgegengesetzte. Wie erstaunt wäre er
-gewesen, wenn ihm diese selben Slawophilen damals gesagt hätten, daß
-gerade er der erste Kämpfer für das russische Recht, für den russischen
-Geist und Anfang, gerade für all das, was er in Rußland an Europa
-bekämpfte, wenn man ihm bewiesen hätte, daß in Wirklichkeit gerade er
-der russische Konservative sei – und das ausschließlich, weil er in
-Europa Sozialist und Revolutionär war? Und so war es ja beinahe auch
-wirklich. Es wurde von beiden Seiten ein großer Fehler begangen, nämlich
-der, daß alle damaligen Westler Rußland mit Europa verwechselten, im
-Ernst für Europa hielten und, Europa samt seinen Formen verneinend,
-ernstlich glaubten, dieselbe Verneinung gälte auch für Rußland, während
-Rußland durchaus nicht Europa war, sondern nur in einem europäischen
-Rock steckte, unter ihm aber ein vollkommen anderes Wesen barg. Davon
-sich zu überzeugen, forderten die Slawophilen auf, indem sie direkt auf
-die Tatsache hinwiesen, daß die Westler Unvergleichbares verglichen oder
-gar für identisch hielten, und daß die Folgerung, die für Europa paßte,
-sich keineswegs auch auf Rußland anwenden ließ: teilweise schon deshalb
-nicht, weil all das, was sie in Europa wünschten, in Rußland schon
-längst vorhanden war und ist, jedenfalls wenigstens im Keim und in der
-Möglichkeit, und sogar sein Wesen ausmacht, nur nicht in revolutionärer
-Form, sondern gerade in derjenigen, in welcher diese Ideen der
-universalen Erneuerung der Menschheit erscheinen müssen: in der Gestalt
-der Wahrheit Gottes, der Wahrhaftigkeit Christi, die sich irgendeinmal
-auf der Erde doch verwirklichen wird, und die sich unversehrt allein in
-unserem Glauben erhalten hat. Sie forderten auf, erst Rußland kennen zu
-lernen und dann Folgerungen zu ziehen. Doch damals waren – um die
-Wahrheit zu sagen – keine Möglichkeiten vorhanden, etwas von Rußland
-kennen zu lernen. Und wer konnte denn damals etwas von Rußland wissen?
-Die Slawophilen wußten, natürlich, hundertmal mehr als die Westler – und
-das ist das Minimum –; doch auch sie handelten fast nur tastend und
-tappend, apriorisch und abstrakt, indem sie sich mehr auf ihren bloßen
-Instinkt verließen. Irgend etwas kennen zu lernen ist erst in den
-letzten zwanzig Jahren möglich geworden, doch – wie viele wissen denn
-selbst jetzt etwas von Rußland? Es ist viel, sehr viel, daß schon ein
-Anfang damit gemacht worden ist. Trotzdem erhebt sich kaum eine wichtige
-Frage, und alle sind sofort verschiedener Meinung bei uns. Nun, und
-jetzt erhebt sich von neuem die Orientfrage: Hand aufs Herz, wie viele
-sind ihrer und welche sind es, – die fähig wären, in dieser
-Angelegenheit übereinzustimmen, und wenn es sich auch nur um einen
-einzigen Entschluß handelt? Und das noch in einer so wichtigen, großen,
-in einer so verhängnisvollen und nationalen Frage! Was Orientfrage! man
-denke doch bloß an unsere hundert, unsere tausend inneren Tagesfragen: –
-welch eine allgemeine Verwirrung, welche unbeständigen Anschauungen,
-welch eine Ungewohntheit zu handeln! Rußland wird inzwischen entwaldet,
-die Gutsbesitzer und Bauern fällen mit wahrer Wut ihre Bäume. Es ist
-nicht übertrieben, wenn man sagt, daß der Holzpreis auf ein Zehntel des
-früheren herabsinkt. Noch bevor unsere Kinder groß werden, wird schon
-zehnmal weniger Holz auf dem Markt sein. Was daraus folgt, ist
-vielleicht unser Verderben. Doch versucht man einmal, etwas von der
-Einschränkung der Rechte des Waldfällens zu sagen, was bekommt man dann
-zu hören? Von der einen Seite „staatliche und nationale Notwendigkeit“
-und von der anderen „Verletzung der Eigentumsrechte“: zwei
-entgegengesetzte Begründungen. Sofort bilden sich zwei Lager, und noch
-weiß man nicht, in welches die liberale, alles entscheidende Meinung
-treten wird. Und sind es wirklich nur zwei Lager? So wird denn diese
-Frage noch lange unentschieden bleiben. Einer der heutigen Liberalen hat
-versucht, einen Witz zu reißen: jedes Übel, meinte er, habe auch sein
-Gutes, und so müsse hinfort, wenn der ganze russische Wald abgeholzt
-sei, wenigstens endgültig die Körperstrafe aufhören – denn woher wollen
-die Landrichter Ruten nehmen, wenn keine Wälder mehr da sind? Natürlich
-ist das eine kleine Beruhigung, doch traut man auch ihr nicht allzusehr:
-sind keine Bäume mehr vorhanden, so bleiben doch noch Sträucher, oder
-man kann ja Ruten aus dem Auslande beziehen. Neuerdings werden die Juden
-Gutsbesitzer – und überall schreibt und schreit man, daß sie den Boden
-Rußlands ruinieren, daß der Jude sofort, nachdem er das Gut gekauft, um
-das Kapital mit den Prozenten zurückzugewinnen, alle Kräfte und
-Reichtümer des gekauften Landes aussaugt. Versucht jemand, etwas dagegen
-zu sagen – so wird sofort von allen Seiten losgeschrien, man verletze
-das Prinzip der ökonomischen Freiheit und der staatsbürgerlichen
-Gleichberechtigung! Möge man doch wenigstens hierbei die
-Gleichberechtigung aus dem Spiel lassen, da es sich in erster Linie um
-den ausgesprochensten Talmud-_status in statu_ handelt; wenn hier nicht
-nur Aussaugung des Bodens, sondern auch die Aussaugung unseres Bauern
-droht, der nun, befreit vom Gutsbesitzer, in die Sklaverei dieser neuen
-„Herren“ gerät, derselben, die aus dem westrussischen Bauern schon alles
-gezogen, was aus ihm noch zu ziehen war, die jetzt nicht nur Güter und
-Bauern kaufen, sondern auch die liberale Meinung – und zwar mit gutem
-Erfolg. Warum aber ist das alles so bei uns? Warum diese
-Unentschlossenheit und diese Uneinigkeit bei jedem Entschluß? Meiner
-Meinung nach kommt das durchaus nicht von irgendeiner Unbegabtheit und
-Unfähigkeit zur Tat, sondern von unserer fortdauernden Unkenntnis
-Rußlands, seines Wesens, Sinnes und Geistes, obgleich seit Belinski und
-den Slawophilen schon zwanzig Jahre vergangen sind. Und es gibt sogar
-noch einen anderen Grund: in diesen zwanzig Jahren ist die Kenntnis
-Rußlands in Tatsachen und Einzelheiten weit, weit fortgeschritten, – der
-russische Instinkt aber hat sich verringert im Verhältnis zu früher. Der
-Grund hierfür? Wenn nun die Slawophilen durch ihren russischen Instinkt
-gerettet worden sind, so muß doch dieser Instinkt auch in Belinski
-gewesen sein und sogar so stark, daß die Slawophilen ihn für ihren
-besten Freund gehalten haben! Hier lag aber ein großes Mißverständnis
-von beiden Seiten vor. Nicht umsonst hat man einmal von Belinski gesagt:
-„wenn er langer gelebt hätte, so wäre er bestimmt zu den Slawophilen
-übergetreten“. In diesen Worten war ein Gedanke.
-
-
- Das Ergebnis des Paradoxons
-
-„Sie behaupten also,“ wird man mir sagen, „daß jeder Russe, der sich in
-einen europäischen Kommunarden verwandelt, allein schon dadurch sofort
-zum russischen Konservativen wird?“ Nein, das zu _behaupten_, wäre denn
-doch etwas zu gewagt. Ich wollte nur bemerken, daß in dieser Idee,
-selbst wenn man sie wörtlich nimmt, etwas Wahres liegt. Es ist vor allen
-Dingen viel Unbewußtes dabei und meinerseits vielleicht ein zu starker
-Glaube an den unvergänglichen russischen Instinkt und an die
-Lebenszähigkeit des russischen Geistes. Doch schön, schön, mag ich auch
-selbst wissen, daß es ein Paradox ist, so will ich doch die Folgerung
-aus ihm ziehen: das ist gleichfalls eine Tatsache, eine Folgerung aus
-der Tatsache. Ich habe vorhin gesagt, daß die Russen sich in Europa
-durch Liberalismus auszeichnen, und daß sich ihrer wenigstens neun
-Zehntel der Linken und äußersten Linken anschließen, sobald sie nur mit
-Europa in Berührung kommen ... vielleicht sind es auch nicht neun
-Zehntel: auf der Zahl will ich nicht bestehen. Ich bestehe nur darauf,
-daß es unvergleichlich mehr liberale Russen gibt, als unliberale. Doch
-haben wir natürlich auch solche. Tatsächlich gibt es, und hat es immer
-gegeben, Russen – die Namen einiger von ihnen sind weltberühmt –, die
-nicht nur die europäische Kultur nicht verneint, sondern, im Gegenteil,
-sie dermaßen angebetet haben, daß sie schon ihren letzten russischen
-Instinkt verloren, ihre russische Persönlichkeit und ihre Muttersprache,
-Russen, die ihre Heimat gewechselt und, wenn sie auch nicht zu fremden
-Völkern übertraten, so doch ganze Generationen hindurch in Europa
-blieben. Tatsache ist nun, daß alle diese Russen, im Gegensatz zu den
-liberalen, im Gegensatz zu deren Atheismus und Kommunismus, sich alsbald
-zur Rechten und äußersten Rechten geschlagen haben und echte europäische
-Konservative geworden sind.
-
-Viele von ihnen haben ihren Glauben gewechselt und sind zum
-Katholizismus übergetreten. Sind das nicht echte Konservative, ist das
-nicht schon die äußerste Rechte? Sie sind Konservative in Europa und
-umgekehrt – die vollkommensten Verneiner Rußlands geworden. Sie werden
-zu Zerstörern, zu Feinden Rußlands! Da sieht man, was das heißt, sich
-aus einem Russen in einen Europäer verwandeln, sich zum „wahren Sohn der
-Zivilisation“ machen, – eine bemerkenswerte Tatsache, die zweihundert
-Jahre Experiment uns gegeben haben. Daraus folgt, daß der Russe, der
-wirklich Europäer wird, nicht anders kann, als zu gleicher Zeit auch der
-natürliche Feind Rußlands werden: War es das, was die wollten, die „das
-Fenster durchbrachen“? Hatten sie das im Auge? Und so bekamen wir zwei
-Typen des zivilisierten Russen: den Europäer Belinski, der zu gleicher
-Zeit Europa verneinte und sich im höchsten Grade als Russe erwies, und
-den echten, altadligen russischen Fürsten Gagarin, der es, nachdem er
-Europäer geworden, für notwendig befand, nicht nur zum Katholizismus
-überzutreten, sondern auch noch gleich unter die Jesuiten zu gehen. Wer
-ist von beiden der größere Feind Rußlands? Wer ist mehr Russe geblieben?
-Und bekräftigt nicht dieses zweite Beispiel von der äußersten Rechten
-mein voriges Paradox, daß die russischen europäischen Sozialisten und
-Kommunarden – vor allen Dingen keine Europäer sind und zum Schluß echte,
-prächtige Russen werden, sobald das Mißverständnis sich aufklärt und sie
-ihr Land kennen lernen! Und zweitens, daß kein einziger Russe ernstlich
-Europäer wird, wenn er nur noch ein bißchen, wenn auch nur verschwindend
-wenig, Russe bleibt! Ist dem aber so, – dann muß folglich auch Rußland
-etwas vollkommen Selbständiges und Besonderes sein, etwas, das Europa
-nicht im geringsten gleicht. Ja, und Europa selbst ist vielleicht gar
-nicht im Unrecht, wenn es die Russen tadelt und über ihr Revolutionärtum
-lacht: „Wir sind also Revolutionäre nicht nur für die Zerstörung, dort,
-wo nicht wir gebaut haben, nicht wie die Hunnen und Tataren, sondern für
-irgend etwas anderes, das wir bis jetzt selbst noch nicht wissen – die
-aber, die es wissen, behalten es für sich. Kurz, wir sind –
-Revolutionäre aus irgendeiner eigenen Notwendigkeit heraus, sozusagen
-Revolutionäre aus Konservativismus ...“
-
-Doch all das sind Übergangsstadien, wie ich schon gesagt habe, all das
-ist nebensächlich und liegt abseits – heute wenigstens, da sich die ewig
-unbeantwortete Orientfrage wieder erhoben hat.
-
-
- Utopische Geschichtsauffassung
-
-In diesen ganzen hundertfünfzig Jahren nach Peter dem Großen haben wir
-nichts anderes getan, als die Gemeinschaft mit allen nur möglichen
-menschlichen Zivilisationsformen zu erwerben versucht, durch die
-Teilnahme an der Geschichte und durch die Bekanntschaft mit den Idealen
-aller Völker. Zuerst haben wir uns gezwungen und dann haben wir uns
-gewöhnt, die Franzosen zu lieben, die Deutschen und all die anderen
-gleichfalls, als ob das unsere Brüder gewesen wären, ganz abgesehen
-davon, daß sie uns nie geliebt haben und wohl auch willens sind, uns
-hinfort nicht zu lieben. Doch darin bestand ja unsere Reform, die ganze
-Tat Peters des Großen: sie hat in anderthalb Jahrhunderten unseren Blick
-erweitert, – eine Tatsache, die vielleicht noch bei keinem Volk, weder
-in der alten noch in der neuen Geschichte, vorgekommen ist. Das Rußland
-vor Peter war tätig und festgefügt, wenn es sich auch politisch langsam
-entwickelte. Es hatte sich zur Einheit herausgearbeitet und schickte
-sich an, seine Grenzen zu befestigen, und bei sich wußte es, daß es
-einen Schatz in sich trug, wie es keinen zweiten in der Welt mehr gibt –
-die Rechtgläubigkeit; wußte, daß es der Hüter der Wahrheit Christi ist,
-wirklich der gewißlichen Wahrheit, des wahrhaften Ebenbildes Christi,
-das sich in allen anderen Glaubensformen und bei allen anderen Völkern
-verdunkelt hat. Dieser Schatz, diese ewige, in Rußland gegenwärtige
-Wahrheit, deren Aufbewahrung uns als Aufgabe zugefallen, befreite
-geradezu das Gewissen der besten damaligen Russen (nach ihrer eigenen
-Meinung) von der Pflicht, sich um das Wissen anderer Völker zu kümmern.
-Ja, in Moskau kam man sogar zu der Überzeugung, daß jede engere
-Berührung mit Europa schädlich und demoralisierend auf das russische
-Gemüt und auf die russische _Idee_ wirken, die Rechtgläubigkeit selbst
-entstellen und Rußland auf den Weg des Verderbens bringen könnte, „nach
-dem Beispiel aller anderen Völker“. So schickte sich denn das alte
-Rußland in seiner Abgeschlossenheit an, _Unrecht zu tun_, – Unrecht an
-der Menschheit, indem es sich dafür entschied, ratlos seinen Schatz,
-seine Rechtgläubigkeit bei sich zu behalten und sich von Europa, d. h.
-von der Menschheit, abzuschließen, – in der Art unserer Sektierer, die
-mit niemandem aus einer Schüssel essen, sondern es für eine heilige
-Pflicht halten, daß ein jeder sich eine besondere Tasse und einen
-besonderen Löffel anschafft. Dieser Vergleich stimmt buchstäblich, denn
-vor Peter waren unsere politischen wie geistigen Beziehungen zu Europa
-von derselben Art. Seit der Reform Peters jedoch gewannen wir die
-beispiellose Erweiterung des Blicks, – und darin, wiederhole ich,
-besteht die ganze Größe der Tat unseres „Ehernen Reiters“. Dieses ist
-der Schatz, den wir, die obere kultivierte Schicht Russen, nach einer
-anderthalb Jahrhunderte langen Abwesenheit aus unserem eigenen Lande dem
-Volke bringen, und den das Volk, nachdem wir uns selber vor seiner
-Wahrheit gebeugt, von uns annehmen muß, _sina qua non_, „widrigenfalls
-die Vereinigung beider Schichten sich als unmöglich erweisen und alles
-untergehen wird.“
-
-Was ist das nun für eine „Erweiterung des Blicks“, worin besteht sie und
-was für eine Bedeutung hat sie?
-
-Das ist nicht die Aufklärung oder Erleuchtung im eigentlichen Sinne des
-Wortes, auch nicht die Wissenschaft, es ist auch kein Verrat an den
-russischen moralischen Grundsätzen im Namen der europäischen Kultur.
-Nein, das ist etwas, was einzig dem russischen Volke eigen ist: denn
-eine ähnliche Reform hat es nirgends und noch niemals gegeben. Das ist
-unsere wirklich und in der Tat fast brüderliche Liebe zu den anderen
-Völkern, eine Liebe, die wir in anderthalb Jahrhunderten Berührung mit
-ihnen uns erworben haben. Das ist unser Bedürfnis, der ganzen Menschheit
-zu dienen, zuweilen sogar zum Nachteil der eigenen, wichtigsten und
-nächsten Interessen; das ist unsere Aussöhnung mit ihren Kulturen, unser
-Begreifen und _Verzeihen_ ihrer Ideale, selbst dann, wenn sie sich mit
-den unsrigen nicht vertragen. Das ist unsere Fähigkeit, die wir uns
-selbst anerzogen haben, in jeder der europäischen Kulturen, oder
-richtiger, in jeder europäischen Persönlichkeit die in ihr enthaltene
-Wahrheit zu entdecken, sogar ungeachtet alles dessen, womit wir
-grundsätzlich nicht übereinstimmen können. Das ist endlich das
-Bedürfnis, in erster Linie – gerecht zu sein und nur die Wahrheit zu
-suchen. Mit einem Wort, das ist vielleicht gerade der Anfang, der erste
-Schritt dieser aktiven Anwendung unseres Schatzes, unserer
-Rechtgläubigkeit, zum Dienste der ganzen Menschheit – wozu sie ja
-bestimmt ist und was ihr wirkliches Wesen ausmacht. Auf diese Weise hat
-die Reform Peters die Erweiterung unserer _früheren Idee_ bewirkt,
-unserer alten russisch-moskowitischen Idee: wir bekamen ein
-vervielfachtes und verstärktes Verständnis für dieselbe: wir erkannten
-unsere Weltbestimmung, unsere Persönlichkeit und unsere Rolle in der
-Menschheit, übersahen aber, daß diese Bedeutung und diese Rolle
-grundverschieden sind von denen der anderen Völker; denn dort lebt jede
-nationale Persönlichkeit einzig für sich und in sich, wir aber werden,
-wenn unsere Zeit kommt, gerade damit beginnen, daß wir die Diener Aller
-werden, um der allgemeinen Versöhnung willen. Das ist durchaus nicht
-schmählich für uns, im Gegenteil, es ist unsere Größe, denn es führt zur
-endgültigen Vereinigung der Menschheit. Wer der Höchste im Reiche Gottes
-sein will, – der werde der Diener Aller. So verstehe ich die russische
-Prädestination _in ihrem Ideal_.
-
-Der erste Schritt unserer neuen Politik nach Peter spezifizierte sich
-denn auch ganz von selbst: dieser erste Schritt lag in dem Plan, das
-ganze Slawentum unter den Flügeln Rußlands zu vereinigen. Und diese
-Vereinigung nicht etwa zur Aneignung fremden Besitzes, nicht zur
-Vergewaltigung, nicht zur Vernichtung der einzelnen slawischen
-Völkerpersönlichkeiten durch den russischen Koloß, sondern um sie zu
-erneuen und in das ihnen zustehende Verhältnis zu Europa und zur
-Menschheit zu bringen, ihnen endlich die Möglichkeit zu geben, friedlich
-leben zu können und sich nach ihren unzähligen, jahrhundertelangen
-Leiden zu erholen, um sich im gemeinsamen Geiste zu versammeln und,
-nachdem man seine neue Kraft gefühlt, auch sein Scherflein in die
-Schatzkammer des menschlichen Geistes zu bringen, auch sein Wort in der
-Kultur zu sagen. Oh, natürlich, man kann ja über diese meine
-„Illusionen“ von russischer Prädestination lachen soviel man will, doch
-bitte ich wenigstens eines sagen zu dürfen: wünschen etwa nicht alle
-Russen die Befreiung und Erhebung der Slawen gerade auf dieser Basis,
-gerade für deren volle persönliche Freiheit und die Auferstehung ihres
-Geistes, und durchaus _nicht_, um sie für Rußland _politisch_ zu
-gewinnen und durch sie Rußland _politisch_ zu verstärken, wie es
-einstweilen Europa argwöhnt? Das ist doch so, nicht wahr? Dann aber sind
-doch meine „Illusionen“ zum Teil schon gerechtfertigt? Freilich versteht
-es sich von selbst, daß zu diesem selben Zweck Konstantinopel – früher
-oder später doch unser werden muß ...
-
-Herrgott, wie spöttisch ein Österreicher oder Engländer lächeln würde,
-wenn er diese ausgedachten „Illusionen“ lesen könnte und plötzlich solch
-eine _positive_ Folgerung fände!
-
-„Konstantinopel, das Goldene Horn, der erste politische Punkt der Welt!
-– das soll keine politische Eroberung sein!?“
-
-Ja, das Goldene Horn und Konstantinopel – all das wird dereinst unser
-sein, doch nicht um der Eroberung und der Vergewaltigung willen,
-antworte ich. Und vor allen Dingen: das wird ganz von selbst geschehen,
-wenn die Zeit dazu kommt. Es ist der natürliche Ausgang der
-Balkanfragen. Wenn es bis jetzt noch nicht geschehen ist, so war eben
-die Zeit noch nicht gekommen. In Europa glaubt man an irgendein
-„Testament Peters des Großen“. Das ist nichts weiter als ein von Polen
-geschriebenes, untergeschobenes Papier. Doch wenn Peter auch der Gedanke
-gekommen wäre, anstatt Petersburg zu gründen, Konstantinopel zu erobern,
-so hätte er doch diesen Gedanken aufgegeben: selbst dann, wenn er die
-Macht gehabt hätte, den Sultan zu vernichten – denn damals wäre das
-unzeitgemäß gewesen und hätte sogar Rußlands Verderben sein können.
-
-Schon in dem finnischen Petersburg sind wir dem Einfluß der benachbarten
-Deutschen nicht entronnen, – wenn er auch nützlich gewesen ist, so hat
-er doch die russische Entwicklung, bevor sie ihren rechten Weg fand,
-ungemein gelähmt, – wie hätten wir dann in Konstantinopel, der großen,
-eigenartigen Stadt, mit den Resten der ältesten und mächtigsten Kultur,
-dem Einfluß der Griechen entrinnen können, dieser unvergleichlich
-„geschliffeneren“ Menschen, als es die rauhen, uns vollkommen
-unähnlichen Deutschen sind, dem Einfluß dieser Menschen, die bedeutend
-mehr Berührungspunkte mit uns haben, dieser zahlreichen höfischen
-Griechen, die sofort den Thron umringt hätten und viel früher als die
-Russen gelehrt und gebildet geworden wären, die unseren Peter selber,
-nicht nur seine Nachfolger, bezaubert hätten, schon allein durch ihre
-Kenntnis der Schiffahrt, – seiner schwachen Seite –?? Kurz, sie hätten
-Rußland politisch erobert, hätten es, wieder auf irgendeinen neuen
-asiatischen Weg gelockt, nun, und dem wäre natürlich das damalige
-Rußland nicht gewachsen gewesen. Seine russische Kraft und Nationalität
-wären in ihrer Entwicklung unterbrochen worden. Der mächtige Großrusse
-wäre abseits in seinem dunklen schneeigen Norden geblieben und hätte nur
-als Material für die Zarenstadt gedient, und vielleicht würde er es zum
-Schluß sogar überflüssig gefunden haben, ihr noch weiter zu folgen. Der
-Süden Rußlands aber wäre den Griechen anheimgefallen. Ja, vielleicht
-hätte sich sogar die Rechtgläubigkeit selber in zwei Welten geteilt: in
-die südlich-zaristische und die nördlich-altrussische ... Kurz, die
-Sache wäre im höchsten Grade unzeitgemäß gewesen. Jetzt aber ist es
-etwas ganz anderes.
-
-Jetzt ist Rußland schon in Europa gewesen und ist nicht mehr so
-unwissend wie damals. Die Hauptsache aber – es hat seine ganze Kraft
-erkannt und ist wirklich stark geworden; und außerdem weiß es jetzt,
-wodurch es dereinst am stärksten sein wird. Jetzt weiß es, daß
-Konstantinopel uns gehören kann, auch ohne dabei die Hauptstadt zu sein;
-vor zweihundert Jahren aber, da hätte Peter nach der Eroberung von
-Byzanz nicht umhingekonnt, dorthin seine Residenz zu verlegen, was das
-Verderben Rußlands gewesen wäre – denn Byzanz ist nicht Rußland und kann
-auch niemals Rußland werden. Angenommen aber, daß Peter diesen Fehler
-nicht begangen hätte, so wären doch bestimmt seine Nachfolger dorthin
-gezogen. Wenn aber Byzanz heute unser wird, so wird es deshalb noch
-nicht Rußlands Hauptstadt und somit auch nicht die Hauptstadt des
-Panslawismus, wie einige träumen. Der Panslawismus ohne Rußland wird
-sich im Kampf mit den Griechen entkräften, selbst dann, wenn er aus
-seinen Teilen irgend etwas politisch Ganzes bilden könnte. Daß aber die
-Griechen allein Byzanz erben, ist jetzt schon unmöglich: einen so
-wichtigen Punkt der Erde kann man ihnen nicht abtreten, das wäre denn
-doch etwas zuviel für sie. Der Panslawismus aber mit Rußland an der
-Spitze – oh, der ist natürlich etwas ganz anderes! Aber ist dieses
-Andere auch etwas Gutes, fragt es sich? Und würde das nicht wie ein
-Einstecken der Slawen aussehen, was wir durchaus nicht nötig haben? Also
-im Namen wessen, im Namen welches _moralischen_ Rechtes könnte denn
-Rußland Konstantinopel begehren? Auf welche höheren Ziele gestützt,
-könnte es Byzanz von Europa fordern? Nur als Führer der
-Rechtgläubigkeit, als ihr Beschützer und Erhalter – in der Rolle, die
-ihm schon seit Iwan III.[23] zusteht: zum Zeichen dessen hat dieser den
-zweiköpfigen byzantinischen Adler über das alte Wappen Rußlands
-gestellt, wenn Rußland dieser Führer auch erst seit Peter dem Großen
-wirklich geworden ist, als es die Kraft in sich fühlte, seine Bestimmung
-zu erfüllen, und in der Tat der einzige wahrhafte Beschützer und
-Erhalter der Rechtgläubigkeit, wie der ihr angehörigen Völker wurde.
-Dieser Grund, dieses _Recht_ auf das alte Byzanz, wäre selbst den auf
-ihre Unabhängigkeit eifersüchtigsten Slawen und sogar den Griechen
-verständlich und hätte nichts Kränkendes für sie. Damit würde sich das
-wirkliche Wesen dieser politischen Beziehungen selbst zu erkennen geben,
-Beziehungen, die sich unfehlbar in Rußland zu allen übrigen
-rechtgläubigen Völkern herstellen müssen – ob Slawen oder Griechen,
-bleibt sich gleich. Rußland ist ihre Beschützerin und vielleicht sogar
-ihre Führerin, doch nicht ihre Herrscherin. Sollte Rußland aber einmal
-ihre Zarin werden, so wird das nur auf ihre eigene Wahl hin geschehen
-können, mit der Aufrechterhaltung alles dessen, was sie selbst zur
-Sicherung ihrer Unabhängigkeit und Selbständigkeit und Eigenart
-bestimmen ... so daß zu solch einem Vaterlande auch die nicht
-rechtgläubigen Slawen werden hinzutreten können, denn sie würden selbst
-sehen, daß die Vereinigung unter dem Schutze Rußlands nur eine
-Sicherstellung der unabhängigen Persönlichkeit eines jeden ist, da sie
-ohne diese große, vereinende Kraft sich vielleicht wieder in
-Streitigkeiten untereinander entkräften würden, selbst wenn sie einmal
-von Muselmännern oder Europäern, denen sie jetzt gehören, politisch
-unabhängig werden sollten.
-
-Wozu mit Worten spielen, wird man mir sagen: was ist das, diese
-„Rechtgläubigkeit“? und worin liegt hier eine so besondere Idee, solch
-ein besonderes Recht auf die Vereinigung der Völker? Ist das nicht ganz
-ebensolch ein politischer Verband wie alle übrigen, wenn auch auf den
-breitesten Grundlagen, in der Art der Vereinigten Staaten Amerikas
-vielleicht, oder womöglich auf noch breiteren?
-
-Ich werde diese Frage sofort beantworten.
-
-Nein, es wird nicht dasselbe sein, und es ist auch kein Spiel mit
-Worten, sondern hierdurch wird _wirklich_ etwas Besonderes und noch
-nicht Dagewesenes geschehen. Es wird nicht nur eine politische
-Vereinigung sein und noch weniger eine politische Aneignung oder
-Vergewaltigung, – wie Europa es sich nicht anders denken kann; und nicht
-im Namen eines Krämerwesens, oder persönlicher Vorteile und der ewigen,
-immer gleichen vergötterten Laster unter dem Schein des offiziellen
-Christentums, an das in Wirklichkeit niemand mehr außer dem _Pöbel_
-glaubt. Nein, hierdurch soll die Wahrheit Christi zur Wirklichkeit
-werden, diese Wahrheit, die einzig im Osten noch erhalten wird, die
-wirkliche, neue Herrschaft Christi und die Verkündung des endgültigen
-Wortes der Rechtgläubigkeit, deren Haupt schon längst Rußland ist. Das
-wird ja das Ärgernis sein für alle Starken dieser Welt, die bis jetzt
-hienieden triumphiert haben, die immer auf ähnliche „Erwartungen“ mit
-Verachtung und Spott herabgesehen und nicht einmal begreifen können, wie
-man ernstlich an die Brüderlichkeit der Menschen, an die Allversöhnung
-der Völkerschaften glauben kann, an einen Bund, der auf der Basis der
-Alldienstbarkeit der Menschheit gegründet ist, und endlich selbst an die
-Erneuerung der Menschen auf Grund der wahrhaften Lehre Christi. Ist aber
-der Glaube an dieses „neue Wort“, das Rußland als Haupt der vereinten
-Rechtgläubigkeit der Welt sagen kann, eine „Utopie“, die nur des Spottes
-wert ist, so möge man auch mich zu diesen Utopisten rechnen, und den
-Fluch der Lächerlichkeit will ich dann gerne tragen.
-
-„Schon das allein ist Utopie,“ wird man vielleicht noch einwenden, „daß
-man Rußland irgendeinmal einfach _erlauben_ werde, an die Spitze der
-Slawen zu treten und in Konstantinopel einzuziehen. Man kann ja nicht
-verbieten, sich Illusionen zu machen, doch bleiben es immerhin
-Illusionen.“
-
-Ist das wirklich so? Doch abgesehen davon, daß Rußland stark ist und
-vielleicht noch viel stärker, als es selbst ahnt, ganz abgesehen davon –
-waren es nicht unsere eigenen Augen, die noch in den letzten Jahrzehnten
-zwei riesige, Europa beherrschende Mächte sich aufrichten sahen, von
-denen die eine in Staub und Schutt zusammenbrach, in einem Tage vom
-Sturme Gottes hinweggefegt, und an deren Stelle sich ein neues Reich
-erhob, dem ein an Kraft ähnliches, sollte man meinen, die Erde noch
-nicht getragen hat? Und wer hätte das voraussehen können? Wenn aber
-solche Veränderungen möglich sind, schon in unseren Tagen und vor
-unseren Augen, wie kann dann der menschliche Verstand vollkommen und
-buchstäblich das Schicksal des Ostens weissagen wollen? Wer hat wirklich
-Ursache, in der Hoffnung auf die Auferstehung und Einigung der Slawen zu
-verzagen? Unbekannt sind uns Menschen die Wege Gottes allzeit gewesen.
-
-
- Foma Daniloff, der zu Tode gemarterte russische Held
-
-
- Foma Daniloff
-
-Es ist jetzt[24] wohl ein Jahr her, daß die Zeitungen die Nachricht
-brachten von dem Märtyrertode des Unteroffiziers des 2. Turkistanischen
-Schützenbataillons, Foma Daniloff. Er war in die Gefangenschaft der
-Kiptschaken geraten und von ihnen in Magelan nach vielen raffinierten
-Foltern endlich am 21. November barbarisch umgebracht worden, weil er
-nicht in ihren Dienst und zum Mohammedanismus hatte übertreten wollen.
-Der Chan selber hat ihm Belohnungen, seine Gunst und alle möglichen
-Ehren versprochen, wenn er eingewilligt hätte, Christus zu verleugnen.
-Daniloff aber hat geantwortet, daß er das Kreuz nicht verraten könne und
-als Untertan des Zaren, wenn auch in der Gefangenschaft, seine Pflicht
-dem Zaren und dem Christentum gegenüber erfüllen müsse. Seine Peiniger
-haben sich über die Kraft seiner Seele gewundert und ihn einen Helden
-genannt.
-
-Damals rief diese Nachricht, wenn sie auch von allen Zeitungen
-mitgeteilt wurde, doch kein besonderes Interesse in der Gesellschaft
-hervor; ja, selbst die Blätter, die sie nur wie eine gewöhnliche
-Tagesneuigkeit brachten, fanden es nicht für nötig, sich noch
-_besonders_ darüber zu verbreiten. Darauf kamen die slawische Bewegung,
-Tschernjäjeff[25], die Serben und manches andere. Es kamen Spenden und
-Freiwillige, und der gefolterte Foma geriet in völlige Vergessenheit –
-das heißt in den Zeitungen. Erst kürzlich hörten wir wieder etwas von
-ihm, oder vielmehr von seiner Familie, nach der der Gouverneur von
-Samara inzwischen geforscht hatte. Daniloff hat eine 27jährige Frau,
-Jewrossinja, und eine sechsjährige Tochter, Ulita, in ärmlichen
-Verhältnissen zurückgelassen. Eine Sammlung für sie ergab 1320 Rubel,
-von denen 600 für die Tochter bis zu ihrer Mündigkeit verzinst werden
-sollen, während den Rest die Mutter erhält; außerdem hat eine Schule die
-kleine Ulita als Stipendiatin aufgenommen. Bald darauf benachrichtigte
-dann der Chef des Generalstabes den Gouverneur von Samara, daß nach
-Allerhöchster Bestimmung der Witwe eine lebenslängliche Pension von 120
-Rubel jährlich ausgezahlt werden solle. Und nun – wird die Sache
-wahrscheinlich wieder vergessen werden, besonders in Anbetracht der
-gegenwärtigen Aufregungen, politischen Befürchtungen, der schwebenden
-Fragen, Krachs usw.
-
-Oh, ich will durchaus nicht behaupten, daß unsere Gesellschaft sich zu
-dieser ungewöhnlichen Tat gleichgültig, wie zu einem nicht
-beachtenswerten Geschehnis, verhalten hätte! Tatsache ist nur, daß
-darüber wenig gesprochen worden ist, oder richtiger, daß niemand davon
-als von etwas _Besonderem_ gesprochen hat. Übrigens, vielleicht hat man
-es auch irgendwo getan, bei Kaufleuten, bei Geistlichen zum Beispiel,
-nicht aber in der „Gesellschaft“, nicht in den Kreisen unserer
-„Intelligenz“. Das Volk natürlich wird diesen großen Tod nicht
-vergessen. Dieser Held hat Qualen für Christus erduldet und ist ein
-großer Russe gewesen: das versteht das Volk zu schätzen, und solche
-Taten vergißt es nie. Und doch ist es mir, als hörte ich schon einige
-mir so wohlbekannte Stimmen sagen: „Tja, das ist allerdings Kraft,
-Stärke, und wir erkennen sie ja auch an, aber – es ist doch immer eine
-blinde, sagen wir wie das Volk: eine ‚dunkle‘ Kraft, die sich in etwas
-allzu vorsintflutlicher Gestalt geoffenbart hat, und darum – was hätten
-wir da als etwas _Besonderes_ besprechen sollen? Nicht von unserer Welt
-ist das. Eine ganz andere Sache aber ist Kraft, die sich intellektuell,
-die sich bewußt zeigt. Es gibt noch andere Dulder und andere Kräfte, es
-gibt auch Ideen, die unvergleichlich höher sind – die kosmopolitische
-Idee zum Beispiel ...“
-
-Doch trotz dieser vernünftigen und „intellektuellen“ Stimmen scheint es
-mir erlaubt und verzeihlich, etwas _Besonderes_ auch über Daniloff zu
-sagen. Ja, ich glaube sogar, daß es selbst unsere Intelligenz nicht gar
-so sehr erniedrigen würde, wenn sie sich etwas aufmerksamer zu dieser
-Tat verhalten hätte. Mich, zum Beispiel, wundert am meisten, daß sich
-damals nirgendwo Verwunderung geäußert hat, – gerade Verwunderung. Ich
-rede nicht vom Volke: dort ist Verwunderung nicht nötig, und darum wird
-es sich auch in diesem Falle nicht gewundert haben: die Tat Daniloffs
-kann ihm nicht ungewöhnlich erscheinen, schon allein wegen des großen
-Glaubens unseres Volkes an sich selber nicht. Seine Antwort auf diese
-Heldentat wird nur ein mächtiges Gefühl und eine tiefe Rührung sein.
-Sollte aber etwas Ähnliches in Europa geschehen, ich meine, ein solcher
-Beweis von Mut und Größe, sei es bei den Engländern, bei den Franzosen
-oder bei den Deutschen, so würde der Ruhm des betreffenden Helden über
-die ganze Welt hin erschallen. Nein, hört mal, wißt ihr auch, wie mir
-dieser „dunkle“, unbekannte Soldat des Turkistanischen Bataillons
-vorkommt? Ja, der ist doch – der ist doch das Symbol ganz Rußlands,
-unseres ganzen volklichen Rußlands, das wahrhafteste Abbild dieses
-selben Rußlands, dem unsere Zyniker und Allwissenden jetzt schon jeden
-Geist abstreiten, wie jede Möglichkeit der Erhebung und Offenbarung
-eines großen Gedankens oder großen Gefühls. Hört mal, ihr
-seid ja gar nicht diese Zyniker. Ihr seid ja im ganzen nur
-intellektuell-europäisierte Russen, das heißt, im Grunde die
-gutmütigsten Leute! Auch ihr, nicht wahr, leugnet doch nicht, daß unser
-Volk im vergangenen Sommer stellenweis ungewöhnliche Geisteskraft
-bewiesen hat: viele Bauern verließen bekanntlich ihre Häuser und Kinder
-und gingen hin, um für den Glauben zu sterben, für die bedrückten
-Brüder, – weiß Gott wohin und weiß Gott mit welchen Mitteln, ganz genau
-so, wie einst vor neun Jahrhunderten in Europa die ersten Kreuzfahrer
-auszogen, – diese selben Kreuzfahrer, deren Wiedererscheinen manch einer
-unserer Intellektuellen für fast lächerlich und beleidigend halten
-würde, „in unserem,“ wie er sagt, „Jahrhundert des Fortschritts, der
-positiven Aufgaben usw.“ Schön, mag diese unsere Bewegung im vorigen
-Sommer auch nach eurer Meinung blind und sogar „nicht recht gescheit“
-gewesen sein, sozusagen „kreuzfahrerisch“, so könnt ihr doch nicht
-leugnen, wenn ihr nur ein wenig größer schaut, daß es eine
-überzeugungsvolle und großmütige Bewegung gewesen ist. Eine mächtige
-Idee erwachte und erweckte und zog vielleicht Hunderttausend, vielleicht
-Millionen Seelen mit einem Schlage aus der Gleichgültigkeit, dem
-Zynismus und dem Schmutz, in dem sie sich bis dahin gewälzt. Wie ihr
-wißt, hält man unser Volk bis jetzt noch, wenn auch für gutmütig und
-geistig sogar sehr begabt, doch für eine dunkle, elementare,
-erkenntnislose Masse, die ohne Ausnahme Lastern und Vorurteilen ergeben
-und fast durchweg sittenlos ist. Nun aber erdreiste ich mich, etwas
-auszusprechen, das man, wenn man will, ein Axiom nennen kann, und zwar:
-Um über die sittliche Kraft eines Volkes und darüber, zu was es in
-Zukunft fähig sein kann, zu urteilen, muß man nicht den Grad der
-Verderbnis, bis zu der es sich zeitweilig und womöglich in seiner
-Mehrzahl selbst erniedrigt, in Betracht ziehen, sondern nur die
-Geisteshöhe, bis zu der es sich wird emporschwingen können, wenn die
-Zeit dazu gekommen sein wird. Denn Verderbnis ist nur ein temporäres
-Unglück und hängt so gut wie immer von den vorhergehenden und
-vorübergehenden Umständen ab, von der Sklaverei, der Unterdrückung,
-Verrohung; die Gabe aber der Großmut ist ewig, elementar, ist eine Gabe,
-die mit dem Volke geboren wird und um so höher zu ehren ist, wenn sie
-durch Jahrhunderte der Sklaverei, des Unglücks und der Armut sich
-trotzdem im Herzen dieses Volkes unverletzt erhalten hat.
-
-Foma Daniloff war dem Ansehen nach vielleicht eines der
-allergewöhnlichsten und unauffälligsten Exemplare des russischen Bauern,
-so unauffällig wie das russische Volk selber. – Oh, viele haben dieses
-Volk überhaupt noch nicht bemerkt! – Möglich, daß er seinerzeit nicht
-ungern ohne Arbeit war und ein Gläschen trank, möglich, daß er nicht
-einmal viel betete, wenn er auch natürlich seinen Gott nie vergaß! Und
-plötzlich befiehlt man ihm nun, seinen Glauben zu ändern, – unter
-Androhung des Märtyrertodes! Dabei nicht zu vergessen, was das für eine
-Folter ist, diese asiatische Folter! Vor ihm sitzt der Chan in eigener
-Person und verheißt ihm seine Gnade und alles Schöne. Und Daniloff
-begreift nur zu gut, daß seine Weigerung den Mächtigen unbedingt reizen
-wird und es die Eigenliebe der Kiptschaken kränken muß, daß „ein
-Christenhund es wagt, den Islam so zu verachten“. Doch trotz allem, was
-ihn erwartet, nimmt dieser unansehnliche russische Mensch die grausamen
-Qualen auf sich und stirbt, seine Peiniger in Erstaunen setzend. Wißt
-ihr auch, daß von uns kein einziger das getan hätte? Vor aller Augen
-leiden, mag zuweilen sogar angenehm sein, hier aber ging doch die Qual
-ganz weltfern vor sich, in einem stummen Winkel: keiner sah ihn; und
-Foma selber konnte nicht wissen, daß seine Tat über das ganze Land der
-Russen hin bekannt werden würde. Ich glaube, gar manchen großen
-Märtyrern, sogar solchen aus den ersten Jahrhunderten des Christentums,
-gereichte es, wenn sie das Kreuz auf sich nahmen, nicht wenig zum Trost
-und zur Erleichterung, sich sagen zu können, daß ihr Tod den Zaghaften
-und Schwankenden ein Beispiel sei und noch mehr Jünger für Christus
-werben werde. Foma Daniloff konnte selbst diesen großen Trost nicht
-haben: er war allein unter seinen Henkern – niemand, mußte er sich
-sagen, würde erfahren, was mit ihm geschah. Er war noch jung und hatte
-Weib und Kind in der Heimat, – niemals würde er sie wiedersehen – doch
-sei es! „Wo ich auch bin, gegen mein Gewissen kann ich nicht handeln;
-ich wähle den Märtyrertod,“ – Wahrheit um der Wahrheit willen und nicht
-zum Ruhme! Und weder Lug noch Trug noch sophistisches Spiel mit dem
-eigenen Gewissen: „Werde den Islam einfach zum Schein annehmen, errege
-lieber keinen Anstoß, es wird ja doch niemand sehen, später kann ich ja
-Buße tun, das Leben ist lang, werde der Kirche spenden, Gutes tun ...“
-Nichts davon war in ihm, sondern nur wundernehmende, uranfängliche,
-elementare Ehrlichkeit. Nein, ich glaube nicht, daß wir ebenso gehandelt
-hätten!
-
-Doch das sind wir, – aber für unser Volk, wiederhole ich, hat die
-Heldentat Daniloffs vielleicht sogar nicht das geringste Verwunderliche.
-Das ist es ja, daß hier geradezu ein Symbol des russischen Volkes
-geboten wird, eine ganze Darstellung unseres Volkes: deswegen berührt
-dieser Tod mich so nah und auch euch, natürlich auch euch! Gerade so
-liebt unser Volk die Wahrheit nur um der Wahrheit willen und nicht um
-des Ruhmes willen. Möge es auch noch so roh und gemein und sündig und
-unscheinbar sein; doch laßt nur seine Zeit kommen, laßt nur die Zeit der
-Volkswahrheit anbrechen, so werdet auch ihr erstaunen über seine
-Geistesfreiheit, die seine Größe dann vor dem Joch des Materialismus,
-der Leidenschaften, der Geld- und Habgier, und sogar unter Androhung des
-grausamsten Foltertodes, beweisen wird. Und all das wird es einfach,
-ohne Phrasen und Gesten tun, nur fest in seiner Überzeugung, ohne
-Belohnung oder Lob zu verlangen, ohne mit seiner Tat zu prahlen: „Woran
-ich glaube, das bekenne ich auch.“
-
-Wißt, man muß die Wahrheit nicht zu umgehen suchen: ich glaube, daß wir
-solch ein Volk nichts mehr lehren können. Das ist ein Sophismus,
-versteht sich, doch kommt er einem zuweilen unwillkürlich in den Sinn.
-Oh, natürlich, wir sind gebildeter als das Volk, aber _was_ sollen wir
-es denn lehren – fragt es sich! Ich rede hier nicht von den Handwerken,
-nicht von der Technik, nicht von der Mathematik, – das werden ihm auch
-die zugereisten Deutschen schon für Lohn beibringen, wenn wir es selbst
-nicht tun. Nein, aber wir, was sollen wir es lehren? Wir sind doch
-Russen, sind Brüder diesem Volke und folglich verpflichtet, es zu
-_erleuchten_. Was können wir ihm Moralisches, welches Höhere können wir
-ihm geben, was ihm erklären, und womit diese „dunklen“ Seelen
-_erleuchten_? Volksaufklärung ist unser Recht und unsere Pflicht im
-höchsten christlichen Sinne: wer das Gute weiß und das wahrhafte Wort
-des Lebens kennt, der muß, der ist verpflichtet, es seinem
-nichtwissenden, im Dunkel irrenden Bruder zu sagen, lehrt uns die Bibel.
-Was sollen wir nun dem Irrenden sagen, was er selbst nicht besser wüßte
-als wir? Zuerst natürlich, daß „lernen nützlich ist und man lernen muß“,
-– nicht wahr? Aber das Volk hat schon vor uns gesagt: „lernen – ist
-Licht, nicht lernen – ist Finsternis“. Besiegung der Vorurteile, zum
-Beispiel, Vernichtung der Götzen? Aber in uns selber ist doch solch eine
-Unmenge von Vorurteilen, und Götzen haben wir uns so viele zugelegt, daß
-das Volk uns offen sagen wird: „Arzt, heile dich selber.“ – Und unsere
-Götzen versteht es bereits ganz vorzüglich zu erkennen! Oder sollen wir
-es Selbstachtung lehren, persönliche Würde? Aber unser Volk, als Ganzes
-genommen, achtet sich selber viel mehr als wir uns, ehrt und begreift
-seine Würde viel tiefer als wir. In der Tat, wir sind so furchtbar in
-uns selbst verliebt, aber wir achten uns dabei doch nicht im geringsten,
-und persönliche Würde, einerlei worin sie auch bestände, gibt es bei uns
-überhaupt nicht. Oder sollen wir dem Volk etwa Achtung vor fremden
-Überzeugungen beibringen? Unser Volk beweist schon seit Peters des
-Großen Zeiten, daß es auch die Überzeugungen Fremder zu achten versteht,
-wir aber verzeihen ja nicht einmal unter unseresgleichen die kleinste
-Abweichung von unseren Überzeugungen, und wer mit uns nicht
-übereinstimmt, den halten wir einfach für einen Dummkopf, wobei wir ganz
-vergessen, daß, wer so leicht die Achtung für andere verliert, in erster
-Linie sich selbst nicht achtet. Oder sollen wir etwa das Volk Glauben an
-sich und seine Kräfte lehren? Das Volk hat Foma Daniloffs zu Tausenden,
-wir aber glauben überhaupt nicht an russische Kräfte, ja, und halten
-diesen Unglauben noch für höhere Bildung, und es fehlt nicht viel, auch
-noch für Heldenhaftigkeit. Aber so sagt doch, was können wir das Volk
-denn lehren? Wir verabscheuen, wir hassen sogar all das, was unser Volk
-liebt und ehrt, und wonach sein Herz sich sehnt. Nun also: was sind wir
-denn für Volksfreunde? Man wird vielleicht entgegnen, daß wir folglich
-das Volk nur um so mehr lieben, wenn wir, ihm Besseres wünschend, seine
-Unwissenheit verabscheuen. O nein, meine Herren, keineswegs: wenn wir
-wahrhaft und in der Tat unser Volk liebten und nicht nur in Artikeln und
-Broschüren, so würden wir etwas näher zu ihm hingehen und uns bemühen,
-erst einmal das kennen zu lernen, was wir jetzt, wie es uns gerade
-beliebt, nach europäischer Schablone in ihm vernichten wollen: dann
-würden wir vielleicht selbst so viel Neues lernen, wie wir uns jetzt
-noch nicht einmal träumen lassen.
-
-Übrigens haben wir einen Trost: unseren großen Stolz vor unserem Volke.
-Darum verachten wir es ja auch so: verachten es, weil es national ist
-und aus seiner ganzen Kraft auf dieser seiner Nationalität besteht, wir
-aber – wir haben kosmopolitische Überzeugungen, haben uns als unser Ziel
-die Allmenschheit gesetzt und uns über unser Volk somit selbst
-hinausgehoben. Nun, und das ist ja unsere ganze Zwietracht, unser ganzer
-Bruch mit dem Volk. Und so sage ich denn meine Meinung: versöhnen wir
-uns mit ihm in diesem Punkte, so hört sofort auch unser Zwist mit ihm
-auf. Dazu aber gibt es eine Möglichkeit, die außerdem sehr leicht zu
-finden ist. Im übrigen wiederhole ich nochmals nachdrücklichst, daß
-sogar unser allerschroffster Widerspruch im Grunde nur eine –
-Selbsttäuschung ist.
-
-Doch was ist das nun für eine Versöhnungsmöglichkeit?
-
-
- Die Versöhnungsmöglichkeit außerhalb der Wissenschaft
-
-Zuerst hebe ich das am meisten Bestrittene hervor und beginne ohne
-weiteres damit:
-
-„Jedes große Volk glaubt und muß glauben, wenn es nur lange am Leben
-bleiben will, daß in ihm, und nur in ihm allein, die Rettung der Welt
-liegt, daß es bloß lebt, um an die Spitze aller Völker zu treten, sie
-alle in das eigene Volk aufzunehmen und sie, in harmonischem Chor, zum
-endgültigen, ihnen allen vorbestimmten Ziele zu führen.“
-
-Ich behaupte, daß es so mit allen großen Völkern der Erde war, mit den
-ältesten, wie mit den jüngsten, daß nur dieser Glaube allein sie zu der
-Möglichkeit, jedes zu seiner Zeit einen großen Einfluß auf die
-Schicksale dir Menschheit auszuüben, erhoben hat. So war es zweifellos
-mit dem alten Rom, und so war es später mit dem zweiten Rom in der
-katholischen Periode der Geschichte dieser Stadt. Als dann Frankreich
-seine katholische Idee erbte, geschah ganz dasselbe auch mit Frankreich,
-und im Zeitraum von fast zwei Jahrhunderten, bis zu seinem Sturz in
-unserem Jahrhundert und seiner jetzigen Resignation, glaubte Frankreich
-sich zweifellos die ganze Zeit über an der Spitze der Völker, hielt
-sich, wenigstens moralisch, zeitweilig aber auch politisch, für ihren
-Führer und Wegweiser zur Zukunft. Danach strebte freilich auch
-Deutschland in seinen Träumen und stellte der katholischen Weltidee und
-ihrer Autorität seinen Protestantismus und die unbegrenzte Freiheit des
-Geistes und der Forschung gegenüber. Ich wiederhole, dasselbe geschieht
-_mehr oder weniger_ mit allen großen Nationen auf der Höhe ihrer
-Entwicklung. Man wird mir sagen, daß das nicht wahr sei, daß das ein
-Irrtum von mir sei, und wird mich auf das _Bewußtsein_ dieser selben
-Völker aufmerksam machen, auf die Erkenntnis ihrer Gelehrten und Denker,
-die gerade auf die gemeinschaftliche, die vereinte Bedeutung der
-europäischen Nationen hingewiesen haben, der Nationen, die vereint an
-der Schöpfung und Vollendung der europäischen Zivilisation mitgewirkt
-haben ... nun, und ich werde diesen Einwand selbstverständlich nicht
-ohne weiteres abweisen. Doch abgesehen davon, daß solche
-Vernunftschlüsse im allgemeinen gewissermaßen das Ende des lebendigen
-Lebens eines Volkes bedeuten, will ich einstweilen nur auf eines
-hinweisen: diese selben kosmopolitischen Denker haben, was sie da auch
-von der Weltharmonie der Nationen geschrieben, immerhin zu gleicher Zeit
-und meistenteils mit unmittelbarem, lebendigem und aufrichtigem Gefühl,
-ganz so wie die Masse ihres Volkes, _fortgesetzt geglaubt_, daß in
-diesem Chor der Nationen, die die Weltharmonie und die gemeinsame
-Zivilisation ausmachen, _gerade sie_ (sagen wir, zum Beispiel, die
-Franzosen) das Haupt dieser ganzen Vereinigung sind, _sie_ die
-vordersten, _sie_ diejenigen, denen es vorherbestimmt ist, zu führen,
-die anderen aber ihnen nur nachfolgen: daß sie (die Franzosen) von
-diesen anderen Völkern nun, meinetwegen, vielleicht auch etwas
-entlehnen, doch immerhin nur _etwas_, daß dafür aber jene anderen Völker
-von ihnen _alles_ übernehmen, wenigstens alles Erstrangige, und nur von
-ihrem Geist und von ihrer Idee zu leben vermögen, ja, und ihnen
-überhaupt nichts übrigbleibe, als sich schließlich ihrem Geiste
-anzuschließen und sich mit ihnen, den Franzosen, früher oder später zu
-verschmelzen. Und auch in dem heutigen resignierten und innerlich
-zerfallenen Frankreich lebt noch eine derartige Idee, die eine neue,
-doch meiner Meinung nach vollkommen natürliche Phase gerade seiner
-früheren katholischen Weltidee in ihrer Entwicklung ist; und nicht
-weniger als die Hälfte aller Franzosen glaubt auch jetzt, daß in ihr und
-nur in ihr allein die Rettung nicht nur Frankreichs, sondern der ganzen
-Welt liegt: das ist ihr französischer Sozialismus. Diese Idee – das
-heißt, dieser ihr Sozialismus – ist natürlich unwahr und aussichtslos;
-doch jetzt handelt es sich nicht mehr um ihre Qualität, sondern darum,
-daß sie jetzt vorhanden ist, ein lebendiges Leben lebt, und daß
-diejenigen, die sich zu ihr bekennen, nicht von Wehmut und Zweifeln
-befallen sind, wie alle übrigen Franzosen. Anderseits sehe man sich doch
-den Engländer an, einerlei was für einen, den Lord oder den Arbeiter,
-den Gelehrten oder den Ungebildeten, und man wird sich überzeugen, daß
-jeder einzelne Engländer sich bemüht, vor allen Dingen Engländer zu
-sein, in allen Lebenslagen Engländer zu bleiben, im öffentlichen wie im
-Privatleben, in der Politik wie in der Gesellschaft und im Geschäft: und
-sogar die Menschheit zu lieben, bemüht er sich nicht anders, denn nur
-als Engländer. Und wenn dem auch so wäre, wird man mir entgegnen, so wie
-ich es behaupte, dann würde doch solch ein Eigendünkel jedes großen
-Volkes unwürdig sein: der Egoismus und unsinnige Chauvinismus würden
-seine Bedeutung verringern oder gar sein nationales Leben schon gleich
-zu Anfang schädigen und verderben, statt ihm Lebenskraft zu geben. Man
-wird sagen, daß ähnliche sinnlose, stolze Ideen keiner Nachahmung wert
-seien, sondern, im Gegenteil, von der Vernunft, die alle Vorurteile
-vernichtet, ausgerottet werden müßten. Nun, wenn das von der einen Seite
-auch sein Wahres hat, so muß man doch, denke ich, nichtsdestoweniger die
-Frage auch von der anderen Seite nehmen: dann aber erscheint meine
-Meinung durchaus nicht erniedrigend, sondern sogar umgekehrt – erhebend.
-Was tut’s, daß der lebensfremde Jüngling träumt, dereinst ein Held zu
-werden? Glaubt mir: stolze und hochmütige Träume können diesem Jüngling
-viel nützlicher und lebenbringender sein als die „Vernünftigkeit“ eines
-Knaben, der schon mit sechzehn Jahren an der weisen Regel festhält, daß
-„Glück besser als Heldentum“ sei. Glaubt mir, das Leben jenes Jünglings
-wird nach durchlebter Armut und mißglückten Versuchen als Ganzes doch
-schöner sein als das behagliche Dahinvegetieren seines vernünftigen
-Schulkameraden, der sein Leben unter allen nur denkbaren
-Bequemlichkeiten verbringt. Solch ein Glaube an sich ist nicht
-unmoralisch und keineswegs eine Selbstüberhebung. Und ebenso ist es auch
-mit den Völkern: mag es auch vernünftige, friedliche und zufriedene
-Völker geben, die ohne Überschwenglichkeiten ein gutes Leben führen,
-Handel treiben, Schiffe bauen, und sich mit Behagen ihres Lebens freuen:
-nun, Gott hab’ sie selig, weit werden sie es nicht bringen! Daraus wird
-doch nur so eine echte Mittelmäßigkeit entstehen, von der die Menschheit
-nichts, aber auch nichts hat: die große Energie, die mächtige
-Selbstachtung fehlt ihnen! Jene Kraft ist nicht unter ihnen, die alle
-großen Völker treibt. Der Glaube daran, daß du der Welt das letzte Wort
-sagen willst und _kannst_, daß du die Welt mit dem Überfluß deiner
-lebendigen Kraft erneuen wirst, der Glaube an die Heiligkeit der eigenen
-Ideale, der Glaube an die Kraft der eigenen Liebe und des eigenen
-Verlangens, der Menschheit zu dienen, – nein, solch ein Glaube ist das
-Unterpfand für das allerhöchste Leben der Nationen, und nur mit ihm
-bringen sie der Menschheit den ganzen Nutzen, den zu bringen ihnen
-vorherbestimmt gewesen, jenen ganzen Teil ihrer Lebenskraft und
-organischen Idee, die die Natur selber bei ihrer Schöpfung ihnen
-vorausbestimmt hat, als Erbe der späteren Menschheit zu vermachen. Nur
-die eines solchen Glaubens fähige Nation hat das Recht auf ein höheres
-Leben. Der legendäre Ritter der alten Zeiten glaubte, daß er alle
-Hindernisse, alle Gespenster und Ungeheuer besiegen, daß er alles
-erreichen werde, wenn er nur treu sein Gelübde „Gerechtigkeit,
-Keuschheit und Armut“ bewahrte. Ihr sagt: „Ach, das sind Legenden und
-alte Lieder, an die nur ein Don Quijote noch glaubt! nicht derart sind
-die Gesetze des wirklichen Lebens der Nationen.“ Nun, dann fange und
-überführe ich euch zum Trotz und sage, daß auch ihr ganz solche Don
-Quijotes seid, daß auch ihr selbst ebensolch eine Idee habt, an die ihr
-glaubt und durch die ihr die Menschheit erneuen wollt!
-
-In der Tat, woran glaubt ihr denn? Ihr glaubt – ja, und ich mit euch –
-an die Allmenschheit, das heißt, daran, daß dereinst vor dem Lichte der
-Vernunft und Erkenntnis die natürlichen Schranken und Vorurteile, die
-bis heute noch die freie Gemeinschaft der Nationen durch den Egoismus
-der nationalen Forderungen vereiteln, fallen werden, und daß dann erst
-die Völker beginnen können, in einem einheitlichen Geiste und einhellig
-wie Brüder zu leben, vernünftig und mit Liebe zu allgemeiner Harmonie
-strebend. Nun, meine Freunde, was kann es Höheres und Heiligeres geben,
-als dieser euer Glaube es ist? Und die Hauptsache ist noch: diesen
-Glauben werdet ihr nirgends in der ganzen Welt finden, bei keinem
-einzigen Volk zum Beispiel in Europa, wo die Charaktere der Nationen
-doch ungewöhnlich scharf umrissen sind, wo dieser Glaube, wenn er
-überhaupt da ist, nicht anders sich findet, als in Gestalt irgendeiner
-bloß apriorischen, einer vielleicht lebhaften und feurigen, aber doch
-nicht mehr als bloß studierstubenhaften Erkenntnis. Bei euch aber, das
-heißt nicht gerade bei euch, wohl aber bei uns, bei uns allen, uns
-Russen, – ist dieser Glaube allgemein lebendig und überwiegt alle
-anderen Ideen. Von uns glauben alle daran, sei es mit vollem Bewußtsein
-in der intellektuellen Welt, sei es ganz einfach mit lebendigem Instinkt
-im einfachen Volke, dem seine Religion schon befiehlt, an diesem selben
-Glauben festzuhalten. Ihr dachtet wohl, ihr wäret die einzigen
-„Allmenschen“ aus der ganzen russischen Intelligenz, die anderen aber
-nur Slawophile oder Nationalisten? So ist es denn doch nicht: die
-Slawophilen und Nationalisten glauben an ganz genau dasselbe, an was ihr
-glaubt, ja, und tun das noch viel stärker als ihr!
-
-Ich nehme jetzt nur die Slawophilen: was war es denn, das sie durch ihre
-ersten Führer von ihrer Lehre verkündeten? Sie erklärten in klaren,
-treffenden Folgerungen: daß Rußland zusammen mit allen Slawen, und
-selbst an ihrer Spitze, der ganzen Welt das größte Wort sagen werde, das
-die Menschheit jemals vernommen hat, und daß dieses Wort gerade das
-Gebot der allmenschlichen Vereinigung sein wird, und zwar nicht im
-Geiste eines persönlichen Egoismus, in dem sich jetzt Menschen und
-Nationen künstlich und unnatürlich in ihrer Zivilisation vereinigen, zum
-„Kampf ums Dasein“, indem sie mittels positiver Wissenschaft dem freien
-Geiste moralische Grenzen setzen und zu gleicher Zeit sich gegenseitig
-Gruben graben, belügen, beschimpfen und verleumden. Das Ideal der
-Slawophilen war vielmehr die Vereinigung im Geiste der wahren großen
-Liebe, ohne Lüge und Materialismus, und auf Grund des persönlichen
-großmütigen Beispiels, wie es bestimmt ist, vom russischen Volke an der
-Spitze der freien panslawischen Vereinigung Europa gegeben zu werden.
-Ihr sagt allerdings, daran glaubtet ihr keineswegs, und all das seien
-nur Spekulationen der Gelehrtenstuben. Doch hier ist nicht das wichtig,
-was irgend jemand glaubt, sondern wichtig ist, daß bei uns alle, trotz
-ihrer ganzen Meinungsverschiedenheiten, in diesem einen endgültigen,
-gemeinsamen Gedanken der allmenschlichen Vereinigung sich treffen und
-übereinstimmen. Das ist eine Tatsache, die keinem Zweifel untersteht,
-und die an sich schon erstaunlich ist; denn dieses Gefühl gibt es noch
-nirgends, in keinem einzigen Volke, in einem solchen Grade: als ein so
-lebendiges und hauptsächliches Bedürfnis. Ist dem aber so, dann haben
-also auch wir, wir alle, eine feste und bestimmte Nationalidee: ja,
-gerade eine _nationale_ Idee. Folglich wäre, wenn die nationale
-russische Idee zu guter Letzt nur die universale allmenschliche
-Vereinigung ist, das Ratsamste für uns, so schnell wie möglich unsere
-Uneinigkeiten beizulegen und national, d. h. Russen, zu werden. Unsere
-ganze Rettung liegt ja darin, daß wir nicht im voraus darüber streiten,
-wie und wann sich diese Idee verwirklichen wird, ob nach eurer oder nach
-unserer Annahme, sondern daß wir alle zusammen von der Betrachtung
-geradeswegs zur Tat übergehen. Aber gerade hier liegt nun freilich der
-wunde Punkt.
-
-
- In Europa sind wir bloß Landstreicher
-
-Denn wie seid ihr eigentlich zur Tat übergegangen? Ihr habt doch schon
-längst begonnen, schon vor langer, langer Zeit, aber was habt ihr denn
-für die Allmenschheit, das heißt zur Verwirklichung eurer Idee getan?
-
-Ihr begannt mit ziellosem Umherstreichen durch Europa, mit dem heftigen
-Verlangen, euch in „Europäer“ zu verwandeln, wenn auch nur dem Anscheine
-nach. Das ganze achtzehnte Jahrhundert hindurch taten wir ja nichts
-anderes, als den Schein eines Europäertums annehmen. Wir zwangen uns
-europäischen Geschmack auf, aßen sogar allerhand ekelhaftes gepfeffertes
-Zeug nach europäischem Beispiel und bemühten uns krampfhaft, dabei das
-Gesicht nicht zu verziehen: „Seht, was ich für ein Engländer bin, kann
-nichts mehr ohne Paprika essen!“ Ihr glaubt vielleicht, daß ich euch
-verspotten will? Fällt mir nicht ein. Ich verstehe nur zu gut, daß man
-anders überhaupt nicht hätte anfangen können, „Europäer“ zu werden. Wir
-mußten gerade mit der Verachtung des Eigenen beginnen, und wenn wir
-ganze zwei Jahrhunderte auf diesem Punkt geblieben sind, uns weder
-vorwärts noch rückwärts bewegt haben, so wird das wohl die uns von der
-Natur bestimmte Frist gewesen sein. Allerdings, so ganz regungslos sind
-wir doch nicht geblieben: unsere Verachtung für das Eigene wuchs immer
-mehr, und besonders als wir anfingen, Europa etwas gründlicher zu
-verstehen. In Europa übrigens verwirrte uns die schroffe Absonderung der
-Nationen, die scharfe Zeichnung der Typen nationaler Charaktere nicht im
-geringsten. Unser Erstes war ja, daß wir „alles Entgegengesetzte
-abwarfen“ und den kosmopolitischen Typus des „Europäers“ annahmen, das
-heißt also, daß wir gleich am Anfang schon das Gemeinsame, was sie alle
-verbindet, herauszufinden verstanden, – und das ist sehr bezeichnend.
-Mit der Zeit noch klüger geworden, hielten wir uns darauf unmittelbar an
-die Zivilisation und glaubten sofort blind und kritiklos, daß in ihr
-allein das „Gemeinsame“, das berufen ist, die Menschheit zu vereinen,
-enthalten sei. Sogar die Europäer wunderten sich, wenn sie uns, die
-Fremdlinge, sahen, über diesen unseren begeisterten Glauben, um so mehr,
-als _sie_ damals schon anfingen diesen selben Glauben bei sich zu
-verlieren. Begeistert empfingen wir Rousseau und Voltaire, freuten uns
-innigst mit dem reisenden Karamsin[26] über die Zusammenrufung der
-„Nationalstaaten“ im Jahre 1789, und wenn wir auch später, nach dem
-ersten Viertel unseres Jahrhunderts, mit den fortgeschrittensten
-Europäern in Verzweiflung gerieten über die untergegangenen Träume und
-zerschlagenen Ideale, so verloren wir doch nicht unseren Glauben und
-trösteten sogar noch die Europäer. Selbst die im Vaterlande „weißesten“
-Russen wurden in Europa sofort „rot“ – gleichfalls ein außerordentlich
-charakteristischer Zug. Darauf, schon in der Mitte dieses Jahrhunderts,
-erachteten sich einige von uns bereits für würdig, zum französischen
-Sozialismus überzutreten, und sie nahmen ihn ohne das geringste Bedenken
-für die endgültige Lösung der allmenschlichen Vereinigung, also für die
-Erreichung unserer ganzen Idee, die uns bis jetzt mit sich fortgerissen.
-Auf diese Weise hielten wir für das realisierte Ziel das, was in
-Wirklichkeit der größte Egoismus war, was den Gipfel der
-Unmenschlichkeit, der ökonomischen Sinnlosigkeit und des politischen
-Wirrwarrs, den Gipfel der Verleugnung aller menschlichen Natur, den
-Gipfel der Vernichtung jeder menschlichen Freiheit ausmachte. Doch das,
-wie gesagt, beunruhigte uns weiter nicht. Im Gegenteil: sahen wir
-betrübtes Bedenken oder Nichtbegreifenkönnen mancher tiefen europäischen
-Denker, so nannten wir sie ohne Bedenken dumm. Wir glaubten
-widerspruchslos, und glauben ja auch jetzt noch, daß die positive
-Wissenschaft durchaus fähig sei, die moralischen Grenzen zwischen den
-Persönlichkeiten der einzelnen wie der Nationen zu bestimmen, – als ob
-die Wissenschaft, selbst wenn ihr das möglich wäre, diese Geheimnisse
-_vor_ der _Vollendung des Versuchs_, das heißt, vor der Vollendung aller
-Schicksale des Menschen auf der Erde, entdecken könnte. Unsere
-Gutsbesitzer verkauften ihre leibeigenen Bauern und fuhren nach Paris,
-um dort sozialistische Blätter herauszugeben, und unsere Rudins[27]
-starben auf den Barrikaden. Währenddessen hatten wir uns aber schon so
-von unserer russischen Erde gelöst, daß wir jede Vorstellung davon
-verloren, bis zu welchem Grade solch eine Lehre sich von der Seele des
-russischen Volkes entfernt. Übrigens schätzten wir den russischen
-Volkscharakter nicht nur nicht, sondern sprachen unserem Volk überhaupt
-jeden Charakter ab. Wir vergaßen, an unser Volk auch nur zu denken, und
-waren in unerschütterlicher Ruhe überzeugt – ohne überhaupt zu fragen –,
-daß unser Volk sofort alles annehmen werde, worauf wir es hinweisen,
-richtiger: was wir ihm befehlen würden. In dieser Hinsicht hat es bei
-uns immer die komischsten Anekdoten über das Volk gegeben. Unsere
-Allmenschen blieben im Verhältnis zu ihrem Volk durchaus Gutsherren und
-Gutsbesitzer, und das sogar noch nach der Bauernreform.
-
-Was aber haben wir damit erreicht? Wirklich sonderbare Ergebnisse: vor
-allem werden wir von ganz Europa spöttisch angesehen. Auf die
-allerklügsten Russen blickt man im Westen nur mit hochmütiger
-Herablassung. Davor hat sie nicht einmal die Emigration gerettet, auch
-die politische nicht. Um keinen Preis wollen uns die Europäer für
-ihresgleichen anerkennen, für keine Opfer und auf keinen Fall! „_Grattez
-le Russe_,“ sagen die Franzosen, „_et vous verrez le Tartare_,“ und so
-ist es noch heute. Unser Barbarentum ist bei ihnen zum Sprichwort
-geworden. Und je mehr wir ihnen zu Gefallen unsere Nationalität
-verachteten, um so mehr verachteten sie wiederum uns. Wir scharwenzelten
-vor ihnen, bekannten ihnen knechtisch unsere „europäischen“ Anschauungen
-und Überzeugungen; sie aber hörten uns herablassend kaum an und meinten
-gewöhnlich mit, nun ja, höflichem Lächeln, um uns schneller los zu
-werden, wir hätten das bei ihnen „nicht ganz richtig verstanden“. Es
-wundert sie, daß wir, die wir solche Tataren sind, auf keinerlei Art und
-Weise Russen werden können. Wir jedoch haben es ihnen niemals erklären
-können, daß wir nicht Russen, sondern Allmenschen sein wollen. Es ist
-wahr, in der letzten Zeit scheint ihnen doch irgend etwas aufgegangen zu
-sein: sie haben begriffen, daß wir etwas wollen, etwas, das für sie
-furchtbar und gefährlich ist; sie sagen sich, daß es unserer viele gibt,
-achtzig Millionen, daß wir alle europäischen Ideen kennen und verstehen,
-während sie von unseren russischen Ideen überhaupt nichts wissen, und
-daß sie, wenn sie auch etwas von ihnen wüßten, sie doch nicht verstehen
-könnten; daß wir alle Sprachen sprechen, sie aber nur die ihrigen – nun,
-und noch vieles andere scheint ihnen mit der Zeit halbwegs aufgegangen
-zu sein und ihren Verdacht erweckt zu haben. Kurz, die Folge davon war,
-daß sie uns die Feinde und zukünftigen Zerstörer der europäischen
-Zivilisation nannten. So haben sie unser leidenschaftliches Ideal,
-Allmenschen zu werden, verstanden!
-
-Und doch können wir uns unmöglich von Europa lossagen. Europa ist uns
-zum zweiten Vaterlande geworden – ich selbst bin der erste, der sich
-leidenschaftlich zu Europa bekennt. Europa ist uns allen _fast_ ebenso
-teuer wie Rußland. In ihm wohnt Japhets Stamm, und unsere Idee ist: die
-Vereinigung aller Nationen dieses Stammes – und sogar noch weiter, viel
-weiter, bis zu Sem und Ham. Was sollen wir da nun tun?
-
-Als erstes und vor allen Dingen – Russen werden. Ist die Allmenschheit
-die russische Nationalidee, so muß vor allem ein jeder von uns erst
-Russe werden, das bedeutet aber so viel wie: „er selbst“. Dann wird sich
-vom ersten Schritt an alles verändern. Russe werden, heißt aufhören,
-sein eigenes Volk zu verachten. Sobald der Europäer sieht, daß wir unser
-Volk und unsere Nationalität achten, wird er sofort auch uns achten. In
-der Tat, je stärker und selbständiger wir uns in unserem nationalen
-Geiste entwickeln würden, desto stärkeren und tieferen Widerhall dürften
-wir im Europäer finden und ihm sofort verständlicher werden. Dann würde
-man uns auch nicht mehr hochmütig loswerden wollen, sondern würde uns
-gern zuhören. Auch äußerlich würden wir dann anders werden. Sind wir
-erst wir selbst geworden, so werden wir auch endlich Menschengestalt
-annehmen, und nicht wie bisher nur Affengestalt haben. Wir werden wie
-freie Wesen, nicht wie Sklaven oder Diener sein; und man wird uns dann
-für Menschen halten, nicht für internationale Landstreicher, nicht für
-die Elenden des Europäismus, Liberalismus und Sozialismus. Auch reden
-werden wir mit ihnen klüger als jetzt; denn in unserem Volke und seinem
-Geiste können wir neue Worte finden, die den Europäern bestimmt
-verständlicher sein werden. Und wir selbst werden dann einsehen, daß
-vieles von dem, was wir an unserem Volke verachtet haben, – nicht
-Finsternis, sondern Licht ist, nicht Dummheit, sondern im Gegenteil –
-Geist. Und haben wir erst das begriffen, dann werden wir Europa jenes
-Wort sagen, das man dort noch niemals gehört hat. Dann werden wir uns
-überzeugen, daß das wirkliche soziale Wort kein anderes Volk als unser
-Volk in sich trügt; daß in seiner Idee, in seinem Geiste das lebendige
-Bedürfnis nach der Allvereinigung der Menschheit liegt, nach einer
-Vereinigung, die volle Achtung für die Persönlichkeit jeder einzelnen
-Nation und für ihre Erhaltung, für die Erhaltung der Freiheit der
-Menschen in sich schließt, und die nur den Hinweis darauf enthält, worin
-diese Freiheit besteht: in der Vereinigung durch Liebe, _sichergestellt_
-bereits durch die Tat, durch das lebendige Beispiel, durch das Bedürfnis
-nach der wahrhaften Brüderlichkeit in der Wirklichkeit, – nicht aber
-durch die Guillotine, nicht durch Millionen gefällter Köpfe ...
-
-Hm ... habe ich etwa wirklich jemanden überzeugen wollen? Das war ja nur
-ein Scherz. Doch – schwach ist nun einmal der Mensch: vielleicht liest
-es einer von den Knaben ... einer von der jungen Generation ...
-
-
- Eine der wichtigsten gegenwärtigen Fragen
-
-
- Was sollen wir denn tun?
-
-... Ich habe mir eigentlich vorgenommen, niemals über unsere
-Belletristik im rein kritischen Sinne zu schreiben, außer wenn es einmal
-not tun sollte oder, sagen wir, bei einer besonderen „Veranlassung“.
-Diese Veranlassung hat sich nun[28] ganz plötzlich gefunden: ich bin vor
-ungefähr einem Monat auf eine dermaßen ernste und charakteristische
-Stelle in unserer modernen Literatur gestoßen, daß ich sie sogar mit
-Verwunderung gelesen habe. Der Schriftsteller Graf Leo Tolstoi – ein
-Künstler im wahrsten Sinne des Wortes und vorzüglicher Erzähler – hat in
-seinem Roman „Anna Karenina“ alles, was es Wichtiges in unseren
-gegenwärtigen russischen politischen und sozialen Fragen gibt, in einen
-Punkt zusammengefaßt. Und das Bemerkenswerteste: er hat es getan mit
-allen charakteristischen Nüancen unserer gegenwärtigen Zeit, geradeso,
-wie diese Frage sich uns heute stellt und – unbeantwortet bleibt ...
-
-Über den Roman selbst will ich nur das Notwendigste sagen. Wie wir alle,
-las auch ich vor langer Zeit den Roman im „Russischen Boten“. Zuerst
-gefiel er mir sehr; dann, als Ganzes, weniger, wenn auch die
-Einzelheiten mich noch sehr interessierten. Es schien mir immer, daß ich
-alles schon einmal irgendwo gelesen hatte, und zwar in „Kindheit und
-Jugend“ und in „Krieg und Frieden“ desselben Grafen Tolstoi, und – daß
-es dort frischer gewesen wäre. Immer dieselbe Geschichte einer
-russischen Gutsbesitzersfamilie, wenn auch das jeweilige Sujet natürlich
-ein anderes ist. Personen wie Wronski, zum Beispiel, – einer der Helden
-des Romans –, die unter sich von nichts anderem als von Pferden
-sprechen, ja, nicht einmal _fähig_ sind, von anderem als von Pferden zu
-sprechen, waren natürlich interessant genug, um einmal ihren Typ kennen
-zu lernen, doch sonst furchtbar einförmig und nur zu einer bestimmten
-Menschen- und Gesellschaftsklasse gehörig. Es schien, daß die Liebe
-dieses „Hengstes im Waffenrock“, wie ihn einer meiner Freunde nennt,
-überhaupt nur in ironischem Tone geschildert werden könnte. Als aber der
-Verfasser von der inneren Welt seines Helden nicht mehr ironisch,
-sondern im Ernst zu erzählen begann, da erschien mir das sogar
-langweilig. Doch plötzlich wurden alle meine Vorurteile verscheucht: es
-kam die Sterbeszene der Heldin (später wurde sie wieder gesund), und ich
-begriff die eigentlichen Ziele des Verfassers. Mitten in diesem flachen
-und brutalen Leben tauchte die ewige, große Lebenswahrheit auf und
-erhellte alles mit einem Schlages. Diese kleinlichen, leeren, verlogenen
-Leute wurden plötzlich zu aufrichtigen und wahrhaften „Menschen“, die
-wirklich wert waren dieses Namens – wurden es durch die natürliche Kraft
-des Naturgesetzes, den Tod. Die Schale fiel ab, und es erschien einzig
-die wahre Gestalt. Die Letzten wurden die Ersten, und die Ersten
-(Wronski) wurden plötzlich die Letzten, verloren ihre ganze Aureole und
-erniedrigten sich tief; doch wurden sie dadurch unvergleichlich besser,
-würdiger und wahrer, als sie als Erste gewesen waren. Haß und Lüge
-sprachen in Worten der Verzeihung und Liebe. An Stelle der stumpfen,
-weltlichen Begriffe trat reine Nächstenliebe. Alle verziehen und gaben
-den anderen recht. Die Sonderstellung und der Kastengeist verschwanden,
-und diese „Papiermenschen“ wurden plötzlich wirklichen Menschen ähnlich!
-Es gab keine Schuldigen: jeder beschuldigte sich selbst, und somit waren
-sie alle gerechtfertigt. Der Leser fühlt, daß es eine Lebenswahrheit
-gibt, die allerwirklichste und die allerunvermeidlichste, an die man
-glauben muß, und daß unser ganzes Leben und alle unsere Erregungen, wie
-die flachsten und schädlichsten, so auch die, welche wir oft für die
-höchsten halten, meistens nur kleinliche, phantastische Eitelkeiten
-sind, die vor dem Moment der Lebenswahrheit fallen und hinschwinden,
-sogar ohne sich zu verteidigen. Die Hauptsache war der Hinweis, daß
-dieses Moment wirklich ist, wenn es auch selten in seiner ganzen,
-erhellenden Klarheit und in manchem Leben vielleicht überhaupt nicht
-erscheint. Dieses Moment ist vom Dichter gefunden und uns in seiner
-ganzen furchtbaren Wahrheit gezeigt. Er hat bewiesen, daß diese Wahrheit
-wirklich vorhanden ist, nicht nur auf Treu und Glauben, nicht nur im
-Ideal, sondern sichtbar, vor unserem Auge. Gerade dieses, glaube ich,
-wollte uns der Dichter beweisen, als er sein Werk begann. Den russischen
-Leser an diese ewige Wahrheit zu erinnern, tat ja nur zu sehr not: wie
-viele hatten sie schon vergessen! Mit diesem Erinnern hat der Dichter
-eine gute Tat vollbracht, ganz abgesehen davon, daß er sie als ein
-Künstler von ungewöhnlicher Größe ausgeführt hat.
-
-Darauf zog sich der Roman wieder hin, und dann plötzlich fand ich zu
-meinem Erstaunen eine Szene, die unsere „brennende Tagesfrage“ enthielt,
-eine Szene, die vor allen Dingen nicht etwa tendenziös hineingesetzt
-war, sondern die sich gerade aus dem ganzen künstlerischen Wesen des
-Romans von selbst ergab. Nichtsdestoweniger war ich überrascht und nicht
-wenig erstaunt: solch eine echte „Tagesfrage“ hatte ich denn doch nicht
-erwartet. Aus irgendeinem Grunde hatte ich nicht geglaubt, daß der Autor
-sich entschließen werde, seine Helden in ihrer Entwicklung bis zu
-solchen Extremen zu bringen. In der Tat: in diesen Extremen des
-Ergebnisses liegt ja gerade der Sinn der Wirklichkeit, und ohne den
-würde der Roman von etwas unbestimmter Art sein, die nicht entfernt
-weder den gegenwärtigen noch den wichtigsten russischen Interessen
-entspricht: es würde irgendein Winkel des Lebens dargestellt sein, mit
-beabsichtigter Ignorierung des Hauptsächlichsten und Aufregendsten in
-diesem selben Leben. Übrigens, glaube ich, verfalle ich hier in Kritik.
-Das aber ist, wie gesagt, nicht meine Absicht. Ich wollte nur auf eine
-Szene hinweisen, in der zwei Personen sich von einer Seite zeigen, von
-welcher sie für uns jetzt am charakteristischsten sind. Jener Typ
-Menschen, zu dem diese beiden gehören, ist vom Autor in den für uns
-interessantesten Gesichtskreis gestellt – ist in seiner gegenwärtigen
-sozialen Bedeutung erfaßt worden.
-
-Beide sind Edelleute und echte Gutsbesitzer, und beide leben sie jetzt
-in der Zeit nach der Bauernreform. Es ist noch nicht lange her, da waren
-sie Herren leibeigener Gutsbauern. Und nun stellt sich die Frage: was
-bleibt von diesen Edelleuten nach der Bauernreform noch übrig? Das ist
-die Frage, die der Verfasser wenigstens teilweise zu beantworten
-versucht hat. Der eine von ihnen, Stiwa Oblonski, ist Egoist, feiner
-Epikureer, wohnt in Moskau und ist dort Mitglied des „Englischen Klubs“.
-Solche Leute hält man gewöhnlich für unschuldige und liebenswürdige
-Bonvivants, für Lebeleute, die niemanden stören, für geistreiche und
-bloß zu ihrem Vergnügen lebende Menschen. Meistens haben sie eine
-zahlreiche Familie; mit der Frau und den Kindern gehen sie freundlich
-um, doch denken sie wenig an sie. Besonders gefallen ihnen leichte
-Frauenzimmer, versteht sich – von der anständigen Sorte. Sie sind wenig
-gebildet, doch lieben sie alles Schöne, Elegante und die Kunst
-natürlich, und ganz besonders gern hören sie sich selbst reden und die
-Unterhaltung beherrschen.
-
-Als die Bauernreform durchgeführt wurde, begriff Stiwa Oblonski sofort
-die ganze Sachlage: er rechnete nach und überlegte, daß ihm immerhin
-noch ein gewisses Einkommen verblieb, somit also kein Grund vorhanden
-war, sein Leben zu verändern, und im übrigen: – _après moi le déluge_.
-Sich mit Gedanken an die Zukunft seiner Frau und Kinder zu beunruhigen,
-das fiel ihm im Traume nicht ein. Die Reste seines Vermögens und seine
-Verbindungen bewahrten ihn vor dem Leben eines Hochstaplers; würden aber
-seine „Einnahmen“ durch die Reform vollständig verloren gegangen sein,
-und hätte er nicht länger, ohne selbst etwas zu tun, seine Einkünfte
-einkassieren können, so würde er vielleicht auch ein raffinierter Dieb
-geworden sein, selbstverständlich einer, der mit allen Anstrengungen des
-Verstandes, zuweilen sogar eines sehr scharfen Verstandes, versuchte,
-wenigstens ein möglichst anständiger und vornehmer Dieb zu bleiben.
-Früher kam es natürlich vor, daß er, um eine Kartenschuld oder eine
-Geliebte zu bezahlen, seine Leibeigenen als Soldaten verkaufte; doch
-solche Erinnerungen peinigten ihn nie, ja, er vergaß sie einfach. Ist er
-auch Aristokrat, so hat er doch selber seinen Adel niemals geschätzt.
-Nach der Aufhebung der Leibeigenschaft aber hat er für ihn überhaupt
-aufgehört. Für ihn gab’s nur den „Zufallsmenschen“, dann den Beamten von
-einem gewissen Range ab und ferner den Reichen. Der Eisenbahnaktionär
-und der Bankier wurden eine Macht für ihn, und alsbald suchte er ihre
-Bekanntschaft und Freundschaft.
-
-Das Gespräch entspinnt sich aus dem Vorwurf, den Lewin, sein Verwandter
-(gleichfalls ein Gutsbesitzer, doch der vollkommen entgegengesetzte Typ:
-der Herr, der auf seinem Gute wohnt und es sogar selbst bewirtschaftet)
-Oblonski macht, weil dieser zu den „Eisenbahnleuten“ fährt, zu ihren
-Diners und Festen, zu zweideutigen, nach Lewins Meinung, schädlichen und
-schändlichen Menschen. Oblonski widerspricht ihm scharf. Überhaupt hat
-sich ihr Verhältnis zueinander seit der Verheiratung Lewins mit
-Oblonskis Schwägerin etwas zugespitzt. Hinzu kommt noch, daß in unserem
-Jahrhundert der Spitzbube, der den Ehrenmann widerlegt, diesem immer
-„über“ ist; denn er hat den Anschein der Würde, die in der gesunden
-Vernunft liegt, während der Ehrenmann, der leicht einem Idealisten
-gleicht, gewöhnlich den Anschein eines Narren hat. Die beiden Jäger sind
-in einer Bauernscheune, wo sie im Heu übernachten. Oblonski erklärt, daß
-es unsinnig wäre, die „Eisenbahnleute“, ihre Intrigen, ihren schnellen
-Verdienst, das Konzessionen Erbitten und Wiederverkaufen, zu verachten;
-daß sie ebensolche Leute seien wie die anderen, Leute, die mit Mühe und
-Verstand arbeiteten, ganz so wie alle; und schließlich sei das Ergebnis
-ihrer Arbeit ein viel bedeutenderes: sie geben uns die Eisenbahn.
-
- „Aber jeder Erwerb, der zu der geleisteten Arbeit in keinem
- Verhältnis steht, ist unehrlich,“ sagte Lewin darauf.
-
- „Ja, wer bestimmt denn das Verhältnis?“ fuhr Oblonski fort ... „Du
- hast die Grenze zwischen der ehrlichen und unehrlichen
- Arbeitsleistung nicht festgesetzt. Daß ich ein größeres Gehalt
- beziehe als mein Sekretär, obgleich er die Sache viel besser
- versteht, als ich, – das ist also unehrlich?“
-
- „Ich weiß nicht ...“
-
- „Nun, dann werde ich es dir sagen: daß du von deinem Gute
- überflüssige, sagen wir, fünf Tausend erhältst, dieser Bauer aber,
- wie er auch arbeiten mag, nicht mehr als fünfzig Rubel bekommt, ist
- genau so unehrlich wie das, daß ich ein größeres Gehalt als mein
- Sekretär beziehe ...“
-
- - - - - - - - - - - - - - - - - -
-
- „Nein, erlaube,“ unterbrach ihn Lewin. „Du sagst, es sei ungerecht,
- daß ich fünf Tausend bekomme und dieser Bauer nur fünfzig: das ist
- wahr. Das ist ungerecht, und ich fühle es auch, aber ...“
-
- „Ja, du fühlst es, aber du gibst ihm nicht dein Gut,“ sagte
- Oblonski, als ob er Lewin absichtlich reizen wollte.
-
- - - - - - - - - - - - - - - - - -
-
- „Ich gebe es nicht, weil das niemand von mir verlangt, und selbst
- wenn ich’s wollte, so darf ich es nicht fortgeben ... und es ist ja
- auch niemand da, dem ich’s geben könnte.“
-
- „Gib es diesem Bauer, er wird es nicht ablehnen.“
-
- „Ja, aber wie geb’ ich es ihm denn? Soll ich etwa zu ihm gehen und
- einen Kaufkontrakt mit ihm abschließen?“
-
- „Das weiß ich nicht. Wenn du jedoch überzeugt bist, daß du kein
- Recht hast ...“
-
- „Ich bin durchaus nicht überzeugt! Im Gegenteil, ich fühle, daß ich
- nicht das Recht habe, mein Gut fortzugeben, daß ich Pflichten meinem
- Lande und meiner Familie gegenüber habe!“
-
- „Nein, erlaube; wenn du aber diese Ungleichheit ungerecht findest,
- warum handelst du dann nicht so ...“
-
- „Ich handle doch so, aber nur negativ, in dem Sinne, daß ich mich
- nicht bemühen werde, diesen Unterschied, der zwischen mir und ihm
- besteht, noch zu vergrößern.“
-
- „Nein, verzeih, aber das ist paradox ...“
-
- - - - - - - - - - - - - - - - - -
-
- „Also, mein Freund: entweder anerkennen, daß die gegenwärtige
- Einteilung der Gesellschaft gerecht ist, und dann seine Rechte
- verteidigen, oder gestehen, daß man ungerechte Vorzüge genießt, _wie
- zum Beispiel ich es tue, und sich ihrer mit Vergnügen
- weiterbedienen_.“
-
- „Nein, wenn das ungerecht wäre, so könntest du dich dieser Vorteile
- nicht mit Vergnügen bedienen, _wenigstens ich könnte es nicht. Für
- mich ist die Hauptsache: zu fühlen, daß ich nicht schuldig bin._“
-
-
- Die brennende Tagesfrage
-
-Man wird mir zugeben müssen, daß dieses Gespräch unsere „brennende
-Tagesfrage“ aufwirft und sogar alles wiedergibt, was die letztere in
-sich schließt. Und wie viel bezeichnende, rein russische Züge! Erstens:
-vor vierzig Jahren fingen diese Gedanken kaum an sich in Europa zu
-verbreiten, wohl nicht vielen waren Saint-Simon und Fourier – die ersten
-„idealen“ Vertreter dieser Ideen – bekannt; bei uns aber, bei uns wußten
-vielleicht nur ein halbes Hundert Leute von dieser neuen Bewegung im
-Westen. Und heute streiten über diese „Fragen“ schon Gutsbesitzer auf
-der Jagd, auf dem Nachtlager in einer Bauernscheune, und streiten sogar
-in der charakteristischsten und kompetentesten Weise, so daß wenigstens
-die negative Seite der Frage von ihnen schon entschieden und
-unwiderruflich festgesetzt wird. Es sind allerdings Gutsbesitzer aus der
-hohen Gesellschaft, die sich im Englischen Klub ernsthaft zu unterhalten
-pflegen, die ihre Zeitungen lesen, alle Prozesse aus den Blättern und
-noch anderen Quellen kennen. Doch nichtsdestoweniger bleibt schon allein
-die Tatsache, daß so ein idealer Unsinn als das alltäglichste Gespräch
-solcher Gesellschaftsmenschen anerkannt wird, wie die Oblonskis und
-Lewins, die alles andere, nur keine Professoren oder Spezialisten sind,
-– diese Tatsache, sage ich, ist eines der charakteristischsten Merkmale
-des gegenwärtigen Zustandes der russischen Geister. Der zweite
-charakteristische, gleichfalls gut beobachtete Zug in diesem Gespräch
-ist, daß über die Gerechtigkeit dieser neuen Ideen ein Mensch urteilt,
-der für sie, d. h. für das Glück des Proletariers, des Armen, selbst
-nicht einen Pfennig geben, sondern ihm bei Gelegenheit noch das Letzte
-abrupfen würde. Doch mit leichtem Herzen und der Heiterkeit
-eines Witzbolds unterschreibt er sofort den Krach der ganzen
-Menschheitsgeschichte, erklärt ihre jetzige Verfassung für die Krone des
-Unsinns und sagt: „Ich bin damit vollkommen einverstanden.“ Wirklich
-auffallend, wie diese Oblonskis immer als die ersten mit allem
-einverstanden sind! Mit einem Satz verurteilt er die ganze christliche
-Ordnung, die Persönlichkeit, die Familie – oh, das macht ihm weiter
-nichts aus! Wir Russen haben keine Schulung in solchen Dingen; diese
-Herren aber, die das mit voller Schamlosigkeit eingestehen, die selbst
-erklären, daß auch sie erst seit gestern darüber nachdenken, entscheiden
-trotzdem eine Frage von solcher Bedeutung ohne das geringste Bedenken.
-Und hier haben wir gleich den dritten charakteristischen Zug, – dieser
-selbe Herr sagt nämlich unumwunden: „Also, mein Freund: entweder
-anerkennen, daß die gegenwärtige Einteilung der menschlichen
-Gesellschaft gerecht ist, und dann seine Rechte verteidigen, oder
-gestehen, _daß man ungerechte Vorzüge genießt, wie z. B. ich es tue, und
-sich ihrer mit Vergnügen weiterbedienen_.“ D. h. genau genommen erklärt
-er offen, indem er seine Meinung über ganz Rußland ausspricht – und es
-verurteilt – und somit auch über seine Familie, über die Zukunft seiner
-Kinder, daß dies alles ihn überhaupt nichts angeht: „Ich gebe zu, daß
-ich ein Spitzbube bin, bleibe aber Spitzbube zu meinem Vergnügen. _Et
-après moi le déluge._“ Er ist ja nur deswegen so ruhig, weil er noch
-sein Vermögen hat; verlöre er es aber – warum sollte er da nicht
-Spitzbube werden? – das wäre doch der geradeste Weg! Und gerade dieser
-Staatsbürger, dieser Familienvater, dieser russische Mensch – welch ein
-echt russischer Charakter! Vielleicht findet man, daß er doch immerhin
-eine Ausnahme sei? Was kann er denn für eine Ausnahme sein!? Bitte sich
-doch nur zu erinnern, wieviel Zynismus wir in den letzten zwanzig Jahren
-gesehen haben, welch eine Leichtigkeit der Wendungen und Veränderungen,
-welch einen Mangel an jeder tieferen Überzeugung und welch eine
-Schnelligkeit in der Aneignung der ersten besten fremden Anschauung,
-versteht sich, um sie am nächsten Tage für zwei Kopeken
-wiederzuverkaufen! Nicht der geringste moralische Grund bei uns, außer –
-_après nous le déluge_.
-
-Das Interessanteste aber ist, daß dicht neben diesem weit verbreiteten,
-herrschenden Typ ein ganz anderer steht – der Typ des russischen
-Edelmannes und Gutsbesitzers, der ein ausgeprägter Gegensatz jenes
-ersten ist. Ich meine den Lewin. Und solcher Lewins gibt es in Rußland
-Tausende, fast ebensoviel wie Oblonskis. Ich spreche hier nicht von
-seinem blonden Haar, nicht von seiner großen starken Gestalt, die der
-Künstler ihm im Roman verliehen hat; ich spreche nur von einem Zug
-seines Wesens, der dafür aber der auffallendste und bedeutungsvollste
-ist, und ich behaupte, daß dieser Zug sich bei uns in einer solchen
-Verbreitung findet, daß es einen fast wundernehmen kann – inmitten
-unseres Zynismus, unserer kalmückischen Stellung zur Arbeit! Seit
-einiger Zeit tut sich dieser Zug allüberall bei uns kund; die Menschen
-mit diesem Zug streben krampfhaft, fast krankhaft nach Antworten auf
-ihre Fragen; sie hoffen und glauben leidenschaftlich, obgleich sie
-beinahe noch nichts zu entscheiden verstehen. Dieser Zug ist vollständig
-in der Antwort Lewins ausgedrückt:
-
-„Nein, wenn das ungerecht wäre, so könntest du dich dieser Vorteile
-nicht mit Vergnügen bedienen, _wenigstens ich könnte es nicht. Für mich
-ist die Hauptsache: zu fühlen, daß ich nicht schuldig bin._“
-
-Und tatsächlich beruhigt er sich nicht eher, als bis er bei sich
-entschieden hat, ob er schuldig ist oder nicht. Und bis zu welchem Grade
-steigert sich vorher seine Unruhe? Er geht bis zum Äußersten, und wenn
-es nötig ist, wenn es nur nötig ist, wenn er sich nur selbst beweist,
-daß es nötig ist, so wird er – im Gegensatz zu Oblonski, der da sagt:
-„Wenn auch als Spitzbube, so fahre ich doch fort, zu leben, zu meinem
-Vergnügen“ – so wird er vielleicht zu einem zweiten „Wlas“[29] werden,
-der in einem Anfall des Mitleids und der Angst sein Hab und Gut
-verschenkte und für den Bau eines Gotteshauses sammeln ging. Oder wenn
-er nicht für ein Gotteshaus sammeln geht, so wird er doch etwas
-Ähnliches tun und mit demselben Eifer. Ich beeile mich, zu wiederholen,
-daß ein Zug hier ganz besonders bemerkenswert ist: das ist diese Menge,
-diese ganz ungewöhnliche Menge solcher neuen Menschen, solcher neuen
-Wurzeln russischer Menschen, die der _Wahrheit bedürfen_, der Wahrheit
-ohne konventionelle Lüge, und die, um diese Wahrheit zu erreichen,
-alles, aber auch alles fortgeben. Diese Menschen tauchen gleichfalls
-seit den letzten zwanzig Jahren bei uns auf, und mit jedem Jahr werden
-ihrer mehr. Aber man hat sie auch schon früher, auch vor Peter,
-überhaupt immer schon vorausahnen können. Das ist das anbrechende
-zukünftige Rußland der ehrlichen Menschen, die einzig der Wahrheit
-bedürfen! Oh, sie sind auch furchtbar unduldsam: aus Unerfahrenheit
-verwerfen sie jeden Kompromiß, jede Erklärung sogar. Nur auf eines
-möchte ich noch mit allem Nachdruck hinweisen, – daß es ein wahrhaftes
-Gefühl ist, das sie treibt. Einer ihrer charakteristischsten Züge
-besteht darin, daß sie unter sich auffallend wenig übereinstimmen und
-vorläufig noch allen möglichen Parteien und Gruppen angehören: da gibt
-es Aristokraten und Proletariers, Gläubige wie Ungläubige, Reiche und
-Arme, Gelehrte und Laien, Greise und Backfische, Slawophile und Westler.
-Ja, diese Uneinigkeit, diese Verschiedenheit in den Überzeugungen ist
-sogar beispiellos, doch ihr Streben nach Ehrlichkeit und Wahrheit ist
-unerschütterlich, unablenkbar, und für das Wort der Wahrheit gibt jeder
-von ihnen sein Leben, Hab und Gut ... Vielleicht wird man behaupten,
-dieses sei bloß wieder Phantasie von mir, es gäbe bei uns gar nicht so
-viel Ehrlichkeit und solch ein _Dürsten nach Ehrlichkeit_. Ich aber
-bleibe dabei, daß es da ist, dicht neben der schrecklichsten
-Sittenverderbnis, daß ich sie sehe und fühle, diese emporsteigenden
-Menschen, denen die Zukunft Rußlands gehört, daß man blind sein muß, um
-sie nicht zu sehen, und daß der Künstler, der diesen abgelebten Zyniker
-Oblonski und diesen neuen Menschen Lewin gegeneinander hält, gleichsam
-diese aufgegebene, sittenlose, furchtbar vielköpfige russische
-Gesellschaft, die sich durch ihren eigenen Urteilsspruch bereits selber
-verurteilt hat, gegen die Gesellschaft der neuen Wahrheit hält, die
-Gesellschaft, die in ihrem Herzen die Überzeugung, sie sei schuldig,
-nicht ertragen kann, und die alles fortgibt, um ihr Herz von der Schuld
-zu befreien. Auffallend ist hierbei, daß unsere Gesellschaft sich fast
-nur in diese beiden Arten teilt – dermaßen groß sind sie und dermaßen
-umfassen sie das ganze russische Leben – versteht sich, wenn man von der
-Masse der völlig Gleichgültigen absieht. Doch der charakteristischste,
-der russischste Zug dieser „brennenden Tagesfrage“, auf die der
-Verfasser hinweist, besteht darin, daß sein neuer Mensch, sein Lewin,
-_nicht versteht_, die ihn beunruhigende Frage zu beantworten. Das heißt,
-in seinem Herzen hat er sie beinahe beantwortet – nicht zu seinem
-Vorteil, denn er _argwöhnt_, daß er _schuldig_ ist: aber etwas Festes,
-Gerades und Reales in seiner ganzen Natur lehnt sich dagegen auf und
-hält ihn vorläufig noch von der letzten Entscheidung ab. Oblonski
-dagegen, dem es völlig einerlei ist, ob er schuldig oder unschuldig ist,
-entscheidet die Frage ohne das geringste Bedenken, vielmehr kann es ihm
-gerade so recht sein: „Wenn also alles blödsinnig ist und es nichts
-Heiliges mehr gibt, so kann man ja machen, was man will, für mich wird
-die Zeit noch ausreichen, – das Jüngste Gericht kommt ja noch nicht
-gleich.“ Bemerkenswert ist dabei, daß gerade die schwächste Seite der
-Frage Lewin verwirrt und vor den Kopf stößt – das ist so echt russisch
-und so richtig vom Verfasser beobachtet. Die Sache ist nämlich die, daß
-alle diese Gedanken und Fragen in Rußland – einzig eine Theorie sind:
-alle sind sie aus anderen Ländern mit anderen Verhältnissen zu uns
-eingeführt, aus Europa natürlich, wo sie schon längst ihre historische
-und praktische Seite haben. Unsere beiden Edelleute sind Europäer, und
-es ist nicht leicht, sich von der europäischen Autorität zu befreien:
-auch hier muß man Europa den Tribut zahlen. Und da verwechselt nun
-Lewin, dieses russische Herz, die einzig mögliche rein russische Lösung
-der Frage mit ihren europäischen Bedingungen: er verwechselt die
-christliche Lösung mit dem historischen „Recht“.
-
-Stellen wir uns zur Übersicht folgendes vor:
-
-Lewin steht und denkt an sein Gespräch mit Oblonski und wünscht in
-seiner ehrlichen Seele qualvoll, das ihn verwirrende Problem zu lösen.
-
-„Ja,“ sagt er sich, halb entscheidend, „ja, wenn man so bedenkt, weshalb
-können denn wir, wie Weslowski vorhin sagte, essen, trinken, auf die
-Jagd gehen und nichts tun, während der Arme immer und ewig arbeiten muß?
-Ja, Oblonski hat recht, ich _muß_ mein Gut unter den Armen verteilen und
-für sie arbeiten gehen.“
-
-Steht da neben Lewin der Arme und spricht:
-
-„Ja, du mußt das tun, es ist deine Pflicht, den Armen dein Gut zu geben
-und für uns zu arbeiten.“
-
-So stellt sich denn heraus, daß Lewin vollkommen im Recht ist, der
-„Arme“ aber im Unrecht, natürlich wenn man die Sache sozusagen im
-höheren Sinne entscheidet. Aber darin liegt ja der ganze Unterschied der
-Auffassung dieses Problems. Denn seine moralische Lösung darf man nicht
-mit seiner historischen Lösung verwechseln; sonst gibt es eine heillose
-Konfusion, – ähnlich der, die sich auch jetzt noch in theoretischen
-russischen Köpfen fortsetzt, – in den Köpfen der Nichtswürdigen, gleich
-Oblonski, wie in den Köpfen derer, die reinen Herzens sind, gleich
-Lewin. In Europa haben das Leben und die Praxis schon die Frage gestellt
-– wenn auch absurd im Ideal ihres Schlusses, so doch immerhin real im
-Verlauf ihrer Entwicklung, und ohne zwei heterogene Auffassungen, die
-moralische und die historische, zu verwechseln, soweit dies überhaupt
-möglich ist. Vielleicht wird eine kurze Erklärung dieses Gedankens nicht
-überflüssig sein.
-
-
- Die Tagesfrage in Europa
-
-In Europa gab es einmal einen Feudalismus und gab es Ritter. Aber in
-reichlich tausend Jahren erstarkte das Bürgertum, nahm schließlich den
-Kampf mit den Rittern auf, besiegte sie und – setzte sich an deren
-Stelle. „_Ôte-toi de là que je m’y mette._“ Indem nun die Bourgeoisie
-den Platz ihrer früheren Herren einnahm, umging sie vollständig das
-Volk, das Proletariat, und da sie dasselbe nicht als Bruder anerkannte,
-machte sie es zu ihrer Arbeitskraft, indem sie dadurch sich zum
-Wohlstand und ihm zu seinem täglichen Stück Brot verhalf. Unser
-russischer Oblonski entscheidet bei sich, daß er im Unrecht ist, will
-aber bewußt ein Nichtswürdiger bleiben, denn so hat er ein angenehmes
-Leben. Der ausländische Oblonski ist anderer Meinung als der unsrige: er
-hält sich für durchaus im Recht und ist selbstverständlich in seiner Art
-logischer; denn nach seiner Ansicht kann hierbei überhaupt nicht von
-_Recht_, sondern nur von „_Geschichte_“, von historischer Entwicklung
-der Dinge die Rede sein. Er nimmt den Platz des Ritters ein, weil er den
-Ritter mit roher Kraft besiegt hat, und er weiß nur zu gut, daß der
-Proletarier, der während seines Kampfes mit dem Ritter noch schwach war,
-leicht erstarken kann, ja, jetzt sogar schon mit jedem Tage stärker
-wird. Und er sagt sich, daß dieser ihn dann, wenn er ganz stark
-geworden, ebenso vom Platz verdrängen wird, wie er einst den Ritter
-verdrängt hat, und ihm ganz ebenso sagen wird: „_Ôte-toi de là que je
-m’y mette._“ Wo ist denn hier „Recht“, hier handelt es sich doch nur um
-„Geschichte“! Oh, der Bourgeois würde zu einem Kompromiß gern bereit
-sein, würde sich gern irgendwie mit dem Feinde vertragen, – und er hat
-es ja auch schon versucht. Da er aber vorzüglich errät, ja, und auch die
-Erfahrung ihn gelehrt hat, daß der Feind nichts weniger als geneigt ist,
-sich mit ihm zu vertragen, sich in nichts teilen, sondern _alles_ haben
-will, und daß außerdem Abtretungen seinerseits ihn, den Bourgeois, nur
-schwächen würden, so hat er sich also entschlossen, _nichts_ abzutreten
-und sich zum Kampf vorzubereiten. Diese Stellung ist vielleicht
-hoffnungslos, doch ist es eine Eigenschaft der menschlichen Natur, sich
-vor dem Kampf Mut zuzusprechen. So verzagt denn auch der Bourgeois
-nicht, sondern verstärkt und verschanzt sich immer mehr, legt sich mit
-allen Mitteln ins Zeug und strengt sich mit aller Kraft an – solange
-noch Kraft vorhanden ist – und bemüht sich, den Gegner zu schwächen, wo
-er nur kann ... und das ist alles, was er vorläufig tut.
-
-So steht die Sache heute in Europa. Allerdings, früher, vor nicht langer
-Zeit sogar, gab es auch dort eine _moralische_ Auffassung der Frage, es
-gab Fourieristen und Cabetisten, es gab Kongresse, Diskussionen und
-Debatten über verschiedene äußerst feine, scharfsinnige Fragen. Jetzt
-jedoch haben die Führer des Proletariats das alles bis zu gelegenerer
-Zeit aufgeschoben. Sie wollen geradeswegs zum Kampf herausfordern; sie
-organisieren eine wahre Armee, gründen Vereine, gründen Kassen und sind
-von ihrem Sieg fest überzeugt: „Und dann, nach dem Siege, wird sich
-alles von selbst praktisch ergeben, obgleich sehr leicht möglich ist,
-daß es erst nach Strömen vergossenen Blutes dazu kommen wird.“ Der
-Bourgeois begreift, daß die Führer der Proletarier diese einfach durch
-die in Aussicht stehende Plünderung anlocken, und daß es sich folglich
-nicht lohnt, noch die moralische Seite der Sache hervorzuheben.
-Einstweilen aber gibt es auch unter den jetzigen Führern zuweilen noch
-solche, die das moralische Recht der Armen predigen. Die höheren Führer
-lassen diese Redner eigentlich nur zur „Verschönerung“ zu, um die Sache
-etwas „auszuschmücken“ und ihr den Anschein einer höheren Gerechtigkeit
-zu geben. Von diesen „moralischen“ Sozialisten sind viele nur
-Intriganten, viele aber auch echte Idealisten. Sie erklären offen, daß
-sie für sich nichts wollen und nur für die Menschheit arbeiten, nur nach
-einer neuen Einrichtung der Dinge streben, um die Menschheit glücklicher
-zu machen. Doch hier empfängt sie der Bourgeois schon auf ziemlich
-festem Boden und hält ihnen sofort vor, daß sie ihn zwingen wollen, der
-Bruder des Proletariers zu werden und mit ihm sein Hab und Gut zu
-teilen. Abgesehen davon, daß dieses der Wahrheit ziemlich ähnlich sieht,
-antworten ihnen die Führer, sie hielten ihn, den Bourgeois, überhaupt
-nicht für fähig, dem Volke ein Bruder zu werden, und darum würden sie
-einfach Gewalt anwenden, ihn aber von vornherein aus jeglicher
-„Brüderschaft“ ausschließen. „Die Brüderschaft,“ sagen sie, „wird sich
-später bilden, aus den Proletariern, ihr aber, – ihr seid hundert
-Millionen zum Tode verurteilter Köpfe und weiter nichts! Es ist aus mit
-euch, zum Glücke der Menschheit!“ Andere Führer sagen heute schon ganz
-offen, sie brauchten keine Brüderschaft, das Christentum sei Faselei und
-die zukünftige Menschheit werde sich nur auf wissenschaftlichen
-Grundlagen aufbauen. Alles das kann natürlich den Bourgeois weder ins
-Wanken bringen, noch überzeugen. Er wendet ein, daß diese „Gesellschaft
-auf wissenschaftlichen Grundlagen“ bloße Phantasie ist, daß jene Führer
-sich den Menschen anders vorstellen, als ihn die Natur geschaffen hat;
-ferner, daß es dem Menschen schwer und unmöglich ist, dem unbedingten
-Recht des Eigentums, der Familie und der Freiheit zu entsagen; daß sie
-von ihrem zukünftigen Menschen zuviel Opfer als Persönlichkeit
-verlangen, daß man den Menschen nur mit furchtbarem Zwang in dieser
-Weise hinaufzüchten könnte, nur dann, wenn man ständige Spionage und
-ununterbrochene Kontrolle der despotischsten Macht anwendete. Zum Schluß
-fordert der Bourgeois noch auf, ihm doch diejenige Macht zu nennen, die
-die zukünftigen Menschen zu einer freiwilligen, nicht gezwungenen
-Gesellschaft zu vereinigen vermöchte. Darauf heben die Führer den
-Vorteil und die Notwendigkeit hervor, die jeder Mensch anerkennen müsse,
-und weisen darauf hin, daß er selbst, um der Zerstörung und dem Tode zu
-entgehen, freiwillig alle verlangten Konzessionen machen werde. Ihnen
-wird sofort entgegnet, daß der Gesichtspunkt des Vorteils allein niemals
-die Kraft haben kann, eine volle und einmütige Vereinigung
-hervorzubringen; daß kein einziger Nutzen imstande ist, den Eigenwillen
-und die persönlichen Rechte zu ersetzen; daß diese Mächte und Motive
-viel zu schwach sind und somit diese ganze zukünftige Vereinigung ewig
-fraglich bleiben wird; daß der Proletarier, wenn die Führer mit nichts
-als der moralischen Seite der Sache kämen, ihnen überhaupt nicht zuhören
-würde, und daß er, wenn er es jetzt tut, wenn er ihnen zu folgen scheint
-und sich zur Schlacht vorbereiten läßt, dies nur deshalb tut, weil er
-durch die versprochene Plünderung der Reichen angelockt wird und von der
-Fata morgana des allgemeinen Zusammenbruchs fieberhaft erregt ist.
-Folglich muß man dann doch die moralische Seite der Frage ganz fallen
-lassen, da sie nicht der geringsten Kritik standhält, und muß sich
-einfach zum Kampf vorbereiten.
-
-Das ist die europäische Auffassung der Sache. Die eine wie die andere
-Partei sind im Unrecht, und die einen wie die anderen werden an ihren
-eigenen Sünden untergehen. Wiederholen wir es: Am schwersten ist für uns
-Russen, daß bei uns sogar die Lewins über diese selben Fragen ins
-Nachdenken geraten, während die einzig mögliche Lösung des Problems, und
-gerade die russische Lösung, und diese nicht nur für die Russen allein,
-sondern für die ganze Menschheit – die ethische Auffassung der Frage
-ist, d. h. die christliche. In Europa ist diese Auffassung nicht
-denkbar, obgleich man auch dort, früher oder später, nach Strömen von
-Blut und hundert Millionen von Opfern, sie doch wird anerkennen müssen –
-denn in ihr allein liegt das Heil.
-
-
- Die russische Lösung des Problems
-
-Wenn ihr fühlt, daß es euer Gewissen drückt, dieses „Essen, Trinken,
-Auf-die-Jagd-Gehen und Nichtstun“, und wenn ihr das wirklich fühlt, und
-wenn es euch wirklich so leid tut um die „Armen“, deren es so viele
-gibt, – so gebt ihnen euer Hab und Gut und gehet hin, um für sie alle zu
-arbeiten, und „erwerbt den Schatz im Himmelreich, dort, wo man nicht
-sammelt, noch nach Gütern trachtet –“. Geht wie „Wlas“, von dem es
-heißt:
-
- „Groß war diese Kraft der Seele,
- Die da auszog, Gott zu dienen.“
-
-Und wollt ihr nicht wie Wlas für den Bau eines Gotteshauses sammeln, so
-sorgt für die Aufklärung der Seele dieses Armen, erleuchtet ihn, belehrt
-ihn. Selbst wenn alle Reichen ihre Reichtümer, wie ihr, unter alle Armen
-austeilen würden, so wäre das doch nur wie ein Tropfen im Meer. Darum
-aber muß man mehr für das Licht, die Aufklärung, die Wissenschaft und
-für ein Mehr an Liebe sorgen. Dann erst wird der Reichtum in
-Wirklichkeit wachsen, und zwar der wirkliche Reichtum; denn der liegt
-nicht in herrlichen Kleidern, sondern in der Freude der allgemeinen
-Vereinigung und der festen Hoffnung eines jeden, daß im Unglück ihm und
-seinen Kindern von allen geholfen werden wird. Und sagt nicht: „Ich bin
-bloß eine machtlose Eins,“ oder: „Wenn ich allein mein Vermögen verteile
-und dienen gehe, so kann ich damit doch nichts verbessern“. Im
-Gegenteil, wenn es nur einige wenige solcher gibt wie ihr, so ist die
-Sache schon durchgeführt. Und im Grunde ist es nicht einmal _unbedingt_
-nötig, sein Gut zu verteilen, – jede _Unbedingtheit_ würde hier, in der
-Tat der Liebe, nur einer Form gleichen, einer Rubrik, dem Buchstaben.
-Die Überzeugung, daß man den Buchstaben erfüllt hat, führt nur zu Stolz
-und Faulheit. Man soll nur das tun, was einem das Herz befiehlt:
-gebietet es euch, eure Habe zu verteilen – so verteilt sie, gebietet es
-euch, für die anderen arbeiten zu gehen, – so geht. Doch auch hier tut
-nicht wie etliche Träumer, die sich sofort an die Schiebkarre machen,
-was ungefähr heißen soll: „ich will kein Herr sein, ich will arbeiten
-wie ein Bauer“. Die Schiebkarre ist wiederum – nur eine „Form“.
-
-Im Gegenteil, wenn du fühlst, daß du als Gelehrter allen nützlich sein
-kannst, so gehe auf die Universität und behalte so viel von deinen
-Mitteln, als du dafür nötig hast. Nicht die Verteilung des Gutes ist
-notwendig und nicht das Anziehen des Bauernkittels: all das ist bloß
-Buchstabe und Formalität. Notwendig und wichtig ist bloß _deine
-Entschlossenheit, alles zu tun um der tätigen Liebe willen_, alles, was
-dir möglich ist, was du selbst aufrichtig als in deiner Kraft stehend
-anerkennst. Alle diese Bemühungen, sich zu „vereinfachen“ – sind ja doch
-nur Verkleidungen, die das Volk vor uns herabsetzen und einen selbst
-erniedrigen. Ihr seid alle zu „kompliziert“, um euch zu „vereinfachen“,
-ganz abgesehen davon, daß schon eure Bildung allein euch hindert, zum
-Bauern zu werden. Hebt lieber den Bauer bis zu eurer Bildung empor! Seid
-nur aufrichtig und treuherzig; das ist besser als jede „Vereinfachung“.
-Vor allen Dingen aber schreckt euch nicht selbst, sagt nicht: „einer ist
-keiner“ und ähnliches. Jeder einzelne, der aufrichtig die Wahrheit
-sucht, der ist schon furchtbar viel. Ahmt auch nicht jenen
-Phrasenmachern nach, die da ununterbrochen sagen, damit man sie höre:
-„Man läßt mich nichts machen, bindet mir die Hände, pflanzt mir in die
-Seele Enttäuschung und Verzweiflung!“ Das sind Helden gewisser
-Dichtungen schlechten Tones, posierende Faulenzer. Wer Nutzen bringen
-will, der kann auch mit buchstäblich gebundenen Händen unendlich viel
-tun. Ein echter Tatmensch sieht, wenn er auf den Weg tritt, sofort so
-viel Arbeit vor sich, daß er nicht anfangen wird, zu klagen, man lasse
-ihn nichts machen, sondern er wird sofort irgend etwas finden und wird
-das, was er sich vornimmt, dann selbst mit gebundenen Händen
-fertigzustellen verstehen.
-
-Und das wissen auch alle wirklichen Tatmenschen. Wieviel Zeit nimmt bei
-uns schon allein das „Ergründen Rußlands“, denn nur äußerst, äußerst
-selten kennt ein Mensch unser Rußland. Die Klagen über Blasiertheit sind
-einfach dumm: die Freude an dem zu errichtenden Gebäude muß jede Seele
-erfüllen, auch wenn ihr vorläufig nur ein Sandkörnchen zum Bau des
-Gebäudes herbeibringt. Eure Belohnung aber sei – Liebe, wenn ihr sie
-verdient. Solltet ihr aber keiner Liebe bedürfen, so tut ihr doch eine
-Liebestat, also könnt ihr gar nicht umhin, euch um Liebe zu bewerben.
-Doch möge es auch niemand sagen, daß ihr es auch ohne Liebe tun müßtet,
-sozusagen zum eigenen Gewinn, und daß man euch anderenfalls mit Gewalt
-dazu zwingen werde. Nein, bei uns in Rußland muß man andere
-Überzeugungen wecken – und besonders was die Begriffe der Freiheit,
-Gleichheit und Brüderlichkeit betrifft. In der heutigen Welt hält man
-Zügellosigkeit für Freiheit, während die wirkliche Freiheit doch nur in
-der Überwindung seiner selbst und seines Willens liegt, so daß man
-zuletzt einen sittlichen Zustand erreicht, in dem man immer, in jedem
-Augenblick, sein eigener Herr ist. Die Zügellosigkeit der Wünsche führt
-nur zur Sklaverei. Das ist wohl der Grund, warum fast die ganze heutige
-Welt die Freiheit in der pekuniären Sicherstellung sieht, und in den
-Gesetzen, die diese pekuniäre Sicherstellung garantieren. „Hab’ ich
-Geld,“ heißt es, „so kann ich alles machen, was mir gefällt; hab’ ich
-Geld – so werd’ ich nicht untergehen, noch nötig haben, andere um Hilfe
-zu bitten; niemanden aber um Hilfe bitten, ist die höchste Freiheit.“
-Und doch ist das in Wirklichkeit nicht Freiheit, sondern Knechtschaft, –
-Knechtschaft durch das Geld. Im Gegenteil, die allerhöchste Freiheit ist
-– nicht sparen und nicht sich mit Geld versorgen, sondern „unter alle
-verteilen, was man hat, und hingehen, um allen zu dienen“. Ist der
-Mensch dazu fähig, ist er fähig, sich bis zu solch einem Grade zu
-überwinden – so, sagt doch, ist er dann nicht wahrhaft frei? Darin liegt
-doch die höchste Offenbarung des Willens! Und dann, was ist in der
-heutigen gebildeten Welt „Gleichheit“? Eifersüchtiges Aufpassen des
-einen auf den anderen, Hochmut, Aufgeblasenheit und Neid: „Er ist klug,
-er ist ein Shakespeare, er rühmt sich mit seinem Talent; also muß man
-ihn erniedrigen, muß ihn vernichten.“ Währenddessen spricht die
-wirkliche Gleichheit: „Was geht es mich an, daß du talentvoller bist als
-ich, klüger und schöner als ich? Ich kann mich nur dessen freuen, denn
-ich liebe dich. Bin ich auch unansehnlicher als du, so versage ich mir
-doch als Mensch nicht die Achtung, und du weißt das wohl und achtest
-mich gleichfalls – deine Achtung aber macht mich glücklich. Bringst du
-mit deinen Begabungen mir und allen anderen hundertfach mehr Nutzen, als
-ich dir, so segne ich dich dafür, bewundere dich und bin dir dankbar;
-rechne ich doch meine Bewunderung für dich mir niemals zur Schande an:
-daß ich dir dankbar bin, ist mein Glück, und wenn ich, so viel wie in
-meinen schwachen Kräften steht, für dich und für alle arbeite, so
-geschieht das keineswegs, um mit dir abzurechnen, Freund, sondern nur –
-weil ich euch alle liebhabe.“
-
-Wenn alle Menschen so sprechen werden, dann erst wird Brüderlichkeit auf
-Erden herrschen, und zwar nicht um irgendeines ökonomischen Vorteils
-willen, sondern aus der Fülle des freudigen Lebens heraus, aus der
-Überfülle der Liebe.
-
-Man wird vielleicht entgegnen, daß das bloß eine Phantasie von mir sei,
-daß diese „russische Lösung des Problems“ – das „Himmelreich“ ist und
-selbiges höchstens im Himmel, nicht aber auf Erden möglich sei.
-Allerdings, die Oblonskis würden sich nicht wenig ärgern, wenn das
-Himmelreich anbräche. Doch muß man wenigstens in Betracht ziehen, daß in
-dieser Phantasie einer „russischen Lösung des Problems“ unvergleichlich
-weniger Phantastisches und unvergleichlich mehr Wahrscheinliches ist als
-in der europäischen Lösung. Solche Menschen wie „Wlas“ haben wir schon
-gesehen und sehen sie bei uns in allen Ständen und sogar recht oft;
-dagegen hat man dort den „zukünftigen Menschen“ noch nirgends gesehen,
-und selbst verspricht er ja auch, erst nach Vergießung ganzer Ströme von
-Blut zu kommen. Ihr sagt, mit wenigen Menschen dieser Art sei es nicht
-getan, man müsse nach gewissen allgemeinen Einrichtungen und Prinzipien
-streben. Doch selbst, wenn es solche Einrichtungen und Prinzipien geben
-würde, nach denen man fehlerlos die Gesellschaft bilden könnte, und
-selbst wenn man sie _vor_ der Praxis erlangen könnte, einfach so _a
-priori_, einzig aus den Träumen des Herzens und der „wissenschaftlichen“
-Zahlen, die zudem noch der früheren Einrichtung der Gesellschaft
-entnommen sind, – so wird sich doch mit anfertigen, mit nicht dazu
-eingedrillten Menschen keine einzige Regel durchführen, kein einziges
-von all den schönen Prinzipien verwirklichen lassen; im Gegenteil, diese
-würden nur lästig werden. Ich aber glaube schrankenlos an unsere
-zukünftigen und schon heraufkommenden Menschen, an diese selben, von
-denen ich vorhin gesagt, daß sie vorläufig noch nicht übereinstimmen,
-daß sie in kleinen Lagern und Gruppen zerstreut sind, von denen jedes
-und jede an eigenen Überzeugungen festhält, die aber dafür vor allen
-Dingen die Wahrheit suchen, und die, wenn sie nur wissen würden, wo die
-Wahrheit ist, bereit wären, für ihre Verwirklichung alles zu opfern,
-selbst das Leben. Glaubt mir, wenn sie endlich den wahren Weg finden und
-ihn betreten, so werden sie alle nach sich ziehen, und nicht gezwungen,
-sondern freiwillig wird man ihnen folgen. Ja, das vermögen schon heute
-die ganz wenigen zu tun. Und das ist dann der Pflug, mit dem man unseren
-neuen Schatz heben kann. Bevor ihr den Menschen predigt, wie sie sein
-sollen, zeigt es ihnen an euch selbst. Erfüllt selbst, was ihr
-verkündigt, und alle werden euch folgen. Ich begreife nicht, was hierbei
-Utopistisches, Unmögliches sein soll! Es ist wahr, wir sind sehr
-verderbt, sind kleinmütig – und darum glauben wir nicht und lachen. Doch
-jetzt liegt es fast nicht mehr an uns, sondern einzig an den
-Emporsteigenden, den Künftig-Zukünftigen. Das Volk ist reinen Herzens,
-es muß nur noch erleuchtet werden. Doch Menschen, die reinen Herzens
-sind, erheben sich auch mitten aus unserer Schar – und das ist das
-Allerwichtigste! Dies ist es, was man zuerst glauben muß, was zu sehen
-man verstehen muß. Denen aber, die reinen Herzens sind, noch ein Rat:
-Selbstbeherrschung und Selbstüberwindung vor jedem ersten Schritt!
-Erfülle zuerst selbst, statt daß du andere zwingst –: das ist das ganze
-Geheimnis dieses ersten Schrittes.
-
-
- Ehemalige Landwirte – zukünftige Diplomaten[30]
-
-... Ich bin wieder auf dem Lande und habe meine Freude daran ... Doch
-vor allem freut es mich, nicht im Auslande zu sein, nicht unsere sich
-dort herumtreibenden Russen vor Augen zu haben. Wahrlich, in unserer so
-volklichen, so politischen Zeit, da man gerade überall bei sich zu Hause
-Russen sucht, Russen erwartet, nur Russen will und fordert, in solch
-einer Zeit ist es zu schwer, im Auslande der Demoralisierung unserer
-expatriierten Intelligenz zusehen zu müssen, der Verwandlung echt
-russischen, noch rohen und vielleicht prachtvollen Menschenmaterials in
-erbärmliches, internationales Gesindel ohne Persönlichkeit, ohne
-Charakter, ohne Nationalität und ohne Vaterland. Ich rede nicht von den
-Vätern, – die Väter sind nun einmal nicht mehr anders zu machen. Nun,
-und – Gott mit ihnen! Ich rede von den unglücklichen Kindern, die sie
-dort im Auslande verderben. Die Väter werden jetzt sogar schon von
-unseren verschriensten Westlern lächerlich gefunden. Herr Burenin, der
-sich kürzlich als Berichterstatter auf den Kriegsschauplatz begeben hat,
-erzählt in einem Brief eine amüsante Begegnung mit einem unserer
-„Europäer“, der beständig im Auslande lebe, nur jetzt absichtlich auf
-den Kriegsschauplatz gekommen sei, um sich das „Schauspiel so eines
-Kampfes“ anzusehen, versteht sich, aus höflicher Entfernung, – und der
-im Waggon überall Witzchen gemacht, worüber diese Herren nun schon
-vierzig Jahre lang Witze machen: über den russischen Geist, die
-Slawophilen, usw. Er lebe nur darum im Auslande, soll er gesagt haben,
-weil es bei uns in Rußland „für einen ernsten und anständigen Menschen
-noch immer nichts zu tun gäbe“ ...
-
-Vor zwanzig Jahren „emigrierten“ (ich bleibe bei diesem Wort) aus
-Rußland vornehmlich Gutsbesitzer, und seit der Zeit setzt sich die
-Emigration in jedem Jahre ungehindert fort. Natürlich emigrierten auch
-viele andere Leute, alle möglichen Menschen; doch waren es in der großen
-Mehrzahl, wenn nicht alle, Leute, die mehr oder weniger Rußland haßten;
-die einen aus moralischen Gründen, infolge der Überzeugung, „daß es in
-Rußland für so anständige und kluge Leute, wie sie, nichts zu tun gäbe“,
-die anderen vielleicht ohne jede Überzeugung, wenn man will, einfach aus
-physischem Haß: wegen des Klimas, wegen der Felder und Wälder, wegen der
-Gesetze und Bräuche, wegen des befreiten Bauern, ja, wegen der ganzen
-russischen Geschichte, mit einem Wort – wegen Rußland. Ich bemerke dazu,
-daß solch ein Haß sehr passiv, sehr ruhig und bis zur Apathie
-gleichmütig sein kann. Und dann kam noch die Befreiung der Bauern hinzu,
-und überdies erleuchtete plötzlich ungemein viele die Überzeugung, daß
-durch diese Befreiung alles verloren sei – das Land und die
-Landwirtschaft und der Adel und ganz Rußland. Es ist ja wahr, daß nach
-der Aufhebung der Leibeigenschaft die Landwirtschaft ohne genügende
-Organisation und Sicherstellung blieb und die Grundbesitzer
-infolgedessen den Kopf verloren und natürlicherweise eine solche Angst
-bekamen, wie es nach keinem staatlichen Umsturz mehr der Fall hätte sein
-können. Nun, und da fingen denn die Gutsbesitzer an ihre Güter zu
-verkaufen, und ein Teil von ihnen – und nicht der kleinste – zog ins
-Ausland. Was sie nun dort auch zu ihrer Rechtfertigung hervorheben mögen
-– sie können doch nicht, weder vor ihren Mitbürgern noch vor ihren
-eigenen Kindern verbergen, daß der Hauptgrund zu ihrer Emigration die
-Verlockung zum „Nichtstun“ gewesen ist. Jedenfalls aber: seit der Zeit
-wird das russische persönliche Landeigentum verkauft und gekauft, es
-ändert seine Herren allaugenblicklich, verändert sogar sein Aussehen,
-denn es wird eifrig entwaldet, – und in was es sich verwandeln, in
-wessen Händen es endgültig bleiben, aus welchen Leuten sich schließlich
-der neue russische Grundbesitzerstand zusammensetzen wird, all das ist
-schwer vorauszusagen, und doch liegt gerade darin, wenn man will, die
-wichtigste Frage der russischen Zukunft. Es scheint wirklich ein
-Naturgesetz zu sein, nicht nur in Rußland, sondern in der ganzen Welt:
-diejenigen, welche in einem Reiche das Land besitzen, die sind auch die
-Herren dieses Landes – in jeder Beziehung. Bei uns jedoch, wird man
-sagen, gibt es ja noch die Gemeinde, – die sei der „Herr“! Aber ...
-gehört denn etwa das Problem unserer Gemeinde bei uns schon zu den
-endgültig gelösten? Trat es denn nicht vor etwa fünfzehn Jahren
-gleichfalls in eine neue Phase, wie alles andere? Doch darüber später –
-vorläufig will ich, ohne sie weiter zu begründen, nur kurz meine
-Überzeugung darlegen. Es ist diese: wenn in einem Reiche die Verwaltung
-des Bodens eine _ernste_ ist, dann wird, meiner Meinung nach, auch alles
-andere im Reich ernst sein, in allen Beziehungen, sowohl im großen
-Ganzen wie in den kleinen Einzelheiten. Jetzt müht man sich bei uns, zum
-Beispiel, um Bildung, müht sich um die Volksschulen. Ich aber glaube,
-daß Schule und Unterricht nur dann bei uns ernst und gründlich werden
-sein können, wenn unsere Landesverwaltung und Landwirtschaft ernstlich
-und gründlich organisiert sind; glaube ferner, daß man nicht durch eine
-Schule eine gute Landwirtschaft erzielt, sondern umgekehrt, nur durch
-eine gute Landwirtschaft – d. h. durch eine richtige Bodenverwaltung –
-eine gute Schule bilden kann, auf keinen Fall aber früher. Parallel
-diesem Beispiele geht alles: die Einrichtungen und die Gesetze und die
-Sittlichkeit und selbst die Verstandesentwicklung der Nation. Jede
-richtige Verwaltung des nationalen Organismus organisiert sich bloß
-dann, wenn im Lande gute Landwirtschaft getrieben wird. Dasselbe läßt
-sich gleichfalls vom Charakter der Landwirtschaft sagen: ist er
-aristokratisch, oder ist er demokratisch – immer wird so, wie er ist,
-auch der ganze Charakter der Nation sein.
-
-Einstweilen aber spazieren unsere ehemaligen Gutsbesitzer im Auslande
-umher, in allen Städten und Kurorten Europas, machen die Preise der
-Restaurants steigen, und schleppen wie Millionäre Gouvernanten und
-Bonnen für ihre Kinder mit sich herum und kleiden die Kleinen in Spitzen
-und englische Kostüme mit kurzen Strümpfchen – Europa zur Schau. Europa
-aber sieht zu und wundert sich: „Wieviel reiche Leute es doch in Rußland
-gibt, und vor allen Dingen wie gebildete! Und wie sie nach europäischer
-Bildung streben! Natürlich hat man ihnen nur aus Despotismus die
-Auslandspässe vorenthalten! Und plötzlich zeigt es sich, daß es bei
-ihnen so viele Grundbesitzer und Kapitalisten und so viele Rentiers
-gibt, die sich von den Geschäften zurückgezogen haben, – ja sogar mehr
-als selbst in Frankreich, das doch das Land der Rentiers ist!“ Wollte
-man aber versuchen, Europa zu erklären, daß hier eine echt russische
-Erscheinung vorliegt und keine Spur von eigentlichem Rentiertum sich
-hierbei findet, sondern im Gegenteil die Verschwendung dieser Leute
-meist nur das Brennen eines Lichtes von beiden Enden bedeutet, so würde
-Europa an solch eine in Europa unmögliche Erscheinung selbstverständlich
-nicht glauben, würde mich überhaupt nicht verstehen. Und das wichtigste
-– diese Sybariten, die sich dort in den deutschen Kurorten und an den
-Schweizer Seen herumtreiben, diese Lukullusse, die ihr Leben in Pariser
-Restaurants zubringen, – sie wissen es ja selber und fühlen es sogar mit
-einem gewissen Schmerz voraus, daß sie ihr Kapital doch schließlich
-aufzehren, und daß ihre Kinder, diese selben kleinen Engelchen in
-englischen Kostümchen, vielleicht noch einmal in Europa werden Almosen
-erbitten müssen – und sie _werden_ Almosen erbitten! –, wenn sie sich
-nicht in französische oder deutsche Arbeiter verwandeln wollen – und sie
-_werden_ sich in französische und deutsche Arbeiter verwandeln! – „Aber
-...“ denken sie, „_après nous le déluge_! Ja, und wer ist denn der
-Schuldige? Das sind doch nur alle diese unsere russischen Einrichtungen,
-unser ganzes plumpes Rußland, in dem ein anständiger Mensch immer noch
-nichts anfangen kann.“ So denken diese Herren; und die liberalsten von
-ihnen, die, welche man die höchsten und unverfälschtesten Westler der
-vierziger Jahre nennen könnte, die fügen vielleicht noch heimlich hinzu:
-„Nun, was tut’s, daß die Kinder ohne Vermögen bleiben, dafür erben sie
-die Idee, den edlen Sauerteig der wahren und heiligen Denkungsart. Fern
-von Rußland erzogen, werden sie weder die Popen kennen, noch das dumme
-Wort ‚Vaterland‘. Sie werden einsehen, daß das ‚Vaterland‘ nur ein
-Vorurteil ist und sogar das verderblichste der Welt. Aus ihnen werden
-edle, universale Menschen werden. Wir, ausschließlich wir, legen den
-Grund zu diesen neuen Menschen! Gerade dadurch, daß wir im Auslande den
-Erlös für unser Gut verleben, legen wir den Grund zu dem neuen
-internationalen Bürgertum, das früher oder später Europa erneuern wird,
-und die ganze Ehre dafür gebührt uns, uns Russen, denn wir haben zuerst
-angefangen.“ Übrigens, so reden bloß die „graulockigen“, das heißt
-soviel wie sehr wenige – sind denn etwa viel Koryphäen unter ihnen zu
-finden? Die praktischeren jedoch und _nicht so literarisch-moralischen_
-verlassen sich schließlich immer noch auf die „Verbindungen“. „Wir
-verleben hier unser Geld, das ist ja wahr, aber etwas gewinnen wir dabei
-doch, das sind: Bekanntschaften, Beziehungen, die dann im sogenannten
-‚Vaterlande‘ uns gut zustatten kommen werden. Und zudem erziehen wir
-unsere Kinderchen wenigstens in liberalem Geiste und immerhin als
-Gentlemen – das aber sind doch lauter Hauptsachen. Verkehren werden sie
-nur in den vornehmsten und höchsten Sphären; der Liberalismus aber hat
-in diesen höchsten Sphären immer alles, was gentlemanlike war,
-gekennzeichnet und begleitet, denn dieser Gentlemanliberalismus ist für
-den höheren Konservatismus sozusagen sehr nützlich, was man bei uns
-längst begriffen hat. Nun, und wenn wir unsere Kinder in dieser Weise im
-Auslande aufwachsen lassen, so heißt das geradezu, daß wir sie zu
-Diplomaten erziehen. Was sind das doch für prachtvolle Stellen hier an
-den Gesandtschaften, Konsulaten, und dabei welch eine Unmenge solcher
-entzückender Plätzchen, und wie brillant sie dotiert sind! Wirklich, wie
-geschaffen für unsere Kinderchen: sind ruhig und gut und vorteilhaft und
-dauerhaft, und dabei immer ein angesehenes Amt. Und der Dienst so
-vornehm und die Arbeit – ach, die ist nicht der Rede wert, besteht ja
-nur im Verkehr mit den Russen im Auslande, selbstverständlich bloß mit
-denen, die anständiger aussehen; die anderen aber, die einem da auf den
-Hals kriechen und noch um Schutz bitten, – die, na, die schüttelt man
-einfach ab und behandelt sie, wie es Vorgesetzten geziemt: ohne sie
-anzuhören und von oben herab: ‚Wir glauben euch nicht. Ihr seid selber
-an allem schuld, worüber ihr klagt. Ihr glaubt wohl noch im lieben
-Vaterlande zu sein? Euretwegen sollen wir uns Unannehmlichkeiten
-zuziehen? Lohnt sich das denn überhaupt, und wie soll man eine fremde
-Obrigkeit solcher Leute wegen, wie ihr, belästigen? Seht doch erst in
-den Spiegel, wie ihr ausseht!‘ Und darin besteht der ganze Dienst. Oh,
-unsere Kinderchen werden schon verstehen, es im Leben zu etwas zu
-bringen. Ja, ja, wenn man nur so seine Verbindungen hat – das ist das
-erste, wofür ein Vaterherz sorgen muß. Das übrige kommt dann je nach
-Bedarf von selbst hinzu.“
-
-Also, wie gesagt, in dieser Weise verlassen sich von den im Auslande
-lebenden alle nicht gerade „literarischen“ Väter mehr oder weniger auf
-Verbindungen. Aber – was sind denn Verbindungen? Nun, wenn sie auch ihre
-Bedeutung haben, so sind sie doch nur eine unzuverlässige Quelle. Es
-würde daher wirklich nicht schaden, wenn man sich noch mit etwas anderem
-versorgen würde – nun, sagen wir, mit ein wenig Kenntnis Rußlands und
-mit ein wenig eigenem Verstand, nur so auf alle Fälle, da man doch
-niemals wissen kann ... Und gerade jetzt, in der Epoche der Reformen und
-neuen Einrichtungen, wollen bei uns doch alle plötzlich nach eigenem
-Verstande leben – zweifellos eine Idee, die durch die Aufklärung zu uns
-gekommen ist. Das Unglück aber ist nur, daß bei uns noch nie so wenig
-individueller Verstand zu finden gewesen ist, wie jetzt, da ihn ein
-jeder haben will. Die Frage, warum das so ist, will ich lieber offen
-lassen, es ist auch nicht leicht, sie zu beantworten. Doch eine der
-Ursachen, warum unsere kleinen Püppchen einst, wenn sie große Puppen
-sind, zweifellos leere Köpfe haben werden – kenne ich nur zu genau; und
-obwohl sie alt ist, will ich doch noch auf sie hinweisen. Diese Ursache
-... liegt in der russischen Sprache, d. h. in der mangelhaften Kenntnis
-der russischen, vaterländischen Sprache, die durch die Erziehung im
-Auslande, durch ausländische Gouvernanten und Bonnen bedingt wird.
-Derlei ist bei uns ja auch schon früher üblich gewesen, aber wohl
-niemals in dem Maße, wie jetzt, da soviel Püppchen im Auslande
-heranwachsen. Nehmen wir den Fall an, eines dieser Herrensöhnchen soll
-Diplomat werden: nun, die Diplomatensprache ist bekanntlich die
-französische, „folglich genügt es, wenn man die russische nur
-grammatisch kennt“. Ist dem nun wirklich so? Diese Frage ist wohl schon
-so oft beredet worden, daß sie vielleicht abgeschmackt erscheinen wird.
-Nichtsdestoweniger ist sie noch so unbeantwortet, daß sie sogar vor
-kurzem wieder aufgeworfen werden konnte, wenn auch nur mittelbar, bei
-Gelegenheit der Besprechungen der französischen Werke Turgenjeffs. Es
-wurde sogar die Meinung geäußert: „Warum soll denn Turgenjeff nicht auch
-Französisch schreiben, das kann ihm doch niemand verbieten?“
-Selbstverständlich ist hier nichts zu verbieten oder zu erlauben, und
-besonders nicht einem so großen Schriftsteller und so vorzüglichen
-Beherrscher der russischen Sprache, wie Turgenjeff. Darum über ihn kein
-Wort weiter, aber ... Aber ich sehe, daß ich wieder auf mein altes Thema
-zurückgekommen bin, auf dasselbe, über das ich schon im vorigen Jahre
-geschrieben, nachdem ich mit einer unserer ausländisch-russischen Mamas
-über den Nachteil, den das Erlernen der französischen Sprache für ihr
-Püppchen haben kann, diskutiert hatte. Jetzt wird das Söhnchen zum
-Diplomaten erzogen und ... Übrigens, wenn es auch nicht ratsam ist, sich
-zu wiederholen, so will ich doch noch wagen, in bezug auf die Diplomatie
-ein paar Worte zu sagen.
-
-„... Aber die Diplomatensprache ist doch Französisch!“ unterbricht mich
-diesmal die Mama, ohne mich zu Wort kommen zu lassen.
-
-O weh, sie trägt mir meine Worte vom vorigen Jahr noch nach und
-behandelt mich ungnädig.
-
-„Gewiß, gewiß, meine Gnädigste,“ antworte ich, „Ihr Einwand ist
-unantastbar, und ich bin mit Ihnen widerspruchslos einverstanden.
-Jedoch: was ich über die Kenntnis der russischen Sprache gesagt, gilt
-auch für die Kenntnis der französischen – nicht wahr? Nun aber, um den
-Reichtum seiner Gedanken in französischer Sprache ausdrücken zu können,
-muß man sich diese Sprache auch ganz und gar zu eigen machen. Nun aber
-bitte ich Sie, folgendes nicht zu vergessen: es gibt nämlich solch ein
-Geheimnis der Natur, oder vielmehr solch ein Naturgesetz, nach dem man
-nur diejenige Sprache vollkommen beherrschen kann, mit der man geboren
-ist, wollte sagen, die dasjenige Volk spricht, zu dem man gehört. Das
-scheint Ihnen nicht zu gefallen, meine Gnädigste. Sie belieben etwas
-spöttisch zu lächeln? Gut, ich gebe nach – es ist ja übrigens auch kein
-_Damen_thema. Ich stimme Ihnen also widerspruchslos bei, ich gebe zu,
-daß auch ein Russe sich die französische Sprache bis zur Vollkommenheit
-aneignen kann – aber nur unter einer riesengroßen Bedingung: nämlich in
-Frankreich geboren zu sein, in Frankreich aufzuwachsen und seit der
-allerersten Stunde seines Lebens sich in einen Franzosen zu verwandeln!
-Oh, Sie lächeln wieder, wie ich sehe, ich habe Sie wohl nur belustigt?
-Einstweilen aber beachten Sie, daß selbst Ihnen und Ihrem Söhnchen nicht
-gut möglich sein wird, diese Bedingung zu erfüllen, trotz aller Pariser
-Bonnen, trotz der Emigration, dem Erlös für das verkaufte Land usw.
-Zudem müssen Sie noch die sogenannten angeborenen Gaben in Betracht
-ziehen, denn man kann doch nicht Ihr Püppchen mit Turgenjeff vergleichen
-– werden denn etwa viel Turgenjeffs geboren? ... Ach, Verzeihung, meine
-Gnädigste, was sage ich da! Aus Ihrem Söhnchen wird bestimmt ein
-Turgenjeff werden, oh, nicht nur einer, sondern bestimmt drei! Doch
-lassen wir das, nur ...“
-
-„Aber,“ unterbrechen Sie mich plötzlich, „aber die Diplomaten sind doch
-sowieso klug, warum denn da noch um den Verstand so viel Sorge tragen?
-Glauben Sie mir, hat man erst Verbindungen, _mon mari_ ...“
-
-„Sie haben durchaus recht, meine Gnädigste,“ unterbreche ich schnell,
-„hat man erst Verbindungen und läßt man Ihren Herrn Gemahl ganz
-beiseite, so, sage ich, wäre es immerhin nicht übel, zu den Verbindungen
-noch etwas, wenn auch nur ein wenig, Verstand hinzuzufügen. Und die
-Diplomaten sind keineswegs deswegen klug, weil sie Diplomaten sind,
-sondern einzig, weil sie von Geburt an kluge Leute waren. Und glauben
-Sie mir, es gibt sogar viele, sehr viele Diplomaten, die wirklich
-außerordentlich dumm sind.“
-
-„Ach nein, verzeihen Sie,“ unterbrechen Sie mich ungeduldig, „Diplomaten
-sind immer klug und alle bekleiden sie außerordentliche Posten: und
-außerdem ist der Diplomatendienst der allervornehmste Dienst!“
-
-„Meine Gnädigste, meine Gnädigste,“ rufe ich, „Sie sagen: Verbindungen
-und Kenntnis vieler Sprachen! – aber Verbindungen _verschaffen_ doch
-bloß einen Posten, dann aber ... Nun, stellen Sie sich vor: Ihr Söhnchen
-wächst in europäischen Restaurants auf, geht in Gesellschaft
-ausländischer Vicomtes und russischer Grafen mit jungen Kokotten durch,
-dann aber ... Nun, er kann alle Sprachen und schon deswegen keine
-einzige, ... hat er aber keine eigene Sprache, so ist es nur natürlich,
-wenn er bloß Endchen von Gedanken und Gefühlen aller Nationen aufgreift
-und sein Verstand sich sozusagen zu einem Mischmasch aller möglichen
-Süppchen herausbildet. Er wird ein internationaler Bastard mit kurzen,
-abgerissenen, kleinen Ideen und stumpfen Urteilen. Er ist Diplomat, aber
-die Geschichte der Nationen setzt sich in seiner Vorstellung ganz
-sonderbar-spaßhaft zusammen. Er sieht überhaupt nicht, ja er ahnt nicht
-einmal das, wovon die Nationen und die Völker leben, welche Gesetze in
-ihrem Organismus liegen, ob in diesen Gesetzen auch etwas Ganzes
-verborgen ist und sich in ihnen ein allgemeines internationales Gesetz
-wahrnehmen läßt. Er ist fähig, alle Geschehnisse der Welt nur daraus
-abzuleiten, daß z. B. irgendeine Königin irgendeine Favoritin
-irgendeines Königs geärgert hat, und infolgedessen der Krieg zwischen
-zwei Königreichen ausgebrochen ist. Erlauben Sie, ich werde von Ihrem
-Standpunkte aus urteilen. Schön, er hat Verbindungen ... Aber zum Erwerb
-solcher Verbindungen ist doch Charakter erforderlich, ist, wie man zu
-sagen pflegt, die Liebenswürdigkeit eines Charakters, sind Milde und
-Güte und zu gleicher Zeit Beharrlichkeit und Festigkeit unbedingt nötig
-... Ein Diplomat muß doch bezaubernd sein, muß zu besiegen verstehen,
-nicht wahr? Nun, dann glauben Sie es mir oder nicht, wenn ich Ihnen
-offen und im höchsten Grade bestimmt sage, daß man ohne Kenntnis seiner
-Muttersprache, ohne ihre völlige Beherrschung nicht einmal seinen
-Charakter ausarbeiten kann, und besonders dann nicht, wenn das Püppchen
-noch von Natur reich und gut begabt ist. Mit der Zeit stellen sich bei
-ihm dann Gedanken ein, Ideen und Gefühle werden ihn innerlich peinigen,
-indem sie für sich Ausdrücke suchen und fordern; doch ohne reiche, von
-Kindheit an erworbene, fertige Ausdrucksformen, d. h. ohne Sprache, ohne
-ihre Entwicklung, ohne ihre Verfeinerung, ohne Beherrschung all ihrer
-Nuancen – wird Ihr Sohn ewig unzufrieden mit sich sein. Die
-aufgeschnappten Gedankenendchen hören bald auf, ihn zu befriedigen, das
-im Verstande und im Herzen angesammelte Material fängt an, nach einem
-großen, unbeengten Ausdruck zu verlangen ... Der junge Mann wird
-besorgt, zerstreut, grundlos nachdenklich, darauf gereizt, unerträglich;
-schließlich zerrüttet er womöglich seine Gesundheit, vielleicht sogar
-den Magen, glauben Sie mir ...“
-
-„Ach, Sie lachen? – Ich sehe schon, hab’ mich wieder fortreißen lassen,
-– einverstanden! – Aber, Gott, wie wahr ist es doch, was ich sage! –
-Gestatten Sie mir nur noch, zu beenden. Ich möchte Sie, meine Gnädigste,
-daran erinnern, daß ich Ihnen vorhin nachgegeben, mich mit Ihnen
-einverstanden erklärt habe, zum Schein, natürlich: daß die Diplomaten
-immer kluge Leute wären. Jetzt aber haben Sie mich so weit gebracht,
-meine Gnädigste, daß ich gezwungen bin, meine geheimste Ansicht über
-diesen Gegenstand Ihnen nicht mehr zu verheimlichen. Meine Gnädigste:
-nun ist mir aber wie zum Trotz in meinem Leben schon oft der Gedanke
-gekommen, daß es in der Diplomatie, d. h. in der allgemeinen Diplomatie
-aller Völker und des ganzen neunzehnten Jahrhunderts, wirklich
-auffallend wenig kluge Männer gegeben hat – tatsächlich frappant, wie
-wenige! Dagegen ist die Schwachköpfigkeit dieses Standes in der
-Geschichte Europas in unserem Jahrhundert ... Das heißt, sehen Sie mal,
-– alle sind sie klug, diese Diplomaten, mehr oder weniger, versteht
-sich, das ist unbestreitbar, alle sind sie geistreich – aber ... was
-sind denn das im Grunde für Geister! Ist denn auch nur einer dieser
-Köpfe bis zum Wesen der Dinge durchgedrungen, hat auch nur einer von
-ihnen diese geheimnisvollen Gesetze begriffen, oder sie auch nur geahnt,
-diese Gesetze, die Europa zu etwas Unbekanntem führen, zu etwas
-Sonderbarem, Furchtbarem – das aber jetzt schon offenbar ist, das sich
-fast sichtbar vor den Augen derjenigen vollzieht, die nur ein klein
-wenig vorauszufühlen verstehen? Nein, man kann positiv behaupten, daß es
-keinen einzigen solchen Diplomaten und keinen einzigen so klugen Kopf in
-diesem so gelehrten und ‚favorisierten‘ Stande gegeben hat! – Natürlich
-schließe ich, wenn ich so rede, Rußland und alles Vaterländische aus,
-weil wir unserem ganzen Wesen nach in solchen Dingen ‚eine ganz andere
-Sache‘ sind. Im Gegenteil, im ganzen Jahrhundert waren die Diplomaten,
-nun sagen wir, die allerschlauesten Intriganten, die sich dünkelhaft
-einbildeten, das realste Verständnis der Dinge zu besitzen;
-währenddessen aber hat keiner von ihnen weiter, als seine Nase reicht,
-etwas sehen können, und nie über die Tagesinteressen hinaus – und selbst
-diese waren dann noch immer nur die alleroberflächlichsten und
-kurzsichtigsten. Dort zerrissene Fädchen zusammenknoten, hier ein
-Flickchen auf ein kleines Loch legen, ‚den Preis steigern, vergolden,
-für neu aussehen machen‘ – das ist ihre Aufgabe, das ist ihre Arbeit!
-Und all das hat seine Gründe – der wichtigste aber liegt, meiner Meinung
-nach, in der Entzweiung mit dem Volk, in der Absonderung der
-diplomatischen Köpfe in eine allzu vornehme und von der übrigen
-Menschheit allzu abstrahierte Sphäre ... Ein Fürst Metternich wurde für
-einen der tiefsten und feinsten Diplomaten der Welt gehalten und hatte
-zweifellos Einfluß auf ganz Europa. Worin aber, ja, worin bestand denn
-eigentlich seine Idee? Wie verstand er sein Jahrhundert, das damals
-gerade anbrach? Wie stellte er sich die Zukunft vor? Alle Grundideen des
-beginnenden Jahrhunderts wollte er mit Polizeiordnungen besiegen und war
-vollkommen überzeugt von dem Erfolg! Und nehmen Sie jetzt den Fürsten
-Bismarck na, das ist doch schon fraglos ein Genie, aber ...“
-
-„_Finissons, monsieur_,“ unterbricht mich streng die kleine Mama mit
-tiefgekränkter Würde.
-
-Ich bin natürlich sehr erschrocken. Offenbar bin ich nicht verstanden
-worden. Ja, mit kleinen Mamas darf man noch nicht über solche Themata
-reden: habe daher einen furchtbaren _faux pas_ gemacht – aber mit wem
-kann man denn jetzt überhaupt über Diplomatie sprechen? – das ist die
-Frage! Und doch – welch ein interessantes Thema, und noch dazu in
-unserer Zeit! Aber ...
-
-
- Die Diplomatie vor den Weltfragen
-
-Und welch ein ernstes Thema! Denn was heißt jetzt: unsere Zeit? Alle,
-die mit Verstand begabt sind, sagen, daß unsere Zeit im wahrsten Sinne
-des Wortes eine diplomatische Zeit sei, eine Zeit der Entscheidung aller
-Völkerschicksale einzig durch die Diplomatie. Man behauptet zum
-Beispiel, daß irgendwo bei uns Krieg geführt werde; doch höre und lese
-ich überall, daß, wenn auch dort irgendwo so etwas wie Krieg vor sich
-geht, dieser Krieg doch bestimmt nicht als wirklicher Krieg aufgefaßt
-werden darf ... Jedenfalls ist man übereingekommen, erstens, daß dieser
-Krieg auch nicht einer einzigen von den gesunden Verrichtungen der
-Nation hinderlich sein könnte, die, nach den neuesten Ansichten alles
-dessen, was „Allwissenheit“ genannt wird, vornehmlich – was sage ich! –
-_ausschließlich_ in der Diplomatie ruhen; und zweitens, daß diese
-militärischen Spaziergänge, Manöver usw., die übrigens immer
-unentbehrlich sind, im wahrhaften Sinne der Dinge nicht mehr als bloß
-eine der Phasen der höheren Diplomatie ausmachen, und weiter nichts. Man
-muß es glauben. Ich für meinen Teil bin nun sehr gern dazu bereit, denn
-das ist doch tatsächlich beruhigend. Aber siehe, einstweilen ist da
-etwas, was nicht uninteressant und dabei noch ungemein auffallend ist:
-Bei uns entbrannte zum Beispiel die Orientfrage: und sofort flammte sie
-auch in ganz Europa auf, ja dort sogar noch früher als bei uns – und das
-ist nur zu verständlich. Alle, und selbst die Nicht-Diplomaten, –
-natürlich die Nicht-Diplomaten ganz besonders –, alle wissen „schon
-längst“, daß die Orientfrage sozusagen eine der Weltfragen ist, eines
-der wichtigsten Kapitel unter den großen und nächstliegenden
-Entscheidungen der Menschenschicksale, ja, daß sie die neue Phase
-derselben bedeutet. Wie man weiß, geht diese Angelegenheit nicht nur
-Osteuropa an, nicht nur die Slawen, Russen und Türken, oder vor allen
-anderen irgendwelche Bulgaren, sondern auch den ganzen Westen Europas,
-und zwar keineswegs nur wegen der Meere und Meerengen, der
-beherrschenden Ein- und Ausgangspunkte, sondern aus viel tieferen, viel
-fundamentaleren, elementareren, gegenwärtigeren, wesentlicheren,
-grundsätzlicheren Gründen ... Darum ist es begreiflich, daß Europa sich
-aufregt und die Diplomatie so viel zu tun hat. Aber was hat denn die
-Diplomatie dabei zu tun? Was hat sie denn – besonders jetzt – in der
-Orientfrage zu tun? Sache der Diplomatie ist doch jetzt (anderenfalls
-würde sie überhaupt nicht Diplomatie sein), die Orientfrage zu
-konfiszieren und allen, die es wissen wollen oder nicht wollen, dies
-bleibt sich gleich, so schnell wie möglich zu versichern, daß es eine
-„Orientfrage“ überhaupt nicht gibt; daß alles dieses „nur so“ geschehe,
-nur Manöver sei mit Ausflügen zur Übung, und wenn es nur irgend möglich
-ist, noch zu versichern, daß die Orientfrage nicht nur _jetzt nicht_
-vorhanden, sondern _überhaupt nie_ in der Welt dagewesen sei, daß man
-vor hundert Jahren „nur so“ Dunst verbreitet habe aus bestimmten,
-natürlich gleichfalls diplomatischen Gründen. Aufrichtig gestanden, dem
-könnte man ja beinahe Glauben schenken, wenn sich nicht gerade hier ein
-Rätsel auftun würde, jedoch schon kein diplomatisches (das ist ja der
-Jammer!), denn die Diplomaten würden sich niemals dazu herablassen, sich
-mit solchen Rätseln zu befassen. Oh, verachtend würden sie diesem Rätsel
-den Rücken kehren, denn sie halten es für eine Illusion, die höherer
-Gehirne unwürdig ist. Dieses Rätsel ließe sich folgendermaßen
-formulieren: „Warum geschieht es immer, und besonders in der letzten
-Zeit, d. h. seit der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts, und je weiter,
-desto anschaulicher und greifbarer, daß sich, kaum daß in der Welt
-irgend etwas Allgemeines, Universales berührt wird, neben der einen
-irgendwo erhobenen Weltfrage ihr parallel sofort auch _alle anderen_
-Weltfragen erheben?“ So hat zum Beispiel Europa jetzt an der einen, der
-Orientfrage, noch nicht genug, und es erhebt sich unerwartet-unverhofft
-plötzlich in Frankreich gleichfalls eine Weltfrage – die katholische.
-Und diese katholische Frage erhebt sich nicht etwa nur deshalb, weil der
-Papst bald sterben wird und Frankreich dann als Repräsentant des
-Katholizismus dafür sorgen muß, daß nicht das Geringste verschwindet
-oder sich verändert in der durch Jahrhunderte aufgebauten Organisation
-des Katholizismus, sondern auch noch deswegen, weil der Katholizismus in
-Frankreich augenscheinlich zur Fahne erwählt worden ist, unter der sich
-alle alten Einrichtungen der ganzen neunzehn Jahrhunderte versammeln
-sollen, – zur Verbündung gegen etwas Neues, Kommendes, schon
-Gegenwärtiges und Verhängnisvolles, gegen die drohende Welterneuerung,
-gegen den sozialen wie moralischen fundamentalen Umsturz im ganzen
-westeuropäischen Leben, oder wenigstens, wenn diese Erneuerung auch
-nicht in Erfüllung geht, so doch gegen die furchtbare Erschütterung und
-ungeheuere Revolution, die da unheimlich droht, alle Reiche der
-Bourgeosie in der ganzen Welt, überall, wo sie sich organisiert haben
-und aufgebläht sind, nach der französischen Schablone von 1789 zu
-verdrängen und sich auf ihren Platz zu setzen. Übrigens, ich sehe mich
-gezwungen, hier ein notwendiges _Notabene_ einzufügen: ich fühle schon
-voraus, daß es vielen Klugen und besonders den Liberalen lächerlich
-erscheinen wird, daß ich noch im neunzehnten Jahrhundert Frankreich ein
-„katholisches“ Reich nenne, und gar den Repräsentanten des
-Katholizismus! Darum sage ich zur Rechtfertigung meiner Meinung,
-vorläufig ohne sie weiter zu begründen, daß Frankreich gerade solch ein
-Land ist, welches selbst dann, wenn in ihm kein einziger Mensch
-übrigbliebe, der nicht nur nicht mehr an den Papst, sondern nicht einmal
-mehr an Gott glaubte, trotzdem fortfahren würde, ein katholisches Land
-_par excellence_ zu sein, gewissermaßen der Repräsentant des ganzen
-katholischen Organismus – und das wird noch sehr lange so bleiben, ja
-bis in die Unendlichkeit hinein, vielleicht bis zu der Zeit, da
-Frankreich überhaupt aufhören wird, Frankreich zu sein, und sich in
-irgend etwas anderes verwandelt. Doch das ist noch nicht alles: sogar
-der Sozialismus hat in Frankreich nach der katholischen Schablone, mit
-katholischer Organisation und ganz in seinem Geist eingesetzt: in
-solchem Maße ist dieses Land katholisch! Den Beweis dafür werde ich
-vorläufig noch schuldig bleiben. Nur auf eines will ich kurz hinweisen:
-was veranlaßte den Marschall Mac-Mahon so plötzlich mir nichts, dir
-nichts gerade die katholische Frage aufzuwerfen? Dieser tapfere General
-– der, nebenbei bemerkt, fast überall geschlagen worden ist und in der
-Diplomatie sich ausschließlich durch das kurze Sätzchen: „_j’y suis et
-j’y reste_“ ausgezeichnet hat – dieser General scheint nicht gerade
-solch ein Tatmensch zu sein, daß er fähig gewesen wäre, _mit vollem
-Bewußtsein_ irgend etwas Derartiges zu vollführen. Aber siehe da, er hat
-es doch fertiggebracht, die kapitalste der alteuropäischen Fragen zu
-erheben, und zwar gerade in der Form, in welcher sie sich einmal
-unbedingt erheben mußte. Doch das Wichtigste: warum überhaupt und warum
-gerade in dem Augenblick diese Frage erheben, da sich am anderen Ende
-der Welt eine andere Weltfrage erhoben hat? Warum reiht sich Frage an
-Frage, warum ruft die eine die andere hervor, während doch, wie man
-meinen sollte, keinerlei Beziehung zwischen ihnen besteht? Ja, und nicht
-nur diese beiden Fragen haben sich zu gleicher Zeit erhoben: mit der
-Orientfrage erhoben sich auch noch _andere_, und es werden sich _noch_
-andere erheben, wenn sich die erstere nur richtig entwickelt. Kurz, in
-unserem Jahrhundert haben alle wichtigen Fragen Europas und der
-Menschheit sich immer zu gleicher Zeit erhoben. Diese Gleichzeitigkeit
-ist es nun, die mich frappiert. In dieser Gesetzmäßigkeit, mit der alle
-Fragen unbedingt zusammen erscheinen, liegt für mich das Rätsel! Doch
-weshalb sage ich das alles? – Nun, weil die Diplomatie gerade auf solche
-Fragen mit Verachtung herabblickt. Sie erkennt solche Zusammentreffen
-nicht nur nicht an, sie will nicht einmal an sie _denken_. Hirngespinste
-nennt sie sie, Unsinn und Dummheiten: „Nein, davon ist nichts passiert;
-nur der Marschall Mac-Mahon, oder richtiger, seine Frau Gemahlin, hat da
-irgend etwas einfach gewollt, und infolgedessen ist dann alles so
-gekommen, wie es gekommen ist.“ Und darum bin ich – ungeachtet dessen,
-daß ich selbst es ausgesprochen habe, als ich diesen Aufsatz begann: daß
-unsere Zeit eine diplomatische _par excellence_ und alles übrige nur
-Phantasterei sei – bin ich selbst als erster gezwungen, daran nicht zu
-glauben. Nein, hier gibt es ein Rätsel! Nein, hier entscheidet nicht die
-Diplomatie allein, sondern noch irgend etwas anderes. Und ich muß
-gestehen, dieses Ereignis verwirrt mich nicht wenig: ich war so gern
-bereit, an die Diplomatie zu glauben ... aber diese neuen Fragen – die
-sind ja nur neue Scherereien und sonst nichts ...
-
-
- Niemals ist Rußland so mächtig gewesen wie jetzt, – eine
-
- nicht-diplomatische Auffassung
-
-In der Tat, da habe ich nun eine Frage gestellt und bin ihr vorläufig
-ohne Begründungen nachgegangen. Doch schon lange vor dieser Frage – ich
-meine die Erscheinung, daß alle Weltprobleme sich gleichzeitig
-einstellen, kaum daß sich eines von ihnen erhebt – hat sich mir schon
-eine andere unvergleichlich einfachere und natürlichere Frage gestellt,
-der jedoch, eben weil sie so einfach und natürlich ist, die „Klugen des
-Landes“ noch so gut wie überhaupt keine Aufmerksamkeit zu schenken
-pflegen. Mag auch die Diplomatie zu allen Zeiten und in allen Ländern
-die Schiedsrichterin aller wichtigen und fundamentalen Fragen der
-Menschheit gewesen sein und es auch in Zukunft bleiben, – aber hängt
-denn nun wirklich, frage ich, die endgültige Lösung der
-Menschheitsfragen nur von ihr ab? Kommt nicht vielmehr in jeder Frage
-eine Phase, ein Moment, da es mit den bekannten diplomatischen
-Mittelchen, den Flickchen, nicht mehr geht? Und wenn auch alle
-Weltfragen vom diplomatischen Standpunkt aus, das heißt soviel wie von
-dem der gesunden Vernunft, ihre Erklärung einzig darin finden, daß diese
-oder jene Macht einfach ihre Grenzen erweitern wollte, oder daß
-irgendein tapferer General persönlich irgend etwas wollte, oder daß
-einer bestimmten vornehmen Dame etwas nicht gefallen hat usw. (Möge das
-alles unwiderruflich wahr sein, hier muß ich schon nachgeben, denn gegen
-Allwissenheit bin ich machtlos) ... Aber trotzdem: kommt nicht doch
-einmal ein gewisser Augenblick – gerade bei diesen allerrealsten
-Ursachen und ihren Erklärungen –, ein Punkt im Verlaufe der Sache, eine
-Phase, da mit einem Male irgendwelche ganz sonderbare, sagen wir,
-unbegreifliche und rätselhafte Mächte plötzlich alles erobern, die ganze
-Gesamtheit ergreifen und blind, unaufhaltsam nach sich ziehen, als ob es
-einen Berg hinabginge, und ... ja und warum dann nicht auch in den
-Abgrund mit ihnen stürzen? Eigentlich will ich ja nur wissen: verläßt
-sich nun die Diplomatie immer so auf ihre Mittel, daß sie ähnliche
-Mächte (oder Momente oder Phasen) überhaupt nicht fürchtet, oder glaubt
-sie, daß sie einfach nicht vorhanden seien? Leider scheint es, daß sie
-noch immer letzteres tut, und ebendeshalb frage ich: Wie soll ich ihr da
-nun Glauben schenken und mich ihr anvertrauen? Und wie kann ich sie dann
-für die endgültige Schiedsrichterin der Schicksale einer noch so
-unvernünftigen, kindischen Menschheit ansehen!?
-
-Kaidanoff hat in seiner „Neuen Geschichte“ zu Anfang des Abschnittes,
-der die Französische Revolution und Napoleon I. behandelt, folgenden
-Satz geschrieben: „Eine tiefe Stille herrschte in ganz Europa, als
-Friedrich der Große auf ewig seine Augen schloß; aber noch nie war eine
-ähnliche Stille einem so großen Sturme vorhergegangen.“ Diese Einleitung
-habe ich für mein ganzes Leben behalten. In der Tat, wer konnte damals,
-als Friedrich der Große starb, auch nur entfernt ahnen, was mit den
-Menschen und mit Europa in den folgendem dreißig Jahren geschehen
-sollte? Ich rede nicht von irgendwelchen gebildeten Leuten, oder selbst
-Schriftstellern, Journalisten, Professoren. Alle wurden sie bekanntlich
-irre: Schiller, zum Beispiel, schrieb damals einen Dithyrambus auf die
-Eröffnung der Nationalversammlung; der in Europa herumreisende junge
-Karamsin[31] sah mit bebendem Herzen auf das gleiche Ereignis; in
-Petersburg aber, bei uns in Rußland, glänzte noch immer die Marmorbüste
-Voltaires. Nein, ich wende mich mit meiner Frage unmittelbar an die
-höchste Allwissenheit, unmittelbar an die Entscheider der
-Menschenschicksale – an die Herren _Diplomaten_: haben sie damals auch
-nur etwas von dem vorausgesehen, was dann in den folgenden dreißig
-Jahren geschehen ist?
-
-Könnte ich nun diese Frage den Diplomaten persönlich stellen und sollten
-sie geruhen, mich anzuhören, so würden sie mir bestimmt mit hochmütigem
-Lächeln antworten: „Zufälle lassen sich nicht voraussehen, und unsere
-ganze Weisheit besteht bloß darin, daß man sich auf alle Zufälle
-vorbereitet.“
-
-Das ist die typische Antwort ... wenn ich sie mir auch selbst ausgedacht
-habe, da ich doch keinen Diplomaten mit solchen Fragen belästigen darf,
-– wie sollte ich denn! Doch mein ganzes Entsetzen liegt in meiner
-Überzeugung, daß man mir gerade so und nicht anders geantwortet hätte,
-und darum habe ich auch die Antwort eine „typische“ genannt. Denn was
-waren diese Ereignisse des letzten Dezenniums des vorigen Jahrhunderts
-in den Augen der Diplomaten anderes als – „_Zufälle_“? Waren es und sind
-es noch heute! Und Napoleon erst gar – ach, der! – der ist schon ein
-Erz-Zufall! Wäre Napoleon nicht gekommen, wäre er dort unten in Korsika
-in seinem dritten Lebensjahre an den Masern gestorben, so würde
-selbstverständlich auch der ganze dritte Stand der Menschheit, die
-Bourgeosie, nicht heraufgekommen sein, um das ganze Antlitz Europas zu
-verändern – was sich bis heute noch fortsetzt –, sondern wäre da in
-Paris ruhig bei sich zu Hause geblieben!
-
-Es scheint mir nämlich, daß auch unser Jahrhundert im alten Europa mit
-irgend etwas Kolossalem enden wird, das heißt, vielleicht nicht gerade
-mit etwas, das buchstäblich dem gleicht, womit das achtzehnte
-Jahrhundert endete, aber immerhin mit etwas ebenso Kolossalem,
-Elementarem und Furchtbarem und gleichfalls mit einer totalen
-Veränderung des Antlitzes dieser Welt – wenigstens im Westen des alten
-Europa. Und nun, wenn unsere Allwissenden versichern werden, daß man
-_Zufälle_ doch nicht voraussehen könne usw., ja, wenn ihnen in betreff
-dieses Finales noch überhaupt nichts in den Kopf gekommen ist, so ...
-
-Mit einem Wort: Flickchen, Flickchen, Flickchen drauf!
-
-Nun, seien wir vernünftig, warten wir ab. Flickchen sind doch, je
-nachdem wie man’s nimmt, auch eine notwendige und nützliche Sache und
-obendrein noch eine vernünftige und praktische, um so mehr, als man mit
-Flickchen z. B. den Feind hinter das Licht führen kann. Also: bei uns
-gibt’s jetzt Krieg, und sollte es geschehen, daß Österreich sich
-feindlich zu uns stellt, so kann man ihm mit einem „Flickchen“ gerade
-prachtvoll die Augen verbinden, was es übrigens mit Vergnügen geschehen
-lassen wird – denn was ist Österreich? Selbst ist es schon dem Tode
-nahe, will auseinanderfallen, ist genau so ein „kranker Mann“ wie die
-Türkei, ja, ist vielleicht noch schlimmer krank als diese. Es ist ein
-Musterbeispiel von innerlich sich feindlichen Vereinigungen, allen
-möglichen Dualismen, allen möglichen Völkern, Ideen, allen möglichen
-Uneinigkeiten und entgegengesetzten Bestrebungen; da gibt es Ungarn,
-Slawen, Deutsche und das Reich der Juden ... Jetzt aber, wo die
-Diplomatie ihm dermaßen den Hof macht, kann es ja wahrhaftig von sich
-denken, daß es – eine Macht sei, die tatsächlich viel zu bedeuten habe
-und bei der Schicksalsentscheidung der Völker noch eine große Rolle
-spielen könne. Eine solche Selbsttäuschung, die mittels besagter
-Hofmacherei und Flickchen hervorgerufen wird, ist jedoch für die
-Entscheidung der Schicksale der slawischen Völker sehr vorteilhaft, denn
-sie kann den Feind eine Zeitlang einschläfern; im Augenblick der
-Entscheidung aber, wenn die Binde von seinen Augen fällt und er
-plötzlich sieht, daß ihn niemand fürchtet, daß er nichts weniger als
-eine Macht ist, – kann er dann nur noch verwirrt stehen bleiben und
-zusehen, wie er seinen Mut verliert. Eine andere Sache ist es mit
-England: das ist etwas Ernsteres, – zumal es augenblicklich um seine
-fundamentalsten Unternehmungen furchtbar besorgt ist. England kann man
-mit Flickchen und Hofmacherei nicht einschläfern. Was man ihm da auch
-erzählen wollte, es würde doch nie und nimmer glauben, daß die riesige,
-heute die mächtigste Nation der Welt, die ihr Schwert gezogen und die
-Fahne der großen Idee erhoben und schon die Donau überschritten hat, in
-der Tat beabsichtige, die Aufgaben, die sie sich gestellt, sich selbst
-zum Nachteil und nur England zum Vorteil zu lösen; denn jede
-Verbesserung der Lage der slawischen Völker ist für England _in jedem
-Falle_ ein offenbarer Nachteil, und mit Flickchen macht man ihm da kein
-X mehr für ein U vor: England würde einfach keinem einzigen Worte
-glauben. Ja, und mit welchen Argumenten könnte man es denn überzeugen?
-Etwa mit: „ich werde nur ein bißchen _anfangen_, doch nicht beenden“?
-Aber in der Politik ist ja der Anfang einer Sache so gut wie alles, denn
-der Anfang führt ganz naturgemäß früher oder später doch zu einem Ende.
-Was will es besagen, daß der Abschluß sich nicht gerade „heute“
-vollzieht, – dann wird er eben „morgen“ stattfinden. Wie gesagt, die
-Engländer würden uns doch kein Wort glauben, und darum – sollten auch
-wir England keinen Glauben schenken, oder höchstens so wenig wie irgend
-möglich ... selbstverständlich brauchen wir ihm das nicht gleich zu
-sagen. Auch wäre es nicht schlecht für uns, wenn wir unsererseits
-dahinterkämen, daß England momentan in der kritischsten Lage ist, in der
-es sich je befunden hat. Diese seine kritische Lage kann man mit dem
-einzigen Wort „Isolierung“ bezeichnen, denn vielleicht ist England noch
-niemals so furchtbar vereinsamt gewesen wie jetzt. Oh, wie froh wäre es,
-könnte es irgendwo in Europa einen Freund finden – wie herzlich gern
-würde es dann eine _entente cordiale_ schließen! Zu seinem Unglück aber
-hat es in Europa wohl noch nie eine für neue _ententes cordiales_
-ungünstigere Zeit gegeben als die gegenwärtige; denn gerade jetzt hat
-sich in Europa alles gleichzeitig erhoben, alle Weltfragen zugleich, und
-mit ihnen auch alle Weltwidersprüche, so daß jedes Volk und jedes Reich
-furchtbar viel bei sich zu Hause zu tun hat. Und da das englische
-Interesse nicht universal ist, sondern sich schon längst von allem und
-von allen isoliert hat und nur noch England allein angeht, so wird
-dieses Land eben, wenigstens eine Zeitlang, vollkommen vereinsamt
-bleiben. Versteht sich, es könnte sich ja sogar mit solchen Mächten
-vereinigen, die bei gleichen Vorteilen andere Ziele verfolgen – „ich
-verschaffe dir dieses, du mir aber dafür jenes!“ Doch bei dem besonderen
-Charakter der gegenwärtigen Sorgen Europas ist es für England schwer,
-einen derartigen Verbündeten zu finden, wenigstens in diesem Augenblick,
-und es wird lange warten müssen, bis sich in der weiteren Entwicklung
-ein Moment einstellt, in dem man auch ihm erlauben wird, sich mit seiner
-Freundschaft wieder irgend jemandem aufzudrängen. Außerdem braucht
-England vor allen Dingen ein für sich vorteilhaftes Bündnis, d. h.
-eines, bei welchem es alles nimmt, selber aber nach Möglichkeit _nichts_
-wiederzugeben hat. Nun ist aber gerade ein so vorteilhaftes Bündnis
-jetzt am schwersten zu schließen, und so muß denn England zunächst in
-seiner Einsamkeit verbleiben. Ach, wenn wir Russen uns doch dieser
-Vereinsamung geschickt bedienen könnten! Doch da höre ich noch einen
-anderen Seufzer: „Ach, wenn wir doch weniger skeptisch wären und daran
-glauben könnten, daß es wirklich Weltfragen gibt und sie nicht nur
-Hirngespinste sind!“ Das Unglück ist ja, daß bei uns in Rußland ein sehr
-großer Teil unserer Intelligenz Europa immer irgendwie _nicht richtig_
-sieht und einschätzt, nicht so, wie es jetzt ist, sondern stets
-irgendwie veraltet. Man versteht nicht, _in die Zukunft_ zu sehen, das
-ist es, und man urteilt nur nach dem Vergangenen, nach längst
-Vergangenem!
-
-Währenddessen aber existieren die Weltfragen tatsächlich, – und wie soll
-man denn nicht an sie glauben, und noch dazu wir? Zwei von ihnen haben
-sich schon erhoben und werden nicht mehr von menschlicher Allwissenheit
-gelenkt, sondern von ihrer elementaren Macht, ihrer organischen
-Notwendigkeit, und können nicht ohne Lösung bleiben, trotz aller
-Berechnungen der Diplomatie. Aber es gibt auch noch eine dritte Frage,
-gleichfalls eine universale, eine, die sich gerade jetzt zu erheben
-beginnt. Diese Frage kann man im speziellen „die deutsche“ nennen, aber
-in Wirklichkeit und im ganzen ist sie mehr als jede andere eine
-europäische; denn sie ist mit dem Schicksal ganz Europas und dem aller
-übrigen Weltfragen so eng wie nur möglich verbunden ... Und doch sollte
-man meinen, so dem Äußeren nach zu urteilen, daß es nichts Ruhigeres und
-Ungestörteres geben könne, als das gegenwärtige Deutschland: im
-Bewußtsein seiner Macht blickt es um sich, beobachtet und wartet ab.
-Alle brauchen es mehr oder weniger, und mehr oder weniger hängen alle
-von ihm ab. Und doch ... ist das Ganze eine Täuschung! Das ist es ja
-eben, daß jetzt alle in Europa mit ihrer eigenen Sache beschäftigt sind:
-bei jedem hat sich jetzt eine eigene allerwichtigste Frage eingestellt,
-eine Frage von einer Wichtigkeit, wie die Existenz selber, wie Sein oder
-Nichtsein. Und siehe, genau so eine Frage hat sich nun auch in
-Deutschland eingefunden, und gerade in dem Augenblick, da sich auch die
-anderen Weltfragen erhoben haben – und dieser Zustand Europas, füge ich
-vorausgreifend hinzu, ist für Rußland augenblicklich von unschätzbarem
-Vorteil! Denn noch niemals ist Rußland für Europa etwas so
-Unentbehrliches und in seinen Augen so mächtig gewesen und zu gleicher
-Zeit so entfernt von den wichtigsten und furchtbarsten Fragen, die sich
-im alten Europa erheben, aber _nur_ das alte Europa und nicht Rußland
-angehen. Und noch nie wäre ein Bündnis mit Rußland in Europa so hoch
-eingeschätzt worden wie jetzt, und noch nie hätte Rußland sich mit
-größerer Freude dazu Glück wünschen können, daß es nicht das alte Europa
-ist, sondern das neue, daß es selbst, in sich, eine besondere, mächtige
-Welt darstellt, für die gerade jetzt der Augenblick gekommen ist, in
-eine neue und höhere Phase der Macht einzutreten und von den
-verhängnisvollen Fragen, an die das alte, hinfällige Europa gefesselt
-ist, unabhängiger denn je zu werden.
-
-
- Die römisch-klerikale Verschwörung in Rußland
-
-Es ist nicht lange her,[32] daß ich in den „Moskauer Nachrichten“
-folgende Stelle im Leitartikel fand:
-
-„Vor drei Tagen lenkten wir in einem Leitartikel die Aufmerksamkeit
-unserer Leser auf eine gewisse Partei, die innerhalb Rußlands im
-Einverständnis mit unseren Feinden ihre häßliche Tätigkeit betreibt und
-sogar bereit ist, den Türken zu helfen. Es ist eine Partei russischer
-Anglo-Magyaren, denen jede Offenbarung unseres Volksgeistes, sowie jede
-Handlung unserer Regierung in diesem Geiste verhaßt ist, und die der
-russische Patriotismus auf eine Stufe mit dem Nihilismus und der
-Revolution stellt, – eine Partei, die mit der denkbar schändlichsten
-Korrespondenz die uns feindliche ausländische Presse nährt. Kaum war der
-Artikel in Druck gegeben worden, als ein Telegramm unseres Petersburger
-Korrespondenten uns von der im ‚Regierungsanzeiger‘ veröffentlichten
-Aufdeckung neuer Taten dieser Partei benachrichtigte. Zur selben Zeit,
-da unsere Armee zwischen Plewna und Orchanie glänzende Siege errang,
-verbreitete man in Petersburg Gerüchte von Niederlagen, die diesen
-selben siegreichen Truppen beigebracht sein sollten. Das Ziel dieser
-Intrige ist natürlich, dem Volk auf diese Weise den Mut zu rauben, und
-zwar fährt man auch jetzt noch fort, sich so eifrig darum zu bemühen,
-daß die Regierung für nötig befunden hat, das Publikum vor ähnlichen
-Gerüchten ein für allemal zu warnen.“
-
-Die „Neue Zeit“ schrieb darauf am folgenden Tage, übrigens nur ganz
-flüchtig, daß die „Moskauer Nachrichten“ wohl ein wenig zu weit
-gegriffen hätten, und daß der „Regierungsanzeiger“ vielleicht einfach
-irgendein bedeutungsloses Geschwätz gemeint haben werde. Möglich, daß es
-sich so verhält und die Warnung des „Regierungsanzeigers“ in der Tat nur
-durch ein „Geschwätz“ hervorgerufen worden ist. Nichtsdestoweniger hat
-die Annahme der „Moskauer Nachrichten“ fraglos ihren Grund. Nur weiß ich
-nicht, was das für Anglo-Magyaren sein sollen? Bei uns – meine ich
-vielmehr –, besonders in unseren Grenzgebieten, aber auch im Innern,
-ließen sich vielleicht nicht wenige „römische Klerikale“ finden, die in
-verschiedenen Röcken stecken. Heute wissen und schreiben bereits alle
-von der klerikalen Allerweltsverschwörung, und sogar unsere liberalsten
-Blätter geben zu, daß dieser Bund seine Bedeutung hat. Wäre es nun,
-meine ich, nicht sonderbar, wenn die vatikanische Verschwörung unsere
-römischen Klerikalen außer acht lassen und sie nicht zu ihren Zwecken
-gebrauchen würde? Unruhen im Rücken der russischen Armee kämen dem
-Vatikan gerade recht, besonders im gegenwärtigen Augenblick. Doch ich
-will noch einen Auszug aus der „Neuen Zeit“ anführen. Sie zitiert u. a.
-die Meinung der „Stimme“ über verschiedene Artikel, die in der „Morning
-Post“ und anderen ausländischen Zeitungen erschienen sind.
-
-„Die ‚Morning Post‘ vom 22. Oktober bringt einen interessanten Artikel,
-in dem das turkophile Blatt von Unterhandlungen spricht, die
-zwischen Rußland und Deutschland in betreff der Abtretung des
-West-Weichselgebietes an Deutschland stattgefunden haben sollen.
-Selbstverständlich handelt es sich hier in den Augen der ‚Morning Post‘
-um das Ergebnis einer Abmachung, derzufolge Deutschland sich
-verpflichtet, Rußland ‚bei den Eroberungen am Balkan zu helfen‘. Das
-Londoner Blatt fährt darauf fort, auf das bestimmteste zu behaupten, daß
-die Polen des Weichselgebiets an einen Aufstand jetzt überhaupt nicht
-dächten, ‚da sie nicht in noch bitterere Sklaverei fallen‘, d. h. nicht
-an Preußen fallen wollten, und daß, wenn im ‚russischen Polen‘
-irgendwelche Unordnungen vorkommen sollten, diese einfach ‚die Folgen
-der russisch-preußischen Intrigen‘ sein würden ... Es ist auffallend,
-daß ein paar Tage vorher der ‚Dziennik Polski‘ über dasselbe Thema
-gesprochen, wenn auch in etwas anderem Tone, indem er mitteilte, die
-russische Regierung habe, als sie die Truppen aus dem Weichselgebiet
-zurückzog, daselbst unter den Bauern Blätter verteilt, in denen sie die
-Bauern aufforderte, von sich aus eine Art Dorfwacht zu bilden zur
-Beaufsichtigung der Pane und zur Unterdrückung etwaiger Versuche eines
-Aufstandes. Die ‚Stimme‘, die diese beiden Auszüge bringt, fragt
-verwundert, wozu der ‚Dziennik Polski‘ und die ‚Morning Post‘ plötzlich
-die unsinnige Fabel von dem russischen Aufruf an die Weichselbauern und
-den russisch-preußischen _agents provocateurs_ erfunden haben – zu welch
-einem Zweck?
-
-Irgendein Ziel müssen diese unerwarteten Ausfälle doch verfolgen. Die
-genannten Zeitungen müssen wahrscheinlich Nachrichten erhalten haben,
-die sie einen Ausbruch von Unruhen im Weichselgebiet befürchten lassen,
-und so bemühen sie sich denn, den Sinn, die Ursache der Bewegung, deren
-Folgen sie augenscheinlich fürchten, im voraus zu entstellen. Dieses
-Verfahren ist nicht neu. Bekanntlich ist es auch 1863 von den Polen und
-deren westlichen Freunden angewandt worden. Diese Erinnerung allein
-zwingt schon, sich einzugestehen, daß die beiden Artikel nicht
-bedeutungslos sind und eine gewisse geheime Verbindung mit den früheren
-Artikeln der Magyarenpresse haben müssen: über die Neigung der Polen zu
-den Türken und ihren geheimen Wunsch, Rußlands Lage durch revolutionäre
-Agitation in unserem Westen zu verschlimmern. Auffallend ist dabei, daß
-diese beiden Artikel mit der Nachricht von der Kandidatur des Kardinals
-Ledochowski für den Papststuhl zusammentreffen. Wir gehören nicht, sagt
-‚Die Stimme‘, zu jenen, die so gern eine übertriebene Bedeutung allen
-phantastischen Kombinationen zuschreiben, an die sich die Feinde
-Rußlands klammern, in der Hoffnung, einen für uns günstigen Ausgang des
-jetzigen Krieges zu verhindern. In diesem Fall aber scheint uns die
-Sache doch zu ernst zu sein, als daß man eine so bedeutsame Tatsache,
-wie das unerwartete und scheinbar durch nichts veranlaßte Erscheinen der
-Artikel des ‚Dziennik Polski‘ und der ‚Morning Post‘ zweifellos ist,
-übersehen könnte.“
-
-Also gibt es vielleicht auch bei uns etwas, das einem Zweig der
-klerikalen Verschwörung ähnlich sieht. Man bedenke nur das Unsinnige der
-Nachricht von der Kandidatur Ledochowskis, der natürlich Pole ist – denn
-nur der leichtsinnige Kopf eines polnischen Agitators kann ernstlich
-glauben, daß das Konklave, das sich aus so feinen Köpfen zusammensetzt,
-fähig sein könnte, sich dermaßen zu verirren, d. h. Ledochowski zu
-wählen, der sich als Papst doch nur mit der Wiederherstellung seines
-Polens beschäftigen würde, nicht aber mit der römischen universalen
-Herrschaft der Päpste! Aber abgesehen davon sind die Zweige der
-klerikalen Verschwörung in Rußland doch nur zu ersichtlich. Die „Neue
-Zeit“ fügt noch hinzu:
-
-„Die zurzeit so hartnäckige Polemik des ‚Journal de St.-Petersbourg‘ mit
-den italienischen klerikalen Zeitungen wegen der vermeintlichen
-Unterdrückung des Katholizismus in Polen zeigt gewissermaßen, daß doch
-Anzeichen irgendeiner Agitation in unseren westlichen Grenzgebieten
-vorhanden sein müssen.“
-
-Nun, ich glaube, daß es durchaus nicht nur „Anzeichen“ sind! Das scheint
-vielmehr jene Partei zu sein, von der die „Moskauer Nachrichten“ sagen,
-daß sie im Einverständnis mit den Feinden Rußlands handelt ... und der
-„jede Offenbarung unseres Volksgeistes, sowie _jede Handlung unserer
-Regierung in diesem Geiste verhaßt ist_, und die der russische
-Patriotismus auf eine Stufe mit dem Nihilismus und der Revolution
-stellt, – die Partei, die mit der denkbar schändlichsten Korrespondenz
-die uns feindliche ausländische Presse nährt ...“
-
-Ja, gerade die europäische Korrespondenz aus Rußland kann leicht, sehr
-leicht ihr Werk sein. Dieses Frohlocken über Rußlands Mißerfolge und
-dieses leichtsinnige Freudengeheul darüber, daß Rußland sich plötzlich,
-wie sie sagen, als „schwach erweist: ohne Geld, mit schlechtem Heer, mit
-unzufriedenem und schon murrendem Volke, mit einer Gesellschaft, die der
-Nihilismus zersetzt,“ – all diese Kleinigkeiten tragen nur zu deutlich
-die Merkmale ihrer bekannten Herkunft. Wie wäre es möglich, daß sich
-nicht auch russische Federn fänden, die bereit wären, _all’unisono_ mit
-den Klerikalen zu schreiben! Aber diese Korrespondenz kann, glaube ich,
-trotzdem nicht von Russen geschrieben worden sein: das wäre denn doch
-schon zu niederträchtig, zu abscheulich. Trotzdem lenken die Klerikalen,
-und vielleicht sogar ohne besondere Mühe, die russischen Federn nach
-ihrem Willen. Vielleicht überreden sie sie weder, noch lassen sie sich
-sonstwie auf mittelbare oder unmittelbare Unterhandlungen mit ihnen ein;
-denn diese gewandten liberalen Federn gehören _zuweilen_ den ehrlichsten
-Leuten an, die, wenn sie das nackte Angebot eines Klerikalen hörten, ihn
-vielleicht ohne weiteres die Treppe hinunterbefördern würden. Dafür aber
-weiß der Klerikale, wenigstens der, der sich bei uns ein wenig umgesehen
-hat, daß er zu solchen Leuten überhaupt nicht zu gehen braucht, daß die
-gewandte russische Feder ihm ganz umsonst alles schreiben wird, einzig,
-weil sie denkt – o ihr meine Lieben! –, es sei ehrlich und es sei
-liberal! Die gewandte Feder, zum Beispiel, empört sich über die
-Klerikalen, die in Frankreich Mac-Mahon umgarnen, und schreibt drohende
-Artikel gegen sie. Währenddessen aber bringt sie es fertig, den
-russischen Römisch-Klerikalen bei uns nicht nur nicht zu bemerken,
-sondern sie stimmt womöglich noch mit ihm in allem vollkommen überein.
-Wahrhaftig, solche Russen gibt es! Und diese schlauen Römisch-Klerikalen
-wundern sich gewiß nicht wenig über sie. „Was das ihnen doch für ein
-Vergnügen macht, sich immer zwischen die Stühle zu setzen,“ denken sie
-wohl kopfschüttelnd bei sich. „Und wie uneigennützig dabei! Ja, ja, man
-muß in allem bis zum Schluß liberal sein. Da schreiben sie nun, daß
-Rußland nicht einmal das _Recht_ habe, die Slawen zu befreien! Herrgott!
-das wäre ja mit Hunderttausend noch zu wenig bezahlt! Und immer, immer
-wieder zwischen die Stühle; allaugenblicklich, allaugenblicklich! Daß es
-ihnen nicht endlich weh tut! ...“
-
- * * * * *
-
-Zu Anfang des Sommers versuchten diese klerikalen Agitatoren sogar durch
-die russischen Zeitungen eine Demonstration bei uns zu veranstalten. Die
-Wölfe warfen sich in Schafspelze und begannen in einem Tone zu sprechen,
-als ob sie Abgesandte der sämtlichen polnischen „Emigranten“ im Auslande
-wären. Zuerst schlugen sie eine Aussöhnung vor: nehmt auch uns auf, hieß
-es, wir sehen, daß die künftige Vereinigung aller Slawen keinem Zweifel
-mehr unterliegt – und so wollen wir nicht zurückstehen. Sie sprachen
-ungemein zärtlich und hoben ihre Gründe hervor:
-
-„Wir haben,“ sagten sie, „Ingenieure, Chemiker, Techniker, Handwerker
-usw. Viele von ihnen sind emigriert. Laßt sie zu euch!“ „Habt ihr etwa,“
-fragt der Litauer, der in den „St. Petersburger Nachrichten“ einen
-Artikel geschrieben hat, „keine Arbeit für jenen Kreis, der zuerst
-Tengoborski für Rußland, Wolowski für Frankreich hervorgebracht hat? und
-in den Künsten, die die Sitten und den Charakter veredeln, den
-weltberühmten Bildhauer Brotzki und den Maler Mateiko? Solltet ihr
-solche Leute wirklich nicht nötig haben? Und was ließe sich noch alles
-von der Schar der Literaten, Publizisten, Fabrikanten und aller Art
-Gewerbetreibender sagen! Könntet ihr die etwa auch nicht brauchen?“
-(„Neue Zeit.“ Aus dem Artikel Kostomaroffs.)
-
-Herr Kostomaroff hat darauf in der „Neuen Zeit“ als Russe geantwortet.
-In klaren und treffenden Auseinandersetzungen weist er nach, daß dieser
-ganze polnische Versöhnungsversuch für uns nur eine Falle ist, einzig zu
-dem Zweck erdacht, uns nichts als Verräter zuzuführen, und daß der Pole
-des Alten Polens Rußland und den Russen nun einmal instinktiv und
-leidenschaftlich haßt. Kostomaroff gibt dabei durchaus zu, daß es auch
-treffliche Polen gibt, Polen, die sogar mit einem Russen in Freundschaft
-leben, ihm in der Not helfen, ja, ihn sogar retten können. Das ist
-natürlich wahr. Doch sollte, wenn auch nach zwanzigjähriger
-Freundschaft, dieser selbe Russe diesem selben trefflichen Polen
-plötzlich in russischem Geiste seine politischen Überzeugungen in
-betreff Alt-Polens darlegen, so würde dieser Pole sofort, im selben
-Augenblick der offene oder geheime Feind seines russischen Freundes
-werden, – und zwar fürs ganze Leben, bis übers Grab hinaus, würde
-unversöhnlich und maßlos in seiner Feindschaft sein! Letzteres hat
-Kostomaroff vergessen hinzuzufügen.
-
-Dieser ganze „Aussöhnungsversuch“ im Sommer, der sogar russische
-Anhänger und in Kostomaroff einen so mächtigen Opponenten gefunden hat –
-ist zweifellos auf klerikale Umtriebe zurückzuführen: er war einfach
-eine Abzweigung der europäischen klerikalen Verschwörung. Oh, diese
-Polen Alt-Polens versichern natürlich, daß sie keineswegs klerikal, noch
-papistisch, noch römisch seien, und daß wir dieses schon längst von
-ihnen wissen müßten. Man stelle sich jedoch nur einmal vor, daß
-Alt-Polen, daß all diese polnischen Emigranten, sich _nicht_ an den
-Papst halten sollten! Wie lächerlich die bloße Vorstellung schon ist!
-Die Polen sollten nicht zum Vatikan halten, sie, die so genau seine
-Macht zu schätzen verstehen und immer verstanden haben!? Der Vatikan ist
-doch Alt-Polen niemals untreu geworden, sondern hat im Gegenteil immer
-alle seine Pläne, mochten sie noch so phantastisch sein, aus allen
-Kräften unterstützt, auch wenn die anderen Reiche längst nichts mehr von
-ihnen wissen wollten! Dieser sommerliche Versöhnungsvorschlag ward
-gerade in der Zeit gemacht, als die ganze polnische Emigration gegen
-Rußland arbeitete, als die polnischen Legionen gegründet wurden, als die
-emigrierten Aristokraten in Konstantinopel mit großen Geldsummen –
-versteht sich, nicht ihren eigenen – erschienen. Dieser ganze
-Versöhnungsvorschlag war nichts als eine einzige Hinterlist, wie
-Kostomaroff sehr richtig bemerkt. Übrigens: sie bieten uns ihre
-Gelehrten, Techniker, Künstler an und sagen: „Nehmt sie auf, habt ihr
-sie denn etwa nicht nötig?“ Diese Polen halten uns wohl für ein wildes
-Volk und scheinen nicht zu ahnen, daß wir alles, was sie uns da
-anbieten, vielleicht selber besser haben. Doch nichts für ungut, und vor
-allen Dingen: warum kommen sie denn nicht? Wir haben mehrere talentvolle
-Polen gehabt, und Rußland hat sie geachtet und verehrt und sie nicht im
-geringsten vor den Russen zurückgesetzt. So kommt doch! Wozu soll man
-sich da noch besonders verabreden? Versöhnt euch und ergebt euch, doch
-wißt, daß Alt-Polen niemals mehr aufleben wird. Es gibt ein neues Polen,
-ein vom Zaren befreites, ein auferstehendes, eines, das fraglos dasselbe
-Schicksal erwarten kann, das einmal allen slawischen Völkern gemeinsam
-beschieden sein wird, wenn das Slawentum sich befreit und in Europa
-aufersteht. Doch ein Alt-Polen wird es niemals mehr geben, kann es neben
-Rußland nie mehr geben. Sein Ideal war, in der slawischen Welt an die
-Stelle Rußlands zu treten. Sonderbar, daß der polnische Journalist nur
-von den Gelehrten und Künstlern spricht. Aber die Führer der Emigranten,
-die Aristokraten? Man stelle sich doch bloß das Bild vor: Rußland würde
-den schmeichlerischen Worten Gehör geben und sich zur Versöhnung bereit
-erklären, und da kämen diese dann und fragten hochmütig: „Wie lauten
-eure Bedingungen?“ Denn wenn man uns vorschlägt, die Emigranten nach
-Rußland kommen zu lassen, die nun aber zunächst nicht kommen, so heißt
-das doch offenbar, daß sie _Bedingungen erwarten_. Und nun stelle man
-sich vor, daß Rußland sie plötzlich als ein Etwas anerkennt und sich auf
-derartige Unterhandlungen einläßt! Und da würden sie denn nach Rußland
-zurückkehren, und die Magnaten würden sofort auftrotzen und bedeutende
-Posten und Auszeichnungen verlangen; und darauf würde sich das Geschrei
-erheben, daß wir sie betrogen hätten, und schließlich würde es zu einem
-neuen polnischen Aufstande kommen ... Und in diese Falle sollte Rußland
-hineingehen! Solch eine Dummheit sollte es begehen!
-
-Die Polen haben natürlich selber nicht geglaubt, daß sie mit diesem
-ungeschickten Vorschlag Rußland fangen könnten; doch rechneten sie wohl
-auf die russischen Parteigänger, die ja immer noch so gutmütig und
-reinen Herzens sind. Daß hinter allem aber die Machenschaft des Klerus
-steckt, daß das Ganze ein klerikaler Schritt nach Rußland ist – darüber
-kann kein Zweifel mehr bestehen. Es fragt sich nur: wozu dieser Schritt?
-– Nun, haben die Klerikalen es etwa nicht nötig, die Lage zu sondieren,
-die Gedanken zu verwirren, ihre eigentlichen Unternehmungen und
-Absichten zu verbergen, russische Parteigänger zu werben, Russisch-Polen
-aufzuwiegeln usw.? Als ob diese Klerikalen nicht überall ihre
-Berechnungen hätten!
-
-
- Russische Finanzen[33]
-
-„Und die Finanzen? Wie steht es mit einem Artikel über die Finanzen?“ –
-fragt man mich. Ja, bin ich denn ein Finanzmann? Wie sollte ich es
-wagen, über die Finanzen zu schreiben. Wenn auch ich es bin, der hier
-das Thema aufwirft, so wage ich das doch nur, weil ich im voraus
-überzeugt bin, daß ich von den Finanzen alsbald auf etwas ganz anderes
-übergehen werde. Das gibt mir dann andererseits freilich den Mut zu
-einer solchen Überschrift; denn ich weiß es ja selbst, daß ich gar nicht
-fähig bin, über unsere Finanzen zu schreiben, da ich auf unsere Finanzen
-nicht vom europäischen Standpunkt aus sehe und auch überhaupt nicht
-daran glaube, daß man diesen europäischen Standpunkt bei uns einnehmen
-kann, aus dem einfachen Grunde, weil wir nun einmal nicht „Europa“ sind
-und im Vergleich zu „Europa“ fast wie auf dem Monde leben.
-
-In Europa z. B. veränderten sich die Beziehungen der niederen Stände zu
-den höheren, feudalen, im Laufe von Jahrhunderten, und zuletzt durch die
-Revolution: alles vollzog sich mit einem Wort „historisch und
-kulturell“. Bei uns dagegen wurde die Leibeigenschaft mit allen ihren
-Folgen in einem einzigen Augenblick abgeschafft, und das geschah Gott
-sei Dank ohne jegliche Revolution. Aber warum mußte das gleichwohl eine
-so ungeheuere finanzielle Erschütterung verursachen? Wahr ist ja
-allerdings, daß das, was plötzlich fällt, immer gefährlich fällt.
-Versteht sich, nicht ich bedauere es, daß die Leibeigenschaft plötzlich
-fiel, im Gegenteil, groß und gut war es, daß diese ganze schwere
-geschichtliche Sünde durch das machtvolle Wort des Zar-Befreiers von uns
-genommen wurde. Nichtsdestoweniger war das Naturgesetz nicht zu umgehen,
-und die Erschütterung war groß. Nun gut: sie mußte ja groß sein, aber
-warum war sie denn so ungeheuer? Jede politische Umwälzung hat ihre
-historischen Gesetze, und ohne Zweifel wird es auch heute schon Menschen
-geben, die bereits klar erkennen, warum die Folgen dieser Umwälzung so
-groß waren. Leider kann ich dieses Thema nicht weiter entwickeln, denn
-es ist zu gewaltig und umfangreich; erst ein Historiker des nächsten
-Jahrhunderts wird ihm gewachsen sein. Ich will nur auf einzelne
-Wirkungen, die von ihr ausgingen und die auffallen und beunruhigen,
-hinweisen. Sehen wir uns die Sache näher an. Die Leibeigenschaft wurde
-aufgehoben, denn sie behinderte alles, sogar die Entwicklung der
-Landwirtschaft. Jetzt, so schien es, mußte der Bauer seine Lage
-verbessern können! Doch nichts von alledem geschah: in der
-Landwirtschaft kam der Bauer gerade auf das Minimum von dem, was ihm
-sein Land geben konnte. Unser jetziges Unglück besteht hauptsächlich
-darin, daß es uns unbekannt ist, ob sich in Zukunft solch eine Kraft
-finden und worin sie bestehen wird, durch die der Bauer über das Minimum
-hinauskommen und seine Erde zum Maximum des Ertrages zwingen kann. Die
-Klugen im Lande werden behaupten, daß diese Frage längst beantwortet
-sei, ich aber bin fest überzeugt, daß sie noch längst nicht beantwortet
-sein kann, daß sie viel weiter reicht, viel tiefer greift und
-unvergleichlich inhaltsvoller ist, als man von ihr voraussetzt. Die
-ganze frühere herrschaftliche Landwirtschaft sank bis zur Kläglichkeit;
-doch gleichzeitig begann eine Neuordnung des Besitzstandes, es schien
-ein neues intelligentes Einheits- und Gesamtvolk zu entstehen. Nun,
-Schöneres, Besseres hätte man sich nicht wünschen können, als eine
-derartige Erneuerung, denn eine intelligente Führung hat das Volk nötig
-und es sucht nach ihr. Aber bedauerlicherweise ist auch das bei uns erst
-nur ein Ideal, ist wie ein schöner Vogel, der unter den Wolken
-herumfliegt. Die Wirklichkeit ist von diesem Ideal weit entfernt! Ja,
-will denn der grundherrschaftliche Stand, der frühere Gutsbesitzer,
-überhaupt mit dem Volke zu einer klugen, einer intelligenten
-Gesamtnation zusammenwachsen? Das ist die Frage, die allerwichtigste,
-die allerbedeutendste, die es zurzeit bei uns überhaupt gibt, und von
-der vielleicht unsere ganze Zukunft abhängt!
-
-Währenddessen aber wissen wir noch längst nicht, auf welchem Wege wir
-sie beantworten können. Will nicht, im Gegenteil, der besitzende Stand
-sich über das Volk erheben, und sucht er es nicht wieder mit Macht zu
-beherrschen, zwar nicht mehr wie zur Zeit der Leibeigenschaft, versteht
-sich, aber immerhin: will er nicht, statt eine Vereinigung mit dem Volk
-zu erstreben, aus seiner Bildung eine neue und scheidende Macht
-aufrichten und es mit einer Aristokratie der Intelligenz bevormunden?
-Oder will er das Volk aufrichtig als seinen Bruder im Blute wie im
-Geiste anerkennen, das achten, was unser Volk achtet, einwilligen zu
-lieben, was unser Volk mehr liebt als sich selbst? Denn sonst wird er
-sich nie mit ihm vereinigen können! Was das Volk achtet und liebt, das
-hält es fest und gibt es nicht hin, auch für keine Intelligenz, selbst
-dann nicht, wenn es auch noch so sehr nach dieser verlangt. Alles das
-ist bei uns noch ganz unentschieden, ist eine Frage, die Zeit,
-Geschichte, Kultur und Generationen verlangt, uns aber steht es wieder
-bevor, sie in einem einzigen Augenblicke zu entscheiden. Das ist ja eben
-der Unterschied zwischen uns und Europa, daß bei uns die Dinge nicht auf
-„historischem und kulturellem“ Wege sich entwickeln können, sondern
-schnell und ganz plötzlich sich entwickeln müssen, oft geradezu – wie in
-diesem Falle – auf völlig unvorhergesehenen staatlichen Befehl und
-Willen. Sie werden mir zugeben, daß Europa eine solche Geschichte nicht
-kennt. Wie kann man da von uns „Europa“ verlangen, und gar Finanzen nach
-„europäischem System“? Ich, zum Beispiel, glaube wie an ein ökonomisches
-Axiom, daß in einem Staate nicht die Eisenbahnaktionäre, nicht die
-Industriellen, nicht die Millionäre, nicht die Banken und nicht die
-Juden das Land beherrschen, sondern allen voran und ganz allein die
-Landwirte: denn wer das Land bearbeitet, der zieht alles andere mit
-sich. Der Landmann ist die Quintessenz, der Kern, das Mark des Reiches.
-Wie ist es aber bei uns, ist es hier nicht gerade umgekehrt? Beherrschen
-uns nicht gerade die ökonomischen Kräfte, der Eisenbahnaktionär und der
-Jude? Europa baute seine Eisenbahnen ein halbes Jahrhundert lang – und
-das bei seinem Reichtum! Bei uns dagegen wurden die letzten fünfzehn-
-bis sechzehntausend Werst Eisenbahn in zehn Jahren gebaut – und das bei
-unserer Armut und in einer ökonomisch so zerrütteten Zeit: gleich nach
-der Aufhebung der Leibeigenschaft! Alles Kapital wurde dorthin gezogen,
-gerade als das Land es am meisten brauchte. Die Eisenbahn wurde
-gleichsam auf die zerrüttete Landwirtschaft gebaut. Und ist denn die
-Frage des privaten Landbesitzes bei uns überhaupt schon beantwortet?
-Wird der Einzelbesitz sich neben dem Bauernland halten können und seine
-bestimmte Arbeitskraft finden, aber eine gesunde und feste, und nicht
-auf das Proletariat und die Schenke angewiesen sein? Was kann da Gutes
-herauskommen, solange nicht eine vernünftige Lösung dieses Problems
-gefunden ist? Wir haben gesunde Entschlüsse nötig, früher werden wir
-nicht zur Ruhe kommen. Und nur die Ruhe ist die Quelle jeder großen
-Kraft. Wie kann man bei uns jetzt europäische Budgets und geordnete
-Finanzen verlangen, wo es doch noch ein Rätsel ist, wie wir überhaupt
-all dem haben standhalten können, was auf uns einstürmte? – Nur mit der
-großen, verbindenden Volkskraft haben wir standzuhalten vermocht!
-
-Ruhe haben wir wenig, besonders geistige Ruhe fehlt uns, und gerade
-diese wäre die Hauptsache, denn ohne geistige Ruhe wird nichts. Dem
-schenkt man aber bei uns gar keine Aufmerksamkeit, denn man strebt nur
-nach zeitlichem materiellem Wohlergehen. Wenn wir keine geistige Ruhe
-haben, so haben wir auch keine Festigkeit, weder in unseren
-Überzeugungen, noch in unseren Ansichten, unseren Nerven, und zu guter
-Letzt auch nicht in unserem Geschmack. Arbeit und die Erkenntnis, daß du
-nur durch Arbeit „erlöst wirst“ – fehlt bei uns sogar ganz. Das
-Pflichtgefühl geht uns völlig ab, ja, und woher sollten wir es auch
-haben, da wir anderthalb Jahrhunderte lang eine falsche Kultur bei uns
-hatten, oder, besser gesagt, gar keine?! „Warum soll ich mich bemühen,
-wenn ich durch ebendiese meine Kultur dahin gekommen bin, alles um mich
-herum zu verneinen? Und wenn es Dummköpfe gibt, die das Gebäude durch
-irgendwelche europäische Formen zu retten glauben, so verneine ich die
-Dummköpfe und behaupte: ‚je schlechter desto besser!‘ Das ist meine
-ganze Philosophie!“ – Ich versichere Sie, daß bei uns viele so denken,
-die einen laut, die anderen leise für sich. Die Leute mit solchen
-Aphorismen sind indessen selbst durchaus von Fleisch und Bein. „Je
-schlechter desto besser,“ sagen sie, aber wünschen tun sie dabei sicher
-das „schlechter“ nur für die anderen, das „besser“ jedoch wohlweislich
-für sich selbst; so wird man wohl ihre Philosophie verstehen müssen.
-Denn er hat ja einen Wolfshunger, dieser Russe. Groß ist er wie ein Bär,
-aber Nerven hat er wie eine Frau; verweichlicht und verwöhnt, grausam
-und leidenschaftlich ist er, ertragen kann er nichts, „ja, und wozu sich
-abmühen und aushalten?“ Ist es zu Ende mit den Diners im Restaurant, ist
-es zu Ende mit den Kokotten, wozu lohnt’s sich dann noch zu leben, denkt
-er und – krach, schießt er sich eine Kugel vor den Kopf! Und gut ist es
-noch, wenn er sich eine Kugel vor den Kopf schießt, sonst geht er hin
-und bestiehlt einen anderen auf irgendeinem mehr oder weniger
-gesetzlichen Wege. Aber _arbeiten_? – nein, das wird er nicht! Und so
-entsteht eine allgemeine Armut bei ständig wachsendem Appetit.
-
-Unter anderem möchte ich noch bemerken, daß der Gogolsche Typ des
-„Hauptmann Kopeikin“ sich in zahllosen Varianten, bis zum
-aufgeblasensten Weltmann hinauf, bei uns erschreckend vermehrt hat. Alle
-fletschen sie nach dem Bargelde die Zähne, alle bilden sie sich, wenn
-auch nicht zu Räubern auf der offenen Landstraße wie der wirkliche
-„Kopeikin“, so doch zu Taschendieben aus, einige unter dem Deckmantel
-des Staats, andere ohne ihn. Einige von ihnen behaupten sogar stolz:
-„Ich handle darum so, weil ich alles verneine und jegliche Verneinung
-fördere.“ Oh, es gibt sogar liberale Kopeikins! Die haben nur zu gut
-verstanden, daß der Liberalismus in Mode ist, und daß man mit ihm gut
-fährt. Wer hat sie nicht gesehen, diese Allerweltsliberalen und
-billigen Atheisten, wie sie jetzt dem Volke gegenüber mit ihrer
-Fünfkopekenweisheit großtun. Es ist der niedrigste Typ von all unseren
-liberalen Erscheinungen, aber nichtsdestoweniger hat auch er jenen
-ungeheueren Appetit. Er ist der erste, der an eine mechanische Heilung
-der Wurzeln von außen glaubt. Diese Leute gruppieren sich und haben
-einen Einfluß, der sich oft bis auf die ehrlichsten Leute erstreckt, die
-eigentlich nicht schuld daran sind, daß sie solch ein Kontingent haben:
-„Jegliche Veränderung ist gut, wenn sie nur ohne Mühe vor sich geht.“
-Der liberale Kopeikin fügt dann noch in Gedanken hinzu: „Bei jeder
-Umwälzung fällt für mich immer etwas ab!“ Und gerade von dieser Seite
-ist er am gefährlichsten, wenn er auch nur ein – Kopeikin ist. Aber mit
-ihm wollen wir uns jetzt nicht weiter beschäftigen. Das bisher Gesagte
-ist ja sowieso nur eine Ergänzung zu unserem Thema. Doch nun zu den
-Finanzen, zu den Finanzen!
-
- * * * * *
-
-Es ist nun einmal meine Angewohnheit, immer gleich mit dem Ergebnis zu
-beginnen, den Kern meiner ganzen Idee vorauszuschicken. Niemals habe ich
-es verstanden, ihn allmählich herauszuschälen und ihn erst dann
-bloßzulegen, wenn es mir gelungen ist, alles vorher klarzumachen und
-nach Möglichkeit zu beweisen. Meine Geduld reicht dazu nicht aus, mein
-Charakter verhindert es einfach; damit schade ich mir freilich sehr,
-denn manch eine Idee setzt, geradeaus gesagt, ohne jegliche
-Vorbereitung, ohne vorhergegangenen Beweis, nur in Erstaunen und
-Verwunderung, wenn sie nicht Gelächter hervorruft. So komme ich denn
-auch hier gleich wieder mit einer Behauptung, über die man – ich fühle
-es schon im voraus – lachen wird, wenn man nicht auf sie vorbereitet
-ist. Meine Behauptung ist folgende: „Wenn die Finanzen in einem Staate
-gewisse Erschütterungen erlitten haben, so denke man nicht so sehr an
-gegenwärtige Bedürfnisse, wie schreiend diese auch sein mögen, sondern
-zuerst an die Gesundung der Wurzeln, und – die Finanzen werden sich von
-selbst bessern.“
-
-An sich ist das ja nichts Neues: welcher Finanzminister hätte sich nicht
-schon darum bemüht, besonders unser jetziger, der gerade an so eine
-Wurzel faßte, als er die Salzsteuer aufhob. Man erwartet sogar noch
-andere Reformen, große, wirklich die Hauptwurzel erfassende. Freilich
-wurden auch früher schon, bereits vor zehn Jahren, „zur Gesundung der
-Wurzeln“ viele Mittel angewandt: Revisionen wurden eingeleitet,
-Kommissionen berufen zur Untersuchung und Verbesserung der Lage unseres
-russischen Bauern, seines Gewerbes, seiner Gerichte, Verwaltung, seiner
-Krankheiten, Sitten und Gewohnheiten. Die Kommissionen teilten sich in
-Unterkommissionen zur Sammlung statistischer Unterlagen, und die Sache
-ging wie geölt, das heißt auf dem allerbesten administrativen Wege, den
-es nur geben kann. Aber ich habe ja gar nicht davon sprechen wollen;
-denn nicht nur die Unterkommissionen, sondern sogar so wesentliche
-Reformen wie die Aufhebung der Salzsteuer oder das große noch zu
-erwartende Steuersystem, sind meiner Meinung nach nur Palliativmittel,
-etwas Äußeres, und noch keineswegs die Wurzel Heilendes. Das aber ist
-es, worauf ich hinweisen möchte. Eine Heilung der Wurzel würde es
-dagegen sein, wenn wir z. B. wenigstens zur Hälfte das Nur-Gegenwärtige
-vergessen könnten: alle Tagesfragen, die schreienden Bedürfnisse unseres
-Budgets, die Zinsen der ausländischen Anleihen, die Defizite, den Rubel,
-den Staatsbankerott sogar, – der übrigens nie bei uns eintreten wird,
-wie sehr ihn auch unsere schadenfrohen ausländischen Feinde prophezeien
-mögen; mit einem Wort, wenn wir alles Nur-Gegenwärtige vergessen und so
-lange für die Wurzel arbeiten würden, bis wir in Wirklichkeit eine
-reiche und gesunde Frucht ernten können. Dann kann man ja wieder mit der
-Gegenwart leben oder, besser gesagt, mit dem neuen Kommenden; denn in
-diesem Zwischenraum, das muß man sich sagen, wird alles Frühere (d. h.
-das jetzt Gegenwärtige) sich so radikal verändert und einen so neuen
-Charakter angenommen haben, daß wir es nicht wiedererkennen werden. Ich
-begreife natürlich, daß alles, was ich jetzt behaupte, allen sehr
-sonderbar erscheinen muß: nicht an den Rubel zu denken, an das Bezahlen
-der Schulden, an den Bankerott, an das Heer, kurz, an all das, was man
-anscheinend zuerst bedenken und zufriedenstellen muß. Ich versichere
-Sie, auch ich verstehe das und ich gestehe Ihnen, daß ich mit Absicht
-meine Behauptung so scharf hingestellt und meine Wünsche bis zum
-unerreichbaren Ideal gesteigert habe. Ich dachte dabei, fange ich beim
-Absurden an, so werde ich später allen verständlicher, und so sagte ich
-denn: wenn wir nur zur Hälfte das Gegenwärtige vergessen könnten und
-unsere Aufmerksamkeit auf etwas anderes lenkten, in eine Tiefe, in die
-bis jetzt in Wahrheit noch niemand geschaut hat – denn Tiefe suchte man
-bisher doch nur an der Oberfläche. Ich will aber gleich auch diese meine
-Formel noch abschwächen und statt ihrer vorschlagen: wenn nicht einmal
-die Hälfte – auf die Hälfte will ich verzichten – wenn nur ein
-zwanzigster Teil vom Gegenwärtigen zu vergessen möglich wäre, und wenn
-man jedes folgende Jahr zu diesem zwanzigsten Teil noch einen
-zwanzigsten Teil hinzufügen könnte und so weiter und so weiter bis zu
-drei Vierteln des Ganzen! ... Nicht der Teil ist hierbei wichtig,
-sondern wichtig wäre das Prinzip, das man damit aufstellt, und dem man
-folgt.
-
-Aber wie soll man denn das Gegenwärtige lassen?! Man kann doch die
-Wirklichkeit nicht einfach ausstreichen! Ich sage „nicht ausstreichen“,
-weiß ich doch selbst, daß man die Wirklichkeit nicht unwirklich machen
-kann ... Aber wissen Sie – manchmal kann man auch das! Wenn wir von
-unserer krankhaft erregten Aufmerksamkeit jährlich nur einen zwanzigsten
-Teil auf etwas anderes ablenkten! Dabei ist gar nicht zu befürchten, daß
-sie der Gegenwart verloren ginge, nein, ich wiederhole es: wenn sie sich
-nur auch etwas anderem zuwendete, sich einem neuen Prinzip unterwerfen
-würde, einem, das die Gedanken und den Geist umbildet – zu etwas
-Besserem, zu etwas viel Besserem! Man wird sagen, daß ich in Rätseln
-spreche, aber dem ist nicht so. Doch gut, ich werde zunächst ein kleines
-Beispiel anführen, um zu zeigen, auf welche Weise man den Übergang vom
-Nur-Gegenwärtigen zur Heilung der Wurzeln sofort beginnen könnte.
-
- * * * * *
-
-Wie wäre es zum Beispiel, wenn Petersburg plötzlich – sagen wir, durch
-irgendein Wunder – von seinem Hochmut dem übrigen Rußland gegenüber
-abließe? Welch ein großer erster Schritt wäre das schon zur Gesundung
-der Wurzeln! Denn wie steht es jetzt mit Petersburg? Es ist doch schon
-so weit gekommen, daß Petersburg sich für ganz Rußland hält, und dieser
-Irrtum steigert sich noch von Generation zu Generation. Es will in
-gewissem Sinne dem Beispiel von Paris folgen, ungeachtet dessen, daß es
-Paris gar nicht ähnlich ist. Für Paris hat es die historische
-Entwicklung mit sich gebracht, daß es ganz Frankreich, sein politisches
-wie soziales Leben, in sich aufsog. Nehmen Sie Frankreich Paris, was
-würde ihm dann noch verbleiben? Nur seine geographische Lage. Nun, und
-auch bei uns glauben einige schon, daß ganz Rußland in Petersburg
-enthalten sei. Doch Petersburg ist längst nicht Rußland, für die größere
-Hälfte des russischen Volkes hat Petersburg nur dadurch eine Bedeutung,
-daß sein Zar dort lebt. Unsere Petersburger Intelligenz aber, das wissen
-wir alle, versteht von Generation zu Generation Rußland immer weniger,
-und das wohl darum, weil Petersburg, eingeschlossen in seinem finnischen
-Sumpf, mehr und mehr eine falsche Vorstellung von Rußland bekommt. So
-hat sich bei einigen von diesen Herren der Horizont bereits arg
-verengert, ja, er ist fast schon so eng geworden wie der Horizont von
-Karlsruhe.[34] Aber blicken Sie nur über Petersburg hinaus: und vor
-Ihnen liegt ein ganzes weites Meer russischen Landes, ein uferloser
-Ozean. Doch siehe, der Sohn der Petersburger Väter verneint auf die
-gleichmütigste Weise dieses russische Volksmeer und verhält sich zu ihm
-wie zu etwas Passivem und Unbewußtem, geistig Nichtigem und jedenfalls
-im höchsten Grade Rückständigem. „Vielköpfig ist es, aber dumm, taugt
-nur dazu, uns zu erhalten, wofür wir ihm Verstand beibringen und es an
-eine staatliche Ordnung gewöhnen müssen.“ Tanzend und das Parkett
-polierend, werden in Petersburg die zukünftigen Sohne des Vaterlandes
-gebildet, und die Petersburger Beamten studieren ihr Vaterland in den
-Kanzleien. Versteht sich: irgend etwas erlernen sie schließlich in
-ihnen, nur ist das nicht Rußland, sondern etwas ganz anderes, etwas sehr
-Besonderes. Und dieses ganz Andere und Besondere wird dann Rußland
-aufgebunden. Doch währenddessen bewegt sich das Volksmeer nach seinem
-eigenen Gesetze und sondert sich mehr und mehr von Petersburg ab. Und
-sagen Sie nicht, daß es, wenn auch ein mächtiges, so doch unbewußtes
-Leben führe, was nicht nur die Petersburger allein glauben, sondern auch
-noch andere Russen, die Rußland besser kennen. Wenn man nur wüßte,
-wieviel Erkenntnis sich schon im Volke angesammelt hat! Und das Erkennen
-wächst noch von Tag zu Tag. Wie würden sich die Petersburger wundern,
-wenn sie wüßten, wie vieles dem Volke schon zugänglich und verständlich
-ist! Wenn sich das auch noch nicht im großen Ganzen äußert, so tut es
-sich doch schon an allen Ecken und in allen Hütten kund, wofern man es
-nur zu fühlen und zu sehen versteht. Wie sollte es sich auch schon im
-Ganzen äußern können, das Ganze ist ja ein Meer! ein Ozean! Aber wenn es
-sich einmal äußern wird, in welch maßloses Erstaunen wird es da den
-intelligenten Petersburger versetzen! Freilich wird das europäische
-Menschlein das Volk noch lange verneinen und wird sich dem Volke noch
-immer nicht ergeben wollen. Ja, viele werden so hinsterben, ohne von ihm
-überhaupt etwas zu ahnen. Wäre es da nicht besser, wiederhole ich, um
-großen heraufkommenden Mißverständnissen vorzubeugen, er ließe, wenn
-auch nur in seinen besten Vertretern, ein wenig ab, von seinem Hochmut
-Rußland gegenüber? Nur ein wenig mehr Eingehen, Verständnis, nur ein
-wenig mehr Demut im Herzen vor dieser großen russischen Erde, vor diesem
-Volksmeer – das ist es, was uns nottut. Das wäre der erste Schritt, den
-wir zur „Heilung der Wurzeln“ machen müßten.
-
-„Aber erlauben Sie, mein Herr,“ unterbricht man mich, „was Sie bis jetzt
-gesagt haben, sind doch nur alte, verbrauchte, unrealisierbare
-Phantastereien der Slawophilen. Und was wollen Sie damit sagen: zur
-‚Heilung der Wurzeln‘? Welcher Wurzeln? Und was verstehen Sie darunter?“
-
-„Sie haben recht, meine Herren, ich muß zunächst doch noch einiges über
-die Wurzeln sagen.“
-
- * * * * *
-
-Die Hauptwurzel, die einer Heilung zu allererst bedarf, ist ohne Zweifel
-dieses große russische Volksmeer selbst, von dem soeben die Rede war.
-Ich spreche jetzt von unserem einfachen Mann und Bauern, von der
-bezahlten Kraft unserer schwieligen, abgearbeiteten Hände: von unserem
-russischen Volksozean. Oh, wie sollte ich nicht wissen, was die
-Regierung für ihn getan hat und noch ununterbrochen tut, von der
-Aufhebung der Leibeigenschaft an? Sie sorgt für seine Bedürfnisse, seine
-Aufklärung, für seine Gesundung, vergibt ihm sogar manches Mal seine
-Rückständigkeit, mit einem Wort, sie tut viel für ihn, wer wollte das
-leugnen! Aber nicht davon soll hier die Rede sein, sondern von der
-seelischen Heilung dieser Hauptwurzel, die der Anfang zu allem sein
-müßte. Unser Volk ist seelisch krank; noch ist das Innerste seiner Seele
-gesund, aber die Krankheit ist trotzdem schwer. Welcher Art ist nun
-diese Krankheit? Es ist unmöglich, sie in einem Worte auszudrücken. Man
-könnte sie so formulieren: Es ist ein „unstillbarer Durst nach
-Wahrheit“. Das Volk sucht und sucht die Wahrheit, kann aber den Weg zu
-ihr nicht finden. Ich wollte meine Ansicht über diese Krankheit auf das
-Finanzielle begrenzen, aber ich muß doch noch einmal auf anderes
-zurückkommen.
-
-Nach der Aufhebung der Leibeigenschaft tauchte im Volke das Bedürfnis
-nach etwas Neuem, noch nicht Dagewesenem auf: es war ein Durst nach
-Wahrheit, der ganzen vollen Wahrheit, und nach einer Auferstehung zu
-einem neuen Leben. Das Volk verlangte nach neuen Anschauungen, neue
-Gefühle stiegen in ihm auf, und es begann, mit ganzer Seele an die neue
-Ordnung zu glauben. Aber etwas anderes trat ein, etwas, was es nicht
-erwartet hatte. Die neue Ordnung, an die das Volk so gern geglaubt
-hätte, die – verstand es nicht. Es begriff sie nicht, wurde irre an ihr
-und verlor zuletzt seinen Glauben an sie. Sie erschien ihm als etwas
-Fremdes, Äußerliches und nicht als sein Eigenes. Doch dieses Thema immer
-wieder vorzubringen, das schon so oft besprochen worden ist, lohnt sich
-nicht: andere wissen mehr davon als ich – lesen Sie unsere Zeitungen. Es
-kam damals eine wilde Verzweiflung über unser Volk: wie ein trunkenes
-Meer wogte es über Rußland hin, und wenn man auch versuchte, den Durst
-nach Wahrheit in Strömen von Branntwein zu stillen, so wurde er doch
-nicht befriedigt. Niemals war das Volk allen fremden Einflüssen mehr
-preisgegeben als jetzt. Nehmen Sie als nur ein Beispiel etwa die
-„Stunde“,[35] und sehen Sie, welch einen Erfolg sie im Volke hat: was
-aber beweist das? Doch nur das Suchen nach Wahrheit und die innere
-Unruhe unseres Volkes. Gerade die Unruhe ist es: das Volk ist seelisch
-aufgewühlt, und ich bin überzeugt, wenn die nihilistische Propaganda bis
-jetzt ihren Weg ins Volk noch nicht gefunden hat, so geschah das nur
-dank der Unfähigkeit und Dummheit ihrer Führer, die das Volk nicht zu
-nehmen verstehen. Aber sonst, bei der geringsten demagogischen Fähigkeit
-wäre auch sie so ins Volk gedrungen, wie das Luthertum durch die
-„Stunde“. Wie soll man das Volk vor Ähnlichem bewahren, denn es ist
-gesagt: „Es werden Zeiten kommen, wo man euch sagen wird: weder hier ist
-Christus, noch dort, glaubet nicht!“ So steht es auch jetzt bei uns, und
-nicht nur mit unserem Volk, sondern auch mit unserer Intelligenz.
-
-Verschiedene ungewöhnliche Gerüchte dringen ins Volk, man spricht von
-Veränderungen, Anweisungen eines Landanteils, von einer goldenen
-Urkunde! Unlängst las man ihm in den Kirchen eine öffentliche Warnung
-vor, daß es nicht daran glauben solle, daß nichts davon wahr wäre – und
-was geschah? Gerade nach dieser Warnung befestigte sich das Gerücht nur
-noch mehr im Volke. Ich weiß von einem Fall, wo Bauern sich bei einem
-benachbarten Gutsbesitzer Land kaufen wollten und schon mit dem Preise
-einig waren, nach dem Verlesen dieser Warnung sich aber vom Kaufe
-zurückzogen. „Wir bekommen es noch ohne Geld,“ sagten sie und – warten.
-Und was die Hauptsache ist: das Volk steht bei uns allein, ist nur
-seinen eigenen Kräften überlassen, und niemand unterstützt es moralisch.
-Es hat zwar sein „Semstwo“, aber das ist „Obrigkeit“. Sein Gericht, aber
-– auch das ist „Obrigkeit“. Und seine „Gemeinde“ scheint sich
-gleichfalls dazu entwickeln zu wollen. Die Zeitungen sind voll von
-Beschreibungen, wie das Volk seine Vertreter wählt, natürlich immer in
-Gegenwart der Obrigkeit, deren Mitglied der neu Erwählte denn auch meist
-ist. Und was ergibt sich daraus? Da sieht solch ein armer einfältiger
-Kerl um sich und kommt plötzlich zum Schluß, daß es nur den Ausbeutern
-und Schmarotzern gut geht und alles nur für sie gemacht zu sein scheint:
-„Also werde auch ich dasselbe tun!“ – Nun, und so tut er es denn auch.
-Ein anderer betrinkt sich wieder, nicht etwa weil die Armut ihn drückt,
-sondern weil ihn die Rechtlosigkeit so anwidert. Was läßt sich da
-machen? Das ist Fatum! Man sollte meinen, da gibt es doch eine
-Verwaltung und Vorgesetzte, da müßte doch alles wie am Schnürchen gehen
-– doch gerade das Gegenteil ist der Fall. Es ist ausgerechnet worden,
-daß für das Volk in unserer Zeit fast zwanzig Regierungsämter
-eingerichtet worden sind, ausschließlich für das Volk, um es zu
-beschützen und zu beraten. Nun sind aber für den armen Menschen ohnehin
-schon alle und jeder „Obrigkeit“ – und jetzt hat er noch zwanzig solcher
-„Obrigkeiten“ hinzubekommen! Seine Bewegungsfreiheit ist ja gleich der
-einer Fliege, die in einen Teller mit Honig gefallen ist. Doch eine
-solche Freiheit ist nicht nur vom moralischen Standpunkte aus schädlich,
-sondern auch vom ökonomischen Standpunkte aus. So ist denn das Volk im
-Grunde doch allein und ohne Ratgeber. Es hat niemanden außer Gott und
-dem Zaren – mit diesen beiden moralischen Kräften, mit diesen beiden
-großen Hoffnungen hält es sich aufrecht. Alle anderen Ratgeber gehen an
-ihm vorüber, ohne es auch nur zu berühren. Die ganze fortschrittliche
-Intelligenz, zum Beispiel, geht glatt an ihm vorüber, und das ist
-schade; denn auch in unserer Intelligenz gibt es begabte Menschen – bloß
-für das russische Volk haben sie wenig Verständnis. Bei uns verneint man
-es nur; oder man beklagt sich ununterbrochen: warum sich die
-Gesellschaft nicht zu dieser Idee einer Vereinigung mit dem Volke
-„beleben“ läßt! und was das für sie für eine Aufgabe wäre! Man sollte
-aber doch wissen, daß man sich zu ihr gar nicht „beleben“ kann, einfach,
-weil das Volk der Gesellschaft fremd ist. Die letztere bildet nur eine
-Schicht über dem Volke – mit der einzigen Beziehung zu ihm, daß das Volk
-durch seine Arbeit _ihr dient_, _ihr_ die Möglichkeit verschafft, sich
-europäische Bildung anzueignen. Doch in diesen zwei Jahrhunderten
-europäischer Bildung hat das Volk sich nur noch mehr von ihr entfremdet.
-Wenn die fortschrittliche Intelligenz jetzt behauptet: „Wir sind es, die
-um das Volk leiden, wir, die so viel über dasselbe schreiben und es zu
-uns emporziehen wollen,“ so ist doch das russische Volk instinktiv
-überzeugt, daß es sich hier nur um ein imaginäres Volk handelt, ein in
-den Köpfen der Intelligenz entstandenes, daß das _wirkliche_ Volk aber
-von der Intelligenz nur verachtet wird. Ich gebe zu: das verächtliche
-Verhalten zum Volk ist bei einigen von uns gar nicht bewußt, ja, man
-kann ruhig sagen, unabsichtlich. Es ist ein Überbleibsel des
-Leibeigenschaftsverhältnisses und stammt aus der Zeit, als das Volk um
-unserer „europäischen Bildung“ willen staatlich erdrosselt wurde; und es
-ist zweifellos auch jetzt noch in uns, obschon das Volk nun
-„auferstanden“ ist. Deshalb wird es uns auch noch lange unmöglich sein,
-uns mit dem Volke zu vereinigen, wenn nicht ein Wunder in russischen
-Landen geschieht. Das Volk ist in seiner großen Masse rechtgläubig und
-lebt nur der religiösen Idee, es braucht sich sogar dieser Idee gar
-nicht bewußt zu sein. Im Grunde genommen hat es überhaupt keine andere
-Idee außer dieser, aus ihr kommt alles bei ihm. Wenigstens will das Volk
-mit seinem ganzen Herzen und aus seiner tiefsten Überzeugung, daß alles,
-was bei ihm geschieht und was man ihm gibt, aus dieser „Idee“ heraus
-geschehe, auch ungeachtet dessen, daß vieles beim Volke selbst nicht von
-dieser Idee ausgeht, daß es oft willenlos von dunklen, verbrecherischen,
-barbarischen Instinkten beherrscht ist. Aber jeder Verbrecher und
-Barbar, mag er auch noch so sündig sein, betet doch zu Gott in den
-besseren Minuten seines Seelenlebens und bittet ihn, seine Sünden
-auszulöschen und ihn wieder seiner „Idee“ leben zu lassen. Diese Idee
-will nun unsere Intelligenz nicht anerkennen. Unsere Intellektuellen
-weisen auf seine Sünde und seinen Schmutz hin, an dem sie, die das Volk
-zwei Jahrhunderte lang geknechtet haben, doch selbst Schuld tragen,
-weisen auf seine Vorurteile und religiöse Gleichgültigkeit hin, und
-einige behaupten sogar, daß das russische Volk geradezu „verkörperter
-Atheismus“ sei. Ihr größter Irrtum besteht eben darin, daß sie im
-russischen Volke keine Kirche anerkennen wollen. Ich spreche jetzt nicht
-von der Herde Christi, sondern von unserem russischen „Sozialismus“,
-dessen Ziel es ist, die „Kirche“ aller Völker zu werden, soweit die Erde
-diese „Kirche“ überhaupt verwirklichen kann. Ich spreche ferner von dem
-unstillbaren Durst nach der großen, allgemeinen, allbrüderlichen
-Vereinigung im Namen Christi, einer Idee, die im russischen Volke immer
-gegenwärtig ist. Und wenn diese Vereinigung auch erst im Wunsche und im
-Gebet besteht, nicht in der Tat, so treibt doch der religiöse Instinkt
-dieser millionenköpfigen Masse nicht zu mechanischen Formen: nicht im
-Kommunismus liegt der Sozialismus des russischen Volkes, sondern es
-glaubt, sein Seelenheil in der Vereinigung aller Völker im Namen Jesu
-Christi zu finden. Das ist unser russischer Sozialismus! Über diese
-höhere vereinigende kirchliche Idee im russischen Volke lachen unsere
-Europäer. Oh, es gibt noch viele solcher „Ideen“ im Volke, mit denen die
-Herren nicht übereinstimmen werden, und die sie aus ihrer europäischen
-Weltanschauung heraus als „tatarisch“ verurteilen. Man kann daher ruhig
-die Behauptung aufstellen: wer diese Hauptidee des Volkes, die Erwartung
-des in ihm heraufkommenden Schöpferischen, das Gottesschicksal seiner
-weltumfassenden Kirche nicht versteht, der wird auch nie das russische
-Volk selbst verstehen und es auch nie lieben können. Bei manch einem von
-unseren Europäern ist das Herz rein, gerecht und sehnt sich nach Liebe,
-– aber lieben wird er nicht das Volk, sondern nur jene Vorstellung, die
-er sich von ihm macht. Da das Volk aber Volk bleibt, d. h. es selbst
-bleibt, so kann man für die Zukunft nur einen unvermeidlichen und
-gefährlichen Zusammenstoß voraussehen. Denn meine Behauptung hat auch
-eine umgekehrte Auslegung, nämlich die, daß das Volk solch einen
-russischen Europäer niemals als zu sich gehörig betrachten wird: „Liebe
-zuerst mein Heiligtum, achte, was ich achte, dann erst bist du wie ich,
-bist mein Bruder, ungeachtet dessen, daß du nicht so angekleidet bist
-wie ich, daß du ein Herr bist, daß du zur ‚Obrigkeit‘ gehörst, und daß
-du dich manchmal nicht einmal in russischer Sprache richtig auszudrücken
-verstehst.“ Das wird ihnen das Volk sagen, denn unser Volk hat einen
-klugen und weiten Verstand. Es achtet und liebt auch gewiß jeden guten
-und klugen Menschen, dankt ihm für seine Ratschläge und befolgt sie
-gern, ohne daß jener an dasselbe zu glauben brauchte, woran das Volk
-glaubt. Das russische Volk vermag mit einem jeden auszukommen, denn es
-hat viele Typen gesehen, vieles beobachtet und behalten in seinem
-langen, schweren Leben während der letzten zwei Jahrhunderte. Aber sich
-einleben und sich mit einem Menschen eins fühlen – sind zwei
-verschiedene Sachen. Doch ohne Zusammengehörigkeitsgefühl kann keine
-Vereinigung stattfinden.
-
-So ist die Kluft zwischen der Intelligenz und dem Volke außergewöhnlich
-groß, das Volk ist allein, sich selbst überlassen; außer in seinem
-Zaren, an den es unerschütterlich glaubt, sieht es in nichts und
-niemandem eine Stütze. Froh wäre es, eine zu erblicken – aber vergeblich
-schaut es danach aus. Welch eine große, schöpferische, Segen bringende,
-neue Kraft aber würde in Rußland erstehen, wenn bei uns eine geistige
-Vereinigung der Intelligenz mit dem Volke erfolgte! Oh, meine Herren
-Finanzminister, ganz andere jährliche Budgets werden Sie dann aufstellen
-als die, welche sich jetzt ergeben! Milch und Honig würden in unserem
-Reiche überfließen, und alle Ideale wären mit einem Schlage erreicht! –
-„Ja, aber wie das anfangen, und ist es denn wirklich unsere europäische
-Aufklärung, die uns daran hindert?“ Nein, nicht diese, denn im Grunde
-gibt es diese Aufklärung bei uns überhaupt nicht, auch heute noch nicht.
-Ich denke so: existierte bei uns eine _wirkliche_ Aufklärung, so wäre
-eine Trennung zwischen Volk und Intelligenz nie erfolgt, denn auch das
-Volk verlangt doch nach Aufklärung. Wir aber sind, „Aufklärung“ suchend,
-auf den Mond geflogen und haben den Weg zum Volke verloren. Wie wäre es
-nun uns verflogenen Menschen möglich, die Sorge um die Heilung des
-Volkes auf uns zu nehmen? Was können wir tun, damit der beunruhigte
-Volksgeist sich wieder stärkt und beruhigt? Seine Finanzen, sein Kapital
-verlangt moralische Ruhe, denn sonst wird es versiegen. Was soll man
-tun, damit der Geist des Volkes die Wahrheit findet und sich in ihr
-beruhigt? Diese Wahrheit ist ja vielleicht schon da, aber was soll man
-tun, damit das Volk an sie zu glauben lernt? Wie soll man es ihm in die
-Seele pflanzen, daß die Wahrheit in der russischen Erde liegt? Was soll
-man tun, damit das Volk an sein Gericht, an seine Obrigkeit zu glauben
-anfängt und sie anerkennt als Fleisch von seinem Fleisch und Blut von
-seinem Blut? Oh, wenn die Wahrheit wenigstens für die Zukunft im Volke
-ungefährdet bliebe, damit es den Glauben nicht verlöre, daß sie einmal
-doch bestimmt noch kommen wird! Wenn die Fliege sich nur ein wenig von
-dem Teller mit Honigseim fortbewegen könnte, so wäre das schon eine
-große, große Beruhigung. Und nochmals sage ich: das ganze Unglück kommt
-von der Trennung der höheren intelligenten Stände vom unteren,
-niedrigeren – von unserem Volke. Wie aber dieses Volksmeer mit unserer
-Intelligenz aussöhnen, damit es nicht zu einem großen Aufruhr in ihm
-kommt?
-
- * * * * *
-
-Dazu gibt es nur eine Möglichkeit, ein magisches Wort, das lautet:
-„Vertrauen zeigen“! Zu unserem Volke kann man Vertrauen haben, denn es
-ist dieses Vertrauens wert. Ruft die grauen Bauernkittel und fragt sie,
-was ihnen fehlt, und was sie nötig haben, und sie werden euch die
-Wahrheit sagen, und wir alle werden dann vielleicht zum ersten Male die
-Wahrheit hören. Dazu sind keine großen Versammlungen nötig: das Volk
-kann man an allen Orten und in jeder Hütte fragen, denn an jedem
-einzelnen Ort sagt es Wort für Wort dasselbe; was die ganze Masse
-zusammen auch sagen würde, das Volk ist überall eins. Auch die getrennte
-Einheit würde nur das eine wiedergeben, denn der Geist ist derselbe.
-Jede Ortschaft würde vielleicht eine kleine örtliche Besonderheit
-hinzufügen, aber im ganzen, im allgemeinen würde alles in allem
-übereinstimmen. Man muß sich nur in acht nehmen, daß es auch wirklich
-der Bauer ist, der echte Bauer, nicht etwa der Schmarotzer oder
-Ausbeuter. Aber schließlich, selbst der Freischlucker wird der Erde
-nicht untreu und wird die Wahrheit sagen – das ist schon so eine
-Eigenschaft unseres Volkes. Wie soll man aber diesen Vorschlag
-ausführen? Oh, Menschen, die die Macht dazu haben, können das besser
-bestimmen als ich; ich möchte nur behaupten, daß es dazu besonderer
-Formeln nicht bedarf. Unser Volk jagt nicht nach Formeln, besonders
-nicht nach fertigen, fremdländischen, die hat es nicht nötig und die
-wird es auch nie nötig haben. Es hat etwas ganz anderes im Kopfe, hat
-seine eigene Ansicht über die Sache; und in seinen Anschauungen ist ein
-Volk wie das unsrige durchaus unseres Vertrauens würdig. Und wer der
-Russen Liebe zum Zaren gesehen und gefühlt hat, der weiß, daß sie des
-Zaren Kinder sind und der Zar ihr Vater ist. Wer daran nicht glaubt,
-versteht nichts von Rußland. Nein, darin liegt eine tiefe und
-ursprüngliche Idee: und sie bedingt einen lebendigen, mächtigen
-Volksorganismus, der mit seinem Zaren in eins verschmilzt. Diese Idee
-ist eine Kraft, und diese Kraft ist mit den Jahrhunderten noch
-gewachsen, besonders in den letzten für das Volk so schrecklichen zwei
-Jahrhunderten, die wir wegen unserer europäischen Aufklärung so preisen,
-– wobei wir freilich ganz vergessen, daß diese Aufklärung uns nur durch
-das Kreuzesleiden unseres Volkes ermöglicht wurde. Aber das Volk glaubte
-an seinen Befreier, wartete auf ihn und – er kam! Wie sollen wir da
-nicht seine Kinder sein? Der Zar ist für das Volk keine äußere Kraft,
-nicht die Kraft irgendeines Besiegers – wie es z. B. die Dynastien der
-früheren Könige in Frankreich waren –, sondern eine volkliche,
-verbindende Kraft, die das Volk selbst wollte, die aus seinem Herzen
-wuchs, die es liebte, für die es litt, von der allein es seinen Auszug
-aus Ägypten erhoffte. Für das Volk ist der Zar die Verkörperung seines
-Selbst, seiner Idee, seines Glaubens und seiner Hoffnungen. Und diese
-Hoffnungen wurden ihm noch kürzlich so glänzend erfüllt, wie sollte es
-da weitere Hoffnungen aufgeben? Im Gegenteil, sie bestärken und
-befestigen sich, denn der Zar wurde nach der Aufhebung der
-Leibeigenschaft nicht nur in der Idee oder in der Hoffnung, sondern in
-der Tat zu seinem Vater. Diese Beziehung des Volkes zum Zaren als zu
-einem Vater ist die einzige felsenfeste Grundlage, auf der jede Reform
-bei uns geschaffen und aufgebaut werden kann. Wenn Sie wollen, so gibt
-es bei uns gar keine andere schöpferische, erhaltende und führende Kraft
-in Rußland als das organische und lebendige Bündnis des Volkes mit
-seinem Zaren: nur ihm entspringt bei uns alles. Wer hätte auf diese
-Bauernreform hoffen können, wenn er nicht im voraus geglaubt und gewußt
-hätte, daß der Zar dem Volke ein Vater ist, und daß der Glaube an den
-Zaren wie an seinen Vater das Volk retten und vor Unglück behüten werde.
-Wahrlich, schlecht wäre ein Sozialökonom als Reformator, der die
-wirklichen, lebendigen Kräfte des Volkes aus Vorurteil oder um fremder
-Überzeugungen willen außer acht läßt. Ja: wir – die Intelligenz – sind
-schon deshalb nicht eins mit dem Volke und können es nicht verstehen,
-weil wir, auch wenn wir seine Beziehung zum Zaren einsehen, doch das
-Wichtigste in seiner ganzen Tiefe und Bedeutung für unsere Zukunft nicht
-erfassen können: daß gerade durch diese Beziehung zu seinem Zaren das
-russische Volk sich von allen Völkern Europas und der ganzen Welt
-unterscheidet; daß das nicht ein zeitlicher, ein vorübergehender
-Zustand, nicht ein Zeichen von Volksjugend, wie manche klugen Köpfe
-vielleicht schließen, sondern eine ewige, immerwährende und niemals oder
-wenigstens lange noch nicht, sehr lange noch nicht sich verändernde
-Kraft ist. Wie sollte sich da nicht schon deswegen unser Volk von allen
-anderen Völkern unterscheiden, nicht seine eigene Idee in sich tragen?
-Ist es nicht klar, im Gegenteil, daß unser Volk schon den organischen
-Keim einer unterschiedlichen Idee in sich trägt? Diese Idee schließt
-eine so große Kraft in sich, daß sie natürlich unsere ganze weitere
-Geschichte beeinflussen wird, und da sie eine ausschließlich
-russisch-eigenartige ist, so kann auch _unsere Geschichte nicht der
-Geschichte anderer europäischer Völker ähnlich_ und noch viel weniger
-ihre sklavische Kopie sein. Das ist es, was unsere klugen Köpfe nicht
-verstehen wollen, die da glauben, bei uns könne sich alles ohne jegliche
-Eigenart genau nach europäischem Muster verwandeln, und die sogar diese
-unsere Eigenart hassen, so daß es vielleicht noch mit einem Unglück
-enden kann. Daß aber bei uns alles anders und ursprünglich ist, dazu
-diene folgendes Beispiel. In unserer Zukunft, wenn wir die Periode
-unseres Pseudoeuropäismus überwunden haben werden, kann z. B. die
-bürgerliche Freiheit sich nur bei uns in einem Grade entwickeln, wie
-nirgends in Europa und nicht einmal in den Vereinigten Staaten von
-Nordamerika. Auf dieser felsenfesten Grundlage, auf der Liebe des Volkes
-zu seinem Zaren als seinem Vater, und nicht durch ein geschriebenes
-Gesetz wird diese Entwicklung sich vollziehen – denn Kindern kann man
-vieles erlauben, was bei anderen Völkern, die nach Kontrakten leben,
-undenkbar ist, Kindern kann man ebenso vieles auch anvertrauen und
-ebenso vieles verzeihen, denn Kinder werden ihren Vater nicht verraten
-und wie Kinder von ihm jeden Verweis ihrer Fehler in Liebe
-entgegennehmen.
-
-Und einem solchen Volke soll man nun nicht Vertrauen schenken? Mag es
-deshalb selbst von seinen Bedürfnissen reden und nicht andere für sich
-sprechen lassen: wir, die Intelligenz des Volkes, wir müssen erst hören,
-was es sagt. Oh, nicht aus politischen Gründen schlage ich etwa vor,
-zeitweise unsere Intelligenz aus dem Spiele zu lassen – schreiben Sie
-mir bitte nicht politische Ziele zu –, nein, ich habe den Vorschlag _aus
-rein pädagogischen_ Gründen gemacht. Ja, hören wir zu, wie klar und
-vernünftig das Volk, ganz ohne unsere Hilfe, seine Wahrheit ausdrücken
-und wie es in der Sache gerade den Nagel auf den Kopf treffen wird, und
-ohne uns zu beleidigen, wenn auch von uns die Rede sein sollte. Mögen
-wir vom Volke lernen, wie man die Wahrheit spricht. Von ihm können wir
-Demut und Lebenserfahrung und Wirklichkeitssinn lernen. Sie werden mir
-antworten: „Soeben sagten Sie, wie leicht das Volk allen unsinnigen
-Gerüchten glaube, – welch eine Weisheit können wir da von ihm erwarten?“
-Nun, Gerüchte sind etwas ganz anderes, und nicht – die Einheit in der
-allgemeinen Sache. Hier, im Volk, werden wir etwas Ganzes erblicken, und
-das Ganze wirkt durch sich selbst und das Ganze bringt zur Vernunft. Ja,
-für uns wird es in Wahrheit eine Schule sein, die fruchtbringendste
-Schule. Wir werden erstaunt sein, beim Volke so viel Lebenserfahrung und
-Ernst zu finden; freilich wird es auch solche geben, die ihren Augen
-nicht trauen wollen, aber solcher sind wenige, denn alle wirklich
-Aufrichtigen, die nach Wahrheit verlangt, und denen es um die allgemeine
-Sache und den allgemeinen Nutzen zu tun ist – die werden sich an die
-wahren Worte des Volkes halten. Alle diejenigen aber, die nicht
-aufrichtig der Sache ergeben sind, werden mit ihrem Mißtrauen nur ihre
-eigene Inhaltslosigkeit aufdecken. Und wenn es noch welche gibt, die dem
-Volke nicht Glauben schenken, so sind das nur Altgläubige und Doktrinäre
-der vierziger und fünfziger Jahre, alte, unverbesserliche Kinder, die
-nur lächerlich und ganz unschädlich sein werden. Doch alle anderen außer
-diesen werden sich die Augen reiben und endlich zu sehen anfangen. Das
-kann außerordentlich wichtige Folgen haben, denn ... denn auf diese
-Weise kann der Anfang, der erste Schritt zur Vereinigung unseres
-Standes, der Intelligenz, die so hoch über dem Volke zu stehen meint,
-mit dem Volke gemacht werden. Ich spreche nur von einer geistigen
-Vereinigung, denn die nur haben wir nötig, die wird uns zu allem
-verhelfen, wird alles umschaffen und eine neue Idee bringen. Unsere
-helle und frische Jugend, denke ich, wird die erste sein, die ihr Herz
-dem Volke schenken und es verstehen wird. Ich hoffe auch deshalb so sehr
-gerade auf sie, weil sie selbst so leidet im „Suchen nach Wahrheit“: in
-der Sehnsucht nach ihr wird sie sofort fühlen, daß auch das Volk nach
-ihr sucht. Und wenn die Jugend der Seele des Volkes nahestehen wird,
-dann wird sie auch diese Phantasien lassen, die jetzt so viele Jünglinge
-beherrschen, alle jene, die sich einbilden, die Wahrheit in den
-verstiegensten europäischen Lehren zu finden. Oh, ich glaube, daß ich
-nicht phantasiere und die heilsamen Folgen vergrößere, die aus diesem
-Ereignisse hervorgehen würden. Der Hochmut würde fallen und die
-Ehrfurcht vor der mütterlichen Erde wiedergeboren werden. Eine ganz neue
-Idee würde plötzlich in unsere Seele leuchten und alles erleuchten, was
-bis jetzt im Dunkeln gelegen, und mit ihrem Lichte die Lüge ertöten.
-Und, wer weiß, vielleicht wäre das der Anfang einer Reform, die durch
-ihre Bedeutung hoch über der Reform der Leibeigenschaft stände: wäre sie
-doch gleichfalls eine Befreiung – eine Befreiung unserer Geister und
-Herzen von dem Leibeigenschaftsverhältnis zu Europa, in dem wir zwei
-Jahrhunderte gestanden, ganz ähnlich unserem Bauern – unlängst noch ein
-Sklave wie er. Und wenn diese zweite Reform sich verwirklichen könnte,
-so wäre sie auch nur eine Folge der großen ersten Reform, der Aufhebung
-der Leibeigenschaft zu Anfang der Regierung unseres Zar-Befreiers. Mit
-der einen wäre die materielle Wand gefallen, die das Volk von der
-Intelligenz trennte, mit der zweiten fiele diese Wand auch ideell. Was
-könnte höher stehen, was wäre fruchtbringender für Rußland als dieser
-geistige Bund aller Stände? Die, welche sich bis jetzt des Volkes
-schämten, des angeblich barbarischen und jegliche Entwicklung hemmenden,
-die werden sich dieses Schämens schämen und sich mit dem Volke aussöhnen
-und vieles wieder achten können, was sie früher verachteten. Und wenn
-das Volk ihnen geantwortet, seine Sache ihnen vorgelegt hat und sein
-demütiger Mund verstummt – dann fragen Sie meinethalben auch unsere
-Intelligenz, und wär’s auch nur nach ihrer Meinung über das Volk, und
-sie werden sofort die Folgen bemerken. Oh, auch ihr Wort wird dann
-fruchtbar werden, denn sie ist doch nun einmal die Intelligenz, und das
-letzte Wort gehört ihr. Das uns alsdann vom Volke gegebene Beispiel
-würde uns auf jeden Fall von Unüberlegtheiten und Dummheiten abhalten,
-die von uns, wenn wir zuerst das Wort gehabt hätten, unfehlbar begangen
-worden wären. Und Sie werden sehen: unsere Intelligenz würde dann nichts
-mehr im Widerspruch zum Volke sagen, sondern würde dessen Wahrheit in
-die ganze Breite seiner Bildung hineinentwickeln und sie
-wissenschaftlich erläutern und begründen – denn auch das Volk hat die
-Wissenschaft nötig. Ja, und wenn sich auch Widersprüche einstellen
-würden, Widersprüche gegen gewisse Grundlagen unseres Volkes, so würden
-sie es doch nicht wagen, sich so heftig gegen den Volksgeist
-aufzulehnen, und das ist sogar sehr wichtig.
-
-Ja, es ist sogar sehr leicht möglich, daß unsere seelische Ruhe schon
-bei dem ersten Schritt wiederkehrt. Es würde eine allgemeine, alle
-vereinigende Hoffnung erstehen, und wir würden uns über unsere Ziele
-klarer werden. Das aber wäre wichtig: denn unsere bewußte Kraft, unsere
-Intelligenz, ahnt ja kaum, welchen Inhalts unsere nationalen und
-staatlichen Ziele sind oder sein können. Gerade hier liegt heute die
-Unsicherheit, und gerade die ist gewiß auch die Quelle unserer
-Ruhelosigkeit und Verstimmtheit, und nicht nur dem Gegenwärtigen,
-sondern noch viel mehr dem Zukünftigen gegenüber. Alles das könnte
-aufgeklärt und erläutert werden, oder wir bekämen einen Hinweis auf
-Mittel, mit denen man bei uns etwas erlangen könnte, wir würden auf neue
-Gedanken kommen ...
-
-Doch genug! Ich habe gesprochen, wie ich es verstanden habe. Wenn man
-nicht alles versteht, wenn ich mich unzureichend ausgedrückt, so nehme
-ich die Schuld auf mich – aber das, was man versteht, möge man in einer
-friedlichen und unverletzenden Weise verstehen. Ich wünschte nur, daß
-man unparteiisch begriffe: daß ich zuerst und vor allen Dingen für das
-Volk stehe, daß ich an seine Seele, an seine Kräfte, deren Größe noch
-niemand von uns zu ahnen scheint, wie an ein Heiligtum glaube,
-hauptsächlich aber an die errettende Bedeutung des großen, alles
-erhaltenden und aufbauenden Volksgeistes. Mich verlangt nur nach einem:
-daß alle ihn erschauten – denn wenn sie ihn nur einmal erschaut haben,
-werden sie sofort auch alles Übrige verstehen.
-
-
- Die Meinung eines geistreichen Bureaukraten über unsere Liberalen
- und Westler
-
-... Ich will von einem geistvollen Bureaukraten erzählen, der mir vor
-kurzem in einer Gesellschaft eine sehr interessante Sache
-auseinandergesetzt hat – eine, die gerade jene Grundsätze berührt, die
-für die Veränderung unserer gegenwärtigen[36] Lage in Frage kommen.
-
-Das Gespräch drehte sich um die Finanzen, um die allgemeine ökonomische
-Situation, und zwar speziell in dem Sinne, daß wir Russen unsere Mittel
-nicht verschwenden sollten, sondern vernünftig mit ihnen umzugehen
-versuchen müßten, damit auch nicht eine einzige Kopeke für irgendeine
-Phantasterei hinausflöge.
-
-Über diese Art Ökonomie wird jetzt bei uns überall gesprochen, und die
-Regierung beschäftigt sich unausgesetzt mit diesem Problem. Es ist auch
-tatsächlich so etwas wie eine Kontrolle eingeführt worden, und
-alljährlich will man in den Etats eine bestimmte Summe zu streichen
-suchen. In der letzten Zeit sprach man sogar von einer Verringerung der
-Armeeausgaben. Manche meinten, man könne das stehende Heer auf die
-Hälfte der Truppen herabsetzen. „Deswegen“, hieß es, „würde doch nichts
-anders werden“. Das wäre ja alles ganz wunderbar, aber trotzdem gibt es
-etwas, was sich einem dabei unwillkürlich in die Gedanken einschleicht:
-Gut, wir reduzieren die Armee vorläufig um fünfzigtausend Mann, das Geld
-aber geht uns doch wieder durch die Finger, für dieses und jenes,
-natürlich nur für die Bedürfnisse des Staates, jedenfalls aber für
-Bedürfnisse, die so radikaler Opfer nicht wert sind. Die abgeschafften
-fünfzigtausend Mann jedoch werden wir dann niemals wieder einbringen
-können, oder höchstens mit Mühe und Not; denn was man einmal abgeschafft
-hat, ist schwer wieder anzuschaffen. Soldaten aber brauchen wir mehr als
-je und besonders jetzt, da in Europa alle einen Stein für uns bereit
-halten. Es ist gefährlich, diesen Weg zu betreten, doch nur in der
-_gegenwärtigen_ Zeit. Wir würden nur dann uns überzeugen lassen, daß
-dieses heilige Geld wirklich für etwas Notwendiges ausgegeben wird, wenn
-wir, z. B. den Entschluß faßten, unerbittliche Ökonomie zu treiben, so
-wie etwa Peter sie durchgeführt haben würde, wenn er sich vorgenommen
-hätte, zu sparen. Sind wir nun aber dazu fähig, bei den „schreienden“
-Nöten unserer gegenwärtigen Lage, in der wir nun einmal stecken? Ich
-bemerke hierbei, daß dieses einer der ersten Schritte wäre zu einer
-Umkehr vom alten, phantastischen Gegenwärtigen zum neuen, wirklichen und
-für uns notwendigen Zukünftigen. Wir reduzieren ziemlich oft die Etats,
-das Beamtenpersonal usw., doch das Ergebnis ist immer dasselbe: daß die
-Etats ganz von selbst sich wieder vergrößern und vermehren. Ja, sind wir
-denn überhaupt fähig zu einer richtigen Reduzierung, fähig, zum
-Beispiel, von vierzig Beamten mit einemmal auf vier herunterzugehen? Daß
-vier Beamte ohne Ausnahme dasselbe leisten können, was jetzt vierzig
-leisten, das wird natürlich niemand bezweifeln, besonders bei einer
-Vereinfachung des Eingaben- und Verordnungswesens mit all seinen
-Schreibereien, und überhaupt bei einer radikalen Veränderung der
-jetzigen Formen der Beamtenarbeit.
-
-Auf dieses Thema kamen wir, wie gesagt, zufällig zu sprechen. Einige
-bemerkten, daß eine derartige Reform jedenfalls ein großer Bruch mit dem
-Alten wäre. Andere entgegneten, daß bei uns schon viel kapitalere
-Reformen als diese durchgeführt worden seien. Die Dritten fügten hinzu,
-daß man den neuen Beamten, also diesen vier, die die vierzig ersetzen
-sollen, das Gehalt sogar verdreifachen könnte, und daß diese dann gewiß
-treffliche Arbeiter abgeben würden. Und selbst wenn man das Gehalt auch
-für diese vier verdreifachte, so würde ihr Gehalt doch nur dem der
-jetzigen zwölf entsprechen; folglich wären die Ausgaben immer noch um
-fast drei Viertel der heutigen vermindert.
-
-Hier aber geschah es, daß mich mein Bureaukrat unterbrach. Ich bemerke
-noch, daß auch er zu meiner größten Verwunderung gegen die Möglichkeit,
-durch vier vierzig zu ersetzen, nichts einzuwenden hatte: „Auch mit
-vieren wird es sich machen lassen.“ Doch was er angriff, war etwas ganz
-anderes: er wies auf das Grundsätzliche hin, auf die Fehlerhaftigkeit
-und das Verbrecherische dieses neuen „Prinzips“. Ich kann seine
-Entgegnung nicht wörtlich wiedergeben, und ich führe sie nur an, weil
-mir seine Meinung in ihrer Art bemerkenswert erschien und so etwas wie
-eine pikante Idee enthielt. Er hat sich natürlich nicht herabgelassen,
-auf Einzelheiten einzugehen, da ich in dieser Sache nicht „Spezialist“
-bin: „verstehe wenig davon“, was vorauszuschicken ich mich beeile – aber
-sein „Prinzip“, so hoffte er, würde mir doch einleuchten.
-
-„Die Reduzierung der Beamten von vierzig auf vier,“ begann er gemessen
-und in eindringlichem Tone, „ist für die Sache nicht nur unnütz, sondern
-allein schon ihrem Wesen nach direkt schädlich, trotz der tatsächlich
-beträchtlichen Verringerung der Staatsausgaben. Unmöglich und schädlich
-wäre nicht nur, von vierzig auf vier zu reduzieren, sondern selbst von
-vierzig auf achtunddreißig. Und das aus folgendem Grunde: es wäre ein
-verderblicher Anschlag auf das Grundprinzip. Jetzt sind es zweihundert
-Jahre her, d h. seit Peter, daß wir, die Bureaukraten, im Reiche _alles_
-sind; ja, im Grunde genommen sind _wir_ das Reich und überhaupt _alles_;
-– _das Übrige_ – ist nur Anhängsel. Wenigstens ist es bis vor kurzem,
-bis zur Aufhebung der Leibeigenschaft, noch so gewesen. Alle früheren
-Wahlämter, als da sind ... nun, da, die der Adligen zum Beispiel, haben
-ganz von selbst, sozusagen infolge einer Anziehungskraft, unseren Geist
-und Sinn angenommen. Und wir haben uns deswegen, als wir das einsahen,
-keineswegs beunruhigt; denn das Prinzip, das vor zweihundert Jahren
-aufgestellt worden ist, wurde dadurch nicht im geringsten angegriffen.
-Nach der Bauernreform schien allerdings etwas Neues kommen zu wollen: es
-kam die Selbstverwaltung, es kam das Semstwo usw. ... Jetzt hat es sich
-deutlich erwiesen, daß auch all dieses Neue sofort und ganz von selbst
-unsere Form, unsere Seele und unsere Gestalt annimmt, sich sozusagen in
-unsere Form verwandelt. Und das ist nicht etwa durch Zwang geschehen –
-das wäre eine total falsche Auffassung –, sondern gerade ganz von
-selbst; denn es ist schwer, sich Jahrhunderte alter Gewohnheiten zu
-entledigen, und wenn Sie wollen, ist das auch nicht nötig, besonders
-nicht in einer so fundamentalen und großen Nationalfrage. Sie können mir
-das, wenn Sie wollen, nicht glauben; doch wenn Sie tiefer nachdenken, so
-werden Sie die Richtigkeit des Gesagten, dessen bin ich gewiß,
-anerkennen. Denn – was sind wir? Wir sind _alles_, sind bis jetzt
-_alles_ gewesen und werden fortfahren, alles zu sein, – und wiederum
-ohne uns darum selber sonderlich zu bemühen, einfach nach dem
-natürlichen Gang der Dinge, also unwillkürlich! Es ist schon lange her,
-daß man sagt, unsere Arbeit sei tote, papierene Kanzleiarbeit, und
-Rußland wäre all dem entwachsen. Vielleicht ist es dem entwachsen, aber
-vorläufig sind wir immer noch die einzigen, die Rußland halten und es
-davor bewahren, daß es auseinanderfällt! Denn das, was Sie erstarrtes
-Kanzleitum nennen, – d. h. also wir, als Einrichtung, und dann auch
-unsere ganze Tätigkeit – das ist, wenn man sich eines Beispiels bedienen
-will, wie das Skelett, in einem lebendigen Organismus. Zerstören Sie das
-Skelett, werfen Sie die Knochen durcheinander – und der ganze lebendige
-Körper muß vergehen. Schön, mag die Sache auch noch so tot betrieben
-werden, dafür aber geht es nach dem System, nach dem Prinzip, dem großen
-Prinzip – erlauben Sie, daß ich Sie darauf aufmerksam mache. Mag es auch
-auf Kanzleimanier geschehen, meinetwegen sogar schlecht, unvollkommen,
-so wird es immerhin irgendwie doch gemacht und, die Hauptsache: Rußland
-steht noch und fällt nicht! Das ist es ja, daß es noch immer nicht
-fällt! Ich bin bereit, Ihnen zuzugeben, daß wir im Grunde meinetwegen
-auch nicht gerade _alles_ sind, – oh, wir sind klug genug, um
-einzusehen, daß wir nicht _ganz_ Rußland sind und besonders jetzt nicht;
-dafür aber sind wir immerhin _etwas_, d. h. etwas bereits Wirkliches,
-tatsächlich Vorhandenes, wenn auch vielleicht teilweise Körperloses. Nun
-aber, was habt ihr, womit ihr uns ersetzen könntet? Woraufhin könnten
-wir uns mit der Überzeugung zurückziehen, daß auch bei euch ein _Etwas_
-entstanden ist, das uns wirklich ersetzen kann, – ohne daß alles fallen
-muß? All diese Selbstverwaltungen und Semstwos – das ist doch vorläufig
-immer noch ein Vogel in den Wolken, meinetwegen ein prachtvoller Vogel,
-einer, der unter dem Himmel herumfliegt, jedoch immerhin einer, der sich
-noch niemals auf die Erde herabgelassen hat. Folglich ist er trotz
-seiner Schönheit als Wert für uns eine Null, wir aber, wenn wir auch
-durchaus nicht ‚prachtvoll‘ sind und man unser sogar sehr überdrüssig
-geworden ist, wir aber _sind_ dafür wenigstens etwas, und zwar nichts
-weniger als eine Null. Ihr nun werft uns vor und beschuldigt uns: wir
-seien daran schuld, daß der Vogel sich bis jetzt noch nicht auf die Erde
-herabgelassen hat, und wir bemühten uns, ihn, den prachtvollen Vogel, in
-unsere Bureauform umzuwandeln, unserem Kanzleigeist anzupassen. Es wäre
-natürlich sehr nett von uns, wenn das wirklich der Fall wäre; denn damit
-würden wir beweisen, daß wir für das ewige, grundlegende und edelste
-Prinzip einstehen, und eine nutzlose Null in ein nützliches Etwas
-verwandeln. Doch glauben Sie mir, hierbei tragen wir nicht die geringste
-Schuld, oder doch nur eine verschwindend geringe Schuld, und glauben Sie
-mir, der herrliche Vogel ist selber im Zweifel: er weiß selbst nicht,
-was er eigentlich werden soll – das, was wir sind? oder wirklich etwas
-Selbständiges? Wie gesagt, er ist noch selber unschlüssig und hat
-vielleicht sogar ein wenig den Kopf verloren. Ich versichere Sie, er ist
-aus eigenen freien Stücken zu uns gekommen, und wir haben ihn nicht im
-geringsten zu beeinflussen gesucht. So stellt es sich heraus, daß wir
-sozusagen ein natürlicher Magnet sind, zu dem in Rußland bis heute noch
-alles hingezogen wird – und das kann noch lange, lange so fortdauern.
-Sie glauben mir noch immer nicht? Es erscheint Ihnen vielleicht
-lächerlich? Und doch bin ich bereit, um einerlei was zu wetten:
-versuchen Sie es, lösen Sie Ihrem herrlichen Vögelchen die Flügel,
-gestatten Sie ihm alle Freiheiten, befehlen Sie zum Beispiel Ihrem
-Semstwo mit aller Strenge: ‚Von jetzt ab mußt du ein selbständiger und
-nicht mehr ein bureaukratischer Vogel sein!‘ – und, glauben Sie mir, daß
-alle Vögel, wie sie da sind, ohne eine Ausnahme, sich von selbst noch
-viel mehr zu uns drängen und schließlich damit enden werden, daß sie
-sich in echte, rechte Beamte verwandeln, unseren Geist und unsere
-Gestalt annehmen, alles von uns kopieren! Sogar der Bauer wird zu uns
-kommen, denn es würde ihm doch gar zu schmeichelhaft sein, uns ähnlich
-zu werden! Nicht umsonst hat sich der Gefallen, den sie an uns Beamten
-gefunden haben, zweihundert Jahre lang entwickelt. Und Sie verlangen
-nun, daß wir, das einzig Reale und Feststehende in Rußland, uns selber
-gegen dieses Rätsel eintauschen sollen, gegen diese Scharade, gegen
-diesen Ihren schönen Vogel in den Wolken? Nein, lieber behalten wir
-unseren Sperling in der Hand. Lieber verbessern wir uns selber
-irgendwie, nun, sagen wir, indem wir etwas Neues einführen, etwas mehr,
-wie Sie es nennen, Fortschrittliches, dem Geiste der Zeit
-Entsprechenderes: wir werden, sagen wir, etwas wohltätiger werden oder
-sonst irgend etwas von der Art ... Aber gegen das Hirngespinst, den
-plötzlich erschienenen Traum, tauschen wir nicht unser einziges reales
-_Etwas_ ein; denn es ist klar, daß wir vorläufig niemanden haben, der
-uns ersetzen könnte! Wir widersetzen uns der Vernichtung sozusagen durch
-unseren mächtigen passiven Widerstand. Dieser Widerstand ist es gerade,
-der an uns wertvoll bleibt, denn nur durch ihn allein hält sich noch
-alles in unserer Zeit. Darum aber wäre der Versuch, uns von vierzig auf
-achtunddreißig zu reduzieren (von einem ‚von vierzig auf vier‘ ganz zu
-schweigen) grundschädlich, ja wäre sogar unmoralisch! Man würde Kopeken
-sparen, dafür aber das Prinzip zerstören. Vernichten Sie, verändern Sie
-jetzt noch unsere Formel, wenn Sie nur das Gewissen dazu haben: Es würde
-ein Verrat an unserem ganzen russischen Europäismus, an unserer ganzen
-Bildung sein! – wissen Sie das auch? Das wäre die Verneinung dessen, daß
-auch wir ein Reich, auch wir Europäer sind, das wäre Verrat an Peter!
-Und wissen Sie, Ihre Liberalen – übrigens die unserigen gleichfalls –,
-die in den Zeitungen so heftig für die Semstwos gegen das Beamtentum
-eintreten, widersprechen sich im Grunde genommen alle selbst. Denn diese
-Semstwos, alle diese Neuheiten ‚im volklichen Geiste‘ – das sind doch
-dieselben ‚Volksgrundsätze‘, oder die beginnende Formulierung dieser
-Grundsätze, über die jene Partei, die unseren europäisierenden Russen so
-verhaßt ist, eben die ‚russische Partei‘ zetert (vielleicht haben Sie
-schon gehört, daß man sie in Berlin so benannt hat?); das sind diese
-selben ‚Grundsätze‘, die unser russischer Liberalismus und Europäismus
-so wütend leugnet, die er verlacht und sogar nicht einmal als vorhanden
-anerkennen will! Oh, er fürchtet sie sehr: Nun, wie, wenn sie
-tatsächlich vorhanden sind und sich verwirklichen – dann ist’s doch in
-gewissem Sinne eine unangenehme Überraschung! Also sind alle Ihre
-Europäer genau genommen mit uns und wir mit ihnen ... was sie eigentlich
-schon längst hätten einsehen und sich merken sollen. Wenn Sie wollen,
-sind wir nicht nur mit ihnen, sondern sogar _wir sind sie_, denn wir
-sind ein und dasselbe: in ihnen, in ihnen selber ist unser Geist
-enthalten und sogar unsere Gestalt, gerade in diesen Ihren Westlern. Ja,
-das ist tatsächlich so! Und ich werde Ihnen noch etwas sagen: Europa, d.
-h. das russische Europa oder Europa in Rußland – das sind ja nur wir
-allein! Wir sind die Verkörperung der ganzen Formel des russischen
-Europäismus und enthalten sie restlos in uns. Wir allein sind ihre
-Ausleger. Ich begreife nicht, warum man diesen unseren Europäern nicht
-für ihren Europäismus gewisse Kennzeichen verleiht, wenn wir mit ihnen
-doch nun einmal so ohne weiteres zusammenfließen? Mit Vergnügen würden
-sie sie tragen, und damit könnte man auch noch viele anlocken. Aber bei
-uns versteht man’s nicht. Nichtsdestoweniger schimpfen sie auf uns – die
-Eigenen erkennen die Eigenen nicht! Doch, um mit Ihren Semstwos und all
-diesen Neuheiten endlich abzuschließen, sage ich Ihnen ein für allemal:
-Nein! Denn dieses ist eine lange Sache und keineswegs so kurz, wie Sie
-vielleicht annehmen. Dazu bedarf es einer eigenen vorhergehenden Kultur,
-einer eigenen, neuen, vielleicht noch einmal zweihundertjährigen
-Geschichte. Nun, sagen wir, einer hundertjährigen, oder meinetwegen auch
-fünfzigjährigen, da wir ja jetzt das Jahrhundert der Telegraphen und
-Eisenbahnen haben. Also immerhin doch eine fünfzigjährige Entwicklung:
-also geht es nicht sofort. Augenblicklich jedenfalls wird nichts anderes
-entstehen als unseresgleichen. Und so wird es noch lange bleiben.“
-
-Damit verstummte mein Bureaukrat stolz und würdevoll, und, wissen Sie,
-ich habe ihm auch nichts entgegnet, denn in seinen Worten war gerade
-solch ein „Etwas“, irgendeine traurige Wahrheit, die wirklich, wirklich
-da ist. Selbstverständlich war ich innerlich nicht mit ihm
-einverstanden. Und zudem – in _solchem_ Ton sprechen nur Leute, die sich
-überlebt haben. Aber trotzdem war in seinen Worten „etwas“ ...
-
-
- Die Judenfrage[37]
-
-
- Vorbemerkungen
-
-Oh, bitte nur nicht zu glauben, ich beabsichtigte hier wirklich, die
-„Judenfrage“ aufzuwerfen! Diese Überschrift habe ich nur zum Scherz
-hingeschrieben. Ein Problem von der Größe, wie es die Stellung der Juden
-in Rußland und andererseits die Lage Rußlands ist, das unter seinen
-Söhnen drei Millionen Juden zählt, – solch ein Problem zu lösen geht
-über meine Kraft. Wohl aber kann ich darüber eine eigene Meinung haben,
-und zudem hat sich jetzt herausgestellt, daß viele Juden sich plötzlich
-für diese Meinung interessieren. Seit einiger Zeit schreiben sie mir
-Briefe, in denen sie mir ernst, bitter und betrübt vorwerfen, ich fiele
-über sie her, ich haßte den Juden, und zwar nicht wegen seiner „Mängel“,
-„nicht als Ausbeuter“, sondern gerade als „Juden“, als Volk, also etwa
-in dem Sinne von: „Judas hat Christus verkauft“. Das schreiben mir
-„gebildete“ Juden, d. h. solche, die sich immer bemühen, einem zu
-verstehen zu geben, daß sie bei ihrer Bildung schon längst nicht mehr
-die „Vorurteile“ ihrer Nation teilen, noch deren religiöse Gebräuche
-erfüllen, wie die anderen, einfachen Juden, denn sie hielten dies für
-unvereinbar mit ihrer Bildung; und auch an Gott glaubten sie nicht mehr,
-schreiben sie. Dazu will ich vorläufig nur bemerken, daß es von diesen
-„höheren Israeliten“, die doch sonst so für ihre Nation einstehen,
-einfach Sünde ist, ihren bereits vierzig Jahrhunderte lebenden Jehova zu
-vergessen und zu verleugnen. Es ist nicht nur aus dem Gefühl der
-Nationalität heraus Sünde, sondern auch noch aus anderen, tieferen
-Gründen. Ist es nicht sonderbar, daß man sich einen Juden ohne Gott gar
-nicht denken kann? Doch dieses Thema gehört schon zu den ganz großen,
-daher müssen wir von ihm hier vorläufig absehen. Am meisten wundert mich
-eines: wie und woher kommt es, daß man mich für einen Feind der Juden
-als Volk, als Nation, ja, für einen Judenhasser hält? Den Juden als
-Ausbeuter und für einzelne seiner Laster zu verurteilen, wird mir von
-diesen Herren selbst teilweise sogar erlaubt, aber ... aber nur in
-Worten: in Wirklichkeit kann man jedoch schwerlich einen reizbareren und
-kleinlicheren Menschen als den gebildeten Israeliten finden, einen, der
-sich leichter gekränkt fühlt als ein Jude als „Jude“. Doch wann und
-wodurch habe ich Haß auf die Juden, als Volk, bewiesen? Da ich in meinem
-Herzen nie so etwas gefühlt habe und alle Juden, mit denen ich in engere
-oder auch nur flüchtige Berührung gekommen bin, dieses wissen, so weise
-ich ein für allemal eine solche Beschuldigung, noch bevor ich auf die
-Judenfrage näher eingehe, zurück, um es später nicht immer wieder tun zu
-müssen. Beschuldigt man mich vielleicht deswegen des „Hasses“, weil ich
-statt „Israelit“ „Jude“ sage? Erstens habe ich nicht geglaubt, daß
-dieser Name kränken könnte, und zweitens habe ich mich seiner, soweit
-ich mich erinnere, immer nur zur Bezeichnung einer bestimmten Idee
-bedient: „Judentum, verjudet, jüdisch“ u. dgl. m. Es hat sich dabei
-stets um einen gewissen Begriff, eine besondere Richtung, um die
-Charakteristik irgendeiner Epoche gehandelt. Man könnte wohl über diese
-Bezeichnung streiten und mit ihr nicht übereinstimmen, aber man kann
-doch nicht das Wort als beabsichtigte Kränkung auffassen.
-
-Ich erlaube mir, einen Auszug aus dem sehr schönen Schreiben eines
-äußerst gebildeten Israeliten anzuführen, das mich ungemein interessiert
-hat: es enthält eine der charakteristischsten Anschuldigungen, die gegen
-mich wegen meines „Hasses auf die Juden als Volk“ erhoben worden sind.
-
- ... nur Eines kann ich mir entschieden nicht erklären: das ist Ihr
- Haß auf den „Juden“, der fast in jedem Heft Ihres „Tagebuches“
- durchbricht.
-
- Ich möchte gerne wissen, warum Sie sich nur gegen den Juden
- auflehnen und nicht gegen den Ausbeuter im allgemeinen? Ich
- verabscheue nicht weniger als Sie die Vorurteile meiner Nation – ich
- habe nicht wenig unter ihnen gelitten –, doch niemals werde ich
- zugeben, daß schon im Blute dieser Nation das gewissenlose Aussaugen
- der anderen liege.
-
- Sollten _Sie_ denn wirklich nicht das Grundgesetz jedes sozialen
- Lebens verstehen können: daß ohne Ausnahme _alle_ Bürger eines
- Staates, wenn sie nur alle Pflichten ihm gegenüber erfüllen, auch an
- _allen_ Rechten und an allen Vorteilen, die dieser Staat gewährt,
- Anteil haben müssen, und daß für die Übertreter des Gesetzes, für
- die schädlichen Mitglieder der Gesellschaft ein und dasselbe Gesetz
- gelten muß? ... Warum müssen alle Israeliten in den Rechten
- beschränkt werden, und warum werden sie nach besonderen
- Strafgesetzen verurteilt? Wodurch ist die Ausbeutung durch die
- Ausländer – die Juden sind doch immerhin russische Untertanen –:
- durch die Deutschen, Engländer, Griechen, deren es in Rußland so
- unzählige gibt, wodurch ist die besser als die jüdische Ausbeutung?
- Wodurch sind die russischen rechtgläubigen Aufkäufer, Blutsauger,
- Schmarotzer, Branntweinverkäufer, die betrügerischen Prozeßführer
- für die Bauern, wie wir sie jetzt überall in Rußland finden können,
- besser als dasselbe Handwerk betreibende Juden, die doch immer nur
- ein begrenztes Feld der Tätigkeit haben? Warum ist dieser schlechter
- als jener?
-
-Es folgt ein Vergleich zwischen bekannten berüchtigten Juden mit ähnlich
-berüchtigten Russen, natürlich solchen, die ersteren in nichts
-nachstehen. Was beweist das aber? Wir sind doch nicht stolz auf sie,
-heben sie doch nicht als nachahmenswerte Beispiele hervor; im Gegenteil,
-wir wissen ja alle, daß diese, wie jene, nicht ehrenwert sind.
-
- ... Solche Fragen könnte ich Ihnen zu Tausenden stellen.
- Währenddessen verstehen Sie, wenn Sie vom „Juden“ sprechen, unter
- diesem Begriff die ganze bettelarme Masse der drei Millionen
- Israeliten Rußlands, von denen wenigstens zwei Millionen
- neunhunderttausend einen verzweifelten Kampf um ihre elende Existenz
- führen und doch sittlicher sind, ja, nicht nur sittlicher als die
- anderen Völker, sondern auch sittlicher als das von Ihnen
- vergötterte russische Volk. Ferner verstehen Sie unter diesem Namen
- die ansehnliche Zahl derjenigen Israeliten, die eine höhere Bildung
- genossen haben, die sich auf allen Gebieten des Staatswesens
- auszeichnen, wie z. B. ...
-
-Hier folgen abermals mehrere Namen, die zu veröffentlichen ich nicht das
-Recht zu haben glaube; denn mehreren von ihnen, außer Goldstein, könnte
-es vielleicht unangenehm sein, zu erfahren, daß sie israelitischer
-Herkunft sind. Dann fährt er fort:
-
- ... und Goldstein, der in Serbien für die slawische Idee den
- Heldentod gefunden hat, und alle die anderen, die fürs Wohl der
- Gesellschaft und der Menschheit arbeiten? Ihr Haß auf den „Juden“
- erstreckt sich sogar auf Disraeli, der wahrscheinlich selbst nicht
- einmal weiß, daß er von spanischen Israeliten abstammt, und der die
- englische konservative Politik selbstverständlich nicht vom
- Standpunkt des „Juden“ leitet ... (?)
-
- Bedauerlicherweise kennen Sie nicht unser _Volk_, weder sein Leben,
- noch seinen Geist, noch endlich seine vierzig Jahrhunderte alte
- Geschichte. Bedauerlicherweise, sage ich, weil Sie jedenfalls ein
- aufrichtiger, unbedingt ehrlicher Mensch sind, doch unbewußt der
- riesigen Masse eines bettelarmen Volkes Schaden zufügen. Die
- mächtigen „Juden“ jedoch, die die Mächtigen dieser Welt in ihren
- Salons empfangen, fürchten natürlich weder die Presse noch selbst
- die ohnmächtige Wut der Ausgebeuteten. Doch nun genug über dieses
- Thema! Schwerlich werde ich Sie überzeugen können – wohl aber
- wünschte ich sehr, daß Sie mich überzeugten ...
-
-Dieser Auszug dürfte genügen. Bevor ich jedoch etwas zu meiner
-Verteidigung sage – denn solche Anschuldigungen kann ich nicht ruhig
-hinnehmen – möchte ich noch auf die Wut des Angriffes und den Grad der
-Empfindlichkeit hinweisen. Erstens, so lange wie mein „Tagebuch“
-erscheint, hat in ihm noch kein einziger Satz gegen den „Juden“
-gestanden, der einen so erbitterten Angriff rechtfertigen könnte.
-Zweitens fällt es einem unwillkürlich auf, daß der verehrte Schreiber,
-wenn er auf das russische Volk zu sprechen kommt, sich in seinen
-Gefühlen nicht bezwingen kann und das arme russische Volk denn doch
-etwas zu sehr von oben herab behandelt. Jedenfalls zeigt dieser Ingrimm
-nur zu deutlich, mit welchen Augen die Juden selbst auf uns Russen
-sehen. Der Schreiber dieses Briefes ist gewiß ein gebildeter und
-begabter Mensch – nur glaube ich nicht, daß er auch ohne Vorurteile sei
-–; was für Gefühle aber soll man nun noch von den zahllosen ungebildeten
-Juden erwarten? Ich sage das nicht etwa als Beschuldigung: diese Gefühle
-sind ja ganz natürlich. Ich will nur darauf hinweisen, daß an unserer
-Unverschmelzbarkeit vielleicht nicht nur wir Russen die Schuld tragen,
-sondern, daß es auf beiden Seiten Gründe gibt, die eine Vereinigung
-ausschließen, – und noch fragt es sich, auf welcher Seite es solcher
-Gründe _mehr_ gibt?
-
-Doch jetzt will ich einige Worte zu meiner Rechtfertigung sagen und
-überhaupt klarlegen, wie ich mich zu diesem Problem stelle; natürlich –
-es zu lösen, steht nicht in meiner Kraft, doch irgend etwas ausdrücken
-werde auch ich vielleicht können.
-
-
- _Pro_ und _contra_
-
-Es mag vielleicht sehr schwer sein, hinter die vierzig Jahrhunderte alte
-Geschichte eines Volkes, wie das der Juden, zu kommen – ich weiß es
-nicht. Eines aber weiß ich bestimmt, nämlich, daß es in der ganzen Welt
-kein zweites Volk gibt, das so über sein Schicksal klagt, so
-ununterbrochen, bei jedem Schritt und jedem Wort, über seine
-Erniedrigung, über sein Leiden, über sein Märtyrertum jammert, wie die
-Juden. Man könnte ja wirklich denken, daß nicht sie in Europa herrschen.
-Wenn sie es auch meinetwegen nur auf der Börse tun, so heißt das doch,
-die Politik, die inneren Angelegenheiten, die Moral der Staaten
-regieren. Mag auch der edle Goldstein für die slawische Idee gestorben
-sein, – aber diese selbe „slawische“ Frage würde doch schon längst
-zugunsten der Slawen und nicht zugunsten der Türken entschieden sein,
-wenn die jüdische Idee in der Welt nicht so stark wäre. Ich bin bereit,
-zu glauben, daß Lord Beaconsfield vielleicht selbst seine Herkunft von
-einstmals spanischen Juden vergessen hat (oh, er wird sie bestimmt nicht
-vergessen haben!); daß er aber im letzten Jahre die englische
-„konservative“ Politik teilweise vom Standpunkt des Juden aus geleitet
-hat, daran, glaube ich, kann man nicht mehr zweifeln.
-
-Doch nehmen wir an, daß alles bisher von mir über die Juden Gesagte noch
-kein schwerwiegender Einwand ist – ich gebe es selbst zu. Trotzdem aber
-kann ich dem Geschrei der Juden, daß sie so furchtbar erniedrigt und
-gequält und verprügelt wären, doch nicht ganz widerspruchslos glauben.
-Meiner Ansicht nach trägt der russische Bauer oder überhaupt das
-niedrigere russische Volk noch viel größere Lasten, als die Juden sie zu
-tragen haben. Im zweiten Brief schreibt mir derselbe Herr, aus dessen
-erstem Schreiben ich vorhin schon einiges angeführt habe:
-
- ... Vor allen Dingen ist es _unbedingt notwendig_, uns Israeliten
- alle Bürgerrechte zu gewähren (bedenken Sie doch bloß, daß uns jetzt
- noch das allererste Recht verwehrt ist: die freie Wahl des
- Aufenthaltsortes, woraus sich eine Menge furchtbarer Konsequenzen
- für die große Masse der Israeliten ergeben), Bürgerrechte, wie sie
- alle anderen fremden Völkerschaften in Rußland genießen, und dann
- erst von uns die Erfüllung aller Pflichten dem Staate wie dem
- russischen Volke gegenüber zu verlangen ...
-
-Doch nun bitte auch ich Sie, mein Herr, bloß zu bedenken, da Sie auf der
-zweiten Seite dieses Briefes selbst schreiben, daß Sie „das schwer
-arbeitende russische Volk unvergleichlich mehr lieben und bedauern als
-das israelitische“ (was für einen Israeliten wohl etwas zuviel gesagt
-ist), bedenken auch Sie doch, bitte, daß zur Zeit, da der Israelit
-lediglich nicht das Recht hatte, sich seinen Aufenthaltsort frei zu
-wählen, dreiundzwanzig Millionen des „schwer arbeitenden russischen
-Volkes“ in der Leibeigenschaft zu leben und zu leiden hatten, was, wie
-ich glaube, etwas schwerer war. Und wurden sie damals von den Israeliten
-etwa bedauert? Ich glaube nicht: im Westen und Süden Rußlands wird man
-Ihnen ausführlichst darauf Antwort geben. Auch damals schrien die Juden
-ganz ebenso nach Rechten, die das russische Volk nicht einmal selbst
-hatte, schrien und klagten, daß sie Märtyrer seien, und daß man erst
-dann, wenn sie größere Rechte bekommen haben würden, von ihnen auch „die
-Erfüllung aller Pflichten dem Staate wie dem russischen Volke gegenüber
-verlangen“ könnte. Da kam nun der Befreier und befreite den russischen
-Bauern, und – wer war der erste, der sich auf ihn wie auf sein Opfer
-stürzte? – wer benutzte so vorzugsweise seine Schwächen und Fehler zu
-eigenem Vorteil? – wer umspann ihn sofort mit seinem ewigen goldenen
-Netz? – wer ersetzte im Augenblick, wo er nur konnte, die früheren
-Herren, – nur mit dem Unterschied, daß die Gutsbesitzer, wenn sie die
-Bauern auch stark ausbeuteten, doch darauf bedacht waren, ihre
-Leibeigenen nicht, wie es der Jude tut, zugrunde zu richten, meinetwegen
-aus Eigennutz, um ihre Arbeitskraft nicht zu erschöpfen! Was aber liegt
-dem Juden an der Erschöpfung der russischen Kraft? Hat er das Seine, so
-zieht er weiter. Ich weiß schon, die Juden werden, wenn sie dies lesen,
-sofort losschreien, daß es nicht wahr, daß es eine Verleumdung sei, daß
-ich löge, daß ich all diesen Klatschereien nur glaubte, weil ich ihre
-„vierzig Jahrhunderte alte Geschichte“ nicht kenne, die Geschichte
-dieser reinen Engel, die unvergleichlich „sittlicher sind, nicht nur als
-die anderen Völker, sondern auch sittlicher als das von mir vergötterte
-russische Volk“ – Zitat aus dem mir gesandten Briefe, siehe oben. Nun
-schön, mögen sie hundertmal sittlicher sein als alle Völker der Erde,
-vom russischen schon gar nicht zu reden, so habe ich doch vor kurzem
-erst in der Märznummer des „Europäischen Boten“ die Nachricht gelesen,
-daß in Nord-Amerika (in den südlichen Staaten) die Juden sich sofort auf
-die befreiten Neger gestürzt haben und sie jetzt bereits ganz anders
-beherrschen, als es die Plantagenbesitzer taten. Natürlich tun sie es
-wieder auf ihre bekannte Art und Weise mit dem ewigen „goldenen Netz“, –
-wobei sie sich wieder so trefflich der Unwissenheit und Laster des
-auszubeutenden Volkes zu bedienen verstehen! Als ich das las, fiel mir
-sogleich ein, daß ich diese Nachricht schon vor fünf Jahren erwartet
-hatte: „Jetzt sind die Neger wohl von den Plantagenbesitzern befreit,
-wie aber sollen sie in Zukunft unversehrt bleiben, denn dieses junge
-Opferlamm werden doch die Juden, deren es ja so viele in der Welt gibt,
-ganz zweifellos überfallen.“ Das dachte ich vor fünf Jahren, und ich
-versichere Sie, ich habe mich nachher noch des öfteren gefragt: „Wie
-kommt es nur, daß man aus Amerika nichts von den Juden hört, daß die
-Zeitungen von den Negern nichts zu berichten haben? Diese Sklaven sind
-doch ein wahrer Schatz für die Juden, sollten sie ihn wirklich ungehoben
-lassen?“ Nun, er ist ihnen also glücklich nicht entgangen. Und vor zehn
-Tagen las ich in der „Neuen Zeit“ einen Bericht aus Kowno, der auch
-ungemein charakteristisch ist: „Die Juden,“ heißt es, „haben dort fast
-die ganze litauische Bevölkerung durch den Branntwein zugrunde
-gerichtet, und nur den katholischen Priestern ist es noch gelungen, die
-Armen durch Hinweisung auf die Höllenqualen und durch Bildung von
-Mäßigkeitsvereinen vor größerem Unglück zu bewahren.“ Der gebildete
-Berichterstatter errötet zwar für sein Volk, das noch Priestern und an
-Höllenqualen glaubt, und so fügt er denn hinzu, daß gleich nach den
-Priestern sich auch die Reicheren zusammengetan haben, um Landbanken zu
-gründen – um das Volk vom jüdischen Wucherer zu befreien –, und
-Landmärkte, damit der „arme, schwerarbeitende Bauer“ die notwendigsten
-Gegenstände zu angemessenem Preise kaufen könne, und nicht zu dem, den
-der Jude bestimmt. Ich zitiere nur, was ich gelesen habe; doch weiß ich
-schon im voraus, was man mir sofort zuschreien wird: „Alles das beweist
-noch nichts und kommt nur daher, daß die Israeliten selbst arm und
-unterdrückt sind; alles das ist bloß ‚Kampf ums Dasein‘ – was nur ein
-beschränkter Zeitungsleser nicht einsehen kann – und die Israeliten
-würden sich, wenn sie nicht selbst so arm, sondern im Gegenteil reich
-wären, sofort von der humanen Seite zeigen, und zwar in solchem Maße,
-daß die ganze Welt darüber in Erstaunen geriete.“ Aber, erstens, diese
-Neger und Litauer sind doch noch ärmer als die Juden, von denen ihnen
-das Letzte herausgepreßt wird, und doch verabscheuen sie – bitte, die
-Zeitungskorrespondenz zu lesen – diese Art Handel, auf die der Jude so
-erpicht ist. Zweitens ist es nicht schwer, human und moralisch zu sein,
-wenn man selbst satt ist und im Warmen sitzt; zeigt sich aber ein wenig
-„Kampf ums Dasein“, so „komm dem Juden nicht zu nah“! Meiner Meinung
-nach ist das gerade kein Zug, der „wahren Engeln“ zusteht. Und drittens,
-ich stelle ja diese beiden Nachrichten aus dem „Europäischen Boten“ und
-der „Neuen Zeit“ keineswegs als kapitale und alles entscheidende
-Tatsachen hin. Wollte man anfangen die Geschichte dieses Weltvolkes zu
-schreiben, so könnte man sofort hunderttausend solcher und noch
-wichtigerer Tatsachen finden, so daß zwei mehr oder weniger nichts zu
-bedeuten hätten. Doch bei alledem ist eines auffallend: braucht jemand,
-sei es im Streit oder sonst aus irgendeinem Grunde, eine Auskunft über
-die Juden und ihre Taten, so gehe er nicht in die Bibliotheken, suche er
-nicht in alten Büchern oder eigenen Notizen; nein, er strecke nur, ohne
-sich vom Stuhl zu erheben, die Hand nach irgendeiner ersten besten
-Zeitung, die neben ihm liegt, aus, und dann suche er auf der zweiten
-oder dritten Seite: unbedingt wird er etwas finden, das von Juden
-handelt, unbedingt gerade das, was ihn interessiert, unbedingt das
-Allercharakteristischste und unbedingt immer dasselbe – d. h. immer die
-gleichen Heldentaten! Man wird mir wohl zugeben: das hat doch irgend
-etwas zu bedeuten, das weist doch auf etwas Bestimmtes hin, eröffnet
-einem doch ein gewisses Etwas über dieses Volk, selbst wenn man ein
-vollkommener Laie in der vierzig Jahrhunderte alten Geschichte dieses
-Volkes ist!? Selbstverständlich wird man mir hierauf antworten, daß alle
-vom Haß verblendet seien und infolgedessen lögen. Natürlich ist es sehr
-leicht möglich, daß alle, bis auf den Letzten, lügen, doch erhebt sich
-dann sofort eine andere Frage: wenn alle bis auf den Letzten von so
-einem Haß beseelt sind, daß sie sogar lügen, so muß doch dieser Haß auch
-einen Grund, eine Ursache haben, und irgend etwas muß doch dieser
-allgemeine Haß bedeuten – „irgend etwas bedeutet doch das Wort
-‚_Alle_‘!“, wie einstmals Belinski ausrief.
-
-„Freie Wahl des Aufenthaltsortes!“ Können sich denn die unbemittelten
-Russen so vollkommen frei ihren Aufenthaltsort wählen? Leidet denn der
-russische Bauer nicht heute noch unter den früheren, aus der Zeit der
-Leibeigenschaft gebliebenen unerwünschten Freiheitsbeschränkungen in der
-Wahl seines Aufenthaltsortes, so daß selbst die Regierung dem schon
-längst ihre Aufmerksamkeit zugewendet hat? Und was die Juden betrifft,
-so kann sich ein jeder davon überzeugen, daß ihre Rechte in dieser
-Beziehung im Laufe der letzten zwanzig Jahre bedeutend vergrößert worden
-sind. Wenigstens sieht man sie jetzt in Rußland in Gouvernements, wo man
-sie früher nie gesehen hat. Aber die Juden klagen ja immer über Haß und
-Verfolgungen. Wenn ich auch die jüdische Lebensweise nicht kenne, eines
-jedoch weiß ich bestimmt und werde es daher allen gegenüber bezeugen:
-daß in unserem einfachen Russen ein apriorischer, stumpfer, religiöser
-Haß, in dem Sinne wie: „Judas hat Christus verkauft“, nicht vorhanden
-ist. Hört man dies auch einmal vielleicht von Kindern oder Betrunkenen,
-so sieht doch unser ganzes Volk, ich wiederhole es, ohne jeglichen
-voreingenommenen Haß auf die Juden. Davon habe ich mich fünfzig Jahre
-lang selbst überzeugen können. Ich habe mit dem Volk in ein und
-denselben Kasernen gelebt, auf denselben Pritschen geschlafen. Es waren
-dort auch einige Juden: niemand hat sie verachtet, niemand sie
-ausgestoßen oder verfolgt. Wenn sie beteten – und die Juden beten mit
-großem Geschrei und ziehen sich dazu besondere Kleider an – so hat
-niemand das sonderbar gefunden, noch sie gestört oder über sie gelacht,
-was man doch gerade von einem, nach unserer Meinung so „ungebildeten“
-Volke, wie das russische, erwarten könnte. Im Gegenteil, sie sagten,
-wenn sie die Juden beten sahen: „Sie beten so, weil sie so einen Glauben
-haben,“ und ruhig, ja fast billigend, gingen sie an ihnen vorüber. Und
-diese selben Juden taten diesen selben Russen gegenüber fremd, wollten
-nicht mit ihnen zusammen essen und sahen auf sie fast von oben herab;
-und das an welch einem Ort? – im sibirischen Gefängnis! – Überhaupt
-zeigten sie überall Widerwillen und Ekel vor dem russischen, dem
-„eingeborenen“ Volke. Dasselbe geschieht auch in den Soldatenkasernen
-und überall in ganz Rußland. Man erkundige sich doch, ob der Jude in der
-Kaserne als „Jude“, seines Glaubens, seiner Sitten wegen beleidigt wird?
-Ich kann versichern: in den Kasernen wie überhaupt im Leben sieht und
-begreift der einfache Russe nur zu gut, daß der Jude mit ihm nicht essen
-will, daß er ihn verabscheut und ihn meidet, soviel er nur kann (das
-geben ja die Juden sogar selbst zu). Nun, und? – Anstatt sich durch
-solches Benehmen gekränkt zu fühlen, sagt der einfache Russe ruhig und
-vernünftig: „Das tut er, weil er solch einen Glauben hat,“ – d. h. nicht
-etwa weil er böse ist. Und nachdem er diesen tieferen Grund eingesehen,
-entschuldigt er ihn von ganzem Herzen. Nun habe ich mich aber zuweilen
-gefragt: was würde wohl geschehen, wenn in Rußland 3 Millionen Russen
-und, umgekehrt, 80 Millionen Juden wären, was würden dann die Letzteren
-aus den Russen machen, wie würden sie dann diese behandeln? Würden sie
-ihnen auch nur annähernd die gleichen Rechte geben? Würden sie ihnen
-erlauben, so zu beten, wie sie wollen? Würden sie sie nicht einfach zu
-Sklaven machen? Oder, noch schlimmer: würden sie ihnen dann nicht das
-Fell mitsamt der Haut abziehen? Würden sie sie nicht vollständig
-ausrotten, nicht ebenso vernichten, wie sie es früher in ihrer alten
-Geschichte mit anderen Völkerschaften getan? Nein, ich versichere Sie,
-im russischen Volk ist kein vorurteilsvoller Haß auf den Juden. Es ist
-aber vielleicht eine Antipathie gegen ihn vorhanden, besonders in
-gewissen Gegenden, und dort ist sie vielleicht sogar sehr stark. Ohne
-sie scheint es nun einmal nicht zu gehen, doch beruht diese Abneigung
-durchaus nicht auf irgendeinem Rassen- oder Religionshaß, sondern auf
-gewissen Tatsachen, an denen aber nicht das russische Volk schuld ist,
-sondern der Jude selbst.
-
-
- _Status in statu._
-
- Vierzig Jahrhunderte geschichtliches Dasein
-
-Die Juden beschuldigen uns des Hasses gegen sie und dazu noch eines
-Hasses aus Vorurteilen. Da also von Vorurteilen die Rede ist, will ich
-zuerst fragen: hat der Jude gegen den Russen etwa weniger Vorurteile als
-der Russe gegen den Juden? – oder sollte er ihrer nicht doch noch mehr
-haben? Ich habe Briefe von Juden erhalten, und zwar nicht von einfachen,
-sondern von gebildeten Juden – und wieviel Haß gegen die „autochthone
-Bevölkerung“ ist doch in diesen Briefen! Das auffallendste aber – sie
-bemerken es selbst nicht einmal, daß sie gehässig schreiben.
-
-Ein Volk, das vierzig Jahrhunderte auf der Erde existiert, also fast
-seit dem Anfang der historischen Zeitordnung, und noch dazu in einem so
-festen und unzerstörbaren Zusammenhang, ein Volk, das so oft sein Land,
-seine politische Unabhängigkeit, seine Gesetze, wenn nicht gar seinen
-Glauben verloren hat, – und sich noch jedesmal wieder vereinigen, sich
-in der _früheren Idee_ wiedergebären, sich Gesetze und fast auch den
-Glauben von neuem hat schaffen können, – nein, ein so zähes Volk, ein so
-ungewöhnlich starkes, energisches, solch ein in der ganzen Welt
-beispielloses Volk hat nicht ohne _status in statu_ leben können. Und
-diesen _status_ hat es überall und während der schrecklichsten
-tausendjährigen Verfolgungen aufrechterhalten. Doch ich will hier
-keineswegs, indem ich vom _status in statu_ rede, eine Anklage gegen die
-Juden erheben. Ich frage nur: worin besteht denn dieser _status in
-statu_, worin seine ewige, unveränderliche Idee, und worin das Wesen
-dieser Idee? Allerdings lassen sich Fragen von solcher Größe nicht in
-einem kurzen Artikel genügend auseinandersetzen, abgesehen davon, daß
-dies auch aus einem anderen Grunde ganz unmöglich wäre: noch ist die
-_Zeit_ für das endgültige Urteil über dieses Volk nicht gekommen, trotz
-der verflossenen vierzig Jahrhunderte; noch steht das letzte Wort aus,
-das die Menschheit über dieses mächtige Volk zu sagen hat. Aber auch
-ohne in das Wesen der Sache einzudringen, kann man doch wenigstens
-einige, wenn auch nur äußerliche Kennzeichen dieses _status in statu_
-angeben. Diese Kennzeichen sind: die bis zum religiösen Dogma erhobene
-Absonderung und Abgeschlossenheit von allem, was nicht Judentum ist, und
-die Unverschmelzbarkeit mit anderen Völkern, der Glaube, daß es in der
-ganzen Welt nur ein einziges persönliches Volk gibt – die Juden –, und
-die Überzeugung, die anderen Völker, wenn sie auch vorhanden sind, doch
-so behandeln zu müssen, als ob sie nicht vorhanden wären. „Scheide dich
-aus von den Völkern und bilde deine Besonderheit und wisse, daß du von
-nun ab _allein bei Gott_ bist. Die anderen vernichte oder mache sie zu
-deinen Sklaven oder beute sie aus. Glaube an deinen Sieg über die ganze
-Welt, glaube, daß alles dir untertan sein wird. Alle anderen Völker
-sollst du verabscheuen und mit keinem von ihnen Umgang pflegen. Und
-selbst wenn du dein Land und deine politische Persönlichkeit verlierst,
-selbst wenn du über die ganze Erde hin unter alle Völker verstreut sein
-wirst – gleichviel: glaube an all das, was dir verheißen ist, ein für
-allemal, glaube, daß es also geschehen werde, – inzwischen aber lebe,
-verachte, beute aus und – erwarte, erwarte, erwarte ...“ Das ist die
-Quintessenz dieses _status in statu_. Außerdem gibt es natürlich noch
-innere und geheime Gesetze, die diese Idee lebendig erhalten.
-
-Sie sagen, meine gebildeten Herren Israeliten und Gegner, daß dieses
-nichts als Unsinn sei, und: „... Wenn es auch einen _status in statu_
-gibt, – das heißt, selbstverständlich: früher einmal einen gegeben hat,
-von dem jetzt vielleicht noch schwache Spuren vorhanden sein mögen, – so
-haben einzig die Verfolgungen aller Zeiten und besonders des
-Mittelalters zu ihm geführt; folglich ist dieser _status in statu_
-ausschließlich aus dem Trieb der Selbsterhaltung entstanden; setzt er
-sich auch heute noch fort, besonders in Rußland, so geschieht das nur,
-weil der Israelit hier noch nicht dieselben Rechte genießt wie der
-Russe.“ Ich aber glaube, daß er, selbst wenn er die gleichen Rechte
-hätte, doch auf keinen Fall seinem _status in statu_ entsagen würde. Den
-_status in statu_ nur den Verfolgungen und dem Selbsterhaltungstrieb
-zuzuschreiben, geht meiner Meinung nach nicht an. Die Widerstandskraft
-zur Selbsterhaltung würde dann doch nie und nimmer für ganze vierzig
-Jahrhunderte ausgereicht haben. Selbst die größten und stärksten
-Kulturen haben sich nicht einmal durch die Hälfte von vierzig
-Jahrhunderten erhalten können und haben ihre politische Kraft und
-selbständiges Volkstum in noch kürzerer Zeit eingebüßt. Hier ist nicht
-die Selbsterhaltung die erste Ursache, sondern eine Idee, die mit sich
-fortreißt, die leitet und erhält; hier handelt es sich um etwas
-Weltbeherrschendes und Ewiges, worüber das „letzte Wort“ zu sagen die
-Menschheit vielleicht noch gar nicht fähig ist. Daß der religiöse
-Charakter in dieser Idee das Übergewicht hat – darüber kann kein Zweifel
-bestehen. Es ist doch klar, daß der Fürsorger dieses Volkes unter dem
-Namen des früheren alten Jehova fortfährt, mit seinem Ideal und seiner
-Verheißung sein Volk zum festen Ziele zu führen. Es ist ja ganz
-unmöglich, wiederhole ich, sich einen Juden ohne Gott vorzustellen, oh,
-und ich glaube auch nicht an gebildete jüdische Atheisten: alle sind sie
-eines Wesens, und Gott weiß, was der Welt von der jüdischen Intelligenz
-noch bevorsteht! Als Kind habe ich oft von den Juden sagen hören, daß
-sie auch jetzt noch unverzagt ihren Messias erwarten, alle, wie der
-niedrigste so der höchste von ihnen, der gelehrteste Philosoph wie der
-kabbalistische Rabbiner; daß sie alle glauben, ihr Messias werde sie
-wieder in Jerusalem versammeln und alle Völker mit seinem Schwerte zu
-ihren Füßen legen; daß nur aus diesem Grunde die Juden – wenigstens in
-ihrer übergroßen Mehrzahl – bloß eine einzige Arbeit allen anderen
-vorzögen: den Handel mit Gold und mit allem, was sich schnell in Gold
-verwandeln läßt –, und daß sie dies nur deshalb täten, hieß es, um
-dereinst, wenn der Messias kommt, kein neues Vaterland zu haben, nicht
-durch Besitz an das Land Fremder gebunden zu sein, sondern ihr Hab und
-Gut in Gold und Wertsachen mit sich führen zu können –
-
- „Wenn erglänzt das Licht der Morgenröte
- Und Cinellen, Cymbeln, Pauken und Schalmeien tönen –
- Dann bringen wir nach Palästina
- In den alten Tempel unsres Gottes
- Alle Schätze, die wir haben:
- Edelsteine, Gold und Silber“ ...
-
-Ich habe das als Legende gehört, doch bin ich fest überzeugt, daß dieser
-Glaube unbedingt vorhanden ist, vielleicht nicht bewußt im einzelnen,
-wohl aber in Gestalt eines instinktiven, unbezwingbaren Triebes in der
-ganzen Masse der Juden. Damit aber ein solcher Glaube lebendig bleibe,
-ist es natürlich erforderlich, daß der _status in statu_ aufs strengste
-erhalten werde. Und so wird er denn erhalten. Folglich ist und war nicht
-nur die Verfolgung die Ursache des _status in statu_, sondern – die
-_Idee_ ...
-
-Haben aber die Juden wirklich solch ein besonderes inneres, strenges
-Gesetz, das sie zu etwas Ganzem und Besonderem zusammenbindet, so kann
-man ja noch über die Frage, ob man ihnen die volle Gleichberechtigung
-mit dem eigenen Volke geben soll, nachdenken. Selbstverständlich muß
-alles, was Menschlichkeit und Gerechtigkeit verlangen, für die Juden
-getan werden. Doch wenn sie in ihrer vollen Rüstung und Eigenart, in
-ihrer nationalen und religiösen Absonderung, im Schutze ihrer Regeln und
-Prinzipien, die den Grundsätzen, nach denen sich bis jetzt die ganze
-europäische Welt entwickelt hat, so durchaus entgegengesetzt sind, –
-wenn sie bei alledem noch die vollständige Gleichberechtigung mit der
-autochthonen Bevölkerung in _allen möglichen_ Rechten verlangen: bekämen
-sie dann nicht, wenn man sie ihnen gewähren würde, bereits mehr als das,
-was das autochthone Volk selbst hat, etwas, was sie _über_ letzteres
-stellen würde? Hierauf wird man natürlich auf die anderen Fremdvölker in
-Rußland hinweisen: „Die sind gleichberechtigt oder doch so gut wie
-gleichberechtigt, wir Israeliten aber haben von allen Fremdvölkern die
-geringsten Rechte, und das nur, weil man uns fürchtet, weil wir Juden,
-wie es heißt, schädlicher als alle anderen Fremdvölker sein sollen. Doch
-wodurch sind denn gerade wir Israeliten schädlich? Wenn unser Volk auch
-einige schlechte Eigenschaften haben mag, so hat es sie doch nur, weil
-das russische Volk selbst zur Entwicklung dieser Eigenschaften beiträgt,
-und zwar einfach durch seine eigene Unwissenheit, durch seine Unbildung,
-durch seine Unfähigkeit, selbständig zu sein, durch seine geringe
-ökonomische Begabung. Das russische Volk verlangt ja selbst nach einem
-Vermittler, einem Leiter, einem Vormund in den Geschäften, einem
-Gläubiger, ruft ihn selbst und verkauft sich ihm freiwillig! Seht doch,
-wie es in Europa ist: dort haben die Völker einen festen und
-selbständigen Willen, eine starke nationale Entwicklung und Verständnis
-für die Arbeit, an die sie von jeher gewöhnt sind – dort fürchtet man
-sich auch nicht, den Israeliten dieselben Rechte zu geben! Hört man etwa
-in Frankreich von einem Schaden, den der _status in statu_ der dortigen
-Israeliten der französischen Nation verursachte?“
-
-Allem Anschein nach ein starker Einwand; aber geht aus ihm nicht hervor,
-daß die Juden es gerade dort gut haben, wo das Volk noch unwissend ist
-oder unfrei oder wirtschaftlich wenig entwickelt, – daß es für sie also
-gerade dort vorteilhaft ist, zu leben? Anstatt nun durch ihren Einfluß
-das Niveau der Bildung zu heben, das Wissen zu verbreiten, die
-wirtschaftlichen Fähigkeiten in der eingeborenen Bevölkerung zu
-entwickeln, wie es die anderen Fremdvölker tun, haben die Juden überall,
-wo sie sich niedergelassen, das Volk noch mehr erniedrigt und verdorben,
-überall dort ist die Menschheit noch niedergebeugter, und ist das Niveau
-der Bildung noch tiefer gesunken, hat sich noch schrecklicher
-aussichtslose, unmenschliche Armut verbreitet, und mit ihr die
-Verzweiflung. Man frage doch in unseren Grenzgebieten die eingeborene
-Bevölkerung, was die Juden treibt, und was sie so viele Jahrhunderte
-hindurch getrieben hat? Man wird nur eine einzige Antwort erhalten: „Die
-_Unbarmherzigkeit_! ... Getrieben hat sie so viele Jahrhunderte bloß
-ihre Gier, sich an unserem Schweiß und Blut zu sättigen.“ Die ganze
-Tätigkeit der Juden in unseren Grenzgebieten hat bloß darin bestanden,
-daß sie die eingeborene Bevölkerung in eine rettungslose
-Abhängigkeit von sich gebracht haben, und zwar unter einer wirklich
-bewunderungswürdigen Ausnutzung der Verhältnisse. Oh, in solchen
-Angelegenheiten haben sie es immer verstanden, die Möglichkeit zu
-finden, über _Rechte_ zu verfügen. Sie haben es immer verstanden, gut
-Freund mit denen zu sein, von denen das Volk abhängt; in dieser
-Beziehung wenigstens sollten sie doch über ihre _geringen Rechte im
-Verhältnis zum russischen Volke_ nicht klagen. Sie haben ihrer bei uns
-schon übergenug –, dieser Rechte über das russische Volk! Was in den
-Jahrzehnten und Jahrhunderten aus dem russischen Volke dort geworden
-ist, wo die Juden sich niedergelassen haben – davon zeugt die Geschichte
-unserer russischen Grenzgebiete. Bitte jetzt irgendein anderes Volk von
-den Fremdvölkern Rußlands zu nennen, das sich in dieser Beziehung mit
-den Juden messen könnte? Man wird keines finden. In dieser Beziehung
-behaupten die Juden ihre ganze Originalität, im Vergleich zu den anderen
-Fremdvölkern Rußlands, und die Erklärung dieser Tatsache ist natürlich
-in diesem ihrem _status in statu_ zu suchen, dessen Wesen gerade diese
-Unbarmherzigkeit allem gegenüber, was nicht Jude ist, gerade diese
-Verachtung jedes Volkes und jeder Rasse und jedes menschlichen Wesens,
-das nicht Jude ist, ausmacht. Und was ist denn das für eine
-Rechtfertigung, daß im Westen Europas die Völker sich nicht haben
-besiegen lassen, und daß somit das russische Volk selbst die Schuld
-daran trägt, wenn der Jude es knechtet? Weil das russische Volk in den
-Grenzgebieten sich schwächer als die europäischen Völker erwiesen hat –
-infolge seiner schrecklichen, viele Jahrhunderte langen politischen
-Darniederlage –, nur deswegen soll man es also endgültig durch
-Ausbeutung erwürgen, anstatt ihm zu helfen?
-
-Und im übrigen – da sie auf Europa, auf Frankreich z. B., hinweisen:
-auch dort ist dieser _status in statu_ wohl kaum so unschädlich gewesen,
-wie es anfänglich scheinen mag. Das Christentum und seine Idee sinken
-dort natürlich nicht durch die Schuld der Juden, sondern durch jener
-Völker eigene Schuld, doch nichtsdestoweniger kann man auch in Europa
-auf einen großen Sieg des Judentums, das viele früheren Ideen schon
-durch seine Idee verdrängt hat, hinweisen. Oh, selbstverständlich hat
-der Mensch zu allen Zeiten den Materialismus vergöttert und ist immer
-geneigt gewesen, die Freiheit bloß in der Sicherstellung seiner selbst
-durch „aus allen Kräften angesammeltes und mit allen Mitteln erhaltenes
-Geld“ zu sehen und zu verstehen. Doch noch niemals sind diese
-Bestrebungen so offen und so dogmatisch zum höchsten Prinzip erhoben
-worden, wie in unserem neunzehnten Jahrhundert. „Jeder für sich und nur
-für sich und alle Gemeinschaft zwischen den Menschen einzig für mich“ –
-das ist das moralische Prinzip der Mehrzahl der heutigen Menschen[38]
-und nicht einmal schlechter, sondern arbeitender Menschen, die weder
-morden noch stehlen. Und die Unbarmherzigkeit zu den niedrigeren Massen,
-der Verfall der Brüderlichkeit, die Ausnutzung des Armen durch den
-Reichen – oh, natürlich ist das auch früher schon und überhaupt immer
-gewesen, aber – aber es ward doch nicht zu einer Wahrheit und
-Weltanschauung, sondern ist vom Christentum stets bekämpft worden! Jetzt
-aber wird es im Gegenteil zur Tugend erhoben! So darf man wohl annehmen,
-es sei nicht einflußlos geblieben, daß an den Börsen dort allenthalben
-Juden herrschen, daß nicht umsonst _sie_ die Kapitale lenken, nicht
-umsonst _sie_ die Kreditgeber, und nicht umsonst, ich wiederhole es,
-_sie_ die Beherrscher der ganzen internationalen Politik sind!
-
-Und das Ergebnis: ihr Reich nähert sich, ihr volles Reich! Es beginnt
-der Triumph der Ideen, vor denen die Gefühle der Menschenliebe, der
-Wahrheitsdurst, die christlichen und die nationalen Gefühle, und sogar
-der Rassen_stolz_ der europäischen Völker sich beugen. Der Materialismus
-triumphiert, die blinde, gefräßige Begierde nach _persönlicher_
-materieller Versorgung, die Gier nach persönlichem Zusammenscharren des
-Geldes, und – der Zweck heiligt das Mittel –: all das wird als höchstes
-Ziel anerkannt, als das Vernünftige, als Freiheit, an Stelle der
-christlichen Idee der Rettung einzig durch engste ethische und
-brüderliche Vereinigung der Menschen. Man wird hierauf vielleicht
-lachend erwidern, daß das keineswegs durch die Juden so gekommen sei.
-Natürlich nicht durch die Juden allein; doch wenn die Juden in Europa
-gerade seit der Zeit – da diese neuen Grundsätze dort den Sieg
-davongetragen – die Oberhand gewinnen und gedeihen, sogar in dem Maße,
-daß ihre Grundsätze zum moralischen Prinzip erhoben werden, so kann man
-doch wohl sagen, daß das Judentum einen großen Einfluß gehabt hat. Meine
-Gegner weisen immer daran hin, daß die Juden im Gegenteil arm sind, und
-zwar überall, in Rußland nur noch ganz besonders; daß nur der kleine
-Wipfel dieses Volksbaumes reich ist, die Bankiers und die Könige der
-Börsen, von den übrigen aber fast neun Zehntel buchstäblich Bettler
-sind, die sich für ein Stück Brot zerreißen und Maklerdienste tun, um
-eine Kopeke zu erhaschen. Ja, das ist wahr, doch was sagt das
-schließlich? Sagt das nicht gerade, daß sogar in der Arbeit der Juden,
-daß sogar in ihrer ausbeutenden Tätigkeit selbst etwas Unrechtes,
-Unnormales, etwas Unnatürliches ist, das seine Strafe bereits in sich
-trägt? Der Jude verdient durch Vermittlergeschäfte, er – handelt mit
-fremder Arbeit. Ein Kapital ist angesammelte Arbeit; der Jude schlägt
-sein Kapital aus fremder Arbeit! Doch all das ändert bis jetzt noch
-nichts an dem Gesagten: dafür erobern die reichen Juden immer mehr die
-Herrschaft über die Menschheit und streben immer eifriger darnach, der
-Welt ihr jüdisches Antlitz aufzudrücken und ihr jüdisches Wesen zu
-verleihen. Spricht man über diese Eigenschaft der Juden, so sagen sie
-immer, auch unter ihnen gäbe es gute Menschen. Herrgott! Handelt es sich
-denn hier etwa darum? Ich spreche doch in diesem Fall nicht von _guten_
-oder _schlechten_ Menschen. Und gibt es unter den Juden nicht
-gleichfalls gute? War denn der verstorbene James Rothschild etwa ein
-schlechter Mensch? Ich spreche doch nur im allgemeinen vom _Judentum_
-und von der _jüdischen Idee_, die die ganze Welt ergreift, an Stelle des
-„mißlungenen“ Christentums.
-
-
- Doch es lebe die Brüderlichkeit!
-
-Aber – was rede ich eigentlich, und wozu? Oder bin ich vielleicht
-wirklich ein Judenhasser? Sollte es doch wahr sein, was mir eine
-zweifellos gebildete und edle junge Israelitin schreibt – bin ich
-wirklich, wie sie sagt, ein Feind dieses „unglücklichen“ Volkes, das ich
-„bei jeder Gelegenheit grausam angreife“? „Ihre Verachtung für das
-jüdische Volk, das an nichts anderes als an sich selbst denkt, wie Sie
-sagen,“ schreibt sie mir, „ist nur zu augenscheinlich“. – Nein, gegen
-diese Augenscheinlichkeit lehne ich mich auf und bestreite sie. Im
-Gegenteil, ich sage und schreibe gerade, daß „alles, was Menschlichkeit
-und Gerechtigkeit verlangen, alles, was die Gebote Christi von uns
-fordern, für die Juden getan werden muß“. Diese Worte habe ich schon
-einmal geschrieben und jetzt füge ich nur noch hinzu: ja, trotz aller
-Bedenken, die von mir ausgesprochen worden sind, bin ich doch für die
-größte Erweiterung der Rechte unserer Juden in der russischen
-Gesetzgebung und, wenn es nur durchführbar ist, auch für die vollste
-Gleichheit der Rechte mit denen der eingeborenen Bevölkerung – NB.
-obgleich sie schon jetzt vielleicht mehr Rechte haben, oder richtiger,
-mehr _Möglichkeiten, sich ihrer zu bedienen_, als das eingeborene Volk
-selbst. Hier geht mir nun wieder etwas anderes durch den Sinn: wenn
-unsere Dorfgemeinde, die unseren armen Bauern vor so viel Bösem
-bewahrt[39] aus irgendeinem Grunde ins Wanken und Zerbröckeln käme –
-wie, wenn dann diesen befreiten Bauer, der so unerfahren ist und so
-wenig der Verführung zu widerstehen weiß, und den bis jetzt gerade die
-Dorfgemeinde bevormundet hat, die Juden überfielen – was dann? Dann
-würde es ja mit ihm einfach zu Ende sein, dann hätte er im Augenblick
-alles verloren: sein ganzes Eigentum, seine ganze Kraft würde dann schon
-am nächsten Tage in die Hände der Juden übergehen – und dann käme eine
-Zeit, die man nicht nur mit der Zeit der Leibeigenschaft vergleichen
-könnte, sondern eher mit der des Tatarenjoches.
-
-Doch abgesehen von allem, was mir in den Sinn kommt und was ich
-geschrieben habe, bin ich für ihre vollständige Gleichstellung in den
-Rechten, – denn also will es das Gebot Christi. Wozu aber habe ich dann
-so viele Seiten geschrieben, was habe ich sagen wollen, wenn ich mir so
-_widerspreche_? Gerade das habe ich sagen wollen, daß ich mir nicht
-widerspreche, daß ich russischerseits kein Hindernis für die Erweiterung
-der jüdischen Rechte sehe. Nur behaupte ich, daß es solcher Hindernisse
-weit mehr auf der Seite der Juden selbst gibt; und wenn sie bis jetzt
-noch nicht gleichberechtigt sind, so trägt der Russe weniger Schuld
-daran als der Jude selbst. Denn gleichwie der einfache Jude mit Russen
-weder zusammen essen noch mit ihnen verkehren will, und diese sich
-darüber nicht nur nicht ärgern, sondern es sofort begreifen und
-verzeihen („das tut er bloß, weil er solch einen Glauben hat“), ebenso
-sehen wir auch im intelligenten, gebildeten Juden ungemein häufig
-dasselbe maßlose und hochmütige Vorurteil gegen uns Russen. Oh, man höre
-nur, wie sie schreien, daß sie die Russen liebten! Einer von ihnen
-schrieb mir sogar, es bereite ihm großen Kummer, daß das russische Volk
-„keine Religion hat und sich unter seinem Christentum nichts denkt“! Das
-ist wohl etwas zu weit gegangen für einen Juden, und es erhebt sich da
-nur die Frage: was versteht denn dieser hochgebildete Israelit selber
-vom Christentum? Dieser Eigendünkel und Hochmut ist für uns Russen eine
-der am schwersten zu ertragenden Eigenschaften des jüdischen Charakters.
-Wer ist von uns unfähiger, den anderen zu verstehen: der Jude oder der
-Russe? Ich rechtfertige eher den Russen: der Russe hat wenigstens keinen
-religiösen Haß auf den Juden – entschieden nicht! Die anderen Vorurteile
-aber – wer hat davon mehr? Da schreien nun die Juden, daß sie so viele
-Jahrhunderte lang verfolgt und unterdrückt worden seien, es sogar jetzt
-noch seien, und daß der Russe dies zum mindesten in Betracht ziehen
-müsse, wenn er den jüdischen Charakter beurteilt. Gut, wir ziehen es
-auch in Betracht, was wir sofort beweisen können: in der intelligenten
-Schicht des russischen Volkes haben sich mehr als einmal Männer erhoben,
-die für die Rechte der Juden eingetreten sind. Was aber tun die Juden?
-Ziehen sie etwa die langen Jahrhunderte der Unterdrückung und
-Verfolgung, die das russische Volk ertragen hat, in Betracht, wenn sie
-die Russen anklagen? Wäre es möglich, zu behaupten, daß unser Volk
-weniger Leid und Elend erfahren hätte als die Juden, gleichviel wann und
-wo? Und wäre es möglich, gleichfalls zu behaupten, daß es _nicht_ der
-Jude gewesen ist, der sich mehr als einmal mit den Unterdrückern des
-russischen Volkes vereinigte – daß nicht er zur Zeit der Leibeigenschaft
-den russischen Bauern aufkaufte und somit sein unmittelbarer Beherrscher
-war? Das ist doch wahr, ist doch Geschichte, unbestreitbare Tatsache!
-Doch noch nie haben wir gehört, daß das jüdische Volk darüber Reue
-empfände; es klagt immer nur den russischen Bauern an und wirft ihm vor,
-daß er den Juden wenig liebe.
-
-Einmal wird volle und geistige Einheit unter den Menschen herrschen, und
-es wird kein Unterschied in den Rechten mehr bestehen. Darum bitte ich
-meine Herren Israeliten-Gegner und -Korrespondenten vor allem, doch auch
-uns Russen gegenüber nachsichtiger und gerechter zu sein. Ist der
-Hochmut der Juden, ihr ewiger „mäkelnder Widerwille“ der russischen
-Rasse gegenüber nur ein Vorurteil, ein „historischer Auswuchs“, und
-_verbirgt sich darunter nicht irgendein viel tieferes Geheimnis ihrer
-Gesetze oder ihres Wesens_ – so wird sich all das nur um so früher
-zerstreuen, und wir werden uns einmütig in guter Brüderlichkeit
-zusammentun zu gegenseitigem Beistand und für die große Sache: unserer
-Erde, unserem Staate und unserem Vaterlande zu dienen! Die gegenseitigen
-Anklagen werden allmählich aufhören, und damit wird auch die Ausnutzung
-dieser Anklagen, die das klare Verständnis der Dinge verhindern,
-verschwinden. Für das russische Volk kann man bürgen: oh, es wird dem
-Juden die größte Freundschaft entgegenbringen, trotz des
-Glaubensunterschiedes, und doch wird es volle Achtung für die
-historische Tatsache dieses Unterschiedes bewahren. Trotzdem aber ist zu
-einer vollständigen Brüderlichkeit – _Brüderlichkeit beiderseits
-erforderlich_. Also möge doch der Jude wenigstens ein wenig brüderliche
-Gefühle zeigen, um den Russen zu ermutigen. Ich weiß, daß es unter den
-Juden auch jetzt schon viele gibt, die sich nach der Beseitigung der
-Mißverständnisse sehnen und wirklich äußerst menschenfreundlich sind –
-ich will die Wahrheit nicht verschweigen. Und eben damit diese
-nützlichen und menschenfreundlichen Leute nicht den Mut verlieren, ihre
-Vorurteile ein wenig abzuschwächen und damit den Anfang der Sache zu
-erleichtern, wünschte ich die Erweiterung der Rechte des jüdischen
-Volkes, wenigstens soweit sie möglich ist: eben soweit das jüdische Volk
-die Fähigkeit beweist, sich dieser Rechte zu bedienen, _ohne daß die
-eingeborene Bevölkerung darunter zu leiden hat_. Nur eines fragt sich
-noch: werden diese tapferen und guten Israeliten auch viel erreichen,
-und inwieweit sind sie selbst befähigt zu der neuen schönen Aufgabe der
-_wirklichen_ brüderlichen Vereinigung mit Menschen, die ihnen dem
-Glauben und dem Blute nach fremd sind?
-
-
- Die Beerdigung des Allmenschen
-
-Ich hatte eigentlich die Absicht, mich über sehr vieles in dieser
-Märznummer meines „Tagebuches“ auszusprechen; doch nun ist es wieder
-geschehen, daß ich über ein einziges Thema, über das ich nur einige
-Worte hatte sagen wollen, ganze Seiten geschrieben habe. So nehme ich
-mir, zum Beispiel, immer vor, etwas über Kunst zu sagen! Auch wollte ich
-über das neueste Bild Semiradskis sprechen – nur ein wenig –, und vor
-allen Dingen über den Idealismus und den Realismus in der Kunst, über
-Repin und Raphael; aber das werde ich noch aufschieben müssen. Und wie
-lange nehme ich mir schon vor, über die Briefe, besonders die anonymen,
-die ich so oft erhalte, zu schreiben!
-
-Nun aber will ich doch einen Brief anführen, keinen anonymen, sondern
-einen von einer mir sehr gut bekannten Dame, Fräulein L., einer jungen
-Jüdin, deren Bekanntschaft ich in Petersburg gemacht habe.
-Sonderbarerweise haben wir kein einziges Mal über die „Judenfrage“
-gesprochen, obgleich sie eine strenge und ernste Israelitin zu sein
-scheint. Wie ich sehe, hat ihr Brief eine Beziehung zu dem heute von mir
-geschriebenen Kapitel über die Juden. Es wäre vielleicht zuviel über
-dasselbe Thema, doch hier handelt es sich um etwas anderes: der Brief
-zeigt eine ganz andere Seite der Frage, vielleicht die entgegengesetzte,
-und außerdem enthält er geradezu einen Hinweis auf die Lösung des
-Problems. Ich hoffe, Fräulein L. wird mir verzeihen, wenn ich hier jenen
-Teil ihres Briefes wörtlich wiedergebe, der von der Beerdigung des
-Doktors Hindenburg in M. handelt. Unter dem frischen Eindruck dieser
-Beerdigung hat sie so aufrichtige und in ihrer Wahrheit so rührende
-Worte gefunden. Ich will nochmals hervorheben, daß dieser Brief von
-einer Jüdin geschrieben ist, daß diese Gefühle – Gefühle einer Jüdin
-sind ...
-
- „Ich schreibe Ihnen unter dem tiefen Eindruck des Trauermarsches.
- Der 84jährige Doktor Hindenburg ist heute beerdigt worden. Da er
- Protestant war, wurde er zuerst in der lutherischen Kirche
- aufgebahrt, und von dort aus erfolgte dann die Überführung auf den
- Kirchhof. Solche Trauer, so von Herzen kommende Worte, so heiße
- Tränen habe ich noch an keinem Grabe gesehen ... Er starb in der
- größten Armut, so daß man zuerst nicht wußte, wie die
- Beerdigungskosten bestritten werden sollten.
-
- 58 Jahre praktizierte er schon in M. ... Und wieviel Gutes hat er in
- dieser langen Zeit getan! Wenn Sie wüßten, Fjodor Michailowitsch,
- was das für ein Mensch war! Er war Doktor und Frauenarzt; sein Name
- wird hier ewig weiterleben, es sind schon Legenden über ihn
- entstanden. Alle Armen nannten ihn ‚Vater‘, liebten und vergötterten
- ihn; doch erst seit seinem Tode begreifen sie ganz, wen sie in ihm
- verloren haben. Als er noch in der Kirche aufgebahrt lag, gingen
- alle, aber auch alle hin, um an seinem Sarge zu weinen und seine
- Füße zu küssen; besonders die armen Jüdinnen, denen er soviel
- geholfen hat, weinten und beteten für ihn, damit er geradeswegs in
- den Himmel komme. Heute kam unsere frühere Köchin (sie ist furchtbar
- arm) zu uns und erzählte, er habe bei der Geburt ihres letzten
- Kindes, da er gesehen, daß keine Kopeke im Hause war, 30 Kopeken
- gegeben, damit man ihr eine Suppe koche; und darauf sei er jeden Tag
- gekommen und habe jedesmal 20 Kopeken hinterlassen; und als sie sich
- ein wenig erholt hatte, habe er ihr zwei Feldhühner geschickt. So
- hat er auch einmal bei einer furchtbar armen Wöchnerin (solche
- wandten sich immer an ihn) sein Hemd ausgezogen und sein Kopftuch
- abgenommen (sein Kopf war immer mit einem Tuch umwunden) und beides
- zu Windeln zerrissen. Auch erzählt man sich hier, wie er einen armen
- Juden, einen Holzfäller, und dessen ganze Familie kuriert hat. Jeden
- Tag ist er zweimal zu ihnen gekommen und nachdem er alle wieder auf
- die Füße gebracht, hat er den Mann gefragt: ‚Wie wirst du mir nun
- alles bezahlen?‘ Der soll ihm geantwortet haben, daß er nichts habe,
- außer der letzten Ziege, die er sofort verkaufen werde. Das hat er
- denn auch getan, hat sie für 4 Rubel verkauft und diese dem Doktor
- gebracht. Der Doktor hat darauf den Holzfäller nach Haus geschickt
- und seinem Hausknecht 16 Rubel gegeben, damit er eine Kuh kaufe.
- Nach einer Stunde wird dem Holzfäller eine Kuh gebracht und gesagt,
- der Doktor habe die Ziegenmilch schädlich gefunden.
-
- So hat er sein ganzes Leben lang Gutes getan. Zuweilen hat er sogar
- 30 bis 40 Rubel an Arme gegeben. Dafür ist er jetzt wie ein Heiliger
- begraben worden. Alle Juden hatten ihre Läden geschlossen und
- folgten dem Sarge. Bei unseren Beerdigungen singen gewöhnlich kleine
- Knaben Psalmen, doch ist es ihnen verboten, auch zur Beerdigung
- Andersgläubiger zu singen. Hier aber gingen während der ganzen
- Prozession unsere kleinen Knaben vor dem Sarge her und sangen ihre
- Psalmen mit lauter Stimme. In allen Synagogen wurde für seine Seele
- gebetet, und ebenso läuteten die Glocken _aller_ Gotteshäuser
- während der Prozession. Die Militärkapelle spielte Trauermärsche und
- die jüdischen Musikanten waren zum Sohn des Verstorbenen gegangen,
- um ihn um die Erlaubnis zu bitten, während der Prozession spielen zu
- dürfen, was sie sich zur Ehre anrechnen würden. Alle armen
- Israeliten haben 10 oder 5 Kopeken gebracht, um für ihn Kränze zu
- kaufen; die reichen Israeliten aber haben viel gegeben und einen
- großen prachtvollen Kranz gestiftet, aus frischen Blumen mit einer
- schwarz-weißen Schleife, auf der in goldenen Lettern seine
- Hauptverdienste standen, wie z. B. die Gründung des Krankenhauses
- und ähnliches. Ich habe nicht alles entziffern können, und kann man
- denn überhaupt seine Verdienste aufzählen?
-
- An seinem Grabe sprachen der Pastor und unser Rabbiner, und beide
- weinten. Er aber lag in seinem alten, fadenscheinigen Rock, den Kopf
- mit dem alten Tuch umwickelt, – dieser liebe Kopf! Es war, als ob er
- schliefe ...“
-
-
- Ein einzelner Fall
-
-Das ist ein einzelner Fall, wird man sagen. Nun, dann ist es wieder
-meine Schuld, wenn ich in einem einzelnen Fall den Anfang der Lösung
-eines ganzen Problems sehe ...
-
-Die Stadt M. ist eine große Gouvernementsstadt im Westen, und es gibt
-dort sehr viele Juden, Deutsche, Russen natürlich, Polen und Litauer,
-und alle diese Nationalitäten liebten den Alten, als ob er zu ihrer
-Nationalität gehört hätte. Selbst aber war er Protestant und Deutscher,
-– gerade ein Deutscher: die Art und Weise, wie er dem armen Juden die
-Kuh schenkte, ist ein echt deutscher Witz. Zuerst verblüfft er ihn: „Wie
-wirst du mir nun alles bezahlen?“ Und natürlich hat der Arme, als er
-hinging, um seine letzte Ziege zu verkaufen, um den „Wohltäter“ bezahlen
-zu können, keineswegs gemurrt, sondern nur in tiefster Seele bedauert,
-daß die Ziege im ganzen nicht mehr als 4 Rubel wert war. Was aber sind 4
-Rubel für alle von dem armen Doktor ihm und seiner Familie erwiesenen
-Wohltaten? Und wie zufrieden muß der alte Doktor bei sich gelächelt
-haben, als die Kuh zum Juden gebracht wurde. „Na, ich werde ihm mal
-unseren deutschen Witz zeigen,“ sagt er sich und ist womöglich die ganze
-Nacht, die er am Bette einer armen Wöchnerin verbringt, in froher
-Stimmung. Wenn ich Maler wäre, würde ich bestimmt ein Bild in diesem
-Genre malen, so eine Nacht in einer grauenvollen armen Hütte. Über alles
-liebe ich den Realismus in der Kunst, doch in den meisten Bildern
-unserer heutigen Realisten fehlt das „_sittliche Zentrum_“, wie sich vor
-kurzem ein großer Dichter und feiner Künstler in seiner Kritik über
-Semiradskis Bild ausgedrückt hat. Hier, in diesem von mir für ein
-Genrebild vorgeschlagenen Stoff würde, glaube ich, solch ein sittliches
-Zentrum sein. Und welch ein prachtvoller Stoff für einen Künstler!
-Erstens, die ideale, die schier unmögliche, schmutzigste Armut der
-jüdischen Hütte. Man kann sogar noch viel Humor hierbei verwenden; Humor
-ist ja doch die Spitzfindigkeit eines tiefen Gefühls – diese Bezeichnung
-gefällt mir ungemein. Mit feinem Gefühl und Verstand könnte der Künstler
-viel aus dem alten Hausgerät der armen Hütte machen. Und prachtvoll
-würde sich die Beleuchtung ausnehmen: ein brennendes Stümpfchen
-Talglicht auf einem schiefen Tisch und durch das einzige bereifte
-Fenster, durch die Eisblumen der Scheibe, das Morgengrauen des
-anbrechenden Tages. Die Frau hat erst bei Tagesanbruch geboren, und nun
-müht sich der alte Doktor um das Neugeborene. Keine Windeln, kein
-einziger Lappen im Hause (es gibt solche Armut, meine Herrschaften, ich
-versichere Sie, es ist der reinste Realismus – ein Realismus, der
-sozusagen bis ans Phantastische reicht) – und da hat denn der Greis
-schon seinen fadenscheinigen Rock ausgezogen und darauf das Hemd, das er
-nun zu Windeln zerreißt. Sein Gesicht ist ernst und nachdenklich. Der
-kleine neugeborene Judenbengel zappelt vor ihm auf dem Bett, und der
-Christ nimmt das Jüdchen auf seinen Arm und wickelt es in das Hemd, das
-er von seinen eigenen Schultern gezogen. Darin steckt die wahre Lösung
-des Judenproblems, meine Herrschaften! Der achtzigjährige nackte und von
-der Morgenkälte zitternde Körper des Doktors kann im Bilde im
-Vordergrunde stehen. Viel läßt sich natürlich aus seinem
-Gesichtsausdruck, sowie dem der jungen Mutter machen: sie sieht auf ihr
-Neugeborenes und wundert sich über das, was der Doktor mit ihm anstellt.
-„Dieser arme, kleine Jude wird groß werden und vielleicht auch einmal
-sein Hemd abziehen, um es einem Christen zu geben, wenn er sich der
-Geschichte seiner Geburt erinnert“ – denkt vielleicht in naivem und
-edlem Glauben der Alte bei sich. Wird das je geschehen? Wahrscheinlich
-nicht, aber es ist doch nicht ausgeschlossen, daß es geschieht. Das
-Beste, was wir tun können, ist – glauben, daß es geschehen könne und
-werde. Der Doktor aber hat schon ein Recht, daran zu glauben; denn in
-ihm ist es ja schon geschehen: „Habe ich es getan, so wird es auch ein
-anderer tun; bin ich denn besser als ein anderer?“ sagt er sich, um sich
-zu stärken ... Ja, dieses Bild würde, glaube ich, ein „sittliches
-Zentrum“ haben.
-
-Ein einzelner Fall! Vor zwei Jahren schrieb man aus dem Süden Rußlands –
-ich habe vergessen, aus welch einer Stadt – von einem Doktor, der am
-Morgen eines heißen Tages aus der Badeanstalt kam und gerade schnell
-nach Hause eilte, um Kaffee zu trinken, und deshalb an einem beim Baden
-Ertrunkenen keine Wiederbelebungsversuche machen wollte, trotz der Bitte
-der Volksmenge. Ich glaube, er ist deswegen verurteilt worden. Aber das
-war vielleicht ein gebildeter Mensch, ein Anhänger der neuen Ideen,
-ein Fortschrittler, der bloß „im Prinzip“ neue Gesetze und
-Gleichberechtigung verlangte, „einzelne“ Fälle jedoch nicht weiter
-beachtete. Vielleicht glaubte er sogar, die einzelnen Fälle könnten eher
-schaden, indem sie die allgemeine Entscheidung hinausschöben, und daß es
-in betreff einzelner Fälle „je schlimmer, desto besser“ sei. Jener
-„Allmensch“, wie ich den anderen Typ, jenen alten Doktor, nennen möchte,
-hat doch, wenn er auch nur ein einzelner war, über seinem Grabe die
-Bevölkerung einer ganzen Stadt vereinigt. Die russischen Weiber und die
-armen Jüdinnen haben gemeinsam seine Füße geküßt, haben sich gemeinsam
-an seinen Sarg gedrängt und zusammen geweint. Achtundfünfzig Jahre
-Dienst für die Menschheit, achtundfünfzig Jahre unermüdlicher Liebe
-haben alle wenigstens einmal um einen Sarg in gleicher Begeisterung und
-in gemeinsamer Trauer vereinigt. Die ganze Stadt begleitet ihn, die
-Glocken _aller_ Gotteshäuser läuten, und in allen Sprachen werden die
-Gebete für ihn gesungen. Der Pastor und der Rabbiner reden an dem
-offenen Grabe, jeder in seiner Sprache, jeder in seiner Art, und doch
-mit den gleichen Gefühlen. In diesem Augenblick war doch die
-„Judenfrage“ überwunden! Der Pastor und der Rabbiner haben sich an
-diesem Grabe in gemeinsamer Liebe vor allen Christen und Juden
-vereinigt. Was liegt daran, daß jeder, wenn er vom Kirchhof
-zurückgekehrt ist, wieder in seine alten Vorurteile verfällt? Steter
-Tropfen höhlt den Stein: diese „Allmenschen“ besiegen die Welt, indem
-sie sie vereinigen. Die Vorurteile werden mit jedem „einzelnen“ Fall
-mehr und mehr verblassen und endlich ganz verschwinden. „Über den Alten
-haben sich Legenden gebildet,“ schreibt Fräulein L., gleichfalls eine
-Jüdin. Die Legende aber ist der erste Schritt zur Sache; sie ist eine
-lebendige Erinnerung und ein unermüdliches Erinnern an diese „Besieger
-der Welt“, denen die Erde gehört. Hat man aber einmal den Glauben
-gefaßt, daß das wirklich Besieger sind, und daß solchen Menschen
-wirklich „die Erde gehören wird“, so hat man sich fast schon mit allem
-ausgesöhnt. All das ist furchtbar einfach, – schwierig scheint nur eines
-zu sein: nämlich, sich zu überzeugen, daß jede große Gesamtzahl sich aus
-Einern zusammensetzt. Alles würde sonst auseinanderfallen, wenn diese
-Einzelnen nicht wären. Diese Einzelnen geben den Gedanken, geben den
-Glauben, geben das lebendige Beispiel, somit also auch den Beweis. Es
-ist durchaus kein Grund vorhanden, so lange zu warten, bis alle oder
-wenigstens sehr viele ebenso gut geworden sind wie sie: es sind nur sehr
-wenige solcher Menschen erforderlich, um die Welt zu retten, dermaßen
-stark und mächtig sind sie. Ist dem aber so, – wie soll man dann nicht
-hoffen?
-
-
-
-
- Dritter Teil.
-
- Balkan und Orient
-
-
- Idealisten oder Zyniker
-
-Erinnert sich vielleicht noch jemand der Abhandlung über die
-Orientfrage, die der unvergeßliche Professor und unvergleichliche Russe
-Timofei Nikolajewitsch Granowski – wenn es wahr ist – im Jahre 1855
-geschrieben hat, also gerade zur Zeit unseres Krieges mit Europa, zu
-Beginn der Belagerung von Sebastopol? Ich habe sie jetzt[40] in
-Anbetracht der wieder akut gewordenen Orientfrage nach langen Jahren
-nochmals durchgelesen: und dieses alte ehrwürdige Schriftstück
-interessierte mich diesmal weit mehr als damals, da ich es zum erstenmal
-las und mit ihm vollkommen übereinstimmte. Es fiel mir jetzt besonders
-zweierlei auf: erstens – die Anschauung eines damaligen Westlers über
-unser Volk; und zweitens, und hauptsächlich – die, sagen wir,
-psychologische Bedeutung des Artikels. Ich kann es nicht unterlassen,
-meine Eindrücke hier mitzuteilen.
-
-Granowski war ein beispiellos reiner, edler, guter Mensch: Idealist der
-vierziger Jahre, dabei zweifellos eine ganz eigene, sonderbare und
-äußerst originelle Erscheinung in der Reihe unserer damaligen
-bekannteren führenden Geister. Er war unser ehrlichster Stepan
-Trophimowitsch Werchowenski (in meinem Roman „Die Dämonen“ der Typ des
-Idealisten der vierziger Jahre; ich liebe diesen Stepan Trophimowitsch
-und achte ihn sehr), und vielleicht hatte Granowski nicht einmal den
-geringsten komischen Zug, der doch sonst diesem Typ gewöhnlich anhaftet.
-Übrigens sagte ich, daß mich die _psychologische_ Bedeutung dieses
-Aufsatzes frappierte; und diese Bedeutung erschien mir sogar sehr
-ergötzlich. Ich weiß nicht, ob man mir zugeben wird, daß unser
-russischer Idealist, der sogenannte „patentierte“ Priester des „Schönen
-und Erhabenen“, wenn er plötzlich bei irgendeiner Gelegenheit das
-Bedürfnis empfindet, seine Meinung über eine Sache kundzutun – nicht
-etwa über ein Gedicht, o nein, sondern über eine praktische, wichtige
-und ernste Sache, sagen wir: über eine politische oder soziale
-Angelegenheit, und wenn er sie nicht nur nebenbei bemerken, sondern ein
-entscheidendes und richtendes Wort über diese Frage sagen und noch
-obendrein mit diesem Worte einen Einfluß ausüben will –, sich plötzlich
-wie durch ein Wunder nicht nur in einen fanatischen Realisten und
-Prosaiker verwandelt, sondern sogar in einen Zyniker. Ja, und nicht nur
-das: gerade auf diesen Zynismus, auf diese Prosaik ist er dann noch ganz
-besonders stolz. Die Ideale läßt er dann ganz beiseite: Ideale sind
-Unsinn, sind Poesie, sind Gedichte; an ihre Stelle aber setzt er die
-„reale Wahrheit“. Doch aus ebendieser Wahrheit wird dann immer gleich
-Zynismus: im Zynismus sucht er sie, im Zynismus allein scheint sie ihm
-enthalten zu sein. Je gröber, je trockener, je herzloser – desto
-„realer“ ist es seiner Meinung nach. Warum? Nun, weil unser Idealist im
-gegebenen Falle sich seines Idealismus schämt. Außerdem fürchtet er, man
-könnte ihm sagen: „Ach, Sie Idealist, was verstehen Sie denn von solchen
-Dingen! Predigen Sie doch das Schöne, wenn’s Ihnen Spaß macht, uns aber
-überlassen Sie die Geschäfte.“ Sogar Puschkin hatte diesen Zug: der
-große Dichter schämte sich mehr als einmal, daß er „_nur_ Dichter“ war.
-Vielleicht gibt es diese Charaktereigenschaft auch bei Dichtern anderer
-Völker, doch ist es kaum anzunehmen, – wenigstens werden sie sie nicht
-in dem Maße haben wie wir Russen. In Europa haben sich die Menschen dank
-der uralten Gewöhnung aller und eines jeden an die Arbeit in den vielen
-Jahrhunderten schon klassifizieren können, je nach ihrer Beschäftigung
-und Stellung, und fast ein jeder von ihnen kennt, versteht und achtet
-sich – wie in seiner Tätigkeit so auch in seiner Bedeutung. Bei uns aber
-ist es nach zweihundertjähriger Entwöhnung von jeglicher Arbeit etwas
-anderes. Die heimliche, tiefinnerliche Nichtachtung seiner selbst finden
-wir sogar bei so großen Menschen wie Puschkin und Granowski. Da
-letzterer, dieser unschuldige, aufrichtige Mensch, es plötzlich für
-durchaus nötig fand, sich aus einem Professor der Geschichte in einen
-Diplomaten zu verwandeln, verstieg er sich in seinen Urteilen sofort bis
-zu den sonderbarsten Behauptungen – z. B., daß wir von Österreich für
-die Hilfe, die wir ihm während seines Kampfes mit den Ungarn gebracht,
-überhaupt keine Dankbarkeit erwarten dürften, und das nicht etwa, weil
-Österreich undankbar und falsch wäre – keineswegs! Nein, er sieht in der
-Haltung Österreichs nichts Schlechtes und behauptet sogar, daß es so,
-wie es gehandelt hat, habe handeln _müssen_, und daß unsere Hoffnung auf
-seine Dankbarkeit ein unverzeihlicher und lächerlicher Fehler unserer
-Politik gewesen sei. Ein Privatmann, sagt er, ist einer für sich, ein
-Staat aber – ist etwas anderes; ein Staat muß seine höheren Ziele, seine
-eigenen Vorteile im Auge behalten; und daher wäre Dankbarkeit verlangen,
-und zwar eine, die sogar bis zur Zurücksetzung der eigenen Interessen
-ginge, – einfach lächerlich. „Bei uns ist die Undankbarkeit und
-Falschheit Österreichs schon zu einem Gemeinplatz geworden,“ sagt
-Granowski, „doch ist in politischen Dingen von Dankbarkeit oder
-Undankbarkeit reden – nur ein Beweis der eigenen Naivität in der
-Politik. Der Staat ist keine Privatperson; er kann nicht aus Dankbarkeit
-seine Interessen opfern, um so weniger, als in politischen Dingen selbst
-die Großmut _niemals uneigennützig zu sein pflegt_.“ Dem Sinne nach
-heißt das etwa, daß sie es auch nicht sein soll. Mit einem Wort, der
-ehrenwerte Idealist behauptet sehr viel Vernünftiges und, was die
-Hauptsache ist, nur _Reales_: nicht immer also schreiben wir Gedichte!
-... Seine Anschauung ist sehr klug, gewiß, sehr klug, – um so mehr, als
-sie nichts Neues ist, sondern etwas, das so lange schon existiert, wie
-es Diplomaten gibt. Doch trotzdem: die Haltung Österreichs mit solch
-einem Feuer zu verteidigen, ja, nicht nur zu verteidigen, sondern sogar
-zu behaupten, daß es so hat handeln _müssen_ ... Nun, man kann ja
-niemandem das Wort verbieten; doch es ist dabei etwas, was man nicht
-zugeben kann, und das einem verbietet, ihm recht zu geben, trotz der
-außergewöhnlichen praktischen Klugheit, die unser Historiker, Dichter
-und Priester des Schönen so unerwartet kundtut. Mit dieser Anerkennung
-der Heiligkeit des jeweiligen Vorteils, des unmittelbaren und sofortigen
-Gewinnes, mit dieser Anerkennung, daß es recht und billig sei, auf Ehre
-und Gewissen zu spucken, wenn man einen Bissen an sich reißen will –
-allerdings: damit kann man es sehr weit bringen! Damit kann man ja auch
-die Politik Metternichs durch „höhere _reale_ Ziele des Staates“
-rechtfertigen! Aber machen denn nur die praktischen Vorteile, der
-sofortige Gewinn den wirklichen Vorteil der Nation und ihre „höhere“
-Politik aus, im Gegensatz zum „Schillertum“ der Gefühle und Ideale? Das
-ist doch noch die Frage! Ist nicht im Gegenteil gerade die Politik der
-Ehre, Großmut und Gerechtigkeit, wenn auch scheinbar zum Nachteil der
-eigenen Interessen, – in Wahrheit aber nie zum Nachteil – die
-vorteilhaftere Politik für eine _große_ Nation? Sollte unser Historiker
-wirklich nicht gewußt haben, daß es nur diese großen und ehrlichen Ideen
-sind – nicht aber die kleinlichen der zeitweiligen Vorteile –, die zum
-Schluß in den Völkern und Nationen triumphieren, trotz der ganzen, wie
-es scheint, lächerlichen „Unvernünftigkeit“ dieser Ideen und ihres
-ganzen Idealismus, der in den Augen der Diplomaten und Metterniche so
-erniedrigend ist? Und daß diese Politik der Ehrlichkeit und
-Uneigennützigkeit für eine große Nation nicht nur die „höhere“, sondern
-vielleicht auch die „vorteilhaftere“ ist, eben weil sie großzügig ist?
-Die Politik, die sich nach dem zeitweilig Praktischeren richtet, das
-ununterbrochene Hin und Her der Jagd nach dem nächsten Vorteil, führt
-die Nation ins Kleinliche und schließlich zur inneren Kraftlosigkeit des
-Staates. Der diplomatische Geist, der Geist des „Praktischen“ und
-Nächsten, des Tagesvorteils, hat sich stets als geringer denn Wahrheit,
-Ehre und Anstand erwiesen, und Wahrheit, Ehre und Anstand haben zum
-Schluß immer gesiegt; oder wenn sie noch nicht immer gesiegt _haben_, so
-_werden_ sie siegen, denn also wollen es die Menschen. Als der
-Negerhandel aufgehoben wurde, gab es da nicht hunderttausend
-schwerwiegende Einwände, wie z. B., daß diese Aufhebung äußerst
-unpraktisch sei und sogar den Interessen aller Völker schaden werde? Man
-verstieg sich sogar bis zu der Behauptung, der Negerhandel sei moralisch
-durchaus notwendig, und rechtfertigte diese Notwendigkeit dann noch mit
-dem Rassenunterschied und schließlich mit der Folgerung, daß der Neger
-eigentlich überhaupt kein Mensch sei ... Als die nordamerikanischen
-Kolonien sich zum Kampf gegen England erhoben, schrie man da nicht im
-praktischen England, daß die Befreiung der Kolonien von der Herrschaft
-Englands der Untergang der englischen Interessen, eine Erschütterung,
-ein Unglück sein werde? Und erhoben sich nicht auch bei uns solche
-Stimmen, als unser leibeigener Bauer befreit werden sollte? Sagten da
-nicht alle praktischen Geister, daß der Staat einen schlechten,
-unbekannten, gefährlichen Weg einschlage, zum Unglück des ganzen Volkes,
-und daß nicht darin die höhere Politik bestünde; daß der Staat vielmehr
-reale Interessen verfolgen müsse, nicht aber Interessen, die bloß auf
-modernen ökonomischen Erwägungen oder auf noch nicht erprobten Theorien
-begründet sind, kurz, daß der Staat die Führung niemals dem „Sentiment“
-überlassen dürfte!? Doch wozu so weit zurückgreifen! Vor uns steht jetzt
-die Slawenfrage: – rät man uns etwa nicht, sie auf immer auszuschalten!?
-Zwar behauptet Granowski, daß wir uns durch die Balkanslawen nur
-bereichern und im Westen befestigen wollen, doch glaube ich, daß er sich
-auch hierin täuscht; denn welch einen Vorteil könnte uns der Besitz der
-Balkanslawen einbringen (selbst in der Zukunft), und wodurch würden wir
-uns denn bereichern? Durch das Mittelländische Meer etwa, oder gar durch
-Konstantinopel, „das man uns nie und nimmer geben wird“? Das ist doch
-nur ein schöner Vogel, der in den Wolken herumfliegt und uns, wenn wir
-ihn fangen wollten, lediglich Ärger und Mühe bereiten würde – auf
-tausend Jahre womöglich. Wäre das nun ein praktischer Vorteil? Die
-Slawen werden uns nur Sorgen und viel Mühe bereiten; besonders jetzt, da
-sie noch nicht zu uns gehören. Ihretwegen sieht Europa schon hundert
-Jahre lang eifersüchtig auf uns Russen, und ihretwegen ist es auch jetzt
-noch bereit, das Schwert zu ziehen und seine Kanonen auf uns zu richten.
-Da ist es doch das Beste, die Slawen einfach Slawen bleiben zu lassen,
-um Europa endlich zu beruhigen. Würden wir aber selbst dann das
-Gewünschte erreichen? Europa würde uns doch bestimmt nicht mehr glauben,
-daß wir auf den Besitz der Balkanslawen verzichten wollten; also würden
-wir das Gegenteil erst zu beweisen haben: würden uns selbst auf die
-Slawen stürzen, sie brüderlichst erwürgen und die Türkei gegen sie
-unterstützen müssen. „Ja, ja, liebe Brüder, der Staat ist keine
-Privatperson: er kann doch nicht aus Großmut seine Interessen opfern!
-Wußtet ihr das wirklich noch nicht?“ Und wieviel praktische Vorteile –
-reale, nicht nur erträumte – hätte dann Rußland mit einem Schlage! Die
-Orientfrage würde sofort aufhören zu existieren, Europa würde uns, wenn
-auch nur auf kurze Zeit, sein Vertrauen schenken, unser Kriegsbudget
-würde entlastet werden, unser Kredit und der Wert unseres Rubels würden
-wieder steigen – was will man mehr! Und überdies würde ja der Vogel
-immer noch über unserem Haupte bleiben ... Aber die Frage muß doch
-einmal beantwortet werden! Und da sollen wir nun Finten machen und
-abwarten –: „Der Staat ist keine Privatperson, er darf nicht aus Großmut
-seine Interessen opfern, – doch mit der Zeit ... wenn es den Slawen nun
-einmal beschieden ist, ohne uns nicht auszukommen, so werden sie sich
-uns von selbst anschließen. Nun, und dann werden wir uns wieder mit
-unserer Liebe und Brüderlichkeit an sie heranschlängeln können.“
-Übrigens findet Granowski, daß unsere Politik das ganze letzte
-Jahrhundert hindurch geradeso gehandelt habe (nämlich die Slawen
-unterdrückt und sie den Türken ausgeliefert), daß unsere Balkanpolitik
-immer eine Eroberungspolitik gewesen sei und anders überhaupt nicht
-hätte sein können, – also nach seiner Meinung so hätte sein „_müssen_“.
-Rechtfertigt er doch bei anderen Nationen dieselbe Politik, warum
-verteidigt er sie dann nicht auch bei uns, wenn wir, wie er sagt,
-dieselbe Politik treiben –?
-
-Wie ist es nur möglich, daß unsere Politik in der Slawenfrage noch immer
-nicht allen klar geworden ist!?
-
-
- Früher oder später muß Konstantinopel doch uns gehören
-
-
- Unser Verhältnis zum Orient[41]
-
-Es war im vorigen Jahr im Juni, daß ich schrieb, früher oder später
-müsse Konstantinopel doch uns gehören.[42] Es war damals eine heiße,
-eine herrliche Zeit: der Geist und das Herz ganz Rußlands erhoben sich
-und das Volk zog freiwillig aus, um Christus und die Rechtgläubigen zu
-verteidigen, um für unsere dem Glauben und dem Blute nach slawischen
-Brüder zu kämpfen. Wenn ich auch diesen meinen Artikel „Utopische
-Geschichtsauffassung“ betitelte, so glaubte ich doch fest an meine Worte
-und hielt sie keineswegs für utopisch. Die Gedanken, die ich in jenem
-Artikel aussprach, stellte ich durchaus nicht als solche hin, die sofort
-in Erfüllung gehen müssen, sondern als solche, die sich einmal in der
-Zukunft, jedenfalls aber _bestimmt_ verwirklichen werden, dann nämlich,
-wenn die historische Zeit dazu gekommen sein wird, – die Zeit, deren
-Nähe oder Ferne man allerdings nicht voraussagen, wohl aber vorausfühlen
-kann.
-
-Seit dem Erscheinen dieses Artikels sind neun Monate vergangen. Wir
-erinnern uns noch alle dieser begeisterten Zeit, die anfänglich so voll
-Hoffnungen war, dann aber so aufregend wurde, und die bis jetzt noch zu
-nichts geführt hat, so daß nur Gott allein wissen mag – ich glaube, nur
-so kann man sich ausdrücken –, womit sie enden wird: wird es zum Kriege
-kommen, oder wird sich die Entscheidung wieder auf lange hinausschieben?
-Doch was da auch kommen mag – aus irgendeinem Grunde drängt es mich,
-gerade jetzt noch einige ergänzende und erklärende Worte meinen
-Gedanken, die ich im Juni über das Schicksal Konstantinopels schrieb,
-hinzuzufügen. Was jetzt auch kommen mag, sei es Friede, sei es wieder
-ein Nachgeben von seiten Rußlands, früher oder später wird Byzanz doch
-uns gehören! Das ist es, was ich nochmals betonen will, doch dieses Mal
-noch von einem anderen, einem neuen Standpunkte aus.
-
-Ja, Byzanz muß unser werden, und nicht nur als berühmter Hafen, als
-„Pforte“, als „Mittelpunkt der Welt“; nicht nur vom Standpunkt der
-längst anerkannten Notwendigkeit für solch einen Riesen wie Rußland,
-endlich aus seinem verschlossenen Zimmer, in dem er schon bis zur Decke
-gewachsen ist, in die weite Welt hinaustreten und die freie Luft der
-Meere und des Ozeans atmen zu können. Ich will nur eines hervorheben,
-etwas, das gleichfalls von großer Wichtigkeit ist, und demzufolge
-Konstantinopel Rußland nicht entgehen kann.
-
-Sollte es auch seltsam klingen, so ist es doch wahr, daß die
-vierhundertjährige Bedrückung des Balkans durch die Türken dem
-Christentum und der Rechtgläubigkeit der Slawen einerseits sogar
-nützlich gewesen ist, natürlich nur negativ, aber immerhin hat sie den
-Glauben befestigt. Dasselbe hat ja schließlich auch das
-zweihundertjährige Tatarenjoch bei uns in Rußland bewirkt. Die
-bedrängten und gequälten christlichen Balkanvölker sahen in Christus und
-im Glauben an ihn ihren einzigen Trost, in der Kirche aber – den
-einzigen und letzten Rest ihrer nationalen Persönlichkeit und volklichen
-Sonderheit. Das war die letzte Hoffnung, das letzte Brett, das ihnen vom
-zerschellten Schiff verblieb. Die Kirche erhielt diese Völker immerhin
-als Nationalität, und der Glaube an Christus verhinderte sie, wenn auch
-nicht alle, so doch einen großen Teil, sich mit den Besiegern zu
-vermischen, ihren Stamm und ihre alte Geschichte zu vergessen. Die
-bedrückten Völker fühlten und begriffen natürlich bald, was sie an ihrem
-Glauben hatten, und so scharten sie sich denn noch enger um das Kreuz.
-Andererseits wandte schon seit der Eroberung Konstantinopels (1453) die
-ganze große christliche Bevölkerung des Ostens unwillkürlich ihren
-flehenden Blick auf das ferne Rußland, das damals sich kaum erst vom
-Tatarenjoche befreit hatte, und erriet geradezu in ihm das zukünftige
-allvereinende Zentrum der Slawen, die Macht, die sie einst erlösen
-werde. Und Rußland nahm, ohne zu zaudern, die Fahne des Ostens und
-setzte den zweiköpfigen byzantinischen Adler über sein altes Wappen.[43]
-Es nahm damit vor der ganzen Rechtgläubigkeit die Pflicht auf sich,
-diesen Glauben zu schützen und alle Völker, die ihm angehören, vor dem
-Untergang zu bewahren. Zu gleicher Zeit nahm auch das ganze russische
-Volk diese neue Bestimmung Rußlands und die Aufgabe seines Zaren auf
-sich. Seit der Zeit ist für das Volk der liebste und höchste Name seines
-Rußlands und seines Zaren der, den es damals aussprach: „rechtgläubiges
-Rußland“, „rechtgläubiger Zar“. Als es seinen Zaren so benannte,
-erkannte es mit dieser Benennung gleichzeitig auch dessen Bestimmung an:
-der Hüter, der Vereiniger und, wenn das Gebot Gottes ertönt, auch der
-Befreier der Rechtgläubigkeit zu sein, – das ganze Christentum, das ihr
-angehört, von dem muselmännischen Barbarentum und der westlichen
-Ketzerei zu erretten. Vor zwei Jahrhunderten, und besonders seit der
-Zeit Peters des Großen, begannen dieser Glaube und diese Hoffnungen der
-Völker des Ostens schon in Erfüllung zu gehen und sich zu verwirklichen.
-Und jetzt hat das Schwert Rußlands bereits mehrmals im Osten zu ihrer
-Verteidigung gekämpft. So ist es nur selbstverständlich, daß die Völker
-des Ostens in dem Zaren von Rußland nicht nur den Befreiers, sondern
-auch _ihren_ zukünftigen Zaren sehen. In diesen zwei Jahrhunderten aber
-drang europäische Bildung und europäischer Einfluß auch bis zu ihnen
-vor. Die obere, gebildete Schicht des Volkes, seine Intelligenz, wurde
-im Osten, wie ja auch bei uns, mit der Zeit gleichgültiger in ihrem
-Verhalten zur Idee der Orthodoxie. Und heute hat sie sogar schon
-angefangen, zu verneinen, daß in dieser Idee die Erneuerung und
-Auferstehung zu einem neuen großen Leben für den Osten wie für Rußland
-enthalten sei. In Rußland, zum Beispiel, hat ein großer Teil der
-gebildeten oberen Schicht aufgehört, oder richtiger vielleicht,
-gewissermaßen verlernt, in dieser Idee die Hauptbestimmung Rußlands und
-dessen Lebenskraft zu sehen. – Im Gegensatz dazu glaubt unsere
-Intelligenz jetzt, all das in den modernen Anschauungen Europas finden
-zu können. In der Kirche sehen ja schon viele auf europäische Weise nur
-toten Formalismus und sinnlose Zeremonie und seit dem Ende des vorigen
-Jahrhunderts sogar einfach nur Vorurteil und Heuchelei. Den Geist, die
-Idee, die lebendige Kraft vergaß man. Mit der Zeit aber kamen
-ökonomische Ideen westlichen Charakters auf; es kamen neue politische
-Lehren, es kam eine neue Moral, die sich bemühte, die frühere zu
-verbessern und zu überflügeln. Endlich kam auch noch die Wissenschaft,
-die natürlich nicht umhinkonnte, den Glauben an die alten Ideen zu
-untergraben ... In den Völkern des Ostens begannen außerdem noch, und in
-vorwiegender Weise, nationalistische Ideen aufzukommen: es überfiel sie
-plötzlich die Angst, sie könnten womöglich, wenn sie vom türkischen Joch
-befreit sein werden, unter das russische geraten. Doch in unserem
-einfachen millionenköpfigen Volke und in seinem Zaren erlosch niemals
-die Idee der Befreiung des Ostens und der christlichen Kirche. Die
-Bewegung, die das russische Volk im vorigen Sommer ergriff, hat
-bewiesen, daß das Volk von seiner alten Hoffnung und seinem alten
-Glauben nicht abgelassen hat. Und dabei setzte diese Bewegung unsere
-ganze Intelligenz so in Erstaunen, daß sie an diese „Bewegung“ einfach
-nicht glauben wollte; sie verhielt sich skeptisch zu ihr und bemühte
-sich, spöttisch allen zu versichern, diese „Bewegung“ sei von
-unzuverlässigen Leuten, die von sich reden machen wollten, einfach
-ausgedacht und vorgetäuscht worden. In der Tat, wer könnte denn in
-unserer Zeit, von unserer Intelligenz, außer vielleicht einem kleinen,
-von der allgemeinen Menge abgesonderten Teil derselben, zugeben, daß
-unser Volk wirklich fähig ist, seine politische, soziale und sittliche
-Bestimmung _bewußt_ zu verstehen? Wer von ihnen würde es zugeben, daß
-diese rohe, unaufgeklärte Masse, die vor kurzem noch leibeigen war und
-jetzt vom Branntwein trunken ist, wissen und überzeugt sein könnte, daß
-ihre Bestimmung ist: Christus zu dienen? – und die ihres Zaren: den
-christlichen Glauben zu bewahren und die Völker der Rechtgläubigkeit zu
-befreien? „Mag diese Masse sich auch von jeher ‚christlich‘ genannt
-haben, so hat sie doch weder von der Religion, noch selbst von Christus
-einen Begriff, – sie kennt ja nicht einmal die einfachsten Gebete!“ sagt
-man gewöhnlich von unserem Volke. Und wer sind es denn, die so sprechen?
-Ist es vielleicht – der deutsche Pastor, der bei uns die Stundisten
-bearbeitet, oder der angereiste Europäer, der Korrespondent einer
-politischen Zeitung, oder irgendein gebildeter „höherer“ Jude (einer von
-denen, die an Gott nicht mehr glauben) oder gar einer von den im
-Auslande angesiedelten Russen, die sich Rußland und unser Volk nur in
-Gestalt eines betrunkenen Weibes mit der Flasche in der Hand vorstellen?
-Nein, – so denkt der größte Teil unserer russischen, unserer besten
-Gesellschaft; und er läßt es sich nicht einmal träumen, daß in unserem
-Volk, wenn es auch keine Gebete hersagen kann, sich doch das Wesen des
-Christentums beispiellos erhalten hat, daß der Geist Christi und seine
-Wahrheit es so durchdrungen haben, wie vielleicht kein einziges Volk
-dieser Erde. Übrigens, der Atheist oder der in Glaubensdingen
-gleichgültige russische Europäer kann den Glauben ja gar nicht anders
-auffassen wie als Formalität und Heuchelei. Im Volke aber sehen diese
-Leute nichts, was daran erinnern könnte, und darum folgern sie, daß das
-Volk unter seinem Glauben nichts verstehe, daß es vorschriftsmäßig eine
-bemalte Tafel anbete, im Grunde aber gleichgültig bleibe, da sein Geist
-bereits von der kirchlichen Formalität ertötet sei. Den christlichen
-Geist haben sie in ihm überhaupt nicht bemerkt, vielleicht weil sie
-selbst diesen Geist schon längst verloren haben. Dieses lasterhafte
-Volk, dieses dunkle, das heißt, unwissende Volk, liebt aber den
-Demütigen, den, der „schlichten Geistes“ ist: in allen seinen Legenden
-und Sagen hängt es an dem Glauben, daß der Schwache und ungerecht
-Erniedrigte und der um Christi willen Duldende über den Vornehmen und
-Mächtigen erhöht werden wird, wenn einst das Jüngste Gericht anbricht.
-Auch liebt unser Volk von dem großen Leben seines tapferen und keuschen
-Ilja von Murom[44] zu erzählen, von dem Kämpfer für die Wahrheit, dem
-Befreier der Armen und Schwachen, von seinem sich nie überhebenden
-Lieblingsrecken, dem großen, treuen, mit dem reinen Herzen. Und wenn es
-so einen Helden schon hat, ihn achtet und so liebt, wie es _ihn_ liebt –
-wie soll da unser Volk nicht an den Sieg seiner jetzt erniedrigten
-Brüder glauben? Unser Volk ehrt das Andenken seiner großen, demütigen
-Einsiedler und Helden und erzählt Kindern mit Vorliebe die Geschichten
-der christlichen Märtyrer. Diese Legenden kennt es gut; ich selbst habe
-sie zum erstenmal vom Volk gehört, und sie wurden so andächtig erzählt,
-daß sie für mein ganzes Leben in meinem Herzen bleiben werden. Zudem
-scheiden sich täglich aus dem Volk große Büßer aus, die da hingehen und
-ihr Hab und Gut verteilen, für den großen Sieg der Wahrheit, der Arbeit
-und Armut ... Doch übrigens, vom russischen Volke will ich später
-sprechen, – einmal muß es doch erreichen, daß man es versteht. Einmal
-wird man begreifen, daß auch das Volk etwas bedeutet. Man wird endlich
-auch jenen wichtigen Umstand beachten, daß man noch niemals in großen
-oder sogar nur einigermaßen wichtigeren Augenblicken der russischen
-Geschichte _ohne_ dasselbe ausgekommen ist: daß Rußland _volklich_ ist,
-das Rußland nicht Österreich ist! Man wird sich erinnern, daß in jedem
-bedeutenden Moment unseres geschichtlichen Lebens die jeweilig
-vorliegende Frage immer vom Volksgeist und von der Volksansicht
-beantwortet worden ist, von den Zaren des _Volkes_, die stets in einer
-höheren Verbindung mit ihm gestanden haben. Diese ungemein wichtige
-historische Tatsache wird von unserer Intelligenz gewöhnlich vollkommen
-übersehen, und nur dann erinnert man sich plötzlich des Volkes, wenn
-wieder einmal eine große neue historische Entscheidung herannaht ...
-Doch ich bin von meinem Thema abgekommen.
-
-
- Gedanken unserer Zeit
-
-Die griechisch-katholische Kirche des Balkans, ihre Vertreter und der
-ökumenische Patriarch haben in diesen vier Jahrhunderten der
-Unterjochung ihrer Kirche mit Rußland und untereinander in Frieden
-gelebt – wenigstens in Glaubensfragen. Es hat weder große Unruhen, noch
-Ketzereien, noch Abtrünnigkeiten gegeben. Doch siehe, in unserem
-Jahrhundert, und besonders in den letzten zwanzig Jahren nach dem großen
-Kriege in Osteuropa,[45] fing es an von der Türkei gleichsam wie
-Modergeruch einer verwesenden Leiche herzuwehen: die Vorahnung des
-Todes, der Zersetzung des „kranken Mannes“, und die Ahnung vom Untergang
-der Herrschaft desselben wurde zum vorwiegenden, fast körperhaften
-Gefühl. Oh, natürlich: endgültig befreien kann die Balkanslawen trotzdem
-ja nur Rußland allein, dieses selbe Rußland, das auch jetzt wieder, in
-den allgemeinen Auseinandersetzungen mit Europa über den Osten, ganz
-allein für sie einsteht, während alle anderen Völker und Reiche der
-gebildeten europäischen Welt selbstverständlich froh wären, wenn es alle
-diese bedrückten Völkerschaften des Ostens überhaupt nicht geben würde.
-Ruft nun auch die ganze Intelligenz der Balkanslawen Rußland zu Hilfe,
-so fürchtet sie uns leider vielleicht doch ebensosehr wie die Türken:
-„Wenn uns Rußland auch von den Türken befreit, so wird es uns doch
-verschlingen und unsere Nationalitäten nimmer sich entwickeln lassen“ –
-das ist ihr Schreckgespenst, das alle ihre Hoffnungen vergiftet! Und
-überdies bricht zwischen ihnen selbst mehr und mehr die nationale
-Gegnerschaft durch. Der griechisch-bulgarische „Kirchenstreit“, den wir
-unlängst erlebt haben, war ja schließlich nichts anderes als ein
-nationaler Streit in dieser Verkleidung und kann gewissermaßen als ein
-Omen für die Zukunft angesehen werden. Als der ökumenische Patriarch den
-Ungehorsam der Bulgaren tadelte und sie, wie den eigenmächtig von ihnen
-erwählten Exarchen, aus der Kirchengemeinschaft ausschloß, hob er
-besonders hervor, daß man in Sachen des Glaubens weder das Ritual, noch
-den der Kirche schuldigen Gehorsam dem „neuen und verderblichen Prinzip
-der Nationalität“ opfern dürfe. Währenddessen aber hat er doch selbst,
-als er, der Grieche, diesen Bann gegen die Bulgaren schleuderte,
-zweifellos diesem selben Prinzip der Nationalität gedient, nur zugunsten
-der Griechen _gegen_ die Slawen. Mit einem Wort, es läßt sich sogar mit
-ziemlicher Wahrscheinlichkeit voraussagen, daß, sobald der „kranke Mann“
-stirbt, am Balkan sofort überall Unruhen und Streitigkeiten bei der
-ersten besten Gelegenheit ausbrechen werden, und zwar werden es
-vornehmlich gerade Kirchenunruhen sein, die zweifellos auch Rußland
-schaden können. Ja, selbst in dem Falle würden sie schaden, wenn Rußland
-sich von allen Balkanfragen ganz zurückzöge oder gar zwangsweise von der
-Teilnahme bei der Entscheidung der Orientfrage ausgeschlossen werden
-sollte. Das ist es: diese Unruhen werden auf Rußland noch nachteiliger
-wirken, wenn es sich von einem tätigen und führenden Anteil an der
-Schicksalsentscheidung des Balkans ganz zurückzieht. Und da wird nun
-plötzlich geschrieben – nicht nur in Europa, sondern auch bei uns von
-vielen erstrangigen Politikern –, daß das Türkische Reich eben
-untergehen und Konstantinopel nur eine „internationale“ Stadt werden
-müsse, also irgendein Mittelding, etwas Allgemeines, Freies, auf daß es
-um seinetwillen nur ja keine Streitigkeiten gäbe. Etwas Unsinnigeres
-hätte man sich wahrlich nicht ausdenken können.
-
-Erstens schon aus dem einfachen Grunde nicht, weil man einen so
-prachtvollen Punkt der Erde doch nicht als internationale Stadt, also
-als keinem einzigen gehörig, sich selbst überlassen würde. Bestimmt
-würden sofort die Engländer mit ihrer Flotte erscheinen, in der
-Eigenschaft als Freunde natürlich, um diese selbe „Internationalität“ zu
-beschützen und zu bewahren, in Wirklichkeit aber, um Konstantinopel sich
-anzueignen. Die Engländer aber von einer Stelle zu verdrängen, wo sie
-sich bereits niedergelassen haben, ist nichts weniger als leicht – sie
-sind nun einmal ein schnell Fuß fassendes und zäh stehendes Volk! Und
-überdies werden ja die Griechen, Slawen, Muselmänner Konstantinopels sie
-selbst rufen, werden sich mit beiden Händen an sie klammern, sich an
-ihre Rockschöße hängen und sie nicht fortlassen. Und der Grund dieser
-Anhängigkeit? – Immer dieses selbe Rußland! „Sie werden uns vor Rußland
-bewahren, vor unserem Befreier!“ Ja, wenn sie nicht wüßten, was die
-Engländer für sie sind, und überhaupt ganz Europa! Aber sie wissen ja
-auch jetzt schon besser als alle anderen, daß ihr Glück, d. h. das Glück
-der ganzen christlichen Rajah, die Engländer (wie auch in ganz Europa
-niemanden außer Rußland) überhaupt nichts angeht. Diese ganze Rajah weiß
-es vorzüglich, daß die Engländer, wenn es nur möglich wäre, die
-bulgarische Metzelei des vorigen Sommers irgendwie unauffällig und im
-geheimen zu wiederholen (was, wie es scheint, sehr leicht möglich wäre),
-die ersten sein würden, die die zehnmalige Wiederholung dieser
-Metzeleien wünschten. Und das nicht etwa aus Blutdurst – oh bewahre! In
-Europa sind doch die Völker human und aufgeklärt! Sondern einfach, weil
-solche Metzeleien, zehnmal wiederholt, die Rajah endgültig ausrotten
-würden und dann niemand mehr am Balkan gegen die Türken Aufstände machen
-könnte – das aber ist doch die Hauptsache. Es würden nur noch die lieben
-Türken übrigbleiben, und die türkischen Papiere würden dann mit einem
-Schlage auf allen europäischen Börsen schwindelnd hoch steigen. Rußland
-aber müßte alsdann mit seinem „Ehrgeiz und seinen Eroberungsplänen“
-einpacken, da es am Balkan niemanden mehr zu verteidigen hätte. Die
-Rajah weiß, wie gesagt, nur zu gut, daß sie jetzt von Europa keine
-anderen Gefühle erwarten darf.
-
-Ganz anders aber wäre die Sache sofort, wenn der „kranke Mann“ auf
-irgendeine Weise, sei es durch sich selbst, oder sei es durch Rußlands
-Schwert, endlich umgebracht werden würde. Dann würde sogleich ganz
-Europa in zärtlichster Liebe zu den befreiten Völkern entbrennen und
-sofort zu ihnen eilen, um sie „vor Rußland zu retten“. Anzunehmen ist,
-daß Europa selbst die Idee von der „Internationalität“ in deren neue
-Staatsordnung bringen werde: es wird zunächst voraussehen, daß über dem
-Leichnam des „Kranken“ zwischen den befreiten Völkern alsbald Streit und
-Hader und Eifersucht aufkommen müssen, – das aber ist es ja, was Europa
-will. Somit wäre der Vorwand gefunden, sich in ihre Angelegenheiten
-einzumischen, und vor allen Dingen der Vorwand, sie aufzuhetzen gegen
-dieses Rußland, das ihnen bestimmt nicht wird erlauben wollen, um das
-Erbe des „Kranken“ zu streiten. Und dann wird es keine Verleumdung mehr
-geben, die gegen uns zu verbreiten Europa sich scheuen wird. „Nur der
-Russen wegen haben wir euch nicht gegen die Türken helfen können,“
-werden ihnen sofort die Engländer zuflüstern. Die Völker des Ostens
-wissen auch jetzt schon ganz genau, daß „England sich niemals an ihrer
-Befreiung beteiligen und dazu auch anderen nie seine Zustimmung geben
-wird; denn es haßt diese Christen wegen ihrer geistigen Verbindung mit
-Rußland. England will, und hat es auch nötig, daß die orientalischen
-Christen uns ebenso großen Haß, wie England selbst, entgegenbringen ...“
-schreiben die „Moskauer Nachrichten“. Das also ist es, was diese Völker
-vorläufig wissen und was sie schon jetzt auf Rußlands zukünftige
-Rechnung gesetzt haben. Wir aber glauben immer noch, daß sie uns
-vergöttern!
-
-In der „internationalen“ Stadt werden aber trotz aller beschützenden
-Engländer doch die Griechen die Herren sein – so wie sie dort von jeher
-die Herren gewesen sind. Nun bitte ich, nicht zu vergessen, daß die
-Griechen mit noch größerer Verachtung auf die Slawen blicken als die
-Deutschen. Da aber die Griechen die Slawen auch noch werden fürchten
-müssen, so wird sich die Verachtung in Haß verwandeln. Untereinander
-Schlachten schlagen, sich gegenseitig den Krieg erklären, werden sie
-natürlich nicht können; denn die Beschützer würden es so weit jedenfalls
-nicht kommen lassen, wenigstens nicht zu einem Krieg im ernsten Sinne.
-Nun und dann werden eben infolge der Unmöglichkeit eines offenen und
-ehrlichen Kampfes alle möglichen kleinen Streitigkeiten zwischen ihnen
-ausbrechen, Unruhen, die natürlich zuerst den Charakter von
-Kirchenwirren annehmen – damit fängt es ja in solchen Fällen gewöhnlich
-an, weil dieser doch der bequemste Vorwand ist. Das war es, worauf ich
-hinweisen wollte!
-
-Ich kann ja darüber nur reden, weil das Programm doch schon aufgestellt
-wurde: die Bulgaren, hieß es, sollten Konstantinopel bekommen. Dazu aber
-sind wieder die Griechen zu stark, und das wissen sie selbst ganz
-vorzüglich. Dabei kann es in Zukunft nichts Furchtbareres für den ganzen
-Balkan und für Rußland geben als die Wiederholung eines solchen
-Kirchenstreites, – die leider so leicht möglich ist, wenn Rußland nur
-auf einen Augenblick mit seiner Protektion und der strengen Aufsicht
-über die Balkanslawen beiseite geschoben werden sollte. Wenn das nun
-auch alles noch in der Zukunft liegt und meine Ansichten nur Vermutungen
-sind, so wäre es doch unverzeihlich, diese Konflikte aus dem Auge zu
-lassen, und wär’s auch nur als Möglichkeiten. Oder sollen auch wir
-wünschen, daß die Herrschaft der Türken noch lange dauere? Sollten auch
-wir so weit gehen? Sollte es wirklich nicht klar sein, daß dann am
-Balkan die ganze Kircheneinigung höchstwahrscheinlich ins Wanken geraten
-wird und die Folgen dieser Erschütterung sich vielleicht noch weiter in
-den Osten erstrecken werden? Ja, man könnte sogar folgendes sagen: ob es
-nun diese Streitigkeiten geben wird oder nicht, – jedenfalls ist es
-wahrscheinlich, daß ein großes Konzil zur Ordnung der Angelegenheiten
-der neu erstehenden Kirche nicht zu umgehen sein wird. Warum das nicht
-beizeiten erwägen? In diesen vier Jahrhunderten der Verfolgung und
-Unterdrückung sind die Vertreter der östlichen Kirche immer den
-Ratschlägen Rußlands gefolgt; doch werden sie morgen von den Türken
-befreit und bietet ihnen noch außerdem Europa seinen Schutz an, so
-werden sie sich zu Rußland sofort anders verhalten. Die Vertreter der
-griechisch-katholischen Kirche, vorwiegend Griechen, würden, sobald
-Rußland sich ein wenig auf die Seite der Slawen neigen wollte, ihm
-vielleicht unverzüglich zu verstehen geben, daß sie weiterhin seiner
-Ratschläge nicht mehr bedürfen. Gerade deswegen würden sie sich damit
-beeilen, weil sie alle vier Jahrhunderte hindurch zu diesem Rußland nur
-mit andächtig gefalteten Händen emporgesehen haben. Und wie wird dann
-Rußlands Lage sein? Diese selben Bulgaren werden dann natürlich
-losschreien, daß in Konstantinopel sich ein neuer Papst auf den Thron
-gesetzt habe, und – wer weiß – vielleicht werden sie damit nicht einmal
-eine Unwahrheit sagen. Das internationale Konstantinopel kann
-tatsächlich einmal, wenn auch nur zeitweilig, einem neuen Papste zum
-Piedestal dienen. Dann wird für Rußland „die Griechen verteidigen“
-gleichbedeutend sein mit „die Slawen verlieren“, und wiederum „für die
-Slawen eintreten“ vielleicht gleichbedeutend mit „auch sich die
-unangenehmsten und ernstesten Kirchensorgen zuziehen“. Augenscheinlich
-kann all dieses nur durch die Standhaftigkeit Rußlands in der
-Orientfrage, d. h. durch die energische Durchführung jener Politik, die
-uns unsere ganze Geschichte zur Pflicht gemacht hat, vermieden werden.
-In dieser Angelegenheit dürfen wir Europa keine einzige Konzession
-machen, denn hier handelt es sich für uns um Leben oder Tod.
-Konstantinopel muß unser werden, ob früher oder später bleibt sich
-gleich, und wenn auch nur zur Vermeidung schwerer Kirchenunruhen, die so
-leicht zwischen den jungen Völkern des Ostens ausbrechen können, da
-ihnen doch schon einmal im Streite der Bulgaren mit dem ökumenischen
-Patriarchen ein Beispiel geboten worden ist. Erobern wir aber
-Konstantinopel, so kann von alledem nichts eintreten. Die Völker des
-Westens, die so eifersüchtig jeden Schritt Rußlands beobachten, wissen
-und ahnen im gegenwärtigen Augenblick nicht einmal alle diese noch
-phantastischen und doch so leicht möglichen zukünftigen Konflikte.
-Würden sie dieselben aber jetzt erfahren, so wären sie doch unfähig, sie
-zu verstehen, oder sie würden ihnen keine besondere Wichtigkeit
-zuschreiben – das werden sie erst später tun, dann, wenn es zu spät sein
-wird. Das russische Volk, das die Orientfrage ausschließlich als
-Befreiung der ganzen orthodoxen Christenheit versteht, und von der
-großen Zukunft Rußlands die Vereinigung der ganzen Kirche erhofft, würde
-durch neue Unruhen und neue Uneinigkeiten rein kirchlichen Charakters zu
-sehr erschüttert werden, und fraglos würden diese in seinem ganzen Leben
-einen tiefen Widerhall finden. Das ist der einzige Grund, warum wir für
-keinen Preis und in keiner Weise unsere in die Jahrhunderte
-zurückreichende Anteilnahme an dieser großen Frage weder ganz aufgeben
-noch auch nur verringern können. Nicht nur der prachtvolle Hafen, nicht
-nur die Pforte zu den Meeren und Ozeanen verbinden Rußland so eng mit
-dieser verhängnisvollen Orientfrage, und nicht einmal die Vereinigung
-und Auferstehung der Balkanslawen tun dies ... Unsere Aufgabe ist
-tiefer, unendlich tiefer. Wir, Rußland, sind in der Tat unumgänglich
-notwendig für die ganze orientalische Christenheit wie auch für die
-Vereinigung der ganzen zukünftigen rechtgläubigen Menschheit. So haben
-es immer das Volk und seine Herrscher verstanden ... Mit einem Wort,
-diese furchtbare Orientfrage – das ist in Zukunft beinahe unser ganzes
-Schicksal. In ihr liegen geradezu alle unsere Aufgaben und, vor allem,
-unsere einzige Möglichkeit, in die große Geschichte der Menschheit
-einzutreten. In ihr liegt auch unser endgültiger Zusammenstoß und unsere
-endgültige Vereinigung mit Europa, und zwar auf neuer, mächtiger,
-fruchtbarerer Grundlage. Wie sollte Europa diese ganze uns vom Schicksal
-bestimmte Lebensbedeutung, die für uns in der Entscheidung dieser Frage
-liegt, jetzt schon begreifen?!
-
-Nein: gleichviel, womit die gegenwärtigen, vielleicht notwendigen
-diplomatischen Unterhandlungen und Verträge mit Europa enden, früher
-oder später _muß Konstantinopel doch uns gehören_, und sei es auch erst
-im nächsten Jahrhundert! Das müssen wir Russen immer im Auge behalten,
-ein jeder von uns unverwandt und fest. Nur dies war es, was ich allen
-Russen sagen und ans Herz legen wollte, besonders in unserer jetzigen
-europäischen Zeit.
-
-
- Der Krieg
-
-
- Wir sind die Stärksten
-
-„Krieg!! der Krieg ist erklärt!“ rief man bei uns vor zwei Wochen.[46]
-„Wird es auch zum Kriege kommen?“ fragten sofort die Zweifler. „Er ist
-schon erklärt, ist erklärt!!“ antwortete man ihnen. „Wissen wir, – aber
-wird es überhaupt zum Kriege kommen?“ fuhren jene fort zu fragen.
-
-Solche Fragen gab es damals und gibt es vielleicht noch jetzt. Und nicht
-nur wegen der langen diplomatischen Unterhandlungen glaubt man nicht an
-den Krieg; nein, hier ist noch etwas anderes mit im Spiel, das Grund zum
-Zweifeln gibt: hier ist es einfach – der Instinkt. Alle fühlen, daß
-etwas Entscheidendes beginnt, daß das Ende von etwas Früherem,
-jahrhundertelang Gewesenem herannaht, und daß ein Schritt zu etwas ganz
-Neuem getan wird, zu etwas, was das Frühere zersprengt und zu neuem
-Leben auferweckt, und ... daß dieser Schritt von uns getan wird, von –
-Rußland! Das ist es ja, was die „klugen“ Leute nicht glauben können.
-Instinktives Vorgefühl ist vorhanden, doch der Zweifel währt noch immer:
-„Rußland! Wie kann es denn, wie wagt es überhaupt? Ist es denn dazu
-vorbereitet? – innerlich, moralisch, nicht nur materiell? Dort ist
-Europa, das ist leicht gesagt – Europa! Aber Rußland, was ist denn
-Rußland? Und nun solch ein Schritt!?“
-
-Das Volk aber glaubt, daß es reif ist zu diesem neuen und großen
-Schritt. Es ist das Volk, das sich mit seinem Zaren an der Spitze zum
-Kriege erhoben hat. Als das Zarenwort sich über die russische Erde
-verbreitete, da zog das Volk in die Kirchen, um zu Gott zu beten; als
-die Bauern auf dem Lande das Manifest ihres Zaren lasen, bekreuzten sie
-sich und _beglückwünschten_ einander zu diesem Kriege. Das haben wir
-selbst hier in Petersburg gesehen und gehört. Und wieder geschieht
-dasselbe, was im vorigen Jahr geschah. Die Dorfbauern geben je nach
-ihrem Vermögen Geld oder den durchmarschierenden Truppen Lebensmittel,
-Pferde und Wagen und plötzlich sagt dieses Volk: „Was sind Spenden, was
-Vieh und Pferde, wir gehen selbst kämpfen!“ Hier in Petersburg werden
-von einzelnen mehrere tausend Rubel für die Verwundeten gegeben – ihre
-Namen kennt man nicht, denn sie wollen ungenannt bleiben. Solche
-Tatsachen erleben wir jetzt in Unmengen und keinen nehmen sie wunder.
-Sie bedeuten nur, daß das ganze Volk sich für die Wahrheit erhoben hat,
-zum Kriege für die heilige Sache. Was unsere „Klugen“ anbetrifft, so
-werden sie natürlich auch diese Tatsachen leugnen – ganz wie sie im
-vorigen Sommer die Beweise der Sympathie unseres Volkes für die
-Balkanslawen leugneten. Auch jetzt lachen sie über das Volk, doch sind
-ihre Stimmen schon merklich leiser geworden. Warum aber lachen sie nur,
-woher haben sie soviel Selbstvertrauen? Nun, weil sie sich immer noch
-für eine Macht halten, immer noch für dieselbe Macht, ohne die man
-nichts vollbringen kann. Indessen ist das Ende dieser ihrer Macht nicht
-mehr fern und immer schneller nähern sie sich ihrem furchtbaren
-Untergang. Wenn aber der Boden unter ihnen anfangen wird zu weichen,
-dann werden sie sich beeilen, in einer anderen Sprache zu reden, doch
-dann wird es zu spät sein: alle werden begreifen, daß sie fremde Worte
-aufs Geratewohl zusammenstellen, und werden sich von ihnen abwenden und
-ihre Zuversicht dorthin tragen, wo der Zar und mit ihm sein Volk ist.
-
-Wir haben diesen Krieg auch für uns selbst nötig: nicht nur für unsere
-von den Türken gequälten „slawischen Brüder“ erheben wir uns, sondern
-auch zur eigenen Rettung. Der Krieg wird die Luft, die wir atmen,
-erfrischen, die Luft, in der wir in der Ohnmacht unserer Verwesung und
-geistigen Beengtheit zu ersticken drohten. Die „Klugen“ und „Allweisen“
-prophezeien zwar, daß wir an unseren eigenen inneren Unordnungen
-ersticken und verderben würden und darum an Stelle des Krieges lieber
-einen langen Frieden wünschen sollten, damit wir uns aus Tieren und
-Dummköpfen in Menschen verwandeln, zunächst Ordnung, Ehrlichkeit und
-Ehre lernen können: „_Dann_ erst geht und helft euren slawischen
-Brüdern,“ schließen sie übereinstimmend ihre Episteln. Es wäre wirklich
-interessant zu erfahren, wie sie sich diesen Entwicklungsprozeß, durch
-den sie es besser machen würden, eigentlich denken? Und auf welche Weise
-sie sich durch evidente Unehre Ehre erwerben wollten? Interessant wäre
-ferner, wie und wodurch sie ihre Feindschaft gegen das allgemeine,
-allenthalben durchbrechende Gefühl ihres Volkes rechtfertigen wollen.
-Nein, wie man sieht, läßt sich die Wahrheit nur durch Märtyrertum
-erkaufen. Millionen von Menschen bewegen sich und leiden und
-verschwinden dann spurlos, als ob es ihnen bestimmt gewesen wäre,
-niemals die Wahrheit zu erkennen. Sie leben mit fremden Gedanken, sie
-suchen das fertige Wort und Beispiel, klammern sich an die von anderen
-ihnen suggerierte Tat. Sie prahlen, daß die Autoritäten, daß Europa
-ihnen recht gebe. Alle anderen, die mit ihnen nicht übereinstimmen, die
-die Gedankenknechtschaft verachten und an ihre eigene und ihres Volkes
-Selbständigkeit glauben, pfeifen sie aus. Aber in der Wirklichkeit sind
-diese Schwärme schreiender Menschen doch nur dazu bestimmt, ein passives
-Mittel zu sein, auf daß nur wenige Einzelne von ihnen sich der Wahrheit
-nähern oder von dieser wenigstens so etwas wie ein Vorgefühl bekommen.
-Diese Einzelnen aber sind es, die dann alle nach sich ziehen, die
-Führung ergreifen, die Idee gebären und sie als Vermächtnis den sich
-quälenden Menschenmassen hinterlassen. Solche Einzelne haben wir schon
-bei uns gehabt. Manche von uns verstehen sie schon, oder sogar viele.
-Doch die „Klugen“ fahren noch fort, zu lachen und immer noch von sich zu
-glauben, sie seien eine große Macht! „Die gehen ein wenig spazieren,
-werden bald zurückkehren,“ sagen sie jetzt von unseren Truppen, die
-schon die Grenze überschritten haben, sagen es sogar laut. „Wo soll’s
-denn Krieg geben? Wie könnten wir denn Krieg führen? Es ist einfach ein
-militärischer Spaziergang und einige Manöver mit Verschwendung Hunderter
-von Millionen – zur Aufrechterhaltung der Ehre.“ Das ist ihre intime
-Auffassung der Sache, oder richtiger, ihre nicht intime.
-
-Sollte es nun geschehen, daß wir besiegt werden, oder unter dem Druck
-der Verhältnisse für Lappalien Frieden schließen, – oh, dann würden die
-„Klugen“ natürlich triumphieren! Und welch ein Auspfeifen und Heidenlärm
-und Zynismus wird dann wieder beginnen, welch ein Bacchanal von
-Selbstbespeiung, Selbstbeschimpfung und Selbstverspottung wird dann
-wieder anheben! – Und das nicht etwa, um ein neues Leben bei uns zu
-erwecken, sondern gerade wegen des Triumphes der eigenen Ehrlosigkeit,
-Unpersönlichkeit und Kraftlosigkeit. Und der neue Nihilismus wird ganz
-genau so, wie der alte, mit der Verneinung des russischen Volkes und
-seiner Selbständigkeit beginnen, und – das Wichtigste – wird solche
-Macht ergreifen und so tief Wurzel treiben, daß er fraglos das Heiligste
-Rußlands unterdrücken wird. Und wieder wird die Jugend ihre Familien und
-ihr Elternhaus beschimpfen und vor der Weisheit der Greise davonlaufen,
-weil diese doch nur ein und dasselbe wiederholen: immer die alten, allen
-überdrüssig gewordenen Lieder von der europäischen Herrlichkeit und von
-unserer Pflicht, möglichst unpersönlich zu sein. Das ist ja das
-Schrecklichste, daß es dann wieder dieselben alten Lieder, dieselben
-alten Worte geben wird und die Hoffnung auf etwas Neues dann auf lange,
-lange hinausgeschoben werden muß!! Nein, wir brauchen Krieg und Siege!
-Mit Krieg und Siegen wird das neue Wort kommen und wird das lebendige
-Leben beginnen und nicht das ertötende Geschwätz von früher sich
-fortsetzen ... was sag’ ich, „von früher“! – von _heute_, meine Herren.
-
-Nichtsdestoweniger muß man auf alles gefaßt sein: setzen wir den für uns
-schlechtesten Ausgang des begonnenen Krieges voraus, so wird doch,
-selbst wenn wir viel Schändliches, viel schon so zuwider gewordenes
-altes Leid werden ertragen müssen, so wird doch der Koloß nicht ins
-Wanken gebracht werden und früher oder später das Seine nehmen. Das ist
-nicht nur meine Hoffnung – das ist meine volle Überzeugung. In dieser
-Unmöglichkeit, den Koloß ins Wanken zu bringen, liegt unsere ganze Macht
-Europa gegenüber. Dieser Koloß ist unser Volk. Und der jetzige
-volkstümliche Krieg und all die ihm kurz vorhergegangenen Bewegungen
-haben allen, die zu sehen verstehen, deutlich unsere volkliche Einheit
-und Frische gezeigt, und bis zu welch einem Grade unsere Volkskräfte von
-jener Zersetzung, die unsere „Klugen“ überfallen hat, bewahrt geblieben
-sind. Und welch einen Dienst uns diese „Weisen“ in den Augen Europas
-erwiesen haben! Noch vor kurzem schrien sie, so daß die ganze Welt es
-hörte, wir seien arm und nichtig; sie versicherten spöttisch allen,
-einen _Volksgeist_ hätten wir überhaupt nicht, einfach weil kein _Volk_
-vorhanden wäre; weil auch unser „Volk“ ganz so wie sein „Geist“ nur von
-der Phantasie einheimischer, moskowitischer Denker erfunden worden sei;
-daß die achtzig Millionen russischer Bauernkerle im ganzen nur Millionen
-passiver, betrunkener, steuerpflichtiger Nummern wären; daß von einer
-Verbindung des Zaren mit dem Volke überhaupt nicht die Rede sein könne –
-letzteres stehe nur in alten Schriften; daß, im Gegenteil, alles
-losgelöst und vom Nihilismus angefressen sei; daß unsere Soldaten die
-Gewehre wegwerfen und wie die Lämmer zurücklaufen würden; daß wir weder
-Munition noch Proviant hätten; und zu guter letzt, hieß es, sähen wir
-selbst ein, daß wir uns zuviel zugemutet hätten, und warteten jetzt nur
-auf einen Vorwand, um uns zurückziehen zu können, ohne gerade die
-ganzschimpflichsten Ohrfeigen davontragen zu müssen, und beteten zu
-Gott, daß Europa uns diesen Vorwand ausdächte! Das ist die Meinung
-unserer „Weisen“ von uns ... Wahrlich, man kann sich schlechterdings
-kaum über sie ärgern: das ist nun einmal ihre eingefleischte
-Überzeugung. Und es ist ja auch wahr: ja, wir sind arm, ja, in vielem
-sind wir sogar bedauernswert; ja, wir haben wirklich so viel Schlechtes,
-daß der „Kluge“, und besonders wenn er noch _unser_ „Kluger“ ist, nichts
-anderes tun kann, wenn er sich „treu“ bleiben will, als ausrufen: „Wozu
-das Ende Rußlands noch bedauern!“ Und diese lieben Gedanken unserer
-Klugen sind bereits durch ganz Europa geflattert, besonders mit Hilfe
-der europäischen Korrespondenten, die schwarmweis seit dem Ausbruch des
-Krieges zu uns kommen, um uns an Ort und Stelle zu studieren, uns mit
-ihren europäischen Äuglein zu durchschauen und unsere Kräfte mit ihrem
-europäischen Zentimetermaß zu messen. Selbstverständlich haben sie nur
-unsere „Klugen, Allwissenden und Vernünftigen“ angehört. Die Volkskraft
-und der Volksgeist sind ihnen allen entgangen. Und so ist denn auch
-schon die Nachricht, daß Rußland untergeht, daß es nichts ist, nichts
-war und nichts werden wird, nach Europa telegraphiert worden. Als diese
-erste Botschaft noch vor dem Kriege hinauszog, da erbebten die Herzen
-unserer uralten Feinde und Neider, denen wir schon zwei Jahrhunderte
-lang Verdruß bereiten, vor Freude, und mit ihnen frohlockten die Herzen
-vieler Tausende europäischer Juden und die Herzen vieler Millionen
-verjudeter „Christen“. Es freute sich auch das Herz Beaconsfields: ihm
-ward gesagt, Rußland werde eher alles ertragen, alles, bis zur
-beleidigendsten letzten Ohrfeige, als daß es einen Krieg begönne –
-dermaßen groß, hieß es, sei seine „Friedensliebe“. Gott jedoch schützte
-uns und schlug sie alle mit Blindheit. Da sie fest an den Untergang und
-die Nichtigkeit Rußlands glaubten, konnte ihnen das Wichtigste entgehen:
-sie übersahen das ganze russische Volk als lebendige Kraft und übersahen
-die kolossale Tatsache: das Einssein des Zaren mit seinem Volke! Ja,
-_nur das_ ist ihnen entgangen! Außerdem konnten sie unmöglich begreifen
-und glauben, daß unser Zar wirklich friedliebend sei und wirklich nicht
-Menschenblut vergießen wolle; sie dachten, all das werde bei uns nur
-„aus Politik“ gesagt. Und sogar jetzt noch sehen sie nichts von alledem:
-sie schreiben, daß bei uns plötzlich nach dem Manifest des Zaren der
-„Patriotismus“ ausgebrochen sei. Ist denn das Patriotismus, ist denn
-diese Verbindung des Zaren mit dem Volk für die große Sache etwa _nur_
-Patriotismus? Darin besteht ja unser Talisman, daß sie nichts von
-Rußland verstehen, nichts in Rußland sehen! Sie wissen nicht, daß wir
-durch nichts in der Welt besiegt werden können, daß wir meinetwegen
-Schlachten verlieren können, doch nichtsdestoweniger unbesiegbar
-bleiben, gerade durch die Einheit des Volksgeistes in dem Bewußtsein:
-daß wir nicht Frankreich sind, das ganz in Paris liegt, daß wir nicht
-Europa sind, das ganz von den Börsen seiner Bourgeosie abhängt und von
-der „Ruhe“ seiner Proletarier, die bereits durch die letzten
-Anstrengungen der dortigen Regierungen erkauft wird – nur auf eine
-Stunde. Sie begreifen es nicht und wissen es nicht, daß, wenn wir
-_wollen_, uns alle Juden der Welt zusammengenommen nicht werden besiegen
-können, nicht die Millionen ihres Goldes, nicht die Millionen ihrer
-Armeen; daß, wenn wir _wollen_, man uns nicht wird zwingen können, etwas
-gegen unseren Willen zu tun, daß es keine einzige irdische Macht gibt,
-die dazu fähig wäre! Das Unglück ist nur, daß man über diese Worte nicht
-nur in Europa lachen wird, sondern auch bei uns, und daß es hier nicht
-bloß unsere „Weisen“ tun werden, nein, auch die wirklichen Russen
-unserer intelligenten Schicht – dermaßen wenig kennen wir uns selbst und
-unsere Urkraft, die sich, Gott sei Dank, bis jetzt noch ungeschwächt
-erhalten hat. Die guten Leute begreifen es nicht, daß bei uns, in
-unserem unabsehbaren und eigenartigen, Europa im höchsten Grade
-ungleichen Lande sogar die Kriegstaktik – eine doch so allgemeine Sache!
-– der europäischen vielleicht ganz unähnlich ist; daß die Grundlagen der
-europäischen Taktik – Geld und wissenschaftliche Organisation
-militärischer Einfälle in unser Land – über dieses Land straucheln und
-hier bei uns auf eine neue, ihnen noch vollkommen unbekannte Kraft
-stoßen können, auf die Kraft, deren Wurzeln in der Natur des
-unabsehbaren Russenlandes und in der Natur des allvereinenden russischen
-Geistes liegen. Doch mögen es _vorläufig_ auch noch so viele gute Leute
-bei uns nicht wissen – nicht wissen und sich ängstigen –; dafür wissen
-es unsere Zaren und fühlt es unser Volk. Alexander I. wußte um diese
-unsere eigenartige Kraft Bescheid, als er sagte, er werde sich einen
-langen Bart wachsen lassen und mit seinem Volke in die Wälder gehen,
-doch könne er nicht das Schwert niederlegen und sich dem Willen
-Napoleons fügen. An dieser Kraft wäre auch ganz Europa zerschellt; denn
-zu solch einem Kriege reicht weder sein Geld noch die Einheitlichkeit
-seiner Organisation aus. Wenn einst bei uns alle Russen wissen werden,
-daß wir so stark sind, dann werden wir es auch erreichen, daß wir nicht
-mehr Krieg zu führen brauchen; dann wird man an uns glauben und dann
-wird uns Europa zum erstenmal _entdecken_, so wie es einst Amerika
-entdeckte. Auf daß nun aber dies möglich werde, müssen wir uns selber,
-und zwar vor ihnen, entdecken, und muß unsere Intelligenz endlich
-begreifen, daß sie sich nicht mehr von unserem Volke absondern darf ...
-
-
- Nicht immer ist der Krieg eine Geißel, zuweilen ist er sogar die
-
- einzige Rettung
-
-Doch unsere „Klugen“ haben sich auch an die andere Seite der Sache
-gemacht: sie predigen Nächstenliebe und „Humanität“, sie trauern um
-vergossenes Blut und sind tief unglücklich, daß wir zu unserer
-Vertierung in den Krieg ziehen, uns somit noch weiter von dem inneren
-Fortschritt, dem richtigen Wege, der Wissenschaft entfernen. Ja, der
-Krieg ist schließlich ein Unglück, doch vieles ist auch kurzsichtig
-gesehen in diesem Urteil der „Humanen“; vor allem aber haben wir
-wirklich genug von ihren bourgeoisen Moralpredigten! Die Heldentat des
-Selbstopfers für all das, was wir heilig halten, ist doch wohl ethischer
-als der ganze bourgeoise Moralkatechismus. Der Aufschwung des Geistes
-der Nationen für eine hochherzige Idee – ist ein Schritt nach vorn, aber
-nicht „Vertierung“. Natürlich können wir uns ja irren in dem, was wir
-eine hochherzige Idee nennen; ist aber das, was wir heilig halten,
-schimpflich und lasterhaft, so werden wir der Strafe der Natur nicht
-entgehen: das Schimpfliche und Lasterhafte trägt seinen Tod in sich und
-richtet sich früher oder später doch selbst. Der Krieg, der zur
-Eroberung fremder Reichtümer geführt wird, auf Wunsch der unersättlichen
-Börse, – wenn er auch vielleicht im tiefsten Grunde auf dem allen
-Völkern gemeinsamen Gesetz der Ausbreitung ihrer nationalen
-Persönlichkeit beruhen mag, so gibt es doch eine Grenze, die bei dieser
-Ausbreitung nicht überschritten werden darf, über die hinaus jede
-Aneignung schon Überfluß ist –: solch ein Krieg zeugt bereits von der
-Dekadenz der Nation und kann ihr nur den Tod bringen. So würde England,
-wenn es in diesem Kriege für die Türken eintreten und aus Interesse für
-seine handelspolitischen Vorteile die Leiden gequälter Menschen ganz und
-gar vergessen wollte, zweifellos ein Schwert erheben, das früher oder
-später auf sein eigenes Haupt zurückfallen würde. Und umgekehrt: welch
-eine Tat könnte reiner und heiliger sein als dieser Krieg, den Rußland
-jetzt unternommen hat? Man wird vielleicht sagen: „Auch Rußland will
-sich doch in diesen Völkern, die es jetzt, nehmen wir an, aus
-tatsächlich uneigennützigen Gründen zu befreien und selbständig zu
-machen beabsichtigt, durch diese selbe Tat für die Zukunft Verbündete,
-d. h. also, eine neue Kraft erwerben; – das aber geschieht natürlich
-nach diesem selben Gesetz der Ausbreitung der nationalen Persönlichkeit,
-dem zufolge auch England zu erobern strebt. Da aber das Ziel des
-‚Panslawismus‘ durch seine Kolossalität Europa fraglos schrecken kann,
-so hat Europa allein schon nach dem Gesetz des Selbsterhaltungstriebes
-das Recht, uns aufzuhalten, ganz so wie wir das Recht haben, vorwärts zu
-gehen, ohne uns durch seine Angst auch nur im geringsten aufhalten zu
-lassen, und uns in unserem Gang nur nach dem zu richten, was uns die
-eigene politische Umsicht und Klugheit rät. Auf diese Weise gibt es
-hierbei weder Heiliges noch Schmähliches, sondern nur einen ewigen,
-sagen wir, tierischen Instinkt der Völker, dem sich ausnahmslos alle
-noch ungenügend und unvernünftig entwickelten Nationen der Welt
-unterwerfen. Trotzdem aber müssen die erworbene Erkenntnis, die
-Wissenschaft und Menschlichkeit endlich einmal, sei es wann es sei, den
-ewigen tierischen Instinkt der unvernünftigen Nationen schwächen und in
-ihnen allen den Wunsch nach Frieden, nach allvolklicher Vereinigung und
-philanthropischem Fortschritt entfachen. Daraus folgt, daß man Frieden
-und nicht Blut verkünden muß.“
-
-Heilige Worte! Im gegenwärtigen Augenblick jedoch kann man sie nicht gut
-auf Rußland anwenden, oder, um es besser auszudrücken –: in der jetzigen
-historischen Epoche ganz Europas stellt Rußland gewissermaßen eine
-Ausnahme dar. Sollte sich Rußland, das sich jetzt uneigennützig zur
-Errettung der geknechteten Völker gerüstet hat, späterhin auch durch
-dieselben verstärken, so würde es doch selbst dann ein Ausnahmebeispiel
-bleiben, was natürlich Europa, das Rußland nur nach sich beurteilt,
-vorläufig noch keineswegs für möglich hält. Rußland wird sich, selbst
-wenn es sich durch das Bündnis mit den von ihm befreiten Völkern
-ungemein verstärkt, doch nicht mit seinem Schwerte auf Europa stürzen,
-nichts von ihm verlangen, nichts von ihm fortnehmen, wie es umgekehrt
-Europa bestimmt tun würde, wenn es die Möglichkeit fände, sich wieder
-als Ganzes gegen Rußland zu vereinigen, und wie es in Europa alle
-Nationen von jeher tun – wenn sich nur eine Gelegenheit findet, sich auf
-Kosten der lieben Nachbarin zu verstärken. Das geschieht dort seit den
-ältesten Zeiten, und noch kürzlich ist es wieder geschehen: die
-gelehrteste, aufgeklärteste aller Nationen stürzte sich auf die andere,
-ebenso gelehrte und aufgeklärte Nation und packte sie wie ein grimmes
-Tiers, sog ihr das Blut aus, preßte ihre Kräfte in Gestalt von
-Milliarden heraus und hieb ihr eine ganze Seite – die beste – ab! Ist es
-wirklich noch Europas Schuld, wenn es nach alledem Rußlands Bestimmung
-nicht verstehen kann? Wie sollten sie, die Stolzen, Gelehrten, Starken,
-sich auch nur träumen lassen, daß Rußland vielleicht gerade zu ihrer
-Rettung bestimmt und geschaffen ist, und daß es vielleicht erst zum
-Schluß sein erlösendes Wort aussprechen wird! – Oh, wahrlich wahrlich,
-wir werden ihnen nichts wegnehmen! – Doch gerade durch den Umstand, daß
-wir uns so ungemein verstärken – und zwar durch eine Vereinigung in
-Liebe und Brüderlichkeit, und nicht durch Überfall, Eroberung und Gewalt
-– gerade durch diese Tatsache wird es uns endlich möglich sein, das
-Schwert ruhen zu lassen und in der Ruhe unserer Kraft das Beispiel des
-wahren Friedens zu geben, der internationalen Allvereinigung und
-Uneigennützigkeit. Wir werden die ersten sein, die der Welt kundtun, daß
-wir nicht durch Unterdrückung der Persönlichkeit uns fremder
-Nationalitäten das eigene Gedeihen erreichen wollen, sondern, im
-Gegenteil, Letzteres nur in der freiesten und selbständigsten
-Entwicklung aller anderen Nationen sehen und in der brüderlichen
-Vereinigung mit ihnen, die einen die anderen ergänzend, indem wir uns
-ihre organischen Besonderheiten einimpfen und ihnen auch von uns
-Pfropfreiser geben, uns gegenseitig seelisch und geistig aufnehmen, von
-ihnen lernen und wiederum sie lehren – bis die Menschheit dereinst sich
-durch den universalen Umgang der Völker bis zur allgemeinen Einheit
-vervollständigen und wie ein großer prachtvoller Baum die glückliche
-Erde beschatten wird. Mögen sie doch lachen über diese „phantastischen“
-Worte, unsere jetzigen Kosmopoliten und Selbstbespeier! Wir aber fühlen
-keine Schuld in uns, wenn wir mit unserem Volke, das daran glaubt, Hand
-in Hand gehen. Fragt doch das Volk, fragt die Soldaten: warum erheben
-sie sich, warum ziehen sie jetzt westwärts, und was ersehnen sie von
-diesem begonnenen Kriege? Alle werden sie wie aus einem Munde antworten,
-daß sie gehen, um Christus zu dienen, und um die bedrückten Brüder zu
-befreien, – und keiner ist unter ihnen, sage ich euch, der da an
-Eroberung dächte! Ja, jetzt, gerade in diesem Kriege werden wir den
-Europäern unsere ganze Idee der zukünftigen Bestimmung Rußlands in
-Europa beweisen, indem wir uns nach der Befreiung der slawischen Länder
-von ihnen keine Scholle aneignen – was Österreich bereits heute
-beabsichtigt, in Zukunft für sich zu tun –; sondern indem wir, im
-Gegenteil, nur über ihr gegenseitiges Einverständnis wachen und ihre
-Freiheit und Selbständigkeit, sollte es darauf ankommen, auch gegen ganz
-Europa verteidigen. Ist dem aber so, dann ist unsere Idee heilig und
-unser Krieg nicht „ewiger tierischer Instinkt unvernünftiger Nationen“,
-wohl aber der erste Schritt zur Verwirklichung jenes ewigen Friedens, an
-den zu glauben wir das große Glück haben, zur Verwirklichung der fürwahr
-internationalen Vereinigung und des wahrhaften Gedeihens! Also sage ich
-euch: nicht immer muß man den Frieden predigen, und nicht im Frieden
-allein liegt einzig die Erlösung – die kann zuweilen auch der Krieg
-bringen.
-
-
- Rettet denn vergossenes Blut?
-
-„Aber es wird doch Blut dabei vergossen! – Menschenblut!“ rufen unsere
-Klugen entsetzt, und wieder beginnen sie ihr altes Lied. Alle diese
-Rumpelkammerphrasen von vergossenem Blut sind mitunter wirklich nichts
-weiter als eine Häufung der allernichtigsten schönen Worte zu einem
-bestimmten Zweck. Die Börsenspekulanten z. B. lieben es jetzt geradezu
-auffallend, über die Humanität zu philosophieren, – doch für wie viele
-von ihnen ist sie nur ein Geschäft! Indessen wäre ohne Krieg vielleicht
-noch mehr Blut vergossen worden. Glaubt mir, in nicht wenigen Fällen,
-wenn nicht in allen – abgesehen von Bürgerkriegen –, ist der Krieg ein
-Mittel, durch das man mit dem geringsten Blutvergießen, dem geringsten
-Weh und der geringsten Kraftverschwendung internationale Ruhe erreicht,
-und durch die sich, wenn auch nur annähernd, einigermaßen normale
-Beziehungen zwischen den Nationen herstellen. Selbstverständlich ist das
-traurig, doch was tun, wenn es so ist! Lieber einmal mit dem Schwerte
-dreinschlagen, als endlos Leid tragen. Und wodurch ist denn der jetzige
-Friede zwischen zivilisierten Nationen besser als – Krieg? Im Gegenteil:
-weit eher als der Kampf vertiert der Friede, besonders der lange Friede,
-den Menschen und macht ihn grausam. Ein langer Friede züchtet stets
-Gemeinheit, Feigheit und rohen, feisten Egoismus, vor allem aber –
-geistigen Stillstand. In der Zeit eines langen Friedens werden nur die
-Ausbeuter des Volkes fett. Man glaubt im allgemeinen, daß Friede
-Reichtum erzeuge, – aber das trifft doch nur für ein Zehntel der
-Menschheit zu! Und dieses Zehntel, das gar bald von den Krankheiten des
-Reichtums angesteckt ist, überträgt dann diese Krankheiten natürlich
-auch auf die übrigen neun Zehntel, versteht sich, ohne Reichtum. Krank
-aber ist es durch Verderbnis und Zynismus. Durch die übermäßige
-Anhäufung des Reichtums in den Händen Einzelner verrohen deren Gefühle
-bis zur Stupidität. Das Gefühl für das Vornehme verwandelt sich in die
-Gier launischen Übermutes und launischer Anormalitäten. Sinnenlust
-gebiert Grausamkeit und Feigheit. Die betrunkene rohe Seele des
-Wollüstlings ist grausamer als jede andere, selbst lasterhafte Seele.
-Mancher Wollüstling, der beim Anblick eines abgeschnittenen Fingers in
-Ohnmacht fällt, kann einem armen Schlucker nicht einmal eine lumpige
-Schuld verzeihen und bringt ihn ruhig ins Gefängnis. Grausamkeit aber
-erzeugt verstärkte, schon allzu feige Sorge um die Sicherstellung seiner
-selbst, und diese verwandelt sich am Ende eines langen Friedens in eine
-geradezu krankhafte Angst um die eigene Person, durchdringt schließlich
-alle Schichten der Gesellschaft und bringt die furchtbarste Gier nach
-Gelderwerb hervor. Der Glaube an die Solidarität der Menschen, an ihre
-Brüderlichkeit, an die Hilfe der Gesellschaft, geht verloren und die
-These: „Ein jeder für sich und nur für sich“ wird laut auf den Märkten
-verkündet. Der Arme sieht nur zu gut, was der Reiche ist, und was er ihm
-für ein „Bruder“ sein kann; und so sondern sich alle ab und vereinsamen.
-Großmut und Hochherzigkeit werden vom Egoismus ertötet. Nur die Kunst
-erhält in der Menschheit noch das höhere Leben: sie hält noch die Seelen
-wach, die in den Perioden langen Friedens einzuschlafen drohen und auch
-pflegen. Deswegen glaubt man auch, daß die Kunst nur zur Zeit eines
-langen Friedens blühen könne – welch ein Irrtum! Die Kunst, d. h. die
-_wirkliche_ Kunst, entwickelt sich im Frieden ja nur deshalb, weil sie
-allen trunkenen, lasterhaften Einschläferungen der Seelen
-entgegengesetzt ist und durch ihre Schöpfungen in diesen Perioden stets
-zum Ideal ruft, Protest und Tadel aufwirbelt, die Gesellschaft bewegt
-und oftmals Menschen leiden macht, die da lechzen nach der Errettung aus
-der übelriechenden Grube. Und so erweist es sich, daß der lange
-bourgeoise Friede zu guter Letzt selber das Bedürfnis nach Krieg
-erzeugt, ihn wie eine traurige Folge gleichsam von selbst aus sich
-hervorbringt. Doch leider kommt es dann nicht zu einem Kriege mit einem
-großen, gerechten Ziele, das einer großen Nation würdig ist, sondern zu
-einem aus irgendwelchen erbärmlichen Börseninteressen, zur Erwerbung
-neuer Märkte für die Besitzer der Goldsäcke, mit einem Wort: zu einem
-Kriege aus Gründen, die nicht einmal durch die Notwendigkeit der
-Selbsterhaltung gerechtfertigt werden, sondern umgekehrt, nur von dem
-launischen, krankhaften Zustande des Nationalorganismus zeugen. Diese
-Interessen und die Kriege, die um ihretwillen geführt werden, verderben
-die Völker, ja, richten sie völlig zugrunde; während der Krieg mit einem
-hochherzigen Ziele – zur Befreiung Unterdrückter, für eine
-uneigennützige und heilige Idee – nur die von giftigen Miasmen erfüllte
-Luft reinigt, die Seele heilt, die schmähliche Feigheit und Faulheit
-verjagt, ein festes Ziel setzt und schließlich eine Idee gibt und sie
-verständlich macht, eine Idee, zu deren Verwirklichung diese oder jene
-Nation berufen ist. Ein solcher Krieg stärkt jede Seele durch das
-Bewußtsein des Selbstopfers und den Geist der ganzen Nation durch das
-Bewußtsein der Solidarität und Vereinigung aller, die die Nation
-ausmachen, vor allem aber durch das Bewußtsein der erfüllten Pflicht,
-der vollbrachten guten Tat –: „so sind wir doch noch nicht ganz gefallen
-und verderbt, so gibt es auch in uns noch Menschliches!“ Und womit
-fingen denn diese unsere jüngsten Prediger des Friedens und der
-„Menschlichkeit“ ihre Reden an? Mit der allerunmenschlichsten Härte. Sie
-wollten selbst nicht helfen und ließen auch nicht zu, daß andere den
-Gemarterten, die nach uns riefen, halfen. Sie, die scheinbar so „human“
-und gefühlvoll sind, leugneten kaltblütig und spöttisch die
-Notwendigkeit des Selbstopfers und der geistigen Heldentat für uns. Sie
-wollten Rußland auf den erbärmlichsten, einer großen Nation unwürdigsten
-Weg stoßen, – ganz zu schweigen von ihrer Verachtung für das Volk, das
-in den slawischen Märtyrern seine Brüder anerkannte, und ihrer
-hochmütigen Abwendung vom Volkswillen, über den sie ihre falsche
-„europäische“ Bildung stellten. Ihre Lieblingsthese war: „Arzt, heile
-dich selbst.“ „Ihr drängt euch, andere zu heilen und zu retten, während
-bei euch noch nicht einmal Schulen gebaut sind,“ hoben sie ganz
-besonders hervor. „Nun gut, dann wollen wir uns heilen. Schulen sind
-eine wichtige Sache, das wird niemand leugnen; doch Schulen brauchen
-einen Geist und eine Richtung, – so gehen wir denn jetzt in den Krieg,
-um uns mit Geist zu versehen und eine gesunde Richtung zu erlangen. Und
-das werden wir auch erreichen, und werden es doppelt, wenn Gott uns Sieg
-schickt. Mit dem Bewußtsein, daß wir eine uneigennützige Tat vollbracht,
-daß wir mit unserem Blute ruhmvoll der Menschheit gedient, mit dem
-Bewußtsein unserer erneuten Kraft und Energie werden wir dann
-zurückkehren – und werden all das an die Stelle unseres jetzigen
-kläglichen Wankelmutes setzen, an die Stelle unseres ertötenden
-Stillstandes in dem sinnlos übernommenen Europäismus. Und wir schließen
-uns dem Volke an und vereinigen uns fester mit ihm; denn nur in ihm
-allein werden wir die Heilung von unserer Krankheit finden – von unserer
-zwei Jahrhunderte langen unfruchtbaren Kraftlosigkeit.“
-
-Im allgemeinen kann man sagen, daß, wenn die Menschheit ungesund und
-voll Ansteckungsstoff ist, selbst eine so nützliche Sache, wie ein
-langer Friede, der Gesellschaft anstatt Nutzen nur Schaden bringt. Das
-ließe sich im allgemeinen auf ganz Europa anwenden. Nicht umsonst ist in
-der europäischen Geschichte, wenigstens seit der Zeit, da wir uns ihrer
-erinnern, noch keine einzige Generation ohne Krieg ausgekommen. So ist,
-wie man sieht, wohl auch der Krieg zu irgend etwas nötig, kann auch der
-Krieg die Menschheit heilen und ihr das Leben erleichtern. Es mag
-empörend sein, wenn man es theoretisch überdenkt, doch in der Praxis
-ergibt sich diese eine Tatsache gerade aus der anderen Tatsache, daß
-nämlich für einen kranken Organismus auch der schöne Frieden nur Schaden
-bringt. Wirklich nützlich erweist sich freilich nur der Krieg, der für
-eine große Idee unternommen wird und nicht wegen materieller Interessen,
-nicht zu gieriger Eroberung, nicht um hochmütiger Vergewaltigung willen.
-Solche Kriege haben die Nationen bis jetzt nur auf falsche Wege
-verschlagen und sie stets verdorben. Wenn nicht wir, so werden es unsere
-Kinder erleben, wie England enden wird. Jetzt aber ist für alle in der
-Welt bereits „die Stunde nah“. Und wahrlich, es ist auch die höchste
-Zeit.
-
-
- Wie Rußlands „sanftester“ Zar die Orientfrage aufgefaßt hat
-
-Man hat mir vor kurzem einen Auszug aus einem Buch zugesandt, das im
-vorigen Jahr in Kiew erschienen ist. Es heißt: „Das Moskowitische Reich
-zur Zeit des Zaren Alexei Michailowitsch und des Patriarchen Nikon nach
-den Aufzeichnungen des Archidiakonus Pawel Alepski.“ Herausgegeben ist
-es von Iwan Obolenski.
-
-Ich will nun einen Teil dieses Auszuges hier in meinem „Tagebuch“
-anführen, da es vielleicht meine Leser interessieren wird, zu erfahren,
-wie Rußlands „sanftester Zar“ Alexei Michailowitsch (1645–1676) die
-Orientfrage aufgefaßt hat. Zugleich ersehen wir aus dieser
-charakteristischen Aufzeichnung, welch einen Kummer es ihm bereitet hat,
-nicht der „Zar-Befreier“ der unterdrückten Balkanslawen sein zu können:
-
- Und man sprach, daß der Zar zum heiligen Osterfest (1656), als er
- mit den griechischen Kaufherren, die alsdann in Moskau weilten, den
- Osterkuß tauschte, zu ihnen auch also gesprochen habe: „Wollt ihr
- vielleicht und erwartet ihr, daß ich euch aus der Gefangenschaft
- befreie und loskaufe?“ und als sie geantwortet: „Wie kann es anders
- sein? wie sollen wir das nicht wollen?“ habe er weitergesagt: „So
- bittet denn, wenn ihr heimkehrt in euer Land, alle Bischöfe und
- Mönche, zu Gott für mich zu beten und Messen zu lesen, auf daß mir
- durch ihre Gebete die Kraft zuteil werde, das Haupt ihres Feindes zu
- fällen.“ Und nachdem er hierauf viele Tränen geweint, habe er sich
- an die Edlen gewandt und also zu ihnen gesprochen: „Mein Herz ist
- betrübt und verzehrt sich in Kummer um das Los dieser Armen, die von
- den Feinden unseres Glaubens unterdrückt werden; am Tage des
- Gerichtes wird Gott mich zu sich rufen und von mir Rechenschaft
- fordern, _warum ich, wenn ich die Macht hatte, sie zu befreien,
- selbiges zu tun unterlassen_ ... Ich weiß nicht, wie lang er währen
- wird, dieser schlechte Zustand der Reichssachen, doch seit der Zeit
- meines Vaters und meiner Väter Väter haben nicht aufgehört
- Patriarchen, Bischöfe, Mönche und viel arme Leute mit Klagen über
- ihre Bedrängung durch die Unterdrücker zu uns zu kommen, und keiner
- von ihnen hatte anders die Heimat verlassen, als verfolgt von rauhem
- Leid und auf daß er der Grausamkeit entginge. _Und Angst erfaßt mich
- vor den Fragen des Schöpfers an jenem Tage! So habe ich denn
- beschlossen in meinem Sinn, wenn es Gott gefällig ist, meine treuen
- Heere und mein ganzes Gold dahinzugeben und mein Blut bis auf den
- letzten Tropfen zu vergießen, auf daß ich sie befreie._“ Darauf
- haben die Edlen geantwortet: „_Herr, tue also, wie dein Herz es dir
- befiehlt._“
-
-
- Aus dem Buch der Weissagungen Johannes Lichtenbergers – aus dem
-
- Jahre 1528
-
-Und man hat mir auch noch von einem sehr sonderbaren Dokument Mitteilung
-gemacht. Es ist das eine alte, schleierhafte und allegorische Weissagung
-der heutigen Ereignisse und des heutigen Krieges. Einer unserer jungen
-Gelehrten hat in London, in der Königlichen Bibliothek, einen alten
-Folianten gefunden: „Das Buch der Weissagungen“, „Prognosticationes“ von
-Johannes Lichtenberger, eine Ausgabe in lateinischer Sprache aus dem
-Jahre 1528. Jedenfalls ein seltenes Exemplar, – vielleicht das einzige
-in der Welt. In nebelhaften Bildern wird in diesem Buch die Zukunft
-Europas und der Menschheit geschildert. Ein sonderbar mystisches Buch.
-Ich führe nur die Zeilen an, die für uns nicht ohne Interesse sind.
-
-Nach der Prophezeiung der Französischen Revolution (1789) und Napoleons
-I., der _aquila grandis_ genannt wird, heißt es weiter von den
-zukünftigen europäischen Ereignissen wie folgt:
-
-
- _Post haec veniet altera aquila_
-
- Hierauf wird ein anderer Adler kommen,
-
- _quae ignem fovebit in gremio sponsae Christi_
-
- der im Schoße der Braut Christi Feuer erwecken wird,
-
- _et erunt tres adulteri unusque legitimus_
-
- und es werden drei Uneheliche sein und ein Rechtmäßiger,
-
- _qui alios vorabit._
-
- der die anderen verschlingen wird.
-
-
- _Exsurget aquila grandis in_
-
- Aufsteigen wird der große Adler
-
- _Oriente, aquicolae occidentales_
-
- im Osten, die westlichen Inselbewohner
-
- _moerebunt. Tria regna_
-
- werden anfangen zu weinen. Drei Reiche wird er
-
- _comportabit. Ispa est aquila grandis,_
-
- verschlingen. Dieses ist der große Adler,
-
- _quae dormiet annis multis, refutata_
-
- der viele Jahre schläft, der besiegte
-
- _resurget et contremiscere faciet aquicolas_
-
- wird sich wieder erheben und die westlichen
-
- _occidentales in terra Virginis_
-
- Wasserbewohner im jungfräulichen Lande
-
- _et alios montes Superbissimos; et volabit_
-
- zittern machen und noch andere stolze Gipfel; und
-
- _ad meridiem recuperando amissa._
-
- fliegen wird er gegen Süden, um das Verlorene
-
- _Et amore charitatis inflammabit Deus_
-
- wiederzunehmen. Und mit der Liebe der Barmherzigkeit wird Gott den
- östlichen
-
- _aquilam orientalem volando ad ardua_
-
- Adler entflammen, der zu Großem fliegt
-
- _alis duabus fulgens in montibus christianitatis._
-
- mit zwei leuchtenden Schwingen auf die Gipfel des Christentums.
-
-„Der große östliche Adler, der viele Jahre schläft, und der _besiegte_“
-(bezieht sich das nicht auf unseren Krieg mit Europa vor 22 Jahren?)
-„wird sich wieder erheben und die westlichen Bewohner im jungfräulichen
-Lande zittern machen,“ – sollte sich das nicht auf die Gegenwart
-anwenden lassen, natürlich wenn man von unseren europäisierenden
-„Weisen“ absieht, die immer noch gewissermaßen vor den Bewohnern des
-Westens Angst zu haben scheinen, im Widerspruch zu dieser Weissagung,
-und das in einer Zeit, in der sich der Adler „mit zwei leuchtenden
-Schwingen“ schon erhoben hat. Doch es sind ja nur die „Weisen“, die da
-zittern, nicht der Adler! Dann: „die Bewohner im jungfräulichen Lande“
-könnte sich, wenn man an die heutigen Verhältnisse denkt, auf England
-beziehen. In dem Falle jedoch – warum das „jungfräuliche Land“? Im Jahre
-1528 gab es noch keine Königin Elisabeth. Oder meint Lichtenberger mit
-dieser Allegorie vielleicht Großbritannien in dem Sinne, wie sich einst
-Napoleon über die europäischen Hauptstädte, in die er eingezogen war,
-geäußert: „Eine Residenz, die sich vom Feinde hat einnehmen lassen,
-gleicht einer Jungfrau, die ihre Jungfräulichkeit verloren hat“ –? Doch
-der Adler wird nach der Weissagung auch andere „stolze Gipfel zittern
-machen“, wird „gegen Süden fliegen, um das Verlorene wieder zu nehmen“,
-und – was am auffallendsten ist – „mit der Liebe der Barmherzigkeit wird
-Gott den östlichen Adler entflammen“. Nun, dieses könnte schon stimmen.
-Hat sich nicht unser Adler aus Barmherzigkeit für die Unterdrückten und
-Gequälten erhoben? War es nicht die christliche Liebe, die unser Volk
-zur „schweren Tat“ zog, im vorigen wie in diesem Jahre? Wer will das
-leugnen? Diese Bauern, diese Soldaten aus diesem unserem Volke, das die
-„Gebete nicht auswendig kann“, haben einstweilen in der Krim, vor
-Sebastopol, zuerst die verwundeten Franzosen aufgehoben und zum
-Verbandsplatz getragen, und dann erst die Russen: „Lassen wir die noch
-etwas liegen: einen Russen wird jeder aufheben, aber solch ein armes
-Französchen ist hier doch ganz fremd und allein, für ihn muß man zuerst
-sorgen.“ Ist nicht Christi Geist in diesen gutmütig gesagten Worten? Ist
-nicht die Seele Christi in unserem Volke – in dem „dunklen“, doch guten,
-unwissenden, aber niemals barbarischen Volke? Ja, Christus ist seine
-Kraft, ist unsere russische Kraft, jetzt, da der Adler gegen Süden
-fliegt! Was bedeutet da irgendeine Anekdote von den Sebastopoler
-Soldaten gegenüber den Tausenden von Beweisen des christlichen Geistes
-und der „barmherzigen Liebe“, die in unserer Zeit offenbar geworden
-sind, wenn auch die „Weisen“ sich immer noch aus allen Kräften bemühen,
-den Gedanken zu unterdrücken und die Tatsache zu begraben, daß unser
-Volk mit Herz und Geist an dem heutigen Schicksal Rußlands und des
-Balkans Anteil nimmt? Ihr „Gebildeten“, weist nicht auf die „Roheit und
-Stumpfheit“ des Volkes hin, auf seine Unwissenheit und Rückständigkeit,
-bei der es, wie es heißt, unmöglich begreifen könne, was jetzt vor sich
-geht. Seid überzeugt, das Wesen der Sache versteht es vorzüglich – schon
-seit vier Jahrhunderten. Nur die jetzigen Diplomaten würde es nicht
-verstehen, wenn es sie kennen lernte; doch wer kann denn diese überhaupt
-verstehen? Ja, unser großes Volk ist wie ein Tier auferzogen worden, hat
-Qualen seit seinem ersten Tage und die ganzen tausend Jahre seiner
-Geschichte erduldet, Marter, wie sie kein einziges Volk der Welt
-ertragen hätte, sondern unter ihnen zerfallen und vergangen wäre. Unser
-Volk aber ist in ihnen nur stärker und fester geworden. So werft ihm
-doch, meine Herren Gelehrten, nicht „Roheit und Unwissenheit“ vor; denn
-ihr, gerade ihr habt für euer Volk nichts getan. Ihr habt es vor
-zweihundert Jahren verlassen und euch von ihm endgültig getrennt, habt
-es in zinspflichtige Nummern verwandelt, in eine für euch arbeitende
-Maschine; und so ist es aufgewachsen, meine europäisch gebildeten
-Herren, von euch vergessen und verstoßen, von euch wie ein Tier in seine
-Höhle verjagt. Doch mit ihm war Christus und mit dem allein hat es bis
-zu dem großen Tage gelebt, da vor zwanzig Jahren der nordische Adler
-sich erhob und seine Flügel ausbreitete und es segnete. Ja, es ist viel
-Roheit in unserem Volke, doch weist nicht auf sie hin! Diese Roheit –
-das ist der Schlamm der dunklen Jahrhunderte, von dem die Zeit das Volk
-befreien wird. Doch nicht das ist schlimm, daß noch Roheit vorhanden
-ist, schlimm ist es, wenn Roheit für Tugend angesehen wird. Ich habe
-Verbrecher gesehen, die viel Tierisches getan und mit ihrem verderbten,
-geschwächten Willen tiefer als tief gesunken waren; doch selbst diese
-Tiere wußten wenigstens von sich, daß sie Tiere waren, sie fühlten, wie
-tief sie gesunken, und in reinen, hellen Augenblicken, die Gott auch
-solchen „Tieren“ schickt, verstanden sie, sich selber zu verurteilen,
-wenn sie auch oftmals nicht mehr die Kraft hatten, sich wieder
-aufzurichten. Etwas ganz anderes aber ist es, wenn die Roheit wie ein
-Idol über alles erhoben wird und die Menschen es anbeten und gerade
-deswegen glauben, Helden zu sein. Der Earl of Beaconsfield und nach ihm
-alle anderen russischen wie europäischen Beaconsfields halten sich die
-Ohren zu und schließen die Augen, um nicht die Marter zu sehen, die man
-ganzen Völkern auflegt, und verraten Christus aus Liebe zu den
-„Interessen der Zivilisation“, und weil die Gemarterten Slawen sind,
-also etwas Neues in sich tragen und man sie folglich mit der Wurzel
-ausrotten muß – und das gleichfalls für die Interessen der alten
-angefaulten Zivilisation! _Das_ ist meiner Meinung nach Roheit, bloß
-gebildete und zur Tugend erhobene. Und vor diesem Idol beugt man sich
-nicht nur im Westen, sondern auch in Rußland! Und der „allerheiligste
-Papst, der unfehlbare Stellvertreter Gottes“, – hat der nicht in seinen
-letzten Tagen noch den Türken, den Quälern der Christenheit, Sieg
-gewünscht über die Russen, die im Namen Christi für die Christenheit
-auszogen? – Und warum? Weil nach seiner „_unfehlbaren_“ Definition die
-Türken immerhin besser seien als die russischen Ketzer, die den Papst
-nicht anerkennen! Ist das nicht Roheit, ist das etwa nicht barbarisch?
-Die Weissagung Johannes Lichtenbergers scheint sich wirklich auf unsere
-Zeit zu beziehen. Und ist nicht einer der „stolzen Gipfel“ – der Papst?
-Übrigens, was mag Lichtenberger mit diesen Worten gemeint haben:
-„Hierauf wird ein anderer Adler kommen, der im Schoße der Braut Christi
-Feuer erwecken wird, und es werden drei Uneheliche sein und ein
-Rechtmäßiger, der die anderen verschlingen wird“? In der religiösen,
-mystischen Sprache hat man unter der „Braut Christi“ immer die „Kirche“
-im allgemeinen verstanden. Was oder wer sind nun die drei Illegitimen
-und der eine Legitime? Man könnte annehmen, hiermit seien die drei
-verschiedenen Kirchen gemeint: die katholische, die protestantische und
-... welche ist nun die dritte illegitime? Und welche dann die legitime?
-
-Doch das ist ja nur eine mystische Allegorie. Jenes Buch ist im Jahre
-1528 geschrieben und gedruckt, was immerhin sehr beachtenswert ist: in
-jener Zeit sind wahrscheinlich des öfteren solche Bücher entstanden.
-Obgleich die Zeit den Stürmen der großen protestantischen Reformation
-voranging, gab es doch schon viele Protestanten, Reformatoren und
-Propheten. Bekannt ist auch, daß später, besonders unter
-protestantischem Kriegsvolk, verzückte „Propheten“ sich erhoben und
-geweissagt haben. Diesen lateinischen Auszug aus dem alten Buch habe ich
-nicht etwa als Wunder angeführt, sondern weil diese Weissagung doch eine
-merkwürdige Tatsache bleibt. Und überhaupt: sind es denn nur die Wunder
-allein, die ein Wunder sind? Das größte Wunder ist häufig das, was in
-der Wirklichkeit geschieht. Wir sehen die Wirklichkeit immer nur so, wie
-wir sie sehen wollen, wie wir sie uns selbst voreingenommen,
-vorurteilsvoll erklären. Sehen wir aber dann plötzlich in dem Sichtbaren
-nicht das, was wir sehen wollten, sondern das, was in Wirklichkeit ist,
-so halten wir es sofort für ein Wunder. Oh, das geschieht keineswegs
-selten! Bisweilen aber, wahrlich glauben wir eher an Wunder und
-Unmöglichkeiten als an die Wirklichkeit, an die wir _nicht glauben
-wollen_. Und so ist es immer in der Welt gewesen, darin besteht ja die
-ganze Geschichte der Menschheit.
-
-
- Lüge sucht sich durch Lüge zu erhalten
-
-
- Don Quijote
-
-Als Don Quijote, der allbekannte Ritter von der traurigen Gestalt, der
-hochherzigste aller Edlen, die je in der Welt gelebt, sich einst mit
-seinem treuen Waffenträger Sancho auf der Jagd nach Abenteuern
-herumtrieb, ward er plötzlich von einem Zweifel angefochten, der ihn
-zwang, lange und tief nachzudenken.[47] Es kam ihm plötzlich in den
-Sinn, daß schon seit _Adam de la Halle_ die alten Ritter, deren
-Lebensgeschichten in den wahrheitsgetreuesten Büchern bis auf den
-heutigen Tag erhalten sind – in den sogenannten Ritterromanen, zu deren
-Erwerb Don Quijote sich nicht scheute, einige der besten Landstücke
-seines sowieso nicht großen Besitztums zu verkaufen –, daß häufig diese
-Ritter während ihrer ruhmreichen und aller Welt Nutzen bringenden
-Streifzüge plötzlich ganze Heere von nicht weniger als hunderttausend
-Kriegern antrafen! Diese furchtbaren Heere wurden ihnen gewöhnlich von
-irgendeiner feindlichen Macht auf den Hals geschickt, oder auch von
-bösen, neidischen Zauberern, die alles mögliche ersannen, um sie zu
-verhindern, ihr großes Ziel zu erreichen und dann endlich zu ihren
-holden Damen heimkehren zu können. Gewöhnlich geschah es dann, daß der
-Ritter, wenn er so einem ungeheuerlichen feindlichen Heere begegnete,
-sein Schwert zog, noch schnell zu seinem Schutz den Namen seiner Dame
-anrief, sich darauf allein, wie er war, auf die hunderttausend Feinde
-stürzte und sie natürlich alle bis auf den letzten niederhieb. Man
-sollte meinen, daß diese Tatsache keinem Zweifel unterliegt. Doch Don
-Quijote verfiel darob plötzlich in tiefes Nachdenken. Und worüber denn
-eigentlich? Ja, es schien ihm mit einem Male unmöglich, daß ein einziger
-Ritter, wie stark er auch sei, und selbst wenn er mit einem
-siegbringenden Schwerte vierundzwanzig Stunden lang ohne jegliche
-Ermüdung um sich schlüge, hunderttausend Feinde töten könnte, und zwar –
-in einer einzigen Schlacht! Um _einen_ Menschen zu töten, braucht man
-immerhin etwas Zeit; um _hunderttausend_ Menschen zu töten, braucht man
-ungeheuer viel Zeit, und wie man da auch mit dem Schwerte fuchteln
-wollte, – in irgendwelchen fünf, sechs Stunden und ohne jede Ruhepause
-könnte das ein einzelner denn doch nicht fertigbringen, meinte weise Don
-Quijote. Nun aber steht es in diesen wahrheitsgetreuesten Büchern
-ausdrücklich, daß die Sache gerade in einer _einzigen_ Schlacht geschah.
-Wie war das möglich?
-
-„Ich habe dieses Rätsel gelöst, mein Freund Sancho,“ sagte endlich Don
-Quijote. „Da alle diese Riesen, alle diese bösen Zauberer unreine Mächte
-waren, so waren ihre Heere gleichfalls von dieser unreinen Art. Ich
-nehme an, daß sie nicht aus ganz solchen Menschen wie wir zum Beispiel
-bestanden. Jene Menschen wurden durch Zauberei hervorgerufen, also waren
-aller Wahrscheinlichkeit nach auch ihre Leiber nicht den unsrigen
-ähnlich, sondern eher denen der ... sagen wir, Mollusken, Weichtiere,
-Würmer, Spinnen. Auf diese Weise konnte ein festes, scharfes Schwert,
-von mächtiger Ritterhand geführt, alle diese Leiber in einem Augenblick
-durchschlagen, fast ohne Widerstand zu finden, – es ging wie durch die
-Luft! So konnte es denn tatsächlich mit einem Hieb durch drei oder vier
-Leiber gehen, ja sogar durch zehn, wenn sie eng beieinander standen.
-Jetzt erst wird es einem klar, wie sich die Sache für den Ritter so
-ungemein vereinfachte, daß er wirklich in wenigen Stunden ganze Heere
-dieser bösen Araber und anderer Ungeheuer vernichten konnte ...“
-
-Hiemit hat der große Dichter und Menschenkenner eine der tiefsten,
-geheimnisvollsten Saiten des Menschenherzens berührt. Oh, das ist ein
-großes Buch: es gehört zu den ewigen, zu denen, die der Menschheit nur
-in langen Abständen geschenkt werden. Und solche Beobachtungen des
-Tiefsten in unserer menschlichen Natur findet man in diesem Buch auf
-jeder Seite. Schon der eine Umstand, daß dieser Sancho, diese
-Verkörperung der gesunden Vernunft, der Schlauheit und der goldenen
-Mitte, des allerwahnsinnigsten Menschen Freund und Reisegefährte wurde,
-gerade er und kein anderer! Die ganze Zeit über betrügt er ihn wie ein
-kleines Kind, und doch ist er unerschütterlich von seines Herrn großem
-Verstande überzeugt, ist er bis zur Rührung von dessen Herzensgröße
-bezaubert, glaubt er felsenfest an alle phantastischen Träume des
-Ritters, und kein einziges Mal bezweifelt er, daß dieser ihm endlich
-doch noch eine Insel erobern werde! Wie wünschenswert wäre es, daß
-unsere Jugend dieses große Werk kennen lernte. Ich weiß zwar nicht, was
-man jetzt in den Schulen von der Literatur durchnimmt; doch weiß ich,
-daß dieses größte und traurigste aller Bücher, die vom Genie des
-Menschen geschaffen worden sind, die Seele gar manches Jünglings durch
-einen großen Gedanken erhöhen würde, in sein Herz die Keime großer
-Fragen säen und seinen Geist von der ewigen Anbetung des dummen Idols
-der Mittelmäßigkeit, der selbstzufriedenen Eigenliebe und der gemeinen
-„Lebensweisheit“ ablenken könnte.
-
-Dieses _traurigste_ der Bücher wird der Mensch nicht vergessen, zum
-letzten Gericht Gottes mit sich zu nehmen. Er wird auf das im Buche
-enthaltene tiefste, unheilvollste Geheimnis des Menschen und der
-Menschheit hinweisen: daß die größte Schönheit des Menschen, seine
-höchste Reinheit, Keuschheit, Treuherzigkeit, sein ganzer Mut und
-endlich sein größter Verstand – leider nur zu oft ohne Nutzen für die
-Menschheit vergehen und sich sogar in einen Gegenstand des Spottes
-verwandeln, nur weil dem Menschen, dem diese reichen Gaben so häufig
-zuteil werden, bloß die eine letzte Gabe fehlt: das _Genie_, den
-Reichtum und die Macht dieser Gaben zu beherrschen, zu lenken und sie –
-das ist das Wichtigste – nicht auf den phantastischen, wahnsinnigen,
-sondern auf den _richtigen_ Weg zu leiten, sie zum Heile der Menschheit
-zu gebrauchen. Doch leider wird den Rassen und Völkern so wenig, so
-selten Genie geschenkt, daß wir häufig das Schauspiel dieser
-Schicksalsironie sehen müssen: wie die Tätigkeit der edelsten und
-glühendsten Menschheitsfreunde – dem Spottgelächter und der Steinigung
-preisgegeben wird, weil sie es in der Schicksalsstunde nicht verstehen,
-in den wahren Sinn der Dinge einzudringen und ihr _neues Wort_ zu
-finden. Dieses Schauspiel aber des zwecklosen Unterganges so großer,
-edler Kräfte kann in der Tat gar manchen Menschenfreund zur Verzweiflung
-bringen, in ihm nicht mehr Gelächter, wohl aber heiße Tränen
-hervorrufen, und sein bis dahin gläubiges Herz auf ewig mit Zweifeln
-vergiften ...
-
-Übrigens habe ich ja nur auf einen einzigen Charakterzug Don Quijotes
-hinweisen wollen, auf eine der unzähligen tiefen Beobachtungen, die
-Cervantes am Menschenherzen gemacht und so meisterhaft dargestellt hat.
-
-Der phantastischste Mensch, der bis zum Wahnsinn von der
-phantastischsten Illusion, die man sich nur denken kann, überzeugt ist,
-wird plötzlich von Zweifeln befallen, die seinen ganzen Glauben zu
-erschüttern drohen. Und merkwürdig ist, was diese Zweifel hervorruft:
-nicht die Ungereimtheit seines anfänglichen Wahnes, noch die Schilderung
-jener zum Wohle der Menschheit abenteuernden Ritter, noch der Unsinn der
-Zauberwunder, von denen die „wahrheitsgetreuesten“ Bücher erzählen;
-nein, es ist ein gänzlich nebensächlicher Umstand, der plötzlich Zweifel
-in ihm erweckt. Der phantastische Mensch wird plötzlich von der
-_Sehnsucht nach dem Realismus_ erfaßt! Nicht die Tatsache, daß plötzlich
-Heere hervorgezaubert werden, verwirrt ihn: oh, das ist nicht dem
-geringsten Zweifel unterworfen! Wie hätten denn sonst diese prächtigen
-Ritter ihren Heldenmut beweisen können, wenn ihnen nicht solche
-Prüfungen geschickt worden wären, wenn es nicht neidische Riesen und
-böse Zauberer gegeben hätte? Das Ideal des fahrenden Ritters ist so
-hoch, so schön und nützlich und hat das Herz des edlen Don Quijote so
-bezaubert, daß der Verzicht auf den bedingungslosen Glauben an dasselbe
-für ihn bereits unmöglich geworden ist, ja dem Verrat der Pflicht, dem
-Verrat der Liebe zu Dulcinea und zur Menschheit gleichgekommen wäre.
-(Als er aber auf alles verzichtet hatte, als er von seinem Wahn geheilt
-und „_klüger_“ geworden war, – nach der Rückkehr von seiner zweiten
-Ausfahrt, auf der er von dem Barbier Carasco, dem Verneiner und
-Satiriker mit der „gesunden Vernunft“, geschlagen worden war – da starb
-er alsbald, still und mit einem traurigen Lächeln auf den Lippen, indem
-er noch den weinenden Sancho tröstete, die ganze Welt liebte mit der
-großen Kraft jener Liebe, die in seinem heiligen Herzen eingeschlossen
-war, und doch noch einsah, daß er auf dieser Welt nichts mehr zu tun
-hatte.) Nein, es verwirrte ihn nur – eine durchaus richtige, vollkommen
-mathematische Erwägung: daß es, wie sehr der mächtige Ritter auch mit
-dem Schwerte um sich schlagen und wie stark er auch sein mag, immerhin
-unmöglich ist, ein Heer von hunderttausend Mann in wenigen Stunden, oder
-sagen wir, selbst in einem Tage, zu besiegen, und zwar: bis auf den
-letzten Mann! So aber steht es in den wahrheitsgetreuesten Büchern.
-Folglich steht dort ein Lüge? Ist aber schon eines Lüge, dann ist auch
-alles andere Lüge. Wie nun die _Wahrheit_ retten? Und siehe, da denkt er
-sich denn zur Rettung der Wahrheit eine andere Illusion aus, eine, die
-zweimal, dreimal phantastischer, einfältiger und unsinniger ist als die
-erste, denkt sich hunderttausend hervorgezauberte Menschen mit
-Molluskenleibern aus, durch die aber dafür das scharfe Schwert des
-Ritters zehnmal leichter und schneller hindurchgehen kann als durch die
-gewöhnlichen Menschenleiber! Der _Realismus_ ist also befriedigt, die
-_Wahrheit gerettet_, und an die erste Hauptillusion kann er nun ruhig
-weiterglauben; und das wiederum einzig dank der zweiten, viel
-unsinnigeren Illusion, die er sich bloß zur Rettung des _Realismus_ der
-ersten ausgedacht hat.
-
-Man gehe doch in sich und prüfe sich: ist nicht mit jedem von uns ganz
-dasselbe schon hundertmal im Leben geschehen? Nehmen wir an, ihr habt
-einen eurer Träume liebgewonnen, eine Illusion, eine Idee, eine
-Überzeugung oder irgendeine äußere Tatsache, die euch erschüttert, oder
-schließlich ein Weib, das euch bezaubert hat. Mit eurer ganzen Seele
-gebt ihr euch dem Gegenstande eurer Liebe hin. Doch – seid ihr auch noch
-so verblendet, noch so von eurem Herzen bestochen: ist in diesem
-Gegenstand eurer Liebe eine Lüge, irgend etwas, das ihr selbst durch
-eure Leidenschaft entstellt habt, das ihr in dem ersten Drang und
-Aufschwung eurer Seele nicht sehen gewollt – nur um aus diesem
-Gegenstande euer Idol machen und es dann anbeten zu können, – so wird
-doch schon der Zweifel an euch herankriechen. Nur im geheimen natürlich,
-nur im tiefsten Innersten werdet ihr es fühlen, werdet ihr es bangend
-fühlen, wie der Zweifel an euch herankriecht, euch benagt, euren
-Verstand zerrt, sich durch eure Seele windet und euch ewig hindert, mit
-eurem liebgewonnenen Traume in Frieden zu leben. Nun, erinnert ihr euch
-vielleicht, womit ihr euch dann beruhigt habt? Habt ihr euch dann nicht
-einen neuen Traum ausgedacht, eine neue Lüge, vielleicht sogar eine
-furchtbar unvollkommene, grobe Lüge, an die aber zu glauben ihr euch in
-Liebe beeiltet, nur weil sie euch von eurem ersten Zweifel befreite?
-
-
- Mollusken, die man für Menschen hält.
-
- Was ist für uns vorteilhafter: wenn man über uns die Wahrheit
- weiß, oder wenn man über uns Unsinn schwätzt?
-
-Heutzutage hat sich Europa in die Türken verliebt, natürlich – mehr oder
-weniger. Früher, zum Beispiel vor einem Jahr, da wußte man im Westen
-wenigstens, daß es nur aus Haß gegen Rußland geschah, wenn man sich
-bemühte, in den Türken irgendeine große nationale Kraft zu entdecken.
-Wie hätten die klugen Europäer es auch nicht einsehen sollen, daß in der
-Türkei die Kräfte eines regelrechten gesunden Nationalorganismus weder
-sind noch sein können, ja, daß ein Organismus vielleicht überhaupt nicht
-mehr vorhanden ist (dermaßen faul und zerfressen ist er), und daß die
-Türken nur eine asiatische Horde, nicht aber einen regelrechten Staat
-bilden. Jetzt jedoch, seit der Zeit, da die Türkei gegen Rußland Krieg
-führt, hat sich allmählich an bestimmten Stätten Europas die tatsächlich
-ernste Überzeugung festgesetzt, daß diese Nation nicht nur überhaupt
-einen Organismus ausmache, sondern außerdem noch ein sehr starker
-Organismus sei, sogar einer, dem man große Entwicklung und große
-Fortschritte prophezeien könne. Dieser Gedanke bezaubert gar viele
-europäische Geister immer mehr, und schließlich ist er auch zu uns
-herübergekommen: auch hier in Rußland spricht man schon von Kräften, die
-die Türkei plötzlich bewiesen haben soll. In Europa hat sich diese
-Auffassung wiederum nur aus Haß gegen Rußland verbreitet, bei uns aber –
-aus Kleinmut und der ungeheuren Eilfertigkeit zu pessimistischen
-Schlüssen, die nun einmal eine charakteristische Eigenschaft der
-intelligenten Klassen unserer Gesellschaft ist; eine Eigenschaft, die
-sich immer wieder kundtut, sobald irgendwo unsere „Mißerfolge“ beginnen!
-
-So ist denn jetzt in Europa dasselbe vor sich gegangen, was einstmals im
-armen Geiste Don Quijotes vor sich ging, nur in umgekehrter Form, doch
-das Wesen der Sache ist hier wie dort dasselbe: jener dachte sich, um
-die _Wahrheit_ zu retten, Menschen mit Molluskenleibern aus, die
-Europäer dagegen haben jetzt, um ihre Illusion von der Nichtigkeit und
-Schwäche Rußlands, die sie so wohlig beruhigt, zu retten, – eine echte
-Molluske für einen Menschenorganismus erklärt und ihn mit Fleisch und
-Blut, mit Kraft und Gesundheit ausgestattet. Über Rußland aber
-verbreitet man jetzt selbst in den gebildetsten Staaten den größten
-Unsinn. Auch früher kannte man uns in Europa wenig, sogar so wenig, daß
-man sich immer nur wundern mußte, wie dermaßen aufgeklärte Völker so
-wenig bestrebt sein konnten, jenes Volk kennen zu lernen, das sie doch
-alle von jeher hassen und fürchten. Diese Unkenntnis unseres Wesens in
-Europa und sogar die gewisse Unfähigkeit Europas, uns in manchen
-Beziehungen zu verstehen, ist ja für uns Russen teilweise auch
-vorteilhaft gewesen, und so wird sie uns schließlich auch fernerhin
-nicht schaden. Mögen sie nur schwatzen von Rußlands „schmachvoller
-Rückständigkeit als Militärmacht“, ungeachtet der Zeugnisse ihrer
-eigenen Kriegsberichterstatter, die über die militärische Begabung, die
-Festigkeit und Ausdauer und die Disziplin des russischen Soldaten wie
-Offiziers erstaunt sind; mögen sie selbst die bedeutendsten Fehler des
-russischen Generalstabes zu Anfang des Krieges nicht nur für
-unverbesserlich halten, sondern auf organische Mängel unseres Heeres
-zurückführen, – wobei sie natürlich vergessen, wie oft wir sie in diesen
-letzten zwei Jahrhunderten geschlagen haben. Mögen schließlich die
-_ernstesten_ ihrer politischen Blätter der Welt als wahr melden, daß es
-bei uns zu einer riesigen Volksverschwörung auf der Wyborger Seite in
-Petersburg gekommen sei, und daß die Regierung zwei Regimenter aus
-Dünaburg zur Rettung Petersburgs herbeigerufen habe, – schön, mögen sie
-das in ihrer blinden Wut von uns sagen! Ich wiederhole: für uns ist es
-sogar vorteilhaft; denn sie ahnen ja nicht einmal, was sie anstiften!
-Sie würden doch so gern in allen ihren Völkern Haß gegen uns erwecken,
-gegen die „gefährlichen Gegner unserer europäischen Zivilisation“. Und
-doch sind sie es dann selbst, die uns wiederum als verloren hinstellen,
-uns in einer „bis zur Schmach lächerlichen Schwäche als Militärmacht und
-Staatsorganismus“ schildern. Wer aber wirklich so schwach und nichtig
-ist, der bringt doch wahrlich nicht in dieser Weise ganze Koalitionen
-gegen sich zusammen!
-
-Man stelle sich nur vor, Europa sollte genaue Kenntnis von dieser Kraft
-unseres Geistes, unseres Gefühls haben, von dem unerschütterlichen
-Glauben unseres Volkes an die Gerechtigkeit der großen Tat, für die sein
-Zar jetzt das Schwert gezogen hat, und an den unfehlbaren Sieg dieser
-Idee, wenn auch nicht sofort, dann doch in der Zukunft! Man stelle sich
-nur vor, Europa könnte endlich begreifen, was dieser im höchsten Grade
-nationale Krieg für Rußland bedeutet, und daß unser Volk keineswegs eine
-tote, seelenlose Masse ist, wie sie es sich dort immer vorstellen,
-sondern ein mächtiger und sich seiner Macht bewußter Organismus, der als
-Ganzes wie ein einziger Mann fest zusammengefügt dasteht und eines
-Herzens und eines Willens mit seinem Heere ist. Welch einen Schreck und
-welch eine Aufregung würde dieses Wissen dort überall hervorrufen! Und
-das würde natürlich schon eher zu einer offenen Koalition Europas gegen
-uns führen, als die so gern gelesenen Berichte über unsere
-Kraftlosigkeit und Dekadenz. Nein, da ist es denn doch besser, wenn wir
-sie ruhig an die „Volksverschwörung in der Wyborger Vorstadt“ glauben
-lassen – ihnen zum Troste und uns zur Erheiterung.
-
-Daß man in Europa jetzt an die Türken glaubt, ist ja schließlich ganz
-begreiflich; wir wissen doch, warum man es dort tut. Wie aber kann man
-bei uns sich deswegen aufregen und sogar an irgendwelche neue, plötzlich
-aufgetauchte Lebenskräfte der türkischen Nation glauben? Wodurch hat die
-Türkei diese Kräfte bewiesen? Durch den Fanatismus? „Fanatismus ist
-nicht Kraft“, haben bei uns schon hundertmal diese selben Leute
-verkündet, die jetzt plötzlich an die türkischen Kräfte glauben. Man
-spricht von den türkischen Siegen. Die Türken haben nur ein- oder
-zweimal unsere Angriffe zurückgeworfen, und das sind, wie man weiß, nur
-negative, nicht positive Siege. Als wir aber in Sebastopol einen Angriff
-der Franzosen und Engländer mit furchtbaren Verlusten der letzteren
-zurückschlugen, da sprach Europa kein Wort von einem russischen „Siege“.
-Wir haben während der ganzen zwei letzten Monate bedeutend weniger
-Truppen gehabt, als die Türken: warum haben sie das nicht ausgenutzt?
-warum uns nicht über den Balkan zurückgedrängt, warum nicht über die
-Donau zurückgeworfen? Dagegen haben wir überall unsere wichtigsten
-Stellungen behauptet und überall die Türken zurückgeschlagen. Zuweilen
-haben sieben oder acht unserer Bataillone zwanzig der ihrigen
-geschlagen, wie z. B. noch vor kurzem bei Zerkownjä. Die von der Kraft
-der Türken überzeugten Pessimisten weisen auf das Gewehr und die
-Artillerie der Türken hin, die, wie es heißt, besser sein sollen, als
-unser Gewehr und unsere Artillerie. Trotzdem wollen sie nicht zugeben,
-daß wir im Grunde genommen nicht nur mit den Türken, sondern mit den
-europäischen Mächten kämpfen, da unzählige fremde Offiziere im
-türkischen Heere dienen und letzteres mit europäischem Gelde ausgerüstet
-ist, da die europäische Diplomatie seit dem Ausbruch des Krieges uns
-überall Stangen in die Räder schiebt, wie z. B., wenn sie uns der Hilfe
-unserer natürlichen Verbündeten beraubt und uns sogar das Recht
-entzieht, auf dem einzigen direkten Wege in die Türkei einzudringen.
-Außerdem hat Europa durch seinen Haß auf uns zweifellos den Fanatismus
-der Türken angefacht. (In Europa wurde ja noch kürzlich eine
-Verschwörung ganzer Horden aufgedeckt, die, organisiert und mit Geld und
-Gewehren versehen, uns plötzlich in den Rücken fallen sollten.) Und zum
-Überfluß hat Europa den Türken auch noch eine riesige Anleihe gewährt –
-zum großen Nachteil für den eigenen Beutel. Und all dieses Unmögliche
-ist doch nur möglich gewesen, weil man in Europa die Illusion, daß die
-Türkei kein Molluskenreich sei, sondern ein Organismus von Fleisch und
-Blut wie alle anderen europäischen Reiche, so liebgewonnen hat! Dabei
-geschah dies zu derselben Zeit, als in mehreren Provinzen der Türkei das
-Blut in Strömen floß, als unter den Machthabern der Türkei eine
-regelrechte Verschwörung aufgedeckt wurde, die die Bulgaren bis auf den
-letzten Mann ausrotten wollte! Jetzt aber erhalten die Türken ihr Heer
-in den bulgarischen Provinzen mit solchen Requisitionen von
-Lebensmitteln, Pferden und Vieh, daß sie sicher sein können, ihr Ziel zu
-erreichen, nämlich: ihre reichste Provinz von Grund aus zu verwüsten.
-Und diesen Zerstörern des eigenen Landes leihen die gebildeten,
-zivilisierten Engländer noch Geld und glauben sogar an die türkische
-Zahlungsfähigkeit! Doch schön, schön, mag das alles in Europa geglaubt
-werden, dort ist das doch immerhin verständlich. Aber bei uns, wie kann
-man nur bei uns die Türken für eine Kraft halten!? Die Zerstörung ihres
-eigenen Landes und die Ausrottung der ganzen christlichen Bevölkerung –
-ist denn das eine Kraft? Die wird ja nicht einmal bis zum Ende des
-Krieges ausreichen. Die erste Wendung zu unseren Gunsten: und dieses
-ganze phantastische Gebäude ihrer Militärmacht und Nationalkraft wird im
-Augenblick zusammenstürzen und zergehen, wie eine richtige Schimäre, –
-sogar samt ihrem Fanatismus, der wie stickiger Rauch durch eine
-geöffnete Tür entfliehen wird.
-
-Viele klugen Leute verwünschen jetzt einfach diese ganze Orientfrage.
-„Wer hat uns eigentlich,“ fragen sie, „diese Slawen und dieses
-Hirngespinst von einer Vereinigung aller blutsverwandten Stämme auf den
-Hals geladen? und wozu überhaupt? Zu ewigem Streit mit Europa, zu ewigem
-Mißtrauen uns gegenüber, damit nur ja der Haß des Westens auf uns nicht
-abnehme! Daß sie der Teufel hole, diese Slawophilen!“ usw., usw. Diese
-klugen Leute haben jedoch, wie es scheint, vollkommen falsche
-Vorstellungen wie von den Slawophilen so auch von der Orientfrage. Ja,
-wie sollte es auch anders sein! Haben sich doch viele von ihnen bis zur
-jüngsten Zeit überhaupt nicht für diese Sache interessiert. Deshalb kann
-man mit ihnen auch nicht streiten. Sie wissen es ja tatsächlich nicht,
-daß diese Orientfrage – und mit ihr die Slawenfrage – keineswegs von den
-Slawophilen heraufbeschworen oder ausgedacht worden ist (so etwas kann
-man sich doch nicht ausdenken), sondern, daß diese Frage von selbst
-entstanden ist, und das schon vor sehr langer Zeit: längst vor den
-Slawophilen, längst vor uns, ja sogar vor Peter dem Großen und dem
-russischen Staat. Entstanden ist sie mit der ersten Kristallisierung der
-großrussischen Rasse zu einem einzigen russischen Reich, das heißt also,
-zusammen mit dem Zarentum Moskau.
-
-Die Lösung des Orientproblems ist eine Aufgabe, die das moskowitische
-Zarentum fast schon am Tage seiner Entstehung auf sich nahm, und die
-Peter der Große durchaus anerkannte und deshalb auch, als er Moskau
-verließ, keineswegs abschüttelte, sondern mit sich nach Petersburg
-hinübernahm. Peter begriff die organische Verbindung dieser Idee mit dem
-Russischen Reiche und der russischen Seele. Darum ist sie auch in
-Petersburg nicht nur nicht untergegangen, sondern von allen Nachfolgern
-Peters geradezu als _russische Bestimmung_ angesehen worden. Darum
-können wir sie auch jetzt nicht aufgeben – das wäre ein Verrat an uns
-selbst. Die slawische Idee nicht mehr tragen und das Problem einer
-Schicksalsentscheidung des östlichen Christentums – das Wesen der
-Orientfrage – ungelöst aufgeben, wäre dasselbe, wie ganz Rußland
-zerbrechen, in Splitter zerhauen und an seiner Stelle sich irgend etwas
-Anderes und Neues ausdenken, was dann aber nichts mehr mit Rußland zu
-tun hätte. Das wäre sogar nicht einmal Revolution, sondern einfach
-Vernichtung, und darum ganz undenkbar: denn wie sollte man solch ein
-Ganzes vernichten und es in einen von Grund auf neuen Organismus
-umgebären können? So sind es denn auch nur noch die auf beiden Augen
-blinden russischen „Europäer“, die diese Idee nicht einsehen können
-und sie daher verleugnen, und mit ihnen höchstens noch die
-Börsenspekulanten, – so nenne ich nun einmal grundsätzlich alle Russen,
-die keine andere Sorge haben als die um ihren Geldbeutel, und die
-infolgedessen auf Rußland nur vom Standpunkt ihrer Tasche aus sehen.
-Jetzt klagen sie alle im Chor über die Stockung des Handels, über die
-Börsenkrisis und das Sinken des Rubels. Wären aber diese
-Börsenspekulanten nur so weit aufgeklärt, daß sie irgend etwas auch
-außerhalb ihrer Sphäre verstünden, dann würde ihnen wohl aufgehen, daß
-sie weit schlimmer daran wären, wenn Rußland diesen Krieg nicht begonnen
-hätte. Damit es ein „Steigen“ gibt – selbst ein Steigen des Rubels an
-der Börse –, muß die Nation auch wirklich leben, muß sie ein lebendiges
-Leben führen und ihre natürliche Bestimmung erfüllen, nicht aber wie
-eine galvanisierte Leiche in den Händen der Juden und Börsenjobber
-liegen. Wenn wir nach allen zynischen, beleidigenden Herausforderungen
-unserer Feinde diesen Krieg nicht begonnen hätten und den erschöpften
-Märtyrern nicht zu Hilfe gekommen wären, so würden wir uns jetzt selbst
-verachten müssen. Selbstverachtung aber, moralisches Sinken, und nach
-ihm Zynismus, – sind sogar für die Geschäfte der Börsenjobber nicht
-günstig. Die Nationen leben durch große Gefühle, durch große, alle
-vereinende und alles erhellende Gedanken, und endlich durch die Einheit
-des ganzen Volkes, die dann entsteht, wenn das Volk unwillkürlich seine
-führende Intelligenz als mit ihm übereinstimmend anerkennt, woraus dann
-die stärkste Nationalkraft strömt. Das ist es, wodurch die Nationen
-leben, nicht aber durch Börsenspekulationen und die Sorge um den Wert
-des Rubels! Je geistig reicher eine Nation ist, desto materiell reicher
-wird sie sein ... Übrigens, was sind das doch wieder für alte Worte, die
-ich da rede!
-
-
- Zur Orientfrage
-
-
- Lakaientum oder Zartgefühl
-
-Bekanntlich sind alle intelligenten Russen außerordentlich taktvoll in
-Fällen, in denen es sich um Europa handelt, oder wenn sie glauben, daß
-Europa auf sie sehe – obgleich Europa sie im Grunde niemals
-beachtet.[48] Zu Haus aber, da entschädigen sie sich dafür: zu Hause
-wird der ganze Europäismus in den allermeisten Fällen beiseite geschoben
-... Und wer von ihnen glaubt denn auch im Ernst an diese uns so lange
-schon gepredigten „europäischen Ideen“? Freilich, manch ehrlicher und
-guter Mensch glaubt einfach aus Herzensgüte an sie; aber gibt es denn
-viele solcher Menschen bei uns? Um die Wahrheit zu sagen: genau
-genommen, gibt es doch keinen einzigen Europäer unter uns; denn wir sind
-ja überhaupt nicht fähig, Europäer zu sein. Unsere Börsengeister und
-andere führende Geister haben die europäischen Ideen anscheinend bloß
-gepachtet. Russen aber mit großen, gesunden Gedanken, die glauben
-freilich nicht an diese „europäischen Ideen“; denn da ist auch wirklich
-nichts, woran zu glauben sich lohnte. Nichts ist uns unklarer,
-nebelhafter, unbestimmbarer als dieser Zyklus von Ideen, den wir in der
-Periode unserer zweihundertjährigen europäischen Nachahmung uns
-angeeignet haben, – in Wahrheit kein Zyklus, sondern ein Chaos
-abgerissener Gefühle, fremder, unverstandener Gedanken, fremder Schlüsse
-und fremder Gewohnheiten, – und alles in allem doch nur Worte und Worte,
-europäische liberale Worte vielleicht, aber für uns doch nur Worte und
-Worte.
-
-Mit Papageieninstinkten läßt sich das gerade auch nicht erklären,
-ebensowenig mit einem Lakaientum russischer Gedanken Europa gegenüber.
-Lakaiengedanken gibt es ja sonst sehr viele bei uns, aber der höhere
-Grund unserer europäischen Knechtschaft ist doch wohl nicht ein
-Lakaientum, sondern schon eher unser angeborenes Zartgefühl Europa
-gegenüber. Man wird sagen, daß Zartgefühl und Lakaientum in dem Falle
-ein und dasselbe sei. In vielen Fällen – vielleicht, aber nicht in
-allen. Ich spreche hier selbstverständlich nicht von den Geistern, die
-ich vorhin erwähnte; diesen „Europäern“ ist es niemals weder um Europa
-noch um Rußland zu tun gewesen. Die hatten als kluge Menschen im Trüben
-gut fischen, und das taten sie denn auch zwei Jahrhunderte lang.
-
-Da äußert sich, zum Beispiel, der Engländer Gladstone über den jetzigen
-russischen Krieg mit den Türken folgendermaßen:
-
-„Was man auch sonst über einige Kapitel der russischen Geschichte sagen
-könnte, durch die Befreiung vieler Millionen Menschen unterdrückter
-Völker von einem harten und erniedrigenden Joch erweist Rußland der
-Menschheit einen der größten Dienste, deren sich die Geschichte der
-Menschheit erinnern wird.“
-
-Was glauben sie wohl, würde solche Worte ein russischer Europäer je
-auszusprechen wagen? Nie und nimmer! Eher würde er sich die Zunge
-abbeißen, würde aus Zartgefühl über und über erröten, nicht nur vor
-Europa, sondern auch vor sich selbst, wenn er Ähnliches nur hörte oder
-es womöglich noch von einem Russen auf russisch geschrieben lesen müßte.
-„Um Gottes willen! Wie sollten wir uns unterstehen ... _und noch dazu
-für die ganze Menschheit_ ... wir Russen? Wir, die wir noch nicht einmal
-mit der Nase an solche Aufgaben heranreichen, wir, mit unserem schiefen,
-unausgeglichenen Gesicht, sollen ‚die Menschheit befreien‘! Welch
-unliberaler Gedanke! _Rußland_ befreit die Völker!!“
-
-Das wäre die aufrichtige Meinung des russischen Europäers, und er
-schlüge sich eher die Finger ab, als daß er Gladstones Worten Ähnliches
-niederschriebe. „Gladstone kann ja vieles zu irgendwelchen Zwecken
-erfinden, aber von Rußland versteht er doch nichts,“ würde er behaupten.
-Einige von unseren Europäern aber würden nicht ohne Stolz noch
-hinzufügen: „Wir russischen Europäer sind vielleicht doch noch liberaler
-als die europäischen Europäer; denn wer von unseren nüchternen Köpfen
-würde jetzt auch nur mit einer Silbe von der Befreiung der Völker reden?
-Welch ein Rückschritt! Und Gladstone schämt sich nicht einmal, so etwas
-zu sagen!“
-
-Wie soll man das nun nennen, meine Herren? Lakaientum oder Zartgefühl
-Europa gegenüber?
-
-Ich bleibe doch bei der Ansicht, daß in der europäischen Periode unserer
-Geschichte das Zartgefühl eine große Rolle gespielt hat. Viele von
-unseren Europäern sind doch achtenswerte und tapfere Leute, Ehrenmänner
-durch und durch – wenn auch nach den Begriffen einer fremden,
-anerzogenen und von diesen unseren Rittern selbst nicht allemal
-verstandenen Ehre –, aber immerhin irgendeiner Ehre; sind Leute, die es
-nicht erlauben, daß man ihnen auf die Füße tritt. Wie kann man sie nur
-so mir nichts, dir nichts Lakaien nennen? Nein, das Zartgefühl
-beherrscht sie, nicht das Lakaientum!
-
-Unsere Damen, die begeistert den gefangenen Türken Konfekt und
-Zigaretten bringen, tun das ja gleichfalls nur aus Zartgefühl. Jetzt
-haben einige undelikate Leute diese Damen zur Vernunft gewiesen, aber
-vorher ... Nehmen wir an, daß nach dem Eisenbahnzuge mit den gefangenen
-Türken, denen unsere Damen Buketts und Konfekt verehrten, ein zweiter
-Zug mit echten Baschi-Bozuks ankäme – mit dieser berühmten Landwehr, die
-sich ganz besonders durch das Zerreißen von Säuglingen auszeichnet und
-durch die Kunst, aus den Rücken der Mütter Riemen zu schneiden – ja, ich
-glaube, unsere Damen würden diesen zweiten Zug mit einem Schrei des
-Entzückens empfangen, würden die interessante Landwehr mit Süßigkeiten
-überschütten und in ihren Komitees womöglich Stipendien am Gymnasium für
-sie erwirken. O, man glaube mir, meine Voraussetzung ist durchaus nicht
-so phantastisch: dieses Zartgefühl kann sich bei uns bis zum Äußersten
-steigern. Wenn diese Damen sich im Spiegel betrachten, so denken sie
-sicher ganz verliebt in sich selbst: „Wie human, wie liberal wir doch
-sind!“ Ich glaube nicht, daß ich übertreibe! Dieser hochmütige Blick,
-zum Beispiel, den der sogenannte russische Europäer für unser Volk nur
-übrighat, und dieses Lächeln, mit dem er das Streben des Volkes
-kritisiert und ihm jegliches Denken abspricht – „außer einigen schreiend
-blöden Einfällen von einigen tausend Bauernköpfen und irgendeinem
-Dummkopf“ –: kommt das nicht dem gleich, was ich von unseren Damen
-gesagt habe?
-
-Dieses Zartgefühl, das wir Europa entgegenbringen, verläßt uns bei
-keiner Gelegenheit. Die türkischen Gefangenen verlangten Weißbrot und
-sie erhielten es sofort. Ja, die türkischen Gefangenen weigerten sich
-sogar, zu arbeiten. Fürst Meschtscherski schreibt in seinem „Tagebuch“
-als Augenzeuge aus dem Kaukasus:
-
- Unsere Gefangenen verließen Tiflis. Man wollte sie in offenen Wagen
- transportieren, sie aber revoltierten und erdreisteten sich, zu
- erklären, daß sie in solchen Wagen nicht fahren würden. Daraufhin
- gab man ihnen Postequipagen, jede Equipage mit sechs Pferden
- bespannt. Darüber drückten sie ihre Zufriedenheit aus. Die Folge
- davon aber war, daß aus Mangel an Pferden die Reisenden auf der
- großen Grusinischen Heerstraße dreimal vierundzwanzig Stunden warten
- mußten. Die russischen Offiziere aber, die die gefangenen Türken
- begleiteten, und die nur 50 Kop. täglich erhielten, setzte man nicht
- in die Equipage, sondern wie Bediente in einen Omnibus! Das nennt
- man dann „Humanität“! (Moskauer Nachrichten.)
-
-Das ist freilich nicht Humanität, sondern eben jenes besagte Zartgefühl
-der europäischen Meinung gegenüber. „Europa sieht auf uns, folglich muß
-man in Galauniform den Paschas die besten Wagen anbieten.“
-
-Die „Moskauer Nachrichten“ berichten unter anderem auch von dem
-Erstaunen der Moskowiter bei der Ankunft der gefangenen Türken, als sie
-sahen, wie man sie transportierte:
-
- Die gefangenen türkischen Soldaten waren bequem in Waggons dritter
- Klasse untergebracht, die Offiziere in Waggons zweiter Klasse, und
- der Pascha nahm einen ganzen Waggon erster Klasse ein. „Warum wird
- ihnen so viel Luxus geboten?“ hörte man im Publikum fragen. „Unsere
- Grenadiere wurden aus Moskau in Viehwaggons transportiert, diese
- türkischen Gefangenen aber fahren in Luxuszügen.“
-
- „Was, Grenadiere,“ rief darauf aus der Menge ein Kaufmann – „sogar
- unsere verwundeten Soldaten wurden in Viehwaggons transportiert, und
- dabei hatte man ihnen nicht einmal Stroh untergebreitet. Diesen
- feisten Pascha da, diesen Aufgefütterten, den hätte man in den
- Viehwagen einsperren sollen, damit er wenigstens etwas von seinem
- Fett verliert!“
-
- „Dort unten haben sie unsere Verwundeten zu Tode gequält, ihnen die
- Sehnen herausgezogen, sie mit glühendem Eisen gebrannt, und jetzt
- werden sie bei uns dafür verhätschelt ...“
-
-Solche Stimmen, bemerkt die Moskauer Zeitung, waren nicht vereinzelt; in
-ihnen tat sich die Volksmeinung kund: ist es doch schmerzlich zu sehen,
-daß diese Baschi-Bozuks, dieser ganze türkische Abschaum besser
-behandelt wird als unsere eigenen Soldaten.
-
-Wir, die Intelligenz, sehen nichts Besonderes darin: es ist eben
-Zartgefühl oder richtiger die äußere Form eines Zartgefühls der
-europäischen Meinung gegenüber – und weiter nichts. Das ist doch schon
-zweihundert Jahre lang bei uns so Sitte gewesen – es wäre Zeit, sich
-daran zu gewöhnen!
-
-Da ich einmal auf diese Dinge zu sprechen gekommen bin, will ich noch
-ein kennzeichnendes Beispiel wiedergeben. Ich las diese Geschichte vor
-kurzem in der Petersburger Zeitung, die sie einem Briefe entnommen
-hatte.
-
- In seinem Bericht vom Kriegsschauplatz erzählt Herr Krestowski unter
- anderem von einem spaßigen Fall. „In der Suite des Großfürsten
- erschien ein sonderbarer Engländer: er trug einen Korkhelm und einen
- Mantel von erbsgrüner Farbe. Es heißt, er sei Mitglied des
- Parlaments und benutze seine freie Zeit, um vom Kriegsschauplatz an
- eine der großen Londoner Zeitungen (Times) Bericht zu erstatten.
- Andere versichern, er sei nur ein ‚reisender Engländer‘, wiederum
- andere, er sei einfach ein Russenfreund. Doch wie dem nun auch sei,
- jedenfalls führt sich dieser Herr etwas exzentrisch auf. In
- Gegenwart des Großfürsten, wenn alle stehen, Seine Hoheit nicht
- ausgenommen, bleibt er z. B. ruhig sitzen, und bei Tisch erhebt er
- sich, wann es ihm gefällt. Vor kurzem wandte er sich an einen
- bekannten Offizier mit der Bitte, ihm seinen erbsfarbenen Mantel zu
- halten. Der Offizier maß ihn mit etwas erstauntem Blick, lächelte
- darauf ein wenig ironisch, zuckte die Achsel und half ihm
- schließlich widerspruchslos in den Mantel. Freilich, es blieb ihm
- auch nichts anderes übrig. Der Engländer aber berührte nur flüchtig
- mit der Hand den Schirm seines Korkhelms ...“
-
-Die Petersburger Zeitung findet diesen Fall spaßig. Zu meinem Bedauern
-kann ich wirklich nichts Spaßiges in ihm entdecken, sondern nur sehr
-viel Ärgerliches. Bei uns hat sich aus Romanen und französischen
-Vaudevilles der Glaube ein für allemal festgesetzt, daß jeder Engländer
-ein Sonderling sei. Aber was ist denn ein Sonderling? Nicht immer
-braucht so ein Sonderling gleich dermaßen naiv zu sein, nicht einmal
-erraten zu können, daß in der Welt nicht überall dieselben Sitten und
-Gebräuche herrschen, die irgendwo dort in England allgemein angenommen
-sein mögen. Die Engländer sind, im Gegenteil, ein kluges Volk; als
-Seefahrer, und zudem noch als gebildete Seefahrer, haben sie mit ihrem
-scharfen Blick besser als alle Europäer die Völker aller Erdteile und
-ihre Sitten zu beobachten verstanden; sie sind ganz ungewöhnlich begabte
-Beobachter. Solch ein Engländer nun, und noch dazu einer, der Mitglied
-des Parlaments ist, sollte nicht wissen, wo und wann er stehen, wo und
-wann er sitzen muß!? Es gibt ja kein einziges Land, in dem die Etikette
-eine so große Rolle spielt wie gerade in England. Die englische
-Hofetikette ist die komplizierteste der ganzen Welt. Wenn dieser
-Engländer Parlamentarier ist, so muß er als solcher doch wenigstens
-wissen, wie sich die Mitglieder des Unterhauses zu denen des Oberhauses
-zu verhalten haben, und zwar gerade in dem Sinne: wer vor wem sitzen
-bleiben, und wer vor wem aufstehen muß. Und wenn er noch gar zur höheren
-Gesellschaft gehört – wo geht es denn zeremonieller zu als bei den
-Diners und auf den Bällen oder in den Empfangssälen der Londoner
-Aristokratie? Nein, dieser Engländer scheint mir keineswegs ein
-Sonderling zu sein – soweit man ihn nach dieser Beschreibung beurteilen
-kann. Nein, das ist englischer Stolz, und nicht nur Stolz, sondern ist
-einfach Anmaßung, Herausforderung. Dieser „Russenfreund“ kann doch kein
-großer Freund von uns sein. Er bleibt ruhig sitzen und denkt bei sich
-über die russischen Offiziere: „Meine Herren, ich weiß, daß Sie ein
-Löwenherz haben! ... Sie unternehmen ja fast Unmögliches und führen es
-auch aus. Furcht vor dem Feinde kennen Sie nicht; jeder einzelne von
-Ihnen ist ein Held, und was Ehre ist, wissen Sie alle nur zu gut. Ich
-kann nicht abstreiten, was ich mit meinen eigenen Augen sehe. Doch
-nichtsdestoweniger bin ich Engländer, Sie aber sind nur Russen; ich bin
-Europäer, und Europa gegenüber sind Sie verpflichtet, zartfühlend und
-aufmerksam zu sein. Welche Löwenherzen Sie auch haben mögen – im
-Vergleich mit Ihnen bin ich doch ... nun eben ein höherer Typ Mensch. Es
-ist mir sehr angenehm, sehr angenehm, Ihr Zartgefühl mir gegenüber zu
-beobachten ... Sie denken, daß das alles nur Kleinigkeiten sind, aber
-gerade diese Kleinigkeiten sind es, die mich amüsieren. Ich habe diese
-Vergnügungsreise gemacht, weil ich hörte, daß Sie Helden seien; ich bin
-hergekommen, um Sie mir näher anzusehen, aber ich werde wieder einmal
-mit der Überzeugung heimkehren, daß ich als Sohn Old-Englands“ – sein
-Herz erbebt vor Stolz – „auf der Welt doch ein Mensch ersten Ranges bin
-und bleibe: Sie aber, meine Herren, sind als Russen doch nur
-zweitrangige Kreaturen ...“
-
-Am interessantesten sind in dem Briefe zweifellos die letzten Zeilen:
-„Der Offizier maß ihn mit etwas erstauntem Blick, lächelte darauf ein
-wenig ironisch, zuckte die Achsel und half ihm schließlich
-widerspruchslos in seinen Mantel. _Freilich, es blieb ihm auch nichts
-anderes übrig._“
-
-Wieso: „freilich“? Warum blieb ihm nichts anderes übrig? Im Gegenteil,
-da hätte man gerade das Entgegengesetzte tun sollen: man hätte ihn vom
-Kopf bis zu den Füßen mit nicht mißzuverstehendem Blick messen, ironisch
-lächeln, mit den Schultern zucken und vorübergehen sollen, ohne den
-Mantel anzurühren. Hatte man denn wirklich nicht bemerkt, daß der
-aufgeklärte Seefahrer bloß seine Stückchen machte, daß der feinste
-Kenner der Etikette den Augenblick benutzte, um seinen kleinlichen Stolz
-zu befriedigen? Das ist es ja, daß man in dem Augenblick nicht darauf
-verfallen konnte, denn unser „Zartgefühl“ verhinderte es. Doch, das war
-nicht etwa Zartgefühl _diesem_ Engländer gegenüber – weder als Mitglied
-des Parlaments, noch als Besitzer jenes Korkhelms –, sondern unser
-Zartgefühl Europa, der europäischen Aufklärung gegenüber, unser
-Zartgefühl, in dem wir aufgewachsen sind, und das uns bis zum Verlust
-unserer eigenen Selbständigkeit und Persönlichkeit beherrscht, und von
-dem wir uns noch lange nicht werden befreien können. Die Lieferung von
-Patronen an die Türkei, die England und Amerika besorgen, soll wirklich
-enorm sein. Wir wissen ja ganz genau, daß der türkische Soldat bei
-Plewna bisweilen an 500 Patronen täglich verbraucht: die Türkei aber hat
-weder so viel Geld, noch solch einen Kredit, um ihre Armee dermaßen mit
-Munition versehen zu können. Daß die Engländer ihnen in jeder Beziehung
-helfen, liegt auf der Hand; ihre Schiffe bringen den Türken alles, was
-zum Kriege nötig ist. Bei uns aber schweigen die Zeitungen darüber – aus
-„Zartgefühl“ natürlich: „Ach, sprechen Sie nicht davon, werfen Sie doch
-nur nicht solche Fragen auf, wir wollen nichts davon sehen, nichts
-hören, sonst würden wir die gebildeten Seefahrer womöglich erzürnen und
-dann ...“
-
-Nun, und was dann? Warum fürchtet ihr euch? Wahrlich, über dieses Thema
-„Zartgefühl“ könnte man noch vieles hinzufügen.
-
-Selbst wenn es diese gewissen Wechsel und Wechselchen gibt, die wir
-Europa in Gestalt verschiedener Versprechungen eingehändigt haben
-sollen, so ist doch auch das nur aus Zartgefühl Europa gegenüber und aus
-Verehrung für seine Kultur geschehen. Doch vorläufig will ich dieses
-Thema fallen lassen. Ich erinnere mich, zu Anfang dieses Kapitels noch
-hinzugefügt zu haben, all das geschehe ja nur Europa gegenüber, bei uns
-zu Hause kämen wir schon auf unsere Rechnung. Ich möchte nun die
-Gelegenheit benutzen, zu zeigen, wie wir es verstehen, uns dafür zu
-entschädigen.
-
-
- Der größte Beweis unseres Lakaientums
-
-Erinnern Sie sich noch, meine Herren, wie wir im Sommer, als wir kurz
-vor Plewna in Bulgarien eindrangen, plötzlich vor Unwillen einfach
-erstarrten? Übrigens waren nicht alle so ungehalten, das muß ich
-vorausschicken. Doch die Stimmen der Herren Kriegsberichterstatter
-fanden in unseren Petersburger Zeitungen einen lebhaften Widerhall.
-
-Es handelte sich um folgendes: Uns, wie der ganzen Welt, ist es bekannt,
-daß wir auszogen, um die unterdrückten, erniedrigten und gequälten
-Balkanslawen zu befreien. Ich erinnere mich noch, ganz zu Anfang des
-Krieges in einer unserer besten Zeitungen gelesen zu haben: „Wenn wir in
-Bulgarien einziehen, werden wir nicht nur unsere Armee zu ernähren
-haben, sondern auch die bulgarische Bevölkerung, die bereits dem
-Hungertode nahe ist.“ Und siehe da, nachdem wir uns eine solche
-Vorstellung gemacht hatten – von den Bedrückten, Gepeinigten und
-Hungernden, und von allen Flüssen und aus allen Gauen Rußlands hinzogen,
-um uns für sie aufzuopfern –, stehen wir plötzlich vor reizenden
-Bulgarenhäuschen, die, umgeben von Blumen und Obstgärten, weidenden
-Viehherden und Ackerland, keineswegs unseren Erwartungen entsprechen.
-Und zur Vollendung des Ganzen gibt es gleich im ersten bulgarischen
-Städtchen drei orthodoxe Kirchen und nur eine Moschee. Das war im Lande
-der Bulgaren, der des Glaubens wegen Unterdrückten! „Wie wagen sie es
-nur!“ ereiferten sich gleich die beleidigten Herzen der Befreier, und
-das Blut stieg ihnen zu Kopf. „Wir sind doch hergekommen, um sie zu
-befreien! – Auf den Knien müßten sie uns empfangen! Und statt über unser
-Kommen froh zu sein, sehen sie uns noch mißtrauisch an! Uns! ...
-Allerdings, sie bringen uns Salz und Brot, das ist schließlich wahr,
-aber von der Seite sehen sie uns doch mißtrauisch an! ...“ Was meinen
-Sie, meine Herren, wenn Sie plötzlich ein Telegramm bekämen mit der
-Nachricht, daß ein Ihnen nahestehender Mensch, ein Freund oder Bruder,
-im Sterben liegt oder verunglückt ist, oder daß man ihn beraubt hat, so
-werden Sie sich doch so schnell wie möglich zu ihrem unglücklichen
-Bruder begeben, nicht wahr? Und siehe da: plötzlich ist nichts von
-alledem geschehen: Sie treffen den Menschen bei vorzüglichster
-Gesundheit beim Mittagstisch an! Freudig lädt er sie ein, mit ihm zu
-speisen, und er lacht von ganzem Herzen über das Mißverständnis, über
-das qui pro quo. Ob Sie nun diesen Menschen lieben oder nicht lieben: es
-wird Ihnen doch niemals einfallen; es ihm zu verübeln, daß er nicht in
-Lebensgefahr schwebt, daß man ihn nicht beraubt hat, oder daß ihm nicht
-sonst ein Unglück zugestoßen ist? Oder gar, daß er so gesund aussieht,
-zu Mittag speist und dazu Wein trinkt? Ich glaube, doch nicht! Im
-Gegenteil, Sie würden sich freuen, daß er lebt und womöglich noch wohler
-aussieht als Sie selbst. Nun, freilich wäre es menschlich, sich ein
-bißchen zu ärgern – aber doch nicht etwa darüber, daß man ihm, sagen
-wir, nicht die Beine abgefahren hat? Sie werden doch nicht gleich vom
-Tische aufstehen und über ihn Bericht erstatten, Anekdoten von ihm
-erzählen, seine schlechten Charaktereigenschaften hervorheben ...? Bei
-den Bulgaren hat man es aber getan. „Bei uns kann sich ein wohlhabender
-Bauer nicht so gut ernähren wie dieser unterdrückte Bulgare,“ hieß es.
-Andere kamen sogar zu der Überzeugung, daß nur die Russen die Ursache
-des Unglücks der Bulgaren seien: „Wenn wir nicht den Türken gedroht
-hätten und nicht hingezogen wären, um diese angeblich geplünderten und
-unterdrückten Bulgaren zu ‚befreien‘, so lebten sie noch heute wie im
-Wollkorbe.“ Das kann man auch jetzt noch hören.
-
-Und so mußten wir uns denn für unser Zartgefühl Europa gegenüber und für
-unseren aufgeklärten Europäismus zu Hause entschädigen, mußten, wo
-Europa nicht auf uns sieht, unser Herz erleichtern können. Und in
-Bulgarien waren wir ja so gut wie zu Hause. „Wir sind gekommen, um sie
-zu befreien, folglich gehören sie ja fast zu uns. Besitzt der Bulgare
-einen Garten oder ein Gut, so hat er es jetzt gleichsam geschenkt von
-uns wiedererhalten: wir nehmen dafür nichts von ihm und genau genommen
-haben wir ja auch nicht das Recht dazu, aber er muß es doch _empfinden_
-und uns ewig dafür dankbar sein, daß wir ihm zu Hilfe gekommen sind, ihn
-und sein Hab und Gut von dem Türken, seinem Unterdrücker, befreit haben.
-Das müßte er doch begreifen!“ Und da sehen wir plötzlich, daß ihn
-niemand unterdrückt! Welch eine beleidigende Situation, nicht wahr?
-
-Und welch ein Lakaientum im Grunde, statt wirklichen Zartgefühls! Und
-welch eine Komik! Es ist schlechthin die komischste aller
-Entschädigungen „bei uns zu Haus“ für die unbequeme Uniform des
-europäischen Zartgefühls, in der wir uns Europa zu präsentieren lieben!
-Welch ein Lakaientum in den Gedanken dieser leicht erregbaren Herren!
-Die Situation überraschte viele von unseren Tapferen dermaßen, daß sie
-einfach ihre Geistesgegenwart verloren; und diese Verblüffung ist schon
-etwas ernster zu nehmen als jene Überrumpelung unseres Offiziers durch
-den Engländer mit dem erbsgrünen Mantel.
-
-Später klärte sich natürlich alles auf, die Wahrheit enthüllte sich den
-Entrüsteten. Es stellte sich heraus, daß der Bulgare arbeitsam und sein
-Land sehr fruchtbar ist. Und wenn er auch mißtrauisch auf die russischen
-Truppen sieht, so muß man doch bedenken, daß er schon vier Jahrhunderte
-lang Sklave ist und infolgedessen, wenn er seinem neuen Herrn
-entgegentritt, nicht gut glauben kann, daß der ihm ein Bruder sein
-wolle. Außerdem muß er doch noch seinen früheren Herrn fürchten und sich
-unwillkürlich sagen: „Wenn der nun wiederkommt und es erfährt, daß ich
-diesem hier Salz und Brot gereicht habe, – was dann?“ Und der Arme hatte
-durchaus recht. Nachdem wir unseren ersten tapferen Angriff jenseits des
-Balkan gemacht hatten, traten wir den Rückzug an. Zu den Bulgaren aber
-kamen wieder die Türken – und wie sie von diesen behandelt wurden, wird
-die Weltgeschichte erzählen! Ihre hübschen Häuschen, diese Aussaaten,
-Gärten und Viehherden, alles wurde geplündert, in Staub und Asche
-verwandelt, dem Erdboden gleichgemacht. Nicht zu Hunderten, sondern zu
-Tausenden und Zehntausenden wurden die Bulgaren durch Feuer und Schwert
-vernichtet, ihre Kinder wurden in Stücke gerissen und sie starben unter
-den schrecklichsten Qualen, ihre Frauen und Töchter wurden geschändet,
-zum Verkauf fortgeschleppt oder totgeschlagen. Die Männer, die, welche
-die Russen mit Salz und Brot begrüßt hatten und obendrein auch noch
-jene, die die Russen nicht begrüßt hatten, mußten alle auf dem
-Scheiterhaufen oder am Galgen dafür büßen. Man nagelte sie am Abend mit
-den Ohren an die Zäune, und am anderen Morgen mußte einer von den
-Verurteilten alle seine Gefährten aufhängen, zum Schluß aber wurde er
-selbst aufgeknüpft – unter dem Gelächter dieser wollüstigen Bestien, die
-sich eine türkische Nation nennen.
-
-Auf diese Weise kamen die über das gute Leben der Bulgaren so
-entrüsteten Herren bald zu der Erkenntnis, daß dieses Leben im Grunde
-genommen nur eine Dekoration gewesen war, daß alle diese Häuser und
-Gärten und die Frauen und Kinder, die unmündigen Knaben und Mädchen in
-diesen Häusern, dem Türken gehörten. Und der nahm sie, wann es ihm
-gefiel: auch in friedlichen Zeiten überfiel er sie, nahm ihnen Geld und
-Vieh, Frauen und Mädchen.
-
-Doch jetzt, da sie in Wut geraten sind, plündern und zerstören sie die
-unglücklichen bulgarischen Provinzen bis auf den nackten Erdboden. Wenn
-wir lange vor Plewna liegen müssen und nur langsam vorrücken, so werden
-die Türken, wenn sie sehen, daß sie Bulgarien vielleicht auf immer
-verlieren, das Land ganz und gar in Asche verwandeln, solange sie noch
-Zeit dazu haben. Jedenfalls aber sind die Ansichten unserer Klugen
-darüber wirklich bemerkenswert; sie behaupten: wenn wir uns nicht in
-türkische Angelegenheiten eingemischt hätten, würden die Bulgaren noch
-heute gleichsam im Wollkorbe leben, und wir Russen allein seien an ihrem
-Unglück schuld. Der bekannte Korrespondent der „Daily News“, Mr. Forbes,
-sagt uns darüber in einem seiner vorzüglichen Berichte vom
-Kriegsschauplatz seine ganze englische Wahrheit. Er gesteht den Türken
-aufrichtig zu, daß sie das volle Recht gehabt hätten, alle Bulgaren, die
-nördlich vom Balkan lebten, in der Zeit zu vernichten, als die russische
-Armee sich über die Donau zurückzog. Mr. Forbes bedauert fast –
-natürlich nur politisch –, daß dies nicht geschehen ist, und kommt zu
-dem Schluß, daß die Bulgaren den Türken zu ewiger Dankbarkeit
-verpflichtet seien, weil diese sie nicht wie eine Herde Schafe
-geschlachtet haben. Wenn man jetzt an die russische Auffassung denkt, an
-die „Bulgaren im Wollkorbe“, und sie dem Ausspruch Forbes’
-gegenüberstellt, könnte man sich ja mit folgenden Worten an den Bulgaren
-wenden: „Wie solltest du nicht im Wollkorbe leben, da man dich nicht
-einfach geschlachtet hat?“ Sonderbar ist dabei nur eines: Wie ist es
-möglich, daß ein solches Recht den Türken kaltherzig zugesprochen werden
-kann, und noch dazu von einem so gebildeten Menschen wie Mr. Forbes, der
-doch einer so aufgeklärten und großen Nation angehört? Sind das die
-letzten Blüten und Früchte der englischen Zivilisation?
-Selbstverständlich hätte er sich anders ausgedrückt, wenn es sich,
-anstatt um Bulgaren, um Franzosen oder Italiener gehandelt hätte. Es
-handelte sich hier aber nur um Slawen, um Bulgaren! In Europa scheint
-man eine geradezu blutliche und ererbte Verachtung für die Slawen, für
-die slawische Rasse überhaupt zu haben. Man zählt sie dort zu den
-Hunnen. Europa würde es ruhig zulassen, daß man sie alle, mit Weibern
-und Kindern bis auf den Letzten vernichtete. Und bitte vor allen Dingen
-nicht zu vergessen, daß es nicht ein Earl of Beaconsfield ist, der jenen
-Ausspruch getan – der könnte solche Überzeugungen noch aus Rücksicht auf
-die „englischen Interessen“ haben –, sondern Mr. Forbes, ein Privatmann,
-der doch keineswegs verpflichtet ist, die Interessen Englands um jeden
-Preis, _und was es auch koste_, zu wahren, ein ehrlicher, talentvoller,
-„wahrhaft humaner Mensch“, wie er uns in seinen ersten Briefen erschien.
-Nein, diesem Urteil liegt eine westeuropäische Antipathie gegen alles,
-was Slawe heißt, zugrunde. Diese Bulgaren kann man mit siedendem Wasser
-übergießen, wie ein Wanzennest in einem alten Holzbett. Ist es bei den
-Europäern vielleicht ein Instinkt, eine Vorahnung, daß die östlichen
-Slawenstämme, wenn sie einmal befreit sein werden, eine große Rolle in
-der neu heraufkommenden Menschheit spielen und den Platz der alten, vom
-Wege abgekommenen Kulturträger einnehmen könnten? Bewußte Westler können
-das natürlich weder zulassen, noch sich vorstellen, daß dieses
-Wanzennest sich wirklich zu etwas Höherem zu entwickeln vermöchte. Aber
-da ist ja noch Rußland, das augenscheinlich der Träger einer neuen Idee
-ist und die Fahne der Zukunft, zum Ärger und Erstaunen aller, hochhebt.
-Da Rußland aber kein Wanzennest ist, sondern ein Gigant und eine Kraft,
-die man nicht leugnen kann, und da Rußland gleichfalls aus einer
-slawischen Nation besteht, – wie müssen diese Europäer da Rußland in
-ihrem Herzen hassen, wie müssen sie sich unwillkürlich und vielleicht
-noch ganz unbewußt über unsere Mißerfolge freuen, wie über jegliches
-Unglück, das uns trifft! Sollte das nicht aus Instinkt, aus Vorgefühl
-geschehen?
-
-
- Ein ganz persönliches Wort über die Slawen, das ich schon lange habe
-
- sagen wollen
-
-Da ich nun einmal darauf zu sprechen gekommen bin, will ich noch ein
-ganz persönliches Wort über die Slawen und die Slawenfrage sagen. Wer
-diskutiert heutzutage bei uns nicht über die Möglichkeit eines baldigen
-Friedens, über die Möglichkeit irgendeiner Entscheidung in der
-Slawenfrage? Geben wir also unserer Phantasie einmal volle Freiheit und
-stellen wir uns vor, daß Rußland durch sein Blut die Slawen bereits
-befreit habe, daß das Türkische Reich überhaupt nicht mehr existiere und
-die Balkanvölker nun ein neues, freies Leben führen können. Es ist
-natürlich schwer vorauszusagen, welche Form diese Freiheit der Slawen
-annehmen, ob es zu einer Föderation der befreiten kleineren Völker
-kommen wird, oder ob sich die einzelnen Völker zu selbständigen kleinen
-Reichen emporschwingen werden, mit Herrschern, die man natürlich aus den
-verschiedenen regierenden Häusern Europas wählen würde. Und schließlich:
-werden alle diese Länder und Ländchen vollständig unabhängig sein, oder
-werden sie unter dem Schutze und der Aufsicht eines „europäischen Bundes
-der Mächte“, zu dem auch Rußland gehören wird, stehen? Ich glaube, alle
-diese kleinen Völker werden sich auf jeden Fall einen „europäischen Bund
-der Mächte“ ausbitten, auch wenn Rußland in diesen einbegriffen sein
-wird. Denn was sollten sie sonst zum Schutz vor Rußlands Herrschsucht
-tun?
-
-Alles das läßt sich heute noch nicht im einzelnen voraussagen, doch zwei
-Dinge kann man auch jetzt schon mit Bestimmtheit wissen: erstens, daß
-bald, oder vielleicht auch noch nicht so bald, alle slawischen Stämme
-sich vom Türkenjoch befreien und ein neues, und vielleicht sogar
-unabhängiges Leben führen werden; und zweitens ... Doch gerade über
-diesen zweiten Punkt wollte ich schon seit langer Zeit meine persönliche
-Meinung sagen.
-
-Es ist meine feste Überzeugung, daß Rußland noch nie solche Neider,
-Verleumder und sogar so bittere Feinde gehabt hat, wie es alle diese
-Slawen sein werden, wenn Rußland sie befreit haben wird und Europa sie
-als Befreite wird anerkennen müssen. Möge man deswegen nicht glauben,
-daß ich die Slawen hasse! Im Gegenteil, ich liebe die Slawen sehr und
-werde mich deshalb nicht lange verteidigen; weiß ich doch, daß alles,
-was ich jetzt behaupte, in Erfüllung gehen wird, und daß diese
-Feindschaft nicht etwa einer besonderen slawischen Charakterlosigkeit
-oder Undankbarkeit entspringen wird – in dieser Beziehung sind die
-Slawen wie alle anderen Völker –, sondern es wird geschehen, weil solche
-Dinge in der Welt nun einmal keinen anderen Lauf nehmen können. Doch ich
-werde mich nicht weiter dabei aufhalten; ich will nur sagen, daß wir
-jetzt keine Dankbarkeit von den Slawen verlangen können, uns vielmehr
-darauf gefaßt machen müssen, daß sie uns keine entgegenbringen werden.
-Nach der Befreiung werden sie ihr neues Leben sicherlich damit beginnen,
-daß sie Europa, wahrscheinlich England und Deutschland, um die
-Sicherstellung ihrer Freiheit bitten. Sie werden sich die größte Mühe
-geben, sich selbst davon zu überzeugen, daß sie Rußland nicht die
-geringste Dankbarkeit schuldig, sondern gezwungen seien, beim
-Friedensschluß Europas Schutz zu erflehen, auf daß Rußland, nachdem es
-sie von den Türken befreit, sie nicht etwa selber verschlinge – „zur
-Erweiterung seiner Grenzen und Gründung des großen allslawischen Reiches
-durch die Unterwerfung der Slawen unter den gierigen, schlauen,
-barbarischen Staat der Großrussen“. Lange, oh, lange noch werden sie
-nicht imstande sein, weder die Uneigennützigkeit Rußlands, noch seine
-große heilige Idee anzuerkennen: eine jener mächtigen Ideen, durch die
-die Menschheit lebt, ohne die aber die Menschheit, wenn sie aufhören
-sollte, in ihr zu leben – erstarren, verkrüppeln und sterben würde an
-ihren Seuchen und ihrer Kraftlosigkeit. Nehmen wir zum Beispiel den
-gegenwärtigen Krieg, diesen volkstümlichen russischen Krieg, der ein
-Kampf gegen die türkischen Ungeheuer zur Befreiung unglücklicher Völker
-ist, – haben die Slawen diesen Krieg etwa verstanden? Jetzt haben sie
-uns noch nötig, wir kämpfen ja noch für sie. Wenn aber der Krieg beendet
-sein wird, werden sie ihn dann auch noch für eine große Tat ansehen, für
-die sie uns Dankbarkeit schuldig sind? Nie und nimmer werden sie das
-tun!
-
-Im Gegenteil, sie werden es als politische und womöglich gar
-wissenschaftliche Wahrheit aufstellen, daß sie sich, wenn nicht Rußland
-dagewesen wäre, schon längst allein, durch eigenen Heldenmut, oder mit
-Hilfe Europas zu befreien verstanden hätten. Europa hätte, wenn wieder
-dieses Rußland nicht auf der Welt gewesen wäre, nichts gegen ihre
-Freiheit einzuwenden gehabt, sondern sie womöglich selber von den Türken
-befreit. Diese schlaue Lehre hat ja schon jetzt viele Anhänger unter
-ihnen und wird sich in der Folge noch zu einem wissenschaftlichen und
-politischen Axiom entwickeln. Sogar von den Türken werden diese
-Balkanslawen mit größerer Ehrfurcht sprechen als von uns. Vielleicht
-werden sie ein ganzes Jahrhundert oder noch länger für ihre Freiheit
-bangen und vor der Herrschsucht Rußlands zittern; sie werden sich bei
-den europäischen Mächten einschmeicheln, werden Rußland verleumden und
-überall gegen uns intrigieren. O, ich spreche nicht von einzelnen
-Personen: gewiß wird es auch unter ihnen Menschen geben, die wissen
-werden, was Rußland für sie war und immer sein wird. Diese Menschen
-verstehen auch sicher die ganze Größe und Heiligkeit der Tat Rußlands
-und seiner großen Idee, die es hochhält vor der ganzen Menschheit. Aber
-dieser Menschen wird es zuerst so wenige geben, daß man sie auslachen
-oder sogar politisch verfolgen wird. Besonders gern werden die befreiten
-Slawen aller Welt verkünden, daß sie gebildete Völker seien, sogar
-höchst kulturfähig, im europäischen Sinne, während Rußland ein
-barbarisches Land, ein dunkler nordischer Koloß, dabei längst nicht vom
-reinsten slawischen Blute, ein Unterdrücker und Feind der europäischen
-Zivilisation sei und bleibe. Sie werden natürlich eine konstitutionelle
-Regierung haben, ein Parlament, verantwortliche Minister, Redner und
-Reden. Das wird sie außerordentlich beruhigen und entzücken. Es wird
-ihnen ungeheuer schmeicheln, in den Pariser und Londoner Blättern
-Telegramme zu lesen, die durch die ganze Welt gehen und allen melden,
-daß z. B. nach langem Parlamentssturm endlich das bulgarische
-Ministerium gefallen sei und eine neue liberale Mehrheit sich gebildet
-habe, daß ein Bulgare namens Iwan Tschiftlik endlich eingewilligt, das
-Portefeuille des Ministerpräsidenten anzunehmen ... Ja, in Rußland muß
-man sich jetzt ernsthaft darauf vorbereiten, daß alle diese von uns
-befreiten Slawen sich zunächst begeistert auf Europa stürzen, bis zum
-Verlust der eigenen Persönlichkeit europäische Formen, politische wie
-soziale, annehmen und auf die Weise erst eine lange Periode des
-Europäismus durchleben werden, ehe sie etwas von ihrer slawischen
-Bedeutung und ihrer eigenen Berufung unter den Völkern werden begreifen
-lernen. Übrigens werden sie sich ewig untereinander streiten, ewig sich
-gegenseitig beneiden und gegen einander intrigieren. Sollte ihnen aber
-Gefahr drohen, so würden sie alle natürlich wieder Rußland um Hilfe
-bitten. Denn wie sie uns in Europa auch verleumden, wie sie mit Europa
-auch liebäugeln mögen, sie werden doch immer instinktiv fühlen
-(selbstverständlich erst im Augenblick der Gefahr, nicht früher), daß
-Europa der einzige Feind ihrer Selbständigkeit ist, war und immer sein
-wird. Sie werden begreifen, daß sie auf der Welt nur noch existieren,
-weil der große feststehende Magnet Rußland unwiderstehlich sie alle an
-sich zieht und so ihre Nationalität und Einheit erhält. Es wird auch
-Minuten geben, da sie imstande sein werden, beinahe bewußt
-einzugestehen, daß, wenn sie nicht Rußland hätten, das große östliche
-Zentrum der großen aufkommenden Ideen, ihre volkliche Einheit und
-Selbständigkeit im Augenblick auseinanderfallen, ihre ganze Nationalität
-sich auflösen und im europäischen Ozean wie einzelne Wassertropfen im
-Meere verschwinden würde. Noch auf lange aber wird Rußland die Sorge
-verbleiben, sie zu versöhnen, ihnen Vernunft beizubringen und vielleicht
-sogar noch das Schwert für sie zu ziehen. Natürlich wirft sich dabei die
-Frage auf, welch einen Vorteil Rußland denn für sich erwartet, warum
-Rußland sich so oft für sie geschlagen, sein Blut, seine Kräfte, sein
-Geld für sie hingegeben? Doch nicht etwa, um so viel kleinlichen Haß und
-so häßliche Undankbarkeit zu ernten? Freilich hat Rußland immer gewußt,
-daß es das Zentrum der slawischen Einheit ist, daß, wenn die Slawen in
-Zukunft ein freies, nationales Leben führen werden, Rußland das gewollt
-und durchgesetzt haben wird. Welch einen Vorteil bringt uns nun dieses
-Bewußtsein, außer Arbeit, Ärger und Sorgen?
-
-Die Antwort darauf ist schwer, und vielleicht werden nicht alle sie
-verstehen können. Wir wissen ja, daß Rußland niemals auch nur auf den
-Gedanken kommen wird, sein Territorium auf Kosten der Slawen erweitern,
-sie politisch an sich ketten oder gar ihre Länder zu russischen
-Gouvernements machen zu wollen. Alle Slawen verdächtigen jetzt Rußland
-dieser Absicht, und Europa wird noch weitere hundert Jahre diesen
-Argwohn gegen uns hegen. Möge Gott Rußland vor solchen Absichten
-bewahren! Denn je mehr es seine politische Uneigennützigkeit den Slawen
-gegenüber aufrechterhält, desto sicherer wird es eine volle Einigung der
-Slawen unter einander erreichen, vielleicht schon im Verlauf von einem
-Jahrhundert. Wenn es den Slawen von Anfang an politische Freiheit gibt
-und sich jeder Vormundschaft enthält, doch zu jeder Zeit bereit ist,
-sein Schwert für die Freiheit ihres Glaubens und ihrer Nationalität zu
-ziehen, so wird Rußland zu seinem und zu ihrem Wohl mehr erreichen, als
-wenn es mit Gewalt seinen politischen Einfluß auf die Slawen
-aufrechtzuerhalten strebte. Ja, gerade ... wenn Rußland seine
-vollständige Uneigennützigkeit ihnen gegenüber bewahrt, wird es sie
-besiegen und ihr Vertrauen gewinnen. Zuerst werden sie vielleicht nur im
-Notfalle zu uns kommen, dann aber werden sie sich mit dem vollen
-Vertrauen eines Kindes an uns schmiegen. Alle werden sie in das
-heimatliche Nest, zu Rußland, zurückkehren. Oh, viele Russen, Gelehrte
-wie auch Dichter, setzen schon große Hoffnungen auf diese Vereinigung.
-Sie erwarten, daß die befreiten und auferstandenen slawischen
-Völkerschaften viele neue und noch nie dagewesene Elemente ins russische
-Leben bringen, das Slawentum Rußlands erweitern und auf die Seele
-Rußlands einen großen Einfluß ausüben werden; ja, sogar die russische
-Sprache, die russische Literatur, das russische Schaffen überhaupt
-sollen sie geistig bereichern und ihm neue Horizonte eröffnen. Ich muß
-gestehen, daß mir diese Begeisterung immer etwas literarisch erschienen
-ist. Vielleicht wird Ähnliches einmal wirklich geschehen, aber wohl
-nicht früher als in hundert Jahren; für dieses ganze Jahrhundert dagegen
-wird Rußland von den Slawen nichts zu nehmen brauchen, weder von ihren
-Ideen, noch von ihrer Literatur, denn was könnten sie uns jetzt geben?
-Rußland wird dieses ganze Jahrhundert hindurch nur gegen ihre
-Beschränktheit und ihren Eigensinn zu kämpfen haben, desgleichen gegen
-ihre schlechten Angewohnheiten und ihren Verrat am Slawentum, ihren
-Verrat um europäischer Formen willen in politischen wie sozialen Dingen.
-Nach der Slawenfrage steht Rußland noch die Orientfrage bevor. Die
-Slawen werden heute überhaupt nicht verstehen, was diese Orientfrage
-eigentlich bedeutet! Ganz so, wie sie auch die slawische Einigung zu
-einer allgemeinen Brüderschaft noch lange nicht verstehen werden. Ihnen
-diese durch die Tat und das Beispiel zu erklären, wird in Zukunft die
-Aufgabe Rußlands sein. Wieder wird man fragen, wozu und warum soll
-Rußland eine solche Arbeit auf sich nehmen? Wozu? um ein höheres Leben
-zu führen, um die Welt mit einer großen uneigennützigen Idee zu
-durchleuchten, um einen großen, mächtigen Organismus brüderlicher
-Einigung von Völkerstämmen zu schaffen, – nicht durch politische Gewalt,
-nicht mit Feuer und Schwert, sondern durch Überzeugung, Liebe,
-Uneigennützigkeit und Aufklärung: um endlich alle Kleinen um sich zu
-scharen und ihnen die mütterliche Aufgabe Rußlands zu beweisen. Das ist
-unser Ziel und das ist meinetwegen auch unser Vorteil. Denn wenn eine
-Nation für keine höheren Ideen, nicht mit höheren Zielen zum Wohle der
-Menschheit, sondern nur ihren eigenen „Interessen“ lebt, so wird diese
-Nation untergehen. Höhere Ziele für Rußland kann es aber nicht geben,
-als uneigennützig den Slawen zu dienen, ohne von ihnen Dankbarkeit zu
-erwarten, nach ihrer sittlichen und geistigen, nicht nur nach ihrer
-politischen Einigung zu streben. Nur durch diese Tat würde das Slawentum
-der Menschheit eine neue, wertvolle Idee geben ... Höhere Ziele als
-solche gibt es nicht auf dieser Welt, und es kann für Rußland nichts
-„vorteilhafter“ sein, als solche Ziele zu haben, sie sich mehr und mehr
-klarzumachen, um die eigene Seele zu heben in dieser ewigen,
-unermüdlichen, heldenhaften Arbeit für die Menschheit. Darum aber ist
-eines gewiß: füllt dieser Krieg für Rußland günstig aus, so tritt
-Rußland in eine neue und höhere Phase seines Seins ...
-
-
- Was man jetzt über den Frieden spricht.
-
- Muß Konstantinopel Rußland gehören, und ist das überhaupt
- möglich? Verschiedene Meinungen
-
-Vor einiger Zeit fing man bei uns an, über die baldige Beendigung des
-Krieges zu sprechen, und heute spricht bereits alle Welt von möglichen
-und unmöglichen Friedensbedingungen. Es freut mich sehr, daß große
-politische Zeitungen Rußlands unsere Mühen und Opfer hochschätzen und
-Friedensbedingungen vorschlagen, die diesen gebrachten Opfern angemessen
-sind. Auch ist es beruhigend zu hören, daß die Mehrzahl der Urteile die
-selbständige Entscheidung Rußlands beim Friedensschluß verlangt, das
-Recht, einen persönlichen, separaten Frieden zu schließen, ohne Europa
-herbeizurufen, und wenn möglich, ohne sich um die europäischen Meinungen
-überhaupt zu kümmern. Das Los der Slawen wird gleichfalls in Betracht
-gezogen. Man streitet über die Kriegsentschädigungen und verlangt in der
-Begeisterung sogar die türkischen Panzerschiffe. Das Recht, uns Kars und
-Erserum einzuverleiben, gestehen uns fast alle zu. Natürlich gibt es
-auch wieder Leute, die schon bei der bloßen Annahme, wir könnten es
-wagen, Kars zu annektieren, beleidigt sind. Und wiederum gibt es andere,
-die nicht nur über Kars, sondern selbst über Konstantinopel verfügen und
-sogar behaupten, daß Konstantinopel einmal uns gehören _müsse_! Diese
-Debatten über den Frieden werden sich natürlich nach jeder größeren
-Aktion unseres Heeres wiederholen. Ich will hier nur darauf hinweisen,
-daß in den Urteilen unserer großen Blätter ein Irrtum sich bemerkbar
-macht. Alle halten sie das Europa von heute noch für das Europa von
-früher – das heißt, man nimmt bei uns an, daß die europäischen
-Großmächte immer noch dieselben sind, man setzt immer noch das alte
-„europäische Gleichgewicht“ voraus. Indessen verändert sich Europa jetzt
-von Stunde zu Stunde: was vor einem halben Jahr war, wird vielleicht
-schon nach drei Monaten nicht mehr sein – so sehr kann sich bis zum
-nächsten Frühling Europas früheres Aussehen verändert haben. Die
-ungeheuren und verhängnisvollen Gegenwartsprobleme, die sich erst noch
-herausarbeiten müssen, und die vielleicht sehr bald eine Entscheidung
-heischen werden, zieht man noch immer nicht in dem Umfange in Betracht,
-den sie tatsächlich in der Welt einnehmen. Sogar der Bestand jenes
-Europas, das sich beim Friedensschluß einmischen könnte, ist schwer
-schon jetzt festzustellen. Deshalb aber kann man, meiner Meinung nach,
-auf Grund der früheren Verhältnisse die Friedensbedingungen unmöglich im
-voraus bestimmen, ohne zu berücksichtigen, daß Europa selber von der
-Stelle rückt und selber neuer Bestimmungen harrt. Übrigens, davon
-später. Jetzt will ich, da schon einmal von Konstantinopel die Rede ist,
-noch eine sehr sonderbare Meinung Nicolai Jakowlewitsch Danilewskis[49]
-über das „nächste Schicksal Konstantinopels“ vermerken.
-
-Ich werde sie übrigens nicht in allen Einzelheiten wiedergeben können.
-
-Nach vielen durchaus richtigen Bemerkungen – wie zum Beispiel, daß
-Konstantinopel nach der Vertreibung der Türken nicht eine freie Stadt
-werden kann, wie es etwa Krakau einmal war, ohne zu riskieren, ein
-Sammelplatz und Zufluchtsort von Verbrechern und Verschwörern der ganzen
-Welt, eine Beute der Juden, Spekulanten und Intriganten zu werden –
-fordert N. J. Danilewski, daß Konstantinopel in den „gemeinsamen Besitz
-aller östlichen Völker“ übergehe. Allen Völkern sollen die gleichen
-Rechte über diese Stadt zugestanden werden: Russen, Slawen, Griechen,
-Bulgaren sollen _alle zusammen_ Konstantinopel besitzen. Eine solche
-Ansicht ist meiner Meinung nach denn doch etwas sonderbar. Wie kann
-Rußland den Besitz dieser Stadt mit anderen Völkern teilen, wenn Rußland
-ihnen in jeder Beziehung weit überlegen ist, nicht nur jedem einzelnen
-kleinen Balkanvolk, sondern auch allen diesen Völkern zusammen genommen?
-Der Riese Gulliver könnte, wenn er wollte, den Liliputanern hundertmal
-versichern, daß er ihnen in jeder Beziehung gleich sei, es würde ihm
-doch niemals geglaubt werden. Wie kann man nur eine solche
-Geschmacklosigkeit behaupten und dazu noch selbst mit aller Gewalt an so
-etwas glauben? Nein, Konstantinopel muß uns gehören, muß von uns Russen
-erobert werden und muß bis in alle Ewigkeiten in unserem Besitz
-verbleiben. Uns allein soll die Stadt gehören; wir aber können dann,
-wenn wir sie beherrschen, alle Slawen und meinetwegen auch noch alle
-anderen Völker der Welt mit der Gewährung der größten Freiheiten in ihr
-aufnehmen – aber keine Föderation zusammen mit den Slawen! Man bedenke
-doch nur, daß eine solche Föderation kaum in einem Jahrhundert
-durchgesetzt werden kann! Nur Rußland ist der Aufgabe gewachsen,
-Konstantinopel zu beherrschen, denn wir dürfen nicht die dazu gehörige
-Umgebung, den Bosporus und die Dardanellen vergessen. Nur Rußland kann
-dort ein Heer und eine Flotte halten. O, natürlich wird es jetzt sofort
-heißen: „Also ist die Hilfe, die die Russen den Slawen bringen, doch
-nicht so uneigennützig!“ – Darauf können wir antworten: Rußland wird nie
-aufhören, den Slawen zu dienen und wird sie durch seine große zentrale
-Kraft ewig am Leben erhalten; solch ein Dienst läßt sich aber mit nichts
-entgelten, und wenn Rußland jetzt auch Konstantinopel einnehmen sollte,
-so würde das doch nur geschehen, weil zu seinen Aufgaben, außer der
-Lösung der slawischen Frage, noch die Lösung einer viel größeren, der
-Orientfrage, gehört. Diese Aufgabe aber kann nur durch die Eroberung
-Konstantinopels erfüllt werden. Eine föderative Verwaltung
-Konstantinopels durch verschiedene Völker könnte die Orientfrage einfach
-vernichten, während wir doch, im Gegenteil, eine baldige Lösung
-derselben vor allem wünschen müssen, da sie mit dem Schicksal und der
-Bestimmung Rußlands so eng verbunden ist. Ganz abgesehen davon, daß alle
-diese Völkchen sich um den Einfluß und die Vorherrschaft in der Stadt
-nur streiten würden ... Mit einem Wort, Konstantinopel wäre nur ein
-Stein des Anstoßes für die ganze östliche Welt, würde nur die Einigung
-der Slawen verhindern und ihre gesunde Lebensentwicklung aufhalten. Die
-einzige Rettung ist, daß Rußland allein und auf eigene Rechnung
-Konstantinopel nimmt; denn nur Rußland kann ruhig sagen, daß es ganz
-allein dieser Aufgabe gewachsen sein wird. Und ist das denn nicht wahr?
-Rußland ist das geistige Zentrum, das Haupt des Ostens, Konstantinopel
-aber ist die Stadt, das Zentrum der östlichen Welt. Rußland hat es nötig
-– und es wäre ihm sogar nützlich –, sich jetzt dem Orient zuzuwenden und
-auf einige Zeit Petersburg, wenn auch nur ein wenig, zu vergessen – in
-Anbetracht der baldigen Veränderung seines Schicksals, sowie der
-Schicksale ganz Europas. Doch wozu schon jetzt alle Mißstände erörtern,
-die durch einen gemeinsamen Besitz der Stadt unter den Slawen entstehen
-würden! Wenden wir uns lieber dem Schicksal der Griechen und der
-rechtgläubigen Bevölkerung Konstantinopels zu – dem Schicksal, dem sie
-bestimmt nicht werden entgehen können, wenn Byzanz „Gemeingut“ wird.
-
-Die Griechen werden eifersüchtig auf die neue slawische Basis in
-Konstantinopel sehen und werden die Slawen sogar noch mehr hassen und
-noch mehr fürchten, als vorher die Mohammedaner. Der jüngste Streit
-zwischen den Bulgaren und dem ökumenischen Patriarchen kann für die
-Zukunft als Beispiel dienen. Die Repräsentanten der Rechtgläubigkeit in
-Konstantinopel werden sich bis zu Intrigen und kleinlichen
-Verschwörungen, bis zu gegenseitigen Exkommunikationen und weiß Gott
-wozu noch erniedrigen, werden vielleicht sogar Ketzer werden – und alles
-das aus nationalen Gründen, aus nationaler Empfindlichkeit. „Warum
-stehen die Slawen über uns?“ werden die Griechen fragen, „warum wird
-ihnen ein unumschränktes Recht auf Konstantinopel zugesprochen, ... wenn
-auch mit uns zusammen?“ Beherrscht aber Rußland allein Konstantinopel,
-hat Rußland allein die Autorität in der Stadt, so fällt selbst die
-Möglichkeit solcher Fragen fort. Sogar die Griechen würden dann Rußland
-nicht um den Besitz Konstantinopels beneiden und sich nicht gekränkt
-fühlen. Rußland würde in Konstantinopel gleichsam auf der Wacht stehen
-für alle Slawen und alle Balkanvölker, ohne etwa letztere den Slawen
-nachzustellen. Die Herrschaft der Mohammedaner war in diesen
-Jahrhunderten für die Balkanvölker keine vereinigende, sondern eine
-unterdrückende Macht, unter der sie sich nicht zu rühren, nicht einmal
-wie Menschen zu leben wagten. Nach der Vernichtung der mohammedanischen
-Herrschaft kann aus diesen Völkern, die aus der Knechtschaft zur
-Herrschaft kommen, ein Chaos entstehen; so daß nicht nur eine
-regelrechte Föderation, sondern selbst eine Übereinstimmung unter ihnen
-höchstens in ferner Zukunft möglich sein wird. Dagegen würde Rußland
-zweifellos die alle Balkanvölker vereinigende Kraft sein, wenn es sich
-in Konstantinopel festsetzte ... Auch ist doch nur Rußland allein fähig,
-die Fahne der neuen Idee des Ostens zu erheben und der ganzen östlichen
-Welt ihre neue Bestimmung zu erklären. Denn was ist die Orientfrage im
-Grunde anderes als die Schicksalsfrage der Rechtgläubigkeit überhaupt?
-Das Schicksal der Rechtgläubigkeit aber ist wiederum untrennbar mit der
-Bestimmung Rußlands verbunden. „Was ist denn das für ein Schicksal?“
-wird man fragen.
-
-Der römische Katholizismus, der Christus für weltlichen Besitz
-verkaufte, was die Menschheit veranlaßte, sich von ihm abzuwenden, und
-was zur Hauptursache der Verbreitung des europäischen Materialismus und
-Atheismus wurde, – dieser Katholizismus erzeugte in Europa naturgemäß
-auch den Sozialismus. Denn die Aufgabe des Sozialismus ist, das
-Schicksal der Menschheit nicht durch Christus, sondern außerhalb von
-Gott und Christus zu bestimmen. Er hat sich in Europa auf ganz
-natürliche Weise bilden müssen zum Ersatz für das dort gefallene
-christliche Prinzip. Doch die im Westen entstellte Lehre Christi hat
-sich in ihrer ganzen Reinheit in der Rechtgläubigkeit erhalten. Aus dem
-Osten wird das neue Wort an die Welt ausgehen, wird dem Sozialismus
-entgegenziehen und von neuem die europäische Menschheit erlösen. Das ist
-die Bestimmung des Ostens, das ist die Bedeutung der Orientfrage für
-Rußland! Ich weiß, sehr viele nennen eine solche Überzeugung
-„Besessenheit“; doch Herr N. J. Danilewski wird verstehen, was ich sagen
-will. Infolge dieser Bestimmung hat Rußland Konstantinopel nötig, denn
-Konstantinopel ist, wie ich schon sagte, das Zentrum der östlichen Welt.
-Rußland – ich meine das Volk zusammen mit seinem Zaren – erkennt und
-fühlt, daß es allein der Träger der Christenidee ist, und daß das Wort
-der Rechtgläubigkeit sich in ihm zu einer großen Tat gestaltet, daß
-diese Tat schon mit dem jetzigen Kriege begonnen hat, und daß uns noch
-Jahrhunderte der Arbeit und Selbstverleugnung bevorstehen, um die
-Brüderschaft der Völker zu verwirklichen, jener Völker, denen wir mit
-heißer Mutterliebe wie teuren Kindern dienen wollen.
-
-Diese große christliche Tat, diese neue Tätigkeit des Christentums und
-der Rechtgläubigkeit, hat schon mit dem jetzigen Kriege begonnen, mit
-der bloßen Tatsache, daß wir diesen Krieg führen ... Doch Herr N. J.
-Danilewski glaubt noch immer nicht daran. Augenscheinlich glaubt er
-nicht daran, weil er Rußland nicht für würdig hält, Konstantinopel zu
-beherrschen. Sollten die Russen wirklich dem nicht gewachsen sein – oder
-was will er sonst damit sagen? Natürlich ist es schwer, eine Herrschaft
-in dieser Stadt zu errichten; aber Herr Danilewski gibt doch zu, daß
-Rußland Konstantinopel vorläufig allein beherrschen könnte, d. h.
-natürlich nur, um die Stadt später den Völkern als Gemeingut zu
-übergeben. Es fragt sich bloß, warum und wozu übergeben? Wie es scheint,
-glaubt Herr Danilewski, daß der Besitz Konstantinopels für Rußland
-verderblich sein würde, in ihm schlechte, eroberungsgierige Instinkte
-wachrufen könnte. Aber es wäre doch Zeit, endlich an Rußland zu glauben,
-besonders nach der Heldentat dieses Krieges, denn es ist dieser Aufgabe
-doch tatsächlich gewachsen ...
-
-Und plötzlich kann sich der Autor nicht einmal entschließen, diese Stadt
-auch nur zeitweilig diesem Rußland anzuvertrauen! Und – man stelle sich
-nur vor, womit er schließt: man müsse vorläufig die Existenz der Türkei
-noch verlängern, ihr zwar alle Slawen und den Balkan nehmen,
-Konstantinopel jedoch ihr noch auf einige Zeit überlassen – und das sei
-für Rußland jetzt sogar das Vorteilhafteste, sei sozusagen ein
-Fingerzeig Gottes! Warum ein Fingerzeig Gottes, warum? Herr Danilewski
-setzt natürlich voraus, daß die Türkei in ihrer neuen Existenz ganz
-unter dem Einfluß Rußlands, d. h. von Rußland abhängig sein werde. Aber
-wozu denn diese Maskerade? Bedenken wir bloß, daß Europa in eine solche
-Konstellation erst recht nicht einwilligen würde. Europa wäre eine
-vollständige Besiegung der Türkei, wäre die vollendete Tatsache lieber,
-als einen neuen Orientkrieg in der allernächsten Zukunft befürchten zu
-müssen. Somit stimmt ja Herr Danilewski zum Schluß mit der politischen
-Meinung Lord Beaconsfields überein, nach der die Existenz der Türkei
-durchaus nötig sei und sie nicht vernichtet werden dürfe.
-
-„Von der Türkei wird nur ein Schatten übrigbleiben,“ sagt Herr
-Danilewski – „dieser Schatten aber _muß_ (?) vorläufig noch die Ufer des
-Bosporus und der Dardanellen verdunkeln; denn ihn schon jetzt durch
-einen lebendigen und dazu gesunden Organismus zu ersetzen, ist noch
-nicht möglich (!?) ...“
-
-Also wäre Rußland ein so ungesunder und toter Organismus, daß es die
-Hauptstadt der Rechtgläubigkeit an Stelle der in Fäulnis übergegangenen
-Türkei nicht besetzen dürfte? Das scheint mir doch sonderbar! Oder will
-Herr Danilewski damit vielleicht sagen, daß Rußland Konstantinopel nicht
-besetzen dürfe, weil Europa es ihm nicht gestatten würde? Er sagt an
-einer Stelle seines Aufsatzes: „Der Besetzung Konstantinopels durch die
-Russen werden die meisten europäischen Mächte den größten Widerstand
-entgegensetzen.“ Freilich, wenn er die Unmöglichkeit darin sieht, so
-wird seine Behauptung – bezüglich der Notwendigkeit, den Türken
-vorläufig noch Konstantinopel zu überlassen – verständlicher.
-Nichtsdestoweniger kann man in betreff des „Widerstandes der meisten
-europäischen Mächte“ eines positiv behaupten: erstens, daß Europa, wie
-ich schon gesagt habe, eher die Besetzung Konstantinopels durch uns
-wünschen würde als ein Fortbestehen der Türkei „unter voller
-Vormundschaft Rußlands, ohne den Balkan, ohne Slawen, ohne Flotte“ – mit
-einem Wort, als ein „Schatten“ der früheren Türkei, wie sich Herr
-Danilewski ausdrückt. Wen würden wir mit diesem Gespenst betrügen
-können? Die Europäer würden sich doch sagen: „Wenn die Russen nicht
-heute in Konstantinopel einziehen, so werden sie es morgen tun.“ Und
-deshalb würden sie auch eine endgültige Form einem zeitweiligen Schatten
-vorziehen. Und zweitens: wir müssen doch einsehen, daß es niemals eine
-für uns so günstige Zeit geben wird – in Anbetracht der gegenwärtigen
-politischen Lage Europas.
-
-Zum letztenmal noch eine „Prophezeiung“. Man sagt: „Die Mehrzahl der
-europäischen Mächte wird es nicht erlauben.“ Aber aus welchen Reichen
-besteht denn jetzt diese „Mehrzahl der europäischen Mächte“? Ich
-wiederhole hier schon einmal von mir Gesagtes: „Europa verändert sich
-von Stunde zu Stunde: was noch vor einem halben Jahr war, wird
-vielleicht in drei Monaten nicht mehr sein!“ Wir befinden uns am
-Vorabend der allergrößten und erschütterndsten Ereignisse und
-Umwälzungen in Europa. Augenblicklich, also jetzt im November, besteht
-„diese Mehrzahl der europäischen Mächte“, die uns beim Friedensschluß
-ihr drohendes Veto entgegenstellen könnten, nur aus England und kaum
-noch aus Österreich, obgleich England alles tut, um Österreich zu einem
-Bündnis gegen uns zu zwingen und nebenbei noch eines mit Frankreich zu
-schließen. Doch wir werden nicht allein sein: soviel ist jetzt schon
-klar. In Europa gibt es ja noch Deutschland, und Deutschland wird zu uns
-halten.
-
-Europa stehen große Umwälzungen so sonderbarer Art bevor, daß der
-Verstand des Menschen sich sträubt, an sie zu glauben, und ihre
-Verwirklichung für unmöglich hält, weil sie ihm viel zu phantastisch
-erscheinen. Doch vieles, was man in diesem Sommer noch für phantastisch,
-unmöglich und für übertrieben hielt, ereignete sich zu Ende des Jahres
-in Europa buchstäblich, und die Meinung, zum Beispiel, daß die
-katholische Verschwörung eine Macht habe – eine Meinung, über die _alle_
-noch im Sommer zu lachen bereit waren, oder im äußersten Falle zog man
-es vor, sich einer Kritik über sie zu enthalten – wird jetzt von allen
-geteilt und durch Tatsachen als keineswegs übertrieben bestätigt. Ich
-erwähne dies nur, damit die Leser auch meiner jetzigen „Prophezeiung“
-mehr Glauben schenken und sie nicht für ein phantastisches und
-übertriebenes Hirngespinst erklären.
-
-Der einzige Politiker Europas, der mit seinem genialen Blick bis in die
-Tiefe der Erscheinungen dringt, ist – Fürst Bismarck. Den
-schrecklichsten Feind Deutschlands, seiner Einheit und seiner erneuten
-Zukunft hat er schon vor langer Zeit, früher als alle anderen erkannt:
-im römischen Katholizismus und in dem vom Katholizismus erzeugten
-Ungeheuer – dem Sozialismus. Deutschland ist durchsetzt von Sozialismus.
-Bismarck hält es für unumgänglich nötig, dem Katholizismus im Augenblick
-der Wahl des neuen Papstes den Todesstoß zu versetzen. Oh, er weiß, daß
-er den Papst nicht endgültig wird vernichten können, und daß er ihn
-höchstens in eine neue Phase des Kampfes drängen wird. Denn der Kampf
-des Katholizismus wird so lange fortdauern, wie Frankreich lebt. Solange
-Frankreich noch lebt, hat der Katholizismus ein starkes Schwert in der
-Hand und die Möglichkeit, eine europäische Koalition gegen Deutschland
-zustande zu bringen. Was Frankreich anbetrifft, so ist dieses Land in
-den Augen des Fürsten Bismarck freilich schon seinem Schicksal
-verfallen. Für Bismarck gibt es jetzt nur noch eine Frage: Frankreich –
-_oder_ Deutschland? Fällt aber Frankreich, so tritt der Katholizismus
-zusammen mit dem Sozialismus in eine neue Phase seines Daseins. Während
-nun die europäischen Politiker den sich hinziehenden Kampf Mac-Mahons
-mit den Republikanern verfolgen und von ganzem Herzen den Republikanern
-den Sieg wünschen, da sie glauben, die Republik sei in Frankreich eine
-volkliche Regierung und fähig, Frankreich zu einigen, – weiß Fürst
-Bismarck, daß Frankreich seine Zeit bereits überlebt hat und die
-französische Nation innerlich auf ewig zerstückt ist, daß es in ihr
-niemals mehr eine alle vereinende, starke und gesunde nationale
-Regierung geben wird. Nun könnte allein schon diese Schwäche Frankreichs
-in Deutschland große Hoffnungen erwecken; doch Fürst Bismarck weiß, ich
-wiederhole es: solange Frankreich lebt, wird auch der römische
-Katholizismus noch lebendig sein, – ganz abgesehen davon, daß der
-Katholizismus noch einmal, und wenn auch nur auf kurze Zeit, wenn auch
-nur außenpolitisch, diesem zersetzten Lande als vereinigende Idee dienen
-kann. Denn anders kann es ja gar nicht kommen: _früher oder später_ wird
-Frankreich – selbst wenn es Republik bleiben sollte – sein Schwert doch
-für den Papst und den Katholizismus ziehen. Die Republikaner werden es
-noch selbst einsehen, daß ihre Stellung in Frankreich unhaltbar werden
-würde, wenn sie den Papst und den Katholizismus fallen ließen. Oder
-vielleicht werden sie zu dieser Einsicht nicht fähig sein und so bis zu
-ihrem Ende die Protégés des Fürsten Bismarck bleiben, – Protégés, die er
-im geheimen schon zum Tode verurteilt hat, obschon sie immer noch den
-Anspruch auf die Fähigkeit haben, Frankreich von neuem zu einem festen
-Ganzen zu vereinigen. Ja, die französischen Republikaner sind nicht nur
-Bismarcks Schützlinge, sondern auch Deutschlands Sklaven, die ganz
-Frankreich an Deutschland nicht bloß zu politischer, sondern auch zu
-innerer, geistiger Sklaverei ausliefern, und zwar tun sie dies, indem
-sie Frankreich gerade seiner _selbständigsten_ politischen und
-historischen Idee berauben, wenn sie ihrem Vaterlande jene Fahne aus der
-Hand reißen, die es so viele Jahrhunderte hindurch als Vertreter des
-romanischen Elements in der europäischen Menschheit hochgehalten hat.
-Dafür aber werden sich diejenigen, welche die unbegabten, unnützen
-Republikaner gerade deswegen stürzen wollen, unbedingt sofort bemühen –
-Bismarck weiß das bereits –, zum letztenmal die katholische Fahne gegen
-Deutschland zu erheben, die Fahne, an die Frankreich nicht mehr glaubt,
-die _fast_ schon von der _ganzen_ Nation verneint wird, doch den
-Franzosen _politisch_ noch zum letzten Vereinungs- und Stützpunkt dienen
-kann gegen den verhängnisvollen (und gleichfalls letzten) Angriff des
-protestantischen Deutschland, das ewig gegen die vom alten Rom geerbten
-Grundsätze der ganzen westlichen Hälfte der europäischen Menschheit
-protestiert und protestieren wird.
-
-Deshalb aber hat Fürst Bismarck Frankreichs Schicksal wahrscheinlich
-schon bestimmt. Das Schicksal Polens erwartet auch Frankreich, und
-politisch wird es tot sein oder Deutschland müßte aufhören zu sein. Wenn
-Bismarck das erreicht haben wird, dann wird er auch den kämpfenden
-römischen Katholizismus – der bestimmt bis zum Ende der Welt kämpfen
-wird – zwingen, in eine neue Phase des Daseins und des Kampfes um das
-Dasein einzutreten, – in die Phase des unterirdischen, reptilhaften
-Verschwörerkrieges. Bismarck aber erwartet ihn schon in dieser neuen
-Phase. Und je früher dies geschehen wird, desto besser für ihn, denn
-hier erwartet er bereits die Vereinigung beider Feinde Deutschlands und
-der Menschheit, die Vereinigung des Katholizismus mit dem Sozialismus,
-und hofft, sie gerade so leichter vernichten zu können, beide auf einmal
-...
-
-Man muß den Augenblick benutzen. Diese Vereinigung der beiden Feinde
-wird zweifellos stattfinden, sobald Frankreich politisch gefallen ist,
-denn diese beiden Feinde haben in Frankreich immer einen organischen
-Zusammenhang gehabt. Der Katholizismus war fast bis zur jüngsten Zeit
-Frankreichs vereinigende und wesentlichste Idee. Und aus ihr heraus ist
-in Frankreich der Sozialismus entstanden. So hofft denn Fürst Bismarck,
-auch dem Sozialismus einen starken Schlag zu versetzen, wenn er
-Frankreichs politisches Leben vernichtet. Der Sozialismus aber als
-Fortsetzung des Katholizismus und als Ausdruck Frankreichs – ist für den
-echten Germanen das Verhaßteste von allem Verhaßten, und so ist es wohl
-verzeihlich, daß die führenden Männer Deutschlands glauben, leicht mit
-ihm fertig werden zu können, wenn sie Frankreich als seine Quelle und
-Basis politisch vernichten. Doch aller Wahrscheinlichkeit nach wird
-etwas ganz anderes geschehen, wenn Frankreich politisch fällt. Der
-Katholizismus, der mit dem Sturze Frankreichs sein Schwert verliert,
-wird sich dann zum erstenmal an das von ihm so lange verachtete Volk
-wenden. Früher hatte er noch die Könige und Kaiser dieser Welt, jetzt
-jedoch hat er niemanden mehr, außer dem Volk. Und so wird er sich denn
-an die beweglichsten, unruhigsten Elemente desselben wenden – an die
-Sozialisten. Dem Volke wird Rom sagen, daß alles, was die Sozialisten
-den Menschen verkünden, schon von Christus gepredigt worden sei. Noch
-einmal wird Rom Christus entstellen und diesmal an das Volk verkaufen,
-so wie es ihn früher schon so oft für weltliche Herrschaft verkauft hat,
-wie z. B. damals, als es für das Recht der Inquisition eintrat.
-Vergessen wir nicht, daß diese Inquisition die Menschen für ihre
-Gewissensfreiheit im Namen Christi folterte, – Christi, dem nur ein
-freiwilliger Jünger lieb war, nicht aber ein abgekaufter oder durch
-Furcht gezwungener. Und der Katholizismus verkaufte Christus, als er die
-Jesuiten segnete und ihren Wahlspruch „Der Zweck heiligt das Mittel“
-guthieß. Die ganze christliche Lehre hat er ja nur zum Erwerb irdischen
-Gutes und zur Erlangung der erträumten Herrschaft über die ganze Welt
-benutzt. Als die katholische Menschheit sich von jenem Ungeheuer, als
-das ihnen Christus zu guter Letzt gezeigt wurde, abwandte, da tauchen
-denn – nach einer Reihe von Jahrhunderten der Proteste und Reformationen
-– zu Anfang des jetzigen Jahrhunderts Versuche auf, sich ohne Gott und
-Christus einzurichten. Doch ohne den Instinkt der Bienen und Ameisen zu
-haben, die sich fehlerlos ihre Stöcke und Ameisenhaufen schaffen,
-wollten auch die Menschen sich in der Art der Ameisen von neuem
-einrichten. Sie verstießen die von Gott herkommende und durch die
-Offenbarung dem Menschen verkündete einzige Formel seiner Rettung:
-„Liebe deinen Nächsten als dich selbst“, und ersetzten sie durch
-praktische Folgerungen von der Art des „_Chacun pour soi et Dieu pour
-tous_“, oder durch wissenschaftliche Axiome von der Art des „Kampf ums
-Dasein“. Da die Menschen den Instinkt der Tiere, der diese lehrt, ihren
-Staat fehlerlos einzurichten, nicht haben, verließen sie sich stolz auf
-die Wissenschaft, – wobei sie natürlich ganz vergaßen, daß die
-Wissenschaft einer solchen Tat, wie es die Schaffung der Gleichheit
-wäre, noch längst nicht gewachsen ist, ja, im Verhältnis zu ihr
-gleichsam noch in den Windeln liegt. Man baute Luftschlösser. Der
-zukünftige Turm von Babel wurde einerseits zum Ideal und andererseits
-zum Schreckgespenst der Menschheit. Doch nach den Träumern kamen bald
-andere Lehrer, die einfach und allen verständlich ungefähr folgendes
-predigten: „Zuerst die Reichen plündern, die Welt mit Blut
-überschwemmen, dann aber _wird alles schon von selbst irgendwie von
-neuem entstehen_!“ Schließlich ging man noch weiter: es kam die Lehre
-vom Anarchismus. Wenn dieser sich einmal verwirklichen könnte, dann
-würde bestimmt wieder eine Periode der Menschenfresserei eintreten, und
-die Menschen wären gezwungen, alles von neuem zu beginnen, wie vor
-zehntausend Jahren. Der Katholizismus begreift das alles vorzüglich und
-wird es verstehen, die Führer des unterirdischen Kampfes für sich zu
-gewinnen. Er wird ihnen sagen: „Ihr habt kein Zentrum, keine Ordnung in
-der Führung eurer Sache, ihr seid eine über die ganze Welt verbreitete,
-aber zerstückelte Kraft und seid jetzt durch den Fall Frankreichs sogar
-völlig haltlos. Ich werde euch vereinigen und euch auch alle diejenigen
-noch zuführen, die an mich glauben.“ Wie es auch kommen mag: eine
-Einigung wird jedenfalls stattfinden. Der Katholizismus will nicht
-sterben; eine soziale Revolution jedoch, eine neue soziale Periode,
-stehen Europa sicher bevor: diese zwei, wenn auch verschiedenen, Kräfte
-werden sich unbedingt vereinigen, die zwei Strömungen werden
-ineinanderfließen müssen. Selbstverständlich wäre für den Katholizismus
-Zerstörung, Blutvergießen, Plünderung, ja selbst die Menschenfresserei
-sehr vorteilhaft. Kann er doch hoffen, gerade dann im trüben Wasser noch
-einmal seinen Fisch zu fangen: im rechten Augenblick, wenn die gequälte
-Menschheit sich ihm wieder in die Arme wirft, von neuem der
-„unumschränkte Alleinherrscher und die einzige Autorität dieser Welt“ zu
-werden und somit endgültig sein Ziel zu erreichen. Dieses Zukunftsbild
-ist leider – keine Phantasie. Ich bin fest überzeugt, daß es im Westen
-schon von vielen gesehen wird, und wahrscheinlich sieht man es auch in
-Deutschland. Doch die Führer des deutschen Volkes täuschen sich bloß in
-einem: in der Leichtigkeit, die beiden furchtbaren und dann bereits
-vereinten Feinde zu besiegen. Sie hoffen auf die Kraft des erneuten
-Deutschland, auf seinen protestantischen, gegen das alte und neue Rom,
-gegen Roms Grundsätze und deren _Folgen_ protestierenden Geist. Doch
-nicht sie werden das Ungeheuer zum Stehen bringen: stellen und besiegen
-wird es nur der wiedervereinte Osten durch das neue Wort, das er der
-Menschheit bringen wird.
-
-In _jedem Fall_ aber ist eines klar: Deutschland hat uns sogar weit
-_nötiger_, als wir denken. Denn Deutschland braucht uns nicht zu einem
-zeitweiligen politischen, sondern zu einem _ewigen_ Bündnis. Die Idee
-des wiedervereinten Deutschland ist groß und stolz und reicht hinab bis
-in die Tiefe der Jahrhunderte. Doch was will denn Deutschland mit uns
-teilen? Die ganze westliche Menschheit ist sein Objekt, die ganze
-westliche Welt Europas hat es für sich bestimmt: statt der römischen und
-romanischen Idee soll hier die germanische die Führung übernehmen. Uns
-aber, Rußland, überläßt es den Osten. Zwei großen Völkern, uns und ihm,
-ist es bestimmt, das Angesicht der ganzen Welt zu verändern. Das ist
-kein menschliches Hirngespinst, das ist kein menschlicher Ehrgeiz, der
-sich das erdacht: so setzt sich die Welt selbst auseinander. Neue und
-sonderbare Fakta tauchen auf und bestätigen es von Tag zu Tag. Als man
-bei uns vom Besitze Konstantinopels noch nicht einmal zu träumen wagte,
-sprachen die deutschen Zeitungen von der Besetzung Konstantinopels durch
-uns Russen schon wie von einer ganz selbstverständlichen Sache. Das ist
-beinahe sonderbar im Vergleich zu den früheren Beziehungen Deutschlands
-zu uns. Man kann annehmen, daß die Freundschaft Rußlands zu Deutschland
-aufrichtig und stark ist, und daß diese Freundschaft mehr und mehr im
-Volksbewußtsein beider Nationen erstarken wird. Infolgedessen aber ist
-für Rußland noch keine Zeit zur endgültigen Entscheidung der Orientfrage
-so günstig gewesen wie gerade die gegenwärtige. In Deutschland wartet
-man auf die Beendung des Krieges vielleicht noch ungeduldiger als bei
-uns. Und doch kann man jetzt noch nichts voraussagen, und wäre es auch
-nur auf drei Monate. Werden wir den Krieg noch vor den letzten und
-schicksalsschweren Umwälzungen in Europa beenden? Alles dies ist noch
-ungewiß. Doch ob wir Deutschland noch werden zu Hilfe eilen können oder
-nicht, jedenfalls rechnet Deutschland auf uns nicht als zeitweiligen,
-sondern als _ewigen_ Bundesgenossen. Was aber die Gegenwart anbetrifft,
-so kann man nur sagen, daß der Schlüssel zur Katastrophe in Frankreich
-und in der Wahl des neuen Papstes liegt. So kann denn der jetzt schon so
-gut wie sichere Zusammenstoß Deutschlands mit Frankreich bald erfolgen,
-besonders da England sich die größte Mühe gibt, sie aufeinander zu
-hetzen, und dann auch Österreich das Seine dazu beitragen wird ...
-
-Auf jeden Fall muß Rußland diesen günstigen Augenblick benutzen, denn
-wir wissen nicht, wie lange er noch währen wird. Solange die jetzigen
-großen Führer Deutschlands noch am Ruder sind, ist die Zeit für uns
-wahrscheinlich am günstigsten ...
-
-
-
-
- Vierter Teil.
-
- Asien
-
-
- Die Asienfrage
-
-
- Was ist Asien für uns?
-
-Geok-Tepe, die Festung der Achal Teke, ist erstürmt! Die Tekinzen sind
-geschlagen, und wenn sie sich uns auch noch nicht ganz unterworfen
-haben, so ist doch unser Sieg gewiß![50]
-
-Die Gesellschaft und die Presse sind wieder einmal stolz ... Doch wie
-lange ist es denn her, daß sich diese wie jene noch vollkommen
-gleichgültig zu unseren transkaspischen Angelegenheiten verhielten? War
-das nicht, wenn ich mich recht erinnere, noch vor kurzem, noch nach dem
-ersten Mißerfolge General Lomakins, und sogar noch zu Anfang der
-Vorbereitungen zum zweiten Angriff?
-
-„Was suchen wir dort, was schert uns dieses Asien?“ hieß es damals.
-„Wieviel Geld ist dafür verschwendet worden, während bei uns Hungersnot
-und Diphtheritis herrschen und Schulen gebaut werden müssen!“
-
-Natürlich waren längst nicht alle derselben Meinung – o nein! Doch
-trotzdem laßt es sich nicht leugnen, daß es eine Zeit gab, in der sich
-sogar sehr viele zu unserer Offensivpolitik in Asien feindselig
-verhielten. Allerdings trug die Ungewißheit der unternommenen Expedition
-manches zu dieser Feindseligkeit bei. Aber trotz alledem kann man nicht
-sagen, daß unsere Gesellschaft sich unserer Mission in Asien klar bewußt
-sei, noch dessen, was Asien überhaupt für uns bedeutet oder in Zukunft
-bedeuten wird. Die meisten europäischen Russen sehen auf unser
-russisches Asien – auch Sibirien einbegriffen – immer noch wie auf
-irgendein Anhängsel, an das man am liebsten überhaupt nicht denkt. „Wir
-sind Europäer,“ heißt es, „was sollen wir in Asien machen?“ oder: „Ach,
-dieses ewige Asien! Wir können ja nicht einmal in Europa Ordnung
-schaffen, da lädt man uns nun zum Überfluß auch noch Asien auf den Hals!
-Ach was, – schütteln wir es einfach ab!“ Diese Auffassung wird selbst
-jetzt noch von unseren „Klugen“ geteilt (die haben sie natürlich nur von
-ihrem allzu großen Verstande) ...
-
-Der Sieg Skobeleffs wird in ganz Asien, selbst in seinen weltfernsten
-Winkeln, Widerhall finden. „Also hat sich wieder ein wildes und stolzes
-mohammedanisches Volk dem weißen Zaren unterworfen,“ werden jetzt die
-asiatischen Völker denken. Möge das Echo unseres Sieges über ganz Asien
-hallen, bis nach Indien hin! Möge es in diesen Millionen von Menschen
-den Glauben an die Unbesiegbarkeit des weißen Zaren verstärken! Auf
-diesem Wege können wir nicht mehr stehenbleiben. Diese Völker können
-ihre Chans und Emire behalten, in ihrer Phantasie mag England, dessen
-Macht sie in Erstaunen setzt, als drohende Wolke fortbestehen, – doch
-der Name des weißen Zaren muß über den Chans und Emiren stehen, muß über
-dem der Kaiserin von Indien leuchten, ja sogar über dem des Kalifen. Der
-weiße Zar ist Zar auch des Kalifen. Diese und keine andere Überzeugung
-muß dort Wurzel schlagen! Und das geschieht ja auch schon von Jahr zu
-Jahr immer mehr, und das ist es, was not tut, denn es bereitet die
-Zukunft vor und gewöhnt jene Völker an das Unvermeidliche.
-
-„Was für eine Zukunft? Worin besteht die Notwendigkeit, Asien uns
-einzuverleiben? Was sollen wir denn in Asien tun?“
-
-„Es ist eine Notwendigkeit, weil Rußland nicht nur in Europa liegt,
-sondern auch in Asien, weil der Russe nicht nur Europäer, sondern auch
-Asiate ist. Weil in Asien vielleicht noch mehr unserer Hoffnungen liegen
-als in Europa. Und das ist noch nicht alles: in unserem zukünftigen
-Schicksal wird gerade Asien unser Ausweg sein!“
-
-Ich fühle schon im voraus den Unwillen, mit dem viele meine rückständige
-Anschauung lesen werden; – für mich aber ist das Gesagte bereits ein
-Axiom. Ja, wenn es eine wichtige kranke Wurzel bei uns gibt, eine, die
-man um jeden Preis heilen muß, so ist das gerade unsre Auffassung von
-Asien. Wir müssen die knechtische Furcht, Europa könnte uns asiatische
-Barbaren nennen und von uns sagen, wir seien überhaupt noch nicht
-Europäer geworden, doch endlich einmal überwinden. Diese Angst vor der
-„Schande“, Europa könnte uns vielleicht doch für Asiaten halten,
-verfolgt uns ja fast schon zweihundert Jahre lang. Doch in diesem
-neunzehnten Jahrhundert hat diese Scham sich in uns noch ganz besonders
-verstärkt: sie ist beinahe schon in Panik ausgeartet. Diese falsche
-Scham und falsche Selbstbeurteilung, wenn wir uns ausschließlich für
-Europäer halten und nicht auch für Asiaten (die zu sein wir nie
-aufgehört haben), sind uns in diesen letzten zwei Jahrhunderten teuer,
-sehr teuer zu stehen gekommen: wir haben ihretwegen unsere geistige
-Selbständigkeit eingebüßt und sie mit unserer mißlungenen europäischen
-Politik bezahlt, und schließlich noch mit Geld, und Geld, und Geld, das,
-Gott weiß wieviel, dafür verschwendet worden ist, nur um Europa zu
-beweisen, daß wir ausschließlich Europäer seien und keineswegs Asiaten
-... Aber der Vorstoß Peters nach Europa ist denn doch zu stark gewesen,
-wenn er am Anfang auch notwendig und erlösend war, und so tragen
-eigentlich nicht wir die Schuld an unserer schiefen Stellung. Was haben
-wir nicht alles getan, damit Europa uns als die _Seinigen_ anerkenne,
-als Europäer, als _Nur_-Europäer und _Nicht-Tataren_! Allstündlich und
-unermüdlich sind wir hingelaufen und haben uns immer wieder aufdringlich
-angeboten. Bald haben wir Europa durch unsere Kraft erschreckt, unsere
-Heere hingeschickt, um die „Könige zu retten“; bald wiederum haben wir
-uns vor ihm gebeugt und geschworen, unsere einzige Aufgabe sei, nur ihm,
-Europa, zu dienen und es glücklich zu machen! Als wir 1812 Napoleon
-vertrieben hatten, versöhnten wir uns nachher nicht mit ihm, wie es
-damals einige kluge und einsichtsvolle Russen rieten und wünschten,
-sondern rückten in geschlossenen Reihen weiter, um Europa zu beglücken,
-da wir es nun einmal von dem großen Thronräuber befreit hatten. Das gab
-natürlich ein schönes Bild ab: auf der einen Seite stand der Despot und
-Räuber, auf der anderen – der Friedensstifter und Befreier. Doch unser
-politisches Glück lag damals durchaus nicht in diesem Bilde, sondern
-wäre anderswo zu finden gewesen. Dieser Räuber war nämlich gerade zu der
-Zeit, zum ersten Male während seiner ganzen Laufbahn, in einer solchen
-Lage, daß er sich aufrichtig und fest mit uns verbündet haben würde.
-Unter der Bedingung, ihn in Europa nicht zu stören, hätte er uns den
-Orient überlassen, und unsere heutige Orientfrage – das Unglück und das
-drohende Gewitter unserer Gegenwart und Zukunft – wäre jetzt schon
-längst abgetan. Der Usurpator hat es später selbst gesagt und hat
-bestimmt nicht nachträglich gelogen; denn er hätte wahrlich nichts
-Klügeres tun können, als auch hinfort mit uns verbündet zu bleiben, –
-unter der Bedingung, wie gesagt, daß wir für den Osten ihm den Westen
-überließen. Die europäischen Völker waren damals noch viel zu schwach,
-um uns im Orient zu stören; selbst England hätte es nicht gekonnt.
-Napoleon wäre später vielleicht gestürzt oder, wenn nicht er, dann nach
-seinem Tode seine Dynastie; der Orient aber wäre uns verblieben, und wir
-hätten jetzt das Meer und könnten England auch zur See entgegentreten.
-Wir aber gaben alles hin für dieses schöne lebende Bild! Und was war die
-Folge? Alle diese von uns befreiten Völker blickten sofort, noch bevor
-sie Napoleon gänzlich geschlagen hatten, mißgünstig und mit den
-gehässigsten Verdächtigungen auf uns. Auf den Kongressen verbündeten sie
-sich alle gegen uns und nahmen alles für sich, uns aber ließen sie
-nichts, und außerdem zwangen sie uns noch zu Versprechungen, die für
-Rußland selbst nur nachteilig waren. Und trotz dieser erhaltenen Lehre,
-– was haben wir in all den folgenden Jahren des Jahrhunderts und noch
-bis auf den heutigen Tag getan? Haben wir nicht zur Verstärkung der
-deutschen Mächte noch beigetragen? Haben wir nicht ihre Kraft so
-anwachsen lassen, daß sie jetzt vielleicht mächtiger sind als wir
-selbst? Es ist wirklich nicht übertrieben, wenn man sagt, daß wir ihr
-Wachstum und ihre Stärke gefördert haben. Sind wir nicht auf ihren Ruf
-hingegangen, um ihre Zwietracht beizulegen, haben wir nicht ihren Rücken
-geschützt, wenn ihnen Gefahr drohte? Und siehe – waren es nicht gerade
-sie, die uns in den Rücken fielen, als _uns_ Gefahr drohte, und wollten
-sie uns nicht in den Rücken fallen, als eine andere Gefahr sich uns
-näherte? Und die Folge ist, daß jetzt jeder in Europa, jede Rasse, jede
-Nation einen Stein für uns in der Tasche bereit hält und nur auf den
-ersten Anlaß wartet, um ihn auf uns zu schleudern. Was haben wir also
-von den Europäern dadurch erworben, daß wir ihnen so oft gedient? – Nur
-ihren Haß!
-
-Warum nur haßt uns Europa so sehr, warum können die Menschen dort nicht
-ein für allemal Zutrauen zu uns fassen und uns glauben, daß wir ihre
-Freunde und Diener sind, ihre guten, treuen Diener? Und daß sogar unsere
-ganze europäische Bestimmung nur ist: Europa und seiner Wohlfahrt zu
-dienen. Oder wenn das vielleicht auch nicht ganz stimmen sollte, so
-haben wir doch das ganze Jahrhundert hindurch danach gehandelt. Haben
-wir denn etwas für uns getan, etwas für uns erstrebt? Alles doch nur für
-Europa, immer nur für Europa! ... Nein, sie können kein Zutrauen zu uns
-fassen! Warum nicht? – Weil es ihnen unmöglich ist, uns als
-_Ihresgleichen_ anzuerkennen.
-
-Niemals und für keinen Preis werden sie es glauben, daß wir fähig sind,
-zusammen mit ihnen und auf ihrer Höhe an der ferneren Entwicklung der
-Kultur mitzuwirken. Sie sagen, wir seien unfähig, ihre Kultur zu
-begreifen, seien Fremdlinge in Europa, Namensusurpatoren. Sie nennen uns
-Diebe, die ihre Bildung stehlen und sich mit ihren Kleidern schmücken.
-Türken und Semiten stehen ihrem Herzen näher als wir Arier. All dieses
-hat nun natürlich einen gewichtigen Grund: wir tragen eine ganz
-besondere Idee, eine andere als sie, in die Menschheit – das ist die
-Ursache! Und das tun wir – trotz der krampfhaften Versicherungen unserer
-„russischen Europäer“ in Europa, daß es bei uns überhaupt keine
-besondere Idee gebe, und es auch weiterhin keine geben werde, daß
-Rußland überhaupt nicht fähig sei, eine eigene Idee zu haben, sondern
-höchstens nachahmen könne, und es dabei auch bleiben werde, also beim
-Nachahmen, und daß wir keineswegs Asiaten oder Barbaren seien, sondern
-durchaus ganz so wie sie – „Europäer“. Europa jedoch glaubt unseren
-„russischen Europäern“ _wenigstens dieses eine nicht_. Was dies
-anbetrifft, so stimmt es in seinen Schlüssen eher mit den Slawophilen
-überein, obgleich es die letzteren höchstens vom Hörensagen kennt, oder
-selbst das nicht einmal. Diese Übereinstimmung besteht in folgendem:
-Europa glaubt, ganz wie die Slawophilen, daß wir eine „Idee“ haben, eine
-eigene, besondere und nicht europäische Idee, und daß Rußland fähig sei,
-eine Idee zu haben. Vom Wesen dieser Idee weiß Europa natürlich noch
-nichts, – denn wenn es etwas von ihm wüßte, würde es sich sofort
-beruhigen, ja sogar freuen. Doch einmal wird es unsere Idee bestimmt
-kennen lernen, und zwar gerade in dem Augenblick, wenn seine kritische
-Zeit anbricht. Jetzt jedoch traut uns Europa noch nicht; indem es uns
-überhaupt eine Idee zugesteht, fürchtet es sie bereits. Und schließlich:
-wir erregen in den Europäern doch nur Ekel, sogar persönlichen Ekel,
-obgleich man dort zuweilen auch höflich gegen uns ist. Man gibt dort
-gerne zu, daß die russische Wissenschaft, so jung sie sei, doch schon
-mehrere bemerkenswerte Vertreter aufzuweisen hat, sowie mehrere gute
-Arbeiten, die sogar ihrer europäischen Wissenschaft zustatten gekommen
-sind. Doch um nichts in der Welt würde uns Europa jetzt glauben, daß bei
-uns in Rußland nicht nur Arbeiter in der Wissenschaft – sogar sehr
-begabte – geboren werden können, sondern auch Genies, Führer der
-Menschheit, von der Art der europäischen! Daran werden die Europäer
-niemals glauben, denn sie können doch nicht _uns_ Kulturfähigkeit
-zugestehen, und von unserer aufsteigenden Idee wissen sie ja noch
-nichts. Nach den Tatsachen zu urteilen, haben sie ja schließlich auch
-recht; denn ganz gewiß werden wir weder einen Bacon, noch einen Newton,
-noch einen Kant hervorbringen, so lange wir uns nicht „gerade“ auf den
-Weg stellen und geistig selbständig werden. Was das übrige betrifft, so
-ist es dasselbe – in der Kunst, wie im Gewerbe: Europa ist bereit, uns
-zu loben, uns wie einem braven Jungen den Kopf zu streicheln, doch als
-die Seinigen erkennt es uns nicht an, o nein! Dazu verachtet es uns
-innerlich und äußerlich viel zu sehr! Es hält uns für niedriger als
-Menschen, niedriger als Rasse, und zuweilen flößen wir ihm sogar Ekel
-ein, Ekel im allgemeinen – und Ekel im besonderen, wenn wir uns mit
-brüderlichen Küssen ihm an den Hals werfen.
-
-Es ist schwer, sich von dem Fenster nach Europa, das Peter für uns
-durchbrochen hat, abzuwenden – das ist nun einmal unser Verhängnis.
-Indessen ist aber Asien ... – Ja, das kann doch tatsächlich unsere
-Rettung sein! Wenn sich bei uns nur ein etwas richtigeres Verständnis
-für Asien, für diese Idee „Asien“ durchsetzen würde, welch eine große
-nationale Wurzel würde dann gesunden! Asien, unser asiatisches Rußland
-–, das ist ja gleichfalls eine unserer kranken Wurzeln, eine, die man
-nicht nur pflegen, nein, die man ganz ausgraben und von neuem pflanzen
-muß! Ein Prinzip, ein neues Prinzip, eine neue Anschauung – das ist es,
-was uns not tut!
-
-
- Fragen und Antworten
-
-„Ja, aber warum denn, wozu?“ höre ich gereizte Stimmen fragen. „Asien
-kostet uns sowieso schon viel verlorenes Geld und ununterbrochen
-Militär. Und wo ist denn dort Industrie? Und wo findet man dort Abnehmer
-für unsere Waren? Und da verlangen Sie nun, aus unbekannten Gründen, wir
-sollen uns auf ewig von Europa abwenden!“
-
-„Nicht auf ewig, nur zeitweilig und auch nicht ganz; wir würden uns doch
-nicht losreißen können, selbst wenn wir es wollten. Wir dürfen Europa
-nicht ganz verlassen. Aber das ist auch durchaus nicht nötig. Europa ist
-und bleibt ‚das Land der heiligen Wunder‘ – wie es der eifrigste
-Slawophile benannt hat. Europa ist uns gleichfalls eine Mutter, wir
-haben viel von ihr genommen und werden noch vieles von ihr nehmen, und
-wir wollen doch nicht undankbar sein. Ich habe einmal über die; große
-zukünftige Bedeutung des russischen Volkes für Europa – meine
-Überzeugung – einige Worte im vorigen Jahr zur Puschkinfeier in Moskau
-gesagt, und man hat mich dafür später mit Schmutz und Schimpf beworfen,
-und sogar diejenigen haben es getan, die mich damals für meine Worte
-umarmten – ganz, als ob ich etwas Schmutziges, Gemeines begangen hätte,
-als ich mein Wort sagte.
-
-Doch vielleicht wird man dieses Wort nicht vergessen. Übrigens, lassen
-wir das ruhen. Wir haben nichtsdestoweniger das Recht, für unseren
-Auszug aus Ägypten Sorge zu tragen; denn wir selbst haben uns aus Europa
-gewissermaßen ein geistiges Ägypten gemacht.“
-
-„Erlauben Sie mal! Wodurch kann uns denn Asien selbständig machen? Wir
-können dort höchstens asiatisch einschlafen, nicht aber selbständig
-werden!“
-
-„Sehen Sie, durch die Wendung nach Asien und durch unsere neue
-Auffassung dieses Landes kann mit uns vielleicht dasselbe geschehen, was
-zum Beispiel mit Europa geschah, als Amerika entdeckt wurde. Denn genau
-genommen ist Asien für uns dieses selbe von uns bisher noch nicht
-entdeckte damalige Amerika. Mit der Strömung nach Asien wird sich unser
-Geist wieder erheben und werden sich unsere Kräfte wieder stärken. Sind
-wir erst selbständiger geworden, so werden wir auch sofort wissen, was
-wir zu tun haben; in und mit Europa aber haben wir uns in zweihundert
-Jahren nur von jeglicher Arbeit entwöhnt und sind zu Schwätzern und
-Faulenzern geworden.“
-
-„Na, wie wollen Sie uns dann bis nach Asien bringen, wenn wir Faulenzer
-sind? Und wer wird denn von uns hingehen, selbst wenn man es so sicher
-wie zweimal zwei beweisen könnte, daß dort unser Glück liegt?“
-
-„In Europa waren wir aus Gnade und Barmherzigkeit aufgenommen, waren wir
-Sklaven; nach Asien aber kommen wir als Herren. In Europa waren wir
-Tataren, in Asien aber sind auch wir Europäer. Unsere Mission, unsere
-zivilisatorische Mission in Asien, wird unseren Geist verlocken und uns
-dorthin ziehen, wenn nur erst einmal die Bewegung angefangen hat. Baut
-nur zwei Eisenbahnen, beginnt nur mit dem Bau, – eine nach Sibirien und
-die andere nach Mittelasien, und ihr werdet euch von den Folgen
-überzeugen können.“
-
-„Haha, Sie wollen wirklich wenig!“ ist die Antwort, und man lacht mich
-aus. „Woher die Mittel dazu nehmen, und was bringt uns das ein: Unkosten
-und Verlust und weiter nichts.“
-
-„Wenn wir in den letzten fünfundzwanzig Jahren im ganzen nur drei
-Millionen jährlich für diese Bahnen zurückgelegt hätten – und drei
-Millionen jährlich gleiten uns so manches Mal für nichts und wieder
-nichts aus den Fingern –, so wäre jetzt schon für fünfundsiebzig
-Millionen Eisenbahn in Asien gebaut, also ungefähr tausend Werst –
-mindestens! Sie sprechen von Verlust. Oh, wenn in Rußland an unserer
-Stelle Engländer oder Amerikaner lebten: die würden Ihnen diesen
-‚Verlust‘ schon beweisen! Die hätten schon längst unser Amerika
-entdeckt! Wissen Sie auch, daß es dort Länder gibt, die uns weniger
-bekannt sind als das Innere Afrikas? Und wissen wir denn, was für
-Reichtümer im Schoße dieser unermeßlichen Länder verborgen liegen? Oh,
-die Engländer und Amerikaner, die würden schon alles hervorkratzen,
-Metalle und Mineralien und unzählige Steinkohlenlager, – alles würden
-sie finden, alles aufsuchen! Und die würden auch schon wissen, wie das
-Material zu gebrauchen ist, und wozu es sich verwenden läßt. Sie würden
-die Wissenschaft hinrufen und die Erde zwingen, fünfzigmal zu gebären, –
-diese selbe Erde, von der wir hier glauben, daß sie eine wie unsere
-Handfläche nackte Steppe sei. Zu dem erworbenen Brote würden die
-Menschen hinziehen und Gewerbe und Industrie mitbringen. Und um Abnehmer
-und den Weg zu ihnen braucht man sich nicht zu beunruhigen! – die würden
-sie auch dort in den Eingeweiden Asiens, wo sie jetzt noch zu Millionen
-schlafen, finden – und sie würden neue Wege zu ihnen bauen!“
-
-„Wie, Sie singen das Lob der Wissenschaft und bereden uns doch zur
-Abwendung von der Wissenschaft und Bildung, indem Sie uns auffordern,
-Asiaten zu werden!?“
-
-„Aber dort wird ja noch mehr Wissenschaft nötig sein! – Was sind wir
-jetzt in der Wissenschaft anderes als Laien und Dilettanten? Dort aber
-werden wir Schöpfer sein. Die Not wird uns zwingen zu schaffen und wird
-uns zu allem geschickt machen, sobald sich erst nur ein wenig
-selbständiger, unternehmender Geist erhebt! – So werden wir auch in der
-Wissenschaft Meister sein und nicht nur ewig verehrende Jünger, wie wir
-es bis jetzt sind. Doch das Wichtigste: unsere zivilisatorische Mission
-in Asien wird – das unterliegt keinem Zweifel – vom ersten Schritte an
-von uns verstanden werden, und sie wird uns begeistern. Sie wird unseren
-Mut erheben, sie wird uns Würde und Selbstbewußtsein geben – die aber
-hat jetzt keiner von uns, oder höchstens wenige nur ein wenig. Der Zug
-nach Asien würde außerdem, wenn er bei uns erst einmal anfangen wollte,
-für unzählige unruhige Geister ein Ausweg sein, für alle Sehnsüchtigen,
-alle Gelangweilten, alle grundlos Faulen, alle grundlos Müden. Baut nur
-einen Abzug für das Wasser, und der Schimmel und Gestank werden von
-selbst verschwinden. Ist aber die Sache erst einmal im Gange, dann wird
-sich schon niemand mehr langweilen, alle werden sich verändern. Sogar
-mancher Unfähige mit verwundetem, quälendem Stolz würde dort seine
-Erlösung finden. Wie oft haben wir es erlebt – besonders in den
-europäischen Kolonien –, daß Menschen, die an einem Ort die Unfähigkeit
-selber waren, am anderen sich womöglich als Genies erwiesen ... Rußland
-wird deshalb nicht zur Wüste werden, das braucht ihr wahrlich nicht zu
-fürchten. Zuerst werden nur wenige hingehen, doch bald werden
-Nachrichten von ihnen zurückkommen und wieder neue Menschen hinziehen.
-Und doch wird es in dem russischen Meere unbemerkbar sein. Zieht die
-Fliege auf dem Honigseim und richtet ihr ein wenig die Flügel zurecht!
-Es wird ja nur ein ganz geringer Prozentsatz der Bevölkerung hinziehen;
-man wird es hier nicht einmal merken, daß wir Asien bevölkern. Dort
-aber, – Gott, wie man es dort merken wird! Wo sich in Asien ein Russe
-niederläßt, dort wird auch das Land gleich russisch. Es würde ein neues
-Rußland entstehen, ein Rußland, das mit der Zeit das alte erneuen und
-ihm seinen Weg weisen und erklären könnte. Zu all dem gehört aber ein
-neues Prinzip und der Entschluß zur Umkehr. Und am allerwenigsten
-braucht es dazu großen Lärmes und großer Erschütterungen. Möge man nur
-ein wenig begreifen – aber auch wirklich begreifen –, daß in Zukunft
-Asien unser Ausweg sein wird, daß dort unsere Reichtümer liegen, daß wir
-dort den Ozean haben. Wenn in Europa der erniedrigende Kommunismus
-eingeführt sein wird, wenn sie sich dort alle zuhauf um einen Herd
-versammeln und mit der Zeit die einzelnen Haushaltungen auflösen und
-alle in Kommunen leben, wenn dort die Kinder in Erziehungsanstalten
-aufwachsen – drei Viertel von ihnen als Ausgesetzte –, dann wird bei uns
-noch überall Weite und Licht sein, Wiesen und Wälder und weiter
-Horizont; und unsere Kinder werden von den eigenen Vätern erzogen
-werden, nicht in steinernen Massen, sondern zwischen Gärten und
-Saatfeldern, und werden über sich noch den klaren Himmel schauen. Ja,
-viele unserer Hoffnungen liegen dort, und unbegrenzte Möglichkeiten, von
-denen wir uns hier überhaupt noch keinen Begriff machen können! Nicht
-nur Gold allein liegt dort verborgen. Doch zuerst tut ein neues Prinzip
-not! Haben wir erst das, dann werden wir auch das zur Sache nötige Geld
-haben. Wozu sollen wir, und besonders jetzt, in Europa, sagen wir, so
-viel Gesandtschaften mit so teuerem Aufwand, mit ihrem feinen Esprit und
-ihren noch feineren Diners, mit so zahlreichem, überflüssigem Personal
-unterhalten? Und was gehen uns denn – besonders jetzt – alle Gambettas
-an und der Papst samt dem ihn erwartenden Schicksal, und ob er auch noch
-so sehr von Bismarck bedrängt wird!? Wäre es nicht besser, zeitweilig
-sich diesem Europa ärmer zu zeigen, sich an den Weg zu setzen und die
-Kopeken in die Mütze zu sammeln? – ‚_La Russie se recueille_‘ würde es
-dann heißen – und währenddessen sich zu Hause zu sammeln, sich innerlich
-vorzubereiten? ...“
-
-„Wozu sich denn erniedrigen?“ wird man fragen.
-
-„Das täten wir ja gar nicht, ich habe das mit der Mütze doch nur
-allegorisch gemeint. Nein, wir würden uns nicht erniedrigen, sondern uns
-mit einem Schlage erhöhen, ja, so würde es sein! Europa ist schlau und
-klug und würde uns sofort durchschauen und, glaubt mir, würde uns sofort
-auch achten! Unsere Selbständigkeit würde zuerst natürlich stutzig
-machen, doch würde sie teilweise auch gefallen. Wenn Europa jedoch
-sieht, daß wir uns entschlossen haben, uns nach der Decke zu strecken,
-und daß auch wir sparsam zu sein verstehen und unseren Rubel selbst
-hüten und schätzen und ihn nicht mehr aus Papier machen, so wird auch
-Europa unseren Rubel auf seinen Märkten sofort höher bewerten. Und wenn
-die Europäer gar sehen, daß wir selbst Defizite und Bankerotte nicht
-fürchten, vielmehr unentwegt auf unser festes Ziel zuschreiten, so
-werden sie von selbst zu uns kommen, um uns ihr Geld anzubieten, – und
-sie werden es dann wie ernsten Menschen anbieten, wie Leuten, die ihre
-Sache gelernt haben und schon wissen, wie man etwas anfassen muß ...“
-
-„Erlauben Sie ...“ unterbricht mich eine Stimme, „Sie sprachen da von
-Gambetta. Wir können doch unmöglich dort alles im Stich lassen! Nehmen
-wir allein die Orientfrage: die bleibt doch bestehen, und wie sollen wir
-sie denn nun plötzlich aufgeben?“
-
-„In betreff der Orientfrage würde ich jetzt, in unserer Zeit, folgendes
-sagen: so, wie die Dinge heute nun einmal liegen, findet sich in den
-politischen Sphären vielleicht kein einziger, der es als
-selbstverständlich zugeben würde, daß Konstantinopel unser werden muß –
-außer vielleicht in ferner, dunkler Zukunft einmal. Worauf sollen wir
-also noch warten? Das ganze Wesen der Orientfrage ist augenblicklich im
-Bündnis Deutschlands mit Österreich enthalten, und außerdem noch in der
-türkischen Beute, die Österreich mit Bismarcks Genehmigung einstecken
-will. Wir können und werden natürlich dagegen protestieren, in
-irgendeinem, sagen wir, äußersten Fall; doch so lange, wie diese beiden
-Nationen zusammen sind, – was können wir da ohne große Gefahr für uns
-tun? Und eines nicht zu vergessen: die Verbündeten warten vielleicht nur
-darauf, daß wir endlich in Zorn geraten. Die slawischen Völker können
-wir wie immer beschützen und lieben, und wenn es nottut, können wir
-ihnen auch, so viel wie in unseren Kräften steht, helfen. Zudem werden
-sie in nächster Zeit wohl nicht allzu große Gefahr laufen, unterzugehen.
-Und wer weiß, ob diesem Zustande nicht sowieso bald ein Ende bereitet
-wird? Wenn wir zeigen, daß wir nicht mehr Lust haben, uns wie früher in
-Europa einzumischen, so werden sie sich dort, ohne uns, alle
-wahrscheinlich noch früher in den Haaren liegen. Denn nie und nimmer
-wird Österreich glauben, daß Deutschland es einzig wegen seiner schönen
-Augen dermaßen liebgewonnen habe. Es weiß sogar ganz genau, daß
-Deutschland zu guter Letzt doch die österreichischen Deutschen sich
-einstecken will. Österreich jedoch wird um nichts in der Welt auf seine
-Deutschen verzichten wollen, bewahre! – selbst dann nicht, wenn man ihm
-als Ersatz für sie Konstantinopel geben würde, – dermaßen hoch schätzt
-es sie! Somit wäre Grund zum Streit bereits genügend vorhanden. Und dann
-haben unsere Nachbarn immer noch diese unentschiedene französische Frage
-zu bewältigen, die jetzt für Deutschland vielleicht schon zur ‚ewigen‘
-geworden ist. Und dann kann es noch geschehen, daß sich plötzlich selbst
-die ganze Einigung Deutschlands als nicht nur unvollendet erweist,
-sondern tatsächlich ins Wanken gerät. Und dann könnte es sich womöglich
-noch erweisen, daß der europäische Sozialismus immer drohender wird.
-Kurz, wir brauchen nur abzuwarten und uns nicht einzumischen, auch
-nicht, wenn sie uns rufen, und dann – wenn dort der Streit ausbricht und
-ihr ‚politisches Gleichgewicht‘ erzittert – dann mit einem Schlage auch
-unsere ganze Orientfrage erledigen, den richtigen Augenblick wählen und
-einfach erklären: ‚Wir wollen die österreichischen Aneignungen in der
-Türkei nicht anerkennen‘, und die Aneignungen werden verschwinden,
-vielleicht sogar mit Österreich zusammen ...
-
-Nun, und dann werden wir schon wieder einholen, was wir zeitweilig
-scheinbar versäumt haben ...“
-
-„Aber England? Sie vergessen England? Unser Zug nach Asien würde es
-fraglos sofort beunruhigen.“
-
-„‚Wer England fürchtet, – der bleibe zu Haus‘ könnte auch ein Sprichwort
-sein. Und was würde denn England so besonders beunruhigen? Was unsere
-Absichten für die Zukunft betrifft, so erwartet es von uns doch sowieso
-das Allerschlimmste. Wenn es dagegen den wahren Charakter unserer
-Absichten in Asien begriffe, würde es wahrscheinlich viele seiner
-Befürchtungen aufgeben ... Übrigens, ich gebe zu, daß es sie nicht
-aufgeben würde. Doch wie gesagt: ‚wer England fürchtet, – der bleibe zu
-Haus!‘ Und darum nochmals: Es lebe der Sieg von Geok-Tepe! Hoch
-Skobeleff und seine Soldaten! Und ewiger Ruhm den Helden, die dort
-gefallen sind!“
-
-
-
-
- Fußnoten
-
-
-[1] Tag des Attentats auf den Zaren Alexander II. E. K. R.
-
-[2] Peter der Große. Ausdruck Puschkins. E. K. R.
-
-[3] Von Dostojewski veröffentlicht im September 1873. E. K. R.
-
-[4] Henri von Bourbon, Graf von Chambord, letzter Sproß der älteren
-bourbonischen Linie, geb. 1820, gest. 1883, Prätendent auf den
-französischen Thron nach dem Sturz Napoleons III. E. K. R.
-
-[5] Französischer klerikaler Schriftsteller, seit 1848 Chefredakteur des
-„Univers“, dem obiges Zitat entnommen ist. E. K. R.
-
-[6] Der Graf von Chambord hatte dadurch, daß er die Gewährleistung einer
-Verfassung ablehnte, selbst seine Thronbesteigung unmöglich gemacht. E.
-K. R.
-
-[7] Auf das Schreiben Pius’ IX. an Wilhelm I., in dem der erstere in den
-Kulturkampf eingreifen wollte und die ganze Christenheit für sich in
-Anspruch nahm, hatte letzterer bekanntlich geantwortet, er lehne als
-Protestant im Namen seiner Vorfahren und dem des größten Teiles seiner
-Untertanen jegliche Einmischung des Papstes als Anmaßung ab. E. K. R.
-
-[8] Von Dostojewski veröffentlicht im März 1876. E. K. R.
-
-[9] Von Dostojewski veröffentlicht im Januar 1877. E. K. R.
-
-[10] Gemeint sind die Kämpfe der Balkanslawen gegen die Türkei im Jahre
-1876, die unter begeisterter Anteilnahme des ganzen russischen Volkes
-geschahen und im Jahre 1877 dann auch um Eingreifen Rußlands und zum
-Ausbruch des Russisch-Türkischen Krieges führten. E. K. R.
-
-[11] Von Dostojewski veröffentlicht im Mai 1877. E. K. R.
-
-[12] Im Original gesperrt gedruckt. E. K. R.
-
-[13] Von Dostojewski veröffentlicht im September 1877. E. K. R.
-
-[14] Von Dostojewski veröffentlicht im September 1877. E. K. R.
-
-[15] vgl. S. 88 Forts. „Das schwarze Heer.“ E. K. R.
-
-[16] Von Dostojewski veröffentlicht im September 1877. E. K. R.
-
-[17] Von Dostojewski veröffentlicht im Februar 1876. E. K. R.
-
-[18] Russischer Mönch, lebte im 12. Jahrhundert in Kiew, Begründer des
-russischen Mönchtums, Verfasser von Predigten. E. K. R.
-
-[19] Russischer Bischof, Zeitgenosse Peters des Großen, dessen Reformen
-er billigte, gleichfalls Verfasser von Predigten, die im russischen
-Volke sehr beliebt sind. E. K. R.
-
-[20] Von Dostojewski im April 1876 veröffentlicht, als die Möglichkeit
-eines neuen russisch-türkischen Krieges zum ersten Male festere Gestalt
-annahm. E. K. R.
-
-[21] Von Dostojewski veröffentlicht im Juni 1876. E. K. R.
-
-[22] Kritiker (1811 bis 1848). Bahnbrecher einer westeuropäisch,
-atheistisch und sozialistisch gefärbten russischen Literatur- und
-Gesellschaftsauffassung. E. K. R.
-
-[23] Großfürst von Moskau (von 1462 bis 1505), heiratete 1472 Sophie
-Paläolog, die letzte byzantinische Prinzessin. E. K. R.
-
-[24] Von Dostojewski veröffentlicht im Januar 1877. E. K. R.
-
-[25] Russischer General, kämpfte 1876 mit den Serben unglücklich gegen
-die Türken. E. K. R.
-
-[26] 1675–1826, Historiker und Schriftsteller. E. K. R.
-
-[27] Held eines sehr bekannten Romanes von Turgenjeff. E. K. R.
-
-[28] Von Dostojewski veröffentlicht im Februar 1877. E. K. R.
-
-[29] Gestalt in einem Gedicht von Nekrassoff. E. K. R.
-
-[30] Von Dostojewski veröffentlicht im Mai 1877. E. K. R.
-
-[31] Karamsin schrieb damals seine „Briefe eines russischen Reisenden“.
-E. K. R.
-
-[32] Von Dostojewski veröffentlicht im Oktober 1877. E. K. R.
-
-[33] Von Dostojewski veröffentlicht im Januar 1881. E. K. R.
-
-[34] Anspielung auf die russischen Westler und einen ihrer damaligen
-Lieblingsaufenthaltsorte. E. K. R.
-
-[35] Stundisten = lutheranisierende Sekte im Süden Rußlands, wo die
-protestantischen Pastoren der deutschen Kolonisten für die russischen
-Bauern „Bibelstunden“ eingeführt hatten. Daher die Benennung
-„Stundisten“. E. K. R.
-
-[36] Von Dostojewski veröffentlicht im Januar 1881. E. K. R.
-
-[37] Von Dostojewski veröffentlicht im März 1877. E. K. R.
-
-[38] Die Grundidee der Bourgeoisie, die am Ende des vorigen Jahrhunderts
-die frühere Weltanschauung ersetzt hat und jetzt zur Hauptidee unseres
-Jahrhunderts in der ganzen europäischen Welt geworden ist. Anmerkung von
-F. M. Dostojewski.
-
-[39] In Rußland wird das zu einem Dorf gehörige Land von der
-Dorfbewohnerschaft gemeinsam zu gemeinsamem Nutzen bearbeitet. E. K. R.
-
-[40] Von Dostojewski veröffentlicht im Juli 1876. E. K. R.
-
-[41] Von Dostojewski veröffentlicht im März 1877. E. K. R.
-
-[42] Siehe den Aufsatz „Utopische Geschichtsauffassung“. Seite 191. E.
-K. R.
-
-[43] Im Jahre 1483 durch Iwan III., Großfürsten von Moskau. E. K. R.
-
-[44] Die Lichtgestalt unter den Helden der russischen Volkssagen. E. K.
-R.
-
-[45] Gemeint ist der Krimkrieg (1853–1856), dessen Veranlassung die
-Weigerung des Sultans war, Rußland als Protektor der griechischen Kirche
-in der Türkei anzuerkennen. E. K. R.
-
-[46] Von Dostojewski veröffentlicht im April 1877. E. K. R.
-
-[47] Von Dostojewski veröffentlicht im September 1877. E. K. R.
-
-[48] Von Dostojewski veröffentlicht im September 1877. E. K. R.
-
-[49] 1822–1885. Slawophiler Schriftsteller. E. K. R.
-
-[50] Von Dostojewski veröffentlicht im Januar 1881 gelegentlich der
-Siege Skobeleffs in Mittelasien. E. K. R.
-
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
-Die „Sämtlichen Werke“ erschienen in der hier verwendeten ursprünglichen
-Fassung der Übersetzung von E. K. Rahsin in mehreren Auflagen und
-Ausgaben 1906–1922 im Piper-Verlag. Dieses Buch wurde transkribiert
-nach:
-
- F. M. Dostojewski: Sämtliche Werke.
- Zweite Abteilung: Dreizehnter Band
- Politische Schriften
- R. Piper & Co. Verlag, München, 1917.
- Zweite Auflage
- 3. bis 5. Tausend
-
-Die Anordnung der Titelinformationen wurde innerhalb der „Sämtlichen
-Werke“ vereinheitlicht und entspricht nicht der Anordnung in den
-ursprünglichen Ausgaben. Alle editionsspezifischen Angaben wie Jahr,
-Copyright, Auflage usw. sind aber erhalten und wurden gesammelt direkt
-nach der Titelseite eingefügt.
-
-Fußnoten wurden am Ende des Buches gesammelt.
-
-Das Inhaltsverzeichnis wurde an den Anfang des Bandes verschoben.
-Inhaltsverzeichnis und Überschriften im Text wurden harmonisiert.
-
-Zu den Anführungszeichen: Gespräche wurden in doppelte Anführungszeichen
-(„“) eingeschlossen. Die Wiedergabe von Äußerungen anderer innerhalb von
-Gesprächen wurde in einfache Anführungszeichen (‚‘) eingeschlossen.
-
-Besonderheiten der Transliteration russischer Begriffe und Namen: Der
-Buchstabe „ä“ (oder auch „jä“) steht für den kyrillischen Buchstaben
-„ja“. Die Schreibweise häufig vorkommender Namen wurde vereinheitlicht
-(nicht verwendete Varianten in Klammern):
-
- Mac-Mahon (Mac Mahon)
-
-Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere
-Änderungen, teilweise unter Zuhilfenahme anderer Auflagen oder des
-russischen Originaltextes, sind hier aufgeführt (vorher/nachher):
-
- [S. 435]:
- ... in diesem Gegenstand eurer Liebe ein Lüge, irgend ...
- ... in diesem Gegenstand eurer Liebe eine Lüge, irgend ...
-
- [S. 451]:
- ... Blick, lächte darauf ein wenig ironisch, zuckte die ...
- ... Blick, lächelte darauf ein wenig ironisch, zuckte die ...
-
-
-*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK SÄMTLICHE WERKE 13: POLITISCHE
-SCHRIFTEN ***
-
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-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary
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-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit
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