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-The Project Gutenberg eBook of Das Licht leuchtet in der Finsternis,
-by Leo Tolstoi
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you
-will have to check the laws of the country where you are located before
-using this eBook.
-
-Title: Das Licht leuchtet in der Finsternis
-
-Author: Leo Tolstoi
-
-Translator: Adolf Heß
-
-Release Date: January 26, 2022 [eBook #67250]
-
-Language: German
-
-Produced by: The Online Distributed Proofreading Team at
- https://www.pgdp.net
-
-*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS LICHT LEUCHTET IN DER
-FINSTERNIS ***
-
-
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-
- Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text
- ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist
- ~so markiert~. Im Original fetter Text ist =so dargestellt=.
-
- Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
-
-
-
-
- Leo Tolstoi
-
- Das Licht leuchtet in
- der Finsternis
-
- Drama in vier Aufzügen
-
-
- Aus dem
- Russischen übertragen und eingeleitet
-
- von Adolf Heß
-
- Verlag von Philipp Reclam jun. Leipzig
-
-
-
-
-Alle Rechte vorbehalten.
-
-Den Bühnen und Vereinen gegenüber als Manuskript gedruckt. Das Recht
-der Aufführung ist allein durch _Oesterheld & Co._, _Berlin_ ~W.~ 15
-(Abteilung für Bühnenvertrieb) zu erwerben.
-
- Berlin-Charlottenburg, Juni 1912.
-
- Adolf Heß.
-
-
-Druck von Philipp Reclam jun. Leipzig
-
-
-
-
-Einleitung.
-
-
-In Tolstois Nachlaß fanden sich neben den erzählenden Schriften
-zwei größere dramatische Werke vor; das vollendete: »Der lebende
-Leichnam«[1] und das unvollendete: »Das Licht leuchtet in der
-Finsternis ...« Der Titel dieses letzteren Dramas ist dem Evangelium
-Johannis Kap. I, Vers 5 entnommen und erhält seinen vollen Sinn durch
-die zweite Hälfte des Verses: »und die Finsternis hat es sich nicht zu
-eigen gemacht.«
-
- [1] Deutsch von Fred M. Balte, Uni.-Bibl. Nr. 5364; von Adolf
- Heß im Verlage von Schulze & Co., Leipzig.
-
-Das Drama umfaßt fünf Aufzüge, deren letzter nur skizziert,
-nicht ausgeführt ist. Die gründlichste Bearbeitung hat der erste
-Aufzug erfahren. Begonnen wurde das Werk in den achtziger Jahren;
-weitergeführt wurde es in den neunziger. Das ist vorläufig alles, was
-wir über die Entstehung wissen. Wenn einmal der _gesamte_ Nachlaß
-Tolstois, besonders die Tagebücher, veröffentlicht sein werden, die
-uns infolge bekannter unglücklicher Verhältnisse noch immer nicht
-zugänglich sind, werden wir Näheres auch über diese Arbeit erfahren,
-von deren Existenz bei Lebzeiten des Dichters selbst seine nähere
-Umgebung nichts wußte.
-
-Tolstoi behandelt in diesem Werk -- und das erklärt vieles -- in
-bisweilen autobiographischer Form die Kämpfe, die er in seiner Familie
-durchzufechten hatte; die Zweifel, die ihn überkamen, als er die
-Wirkung seiner Gedanken auf seine Umgebung beobachtete; den Widerstand,
-dem er beim Umsetzen der Gedanken in die Tat begegnete, und die
-Konflikte, die zwischen idealen Bestrebungen und dem realen Leben
-überall zutage treten.
-
-Der wohlhabende russische Gutsbesitzer Sarynzew, der nach dem
-Evangelium leben, seine Habe an die Armen verteilen, seine Nächsten
-wie sich selbst lieben will; der das Christentum nicht als schöne
-Gedankenrichtung, sondern als praktische Lebensweisheit auffaßt; der
-die Kirche als schadenbringende Institution verwirft und der Obrigkeit
-den Gehorsam kündigt -- dieser Sarynzew ist Tolstoi selbst. Wir wissen,
-wie Tolstoi sich bemüht hat, als echter Christ zu leben, wie er gleich
-Sarynzew seine Habe den Armen geben wollte und, als ihm das nicht
-gelang, die Besitzung auf den Namen seiner Frau überschreiben ließ;
-wie er auf dem Felde und in der Werkstatt arbeitete; wie junge, den
-Militärdienst verweigernde und dafür grausam bestrafte Bauern mit ihm
-in Briefwechsel standen; wie er Bauern aus dem Gefängnis befreite,
-und anderes mehr. Über diese Beziehungen zwischen den Vorgängen im
-Drama und in Tolstois Leben ließe sich noch manches sagen. Wir haben
-es hier in erster Linie mit dem Drama zu tun. Da fällt zunächst auf,
-daß Tolstoi in diesem Werk ein Problem behandelt, das gerade unserer
-Zeit so recht den Stempel aufdrückt. Es ist der Kampf und Ausgleich
-zwischen arm und reich, in dem sich alle idealen Bestrebungen der
-Gegenwart vereinen. Tolstoi sucht den Frieden dadurch herbeizuführen,
-daß er den Reichen auf Grund eigener Erkenntnis freiwillig auf sein
-Gut verzichten läßt. Aber dieser Verzicht gelingt Sarynzew nur zum
-Teil, nur für seine Person, nicht für Weib und Kinder. Daraus entstehen
-neue, unlösbare Konflikte. Hinzu kommen die heftigen Vorwürfe einer
-Mutter, deren Sohn angeblich durch Sarynzews Lehren ins Verderben
-gestürzt ist. Bekehrungsversuche eines Bischofs, den die besorgte
-Schwägerin verschrieben hat. Abfall eines jungen Geistlichen von der
-Landeskirche mit baldigem reumütigem Zurückkehren in ihren Schoß usw.
-Die Katastrophe tritt, nach dem Szenarium, dadurch ein, daß die Mutter
-des verführten jungen Mannes, als eine Audienz beim Zaren ergebnislos
-verlaufen ist, Sarynzew ersticht. Diese Katastrophe wirkt, als Faktum,
-ohne Worte, nach dem sehr auf Innerlichkeit und tiefreichenden
-Gedankenaustausch gestellten übrigen Teil des Dramas stark theatralisch.
-
-Alles in allem bedeutet Tolstois unvollendet gebliebenes Drama, das dem
-unbezwinglichen Drange des Dichters, die wichtigsten inneren Erlebnisse
-und schwersten Seelenkämpfe poetisch darzustellen, entsprungen ist,
-ein ebenso wichtiges Zeugnis für Tolstois Leben, wie ein starkes
-Glaubensbekenntnis und erschütterndes Drama eines Propheten und
-Apostels, der starr wie ein Fels in unsere Zeit hineinragt. Daneben
-aber mahnt und erinnert es, ohne eine Lösung des sozialen Problems
-bieten zu wollen, mit größter Kraft und Eindringlichkeit an die
-Pflichten, die jeder gegen seine Nächsten hat -- Pflichten, die kein
-Gesetz befiehlt und keine Verordnung, sondern nur das eigene Gewissen.
-
- Berlin, 1912.
-
- ~Dr.~ Adolf Heß.
-
-
-
-
-Personen
-
-
- =Nikolai Iwanowitsch Sarynzew=
- =Maria Iwanowna Sarynzewa=, seine Gattin
- =Ljuba=, ihre Tochter
- =Stefan=, ihr Sohn
- =Wanja=, ihr Sohn
- =Missi=, ihre Tochter
- =Kleine Kinder Sarynzews=
- =Alexander Michailowitsch Starkowski=, Ljubas Verlobter
- =Mitrofan Jermilytsch=, Wanjas Hauslehrer
- =Gouvernante bei Sarynzews=
- =Alexandra Iwanowna Kochowzewa=, Frau Sarynzews Schwester
- =Peter Semjonowitsch Kochowzew=, deren Gatte
- =Lisa=, beider Tochter
- =Fürstin Tscheremschanowa=
- =Boris=, ihr Sohn
- =Tonja=, ihre Tochter
- =Jüngere Tochter der Fürstin=
- =Wassili Nikanorowitsch=, junger Priester
- =Kinderwärterin= } bei Sarynzews
- =Diener= }
- =Iwan Sjabrem=, ein Bauer
- =Malaschka=, seine Tochter
- =Sein Weib=
- =Peter=, ein Bauer
- =Der Dorfpolizist=
- =Pater Gerassim=, Bischof
- =Ein Notar=
- =Ein Tischler=
- =Ein General=
- =Adjutant des Generals=
- =Ein Oberst=
- =Ein Regimentsschreiber=
- =Posten=
- =Zwei Eskortesoldaten=
- =Ein Gendarmerieoffizier=
- =Schreiber=
- =Regimentsgeistlicher=
- =Oberarzt= }
- =Unterarzt= } im Lazarett in der Abteilung für
- =Mehrere Wärter= } Geisteskranke
- =Ein kranker Offizier= }
- =Klavierspieler=
- Bauern. Bäuerinnen. Studenten. Damen. Tanzende Paare.
-
-
-
-
-Erster Aufzug.
-
-
-Bedeckte Veranda eines vornehmen Landhauses.
-
- Vor der Veranda der Garten, Lawn-Tennis- und Krocketplatz.
- Die Kinder spielen mit der Gouvernante Krocket. Auf der
- Veranda sitzen Maria Iwanowna Sarynzew, mit vierzig Jahren
- hübsch, elegant; ihre Schwester Alexandra Iwanowna Kochowzew,
- fünfundvierzig Jahre alt, korpulent, energisch, dumm; und deren
- Gatte, Peter Semjonowitsch Kochowzew, ein dicker, aufgedunsener
- Herr im Sommeranzug und Pincenez. Auf dem gedeckten Tisch
- ein Samowar und Kaffeegeschirr. Man trinkt Kaffee; Peter
- Semjonowitsch raucht.
-
-
-Erster Auftritt.
-
- =Maria Iwanowna=, =Alexandra Iwanowna= und =Peter
- Semjonowitsch=.
-
-=Alexandra Iwanowna.= Wenn du nicht meine Schwester, sondern eine
-fremde Person wärest und Nikolai Iwanowitsch nicht dein Mann, sondern
-irgendein Bekannter, so würde ich seine Handlungsweise originell und
-nett finden und ihn vielleicht sogar darin bestärken. Da ich aber sehe,
-daß dein Gatte Narrheiten treibt, direkt Narrheiten, muß ich dir meine
-Meinung sagen. Ihm, deinem Gatten, werde ich sie ebenfalls sagen. Angst
-habe ich nicht.
-
-=Maria Iwanowna.= Das kränkt mich durchaus nicht; ich sehe es ja selbst
-ein. Glaubte nur nicht, daß die Sache so wichtig sei.
-
-=Alexandra.= Ja, du glaubst es nicht; ich sage dir aber, wenn du den
-Dingen ihren Lauf läßt, kommt ihr noch an den Bettelstab. So, wie er es
-treibt!
-
-=Peter Semjonowitsch.= Bettelstab! Bei ihrem Vermögen!
-
-=Alexandra.= Jawohl: Bettelstab. Und du, mein Lieber, unterbrich mich
-bitte nicht. Für dich ist natürlich alles gut, was Männer tun ...
-
-=Semjonowitsch.= Ich weiß ja gar nicht, ich sage nur ...
-
-=Alexandra.= Du weißt eben nie, was du sagst. Wenn ihr Männer einmal
-anfangt, Dummheiten zu machen, gibt es kein Halten mehr. Ich sage nur,
-ich an deiner Stelle würde das nicht erlauben. Würde dem schon einen
-Riegel vorschieben. Was soll denn das heißen! Ein Mann, Familienvater,
-beschäftigt sich mit gar nichts, gibt alles weg und spielt nach rechts
-und links den Großmütigen. Ich weiß schon, wie das endet. Wir können
-davon ein Lied mitsingen.
-
-=Semjonowitsch= (zu Maria). So klären Sie mich doch endlich einmal
-darüber auf, Maria, was diese neue Richtung bedeutet? Liberalismus:
-Selbstverwaltung, Verfassung, Schulen, Lesehallen und was daran bimmelt
-und bammelt -- das verstehe ich. Auch die Sozialisten mit ihren Streiks
-und Achtstundentag sind mir noch begreiflich. Aber das hier? Was ist
-das eigentlich? Erklären Sie es mir.
-
-=Maria.= Er hat Ihnen gestern ja selbst die Erklärung gegeben.
-
-=Semjonowitsch.= Offen gesagt, habe ich ihn nicht verstanden.
-Evangelium, Bergpredigt; die Kirche sei überflüssig ... Wie soll man
-denn da seine Andacht verrichten und alles?
-
-=Maria.= Das ist es ja eben, daß er alles zerstört und nichts Neues an
-die Stelle setzt.
-
-=Semjonowitsch.= Wie hat es eigentlich angefangen?
-
-=Maria.= Im vorigen Jahr. Mit dem Tode seiner Schwester. Er hatte sie
-sehr lieb, und ihr Tod wirkte derart auf ihn, daß er ganz tiefsinnig
-wurde, stets vom Sterben sprach und schließlich, wie Sie wissen, selbst
-erkrankte. Dann, nach dem Typhus, war er wie umgewandelt.
-
-=Alexandra.= Er war doch aber im Frühjahr bei uns in Moskau so lieb und
-nett. Spielte Karten, genau wie andere ...
-
-=Maria.= Und war doch schon ganz anders ...
-
-=Semjonowitsch.= Ja, aber wie denn eigentlich?
-
-=Maria.= Vollkommen gleichgültig gegen seine Familie und dabei von
-dieser fixen Idee besessen. Ich meine das Evangelium. Er las tagelang
-darin, schlief nachts nicht, stand auf, um zu lesen, machte sich
-Notizen und Auszüge, fuhr dann zu Bischöfen und Mönchen und disputierte
-mit ihnen.
-
-=Alexandra.= Geht er denn zum Abendmahl?
-
-=Maria.= Seit unserer Verheiratung, also seit fünfundzwanzig Jahren,
-war er nicht hingegangen. Dann nahm er es einmal im Kloster, erklärte
-aber hinterher sofort, es sei nicht nötig und der Kirchenbesuch
-überflüssig.
-
-=Alexandra.= Ich sage ja, keine Spur von Konsequenz.
-
-=Maria.= Noch vor einem Monat hat er keinen Gottesdienst versäumt,
-alle Fastentage streng gehalten -- und dann ist auf einmal alles
-überflüssig. Da red’ einer mit ihm.
-
-=Alexandra.= Ich habe mit ihm gesprochen und werde es tun.
-
-=Semjonowitsch.= Aber das alles ist doch nicht so schlimm ...
-
-=Alexandra.= Für dich ist nichts schlimm, weil ihr Männer keine
-Religion habt.
-
-=Semjonowitsch.= So laß mich doch ausreden. Ich meine, daß es darauf
-doch nicht ankommt. Wenn er die Kirche verwirft, was soll ihm dann das
-Evangelium?
-
-=Maria.= Er sagt, man müsse nach dem Evangelium, nach der Bergpredigt
-leben, alles hingeben.
-
-=Semjonowitsch.= Wie soll man denn aber leben, wenn man alles hingibt?
-
-=Alexandra.= Und wo hat er in der Bergpredigt dieses ~Shake hands~ mit
-den Dienstboten gefunden? Da steht wohl: Selig sind die Sanftmütigen;
-von Händedrücken steht aber nichts da.
-
-=Maria.= Natürlich hat er sich wieder hinreißen lassen, wie das stets
-bei ihm der Fall ist, und wie er sich eine Zeitlang von der Musik,
-Jagd, von seiner Schule hinreißen ließ. Aber mein Los wird dadurch
-nicht leichter.
-
-=Semjonowitsch.= Wozu ist er denn wieder in die Stadt gefahren?
-
-=Maria.= Das hat er mir nicht gesagt; ich weiß aber, daß es wegen
-des Holzfrevels ist; die Bauern haben widerrechtlich bei uns Holz
-geschlagen.
-
-=Semjonowitsch.= In dem selbstangelegten Tannenwald?
-
-=Maria.= Ja. Man hat die Täter auch zu Geld- und Gefängnisstrafe
-verurteilt, und heute kommt, wie er mir sagte, die Sache im Plenum vor
-dem Friedensrichter zur Verhandlung. Ich nehme an, daß er deswegen
-hingefahren ist.
-
-=Alexandra.= Er wird ihnen alles verzeihen, und morgen kommen sie dann
-und schlagen unseren Park nieder.
-
-=Maria.= Ja, so fängt die Sache an. Alle Apfelbäume haben sie
-umgeknickt und den ganzen Rasen zertreten -- er sagt ihnen nichts.
-
-=Semjonowitsch.= Sonderbar.
-
-=Alexandra.= Eben deswegen mein’ ich: es kann nicht so bleiben. Wenn
-das so fortgeht, bringt er alles durch. Meiner Ansicht nach bist du als
-Mutter verpflichtet, deine Maßnahmen zu treffen.
-
-=Maria.= Was kann ich dagegen tun?
-
-=Alexandra.= Du? Ihn zurückhalten, sagen, daß es nicht so weitergeht.
-Du hast Kinder! Was bekommen die für ein Beispiel!
-
-=Maria.= Gewiß ist es schwer; aber ich ertrage alles in der Hoffnung,
-daß es vergehen wird, wie die früheren Schwärmereien.
-
-=Alexandra.= Sehr schön, aber es heißt: hilf dir selbst, so hilft dir
-Gott. Man muß ihm zu verstehen geben, daß er nicht allein in der Welt
-ist, und daß man so nicht leben kann.
-
-=Maria.= Das Schlimmste ist, daß er sich nicht mehr um die Kinder
-kümmert. Ich muß alles allein besorgen. Dabei habe ich das Kleine und
-die Älteren, Mädchen und Knaben, die Aufsicht und Leitung verlangen.
-Alles fällt mir zu. Früher ein so zärtlicher, besorgter Vater -- jetzt
-ist ihm alles gleich. Ich sagte ihm gestern, daß Wanja nicht lernt und
-sicher wieder durchs Examen fällt; da meinte er, es wäre viel besser,
-wenn er das Gymnasium ganz verließe.
-
-=Semjonowitsch.= Was soll er denn anfangen?
-
-=Maria.= Nichts. Das ist ja das Schreckliche, daß er alles verurteilt,
-selbst aber nicht sagt, was man tun soll.
-
-=Semjonowitsch.= Sonderbar, sehr sonderbar.
-
-=Alexandra.= Wieso sonderbar? Ist doch die gewöhnliche Art der Männer:
-alles zu verurteilen und selbst nichts zu tun.
-
-=Maria.= Stefan hat jetzt sein Studium beendet und muß sich für eine
-Karriere entscheiden -- der Vater sagt ihm nichts. Anfangs wollte er in
-eine Ministerialkanzlei eintreten, aber Nikolai Iwanowitsch meinte, das
-sei eine überflüssige Tätigkeit; dann wollte der Junge zur Garde -- das
-verwarf der Vater gänzlich. Schließlich fragt er ihn: was soll ich denn
-eigentlich anfangen? Etwa pflügen? Da antwortet Nikolai Iwanowitsch:
-warum nicht pflügen? Das ist weit nützlicher als in der Kanzlei
-hocken. Also was soll er tun? Kommt natürlich zu mir, und ich muß die
-Entscheidung treffen. Dabei hat er als Vater alles in Händen.
-
-=Alexandra.= Das muß man ihm offen sagen.
-
-=Maria.= Gewiß; und ich werde es auch tun.
-
-=Alexandra.= Sag ihm direkt, du ertrügst es nicht länger. Du tätest
-deine Pflicht, also müsse er die seinige erfüllen, oder dir alles
-abtreten.
-
-=Maria.= Ach, das ist so peinlich.
-
-=Alexandra.= Wenn du willst, sage ich es ihm; ich nehme kein Blatt vor
-den Mund.
-
-=Ein junger Priester= (tritt verlegen und aufgeregt mit einem Buche in
-der Hand ein; er begrüßt alle durch Händedruck).
-
-
-Zweiter Auftritt.
-
- =Die Vorigen= und der junge =Priester=.
-
-=Priester.= Ich wollte nämlich zu Nikolai Iwanowitsch, um ihm das Buch
-zurückzubringen.
-
-=Maria.= Er ist in die Stadt gefahren, kommt aber bald zurück.
-
-=Alexandra.= Was haben Sie denn für ein Buch?
-
-=Priester.= Ein Werk von Renan. »Das Leben Jesu« nämlich.
-
-=Semjonowitsch.= Nun sieh einer! Solche Bücher lesen Sie!
-
-=Priester= (zündet sich in der Verlegenheit eine Zigarette an). Nikolai
-Iwanowitsch hat es mir zur Durchsicht gegeben.
-
-=Alexandra= (verächtlich). So, so, Nikolai Iwanowitsch hat es Ihnen zur
-Durchsicht gegeben. Sind Sie denn mit Nikolai Iwanowitsch und diesem
-Herrn Renan einer Meinung?
-
-=Priester.= Natürlich bin ich das nicht. Wenn es der Fall wäre, wäre
-ich nämlich kein Diener der Kirche mehr.
-
-=Alexandra.= Wenn Sie ein treuer Diener der Kirche sind, weshalb
-überzeugen Sie dann Nikolai Iwanowitsch nicht?
-
-=Priester.= In diesen Dingen kann nämlich jeder seine eigenen Gedanken
-haben, und Nikolai Iwanowitsch hat in mancher Hinsicht recht. In der
-Hauptsache aber, bezüglich der Kirche, hat er sozusagen unrecht.
-
-=Alexandra= (verächtlich). In welcher Hinsicht hat denn Nikolai
-Iwanowitsch recht? Etwa, daß man nach der Bergpredigt sein Vermögen an
-Fremde geben und die eigene Familie betteln lassen soll?
-
-=Priester.= Die Kirche heiligt sozusagen die Familie, und die
-Kirchenväter haben sie gesegnet; die höhere Vollkommenheit fordert aber
-doch sozusagen Verzicht auf irdische Güter.
-
-=Alexandra.= Gewiß, Glaubensstreiter haben so gehandelt: einfache
-Sterbliche aber, denke ich, müssen so handeln, wie es sich für brave
-Christen geziemt.
-
-=Priester.= Niemand kann wissen, wozu er berufen ist.
-
-=Alexandra.= Sie sind natürlich verheiratet?
-
-=Priester.= Gewiß.
-
-=Alexandra.= Und haben Kinder?
-
-=Priester.= Zwei.
-
-=Alexandra.= Warum verzichten Sie denn nicht auf die irdischen Güter?
-rauchen sogar Zigaretten?
-
-=Priester.= Aus Schwäche, Unwürdigkeit sozusagen.
-
-=Alexandra.= Ja, ich sehe, anstatt Nikolai Iwanowitsch zur Vernunft zu
-bringen, bestärken Sie ihn in seiner Torheit. Muß Ihnen offen sagen,
-das ist nicht hübsch.
-
-=Wärterin= (tritt ein).
-
-
-Dritter Auftritt.
-
- =Die Vorigen.= =Wärterin.=
-
-=Wärterin.= Hören gnädige Frau denn nicht? Der Kleine schreit, will die
-Brust haben.
-
-=Maria.= Ich komme, komme schon. (Steht auf und geht ab.)
-
-
-Vierter Auftritt.
-
- =Die Vorigen= ohne Wärterin und Maria Iwanowna.
-
-=Alexandra.= Sie tut mir schrecklich leid, die Schwester. Ich sehe, wie
-sie sich quält. Wahrhaftig keine Kleinigkeit, solch einen Hausstand
-zu führen. Sieben Kinder, eins noch an der Brust; dazu er mit seinen
-»Ideen«. Mir scheint wirklich bisweilen, daß er hier nicht ganz richtig
-ist. (Sie deutet auf die Stirn. Zum Priester.) Ich frage Sie: was haben
-Sie da eigentlich für eine neue Religion entdeckt?
-
-=Priester.= Ich verstehe nicht ganz ...
-
-=Alexandra.= Hören Sie doch auf mit Ihren Spiegelfechtereien! Sie
-verstehen sehr gut, was ich meine.
-
-=Priester.= Erlauben Sie ...
-
-=Alexandra.= Ich frage, was das für eine Religion ist, aus der
-hervorgeht, daß man allen Bauern die Hand drücken, ihnen den Wald
-überlassen und Geld zum Schnaps geben, die eigene Familie aber im Stich
-lassen muß?
-
-=Priester.= Davon weiß ich nichts ...
-
-=Alexandra.= Er sagt, das sei Christentum. Sie sind Priester der
-rechtgläubigen christlichen Kirche, also müssen Sie unbedingt Bescheid
-wissen, ob das Christentum zum Diebstahl treibt.
-
-=Priester.= Aber ich kann doch ...
-
-=Alexandra.= Wozu sind Sie denn Priester, tragen langes Haar und ein
-Talar?
-
-=Priester.= Danach werden wir nicht gefragt ...
-
-=Alexandra.= Wieso nicht gefragt? Ich frage doch aber. Er sagte mir
-gestern, im Evangelium stände: So dich einer bittet, dem gib. In
-welchem Sinne ist das zu verstehen?
-
-=Priester.= Ich denke, ganz wörtlich.
-
-=Alexandra.= Ich denke aber: nicht. Uns hat man gelehrt, jedem sei das
-Seine von Gott bestimmt.
-
-=Priester.= Natürlich, indessen ...
-
-=Alexandra.= Man merkt ganz deutlich, daß Sie tatsächlich, wie man mir
-gesagt, auf seiner Seite sind. Und ich muß Ihnen offen gestehen, daß
-ich das für unrecht halte. Wenn irgendeine Lehrerin oder ein unreifer
-Junge seine Gedanken nachredet, so ist das begreiflich; Sie in Ihrem
-Amt müßten aber bedenken, welche Verantwortung auf Ihnen ruht.
-
-=Priester.= Ich bemühe mich ...
-
-=Alexandra.= Was ist das für eine Religion, wenn er nicht zur Kirche
-geht und die Sakramente nicht anerkennt! Und Sie, statt ihn zur
-Vernunft zu bringen, lesen Renan mit ihm und legen das Evangelium auf
-Ihre Art aus.
-
-=Priester= (erregt). Darauf weiß ich nichts zu erwidern. Bin sozusagen
-einfach sprachlos.
-
-=Alexandra.= Ich sollte nur Bischof sein, dann würde ich Ihnen das
-Renanlesen und Zigarettenrauchen schon austreiben!
-
-=Semjonowitsch.= Um Himmels willen hör auf! Was nimmst du dir da heraus!
-
-=Alexandra.= Bitte keine Zurechtweisung! Batjuschka ist mir sicher
-nicht böse, daß ich offen meine Meinung gesagt habe. Im Gegenteil, es
-wäre schlimm, wenn ich hinter dem Berge hielte. Habe ich recht?
-
-=Priester.= Verzeihen Sie, wenn ich mich nicht richtig ausgedrückt
-habe; verzeihen Sie bitte.
-
- (Ungemütliches Schweigen.)
-
-=Ljuba= und =Lisa= (kommen. Ljuba, Maria Iwanownas Tochter, ein
-zwanzigjähriges, hübsches, energisches Mädchen; Lisa, Alexandra
-Iwanownas Tochter, ist etwas älter. Beide tragen Kopftücher und Körbe,
-um Pilze zu sammeln. Ljuba begrüßt die Tante und den Onkel, Lisa Vater
-und Mutter, sowie den Priester).
-
-
-Fünfter Auftritt.
-
- =Die Vorigen.= =Ljuba= und =Lisa=.
-
-=Ljuba.= Wo ist denn Mama?
-
-=Alexandra.= Eben fortgegangen, um den Kleinen zu nähren.
-
-=Semjonowitsch.= Seht mal zu, daß ihr recht viel Pilze bringt. Ein
-Mädchen hat heute herrliche weiße gebracht. Ich würde euch begleiten,
-aber es ist so heiß.
-
-=Lisa.= Komm doch mit, Papa.
-
-=Alexandra.= Geh nur, geh; du wirst sonst zu dick.
-
-=Semjonowitsch.= Also meinetwegen. Will nur Zigaretten holen. (Er geht
-ab.)
-
-
-Sechster Auftritt.
-
- =Die Vorigen= ohne Peter Semjonowitsch.
-
-=Alexandra.= Wo steckt denn das junge Volk?
-
-=Ljuba.= Stefan ist per Rad zur Station; Mitrofan Jermilytsch begleitet
-Papa in die Stadt; die Kleinen spielen Krocket, und Wanja jagt mit den
-Hunden herum.
-
-=Alexandra.= Hat Stefan sich nun für etwas entschieden?
-
-=Ljuba.= Ja, er will als Freiwilliger dienen. Hat selbst ein Gesuch
-eingereicht. Gestern ist er schrecklich frech gegen Papa geworden.
-
-=Alexandra.= Na ja, leicht hat er es auch nicht. Schließlich reißt
-jedem einmal die Geduld. Will jetzt anfangen zu leben, und da sagt man
-ihm: geh pflügen.
-
-=Ljuba.= So hat Papa es ihm nicht gesagt. Er sagte ...
-
-=Alexandra.= Ganz egal. Jedenfalls beginnt jetzt sein Leben, und was er
-auch unternimmt, alles wird ihm zuwider gemacht. Aber da ist er selbst.
-
-=Priester= (tritt beiseite, öffnet sein Buch und liest).
-
-=Stefan= (fährt auf dem Rade vor).
-
-
-Siebenter Auftritt.
-
- =Die Vorigen.= =Stefan.=
-
-=Alexandra.= Wie der Wolf in der Fabel ... Eben war von dir die Rede.
-Ljuba sagt, du hättest dich mit dem Vater gezankt.
-
-=Stefan.= Absolut nicht. Nichts Besonderes. Er sagte mir seine Meinung,
-ich ihm meine. Ich bin nicht schuld daran, daß unsere Ansichten
-nicht übereinstimmen. Ljuba versteht gar nichts und will über alles
-mitsprechen.
-
-=Alexandra.= Was ist denn nun herausgekommen?
-
-=Stefan.= Ich weiß nicht, was Papa beschlossen hat; fürchte, er ist
-sich selbst nicht klar darüber. Ich für meine Person habe beschlossen,
-als Einjähriger bei der Garde einzutreten. Hier wird aus allem so viel
-Wesens gemacht; dabei ist die Sache ganz einfach. Mein Studium habe ich
-beendet und muß nun meiner Dienstpflicht genügen. In der Linie unter
-betrunkenen, rohen Offizieren ist das kein Vergnügen, deswegen diene
-ich bei der Garde, wo ich Freunde habe.
-
-=Alexandra.= Schön. Warum ist denn aber dein Papa dagegen?
-
-=Stefan.= Ach der! Der steht jetzt ganz im Banne seiner fixen Idee
-und sieht nur, was er sehen will. Er sagt, der Militärdienst sei der
-abscheulichste von allen; deshalb dürfe man nicht dienen, und deswegen
-gibt er mir kein Geld.
-
-=Lisa.= Stefan, das hat er nicht gesagt! Ich war doch dabei! Er hat
-gesagt, wenn man schon nicht anders könnte, sollte man wenigstens bis
-zur Aushebung warten. Durch den Eintritt als Freiwilliger aber zeige
-man, daß man diesen Dienst selbst wähle.
-
-=Stefan.= Schließlich soll ich doch dienen und nicht er. Er hat ja
-selbst gedient.
-
-=Lisa.= Gewiß. Er sagt aber auch gar nicht, daß er dir kein Geld geben
-will, sondern, daß er nicht an einer Sache teilnehmen kann, die gegen
-seine Überzeugung geht.
-
-=Stefan.= Es handelt sich hier nicht um Überzeugungen, sondern um den
-Dienst, und damit basta!
-
-=Lisa.= Und ich sage nur, was ich gehört habe.
-
-=Stefan.= Ist ja ganz klar, daß du immer auf Papas Seite bist. Tante,
-du weißt auch, daß Lisa stets Papa die Stange hält.
-
-=Lisa.= Alles, was recht ist! ...
-
-=Alexandra.= Für mich nichts Neues, daß Lisa stets alle Dummheiten
-mitmacht. Sie wittert förmlich, wo eine Dummheit aushängt.
-
-=Wanja= (kommt, von Hunden begleitet, in roter Bluse, ein Telegramm in
-der Hand schwingend).
-
-
-Achter Auftritt.
-
- =Die Vorigen.= =Wanja.=
-
-=Wanja= (zu Ljuba). Rat mal, wer da kommt.
-
-=Ljuba.= Wie kann ich das raten! Gib her. (Sie streckt die Hand nach
-dem Telegramm aus. Wanja gibt es ihr nicht.)
-
-=Wanja.= Ich geb’ es nicht und sage es nicht. Der, bei dem du immer so
-rot wirst.
-
-=Ljuba.= Dummheit, von wem ist das Telegramm?
-
-=Wanja.= O, wie sie rot wird, wie sie rot wird! Tante Aline, ist sie
-nicht ganz rot geworden?
-
-=Ljuba.= Ach, laß die Dummheiten. Von wem ist es? Tante Aline, von wem
-ist das Telegramm?
-
-=Alexandra.= Von Tscheremschanows.
-
-=Ljuba.= Ach so!
-
-=Wanja.= Na, siehst du wohl: ach so! Und bei wem wirst du immer rot?
-
-=Ljuba.= Tante, zeig bitte. (Sie liest.) »Mit Schnellzug, drei
-Personen, Tscheremschanows«. Also die Fürstin, Boris und Tonja. Das
-freut mich aber wirklich.
-
-=Wanja.= Es freut sie aber wirklich! Stefan, sieh mal, wie sie rot
-geworden ist.
-
-=Stefan.= Hör doch endlich auf; immer ein und dasselbe.
-
-=Wanja.= Jawohl, das sagst du nur, weil du selbst in Tonja verkeilt
-bist. Da müßt ihr beide schon losen, denn das geht doch nicht, daß die
-Schwester den Bruder nimmt und der Bruder die Schwester.
-
-=Stefan.= Laß dein dummes Geschwätz. Wie oft hat man dir gesagt, du
-sollst nicht überall deinen Senf dazu geben!
-
-=Lisa.= Mit dem Schnellzug müssen sie bald hier sein.
-
-=Ljuba.= Gewiß. Also gehen wir nicht zum Pilzsammeln.
-
-=Semjonowitsch= (kommt mit Zigaretten).
-
-
-Neunter Auftritt.
-
- =Die Vorigen= und =Peter Semjonowitsch=.
-
-=Ljuba.= Onkel Peter, wir gehen nicht.
-
-=Semjonowitsch.= Was ist denn los?
-
-=Ljuba.= Tscheremschanows kommen bald. Laß uns lieber eine Partie
-Tennis spielen. Stefan, machst du mit?
-
-=Stefan.= Meinetwegen.
-
-=Ljuba.= Ich spiele mit Wanja gegen dich und Lisa. Wollt ihr? Also ich
-hole die Bälle und die Jungens. (Sie geht ab.)
-
-
-Zehnter Auftritt.
-
- =Die Vorigen= ohne Ljuba.
-
-=Semjonowitsch.= Das nennt man: versetzt.
-
-=Priester= (will gehen). Ich habe die Ehre.
-
-=Alexandra.= Nein, warten Sie, Batjuschka; ich möchte mit Ihnen
-sprechen. Auch muß Nikolai Iwanowitsch gleich kommen.
-
-=Priester= (setzt sich wieder und zündet sich eine Zigarette an). Es
-dauert vielleicht noch lange.
-
-=Alexandra.= Eben kommt jemand angefahren -- das muß er sein.
-
-=Semjonowitsch.= Was für eine Tscheremschanow ist das eigentlich? Die
-geborene Golizyn?
-
-=Alexandra.= Nun ja, die mit ihrer Tante in Rom lebte.
-
-=Semjonowitsch.= Wird mir ein Vergnügen sein. Haben uns seit Rom nicht
-wiedergesehen. Ach, die schönen Duette! Wie reizend sie sang! Hat ja
-wohl zwei Kinder, nicht wahr?
-
-=Alexandra.= Ja; mit denen kommt sie.
-
-=Semjonowitsch.= Ich wußte gar nicht, daß sie und Sarynzews so intim
-sind.
-
-=Alexandra.= Intim nicht. Sie waren voriges Jahr zusammen im Ausland;
-und es kommt mir vor, als ob die Fürstin für ihren Sohn Absichten auf
-Ljuba hat. Sie ist eine ganz Gerissene. Spekuliert auf eine große
-Mitgift.
-
-=Semjonowitsch.= Tscheremschanows waren doch selbst reich?
-
-=Alexandra.= Das war einmal. Der Fürst lebt ja noch, hat aber alles
-durchgebracht und vertrunken. Sie hat dann an höchster Stelle eine
-Eingabe gemacht und wenigstens den Rest des Vermögens gerettet. Der
-Mann hat sie verlassen, dafür aber den Kindern eine ausgezeichnete
-Erziehung gegeben. Die Gerechtigkeit muß man ihm lassen. Die Tochter
-ist sehr musikalisch; der Sohn hat die Universität absolviert und ist
-ein lieber Bursche. Ich fürchte nur, unsere Hausfrau wird von den
-Gästen jetzt nicht sehr erbaut sein. Aber da ist ja Nikolai!
-
-=Nikolai= (tritt auf).
-
-
-Elfter Auftritt.
-
- =Die Vorigen= mit =Nikolai Iwanowitsch=.
-
-=Nikolai.= Guten Tag, Aline und Peter Semjonowitsch. (Zum Priester.)
-Ach, Wassili Nikanorowitsch! (Er begrüßt ihn.)
-
-=Alexandra.= Kaffee ist noch da. Soll ich dir eingießen? Er ist etwas
-abgekühlt, aber man kann ihn wärmen. (Sie klingelt.)
-
-=Nikolai.= Nein, danke. Ich habe schon getrunken. Wo ist meine Frau?
-
-=Alexandra.= Sie nährt das Kind.
-
-=Nikolai.= Fühlt sie sich wohl?
-
-=Alexandra.= Es geht. Na, hast du deine Angelegenheiten erledigt?
-
-=Nikolai.= Ja. Übrigens, wenn noch Tee oder Kaffee da ist, gib her.
-(Zum Priester.) Haben Sie das Buch mitgebracht? Es gelesen? Ich habe
-während der ganzen Reise an Sie gedacht.
-
-=Ein Diener= (tritt ein).
-
-
-Zwölfter Auftritt.
-
- =Die Vorigen= und ein =Diener=, der Nikolai Iwanowitsch
- begrüßt. Dieser reicht ihm die Hand. Alexandra Iwanowna tauscht
- achselzuckend mit ihrem Manne Blicke.
-
-=Alexandra.= Wärmen Sie bitte den Samowar.
-
-=Nikolai.= Ach das ist nicht nötig, Aline. Wenn ich trinken will,
-trinke ich so.
-
-
-Dreizehnter Auftritt.
-
- =Die Vorigen.= =Missi.=
-
-=Missi= (die den Vater vom Krocketplatz erblickt hat, kommt auf ihn
-zugelaufen und wirft sich ihm um den Hals). Papa, du sollst mitkommen!
-
-=Nikolai= (sie streichelnd). Sofort, sofort, laß mich nur erst trinken.
-Geh spielen, ich komme sofort.
-
-=Missi= (geht ab).
-
-
-Vierzehnter Auftritt.
-
- =Die Vorigen= ohne Missi.
-
-=Alexandra.= Nun, sind die Bauern schuldig?
-
-=Nikolai= (setzt sich an den Tisch, trinkt hastig Tee und ißt etwas
-dazu).
-
-=Alexandra.= Sind sie verurteilt?
-
-=Nikolai.= Gewiß sind sie verurteilt; haben ja alles zugegeben. (Zum
-Priester.) Ich habe mir gedacht, daß Renan Sie nicht überzeugen
-würde ...
-
-=Alexandra.= Du bist aber mit dem Urteil nicht einverstanden?
-
-=Nikolai= (ärgerlich). Natürlich nicht. (Zum Priester.) Für Sie handelt
-es sich nicht um die Gottheit Christi und nicht um die Geschichte des
-Christentums, sondern um die Kirche ...
-
-=Alexandra.= Was heißt das: die Bauern geben ihre Schuld zu, und du
-widerlegst ihre Aussagen? Sie haben das Holz wohl nicht gestohlen,
-sondern einfach genommen?
-
-=Nikolai= (beginnt wieder mit dem Geistlichen zu reden, wendet sich
-dann aber energisch an Alexandra Iwanowna). Liebe Aline, laß mich
-endlich mit deinen Sticheleien und Anspielungen in Ruhe.
-
-=Alexandra.= Aber ich habe doch gar nicht ...
-
-=Nikolai.= Wenn du ernstlich wissen willst, weshalb ich wegen des
-Holzes, das sie nötig hatten, mit den Bauern nicht prozessieren kann ...
-
-=Alexandra.= Vielleicht haben sie diesen Samowar auch nötig ...
-
-=Nikolai.= Also, wenn du wirklich wissen willst, weshalb ich es nicht
-zulassen kann, daß diese Leute ins Gefängnis wandern, weil sie in dem
-Walde, der als meiner gilt, zehn Bäume gefällt haben ...
-
-=Alexandra.= Er _gilt_ nicht als deiner, er _ist_ es!
-
-=Semjonowitsch.= Schon wieder Streit!
-
-=Nikolai.= Ja, selbst wenn es, was ich nie zugeben kann, mein von
-allen anerkanntes Eigentum ist, so besitze ich neunhundert Morgen
-Wald, auf jeden Morgen kommen zirka fünfhundert Bäume, macht
-vierhundertfünfzigtausend Bäume, nicht wahr? Zehn von diesen, das heißt
-ein Fünfundvierzigtausendstel, haben sie gefällt. Nun frage ich: lohnt
-es sich, darf man wegen solcher Lappalie jemanden von seiner Familie
-losreißen und ins Gefängnis werfen?
-
-=Stefan.= Ja; wenn sie aber wegen dieses einen
-Fünfundvierzigtausendstel nicht bestraft werden, hauen sie
-die übrigen vierundvierzigtausendneunhundertneunundneunzig
-Fünfundvierzigtausendstel auch bald um!
-
-=Nikolai.= Ich sage das nur der Tante. Tatsächlich habe ich gar kein
-Recht auf diesen Wald. Der Grund und Boden gehört allen gemeinsam, kann
-also nicht Eigentum eines einzelnen sein. Wir haben auf diesen Grund
-und Boden keine Arbeit verwandt.
-
-=Stefan.= Du hast ihn doch aber in Stand gehalten, bewachen lassen ...
-
-=Nikolai.= Wie habe ich denn das gemacht? Hab’ doch nicht selbst die
-Arbeit getan ... Aber das läßt sich nicht beweisen. Wenn jemand nicht
-fühlt, wie schändlich es ist, einen andern zu ruinieren ...
-
-=Stefan.= Das tut ja niemand.
-
-=Nikolai.= Genau so, wie man jemandem, der sich nicht schämt, ohne
-eigene Tätigkeit die Arbeit anderer zu benutzen, das nicht beweisen
-kann. Und die ganze Nationalökonomie, die du auf der Universität
-studiert hast, ist nur dazu da, um die sozialen Zustände, in denen wir
-leben, zu rechtfertigen.
-
-=Stefan.= Im Gegenteil: die Wissenschaft beseitigt alle vorgefaßten
-Meinungen.
-
-=Nikolai.= Übrigens lege ich darauf nicht viel Wert. Für mich ist
-wichtig, zu wissen, daß ich an Stelle der Bauern genau so gehandelt
-hätte und verzweifeln würde, wenn man mich dafür ins Gefängnis würfe.
-Da ich nun gegen andere so handeln muß, wie ich selbst behandelt
-werden möchte, kann ich sie unmöglich schuldig sprechen, sondern muß
-alles tun, was ich kann, um sie frei zu bekommen.
-
- =Semjonowitsch.= Wenn das richtig ist, darf man }
- überhaupt nichts besitzen. }
- } (Alle
- =Alexandra.= Dann ist Stehlen weit vorteilhafter als } gleichzeitig.)
- Arbeiten. }
- }
- =Stefan.= Du gehst nie auf meine Argumente ein. Ich }
- sage, wer Aufwendungen für einen Gegenstand macht, }
- erwirkt dadurch ein Anrecht auf seine Benutzung. }
-
-=Nikolai= (lächelnd). Ich weiß nicht, wem ich zuerst antworten soll.
-(Zu Peter Semjonowitsch.) Man darf auch nichts besitzen.
-
-=Alexandra.= Wenn man nichts besitzen darf, darf man auch keine
-Kleidung, kein Brot haben, sondern muß alles hingeben und darf
-überhaupt nicht leben.
-
-=Nikolai.= Man darf auch nicht so leben wie wir jetzt.
-
-=Stefan.= Das heißt, den Tod vorziehen. Folglich taugt diese Lehre
-nicht für das Leben.
-
-=Nikolai.= Im Gegenteil: sie gilt nur für das Leben. Ja, man muß alles
-hingeben. Das heißt, nicht den Wald, den man nicht benutzt und niemals
-sieht, sondern Kleidung und Nahrung muß man hingeben.
-
-=Alexandra.= Auch die der Kinder?
-
-=Nikolai.= Auch die. Und nicht nur Kleidung und Nahrung muß man
-hingeben, sondern sich selbst. Darin besteht die ganze Lehre Christi.
-Alle Kraft muß man darauf verwenden, sich völlig hinzugeben.
-
-=Stefan.= Das heißt mit anderen Worten: sterben.
-
-=Nikolai.= Wenn du für deine Freunde stirbst, so ist das schön für dich
-wie für sie. Freilich ist der Mensch nicht nur Geist, sondern Geist im
-Fleische. Das Fleisch aber, der Körper, trachtet danach, für sich zu
-leben, während der aufgeklärte Geist für Gott, für andere lebt. Unser
-aller Leben ist kein tierisches, sondern es liegt auf der Mittellinie,
-und je näher es dem göttlichen kommt, um so besser ist es. Deswegen
-müssen wir möglichst nach Gott trachten; der Leib sorgt schon für sich
-selbst.
-
-=Stefan.= Wozu denn aber die Mittellinie? Wenn schon solches Leben gut
-ist, muß man eben alles hingeben und sterben.
-
-=Nikolai.= Gewiß; das ist sehr schön. Bemüh dich, trachte danach, so
-wird dir wohl sein und andern.
-
-=Alexandra=. Nein, das ist unklar, durchaus nicht einfach, sondern an
-den Haaren herbeigezogen.
-
-=Nikolai.= Was soll ich dazu sagen. Mit Worten läßt sich das nicht
-erklären. Übrigens -- genug davon.
-
-=Stefan.= Ja, wirklich genug. Ich verstehe es auch nicht. (Er geht ab.)
-
-
-Fünfzehnter Auftritt.
-
- =Die Vorigen= ohne Stefan.
-
-=Nikolai= (zum Priester). Also, welchen Eindruck hat das Buch auf Sie
-gemacht?
-
-=Priester= (erregt). Wie soll ich sagen: die historische Seite ist
-genügend berücksichtigt, aber ganz zuverlässig, völlig überzeugend
-wirkt das Ganze nicht, weil das Material nicht genügt. Die Göttlichkeit
-oder Nichtgöttlichkeit Christi kann man historisch nicht beweisen; es
-gibt nur einen unwiderleglichen Beweis ...
-
- (Während der Unterhaltung entfernen sich zunächst die Damen,
- dann auch Peter Semjonowitsch. Es bleiben nur der Priester und
- Nikolai Iwanowitsch.)
-
-=Nikolai.= Sie meinen die Kirche?
-
-=Priester.= Nun gewiß doch, die Kirche, das Zeugnis zuverlässiger,
-heiliger Männer.
-
-=Nikolai.= Allerdings wäre es schön, wenn solch eine sündlose
-Gemeinschaft existierte, der man glauben könnte. Sogar sehr
-wünschenswert. Daß etwas wünschenswert ist, beweist aber noch nicht,
-daß es existiert.
-
-=Priester.= Ich denke doch, gerade das beweist es. Gott konnte seine
-Gebote nicht der Möglichkeit aussetzen, daß sie verdreht, entstellt,
-falsch gedeutet wurden, sondern mußte eine Hüterin seiner Wahrheiten
-einsetzen, die dafür sorgte, daß sie rein erhalten blieben.
-
-=Nikolai.= Schön. In diesem Falle müssen Sie aber nicht nur die
-Wahrheiten selbst, sondern auch die Daseinsberechtigung ihrer Hüterin
-beweisen.
-
-=Priester.= Daran muß man eben glauben.
-
-=Nikolai.= Gewiß muß man glauben; ohne Glauben kommt man nicht aus.
-Aber nicht an das muß man glauben, was andere einem sagen, sondern an
-das, was die eigenen Gedanken, die eigene Vernunft einem zeigen ...
-Dahin gehört der Glaube an Gott, an ein wahres, ewiges Leben.
-
-=Priester.= Die Vernunft kann trügerisch sein; jeder hat seine eigene
-Vernunft.
-
-=Nikolai= (leidenschaftlich). Das ist eine schreckliche
-Gotteslästerung! Nur dieses eine heilige Werkzeug zur Erkenntnis der
-Wahrheit, das einzige, das uns alle vereinigen kann, hat Gott uns
-gegeben. Und dabei glauben wir nicht daran!
-
-=Priester.= Wie kann man auch, wo so viele Meinungsverschiedenheiten
-existieren.
-
-=Nikolai.= Wo sind die! Daß zweimal zwei vier ist; daß man einem
-anderen nicht zufügen darf, was man sich selbst nicht wünscht; daß
-alles in der Welt eine Ursache hat und ähnliche Wahrheiten anerkennen
-wir alle, weil sie mit unserer Vernunft übereinstimmen. Daß aber Gott
-sich auf dem Berge Sinai Moses geoffenbart, daß Buddha auf einem
-Sonnenstrahl davongeflogen, oder Mohammed gen Himmel gefahren und
-Christus ebenfalls -- in diesen und ähnlichen Dingen sind wir alle
-verschiedener Meinung.
-
-=Priester.= Nein, die in der Wahrheit sind, sind nicht verschiedener
-Meinung. Wir sind alle eins in dem einen Glauben an Gott, Christus.
-
-=Nikolai.= Nicht einmal darin sind wir einig. Und dann: warum soll ich
-Euch mehr glauben als einem buddhistischen Lama? Nur, weil ich in Eurem
-Glauben geboren bin?
-
- (Streit zwischen den Tennisspielern. Eine Stimme ruft: »~Out!~«
- -- »Nein, nicht ~out~!« _Wanja_: »Ich hab’ es gesehen!« --
- Während der Unterhaltung räumt ein Diener den Tisch auf und
- bringt wieder Tee und Kaffee.)
-
-=Nikolai.= Sie sagen: die Kirche führt die Einigung herbei. Im
-Gegenteil: die schrecklichste Zwietracht ist stets von der Kirche
-ausgegangen. »Wie oft wollte ich euch sammeln, wie eine Henne die
-Küchlein ...«
-
-=Priester.= Das war vor Christus; Christus aber hat alle versammelt.
-
-=Nikolai.= Wohl hat Christus alle versammelt, wir aber haben sie wieder
-zerstreut, weil wir ihn verkehrt verstanden haben. Er hat alle Kirchen
-zerstört.
-
-=Priester.= Wie stimmt dazu das: »Sag es der Kirche.«
-
-=Nikolai.= Es kommt nicht auf Worte an. Diese Worte sagen übrigens
-gar nichts über die Kirche. Ausschlaggebend ist der Geist einer
-Lehre. Die Lehre Christi ist für die ganze Welt bestimmt, schließt
-alle Bekenntnisse in sich und läßt keine Sonderheiten, nichts
-Ausschließliches zu; keine Auferstehung, keine Gottheit Christi, keine
-Sakramente -- nichts, was die Menschen voneinander trennt.
-
-=Priester.= Das ist denn doch wohl nur Ihre Auslegung der christlichen
-Lehre. Diese Lehre selbst aber fußt durchaus auf der Gottheit und
-Auferstehung.
-
-=Nikolai.= Das ist ja gerade das Schreckliche an den Kirchen.
-Eben dadurch säen sie Zwietracht, daß sie im Besitz der vollen,
-unzweifelhaften, unfehlbaren Wahrheit zu sein behaupten. »Uns und
-dem Heiligen Geist hat es gefallen« ... Das begann schon bei der
-ersten Versammlung der Apostel. Seit der Zeit trat man mit der
-Behauptung auf, im Besitz der völligen, ausschließlichen Wahrheit zu
-sein. Wenn ich nämlich sage, es gibt einen Gott, einen Ursprung der
-Welt, werden alle mir beipflichten. Dieses Bekenntnis vereint uns.
-Wenn ich aber sage, es gibt einen Gott Brahma, oder einen Gott der
-Juden, oder eine Dreieinigkeit -- so bewirkt eine solche Gottheit
-Zwietracht. Die Menschen trachten nach Vereinigung und gebrauchen,
-um sie herbeizuführen, alle möglichen Mittel. Vergessen aber das
-eine, Unzweifelhafte: Streben nach Wahrheit. In der Art, wie wenn
-Menschen, die in einem ungeheuren Gebäude, in das das Licht von oben
-in die Mitte fällt, sich vereinigen wollen, und nun in den Ecken sich
-versammeln, anstatt alle zusammen zum Licht zu wandeln, wo sie ohne
-viel Nachdenken vereint werden.
-
-=Priester.= Wie kann man aber das Volk ohne ganz bestimmte -- nun sagen
-wir: Wahrheiten leiten?
-
-=Nikolai.= Das ist wieder das Schreckliche. Wir, jeder von uns muß
-selbst seine Seele retten, selbst Gottes Werk tun; statt dessen bemühen
-wir uns, andere zu retten und zu unterweisen. Und was bringen wir
-ihnen bei? Es ist fürchterlich, daran zu denken. Jetzt, am Ende des
-neunzehnten Jahrhunderts, lehren wir, Gott hätte die Welt in sechs
-Tagen geschaffen, dann die Sintflut geschickt, alle Tiere in die Arche
-gesperrt, und alle Dummheiten und Garstigkeiten des Alten Testamentes.
-Dann, Christus habe geboten, alle mit Wasser zu taufen oder an den
-Unsinn und das Abscheuliche einer Erlösung zu glauben, ohne die niemand
-selig werden könne, und sei dann in den Himmel geflogen und säße dort,
-im Himmel, der nicht existiert, zur Rechten des Vaters. Wir haben uns
-an all diese Dinge gewöhnt, sie sind aber schrecklich. Ein frisches,
-für alles Gute und die Wahrheit empfängliches Kind fragt uns, was
-die Welt sei und welche Gesetze sie regierten? und anstatt ihm die
-überlieferte Lehre der Liebe und Wahrheit mitzuteilen, geben wir uns
-alle erdenkliche Mühe, den schrecklichsten Unsinn einzutrichtern. Das
-ist fürchterlich. Das ist das schlimmste Verbrechen, das es gibt.
-Und wir und Sie, samt Ihrer Kirche, begehen ununterbrochen dieses
-Verbrechen. Verzeihen Sie.
-
-=Priester.= Ja, wenn man die christliche Lehre so, sagen wir:
-rationalistisch auffaßt, mag das der Fall sein.
-
-=Nikolai.= Wie man sie auch auffaßt, es ist und bleibt so.
-
- (Schweigen.)
-
-=Alexandra= (tritt ein).
-
-
-Sechzehnter Auftritt.
-
- =Die Vorigen.= =Alexandra Iwanowna.=
-
-=Alexandra.= Leben Sie wohl, Batjuschka. Er macht Sie ganz konfus;
-hören Sie nicht auf ihn.
-
-=Priester.= Nein, lesen Sie die Heilige Schrift. Die Sache ist zu
-wichtig, um sie so leicht abzutun. (Er zieht sich zurück.)
-
-
-Siebzehnter Auftritt.
-
- =Die Vorigen= ohne Priester.
-
-=Alexandra.= Wirklich, Nikolai, du nimmst keine Rücksicht. Trotz seines
-geistlichen Standes ist er doch noch so jung, kann noch keine festen
-Überzeugungen haben ...
-
-=Nikolai.= Man soll ihm wohl Zeit lassen, in seinen verkehrten
-Ansichten fest und sicher zu werden. Nein, wozu das? So ein braver,
-aufrichtiger Mensch!
-
-=Alexandra.= Was würde aus ihm, wenn er dir glaubte?
-
-=Nikolai.= Mir zu glauben braucht er nicht; es wäre aber gut für ihn,
-wie für alle anderen, wenn er die Wahrheit einsähe.
-
-=Alexandra.= Wenn das gut wäre, würden alle dir glauben; dir glaubt
-aber niemand -- deine Frau am allerwenigsten. Sie kann einfach nicht.
-
-=Nikolai.= Wer hat dir das gesagt?
-
-=Alexandra.= Du magst ihr alles noch so deutlich erklären -- sie
-wird dich nie begreifen, wie ich nicht, und wie die ganze Welt nicht
-begreift, daß man sich um fremde Leute kümmern und seine eigenen Kinder
-im Stich lassen muß. Das mach mal deiner Frau begreiflich!
-
-=Nikolai.= Auch Mascha wird mich sicher einst verstehen. Und, nimm
-es mir nicht übel, Aline, aber wenn hier keine fremden Einflüsse
-mitwirkten, denen sie sehr leicht unterliegt, würde sie mich schon
-verstehen und mit mir gehen.
-
-=Alexandra.= Um ihre Kinder zugunsten des trunkenen Jefim und Konsorten
-zu verstoßen? Niemals! Du wirst mir deswegen böse sein, aber verzeih
-mir, ich kann nicht anders, ich muß dir das sagen.
-
-=Nikolai.= Ich bin dir nicht böse. Im Gegenteil, ich freue mich, daß
-du alles ausgesprochen hast und mir dadurch Veranlassung gibst, ihr
-unumwunden meine Meinung zu sagen. Ich habe unterwegs alles überlegt
-und werde es ihr sofort sagen, und du sollst sehen, daß sie mir
-beistimmt, weil sie gut und verständig ist.
-
-=Alexandra.= Das möchte ich doch bezweifeln.
-
-=Nikolai.= Nein, es ist ganz sicher. Es handelt sich doch nicht um
-etwas, das ich mir ausgedacht habe, sondern um das, was wir alle
-wissen, was Christus uns geoffenbart hat.
-
-=Alexandra.= Ja, deiner Auffassung nach hat Christus _das_ geoffenbart,
-meiner Meinung nach etwas anderes.
-
-=Nikolai.= Das kann nicht sein.
-
- (Geschrei bei den Tennisspielern. _Ljuba_: »~Out!~« _Wanja_:
- »Nein, wir haben nichts gesehen.« _Lisa_: »Ich hab’s gesehen,
- dort ist der Ball niedergefallen.« _Ljuba_: »~Out! Out! Out!~«
- _Wanja_: »Ist nicht wahr!« _Ljuba_: »Erstens ist es nicht fein,
- zu sagen: es ist nicht wahr.« _Wanja_: »Und erst recht nicht
- fein, die Unwahrheit zu sagen.«)
-
-=Nikolai= (fortfahrend). Wart einen Augenblick; sag einmal nichts
-dagegen, sondern hör mich an.
-
-=Alexandra.= Schön. Ich höre.
-
-=Nikolai.= Es ist doch wahr, daß wir alle jede Minute sterben können
-und entweder in das Nichts eingehen oder zu Gott, der von uns ein Leben
-nach seinem Willen verlangt.
-
-=Alexandra.= Nun?
-
-=Nikolai.= Was kann ich also in diesem Leben anderes tun, als nur das,
-was der oberste Richter in meiner Seele, mein Gewissen, Gott verlangt?
-Und dieses Gewissen, Gott, verlangt, daß ich alle Menschen für gleich
-halte, allen diene, alle liebe.
-
-=Alexandra.= Also auch die eigenen Kinder.
-
-=Nikolai.= Gewiß, auch sie; aber dabei alles tue, was mir mein Gewissen
-befiehlt. Die Hauptsache ist, daß ich begreife, daß mein Leben nicht
-mir, deins nicht dir, sondern Gott gehört, der uns in dieses Leben
-gesandt hat und verlangt, daß wir seinen Willen tun. Sein Wille aber ...
-
-=Alexandra.= Davon willst du Mascha überzeugen?
-
-=Nikolai.= Sicherlich.
-
-=Alexandra.= So daß sie aufhört, ihre Kinder zu erziehen, wie es sich
-gehört, und sie im Stich läßt? Niemals!
-
-=Nikolai.= Nicht nur sie, auch du wirst es begreifen, wirst begreifen,
-daß dir nichts anderes übrig bleibt.
-
-=Alexandra.= Nie! Niemals!
-
-=Maria Iwanowna= (tritt ein).
-
-
-Achtzehnter Auftritt.
-
- =Die Vorigen.= =Maria Iwanowna.=
-
-=Nikolai.= Nun, Mascha, ich habe dich heute morgen doch nicht geweckt?
-
-=Maria.= Nein, ich schlief nicht. Nun, ist deine Reise glücklich
-verlaufen?
-
-=Nikolai.= Ja, sehr glücklich.
-
-=Maria.= Du trinkst ja alles kalt? Aber jetzt muß man an die Gäste
-denken. Du weißt, daß Tscheremschanows mit Sohn und Tochter kommen.
-
-=Nikolai.= Freut mich, wenn sie dir angenehm sind.
-
-=Maria.= Ich hab’ sie gern, und die jungen Leute ebenfalls. Nur kommen
-sie nicht sehr gelegen.
-
-=Alexandra= (sich erhebend). Sprich dich nur mit ihm aus; ich sehe beim
-Spiel ein wenig zu.
-
-
-Neunzehnter Auftritt.
-
- =Die Vorigen= ohne Alexandra Iwanowna. Schweigen. Dann beginnen
- beide auf einmal zu sprechen.
-
- =Maria.= Sie kommen ungelegen, weil wir uns aussprechen }
- müssen. }
- }
- =Nikolai.= Diesen Augenblick sagte ich zu Aline ... }
-
-=Maria.= Was denn?
-
-=Nikolai.= Nein, sprich du nur.
-
-=Maria.= Ich wollte über Stefan mit dir reden. Da muß endlich eine
-Entscheidung getroffen werden. Der arme Junge quält sich, weiß nicht,
-was aus ihm wird. Er kommt zu mir, aber ich kann nichts entscheiden.
-
-=Nikolai.= Was ist denn da zu entscheiden. Mag er doch selbst seinen
-Entschluß fassen.
-
-=Maria.= Du weißt, daß er als Freiwilliger bei der Garde eintreten
-will. Dazu braucht er eine Bescheinigung von dir und die Mittel zum
-Unterhalt; und die willst du ihm nicht geben! (Sie spricht erregt.)
-
-=Nikolai.= Reg dich um Gottes willen nicht auf, Mascha. Hör mich an.
-Weder will ich etwas geben noch nicht geben. Ich halte den freiwilligen
-Eintritt beim Militär für dumm, sinnlos, für ein Zeichen von geringer
-Bildung, wenn jemand das Abscheuliche des Berufes nicht kennt; oder
-aber für niederträchtig, wenn Berechnung im Spiele ist ...
-
-=Maria.= Für _dich_ ist jetzt alles dumm oder niederträchtig. Stefan
-muß doch aber leben. _Du_ hast auch gelebt.
-
-=Nikolai= (sich ereifernd). Das war, als ich noch nichts verstand
-und niemand mich aufklärte. Hier handelt es sich aber nicht um mich,
-sondern um ihn.
-
-=Maria.= Wieso? Du bist doch der, der ihm kein Geld geben will.
-
-=Nikolai.= Ich kann nicht geben, was mir nicht gehört.
-
-=Maria.= Wieso nicht gehört?
-
-=Nikolai.= Mir gehört nicht das, was andere Leute erarbeitet haben. Das
-Geld, das ich ihm gebe, muß ich anderen abnehmen. Dazu habe ich kein
-Recht, das kann ich nicht. Solange ich die Verfügung über das Gut habe,
-kann ich nicht anders darüber verfügen, als mir mein Gewissen befiehlt.
-Ich bringe es nicht fertig, die sauer erarbeiteten letzten Groschen der
-Bauern für Leibhusarenzechen herzugeben. Nehmt mir das Besitztum, dann
-bin ich nicht mehr verantwortlich.
-
-=Maria.= Du weißt doch, daß ich das nicht will, nicht kann. Ich soll
-die Kinder gebären, nähren, erziehen -- das ist zu viel! ...
-
-=Nikolai.= Mascha, Liebling! Darum handelt es sich ja gar nicht. Als du
-zu reden anfingst, fing ich auch an -- ich wollte einmal so recht von
-Herzen mit dir sprechen. So geht es nicht weiter. Wir leben zusammen
-und verstehen uns nicht. Es macht bisweilen den Eindruck, als sei das
-Absicht.
-
-=Maria.= Ich gebe mir alle erdenkliche Mühe, bringe es aber nicht
-fertig. Ich verstehe dich nicht, verstehe nicht, was mit dir
-vorgegangen ist.
-
-=Nikolai.= Nun, dann will ich dir etwas sagen. Es ist zwar jetzt nicht
-die Zeit dazu, aber Gott weiß, wann die ist. Bemüh dich weniger, mich
-zu verstehen, als dich selbst, dein Leben. Man kann nicht so leben,
-ohne zu wissen, wozu.
-
-=Maria.= Wir haben es aber doch bislang getan und uns sehr wohl dabei
-gefühlt. (Den ärgerlichen Ausdruck in seinem Gesicht bemerkend.) Nun
-gut, ich höre schon.
-
-=Nikolai.= Auch ich habe so dahingelebt, ohne nachzudenken, warum ich
-lebe. Aber dann kam die Zeit, wo ich erschrak. Schön: wir leben von der
-Arbeit anderer, zwingen andere, für uns zu arbeiten, setzen Kinder in
-die Welt und erziehen sie zu ebensolchem Leben. Dann kommt das Alter,
-der Tod, und ich frage mich: wozu habe ich gelebt? Um die Zahl solcher
-menschlichen Parasiten wie ich zu vermehren? Was aber die Hauptsache:
-solch ein Leben macht kein Vergnügen. Es ist noch erträglich, wenn, wie
-bei Wanja, die Lebensenergie in einem überschäumt ...
-
-=Maria.= Dabei leben doch alle so...
-
-=Nikolai.= Und sind alle unglücklich.
-
-=Maria.= Durchaus nicht.
-
-=Nikolai.= Ich wenigstens habe eingesehen, daß ich sehr unglücklich bin
-und dich und die Kinder ebenfalls unglücklich mache. Und da fragte ich
-mich: Hat Gott uns wirklich dazu geschaffen? Und sobald ich darüber
-nachdachte, fühlte ich, daß das nicht der Fall sei. Darauf fragte ich
-mich: Wozu hat Gott uns eigentlich geschaffen?
-
-=Ein Diener= (kommt).
-
-
-Zwanzigster Auftritt.
-
- =Die Vorigen= und der =Diener=.
-
-=Maria= (hört nicht auf ihren Gatten, sondern wendet sich dem Diener
-zu). Bringen Sie etwas gekochte Sahne.
-
-=Diener= (geht ab).
-
-=Nikolai.= Und im Evangelium fand ich die Antwort, daß wir nicht um
-unserer selbst willen leben. Das wurde mir klar, als ich einmal über
-das Gleichnis von den Weingärtnern nachdachte. Kennst du es?
-
-=Maria.= Ja, das von den Arbeitern.
-
-=Nikolai.= Nun, dieses Gleichnis zeigte mir ganz klar, worin mein
-Irrtum bestand. Wie die Weingärtner den Garten für ihr Eigentum
-hielten, glaubte ich, mein Leben sei -- mein. Da war denn alles
-schrecklich. Sobald ich aber begriff, daß mein Leben nicht mir gehöre,
-sondern daß ich in die Welt gesandt sei, um das Werk Gottes zu
-verrichten ...
-
-=Maria.= Nun ja, das wissen wir alle.
-
-=Nikolai.= Wenn das der Fall ist, können wir unmöglich derart weiter
-leben, daß unser ganzes Leben nicht nur keine Erfüllung des Willens
-Gottes, sondern im Gegenteil seine ununterbrochene Übertretung bedeutet.
-
-=Maria.= Wie ist das möglich, wenn wir niemandem Böses tun?
-
-=Nikolai.= Was heißt: niemandem Böses tun? Das ist ja genau die
-Lebensauffassung der Weingärtner. Wir müssen doch ...
-
-=Maria.= Ich kenne das Gleichnis. Er gab allen gleichen Lohn.
-
-=Nikolai= (nach kurzem Schweigen). Nein, das ist nicht das Wesentliche.
-Bedenk doch, Mascha, daß wir nur _ein_ Leben besitzen, das wir entweder
-heiligen oder zugrunde richten können.
-
-=Maria.= Ich bin nicht imstande, so viel zu denken und zu überlegen.
-Nachts schlafe ich nicht, nähre das Kind, besorge den ganzen Haushalt,
-und anstatt mir zu helfen, redest du mir Dinge vor, die ich nicht
-verstehe.
-
-=Nikolai.= Mascha!
-
-=Maria.= Dazu nun noch der Besuch.
-
-=Nikolai.= Schon gut. Wir werden uns schon verständigen. (Er küßt sie.)
-Nicht wahr?
-
-=Maria.= Ja; wenn du nur so bist, wie früher.
-
-=Nikolai.= Das kann ich nicht; du mußt auf mich hören.
-
- (Es ertönt Schellengeläut und Wagenrollen.)
-
-=Maria.= Jetzt ist keine Zeit. Die Gäste sind da. Ich muß zu ihnen.
-(Sie geht um die Hausecke.)
-
-=Ljuba= und =Stefan= (gehen auch dorthin).
-
-=Wanja= (springt über eine Bank). Ich höre nicht auf, wir spielen die
-Partie zu Ende. Ljuba! Na, also?
-
-=Ljuba= (ernst). Bitte, mach keine Dummheiten.
-
-=Alexandra Iwanowna= mit ihrem Gatten und =Lisa= (kommen auf die
-Veranda).
-
-=Nikolai Iwanowitsch= (geht nachdenklich auf und ab).
-
-
-Einundzwanzigster Auftritt.
-
- =Nikolai Iwanowitsch.= =Alexandra Iwanowna.= =Peter
- Semjonowitsch= und =Lisa=.
-
-=Alexandra.= Nun, hast du sie bekehrt?
-
-=Nikolai.= Aline! Was zwischen uns vorgeht, ist etwas Großes,
-Bedeutendes! Scherze sind hier nicht angebracht. Nicht ich bekehre sie,
-sondern das Leben, die Wahrheit, Gott. Deswegen muß sie sich überzeugen
-lassen, wenn nicht heute, so morgen, und wenn nicht morgen, dann ...
-Schrecklich, daß nie jemand Zeit hat. Wer ist denn da gekommen?
-
-=Semjonowitsch.= Tscheremschanows, Katja Tscheremschanowa, die ich
-achtzehn Jahre nicht gesehen habe. Das letztemal sang sie mit mir: ~Là
-ci darem la mano.~ (Singt.)
-
-=Alexandra= (zu ihrem Gatten). Bitte, fall mir nicht ins Wort. Glaub’
-nicht, daß ich mit Nikolai zanke. Ich sage die Wahrheit. (Zu Nikolai.)
-Ich mache durchaus keinen Scherz, aber es kam mir sonderbar vor, daß du
-Mascha gerade in dem Augenblick bekehren wolltest, als sie daran ging,
-mit dir zu sprechen.
-
-=Nikolai.= Schon gut, schon gut. Da kommen sie. Sag Mascha, daß ich in
-meinem Zimmer bin. (Ab.)
-
-
-
-
-Zweiter Aufzug.
-
-
-Derselbe Schauplatz auf dem Lande, acht Tage später.
-
- Die Bühne stellt einen großen Saal dar. Der Tisch ist gedeckt.
- Samowar, Tee und Kaffee. An der Wand ein Flügel, Notenständer.
- Am Tisch sitzen Maria Iwanowna, die Fürstin Tscheremschanowa
- und Peter Semjonowitsch.
-
-
-Erster Auftritt.
-
- =Maria Iwanowna.= =Peter Semjonowitsch= und die =Fürstin=.
-
-=Semjonowitsch.= Ja, Fürstin, es ist lange her, daß Sie die Rosine
-gesungen haben, und ich ... tauge nicht einmal mehr zum Don Basilio ...
-
-=Fürstin.= Jetzt könnten unsere Kinder singen. Leider haben die Zeiten
-sich geändert.
-
-=Semjonowitsch.= Ja, man ist mehr für das Positive ... Ihre Tochter
-spielt übrigens sehr gut. Was treibt die Gesellschaft, schlafen sie
-wirklich noch?
-
-=Maria.= Ja. Sind gestern bei Mondschein spazieren geritten und sehr
-spät heimgekehrt. Ich hörte sie, als ich den Kleinen nährte.
-
-=Semjonowitsch.= Und wann wird meine glaubenstüchtige Gemahlin wieder
-hier sein? Habt ihr den Wagen geschickt?
-
-=Maria.= Ja; sie ist schon früh fortgefahren. Muß bald zurück sein.
-
-=Fürstin.= Ist sie wirklich nur hingefahren, um Pater Gerassim zu holen?
-
-=Maria.= Ja. Gestern kam ihr der Gedanke, und sofort führte sie ihn aus.
-
-=Fürstin.= Diese Energie. Ich bewundere sie.
-
-=Semjonowitsch.= O, damit sind wir reichlich versehen. (Nimmt eine
-Zigarre aus dem Etui.) Ich werde ein wenig rauchen und mit den Hunden
-im Park spazierengehen, bis die liebe Jugend aufsteht. (Er geht ab.)
-
-
-Zweiter Auftritt.
-
- =Fürstin.= =Maria Iwanowna.=
-
-=Fürstin.= Ich weiß nicht, liebe Maria Iwanowna, aber es kommt mir vor,
-als wenn Sie sich das alles zu sehr zu Herzen nehmen. Ich verstehe ihn
-recht gut. Er befindet sich in gehobener Stimmung. Was ist schließlich
-dabei, wenn er auch den Armen etwas zukommen läßt? Wir denken sowieso
-zu viel an uns.
-
-=Maria.= Wenn es dabei sein Bewenden hätte; aber Sie kennen ihn nicht,
-wissen nicht alles. Das ist keine Armenunterstützung mehr, sondern
-völlige Umwälzung, Vernichtung alles Bestehenden.
-
-=Fürstin.= Ich möchte mich nicht in Ihr Familienleben mischen, wenn Sie
-aber gestatten ...
-
-=Maria.= Bitte sehr. Ich rechne Sie zur Familie, besonders jetzt.
-
-=Fürstin.= Dann möchte ich Ihnen raten, offen und ehrlich Ihre
-Forderungen auszusprechen und sich mit ihm zu einigen, bis zu welcher
-Grenze ...
-
-=Maria= (erregt). Da gibt es keine Grenzen! Alles will er fortgeben!
-Verlangt, daß ich in meinen Jahren Köchin, Wäscherin werde.
-
-=Fürstin.= Nicht möglich! Das ist allerdings erstaunlich!
-
-=Maria= (zieht einen Brief aus der Tasche). Wir sind allein und ich
-freue mich, daß ich Ihnen alles sagen kann. Gestern hat er mir diesen
-Brief geschrieben. Ich will ihn Ihnen vorlesen.
-
-=Fürstin.= Was? Er lebt mit Ihnen unter einem Dach und schreibt Ihnen
-Briefe? Sonderbar.
-
-=Maria.= Nein, das verstehe ich schon. Er regt sich beim Reden immer so
-sehr auf. Ich fürchte nächstens für seine Gesundheit.
-
-=Fürstin.= Was schreibt er denn?
-
-=Maria.= Also: (Liest.) »Du machst mir den Vorwurf, ich zerstörte
-unser früheres Leben, setzte aber nichts Neues an die Stelle, und
-sagte nicht, wie ich mit der Familie zurechtkommen wollte. Wenn wir
-das mündlich erörtern, regen wir uns zu sehr auf -- deswegen schreibe
-ich dir. Warum ich nicht so weiterleben kann, wie bisher, habe ich
-schon oft gesagt; dich überzeugen, daß man so nicht leben darf, sondern
-christlich leben muß -- vermag ich brieflich nicht. Dir steht eins von
-beiden frei: entweder glaubst du der Wahrheit und gehst aus freien
-Stücken mit mir, oder du vertraust mir und folgst mir nach.« (Sie
-unterbricht die Lektüre.) Ich kann weder das eine noch das andere.
-Ich glaube nicht an die Notwendigkeit: so zu leben, wie er will; die
-Kinder tun mir leid, ich kann ihm hierin nicht vertrauen. (Sie liest
-weiter.) »Mein Plan ist folgender: Wir geben all unser Land den Bauern
-und behalten nur fünfzig Morgen, den Garten, das Gemüseland und die
-Rieselwiesen. Dann wollen wir sehen, daß wir das Land selbst bestellen,
-ohne uns oder den Kindern Zwang anzutun. Das Land, das wir behalten,
-kann uns immerhin fünfhundert Rubel abwerfen.«
-
-=Fürstin.= Eine Familie mit sieben Kindern soll von fünfhundert Rubeln
-leben? Das ist unmöglich.
-
-=Maria.= Dann folgt hier der ganze Plan. Das Haus soll als Schule
-dienen, wir selbst wohnen im Gärtnerhäuschen in zwei Zimmern.
-
-=Fürstin.= Ich glaube nachgerade wirklich, daß die Sache krankhaft ist.
-Was haben Sie ihm erwidert?
-
-=Maria.= Ich sagte, ich brächte das nicht fertig. Allein würde ich ihm
-überallhin folgen, aber mit den Kindern ... Bedenken Sie doch nur: der
-Kleine bekommt ja noch die Brust. Ich sagte ihm: ich kann doch nicht
-alles so hinwerfen. Habe ich denn dazu geheiratet? Ich bin schwach und
-alt. Neun Kinder gebären und aufziehen ist doch keine Kleinigkeit.
-
-=Fürstin.= Ich hätte nie geglaubt, daß die Sache schon so weit gekommen
-ist.
-
-=Maria.= So liegen die Dinge. Ich weiß nicht, was nun wird. Gestern hat
-er den Bauern aus Dmitrowka den Pachtzins erlassen und will ihnen das
-Land ganz und gar übergeben.
-
-=Fürstin.= Meiner Meinung nach dürfen Sie das nicht zulassen. Sie haben
-die Pflicht, Ihre Kinder sicherzustellen. Wenn er sein Besitztum nicht
-mehr verwalten kann, soll er es Ihnen abtreten.
-
-=Maria.= Das will ich nicht.
-
-=Fürstin.= Sie sind es den Kindern schuldig. Die Besitzung kann ja auf
-Ihren Namen eingetragen werden.
-
-=Maria.= Das hat meine Schwester Sascha ihm schon gesagt. Er erwiderte
-darauf, er hätte kein Recht dazu; das Land gehöre denen, die es
-bearbeiteten; er sei verpflichtet, es den Bauern abzutreten.
-
-=Fürstin.= Ja, jetzt begreife ich, daß die Sache weit ernster ist, als
-ich glaubte.
-
-=Maria.= Und der Priester, der Priester ist auf seiner Seite!
-
-=Fürstin.= Ja, das habe ich gestern bemerkt.
-
-=Maria.= Deshalb ist auch meine Schwester nach Moskau gefahren,
-um mit dem Notar zu sprechen und hauptsächlich, um Pater Gerassim
-mitzubringen, der ihn überzeugen soll.
-
-=Fürstin.= Ja, ich denke auch, das Christentum besteht nicht darin,
-seine Familie ins Unglück zu stürzen.
-
-=Maria.= Leider glaubt er auch dem Pater nicht. Er ist so bestimmt in
-allem, und wenn er spricht, kann ich ihm nichts erwidern. Das ist ja
-das Schreckliche, daß es mir stets vorkommt, als hätte er recht.
-
-=Fürstin.= Das kommt daher, daß Sie ihn lieben.
-
-=Maria.= Ich weiß nicht, woher es kommt; jedenfalls ist es schrecklich.
-Auf diese Weise bleibt alles unentschieden. Das soll nun Christentum
-sein.
-
-=Wärterin= (tritt ein).
-
-
-Dritter Auftritt.
-
- =Die Vorigen.= =Wärterin.=
-
-=Wärterin.= Bitte, gnädige Frau. Der Kleine ist aufgewacht und schreit.
-
-=Maria.= Sofort; ich bin so unruhig, und der Kleine hat Leibschmerzen.
-Ich komme schon.
-
-=Nikolai= (tritt mit einem Schreiben in der Hand zur andern Tür ein).
-
-
-Vierter Auftritt.
-
- =Maria Iwanowna.= =Die Fürstin.= =Nikolai Iwanowitsch.=
-
-=Nikolai.= Nein, das darf nicht sein, das ist unmöglich!
-
-=Maria.= Was denn?
-
-=Nikolai.= Daß wegen dieser einen Tanne Peter ins Gefängnis kommt.
-
-=Maria.= Wieso?
-
-=Nikolai.= Ganz einfach. Er hat sie gefällt, wurde deswegen angeklagt
-und jetzt vom Friedensrichter zu drei Monaten Gefängnis verurteilt.
-Seine Frau ist da.
-
-=Maria.= Nun, was ist denn dabei unmöglich?
-
-=Nikolai.= Nein, es darf nicht sein! Eins kann ich: keinen Wald
-besitzen. Und das werde ich. Aber was weiter? Ich werde zu ihm gehen
-und sehen, ob ich nicht helfen kann bei dem Unglück, das wir verursacht
-haben. (Er geht zur Veranda und stößt auf Boris und Ljuba.)
-
-
-Fünfter Auftritt.
-
- =Die Vorigen.= =Boris= und =Ljuba=.
-
-=Ljuba.= Guten Morgen, Papa. (Sie küßt ihn.) Wohin willst du?
-
-=Nikolai.= Ins Dorf, wo ich war. Da wird ein hungriger Mensch ins
-Gefängnis geschleppt, weil er ...
-
-=Ljuba.= Wirklich -- Peter?
-
-=Nikolai.= Ja, Peter. (Er geht ab.)
-
-=Maria= (folgt ihm).
-
-
-Sechster Auftritt.
-
- =Die Vorigen= ohne Nikolai Iwanowitsch und Maria Iwanowna.
-
-=Ljuba= (setzt sich an den Samowar). Wünschen Sie Kaffee oder Tee?
-
-=Boris.= Einerlei ...
-
-=Ljuba.= Immer dasselbe. Ich weiß nicht, wie das endet.
-
-=Boris.= Ich verstehe ihn nicht. Ich weiß, daß das Volk arm, unwissend
-ist, daß man ihm helfen muß; aber nicht in der Art, daß man Diebe
-ermutigt.
-
-=Ljuba.= Wodurch denn?
-
-=Boris.= Durch unsere ganze Tätigkeit. Unser ganzes Wissen, alle
-Kenntnisse muß man in den Dienst des Volkes stellen -- sein Leben darf
-man aber nicht hingeben.
-
-=Ljuba.= Papa sagt, gerade das sei notwendig.
-
-=Boris.= Das verstehe ich nicht. Man kann dem Volk dienen, ohne sein
-Leben zugrunde zu richten. So will ich meine Zukunft einrichten. Wenn
-du nur deinerseits ...
-
-=Ljuba.= Ich will, was du willst. Ich fürchte mich nicht.
-
-=Boris.= Und diese Ohrringe, das Kleid?
-
-=Ljuba.= Die Ohrringe kann man verkaufen, das Kleid ist nicht viel
-wert. Trotzdem braucht man ja nicht als Vogelscheuche herumzulaufen.
-
-=Boris.= Ich möchte noch mit deinem Vater sprechen. Was meinst du, bin
-ich ihm im Wege, wenn ich ihn im Dorf aufsuche?
-
-=Ljuba.= Durchaus nicht. Ich sehe, daß er dich gern hat. Gestern wandte
-er sich meistens an dich.
-
-=Boris= (leert seine Kaffeetasse). Also ich gehe.
-
-=Ljuba.= Ja, geh nur. Ich werde Lisa und Tonja wecken.
-
-=Beide= (gehen ab).
-
-
-
-
-Verwandlung.
-
-
-Dorfstraße.
-
- Vor seiner Hütte liegt, mit dem Schafpelz bedeckt, Iwan Sjabrem.
-
-
-Erster Auftritt.
-
- =Iwan= allein.
-
-=Iwan= (ruft). Malaschka!
-
- (Hinter der Hütte kommt ein schmächtiges, kleines Mädchen mit
- einem Kleinen auf dem Arm zum Vorschein. Der Kleine schreit.)
-
-
-Zweiter Auftritt.
-
- =Iwan= und =Malaschka= mit dem =Kleinen=.
-
-=Iwan.= Wasser. Trinken!
-
-=Malaschka= (geht in die Hütte -- dort hört man das Kind laut schreien.
-Sie kommt mit einem Krug voll Wasser).
-
-=Iwan.= Weshalb haust du den Kleinen immer, daß er schreit? Ich sag’s
-der Mutter.
-
-=Malaschka.= Das tu nur. Er schreit, weil er hungrig ist.
-
-=Iwan= (trinkt). Solltest bei Demkins um etwas Milch bitten.
-
-=Malaschka.= Da bin ich gewesen. Die haben nichts. Da ist auch niemand
-zu Hause.
-
-=Iwan.= Ach, wenn doch der Tod käme. Hat’s zu Mittag geläutet?
-
-=Malaschka.= Schon vor ein paar Stunden. Da kommt der gnädige Herr.
-
-=Nikolai Iwanowitsch= (tritt auf).
-
-
-Dritter Auftritt.
-
- =Die Vorigen= und =Nikolai Iwanowitsch=.
-
-=Nikolai.= Na? Du bist hier draußen?
-
-=Iwan.= Ja, wegen der Fliegen. Und dann die Hitze.
-
-=Nikolai.= Ist dir jetzt warm?
-
-=Iwan.= Brennt alles wie Feuer.
-
-=Nikolai.= Wo ist denn Peter? zu Hause?
-
-=Iwan.= Ach wo, bei solchem Wetter. Auf dem Felde ist er, um
-einzufahren.
-
-=Nikolai.= Und da sagt man mir, er solle ins Gefängnis!
-
-=Iwan.= Das stimmt; der Polizist will ihn gerade vom Felde holen.
-
- (Ein schwangeres Weib kommt mit einer Hafergarbe und Harke und
- schlägt Malaschka sofort in den Nacken.)
-
-
-Vierter Auftritt.
-
- =Die Vorigen= und das =Weib=.
-
-=Weib.= Weshalb läßt du den Kleinen allein! Hörst doch, wie er brüllt.
-Immer nur auf der Straße herumlungern!
-
-=Malaschka= (heult). Ich bin gerade herausgekommen. Vater wollte
-trinken.
-
-=Weib.= Ich werd’ dich kriegen! (Sie sieht den Herrn.) Ah, grüß Gott,
-Väterchen Nikolai Iwanowitsch. Ist das ein Leiden hier! Alles muß ich
-allein besorgen; hab’ schon keine Kraft mehr. Und da wirft man den
-letzten, der noch arbeitet, ins Gefängnis. Der Taugenichts aber räkelt
-sich da herum.
-
-=Nikolai.= Was redest du! Er ist doch krank.
-
-=Weib.= Schön krank! Bin ich nicht krank? Wenn’s an die Arbeit geht,
-ist man krank. Aber faulenzen und mir die Zöpfe ausreißen -- das kann
-er. Soll er doch verrecken wie ein Hund; was schert’s mich!
-
-=Nikolai.= Das ist Sünde! Fühlst du das nicht?
-
-=Weib.= Ich weiß, daß es Sünde ist, kann aber mein Herz nicht zwingen.
-Trag’ ein Kind im Leib und arbeite für zwei. Die andern Bauern haben
-abgeerntet; bei uns sind zwei Viertelmorgen noch nicht gemäht. Ich
-müßte Garben binden, kann aber nicht. Bin zu Hause nötig, muß nach den
-Kindern sehen.
-
-=Nikolai.= Den Hafer will ich mähen lassen durch Arbeiter, und binden
-auch.
-
-=Weib.= Das Binden ist nicht schlimm -- das besorge ich selbst; wenn
-nur erst gemäht ist. Was glauben Nikolai Iwanowitsch, muß er wohl
-sterben? Geht ihm doch sehr schlecht.
-
-=Nikolai.= Ich weiß nicht. Gewiß steht es schlecht mit ihm. Ich denke,
-man bringt ihn ins Krankenhaus.
-
-=Weib.= Ach Herrgott! (Sie beginnt laut zu weinen.) Bring ihn nicht
-fort, laß ihn hier sterben. (Zu ihrem Manne.) Was hast du?
-
-=Iwan.= Ins Krankenhaus will ich. Hier hab’ ich’s schlimmer als ein
-Hund.
-
-=Weib.= Nun weiß ich schon gar nichts mehr. Hab’ den Verstand verloren.
-Malaschka, mach das Mittagessen zurecht.
-
-=Nikolai.= Was habt ihr denn zu essen?
-
-=Weib.= Was wird’s sein? Kartoffel und Brot. Und auch das reicht nicht.
-(Sie geht in die Hütte. Man hört ein Schwein quieken und das Kind
-schreien.)
-
-
-Fünfter Auftritt.
-
- =Die Vorigen= ohne das Weib.
-
-=Iwan= (stöhnt). Ach Gott, könnte ich doch sterben.
-
-=Boris= (kommt).
-
-
-Sechster Auftritt.
-
- =Die Vorigen= und =Boris=.
-
-=Boris.= Kann ich Ihnen irgendwie nützlich sein?
-
-=Nikolai.= Nützlich sein? Kaum. Das Leiden sitzt zu tief. Nützlich sein
-können Sie nur sich selbst, indem Sie erkennen, worauf wir unser Glück
-begründen. Da ist eine Familie, fünf Kinder, die Frau schwanger, der
-Mann krank, nichts zu essen als Kartoffel. Jetzt entscheidet sich die
-Frage, ob man im nächsten Jahre satt wird oder nicht. Helfen kann man
-nicht. Womit auch? Ich besorge ihr einen Arbeiter. Wer ist aber dieser
-Arbeiter? Eben solch armer Teufel, dessen Wirtschaft durch Trunkenheit,
-Not zugrunde gegangen ist.
-
-=Boris.= Verzeihung, was tun Sie denn aber hier?
-
-=Nikolai.= Ich lerne meine Lage kennen, erfahre, wer unsern Garten
-besorgt, unser Haus baut, uns kleidet und ernährt.
-
-=Bauern= mit Sensen, =Weiber= mit Rechen (kommen und verbeugen sich).
-
-
-Siebenter Auftritt.
-
- =Die Vorigen.= =Bauern= und =Bäuerinnen=.
-
-=Nikolai= (hält einen an). Jermil, willst du ihnen nicht gegen Lohn den
-Hafer mähen?
-
-=Jermil= (den Kopf schüttelnd). Ich tät’s von Herzen gern, kann aber
-unmöglich abkommen, hab’ das eigene noch nicht eingefahren. Gerade
-wollen wir daran. Wie steht’s hier? wird der Iwan sterben?
-
-=Ein anderer Bauer.= Ob Onkel Sebastian es übernehmen wird? He,
-Sebastian! Da wird ein Mäher gesucht!
-
-=Sebastian.= Vermiet _du_ dich doch. Heute schafft’s fürs ganze Jahr.
-
-=Die Bauern= (gehen weiter).
-
-
-Achter Auftritt.
-
- =Die Vorigen= ohne Bauern und Weiber.
-
-=Nikolai.= Lauter halb verhungerte, kranke, oft schon alte Leute, die
-allein von Brot und Wasser leben. Der Greis da hat einen Bruch, der ihm
-viel Schmerzen macht; dabei arbeitet er von vier Uhr früh bis zehn Uhr
-abends und lebt kaum noch. Wir dagegen? Wie kann unsereins, der das
-versteht, ruhig weiterleben und sich für einen Christen halten? Was
-sage ich: Christen? Wilde Tiere handeln so!
-
-=Boris.= Was soll man denn tun?
-
-=Nikolai.= An dem Bösen nicht teilnehmen; kein Land besitzen, nicht
-die Frucht ihrer Arbeit verzehren. Wie das einzurichten ist, weiß ich
-nicht. Hier handelt es sich darum ... wenigstens war das mit mir der
-Fall. Ich habe gelebt, ohne zu wissen, wie; ohne zu begreifen, daß
-ich Gottes Sohn, wie wir alle Gottes Söhne und Brüder sind. Als ich
-das aber begriff, daß wir alle gleiches Recht auf das Leben haben,
-wurde mein Leben ein ganz anderes. Doch das kann ich Ihnen jetzt nicht
-erklären. Nur das eine will ich sagen, daß ich früher blind war, wie
-die Meinigen zu Hause es noch sind. Jetzt aber bin ich sehend geworden
-und kann nicht anders, ich muß sehen. Und weil ich sehe, kann ich nicht
-so weiterleben. Übrigens davon später. Jetzt muß ich tun, was ich kann.
-
-=Der Dorfpolizist=, =Peter=, sein =Weib= und =kleiner Knabe= (kommen).
-
-
-Neunter Auftritt.
-
- =Die Vorigen.= =Der Polizist.= =Peter=, sein =Weib= und sein
- =Sohn=.
-
-=Peter= (fällt Nikolai Iwanowitsch zu Füßen). Verzeih mir, um Christi
-willen, ich gehe zugrunde! Was wird aus meinem Weibe! Könnte ich
-wenigstens gegen Bürgschaft freikommen.
-
-=Nikolai= (zum Polizisten). Ich fahre zum Gericht und mache die
-Eingabe. Kannst du ihn jetzt nicht freilassen?
-
-=Polizist.= Wir haben Befehl, ihn aufs Amt zu bringen.
-
-=Nikolai.= Also dann geh mit; ich besorge Hilfe und tue, was ich kann.
-Das bin ich selbst. Wie kann man nur so leben. (Er geht ab.)
-
-
-
-
-Verwandlung.
-
-
-Wieder auf dem Gut.
-
- Draußen Regen. Gastzimmer mit Flügel. Tonja hat eine Sonate
- von Schumann gespielt und sitzt noch am Flügel. Daneben steht
- Stefan. Boris sitzt. Ljuba, Lisa, Mitrofan Jermilytsch, der
- Priester -- alle sind vom Spiel ergriffen.
-
-
-Erster Auftritt.
-
- =Tonja.= =Stefan.= =Boris.= =Ljuba.= =Lisa.= =Mitrofan.=
- =Priester.= =Bauern= von außen.
-
-=Ljuba.= Wie entzückend, das Andante.
-
-=Stefan.= Nein, das Scherzo. Alles wundervoll.
-
-=Lisa.= Sehr schön.
-
-=Stefan.= Ich hätte Sie nie für solche Künstlerin gehalten. Das ist
-wirklich meisterhaftes Spiel. Technische Schwierigkeiten existieren
-für Sie nicht; Sie denken nur an den Gefühlsinhalt und drücken alles
-wunderbar zart aus.
-
-=Ljuba.= Und vornehm.
-
-=Tonja.= Ich fühle aber, daß es nicht so ist, wie ich möchte ... Mir
-fehlt noch vieles.
-
-=Lisa.= Wie ist das möglich? Ich finde alles wunderbar.
-
-=Ljuba.= Schumann ist schön, aber Chopin greift doch mehr ans Herz.
-
-=Stefan.= Er ist lyrischer.
-
-=Tonja.= Man kann die beiden nicht vergleichen.
-
-=Ljuba.= Kennst du sein Prélude?
-
-=Tonja.= Das sogenannte George Sand-Prélude? (Sie spielt den Anfang.)
-
-=Ljuba.= Nein, das nicht. Es ist schön, wird aber reichlich viel
-gespielt. Nun, spiel nur, bitte.
-
-=Tonja= (spielt, soweit sie kann, bricht dann aber plötzlich ab).
-
-=Ljuba.= Nein, D-Moll.
-
-=Tonja.= Ach, das -- das ist herrlich. Es hat so etwas Elementares,
-Vorweltliches.
-
-=Stefan= (lacht). Ja, ja. Nun, spielen Sie, bitte. Aber Sie sind müde.
-Also haben wir wenigstens einen herrlichen Morgen verbracht -- dank
-Ihnen.
-
-=Tonja= (steht auf und schaut zum Fenster hinaus). Wieder die Launen.
-
-=Ljuba.= Was die Musik alles vermag! Ich verstehe König Saul. Mich
-quält kein böser Geist, aber ich begreife ihn. Keine Kunst läßt so
-alles vergessen, wie die Musik. (Sie tritt zum Fenster.) Was wollt ihr?
-
-=Bauern.= Wir haben Nikolai Iwanowitsch gebeten.
-
-=Ljuba.= Er ist nicht hier. Wartet etwas.
-
-=Tonja.= Und dabei heiratest du einen Menschen, der nichts von Musik
-versteht.
-
-=Ljuba.= Das ist nicht möglich.
-
-=Boris= (zerstreut). Musik ... Nein, ich liebe sie, oder besser, ich
-bin ihr nicht feind. Ziehe aber etwas Einfacheres vor, zum Beispiel ein
-schlichtes Lied.
-
-=Tonja.= Wieso? Ist denn diese Sonate nicht reizend?
-
-=Boris.= Sie scheint mir nicht wichtig. Ich beneide die Leute, die
-solchen Dingen Wichtigkeit beimessen.
-
- (Auf dem Tische stehen Süßigkeiten.)
-
-=Alle= (essen davon).
-
-=Lisa.= Das finde ich nett: ein Bräutigam und dann diese Süßigkeiten ...
-
-=Boris.= Daran bin ich unschuldig. Das hat Mama besorgt.
-
-=Tonja.= Ich finde es sehr nett.
-
-=Ljuba.= Musik ist dadurch wertvoll, daß sie ergreift, erhebt und die
-Wirklichkeit vergessen macht. Wie düster war vorhin alles -- nun hast
-du gespielt, und plötzlich ist es ringsum licht geworden. Wirklich
-licht geworden.
-
-=Lisa.= Die Chopinschen Walzer sind etwas abgeleiert und dennoch ...
-
-=Tonja.= Dieser zum Beispiel ... (Sie spielt.)
-
-=Nikolai Iwanowitsch= (tritt ein und begrüßt alle Anwesenden einzeln).
-
-
-Zweiter Auftritt.
-
- =Die Vorigen.= =Nikolai Iwanowitsch.=
-
-=Nikolai.= Wo ist Mama?
-
-=Ljuba.= Ich glaube im Kinderzimmer.
-
-=Stefan= (ruft einen Diener).
-
-=Ljuba.= Papa, wie wundervoll Tonja spielt. Wo warst du denn?
-
-=Nikolai.= Ich war im Dorf.
-
-=Der Diener= (tritt ein).
-
-
-Dritter Auftritt.
-
- =Die Vorigen.= =Der Diener.=
-
-=Stefan.= Bring noch einen Samowar.
-
-=Nikolai= (begrüßt wieder den Diener mit Händedruck). Guten Tag!
-
-=Der Diener= (geht verlegen ab).
-
-=Nikolai= (geht ab).
-
-
-Vierter Auftritt.
-
- =Die Vorigen= ohne Diener und Nikolai Iwanowitsch.
-
-=Stefan.= Der unglückliche Bursche! Wie verlegen er war. Ich verstehe
-das nicht! Als ob wir an etwas schuld wären.
-
-=Nikolai Iwanowitsch= (kehrt ins Zimmer zurück).
-
-
-Fünfter Auftritt.
-
- =Die Vorigen.= =Nikolai Iwanowitsch.=
-
-=Nikolai.= Ich wäre fast in mein Zimmer gegangen, ohne euch
-mitzuteilen, was ich empfinde. Und das halte ich nicht für gut. (Zu
-Tonja.) Wenn Sie, als Gast, durch meine Worte verletzt werden, so
-verzeihen Sie mir -- aber ich kann nicht anders. Du, Ljuba, sagst, die
-Fürstin spiele wunderschön. Ihr sitzt hier mit sieben, acht gesunden
-jungen Leuten, habt bis zehn Uhr geschlafen, gegessen, getrunken,
-eßt noch jetzt, macht Musik und unterhaltet euch darüber. Dort aber,
-wo ich jetzt herkomme, sind die Menschen um drei Uhr aufgestanden --
-einige haben draußen beim Vieh die ganze Nacht nicht geschlafen -- und
-nun sind alte, kranke, schwache Leute, Kinder, Frauen mit Säuglingen
-und schwangere Frauen ununterbrochen bei der schwersten, ihre Kräfte
-übersteigenden Arbeit, damit wir hier die Früchte ihres Schaffens
-verzehren. Ja, noch mehr: soeben wird einer von ihnen, der beste,
-einzige Arbeiter der Familie, ins Gefängnis geschleppt, weil er im
-Frühjahr in »meinem« Walde -- das heißt angeblich meinem -- eine der
-dort wachsenden hunderttausend Tannen gefällt hat. Wir aber sitzen
-hier sauber gewaschen und gekleidet, indem wir den Dienstboten das
-Reinigen des Nachtgeschirrs im Schlafzimmer überlassen, essen, trinken
-und unterhalten uns geistreich darüber, ob Schumann oder Chopin uns
-mehr ergreift und besser unsere Langeweile vertreibt. Diese Gedanken
-kamen mir, als ich an euch vorüberging, und deswegen habe ich sie euch
-gesagt. Denkt einmal nach, ob man solches Leben führen kann! (Er bleibt
-in heftiger Erregung stehen.)
-
-=Lisa.= Das ist wahr, wirklich wahr.
-
-=Ljuba.= Wenn man sich solche Gedanken macht, kann man nicht leben.
-
-=Stefan.= Weshalb? Ich sehe nicht ein, warum man nicht über Schumann
-sprechen soll, wenn das Volk arm ist. Eins schließt das andere nicht
-aus. Wenn die Leute ...
-
-=Nikolai= (zornig). Wenn man kein Herz hat, wenn man sich so hölzern ...
-
-=Stefan.= Schon gut, ich schweige schon.
-
-=Tonja.= Eine schreckliche Frage, die Frage unserer Zeit. Man darf sich
-aber nicht vor ihr fürchten, muß der Wirklichkeit mutig ins Auge sehen,
-um die Frage zu lösen.
-
-=Nikolai.= Auf Maßregeln der Gemeinde darf man nicht warten. Jeder von
-uns kann heute, morgen sterben. Wie soll man mit solchem Zwiespalt im
-Innern weiterleben?
-
-=Boris.= Es gibt nur _ein_ Mittel: an solchem Leben nicht teilnehmen.
-
-=Nikolai.= Also verzeiht, wenn ich euch wehgetan. Aber ich mußte meine
-Empfindungen einmal aussprechen. (Er geht ab.)
-
-
-Sechster Auftritt.
-
- =Die Vorigen= ohne Nikolai Iwanowitsch.
-
-=Stefan.= Was heißt das: nicht teilnehmen? Unser ganzes Dasein ist ja
-aufs engste damit verknüpft.
-
-=Boris.= Eben deswegen sagt er ja: man darf vor allen Dingen kein
-Eigentum haben, muß sein ganzes Leben ändern; es nicht so einrichten,
-daß andere uns dienen, sondern daß wir anderen dienen.
-
-=Tonja.= Du bist ja schon ganz auf seiner Seite!
-
-=Boris.= Ja, ich habe ihn zum erstenmal richtig verstanden. Und dann
-das, was ich im Dorfe sah. Man braucht nur die Brille abzunehmen,
-durch die wir das Leben des Volkes betrachten, und den Zusammenhang
-zwischen ihren Leiden und unsern Freuden wahrzunehmen, so wird alles
-entschieden.
-
-=Mitrofan.= Gewiß, aber das Mittel dazu besteht nicht darin, sein Leben
-zu ruinieren.
-
-=Stefan.= Wunderbar, Mitrofan Jermilytsch und ich nehmen einen ganz
-verschiedenen Standpunkt ein und treffen in diesem Punkt doch zusammen:
-sein Leben darf man nicht ruinieren, das sind meine Worte.
-
-=Boris.= Sehr begreiflich. Ihr beide wollt ein angenehmes Leben führen
-und trachtet daher nach Zuständen, die euch diese Annehmlichkeiten
-garantieren. Sie (zu Stefan) möchten die jetzige Ordnung der Dinge
-beibehalten, während Mitrofan Jermilytsch eine neue herbeizuführen
-wünscht.
-
-=Ljuba= (flüstert Tonja etwas zu).
-
-=Tonja= (geht zum Flügel und spielt ein Notturno von Chopin).
-
-=Alle= (verstummen).
-
-=Stefan.= Das ist schön. Das löst alle Fragen.
-
-=Boris.= Verdunkelt alles und schiebt die Entscheidung hinaus.
-
-=Maria Iwanowna= und die =Fürstin= (sind während des Spiels leise
-eingetreten, haben Platz genommen und hören zu).
-
- (Vor dem Ende des Notturnos ertönt Schellenläuten.)
-
-
-Siebenter Auftritt.
-
- =Die Vorigen.= =Maria Iwanowna= und die =Fürstin=.
-
-=Ljuba.= Da kommt Tante zurück. (Sie geht ihr entgegen.)
-
-=Tonja= (spielt weiter).
-
-=Alexandra Iwanowna=, =Pater Gerassim=, ein Priester mit dem
-Brustkreuz, und der =Notar= (treten ein).
-
-=Alle= (erheben sich).
-
-
-Achter Auftritt.
-
- =Die Vorigen.= =Alexandra Iwanowna=, =Pater Gerassim= und der
- =Notar=.
-
-=Pater Gerassim.= Bitte, lassen Sie sich nicht stören. Ich höre gern zu.
-
-=Die Fürstin= und der =Priester= (bitten um seinen Segen).
-
-=Alexandra.= Was ich mir vorgenommen, habe ich auch ausgeführt.
-Pater Gerassim wollte gerade nach Kursk, aber ich habe ihn beredet,
-mitzukommen. Und der Notar ist auch da. Alle Papiere sind fertig, es
-fehlt nur die Unterschrift.
-
-=Maria.= Wollen die Herrschaften nicht etwas frühstücken?
-
-=Der Notar= (legt die Papiere auf den Tisch und geht ab).
-
-
-Neunter Auftritt.
-
- =Die Vorigen= ohne Notar.
-
-=Maria.= Ich bin Pater Gerassim sehr dankbar ...
-
-=Pater Gerassim.= O bitte. Der Besuch liegt zwar nicht auf meinem
-Reisewege, trotzdem hielt ich es für meine Christenpflicht, zu kommen.
-
- (Alexandra Iwanowna flüstert der Jugend etwas zu. Die jungen
- Leute besprechen sich miteinander und gehen dann, außer Boris,
- sämtlich auf die Veranda. Der Priester will ebenfalls gehen.)
-
-
-Zehnter Auftritt.
-
- =Maria Iwanowna.= =Alexandra Iwanowna.= =Die Fürstin.= =Pater
- Gerassim.= =Der Priester.= =Boris.=
-
-=Pater Gerassim.= Was ist denn? Bleiben Sie doch! Als Seelenhirt und
-Beichtvater können Sie hier sich und andern nützen. Also bleiben Sie
-nur, wenn Maria Iwanowna nichts dagegen hat.
-
-=Maria.= Durchaus nicht; ich habe Pater Wassili gern und rechne ihn
-zur Familie. Habe mich auch oft mit ihm beraten -- leider besitzt er,
-infolge seiner Jugend, zu wenig Autorität.
-
-=Pater Gerassim.= Gewiß, natürlich.
-
-=Alexandra= (näher tretend). Sie sehen also, Pater Gerassim, wie die
-Dinge hier liegen. Sie allein können helfen und ihn zur Vernunft
-bringen. Er ist sonst so klug und gelehrt; aber Sie wissen, daß
-Gelehrsamkeit oft nur Schaden anrichtet. Ganz allmählich hat sich
-bei ihm eine Art geistiger Trübung entwickelt. Er behauptet, dem
-Christentum zufolge dürfe man kein Eigentum besitzen. Kann das sein?
-
-=Pater Gerassim.= Willkür, Überhebung, Lug und Trug! Die Kirchenväter
-haben die Frage längst entschieden. Aber wie hat es nur so weit kommen
-können?
-
-=Maria.= Wenn ich Ihnen alles erzählen soll, so war er zunächst, als
-wir heirateten, völlig gleichgültig gegen jede Religion. So lebten wir
-in bestem Einvernehmen die ersten zwanzig Jahre. Dann begann er zu
-grübeln. Vielleicht beeinflußte seine Schwester ihn, oder die Lektüre
--- jedenfalls grübelte er viel, las das Evangelium und wurde dann
-plötzlich sehr religiös, ging in die Kirche und suchte Mönche auf. Dann
-warf er das alles plötzlich beiseite, änderte seine ganze Lebensweise,
-verrichtete alle Arbeit, ließ sich nicht mehr bedienen und beginnt
-jetzt sogar sein Hab und Gut zu verteilen. Gestern hat er ein großes
-Stück Wald verschenkt. Ich habe Angst wegen der sieben Kinder. Sprechen
-Sie mit ihm. Ich werde ihn fragen, ob er Sie sehen will. (Sie geht ab.)
-
-
-Elfter Auftritt.
-
- =Die Vorigen= ohne Maria Iwanowna.
-
-=Pater Gerassim.= Groß ist heutzutage die Zahl der Abtrünnigen! Gehört
-die Besitzung ihm oder der Frau?
-
-=Fürstin.= Ihm. Das ist ja das Leiden.
-
-=Pater Gerassim.= Und welchen Rang bekleidet er?
-
-=Fürstin.= Keinen sehr hohen. Rittmeister, glaube ich. Er war Militär.
-
-=Pater Gerassim.= So fallen viele von der Kirche ab. In Odessa
-verschrieb sich eine Dame dem Spiritismus und richtete viel Unheil
-an. Trotzdem hat Gott der Herr sie in den Schoß der heiligen Kirche
-zurückgeführt.
-
-=Fürstin.= Sie werden verstehen, um was es sich handelt. Mein Sohn
-heiratet die eine Tochter. Ich habe meine Einwilligung gegeben. Aber
-das Mädchen ist an Luxus gewöhnt und muß versorgt werden. Meinem Sohn
-kann ich diese Last nicht zumuten, obgleich er sehr arbeitsam ist und
-viel verspricht.
-
-=Maria Iwanowna= und =Nikolai Iwanowitsch= (treten ein).
-
-
-Zwölfter Auftritt.
-
- =Die Vorigen.= =Maria Iwanowna= und =Nikolai Iwanowitsch=.
- Später =Stefan=, =Ljuba=, =Lisa=, =Tonja= und =Diener=.
-
-=Nikolai.= Guten Tag, Fürstin. Guten Tag ... Entschuldigen Sie, wie ist
-Ihr Name?
-
-=Pater Gerassim.= Meinen Segen wünschen Sie nicht?
-
-=Nikolai.= Nein.
-
-=Pater Gerassim.= Gerassim Fedorowitsch. Sehr angenehm.
-
-=Ein Diener= (bringt Frühstück und Wein).
-
-=Pater Gerassim.= Angenehme Witterung. Für die Ernte sehr günstig.
-
-=Nikolai.= Ich nehme an, Sie sind auf Veranlassung meiner Schwägerin
-in der Absicht gekommen, mich von meinen Verirrungen zu befreien und
-mich wieder auf den wahren Weg des Heils zurückzuführen. Wenn das der
-Fall ist, wollen wir nicht wie die Katze um den heißen Brei herumgehen,
-sondern uns sofort ans Werk machen. Ich leugne nicht, daß ich mit der
-Kirchenlehre nicht übereinstimme. Es war einmal der Fall: später wurde
-ich anderer Meinung. Doch wünsche ich von ganzer Seele die Wahrheit
-kennen zu lernen und nehme sie sofort an, wenn Sie sie mir zeigen.
-
-=Pater Gerassim.= Wie können Sie sagen, daß Sie der Kirchenlehre nicht
-glauben? Woran glauben Sie, wenn nicht an die Kirche?
-
-=Nikolai.= Ich glaube an Gott und sein Gebot, das uns im Evangelium
-gegeben ist.
-
-=Pater Gerassim.= Das lehrt auch die Kirche.
-
-=Nikolai.= Wenn sie es täte, würde ich ihr glauben; sie lehrt aber
-gerade das Gegenteil.
-
-=Pater Gerassim.= Sie kann nicht das Gegenteil lehren, weil sie von dem
-Herrn selbst bestätigt ist. Es heißt: »Euch ist die Macht gegeben ...
-und auf diesen Felsen will ich meine Gemeine bauen, und die Pforten der
-Hölle sollen sie nicht überwältigen.«
-
-=Nikolai.= Das hat damit nicht das geringste zu tun. Aber selbst
-zugegeben, daß Christus eine Kirche gegründet hat -- woher weiß ich
-denn, daß diese Kirche gerade Ihre ist?
-
-=Pater Gerassim.= Weil es heißt: »Wo zwei oder drei versammelt sind in
-meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen.«
-
-=Nikolai.= Auch das hat hierauf gar keine Beziehung und beweist nicht
-das geringste.
-
-=Pater Gerassim.= Wie kann man nur so die Kirche verwerfen, die doch
-allein alle Gnadenmittel besitzt.
-
-=Nikolai.= Ich habe sie erst verworfen, als ich mich überzeugt hatte,
-daß sie alle möglichen Einrichtungen unterstützt, die dem Christentum
-direkt zuwiderlaufen.
-
-=Pater Gerassim.= Die Kirche kann nicht irren, weil in ihr allein die
-Wahrheit ist. Im Irrtum wandeln die Abtrünnigen; die Kirche aber ist
-heilig.
-
-=Nikolai.= Ich habe Ihnen schon gesagt, daß ich das nicht anerkenne.
-Ich erkenne es deswegen nicht an, weil ich -- wie es im Evangelium
-heißt: »an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen,« weil ich erkannt
-habe, daß die Kirche den Eid, Morde und Hinrichtungen segnet.
-
-=Pater Gerassim.= Die Kirche erkennt die von Gott selbst eingesetzte
-Obrigkeit an und segnet sie.
-
-=Stefan=, =Ljuba=, =Lisa= und =Tonja= (treten im Verlauf des Disputs
-nach und nach ein, setzen sich oder bleiben stehen und hören zu).
-
-=Nikolai.= Ich weiß, daß es im Evangelium heißt, nicht nur: du sollst
-nicht töten, sondern: du sollst nicht zürnen. Die Kirche aber erteilt
-ganzen Armeen den Segen. Im Evangelium heißt es: du sollst nicht
-schwören; die Kirche läßt den Eid zu. Im Evangelium heißt es ...
-
-=Pater Gerassim.= Erlauben Sie, als Pilatus sagte: »Ich beschwöre dich
-beim lebendigen Gotte ...« erkannte Christus den Eid an, indem er
-antwortete: »Ich bin es.«
-
-=Nikolai.= Ach, was reden Sie da! Das ist doch einfach lächerlich.
-
-=Pater Gerassim.= Deswegen erlaubt die Kirche nicht jedem einzelnen,
-das Evangelium auszulegen, damit er nicht in Irrtum verfällt, sondern
-sie sorgt für ihn, wie eine Mutter für ihr Kind, und gibt jedem die
-Auslegung, die für ihn paßt. Nein, lassen Sie mich zu Ende reden. Die
-Kirche bürdet ihren Anhängern keine unerträglichen Lasten auf, sondern
-verlangt nur die Erfüllung der Gebote: Liebe deinen Nächsten, du sollst
-nicht töten, nicht stehlen, nicht ehebrechen.
-
-=Nikolai.= Jawohl: du sollst mich nicht töten, mir nicht stehlen, was
-ich selbst gestohlen habe. Wir alle haben das Volk bestohlen, haben ihm
-den Grund und Boden genommen und erlassen hinterher Gebote: Du sollst
-nicht stehlen. Die Kirche aber gibt allem ihren Segen.
-
-=Pater Gerassim.= Arglist, Hochmut spricht aus Ihnen. Ihren Stolz
-müssen Sie bezwingen.
-
-=Nikolai.= Durchaus nicht. Ich frage Sie, wie ich nach christlichem
-Gebote handeln muß. Ich habe meine Sünde erkannt, die darin liegt, daß
-ich das Volk des Grundes und Bodens beraube und dadurch in Knechtschaft
-halte. Was soll ich jetzt tun? Noch weiter Land besitzen und die
-Dienstleistungen hungriger Menschen für solche Dinge benutzen? (Er
-deutet auf den Diener, der das Frühstück und den Wein hereingebracht
-hat.) Oder soll ich das Land denen zurückgeben, denen meine Vorfahren
-es geraubt haben?
-
-=Pater Gerassim.= Sie müssen handeln, wie es einem Sohn der Kirche
-geziemt. Sie haben eine Familie und Kinder, für die Sie sorgen, die Sie
-standesgemäß erziehen lassen müssen.
-
-=Nikolai.= Warum?
-
-=Pater Gerassim.= Weil Gott Sie in diese Lage versetzt hat. Wenn Sie
-Wohltätigkeit üben wollen, tun Sie es, indem Sie einen Teil Ihrer Habe
-den Armen geben und sie durch Zuspruch trösten.
-
-=Nikolai.= Dem reichen Jüngling wurde doch aber gesagt, ein Reicher
-könne nicht ins Himmelreich kommen.
-
-=Pater Gerassim.= Mit dem Zusatz: Wenn du vollkommen sein willst.
-
-=Nikolai.= Ich möchte eben vollkommen sein. Es heißt im Evangelium:
-Seid vollkommen, wie auch euer Vater im Himmel vollkommen ist.
-
-=Pater Gerassim.= Man muß aber auch wissen, worauf sich solche Worte
-beziehen.
-
-=Nikolai.= Ich bemühe mich darum. Alles, was in der Bergpredigt steht,
-ist durchaus einfach und verständlich.
-
-=Pater Gerassim.= Das sagt Ihr Hochmut.
-
-=Nikolai.= Wieso Hochmut? Heißt es doch: Was den Weisen verborgen ist,
-wird den Unmündigen offenbar.
-
-=Pater Gerassim.= Den Sanftmütigen, von Herzen Demütigen, aber nicht
-den Hochmütigen.
-
-=Nikolai.= Wer ist denn hier hochmütig? Ich, der ich mich für genau
-solchen Menschen halte wie alle anderen, und der deswegen genau wie
-alle anderen von seiner Hände Arbeit in ebensolcher Not wie die Brüder
-leben will -- oder diejenigen, die sich als besondere Wesen, als
-Heilige betrachten, die im alleinigen Besitz der Wahrheit sich nicht
-irren können und die Worte Christi nach ihrer Art auslegen?
-
-=Pater Gerassim= (gekränkt). Verzeihen Sie, Nikolai Iwanowitsch, ich
-hin nicht hergekommen, um mit Ihnen darüber zu streiten, wer von uns
-beiden recht hat, und auch nicht, um Belehrungen entgegenzunehmen,
-sondern ich bin auf Bitten Alexandra Iwanownas gekommen, um mit Ihnen
-über verschiedene Dinge Rücksprache zu nehmen. Sie wissen aber alles
-besser, deswegen schließe ich lieber die Unterredung. Nur möchte ich
-Sie zu guter Letzt im Namen Gottes noch einmal bitten: kommen Sie zur
-Besinnung; Sie sind in schrecklichem Irrtum befangen und richten sich
-zugrunde. (Er erhebt sich.)
-
-=Maria.= Wollen Sie nicht etwas frühstücken?
-
-=Pater Gerassim.= Nein, danke. (Er geht mit Alexandra Iwanowna ab.)
-
-
-Dreizehnter Auftritt.
-
- =Die Vorigen= ohne Alexandra Iwanowna und Pater Gerassim.
-
-=Maria= (zum Priester). Nun, was wird jetzt?
-
-=Priester.= Wieso? meiner Meinung nach hat Nikolai Iwanowitsch ganz
-recht; Pater Gerassim hat ihn nicht widerlegt.
-
-=Fürstin.= Er ist gar nicht zu Worte gekommen; besonders scheint es ihm
-mißfallen zu haben, daß hier eine Art Turnier veranstaltet wurde. Alle
-hörten zu. Da hat er sich aus Bescheidenheit entfernt.
-
-=Boris.= Denkt nicht daran. Alles, was er sagte, war falsch. So
-offenkundig falsch, daß er nicht weiter wußte.
-
-=Fürstin.= Ich sehe, daß du bei deinem wetterwendischen Sinn dich schon
-ganz auf Nikolai Iwanowitschs Seite schlägst. Wenn du aber so denkst,
-darfst du eben nicht heiraten.
-
-=Boris.= Ich sage nur: was wahr ist, muß wahr bleiben. In diesem Falle
-kann ich nicht schweigen.
-
-=Fürstin.= Du hättest am allermeisten Grund zu schweigen.
-
-=Boris.= Warum?
-
-=Fürstin.= Weil du arm bist und nichts zu verteilen hast. Übrigens geht
-uns das alles nichts an. (Sie geht ab.)
-
-=Alle übrigen= (folgen ihr außer Nikolai Iwanowitsch und Maria
-Iwanowna).
-
-
-Vierzehnter Auftritt.
-
- =Nikolai Iwanowitsch= und =Maria Iwanowna=.
-
-=Nikolai= (sitzt nachdenklich da; lächelt dann über seine Gedanken).
-Mascha! Wozu das? Warum hast du diesen kläglichen, im Irrtum befangenen
-Menschen kommen lassen? Warum mischen sich diese laute Frau und dieser
-Priester in unser intimstes Leben? Können wir unsere Angelegenheiten
-nicht selbst ordnen?
-
-=Maria.= Was soll ich tun, wenn du unsere Kinder ohne alle Mittel
-lassen willst. Das kann ich nicht ruhig mit ansehen. Du weißt, daß ich
-nicht selbstsüchtig bin und für mich nichts brauche.
-
-=Nikolai.= Das weiß ich und glaube ich. Das Unglück ist, daß du nicht
-glaubst, weder an die Wahrheit -- ich weiß, daß du sie siehst, du
-kannst dich aber nicht entschließen, an sie zu glauben. Weder an die
-Wahrheit glaubst du, noch an mich. Du glaubst dem Haufen -- der Fürstin
-und den anderen.
-
-=Maria.= Ich glaube dir, habe dir stets geglaubt; wenn du aber die
-Kinder zu Bettlern machen willst ...
-
-=Nikolai.= Das zeigt ja eben, daß du keinen Glauben hast. Meinst du,
-ich hätte nicht gekämpft, nicht Angst ausgestanden? Dann habe ich mich
-aber überzeugt, daß man so nicht nur handeln kann, sondern muß; daß es
-so allein für die Kinder das Notwendige, Gute ist. Du sagst immer, wenn
-die Kinder nicht wären, könnten wir leben wie wir wollten; dann würden
-wir nur uns zugrunde richten. Wir richten sie aber zugrunde.
-
-=Maria.= Was soll ich tun, da ich das nicht verstehe.
-
-=Nikolai.= Und was soll _ich_ tun? Ich weiß ja, weshalb ihr diesen
-kläglichen Menschen im Priesterkleid mit dem Kreuz auf der Brust
-verschrieben, und weshalb Aline den Notar mitgebracht hat. Ich soll
-die Besitzung auf deinen Namen schreiben lassen. Das kann ich nicht.
-Zwanzig Jahre lang habe ich dich geliebt. Ich liebe dich noch und will
-dein Bestes und kann deswegen das Gut nicht verschreiben. Wenn ich es
-tue, sollen die es haben, denen es fortgenommen ist -- die Bauern. Ich
-kann nicht anders, ich muß es ihnen geben. Und ich freue mich, daß der
-Notar zugegen ist, und will das gleich jetzt tun.
-
-=Maria.= Nein, das ist fürchterlich! Wie kann man nur so grausam sein.
-Du hältst es für sündhaft, das Gut zu behalten; so gib es doch mir.
-(Sie weint.)
-
-=Nikolai.= Du weißt nicht, was du sprichst. Wenn ich es dir gebe, kann
-ich nicht weiter mit dir leben, dann muß ich fort. Ich kann unter
-diesen Bedingungen nicht weiterleben; kann es nicht mit ansehen, daß,
-nicht mehr in meinem, sondern in deinem Namen, den Bauern das Mark aus
-den Knochen gepreßt wird und man sie ins Gefängnis wirft. Also wähle.
-
-=Maria.= Wie bist du grausam! Was ist denn das für ein Christentum?
-Das ist ja Bosheit. Ich kann doch nicht so leben, wie du willst. Kann
-meinen Kindern nicht alles nehmen, um es dem ersten besten zu geben.
-Und deshalb willst du mich verstoßen? Gut, tue es. Ich sehe, daß du
-mich nicht mehr liebst, und weiß auch, weshalb.
-
-=Nikolai.= Also gut, ich unterschreibe. Aber du verlangst von mir etwas
-Unmögliches, Mascha. (Er geht zum Tisch und unterschreibt.) Du hast es
-gewollt. Ich kann so nicht leben.
-
-
-
-
-Dritter Aufzug.
-
-
-In Moskau. Großes Zimmer.
-
- Darin eine Hobelbank, Tisch mit Papieren, Bücherschrank,
- Spiegel und ein durch Bretter verstelltes Bild.
-
-
-Erster Auftritt.
-
- =Nikolai Iwanowitsch= und ein =Tischler=.
-
- Nikolai Iwanowitsch arbeitet mit vorgebundener Schürze an der
- Hobelbank. Der Tischler hobelt.
-
-=Nikolai= (nimmt ein Brett aus der Hobelbank). Ist es so gut?
-
-=Tischler= (stellt seinen Schlichthobel). Nicht besonders. Sie müssen
-stärker drücken; sehen Sie, so!
-
-=Nikolai.= Sie haben gut reden. Es wird doch nichts.
-
-=Tischler.= Wozu geben Ew. Gnaden sich auch mit der Tischlerei ab? Gibt
-heutzutage so viele Tischler, daß man nicht mehr sein Auskommen findet.
-
-=Nikolai= (wieder bei der Arbeit). Man schämt sich, zu faulenzen.
-
-=Tischler.= Sie haben es doch nicht nötig. Ihnen hat ja Gott Vermögen
-gegeben.
-
-=Nikolai.= Ich bin eben der Meinung, Gott hat den Menschen nichts
-gegeben, sondern sie haben es sich genommen, ihren Brüdern abgenommen.
-
-=Tischler= (verwundert). Das ist schon richtig. Aber für Sie hat es
-doch keinen Zweck.
-
-=Nikolai.= Ich verstehe, daß Ihnen das wunderbar vorkommt. In diesem
-Hause, wo so viel Überfluß herrscht will jemand arbeiten.
-
-=Tischler= (lachend). Nein, das nicht gerade. Die Herrschaften sind mal
-so; die machen alles. Jetzt fahren Sie mal mit dem Schrupphobel darüber
-hin.
-
-=Nikolai.= Sie werden es nicht glauben, werden wieder lachen -- und
-doch sage ich Ihnen, daß ich früher ebenso gelebt und mich nicht
-geschämt habe. Jetzt glaube ich aber an Christi Lehre, daß wir alle
-Brüder sind, und geniere mich, so zu leben.
-
-=Tischler.= Wenn es Sie geniert, verschenken Sie doch Ihr Vermögen.
-
-=Nikolai.= Das wollte ich; es ist mir aber nicht geglückt. Ich hab’ es
-meiner Frau übergeben.
-
-=Tischler.= Sie können ja auch nicht; haben sich daran gewöhnt.
-
-=Ljuba= (hinter der Tür). Papa, darf ich herein?
-
-=Nikolai.= Gewiß, gewiß, du darfst immer.
-
-
-Zweiter Auftritt.
-
- =Die Vorigen= und =Ljuba=.
-
-=Ljuba= (eintretend). Guten Tag, Jakob.
-
-=Tischler.= Wünsche guten Tag, gnädiges Fräulein.
-
-=Ljuba.= Boris ist zum Regiment abgereist. Ich fürchte, er richtet da
-etwas an oder sagt etwas Ungehöriges. Was glaubst du?
-
-=Nikolai.= Was kann ich glauben? Er wird tun, was sein Inneres ihm
-befiehlt.
-
-=Ljuba.= Aber das ist schrecklich. Er hat nur noch so kurze Zeit zu
-dienen und richtet sich nun plötzlich zugrunde.
-
-=Nikolai.= Nur gut, daß er nicht zu mir gekommen ist; er weiß, daß ich
-ihm nichts anderes sagen kann, als was ihm bereits bekannt ist. Hat mir
-selbst gesagt, daß er deswegen seinen Abschied nähme, weil er einsieht,
-daß es keine gesetzwidrigere, tierisch grausamere Tätigkeit gibt
-als diese einzig auf Mord gerichtete, und daß nichts erniedrigender
-und gemeiner ist, als sich dem ersten besten rangälteren Beamten
-bedingungslos zu unterwerfen -- er weiß das auch alles.
-
-=Ljuba.= Das fürchte ich ja gerade, daß er es weiß und nun danach
-handeln will.
-
-=Nikolai.= Darüber entscheidet sein Gewissen, der Gott, der in ihm
-ist. Wenn er zu mir käme, würde ich ihm den einen Rat geben: nie aus
-Berechnung handeln, sondern nur, wenn sein ganzes Wesen es fordert. Es
-gibt nichts Schlimmeres. So wollte ich dem Gebot Christi gemäß Weib
-und Kinder verlassen und Ihm nachfolgen und war schon im Begriff, das
-auszuführen. Aber was war das Ende? Das Ende war, daß ich zurückkehrte
-und mit euch in der Stadt von Luxus umgeben lebe. Weil ich etwas tun
-wollte, was über meine Kräfte ging, geriet ich in diese erniedrigende
-Lage ohne Sinn und Verstand. Ich will einfach leben und arbeiten;
-dabei in dieser Umgebung mit Türhütern und Bedienten -- da muß ja
-eine Komödie herauskommen. Eben diesen Augenblick sehe ich, wie Jakob
-Nikanorowitsch mich auslacht ...
-
-=Tischler.= Wie werde ich! Sie bezahlen mich, geben mir schönen Tee.
-Dafür danke ich Ihnen.
-
-=Ljuba.= Ich denke, ob ich nicht zu ihm fahren soll.
-
-=Nikolai.= Mein Liebling, Täubchen, ich weiß, daß dir das alles schwer,
-ja schrecklich vorkommt, obwohl es anders sein müßte. Ich bin jetzt
-so weit, daß ich das Leben verstehe. Und ich sage dir: es kann nichts
-Schlimmes geben. Alles was uns schlimm erscheint, ist für das Herz eine
-Freude und Stärkung. Du mußt aber begreifen, daß jemand, der diesen
-Weg geht, zunächst vor eine Wahl gestellt ist. Und es gibt Lagen, wo
-das Göttliche und Teuflische sich das Gleichgewicht halten, wo die
-Wage schwankt. Gerade dann geht Gottes Werk im Menschen vor sich und
-gerade dann ist jede Einmischung äußerst gefährlich und verhängnisvoll.
-Wie soll ich sagen, es ist, als ob jemand schreckliche Anstrengungen
-macht, um eine Last zu schleppen -- dabei kann eine Berührung mit den
-Fingerspitzen ihm das Kreuz brechen.
-
-=Ljuba.= Wozu muß man denn aber leiden?
-
-=Nikolai.= Das ist gerade, wie wenn eine Mutter sagt: Wozu die Wehen?
-Es gibt keine Geburt ohne Wehen. Dasselbe ist im geistigen Leben der
-Fall. Eins will ich dir sagen: Boris ist ein wahrer Christ und deswegen
-im Innern frei. Und wenn du noch nicht so sein kannst wie er, nicht
-wie er von selbst an Gott glauben kannst, so glaub durch ihn an den
-Höchsten, an Gott.
-
-=Maria= (hinter der Tür). Darf ich herein?
-
-=Nikolai.= Immer herein. Das ist ja heute der reine Empfangstag.
-
-
-Dritter Auftritt.
-
- =Die Vorigen= und =Maria Iwanowna=.
-
-=Maria.= Unser Priester, Wassili Nikanorowitsch, ist da. Er fährt zum
-Bischof, hat sein Amt niedergelegt.
-
-=Nikolai.= Nicht möglich!
-
-=Maria.= Hier ist er. Ljuba, ruf ihn. Er will dich sprechen.
-
-=Ljuba= (geht).
-
-
-Vierter Auftritt.
-
- =Die Vorigen= ohne Ljuba.
-
-=Maria.= Ich möchte auch noch über Wanja mit dir sprechen. Er ist
-schrecklich ungezogen und lernt so schlecht, daß er sicher nicht
-versetzt wird. Wenn ich es ihm sage, wird er frech.
-
-=Nikolai.= Mascha, du weißt doch, daß ich mit seiner ganzen Lebensweise
-und mit der Erziehung nicht einverstanden bin. Immer wieder quält mich
-die Frage: Darf ich ruhig zusehen, wie vor meinen Augen Wesen zugrunde
-gehen ...?
-
-=Maria.= Dann muß man eben andere bestimmte Maßregeln treffen. Was
-schlägst du vor?
-
-=Nikolai.= Ich kann nicht sagen, was. Ich will nur eins sagen: erstens,
-man muß sich von diesem verderblichen Luxus befreien.
-
-=Maria.= Damit die Kinder verbauern? Dazu kann ich meine Einwilligung
-nicht geben.
-
-=Nikolai.= Nun, dann frag mich nicht. Dann ist dir eben nicht zu helfen.
-
-=Der Priester= und =Ljuba= (kommen).
-
-
-Fünfter Auftritt.
-
- =Die Vorigen.= Der =Priester= und =Ljuba=.
-
-=Der Priester= und =Nikolai= (küssen sich).
-
-=Nikolai.= Haben Sie wirklich ein Ende gemacht?
-
-=Priester.= Ich konnte nicht länger.
-
-=Nikolai.= So schnell hatte ich das nicht erwartet.
-
-=Priester.= Es ging nicht anders. In unserem Beruf kann man nicht
-indifferent sein. Man soll die Beichte abnehmen, das Abendmahl reichen
--- und wenn man erkannt hat, daß das alles nicht die Wahrheit ist ...
-
-=Nikolai.= Und was wird jetzt?
-
-=Priester.= Jetzt fahre ich zum Bischof, zum Examen. Ich fürchte,
-man schickt mich ins Kloster Solowezk. Anfangs dachte ich daran, ins
-Ausland zu fliehen. Wollte Sie um Ihre Unterstützung bitten. Dann kam
-ich zur Besinnung: es wäre Kleinmut. Das einzige ist: meine Frau.
-
-=Nikolai.= Wo ist sie?
-
-=Priester.= Zu ihrem Vater gereist. Ihre Mutter war bei uns und hat das
-Söhnchen mitgenommen. Das tat weh. Ich hätte ihn gern ... (Er stockt,
-drängt die Tränen zurück.)
-
-=Nikolai.= Helf Gott Ihnen. Werden Sie bei uns bleiben?
-
-=Die Fürstin= (kommt ins Zimmer gelaufen).
-
-
-Sechster Auftritt.
-
- =Die Vorigen= und die =Fürstin=.
-
-=Fürstin.= Das war zu erwarten. Er hat den Gehorsam verweigert und
-sitzt im Arrest. Ich war dort, man hat mich nicht zu ihm gelassen.
-Nikolai Iwanowitsch, fahren Sie hin.
-
-=Ljuba.= Wieso den Gehorsam verweigert? Woher wissen Sie das?
-
-=Fürstin.= Ich war selbst dort. Wassili Andrejewitsch hat mir alles
-erzählt, ein Mitglied der Untersuchungskommission. Er kam einfach
-herein und erklärte, er würde nicht dienen, den Fahneneid nicht leisten
--- kurz alles, was Nikolai Iwanowitsch ihm beigebracht hat.
-
-=Nikolai.= Fürstin! Wie kann man das jemandem beibringen?
-
-=Fürstin.= Das weiß ich nicht. Jedenfalls ist das kein Christentum. Wie
-wäre das möglich? Sagen Sie doch ein Wort, Batjuschka.
-
-=Priester.= Ich bin kein Batjuschka mehr.
-
-=Fürstin.= Ganz egal. Sie sind ja ebenso. Freilich, Sie haben es gut.
-Aber ich lasse die Dinge nicht so gehen. Und was ist das für ein
-schändliches Christentum, durch das die Menschen leiden und zugrunde
-gehen. Ich hasse dieses euer Christentum. Ihr habt es gut, da ihr wißt,
-daß es euch nicht an den Kragen geht. Ich habe aber nur diesen einen
-Sohn, und ihr habt ihn ins Verderben gestürzt.
-
-=Nikolai.= So beruhigen Sie sich doch, Fürstin.
-
-=Fürstin.= Sie, Sie haben das fertig gebracht. Sie haben ihn
-unglücklich gemacht, Sie müssen ihn auch retten. Fahren Sie hin, reden
-Sie ihm zu, daß er diese Dummheiten unterläßt. Reiche Leute können sich
-das leisten, nicht aber wir.
-
-=Ljuba= (weint). Papa, was soll nun werden?
-
-=Nikolai.= Ich fahre hin. Vielleicht kann ich helfen. (Er nimmt die
-Schürze ab.)
-
-=Fürstin= (hilft ihm beim Ankleiden). Mich hat man nicht zu ihm
-gelassen; wir fahren zusammen, dann erreiche ich mein Ziel. (Sie geht
-ab.)
-
-
-
-
-Verwandlung.
-
-
-Militärkanzlei.
-
- Ein Schreiber sitzt am Tisch; vor der Tür gegenüber geht ein
- Posten auf und ab. Ein General mit seinem Adjutanten tritt ein.
- Der Schreiber springt auf, der Posten präsentiert.
-
-
-Erster Auftritt.
-
- =General.= =Adjutant.= =Schreiber.=
-
-=General.= Wo ist der Herr Oberst?
-
-=Schreiber.= Bei dem Rekruten, Ew. Exzellenz.
-
-=General.= Schön. Ich lasse ihn hierher bitten.
-
-=Schreiber.= Zu Befehl, Ew. Exzellenz.
-
-=General.= Was schreiben Sie da ab? Wohl die Aussagen des Rekruten?
-
-=Schreiber.= Zu Befehl, jawohl, Ew. Exzellenz.
-
-=General.= Geben Sie doch mal her.
-
-=Schreiber= (übergibt das Schriftstück und geht ab).
-
-
-Zweiter Auftritt.
-
- =Die Vorigen= ohne Schreiber.
-
-=General= (gibt das Schriftstück dem Adjutanten). Lesen Sie bitte vor.
-
-=Adjutant= (liest). »Auf die mir vorgelegten Fragen: 1) Warum ich den
-Fahneneid nicht leiste, 2) warum ich mich weigere, die Befehle der
-Vorgesetzten zu erfüllen, und 3) was mich dazu veranlaßt hat, nicht
-nur gegen das Militär, sondern auch gegen die höchste Macht im Staate
-kränkende Äußerungen zu tun -- erwidere ich zu 1) ich leiste den Eid
-deswegen nicht, weil ich mich zum Christentum bekenne. Das Christentum
-aber verbietet klar und deutlich den Eid, sowohl im Evangelium
-Matthäi V, 33--37 wie auch in der Epistel des Jakobus V, 12.«
-
-=General.= Schwadroneur. Der legt die Bibel auf seine Weise aus.
-
-=Adjutant= (fortfahrend). »Im Evangelium heißt es: ›Ihr sollt überhaupt
-nicht schwören. Eure Rede sei: Ja, ja, oder nein, nein; was darüber
-hinausgeht, ist vom Bösen.‹ In der Epistel des Jakobus: ›Vor allem,
-meine Brüder, schwört nicht; weder beim Himmel, noch bei der Erde,
-noch sonst einen Schwur. Euer Ja sei Ja, euer Nein -- Nein, damit
-ihr nicht unter das Gericht fallt.‹ Aber ich will von dieser ganz
-klaren Vorschrift im Evangelium, daß man nicht schwören darf, ganz
-absehen; selbst wenn diese Vorschrift nicht existierte, könnte ich
-nicht schwören, die Befehle von Menschen auszuführen, da ich nach
-christlichem Gebot stets den Willen Gottes tun muß, der dem der
-Menschen widersprechen kann.«
-
-=General.= Schwadroneur. Wenn es nach mir ginge, gäbe es das nicht.
-
-=Adjutant= (liest). »Ich weigere mich aber, die Befehle von Leuten
-auszuführen, die sich Vorgesetzte nennen, weil ...«
-
-=General.= Diese Frechheit!
-
-=Adjutant.= ... »weil diese Befehle verbrecherisch, schlecht sind.
-Man verlangt von mir, ich soll in die Armee treten, mich zum Morde
-vorbereiten und ihn erlernen. Das ist im Alten wie im Neuen Testament
-verboten, und hauptsächlich verbietet es mir mein Gewissen. Auf die
-dritte Frage ...«
-
-=Der Oberst= (kommt mit dem Schreiber).
-
-=Der General= (gibt ihm die Hand).
-
-
-Dritter Auftritt.
-
- =Die Vorigen= und der =Oberst= mit dem =Schreiber=.
-
-=Oberst.= Sie lesen das Protokoll?
-
-=General.= Ja. Unverzeihliche Frechheiten. Nun, fahren Sie fort.
-
-=Adjutant= (liest). »Auf die dritte Frage: was mich veranlaßt hat,
-in der Verhandlung beleidigende Worte zu gebrauchen, erwidere ich,
-daß mich dazu der Wunsch veranlaßt hat, Gott zu dienen und den Betrug
-aufzudecken, der in Seinem Namen geschieht. Diesem Wunsch hoffe ich bis
-zu meinem Tode zu willfahren. Und deshalb ...«
-
-=General.= Nun, genug davon. Das Geschwätz nimmt ja gar kein Ende.
-Es handelt sich darum, hier gründlich Remedur zu schaffen, damit die
-Mannschaften nicht angesteckt werden. (Zum Oberst.) Haben Sie mit ihm
-gesprochen?
-
-=Oberst.= Jawohl, die ganze Zeit. Habe mich bemüht, ihm ins Gewissen zu
-reden, ihn zu überzeugen, daß er damit gar nichts ausrichtet, daß es
-das schlimmste ist, was er tun kann. Habe seine Familie erwähnt. Das
-regte ihn sehr auf; trotzdem blieb er bei seinem Standpunkt.
-
-=General.= Das viele Reden hat gar keinen Zweck. Wir sind Soldaten,
-nicht um zu reden, sondern um zu handeln. Lassen Sie ihn mal vorführen.
-
-=Adjutant= und =Schreiber= (gehen ab).
-
-
-Vierter Auftritt.
-
- =General= und =Oberst=.
-
-=General= (setzt sich). Nein, Herr Oberst, das ist nicht das richtige.
-Mit solchen Burschen muß man anders umspringen. Da heißt es energisch
-eingreifen, das kranke Glied schleunigst entfernen. Ein räudiges
-Schaf steckt die ganze Herde an. Zarte Rücksichten sind hier nicht
-angebracht; daß er Fürst ist, und eine Mutter und Braut hat, geht uns
-gar nichts an. Für uns ist er Soldat, und wir haben den Willen unseres
-allerhöchsten Vorgesetzten zu erfüllen.
-
-=Oberst.= Ich bin der Meinung, daß man ihn durch Zureden leichter
-schwankend macht.
-
-=General.= Ganz und gar nicht. Bestimmtheit, nur Bestimmtheit. Habe
-mit solchen Burschen schon zu tun gehabt. Der Mann muß fühlen, daß
-er ein Nichts, ein Sandkorn unter einem Wagen ist, der dadurch nicht
-aufgehalten wird.
-
-=Oberst.= Ja, man muß die Sache untersuchen.
-
-=General= (gerät allmählich in Wallung). Ach was, untersuchen. Ich habe
-nichts zu untersuchen. Ich diene meinem Kaiser seit vierundvierzig
-Jahren, bin diesem Dienst mit Leib und Seele ergeben, und nun kommt
-plötzlich so ein Bürschchen und will mich belehren und mir den
-Bibeltext lesen. Mag er sich mit Pfaffen darüber zanken, für mich ist
-er Soldat oder Arrestant. Damit basta.
-
-=Boris= (erscheint, von zwei Soldaten eskortiert).
-
-=Adjutant= und =Schreiber= (hinter ihm).
-
-
-Fünfter Auftritt.
-
- =Die Vorigen.= =Boris= mit zwei =Eskortesoldaten=, =Adjutant=
- und =Schreiber=.
-
-=General= (mit dem Finger zeigend). Da stellt ihn hin.
-
-=Boris.= Mich braucht man nicht hinzustellen. Ich stehe oder sitze, wo
-ich will; Ihre Macht über mich kann ich nicht ...
-
-=General.= Maul halten! Du erkennst keine Macht an? Ich werd’ dich
-schon lehren!
-
-=Boris= (setzt sich auf einen Stuhl). Wie unvernünftig, so zu schreien.
-
-=General.= Aufrichten, hinstellen den Mann.
-
-=Die Soldaten= (ziehen Boris in die Höhe).
-
-=Boris.= Das können Sie, Sie können mich sogar töten, aber mich nicht
-zwingen, Ihnen zu gehorchen ...
-
-=General.= Maul halten, hab’ ich befohlen. Hör’ zu, was ich dir sage.
-
-=Boris.= Ich will gar nicht hören, was _du_, _du_ sagst.
-
-=General.= Der Mann ist übergeschnappt. Muß ins Lazarett, auf seinen
-Geisteszustand untersucht werden. Weiter ist da nichts zu machen.
-
-=Oberst.= Wir haben Befehl, ihn auch von der Gendarmerie vernehmen zu
-lassen.
-
-=General.= Na also, schaffen Sie ihn hin. Aber vorher: einkleiden.
-
-=Oberst.= Er weigert sich.
-
-=General.= Dann wird er gefesselt. (Zu Boris.) Hören Sie also, was
-ich Ihnen sage. Mir ist es egal, was aus Ihnen wird. In Ihrem eigenen
-Interesse aber rate ich Ihnen: kommen Sie zur Vernunft. Sie werden in
-der Festung ja verfaulen. Und richten nicht das mindeste aus. Also
-lassen Sie das. Haben sich ereifert und ich ebenfalls. (Klopft ihn
-auf die Schulter.) Gehen Sie hin, leisten den Eid und unterlassen in
-Zukunft solche Sachen. (Zum Adjutanten.) Ist der Priester da? (Zu
-Boris.) Na, wie ist’s? (Boris schweigt.) Weshalb antworten Sie nicht?
-Es ist wirklich besser so. Man kann doch nicht mit dem Kopf durch die
-Wand rennen! Ihre Gedanken behalten Sie hübsch für sich. Dienen Ihr
-Jahr ab -- wir werden Sie nicht zwiebeln. Na, wie ist’s?
-
-=Boris.= Ich habe nichts weiter zu sagen.
-
-=General.= Sie erwähnen da in Ihrer Aussage einen Bibelvers. Darüber
-wissen die Popen besser Bescheid. Sprechen Sie mit Batjuschka und
-überlegen sich die Sache. Es ist wirklich besser so. Also leben Sie
-wohl; ich hoffe auf Wiedersehen, wenn Sie des Kaisers Rock tragen.
-Schicken Sie den Geistlichen her. (Er geht ab.)
-
-=Oberst= und =Adjutant= (folgen ihm).
-
-
-Sechster Auftritt.
-
- =Boris.= Der =Schreiber= und die =Soldaten=.
-
-=Boris= (zum Schreiber und den Soldaten). Da seht ihr, wie die Leute
-reden. Sie wissen selbst, daß sie euch betrügen. Gehorcht ihnen nicht!
-Legt die Waffen nieder! Geht auf und davon! Selbst wenn sie euch ins
-Strafbataillon stecken und halbtot prügeln -- ist immer noch leichter
-als diesen Betrügern gehorchen.
-
-=Schreiber.= Wie kann man ohne Militär leben? Nein, das geht nicht.
-
-=Boris.= Das ist nicht unsere Sache. Wir haben nur daran zu denken, was
-Gott von uns will. Gott aber will, daß wir ...
-
-=Soldat.= Es heißt doch aber immer: das christliche Heer?
-
-=Boris.= Das steht nirgends. Das haben die Betrüger sich ausgedacht.
-
-=Soldat.= Wie ist das möglich? Die Bischöfe müssen das doch wissen.
-
-=Gendarmerieoffizier= mit =Schreiber= (tritt ein).
-
-
-Siebenter Auftritt.
-
- =Die Vorigen.= =Gendarmerieoffizier= und =Schreiber=.
-
-=Gendarmerieoffizier= (zum Schreiber). Ist hier der Rekrut Fürst
-Tscheremschanow?
-
-=Schreiber.= Zu Befehl. Da ist er.
-
-=Gendarmerieoffizier.= Bitte sich hierher zu verfügen. Sind Sie Fürst
-Boris Semjonowitsch Tscheremschanow, der den Fahneneid nicht leisten
-will?
-
-=Boris.= Ja.
-
-=Gendarmerieoffizier= (setzt sich und deutet auf einen Platz
-gegenüber). Bitte, setzen Sie sich.
-
-=Boris.= Ich glaube, unsere Unterhaltung ist vollkommen überflüssig.
-
-=Gendarmerieoffizier.= Das glaube ich nicht. Für Sie wenigstens
-durchaus nicht, wie Sie sich sofort überzeugen werden. Mir ist
-mitgeteilt, Sie weigern sich, zu dienen und den Eid zu leisten; es
-besteht daher Verdacht, daß Sie zur revolutionären Partei gehören.
-Das habe ich zu untersuchen. Wenn es richtig ist, müssen wir Sie vom
-Militär fortnehmen und einsperren oder verbannen, je nach dem Grade
-Ihrer Beteiligung an der Revolution. Anderenfalls überlassen wir Sie
-der Militärbehörde. Sie sehen, daß ich offen mit Ihnen spreche und
-hoffe, daß Sie uns ebensolches Vertrauen entgegenbringen.
-
-=Boris.= Vertrauen kann ich zu Leuten, die das da tragen, (er deutet
-auf die Uniform) nicht haben. Außerdem ist Ihre Tätigkeit derart,
-daß ich sie durchaus nicht respektiere, sondern auf das gründlichste
-verabscheue. Ihre Fragen aber werde ich beantworten. Was wünschen Sie
-zu wissen?
-
-=Gendarmerieoffizier.= Gestatten Sie zunächst: Ihr Name, Beruf,
-Konfession?
-
-=Boris.= Das wissen Sie alles; darauf antworte ich nicht. Für mich ist
-nur eins wichtig: ich gehöre nicht zur griechisch-katholischen Kirche,
-bin kein sogenannter Rechtgläubiger.
-
-=Gendarmerieoffizier.= Welchen Glauben haben Sie denn?
-
-=Boris.= Das läßt sich nicht so schnell sagen.
-
-=Gendarmerieoffizier.= Nun, Sie werden doch irgendeine Antwort geben?
-
-=Boris.= Also ich bin Christ, nach der Lehre der Bergpredigt.
-
-=Gendarmerieoffizier.= Schreiben Sie.
-
-=Schreiber= (tut es).
-
-=Gendarmerieoffizier= (zu Boris). Sie betrachten sich doch aber als
-Angehörigen eines bestimmten Staates und Standes?
-
-=Boris.= Nein. Ich bezeichne mich als Mensch, Diener Gottes.
-
-=Gendarmerieoffizier.= Warum bezeichnen Sie sich nicht als russischen
-Staatsangehörigen?
-
-=Boris.= Weil ich keinen Staat anerkenne.
-
-=Gendarmerieoffizier.= Was heißt das? Wünschen Sie sein Aufhören?
-
-=Boris.= Ohne Frage. Darauf arbeite ich ja hin.
-
-=Gendarmerieoffizier= (zum Schreiber). Schreiben Sie. (Zu Boris.) Mit
-welchen Mitteln arbeiten Sie darauf hin?
-
-Boris. Indem ich den Betrug, die Lüge aufdecke und die Wahrheit
-verbreite. Gerade als Sie eintraten, sagte ich zu diesen Soldaten, sie
-sollten nicht an den Betrug glauben, den man an ihnen verübt.
-
-=Gendarmerieoffizier.= Außer diesen Mitteln der Überredung gebrauchen
-Sie doch noch andere?
-
-=Boris.= Nein. Jede Gewalttat halte ich für die größte Sünde. Nicht nur
-jede Gewalt, sondern sogar jede Heimlichkeit, jede List ...
-
-=Gendarmerieoffizier.= Schreiben Sie. Es ist gut. Jetzt gestatten Sie,
-daß ich mich nach Ihrem Umgang erkundige. Kennen Sie Iwaschenkow?
-
-=Boris.= Nein.
-
-=Gendarmerieoffizier.= Klein?
-
-=Boris.= Ich habe von ihm gehört, ihn aber nie gesehen.
-
-=Ein bejahrter Geistlicher= (mit Kreuz und Bibel tritt ein).
-
-=Schreiber= (läßt sich von ihm segnen).
-
-
-Achter Auftritt.
-
- =Die Vorigen= und der =Geistliche=.
-
-=Gendarmerieoffizier.= Ich denke, ich kann hier Schluß machen. Ich
-halte Sie nicht für gefährlich und nicht zu unserem Ressort gehörig.
-Wünsche Ihnen, daß Sie bald freikommen. Grüße Sie. (Gibt ihm die Hand.)
-
-=Boris.= Ich möchte Ihnen noch eins sagen. Verzeihen Sie mir, aber
-ich kann nicht anders. Warum haben Sie diese schlimme, böse Tätigkeit
-gewählt? Ich möchte Ihnen raten, sie aufzugeben.
-
-=Gendarmerieoffizier= (lächelnd). Ich danke Ihnen für Ihren Rat. Das
-hat seine Gründe. Also, ich empfehle mich. Batjuschka, ich trete Ihnen
-meinen Platz ab. (Er geht mit dem Schreiber ab.)
-
-
-Neunter Auftritt.
-
- =Die Vorigen= ohne Gendarmerieoffizier und Schreiber.
-
-=Priester.= Wie können Sie nur der Obrigkeit solchen Kummer machen?
-Ihre Christenpflicht nicht erfüllen, dem Zaren und Vaterlande nicht
-dienen?
-
-=Boris= (lächelnd). Gerade weil ich meine Christenpflicht erfüllen
-will, kann ich nicht Soldat sein.
-
-=Priester.= Warum nicht? Es heißt doch: »Wer sein Leben hingibt für
-seine Freunde, der ist ein wahrer Christ ...«
-
-=Boris.= Jawohl, sein Leben hingibt, aber nicht fremde vernichtet. Mein
-Leben hingeben, das will ich ja gerade.
-
-=Priester.= Sie urteilen nicht richtig, junger Mann. Johannes der
-Täufer sagte zu den Kriegsknechten: »... Lasset euch genügen an eurem
-Solde ...«
-
-=Boris= (lächelnd). Das beweist nur, daß schon damals die Soldaten
-plünderten, was er ihnen verbot.
-
-=Priester.= Aber warum wollen Sie nicht schwören?
-
-=Boris.= Sie wissen, daß das im Evangelium verboten ist.
-
-=Priester.= Ganz und gar nicht. Als Pilatus sagte: »Ich beschwöre
-dich beim lebendigen Gotte, bist du Christus?« antwortete Herr Jesus
-Christus: »Du sagst es.« Das heißt, der Eid ist nicht verboten.
-
-=Boris.= Schämen Sie sich wirklich nicht? Sie alter Mann ...
-
-=Priester.= Legen Sie Ihren Trotz ab, rate ich Ihnen! Wir können die
-Welt nicht ändern. Leisten Sie den Eid und alles geht gut. Was Sünde
-ist und was nicht, das zu entscheiden überlassen Sie der Kirche.
-
-=Boris.= Ihnen? Haben Sie denn keine Angst, so viel Sünde auf sich zu
-nehmen?
-
-=Priester.= Welche Sünde? Wer wie ich fest im Glauben erzogen ist und
-dreißig Jahre lang das Priesteramt versehen hat, der ist nicht voll
-Sünde.
-
-=Boris.= Auf wen fällt denn die Sünde, daß ihr so viele Menschen
-betrügt? Was steckt denn in all den Köpfen? (Er deutet auf den Posten.)
-
-=Priester.= Das wollen wir lieber nicht untersuchen, junger Mann.
-Dagegen würde uns Respekt vor dem Alter nicht übel anstehen.
-
-=Boris.= Lassen Sie mich. Sie tun mir leid und sind mir gleichzeitig
-widerwärtig. Wenn Sie noch wie jener General wären -- so aber kommen
-Sie mit Kreuz und Bibel und wollen mich im Namen Christi bereden,
-von Christus abzufallen. Gehen Sie fort. (Erregt.) Gehen Sie, lassen
-Sie mich! Führt mich fort, daß ich niemand mehr sehe. Ich bin müde,
-schrecklich müde.
-
-=Priester.= Also dann leben Sie wohl.
-
-=Adjutant= (tritt ein).
-
-
-Zehnter Auftritt.
-
- =Die Vorigen= und der =Adjutant=. =Boris= sitzt im Hintergrund.
-
-=Adjutant.= Nun, wie ist’s?
-
-=Priester.= Schrecklicher Trotz und Eigensinn.
-
-=Adjutant.= Er will also weder den Eid leisten noch dienen?
-
-=Priester.= Unter keinen Umständen.
-
-=Adjutant.= Dann muß er ins Lazarett.
-
-=Priester.= Ach so, Sie wollen ihn für krank erklären? Das ist
-allerdings bequemer. Solches Beispiel wirkt leicht ansteckend.
-
-=Adjutant.= Er soll auf seinen Geisteszustand untersucht werden. Das
-ist so befohlen.
-
-=Priester.= Gewiß, gewiß. Ich habe die Ehre. (Er geht ab.)
-
-
-Elfter Auftritt.
-
- =Die Vorigen= ohne Priester.
-
-=Adjutant= (auf Boris zutretend). Bitte. Ich habe Befehl, Sie
-fortzuführen.
-
-=Boris.= Wohin?
-
-=Adjutant.= Zunächst ins Hospital, wo Sie mehr Ruhe haben und Zeit zum
-Nachdenken ...
-
-=Boris.= Ich habe längst alles überlegt. Also fahren wir. (Er geht ab.)
-
-
-
-
-Verwandlung.
-
-
-Empfangszimmer im Lazarett.
-
- Ober- und Unterarzt, ein kranker Offizier im Kittel, Wärter in
- Blusen.
-
-
-Erster Auftritt.
-
- =Ein kranker Offizier.= =Oberarzt.= =Unterarzt.= =Wärter.=
-
-=Kranker.= Ich sage Ihnen, Sie machen mich hier krank. Habe mich
-mehrfach schon ganz gesund gefühlt.
-
-=Oberarzt.= Regen Sie sich nur nicht auf. Ich bin durchaus
-einverstanden, Sie zu entlassen; aber Sie wissen selbst, daß die
-Freiheit für Sie gefährlich ist. Wenn ich wüßte, daß Sie gute Pflege
-haben ...
-
-=Kranker.= Sie denken, ich würde wieder trinken? Nein, ich hab’ meinen
-Denkzettel weg. Dagegen wirkt jeder Tag, den ich hier noch verbringe,
-höchst schädlich auf mich. Sie tun das gerade Gegenteil von dem --
-(erregt) was Sie müßten. Sie sind grausam. Sie haben es freilich gut ...
-
-=Oberarzt.= Beruhigen Sie sich. (Er gibt den Wärtern ein Zeichen.)
-
-=Wärter= (treten von hinten heran).
-
-=Kranker.= Sie haben gut von Freiheit reden; was wird aber aus
-unsereins zwischen all den Verrückten? (Zu den Wärtern.) Was schleichst
-du da heran, Kerl! Scher dich fort!
-
-=Oberarzt.= Ich bitte Sie, beruhigen Sie sich.
-
-=Kranker.= Und ich bitte Sie und fordere Sie auf, mich zu entlassen.
-(Er kreischt laut auf und stürzt vorwärts.)
-
-=Wärter= (packen ihn).
-
- (Kampf; der Kranke wird abgeführt.)
-
-
-Zweiter Auftritt.
-
- =Oberarzt.= =Unterarzt.=
-
-=Unterarzt.= Geht die Sache wieder los? Beinah’ hätte er Sie gepackt.
-
-=Oberarzt.= Säufer und ... nichts zu machen. Kleine Besserung ist
-allerdings zu konstatieren.
-
-=Adjutant= (tritt ein).
-
-
-Dritter Auftritt.
-
- =Die Vorigen= und der =Adjutant=.
-
-=Adjutant.= Guten Tag.
-
-=Oberarzt.= Guten Morgen.
-
-=Adjutant.= Ich bringe Ihnen einen interessanten Fall. Fürst
-Tscheremschanow, der seiner Militärpflicht genügen soll, weigert sich
-auf Grund der Bibel. Zunächst wurde er zur Gendarmerie geschafft; die
-erklärt sich für inkompetent und findet ihn nicht verdächtig. Dann hat
-der Pope ihn ins Gebet genommen -- ebenfalls umsonst.
-
-=Oberarzt= (lacht). Und nun kommen Sie, wie stets, zu uns als letzter
-Instanz. Na, schaffen Sie den Herrn mal her.
-
-=Unterarzt= (geht hinaus).
-
-
-Vierter Auftritt.
-
- =Die Vorigen= ohne Unterarzt.
-
-=Adjutant.= Soll ein sehr gebildeter junger Mensch sein. Dabei eine
-reiche Braut. Höchst merkwürdig. Ich glaube wirklich, daß er hier am
-besten aufgehoben ist.
-
-=Oberarzt.= Na ja, ~mania simplex~ ...
-
-=Boris= (wird hereingeführt).
-
-
-Fünfter Auftritt.
-
- =Die Vorigen= und =Boris=.
-
-=Oberarzt.= Treten Sie näher. Setzen Sie sich, bitte. Wir wollen uns
-etwas unterhalten. (Zum Adjutanten.) Lassen Sie uns allein.
-
-=Adjutant= (geht ab).
-
-
-Sechster Auftritt.
-
- =Die Vorigen= ohne Adjutant.
-
-=Boris.= Wenn es sich einrichten läßt, möchte ich Sie bitten, falls Sie
-mich einsperren wollen, dieses recht bald zu tun, damit ich zur Ruhe
-komme.
-
-=Oberarzt.= Entschuldigen Sie, wir müssen unbedingt die bestehenden
-Vorschriften befolgen. Nur ein paar Fragen. Was empfinden Sie? Welches
-Leiden haben Sie?
-
-=Boris.= Gar keins. Ich bin vollkommen gesund.
-
-=Oberarzt.= Gewiß; Sie handeln aber nicht so wie alle anderen Menschen.
-
-=Boris.= Ich handle so, wie mein Gewissen mir befiehlt.
-
-=Oberarzt.= Sie haben sich geweigert, Ihrer Militärpflicht zu genügen.
-Wie motivieren Sie das?
-
-=Boris.= Ich bin Christ und kann deswegen nicht töten.
-
-=Oberarzt.= Man muß doch aber sein Vaterland gegen äußere Feinde
-verteidigen, muß den Feind im Innern, den Feind der öffentlichen
-Ordnung im Zaum halten.
-
-=Boris.= Das Vaterland greift niemand an; Feinde der öffentlichen
-Ordnung sind in den Kreisen der Regierenden weit häufiger als unter
-denen, die von der Regierung vergewaltigt werden.
-
-=Oberarzt.= Das heißt -- wie meinen Sie das?
-
-=Boris.= Eine der Hauptursachen alles Elends bei uns in Rußland ist der
-Branntwein. Er wird von der Regierung verkauft. Falsche Religionen,
-die zu Lug und Trug verleiten, werden von der Regierung verbreitet.
-Der Militärdienst, dessen Ableistung man von mir verlangt und der die
-Sittlichkeit am meisten untergräbt -- wird von der Regierung verlangt.
-
-=Oberarzt.= Ihrer Ansicht nach sind also Regierung und Staat
-überflüssig?
-
-=Boris.= Das weiß ich nicht. Dagegen weiß ich bestimmt, daß ich an dem
-Bösen nicht teilnehmen darf.
-
-=Oberarzt.= Was wird dann aber aus der Welt? Wir haben doch unsere
-Vernunft bekommen, um sie auch für Zukünftiges zu gebrauchen.
-
-=Boris.= Und ebenso, um einzusehen, daß die soziale Ordnung nicht
-mittels Gewalt, sondern auf gütlichem Wege aufrechterhalten wird, und
-daß die Weigerung eines einzelnen, am Bösen teilzunehmen, keine Gefahr
-bedeutet.
-
-=Oberarzt.= Jetzt möchte ich Sie ein wenig untersuchen. Bitte, legen
-Sie sich hin. (Er beginnt ihn zu betasten.) Fühlen Sie hier Schmerz?
-
-=Boris.= Nein.
-
-=Oberarzt.= Und hier?
-
-=Boris.= Nein.
-
-=Oberarzt.= Holen Sie tief Atem. Halten Sie den Atem an. Ich danke.
-Jetzt gestatten Sie. (Er holt ein Maß hervor und mißt Boris’ Stirn und
-Nase.) Jetzt seien Sie so gut, schließen Sie die Augen und gehen ein
-paar Schritte.
-
-=Boris.= Schämen Sie sich nicht, solche Sachen zu machen?
-
-=Oberarzt.= Was heißt, wie meinen Sie das?
-
-=Boris.= All diese Dummheiten? Sie wissen doch, daß ich gesund bin;
-daß man mich hierher geschickt hat, weil ich mich weigere, an den
-Verbrechen der anderen teilzunehmen; daß man auf die Wahrheit nichts zu
-erwidern weiß und daß man sich deswegen stellt, als hielte man mich für
-anormal! Und dazu leisten Sie Beistand! Das ist häßlich, schändlich.
-Lassen Sie das.
-
-=Oberarzt.= Also, Sie wollen die paar Schritte nicht gehen?
-
-=Boris.= Nein, ich will nicht. Sie können mich quälen, wie Sie wollen
--- aber ich werde Ihnen dabei nicht behilflich sein. (Erregt.) Lassen
-Sie das!
-
-=Der Oberarzt= (drückt auf die Klingel).
-
-=Zwei Wärter= (treten ein).
-
-
-Siebenter Auftritt.
-
- =Die Vorigen= und die =Wärter=.
-
-=Oberarzt.= Beruhigen Sie sich. Ich begreife vollkommen, daß Ihre
-Nerven aufgeregt sind. Wollen Sie nicht in Ihr Zimmer gehen?
-
-=Unterarzt= (tritt ein).
-
-
-Achter Auftritt.
-
- =Die Vorigen= und der =Unterarzt=.
-
-=Unterarzt.= Da ist Besuch für Tscheremschanow.
-
-=Boris.= Wer denn?
-
-=Unterarzt.= Sarynzew nebst Tochter.
-
-=Boris.= Ich möchte sie gern sehen.
-
-=Oberarzt.= Lassen Sie sie nur kommen. Sie können sie hier empfangen.
-(Er geht ab.)
-
-=Unterarzt= und die =Wärter= (folgen ihm).
-
-=Nikolai Iwanowitsch= und =Ljuba= (treten ein).
-
-=Die Fürstin= (blickt zur Tür hinein). Geht vorauf, ich komme später.
-
-
-Neunter Auftritt.
-
- =Boris=, =Nikolai Iwanowitsch= und =Ljuba=. Dann =Kranker= und
- =Wärter=.
-
-=Ljuba= (eilt auf Boris zu, faßt ihn am Kopf und küßt ihn). Armer
-Boris.
-
-=Boris.= Nein, bedaure mich nicht. Mir ist so gut, so froh, so leicht.
-Ich grüße Sie herzlich! (Er küßt Nikolai Iwanowitsch.)
-
-=Nikolai.= Ich bin gekommen, um dir vor allen Dingen eins zu sagen:
-in solcher Lage, wie du dich jetzt befindest, ist es weit schlimmer,
-sein Vorhaben zu ändern, als es nicht vollständig auszuführen. Zweitens
-muß man in solchen Fällen handeln, wie es im Evangelium heißt, nicht
-fortwährend daran denken, was man tun und was man sagen wird: »Wenn
-man euch vor die Obrigkeit und vor die Gewaltigen führt, so macht euch
-keine Sorge, was ihr sagen werdet, denn der Geist Gottes wird aus euch
-sprechen.« Das heißt, man muß nicht dann handeln, wenn die Überlegung
-es einem befiehlt, sondern wenn man mit seinem ganzen Wesen fühlt, daß
-man nicht anders kann.
-
-=Boris.= Das habe ich auch getan. Ich habe nicht die Absicht gehabt,
-den Dienst zu verweigern. Als ich aber diese ganze Verlogenheit sah,
-diese dicken Folianten,[2] die Akten, Polizisten, Kommissionsmitglieder
-mit der Zigarette im Munde -- _konnte_ ich nicht anders: ich _mußte_
-das sagen, was ich sagte. Es war schrecklich, aber nur so lange, bis
-ich begonnen hatte. Dann war alles einfach, froh und leicht.
-
- [2] Russisch: ~Serzalo~, etwa: Gerichtsspiegel. Es ist ein
- dreiteiliges mit dem Adler geschmücktes Gestell mit drei
- Ukasen Peters I. das in keinem Amtslokal fehlen darf.
-
- D. Ü.
-
-=Ljuba= (sitzt da und weint).
-
-=Nikolai.= Die Hauptsache ist: tu nichts um Menschenruhm, um den
-Beifall derer zu erringen, auf deren Meinung du Wert legst. Von mir
-kann ich sagen, daß wenn du jetzt den Eid leistest und dienst, daß ich
-dich dann nicht weniger liebe und verehre, ja noch mehr als früher,
-weil nicht das Wert hat, was in der äußeren Welt, sondern was in der
-Seele geschieht.
-
-=Boris.= Gewiß, denn was im Inneren geschehen ist, bewirkt auch in der
-äußeren Welt Veränderungen.
-
-=Nikolai.= Ja, das möchte ich dir ans Herz legen. Deine Mutter ist
-hier. Sie ist schrecklich niedergeschlagen. Was du der tun kannst, um
-was sie dich bittet, tu es. Das wollte ich dir sagen.
-
- (Im Korridor ertönt wahnsinniges Geheul.)
-
-=Ein Kranker= (kommt hereingestürzt).
-
-=Wärter= (hinter ihm, die ihn fortschleppen).
-
-=Ljuba.= Das ist fürchterlich. Und in solcher Umgebung sollst du
-bleiben? (Sie weint.)
-
-=Boris.= Es schreckt mich nicht. Mir ist jetzt nichts mehr schrecklich.
-Mir ist so gut. Nur eins macht mir Sorge: wie du das alles aufnimmst.
-Du mußt mir helfen. Ich bin überzeugt, du wirst mir helfen.
-
-=Ljuba.= Soll ich etwa vergnügt sein?
-
-=Nikolai.= Nicht vergnügt. Das kann man nicht, das bin ich auch nicht.
-Ich leide um ihn und würde von Herzen gern an seine Stelle treten;
-trotzdem leide ich und weiß, daß das gut ist.
-
-=Ljuba.= Schön. Wann wird er aber entlassen?
-
-=Boris.= Das weiß niemand. Ich denke nicht an die Zukunft. Die
-Gegenwart ist so schön. Und du kannst sie mir noch schöner machen.
-
-=Die Fürstin= (tritt ein).
-
-
-Zehnter Auftritt.
-
- =Die Vorigen= und die =Fürstin=.
-
-=Fürstin.= Nein, ich kann nicht länger warten. (Zu Nikolai
-Iwanowitsch.) Nun, haben Sie ihm zugeredet? Gibt er nach? Boris, mein
-Liebling, begreif doch, was ich ausstehe. Fast dreißig Jahre habe ich
-nur für dich gelebt, dich aufgezogen, meine Freude an dir gehabt. Und
-jetzt, wo alles fertig, wo das Werk vollendet ist, soll ich plötzlich
-allem entsagen! Ins Gefängnis -- diese Schande ... Nein, das ertrage
-ich nicht. Boris ...
-
-=Boris.= Mama, so hör doch.
-
-=Fürstin.= Weshalb reden Sie denn keinen Ton? Sie haben ihn ins
-Verderben gestürzt, Sie müssen ihn zur Vernunft bringen. Ljuba, sprich
-du doch mit ihm.
-
-=Ljuba.= Was kann ich ausrichten!
-
-=Boris.= Mama, begreif doch endlich, daß es Dinge gibt, die man nicht
-fertig bringt, ebensowenig fertig bringt wie das Fliegen. Dazu gehört
-für mich das Dienen.
-
-=Fürstin.= Ach, das bildest du dir ein. Unsinn, alle haben gedient
-und dienen noch. Du und Nikolai Iwanowitsch, ihr habt euch da ein
-Christentum ausgedacht, das gar keins ist. Eine Satanslehre, die nichts
-als Leiden schafft.
-
-=Boris.= Es steht so im Evangelium.
-
-=Fürstin.= Gar nichts steht da, und wenn es so dasteht, ist das sehr
-dumm ausgedrückt. Boris, mein Herzensjunge, hab doch Mitleid. (Sie
-fällt ihm um den Hals und weint.) Mein ganzes Leben war nichts als
-Kummer. Der einzige Sonnenstrahl warst du, und nun machst auch du mir
-diese Schmerzen. Boris, hab doch Erbarmen.
-
-=Boris.= Mama, es wird mir schrecklich schwer, aber ich kann dir nichts
-sagen.
-
-=Fürstin.= Schlag es mir nicht ab, versprich, daß du dienen wirst.
-
-=Nikolai.= Sag, du würdest es dir überlegen, und tu das.
-
-=Boris.= Also schön. Aber hab auch du mit mir Mitleid, Mama. Ich hab’
-es auch nicht leicht. (Man hört wieder Geschrei im Korridor.) Ich bin
-hier im Irrenhause und kann leicht selbst den Verstand verlieren.
-
-
-Elfter Auftritt.
-
- =Die Vorigen= und der =Oberarzt=.
-
-=Oberarzt= (eintretend). Durchlaucht, Ihr Besuch kann schädliche Folgen
-haben. Ihr Sohn ist sehr aufgeregt. Ich glaube, es ist angebracht, den
-Besuch zu beenden. Donnerstags und Sonntags ist Empfang, da kommen Sie
-bitte um zwölf Uhr.
-
-=Fürstin.= Schön, schön; also ich gehe. Leb wohl, Boris. Überleg es
-dir, hab Mitleid mit deiner Mutter, die sich freut, dich Donnerstag
-wiederzusehen. (Sie küßt ihn.)
-
-=Nikolai= (reicht ihm die Hand). Überleg mit Gott, als ob du morgen
-sterben müßtest. Nur dann triffst du das Richtige. Leb wohl.
-
-=Boris= (tritt zu Ljuba). Und was wirst du mir sagen?
-
-=Ljuba.= Ich kann nicht lügen. Ich verstehe nicht, warum du dich und
-andere quälst. Ich verstehe es nicht und kann dir nichts sagen. (Sie
-geht weinend ab. Hinter ihr alle übrigen, außer Boris.)
-
-
-Zwölfter Auftritt.
-
- =Boris= allein.
-
-=Boris.= Ach, wie ist das schwer. Ach, wie schwer! Herrgott, hilf mir.
-(Er betet.)
-
-=Wärter= (treten mit dem Anstaltskittel ein).
-
-
-Dreizehnter Auftritt.
-
- =Boris= und die =Wärter=.
-
-=Ein Wärter.= Kleiden Sie sich gefälligst um.
-
-=Boris= (gehorcht).
-
-
-
-
-Vierter Aufzug.
-
-
-Ein Jahr später in Moskau.
-
- Saal in Sarynzews Haus, der zu einem Tanzabend mit
- Klavierbegleitung hergerichtet ist. Diener stellen
- Blattpflanzen vor dem Flügel auf. Maria Iwanowna tritt in
- elegantem Seidenkleid mit Alexandra Iwanowna ein.
-
-
-Erster Auftritt.
-
- =Maria Iwanowna.= =Alexandra Iwanowna= und die =Diener=.
-
-=Maria.= Was redest du da von einem Ball? Das ist doch kein Ball,
-sondern einfach ein Tanzkränzchen, ~thé dansant~, wie man früher sagte.
-Ich kann doch meine Kinder nicht nur bei anderen Leuten tanzen lassen.
-Bei Makows haben sie Theater gespielt, überall getanzt -- da muß ich
-mich doch revanchieren.
-
-=Alexandra.= Ich fürchte nur, Nikolai ist nicht sehr entzückt davon.
-
-=Maria.= Was kann ich dabei ändern? (Zu einem Diener.) Hier stellen
-Sie die Pflanzen hin. Gott weiß, wie sehr ich mich bemühe, ihm alle
-Unannehmlichkeiten aus dem Wege zu räumen. Ich glaube übrigens, er ist
-jetzt schon nicht mehr so anspruchsvoll.
-
-=Alexandra.= O nein; er zeigt es nur nicht mehr so. Nach Tisch ist er
-sehr verstimmt in sein Zimmer gegangen.
-
-=Maria.= Was kann ich dabei machen? Was soll ich anfangen? Wir müssen
-doch alle leben. Sind jetzt sieben Kinder. Wenn man ihnen nicht ab und
-an zu Hause ein kleines Vergnügen bietet, stellen sie Gott weiß was an.
-Ich bin nur glücklich, daß es mit Ljuba so gekommen ist.
-
-=Alexandra.= Hat er schon seinen Antrag gemacht?
-
-=Maria.= So ungefähr. Er hat mit ihr gesprochen, und sie hat ihm ihr
-Jawort gegeben.
-
-=Alexandra.= Das ist wieder ein schwerer Schlag für ihn.
-
-=Maria.= Aber er weiß es doch. Muß es längst wissen.
-
-=Alexandra.= Er kann ihn nicht ausstehen.
-
-=Maria= (zu den Dienern). Stellen Sie die Früchte aufs Büfett. -- Wen?
-Alexander Michailowitsch? Natürlich liebt er ihn nicht, weil Alexander
-der verkörperte Widerspruch gegen all seine Theorien ist: ein lieber,
-guter, angenehmer Mensch und dabei Weltmann. Ach, dieser unglückliche
-Boris, der wie ein Alp auf mir lastet -- was macht er eigentlich?
-
-=Alexandra.= Lisa war bei ihm. Er ist immer noch »dort«. Soll
-schrecklich abgemagert sein; die Ärzte fürchten für sein Leben oder
-seinen Verstand.
-
-=Maria.= Den hat er mit seinen Ideen tatsächlich so weit gebracht.
-Warum mußte er zugrunde gehen! Ich habe die Verbindung übrigens nie
-gewünscht.
-
-=Ein Klavierspieler= (tritt ein).
-
-
-Zweiter Auftritt.
-
- =Die Vorigen= und der =Klavierspieler=.
-
-=Maria.= Sie sind der Klavierspieler?
-
-=Klavierspieler.= Jawohl, gnädige Frau.
-
-=Maria.= Bitte, nehmen Sie Platz. Es dauert noch etwas. Vielleicht
-wünschen Sie Tee?
-
-=Klavierspieler.= Nein, danke. (Er geht zum Flügel.)
-
-=Maria.= War stets dagegen. Ich hatte Boris sehr gern, trotzdem war er
-keine Partie für Ljuba. Besonders, als er sich für Nikolai Iwanowitschs
-Ideen begeisterte.
-
-=Alexandra.= Erstaunlich bleibt doch diese Überzeugungskraft! Was hat
-er auszustehen! Man sagt ihm, wenn er nicht nachgäbe, würde er entweder
-im Irrenhause bleiben oder auf Festung kommen. Trotzdem wiederholt er
-stets dasselbe. Und wie Lisa sagt, ist er froh, ja heiter gestimmt.
-
-=Maria.= Diese Fanatiker. Da ist übrigens Alexander Michailowitsch.
-
-=Alexander Michailowitsch Starkowski= (elegante Erscheinung im Frack,
-tritt ein).
-
-
-Dritter Auftritt.
-
- =Die Vorigen= und =Starkowski=.
-
-=Starkowski.= Ich komme wohl zu früh? (Er küßt beiden Damen die Hand.)
-
-=Maria.= Um so besser.
-
-=Starkowski.= Wie geht es Ihrem Fräulein Tochter? Sie wollte beim Tanz
-alles Versäumte nachholen, und ich hatte die Absicht, ihr zu helfen.
-
-=Maria.= Sie macht die Kotillonsachen zurecht.
-
-=Starkowski.= Da werde ich ihr helfen -- darf ich?
-
-=Maria.= Sehr liebenswürdig.
-
-=Starkowski= (will gehen).
-
-=Ljuba= (kommt ihm mit einem Kissen voll Orden und Bändern entgegen).
-
-
-Vierter Auftritt.
-
- =Die Vorigen= und =Ljuba=.
-
-=Ljuba= (in Abendtoilette, nicht dekolletiert). Ach, da sind Sie. Das
-ist schön. Sie können mir helfen. Da im Gastzimmer liegen noch zwei
-Kissen, die bringen Sie bitte her. Guten Abend, guten Abend!
-
-=Starkowski.= Ich eile, ich fliege. (Er geht ab.)
-
-
-Fünfter Auftritt.
-
- =Maria Iwanowna.= =Alexandra Iwanowna.= =Ljuba.=
-
-=Maria= (zu Ljuba). Hör mal, Ljuba. Heute kommen Bekannte, die
-Anspielungen machen und Fragen stellen. Darf ich die Verlobung
-bekanntgeben?
-
-=Ljuba.= Ach nein, Mama, nein. Wozu? Laß sie doch fragen. Es ist Papa
-so unangenehm.
-
-=Maria.= Aber er weiß es doch, oder errät es. Früher oder später muß
-man ihn doch einweihen. Ich denke, es ist am besten, heute alles
-bekanntzugeben. Es weiß ja jedes Kind ...
-
-=Ljuba.= Nein, nein, Mama, bitte nicht. Du verdirbst mir den ganzen
-Abend. Es ist wirklich nicht nötig.
-
-=Maria.= Wie du willst, mein Kind.
-
-=Ljuba.= Oder höchstens ganz gegen Schluß, eh’ wir zu Tisch gehen.
-
-=Starkowski= (kommt).
-
-
-Sechster Auftritt.
-
- =Die Vorigen= und =Starkowski=.
-
-=Ljuba.= Nun, haben Sie die Sachen?
-
-=Maria.= Also ich werde mal nach Natalie sehen. (Sie geht mit Alexandra
-Iwanowna ab.)
-
-
-Siebenter Auftritt.
-
- =Ljuba= und =Starkowski=.
-
-=Starkowski= (trägt drei Kissen, von denen er eins mit dem Kinn stützt
-und unterwegs fallen läßt). Bitte, bemühen Sie sich nicht, ich hebe es
-sofort auf.
-
-=Ljuba.= Ach, was haben Sie da gemacht! Hätten die Sachen richtig
-verteilen müssen. Wanja, komm mal her.
-
-
-Achter Auftritt.
-
- =Die Vorigen= und =Wanja=.
-
-=Wanja= (bringt noch mehr Kissen). Jetzt sind es alle. Ljuba, Alexander
-Michailowitsch und ich haben gewettet, wer am meisten Orden bekommt.
-
-=Starkowski.= Du hast es gut, du kennst alle, ich dagegen muß die
-Mädchenherzen erst erobern, um meine Belohnung zu erhalten. Trotzdem
-gebe ich dir vierzig Points vor.
-
-=Wanja.= Dafür bist du auch Bräutigam und ich noch ein Schuljunge.
-
-=Ljuba.= Wanja, geh doch bitte in mein Zimmer und hol mir den Gummi und
-das Nadelkissen von der Etagere.
-
-=Wanja= (setzt sich in Bewegung).
-
-=Ljuba.= Aber mach um Gottes willen nichts entzwei!
-
-=Wanja.= Alles mach’ ich entzwei. (Er läuft fort.)
-
-
-Neunter Auftritt.
-
- =Ljuba= und =Starkowski=.
-
-=Starkowski= (faßt Ljuba bei der Hand). Ljuba, darf ich? Ich bin so
-glücklich. (Er küßt ihre Hand.) Die Masurka ist mein, aber die genügt
-mir nicht. Dabei kann man sich so wenig unterhalten. Und ich habe so
-viel auf dem Herzen. Darf ich meinen Eltern telegraphieren, daß ich
-glücklicher Bräutigam bin?
-
-=Ljuba.= Ja, heute abend.
-
-=Starkowski.= Und noch eins: wie wird dein Vater die Nachricht
-aufnehmen? Habt ihr mit ihm gesprochen, ja?
-
-=Ljuba.= Ich nicht. Aber ich werde es ihm sagen. Er wird die Nachricht
-aufnehmen, wie alles, was die Familie betrifft; wird sagen: tu, was du
-für richtig hältst. Aber innerlich wird er traurig sein.
-
-=Starkowski.= Weil ich nicht Tscheremschanow bin, sondern Kammerjunker
-und Adelsmarschall?
-
-=Ljuba.= Ja. Ich habe mit mir selbst gekämpft, mich seinetwillen
-belogen. Nicht, weil ich ihn zu wenig liebe, kann ich nicht auf das
-eingehen, was er will, sondern weil ich mich nicht verstellen kann.
-Mein sehnlicher Wunsch ist: leben, leben!
-
-=Starkowski.= Das ist auch das einzig Wahre. Na, aber Tscheremschanow?
-
-=Ljuba= (erregt). Sprich nicht von ihm. Ich könnte mich hinreißen
-lassen, ihn zu verurteilen, jetzt, wo er leidet. Und ich weiß, daß das
-daher rührt, daß ich vor ihm schuldig bin. Ich weiß aber auch, daß es
-eine Liebe, eine wahre Liebe gibt, die ich für ihn nie empfunden habe.
-
-=Starkowski.= Ljuba, ist das wahr?
-
-=Ljuba.= Du möchtest von mir hören, daß ich diese wahre Liebe für dich
-empfinde? Aber das kann ich nicht. Gewiß, ich liebe dich anders --
-aber auch nicht richtig. Wenn man das eine und das andere zusammentun
-könnte ...
-
-=Starkowski.= Nun, ich bin schon zufrieden. Ljuba! (Er küßt ihr die
-Hand.)
-
-=Ljuba= (abwehrend). Nein, wir wollen hier aufräumen. Da kommen schon
-Gäste.
-
-=Die Fürstin= (kommt mit =Tonja= und einem kleinen Mädchen).
-
-
-Zehnter Auftritt.
-
- =Die Vorigen= und die =Fürstin= mit =Tonja= und dem kleinen
- =Mädchen=.
-
-=Ljuba.= Mama muß sofort erscheinen.
-
-=Fürstin.= Sind wir die ersten?
-
-=Starkowski.= Irgend jemand muß den Anfang machen. Vielleicht wird
-nächstens eine Gummipuppe erfunden, die immer die erste ist.
-
-=Stefan= (tritt ein).
-
-=Wanja= (bringt die gewünschten Sachen).
-
-
-Elfter Auftritt.
-
- =Die Vorigen.= =Stefan= und =Wanja=.
-
-=Stefan.= Ich hoffte, Sie gestern bei den Italienern zu treffen?
-
-=Tonja.= Wir waren bei Tante; haben Armenkleider genäht.
-
-=Studenten=, =Damen=, =Maria Iwanowna=, eine =Gräfin= (kommen).
-
-
-Zwölfter Auftritt.
-
- =Die Vorigen.= =Maria Iwanowna=, die =Gräfin=, =Studenten= und
- =Damen=.
-
-=Gräfin.= Werden wir Nikolai Iwanowitsch nicht sehen?
-
-=Maria.= Nein, er kommt nie aus seinem Zimmer.
-
-=Starkowski.= Bitte zur Quadrille die Herrschaften. (Er klatscht in die
-Hände. Man nimmt Aufstellung und tanzt.)
-
-=Alexandra= (tritt zu Maria Iwanowna). Er ist schrecklich erregt. War
-bei Boris, und als er nach Hause kommt, sieht er die Vorbereitungen
-zum Ball. Jetzt will er fort. Ich stand an der Tür und hörte seine
-Unterhaltung mit Alexander Petrowitsch.
-
-=Maria.= Worüber denn?
-
-=Starkowski.= ~Rond des Dames. Les cavaliers en avant.~
-
-=Alexandra.= Er erklärt es für unmöglich, hier weiter zu leben, und
-geht fort.
-
-=Maria.= Was für ein Quälgeist ist dieser Mann! (Sie geht ab.)
-
-
-
-
-Verwandlung.
-
-
-Nikolai Iwanowitschs Zimmer.
-
- Gedämpfte Klänge der Musik. Nikolai Iwanowitsch, im Überzieher,
- legt einen Brief auf den Tisch. Bei ihm der zerlumpte Alexander
- Petrowitsch.
-
-
-Erster Auftritt.
-
- =Nikolai Iwanowitsch= und =Alexander Petrowitsch=.
-
-=Alexander.= Seien Sie unbesorgt, bis zum Kaukasus kommen wir ohne
-einen Groschen. Und dort richten Sie sich schon ein.
-
-=Nikolai.= Bis Tula fahren wir, und dann geht’s zu Fuß. Nun ist alles
-fertig. (Er legt den Brief mitten auf den Tisch und will hinausgehen.
-Da stößt er auf Maria Iwanowna.)
-
-
-Zweiter Auftritt.
-
- =Nikolai Iwanowitsch=, =Alexander Petrowitsch= und =Maria
- Iwanowna=.
-
-=Nikolai.= Nun, was willst du hier?
-
-=Maria.= Was ich will? Ich will verhindern, daß du deine Grausamkeit
-auf die Spitze treibst. Warum das? Warum?
-
-=Nikolai.= Weil ich nicht länger so leben kann. Ich kann dieses
-entsetzliche, durch und durch unmoralische Leben nicht ertragen.
-
-=Maria.= Das ist fürchterlich. Mein Leben, das ich ganz dir und den
-Kindern widme, soll plötzlich unmoralisch sein! (Sie erblickt Alexander
-Petrowitsch.) ~Renvoyez au moins cet homme. Je ne veux pas qu’il soit
-témoin de cette conversation.~
-
-=Alexander.= ~Je comprends, madame; je pars aussitôt.~[3]
-
- [3] »Schick wenigstens diesen Menschen fort. Ich will nicht,
- daß er Zeuge dieser Unterhaltung wird.«
-
- »Ich verstehe, gnädige Frau. Ich reise sofort ab.«
-
-=Nikolai.= Erwarten Sie mich dort, Alexander Petrowitsch, ich komme
-sogleich.
-
-=Alexander= (geht ab).
-
-
-Dritter Auftritt.
-
- =Nikolai Iwanowitsch= und =Maria Iwanowna=.
-
-=Maria.= Was kannst du mit solchem Menschen gemein haben? Weshalb steht
-er dir näher als deine Frau? Das ist einfach unverständlich. Wohin
-willst du jetzt?
-
-=Nikolai.= Ich habe dir einen Brief hinterlassen. Ich wollte nicht mit
-dir sprechen; es wird mir zu schwer. Wenn du aber willst, werde ich dir
-alles sagen, so ruhig ich nur kann.
-
-=Maria.= Nein, ich kann dich nicht verstehen. Weshalb haßt und
-folterst du dein Weib, das dir alles hingegeben hat. Sag: habe ich
-Bälle besucht, mich geputzt, kokettiert? Mein ganzes Leben gehörte der
-Familie. Alle Kinder habe ich selbst genährt, erzogen; im letzten Jahre
-lag die ganze Last der Erziehung und all die geschäftlichen Sorgen auf
-meinen Schultern ...
-
-=Nikolai= (sie unterbrechend). Das kam daher, weil du nicht so leben
-wolltest, wie ich dir vorschlug.
-
-=Maria.= Ach, das ist ja unmöglich. Frag die ganze Welt. Wie kann ich
-die Kinder ohne jeden Unterricht lassen, wie deine Absicht ist, und
-selbst waschen und kochen.
-
-=Nikolai.= Das habe ich nie gewollt.
-
-=Maria.= Na, dann ungefähr so. Nein, du willst Christ sein, willst
-Gutes tun, sagst, du liebst die Menschen. Warum folterst du dann die
-Frau, die dir ihr ganzes Leben hingegeben hat?
-
-=Nikolai.= Wieso foltere ich dich? Ich liebe dich, aber ...
-
-=Maria.= Ist das keine Tortur, wenn du mich verstößt und fortgehst? Was
-werden die Leute sagen? Eins von beiden ist nur möglich: entweder bin
-ich ein verworfenes Frauenzimmer, oder du bist verrückt.
-
-=Nikolai.= Vielleicht bin ich verrückt; jedenfalls kann ich so nicht
-weiterleben.
-
-=Maria.= Was ist denn Schreckliches dabei, daß ich den ganzen Winter
-ein einziges Mal -- in ewiger Sorge, es könnte dir unangenehm sein --
-bei uns tanzen lasse! Frag Manja und Barbara Wassiljewna -- alle haben
-mir gesagt, es ginge nicht anders, es sei unbedingt nötig. Und das soll
-nun ein Verbrechen sein, für das ich diese Schande auf mich nehmen muß!
-Ja, nicht nur Schande -- das Schlimmste ist, daß du mich nicht mehr
-liebst; du liebst die ganze Welt, bis zu diesem betrunkenen Alexander
-Petrowitsch -- -- und dennoch liebe ich dich, kann nicht ohne dich
-leben. Warum das, warum? (Sie weint.)
-
-=Nikolai.= Du willst mein Leben, mein geistiges Leben nicht verstehen.
-
-=Maria.= Ich will es, kann es aber nicht. Ich sehe, daß dein
-Christentum bewirkt, daß du mich, deine Familie haßt. Wozu das nötig
-ist, begreife ich nicht.
-
-=Nikolai.= Andere begreifen es.
-
-=Maria.= Wer denn? Alexander Petrowitsch, der dich anbettelt?
-
-=Nikolai.= Er und andere, wie Tonja und Wassili Nikanorowitsch. Aber
-darauf kommt es nicht an. Wenn niemand mich verstehen würde, würde das
-nichts ändern.
-
-=Maria.= Wassili Nikanorowitsch hat Buße getan und sein Amt wieder
-angetreten. Tonja tanzt in diesem Augenblick und flirtet mit Stefan.
-
-=Nikolai.= Das ist sehr traurig, kann aber nicht bewirken, daß Schwarz
-Weiß wird, und kann mein Leben nicht ändern. Mascha! Ich bin für
-dich nicht nötig. Laß mich gehen. Ich habe versucht, an eurem Leben
-teilzunehmen, in dieses Leben das hineinzutragen, was für mich alles
-bedeutet. Es ist unmöglich. Die Folge ist nur, daß ich euch und mich
-quäle. Mich nicht nur quäle, sondern das Werk, das ich vorhabe,
-zuschanden mache. Jeder Mensch, wie zum Beispiel dieser Alexander
-Petrowitsch, hat das Recht, mir zu sagen, ich sei ein Betrüger, der
-nicht so handelt, wie er spricht, der nach dem Evangelium Armut
-predigt, selbst aber in Luxus lebt unter dem Vorwande, alle Habe an
-seine Frau abgetreten zu haben.
-
-=Maria.= Du schämst dich vor den Leuten? Kannst du dich darüber nicht
-erheben?
-
-=Nikolai.= Ich schäme mich nicht -- oder doch nur wenig -- aber ich
-richte das Werk Gottes zugrunde.
-
-=Maria.= Du hast selbst gesagt, daß dieses Werk auch dann geschieht,
-wenn wir uns ihm widersetzen. Doch darum handelt es sich nicht. Sag,
-was du von mir forderst.
-
-=Nikolai.= Das habe ich schon gesagt.
-
-=Maria.= Aber Nikolai, du weißt doch, daß das unmöglich ist. Bedenk
-doch, Ljuba soll jetzt heiraten. Wanja bezieht die Universität. Mischa
-und Katja besuchen die Schule -- soll denn das alles unterbrochen
-werden?
-
-=Nikolai.= Also was soll ich jetzt tun?
-
-=Maria.= Was du selbst predigst: ausharren, uns lieben. Wird dir das so
-schwer? Ertrag nur unsere Gegenwart, entzieh dich uns nicht. Was quält
-dich denn so?
-
-=Wanja= (kommt hereingelaufen).
-
-
-Vierter Auftritt.
-
- =Die Vorigen= und =Wanja=.
-
-=Wanja.= Mama, du wirst gerufen.
-
-=Maria.= Sag, ich könnte jetzt nicht. Geh, geh.
-
-=Wanja.= Komm aber bald. (Er geht ab.)
-
-
-Fünfter Auftritt.
-
- =Nikolai Iwanowitsch= und =Maria Iwanowna=.
-
-=Nikolai.= Du willst nichts sehen und mich nicht begreifen.
-
-=Maria.= Ich will schon, aber ich kann nicht.
-
-=Nikolai.= Nein, du willst nicht, wir kommen immer mehr auseinander.
-Dring einmal in mein Inneres ein, versetz dich einen Augenblick in
-meinen Zustand, so wirst du mich verstehen. Zunächst ist unser ganzes
-Leben hier unmoralisch. Du bist böse über dieses Wort, ich kann aber
-ein Leben, das ganz und gar auf Ausbeutung anderer beruht, nicht
-anders nennen. Das Geld, von dem ihr lebt, ist der Ertrag des Landes,
-das ihr dem Volk abgenommen habt. Außerdem sehe ich, daß dieses
-Leben die Kinder verdirbt. »Wehe dem, der dieser Geringsten einen
-ärgert«, heißt es; ich aber sehe, wie die Kinder vor meinen Augen
-verdorben werden und zugrunde gehen. Ich kann es nicht mit ansehen, daß
-erwachsene Menschen, gleich Sklaven, in Livreen gesteckt werden und uns
-bedienen müssen. Jedes Mittagessen ist für mich eine Qual.
-
-=Maria.= Aber das war doch immer so, bei allen, im Auslande und überall.
-
-=Nikolai.= Seitdem ich begriffen habe, daß alle Menschen Brüder sind,
-kann ich das nicht mehr mit ansehen und darunter leiden.
-
-=Maria.= Es steht doch aber jedem frei. Schließlich kann man sich alles
-ausdenken.
-
-=Nikolai= (erregt). Diese Verständnislosigkeit ist aber wirklich
-schrecklich. Heute zum Beispiel. Ich bin morgens im Asyl für
-Obdachlose, sehe, wie da ein Kind direkt vor Hunger stirbt, wie ein
-Knabe Alkoholiker geworden ist, wie eine schwindsüchtige Wäscherin
-Wäsche spült. Dann komme ich nach Hause, ein Diener in weißer Binde
-öffnet mir die Tür; ich sehe, wie mein Herr Sohn sich von dem Diener
-Wasser bringen läßt, sehe diese Armee von Bedienten, die für uns
-arbeiten. Darauf fahre ich zu Boris, einem Menschen, der für die
-Wahrheit sein Leben läßt, sehe, wie man den gesunden, kräftigen,
-entschlossenen Mann mit Vorbedacht dem Wahnsinn und Verderben in
-die Arme jagt, um ihn los zu werden. Die Leute wissen, daß er einen
-Herzfehler hat, und erregen und reizen ihn, schleppen ihn ins
-Irrenhaus. Nein, das ist fürchterlich, fürchterlich. Und dann komme ich
-nach Hause und erfahre, daß die eine Tochter, die nicht mich, sondern
-die Wahrheit verstanden hatte, daß die gleichzeitig ihrem Bräutigam,
-dem sie ihre Liebe versprochen, und der Wahrheit entsagt hat und einen
-Lakaien und Lügner heiraten will ...
-
-=Maria.= Nennst du das christlich gedacht?
-
-=Nikolai.= Nein, es ist häßlich, ich fühle mich schuldig; aber ich will
-doch nur, daß du dein Ich einmal in das meinige hineinversetzt. Ich
-sage nur, sie hat der Wahrheit entsagt ...
-
-=Maria.= Du sagst: der Wahrheit; andere, die meisten, sagen: dem
-Irrtum. Wassili Nikanorowitsch glaubte auch, er sei auf falschem Wege
--- jetzt ist er aber in den Schoß der Kirche zurückgekehrt.
-
-=Nikolai.= Nicht möglich!
-
-=Maria.= Er hat Lisa geschrieben; sie wird dir den Brief zeigen. Lauter
-vorübergehende Erscheinungen. So auch mit Tonja; ganz zu geschweigen
-von Alexander Petrowitsch, der die Sache einfach ausnutzt.
-
-=Nikolai= (ärgerlich). Einerlei. Ich bitte nur, mich zu verstehen.
-Wahrheit bleibt für mich stets Wahrheit. Aber das alles tut sehr weh.
-Dort sterben Leute Hungers, hier sehe ich diesen Ball, der Hunderte
-verschlingt. Ich kann so nicht leben. Hab Erbarmen mit mir, ich bin am
-Ende meiner Kraft. Laß mich gehen. Leb wohl.
-
-=Maria.= Wenn du gehst, gehe ich mit dir. Wenn ich dich nicht begleiten
-kann, werfe ich mich unter die Räder des Zuges, mit dem du fortfährst.
-Dann mögen alle zugrunde gehen, mit Mischa und Katja. Mein Gott, mein
-Gott! Diese Qual! Wofür das, wofür? (Sie weint.)
-
-=Nikolai= (in der Tür). Alexander Petrowitsch, gehen Sie nach Hause.
-Ich fahre nicht. Ich bleibe, schön. (Er legt den Rock ab.)
-
-=Maria= (umarmt ihn). Wir haben nicht mehr lange zu leben. Laß uns
-unser Leben nicht nach achtundzwanzigjähriger Ehe verderben. Ich werde
-keine Bälle mehr geben. Aber straf mich nicht auf diese Weise.
-
-
-Sechster Auftritt.
-
- =Die Vorigen.= =Wanja= und =Katja=.
-
-=Wanja= und =Katja= (kommen hereingelaufen). Mama, komm doch schnell.
-
-=Maria.= Ich komme schon, ich komme. Also wollen wir uns gegenseitig
-verzeihen. (Sie geht mit Wanja und Katja ab.)
-
-
-Siebenter Auftritt.
-
- =Nikolai Iwanowitsch= allein.
-
-=Nikolai.= Ein Kind, genau wie ein Kind, oder ein listiges Weib. Nein,
-ein listiges Kind. Ja, ja. Herr Gott, ich sehe, du willst nicht, daß
-ich an deinem Werk mitarbeite; ich soll erniedrigt werden, auf daß
-alle mit dem Finger auf mich deuten und sagen: er redet, handelt aber
-nicht. Nun, mag es so sein. Du weißt am besten, was not tut. Demut,
-Herzenseinfalt. Wenn ich nur zu Ihm gelange.
-
-=Lisa= (kommt).
-
-
-Achter Auftritt.
-
- =Nikolai Iwanowitsch= und =Lisa=.
-
-=Lisa.= Verzeihen Sie, ich bringe Ihnen einen Brief von Wassili
-Nikanorowitsch. Er schreibt an mich, bittet aber, Ihnen Mitteilung zu
-machen.
-
-=Nikolai=. Ist es denn wahr?
-
-=Lisa.= Ja. Soll ich vorlesen?
-
-=Nikolai.= Lies nur.
-
-=Lisa= (liest). »Ich schreibe Ihnen und bitte Sie, Nikolai Iwanowitsch
-Mitteilung zu machen. Ich bedaure die Verirrung, in der ich offen
-von der heiligen, griechisch-katholischen Kirche abgefallen bin, und
-freue mich, in ihren Schoß zurückgekehrt zu sein. Ihnen und Nikolai
-Iwanowitsch wünsche ich dasselbe. Bitte, verzeihen Sie mir.«
-
-=Nikolai.= Wie wird man den Ärmsten gequält haben! Trotzdem ist es
-schrecklich.
-
-=Lisa.= Dann möchte ich Ihnen noch sagen, daß die Fürstin da ist.
-Sie kam schrecklich erregt zu mir nach oben und will Sie unter
-allen Umständen sprechen. Sie kommt von ihrem Sohn. Ich glaube, es
-ist besser, Sie empfangen sie nicht. Was kann aus der Unterredung
-herauskommen?
-
-=Nikolai.= Nein, bring sie nur her. Dies scheint heute ein
-schrecklicher Tag der Prüfungen zu sein.
-
-=Lisa=. Also ich hole sie. (Sie geht ab.)
-
-
-Neunter Auftritt.
-
- =Nikolai Iwanowitsch= allein.
-
-=Nikolai.= Ja, ja, nur stets daran denken, daß das Leben im Dienste des
-Höchsten besteht, daß, wenn Er mir Prüfungen schickt, es geschieht,
-weil Er mich für stark genug hält, sie zu ertragen. Sonst wären es
-keine Prüfungen ... Vater! hilf mir, nicht meinen, sondern Deinen
-Willen zu tun.
-
-=Die Fürstin= (tritt ein).
-
-
-Zehnter Auftritt.
-
- =Nikolai Iwanowitsch= und die =Fürstin=.
-
-=Fürstin.= Also man würdigt mich wirklich, empfangen zu werden. Alle
-Achtung! Die Hand gebe ich Ihnen nicht, weil ich Sie hasse und verachte.
-
-=Nikolai.= Was ist denn geschehen?
-
-=Fürstin.= Ins Strafbataillon wird er gesteckt. Und das haben Sie
-fertig gebracht.
-
-=Nikolai.= Fürstin, wenn Sie etwas von mir wünschen, so sagen Sie
-es; wenn Sie mich aber nur schelten wollen, schaden Sie sich selbst.
-Kränken können Sie mich nicht, weil ich Sie von ganzem Herzen bedaure
-und Mitleid mit Ihnen habe.
-
-=Fürstin.= Schöne Mitleid, dieses Pharisäertum! Nein, Herr Sarynzew,
-mich betrügen Sie nicht. Wir kennen Sie jetzt. Meinen Sohn haben Sie
-zugrunde gerichtet, das macht Ihnen nichts aus -- aber Sie selbst
-geben Bälle, und die Braut meines Sohnes, Ihre Tochter, heiratet einen
-anderen, macht eine Partie, die Ihnen gefällt. Dabei predigen Sie
-Einfachheit, Rückkehr zur Natur, machen Tischlerarbeit. O, wie ich Sie
-verabscheue in Ihrem neuen Pharisäertum!
-
-=Nikolai.= Fürstin, beruhigen Sie sich. Sagen Sie, was Sie von mir
-wünschen. Sie sind doch nicht nur hergekommen, um mich zu beschimpfen.
-
-=Fürstin.= Deshalb auch. Ich muß meinen Schmerz auslassen. Und ich
-wünsche von Ihnen folgendes. Er wird ins Strafbataillon gesteckt. Das
-ertrage ich nicht. Sie haben es dahin gebracht. Sie, Sie, Sie!
-
-=Nikolai.= Nicht ich, sondern Gott. Und Gott sieht, wie sehr Sie mir
-leid tun. Widersetzen Sie sich Gottes Willen nicht. Er will Sie prüfen.
-Ertragen Sie diese Prüfung.
-
-=Fürstin.= Das kann ich nicht. Mein Sohn war mein ganzes Leben; Sie
-haben ihn mir genommen und ins Verderben gestürzt. Da kann ich nicht
-ruhig sein. Ich bin zu Ihnen gekommen, um Ihnen das zu sagen. Es ist
-mein letzter Versuch. Sie haben ihn unglücklich gemacht, Sie müssen ihn
-retten. Fahren Sie hin, bewirken Sie, daß er freigelassen wird. Fahren
-Sie zu den Vorgesetzten, zum Zaren, zu wem Sie wollen. Sie sind dazu
-verpflichtet. Wenn Sie sich weigern, weiß ich, was ich tue. Sie sind
-für ihn verantwortlich.
-
-=Nikolai.= Sagen Sie mir, was ich tun soll. Ich bin zu allem bereit.
-
-=Fürstin.= Ich wiederhole nochmals: Sie müssen ihn retten. Wenn Sie es
-nicht tun, sollen Sie es büßen. Ich gehe. (Sie geht ab.)
-
-
-Elfter Auftritt.
-
- =Nikolai Iwanowitsch= allein. Dann =Stefan=.
-
-=Nikolai= (legt sich auf das Sofa).
-
- (Schweigen. Die Tür wird geöffnet. Man hört Musik:
- »Großvatertanz«.)
-
-=Stefan= (eintretend). Papa ist nicht hier, kommt nur.
-
-=Große= und =kleine Paare= (treten ein).
-
-
-Zwölfter Auftritt.
-
- =Nikolai Iwanowitsch=, =Stefan= und die =Paare=.
-
-=Ljuba= (erkennt den Vater). Ach, du bist hier, entschuldige.
-
-=Nikolai= (erhebt sich). Es macht nichts.
-
-=Die Paare= (ziehen vorüber).
-
-
-Dreizehnter Auftritt.
-
- =Nikolai Iwanowitsch= allein.
-
-=Nikolai.= Der junge Priester hat sich bekehrt; Boris habe ich ins
-Unglück gestürzt; Ljuba heiratet. Bin ich wirklich auf falschem Wege?
-Ist es verkehrt, an Dich zu glauben? Nein, nein! Vater im Himmel, hilf
-mir!
-
-
-
-
-188...; 1900; 1902.
-
-
-Unter den nachgelassenen Manuskripten Tolstois findet sich weiter
-folgende Skizze des fünften Aufzuges, der aus drei Auftritten bestehen
-sollte:
-
-
-Fünfter Aufzug.
-
- Strafbataillon. Arrestantenzelle. Arrestanten sitzen und liegen
- ringsum. Boris liest aus dem Evangelium vor und legt es aus.
-
- Ein Arrestant, an dem die Prügelstrafe vollzogen ist, wird
- hereingeführt. »Ach, daß kein Pugatschew über euch kommt!« Die
- Fürstin stürzt herein und wird hinausgetrieben. Zusammenstoß
- mit einem Offizier. Kommando: »Zum Gebet!« Boris wird in eine
- Einzelzelle geschafft, soll gepeitscht werden.
-
-
-Verwandlung.
-
- Arbeitszimmer des Kaisers. Zigaretten, Nippsachen, Andenken.
- Die Fürstin wird gemeldet. »Soll warten.« Bittsteller,
- unterwürfig schmeichelnd. Dann die Fürstin. Wird abgewiesen.
-
-
-Verwandlung.
-
- Maria Iwanowna spricht mit dem Arzt über die Krankheit Nikolai
- Iwanowitschs. Er hat sich verändert, ist milder geworden, aber
- gleichzeitig mutloser.
-
- Nikolai Iwanowitsch tritt ein, spricht mit dem Arzt. Alle
- Medizin sei unnütz; der »Geist« sei wertvoller. Seiner Gattin
- zuliebe gibt er nach.
-
- Es treten ein Tonja mit Stefan, Ljuba mit Starkowski.
- Unterhaltung über den Landbesitz, Nikolai Iwanowitsch bemüht
- sich, die anderen nicht zu kränken. Alle ab. Er bleibt mit
- Lisa. »Ich bin fortwährend im Zweifel, ob ich recht gehandelt
- habe. Ausgerichtet habe ich nichts; im Gegenteil: habe Boris
- ins Unglück gestürzt; Wassili Nikanorowitsch ist zur Kirche
- zurückgekehrt. Ich bin ein Beispiel der Schwäche. Offenbar
- will Gott nicht, daß ich Sein Diener sei. Er hat viele andere
- Diener, erreicht Sein Ziel auch ohne mich. Wenn ich mir das
- deutlich vorhalte, bin ich ruhig.« Lisa ab. Er betet. Die
- Fürstin stürzt herein, tötet ihn. Alle kommen herbeigeeilt;
- er sagt, er hätte sich aus Versehen selbst die tödliche Wunde
- beigebracht. Schreibt noch ein Bittgesuch an den Zaren. Der
- junge Priester kommt mit Duchoborzen. Er stirbt, froh darüber,
- daß der Betrug, den die Kirche verübt, enthüllt ist und daß
- sein Leben einen Sinn bekommen hat.
-
-[Illustration]
-
-
-
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-Bücherfreunde erhalten vollständige Verzeichnisse der
-Universal-Bibliothek durch die Buchhandlungen oder den Verlag.
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-
-Leo Tolstoi
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- Anna Karenina. Roman. 2 Bände. Nr. 2810--15, 2816--20
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- Der arme Paul. Erzählung. Nr. 6360
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- Auferstehung. Roman 2 Bde. Nr. 4031--32~a~, 4041--43
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- Chadshi Murat. Roman aus den Kämpfen im Kaukasus. Nr. 5427/28
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- Herr und Knecht. -- Das Kaffeehaus von Surate. Zwei
- Erzählungen. Nr. 3373
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- Kindheit. Autobiographische Novelle. Nr. 5464/65
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- Die Kosaken. Erzählung a. d. Kaukasus. Nr. 4707/8~a~
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- Krieg und Frieden. Historischer Roman. Nr. 2966--70~a~, ~b~,
- 2971--75~a~, ~b~
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- Kurze Darlegung des Evangeliums. 2915/16
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- Der lebende Leichnam. Drama. Nr. 5364
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- Das Licht leuchtet in der Finsternis. Drama. Nr. 5434
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- Luzern. -- Familienglück. Zwei Erzählungen. Nr. 1657/58
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- Die Macht der Finsternis. Drama. Nr. 4133
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- Volkserzählungen. Nr. 2556/57
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- Zwei Husaren. Novelle. Nr. 4567
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- *
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- N. Gussew und L. Spiro. Gespräche mit Graf Leo Tolstoi in den
- letzten Jahren seines Lebens und Erinnerungen an ihn.
- Nr. 5573
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-Druck und Verlag Philipp Reclam jun., Leipzig
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-*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS LICHT LEUCHTET IN DER
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