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-The Project Gutenberg eBook of Eine feine Woche!, by Fritz Pistorius
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you
-will have to check the laws of the country where you are located before
-using this eBook.
-
-Title: Eine feine Woche!
-
-Author: Fritz Pistorius
-
-Release Date: January 27, 2022 [eBook #67251]
-
-Language: German
-
-Produced by: The Online Distributed Proofreading Team at
- https://www.pgdp.net
-
-*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK EINE FEINE WOCHE! ***
-
-
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-
- Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter oder
- unterstrichener Text ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua
- gesetzter Text ist ~so markiert~. Im Original fetter Text ist =so
- dargestellt=.
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des
- Buches.
-
-[Illustration: Zu Seite 117.]
-
-
-
-
- Eine feine Woche!
-
- Von
-
- Fritz Pistorius
-
- Verfasser von »Mit Gott für König und Vaterland«.
-
- Dritte Auflage.
-
- Berlin.
-
- Trowitzsch & Sohn.
-
-
-
-
-Inhaltsverzeichnis.
-
-
- Seite
-
- =Montag=: Paradeferien 5
-
- =Dienstag=: Nachmittag frei 25
-
- =Mittwoch=: Die schönste Enttäuschung 41
-
- =Donnerstag=: Ein recht bewegter Vormittag.
-
- 1. ~Sic me servavit Apollo~ 53
-
- 2. Strafe muß sein! 57
-
- 3. Zu langstilig und zu kurzstielig 62
-
- =Freitag=: Die Klassenpartie.
-
- 1. Der alte Caesar und eine moderne Landpartie 71
-
- 2. Vorfreuden 76
-
- 3. Ein armer Junge 80
-
- 4. 2 ~m~ Schottisch 89
-
- 5. Edler Wettstreit 95
-
- 6. Würden und Ämter 102
-
- 7. Der Überfall am Pechsee 107
-
- 8. Auf hoher Warte 114
-
- 9. Brennesseln und Regenwürmer 116
-
- 10. Die dicke Hauskapelle und die Ameisen 129
-
- 11. »Dieser Stein vom Seinestrande« 140
-
- 12. Blattlaushumor 145
-
- 13. Vom Wannsee nach der Pfaueninsel 150
-
- 14. Aufregung von Anfang bis zu Ende 155
-
- 15. Beim Kaffeetrinken 161
-
- 16. Heimkehr 166
-
- =Sonnabend=: Ferien 173
-
-
-
-
-Montag: Paradeferien.
-
-
-»Na, nu schlägt’s dreizehn!« --
-
-Der dicke Puntz hat seine Mappe eben auf die Tischplatte
-hinuntergekantet und steht jetzt da, als wären ihm alle Geigen aus dem
-Himmel gefallen. --
-
-»Die Woche fängt gut an! Jetzt habe ich mein lateinisches Exerzitium
-vergessen! Nee, so ein Pech!«
-
-Der kleine Zittel sieht dem Dicken mit einem feinen Lächeln in das
-Vollmondsgesicht. »Du hast gedacht, wir haben heute Paradeferien!«
-
-»Mensch! Red’ keen’n Stuß! Natürlich! Aber ich habe es gestern noch
-schnell gemacht. Und nun habe ich es zu Hause liegen lassen! Nee, es
-ist zu dumm!«
-
-»Ich habe es zur Vorsicht schon am Sonnabend gemacht!«
-
-»Na, du bist auch ein Musterknabe! Aber nee! Nich in die ~la main~! Ich
-dachte, in der Zeitung gestern früh würde stehen, daß wir heute frei
-hätten. Und --«
-
-Zeidler ist auch trübseligen Blickes dazugetreten. »Ja, ich verstehe
-auch nicht. Das ist doch unser gutes Recht --«
-
-Der Dicke ist auf seinen Platz hinuntergesunken. »Ach, quatsch’ nich,
-Krause! Hier haben nur die Schulmeister das Recht. Und Bumsvallera hat
-das Recht, mich nachher im Lateinischen einzuschreiben. Wann haben wir
-Latein?«
-
-»In der dritten Stunde!«
-
-»In der ersten Französisch bei Fuchsen! ~Bon!~ Der Schuldiener muß
-nachher mein Heft holen! Er mag wollen oder nicht, und es kann kosten,
-was es will! Und dann --«
-
-Die elektrische Glocke schnarrt in dem Augenblicke ihr eintöniges Lied
-los; die Jungen fahren herum.
-
-»Ach Jott nee!« seufzt der Dicke noch einmal auf. »Jeden Tag was
-anderes! Aber immer wieder was! Ist ’n Elend!«
-
-Er hat recht. Hierin hat er mal recht. Und wie es ihm geht, so geht’s
-sehr vielen oder beinahe allen Jungen. Immer fehlt ihnen etwas; immer
-müssen sie hoffen, hier oder da durchzuschlüpfen; immer hoffen, an
-einer sicher drohenden Gefahr vorbeizukommen. Und heute nun nicht mal
-Paradeferien!
-
-»Vielleicht, weil wir in dieser Woche noch eine Landpartie machen!«
-denkt ein Dummer, während schon gebetet wird. »Vielleicht, weil doch am
-Sonnabend die Pfingstferien anfangen!« ein anderer. Und es ist dabei
-doch ebenso falsch.
-
-Kaum ist das Gebet gesprochen, so meldet sich Hagen ganz krampfhaft.
-
-»Herr Doktor, wenn nun bei der Landpartie am Freitag --«
-
-»Halt!« unterbricht ihn da der Ordinarius haarscharf. »~Ad~ Landpartie
-ist alles besprochen! Reichlich sogar! Am Freitag wird also die Partie
-gemacht! Punktum!« Und ohne noch ein Wort zu verlieren, nimmt der
-Doktor Fuchs jetzt seine Jungen ohne Erbarmen heran und läßt ihnen
-keine Zeit zum unnützen Grübeln. Das Geschlecht der Substantiva wird
-gehörig traktiert. Na, schließlich, das hilft beim Extemporale, und zu
-viel Trockenfütterung ist auch nicht dabei. Immerhin --
-
-Die Jungen spitzen auf einmal die Ohren.
-
-»Na freilich! Die Sache ist ja auch sehr einfach. Wieder ins
-Lateinische zurück! ~Imago. -- Genitiv?~«
-
-Doktor Fuchs hebt jetzt selber etwas den Kopf. Unmerklich! Aber die
-Jungen sehen es doch. Ihre Blicke fliegen nach der Seite des Flures hin.
-
-Es war so, als wenn hinten, am Ende des langen Korridors, eine Tür
-geöffnet worden wäre, und als wenn ein etwas verworrener Lärm einen
-Augenblick daraus hätte hervorbringen wollen. Nur einen kleinen
-Augenblick! Aber es war ihnen doch so!
-
-Auf einmal wieder dieser Lärm! Leise ansetzend, schnell anwachsend! Und
-jetzt ein Türenschlagen, ein Stimmengewirr!
-
-Die Augen sind auf den Lehrer zurückgewendet. Groß, fragend,
-ungeduldig. »Ja oder nein?« scheint in ihnen zu liegen.
-
-Da muß Doktor Fuchs lächeln und sagt denn auch nur: »Na, also doch!«
-
-Der Dicke hat auch den Kopf hochgereckt. Das lateinische Exerzitium!
-Wenn jetzt der Doktor Fuchs den Einfall kriegt -- wie er es schon
-einmal getan hat! -- und sammelt die Hefte für Bumsvallera ein! Dann
-liegt er doch drin im Wurstkessel! --
-
-Mit einem Ruck öffnet sich die Tür. Der Direktor erscheint auf der
-Schwelle. »Ach, Herr Oberlehrer!« enteilt seinen Lippen. »Wollen Sie
-die Schüler entlassen! Mit Gebet, bitte! Auf höheren Befehl fällt heute
-der Unterricht der Parade wegen aus!«
-
-Die Tür hat sich wieder geschlossen. Die Jungen haben ihre Mappen
-angerappt. Es geht eine Unruhe, ein Zittern durch die Klasse, als hinge
-an den wenigen Sekunden, die man vielleicht später als die andern
-Klassen hinauskäme, das Leben. Und heute auch noch beten!
-
-»Wer hat das Gebet?« Der Ordinarius denkt nicht an die lateinischen
-Hefte. Der Junge, der heute zum Beten daran ist, läßt ihm auch keine
-Zeit:
-
- »Anfang, Mitt’ und Ende,
- Herr Gott, zum Besten wende!«
-
-Es ist, als ob der Junge wüßte, was für ein Gebet heute gerade sich
-schicke für alle diejenigen, die in dem Augenblicke draußen auf
-dem Tempelhofer Feld stehen, um dort ihr Examen vor dem obersten
-Kriegsherrn abzulegen.
-
-Die Tür springt auf. Fort stieben die Jungen in fieberhafter Eile.
-Auf dem Flur wimmelt schon alles. Die eine der Unter-Sekunden zieht
-vorüber, aufgelöst, als wollte sie zum Sturm ansetzen.
-
-»Was machst du nun heute?« fragt der eine zu dem Freunde hinüber.
-
-»Ich? Gar nichts!«
-
-»Kommst du mit in die Belle-Alliance Straße?«
-
-»Och! Die Drängelei da!«
-
-»Na, du willst doch nicht etwa arbeiten?«
-
-Der andere lacht kurz auf. »Na, so verrückt müßte ich sein!« --
-
-Der Dicke hört nichts mehr. Diese Sekundaner haben es noch eiliger als
-er selber. Schon packt ihn auch der Zeidler am Arm. »Dicker, kommst du
-mit nach dem Tempelhofer Feld?«
-
-»Selbstverständlich! Aber was machen wir da mit der Mappe?«
-
-»Laß sie bei mir oben! Doch gleich hier um die Ecke! Komm
-schnell!« -- -- --
-
-Im Nu ist die ganze Schule auf der Straße. Nicht wenige aber schlagen
-ruhig den Weg nach dem Elternhause zu ein.
-
-»Kalt wie ’ne Hundeschnauze!« sagt der Dicke verächtlich und schwenkt
-schnell mit einigen anderen nach der Belle-Alliance Straße hinüber.
-Aber schon kommen sie zu spät zum Auszug der Truppen.
-
-»Ist denn der Kaiser schon vorbei?«
-
-»Nein!« -- »Ja!« -- »Der soll ja heute von Schöneberg drüben gekommen
-sein!« -- »Ach, er ist ja schon eine kleine Ewigkeit vorbei!« -- »Es
-wird ja bald wieder aus sein!« -- -- --
-
-Nur langsam schieben sich die Jungen vorwärts; oben am Steuerhaus, am
-Rande des Tempelhofer Feldes, kommen sie geradeaus überhaupt nicht mehr
-weiter. Sie versuchen, nach links hin auszuschwenken. Das geht; aber
-der Staub quillt ihnen hier in dicken, schwärzlichen Wolken entgegen.
-
-»Was sie nur immer hier für einen schwarzen Jux auffahren!« schimpft
-der Zeidler etwas beklommen.
-
-»Ach was!« hastet der Dicke an ihm vorbei. »Man zu jetzt! Immer durch!«
-
-So geht es wirklich durch. Bis zur Kaserne des Kaiserin Augusta
-Regiments. Dann die gepflasterte Straße hinunter. Da kann man schon die
-Helmbüsche sehen, und einmal öffnet sich sogar der Durchblick auf eine
-lange Reihe Soldaten, die gerade die Beine herauswerfen, um vielleicht
-vor Seiner Majestät in Parade vorüberzuziehen. --
-
-Schließlich ging’s aber doch nicht weiter; auch mit dem besten Willen
-und mit dem geschicktesten Drängeln nicht, linke Schulter vornweg. Wie
-eingekeilt stand die kleine Schar der Tertianer da. Aber sie waren
-dafür wenigstens gut angekommen: alles echte Berliner um sie herum,
-die selber mit einem gewissen Humor jedes Sehen-können oder auch jedes
-Nicht-sehen-können hinnahmen.
-
-»Au!« zuckte plötzlich der eine der Jungen zusammen.
-
-»Ach Jotte doch, ja!« drehte sich da ein Mann ein ganz klein wenig um,
-so weit das überhaupt möglich war. »Entschuldige, mein Jungeken! Hinter
-mir habe ick keene Oogen!«
-
-Sogleich aber ulkte diesen höflichen Berliner ein anderer an. »Nich
-wahr, Paule, du sagst ooch:
-
- ›Wat du nich willst, det man dir dhu,
- det füge lieber ’nen andern zu!‹«
-
-Der dicke Puntz hatte instinktiv auf seine Füße hinuntergesehen, ob sie
-nicht auch in Gefahr wären. Da aber legte sich auf einmal eine schwere
-Hand auf seine Schulter, und eine tiefe Baßstimme erklärte: »Na du,
-nich drängeln! Dir wird’s woll jar nich schwer, den dicken Willem[1] zu
-markieren?«
-
- [1] Wilhelm.
-
-Die Jungen mußten insgesamt kichern; es klang beinahe auch, als
-wenn sie dabei die kleine Anzapfung von ganzem Herzen dem dicken
-Schulkameraden gönnten.
-
-Der hatte sich jetzt auch ermannt. Mochte nun der Berliner Dialekt
-ansteckend bei ihm wirken, oder mochte er glauben, alle Angriffe
-dadurch besser parieren zu können, kurz, in unverfälschtem Berlinisch
-entschlüpfte dem Gehege seiner Zähne: »Wat denn? Ick heeße ja jar nich
-Willem!«
-
-»Na« -- der Mann, gegen den sich Puntz so wehrte, war ebenso schnell
-mit der Antwort fertig -- »denn entschuldijen Se man, Herr Hase[2], det
-Sie mir beinahe jetreten haben! Da kann ick ’n scheenen Spruch, der
-heeßt:
-
- [2] Der Mann muß wohl an die Berliner Redensart gedacht haben:
- »Mein Name is Hase; ick weeß von nischt!«
-
- ›Jeduld, Jeduld, wenn’s Herz auch bricht,
- mit de Beene strampeln jibt’s hier nicht!‹«
-
-Der Berliner Witz war wach geworden. Jeder hatte hier die Parade
-vergessen; alles reckte den Kopf hoch. Ein großer Dicker vor der
-kleinen Gruppe drehte sich langsam um und sagte milde und doch auch mit
-so urkomischer Stimme: »Na, na, wissen Se wat! Hunger un Durscht kann
-ick entbehren; aber meine Ruhe muß ick haben!«
-
-Jetzt brach ein allgemeines Lachen los und belohnte diese trockenen
-Worte. Von drüben her indessen fragte einer boshaft: »Na, Sie da,
-Männeken, Sie haben woll heite zum Reden injenommen?«
-
-Der große Dicke nahm die Sache gut auf und lachte wieder: »Na, du, det
-ick dir man nich uff’t Jedächtnis tippe! Nur Ruhe im Saal! Beschädijt
-mir doch nich so mit Redensarten!«
-
-Die Jungen drängten nach rechts hinaus. Da aber kamen sie schön an und
-mußten wieder etwas hören.
-
-»Wat wollt ihr denn hier, Jungens? Stecht doch die Nase in’t Buch!«
-
-Der dicke Puntz verteidigte sich wieder. »Det jibt’s nu nich! Wir haben
-ja jerade frei gekriegt, damit wir uns auch die Parade ansehen sollen!«
-
-Dem wirklichen Berliner imponiert es immer, wenn sich jemand die Butter
-nicht vom Brot nehmen läßt. So lächelte denn auch hier der Mann nur
-gutmütig und sagte begütigend: »Na, denn drängelt man weiter! Mut
-zeijet auch der lahme Muck!«
-
-Nicht bloß die Jungen freuten sich mächtig darüber. Auch andere. Der
-eine der da in drangvoll fürchterlicher Enge Stehenden meinte sogar
-treuherzig: »Nee, denken Se mal bloß, wat Se da sagen! Det ’s wirklich
-klassisch!«
-
-Da waren die Jungen heraus. Der Dicke wußte nicht recht: sollte er in
-der Korona dieser fidelen Urberliner bleiben oder vielleicht lieber
-seinen Freunden nachlaufen.
-
-Doch lieber den Freunden nach! Schon war er auch heraus aus dem Knäuel.
-
-»Wo wollt ihr denn hin?« rief er dem Zeidler nach.
-
-»Nach der Belle-Alliance Straße zurück!« antwortete der im Forteilen.
-»Da kommt nachher der Kaiser durch!«
-
-Das zog. Als die Jungen auf den alten Weg zurückschwenkten, kam ihnen
-eine kleine Reihe von Gemeindeschülern entgegen, Arm in Arm, stramm
-marschierend und dazu singend:
-
- »Hinaus in die Ferne,
- vor’n Sechser fetten Speck!
- Den eß ick do’ zu jerne,
- den nimmt mir keener weck.
-
- Un wer det dhut,
- den hau ick uff’n Hut,
- den hau ick uff de Ne--ese,
- det se blut!«
-
-Unsere Freunde freuten sich unbändig über diese ganze Geschichte; aber
-sie gingen doch der kleinen Reihe aus dem Wege. Kaum hatten die Sänger
-dieses Lied beendet, da stimmte einer auch schon an:
-
- »Turner ziehn mit Pantin’n[3]
- durch die jroße Stadt Ballin[4] --«
-
- [3] Holzschuhe.
-
- [4] Berlin.
-
-Der Junge wurde indes sofort niedergeschrien: »Det is ja man nur wat
-for Turner! Mal den Torjauer Marsch! Los!«
-
- »Fritze Weber
- hat’n Keber[5]
- an de Zunge
- an de Lunge
- an de Leber!«
-
- [5] Käfer.
-
-In der Ferne verschwanden die Jungen und mit ihnen die lustigen Töne.
-Vorn am Steuerhaus jedoch war inzwischen Bewegung in die starren Massen
-gekommen.
-
-»Die Parade ist aus!« hieß es, und schnell bog der Dicke mit Zeidler
-hinter den Menschenmassen hinweg nach rechts hin in die Belle-Alliance
-Straße wieder hinunter.
-
-Ein fliegender Händler hielt da den Jungen ein Bündel Fähnchen entgegen
-und pries dabei seine Ware laut an: »Hier hochfeine Fähnchen, meine
-Herrschaften! Allen Ansprichen jeniegend! Der Stock schwarz Ebendholz
-mit Silberkandierung! Allens hochfein und echt! Na, na, Sie da!
-Polken missen Se nich da dran! Echtet Ebendholz kann so wat nich jut
-verdragen!«
-
-Der Dicke wäre in der Eile bald an den Mann angerannt. Nur mit einer
-kühnen Schwenkung kam er um ihn herum, so daß er beinahe gegen den
-Briefkasten fuhr, der da am Gitter eines der Vorgärten angebracht war.
-
-»Na, na, Dickerchen! Spring man nich gleich in den Briefkasten rin!«
-Diese Mahnung mußte der dicke Puntz schnell noch mit auf den Weg nehmen.
-
-Es gab aber jetzt kein Halten mehr. Eben hörte man schon hinter
-der schwarzen Wand der Menschen, die in tiefen Reihen am Rande des
-Bürgersteiges standen, den Gleichschritt von Soldaten, und Zeidler, der
-einmal auf der Stelle hochgesprungen war, um genauer zu sehen, rief
-plötzlich: »Die Maikeber![6] Die Maikeber! Dicker! Schnell, schnell!«
-
- [6] Die Maikeber, Maikäfer = Garde-Füsilier-Regiment in Berlin.
- Das Regiment, in zwei Garde-Reserve-Bataillone zerlegt,
- stand früher in Potsdam und in Spandau; man sagt, daß es
- in Berlin seinen Spitznamen daher hat, daß die beiden
- Bataillone alljährlich gerade zur Maikäferzeit zur Parade
- nach der Hauptstadt kamen. -- Am Offizierkasino des
- Regiments in der Chausseestraße ist auf der Ecke gegen
- die Kesselstraße hin unter dem Dach ein großer Maikäfer
- plastisch dargestellt, als scherzhafte Konzession an den
- Berliner Volkswitz.
-
-Atemlos kamen die Jungen bis zur Bergmann-Straße hinunter. Da fanden
-sie einen kleinen Durchlaß durch die Menschenmauer und konnten beinahe
-bis zum Straßendamm vortreten. Ganz erschöpft umklammerte da der
-Dicke einen der Bäume am Rande des Bürgersteigs, um von der hin- und
-herdrängenden Umgebung nicht wieder von seiner mühsam eroberten Stelle
-fortgerissen zu werden.
-
-Noch waren die »Maikeber« nicht da. Ein anständig gekleideter Mann
-mit einigen Bekannten stand neben Zeidler, um das Truppenschauspiel
-gleichfalls zu sehen. Arbeiter drängten sich dazwischen.
-
-»Mir ist doch immer so!« meinte der eine der Herren. Er hatte die
-eine Hand ans Ohr gelegt und hob sein Gesicht nach der Richtung des
-Tempelhofer Feldes hin hoch. »Aber die Straße fällt hier so ab! Und die
-Bäume! Schlechte Akustik hier!«
-
-Ein Arbeiter sah dem Sprecher treuherzig in die Augen: »Ick hab’ ’n
-Schnuppen! Ick rieche nischt!«
-
-Ein allgemeines Gelächter brach in dem kleinen Kreise los. Der Dicke
-mußte sich fester an den Baum klammern.
-
-Auf einmal sagte ein anderer neben ihm: »Na, du, August, mit de
-Jewitterbacken! Willst woll uff’n Boom klettern? Dazu mußte barfte[7]
-Beene haben!«
-
- [7] barfüßig.
-
-Der Dicke wehrte sich ein wenig: »Nee, will jar nich!«
-
-»Aber sehn willstet doch! Weest de, wie de det machst? Da feifst de dir
-’ne Tonleiter und kletterst dran ruff.«
-
-»Dhu et lieber nich, Junge!« mahnte ein anderer väterlich. »Da oben
-ieberfährt dir der Luftballon!«
-
-Natürlich hatte der Witzbold die Lacher auf seiner Seite; aber er mußte
-sich dafür gefallen lassen, daß andere ihm zuriefen: »Na, du! Wat du
-schlau bist! Det mißte bei dir selber ooch janz jut aussehn!«
-
-»Rum, brrr, rumbumbum!«
-
-Die »Maikeber« waren da. Der rasselnde Trommelwirbel verschlang alles.
-Die Augen hefteten sich wohlgefällig auf die schmucken Soldaten, die
-mit einem strahlenden Antlitz wie Sieger einherzogen. Rotte um Rotte,
-Kompanie nach Kompanie, Bataillon und Bataillon.
-
-»Ja, ja! Als ick noch Soldat war!« sagte hinter dem Dicken in tiefer
-Bewegung eine Stimme.
-
-Sie blieb vereinzelt. Kein Mensch hörte jetzt darauf; hier stand das
-Volk in Waffen, das sich an der Disziplin der Truppen wieder zu der
-alten, liebgewordenen Disziplin selber emporrichtete. Die Achtung
-vor des Königs Rock, dem Ehrenkleid, das alle schon getragen hatten
-oder noch tragen sollten, diese Achtung zwang allen ein ehrfürchtiges
-Schweigen auf. Eine heilige Scheu kam über alle die Tausende, die die
-schmucken und doch kraftstrotzenden Kriegerscharen an sich vorbeiziehen
-sahen, die Blüte des Vaterlandes.
-
-Auch in dem Herzen des Dicken stieg ein stolzes, frohlockendes Gefühl
-auf. Der Gleichschritt der Bataillone, das rollende Rasseln der
-Trommeln, sie stimmten ihn feierlich, und -- er wußte selber nicht,
-wie es kam -- das letzte Gedicht, das er in der Klasse gelernt und
-sogar ungern gelernt hatte, das summte ihm plötzlich mit einem ganz
-ehrfürchtigen Erschauern durch den Kopf:
-
- »Die Fahnen wehn! Auf ins Gewehr!
- Den Säbel in die Faust!
- Das deutsche Volk -- ein großes Heer,
- das, von den Alpen bis zum Meer,
- ein zürnend Wetter braust.
-
- Und klopft an unsre Pforten an
- des Fremdlings Übermut,
- so opfert jeder deutsche Mann
- mit Freuden Gut und Blut.«
-
-»Die Alexandrer[8]!« hieß es da auf einmal. »Die alten Helme!«
-
- [8] Das Kaiser Alexander Garde-Grenadier-Regiment Nr. 1.
-
-»Ja, aus der Zeit Friedrichs des Großen!«
-
-»I, wat de sagst, Junge! Allens wat wahr is: eenfach, elegant,
-jeschmacklos un ohne allen Prunk!«
-
-»Herr Jotte doch! Wat kommen denn da for welche?«
-
-Alles dreht sich den Kopf nach links hin aus.
-
-»Na, die mit de Entenbeene da!«
-
-»Das ist ja die Maschinengewehrabteilung[9]!«
-
- [9] Mit gelbbraunen Ledergamaschen.
-
-»Ach so! Und so’n junger Leitnant!«
-
-»Mit so’n kleenen Schnurrbart!«
-
-»Ja, wahrhaftig! Drei Haare in sieben Reihen!«
-
-»Un der is schon Leitnant! Der hat ooch mehr Jlick wie Fer--dinand!«
-
-Dazwischen ein paar Schritte hinter den Jungen auf einmal eine ganz
-empörte Stimme: »Na, wissen Se, Männeken! Drengeln Se man nich so! Ick
-sehe jeweenlich mehr uff hohen Lohn wie uff schlechte Behandlung!«
-
-»Das zweite Garderegiment!«
-
-»Ach Jotte doch, kiek do’ mal den reitenden Hauptmann da uff’t Pferd!
-Den is wohl schon bange vor’n Zivilhelm?«
-
-»Ja, die da vorne sint ville strammer!«
-
-»Das ist nun mal so!« warf der »bessere« Herr ein. »Der eine versteht’s
-und der andere nicht! Es ist eben wieder mal das Ei des Kolumbus.«
-
-»Ach, wat Sie sagen!« meinte da der Arbeiter neben ihm mit einem
-leichten Spott in der Stimme. »Legt denn der olle Mann immer noch?«
-
-Es war jetzt keine Zeit, darauf zu reagieren; denn plötzlich rief eine
-Stimme von hinten vom Gitter eines der kleinen Vorgärten her: »Da
-drüben kommen die Ulanen!«
-
-Der Dicke reckte den Kopf hoch, so hoch er nur konnte; aber das zweite
-Garderegiment marschierte gerade dazwischen. Es war also für ihn nicht
-zu sehen, was drüben auf dem Reitweg, jenseits der Straße, vorging. Er
-hörte nur, wie der lange Kerl neben ihm seine Glossen über die Reiter
-machte.
-
-»Die sehen aberst alle ziemlich ramponiert aus! Aber Jlick scheinen se
-do’ ßu haben! Da is eener sojar mit’n Einsatz rausjekommen!«
-
-Ein lautes Gelächter zeigte, daß andere den Witz verstanden hatten. Nur
-einer der Herren, die sich ganz dicht an der Bordschwelle befanden,
-fragte, aber auch schon halb lachend: »Wie meinen Sie denn das?«
-
-»Na, sehen Sie doch! Der zweite da! Mit seinem roten Einsatz hier ist
-er rausgekommen!«
-
-Der Arbeiter, der so auch das schönste Hochdeutsch sprach, tippte dabei
-mit seinem Finger auf die Brust. Jetzt verstanden das natürlich auch
-die Jungen, und sie stimmten in das fröhliche Gelächter mit ein, wenn
-sie auch nichts sehen konnten.
-
-Der Herr, der gefragt hatte, sah auf einmal den Arbeiter genauer an
-und meinte dabei: »Ich muß Sie doch schon mal irgendwo gesehen haben!«
-
-»Ja,« kam die trockene Antwort, »det kann schon sint! Da komme ick
-öfter hin und --«
-
-Ein dumpf und schnell anwachsendes Brausen von links her bannte aller
-Sinne von neuem.
-
-»Der Kaiser kommt! Der Kaiser!«
-
-Eine große Bewegung ging durch die Massen. Alles drängte nach vorwärts.
-
-»An der Spitze der Fahnenkompagnie!«
-
-»Wahrhaftig! Hut ab!«
-
-Es wäre nicht nötig gewesen, das zu sagen. Die Hüte flogen in die Luft.
-»Hurra! Hurra!«
-
-Das Herz schlug schneller. Der Kaiser und die Fahnen! Alles Uzen
-und alle Rederei unter dem Volke war da vergessen. Der Kaiser! Er
-schweißte alles und alle durch seine bloße Erscheinung zusammen. _Ein_
-Volk, _ein_ Herz, _ein_ Vaterland! Die Jungen besonders jubelten dem
-Manne zu, der ihrer heute und immer gedacht hatte. »Hurra! Hurra!«
-Wäre es jetzt gegen den Feind gegangen, wahrhaftig: _Ein_ Volk, _ein_
-Herz, _ein_ Vaterland! Hinausziehen würden alle gegen den Feind der
-heimischen Erde! Sie sollten es nur wieder einmal wagen zu kommen! Dann
-dem Kaiser nach! ~Morituri te salutant!~ --
-
-Wie ein Wiesel, ohne noch ein Wort zu sagen, hatte in dem Augenblicke
-Zeidler die Schultern schmal gemacht und huschte eben hinaus und
-hindurch durch die jubelnde Menschenkette, die sich drängend hinter
-ihm staute. Der dicke Puntz nach. Die Belle-Alliance Straße weiter
-hinunter, dem Halleschen Tore zu. Auf dem Bürgersteig immer neben dem
-Kaiser und der Fahnenkompagnie hin.
-
-Da unten aber staute sich der ganze Menschenstrom zu undurchdringlicher
-Mauer. Der Dicke sah sich nach Zeidler um, neben dem er sich doch bis
-jetzt so treu gehalten hatte.
-
-Der aber war fort. Von dem Langbein war überhaupt nichts mehr zu
-sehen, und hinweg über die Gneisenau Straße konnte man auch nicht.
-Unwirsch stand der Junge endlich still. Er sah gerade noch die
-letzten Fahnenspitzen hinter dem lebendigen Wall all der Menschen da
-verschwinden.
-
-Er versuchte schließlich, wieder bis zur Bordschwelle vorzudringen.
-Erst wollte es ihm gar nicht gelingen, dann aber konnte er sogar auf
-die andere Seite der Straße gelangen, wo eben noch Kavallerie den
-Kasernen zuzog. Glück mußte der Mensch eben haben: die fremden Militärs
-in glänzenden Uniformen, Dragoner, noch einmal Ulanen, von denen aber
--- der Dicke achtete jetzt scharf darauf -- kein einziger mehr »mit dem
-Einsatz rausgekommen war,« sogar die Artillerie, alles zog an seinem
-freude- und farbentrunkenen Auge vorüber, unter dem Staunen und dem
-Jubel der Zuschauer, bis sich endlich die bunte Flut verlor und die
-letzten Klänge der Musik in der Ferne verhallten.
-
-Da erst dachte der Dicke wieder an die Mitschüler, die mit ihm am
-frühen Vormittag die Penne verlassen hatten. Wie spät mochte es jetzt
-wohl --? Ach, da drüben war ja eine Uhr! Was? Schon ein halb eins? Das
-konnte doch wohl kaum möglich sein! Aber schadete alles nichts! Schön
-war es doch gewesen!
-
-Er fühlte jetzt auch den Hunger. Sein Frühstück? Ach, das hatte er
-noch in der Mappe! Bei Zeidler! Aber -- nein -- die konnte vorläufig da
-bleiben! Er war zu müde jetzt! Hundemüde sogar! Vom Stehen, vom Sehen,
-von der Fülle der Eindrücke. Nein, solch Paradetag! Ja, der Kaiser, der
-wußte, wie es einem Jungen zumute war! »Hurra! Ach so, ja!« -- -- --
-
-Die Menschenmassen hatten sich gelöst; alles flutete dem Halleschen
-Tore zu. Sogar die Elektrischen durften schon wieder durch. Dicht
-standen die Leute da an der Haltestelle. Na, wo denn nun lang?
-
-Endlich kam der Dicke zu Hause an.
-
-»Junge,« fragte die Mama da, »Junge, wo hast du dich denn rumgewälzt?
-Und das Gesicht!« -- Sie schlug dabei die Hände vor Staunen über dem
-Kopf zusammen.
-
-»Ich? Rumgewälzt? Gar nicht, Mama! Wir waren bloß alle zur Parade!
-Aber, Mama! Es war wirklich großartig! Na, die Woche fing gut an! So
-könnte es meinetwegen weitergehen!« -- -- --
-
-
-
-
-Dienstag: Nachmittag frei.
-
-
-»Ach!« seufzte der Dicke noch einmal am andern Morgen. »Gestern war’s
-doch großartig! Aber heute nun Schule! Ach, wenn es doch so heiß würde,
-daß wir --«
-
-Der Gedanke war zu bildschön; der Junge konnte ihn gar nicht ausdenken.
-Und dann noch eins: wie war’s doch gleich? Hatten sie denn nicht noch
-was Besonderes für Dienstag aufgehabt? Gestern hatte doch Fuchs gar
-nicht die Aufgaben vorgelesen! Und -- ach Gott ja, das lateinische
-Heft! Für den alten Bumsvallera!
-
-»Na, Junge, es ist schon spät!« -- Die Mama war immer etwas ängstlich
-und drängte jetzt zur Eile. -- »Nu mach schon, daß du fortkommst!«
-
-Jetzt stand der Dicke wirklich auf der Straße. Aber wie war das doch
-gleich mit Französisch? Es war doch was!
-
-Der große Hund vom Schlächter an der Ecke kam mit dem Schwanze wedelnd
-freudig auf ihn zu. Die beiden waren gut Freund miteinander, wie denn
-der Dicke überhaupt alle Hunde der nächsten Straßen kannte.
-
-»Na, Cäsar, wie geht’s dir?«
-
-Der Hund sprang jetzt laut bellend an dem Jungen empor.
-
-»Strolch! Cäsar! Sei nicht so glubsch! Sei froh, du! Du brauchst nicht
-zur Schule! Strolch! Biste verrückt? Du hast wohl heute schon in Tran
-getreten?«
-
-Auch der Dicke ist ja mit Spreewasser getauft. -- -- --
-
-Da sitzt er nun in der Klasse und liegt wirklich im Französischen --
-drin im Wurstkessel.
-
-»Warum nicht gelernt, Dicker?« fragt soeben der Doktor Fuchs.
-
-Der Junge hat ein wahrhaft jämmerliches Gesicht aufgesetzt und sieht
-seinen Ordinarius an, als hätte er -- der Dicke natürlich! -- einen
-moralischen Katzenjammer. Endlich ermannt er sich aber und bringt halb
-stotternd hervor: »Gestern morgen war doch Parade! Und am Nachmittag
-mußte ich für meine Mama zur Stadt!«
-
-»Ja aber! Dann am Nachmittag, gegen Abend meine ich!«
-
-»Ich kam erst sehr spät wieder nach Hause! Und dann bin ich --«
-
-»N -- a?«
-
-Die andern Jungen heben neugierig die Brauen und ziehen ganz merklich
-die Ohren straff.
-
-»Da bin ich -- eingeschlafen!«
-
-»Sehr denkbar!« -- Doktor Fuchs zuckt mit den Schultern. -- »Und was
-nachher?«
-
-»Da habe ich gar nicht mehr daran gedacht! Und dann war’s ja auch
-Abend! Ich hatte auch meine Mappe nicht! Die hat unser Mädchen dann
-erst von Zeidler geholt!« -- -- --
-
-Die andern Jungen haben sehr verständnisinnig zugehört und ab und zu
-sogar genickt. Übrigens sind die Arbeiten auch durchgehends äußerst
-nachlässig gemacht, so daß Doktor Fuchs endlich kurzerhand das Buch
-auf die Nase legt und erklärt: »Na, meinetwegen! Die Parade! Aber
-nun, Jungs, möchte ich doch auch mal fragen: Wer von euch hat
-sich überhaupt die Parade oder den Aus- oder Einmarsch der Truppen
-angesehen? Hand hoch!«
-
-Er hat wohl gedacht, die Hände werden nur alle so hochschießen! Weit
-gefehlt! Er zählt und zählt, und er zählt nur einundzwanzig Mann.
-Einundzwanzig von sechsunddreißig! Also eine Kleinigkeit über die
-Hälfte der Jungen hat was von der Parade gesehen!
-
-»Na, Ernst?« -- Ernst Ehrenfried, das ist der Primus. -- »Warum bist
-_du_ denn nicht zur Parade gegangen?«
-
-»Ich -- hatte -- keine -- Zeit!«
-
-»Ach, Zeit!«
-
-»Ja, meine Tante war nicht da!« -- Es kommt das alles recht verlegen
-und ungeschickt heraus. -- »Ich mußte da zu Hause bleiben!«
-
-Der Ordinarius scheint mehr von Ehrenfrieds Verhältnissen zu wissen als
-alle die andern Jungen zusammen; er läßt den Primus jetzt ruhig laufen
-und wendet sich an den Sekundus, den Tauscher.
-
-Der druckst auch so herum. Schließlich aber bequemt er sich doch zu
-der Antwort: »Ich durfte nicht. Meine Eltern sagten, es wäre zu viel
-Gedränge!«
-
-Auch diese Erklärung scheint der Ordinarius ganz plausibel zu finden.
-Er wendet sich einfach wieder zu der ganzen Klasse: »Wer hat denselben
-Grund? Aber ehrlich!«
-
-Langsam und zögernd kommen die Jungen hoch und tun etwas verschämt
-dabei: es sind außer dem Sekundus noch acht. Hier und da wird wie zur
-Entschuldigung gesagt: »Nach der Belle-Alliance Straße zu war es ganz
-schwarz von Menschen!«
-
-»Na, wer bleibt denn nun noch übrig?«
-
-Fünf Mann erheben sich, langsam oder schnell, je nach dem Temperament
-der Jungen. Einer davon meldet sich krampfhaft, sieht aber dabei immer
-noch fragend nach den andern zurück: »Herr Doktor! Herr Doktor!«
-
-»Also?«
-
-»Ich habe mit Haeseler und Forster und Bonin eine Partie durch den
-Grunewald gemacht. Mein Papa hat gesagt, wir sollen uns recht gesund
-machen; da täten wir dem Kaiser einen größeren Gefallen, als wenn wir
-ihm auf dem Tempelhofer Feld Staub schlucken helfen.«
-
-Der Ordinarius darf sich nicht merken lassen, daß das hier etwas
-sonderbar und doch auch wieder drollig genug klingt. Der Vater, der
-dieses Kraftwort gesprochen, gehört selber dem Wehrstande an, und
-der Junge -- das weiß ja jeder in der Klasse -- der will auch einmal
-Offizier werden. Zur Parade aber ist er doch nicht gegangen.
-
-»Also setzen! -- Ja! Was? Wo? Da war ja noch einer! -- Karnagel!«
-
-Der Junge ist recht bedrückt wieder aufgestanden und sieht seinen
-Ordinarius scheu und von unten herauf an, wie ein geprügeltes Hündlein:
-»Ich habe auch nicht gedurft!«
-
-»Na, warum denn nicht, Otto?«
-
-Im nächsten Augenblick tut es dem Doktor Fuchs schon wieder leid, daß
-er den kleinen Karnagel nicht einfach übersehen hat; er erinnert sich,
-daß der Vater des Jungen oft seltsamen Erziehungsprinzipien huldigt.
-Aber es ist zu spät; denn ein anderer Junge ist schon aufgesprungen und
-platzt los: »Herr Doktor! Karnagel darf jetzt nicht raus, weil er das
-letzte lateinische Extemporale mangelhaft geschrieben hat!«
-
-»Herr Doktor! Herr Doktor!« will jetzt auch noch ein anderer seine
-Weisheit an den Mann bringen. -- Grausame Kreatur doch, solch
-Tertianer! Es wird ihm niemals beikommen, daß er mit dem, was er sagen
-will, einem andern wehe, sogar sehr wehe tun kann! -- »Herr Doktor!
-Karnagel kriegt jetzt auch keinen Belag auf die Stulle! -- Doch! Ich
-weiß es!«
-
-Der Lehrer ist taktvoller als die Jungen: er hört diese Worte gar nicht
-und sucht den kleinen Kerl, dem jetzt die Tränen in die Augen schießen,
-zu beruhigen. »Na, laß nur, Otto,« sagt er, »solche Parade, die kannst
-du noch öfter sehen! Paß mal auf, die mußt du später sogar selber
-mitmachen! Na, und unsere Partie am nächsten Freitag! Da seid ihr ja
-alle dabei! Die ist auch was wert!«
-
-Da meldet sich der kleine Köckeritz ganz krampfhaft. Doktor Fuchs aber
-hat offenbar keine Lust mehr, noch etwas über diese Sache zu hören.
-»Genug!« entscheidet er kurz.
-
-»Nein, nein, was anderes!«
-
-»Na, schnell!«
-
-»Können die mittlern Fenster nicht auch aufgemacht werden?«
-
-Die Jungen richten sich alle bei dieser Frage verständnisinnig hoch und
-tun, als wenn ihnen die Sachen auf der Haut klebten, und als müßten sie
-nun diese Sachen vom Körper abheben und abschieben. Mehrere beteuern
-sogar ehrlich: »Ja, es ist wirklich furchtbar heiß! Noch heißer als
-gestern!«
-
-»Die obern Fensterflügel sind offen!« entscheidet Doktor Fuchs. »Die
-mittlern Fenster aufzumachen, hat der Herr Direktor verboten! Neulich
-ist dabei ein Junge in der Sexta vom Fensterbrett gefallen und hat
-sich den Arm gebrochen! Los!«
-
-Und jetzt schlaucht und schleift Doktor Fuchs die Klasse, als ob er die
-verlorene Zeit und sogar den gestrigen Paradetag nachholen müßte. Immer
-schwüler aber wird es in der Klasse. Noch dazu bei der mangelhaften
-Ventilation! Dem Lehrer selbst stehen die hellen Schweißtropfen auf der
-Stirn.
-
-Der dicke Puntz ist an solchen Tagen immer mit am schlimmsten dran.
-Dabei gehen dann natürlich auch seine Gedanken noch leichter spazieren
-als sonst schon. Er stellt sich zum Beispiel jetzt vor, wie schön es
-sein müßte, wenn er baden gehen könnte und nicht --
-
-»Dicker!«
-
-Da hat er sich wieder ertappen lassen und muß nun herhalten und kriegt
-jede zweite Frage, daß er schließlich ganz schachmatt ist, als es zu
-seiner Erlösung endlich läutet. Das war doch wahrhaftig gestern ein
-schönrer Tag! Na, aber vielleicht --
-
-Ein anderer kommt ihm zuvor: »Ob’s heute nachmittag denn gar nicht mal
-frei gibt?«
-
-»Eben wollte ich dasselbe fragen! Das wird ja heute eine Bombenhitze!«
-
-»Och!« -- Ein ganzer Hümpel steht schon vor dem Thermometer, das in die
-Wand eingelassen ist und die Temperatur in der Klasse selbst anzeigt.
--- »Och! Schon 30 Grad!«
-
-»Réaumur?«
-
-»Celsius! Ist ja aber janz gleich! 30 Grad! Nein! Das geht nicht mehr!«
-
-»Wieviel sind denn das Réaumur?« fragt der Dicke zweifelnd und wie für
-sich. »Ach, 24! Och! Wir wollen mal schnell auf den Hof hinunter!« --
-
-Da hat der Schuldiener während der ersten Stunde fleißig gesprengt.
-Eine wohltuende Kühle weht den Jungen entgegen, als sie aus der untern
-Tür auf den Hof hinaustreten. Das ist ihnen aber gar nicht recht.
-»Blödsinniger Kerl!« schimpfen sie. »Der weiß gerade, was gut ist!« --
-
-Eben springt Fritze Köhn aus dem Haufen der Jungen zurück, die sich vor
-dem Thermometer auf dem Hof aufgepflanzt hatten. --
-
-»19! Wenn bloß det olle Krokodil den Hof nich jesprengt hätte!« --
-
-Fritze Köhn ist der Urberliner in der Klasse. Er berlinert immer; nur
-dann nicht, wenn er vor dem Lehrer steht. --
-
-»Na, dann sind aber um zehn Uhr sicher 20 Grad, und dann _müssen_ wir
-frei kriegen!«
-
-»Na, von müssen ist nun keine Rede!«
-
-»Doch! Ich weiß es ganz genau!«
-
-»Ja, aber der Direx richtet sich doch nach seinem Thermometer da
-hinten. Guck doch, da kommt nie die Sonne hin!« --
-
-Wenig tröstlich das alles für die Jungen! Sie müssen wieder hinein in
-den »Schwitzkasten«.
-
-»Was haben wir denn jetzt?«
-
-»Erdkunde! Die Voralpen!«
-
-»Ach, Voralpen oder Nachalpen! Ich verschlafe die Alpen!« --
-
-So ungefähr wurde es auch. Nur mit dem Unterschiede, daß nicht nur der
-eine vor sich hindöste, sondern alle miteinander, wie sie da gebacken
-waren.
-
-Und wieder kommt aus der Klasse heraus die Frage: »Können nicht die
-mittlern Fenster auch aufgemacht werden?«
-
-»Nein!« antwortet der Herr, der vor der Karte steht. »Ist verboten!
-Aber die Tür können wir aufmachen!« -- Er gibt dem Jungen, welcher
-der Tür zunächst sitzt, das Zeichen, sie zu öffnen. Kaum aber öffnet
-sich diese Tür, da tönt ganz klar die Stimme des alten Bumsvallera
-aus der Nebenklasse her, die offenbar schon früher auf die feine Idee
-der Öffentlichkeit des Unterrichts gekommen ist: »Na, na! Hier nicht
-einschlafen, du!«
-
-Das Gaudium der Jungen hüben und drüben bricht los.
-
-»Also! Tür wieder zu!« befiehlt der geographische Herr ruhig. »Dann
-schwitzen wir eben ein bißchen!«
-
-Ein bißchen! Nein, Ströme Schweißes fließen und verpesten geradezu
-die Luft. Auch die Sonne kommt jetzt so langsam herum und sieht
-neugierig in die Klasse hinein. Sonderbar auch! Der Dicke hat so seine
-Betrachtung darüber: sie bescheint zuerst den Westen von Deutschland
-und kriecht dann langsam nach Osten hinüber. Und da sagt man immer, die
-Sonne geht im Osten auf und --
-
-»Puntz! Donnerwetter, Junge, du schläfst ja!« fährt ihm der Professor
-auf den Pelz.
-
-Der Dicke reißt die Augen auf. »Nein -- nein -- ich dachte -- ich
-dachte --«
-
-»Na, siehst du, das kommt davon, wenn mal solch Esel, wie du, denkt!
-Nun passe mal gefälligst auf!« --
-
-Ach, allen andern müßte das auch gesagt werden. Es ist zu schwül in der
-Klasse. Bleischwer liegt es auf allen, und nur _ein_ Gedanke läßt hier
-und da ein Gesicht aufleuchten: es _muß_ ja heute frei geben! Und --
-Gott sei Dank! -- heute ist Dienstag! Dann fällt ja gerade der eklige
-Nachmittag aus! -- -- --
-
-Auf _den_ Gedanken haben sich -- während der zweiten Pause unten auf
-dem Hofe -- alle Jungen zusammengefunden. Aber scheinbar auch eben nur
-die Jungen; denn der inspizierende Herr hüllt sich in Schweigen, wenn
-einer der Jungen ihn fragt. Und der Direx? Der ist überhaupt nicht zu
-sehen!
-
-Aber, was ist denn da los? -- Da vorne! -- Eben bildet sich da eine
-Korona. Um den Schnorzel nämlich, den sonderbaren Jungen aus der
-Quinta, der, wie alle die andern behaupten, »ein bißchen mit dem
-Dämelsack geschlagen ist«. Der Junge steht mitten drin in dem Haufen;
-alles redet auf ihn ein.
-
-»Was ist denn los?« fragen die Neuhinzutretenden, die Tertianer.
-
-»Ach,« erklärt einer der Quintaner lachend, »wir haben Schnorzeln zum
-Direktor geschickt, ob’s nachmittag frei gibt.«
-
-»Na, und?«
-
-»Ja, guck doch! Er kann sich noch gar nicht recht erholen!«
-
-Da hat sich der Schnorzel aber doch endlich erholt. Als ihm jetzt
-wieder einer aufs Fell schreit: »Na, was hat denn nun der Direktor
-gesagt?« da sieht er den Fragenden groß und glotzend an. Dann bückt er
-sich plötzlich vor und beschreibt mit seinem rechten Zeigefinger immer
-einen Kreis um den andern vor seiner Stirn und schreit dabei klagend:
-»’nen Vogel hat er mir gemacht! Ja! ’nen Vogel!«
-
-Alle brechen in ein helles Gelächter aus; die Tertianer aber wenden
-sich ab, und der dicke Puntz meint -- immer noch lachend --: »Dem hätte
-ich ooch ’n Vogel gemacht! Aber noch ’n ganz andern!«
-
-Das ist ja die Meinung der andern im Grunde genommen auch; aber wenn
-der Direx den Schnorzel so angeschnauzt hat, dann will er doch sicher
-nicht frei geben! Gerade der Gedanke ist den Jungen allen furchtbar
-unbehaglich.
-
-»Es muß einer einfach mal ohnmächtig werden!« schlägt der kleine
-Köckeritz vor.
-
-»Ja,« pflichtet ihm ein anderer bei. »Dann werden die schon vernünftig
-werden!«
-
-Wer wohl »die« sein mögen? Kein Mensch verzieht das Gesicht dabei! Aber
-es hilft eben alles nichts: man muß wieder hinauf in die Klasse.
-
-Es ist nur gut dabei, daß es immer noch Jungen gibt, die den Humor
-nicht ganz verloren haben. Neben dem Brunnen steht ein Quartaner und
-ladet mit schallender Stimme ein: »Immer hierher! Immer ran, meine
-Herrschaften! Zur Durschtstillation!« Und oben neben der Klassentür hat
-sich der Fritze Köhn, der »Urballina« aufgepflanzt und katzbuckelt da
-allen freundlich entgegen:
-
- »Immer rin, immer rin ins Schwitzkabiné!
- Macht vil Spaß un dhut nich weh!«
-
-Die Jungen folgen freilich dieser freundlichen Einladung. Aber sofort
-sind sie auch um die Tür herumgeschwenkt und zum Klassenthermometer
-hingetreten. »Was?« ruft einer da hastig. »Nur noch 29 Grad? Na, das
-geht doch nicht mit rechten Dingen zu! Wer hat denn hier gemogelt?«
-
-Der Fritze Köhn hat das gehört und ist auch um die Ecke
-herumgesprungen: »Wat, na Donnerwetter, da denk ick ja, der Affe soll
-mir frisieren! Det jibt’s nu nich! Jeh mal weck! Ick will mal dran
-pusten!«
-
-Gesagt, getan! 30 Grad, 31, 32, 33, 34.
-
-»So! Det jeniejt vorläufig!«
-
-Es genügte aber doch nicht; denn die dritte Stunde beginnt. Und eine
-Gluthitze dabei! Das Atmen wird Lehrer und Jungen schwer, und die
-Arbeit schleicht müde und trübselig dahin. Am Ende der Stunde steht es
-mehr als je bei jedem einzelnen fest: »Nachmittag müssen wir doch frei
-kriegen!«
-
-Die Pause ist kurz.
-
-»Hast du schon zu Nachmittag Geschichte gelernt?« fragt der Bonin den
-Dicken.
-
-»Ih wo! Nich in de ~la main~! Wollen doch erst mal abwarten!«
-
-»Na, Köckeritz will ja ohnmächtig werden!«
-
-»Der? Das Quecksilber! Wenn der wirklich mal ohnmächtig wird, dann ist
-er es immer noch nicht ganz und noch lange nicht!« -- -- --
-
- * * * * *
-
-In der vierten Stunde hat man wieder bei Doktor Fuchs, dem Ordinarius.
-
-»Na, wenigstens nicht so langweilig! Aber der Kerl, der triezt uns
-dafür wieder so!«
-
-»Ach ja! Und bei der Hitze!« --
-
-Auch dasmal half es alles nichts. Mit dem Triezen, das war schon in
-Ordnung; aber weniger heiß war es natürlich trotz alledem nicht.
-
-Ab und zu freilich gab es heute eine Kunstpause. Da sagte dann Doktor
-Fuchs: »So, Jungs, nun könnt ihr euch mal ein bißchen verschnaufen!
-Anlehnen! Wollt ihr euch die Jacke ausziehen?«
-
-Einige setzten lächelnd an; es tat’s aber schließlich doch keiner.
-
-Gerade in solcher Pause aber meldete sich der Bonin: »Herr Doktor! Ich
-muß nachher zum Prediger!«
-
-»Schön! Freut mich!«
-
-Der Junge lächelt darauf etwas verlegen und meint zögernd: »Ja, ich
-weiß aber nicht! Wir gehen doch früher weg! Wir wissen nicht, ob wir
-nachmittag dann wieder hermüssen!«
-
-Jetzt scheint der Ordinarius zu verstehen. »Ach so!« sagt er ganz
-gewichtig. »Na, selbstverständlich! Das möchtest du nun wissen! Na,
-dann komm mal vor! Dann werde ich’s dir ins Ohr sagen!«
-
-Ei, wie der Junge da vorsprang und sein Ohr hinhielt! Und Doktor
-Fuchs, der selber ja nur so groß ist, wie Bonin, der beugt sich ganz
-geheimnisvoll zu ihm vor, als wenn er ihm das wirklich auch nur ganz
-leise zuflüstern wollte. Die andern Jungen aber, die spannen die Ohren
-und recken den Kopf hoch und möchten doch auch etwas aufschnappen.
-
-Ja, aufgepaßt! Jetzt öffnet Dr. Fuchs den Mund, und -- während die
-ganze Klasse den Atem anhält -- brüllt er dem Bonin entgegen: »Wenn ich
-dir das sage, dann wissen das zweie!«
-
-Der Junge ist ganz erschrocken zurückgeprallt und will sich eben wieder
-aufrichten, während im selben Augenblicke die Klasse in lauten Jubel
-ausbricht. Da aber öffnet sich auch plötzlich die Tür. Der Schuldiener
-erscheint auf der Schwelle. Er und der Direktor, sie klopfen beide
-nicht an, wenn sie in die Klasse kommen. Die Jungen sind also darauf
-geeicht, in solchem Falle auch den Direktor erscheinen zu sehen. Sie
-warten gewöhnlich auch erst einen kleinen Moment ab und richten sich
-mit dem Gesicht und mit dem ganzen Menschen darnach. Heute aber sind
-sie ungewöhnlich schnell dahintergekommen, wer sich da durch die Tür
-in die Klasse geschoben hat. Der Jubel über den übertölpelten Bonin
-geht sofort in den andern über, in den Jubel nämlich über den Zettel,
-den der Schuldiener in der Hand hält und eben, süßsauer lächelnd, dem
-Ordinarius präsentiert.
-
-Der nickt nur und verkündet dann: »Also, Jungs, um 1 Uhr wird heute der
-Unterricht geschlossen! Ihr habt ja schon um 12 Uhr Schluß! Nachmittag
-ist natürlich frei!«
-
-Den Schuldiener sieht man heute gnädig an. »Na kann det olle Krokodil
-sprengen, so ville et will.« So hat Fritze Köhn leise gesagt, und so
-denken mit ihm alle die, die das gehört haben. Nicht lange dauert es
-auch, da läutet es. Ein kurzes Gebet, und draußen sind die Jungen,
-frisch und munter, als lockte das schönste Frühlingswetter und nicht
-die Dunst- und Gluthitze der Berliner Asphaltstraßen. --
-
-Als die Jungen die Treppe hinunterstürmen wollen, steht der Schuldiener
-breitspurig im Wege wie ein zürnender Gott. Er wenigstens scheint den
-Jungen den Schulausfall doch nicht zu gönnen. Der Fritze Köhn kann
-es sich deshalb auch nicht verkneifen, im Vorbeigehen einen alten
-Berliner Gassenhauer zu trällern; er als »Urballina« ist ja ganz
-besonders groß in so etwas:
-
- »Mitten auf der Elbe
- schwimmt ein Krokodil,
- wackelt mit dem Schwanze,
- weiß nicht, was es will.
- Bitte, jehn Se rechts
- un bitte, jehn Se links!
- Denn so’n Krokodil
- is een jefährlich Dings!«
-
-Die Kameraden lohnen dem Fritze Köhn dieses Lied und diesen Mut mit
-lautem Jubel. Aber wie erschrocken darüber trollt man sich dann
-schleunigst hinaus. In aller Munde aber liegt ein Wort: »Au wei! Das
-ist ’ne feine Woche! Und am Freitag die Partie! Was wird nun vielleicht
-noch morgen sein?«
-
-Da ist’s vorbei mit der Freude. »Aecks! Morgen Klassenarbeit in
-Geometrie! Junge! Junge! Junge! _Die_ Arbeit verhaue ich ganz sicher!«
-
-»Ach ja! Die ganze feine Woche wird dadurch ruiniert!«
-
-»Wahrhaftig! Wenn doch bis morgen die Schule abbrennte!«
-
-»Und der Kerl mit!« -- -- --
-
-Immer offen und ehrlich! Aber die beiden Tage war die Woche nun schon
-fein gewesen! -- -- --
-
-
-
-
-Mittwoch: Die schönste Enttäuschung.
-
-
-Da war nun der schon lange gefürchtete Mittwoch. Und endlich auch die
-dritte Stunde.
-
-»O Gott, o Gott, o Gott!«
-
-Jeder, der den dicken Puntz so jammern hörte, jammerte innerlich mit;
-er wußte auch ganz genau, was das bedeuten sollte.
-
-»Mir ist ganz blümerant zumute!«
-
-Fritze Köhn haspelte in seiner Brusttasche herum und zog schließlich
-mehrere kleine Figuren aus steifer Pappe daraus hervor.
-
-»So« sagte er dabei, »seht mal her! Ick jloobe, ick hab’s verstan’n!«
-
-Emsig versuchte er dabei, die Sachen zu einer größern Figur
-zusammenzuschieben.
-
-So und so viele Blicke senkten sich auf die sonderbaren Figuren
-hinunter; einer der Jungen streckte sogar kühn seine Hand darnach aus,
-um zuzugreifen und selber die Lösung zu versuchen.
-
-»Halt!« schob Fritze Köhn seinen Arm wie zum Schutze über all die
-Weisheit weg.
-
- »Das Berühren
- der Fijüren
- mit de Foten
- is verboten!«
-
-»Ach!« kam darauf verächtlich von der andern Seite. »Die Geschichte
-geht ja überhaupt auch gar nicht!« --
-
-Die Unke hatte recht, und Fritze Köhn wurde noch obendrein tüchtig
-ausgelacht. Und doch klang das Lachen so gar nicht wie das frische,
-fröhliche Tertianerlachen sonst!
-
-»Ich habe einen mächtigen Bammel!« brachte einer der Jungen wieder
-hervor. Und wieder hatte er allen aus der Seele gesprochen.
-
-Hier steckte einer noch ängstlich die Nase ins Buch; dort mühten sich
-zweie um eine Figur, die aber leider das Schicksal der Köhnschen hatte:
-sie wollte nicht stimmen. Überall ein ander Bild, und überall doch
-gleichmäßig Angst und Sorge vor dieser Arbeit.
-
-Dazwischen wieder die Anklage: »Der hätte ja die Sachen viel mehr mit
-uns üben müssen! Wer hat’s denn überhaupt verstanden? Keiner! Oder der
-Ehrenfried vielleicht!«
-
-»Pfui Deibel! Die ganze schöne Woche wird uns dadurch verdorben und
-verekelt!«
-
-Rrrrrrrrrrrr!
-
-Die elektrische Glocke setzte ein. Wie eine Peitschenschnur flog der
-schnurrende Laut über die Klasse hin und drückte den Kopf der Jungen
-auf die Tischplatte hinunter. Jetzt mußte die Sache steigen! Na, das
-konnte ja gut werden!
-
-»Un no’ een janzet Ende drieber!« meinte Fritze Köhn und tat dabei, als
-müßte er gerade jetzt einen Regenwurm verschlucken. -- -- --
-
-Die Großen befehlen in der höchsten Not und im Augenblicke der Gefahr
-ihre Seele dem Schutze des Allerhöchsten. Ein Junge denkt nicht daran,
-so was zu tun. Er torkelt mit seinem ganzen Menschen in die Gefahr
-hinein.
-
-Auch hier war es schließlich so. Die Jungen hatten sich Feder und
-Bleistift und Zirkelkasten und Heft parat gelegt. Im nächsten
-Augenblick konnte ja doch --
-
-Hier und da klappte schon eine Tür auf dem langen Korridor zu. Der
-lange Sausig aber vorn an der Ecke hatte sich hoch aufgerichtet; er
-blickte unverwandt nach der Tür, als wenn er etwas ganz Besonderes
-darin erwartete. Plötzlich stand er sogar schnell und leise
-auf und machte ein paar große Schritte nach der Türöffnung zu.
-Storchenschritte! Vorsichtig lugte er dann nach dem anderen Ende des
-langen Flures herum.
-
-Die andern Jungen waren ihm mit ihren Blicken gefolgt: alles hielt den
-Atem an. Der Frechdachs! Wenn jetzt der Professor Zirbel käme! Dem
-Sausig konnte es dann traurig gehen; denn gerade Zirbel, der verstand
-keinen Spaß! »Buah!« machte hier und da ein Junge, wenn er mit seinen
-Gedanken so weit gekommen war, und instinktiv und schaudernd fiel der
-entsetzte Blick wieder auf das geometrische Heft hinunter.
-
-Aber -- der Sausig stand immer noch da auf der Lauer! Zirbel kam doch
-sonst so pünktlich und beinahe mit dem Glockenzeichen! Sollte da doch
-etwas passiert sein? Vielleicht daß Zirbel --
-
-Da fuhr Sausig wie ein Blitz in die Klasse zurück.
-
-»Raff! Raff!«
-
-»Wer?« -- Die Jungen wußten nicht recht, was sie daraus machen sollten.
--- »Wer?«
-
-»Raff! Raff!«
-
-»Bei dem haben wir ja gar nicht!« --
-
-Schnelle Schritte kommen draußen näher. Und immer näher. Und plötzlich
-erscheint wirklich der Professor Raff in der Tür. Die Jungen
-machen ein ganz erschrockenes, im nächsten Augenblicke aber schon
-freudig-verblüfftes Gesicht. Sie springen auf.
-
-Der Professor Raff tritt gar nicht erst in die Klasse hinein.
-»Jungs,« sagt er gleich auf der Schwelle, »Herr Professor Zirbel ist
-erkrankt und fehlt heute. Nehmt eure Diarien und kommt schnell in die
-Unter-Sekunda ~O~! -- Na, macht schnell, Jungs!«
-
-Der Herr tritt damit bis in die Mitte des Flures hin zurück. --
-
-Der Bann, der bis zum letzten Augenblicke auf der Klasse gelegen,
-er ist gebrochen. Also kein Extemporale! Der Gefahr entronnen! Ein
-Alpdruck ist von jedem Herzen genommen. Wild schwirren die Ausrufe der
-Freude durcheinander.
-
-»Ach ’ott! Ach ’ott! Jroßartig!«
-
-»Hoffentlich kommt der vor den Ferien überhaupt nicht mehr!«
-
-»Na, morgen haben wir doch wieder! Wenn er nun da schreiben läßt!«
-
-»Ach, Unsinn! Jungs, morgen keiner Geometrie mitbringen!«
-
-»Mein Diarium! Donnerwetter! Schnell doch! Ach, da liegt’s ja!«
-
-Der Herr Professor Raff ist wieder in die Tür getreten und klopft mit
-dem Schlüssel ungeduldig an eine der eisernen Heizröhren. »Na, Jungs,
-mal ein bißchen dalli!«
-
-Ja doch, die Jungen wollen ihm ja schnell folgen! Der schönste Lockruf
-hätte ihnen wirklich nicht flinkere Beine machen können! Im Nu ist auch
-die Klasse jetzt leer, und fröhlich lärmend ziehen die Tertianer der
-Unter-Sekunda zu. Die Jungen darin sind zusammengerückt und betrachten
-mit einem kleinen Unbehagen im Gesicht die Ankömmlinge aus der Tertia.
-Sie haben französische Lektüre. In der Sekunda, wie überall ja sonst
-auch, blamiert man sich nicht gern und noch dazu vor einer Klasse, die
-tiefer steht als man selber. --
-
-»So! Nein, du dahin!« entscheidet Professor Raff schnell noch, als die
-beiden Busenfreunde, der Sausig und der dicke Puntz, absolut auf einer
-Bank zusammensitzen wollen.
-
-»Alles in Ordnung? So, Jungs! Nun macht einmal in euer Diarium einen
-kleinen Aufsatz über die Parade oder über irgend etwas, was ihr am
-Paradetag erlebt habt. Aber ich bitte mir aus: jeder für sich!«
-
-Die Tertianer machen das. Sie würden jetzt, da sie nicht Geometrie
-schreiben, alles machen, was man von ihnen verlangt. Aber immer schielt
-man doch etwas nach dem Betriebe der Sekunda hin. Es ist ja doch auch
-zu schön, so selber geborgen und fern von jeder Gefahr zuzuhören, wie
-eben da der große Lange gelappt wird. Mit »Sie« werden die angeredet
-und lassen sich so behandeln! Na, ungefähr so, wie sie selber unten in
-der Tertia bei Professor Zirbel! Und heute schreiben sie nun bei dem
-nicht Extemporale! Großartig wirklich! Ein feiner Tag! -- -- --
-
- * * * * *
-
-Kaum hatte nachher um elf Uhr der Doktor Fuchs, der Ordinarius, das
-Klassenzimmer betreten, da schossen die Hände der Jungen hoch.
-
-»Herr Doktor! Bei wem haben wir nachher Vertretung? Für Herrn Professor
-Zirbel! Die Algebrastunde!«
-
-»Ja, das ist eben die Sache, Jungs! Ihr seid wirklich die geborenen
-Schlemmer und Schulbarone! Diese Eckstunde nämlich von zwölf bis eins
-fällt aus! Ihr geht also um zwölf Uhr nach Hause.«
-
-»Och!« -- »Oh, das ist fein!«
-
-Ein sinnverwirrender Jubel! Und Doktor Fuchs steht so ruhig da! Er
-blickt so zufrieden und lächelnd in die Klasse hinein! Der hat nie
-vergessen, daß er auch mal jung war und sich da gleichfalls über eine
-ausgefallene Stunde gefreut hat!
-
-»So, Jungs!« sagt er aber dann doch endlich. »Habt ihr euch nun bald
-genug gefreut? Dafür aber kaufen wir unsere Stunde jetzt ordentlich
-aus!«
-
-Das indessen tat den Jungen nicht viel. Kein Extemporale in Geometrie
-und die Algebrastunde nachher auch noch frei! Was konnte es denn
-überhaupt noch Besseres in der Welt geben!
-
-Endlich ertönt wieder das Glockenzeichen. Als aber jetzt die Jungen
-eben ihre Mappen anrappen wollen, um stolz nach Hause zu ziehen,
-während die andern Klassen mit dem Buch vor der Nase und der Sorge vor
-der nächsten Stunde im Gesicht auf dem Hof herumschleichen würden, da
-erschallt auf einmal die Stimme des Ordinarius: »Ja, was denn, meine
-Herrn? Was ist denn los? Ih, nun erst mal Ruhe im Saal!«
-
-»Nach Hause gehen!« -- Die Gesichter werden länger. Was soll denn nun
-noch kommen?
-
-»Ja« -- Doktor Fuchs hat es wirklich heute raus, die Klasse zu quälen
--- »ja, Jungs, da muß ich euch erst noch einen großen Schmerz antun!«
--- Er wendet damit seine Augen zum Stundenplan an der Tür hin. -- »Ihr
-habt doch morgen von acht bis neun Uhr wieder Geometrie!«
-
-Jeder der Jungen weiß das natürlich. Nun schon seit Ostern. Aber keiner
-antwortet darauf.
-
-Der Ordinarius quält sie dafür weiter. »Ja, da muß ich euch, Jungs, nun
-einen großen Schmerz antun!«
-
-Die ganze Klasse ist unruhig geworden und hängt doch auch wieder wie
-erstarrt an den Lippen ihres Ordinarius.
-
-»Der Herr Professor Zirbel wird nun morgen --. Ist dir was, Köckeritz?«
-
-Der Kleine hatte ganz vernehmlich gestöhnt.
-
-»Der wird vielleicht ohnmächtig!« flüsterte Fritze Köhn seinem
-Nebenmann zu.
-
-Aber nein! Köckeritz wie jeder andre der Jungen dachte nur, daß nun
-der Professor Zirbel morgen sicher wiederkommen würde. Und dann _doch_
-das Extemporale! Noch vor Pfingsten! Die ganzen Pfingstferien sollte
-man sich dann womöglich mit der Angst um den Ausfall dieser dämlichen
-Arbeit herumschleppen!
-
-Der kleine Köckeritz mit seinem Gestöhne, der hatte alle andern
-angesteckt. Wie mit dem Gähnen. Und der Doktor Fuchs schließlich mußte
-jetzt unbändig über all die Angstmeier da in seiner Klasse lachen.
-
-»Ja, Jungs!« wurde er endlich wieder ernst. »Gerade _den_ Schmerz muß
-ich euch noch antun! Herr Professor Zirbel wird nämlich morgen auch
-noch fehlen, und --«
-
-Wie da der Jubel losbrach! Schon mehr ein Freudengeschrei! Ein wahres
-Freudengeheul! Daß der Doktor Fuchs erschrocken auffuhr: »Ja, Jungen,
-wenn ihr so ganz und gar verrückt seid, dann darf ich euch nicht sagen,
-was ich euch noch sagen wollte!«
-
-Im Nu ist es wieder totenstill in der Klasse.
-
-»Da also der Herr Professor Zirbel morgen auch noch fehlen wird, und
-da ihr doch die erste Stunde bei ihm hättet, so kommt ihr erst um neun
-Uhr!«
-
-Erneuter Jubelausbruch.
-
-»Na, wartet mal!« -- Die Stimme des Ordinarius zwingt alle wieder zur
-Ruhe. -- »Das dicke Ende kommt eben nach! Da ihr ferner so zwei Stunden
-frei habt -- heute die letzte, morgen die erste! -- so übersetzt ihr
-mir zu morgen extra zum Französischen: Plötz, Übungsbuch, das deutsche
-Stück Nr. 11 ins Diarium! Die Schlacht bei Poitiers!«
-
-Die Jungen nehmen die Sache gleichgültig hin. »Wird gemacht!« denkt
-jeder. Und stolz ziehen sie jetzt zur Klasse hinaus; an den andern
-vorüber, die da, in der großen Pause um zwölf Uhr, auf dem Hofe
-herumlaufen und mit neidischen Blicken den davoneilenden Tertianern
-nachsehen.
-
-»Ach, das ist aber wirklich eine feine Woche!« beteuert der dicke Puntz
-einmal um das andre. »Die kann so bleiben!«
-
-»Jott Strambach!« -- der »Ballina«, der Fritze Köhn, versichert das
-frohlockend. -- »Als Raff sagte, wir sollten nach der Sekunda kommen,
-da habe ick mir ja eens jelacht! Mein janzer Bauch war eene eenzijste
-Falte!«
-
-Die andern müssen darob auch lachen, als ob sie gleich mal probieren
-wollten, wie es tut, wenn der Bauch eine einzige Falte ist. Alle aber
-sind darin einig, daß das eine wirklich feine, sogar eine piekfeine
-Woche ist. -- -- --
-
-
-
-
-Donnerstag: Ein recht bewegter Vormittag.
-
-
-~Sic me servavit Apollo.~
-
-Um neun Uhr erst zur Schule! Aber dafür dann auch gleich Latein! Beim
-alten Bumsvallera! Unheimlich war ja das Lateinische immer! Aber heute
-gerade konnte es keinem recht geheuer sein; denn alle Akkusativregeln
-waren zu repetieren.
-
-»Weiß der Teufel auch, wie das zugeht!« sagte der kleine Köckeritz
-schaudernd. »Aber beim alten Bumsvallera kann man noch so gut gelernt
-haben; wenn’s das Unglück und der alte Querkopf wollen, so fallen wir
-doch hinein!«
-
-Der dicke Puntz schüttelte sich. »Und heute nun solche Regeln! Ganz
-geschaffen, einen anständigen Menschen damit bis über die Ohren
-hineinzulegen! -- Ich habe so’n Animum als wenn!«
-
-»Aber ich erst!« -- Sausig klapperte ordentlich mit den Zähnen.
-
-»Sein Gutes hat Bumsvallera aber doch auch!« meinte der Dicke
-nachdenklich und nach einem Augenblick des Schweigens. »Erstens lernen
-wir was bei ihm, und zweitens hört er mit dem Glockenschlag auf! Ich
-habe zwar das Glück noch nie gehabt, gerade so mal aus der Klemme zu
-kommen; aber ich bin immer froh, wenn es anfängt zu schlagen!« -- -- --
-
-Mochte nun der alte Professor glauben, daß auch alle andern die Regeln
-so herbeten könnten, wie die, welche er zufällig zuerst aufgerufen
-hatte; oder wollte er wirklich noch recht viel Übungssätze dazu
-Übersetzen lassen: kurz, er ließ bald das Übungsbuch aufschlagen.
-Gemütlich war so was nun zwar erst recht nicht; aber man fiel dabei
-doch nicht mit Tadel oder Stunde hinein.
-
-Heute aber sollte die Sache doch aus einem andern Loch pfeifen. Der
-Rippach, der Junge der dumme, übersetzte geradezu gottsjämmerlich
-schlecht; so schlecht, daß es wahrhaftig kein Wunder war, daß der
-alte Bumsvallera schließlich sein Buch hinlegte und den dummen Kerl
-anherrschte: »Siehst du! Siehst du! Du kannst die Regeln nicht! Nun
-sag’ sie auf!«
-
-Der Junge fand sich nicht hinein.
-
-»Na also! Du hast nicht gelernt! Sei ruhig! Nicht, wie du sollst! Du
-kriegst einen Tadel!« --
-
-Dem Dicken und manchem andern noch wurde es schwül dabei. Hie und
-da schlug dieser Tadel wie ein Blitz in die Klasse ein; ein halbes
-Dutzend der Jungen stand schon mit dem Namen im Klassenbuch. Jeden
-Augenblick konnte der Dicke auch drankommen. Und konnte er dann diese
-verzwickten Regeln nicht anwenden, und konnte er sie dann nicht auch am
-Schnürchen und durcheinander herbeten, dann --! Er saß wie auf Kohlen!
-Kam er dran, dann fiel er unbarmherzig hinein, genau wie die andern.
-Und nachher kam dann der Doktor Fuchs in die Klasse, mit dem man doch
-morgen eine Landpartie machen wollte! Die Sache war --
-
-»Na, nun mal -- der -- Puntz!«
-
-Der Dicke pfiff von seinem Platze auf wie noch nie in seinem ganzen
-Schulleben. Jetzt sollte er übersetzen. Aber so sehr er sich auch
-zusammenriß, hier und da stockte er doch, und nun gebrauchte er sogar
-den Akkusativ, und die Tücke des Schicksals wollte noch, daß gerade
-hier der -- Dativ stehen mußte.
-
-»Ach!« fuhr der Alte da zusammen. »Na, ich glaube gar!« -- Bumsvallera
-gebärdete sich ganz wild dabei. -- »Kannst du denn überhaupt --«
-
-Klirrr--r--r!
-
-Der Alte hatte mit seinem Klemmer wütend vor sich hingehauen. Dabei war
-ihm das Buch mit seiner scharfen, harten Kante in die Quere gekommen,
-und -- das ganze Pincenez war zum Teufel. Und doch tat der Alte auf
-einmal, als wäre gar nichts geschehen, oder als ärgere er sich nicht im
-geringsten darüber. Jeder aber sah ihm den Ärger an. Die Jungen wagten
-ja nun nicht, auch nur einen Mucks zu sagen; aber innerlich schrieen
-und jubilierten sie vor Schadenfreude. »Der alte Bumsvallera, der hat
-uns jenug jeschunden, dem gönne ick det!« -- So dachte Fritze Köhn; so
-dachte mit ihm auch manch andrer. --
-
-Währenddessen stand der Dicke da als das Opfer, auf das sich -- nach
-seiner eigenen Meinung -- die ganze Erregung des Lehrers entladen mußte.
-
-Nichts von Erregung! »Na also, Puntz! Kannst du denn die Regel? Ja? Na
-gut! Sag’ sie mal auf!«
-
-Der arme Junge hatte den Kopf gehoben; seine Nasenflügel vibrierten. Er
-wußte die Regel ganz bestimmt; und doch --.
-
-»Na, los nur! Wenn du sie nicht kannst, dann --.«
-
-Rrrrrrrrr--. Die elektrische Glocke war die Erlöserin.
-
-»Na« -- der Alte richtete sich im selben Augenblicke hoch -- »na,
-Puntz, heute kannst du auch sagen: ~Sic me servavit Apollo!~« --
-
-Der Junge atmete tief auf. Er fühlte, wie ihm der Schweiß auf die Stirn
-getreten war. Die andern, die schon drangewesen und dabei reingefallen
-waren, die taten ihm ja leid; aber die würden jetzt sicher lachen, wenn
-er so kurz vor Toresschluß auch noch hineingeflogen wäre. Also Wurst
-wider Wurst! Er wollte sich freuen, daß _er_ wenigstens so mit einem
-blauen Auge davongekommen war. -- -- --
-
-Der alte Bumsvallera hatte seinen Vermerk über das durchgenommene
-Pensum ins Klassenbuch geschrieben. Als er am Dicken vorbeiging, drohte
-er ihm mit dem Zeigefinger: »Du, du, lernen!«
-
-Beinahe hätte der Dicke gesagt: »Herr Professor, ich habe auch
-gelernt!« Doch er dachte noch rechtzeitig daran, daß es nicht wohl
-angebracht war, dem alten Herrn mit einem Widerspruch zu kommen. So zog
-der Junge lieber vor, nichts zu sagen. Er begnügte sich nur, hinter dem
-Alten herzugrienen, und kaum war der zur Tür hinaus, so seufzte Puntz
-noch einmal auf: »Gott sei Dank! Das ging noch mal so ab!«
-
-»Und die letzte lateinsche Stunde!« gab auch Fritze Köhn seinen Senf
-dazu. »Verjiß det nicht!«
-
-»Ja,« fiel der Dicke wieder fröhlich ein, »das ist doch eine feine
-Woche! _Nun_ ist sie erst fein!«
-
-»Ja, da hast du recht! Und jetzt Turnen bei Paperlink!« -- -- --
-
-
-Strafe muß sein!
-
-Ja, Turnen bei Paperlink! Wer konnte es den Jungen verdenken, daß sie
-zum Turnen liefen und stürzten? Ein Fach, das keins ist, weil’s nichts
-dafür aufgibt, und Paperlink aller Ränke voll! Und immer lustig und zu
-allen möglichen und unmöglichen Scherzen mit den Jungen aufgelegt! Ein
-Junger unter Jungen!
-
-Auch heute rannten die Tertianer schnell zum Turnen hinunter. Aber --
-was hatte der kleine Turnwart, der Paperlink, nur heute? Während ihm
-sonst die Jungen die Hand geben durften und er diese »Patsche« auch
-wieder tüchtig schüttelte, heute lief er mit den Händen auf dem Rücken
-herum und tat, als sähe er die ihm treuherzig entgegengestreckten
-»Pfoten« nicht, als sähe er überhaupt durch die Jungen durch und durch.
-
-»Der muß sich mächtig geärgert haben!« erklärte der kleine Köckeritz.
-
-»Ja,« -- Fritze Köhn hatte ja immer ein schlechtes Gewissen -- »et’s
-bloß jut, det wir nich dran schuld sin! Oder sint wer?« -- -- --
-
-Es sollte sich bald zeigen, wer daran schuld war. --
-
-Kaum daß die elektrische Glocke im Schulgebäude oben losschnarrte,
-schritt auch schon der kleine Paperlink mit einer feierlichen und ihm
-doch sonst so ganz fremden Grandezza zur Turnglocke vor und läutete,
-daß es allen durch Mark und Bein ging.
-
-»Brrr!« fuhr Fritze Köhn auf. »Det jeht einen ja durch Mark un
-Fennje!«[10]
-
- [10] Pfennige.
-
-»Na nu?« -- Die Jungen sehen ganz erstaunt auf. Sie waren gewohnt,
-sonst immer noch etwas Kürturnen zu haben. -- »Schon?« -- »Was ist denn
-eigentlich heute mit dem los?«
-
-Paperlink stand auf seinem Kommandokasten, mit dem er -- wie er einmal
-selber verraten -- seiner Länge eine Elle hatte zusetzen wollen. Er
-blickte starr auf den Fleck hin, auf dem die Klasse eigentlich nun bald
-stehen sollte.
-
-Die Jungen wurden etwas ängstlich. Einer drängte den andern.
-»Dunnerwetter ja, was ist denn heute nur passiert? Man ’n bißken fix
-jetzt!«
-
-Die Klasse stand in Rotten ausgerichtet da und hielt die Blicke
-erwartungsvoll auf Paperlink geheftet, der immer noch starr vor sich
-hinsah.
-
-»Als ginge er hinter einem Leichenwagen her!« flüsterte der kleine
-Köckeritz, der Frechdachs.
-
-Endlich, endlich hob der Herr Turnwart den Kopf und bewegte die Lippen.
-
-»Ja, ich habe mit den Herren ein Wort deutsch zu reden.« (~NB.~ wenn
-Paperlink feierlich werden wollte, dann redete er hochdeutsch.) »Ich
-habe zu meinem größten Bedauern gehört, was ihr alles für Hanaken --
-ich wollte sagen, was ihr alles für unpatriotische Jungen seid, die
-nicht wert sind, Deutsche zu heißen, weil sie sich zur Parade von
-Seiner Majestät frei geben lassen und doch nicht zur Parade gehen.
-Der Ordinarius hat mir erzählt, daß nur einundzwanzig Mann von der
-Unter-Tertia ~O~ zu diesem Fest gegangen sind und fünfzehn also nicht.
-Ich wenigstens finde, es wäre ganz gut, wenn ihr euch bei solcher
-Gelegenheit unsere feinen Soldaten mal ein bißchen genauer ansähet und
-euer deutsches Gefühl daran ein bißchen stramm aufrichten wolltet.
-Solch Gang am Montag durch die Belle-Alliance Straße hätte auf einen
-richtigen Jungen viel mehr wirken können als die gelehrtesten Reden
-über die Vaterlandsliebe. Das ist _meine_ Meinung. Und deshalb werde
-ich die Herren, die am Montag nicht an der Parade teilgenommen haben,
-bestrafen.«
-
-Der Redner schöpfte tief Atem, während die Jungen unten vor ihm zum
-Teil recht betroffen, zum Teil recht schadenfroh dreinsahen.
-
-»Vortreten,« hob Paperlink wieder an, »wer sich die Parade _nicht_
-angesehen hat!«
-
-Die fünfzehn Mann traten vor, ohne auch nur einen Augenblick zu zögern
-oder ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Auch von Schoener und
-Haeseler und Forster und Bonin, die nach dem Grunewald gegangen waren
-und so doch eigentlich den Paradetag auch redlich benutzt hatten. Sie
-wußten, bei Paperlink würde doch kein Widerspruch etwas helfen.
-
-»Herr Turnwart!« -- von Schoener ist damit einen Schritt weiter
-vorgetreten. -- »Karnagel kann eigentlich nicht dafür, daß er nicht
-gegangen ist. Sein Vater ist dran schuld!«
-
-»Ist gut! Seinen Vater habe ich nicht hier. Also muß _er_ ran!«
-
-von Schoener, der nette, mutige Junge, tritt wieder zurück. Ja, als
-Sohn eines Offiziers hat er Disziplin im Leibe.
-
-»Drei ... sechs ...... fünfzehn! Stimmt! Erstens also zwiebele ich
-euch, die ihr euch nicht über unser schönes Militär freuen konntet,
-jetzt ein Viertelstündchen, und die _andern_ sehen zu. Und zweitens
-dürfen die andern dann kürturnen, und _ihr_ seht zu. Die Paradejungen
-aber dürfen sich beim Zusehen malerisch um euch herumgruppieren, wie
-es ihnen am bequemsten ist, und ihr, die Reichskrüppel, ihr, mit eurem
-Manko im vaterländischen Gefühl, ihr müßt nachher beim Zusehen in Reih
-und Glied stehen! Und stramm dabei! Das soll eure Strafe sein! -- Die
-Parade austreten!«
-
-»Die Parade austreten?« -- Oh, die Jungen verstanden! Im Nu waren alle
-Barren, Matratzen und alles, was sonst einen Raum zum Liegen bot,
-»beflegelt«, während Paperlink von seinem Kommandokasten hinuntersprang
-und die »Reichskrüppel« zusammenrücken ließ. Und nun ging’s los. Nach
-links und nach rechts hin ließ er das kleine Häuflein marschieren
-und schwenken, die Turnhalle auf und die Turnhalle ab; er ließ sie
-an Ort treten und im Laufschritt dahinstürzen, auf die schadenfrohen
-Paradezuschauer zu und von ihnen weg, an ihnen vorbei und noch einmal
-vorbei und zum so und so vielten Male vorbei, daß die fünfzehn Mann
-schließlich rauchten und dampften. Und endlich, endlich kam dann das
-Kommando: »Halt!«
-
-»Ausrichten! -- Haeseler, man nich so schlapp dhun! -- Bonin, an deinen
-Schuhen is ooch bloß die Ventilation jut! -- Schoener, dhu man nich so!
-Willst woll Eindruck schinden? -- So! Nun habt ihr noch lange nicht
-so geschwitzt wie wir andern bei der Parade! Aber ich will Gnade vor
-Recht ergehen lassen. Ganze Abteilung -- kehrt! Vorwärts -- marsch!
-... Ganze Abteilung -- halt! Ganze Abteilung -- kehrt! So! Hier bleibt
-ihr stehen und seht zu!« -- Zu den andern gewendet: »Zur Belohnung
-Kürturnen!«
-
-Na, war das nun bisher für die »Paradejungen« ein Vergnügen gewesen,
-jetzt ging’s erst recht an. Kürturnen eine ganze halbe Stunde lang!
-Wie es sonst nur in der allerletzten Stunde vor der großen Versetzung
-gewesen war! Und um so schöner, als andere dieses Vergnügen zu der
-gleichen Zeit nicht haben konnten! Die mußten nun so »duselig« zusehen!
-Und ausgenutzt wurde dieses Vergnügen!
-
-Am Ende der Stunde ertönte wieder das Glockenzeichen.
-
-»In Rotten antreten! Haltung!«
-
-Paperlink stand auf seinem Kommando- oder Vergrößerungskasten.
-
-»So!« -- Der kleine Herr machte wieder sein gewöhnliches, sein
-gemütliches Gesicht. -- »Jetzt sind die Sünder wieder so gute Menschen
-wie wir andern. Jetzt dürft ihr mir alle wieder zum Abschied vor den
-Pfingstferien die Hand geben!«
-
-Es taten’s alle. Zu allererst und am allereifrigsten die fünfzehn,
-die Paperlink soeben so frisch und allerliebst und gründlich dabei
-»gezwiebelt« hatte. -- -- --
-
-
-Zu langstilig und zu kurzstielig.
-
-»Na, das läßt sich ja immer schöner an!«
-
-Das Gefühl so ungefähr hatte die ganze Klasse, als man endlich wieder
-oben saß und auf Doktor Fuchs wartete. Was konnte denn überhaupt nun
-heute noch passieren? Jetzt im Französischen ein Lesestück! Und nachher
-Geschichte! Da mußte man ja schon veritable Kunststücke machen, um
-hineinzufallen. Man durfte natürlich keinen unnützen Jokus treiben;
-aber man riß sich eben auch kein Bein aus.
-
-Und morgen dann die Klassenpartie! Und dann die Pfingstferien! Der
-dicke Puntz hätte bei diesem Gedanken beinahe Juchhe! geschrien.
-
-Wo blieb aber nur Fuchs heute?
-
-Da, ein Trappeln von vielen Schritten auf der Treppe! Eine der Quarten
-marschierte draußen andächtig auf. Schnell trat auch jetzt der
-Ordinarius in die Klasse und ließ seine Jungen so auseinanderrücken,
-daß sich neben jeden ein Quartaner setzen konnte.
-
-Die ganze Sache fing also schon recht langstilig an, und langstiliger
-noch ging’s in der Stunde her; denn offenbar wollte Doktor Fuchs die
-Quartaner nicht ganz brach liegen lassen und seinen eigenen Tertianern
-das Quartanerpensum dabei in Erinnerung bringen.
-
-Verlorene Liebesmüh! Der Tertianer hat bei solcher Gelegenheit oft ein
-dickes Fell: man ließ also auch in diesem Falle die ganze Geschichte
-ruhig an sich vorüberplätschern und schwamm nur mit, wenn man wirklich
-mal gezwungen wurde. Man war ja mit allem so weit weg vom Schuß!
-
-Schließlich hatte man auch mal wieder das Gefühl: ~summa summarum~ eine
-feine Stunde!
-
-»Ja,« beteuerte der kleine Köckeritz, der es verstand, sich zuweilen
-recht gewählt auszudrücken, »es war eine Stunde, die sich wunderbar in
-diese ganze, feine Woche hineinfügt! Auch die Geschichtsstunde werden
-wir mit Gottes Hilfe noch überstehen!«
-
-Fritze Köhn aber sah dabei dem Kleinen so seltsam auf den Mund. »Fertig
-mit de Quasselstrippe?« fragte er schließlich.
-
-»Ja!«
-
-»Ick mach’s kirzer: Jetzt no’ Jeschichte! Un denn: Adjee Sie!«
-
-Die andern Jungen mußten hell auslachen. Sie waren durchaus der
-Meinung von Fritze Köhn: so was konnte man eben gar nicht kurz genug
-sagen! -- -- --
-
-Nun saß man schon mitten drin in der Geschichtsstunde! Griechenland war
-so weit weg und die Geschichte der alten Griechen noch viel weiter!
-Zudem war es auch wieder heiß geworden, wenn auch nicht so heiß, daß
-man auf Freigeben hätte hoffen können. Immerhin, mitten in der Stunde
--- die Schuluhr draußen über der Turnhalle hatte gerade halb geschlagen
--- mitten in der Stunde also meldete sich der Richter und sagte
-höflich: »Herr Doktor, können nicht die Fenster oben _alle_ aufgemacht
-werden?«
-
-Der Lehrer nickte: »Selbstverständlich! Hier sind ja wohl bestimmte
-Fensterwarte in dieser Klasse!«
-
-Die vier Größten sprangen auf.
-
-»Meins ist schon auf!« sagte Schützel gewichtig, während Schilter und
-Heinrichs vorliefen, um den Hebel an ihrem Fenster zu ergreifen und ihn
-langsam und vorsichtig zur Seite zu drücken. Die Fenster öffneten sich
-dann oben an der Decke, wie von einem geheimen Zauber bewegt.
-
-»Na, und du?« fragte der Lehrer den Mucius.
-
-»Ja, das da ist meins! Aber manchmal geht’s, und manchmal geht’s nicht!
-Herr Doktor Fuchs hat gesagt, am besten machen wir das vorläufig
-_nicht_ auf!«
-
-»Och! Hat er das wirklich so gemeint? Es ist nämlich bei euch hierdrin
-in der Tat etwas sehr schwül, Jungs! Geht’s wirklich nicht doch mal mit
-dem Fenster, Mucius?«
-
-»Herr Oberlehrer!« -- Der kleine Zittel ist immer einer der schnellsten
-auf dem Plan. -- »Das Fenster ist unter Plombenverschluß gelegt!«
-
-»Unter was?« fragt da der Lehrer aufhorchend und tritt zu dem besagten
-Fenster hinüber.
-
-Da war eine rote, feine Schnur um den Hebel und die zum obersten
-Fensterflügel hinauflaufende Eisenstange gelegt; die beiden Enden
-dieser Schnur waren in einer kleinen Bleiplombe vereinigt. Und ein
-Zettel war weiter darangebunden. Auf dem stand:
-
- »Vorsicht! Plombe!
- Oeffnen bei Strafe verboten!
-
- Mucius, Fensterwart.
- Im Auftrage der Klasse,
- G. m. b. H.«
-
-Der Lehrer mußte lachen. »Na,« meinte er schließlich, »dann müßte unten
-in meiner Quinta an jedem Fenster solche Warnung hängen! Es wird schon
-gehen!«
-
-Vorsichtig fing also der Herr an, an dem Hebel zu drücken. Doch,
-die kleine Schnur, so dünn sie auch sein mochte, leistete einen
-gewissen Widerstand. Die Jungen sahen gespannten Blickes auf die ganze
-Manipulation hin. Mucius sogar etwas empört. Schließlich, er mußte doch
-sein Fenster auch besser kennen als jeder andere! Und wenn der andere
-auch sogar vielleicht Professor war. Passierte was dran, dann war er
-selber doch Fuchsen dafür verantwortlich, und es war doch eben _sein_
-Fenster! Aber _er_ würde --
-
-Knipps! -- Da war die dünne Schnur gerissen. Rupps! fuhr das Fenster
-oben auf. Krach! sprang der Flügel aus den Angeln.
-
-Alles am Fenster dort vorn prallte zur Seite; denn schon sauste der
-schwere Holzrahmen mit der Scheibe zu Boden, und klirr! klirr! klirr!
-zerschmetterte sich die Scheibe unten an den Dielen in tausend Stücke.
-
-Ein Augenblick entsetzten Schweigens! Dann aber brach der Spektakel
-los. Ein Lachen! Ein Johlen! Ein Heulen! Dort vorn am Fenster bogen
-sich die nächsten mit schadenfrohem Gesicht zu der ganzen, zerbrochenen
-Herrlichkeit hinunter; hier sahen die ersten auf der Bank dem Lehrer
-in die erschrockenen Augen; hinten aber hatten sich ein paar direkt
-umarmt, und man hätte nur noch zweifelhaft sein können, ob sie lieber
-einen Schunkelwalzer oder einen Indianertanz aufführen wollten.
-
-Es kam zu keinem von beiden; denn im selben Augenblick erschien auch
-schon der Direktor auf der Bildfläche.
-
-»Na nu? Was ist denn hier los?«
-
-Der Geschichtslehrer kam um die Bänke herum und erklärte die ganze
-Sache. Und verlegen lächelnd fügte er hinzu: »Ich werde natürlich für
-den Schaden aufkommen, Herr Direktor!«
-
-»Ich weiß nun nicht mal, ob Sie das dürfen,« erwiderte indessen der
-Direktor ablehnend. »Die Fabrik, die diese Verschlüsse eingerichtet
-hat, ist der Stadt zu einer tadellosen Leistung verpflichtet, und doch
-ist beinahe in jeder Klasse etwas daran nicht in Ordnung. Sehen Sie,
-dieser Zapfen da oben! Ja, der! Der ist immer zu kurzstielig! Ich
-habe jetzt schon eine ganze Zeit lang eine wirkliche Angst gehabt,
-daß mit den Dingern was passieren könnte. Und als ich draußen gerade
-vorbeiging« -- der Herr Direktor lachte wieder -- »da dachte ich mir
-gleich, daß was mit diesen Fenstern los wäre. Es hörte sich ja ganz
-gefährlich an!«
-
-»Na, hier noch mehr!« freute sich auch der Geschichtslehrer. »Es ist
-nur gut, daß kein Unglück sonst dabei vorgekommen ist!« -- -- --
-
-Ach, Unglück oder nicht! Das war den Jungen schließlich ganz schnuppe.
-Aber der entsetzliche Krach, die Verlegenheit des Lehrers, die Angst
-und die Aufregung des Direktors, alles das zusammen machte ihnen ja
-einen Heidenspaß. Die Zeit ~NB.~ verging doch dabei auch; die Zeit, die
-kostbare Zeit, mit der sonst so gespart und gegeizt wurde. Na, kurz und
-gut, höchst willkommen die ganze Geschichte! Die alten Griechen waren
-dabei weit, weit weggeraten. Was hätten die auch hier gewollt, die
-dummen Kerle, die mit dem besten Willen von der Welt überhaupt keine
-Scheibe hätten zerschmeißen können! Eine feine Stunde wieder mal, fein,
-wie die ganze Woche! Beinahe war es sogar jammerschade, daß es jetzt
-schon läutete und man so nicht mehr weiter das Bewußtsein haben konnte,
-daß die ganze letzte halbe Stunde zum Teufel gegangen war -- durch die
-Schuld des Lehrers. --
-
-»Hast du übrigens gesehen, was für ein Gesicht er dabei machte?«
-
-»Ja, als wenn er die ganze Scheibe auf den Kopf gekriegt hätte!«
-
-»Ach, die hat er auf den Kopf gekriegt?«
-
-»Ih wo!«
-
-»Na, wer weiß?«
-
-»Na freilich!«
-
-»Quatsch nich, Krause!«
-
-Fritze Köhn hat dieses gewichtige Wort gesprochen. Und mit listig und
-lustig blinkenden Äuglein fährt er fort: »Ob die Zappen an den an’nern
-Fenstern nich auch en bißken kleener jemacht werden könnten! So ’n
-bißken kurzstieliger, meen’ ick!«
-
-Die Jungen stutzten wohl etwas, dann aber lachten sie doch nur Über den
-»verrückten« Einfall. »Ach nein! Aber eine feine Stunde war es doch
-wieder mal!«
-
-»Ganz ausgezeichnet fein!« bestätigte Köckeritz. »Wie die ganze Woche!«
-
-»Ja! Und morgen noch die Partie! Das wird das Allerfeinste!« -- -- --
-
-
-
-
-Freitag: Die Klassenpartie.
-
-
-Der alte Caesar und eine moderne Landpartie.
-
-Ja, das Allerfeinste! Der eigentliche Lichtpunkt in der Mühsal des
-Klassen- und besonders des Tertianerlebens, das ist die Partie, die
-Klassenpartie! Und als ein wirklich großes Ereignis, das sie in der Tat
-ja ist, wirft sie natürlich auch ihren Schatten voraus! Wochenlang!
-
-So ist es auch dieses Mal hier in der Unter-Tertia gewesen, und
-vielerlei ist darüber zu berichten, bevor noch dieser Freitag der
-feinsten Woche überhaupt herangekommen war. --
-
-Langsam hatte sich eines Nachmittags -- noch im Mai war das gewesen!
--- die Unter-Tertia in dem großen Klassenzimmer zusammengefunden.
-Müde und mißmutig. Der ganze Nachmittagsunterricht kann den Jungen
-gestohlen bleiben. Zweimal am Tage hermüssen bei den weiten Schulwegen!
-Schauderhaft! Und noch dazu nun Latein! Und bei Bumsvallera!
-
-Da tritt eben der dicke Puntz herein. Er hat die grüne Mütze etwas
-verwegen ins Genick gerückt und zieht unter der Weste das ~Bellum
-Gallicum~ hervor. Er wirft das braun gebundene Büchlein vor sich auf
-den Tisch, daß es kracht.
-
-»Der Caesar! Da liegt der Kerl! Der Hund von unserm Schlächter heißt
-auch Caesar! Der ist mir lieber!«
-
-Am andern Ende der Bank lacht der kleine, lustige Köckeritz laut auf.
-Er ist kein schlechter Schüler, aber doch ein leichter Bruder, dem der
-Reichtum des Vaters nicht gerade förderlich ist; denn er strengt sich
-nicht halb so an, wie er es wohl könnte. Und der etwas ängstliche Papa
-hält ihm nun stets und ständig Hauslehrer, die aber mit dem kleinen
-Windbeutel auch nicht viel anfangen können.
-
-»U--ah!« -- Man denkt gar nicht, daß der kleine Kerl seine Arme so weit
-in die Welt hinausstrecken kann. -- »U--ah! Dicker, nicht wahr, du hast
-auch keine Lust!«
-
-»Nee, nich die geringste! Sage mal, kannst du fein übersetzen?«
-
-»Natürlich! Denkst du, ich soll noch mal reinfallen?«
-
-»Du, dann übersetze mal schnell!« --
-
-Die grüne Mütze fliegt im selben Augenblick an den nächsten Haken und
-schwankt da ein ganzes Weilchen hin und her, ganz nachdenklich, ob sie
-sich bei solcher niederträchtigen Behandlung nicht lieber platt auf den
-Boden legen soll. Aber sie bleibt doch oben hängen; denn sie muß zu
-ihrem Schrecken sehen: gerade der, den sie immer so nett bedeckt und
-beschirmt hat, der hätte jetzt weder Lust noch Zeit, sie aufzuheben.
-
-Wirklich! Der Dicke sitzt schon neben dem kleinen Köckeritz. Sie
-versuchen emsig, mit den Belgiern Bibrax zu stürmen. Und auch andere
-scheint das noch außerordentlich zu interessieren; denn bald hat sich
-um Köckeritz ein kleines Häuflein gebildet, und die Jungen hocken da
-so dicht zusammen, daß sie von weitem aussehen, als wollten sie einen
-Trichter im lebenden Bilde darstellen. Während aber doch sonst alles in
-den Trichter hinunter und zu Tal läuft, so strömt hier scheinbar alles
-von unten nach oben. Unten im Loch nämlich sitzt der kleine Köckeritz.
-Und je weiter seine Worte zu dem weiten Trichterrand empordringen,
-desto andächtiger werden sie auch aufgenommen; denn da oben am
-Trichterrand sitzen in diesem Falle naturgemäß die meisten Ohren.
-
-Ab und zu wird der Trichterrand oben sogar noch höher, weil noch jemand
-anders wissen möchte, was nun eigentlich aus Bibrax werden soll. Alles
-drängt sich heutzutage zur Wissenschaft. Das tun auch gerade die
-Jungen da oben, die zuletzt dazugekommen sind. Und wenn auch unten im
-Trichter dafür eine Beule entsteht, die sogar, wider alle Naturgesetze,
-ein kräftiges Wort gegen die unverschämte Drängelei von oben zutage
-fördert, so hat doch jetzt keiner recht Zeit, auf so etwas achtzugeben:
-sie stehen alle in der Furcht des Herrn Professor Bumsvallera!
-
-Da stürzt auf einmal der tolle Hagen in die Klasse herein: »Jungs!
-Partie, Partie! Vor den großen Ferien noch! Eine Klassenpar--!«
-
-Ha! Wenn der alte Caesar das jetzt hätte sehen können! Bei seinen
-Lebzeiten war er ja auch oft genug in der Klemme gewesen; aber so
-schnell war er wirklich nie aus solcher Klemme herausgekommen wie in
-diesem Augenblicke, als alle diese Tertianer, die ihm eben noch ganz
-nahe auf den Leib gerückt waren, aus dem Trichter herauspurzelten.
-Plötzlich saß der kleine Köckeritz ganz allein da, und sein rundes
-Köpfchen ragte hoch über die zerflossene Trichterflut weg. Er hatte
-natürlich unten in dem Loch nichts von der sieghaften Ankündigung
-Hagens gehört; er glaubte vielmehr scheinbar, daß der Professor
-Bumsvallera ganz überraschend den Einwohnern von Bibrax zu Hilfe
-gekommen wäre. Da sah er nun Hagens freudig gerötetes Gesicht vor sich
-und war so erstaunt darüber und machte selber ein so dummes Gesicht
-dabei, daß Hagen ganz erschrocken tat und mitten in seinem letzten
-Wort, in der »Klassenpartie« nämlich, stecken blieb.
-
-Aber er hatte keine Zeit, noch länger erstaunt zu sein; denn um ihn
-fluteten jetzt die Kameraden alle herum und bestürmten ihn, wie just
-eben noch die Belgier die Stadt Bibrax.
-
-»Wieso?« -- »Wer hat das gesagt?« -- So ruft alles durcheinander. --
-»Woher weißt du das?« -- »Erzähle mal!« -- »Mit Fuchs allein? Oder eine
-Schulpartie?«
-
-Indes, Hagen ist jetzt wieder Herr der Situation. Er hat seine Bücher
-schnell hingelegt und hebt jetzt eben ruhig seine Hände, wie um die
-aufgeregten Wellen zu beschwichtigen. Und dann sagt er ebenso gemessen
-wie gewichtig: »Erst -- mal -- Ruhe -- im -- Saal! Großmutter will
-tanzen!«
-
-»Unsinn! Sage mal schnell!« -- Wie konnte der dicke Puntz bloß so
-rapide den Professor Bumsvallera und den alten Caesar vergessen! --
-
-»Also, Jungs!« -- Hagen bleibt in dem Schneckenton. -- »Der -- Direx
--- hat -- in -- der -- Sekunda -- gesagt: in der nächsten Woche sollen
-alle Klassen einen Ausflug machen. Na, und Ausflug heißt doch auf gut
-deutsch Partie!«
-
-Dabei hat Hagen seine Daumen in die Ärmellöcher seiner Weste gehängt
-und sieht triumphierend im Kreise herum. Er schmunzelt dabei noch
-ganz urgemütlich und macht ein eckig-ehrpuseliges Gesicht, wie ein
-leibhaftiger Großpapa, so daß der dicke Puntz ungeduldig losplatzt:
-»Na, du warst doch nicht dabei, als der Direx das gesagt hat!«
-
-»Nee, aber der dicke Vietz hat mir’s gesagt. Der ist übrigens noch
-dicker als du!«
-
-»Vietz? Der hat sicher geflunkert!«
-
-»Du meinst, die Dicken flunkern alle!«
-
-»Ich werde dir gleich --«
-
-»Bumsvallera! Bums!«
-
-Da zerstieben die Tertianer wie einst die Belgier vor dem großen Caesar.
-
-Aber der hatte doch den rechten Zeitpunkt immer weit besser abgepaßt
-als der alte Professor jetzt; denn Bumsvallera, ja, der war entschieden
-zu früh gekommen. Der hätte wirklich noch warten sollen, bis man
-dem Hagen ein klein wenig wegen seiner Leichtgläubigkeit den Kopf
-gewaschen hatte. So behielt jeder der Jungen noch etwas auf der Zunge
-sitzen. Wie hätte da nun noch eine schöne Caesarübersetzung darauf
-Platz gehabt? Nein, nein! Das ging heute eben schauderhaft trotz der
-Trichterarbeit des kleinen Köckeritz. Und in seiner heiligen Erregung,
-in seinem Eifer, aus diesen heute so vernagelten Jungen doch die beste
-Übersetzung herauszuholen, bumste und ballerte Bumsvallera drauf los,
-daß die Jungen jetzt begriffen, warum schon frühere Generationen dem
-Professor Ketzel eben den Spitznamen Bumsvallera gegeben hatten. Aber
-je schlimmer es jetzt kam, desto mehr klammerten sich die Gedanken
-der Jungen an der Partie fest. So fest, daß am Ende der Stunde kein
-einziger mehr daran zweifelte, daß solche Partie gemacht werden müßte.
-Kaum hatte man also um 4 Uhr die Klassentür hinter sich, so wurde auch
-sofort auf dem Flur schon, auf der Treppe, auf dem Hofe verhandelt,
-wie man Doktor Fuchs, den Ordinarius, zu einer recht feinen, echten
-Klassenpartie kriegen könnte. Mit der Klasse allein natürlich! Nicht in
-der Herde mit der ganzen Schule. -- -- --
-
-
-Vorfreuden.
-
-Was tun? Als man nach der Pause wieder in die Klasse hinauf muß,
-entscheidet der dicke Puntz: »Der Primus muß es Fuchsen sagen!«
-
-Hagen indessen hat mehr Menschenkenntnis: »Ehrenfried? Der Mummelgreis!«
-
-Da erbietet sich der kleine, flotte Köckeritz: »Ich werde Fuchsen
-einfach mal fragen.«
-
-Sausig aber weiß es noch besser; er schießt den Vogel damit ab. »Wir
-schreiben es an die Tafel!«
-
-Und der Klassenbarde, der Schmuck, ist gnädig genug und erbietet sich:
-»Ich werde die Verse dazu machen!«
-
-»Schmuck soll leben! Los, Schmuck!«
-
-»Jetzt nicht! Morgen!«
-
-»Unsinn!« -- Der Fritze Köhn greift immer feste zu. -- »Jetzt haben
-wir bei Fuchsen! Also los! Dir wer’n wer sonst ’n Schnörgel nach links
-drehn!«
-
-Da steht auch schon alles um Schmuck herum und schiebt ihn auf das
-Katheder. »Los doch, Schmuck, los doch!«
-
-Von hinten wird ~a tempo~ vorgeschlagen:
-
- »Sechs mal sechs ist sechsunddreißig,
- und die Klasse war so fleißig!«
-
-Sausig ist in dem Augenblick an die Tafel gesprungen und schreibt
-auch schon diese beiden Musterverse an. Und um seinen Dichterruhm
-nicht unrettbar zu verlieren, hat jetzt auch Schmuck nach der Kreide
-gegriffen:
-
-»Ruhig mal! Also gefällt euch das? Hier steht schon:
-
- »Sechs mal sechs ist sechsunddreißig,
- und die Klasse war so fleißig.« --
-
-»So!« --
-
- »Will auch noch sehr fleißig sein!«
-
-»Na,« wirft da der dicke Puntz ein, »wollen lieber nischt versprechen!«
-
-Aber schon hat Schmuck weitergeschrieben:
-
- »Denkt indes, es wäre fein,
- nicht zu schwitzen in dieser Pein.«
-
-»Ja, allens wat recht is!« gibt hier Fritze Köhn wieder sein
-gewichtiges Urteil ab.
-
- »Sondern zu wandern weit hinaus
- und möglichst spät zu kommen nach Haus.«
-
-Dem einen gefällt’s, dem andern nicht; aber es steht nun einmal da, und
--- plötzlich tritt auch der Ordinarius in die Klasse.
-
-Da steht alles stramm und mäuschenstill. Als aber Doktor Fuchs die
-erhobene Hand schnell und mit einem kleinen Knall des Daumens und des
-Mittelfingers senkt, da setzen sich die Jungen, daß es nur so ruckt und
-zuckt.
-
-Und dann kommt der große Moment! Doktor Fuchs dreht sich herum, um auf
-das Katheder zu steigen, und -- er sieht die voll beschriebene Tafel,
-die doch sonst in ihrer unbefleckten Schwärze blitzsauber sein muß. Er
-liest jetzt die Verse halblaut und recht bedächtig.
-
-Als er aber bis zu Ende gekommen ist, da dreht er sich schaudernd um
-und sagt: »Brr! Da korrigiere ich ja lieber den größten Stoß Hefte!«
-
-O weh! Das sieht nun zwar wie ein frühzeitiges Ende aller Partiegelüste
-aus; aber die Klasse freut sich doch stürmisch über das »Brr!« und über
-den »größten Stoß Hefte«.
-
-Endlich kommt auch Doktor Fuchs wieder zu Worte. »Na, also Jungs, über
-die Sache läßt sich reden, aber erst müßt ihr mal bessere Verse machen!«
-
-Na, freilich! Jetzt weiß es auf einmal jeder. Das sind furchtbar
-schlechte Verse. Der dicke Puntz hatte ja auch gleich gewichtige
-Bedenken gehabt, und Fritze Köhn plädiert am Ende der Stunde dafür:
-»Schmuck muß zu morjen anständije Verse machen, oder wir hau’n uff’n
-Kopp, det er Plattbeene kricht!«
-
-Damit hat der Fritze Köhn auch die Meinung der andern durchaus
-zutreffend und richtig ausgesprochen. »Oder er wird verhauen!« So denkt
-und sagt jetzt jeder, und das glaubt schließlich auch Schmuck. Und
-weil er nicht verhauen werden will, so will er auch anständige Verse
-machen. -- -- --
-
-Aus Abend und Morgen wird wieder ein Tag. Und alles stürmt am nächsten
-Morgen auf den Klassenbarden ein. Jeder will die Verse sehen. Aber
-Schmuck bleibt fest: »Ich schreibe sie nachher an; da könnt ihr sie
-dann alle lesen!«
-
-In der Pause vor Doktor Fuchs’ Stunde bleibt also der Pegasusreiter
-oben, mit Erlaubnis des inspizierenden Herrn draußen auf dem Flur. Und
-nachher prangen denn auch die erhofften Verse in Schmucks schönster
-Schrift an der Tafel.
-
-»Fein, Schmuck!« -- »Ach, _der_ Vers taugt nichts!« -- »Da muß noch
-hinein, wohin wir wollen!«
-
-Aus dem Durcheinander von Lob und Tadel aber erhebt sich Puntz und
-findet: »Das ist sehr fein! Ick hätte es nicht so gekonnt! Und ein
-anderer auch nicht!«
-
-Puntz nicht und ein anderer auch nicht! Das galt. --
-
-Auch der Ordinarius kam dann und las wieder die Verse ebenso bedächtig
-wie gestern.
-
- »Fröhlich lacht uns entgegen die Sonne,
- Jugend tummelt sich draußen mit Wonne;
- sämtliche Schulen fliegen schon aus,
- nur unsere Klasse darf nicht hinaus!
- Lehrer gehen doch auch gern ins Freie,
- besonders im wunderschönen Maie!
- Und wenn’s nicht mehr kann sein im Mai,
- der Juni ist auch noch nicht vorbei!
- Die Pfingsten sind ja nun heran,
- die schönste Jahreszeit bricht an.
- Gewähren Sie uns doch die eine Bitte,
- beim Ausflug zu thronen in unserer Mitte!
-
- Die Unter-Tertia ~O~.«
-
-Als der Ordinarius geendet hat, da wartet er noch einen Augenblick, als
-müßte er sich erst von seinem Staunen über solche Leistung erholen.
-Dann sagt er aber: »Schön! Wer ist der Poeta?«
-
-»Schmuck! Schmuck! Schmuck!«
-
-»Das ist ganz nett! Aber deshalb darf er mir nun noch kein Trauerspiel
-schreiben!«
-
-Schmuck freut sich mehr, als je ein ~poeta laureatus~ sich gefreut
-hat. Und die Klasse freut sich mit ihm, besonders da nun Doktor Fuchs
-fortfährt: »So, Jungs! Morgen bringt jeder einen Zettel mit. Darauf
-steht neben eurem Namen der Ort wohin der Träger dieses Namens die
-Partie machen will.«
-
-Da ist nun die Begeisterung kolossal. Alle reiben sich die
-Hände vor Vergnügen; man lacht sich fröhlich an, und schon
-schwirrt es durcheinander: »Märkische Schweiz!« -- »Potsdam!« --
-»Königswusterhausen!« -- »Zwei Tage, Herr Doktor! Ach ja, zwei Tage,
-Herr Doktor!«
-
-Der aber winkt ruhig ab. »Morgen Zettel! ~Notabene~: hoffentlich
-beteiligen sich alle an der Partie!« -- -- --
-
-
-Ein armer Junge.
-
-Der Primus, der Ernst Ehrenfried, ist aufgestanden. »Ich weiß es noch
-nicht!«
-
-Die ganze Klasse lauscht mäuschenstill; im selben Augenblick aber
-lispelt auch der kleine Köckeritz seinem Nachbar, dem Hänsel, empört
-zu: »Der ist immer der Spielverderber!«
-
-Das ist zwar leise, doch immerhin noch so deutlich gesagt, daß es
-die ganze Klasse gehört haben muß. Auch Dr. Fuchs hat es sicherlich
-gehört; indes, er will es offenbar nicht gehört haben; denn er sagt
-nur in scheinbar zürnendem, dabei aber auch lustig schmollendem Tone
-zu Ehrenfried hin: »Was! Unser Primus will uns im Stich lassen! Ih,
-das wäre noch schöner! Da muß ich schon unsern Primus nachher mal extra
-bearbeiten!«
-
-Der Ernst Ehrenfried kriegt einen roten Kopf, und ganz verwirrt setzt
-er sich nieder. Zugleich aber hat auch ein Blick des Ordinarius den
-kleinen, impulsiven Köckeritz gestreift. Der versteht den Blick; denn
-er sagt nichts mehr, sondern richtet sich gerade auf und verläßt jetzt
-den Ordinarius mit keinem Auge. Dann macht sich Doktor Fuchs an sein
-Pensum, und vierzig Minuten lang hat kein Junge Zeit, an die Partie zu
-denken.
-
-Nach der Stunde aber tut Doktor Fuchs gar nicht, als ob er den
-Ehrenfried »extra bearbeiten« wolle. Er hat es offenbar vergessen; er
-geht auch schnurstracks auf den Hof, wo er allerdings in dieser Pause
-die Aufsicht zu führen hat.
-
-Dabei läuft ihm der kleine, lustige Köckeritz über den Weg, und Doktor
-Fuchs winkt ihn zu sich hinan.
-
-»Sage mal, Achim, was hast du denn immer mit Ehrenfried vor?«
-
-»Ach, gar nichts, Herr Doktor! Ich uze ihn nur immer ein bißchen!«
-
-»Warum?«
-
-»Er ist immer so still und so steif. Das kann ich nicht ausstehen!«
-
-»Wenn er dich aber nun mal verhaut! Er ist ja doch viel älter und viel
-größer als du!«
-
-»Ja, das wohl! Aber das tut er nicht. Wir sind sonst ja die besten
-Freunde!«
-
-Einen Augenblick geht Doktor Fuchs neben dem kleinen Köckeritz her, so
-daß der Zeit hat, so fröhlich und schelmisch mit den Augen nach links
-und nach rechts zu blinzeln, um seine Bekannten zu suchen. Endlich aber
-sagt Doktor Fuchs: »Nun, höre mal, Achim! Du bist ja sonst ein ganz
-vernünftiger Junge. Ja, Ehrenfried ist etwas steif und schwerfällig;
-aber das kommt doch von den Verhältnissen her, in denen er lebt. Du
-weißt doch, daß er keinen Vater und keine Mutter mehr hat?«
-
-»Das habe ich gehört; er selbst hat’s noch keinem von uns gesagt!«
-
-»So? Er ist aber doch nun schon über ein Jahr auf unserer Schule!«
-
-»Ja, er trat hier in die Quarta ein; aber er hat noch keinem was über
-sein Leben erzählt. Ich weiß nur, daß er draußen in Moabit wohnt, bei
-seinem Onkel. Der ist gewöhnlicher Fabrikarbeiter!«
-
-»Siehst du, Junge, Fabrikarbeiter! Gewöhnlicher Fabrikarbeiter, mein
-Junge! Das sagt noch gar nichts; aber er ist sicher ein sehr ehrlicher
-und fleißiger Mann, und das sagt viel! Und nun -- jetzt halt mal die
-Ohren steif! -- gefällt es mir gar nicht, daß du immer so an Ehrenfried
-herumhakst. Er schleppt das Bewußtsein mit sich herum, eine Waise zu
-sein und seinem Onkel zur Last zu liegen; vielleicht verstehst du das
-noch nicht recht, mein Junge; aber du mußt es mir glauben, daß das auf
-den armen Ernst Ehrenfried drückt. Na also, Achim, von jetzt ab läßt du
-mir unsern Primus etwas in Ruhe!«
-
-»Herr Doktor!« -- Dem kleinen Köckeritz ist jetzt das Weinen näher als
-das Lachen. -- »Wir sind ja sonst die besten Freunde. So hatte ich es
-ja auch gar nicht gemeint!«
-
-»Es ist gut! Lauf jetzt! Dahinten balgen sich zweie.«
-
-Mit großen Schritten geht Doktor Fuchs auch schon auf die beiden
-Kampfhähne los, die freilich bei seiner Annäherung schnell Frieden
-schließen und versuchen, sich in dem Kreis der Jungen, der sich im
-Handumdrehen um sie herum gebildet hat, zu verlieren. Aber Doktor Fuchs
-hat schon seine Pappenheimer erkannt; er winkt die beiden zu sich
-hinan. Dann nimmt er sie beim Kopf und reibt, ohne noch ein Wort zu
-sagen, die beiden Dickschädel aneinander. Das tut, auch ohne Worte, den
-beiden sehr gut und freut alle andern riesig. Und da sich kein Junge
-gern auslachen läßt, so merken sich das die beiden und noch mancher
-andere dazu, so daß in der Inspektion des Doktor Fuchs recht wenig
-Ungehöriges vorkommt; er kann also ruhig einmal bei seiner Inspektion
-mit einem Jungen sprechen, wie er es eben mit dem kleinen Köckeritz
-getan hat.
-
-Auf den aber waren schon längst die andern zugestürzt: »Was wollte denn
-Fuchs von dir?«
-
-Der kleine Köckeritz wehrt ab: »Halt doch mal das Maul jetzt! Das sieht
-doch Fuchs! Nachher!«
-
-Nachher aber meinte er nur zu den Neugierigen: »Ach, er hat gehört, daß
-ich zu Hänsel gesagt habe: ›Ehrenfried ist immer der Spielverderber!‹
-Da hat er mir eine Standpauke gehalten, daß sich das nicht
-gehörte!« -- -- --
-
-Der »Spielverderber« war so erledigt; für die Klasse wenigstens, doch
-nicht für Doktor Fuchs. Er dachte daran, dem Ehrenfried aus eigener
-Tasche das Geld zur Partie zu geben; aber er wußte, wie feinfühlig der
-Ernst Ehrenfried trotz seiner Armut war. Um ihn also nicht noch erst
-recht kopfscheu zu machen, ließ er den Jungen an diesem Nachmittag noch
-laufen.
-
-»So eilt die Sache nicht,« sagt er zu sich selber, »und über Nacht
-kommt Rat!« -- -- --
-
-Und der kam. Am nächsten Vormittag hatte Doktor Fuchs nur bis 11 Uhr
-Unterricht, während doch seine Klasse erst um 1 Uhr herauskam. So
-suchte er denn um 11 Uhr schnell das Nationale seiner Jungen hervor
-und las daraus vor sich hin: »Ernst Ehrenfried. Geboren am 1. Mai 1890
-in Schöneberg bei Berlin. Klassenalter I. Semester. Schulalter 1 Jahr.
-Wohnung des Vaters: Vater und Mutter verstorben. Stand des Vaters:
-war Gärtner. Wohnung des Schülers: Aha! ~NW~, Havelberger Straße 250.
-Aufsicht: Ehrenfried, Onkel, Arbeiter. Vormund: Silber, Schutzmann,
-Schöneberg, Torgauer Straße 105.«
-
-Da stand nun Doktor Fuchs. Zum Vormund gehen? Nach Schöneberg und nach
-der Torgauer Straße? »Die weiß ich ja gar nicht mal! Nein, ich möchte
-dabei doch auch gleich die Pflegeeltern meines Primus kennen lernen.
-Also aus nach Moabit! Das ist bekanntes Gebiet. Wie war es doch gleich?
-Havelberger Straße 250! Leicht zu merken! Genau ein Vierteltausend!«
-
-Schnell steckt Doktor Fuchs das Nationale wieder weg und wickelt
-sich noch ein Paketchen Hefte zusammen. Und nach einem guten halben
-Stündchen steht er draußen vor der Mietskaserne Havelberger Straße 250.
-Der stille Portier, wie der Berliner das Verzeichnis der Bewohner des
-Hauses nennt, sagt ihm: Ehrenfried, Arbeiter, rechter Seitenflügel, 3
-Treppen links. -- -- --
-
-Auf sein Klingeln oben macht ihm ein kleines Mädchen von etwa fünf
-Jahren auf. Das hat den Zeigefinger der linken Hand in den Mund
-gesteckt und sieht den vornehmen Besucher staunend an.
-
-»Mein Kind, ist vielleicht Papa oder Mama da?«
-
-Die Kleine läßt die Tür offen stehen, läuft in die Küche zurück und
-ruft leise: »Mutti! Mutti! Ein Mann ist da!«
-
-In dem Augenblick kommt auch schon die Mutter aus der Küche heraus.
-Sie war gerade beim Kartoffelschälen und hat die Schalen noch in der
-Schürze; die Schürze aber hat sie zusammengenommen und die Zipfel
-über den linken Arm geschlagen. Da sieht noch die Hand hervor, die
-jetzt das Messer hält, während die Frau die rechte Hand schnell an der
-Schürze abwischt. An dieser Schürze hängt noch ein kleines Mädchen von
-vielleicht drei Jahren, während ein noch kleinerer, pausbäckiger Junge
-eben aus der Küchentür hinter der Mutter her heraustorkelt.
-
-»Guten Tag, mein Herr!«
-
-Doktor Fuchs grüßt freundlich: »Guten Tag! Ich bin der Ordinarius des
-Ernst Ehrenfried. Sie sind wohl seine Tante?«
-
-Die Frau, an der jetzt die drei Kinder hängen, nickt: »Ja, ja!« so daß
-Doktor Fuchs fortfährt: »Da kann ich Sie vielleicht einmal auf einen
-Augenblick sprechen.«
-
-»Ja, bitte sehr, wollen Sie nähertreten?«
-
-Sie schiebt sanft die Kinder zur Seite und öffnet die Tür eines
-Zimmerchens, das neben der Küche liegt. »Wollen Sie einen Augenblick
-eintreten, Herr Lehrer?«
-
-So hat Doktor Fuchs Zeit, sich in dem Zimmerchen umzusehen. Es ist
-offenbar das Arbeits-, Wohn- und Schlafzimmer des Ernst Ehrenfried;
-denn da, auf dem kleinen, saubern Regal, stehen seine Schulbücher, und
-auf dem kleinen Tischchen liegt eine kleine Wachstuchdecke, auf der
-ein Tintenfläschchen steht mit sonstigem Schreibmaterial. Alles ist
-sauber zusammengelegt, und auch das ganze Zimmerchen macht einen höchst
-reinlichen, wenn auch sehr einfachen und ärmlichen Eindruck.
-
-Da tritt auch die junge Frau schon wieder herein. Sie hat sich statt
-der blauen Arbeitsschürze eine weiße, saubere Schürze vorgebunden; den
-pausbäckigen Kleinen hat sie auf dem Arm, während die beiden Mädchen
-sich wie kleine Wächterinnen neben ihr halten.
-
-»Sie entschuldigen wohl, Herr Lehrer, daß ich die Kinder mit
-hereinbringe. Man kann sie in der Küche keinen Augenblick allein
-lassen. Wenn Sie meinen Mann sprechen wollen, so kann ich ihn wecken.
-Er hat nämlich Nachtarbeit gehabt, und dann muß er immer am Vormittag
-etwas schlafen.«
-
-Jetzt weiß Doktor Fuchs, warum hier alle so gedämpft sprechen, und
-warum auch die Kinder zwar lebhaft in ihren Bewegungen, doch recht
-ruhig mit dem Munde sind. So spricht er also auch nur halblaut, als
-er sagt: »Nein, nein, lassen Sie ruhig Ihren Mann schlafen! Wir beide
-können das ebenso gut allein abmachen. Sehen Sie, Frau Ehrenfried,
-meine Klasse macht in der nächsten Woche einen Ausflug, und da will
-sich der Ernst ausschließen. Ich glaube aber den Grund dazu erraten zu
-haben, und nun möchte ich Sie bitten, ihm doch diese« -- Doktor Fuchs
-hat das Geld schon in der Hand -- »ihm doch diese Mark und fünfzig
-Pfennig dafür zu geben. Aber natürlich müssen Sie nicht verraten, daß
-ich sie Ihnen gebracht habe. Vielleicht sagen Sie ihm, es wäre das vom
-Vormund für unvorhergesehene Fälle.«
-
-Die Frau ist recht verlegen geworden. »Herr Lehrer,« antwortet sie,
-»ich weiß nicht, ob ich das tun kann. Mit dem Vormund, das glaubt der
-Ernst doch nicht! Der kann ja eigentlich auch nichts für unnütze Sachen
-hergeben. Sehen Sie, Ernsts Eltern sind ja beide tot. Der Tisch da ist
-noch von ihnen und das Bett; aber das bißchen, was noch da war, als
-mein Schwager starb, ist alles verkauft, und nun reicht das Geld gerade
-noch, daß der Ernst ein paar Jahre auf die Schule gehen kann. Er hat ja
-das Schulgeld frei; aber er braucht doch auch Sachen und sonst manches!«
-
-»Hm! Das täte mir aber leid! Ja, und ich weiß nicht, ob ich Sie bitten
-darf, ihm zu sagen, Sie selber wollen es ihm geben.«
-
-Da wehrt die Frau Ehrenfried ab: »Nein, das würde er gar nicht nehmen.
-Er weiß ganz genau, Herr Lehrer, daß ich so viel Geld nicht abstoßen
-kann, und da ist der Ernst sehr eigen drin. Er ist ja doch nur eine
-Waise, und wir haben ihn natürlich sofort und gern genommen; aber der
-Junge ist sehr verständig, Herr Lehrer, sehr verständig, und wenn er es
-auch nicht sagt, aber es tut ihm doch immer sehr leid, daß er uns zur
-Last fällt!«
-
-»Sie haben den Ernst ohne irgendwelches Entgelt in Ihre Familie
-aufgenommen?«
-
-Die Frau nickt: »Freilich, freilich! Der Vormund wollte ja das so
-ordnen, daß wir jede Woche was für den Ernst bekämen. Aber der Junge
-lernt doch nun mal so gut, und als sein Vater starb, da war es sein
-letzter Wunsch, daß der Junge mal etwas Schule genießen sollte. Sehen
-Sie, Herr Lehrer, mein Mann sagte: ›Mit Gottes Hilfe werden wir ja
-durchkommen, auch wenn einer mehr mit am Tisch sitzt!‹ Es ist ja auch
-bis jetzt gegangen!«
-
-»Nun, der Ernst ist ein ehrlicher, ernst veranlagter Junge. Der wird es
-Ihnen einmal danken!«
-
-»Oh, das tut er jetzt schon! Er tut alles, was er uns an den Augen
-absehen kann. Und die Kinder hängen an ihm wie an einem älteren Bruder.
-Mir hilft er auch, wo er kann. Er ist immer unverdrossen; ich kann ihn
-schicken wohin ich will. Nur,« -- die Frau lächelt dabei, als hätte das
-schon recht spaßige Szenen gegeben -- »er kann nicht ›danke!‹ sagen;
-das wird ihm doch nun einmal zu schwer!«
-
-»Na, besser kommen die ja im Leben fort, die so was sagen können. Aber
-ist denn der Ernst immer so still und ernst gewesen?«
-
-»Nein, nein, früher war er ein ganz aufgeräumtes Kind. Aber seit auch
-sein Vater gestorben ist, da kann er nicht mehr lachen. Er spielt ja
-mit den Kindern hier sehr nett; aber er kann nicht mehr lachen!«
-
-Doktor Fuchs hört es der Frau an, wie weh ihr das tut, daß der Ernst
-scheinbar so alle Lebensfreude verloren hat.
-
-»Nun,« setzt er also hier wieder ein, »deshalb möchte ich gern, daß
-er die Partie mitmacht. Es tut sicherlich gut, daß er auch einmal auf
-andere Gedanken kommt. Darf ich Ihnen denn nicht das Geld hierlassen?
-Dann braucht er doch nicht ›danke!‹ zu sagen.«
-
-Doktor Fuchs muß dabei lächeln.
-
-»Na, ich will es versuchen. Dann muß ich sagen: ein Herr, dem ich
-erzählt habe, daß er die Partie nicht mitmachen will, weil er nicht die
-Mittel dazu hat, der hat mir das Geld für ihn gegeben.«
-
-»Gut, gut, tun Sie das, liebe Frau!« -- Dabei steht Doktor Fuchs auf.
--- »Ich habe Sie nun wohl auch schon etwas lange von Ihrer Arbeit
-abgehalten!«
-
-»Ich bitte sehr. Na, ich danke Ihnen, Herr Lehrer, für das Geld, da es
-der Ernst ja nicht selber tun kann.« --
-
-Die Tür schließt sich leise hinter Doktor Fuchs. Der aber geht sinnend
-nach dem Restaurant, wo er -- als Junggeselle -- täglich ißt. Er kann
-alle die Gedanken und Bilder nicht loswerden, die soeben in sein
-Empfinden eingetreten sind. Das ist doch noch Barmherzigkeit und
-Liebe, welche der arme Fabrikarbeiter und seine Frau da draußen in der
-Hofwohnung der Havelberger Straße auch ohne viele Worte üben! »Mein
-Mann sagt, mit Gottes Hilfe werden wir ja noch durchkommen, auch wenn
-einer mehr mit am Tisch sitzt!« -- Aber noch viel mehr beschäftigt
-seine Gedanken der Ernst Ehrenfried, der das drückende Gefühl durch
-sein Leben schleppt, den armen Verwandten eine Last zu sein, und der
-nicht mehr lachen kann, nachdem auch sein Vater gestorben ist. -- -- --
-
-
-2 ~m~ Schottisch.
-
-Als die Tante um ¾2 Uhr dem Ernst die Tür öffnet, da ruft sie ihm auch
-schon entgegen: »Ernst, Ernst, denke mal, ich habe heute früh einem
-Herrn erzählt, daß du die Schulpartie nicht mitmachen willst. Da hat er
-mir eine Mark und fünfzig Pfennig für dich gegeben. -- Na, freust du
-dich nicht?«
-
-Der Ernst hat schon den Milchtopf in der Hand; denn er holt jeden
-Mittag für die Kinder etwas Milch aus dem Kuhstall nebenan herauf, und
-mit ernstem Gesicht sagt er: »Das kann ich doch nicht nehmen! Wer ist
-denn der Herr?«
-
-»Das kannst du ruhig nehmen, Ernst! Der Herr meinte auch, du brauchtest
-seinen Namen nicht zu wissen; er würde sich aber freuen, wenn du nun
-mitmachtest!«
-
-Der Ernst sagt kein Wort mehr. Er hat den Milchtopf genommen und geht
-still und ruhig zur Tür hinaus.
-
-Als er wieder in die Küche tritt, sagt er ebenso ruhig: »Tante, ich
-werde das Geld nehmen! Wo ist es denn?«
-
-»Hier, hier, Ernst; da wird sich aber der Herr freuen! Das machst du
-recht!«
-
-Ohne noch ein Wort zu äußern, nimmt der Ernst die beiden Geldstücke.
-Er wickelt sie sauber und sicher in ein Stückchen Zeitungspapier und
-schlägt dann das Paketchen zur Sicherheit auch noch in das Taschentuch
-ein.
-
-Die Tante wundert sich höchlichst über die Bereitwilligkeit des sonst
-so spröden Ernst; sie hütet sich indessen, etwas zu sagen.
-
-Ernst aber nimmt, wie sonst am Nachmittag, wenn er seine Schularbeiten
-gemacht hat, die drei Kinder und geht mit ihnen hinunter. Dieses
-Mal freilich nicht nach dem Spielplatz hinüber, sondern nach der
-Wilsnacker Straße. Da steht er lange vor dem großen Schaufenster eines
-Schnittwarengeschäftes, so daß die Kinder schon ungeduldig werden
-wollen. Er hat sogar den Mut, in den Laden einzutreten. Die Verkäuferin
-macht ein erstauntes Gesicht.
-
-»Kann ich Stoff kriegen zu einem Kleidchen für das Marthchen? Das ist
-die Kleine hier!«
-
-»Was soll es denn für Stoff sein?«
-
-»Ich weiß nicht, aber meine Tante -- solches hier! Bunt kariert!«
-
-»Da sind zwei Meter nötig. Das macht sechs Mark!«
-
-Der Ernst bekommt einen heillosen Schreck. »Meine -- meine --« stottert
-er, »meine Tante sagt, das kostet eine Mark fünfzig bis zwei Mark!«
-
-»Ach so!« sagt die Verkäuferin nachlässig. »Das ist Schottisch! Solches
-hier!« --
-
-Nicht immer hat das Volk mit dem Volke Mitleid. Die Verkäuferin sieht
-jetzt die Kinder kaum noch. Sie wirft das Paketchen Zeug auf den
-Ladentisch. »Hier kostet das Meter 90 Pfennig. Soll ich zwei Meter
-abschneiden?«
-
-»Ja, ja,« antwortet der Ernst freudig. »2 ~m~ Schottisch!« -- Er hat
-außer der Mark fünfzig Pfennig noch vierzig Pfennig, die er einst
-dadurch gespart hat, daß er sich den Caesar alt kaufte. Die brauchte er
-dem Vormund nicht zurückzubringen. Davon opfert er nun freudig dreißig
-Pfennige. Dem Marthchen legt er dann das Röllchen in die Arme, und
-freudig gehen sie nach Hause.
-
-»Mutti, Mutti, das hat Ernst gekauft!«
-
-Statt sich aber zu freuen, erschrickt da die arme Frau. »Aber, Ernst,«
-ruft sie, »das Geld durftest du nicht so ausgeben! Das war für die
-Partie!«
-
-»Nein, nein, Tante, die Partie brauche ich nicht mitzumachen. Du hast
-doch neulich auch zu Onkel gesagt, daß Marthchen so notwendig ein
-Kleidchen braucht. Und könntest du nur einige Groschen abstoßen, dann
-würdest du schottischen Stoff kaufen und ein Kleidchen machen. Ich
-freue mich jetzt schon, daß Marthchen ein Kleid kriegt!«
-
-»Ach, Ernst; du hast es ja wieder sehr gut gemeint; aber das geht doch
-nicht! Nein, das geht wirklich nicht!«
-
-»Was soll ich denn auch bei der Partie, Tante? Die andern Jungen sind
-da immer so wild. Das Geld haben wir nun besser angewendet.«
-
-Aber wenn auch die Tante jetzt nichts mehr sagt -- denn sie muß in
-der Küche noch waschen -- sie wälzt doch immer den Gedanken im Kopfe
-herum: »Aber nun wird sich doch der Lehrer wundern, wenn der Ernst
-nicht mitmacht! Er denkt vielleicht, ich habe dem das Geld gar nicht
-gegeben! Herr Gott! Herr Jeses, Herr Jeses! Wie mache ich denn das nur?
-Wie mache ich denn das nur? Das Zeug wieder hintragen ins Geschäft?
-Die nehmen es sicher nicht wieder, wenn’s doch nun einmal vom Stück
-abgeschnitten ist!« --
-
-Schließlich kommt sie darauf, das ihrem Manne zu sagen, wenn er am
-Abend nach Hause kommt. Der würde ja schon einen Ausweg finden. -- -- --
-
-Den Ausweg aber, den die Mutter nicht finden konnte, den fand jetzt
-eben das kleine, fünfjährige Töchterchen, das Lenchen. Und das sogar
-ganz ungezwungen und ganz leicht; ganz ohne es zu wollen.
-
-Sie spielt nämlich gerade an Paulchen, dem kleinen Brüderchen herum.
-Sie legt ihm dabei ein Tüchelchen über die Schultern und sagt ganz
-traumverloren: »Nun sieht Paulchen aus wie der Herr Lehrer! Ja, wie der
-Herr Lehrer!«
-
-Der Herr Lehrer? Das Wort trifft das Ohr Ernsts, der am Tische sitzt
-und da etwas liest. Der Herr Lehrer? Er legt das Buch hin und fragt
-das Lenchen: »Was für ein Herr Lehrer denn?«
-
-Aber das Kind hat gar nicht auf die Frage geachtet; es hat sie im Spiel
-einfach überhört. »So! Und dann schenkst du Mutti auch Geld! Viel Geld!
-So! Und --«
-
-»Du, Lenchen,« -- Ernst ist jetzt ganz aufgeregt zu dem kleinen
-Plappermäulchen hingetreten -- »was für ein Lehrer denn? Lenchen! Hörst
-du denn nicht? Was für ein Lehrer denn?«
-
-Da sieht das Lenchen auf. »Der Mann, der Mutti das Geld gegeben hat. Du
-sollst doch mitmachen!«
-
-»Das war ein Lehrer?«
-
-»Der Herr Lehrer!« lallt das Kind, und es spielt weiter mit dem
-Tüchelchen am kleinen Bruder herum.
-
-»Wie sah denn der Herr Lehrer aus, Lenchen?«
-
-Ja, die Frage versteht das Lenchen wohl, aber sie weiß doch nicht, was
-sie darauf antworten soll: »Ganz anders als Vati! Und der hat Mutti das
-Geld für dich gegeben!«
-
-Da springt der Ernst mit hochrotem Kopf schnell die paar Schritte in
-die Küche hinaus: »Tante, Tante, Lenchen sagt, der Herr Lehrer hat dir
-das Geld für mich gegeben. War das vielleicht Herr Doktor Fuchs?«
-
-Die Tante richtet sich am Waschfaß auf: »Ach, Ernst, da du nun ja
-selber darauf kommst, ja, der war hier und hat mir das Geld für dich
-gegeben! Was machen wir denn nun?«
-
-Dem Ernst zittern die Beine. Er hat sich auf den Küchenstuhl setzen
-müssen, und auch das Lenchen kommt jetzt in die Küche herein und sieht
-ihm ängstlich ins Gesicht. »Nicht wahr, Mutti,« der Herr Lehrer hat
-dir das Geld gegeben!«
-
-»Ja doch! Nun geh nur! Ich müßte es dir von meinem Wirtschaftsgeld
-geben, Ernst. Aber ...«
-
-»Nein, Tante! Ich werde morgen Doktor Fuchs sagen, warum ich die Partie
-nicht mitmachen kann. Laß nur! Das ist gar nicht schlimm!« Dabei geht
-der Junge auch schon wieder aus der Küche hinaus.
-
-Aber nur äußerlich ist Ernst ruhig geworden. In seinem Innern zuckt
-und reißt es an ihm herum. Wie soll er das bloß anstellen? Und was
-wird Doktor Fuchs denken? Und was wird er sagen? Oh, der Ernst hätte
-bei diesem Gedanken laut aufstöhnen können. Er kam sich wie ein ganz
-gemeiner Verbrecher vor. Nun sollte er das auch noch alles selber
-gestehen! Ihm wurde es schon sowieso schwer, überhaupt zu jemand etwas
-zu sagen! Und nun gar unter vier Augen zu Doktor Fuchs! Ach, ganz elend
-wurde ihm dabei zu Mute. Aber es mußte ja wohl sein. Die arme Tante
-ängstigte sich nun auch. Auf keinen Fall aber konnte sie etwas von den
-paar Pfennigen abgeben, mit denen sie für Essen und Trinken der Familie
-sorgen sollte. Nein, nein, es mußte eben sein! Er mußte es Doktor Fuchs
-sagen! Gleich am andern Morgen auf dem Flur! Ganz allein!
-
-Ernst nahm das Buch recht zittrig wieder in die Hand. In der Nacht
-wurde er durch schreckliche Träume gequält, und er schlief recht
-schlecht. -- -- --
-
-
-Edler Wettstreit.
-
-Als Doktor Fuchs am andern Morgen als Inspizient den Mittelflur des
-weiten Schulgebäudes langsam hinabschritt, sprang der kleine Köckeritz
-die Treppe herauf. Der sprang sie überhaupt immer herauf, trotzdem
-seine Beine nicht allzu lang waren und dabei auch so dünn, daß Doktor
-Fuchs auf dem Hof schon einmal scherzhaft zu ihm gesagt hatte: »Na,
-Achim, wenn mal die Sperlinge Stiftungsfest haben, mußt _du_ die Fahne
-tragen!«
-
-Der Achim springt also jetzt die Treppe herauf und direkt vor seinen
-Ordinarius hin: »Herr Doktor, wir machen doch die Partie und --«
-
-»Gut, gut! ~Ad~ Partie nachher in der Klasse!«
-
-Da der kleine Köckeritz Doktor Fuchs die Hand gegeben, so zieht der
-ihn dabei zugleich an sich vorüber und zeigt ihm so den Weg zu seiner
-Klasse, die noch ein paar Schritte weiter den Flur hinunter liegt.
-
-Aber der Achim Köckeritz tanzt im nächsten Augenblick schon wieder vor
-Doktor Fuchs einher: »Nein, nein, Herr Doktor, wir machen doch die
-Partie, aber ...«
-
-»Na freilich! Und nun drückt er sich!«
-
-»Nein, nein, Herr Doktor, das gehört ja zur Partie, aber es ist doch
-was ganz andres!«
-
-Da bleibt Doktor Fuchs stehen. »Du meinst, es gehört zur Partie und
-gehört doch auch nicht zur Partie!«
-
-»Ja! Nein, nein! Ja!«
-
-»Na nun, Achim! Was ist also los? Aber mach’ schnell!«
-
-»Ja, Herr Doktor! Ich habe das von Ehrenfried zu Hause erzählt. Der
-kann doch die Partie nicht mitmachen, weil er -- weil er --«
-
-»Na gut; ich weiß schon! Weil er kein Krösus ist!«
-
-»Ja! Und da läßt mein Papa Sie bitten, Herr Doktor, dem Ernst
-Ehrenfried die zwei Mark hier zu geben, damit er mitmachen kann!« Dabei
-will der Achim dem Doktor Fuchs das Geld hinreichen, das der Vater ihm
-in ein weißes Blättlein eingewickelt hat.
-
-»Achim,« sagt da Doktor Fuchs, »Junge, du bist ein Prachtkerl! Und
-deinem Herrn Vater sage, daß ich ihm als Ordinarius des armen Ernst
-Ehrenfried für dieses Anerbieten herzlich danke. Aber es wäre schon
-alles erledigt. Der Ernst Ehrenfried macht die Partie auch mit. Also,
-Achim, stecke das Geld wieder ein! Empfiehl mich deinem Herrn Vater,
-und vergiß nicht, ihm zu sagen, wie sehr ich mich über sein Anerbieten
-gefreut hätte.«
-
-»Jawohl!« erwiderte der Achim und zog ab. Er zog auch nicht gerade
-sehr betrübt ab; im Gegenteil, immer lustig und fidel. Er dachte sich
-sicherlich auch nicht allzuviel bei der Sache.
-
-An der Tür aber rannte er beinahe den Tauscher, den würdigen Sekundus
-der Klasse, über den Haufen. Der trug als Sekundus neben dem Primus
-auch die Last einiger Ämter. So war er besonders der Kassenwart; denn
-wenn auch der Ordinarius offiziell nichts von solcher Kasse wissen
-durfte, so wußte er doch inoffiziell sehr wohl, daß immer einige
-Pfennige da waren. Wovon sollte sich denn auch sonst die Klasse zu
-Neujahr einen neuen Wandkalender kaufen oder eine zerbrochene Scheibe
-bezahlen, die natürlich keiner oder noch öfter auch zu viele auf
-einmal zerschmissen hatten? Es kann eben so mancherlei in einer Tertia
-vorkommen und Geld kosten! Und der Kassenwart also, der stand jetzt an
-der Tür und hatte schon ein kleines Weilchen darauf gewartet, daß der
-kleine Köckeritz da vor Doktor Fuchs fertig werden sollte. Jetzt schoß
-er nun hinter Doktor Fuchs her, der eben aus der Tür der Schlußklasse
-wieder auf den Flur heraustrat und sonderbarerweise vor der Treppe
-Posto gefaßt hatte, als müßte er hier auch inspizieren. Da nickte er
-recht herzlich einem Jungen zu, der offenbar die Treppe heraufkam und
-jetzt gerade mit dem Kopf hochtauchte.
-
-Das war -- der Ernst Ehrenfried.
-
-»So’n Pech!« sagte Tauscher und drehte sich einmal um sich selber.
-
-Offenbar hatte der Ernst Ehrenfried dem Doktor Fuchs auch etwas zu
-sagen; denn er hatte die Mütze wieder abgenommen und trug sie in der
-Hand, und einen puterroten Kopf bekam er auch eben, wie immer, wenn er
-mit einem seiner Lehrer sprechen wollte.
-
-Aber Tauscher war doch flinker als der Ernst Ehrenfried, und schon
-stand er jetzt neben seinem Ordinarius und meldete sich krampfhaft:
-»Herr Doktor! Herr Doktor!«
-
-»Na, wo brennt’s denn, Junge?«
-
-Da druckst und würgt der Tauscher und dreht sich so sonderbar hin und
-her. »Herr Doktor!«
-
-»Na ja doch, schieß nur los!«
-
-Jetzt ist der Primus, der Ehrenfried, vorbei und weit genug weg!
-
-»Herr Doktor! Der Ernst Ehrenfried wollte doch die Partie nicht
-mitmachen. Können wir da nicht aus der Klassenkasse etwas Geld nehmen,
-daß er auch mitkann?«
-
-»Na, wieviel hast du denn drin?«
-
-»2 Mark 57 Pfennig, und dann haben wir noch fünf Hefte. Die werden doch
-mit 15 Pfennigen das Stück verkauft. Das sind noch 75 Pfennige!«
-
-»Ja, du allein darfst aber doch nicht über das Geld verfügen!«
-
-»Ich habe aber schon die meisten gefragt; es sind alle dafür, daß
-Ehrenfried auch mitkommt.«
-
-Tauscher ist früher in Sexta, Quinta und Quarta immer der Beste und der
-Primus der Klasse gewesen; seit aber der Ernst Ehrenfried da ist, hat
-er von diesem Ehrenposten zurücktreten müssen. Einer solchen Konkurrenz
-war Tauscher doch nicht gewachsen. Aber neidlos hatte er sich unter den
-klügern und fleißigern, freilich auch ältern Mitschüler gestellt, und
-jetzt möchte er den Ernst Ehrenfried auch bei der Partie haben.
-
-Alles das schießt Doktor Fuchs durch den Kopf; er schätzt es hoch,
-sogar sehr hoch ein, daß Tauscher so neidlos ist und jetzt so selbstlos
-handelt. So sagt er denn mit inniger Wärme zu dem Jungen: »Tauscher,
-das ist wirklich nett von dir, daß du so an Ehrenfried denkst. Ich
-freue mich, daß ihr beide so gute Freunde geworden seid. Komm her, mein
-Junge, gib mir die Hand! Das will ich dir nie vergessen!«
-
-Tauscher macht ein ganz seliges Gesicht.
-
-»Aber,« fährt Doktor Fuchs fort, »du kannst für dieses Mal der
-Klassenkasse das Geld erhalten; die Sache ist schon erledigt: der Ernst
-Ehrenfried kommt auch so mit!«
-
-Da legt sich das helle Staunen in die Augen des kleinen Kassenwarts; er
-dreht sich dann, ohne noch ein Wort zu sagen, um und geht der Klasse
-zu. --
-
-Der Ernst Ehrenfried indessen hat eben um die Ecke des Türpfostens
-geguckt. Als er den Tauscher der Klasse näher kommen sieht, faßt er
-sich ein Herz und geht Doktor Fuchs entgegen, der ja den Flur jetzt
-auch langsam herunterschreitet.
-
-»Ach, das ist ja heute ein schneidiger Betrieb! Da kommt ja auch mein
-Primus an! Na, was gibt’s Neues, Ernst?«
-
-»Herr Doktor!« -- Der Ernst kann nicht weiter. Die Tränen treten ihm in
-die Augen; es zuckt so eigentümlich über sein Gesicht hin, als ob er
-weinen wollte.
-
-Aber Doktor Fuchs ist auch schon schnell bei der Hand: »Also, du willst
-die Partie mitmachen! Das freut mich, Ernst! Man muß sich mit seinen
-Kameraden auch einmal freuen können!«
-
-Nun laufen dem armen Jungen aber wirklich die hellen Tränen über die
-Backen. »Nein, Herr Doktor,« sagt er mit zitternder Stimme, »ich kann
-doch nicht mitkommen. Ich wußte nicht, daß -- daß -- dieses Geld --
-das Geld --« Jetzt schluchzt der Ernst Ehrenfried so herzzerbrechend,
-daß ihn der Doktor Fuchs schnell in das Sprechzimmer zieht, das in der
-Flucht der Klassen in der Mitte des Flures liegt.
-
-»Na, also, Ernst, nun beruhige dich erst mal! Die ganze Sache ist doch
-nicht zum Weinen!«
-
-»Doch! Ich habe das Geld schon verbraucht. Ich wußte nicht, daß -- daß
--- Sie es gebracht hatten!«
-
-»Du hast das Geld schon verbraucht?« -- Es klingt beinahe aus dem
-Tonfall heraus, als ob Doktor Fuchs etwas enttäuscht wäre.
-
-Das scheint der Ernst Ehrenfried auch zu fühlen. Er glaubt, jetzt muß
-er den Doktor Fuchs schleunigst aufklären, damit dieser nicht noch
-schlechter von ihm denkt. So trocknet er hastig seine Tränen: »Darf ich
-einmal alles schnell erzählen, Herr Doktor?«
-
-»Nun, Ernst, ich bin überzeugt, daß du die paar Pfennige zu einem guten
-Zweck ausgegeben hast!«
-
-»Herr Doktor, meine Verwandten sind sehr arm; das kleine Marthchen
-brauchte schon lange ein Kleid. Da habe ich für das Geld den Stoff
-zu diesem Kleide gekauft. Meine Tante wollte mir ja das Geld für Sie
-wiedergeben; aber das wollte ich nicht. Ich werde heute zu meinem
-Vormund gehen und Ihnen morgen das Geld bringen.« --
-
-Der Ernst ist ganz erschöpft. Er hat diese Worte hervorgestoßen,
-atemlos, vor Aufregung zitternd. Aber Doktor Fuchs sieht jetzt in den
-Seelenadel seines Primus hinein, der auf ein Vergnügen verzichtet, um
-den armen Verwandten ihre Liebe zu vergelten. Er ist selber gerührt und
-muß einen kleinen Augenblick warten, um diese Rührung nicht aufkommen
-zu lassen. Dann aber legt er die Hand dem armen Jungen auf die Schulter
-und sagt: »Mein lieber Ernst! Du hast so gehandelt, wie man es nicht
-anders von dir erwarten kann. Gott erhalte dir diesen reinen und
-dankbaren Sinn! Dein Onkel und deine Tante sind einfache und schlichte,
-aber edeldenkende Menschen. Sie haben deine Dankbarkeit verdient!«
-
-Das hat nun der Ernst nicht erwartet. Er weiß nicht, was er sagen
-soll. Er fühlt nur, wie ihm eine Blutwelle über die andere über das
-Gesicht jagt. Und doch ist ihm jetzt so wohl, daß er dieses schwere,
-schwere Geständnis vom Herzen hat. Da setzt auch Doktor Fuchs den Hebel
-ein, und er trifft den richtigen Ton: »Nun, Ernst, mußt du mir aber
-auch eine Freude machen und doch mitkommen. Und da wir beide ja nun
-ganz offen miteinander stehen, so machen wir beide auch keine Umstände
-mehr miteinander.«
-
-Damit zieht Doktor Fuchs das Portemonnaie.
-
-»So, Ernst, du kriegst jetzt wieder 1 Mark 50 Pfennig, und kein Mensch,
-außer deiner vortrefflichen Tante selbstverständlich, braucht etwas
-davon zu erfahren! -- Na, aber Ernst, du willst mir doch nicht die
-Freude verderben! Nein, nein, ich möchte aber wirklich, daß du das
-nimmst! Nun geh, mein Junge, und tu, als wenn gar nichts gewesen wäre!«
-
-Da zögert der Ernst noch einen Augenblick; dann aber gibt er Doktor
-Fuchs die Hand und sagt ein leises »Danke schön, Herr Doktor!« -- -- --
-
-Zwei glückliche Menschen traten aus dem kleinen Sprechzimmer auf
-den Flur hinaus: der eine ging schnell und leichten Schrittes der
-Unter-Tertia ~O~ zu, der andere aber wandte sich den Flur weiter hinauf
-zur Quarta hin, wo soeben jemand quiekte, als ob eine halbe Klasse an
-ihm herumwürgte und ihm an der Kehle säße. -- -- --
-
-
-Würden und Ämter.
-
-Wie Doktor Fuchs nach dem Läuten in seine Klasse tritt, sind die
-partiewütigen Tertianer gewappnet. Er hat ja gesagt, sie sollen heute
-einen Zettel mitbringen mit dem Ziel der Partie. Und den Zettel, den
-haben nun alle da, viel vollzähliger und gewissenhafter als sonst
-irgend ein Exerzitium. Da nun Doktor Fuchs auch ganz genau weiß, was
-solche flotten Jungen freut, so setzt er eine sehr wichtige Miene auf
-und nimmt die bewußten Zettel in alphabetischer Reihenfolge ab. Die
-Jungen finden das durchaus richtig, während Doktor Fuchs seinerseits
-findet, daß eigentlich keiner unter vier Meilen von Berlin weg landen
-will. Potsdam, Werder, Bernau, das ist überhaupt das nächste.
-
-So fängt denn Doktor Fuchs an: »Na, Jungs, man kann nicht gerade sagen,
-daß ihr bescheiden gewesen seid. Es wundert mich nur, daß ihr alle noch
-in Europa bleiben wollt. Na also, da wird’s wohl nicht anders werden.
-Da werde ich also als Klassenpapa umso bescheidner sein müssen, und«
--- dabei dreht sich Doktor Fuchs auf dem Katheder um -- »und da möchte
-ich nur auch schnell meinen Wunschzettel an die Tafel schreiben. --
-Grunewald!« --
-
-Ein lautes und sehr geringschätziges »Aaach!« und »Der Katzensprung!«
-vom dicken Puntz.
-
-Doktor Fuchs hat sich herumgedreht und macht dieses »Aaach,« »der
-Katzensprung!« in demselben Tone nach, so daß einige schon anfangen
-zu lachen. Die sind schon wieder halb und halb mit dem Grunewald
-ausgesöhnt.
-
-»Na, Dicker, wann hast du denn das letzte Mal den Grunewald gesehen?«
-
-»Am letzten Sonntag!« sagt der da so recht mißmutig und gedehnt und
-verächtlich.
-
-»Am letzten Sonntag! I Gott bewahre, Dicker, was denkst du denn?
-Seit dem letzten Sonntag, ach! seit dem letzten Sonntag, da ist der
-Grunewald ganz anders geworden! Ich sage dir bloß, ganz anders! Den
-kennst du gar nicht wieder! Das glaubt ihr wohl nicht, Jungs?«
-
-Da lachen schon wieder alle und beteuern laut und überzeugungstreu:
-»Nein!«
-
-»Dann werde ich es euch beweisen! Ihr werdet erstaunt sein! Also es
-geht in den Grunewald!«
-
-Der dicke Puntz sagt nichts mehr; aber nach der Stunde erklärt er:
-»Fuchs ist ein guter Kerl! Der bedenkt dabei eben die armen Deibel. Für
-die würde es bis Bernau doch zu teuer sein!«
-
-Das sieht schließlich auch jeder ein, und so hat man sich denn auch
-schon am nächsten Tage mit dem Grunewald ausgesöhnt. Nur will man noch
-fragen, wohin es im Grunewald selbst gehen soll.
-
-Aber Doktor Fuchs kommt am nächsten Tage -- nun ist’s inzwischen schon
-Freitag geworden -- selber wieder auf die Partie, als er von der
-Inspektion draußen auf dem Mittelflur in die Klasse kommt.
-
-»Also, Jungs, es geht nach dem Grunewald! Wer kennt denn den König
-Wilhelms Turm auf dem Karlsberg?«
-
-Alle, bis auf zwei Vorörtler aus dem Norden.
-
-»Wer Wannsee?«
-
-Ein paar weniger.
-
-»Wer Nikolskoi?«
-
-Nur vier; der fünfte weiß es nicht genau. Wenigstens ist es schon sehr
-lange her, daß er da war.
-
-»Wer Sakrow?«
-
-Einer.
-
-»Wer die Römerschanze?«
-
-Keiner.
-
-Da lacht Doktor Fuchs so lustig. »Na, ihr seid eine Gesellschaft! Und
-einige wollten da gleich nach Werder und wer weiß wohin. Na also!«
-
-»Ja, Herr Doktor, wollen wir denn nun nach der Römerschanze?«
-
-»Ja, Hagen, wollen mal sehen, ob ihr nicht schon vorher die Beine
-schleppt! Unsere Losung wenigstens soll sein: ›So weit wie möglich!‹«
-
-Damit sind nun alle zufrieden, so daß Doktor Fuchs fortfahren kann:
-»Ich brauche einen Vergnügungsausschuß.«
-
-»Ich, ich, Herr Doktor! Herr Doktor!«
-
-»Ruhig Blut, Jungs! Den wählt ihr euch selbst! Morgen wird mir der
-Ehrenfried vier Mann dafür vorschlagen. -- Zweitens: Ich brauche zwei
-Schrittmacher. Das ist der Windhund, der Hobein, und der dicke Puntz!«
-
-»Herr Doktor,« remonstriert aber der Dicke da, »ich werde lieber die
-Musik liefern.«
-
-»Kannst du das?«
-
-»Ja, mit der Mundharmonika!«
-
-»Gut! Also der wackere Puntz ist unsere dicke Hauskapelle! Wollte
-sagen, der dicke Puntz ist unsre wackre Hauskapelle!«
-
-Der kleine Gebhardt hat sich währenddessen schon gemeldet: »Darf ich
-meinen photographischen Apparat mitbringen?«
-
-»Selbstverständlich! Dich erhebe ich zum Schönheitsrat!«
-
-»Kann ich auch was sein? Herr Doktor?«
-
-»Wollen mal sehen! Ich brauche noch den Herrn Feldwebel oder die
-Kompagniemutter. Das muß der Doef werden!«
-
-Der hebt sich, als ob er Bergeslast auf dem Rücken trüge. Er scheint
-sich aber die Sache erst überlegen zu müssen. Endlich fragt er: »Was
-habe ich denn da zu tun?«
-
-»Oh, du hast das wichtigste Amt. Du mußt darauf sehen, daß uns keiner
-abhandenkommt. Wir müssen also immer volle Zahl haben!«
-
-Verträumt scheint Doef nachzudenken; aber er ist Praktikus und
-verhandelt ganz ruhig mit Doktor Fuchs: »Wenn nun einer doch fortläuft?«
-
-»Darf nicht vorkommen!«
-
-»Aber wenn er fortlaufen _will_?«
-
-Doktor Fuchs tut, als wenn er in die Hand spuckt, und er macht die
-Geste des Hauens.
-
-Doef sieht seine eigene, große Tatze an und sagt tonlos, aber sicher:
-»Ja!«
-
-»Dürfen wir spielen, Herr Doktor?« -- Die Frage hat den Leverenz schon
-halb zu Tode gequält.
-
-»Na, so ~en passant~! So viel uns Zeit bleibt.«
-
-»Ich werde einen Ball mitbringen.«
-
-»Meinetwegen! Aber kaum nötig!«
-
-»Können wir sackhüpfen?«
-
-»Halt mal, du! Dazu kriegen wir eben einen Vergnügungsausschuß!«
-
-»Essen wir zu Mittag?«
-
-»Ja, unten an der Pfaueninsel, beim alten Ehrecke. Preis etwa 75
-Pfennig. Wer essen will, muß es mir morgen sagen. Ihr könnt euch aber
-auch selbst was mitbringen!«
-
- * * * * *
-
-Nach jeder Stunde, die Doktor Fuchs als Ordinarius in der Klasse
-hat, werden noch zwei oder drei Minuten der Pause auf dem Altar
-der bevorstehenden Partie geopfert. Am nächsten Montag steht der
-Primus auf und erklärt: »Herr Doktor, die meisten Stimmen für den
-Vergnügungsausschuß haben Greff, Hagen, Sausig und Woller!«
-
-»Also noch einmal langsam! Greff -- Hagen -- Sausig und Woller. Gut!
-Nehmen die Herrn die Wahl an?«
-
-Die vier lächeln vielsagend und zufrieden und nicken mit dem Kopfe.
-
-»Kennt ihr auch den Grunewald genau?«
-
-»Wir sind beinahe jeden Sonntag drin.«
-
-»Gut, dann bleibt ihr heute um 1 Uhr noch einen Augenblick hier. Ich
-werde in die Klasse kommen. Und nun wieder für alle! Wir machen die
-Partie noch nicht am nächsten Mittwoch, wie es ursprünglich geplant
-war, sondern erst in der nächsten Woche. Und zwar am Freitag, am
-letzten Tage also vor den Pfingstferien. Ein Abwaschen!«
-
-»A--a--ch? Am Freitag? Dann fällt doch am Nachmittag aus!«
-
-»Selbstverständlich! Nun weiter! Wer sich draußen gar nichts kaufen
-will, der muß sich Essen und Trinken mitbringen. Der würde nur
-das Fahrgeld bis zur Station Grunewald und zurück von Wannsee oder
-höchstens von Potsdam gebrauchen. Wer sich gar nichts zum Essen
-mitbringt, muß Geld dafür ausgeben. Über zwei Mark aber darf keiner bei
-sich haben.«
-
-»Herr Doktor! Wenn es nun aber regnet?«
-
-»Wir kriegen genau das Wetter, das der liebe Gott für den Freitag
-vor Pfingsten angesetzt hat. Dich aber, Hänsel, ernenne ich zur
-Partie-Unke.«
-
-Und während da natürlich alle den Hänsel vergnügt auslachen, erklärt
-Doktor Fuchs kurz: »Fertig jetzt! Nur noch eins will ich sagen:
-je fleißiger man vorher arbeitet, desto größer ist nachher das
-Vergnügen!« --
-
-
-Der Überfall am Pechsee.
-
-Wie wenig man auch in der letzten Woche vor Pfingsten von der Partie
-hatte sprechen können, da ja an jedem Tage dieser »feinen Woche« etwas
-unregelmäßig war und vom Stundenplan abgeknapst wurde, vergessen hatte
-drum doch keiner die Partie.
-
-So war auch endlich der Freitag vor Pfingsten, der heiß ersehnte
-Freitag, angebrochen. Ein herrlicher Tag! Vom hellen Osten her strahlte
-die Sonne, als freue sie sich über all die fröhlichen Jungengesichter,
-die schon um sechs Uhr und noch früher oder gar noch viel früher nach
-ihr ausgeschaut und sie jubelnd begrüßt hatten. Die Mutter mußte noch
-einmal soviel Frühstück schneiden, als sonst und das Portemonnaie wurde
-zur Vorsicht wieder und immer wieder hervorgeholt und ein Blick auf
-den Mammon geworfen, der darin ruhte. Dann zog ein jeder zum Bahnhof.
-Die von der Friedrich Straße sammelten Station für Station ein paar
-neu auf, auf dem Lehrter Bahnhof, auf Bellevue, auf Tiergarten, auf
-Zoologischer Garten, sogar auf Savigny Platz und Charlottenburg. Auf
-Station Zoologischer Garten hatte man Doktor Fuchs mit polizeiwidrigem
-Hallo und Freudengeheul empfangen. Schon in Charlottenburg aber war die
-Kompagniemutter bei ihrer ruhigen Besonnenheit zu dem sicheren Ergebnis
-gekommen, daß zwölf Mann fehlten.
-
-»Wer sind denn die?«
-
-»Hagen -- Sausig -- Boenick -- Schulz -- Woller --«
-
-»Das ist ja gerade der Vergnügungsausschuß, Herr Doktor!«
-
-»Wahrhaftig! Na, was machen wir nun da, Doef?«
-
-»Wir warten, und sie kriegen gleich was!«
-
-»Na, wir wollen mal sehen!« --
-
-Da läuft auch der Zug schon in Station Grunewald ein. Alles springt aus
-den Wagen; eiligst geht man hinunter, und ohne Aufenthalt schreitet
-auch Doktor Fuchs mit seinen lustig umherspringenden Schutzbefohlenen
-schnell weiter.
-
-Wo der Weg sanft rechts ab nach der Saubucht hinüberbiegen will, da ist
-auf einmal der Doef wieder neben Doktor Fuchs.
-
-»Ja,« sagt er bedächtig, »wollen wir denn nicht auf die zwölf warten,
-Herr Doktor?«
-
-»Ach,« bleibt der mit einem Ruck stehen, »Herr Feldwebel! Ja doch!
-Das hatte ich ja ganz vergessen! Also der Vergnügungsausschuß wollte
-mit ein paar andern was ganz für sich unternehmen. Aber in Saubucht
-spätestens sollen sie wieder bei uns sein. Wollen mal sehen, wer zuerst
-da ist, die oder wir.«
-
-»Au ja!« begeistern sich da einige andere. »Ein bißchen dalli jetzt!
-Wir müssen die ersten sein!«
-
-»Ja, aber Dicker, höre mal! Ich sehe schon, du bummelst gern. Das
-gibt’s nicht! Immer hier bei der Masse bleiben! Und dann noch
-eins, Jungs! Lest mal feste Kienäpfel auf! Wenn die andern oben in
-Saubucht nach uns ankommen sollten, dann dürft ihr sie ordentlich
-bombardieren!« --
-
-Im übrigen aber bummelt nun alles gemütlich neben- und hintereinander
-hin. Friedlich und wohl auch einmal nicht friedlich; denn hier und da
-puffen sich auch zwei etwas freundschaftlich ab, und hin und wieder
-fliegt sogar ein Kienapfel jemand an den Kopf, der ihn nicht erwartet
-hat und darum nun etwas grob und »jiftig« wird, wie Fritze Köhn da
-sagt. Doktor Fuchs muß sogar manchmal ein begütigendes und doch streng
-klingendes »Na, na!« dazwischenwerfen.
-
-»Wohin jetzt, Herr Doktor? Rechts oder links?«
-
-Vorn ist die Spitze an der Ecke eines niedrigen, rechtwinklig an den
-Weg vorstoßenden Waldbestandes stehen geblieben.
-
-»Rechts ab und nach 150 Schritten links hinein!«
-
-Doktor Fuchs hat dabei spähend vorausgeblickt und lächelt auf einmal so
-vergnügt: »Alles in Ordnung!«
-
-»Was ist denn in Ordnung, Herr Doktor?« fragt da Posener, der immer
-neben Doktor Fuchs geht und ihn offenbar angenehm unterhalten will.
-
-»Er schmeißt sich ran!« sagt der dicke Puntz mit einem so verächtlichen
-Tonfall, daß auch alle das glauben, die es hören.
-
-»Ja, ja, ist alles in Ordnung!« wiederholt Doktor Fuchs kurz, geht aber
-nicht weiter auf Poseners Fragen ein.
-
-Man tritt nach einem Viertelstündchen wieder aus dem Wäldchen heraus.
-
-»Wo nun hin, Herr Doktor?« kommt es von vorn.
-
-»Schräg rechts immer der Nase nach! Der Weg ist ja breit genug!«
-
-»Hier ganz rechts geht’s nach Spandau!« wissen da einige.
-
-»Dort, den Berg hinunter, nach Schildhorn!« wissen andere.
-
-Nach zehn Minuten biegt eben die Spitze nach dem Pechsee ab, als ein
-lautes, stürmendes Hallo von vorn erschallt. Und Kienäpfel fliegen, --
-und Hagen -- wo kommt der auf einmal her? -- hat den dicken Puntz über
-den Haufen gerannt und gibt ihm einen kräftigen Klaps auf den Südpol,
-bevor er zu weiteren Heldentaten schreitet. Sausig und Woller und
-Schulz und die andern, die noch fehlten, die sind auf einmal auch da
-und stürmen mit Hurra auf Doktor Fuchs und seine Schar ein. Kienäpfel
-surren durch die Luft; ein Hallo und Hurra donnert nach dem andern; die
-Jungen werden ganz wild.
-
-»Die haben uns überfallen!« schreit Posener und will davonlaufen. Aber
-Doktor Fuchs gibt ihm einen Stoß. »Du da drüben! Und du und du und du!
-Und wir andern hier drüben! Ausschwenken! Kienäpfel raus! Die Bande
-nehmen wir in die Mitte!«
-
-Neues Leben kommt in die Jungen, und eine regelrechte Kienäpfelschlacht
-hebt an. Herüber und hinüber fliegt es. Je mehr die Wurfgeschosse auf
-die Neige gehen, desto näher rückt man sich auf den Leib, bis man
-endlich handgemein wird. Und schon ringen die verschiedenen Paare und
-legen sich -- ~les uns les autres~ -- mehr oder weniger sanft auf die
-Erde. Da pfeift Doktor Fuchs »Das Ganze halt!« Aber er muß doch noch
-einige kräftige Wörtlein dazu reden, bis er die eifrigsten Kampfhähne
-wieder auseinanderhat.
-
-Der ganze Überfall hat nur eine Minute gedauert; aber das Spiel ist von
-den Jungen doch ziemlich ernst genommen worden. Überall steht man da
-und schöpft tief Atem und sieht sich wohl auch nicht wenig erbittert an.
-
-»Da hört sich denn doch Verschiedenes uff!« erklärt Fritze Köhn. »Jotte
-doch! War det ’n Klumpatsch!«
-
-»Warum habt ihr nicht aufgepaßt?«
-
-»Wir haben ja gar nichts gewußt!« kommt ein andrer noch dazwischen.
-
-»Es sollte ja auch ein Überfall sein!«
-
-»Wo ist meine Mütze?« sucht Richter herum.
-
-»Wer hat mich denn hier gekratzt?«
-
-»Hab’ dich doch nicht! Hier ist Heftpflaster!«
-
-»Das bißchen? Und noch so dreckig! Nee, danke für Backobst!« --
-
-So geht es weiter, und alle stehen noch mit hochrotem Schopfe da, als
-der Dicke auf einmal vorwurfsvoll sagt: »Sehen Sie, Herr Doktor!« --
-Er klopft sich dabei die Nadeln und den Sand ab. -- »Wenn ich hinten
-gegangen wäre, dann hätte ich zusehen können! Der eine ist wie ein
-Wilder auf mich zugesprungen!«
-
-Doktor Fuchs aber muß lachen. »Das war gerade ganz nett, Dicker! Was
-denkst du wohl, wie gut das einem wohlbeleibten Menschen tut!«
-
-Da muß der Dicke auch mitlachen. Er ist auch schon wieder ganz
-zufrieden und blickt eben belustigt auf den Leverenz hin, der wie ein
-Harlekin vor seinem Ordinarius hin- und hertanzt und einmal ums andere
-ruft: »Ich war die erste Stafette, Herr Doktor!«
-
-»Ja,« kommt Hagen dazu, »ich habe hier noch seine Meldung! Sehen Sie
-mal, Herr Doktor! ›Der Feind kommt auf Bahnhof Grunewald an um 8 Uhr 4
-Minuten!‹«
-
-Schulz hält währenddessen seinen Kopf auch heran. »Ich habe Sie
-beobachtet, wie Sie in das Wäldchen kamen, Herr Doktor!«
-
-»Hier!« macht sich Hagen wichtig. »Die Meldung der zweiten Stafette:
-›Der Feind tritt um 8 Uhr 32 Minuten in das Wäldchen ein!‹«
-
-Da staunen die Jungen, die mit Doktor Fuchs gekommen sind: »Das war
-aber alles fein abgepaßt!«
-
-Hagen geht auf wie ein Pfannkuchen. »Das kenne ich von meinem Vater!
-Hier ist die Meldung der dritten Stafette: ›Der Feind verläßt das
-Wäldchen um 8 Uhr 46 Minuten. Er schlägt den direkten Weg nach der
-Saubucht ein!‹«
-
-»Ach, schenke mir den Zettel, Hagen!« kommt der kleine Köckeritz
-dazwischen.
-
-»Du bist wohl ver--!« wehrt Hagen in aller Ruhe und freundschaftlichst
-ab. »Die hebe ich mir zum Andenken auf!«
-
-»Ach so?« höhnt jetzt der Kleine. »Die willst du dir wohl einrahmen
-lassen?«
-
-»Ruhe jetzt!« befiehlt auf einmal Doktor Fuchs. »Ich konstatiere, daß
-der Überfall des Feindes als wohl gelungen bezeichnet werden muß. Ich
-konstatiere aber auch, daß meine Truppe sich schnell in die Situation
-hineingefunden und den Überfall kräftig und mit ziemlichem Erfolge
-abgewehrt hat!«
-
-Ein fröhliches Lächeln allerseits.
-
-»Aber wir haben doch gewonnen!« meint Hagen.
-
-»Beide Teile haben ihre Sache gut gemacht!« erklärt Doktor Fuchs. »Wir
-scheiden mit einem Hurra von dieser glorreichen Stätte. Hipp, hipp,
-Hurra!«
-
-»Hurra!« fallen die Jungen lustig ein. Und alle sind jetzt zufrieden
-und wieder gut Freund. Aber während man hurtig durch die Senke am
-Pechsee und dann weiter hinaufschreitet, immer am Zaune der Saubucht
-entlang, lösen sich die Jungen in Grüppchen auf, und lebhaft und
-mit für und wider wird die soeben gelieferte Schlacht weiter
-besprochen. Die homerischen Heroen mit ihrem Geflunker und mit ihren
-Renommistereien sind nur Waisenknaben gewesen im Vergleiche zu diesen
-Jungen, die schon nach fünf Minuten die Wahrheit zur Dichtung und die
-Dichtung wieder zur Wahrheit gemacht haben. -- -- --
-
-Endlich sitzt man oben auf den hölzernen Bänken vor dem lieben, kleinen
-Restaurant Saubucht und verträgt sich wieder bei etwas gräulicher,
-sterilisierter Milch und schäumendem Selterwasser.
-
-»Bier gibt’s hier nich!« brummt der Dicke. --
-
-
-Auf hoher Warte.
-
-»Zum Karlsberg!« heißt es endlich.
-
-Einträchtiglich zieht Freund und Feind in die Senke hinunter. Den
-gegenüberliegenden Abhang hinauf. An einer Schonung vorbei und dann
-einen breiten Weg hinan. Als man da halbwegs hoch ist, ragt zur
-Rechten, etwas nach dem Rücken zu gewendet, der rote, wuchtige Schlot
-der Pumpstation am Teufelssee über die schwanken Gipfel und Wipfel
-hinweg, und nach vorn, durch den breiten Einschnitt gesehen, verdämmern
-drei Hügelzüge, einer hinter den andern gelegt und vom leicht
-aufsteigenden Dunst der tief unten liegenden Havel mit sanft bläulichem
-Hauche verbrämt.
-
-So tritt man endlich nach einem langen Viertelstündchen hinaus auf die
-Chaussee, die sich von rechts her heraufzieht und sich so jetzt quer
-vor den Weg der Jungenschar legt. Gewaltig ragt drüben aus reinlichem,
-rötlichem Mauerstein, wie ihn der felsarme Märker brennt, der König
-Wilhelms Turm auf. Majestätisch breit legt sich die geräumige Rampe um
-den Fuß des Turmes.
-
-Schon sind diese nimmermüden Tertianer des Doktor Fuchs weg über die
-große, steinerne Freitreppe. Sie stehen jetzt an dem schwarzgrauen
-Stein, der so sicher um die Plattform herumläuft, und bewundernd
-taucht der Blick hinab in die Tiefen des herrlichen Landschafts- und
-Seenbildes, das die gütige Natur hier mit Wunderhand in Urzeiten
-geschaffen. Hier steht man auf hoher Warte. Im Rücken rauscht und
-raunt so geheimnisvoll der Kiefernwald. Rechts und links steigt er
-hinab zum Saume des Wasserspiegels, der sich glitzernd und blitzend
-und vom Morgenwehen leicht gekräuselt hindehnt. Nach Norden hinauf
-verliert sich der Blick in die verschwimmende Ferne, wo Spandaus
-Mauern und hochragende Häuser wie eine verblassende Fata Morgana auf
-leicht wallendem Erdennebel thronen. Vorüber an den eckig-hochragenden
-Sandwällen, von deren einem einst Jazko sich auf seinem Wendenroß in
-die Havelflut stürzte, findet sich der Blick zurück und bleibt haften
-auf dem lieblichen Gatow, das sich verschämt tief unten dem jenseitigen
-Ufer der breitströmenden Havel anschmiegt und sich einhüllt in das
-lauschige, weiche Gewand schattender Laubbäume. Lichter wird dann
-drüben die Gegend und lockt den Blick die grünen Ackerlehnen hinauf,
-hinweg über die hochragenden Pappeln der städteverbindenden Straßen in
-die gesegneten Fluren des Ost-Havellandes hinein.
-
-Doch, was schwebt da von Süden heran und fesselt den Blick? Auf der
-sonnenbeglänzten Fläche der weitauslagernden Havel ziehen sie langsam
-herauf, und merklich kaum kommen sie näher: fünf, sechs, sieben der
-Schiffe mit weißlich schimmernden Segeln! Schwänen vergleichbar, aus
-einer weit größeren Welt, so stehen sie auf der lichten Fläche des
-spiegelnden Wassers. Daneben liegen verträumt und breit hingelagert
-die grünbewaldeten Höhen der Havelberge und umrahmen mit sattgrünem,
-dunklem Bande lieblich dieses Bild, das im Hintergrunde durch den sanft
-verdämmernden Nikolskoier Höhenrücken und durch die ganz in die Ferne
-gerückten Türme von Potsdam zu einem wunderbaren und wundervollen
-Stimmungsgemälde abgeschlossen und abgerundet wird.
-
-Hier auf dem König Wilhelms Turm, im Mittelpunkte des herrlichen
-Panoramas, steht nun Doktor Fuchs mit seinen Tertianern, versunken in
-diese Waldes-, Seen- und Flurenpracht. Als da Hagen von der andern
-Seite herumgesprungen kommt: »Was ist das, Herr Doktor? Und was ist
-das?« da fährt es Doktor Fuchs heraus: »Junge, laß es heißen, wie es
-will! Bewundere nur diese Natur! Kapsele dir das Bild im Auge ein,
-Hagen! So was Schönes siehst du so bald nicht wieder!«
-
-Damit will der Lehrer seine Schar zusammentrommeln. Aber -- wo
-sind denn die Jungen alle? Einige sind ja zum eigentlichen Turm
-zurückgetreten und schauen da auf das Standbild des Königs Wilhelm;
-aber die andern? Etwa -- gegen seinen Befehl -- doch auf dem Turm?
-Nein! In dem Augenblicke rast Hagen an ihm vorbei, die Freitreppe
-wieder hinunter. »Wasser!« ruft er dabei mit wilder Freude.
-
-Aha! Jetzt weiß es Doktor Fuchs: die Jungen sind bei dem kleinen
-Brunnen unten vor der breiten Rampe. Aber da ja keiner mehr erhitzt
-ist, so gönnt er jedem gern den kühlen Trunk. Einige wollen sogar schon
-wieder essen. Aber nein! Es soll doch lieber gleich weitergehen! --
-
-
-Brennesseln und Regenwürmer.
-
-Den breiten Kiesweg ziehen sie alle hinab und auf der Chaussee weiter,
-die nun hinunterführt an die Havel, um dort unten am steilen Abfall der
-Havelberge hinzulaufen. An der scharfen Ecke vorn indessen geht’s mit
-Hurra den Berg links hinauf und oben noch einige Schritte weiter wieder
-an den Rand der kiefernbestandenen Höhe vor.
-
-Bergauf und bergab etwa noch ein Viertelstündchen dahin, bis man einen
-freien Durchblick durch die hochstrebenden Kiefernstämme auf den klaren
-Spiegel der Havel unten hat. Da setzt sich schließlich Doktor Fuchs
-nieder; um ihn herum lagert sich seine kleine Schar.
-
-»So, Jungs, hier machen wir halt! Hier könnt ihr meinetwegen
-weiterfrühstücken!«
-
-Die Lagerdisziplin aber liegt den Jungen noch nicht im Leibe; nur der
-dicke Puntz ist schon so müde, daß er sich ohne viele Umstände und mit
-steifen Beinen auf den Teil des Körpers fallen läßt, der nun einmal
-von der Natur zum Sitzen bestimmt ist. Der kleine Achim Köckeritz
-dagegen macht erst noch ein paar Luftsprünge und setzt sich dann sehr
-sorgfältig neben Doktor Fuchs nieder. Er schlägt die Beine zusammen
-wie ein Schneider und fängt an, sein Frühstück auszuwickeln. Ein paar
-Schritte weiter aber sind im Nu zwei zum Balgen gekommen, weil jeder
-von ihnen gerade dieses Plätzchen haben will. Doktor Fuchs muß sich
-sogar herumdrehen: »Donnerwetter, Jungs! Sieh mal, Schreier, das feine
-Plätzchen hier! Na, wird’s bald? -- So!«
-
-Wie sich aber Doktor Fuchs wieder nach vorn wendet, da hat eben,
-unehrerbietig genug, der tolle Hagen seinen Primus, den Ernst
-Ehrenfried, bei den Beinen gepackt und zieht ihn ohne viele Worte von
-seinem Platze weg. Den will er haben. Doktor Fuchs hat nicht einmal
-Zeit, etwas dazu zu sagen; denn hinter ihm quiekt es auf einmal
-fürchterlich los. Als er sich umdreht, sieht er, wie zwei Mann den
-Drewian gefaßt haben und ihn mit kolossalem Biereifer zwingen wollen,
-sich auf eine stattliche Brennessel zu setzen. Doktor Fuchs will
-aufspringen; da lassen die beiden los. Drewian macht gerade noch einen
-Luftsprung zur Seite und versucht dabei, sich am Stengel der Brennessel
-festzuhalten. Worauf er sich zum Gaudium aller andern noch ein halbes
-Dutzend mal um seine eigene Achse dreht; denn die Brennessel hat dieses
-Zufassen übel genommen. Selbstverständlich schimpft nun der Drewian,
-freilich nicht auf die Brennessel, sondern auf die beiden Missetäter,
-bis der eine von denen ganz trocken meint: »Der Drewian ist ja dumm,
-Herr Doktor! Hätte er nicht so geschrieen, dann hätten wir ihn ganz
-sanft auf die Sache drauf gesetzt; da hätte er gar nichts gefühlt!«
-
-»Meinst du?«
-
-»Ja! Ganz sicher!«
-
-»Drewian, lotse mal die Brennessel hier neben mich her! -- So! -- Na,
-also Dittmer, nun los! Setze dich drauf!«
-
-Dittmer macht ein ganz gutmütig-dummes Gesicht: »Ich muß erst mal
-fühlen, ob meine Hosen nicht kaput sind. Na, denn man tau!« Und unter
-der schallenden Heiterkeit der andern sitzt er auch schon auf der
-unschuldigen Brennessel, die auf diese Weise arg ins Gedränge kommt.
-
-So geht die Sache noch ein Weilchen weiter. Endlich aber sitzen
-doch alle, und das Frühstücken ist in vollem Gange. Was haben die
-fürsorglichen Mütter da nicht alles eingepackt! Und wie gut müssen die
-Stullen belegt sein, da das alles so mundet!
-
-Soeben packt Greff aus seinem kleinen Rucksack ein zweites Paar
-Stullen aus. Dabei tut er so vorsichtig, als hätte er die feinsten und
-zerbrechlichsten Glassachen zwischen seinen Stullen liegen. Und der
-Hagen sagt da sogleich: »Na du, dein Regenwurm zerbricht nicht; da
-kannst du schon fester zufassen!«
-
-Sofort stecken die nächsten den Kopf her: »Was hast du da, Greff? Zeige
-mal!«
-
-»Nicht doch! Ihr werdet doch wohl schon einen Regenwurm gesehen haben!«
-
-»Wozu nimmst du denn den mit?«
-
-»Nicht doch, du! -- Für unser Rotkehlchen!«
-
-»Pfui Deibel! Laß doch das Ding kriechen!« Und richtig, da windet sich
-der Regenwurm schon zwischen den mageren Grasstengeln des Waldbodens.
-Aber Greff hat ihn auch schon wieder an dem einen Ende gefaßt, so daß
-er ihm jetzt ganz lang aus der Hand heraushängt.
-
-»Äcks! Ich trete jeden Regenwurm tot!« sagt der lange Fendel.
-
-»Warum?« fragt da sofort Doktor Fuchs.
-
-»Na, sie sind doch schädlich!«
-
-»Schädlich? Wieso denn?«
-
-»Na, sie fressen doch die feinen Wurzeln der Pflanzen!«
-
-»Die Regenwürmer, Junge? Wenn sie nichts anderes haben, ja! Aber sonst
-sind für uns die Regenwürmer die nützlichsten Tiere mit auf Gottes
-Erdboden! Weißt du das noch nicht?«
-
-Die Jungen rücken näher: »Die Regenwürmer nützlich?«
-
-»Doch!« sagt der Ernst Ehrenfried ruhig. »Ich weiß, Herr Doktor, die
-fressen nicht die Wurzeln, die fressen die angefaulten Blätter.
-Die holen sie sich in der Nacht in ihre Röhren hinein. Das ist sehr
-drollig; die Blätter fassen sie immer so an, daß sie das spitzeste Ende
-zuerst ins Loch ziehen!«
-
-Da lachen nun alle so herzhaft los, und der dicke Puntz fragt etwas
-zweifelnd: »Die scheinen ja in der Nacht fein zu sehen!«
-
-»Nein, Dicker,« wendet sich da Doktor Fuchs zu dem Zweifler um, »nein,
-denke mal, Dicker, die können ja überhaupt nicht sehen, und doch wissen
-sie ganz genau, wo das spitze Ende ist. Da hat der Ernst Ehrenfried
-recht.«
-
-»Na, sieh doch, Dicker,« kommt da Hagen, der jetzt neben Puntz kniet,
-»ich mache doch auch die Augen zu und fühle, wo deine dicke Nase sitzt.«
-
-Er hat die Augen zugemacht und fährt jetzt mit den Händen dem Puntz
-tastend über Kopf und Gesicht. Der hält auch merkwürdigerweise so
-still! Aber eben als Hagen die Nase fassen will, da schnappt Puntz zu
-und beißt ihm in die unverschämten Finger. Dann sagt er ganz trocken:
-»Du bist eben kein Regenwurm und ich kein verfaultes Blatt. Aber, Herr
-Doktor,« -- der Dicke kann eben auch sehr wißbegierig sein -- »warum
-sollen denn die Regenwürmer mit die nützlichsten Tiere sein?«
-
-»Weil sie den Humusboden immer wieder von unten nach oben an die
-Erdoberfläche schaffen und so ständig für die Menschen den Boden
-verbessern. Kein Mensch kann sagen, wie oft die Regenwürmer unsern
-Acker- und Gartenboden im Laufe der Zeit schon aufgefressen und, fein
-gedüngt, wieder von sich gegeben haben!«
-
-Da sind nun die Jungen alle noch mehr zusammengerückt. Das klingt
-wahrhaftig auch so spaßig, daß sie Doktor Fuchs veritabel auslachen.
-
-Der aber denkt: »Lacht nur! Jetzt sind wir im Zuge!«
-
-Bald hat auch Puntz wieder das Wort: »Herr Doktor, das verstehe ich
-nicht. Fressen denn die Regenwürmer Erde?«
-
-»Na freilich, Dicker! Wie würden sie sich denn sonst ihre Gänge graben
-können! Oben an der lockeren Erdoberfläche, da drängen sie wohl mit
-ihrer Kopfspitze die Erdschollen und Krümelstückchen auseinander; aber
-unten müssen sie sich durch die Erde durchfressen. Und dann kommen
-sie hervor und verrichten hier oben« -- dabei beugt sich Doktor Fuchs
-zu Puntz hin und sagt nur halblaut -- »ihr Geschäftchen. Wer hat
-denn schon mal so was gesehen? Solche kleine, ringelförmig geordnete
-Kotballen, meine ich.«
-
-Oh, das waren doch mehrere, die das schon bemerkt hatten. »Ich! ich!
-Herr Doktor!«
-
-»Na, also Jungs! Einen guten Meter tief ist unser ganzer Ackerboden der
-Dünger der Regenwürmer. Der geht im Laufe der Jahrhunderte sogar immer
-wieder durch den Körper dieser nützlichen Tiere hindurch.«
-
-Da lächelt der Dicke so vor sich hin: »Nein, das glaube ich nicht, Herr
-Doktor! Die glauben’s auch alle nicht! Die sagen’s bloß nicht!«
-
-Und wirklich! Die andern wissen nicht recht, wie sie sich dazu stellen
-sollen.
-
-»Na, Jungs, dann rückt mal noch ein bißchen enger zusammen! Dann
-müssen wir nämlich erst ein kleines Rechenexempel anstellen. -- Also!
-Genaue Untersuchungen haben gezeigt, daß rund 10 Regenwürmer unter
-einer Fläche von 1 Quadratmeter leben. Was macht das nun auf 1
-Quadratkilometer?«
-
-»1000 × 1000 × 10.«
-
-»Das sind also doch 10000000 Regenwürmer auf 1 Quadratkilometer.
-Wieviel Milliarden haben wir also da auf unserer Erde? -- Dann hat sich
-Darwin --. Übrigens, wißt ihr denn auch, Jungs, wer Darwin war?«
-
-»Ja,« sagt da der Ernst Ehrenfried, »das war ein englischer Gelehrter
-im vorigen Jahrhundert. Der hat gesagt, daß alles, was heute besteht,
-Tiere und Pflanzen, nicht immer so gewesen ist, sondern daß alles erst
-so geworden ist im Kampfe ums Dasein. Und alles ändert sich noch immer
-weiter.«
-
-Der kleine Köckeritz möchte auch seine Weisheit los werden: »Herr
-Doktor, das ist der mit der Vererbungstheorie. Der hat doch auch
-gesagt, daß der Mensch von den Affen abstammt.«
-
-Der dicke Puntz erweist sich auch hier als ein zielbewußter Zweifler.
-»Von den Affen?« nimmt er auf. »Na du vielleicht, Achim! Ich nicht!«
-
-»Na, früher mal! Dicker, du zum Beispiel bist doch dem Orang-Utan noch
-viel näher als ich!«
-
-Den Spaß aber will der Dicke nicht verstehen. Er greift ~sans façon~
-nach dem giftigen, kleinen Köckeritz hinüber, gleich hinter Doktor
-Fuchs weg. Der hat nun zwar ziemlich belustigt diesem Zwiegespräch
-zugehört; jetzt aber faßt er mit festem Griff die Hand des Dicken.
-»Nicht, Dicker! Immer Spaß verstehen! Also Darwin hat sich auch hinter
-die Regenwürmer hergemacht. Und er hat lange und sehr sorgfältig den
-Kot der Regenwürmer eingesammelt. Auf diese Weise stellte er fest,
-wieviel Erde von den Würmern an die Oberfläche heraufgeschafft wird.
-Da fand er, daß alljährlich auf einen Quadratmeter 2½ Kilo kamen oder
-auf einen Quadratkilometer 2500000 Kilogramm oder 5000000 Pfund oder
-50000 Zentner. Könnte man diese Massen auf die betreffenden Flächen
-ausstreuen, so würde das eine Erdschicht von 3 ~mm~ geben. Na, Dicker,
-bist du nun bekehrt?«
-
-»Na ja, ich glaube es ja; aber verstehen kann ich es immer noch nicht.«
-
-»Na, dann passe auf! Derselbe Darwin hat auf ein Feld -- damals war
-er noch jung -- Kreidestückchen streuen lassen. Das Feld aber ließ er
-dann unberührt und brach liegen und untersuchte die Sache nach einem
-Menschenalter wieder -- ich glaube, genauer waren es 29 Jahre. Da fand
-er die Kreideschicht 16 oder 17 ~cm~ unter der Oberfläche. Macht aufs
-Jahr als Wühlarbeit der Regenwürmer ½ ~cm~, auf 100 Jahre ½ ~m~, auf
-200 Jahre 1 ~m~. ~Item~, wie oft mag wohl unser Erdboden schon durch
-den Magen der Millionen und Milliarden von Regenwürmern gegangen sein,
-die auf unsrer Erde leben!«
-
-Das interessiert die Jungen; sie hängen jetzt an Doktor Fuchs’ Munde;
-keiner spricht ein Wort, als erwarte eben jeder noch mehr.
-
-Nein doch! Einer der Jungen, der lange Giesel, der knurrt etwas vor
-sich hin, als wäre er mit der Sache nicht so ganz zufrieden und
-einverstanden. Der Ordinarius kennt ihn schon darin; aber er weiß, wenn
-er jetzt den Langen fragt, dann zuckt der in sich zusammen und sagt
-nichts. So ist er vorläufig ruhig. Und wirklich, nach einer halben
-Minute etwa, als alle andern schon ungeduldig werden wollen, da ist der
-Giesel fertig.
-
-»Herr Doktor,« sagt er, »das mit den Kreidestückchen kann Zufall sein.
-Ja!«
-
-»Wieso denn, Giesel?« blitzt es um ihn herum auf.
-
-»Ja, wenn Steine auf der Erde liegen und es regnet zum Beispiel, dann
-sinken doch die Steine ganz alleine in die Erde ein und immer tiefer!
-Mit der Kreide kann’s doch auch so gewesen sein!«
-
-Das macht die Jungen stutzig.
-
-»Aber ist nicht Kreide sehr leicht? Vielleicht sinkt die nicht ein!«
-
-Der den Einwurf macht, das ist der Giesel selber. Er reflektiert
-schon weiter: »Aber die müßten die Regenwürmer doch schließlich auch
-aufgefressen haben. Und dann müßte diese Kreide doch gerade wieder oben
-liegen!«
-
-Doktor Fuchs sitzt sinnend unter der Schar der Jungen.
-
-»Ja,« gibt er schließlich zu, »das läßt sich alles hören. So können wir
-also keinen Zweifler überzeugen. Aber man hat auch noch einen direkten
-Beweis dafür erbracht, daß die Regenwürmer dem Landmann nützen; denn
-man hat ein Feld einmal ganz wurmfrei gehalten, das nächste Jahr es mit
-Würmern durchsetzt. Und im letzteren Falle war der Ertrag des Feldes
-genau noch einmal so reichlich.«
-
-Der Ernst Ehrenfried ist von den Jungen entschieden der beste
-Kenner der Regenwürmer. Er meldet sich jetzt schüchtern, genau wie
-in der Klasse: »Herr Doktor, nicht wahr? Wenn man einen Regenwurm
-durchschneidet, so wird jede Hälfte wieder ein ganzer Wurm!«
-
-»Ganz richtig! Und man war dann etwas neugierig und hat einmal zwei
-Kopfstücke und zwei Schwanzstücke für sich allein auch zusammengenäht.
-Dann wuchsen die einzelnen Stücke nicht mehr größer, sie wuchsen aber
-zusammen. Indes, trotzdem war das zusammengenähte Doppelpaar doch nicht
-lebensfähig.«
-
-»Na,« sagt da einer, »das ist aber auch eine ganz verrückte Idee!«
-
-»Möglich!« meint Doktor Fuchs. »Es muß eben alles untersucht werden!
-Na, Jungs, wollen wir weiter?«
-
-»Ist nichts mehr von den Regenwürmern zu erzählen?« fragt der dicke
-Puntz.
-
-»Oh, noch ein ganzer Sack voll! Nur, uns würde es jetzt zu spät! Also
-~en avant, messieurs~!« --
-
-Da sprang nun alles auf; hier und da packte auch schnell noch einer
-etwas ein oder schnürte an seinem Paketchen herum. Doktor Fuchs wendet
-sich inzwischen an den großen Doef: »Na, Herr Feldwebel, haben wir noch
-alle?«
-
-Doef zählt noch einmal schnell und nickt dann: »Alle, Herr Doktor!«
-
-»Dittmer! Dittmer! Du hast deine Brennesseln vergessen. Hahaha! Wie
-sehen denn die aus?«
-
-»Ach, das sind nun gar keine Brennesseln mehr!«
-
-»Na,« meint Doktor Fuchs, »gebrannt haben sie dich freilich nicht!«
-
-»Nein, die brennen ja nur auf der bloßen Haut!«
-
-»Warum, Dicker? Warum, Jungs?«
-
-Da wissen mehrere Bescheid. Der kleine Hempel darf es sagen: »Ja, auf
-den Blättern stehen solche steifen Haare; aber das sind eigentlich
-Röhrchen, die mit einer flüssigen Giftsäure gefüllt sind. Wenn man nun
-die Pflanze anfaßt, dann splittern die kleinen Härchen ab, der Stumpf
-sticht sich dabei in unsere Haut, und aus dem Röhrchen fließt dann das
-Gift in die Wunde und zieht Blasen.«
-
-»Das war ganz vernünftig! Aber nun schnell, da stehen welche unter der
-Eiche! Die wollen wir uns einmal ansehen!«
-
-Na, jetzt sehen auch alle die Härchen; man probiert sogar und bricht
-die kleinen Haarstangen ab, indem man mit einem Grashalm oder sonst
-etwas über die Blätter streift.
-
-Da fährt Doktor Fuchs fort: »Ja, Jungs, warum haben aber die Nesseln
-diese Härchen?«
-
-Die Gesellschaft lacht so lustig darüber; das wissen nämlich alle. »Zum
-Schutze!«
-
-»Ja, Jungs, da lacht ihr! Bei der Brennessel versteht ihr das; aber
-könnt ihr mir noch eine Pflanze nennen, die Schutzvorrichtungen hat? --
-Na, seht ihr? Und der Hagen könnte sie mit der Hand greifen, so nahe
-steht sie ihm!«
-
-»Ach, vielleicht die rote Pechnelke da?«
-
-»Na, freilich! Warum heißt sie denn überhaupt Pechnelke?« -- Doktor
-Fuchs hat sich zu der Pechnelke hinabgebeugt. -- »Nun, seht mal
-her, Jungs!« Als aber alle Köpfe zusammenschießen und eine tüchtige
-Drängelei entstehen will, da meint Doktor Fuchs gelassen: »Na, dann
-helpt det nich! Dann muß sich die Pechnelke opfern!«
-
-Er pflückt sie ab und hebt sie hoch: »Hier, Jungs, seht mal die Gelenke
-des Stieles an! Unter diesen Gelenken ist die Pflanze so klebrig, daß
-sie sich da gleichsam einen leimigen Ring umgelegt hat. Auf dem bleibt,
-wie auf Pech, das ganze Ungeziefer kleben, wenn es der schönen roten
-Blüte zu Leibe gehen will.«
-
-»Aber!« sagt da einer der Jungen zögernd. Er denkt vielleicht, er
-wird für seinen Einwurf ausgelacht. »Ist das nicht recht komisch? Die
-Pflanze kann sich doch nicht selber solchen Ring umlegen!«
-
-Doktor Fuchs hat solchen Einwurf nicht erwartet. Er gibt schnell
-zu, daß das eine sehr schwierige Frage ist. Zu ihrer Erklärung
-müsse man auf viel frühere Perioden zurückgehen. Immer nur
-diejenigen der Pflanzen hätten sich erhalten, die zufällig die
-besten Schutzvorrichtungen gehabt hätten, und die hätten sich auch
-fortgepflanzt, bis nun heute die Pechnelken alle so wären. »Wißt ihr,
-wie man das nennt, Jungs?«
-
-»Zuchtwahl!« -- Einige hatten das Wort bereits auf der Zunge.
-
-Da kommt aber auch schon ein anderer Junge dazwischengefahren. »Ja,
-Herr Doktor, warum stehen denn die Brennesseln immer unter den Eichen?«
-
-Mit einem Ruck bleibt der Gefragte stehen. »Ach, die Brennessel noch
-einmal? Ja, Jungs, warum stehen die immer unten den Eichen? Manchmal
-auch in Gräben und hinter Hecken?«
-
-Die Jungen schauen alle erwartungsvoll auf. Ja, warum stehen die hier
-immer unter den Eichen?
-
-Da ist der Primus auf dem Plan mit einer ganz vernünftigen Erklärung:
-»Die werden wohl Schatten und Feuchtigkeit brauchen.«
-
-»Ja, aber warum wächst denn sonst gar nichts unter den Eichen? Das
-sieht ja gerade so aus, als ob die Brennesseln allein von allen
-Waldpflanzen Feuchtigkeit haben wollten!«
-
-Nun muß Ernst Ehrenfried doch die Antwort schuldig bleiben; Doktor
-Fuchs wird also schon helfen müssen. Aber er meint: »Jungs, das könnt
-und das sollt ihr allein finden! Freilich, dazu müssen wir uns erst mal
-solche Nesselkolonie unter einer Eiche ansehen!« --
-
-Man war inzwischen ganz auf der Höhe der Havelberge angelangt; da oben
-aber ist weit und breit keine Eiche zu sehen. Nein, wirklich nicht, so
-weit die Jungen auch um sich gucken.
-
-»Doch, Herr Doktor! Da unten! Da! Sehen Sie doch! Da! So schräg durch!«
-
-»Da müssen wir ja hinunter und wieder hinauf!«
-
-»Ach, Herr Doktor, das ist ja gerade fein!«
-
-»Na, denn los! Sanfter Galopp!«
-
-Unter schallendem Juchhe geht’s den kleinen Abhang hinunter. Atemlos
-kommt man im Grunde des Tales an. Richtig! Da steht eine prachtvolle,
-starke Eiche, die schon manchen Sturm über sich hat dahinbrausen
-lassen. In ihrem Schutz und Schatten wimmelt es von den stattlichsten
-Brennesseln. Aber sonst findet sich kaum ein Grashälmchen unter all dem
-Lumpengesindel der Nesseln.
-
-»Na, Jungs,« sagt da Doktor Fuchs, nachdem er sich etwas verschnauft
-hat. -- Ihm wird das Laufen offenbar schwerer als den Jungen. -- »Na,
-wer kann mir nun sagen, warum nur Brennesseln hier wachsen?«
-
-Jetzt haben das mehrere gefunden. »Die Nesseln brauchen Schatten. Aber
-im Schatten wachsen sie dann zu schnell hoch und nehmen den andern
-Pflanzen, die nicht so schnell wachsen und groß werden können, die
-Nahrung und das Licht weg!«
-
-»Bravo die Herrn! Sieht das ein jeder ein?«
-
-Ja, das haben alle eingesehen; sie setzen schon nach dieser halben
-Minute Pause da unten an, wieder den Berg hochzuklettern. Als indessen
-Doktor Fuchs und der dicke Puntz noch nicht zur Hälfte hinauf sind, da
-schallt von oben ein fröhliches Jauchzen und ein kräftig schmetterndes
-Hurra herab. Ach, was für Herz, was für Lunge haben doch diese
-schmächtigen Großstadtjungen noch! Und die sind doch oft so schlank und
-dünn wie Weidengerten!
-
-»Na, Dicker,« meint da Doktor Fuchs, »du bist wieder mit der letzte. Es
-wird dir mal schlecht beim Militär gehen!«
-
-»Ach, mir nimmt’s keiner übel, Herr Doktor! Die würden sich alle
-wundern, wenn ich der erste wäre! So ist’s ganz gut! Die ersten haben’s
-manchmal nicht zu best.« --
-
-
-Die dicke Hauskapelle und die Ameisen.
-
-Der Dicke ist ein guter Prophet; denn da oben bricht soeben ein
-mordsmäßiger Lärm los. Alles drängt sich um Dittmer herum und scheint
-auf ihn loszugehen; jetzt schlagen sie sogar auf ihn ein, und
-dazwischen schallt es drohend: »Feste! Immer feste! Totschlagen!«
-
-Doktor Fuchs stürmt in aller Eile die Höhe hinauf. Schon von weitem
-schreit er: »Was ist denn los? Was ist denn los?«
-
-Rohloff kommt ihm entgegen: »Herr Doktor! Herr Doktor! Der Dittmer hat
-sich in einen Ameisenhaufen gesetzt!«
-
-Da ist Doktor Fuchs beruhigt. Er steht jetzt erst einen Augenblick
-still und schnappt nach Luft. »Na, _der_ Schaden läßt sich ja kurieren!«
-
-Nun ist er oben, wo sich der Dittmer immer noch wie wild gebärdet. »So,
-Dittmer,« befiehlt Doktor Fuchs, »nun zieh erst mal die Jacke aus! --
-Und nun die Weste!«
-
-»Au! Das juckt, Herr Doktor!«
-
-»Ja, ja, glaube ich dir; aber es muß eben dann alles aus. Wir wollen
-dir die Biester schon absuchen!«
-
-»Aber, Herr Doktor!«
-
-»Na, dann lauf mit dem Insektenzeug den ganzen Tag umher! Das Hemde
-kannst du ja anbehalten. Ganz als Naturgriechen wollen wir dich ja
-nicht gleich sehen!« --
-
-Gesagt, getan! Der Dittmer wird ordentlich abge--ameist, und gute und
-schlechte Witze muß er dabei noch über sich ergehen lassen.
-
-»Herr Doktor,« sagt da zum Beispiel der Fritze Köhn, »es gibt also auch
-springende Ameisen!«
-
-»So viel ich weiß, nicht!«
-
-»Na frag’ ich aber bloß eenen Menschen! Eben sprang so ein kleines,
-schwarzes Tierchen hier herunter.«
-
-»Unsinn!« ist der dicke Puntz schnell auf dem Plan. »Springende Ameisen
-heißen eben Flöhe! Der Dittmer wird wohl nebenbei auch solche Tiere
-haben!«
-
-Dittmer aber versteht jetzt gar keinen Spaß.
-
-»Rede keenen Stuß,« sagt er sehr gereizt, »sonst kriegst du ein paar!
-Hier kriecht noch eine. Fasse mal schnell zu!«
-
-»Halt! Hier auch noch eine!« Damit sengt der dicke Puntz dem
-Ameisenmenschen eins auf, daß der gleich in seinem Hemde einen
-kolossalen Luftsprung macht. Zum Trost und zum Spott aber beruhigt ihn
-der Dicke: »Du, die ist wirklich tot!«
-
-Schließlich ist der Dittmer ameisenrein und auch wieder in seinen
-Sachen. Aber es ist ihm doch noch den ganzen Tag, als ob es hier und da
-juckt, und er vermißt sich jetzt hoch und heilig, er würde jede Ameise
-tottreten, die er fände, und jeden Ameisenhaufen auseinanderstökern.
-
-»Na schön, Dittmer!« unterbricht Doktor Fuchs diese Beteuerungen.
-»Aber, bitte, nur heute noch nicht! Laß uns erst mal über den Buckel
-hinaufsein; auf dem schönen, breiten, ebenen Weg können wir dann alle
-mehr zusammengehen. Da werde ich euch etwas über die Ameisen erzählen.«
-
-So steigt man wieder lustig bergan, immer an einem großen Zaun
-entlang. Über den froh dahinziehenden Jungen rauschen die Wipfel der
-hochstämmigen Kiefern; leise ächzen die knorrigen Äste. Lichte Wölkchen
-schwimmen im blauen Äther, und alles spricht so zum frischen Sinn und
-zum fröhlichen Herzen, daß der Puntz auf einmal seine Mundharmonika
-hervorzieht, und dünn, aber doch auch scharf genug fällt es ins Ohr,
-das immer schöne, immer frische
-
- »Muß i denn, muß i denn
- zum Städtele hinaus, Städtele hinaus!«
-
-Ach, da zuckt es den Jungen in den Beinen. Einige fangen an zu singen,
-und oben ist man auch schon auf den Havelbergen. Lang dehnt sich ein
-schöner, breiter Weg zwischen den Bäumen, ein sogenannter Jagenweg, vor
-dem sich weitenden Blick dahin. Soeben erklärt Doktor Fuchs: »Da ganz
-hinter müssen wir! Dann schwenken wir rechts ab und kommen wieder zur
-Havel hinunter. Nun flott vorwärts! Die Hauskapelle voran!«
-
-»Was soll ich denn spielen, Herr Doktor?«
-
-»Na, Dicker, nicht gebieten werd’ ich dem Sänger! Du scheinst ja auch
-ein ganzes Repertoire zu haben!«
-
-»Herr Doktor! Herr Doktor! Der kann alles!«
-
-»Na also, Dicker! Die Wahl überlassen wir dir selber!«
-
-Die Hauskapelle zaudert jetzt keinen Augenblick mehr.
-
- »Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus,
- da bleibe, wer Lust hat, mit Sorgen zu Haus!«
-
-»Ach!« entscheidet aber der Drewian, als das zu Ende ist, und das ist
-sehr bezeichnend für diese Großstadtjungen. »Du mußt mal etwas spielen,
-was alle können!«
-
-Sofort ertönt weiter:
-
- »Anne Marie, mein Engel dich verehr’ ich,
- Anne Marie, mein Engel, dich begehr’ ich,
- Anne Marie, o gib mir einen Kuß!
- Küsse mich, küsse mich, das ist Genuß!«
-
-So geht es weiter, Ernstes und Heiteres durcheinander, ab und zu
-wohl auch mit einem Gassenhauer, der oft gerade mit der schönsten
-Melodie in unser Ohr hineinhüpft, bis allen den lustigen Brüdern von
-wanderfreudigen Tertianern das Herz im Leibe lacht und springt und der
-Doktor Fuchs ausruft: »Dicker! Junge! Du bist ja ein reiner Künstler!
-Du mußt einmal Musik studieren!«
-
-»Jawohl,« setzt Puntz seine melodienreiche Harmonika ab, »Musik
-studieren! Hinten bei den Stampfmaschinen in unserer Fabrik! Damit
-dürfte ich meinem Vater gerade kommen!«
-
-Die andern quälen und wollen noch mehr haben; der Dicke aber behauptet,
-er hätte keine Puste mehr im Leibe; jetzt wäre auch der Herr Doktor
-Fuchs wieder an der Reihe; der hätte noch was von den Ameisen erzählen
-wollen.
-
-»Richtig!« sagt da Doktor Fuchs auch. »Aber da muß ich erst den Dittmer
-fragen, ob er weiß, woher bei der Ameisengeschichte der brennende
-Schmerz gekommen ist, den er empfunden hat.«
-
-»Na, freilich,« sagt der knurrig, »die Bande hat mich gezwickt.«
-
-»Ja, und in die Wunde bringt die Ameise dann noch eine Säure, die nach
-ihr Ameisensäure genannt wird. Ähnlich wie bei der Brennessel. Diese
-Säure ist schon stark genug, daß sie auch sowieso auf der Haut einen
-brennenden Schmerz verursacht. Diesen Saft kann das kleine Vieh in der
-Wut oder in der Angst etwa einen halben Meter weit wegspritzen.«
-
-»Aber, Herr Doktor!« -- Nun hagelt’s geradezu Fragen. -- »Ist denn die
-Ameise wirklich das klügste Tier?«
-
-»Nun, zweckdienlich handelt ja wohl jedes Tier; aber sicher ist es,
-daß die Ameisen unter allen Insekten die größten geistigen Fähigkeiten
-zeigen.«
-
-Von den Ameisen weiß Übrigens jeder der Jungen etwas; jeder will auch
-etwas dazu sagen. Da indes bleibt Doktor Fuchs wieder stehen, und er
-setzt ein hochwichtiges Gesicht auf. »Jungs,« sagt er, »jetzt müssen
-wir auf diesem graden Wege noch ein ganzes Ende laufen. Rechts und
-links ist da wenig zu sehen. Da kann ja jeder, der etwas gut und genau
-über die Ameisen weiß, einen kleinen Vortrag halten. Ich werde einmal
-die Themata für unsere jetzund errichtete Rednerschule verteilen.«
-
-»Ich!« -- »Ich!« -- »Ich!« -- »Herr Doktor!« -- »Herr Doktor!«
-
-»Immer ruhig Blut! Wer übernimmt die Staatenbildung der Ameisen?«
-
-»Die Staatenbildung? Das ist schwer!«
-
-Schon meldet sich ganz ruhig Ernst Ehrenfried.
-
-»Gut! Der Primus muß immer voran! -- Wer redet aber dann über die
-Ameisenarbeiter im besonderen? -- -- Zum ersten! Zum zweiten! Zum --.
-Also Manning! -- Wer über die Wohnung der Ameisen? Möglichst natürlich
-aus eigener Anschauung! Also ganz einfach! -- Na?«
-
-Rohloff hält die Hand hoch.
-
-»Wer über die Nahrung der Ameisen? -- Körer? Gut! Na, das ist aber dann
-auch genug. Na, nun los, Ernst Ehrenfried!«
-
-Vom Mitschüler scheint ein Junge immer noch so was am liebsten zu
-hören. Alle drängen sich heran und lauschen andächtig.
-
-»Nicht so wild zulaufen, Ernst,« mahnt Doktor Fuchs. »Etwas langsam
-sprechen und laut genug! Na, nun schieß mal los!« --
-
-»Ein Ameisenweibchen,« fängt Ernst Ehrenfried an, »legt in die Erde
-oder in einen Baumstumpf oder unter einen Stein etwa ein Dutzend Eier,
-die sich zu Larven entwickeln, bei der mangelhaften Nahrung aber, die
-ihnen die Mutter nur verschaffen kann, zu Arbeitern werden, das heißt:
-zu geschlechtslosen Tieren. Sie helfen der Mutter bei der Ernährung der
-nachkommenden Brut; denn die Mutterameise tut nun in ihrem ganzen Leben
-nichts weiter als Eier legen. Aus diesen Eiern schlüpfen schon nach
-einigen Tagen kleine, weiße Larven aus, die von den alten Arbeitern
-fleißig gefüttert werden. Nach -- ich weiß nun nicht mehr genau, Herr
-Doktor, nach wieviel Tagen diese Larven sich einspinnen --«
-
-»Nach vierzehn Tagen etwa.«
-
-»Nach vierzehn Tagen spinnen sich diese Larven ein; das sind dann die
-sogenannten Ameiseneier. Nach abermals vierzehn Tagen aber zerbeißen
-die Arbeiter die Puppen, und die junge Brut kriecht heraus; sie muß
-aber noch von den Ältern gefüttert werden. Alle diese neuen Ameisen
-sind Arbeitsameisen; denn Männchen und Weibchen entstehen erst aus
-den Eiern, die im Spätsommer gelegt werden. Die Männchen und Weibchen
-haben überhaupt weiter nichts zu tun, als für die Erhaltung der Art
-zu sorgen, sie allein sind geflügelt. Manchmal findet sich unter den
-Ameisen noch eine vierte Art: das sind auch geschlechtslose Tiere;
-aber sie haben einen viel größern Kopf als die gewöhnlichen Arbeiter
-und einen furchtbar starken Oberkiefer. Das sind die Soldaten, die auf
-Ordnung sehen und bei den Streifzügen die Führer bilden. Alle zusammen
-machen den Ameisenstaat aus.«
-
-»Das war sehr klar und sehr schön!« sagt da Doktor Fuchs. »Das verdient
-eine Nummer 1. Hat einer von der geehrten Festversammlung was dagegen?«
-
-»Nein! Nein! Nummer 1!«
-
-»Welcher der Herren hat jetzt das Wort?«
-
-»Ich,« sagt Manning.
-
-»Richtig! Über die Arbeiter! Nicht wahr?«
-
-»Ja!« -- Der Junge räuspert sich noch einmal. -- »Also, der Ehrenfried
-hat schon gesagt, daß die Arbeiter eben nur arbeiten. Sie haben den
-Arbeitstrieb, den wir Menschen wohl nie verstehen werden, weil wir ihn
-nicht haben.« -- Dem kleinen Manning sitzt eben manchmal der Schalk
-im Nacken. -- »Also, die Arbeitsameisen haben den Arbeitstrieb, und
-so arbeiten sie von morgens um 6 Uhr bis abends um 10 Uhr. Und zwar
-besteht ihre Arbeit darin, die Männchen und die Weibchen und die Larven
-zu füttern, den Baustoff für das Nest herbeizuschaffen und das Nest zu
-bauen, das oft einen Meter hoch ist. Manchmal legen sie auch Straßen
-an, die von dem Neste aus strahlenförmig weggehen, und die immer nur
-der Ameisenkolonie gehören, die sie angelegt hat. Wenn sich irgend
-eine andere Ameise oder sonst ein Tierchen -- auch der Mensch gehört
-zu diesen Tierchen -- auf diesen Wegen betreffen läßt, so wird es
-unbarmherzig erwürgt. Die zu großen Tierchen freilich nicht; der Mensch
-auch nicht. Dann müssen die Ameisen am Abend noch den Bau verrammeln
-und verschließen und am Morgen wieder aufschließen. Das ist doch alles!«
-
-»Hier sage ich auch wieder: Bravo!« ist Doktor Fuchs schnell bei der
-Hand. »Welche Nummer wollen wir ihm geben, Jungs?«
-
-»Nummer 1!« schreien da natürlich alle.
-
-»Na, freilich Nummer 1! Aber der Ernst Ehrenfried hat doch gesagt, daß
-solche Ameisenmutter ihr Nest unter der Erde oder in einem Baumstamm
-oder unter einem Stein anlegt, und Manning hat behauptet, daß dieses
-Nest oft einen Meter hoch wird. Stimmt denn das zusammen?«
-
-Manning fühlt sich sofort berufen, sich zu verteidigen: »Ja, die
-Kolonie wird doch immer größer, und was man so vom Ameisennest sieht,
-das sind immer so Nadeln und Holzsplitterchen und Pflanzenteile. Die
-sind so draufgeschleppt zum Schutze gegen den Regen und die Kälte.«
-
-»Ganz richtig! Das ist also auch in Ordnung. -- Na, wer ist jetzt dran?«
-
-»Ich!« meldet sich Rohloff. »Aber der Manning hat ja nun schon alles
-über die Wohnung der Ameisen erzählt.«
-
-»Herr Gott, ja! Da muß sich Rohloff beleidigt fühlen! Na warte nur, für
-dich findet sich schon wieder etwas anderes! Aber, Körer ist uns noch
-was schuldig. Nicht wahr? Was war es denn?«
-
-»Was die Ameisen fressen! Die Ameisen fressen alles, was ihnen vor
-den Schnabel kommt. Sie fressen eben alle andern Insekten. Besonders
-gerne fressen sie auch die Larven von andern Insekten. Außerdem noch
-Raupen, Käfer, Frösche und Mäuse. Sie knabbern auch das Fleisch von den
-Knochen ab. Wir haben einmal in unserm Garten einen Gänsekopf in einen
-Ameisenhaufen gepackt; den hatten sie nach vierzehn Tagen ganz kahl
-gefressen. Schließlich sind sie sogar bis in unsere Küche gekommen.
-Ach, das war eine Geschichte! Meine Mama hat manchmal darüber geweint.
-Wir konnten die Spinden noch so fest verschließen, sie kamen doch
-hinein.«
-
-Ein anderer fällt da schnell ein: »Meine Tante wohnte in Friedenau in
-einer Parterrewohnung. Da waren die Ameisen so arg, daß meine Tante
-ausziehen mußte.«
-
-»Ach,« ist Körer bei der Hand, »da hätte sie alles mit Tran und Teer
-beschmieren müssen. So haben wir sie weggekriegt.«
-
-»Ja,« sagt Doktor Fuchs, »damit kann man sie sich vom Leibe halten.
-Auch den Geruch von Petersilie mögen sie nicht. Aber etwas hat Körer
-doch noch vergessen, oder er hat sogar zu viel gesagt. Nämlich, sie
-fressen nicht alles, was ihnen vor den Schnabel kommt, sondern sie
-hegen und pflegen sogar eine Sorte von Tieren. Na, Jungs, das ist eine
-kolossal interessante Geschichte! Jeder hat doch schon einmal einen
-Holunderbaum gesehen. Na, und die Holunderblätter sind doch manchmal
-auf der Oberseite so klebrig. Dieses Klebrige nun, das mögen die
-Ameisen gern; das schmeckt ihnen offenbar honigsüß.«
-
-»Ja, ja, Herr Doktor,« drängt sich der kleine Achim Köckeritz neben
-Doktor Fuchs her, »ich weiß! Wir haben einen Holunderbaum im Garten.
-Ich habe erst gestern abend an solchem Blatt geleckt. Das schmeckt
-wirklich wie Honig!«
-
-»Ganz recht, Achim! Weißt du denn aber auch, was das ist?«
-
-»Sie sagen ja selbst, Herr Doktor, das ist Honig!«
-
-»Na, ich sagte wohl nur, daß es honigsüß ist; denn in Wirklichkeit
-ist es etwas ganz anderes. Die Blattläuse haben nämlich solch Blatt
-einfach als ihren Appartement betrachtet, und, was der Achim Köckeritz
-da abgeleckt hat, das war einfach die Ausleerung der Schild- oder
-Blattläuse.«
-
-Der Achim wird ganz bleich. Er würgt an etwas herum; aber er meistert
-sich noch einmal und sagt bloß entsetzt: »Äcks! Pfui Deibel!«
-
-Einige andere schreien gleich aus Sympathie mit.
-
-»Oh, das ist nicht so schlimm, Jungs!« wehrt Doktor Fuchs. »Ganz
-und gar ungefährlich! Na also, zu unserer Sache zurück! Um diese
-Blattlausausleerung immer zu haben, postieren sich einige von den
-Ameisen neben die Tierchen und schützen sie vor ihren Feinden. Damit
-aber der schöne, süße Kot der Blattläuse nicht vom Regen fortgewaschen
-wird, bauen die Ameisen ihren Freundinnen sogar ordentliche Ställe. Sie
-leimen nämlich ein loses Blatt oder sonst etwas über ihnen fest, und
-nun kann’s regnen, so viel es will, die Blattläuse sitzen eben dann im
-Trocknen. Man hat deshalb diese Blattläuse auch die Kühe der Ameisen
-genannt, weil sie diese -- man möchte geradezu sagen -- melken.«
-
-Da lachen die Jungen laut auf.
-
-»Ja, ja, wirklich melken! Die Ameisen klopfen und streicheln nämlich so
-lange mit ihren Fühlern an den Tierchen herum, bis die Blattläuse ihren
-Enddarm entleeren!«
-
-Aber nun das Lachen der Jungen erst! »So eine Schlauheit! -- Die
-Ameisen denken dann doch genau so wie die Menschen.«
-
-»Ja, das sollte man meinen! Einmal hatte jemand in seinem Garten
-um einen Baumstamm einen Teerring gezogen. Auf dem Baume saßen
-aber bei den Blattläusen noch Ameisen genug. Als die nun den Stamm
-hinuntergeklettert kamen, um in ihr Nest zu gelangen, da fanden sie den
-Teerring, über den sie natürlich nicht hinwegkonnten. Was machten sie
-da nun? Was meint ihr, Jungs?«
-
-»Vielleicht opferten sich die ersten und bildeten so eine Brücke, daß
-die andern drüberkonnten!«
-
-»Nein, opfern tun sie sich nur in Gefahr oder beim Angriff!«
-
-»Vielleicht haben sie Blätter oder sonst was auf den Teerring
-geschleppt!«
-
-»Ja, das haben sie getan. Aber dieses ›sonst was‹ waren eben die armen
-Blattläuse. Die Ameisen kriegten sie zu packen und klebten sie auf den
-Teerring, bis sie selber da gefahrlos hinüberkonnten. Also man sieht,
-schlau sind die Ameisen, aber dankbar gegen andere Lebewesen kann man
-sie nicht nennen; sogar nicht gegen die, die ihnen nützen.« -- -- --
-
-
-»Dieser Stein vom Seinestrande.«
-
-Da schwenkte man eben rechts weg und hinunter; denn hier fallen die
-Havelberge zu einem Gesenke ab. Lange, lange bevor noch ein Germane mit
-Albrecht dem Bären wieder in diese Gegend kam, hatte der Regen, wenn er
-von jenen Höhen herunterströmte, hier ein flaches Sandland geschaffen
-und dadurch die Havel zurückgedrängt. Da schneidet die Chaussee gerade
-den letzten Zipfel der hier niedriger auslaufenden Havelberge durch und
-wendet sich dann von dem Wasser weg in den Wald hinein, um so später
-rechtwinklig auf die alte Berlin--Potsdamer Landstraße zu stoßen.
-
-Durch das Gesenke selbst läuft die Chaussee auf einem aufgeschütteten
-Damm, der von weißgetünchten, aufrechtstehenden Steinen eingefaßt ist.
-Zwischen diesen Steinen muß man jetzt ein kleines Stückchen hinwandern.
-
-»Warum stehen denn die Steine hier?« fragt da einer.
-
-»Frage do’ nich so dumm!« -- Fritze Köhn ist eben ein zappeliger und
-schnell denkender Berliner. -- »Damit keener runtersaust, wenn er ’n
-Schwips hat.«[11]
-
- [11] Bezecht ist.
-
-»Aber,« hat der Frager wieder zu sagen, »wenn nun im Winter Schnee
-liegt? Dann sieht man doch die weißen Steine nicht!«
-
-Ja, nun horchen mehr her. »Wenn nun im Winter Schnee liegt?«
-
-»Schafsneese!«[12] wirft Fritze Köhn wieder mit größter Gemütsruhe ein.
-»Dann werden die Steine schwarz anjepinselt!«
-
- [12] Schafsnase, gutmütig gemeintes Schimpfwort.
-
-Das bezweifelt aber der dicke Puntz. »Na, ich weiß nicht! Ich würde sie
-weiß lassen. Wenn wirklich jemand da hinunterschlittert, dann fällt er
-bei so viel Schnee doch weich genug.«
-
-»Ja,« meint der kleine Achim Köckeritz schnell, »besonders, wenn man
-eine Fettschicht auf den Rippen hat.«
-
-»Na, du Dürrländer,« repliziert der Dicke ganz gut, »das ist ja bei dir
-der bloße Neid! Wenn du man --«
-
-»Ding, Ding, Ding!« schallt da hell und warnend die Glocke eines
-Fahrrades von hinten, und sofort brüllt einer: »Hurra!« Denn die
-beiden Männer, die mit ihrem Fahrrad herankommen, sind Offiziere.
-Jetzt bricht es geradezu betäubend los: »Hurra! Hurra!« Und so sehr
-erregen und begeistern sich diese dummen Tertianer, daß die Hälfte
-sich in Trab setzt, gleichsam um den beiden Offizieren das Geleit zu
-geben. Aber die sind ja schon durch die kleine Schar durchgeflitzt.
-Als indessen das Hurra kein Ende nehmen will, da springt der letzte
-der beiden so stürmisch Gefeierten vom Fahrrade herunter. Er legt
-die Hand leicht an die Mütze. _Der_ Jubel nun erst! Das hätte sicher
-zwischen dem militärischen und dem unmilitärischen Deutschland hier
-gleich auf der Landstraße das schönste Verbrüderungsfest gegeben, und
-die ganze Menschheit hätte neue Bahnen einschlagen müssen, wenn nicht
-gerade hier und in diesem Augenblicke der Weg Jung-Deutschlands von der
-Chaussee weg hinuntergeführt hätte auf jene Sandfläche, welche die alte
-Havelbucht füllt. Hier steuern die Jungen dem hohen Kiefernhang zu, den
-die Grunewaldwanderer das »Große Fenster« nennen.
-
-Gerade mitten in ihren Weg indessen hat vor vielen Jahrhunderten die
-Natur eine Eiche gepflanzt. Die steht da, von der Winterkälte in
-Eis geschlagen, von der Sommerhitze gedörrt, vom Sturme gepeitscht
-und gekappt, vom Blitz zerschlissen und doch immer weiter grünend
-und gedeihend und wachsend, bis sie der stärkste Baum des ganzen,
-weit ausgedehnten Grunewaldes geworden ist. Vor diesem Riesenstamme
-stehen die Jungen staunend und bewundernd still; sie wandern herum
-und betrachten ihn mit stiller Ehrfurcht. Endlich treten sie auch
-näher hinzu. Vier Mann fassen sich an und wollen den Stamm umklaftern;
-aber der erste und der vierte können sich nicht die Hand reichen,
-so daß sich noch der dicke Puntz als Bindeglied zwischen die beiden
-freien Hände stellen muß. Das ist ein Baum! Der ist wert, daß man
-hinauswandert und bei seinem Anblicke begreifen lernt, daß der magere
-Boden der sandigen Mark viel mehr zähe Kraft erzeugt und großzieht, als
-man glauben sollte und als viele es jemals glauben möchten. --
-
-Doch, ein Tertianer ist nicht dazu veranlagt, lange in schweigender
-Betrachtung zu verweilen, besonders wenn hundert Schritte davon durch
-das spärliche, lispelnde Schilf das Wasser leise plätschernd an den
-flachen Strand heranzieht, und wenn dort drüben die Höhen des »Großen
-Fensters« winken, die wie Schanzen aussehen und in der Brust der Jungen
-Gedanken erwecken an Klettern und Stürmen. So zieht denn jetzt die
-fröhliche Jungenschar hinter dem leichtfüßigen Schrittmacher, dem Esch,
-her. Je weiter der aber vorwärtskommt, desto länger wird die Linie
-seiner Gefolgsmannen; denn da liegen Muscheln und die allerkommunsten,
-aber für den unbefangenen Jungen doch seltsamsten Schneckengehäuse in
-reichlichster Fülle und verführerisch umhergestreut. Und die trockenen
-Rohrstengel müssen es sich gefallen lassen, geschwippt zu werden wie
-Weidengerten. Dabei brechen sie natürlich wie Glas weg und werden
-wieder fortgeworfen. Der und jener versucht auch einmal, wie weit man
-durch den schwammigen, wassergetränkten Ufersaum an die Havel selbst
-hinankommen kann. Dann steht er auf einmal auf den Zehen und dreht sich
-elegant um wie eine Tänzerin und versucht, mit eiligen Schritten und
-mit hängenden Ohren den festen Sandboden wiederzugewinnen. Unterwegs
-macht er vielleicht noch einen Extrasprung; denn er wollte gerade in
-einen Kuhfladen treten und wollte es doch eigentlich auch wieder nicht.
-
-Fritze Köhn, vom sichern Port aus, konstatiert das alles laut und mit
-tertianerhaft-erlaubter Schadenfreude; schließlich kommt er sogar zu
-der Behauptung: »Dunnerschock ja! Ick hätte nie jedacht, det de so fein
-walzen kannst!«
-
-Als er aber von dem also Verhöhnten dafür einen Klaps kriegen soll,
-da wendet er sich blitzschnell und -- rennt mit der Nase gegen einen
-aufgehobenen Arm.
-
-»Na, da schlag aber eener lang hin un steh wieder kurz uff!« muß er
-schon wieder schimpfen. »Wat machst de denn mit de Vorderflosse hoch?«
-
-»Na, ich will die Enten zählen!« -- Ein ganzes Heer von Kriekenten
-tummelt sich draußen auf dem Wasser.
-
-»Ach, Kohl! Du bist eben mal dümmer, als de aussiehst! Det kann keener!
-Zähle die Kühe da! Bis zehn kommst de noch! Det macht Effekt un kost
-nischt!«
-
-Dem Fritze Köhn aber kann keiner böse sein. So ziehen also auch schon
-im nächsten Augenblick wieder die Jungen friedlich ihrem Ordinarius
-nach, der gleich am Eingang des Cladower Sandwerders etwas nach
-rechts abbiegt. Hundert Schritte weiter nämlich ist -- ein Stück
-von Paris erstanden. Ein kunstsinniger Kämpfer hat im Jahre 1871
-bei dem Brande der Tuilerien in Paris dieses Säulenpaar gerettet
-und zur Erinnerung in dieser weltverlorenen, aber wundersam schönen
-Ecke des kieferndurchdufteten Havellandes wieder erstehen lassen.
-Märkischer Efeu ist an dem Säulenpaar langsam herumgekrochen und hat
-sich daran hochgerankt und festgekrallt, als wollte er -- ein echter
-Brandenburger! -- damit ausdrücken, daß er zähe festhalte, was er
-einmal in Besitz genommen. Auf der Wasserseite jedoch läßt er eine in
-das Mauerwerk eingelassene Tafel frei. Auf der liest Doktor Fuchs:
-
- »Dieser Stein vom Seinestrande,
- hergepflanzt in deutsche Lande,
- ruft, o Wanderer, dir zu:
- Glück, wie wandelbar bist du!«
-
-Das finden die Jungen sehr nett. Einer aber fragt nun doch noch: »Ist
-das alles?«
-
-»Ach,« lacht der kleine Köckeritz laut auf, »du willst wohl noch eine
-Tasse Schokolade zu haben?«
-
-Keiner freut sich mehr darüber als der Fritze Köhn. »Die nimmt der!«
-erklärt er laut. »Vielleicht wird er denn so sachteken schläuer davon!«
-
-
-Blattlaushumor.
-
-Die paar Schritte über den kleinen Verbindungsdamm zwischen Werder
-und Festland geht’s jetzt zurück und dann rechts ab auf ödem Sandwege
-zwischen Brombeergebüsch dahin. Vor den Jungen leuchten und blitzen
-die kurzen Wellen des immer schönen Wannsees auf. Da fühlen sie keine
-Müdigkeit, sondern schleppen die Beine mutig durch den Brandenburger
-Schnee, den rieselnden Gelbsand, in den sie einsinken bis an die
-Knöchel. Immer zwischen Wald und Wasser hin, bis auf einmal scharf
-links die Pumpstation emportaucht und das bunte Gewimmel der Tische und
-Stühle in den neuen Lokalen, die am See entstanden sind. Da schlägt der
-dicke Puntz vor: »Herr Doktor, kehren wir da ein?«
-
-»Nein, Dicker, da würdest du dann doch Bier trinken wollen! Das aber
-macht beim Marsche nur müde und matt. Hat einer noch etwas für den
-Dicken zum Trinken?«
-
-Von allen Seiten wird ihm da angeboten: Wasser, kalter Kaffee, Tee.
-
-»Na, am liebsten,« vermutet Fritze Köhn, »wäre ihm Wasser mit ’nem
-Schuß was drin.«
-
-»Aber,« -- Doktor Fuchs sieht nach der Uhr -- »wenn ihr wollt, Jungs,
-dann können wir hier noch fünf bis zehn Minuten lagern. So viel Zeit
-können wir dransetzen.«
-
-»Nein, gleich weiter, Herr Doktor! Der Dicke ist bloß faul!«
-
-»Wir wollen abstimmen!«
-
-Der dicke Puntz aber hat die ganze Sache schon entschieden: er hat
-sich eben, ohne ein Wort zu sagen, hingesetzt. Und als die andern nur
-die Miene machen, auch einen Augenblick zu rasten, da legt er sich
-einfach ganz lang hin und dreht sich schließlich recht behaglich herum,
-so daß er jetzt bauchlings auf dem warmen, weichen Sandboden liegt.
-Seine dicken Hängebacken, die »Jewitterbacken« vom Paradetage, hat
-er in die aufgestützten Hände gelegt und blinzelt aus seinen kleinen
-Schweinsäuglein zufrieden auf den Wannsee hinaus. Sogleich hat sich
-eine kleine Schar, bestochen durch diese genußreiche Behaglichkeit, um
-ihn herumgelagert. Doktor Fuchs sieht sich dieses Bild vergnüglich an.
-
-»Wirklich zum Malen!« denkt er. Laut fügt er hinzu: »Wie ist denn das,
-Gebhardt, kannst du uns hier nicht photographieren?«
-
-Der Gebhardt ist immer ein kleiner, überängstlicher Peter. »Jetzt ist
-zu viel Sonne! Vielleicht am Nachmittag wieder!«
-
-»Ja, sonnig genug ist es jetzt!« -- Doktor Fuchs schaut umher. -- »Da
-unter dem Baum liegen wir im Schatten!«
-
-So zieht er mit der Hälfte der Jungen noch einige dreißig Schritte
-weiter; da lagern sie sich.
-
-»Na, Jungs, ist der Grunewald nicht wirklich schön?«
-
-»O ja, aber hier hinten kommt man ja auch sonst gar nicht her! Oder nur
-zum Baden!«
-
-»Dürfen wir hier baden, Herr Doktor?«
-
-»Warte mal!« sagt der ausweichend. »Wir werden noch manches Schöne
-heute sehen! Was denn? Das glaubst du wohl nicht, Rogall?«
-
-»Doch!«
-
-»Na, warum lachst du denn?«
-
-Statt aller Antwort lacht der Rogall wieder und erklärt dann: »Der
-Sausig hat hier solchen faulen Witz gemacht.«
-
-»Na, den müssen wir doch alle hören! Nu schieß mal los, Sausig!«
-
-Der läßt sich auch gar nicht nötigen. »Ach, ich habe den Rogall bloß
-gefragt, ob er den größten Automaten kennt!«
-
-»Na, den kennen wir auch nicht! Nicht wahr, Jungs?«
-
-»Nein, nein! Kennen wir nicht!«
-
-»Das ist das Polizei-Präsidium in Berlin. Wenn man oben eine Scheibe
-einwirft, kommt unten ein Schutzmann raus!«
-
-Schallender Beifall belohnt den Erzähler. Während aber alle noch
-lachen, meldet sich schon der Doef krampfhaft: »Herr Doktor, ich weiß
-auch was!«
-
-»Na, dann gib’s zum besten!«
-
-»Bei uns im Norden, da steht früh um achte ein kleiner Junge mit der
-Mappe auf dem Rücken an der Bordschwelle. Und der Junge heult! Da kommt
-eine Frau und fragt ihn: ›Junge, warum heulst du denn?‹ -- ›Ja,‹ sagt
-er da, ›meine Mutter hat gesagt, wenn ich über den Damm gehen will,
-soll ich erst die Wagen vorbeilassen. Und nun kommt gar keiner!‹«
-
-Der Doef hat kein Erzählertalent; aber die Sache, die sich der Berliner
-ja immer plastisch vorstellt, ist an sich spaßig genug. Und das Lachen
-sitzt heute so locker!
-
-Mitten drin in diesem Lachen gibt’s einen Ruck, so daß alle erschrocken
-aufspringen: der kleine Heerhaufen nebenan ist mit lautem Aufschrei
-auseinandergeflogen. Die einen, welche sich nicht früh genug aufgerafft
-haben, kriechen blitzschnell auf allen vieren fort, und dann erst
-richten sie sich auf und fangen an zu lachen. Aber auch so zu lachen!
-Und die andern, die schon stehen, fallen wieder lang hin und wälzen
-sich auch vor Lachen und können da gar kein Ende finden. In der Mitte
-dieses soeben noch so idyllischen Schäferbildes aber, das jetzt
-freilich einer Szene aus dem Tollhause gleicht, da liegt ruhig der
-dicke Puntz und blinzelt aus seinen kleinen Schweinsäugelein ganz
-erschrocken um sich. In seiner Verlegenheit -- denn er ist in großer
-Verlegenheit! Man sieht es ihm an! -- in seiner Verlegenheit glotzt
-er dann auf die weißblinkende Fläche des Wannsees hinaus, wo doch gar
-nichts zu sehen ist. Und trotzdem er -- nun schon eine geschlagene
-Minute lang -- noch kein Wort gesprochen, ist er dennoch der Urheber
-des ganzen Aufstandes.
-
-Da kommen die andern von drüben herübergesprungen: »Was ist denn los?«
--- »Warum lachst du denn so, Köckeritz?« -- »Warum lacht ihr denn?
-Mensch antworte doch!« -- »Lache doch nicht so!« -- »Warum lachst du
-denn?«
-
-So geht es durcheinander; eine vernünftige Antwort jedoch ist aus
-keinem herauszubekommen, bis sich schließlich Doktor Fuchs an den
-Dicken wendet. Der tut ja zwar auch ganz sonderbar, aber immerhin
-scheint er noch der einzig ruhige und vernünftige Mensch in der ganzen
-Gesellschaft zu sein.
-
-»Na, Dicker, du bist doch bei klarem Verstande! Was habt ihr denn da
-alle miteinander?«
-
-Langsam und schwerfällig richtet sich der Dicke auf, und dabei sagt
-er bedächtig und mit beinahe weinerlichem Gesicht: »Ja, ich bitte um
-Entschuldigung, Herr Doktor! Aber die fingen auf einmal alle an, an mir
-herumzustreicheln und herumzuklopfen, und dann kitzelten sie mich alle
-und sagten immer, sie wären die Ameisen und ich eine Blattlaus. Und da
--- habe ich -- da bin ich --«
-
-Der Dicke hat das Gesicht wie mit Blut übergossen. Er kann gar nicht
-mehr weitersprechen und stottert jetzt nur noch einmal ums andere: »Ich
--- ich -- ich --«
-
-»Ja« -- jetzt hat sich der kleine Köckeritz so weit erholt -- »Herr
-Doktor, es ist ja gar nicht so schlimm!« Aber er muß doch wieder
-lachen und prustet plötzlich heraus: »Dem ist nur ein bißchen das Fell
-geplatzt!«
-
-Auch Sausig hat zur Partei der Lacher gehört; der findet jetzt das
-richtige Wort: »Herr Doktor, der Dicke hat die Blattlaus beinahe zu
-natürlich gespielt! Aber er war nicht dran schuld! Wir haben ihn zu
-sehr gekitzelt!«
-
-Nun verstehen alle, und nun geht das unbändigste Lachen noch einmal los.
-
-Auch Doktor Fuchs faßt die Sache von der guten und spaßigen Seite auf.
-»Ist recht, Dicker,« sagt er, »gib’s ihnen man ordentlich! Das ist
-durchaus menschlich! Komm! Da laß dir also keine grauen Haare drum
-wachsen!«
-
-Das war für den armen Dicken ein erlösendes Wort. Jetzt lachte er sogar
-selber wieder mit.
-
-_Ein_ Gutes hat der unfreiwillige Humor des Dicken noch außerdem
-gehabt: jetzt fühlt sich keiner mehr müde; das herzhafte Lachen, das
-allen das Zwerchfell wirklich einmal nach allen Seiten ausgeschüttelt
-und ausgeschüttert hatte, war gegen Müdigkeit ebenso gut gewesen wie
-ein Stündchen Schlaf und wirksamer als der stärkste Wille. -- -- --
-
-
-Vom Wannsee nach der Pfaueninsel.
-
-So ziehen jetzt die Jungen noch einmal so munter weiter, an Belitzhof
-vorbei und nun ein Stückchen die Chaussee hin, vorüber an dem niedrig
-angelegten Mauerwerk der Pumpstation mit den kleinen Luftlöchern von
-Fensterchen, so daß die Anlage ganz unnahbar aussieht.
-
-Hier drängt sich der Achim Köckeritz an Doktor Fuchs hinan. »Herr
-Doktor, einmal war ein Pariser Geschäftsfreund meines Vaters bei uns.
-Da sind wir mit ihm hier nach Belitzhof und nach Wannsee und nach dem
-Schwedischen Pavillon gefahren. Als wir nun hier vorbeikamen, da sprang
-der Herr plötzlich im Wagen auf, und dabei schrie er wie besessen: ›Ah,
-Sie saggen, daß Berlin ist nicht Festung! ~Voilà des fortifications! Un
-fort! Un fort!~‹ Nachher wollte er auch gar nicht glauben, daß das nur
-die Wasserwerke sind.«
-
-»Ja« -- Doktor Fuchs bleibt einen Augenblick stehen, und auch die
-Jungen schauen jetzt neugierig auf den niedrigen, roten Ziegelbau
-hinüber, der mit Erde bedeckt ist, so daß er in der Tat von der
-Bahn aus kaum zu sehen sein wird -- »ja, das Ding sieht allerdings
-Kasematten nicht ganz unähnlich.«
-
-Schon dieses kriegerische Wort interessiert drei Dutzend wirklicher,
-frischer Jungen mehr, als dreißig Dutzend Mummelgreise glauben könnten.
-Während man also über das Sandfeld halb rechts wegschreitet und an
-den ersten Villen von Wannsee vorüberzieht, schwirren alle möglichen
-Erzählungen von Festungen und Forts und Kasematten um die kleine Schar
-herum, und wenig Sinn haben jetzt die Klugsnaks von Tertianern für die
-Schönheit dieser Villen und Gärten aus Tausend und eine Nacht. Nein, im
-Handumdrehen gleichsam hat man den Bahnhof Wannsee vor sich und folgt
-Doktor Fuchs, der jetzt rechts um die scharfe Ecke schwenkt und seine
-Klasse auf ein kleines Plateau hinausführt.
-
-Da steht auf hohem Sockel und in einer kreisförmigen Nische von
-üppigem Grün die Kolossalbüste des Eisernen Kanzlers, und über die
-vorn abschließende Hecke weg schweift der Blick auf des Wannsees
-lichthelle Fläche hinunter, die drüben in ihrer klaren Flut die Zinnen
-hochragender Villen spiegelt. Leise und träumerisch schaukeln weiße
-Boote vor ihren Ankern; ein kleiner Dampfer zieht eine silberne Furche
-von dem Landungssteg unten hinüber nach dem Paradies des Schwedischen
-Pavillons. Majestätisch strebt soeben ein stattlich großes Dampfboot
-wie ein mächtiger, weißer Schwan rechts hinaus, der offenen Havel zu,
-die drüben von den steil aufsteigenden Hügellehnen bei Cladow begrenzt
-wird. Von Süden her aber schimmert die weiße Fläche des »Kleinen
-Wannsees« herüber, und das staunende Auge kann es kaum fassen, dieses
-lieblichste aller lieblichen Havelbilder. Es ist ein wundersames
-Gemälde, hineingezaubert in die karge und herbe Schönheit des sonst so
-verrufenen Brandenburger Landes. --
-
-»Wo essen wir denn Mittag, Herr Doktor?« -- Dem Dicken wird es so eigen
-im Magen, als man das schöngelegene Restaurant am Knie der Chaussee
-links liegen läßt und stramm weiterzieht. Da gibt’s noch manchen
-schönen Blick nach rechts hinaus auf den Wannsee; aber man hat schon
-so viel des Schönen gehabt, daß man vieles jetzt achtlos vor den Augen
-vorübergleiten läßt.
-
-Erst vor dem Flensburger Löwen, oben auf der geräumigen Schanze, macht
-man wieder Halt. Da stehen unsre Jungen und lassen sich erzählen,
-wie die Dänen das Original, das jetzt im Hofe des Lichterfelder
-Kadettenhauses steht, einst Deutschland zum Hohne in Schleswig
-aufgerichtet hatten; wie aber dann Schleswig wieder deutsch wurde und
-der dänische Leu dem preußischen Adler nach der Mark folgen mußte.
-Während das starre Eisenauge früher nach Süden -- nach Deutschland
-herüber -- schaute, jetzt ist es nach Spandau hinauf und viel weiter
-hinaus gerichtet, nach Norden hin, der alten Heimat zu. --
-
-Im engen Kreise zieht man um die Wasserlöcher tief unten herum und an
-den Grotten des Aussichtsturmes hoch oben vorbei. Dann geht es flott
-weiter hinaus, hinten am Kirchlein vorüber und geraden Wegs durch
-mageren Kiefernbestand und über einen echt kurmärkisch-sandigen Waldweg
-weg zur großen und wunderbar gepflegten Chaussee. Die steigt allmählich
-erst sanft an, führt aber dann wieder hinab zur Havel. An lauschigen
-Buchten eilt man so vorüber, und bis auf Steinwurfsweite schiebt sich
-drüben endlich die von der Geschichte verklärte Pfaueninsel heran.
-
-Ja, die Pfaueninsel, die wollen die Jungen besuchen. Aber erst will
-man im Restaurant diesseits des Wassers, beim Vater Ehrecke, zu Mittag
-essen. Dieses Mittagessen ist ja zu zwei Uhr bestellt, und nur noch
-zehn Minuten fehlen an dieser Zeit; gerade genug, um sich von dem
-langen Marsch zu neuer Arbeit etwas auszuruhen und den Magen in die
-beste Stimmung zu versetzen.
-
-Man sucht sich ein Plätzchen in dem sauber gepflegten Garten aus. Das
-ist ja für einen Jungen immer schon eine wichtige Sache. Man legt dabei
-das Ränzel ab; man kramt darin herum und -- läßt auf einmal alles
-stehen und liegen und guckt und sieht und sucht und lockt, die Hühner
-nämlich.
-
-»Put! Put! Put!«
-
-Da kommen denn einige eiligst und langbeinig angewackelt, während die
-ruhigeren Hühnernaturen ein Bein in die Luft heben und langhalsig erst
-einmal zusehen, ob denn die übereifrigen Freundinnen wirklich etwas
-ergattern können. Aber die Jungen wollen gerade _alle_ Hühner haben;
-denn sie haben an diesen Hühnern etwas ganz Sonderbares entdeckt: alle
-nämlich tragen Ringe wie die Menschen; freilich nicht an einem Finger,
-sondern am Bein, einige am linken und einige am rechten. Das, ja das
-ist nun eben den Jungen ein Rätsel. Fritze Köhn meint, die mit dem Ring
-am linken Bein, die wären verlobt und die andern verheiratet. Da nun
-sein Urteil immer so etwas Salomonisches an sich hat, so glaubt das
-auch schon die gute Hälfte der Jungen, und dem Doktor Fuchs blitzt
-dabei der Schalk etwas aus den Augen; aber er sagt nichts.
-
-Der Vater Ehrecke indes geht auf den Scherz ein. »Ja, der Hahn da,«
-meint er bedächtig, »der ist auch noch verlobt! -- Aber das ist doch
-ein windiger Bruder!«
-
-»Wie kriegen sie denn die Ringe aber auf die Beine drauf?«
-
-Der Vater Ehrecke verzieht keine Miene. »Das haben schon verschiedne
-Herrschaften gefragt. Aber es ist sehr einfach. Jeden ersten im Monat
-lege ich einige Ringe da neben den Futternapf, und alle die Hühner,
-die sich verloben wollen, kriechen mit der linken Pfote durch den Ring
-durch.«
-
-Die Jungen lachen darüber unbändig; manche wissen nicht recht, sollen
-sie es glauben oder nicht. Der dicke Puntz aber forscht jetzt weiter:
-»Na, wenn sie sich aber nun verheiraten? Wie kriegen sie denn dann den
-Ring auf die rechte Pfote?«
-
-»Das ist noch einfacher! Da tauschen sie das rechte Bein gegen das
-linke aus!«
-
-Da muß aber auch Doktor Fuchs lachen. »Ehrecke,« ruft er, »Sie lügen
-uns aber heute ganz fürchterlich die Hucke voll!«
-
-»Na« -- jetzt bekennt der Vater Ehrecke Farbe -- »nein, Jungens, nun
-seht mal her!« -- Dabei holt er verschiedene Ringe aus der Tasche
-heraus. -- »Solch Ring kann auf- und zugeknipst werden! So! Hier seht
-ihr auch eine Jahreszahl drin. Das ist zum Beispiel einer für dieses
-Jahr. -- Seht ihr? -- Solchen kriegt also ein Huhn, das von diesem Jahr
-ist!«
-
-Nun ist ja alles klar, und weil es nun klar ist, interessiert es auch
-die Jungen nicht mehr, besonders da der Kellner jetzt auch etwas zu
-schnabulieren bringt. Da ist sogar einer sehr fix bei der Hand, der
-sich sonst Ruhe und Zeit gelassen hat. Das ist natürlich der dicke
-Puntz, und die Begründung, die er dafür gibt, sieht ihm ähnlich: »Je
-früher wir fertig sind, desto eher haben wir nachher wieder Appetit!«
-
-~Exest colloquium.~ Es war doch wohl ein strammer Marsch von den
-Havelbergen her; dem Vater Ehrecke leuchtet die Freude aus dem
-gutmütigen Gesicht, als er sieht, mit welchem Appetit man hier
-arbeitet. Das gefällt ihm, und so erzählt er beim Essen dem Doktor
-Fuchs und den Jungen noch manche Schnurre. --
-
-Endlich denkt man auch ans Berappen. Aller Mammon sammelt sich erst vor
-Doktor Fuchs, der dann die Summe an den Kellner abführt. -- -- --
-
-
-Aufregung von Anfang bis zu Ende.
-
-Es ist die höchste Zeit; denn die Jungen sind schon ungeduldig
-geworden, und doch dürfen sie keinen Fuß aus dem Lokal hinaussetzen.
-Doktor Fuchs will der erste sein. Er weiß wohl warum; man will sich
-jetzt zur Pfaueninsel übersetzen lassen. Da heißt es, auf die Jungen
-scharf achtgeben. Einige sind immer dabei, die am Wasser so ungeschickt
-und taprig sind wie die jungen Puten.
-
-An der Tür also warten die Jungen, ungeduldig zwar, aber sie warten
-doch. Dann jedoch stürzen sie hinaus, daß Doktor Fuchs seine ganze
-Lungenkraft gebrauchen muß, um die ungeduldigsten Stürmer vom Wasser
-zurückzuhalten. Es hat ja zudem auch alles keine Eile; denn das
-Fährboot ist gerade drüben, und mit dem elenden Kahn da links, nein, da
-könnten kaum fünf Mann auf einmal hinüber.
-
-Als aber die Fähre jetzt langsam herüberkommt, da drängen die Jungen
-vor, und -- wie kam das? -- auf einmal gibt’s einen Plumps, und Doktor
-Fuchs sieht gerade noch, wie das Wasser über dem Achim Köckeritz
-zusammenschlägt. Im selben Augenblick springt ein anderer Junge nach.
-Doktor Fuchs weiß nicht, wer es ist; er selber reißt sich die Stiefel
-von den Beinen und den Rock vom Leibe. Jetzt steht er auch schon im
-Wasser und hat den Ernst Ehrenfried gepackt. Der wieder hält den Achim
-Köckeritz.
-
-Die andern Jungen sind starr vor Schrecken. Es ist aber auch alles so
-schnell gegangen; man weiß gar nicht wie. Ernst Ehrenfried sitzt auf
-den Steinen; neben ihm liegt der kleine Achim Köckeritz. Der kann ja
-gar nicht von dem Augenblick da im Wasser ertrunken sein! Vielleicht
-Herzschlag? --
-
-Doktor Fuchs hat sich über Köckeritz gebeugt, selbst bleich wie der
-Tod. Das Gefühl, in letzter Linie doch verantwortlich zu sein für seine
-Jungen, das preßt ihm die Brust zusammen und rüttelt und schüttelt
-an ihm herum, während er den Kopf des Kleinen geradelegt und die
-schlaffen, kleinen Arme dann unaufhörlich auf- und niederbewegt. Die
-Todesangst auf den Gesichtern der andern Jungen ist entsetzlich; jede
-Muskel ist gelähmt.
-
-Schon aber schlägt der Achim die Augen auf. Nachdem er einen Moment
-erst starr in den Himmel hineingesehen, richtet er sich plötzlich auf
-und ruft empört aus: »Der Sausig, der hat mir einen Schubs gegeben!«
-
-»Ich? Ich habe ja überhaupt da drüben gestanden!«
-
-»Dann war’s ein andrer! Aber einen Schubs habe ich gekriegt!«
-
-»Schön!« kommt Doktor Fuchs dazwischen. »Ob Schubs oder nicht! Du
-hast im Wasser gelegen, und nun heißt’s hübsch folgen! Dicker und
-Sausig, nehmt mal den Achim unter den Arm und führt ihn hinüber zu
-Vater Ehrecke! Na, Ernst, geht’s allein? Du bist ein braver Junge! Der
-allerbravste von allen! -- So, und nun, meine Herrschaften, alle noch
-mal zurück! Kein Mensch soll es wagen, auch nur einen Fuß aus dem Lokal
-hinauszusetzen!«
-
-So geht’s wieder hinüber zu Vater Ehrecke; Doktor Fuchs dabei auf den
-Strümpfen und ohne Rock. Die Jungen haben sich der Sachen erbarmt und
-bringen sie mit. Vater Ehrecke sieht das; er ahnt gleich die ganze
-Geschichte; er weiß auch Rat. »Kinder in dem Alter haben wir ja nicht
-mehr,« sagt er dienstfertig, »aber wir stecken die beiden so lange ins
-Bett, bis ihre Sachen trocken sind. Na, und Sie, Herr Doktor, kriegen
-ein Paar Hosen von mir!« -- -- --
-
-Die Hosen waren für Doktor Fuchs freilich recht reichlich, besonders in
-der Gegend, wo beim älteren Menschen sonst der Bauch zu sitzen pflegt.
-Als er damit wieder auf der Bildfläche erscheint, kichern die Jungen
-erst leise und lachen ihn schließlich sogar kräftig aus. Der dicke
-Puntz kommt sogar auf die Idee: »Herr Doktor, am Nachmittag sollte
-Gebhardt uns doch photographieren!«
-
-»Soll ja auch kommen!« lacht der Gefragte leise vor sich hin. »Oben
-im Portal der Kirche! Jetzt, Jungen, wollen wir mal zur Pfaueninsel
-hinüber. Da ihr aber gesehen habt, was alles vorkommen kann, so bitte
-ich mir jetzt die größte Ruhe und Ordnung aus!«
-
-Natürlich; jetzt geht alles glatt von statten. Man bummelt so über die
-Pfaueninsel weg, und alles Historische aus dem Leben des alten Kaisers
-erzählt da Doktor Fuchs.
-
-Manch schöner Punkt geht vor den Augen der Jungen vorüber; im großen
-und ganzen indessen scheint ihnen doch die Pfaueninsel zu ausgedehnt.
-Wer hätte denn auch gedacht, daß sich dieses scheinbar ganz kleine
-Fleckchen Erde so weit in die hier freilich gewaltig breite Havel
-hinziehen würde! Schließlich wird die ganze Sache sogar etwas
-langstilig, und nur die russische Rutschbahn der Kaisertochter belebt
-auf einen Augenblick wieder das Interesse.
-
-Als man am Landungssteg steht, packt Doktor Fuchs seine Jungen wieder
-dicht zusammen.
-
-»Also, Jungs,« predigt er eindringlich, »erstens bitte ich mir wieder
-Vorsicht aus. Zweitens aber ändre ich meinen Plan etwas. Ich wollte
-eigentlich mit euch oben auf Nikolskoi Kaffee trinken. Da wir aber dem
-Herrn Ehrecke durch Köckeritzens Kopfschuß so viel Schererei machen
-mußten, möchte ich dem Mann auch entgegenkommen. Wir werden also
-auch drüben unsern Kaffee trinken, aber wohlverstanden nicht gleich,
-sondern nachdem wir noch die kleine Tour nach Nikolskoi hinauf gemacht
-haben!« -- -- --
-
-Nach zwei Minuten ist man drüben, und Doktor Fuchs springt schnell
-einmal ins Haus hinein, um nach den beiden Patienten zu sehen. Die
-sind unter der Obhut der wackern Hausfrau gut aufgehoben; sie sind
-dabei fröhlich und guter Dinge. Ihren Kaffee haben sie sich sogar schon
-schmecken lassen.
-
-So geht Doktor Fuchs schleunigst wieder hinunter, daß seine Jungen
-nicht unnütz warten müssen und etwa Allotria treiben. Als er eben um
-die Ecke biegt, ruft der Herr Ehrecke hinter ihm her: »Herr Doktor,
-Herr Doktor! Ich habe noch eine Hose; die ist ein bißchen enger.«
-
-»Nein, nein, lassen Sie nur jetzt! Meine Jungen haben sich so sehr über
-mein Kostüm gefreut, daß ich ihnen auch eine Photographie davon gönne!«
-
-So zieht man denn hinter dem Haus vorüber schräg links hinauf, den
-Erdbuckel hinan, durch gemischten Wald hin. Es ist ein wundersam
-lauschiger Weg. Plötzlich hebt sich die Peter-Pauls Kirche von
-Nikolskoi, wo die Gebeine Prinz Friedrich Karls ruhen, schlank empor.
-
-Das ist nun etwas ganz andres und dabei so Eigenartiges und Neues dazu.
-Einige der Jungen stürmen die Treppe hinauf und sehen sich oben zu
-ihrer Überraschung auf einem kleinen Steinplateau. Während sie aber zur
-halbkreisförmig gehaltenen Brustwehr vorspringen, sehen sie unten andre
-Kameraden um diese bastionsartige Brustwehr herumlaufen. Großes Hallo
-darob! Sogleich stürmen diese andern auf der entgegengesetzten Treppe
-herauf, während die oben Stehenden natürlich hinunterwollen.
-
-Doktor Fuchs ist jetzt auch oben und bedeutet dem Gebhardt ruhig, er
-möchte seinen Apparat zurechtmachen. Hier soll photographiert werden.
-Das zieht die Jungen wieder an wie der Magnet das Eisen. Immer mehr
-sammeln sie sich, und jeder glaubt sich berufen, ein Wort mitreden zu
-dürfen. Ganz dumm könnte es Doktor Fuchs und dem kleinen Gebhardt im
-Kopf davon werden; nur den Jungen nicht; denn wer den Lärm macht, der
-hört ihn gewöhnlich gar nicht.
-
-»Aber,« sagt der dicke Puntz auf einmal, »hat auch Drewians Nase auf
-der Platte Platz? Wo stecken wir denn die sonst hin?«
-
-Das ist etwas für den Fritze Köhn. »Unsinn!« erklärt er mit trocknem
-Humor. »Die is janz jut! Damit wird er nachher oben von Nikolskoi aus
-’n bißken in der Havel angeln!«
-
-Jeder weiß, daß der lange Drewian der erste gewesen ist, als um die
-Nasen gelaufen wurde. Während er aber immer sonst ein ruhiger Junge
-ist, der wenig sagt, jetzt hat er im nächsten Augenblick schon die
-richtige Antwort gefunden: »Die halte ich neben deine Hängebacken,
-Dicker! Da sieht man sie nicht! Und dein Maul ist so groß, Köhn, daß du
-dir bald selber was ins Ohr sagen kannst!«
-
-Die andern lachen darob unbändig. »Der hat recht, Dicker! Dein kleiner
-Nasenproppen paßt nicht zu den Backen!«
-
-»Du, halt die Luft an!«
-
-Aber der Dicke hat kein Glück. »Das kannst du mit deinem Stups viel
-besser!« fliegt ihm von anderer Seite zu.
-
-»Und Fritze Köhn kann sich --«
-
-»So, Jungs!« kommt Doktor Fuchs in dieses Wortgefecht hinein, dem er
-Übrigens ganz belustigt gelauscht hat. »Nun verfügt euch mal in die
-Türnische da! Nein, nein! So nicht! Die Kleinen vorn!«
-
-»Wo kommen Sie denn hin, Herr Doktor? -- Ich will neben Sie!« --
-
-»Du!« -- Die Rauferei soll wieder losgehen. -- »Du läufst schon die
-ganze Zeit neben ihm. Ich --«
-
-»Nun haltet mal endlich den Mund, Jungs!« fährt der Ordinarius kräftig
-dazwischen.
-
-Das wirkt, und endlich kann der Hofphotograph sagen: »Einen Augenblick!
--- Danke! Herr Doktor, darf ich schnell noch _eine_ Aufnahme machen?«
-
-Das ist im Handumdrehen geschehen.
-
-Aber für die paar Augenblicke des Ruhigstehens entschädigen sich jetzt
-die Jungen. Hier führen einige wie wild einen Indianertanz auf; dort
-fangen zwei an, sich zu raufen, und wieder andre sind an die Steinrampe
-der Rotunde vorgesprungen und möchten einmal versuchen, die Bewohner
-jenseits der Havel, die doch hier eine gute halbe Stunde breit ist, zu
-errufen. Doktor Fuchs fährt entsetzt herum. »Donnerwetter, Jungs! Seid
-ihr verrückt? Hier stehen wir an einer Kirche!« -- -- --
-
-So zieht man endlich in Ruhe die paar Schritte hinauf nach dem
-Blockhaus von Nikolskoi. Und dann auf dem kiefernbestandenen Sandbuckel
-noch zwanzig Minuten weiter bis Moorlake, wo man auf der Chaussee
-unten an der Havel Kehrt macht, um zu Vater Ehrecke zum Kaffeetrinken
-zurückzukehren. -- -- --
-
-
-Beim Kaffeetrinken.
-
-Da sitzt man nun endlich wirklich wieder beim Vater Ehrecke. Man sitzt
-in der Tat; denn die Beine haben heute doch schon so manches leisten
-müssen.
-
-Plötzlich aber schreit einer: »Hurra!« und der dicke Puntz springt
-auf und ruft allen andern zu: »Die Klasse erhebt sich zum Zeichen der
-Hochachtung!«
-
-Das sind die Worte des Doktor Fuchs sonst in der Klasse gewesen, wenn
-jemand einmal etwas ganz Besondres geleistet hatte. Grade deshalb
-auch lachen jetzt alle wieder so herzlich; sogar der Ordinarius, der
-nämlich eben mit Achim Köckeritz und Ernst Ehrenfried aus der Haustür
-herausgetreten ist. Und alle möchten den beiden, die bis jetzt hatten
-im Bett liegen müssen, ein gutes Wort sagen. Fritze Köhn befühlt eben
-den Achim Köckeritz: »Biste denn schon trocken?«
-
-»Na,« erklärt der entrüstet, »siehst du ja!«
-
-Das aber ist dem »Urballina« gegenüber der falsche Ton gewesen. »Ja,
-seh ick ooch!« antwortet er schnell. »Brauchst nich jleich so zu
-schreien! Ick meente man bloß: hinter de Ohren!« --
-
-Der kleine Köckeritz ist schon von andern mit Beschlag belegt
-worden. Gegen den Fritze Köhn, na, gegen _den_ zöge er doch den
-kürzern. -- -- --
-
-»So, Jungs!« hört man jetzt den Doktor Fuchs. »Nun wieder setzen! Stoß
-du da nicht an!« -- Der Kellner geht mit einer großmächtigen Kanne
-herum und gießt den Kaffee ein. -- »Wo ist der Napfkuchen, Pelz?«
-
-Pelz’ Vater ist ein ehrsamer Bäckermeister; er hat einen
-Riesennapfkuchen gebacken und der Klasse »zu Händen des ~Dr.~ Herrn
-Fuchs« zur Partie mitgeschickt. Und jeder hat diesen Napfkuchen ein
-Stück Wegs tragen müssen; nur Pelz selber wollte nicht, bis ihm der
-Fritze Köhn auf die Jacke gefahren war: »Du, Pelz, den Nappkuchen
-mißtest de eijentlich alleene dragen, weil den dein Vater jestiftet
-hat! Na, ran also! Denkst de denn, weil de Pelz heeßt, ha’m mer dich
-nur mitjenommen, daß de zu Hause nich de Motten krist?[13]«
-
- [13] kriegst.
-
-Das hatte den Ausschlag gegeben. Pelz hatte sich auslachen lassen
-müssen; er hatte zwar noch was vor sich hingebrummt, aber den
-Napfkuchen, den hatte er doch dann seine zehn Minuten getragen. --
-
-Jetzt wurde dieser Napfkuchen also geteilt. Mit argwöhnischem Auge
-wachten dabei die Jungen darüber, daß ja auch die Teile gleich werden
-möchten. Da freilich Doktor Fuchs selbst diese Teilung vornahm, so
-wagte ja kein Mensch, etwas zu sagen; aber jeder suchte sich doch immer
-schon im voraus ein Stückchen aus, um nachher schnell zufassen zu
-können.
-
-»Halt!« erklärte indessen Doktor Fuchs schließlich. »Sind alle gleich!
-Nicht aussuchen! Wie sie ablaufen!« --
-
-So saß man denn und trank und aß. Aber dabei hatte man immer noch Zeit,
-Gedanken und Zunge etwas spazieren gehen zu lassen.
-
-»Du,« fing Fritze Köhn zuerst zu seinem Nachbar wieder an, »den Kaffee,
-den trink mit Verstand! Det ’s ’n ordentlich vierstrehniger!«[14]
-
- [14] sehr stark.
-
-»Hab keene Angst! Ick wer’ mich nich dran verjiften!«
-
-»Denk ick ooch nich! Aber er könnte dir zu Koppe steijen. Mancher wird
-furchtbar leicht brejenklietrig!«[15] --
-
- [15] verrückt.
-
-Auch nebenan und gegenüber wird harmloser Blödsinn geschwatzt.
-
-»Schmeckt sehr schön, Pelz! Wenn dein Vater man halb soviel Kourage
-zum Schenken hätte, wie wir zum Essen, dann würde er dir jeden Tag ’n
-Nappkuchen mit zur Schule geben!«
-
-»Au ja! Zum Extemporaleschreiben! Wer die meisten Fehler macht, kriegt
-zum Trost das größte Stück!«
-
-Doktor Fuchs muß lachen. »Na, Jungs, dann lieber nicht! Sonst muß ich
-mich sicher totkorrigieren!«
-
-Ein Schlaukopf spinnt den Gedanken weiter: »Da wollen wir lieber gar
-kein Extemporale mehr schreiben, Herr Doktor!«
-
-»Das wäre das beste!« entscheidet der dicke Puntz. »Kuchen vertragen
-wir schließlich auch so!«
-
-Pelz nickt dazu und sagt dann orakelhaft: »Ja, wenn wir kein
-Extemporale mehr schreiben!« --
-
-»Nu kannst du ihn trinken!« springt der Hagen am Ende der Tafel empört
-auf. »Herr Doktor! Der Köckeritz hat mir eine Fliege in den Kaffee
-ge--ge--geschmissen!«
-
-»Ich? Ich bin ganz unschuldig! Der Köhn --«
-
-»Schon wieder der Köhn!« denkt Doktor Fuchs.
-
-Fritze Köhn selber aber ist mit seinen Worten ebenso schnell: »Na, so
-wat lebt nich und zappelt noch!«
-
-»Ja, eben!« lachen einige andere dazwischen. »Sie zappelt noch!«
-
-»Köhn ist an allem schuld!« wehrt sich Köckeritz wieder. »Der hat die
-Fliege angesungen!«
-
-»Icke? Herr Doktor, ich habe nur ein bißchen gebrummt! Wahrhaftig!«
-
-»Na ja,« -- der kleine Köckeritz kann den Schalk im Nacken haben -- »da
-ist ihr eben schlimm davon geworden, und da ist sie Hagen in den Kaffee
-gefallen!«
-
-Jetzt haben die andern Jungen alle neugierig aufgesehen. »Was hat er
-denn gebrummt?« fragt man. »Sage doch mal!«
-
-Der Achim Köckeritz lacht wieder: »Was er gebrummt hat? Er hat die
-kleine Fischerin gesungen:
-
- ›Flieje du, du jroße!
- Fall nich in de Sooße!
- Fall nich in den Kaffeetopp,
- sonst krist du ’n Katzenkopp!‹«
-
-Die Jungen müssen alle lachen und reden jetzt dem Fritze Köhn zu wie
-einem kranken Schimmel: »Fritze, mach mal weiter!«
-
-Der aber sitzt da wie ein Gletscher. »Is nich! Ick bin do’ keen
-Quasselfritze!« --
-
-Auch am andern Ende des Tisches hat sich ein freundnachbarlicher
-Disput entsponnen, dem Doktor Fuchs unauffällig, aber mit großer
-Aufmerksamkeit lauscht.
-
-»Mensch, schlinge doch nicht so! Es bekommt dir ja nicht!«
-
-»Bekommt mir immer! Du denkst wohl, weil dein Papa Doktor ist! Ich habe
-noch nie ’n Arzt gebraucht!«
-
-»Na, Gott sei Dank!, gibt’s andere, die einen brauchen!«
-
-»Mancher auch nicht! Bei uns hinten im Hause hat seine Frau gewohnt
--- jetzt ist sie tot! -- die hat auch nie ’n Arzt gehabt. Die ist so
-gestorben!« -- -- --
-
-Doktor Fuchs hat schon vorher erklärt: »Einen kleinen Schluck läßt
-jeder in seiner Tasse noch übrig!« Jetzt steht er auf und spricht:
-»Obgleich es der dicke Puntz schon vor mir getan hat, muß ich die
-Herren doch noch einmal bemühen. Wir erheben uns alle zum Zeichen der
-Dankbarkeit und trinken unsere Tassen bis auf die Neige leer auf das
-Wohl des Herrn Pelz, der uns den schönen Napfkuchen spendiert hat!«
-
-Jubelnd folgen die Jungen den Worten und dem Beispiel. Nur Hagen fragt
-noch nachher: »Muß man denn sowas nicht eigentlich mit Bier tun?«
-
-»Keene blasse Ahnung!« antwortet da aber der Fritze Köhn mit richtigem
-Gefühl. »Du hast do’ den Nappkuchen ooch in Kaffee injestippt und nich
-in Bier!« -- -- --
-
-Lachend und plaudernd sitzt man noch ein Weilchen da, bis es etwa sechs
-Uhr geworden ist und man sich endlich zur Rückkehr nach dem Bahnhof
-Wannsee rüsten muß.
-
-
-Heimkehr.
-
-Alles verläuft jetzt planmäßig. Um sieben ein viertel Uhr ist man auf
-Bahnhof Wannsee; fünf Minuten später haben alle ihre Fahrkarte.
-
-Doktor Fuchs hat sich mit Doef an der Treppe aufgestellt, die zum
-Tunnel hinunterführt.
-
-»Hier bleiben wir erst noch einen Augenblick!« müssen sich die ersten
-sagen lassen, die mit dem Billet »anjepeest kommen«. So drückt sich
-Fritze Köhn aus. »So! Tretet nur da rechts hin!«
-
-Die Nachkommenden haben das nicht gehört, und so kommt immer wieder die
-ganz erstaunte Frage: »Gehen wir denn nicht auf den Bahnsteig?«
-
-»Noch nicht! Abwarten!« --
-
-Drüben, an der andern Seite der breiten Treppe, die zum
-Durchgangstunnel hinunterführt, steht der wackere Doef. Jetzt eben will
-der letzte mit seiner Fahrkarte an ihm vorüberstürzen.
-
-»Nee! Noch nich!«
-
-»Warum denn nicht?«
-
-»Weiß ich nicht! Ich soll keinen hinunterlassen!«
-
-»Die Leute gehen aber alle hinunter! Sieh doch! Da kommt der Zug!«
-
-»Halt!« -- Doef hat den Jungen mit eisernem Griff gepackt. -- »Wir
-stehen doch alle noch da drüben!«
-
-»Au, Mensch, bist du verrückt?«
-
-»Ich nicht!« Und der Junge kriegt einen Stoß, daß er zurückfliegt und
-sich auf seinen tiefsten Körperteil setzt, zum unendlichen Gaudium
-aller derer, die das mit angesehen haben.
-
-»Ja, aber -- aber --« -- damit rappelt sich der dumme Peter wieder auf
--- »warum fahren wir denn nicht mit dem Zug?« -- Er sieht die andern
-Jungen und tritt schnell zu ihnen hinüber.
-
-»Jetzt will ich’s dir sagen!« erklärt ihm Doktor Fuchs bedächtig.
-»Siehst du, der Zug da kommt von Potsdam und ist jedenfalls schon
-leidlich voll. Eigentlich aber müßte ich jeden von euch in einen Wagen
-besonders stecken; da das nicht geht, so wollen wir versuchen, alle
-zusammen in einen Wagen allein zu kommen. Solltet ihr aber doch mit
-andern Personen zusammenfahren müssen, Jungs, so bitte ich mir aus,
-daß ihr euch anständig haltet und nicht unnütz Radau macht. Kommt’s
-zum Streit und zur Beschwerde, so habt _ihr_ immer unrecht, und das
-Publikum kriegt Recht! Merkt euch das!«
-
-»Herr Doktor, jetzt fährt der Zug!«
-
-»Gut, dann los! Bis zum zweiten Bahnsteig!« --
-
-Dort rückt der Zug bald vor, und Doktor Fuchs hat Zeit, seine Jungen
-unterzubringen. Aber diese Jungen, die eben noch sanft wie die Lämmer
-auf dem Bahnsteig standen, die sind auf einmal wie die Wilden, als sich
-die Wagentür vor ihnen öffnet. Und als sie erst drin sind, da hebt ein
-Konzert an!
-
-Draußen gehen einige andere Passagiere verwundert und schaudernd an dem
-Wagen vorüber.
-
-»Immer feste Radau machen!« fährt Hagen im vordersten Abteil wie ein
-Rasender herum. »Immer feste! Dann kommt keiner mehr rein!«
-
-Nur Doktor Fuchs segelt auf einmal von hinten her vor. »Donnerwetter,
-Jungs! Jetzt haltet mal gefälligst den Mund! Wenn keiner mehr einsteigt
-und wir sind in Fahrt, dann dürft ihr singen und schreien, so viel ihr
-wollt. Wo ist unser Feldwebel?«
-
-»Hier!« -- Aus der einen Ecke taucht Doef empor.
-
-»Also, Doef, nicht wahr, alles mit Maßen!«
-
-Der wackre Kerl scheint mit sich selber zu kämpfen. Schließlich aber
-sagt er doch: »Ja!« Und wenn Doef »ja« sagt, dann -- weiß Doktor Fuchs
--- kann er sich auf ihn verlassen; denn schon muß er wieder fort, da
-eben hinten der Spektakel von neuem angeht. --
-
-»Du, Doofkopp!«[16] nimmt Fritze Köhn jetzt schnell das Wort. »Haste’t
-jehört? Alles mit Maßen! Du sollst uns also ruhig ’n bißken Radau
-machen lassen!«
-
- [16] Doof = taub, dumm.
-
-Doef aber macht ein trauriges Gesicht und sagt endlich schweren
-Herzens: »Nee! So hat’s Fuchs nich jemeint!«
-
-Da haben die andern erkannt, worauf es ankommt. Und als jetzt einer
-vorschlägt: »Dann drängeln wir lieber den Doef raus!« da sind alle
-dabei und fassen zu.
-
-Ja wohl aber! Proste Mahlzeit! Sie haben die Kraft ihres Feldwebels
-ganz elend unterschätzt. Im nächsten Augenblick sind die neun Jungen,
-die doch eben noch vor ihrem Ordinarius friedlich zusammenstanden,
-ein unentwirrbarer Knäuel von Armen und Beinen, ein Knäuel, in dem es
-stöhnt und ächzt, brandet und wogt, stürmt und braust, bis auf einmal
-diese lebendige Kugel aufbricht und mit Bumsen und Dröhnen ein paar
-Tertianer an die Seitenwände und auf die Bänke fliegen. Doef aber hebt
-sich aus der Flut empor wie ein Herkules und immer noch felsenfest auf
-seinen Beinen.
-
-Da drängen auch schon die andern aus dem Nebenabteil heran. »Gott im
-Himmel! Hier ist wohl Mord und Totschlag? Was ist denn los?«
-
-Fritze Köhn steht tief aufatmend und mürrisch dem Fenster zunächst.
-»Wat hier los is? Meine Hosendräjer sint los! Weiter nischt!«
-
-Auch den Doktor Fuchs hat der Lärm angezogen. »Donnerwetter, Jungs, was
-macht ihr denn nun schon wieder?«
-
-Der dicke Puntz rappelt sich eben erst noch hoch. »Der -- der -- Doef,
-der macht ’n wilden Mann!«
-
-Der also Angeschuldigte hat sich jetzt auch so weit erholt. »Ja,«
-verteidigt er sich, »ich -- ich wollte es mit Maßen und die nicht!«
-
-Da muß Doktor Fuchs doch auch lachen. Dann aber entscheidet er kurz:
-»Wir wollen mal den Ring hier sprengen. Fritze Köhn und du, ihr geht
-ganz nach hinten! Puntz und Zeidler in den Abteil zu Ehrenfried! Du und
-du nebenan! Doef bleibt mit euch beiden hier!«
-
-Andere Gäste ziehen für die Ausgewiesenen ein; als sich aber jetzt der
-Zug in Bewegung setzt, geht der Krawall von neuem los. Doktor Fuchs
-indessen sagt vorläufig nichts dazu, bis sich nach wenigen Minuten die
-Fahrgeschwindigkeit wieder verlangsamt. Da erst schreitet er die ganze
-Länge des Wagens ab und bedeutet den Jungen: »Nikolassee jetzt! Also
-Ruhe im Saal!«
-
-»Jroßmutter will danzen!« flüstert Fritze Köhn dazu.
-
-Ja, schön! Man hält sich ruhig! Aber dafür fängt man an zu kichern
-und zu lachen. Weshalb? Warum? Worüber? Wenn die Jungen _das_ sagen
-könnten! Man legt sich zurück; man legt sich vor; man fällt auf den
-Nachbar nach links oder rechts; man quetscht sich schnell mal unter
-die kleine Reihe auf der andern Bank, trotzdem die gegenüberliegende
-ganz leer ist. Und dabei lacht man und lacht und lacht wieder, bis
-sich der Zug von neuem in Bewegung setzt und man zu denen ans Fenster
-stürzt, die da inzwischen Schmiere gestanden hatten, daß keiner mehr
-hereinkam. --
-
-Am schlimmsten dran war jetzt Fritze Köhn, den Doktor Fuchs selber
-zu sich genommen hatte. Der Junge saß da wie versteinert; er sah zum
-Fenster hinaus und tat, als wenn er gar nicht hörte, daß der kleine
-Achim Köckeritz von seinem Hund zu Hause erzählte, wie der einmal ein
-ganzes Pfund Butter aufgefressen hatte.
-
-»Na, Fritze,« wendet sich da der Achim an seinen schweigsamen Nachbar,
-»du hast wohl gar nicht gehört, was ich erzählt habe?«
-
-»Doch,« wendet sich der Fritze Köhn zu ihm um und antwortet mit dem
-ernsthaftesten und bärbeißigsten Gesicht, »lange nich so jelacht! Weißt
-du aber auch, wie Lack dekliniert wird?«
-
-»Na freilich!« sagt der kleine Köckeritz schnell und doch etwas
-schwankend, da er dem Spaßvogel nicht recht traut.
-
-»Na, mache mal!«
-
-»Der Lack, des Lacks, dem Lack --«
-
-»Na, siehste woll! _Demlack!_[17] Det stimmt janz jenau!«
-
- [17] Demlack = Dummkopf.
-
-Da müssen die andern alle mächtig losprusten; auch Doktor Fuchs
-lacht den reingefallenen kleinen Köckeritz aus. Er sogar nicht zum
-wenigsten. -- -- --
-
-Der dicke Puntz in seinem Abteil hatte sich schließlich in einer Ecke
-recht häuslich eingerichtet; ja, er tat sogar so, als wollte er ein
-Schläfchen riskieren. Er hätte auch gar nicht nötig gehabt, zu seinem
-Nachbar zu sagen: »Du, höre mal, du kannst mich auf Bahnhof Friedrich
-Straße wecken!« Die andern besorgten das gründlich genug und nicht erst
-auf Bahnhof Friedrich Straße, sondern auf jeder Station vorher. Und
-deren Reihe war lang. --
-
-Als dann der Dicke zu Hause so ungefähr seinen Appetit gestillt und
-sich auf das Sofa hatte fallen lassen, um seine Erlebnisse bequemer zu
-erzählen, da schlief er doch immer schon halb dabei ein.
-
-»Es war sehr fein!« lallte er. »Dieses Quecksilber, den Köckeritz, den
-hat Fuchs aus dem Wasser geholt! -- Aber eigentlich war’s Ehrenfried!«
-
-»Was?« -- Vater und Mutter rücken dem Jungen näher. -- »Wen hat er aus
-dem Wasser geholt?«
-
-»Ja, die dachten vielleicht -- ich war -- eine Blattlaus! Aber --
-ich --«
-
-»Wie? -- Was? -- Junge, du schläfst ja schon!«
-
-»Ja! Seine Hosen -- waren auf -- Vater Ehreckes -- Schmerbauch --
-eingerichtet, und den haben -- sie dann in die Brennesseln -- gesetzt
--- und --«
-
-»Wen? Was?« -- Alles um den Jungen herum lacht laut auf. -- »Den
-Schmerbauch?«
-
-Der Dicke antwortet nicht mehr: er ist in die Ecke des Sofas
-zurückgesunken und -- schläft. -- -- --
-
- * * * * *
-
-Doktor Fuchs war mit bis zum Lehrter Bahnhof gefahren, um erst den
-Achim Köckeritz und dann den Ernst Ehrenfried persönlich abzuliefern.
-Dem letzteren öffnete seine mutige Tat draußen an der Fähre zur
-Pfaueninsel bald das Haus des Herrn Köckeritz. Glück auf, du wackerer
-Ernst Ehrenfried! Jetzt ist für dich die Bahn frei, dein Leben zu
-bauen und deinen Verwandten, die sich deiner in der höchsten Not
-so edel angenommen haben, einst mehr zu helfen, als nur mit »2 ~m~
-Schottisch!« --
-
-Einen aber gab es, der sagte aus vollstem Herzen: »Gott sei
-Dank!« als er endlich wieder in seinen vier Pfählen war und nach
-diesem anstrengenden Tage gleichfalls sein Haupt zur Ruhe legen
-konnte. -- -- --
-
-
-
-
-Sonnabend: Ferien.
-
-
-Als der dicke Puntz am andern Morgen erwachte und instinktiv nach der
-Uhr griff, war es acht.
-
-»Donnerwetter ja!« -- Ein blasser Schrecken durchzuckte den Jungen;
-doch ebenso schnell war die Erlösung da: »Ach, es sind ja Ferien!«
-
-Mit welcher Wonne sich da der Dicke auf das Kissen zurückfallen ließ!
-Ja, diese Wonne mußte man fühlen! Er fühlte sie; _er_ durchkostete sie;
-er _erhöhte_ sie sich dadurch, daß er noch einmal an die Partie von
-gestern dachte und an die Pfingstferien, die nun kommen sollten oder
-doch schon da waren. Er überlegte schließlich, ob er jetzt im Bette
-liegen bleiben und etwas lesen oder lieber aufstehen sollte, um so die
-Ferien mit noch größerem Bewußtsein und mit noch größerem Behagen zu
-genießen.
-
-In _dem_ Augenblicke fiel gerade unter seinem Fenster ein erster Schlag
-und Bums! Und wieder Bums und Schlag! Und Bums um Schlag! Und Schlag um
-Bums!
-
-»So eine Gemeinheit! Mamaaaaa!« --
-
-Schon war auch die Mama da. »Was ist denn los, Junge?«
-
-»Mama, die klopfen ja Teppiche! Heute zum Sonnabend?«
-
-»Ja, das ist so, mein Jungchen! In der Woche vor dem Fest darf an jedem
-Tage geklopft werden!«
-
-»Auch schon so früh?«
-
-»So früh? Es ist ja beinahe halb neun! Steh auf und mache etwas schnell
-dabei!« --
-
-Der Dicke war eine gutmütige Haut: so bequemte er sich also wirklich
-dazu. Und ein halbes Stündchen später -- heute ließ er sich mehr Zeit
-als sonst! -- saß er am Frühstückstisch.
-
-»Na, wie war’s denn nun gestern? Gestern abend nämlich hast du nur
-Unsinn geredet!«
-
-»Ich? Unsinn? Wann denn?«
-
-Die Mutter setzte ein so fröhliches Lachen dieser Frage entgegen und
-wiederholte nur: »Na, wie war’s denn?«
-
-»Ach, einfach wunderbar, Mama! So nach und nach werde ich euch mal die
-ganze Partie erzählen! Wenn Papa auch dabei sein kann!«
-
-»Na, schön!« lächelte die Mutter gutmütig. »Aber dann werde ich
-mich wohl bis nach den Feiertagen gedulden müssen; denn morgen und
-übermorgen fahren wir alle zu Onkel Fritz nach Fürsten--. Na nu? Was
-ist denn los, Junge?«
-
-Der Dicke hat die Schrippe, die er sich eben streichen wollte,
-hingeworfen und verübt jetzt einen tollen Schunkelwalzer, so daß die
-Mutter erschrocken dazwischenfahren muß: »Junge, die unten! Die müssen
-ja denken, die Decke kommt runter!«
-
-»Ach, Mama, laß doch! Fritze Köhn würde sagen: ›Ick frei mir nur so!‹
-Wann fahren wir denn weg, Mama?«
-
-»Na, morgen ganz früh! Papa läßt dir sagen, du sollst heute vormittag
-noch gleich deine Schularbeiten machen!«
-
-»Mama!« -- Das Gesicht des Jungen strahlt, als hätte er die Butter
-nicht auf seine Schrippe, sondern auf seine Pausbacken geschmiert. --
-»Mama! Wir haben ja _gar_ nichts auf! Das war überhaupt die feinste
-Woche, die ich in meinem Leben erlebt habe! Wirklich die allerfeinste!
-Und nun noch die Ferien dazu!«
-
-»Ja, was aber nun?«
-
-»Ach, laß nur, Mama! Ich werde schon wissen, was sich heute noch machen
-läßt!«
-
-»Du kannst auch immerhin mal ein bißchen so arbeiten oder repetieren!«
-
-»Aber, Mama! Ich werde doch nicht die ganze, schöne Woche so
-verrungenieren! Ich weiß ja schon, Mama! Aber ich meinte nur, so würde
-Fritze Köhn sagen. Ach, es ist doch zu schön!« -- Der Dicke griff dabei
-nach der dritten Schrippe. -- »Aber halt! Mama, was meinst du? Bin ich
-gesund? Ist mir die Partie von gestern bekommen? Sage es mal ganz offen
-und ehrlich! Ich muß es wissen!«
-
-Was für Augen da die Mutter machte! »Ob du gesund bist? Na, ich hoffe
-doch! Junge, wie kommst du denn überhaupt auf eine solche Frage?«
-
-»Ja, wer heute nicht gesund ist, oder wem die Partie von gestern
-nicht bekommen ist, der soll gleich dem Doktor Fuchs eine Postkarte
-schreiben. Das brauche ich also nicht! Das ist jedenfalls nur für
-Ehrenfried und Köckeritz!«
-
-Jetzt aber mußte die Mutter wirklich aus vollem Halse lachen: »_Du_
-brauchst nicht zu schreiben, Dicker! Oder du müßtest gerade schreiben,
-daß du einen fürchterlichen Appetit entwickelst!«
-
-»Na,« kaute der Dicke eben noch an seiner dritten Schrippe, »ich höre
-jetzt schon auf. Aber ich kann ja gleich noch frühstücken, ehe ich zu
-Zeidler gehe!« --
-
-Das tat er denn auch. -- -- --
-
-Ja, ja! Goethe war ja wohl ein großer Menschenkenner! Hätte er aber
-einen modernen Tertianer gekannt und zum Beispiel den dicken Puntz nach
-dieser »feinen Woche« gesehen, er hätte sich dann sicherlich selber
-verbessert und geschrieben:
-
- »Alles in der Welt läßt sich ertragen,
- _sogar_ eine Reihe von schönen Tagen!«
-
-
-
-
-Vom gleichen Verfasser erschien im gleichen Verlage:
-
-
-Mit Gott für König und Vaterland!
-
-Erlebnisse eines preußischen Jungen. ▣ Von =F. Pistorius=. ▣
-
- Band I: =Das Unglücksjahr 1806.= 3. Aufl.
-
- Band II: =Preußens Erwachen 1807/09.= 2. Aufl.
-
- Band III: =Das Volk steht auf! 1813.= 2. Aufl.
-
-Prächtige Geschenkbände mit buntfarb. Titelbild und Karten ~à~ 4 M.
-
-▪ Jeder Band ist ein abgeschlossenes Ganzes. ▪
-
-
-_Urteile (über die Bände I--III)_:
-
-[Illustration]
-
-Das ist ein herrliches Buch für unsere deutsche Jugend. Es erzählt die
-Schicksale der Söhne des Prenzlauer Gutsbesitzers Pistorius, Fritz und
-Traugott, die mit jugendlichem Heldenmut in den Zeiten der tiefsten
-Erniedrigung Preußens ihrem König und Vaterlande dienen, der eine als
-tapferer Offizier, der jüngere als Kundschafter und Lazarettgehilfe. Es
-ist alles mit dramatischer Lebendigkeit und mit peinlicher historischer
-Treue erzählt. Unseren Jungens werden die Augen leuchten und die
-Herzen glühen, wenn sie diese von flammender Vaterlandsliebe zeugenden
-Berichte aus Deutschlands schmachvoller Zeit lesen, die mit dem Anbruch
-der großen Freiheitsbewegung eindrucksvoll schließen. Wir vermuten
-wohl richtig, daß der Verf. für diese lebendigen Schilderungen sein
-Familienarchiv hat benutzen können.
-
- =Christl. Bücherschatz.=
-
-Pistorius erzählt uns in seiner glühenden Schreibweise aus der
-schwersten Zeit unseres deutschen Vaterlandes. Doch nicht uns --
-sondern seinen Jungen erzählt er! Aber wie er erzählt! Wir glauben
-uns bei der Lektüre in die Stube des Erzählers versetzt, glauben
-seine Stimme zu vernehmen. Und so wie Pistorius die Ereignisse des
-denkwürdigen Jahres erzählt hat, so hat er sie auch niedergeschrieben
--- _flott_, _anschaulich_, _lebendig_, _packend_, alles in allem -- ein
-echter Pistorius!
-
- =Tägliche Rundschau, Berlin.=
-
-An überirdischen Idealgestalten berauscht sich wohl die Jugend, aber
-der Rausch verfliegt bald; dieser märkische Junge ist von so gutem,
-nüchternem Schrot und Korn, daß man nur wünschen möchte, unsere moderne
-Jugend nähme sich Traugott Pistorius zum Exempel.
-
- =Professor L. Freytag im »Pädagogischen Archiv«.=
-
-[Illustration]
-
-Pistorius wollte der deutschen Jugend es ermöglichen, die furchtbar
-schwere und dann herrlich ausklingende Zeit mitzuerleben. Das ist
-ihm auch in hervorragender Weise gelungen. Die Verknüpfung der
-Lebensschicksale seines Helden mit den Generalen Blücher, Bülow,
-York, mit der Lützowschen Freischar (Theodor Körner) zeigt die
-Geschicklichkeit des Schriftstellers. Die ganze Schwere des Druckes,
-der auf dem preußischen Volke gelagert hat, wird deutlich in den
-Wirkungen, die er ausübt. So ist es ein Buch, das nicht nur der Jugend
-Interesse abgewinnt, sondern auch den Mann ergreift.
-
- =Die Reformation.=
-
-
-Fritz Pistorius:
-
-_Von Jungen, die werden._
-
-Neue Geschichten :: vom Doktor Fuchs.
-
-Zweite Auflage. :: Mit Buchschmuck. :: Gebunden 3 M.
-
-Fröhlicher, glücklicher Schulhumor leuchtet auch aus diesem neuen
-Pistorius-Buch.
-
- =Reclams Universum.=
-
-Wer nach der Lektüre der früheren Bücher gedacht haben sollte, daß das
-Thema nun erschöpft sei, wird mit Staunen sehen, daß Pistorius hier
-noch 25 neue Schulfälle sozusagen aus dem Ärmel schüttelt, und dazu so
-interessante, wie das Kapitel vom Pumpgenie, von der Ehrlichkeit, zu
-der ein flunkernder Schüler erzogen wird, vom neugebackenen Tertianer,
-von den Schülertypen des langsamen und dummen Kerls, des genialen und
-des liederlichen und des Wildlings.
-
- =Reichsbote.=
-
-Ein frisches frohes Buch, den Freunden der Jugend und dieser selbst zur
-Freude und Erquickung geschrieben.
-
- =Mainzer Journal.=
-
-
-_Eine feine Woche!_
-
-Mit Titelbild und Einbandzeichnung. Dritte Auflage. Stattlich gebd. 3 M.
-
-Ich habe das Buch, oder vielmehr das Buch hat mich nicht losgelassen,
-bis ich es ganz gelesen hatte. Das ist so recht etwas für unsere
-Jungen! _Das_ Buch werden sie verschlingen. Die Probe, die ich mit
-einigen Schülern machte, bestätigte meine Ansicht: bald wurde ich von
-den andern bestürmt, es ihnen auch zu leihen. Das ist nur natürlich,
-denn die geschilderten kleinen Leiden und Freuden unserer Schuljugend
-sind so unmittelbar aus dem Leben gegriffen und so launig und fesselnd
-erzählt, daß jeder Schüler sich sagen muß: das hat einer geschrieben,
-der Verständnis für uns Pennäler besitzt. Ich bin übrigens überzeugt,
-daß das Buch in den Klassenbibliotheken zu den begehrtesten gehören
-wird.
-
- Gymnasial-Oberlehrer =~Dr.~ Hermann.=
-
-
-Auf der Wildbahn.
-
-Ferienabenteuer in deutschen Jagdgründen.
-
-Für Jung und Alt nach eigenen Erlebnissen erzählt
-
-von
-
-=A. Becker.=
-
-Mit 9 Vollbildern und 18 Textillustrationen von Professor Woldemar
-Friedrich.
-
-Mit einem Situationsplan.
-
- Neue billige Ausgabe, prächtig gebd. 5.50 M.
- Ausgabe mit getonten Bildern gebd. 7 M.
-
-Das ist _ein Knabenbuch, wie es kaum seinesgleichen gibt_. So frisch
-und froh und spannend, daß einem der Atem fast stillsteht vor
-Erwartung, und doch frei von nervenreizender Aufregung erzählt es.
-
- =Daheim.=
-
-[Illustration]
-
-»Bitte wieder so eines!« Mit diesen Worten, die eine schlichte
-Schülerkritik enthalten, gab der erste Entleiher das Buch zurück.
-
- =Professor Dr. Thomas=-Ohrdruf.
-
-In dem vorliegenden Buche sehen wir den _deutschen Wald_ mit allem, was
-in ihm lebt ... Verfasser erweist sich als ein Meister der Darstellung;
-köstlicher Humor wechselt ab mit sachkundiger, von jeder Schulmeisterei
-sich fernhaltender Belehrung.
-
- =Professor Dr. K. Kraepelin=-Hamburg
- im »Hamburg. Correspondent«.
-
-Mein eigenes Urteil genügte mir nach dem Lesen des Buches noch nicht.
-Darum wendete ich mich an zuständigere Richter: ich gab es meinen
-Jungen. Die haben sich darum gerissen! Damit hat »Rom« gesprochen.
-
- =Professor ~Dr.~ Fr. Seiler=-Wernigerode
- in der »Täglichen Rundschau«.
-
-Meine Jungen haben noch keine Erzählung mit solchem Eifer gelesen, auch
-nicht den Lederstrumpf, wie diese Jagdgeschichten aus der Heimat.
-
- =Hannoversches Sonntagsblatt.=
-
-... Ich habe »Auf der Wildbahn« gelesen, von Anfang bis zu Ende, mit
-stiller Freude und wachsendem Frohgefühl. Das ist ja ein wunderbar
-schönes Buch.
-
-Drei Jungen, wackere, prächtige Jungen, oder richtiger Jünglinge
-sind es, die während der Ferien und oft auch an den Sonntagen Stadt-
-und Schulluft hinter sich lassen, um ein benachbartes, wald- und
-wasserreiches Landgut aufzusuchen. Wie sie nun da unter Führung
-eines wackeren Weidmannes, einer herrlichen Idealgestalt, eines
-Helfers in allen Nöten -- ach, und sie geraten in mancherlei Not --
-die Natur kennen und lieben lernen, wie sie sie belauschen in ihrer
-geheimnisvollen stillen Tätigkeit, wie ihr wunderbares Leben ihnen
-offenbar wird, wie sie durch mancherlei kleine, frohe Abenteuer,
-viele heitere Jagderlebnisse, Wanderungen und Fahrten immer mehr mit
-dem Walde verwachsen, wie er im erwachenden Lenzesleben, in seiner
-Sommerpracht, im Herbstrauschen und im Winterzauber immer den gleichen
-Reiz auf sie ausübt, wie das alles nun so allmählich in ihr Herz
-wächst und sie an Körper und Geist gesund und stark und groß und frei
-macht -- das ist alles so einfach, so schön, so natürlich, mit so
-liebenswürdigem Humor erzählt, daß man sich gar nicht davon losreißen
-kann.
-
- =Hermann Brandstädter=,
- Verf. von »Wie Friedel eine Heimat fand«, »Erichs Ferien« usw.
-
-... Ich möchte den Knaben oder jungen Mann kennen lernen, dem das
-Buch nicht gefällt ... Ganz aus dem Geiste eines geweckten Knaben
-geschrieben, zählt die Jugendschrift zu den besten, die mir seit Jahren
-zur Kritik vorgelegen haben ...
-
- =Franz Woenig=, Lit.-Kritiker des »Leipziger Tageblatt«.
-
-
-Homers Ilias.
-
-[Illustration]
-
-Neue metrische Übersetzung von Professor =Hans Georg Meyer=.
-
-Mit 24 Kopfleisten von _Hans Krause_.
-
-:: Hochelegant gebunden 5 M. 50 Pf. ::
-
-So erschließt Hans Georg Meyer, Professor am Grauen Kloster zu
-Berlin, als erster das vollgültige Bild der gewaltigen Dichtung
--- dem erwachsenen Leser zur lichten Freude, dem jugendlichen zur
-Begeisterung, die für den Urtext das Verständnis bereitet, das unter
-der Schwierigkeit der schleppenden Lektüre bisher meist verloren ging.
-
- =Königsbg. Hartung’sche Zeitung.=
-
-_Als Übersetzer Homers_ wird für den deutschen Leser _künftig nur Meyer
-in Betracht kommen_. Mit Vergnügen und mit naiver Hingabe erfreut sich
-die Jugend des Zaubers der Sprache in dieser Übersetzung.
-
- =Preußische Jahrbücher.=
-
-Hier spricht ein Dichter zu uns, der sich vollständig in die Welt
-Homers einzuleben verstand und in eigenartig packender Sprache die
-Kämpfe um Troja vor Augen zaubert.
-
- =Das XX. Jahrhundert.=
-
-Alle Nebentöne, an denen die _Ilias noch reicher_ als die Odyssee ist,
-kommen zum Erklingen.
-
- =A. D. B. Zeitschrift.=
-
-In _leuchtender Schönheit_ ist die unsterbliche Weltdichtung in dieser
-Bearbeitung wiedererstanden. Die Verse sind von herrlichem Klang, und
-die straffere Zusammenfassung ist eine wahre Wohltat. Wie in neuem Gold
-geprägt erscheint die alte liebe Voßübersetzung in diesem metrischen
-Meisterwerk.
-
- =Detlev v. Liliencrons’s Literarischer Jahresbericht.=
-
-[Illustration]
-
-
-Druck von Trowitzsch & Sohn, Berlin ~SW~ 48.
-
-
-
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Folgen
- von Gedankenstrichen und die Darstellung der Ellipsen wurden
- vereinheitlicht.
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