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If you are not located in the United States, you -will have to check the laws of the country where you are located before -using this eBook. - -Title: Das Licht leuchtet in der Finsternis - -Author: Leo Tolstoi - -Translator: Adolf Heß - -Release Date: January 26, 2022 [eBook #67250] - -Language: German - -Produced by: The Online Distributed Proofreading Team at - https://www.pgdp.net - -*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS LICHT LEUCHTET IN DER -FINSTERNIS *** - - - - - - Anmerkungen zur Transkription - - - Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text - ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist - ~so markiert~. Im Original fetter Text ist =so dargestellt=. - - Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. - - - - - Leo Tolstoi - - Das Licht leuchtet in - der Finsternis - - Drama in vier Aufzügen - - - Aus dem - Russischen übertragen und eingeleitet - - von Adolf Heß - - Verlag von Philipp Reclam jun. Leipzig - - - - -Alle Rechte vorbehalten. - -Den Bühnen und Vereinen gegenüber als Manuskript gedruckt. Das Recht -der Aufführung ist allein durch _Oesterheld & Co._, _Berlin_ ~W.~ 15 -(Abteilung für Bühnenvertrieb) zu erwerben. - - Berlin-Charlottenburg, Juni 1912. - - Adolf Heß. - - -Druck von Philipp Reclam jun. Leipzig - - - - -Einleitung. - - -In Tolstois Nachlaß fanden sich neben den erzählenden Schriften -zwei größere dramatische Werke vor; das vollendete: »Der lebende -Leichnam«[1] und das unvollendete: »Das Licht leuchtet in der -Finsternis ...« Der Titel dieses letzteren Dramas ist dem Evangelium -Johannis Kap. I, Vers 5 entnommen und erhält seinen vollen Sinn durch -die zweite Hälfte des Verses: »und die Finsternis hat es sich nicht zu -eigen gemacht.« - - [1] Deutsch von Fred M. Balte, Uni.-Bibl. Nr. 5364; von Adolf - Heß im Verlage von Schulze & Co., Leipzig. - -Das Drama umfaßt fünf Aufzüge, deren letzter nur skizziert, -nicht ausgeführt ist. Die gründlichste Bearbeitung hat der erste -Aufzug erfahren. Begonnen wurde das Werk in den achtziger Jahren; -weitergeführt wurde es in den neunziger. Das ist vorläufig alles, was -wir über die Entstehung wissen. Wenn einmal der _gesamte_ Nachlaß -Tolstois, besonders die Tagebücher, veröffentlicht sein werden, die -uns infolge bekannter unglücklicher Verhältnisse noch immer nicht -zugänglich sind, werden wir Näheres auch über diese Arbeit erfahren, -von deren Existenz bei Lebzeiten des Dichters selbst seine nähere -Umgebung nichts wußte. - -Tolstoi behandelt in diesem Werk -- und das erklärt vieles -- in -bisweilen autobiographischer Form die Kämpfe, die er in seiner Familie -durchzufechten hatte; die Zweifel, die ihn überkamen, als er die -Wirkung seiner Gedanken auf seine Umgebung beobachtete; den Widerstand, -dem er beim Umsetzen der Gedanken in die Tat begegnete, und die -Konflikte, die zwischen idealen Bestrebungen und dem realen Leben -überall zutage treten. - -Der wohlhabende russische Gutsbesitzer Sarynzew, der nach dem -Evangelium leben, seine Habe an die Armen verteilen, seine Nächsten -wie sich selbst lieben will; der das Christentum nicht als schöne -Gedankenrichtung, sondern als praktische Lebensweisheit auffaßt; der -die Kirche als schadenbringende Institution verwirft und der Obrigkeit -den Gehorsam kündigt -- dieser Sarynzew ist Tolstoi selbst. Wir wissen, -wie Tolstoi sich bemüht hat, als echter Christ zu leben, wie er gleich -Sarynzew seine Habe den Armen geben wollte und, als ihm das nicht -gelang, die Besitzung auf den Namen seiner Frau überschreiben ließ; -wie er auf dem Felde und in der Werkstatt arbeitete; wie junge, den -Militärdienst verweigernde und dafür grausam bestrafte Bauern mit ihm -in Briefwechsel standen; wie er Bauern aus dem Gefängnis befreite, -und anderes mehr. Über diese Beziehungen zwischen den Vorgängen im -Drama und in Tolstois Leben ließe sich noch manches sagen. Wir haben -es hier in erster Linie mit dem Drama zu tun. Da fällt zunächst auf, -daß Tolstoi in diesem Werk ein Problem behandelt, das gerade unserer -Zeit so recht den Stempel aufdrückt. Es ist der Kampf und Ausgleich -zwischen arm und reich, in dem sich alle idealen Bestrebungen der -Gegenwart vereinen. Tolstoi sucht den Frieden dadurch herbeizuführen, -daß er den Reichen auf Grund eigener Erkenntnis freiwillig auf sein -Gut verzichten läßt. Aber dieser Verzicht gelingt Sarynzew nur zum -Teil, nur für seine Person, nicht für Weib und Kinder. Daraus entstehen -neue, unlösbare Konflikte. Hinzu kommen die heftigen Vorwürfe einer -Mutter, deren Sohn angeblich durch Sarynzews Lehren ins Verderben -gestürzt ist. Bekehrungsversuche eines Bischofs, den die besorgte -Schwägerin verschrieben hat. Abfall eines jungen Geistlichen von der -Landeskirche mit baldigem reumütigem Zurückkehren in ihren Schoß usw. -Die Katastrophe tritt, nach dem Szenarium, dadurch ein, daß die Mutter -des verführten jungen Mannes, als eine Audienz beim Zaren ergebnislos -verlaufen ist, Sarynzew ersticht. Diese Katastrophe wirkt, als Faktum, -ohne Worte, nach dem sehr auf Innerlichkeit und tiefreichenden -Gedankenaustausch gestellten übrigen Teil des Dramas stark theatralisch. - -Alles in allem bedeutet Tolstois unvollendet gebliebenes Drama, das dem -unbezwinglichen Drange des Dichters, die wichtigsten inneren Erlebnisse -und schwersten Seelenkämpfe poetisch darzustellen, entsprungen ist, -ein ebenso wichtiges Zeugnis für Tolstois Leben, wie ein starkes -Glaubensbekenntnis und erschütterndes Drama eines Propheten und -Apostels, der starr wie ein Fels in unsere Zeit hineinragt. Daneben -aber mahnt und erinnert es, ohne eine Lösung des sozialen Problems -bieten zu wollen, mit größter Kraft und Eindringlichkeit an die -Pflichten, die jeder gegen seine Nächsten hat -- Pflichten, die kein -Gesetz befiehlt und keine Verordnung, sondern nur das eigene Gewissen. - - Berlin, 1912. - - ~Dr.~ Adolf Heß. - - - - -Personen - - - =Nikolai Iwanowitsch Sarynzew= - =Maria Iwanowna Sarynzewa=, seine Gattin - =Ljuba=, ihre Tochter - =Stefan=, ihr Sohn - =Wanja=, ihr Sohn - =Missi=, ihre Tochter - =Kleine Kinder Sarynzews= - =Alexander Michailowitsch Starkowski=, Ljubas Verlobter - =Mitrofan Jermilytsch=, Wanjas Hauslehrer - =Gouvernante bei Sarynzews= - =Alexandra Iwanowna Kochowzewa=, Frau Sarynzews Schwester - =Peter Semjonowitsch Kochowzew=, deren Gatte - =Lisa=, beider Tochter - =Fürstin Tscheremschanowa= - =Boris=, ihr Sohn - =Tonja=, ihre Tochter - =Jüngere Tochter der Fürstin= - =Wassili Nikanorowitsch=, junger Priester - =Kinderwärterin= } bei Sarynzews - =Diener= } - =Iwan Sjabrem=, ein Bauer - =Malaschka=, seine Tochter - =Sein Weib= - =Peter=, ein Bauer - =Der Dorfpolizist= - =Pater Gerassim=, Bischof - =Ein Notar= - =Ein Tischler= - =Ein General= - =Adjutant des Generals= - =Ein Oberst= - =Ein Regimentsschreiber= - =Posten= - =Zwei Eskortesoldaten= - =Ein Gendarmerieoffizier= - =Schreiber= - =Regimentsgeistlicher= - =Oberarzt= } - =Unterarzt= } im Lazarett in der Abteilung für - =Mehrere Wärter= } Geisteskranke - =Ein kranker Offizier= } - =Klavierspieler= - Bauern. Bäuerinnen. Studenten. Damen. Tanzende Paare. - - - - -Erster Aufzug. - - -Bedeckte Veranda eines vornehmen Landhauses. - - Vor der Veranda der Garten, Lawn-Tennis- und Krocketplatz. - Die Kinder spielen mit der Gouvernante Krocket. Auf der - Veranda sitzen Maria Iwanowna Sarynzew, mit vierzig Jahren - hübsch, elegant; ihre Schwester Alexandra Iwanowna Kochowzew, - fünfundvierzig Jahre alt, korpulent, energisch, dumm; und deren - Gatte, Peter Semjonowitsch Kochowzew, ein dicker, aufgedunsener - Herr im Sommeranzug und Pincenez. Auf dem gedeckten Tisch - ein Samowar und Kaffeegeschirr. Man trinkt Kaffee; Peter - Semjonowitsch raucht. - - -Erster Auftritt. - - =Maria Iwanowna=, =Alexandra Iwanowna= und =Peter - Semjonowitsch=. - -=Alexandra Iwanowna.= Wenn du nicht meine Schwester, sondern eine -fremde Person wärest und Nikolai Iwanowitsch nicht dein Mann, sondern -irgendein Bekannter, so würde ich seine Handlungsweise originell und -nett finden und ihn vielleicht sogar darin bestärken. Da ich aber sehe, -daß dein Gatte Narrheiten treibt, direkt Narrheiten, muß ich dir meine -Meinung sagen. Ihm, deinem Gatten, werde ich sie ebenfalls sagen. Angst -habe ich nicht. - -=Maria Iwanowna.= Das kränkt mich durchaus nicht; ich sehe es ja selbst -ein. Glaubte nur nicht, daß die Sache so wichtig sei. - -=Alexandra.= Ja, du glaubst es nicht; ich sage dir aber, wenn du den -Dingen ihren Lauf läßt, kommt ihr noch an den Bettelstab. So, wie er es -treibt! - -=Peter Semjonowitsch.= Bettelstab! Bei ihrem Vermögen! - -=Alexandra.= Jawohl: Bettelstab. Und du, mein Lieber, unterbrich mich -bitte nicht. Für dich ist natürlich alles gut, was Männer tun ... - -=Semjonowitsch.= Ich weiß ja gar nicht, ich sage nur ... - -=Alexandra.= Du weißt eben nie, was du sagst. Wenn ihr Männer einmal -anfangt, Dummheiten zu machen, gibt es kein Halten mehr. Ich sage nur, -ich an deiner Stelle würde das nicht erlauben. Würde dem schon einen -Riegel vorschieben. Was soll denn das heißen! Ein Mann, Familienvater, -beschäftigt sich mit gar nichts, gibt alles weg und spielt nach rechts -und links den Großmütigen. Ich weiß schon, wie das endet. Wir können -davon ein Lied mitsingen. - -=Semjonowitsch= (zu Maria). So klären Sie mich doch endlich einmal -darüber auf, Maria, was diese neue Richtung bedeutet? Liberalismus: -Selbstverwaltung, Verfassung, Schulen, Lesehallen und was daran bimmelt -und bammelt -- das verstehe ich. Auch die Sozialisten mit ihren Streiks -und Achtstundentag sind mir noch begreiflich. Aber das hier? Was ist -das eigentlich? Erklären Sie es mir. - -=Maria.= Er hat Ihnen gestern ja selbst die Erklärung gegeben. - -=Semjonowitsch.= Offen gesagt, habe ich ihn nicht verstanden. -Evangelium, Bergpredigt; die Kirche sei überflüssig ... Wie soll man -denn da seine Andacht verrichten und alles? - -=Maria.= Das ist es ja eben, daß er alles zerstört und nichts Neues an -die Stelle setzt. - -=Semjonowitsch.= Wie hat es eigentlich angefangen? - -=Maria.= Im vorigen Jahr. Mit dem Tode seiner Schwester. Er hatte sie -sehr lieb, und ihr Tod wirkte derart auf ihn, daß er ganz tiefsinnig -wurde, stets vom Sterben sprach und schließlich, wie Sie wissen, selbst -erkrankte. Dann, nach dem Typhus, war er wie umgewandelt. - -=Alexandra.= Er war doch aber im Frühjahr bei uns in Moskau so lieb und -nett. Spielte Karten, genau wie andere ... - -=Maria.= Und war doch schon ganz anders ... - -=Semjonowitsch.= Ja, aber wie denn eigentlich? - -=Maria.= Vollkommen gleichgültig gegen seine Familie und dabei von -dieser fixen Idee besessen. Ich meine das Evangelium. Er las tagelang -darin, schlief nachts nicht, stand auf, um zu lesen, machte sich -Notizen und Auszüge, fuhr dann zu Bischöfen und Mönchen und disputierte -mit ihnen. - -=Alexandra.= Geht er denn zum Abendmahl? - -=Maria.= Seit unserer Verheiratung, also seit fünfundzwanzig Jahren, -war er nicht hingegangen. Dann nahm er es einmal im Kloster, erklärte -aber hinterher sofort, es sei nicht nötig und der Kirchenbesuch -überflüssig. - -=Alexandra.= Ich sage ja, keine Spur von Konsequenz. - -=Maria.= Noch vor einem Monat hat er keinen Gottesdienst versäumt, -alle Fastentage streng gehalten -- und dann ist auf einmal alles -überflüssig. Da red’ einer mit ihm. - -=Alexandra.= Ich habe mit ihm gesprochen und werde es tun. - -=Semjonowitsch.= Aber das alles ist doch nicht so schlimm ... - -=Alexandra.= Für dich ist nichts schlimm, weil ihr Männer keine -Religion habt. - -=Semjonowitsch.= So laß mich doch ausreden. Ich meine, daß es darauf -doch nicht ankommt. Wenn er die Kirche verwirft, was soll ihm dann das -Evangelium? - -=Maria.= Er sagt, man müsse nach dem Evangelium, nach der Bergpredigt -leben, alles hingeben. - -=Semjonowitsch.= Wie soll man denn aber leben, wenn man alles hingibt? - -=Alexandra.= Und wo hat er in der Bergpredigt dieses ~Shake hands~ mit -den Dienstboten gefunden? Da steht wohl: Selig sind die Sanftmütigen; -von Händedrücken steht aber nichts da. - -=Maria.= Natürlich hat er sich wieder hinreißen lassen, wie das stets -bei ihm der Fall ist, und wie er sich eine Zeitlang von der Musik, -Jagd, von seiner Schule hinreißen ließ. Aber mein Los wird dadurch -nicht leichter. - -=Semjonowitsch.= Wozu ist er denn wieder in die Stadt gefahren? - -=Maria.= Das hat er mir nicht gesagt; ich weiß aber, daß es wegen -des Holzfrevels ist; die Bauern haben widerrechtlich bei uns Holz -geschlagen. - -=Semjonowitsch.= In dem selbstangelegten Tannenwald? - -=Maria.= Ja. Man hat die Täter auch zu Geld- und Gefängnisstrafe -verurteilt, und heute kommt, wie er mir sagte, die Sache im Plenum vor -dem Friedensrichter zur Verhandlung. Ich nehme an, daß er deswegen -hingefahren ist. - -=Alexandra.= Er wird ihnen alles verzeihen, und morgen kommen sie dann -und schlagen unseren Park nieder. - -=Maria.= Ja, so fängt die Sache an. Alle Apfelbäume haben sie -umgeknickt und den ganzen Rasen zertreten -- er sagt ihnen nichts. - -=Semjonowitsch.= Sonderbar. - -=Alexandra.= Eben deswegen mein’ ich: es kann nicht so bleiben. Wenn -das so fortgeht, bringt er alles durch. Meiner Ansicht nach bist du als -Mutter verpflichtet, deine Maßnahmen zu treffen. - -=Maria.= Was kann ich dagegen tun? - -=Alexandra.= Du? Ihn zurückhalten, sagen, daß es nicht so weitergeht. -Du hast Kinder! Was bekommen die für ein Beispiel! - -=Maria.= Gewiß ist es schwer; aber ich ertrage alles in der Hoffnung, -daß es vergehen wird, wie die früheren Schwärmereien. - -=Alexandra.= Sehr schön, aber es heißt: hilf dir selbst, so hilft dir -Gott. Man muß ihm zu verstehen geben, daß er nicht allein in der Welt -ist, und daß man so nicht leben kann. - -=Maria.= Das Schlimmste ist, daß er sich nicht mehr um die Kinder -kümmert. Ich muß alles allein besorgen. Dabei habe ich das Kleine und -die Älteren, Mädchen und Knaben, die Aufsicht und Leitung verlangen. -Alles fällt mir zu. Früher ein so zärtlicher, besorgter Vater -- jetzt -ist ihm alles gleich. Ich sagte ihm gestern, daß Wanja nicht lernt und -sicher wieder durchs Examen fällt; da meinte er, es wäre viel besser, -wenn er das Gymnasium ganz verließe. - -=Semjonowitsch.= Was soll er denn anfangen? - -=Maria.= Nichts. Das ist ja das Schreckliche, daß er alles verurteilt, -selbst aber nicht sagt, was man tun soll. - -=Semjonowitsch.= Sonderbar, sehr sonderbar. - -=Alexandra.= Wieso sonderbar? Ist doch die gewöhnliche Art der Männer: -alles zu verurteilen und selbst nichts zu tun. - -=Maria.= Stefan hat jetzt sein Studium beendet und muß sich für eine -Karriere entscheiden -- der Vater sagt ihm nichts. Anfangs wollte er in -eine Ministerialkanzlei eintreten, aber Nikolai Iwanowitsch meinte, das -sei eine überflüssige Tätigkeit; dann wollte der Junge zur Garde -- das -verwarf der Vater gänzlich. Schließlich fragt er ihn: was soll ich denn -eigentlich anfangen? Etwa pflügen? Da antwortet Nikolai Iwanowitsch: -warum nicht pflügen? Das ist weit nützlicher als in der Kanzlei -hocken. Also was soll er tun? Kommt natürlich zu mir, und ich muß die -Entscheidung treffen. Dabei hat er als Vater alles in Händen. - -=Alexandra.= Das muß man ihm offen sagen. - -=Maria.= Gewiß; und ich werde es auch tun. - -=Alexandra.= Sag ihm direkt, du ertrügst es nicht länger. Du tätest -deine Pflicht, also müsse er die seinige erfüllen, oder dir alles -abtreten. - -=Maria.= Ach, das ist so peinlich. - -=Alexandra.= Wenn du willst, sage ich es ihm; ich nehme kein Blatt vor -den Mund. - -=Ein junger Priester= (tritt verlegen und aufgeregt mit einem Buche in -der Hand ein; er begrüßt alle durch Händedruck). - - -Zweiter Auftritt. - - =Die Vorigen= und der junge =Priester=. - -=Priester.= Ich wollte nämlich zu Nikolai Iwanowitsch, um ihm das Buch -zurückzubringen. - -=Maria.= Er ist in die Stadt gefahren, kommt aber bald zurück. - -=Alexandra.= Was haben Sie denn für ein Buch? - -=Priester.= Ein Werk von Renan. »Das Leben Jesu« nämlich. - -=Semjonowitsch.= Nun sieh einer! Solche Bücher lesen Sie! - -=Priester= (zündet sich in der Verlegenheit eine Zigarette an). Nikolai -Iwanowitsch hat es mir zur Durchsicht gegeben. - -=Alexandra= (verächtlich). So, so, Nikolai Iwanowitsch hat es Ihnen zur -Durchsicht gegeben. Sind Sie denn mit Nikolai Iwanowitsch und diesem -Herrn Renan einer Meinung? - -=Priester.= Natürlich bin ich das nicht. Wenn es der Fall wäre, wäre -ich nämlich kein Diener der Kirche mehr. - -=Alexandra.= Wenn Sie ein treuer Diener der Kirche sind, weshalb -überzeugen Sie dann Nikolai Iwanowitsch nicht? - -=Priester.= In diesen Dingen kann nämlich jeder seine eigenen Gedanken -haben, und Nikolai Iwanowitsch hat in mancher Hinsicht recht. In der -Hauptsache aber, bezüglich der Kirche, hat er sozusagen unrecht. - -=Alexandra= (verächtlich). In welcher Hinsicht hat denn Nikolai -Iwanowitsch recht? Etwa, daß man nach der Bergpredigt sein Vermögen an -Fremde geben und die eigene Familie betteln lassen soll? - -=Priester.= Die Kirche heiligt sozusagen die Familie, und die -Kirchenväter haben sie gesegnet; die höhere Vollkommenheit fordert aber -doch sozusagen Verzicht auf irdische Güter. - -=Alexandra.= Gewiß, Glaubensstreiter haben so gehandelt: einfache -Sterbliche aber, denke ich, müssen so handeln, wie es sich für brave -Christen geziemt. - -=Priester.= Niemand kann wissen, wozu er berufen ist. - -=Alexandra.= Sie sind natürlich verheiratet? - -=Priester.= Gewiß. - -=Alexandra.= Und haben Kinder? - -=Priester.= Zwei. - -=Alexandra.= Warum verzichten Sie denn nicht auf die irdischen Güter? -rauchen sogar Zigaretten? - -=Priester.= Aus Schwäche, Unwürdigkeit sozusagen. - -=Alexandra.= Ja, ich sehe, anstatt Nikolai Iwanowitsch zur Vernunft zu -bringen, bestärken Sie ihn in seiner Torheit. Muß Ihnen offen sagen, -das ist nicht hübsch. - -=Wärterin= (tritt ein). - - -Dritter Auftritt. - - =Die Vorigen.= =Wärterin.= - -=Wärterin.= Hören gnädige Frau denn nicht? Der Kleine schreit, will die -Brust haben. - -=Maria.= Ich komme, komme schon. (Steht auf und geht ab.) - - -Vierter Auftritt. - - =Die Vorigen= ohne Wärterin und Maria Iwanowna. - -=Alexandra.= Sie tut mir schrecklich leid, die Schwester. Ich sehe, wie -sie sich quält. Wahrhaftig keine Kleinigkeit, solch einen Hausstand -zu führen. Sieben Kinder, eins noch an der Brust; dazu er mit seinen -»Ideen«. Mir scheint wirklich bisweilen, daß er hier nicht ganz richtig -ist. (Sie deutet auf die Stirn. Zum Priester.) Ich frage Sie: was haben -Sie da eigentlich für eine neue Religion entdeckt? - -=Priester.= Ich verstehe nicht ganz ... - -=Alexandra.= Hören Sie doch auf mit Ihren Spiegelfechtereien! Sie -verstehen sehr gut, was ich meine. - -=Priester.= Erlauben Sie ... - -=Alexandra.= Ich frage, was das für eine Religion ist, aus der -hervorgeht, daß man allen Bauern die Hand drücken, ihnen den Wald -überlassen und Geld zum Schnaps geben, die eigene Familie aber im Stich -lassen muß? - -=Priester.= Davon weiß ich nichts ... - -=Alexandra.= Er sagt, das sei Christentum. Sie sind Priester der -rechtgläubigen christlichen Kirche, also müssen Sie unbedingt Bescheid -wissen, ob das Christentum zum Diebstahl treibt. - -=Priester.= Aber ich kann doch ... - -=Alexandra.= Wozu sind Sie denn Priester, tragen langes Haar und ein -Talar? - -=Priester.= Danach werden wir nicht gefragt ... - -=Alexandra.= Wieso nicht gefragt? Ich frage doch aber. Er sagte mir -gestern, im Evangelium stände: So dich einer bittet, dem gib. In -welchem Sinne ist das zu verstehen? - -=Priester.= Ich denke, ganz wörtlich. - -=Alexandra.= Ich denke aber: nicht. Uns hat man gelehrt, jedem sei das -Seine von Gott bestimmt. - -=Priester.= Natürlich, indessen ... - -=Alexandra.= Man merkt ganz deutlich, daß Sie tatsächlich, wie man mir -gesagt, auf seiner Seite sind. Und ich muß Ihnen offen gestehen, daß -ich das für unrecht halte. Wenn irgendeine Lehrerin oder ein unreifer -Junge seine Gedanken nachredet, so ist das begreiflich; Sie in Ihrem -Amt müßten aber bedenken, welche Verantwortung auf Ihnen ruht. - -=Priester.= Ich bemühe mich ... - -=Alexandra.= Was ist das für eine Religion, wenn er nicht zur Kirche -geht und die Sakramente nicht anerkennt! Und Sie, statt ihn zur -Vernunft zu bringen, lesen Renan mit ihm und legen das Evangelium auf -Ihre Art aus. - -=Priester= (erregt). Darauf weiß ich nichts zu erwidern. Bin sozusagen -einfach sprachlos. - -=Alexandra.= Ich sollte nur Bischof sein, dann würde ich Ihnen das -Renanlesen und Zigarettenrauchen schon austreiben! - -=Semjonowitsch.= Um Himmels willen hör auf! Was nimmst du dir da heraus! - -=Alexandra.= Bitte keine Zurechtweisung! Batjuschka ist mir sicher -nicht böse, daß ich offen meine Meinung gesagt habe. Im Gegenteil, es -wäre schlimm, wenn ich hinter dem Berge hielte. Habe ich recht? - -=Priester.= Verzeihen Sie, wenn ich mich nicht richtig ausgedrückt -habe; verzeihen Sie bitte. - - (Ungemütliches Schweigen.) - -=Ljuba= und =Lisa= (kommen. Ljuba, Maria Iwanownas Tochter, ein -zwanzigjähriges, hübsches, energisches Mädchen; Lisa, Alexandra -Iwanownas Tochter, ist etwas älter. Beide tragen Kopftücher und Körbe, -um Pilze zu sammeln. Ljuba begrüßt die Tante und den Onkel, Lisa Vater -und Mutter, sowie den Priester). - - -Fünfter Auftritt. - - =Die Vorigen.= =Ljuba= und =Lisa=. - -=Ljuba.= Wo ist denn Mama? - -=Alexandra.= Eben fortgegangen, um den Kleinen zu nähren. - -=Semjonowitsch.= Seht mal zu, daß ihr recht viel Pilze bringt. Ein -Mädchen hat heute herrliche weiße gebracht. Ich würde euch begleiten, -aber es ist so heiß. - -=Lisa.= Komm doch mit, Papa. - -=Alexandra.= Geh nur, geh; du wirst sonst zu dick. - -=Semjonowitsch.= Also meinetwegen. Will nur Zigaretten holen. (Er geht -ab.) - - -Sechster Auftritt. - - =Die Vorigen= ohne Peter Semjonowitsch. - -=Alexandra.= Wo steckt denn das junge Volk? - -=Ljuba.= Stefan ist per Rad zur Station; Mitrofan Jermilytsch begleitet -Papa in die Stadt; die Kleinen spielen Krocket, und Wanja jagt mit den -Hunden herum. - -=Alexandra.= Hat Stefan sich nun für etwas entschieden? - -=Ljuba.= Ja, er will als Freiwilliger dienen. Hat selbst ein Gesuch -eingereicht. Gestern ist er schrecklich frech gegen Papa geworden. - -=Alexandra.= Na ja, leicht hat er es auch nicht. Schließlich reißt -jedem einmal die Geduld. Will jetzt anfangen zu leben, und da sagt man -ihm: geh pflügen. - -=Ljuba.= So hat Papa es ihm nicht gesagt. Er sagte ... - -=Alexandra.= Ganz egal. Jedenfalls beginnt jetzt sein Leben, und was er -auch unternimmt, alles wird ihm zuwider gemacht. Aber da ist er selbst. - -=Priester= (tritt beiseite, öffnet sein Buch und liest). - -=Stefan= (fährt auf dem Rade vor). - - -Siebenter Auftritt. - - =Die Vorigen.= =Stefan.= - -=Alexandra.= Wie der Wolf in der Fabel ... Eben war von dir die Rede. -Ljuba sagt, du hättest dich mit dem Vater gezankt. - -=Stefan.= Absolut nicht. Nichts Besonderes. Er sagte mir seine Meinung, -ich ihm meine. Ich bin nicht schuld daran, daß unsere Ansichten -nicht übereinstimmen. Ljuba versteht gar nichts und will über alles -mitsprechen. - -=Alexandra.= Was ist denn nun herausgekommen? - -=Stefan.= Ich weiß nicht, was Papa beschlossen hat; fürchte, er ist -sich selbst nicht klar darüber. Ich für meine Person habe beschlossen, -als Einjähriger bei der Garde einzutreten. Hier wird aus allem so viel -Wesens gemacht; dabei ist die Sache ganz einfach. Mein Studium habe ich -beendet und muß nun meiner Dienstpflicht genügen. In der Linie unter -betrunkenen, rohen Offizieren ist das kein Vergnügen, deswegen diene -ich bei der Garde, wo ich Freunde habe. - -=Alexandra.= Schön. Warum ist denn aber dein Papa dagegen? - -=Stefan.= Ach der! Der steht jetzt ganz im Banne seiner fixen Idee -und sieht nur, was er sehen will. Er sagt, der Militärdienst sei der -abscheulichste von allen; deshalb dürfe man nicht dienen, und deswegen -gibt er mir kein Geld. - -=Lisa.= Stefan, das hat er nicht gesagt! Ich war doch dabei! Er hat -gesagt, wenn man schon nicht anders könnte, sollte man wenigstens bis -zur Aushebung warten. Durch den Eintritt als Freiwilliger aber zeige -man, daß man diesen Dienst selbst wähle. - -=Stefan.= Schließlich soll ich doch dienen und nicht er. Er hat ja -selbst gedient. - -=Lisa.= Gewiß. Er sagt aber auch gar nicht, daß er dir kein Geld geben -will, sondern, daß er nicht an einer Sache teilnehmen kann, die gegen -seine Überzeugung geht. - -=Stefan.= Es handelt sich hier nicht um Überzeugungen, sondern um den -Dienst, und damit basta! - -=Lisa.= Und ich sage nur, was ich gehört habe. - -=Stefan.= Ist ja ganz klar, daß du immer auf Papas Seite bist. Tante, -du weißt auch, daß Lisa stets Papa die Stange hält. - -=Lisa.= Alles, was recht ist! ... - -=Alexandra.= Für mich nichts Neues, daß Lisa stets alle Dummheiten -mitmacht. Sie wittert förmlich, wo eine Dummheit aushängt. - -=Wanja= (kommt, von Hunden begleitet, in roter Bluse, ein Telegramm in -der Hand schwingend). - - -Achter Auftritt. - - =Die Vorigen.= =Wanja.= - -=Wanja= (zu Ljuba). Rat mal, wer da kommt. - -=Ljuba.= Wie kann ich das raten! Gib her. (Sie streckt die Hand nach -dem Telegramm aus. Wanja gibt es ihr nicht.) - -=Wanja.= Ich geb’ es nicht und sage es nicht. Der, bei dem du immer so -rot wirst. - -=Ljuba.= Dummheit, von wem ist das Telegramm? - -=Wanja.= O, wie sie rot wird, wie sie rot wird! Tante Aline, ist sie -nicht ganz rot geworden? - -=Ljuba.= Ach, laß die Dummheiten. Von wem ist es? Tante Aline, von wem -ist das Telegramm? - -=Alexandra.= Von Tscheremschanows. - -=Ljuba.= Ach so! - -=Wanja.= Na, siehst du wohl: ach so! Und bei wem wirst du immer rot? - -=Ljuba.= Tante, zeig bitte. (Sie liest.) »Mit Schnellzug, drei -Personen, Tscheremschanows«. Also die Fürstin, Boris und Tonja. Das -freut mich aber wirklich. - -=Wanja.= Es freut sie aber wirklich! Stefan, sieh mal, wie sie rot -geworden ist. - -=Stefan.= Hör doch endlich auf; immer ein und dasselbe. - -=Wanja.= Jawohl, das sagst du nur, weil du selbst in Tonja verkeilt -bist. Da müßt ihr beide schon losen, denn das geht doch nicht, daß die -Schwester den Bruder nimmt und der Bruder die Schwester. - -=Stefan.= Laß dein dummes Geschwätz. Wie oft hat man dir gesagt, du -sollst nicht überall deinen Senf dazu geben! - -=Lisa.= Mit dem Schnellzug müssen sie bald hier sein. - -=Ljuba.= Gewiß. Also gehen wir nicht zum Pilzsammeln. - -=Semjonowitsch= (kommt mit Zigaretten). - - -Neunter Auftritt. - - =Die Vorigen= und =Peter Semjonowitsch=. - -=Ljuba.= Onkel Peter, wir gehen nicht. - -=Semjonowitsch.= Was ist denn los? - -=Ljuba.= Tscheremschanows kommen bald. Laß uns lieber eine Partie -Tennis spielen. Stefan, machst du mit? - -=Stefan.= Meinetwegen. - -=Ljuba.= Ich spiele mit Wanja gegen dich und Lisa. Wollt ihr? Also ich -hole die Bälle und die Jungens. (Sie geht ab.) - - -Zehnter Auftritt. - - =Die Vorigen= ohne Ljuba. - -=Semjonowitsch.= Das nennt man: versetzt. - -=Priester= (will gehen). Ich habe die Ehre. - -=Alexandra.= Nein, warten Sie, Batjuschka; ich möchte mit Ihnen -sprechen. Auch muß Nikolai Iwanowitsch gleich kommen. - -=Priester= (setzt sich wieder und zündet sich eine Zigarette an). Es -dauert vielleicht noch lange. - -=Alexandra.= Eben kommt jemand angefahren -- das muß er sein. - -=Semjonowitsch.= Was für eine Tscheremschanow ist das eigentlich? Die -geborene Golizyn? - -=Alexandra.= Nun ja, die mit ihrer Tante in Rom lebte. - -=Semjonowitsch.= Wird mir ein Vergnügen sein. Haben uns seit Rom nicht -wiedergesehen. Ach, die schönen Duette! Wie reizend sie sang! Hat ja -wohl zwei Kinder, nicht wahr? - -=Alexandra.= Ja; mit denen kommt sie. - -=Semjonowitsch.= Ich wußte gar nicht, daß sie und Sarynzews so intim -sind. - -=Alexandra.= Intim nicht. Sie waren voriges Jahr zusammen im Ausland; -und es kommt mir vor, als ob die Fürstin für ihren Sohn Absichten auf -Ljuba hat. Sie ist eine ganz Gerissene. Spekuliert auf eine große -Mitgift. - -=Semjonowitsch.= Tscheremschanows waren doch selbst reich? - -=Alexandra.= Das war einmal. Der Fürst lebt ja noch, hat aber alles -durchgebracht und vertrunken. Sie hat dann an höchster Stelle eine -Eingabe gemacht und wenigstens den Rest des Vermögens gerettet. Der -Mann hat sie verlassen, dafür aber den Kindern eine ausgezeichnete -Erziehung gegeben. Die Gerechtigkeit muß man ihm lassen. Die Tochter -ist sehr musikalisch; der Sohn hat die Universität absolviert und ist -ein lieber Bursche. Ich fürchte nur, unsere Hausfrau wird von den -Gästen jetzt nicht sehr erbaut sein. Aber da ist ja Nikolai! - -=Nikolai= (tritt auf). - - -Elfter Auftritt. - - =Die Vorigen= mit =Nikolai Iwanowitsch=. - -=Nikolai.= Guten Tag, Aline und Peter Semjonowitsch. (Zum Priester.) -Ach, Wassili Nikanorowitsch! (Er begrüßt ihn.) - -=Alexandra.= Kaffee ist noch da. Soll ich dir eingießen? Er ist etwas -abgekühlt, aber man kann ihn wärmen. (Sie klingelt.) - -=Nikolai.= Nein, danke. Ich habe schon getrunken. Wo ist meine Frau? - -=Alexandra.= Sie nährt das Kind. - -=Nikolai.= Fühlt sie sich wohl? - -=Alexandra.= Es geht. Na, hast du deine Angelegenheiten erledigt? - -=Nikolai.= Ja. Übrigens, wenn noch Tee oder Kaffee da ist, gib her. -(Zum Priester.) Haben Sie das Buch mitgebracht? Es gelesen? Ich habe -während der ganzen Reise an Sie gedacht. - -=Ein Diener= (tritt ein). - - -Zwölfter Auftritt. - - =Die Vorigen= und ein =Diener=, der Nikolai Iwanowitsch - begrüßt. Dieser reicht ihm die Hand. Alexandra Iwanowna tauscht - achselzuckend mit ihrem Manne Blicke. - -=Alexandra.= Wärmen Sie bitte den Samowar. - -=Nikolai.= Ach das ist nicht nötig, Aline. Wenn ich trinken will, -trinke ich so. - - -Dreizehnter Auftritt. - - =Die Vorigen.= =Missi.= - -=Missi= (die den Vater vom Krocketplatz erblickt hat, kommt auf ihn -zugelaufen und wirft sich ihm um den Hals). Papa, du sollst mitkommen! - -=Nikolai= (sie streichelnd). Sofort, sofort, laß mich nur erst trinken. -Geh spielen, ich komme sofort. - -=Missi= (geht ab). - - -Vierzehnter Auftritt. - - =Die Vorigen= ohne Missi. - -=Alexandra.= Nun, sind die Bauern schuldig? - -=Nikolai= (setzt sich an den Tisch, trinkt hastig Tee und ißt etwas -dazu). - -=Alexandra.= Sind sie verurteilt? - -=Nikolai.= Gewiß sind sie verurteilt; haben ja alles zugegeben. (Zum -Priester.) Ich habe mir gedacht, daß Renan Sie nicht überzeugen -würde ... - -=Alexandra.= Du bist aber mit dem Urteil nicht einverstanden? - -=Nikolai= (ärgerlich). Natürlich nicht. (Zum Priester.) Für Sie handelt -es sich nicht um die Gottheit Christi und nicht um die Geschichte des -Christentums, sondern um die Kirche ... - -=Alexandra.= Was heißt das: die Bauern geben ihre Schuld zu, und du -widerlegst ihre Aussagen? Sie haben das Holz wohl nicht gestohlen, -sondern einfach genommen? - -=Nikolai= (beginnt wieder mit dem Geistlichen zu reden, wendet sich -dann aber energisch an Alexandra Iwanowna). Liebe Aline, laß mich -endlich mit deinen Sticheleien und Anspielungen in Ruhe. - -=Alexandra.= Aber ich habe doch gar nicht ... - -=Nikolai.= Wenn du ernstlich wissen willst, weshalb ich wegen des -Holzes, das sie nötig hatten, mit den Bauern nicht prozessieren kann ... - -=Alexandra.= Vielleicht haben sie diesen Samowar auch nötig ... - -=Nikolai.= Also, wenn du wirklich wissen willst, weshalb ich es nicht -zulassen kann, daß diese Leute ins Gefängnis wandern, weil sie in dem -Walde, der als meiner gilt, zehn Bäume gefällt haben ... - -=Alexandra.= Er _gilt_ nicht als deiner, er _ist_ es! - -=Semjonowitsch.= Schon wieder Streit! - -=Nikolai.= Ja, selbst wenn es, was ich nie zugeben kann, mein von -allen anerkanntes Eigentum ist, so besitze ich neunhundert Morgen -Wald, auf jeden Morgen kommen zirka fünfhundert Bäume, macht -vierhundertfünfzigtausend Bäume, nicht wahr? Zehn von diesen, das heißt -ein Fünfundvierzigtausendstel, haben sie gefällt. Nun frage ich: lohnt -es sich, darf man wegen solcher Lappalie jemanden von seiner Familie -losreißen und ins Gefängnis werfen? - -=Stefan.= Ja; wenn sie aber wegen dieses einen -Fünfundvierzigtausendstel nicht bestraft werden, hauen sie -die übrigen vierundvierzigtausendneunhundertneunundneunzig -Fünfundvierzigtausendstel auch bald um! - -=Nikolai.= Ich sage das nur der Tante. Tatsächlich habe ich gar kein -Recht auf diesen Wald. Der Grund und Boden gehört allen gemeinsam, kann -also nicht Eigentum eines einzelnen sein. Wir haben auf diesen Grund -und Boden keine Arbeit verwandt. - -=Stefan.= Du hast ihn doch aber in Stand gehalten, bewachen lassen ... - -=Nikolai.= Wie habe ich denn das gemacht? Hab’ doch nicht selbst die -Arbeit getan ... Aber das läßt sich nicht beweisen. Wenn jemand nicht -fühlt, wie schändlich es ist, einen andern zu ruinieren ... - -=Stefan.= Das tut ja niemand. - -=Nikolai.= Genau so, wie man jemandem, der sich nicht schämt, ohne -eigene Tätigkeit die Arbeit anderer zu benutzen, das nicht beweisen -kann. Und die ganze Nationalökonomie, die du auf der Universität -studiert hast, ist nur dazu da, um die sozialen Zustände, in denen wir -leben, zu rechtfertigen. - -=Stefan.= Im Gegenteil: die Wissenschaft beseitigt alle vorgefaßten -Meinungen. - -=Nikolai.= Übrigens lege ich darauf nicht viel Wert. Für mich ist -wichtig, zu wissen, daß ich an Stelle der Bauern genau so gehandelt -hätte und verzweifeln würde, wenn man mich dafür ins Gefängnis würfe. -Da ich nun gegen andere so handeln muß, wie ich selbst behandelt -werden möchte, kann ich sie unmöglich schuldig sprechen, sondern muß -alles tun, was ich kann, um sie frei zu bekommen. - - =Semjonowitsch.= Wenn das richtig ist, darf man } - überhaupt nichts besitzen. } - } (Alle - =Alexandra.= Dann ist Stehlen weit vorteilhafter als } gleichzeitig.) - Arbeiten. } - } - =Stefan.= Du gehst nie auf meine Argumente ein. Ich } - sage, wer Aufwendungen für einen Gegenstand macht, } - erwirkt dadurch ein Anrecht auf seine Benutzung. } - -=Nikolai= (lächelnd). Ich weiß nicht, wem ich zuerst antworten soll. -(Zu Peter Semjonowitsch.) Man darf auch nichts besitzen. - -=Alexandra.= Wenn man nichts besitzen darf, darf man auch keine -Kleidung, kein Brot haben, sondern muß alles hingeben und darf -überhaupt nicht leben. - -=Nikolai.= Man darf auch nicht so leben wie wir jetzt. - -=Stefan.= Das heißt, den Tod vorziehen. Folglich taugt diese Lehre -nicht für das Leben. - -=Nikolai.= Im Gegenteil: sie gilt nur für das Leben. Ja, man muß alles -hingeben. Das heißt, nicht den Wald, den man nicht benutzt und niemals -sieht, sondern Kleidung und Nahrung muß man hingeben. - -=Alexandra.= Auch die der Kinder? - -=Nikolai.= Auch die. Und nicht nur Kleidung und Nahrung muß man -hingeben, sondern sich selbst. Darin besteht die ganze Lehre Christi. -Alle Kraft muß man darauf verwenden, sich völlig hinzugeben. - -=Stefan.= Das heißt mit anderen Worten: sterben. - -=Nikolai.= Wenn du für deine Freunde stirbst, so ist das schön für dich -wie für sie. Freilich ist der Mensch nicht nur Geist, sondern Geist im -Fleische. Das Fleisch aber, der Körper, trachtet danach, für sich zu -leben, während der aufgeklärte Geist für Gott, für andere lebt. Unser -aller Leben ist kein tierisches, sondern es liegt auf der Mittellinie, -und je näher es dem göttlichen kommt, um so besser ist es. Deswegen -müssen wir möglichst nach Gott trachten; der Leib sorgt schon für sich -selbst. - -=Stefan.= Wozu denn aber die Mittellinie? Wenn schon solches Leben gut -ist, muß man eben alles hingeben und sterben. - -=Nikolai.= Gewiß; das ist sehr schön. Bemüh dich, trachte danach, so -wird dir wohl sein und andern. - -=Alexandra=. Nein, das ist unklar, durchaus nicht einfach, sondern an -den Haaren herbeigezogen. - -=Nikolai.= Was soll ich dazu sagen. Mit Worten läßt sich das nicht -erklären. Übrigens -- genug davon. - -=Stefan.= Ja, wirklich genug. Ich verstehe es auch nicht. (Er geht ab.) - - -Fünfzehnter Auftritt. - - =Die Vorigen= ohne Stefan. - -=Nikolai= (zum Priester). Also, welchen Eindruck hat das Buch auf Sie -gemacht? - -=Priester= (erregt). Wie soll ich sagen: die historische Seite ist -genügend berücksichtigt, aber ganz zuverlässig, völlig überzeugend -wirkt das Ganze nicht, weil das Material nicht genügt. Die Göttlichkeit -oder Nichtgöttlichkeit Christi kann man historisch nicht beweisen; es -gibt nur einen unwiderleglichen Beweis ... - - (Während der Unterhaltung entfernen sich zunächst die Damen, - dann auch Peter Semjonowitsch. Es bleiben nur der Priester und - Nikolai Iwanowitsch.) - -=Nikolai.= Sie meinen die Kirche? - -=Priester.= Nun gewiß doch, die Kirche, das Zeugnis zuverlässiger, -heiliger Männer. - -=Nikolai.= Allerdings wäre es schön, wenn solch eine sündlose -Gemeinschaft existierte, der man glauben könnte. Sogar sehr -wünschenswert. Daß etwas wünschenswert ist, beweist aber noch nicht, -daß es existiert. - -=Priester.= Ich denke doch, gerade das beweist es. Gott konnte seine -Gebote nicht der Möglichkeit aussetzen, daß sie verdreht, entstellt, -falsch gedeutet wurden, sondern mußte eine Hüterin seiner Wahrheiten -einsetzen, die dafür sorgte, daß sie rein erhalten blieben. - -=Nikolai.= Schön. In diesem Falle müssen Sie aber nicht nur die -Wahrheiten selbst, sondern auch die Daseinsberechtigung ihrer Hüterin -beweisen. - -=Priester.= Daran muß man eben glauben. - -=Nikolai.= Gewiß muß man glauben; ohne Glauben kommt man nicht aus. -Aber nicht an das muß man glauben, was andere einem sagen, sondern an -das, was die eigenen Gedanken, die eigene Vernunft einem zeigen ... -Dahin gehört der Glaube an Gott, an ein wahres, ewiges Leben. - -=Priester.= Die Vernunft kann trügerisch sein; jeder hat seine eigene -Vernunft. - -=Nikolai= (leidenschaftlich). Das ist eine schreckliche -Gotteslästerung! Nur dieses eine heilige Werkzeug zur Erkenntnis der -Wahrheit, das einzige, das uns alle vereinigen kann, hat Gott uns -gegeben. Und dabei glauben wir nicht daran! - -=Priester.= Wie kann man auch, wo so viele Meinungsverschiedenheiten -existieren. - -=Nikolai.= Wo sind die! Daß zweimal zwei vier ist; daß man einem -anderen nicht zufügen darf, was man sich selbst nicht wünscht; daß -alles in der Welt eine Ursache hat und ähnliche Wahrheiten anerkennen -wir alle, weil sie mit unserer Vernunft übereinstimmen. Daß aber Gott -sich auf dem Berge Sinai Moses geoffenbart, daß Buddha auf einem -Sonnenstrahl davongeflogen, oder Mohammed gen Himmel gefahren und -Christus ebenfalls -- in diesen und ähnlichen Dingen sind wir alle -verschiedener Meinung. - -=Priester.= Nein, die in der Wahrheit sind, sind nicht verschiedener -Meinung. Wir sind alle eins in dem einen Glauben an Gott, Christus. - -=Nikolai.= Nicht einmal darin sind wir einig. Und dann: warum soll ich -Euch mehr glauben als einem buddhistischen Lama? Nur, weil ich in Eurem -Glauben geboren bin? - - (Streit zwischen den Tennisspielern. Eine Stimme ruft: »~Out!~« - -- »Nein, nicht ~out~!« _Wanja_: »Ich hab’ es gesehen!« -- - Während der Unterhaltung räumt ein Diener den Tisch auf und - bringt wieder Tee und Kaffee.) - -=Nikolai.= Sie sagen: die Kirche führt die Einigung herbei. Im -Gegenteil: die schrecklichste Zwietracht ist stets von der Kirche -ausgegangen. »Wie oft wollte ich euch sammeln, wie eine Henne die -Küchlein ...« - -=Priester.= Das war vor Christus; Christus aber hat alle versammelt. - -=Nikolai.= Wohl hat Christus alle versammelt, wir aber haben sie wieder -zerstreut, weil wir ihn verkehrt verstanden haben. Er hat alle Kirchen -zerstört. - -=Priester.= Wie stimmt dazu das: »Sag es der Kirche.« - -=Nikolai.= Es kommt nicht auf Worte an. Diese Worte sagen übrigens -gar nichts über die Kirche. Ausschlaggebend ist der Geist einer -Lehre. Die Lehre Christi ist für die ganze Welt bestimmt, schließt -alle Bekenntnisse in sich und läßt keine Sonderheiten, nichts -Ausschließliches zu; keine Auferstehung, keine Gottheit Christi, keine -Sakramente -- nichts, was die Menschen voneinander trennt. - -=Priester.= Das ist denn doch wohl nur Ihre Auslegung der christlichen -Lehre. Diese Lehre selbst aber fußt durchaus auf der Gottheit und -Auferstehung. - -=Nikolai.= Das ist ja gerade das Schreckliche an den Kirchen. -Eben dadurch säen sie Zwietracht, daß sie im Besitz der vollen, -unzweifelhaften, unfehlbaren Wahrheit zu sein behaupten. »Uns und -dem Heiligen Geist hat es gefallen« ... Das begann schon bei der -ersten Versammlung der Apostel. Seit der Zeit trat man mit der -Behauptung auf, im Besitz der völligen, ausschließlichen Wahrheit zu -sein. Wenn ich nämlich sage, es gibt einen Gott, einen Ursprung der -Welt, werden alle mir beipflichten. Dieses Bekenntnis vereint uns. -Wenn ich aber sage, es gibt einen Gott Brahma, oder einen Gott der -Juden, oder eine Dreieinigkeit -- so bewirkt eine solche Gottheit -Zwietracht. Die Menschen trachten nach Vereinigung und gebrauchen, -um sie herbeizuführen, alle möglichen Mittel. Vergessen aber das -eine, Unzweifelhafte: Streben nach Wahrheit. In der Art, wie wenn -Menschen, die in einem ungeheuren Gebäude, in das das Licht von oben -in die Mitte fällt, sich vereinigen wollen, und nun in den Ecken sich -versammeln, anstatt alle zusammen zum Licht zu wandeln, wo sie ohne -viel Nachdenken vereint werden. - -=Priester.= Wie kann man aber das Volk ohne ganz bestimmte -- nun sagen -wir: Wahrheiten leiten? - -=Nikolai.= Das ist wieder das Schreckliche. Wir, jeder von uns muß -selbst seine Seele retten, selbst Gottes Werk tun; statt dessen bemühen -wir uns, andere zu retten und zu unterweisen. Und was bringen wir -ihnen bei? Es ist fürchterlich, daran zu denken. Jetzt, am Ende des -neunzehnten Jahrhunderts, lehren wir, Gott hätte die Welt in sechs -Tagen geschaffen, dann die Sintflut geschickt, alle Tiere in die Arche -gesperrt, und alle Dummheiten und Garstigkeiten des Alten Testamentes. -Dann, Christus habe geboten, alle mit Wasser zu taufen oder an den -Unsinn und das Abscheuliche einer Erlösung zu glauben, ohne die niemand -selig werden könne, und sei dann in den Himmel geflogen und säße dort, -im Himmel, der nicht existiert, zur Rechten des Vaters. Wir haben uns -an all diese Dinge gewöhnt, sie sind aber schrecklich. Ein frisches, -für alles Gute und die Wahrheit empfängliches Kind fragt uns, was -die Welt sei und welche Gesetze sie regierten? und anstatt ihm die -überlieferte Lehre der Liebe und Wahrheit mitzuteilen, geben wir uns -alle erdenkliche Mühe, den schrecklichsten Unsinn einzutrichtern. Das -ist fürchterlich. Das ist das schlimmste Verbrechen, das es gibt. -Und wir und Sie, samt Ihrer Kirche, begehen ununterbrochen dieses -Verbrechen. Verzeihen Sie. - -=Priester.= Ja, wenn man die christliche Lehre so, sagen wir: -rationalistisch auffaßt, mag das der Fall sein. - -=Nikolai.= Wie man sie auch auffaßt, es ist und bleibt so. - - (Schweigen.) - -=Alexandra= (tritt ein). - - -Sechzehnter Auftritt. - - =Die Vorigen.= =Alexandra Iwanowna.= - -=Alexandra.= Leben Sie wohl, Batjuschka. Er macht Sie ganz konfus; -hören Sie nicht auf ihn. - -=Priester.= Nein, lesen Sie die Heilige Schrift. Die Sache ist zu -wichtig, um sie so leicht abzutun. (Er zieht sich zurück.) - - -Siebzehnter Auftritt. - - =Die Vorigen= ohne Priester. - -=Alexandra.= Wirklich, Nikolai, du nimmst keine Rücksicht. Trotz seines -geistlichen Standes ist er doch noch so jung, kann noch keine festen -Überzeugungen haben ... - -=Nikolai.= Man soll ihm wohl Zeit lassen, in seinen verkehrten -Ansichten fest und sicher zu werden. Nein, wozu das? So ein braver, -aufrichtiger Mensch! - -=Alexandra.= Was würde aus ihm, wenn er dir glaubte? - -=Nikolai.= Mir zu glauben braucht er nicht; es wäre aber gut für ihn, -wie für alle anderen, wenn er die Wahrheit einsähe. - -=Alexandra.= Wenn das gut wäre, würden alle dir glauben; dir glaubt -aber niemand -- deine Frau am allerwenigsten. Sie kann einfach nicht. - -=Nikolai.= Wer hat dir das gesagt? - -=Alexandra.= Du magst ihr alles noch so deutlich erklären -- sie -wird dich nie begreifen, wie ich nicht, und wie die ganze Welt nicht -begreift, daß man sich um fremde Leute kümmern und seine eigenen Kinder -im Stich lassen muß. Das mach mal deiner Frau begreiflich! - -=Nikolai.= Auch Mascha wird mich sicher einst verstehen. Und, nimm -es mir nicht übel, Aline, aber wenn hier keine fremden Einflüsse -mitwirkten, denen sie sehr leicht unterliegt, würde sie mich schon -verstehen und mit mir gehen. - -=Alexandra.= Um ihre Kinder zugunsten des trunkenen Jefim und Konsorten -zu verstoßen? Niemals! Du wirst mir deswegen böse sein, aber verzeih -mir, ich kann nicht anders, ich muß dir das sagen. - -=Nikolai.= Ich bin dir nicht böse. Im Gegenteil, ich freue mich, daß -du alles ausgesprochen hast und mir dadurch Veranlassung gibst, ihr -unumwunden meine Meinung zu sagen. Ich habe unterwegs alles überlegt -und werde es ihr sofort sagen, und du sollst sehen, daß sie mir -beistimmt, weil sie gut und verständig ist. - -=Alexandra.= Das möchte ich doch bezweifeln. - -=Nikolai.= Nein, es ist ganz sicher. Es handelt sich doch nicht um -etwas, das ich mir ausgedacht habe, sondern um das, was wir alle -wissen, was Christus uns geoffenbart hat. - -=Alexandra.= Ja, deiner Auffassung nach hat Christus _das_ geoffenbart, -meiner Meinung nach etwas anderes. - -=Nikolai.= Das kann nicht sein. - - (Geschrei bei den Tennisspielern. _Ljuba_: »~Out!~« _Wanja_: - »Nein, wir haben nichts gesehen.« _Lisa_: »Ich hab’s gesehen, - dort ist der Ball niedergefallen.« _Ljuba_: »~Out! Out! Out!~« - _Wanja_: »Ist nicht wahr!« _Ljuba_: »Erstens ist es nicht fein, - zu sagen: es ist nicht wahr.« _Wanja_: »Und erst recht nicht - fein, die Unwahrheit zu sagen.«) - -=Nikolai= (fortfahrend). Wart einen Augenblick; sag einmal nichts -dagegen, sondern hör mich an. - -=Alexandra.= Schön. Ich höre. - -=Nikolai.= Es ist doch wahr, daß wir alle jede Minute sterben können -und entweder in das Nichts eingehen oder zu Gott, der von uns ein Leben -nach seinem Willen verlangt. - -=Alexandra.= Nun? - -=Nikolai.= Was kann ich also in diesem Leben anderes tun, als nur das, -was der oberste Richter in meiner Seele, mein Gewissen, Gott verlangt? -Und dieses Gewissen, Gott, verlangt, daß ich alle Menschen für gleich -halte, allen diene, alle liebe. - -=Alexandra.= Also auch die eigenen Kinder. - -=Nikolai.= Gewiß, auch sie; aber dabei alles tue, was mir mein Gewissen -befiehlt. Die Hauptsache ist, daß ich begreife, daß mein Leben nicht -mir, deins nicht dir, sondern Gott gehört, der uns in dieses Leben -gesandt hat und verlangt, daß wir seinen Willen tun. Sein Wille aber ... - -=Alexandra.= Davon willst du Mascha überzeugen? - -=Nikolai.= Sicherlich. - -=Alexandra.= So daß sie aufhört, ihre Kinder zu erziehen, wie es sich -gehört, und sie im Stich läßt? Niemals! - -=Nikolai.= Nicht nur sie, auch du wirst es begreifen, wirst begreifen, -daß dir nichts anderes übrig bleibt. - -=Alexandra.= Nie! Niemals! - -=Maria Iwanowna= (tritt ein). - - -Achtzehnter Auftritt. - - =Die Vorigen.= =Maria Iwanowna.= - -=Nikolai.= Nun, Mascha, ich habe dich heute morgen doch nicht geweckt? - -=Maria.= Nein, ich schlief nicht. Nun, ist deine Reise glücklich -verlaufen? - -=Nikolai.= Ja, sehr glücklich. - -=Maria.= Du trinkst ja alles kalt? Aber jetzt muß man an die Gäste -denken. Du weißt, daß Tscheremschanows mit Sohn und Tochter kommen. - -=Nikolai.= Freut mich, wenn sie dir angenehm sind. - -=Maria.= Ich hab’ sie gern, und die jungen Leute ebenfalls. Nur kommen -sie nicht sehr gelegen. - -=Alexandra= (sich erhebend). Sprich dich nur mit ihm aus; ich sehe beim -Spiel ein wenig zu. - - -Neunzehnter Auftritt. - - =Die Vorigen= ohne Alexandra Iwanowna. Schweigen. Dann beginnen - beide auf einmal zu sprechen. - - =Maria.= Sie kommen ungelegen, weil wir uns aussprechen } - müssen. } - } - =Nikolai.= Diesen Augenblick sagte ich zu Aline ... } - -=Maria.= Was denn? - -=Nikolai.= Nein, sprich du nur. - -=Maria.= Ich wollte über Stefan mit dir reden. Da muß endlich eine -Entscheidung getroffen werden. Der arme Junge quält sich, weiß nicht, -was aus ihm wird. Er kommt zu mir, aber ich kann nichts entscheiden. - -=Nikolai.= Was ist denn da zu entscheiden. Mag er doch selbst seinen -Entschluß fassen. - -=Maria.= Du weißt, daß er als Freiwilliger bei der Garde eintreten -will. Dazu braucht er eine Bescheinigung von dir und die Mittel zum -Unterhalt; und die willst du ihm nicht geben! (Sie spricht erregt.) - -=Nikolai.= Reg dich um Gottes willen nicht auf, Mascha. Hör mich an. -Weder will ich etwas geben noch nicht geben. Ich halte den freiwilligen -Eintritt beim Militär für dumm, sinnlos, für ein Zeichen von geringer -Bildung, wenn jemand das Abscheuliche des Berufes nicht kennt; oder -aber für niederträchtig, wenn Berechnung im Spiele ist ... - -=Maria.= Für _dich_ ist jetzt alles dumm oder niederträchtig. Stefan -muß doch aber leben. _Du_ hast auch gelebt. - -=Nikolai= (sich ereifernd). Das war, als ich noch nichts verstand -und niemand mich aufklärte. Hier handelt es sich aber nicht um mich, -sondern um ihn. - -=Maria.= Wieso? Du bist doch der, der ihm kein Geld geben will. - -=Nikolai.= Ich kann nicht geben, was mir nicht gehört. - -=Maria.= Wieso nicht gehört? - -=Nikolai.= Mir gehört nicht das, was andere Leute erarbeitet haben. Das -Geld, das ich ihm gebe, muß ich anderen abnehmen. Dazu habe ich kein -Recht, das kann ich nicht. Solange ich die Verfügung über das Gut habe, -kann ich nicht anders darüber verfügen, als mir mein Gewissen befiehlt. -Ich bringe es nicht fertig, die sauer erarbeiteten letzten Groschen der -Bauern für Leibhusarenzechen herzugeben. Nehmt mir das Besitztum, dann -bin ich nicht mehr verantwortlich. - -=Maria.= Du weißt doch, daß ich das nicht will, nicht kann. Ich soll -die Kinder gebären, nähren, erziehen -- das ist zu viel! ... - -=Nikolai.= Mascha, Liebling! Darum handelt es sich ja gar nicht. Als du -zu reden anfingst, fing ich auch an -- ich wollte einmal so recht von -Herzen mit dir sprechen. So geht es nicht weiter. Wir leben zusammen -und verstehen uns nicht. Es macht bisweilen den Eindruck, als sei das -Absicht. - -=Maria.= Ich gebe mir alle erdenkliche Mühe, bringe es aber nicht -fertig. Ich verstehe dich nicht, verstehe nicht, was mit dir -vorgegangen ist. - -=Nikolai.= Nun, dann will ich dir etwas sagen. Es ist zwar jetzt nicht -die Zeit dazu, aber Gott weiß, wann die ist. Bemüh dich weniger, mich -zu verstehen, als dich selbst, dein Leben. Man kann nicht so leben, -ohne zu wissen, wozu. - -=Maria.= Wir haben es aber doch bislang getan und uns sehr wohl dabei -gefühlt. (Den ärgerlichen Ausdruck in seinem Gesicht bemerkend.) Nun -gut, ich höre schon. - -=Nikolai.= Auch ich habe so dahingelebt, ohne nachzudenken, warum ich -lebe. Aber dann kam die Zeit, wo ich erschrak. Schön: wir leben von der -Arbeit anderer, zwingen andere, für uns zu arbeiten, setzen Kinder in -die Welt und erziehen sie zu ebensolchem Leben. Dann kommt das Alter, -der Tod, und ich frage mich: wozu habe ich gelebt? Um die Zahl solcher -menschlichen Parasiten wie ich zu vermehren? Was aber die Hauptsache: -solch ein Leben macht kein Vergnügen. Es ist noch erträglich, wenn, wie -bei Wanja, die Lebensenergie in einem überschäumt ... - -=Maria.= Dabei leben doch alle so... - -=Nikolai.= Und sind alle unglücklich. - -=Maria.= Durchaus nicht. - -=Nikolai.= Ich wenigstens habe eingesehen, daß ich sehr unglücklich bin -und dich und die Kinder ebenfalls unglücklich mache. Und da fragte ich -mich: Hat Gott uns wirklich dazu geschaffen? Und sobald ich darüber -nachdachte, fühlte ich, daß das nicht der Fall sei. Darauf fragte ich -mich: Wozu hat Gott uns eigentlich geschaffen? - -=Ein Diener= (kommt). - - -Zwanzigster Auftritt. - - =Die Vorigen= und der =Diener=. - -=Maria= (hört nicht auf ihren Gatten, sondern wendet sich dem Diener -zu). Bringen Sie etwas gekochte Sahne. - -=Diener= (geht ab). - -=Nikolai.= Und im Evangelium fand ich die Antwort, daß wir nicht um -unserer selbst willen leben. Das wurde mir klar, als ich einmal über -das Gleichnis von den Weingärtnern nachdachte. Kennst du es? - -=Maria.= Ja, das von den Arbeitern. - -=Nikolai.= Nun, dieses Gleichnis zeigte mir ganz klar, worin mein -Irrtum bestand. Wie die Weingärtner den Garten für ihr Eigentum -hielten, glaubte ich, mein Leben sei -- mein. Da war denn alles -schrecklich. Sobald ich aber begriff, daß mein Leben nicht mir gehöre, -sondern daß ich in die Welt gesandt sei, um das Werk Gottes zu -verrichten ... - -=Maria.= Nun ja, das wissen wir alle. - -=Nikolai.= Wenn das der Fall ist, können wir unmöglich derart weiter -leben, daß unser ganzes Leben nicht nur keine Erfüllung des Willens -Gottes, sondern im Gegenteil seine ununterbrochene Übertretung bedeutet. - -=Maria.= Wie ist das möglich, wenn wir niemandem Böses tun? - -=Nikolai.= Was heißt: niemandem Böses tun? Das ist ja genau die -Lebensauffassung der Weingärtner. Wir müssen doch ... - -=Maria.= Ich kenne das Gleichnis. Er gab allen gleichen Lohn. - -=Nikolai= (nach kurzem Schweigen). Nein, das ist nicht das Wesentliche. -Bedenk doch, Mascha, daß wir nur _ein_ Leben besitzen, das wir entweder -heiligen oder zugrunde richten können. - -=Maria.= Ich bin nicht imstande, so viel zu denken und zu überlegen. -Nachts schlafe ich nicht, nähre das Kind, besorge den ganzen Haushalt, -und anstatt mir zu helfen, redest du mir Dinge vor, die ich nicht -verstehe. - -=Nikolai.= Mascha! - -=Maria.= Dazu nun noch der Besuch. - -=Nikolai.= Schon gut. Wir werden uns schon verständigen. (Er küßt sie.) -Nicht wahr? - -=Maria.= Ja; wenn du nur so bist, wie früher. - -=Nikolai.= Das kann ich nicht; du mußt auf mich hören. - - (Es ertönt Schellengeläut und Wagenrollen.) - -=Maria.= Jetzt ist keine Zeit. Die Gäste sind da. Ich muß zu ihnen. -(Sie geht um die Hausecke.) - -=Ljuba= und =Stefan= (gehen auch dorthin). - -=Wanja= (springt über eine Bank). Ich höre nicht auf, wir spielen die -Partie zu Ende. Ljuba! Na, also? - -=Ljuba= (ernst). Bitte, mach keine Dummheiten. - -=Alexandra Iwanowna= mit ihrem Gatten und =Lisa= (kommen auf die -Veranda). - -=Nikolai Iwanowitsch= (geht nachdenklich auf und ab). - - -Einundzwanzigster Auftritt. - - =Nikolai Iwanowitsch.= =Alexandra Iwanowna.= =Peter - Semjonowitsch= und =Lisa=. - -=Alexandra.= Nun, hast du sie bekehrt? - -=Nikolai.= Aline! Was zwischen uns vorgeht, ist etwas Großes, -Bedeutendes! Scherze sind hier nicht angebracht. Nicht ich bekehre sie, -sondern das Leben, die Wahrheit, Gott. Deswegen muß sie sich überzeugen -lassen, wenn nicht heute, so morgen, und wenn nicht morgen, dann ... -Schrecklich, daß nie jemand Zeit hat. Wer ist denn da gekommen? - -=Semjonowitsch.= Tscheremschanows, Katja Tscheremschanowa, die ich -achtzehn Jahre nicht gesehen habe. Das letztemal sang sie mit mir: ~Là -ci darem la mano.~ (Singt.) - -=Alexandra= (zu ihrem Gatten). Bitte, fall mir nicht ins Wort. Glaub’ -nicht, daß ich mit Nikolai zanke. Ich sage die Wahrheit. (Zu Nikolai.) -Ich mache durchaus keinen Scherz, aber es kam mir sonderbar vor, daß du -Mascha gerade in dem Augenblick bekehren wolltest, als sie daran ging, -mit dir zu sprechen. - -=Nikolai.= Schon gut, schon gut. Da kommen sie. Sag Mascha, daß ich in -meinem Zimmer bin. (Ab.) - - - - -Zweiter Aufzug. - - -Derselbe Schauplatz auf dem Lande, acht Tage später. - - Die Bühne stellt einen großen Saal dar. Der Tisch ist gedeckt. - Samowar, Tee und Kaffee. An der Wand ein Flügel, Notenständer. - Am Tisch sitzen Maria Iwanowna, die Fürstin Tscheremschanowa - und Peter Semjonowitsch. - - -Erster Auftritt. - - =Maria Iwanowna.= =Peter Semjonowitsch= und die =Fürstin=. - -=Semjonowitsch.= Ja, Fürstin, es ist lange her, daß Sie die Rosine -gesungen haben, und ich ... tauge nicht einmal mehr zum Don Basilio ... - -=Fürstin.= Jetzt könnten unsere Kinder singen. Leider haben die Zeiten -sich geändert. - -=Semjonowitsch.= Ja, man ist mehr für das Positive ... Ihre Tochter -spielt übrigens sehr gut. Was treibt die Gesellschaft, schlafen sie -wirklich noch? - -=Maria.= Ja. Sind gestern bei Mondschein spazieren geritten und sehr -spät heimgekehrt. Ich hörte sie, als ich den Kleinen nährte. - -=Semjonowitsch.= Und wann wird meine glaubenstüchtige Gemahlin wieder -hier sein? Habt ihr den Wagen geschickt? - -=Maria.= Ja; sie ist schon früh fortgefahren. Muß bald zurück sein. - -=Fürstin.= Ist sie wirklich nur hingefahren, um Pater Gerassim zu holen? - -=Maria.= Ja. Gestern kam ihr der Gedanke, und sofort führte sie ihn aus. - -=Fürstin.= Diese Energie. Ich bewundere sie. - -=Semjonowitsch.= O, damit sind wir reichlich versehen. (Nimmt eine -Zigarre aus dem Etui.) Ich werde ein wenig rauchen und mit den Hunden -im Park spazierengehen, bis die liebe Jugend aufsteht. (Er geht ab.) - - -Zweiter Auftritt. - - =Fürstin.= =Maria Iwanowna.= - -=Fürstin.= Ich weiß nicht, liebe Maria Iwanowna, aber es kommt mir vor, -als wenn Sie sich das alles zu sehr zu Herzen nehmen. Ich verstehe ihn -recht gut. Er befindet sich in gehobener Stimmung. Was ist schließlich -dabei, wenn er auch den Armen etwas zukommen läßt? Wir denken sowieso -zu viel an uns. - -=Maria.= Wenn es dabei sein Bewenden hätte; aber Sie kennen ihn nicht, -wissen nicht alles. Das ist keine Armenunterstützung mehr, sondern -völlige Umwälzung, Vernichtung alles Bestehenden. - -=Fürstin.= Ich möchte mich nicht in Ihr Familienleben mischen, wenn Sie -aber gestatten ... - -=Maria.= Bitte sehr. Ich rechne Sie zur Familie, besonders jetzt. - -=Fürstin.= Dann möchte ich Ihnen raten, offen und ehrlich Ihre -Forderungen auszusprechen und sich mit ihm zu einigen, bis zu welcher -Grenze ... - -=Maria= (erregt). Da gibt es keine Grenzen! Alles will er fortgeben! -Verlangt, daß ich in meinen Jahren Köchin, Wäscherin werde. - -=Fürstin.= Nicht möglich! Das ist allerdings erstaunlich! - -=Maria= (zieht einen Brief aus der Tasche). Wir sind allein und ich -freue mich, daß ich Ihnen alles sagen kann. Gestern hat er mir diesen -Brief geschrieben. Ich will ihn Ihnen vorlesen. - -=Fürstin.= Was? Er lebt mit Ihnen unter einem Dach und schreibt Ihnen -Briefe? Sonderbar. - -=Maria.= Nein, das verstehe ich schon. Er regt sich beim Reden immer so -sehr auf. Ich fürchte nächstens für seine Gesundheit. - -=Fürstin.= Was schreibt er denn? - -=Maria.= Also: (Liest.) »Du machst mir den Vorwurf, ich zerstörte -unser früheres Leben, setzte aber nichts Neues an die Stelle, und -sagte nicht, wie ich mit der Familie zurechtkommen wollte. Wenn wir -das mündlich erörtern, regen wir uns zu sehr auf -- deswegen schreibe -ich dir. Warum ich nicht so weiterleben kann, wie bisher, habe ich -schon oft gesagt; dich überzeugen, daß man so nicht leben darf, sondern -christlich leben muß -- vermag ich brieflich nicht. Dir steht eins von -beiden frei: entweder glaubst du der Wahrheit und gehst aus freien -Stücken mit mir, oder du vertraust mir und folgst mir nach.« (Sie -unterbricht die Lektüre.) Ich kann weder das eine noch das andere. -Ich glaube nicht an die Notwendigkeit: so zu leben, wie er will; die -Kinder tun mir leid, ich kann ihm hierin nicht vertrauen. (Sie liest -weiter.) »Mein Plan ist folgender: Wir geben all unser Land den Bauern -und behalten nur fünfzig Morgen, den Garten, das Gemüseland und die -Rieselwiesen. Dann wollen wir sehen, daß wir das Land selbst bestellen, -ohne uns oder den Kindern Zwang anzutun. Das Land, das wir behalten, -kann uns immerhin fünfhundert Rubel abwerfen.« - -=Fürstin.= Eine Familie mit sieben Kindern soll von fünfhundert Rubeln -leben? Das ist unmöglich. - -=Maria.= Dann folgt hier der ganze Plan. Das Haus soll als Schule -dienen, wir selbst wohnen im Gärtnerhäuschen in zwei Zimmern. - -=Fürstin.= Ich glaube nachgerade wirklich, daß die Sache krankhaft ist. -Was haben Sie ihm erwidert? - -=Maria.= Ich sagte, ich brächte das nicht fertig. Allein würde ich ihm -überallhin folgen, aber mit den Kindern ... Bedenken Sie doch nur: der -Kleine bekommt ja noch die Brust. Ich sagte ihm: ich kann doch nicht -alles so hinwerfen. Habe ich denn dazu geheiratet? Ich bin schwach und -alt. Neun Kinder gebären und aufziehen ist doch keine Kleinigkeit. - -=Fürstin.= Ich hätte nie geglaubt, daß die Sache schon so weit gekommen -ist. - -=Maria.= So liegen die Dinge. Ich weiß nicht, was nun wird. Gestern hat -er den Bauern aus Dmitrowka den Pachtzins erlassen und will ihnen das -Land ganz und gar übergeben. - -=Fürstin.= Meiner Meinung nach dürfen Sie das nicht zulassen. Sie haben -die Pflicht, Ihre Kinder sicherzustellen. Wenn er sein Besitztum nicht -mehr verwalten kann, soll er es Ihnen abtreten. - -=Maria.= Das will ich nicht. - -=Fürstin.= Sie sind es den Kindern schuldig. Die Besitzung kann ja auf -Ihren Namen eingetragen werden. - -=Maria.= Das hat meine Schwester Sascha ihm schon gesagt. Er erwiderte -darauf, er hätte kein Recht dazu; das Land gehöre denen, die es -bearbeiteten; er sei verpflichtet, es den Bauern abzutreten. - -=Fürstin.= Ja, jetzt begreife ich, daß die Sache weit ernster ist, als -ich glaubte. - -=Maria.= Und der Priester, der Priester ist auf seiner Seite! - -=Fürstin.= Ja, das habe ich gestern bemerkt. - -=Maria.= Deshalb ist auch meine Schwester nach Moskau gefahren, -um mit dem Notar zu sprechen und hauptsächlich, um Pater Gerassim -mitzubringen, der ihn überzeugen soll. - -=Fürstin.= Ja, ich denke auch, das Christentum besteht nicht darin, -seine Familie ins Unglück zu stürzen. - -=Maria.= Leider glaubt er auch dem Pater nicht. Er ist so bestimmt in -allem, und wenn er spricht, kann ich ihm nichts erwidern. Das ist ja -das Schreckliche, daß es mir stets vorkommt, als hätte er recht. - -=Fürstin.= Das kommt daher, daß Sie ihn lieben. - -=Maria.= Ich weiß nicht, woher es kommt; jedenfalls ist es schrecklich. -Auf diese Weise bleibt alles unentschieden. Das soll nun Christentum -sein. - -=Wärterin= (tritt ein). - - -Dritter Auftritt. - - =Die Vorigen.= =Wärterin.= - -=Wärterin.= Bitte, gnädige Frau. Der Kleine ist aufgewacht und schreit. - -=Maria.= Sofort; ich bin so unruhig, und der Kleine hat Leibschmerzen. -Ich komme schon. - -=Nikolai= (tritt mit einem Schreiben in der Hand zur andern Tür ein). - - -Vierter Auftritt. - - =Maria Iwanowna.= =Die Fürstin.= =Nikolai Iwanowitsch.= - -=Nikolai.= Nein, das darf nicht sein, das ist unmöglich! - -=Maria.= Was denn? - -=Nikolai.= Daß wegen dieser einen Tanne Peter ins Gefängnis kommt. - -=Maria.= Wieso? - -=Nikolai.= Ganz einfach. Er hat sie gefällt, wurde deswegen angeklagt -und jetzt vom Friedensrichter zu drei Monaten Gefängnis verurteilt. -Seine Frau ist da. - -=Maria.= Nun, was ist denn dabei unmöglich? - -=Nikolai.= Nein, es darf nicht sein! Eins kann ich: keinen Wald -besitzen. Und das werde ich. Aber was weiter? Ich werde zu ihm gehen -und sehen, ob ich nicht helfen kann bei dem Unglück, das wir verursacht -haben. (Er geht zur Veranda und stößt auf Boris und Ljuba.) - - -Fünfter Auftritt. - - =Die Vorigen.= =Boris= und =Ljuba=. - -=Ljuba.= Guten Morgen, Papa. (Sie küßt ihn.) Wohin willst du? - -=Nikolai.= Ins Dorf, wo ich war. Da wird ein hungriger Mensch ins -Gefängnis geschleppt, weil er ... - -=Ljuba.= Wirklich -- Peter? - -=Nikolai.= Ja, Peter. (Er geht ab.) - -=Maria= (folgt ihm). - - -Sechster Auftritt. - - =Die Vorigen= ohne Nikolai Iwanowitsch und Maria Iwanowna. - -=Ljuba= (setzt sich an den Samowar). Wünschen Sie Kaffee oder Tee? - -=Boris.= Einerlei ... - -=Ljuba.= Immer dasselbe. Ich weiß nicht, wie das endet. - -=Boris.= Ich verstehe ihn nicht. Ich weiß, daß das Volk arm, unwissend -ist, daß man ihm helfen muß; aber nicht in der Art, daß man Diebe -ermutigt. - -=Ljuba.= Wodurch denn? - -=Boris.= Durch unsere ganze Tätigkeit. Unser ganzes Wissen, alle -Kenntnisse muß man in den Dienst des Volkes stellen -- sein Leben darf -man aber nicht hingeben. - -=Ljuba.= Papa sagt, gerade das sei notwendig. - -=Boris.= Das verstehe ich nicht. Man kann dem Volk dienen, ohne sein -Leben zugrunde zu richten. So will ich meine Zukunft einrichten. Wenn -du nur deinerseits ... - -=Ljuba.= Ich will, was du willst. Ich fürchte mich nicht. - -=Boris.= Und diese Ohrringe, das Kleid? - -=Ljuba.= Die Ohrringe kann man verkaufen, das Kleid ist nicht viel -wert. Trotzdem braucht man ja nicht als Vogelscheuche herumzulaufen. - -=Boris.= Ich möchte noch mit deinem Vater sprechen. Was meinst du, bin -ich ihm im Wege, wenn ich ihn im Dorf aufsuche? - -=Ljuba.= Durchaus nicht. Ich sehe, daß er dich gern hat. Gestern wandte -er sich meistens an dich. - -=Boris= (leert seine Kaffeetasse). Also ich gehe. - -=Ljuba.= Ja, geh nur. Ich werde Lisa und Tonja wecken. - -=Beide= (gehen ab). - - - - -Verwandlung. - - -Dorfstraße. - - Vor seiner Hütte liegt, mit dem Schafpelz bedeckt, Iwan Sjabrem. - - -Erster Auftritt. - - =Iwan= allein. - -=Iwan= (ruft). Malaschka! - - (Hinter der Hütte kommt ein schmächtiges, kleines Mädchen mit - einem Kleinen auf dem Arm zum Vorschein. Der Kleine schreit.) - - -Zweiter Auftritt. - - =Iwan= und =Malaschka= mit dem =Kleinen=. - -=Iwan.= Wasser. Trinken! - -=Malaschka= (geht in die Hütte -- dort hört man das Kind laut schreien. -Sie kommt mit einem Krug voll Wasser). - -=Iwan.= Weshalb haust du den Kleinen immer, daß er schreit? Ich sag’s -der Mutter. - -=Malaschka.= Das tu nur. Er schreit, weil er hungrig ist. - -=Iwan= (trinkt). Solltest bei Demkins um etwas Milch bitten. - -=Malaschka.= Da bin ich gewesen. Die haben nichts. Da ist auch niemand -zu Hause. - -=Iwan.= Ach, wenn doch der Tod käme. Hat’s zu Mittag geläutet? - -=Malaschka.= Schon vor ein paar Stunden. Da kommt der gnädige Herr. - -=Nikolai Iwanowitsch= (tritt auf). - - -Dritter Auftritt. - - =Die Vorigen= und =Nikolai Iwanowitsch=. - -=Nikolai.= Na? Du bist hier draußen? - -=Iwan.= Ja, wegen der Fliegen. Und dann die Hitze. - -=Nikolai.= Ist dir jetzt warm? - -=Iwan.= Brennt alles wie Feuer. - -=Nikolai.= Wo ist denn Peter? zu Hause? - -=Iwan.= Ach wo, bei solchem Wetter. Auf dem Felde ist er, um -einzufahren. - -=Nikolai.= Und da sagt man mir, er solle ins Gefängnis! - -=Iwan.= Das stimmt; der Polizist will ihn gerade vom Felde holen. - - (Ein schwangeres Weib kommt mit einer Hafergarbe und Harke und - schlägt Malaschka sofort in den Nacken.) - - -Vierter Auftritt. - - =Die Vorigen= und das =Weib=. - -=Weib.= Weshalb läßt du den Kleinen allein! Hörst doch, wie er brüllt. -Immer nur auf der Straße herumlungern! - -=Malaschka= (heult). Ich bin gerade herausgekommen. Vater wollte -trinken. - -=Weib.= Ich werd’ dich kriegen! (Sie sieht den Herrn.) Ah, grüß Gott, -Väterchen Nikolai Iwanowitsch. Ist das ein Leiden hier! Alles muß ich -allein besorgen; hab’ schon keine Kraft mehr. Und da wirft man den -letzten, der noch arbeitet, ins Gefängnis. Der Taugenichts aber räkelt -sich da herum. - -=Nikolai.= Was redest du! Er ist doch krank. - -=Weib.= Schön krank! Bin ich nicht krank? Wenn’s an die Arbeit geht, -ist man krank. Aber faulenzen und mir die Zöpfe ausreißen -- das kann -er. Soll er doch verrecken wie ein Hund; was schert’s mich! - -=Nikolai.= Das ist Sünde! Fühlst du das nicht? - -=Weib.= Ich weiß, daß es Sünde ist, kann aber mein Herz nicht zwingen. -Trag’ ein Kind im Leib und arbeite für zwei. Die andern Bauern haben -abgeerntet; bei uns sind zwei Viertelmorgen noch nicht gemäht. Ich -müßte Garben binden, kann aber nicht. Bin zu Hause nötig, muß nach den -Kindern sehen. - -=Nikolai.= Den Hafer will ich mähen lassen durch Arbeiter, und binden -auch. - -=Weib.= Das Binden ist nicht schlimm -- das besorge ich selbst; wenn -nur erst gemäht ist. Was glauben Nikolai Iwanowitsch, muß er wohl -sterben? Geht ihm doch sehr schlecht. - -=Nikolai.= Ich weiß nicht. Gewiß steht es schlecht mit ihm. Ich denke, -man bringt ihn ins Krankenhaus. - -=Weib.= Ach Herrgott! (Sie beginnt laut zu weinen.) Bring ihn nicht -fort, laß ihn hier sterben. (Zu ihrem Manne.) Was hast du? - -=Iwan.= Ins Krankenhaus will ich. Hier hab’ ich’s schlimmer als ein -Hund. - -=Weib.= Nun weiß ich schon gar nichts mehr. Hab’ den Verstand verloren. -Malaschka, mach das Mittagessen zurecht. - -=Nikolai.= Was habt ihr denn zu essen? - -=Weib.= Was wird’s sein? Kartoffel und Brot. Und auch das reicht nicht. -(Sie geht in die Hütte. Man hört ein Schwein quieken und das Kind -schreien.) - - -Fünfter Auftritt. - - =Die Vorigen= ohne das Weib. - -=Iwan= (stöhnt). Ach Gott, könnte ich doch sterben. - -=Boris= (kommt). - - -Sechster Auftritt. - - =Die Vorigen= und =Boris=. - -=Boris.= Kann ich Ihnen irgendwie nützlich sein? - -=Nikolai.= Nützlich sein? Kaum. Das Leiden sitzt zu tief. Nützlich sein -können Sie nur sich selbst, indem Sie erkennen, worauf wir unser Glück -begründen. Da ist eine Familie, fünf Kinder, die Frau schwanger, der -Mann krank, nichts zu essen als Kartoffel. Jetzt entscheidet sich die -Frage, ob man im nächsten Jahre satt wird oder nicht. Helfen kann man -nicht. Womit auch? Ich besorge ihr einen Arbeiter. Wer ist aber dieser -Arbeiter? Eben solch armer Teufel, dessen Wirtschaft durch Trunkenheit, -Not zugrunde gegangen ist. - -=Boris.= Verzeihung, was tun Sie denn aber hier? - -=Nikolai.= Ich lerne meine Lage kennen, erfahre, wer unsern Garten -besorgt, unser Haus baut, uns kleidet und ernährt. - -=Bauern= mit Sensen, =Weiber= mit Rechen (kommen und verbeugen sich). - - -Siebenter Auftritt. - - =Die Vorigen.= =Bauern= und =Bäuerinnen=. - -=Nikolai= (hält einen an). Jermil, willst du ihnen nicht gegen Lohn den -Hafer mähen? - -=Jermil= (den Kopf schüttelnd). Ich tät’s von Herzen gern, kann aber -unmöglich abkommen, hab’ das eigene noch nicht eingefahren. Gerade -wollen wir daran. Wie steht’s hier? wird der Iwan sterben? - -=Ein anderer Bauer.= Ob Onkel Sebastian es übernehmen wird? He, -Sebastian! Da wird ein Mäher gesucht! - -=Sebastian.= Vermiet _du_ dich doch. Heute schafft’s fürs ganze Jahr. - -=Die Bauern= (gehen weiter). - - -Achter Auftritt. - - =Die Vorigen= ohne Bauern und Weiber. - -=Nikolai.= Lauter halb verhungerte, kranke, oft schon alte Leute, die -allein von Brot und Wasser leben. Der Greis da hat einen Bruch, der ihm -viel Schmerzen macht; dabei arbeitet er von vier Uhr früh bis zehn Uhr -abends und lebt kaum noch. Wir dagegen? Wie kann unsereins, der das -versteht, ruhig weiterleben und sich für einen Christen halten? Was -sage ich: Christen? Wilde Tiere handeln so! - -=Boris.= Was soll man denn tun? - -=Nikolai.= An dem Bösen nicht teilnehmen; kein Land besitzen, nicht -die Frucht ihrer Arbeit verzehren. Wie das einzurichten ist, weiß ich -nicht. Hier handelt es sich darum ... wenigstens war das mit mir der -Fall. Ich habe gelebt, ohne zu wissen, wie; ohne zu begreifen, daß -ich Gottes Sohn, wie wir alle Gottes Söhne und Brüder sind. Als ich -das aber begriff, daß wir alle gleiches Recht auf das Leben haben, -wurde mein Leben ein ganz anderes. Doch das kann ich Ihnen jetzt nicht -erklären. Nur das eine will ich sagen, daß ich früher blind war, wie -die Meinigen zu Hause es noch sind. Jetzt aber bin ich sehend geworden -und kann nicht anders, ich muß sehen. Und weil ich sehe, kann ich nicht -so weiterleben. Übrigens davon später. Jetzt muß ich tun, was ich kann. - -=Der Dorfpolizist=, =Peter=, sein =Weib= und =kleiner Knabe= (kommen). - - -Neunter Auftritt. - - =Die Vorigen.= =Der Polizist.= =Peter=, sein =Weib= und sein - =Sohn=. - -=Peter= (fällt Nikolai Iwanowitsch zu Füßen). Verzeih mir, um Christi -willen, ich gehe zugrunde! Was wird aus meinem Weibe! Könnte ich -wenigstens gegen Bürgschaft freikommen. - -=Nikolai= (zum Polizisten). Ich fahre zum Gericht und mache die -Eingabe. Kannst du ihn jetzt nicht freilassen? - -=Polizist.= Wir haben Befehl, ihn aufs Amt zu bringen. - -=Nikolai.= Also dann geh mit; ich besorge Hilfe und tue, was ich kann. -Das bin ich selbst. Wie kann man nur so leben. (Er geht ab.) - - - - -Verwandlung. - - -Wieder auf dem Gut. - - Draußen Regen. Gastzimmer mit Flügel. Tonja hat eine Sonate - von Schumann gespielt und sitzt noch am Flügel. Daneben steht - Stefan. Boris sitzt. Ljuba, Lisa, Mitrofan Jermilytsch, der - Priester -- alle sind vom Spiel ergriffen. - - -Erster Auftritt. - - =Tonja.= =Stefan.= =Boris.= =Ljuba.= =Lisa.= =Mitrofan.= - =Priester.= =Bauern= von außen. - -=Ljuba.= Wie entzückend, das Andante. - -=Stefan.= Nein, das Scherzo. Alles wundervoll. - -=Lisa.= Sehr schön. - -=Stefan.= Ich hätte Sie nie für solche Künstlerin gehalten. Das ist -wirklich meisterhaftes Spiel. Technische Schwierigkeiten existieren -für Sie nicht; Sie denken nur an den Gefühlsinhalt und drücken alles -wunderbar zart aus. - -=Ljuba.= Und vornehm. - -=Tonja.= Ich fühle aber, daß es nicht so ist, wie ich möchte ... Mir -fehlt noch vieles. - -=Lisa.= Wie ist das möglich? Ich finde alles wunderbar. - -=Ljuba.= Schumann ist schön, aber Chopin greift doch mehr ans Herz. - -=Stefan.= Er ist lyrischer. - -=Tonja.= Man kann die beiden nicht vergleichen. - -=Ljuba.= Kennst du sein Prélude? - -=Tonja.= Das sogenannte George Sand-Prélude? (Sie spielt den Anfang.) - -=Ljuba.= Nein, das nicht. Es ist schön, wird aber reichlich viel -gespielt. Nun, spiel nur, bitte. - -=Tonja= (spielt, soweit sie kann, bricht dann aber plötzlich ab). - -=Ljuba.= Nein, D-Moll. - -=Tonja.= Ach, das -- das ist herrlich. Es hat so etwas Elementares, -Vorweltliches. - -=Stefan= (lacht). Ja, ja. Nun, spielen Sie, bitte. Aber Sie sind müde. -Also haben wir wenigstens einen herrlichen Morgen verbracht -- dank -Ihnen. - -=Tonja= (steht auf und schaut zum Fenster hinaus). Wieder die Launen. - -=Ljuba.= Was die Musik alles vermag! Ich verstehe König Saul. Mich -quält kein böser Geist, aber ich begreife ihn. Keine Kunst läßt so -alles vergessen, wie die Musik. (Sie tritt zum Fenster.) Was wollt ihr? - -=Bauern.= Wir haben Nikolai Iwanowitsch gebeten. - -=Ljuba.= Er ist nicht hier. Wartet etwas. - -=Tonja.= Und dabei heiratest du einen Menschen, der nichts von Musik -versteht. - -=Ljuba.= Das ist nicht möglich. - -=Boris= (zerstreut). Musik ... Nein, ich liebe sie, oder besser, ich -bin ihr nicht feind. Ziehe aber etwas Einfacheres vor, zum Beispiel ein -schlichtes Lied. - -=Tonja.= Wieso? Ist denn diese Sonate nicht reizend? - -=Boris.= Sie scheint mir nicht wichtig. Ich beneide die Leute, die -solchen Dingen Wichtigkeit beimessen. - - (Auf dem Tische stehen Süßigkeiten.) - -=Alle= (essen davon). - -=Lisa.= Das finde ich nett: ein Bräutigam und dann diese Süßigkeiten ... - -=Boris.= Daran bin ich unschuldig. Das hat Mama besorgt. - -=Tonja.= Ich finde es sehr nett. - -=Ljuba.= Musik ist dadurch wertvoll, daß sie ergreift, erhebt und die -Wirklichkeit vergessen macht. Wie düster war vorhin alles -- nun hast -du gespielt, und plötzlich ist es ringsum licht geworden. Wirklich -licht geworden. - -=Lisa.= Die Chopinschen Walzer sind etwas abgeleiert und dennoch ... - -=Tonja.= Dieser zum Beispiel ... (Sie spielt.) - -=Nikolai Iwanowitsch= (tritt ein und begrüßt alle Anwesenden einzeln). - - -Zweiter Auftritt. - - =Die Vorigen.= =Nikolai Iwanowitsch.= - -=Nikolai.= Wo ist Mama? - -=Ljuba.= Ich glaube im Kinderzimmer. - -=Stefan= (ruft einen Diener). - -=Ljuba.= Papa, wie wundervoll Tonja spielt. Wo warst du denn? - -=Nikolai.= Ich war im Dorf. - -=Der Diener= (tritt ein). - - -Dritter Auftritt. - - =Die Vorigen.= =Der Diener.= - -=Stefan.= Bring noch einen Samowar. - -=Nikolai= (begrüßt wieder den Diener mit Händedruck). Guten Tag! - -=Der Diener= (geht verlegen ab). - -=Nikolai= (geht ab). - - -Vierter Auftritt. - - =Die Vorigen= ohne Diener und Nikolai Iwanowitsch. - -=Stefan.= Der unglückliche Bursche! Wie verlegen er war. Ich verstehe -das nicht! Als ob wir an etwas schuld wären. - -=Nikolai Iwanowitsch= (kehrt ins Zimmer zurück). - - -Fünfter Auftritt. - - =Die Vorigen.= =Nikolai Iwanowitsch.= - -=Nikolai.= Ich wäre fast in mein Zimmer gegangen, ohne euch -mitzuteilen, was ich empfinde. Und das halte ich nicht für gut. (Zu -Tonja.) Wenn Sie, als Gast, durch meine Worte verletzt werden, so -verzeihen Sie mir -- aber ich kann nicht anders. Du, Ljuba, sagst, die -Fürstin spiele wunderschön. Ihr sitzt hier mit sieben, acht gesunden -jungen Leuten, habt bis zehn Uhr geschlafen, gegessen, getrunken, -eßt noch jetzt, macht Musik und unterhaltet euch darüber. Dort aber, -wo ich jetzt herkomme, sind die Menschen um drei Uhr aufgestanden -- -einige haben draußen beim Vieh die ganze Nacht nicht geschlafen -- und -nun sind alte, kranke, schwache Leute, Kinder, Frauen mit Säuglingen -und schwangere Frauen ununterbrochen bei der schwersten, ihre Kräfte -übersteigenden Arbeit, damit wir hier die Früchte ihres Schaffens -verzehren. Ja, noch mehr: soeben wird einer von ihnen, der beste, -einzige Arbeiter der Familie, ins Gefängnis geschleppt, weil er im -Frühjahr in »meinem« Walde -- das heißt angeblich meinem -- eine der -dort wachsenden hunderttausend Tannen gefällt hat. Wir aber sitzen -hier sauber gewaschen und gekleidet, indem wir den Dienstboten das -Reinigen des Nachtgeschirrs im Schlafzimmer überlassen, essen, trinken -und unterhalten uns geistreich darüber, ob Schumann oder Chopin uns -mehr ergreift und besser unsere Langeweile vertreibt. Diese Gedanken -kamen mir, als ich an euch vorüberging, und deswegen habe ich sie euch -gesagt. Denkt einmal nach, ob man solches Leben führen kann! (Er bleibt -in heftiger Erregung stehen.) - -=Lisa.= Das ist wahr, wirklich wahr. - -=Ljuba.= Wenn man sich solche Gedanken macht, kann man nicht leben. - -=Stefan.= Weshalb? Ich sehe nicht ein, warum man nicht über Schumann -sprechen soll, wenn das Volk arm ist. Eins schließt das andere nicht -aus. Wenn die Leute ... - -=Nikolai= (zornig). Wenn man kein Herz hat, wenn man sich so hölzern ... - -=Stefan.= Schon gut, ich schweige schon. - -=Tonja.= Eine schreckliche Frage, die Frage unserer Zeit. Man darf sich -aber nicht vor ihr fürchten, muß der Wirklichkeit mutig ins Auge sehen, -um die Frage zu lösen. - -=Nikolai.= Auf Maßregeln der Gemeinde darf man nicht warten. Jeder von -uns kann heute, morgen sterben. Wie soll man mit solchem Zwiespalt im -Innern weiterleben? - -=Boris.= Es gibt nur _ein_ Mittel: an solchem Leben nicht teilnehmen. - -=Nikolai.= Also verzeiht, wenn ich euch wehgetan. Aber ich mußte meine -Empfindungen einmal aussprechen. (Er geht ab.) - - -Sechster Auftritt. - - =Die Vorigen= ohne Nikolai Iwanowitsch. - -=Stefan.= Was heißt das: nicht teilnehmen? Unser ganzes Dasein ist ja -aufs engste damit verknüpft. - -=Boris.= Eben deswegen sagt er ja: man darf vor allen Dingen kein -Eigentum haben, muß sein ganzes Leben ändern; es nicht so einrichten, -daß andere uns dienen, sondern daß wir anderen dienen. - -=Tonja.= Du bist ja schon ganz auf seiner Seite! - -=Boris.= Ja, ich habe ihn zum erstenmal richtig verstanden. Und dann -das, was ich im Dorfe sah. Man braucht nur die Brille abzunehmen, -durch die wir das Leben des Volkes betrachten, und den Zusammenhang -zwischen ihren Leiden und unsern Freuden wahrzunehmen, so wird alles -entschieden. - -=Mitrofan.= Gewiß, aber das Mittel dazu besteht nicht darin, sein Leben -zu ruinieren. - -=Stefan.= Wunderbar, Mitrofan Jermilytsch und ich nehmen einen ganz -verschiedenen Standpunkt ein und treffen in diesem Punkt doch zusammen: -sein Leben darf man nicht ruinieren, das sind meine Worte. - -=Boris.= Sehr begreiflich. Ihr beide wollt ein angenehmes Leben führen -und trachtet daher nach Zuständen, die euch diese Annehmlichkeiten -garantieren. Sie (zu Stefan) möchten die jetzige Ordnung der Dinge -beibehalten, während Mitrofan Jermilytsch eine neue herbeizuführen -wünscht. - -=Ljuba= (flüstert Tonja etwas zu). - -=Tonja= (geht zum Flügel und spielt ein Notturno von Chopin). - -=Alle= (verstummen). - -=Stefan.= Das ist schön. Das löst alle Fragen. - -=Boris.= Verdunkelt alles und schiebt die Entscheidung hinaus. - -=Maria Iwanowna= und die =Fürstin= (sind während des Spiels leise -eingetreten, haben Platz genommen und hören zu). - - (Vor dem Ende des Notturnos ertönt Schellenläuten.) - - -Siebenter Auftritt. - - =Die Vorigen.= =Maria Iwanowna= und die =Fürstin=. - -=Ljuba.= Da kommt Tante zurück. (Sie geht ihr entgegen.) - -=Tonja= (spielt weiter). - -=Alexandra Iwanowna=, =Pater Gerassim=, ein Priester mit dem -Brustkreuz, und der =Notar= (treten ein). - -=Alle= (erheben sich). - - -Achter Auftritt. - - =Die Vorigen.= =Alexandra Iwanowna=, =Pater Gerassim= und der - =Notar=. - -=Pater Gerassim.= Bitte, lassen Sie sich nicht stören. Ich höre gern zu. - -=Die Fürstin= und der =Priester= (bitten um seinen Segen). - -=Alexandra.= Was ich mir vorgenommen, habe ich auch ausgeführt. -Pater Gerassim wollte gerade nach Kursk, aber ich habe ihn beredet, -mitzukommen. Und der Notar ist auch da. Alle Papiere sind fertig, es -fehlt nur die Unterschrift. - -=Maria.= Wollen die Herrschaften nicht etwas frühstücken? - -=Der Notar= (legt die Papiere auf den Tisch und geht ab). - - -Neunter Auftritt. - - =Die Vorigen= ohne Notar. - -=Maria.= Ich bin Pater Gerassim sehr dankbar ... - -=Pater Gerassim.= O bitte. Der Besuch liegt zwar nicht auf meinem -Reisewege, trotzdem hielt ich es für meine Christenpflicht, zu kommen. - - (Alexandra Iwanowna flüstert der Jugend etwas zu. Die jungen - Leute besprechen sich miteinander und gehen dann, außer Boris, - sämtlich auf die Veranda. Der Priester will ebenfalls gehen.) - - -Zehnter Auftritt. - - =Maria Iwanowna.= =Alexandra Iwanowna.= =Die Fürstin.= =Pater - Gerassim.= =Der Priester.= =Boris.= - -=Pater Gerassim.= Was ist denn? Bleiben Sie doch! Als Seelenhirt und -Beichtvater können Sie hier sich und andern nützen. Also bleiben Sie -nur, wenn Maria Iwanowna nichts dagegen hat. - -=Maria.= Durchaus nicht; ich habe Pater Wassili gern und rechne ihn -zur Familie. Habe mich auch oft mit ihm beraten -- leider besitzt er, -infolge seiner Jugend, zu wenig Autorität. - -=Pater Gerassim.= Gewiß, natürlich. - -=Alexandra= (näher tretend). Sie sehen also, Pater Gerassim, wie die -Dinge hier liegen. Sie allein können helfen und ihn zur Vernunft -bringen. Er ist sonst so klug und gelehrt; aber Sie wissen, daß -Gelehrsamkeit oft nur Schaden anrichtet. Ganz allmählich hat sich -bei ihm eine Art geistiger Trübung entwickelt. Er behauptet, dem -Christentum zufolge dürfe man kein Eigentum besitzen. Kann das sein? - -=Pater Gerassim.= Willkür, Überhebung, Lug und Trug! Die Kirchenväter -haben die Frage längst entschieden. Aber wie hat es nur so weit kommen -können? - -=Maria.= Wenn ich Ihnen alles erzählen soll, so war er zunächst, als -wir heirateten, völlig gleichgültig gegen jede Religion. So lebten wir -in bestem Einvernehmen die ersten zwanzig Jahre. Dann begann er zu -grübeln. Vielleicht beeinflußte seine Schwester ihn, oder die Lektüre --- jedenfalls grübelte er viel, las das Evangelium und wurde dann -plötzlich sehr religiös, ging in die Kirche und suchte Mönche auf. Dann -warf er das alles plötzlich beiseite, änderte seine ganze Lebensweise, -verrichtete alle Arbeit, ließ sich nicht mehr bedienen und beginnt -jetzt sogar sein Hab und Gut zu verteilen. Gestern hat er ein großes -Stück Wald verschenkt. Ich habe Angst wegen der sieben Kinder. Sprechen -Sie mit ihm. Ich werde ihn fragen, ob er Sie sehen will. (Sie geht ab.) - - -Elfter Auftritt. - - =Die Vorigen= ohne Maria Iwanowna. - -=Pater Gerassim.= Groß ist heutzutage die Zahl der Abtrünnigen! Gehört -die Besitzung ihm oder der Frau? - -=Fürstin.= Ihm. Das ist ja das Leiden. - -=Pater Gerassim.= Und welchen Rang bekleidet er? - -=Fürstin.= Keinen sehr hohen. Rittmeister, glaube ich. Er war Militär. - -=Pater Gerassim.= So fallen viele von der Kirche ab. In Odessa -verschrieb sich eine Dame dem Spiritismus und richtete viel Unheil -an. Trotzdem hat Gott der Herr sie in den Schoß der heiligen Kirche -zurückgeführt. - -=Fürstin.= Sie werden verstehen, um was es sich handelt. Mein Sohn -heiratet die eine Tochter. Ich habe meine Einwilligung gegeben. Aber -das Mädchen ist an Luxus gewöhnt und muß versorgt werden. Meinem Sohn -kann ich diese Last nicht zumuten, obgleich er sehr arbeitsam ist und -viel verspricht. - -=Maria Iwanowna= und =Nikolai Iwanowitsch= (treten ein). - - -Zwölfter Auftritt. - - =Die Vorigen.= =Maria Iwanowna= und =Nikolai Iwanowitsch=. - Später =Stefan=, =Ljuba=, =Lisa=, =Tonja= und =Diener=. - -=Nikolai.= Guten Tag, Fürstin. Guten Tag ... Entschuldigen Sie, wie ist -Ihr Name? - -=Pater Gerassim.= Meinen Segen wünschen Sie nicht? - -=Nikolai.= Nein. - -=Pater Gerassim.= Gerassim Fedorowitsch. Sehr angenehm. - -=Ein Diener= (bringt Frühstück und Wein). - -=Pater Gerassim.= Angenehme Witterung. Für die Ernte sehr günstig. - -=Nikolai.= Ich nehme an, Sie sind auf Veranlassung meiner Schwägerin -in der Absicht gekommen, mich von meinen Verirrungen zu befreien und -mich wieder auf den wahren Weg des Heils zurückzuführen. Wenn das der -Fall ist, wollen wir nicht wie die Katze um den heißen Brei herumgehen, -sondern uns sofort ans Werk machen. Ich leugne nicht, daß ich mit der -Kirchenlehre nicht übereinstimme. Es war einmal der Fall: später wurde -ich anderer Meinung. Doch wünsche ich von ganzer Seele die Wahrheit -kennen zu lernen und nehme sie sofort an, wenn Sie sie mir zeigen. - -=Pater Gerassim.= Wie können Sie sagen, daß Sie der Kirchenlehre nicht -glauben? Woran glauben Sie, wenn nicht an die Kirche? - -=Nikolai.= Ich glaube an Gott und sein Gebot, das uns im Evangelium -gegeben ist. - -=Pater Gerassim.= Das lehrt auch die Kirche. - -=Nikolai.= Wenn sie es täte, würde ich ihr glauben; sie lehrt aber -gerade das Gegenteil. - -=Pater Gerassim.= Sie kann nicht das Gegenteil lehren, weil sie von dem -Herrn selbst bestätigt ist. Es heißt: »Euch ist die Macht gegeben ... -und auf diesen Felsen will ich meine Gemeine bauen, und die Pforten der -Hölle sollen sie nicht überwältigen.« - -=Nikolai.= Das hat damit nicht das geringste zu tun. Aber selbst -zugegeben, daß Christus eine Kirche gegründet hat -- woher weiß ich -denn, daß diese Kirche gerade Ihre ist? - -=Pater Gerassim.= Weil es heißt: »Wo zwei oder drei versammelt sind in -meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen.« - -=Nikolai.= Auch das hat hierauf gar keine Beziehung und beweist nicht -das geringste. - -=Pater Gerassim.= Wie kann man nur so die Kirche verwerfen, die doch -allein alle Gnadenmittel besitzt. - -=Nikolai.= Ich habe sie erst verworfen, als ich mich überzeugt hatte, -daß sie alle möglichen Einrichtungen unterstützt, die dem Christentum -direkt zuwiderlaufen. - -=Pater Gerassim.= Die Kirche kann nicht irren, weil in ihr allein die -Wahrheit ist. Im Irrtum wandeln die Abtrünnigen; die Kirche aber ist -heilig. - -=Nikolai.= Ich habe Ihnen schon gesagt, daß ich das nicht anerkenne. -Ich erkenne es deswegen nicht an, weil ich -- wie es im Evangelium -heißt: »an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen,« weil ich erkannt -habe, daß die Kirche den Eid, Morde und Hinrichtungen segnet. - -=Pater Gerassim.= Die Kirche erkennt die von Gott selbst eingesetzte -Obrigkeit an und segnet sie. - -=Stefan=, =Ljuba=, =Lisa= und =Tonja= (treten im Verlauf des Disputs -nach und nach ein, setzen sich oder bleiben stehen und hören zu). - -=Nikolai.= Ich weiß, daß es im Evangelium heißt, nicht nur: du sollst -nicht töten, sondern: du sollst nicht zürnen. Die Kirche aber erteilt -ganzen Armeen den Segen. Im Evangelium heißt es: du sollst nicht -schwören; die Kirche läßt den Eid zu. Im Evangelium heißt es ... - -=Pater Gerassim.= Erlauben Sie, als Pilatus sagte: »Ich beschwöre dich -beim lebendigen Gotte ...« erkannte Christus den Eid an, indem er -antwortete: »Ich bin es.« - -=Nikolai.= Ach, was reden Sie da! Das ist doch einfach lächerlich. - -=Pater Gerassim.= Deswegen erlaubt die Kirche nicht jedem einzelnen, -das Evangelium auszulegen, damit er nicht in Irrtum verfällt, sondern -sie sorgt für ihn, wie eine Mutter für ihr Kind, und gibt jedem die -Auslegung, die für ihn paßt. Nein, lassen Sie mich zu Ende reden. Die -Kirche bürdet ihren Anhängern keine unerträglichen Lasten auf, sondern -verlangt nur die Erfüllung der Gebote: Liebe deinen Nächsten, du sollst -nicht töten, nicht stehlen, nicht ehebrechen. - -=Nikolai.= Jawohl: du sollst mich nicht töten, mir nicht stehlen, was -ich selbst gestohlen habe. Wir alle haben das Volk bestohlen, haben ihm -den Grund und Boden genommen und erlassen hinterher Gebote: Du sollst -nicht stehlen. Die Kirche aber gibt allem ihren Segen. - -=Pater Gerassim.= Arglist, Hochmut spricht aus Ihnen. Ihren Stolz -müssen Sie bezwingen. - -=Nikolai.= Durchaus nicht. Ich frage Sie, wie ich nach christlichem -Gebote handeln muß. Ich habe meine Sünde erkannt, die darin liegt, daß -ich das Volk des Grundes und Bodens beraube und dadurch in Knechtschaft -halte. Was soll ich jetzt tun? Noch weiter Land besitzen und die -Dienstleistungen hungriger Menschen für solche Dinge benutzen? (Er -deutet auf den Diener, der das Frühstück und den Wein hereingebracht -hat.) Oder soll ich das Land denen zurückgeben, denen meine Vorfahren -es geraubt haben? - -=Pater Gerassim.= Sie müssen handeln, wie es einem Sohn der Kirche -geziemt. Sie haben eine Familie und Kinder, für die Sie sorgen, die Sie -standesgemäß erziehen lassen müssen. - -=Nikolai.= Warum? - -=Pater Gerassim.= Weil Gott Sie in diese Lage versetzt hat. Wenn Sie -Wohltätigkeit üben wollen, tun Sie es, indem Sie einen Teil Ihrer Habe -den Armen geben und sie durch Zuspruch trösten. - -=Nikolai.= Dem reichen Jüngling wurde doch aber gesagt, ein Reicher -könne nicht ins Himmelreich kommen. - -=Pater Gerassim.= Mit dem Zusatz: Wenn du vollkommen sein willst. - -=Nikolai.= Ich möchte eben vollkommen sein. Es heißt im Evangelium: -Seid vollkommen, wie auch euer Vater im Himmel vollkommen ist. - -=Pater Gerassim.= Man muß aber auch wissen, worauf sich solche Worte -beziehen. - -=Nikolai.= Ich bemühe mich darum. Alles, was in der Bergpredigt steht, -ist durchaus einfach und verständlich. - -=Pater Gerassim.= Das sagt Ihr Hochmut. - -=Nikolai.= Wieso Hochmut? Heißt es doch: Was den Weisen verborgen ist, -wird den Unmündigen offenbar. - -=Pater Gerassim.= Den Sanftmütigen, von Herzen Demütigen, aber nicht -den Hochmütigen. - -=Nikolai.= Wer ist denn hier hochmütig? Ich, der ich mich für genau -solchen Menschen halte wie alle anderen, und der deswegen genau wie -alle anderen von seiner Hände Arbeit in ebensolcher Not wie die Brüder -leben will -- oder diejenigen, die sich als besondere Wesen, als -Heilige betrachten, die im alleinigen Besitz der Wahrheit sich nicht -irren können und die Worte Christi nach ihrer Art auslegen? - -=Pater Gerassim= (gekränkt). Verzeihen Sie, Nikolai Iwanowitsch, ich -hin nicht hergekommen, um mit Ihnen darüber zu streiten, wer von uns -beiden recht hat, und auch nicht, um Belehrungen entgegenzunehmen, -sondern ich bin auf Bitten Alexandra Iwanownas gekommen, um mit Ihnen -über verschiedene Dinge Rücksprache zu nehmen. Sie wissen aber alles -besser, deswegen schließe ich lieber die Unterredung. Nur möchte ich -Sie zu guter Letzt im Namen Gottes noch einmal bitten: kommen Sie zur -Besinnung; Sie sind in schrecklichem Irrtum befangen und richten sich -zugrunde. (Er erhebt sich.) - -=Maria.= Wollen Sie nicht etwas frühstücken? - -=Pater Gerassim.= Nein, danke. (Er geht mit Alexandra Iwanowna ab.) - - -Dreizehnter Auftritt. - - =Die Vorigen= ohne Alexandra Iwanowna und Pater Gerassim. - -=Maria= (zum Priester). Nun, was wird jetzt? - -=Priester.= Wieso? meiner Meinung nach hat Nikolai Iwanowitsch ganz -recht; Pater Gerassim hat ihn nicht widerlegt. - -=Fürstin.= Er ist gar nicht zu Worte gekommen; besonders scheint es ihm -mißfallen zu haben, daß hier eine Art Turnier veranstaltet wurde. Alle -hörten zu. Da hat er sich aus Bescheidenheit entfernt. - -=Boris.= Denkt nicht daran. Alles, was er sagte, war falsch. So -offenkundig falsch, daß er nicht weiter wußte. - -=Fürstin.= Ich sehe, daß du bei deinem wetterwendischen Sinn dich schon -ganz auf Nikolai Iwanowitschs Seite schlägst. Wenn du aber so denkst, -darfst du eben nicht heiraten. - -=Boris.= Ich sage nur: was wahr ist, muß wahr bleiben. In diesem Falle -kann ich nicht schweigen. - -=Fürstin.= Du hättest am allermeisten Grund zu schweigen. - -=Boris.= Warum? - -=Fürstin.= Weil du arm bist und nichts zu verteilen hast. Übrigens geht -uns das alles nichts an. (Sie geht ab.) - -=Alle übrigen= (folgen ihr außer Nikolai Iwanowitsch und Maria -Iwanowna). - - -Vierzehnter Auftritt. - - =Nikolai Iwanowitsch= und =Maria Iwanowna=. - -=Nikolai= (sitzt nachdenklich da; lächelt dann über seine Gedanken). -Mascha! Wozu das? Warum hast du diesen kläglichen, im Irrtum befangenen -Menschen kommen lassen? Warum mischen sich diese laute Frau und dieser -Priester in unser intimstes Leben? Können wir unsere Angelegenheiten -nicht selbst ordnen? - -=Maria.= Was soll ich tun, wenn du unsere Kinder ohne alle Mittel -lassen willst. Das kann ich nicht ruhig mit ansehen. Du weißt, daß ich -nicht selbstsüchtig bin und für mich nichts brauche. - -=Nikolai.= Das weiß ich und glaube ich. Das Unglück ist, daß du nicht -glaubst, weder an die Wahrheit -- ich weiß, daß du sie siehst, du -kannst dich aber nicht entschließen, an sie zu glauben. Weder an die -Wahrheit glaubst du, noch an mich. Du glaubst dem Haufen -- der Fürstin -und den anderen. - -=Maria.= Ich glaube dir, habe dir stets geglaubt; wenn du aber die -Kinder zu Bettlern machen willst ... - -=Nikolai.= Das zeigt ja eben, daß du keinen Glauben hast. Meinst du, -ich hätte nicht gekämpft, nicht Angst ausgestanden? Dann habe ich mich -aber überzeugt, daß man so nicht nur handeln kann, sondern muß; daß es -so allein für die Kinder das Notwendige, Gute ist. Du sagst immer, wenn -die Kinder nicht wären, könnten wir leben wie wir wollten; dann würden -wir nur uns zugrunde richten. Wir richten sie aber zugrunde. - -=Maria.= Was soll ich tun, da ich das nicht verstehe. - -=Nikolai.= Und was soll _ich_ tun? Ich weiß ja, weshalb ihr diesen -kläglichen Menschen im Priesterkleid mit dem Kreuz auf der Brust -verschrieben, und weshalb Aline den Notar mitgebracht hat. Ich soll -die Besitzung auf deinen Namen schreiben lassen. Das kann ich nicht. -Zwanzig Jahre lang habe ich dich geliebt. Ich liebe dich noch und will -dein Bestes und kann deswegen das Gut nicht verschreiben. Wenn ich es -tue, sollen die es haben, denen es fortgenommen ist -- die Bauern. Ich -kann nicht anders, ich muß es ihnen geben. Und ich freue mich, daß der -Notar zugegen ist, und will das gleich jetzt tun. - -=Maria.= Nein, das ist fürchterlich! Wie kann man nur so grausam sein. -Du hältst es für sündhaft, das Gut zu behalten; so gib es doch mir. -(Sie weint.) - -=Nikolai.= Du weißt nicht, was du sprichst. Wenn ich es dir gebe, kann -ich nicht weiter mit dir leben, dann muß ich fort. Ich kann unter -diesen Bedingungen nicht weiterleben; kann es nicht mit ansehen, daß, -nicht mehr in meinem, sondern in deinem Namen, den Bauern das Mark aus -den Knochen gepreßt wird und man sie ins Gefängnis wirft. Also wähle. - -=Maria.= Wie bist du grausam! Was ist denn das für ein Christentum? -Das ist ja Bosheit. Ich kann doch nicht so leben, wie du willst. Kann -meinen Kindern nicht alles nehmen, um es dem ersten besten zu geben. -Und deshalb willst du mich verstoßen? Gut, tue es. Ich sehe, daß du -mich nicht mehr liebst, und weiß auch, weshalb. - -=Nikolai.= Also gut, ich unterschreibe. Aber du verlangst von mir etwas -Unmögliches, Mascha. (Er geht zum Tisch und unterschreibt.) Du hast es -gewollt. Ich kann so nicht leben. - - - - -Dritter Aufzug. - - -In Moskau. Großes Zimmer. - - Darin eine Hobelbank, Tisch mit Papieren, Bücherschrank, - Spiegel und ein durch Bretter verstelltes Bild. - - -Erster Auftritt. - - =Nikolai Iwanowitsch= und ein =Tischler=. - - Nikolai Iwanowitsch arbeitet mit vorgebundener Schürze an der - Hobelbank. Der Tischler hobelt. - -=Nikolai= (nimmt ein Brett aus der Hobelbank). Ist es so gut? - -=Tischler= (stellt seinen Schlichthobel). Nicht besonders. Sie müssen -stärker drücken; sehen Sie, so! - -=Nikolai.= Sie haben gut reden. Es wird doch nichts. - -=Tischler.= Wozu geben Ew. Gnaden sich auch mit der Tischlerei ab? Gibt -heutzutage so viele Tischler, daß man nicht mehr sein Auskommen findet. - -=Nikolai= (wieder bei der Arbeit). Man schämt sich, zu faulenzen. - -=Tischler.= Sie haben es doch nicht nötig. Ihnen hat ja Gott Vermögen -gegeben. - -=Nikolai.= Ich bin eben der Meinung, Gott hat den Menschen nichts -gegeben, sondern sie haben es sich genommen, ihren Brüdern abgenommen. - -=Tischler= (verwundert). Das ist schon richtig. Aber für Sie hat es -doch keinen Zweck. - -=Nikolai.= Ich verstehe, daß Ihnen das wunderbar vorkommt. In diesem -Hause, wo so viel Überfluß herrscht will jemand arbeiten. - -=Tischler= (lachend). Nein, das nicht gerade. Die Herrschaften sind mal -so; die machen alles. Jetzt fahren Sie mal mit dem Schrupphobel darüber -hin. - -=Nikolai.= Sie werden es nicht glauben, werden wieder lachen -- und -doch sage ich Ihnen, daß ich früher ebenso gelebt und mich nicht -geschämt habe. Jetzt glaube ich aber an Christi Lehre, daß wir alle -Brüder sind, und geniere mich, so zu leben. - -=Tischler.= Wenn es Sie geniert, verschenken Sie doch Ihr Vermögen. - -=Nikolai.= Das wollte ich; es ist mir aber nicht geglückt. Ich hab’ es -meiner Frau übergeben. - -=Tischler.= Sie können ja auch nicht; haben sich daran gewöhnt. - -=Ljuba= (hinter der Tür). Papa, darf ich herein? - -=Nikolai.= Gewiß, gewiß, du darfst immer. - - -Zweiter Auftritt. - - =Die Vorigen= und =Ljuba=. - -=Ljuba= (eintretend). Guten Tag, Jakob. - -=Tischler.= Wünsche guten Tag, gnädiges Fräulein. - -=Ljuba.= Boris ist zum Regiment abgereist. Ich fürchte, er richtet da -etwas an oder sagt etwas Ungehöriges. Was glaubst du? - -=Nikolai.= Was kann ich glauben? Er wird tun, was sein Inneres ihm -befiehlt. - -=Ljuba.= Aber das ist schrecklich. Er hat nur noch so kurze Zeit zu -dienen und richtet sich nun plötzlich zugrunde. - -=Nikolai.= Nur gut, daß er nicht zu mir gekommen ist; er weiß, daß ich -ihm nichts anderes sagen kann, als was ihm bereits bekannt ist. Hat mir -selbst gesagt, daß er deswegen seinen Abschied nähme, weil er einsieht, -daß es keine gesetzwidrigere, tierisch grausamere Tätigkeit gibt -als diese einzig auf Mord gerichtete, und daß nichts erniedrigender -und gemeiner ist, als sich dem ersten besten rangälteren Beamten -bedingungslos zu unterwerfen -- er weiß das auch alles. - -=Ljuba.= Das fürchte ich ja gerade, daß er es weiß und nun danach -handeln will. - -=Nikolai.= Darüber entscheidet sein Gewissen, der Gott, der in ihm -ist. Wenn er zu mir käme, würde ich ihm den einen Rat geben: nie aus -Berechnung handeln, sondern nur, wenn sein ganzes Wesen es fordert. Es -gibt nichts Schlimmeres. So wollte ich dem Gebot Christi gemäß Weib -und Kinder verlassen und Ihm nachfolgen und war schon im Begriff, das -auszuführen. Aber was war das Ende? Das Ende war, daß ich zurückkehrte -und mit euch in der Stadt von Luxus umgeben lebe. Weil ich etwas tun -wollte, was über meine Kräfte ging, geriet ich in diese erniedrigende -Lage ohne Sinn und Verstand. Ich will einfach leben und arbeiten; -dabei in dieser Umgebung mit Türhütern und Bedienten -- da muß ja -eine Komödie herauskommen. Eben diesen Augenblick sehe ich, wie Jakob -Nikanorowitsch mich auslacht ... - -=Tischler.= Wie werde ich! Sie bezahlen mich, geben mir schönen Tee. -Dafür danke ich Ihnen. - -=Ljuba.= Ich denke, ob ich nicht zu ihm fahren soll. - -=Nikolai.= Mein Liebling, Täubchen, ich weiß, daß dir das alles schwer, -ja schrecklich vorkommt, obwohl es anders sein müßte. Ich bin jetzt -so weit, daß ich das Leben verstehe. Und ich sage dir: es kann nichts -Schlimmes geben. Alles was uns schlimm erscheint, ist für das Herz eine -Freude und Stärkung. Du mußt aber begreifen, daß jemand, der diesen -Weg geht, zunächst vor eine Wahl gestellt ist. Und es gibt Lagen, wo -das Göttliche und Teuflische sich das Gleichgewicht halten, wo die -Wage schwankt. Gerade dann geht Gottes Werk im Menschen vor sich und -gerade dann ist jede Einmischung äußerst gefährlich und verhängnisvoll. -Wie soll ich sagen, es ist, als ob jemand schreckliche Anstrengungen -macht, um eine Last zu schleppen -- dabei kann eine Berührung mit den -Fingerspitzen ihm das Kreuz brechen. - -=Ljuba.= Wozu muß man denn aber leiden? - -=Nikolai.= Das ist gerade, wie wenn eine Mutter sagt: Wozu die Wehen? -Es gibt keine Geburt ohne Wehen. Dasselbe ist im geistigen Leben der -Fall. Eins will ich dir sagen: Boris ist ein wahrer Christ und deswegen -im Innern frei. Und wenn du noch nicht so sein kannst wie er, nicht -wie er von selbst an Gott glauben kannst, so glaub durch ihn an den -Höchsten, an Gott. - -=Maria= (hinter der Tür). Darf ich herein? - -=Nikolai.= Immer herein. Das ist ja heute der reine Empfangstag. - - -Dritter Auftritt. - - =Die Vorigen= und =Maria Iwanowna=. - -=Maria.= Unser Priester, Wassili Nikanorowitsch, ist da. Er fährt zum -Bischof, hat sein Amt niedergelegt. - -=Nikolai.= Nicht möglich! - -=Maria.= Hier ist er. Ljuba, ruf ihn. Er will dich sprechen. - -=Ljuba= (geht). - - -Vierter Auftritt. - - =Die Vorigen= ohne Ljuba. - -=Maria.= Ich möchte auch noch über Wanja mit dir sprechen. Er ist -schrecklich ungezogen und lernt so schlecht, daß er sicher nicht -versetzt wird. Wenn ich es ihm sage, wird er frech. - -=Nikolai.= Mascha, du weißt doch, daß ich mit seiner ganzen Lebensweise -und mit der Erziehung nicht einverstanden bin. Immer wieder quält mich -die Frage: Darf ich ruhig zusehen, wie vor meinen Augen Wesen zugrunde -gehen ...? - -=Maria.= Dann muß man eben andere bestimmte Maßregeln treffen. Was -schlägst du vor? - -=Nikolai.= Ich kann nicht sagen, was. Ich will nur eins sagen: erstens, -man muß sich von diesem verderblichen Luxus befreien. - -=Maria.= Damit die Kinder verbauern? Dazu kann ich meine Einwilligung -nicht geben. - -=Nikolai.= Nun, dann frag mich nicht. Dann ist dir eben nicht zu helfen. - -=Der Priester= und =Ljuba= (kommen). - - -Fünfter Auftritt. - - =Die Vorigen.= Der =Priester= und =Ljuba=. - -=Der Priester= und =Nikolai= (küssen sich). - -=Nikolai.= Haben Sie wirklich ein Ende gemacht? - -=Priester.= Ich konnte nicht länger. - -=Nikolai.= So schnell hatte ich das nicht erwartet. - -=Priester.= Es ging nicht anders. In unserem Beruf kann man nicht -indifferent sein. Man soll die Beichte abnehmen, das Abendmahl reichen --- und wenn man erkannt hat, daß das alles nicht die Wahrheit ist ... - -=Nikolai.= Und was wird jetzt? - -=Priester.= Jetzt fahre ich zum Bischof, zum Examen. Ich fürchte, -man schickt mich ins Kloster Solowezk. Anfangs dachte ich daran, ins -Ausland zu fliehen. Wollte Sie um Ihre Unterstützung bitten. Dann kam -ich zur Besinnung: es wäre Kleinmut. Das einzige ist: meine Frau. - -=Nikolai.= Wo ist sie? - -=Priester.= Zu ihrem Vater gereist. Ihre Mutter war bei uns und hat das -Söhnchen mitgenommen. Das tat weh. Ich hätte ihn gern ... (Er stockt, -drängt die Tränen zurück.) - -=Nikolai.= Helf Gott Ihnen. Werden Sie bei uns bleiben? - -=Die Fürstin= (kommt ins Zimmer gelaufen). - - -Sechster Auftritt. - - =Die Vorigen= und die =Fürstin=. - -=Fürstin.= Das war zu erwarten. Er hat den Gehorsam verweigert und -sitzt im Arrest. Ich war dort, man hat mich nicht zu ihm gelassen. -Nikolai Iwanowitsch, fahren Sie hin. - -=Ljuba.= Wieso den Gehorsam verweigert? Woher wissen Sie das? - -=Fürstin.= Ich war selbst dort. Wassili Andrejewitsch hat mir alles -erzählt, ein Mitglied der Untersuchungskommission. Er kam einfach -herein und erklärte, er würde nicht dienen, den Fahneneid nicht leisten --- kurz alles, was Nikolai Iwanowitsch ihm beigebracht hat. - -=Nikolai.= Fürstin! Wie kann man das jemandem beibringen? - -=Fürstin.= Das weiß ich nicht. Jedenfalls ist das kein Christentum. Wie -wäre das möglich? Sagen Sie doch ein Wort, Batjuschka. - -=Priester.= Ich bin kein Batjuschka mehr. - -=Fürstin.= Ganz egal. Sie sind ja ebenso. Freilich, Sie haben es gut. -Aber ich lasse die Dinge nicht so gehen. Und was ist das für ein -schändliches Christentum, durch das die Menschen leiden und zugrunde -gehen. Ich hasse dieses euer Christentum. Ihr habt es gut, da ihr wißt, -daß es euch nicht an den Kragen geht. Ich habe aber nur diesen einen -Sohn, und ihr habt ihn ins Verderben gestürzt. - -=Nikolai.= So beruhigen Sie sich doch, Fürstin. - -=Fürstin.= Sie, Sie haben das fertig gebracht. Sie haben ihn -unglücklich gemacht, Sie müssen ihn auch retten. Fahren Sie hin, reden -Sie ihm zu, daß er diese Dummheiten unterläßt. Reiche Leute können sich -das leisten, nicht aber wir. - -=Ljuba= (weint). Papa, was soll nun werden? - -=Nikolai.= Ich fahre hin. Vielleicht kann ich helfen. (Er nimmt die -Schürze ab.) - -=Fürstin= (hilft ihm beim Ankleiden). Mich hat man nicht zu ihm -gelassen; wir fahren zusammen, dann erreiche ich mein Ziel. (Sie geht -ab.) - - - - -Verwandlung. - - -Militärkanzlei. - - Ein Schreiber sitzt am Tisch; vor der Tür gegenüber geht ein - Posten auf und ab. Ein General mit seinem Adjutanten tritt ein. - Der Schreiber springt auf, der Posten präsentiert. - - -Erster Auftritt. - - =General.= =Adjutant.= =Schreiber.= - -=General.= Wo ist der Herr Oberst? - -=Schreiber.= Bei dem Rekruten, Ew. Exzellenz. - -=General.= Schön. Ich lasse ihn hierher bitten. - -=Schreiber.= Zu Befehl, Ew. Exzellenz. - -=General.= Was schreiben Sie da ab? Wohl die Aussagen des Rekruten? - -=Schreiber.= Zu Befehl, jawohl, Ew. Exzellenz. - -=General.= Geben Sie doch mal her. - -=Schreiber= (übergibt das Schriftstück und geht ab). - - -Zweiter Auftritt. - - =Die Vorigen= ohne Schreiber. - -=General= (gibt das Schriftstück dem Adjutanten). Lesen Sie bitte vor. - -=Adjutant= (liest). »Auf die mir vorgelegten Fragen: 1) Warum ich den -Fahneneid nicht leiste, 2) warum ich mich weigere, die Befehle der -Vorgesetzten zu erfüllen, und 3) was mich dazu veranlaßt hat, nicht -nur gegen das Militär, sondern auch gegen die höchste Macht im Staate -kränkende Äußerungen zu tun -- erwidere ich zu 1) ich leiste den Eid -deswegen nicht, weil ich mich zum Christentum bekenne. Das Christentum -aber verbietet klar und deutlich den Eid, sowohl im Evangelium -Matthäi V, 33--37 wie auch in der Epistel des Jakobus V, 12.« - -=General.= Schwadroneur. Der legt die Bibel auf seine Weise aus. - -=Adjutant= (fortfahrend). »Im Evangelium heißt es: ›Ihr sollt überhaupt -nicht schwören. Eure Rede sei: Ja, ja, oder nein, nein; was darüber -hinausgeht, ist vom Bösen.‹ In der Epistel des Jakobus: ›Vor allem, -meine Brüder, schwört nicht; weder beim Himmel, noch bei der Erde, -noch sonst einen Schwur. Euer Ja sei Ja, euer Nein -- Nein, damit -ihr nicht unter das Gericht fallt.‹ Aber ich will von dieser ganz -klaren Vorschrift im Evangelium, daß man nicht schwören darf, ganz -absehen; selbst wenn diese Vorschrift nicht existierte, könnte ich -nicht schwören, die Befehle von Menschen auszuführen, da ich nach -christlichem Gebot stets den Willen Gottes tun muß, der dem der -Menschen widersprechen kann.« - -=General.= Schwadroneur. Wenn es nach mir ginge, gäbe es das nicht. - -=Adjutant= (liest). »Ich weigere mich aber, die Befehle von Leuten -auszuführen, die sich Vorgesetzte nennen, weil ...« - -=General.= Diese Frechheit! - -=Adjutant.= ... »weil diese Befehle verbrecherisch, schlecht sind. -Man verlangt von mir, ich soll in die Armee treten, mich zum Morde -vorbereiten und ihn erlernen. Das ist im Alten wie im Neuen Testament -verboten, und hauptsächlich verbietet es mir mein Gewissen. Auf die -dritte Frage ...« - -=Der Oberst= (kommt mit dem Schreiber). - -=Der General= (gibt ihm die Hand). - - -Dritter Auftritt. - - =Die Vorigen= und der =Oberst= mit dem =Schreiber=. - -=Oberst.= Sie lesen das Protokoll? - -=General.= Ja. Unverzeihliche Frechheiten. Nun, fahren Sie fort. - -=Adjutant= (liest). »Auf die dritte Frage: was mich veranlaßt hat, -in der Verhandlung beleidigende Worte zu gebrauchen, erwidere ich, -daß mich dazu der Wunsch veranlaßt hat, Gott zu dienen und den Betrug -aufzudecken, der in Seinem Namen geschieht. Diesem Wunsch hoffe ich bis -zu meinem Tode zu willfahren. Und deshalb ...« - -=General.= Nun, genug davon. Das Geschwätz nimmt ja gar kein Ende. -Es handelt sich darum, hier gründlich Remedur zu schaffen, damit die -Mannschaften nicht angesteckt werden. (Zum Oberst.) Haben Sie mit ihm -gesprochen? - -=Oberst.= Jawohl, die ganze Zeit. Habe mich bemüht, ihm ins Gewissen zu -reden, ihn zu überzeugen, daß er damit gar nichts ausrichtet, daß es -das schlimmste ist, was er tun kann. Habe seine Familie erwähnt. Das -regte ihn sehr auf; trotzdem blieb er bei seinem Standpunkt. - -=General.= Das viele Reden hat gar keinen Zweck. Wir sind Soldaten, -nicht um zu reden, sondern um zu handeln. Lassen Sie ihn mal vorführen. - -=Adjutant= und =Schreiber= (gehen ab). - - -Vierter Auftritt. - - =General= und =Oberst=. - -=General= (setzt sich). Nein, Herr Oberst, das ist nicht das richtige. -Mit solchen Burschen muß man anders umspringen. Da heißt es energisch -eingreifen, das kranke Glied schleunigst entfernen. Ein räudiges -Schaf steckt die ganze Herde an. Zarte Rücksichten sind hier nicht -angebracht; daß er Fürst ist, und eine Mutter und Braut hat, geht uns -gar nichts an. Für uns ist er Soldat, und wir haben den Willen unseres -allerhöchsten Vorgesetzten zu erfüllen. - -=Oberst.= Ich bin der Meinung, daß man ihn durch Zureden leichter -schwankend macht. - -=General.= Ganz und gar nicht. Bestimmtheit, nur Bestimmtheit. Habe -mit solchen Burschen schon zu tun gehabt. Der Mann muß fühlen, daß -er ein Nichts, ein Sandkorn unter einem Wagen ist, der dadurch nicht -aufgehalten wird. - -=Oberst.= Ja, man muß die Sache untersuchen. - -=General= (gerät allmählich in Wallung). Ach was, untersuchen. Ich habe -nichts zu untersuchen. Ich diene meinem Kaiser seit vierundvierzig -Jahren, bin diesem Dienst mit Leib und Seele ergeben, und nun kommt -plötzlich so ein Bürschchen und will mich belehren und mir den -Bibeltext lesen. Mag er sich mit Pfaffen darüber zanken, für mich ist -er Soldat oder Arrestant. Damit basta. - -=Boris= (erscheint, von zwei Soldaten eskortiert). - -=Adjutant= und =Schreiber= (hinter ihm). - - -Fünfter Auftritt. - - =Die Vorigen.= =Boris= mit zwei =Eskortesoldaten=, =Adjutant= - und =Schreiber=. - -=General= (mit dem Finger zeigend). Da stellt ihn hin. - -=Boris.= Mich braucht man nicht hinzustellen. Ich stehe oder sitze, wo -ich will; Ihre Macht über mich kann ich nicht ... - -=General.= Maul halten! Du erkennst keine Macht an? Ich werd’ dich -schon lehren! - -=Boris= (setzt sich auf einen Stuhl). Wie unvernünftig, so zu schreien. - -=General.= Aufrichten, hinstellen den Mann. - -=Die Soldaten= (ziehen Boris in die Höhe). - -=Boris.= Das können Sie, Sie können mich sogar töten, aber mich nicht -zwingen, Ihnen zu gehorchen ... - -=General.= Maul halten, hab’ ich befohlen. Hör’ zu, was ich dir sage. - -=Boris.= Ich will gar nicht hören, was _du_, _du_ sagst. - -=General.= Der Mann ist übergeschnappt. Muß ins Lazarett, auf seinen -Geisteszustand untersucht werden. Weiter ist da nichts zu machen. - -=Oberst.= Wir haben Befehl, ihn auch von der Gendarmerie vernehmen zu -lassen. - -=General.= Na also, schaffen Sie ihn hin. Aber vorher: einkleiden. - -=Oberst.= Er weigert sich. - -=General.= Dann wird er gefesselt. (Zu Boris.) Hören Sie also, was -ich Ihnen sage. Mir ist es egal, was aus Ihnen wird. In Ihrem eigenen -Interesse aber rate ich Ihnen: kommen Sie zur Vernunft. Sie werden in -der Festung ja verfaulen. Und richten nicht das mindeste aus. Also -lassen Sie das. Haben sich ereifert und ich ebenfalls. (Klopft ihn -auf die Schulter.) Gehen Sie hin, leisten den Eid und unterlassen in -Zukunft solche Sachen. (Zum Adjutanten.) Ist der Priester da? (Zu -Boris.) Na, wie ist’s? (Boris schweigt.) Weshalb antworten Sie nicht? -Es ist wirklich besser so. Man kann doch nicht mit dem Kopf durch die -Wand rennen! Ihre Gedanken behalten Sie hübsch für sich. Dienen Ihr -Jahr ab -- wir werden Sie nicht zwiebeln. Na, wie ist’s? - -=Boris.= Ich habe nichts weiter zu sagen. - -=General.= Sie erwähnen da in Ihrer Aussage einen Bibelvers. Darüber -wissen die Popen besser Bescheid. Sprechen Sie mit Batjuschka und -überlegen sich die Sache. Es ist wirklich besser so. Also leben Sie -wohl; ich hoffe auf Wiedersehen, wenn Sie des Kaisers Rock tragen. -Schicken Sie den Geistlichen her. (Er geht ab.) - -=Oberst= und =Adjutant= (folgen ihm). - - -Sechster Auftritt. - - =Boris.= Der =Schreiber= und die =Soldaten=. - -=Boris= (zum Schreiber und den Soldaten). Da seht ihr, wie die Leute -reden. Sie wissen selbst, daß sie euch betrügen. Gehorcht ihnen nicht! -Legt die Waffen nieder! Geht auf und davon! Selbst wenn sie euch ins -Strafbataillon stecken und halbtot prügeln -- ist immer noch leichter -als diesen Betrügern gehorchen. - -=Schreiber.= Wie kann man ohne Militär leben? Nein, das geht nicht. - -=Boris.= Das ist nicht unsere Sache. Wir haben nur daran zu denken, was -Gott von uns will. Gott aber will, daß wir ... - -=Soldat.= Es heißt doch aber immer: das christliche Heer? - -=Boris.= Das steht nirgends. Das haben die Betrüger sich ausgedacht. - -=Soldat.= Wie ist das möglich? Die Bischöfe müssen das doch wissen. - -=Gendarmerieoffizier= mit =Schreiber= (tritt ein). - - -Siebenter Auftritt. - - =Die Vorigen.= =Gendarmerieoffizier= und =Schreiber=. - -=Gendarmerieoffizier= (zum Schreiber). Ist hier der Rekrut Fürst -Tscheremschanow? - -=Schreiber.= Zu Befehl. Da ist er. - -=Gendarmerieoffizier.= Bitte sich hierher zu verfügen. Sind Sie Fürst -Boris Semjonowitsch Tscheremschanow, der den Fahneneid nicht leisten -will? - -=Boris.= Ja. - -=Gendarmerieoffizier= (setzt sich und deutet auf einen Platz -gegenüber). Bitte, setzen Sie sich. - -=Boris.= Ich glaube, unsere Unterhaltung ist vollkommen überflüssig. - -=Gendarmerieoffizier.= Das glaube ich nicht. Für Sie wenigstens -durchaus nicht, wie Sie sich sofort überzeugen werden. Mir ist -mitgeteilt, Sie weigern sich, zu dienen und den Eid zu leisten; es -besteht daher Verdacht, daß Sie zur revolutionären Partei gehören. -Das habe ich zu untersuchen. Wenn es richtig ist, müssen wir Sie vom -Militär fortnehmen und einsperren oder verbannen, je nach dem Grade -Ihrer Beteiligung an der Revolution. Anderenfalls überlassen wir Sie -der Militärbehörde. Sie sehen, daß ich offen mit Ihnen spreche und -hoffe, daß Sie uns ebensolches Vertrauen entgegenbringen. - -=Boris.= Vertrauen kann ich zu Leuten, die das da tragen, (er deutet -auf die Uniform) nicht haben. Außerdem ist Ihre Tätigkeit derart, -daß ich sie durchaus nicht respektiere, sondern auf das gründlichste -verabscheue. Ihre Fragen aber werde ich beantworten. Was wünschen Sie -zu wissen? - -=Gendarmerieoffizier.= Gestatten Sie zunächst: Ihr Name, Beruf, -Konfession? - -=Boris.= Das wissen Sie alles; darauf antworte ich nicht. Für mich ist -nur eins wichtig: ich gehöre nicht zur griechisch-katholischen Kirche, -bin kein sogenannter Rechtgläubiger. - -=Gendarmerieoffizier.= Welchen Glauben haben Sie denn? - -=Boris.= Das läßt sich nicht so schnell sagen. - -=Gendarmerieoffizier.= Nun, Sie werden doch irgendeine Antwort geben? - -=Boris.= Also ich bin Christ, nach der Lehre der Bergpredigt. - -=Gendarmerieoffizier.= Schreiben Sie. - -=Schreiber= (tut es). - -=Gendarmerieoffizier= (zu Boris). Sie betrachten sich doch aber als -Angehörigen eines bestimmten Staates und Standes? - -=Boris.= Nein. Ich bezeichne mich als Mensch, Diener Gottes. - -=Gendarmerieoffizier.= Warum bezeichnen Sie sich nicht als russischen -Staatsangehörigen? - -=Boris.= Weil ich keinen Staat anerkenne. - -=Gendarmerieoffizier.= Was heißt das? Wünschen Sie sein Aufhören? - -=Boris.= Ohne Frage. Darauf arbeite ich ja hin. - -=Gendarmerieoffizier= (zum Schreiber). Schreiben Sie. (Zu Boris.) Mit -welchen Mitteln arbeiten Sie darauf hin? - -Boris. Indem ich den Betrug, die Lüge aufdecke und die Wahrheit -verbreite. Gerade als Sie eintraten, sagte ich zu diesen Soldaten, sie -sollten nicht an den Betrug glauben, den man an ihnen verübt. - -=Gendarmerieoffizier.= Außer diesen Mitteln der Überredung gebrauchen -Sie doch noch andere? - -=Boris.= Nein. Jede Gewalttat halte ich für die größte Sünde. Nicht nur -jede Gewalt, sondern sogar jede Heimlichkeit, jede List ... - -=Gendarmerieoffizier.= Schreiben Sie. Es ist gut. Jetzt gestatten Sie, -daß ich mich nach Ihrem Umgang erkundige. Kennen Sie Iwaschenkow? - -=Boris.= Nein. - -=Gendarmerieoffizier.= Klein? - -=Boris.= Ich habe von ihm gehört, ihn aber nie gesehen. - -=Ein bejahrter Geistlicher= (mit Kreuz und Bibel tritt ein). - -=Schreiber= (läßt sich von ihm segnen). - - -Achter Auftritt. - - =Die Vorigen= und der =Geistliche=. - -=Gendarmerieoffizier.= Ich denke, ich kann hier Schluß machen. Ich -halte Sie nicht für gefährlich und nicht zu unserem Ressort gehörig. -Wünsche Ihnen, daß Sie bald freikommen. Grüße Sie. (Gibt ihm die Hand.) - -=Boris.= Ich möchte Ihnen noch eins sagen. Verzeihen Sie mir, aber -ich kann nicht anders. Warum haben Sie diese schlimme, böse Tätigkeit -gewählt? Ich möchte Ihnen raten, sie aufzugeben. - -=Gendarmerieoffizier= (lächelnd). Ich danke Ihnen für Ihren Rat. Das -hat seine Gründe. Also, ich empfehle mich. Batjuschka, ich trete Ihnen -meinen Platz ab. (Er geht mit dem Schreiber ab.) - - -Neunter Auftritt. - - =Die Vorigen= ohne Gendarmerieoffizier und Schreiber. - -=Priester.= Wie können Sie nur der Obrigkeit solchen Kummer machen? -Ihre Christenpflicht nicht erfüllen, dem Zaren und Vaterlande nicht -dienen? - -=Boris= (lächelnd). Gerade weil ich meine Christenpflicht erfüllen -will, kann ich nicht Soldat sein. - -=Priester.= Warum nicht? Es heißt doch: »Wer sein Leben hingibt für -seine Freunde, der ist ein wahrer Christ ...« - -=Boris.= Jawohl, sein Leben hingibt, aber nicht fremde vernichtet. Mein -Leben hingeben, das will ich ja gerade. - -=Priester.= Sie urteilen nicht richtig, junger Mann. Johannes der -Täufer sagte zu den Kriegsknechten: »... Lasset euch genügen an eurem -Solde ...« - -=Boris= (lächelnd). Das beweist nur, daß schon damals die Soldaten -plünderten, was er ihnen verbot. - -=Priester.= Aber warum wollen Sie nicht schwören? - -=Boris.= Sie wissen, daß das im Evangelium verboten ist. - -=Priester.= Ganz und gar nicht. Als Pilatus sagte: »Ich beschwöre -dich beim lebendigen Gotte, bist du Christus?« antwortete Herr Jesus -Christus: »Du sagst es.« Das heißt, der Eid ist nicht verboten. - -=Boris.= Schämen Sie sich wirklich nicht? Sie alter Mann ... - -=Priester.= Legen Sie Ihren Trotz ab, rate ich Ihnen! Wir können die -Welt nicht ändern. Leisten Sie den Eid und alles geht gut. Was Sünde -ist und was nicht, das zu entscheiden überlassen Sie der Kirche. - -=Boris.= Ihnen? Haben Sie denn keine Angst, so viel Sünde auf sich zu -nehmen? - -=Priester.= Welche Sünde? Wer wie ich fest im Glauben erzogen ist und -dreißig Jahre lang das Priesteramt versehen hat, der ist nicht voll -Sünde. - -=Boris.= Auf wen fällt denn die Sünde, daß ihr so viele Menschen -betrügt? Was steckt denn in all den Köpfen? (Er deutet auf den Posten.) - -=Priester.= Das wollen wir lieber nicht untersuchen, junger Mann. -Dagegen würde uns Respekt vor dem Alter nicht übel anstehen. - -=Boris.= Lassen Sie mich. Sie tun mir leid und sind mir gleichzeitig -widerwärtig. Wenn Sie noch wie jener General wären -- so aber kommen -Sie mit Kreuz und Bibel und wollen mich im Namen Christi bereden, -von Christus abzufallen. Gehen Sie fort. (Erregt.) Gehen Sie, lassen -Sie mich! Führt mich fort, daß ich niemand mehr sehe. Ich bin müde, -schrecklich müde. - -=Priester.= Also dann leben Sie wohl. - -=Adjutant= (tritt ein). - - -Zehnter Auftritt. - - =Die Vorigen= und der =Adjutant=. =Boris= sitzt im Hintergrund. - -=Adjutant.= Nun, wie ist’s? - -=Priester.= Schrecklicher Trotz und Eigensinn. - -=Adjutant.= Er will also weder den Eid leisten noch dienen? - -=Priester.= Unter keinen Umständen. - -=Adjutant.= Dann muß er ins Lazarett. - -=Priester.= Ach so, Sie wollen ihn für krank erklären? Das ist -allerdings bequemer. Solches Beispiel wirkt leicht ansteckend. - -=Adjutant.= Er soll auf seinen Geisteszustand untersucht werden. Das -ist so befohlen. - -=Priester.= Gewiß, gewiß. Ich habe die Ehre. (Er geht ab.) - - -Elfter Auftritt. - - =Die Vorigen= ohne Priester. - -=Adjutant= (auf Boris zutretend). Bitte. Ich habe Befehl, Sie -fortzuführen. - -=Boris.= Wohin? - -=Adjutant.= Zunächst ins Hospital, wo Sie mehr Ruhe haben und Zeit zum -Nachdenken ... - -=Boris.= Ich habe längst alles überlegt. Also fahren wir. (Er geht ab.) - - - - -Verwandlung. - - -Empfangszimmer im Lazarett. - - Ober- und Unterarzt, ein kranker Offizier im Kittel, Wärter in - Blusen. - - -Erster Auftritt. - - =Ein kranker Offizier.= =Oberarzt.= =Unterarzt.= =Wärter.= - -=Kranker.= Ich sage Ihnen, Sie machen mich hier krank. Habe mich -mehrfach schon ganz gesund gefühlt. - -=Oberarzt.= Regen Sie sich nur nicht auf. Ich bin durchaus -einverstanden, Sie zu entlassen; aber Sie wissen selbst, daß die -Freiheit für Sie gefährlich ist. Wenn ich wüßte, daß Sie gute Pflege -haben ... - -=Kranker.= Sie denken, ich würde wieder trinken? Nein, ich hab’ meinen -Denkzettel weg. Dagegen wirkt jeder Tag, den ich hier noch verbringe, -höchst schädlich auf mich. Sie tun das gerade Gegenteil von dem -- -(erregt) was Sie müßten. Sie sind grausam. Sie haben es freilich gut ... - -=Oberarzt.= Beruhigen Sie sich. (Er gibt den Wärtern ein Zeichen.) - -=Wärter= (treten von hinten heran). - -=Kranker.= Sie haben gut von Freiheit reden; was wird aber aus -unsereins zwischen all den Verrückten? (Zu den Wärtern.) Was schleichst -du da heran, Kerl! Scher dich fort! - -=Oberarzt.= Ich bitte Sie, beruhigen Sie sich. - -=Kranker.= Und ich bitte Sie und fordere Sie auf, mich zu entlassen. -(Er kreischt laut auf und stürzt vorwärts.) - -=Wärter= (packen ihn). - - (Kampf; der Kranke wird abgeführt.) - - -Zweiter Auftritt. - - =Oberarzt.= =Unterarzt.= - -=Unterarzt.= Geht die Sache wieder los? Beinah’ hätte er Sie gepackt. - -=Oberarzt.= Säufer und ... nichts zu machen. Kleine Besserung ist -allerdings zu konstatieren. - -=Adjutant= (tritt ein). - - -Dritter Auftritt. - - =Die Vorigen= und der =Adjutant=. - -=Adjutant.= Guten Tag. - -=Oberarzt.= Guten Morgen. - -=Adjutant.= Ich bringe Ihnen einen interessanten Fall. Fürst -Tscheremschanow, der seiner Militärpflicht genügen soll, weigert sich -auf Grund der Bibel. Zunächst wurde er zur Gendarmerie geschafft; die -erklärt sich für inkompetent und findet ihn nicht verdächtig. Dann hat -der Pope ihn ins Gebet genommen -- ebenfalls umsonst. - -=Oberarzt= (lacht). Und nun kommen Sie, wie stets, zu uns als letzter -Instanz. Na, schaffen Sie den Herrn mal her. - -=Unterarzt= (geht hinaus). - - -Vierter Auftritt. - - =Die Vorigen= ohne Unterarzt. - -=Adjutant.= Soll ein sehr gebildeter junger Mensch sein. Dabei eine -reiche Braut. Höchst merkwürdig. Ich glaube wirklich, daß er hier am -besten aufgehoben ist. - -=Oberarzt.= Na ja, ~mania simplex~ ... - -=Boris= (wird hereingeführt). - - -Fünfter Auftritt. - - =Die Vorigen= und =Boris=. - -=Oberarzt.= Treten Sie näher. Setzen Sie sich, bitte. Wir wollen uns -etwas unterhalten. (Zum Adjutanten.) Lassen Sie uns allein. - -=Adjutant= (geht ab). - - -Sechster Auftritt. - - =Die Vorigen= ohne Adjutant. - -=Boris.= Wenn es sich einrichten läßt, möchte ich Sie bitten, falls Sie -mich einsperren wollen, dieses recht bald zu tun, damit ich zur Ruhe -komme. - -=Oberarzt.= Entschuldigen Sie, wir müssen unbedingt die bestehenden -Vorschriften befolgen. Nur ein paar Fragen. Was empfinden Sie? Welches -Leiden haben Sie? - -=Boris.= Gar keins. Ich bin vollkommen gesund. - -=Oberarzt.= Gewiß; Sie handeln aber nicht so wie alle anderen Menschen. - -=Boris.= Ich handle so, wie mein Gewissen mir befiehlt. - -=Oberarzt.= Sie haben sich geweigert, Ihrer Militärpflicht zu genügen. -Wie motivieren Sie das? - -=Boris.= Ich bin Christ und kann deswegen nicht töten. - -=Oberarzt.= Man muß doch aber sein Vaterland gegen äußere Feinde -verteidigen, muß den Feind im Innern, den Feind der öffentlichen -Ordnung im Zaum halten. - -=Boris.= Das Vaterland greift niemand an; Feinde der öffentlichen -Ordnung sind in den Kreisen der Regierenden weit häufiger als unter -denen, die von der Regierung vergewaltigt werden. - -=Oberarzt.= Das heißt -- wie meinen Sie das? - -=Boris.= Eine der Hauptursachen alles Elends bei uns in Rußland ist der -Branntwein. Er wird von der Regierung verkauft. Falsche Religionen, -die zu Lug und Trug verleiten, werden von der Regierung verbreitet. -Der Militärdienst, dessen Ableistung man von mir verlangt und der die -Sittlichkeit am meisten untergräbt -- wird von der Regierung verlangt. - -=Oberarzt.= Ihrer Ansicht nach sind also Regierung und Staat -überflüssig? - -=Boris.= Das weiß ich nicht. Dagegen weiß ich bestimmt, daß ich an dem -Bösen nicht teilnehmen darf. - -=Oberarzt.= Was wird dann aber aus der Welt? Wir haben doch unsere -Vernunft bekommen, um sie auch für Zukünftiges zu gebrauchen. - -=Boris.= Und ebenso, um einzusehen, daß die soziale Ordnung nicht -mittels Gewalt, sondern auf gütlichem Wege aufrechterhalten wird, und -daß die Weigerung eines einzelnen, am Bösen teilzunehmen, keine Gefahr -bedeutet. - -=Oberarzt.= Jetzt möchte ich Sie ein wenig untersuchen. Bitte, legen -Sie sich hin. (Er beginnt ihn zu betasten.) Fühlen Sie hier Schmerz? - -=Boris.= Nein. - -=Oberarzt.= Und hier? - -=Boris.= Nein. - -=Oberarzt.= Holen Sie tief Atem. Halten Sie den Atem an. Ich danke. -Jetzt gestatten Sie. (Er holt ein Maß hervor und mißt Boris’ Stirn und -Nase.) Jetzt seien Sie so gut, schließen Sie die Augen und gehen ein -paar Schritte. - -=Boris.= Schämen Sie sich nicht, solche Sachen zu machen? - -=Oberarzt.= Was heißt, wie meinen Sie das? - -=Boris.= All diese Dummheiten? Sie wissen doch, daß ich gesund bin; -daß man mich hierher geschickt hat, weil ich mich weigere, an den -Verbrechen der anderen teilzunehmen; daß man auf die Wahrheit nichts zu -erwidern weiß und daß man sich deswegen stellt, als hielte man mich für -anormal! Und dazu leisten Sie Beistand! Das ist häßlich, schändlich. -Lassen Sie das. - -=Oberarzt.= Also, Sie wollen die paar Schritte nicht gehen? - -=Boris.= Nein, ich will nicht. Sie können mich quälen, wie Sie wollen --- aber ich werde Ihnen dabei nicht behilflich sein. (Erregt.) Lassen -Sie das! - -=Der Oberarzt= (drückt auf die Klingel). - -=Zwei Wärter= (treten ein). - - -Siebenter Auftritt. - - =Die Vorigen= und die =Wärter=. - -=Oberarzt.= Beruhigen Sie sich. Ich begreife vollkommen, daß Ihre -Nerven aufgeregt sind. Wollen Sie nicht in Ihr Zimmer gehen? - -=Unterarzt= (tritt ein). - - -Achter Auftritt. - - =Die Vorigen= und der =Unterarzt=. - -=Unterarzt.= Da ist Besuch für Tscheremschanow. - -=Boris.= Wer denn? - -=Unterarzt.= Sarynzew nebst Tochter. - -=Boris.= Ich möchte sie gern sehen. - -=Oberarzt.= Lassen Sie sie nur kommen. Sie können sie hier empfangen. -(Er geht ab.) - -=Unterarzt= und die =Wärter= (folgen ihm). - -=Nikolai Iwanowitsch= und =Ljuba= (treten ein). - -=Die Fürstin= (blickt zur Tür hinein). Geht vorauf, ich komme später. - - -Neunter Auftritt. - - =Boris=, =Nikolai Iwanowitsch= und =Ljuba=. Dann =Kranker= und - =Wärter=. - -=Ljuba= (eilt auf Boris zu, faßt ihn am Kopf und küßt ihn). Armer -Boris. - -=Boris.= Nein, bedaure mich nicht. Mir ist so gut, so froh, so leicht. -Ich grüße Sie herzlich! (Er küßt Nikolai Iwanowitsch.) - -=Nikolai.= Ich bin gekommen, um dir vor allen Dingen eins zu sagen: -in solcher Lage, wie du dich jetzt befindest, ist es weit schlimmer, -sein Vorhaben zu ändern, als es nicht vollständig auszuführen. Zweitens -muß man in solchen Fällen handeln, wie es im Evangelium heißt, nicht -fortwährend daran denken, was man tun und was man sagen wird: »Wenn -man euch vor die Obrigkeit und vor die Gewaltigen führt, so macht euch -keine Sorge, was ihr sagen werdet, denn der Geist Gottes wird aus euch -sprechen.« Das heißt, man muß nicht dann handeln, wenn die Überlegung -es einem befiehlt, sondern wenn man mit seinem ganzen Wesen fühlt, daß -man nicht anders kann. - -=Boris.= Das habe ich auch getan. Ich habe nicht die Absicht gehabt, -den Dienst zu verweigern. Als ich aber diese ganze Verlogenheit sah, -diese dicken Folianten,[2] die Akten, Polizisten, Kommissionsmitglieder -mit der Zigarette im Munde -- _konnte_ ich nicht anders: ich _mußte_ -das sagen, was ich sagte. Es war schrecklich, aber nur so lange, bis -ich begonnen hatte. Dann war alles einfach, froh und leicht. - - [2] Russisch: ~Serzalo~, etwa: Gerichtsspiegel. Es ist ein - dreiteiliges mit dem Adler geschmücktes Gestell mit drei - Ukasen Peters I. das in keinem Amtslokal fehlen darf. - - D. Ü. - -=Ljuba= (sitzt da und weint). - -=Nikolai.= Die Hauptsache ist: tu nichts um Menschenruhm, um den -Beifall derer zu erringen, auf deren Meinung du Wert legst. Von mir -kann ich sagen, daß wenn du jetzt den Eid leistest und dienst, daß ich -dich dann nicht weniger liebe und verehre, ja noch mehr als früher, -weil nicht das Wert hat, was in der äußeren Welt, sondern was in der -Seele geschieht. - -=Boris.= Gewiß, denn was im Inneren geschehen ist, bewirkt auch in der -äußeren Welt Veränderungen. - -=Nikolai.= Ja, das möchte ich dir ans Herz legen. Deine Mutter ist -hier. Sie ist schrecklich niedergeschlagen. Was du der tun kannst, um -was sie dich bittet, tu es. Das wollte ich dir sagen. - - (Im Korridor ertönt wahnsinniges Geheul.) - -=Ein Kranker= (kommt hereingestürzt). - -=Wärter= (hinter ihm, die ihn fortschleppen). - -=Ljuba.= Das ist fürchterlich. Und in solcher Umgebung sollst du -bleiben? (Sie weint.) - -=Boris.= Es schreckt mich nicht. Mir ist jetzt nichts mehr schrecklich. -Mir ist so gut. Nur eins macht mir Sorge: wie du das alles aufnimmst. -Du mußt mir helfen. Ich bin überzeugt, du wirst mir helfen. - -=Ljuba.= Soll ich etwa vergnügt sein? - -=Nikolai.= Nicht vergnügt. Das kann man nicht, das bin ich auch nicht. -Ich leide um ihn und würde von Herzen gern an seine Stelle treten; -trotzdem leide ich und weiß, daß das gut ist. - -=Ljuba.= Schön. Wann wird er aber entlassen? - -=Boris.= Das weiß niemand. Ich denke nicht an die Zukunft. Die -Gegenwart ist so schön. Und du kannst sie mir noch schöner machen. - -=Die Fürstin= (tritt ein). - - -Zehnter Auftritt. - - =Die Vorigen= und die =Fürstin=. - -=Fürstin.= Nein, ich kann nicht länger warten. (Zu Nikolai -Iwanowitsch.) Nun, haben Sie ihm zugeredet? Gibt er nach? Boris, mein -Liebling, begreif doch, was ich ausstehe. Fast dreißig Jahre habe ich -nur für dich gelebt, dich aufgezogen, meine Freude an dir gehabt. Und -jetzt, wo alles fertig, wo das Werk vollendet ist, soll ich plötzlich -allem entsagen! Ins Gefängnis -- diese Schande ... Nein, das ertrage -ich nicht. Boris ... - -=Boris.= Mama, so hör doch. - -=Fürstin.= Weshalb reden Sie denn keinen Ton? Sie haben ihn ins -Verderben gestürzt, Sie müssen ihn zur Vernunft bringen. Ljuba, sprich -du doch mit ihm. - -=Ljuba.= Was kann ich ausrichten! - -=Boris.= Mama, begreif doch endlich, daß es Dinge gibt, die man nicht -fertig bringt, ebensowenig fertig bringt wie das Fliegen. Dazu gehört -für mich das Dienen. - -=Fürstin.= Ach, das bildest du dir ein. Unsinn, alle haben gedient -und dienen noch. Du und Nikolai Iwanowitsch, ihr habt euch da ein -Christentum ausgedacht, das gar keins ist. Eine Satanslehre, die nichts -als Leiden schafft. - -=Boris.= Es steht so im Evangelium. - -=Fürstin.= Gar nichts steht da, und wenn es so dasteht, ist das sehr -dumm ausgedrückt. Boris, mein Herzensjunge, hab doch Mitleid. (Sie -fällt ihm um den Hals und weint.) Mein ganzes Leben war nichts als -Kummer. Der einzige Sonnenstrahl warst du, und nun machst auch du mir -diese Schmerzen. Boris, hab doch Erbarmen. - -=Boris.= Mama, es wird mir schrecklich schwer, aber ich kann dir nichts -sagen. - -=Fürstin.= Schlag es mir nicht ab, versprich, daß du dienen wirst. - -=Nikolai.= Sag, du würdest es dir überlegen, und tu das. - -=Boris.= Also schön. Aber hab auch du mit mir Mitleid, Mama. Ich hab’ -es auch nicht leicht. (Man hört wieder Geschrei im Korridor.) Ich bin -hier im Irrenhause und kann leicht selbst den Verstand verlieren. - - -Elfter Auftritt. - - =Die Vorigen= und der =Oberarzt=. - -=Oberarzt= (eintretend). Durchlaucht, Ihr Besuch kann schädliche Folgen -haben. Ihr Sohn ist sehr aufgeregt. Ich glaube, es ist angebracht, den -Besuch zu beenden. Donnerstags und Sonntags ist Empfang, da kommen Sie -bitte um zwölf Uhr. - -=Fürstin.= Schön, schön; also ich gehe. Leb wohl, Boris. Überleg es -dir, hab Mitleid mit deiner Mutter, die sich freut, dich Donnerstag -wiederzusehen. (Sie küßt ihn.) - -=Nikolai= (reicht ihm die Hand). Überleg mit Gott, als ob du morgen -sterben müßtest. Nur dann triffst du das Richtige. Leb wohl. - -=Boris= (tritt zu Ljuba). Und was wirst du mir sagen? - -=Ljuba.= Ich kann nicht lügen. Ich verstehe nicht, warum du dich und -andere quälst. Ich verstehe es nicht und kann dir nichts sagen. (Sie -geht weinend ab. Hinter ihr alle übrigen, außer Boris.) - - -Zwölfter Auftritt. - - =Boris= allein. - -=Boris.= Ach, wie ist das schwer. Ach, wie schwer! Herrgott, hilf mir. -(Er betet.) - -=Wärter= (treten mit dem Anstaltskittel ein). - - -Dreizehnter Auftritt. - - =Boris= und die =Wärter=. - -=Ein Wärter.= Kleiden Sie sich gefälligst um. - -=Boris= (gehorcht). - - - - -Vierter Aufzug. - - -Ein Jahr später in Moskau. - - Saal in Sarynzews Haus, der zu einem Tanzabend mit - Klavierbegleitung hergerichtet ist. Diener stellen - Blattpflanzen vor dem Flügel auf. Maria Iwanowna tritt in - elegantem Seidenkleid mit Alexandra Iwanowna ein. - - -Erster Auftritt. - - =Maria Iwanowna.= =Alexandra Iwanowna= und die =Diener=. - -=Maria.= Was redest du da von einem Ball? Das ist doch kein Ball, -sondern einfach ein Tanzkränzchen, ~thé dansant~, wie man früher sagte. -Ich kann doch meine Kinder nicht nur bei anderen Leuten tanzen lassen. -Bei Makows haben sie Theater gespielt, überall getanzt -- da muß ich -mich doch revanchieren. - -=Alexandra.= Ich fürchte nur, Nikolai ist nicht sehr entzückt davon. - -=Maria.= Was kann ich dabei ändern? (Zu einem Diener.) Hier stellen -Sie die Pflanzen hin. Gott weiß, wie sehr ich mich bemühe, ihm alle -Unannehmlichkeiten aus dem Wege zu räumen. Ich glaube übrigens, er ist -jetzt schon nicht mehr so anspruchsvoll. - -=Alexandra.= O nein; er zeigt es nur nicht mehr so. Nach Tisch ist er -sehr verstimmt in sein Zimmer gegangen. - -=Maria.= Was kann ich dabei machen? Was soll ich anfangen? Wir müssen -doch alle leben. Sind jetzt sieben Kinder. Wenn man ihnen nicht ab und -an zu Hause ein kleines Vergnügen bietet, stellen sie Gott weiß was an. -Ich bin nur glücklich, daß es mit Ljuba so gekommen ist. - -=Alexandra.= Hat er schon seinen Antrag gemacht? - -=Maria.= So ungefähr. Er hat mit ihr gesprochen, und sie hat ihm ihr -Jawort gegeben. - -=Alexandra.= Das ist wieder ein schwerer Schlag für ihn. - -=Maria.= Aber er weiß es doch. Muß es längst wissen. - -=Alexandra.= Er kann ihn nicht ausstehen. - -=Maria= (zu den Dienern). Stellen Sie die Früchte aufs Büfett. -- Wen? -Alexander Michailowitsch? Natürlich liebt er ihn nicht, weil Alexander -der verkörperte Widerspruch gegen all seine Theorien ist: ein lieber, -guter, angenehmer Mensch und dabei Weltmann. Ach, dieser unglückliche -Boris, der wie ein Alp auf mir lastet -- was macht er eigentlich? - -=Alexandra.= Lisa war bei ihm. Er ist immer noch »dort«. Soll -schrecklich abgemagert sein; die Ärzte fürchten für sein Leben oder -seinen Verstand. - -=Maria.= Den hat er mit seinen Ideen tatsächlich so weit gebracht. -Warum mußte er zugrunde gehen! Ich habe die Verbindung übrigens nie -gewünscht. - -=Ein Klavierspieler= (tritt ein). - - -Zweiter Auftritt. - - =Die Vorigen= und der =Klavierspieler=. - -=Maria.= Sie sind der Klavierspieler? - -=Klavierspieler.= Jawohl, gnädige Frau. - -=Maria.= Bitte, nehmen Sie Platz. Es dauert noch etwas. Vielleicht -wünschen Sie Tee? - -=Klavierspieler.= Nein, danke. (Er geht zum Flügel.) - -=Maria.= War stets dagegen. Ich hatte Boris sehr gern, trotzdem war er -keine Partie für Ljuba. Besonders, als er sich für Nikolai Iwanowitschs -Ideen begeisterte. - -=Alexandra.= Erstaunlich bleibt doch diese Überzeugungskraft! Was hat -er auszustehen! Man sagt ihm, wenn er nicht nachgäbe, würde er entweder -im Irrenhause bleiben oder auf Festung kommen. Trotzdem wiederholt er -stets dasselbe. Und wie Lisa sagt, ist er froh, ja heiter gestimmt. - -=Maria.= Diese Fanatiker. Da ist übrigens Alexander Michailowitsch. - -=Alexander Michailowitsch Starkowski= (elegante Erscheinung im Frack, -tritt ein). - - -Dritter Auftritt. - - =Die Vorigen= und =Starkowski=. - -=Starkowski.= Ich komme wohl zu früh? (Er küßt beiden Damen die Hand.) - -=Maria.= Um so besser. - -=Starkowski.= Wie geht es Ihrem Fräulein Tochter? Sie wollte beim Tanz -alles Versäumte nachholen, und ich hatte die Absicht, ihr zu helfen. - -=Maria.= Sie macht die Kotillonsachen zurecht. - -=Starkowski.= Da werde ich ihr helfen -- darf ich? - -=Maria.= Sehr liebenswürdig. - -=Starkowski= (will gehen). - -=Ljuba= (kommt ihm mit einem Kissen voll Orden und Bändern entgegen). - - -Vierter Auftritt. - - =Die Vorigen= und =Ljuba=. - -=Ljuba= (in Abendtoilette, nicht dekolletiert). Ach, da sind Sie. Das -ist schön. Sie können mir helfen. Da im Gastzimmer liegen noch zwei -Kissen, die bringen Sie bitte her. Guten Abend, guten Abend! - -=Starkowski.= Ich eile, ich fliege. (Er geht ab.) - - -Fünfter Auftritt. - - =Maria Iwanowna.= =Alexandra Iwanowna.= =Ljuba.= - -=Maria= (zu Ljuba). Hör mal, Ljuba. Heute kommen Bekannte, die -Anspielungen machen und Fragen stellen. Darf ich die Verlobung -bekanntgeben? - -=Ljuba.= Ach nein, Mama, nein. Wozu? Laß sie doch fragen. Es ist Papa -so unangenehm. - -=Maria.= Aber er weiß es doch, oder errät es. Früher oder später muß -man ihn doch einweihen. Ich denke, es ist am besten, heute alles -bekanntzugeben. Es weiß ja jedes Kind ... - -=Ljuba.= Nein, nein, Mama, bitte nicht. Du verdirbst mir den ganzen -Abend. Es ist wirklich nicht nötig. - -=Maria.= Wie du willst, mein Kind. - -=Ljuba.= Oder höchstens ganz gegen Schluß, eh’ wir zu Tisch gehen. - -=Starkowski= (kommt). - - -Sechster Auftritt. - - =Die Vorigen= und =Starkowski=. - -=Ljuba.= Nun, haben Sie die Sachen? - -=Maria.= Also ich werde mal nach Natalie sehen. (Sie geht mit Alexandra -Iwanowna ab.) - - -Siebenter Auftritt. - - =Ljuba= und =Starkowski=. - -=Starkowski= (trägt drei Kissen, von denen er eins mit dem Kinn stützt -und unterwegs fallen läßt). Bitte, bemühen Sie sich nicht, ich hebe es -sofort auf. - -=Ljuba.= Ach, was haben Sie da gemacht! Hätten die Sachen richtig -verteilen müssen. Wanja, komm mal her. - - -Achter Auftritt. - - =Die Vorigen= und =Wanja=. - -=Wanja= (bringt noch mehr Kissen). Jetzt sind es alle. Ljuba, Alexander -Michailowitsch und ich haben gewettet, wer am meisten Orden bekommt. - -=Starkowski.= Du hast es gut, du kennst alle, ich dagegen muß die -Mädchenherzen erst erobern, um meine Belohnung zu erhalten. Trotzdem -gebe ich dir vierzig Points vor. - -=Wanja.= Dafür bist du auch Bräutigam und ich noch ein Schuljunge. - -=Ljuba.= Wanja, geh doch bitte in mein Zimmer und hol mir den Gummi und -das Nadelkissen von der Etagere. - -=Wanja= (setzt sich in Bewegung). - -=Ljuba.= Aber mach um Gottes willen nichts entzwei! - -=Wanja.= Alles mach’ ich entzwei. (Er läuft fort.) - - -Neunter Auftritt. - - =Ljuba= und =Starkowski=. - -=Starkowski= (faßt Ljuba bei der Hand). Ljuba, darf ich? Ich bin so -glücklich. (Er küßt ihre Hand.) Die Masurka ist mein, aber die genügt -mir nicht. Dabei kann man sich so wenig unterhalten. Und ich habe so -viel auf dem Herzen. Darf ich meinen Eltern telegraphieren, daß ich -glücklicher Bräutigam bin? - -=Ljuba.= Ja, heute abend. - -=Starkowski.= Und noch eins: wie wird dein Vater die Nachricht -aufnehmen? Habt ihr mit ihm gesprochen, ja? - -=Ljuba.= Ich nicht. Aber ich werde es ihm sagen. Er wird die Nachricht -aufnehmen, wie alles, was die Familie betrifft; wird sagen: tu, was du -für richtig hältst. Aber innerlich wird er traurig sein. - -=Starkowski.= Weil ich nicht Tscheremschanow bin, sondern Kammerjunker -und Adelsmarschall? - -=Ljuba.= Ja. Ich habe mit mir selbst gekämpft, mich seinetwillen -belogen. Nicht, weil ich ihn zu wenig liebe, kann ich nicht auf das -eingehen, was er will, sondern weil ich mich nicht verstellen kann. -Mein sehnlicher Wunsch ist: leben, leben! - -=Starkowski.= Das ist auch das einzig Wahre. Na, aber Tscheremschanow? - -=Ljuba= (erregt). Sprich nicht von ihm. Ich könnte mich hinreißen -lassen, ihn zu verurteilen, jetzt, wo er leidet. Und ich weiß, daß das -daher rührt, daß ich vor ihm schuldig bin. Ich weiß aber auch, daß es -eine Liebe, eine wahre Liebe gibt, die ich für ihn nie empfunden habe. - -=Starkowski.= Ljuba, ist das wahr? - -=Ljuba.= Du möchtest von mir hören, daß ich diese wahre Liebe für dich -empfinde? Aber das kann ich nicht. Gewiß, ich liebe dich anders -- -aber auch nicht richtig. Wenn man das eine und das andere zusammentun -könnte ... - -=Starkowski.= Nun, ich bin schon zufrieden. Ljuba! (Er küßt ihr die -Hand.) - -=Ljuba= (abwehrend). Nein, wir wollen hier aufräumen. Da kommen schon -Gäste. - -=Die Fürstin= (kommt mit =Tonja= und einem kleinen Mädchen). - - -Zehnter Auftritt. - - =Die Vorigen= und die =Fürstin= mit =Tonja= und dem kleinen - =Mädchen=. - -=Ljuba.= Mama muß sofort erscheinen. - -=Fürstin.= Sind wir die ersten? - -=Starkowski.= Irgend jemand muß den Anfang machen. Vielleicht wird -nächstens eine Gummipuppe erfunden, die immer die erste ist. - -=Stefan= (tritt ein). - -=Wanja= (bringt die gewünschten Sachen). - - -Elfter Auftritt. - - =Die Vorigen.= =Stefan= und =Wanja=. - -=Stefan.= Ich hoffte, Sie gestern bei den Italienern zu treffen? - -=Tonja.= Wir waren bei Tante; haben Armenkleider genäht. - -=Studenten=, =Damen=, =Maria Iwanowna=, eine =Gräfin= (kommen). - - -Zwölfter Auftritt. - - =Die Vorigen.= =Maria Iwanowna=, die =Gräfin=, =Studenten= und - =Damen=. - -=Gräfin.= Werden wir Nikolai Iwanowitsch nicht sehen? - -=Maria.= Nein, er kommt nie aus seinem Zimmer. - -=Starkowski.= Bitte zur Quadrille die Herrschaften. (Er klatscht in die -Hände. Man nimmt Aufstellung und tanzt.) - -=Alexandra= (tritt zu Maria Iwanowna). Er ist schrecklich erregt. War -bei Boris, und als er nach Hause kommt, sieht er die Vorbereitungen -zum Ball. Jetzt will er fort. Ich stand an der Tür und hörte seine -Unterhaltung mit Alexander Petrowitsch. - -=Maria.= Worüber denn? - -=Starkowski.= ~Rond des Dames. Les cavaliers en avant.~ - -=Alexandra.= Er erklärt es für unmöglich, hier weiter zu leben, und -geht fort. - -=Maria.= Was für ein Quälgeist ist dieser Mann! (Sie geht ab.) - - - - -Verwandlung. - - -Nikolai Iwanowitschs Zimmer. - - Gedämpfte Klänge der Musik. Nikolai Iwanowitsch, im Überzieher, - legt einen Brief auf den Tisch. Bei ihm der zerlumpte Alexander - Petrowitsch. - - -Erster Auftritt. - - =Nikolai Iwanowitsch= und =Alexander Petrowitsch=. - -=Alexander.= Seien Sie unbesorgt, bis zum Kaukasus kommen wir ohne -einen Groschen. Und dort richten Sie sich schon ein. - -=Nikolai.= Bis Tula fahren wir, und dann geht’s zu Fuß. Nun ist alles -fertig. (Er legt den Brief mitten auf den Tisch und will hinausgehen. -Da stößt er auf Maria Iwanowna.) - - -Zweiter Auftritt. - - =Nikolai Iwanowitsch=, =Alexander Petrowitsch= und =Maria - Iwanowna=. - -=Nikolai.= Nun, was willst du hier? - -=Maria.= Was ich will? Ich will verhindern, daß du deine Grausamkeit -auf die Spitze treibst. Warum das? Warum? - -=Nikolai.= Weil ich nicht länger so leben kann. Ich kann dieses -entsetzliche, durch und durch unmoralische Leben nicht ertragen. - -=Maria.= Das ist fürchterlich. Mein Leben, das ich ganz dir und den -Kindern widme, soll plötzlich unmoralisch sein! (Sie erblickt Alexander -Petrowitsch.) ~Renvoyez au moins cet homme. Je ne veux pas qu’il soit -témoin de cette conversation.~ - -=Alexander.= ~Je comprends, madame; je pars aussitôt.~[3] - - [3] »Schick wenigstens diesen Menschen fort. Ich will nicht, - daß er Zeuge dieser Unterhaltung wird.« - - »Ich verstehe, gnädige Frau. Ich reise sofort ab.« - -=Nikolai.= Erwarten Sie mich dort, Alexander Petrowitsch, ich komme -sogleich. - -=Alexander= (geht ab). - - -Dritter Auftritt. - - =Nikolai Iwanowitsch= und =Maria Iwanowna=. - -=Maria.= Was kannst du mit solchem Menschen gemein haben? Weshalb steht -er dir näher als deine Frau? Das ist einfach unverständlich. Wohin -willst du jetzt? - -=Nikolai.= Ich habe dir einen Brief hinterlassen. Ich wollte nicht mit -dir sprechen; es wird mir zu schwer. Wenn du aber willst, werde ich dir -alles sagen, so ruhig ich nur kann. - -=Maria.= Nein, ich kann dich nicht verstehen. Weshalb haßt und -folterst du dein Weib, das dir alles hingegeben hat. Sag: habe ich -Bälle besucht, mich geputzt, kokettiert? Mein ganzes Leben gehörte der -Familie. Alle Kinder habe ich selbst genährt, erzogen; im letzten Jahre -lag die ganze Last der Erziehung und all die geschäftlichen Sorgen auf -meinen Schultern ... - -=Nikolai= (sie unterbrechend). Das kam daher, weil du nicht so leben -wolltest, wie ich dir vorschlug. - -=Maria.= Ach, das ist ja unmöglich. Frag die ganze Welt. Wie kann ich -die Kinder ohne jeden Unterricht lassen, wie deine Absicht ist, und -selbst waschen und kochen. - -=Nikolai.= Das habe ich nie gewollt. - -=Maria.= Na, dann ungefähr so. Nein, du willst Christ sein, willst -Gutes tun, sagst, du liebst die Menschen. Warum folterst du dann die -Frau, die dir ihr ganzes Leben hingegeben hat? - -=Nikolai.= Wieso foltere ich dich? Ich liebe dich, aber ... - -=Maria.= Ist das keine Tortur, wenn du mich verstößt und fortgehst? Was -werden die Leute sagen? Eins von beiden ist nur möglich: entweder bin -ich ein verworfenes Frauenzimmer, oder du bist verrückt. - -=Nikolai.= Vielleicht bin ich verrückt; jedenfalls kann ich so nicht -weiterleben. - -=Maria.= Was ist denn Schreckliches dabei, daß ich den ganzen Winter -ein einziges Mal -- in ewiger Sorge, es könnte dir unangenehm sein -- -bei uns tanzen lasse! Frag Manja und Barbara Wassiljewna -- alle haben -mir gesagt, es ginge nicht anders, es sei unbedingt nötig. Und das soll -nun ein Verbrechen sein, für das ich diese Schande auf mich nehmen muß! -Ja, nicht nur Schande -- das Schlimmste ist, daß du mich nicht mehr -liebst; du liebst die ganze Welt, bis zu diesem betrunkenen Alexander -Petrowitsch -- -- und dennoch liebe ich dich, kann nicht ohne dich -leben. Warum das, warum? (Sie weint.) - -=Nikolai.= Du willst mein Leben, mein geistiges Leben nicht verstehen. - -=Maria.= Ich will es, kann es aber nicht. Ich sehe, daß dein -Christentum bewirkt, daß du mich, deine Familie haßt. Wozu das nötig -ist, begreife ich nicht. - -=Nikolai.= Andere begreifen es. - -=Maria.= Wer denn? Alexander Petrowitsch, der dich anbettelt? - -=Nikolai.= Er und andere, wie Tonja und Wassili Nikanorowitsch. Aber -darauf kommt es nicht an. Wenn niemand mich verstehen würde, würde das -nichts ändern. - -=Maria.= Wassili Nikanorowitsch hat Buße getan und sein Amt wieder -angetreten. Tonja tanzt in diesem Augenblick und flirtet mit Stefan. - -=Nikolai.= Das ist sehr traurig, kann aber nicht bewirken, daß Schwarz -Weiß wird, und kann mein Leben nicht ändern. Mascha! Ich bin für -dich nicht nötig. Laß mich gehen. Ich habe versucht, an eurem Leben -teilzunehmen, in dieses Leben das hineinzutragen, was für mich alles -bedeutet. Es ist unmöglich. Die Folge ist nur, daß ich euch und mich -quäle. Mich nicht nur quäle, sondern das Werk, das ich vorhabe, -zuschanden mache. Jeder Mensch, wie zum Beispiel dieser Alexander -Petrowitsch, hat das Recht, mir zu sagen, ich sei ein Betrüger, der -nicht so handelt, wie er spricht, der nach dem Evangelium Armut -predigt, selbst aber in Luxus lebt unter dem Vorwande, alle Habe an -seine Frau abgetreten zu haben. - -=Maria.= Du schämst dich vor den Leuten? Kannst du dich darüber nicht -erheben? - -=Nikolai.= Ich schäme mich nicht -- oder doch nur wenig -- aber ich -richte das Werk Gottes zugrunde. - -=Maria.= Du hast selbst gesagt, daß dieses Werk auch dann geschieht, -wenn wir uns ihm widersetzen. Doch darum handelt es sich nicht. Sag, -was du von mir forderst. - -=Nikolai.= Das habe ich schon gesagt. - -=Maria.= Aber Nikolai, du weißt doch, daß das unmöglich ist. Bedenk -doch, Ljuba soll jetzt heiraten. Wanja bezieht die Universität. Mischa -und Katja besuchen die Schule -- soll denn das alles unterbrochen -werden? - -=Nikolai.= Also was soll ich jetzt tun? - -=Maria.= Was du selbst predigst: ausharren, uns lieben. Wird dir das so -schwer? Ertrag nur unsere Gegenwart, entzieh dich uns nicht. Was quält -dich denn so? - -=Wanja= (kommt hereingelaufen). - - -Vierter Auftritt. - - =Die Vorigen= und =Wanja=. - -=Wanja.= Mama, du wirst gerufen. - -=Maria.= Sag, ich könnte jetzt nicht. Geh, geh. - -=Wanja.= Komm aber bald. (Er geht ab.) - - -Fünfter Auftritt. - - =Nikolai Iwanowitsch= und =Maria Iwanowna=. - -=Nikolai.= Du willst nichts sehen und mich nicht begreifen. - -=Maria.= Ich will schon, aber ich kann nicht. - -=Nikolai.= Nein, du willst nicht, wir kommen immer mehr auseinander. -Dring einmal in mein Inneres ein, versetz dich einen Augenblick in -meinen Zustand, so wirst du mich verstehen. Zunächst ist unser ganzes -Leben hier unmoralisch. Du bist böse über dieses Wort, ich kann aber -ein Leben, das ganz und gar auf Ausbeutung anderer beruht, nicht -anders nennen. Das Geld, von dem ihr lebt, ist der Ertrag des Landes, -das ihr dem Volk abgenommen habt. Außerdem sehe ich, daß dieses -Leben die Kinder verdirbt. »Wehe dem, der dieser Geringsten einen -ärgert«, heißt es; ich aber sehe, wie die Kinder vor meinen Augen -verdorben werden und zugrunde gehen. Ich kann es nicht mit ansehen, daß -erwachsene Menschen, gleich Sklaven, in Livreen gesteckt werden und uns -bedienen müssen. Jedes Mittagessen ist für mich eine Qual. - -=Maria.= Aber das war doch immer so, bei allen, im Auslande und überall. - -=Nikolai.= Seitdem ich begriffen habe, daß alle Menschen Brüder sind, -kann ich das nicht mehr mit ansehen und darunter leiden. - -=Maria.= Es steht doch aber jedem frei. Schließlich kann man sich alles -ausdenken. - -=Nikolai= (erregt). Diese Verständnislosigkeit ist aber wirklich -schrecklich. Heute zum Beispiel. Ich bin morgens im Asyl für -Obdachlose, sehe, wie da ein Kind direkt vor Hunger stirbt, wie ein -Knabe Alkoholiker geworden ist, wie eine schwindsüchtige Wäscherin -Wäsche spült. Dann komme ich nach Hause, ein Diener in weißer Binde -öffnet mir die Tür; ich sehe, wie mein Herr Sohn sich von dem Diener -Wasser bringen läßt, sehe diese Armee von Bedienten, die für uns -arbeiten. Darauf fahre ich zu Boris, einem Menschen, der für die -Wahrheit sein Leben läßt, sehe, wie man den gesunden, kräftigen, -entschlossenen Mann mit Vorbedacht dem Wahnsinn und Verderben in -die Arme jagt, um ihn los zu werden. Die Leute wissen, daß er einen -Herzfehler hat, und erregen und reizen ihn, schleppen ihn ins -Irrenhaus. Nein, das ist fürchterlich, fürchterlich. Und dann komme ich -nach Hause und erfahre, daß die eine Tochter, die nicht mich, sondern -die Wahrheit verstanden hatte, daß die gleichzeitig ihrem Bräutigam, -dem sie ihre Liebe versprochen, und der Wahrheit entsagt hat und einen -Lakaien und Lügner heiraten will ... - -=Maria.= Nennst du das christlich gedacht? - -=Nikolai.= Nein, es ist häßlich, ich fühle mich schuldig; aber ich will -doch nur, daß du dein Ich einmal in das meinige hineinversetzt. Ich -sage nur, sie hat der Wahrheit entsagt ... - -=Maria.= Du sagst: der Wahrheit; andere, die meisten, sagen: dem -Irrtum. Wassili Nikanorowitsch glaubte auch, er sei auf falschem Wege --- jetzt ist er aber in den Schoß der Kirche zurückgekehrt. - -=Nikolai.= Nicht möglich! - -=Maria.= Er hat Lisa geschrieben; sie wird dir den Brief zeigen. Lauter -vorübergehende Erscheinungen. So auch mit Tonja; ganz zu geschweigen -von Alexander Petrowitsch, der die Sache einfach ausnutzt. - -=Nikolai= (ärgerlich). Einerlei. Ich bitte nur, mich zu verstehen. -Wahrheit bleibt für mich stets Wahrheit. Aber das alles tut sehr weh. -Dort sterben Leute Hungers, hier sehe ich diesen Ball, der Hunderte -verschlingt. Ich kann so nicht leben. Hab Erbarmen mit mir, ich bin am -Ende meiner Kraft. Laß mich gehen. Leb wohl. - -=Maria.= Wenn du gehst, gehe ich mit dir. Wenn ich dich nicht begleiten -kann, werfe ich mich unter die Räder des Zuges, mit dem du fortfährst. -Dann mögen alle zugrunde gehen, mit Mischa und Katja. Mein Gott, mein -Gott! Diese Qual! Wofür das, wofür? (Sie weint.) - -=Nikolai= (in der Tür). Alexander Petrowitsch, gehen Sie nach Hause. -Ich fahre nicht. Ich bleibe, schön. (Er legt den Rock ab.) - -=Maria= (umarmt ihn). Wir haben nicht mehr lange zu leben. Laß uns -unser Leben nicht nach achtundzwanzigjähriger Ehe verderben. Ich werde -keine Bälle mehr geben. Aber straf mich nicht auf diese Weise. - - -Sechster Auftritt. - - =Die Vorigen.= =Wanja= und =Katja=. - -=Wanja= und =Katja= (kommen hereingelaufen). Mama, komm doch schnell. - -=Maria.= Ich komme schon, ich komme. Also wollen wir uns gegenseitig -verzeihen. (Sie geht mit Wanja und Katja ab.) - - -Siebenter Auftritt. - - =Nikolai Iwanowitsch= allein. - -=Nikolai.= Ein Kind, genau wie ein Kind, oder ein listiges Weib. Nein, -ein listiges Kind. Ja, ja. Herr Gott, ich sehe, du willst nicht, daß -ich an deinem Werk mitarbeite; ich soll erniedrigt werden, auf daß -alle mit dem Finger auf mich deuten und sagen: er redet, handelt aber -nicht. Nun, mag es so sein. Du weißt am besten, was not tut. Demut, -Herzenseinfalt. Wenn ich nur zu Ihm gelange. - -=Lisa= (kommt). - - -Achter Auftritt. - - =Nikolai Iwanowitsch= und =Lisa=. - -=Lisa.= Verzeihen Sie, ich bringe Ihnen einen Brief von Wassili -Nikanorowitsch. Er schreibt an mich, bittet aber, Ihnen Mitteilung zu -machen. - -=Nikolai=. Ist es denn wahr? - -=Lisa.= Ja. Soll ich vorlesen? - -=Nikolai.= Lies nur. - -=Lisa= (liest). »Ich schreibe Ihnen und bitte Sie, Nikolai Iwanowitsch -Mitteilung zu machen. Ich bedaure die Verirrung, in der ich offen -von der heiligen, griechisch-katholischen Kirche abgefallen bin, und -freue mich, in ihren Schoß zurückgekehrt zu sein. Ihnen und Nikolai -Iwanowitsch wünsche ich dasselbe. Bitte, verzeihen Sie mir.« - -=Nikolai.= Wie wird man den Ärmsten gequält haben! Trotzdem ist es -schrecklich. - -=Lisa.= Dann möchte ich Ihnen noch sagen, daß die Fürstin da ist. -Sie kam schrecklich erregt zu mir nach oben und will Sie unter -allen Umständen sprechen. Sie kommt von ihrem Sohn. Ich glaube, es -ist besser, Sie empfangen sie nicht. Was kann aus der Unterredung -herauskommen? - -=Nikolai.= Nein, bring sie nur her. Dies scheint heute ein -schrecklicher Tag der Prüfungen zu sein. - -=Lisa=. Also ich hole sie. (Sie geht ab.) - - -Neunter Auftritt. - - =Nikolai Iwanowitsch= allein. - -=Nikolai.= Ja, ja, nur stets daran denken, daß das Leben im Dienste des -Höchsten besteht, daß, wenn Er mir Prüfungen schickt, es geschieht, -weil Er mich für stark genug hält, sie zu ertragen. Sonst wären es -keine Prüfungen ... Vater! hilf mir, nicht meinen, sondern Deinen -Willen zu tun. - -=Die Fürstin= (tritt ein). - - -Zehnter Auftritt. - - =Nikolai Iwanowitsch= und die =Fürstin=. - -=Fürstin.= Also man würdigt mich wirklich, empfangen zu werden. Alle -Achtung! Die Hand gebe ich Ihnen nicht, weil ich Sie hasse und verachte. - -=Nikolai.= Was ist denn geschehen? - -=Fürstin.= Ins Strafbataillon wird er gesteckt. Und das haben Sie -fertig gebracht. - -=Nikolai.= Fürstin, wenn Sie etwas von mir wünschen, so sagen Sie -es; wenn Sie mich aber nur schelten wollen, schaden Sie sich selbst. -Kränken können Sie mich nicht, weil ich Sie von ganzem Herzen bedaure -und Mitleid mit Ihnen habe. - -=Fürstin.= Schöne Mitleid, dieses Pharisäertum! Nein, Herr Sarynzew, -mich betrügen Sie nicht. Wir kennen Sie jetzt. Meinen Sohn haben Sie -zugrunde gerichtet, das macht Ihnen nichts aus -- aber Sie selbst -geben Bälle, und die Braut meines Sohnes, Ihre Tochter, heiratet einen -anderen, macht eine Partie, die Ihnen gefällt. Dabei predigen Sie -Einfachheit, Rückkehr zur Natur, machen Tischlerarbeit. O, wie ich Sie -verabscheue in Ihrem neuen Pharisäertum! - -=Nikolai.= Fürstin, beruhigen Sie sich. Sagen Sie, was Sie von mir -wünschen. Sie sind doch nicht nur hergekommen, um mich zu beschimpfen. - -=Fürstin.= Deshalb auch. Ich muß meinen Schmerz auslassen. Und ich -wünsche von Ihnen folgendes. Er wird ins Strafbataillon gesteckt. Das -ertrage ich nicht. Sie haben es dahin gebracht. Sie, Sie, Sie! - -=Nikolai.= Nicht ich, sondern Gott. Und Gott sieht, wie sehr Sie mir -leid tun. Widersetzen Sie sich Gottes Willen nicht. Er will Sie prüfen. -Ertragen Sie diese Prüfung. - -=Fürstin.= Das kann ich nicht. Mein Sohn war mein ganzes Leben; Sie -haben ihn mir genommen und ins Verderben gestürzt. Da kann ich nicht -ruhig sein. Ich bin zu Ihnen gekommen, um Ihnen das zu sagen. Es ist -mein letzter Versuch. Sie haben ihn unglücklich gemacht, Sie müssen ihn -retten. Fahren Sie hin, bewirken Sie, daß er freigelassen wird. Fahren -Sie zu den Vorgesetzten, zum Zaren, zu wem Sie wollen. Sie sind dazu -verpflichtet. Wenn Sie sich weigern, weiß ich, was ich tue. Sie sind -für ihn verantwortlich. - -=Nikolai.= Sagen Sie mir, was ich tun soll. Ich bin zu allem bereit. - -=Fürstin.= Ich wiederhole nochmals: Sie müssen ihn retten. Wenn Sie es -nicht tun, sollen Sie es büßen. Ich gehe. (Sie geht ab.) - - -Elfter Auftritt. - - =Nikolai Iwanowitsch= allein. Dann =Stefan=. - -=Nikolai= (legt sich auf das Sofa). - - (Schweigen. Die Tür wird geöffnet. Man hört Musik: - »Großvatertanz«.) - -=Stefan= (eintretend). Papa ist nicht hier, kommt nur. - -=Große= und =kleine Paare= (treten ein). - - -Zwölfter Auftritt. - - =Nikolai Iwanowitsch=, =Stefan= und die =Paare=. - -=Ljuba= (erkennt den Vater). Ach, du bist hier, entschuldige. - -=Nikolai= (erhebt sich). Es macht nichts. - -=Die Paare= (ziehen vorüber). - - -Dreizehnter Auftritt. - - =Nikolai Iwanowitsch= allein. - -=Nikolai.= Der junge Priester hat sich bekehrt; Boris habe ich ins -Unglück gestürzt; Ljuba heiratet. Bin ich wirklich auf falschem Wege? -Ist es verkehrt, an Dich zu glauben? Nein, nein! Vater im Himmel, hilf -mir! - - - - -188...; 1900; 1902. - - -Unter den nachgelassenen Manuskripten Tolstois findet sich weiter -folgende Skizze des fünften Aufzuges, der aus drei Auftritten bestehen -sollte: - - -Fünfter Aufzug. - - Strafbataillon. Arrestantenzelle. Arrestanten sitzen und liegen - ringsum. Boris liest aus dem Evangelium vor und legt es aus. - - Ein Arrestant, an dem die Prügelstrafe vollzogen ist, wird - hereingeführt. »Ach, daß kein Pugatschew über euch kommt!« Die - Fürstin stürzt herein und wird hinausgetrieben. Zusammenstoß - mit einem Offizier. Kommando: »Zum Gebet!« Boris wird in eine - Einzelzelle geschafft, soll gepeitscht werden. - - -Verwandlung. - - Arbeitszimmer des Kaisers. Zigaretten, Nippsachen, Andenken. - Die Fürstin wird gemeldet. »Soll warten.« Bittsteller, - unterwürfig schmeichelnd. Dann die Fürstin. Wird abgewiesen. - - -Verwandlung. - - Maria Iwanowna spricht mit dem Arzt über die Krankheit Nikolai - Iwanowitschs. Er hat sich verändert, ist milder geworden, aber - gleichzeitig mutloser. - - Nikolai Iwanowitsch tritt ein, spricht mit dem Arzt. Alle - Medizin sei unnütz; der »Geist« sei wertvoller. Seiner Gattin - zuliebe gibt er nach. - - Es treten ein Tonja mit Stefan, Ljuba mit Starkowski. - Unterhaltung über den Landbesitz, Nikolai Iwanowitsch bemüht - sich, die anderen nicht zu kränken. Alle ab. Er bleibt mit - Lisa. »Ich bin fortwährend im Zweifel, ob ich recht gehandelt - habe. Ausgerichtet habe ich nichts; im Gegenteil: habe Boris - ins Unglück gestürzt; Wassili Nikanorowitsch ist zur Kirche - zurückgekehrt. Ich bin ein Beispiel der Schwäche. Offenbar - will Gott nicht, daß ich Sein Diener sei. Er hat viele andere - Diener, erreicht Sein Ziel auch ohne mich. Wenn ich mir das - deutlich vorhalte, bin ich ruhig.« Lisa ab. Er betet. Die - Fürstin stürzt herein, tötet ihn. Alle kommen herbeigeeilt; - er sagt, er hätte sich aus Versehen selbst die tödliche Wunde - beigebracht. Schreibt noch ein Bittgesuch an den Zaren. Der - junge Priester kommt mit Duchoborzen. Er stirbt, froh darüber, - daß der Betrug, den die Kirche verübt, enthüllt ist und daß - sein Leben einen Sinn bekommen hat. - -[Illustration] - - - - -Bücherfreunde erhalten vollständige Verzeichnisse der -Universal-Bibliothek durch die Buchhandlungen oder den Verlag. - - -Leo Tolstoi - -in Reclams Universal-Bibliothek - - Anna Karenina. Roman. 2 Bände. Nr. 2810--15, 2816--20 - - Der arme Paul. Erzählung. Nr. 6360 - - Auferstehung. Roman 2 Bde. Nr. 4031--32~a~, 4041--43 - - Chadshi Murat. Roman aus den Kämpfen im Kaukasus. Nr. 5427/28 - - Herr und Knecht. -- Das Kaffeehaus von Surate. Zwei - Erzählungen. Nr. 3373 - - Kindheit. Autobiographische Novelle. Nr. 5464/65 - - Die Kosaken. Erzählung a. d. Kaukasus. Nr. 4707/8~a~ - - Krieg und Frieden. Historischer Roman. Nr. 2966--70~a~, ~b~, - 2971--75~a~, ~b~ - - Kurze Darlegung des Evangeliums. 2915/16 - - Der lebende Leichnam. Drama. Nr. 5364 - - Das Licht leuchtet in der Finsternis. Drama. Nr. 5434 - - Luzern. -- Familienglück. Zwei Erzählungen. Nr. 1657/58 - - Die Macht der Finsternis. Drama. Nr. 4133 - - Volkserzählungen. Nr. 2556/57 - - Zwei Husaren. Novelle. Nr. 4567 - - * - - N. Gussew und L. Spiro. Gespräche mit Graf Leo Tolstoi in den - letzten Jahren seines Lebens und Erinnerungen an ihn. - Nr. 5573 - - -Druck und Verlag Philipp Reclam jun., Leipzig - -*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS LICHT LEUCHTET IN DER -FINSTERNIS *** - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the -United States without permission and without paying copyright -royalties. 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