diff options
| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-01-22 06:38:13 -0800 |
|---|---|---|
| committer | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-01-22 06:38:13 -0800 |
| commit | 085249889970eac0afd0c74414dcd411568382b9 (patch) | |
| tree | 4a25c474ca9e2626a8cfd2e04cf662e15b665306 /old/67251-0.txt | |
| parent | 0bd0b30faed6dc0c2b74fce159fba280d67ee65c (diff) | |
Diffstat (limited to 'old/67251-0.txt')
| -rw-r--r-- | old/67251-0.txt | 5888 |
1 files changed, 0 insertions, 5888 deletions
diff --git a/old/67251-0.txt b/old/67251-0.txt deleted file mode 100644 index 69d9012..0000000 --- a/old/67251-0.txt +++ /dev/null @@ -1,5888 +0,0 @@ -The Project Gutenberg eBook of Eine feine Woche!, by Fritz Pistorius - -This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and -most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions -whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms -of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you -will have to check the laws of the country where you are located before -using this eBook. - -Title: Eine feine Woche! - -Author: Fritz Pistorius - -Release Date: January 27, 2022 [eBook #67251] - -Language: German - -Produced by: The Online Distributed Proofreading Team at - https://www.pgdp.net - -*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK EINE FEINE WOCHE! *** - - - - - - Anmerkungen zur Transkription - - - Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter oder - unterstrichener Text ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua - gesetzter Text ist ~so markiert~. Im Original fetter Text ist =so - dargestellt=. - - Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des - Buches. - -[Illustration: Zu Seite 117.] - - - - - Eine feine Woche! - - Von - - Fritz Pistorius - - Verfasser von »Mit Gott für König und Vaterland«. - - Dritte Auflage. - - Berlin. - - Trowitzsch & Sohn. - - - - -Inhaltsverzeichnis. - - - Seite - - =Montag=: Paradeferien 5 - - =Dienstag=: Nachmittag frei 25 - - =Mittwoch=: Die schönste Enttäuschung 41 - - =Donnerstag=: Ein recht bewegter Vormittag. - - 1. ~Sic me servavit Apollo~ 53 - - 2. Strafe muß sein! 57 - - 3. Zu langstilig und zu kurzstielig 62 - - =Freitag=: Die Klassenpartie. - - 1. Der alte Caesar und eine moderne Landpartie 71 - - 2. Vorfreuden 76 - - 3. Ein armer Junge 80 - - 4. 2 ~m~ Schottisch 89 - - 5. Edler Wettstreit 95 - - 6. Würden und Ämter 102 - - 7. Der Überfall am Pechsee 107 - - 8. Auf hoher Warte 114 - - 9. Brennesseln und Regenwürmer 116 - - 10. Die dicke Hauskapelle und die Ameisen 129 - - 11. »Dieser Stein vom Seinestrande« 140 - - 12. Blattlaushumor 145 - - 13. Vom Wannsee nach der Pfaueninsel 150 - - 14. Aufregung von Anfang bis zu Ende 155 - - 15. Beim Kaffeetrinken 161 - - 16. Heimkehr 166 - - =Sonnabend=: Ferien 173 - - - - -Montag: Paradeferien. - - -»Na, nu schlägt’s dreizehn!« -- - -Der dicke Puntz hat seine Mappe eben auf die Tischplatte -hinuntergekantet und steht jetzt da, als wären ihm alle Geigen aus dem -Himmel gefallen. -- - -»Die Woche fängt gut an! Jetzt habe ich mein lateinisches Exerzitium -vergessen! Nee, so ein Pech!« - -Der kleine Zittel sieht dem Dicken mit einem feinen Lächeln in das -Vollmondsgesicht. »Du hast gedacht, wir haben heute Paradeferien!« - -»Mensch! Red’ keen’n Stuß! Natürlich! Aber ich habe es gestern noch -schnell gemacht. Und nun habe ich es zu Hause liegen lassen! Nee, es -ist zu dumm!« - -»Ich habe es zur Vorsicht schon am Sonnabend gemacht!« - -»Na, du bist auch ein Musterknabe! Aber nee! Nich in die ~la main~! Ich -dachte, in der Zeitung gestern früh würde stehen, daß wir heute frei -hätten. Und --« - -Zeidler ist auch trübseligen Blickes dazugetreten. »Ja, ich verstehe -auch nicht. Das ist doch unser gutes Recht --« - -Der Dicke ist auf seinen Platz hinuntergesunken. »Ach, quatsch’ nich, -Krause! Hier haben nur die Schulmeister das Recht. Und Bumsvallera hat -das Recht, mich nachher im Lateinischen einzuschreiben. Wann haben wir -Latein?« - -»In der dritten Stunde!« - -»In der ersten Französisch bei Fuchsen! ~Bon!~ Der Schuldiener muß -nachher mein Heft holen! Er mag wollen oder nicht, und es kann kosten, -was es will! Und dann --« - -Die elektrische Glocke schnarrt in dem Augenblicke ihr eintöniges Lied -los; die Jungen fahren herum. - -»Ach Jott nee!« seufzt der Dicke noch einmal auf. »Jeden Tag was -anderes! Aber immer wieder was! Ist ’n Elend!« - -Er hat recht. Hierin hat er mal recht. Und wie es ihm geht, so geht’s -sehr vielen oder beinahe allen Jungen. Immer fehlt ihnen etwas; immer -müssen sie hoffen, hier oder da durchzuschlüpfen; immer hoffen, an -einer sicher drohenden Gefahr vorbeizukommen. Und heute nun nicht mal -Paradeferien! - -»Vielleicht, weil wir in dieser Woche noch eine Landpartie machen!« -denkt ein Dummer, während schon gebetet wird. »Vielleicht, weil doch am -Sonnabend die Pfingstferien anfangen!« ein anderer. Und es ist dabei -doch ebenso falsch. - -Kaum ist das Gebet gesprochen, so meldet sich Hagen ganz krampfhaft. - -»Herr Doktor, wenn nun bei der Landpartie am Freitag --« - -»Halt!« unterbricht ihn da der Ordinarius haarscharf. »~Ad~ Landpartie -ist alles besprochen! Reichlich sogar! Am Freitag wird also die Partie -gemacht! Punktum!« Und ohne noch ein Wort zu verlieren, nimmt der -Doktor Fuchs jetzt seine Jungen ohne Erbarmen heran und läßt ihnen -keine Zeit zum unnützen Grübeln. Das Geschlecht der Substantiva wird -gehörig traktiert. Na, schließlich, das hilft beim Extemporale, und zu -viel Trockenfütterung ist auch nicht dabei. Immerhin -- - -Die Jungen spitzen auf einmal die Ohren. - -»Na freilich! Die Sache ist ja auch sehr einfach. Wieder ins -Lateinische zurück! ~Imago. -- Genitiv?~« - -Doktor Fuchs hebt jetzt selber etwas den Kopf. Unmerklich! Aber die -Jungen sehen es doch. Ihre Blicke fliegen nach der Seite des Flures hin. - -Es war so, als wenn hinten, am Ende des langen Korridors, eine Tür -geöffnet worden wäre, und als wenn ein etwas verworrener Lärm einen -Augenblick daraus hätte hervorbringen wollen. Nur einen kleinen -Augenblick! Aber es war ihnen doch so! - -Auf einmal wieder dieser Lärm! Leise ansetzend, schnell anwachsend! Und -jetzt ein Türenschlagen, ein Stimmengewirr! - -Die Augen sind auf den Lehrer zurückgewendet. Groß, fragend, -ungeduldig. »Ja oder nein?« scheint in ihnen zu liegen. - -Da muß Doktor Fuchs lächeln und sagt denn auch nur: »Na, also doch!« - -Der Dicke hat auch den Kopf hochgereckt. Das lateinische Exerzitium! -Wenn jetzt der Doktor Fuchs den Einfall kriegt -- wie er es schon -einmal getan hat! -- und sammelt die Hefte für Bumsvallera ein! Dann -liegt er doch drin im Wurstkessel! -- - -Mit einem Ruck öffnet sich die Tür. Der Direktor erscheint auf der -Schwelle. »Ach, Herr Oberlehrer!« enteilt seinen Lippen. »Wollen Sie -die Schüler entlassen! Mit Gebet, bitte! Auf höheren Befehl fällt heute -der Unterricht der Parade wegen aus!« - -Die Tür hat sich wieder geschlossen. Die Jungen haben ihre Mappen -angerappt. Es geht eine Unruhe, ein Zittern durch die Klasse, als hinge -an den wenigen Sekunden, die man vielleicht später als die andern -Klassen hinauskäme, das Leben. Und heute auch noch beten! - -»Wer hat das Gebet?« Der Ordinarius denkt nicht an die lateinischen -Hefte. Der Junge, der heute zum Beten daran ist, läßt ihm auch keine -Zeit: - - »Anfang, Mitt’ und Ende, - Herr Gott, zum Besten wende!« - -Es ist, als ob der Junge wüßte, was für ein Gebet heute gerade sich -schicke für alle diejenigen, die in dem Augenblicke draußen auf -dem Tempelhofer Feld stehen, um dort ihr Examen vor dem obersten -Kriegsherrn abzulegen. - -Die Tür springt auf. Fort stieben die Jungen in fieberhafter Eile. -Auf dem Flur wimmelt schon alles. Die eine der Unter-Sekunden zieht -vorüber, aufgelöst, als wollte sie zum Sturm ansetzen. - -»Was machst du nun heute?« fragt der eine zu dem Freunde hinüber. - -»Ich? Gar nichts!« - -»Kommst du mit in die Belle-Alliance Straße?« - -»Och! Die Drängelei da!« - -»Na, du willst doch nicht etwa arbeiten?« - -Der andere lacht kurz auf. »Na, so verrückt müßte ich sein!« -- - -Der Dicke hört nichts mehr. Diese Sekundaner haben es noch eiliger als -er selber. Schon packt ihn auch der Zeidler am Arm. »Dicker, kommst du -mit nach dem Tempelhofer Feld?« - -»Selbstverständlich! Aber was machen wir da mit der Mappe?« - -»Laß sie bei mir oben! Doch gleich hier um die Ecke! Komm -schnell!« -- -- -- - -Im Nu ist die ganze Schule auf der Straße. Nicht wenige aber schlagen -ruhig den Weg nach dem Elternhause zu ein. - -»Kalt wie ’ne Hundeschnauze!« sagt der Dicke verächtlich und schwenkt -schnell mit einigen anderen nach der Belle-Alliance Straße hinüber. -Aber schon kommen sie zu spät zum Auszug der Truppen. - -»Ist denn der Kaiser schon vorbei?« - -»Nein!« -- »Ja!« -- »Der soll ja heute von Schöneberg drüben gekommen -sein!« -- »Ach, er ist ja schon eine kleine Ewigkeit vorbei!« -- »Es -wird ja bald wieder aus sein!« -- -- -- - -Nur langsam schieben sich die Jungen vorwärts; oben am Steuerhaus, am -Rande des Tempelhofer Feldes, kommen sie geradeaus überhaupt nicht mehr -weiter. Sie versuchen, nach links hin auszuschwenken. Das geht; aber -der Staub quillt ihnen hier in dicken, schwärzlichen Wolken entgegen. - -»Was sie nur immer hier für einen schwarzen Jux auffahren!« schimpft -der Zeidler etwas beklommen. - -»Ach was!« hastet der Dicke an ihm vorbei. »Man zu jetzt! Immer durch!« - -So geht es wirklich durch. Bis zur Kaserne des Kaiserin Augusta -Regiments. Dann die gepflasterte Straße hinunter. Da kann man schon die -Helmbüsche sehen, und einmal öffnet sich sogar der Durchblick auf eine -lange Reihe Soldaten, die gerade die Beine herauswerfen, um vielleicht -vor Seiner Majestät in Parade vorüberzuziehen. -- - -Schließlich ging’s aber doch nicht weiter; auch mit dem besten Willen -und mit dem geschicktesten Drängeln nicht, linke Schulter vornweg. Wie -eingekeilt stand die kleine Schar der Tertianer da. Aber sie waren -dafür wenigstens gut angekommen: alles echte Berliner um sie herum, -die selber mit einem gewissen Humor jedes Sehen-können oder auch jedes -Nicht-sehen-können hinnahmen. - -»Au!« zuckte plötzlich der eine der Jungen zusammen. - -»Ach Jotte doch, ja!« drehte sich da ein Mann ein ganz klein wenig um, -so weit das überhaupt möglich war. »Entschuldige, mein Jungeken! Hinter -mir habe ick keene Oogen!« - -Sogleich aber ulkte diesen höflichen Berliner ein anderer an. »Nich -wahr, Paule, du sagst ooch: - - ›Wat du nich willst, det man dir dhu, - det füge lieber ’nen andern zu!‹« - -Der dicke Puntz hatte instinktiv auf seine Füße hinuntergesehen, ob sie -nicht auch in Gefahr wären. Da aber legte sich auf einmal eine schwere -Hand auf seine Schulter, und eine tiefe Baßstimme erklärte: »Na du, -nich drängeln! Dir wird’s woll jar nich schwer, den dicken Willem[1] zu -markieren?« - - [1] Wilhelm. - -Die Jungen mußten insgesamt kichern; es klang beinahe auch, als -wenn sie dabei die kleine Anzapfung von ganzem Herzen dem dicken -Schulkameraden gönnten. - -Der hatte sich jetzt auch ermannt. Mochte nun der Berliner Dialekt -ansteckend bei ihm wirken, oder mochte er glauben, alle Angriffe -dadurch besser parieren zu können, kurz, in unverfälschtem Berlinisch -entschlüpfte dem Gehege seiner Zähne: »Wat denn? Ick heeße ja jar nich -Willem!« - -»Na« -- der Mann, gegen den sich Puntz so wehrte, war ebenso schnell -mit der Antwort fertig -- »denn entschuldijen Se man, Herr Hase[2], det -Sie mir beinahe jetreten haben! Da kann ick ’n scheenen Spruch, der -heeßt: - - [2] Der Mann muß wohl an die Berliner Redensart gedacht haben: - »Mein Name is Hase; ick weeß von nischt!« - - ›Jeduld, Jeduld, wenn’s Herz auch bricht, - mit de Beene strampeln jibt’s hier nicht!‹« - -Der Berliner Witz war wach geworden. Jeder hatte hier die Parade -vergessen; alles reckte den Kopf hoch. Ein großer Dicker vor der -kleinen Gruppe drehte sich langsam um und sagte milde und doch auch mit -so urkomischer Stimme: »Na, na, wissen Se wat! Hunger un Durscht kann -ick entbehren; aber meine Ruhe muß ick haben!« - -Jetzt brach ein allgemeines Lachen los und belohnte diese trockenen -Worte. Von drüben her indessen fragte einer boshaft: »Na, Sie da, -Männeken, Sie haben woll heite zum Reden injenommen?« - -Der große Dicke nahm die Sache gut auf und lachte wieder: »Na, du, det -ick dir man nich uff’t Jedächtnis tippe! Nur Ruhe im Saal! Beschädijt -mir doch nich so mit Redensarten!« - -Die Jungen drängten nach rechts hinaus. Da aber kamen sie schön an und -mußten wieder etwas hören. - -»Wat wollt ihr denn hier, Jungens? Stecht doch die Nase in’t Buch!« - -Der dicke Puntz verteidigte sich wieder. »Det jibt’s nu nich! Wir haben -ja jerade frei gekriegt, damit wir uns auch die Parade ansehen sollen!« - -Dem wirklichen Berliner imponiert es immer, wenn sich jemand die Butter -nicht vom Brot nehmen läßt. So lächelte denn auch hier der Mann nur -gutmütig und sagte begütigend: »Na, denn drängelt man weiter! Mut -zeijet auch der lahme Muck!« - -Nicht bloß die Jungen freuten sich mächtig darüber. Auch andere. Der -eine der da in drangvoll fürchterlicher Enge Stehenden meinte sogar -treuherzig: »Nee, denken Se mal bloß, wat Se da sagen! Det ’s wirklich -klassisch!« - -Da waren die Jungen heraus. Der Dicke wußte nicht recht: sollte er in -der Korona dieser fidelen Urberliner bleiben oder vielleicht lieber -seinen Freunden nachlaufen. - -Doch lieber den Freunden nach! Schon war er auch heraus aus dem Knäuel. - -»Wo wollt ihr denn hin?« rief er dem Zeidler nach. - -»Nach der Belle-Alliance Straße zurück!« antwortete der im Forteilen. -»Da kommt nachher der Kaiser durch!« - -Das zog. Als die Jungen auf den alten Weg zurückschwenkten, kam ihnen -eine kleine Reihe von Gemeindeschülern entgegen, Arm in Arm, stramm -marschierend und dazu singend: - - »Hinaus in die Ferne, - vor’n Sechser fetten Speck! - Den eß ick do’ zu jerne, - den nimmt mir keener weck. - - Un wer det dhut, - den hau ick uff’n Hut, - den hau ick uff de Ne--ese, - det se blut!« - -Unsere Freunde freuten sich unbändig über diese ganze Geschichte; aber -sie gingen doch der kleinen Reihe aus dem Wege. Kaum hatten die Sänger -dieses Lied beendet, da stimmte einer auch schon an: - - »Turner ziehn mit Pantin’n[3] - durch die jroße Stadt Ballin[4] --« - - [3] Holzschuhe. - - [4] Berlin. - -Der Junge wurde indes sofort niedergeschrien: »Det is ja man nur wat -for Turner! Mal den Torjauer Marsch! Los!« - - »Fritze Weber - hat’n Keber[5] - an de Zunge - an de Lunge - an de Leber!« - - [5] Käfer. - -In der Ferne verschwanden die Jungen und mit ihnen die lustigen Töne. -Vorn am Steuerhaus jedoch war inzwischen Bewegung in die starren Massen -gekommen. - -»Die Parade ist aus!« hieß es, und schnell bog der Dicke mit Zeidler -hinter den Menschenmassen hinweg nach rechts hin in die Belle-Alliance -Straße wieder hinunter. - -Ein fliegender Händler hielt da den Jungen ein Bündel Fähnchen entgegen -und pries dabei seine Ware laut an: »Hier hochfeine Fähnchen, meine -Herrschaften! Allen Ansprichen jeniegend! Der Stock schwarz Ebendholz -mit Silberkandierung! Allens hochfein und echt! Na, na, Sie da! -Polken missen Se nich da dran! Echtet Ebendholz kann so wat nich jut -verdragen!« - -Der Dicke wäre in der Eile bald an den Mann angerannt. Nur mit einer -kühnen Schwenkung kam er um ihn herum, so daß er beinahe gegen den -Briefkasten fuhr, der da am Gitter eines der Vorgärten angebracht war. - -»Na, na, Dickerchen! Spring man nich gleich in den Briefkasten rin!« -Diese Mahnung mußte der dicke Puntz schnell noch mit auf den Weg nehmen. - -Es gab aber jetzt kein Halten mehr. Eben hörte man schon hinter -der schwarzen Wand der Menschen, die in tiefen Reihen am Rande des -Bürgersteiges standen, den Gleichschritt von Soldaten, und Zeidler, der -einmal auf der Stelle hochgesprungen war, um genauer zu sehen, rief -plötzlich: »Die Maikeber![6] Die Maikeber! Dicker! Schnell, schnell!« - - [6] Die Maikeber, Maikäfer = Garde-Füsilier-Regiment in Berlin. - Das Regiment, in zwei Garde-Reserve-Bataillone zerlegt, - stand früher in Potsdam und in Spandau; man sagt, daß es - in Berlin seinen Spitznamen daher hat, daß die beiden - Bataillone alljährlich gerade zur Maikäferzeit zur Parade - nach der Hauptstadt kamen. -- Am Offizierkasino des - Regiments in der Chausseestraße ist auf der Ecke gegen - die Kesselstraße hin unter dem Dach ein großer Maikäfer - plastisch dargestellt, als scherzhafte Konzession an den - Berliner Volkswitz. - -Atemlos kamen die Jungen bis zur Bergmann-Straße hinunter. Da fanden -sie einen kleinen Durchlaß durch die Menschenmauer und konnten beinahe -bis zum Straßendamm vortreten. Ganz erschöpft umklammerte da der -Dicke einen der Bäume am Rande des Bürgersteigs, um von der hin- und -herdrängenden Umgebung nicht wieder von seiner mühsam eroberten Stelle -fortgerissen zu werden. - -Noch waren die »Maikeber« nicht da. Ein anständig gekleideter Mann -mit einigen Bekannten stand neben Zeidler, um das Truppenschauspiel -gleichfalls zu sehen. Arbeiter drängten sich dazwischen. - -»Mir ist doch immer so!« meinte der eine der Herren. Er hatte die -eine Hand ans Ohr gelegt und hob sein Gesicht nach der Richtung des -Tempelhofer Feldes hin hoch. »Aber die Straße fällt hier so ab! Und die -Bäume! Schlechte Akustik hier!« - -Ein Arbeiter sah dem Sprecher treuherzig in die Augen: »Ick hab’ ’n -Schnuppen! Ick rieche nischt!« - -Ein allgemeines Gelächter brach in dem kleinen Kreise los. Der Dicke -mußte sich fester an den Baum klammern. - -Auf einmal sagte ein anderer neben ihm: »Na, du, August, mit de -Jewitterbacken! Willst woll uff’n Boom klettern? Dazu mußte barfte[7] -Beene haben!« - - [7] barfüßig. - -Der Dicke wehrte sich ein wenig: »Nee, will jar nich!« - -»Aber sehn willstet doch! Weest de, wie de det machst? Da feifst de dir -’ne Tonleiter und kletterst dran ruff.« - -»Dhu et lieber nich, Junge!« mahnte ein anderer väterlich. »Da oben -ieberfährt dir der Luftballon!« - -Natürlich hatte der Witzbold die Lacher auf seiner Seite; aber er mußte -sich dafür gefallen lassen, daß andere ihm zuriefen: »Na, du! Wat du -schlau bist! Det mißte bei dir selber ooch janz jut aussehn!« - -»Rum, brrr, rumbumbum!« - -Die »Maikeber« waren da. Der rasselnde Trommelwirbel verschlang alles. -Die Augen hefteten sich wohlgefällig auf die schmucken Soldaten, die -mit einem strahlenden Antlitz wie Sieger einherzogen. Rotte um Rotte, -Kompanie nach Kompanie, Bataillon und Bataillon. - -»Ja, ja! Als ick noch Soldat war!« sagte hinter dem Dicken in tiefer -Bewegung eine Stimme. - -Sie blieb vereinzelt. Kein Mensch hörte jetzt darauf; hier stand das -Volk in Waffen, das sich an der Disziplin der Truppen wieder zu der -alten, liebgewordenen Disziplin selber emporrichtete. Die Achtung -vor des Königs Rock, dem Ehrenkleid, das alle schon getragen hatten -oder noch tragen sollten, diese Achtung zwang allen ein ehrfürchtiges -Schweigen auf. Eine heilige Scheu kam über alle die Tausende, die die -schmucken und doch kraftstrotzenden Kriegerscharen an sich vorbeiziehen -sahen, die Blüte des Vaterlandes. - -Auch in dem Herzen des Dicken stieg ein stolzes, frohlockendes Gefühl -auf. Der Gleichschritt der Bataillone, das rollende Rasseln der -Trommeln, sie stimmten ihn feierlich, und -- er wußte selber nicht, -wie es kam -- das letzte Gedicht, das er in der Klasse gelernt und -sogar ungern gelernt hatte, das summte ihm plötzlich mit einem ganz -ehrfürchtigen Erschauern durch den Kopf: - - »Die Fahnen wehn! Auf ins Gewehr! - Den Säbel in die Faust! - Das deutsche Volk -- ein großes Heer, - das, von den Alpen bis zum Meer, - ein zürnend Wetter braust. - - Und klopft an unsre Pforten an - des Fremdlings Übermut, - so opfert jeder deutsche Mann - mit Freuden Gut und Blut.« - -»Die Alexandrer[8]!« hieß es da auf einmal. »Die alten Helme!« - - [8] Das Kaiser Alexander Garde-Grenadier-Regiment Nr. 1. - -»Ja, aus der Zeit Friedrichs des Großen!« - -»I, wat de sagst, Junge! Allens wat wahr is: eenfach, elegant, -jeschmacklos un ohne allen Prunk!« - -»Herr Jotte doch! Wat kommen denn da for welche?« - -Alles dreht sich den Kopf nach links hin aus. - -»Na, die mit de Entenbeene da!« - -»Das ist ja die Maschinengewehrabteilung[9]!« - - [9] Mit gelbbraunen Ledergamaschen. - -»Ach so! Und so’n junger Leitnant!« - -»Mit so’n kleenen Schnurrbart!« - -»Ja, wahrhaftig! Drei Haare in sieben Reihen!« - -»Un der is schon Leitnant! Der hat ooch mehr Jlick wie Fer--dinand!« - -Dazwischen ein paar Schritte hinter den Jungen auf einmal eine ganz -empörte Stimme: »Na, wissen Se, Männeken! Drengeln Se man nich so! Ick -sehe jeweenlich mehr uff hohen Lohn wie uff schlechte Behandlung!« - -»Das zweite Garderegiment!« - -»Ach Jotte doch, kiek do’ mal den reitenden Hauptmann da uff’t Pferd! -Den is wohl schon bange vor’n Zivilhelm?« - -»Ja, die da vorne sint ville strammer!« - -»Das ist nun mal so!« warf der »bessere« Herr ein. »Der eine versteht’s -und der andere nicht! Es ist eben wieder mal das Ei des Kolumbus.« - -»Ach, wat Sie sagen!« meinte da der Arbeiter neben ihm mit einem -leichten Spott in der Stimme. »Legt denn der olle Mann immer noch?« - -Es war jetzt keine Zeit, darauf zu reagieren; denn plötzlich rief eine -Stimme von hinten vom Gitter eines der kleinen Vorgärten her: »Da -drüben kommen die Ulanen!« - -Der Dicke reckte den Kopf hoch, so hoch er nur konnte; aber das zweite -Garderegiment marschierte gerade dazwischen. Es war also für ihn nicht -zu sehen, was drüben auf dem Reitweg, jenseits der Straße, vorging. Er -hörte nur, wie der lange Kerl neben ihm seine Glossen über die Reiter -machte. - -»Die sehen aberst alle ziemlich ramponiert aus! Aber Jlick scheinen se -do’ ßu haben! Da is eener sojar mit’n Einsatz rausjekommen!« - -Ein lautes Gelächter zeigte, daß andere den Witz verstanden hatten. Nur -einer der Herren, die sich ganz dicht an der Bordschwelle befanden, -fragte, aber auch schon halb lachend: »Wie meinen Sie denn das?« - -»Na, sehen Sie doch! Der zweite da! Mit seinem roten Einsatz hier ist -er rausgekommen!« - -Der Arbeiter, der so auch das schönste Hochdeutsch sprach, tippte dabei -mit seinem Finger auf die Brust. Jetzt verstanden das natürlich auch -die Jungen, und sie stimmten in das fröhliche Gelächter mit ein, wenn -sie auch nichts sehen konnten. - -Der Herr, der gefragt hatte, sah auf einmal den Arbeiter genauer an -und meinte dabei: »Ich muß Sie doch schon mal irgendwo gesehen haben!« - -»Ja,« kam die trockene Antwort, »det kann schon sint! Da komme ick -öfter hin und --« - -Ein dumpf und schnell anwachsendes Brausen von links her bannte aller -Sinne von neuem. - -»Der Kaiser kommt! Der Kaiser!« - -Eine große Bewegung ging durch die Massen. Alles drängte nach vorwärts. - -»An der Spitze der Fahnenkompagnie!« - -»Wahrhaftig! Hut ab!« - -Es wäre nicht nötig gewesen, das zu sagen. Die Hüte flogen in die Luft. -»Hurra! Hurra!« - -Das Herz schlug schneller. Der Kaiser und die Fahnen! Alles Uzen -und alle Rederei unter dem Volke war da vergessen. Der Kaiser! Er -schweißte alles und alle durch seine bloße Erscheinung zusammen. _Ein_ -Volk, _ein_ Herz, _ein_ Vaterland! Die Jungen besonders jubelten dem -Manne zu, der ihrer heute und immer gedacht hatte. »Hurra! Hurra!« -Wäre es jetzt gegen den Feind gegangen, wahrhaftig: _Ein_ Volk, _ein_ -Herz, _ein_ Vaterland! Hinausziehen würden alle gegen den Feind der -heimischen Erde! Sie sollten es nur wieder einmal wagen zu kommen! Dann -dem Kaiser nach! ~Morituri te salutant!~ -- - -Wie ein Wiesel, ohne noch ein Wort zu sagen, hatte in dem Augenblicke -Zeidler die Schultern schmal gemacht und huschte eben hinaus und -hindurch durch die jubelnde Menschenkette, die sich drängend hinter -ihm staute. Der dicke Puntz nach. Die Belle-Alliance Straße weiter -hinunter, dem Halleschen Tore zu. Auf dem Bürgersteig immer neben dem -Kaiser und der Fahnenkompagnie hin. - -Da unten aber staute sich der ganze Menschenstrom zu undurchdringlicher -Mauer. Der Dicke sah sich nach Zeidler um, neben dem er sich doch bis -jetzt so treu gehalten hatte. - -Der aber war fort. Von dem Langbein war überhaupt nichts mehr zu -sehen, und hinweg über die Gneisenau Straße konnte man auch nicht. -Unwirsch stand der Junge endlich still. Er sah gerade noch die -letzten Fahnenspitzen hinter dem lebendigen Wall all der Menschen da -verschwinden. - -Er versuchte schließlich, wieder bis zur Bordschwelle vorzudringen. -Erst wollte es ihm gar nicht gelingen, dann aber konnte er sogar auf -die andere Seite der Straße gelangen, wo eben noch Kavallerie den -Kasernen zuzog. Glück mußte der Mensch eben haben: die fremden Militärs -in glänzenden Uniformen, Dragoner, noch einmal Ulanen, von denen aber --- der Dicke achtete jetzt scharf darauf -- kein einziger mehr »mit dem -Einsatz rausgekommen war,« sogar die Artillerie, alles zog an seinem -freude- und farbentrunkenen Auge vorüber, unter dem Staunen und dem -Jubel der Zuschauer, bis sich endlich die bunte Flut verlor und die -letzten Klänge der Musik in der Ferne verhallten. - -Da erst dachte der Dicke wieder an die Mitschüler, die mit ihm am -frühen Vormittag die Penne verlassen hatten. Wie spät mochte es jetzt -wohl --? Ach, da drüben war ja eine Uhr! Was? Schon ein halb eins? Das -konnte doch wohl kaum möglich sein! Aber schadete alles nichts! Schön -war es doch gewesen! - -Er fühlte jetzt auch den Hunger. Sein Frühstück? Ach, das hatte er -noch in der Mappe! Bei Zeidler! Aber -- nein -- die konnte vorläufig da -bleiben! Er war zu müde jetzt! Hundemüde sogar! Vom Stehen, vom Sehen, -von der Fülle der Eindrücke. Nein, solch Paradetag! Ja, der Kaiser, der -wußte, wie es einem Jungen zumute war! »Hurra! Ach so, ja!« -- -- -- - -Die Menschenmassen hatten sich gelöst; alles flutete dem Halleschen -Tore zu. Sogar die Elektrischen durften schon wieder durch. Dicht -standen die Leute da an der Haltestelle. Na, wo denn nun lang? - -Endlich kam der Dicke zu Hause an. - -»Junge,« fragte die Mama da, »Junge, wo hast du dich denn rumgewälzt? -Und das Gesicht!« -- Sie schlug dabei die Hände vor Staunen über dem -Kopf zusammen. - -»Ich? Rumgewälzt? Gar nicht, Mama! Wir waren bloß alle zur Parade! -Aber, Mama! Es war wirklich großartig! Na, die Woche fing gut an! So -könnte es meinetwegen weitergehen!« -- -- -- - - - - -Dienstag: Nachmittag frei. - - -»Ach!« seufzte der Dicke noch einmal am andern Morgen. »Gestern war’s -doch großartig! Aber heute nun Schule! Ach, wenn es doch so heiß würde, -daß wir --« - -Der Gedanke war zu bildschön; der Junge konnte ihn gar nicht ausdenken. -Und dann noch eins: wie war’s doch gleich? Hatten sie denn nicht noch -was Besonderes für Dienstag aufgehabt? Gestern hatte doch Fuchs gar -nicht die Aufgaben vorgelesen! Und -- ach Gott ja, das lateinische -Heft! Für den alten Bumsvallera! - -»Na, Junge, es ist schon spät!« -- Die Mama war immer etwas ängstlich -und drängte jetzt zur Eile. -- »Nu mach schon, daß du fortkommst!« - -Jetzt stand der Dicke wirklich auf der Straße. Aber wie war das doch -gleich mit Französisch? Es war doch was! - -Der große Hund vom Schlächter an der Ecke kam mit dem Schwanze wedelnd -freudig auf ihn zu. Die beiden waren gut Freund miteinander, wie denn -der Dicke überhaupt alle Hunde der nächsten Straßen kannte. - -»Na, Cäsar, wie geht’s dir?« - -Der Hund sprang jetzt laut bellend an dem Jungen empor. - -»Strolch! Cäsar! Sei nicht so glubsch! Sei froh, du! Du brauchst nicht -zur Schule! Strolch! Biste verrückt? Du hast wohl heute schon in Tran -getreten?« - -Auch der Dicke ist ja mit Spreewasser getauft. -- -- -- - -Da sitzt er nun in der Klasse und liegt wirklich im Französischen -- -drin im Wurstkessel. - -»Warum nicht gelernt, Dicker?« fragt soeben der Doktor Fuchs. - -Der Junge hat ein wahrhaft jämmerliches Gesicht aufgesetzt und sieht -seinen Ordinarius an, als hätte er -- der Dicke natürlich! -- einen -moralischen Katzenjammer. Endlich ermannt er sich aber und bringt halb -stotternd hervor: »Gestern morgen war doch Parade! Und am Nachmittag -mußte ich für meine Mama zur Stadt!« - -»Ja aber! Dann am Nachmittag, gegen Abend meine ich!« - -»Ich kam erst sehr spät wieder nach Hause! Und dann bin ich --« - -»N -- a?« - -Die andern Jungen heben neugierig die Brauen und ziehen ganz merklich -die Ohren straff. - -»Da bin ich -- eingeschlafen!« - -»Sehr denkbar!« -- Doktor Fuchs zuckt mit den Schultern. -- »Und was -nachher?« - -»Da habe ich gar nicht mehr daran gedacht! Und dann war’s ja auch -Abend! Ich hatte auch meine Mappe nicht! Die hat unser Mädchen dann -erst von Zeidler geholt!« -- -- -- - -Die andern Jungen haben sehr verständnisinnig zugehört und ab und zu -sogar genickt. Übrigens sind die Arbeiten auch durchgehends äußerst -nachlässig gemacht, so daß Doktor Fuchs endlich kurzerhand das Buch -auf die Nase legt und erklärt: »Na, meinetwegen! Die Parade! Aber -nun, Jungs, möchte ich doch auch mal fragen: Wer von euch hat -sich überhaupt die Parade oder den Aus- oder Einmarsch der Truppen -angesehen? Hand hoch!« - -Er hat wohl gedacht, die Hände werden nur alle so hochschießen! Weit -gefehlt! Er zählt und zählt, und er zählt nur einundzwanzig Mann. -Einundzwanzig von sechsunddreißig! Also eine Kleinigkeit über die -Hälfte der Jungen hat was von der Parade gesehen! - -»Na, Ernst?« -- Ernst Ehrenfried, das ist der Primus. -- »Warum bist -_du_ denn nicht zur Parade gegangen?« - -»Ich -- hatte -- keine -- Zeit!« - -»Ach, Zeit!« - -»Ja, meine Tante war nicht da!« -- Es kommt das alles recht verlegen -und ungeschickt heraus. -- »Ich mußte da zu Hause bleiben!« - -Der Ordinarius scheint mehr von Ehrenfrieds Verhältnissen zu wissen als -alle die andern Jungen zusammen; er läßt den Primus jetzt ruhig laufen -und wendet sich an den Sekundus, den Tauscher. - -Der druckst auch so herum. Schließlich aber bequemt er sich doch zu -der Antwort: »Ich durfte nicht. Meine Eltern sagten, es wäre zu viel -Gedränge!« - -Auch diese Erklärung scheint der Ordinarius ganz plausibel zu finden. -Er wendet sich einfach wieder zu der ganzen Klasse: »Wer hat denselben -Grund? Aber ehrlich!« - -Langsam und zögernd kommen die Jungen hoch und tun etwas verschämt -dabei: es sind außer dem Sekundus noch acht. Hier und da wird wie zur -Entschuldigung gesagt: »Nach der Belle-Alliance Straße zu war es ganz -schwarz von Menschen!« - -»Na, wer bleibt denn nun noch übrig?« - -Fünf Mann erheben sich, langsam oder schnell, je nach dem Temperament -der Jungen. Einer davon meldet sich krampfhaft, sieht aber dabei immer -noch fragend nach den andern zurück: »Herr Doktor! Herr Doktor!« - -»Also?« - -»Ich habe mit Haeseler und Forster und Bonin eine Partie durch den -Grunewald gemacht. Mein Papa hat gesagt, wir sollen uns recht gesund -machen; da täten wir dem Kaiser einen größeren Gefallen, als wenn wir -ihm auf dem Tempelhofer Feld Staub schlucken helfen.« - -Der Ordinarius darf sich nicht merken lassen, daß das hier etwas -sonderbar und doch auch wieder drollig genug klingt. Der Vater, der -dieses Kraftwort gesprochen, gehört selber dem Wehrstande an, und -der Junge -- das weiß ja jeder in der Klasse -- der will auch einmal -Offizier werden. Zur Parade aber ist er doch nicht gegangen. - -»Also setzen! -- Ja! Was? Wo? Da war ja noch einer! -- Karnagel!« - -Der Junge ist recht bedrückt wieder aufgestanden und sieht seinen -Ordinarius scheu und von unten herauf an, wie ein geprügeltes Hündlein: -»Ich habe auch nicht gedurft!« - -»Na, warum denn nicht, Otto?« - -Im nächsten Augenblick tut es dem Doktor Fuchs schon wieder leid, daß -er den kleinen Karnagel nicht einfach übersehen hat; er erinnert sich, -daß der Vater des Jungen oft seltsamen Erziehungsprinzipien huldigt. -Aber es ist zu spät; denn ein anderer Junge ist schon aufgesprungen und -platzt los: »Herr Doktor! Karnagel darf jetzt nicht raus, weil er das -letzte lateinische Extemporale mangelhaft geschrieben hat!« - -»Herr Doktor! Herr Doktor!« will jetzt auch noch ein anderer seine -Weisheit an den Mann bringen. -- Grausame Kreatur doch, solch -Tertianer! Es wird ihm niemals beikommen, daß er mit dem, was er sagen -will, einem andern wehe, sogar sehr wehe tun kann! -- »Herr Doktor! -Karnagel kriegt jetzt auch keinen Belag auf die Stulle! -- Doch! Ich -weiß es!« - -Der Lehrer ist taktvoller als die Jungen: er hört diese Worte gar nicht -und sucht den kleinen Kerl, dem jetzt die Tränen in die Augen schießen, -zu beruhigen. »Na, laß nur, Otto,« sagt er, »solche Parade, die kannst -du noch öfter sehen! Paß mal auf, die mußt du später sogar selber -mitmachen! Na, und unsere Partie am nächsten Freitag! Da seid ihr ja -alle dabei! Die ist auch was wert!« - -Da meldet sich der kleine Köckeritz ganz krampfhaft. Doktor Fuchs aber -hat offenbar keine Lust mehr, noch etwas über diese Sache zu hören. -»Genug!« entscheidet er kurz. - -»Nein, nein, was anderes!« - -»Na, schnell!« - -»Können die mittlern Fenster nicht auch aufgemacht werden?« - -Die Jungen richten sich alle bei dieser Frage verständnisinnig hoch und -tun, als wenn ihnen die Sachen auf der Haut klebten, und als müßten sie -nun diese Sachen vom Körper abheben und abschieben. Mehrere beteuern -sogar ehrlich: »Ja, es ist wirklich furchtbar heiß! Noch heißer als -gestern!« - -»Die obern Fensterflügel sind offen!« entscheidet Doktor Fuchs. »Die -mittlern Fenster aufzumachen, hat der Herr Direktor verboten! Neulich -ist dabei ein Junge in der Sexta vom Fensterbrett gefallen und hat -sich den Arm gebrochen! Los!« - -Und jetzt schlaucht und schleift Doktor Fuchs die Klasse, als ob er die -verlorene Zeit und sogar den gestrigen Paradetag nachholen müßte. Immer -schwüler aber wird es in der Klasse. Noch dazu bei der mangelhaften -Ventilation! Dem Lehrer selbst stehen die hellen Schweißtropfen auf der -Stirn. - -Der dicke Puntz ist an solchen Tagen immer mit am schlimmsten dran. -Dabei gehen dann natürlich auch seine Gedanken noch leichter spazieren -als sonst schon. Er stellt sich zum Beispiel jetzt vor, wie schön es -sein müßte, wenn er baden gehen könnte und nicht -- - -»Dicker!« - -Da hat er sich wieder ertappen lassen und muß nun herhalten und kriegt -jede zweite Frage, daß er schließlich ganz schachmatt ist, als es zu -seiner Erlösung endlich läutet. Das war doch wahrhaftig gestern ein -schönrer Tag! Na, aber vielleicht -- - -Ein anderer kommt ihm zuvor: »Ob’s heute nachmittag denn gar nicht mal -frei gibt?« - -»Eben wollte ich dasselbe fragen! Das wird ja heute eine Bombenhitze!« - -»Och!« -- Ein ganzer Hümpel steht schon vor dem Thermometer, das in die -Wand eingelassen ist und die Temperatur in der Klasse selbst anzeigt. --- »Och! Schon 30 Grad!« - -»Réaumur?« - -»Celsius! Ist ja aber janz gleich! 30 Grad! Nein! Das geht nicht mehr!« - -»Wieviel sind denn das Réaumur?« fragt der Dicke zweifelnd und wie für -sich. »Ach, 24! Och! Wir wollen mal schnell auf den Hof hinunter!« -- - -Da hat der Schuldiener während der ersten Stunde fleißig gesprengt. -Eine wohltuende Kühle weht den Jungen entgegen, als sie aus der untern -Tür auf den Hof hinaustreten. Das ist ihnen aber gar nicht recht. -»Blödsinniger Kerl!« schimpfen sie. »Der weiß gerade, was gut ist!« -- - -Eben springt Fritze Köhn aus dem Haufen der Jungen zurück, die sich vor -dem Thermometer auf dem Hof aufgepflanzt hatten. -- - -»19! Wenn bloß det olle Krokodil den Hof nich jesprengt hätte!« -- - -Fritze Köhn ist der Urberliner in der Klasse. Er berlinert immer; nur -dann nicht, wenn er vor dem Lehrer steht. -- - -»Na, dann sind aber um zehn Uhr sicher 20 Grad, und dann _müssen_ wir -frei kriegen!« - -»Na, von müssen ist nun keine Rede!« - -»Doch! Ich weiß es ganz genau!« - -»Ja, aber der Direx richtet sich doch nach seinem Thermometer da -hinten. Guck doch, da kommt nie die Sonne hin!« -- - -Wenig tröstlich das alles für die Jungen! Sie müssen wieder hinein in -den »Schwitzkasten«. - -»Was haben wir denn jetzt?« - -»Erdkunde! Die Voralpen!« - -»Ach, Voralpen oder Nachalpen! Ich verschlafe die Alpen!« -- - -So ungefähr wurde es auch. Nur mit dem Unterschiede, daß nicht nur der -eine vor sich hindöste, sondern alle miteinander, wie sie da gebacken -waren. - -Und wieder kommt aus der Klasse heraus die Frage: »Können nicht die -mittlern Fenster auch aufgemacht werden?« - -»Nein!« antwortet der Herr, der vor der Karte steht. »Ist verboten! -Aber die Tür können wir aufmachen!« -- Er gibt dem Jungen, welcher -der Tür zunächst sitzt, das Zeichen, sie zu öffnen. Kaum aber öffnet -sich diese Tür, da tönt ganz klar die Stimme des alten Bumsvallera -aus der Nebenklasse her, die offenbar schon früher auf die feine Idee -der Öffentlichkeit des Unterrichts gekommen ist: »Na, na! Hier nicht -einschlafen, du!« - -Das Gaudium der Jungen hüben und drüben bricht los. - -»Also! Tür wieder zu!« befiehlt der geographische Herr ruhig. »Dann -schwitzen wir eben ein bißchen!« - -Ein bißchen! Nein, Ströme Schweißes fließen und verpesten geradezu -die Luft. Auch die Sonne kommt jetzt so langsam herum und sieht -neugierig in die Klasse hinein. Sonderbar auch! Der Dicke hat so seine -Betrachtung darüber: sie bescheint zuerst den Westen von Deutschland -und kriecht dann langsam nach Osten hinüber. Und da sagt man immer, die -Sonne geht im Osten auf und -- - -»Puntz! Donnerwetter, Junge, du schläfst ja!« fährt ihm der Professor -auf den Pelz. - -Der Dicke reißt die Augen auf. »Nein -- nein -- ich dachte -- ich -dachte --« - -»Na, siehst du, das kommt davon, wenn mal solch Esel, wie du, denkt! -Nun passe mal gefälligst auf!« -- - -Ach, allen andern müßte das auch gesagt werden. Es ist zu schwül in der -Klasse. Bleischwer liegt es auf allen, und nur _ein_ Gedanke läßt hier -und da ein Gesicht aufleuchten: es _muß_ ja heute frei geben! Und -- -Gott sei Dank! -- heute ist Dienstag! Dann fällt ja gerade der eklige -Nachmittag aus! -- -- -- - -Auf _den_ Gedanken haben sich -- während der zweiten Pause unten auf -dem Hofe -- alle Jungen zusammengefunden. Aber scheinbar auch eben nur -die Jungen; denn der inspizierende Herr hüllt sich in Schweigen, wenn -einer der Jungen ihn fragt. Und der Direx? Der ist überhaupt nicht zu -sehen! - -Aber, was ist denn da los? -- Da vorne! -- Eben bildet sich da eine -Korona. Um den Schnorzel nämlich, den sonderbaren Jungen aus der -Quinta, der, wie alle die andern behaupten, »ein bißchen mit dem -Dämelsack geschlagen ist«. Der Junge steht mitten drin in dem Haufen; -alles redet auf ihn ein. - -»Was ist denn los?« fragen die Neuhinzutretenden, die Tertianer. - -»Ach,« erklärt einer der Quintaner lachend, »wir haben Schnorzeln zum -Direktor geschickt, ob’s nachmittag frei gibt.« - -»Na, und?« - -»Ja, guck doch! Er kann sich noch gar nicht recht erholen!« - -Da hat sich der Schnorzel aber doch endlich erholt. Als ihm jetzt -wieder einer aufs Fell schreit: »Na, was hat denn nun der Direktor -gesagt?« da sieht er den Fragenden groß und glotzend an. Dann bückt er -sich plötzlich vor und beschreibt mit seinem rechten Zeigefinger immer -einen Kreis um den andern vor seiner Stirn und schreit dabei klagend: -»’nen Vogel hat er mir gemacht! Ja! ’nen Vogel!« - -Alle brechen in ein helles Gelächter aus; die Tertianer aber wenden -sich ab, und der dicke Puntz meint -- immer noch lachend --: »Dem hätte -ich ooch ’n Vogel gemacht! Aber noch ’n ganz andern!« - -Das ist ja die Meinung der andern im Grunde genommen auch; aber wenn -der Direx den Schnorzel so angeschnauzt hat, dann will er doch sicher -nicht frei geben! Gerade der Gedanke ist den Jungen allen furchtbar -unbehaglich. - -»Es muß einer einfach mal ohnmächtig werden!« schlägt der kleine -Köckeritz vor. - -»Ja,« pflichtet ihm ein anderer bei. »Dann werden die schon vernünftig -werden!« - -Wer wohl »die« sein mögen? Kein Mensch verzieht das Gesicht dabei! Aber -es hilft eben alles nichts: man muß wieder hinauf in die Klasse. - -Es ist nur gut dabei, daß es immer noch Jungen gibt, die den Humor -nicht ganz verloren haben. Neben dem Brunnen steht ein Quartaner und -ladet mit schallender Stimme ein: »Immer hierher! Immer ran, meine -Herrschaften! Zur Durschtstillation!« Und oben neben der Klassentür hat -sich der Fritze Köhn, der »Urballina« aufgepflanzt und katzbuckelt da -allen freundlich entgegen: - - »Immer rin, immer rin ins Schwitzkabiné! - Macht vil Spaß un dhut nich weh!« - -Die Jungen folgen freilich dieser freundlichen Einladung. Aber sofort -sind sie auch um die Tür herumgeschwenkt und zum Klassenthermometer -hingetreten. »Was?« ruft einer da hastig. »Nur noch 29 Grad? Na, das -geht doch nicht mit rechten Dingen zu! Wer hat denn hier gemogelt?« - -Der Fritze Köhn hat das gehört und ist auch um die Ecke -herumgesprungen: »Wat, na Donnerwetter, da denk ick ja, der Affe soll -mir frisieren! Det jibt’s nu nich! Jeh mal weck! Ick will mal dran -pusten!« - -Gesagt, getan! 30 Grad, 31, 32, 33, 34. - -»So! Det jeniejt vorläufig!« - -Es genügte aber doch nicht; denn die dritte Stunde beginnt. Und eine -Gluthitze dabei! Das Atmen wird Lehrer und Jungen schwer, und die -Arbeit schleicht müde und trübselig dahin. Am Ende der Stunde steht es -mehr als je bei jedem einzelnen fest: »Nachmittag müssen wir doch frei -kriegen!« - -Die Pause ist kurz. - -»Hast du schon zu Nachmittag Geschichte gelernt?« fragt der Bonin den -Dicken. - -»Ih wo! Nich in de ~la main~! Wollen doch erst mal abwarten!« - -»Na, Köckeritz will ja ohnmächtig werden!« - -»Der? Das Quecksilber! Wenn der wirklich mal ohnmächtig wird, dann ist -er es immer noch nicht ganz und noch lange nicht!« -- -- -- - - * * * * * - -In der vierten Stunde hat man wieder bei Doktor Fuchs, dem Ordinarius. - -»Na, wenigstens nicht so langweilig! Aber der Kerl, der triezt uns -dafür wieder so!« - -»Ach ja! Und bei der Hitze!« -- - -Auch dasmal half es alles nichts. Mit dem Triezen, das war schon in -Ordnung; aber weniger heiß war es natürlich trotz alledem nicht. - -Ab und zu freilich gab es heute eine Kunstpause. Da sagte dann Doktor -Fuchs: »So, Jungs, nun könnt ihr euch mal ein bißchen verschnaufen! -Anlehnen! Wollt ihr euch die Jacke ausziehen?« - -Einige setzten lächelnd an; es tat’s aber schließlich doch keiner. - -Gerade in solcher Pause aber meldete sich der Bonin: »Herr Doktor! Ich -muß nachher zum Prediger!« - -»Schön! Freut mich!« - -Der Junge lächelt darauf etwas verlegen und meint zögernd: »Ja, ich -weiß aber nicht! Wir gehen doch früher weg! Wir wissen nicht, ob wir -nachmittag dann wieder hermüssen!« - -Jetzt scheint der Ordinarius zu verstehen. »Ach so!« sagt er ganz -gewichtig. »Na, selbstverständlich! Das möchtest du nun wissen! Na, -dann komm mal vor! Dann werde ich’s dir ins Ohr sagen!« - -Ei, wie der Junge da vorsprang und sein Ohr hinhielt! Und Doktor -Fuchs, der selber ja nur so groß ist, wie Bonin, der beugt sich ganz -geheimnisvoll zu ihm vor, als wenn er ihm das wirklich auch nur ganz -leise zuflüstern wollte. Die andern Jungen aber, die spannen die Ohren -und recken den Kopf hoch und möchten doch auch etwas aufschnappen. - -Ja, aufgepaßt! Jetzt öffnet Dr. Fuchs den Mund, und -- während die -ganze Klasse den Atem anhält -- brüllt er dem Bonin entgegen: »Wenn ich -dir das sage, dann wissen das zweie!« - -Der Junge ist ganz erschrocken zurückgeprallt und will sich eben wieder -aufrichten, während im selben Augenblicke die Klasse in lauten Jubel -ausbricht. Da aber öffnet sich auch plötzlich die Tür. Der Schuldiener -erscheint auf der Schwelle. Er und der Direktor, sie klopfen beide -nicht an, wenn sie in die Klasse kommen. Die Jungen sind also darauf -geeicht, in solchem Falle auch den Direktor erscheinen zu sehen. Sie -warten gewöhnlich auch erst einen kleinen Moment ab und richten sich -mit dem Gesicht und mit dem ganzen Menschen darnach. Heute aber sind -sie ungewöhnlich schnell dahintergekommen, wer sich da durch die Tür -in die Klasse geschoben hat. Der Jubel über den übertölpelten Bonin -geht sofort in den andern über, in den Jubel nämlich über den Zettel, -den der Schuldiener in der Hand hält und eben, süßsauer lächelnd, dem -Ordinarius präsentiert. - -Der nickt nur und verkündet dann: »Also, Jungs, um 1 Uhr wird heute der -Unterricht geschlossen! Ihr habt ja schon um 12 Uhr Schluß! Nachmittag -ist natürlich frei!« - -Den Schuldiener sieht man heute gnädig an. »Na kann det olle Krokodil -sprengen, so ville et will.« So hat Fritze Köhn leise gesagt, und so -denken mit ihm alle die, die das gehört haben. Nicht lange dauert es -auch, da läutet es. Ein kurzes Gebet, und draußen sind die Jungen, -frisch und munter, als lockte das schönste Frühlingswetter und nicht -die Dunst- und Gluthitze der Berliner Asphaltstraßen. -- - -Als die Jungen die Treppe hinunterstürmen wollen, steht der Schuldiener -breitspurig im Wege wie ein zürnender Gott. Er wenigstens scheint den -Jungen den Schulausfall doch nicht zu gönnen. Der Fritze Köhn kann -es sich deshalb auch nicht verkneifen, im Vorbeigehen einen alten -Berliner Gassenhauer zu trällern; er als »Urballina« ist ja ganz -besonders groß in so etwas: - - »Mitten auf der Elbe - schwimmt ein Krokodil, - wackelt mit dem Schwanze, - weiß nicht, was es will. - Bitte, jehn Se rechts - un bitte, jehn Se links! - Denn so’n Krokodil - is een jefährlich Dings!« - -Die Kameraden lohnen dem Fritze Köhn dieses Lied und diesen Mut mit -lautem Jubel. Aber wie erschrocken darüber trollt man sich dann -schleunigst hinaus. In aller Munde aber liegt ein Wort: »Au wei! Das -ist ’ne feine Woche! Und am Freitag die Partie! Was wird nun vielleicht -noch morgen sein?« - -Da ist’s vorbei mit der Freude. »Aecks! Morgen Klassenarbeit in -Geometrie! Junge! Junge! Junge! _Die_ Arbeit verhaue ich ganz sicher!« - -»Ach ja! Die ganze feine Woche wird dadurch ruiniert!« - -»Wahrhaftig! Wenn doch bis morgen die Schule abbrennte!« - -»Und der Kerl mit!« -- -- -- - -Immer offen und ehrlich! Aber die beiden Tage war die Woche nun schon -fein gewesen! -- -- -- - - - - -Mittwoch: Die schönste Enttäuschung. - - -Da war nun der schon lange gefürchtete Mittwoch. Und endlich auch die -dritte Stunde. - -»O Gott, o Gott, o Gott!« - -Jeder, der den dicken Puntz so jammern hörte, jammerte innerlich mit; -er wußte auch ganz genau, was das bedeuten sollte. - -»Mir ist ganz blümerant zumute!« - -Fritze Köhn haspelte in seiner Brusttasche herum und zog schließlich -mehrere kleine Figuren aus steifer Pappe daraus hervor. - -»So« sagte er dabei, »seht mal her! Ick jloobe, ick hab’s verstan’n!« - -Emsig versuchte er dabei, die Sachen zu einer größern Figur -zusammenzuschieben. - -So und so viele Blicke senkten sich auf die sonderbaren Figuren -hinunter; einer der Jungen streckte sogar kühn seine Hand darnach aus, -um zuzugreifen und selber die Lösung zu versuchen. - -»Halt!« schob Fritze Köhn seinen Arm wie zum Schutze über all die -Weisheit weg. - - »Das Berühren - der Fijüren - mit de Foten - is verboten!« - -»Ach!« kam darauf verächtlich von der andern Seite. »Die Geschichte -geht ja überhaupt auch gar nicht!« -- - -Die Unke hatte recht, und Fritze Köhn wurde noch obendrein tüchtig -ausgelacht. Und doch klang das Lachen so gar nicht wie das frische, -fröhliche Tertianerlachen sonst! - -»Ich habe einen mächtigen Bammel!« brachte einer der Jungen wieder -hervor. Und wieder hatte er allen aus der Seele gesprochen. - -Hier steckte einer noch ängstlich die Nase ins Buch; dort mühten sich -zweie um eine Figur, die aber leider das Schicksal der Köhnschen hatte: -sie wollte nicht stimmen. Überall ein ander Bild, und überall doch -gleichmäßig Angst und Sorge vor dieser Arbeit. - -Dazwischen wieder die Anklage: »Der hätte ja die Sachen viel mehr mit -uns üben müssen! Wer hat’s denn überhaupt verstanden? Keiner! Oder der -Ehrenfried vielleicht!« - -»Pfui Deibel! Die ganze schöne Woche wird uns dadurch verdorben und -verekelt!« - -Rrrrrrrrrrrr! - -Die elektrische Glocke setzte ein. Wie eine Peitschenschnur flog der -schnurrende Laut über die Klasse hin und drückte den Kopf der Jungen -auf die Tischplatte hinunter. Jetzt mußte die Sache steigen! Na, das -konnte ja gut werden! - -»Un no’ een janzet Ende drieber!« meinte Fritze Köhn und tat dabei, als -müßte er gerade jetzt einen Regenwurm verschlucken. -- -- -- - -Die Großen befehlen in der höchsten Not und im Augenblicke der Gefahr -ihre Seele dem Schutze des Allerhöchsten. Ein Junge denkt nicht daran, -so was zu tun. Er torkelt mit seinem ganzen Menschen in die Gefahr -hinein. - -Auch hier war es schließlich so. Die Jungen hatten sich Feder und -Bleistift und Zirkelkasten und Heft parat gelegt. Im nächsten -Augenblick konnte ja doch -- - -Hier und da klappte schon eine Tür auf dem langen Korridor zu. Der -lange Sausig aber vorn an der Ecke hatte sich hoch aufgerichtet; er -blickte unverwandt nach der Tür, als wenn er etwas ganz Besonderes -darin erwartete. Plötzlich stand er sogar schnell und leise -auf und machte ein paar große Schritte nach der Türöffnung zu. -Storchenschritte! Vorsichtig lugte er dann nach dem anderen Ende des -langen Flures herum. - -Die andern Jungen waren ihm mit ihren Blicken gefolgt: alles hielt den -Atem an. Der Frechdachs! Wenn jetzt der Professor Zirbel käme! Dem -Sausig konnte es dann traurig gehen; denn gerade Zirbel, der verstand -keinen Spaß! »Buah!« machte hier und da ein Junge, wenn er mit seinen -Gedanken so weit gekommen war, und instinktiv und schaudernd fiel der -entsetzte Blick wieder auf das geometrische Heft hinunter. - -Aber -- der Sausig stand immer noch da auf der Lauer! Zirbel kam doch -sonst so pünktlich und beinahe mit dem Glockenzeichen! Sollte da doch -etwas passiert sein? Vielleicht daß Zirbel -- - -Da fuhr Sausig wie ein Blitz in die Klasse zurück. - -»Raff! Raff!« - -»Wer?« -- Die Jungen wußten nicht recht, was sie daraus machen sollten. --- »Wer?« - -»Raff! Raff!« - -»Bei dem haben wir ja gar nicht!« -- - -Schnelle Schritte kommen draußen näher. Und immer näher. Und plötzlich -erscheint wirklich der Professor Raff in der Tür. Die Jungen -machen ein ganz erschrockenes, im nächsten Augenblicke aber schon -freudig-verblüfftes Gesicht. Sie springen auf. - -Der Professor Raff tritt gar nicht erst in die Klasse hinein. -»Jungs,« sagt er gleich auf der Schwelle, »Herr Professor Zirbel ist -erkrankt und fehlt heute. Nehmt eure Diarien und kommt schnell in die -Unter-Sekunda ~O~! -- Na, macht schnell, Jungs!« - -Der Herr tritt damit bis in die Mitte des Flures hin zurück. -- - -Der Bann, der bis zum letzten Augenblicke auf der Klasse gelegen, -er ist gebrochen. Also kein Extemporale! Der Gefahr entronnen! Ein -Alpdruck ist von jedem Herzen genommen. Wild schwirren die Ausrufe der -Freude durcheinander. - -»Ach ’ott! Ach ’ott! Jroßartig!« - -»Hoffentlich kommt der vor den Ferien überhaupt nicht mehr!« - -»Na, morgen haben wir doch wieder! Wenn er nun da schreiben läßt!« - -»Ach, Unsinn! Jungs, morgen keiner Geometrie mitbringen!« - -»Mein Diarium! Donnerwetter! Schnell doch! Ach, da liegt’s ja!« - -Der Herr Professor Raff ist wieder in die Tür getreten und klopft mit -dem Schlüssel ungeduldig an eine der eisernen Heizröhren. »Na, Jungs, -mal ein bißchen dalli!« - -Ja doch, die Jungen wollen ihm ja schnell folgen! Der schönste Lockruf -hätte ihnen wirklich nicht flinkere Beine machen können! Im Nu ist auch -die Klasse jetzt leer, und fröhlich lärmend ziehen die Tertianer der -Unter-Sekunda zu. Die Jungen darin sind zusammengerückt und betrachten -mit einem kleinen Unbehagen im Gesicht die Ankömmlinge aus der Tertia. -Sie haben französische Lektüre. In der Sekunda, wie überall ja sonst -auch, blamiert man sich nicht gern und noch dazu vor einer Klasse, die -tiefer steht als man selber. -- - -»So! Nein, du dahin!« entscheidet Professor Raff schnell noch, als die -beiden Busenfreunde, der Sausig und der dicke Puntz, absolut auf einer -Bank zusammensitzen wollen. - -»Alles in Ordnung? So, Jungs! Nun macht einmal in euer Diarium einen -kleinen Aufsatz über die Parade oder über irgend etwas, was ihr am -Paradetag erlebt habt. Aber ich bitte mir aus: jeder für sich!« - -Die Tertianer machen das. Sie würden jetzt, da sie nicht Geometrie -schreiben, alles machen, was man von ihnen verlangt. Aber immer schielt -man doch etwas nach dem Betriebe der Sekunda hin. Es ist ja doch auch -zu schön, so selber geborgen und fern von jeder Gefahr zuzuhören, wie -eben da der große Lange gelappt wird. Mit »Sie« werden die angeredet -und lassen sich so behandeln! Na, ungefähr so, wie sie selber unten in -der Tertia bei Professor Zirbel! Und heute schreiben sie nun bei dem -nicht Extemporale! Großartig wirklich! Ein feiner Tag! -- -- -- - - * * * * * - -Kaum hatte nachher um elf Uhr der Doktor Fuchs, der Ordinarius, das -Klassenzimmer betreten, da schossen die Hände der Jungen hoch. - -»Herr Doktor! Bei wem haben wir nachher Vertretung? Für Herrn Professor -Zirbel! Die Algebrastunde!« - -»Ja, das ist eben die Sache, Jungs! Ihr seid wirklich die geborenen -Schlemmer und Schulbarone! Diese Eckstunde nämlich von zwölf bis eins -fällt aus! Ihr geht also um zwölf Uhr nach Hause.« - -»Och!« -- »Oh, das ist fein!« - -Ein sinnverwirrender Jubel! Und Doktor Fuchs steht so ruhig da! Er -blickt so zufrieden und lächelnd in die Klasse hinein! Der hat nie -vergessen, daß er auch mal jung war und sich da gleichfalls über eine -ausgefallene Stunde gefreut hat! - -»So, Jungs!« sagt er aber dann doch endlich. »Habt ihr euch nun bald -genug gefreut? Dafür aber kaufen wir unsere Stunde jetzt ordentlich -aus!« - -Das indessen tat den Jungen nicht viel. Kein Extemporale in Geometrie -und die Algebrastunde nachher auch noch frei! Was konnte es denn -überhaupt noch Besseres in der Welt geben! - -Endlich ertönt wieder das Glockenzeichen. Als aber jetzt die Jungen -eben ihre Mappen anrappen wollen, um stolz nach Hause zu ziehen, -während die andern Klassen mit dem Buch vor der Nase und der Sorge vor -der nächsten Stunde im Gesicht auf dem Hof herumschleichen würden, da -erschallt auf einmal die Stimme des Ordinarius: »Ja, was denn, meine -Herrn? Was ist denn los? Ih, nun erst mal Ruhe im Saal!« - -»Nach Hause gehen!« -- Die Gesichter werden länger. Was soll denn nun -noch kommen? - -»Ja« -- Doktor Fuchs hat es wirklich heute raus, die Klasse zu quälen --- »ja, Jungs, da muß ich euch erst noch einen großen Schmerz antun!« --- Er wendet damit seine Augen zum Stundenplan an der Tür hin. -- »Ihr -habt doch morgen von acht bis neun Uhr wieder Geometrie!« - -Jeder der Jungen weiß das natürlich. Nun schon seit Ostern. Aber keiner -antwortet darauf. - -Der Ordinarius quält sie dafür weiter. »Ja, da muß ich euch, Jungs, nun -einen großen Schmerz antun!« - -Die ganze Klasse ist unruhig geworden und hängt doch auch wieder wie -erstarrt an den Lippen ihres Ordinarius. - -»Der Herr Professor Zirbel wird nun morgen --. Ist dir was, Köckeritz?« - -Der Kleine hatte ganz vernehmlich gestöhnt. - -»Der wird vielleicht ohnmächtig!« flüsterte Fritze Köhn seinem -Nebenmann zu. - -Aber nein! Köckeritz wie jeder andre der Jungen dachte nur, daß nun -der Professor Zirbel morgen sicher wiederkommen würde. Und dann _doch_ -das Extemporale! Noch vor Pfingsten! Die ganzen Pfingstferien sollte -man sich dann womöglich mit der Angst um den Ausfall dieser dämlichen -Arbeit herumschleppen! - -Der kleine Köckeritz mit seinem Gestöhne, der hatte alle andern -angesteckt. Wie mit dem Gähnen. Und der Doktor Fuchs schließlich mußte -jetzt unbändig über all die Angstmeier da in seiner Klasse lachen. - -»Ja, Jungs!« wurde er endlich wieder ernst. »Gerade _den_ Schmerz muß -ich euch noch antun! Herr Professor Zirbel wird nämlich morgen auch -noch fehlen, und --« - -Wie da der Jubel losbrach! Schon mehr ein Freudengeschrei! Ein wahres -Freudengeheul! Daß der Doktor Fuchs erschrocken auffuhr: »Ja, Jungen, -wenn ihr so ganz und gar verrückt seid, dann darf ich euch nicht sagen, -was ich euch noch sagen wollte!« - -Im Nu ist es wieder totenstill in der Klasse. - -»Da also der Herr Professor Zirbel morgen auch noch fehlen wird, und -da ihr doch die erste Stunde bei ihm hättet, so kommt ihr erst um neun -Uhr!« - -Erneuter Jubelausbruch. - -»Na, wartet mal!« -- Die Stimme des Ordinarius zwingt alle wieder zur -Ruhe. -- »Das dicke Ende kommt eben nach! Da ihr ferner so zwei Stunden -frei habt -- heute die letzte, morgen die erste! -- so übersetzt ihr -mir zu morgen extra zum Französischen: Plötz, Übungsbuch, das deutsche -Stück Nr. 11 ins Diarium! Die Schlacht bei Poitiers!« - -Die Jungen nehmen die Sache gleichgültig hin. »Wird gemacht!« denkt -jeder. Und stolz ziehen sie jetzt zur Klasse hinaus; an den andern -vorüber, die da, in der großen Pause um zwölf Uhr, auf dem Hofe -herumlaufen und mit neidischen Blicken den davoneilenden Tertianern -nachsehen. - -»Ach, das ist aber wirklich eine feine Woche!« beteuert der dicke Puntz -einmal um das andre. »Die kann so bleiben!« - -»Jott Strambach!« -- der »Ballina«, der Fritze Köhn, versichert das -frohlockend. -- »Als Raff sagte, wir sollten nach der Sekunda kommen, -da habe ick mir ja eens jelacht! Mein janzer Bauch war eene eenzijste -Falte!« - -Die andern müssen darob auch lachen, als ob sie gleich mal probieren -wollten, wie es tut, wenn der Bauch eine einzige Falte ist. Alle aber -sind darin einig, daß das eine wirklich feine, sogar eine piekfeine -Woche ist. -- -- -- - - - - -Donnerstag: Ein recht bewegter Vormittag. - - -~Sic me servavit Apollo.~ - -Um neun Uhr erst zur Schule! Aber dafür dann auch gleich Latein! Beim -alten Bumsvallera! Unheimlich war ja das Lateinische immer! Aber heute -gerade konnte es keinem recht geheuer sein; denn alle Akkusativregeln -waren zu repetieren. - -»Weiß der Teufel auch, wie das zugeht!« sagte der kleine Köckeritz -schaudernd. »Aber beim alten Bumsvallera kann man noch so gut gelernt -haben; wenn’s das Unglück und der alte Querkopf wollen, so fallen wir -doch hinein!« - -Der dicke Puntz schüttelte sich. »Und heute nun solche Regeln! Ganz -geschaffen, einen anständigen Menschen damit bis über die Ohren -hineinzulegen! -- Ich habe so’n Animum als wenn!« - -»Aber ich erst!« -- Sausig klapperte ordentlich mit den Zähnen. - -»Sein Gutes hat Bumsvallera aber doch auch!« meinte der Dicke -nachdenklich und nach einem Augenblick des Schweigens. »Erstens lernen -wir was bei ihm, und zweitens hört er mit dem Glockenschlag auf! Ich -habe zwar das Glück noch nie gehabt, gerade so mal aus der Klemme zu -kommen; aber ich bin immer froh, wenn es anfängt zu schlagen!« -- -- -- - -Mochte nun der alte Professor glauben, daß auch alle andern die Regeln -so herbeten könnten, wie die, welche er zufällig zuerst aufgerufen -hatte; oder wollte er wirklich noch recht viel Übungssätze dazu -Übersetzen lassen: kurz, er ließ bald das Übungsbuch aufschlagen. -Gemütlich war so was nun zwar erst recht nicht; aber man fiel dabei -doch nicht mit Tadel oder Stunde hinein. - -Heute aber sollte die Sache doch aus einem andern Loch pfeifen. Der -Rippach, der Junge der dumme, übersetzte geradezu gottsjämmerlich -schlecht; so schlecht, daß es wahrhaftig kein Wunder war, daß der -alte Bumsvallera schließlich sein Buch hinlegte und den dummen Kerl -anherrschte: »Siehst du! Siehst du! Du kannst die Regeln nicht! Nun -sag’ sie auf!« - -Der Junge fand sich nicht hinein. - -»Na also! Du hast nicht gelernt! Sei ruhig! Nicht, wie du sollst! Du -kriegst einen Tadel!« -- - -Dem Dicken und manchem andern noch wurde es schwül dabei. Hie und -da schlug dieser Tadel wie ein Blitz in die Klasse ein; ein halbes -Dutzend der Jungen stand schon mit dem Namen im Klassenbuch. Jeden -Augenblick konnte der Dicke auch drankommen. Und konnte er dann diese -verzwickten Regeln nicht anwenden, und konnte er sie dann nicht auch am -Schnürchen und durcheinander herbeten, dann --! Er saß wie auf Kohlen! -Kam er dran, dann fiel er unbarmherzig hinein, genau wie die andern. -Und nachher kam dann der Doktor Fuchs in die Klasse, mit dem man doch -morgen eine Landpartie machen wollte! Die Sache war -- - -»Na, nun mal -- der -- Puntz!« - -Der Dicke pfiff von seinem Platze auf wie noch nie in seinem ganzen -Schulleben. Jetzt sollte er übersetzen. Aber so sehr er sich auch -zusammenriß, hier und da stockte er doch, und nun gebrauchte er sogar -den Akkusativ, und die Tücke des Schicksals wollte noch, daß gerade -hier der -- Dativ stehen mußte. - -»Ach!« fuhr der Alte da zusammen. »Na, ich glaube gar!« -- Bumsvallera -gebärdete sich ganz wild dabei. -- »Kannst du denn überhaupt --« - -Klirrr--r--r! - -Der Alte hatte mit seinem Klemmer wütend vor sich hingehauen. Dabei war -ihm das Buch mit seiner scharfen, harten Kante in die Quere gekommen, -und -- das ganze Pincenez war zum Teufel. Und doch tat der Alte auf -einmal, als wäre gar nichts geschehen, oder als ärgere er sich nicht im -geringsten darüber. Jeder aber sah ihm den Ärger an. Die Jungen wagten -ja nun nicht, auch nur einen Mucks zu sagen; aber innerlich schrieen -und jubilierten sie vor Schadenfreude. »Der alte Bumsvallera, der hat -uns jenug jeschunden, dem gönne ick det!« -- So dachte Fritze Köhn; so -dachte mit ihm auch manch andrer. -- - -Währenddessen stand der Dicke da als das Opfer, auf das sich -- nach -seiner eigenen Meinung -- die ganze Erregung des Lehrers entladen mußte. - -Nichts von Erregung! »Na also, Puntz! Kannst du denn die Regel? Ja? Na -gut! Sag’ sie mal auf!« - -Der arme Junge hatte den Kopf gehoben; seine Nasenflügel vibrierten. Er -wußte die Regel ganz bestimmt; und doch --. - -»Na, los nur! Wenn du sie nicht kannst, dann --.« - -Rrrrrrrrr--. Die elektrische Glocke war die Erlöserin. - -»Na« -- der Alte richtete sich im selben Augenblicke hoch -- »na, -Puntz, heute kannst du auch sagen: ~Sic me servavit Apollo!~« -- - -Der Junge atmete tief auf. Er fühlte, wie ihm der Schweiß auf die Stirn -getreten war. Die andern, die schon drangewesen und dabei reingefallen -waren, die taten ihm ja leid; aber die würden jetzt sicher lachen, wenn -er so kurz vor Toresschluß auch noch hineingeflogen wäre. Also Wurst -wider Wurst! Er wollte sich freuen, daß _er_ wenigstens so mit einem -blauen Auge davongekommen war. -- -- -- - -Der alte Bumsvallera hatte seinen Vermerk über das durchgenommene -Pensum ins Klassenbuch geschrieben. Als er am Dicken vorbeiging, drohte -er ihm mit dem Zeigefinger: »Du, du, lernen!« - -Beinahe hätte der Dicke gesagt: »Herr Professor, ich habe auch -gelernt!« Doch er dachte noch rechtzeitig daran, daß es nicht wohl -angebracht war, dem alten Herrn mit einem Widerspruch zu kommen. So zog -der Junge lieber vor, nichts zu sagen. Er begnügte sich nur, hinter dem -Alten herzugrienen, und kaum war der zur Tür hinaus, so seufzte Puntz -noch einmal auf: »Gott sei Dank! Das ging noch mal so ab!« - -»Und die letzte lateinsche Stunde!« gab auch Fritze Köhn seinen Senf -dazu. »Verjiß det nicht!« - -»Ja,« fiel der Dicke wieder fröhlich ein, »das ist doch eine feine -Woche! _Nun_ ist sie erst fein!« - -»Ja, da hast du recht! Und jetzt Turnen bei Paperlink!« -- -- -- - - -Strafe muß sein! - -Ja, Turnen bei Paperlink! Wer konnte es den Jungen verdenken, daß sie -zum Turnen liefen und stürzten? Ein Fach, das keins ist, weil’s nichts -dafür aufgibt, und Paperlink aller Ränke voll! Und immer lustig und zu -allen möglichen und unmöglichen Scherzen mit den Jungen aufgelegt! Ein -Junger unter Jungen! - -Auch heute rannten die Tertianer schnell zum Turnen hinunter. Aber -- -was hatte der kleine Turnwart, der Paperlink, nur heute? Während ihm -sonst die Jungen die Hand geben durften und er diese »Patsche« auch -wieder tüchtig schüttelte, heute lief er mit den Händen auf dem Rücken -herum und tat, als sähe er die ihm treuherzig entgegengestreckten -»Pfoten« nicht, als sähe er überhaupt durch die Jungen durch und durch. - -»Der muß sich mächtig geärgert haben!« erklärte der kleine Köckeritz. - -»Ja,« -- Fritze Köhn hatte ja immer ein schlechtes Gewissen -- »et’s -bloß jut, det wir nich dran schuld sin! Oder sint wer?« -- -- -- - -Es sollte sich bald zeigen, wer daran schuld war. -- - -Kaum daß die elektrische Glocke im Schulgebäude oben losschnarrte, -schritt auch schon der kleine Paperlink mit einer feierlichen und ihm -doch sonst so ganz fremden Grandezza zur Turnglocke vor und läutete, -daß es allen durch Mark und Bein ging. - -»Brrr!« fuhr Fritze Köhn auf. »Det jeht einen ja durch Mark un -Fennje!«[10] - - [10] Pfennige. - -»Na nu?« -- Die Jungen sehen ganz erstaunt auf. Sie waren gewohnt, -sonst immer noch etwas Kürturnen zu haben. -- »Schon?« -- »Was ist denn -eigentlich heute mit dem los?« - -Paperlink stand auf seinem Kommandokasten, mit dem er -- wie er einmal -selber verraten -- seiner Länge eine Elle hatte zusetzen wollen. Er -blickte starr auf den Fleck hin, auf dem die Klasse eigentlich nun bald -stehen sollte. - -Die Jungen wurden etwas ängstlich. Einer drängte den andern. -»Dunnerwetter ja, was ist denn heute nur passiert? Man ’n bißken fix -jetzt!« - -Die Klasse stand in Rotten ausgerichtet da und hielt die Blicke -erwartungsvoll auf Paperlink geheftet, der immer noch starr vor sich -hinsah. - -»Als ginge er hinter einem Leichenwagen her!« flüsterte der kleine -Köckeritz, der Frechdachs. - -Endlich, endlich hob der Herr Turnwart den Kopf und bewegte die Lippen. - -»Ja, ich habe mit den Herren ein Wort deutsch zu reden.« (~NB.~ wenn -Paperlink feierlich werden wollte, dann redete er hochdeutsch.) »Ich -habe zu meinem größten Bedauern gehört, was ihr alles für Hanaken -- -ich wollte sagen, was ihr alles für unpatriotische Jungen seid, die -nicht wert sind, Deutsche zu heißen, weil sie sich zur Parade von -Seiner Majestät frei geben lassen und doch nicht zur Parade gehen. -Der Ordinarius hat mir erzählt, daß nur einundzwanzig Mann von der -Unter-Tertia ~O~ zu diesem Fest gegangen sind und fünfzehn also nicht. -Ich wenigstens finde, es wäre ganz gut, wenn ihr euch bei solcher -Gelegenheit unsere feinen Soldaten mal ein bißchen genauer ansähet und -euer deutsches Gefühl daran ein bißchen stramm aufrichten wolltet. -Solch Gang am Montag durch die Belle-Alliance Straße hätte auf einen -richtigen Jungen viel mehr wirken können als die gelehrtesten Reden -über die Vaterlandsliebe. Das ist _meine_ Meinung. Und deshalb werde -ich die Herren, die am Montag nicht an der Parade teilgenommen haben, -bestrafen.« - -Der Redner schöpfte tief Atem, während die Jungen unten vor ihm zum -Teil recht betroffen, zum Teil recht schadenfroh dreinsahen. - -»Vortreten,« hob Paperlink wieder an, »wer sich die Parade _nicht_ -angesehen hat!« - -Die fünfzehn Mann traten vor, ohne auch nur einen Augenblick zu zögern -oder ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Auch von Schoener und -Haeseler und Forster und Bonin, die nach dem Grunewald gegangen waren -und so doch eigentlich den Paradetag auch redlich benutzt hatten. Sie -wußten, bei Paperlink würde doch kein Widerspruch etwas helfen. - -»Herr Turnwart!« -- von Schoener ist damit einen Schritt weiter -vorgetreten. -- »Karnagel kann eigentlich nicht dafür, daß er nicht -gegangen ist. Sein Vater ist dran schuld!« - -»Ist gut! Seinen Vater habe ich nicht hier. Also muß _er_ ran!« - -von Schoener, der nette, mutige Junge, tritt wieder zurück. Ja, als -Sohn eines Offiziers hat er Disziplin im Leibe. - -»Drei ... sechs ...... fünfzehn! Stimmt! Erstens also zwiebele ich -euch, die ihr euch nicht über unser schönes Militär freuen konntet, -jetzt ein Viertelstündchen, und die _andern_ sehen zu. Und zweitens -dürfen die andern dann kürturnen, und _ihr_ seht zu. Die Paradejungen -aber dürfen sich beim Zusehen malerisch um euch herumgruppieren, wie -es ihnen am bequemsten ist, und ihr, die Reichskrüppel, ihr, mit eurem -Manko im vaterländischen Gefühl, ihr müßt nachher beim Zusehen in Reih -und Glied stehen! Und stramm dabei! Das soll eure Strafe sein! -- Die -Parade austreten!« - -»Die Parade austreten?« -- Oh, die Jungen verstanden! Im Nu waren alle -Barren, Matratzen und alles, was sonst einen Raum zum Liegen bot, -»beflegelt«, während Paperlink von seinem Kommandokasten hinuntersprang -und die »Reichskrüppel« zusammenrücken ließ. Und nun ging’s los. Nach -links und nach rechts hin ließ er das kleine Häuflein marschieren -und schwenken, die Turnhalle auf und die Turnhalle ab; er ließ sie -an Ort treten und im Laufschritt dahinstürzen, auf die schadenfrohen -Paradezuschauer zu und von ihnen weg, an ihnen vorbei und noch einmal -vorbei und zum so und so vielten Male vorbei, daß die fünfzehn Mann -schließlich rauchten und dampften. Und endlich, endlich kam dann das -Kommando: »Halt!« - -»Ausrichten! -- Haeseler, man nich so schlapp dhun! -- Bonin, an deinen -Schuhen is ooch bloß die Ventilation jut! -- Schoener, dhu man nich so! -Willst woll Eindruck schinden? -- So! Nun habt ihr noch lange nicht -so geschwitzt wie wir andern bei der Parade! Aber ich will Gnade vor -Recht ergehen lassen. Ganze Abteilung -- kehrt! Vorwärts -- marsch! -... Ganze Abteilung -- halt! Ganze Abteilung -- kehrt! So! Hier bleibt -ihr stehen und seht zu!« -- Zu den andern gewendet: »Zur Belohnung -Kürturnen!« - -Na, war das nun bisher für die »Paradejungen« ein Vergnügen gewesen, -jetzt ging’s erst recht an. Kürturnen eine ganze halbe Stunde lang! -Wie es sonst nur in der allerletzten Stunde vor der großen Versetzung -gewesen war! Und um so schöner, als andere dieses Vergnügen zu der -gleichen Zeit nicht haben konnten! Die mußten nun so »duselig« zusehen! -Und ausgenutzt wurde dieses Vergnügen! - -Am Ende der Stunde ertönte wieder das Glockenzeichen. - -»In Rotten antreten! Haltung!« - -Paperlink stand auf seinem Kommando- oder Vergrößerungskasten. - -»So!« -- Der kleine Herr machte wieder sein gewöhnliches, sein -gemütliches Gesicht. -- »Jetzt sind die Sünder wieder so gute Menschen -wie wir andern. Jetzt dürft ihr mir alle wieder zum Abschied vor den -Pfingstferien die Hand geben!« - -Es taten’s alle. Zu allererst und am allereifrigsten die fünfzehn, -die Paperlink soeben so frisch und allerliebst und gründlich dabei -»gezwiebelt« hatte. -- -- -- - - -Zu langstilig und zu kurzstielig. - -»Na, das läßt sich ja immer schöner an!« - -Das Gefühl so ungefähr hatte die ganze Klasse, als man endlich wieder -oben saß und auf Doktor Fuchs wartete. Was konnte denn überhaupt nun -heute noch passieren? Jetzt im Französischen ein Lesestück! Und nachher -Geschichte! Da mußte man ja schon veritable Kunststücke machen, um -hineinzufallen. Man durfte natürlich keinen unnützen Jokus treiben; -aber man riß sich eben auch kein Bein aus. - -Und morgen dann die Klassenpartie! Und dann die Pfingstferien! Der -dicke Puntz hätte bei diesem Gedanken beinahe Juchhe! geschrien. - -Wo blieb aber nur Fuchs heute? - -Da, ein Trappeln von vielen Schritten auf der Treppe! Eine der Quarten -marschierte draußen andächtig auf. Schnell trat auch jetzt der -Ordinarius in die Klasse und ließ seine Jungen so auseinanderrücken, -daß sich neben jeden ein Quartaner setzen konnte. - -Die ganze Sache fing also schon recht langstilig an, und langstiliger -noch ging’s in der Stunde her; denn offenbar wollte Doktor Fuchs die -Quartaner nicht ganz brach liegen lassen und seinen eigenen Tertianern -das Quartanerpensum dabei in Erinnerung bringen. - -Verlorene Liebesmüh! Der Tertianer hat bei solcher Gelegenheit oft ein -dickes Fell: man ließ also auch in diesem Falle die ganze Geschichte -ruhig an sich vorüberplätschern und schwamm nur mit, wenn man wirklich -mal gezwungen wurde. Man war ja mit allem so weit weg vom Schuß! - -Schließlich hatte man auch mal wieder das Gefühl: ~summa summarum~ eine -feine Stunde! - -»Ja,« beteuerte der kleine Köckeritz, der es verstand, sich zuweilen -recht gewählt auszudrücken, »es war eine Stunde, die sich wunderbar in -diese ganze, feine Woche hineinfügt! Auch die Geschichtsstunde werden -wir mit Gottes Hilfe noch überstehen!« - -Fritze Köhn aber sah dabei dem Kleinen so seltsam auf den Mund. »Fertig -mit de Quasselstrippe?« fragte er schließlich. - -»Ja!« - -»Ick mach’s kirzer: Jetzt no’ Jeschichte! Un denn: Adjee Sie!« - -Die andern Jungen mußten hell auslachen. Sie waren durchaus der -Meinung von Fritze Köhn: so was konnte man eben gar nicht kurz genug -sagen! -- -- -- - -Nun saß man schon mitten drin in der Geschichtsstunde! Griechenland war -so weit weg und die Geschichte der alten Griechen noch viel weiter! -Zudem war es auch wieder heiß geworden, wenn auch nicht so heiß, daß -man auf Freigeben hätte hoffen können. Immerhin, mitten in der Stunde --- die Schuluhr draußen über der Turnhalle hatte gerade halb geschlagen --- mitten in der Stunde also meldete sich der Richter und sagte -höflich: »Herr Doktor, können nicht die Fenster oben _alle_ aufgemacht -werden?« - -Der Lehrer nickte: »Selbstverständlich! Hier sind ja wohl bestimmte -Fensterwarte in dieser Klasse!« - -Die vier Größten sprangen auf. - -»Meins ist schon auf!« sagte Schützel gewichtig, während Schilter und -Heinrichs vorliefen, um den Hebel an ihrem Fenster zu ergreifen und ihn -langsam und vorsichtig zur Seite zu drücken. Die Fenster öffneten sich -dann oben an der Decke, wie von einem geheimen Zauber bewegt. - -»Na, und du?« fragte der Lehrer den Mucius. - -»Ja, das da ist meins! Aber manchmal geht’s, und manchmal geht’s nicht! -Herr Doktor Fuchs hat gesagt, am besten machen wir das vorläufig -_nicht_ auf!« - -»Och! Hat er das wirklich so gemeint? Es ist nämlich bei euch hierdrin -in der Tat etwas sehr schwül, Jungs! Geht’s wirklich nicht doch mal mit -dem Fenster, Mucius?« - -»Herr Oberlehrer!« -- Der kleine Zittel ist immer einer der schnellsten -auf dem Plan. -- »Das Fenster ist unter Plombenverschluß gelegt!« - -»Unter was?« fragt da der Lehrer aufhorchend und tritt zu dem besagten -Fenster hinüber. - -Da war eine rote, feine Schnur um den Hebel und die zum obersten -Fensterflügel hinauflaufende Eisenstange gelegt; die beiden Enden -dieser Schnur waren in einer kleinen Bleiplombe vereinigt. Und ein -Zettel war weiter darangebunden. Auf dem stand: - - »Vorsicht! Plombe! - Oeffnen bei Strafe verboten! - - Mucius, Fensterwart. - Im Auftrage der Klasse, - G. m. b. H.« - -Der Lehrer mußte lachen. »Na,« meinte er schließlich, »dann müßte unten -in meiner Quinta an jedem Fenster solche Warnung hängen! Es wird schon -gehen!« - -Vorsichtig fing also der Herr an, an dem Hebel zu drücken. Doch, -die kleine Schnur, so dünn sie auch sein mochte, leistete einen -gewissen Widerstand. Die Jungen sahen gespannten Blickes auf die ganze -Manipulation hin. Mucius sogar etwas empört. Schließlich, er mußte doch -sein Fenster auch besser kennen als jeder andere! Und wenn der andere -auch sogar vielleicht Professor war. Passierte was dran, dann war er -selber doch Fuchsen dafür verantwortlich, und es war doch eben _sein_ -Fenster! Aber _er_ würde -- - -Knipps! -- Da war die dünne Schnur gerissen. Rupps! fuhr das Fenster -oben auf. Krach! sprang der Flügel aus den Angeln. - -Alles am Fenster dort vorn prallte zur Seite; denn schon sauste der -schwere Holzrahmen mit der Scheibe zu Boden, und klirr! klirr! klirr! -zerschmetterte sich die Scheibe unten an den Dielen in tausend Stücke. - -Ein Augenblick entsetzten Schweigens! Dann aber brach der Spektakel -los. Ein Lachen! Ein Johlen! Ein Heulen! Dort vorn am Fenster bogen -sich die nächsten mit schadenfrohem Gesicht zu der ganzen, zerbrochenen -Herrlichkeit hinunter; hier sahen die ersten auf der Bank dem Lehrer -in die erschrockenen Augen; hinten aber hatten sich ein paar direkt -umarmt, und man hätte nur noch zweifelhaft sein können, ob sie lieber -einen Schunkelwalzer oder einen Indianertanz aufführen wollten. - -Es kam zu keinem von beiden; denn im selben Augenblick erschien auch -schon der Direktor auf der Bildfläche. - -»Na nu? Was ist denn hier los?« - -Der Geschichtslehrer kam um die Bänke herum und erklärte die ganze -Sache. Und verlegen lächelnd fügte er hinzu: »Ich werde natürlich für -den Schaden aufkommen, Herr Direktor!« - -»Ich weiß nun nicht mal, ob Sie das dürfen,« erwiderte indessen der -Direktor ablehnend. »Die Fabrik, die diese Verschlüsse eingerichtet -hat, ist der Stadt zu einer tadellosen Leistung verpflichtet, und doch -ist beinahe in jeder Klasse etwas daran nicht in Ordnung. Sehen Sie, -dieser Zapfen da oben! Ja, der! Der ist immer zu kurzstielig! Ich -habe jetzt schon eine ganze Zeit lang eine wirkliche Angst gehabt, -daß mit den Dingern was passieren könnte. Und als ich draußen gerade -vorbeiging« -- der Herr Direktor lachte wieder -- »da dachte ich mir -gleich, daß was mit diesen Fenstern los wäre. Es hörte sich ja ganz -gefährlich an!« - -»Na, hier noch mehr!« freute sich auch der Geschichtslehrer. »Es ist -nur gut, daß kein Unglück sonst dabei vorgekommen ist!« -- -- -- - -Ach, Unglück oder nicht! Das war den Jungen schließlich ganz schnuppe. -Aber der entsetzliche Krach, die Verlegenheit des Lehrers, die Angst -und die Aufregung des Direktors, alles das zusammen machte ihnen ja -einen Heidenspaß. Die Zeit ~NB.~ verging doch dabei auch; die Zeit, die -kostbare Zeit, mit der sonst so gespart und gegeizt wurde. Na, kurz und -gut, höchst willkommen die ganze Geschichte! Die alten Griechen waren -dabei weit, weit weggeraten. Was hätten die auch hier gewollt, die -dummen Kerle, die mit dem besten Willen von der Welt überhaupt keine -Scheibe hätten zerschmeißen können! Eine feine Stunde wieder mal, fein, -wie die ganze Woche! Beinahe war es sogar jammerschade, daß es jetzt -schon läutete und man so nicht mehr weiter das Bewußtsein haben konnte, -daß die ganze letzte halbe Stunde zum Teufel gegangen war -- durch die -Schuld des Lehrers. -- - -»Hast du übrigens gesehen, was für ein Gesicht er dabei machte?« - -»Ja, als wenn er die ganze Scheibe auf den Kopf gekriegt hätte!« - -»Ach, die hat er auf den Kopf gekriegt?« - -»Ih wo!« - -»Na, wer weiß?« - -»Na freilich!« - -»Quatsch nich, Krause!« - -Fritze Köhn hat dieses gewichtige Wort gesprochen. Und mit listig und -lustig blinkenden Äuglein fährt er fort: »Ob die Zappen an den an’nern -Fenstern nich auch en bißken kleener jemacht werden könnten! So ’n -bißken kurzstieliger, meen’ ick!« - -Die Jungen stutzten wohl etwas, dann aber lachten sie doch nur Über den -»verrückten« Einfall. »Ach nein! Aber eine feine Stunde war es doch -wieder mal!« - -»Ganz ausgezeichnet fein!« bestätigte Köckeritz. »Wie die ganze Woche!« - -»Ja! Und morgen noch die Partie! Das wird das Allerfeinste!« -- -- -- - - - - -Freitag: Die Klassenpartie. - - -Der alte Caesar und eine moderne Landpartie. - -Ja, das Allerfeinste! Der eigentliche Lichtpunkt in der Mühsal des -Klassen- und besonders des Tertianerlebens, das ist die Partie, die -Klassenpartie! Und als ein wirklich großes Ereignis, das sie in der Tat -ja ist, wirft sie natürlich auch ihren Schatten voraus! Wochenlang! - -So ist es auch dieses Mal hier in der Unter-Tertia gewesen, und -vielerlei ist darüber zu berichten, bevor noch dieser Freitag der -feinsten Woche überhaupt herangekommen war. -- - -Langsam hatte sich eines Nachmittags -- noch im Mai war das gewesen! --- die Unter-Tertia in dem großen Klassenzimmer zusammengefunden. -Müde und mißmutig. Der ganze Nachmittagsunterricht kann den Jungen -gestohlen bleiben. Zweimal am Tage hermüssen bei den weiten Schulwegen! -Schauderhaft! Und noch dazu nun Latein! Und bei Bumsvallera! - -Da tritt eben der dicke Puntz herein. Er hat die grüne Mütze etwas -verwegen ins Genick gerückt und zieht unter der Weste das ~Bellum -Gallicum~ hervor. Er wirft das braun gebundene Büchlein vor sich auf -den Tisch, daß es kracht. - -»Der Caesar! Da liegt der Kerl! Der Hund von unserm Schlächter heißt -auch Caesar! Der ist mir lieber!« - -Am andern Ende der Bank lacht der kleine, lustige Köckeritz laut auf. -Er ist kein schlechter Schüler, aber doch ein leichter Bruder, dem der -Reichtum des Vaters nicht gerade förderlich ist; denn er strengt sich -nicht halb so an, wie er es wohl könnte. Und der etwas ängstliche Papa -hält ihm nun stets und ständig Hauslehrer, die aber mit dem kleinen -Windbeutel auch nicht viel anfangen können. - -»U--ah!« -- Man denkt gar nicht, daß der kleine Kerl seine Arme so weit -in die Welt hinausstrecken kann. -- »U--ah! Dicker, nicht wahr, du hast -auch keine Lust!« - -»Nee, nich die geringste! Sage mal, kannst du fein übersetzen?« - -»Natürlich! Denkst du, ich soll noch mal reinfallen?« - -»Du, dann übersetze mal schnell!« -- - -Die grüne Mütze fliegt im selben Augenblick an den nächsten Haken und -schwankt da ein ganzes Weilchen hin und her, ganz nachdenklich, ob sie -sich bei solcher niederträchtigen Behandlung nicht lieber platt auf den -Boden legen soll. Aber sie bleibt doch oben hängen; denn sie muß zu -ihrem Schrecken sehen: gerade der, den sie immer so nett bedeckt und -beschirmt hat, der hätte jetzt weder Lust noch Zeit, sie aufzuheben. - -Wirklich! Der Dicke sitzt schon neben dem kleinen Köckeritz. Sie -versuchen emsig, mit den Belgiern Bibrax zu stürmen. Und auch andere -scheint das noch außerordentlich zu interessieren; denn bald hat sich -um Köckeritz ein kleines Häuflein gebildet, und die Jungen hocken da -so dicht zusammen, daß sie von weitem aussehen, als wollten sie einen -Trichter im lebenden Bilde darstellen. Während aber doch sonst alles in -den Trichter hinunter und zu Tal läuft, so strömt hier scheinbar alles -von unten nach oben. Unten im Loch nämlich sitzt der kleine Köckeritz. -Und je weiter seine Worte zu dem weiten Trichterrand empordringen, -desto andächtiger werden sie auch aufgenommen; denn da oben am -Trichterrand sitzen in diesem Falle naturgemäß die meisten Ohren. - -Ab und zu wird der Trichterrand oben sogar noch höher, weil noch jemand -anders wissen möchte, was nun eigentlich aus Bibrax werden soll. Alles -drängt sich heutzutage zur Wissenschaft. Das tun auch gerade die -Jungen da oben, die zuletzt dazugekommen sind. Und wenn auch unten im -Trichter dafür eine Beule entsteht, die sogar, wider alle Naturgesetze, -ein kräftiges Wort gegen die unverschämte Drängelei von oben zutage -fördert, so hat doch jetzt keiner recht Zeit, auf so etwas achtzugeben: -sie stehen alle in der Furcht des Herrn Professor Bumsvallera! - -Da stürzt auf einmal der tolle Hagen in die Klasse herein: »Jungs! -Partie, Partie! Vor den großen Ferien noch! Eine Klassenpar--!« - -Ha! Wenn der alte Caesar das jetzt hätte sehen können! Bei seinen -Lebzeiten war er ja auch oft genug in der Klemme gewesen; aber so -schnell war er wirklich nie aus solcher Klemme herausgekommen wie in -diesem Augenblicke, als alle diese Tertianer, die ihm eben noch ganz -nahe auf den Leib gerückt waren, aus dem Trichter herauspurzelten. -Plötzlich saß der kleine Köckeritz ganz allein da, und sein rundes -Köpfchen ragte hoch über die zerflossene Trichterflut weg. Er hatte -natürlich unten in dem Loch nichts von der sieghaften Ankündigung -Hagens gehört; er glaubte vielmehr scheinbar, daß der Professor -Bumsvallera ganz überraschend den Einwohnern von Bibrax zu Hilfe -gekommen wäre. Da sah er nun Hagens freudig gerötetes Gesicht vor sich -und war so erstaunt darüber und machte selber ein so dummes Gesicht -dabei, daß Hagen ganz erschrocken tat und mitten in seinem letzten -Wort, in der »Klassenpartie« nämlich, stecken blieb. - -Aber er hatte keine Zeit, noch länger erstaunt zu sein; denn um ihn -fluteten jetzt die Kameraden alle herum und bestürmten ihn, wie just -eben noch die Belgier die Stadt Bibrax. - -»Wieso?« -- »Wer hat das gesagt?« -- So ruft alles durcheinander. -- -»Woher weißt du das?« -- »Erzähle mal!« -- »Mit Fuchs allein? Oder eine -Schulpartie?« - -Indes, Hagen ist jetzt wieder Herr der Situation. Er hat seine Bücher -schnell hingelegt und hebt jetzt eben ruhig seine Hände, wie um die -aufgeregten Wellen zu beschwichtigen. Und dann sagt er ebenso gemessen -wie gewichtig: »Erst -- mal -- Ruhe -- im -- Saal! Großmutter will -tanzen!« - -»Unsinn! Sage mal schnell!« -- Wie konnte der dicke Puntz bloß so -rapide den Professor Bumsvallera und den alten Caesar vergessen! -- - -»Also, Jungs!« -- Hagen bleibt in dem Schneckenton. -- »Der -- Direx --- hat -- in -- der -- Sekunda -- gesagt: in der nächsten Woche sollen -alle Klassen einen Ausflug machen. Na, und Ausflug heißt doch auf gut -deutsch Partie!« - -Dabei hat Hagen seine Daumen in die Ärmellöcher seiner Weste gehängt -und sieht triumphierend im Kreise herum. Er schmunzelt dabei noch -ganz urgemütlich und macht ein eckig-ehrpuseliges Gesicht, wie ein -leibhaftiger Großpapa, so daß der dicke Puntz ungeduldig losplatzt: -»Na, du warst doch nicht dabei, als der Direx das gesagt hat!« - -»Nee, aber der dicke Vietz hat mir’s gesagt. Der ist übrigens noch -dicker als du!« - -»Vietz? Der hat sicher geflunkert!« - -»Du meinst, die Dicken flunkern alle!« - -»Ich werde dir gleich --« - -»Bumsvallera! Bums!« - -Da zerstieben die Tertianer wie einst die Belgier vor dem großen Caesar. - -Aber der hatte doch den rechten Zeitpunkt immer weit besser abgepaßt -als der alte Professor jetzt; denn Bumsvallera, ja, der war entschieden -zu früh gekommen. Der hätte wirklich noch warten sollen, bis man -dem Hagen ein klein wenig wegen seiner Leichtgläubigkeit den Kopf -gewaschen hatte. So behielt jeder der Jungen noch etwas auf der Zunge -sitzen. Wie hätte da nun noch eine schöne Caesarübersetzung darauf -Platz gehabt? Nein, nein! Das ging heute eben schauderhaft trotz der -Trichterarbeit des kleinen Köckeritz. Und in seiner heiligen Erregung, -in seinem Eifer, aus diesen heute so vernagelten Jungen doch die beste -Übersetzung herauszuholen, bumste und ballerte Bumsvallera drauf los, -daß die Jungen jetzt begriffen, warum schon frühere Generationen dem -Professor Ketzel eben den Spitznamen Bumsvallera gegeben hatten. Aber -je schlimmer es jetzt kam, desto mehr klammerten sich die Gedanken -der Jungen an der Partie fest. So fest, daß am Ende der Stunde kein -einziger mehr daran zweifelte, daß solche Partie gemacht werden müßte. -Kaum hatte man also um 4 Uhr die Klassentür hinter sich, so wurde auch -sofort auf dem Flur schon, auf der Treppe, auf dem Hofe verhandelt, -wie man Doktor Fuchs, den Ordinarius, zu einer recht feinen, echten -Klassenpartie kriegen könnte. Mit der Klasse allein natürlich! Nicht in -der Herde mit der ganzen Schule. -- -- -- - - -Vorfreuden. - -Was tun? Als man nach der Pause wieder in die Klasse hinauf muß, -entscheidet der dicke Puntz: »Der Primus muß es Fuchsen sagen!« - -Hagen indessen hat mehr Menschenkenntnis: »Ehrenfried? Der Mummelgreis!« - -Da erbietet sich der kleine, flotte Köckeritz: »Ich werde Fuchsen -einfach mal fragen.« - -Sausig aber weiß es noch besser; er schießt den Vogel damit ab. »Wir -schreiben es an die Tafel!« - -Und der Klassenbarde, der Schmuck, ist gnädig genug und erbietet sich: -»Ich werde die Verse dazu machen!« - -»Schmuck soll leben! Los, Schmuck!« - -»Jetzt nicht! Morgen!« - -»Unsinn!« -- Der Fritze Köhn greift immer feste zu. -- »Jetzt haben -wir bei Fuchsen! Also los! Dir wer’n wer sonst ’n Schnörgel nach links -drehn!« - -Da steht auch schon alles um Schmuck herum und schiebt ihn auf das -Katheder. »Los doch, Schmuck, los doch!« - -Von hinten wird ~a tempo~ vorgeschlagen: - - »Sechs mal sechs ist sechsunddreißig, - und die Klasse war so fleißig!« - -Sausig ist in dem Augenblick an die Tafel gesprungen und schreibt -auch schon diese beiden Musterverse an. Und um seinen Dichterruhm -nicht unrettbar zu verlieren, hat jetzt auch Schmuck nach der Kreide -gegriffen: - -»Ruhig mal! Also gefällt euch das? Hier steht schon: - - »Sechs mal sechs ist sechsunddreißig, - und die Klasse war so fleißig.« -- - -»So!« -- - - »Will auch noch sehr fleißig sein!« - -»Na,« wirft da der dicke Puntz ein, »wollen lieber nischt versprechen!« - -Aber schon hat Schmuck weitergeschrieben: - - »Denkt indes, es wäre fein, - nicht zu schwitzen in dieser Pein.« - -»Ja, allens wat recht is!« gibt hier Fritze Köhn wieder sein -gewichtiges Urteil ab. - - »Sondern zu wandern weit hinaus - und möglichst spät zu kommen nach Haus.« - -Dem einen gefällt’s, dem andern nicht; aber es steht nun einmal da, und --- plötzlich tritt auch der Ordinarius in die Klasse. - -Da steht alles stramm und mäuschenstill. Als aber Doktor Fuchs die -erhobene Hand schnell und mit einem kleinen Knall des Daumens und des -Mittelfingers senkt, da setzen sich die Jungen, daß es nur so ruckt und -zuckt. - -Und dann kommt der große Moment! Doktor Fuchs dreht sich herum, um auf -das Katheder zu steigen, und -- er sieht die voll beschriebene Tafel, -die doch sonst in ihrer unbefleckten Schwärze blitzsauber sein muß. Er -liest jetzt die Verse halblaut und recht bedächtig. - -Als er aber bis zu Ende gekommen ist, da dreht er sich schaudernd um -und sagt: »Brr! Da korrigiere ich ja lieber den größten Stoß Hefte!« - -O weh! Das sieht nun zwar wie ein frühzeitiges Ende aller Partiegelüste -aus; aber die Klasse freut sich doch stürmisch über das »Brr!« und über -den »größten Stoß Hefte«. - -Endlich kommt auch Doktor Fuchs wieder zu Worte. »Na, also Jungs, über -die Sache läßt sich reden, aber erst müßt ihr mal bessere Verse machen!« - -Na, freilich! Jetzt weiß es auf einmal jeder. Das sind furchtbar -schlechte Verse. Der dicke Puntz hatte ja auch gleich gewichtige -Bedenken gehabt, und Fritze Köhn plädiert am Ende der Stunde dafür: -»Schmuck muß zu morjen anständije Verse machen, oder wir hau’n uff’n -Kopp, det er Plattbeene kricht!« - -Damit hat der Fritze Köhn auch die Meinung der andern durchaus -zutreffend und richtig ausgesprochen. »Oder er wird verhauen!« So denkt -und sagt jetzt jeder, und das glaubt schließlich auch Schmuck. Und -weil er nicht verhauen werden will, so will er auch anständige Verse -machen. -- -- -- - -Aus Abend und Morgen wird wieder ein Tag. Und alles stürmt am nächsten -Morgen auf den Klassenbarden ein. Jeder will die Verse sehen. Aber -Schmuck bleibt fest: »Ich schreibe sie nachher an; da könnt ihr sie -dann alle lesen!« - -In der Pause vor Doktor Fuchs’ Stunde bleibt also der Pegasusreiter -oben, mit Erlaubnis des inspizierenden Herrn draußen auf dem Flur. Und -nachher prangen denn auch die erhofften Verse in Schmucks schönster -Schrift an der Tafel. - -»Fein, Schmuck!« -- »Ach, _der_ Vers taugt nichts!« -- »Da muß noch -hinein, wohin wir wollen!« - -Aus dem Durcheinander von Lob und Tadel aber erhebt sich Puntz und -findet: »Das ist sehr fein! Ick hätte es nicht so gekonnt! Und ein -anderer auch nicht!« - -Puntz nicht und ein anderer auch nicht! Das galt. -- - -Auch der Ordinarius kam dann und las wieder die Verse ebenso bedächtig -wie gestern. - - »Fröhlich lacht uns entgegen die Sonne, - Jugend tummelt sich draußen mit Wonne; - sämtliche Schulen fliegen schon aus, - nur unsere Klasse darf nicht hinaus! - Lehrer gehen doch auch gern ins Freie, - besonders im wunderschönen Maie! - Und wenn’s nicht mehr kann sein im Mai, - der Juni ist auch noch nicht vorbei! - Die Pfingsten sind ja nun heran, - die schönste Jahreszeit bricht an. - Gewähren Sie uns doch die eine Bitte, - beim Ausflug zu thronen in unserer Mitte! - - Die Unter-Tertia ~O~.« - -Als der Ordinarius geendet hat, da wartet er noch einen Augenblick, als -müßte er sich erst von seinem Staunen über solche Leistung erholen. -Dann sagt er aber: »Schön! Wer ist der Poeta?« - -»Schmuck! Schmuck! Schmuck!« - -»Das ist ganz nett! Aber deshalb darf er mir nun noch kein Trauerspiel -schreiben!« - -Schmuck freut sich mehr, als je ein ~poeta laureatus~ sich gefreut -hat. Und die Klasse freut sich mit ihm, besonders da nun Doktor Fuchs -fortfährt: »So, Jungs! Morgen bringt jeder einen Zettel mit. Darauf -steht neben eurem Namen der Ort wohin der Träger dieses Namens die -Partie machen will.« - -Da ist nun die Begeisterung kolossal. Alle reiben sich die -Hände vor Vergnügen; man lacht sich fröhlich an, und schon -schwirrt es durcheinander: »Märkische Schweiz!« -- »Potsdam!« -- -»Königswusterhausen!« -- »Zwei Tage, Herr Doktor! Ach ja, zwei Tage, -Herr Doktor!« - -Der aber winkt ruhig ab. »Morgen Zettel! ~Notabene~: hoffentlich -beteiligen sich alle an der Partie!« -- -- -- - - -Ein armer Junge. - -Der Primus, der Ernst Ehrenfried, ist aufgestanden. »Ich weiß es noch -nicht!« - -Die ganze Klasse lauscht mäuschenstill; im selben Augenblick aber -lispelt auch der kleine Köckeritz seinem Nachbar, dem Hänsel, empört -zu: »Der ist immer der Spielverderber!« - -Das ist zwar leise, doch immerhin noch so deutlich gesagt, daß es -die ganze Klasse gehört haben muß. Auch Dr. Fuchs hat es sicherlich -gehört; indes, er will es offenbar nicht gehört haben; denn er sagt -nur in scheinbar zürnendem, dabei aber auch lustig schmollendem Tone -zu Ehrenfried hin: »Was! Unser Primus will uns im Stich lassen! Ih, -das wäre noch schöner! Da muß ich schon unsern Primus nachher mal extra -bearbeiten!« - -Der Ernst Ehrenfried kriegt einen roten Kopf, und ganz verwirrt setzt -er sich nieder. Zugleich aber hat auch ein Blick des Ordinarius den -kleinen, impulsiven Köckeritz gestreift. Der versteht den Blick; denn -er sagt nichts mehr, sondern richtet sich gerade auf und verläßt jetzt -den Ordinarius mit keinem Auge. Dann macht sich Doktor Fuchs an sein -Pensum, und vierzig Minuten lang hat kein Junge Zeit, an die Partie zu -denken. - -Nach der Stunde aber tut Doktor Fuchs gar nicht, als ob er den -Ehrenfried »extra bearbeiten« wolle. Er hat es offenbar vergessen; er -geht auch schnurstracks auf den Hof, wo er allerdings in dieser Pause -die Aufsicht zu führen hat. - -Dabei läuft ihm der kleine, lustige Köckeritz über den Weg, und Doktor -Fuchs winkt ihn zu sich hinan. - -»Sage mal, Achim, was hast du denn immer mit Ehrenfried vor?« - -»Ach, gar nichts, Herr Doktor! Ich uze ihn nur immer ein bißchen!« - -»Warum?« - -»Er ist immer so still und so steif. Das kann ich nicht ausstehen!« - -»Wenn er dich aber nun mal verhaut! Er ist ja doch viel älter und viel -größer als du!« - -»Ja, das wohl! Aber das tut er nicht. Wir sind sonst ja die besten -Freunde!« - -Einen Augenblick geht Doktor Fuchs neben dem kleinen Köckeritz her, so -daß der Zeit hat, so fröhlich und schelmisch mit den Augen nach links -und nach rechts zu blinzeln, um seine Bekannten zu suchen. Endlich aber -sagt Doktor Fuchs: »Nun, höre mal, Achim! Du bist ja sonst ein ganz -vernünftiger Junge. Ja, Ehrenfried ist etwas steif und schwerfällig; -aber das kommt doch von den Verhältnissen her, in denen er lebt. Du -weißt doch, daß er keinen Vater und keine Mutter mehr hat?« - -»Das habe ich gehört; er selbst hat’s noch keinem von uns gesagt!« - -»So? Er ist aber doch nun schon über ein Jahr auf unserer Schule!« - -»Ja, er trat hier in die Quarta ein; aber er hat noch keinem was über -sein Leben erzählt. Ich weiß nur, daß er draußen in Moabit wohnt, bei -seinem Onkel. Der ist gewöhnlicher Fabrikarbeiter!« - -»Siehst du, Junge, Fabrikarbeiter! Gewöhnlicher Fabrikarbeiter, mein -Junge! Das sagt noch gar nichts; aber er ist sicher ein sehr ehrlicher -und fleißiger Mann, und das sagt viel! Und nun -- jetzt halt mal die -Ohren steif! -- gefällt es mir gar nicht, daß du immer so an Ehrenfried -herumhakst. Er schleppt das Bewußtsein mit sich herum, eine Waise zu -sein und seinem Onkel zur Last zu liegen; vielleicht verstehst du das -noch nicht recht, mein Junge; aber du mußt es mir glauben, daß das auf -den armen Ernst Ehrenfried drückt. Na also, Achim, von jetzt ab läßt du -mir unsern Primus etwas in Ruhe!« - -»Herr Doktor!« -- Dem kleinen Köckeritz ist jetzt das Weinen näher als -das Lachen. -- »Wir sind ja sonst die besten Freunde. So hatte ich es -ja auch gar nicht gemeint!« - -»Es ist gut! Lauf jetzt! Dahinten balgen sich zweie.« - -Mit großen Schritten geht Doktor Fuchs auch schon auf die beiden -Kampfhähne los, die freilich bei seiner Annäherung schnell Frieden -schließen und versuchen, sich in dem Kreis der Jungen, der sich im -Handumdrehen um sie herum gebildet hat, zu verlieren. Aber Doktor Fuchs -hat schon seine Pappenheimer erkannt; er winkt die beiden zu sich -hinan. Dann nimmt er sie beim Kopf und reibt, ohne noch ein Wort zu -sagen, die beiden Dickschädel aneinander. Das tut, auch ohne Worte, den -beiden sehr gut und freut alle andern riesig. Und da sich kein Junge -gern auslachen läßt, so merken sich das die beiden und noch mancher -andere dazu, so daß in der Inspektion des Doktor Fuchs recht wenig -Ungehöriges vorkommt; er kann also ruhig einmal bei seiner Inspektion -mit einem Jungen sprechen, wie er es eben mit dem kleinen Köckeritz -getan hat. - -Auf den aber waren schon längst die andern zugestürzt: »Was wollte denn -Fuchs von dir?« - -Der kleine Köckeritz wehrt ab: »Halt doch mal das Maul jetzt! Das sieht -doch Fuchs! Nachher!« - -Nachher aber meinte er nur zu den Neugierigen: »Ach, er hat gehört, daß -ich zu Hänsel gesagt habe: ›Ehrenfried ist immer der Spielverderber!‹ -Da hat er mir eine Standpauke gehalten, daß sich das nicht -gehörte!« -- -- -- - -Der »Spielverderber« war so erledigt; für die Klasse wenigstens, doch -nicht für Doktor Fuchs. Er dachte daran, dem Ehrenfried aus eigener -Tasche das Geld zur Partie zu geben; aber er wußte, wie feinfühlig der -Ernst Ehrenfried trotz seiner Armut war. Um ihn also nicht noch erst -recht kopfscheu zu machen, ließ er den Jungen an diesem Nachmittag noch -laufen. - -»So eilt die Sache nicht,« sagt er zu sich selber, »und über Nacht -kommt Rat!« -- -- -- - -Und der kam. Am nächsten Vormittag hatte Doktor Fuchs nur bis 11 Uhr -Unterricht, während doch seine Klasse erst um 1 Uhr herauskam. So -suchte er denn um 11 Uhr schnell das Nationale seiner Jungen hervor -und las daraus vor sich hin: »Ernst Ehrenfried. Geboren am 1. Mai 1890 -in Schöneberg bei Berlin. Klassenalter I. Semester. Schulalter 1 Jahr. -Wohnung des Vaters: Vater und Mutter verstorben. Stand des Vaters: -war Gärtner. Wohnung des Schülers: Aha! ~NW~, Havelberger Straße 250. -Aufsicht: Ehrenfried, Onkel, Arbeiter. Vormund: Silber, Schutzmann, -Schöneberg, Torgauer Straße 105.« - -Da stand nun Doktor Fuchs. Zum Vormund gehen? Nach Schöneberg und nach -der Torgauer Straße? »Die weiß ich ja gar nicht mal! Nein, ich möchte -dabei doch auch gleich die Pflegeeltern meines Primus kennen lernen. -Also aus nach Moabit! Das ist bekanntes Gebiet. Wie war es doch gleich? -Havelberger Straße 250! Leicht zu merken! Genau ein Vierteltausend!« - -Schnell steckt Doktor Fuchs das Nationale wieder weg und wickelt -sich noch ein Paketchen Hefte zusammen. Und nach einem guten halben -Stündchen steht er draußen vor der Mietskaserne Havelberger Straße 250. -Der stille Portier, wie der Berliner das Verzeichnis der Bewohner des -Hauses nennt, sagt ihm: Ehrenfried, Arbeiter, rechter Seitenflügel, 3 -Treppen links. -- -- -- - -Auf sein Klingeln oben macht ihm ein kleines Mädchen von etwa fünf -Jahren auf. Das hat den Zeigefinger der linken Hand in den Mund -gesteckt und sieht den vornehmen Besucher staunend an. - -»Mein Kind, ist vielleicht Papa oder Mama da?« - -Die Kleine läßt die Tür offen stehen, läuft in die Küche zurück und -ruft leise: »Mutti! Mutti! Ein Mann ist da!« - -In dem Augenblick kommt auch schon die Mutter aus der Küche heraus. -Sie war gerade beim Kartoffelschälen und hat die Schalen noch in der -Schürze; die Schürze aber hat sie zusammengenommen und die Zipfel -über den linken Arm geschlagen. Da sieht noch die Hand hervor, die -jetzt das Messer hält, während die Frau die rechte Hand schnell an der -Schürze abwischt. An dieser Schürze hängt noch ein kleines Mädchen von -vielleicht drei Jahren, während ein noch kleinerer, pausbäckiger Junge -eben aus der Küchentür hinter der Mutter her heraustorkelt. - -»Guten Tag, mein Herr!« - -Doktor Fuchs grüßt freundlich: »Guten Tag! Ich bin der Ordinarius des -Ernst Ehrenfried. Sie sind wohl seine Tante?« - -Die Frau, an der jetzt die drei Kinder hängen, nickt: »Ja, ja!« so daß -Doktor Fuchs fortfährt: »Da kann ich Sie vielleicht einmal auf einen -Augenblick sprechen.« - -»Ja, bitte sehr, wollen Sie nähertreten?« - -Sie schiebt sanft die Kinder zur Seite und öffnet die Tür eines -Zimmerchens, das neben der Küche liegt. »Wollen Sie einen Augenblick -eintreten, Herr Lehrer?« - -So hat Doktor Fuchs Zeit, sich in dem Zimmerchen umzusehen. Es ist -offenbar das Arbeits-, Wohn- und Schlafzimmer des Ernst Ehrenfried; -denn da, auf dem kleinen, saubern Regal, stehen seine Schulbücher, und -auf dem kleinen Tischchen liegt eine kleine Wachstuchdecke, auf der -ein Tintenfläschchen steht mit sonstigem Schreibmaterial. Alles ist -sauber zusammengelegt, und auch das ganze Zimmerchen macht einen höchst -reinlichen, wenn auch sehr einfachen und ärmlichen Eindruck. - -Da tritt auch die junge Frau schon wieder herein. Sie hat sich statt -der blauen Arbeitsschürze eine weiße, saubere Schürze vorgebunden; den -pausbäckigen Kleinen hat sie auf dem Arm, während die beiden Mädchen -sich wie kleine Wächterinnen neben ihr halten. - -»Sie entschuldigen wohl, Herr Lehrer, daß ich die Kinder mit -hereinbringe. Man kann sie in der Küche keinen Augenblick allein -lassen. Wenn Sie meinen Mann sprechen wollen, so kann ich ihn wecken. -Er hat nämlich Nachtarbeit gehabt, und dann muß er immer am Vormittag -etwas schlafen.« - -Jetzt weiß Doktor Fuchs, warum hier alle so gedämpft sprechen, und -warum auch die Kinder zwar lebhaft in ihren Bewegungen, doch recht -ruhig mit dem Munde sind. So spricht er also auch nur halblaut, als -er sagt: »Nein, nein, lassen Sie ruhig Ihren Mann schlafen! Wir beide -können das ebenso gut allein abmachen. Sehen Sie, Frau Ehrenfried, -meine Klasse macht in der nächsten Woche einen Ausflug, und da will -sich der Ernst ausschließen. Ich glaube aber den Grund dazu erraten zu -haben, und nun möchte ich Sie bitten, ihm doch diese« -- Doktor Fuchs -hat das Geld schon in der Hand -- »ihm doch diese Mark und fünfzig -Pfennig dafür zu geben. Aber natürlich müssen Sie nicht verraten, daß -ich sie Ihnen gebracht habe. Vielleicht sagen Sie ihm, es wäre das vom -Vormund für unvorhergesehene Fälle.« - -Die Frau ist recht verlegen geworden. »Herr Lehrer,« antwortet sie, -»ich weiß nicht, ob ich das tun kann. Mit dem Vormund, das glaubt der -Ernst doch nicht! Der kann ja eigentlich auch nichts für unnütze Sachen -hergeben. Sehen Sie, Ernsts Eltern sind ja beide tot. Der Tisch da ist -noch von ihnen und das Bett; aber das bißchen, was noch da war, als -mein Schwager starb, ist alles verkauft, und nun reicht das Geld gerade -noch, daß der Ernst ein paar Jahre auf die Schule gehen kann. Er hat ja -das Schulgeld frei; aber er braucht doch auch Sachen und sonst manches!« - -»Hm! Das täte mir aber leid! Ja, und ich weiß nicht, ob ich Sie bitten -darf, ihm zu sagen, Sie selber wollen es ihm geben.« - -Da wehrt die Frau Ehrenfried ab: »Nein, das würde er gar nicht nehmen. -Er weiß ganz genau, Herr Lehrer, daß ich so viel Geld nicht abstoßen -kann, und da ist der Ernst sehr eigen drin. Er ist ja doch nur eine -Waise, und wir haben ihn natürlich sofort und gern genommen; aber der -Junge ist sehr verständig, Herr Lehrer, sehr verständig, und wenn er es -auch nicht sagt, aber es tut ihm doch immer sehr leid, daß er uns zur -Last fällt!« - -»Sie haben den Ernst ohne irgendwelches Entgelt in Ihre Familie -aufgenommen?« - -Die Frau nickt: »Freilich, freilich! Der Vormund wollte ja das so -ordnen, daß wir jede Woche was für den Ernst bekämen. Aber der Junge -lernt doch nun mal so gut, und als sein Vater starb, da war es sein -letzter Wunsch, daß der Junge mal etwas Schule genießen sollte. Sehen -Sie, Herr Lehrer, mein Mann sagte: ›Mit Gottes Hilfe werden wir ja -durchkommen, auch wenn einer mehr mit am Tisch sitzt!‹ Es ist ja auch -bis jetzt gegangen!« - -»Nun, der Ernst ist ein ehrlicher, ernst veranlagter Junge. Der wird es -Ihnen einmal danken!« - -»Oh, das tut er jetzt schon! Er tut alles, was er uns an den Augen -absehen kann. Und die Kinder hängen an ihm wie an einem älteren Bruder. -Mir hilft er auch, wo er kann. Er ist immer unverdrossen; ich kann ihn -schicken wohin ich will. Nur,« -- die Frau lächelt dabei, als hätte das -schon recht spaßige Szenen gegeben -- »er kann nicht ›danke!‹ sagen; -das wird ihm doch nun einmal zu schwer!« - -»Na, besser kommen die ja im Leben fort, die so was sagen können. Aber -ist denn der Ernst immer so still und ernst gewesen?« - -»Nein, nein, früher war er ein ganz aufgeräumtes Kind. Aber seit auch -sein Vater gestorben ist, da kann er nicht mehr lachen. Er spielt ja -mit den Kindern hier sehr nett; aber er kann nicht mehr lachen!« - -Doktor Fuchs hört es der Frau an, wie weh ihr das tut, daß der Ernst -scheinbar so alle Lebensfreude verloren hat. - -»Nun,« setzt er also hier wieder ein, »deshalb möchte ich gern, daß -er die Partie mitmacht. Es tut sicherlich gut, daß er auch einmal auf -andere Gedanken kommt. Darf ich Ihnen denn nicht das Geld hierlassen? -Dann braucht er doch nicht ›danke!‹ zu sagen.« - -Doktor Fuchs muß dabei lächeln. - -»Na, ich will es versuchen. Dann muß ich sagen: ein Herr, dem ich -erzählt habe, daß er die Partie nicht mitmachen will, weil er nicht die -Mittel dazu hat, der hat mir das Geld für ihn gegeben.« - -»Gut, gut, tun Sie das, liebe Frau!« -- Dabei steht Doktor Fuchs auf. --- »Ich habe Sie nun wohl auch schon etwas lange von Ihrer Arbeit -abgehalten!« - -»Ich bitte sehr. Na, ich danke Ihnen, Herr Lehrer, für das Geld, da es -der Ernst ja nicht selber tun kann.« -- - -Die Tür schließt sich leise hinter Doktor Fuchs. Der aber geht sinnend -nach dem Restaurant, wo er -- als Junggeselle -- täglich ißt. Er kann -alle die Gedanken und Bilder nicht loswerden, die soeben in sein -Empfinden eingetreten sind. Das ist doch noch Barmherzigkeit und -Liebe, welche der arme Fabrikarbeiter und seine Frau da draußen in der -Hofwohnung der Havelberger Straße auch ohne viele Worte üben! »Mein -Mann sagt, mit Gottes Hilfe werden wir ja noch durchkommen, auch wenn -einer mehr mit am Tisch sitzt!« -- Aber noch viel mehr beschäftigt -seine Gedanken der Ernst Ehrenfried, der das drückende Gefühl durch -sein Leben schleppt, den armen Verwandten eine Last zu sein, und der -nicht mehr lachen kann, nachdem auch sein Vater gestorben ist. -- -- -- - - -2 ~m~ Schottisch. - -Als die Tante um ¾2 Uhr dem Ernst die Tür öffnet, da ruft sie ihm auch -schon entgegen: »Ernst, Ernst, denke mal, ich habe heute früh einem -Herrn erzählt, daß du die Schulpartie nicht mitmachen willst. Da hat er -mir eine Mark und fünfzig Pfennig für dich gegeben. -- Na, freust du -dich nicht?« - -Der Ernst hat schon den Milchtopf in der Hand; denn er holt jeden -Mittag für die Kinder etwas Milch aus dem Kuhstall nebenan herauf, und -mit ernstem Gesicht sagt er: »Das kann ich doch nicht nehmen! Wer ist -denn der Herr?« - -»Das kannst du ruhig nehmen, Ernst! Der Herr meinte auch, du brauchtest -seinen Namen nicht zu wissen; er würde sich aber freuen, wenn du nun -mitmachtest!« - -Der Ernst sagt kein Wort mehr. Er hat den Milchtopf genommen und geht -still und ruhig zur Tür hinaus. - -Als er wieder in die Küche tritt, sagt er ebenso ruhig: »Tante, ich -werde das Geld nehmen! Wo ist es denn?« - -»Hier, hier, Ernst; da wird sich aber der Herr freuen! Das machst du -recht!« - -Ohne noch ein Wort zu äußern, nimmt der Ernst die beiden Geldstücke. -Er wickelt sie sauber und sicher in ein Stückchen Zeitungspapier und -schlägt dann das Paketchen zur Sicherheit auch noch in das Taschentuch -ein. - -Die Tante wundert sich höchlichst über die Bereitwilligkeit des sonst -so spröden Ernst; sie hütet sich indessen, etwas zu sagen. - -Ernst aber nimmt, wie sonst am Nachmittag, wenn er seine Schularbeiten -gemacht hat, die drei Kinder und geht mit ihnen hinunter. Dieses -Mal freilich nicht nach dem Spielplatz hinüber, sondern nach der -Wilsnacker Straße. Da steht er lange vor dem großen Schaufenster eines -Schnittwarengeschäftes, so daß die Kinder schon ungeduldig werden -wollen. Er hat sogar den Mut, in den Laden einzutreten. Die Verkäuferin -macht ein erstauntes Gesicht. - -»Kann ich Stoff kriegen zu einem Kleidchen für das Marthchen? Das ist -die Kleine hier!« - -»Was soll es denn für Stoff sein?« - -»Ich weiß nicht, aber meine Tante -- solches hier! Bunt kariert!« - -»Da sind zwei Meter nötig. Das macht sechs Mark!« - -Der Ernst bekommt einen heillosen Schreck. »Meine -- meine --« stottert -er, »meine Tante sagt, das kostet eine Mark fünfzig bis zwei Mark!« - -»Ach so!« sagt die Verkäuferin nachlässig. »Das ist Schottisch! Solches -hier!« -- - -Nicht immer hat das Volk mit dem Volke Mitleid. Die Verkäuferin sieht -jetzt die Kinder kaum noch. Sie wirft das Paketchen Zeug auf den -Ladentisch. »Hier kostet das Meter 90 Pfennig. Soll ich zwei Meter -abschneiden?« - -»Ja, ja,« antwortet der Ernst freudig. »2 ~m~ Schottisch!« -- Er hat -außer der Mark fünfzig Pfennig noch vierzig Pfennig, die er einst -dadurch gespart hat, daß er sich den Caesar alt kaufte. Die brauchte er -dem Vormund nicht zurückzubringen. Davon opfert er nun freudig dreißig -Pfennige. Dem Marthchen legt er dann das Röllchen in die Arme, und -freudig gehen sie nach Hause. - -»Mutti, Mutti, das hat Ernst gekauft!« - -Statt sich aber zu freuen, erschrickt da die arme Frau. »Aber, Ernst,« -ruft sie, »das Geld durftest du nicht so ausgeben! Das war für die -Partie!« - -»Nein, nein, Tante, die Partie brauche ich nicht mitzumachen. Du hast -doch neulich auch zu Onkel gesagt, daß Marthchen so notwendig ein -Kleidchen braucht. Und könntest du nur einige Groschen abstoßen, dann -würdest du schottischen Stoff kaufen und ein Kleidchen machen. Ich -freue mich jetzt schon, daß Marthchen ein Kleid kriegt!« - -»Ach, Ernst; du hast es ja wieder sehr gut gemeint; aber das geht doch -nicht! Nein, das geht wirklich nicht!« - -»Was soll ich denn auch bei der Partie, Tante? Die andern Jungen sind -da immer so wild. Das Geld haben wir nun besser angewendet.« - -Aber wenn auch die Tante jetzt nichts mehr sagt -- denn sie muß in -der Küche noch waschen -- sie wälzt doch immer den Gedanken im Kopfe -herum: »Aber nun wird sich doch der Lehrer wundern, wenn der Ernst -nicht mitmacht! Er denkt vielleicht, ich habe dem das Geld gar nicht -gegeben! Herr Gott! Herr Jeses, Herr Jeses! Wie mache ich denn das nur? -Wie mache ich denn das nur? Das Zeug wieder hintragen ins Geschäft? -Die nehmen es sicher nicht wieder, wenn’s doch nun einmal vom Stück -abgeschnitten ist!« -- - -Schließlich kommt sie darauf, das ihrem Manne zu sagen, wenn er am -Abend nach Hause kommt. Der würde ja schon einen Ausweg finden. -- -- -- - -Den Ausweg aber, den die Mutter nicht finden konnte, den fand jetzt -eben das kleine, fünfjährige Töchterchen, das Lenchen. Und das sogar -ganz ungezwungen und ganz leicht; ganz ohne es zu wollen. - -Sie spielt nämlich gerade an Paulchen, dem kleinen Brüderchen herum. -Sie legt ihm dabei ein Tüchelchen über die Schultern und sagt ganz -traumverloren: »Nun sieht Paulchen aus wie der Herr Lehrer! Ja, wie der -Herr Lehrer!« - -Der Herr Lehrer? Das Wort trifft das Ohr Ernsts, der am Tische sitzt -und da etwas liest. Der Herr Lehrer? Er legt das Buch hin und fragt -das Lenchen: »Was für ein Herr Lehrer denn?« - -Aber das Kind hat gar nicht auf die Frage geachtet; es hat sie im Spiel -einfach überhört. »So! Und dann schenkst du Mutti auch Geld! Viel Geld! -So! Und --« - -»Du, Lenchen,« -- Ernst ist jetzt ganz aufgeregt zu dem kleinen -Plappermäulchen hingetreten -- »was für ein Lehrer denn? Lenchen! Hörst -du denn nicht? Was für ein Lehrer denn?« - -Da sieht das Lenchen auf. »Der Mann, der Mutti das Geld gegeben hat. Du -sollst doch mitmachen!« - -»Das war ein Lehrer?« - -»Der Herr Lehrer!« lallt das Kind, und es spielt weiter mit dem -Tüchelchen am kleinen Bruder herum. - -»Wie sah denn der Herr Lehrer aus, Lenchen?« - -Ja, die Frage versteht das Lenchen wohl, aber sie weiß doch nicht, was -sie darauf antworten soll: »Ganz anders als Vati! Und der hat Mutti das -Geld für dich gegeben!« - -Da springt der Ernst mit hochrotem Kopf schnell die paar Schritte in -die Küche hinaus: »Tante, Tante, Lenchen sagt, der Herr Lehrer hat dir -das Geld für mich gegeben. War das vielleicht Herr Doktor Fuchs?« - -Die Tante richtet sich am Waschfaß auf: »Ach, Ernst, da du nun ja -selber darauf kommst, ja, der war hier und hat mir das Geld für dich -gegeben! Was machen wir denn nun?« - -Dem Ernst zittern die Beine. Er hat sich auf den Küchenstuhl setzen -müssen, und auch das Lenchen kommt jetzt in die Küche herein und sieht -ihm ängstlich ins Gesicht. »Nicht wahr, Mutti,« der Herr Lehrer hat -dir das Geld gegeben!« - -»Ja doch! Nun geh nur! Ich müßte es dir von meinem Wirtschaftsgeld -geben, Ernst. Aber ...« - -»Nein, Tante! Ich werde morgen Doktor Fuchs sagen, warum ich die Partie -nicht mitmachen kann. Laß nur! Das ist gar nicht schlimm!« Dabei geht -der Junge auch schon wieder aus der Küche hinaus. - -Aber nur äußerlich ist Ernst ruhig geworden. In seinem Innern zuckt -und reißt es an ihm herum. Wie soll er das bloß anstellen? Und was -wird Doktor Fuchs denken? Und was wird er sagen? Oh, der Ernst hätte -bei diesem Gedanken laut aufstöhnen können. Er kam sich wie ein ganz -gemeiner Verbrecher vor. Nun sollte er das auch noch alles selber -gestehen! Ihm wurde es schon sowieso schwer, überhaupt zu jemand etwas -zu sagen! Und nun gar unter vier Augen zu Doktor Fuchs! Ach, ganz elend -wurde ihm dabei zu Mute. Aber es mußte ja wohl sein. Die arme Tante -ängstigte sich nun auch. Auf keinen Fall aber konnte sie etwas von den -paar Pfennigen abgeben, mit denen sie für Essen und Trinken der Familie -sorgen sollte. Nein, nein, es mußte eben sein! Er mußte es Doktor Fuchs -sagen! Gleich am andern Morgen auf dem Flur! Ganz allein! - -Ernst nahm das Buch recht zittrig wieder in die Hand. In der Nacht -wurde er durch schreckliche Träume gequält, und er schlief recht -schlecht. -- -- -- - - -Edler Wettstreit. - -Als Doktor Fuchs am andern Morgen als Inspizient den Mittelflur des -weiten Schulgebäudes langsam hinabschritt, sprang der kleine Köckeritz -die Treppe herauf. Der sprang sie überhaupt immer herauf, trotzdem -seine Beine nicht allzu lang waren und dabei auch so dünn, daß Doktor -Fuchs auf dem Hof schon einmal scherzhaft zu ihm gesagt hatte: »Na, -Achim, wenn mal die Sperlinge Stiftungsfest haben, mußt _du_ die Fahne -tragen!« - -Der Achim springt also jetzt die Treppe herauf und direkt vor seinen -Ordinarius hin: »Herr Doktor, wir machen doch die Partie und --« - -»Gut, gut! ~Ad~ Partie nachher in der Klasse!« - -Da der kleine Köckeritz Doktor Fuchs die Hand gegeben, so zieht der -ihn dabei zugleich an sich vorüber und zeigt ihm so den Weg zu seiner -Klasse, die noch ein paar Schritte weiter den Flur hinunter liegt. - -Aber der Achim Köckeritz tanzt im nächsten Augenblick schon wieder vor -Doktor Fuchs einher: »Nein, nein, Herr Doktor, wir machen doch die -Partie, aber ...« - -»Na freilich! Und nun drückt er sich!« - -»Nein, nein, Herr Doktor, das gehört ja zur Partie, aber es ist doch -was ganz andres!« - -Da bleibt Doktor Fuchs stehen. »Du meinst, es gehört zur Partie und -gehört doch auch nicht zur Partie!« - -»Ja! Nein, nein! Ja!« - -»Na nun, Achim! Was ist also los? Aber mach’ schnell!« - -»Ja, Herr Doktor! Ich habe das von Ehrenfried zu Hause erzählt. Der -kann doch die Partie nicht mitmachen, weil er -- weil er --« - -»Na gut; ich weiß schon! Weil er kein Krösus ist!« - -»Ja! Und da läßt mein Papa Sie bitten, Herr Doktor, dem Ernst -Ehrenfried die zwei Mark hier zu geben, damit er mitmachen kann!« Dabei -will der Achim dem Doktor Fuchs das Geld hinreichen, das der Vater ihm -in ein weißes Blättlein eingewickelt hat. - -»Achim,« sagt da Doktor Fuchs, »Junge, du bist ein Prachtkerl! Und -deinem Herrn Vater sage, daß ich ihm als Ordinarius des armen Ernst -Ehrenfried für dieses Anerbieten herzlich danke. Aber es wäre schon -alles erledigt. Der Ernst Ehrenfried macht die Partie auch mit. Also, -Achim, stecke das Geld wieder ein! Empfiehl mich deinem Herrn Vater, -und vergiß nicht, ihm zu sagen, wie sehr ich mich über sein Anerbieten -gefreut hätte.« - -»Jawohl!« erwiderte der Achim und zog ab. Er zog auch nicht gerade -sehr betrübt ab; im Gegenteil, immer lustig und fidel. Er dachte sich -sicherlich auch nicht allzuviel bei der Sache. - -An der Tür aber rannte er beinahe den Tauscher, den würdigen Sekundus -der Klasse, über den Haufen. Der trug als Sekundus neben dem Primus -auch die Last einiger Ämter. So war er besonders der Kassenwart; denn -wenn auch der Ordinarius offiziell nichts von solcher Kasse wissen -durfte, so wußte er doch inoffiziell sehr wohl, daß immer einige -Pfennige da waren. Wovon sollte sich denn auch sonst die Klasse zu -Neujahr einen neuen Wandkalender kaufen oder eine zerbrochene Scheibe -bezahlen, die natürlich keiner oder noch öfter auch zu viele auf -einmal zerschmissen hatten? Es kann eben so mancherlei in einer Tertia -vorkommen und Geld kosten! Und der Kassenwart also, der stand jetzt an -der Tür und hatte schon ein kleines Weilchen darauf gewartet, daß der -kleine Köckeritz da vor Doktor Fuchs fertig werden sollte. Jetzt schoß -er nun hinter Doktor Fuchs her, der eben aus der Tür der Schlußklasse -wieder auf den Flur heraustrat und sonderbarerweise vor der Treppe -Posto gefaßt hatte, als müßte er hier auch inspizieren. Da nickte er -recht herzlich einem Jungen zu, der offenbar die Treppe heraufkam und -jetzt gerade mit dem Kopf hochtauchte. - -Das war -- der Ernst Ehrenfried. - -»So’n Pech!« sagte Tauscher und drehte sich einmal um sich selber. - -Offenbar hatte der Ernst Ehrenfried dem Doktor Fuchs auch etwas zu -sagen; denn er hatte die Mütze wieder abgenommen und trug sie in der -Hand, und einen puterroten Kopf bekam er auch eben, wie immer, wenn er -mit einem seiner Lehrer sprechen wollte. - -Aber Tauscher war doch flinker als der Ernst Ehrenfried, und schon -stand er jetzt neben seinem Ordinarius und meldete sich krampfhaft: -»Herr Doktor! Herr Doktor!« - -»Na, wo brennt’s denn, Junge?« - -Da druckst und würgt der Tauscher und dreht sich so sonderbar hin und -her. »Herr Doktor!« - -»Na ja doch, schieß nur los!« - -Jetzt ist der Primus, der Ehrenfried, vorbei und weit genug weg! - -»Herr Doktor! Der Ernst Ehrenfried wollte doch die Partie nicht -mitmachen. Können wir da nicht aus der Klassenkasse etwas Geld nehmen, -daß er auch mitkann?« - -»Na, wieviel hast du denn drin?« - -»2 Mark 57 Pfennig, und dann haben wir noch fünf Hefte. Die werden doch -mit 15 Pfennigen das Stück verkauft. Das sind noch 75 Pfennige!« - -»Ja, du allein darfst aber doch nicht über das Geld verfügen!« - -»Ich habe aber schon die meisten gefragt; es sind alle dafür, daß -Ehrenfried auch mitkommt.« - -Tauscher ist früher in Sexta, Quinta und Quarta immer der Beste und der -Primus der Klasse gewesen; seit aber der Ernst Ehrenfried da ist, hat -er von diesem Ehrenposten zurücktreten müssen. Einer solchen Konkurrenz -war Tauscher doch nicht gewachsen. Aber neidlos hatte er sich unter den -klügern und fleißigern, freilich auch ältern Mitschüler gestellt, und -jetzt möchte er den Ernst Ehrenfried auch bei der Partie haben. - -Alles das schießt Doktor Fuchs durch den Kopf; er schätzt es hoch, -sogar sehr hoch ein, daß Tauscher so neidlos ist und jetzt so selbstlos -handelt. So sagt er denn mit inniger Wärme zu dem Jungen: »Tauscher, -das ist wirklich nett von dir, daß du so an Ehrenfried denkst. Ich -freue mich, daß ihr beide so gute Freunde geworden seid. Komm her, mein -Junge, gib mir die Hand! Das will ich dir nie vergessen!« - -Tauscher macht ein ganz seliges Gesicht. - -»Aber,« fährt Doktor Fuchs fort, »du kannst für dieses Mal der -Klassenkasse das Geld erhalten; die Sache ist schon erledigt: der Ernst -Ehrenfried kommt auch so mit!« - -Da legt sich das helle Staunen in die Augen des kleinen Kassenwarts; er -dreht sich dann, ohne noch ein Wort zu sagen, um und geht der Klasse -zu. -- - -Der Ernst Ehrenfried indessen hat eben um die Ecke des Türpfostens -geguckt. Als er den Tauscher der Klasse näher kommen sieht, faßt er -sich ein Herz und geht Doktor Fuchs entgegen, der ja den Flur jetzt -auch langsam herunterschreitet. - -»Ach, das ist ja heute ein schneidiger Betrieb! Da kommt ja auch mein -Primus an! Na, was gibt’s Neues, Ernst?« - -»Herr Doktor!« -- Der Ernst kann nicht weiter. Die Tränen treten ihm in -die Augen; es zuckt so eigentümlich über sein Gesicht hin, als ob er -weinen wollte. - -Aber Doktor Fuchs ist auch schon schnell bei der Hand: »Also, du willst -die Partie mitmachen! Das freut mich, Ernst! Man muß sich mit seinen -Kameraden auch einmal freuen können!« - -Nun laufen dem armen Jungen aber wirklich die hellen Tränen über die -Backen. »Nein, Herr Doktor,« sagt er mit zitternder Stimme, »ich kann -doch nicht mitkommen. Ich wußte nicht, daß -- daß -- dieses Geld -- -das Geld --« Jetzt schluchzt der Ernst Ehrenfried so herzzerbrechend, -daß ihn der Doktor Fuchs schnell in das Sprechzimmer zieht, das in der -Flucht der Klassen in der Mitte des Flures liegt. - -»Na, also, Ernst, nun beruhige dich erst mal! Die ganze Sache ist doch -nicht zum Weinen!« - -»Doch! Ich habe das Geld schon verbraucht. Ich wußte nicht, daß -- daß --- Sie es gebracht hatten!« - -»Du hast das Geld schon verbraucht?« -- Es klingt beinahe aus dem -Tonfall heraus, als ob Doktor Fuchs etwas enttäuscht wäre. - -Das scheint der Ernst Ehrenfried auch zu fühlen. Er glaubt, jetzt muß -er den Doktor Fuchs schleunigst aufklären, damit dieser nicht noch -schlechter von ihm denkt. So trocknet er hastig seine Tränen: »Darf ich -einmal alles schnell erzählen, Herr Doktor?« - -»Nun, Ernst, ich bin überzeugt, daß du die paar Pfennige zu einem guten -Zweck ausgegeben hast!« - -»Herr Doktor, meine Verwandten sind sehr arm; das kleine Marthchen -brauchte schon lange ein Kleid. Da habe ich für das Geld den Stoff -zu diesem Kleide gekauft. Meine Tante wollte mir ja das Geld für Sie -wiedergeben; aber das wollte ich nicht. Ich werde heute zu meinem -Vormund gehen und Ihnen morgen das Geld bringen.« -- - -Der Ernst ist ganz erschöpft. Er hat diese Worte hervorgestoßen, -atemlos, vor Aufregung zitternd. Aber Doktor Fuchs sieht jetzt in den -Seelenadel seines Primus hinein, der auf ein Vergnügen verzichtet, um -den armen Verwandten ihre Liebe zu vergelten. Er ist selber gerührt und -muß einen kleinen Augenblick warten, um diese Rührung nicht aufkommen -zu lassen. Dann aber legt er die Hand dem armen Jungen auf die Schulter -und sagt: »Mein lieber Ernst! Du hast so gehandelt, wie man es nicht -anders von dir erwarten kann. Gott erhalte dir diesen reinen und -dankbaren Sinn! Dein Onkel und deine Tante sind einfache und schlichte, -aber edeldenkende Menschen. Sie haben deine Dankbarkeit verdient!« - -Das hat nun der Ernst nicht erwartet. Er weiß nicht, was er sagen -soll. Er fühlt nur, wie ihm eine Blutwelle über die andere über das -Gesicht jagt. Und doch ist ihm jetzt so wohl, daß er dieses schwere, -schwere Geständnis vom Herzen hat. Da setzt auch Doktor Fuchs den Hebel -ein, und er trifft den richtigen Ton: »Nun, Ernst, mußt du mir aber -auch eine Freude machen und doch mitkommen. Und da wir beide ja nun -ganz offen miteinander stehen, so machen wir beide auch keine Umstände -mehr miteinander.« - -Damit zieht Doktor Fuchs das Portemonnaie. - -»So, Ernst, du kriegst jetzt wieder 1 Mark 50 Pfennig, und kein Mensch, -außer deiner vortrefflichen Tante selbstverständlich, braucht etwas -davon zu erfahren! -- Na, aber Ernst, du willst mir doch nicht die -Freude verderben! Nein, nein, ich möchte aber wirklich, daß du das -nimmst! Nun geh, mein Junge, und tu, als wenn gar nichts gewesen wäre!« - -Da zögert der Ernst noch einen Augenblick; dann aber gibt er Doktor -Fuchs die Hand und sagt ein leises »Danke schön, Herr Doktor!« -- -- -- - -Zwei glückliche Menschen traten aus dem kleinen Sprechzimmer auf -den Flur hinaus: der eine ging schnell und leichten Schrittes der -Unter-Tertia ~O~ zu, der andere aber wandte sich den Flur weiter hinauf -zur Quarta hin, wo soeben jemand quiekte, als ob eine halbe Klasse an -ihm herumwürgte und ihm an der Kehle säße. -- -- -- - - -Würden und Ämter. - -Wie Doktor Fuchs nach dem Läuten in seine Klasse tritt, sind die -partiewütigen Tertianer gewappnet. Er hat ja gesagt, sie sollen heute -einen Zettel mitbringen mit dem Ziel der Partie. Und den Zettel, den -haben nun alle da, viel vollzähliger und gewissenhafter als sonst -irgend ein Exerzitium. Da nun Doktor Fuchs auch ganz genau weiß, was -solche flotten Jungen freut, so setzt er eine sehr wichtige Miene auf -und nimmt die bewußten Zettel in alphabetischer Reihenfolge ab. Die -Jungen finden das durchaus richtig, während Doktor Fuchs seinerseits -findet, daß eigentlich keiner unter vier Meilen von Berlin weg landen -will. Potsdam, Werder, Bernau, das ist überhaupt das nächste. - -So fängt denn Doktor Fuchs an: »Na, Jungs, man kann nicht gerade sagen, -daß ihr bescheiden gewesen seid. Es wundert mich nur, daß ihr alle noch -in Europa bleiben wollt. Na also, da wird’s wohl nicht anders werden. -Da werde ich also als Klassenpapa umso bescheidner sein müssen, und« --- dabei dreht sich Doktor Fuchs auf dem Katheder um -- »und da möchte -ich nur auch schnell meinen Wunschzettel an die Tafel schreiben. -- -Grunewald!« -- - -Ein lautes und sehr geringschätziges »Aaach!« und »Der Katzensprung!« -vom dicken Puntz. - -Doktor Fuchs hat sich herumgedreht und macht dieses »Aaach,« »der -Katzensprung!« in demselben Tone nach, so daß einige schon anfangen -zu lachen. Die sind schon wieder halb und halb mit dem Grunewald -ausgesöhnt. - -»Na, Dicker, wann hast du denn das letzte Mal den Grunewald gesehen?« - -»Am letzten Sonntag!« sagt der da so recht mißmutig und gedehnt und -verächtlich. - -»Am letzten Sonntag! I Gott bewahre, Dicker, was denkst du denn? -Seit dem letzten Sonntag, ach! seit dem letzten Sonntag, da ist der -Grunewald ganz anders geworden! Ich sage dir bloß, ganz anders! Den -kennst du gar nicht wieder! Das glaubt ihr wohl nicht, Jungs?« - -Da lachen schon wieder alle und beteuern laut und überzeugungstreu: -»Nein!« - -»Dann werde ich es euch beweisen! Ihr werdet erstaunt sein! Also es -geht in den Grunewald!« - -Der dicke Puntz sagt nichts mehr; aber nach der Stunde erklärt er: -»Fuchs ist ein guter Kerl! Der bedenkt dabei eben die armen Deibel. Für -die würde es bis Bernau doch zu teuer sein!« - -Das sieht schließlich auch jeder ein, und so hat man sich denn auch -schon am nächsten Tage mit dem Grunewald ausgesöhnt. Nur will man noch -fragen, wohin es im Grunewald selbst gehen soll. - -Aber Doktor Fuchs kommt am nächsten Tage -- nun ist’s inzwischen schon -Freitag geworden -- selber wieder auf die Partie, als er von der -Inspektion draußen auf dem Mittelflur in die Klasse kommt. - -»Also, Jungs, es geht nach dem Grunewald! Wer kennt denn den König -Wilhelms Turm auf dem Karlsberg?« - -Alle, bis auf zwei Vorörtler aus dem Norden. - -»Wer Wannsee?« - -Ein paar weniger. - -»Wer Nikolskoi?« - -Nur vier; der fünfte weiß es nicht genau. Wenigstens ist es schon sehr -lange her, daß er da war. - -»Wer Sakrow?« - -Einer. - -»Wer die Römerschanze?« - -Keiner. - -Da lacht Doktor Fuchs so lustig. »Na, ihr seid eine Gesellschaft! Und -einige wollten da gleich nach Werder und wer weiß wohin. Na also!« - -»Ja, Herr Doktor, wollen wir denn nun nach der Römerschanze?« - -»Ja, Hagen, wollen mal sehen, ob ihr nicht schon vorher die Beine -schleppt! Unsere Losung wenigstens soll sein: ›So weit wie möglich!‹« - -Damit sind nun alle zufrieden, so daß Doktor Fuchs fortfahren kann: -»Ich brauche einen Vergnügungsausschuß.« - -»Ich, ich, Herr Doktor! Herr Doktor!« - -»Ruhig Blut, Jungs! Den wählt ihr euch selbst! Morgen wird mir der -Ehrenfried vier Mann dafür vorschlagen. -- Zweitens: Ich brauche zwei -Schrittmacher. Das ist der Windhund, der Hobein, und der dicke Puntz!« - -»Herr Doktor,« remonstriert aber der Dicke da, »ich werde lieber die -Musik liefern.« - -»Kannst du das?« - -»Ja, mit der Mundharmonika!« - -»Gut! Also der wackere Puntz ist unsere dicke Hauskapelle! Wollte -sagen, der dicke Puntz ist unsre wackre Hauskapelle!« - -Der kleine Gebhardt hat sich währenddessen schon gemeldet: »Darf ich -meinen photographischen Apparat mitbringen?« - -»Selbstverständlich! Dich erhebe ich zum Schönheitsrat!« - -»Kann ich auch was sein? Herr Doktor?« - -»Wollen mal sehen! Ich brauche noch den Herrn Feldwebel oder die -Kompagniemutter. Das muß der Doef werden!« - -Der hebt sich, als ob er Bergeslast auf dem Rücken trüge. Er scheint -sich aber die Sache erst überlegen zu müssen. Endlich fragt er: »Was -habe ich denn da zu tun?« - -»Oh, du hast das wichtigste Amt. Du mußt darauf sehen, daß uns keiner -abhandenkommt. Wir müssen also immer volle Zahl haben!« - -Verträumt scheint Doef nachzudenken; aber er ist Praktikus und -verhandelt ganz ruhig mit Doktor Fuchs: »Wenn nun einer doch fortläuft?« - -»Darf nicht vorkommen!« - -»Aber wenn er fortlaufen _will_?« - -Doktor Fuchs tut, als wenn er in die Hand spuckt, und er macht die -Geste des Hauens. - -Doef sieht seine eigene, große Tatze an und sagt tonlos, aber sicher: -»Ja!« - -»Dürfen wir spielen, Herr Doktor?« -- Die Frage hat den Leverenz schon -halb zu Tode gequält. - -»Na, so ~en passant~! So viel uns Zeit bleibt.« - -»Ich werde einen Ball mitbringen.« - -»Meinetwegen! Aber kaum nötig!« - -»Können wir sackhüpfen?« - -»Halt mal, du! Dazu kriegen wir eben einen Vergnügungsausschuß!« - -»Essen wir zu Mittag?« - -»Ja, unten an der Pfaueninsel, beim alten Ehrecke. Preis etwa 75 -Pfennig. Wer essen will, muß es mir morgen sagen. Ihr könnt euch aber -auch selbst was mitbringen!« - - * * * * * - -Nach jeder Stunde, die Doktor Fuchs als Ordinarius in der Klasse -hat, werden noch zwei oder drei Minuten der Pause auf dem Altar -der bevorstehenden Partie geopfert. Am nächsten Montag steht der -Primus auf und erklärt: »Herr Doktor, die meisten Stimmen für den -Vergnügungsausschuß haben Greff, Hagen, Sausig und Woller!« - -»Also noch einmal langsam! Greff -- Hagen -- Sausig und Woller. Gut! -Nehmen die Herrn die Wahl an?« - -Die vier lächeln vielsagend und zufrieden und nicken mit dem Kopfe. - -»Kennt ihr auch den Grunewald genau?« - -»Wir sind beinahe jeden Sonntag drin.« - -»Gut, dann bleibt ihr heute um 1 Uhr noch einen Augenblick hier. Ich -werde in die Klasse kommen. Und nun wieder für alle! Wir machen die -Partie noch nicht am nächsten Mittwoch, wie es ursprünglich geplant -war, sondern erst in der nächsten Woche. Und zwar am Freitag, am -letzten Tage also vor den Pfingstferien. Ein Abwaschen!« - -»A--a--ch? Am Freitag? Dann fällt doch am Nachmittag aus!« - -»Selbstverständlich! Nun weiter! Wer sich draußen gar nichts kaufen -will, der muß sich Essen und Trinken mitbringen. Der würde nur -das Fahrgeld bis zur Station Grunewald und zurück von Wannsee oder -höchstens von Potsdam gebrauchen. Wer sich gar nichts zum Essen -mitbringt, muß Geld dafür ausgeben. Über zwei Mark aber darf keiner bei -sich haben.« - -»Herr Doktor! Wenn es nun aber regnet?« - -»Wir kriegen genau das Wetter, das der liebe Gott für den Freitag -vor Pfingsten angesetzt hat. Dich aber, Hänsel, ernenne ich zur -Partie-Unke.« - -Und während da natürlich alle den Hänsel vergnügt auslachen, erklärt -Doktor Fuchs kurz: »Fertig jetzt! Nur noch eins will ich sagen: -je fleißiger man vorher arbeitet, desto größer ist nachher das -Vergnügen!« -- - - -Der Überfall am Pechsee. - -Wie wenig man auch in der letzten Woche vor Pfingsten von der Partie -hatte sprechen können, da ja an jedem Tage dieser »feinen Woche« etwas -unregelmäßig war und vom Stundenplan abgeknapst wurde, vergessen hatte -drum doch keiner die Partie. - -So war auch endlich der Freitag vor Pfingsten, der heiß ersehnte -Freitag, angebrochen. Ein herrlicher Tag! Vom hellen Osten her strahlte -die Sonne, als freue sie sich über all die fröhlichen Jungengesichter, -die schon um sechs Uhr und noch früher oder gar noch viel früher nach -ihr ausgeschaut und sie jubelnd begrüßt hatten. Die Mutter mußte noch -einmal soviel Frühstück schneiden, als sonst und das Portemonnaie wurde -zur Vorsicht wieder und immer wieder hervorgeholt und ein Blick auf -den Mammon geworfen, der darin ruhte. Dann zog ein jeder zum Bahnhof. -Die von der Friedrich Straße sammelten Station für Station ein paar -neu auf, auf dem Lehrter Bahnhof, auf Bellevue, auf Tiergarten, auf -Zoologischer Garten, sogar auf Savigny Platz und Charlottenburg. Auf -Station Zoologischer Garten hatte man Doktor Fuchs mit polizeiwidrigem -Hallo und Freudengeheul empfangen. Schon in Charlottenburg aber war die -Kompagniemutter bei ihrer ruhigen Besonnenheit zu dem sicheren Ergebnis -gekommen, daß zwölf Mann fehlten. - -»Wer sind denn die?« - -»Hagen -- Sausig -- Boenick -- Schulz -- Woller --« - -»Das ist ja gerade der Vergnügungsausschuß, Herr Doktor!« - -»Wahrhaftig! Na, was machen wir nun da, Doef?« - -»Wir warten, und sie kriegen gleich was!« - -»Na, wir wollen mal sehen!« -- - -Da läuft auch der Zug schon in Station Grunewald ein. Alles springt aus -den Wagen; eiligst geht man hinunter, und ohne Aufenthalt schreitet -auch Doktor Fuchs mit seinen lustig umherspringenden Schutzbefohlenen -schnell weiter. - -Wo der Weg sanft rechts ab nach der Saubucht hinüberbiegen will, da ist -auf einmal der Doef wieder neben Doktor Fuchs. - -»Ja,« sagt er bedächtig, »wollen wir denn nicht auf die zwölf warten, -Herr Doktor?« - -»Ach,« bleibt der mit einem Ruck stehen, »Herr Feldwebel! Ja doch! -Das hatte ich ja ganz vergessen! Also der Vergnügungsausschuß wollte -mit ein paar andern was ganz für sich unternehmen. Aber in Saubucht -spätestens sollen sie wieder bei uns sein. Wollen mal sehen, wer zuerst -da ist, die oder wir.« - -»Au ja!« begeistern sich da einige andere. »Ein bißchen dalli jetzt! -Wir müssen die ersten sein!« - -»Ja, aber Dicker, höre mal! Ich sehe schon, du bummelst gern. Das -gibt’s nicht! Immer hier bei der Masse bleiben! Und dann noch -eins, Jungs! Lest mal feste Kienäpfel auf! Wenn die andern oben in -Saubucht nach uns ankommen sollten, dann dürft ihr sie ordentlich -bombardieren!« -- - -Im übrigen aber bummelt nun alles gemütlich neben- und hintereinander -hin. Friedlich und wohl auch einmal nicht friedlich; denn hier und da -puffen sich auch zwei etwas freundschaftlich ab, und hin und wieder -fliegt sogar ein Kienapfel jemand an den Kopf, der ihn nicht erwartet -hat und darum nun etwas grob und »jiftig« wird, wie Fritze Köhn da -sagt. Doktor Fuchs muß sogar manchmal ein begütigendes und doch streng -klingendes »Na, na!« dazwischenwerfen. - -»Wohin jetzt, Herr Doktor? Rechts oder links?« - -Vorn ist die Spitze an der Ecke eines niedrigen, rechtwinklig an den -Weg vorstoßenden Waldbestandes stehen geblieben. - -»Rechts ab und nach 150 Schritten links hinein!« - -Doktor Fuchs hat dabei spähend vorausgeblickt und lächelt auf einmal so -vergnügt: »Alles in Ordnung!« - -»Was ist denn in Ordnung, Herr Doktor?« fragt da Posener, der immer -neben Doktor Fuchs geht und ihn offenbar angenehm unterhalten will. - -»Er schmeißt sich ran!« sagt der dicke Puntz mit einem so verächtlichen -Tonfall, daß auch alle das glauben, die es hören. - -»Ja, ja, ist alles in Ordnung!« wiederholt Doktor Fuchs kurz, geht aber -nicht weiter auf Poseners Fragen ein. - -Man tritt nach einem Viertelstündchen wieder aus dem Wäldchen heraus. - -»Wo nun hin, Herr Doktor?« kommt es von vorn. - -»Schräg rechts immer der Nase nach! Der Weg ist ja breit genug!« - -»Hier ganz rechts geht’s nach Spandau!« wissen da einige. - -»Dort, den Berg hinunter, nach Schildhorn!« wissen andere. - -Nach zehn Minuten biegt eben die Spitze nach dem Pechsee ab, als ein -lautes, stürmendes Hallo von vorn erschallt. Und Kienäpfel fliegen, -- -und Hagen -- wo kommt der auf einmal her? -- hat den dicken Puntz über -den Haufen gerannt und gibt ihm einen kräftigen Klaps auf den Südpol, -bevor er zu weiteren Heldentaten schreitet. Sausig und Woller und -Schulz und die andern, die noch fehlten, die sind auf einmal auch da -und stürmen mit Hurra auf Doktor Fuchs und seine Schar ein. Kienäpfel -surren durch die Luft; ein Hallo und Hurra donnert nach dem andern; die -Jungen werden ganz wild. - -»Die haben uns überfallen!« schreit Posener und will davonlaufen. Aber -Doktor Fuchs gibt ihm einen Stoß. »Du da drüben! Und du und du und du! -Und wir andern hier drüben! Ausschwenken! Kienäpfel raus! Die Bande -nehmen wir in die Mitte!« - -Neues Leben kommt in die Jungen, und eine regelrechte Kienäpfelschlacht -hebt an. Herüber und hinüber fliegt es. Je mehr die Wurfgeschosse auf -die Neige gehen, desto näher rückt man sich auf den Leib, bis man -endlich handgemein wird. Und schon ringen die verschiedenen Paare und -legen sich -- ~les uns les autres~ -- mehr oder weniger sanft auf die -Erde. Da pfeift Doktor Fuchs »Das Ganze halt!« Aber er muß doch noch -einige kräftige Wörtlein dazu reden, bis er die eifrigsten Kampfhähne -wieder auseinanderhat. - -Der ganze Überfall hat nur eine Minute gedauert; aber das Spiel ist von -den Jungen doch ziemlich ernst genommen worden. Überall steht man da -und schöpft tief Atem und sieht sich wohl auch nicht wenig erbittert an. - -»Da hört sich denn doch Verschiedenes uff!« erklärt Fritze Köhn. »Jotte -doch! War det ’n Klumpatsch!« - -»Warum habt ihr nicht aufgepaßt?« - -»Wir haben ja gar nichts gewußt!« kommt ein andrer noch dazwischen. - -»Es sollte ja auch ein Überfall sein!« - -»Wo ist meine Mütze?« sucht Richter herum. - -»Wer hat mich denn hier gekratzt?« - -»Hab’ dich doch nicht! Hier ist Heftpflaster!« - -»Das bißchen? Und noch so dreckig! Nee, danke für Backobst!« -- - -So geht es weiter, und alle stehen noch mit hochrotem Schopfe da, als -der Dicke auf einmal vorwurfsvoll sagt: »Sehen Sie, Herr Doktor!« -- -Er klopft sich dabei die Nadeln und den Sand ab. -- »Wenn ich hinten -gegangen wäre, dann hätte ich zusehen können! Der eine ist wie ein -Wilder auf mich zugesprungen!« - -Doktor Fuchs aber muß lachen. »Das war gerade ganz nett, Dicker! Was -denkst du wohl, wie gut das einem wohlbeleibten Menschen tut!« - -Da muß der Dicke auch mitlachen. Er ist auch schon wieder ganz -zufrieden und blickt eben belustigt auf den Leverenz hin, der wie ein -Harlekin vor seinem Ordinarius hin- und hertanzt und einmal ums andere -ruft: »Ich war die erste Stafette, Herr Doktor!« - -»Ja,« kommt Hagen dazu, »ich habe hier noch seine Meldung! Sehen Sie -mal, Herr Doktor! ›Der Feind kommt auf Bahnhof Grunewald an um 8 Uhr 4 -Minuten!‹« - -Schulz hält währenddessen seinen Kopf auch heran. »Ich habe Sie -beobachtet, wie Sie in das Wäldchen kamen, Herr Doktor!« - -»Hier!« macht sich Hagen wichtig. »Die Meldung der zweiten Stafette: -›Der Feind tritt um 8 Uhr 32 Minuten in das Wäldchen ein!‹« - -Da staunen die Jungen, die mit Doktor Fuchs gekommen sind: »Das war -aber alles fein abgepaßt!« - -Hagen geht auf wie ein Pfannkuchen. »Das kenne ich von meinem Vater! -Hier ist die Meldung der dritten Stafette: ›Der Feind verläßt das -Wäldchen um 8 Uhr 46 Minuten. Er schlägt den direkten Weg nach der -Saubucht ein!‹« - -»Ach, schenke mir den Zettel, Hagen!« kommt der kleine Köckeritz -dazwischen. - -»Du bist wohl ver--!« wehrt Hagen in aller Ruhe und freundschaftlichst -ab. »Die hebe ich mir zum Andenken auf!« - -»Ach so?« höhnt jetzt der Kleine. »Die willst du dir wohl einrahmen -lassen?« - -»Ruhe jetzt!« befiehlt auf einmal Doktor Fuchs. »Ich konstatiere, daß -der Überfall des Feindes als wohl gelungen bezeichnet werden muß. Ich -konstatiere aber auch, daß meine Truppe sich schnell in die Situation -hineingefunden und den Überfall kräftig und mit ziemlichem Erfolge -abgewehrt hat!« - -Ein fröhliches Lächeln allerseits. - -»Aber wir haben doch gewonnen!« meint Hagen. - -»Beide Teile haben ihre Sache gut gemacht!« erklärt Doktor Fuchs. »Wir -scheiden mit einem Hurra von dieser glorreichen Stätte. Hipp, hipp, -Hurra!« - -»Hurra!« fallen die Jungen lustig ein. Und alle sind jetzt zufrieden -und wieder gut Freund. Aber während man hurtig durch die Senke am -Pechsee und dann weiter hinaufschreitet, immer am Zaune der Saubucht -entlang, lösen sich die Jungen in Grüppchen auf, und lebhaft und -mit für und wider wird die soeben gelieferte Schlacht weiter -besprochen. Die homerischen Heroen mit ihrem Geflunker und mit ihren -Renommistereien sind nur Waisenknaben gewesen im Vergleiche zu diesen -Jungen, die schon nach fünf Minuten die Wahrheit zur Dichtung und die -Dichtung wieder zur Wahrheit gemacht haben. -- -- -- - -Endlich sitzt man oben auf den hölzernen Bänken vor dem lieben, kleinen -Restaurant Saubucht und verträgt sich wieder bei etwas gräulicher, -sterilisierter Milch und schäumendem Selterwasser. - -»Bier gibt’s hier nich!« brummt der Dicke. -- - - -Auf hoher Warte. - -»Zum Karlsberg!« heißt es endlich. - -Einträchtiglich zieht Freund und Feind in die Senke hinunter. Den -gegenüberliegenden Abhang hinauf. An einer Schonung vorbei und dann -einen breiten Weg hinan. Als man da halbwegs hoch ist, ragt zur -Rechten, etwas nach dem Rücken zu gewendet, der rote, wuchtige Schlot -der Pumpstation am Teufelssee über die schwanken Gipfel und Wipfel -hinweg, und nach vorn, durch den breiten Einschnitt gesehen, verdämmern -drei Hügelzüge, einer hinter den andern gelegt und vom leicht -aufsteigenden Dunst der tief unten liegenden Havel mit sanft bläulichem -Hauche verbrämt. - -So tritt man endlich nach einem langen Viertelstündchen hinaus auf die -Chaussee, die sich von rechts her heraufzieht und sich so jetzt quer -vor den Weg der Jungenschar legt. Gewaltig ragt drüben aus reinlichem, -rötlichem Mauerstein, wie ihn der felsarme Märker brennt, der König -Wilhelms Turm auf. Majestätisch breit legt sich die geräumige Rampe um -den Fuß des Turmes. - -Schon sind diese nimmermüden Tertianer des Doktor Fuchs weg über die -große, steinerne Freitreppe. Sie stehen jetzt an dem schwarzgrauen -Stein, der so sicher um die Plattform herumläuft, und bewundernd -taucht der Blick hinab in die Tiefen des herrlichen Landschafts- und -Seenbildes, das die gütige Natur hier mit Wunderhand in Urzeiten -geschaffen. Hier steht man auf hoher Warte. Im Rücken rauscht und -raunt so geheimnisvoll der Kiefernwald. Rechts und links steigt er -hinab zum Saume des Wasserspiegels, der sich glitzernd und blitzend -und vom Morgenwehen leicht gekräuselt hindehnt. Nach Norden hinauf -verliert sich der Blick in die verschwimmende Ferne, wo Spandaus -Mauern und hochragende Häuser wie eine verblassende Fata Morgana auf -leicht wallendem Erdennebel thronen. Vorüber an den eckig-hochragenden -Sandwällen, von deren einem einst Jazko sich auf seinem Wendenroß in -die Havelflut stürzte, findet sich der Blick zurück und bleibt haften -auf dem lieblichen Gatow, das sich verschämt tief unten dem jenseitigen -Ufer der breitströmenden Havel anschmiegt und sich einhüllt in das -lauschige, weiche Gewand schattender Laubbäume. Lichter wird dann -drüben die Gegend und lockt den Blick die grünen Ackerlehnen hinauf, -hinweg über die hochragenden Pappeln der städteverbindenden Straßen in -die gesegneten Fluren des Ost-Havellandes hinein. - -Doch, was schwebt da von Süden heran und fesselt den Blick? Auf der -sonnenbeglänzten Fläche der weitauslagernden Havel ziehen sie langsam -herauf, und merklich kaum kommen sie näher: fünf, sechs, sieben der -Schiffe mit weißlich schimmernden Segeln! Schwänen vergleichbar, aus -einer weit größeren Welt, so stehen sie auf der lichten Fläche des -spiegelnden Wassers. Daneben liegen verträumt und breit hingelagert -die grünbewaldeten Höhen der Havelberge und umrahmen mit sattgrünem, -dunklem Bande lieblich dieses Bild, das im Hintergrunde durch den sanft -verdämmernden Nikolskoier Höhenrücken und durch die ganz in die Ferne -gerückten Türme von Potsdam zu einem wunderbaren und wundervollen -Stimmungsgemälde abgeschlossen und abgerundet wird. - -Hier auf dem König Wilhelms Turm, im Mittelpunkte des herrlichen -Panoramas, steht nun Doktor Fuchs mit seinen Tertianern, versunken in -diese Waldes-, Seen- und Flurenpracht. Als da Hagen von der andern -Seite herumgesprungen kommt: »Was ist das, Herr Doktor? Und was ist -das?« da fährt es Doktor Fuchs heraus: »Junge, laß es heißen, wie es -will! Bewundere nur diese Natur! Kapsele dir das Bild im Auge ein, -Hagen! So was Schönes siehst du so bald nicht wieder!« - -Damit will der Lehrer seine Schar zusammentrommeln. Aber -- wo -sind denn die Jungen alle? Einige sind ja zum eigentlichen Turm -zurückgetreten und schauen da auf das Standbild des Königs Wilhelm; -aber die andern? Etwa -- gegen seinen Befehl -- doch auf dem Turm? -Nein! In dem Augenblicke rast Hagen an ihm vorbei, die Freitreppe -wieder hinunter. »Wasser!« ruft er dabei mit wilder Freude. - -Aha! Jetzt weiß es Doktor Fuchs: die Jungen sind bei dem kleinen -Brunnen unten vor der breiten Rampe. Aber da ja keiner mehr erhitzt -ist, so gönnt er jedem gern den kühlen Trunk. Einige wollen sogar schon -wieder essen. Aber nein! Es soll doch lieber gleich weitergehen! -- - - -Brennesseln und Regenwürmer. - -Den breiten Kiesweg ziehen sie alle hinab und auf der Chaussee weiter, -die nun hinunterführt an die Havel, um dort unten am steilen Abfall der -Havelberge hinzulaufen. An der scharfen Ecke vorn indessen geht’s mit -Hurra den Berg links hinauf und oben noch einige Schritte weiter wieder -an den Rand der kiefernbestandenen Höhe vor. - -Bergauf und bergab etwa noch ein Viertelstündchen dahin, bis man einen -freien Durchblick durch die hochstrebenden Kiefernstämme auf den klaren -Spiegel der Havel unten hat. Da setzt sich schließlich Doktor Fuchs -nieder; um ihn herum lagert sich seine kleine Schar. - -»So, Jungs, hier machen wir halt! Hier könnt ihr meinetwegen -weiterfrühstücken!« - -Die Lagerdisziplin aber liegt den Jungen noch nicht im Leibe; nur der -dicke Puntz ist schon so müde, daß er sich ohne viele Umstände und mit -steifen Beinen auf den Teil des Körpers fallen läßt, der nun einmal -von der Natur zum Sitzen bestimmt ist. Der kleine Achim Köckeritz -dagegen macht erst noch ein paar Luftsprünge und setzt sich dann sehr -sorgfältig neben Doktor Fuchs nieder. Er schlägt die Beine zusammen -wie ein Schneider und fängt an, sein Frühstück auszuwickeln. Ein paar -Schritte weiter aber sind im Nu zwei zum Balgen gekommen, weil jeder -von ihnen gerade dieses Plätzchen haben will. Doktor Fuchs muß sich -sogar herumdrehen: »Donnerwetter, Jungs! Sieh mal, Schreier, das feine -Plätzchen hier! Na, wird’s bald? -- So!« - -Wie sich aber Doktor Fuchs wieder nach vorn wendet, da hat eben, -unehrerbietig genug, der tolle Hagen seinen Primus, den Ernst -Ehrenfried, bei den Beinen gepackt und zieht ihn ohne viele Worte von -seinem Platze weg. Den will er haben. Doktor Fuchs hat nicht einmal -Zeit, etwas dazu zu sagen; denn hinter ihm quiekt es auf einmal -fürchterlich los. Als er sich umdreht, sieht er, wie zwei Mann den -Drewian gefaßt haben und ihn mit kolossalem Biereifer zwingen wollen, -sich auf eine stattliche Brennessel zu setzen. Doktor Fuchs will -aufspringen; da lassen die beiden los. Drewian macht gerade noch einen -Luftsprung zur Seite und versucht dabei, sich am Stengel der Brennessel -festzuhalten. Worauf er sich zum Gaudium aller andern noch ein halbes -Dutzend mal um seine eigene Achse dreht; denn die Brennessel hat dieses -Zufassen übel genommen. Selbstverständlich schimpft nun der Drewian, -freilich nicht auf die Brennessel, sondern auf die beiden Missetäter, -bis der eine von denen ganz trocken meint: »Der Drewian ist ja dumm, -Herr Doktor! Hätte er nicht so geschrieen, dann hätten wir ihn ganz -sanft auf die Sache drauf gesetzt; da hätte er gar nichts gefühlt!« - -»Meinst du?« - -»Ja! Ganz sicher!« - -»Drewian, lotse mal die Brennessel hier neben mich her! -- So! -- Na, -also Dittmer, nun los! Setze dich drauf!« - -Dittmer macht ein ganz gutmütig-dummes Gesicht: »Ich muß erst mal -fühlen, ob meine Hosen nicht kaput sind. Na, denn man tau!« Und unter -der schallenden Heiterkeit der andern sitzt er auch schon auf der -unschuldigen Brennessel, die auf diese Weise arg ins Gedränge kommt. - -So geht die Sache noch ein Weilchen weiter. Endlich aber sitzen -doch alle, und das Frühstücken ist in vollem Gange. Was haben die -fürsorglichen Mütter da nicht alles eingepackt! Und wie gut müssen die -Stullen belegt sein, da das alles so mundet! - -Soeben packt Greff aus seinem kleinen Rucksack ein zweites Paar -Stullen aus. Dabei tut er so vorsichtig, als hätte er die feinsten und -zerbrechlichsten Glassachen zwischen seinen Stullen liegen. Und der -Hagen sagt da sogleich: »Na du, dein Regenwurm zerbricht nicht; da -kannst du schon fester zufassen!« - -Sofort stecken die nächsten den Kopf her: »Was hast du da, Greff? Zeige -mal!« - -»Nicht doch! Ihr werdet doch wohl schon einen Regenwurm gesehen haben!« - -»Wozu nimmst du denn den mit?« - -»Nicht doch, du! -- Für unser Rotkehlchen!« - -»Pfui Deibel! Laß doch das Ding kriechen!« Und richtig, da windet sich -der Regenwurm schon zwischen den mageren Grasstengeln des Waldbodens. -Aber Greff hat ihn auch schon wieder an dem einen Ende gefaßt, so daß -er ihm jetzt ganz lang aus der Hand heraushängt. - -»Äcks! Ich trete jeden Regenwurm tot!« sagt der lange Fendel. - -»Warum?« fragt da sofort Doktor Fuchs. - -»Na, sie sind doch schädlich!« - -»Schädlich? Wieso denn?« - -»Na, sie fressen doch die feinen Wurzeln der Pflanzen!« - -»Die Regenwürmer, Junge? Wenn sie nichts anderes haben, ja! Aber sonst -sind für uns die Regenwürmer die nützlichsten Tiere mit auf Gottes -Erdboden! Weißt du das noch nicht?« - -Die Jungen rücken näher: »Die Regenwürmer nützlich?« - -»Doch!« sagt der Ernst Ehrenfried ruhig. »Ich weiß, Herr Doktor, die -fressen nicht die Wurzeln, die fressen die angefaulten Blätter. -Die holen sie sich in der Nacht in ihre Röhren hinein. Das ist sehr -drollig; die Blätter fassen sie immer so an, daß sie das spitzeste Ende -zuerst ins Loch ziehen!« - -Da lachen nun alle so herzhaft los, und der dicke Puntz fragt etwas -zweifelnd: »Die scheinen ja in der Nacht fein zu sehen!« - -»Nein, Dicker,« wendet sich da Doktor Fuchs zu dem Zweifler um, »nein, -denke mal, Dicker, die können ja überhaupt nicht sehen, und doch wissen -sie ganz genau, wo das spitze Ende ist. Da hat der Ernst Ehrenfried -recht.« - -»Na, sieh doch, Dicker,« kommt da Hagen, der jetzt neben Puntz kniet, -»ich mache doch auch die Augen zu und fühle, wo deine dicke Nase sitzt.« - -Er hat die Augen zugemacht und fährt jetzt mit den Händen dem Puntz -tastend über Kopf und Gesicht. Der hält auch merkwürdigerweise so -still! Aber eben als Hagen die Nase fassen will, da schnappt Puntz zu -und beißt ihm in die unverschämten Finger. Dann sagt er ganz trocken: -»Du bist eben kein Regenwurm und ich kein verfaultes Blatt. Aber, Herr -Doktor,« -- der Dicke kann eben auch sehr wißbegierig sein -- »warum -sollen denn die Regenwürmer mit die nützlichsten Tiere sein?« - -»Weil sie den Humusboden immer wieder von unten nach oben an die -Erdoberfläche schaffen und so ständig für die Menschen den Boden -verbessern. Kein Mensch kann sagen, wie oft die Regenwürmer unsern -Acker- und Gartenboden im Laufe der Zeit schon aufgefressen und, fein -gedüngt, wieder von sich gegeben haben!« - -Da sind nun die Jungen alle noch mehr zusammengerückt. Das klingt -wahrhaftig auch so spaßig, daß sie Doktor Fuchs veritabel auslachen. - -Der aber denkt: »Lacht nur! Jetzt sind wir im Zuge!« - -Bald hat auch Puntz wieder das Wort: »Herr Doktor, das verstehe ich -nicht. Fressen denn die Regenwürmer Erde?« - -»Na freilich, Dicker! Wie würden sie sich denn sonst ihre Gänge graben -können! Oben an der lockeren Erdoberfläche, da drängen sie wohl mit -ihrer Kopfspitze die Erdschollen und Krümelstückchen auseinander; aber -unten müssen sie sich durch die Erde durchfressen. Und dann kommen -sie hervor und verrichten hier oben« -- dabei beugt sich Doktor Fuchs -zu Puntz hin und sagt nur halblaut -- »ihr Geschäftchen. Wer hat -denn schon mal so was gesehen? Solche kleine, ringelförmig geordnete -Kotballen, meine ich.« - -Oh, das waren doch mehrere, die das schon bemerkt hatten. »Ich! ich! -Herr Doktor!« - -»Na, also Jungs! Einen guten Meter tief ist unser ganzer Ackerboden der -Dünger der Regenwürmer. Der geht im Laufe der Jahrhunderte sogar immer -wieder durch den Körper dieser nützlichen Tiere hindurch.« - -Da lächelt der Dicke so vor sich hin: »Nein, das glaube ich nicht, Herr -Doktor! Die glauben’s auch alle nicht! Die sagen’s bloß nicht!« - -Und wirklich! Die andern wissen nicht recht, wie sie sich dazu stellen -sollen. - -»Na, Jungs, dann rückt mal noch ein bißchen enger zusammen! Dann -müssen wir nämlich erst ein kleines Rechenexempel anstellen. -- Also! -Genaue Untersuchungen haben gezeigt, daß rund 10 Regenwürmer unter -einer Fläche von 1 Quadratmeter leben. Was macht das nun auf 1 -Quadratkilometer?« - -»1000 × 1000 × 10.« - -»Das sind also doch 10000000 Regenwürmer auf 1 Quadratkilometer. -Wieviel Milliarden haben wir also da auf unserer Erde? -- Dann hat sich -Darwin --. Übrigens, wißt ihr denn auch, Jungs, wer Darwin war?« - -»Ja,« sagt da der Ernst Ehrenfried, »das war ein englischer Gelehrter -im vorigen Jahrhundert. Der hat gesagt, daß alles, was heute besteht, -Tiere und Pflanzen, nicht immer so gewesen ist, sondern daß alles erst -so geworden ist im Kampfe ums Dasein. Und alles ändert sich noch immer -weiter.« - -Der kleine Köckeritz möchte auch seine Weisheit los werden: »Herr -Doktor, das ist der mit der Vererbungstheorie. Der hat doch auch -gesagt, daß der Mensch von den Affen abstammt.« - -Der dicke Puntz erweist sich auch hier als ein zielbewußter Zweifler. -»Von den Affen?« nimmt er auf. »Na du vielleicht, Achim! Ich nicht!« - -»Na, früher mal! Dicker, du zum Beispiel bist doch dem Orang-Utan noch -viel näher als ich!« - -Den Spaß aber will der Dicke nicht verstehen. Er greift ~sans façon~ -nach dem giftigen, kleinen Köckeritz hinüber, gleich hinter Doktor -Fuchs weg. Der hat nun zwar ziemlich belustigt diesem Zwiegespräch -zugehört; jetzt aber faßt er mit festem Griff die Hand des Dicken. -»Nicht, Dicker! Immer Spaß verstehen! Also Darwin hat sich auch hinter -die Regenwürmer hergemacht. Und er hat lange und sehr sorgfältig den -Kot der Regenwürmer eingesammelt. Auf diese Weise stellte er fest, -wieviel Erde von den Würmern an die Oberfläche heraufgeschafft wird. -Da fand er, daß alljährlich auf einen Quadratmeter 2½ Kilo kamen oder -auf einen Quadratkilometer 2500000 Kilogramm oder 5000000 Pfund oder -50000 Zentner. Könnte man diese Massen auf die betreffenden Flächen -ausstreuen, so würde das eine Erdschicht von 3 ~mm~ geben. Na, Dicker, -bist du nun bekehrt?« - -»Na ja, ich glaube es ja; aber verstehen kann ich es immer noch nicht.« - -»Na, dann passe auf! Derselbe Darwin hat auf ein Feld -- damals war -er noch jung -- Kreidestückchen streuen lassen. Das Feld aber ließ er -dann unberührt und brach liegen und untersuchte die Sache nach einem -Menschenalter wieder -- ich glaube, genauer waren es 29 Jahre. Da fand -er die Kreideschicht 16 oder 17 ~cm~ unter der Oberfläche. Macht aufs -Jahr als Wühlarbeit der Regenwürmer ½ ~cm~, auf 100 Jahre ½ ~m~, auf -200 Jahre 1 ~m~. ~Item~, wie oft mag wohl unser Erdboden schon durch -den Magen der Millionen und Milliarden von Regenwürmern gegangen sein, -die auf unsrer Erde leben!« - -Das interessiert die Jungen; sie hängen jetzt an Doktor Fuchs’ Munde; -keiner spricht ein Wort, als erwarte eben jeder noch mehr. - -Nein doch! Einer der Jungen, der lange Giesel, der knurrt etwas vor -sich hin, als wäre er mit der Sache nicht so ganz zufrieden und -einverstanden. Der Ordinarius kennt ihn schon darin; aber er weiß, wenn -er jetzt den Langen fragt, dann zuckt der in sich zusammen und sagt -nichts. So ist er vorläufig ruhig. Und wirklich, nach einer halben -Minute etwa, als alle andern schon ungeduldig werden wollen, da ist der -Giesel fertig. - -»Herr Doktor,« sagt er, »das mit den Kreidestückchen kann Zufall sein. -Ja!« - -»Wieso denn, Giesel?« blitzt es um ihn herum auf. - -»Ja, wenn Steine auf der Erde liegen und es regnet zum Beispiel, dann -sinken doch die Steine ganz alleine in die Erde ein und immer tiefer! -Mit der Kreide kann’s doch auch so gewesen sein!« - -Das macht die Jungen stutzig. - -»Aber ist nicht Kreide sehr leicht? Vielleicht sinkt die nicht ein!« - -Der den Einwurf macht, das ist der Giesel selber. Er reflektiert -schon weiter: »Aber die müßten die Regenwürmer doch schließlich auch -aufgefressen haben. Und dann müßte diese Kreide doch gerade wieder oben -liegen!« - -Doktor Fuchs sitzt sinnend unter der Schar der Jungen. - -»Ja,« gibt er schließlich zu, »das läßt sich alles hören. So können wir -also keinen Zweifler überzeugen. Aber man hat auch noch einen direkten -Beweis dafür erbracht, daß die Regenwürmer dem Landmann nützen; denn -man hat ein Feld einmal ganz wurmfrei gehalten, das nächste Jahr es mit -Würmern durchsetzt. Und im letzteren Falle war der Ertrag des Feldes -genau noch einmal so reichlich.« - -Der Ernst Ehrenfried ist von den Jungen entschieden der beste -Kenner der Regenwürmer. Er meldet sich jetzt schüchtern, genau wie -in der Klasse: »Herr Doktor, nicht wahr? Wenn man einen Regenwurm -durchschneidet, so wird jede Hälfte wieder ein ganzer Wurm!« - -»Ganz richtig! Und man war dann etwas neugierig und hat einmal zwei -Kopfstücke und zwei Schwanzstücke für sich allein auch zusammengenäht. -Dann wuchsen die einzelnen Stücke nicht mehr größer, sie wuchsen aber -zusammen. Indes, trotzdem war das zusammengenähte Doppelpaar doch nicht -lebensfähig.« - -»Na,« sagt da einer, »das ist aber auch eine ganz verrückte Idee!« - -»Möglich!« meint Doktor Fuchs. »Es muß eben alles untersucht werden! -Na, Jungs, wollen wir weiter?« - -»Ist nichts mehr von den Regenwürmern zu erzählen?« fragt der dicke -Puntz. - -»Oh, noch ein ganzer Sack voll! Nur, uns würde es jetzt zu spät! Also -~en avant, messieurs~!« -- - -Da sprang nun alles auf; hier und da packte auch schnell noch einer -etwas ein oder schnürte an seinem Paketchen herum. Doktor Fuchs wendet -sich inzwischen an den großen Doef: »Na, Herr Feldwebel, haben wir noch -alle?« - -Doef zählt noch einmal schnell und nickt dann: »Alle, Herr Doktor!« - -»Dittmer! Dittmer! Du hast deine Brennesseln vergessen. Hahaha! Wie -sehen denn die aus?« - -»Ach, das sind nun gar keine Brennesseln mehr!« - -»Na,« meint Doktor Fuchs, »gebrannt haben sie dich freilich nicht!« - -»Nein, die brennen ja nur auf der bloßen Haut!« - -»Warum, Dicker? Warum, Jungs?« - -Da wissen mehrere Bescheid. Der kleine Hempel darf es sagen: »Ja, auf -den Blättern stehen solche steifen Haare; aber das sind eigentlich -Röhrchen, die mit einer flüssigen Giftsäure gefüllt sind. Wenn man nun -die Pflanze anfaßt, dann splittern die kleinen Härchen ab, der Stumpf -sticht sich dabei in unsere Haut, und aus dem Röhrchen fließt dann das -Gift in die Wunde und zieht Blasen.« - -»Das war ganz vernünftig! Aber nun schnell, da stehen welche unter der -Eiche! Die wollen wir uns einmal ansehen!« - -Na, jetzt sehen auch alle die Härchen; man probiert sogar und bricht -die kleinen Haarstangen ab, indem man mit einem Grashalm oder sonst -etwas über die Blätter streift. - -Da fährt Doktor Fuchs fort: »Ja, Jungs, warum haben aber die Nesseln -diese Härchen?« - -Die Gesellschaft lacht so lustig darüber; das wissen nämlich alle. »Zum -Schutze!« - -»Ja, Jungs, da lacht ihr! Bei der Brennessel versteht ihr das; aber -könnt ihr mir noch eine Pflanze nennen, die Schutzvorrichtungen hat? -- -Na, seht ihr? Und der Hagen könnte sie mit der Hand greifen, so nahe -steht sie ihm!« - -»Ach, vielleicht die rote Pechnelke da?« - -»Na, freilich! Warum heißt sie denn überhaupt Pechnelke?« -- Doktor -Fuchs hat sich zu der Pechnelke hinabgebeugt. -- »Nun, seht mal -her, Jungs!« Als aber alle Köpfe zusammenschießen und eine tüchtige -Drängelei entstehen will, da meint Doktor Fuchs gelassen: »Na, dann -helpt det nich! Dann muß sich die Pechnelke opfern!« - -Er pflückt sie ab und hebt sie hoch: »Hier, Jungs, seht mal die Gelenke -des Stieles an! Unter diesen Gelenken ist die Pflanze so klebrig, daß -sie sich da gleichsam einen leimigen Ring umgelegt hat. Auf dem bleibt, -wie auf Pech, das ganze Ungeziefer kleben, wenn es der schönen roten -Blüte zu Leibe gehen will.« - -»Aber!« sagt da einer der Jungen zögernd. Er denkt vielleicht, er -wird für seinen Einwurf ausgelacht. »Ist das nicht recht komisch? Die -Pflanze kann sich doch nicht selber solchen Ring umlegen!« - -Doktor Fuchs hat solchen Einwurf nicht erwartet. Er gibt schnell -zu, daß das eine sehr schwierige Frage ist. Zu ihrer Erklärung -müsse man auf viel frühere Perioden zurückgehen. Immer nur -diejenigen der Pflanzen hätten sich erhalten, die zufällig die -besten Schutzvorrichtungen gehabt hätten, und die hätten sich auch -fortgepflanzt, bis nun heute die Pechnelken alle so wären. »Wißt ihr, -wie man das nennt, Jungs?« - -»Zuchtwahl!« -- Einige hatten das Wort bereits auf der Zunge. - -Da kommt aber auch schon ein anderer Junge dazwischengefahren. »Ja, -Herr Doktor, warum stehen denn die Brennesseln immer unter den Eichen?« - -Mit einem Ruck bleibt der Gefragte stehen. »Ach, die Brennessel noch -einmal? Ja, Jungs, warum stehen die immer unten den Eichen? Manchmal -auch in Gräben und hinter Hecken?« - -Die Jungen schauen alle erwartungsvoll auf. Ja, warum stehen die hier -immer unter den Eichen? - -Da ist der Primus auf dem Plan mit einer ganz vernünftigen Erklärung: -»Die werden wohl Schatten und Feuchtigkeit brauchen.« - -»Ja, aber warum wächst denn sonst gar nichts unter den Eichen? Das -sieht ja gerade so aus, als ob die Brennesseln allein von allen -Waldpflanzen Feuchtigkeit haben wollten!« - -Nun muß Ernst Ehrenfried doch die Antwort schuldig bleiben; Doktor -Fuchs wird also schon helfen müssen. Aber er meint: »Jungs, das könnt -und das sollt ihr allein finden! Freilich, dazu müssen wir uns erst mal -solche Nesselkolonie unter einer Eiche ansehen!« -- - -Man war inzwischen ganz auf der Höhe der Havelberge angelangt; da oben -aber ist weit und breit keine Eiche zu sehen. Nein, wirklich nicht, so -weit die Jungen auch um sich gucken. - -»Doch, Herr Doktor! Da unten! Da! Sehen Sie doch! Da! So schräg durch!« - -»Da müssen wir ja hinunter und wieder hinauf!« - -»Ach, Herr Doktor, das ist ja gerade fein!« - -»Na, denn los! Sanfter Galopp!« - -Unter schallendem Juchhe geht’s den kleinen Abhang hinunter. Atemlos -kommt man im Grunde des Tales an. Richtig! Da steht eine prachtvolle, -starke Eiche, die schon manchen Sturm über sich hat dahinbrausen -lassen. In ihrem Schutz und Schatten wimmelt es von den stattlichsten -Brennesseln. Aber sonst findet sich kaum ein Grashälmchen unter all dem -Lumpengesindel der Nesseln. - -»Na, Jungs,« sagt da Doktor Fuchs, nachdem er sich etwas verschnauft -hat. -- Ihm wird das Laufen offenbar schwerer als den Jungen. -- »Na, -wer kann mir nun sagen, warum nur Brennesseln hier wachsen?« - -Jetzt haben das mehrere gefunden. »Die Nesseln brauchen Schatten. Aber -im Schatten wachsen sie dann zu schnell hoch und nehmen den andern -Pflanzen, die nicht so schnell wachsen und groß werden können, die -Nahrung und das Licht weg!« - -»Bravo die Herrn! Sieht das ein jeder ein?« - -Ja, das haben alle eingesehen; sie setzen schon nach dieser halben -Minute Pause da unten an, wieder den Berg hochzuklettern. Als indessen -Doktor Fuchs und der dicke Puntz noch nicht zur Hälfte hinauf sind, da -schallt von oben ein fröhliches Jauchzen und ein kräftig schmetterndes -Hurra herab. Ach, was für Herz, was für Lunge haben doch diese -schmächtigen Großstadtjungen noch! Und die sind doch oft so schlank und -dünn wie Weidengerten! - -»Na, Dicker,« meint da Doktor Fuchs, »du bist wieder mit der letzte. Es -wird dir mal schlecht beim Militär gehen!« - -»Ach, mir nimmt’s keiner übel, Herr Doktor! Die würden sich alle -wundern, wenn ich der erste wäre! So ist’s ganz gut! Die ersten haben’s -manchmal nicht zu best.« -- - - -Die dicke Hauskapelle und die Ameisen. - -Der Dicke ist ein guter Prophet; denn da oben bricht soeben ein -mordsmäßiger Lärm los. Alles drängt sich um Dittmer herum und scheint -auf ihn loszugehen; jetzt schlagen sie sogar auf ihn ein, und -dazwischen schallt es drohend: »Feste! Immer feste! Totschlagen!« - -Doktor Fuchs stürmt in aller Eile die Höhe hinauf. Schon von weitem -schreit er: »Was ist denn los? Was ist denn los?« - -Rohloff kommt ihm entgegen: »Herr Doktor! Herr Doktor! Der Dittmer hat -sich in einen Ameisenhaufen gesetzt!« - -Da ist Doktor Fuchs beruhigt. Er steht jetzt erst einen Augenblick -still und schnappt nach Luft. »Na, _der_ Schaden läßt sich ja kurieren!« - -Nun ist er oben, wo sich der Dittmer immer noch wie wild gebärdet. »So, -Dittmer,« befiehlt Doktor Fuchs, »nun zieh erst mal die Jacke aus! -- -Und nun die Weste!« - -»Au! Das juckt, Herr Doktor!« - -»Ja, ja, glaube ich dir; aber es muß eben dann alles aus. Wir wollen -dir die Biester schon absuchen!« - -»Aber, Herr Doktor!« - -»Na, dann lauf mit dem Insektenzeug den ganzen Tag umher! Das Hemde -kannst du ja anbehalten. Ganz als Naturgriechen wollen wir dich ja -nicht gleich sehen!« -- - -Gesagt, getan! Der Dittmer wird ordentlich abge--ameist, und gute und -schlechte Witze muß er dabei noch über sich ergehen lassen. - -»Herr Doktor,« sagt da zum Beispiel der Fritze Köhn, »es gibt also auch -springende Ameisen!« - -»So viel ich weiß, nicht!« - -»Na frag’ ich aber bloß eenen Menschen! Eben sprang so ein kleines, -schwarzes Tierchen hier herunter.« - -»Unsinn!« ist der dicke Puntz schnell auf dem Plan. »Springende Ameisen -heißen eben Flöhe! Der Dittmer wird wohl nebenbei auch solche Tiere -haben!« - -Dittmer aber versteht jetzt gar keinen Spaß. - -»Rede keenen Stuß,« sagt er sehr gereizt, »sonst kriegst du ein paar! -Hier kriecht noch eine. Fasse mal schnell zu!« - -»Halt! Hier auch noch eine!« Damit sengt der dicke Puntz dem -Ameisenmenschen eins auf, daß der gleich in seinem Hemde einen -kolossalen Luftsprung macht. Zum Trost und zum Spott aber beruhigt ihn -der Dicke: »Du, die ist wirklich tot!« - -Schließlich ist der Dittmer ameisenrein und auch wieder in seinen -Sachen. Aber es ist ihm doch noch den ganzen Tag, als ob es hier und da -juckt, und er vermißt sich jetzt hoch und heilig, er würde jede Ameise -tottreten, die er fände, und jeden Ameisenhaufen auseinanderstökern. - -»Na schön, Dittmer!« unterbricht Doktor Fuchs diese Beteuerungen. -»Aber, bitte, nur heute noch nicht! Laß uns erst mal über den Buckel -hinaufsein; auf dem schönen, breiten, ebenen Weg können wir dann alle -mehr zusammengehen. Da werde ich euch etwas über die Ameisen erzählen.« - -So steigt man wieder lustig bergan, immer an einem großen Zaun -entlang. Über den froh dahinziehenden Jungen rauschen die Wipfel der -hochstämmigen Kiefern; leise ächzen die knorrigen Äste. Lichte Wölkchen -schwimmen im blauen Äther, und alles spricht so zum frischen Sinn und -zum fröhlichen Herzen, daß der Puntz auf einmal seine Mundharmonika -hervorzieht, und dünn, aber doch auch scharf genug fällt es ins Ohr, -das immer schöne, immer frische - - »Muß i denn, muß i denn - zum Städtele hinaus, Städtele hinaus!« - -Ach, da zuckt es den Jungen in den Beinen. Einige fangen an zu singen, -und oben ist man auch schon auf den Havelbergen. Lang dehnt sich ein -schöner, breiter Weg zwischen den Bäumen, ein sogenannter Jagenweg, vor -dem sich weitenden Blick dahin. Soeben erklärt Doktor Fuchs: »Da ganz -hinter müssen wir! Dann schwenken wir rechts ab und kommen wieder zur -Havel hinunter. Nun flott vorwärts! Die Hauskapelle voran!« - -»Was soll ich denn spielen, Herr Doktor?« - -»Na, Dicker, nicht gebieten werd’ ich dem Sänger! Du scheinst ja auch -ein ganzes Repertoire zu haben!« - -»Herr Doktor! Herr Doktor! Der kann alles!« - -»Na also, Dicker! Die Wahl überlassen wir dir selber!« - -Die Hauskapelle zaudert jetzt keinen Augenblick mehr. - - »Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus, - da bleibe, wer Lust hat, mit Sorgen zu Haus!« - -»Ach!« entscheidet aber der Drewian, als das zu Ende ist, und das ist -sehr bezeichnend für diese Großstadtjungen. »Du mußt mal etwas spielen, -was alle können!« - -Sofort ertönt weiter: - - »Anne Marie, mein Engel dich verehr’ ich, - Anne Marie, mein Engel, dich begehr’ ich, - Anne Marie, o gib mir einen Kuß! - Küsse mich, küsse mich, das ist Genuß!« - -So geht es weiter, Ernstes und Heiteres durcheinander, ab und zu -wohl auch mit einem Gassenhauer, der oft gerade mit der schönsten -Melodie in unser Ohr hineinhüpft, bis allen den lustigen Brüdern von -wanderfreudigen Tertianern das Herz im Leibe lacht und springt und der -Doktor Fuchs ausruft: »Dicker! Junge! Du bist ja ein reiner Künstler! -Du mußt einmal Musik studieren!« - -»Jawohl,« setzt Puntz seine melodienreiche Harmonika ab, »Musik -studieren! Hinten bei den Stampfmaschinen in unserer Fabrik! Damit -dürfte ich meinem Vater gerade kommen!« - -Die andern quälen und wollen noch mehr haben; der Dicke aber behauptet, -er hätte keine Puste mehr im Leibe; jetzt wäre auch der Herr Doktor -Fuchs wieder an der Reihe; der hätte noch was von den Ameisen erzählen -wollen. - -»Richtig!« sagt da Doktor Fuchs auch. »Aber da muß ich erst den Dittmer -fragen, ob er weiß, woher bei der Ameisengeschichte der brennende -Schmerz gekommen ist, den er empfunden hat.« - -»Na, freilich,« sagt der knurrig, »die Bande hat mich gezwickt.« - -»Ja, und in die Wunde bringt die Ameise dann noch eine Säure, die nach -ihr Ameisensäure genannt wird. Ähnlich wie bei der Brennessel. Diese -Säure ist schon stark genug, daß sie auch sowieso auf der Haut einen -brennenden Schmerz verursacht. Diesen Saft kann das kleine Vieh in der -Wut oder in der Angst etwa einen halben Meter weit wegspritzen.« - -»Aber, Herr Doktor!« -- Nun hagelt’s geradezu Fragen. -- »Ist denn die -Ameise wirklich das klügste Tier?« - -»Nun, zweckdienlich handelt ja wohl jedes Tier; aber sicher ist es, -daß die Ameisen unter allen Insekten die größten geistigen Fähigkeiten -zeigen.« - -Von den Ameisen weiß Übrigens jeder der Jungen etwas; jeder will auch -etwas dazu sagen. Da indes bleibt Doktor Fuchs wieder stehen, und er -setzt ein hochwichtiges Gesicht auf. »Jungs,« sagt er, »jetzt müssen -wir auf diesem graden Wege noch ein ganzes Ende laufen. Rechts und -links ist da wenig zu sehen. Da kann ja jeder, der etwas gut und genau -über die Ameisen weiß, einen kleinen Vortrag halten. Ich werde einmal -die Themata für unsere jetzund errichtete Rednerschule verteilen.« - -»Ich!« -- »Ich!« -- »Ich!« -- »Herr Doktor!« -- »Herr Doktor!« - -»Immer ruhig Blut! Wer übernimmt die Staatenbildung der Ameisen?« - -»Die Staatenbildung? Das ist schwer!« - -Schon meldet sich ganz ruhig Ernst Ehrenfried. - -»Gut! Der Primus muß immer voran! -- Wer redet aber dann über die -Ameisenarbeiter im besonderen? -- -- Zum ersten! Zum zweiten! Zum --. -Also Manning! -- Wer über die Wohnung der Ameisen? Möglichst natürlich -aus eigener Anschauung! Also ganz einfach! -- Na?« - -Rohloff hält die Hand hoch. - -»Wer über die Nahrung der Ameisen? -- Körer? Gut! Na, das ist aber dann -auch genug. Na, nun los, Ernst Ehrenfried!« - -Vom Mitschüler scheint ein Junge immer noch so was am liebsten zu -hören. Alle drängen sich heran und lauschen andächtig. - -»Nicht so wild zulaufen, Ernst,« mahnt Doktor Fuchs. »Etwas langsam -sprechen und laut genug! Na, nun schieß mal los!« -- - -»Ein Ameisenweibchen,« fängt Ernst Ehrenfried an, »legt in die Erde -oder in einen Baumstumpf oder unter einen Stein etwa ein Dutzend Eier, -die sich zu Larven entwickeln, bei der mangelhaften Nahrung aber, die -ihnen die Mutter nur verschaffen kann, zu Arbeitern werden, das heißt: -zu geschlechtslosen Tieren. Sie helfen der Mutter bei der Ernährung der -nachkommenden Brut; denn die Mutterameise tut nun in ihrem ganzen Leben -nichts weiter als Eier legen. Aus diesen Eiern schlüpfen schon nach -einigen Tagen kleine, weiße Larven aus, die von den alten Arbeitern -fleißig gefüttert werden. Nach -- ich weiß nun nicht mehr genau, Herr -Doktor, nach wieviel Tagen diese Larven sich einspinnen --« - -»Nach vierzehn Tagen etwa.« - -»Nach vierzehn Tagen spinnen sich diese Larven ein; das sind dann die -sogenannten Ameiseneier. Nach abermals vierzehn Tagen aber zerbeißen -die Arbeiter die Puppen, und die junge Brut kriecht heraus; sie muß -aber noch von den Ältern gefüttert werden. Alle diese neuen Ameisen -sind Arbeitsameisen; denn Männchen und Weibchen entstehen erst aus -den Eiern, die im Spätsommer gelegt werden. Die Männchen und Weibchen -haben überhaupt weiter nichts zu tun, als für die Erhaltung der Art -zu sorgen, sie allein sind geflügelt. Manchmal findet sich unter den -Ameisen noch eine vierte Art: das sind auch geschlechtslose Tiere; -aber sie haben einen viel größern Kopf als die gewöhnlichen Arbeiter -und einen furchtbar starken Oberkiefer. Das sind die Soldaten, die auf -Ordnung sehen und bei den Streifzügen die Führer bilden. Alle zusammen -machen den Ameisenstaat aus.« - -»Das war sehr klar und sehr schön!« sagt da Doktor Fuchs. »Das verdient -eine Nummer 1. Hat einer von der geehrten Festversammlung was dagegen?« - -»Nein! Nein! Nummer 1!« - -»Welcher der Herren hat jetzt das Wort?« - -»Ich,« sagt Manning. - -»Richtig! Über die Arbeiter! Nicht wahr?« - -»Ja!« -- Der Junge räuspert sich noch einmal. -- »Also, der Ehrenfried -hat schon gesagt, daß die Arbeiter eben nur arbeiten. Sie haben den -Arbeitstrieb, den wir Menschen wohl nie verstehen werden, weil wir ihn -nicht haben.« -- Dem kleinen Manning sitzt eben manchmal der Schalk -im Nacken. -- »Also, die Arbeitsameisen haben den Arbeitstrieb, und -so arbeiten sie von morgens um 6 Uhr bis abends um 10 Uhr. Und zwar -besteht ihre Arbeit darin, die Männchen und die Weibchen und die Larven -zu füttern, den Baustoff für das Nest herbeizuschaffen und das Nest zu -bauen, das oft einen Meter hoch ist. Manchmal legen sie auch Straßen -an, die von dem Neste aus strahlenförmig weggehen, und die immer nur -der Ameisenkolonie gehören, die sie angelegt hat. Wenn sich irgend -eine andere Ameise oder sonst ein Tierchen -- auch der Mensch gehört -zu diesen Tierchen -- auf diesen Wegen betreffen läßt, so wird es -unbarmherzig erwürgt. Die zu großen Tierchen freilich nicht; der Mensch -auch nicht. Dann müssen die Ameisen am Abend noch den Bau verrammeln -und verschließen und am Morgen wieder aufschließen. Das ist doch alles!« - -»Hier sage ich auch wieder: Bravo!« ist Doktor Fuchs schnell bei der -Hand. »Welche Nummer wollen wir ihm geben, Jungs?« - -»Nummer 1!« schreien da natürlich alle. - -»Na, freilich Nummer 1! Aber der Ernst Ehrenfried hat doch gesagt, daß -solche Ameisenmutter ihr Nest unter der Erde oder in einem Baumstamm -oder unter einem Stein anlegt, und Manning hat behauptet, daß dieses -Nest oft einen Meter hoch wird. Stimmt denn das zusammen?« - -Manning fühlt sich sofort berufen, sich zu verteidigen: »Ja, die -Kolonie wird doch immer größer, und was man so vom Ameisennest sieht, -das sind immer so Nadeln und Holzsplitterchen und Pflanzenteile. Die -sind so draufgeschleppt zum Schutze gegen den Regen und die Kälte.« - -»Ganz richtig! Das ist also auch in Ordnung. -- Na, wer ist jetzt dran?« - -»Ich!« meldet sich Rohloff. »Aber der Manning hat ja nun schon alles -über die Wohnung der Ameisen erzählt.« - -»Herr Gott, ja! Da muß sich Rohloff beleidigt fühlen! Na warte nur, für -dich findet sich schon wieder etwas anderes! Aber, Körer ist uns noch -was schuldig. Nicht wahr? Was war es denn?« - -»Was die Ameisen fressen! Die Ameisen fressen alles, was ihnen vor -den Schnabel kommt. Sie fressen eben alle andern Insekten. Besonders -gerne fressen sie auch die Larven von andern Insekten. Außerdem noch -Raupen, Käfer, Frösche und Mäuse. Sie knabbern auch das Fleisch von den -Knochen ab. Wir haben einmal in unserm Garten einen Gänsekopf in einen -Ameisenhaufen gepackt; den hatten sie nach vierzehn Tagen ganz kahl -gefressen. Schließlich sind sie sogar bis in unsere Küche gekommen. -Ach, das war eine Geschichte! Meine Mama hat manchmal darüber geweint. -Wir konnten die Spinden noch so fest verschließen, sie kamen doch -hinein.« - -Ein anderer fällt da schnell ein: »Meine Tante wohnte in Friedenau in -einer Parterrewohnung. Da waren die Ameisen so arg, daß meine Tante -ausziehen mußte.« - -»Ach,« ist Körer bei der Hand, »da hätte sie alles mit Tran und Teer -beschmieren müssen. So haben wir sie weggekriegt.« - -»Ja,« sagt Doktor Fuchs, »damit kann man sie sich vom Leibe halten. -Auch den Geruch von Petersilie mögen sie nicht. Aber etwas hat Körer -doch noch vergessen, oder er hat sogar zu viel gesagt. Nämlich, sie -fressen nicht alles, was ihnen vor den Schnabel kommt, sondern sie -hegen und pflegen sogar eine Sorte von Tieren. Na, Jungs, das ist eine -kolossal interessante Geschichte! Jeder hat doch schon einmal einen -Holunderbaum gesehen. Na, und die Holunderblätter sind doch manchmal -auf der Oberseite so klebrig. Dieses Klebrige nun, das mögen die -Ameisen gern; das schmeckt ihnen offenbar honigsüß.« - -»Ja, ja, Herr Doktor,« drängt sich der kleine Achim Köckeritz neben -Doktor Fuchs her, »ich weiß! Wir haben einen Holunderbaum im Garten. -Ich habe erst gestern abend an solchem Blatt geleckt. Das schmeckt -wirklich wie Honig!« - -»Ganz recht, Achim! Weißt du denn aber auch, was das ist?« - -»Sie sagen ja selbst, Herr Doktor, das ist Honig!« - -»Na, ich sagte wohl nur, daß es honigsüß ist; denn in Wirklichkeit -ist es etwas ganz anderes. Die Blattläuse haben nämlich solch Blatt -einfach als ihren Appartement betrachtet, und, was der Achim Köckeritz -da abgeleckt hat, das war einfach die Ausleerung der Schild- oder -Blattläuse.« - -Der Achim wird ganz bleich. Er würgt an etwas herum; aber er meistert -sich noch einmal und sagt bloß entsetzt: »Äcks! Pfui Deibel!« - -Einige andere schreien gleich aus Sympathie mit. - -»Oh, das ist nicht so schlimm, Jungs!« wehrt Doktor Fuchs. »Ganz -und gar ungefährlich! Na also, zu unserer Sache zurück! Um diese -Blattlausausleerung immer zu haben, postieren sich einige von den -Ameisen neben die Tierchen und schützen sie vor ihren Feinden. Damit -aber der schöne, süße Kot der Blattläuse nicht vom Regen fortgewaschen -wird, bauen die Ameisen ihren Freundinnen sogar ordentliche Ställe. Sie -leimen nämlich ein loses Blatt oder sonst etwas über ihnen fest, und -nun kann’s regnen, so viel es will, die Blattläuse sitzen eben dann im -Trocknen. Man hat deshalb diese Blattläuse auch die Kühe der Ameisen -genannt, weil sie diese -- man möchte geradezu sagen -- melken.« - -Da lachen die Jungen laut auf. - -»Ja, ja, wirklich melken! Die Ameisen klopfen und streicheln nämlich so -lange mit ihren Fühlern an den Tierchen herum, bis die Blattläuse ihren -Enddarm entleeren!« - -Aber nun das Lachen der Jungen erst! »So eine Schlauheit! -- Die -Ameisen denken dann doch genau so wie die Menschen.« - -»Ja, das sollte man meinen! Einmal hatte jemand in seinem Garten -um einen Baumstamm einen Teerring gezogen. Auf dem Baume saßen -aber bei den Blattläusen noch Ameisen genug. Als die nun den Stamm -hinuntergeklettert kamen, um in ihr Nest zu gelangen, da fanden sie den -Teerring, über den sie natürlich nicht hinwegkonnten. Was machten sie -da nun? Was meint ihr, Jungs?« - -»Vielleicht opferten sich die ersten und bildeten so eine Brücke, daß -die andern drüberkonnten!« - -»Nein, opfern tun sie sich nur in Gefahr oder beim Angriff!« - -»Vielleicht haben sie Blätter oder sonst was auf den Teerring -geschleppt!« - -»Ja, das haben sie getan. Aber dieses ›sonst was‹ waren eben die armen -Blattläuse. Die Ameisen kriegten sie zu packen und klebten sie auf den -Teerring, bis sie selber da gefahrlos hinüberkonnten. Also man sieht, -schlau sind die Ameisen, aber dankbar gegen andere Lebewesen kann man -sie nicht nennen; sogar nicht gegen die, die ihnen nützen.« -- -- -- - - -»Dieser Stein vom Seinestrande.« - -Da schwenkte man eben rechts weg und hinunter; denn hier fallen die -Havelberge zu einem Gesenke ab. Lange, lange bevor noch ein Germane mit -Albrecht dem Bären wieder in diese Gegend kam, hatte der Regen, wenn er -von jenen Höhen herunterströmte, hier ein flaches Sandland geschaffen -und dadurch die Havel zurückgedrängt. Da schneidet die Chaussee gerade -den letzten Zipfel der hier niedriger auslaufenden Havelberge durch und -wendet sich dann von dem Wasser weg in den Wald hinein, um so später -rechtwinklig auf die alte Berlin--Potsdamer Landstraße zu stoßen. - -Durch das Gesenke selbst läuft die Chaussee auf einem aufgeschütteten -Damm, der von weißgetünchten, aufrechtstehenden Steinen eingefaßt ist. -Zwischen diesen Steinen muß man jetzt ein kleines Stückchen hinwandern. - -»Warum stehen denn die Steine hier?« fragt da einer. - -»Frage do’ nich so dumm!« -- Fritze Köhn ist eben ein zappeliger und -schnell denkender Berliner. -- »Damit keener runtersaust, wenn er ’n -Schwips hat.«[11] - - [11] Bezecht ist. - -»Aber,« hat der Frager wieder zu sagen, »wenn nun im Winter Schnee -liegt? Dann sieht man doch die weißen Steine nicht!« - -Ja, nun horchen mehr her. »Wenn nun im Winter Schnee liegt?« - -»Schafsneese!«[12] wirft Fritze Köhn wieder mit größter Gemütsruhe ein. -»Dann werden die Steine schwarz anjepinselt!« - - [12] Schafsnase, gutmütig gemeintes Schimpfwort. - -Das bezweifelt aber der dicke Puntz. »Na, ich weiß nicht! Ich würde sie -weiß lassen. Wenn wirklich jemand da hinunterschlittert, dann fällt er -bei so viel Schnee doch weich genug.« - -»Ja,« meint der kleine Achim Köckeritz schnell, »besonders, wenn man -eine Fettschicht auf den Rippen hat.« - -»Na, du Dürrländer,« repliziert der Dicke ganz gut, »das ist ja bei dir -der bloße Neid! Wenn du man --« - -»Ding, Ding, Ding!« schallt da hell und warnend die Glocke eines -Fahrrades von hinten, und sofort brüllt einer: »Hurra!« Denn die -beiden Männer, die mit ihrem Fahrrad herankommen, sind Offiziere. -Jetzt bricht es geradezu betäubend los: »Hurra! Hurra!« Und so sehr -erregen und begeistern sich diese dummen Tertianer, daß die Hälfte -sich in Trab setzt, gleichsam um den beiden Offizieren das Geleit zu -geben. Aber die sind ja schon durch die kleine Schar durchgeflitzt. -Als indessen das Hurra kein Ende nehmen will, da springt der letzte -der beiden so stürmisch Gefeierten vom Fahrrade herunter. Er legt -die Hand leicht an die Mütze. _Der_ Jubel nun erst! Das hätte sicher -zwischen dem militärischen und dem unmilitärischen Deutschland hier -gleich auf der Landstraße das schönste Verbrüderungsfest gegeben, und -die ganze Menschheit hätte neue Bahnen einschlagen müssen, wenn nicht -gerade hier und in diesem Augenblicke der Weg Jung-Deutschlands von der -Chaussee weg hinuntergeführt hätte auf jene Sandfläche, welche die alte -Havelbucht füllt. Hier steuern die Jungen dem hohen Kiefernhang zu, den -die Grunewaldwanderer das »Große Fenster« nennen. - -Gerade mitten in ihren Weg indessen hat vor vielen Jahrhunderten die -Natur eine Eiche gepflanzt. Die steht da, von der Winterkälte in -Eis geschlagen, von der Sommerhitze gedörrt, vom Sturme gepeitscht -und gekappt, vom Blitz zerschlissen und doch immer weiter grünend -und gedeihend und wachsend, bis sie der stärkste Baum des ganzen, -weit ausgedehnten Grunewaldes geworden ist. Vor diesem Riesenstamme -stehen die Jungen staunend und bewundernd still; sie wandern herum -und betrachten ihn mit stiller Ehrfurcht. Endlich treten sie auch -näher hinzu. Vier Mann fassen sich an und wollen den Stamm umklaftern; -aber der erste und der vierte können sich nicht die Hand reichen, -so daß sich noch der dicke Puntz als Bindeglied zwischen die beiden -freien Hände stellen muß. Das ist ein Baum! Der ist wert, daß man -hinauswandert und bei seinem Anblicke begreifen lernt, daß der magere -Boden der sandigen Mark viel mehr zähe Kraft erzeugt und großzieht, als -man glauben sollte und als viele es jemals glauben möchten. -- - -Doch, ein Tertianer ist nicht dazu veranlagt, lange in schweigender -Betrachtung zu verweilen, besonders wenn hundert Schritte davon durch -das spärliche, lispelnde Schilf das Wasser leise plätschernd an den -flachen Strand heranzieht, und wenn dort drüben die Höhen des »Großen -Fensters« winken, die wie Schanzen aussehen und in der Brust der Jungen -Gedanken erwecken an Klettern und Stürmen. So zieht denn jetzt die -fröhliche Jungenschar hinter dem leichtfüßigen Schrittmacher, dem Esch, -her. Je weiter der aber vorwärtskommt, desto länger wird die Linie -seiner Gefolgsmannen; denn da liegen Muscheln und die allerkommunsten, -aber für den unbefangenen Jungen doch seltsamsten Schneckengehäuse in -reichlichster Fülle und verführerisch umhergestreut. Und die trockenen -Rohrstengel müssen es sich gefallen lassen, geschwippt zu werden wie -Weidengerten. Dabei brechen sie natürlich wie Glas weg und werden -wieder fortgeworfen. Der und jener versucht auch einmal, wie weit man -durch den schwammigen, wassergetränkten Ufersaum an die Havel selbst -hinankommen kann. Dann steht er auf einmal auf den Zehen und dreht sich -elegant um wie eine Tänzerin und versucht, mit eiligen Schritten und -mit hängenden Ohren den festen Sandboden wiederzugewinnen. Unterwegs -macht er vielleicht noch einen Extrasprung; denn er wollte gerade in -einen Kuhfladen treten und wollte es doch eigentlich auch wieder nicht. - -Fritze Köhn, vom sichern Port aus, konstatiert das alles laut und mit -tertianerhaft-erlaubter Schadenfreude; schließlich kommt er sogar zu -der Behauptung: »Dunnerschock ja! Ick hätte nie jedacht, det de so fein -walzen kannst!« - -Als er aber von dem also Verhöhnten dafür einen Klaps kriegen soll, -da wendet er sich blitzschnell und -- rennt mit der Nase gegen einen -aufgehobenen Arm. - -»Na, da schlag aber eener lang hin un steh wieder kurz uff!« muß er -schon wieder schimpfen. »Wat machst de denn mit de Vorderflosse hoch?« - -»Na, ich will die Enten zählen!« -- Ein ganzes Heer von Kriekenten -tummelt sich draußen auf dem Wasser. - -»Ach, Kohl! Du bist eben mal dümmer, als de aussiehst! Det kann keener! -Zähle die Kühe da! Bis zehn kommst de noch! Det macht Effekt un kost -nischt!« - -Dem Fritze Köhn aber kann keiner böse sein. So ziehen also auch schon -im nächsten Augenblick wieder die Jungen friedlich ihrem Ordinarius -nach, der gleich am Eingang des Cladower Sandwerders etwas nach -rechts abbiegt. Hundert Schritte weiter nämlich ist -- ein Stück -von Paris erstanden. Ein kunstsinniger Kämpfer hat im Jahre 1871 -bei dem Brande der Tuilerien in Paris dieses Säulenpaar gerettet -und zur Erinnerung in dieser weltverlorenen, aber wundersam schönen -Ecke des kieferndurchdufteten Havellandes wieder erstehen lassen. -Märkischer Efeu ist an dem Säulenpaar langsam herumgekrochen und hat -sich daran hochgerankt und festgekrallt, als wollte er -- ein echter -Brandenburger! -- damit ausdrücken, daß er zähe festhalte, was er -einmal in Besitz genommen. Auf der Wasserseite jedoch läßt er eine in -das Mauerwerk eingelassene Tafel frei. Auf der liest Doktor Fuchs: - - »Dieser Stein vom Seinestrande, - hergepflanzt in deutsche Lande, - ruft, o Wanderer, dir zu: - Glück, wie wandelbar bist du!« - -Das finden die Jungen sehr nett. Einer aber fragt nun doch noch: »Ist -das alles?« - -»Ach,« lacht der kleine Köckeritz laut auf, »du willst wohl noch eine -Tasse Schokolade zu haben?« - -Keiner freut sich mehr darüber als der Fritze Köhn. »Die nimmt der!« -erklärt er laut. »Vielleicht wird er denn so sachteken schläuer davon!« - - -Blattlaushumor. - -Die paar Schritte über den kleinen Verbindungsdamm zwischen Werder -und Festland geht’s jetzt zurück und dann rechts ab auf ödem Sandwege -zwischen Brombeergebüsch dahin. Vor den Jungen leuchten und blitzen -die kurzen Wellen des immer schönen Wannsees auf. Da fühlen sie keine -Müdigkeit, sondern schleppen die Beine mutig durch den Brandenburger -Schnee, den rieselnden Gelbsand, in den sie einsinken bis an die -Knöchel. Immer zwischen Wald und Wasser hin, bis auf einmal scharf -links die Pumpstation emportaucht und das bunte Gewimmel der Tische und -Stühle in den neuen Lokalen, die am See entstanden sind. Da schlägt der -dicke Puntz vor: »Herr Doktor, kehren wir da ein?« - -»Nein, Dicker, da würdest du dann doch Bier trinken wollen! Das aber -macht beim Marsche nur müde und matt. Hat einer noch etwas für den -Dicken zum Trinken?« - -Von allen Seiten wird ihm da angeboten: Wasser, kalter Kaffee, Tee. - -»Na, am liebsten,« vermutet Fritze Köhn, »wäre ihm Wasser mit ’nem -Schuß was drin.« - -»Aber,« -- Doktor Fuchs sieht nach der Uhr -- »wenn ihr wollt, Jungs, -dann können wir hier noch fünf bis zehn Minuten lagern. So viel Zeit -können wir dransetzen.« - -»Nein, gleich weiter, Herr Doktor! Der Dicke ist bloß faul!« - -»Wir wollen abstimmen!« - -Der dicke Puntz aber hat die ganze Sache schon entschieden: er hat -sich eben, ohne ein Wort zu sagen, hingesetzt. Und als die andern nur -die Miene machen, auch einen Augenblick zu rasten, da legt er sich -einfach ganz lang hin und dreht sich schließlich recht behaglich herum, -so daß er jetzt bauchlings auf dem warmen, weichen Sandboden liegt. -Seine dicken Hängebacken, die »Jewitterbacken« vom Paradetage, hat -er in die aufgestützten Hände gelegt und blinzelt aus seinen kleinen -Schweinsäuglein zufrieden auf den Wannsee hinaus. Sogleich hat sich -eine kleine Schar, bestochen durch diese genußreiche Behaglichkeit, um -ihn herumgelagert. Doktor Fuchs sieht sich dieses Bild vergnüglich an. - -»Wirklich zum Malen!« denkt er. Laut fügt er hinzu: »Wie ist denn das, -Gebhardt, kannst du uns hier nicht photographieren?« - -Der Gebhardt ist immer ein kleiner, überängstlicher Peter. »Jetzt ist -zu viel Sonne! Vielleicht am Nachmittag wieder!« - -»Ja, sonnig genug ist es jetzt!« -- Doktor Fuchs schaut umher. -- »Da -unter dem Baum liegen wir im Schatten!« - -So zieht er mit der Hälfte der Jungen noch einige dreißig Schritte -weiter; da lagern sie sich. - -»Na, Jungs, ist der Grunewald nicht wirklich schön?« - -»O ja, aber hier hinten kommt man ja auch sonst gar nicht her! Oder nur -zum Baden!« - -»Dürfen wir hier baden, Herr Doktor?« - -»Warte mal!« sagt der ausweichend. »Wir werden noch manches Schöne -heute sehen! Was denn? Das glaubst du wohl nicht, Rogall?« - -»Doch!« - -»Na, warum lachst du denn?« - -Statt aller Antwort lacht der Rogall wieder und erklärt dann: »Der -Sausig hat hier solchen faulen Witz gemacht.« - -»Na, den müssen wir doch alle hören! Nu schieß mal los, Sausig!« - -Der läßt sich auch gar nicht nötigen. »Ach, ich habe den Rogall bloß -gefragt, ob er den größten Automaten kennt!« - -»Na, den kennen wir auch nicht! Nicht wahr, Jungs?« - -»Nein, nein! Kennen wir nicht!« - -»Das ist das Polizei-Präsidium in Berlin. Wenn man oben eine Scheibe -einwirft, kommt unten ein Schutzmann raus!« - -Schallender Beifall belohnt den Erzähler. Während aber alle noch -lachen, meldet sich schon der Doef krampfhaft: »Herr Doktor, ich weiß -auch was!« - -»Na, dann gib’s zum besten!« - -»Bei uns im Norden, da steht früh um achte ein kleiner Junge mit der -Mappe auf dem Rücken an der Bordschwelle. Und der Junge heult! Da kommt -eine Frau und fragt ihn: ›Junge, warum heulst du denn?‹ -- ›Ja,‹ sagt -er da, ›meine Mutter hat gesagt, wenn ich über den Damm gehen will, -soll ich erst die Wagen vorbeilassen. Und nun kommt gar keiner!‹« - -Der Doef hat kein Erzählertalent; aber die Sache, die sich der Berliner -ja immer plastisch vorstellt, ist an sich spaßig genug. Und das Lachen -sitzt heute so locker! - -Mitten drin in diesem Lachen gibt’s einen Ruck, so daß alle erschrocken -aufspringen: der kleine Heerhaufen nebenan ist mit lautem Aufschrei -auseinandergeflogen. Die einen, welche sich nicht früh genug aufgerafft -haben, kriechen blitzschnell auf allen vieren fort, und dann erst -richten sie sich auf und fangen an zu lachen. Aber auch so zu lachen! -Und die andern, die schon stehen, fallen wieder lang hin und wälzen -sich auch vor Lachen und können da gar kein Ende finden. In der Mitte -dieses soeben noch so idyllischen Schäferbildes aber, das jetzt -freilich einer Szene aus dem Tollhause gleicht, da liegt ruhig der -dicke Puntz und blinzelt aus seinen kleinen Schweinsäugelein ganz -erschrocken um sich. In seiner Verlegenheit -- denn er ist in großer -Verlegenheit! Man sieht es ihm an! -- in seiner Verlegenheit glotzt -er dann auf die weißblinkende Fläche des Wannsees hinaus, wo doch gar -nichts zu sehen ist. Und trotzdem er -- nun schon eine geschlagene -Minute lang -- noch kein Wort gesprochen, ist er dennoch der Urheber -des ganzen Aufstandes. - -Da kommen die andern von drüben herübergesprungen: »Was ist denn los?« --- »Warum lachst du denn so, Köckeritz?« -- »Warum lacht ihr denn? -Mensch antworte doch!« -- »Lache doch nicht so!« -- »Warum lachst du -denn?« - -So geht es durcheinander; eine vernünftige Antwort jedoch ist aus -keinem herauszubekommen, bis sich schließlich Doktor Fuchs an den -Dicken wendet. Der tut ja zwar auch ganz sonderbar, aber immerhin -scheint er noch der einzig ruhige und vernünftige Mensch in der ganzen -Gesellschaft zu sein. - -»Na, Dicker, du bist doch bei klarem Verstande! Was habt ihr denn da -alle miteinander?« - -Langsam und schwerfällig richtet sich der Dicke auf, und dabei sagt -er bedächtig und mit beinahe weinerlichem Gesicht: »Ja, ich bitte um -Entschuldigung, Herr Doktor! Aber die fingen auf einmal alle an, an mir -herumzustreicheln und herumzuklopfen, und dann kitzelten sie mich alle -und sagten immer, sie wären die Ameisen und ich eine Blattlaus. Und da --- habe ich -- da bin ich --« - -Der Dicke hat das Gesicht wie mit Blut übergossen. Er kann gar nicht -mehr weitersprechen und stottert jetzt nur noch einmal ums andere: »Ich --- ich -- ich --« - -»Ja« -- jetzt hat sich der kleine Köckeritz so weit erholt -- »Herr -Doktor, es ist ja gar nicht so schlimm!« Aber er muß doch wieder -lachen und prustet plötzlich heraus: »Dem ist nur ein bißchen das Fell -geplatzt!« - -Auch Sausig hat zur Partei der Lacher gehört; der findet jetzt das -richtige Wort: »Herr Doktor, der Dicke hat die Blattlaus beinahe zu -natürlich gespielt! Aber er war nicht dran schuld! Wir haben ihn zu -sehr gekitzelt!« - -Nun verstehen alle, und nun geht das unbändigste Lachen noch einmal los. - -Auch Doktor Fuchs faßt die Sache von der guten und spaßigen Seite auf. -»Ist recht, Dicker,« sagt er, »gib’s ihnen man ordentlich! Das ist -durchaus menschlich! Komm! Da laß dir also keine grauen Haare drum -wachsen!« - -Das war für den armen Dicken ein erlösendes Wort. Jetzt lachte er sogar -selber wieder mit. - -_Ein_ Gutes hat der unfreiwillige Humor des Dicken noch außerdem -gehabt: jetzt fühlt sich keiner mehr müde; das herzhafte Lachen, das -allen das Zwerchfell wirklich einmal nach allen Seiten ausgeschüttelt -und ausgeschüttert hatte, war gegen Müdigkeit ebenso gut gewesen wie -ein Stündchen Schlaf und wirksamer als der stärkste Wille. -- -- -- - - -Vom Wannsee nach der Pfaueninsel. - -So ziehen jetzt die Jungen noch einmal so munter weiter, an Belitzhof -vorbei und nun ein Stückchen die Chaussee hin, vorüber an dem niedrig -angelegten Mauerwerk der Pumpstation mit den kleinen Luftlöchern von -Fensterchen, so daß die Anlage ganz unnahbar aussieht. - -Hier drängt sich der Achim Köckeritz an Doktor Fuchs hinan. »Herr -Doktor, einmal war ein Pariser Geschäftsfreund meines Vaters bei uns. -Da sind wir mit ihm hier nach Belitzhof und nach Wannsee und nach dem -Schwedischen Pavillon gefahren. Als wir nun hier vorbeikamen, da sprang -der Herr plötzlich im Wagen auf, und dabei schrie er wie besessen: ›Ah, -Sie saggen, daß Berlin ist nicht Festung! ~Voilà des fortifications! Un -fort! Un fort!~‹ Nachher wollte er auch gar nicht glauben, daß das nur -die Wasserwerke sind.« - -»Ja« -- Doktor Fuchs bleibt einen Augenblick stehen, und auch die -Jungen schauen jetzt neugierig auf den niedrigen, roten Ziegelbau -hinüber, der mit Erde bedeckt ist, so daß er in der Tat von der -Bahn aus kaum zu sehen sein wird -- »ja, das Ding sieht allerdings -Kasematten nicht ganz unähnlich.« - -Schon dieses kriegerische Wort interessiert drei Dutzend wirklicher, -frischer Jungen mehr, als dreißig Dutzend Mummelgreise glauben könnten. -Während man also über das Sandfeld halb rechts wegschreitet und an -den ersten Villen von Wannsee vorüberzieht, schwirren alle möglichen -Erzählungen von Festungen und Forts und Kasematten um die kleine Schar -herum, und wenig Sinn haben jetzt die Klugsnaks von Tertianern für die -Schönheit dieser Villen und Gärten aus Tausend und eine Nacht. Nein, im -Handumdrehen gleichsam hat man den Bahnhof Wannsee vor sich und folgt -Doktor Fuchs, der jetzt rechts um die scharfe Ecke schwenkt und seine -Klasse auf ein kleines Plateau hinausführt. - -Da steht auf hohem Sockel und in einer kreisförmigen Nische von -üppigem Grün die Kolossalbüste des Eisernen Kanzlers, und über die -vorn abschließende Hecke weg schweift der Blick auf des Wannsees -lichthelle Fläche hinunter, die drüben in ihrer klaren Flut die Zinnen -hochragender Villen spiegelt. Leise und träumerisch schaukeln weiße -Boote vor ihren Ankern; ein kleiner Dampfer zieht eine silberne Furche -von dem Landungssteg unten hinüber nach dem Paradies des Schwedischen -Pavillons. Majestätisch strebt soeben ein stattlich großes Dampfboot -wie ein mächtiger, weißer Schwan rechts hinaus, der offenen Havel zu, -die drüben von den steil aufsteigenden Hügellehnen bei Cladow begrenzt -wird. Von Süden her aber schimmert die weiße Fläche des »Kleinen -Wannsees« herüber, und das staunende Auge kann es kaum fassen, dieses -lieblichste aller lieblichen Havelbilder. Es ist ein wundersames -Gemälde, hineingezaubert in die karge und herbe Schönheit des sonst so -verrufenen Brandenburger Landes. -- - -»Wo essen wir denn Mittag, Herr Doktor?« -- Dem Dicken wird es so eigen -im Magen, als man das schöngelegene Restaurant am Knie der Chaussee -links liegen läßt und stramm weiterzieht. Da gibt’s noch manchen -schönen Blick nach rechts hinaus auf den Wannsee; aber man hat schon -so viel des Schönen gehabt, daß man vieles jetzt achtlos vor den Augen -vorübergleiten läßt. - -Erst vor dem Flensburger Löwen, oben auf der geräumigen Schanze, macht -man wieder Halt. Da stehen unsre Jungen und lassen sich erzählen, -wie die Dänen das Original, das jetzt im Hofe des Lichterfelder -Kadettenhauses steht, einst Deutschland zum Hohne in Schleswig -aufgerichtet hatten; wie aber dann Schleswig wieder deutsch wurde und -der dänische Leu dem preußischen Adler nach der Mark folgen mußte. -Während das starre Eisenauge früher nach Süden -- nach Deutschland -herüber -- schaute, jetzt ist es nach Spandau hinauf und viel weiter -hinaus gerichtet, nach Norden hin, der alten Heimat zu. -- - -Im engen Kreise zieht man um die Wasserlöcher tief unten herum und an -den Grotten des Aussichtsturmes hoch oben vorbei. Dann geht es flott -weiter hinaus, hinten am Kirchlein vorüber und geraden Wegs durch -mageren Kiefernbestand und über einen echt kurmärkisch-sandigen Waldweg -weg zur großen und wunderbar gepflegten Chaussee. Die steigt allmählich -erst sanft an, führt aber dann wieder hinab zur Havel. An lauschigen -Buchten eilt man so vorüber, und bis auf Steinwurfsweite schiebt sich -drüben endlich die von der Geschichte verklärte Pfaueninsel heran. - -Ja, die Pfaueninsel, die wollen die Jungen besuchen. Aber erst will -man im Restaurant diesseits des Wassers, beim Vater Ehrecke, zu Mittag -essen. Dieses Mittagessen ist ja zu zwei Uhr bestellt, und nur noch -zehn Minuten fehlen an dieser Zeit; gerade genug, um sich von dem -langen Marsch zu neuer Arbeit etwas auszuruhen und den Magen in die -beste Stimmung zu versetzen. - -Man sucht sich ein Plätzchen in dem sauber gepflegten Garten aus. Das -ist ja für einen Jungen immer schon eine wichtige Sache. Man legt dabei -das Ränzel ab; man kramt darin herum und -- läßt auf einmal alles -stehen und liegen und guckt und sieht und sucht und lockt, die Hühner -nämlich. - -»Put! Put! Put!« - -Da kommen denn einige eiligst und langbeinig angewackelt, während die -ruhigeren Hühnernaturen ein Bein in die Luft heben und langhalsig erst -einmal zusehen, ob denn die übereifrigen Freundinnen wirklich etwas -ergattern können. Aber die Jungen wollen gerade _alle_ Hühner haben; -denn sie haben an diesen Hühnern etwas ganz Sonderbares entdeckt: alle -nämlich tragen Ringe wie die Menschen; freilich nicht an einem Finger, -sondern am Bein, einige am linken und einige am rechten. Das, ja das -ist nun eben den Jungen ein Rätsel. Fritze Köhn meint, die mit dem Ring -am linken Bein, die wären verlobt und die andern verheiratet. Da nun -sein Urteil immer so etwas Salomonisches an sich hat, so glaubt das -auch schon die gute Hälfte der Jungen, und dem Doktor Fuchs blitzt -dabei der Schalk etwas aus den Augen; aber er sagt nichts. - -Der Vater Ehrecke indes geht auf den Scherz ein. »Ja, der Hahn da,« -meint er bedächtig, »der ist auch noch verlobt! -- Aber das ist doch -ein windiger Bruder!« - -»Wie kriegen sie denn die Ringe aber auf die Beine drauf?« - -Der Vater Ehrecke verzieht keine Miene. »Das haben schon verschiedne -Herrschaften gefragt. Aber es ist sehr einfach. Jeden ersten im Monat -lege ich einige Ringe da neben den Futternapf, und alle die Hühner, -die sich verloben wollen, kriechen mit der linken Pfote durch den Ring -durch.« - -Die Jungen lachen darüber unbändig; manche wissen nicht recht, sollen -sie es glauben oder nicht. Der dicke Puntz aber forscht jetzt weiter: -»Na, wenn sie sich aber nun verheiraten? Wie kriegen sie denn dann den -Ring auf die rechte Pfote?« - -»Das ist noch einfacher! Da tauschen sie das rechte Bein gegen das -linke aus!« - -Da muß aber auch Doktor Fuchs lachen. »Ehrecke,« ruft er, »Sie lügen -uns aber heute ganz fürchterlich die Hucke voll!« - -»Na« -- jetzt bekennt der Vater Ehrecke Farbe -- »nein, Jungens, nun -seht mal her!« -- Dabei holt er verschiedene Ringe aus der Tasche -heraus. -- »Solch Ring kann auf- und zugeknipst werden! So! Hier seht -ihr auch eine Jahreszahl drin. Das ist zum Beispiel einer für dieses -Jahr. -- Seht ihr? -- Solchen kriegt also ein Huhn, das von diesem Jahr -ist!« - -Nun ist ja alles klar, und weil es nun klar ist, interessiert es auch -die Jungen nicht mehr, besonders da der Kellner jetzt auch etwas zu -schnabulieren bringt. Da ist sogar einer sehr fix bei der Hand, der -sich sonst Ruhe und Zeit gelassen hat. Das ist natürlich der dicke -Puntz, und die Begründung, die er dafür gibt, sieht ihm ähnlich: »Je -früher wir fertig sind, desto eher haben wir nachher wieder Appetit!« - -~Exest colloquium.~ Es war doch wohl ein strammer Marsch von den -Havelbergen her; dem Vater Ehrecke leuchtet die Freude aus dem -gutmütigen Gesicht, als er sieht, mit welchem Appetit man hier -arbeitet. Das gefällt ihm, und so erzählt er beim Essen dem Doktor -Fuchs und den Jungen noch manche Schnurre. -- - -Endlich denkt man auch ans Berappen. Aller Mammon sammelt sich erst vor -Doktor Fuchs, der dann die Summe an den Kellner abführt. -- -- -- - - -Aufregung von Anfang bis zu Ende. - -Es ist die höchste Zeit; denn die Jungen sind schon ungeduldig -geworden, und doch dürfen sie keinen Fuß aus dem Lokal hinaussetzen. -Doktor Fuchs will der erste sein. Er weiß wohl warum; man will sich -jetzt zur Pfaueninsel übersetzen lassen. Da heißt es, auf die Jungen -scharf achtgeben. Einige sind immer dabei, die am Wasser so ungeschickt -und taprig sind wie die jungen Puten. - -An der Tür also warten die Jungen, ungeduldig zwar, aber sie warten -doch. Dann jedoch stürzen sie hinaus, daß Doktor Fuchs seine ganze -Lungenkraft gebrauchen muß, um die ungeduldigsten Stürmer vom Wasser -zurückzuhalten. Es hat ja zudem auch alles keine Eile; denn das -Fährboot ist gerade drüben, und mit dem elenden Kahn da links, nein, da -könnten kaum fünf Mann auf einmal hinüber. - -Als aber die Fähre jetzt langsam herüberkommt, da drängen die Jungen -vor, und -- wie kam das? -- auf einmal gibt’s einen Plumps, und Doktor -Fuchs sieht gerade noch, wie das Wasser über dem Achim Köckeritz -zusammenschlägt. Im selben Augenblick springt ein anderer Junge nach. -Doktor Fuchs weiß nicht, wer es ist; er selber reißt sich die Stiefel -von den Beinen und den Rock vom Leibe. Jetzt steht er auch schon im -Wasser und hat den Ernst Ehrenfried gepackt. Der wieder hält den Achim -Köckeritz. - -Die andern Jungen sind starr vor Schrecken. Es ist aber auch alles so -schnell gegangen; man weiß gar nicht wie. Ernst Ehrenfried sitzt auf -den Steinen; neben ihm liegt der kleine Achim Köckeritz. Der kann ja -gar nicht von dem Augenblick da im Wasser ertrunken sein! Vielleicht -Herzschlag? -- - -Doktor Fuchs hat sich über Köckeritz gebeugt, selbst bleich wie der -Tod. Das Gefühl, in letzter Linie doch verantwortlich zu sein für seine -Jungen, das preßt ihm die Brust zusammen und rüttelt und schüttelt -an ihm herum, während er den Kopf des Kleinen geradelegt und die -schlaffen, kleinen Arme dann unaufhörlich auf- und niederbewegt. Die -Todesangst auf den Gesichtern der andern Jungen ist entsetzlich; jede -Muskel ist gelähmt. - -Schon aber schlägt der Achim die Augen auf. Nachdem er einen Moment -erst starr in den Himmel hineingesehen, richtet er sich plötzlich auf -und ruft empört aus: »Der Sausig, der hat mir einen Schubs gegeben!« - -»Ich? Ich habe ja überhaupt da drüben gestanden!« - -»Dann war’s ein andrer! Aber einen Schubs habe ich gekriegt!« - -»Schön!« kommt Doktor Fuchs dazwischen. »Ob Schubs oder nicht! Du -hast im Wasser gelegen, und nun heißt’s hübsch folgen! Dicker und -Sausig, nehmt mal den Achim unter den Arm und führt ihn hinüber zu -Vater Ehrecke! Na, Ernst, geht’s allein? Du bist ein braver Junge! Der -allerbravste von allen! -- So, und nun, meine Herrschaften, alle noch -mal zurück! Kein Mensch soll es wagen, auch nur einen Fuß aus dem Lokal -hinauszusetzen!« - -So geht’s wieder hinüber zu Vater Ehrecke; Doktor Fuchs dabei auf den -Strümpfen und ohne Rock. Die Jungen haben sich der Sachen erbarmt und -bringen sie mit. Vater Ehrecke sieht das; er ahnt gleich die ganze -Geschichte; er weiß auch Rat. »Kinder in dem Alter haben wir ja nicht -mehr,« sagt er dienstfertig, »aber wir stecken die beiden so lange ins -Bett, bis ihre Sachen trocken sind. Na, und Sie, Herr Doktor, kriegen -ein Paar Hosen von mir!« -- -- -- - -Die Hosen waren für Doktor Fuchs freilich recht reichlich, besonders in -der Gegend, wo beim älteren Menschen sonst der Bauch zu sitzen pflegt. -Als er damit wieder auf der Bildfläche erscheint, kichern die Jungen -erst leise und lachen ihn schließlich sogar kräftig aus. Der dicke -Puntz kommt sogar auf die Idee: »Herr Doktor, am Nachmittag sollte -Gebhardt uns doch photographieren!« - -»Soll ja auch kommen!« lacht der Gefragte leise vor sich hin. »Oben -im Portal der Kirche! Jetzt, Jungen, wollen wir mal zur Pfaueninsel -hinüber. Da ihr aber gesehen habt, was alles vorkommen kann, so bitte -ich mir jetzt die größte Ruhe und Ordnung aus!« - -Natürlich; jetzt geht alles glatt von statten. Man bummelt so über die -Pfaueninsel weg, und alles Historische aus dem Leben des alten Kaisers -erzählt da Doktor Fuchs. - -Manch schöner Punkt geht vor den Augen der Jungen vorüber; im großen -und ganzen indessen scheint ihnen doch die Pfaueninsel zu ausgedehnt. -Wer hätte denn auch gedacht, daß sich dieses scheinbar ganz kleine -Fleckchen Erde so weit in die hier freilich gewaltig breite Havel -hinziehen würde! Schließlich wird die ganze Sache sogar etwas -langstilig, und nur die russische Rutschbahn der Kaisertochter belebt -auf einen Augenblick wieder das Interesse. - -Als man am Landungssteg steht, packt Doktor Fuchs seine Jungen wieder -dicht zusammen. - -»Also, Jungs,« predigt er eindringlich, »erstens bitte ich mir wieder -Vorsicht aus. Zweitens aber ändre ich meinen Plan etwas. Ich wollte -eigentlich mit euch oben auf Nikolskoi Kaffee trinken. Da wir aber dem -Herrn Ehrecke durch Köckeritzens Kopfschuß so viel Schererei machen -mußten, möchte ich dem Mann auch entgegenkommen. Wir werden also -auch drüben unsern Kaffee trinken, aber wohlverstanden nicht gleich, -sondern nachdem wir noch die kleine Tour nach Nikolskoi hinauf gemacht -haben!« -- -- -- - -Nach zwei Minuten ist man drüben, und Doktor Fuchs springt schnell -einmal ins Haus hinein, um nach den beiden Patienten zu sehen. Die -sind unter der Obhut der wackern Hausfrau gut aufgehoben; sie sind -dabei fröhlich und guter Dinge. Ihren Kaffee haben sie sich sogar schon -schmecken lassen. - -So geht Doktor Fuchs schleunigst wieder hinunter, daß seine Jungen -nicht unnütz warten müssen und etwa Allotria treiben. Als er eben um -die Ecke biegt, ruft der Herr Ehrecke hinter ihm her: »Herr Doktor, -Herr Doktor! Ich habe noch eine Hose; die ist ein bißchen enger.« - -»Nein, nein, lassen Sie nur jetzt! Meine Jungen haben sich so sehr über -mein Kostüm gefreut, daß ich ihnen auch eine Photographie davon gönne!« - -So zieht man denn hinter dem Haus vorüber schräg links hinauf, den -Erdbuckel hinan, durch gemischten Wald hin. Es ist ein wundersam -lauschiger Weg. Plötzlich hebt sich die Peter-Pauls Kirche von -Nikolskoi, wo die Gebeine Prinz Friedrich Karls ruhen, schlank empor. - -Das ist nun etwas ganz andres und dabei so Eigenartiges und Neues dazu. -Einige der Jungen stürmen die Treppe hinauf und sehen sich oben zu -ihrer Überraschung auf einem kleinen Steinplateau. Während sie aber zur -halbkreisförmig gehaltenen Brustwehr vorspringen, sehen sie unten andre -Kameraden um diese bastionsartige Brustwehr herumlaufen. Großes Hallo -darob! Sogleich stürmen diese andern auf der entgegengesetzten Treppe -herauf, während die oben Stehenden natürlich hinunterwollen. - -Doktor Fuchs ist jetzt auch oben und bedeutet dem Gebhardt ruhig, er -möchte seinen Apparat zurechtmachen. Hier soll photographiert werden. -Das zieht die Jungen wieder an wie der Magnet das Eisen. Immer mehr -sammeln sie sich, und jeder glaubt sich berufen, ein Wort mitreden zu -dürfen. Ganz dumm könnte es Doktor Fuchs und dem kleinen Gebhardt im -Kopf davon werden; nur den Jungen nicht; denn wer den Lärm macht, der -hört ihn gewöhnlich gar nicht. - -»Aber,« sagt der dicke Puntz auf einmal, »hat auch Drewians Nase auf -der Platte Platz? Wo stecken wir denn die sonst hin?« - -Das ist etwas für den Fritze Köhn. »Unsinn!« erklärt er mit trocknem -Humor. »Die is janz jut! Damit wird er nachher oben von Nikolskoi aus -’n bißken in der Havel angeln!« - -Jeder weiß, daß der lange Drewian der erste gewesen ist, als um die -Nasen gelaufen wurde. Während er aber immer sonst ein ruhiger Junge -ist, der wenig sagt, jetzt hat er im nächsten Augenblick schon die -richtige Antwort gefunden: »Die halte ich neben deine Hängebacken, -Dicker! Da sieht man sie nicht! Und dein Maul ist so groß, Köhn, daß du -dir bald selber was ins Ohr sagen kannst!« - -Die andern lachen darob unbändig. »Der hat recht, Dicker! Dein kleiner -Nasenproppen paßt nicht zu den Backen!« - -»Du, halt die Luft an!« - -Aber der Dicke hat kein Glück. »Das kannst du mit deinem Stups viel -besser!« fliegt ihm von anderer Seite zu. - -»Und Fritze Köhn kann sich --« - -»So, Jungs!« kommt Doktor Fuchs in dieses Wortgefecht hinein, dem er -Übrigens ganz belustigt gelauscht hat. »Nun verfügt euch mal in die -Türnische da! Nein, nein! So nicht! Die Kleinen vorn!« - -»Wo kommen Sie denn hin, Herr Doktor? -- Ich will neben Sie!« -- - -»Du!« -- Die Rauferei soll wieder losgehen. -- »Du läufst schon die -ganze Zeit neben ihm. Ich --« - -»Nun haltet mal endlich den Mund, Jungs!« fährt der Ordinarius kräftig -dazwischen. - -Das wirkt, und endlich kann der Hofphotograph sagen: »Einen Augenblick! --- Danke! Herr Doktor, darf ich schnell noch _eine_ Aufnahme machen?« - -Das ist im Handumdrehen geschehen. - -Aber für die paar Augenblicke des Ruhigstehens entschädigen sich jetzt -die Jungen. Hier führen einige wie wild einen Indianertanz auf; dort -fangen zwei an, sich zu raufen, und wieder andre sind an die Steinrampe -der Rotunde vorgesprungen und möchten einmal versuchen, die Bewohner -jenseits der Havel, die doch hier eine gute halbe Stunde breit ist, zu -errufen. Doktor Fuchs fährt entsetzt herum. »Donnerwetter, Jungs! Seid -ihr verrückt? Hier stehen wir an einer Kirche!« -- -- -- - -So zieht man endlich in Ruhe die paar Schritte hinauf nach dem -Blockhaus von Nikolskoi. Und dann auf dem kiefernbestandenen Sandbuckel -noch zwanzig Minuten weiter bis Moorlake, wo man auf der Chaussee -unten an der Havel Kehrt macht, um zu Vater Ehrecke zum Kaffeetrinken -zurückzukehren. -- -- -- - - -Beim Kaffeetrinken. - -Da sitzt man nun endlich wirklich wieder beim Vater Ehrecke. Man sitzt -in der Tat; denn die Beine haben heute doch schon so manches leisten -müssen. - -Plötzlich aber schreit einer: »Hurra!« und der dicke Puntz springt -auf und ruft allen andern zu: »Die Klasse erhebt sich zum Zeichen der -Hochachtung!« - -Das sind die Worte des Doktor Fuchs sonst in der Klasse gewesen, wenn -jemand einmal etwas ganz Besondres geleistet hatte. Grade deshalb -auch lachen jetzt alle wieder so herzlich; sogar der Ordinarius, der -nämlich eben mit Achim Köckeritz und Ernst Ehrenfried aus der Haustür -herausgetreten ist. Und alle möchten den beiden, die bis jetzt hatten -im Bett liegen müssen, ein gutes Wort sagen. Fritze Köhn befühlt eben -den Achim Köckeritz: »Biste denn schon trocken?« - -»Na,« erklärt der entrüstet, »siehst du ja!« - -Das aber ist dem »Urballina« gegenüber der falsche Ton gewesen. »Ja, -seh ick ooch!« antwortet er schnell. »Brauchst nich jleich so zu -schreien! Ick meente man bloß: hinter de Ohren!« -- - -Der kleine Köckeritz ist schon von andern mit Beschlag belegt -worden. Gegen den Fritze Köhn, na, gegen _den_ zöge er doch den -kürzern. -- -- -- - -»So, Jungs!« hört man jetzt den Doktor Fuchs. »Nun wieder setzen! Stoß -du da nicht an!« -- Der Kellner geht mit einer großmächtigen Kanne -herum und gießt den Kaffee ein. -- »Wo ist der Napfkuchen, Pelz?« - -Pelz’ Vater ist ein ehrsamer Bäckermeister; er hat einen -Riesennapfkuchen gebacken und der Klasse »zu Händen des ~Dr.~ Herrn -Fuchs« zur Partie mitgeschickt. Und jeder hat diesen Napfkuchen ein -Stück Wegs tragen müssen; nur Pelz selber wollte nicht, bis ihm der -Fritze Köhn auf die Jacke gefahren war: »Du, Pelz, den Nappkuchen -mißtest de eijentlich alleene dragen, weil den dein Vater jestiftet -hat! Na, ran also! Denkst de denn, weil de Pelz heeßt, ha’m mer dich -nur mitjenommen, daß de zu Hause nich de Motten krist?[13]« - - [13] kriegst. - -Das hatte den Ausschlag gegeben. Pelz hatte sich auslachen lassen -müssen; er hatte zwar noch was vor sich hingebrummt, aber den -Napfkuchen, den hatte er doch dann seine zehn Minuten getragen. -- - -Jetzt wurde dieser Napfkuchen also geteilt. Mit argwöhnischem Auge -wachten dabei die Jungen darüber, daß ja auch die Teile gleich werden -möchten. Da freilich Doktor Fuchs selbst diese Teilung vornahm, so -wagte ja kein Mensch, etwas zu sagen; aber jeder suchte sich doch immer -schon im voraus ein Stückchen aus, um nachher schnell zufassen zu -können. - -»Halt!« erklärte indessen Doktor Fuchs schließlich. »Sind alle gleich! -Nicht aussuchen! Wie sie ablaufen!« -- - -So saß man denn und trank und aß. Aber dabei hatte man immer noch Zeit, -Gedanken und Zunge etwas spazieren gehen zu lassen. - -»Du,« fing Fritze Köhn zuerst zu seinem Nachbar wieder an, »den Kaffee, -den trink mit Verstand! Det ’s ’n ordentlich vierstrehniger!«[14] - - [14] sehr stark. - -»Hab keene Angst! Ick wer’ mich nich dran verjiften!« - -»Denk ick ooch nich! Aber er könnte dir zu Koppe steijen. Mancher wird -furchtbar leicht brejenklietrig!«[15] -- - - [15] verrückt. - -Auch nebenan und gegenüber wird harmloser Blödsinn geschwatzt. - -»Schmeckt sehr schön, Pelz! Wenn dein Vater man halb soviel Kourage -zum Schenken hätte, wie wir zum Essen, dann würde er dir jeden Tag ’n -Nappkuchen mit zur Schule geben!« - -»Au ja! Zum Extemporaleschreiben! Wer die meisten Fehler macht, kriegt -zum Trost das größte Stück!« - -Doktor Fuchs muß lachen. »Na, Jungs, dann lieber nicht! Sonst muß ich -mich sicher totkorrigieren!« - -Ein Schlaukopf spinnt den Gedanken weiter: »Da wollen wir lieber gar -kein Extemporale mehr schreiben, Herr Doktor!« - -»Das wäre das beste!« entscheidet der dicke Puntz. »Kuchen vertragen -wir schließlich auch so!« - -Pelz nickt dazu und sagt dann orakelhaft: »Ja, wenn wir kein -Extemporale mehr schreiben!« -- - -»Nu kannst du ihn trinken!« springt der Hagen am Ende der Tafel empört -auf. »Herr Doktor! Der Köckeritz hat mir eine Fliege in den Kaffee -ge--ge--geschmissen!« - -»Ich? Ich bin ganz unschuldig! Der Köhn --« - -»Schon wieder der Köhn!« denkt Doktor Fuchs. - -Fritze Köhn selber aber ist mit seinen Worten ebenso schnell: »Na, so -wat lebt nich und zappelt noch!« - -»Ja, eben!« lachen einige andere dazwischen. »Sie zappelt noch!« - -»Köhn ist an allem schuld!« wehrt sich Köckeritz wieder. »Der hat die -Fliege angesungen!« - -»Icke? Herr Doktor, ich habe nur ein bißchen gebrummt! Wahrhaftig!« - -»Na ja,« -- der kleine Köckeritz kann den Schalk im Nacken haben -- »da -ist ihr eben schlimm davon geworden, und da ist sie Hagen in den Kaffee -gefallen!« - -Jetzt haben die andern Jungen alle neugierig aufgesehen. »Was hat er -denn gebrummt?« fragt man. »Sage doch mal!« - -Der Achim Köckeritz lacht wieder: »Was er gebrummt hat? Er hat die -kleine Fischerin gesungen: - - ›Flieje du, du jroße! - Fall nich in de Sooße! - Fall nich in den Kaffeetopp, - sonst krist du ’n Katzenkopp!‹« - -Die Jungen müssen alle lachen und reden jetzt dem Fritze Köhn zu wie -einem kranken Schimmel: »Fritze, mach mal weiter!« - -Der aber sitzt da wie ein Gletscher. »Is nich! Ick bin do’ keen -Quasselfritze!« -- - -Auch am andern Ende des Tisches hat sich ein freundnachbarlicher -Disput entsponnen, dem Doktor Fuchs unauffällig, aber mit großer -Aufmerksamkeit lauscht. - -»Mensch, schlinge doch nicht so! Es bekommt dir ja nicht!« - -»Bekommt mir immer! Du denkst wohl, weil dein Papa Doktor ist! Ich habe -noch nie ’n Arzt gebraucht!« - -»Na, Gott sei Dank!, gibt’s andere, die einen brauchen!« - -»Mancher auch nicht! Bei uns hinten im Hause hat seine Frau gewohnt --- jetzt ist sie tot! -- die hat auch nie ’n Arzt gehabt. Die ist so -gestorben!« -- -- -- - -Doktor Fuchs hat schon vorher erklärt: »Einen kleinen Schluck läßt -jeder in seiner Tasse noch übrig!« Jetzt steht er auf und spricht: -»Obgleich es der dicke Puntz schon vor mir getan hat, muß ich die -Herren doch noch einmal bemühen. Wir erheben uns alle zum Zeichen der -Dankbarkeit und trinken unsere Tassen bis auf die Neige leer auf das -Wohl des Herrn Pelz, der uns den schönen Napfkuchen spendiert hat!« - -Jubelnd folgen die Jungen den Worten und dem Beispiel. Nur Hagen fragt -noch nachher: »Muß man denn sowas nicht eigentlich mit Bier tun?« - -»Keene blasse Ahnung!« antwortet da aber der Fritze Köhn mit richtigem -Gefühl. »Du hast do’ den Nappkuchen ooch in Kaffee injestippt und nich -in Bier!« -- -- -- - -Lachend und plaudernd sitzt man noch ein Weilchen da, bis es etwa sechs -Uhr geworden ist und man sich endlich zur Rückkehr nach dem Bahnhof -Wannsee rüsten muß. - - -Heimkehr. - -Alles verläuft jetzt planmäßig. Um sieben ein viertel Uhr ist man auf -Bahnhof Wannsee; fünf Minuten später haben alle ihre Fahrkarte. - -Doktor Fuchs hat sich mit Doef an der Treppe aufgestellt, die zum -Tunnel hinunterführt. - -»Hier bleiben wir erst noch einen Augenblick!« müssen sich die ersten -sagen lassen, die mit dem Billet »anjepeest kommen«. So drückt sich -Fritze Köhn aus. »So! Tretet nur da rechts hin!« - -Die Nachkommenden haben das nicht gehört, und so kommt immer wieder die -ganz erstaunte Frage: »Gehen wir denn nicht auf den Bahnsteig?« - -»Noch nicht! Abwarten!« -- - -Drüben, an der andern Seite der breiten Treppe, die zum -Durchgangstunnel hinunterführt, steht der wackere Doef. Jetzt eben will -der letzte mit seiner Fahrkarte an ihm vorüberstürzen. - -»Nee! Noch nich!« - -»Warum denn nicht?« - -»Weiß ich nicht! Ich soll keinen hinunterlassen!« - -»Die Leute gehen aber alle hinunter! Sieh doch! Da kommt der Zug!« - -»Halt!« -- Doef hat den Jungen mit eisernem Griff gepackt. -- »Wir -stehen doch alle noch da drüben!« - -»Au, Mensch, bist du verrückt?« - -»Ich nicht!« Und der Junge kriegt einen Stoß, daß er zurückfliegt und -sich auf seinen tiefsten Körperteil setzt, zum unendlichen Gaudium -aller derer, die das mit angesehen haben. - -»Ja, aber -- aber --« -- damit rappelt sich der dumme Peter wieder auf --- »warum fahren wir denn nicht mit dem Zug?« -- Er sieht die andern -Jungen und tritt schnell zu ihnen hinüber. - -»Jetzt will ich’s dir sagen!« erklärt ihm Doktor Fuchs bedächtig. -»Siehst du, der Zug da kommt von Potsdam und ist jedenfalls schon -leidlich voll. Eigentlich aber müßte ich jeden von euch in einen Wagen -besonders stecken; da das nicht geht, so wollen wir versuchen, alle -zusammen in einen Wagen allein zu kommen. Solltet ihr aber doch mit -andern Personen zusammenfahren müssen, Jungs, so bitte ich mir aus, -daß ihr euch anständig haltet und nicht unnütz Radau macht. Kommt’s -zum Streit und zur Beschwerde, so habt _ihr_ immer unrecht, und das -Publikum kriegt Recht! Merkt euch das!« - -»Herr Doktor, jetzt fährt der Zug!« - -»Gut, dann los! Bis zum zweiten Bahnsteig!« -- - -Dort rückt der Zug bald vor, und Doktor Fuchs hat Zeit, seine Jungen -unterzubringen. Aber diese Jungen, die eben noch sanft wie die Lämmer -auf dem Bahnsteig standen, die sind auf einmal wie die Wilden, als sich -die Wagentür vor ihnen öffnet. Und als sie erst drin sind, da hebt ein -Konzert an! - -Draußen gehen einige andere Passagiere verwundert und schaudernd an dem -Wagen vorüber. - -»Immer feste Radau machen!« fährt Hagen im vordersten Abteil wie ein -Rasender herum. »Immer feste! Dann kommt keiner mehr rein!« - -Nur Doktor Fuchs segelt auf einmal von hinten her vor. »Donnerwetter, -Jungs! Jetzt haltet mal gefälligst den Mund! Wenn keiner mehr einsteigt -und wir sind in Fahrt, dann dürft ihr singen und schreien, so viel ihr -wollt. Wo ist unser Feldwebel?« - -»Hier!« -- Aus der einen Ecke taucht Doef empor. - -»Also, Doef, nicht wahr, alles mit Maßen!« - -Der wackre Kerl scheint mit sich selber zu kämpfen. Schließlich aber -sagt er doch: »Ja!« Und wenn Doef »ja« sagt, dann -- weiß Doktor Fuchs --- kann er sich auf ihn verlassen; denn schon muß er wieder fort, da -eben hinten der Spektakel von neuem angeht. -- - -»Du, Doofkopp!«[16] nimmt Fritze Köhn jetzt schnell das Wort. »Haste’t -jehört? Alles mit Maßen! Du sollst uns also ruhig ’n bißken Radau -machen lassen!« - - [16] Doof = taub, dumm. - -Doef aber macht ein trauriges Gesicht und sagt endlich schweren -Herzens: »Nee! So hat’s Fuchs nich jemeint!« - -Da haben die andern erkannt, worauf es ankommt. Und als jetzt einer -vorschlägt: »Dann drängeln wir lieber den Doef raus!« da sind alle -dabei und fassen zu. - -Ja wohl aber! Proste Mahlzeit! Sie haben die Kraft ihres Feldwebels -ganz elend unterschätzt. Im nächsten Augenblick sind die neun Jungen, -die doch eben noch vor ihrem Ordinarius friedlich zusammenstanden, -ein unentwirrbarer Knäuel von Armen und Beinen, ein Knäuel, in dem es -stöhnt und ächzt, brandet und wogt, stürmt und braust, bis auf einmal -diese lebendige Kugel aufbricht und mit Bumsen und Dröhnen ein paar -Tertianer an die Seitenwände und auf die Bänke fliegen. Doef aber hebt -sich aus der Flut empor wie ein Herkules und immer noch felsenfest auf -seinen Beinen. - -Da drängen auch schon die andern aus dem Nebenabteil heran. »Gott im -Himmel! Hier ist wohl Mord und Totschlag? Was ist denn los?« - -Fritze Köhn steht tief aufatmend und mürrisch dem Fenster zunächst. -»Wat hier los is? Meine Hosendräjer sint los! Weiter nischt!« - -Auch den Doktor Fuchs hat der Lärm angezogen. »Donnerwetter, Jungs, was -macht ihr denn nun schon wieder?« - -Der dicke Puntz rappelt sich eben erst noch hoch. »Der -- der -- Doef, -der macht ’n wilden Mann!« - -Der also Angeschuldigte hat sich jetzt auch so weit erholt. »Ja,« -verteidigt er sich, »ich -- ich wollte es mit Maßen und die nicht!« - -Da muß Doktor Fuchs doch auch lachen. Dann aber entscheidet er kurz: -»Wir wollen mal den Ring hier sprengen. Fritze Köhn und du, ihr geht -ganz nach hinten! Puntz und Zeidler in den Abteil zu Ehrenfried! Du und -du nebenan! Doef bleibt mit euch beiden hier!« - -Andere Gäste ziehen für die Ausgewiesenen ein; als sich aber jetzt der -Zug in Bewegung setzt, geht der Krawall von neuem los. Doktor Fuchs -indessen sagt vorläufig nichts dazu, bis sich nach wenigen Minuten die -Fahrgeschwindigkeit wieder verlangsamt. Da erst schreitet er die ganze -Länge des Wagens ab und bedeutet den Jungen: »Nikolassee jetzt! Also -Ruhe im Saal!« - -»Jroßmutter will danzen!« flüstert Fritze Köhn dazu. - -Ja, schön! Man hält sich ruhig! Aber dafür fängt man an zu kichern -und zu lachen. Weshalb? Warum? Worüber? Wenn die Jungen _das_ sagen -könnten! Man legt sich zurück; man legt sich vor; man fällt auf den -Nachbar nach links oder rechts; man quetscht sich schnell mal unter -die kleine Reihe auf der andern Bank, trotzdem die gegenüberliegende -ganz leer ist. Und dabei lacht man und lacht und lacht wieder, bis -sich der Zug von neuem in Bewegung setzt und man zu denen ans Fenster -stürzt, die da inzwischen Schmiere gestanden hatten, daß keiner mehr -hereinkam. -- - -Am schlimmsten dran war jetzt Fritze Köhn, den Doktor Fuchs selber -zu sich genommen hatte. Der Junge saß da wie versteinert; er sah zum -Fenster hinaus und tat, als wenn er gar nicht hörte, daß der kleine -Achim Köckeritz von seinem Hund zu Hause erzählte, wie der einmal ein -ganzes Pfund Butter aufgefressen hatte. - -»Na, Fritze,« wendet sich da der Achim an seinen schweigsamen Nachbar, -»du hast wohl gar nicht gehört, was ich erzählt habe?« - -»Doch,« wendet sich der Fritze Köhn zu ihm um und antwortet mit dem -ernsthaftesten und bärbeißigsten Gesicht, »lange nich so jelacht! Weißt -du aber auch, wie Lack dekliniert wird?« - -»Na freilich!« sagt der kleine Köckeritz schnell und doch etwas -schwankend, da er dem Spaßvogel nicht recht traut. - -»Na, mache mal!« - -»Der Lack, des Lacks, dem Lack --« - -»Na, siehste woll! _Demlack!_[17] Det stimmt janz jenau!« - - [17] Demlack = Dummkopf. - -Da müssen die andern alle mächtig losprusten; auch Doktor Fuchs -lacht den reingefallenen kleinen Köckeritz aus. Er sogar nicht zum -wenigsten. -- -- -- - -Der dicke Puntz in seinem Abteil hatte sich schließlich in einer Ecke -recht häuslich eingerichtet; ja, er tat sogar so, als wollte er ein -Schläfchen riskieren. Er hätte auch gar nicht nötig gehabt, zu seinem -Nachbar zu sagen: »Du, höre mal, du kannst mich auf Bahnhof Friedrich -Straße wecken!« Die andern besorgten das gründlich genug und nicht erst -auf Bahnhof Friedrich Straße, sondern auf jeder Station vorher. Und -deren Reihe war lang. -- - -Als dann der Dicke zu Hause so ungefähr seinen Appetit gestillt und -sich auf das Sofa hatte fallen lassen, um seine Erlebnisse bequemer zu -erzählen, da schlief er doch immer schon halb dabei ein. - -»Es war sehr fein!« lallte er. »Dieses Quecksilber, den Köckeritz, den -hat Fuchs aus dem Wasser geholt! -- Aber eigentlich war’s Ehrenfried!« - -»Was?« -- Vater und Mutter rücken dem Jungen näher. -- »Wen hat er aus -dem Wasser geholt?« - -»Ja, die dachten vielleicht -- ich war -- eine Blattlaus! Aber -- -ich --« - -»Wie? -- Was? -- Junge, du schläfst ja schon!« - -»Ja! Seine Hosen -- waren auf -- Vater Ehreckes -- Schmerbauch -- -eingerichtet, und den haben -- sie dann in die Brennesseln -- gesetzt --- und --« - -»Wen? Was?« -- Alles um den Jungen herum lacht laut auf. -- »Den -Schmerbauch?« - -Der Dicke antwortet nicht mehr: er ist in die Ecke des Sofas -zurückgesunken und -- schläft. -- -- -- - - * * * * * - -Doktor Fuchs war mit bis zum Lehrter Bahnhof gefahren, um erst den -Achim Köckeritz und dann den Ernst Ehrenfried persönlich abzuliefern. -Dem letzteren öffnete seine mutige Tat draußen an der Fähre zur -Pfaueninsel bald das Haus des Herrn Köckeritz. Glück auf, du wackerer -Ernst Ehrenfried! Jetzt ist für dich die Bahn frei, dein Leben zu -bauen und deinen Verwandten, die sich deiner in der höchsten Not -so edel angenommen haben, einst mehr zu helfen, als nur mit »2 ~m~ -Schottisch!« -- - -Einen aber gab es, der sagte aus vollstem Herzen: »Gott sei -Dank!« als er endlich wieder in seinen vier Pfählen war und nach -diesem anstrengenden Tage gleichfalls sein Haupt zur Ruhe legen -konnte. -- -- -- - - - - -Sonnabend: Ferien. - - -Als der dicke Puntz am andern Morgen erwachte und instinktiv nach der -Uhr griff, war es acht. - -»Donnerwetter ja!« -- Ein blasser Schrecken durchzuckte den Jungen; -doch ebenso schnell war die Erlösung da: »Ach, es sind ja Ferien!« - -Mit welcher Wonne sich da der Dicke auf das Kissen zurückfallen ließ! -Ja, diese Wonne mußte man fühlen! Er fühlte sie; _er_ durchkostete sie; -er _erhöhte_ sie sich dadurch, daß er noch einmal an die Partie von -gestern dachte und an die Pfingstferien, die nun kommen sollten oder -doch schon da waren. Er überlegte schließlich, ob er jetzt im Bette -liegen bleiben und etwas lesen oder lieber aufstehen sollte, um so die -Ferien mit noch größerem Bewußtsein und mit noch größerem Behagen zu -genießen. - -In _dem_ Augenblicke fiel gerade unter seinem Fenster ein erster Schlag -und Bums! Und wieder Bums und Schlag! Und Bums um Schlag! Und Schlag um -Bums! - -»So eine Gemeinheit! Mamaaaaa!« -- - -Schon war auch die Mama da. »Was ist denn los, Junge?« - -»Mama, die klopfen ja Teppiche! Heute zum Sonnabend?« - -»Ja, das ist so, mein Jungchen! In der Woche vor dem Fest darf an jedem -Tage geklopft werden!« - -»Auch schon so früh?« - -»So früh? Es ist ja beinahe halb neun! Steh auf und mache etwas schnell -dabei!« -- - -Der Dicke war eine gutmütige Haut: so bequemte er sich also wirklich -dazu. Und ein halbes Stündchen später -- heute ließ er sich mehr Zeit -als sonst! -- saß er am Frühstückstisch. - -»Na, wie war’s denn nun gestern? Gestern abend nämlich hast du nur -Unsinn geredet!« - -»Ich? Unsinn? Wann denn?« - -Die Mutter setzte ein so fröhliches Lachen dieser Frage entgegen und -wiederholte nur: »Na, wie war’s denn?« - -»Ach, einfach wunderbar, Mama! So nach und nach werde ich euch mal die -ganze Partie erzählen! Wenn Papa auch dabei sein kann!« - -»Na, schön!« lächelte die Mutter gutmütig. »Aber dann werde ich -mich wohl bis nach den Feiertagen gedulden müssen; denn morgen und -übermorgen fahren wir alle zu Onkel Fritz nach Fürsten--. Na nu? Was -ist denn los, Junge?« - -Der Dicke hat die Schrippe, die er sich eben streichen wollte, -hingeworfen und verübt jetzt einen tollen Schunkelwalzer, so daß die -Mutter erschrocken dazwischenfahren muß: »Junge, die unten! Die müssen -ja denken, die Decke kommt runter!« - -»Ach, Mama, laß doch! Fritze Köhn würde sagen: ›Ick frei mir nur so!‹ -Wann fahren wir denn weg, Mama?« - -»Na, morgen ganz früh! Papa läßt dir sagen, du sollst heute vormittag -noch gleich deine Schularbeiten machen!« - -»Mama!« -- Das Gesicht des Jungen strahlt, als hätte er die Butter -nicht auf seine Schrippe, sondern auf seine Pausbacken geschmiert. -- -»Mama! Wir haben ja _gar_ nichts auf! Das war überhaupt die feinste -Woche, die ich in meinem Leben erlebt habe! Wirklich die allerfeinste! -Und nun noch die Ferien dazu!« - -»Ja, was aber nun?« - -»Ach, laß nur, Mama! Ich werde schon wissen, was sich heute noch machen -läßt!« - -»Du kannst auch immerhin mal ein bißchen so arbeiten oder repetieren!« - -»Aber, Mama! Ich werde doch nicht die ganze, schöne Woche so -verrungenieren! Ich weiß ja schon, Mama! Aber ich meinte nur, so würde -Fritze Köhn sagen. Ach, es ist doch zu schön!« -- Der Dicke griff dabei -nach der dritten Schrippe. -- »Aber halt! Mama, was meinst du? Bin ich -gesund? Ist mir die Partie von gestern bekommen? Sage es mal ganz offen -und ehrlich! Ich muß es wissen!« - -Was für Augen da die Mutter machte! »Ob du gesund bist? Na, ich hoffe -doch! Junge, wie kommst du denn überhaupt auf eine solche Frage?« - -»Ja, wer heute nicht gesund ist, oder wem die Partie von gestern -nicht bekommen ist, der soll gleich dem Doktor Fuchs eine Postkarte -schreiben. Das brauche ich also nicht! Das ist jedenfalls nur für -Ehrenfried und Köckeritz!« - -Jetzt aber mußte die Mutter wirklich aus vollem Halse lachen: »_Du_ -brauchst nicht zu schreiben, Dicker! Oder du müßtest gerade schreiben, -daß du einen fürchterlichen Appetit entwickelst!« - -»Na,« kaute der Dicke eben noch an seiner dritten Schrippe, »ich höre -jetzt schon auf. Aber ich kann ja gleich noch frühstücken, ehe ich zu -Zeidler gehe!« -- - -Das tat er denn auch. -- -- -- - -Ja, ja! Goethe war ja wohl ein großer Menschenkenner! Hätte er aber -einen modernen Tertianer gekannt und zum Beispiel den dicken Puntz nach -dieser »feinen Woche« gesehen, er hätte sich dann sicherlich selber -verbessert und geschrieben: - - »Alles in der Welt läßt sich ertragen, - _sogar_ eine Reihe von schönen Tagen!« - - - - -Vom gleichen Verfasser erschien im gleichen Verlage: - - -Mit Gott für König und Vaterland! - -Erlebnisse eines preußischen Jungen. ▣ Von =F. Pistorius=. ▣ - - Band I: =Das Unglücksjahr 1806.= 3. Aufl. - - Band II: =Preußens Erwachen 1807/09.= 2. Aufl. - - Band III: =Das Volk steht auf! 1813.= 2. Aufl. - -Prächtige Geschenkbände mit buntfarb. Titelbild und Karten ~à~ 4 M. - -▪ Jeder Band ist ein abgeschlossenes Ganzes. ▪ - - -_Urteile (über die Bände I--III)_: - -[Illustration] - -Das ist ein herrliches Buch für unsere deutsche Jugend. Es erzählt die -Schicksale der Söhne des Prenzlauer Gutsbesitzers Pistorius, Fritz und -Traugott, die mit jugendlichem Heldenmut in den Zeiten der tiefsten -Erniedrigung Preußens ihrem König und Vaterlande dienen, der eine als -tapferer Offizier, der jüngere als Kundschafter und Lazarettgehilfe. Es -ist alles mit dramatischer Lebendigkeit und mit peinlicher historischer -Treue erzählt. Unseren Jungens werden die Augen leuchten und die -Herzen glühen, wenn sie diese von flammender Vaterlandsliebe zeugenden -Berichte aus Deutschlands schmachvoller Zeit lesen, die mit dem Anbruch -der großen Freiheitsbewegung eindrucksvoll schließen. Wir vermuten -wohl richtig, daß der Verf. für diese lebendigen Schilderungen sein -Familienarchiv hat benutzen können. - - =Christl. Bücherschatz.= - -Pistorius erzählt uns in seiner glühenden Schreibweise aus der -schwersten Zeit unseres deutschen Vaterlandes. Doch nicht uns -- -sondern seinen Jungen erzählt er! Aber wie er erzählt! Wir glauben -uns bei der Lektüre in die Stube des Erzählers versetzt, glauben -seine Stimme zu vernehmen. Und so wie Pistorius die Ereignisse des -denkwürdigen Jahres erzählt hat, so hat er sie auch niedergeschrieben --- _flott_, _anschaulich_, _lebendig_, _packend_, alles in allem -- ein -echter Pistorius! - - =Tägliche Rundschau, Berlin.= - -An überirdischen Idealgestalten berauscht sich wohl die Jugend, aber -der Rausch verfliegt bald; dieser märkische Junge ist von so gutem, -nüchternem Schrot und Korn, daß man nur wünschen möchte, unsere moderne -Jugend nähme sich Traugott Pistorius zum Exempel. - - =Professor L. Freytag im »Pädagogischen Archiv«.= - -[Illustration] - -Pistorius wollte der deutschen Jugend es ermöglichen, die furchtbar -schwere und dann herrlich ausklingende Zeit mitzuerleben. Das ist -ihm auch in hervorragender Weise gelungen. Die Verknüpfung der -Lebensschicksale seines Helden mit den Generalen Blücher, Bülow, -York, mit der Lützowschen Freischar (Theodor Körner) zeigt die -Geschicklichkeit des Schriftstellers. Die ganze Schwere des Druckes, -der auf dem preußischen Volke gelagert hat, wird deutlich in den -Wirkungen, die er ausübt. So ist es ein Buch, das nicht nur der Jugend -Interesse abgewinnt, sondern auch den Mann ergreift. - - =Die Reformation.= - - -Fritz Pistorius: - -_Von Jungen, die werden._ - -Neue Geschichten :: vom Doktor Fuchs. - -Zweite Auflage. :: Mit Buchschmuck. :: Gebunden 3 M. - -Fröhlicher, glücklicher Schulhumor leuchtet auch aus diesem neuen -Pistorius-Buch. - - =Reclams Universum.= - -Wer nach der Lektüre der früheren Bücher gedacht haben sollte, daß das -Thema nun erschöpft sei, wird mit Staunen sehen, daß Pistorius hier -noch 25 neue Schulfälle sozusagen aus dem Ärmel schüttelt, und dazu so -interessante, wie das Kapitel vom Pumpgenie, von der Ehrlichkeit, zu -der ein flunkernder Schüler erzogen wird, vom neugebackenen Tertianer, -von den Schülertypen des langsamen und dummen Kerls, des genialen und -des liederlichen und des Wildlings. - - =Reichsbote.= - -Ein frisches frohes Buch, den Freunden der Jugend und dieser selbst zur -Freude und Erquickung geschrieben. - - =Mainzer Journal.= - - -_Eine feine Woche!_ - -Mit Titelbild und Einbandzeichnung. Dritte Auflage. Stattlich gebd. 3 M. - -Ich habe das Buch, oder vielmehr das Buch hat mich nicht losgelassen, -bis ich es ganz gelesen hatte. Das ist so recht etwas für unsere -Jungen! _Das_ Buch werden sie verschlingen. Die Probe, die ich mit -einigen Schülern machte, bestätigte meine Ansicht: bald wurde ich von -den andern bestürmt, es ihnen auch zu leihen. Das ist nur natürlich, -denn die geschilderten kleinen Leiden und Freuden unserer Schuljugend -sind so unmittelbar aus dem Leben gegriffen und so launig und fesselnd -erzählt, daß jeder Schüler sich sagen muß: das hat einer geschrieben, -der Verständnis für uns Pennäler besitzt. Ich bin übrigens überzeugt, -daß das Buch in den Klassenbibliotheken zu den begehrtesten gehören -wird. - - Gymnasial-Oberlehrer =~Dr.~ Hermann.= - - -Auf der Wildbahn. - -Ferienabenteuer in deutschen Jagdgründen. - -Für Jung und Alt nach eigenen Erlebnissen erzählt - -von - -=A. Becker.= - -Mit 9 Vollbildern und 18 Textillustrationen von Professor Woldemar -Friedrich. - -Mit einem Situationsplan. - - Neue billige Ausgabe, prächtig gebd. 5.50 M. - Ausgabe mit getonten Bildern gebd. 7 M. - -Das ist _ein Knabenbuch, wie es kaum seinesgleichen gibt_. So frisch -und froh und spannend, daß einem der Atem fast stillsteht vor -Erwartung, und doch frei von nervenreizender Aufregung erzählt es. - - =Daheim.= - -[Illustration] - -»Bitte wieder so eines!« Mit diesen Worten, die eine schlichte -Schülerkritik enthalten, gab der erste Entleiher das Buch zurück. - - =Professor Dr. Thomas=-Ohrdruf. - -In dem vorliegenden Buche sehen wir den _deutschen Wald_ mit allem, was -in ihm lebt ... Verfasser erweist sich als ein Meister der Darstellung; -köstlicher Humor wechselt ab mit sachkundiger, von jeder Schulmeisterei -sich fernhaltender Belehrung. - - =Professor Dr. K. Kraepelin=-Hamburg - im »Hamburg. Correspondent«. - -Mein eigenes Urteil genügte mir nach dem Lesen des Buches noch nicht. -Darum wendete ich mich an zuständigere Richter: ich gab es meinen -Jungen. Die haben sich darum gerissen! Damit hat »Rom« gesprochen. - - =Professor ~Dr.~ Fr. Seiler=-Wernigerode - in der »Täglichen Rundschau«. - -Meine Jungen haben noch keine Erzählung mit solchem Eifer gelesen, auch -nicht den Lederstrumpf, wie diese Jagdgeschichten aus der Heimat. - - =Hannoversches Sonntagsblatt.= - -... Ich habe »Auf der Wildbahn« gelesen, von Anfang bis zu Ende, mit -stiller Freude und wachsendem Frohgefühl. Das ist ja ein wunderbar -schönes Buch. - -Drei Jungen, wackere, prächtige Jungen, oder richtiger Jünglinge -sind es, die während der Ferien und oft auch an den Sonntagen Stadt- -und Schulluft hinter sich lassen, um ein benachbartes, wald- und -wasserreiches Landgut aufzusuchen. Wie sie nun da unter Führung -eines wackeren Weidmannes, einer herrlichen Idealgestalt, eines -Helfers in allen Nöten -- ach, und sie geraten in mancherlei Not -- -die Natur kennen und lieben lernen, wie sie sie belauschen in ihrer -geheimnisvollen stillen Tätigkeit, wie ihr wunderbares Leben ihnen -offenbar wird, wie sie durch mancherlei kleine, frohe Abenteuer, -viele heitere Jagderlebnisse, Wanderungen und Fahrten immer mehr mit -dem Walde verwachsen, wie er im erwachenden Lenzesleben, in seiner -Sommerpracht, im Herbstrauschen und im Winterzauber immer den gleichen -Reiz auf sie ausübt, wie das alles nun so allmählich in ihr Herz -wächst und sie an Körper und Geist gesund und stark und groß und frei -macht -- das ist alles so einfach, so schön, so natürlich, mit so -liebenswürdigem Humor erzählt, daß man sich gar nicht davon losreißen -kann. - - =Hermann Brandstädter=, - Verf. von »Wie Friedel eine Heimat fand«, »Erichs Ferien« usw. - -... Ich möchte den Knaben oder jungen Mann kennen lernen, dem das -Buch nicht gefällt ... Ganz aus dem Geiste eines geweckten Knaben -geschrieben, zählt die Jugendschrift zu den besten, die mir seit Jahren -zur Kritik vorgelegen haben ... - - =Franz Woenig=, Lit.-Kritiker des »Leipziger Tageblatt«. - - -Homers Ilias. - -[Illustration] - -Neue metrische Übersetzung von Professor =Hans Georg Meyer=. - -Mit 24 Kopfleisten von _Hans Krause_. - -:: Hochelegant gebunden 5 M. 50 Pf. :: - -So erschließt Hans Georg Meyer, Professor am Grauen Kloster zu -Berlin, als erster das vollgültige Bild der gewaltigen Dichtung --- dem erwachsenen Leser zur lichten Freude, dem jugendlichen zur -Begeisterung, die für den Urtext das Verständnis bereitet, das unter -der Schwierigkeit der schleppenden Lektüre bisher meist verloren ging. - - =Königsbg. Hartung’sche Zeitung.= - -_Als Übersetzer Homers_ wird für den deutschen Leser _künftig nur Meyer -in Betracht kommen_. Mit Vergnügen und mit naiver Hingabe erfreut sich -die Jugend des Zaubers der Sprache in dieser Übersetzung. - - =Preußische Jahrbücher.= - -Hier spricht ein Dichter zu uns, der sich vollständig in die Welt -Homers einzuleben verstand und in eigenartig packender Sprache die -Kämpfe um Troja vor Augen zaubert. - - =Das XX. Jahrhundert.= - -Alle Nebentöne, an denen die _Ilias noch reicher_ als die Odyssee ist, -kommen zum Erklingen. - - =A. D. B. Zeitschrift.= - -In _leuchtender Schönheit_ ist die unsterbliche Weltdichtung in dieser -Bearbeitung wiedererstanden. Die Verse sind von herrlichem Klang, und -die straffere Zusammenfassung ist eine wahre Wohltat. Wie in neuem Gold -geprägt erscheint die alte liebe Voßübersetzung in diesem metrischen -Meisterwerk. - - =Detlev v. Liliencrons’s Literarischer Jahresbericht.= - -[Illustration] - - -Druck von Trowitzsch & Sohn, Berlin ~SW~ 48. - - - - - Weitere Anmerkungen zur Transkription - - - Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Folgen - von Gedankenstrichen und die Darstellung der Ellipsen wurden - vereinheitlicht. - -*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK EINE FEINE WOCHE! *** - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the -United States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm -concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark, -and may not be used if you charge for an eBook, except by following -the terms of the trademark license, including paying royalties for use -of the Project Gutenberg trademark. If you do not charge anything for -copies of this eBook, complying with the trademark license is very -easy. You may use this eBook for nearly any purpose such as creation -of derivative works, reports, performances and research. Project -Gutenberg eBooks may be modified and printed and given away--you may -do practically ANYTHING in the United States with eBooks not protected -by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the trademark -license, especially commercial redistribution. - -START: FULL LICENSE - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg-tm License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project -Gutenberg-tm electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all -the terms of this agreement, you must cease using and return or -destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your -possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a -Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound -by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the -person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph -1.E.8. - -1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be -used on or associated in any way with an electronic work by people who -agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few -things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works -even without complying with the full terms of this agreement. See -paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project -Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this -agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm -electronic works. See paragraph 1.E below. - -1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the -Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection -of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual -works in the collection are in the public domain in the United -States. If an individual work is unprotected by copyright law in the -United States and you are located in the United States, we do not -claim a right to prevent you from copying, distributing, performing, -displaying or creating derivative works based on the work as long as -all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope -that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting -free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm -works in compliance with the terms of this agreement for keeping the -Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily -comply with the terms of this agreement by keeping this work in the -same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when -you share it without charge with others. - -1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern -what you can do with this work. Copyright laws in most countries are -in a constant state of change. If you are outside the United States, -check the laws of your country in addition to the terms of this -agreement before downloading, copying, displaying, performing, -distributing or creating derivative works based on this work or any -other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no -representations concerning the copyright status of any work in any -country other than the United States. - -1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg: - -1.E.1. The following sentence, with active links to, or other -immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear -prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work -on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the -phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, -performed, viewed, copied or distributed: - - This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and - most other parts of the world at no cost and with almost no - restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it - under the terms of the Project Gutenberg License included with this - eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the - United States, you will have to check the laws of the country where - you are located before using this eBook. - -1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is -derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not -contain a notice indicating that it is posted with permission of the -copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in -the United States without paying any fees or charges. If you are -redistributing or providing access to a work with the phrase "Project -Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply -either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or -obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm -trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9. - -1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted -with the permission of the copyright holder, your use and distribution -must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any -additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms -will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works -posted with the permission of the copyright holder found at the -beginning of this work. - -1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm -License terms from this work, or any files containing a part of this -work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. - -1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this -electronic work, or any part of this electronic work, without -prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with -active links or immediate access to the full terms of the Project -Gutenberg-tm License. - -1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, -compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including -any word processing or hypertext form. However, if you provide access -to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format -other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official -version posted on the official Project Gutenberg-tm website -(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense -to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means -of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain -Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the -full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1. - -1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, -performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works -unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. - -1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing -access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works -provided that: - -* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from - the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method - you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed - to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has - agreed to donate royalties under this paragraph to the Project - Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid - within 60 days following each date on which you prepare (or are - legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty - payments should be clearly marked as such and sent to the Project - Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in - Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg - Literary Archive Foundation." - -* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies - you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he - does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm - License. You must require such a user to return or destroy all - copies of the works possessed in a physical medium and discontinue - all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm - works. - -* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of - any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the - electronic work is discovered and reported to you within 90 days of - receipt of the work. - -* You comply with all other terms of this agreement for free - distribution of Project Gutenberg-tm works. - -1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project -Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than -are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing -from the Project Gutenberg Literary Archive Foundation, the manager of -the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the Foundation as set -forth in Section 3 below. - -1.F. - -1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable -effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread -works not protected by U.S. copyright law in creating the Project -Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm -electronic works, and the medium on which they may be stored, may -contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate -or corrupt data, transcription errors, a copyright or other -intellectual property infringement, a defective or damaged disk or -other medium, a computer virus, or computer codes that damage or -cannot be read by your equipment. - -1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right -of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project -Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project -Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all -liability to you for damages, costs and expenses, including legal -fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT -LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE -PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE -TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE -LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR -INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH -DAMAGE. - -1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a -defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can -receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a -written explanation to the person you received the work from. If you -received the work on a physical medium, you must return the medium -with your written explanation. The person or entity that provided you -with the defective work may elect to provide a replacement copy in -lieu of a refund. If you received the work electronically, the person -or entity providing it to you may choose to give you a second -opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If -the second copy is also defective, you may demand a refund in writing -without further opportunities to fix the problem. - -1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth -in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO -OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT -LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. - -1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied -warranties or the exclusion or limitation of certain types of -damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement -violates the law of the state applicable to this agreement, the -agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or -limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or -unenforceability of any provision of this agreement shall not void the -remaining provisions. - -1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the -trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone -providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in -accordance with this agreement, and any volunteers associated with the -production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm -electronic works, harmless from all liability, costs and expenses, -including legal fees, that arise directly or indirectly from any of -the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this -or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or -additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any -Defect you cause. - -Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm - -Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of -computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life. - -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at -www.gutenberg.org - -Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's business office is located at 809 North 1500 West, -Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up -to date contact information can be found at the Foundation's website -and official page at www.gutenberg.org/contact - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without -widespread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine-readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To SEND -DONATIONS or determine the status of compliance for any particular -state visit www.gutenberg.org/donate - -While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate. - -International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. - -Please check the Project Gutenberg web pages for current donation -methods and addresses. Donations are accepted in a number of other -ways including checks, online payments and credit card donations. To -donate, please visit: www.gutenberg.org/donate - -Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works - -Professor Michael S. Hart was the originator of the Project -Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of -volunteer support. - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. - -Most people start at our website which has the main PG search -facility: www.gutenberg.org - -This website includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. |
