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-The Project Gutenberg eBook of Onkel Tom's Hütte, by Harriet Beecher
-Stowe
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
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-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
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-using this eBook.
-
-Title: Onkel Tom's Hütte
- oder die Geschichte eines christlichen Sklaven
-
-Author: Harriet Beecher Stowe
-
-Translator: L. Du Bois
-
-Release Date: February 7, 2023 [eBook #69977]
-
-Language: German
-
-Produced by: Norbert H. Langkau, Matthias Grammel, Juliet Sutherland and
- the Online Distributed Proofreading Team at
- https://www.pgdp.net
-
-*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ONKEL TOM'S HÜTTE ***
-
-
-
-
-
- Onkel Tom's Hütte
-
- oder die
-
- Geschichte eines christlichen Sklaven.
-
-
- Von
-
- Harriet Beecher Stowe.
-
-
- Aus dem Englischen übertragen
-
- von
-
- L. Du Bois.
-
-
- Dritter Band.
-
-
- _S. Zickel._
-
- _Nro. 19. Dey-Street._
-
- _NEW-YORK._
-
-
-
-
-Inhalt.
-
-
- _I._
-
- Seite
- I. Worin der Leser die Bekanntschaft eines
- menschenfreundlichen Mannes macht 1
-
- II. Die Mutter 16
-
- III. Der Gatte und Vater 21
-
- IV. Ein Abend in Onkel Tom's Hütte 28
-
- V. Die Empfindungen lebenden Eigenthums unter
- wechselnden Herren 44
-
- VI. Die Entdeckung 57
-
- VII. Der Kampf der Mutter 71
-
- VIII. Ein würdiges Trio 91
-
- IX. Worin sich zeigt, daß ein Senator nur ein
- Mensch ist 115
-
- X. Das Eigenthum wird fortgeschafft 139
-
-
- XI. Worin das Eigenthum in einen unpassenden
- Geisteszustand geräth 155
-
-
- _II._
-
- XII. Ausgewähltes Beispiel von gesetzlichem Handel 1
-
- XIII. Die Quäker-Niederlassung 26
-
- XIV. Evangeline 39
-
- XV. Von Tom's neuen Herrn und verschiedenen
- andern Gegenständen 54
-
- XVI. Tom's Mistreß und ihre Ansichten 77
-
- XVII. Die Vertheidigung des freien Mannes 106
-
- XVIII. Miß Opheliens Erfahrungen und Ansichten 131
-
- XIX. Miß Opheliens Erfahrungen und Ansichten
- (Fortsetzung) 155
-
-
- _III._
-
- XX. Topsy 1
-
- XXI. Kentucky 22
-
- XXII. »Das Gras verwelkt -- die Blume verblüht« 29
-
- XXIII. Henrique 39
-
- XXIV. Vorboten 51
-
- XXV. Der kleine Evangelist 60
-
- XXVI. Der Tod 67
-
- XXVII. »Dies ist das Letzte der Erde« 87
-
- XXVIII. Wiedervereinigung 97
-
- XXIX. Die Schutzlosen 119
-
- XXX. Das Sklavenhaus 130
-
- XXXI. Die Fahrt 145
-
- XXXII. Finstere Orte 154
-
- XXXIII. Cassy 166
-
- XXXIV. Die Geschichte der Quatroon 178
-
- XXXV. Die Zeichen 194
-
- XXXVI. Emmeline und Cassy 203
-
- XXXVII. Freiheit 213
-
- XXXVIII. Der Sieg 223
-
- XXXIX. Der Kunstgriff 237
-
- XL. Der Märtyrer 252
-
- XLI. Der junge Master 262
-
- XLII. Eine wirkliche Geistergeschichte 271
-
- XLIII. Ergebnisse 280
-
- XLIV. Der Befreier 292
-
- XLV. Schlußbemerkungen 298
-
-
-
-
-Vorrede zur europäischen Ausgabe.
-
-
-Indem die Verfasserin die Herausgabe dieses Werkes für das Festland
-Europa's authorisirt, hat sie nur die Bemerkung beizufügen, daß die
-Menschenliebe höher steht als die Vaterlandsliebe.
-
-Das große, allen christlichen Nationen gemeinsame Mysterium, das Bündniß
-Gottes mit den Menschen durch die Menschwerdung Christi, verleiht der
-menschlichen Existenz eine Ehrfurcht erweckende Heiligkeit, und in den
-Augen eines jeden wahrhaft Gläubigen muß Derjenige, welcher die Rechte
-seines niedrigsten Mitmenschen mit Füßen tritt, nicht nur als Unmensch,
-sondern auch als Gotteslästerer erscheinen, -- und die schrecklichste
-Art dieser Gotteslästerung ist das Institut der Sklaverei.
-
-Man hat gesagt, daß die Schilderungen dieses Buches Uebertreibungen
-enthielten! Ich wünschte, es wäre wahr! ich wünschte, dieses Buch wäre
-wirklich nur eine Schöpfung der Einbildungskraft, und nicht eine Mosaik
-wirklicher Thatsachen! Aber daß es keine Erfindung ist, dafür sind die
-Beweise in Tausenden blutender Herzen zu finden, -- sie sind von
-Tausenden von Zeugen in den Sklavenstaaten bekräftigt, und selbst von
-Sklavenhaltern, mit ausdrücklicher Bezugnahme auf dieses Buch, bestätigt
-worden. -- Wenn noch andere Beweise erforderlich wären, so dürften wir
-die ganze civilisierte Welt nur auf das allgemein publicierte Gesetzbuch
-der Sklavenstaaten verweisen, welches eine vollständige, klare und
-gesetzliche Billigung jeder Grausamkeit und Abscheulichkeit enthält, die
-der Mensch überhaupt der Seele und dem Körper seines Mitmenschen zufügen
-kann; und wenn das Gesetz so beschaffen ist, -- wie müssen dann die
-Folgen sein? Seitdem ist jedoch, Gott sei gedankt, jener gewaltige,
-unaussprechliche Angstschrei endlich gehört worden!
-
-Es ist gesagt worden, daß die Sklavenbevölkerung ganz ungeeignet für die
-Freiheit, und deren unfähig sei, und daß die in diesem Buche
-geschilderte Charaktere eingebildete Uebertreibungen und Unmöglichkeiten
-seien. Allein, was man auch über die afrikanische Race selbst sagen
-möge, so läßt sich doch nicht in Abrede stellen, daß die
-Sklavenbevölkerung Amerika's jetzt eine in hohem Grade gemischte Race
-ist, in deren Adern das beste angelsächsische Blut fließt, -- und daß
-Charaktere, wie Georg Harrys und Elise, keineswegs ungewöhnlich unter
-den Sklaven sind. Damit auch die Charakteristik des »Onkel Tom« selbst
-nicht für eine, in der Wirklichkeit nicht zu findende Erdichtung
-gehalten werde, wollen wir aus dem publizirten Testamente des Richters
-Upshur, früheren Staatssecretairs unter Präsident Tyler, des Tributes
-erwähnen, welcher darin den Verdiensten eines Lieblingssclaven gezollt
-worden ist.
-
- »Ich emancipire hierdurch meinen Sklaven David Rice, und weise
- meine Testamentsvollstrecker an, ihm hundert Dollar auszuzahlen.
- Ich empfehle ihn der Achtung und dem Vertrauen einer jeden
- Gemeinde, in der er sich niederlassen sollte. Er ist vierundzwanzig
- Jahre lang mein Sklave gewesen, während welcher Zeit ihm von mir
- unbedingtes und unbegränztes Vertrauen geschenkt worden ist. Sein
- Verhältniß zu mir und meiner Familie ist stets von der Art gewesen,
- daß sich ihm täglich Gelegenheit darbot, uns zu hintergehen oder zu
- bevortheilen, und dennoch hat ihm nie ein erhebliches Vergehen,
- selbst nicht ein Verstoß gegen die Gesetze des Anstandes in seiner
- Stellung zur Last gelegt werden können. Seine Intelligenz ist
- höherer Art, seine Rechtlichkeit über jedem Verdachte, und sein
- Gefühl für Recht und Schicklichkeit richtig und sogar geläutert.
- Ich bin der Meinung, daß er einen gerechten Anspruch darauf hat,
- dieses Zeugniß von mir mit in die neuen Verhältnisse zu nehmen,
- welche er einzugehen genöthigt ist; es gebührt seinen langen und
- treuen Diensten von der aufrichtigen Freundschaft, die ich für ihn
- hege. Während des ununterbrochenen, vertrauten Verkehrs durch
- vierundzwanzig Jahre habe ich ihm nie ein unfreundliches Wort
- gesagt, und nie dazu Veranlassung gehabt. Ich habe nie einen
- Menschen gekannt, der weniger Fehler und mehr gute Eigenschaften
- hatte, als er.«
-
-Es soll nicht behauptet werden, daß ein Charakter, wie der Onkel Tom's
-gewöhnlich zu finden sei, aber er hat mehr als einmal existirt; und es
-ist so eine Schmach, Verachtung und erzwungene Lasterhaftigkeit auf das
-Haupt des unglücklichen Afrikaners gehäuft worden, daß er wohl mit Recht
-einen Anspruch auf eine so günstige Schilderung hat, als sie mit
-Wahrheit und Wahrscheinlichkeit übereinstimmt.
-
-Nicht in äußerster Verzweiflung, sondern in feierlicher Hoffnung und
-Zuversicht dürfen wir dem Kampfe zuschauen, der jetzt Amerika
-durchwühlt. Es ist der Angstschrei des Teufels der Sklaverei, der von
-fern die Stimme eines nahenden Jesus gehört hat, und die edle Gestalt
-durch Zuckungen verzerrt, aus der er ihn endlich vertreiben wird.
-
-Es ist unmöglich, daß eine so ungeheure Verirrung lange im Busen einer
-Nation bestehen könne, die in jeder anderen Beziehung das beste Beispiel
-der großen Principien einer allgemeinen Brüderschaft giebt. In Amerika
-genießen der Franzose, der Deutsche, der Italiener, der Ungar, der
-Schwede und der Lette, alle gleiche Rechte; -- alle Nationen entfalten
-hier die ihnen eigenthümlichen Vorzüge, und werden durch die liberalen
-Gesetze des Landes gleicher Privilegien theilhaftig; Alles wirkt darauf
-hin, zu befreien, zu humanisiren, zu erheben, und grade aus diesem
-Grunde wird der Kampf mit der Sklaverei jedes Jahr furchtbarer. Der
-Strom menschlichen Fortschritt's, der durch die zusammenfließenden
-Kräfte aller Nationen immer breiter, tiefer und kräftiger wird, stößt
-auf diese Schranke, hinter welcher sich alle Unwissenheit, Grausamkeit
-und Bedrückung finstrer Jahrhunderte gesammelt hat; -- jetzt schäumt und
-drängt er nur gegen den Fuß, aber er steigt mit jedem Jahre, und endlich
-wird er mit einem Sturze, gleich dem des Niagara, das Hemmniß mit sich
-fortreißen. Dichtkunst, Redekunst und Litteratur sind dagegen, denn es
-gibt keine einzige Fähigkeit göttlichen Ursprungs im Menschen, die nicht
-für Freiheit spräche! Anfangs verbreitete sich die Sklaverei über alle
-Staaten der Union. Jetzt hat der Fortschritt der gesellschaftlichen
-Verhältnisse die Mehrzahl derselben emancipirt. In Kentucky, Tennessee,
-Virginien und Maryland haben zu verschiedenen Zeiten starke Bewegungen
-zu Gunsten der Emancipation statt gefunden, -- Bewegungen, welche
-fortwährend durch eine Vergleichung des progressiven Fortschritts der
-freien Staaten mit der Armuth und Unfruchtbarkeit als Folge eines
-Systems erweckt wurden, welches in wenigen Jahren den Boden erschöpft,
-ohne im Stande zu sein, ihm wieder frische Kräfte zu geben. Der
-Zeitpunkt kann nicht mehr fern sein, wo alle diese Staaten ihrer eignen
-Selbsterhaltung wegen emancipiren werden, und wenn kein Sklavengebiet
-hinzukommt, so wird ein Zunehmen der Sklavenbevölkerung Maßregeln für
-die Emancipation der übrigen nothwendig machen. Dies ist der Punkt, um
-den gestritten wird. Sofern kein neues Sklavengebiet gewonnen wird, muß
-die Sklaverei untergehen, -- wenn es gewonnen wird, besteht sie fort. --
-Um diesen Punkt manöveriren und kämpfen die politischen Parteien, und
-jedes Jahr wird der Kampf heißer, der bald zur großen Nationalfrage
-werden wird. In dem Gesetze von 1850, die flüchtigen Sklaven betreffend,
-gewann die Sklavenmacht allerdings einen Sieg, aber es war nur ein Sieg
-des Pyrrhus, -- noch ein solcher würde ihr Untergang sein! Grade dieses
-Gesetz hat mehr als alle früher wirkenden Mittel dazu beigetragen, die
-moralische Kraft der Nation gegen die Sklaverei zu erwecken und zu
-concentriren.
-
-Keine inneren Kämpfe irgend einer andern Nation der Welt können für den
-Europäer von so großem Interesse sein wie die Amerika's, denn Amerika
-bevölkert sich immer mehr aus Europa, und jeder Europäer, der an seinen
-Ufern landet, erlangt fast unmittelbar seine Stimme in den Berathungen.
-
-Wenn deßhalb die Unterdrückten andrer Nationen in Amerika ein Asyl
-dauernder Freiheit zu finden wünschen, so mögen sie bereit sein, mit
-Herz, Hand und Stimme gegen das Institut der Sklaverei zu kämpfen; denn
-diejenigen, die Andere zu Sklaven machen wollen, können selbst nicht
-lange frei bleiben.
-
-Wahr sind die großen, lebendigen Worte: »Keine Nation kann frei bleiben,
-bei der die Freiheit nur ein Vorrecht und nicht ein Princip ist.«
-
- ^Andover^, den 21. September 1852.
-
- =Harriet Beecher Stowe.=
-
-
-
-
-Zwanzigstes Kapitel.
-
-Topsy.
-
-
-Eines Morgens, als Miß Ophelia in ihren häuslichen Sorgen geschäftig
-war, wurde St. Clare's Stimme am Fuße der Treppe gehört, der nach ihr
-rief.
-
-»Komm herunter, Cousine, ich habe Dir etwas zu zeigen!«
-
-»Was ist es denn?« fragte Ophelia, mit ihrem Nähzeuge in der Hand
-herabkommend.
-
-»Ich habe hier etwas für Dein Departement angekauft, -- sieh' hier!«
-sagte St. Clare, indem er ein kleines Negermädchen von acht bis neun
-Jahren hervorzog.
-
-Sie war eine der Schwärzesten ihrer Race, und ihre runden, wie
-Glasperlen glänzenden Augen flogen mit unstäten, ruhelosen Blicken über
-alle im Zimmer befindlichen Gegenstände. Ihr Mund, der vor Erstaunen
-über die Wunder im Wohnzimmer ihres Herrn halb geöffnet war, ließ zwei
-Reihen glänzend weißer Zähne sehen. Ihr wolliges Haar war in
-verschiedene Zöpfe geflochten, die nach allen Richtungen hin starrten.
-Der Ausdruck ihres Gesichts enthielt eine sonderbare Mischung von
-Muthwillen und Schlauheit, über die, wie ein Schleier, die Miene eines
-schmerzlichen Ernstes hing. Sie trug ein einziges, schmutziges,
-zerlumptes Kleid aus Sackleinwand, und stand mit ernsthaft gefalteten
-Händen vor Ophelien. In ihrer ganzen Erscheinung lag etwas so
-Sonderbares, Koboldartiges, -- etwas, wie Miß Ophelia später
-versicherte, so »Heidnisches,« daß diese gute Dame einen wahren
-Schrecken vor ihr empfand. Indem sie sich zu St. Clare umwandte, sagte
-sie:
-
-»Augustin, wozu in aller Welt hast Du denn das Ding hierher gebracht?«
-
-»Damit Du es erziehen sollst, kein Zweifel, und es auf den rechten Weg
-bringen. Ich dachte, es wäre ein possierliches Exemplar im
-Jim-Crow-Geschlechte. Hier, Topsy,« fügte er mit einem Pfiff hinzu, so
-wie man die Aufmerksamkeit eines Hundes zu erregen pflegt, -- »laß uns
-einen Gesang hören, und zeige uns etwas von Deinen Tanzkünsten.«
-
-Die schwarzen gläsernen Augen begannen von einer Art boshaften
-Muthwillens zu glänzen, und das kleine Wesen begann mit einer klaren,
-gellenden Stimme eine jener sonderbaren Neger-Melodien, nach der sich
-ihre Hände und Füße im Takte bewegten, während sie sich im Kreise herum
-drehte, mit den Händen und Knien zusammenschlug, und jene sonderbaren
-Kehllaute hören ließ, die der heimathlichen Gesangsweise ihres
-Geschlechtes eigentümlich sind; und endlich zwei oder drei Sprünge in
-die Luft machend, kam sie mit einem gedehnten Schlußtone, der so
-unirdisch klang wie die Pfeife einer Locomotive, auf den Teppich nieder,
-und stand dann wieder mit gefalteten Händen da, und dem Ausdrucke
-scheinheiliger Sanftmuth und Feierlichkeit im Gesichte, der nur durch
-die listigen Blicke unterbrochen wurde, die sie in schräger Richtung aus
-ihren Augenwinkeln umherschoß.
-
-Miß Ophelia stand stumm und wie vom Schlage getroffen vor Erstaunen.
-
-St. Clare, muthwillig wie er war, schien sich an diesem Staunen zu
-ergötzen, und wandte sich von Neuem an das Kind.
-
-»Topsy,« sagte er, »dies ist Deine neue Mistreß, ich übergebe Dich ihr;
-also betrage Dich jetzt gut.«
-
-»Ja, Master,« entgegnete Topsy mit scheinheiligem Ernste, während ihre
-gottlosen Augen blinzelten.
-
-»Du mußt Dich gut betragen, Topsy, verstehst Du,« sagte St. Clare.
-
-»O ja, Master,« entgegnete Topsy, von Neuem blinzelnd, während ihre
-Hände andächtig gefaltet blieben.
-
-»Nun, Augustin, in aller Welt, sage mir nur, wozu ist das?« sagte Miß
-Ophelia. »Dein Haus ist so voll von dieser Plage, daß man kaum seinen
-Fuß niedersetzen kann, ohne auf eins dieser Wesen zu treten. Wenn ich
-des Morgens aufstehe, so finde ich eins hinter der Thür liegen und
-schlafen, einen andern schwarzen Kopf unter dem Tische, und wieder einen
-andern auf der Fußdecke vor der Thür; und an allen Gittern hängen sie,
-und grinsen und schneiden Gesichter, und in der Küche wälzen sie sich
-fortwährend auf dem Boden umher! Wozu hast Du denn dieses Wesen noch
-nöthig gehabt?«
-
-»Ich sagte Dir ja, -- damit Du es erziehen sollst, weil Du immer von
-Erziehung sprichst. Ich dachte, ich wollte Dir ein frisch eingefangenes
-Exemplar bringen, um Deine Hand daran zu versuchen, und es auf den
-rechten Weg zu bringen.«
-
-»Ich will dieses Wesen nicht haben, gewiß nicht. Ich habe schon mehr mit
-dieser Gattung zu thun, als mir lieb ist.«
-
-»So seid Ihr Christen alle! -- Gesellschaften könnt Ihr stiften, und ein
-paar arme Missionäre anwerben, um ihr ganzes Leben unter solchen Heiden
-zuzubringen; aber zeige mir Einen von Euch, der so ein Wesen zu sich in
-das Haus nehmen, und die Mühe der Bekehrung selbst übernehmen würde!
-Nein; wenn es dahin kommt, dann sind sie schmutzig und widerlich, und
-machen zu viel Umstände, und so weiter!«
-
-»Augustin, ich habe die Sache nicht in diesem Lichte betrachtet,« sagte
-Miß Ophelia, augenscheinlich sanfter werdend. »Wohl, es kann vielleicht
-ein ächtes Bekehrungswerk sein,« fügte sie hinzu, das Kind mit etwas
-günstigeren Blicken betrachtend.
-
-St. Clare hatte die rechte Feder berührt, denn Miß Opheliens
-Gewissenhaftigkeit war immer wach. »Aber,« bemerkte sie noch, »ich sah
-wirklich die Nothwendigkeit nicht ein, dieses noch zu kaufen, da bereits
-genug im Hause vorhanden sind, um alle meine Zeit und Gewandtheit in
-Anspruch zu nehmen.«
-
-»Wohlan, Cousine,« sagte St. Clare, indem er sie bei Seite zog, »ich
-habe Dich wegen meiner albernen Reden um Verzeihung zu bitten. Du bist
-so gut, daß sie keine Bedeutung haben können. Sieh, die Sache ist diese.
-Das kleine Wesen gehörte einem Paar trunkener Geschöpfe, die ein
-niedriges Wirthshaus halten, an dem ich alle Tage vorüber komme; und ich
-konnte das Schreien und Prügeln dieses Kindes nicht mehr anhören. Das
-Mädchen sah aufgeweckt und possierlich aus, als wenn sich was aus ihr
-machen lasse, und so kaufte ich sie, und will sie Dir geben. Versuche Du
-nun, ihr eine orthodoxe, neu-englische Erziehung zu geben, und sieh zu,
-was sich mit ihr machen läßt. Du weißt, ich selbst besitze keine
-Fähigkeiten in dieser Richtung, aber ich möchte, daß Du es versuchtest.«
-
-»Wohl, ich will thun, was ich kann,« sagte Miß Ophelia, und näherte sich
-ihrer neuen Untergebenen ungefähr so, wie sich eine Person einer
-schwarzen Spinne nähern würde, für die sie wohlwollende Absichten hegt.
-
-»Sie ist schrecklich schmutzig, und halbnackt,« sagte sie.
-
-»So nimm sie hinunter, und laß sie sich waschen und reinlich anziehen.«
-
-Miß Ophelia führte sie hinunter in die Regionen der Küche.
-
-»Sehe gar nicht, wozu Master St. Clare noch 'ne Niggerin braucht!« sagte
-Dinah, während sie den neuen Ankömmling mit keinen sehr freundlichen
-Blicken betrachtete. »Mag sie nicht unter meinen Füßen haben!«
-
-»Pah!« sagte Rosa und Jane mit vornehmem Abscheu, »sie mag uns aus dem
-Wege gehen! Wozu Master noch eine von diesen niedrigen Negerinnen nöthig
-hat, kann ich nicht begreifen!«
-
-»Du geh'! Nicht mehr Niggerin als Du bist, Miß Rosa,« sagte Dinah,
-welche die letztere Bemerkung auf sich bezog. »Bild'st Dir wohl ein, Du
-wärst 'ne Weiße? Bist gar nichts, nicht schwarz, nicht weiß. Will doch
-lieber 'was sein.«
-
-Miß Ophelia sah, daß hier Niemand zu finden sei, der die Beaufsichtigung
-des Waschens und Ankleidens übernehmen würde, und fand sich deßhalb
-genöthigt, es mit einer sehr unfreundlichen und unwilligen Hülfe von
-Seiten Jane's selbst zu thun.
-
-Es ist nicht für zarte Ohren geeignet, die Einzelheiten der ersten
-Toilette eines vernachlässigten, mißbrauchten Kindes zu hören. Zahllose
-menschliche Wesen müssen in dieser Welt in einem Zustande leben und
-sterben, dessen Schilderung zu stark für die Ohren ihrer Mitmenschen
-sein würde. Miß Ophelia hatte einen guten, festen, praktischen Willen,
-und ging deßhalb durch alle ekelhaften Einzelheiten mit heroischer
-Gründlichkeit, obgleich nicht mit sonderlichem Gefallen daran, -- denn
-Beharrlichkeit war das Einzige, wozu ihre Grundsätze sie bringen
-konnten. Als sie auf dem Rücken und den Schultern des Kindes die tiefen
-Narben und Schwielen sah, unverlöschliche Zeichen des Systemes, unter
-dem es bisher aufgewachsen war, fühlte sie Mitleid für dasselbe.
-
-»Sehen Sie, da!« sagte Jane, auf diese Marken deutend, »zeigt das nicht,
-daß sie ein Taugenichts ist? Wir werden schöne Arbeit mit ihr haben,
-glaube ich. Ich hasse alle diese Niggerkinder! sind so ekelhaft! Ich
-wundere mich, daß Master sie gekauft hat!«
-
-Das »Niggerkind« hörte alle diese Bemerkungen mit unterwürfiger,
-kläglicher Miene an, die ihm gewohnheitsgemäß zu sein schien, aber
-unterließ dabei nicht, scharfe, verstohlene Blicke auf den Schmuck zu
-werfen, den Jane in ihren Ohren trug. Als Topsy endlich reinlich und
-ordentlich angezogen, und ihr Haar kurz abgeschnitten worden war, sagte
-Miß Ophelia mit einiger Zufriedenheit, daß sie christlicher aussehe als
-zuvor, und begann bereits im Geiste Pläne für ihren Unterricht zu
-entwerfen.
-
-Indem sie sich vor sie setzte, begann sie Fragen an sie zu richten.
-
-»Wie alt bist Du, Topsy?«
-
-»Weiß nicht, Missis,« sagte das Bild mit einem Grinsen, das alle seine
-Zähne zeigte.
-
-»Du weißt nicht, wie alt Du bist? Hat Dir's denn niemals Jemand gesagt?
-Wer war Deine Mutter?«
-
-»Hatte nie eine!« sagte das Kind, von Neuem grinsend.
-
-»Du hattest nie eine Mutter? Was meinst Du damit, wo bist Du denn
-geboren worden?«
-
-»Bin nie geboren worden!« fuhr Topsy mit einem neuen Grinsen fort,
-welches so koboldartig aussah, daß, wenn Miß Ophelia überhaupt
-nervenreizbar gewesen wäre, sie sich leicht hätte einbilden können,
-irgend ein schwarzes Gnomenkind aus dem diabolischen Reiche vor sich zu
-haben; allein Ophelia war nicht nervenschwach, sondern derb und
-praktisch, und sagte deßhalb mit einiger Schärfe:
-
-»Du mußt mir darauf antworten, Kind; ich spasse nicht mit Dir. Sage mir,
-wo Du geboren worden bist, und wer Dein Vater und Deine Mutter waren.«
-
-»Bin nie geboren worden,« wiederhole der Kobold nachdrücklicher; »--
-habe nie Vater und Mutter gehabt, nichts. Bin von 'nen Händler
-aufgezogen worden, mit einer ganzen Menge Anderer. Tante Sue zog uns
-auf und fütterte uns.«
-
-Das Kind war augenscheinlich aufrichtig, und Jane, in ein kurzes Lachen
-ausbrechend, sagte:
-
-»O Missis, es giebt eine Menge von der Art. Die Händler kaufen sie
-billig auf, wenn sie klein sind, und ziehen sie auf für den Markt.«
-
-»Wie lange bist Du bei Deinem Master und Deiner Mistreß gewesen?« fragte
-Miß Ophelia weiter.
-
-»Weiß nicht, Missis.«
-
-»Ist es ein Jahr, oder mehr, oder weniger?«
-
-»Weiß nicht, Missis?«
-
-»O, Missis,« unterbrach hier Jane wieder, -- »diese niedrigen Neger
-wissen so etwas nicht; die wissen nichts von der Zeit; wissen nicht, was
-ein Jahr ist, und wissen nicht, wie alt sie sind.«
-
-»Hast Du jemals etwas von Gott gehört, Topsy?«
-
-Das Kind sah bei dieser Frage verwirrt aus, aber grinste wieder wie
-gewöhnlich.
-
-»Weißt Du, wer Dich geschaffen hat?«
-
-»Niemand, was ich weiß,« sagte das Kind mit einem kurzen Lachen. Die
-Idee schien es besonders zu amüsiren, denn seine Augen blinzelten, und
-es fügte hinzu: »Ich denke, ich bin gewachsen; 's hat mich Niemand
-geschaffen.«
-
-»Kannst Du nähen?« fragte Miß Ophelia weiter, indem sie es für
-zweckmäßig hielt, die Unterhaltung auf etwas Anderes zu lenken.
-
-»Nein, Missis.«
-
-»Was kannst Du denn? -- was hast Du für Deinen Herrn und Deine Mistreß
-gethan?«
-
-»Wasser geholt, und Teller gewaschen, und Messer geputzt, und weißen
-Leuten aufgewartet.«
-
-»Waren sie gut gegen Dich?«
-
-»Glaube, ja,« sagte das Kind, Miß Ophelia listig von der Seite
-betrachtend.
-
-Ophelia stand von diesem ermuthigenden Zwiegespräche auf, während dessen
-St. Clare hinter ihrem Stuhle, sich auf die Lehne stützend, gestanden
-hatte.
-
-»Du findest hier jungfräulichen Boden, Cousine,« sagte er. »Lege Deine
-eignen Ideen hinein, -- wirst nicht viel auszurotten haben.«
-
-Miß Opheliens Ansichten über Erziehung waren wie alle ihre anderen Ideen
-bestimmt und geordnet, und aus derjenigen Schule, welche vor ungefähr
-hundert Jahren in Neu England herrschend war, und noch jetzt in einigen
-abgelegenen, unverderbten Theilen zu finden ist, wohin keine Eisenbahnen
-führen. Sie ließen sich ziemlich genau in wenige Worte fassen: »Den
-Kindern Aufmerksamkeit zu lehren, wenn mit ihnen gesprochen wird; ihnen
-den Katechismus, Nähen und Lesen zu lehren und sie zu züchtigen, wenn
-sie Unwahrheiten sagen;« und obgleich in der Fluth von Licht, welches
-sich jetzt über Erziehung verbreitet, diese Principien natürlich weit in
-den Hintergrund getreten sind, so läßt sich doch nicht in Abrede
-stellen, daß unsere Großmütter unter ihrer Herrschaft manche recht brave
-Männer und Weiber erzogen haben, wie Viele von uns werden bezeugen
-können. Jedenfalls wußte Miß Ophelia nichts Anderes zu thun, und begann
-deshalb das Erziehungswerk ihres heidnischen Zöglings mit vollem Eifer.
-
-Das Kind wurde als Miß Ophelia's Mädchen angekündigt und im ganzen Hause
-so betrachtet; und da Topsy in der Küche mit keinem sehr gnädigen Auge
-betrachtet wurde, so beschloß Miß Ophelia, ihren Wirkungskreis und
-Unterricht hauptsächlich auf ihr eigenes Zimmer zu beschränken. Mit
-einer Selbstverleugnung, welche vielleicht nur wenige von unsern Lesern
-zu würdigen im Stande sein werden, beschloß sie, statt behaglich ihr
-Bett selbst zu machen und ihr Zimmer selbst auszufegen und abzustäuben,
--- was sie bisher stets mit völliger Beiseitesetzung aller Anerbietungen
-des Kammermädchens im Haushalte selbst besorgt hatte, -- sich zu dem
-Märtyrerthum zu verurtheilen, Topsy diese Verrichtungen zu lehren. Wenn
-je eine unserer Leserinnen dasselbe that, so wird sie die Größe dieses
-Opfers zu würdigen wissen.
-
-Miß Ophelia begann mit Topsy damit, daß sie sie am ersten Morgen in ihr
-Zimmer nahm und einen Lehrcursus in der geheimnißvollen Kunst des
-Bettmachens anfing. Topsy stand, rein gewaschen und rein geschoren von
-allen den geflochtenen kleinen Zöpfen, an denen ihr Herz gehangen hatte,
-in einem saubern Kleide und weißer, gestärkter Schürze, vor Ophelien mit
-einer so feierlichen Miene, wie sich für ein Leichenbegängniß gepaßt
-haben würde.
-
-»Nun, Topsy, will ich Dir zeigen, wie mein Bett gemacht werden muß. Ich
-bin sehr eigen darin; Du mußt lernen, es grade ebenso zu machen.«
-
-»Ja, Madame,« sagte Topsy mit einem tiefen Seufzer und einem schmerzlich
-ernsthaften Gesichte.
-
-»Nun, Topsy, sieh hier; -- dies ist der Saum des Betttuches, -- dies ist
-die rechte Seite und dies die linke: -- wirst Du das behalten?« sagte
-Miß Ophelia weiter.
-
-»Ja, Madame,« wiederholte Topsy mit einem neuen Seufzer.
-
-»Gut, das untere Betttuch mußt Du über das Pfühl ziehen, -- so, -- und
-es glatt unter die Matratze einschlagen, -- so, siehst Du?«
-
-»Ja, Madame,« sagte Topsy mit gespanntester Aufmerksamkeit.
-
-»Aber das obere Betttuch,« fuhr Miß Ophelia fort, »muß auf diese Weise
-herabgelegt und am Fußende glatt und fest eingeschlagen werden, -- so,
--- mit dem schmalen Saum unten.«
-
-»Ja, Madame,« sagte Topsy wie zuvor, -- allein wir wollen hinzufügen,
-was Miß Ophelia nicht bemerkt hatte, daß nämlich während der Zeit, wo
-die gute Dame im Eifer ihrer Verrichtungen ihrer Schülerin den Rücken
-zugedreht, diese ein Paar Handschuhe und ein Band zu erhaschen gewußt
-und diese geschickt in ihren Aermel geschoben hatte, worauf sie mit
-gefalteten Händen wieder so ehrerbietig wie zuvor dastand.
-
-»Nun, Topsy, laß mich sehen, wie Du dies machst,« sagte Miß Ophelia, die
-Betttücher wieder herabreißend und sich setzend.
-
-Topsy ging hierauf mit großem Ernste und großer Geschicklichkeit durch
-den ganzen Prozeß zu Miß Opheliens großer Zufriedenheit; sie legte die
-Betttücher glatt, beseitigte jede Falte, und zeigte während der ganzen
-Verrichtung einen Ernst, an dem ihre Lehrerin nicht geringes Gefallen
-fand. Allein aus einer unglücklichen Schlitze ihrer Aermel kam ein
-Stückchen des Bandes zum Vorschein, grade in dem Augenblicke, als sie
-ihr Geschäft beendigte und fiel Miß Ophelien in's Auge. Augenblicklich
-sprang diese darauf zu. »Was ist dies? Du ungezogenes, böses Kind, -- Du
-hast dies gestohlen!«
-
-Das Band wurde aus Topsy's Aermel hervorgezogen, aber Topsy wurde
-dadurch durchaus nicht außer Fassung gebracht, sondern blickte darauf
-nur mit einer Miene überraschter Unschuld.
-
-»O, ah, das ist Miß Feely's Band! Wie sich das nur in meinem Aermel hat
-fangen können?«
-
-»Topsy, Du unartiges Kind, sage mir keine Lügen, -- Du hast das Band
-gestohlen!«
-
-»Missis, ich versichere, ich hab's nicht gethan, -- hab's nie gesehen,
-als jetzt grade in dieser Minute.«
-
-»Topsy,« sagte Miß Ophelia, »weißt Du nicht, daß es sündlich ist, zu
-lügen?«
-
-»Ich sage nie Lügen, Miß Feely,« sagte Topsy mit tugendhaftem Ernste;
-»'s ist nur die Wahrheit, was ich jetzt gesagt habe, -- nichts Anderes!«
-
-»Topsy, ich werde Dich peitschen müssen, wenn Du lügst.«
-
-»O, Missis, wenn Sie mich peitschen den ganzen Tag, -- kann nichts
-Anderes sagen, gar nicht!« rief Topsy, indem sie zu weinen anfing.
-»Hab's nie gesehen, -- muß sich in meinem Aermel gefangen haben. Miß
-Feely muß es auf dem Bette gelassen haben und da muß es an meinen Aermel
-gekommen sein.«
-
-Miß Ophelia war über diese dreiste Lüge so empört, daß sie das Kind
-ergriff und es heftig schüttelte.
-
-»Sage mir das nicht noch einmal!«
-
-Das Schütteln ließ auch die Handschuhe aus dem andern Aermel auf die
-Erde fallen.
-
-»Da, Du!« rief Miß Ophelia. »Willst Du mir nun noch sagen, Du habest das
-Band nicht gestohlen?«
-
-Topsy bekannte jetzt in Bezug auf die Handschuhe, aber fuhr beharrlich
-fort, das Stehlen des Bandes in Abrede zu stellen.
-
-»Höre, Topsy,« sagte Miß Ophelia, »wenn Du Alles gestehen willst, so
-will ich Dich für dieses Mal nicht peitschen.«
-
-Auf diese Weise gedrängt, gestand Topsy endlich, mit schmerzlichen
-Versicherungen der Reue, das Band und die Handschuhe genommen zu haben.
-
-»Nun, sage mir, -- ich weiß, Du mußt noch andre Dinge im Hause genommen
-haben, denn ich habe Dich gestern den ganzen Tag umher laufen lassen, --
-nun sage mir, was Du sonst noch genommen hast, und ich will Dich nicht
-peitschen.«
-
-»O Missis! ich habe Miß Eva's rothes Ding genommen, was sie um den Hals
-trägt.«
-
-»Das hast Du gethan, Du böses Kind! -- Wohl, was weiter?«
-
-»Und Rosa's Ohrringe, -- die rothen.«
-
-»Geh, und hole beide Stücke gleich hierher.«
-
-»O, Missis, ich kann nicht, -- sind verbrannt.«
-
-»Verbrannt? was ist das wieder für eine Lüge! Gehe gleich, oder ich
-peitsche Dich!«
-
-Topsy blieb mit lauten Versicherungen, und Thränen und Stöhnen dabei,
-daß sie nicht ^könne^, -- daß sie verbrannt seien.
-
-»Weshalb hast Du sie denn verbrannt?« sagte Ophelia.
-
-»Weil ich unartig bin, -- bin mächtig unartig; -- weiß nicht, kann nicht
-anders.«
-
-Grade in diesem Augenblicke kam Eva unschuldig und ahnungslos mit dem in
-Rede stehenden Korallenhalsbande in das Zimmer.
-
-»Wie, Eva, wo hast Du Dein Halsband gefunden?« fragte Miß Ophelia.
-
-»Gefunden? Wie, ich habe es den ganzen Tag getragen,« entgegnete Eva.
-
-»Hast Du es denn gestern gehabt?«
-
-»Gewiß! Und was sonderbar ist, Tante, ich habe es die ganze Nacht um
-gehabt; ich vergaß gestern, als ich zu Bett ging, es abzulegen.«
-
-Miß Ophelia war vollständig irre, und zwar um so mehr, als grade in
-diesem Momente auch Rosa, mit einem Korbe frisch geplätteter Wäsche auf
-dem Kopfe, in das Zimmer trat, und die bewußten Ohrringe in ihren Ohren
-trug.
-
-»Ich weiß nicht, was ich mit dem Kinde anfangen soll!« sagte sie. »Was
-in der Welt brachte Dich dazu, Topsy, mir zu sagen, daß Du die Dinge
-genommen habest?«
-
-»Missis sagte, ich mußte gestehen, und es fiel mir nichts Anderes ein,
-zu gestehen,« entgegnen Topsy, ihre Augen reibend.
-
-»Aber natürlich habe ich nicht gewollt, daß Du Dinge gestehst, die Du
-nicht gethan hast,« sagte Miß Ophelia; »es ist eins so gut eine Lüge,
-wie das andere.«
-
-»So? -- ist es?« sagte Topsy, mit der Miene unschuldiger Verwunderung.
-
-»O, da ist keine Spur von Wahrheit in solchen Kreaturen,« sagte Rosa,
-verächtlich auf Topsy blickend. »Wenn ich Master St. Clare wäre, so
-wollt' ich sie peitschen lassen, bis das Blut strömte, -- sicherlich,
-sie sollt' es kriegen!«
-
-»Nein, nein, Rosa,« sagte Eva mit einer befehlenden Miene, die das Kind
-zuweilen annehmen konnte; »Du mußt nicht so sprechen, Rosa! ich kann es
-nicht hören.«
-
-»O, Miß Eva! Sie sind so gut, Sie wissen nichts davon, wie man mit
-Niggern umgehen muß. 's gibt kein andres Mittel, als sie derb zu
-peitschen, -- glauben Sie nur!«
-
-»Rosa!« rief Eva, während ihr Auge flammte, und ihre Wangen sich
-purpurroth färbten, -- »still! sprich kein Wort mehr davon!«
-
-Rosa verstummte augenblicklich.
-
-»Miß Eva hat St. Clare'sches Blut, -- das ist klar; sie kann grade so
-sprechen, wie ihr Vater,« murmelte sie, während sie zum Zimmer
-hinausging.
-
-Eva stand vor Topsy, und betrachtete sie.
-
-Da standen die beiden Kinder als würdige Repräsentanten der Extreme der
-bürgerlichen Gesellschaft. Das schöne, hoch erzogene Kind mit dem
-goldenen Lockenkopfe, den tiefen Augen, den geistreichen, edlen Zügen,
-und den feinen Bewegungen; und daneben sein schwarzer, schlauer,
-kriechender und doch scharfsinniger Nachbar. Sie waren die
-Repräsentanten ihrer Geschlechter: des sächsischen, das durch
-Jahrhunderte von Bildung, Herrschaft, Erziehung, physischer und
-geistiger Entwickelung gegangen war, und des afrikanischen, das
-Jahrhunderte in Druck, Unterwürfigkeit, Unwissenheit, Mühe und Laster
-durchlebt hatte!
-
-Etwas Aehnliches mochte vielleicht in diesem Augenblicke Eva's Gedanken
-beschäftigen; allein die Gedanken eines Kindes sind nur dunkle und
-unbestimmte Ahnungen, und in Eva's edler Natur mochten viele solche
-geistige Regungen thätig sein, für die ihr die Kraft des Ausdrucks
-fehlte. Als sich Miß Ophelia über Topsy's Ungezogenheit und schlechtes
-Betragen ausließ, sah das Kind bestürzt und traurig aus, aber sagte
-sanft:
-
-»Arme Topsy, warum mußt Du stehlen? Du wirst nun unter strenge Aufsicht
-kommen. Ich wollte Dir lieber Etwas von meinen Sachen schenken, als daß
-Du es stiehlst.«
-
-Es waren die ersten freundlichen Worte, die das Kind in seinem Leben
-gehört hatte. Der sanfte, liebevolle Ton machte einen sonderbaren
-Eindruck auf das wilde, rohe Herz, und der Glanz einer Thräne zeigte
-sich einen Augenblick lang in dem scharfen, runden Auge; aber gleich
-darauf folgte wieder das kurze Lachen und Grinsen. Nein! das Ohr, das
-nie etwas Anderes als Scheltworte gehört hat, glaubt nicht an etwas so
-Himmlisches wie Güte; und Topsy hielt deshalb Eva's Rede nur für etwas
-Spaßhaftes, etwas Unerklärliches, -- sie glaubte ihr nicht.
-
-Aber was war mit Topsy zu machen? Miß Ophelia wußte es nicht. Ihre
-Regeln für Erziehung schienen auf das Kind nicht zu passen. Sie dachte,
-sie wolle sich Zeit nehmen, um den Fall zu überlegen, und schloß
-deshalb, im Vertrauen auf gewisse, unbestimmte, wirksame Kräfte, die
-dunkelen Gemächern zugeschrieben werden, Topsy in ein solches ein, bis
-daß sie zu einem bestimmteren Entschlusse gekommen sein werde.
-
-»Ich sehe nicht ein,« sagte Miß Ophelia zu St. Clare, »wie ich das Kind
-in Ordnung halten soll, ohne es zu peitschen.«
-
-»Gut, so peitsche es, so viel Du willst. Ich will Dir volle
-Machtvollkommenheit geben.«
-
-»Kinder müssen immer körperlich gezüchtigt werden,« sagte Miß Ophelia,
-»ich weiß nicht, wie man sie ohne das erziehen kann.«
-
-»O, natürlich,« sagte St. Clare, »mache es ganz so, wie Du es für am
-Besten hältst. Nur eine Bemerkung wollte ich mir erlauben. Ich habe das
-Kind mit der Feuerzange, mit Schüreisen und Schüssel, was grade am
-nächsten zur Hand war, prügeln und niederschlagen sehen; und da es also
-an diese Art von Operation gewohnt ist, so müssen Deine Züchtigungen
-ziemlich energisch eingerichtet werden, wenn sie großen Eindruck machen
-sollen.«
-
-»Was ist denn aber nun mit ihr zu thun?« fragte Ophelia.
-
-»Du hast eine sehr wichtige Frage aufgeworfen,« sagte St. Clare, »und
-ich wollte, Du könntest sie beantworten. Was ist mit einem menschlichen
-Wesen zu thun, das nur durch die Peitsche regiert werden kann, -- wenn
-selbst diese wirkungslos wird? Es ist ein sehr häufiger Fall hier bei
-uns im Süden.«
-
-»Ich weiß es nicht; ich habe nie ein solches Kind gesehen.«
-
-»Solche Kinder sind bei uns sehr gewöhnlich, und sogar solche Männer und
-Weiber. Wie sollen ^die^ regiert werden?« sagte St. Clare.
-
-»Es ist jedenfalls mehr, als ich zu beantworten vermag,« entgegnete Miß
-Ophelia.
-
-»Und ich gleichfalls,« sagte St. Clare. »Jene schrecklichen
-Grausamkeiten, die von Zeit zu Zeit durch die Zeitungen bekannt werden,
--- solche Fälle, wie zum Beispiel Prue's, -- woher kommen sie? In vielen
-Fällen ist es ein allmähliger Abhärtungsprozeß auf beiden Seiten, --
-indem der Besitzer immer grausamer, und der Sklave immer unempfindlicher
-dagegen wird. Peitschen und Mißhandlung sind wie Laudanum; die Dosis muß
-in demselben Grade erhöht werden, in welchem die Nerven sich abstumpfen.
-Ich erkannte das sehr bald, als ich Besitzer wurde, und beschloß
-deßhalb, nie damit anzufangen, weil ich nicht wußte, wann ich aufhören
-würde. Die Folge davon ist, daß meine Sklaven sich wie verzogene Kinder
-betragen; aber ich halte es für besser, als wenn wir beiderseits
-entmenscht wären. Du hast viel über unsere Verantwortlichkeit in Bezug
-auf Erziehung gesprochen, und deshalb wollte ich, daß Du es mit einem
-Kinde versuchen möchtest, welches als Beispiel von Tausenden gelten
-kann.«
-
-»Aber es ist Euer System, welches solche Kinder erzeugt,« sagte Miß
-Ophelia.
-
-»Ganz richtig, ich weiß das; aber sie sind einmal so, -- sie sind da, --
-und was ist mit ihnen zu machen?«
-
-»Wohl, ich kann nicht sagen, daß ich Dir für diesen Versuch besonders
-dankbar wäre: allein, da es einmal eine Pflicht zu sein scheint, so will
-ich darin fortfahren, und thun, was ich kann,« sagte Miß Ophelia, und
-hielt ihr Wort, denn sie fuhr fort, mir einem Grade von Eifer und
-Energie an der Bildung ihres Zöglings zu arbeiten, der Achtung
-verdiente. Sie bestimmte regelmäßige Stunden und Beschäftigungen für das
-Kind, und versuchte es, sie lesen und nähen zu lehren.
-
-In der erstern Kunst machte Topsy schnelle Fortschritte. Sie lernte die
-Buchstaben wie durch Zauberei, und war sehr bald im Stande, einfache
-Schrift zu lesen; aber das Nähen war eine schwierigere Aufgabe. Das
-Wesen war geschmeidig wie eine Katze, und behende wie ein Affe; und da
-ihr das Stillsitzen beim Nähen zuwider war, so zerbrach sie ihre Nadeln,
-und warf sie verstohlen zum Fenster hinaus, oder in Spalten der Wände;
-sie verwickelte, zerriß und beschmutzte ihren Zwirn, oder warf ein
-ganzes Knäul verstohlen in einen versteckten Winkel. Ihre Bewegungen
-waren beinahe so schnell, wie die eines geübten Taschenspielers, und die
-Herrschaft über ihre Gesichtszüge war eben so groß; und obgleich Miß
-Ophelia sich nicht denken konnte, daß so viele Zufälle sich nach
-einander ereignen könnten, so war sie ja dennoch außer Stande, sie ohne
-eine besondre Wachsamkeit zu ertappen, die ihr keine Zeit zu andern
-Geschäften übrig gelassen haben würde.
-
-Topsy war sehr bald im ganzen Hause bekannt. Ihr Talent für jede Art von
-Possen, Grimassen und Nachäffung, -- für tanzen, klettern, singen,
-pfeifen und Nachahmung jedes Tones, der ihr gefiel, schien
-unerschöpflich. Während ihrer Spielstunden hatte sie regelmäßig
-sämmtliche Kinder des ganzen Hauses hinter sich, die sie offenen Mundes
-vor Staunen und Verwunderung anstarrten, -- selbst Eva nicht
-ausgenommen, welche sich von ihren wilden Teufeleien in derselben Weise
-angezogen fühlte, wie eine Taube zuweilen an dem Glanz und Schimmer
-einer Schlange Gefallen findet. Miß Ophelia wurde darüber unruhig, daß
-Eva so vielen Gefallen an Topsy's Gesellschaft fand, und bat St. Clare,
-es zu verbieten.
-
-»Pah, laß das Kind gehen,« sagte St. Clare, »Topsy wird ihr keinen
-Schaden thun.«
-
-»Aber ein so verderbtes Kind, -- mußt Du denn nicht fürchten, daß sie
-ihr eine Unart lehre?«
-
-»Sie kann ihr keine Unart lehren; andern Kindern wohl, aber von Eva's
-Gemüthe rollt das Böse ab wie Thau von einem Kohlblatte, nicht ein
-Tropfen fällt hinein.«
-
-»Sei dessen nicht zu gewiß,« sagte Ophelia. »Ich würde mein eignes Kind
-nie mit Topsy spielen lassen.«
-
-»Wohl, Deine Kinder haben's nicht nöthig,« sagte St. Clare, »aber meine
-mögen es thun. Wenn Eva hätte verdorben werden können, so hätte es schon
-vor Jahren geschehen müssen.«
-
-Topsy wurde anfangs von den oberen Dienstboten verachtet; allein sie
-fanden bald Grund genug, ihre Meinung zu ändern. Es zeigte sich, daß,
-wer sie irgendwie beschimpft hatte, mit Sicherheit darauf rechnen
-konnte, bald darauf irgend einem unangenehmen Zufalle zu begegnen.
-Entweder wurden plötzlich ein Paar Ohrringe, oder andrer
-Lieblingsschmuck vermißt, oder ein Kleidungsstück wurde vollständig
-ruinirt gefunden, oder die betreffende Person mußte über einen Eimer
-heißen Wassers stolpern, oder es kam plötzlich, unerwartet und
-unerklärlich, eine Fluth Spülicht von oben auf sie herab, wenn sie sich
-grade in vollem Staate befand; -- und in allen diesen Fällen fand sich,
-wenn eine Untersuchung veranlaßt wurde, Niemand, der zu dem Schimpfe
-Gevatter stehen wollte. Topsy wurde citirt und mußte wiederholt vor
-allen den häuslichen Richtern erscheinen, aber bestand alle Verhöre mit
-der erbaulichsten Unschuld. Niemand in der Welt war zweifelhaft über die
-Thäterschaft; aber auch nicht der entfernteste Beweis ließ sich zur
-Rechtfertigung des Verdachtes führen, und Miß Ophelia hatte zu viel
-Gerechtigkeitsgefühl, um ohne einen solchen weiter in der Sache gehen zu
-wollen. Mit einem Worte, Topsy machte dem ganzen Haushalte begreiflich,
-daß es am Rathsamsten sei, sie in Ruhe zu lassen, und man ließ sie in
-Ruhe.
-
-Topsy war in allen Handverrichtungen gewandt, und lernte mit
-überraschender Schnelligkeit Alles, was ihr gezeigt wurde. In wenigen
-Unterrichtsstunden hatte sie gelernt, alle Geschäfte für Miß Opheliens
-Zimmer in einer solchen Weise zu verrichten, daß selbst diese eigne Dame
-keine Fehler daran finden konnte. Menschliche Hände konnten kein Bettuch
-glätter, kein Kissen richtiger legen, als Topsy, wenn sie es wollte, --
-aber sie wollte es sehr oft nicht. Wenn in Miß Ophelien, nach drei oder
-vier Stunden sorgsamer und geduldiger Ueberwachung, die sanguinische
-Hoffnung aufstieg, daß Topsy endlich auf den rechten Weg gekommen sei,
-und sie von ihrer Beaufsichtigung abgehen könne, um sich andern
-Geschäften zu widmen, so pflegte Topsy einige Stunden lang einen wahren
-Carneval von Confusion zu halten. Eines Tages fand sie Miß Ophelia mit
-ihrem besten indianischen Florshawl als Turban um den Kopf gebunden,
-deklamatorische Vorstellungen vor dem Spiegel geben.
-
-»Topsy!« pflegte sie dann zu ihr zu sagen, wenn alle Geduld am Ende war,
-»weshalb machst Du solche Streiche?«
-
-»Weiß nicht, Missis, -- glaube, weil ich so unartig bin!«
-
-»Ich weiß nicht mehr, was ich mit Dir machen soll, Topsy.«
-
-»Müssen mich peitschen, Missis; meine alte Missis peitschte mich immer;
--- kann nichts thun, wenn ich nicht gepeitscht werde.«
-
-»Topsy, ich mag Dich nicht peitschen. Du kannst gut und artig sein, wenn
-Du willst; -- warum willst Du nicht?«
-
-»Bin an's Peitschen gewöhnt, Missis; -- glaube 's thut mir gut,«
-entgegnete Topsy.
-
-Miß Ophelia versuchte das Recept, und Topsy verursachte dann regelmäßig
-einen entsetzlichen Lärm, schrie, heulte und flehte, und saß eine halbe
-Stunde später auf irgend einem Vorsprunge des Balkons, umgeben von der
-Heerde ihrer jungen Bewunderer, und drückte die äußerste Verachtung über
-die ganze Sache aus.
-
-»Pah, Miß Feely peitschen! -- bringt keine Fliege um, ihr Peitschen.
-Hättet sehen sollen, wie mein alter Master 's Fleisch fliegen ließ; --
-alte Master verstand 's!«
-
-Sonntags pflegte sich Miß Ophelia angelegentlichst damit zu
-beschäftigen, Topsy den Katechismus zu lehren. Topsy hatte ein
-ungewöhnliches Wortgedächtniß und lernte mit einer Leichtigkeit und
-Sicherheit, die für ihre Lehrerin sehr ermuthigend waren.
-
-»Welchen Nutzen erwartest Du davon für sie?« fragte St. Clare.
-
-»Nun, es ist immer für Kinder von Nutzen gewesen. Kinder haben das immer
-lernen müssen,« entgegnete Ophelia.
-
-»Ob sie es verstehen oder nicht -- gleichviel!« sagte St. Clare.
-
-»O, Kinder verstehen es in der Zeit nie; aber wenn sie aufwachsen, kommt
-die Zeit, wo sie es verstehen lernen.«
-
-»Nun, meine ist noch nicht gekommen, obgleich ich bezeugen kann, daß Du
-es mir gründlich genug beigebracht hast, als ich ein Knabe war,«
-entgegnete St. Clare.
-
-»Du warst immer ein guter Lerner, Augustin. Ich hegte damals große
-Hoffnungen von Dir,« sagte Ophelia.
-
-»So, hast Du denn jetzt keine?« fragte St. Clare.
-
-»Ich wollte, Du wärest so gut, wie Du als Knabe warst, Augustin!«
-
-»Das wünschte ich auch, Cousine,« sagte St. Clare. »Wohl, fahre fort,
-und katechisire Topsy: vielleicht machst Du doch noch etwas aus ihr.«
-
-Topsy, die während dieser Unterhaltung gleich einer schwarzen Statue,
-mit demüthig gefalteten Händen da gestanden hatte, fuhr jetzt auf einen
-Wink von Miß Ophelia fort:
-
-»Unsere ersten Eltern, da sie der Freiheit ihres eignen Willens
-überlassen blieben, fielen aus dem Stande, in dem sie erschaffen worden
-waren.«
-
-Topsy's Augen blinzelten, und sie blickte fragend auf Ophelien.
-
-»Was willst Du, Topsy?« fragte Miß Ophelia.
-
-»Bitte, Missis, war es der Stand Kentucky?«
-
-»Was für ein Stand?«
-
-»Der Stand, aus dem sie fielen. Ich hörte Master sagen, daß wir von
-Kentucky gekommen wären.«
-
-St. Clare lachte.
-
-»Du wirst ihr eine Erklärung geben müssen, oder sie macht sich eine,«
-sagte er. »Es scheint hier die Theorie der Auswanderung darunter
-verstanden zu werden.«
-
-»O, still, Augustin!« sagte Miß Ophelia, »wie kann ich etwas thun, wenn
-Du dabei lachst?«
-
-»Gut, ich will Dich nicht wieder stören, auf mein Wort,« sagte St.
-Clare, nahm seine Zeitung, und setzte sich nieder, bis Topsy ihre
-Recitationen beendigt hatte. Diese waren ganz gut, nur daß sie dann und
-wann, in den wichtigsten Stellen, die Worte auf eine sonderbare Weise
-versetzte, und bei dem Irrthume aller Gegenvorstellungen ungeachtet
-beharrte; und St. Clare, trotz aller seiner Versprechungen, fand ein
-muthwilliges Vergnügen darin, sich diese anstößigen Stellen wiederholen
-zu lassen, ohne Miß Opheliens Gegenvorstellungen zu beachten.
-
-»Aber wie kannst Du glauben, daß ich mit dem Kinde etwas erreichen kann,
-wenn Du so fortfährst,« pflegte sie zu sagen.
-
-»Gut, es ist unrecht, -- ich will es nicht wieder thun; aber es ist gar
-zu drollig, das kleine Bild über diese Worte stolpern zu hören.«
-
-»Ja, aber Du bestärkst sie ja in ihrem schlechten Wege.«
-
-»Was macht 's denn aus? Ein Wort ist für sie so gut wie ein anderes.«
-
-»Du willst, daß ich sie gut erziehen soll, und solltest also mit dem
-Einfluß, den Du ausübst, vorsichtig sein.«
-
-»O Elend! freilich sollte ich das! aber wie Topsy selbst sagt: »ich bin
-so unartig!««
-
-In dieser Weise schritt Topsy's Erziehung ein oder zwei Jahre fort,
-während deren Miß Ophelia sich täglich mit ihr plagte, wie mit einem
-chronischen Leiden, an dessen Beschwerden sie sich endlich so gewöhnte,
-wie andre Personen an ein Nerven- oder Kopfleiden.
-
-St. Clare fand an dem Kinde dasselbe Vergnügen, wie an den Spässen
-eines Papagei's oder Hühnerhundes. Topsy dagegen pflegte, wenn sie in
-irgend einem andern Departement in Ungnade gefallen war, hinter seinem
-Stuhle Schutz zu suchen, und St. Clare wirkte dann stets auf eine
-oder die andre Weise Vergebung für sie aus. Von ihm erhielt sie auch
-so manche kleine Münze, die sie zu Nüssen und Zuckerkant verwendete,
-um sie mit sorgloser Freigebigkeit unter alle Kinder des Hauses zu
-vertheilen; denn Topsy war, um ihr Gerechtigkeit widerfahren zu lassen,
-von Natur gutmüthig und freigebig, und nur bösartig in ihrer eignen
-Selbstvertheidigung.
-
-Sie ist jetzt in unser _corps de ballet_ genügend eingeführt worden,
-und wird darin von Zeit zu Zeit, neben den andern handelnden Personen,
-ihre Rolle spielen.
-
-
-
-
-Einundzwanzigstes Kapitel.
-
-Kentucky.
-
-
-Unsere Leser sind vielleicht nicht abgeneigt, einen kurzen Rückblick auf
-Onkel Toms Hütte zu thun, um zu sehen, was unter denen, die er
-zurückgelassen hat, vorgeht.
-
-Es war spät an einem Sommer-Nachmittage, und die Thüren und Fenster des
-großen Wohnzimmers in Mr. Shelby's Haus waren alle geöffnet, um jedes
-frische Lüftchen, das dazu geneigt war, hereinzulassen. Mr. Shelby saß
-in einer großen Halle, welche mit diesem Zimmer in Verbindung stand, und
-durch das ganze Haus zu einem am andern Ende befindlichen Balkon lief.
-Nachlässig in seinen Stuhl zurückgelegt, und seine Füße auf einem
-andern wiegend, rauchte er seine Nachmittags-Cigarre. Mrs. Shelby saß in
-der Thür, mit feiner Näherei beschäftigt, und schien etwas auf dem
-Herzen zu haben, zu dessen Vorbringen sie eine Gelegenheit suchte.
-
-»Hast Du gehört,« sagte sie, »daß Chloë einen Brief von Tom erhalten
-hat?«
-
-»Wirklich? Tom scheint dort einen Freund zu haben. Was macht der alte
-Junge?«
-
-»Er muß von einer sehr anständigen Familie gekauft worden sein, sollte
-ich denken,« sagte Mrs. Shelby, -- »er hat sehr gute Behandlung, und
-nicht viel zu thun.«
-
-»So! nun das freut mich, -- wahrlich,« sagte Mr. Shelby mit
-Herzlichkeit. »Ich hoffe, Tom wird sich an eine südliche Residenz
-gewöhnen, -- und kaum wünschen, hieher zurückzukehren.«
-
-»Im Gegentheil, er fragt mit großer Aengstlichkeit danach, wann das Geld
-für seine Wiedereinlösung werde aufgebracht werden können.«
-
-»Ich weiß es nicht,« sagte Mr. Shelby. »Wenn die Geschäfte einmal
-angefangen, schief zu gehen, so hörts nicht wieder auf. Es ist gerade
-wie durch einen Sumpf von einer trockenen Stelle auf die andere
-springen; hier borgen und dort bezahlen, und dann wieder borgen, um den
-Letzten zu bezahlen; -- und diese verdammten Wechsel laufen immer ab,
-ehe ein Mensch Zeit hat, eine Cigarre zu rauchen und sich umzudrehen, --
-nichts als Mahnbriefe und Drängen und Treiben.«
-
-»Ich sollte denken, mein Lieber, es könnte so Manches geschehen, um
-unsere Angelegenheiten zu ordnen. Wenn wir zum Beispiel alle unsere
-Pferde und eine Farm verkauften, um Alles abzuzahlen?«
-
-»O lächerlich, Emilie! Du bist die gescheiteste Frau in Kentucky, aber
-hast doch nicht Einsicht genug zu sehen, daß Du von Geschäften nichts
-verstehst; -- Weiber verstehen und können davon nie etwas verstehen.«
-
-»Aber könntest Du mich denn nicht wenigstens einen Blick in Deine
-Verhältnisse thun lassen? mich ein Verzeichniß aller Deiner Schulden und
-Forderungen sehen, und mich versuchen lassen, ob ich Dir keinen Rath zu
-ökonomischen Maßregeln geben könnte?«
-
-»O Thorheit! quäle mich nicht, Emilie! -- das kann ich nicht. Ich weiß
-recht wohl, wie meine Sachen stehen, und die lassen sich nicht kneten
-und drücken und in jede mögliche Form bringen, wie Chloë es mit ihren
-Pasteten macht. Du verstehst einmal nichts von Geschäften, wie ich Dir
-schon gesagt habe.«
-
-Da Mr. Shelby keine besseren Gründe anzuführen hatte, so erhob er bei
-diesen Worten seine Stimme, -- eine Art und Weise, die für einen Mann,
-der mit seiner Frau über Geschäftssachen spricht, sehr bequem und sehr
-überzeugend ist.
-
-Mrs. Shelby schwieg mit einem Seufzer. Es war außer Zweifel, daß sie,
-obgleich ein Weib, dennoch einen klaren, energischen, praktischen
-Verstand hatte, und eine Charakterstärke besaß, die der ihres Gatten bei
-weitem überlegen war; so daß es keineswegs so sehr abgeschmackt gewesen
-sein würde, wie Mr. Shelby dachte, sie Theil an den Geschäften nehmen zu
-lassen.
-
-»Glaubst Du nicht, daß wir auf eine oder die andere Weise Geld
-aufbringen könnten? Die arme Chloë, sie rechnet so sehr darauf.«
-
-»Das thut mir leid. Ich glaube, ich war etwas zu voreilig mit meinem
-Versprechen. Ich weiß nicht, ich denke, es ist am Ende der beste Weg, es
-Chloë geradezu zu sagen, damit sie sich darein findet. Tom wird in ein
-oder zwei Jahren eine andere Frau haben, und sie thäte am besten, zu
-einem andern Mann zu gehen.«
-
-»Mr. Shelby, ich habe meinen Leuten gelehrt, daß ihre ehelichen
-Verbindungen so heilig wie die unsrigen seien. Ich würde mich nie dazu
-verstehen können, Chloë solchen Rath zu geben.«
-
-»Es ist ein Unglück, Frau, daß Du diese Leute mit der Last einer
-Moralität beschwert hast, die weit über ihre Verhältnisse und ihre
-Aussichten hinausgeht. Ich habe immer so gedacht.«
-
-»Es ist nur die Lehre der Bibel,« entgegnete Mrs. Shelby.
-
-»Gut, gut, Emilie, ich will mich in Deine religiösen Ansichten nicht
-mischen; nur scheinen sie mir für Leute in solchen Verhältnissen
-durchaus nicht geeignet zu sein.«
-
-»Leider sind sie es nicht,« sagte Mrs. Shelby, »und das ist der Grund,
-weshalb ich das Sklavenwesen hasse. Ich sage Dir, mein Lieber, ich kann
-mich von den Versprechungen nicht lossagen, die ich diesen hülflosen
-Geschöpfen gemacht habe. Wenn ich das Geld in keiner andern Weise
-aufbringen kann, so will ich Musikunterricht geben. Ich weiß, daß ich
-Beschäftigung genug bekommen und das Geld bald verdienen würde.«
-
-»Wie, Emilie, Du würdest Dich doch nicht auf diese Weise herabwürdigen
-wollen? Ich könnte nie meine Einwilligung dazu geben.«
-
-»Herabwürdigen! würde es mich so herabwürdigen, wie wenn ich das
-Versprechen bräche, was ich Hülflosen gegeben habe? Nein, gewiß nicht!«
-
-»Du bist heroisch und überspannt,« sagte Mr. Shelby; »aber ich dächte,
-Du thätest wohl, die Sache noch einmal zu überlegen, ehe Du solchen
-abenteuerlichen Streich unternimmst.«
-
-Hier wurde die Unterhaltung durch die Erscheinung Chloë's am Ende der
-Veranda unterbrochen.
-
-»Wenn's Ihnen gefällig wäre, Missis,« sagte sie.
-
-»Nun, Chloë, was gibt's?« sagte ihre Mistreß aufstehend und nach dem
-Ende des Balkones gehend.
-
-»Wenn Missis hier das Geflügel ansehen wollte,« sagte Chloë mit einer
-Miene ernster Betrachtung, während sie auf einen Haufen Hühner und Enten
-deutete, bei dem sie stand; »ich dachte, ob Missis vielleicht eine
-Hühnerpastete haben wollte von diesen da.«
-
-»Das ist mir gleich, Chloë, -- richte sie nur zu, wie Du willst,«
-entgegnete Mrs. Shelby.
-
-Chloë blieb gedankenvoll stehen, während sie das Geflügel einzeln durch
-ihre Hände gehen ließ; allein es war leicht erkennbar, daß die Hühner
-nicht der Gegenstand ihrer Gedanken waren. Endlich begann sie mit einem
-kurzen Lachen, mit dem ihr Geschlecht häufig etwas zweifelhafte
-Vorschläge einzuleiten pflegt:
-
-»Mein Gott, Missis, warum sollen Master und Missis sich quälen um das
-Geld und nicht gebrauchen das Recht, was ihnen zukommt?« sagte Chloë von
-Neuem lachend.
-
-»Ich verstehe Dich nicht, Chloë,« entgegnete Mrs. Shelby, die Chloë's
-Weise kannte, und deßhalb nicht im Geringsten bezweifelte, daß sie jedes
-Wort der zwischen ihr und ihrem Ehemanne so eben Statt gehabten
-Unterhaltung gehört habe.
-
-»O Missis!« sagte Chloë wieder lachend, »andere Leute miethen ihre
-Nigger aus, und lassen sie Geld verdienen: halten nicht solche Bande,
-die sie aus Haus und Hof ißt.«
-
-»Wohl, Chloë, wen meinst Du denn, daß ich ausmiethen solle?«
-
-»O, ich meine gar nichts, -- nur Sam sagte mir, daß da einer von den
-Conditorn wäre, in Louisville, der 'ne geschickte Hand für Kuchen und
-Pasteten brauchte, und der vier Dollars die Woche geben wollte, -- sagte
-er.«
-
-»Nun, Chloë?«
-
-»Ja, so dachte ich, Missis, 's wäre Zeit, daß Sally endlich anfinge,
-'was zu thun. Sally ist unter mir gewesen diese ganze Zeit, und kann
-Alles beinahe eben so gut machen wie ich; und wenn Missis mich wollte
-gehen lassen, so könnt' ich helfen das Geld verdienen. Fürchte mich gar
-nicht, meine Kuchen und meine Pasteten neben alle die von 'nem Conditor
-zu stellen.«
-
-»Aber, Chloë, willst Du denn Deine Kinder verlassen?«
-
-»O, Missis, die Jungens sind groß genug, um zu arbeiten, -- fehlt ihnen
-gar nichts; und Sally soll nach der Kleinen sehn, 's ist so ein munteres
-Ding, braucht gar nicht viel gewartet zu werden.«
-
-»Louisville ist ziemlich weit von hier.«
-
-»Mein Gott, fürchte mich nicht! -- ist's wohl den Fluß hinunter, nahe
-bei meinem alten Mann vielleicht?« sagte Chloë, die letzten Worte in
-fragendem Tone sprechend und auf Mrs. Shelby blickend.
-
-»Nein, Chloë, es ist noch viele hundert Meilen davon entfernt,«
-entgegnete Mrs. Shelby.
-
-Chloë's Gesicht wurde traurig.
-
-»Das thut nichts, Chloë; Du kommst ihm wenigstens näher, wenn Du dahin
-gehst. Ja, Du magst gehen; und jeder Cent Deines Lohnes soll zu der
-Wiedereinlösung Deines Mannes zurückgelegt werden.«
-
-Wie wenn ein heller Sonnenstrahl eine dunkle Wolke versilbert, so klärte
-sich Chloë's dunkles Gesicht augenblicklich auf, -- es strahlte
-förmlich.
-
-»O Herr! wenn Missis nicht zu gut ist! -- dachte gerade an dasselbe;
-denn ich brauche keine Kleider und keine Schuhe und nichts, -- könnte
-jeden Cent sparen. Wie viele Wochen gibt's denn in 'nem Jahre, Missis?«
-
-»Zweiundfünfzig,« sagte Mrs. Shelby.
-
-»Herr! also so viele? und vier Dollar für jede, -- wie viel mag das
-sein?«
-
-»Zweihundert und acht Dollar,« entgegnete Mrs. Shelby.
-
-»Wie!« sagte Chloë mit einem Ausdruck von Ueberraschung und Wonne; --
-»und wie lange würde 's dauern, bis ich Alles herausgearbeitet hätte,
-Missis?«
-
-»Vier bis fünf Jahre, Chloë; aber Du sollst nicht Alles allein
-verdienen, -- ich will Etwas dazu legen.«
-
-»Mag nichts davon hören, -- Missis Stunden geben. Master hat ganz Recht
-darin; -- würde sich nicht passen. Hoffe, keiner von unserer Familie
-wird dazu kommen, so lange ich Hände habe.«
-
-»Fürchte nichts, Chloë, -- ich will schon Sorge tragen für die Ehre der
-Familie,« sagte Mrs. Shelby lächelnd. »Aber wann gedenkst zu gehen?«
-
-»O, ich denke Nichts, -- nur, Sam, er geht auf den Fluß mit Fohlen, und
-sagte mir, ich könnte mit ihm gehn; und so machte ich just meine Sachen
-zusammen. Wenn Missis wollte, so könnt' ich mit Sam morgen früh gehen,
--- wenn Missis mir 'nen Paß schreiben wollte, und 'ne 'Commendation.«
-
-»Wohl, Chloë, ich will dafür sorgen, wenn Mr. Shelby Nichts dagegen
-einzuwenden hat. Ich muß erst mit ihm reden.«
-
-Mrs. Shelby ging in das obere Stockwerk und Tante Chloë ging entzückt in
-ihre Hütte, um die nöthigen Vorbereitungen zu treffen.
-
-»O, Master Georg! Sie wissen nicht, daß ich morgen nach Louisville
-gehe!« sagte sie zu Georg, als er sie beim Eintreten beschäftigt fand,
-die Kleidungsstücke ihrer Kinder zu ordnen. »Dachte, ich wollte grade
-'mal über diese Sachen sehen und sie in Ordnung haben. Aber ich gehe,
-Master Georg, -- ich gehe, und bekomme vier Dollar die Woche; und Missis
-will es Alles aufheben und meinen alten Mann damit wiederkaufen.«
-
-»Sieh da!« sagte Georg, »das ist ein gutes Geschäft! Wann gehst Du
-denn?«
-
-»Morgen, mit Sam. Und nun, Master Georg, -- ich weiß -- sind Sie wohl so
-gut und schreiben just an meinen alten Mann, und sagen ihm das Alles, --
-nicht wahr?«
-
-»Versteht sich,« sagte Georg. »Onkel Tom wird sich freuen, Nachricht
-von uns zu bekommen. Ich will gleich in's Haus gehen, und Feder und
-Papier holen; und dann kann ich ihm auch gleich von unsern jungen Fohlen
-erzählen und von allen andern Sachen, -- nicht wahr, Tante Chloë?«
-
-»Freilich, freilich, Master Georg; gehen Sie nur, und ich will Ihnen
-unterdessen ein hübsches Stückchen Huhn zurecht machen, oder so Etwas;
--- werden nicht oft mehr bei alte Tante Chloë 'was essen.«
-
-
-
-
-Zweiundzwanzigstes Kapitel.
-
-»Das Gras verwelkt -- die Blume verblüht.«
-
-
-Mit jedem Tage fließt ein Theil unseres Lebens dahin, -- und so war es
-mit Onkel Tom, bis zwei Jahre verflossen waren. Obgleich getrennt von
-Allem, was seinem Herzen theuer war, und obgleich oft die heftigste
-Sehnsucht nach seinen Lieben empfindend, fühlte er sich doch eigentlich
-nie ganz unglücklich; denn so stark ist die Harfe menschlicher Gefühle
-bezogen, daß nur ein Zerreißen aller Saiten ihre Harmonie gänzlich
-zerstören kann; und selbst wenn wir auf Zeiten der Trübsal und der
-Leiden zurückblicken, so können wir uns erinnern, daß fast jede Stunde
-derselben in ihrem Laufe Abwechslung und Erleichterung mit sich brachte,
-so daß wir, wenn auch im Ganzen nicht glücklich, doch auch nicht ganz
-elend waren.
-
-Sein an Chloë gerichteter Brief war, wie dessen bereits im vorigen
-Kapitel Erwähnung geschehen, von Master Georg in guter Zeit beantwortet
-worden, und zwar in einer runden, deutlichen Schulknabenschrift, die,
-wie Onkel sagte, sich beinahe über das ganze Zimmer lesen ließ. Das
-Schreiben enthielt verschiedene erquickliche Nachrichten über die
-dortigen Verhältnisse, mit denen unsere Leser bereits bekannt sind: zum
-Beispiel, daß Tante Chloë an einen Conditor in Louisville ausgedungen
-worden, wo sie mit der Fabrikation von Pasteten unglaubliche Summen
-Geldes verdiene, die alle zur Wiedereinlösung Toms zurückgelegt werden
-sollten; daß Mose und Pete munter aufwüchsen, und daß das Kleine unter
-Sally's und der ganzen Familie Aussicht bereits im ganzen Hause
-umhertrabe. Toms Hütte war für jetzt geschlossen worden, allein Georg
-ließ sich mit großer Wärme über die Verbesserungen und Verzierungen aus,
-die darin vorgenommen werden sollten, sobald Tom zurückkehre. Der Rest
-des Briefes enthielt ein Verzeichniß von Georgs Schulstudien und von den
-Namen der vier jungen Fohlen, welche seit Toms Entfernung gefallen
-waren, und erwähnte in inniger Verbindung hiermit, daß sich Vater und
-Mutter wohl befänden. Der Styl des Briefes war entschieden ein sehr
-bündiger: allein Tom hielt seine Abfassung für eins der vollendetsten
-Beispiele in der neueren Zeit. Er konnte nie müde werden, das Schreiben
-zu betrachten, und berathschlagte sogar mit Eva darüber, ob es nicht gut
-wäre, es unter Glas und Rahmen bringen zu lassen, um es im Zimmer
-aufhängen zu können; und nur die Schwierigkeit, es so einzurichten, daß
-beide Seiten des Blattes zugleich sichtbar seien, stand der Ausführung
-im Wege.
-
-Die Freundschaft zwischen Tom und Eva war in gleichem Schritte mit dem
-Kinde selbst gewachsen. Es würde schwer sein zu sagen, welchen Platz sie
-in dem sanften, empfänglichen Herzen ihres treuen Dieners einnahm. Er
-liebte sie wie etwas Irdisches und Gebrechliches, aber verehrte sie
-beinahe als etwas Himmlisches und Göttliches. Wie der italienische
-Seemann auf sein Bild des Jesuskindes schaut, so betrachtete er sie mit
-einer Mischung von Ehrfurcht und Zärtlichkeit; und sein größtes
-Vergnügen bestand darin, den kindlichen Einfällen, den tausend kleinen
-Bedürfnissen zu genügen, die das jugendliche Alter wie mit einem
-buntfarbigen Regenbogen schmücken. Wenn er Morgens auf den Markt ging,
-so waren seine Augen stets auf die Blumenlager gerichtet, um seltene
-Bouquette für sie auszusuchen, und die schönste Pfirsich, die er fand,
-glitt stets in seine Tasche, um sie ihr zu geben, wenn er nach Hause
-kam; und der liebste Anblick für ihn war der, wenn er ihren
-goldlockigen, kleinen Kopf zur Pforte hinaus blicken und auf seine
-Rückkehr warten sah, und er dann ihre kindliche Frage hörte: »Nun, Onkel
-Tom, was hast Du heut' für mich?«
-
-Auch war Eva nicht weniger eifrig in freundlichen Gegenleistungen.
-Obgleich noch Kind, konnte sie dennoch vortrefflich lesen. Ein feines,
-musikalisches Ohr, eine lebhafte, poetische Phantasie, und ein
-instinktmäßiges Gefühl für alles Große und Edle machten sie zu einer
-Bibelleserin, wie Tom nie zuvor etwas Aehnliches gehört hatte. Anfangs
-las sie nur, um ihrem bescheidenen Freunde gefällig zu sein, aber bald
-streckte ihre eigene ernste Natur ihre Fühlfäden aus und schlang sie um
-das majestätische Buch. Und Eva liebte es, weil es ein seltsames Sehnen
-und mächtige, dunkle Regungen in ihr erweckte, denen sich tieffühlende
-und mit lebhafter Phantasie begabte Kinder so gern hingeben.
-
-Diejenigen Theile, welche sie am meisten liebte, waren die Offenbarung
-Johannis und die Propheten, -- Theile, deren dunkle, warme und
-bilderreiche Sprache sie um so mehr ergriff, als sie vergeblich nach
-einer Deutung suchte, -- und sie und ihr schlichter Freund, das junge
-und das alte Kind, stimmten in dieser Beziehung vollkommen überein.
-Alles, was sie wußten, war, daß jene Bücher von einer zu offenbarenden
-Glorie, -- einem wunderbaren Etwas sprachen, was noch kommen solle und
-dessen sich ihre Seelen freuten, ohne zu wissen weshalb. Obgleich es in
-der Wissenschaft physischer Dinge nicht so ist, so gilt doch für die
-Religionslehre der Grundsatz, daß das, was nicht verstanden werden kann,
-nicht immer nutzlos ist; denn die Seele erwacht, ein zitternder
-Fremdling, zwischen zwei dunklen Ewigkeiten, -- der ewigen Vergangenheit
-und der ewigen Zukunft. Das Licht fällt nur aus einen kleinen Raum um
-sie her, weshalb sie sich dem Unbekannten zuwenden muß; und die Stimmen
-und schattenartigen Regungen, die aus der Nebelsäule der Inspiration zu
-ihr kommen, finden Echo und Antwort in ihrer eignen sehnsüchtigen Natur.
-Die mystischen Bilder derselben sind ebenso viele Talismane und Gemmen
-mit unbekannten Hieroglyphen, die sie in ihren Busen schließt und hofft
-entziffern zu können, wenn sie jenseits des Schleiers tritt.
-
-Um die jetzige Zeit unserer Erzählung befand sich die ganze Familie St.
-Clare's auf seiner am See Pontchartrain belegenen Villa. Die Sommerhitze
-hatte Alle, denen es möglich war, die ungesunde Stadt mit ihrer schwülen
-Atmosphäre zu verlassen, an die Ufer des See's getrieben, um seine
-kühlen Lüfte zu genießen.
-
-St. Clare's Villa war ein im ostindischen Geschmacke erbautes Landhaus,
-umgeben von einer hellen Veranda, und öffnete sich nach allen Seiten in
-Gärten und Luftplätze. Das gemeinschaftliche Wohnzimmer hatte einen
-Ausgang in einen großen Garten, welcher erfüllt von den Wohlgerüchen
-tropischer Pflanzen und Blumen jeder Art, seine schlängelnden Pfade bis
-dicht an die Ufer des See's erstreckte, dessen silberheller
-Wasserspiegel sich unter den Strahlen der Sonne hob und senkte, -- ein
-Bild, das jede Stunde wechselte, und mit jeder Stunde schöner wurde.
-
-Jetzt grade geht die Sonne in goldener Glorie unter und wirft ihren
-Schein über den ganzen Horizont, der sich im Wasser abspiegelt. Weiß
-beflügelte Schiffe fahren auf dem in rosigen oder goldenen Streifen
-ruhig liegenden See hin und her, und kleine goldene Sterne beginnen
-allmählig aus dem Abendhimmel auf ihre zitternden Spiegelbilder im
-Wasser herabzublicken.
-
-Tom und Eva saßen auf einer niedrigen Moosbank in einer Laube am Ende
-des Gartens. Es war Sonntag Abend, und Eva's Bibel lag aufgeschlagen auf
-ihrem Knie. Sie las: -- »Und ich sah ein gläsernes Meer mit Feuer
-gemenget.«
-
-»Tom,« sagte Eva, plötzlich inne haltend und auf den See deutend, »da
-ist es.«
-
-»Was, Miß Eva?«
-
-»Siehst Du denn nicht, -- dort?« sagte das Kind, auf das Wasser deutend,
-welches, fallend und steigend, die Gluth des Himmels abspiegelte. »Da
-ist ein gläsernes Meer mit Feuer gemenget.«
-
-»Wahr! Miß Eva,« sagte Tom und sang:
-
- »Hätt' ich die Flügel der Morgenröthe,
- Ich würde nach Canaan fliegen,
- Und Engel würden mich heimwärts tragen
- Nach dem neuen Jerusalem.«
-
-»Wo glaubst Du, daß das neue Jerusalem ist, Onkel Tom?« sagte Eva.
-
-»Ueber den Wolken, Miß Eva.«
-
-»Dann glaube ich, daß ich es sehe,« bemerkte Eva. »Blicke in jene
-Wolken! -- sie sehen wie große Thore von Perlen aus; und Du kannst durch
-sie weiter hinaus sehen -- weit, weit -- und da ist Alles Gold. Bitte,
-Tom, singe das Lied von den weißen Engeln.«
-
-Tom sang hierauf die Worte einer wohlbekannten Methodisten-Hymne:
-
- »Ich sehe ein Chor von Engeln stehn,
- Des Himmels Freuden schmecken.
- Sie tragen alle ein weißes Gewand
- Und siegende Palmen in der Hand.«
-
-»Sie kommen zuweilen zu mir im Schlafe, diese Engel,« sagte Eva, während
-ihre Augen träumerisch wurden, und summte dann mit leiser Stimme:
-
- »Sie alle tragen ein weißes Gewand
- Und siegende Palmen in der Hand.«
-
-»Onkel Tom,« sagte sie darauf, »ich gehe dahin.«
-
-»Wohin, Miß Eva?«
-
-Das Kind stand auf, und deutete mit seiner kleinen Hand gen Himmel. Das
-Abendroth beleuchtete ihr goldnes Haar, und lieh ihren Wangen eine Art
-überirdischen Glanzes, und ihre Augen blickten mit tiefem, seligem
-Gefühle hinauf.
-
-»Ich gehe dahin,« sagte sie, »zu den weißen Engeln, Tom; ich gehe dahin
--- bald.«
-
-Das treue, alte Herz empfand einen plötzlichen Stoß, und Tom dachte
-daran, wie oft er während der letzten sechs Monate bemerkt habe, daß
-Eva's kleine Hände dünner, und ihre Haut durchsichtiger und ihr Athem
-kürzer geworden seien, und wie sie, wenn sie im Garten rannte und
-spielte, was sie sonst stundenlang gekonnt, jetzt immer so bald müde
-werde. Er hatte Miß Ophelien oft von einem Husten sprechen hören, den
-alle ihre Arzneimittel nicht heilen könnten; und selbst in diesem
-Augenblicke brannten ihre Wange und ihre kleine Hand von hektischem
-Fieber; und dennoch war ihm nie zuvor der Gedanke gekommen, den Eva's
-Worte andeuteten.
-
-Gab es je ein Kind, wie Eva? -- O ja, es gab deren; aber ihre Namen sind
-nur auf Grabsteinen zu lesen, und ihr süßes Lächeln, ihre himmlischen
-Blicke, ihre seltsamen Reden und Weisen gehören zu den tief begrabenen
-Schätzen trauernder Herzen. In wie vielen Familien hörst Du die Sage,
-daß alle Güte und Anmuth der Lebenden nichts sei gegen die
-Liebenswürdigkeit eines Wesens, -- das nicht mehr sei! Es ist gerade,
-als wenn der Himmel ein besonderes Chor von Engeln habe, deren
-Bestimmung es sei, eine kurze Zeit hier zu weilen und das verkehrte
-menschliche Herz für sich zu gewinnen, um es dann bei ihrer Rückkehr zum
-Himmel mit sich hinaufzutragen. Wenn Du jenes tiefe geistige Licht in
-dem Auge siehst, -- wenn die kleine Seele sich in Worten offenbart, die
-süßer und weicher sind, als die gewöhnlichen Worte von Kindern, -- so
-hoffe nicht, das Kind zu behalten, denn das Siegel seines himmlischen
-Ursprungs ist ihm aufgedrückt, und das Licht der Unsterblichkeit glänzt
-aus seinen Augen.
-
-So auch Du, geliebte Eva! schöner Stern Deiner irdischen Heimath! Du
-gehst, -- aber die, so Dich am meisten lieben, ahnen es nicht!
-
-Das Gespräch zwischen Tom und Eva wurde hier plötzlich durch einen Ruf
-von Miß Ophelia unterbrochen.
-
-»Eva! -- Eva! -- Kind, der Thau fällt ja, Du darfst nicht mehr draußen
-sein!«
-
-Eva und Tom eilten hinein.
-
-Miß Ophelia war alt und wohlerfahren im Geschäfte des Wartens und
-Pflegens, und kannte genau die ersten Symptome jener schleichenden,
-hinterlistigen Krankheit, die so viele der Schönsten und
-Liebenswürdigsten dahin rafft, und sie, ehe noch eine einzige
-Lebensfaser zerstört zu sein scheint, unwiderruflich dem Tode weiht. Sie
-hatte den leichten kurzen Husten und die täglich zunehmende Röthe der
-Wange bemerkt; und selbst der Glanz des Auges und die lustige
-Lebhaftigkeit des Kindes, nur vom Fieber bedingt, vermochten sie nicht
-zu täuschen.
-
-Sie versuchte, St. Clare ihre Besorgnisse mitzutheilen; allein er wies
-derartige Andeutungen mit einem unruhigen, erkünstelten Muthwillen
-zurück, der sehr verschieden von seiner gewöhnlich so sorglosen guten
-Laune war.
-
-»O krächze nur nicht, Cousine, -- ich kann's nicht hören!« pflegte er
-zu sagen. »Siehst Du denn nicht, daß das Kind nur im Wachsthum begriffen
-ist? Kinder verlieren immer Kräfte, wenn sie stark wachsen.«
-
-»Aber sie hat den Husten.«
-
-»O Unsinn mit dem Husten! -- 's ist nichts; hat sich vielleicht ein
-wenig erkältet.«
-
-»Ja, ganz auf dieselbe Weise fingen Elisa, Jane, und Ellen und Maria
-Sanders an.«
-
-»O! ich bitte Dich! höre mir mit den Ammenmärchen auf. Ihr alten Leute
-werdet so weise, daß ein Kind nicht mehr husten oder niesen kann, ohne
-daß Ihr Verzweiflung oder Tod darin erkennt. Nimm das Kind nur in Acht;
-laß es nicht in die Nachtluft gehen und nicht zu angestrengt spielen,
-und sie wird bald wieder munter werden.«
-
-So sagte St. Clare; aber er wurde ängstlich und unruhig. Er bewachte Eva
-täglich mit fieberhafter Angst, wie sich deutlich aus der öfteren
-Wiederholung derartiger Aeußerungen entnehmen ließ, wie: »das Kind sei
-ganz wohl, -- der Husten habe gar nichts zu bedeuten, -- er rühre von
-nichts als etwas verdorbenem Magen her.« Aber er hielt sich von nun an
-mehr bei ihr auf, als er sonst zu thun pflegte, fuhr öfter mit ihr aus
-und brachte von Zeit zu Zeit ein neues Recept oder eine stärkende Mixtur
-für sie mit nach Haus: -- nicht, wie er sagte, weil das Kind sie nöthig
-habe, sondern sie werde ihr keinen Schaden thun.
-
-Was seinem Herzen größere Angst und Unruhe verursachte, als alles
-Andere, war die beim Kinde täglich zunehmende Reife des Geistes und der
-Gefühle. Während sie noch das rein kindliche Wesen bewahrte, ließ sie
-oft unbewußt Worte von einer solchen Tiefe der Gedanken und einer so
-überirdischen Weisheit fallen, daß man sie für Inspirationen hätte
-halten können. In solchen Momenten empfand St. Clare ein plötzliches
-Beben im Herzen; er preßte sie dann in seine Arme, als ob dieser
-zärtliche Druck sie retten könne.
-
-Des Kindes ganzes Herz und ganze Seele schien an Werken der Liebe zu
-hängen. Sie war immer sanft und weich von Natur gewesen; allein jetzt
-zeigte sich bei ihr eine rührende, ächt weibliche Empfindungsweise, die
-Jedem auffiel. Sie fand noch immer Gefallen daran, mit Topsy und andern
-farbigen Kindern zu spielen, aber schien jetzt mehr eine bloße
-Zuschauerin zu sein, als wirklich Theil an den Spielen zu nehmen; sie
-saß zuweilen halbe Stunden lang und lachte herzlich über Topsy's
-wunderliche Streiche, -- und dann senkte sich ein Schatten über ihr
-Gesicht, ihre Augen wurden trübe und ihre Gedanken waren weit, weit
-fort.
-
-»Mamma,« sagte sie eines Tages plötzlich zu ihrer Mutter, »weßhalb
-lassen wir unsere Dienstboten nicht lesen lernen?«
-
-»Was für eine Frage, Kind! Man thut das nie.«
-
-»Warum thut man denn das nicht?« fragte Eva.
-
-»Weil es für die Leute von keinem Nutzen ist, lesen zu können. Es hilft
-ihnen nicht, besser zu arbeiten, und zu etwas Anderem sind sie nicht
-da.«
-
-»Aber sie sollten die Bibel lesen, Mamma, um Gottes Willen kennen zu
-lernen.«
-
-»O! so viel die davon zu wissen brauchen, können sie sich vorlesen
-lassen.«
-
-»Es dünkt mich, Mamma, die Bibel sollten alle Menschen selbst lesen; sie
-brauchen sie sehr oft, wenn Niemand da ist, der sie ihnen vorlesen
-kann.«
-
-»Eva, Du bist ein altes Kind,« sagte ihre Mutter.
-
-»Miß Ophelia lehrt Topsy auch lesen,« fuhr Eva fort.
-
-»Ja, und Du siehst, welchen Nutzen es ihr bringt. Topsy ist das
-ungezogenste Geschöpf, das ich je gesehen habe!«
-
-»Da ist die arme Mammy!« sagte Eva. »Sie hat die Bibel so lieb und
-wünscht so sehr, daß sie lesen könnte! Und was wird sie machen, wenn ich
-sie ihr nicht mehr vorlesen kann?«
-
-Marie war beschäftigt, den Inhalt einer Kommode umzuwenden, als sie
-antwortete:
-
-»Natürlich, Eva, nach einiger Zeit wirst Du schon an andere Dinge zu
-denken haben, als den Dienstboten die Bibel vorzulesen. Nicht, daß es
-unpassend wäre, -- denn ich habe es, als ich noch gesund war, selbst
-gethan; aber wenn Du dich erst ordentlich anziehen und in Gesellschaft
-gehen mußt, dann hast Du keine Zeit mehr dazu. Sieh hier!« fügte sie
-hinzu, »diese Juwelen will ich Dir schenken, wenn Du größer bist. Ich
-habe sie auf meinem ersten Ball getragen. Ich kann Dir sagen, Eva, ich
-machte damals Sensation.«
-
-Eva nahm den Juwelenkasten, und hob ein diamantenes Halsband auf. Ihre
-großen, sinnenden Augen ruhten darauf, aber es war klar, ihre Gedanken
-waren anderswo.
-
-»Wie gleichgültig Du dabei aussiehst, Kind!« sagte Marie.
-
-»Sind diese sehr viel Geld werth, Mamma?«
-
-»Gewiß! Vater ließ sie mir von Frankreich kommen. Sie sind ein kleines
-Vermögen werth.«
-
-»Ich wünschte, ich hätte sie,« sagte Eva, »um damit machen zu können,
-was ich wollte!«
-
-»Was würdest Du denn damit machen?«
-
-»Ich würde sie verkaufen, und einen Platz in den Freistaaten ankaufen,
-und alle unsere Leute dahin bringen, und Lehrer annehmen, um ihnen Lesen
-und Schreiben zu lehren.«
-
-Eva wurde durch das Lachen ihrer Mutter unterbrochen.
-
-»Eine Schulanstalt errichten! Wolltest Du ihnen nicht auch lehren, auf
-dem Piano zu spielen und auf Sammet zu malen?«
-
-»Ich würde ihnen lehren, ihre Bibel selbst zu lesen, und ihre Briefe
-selbst zu schreiben, und Briefe, die an sie geschrieben worden sind,
-selbst zu lesen,« sagte Eva ruhig. »Ich weiß, Mamma, es ist recht
-schlimm für sie, daß sie so etwas nicht selbst thun können. Tom fühlt
-es, -- Mammy fühlt es, -- und viele Andere fühlen es. Ich denke, das ist
-unrecht.«
-
-»O geh, Eva, Du bist nur ein Kind! Du verstehst von allen diesen Dingen
-nichts,« sagte Marie; »und überdieß macht mir Dein Geschwätz
-Kopfschmerzen.«
-
-Marie hatte stets Kopfschmerzen bei der Hand, sobald ihr irgend eine
-Unterhaltung nicht zusagte.
-
-Eva schlich sich fort; aber von der Zeit an gab sie Mammy mit großem
-Eifer Leseunterricht.
-
-
-
-
-Dreiundzwanzigstes Kapitel.
-
-Henrique.
-
-
-Um diese Zeit brachte St. Clare's Bruder, Alfred, mit seinem ältesten
-Sohne, einem Knaben von etwa zwölf Jahren, ein paar Tage bei der Familie
-am See zu.
-
-Es konnte keinen seltsameren und zugleich schöneren Anblick geben, als
-diese beiden Zwillingsbrüder. Die Natur hatte, statt zwischen ihnen
-Aehnlichkeiten zu schaffen, sie zu Gegenstücken in fast jeder Beziehung
-gemacht; und dennoch vereinigte sie auf geheimnißvolle Weise das Band
-einer mehr als gewöhnlichen brüderlichen Zuneigung.
-
-Sie pflegten Arm in Arm die Alleen und Gänge des Gartens zu
-durchschlendern. Augustin, mit seinen blauen Augen, blondem Haar,
-seiner ätherisch biegsamen Figur und seinen lebhaften Zügen; und Alfred,
-mit dunklen Augen, stolzem römischen Profile, gedrungenem Baue, und
-fester Haltung. Sie schalten fortwährend gegenseitig auf ihre so
-verschiedenartigen Ansichten und Gewohnheiten, und waren dennoch
-unzertrennlich in ihrer Gesellschaft; kurz, grade ihre Verschiedenheit
-schien sie an einander zu fesseln, wie Attraktion zwischen verschiedenen
-Polen des Magnets.
-
-Henrique, der älteste Sohn Alfred's, war ein dunkeläugiger Knabe von
-edlem Aeußern, und voll von Geist und Lebhaftigkeit; und schien vom
-ersten Augenblicke seiner Einführung an von den ätherischen Reizen
-seiner Cousine Evangeline vollständig bezaubert worden zu sein.
-
-Eva besaß ein kleines, schneeweißes Ponypferd. Es war sanft wie eine
-Wiege, und so ruhig wie seine kleine Herrin. Dieses Pferdchen wurde
-jetzt durch Tom vor die Veranda geführt, während ein kleiner
-Mulattenknabe von ungefähr dreizehn Jahren ein kleines, schwarzes,
-arabisches Pferd heranführte, welches erst kürzlich mit bedeutenden
-Unkosten für Henrique importirt worden war.
-
-Henrique empfand einen knabenhaften Stolz auf sein neues Besitzthum; und
-als er sich deßhalb näherte, und die Zügel aus der Hand seines kleinen
-Reitknechts empfing, blickte er aufmerksam über das Pferd, und seine
-Stirne wurde finster.
-
-»Was ist das, Dodo, Du fauler, kleiner Hund! Du hast mein Pferd diesen
-Morgen nicht geputzt.«
-
-»O ja, Master,« sagte Dodo unterwürfig, »den Staub da hat es sich selbst
-eben angeworfen.«
-
-»Halt Deinen Mund, Du Schlingel!« rief Henrique heftig, seine
-Reitpeitsche aufhebend. »Wie kannst Du Dich erkühnen, zu reden?«
-
-Der Knabe, ein hübsches, helläugiges Mulattenkind, von Henrique's Größe,
-mit dunklem Lockenhaar um eine hohe, kühne Stirne, hatte weißes Blut in
-seinen Adern, wie man deutlich aus der plötzlichen Röthe, die seine
-Wangen überzog, und dem Funkeln seines Auges erkennen konnte, während er
-zu sprechen versuchte.
-
-»Master Henrique! --« begann er.
-
-Henrique schlug ihm mit der Reitpeitsche über das Gesicht, faßte einen
-seiner Arme, und drückte ihn nieder auf die Kniee, und peitschte ihn
-dann so lange, bis er außer Athem war.
-
-»Da, Du unverschämter Hund! Willst Du lernen, mir nicht zu
-widersprechen, wenn ich mit Dir rede? Führe das Pferd zurück, und putze
-es erst ordentlich. Ich werde Dich lehren, was Du zu thun hast!«
-
-»Junger Master!« sagte Tom, »ich denke, was er sagen wollte, war, daß
-das Pferd sich wälzte, als er es herbrachte vom Stalle, -- es ist so
-muthig; -- davon ist es so schmutzig geworden; das Putzen habe ich mit
-angesehen.«
-
-»Halte Deinen Mund, bis Du gefragt wirst!« sagte Henrique, während er
-sich auf dem Absatz umwandte, und die Stufen zu Eva hinaufstieg, welche
-in ihrem Reitkleide in der Veranda stand.
-
-»Liebe Cousine, es thut mir leid, daß dieser dumme Bursche Dich hier so
-lange aufhält,« sagte er. »Komm, laß uns hier niedersitzen und warten,
-bis er die Pferde bringt. Aber was ist Dir denn, Cousine? -- Du siehst
-ja so verstimmt aus.«
-
-»Wie konntest Du so grausam und so schlecht gegen den armen Dodo
-handeln?« sagte Eva.
-
-»Grausam, -- schlecht?« sagte der Knabe mit ungekünsteltem Erstaunen.
-»Was meinst Du, liebe Eva?«
-
-»Ich will nicht, daß Du mich liebe Eva nennest, wenn Du so handelst,«
-entgegnete Eva.
-
-»Liebe Cousine, Du kennst den Dodo nicht; es ist dies der einzige Weg,
-um mit ihm fertig zu werden; er ist so voll von Lügen und
-Entschuldigungen. Man muß ihn gleich ganz zum Schweigen bringen, -- ihn
-gar nicht den Mund öffnen lassen; so macht es Papa.«
-
-»Aber Onkel Tom sagte, es war ein Zufall, und er sagt niemals eine
-Unwahrheit.«
-
-»Dann ist er ein ganz ungewöhnlicher alter Neger!« sagte Henrique. »Dodo
-lügt so schnell, wie er nur sprechen kann.«
-
-»Du schüchterst ihn so ein, daß er lügt, wenn Du ihn so behandelst,«
-sagte Eva.
-
-»In der That, Eva, Du hast eine solche Vorliebe für Dodo gefaßt, daß ich
-anfange, eifersüchtig zu werden.«
-
-»Aber Du schlugst ihn, -- und er hatte es nicht verdient.«
-
-»Gut, so mag es für ein andres Mal gelten, wenn er's verdient, und nicht
-bekömmt. Ein paar Hiebe thun Dodo nie Schaden, -- er ist ein arger
-Bursche, ich versichere Dich; aber ich will ihn nie wieder in Deiner
-Gegenwart züchtigen, wenn es Dir unangenehm ist.«
-
-Eva war nicht zufriedengestellt, aber sah, daß es vergeblich sei, ihre
-Gefühle auszudrücken, da der hübsche Cousin sie nicht verstand.
-
-»Wohl, Dodo, dieses Mal hast Du es besser gemacht,« sagte der junge
-Master mit gnädigerer Miene als vorher. »Komm nun, und halte Miß Eva's
-Pferd, während ich sie in den Sattel hebe.«
-
-Dodo kam, und stand bei Eva's Pony. Sein Gesicht war traurig, und seine
-Augen verriethen, daß er geweint hatte.
-
-Henrique, der sich etwas auf seine Gewandtheit in Allem, was Galanterie
-betraf, zu gut that, hatte seine hübsche Cousine sehr bald im Sattel
-sitzen, und nahm sodann die Zügel zusammen, um sie in ihre Hand zu
-legen. Allein Eva wendete sich nach der andern Seite zu, wo Dodo stand,
-und sagte, als dieser die Zügel fahren ließ: »So ist's recht, Dodo, --
-bist ein guter Junge, ich danke Dir!«
-
-Dodo blickte erstaunt in das sanfte, jugendliche Gesicht, das Blut schoß
-ihm in die Wangen, und Thränen traten in seine Augen.
-
-»Hier, Dodo,« rief sein junger Herr befehlend.
-
-Dodo sprang zu ihm und hielt das Pferd, während Letzterer aufstieg.
-
-»Da ist eine Picayune für Dich, Dodo,« sagte Henrique, »magst Dir
-Zuckerwerk dafür kaufen.«
-
-Henrique galloppirte die Allee hinab, hinter Eva her, und Dodo blieb
-stehen, und blickte beiden Kindern nach. Das eine hatte ihm Geld
-gegeben, und das andere, was ihm mehr Noth that, -- ein freundliches
-Wort. Dodo war nur erst wenige Monate von seiner Mutter entfernt. Sein
-Herr hatte ihn auf einem Sklavenmarkte seines hübschen Gesichtes wegen
-gekauft, um zu dem hübschen arabischen Pferde zu passen, und er empfing
-jetzt von den Händen seines jungen Masters die Dressur.
-
-Die Prügelscene war von den beiden Brüdern St. Clare von einem andern
-Theile des Gartens aus mit angesehen worden. Augustins Wange glühte vor
-Unwillen, aber er bemerkte nur mit der ihm eigenthümlichen sarkastischen
-Nachlässigkeit:
-
-»Ist das vielleicht, was man republikanische Erziehung zu nennen pflegt,
-Alfred?«
-
-»Henrique ist ein Teufel von einem Jungen, wenn er hitzig ist,« sagte
-Alfred nachlässig.
-
-»Ich vermuthe, Du hältst dies für eine nützliche Uebung für ihn,«
-bemerkte Augustin trocken.
-
-»Ich würde es nicht verhindern können, wenn ich's auch nicht thäte.
-Henrique ist ein wahrer, kleiner Sturmwind; -- seine Mutter und ich, wir
-haben ihn längst aufgegeben. Aber dieser Dodo ist auch ein hartnäckiger
-Bursche, -- kein Peitschen kann ihm Schaden thun.
-
-Und bringt Henrique zugleich den ersten Vers seines republikanischen
-Katechismus bei: ›Alle Menschen sind frei und gleich geboren!‹«
-
-»Puh!« sagte Alfred, »das ist eins von Tom Jefferson's Stückchen von
-französischem Sentimentalismus und Unsinn. Es ist förmlich lächerlich,
-daß eine solche Idee noch jetzt unter uns herumspuckt.«
-
-»Ich glaube es auch,« sagte St. Clare bedeutungsvoll.
-
-»Denn,« fuhr Alfred fort, »wir können deutlich genug sehen, daß
-^nicht^ alle Menschen frei und gleich geboren sind; sie sind sehr
-verschieden geboren. Was mich betrifft, so halte ich alles dieses
-republikanische Geschwätz für nichts als Unsinn. Es sind die Gebildeten,
-die Reichen, welche gleiche Rechte haben sollten, aber nicht die
-_canaille_.«
-
-»Wenn Du die _canaille_ von dieser Ansicht überzeugen kannst,« sagte
-Augustin. »In Frankreich sind sie einmal auch an der Reihe gewesen.«
-
-»Natürlich müssen sie ^unter Druck^ gehalten werden, fest und
-consequent, so, wie ich es thun würde,« sagte Alfred, seinen Fuß fest
-niedersetzend, als wenn er auf Jemand stände.
-
-»Es verursacht einen fürchterlichen Fall, wenn sie aufstehen,« bemerkte
-Augustin, -- »zum Beispiel in St. Domingo.«
-
-»Puh!« entgegnete Alfred, »dafür wollen wir hier schon sorgen. Wir
-müssen uns durchaus allen diesen Geschwätzen von Erziehung und Bildung
-entgegen stemmen, die jetzt überall gehört werden. Die untere Klasse muß
-keine Erziehung und Bildung haben.«
-
-»Dafür möchte alles Beten nichts mehr helfen,« sagte Augustin; »eine
-Erziehung werden sie erhalten, und wir haben nur zu sagen, welche. Unser
-System ist, sie in Rohheit und Unmenschlichkeit zu erziehen. Wir
-zerreißen alle menschlichen Bande, und machen sie zu nichts als rohen,
-thierischen Geschöpfen; und als solche werden sie sich zeigen, wenn sie
-je die Oberhand gewinnen sollten.«
-
-»Sie werden nie die Oberhand gewinnen!« sagte Alfred.
-
-»Das ist recht,« entgegnete St. Clare; »laß den Dampf los, schließe das
-Sicherheitsventil, setze Dich dabei, und sieh zu, wo Du landen wirst.«
-
-»Gut,« sagte Alfred, »wir wollen sehen. Ich fürchte mich nicht, am
-Sicherheitsventile zu sitzen, so lange die Dampfkessel stark sind, und
-die Maschine in Ordnung ist.«
-
-»Der Adel in Louis _XVI._ Zeit dachte auch so, und Oestreich und Pius
-_IX._ denken noch so; und eines schönen Morgens könnt Ihr Euch alle
-vielleicht in der Luft begegnen, ^wenn die Dampfkessel gesprungen
-sind^.«
-
-»_Dies declarabit_,« sagte Alfred lachend.
-
-»Ich sage Dir,« fuhr Augustin fort, »wenn in unserer jetzigen Zeit
-irgend Etwas mit der Kraft eines göttlichen Gesetzes offenbart worden
-ist, so ist es das, daß die Massen aufstehen, und die unteren Klassen an
-die Stelle der oberen gestellt werden.«
-
-»Das ist etwas von Deinem rothrepublikanischen Unsinn, Augustin! Warum
-bist Du denn nicht Volksredner geworden? -- Du eignest Dich ganz
-vortrefflich dazu! -- Nun, ich hoffe nur, daß ich todt bin, ehe dieses
-tausendjährige Reich Deiner schmutzigen Massen kommt.«
-
-»Schmutzig oder nicht schmutzig, -- sie werden Dich beherrschen,
-wenn ihre Zeit kommt,« sagte Augustin, »und sie werden grade solche
-Herrscher sein, als wozu Ihr sie macht. Der französische Adel
-wollte das Volk als ›_sans culottes_‹ haben, und er bekam ›_sans
-culottes_‹-Herrscher in vollem Maaße. Das Volk in Hayti --«
-
-»O, laß das, Augustin! -- als wenn wir nicht genug von den
-abscheulichen, verächtlichen Haytiern gehört hätten! Sie waren keine
-Angelsachsen; wenn sie die gewesen wären, so würde die Sache eine andre
-Wendung genommen haben. Das Geschlecht der Angelsachsen ist das
-herrschende auf der Erde, und verdient es zu sein.«
-
-»Nun, ich glaube, es ist jetzt eine gute Quantität angelsächsisches Blut
-unter unseren Sklaven,« sagte Augustin. »Es giebt Viele unter ihnen, die
-von dem afrikanischen grade nur so viel haben, um unserer berechnenden
-Ruhe und Sicherheit etwas tropische Wärme zu verleihen. Wenn jemals die
-St. Domingo-Stunde hier schlagen sollte, so wird das angelsächsische
-Blut der Führer des Tages sein. Söhne weißer Väter, mit allem unserem
-Stolze in ihren Adern, werden nicht immer gekauft und verkauft werden,
-und Gegenstand des Handels sein. Sie werden sich erheben, und das
-Geschlecht ihrer Mütter zugleich mit.«
-
-»Unsinn!« rief Alfred.
-
-»Gut,« sagte Augustin, »es gibt ein altes Sprichwort, des Inhalts: ›So
-wie es zur Zeit Noah's war, so wird es wieder sein; -- sie aßen, sie
-tranken, sie pflanzten, sie bauten, und wußten es nicht, bis die Fluth
-kam und sie verschlang.‹«
-
-»Im Ganzen genommen, Augustin, dächte ich, hättest Du hinreichendes
-Talent für einen Kunstreiter,« sagte Alfred lachend. »Sei Du nur nicht
-für uns besorgt; Besitz ist unsere Festung. Wir haben die Macht; und
-dieses verworfene Geschlecht,« sagte er, mit dem Fuße stampfend, »ist
-unten, und soll unten bleiben! Wir besitzen Energie genug, um unser
-eignes Pulver richtig anzuwenden.«
-
-»Söhne, die wie Dein Henrique erzogen sind, werden vortreffliche
-Aufseher unserer Pulvermagazine abgeben,« sagte Augustin, -- »so ruhig
-und überlegend! Das Sprichwort sagt: ›Wer sich nicht selbst beherrschen
-kann, ist nicht im Stande, Andere zu beherrschen.‹«
-
-»Es ist da allerdings ein Uebelstand,« sagte Alfred gedankenvoll; »es
-läßt sich nicht in Abrede stellen, daß unser System nicht sonderlich
-dazu geeignet ist, Kinder zu erziehen. Es läßt den Leidenschaften zu
-großen Spielraum, welche in unserem Klima ohnedies schon heiß genug
-sind. Henrique verursacht mir viel Unruhe. Der Knabe ist edelmüthig, und
-hat ein warmes Herz, aber ist eine wahre Rakete, sobald er sich in
-Aufregung befindet. Ich glaube, ich werde ihn nach Norden senden müssen,
-wo Gehorsam mehr an der Tagesordnung ist, und wo seine Gesellschafter
-mehr seines Gleichen, und weniger seine Untergebenen sind.«
-
-»Da Kindererziehung ein für das menschliche Geschlecht so wichtiger
-Gegenstand ist,« sagte Augustin, »so sollte ich denken, daß es einige
-Betrachtung verdiente, weshalb unser System nicht gut ist.«
-
-»Es ist in manchen Beziehungen mangelhaft,« sagte Alfred, »während es in
-andern die besten Erfolge hat. Es macht Knaben männlich und muthig, und
-die Laster eines verworfenen Geschlechtes wirken dahin, in ihnen die
-denselben entgegengesetzten Tugenden zu stärken und zu befestigen. Ich
-glaube zum Beispiel, daß Henrique um so mehr Gefühl für die Schönheit
-der Wahrheit hat, als er Lug und Trug stets als Kennzeichen der
-Sklaverei gesehen hat.«
-
-»Das ist eine ächt christliche Anschauung der Sache, ohne Zweifel!«
-sagte Augustin.
-
-»Sie ist wahr, ob christlich oder nicht,« sagte Alfred, »und doch
-vielleicht eben so christlich, wie viele andre Dinge in der Welt.«
-
-»Das mag sein,« entgegnete St. Clare.
-
-»Unser Gespräch führt zu nichts, Augustin. Ich glaube, wir haben diesen
-Kreislauf bereits fünfhundertmal gemacht. Was meinst Du zu einer Partie
-Puff?«
-
-Die beiden Brüder sprangen die Stufen der Veranda hinauf, und saßen bald
-vor einem leichten Tische von Bambus, mit dem Puffbrette zwischen
-ihnen.
-
-»Ich sage Dir, Augustin, wenn ich so dächte, wie Du, so würde ich
-wenigstens Etwas thun.«
-
-»Wahrscheinlich, -- denn Du gehörst zu der thätigen Klasse von Menschen,
--- aber was denn?«
-
-»Ich würde meine eigenen Sklaven zum Muster für Andere erziehen,« sagte
-Alfred mit einem halb höhnischen Lächeln.
-
-»Du könntest eben so wohl den Berg Aetna flach auf sie stellen, und
-ihnen heißen, darunter aufzustehen, wie mir rathen, meine Sklaven unter
-dieser erdrückenden Masse der Gesellschaft zu erziehen. Ein Mann allein
-kann gegen den Strom einer ganzen Commune nichts thun.«
-
-»Du hast den ersten Wurf,« sagte Alfred, und beide Brüder waren bald in
-ihr Spiel vertieft, und hörten nichts mehr, bis der Schall von
-Pferdehufen unter der Veranda erklang.
-
-»Da kommen die Kinder,« sagte Augustin, aufstehend. »Sieh' da, Alf, hast
-Du jemals etwas so Schönes gesehen?«
-
-Und es war in der That ein schöner Anblick. Henrique mit seiner hohen,
-kühnen Stirn, seinen dunkelen, glänzenden Locken, und seiner glühenden
-Wange, lachte heiter, während er sich an seine schöne Cousine wendete,
-und Beide näher kamen. Eva trug ein blaues Reitkleid, mit einer Mütze
-von derselben Farbe. Die Bewegung hatte ihren Wangen höhere Farbe
-verliehen, und ließ ihre wunderbar durchsichtige Haut und ihr goldenes
-Haar noch eindrucksvoller erscheinen.
-
-»Gott im Himmel! welche blendende Schönheit ist das!« rief Alfred. »Ich
-sage Dir, August, -- wird sie nicht bald schon Manchem das Herz schwer
-machen?«
-
-»Ja, nur zu sehr, -- Gott weiß, ich fürchte es!« sagte St. Clare mit
-plötzlich bitterem Tone, während er hinunter eilte, um sie
-herabzuheben.
-
-»Eva, Liebling! bist Du nicht sehr ermüdet?« sagte er, indem er sie in
-seine Arme nahm.
-
-»Nein, Papa,« entgegnete sie; allein ihr kurzer, scharfer Athem
-beunruhigte ihren Vater lebhaft.
-
-»Wie konntest Du so scharf reiten, liebes Kind? -- Du weißt, es ist Dir
-so nachtheilig.«
-
-»Ich fühle mich so wohl, Papa, und es gefiel mir so sehr, daß ich es
-vergaß.«
-
-St. Clare trug sie auf seinen Armen in das Zimmer, und legte sie auf das
-Sopha.
-
-»Henrique, Du mußt vorsichtiger mit Eva sein,« sagte er, »Du mußt nicht
-so scharf mit ihr reiten.«
-
-»Ich will sie unter meine Pflege nehmen,« sagte Henrique, setzte sich an
-das Sopha, und nahm ihre Hand in die seinige.
-
-Eva fühlte sich bald besser. Ihr Vater und Onkel setzten ihr Spiel fort,
-und die Kinder waren sich selbst überlassen.
-
-»Weißt Du, Eva, es ist recht schade, Papa will nur zwei Tage hier
-bleiben, und dann sehe ich Dich so lange nicht wieder. Wenn ich hier
-bliebe bei Dir, würde ich mir rechte Mühe geben, immer gut zu sein, und
-nie Dodo hart zu behandeln. Ich will Dodo nichts Böses zufügen, aber,
-siehst Du, ich habe ein so hitziges Temperament. Ich bin nicht immer
-häßlich gegen ihn; ich gebe ihm manchmal eine Picayune. Ich glaube auch,
-im Ganzen genommen hat es Dodo recht gut.«
-
-»Würdest Du glauben, daß Du es gut hättest, wenn Dir kein Wesen der Welt
-nahe wäre, das Dich liebte?«
-
-»Ich? -- natürlich nicht.«
-
-»Und Du hast Dodo von allen den Freunden, die er hatte, fortgerissen,
-und nun hat er Niemanden mehr, der ihn lieb hat; -- wer kann unter
-solchen Umständen gut sein!«
-
-»Nun, ich kann's nicht ändern, ich wüßte wenigstens nicht wie. Ich kann
-nicht seine Mutter holen, und ich kann ihn nicht selbst lieben, oder
-irgend ein Andrer, so viel ich weiß.«
-
-»Warum kannst Du nicht?« fragte Eva.
-
-»Dodo lieben? Wie, Eva, das wirst Du doch nicht von mir verlangen! Ich
-kann ihn wohl ganz ^gern haben^; aber Du liebst doch Deine Dienstboten
-nicht.«
-
-»Gewiß thue ich das.«
-
-»Wie sonderbar!«
-
-»Befiehlt uns die Bibel nicht, alle Menschen zu lieben?«
-
-»O, die Bibel! Ja, die sagt wohl viele Sachen; aber es denkt wohl
-Niemand daran, sie zu thun, -- das weißt Du doch, Eva?«
-
-Eva antwortete nicht; ihre Augen waren einige Sekunden lang starr und
-sinnend.
-
-»Auf jeden Fall,« sagte sie endlich, »lieber Cousin, bitte, habe den
-armen Dodo lieb, und sei freundlich gegen ihn, mir zu Liebe!«
-
-»Dir zu Liebe könnte ich wer weiß was lieb haben; denn, wahrlich, ich
-glaube, Du bist das liebenswürdigste Wesen, das ich je gesehen habe,
-liebe Cousine!« sagte Henrique mit einem solchen Ernste und Eifer, daß
-sein hübsches Gesicht glühte.
-
-Eva empfing diese Erklärung mit vollständiger Einfalt des Herzens, und
-ohne daß sich ein Zug ihres Gesichtes veränderte. Sie sagte nur: »Das
-freut mich, lieber Henrique! Ich hoffe, Du wirst es nicht vergessen.«
-
-Der Schall der Mittagsglocke machte hier der Unterhaltung ein Ende.
-
-
-
-
-Vierundzwanzigstes Kapitel.
-
-Vorboten.
-
-
-Zwei Tage später reiste Alfred St. Clare mit seinem Sohne wieder ab, und
-Eva, die durch die Gesellschaft ihres jungen Cousin zu Anstrengungen
-veranlaßt worden war, welche ihre Kräfte überstiegen, begann von nun an
-schwächer und schwächer zu werden. St. Clare verstand sich endlich dazu,
-ärztliche Hülfe in Anspruch zu nehmen, wovor er sich bisher immer
-deßhalb gescheut hatte, weil es das Zugeständniß einer traurigen
-Wahrheit enthielt. Allein Eva fühlte sich einige Tage lang so krank, daß
-sie selbst das Haus nicht mehr verlassen konnte, -- und so wurde der
-Arzt gerufen.
-
-Marie St. Clare hatte das allmählige Abnehmen der Gesundheit und der
-Kräfte des Kindes nicht beachtet, weil ihre ganze Aufmerksamkeit sich
-darauf gerichtet hatte, zwei oder drei neue Krankheitsarten zu studiren,
-deren Opfer sie selbst zu sein glaubte. Es war Mariens erster und
-unumstößlicher Glaubensartikel, daß Niemand so viel leide und leiden
-könne, wie sie selbst; und aus diesem Grunde wies sie stets alle
-Andeutungen, daß irgend Jemand ihrer Umgebung krank sein könne, mit
-Unwillen zurück. Sie war in solchem Falle stets dessen gewiß, daß es nur
-Trägheit oder Mangel an Energie sein könne, woran Jene litten, und daß
-sie, wenn sie ein Leiden wie das ihrige zu tragen hätten, sehr bald den
-Unterschied erkennen würden.
-
-Miß Ophelia hatte mehrmals versucht, ihre mütterliche Besorgniß für Eva
-zu erwecken; aber vergeblich.
-
-»Ich sehe nicht, was dem Kinde fehlen soll,« pflegte sie zu sagen, »sie
-läuft ja umher und spielt.«
-
-»Aber sie hat den Husten.«
-
-»Husten! -- Sie brauchen mir nicht zu sagen, was Husten ist. Ich habe am
-Husten gelitten, so lange ich lebe. Als ich in Eva's Alter war, dachten
-Alle, ich hätte die Auszehrung. Nacht für Nacht mußte Mammy bei mir
-wachen. O! Eva's Husten ist gar nichts.«
-
-»Aber sie wird immer schwächer, und ihr Athem immer kürzer.«
-
-»Mein Gott! Das habe ich jahrelang gehabt; 's ist nichts als etwas
-Nervenschwäche.«
-
-»Aber sie hat des Nachts auch so starken Schweiß.«
-
-»So, -- habe ich denn den nicht schon seit zehn Jahren? Fast Nacht für
-Nacht ist meine Wäsche zum Ausringen naß, und das Bettzeug so feucht,
-daß Mammy es aufhängen muß, um es zu trocknen! Eva's Schweiß ist doch
-damit nicht zu vergleichen!«
-
-Miß Ophelia sagte eine Zeit lang gar nichts mehr, allein, als Eva
-endlich bettlägerig geworden und ein Arzt herbeigerufen worden war, nahm
-Marie plötzlich eine andere Wendung.
-
-»Sie habe es gewußt,« sagte sie, »sie habe es immer gefühlt, daß sie
-bestimmt sei, die unglücklichste aller Mütter zu sein. Da liege sie nun
-mit ihrer leidenden Gesundheit, und müsse ihr einziges Kind, ihren
-Liebling vor ihren Augen zu Grabe gehen sehen.«
-
-»Meine liebe Marie,« pflegte dann St. Clare zu sagen, »sprich nicht so!
-Du solltest an ihrem Zustande nicht gleich ganz verzweifeln.«
-
-»O Du hast nicht die Empfindungen einer Mutter, St. Clare! Du hast mich
-nie verstehen können! -- und jetzt am allerwenigsten!«
-
-»Aber sprich doch nur nicht so, als wenn alle Hoffnung verloren wäre!«
-
-»Ich kann die Sache nicht so leicht nehmen, wie Du, St. Clare. Wenn Du
-es nicht fühlst, wenn Dein Kind in einem so hoffnungslosen Zustande ist,
--- ich fühle es! Der Schlag ist für mich zu hart, mit alle dem, was ich
-vorher schon gelitten habe.«
-
-»Es ist wahr,« entgegnete St. Clare, »daß Eva von Natur sehr schwächlich
-ist, und daß ihre Kräfte durch zu schnelles Wachsen in hohem Grade
-erschöpft sind, und daß ihr Zustand sehr bedenklich ist; allein gerade
-jetzt ist sie nur durch die Hitze der Jahreszeit auf's Bett geworfen
-worden, wozu die Aufregung und die Anstrengungen beigetragen haben, die
-durch den Besuch ihres jungen Cousin verursacht worden sind. Der Arzt
-sagt, es sei noch nicht alle Hoffnung verloren.«
-
-»Gut, natürlich, wenn Du die Sache noch aus einem günstigen Lichte
-betrachten kannst, so thue es; -- es ist eine Wohlthat in dieser Welt,
-wenn die Menschen keine tiefen Gefühle haben. Ich wollte, ich hätte auch
-keine, denn sie machen mich nur noch elender! -- Ich wünschte, ich
-^könnte^ eben so sorglos darüber sein wie Ihr andern alle!«
-
-Eine oder zwei Wochen später zeigte sich plötzlich eine günstige
-Veränderung der Symptome, -- eine jener trügerischen Windstillen, durch
-die jene unerbittliche Krankheit so oft das angstvolle Herz noch am
-Rande des Grabes täuscht. Eva's Tritt schwebte wieder durch den Garten,
-durch die Balkone, -- sie spielte wieder und lachte wieder, und ihr
-Vater erklärte in seinem Entzücken, daß sie bald wieder so gesund sein
-solle, wie je zuvor. Nur Miß Ophelia und der Arzt schöpften keine neuen
-Hoffnungen aus diesem trügerischen Wechsel. Und noch ein anderes Herz
-schlug, das auch dieselbe Gewißheit in sich fühlte, und das war Eva's
-kleines Herz. Was für eine Stimme ist das, die zuweilen im Herzen so
-ruhig, so deutlich spricht, daß seine irdische Zeit bald abgelaufen sei?
-Ist es der geheime Instinkt der vergehenden Natur, oder ist es ein
-ahnender Herzschlag, wenn die Ewigkeit uns näher rückt? Was es auch
-sei, in Eva's Herzen war die ruhige, süße, prophetische Gewißheit
-vorhanden, daß der Himmel ihr nahe sei, und nur der Schmerz um
-diejenigen, die sie so innig liebten, beunruhigte ihr kleines Herz. Denn
-das Kind, obgleich es so zärtlich auferzogen worden war, und obgleich
-sich das Leben vor ihm mit allem Glanze ausbreitete, den Liebe und
-Reichthum gewähren können, empfand dennoch keinen Schmerz über sein
-nahendes Scheiden. In jenem Buche, in dem sie mit ihrem schlichten,
-alten Freunde so viel gelesen, hatte sie das Bild Eines gefunden und in
-ihr Herz geschlossen, der das kleine Kind liebte; und während sie sann
-und an ihn dachte, hatte er aufgehört, ein bloßes Bild und Gemälde zu
-sein, und war eine lebendige, Alles umfassende Wirklichkeit geworden.
-Seine Liebe umschloß ihr kindliches Herz mit mehr als menschlicher
-Zärtlichkeit, und zu Ihm, nach Seinem Hause, sagte sie, daß sie gehe.
-
-Aber ihr Herz dachte mit wehmüthiger Zärtlichkeit an alle diejenigen,
-die sie zurücklassen mußte; zunächst an ihren Vater, -- denn, obgleich
-sie sich dessen nicht deutlich bewußt war, hatte sie dennoch das
-instinktmäßige Gefühl, daß sie seinem Herzen mehr angehöre, als irgend
-einem andern. Sie liebte ihre Mutter, weil ihr ganzes Wesen Liebe war,
-und alle die Selbstsucht, die sie an ihr wahrnahm, verursachte ihr nur
-Betrübniß und Verwunderung; denn sie hatte das dunkle, kindliche Gefühl,
-daß ihre Mutter nicht unrecht thun könne. Eben so gedachte sie mit Liebe
-jener treuen, anhänglichen Dienstboten, für die sie wie Tageslicht und
-Sonnenschein gewesen war. Kinder generalisiren in der Regel nicht,
-allein Eva war ein ungewöhnlich reifes Kind, und was sie von den Uebeln
-jenes Systems gesehen hatte, unter dem jene Unglücklichen lebten, war
-eins nach dem andern in die Tiefen ihres sinnenden Gemüthes gesunken.
-Sie empfand ein dunkles Sehnen, irgend etwas für sie zu thun, -- ein
-Sehnen, das in so grellem Gegensatze zu der Gebrechlichkeit ihrer
-kleinen, körperlichen Hülle stand.
-
-»Onkel Tom,« sagte sie eines Tages, als sie ihm vorlas, -- »ich kann es
-mir erklären, weßhalb Jesus für uns sterben ^wollte^.«
-
-»Weßhalb, Miß Eva?«
-
-»Weil ich grade dasselbe Gefühl auch habe.«
-
-»Welches Gefühl, Miß Eva? -- ich verstehe Sie nicht.«
-
-»Ich kann es Dir nicht beschreiben: aber als ich jene unglücklichen
-Wesen auf dem Schiffe sah, -- Du weißt ja, als wir zusammen hierher
-fuhren, -- von denen einige ihre Mütter verloren hatten, und andere um
-ihre Männer, und noch andere um ihre Kinder weinten, -- und als ich von
-der armen Prue hörte, -- o, war das nicht schrecklich! -- da dachte ich,
-ich würde gern sterben, wenn mein Tod allem diesem Elend ein Ende machen
-könnte. -- Ich würde ^gern^ sterben, gewiß, Tom, wenn ich könnte,«
-fügte sie lebhafter hinzu, indem sie ihre kleine Hand auf die seinige
-legte.
-
-Tom blickte mit Ehrfurcht auf das Kind, und als es auf den Ruf seines
-Vaters davon eilte, trocknete er seine Augen viele, viele Male, während
-er ihr nachschaute.
-
-»'s ist vergeblich, Miß Eva hier behalten zu wollen,« sagte er zu Mammy,
-der er gleich nachher begegnete; -- »sie hat schon das Zeichen des Herrn
-auf ihrer Stirn.«
-
-»Ach, ja, ja,« sagte Mammy, ihre Hände aufhebend; -- »habe immer das
-gesagt. Sie war nie, wie ein Kind ist, das leben soll, -- 's war immer
-so 'was Tiefes in ihren Augen. Hab's Missis oft genug gesagt, -- 's muß
-wahr werden, -- wir sehen's Alle, -- das liebe, kleine Lamm!«
-
-Eva trippelte die Stufen der Veranda hinauf zu ihrem Vater. Es war spät
-am Nachmittage, und die Strahlen der Sonne bildeten eine Art Glorie
-hinter ihr, während sie sich ihm nahte in ihrer weißen Kleidung, mit dem
-goldenen Haar, den glühenden Wangen und den vom langsamen Fieber, das in
-ihren Adern brannte, unnatürlich glänzenden Augen.
-
-St. Clare hatte sie gerufen, um ihr eine kleine Statue zu zeigen, die er
-für sie gekauft hatte; aber ihre Erscheinung, als sie sich näherte,
-ergriff ihn plötzlich auf schmerzhafte Weise. Es gibt eine Art
-hinreißender, aber so gebrechlicher Schönheit, daß wir sie kaum zu
-betrachten vermögen. Ihr Vater drückte sie heftig in seine Arme, und
-vergaß beinahe, was er ihr hatte sagen wollen.
-
-»Eva, mein liebes Kind, Du bist jetzt besser, -- nicht wahr?«
-
-»Papa,« sagte Eva mit plötzlicher Festigkeit, -- »ich habe Dir Etwas
-sagen wollen -- schon seit langer Zeit. Ich will es Dir jetzt sagen, ehe
-ich noch schwächer werde.«
-
-St. Clare zitterte, während Eva sich auf seinen Schooß setzte. Sie legte
-ihren Kopf an seinen Busen und sagte:
-
-»Es nützt nichts, Papa, daß ich es noch länger bei mir behalte. Die Zeit
-naht, wo ich Dich verlassen muß. Ich gehe und kehre nie wieder!« sagte
-sie schluchzend.
-
-»O nein, meine liebe kleine Eva!« sagte ihr Vater bebend, während er
-sprach, aber einen heitern Ton annehmend, »Du bist angegriffen und
-niedergeschlagen, aber Du mußt Dich nicht so düsteren Gedanken hingeben.
-Sieh' hier, ich habe eine kleine Statue für Dich gekauft!«
-
-»Nein, Papa,« entgegnete Eva, sie sanft bei Seite schiebend, -- »täusche
-Dich nicht selbst! Ich bin ^nicht^ besser, ich fühle das recht wohl,
--- und ich gehe bald. Ich bin nicht angegriffen, -- ich bin nicht
-niedergeschlagen. Wenn es nicht Deinethalben wäre, Papa, und um meiner
-Freunde willen, so wäre ich ganz glücklich. Ich gehe gern, -- ich sehne
-mich danach!«
-
-»Wie, Kind, was hat denn Dein armes kleines Herz so traurig gemacht? Du
-hast Alles gehabt, was möglich war, um Dich glücklich zu machen.«
-
-»Ich möchte lieber im Himmel sein, obgleich ich um meiner Freunde willen
-gern lebte. Es gibt hier so viele Dinge, die mich traurig machen, die
-mir schrecklich erscheinen; -- deßhalb möchte ich lieber dort sein, --
-aber ich verlasse Dich nicht gern, -- es bricht mir beinahe das Herz.«
-
-»Was macht Dich denn so traurig und erscheint Dir so schrecklich, Eva?«
-
-»O, Dinge, die immer und immer geschehen. Unsere armen Leute thun mir
-leid; sie haben mich so lieb und sind alle so gut gegen mich. Ich
-wünschte, Papa, sie wären alle ^frei^.«
-
-»Wie, Eva, glaubst Du denn nicht, daß sie es alle gut haben?«
-
-»Ja, aber, Papa, wenn Dir irgend etwas zustoßen sollte, was würde dann
-aus ihnen werden? Es gibt wohl wenige Menschen, die so wie Du sind.
-Onkel Alfred ist nicht so und Mamma ist nicht so; und dann denke nur
-einmal an die Herrschaft der armen, alten Prue! was für schreckliche
-Dinge Menschen begehen können!« sagte Eva schaudernd.
-
-»Mein liebes Kind, Du bist zu reizbar. Ich bereue es, daß ich Dich
-jemals solche Dinge habe hören lassen.«
-
-»O, sieh, Papa, das ist's, was mich beunruhigt. Du willst, daß ich
-glücklich leben und nie Schmerzen, -- nie Leiden haben, -- selbst nicht
-einmal eine traurige Geschichte hören soll, während andere arme Wesen
-nichts als Schmerz und Kummer ihr ganzes Leben lang haben, -- ist das
-nicht selbstsüchtig? Ich muß solche Sachen hören und darüber denken!
-Solche Sachen sanken mir immer in's Herz, -- tief, tief, und ich habe
-darüber gedacht und gedacht. Papa, ist denn gar kein Weg möglich, um
-alle Sklaven frei zu machen?«
-
-»Das ist eine schwierige Frage, Kind. Ohne Zweifel ist ihr jetziges Loos
-ein sehr trauriges. Viele Menschen denken so und ich selbst denke so.
-Von Herzen wünschte ich, daß es im ganzen Lande keinen Sklaven gäbe;
-aber ich weiß nicht, wie das zu erreichen ist.«
-
-»Papa, Du bist so gut und so edel und so freundlich, und weißt Alles so
-hübsch zu sagen, -- könntest Du denn nicht zu allen Leuten herumgehen,
-und sie zu überreden suchen, dieses Unrecht abzustellen? Wenn ich todt
-bin, Papa, dann wirst Du an mich denken, und es um meinetwillen thun.
-Ich würde es selbst thun, wenn ich könnte.«
-
-»Wenn Du todt bist, Eva?« sagte St. Clare leidenschaftlich. »O Kind,
-sage nicht so etwas zu mir; -- Du bist ja mein Alles, was ich auf Erden
-besitze.«
-
-»Das Kind der armen, alten Prue war auch Alles, was sie besaß, -- und
-dennoch mußte sie es schreien hören und durfte ihm nicht helfen! Papa,
-diese armen Wesen lieben ihre Kinder eben so sehr wie Du mich liebst. O,
-thue etwas für sie! Die arme Mammy liebt ihre Kinder auch; ich habe
-gesehen, wie sie weinte, wenn sie von ihnen sprach. Und Tom liebt seine
-Kinder, und ist es nicht schrecklich, Papa, daß solche Dinge immer und
-immerfort geschehen?«
-
-»Still, still, mein Liebling,« sagte St. Clare beruhigend: »beunruhige
-Dich nur nicht so sehr, und sprich mir nicht von sterben, und ich will
-Alles thun, was Du willst.«
-
-»Und versprich mir, lieber Vater, daß Tom seine Freiheit haben soll,
-sobald« -- sie hielt inne und fügte zaudernd hinzu -- »ich nicht mehr da
-bin!«
-
-»Ja, mein Kind, ich will Alles -- Alles in der Welt thun, um was Du mich
-bittest.«
-
-»Mein lieber Vater,« sagte dann das Kind, indem es seine brennende
-Wange an die seinige legte, »wie sehr wünschte ich, daß wir zusammen
-gehen könnten!«
-
-»Wohin, mein Liebling?« fragte St. Clare.
-
-»Nach der Heimath unseres Erlösers; -- da ist Alles so schön, so
-friedlich, -- so liebreich!« Das Kind sprach unbewußt wie von einem
-Platze, wo es oft gewesen war. »Willst Du nicht mit gehen, Papa?« fügte
-sie hinzu.
-
-St. Clare drückte sie fester an sich, aber schwieg.
-
-»Du wirst zu mir kommen,« sagte das Kind in einem Tone ruhiger
-Bestimmtheit, in welchem es oft unbewußt sprach.
-
-»Ich folge Dir, -- ich werde Dich nicht vergessen.«
-
-Die Schatten dieses feierlichen Abends legten sich dichter und dichter
-um sie, während St. Clare schweigend da saß und die kleine gebrechliche
-Körperform an seinem Busen hielt. Er sah nicht mehr die tiefen Augen,
-aber ihre Stimme berührte ihn wie eine Geisterstimme, und sein ganzes
-vergangenes Leben stieg in einem Augenblick vor seinen Augen auf, als
-sollte darüber Gericht gehalten werden: Die Gebete und Hymnen seiner
-Mutter; sein eignes früheres Sehnen und Streben nach dem Guten; und
-zwischen jener Zeit und der gegenwärtigen Stunde Jahre von Weltlichkeit,
-Ungläubigkeit und was die Menschen anständiges Leben nennen. Wir können
-^viel^, sehr viel in einem Augenblicke denken. St. Clare sah und
-dachte viel, aber sagte nichts. Und als es dunkler wurde, trug er sein
-Kind in das Schlafzimmer; und nachdem es zur Nachtruhe vorbereitet
-worden war, sandte er die Dienstboten hinweg und wiegte es in seinen
-Armen, und sang es ein, bis es entschlummert war.
-
-
-
-
-Fünfundzwanzigstes Kapitel.
-
-Der kleine Evangelist.
-
-
-Es war Sonntag Nachmittag. St. Clare lag auf einem Sitze von Bambusrohr
-in der Veranda ausgestreckt und ergötzte sich am Genuß einer Cigarre.
-Marie lag auf ihrem Sopha, dem Fenster gegenüber, welches nach der
-Veranda ging, unter einer Dachung von durchsichtiger Gaze gegen die
-Angriffe der Moskito geschützt, und hielt ein elegant eingebundenes
-Gebetbuch in der Hand. Sie hielt es in der Hand, weil es Sonntag war,
-und bildete sich ein, sie habe darin gelesen, -- obgleich sie in
-Wirklichkeit nur, mit dem offenen Buche in der Hand, eine Reihenfolge
-kurzer Schläfe durchgemacht hatte.
-
-Miß Ophelia, die nach längerem Suchen eine kleine methodistische
-Versammlung in der Umgegend entdeckt hatte, war mit Tom als Kutscher
-ausgefahren, um derselben beizuwohnen, und Eva hatte sie begleitet.
-
-»Augustin,« sagte Marie, von einem Schlummer erwachend, »ich sage Dir,
-ich muß nach der Stadt schicken und meinen alten Doctor Posey holen
-lassen; ich glaube gewiß, ich habe eine Herzkrankheit.«
-
-»Weßhalb hast Du denn nöthig, nach ihm zu schicken? Der Arzt, welcher
-Eva behandelt, scheint geschickt und erfahren zu sein.«
-
-»Ich möchte mich ihm doch in einem gefährlichen Falle nicht anvertrauen,
-und ich fürchte, der meinige wird ein solcher werden! Ich habe seit
-zwei, drei Nächten darüber nachgedacht. Die Schmerzen, die ich leide,
-sind unbeschreiblich, und dabei habe ich so sonderbare Empfindungen.«
-
-»O Marie, Du faselst, -- ich glaube nimmermehr, daß Du eine
-Herzkrankheit hast.«
-
-»Natürlich, ^Du^ glaubst es nicht,« entgegnete Marie, »ich konnte mir
-denken, daß Du ^das^ sagen würdest. Du kannst sehr besorgt sein, wenn
-Eva ein wenig hustet oder ihr sonst das Geringste fehlt! aber an mich
-denkst Du nie.«
-
-»Wenn es Dir besonderes Vergnügen macht, eine Herzkrankheit zu haben,
-gut, so will ich versuchen, es steif und fest zu glauben,« sagte St.
-Clare; »ich wußte nicht, daß das der Fall war.«
-
-»Ich will nur wünschen, daß Dir Dein Spott nicht leid thue, wenn es zu
-spät ist,« sagte Marie, »aber Du magst es glauben oder nicht, meine
-Angst und Unruhe um Eva, und die Anstrengungen, denen ich mich um dieses
-lieben Kindes willen unterzogen, haben jetzt vollständig entwickelt, was
-ich längst gefürchtet habe.«
-
-Worin die Anstrengungen bestanden, deren Marie erwähnte, würde schwer zu
-bestimmen gewesen sein. St. Clare lieferte sich selbst im Stillen diesen
-Commentar, und fuhr in seiner Hartherzigkeit fort zu rauchen, bis ein
-Wagen vor der Veranda erschien, aus welchem Eva und Miß Ophelia
-ausstiegen.
-
-Miß Ophelia ging geraden Wegs nach ihrem Zimmer, um ihren Hut und Shawl
-abzulegen, was ihre feststehende Gewohnheit war, ehe sie ein Wort über
-irgend einen Gegenstand sprach, während Eva auf St. Clare's Ruf zu ihm
-kam, sich auf sein Knie setzte, und ihm über den Gottesdienst, welchem
-sie beigewohnt hatte, Bericht erstattete.
-
-Bald darauf hörten sie aus Miß Ophelia's Zimmer, welches gleichfalls
-nach der Veranda hinausging, laute Ausrufungen erschallen, und heftige
-Vorwürfe, die an irgend Jemanden gerichtet wurden.
-
-»Was für neue Teufelsstreiche hat Tops ausgeführt?« fragte St. Clare.
-»Diese Scene rührt von ihr her, -- ich will darauf wetten!«
-
-Einen Augenblick später erschien Miß Ophelia in höchster Aufregung und
-schleppte die Sünderin hinter sich her.
-
-»Jetzt komm' hier herein!« sagte sie. »Ich will es Deinem Herrn sagen!«
-
-»Was gibt's denn nun?« fragte St. Clare.
-
-»Die Sache ist die, daß ich mich nicht länger mit dem Kinde plagen kann.
-Es geht mit ihr über alle Grenzen der Geduld hinaus; Fleisch und Blut
-kann es nicht ertragen! Hier, ich schloß sie ein und gab ihr eine Hymne
-zu lernen; und was thut sie statt dessen? -- spionirt aus, wo ich meinen
-Schlüssel hingethan habe, geht an mein Büreau, und nimmt einen Hutbesatz
-heraus, und schneidet ihn in Stücke, um Puppenjacken daraus zu machen!
-Ich habe nie in meinem Leben etwas Aehnliches von einem Kinde gesehen!«
-
-»Ich sagte Ihnen vorher, Cousine,« bemerkte Marie; »daß diese Geschöpfe
-nicht ohne Strenge aufgezogen werden können. Wenn ich jetzt ^meinem^
-Willen folgen könnte,« fügte sie hinzu, indem sie vorwurfsvoll auf St.
-Clare blickte, »so würde ich das Kind fortschicken, und es gründlich
-auspeitschen lassen, -- so lange, bis es nicht mehr stehen könnte.«
-
-»Ich hege keine Zweifel darüber,« sagte St. Clare. »Das ist zarte
-Weiblichkeit! Ich habe in meinem ganzen Leben nicht mehr als höchstens
-ein Dutzend Frauenzimmer kennen gelernt, die nicht ein Pferd oder einen
-Sklaven halb umbringen würden, wenn sie mit ihnen verfahren könnten, wie
-sie wollten!«
-
-»Deine nichtssagende Behandlungsweise, St. Clare, ist von gar keinem
-Nutzen,« erwiederte Marie. »Cousine ist ein verständiges Frauenzimmer,
-und sieht es jetzt eben so deutlich ein, wie ich.«
-
-Miß Ophelia konnte genau zu einem solchen Grade von Unwillen und
-Aufregung gebracht werden, der bei einer Hausfrau, die ihren Geschäften
-mit Leib und Seele vorsteht, natürlich ist, und dieser Grad war durch
-die Arglist und Unart des Kindes vollständig erregt worden; allein
-Mariens Worte gingen noch viel weiter, und dämpften deshalb Ophelias
-Hitze.
-
-»Ich möchte das Kind um Alles in der Welt nicht so behandeln lassen,«
-sagte sie; »aber gewiß ist, Augustin, ich weiß nicht mehr, was ich mit
-ihr machen soll. Ich habe gelehrt und gelehrt; ich habe ihr
-Vorstellungen gemacht, bis ich des Redens müde war; ich habe sie
-gezüchtigt, ich habe sie gestraft auf jede nur denkbare Weise, -- und
-dennoch ist sie nicht ein Haar breit anders, als sie von Anfang an
-gewesen ist.«
-
-»Komm' hierher, Tops, Du Affe!« sagte St. Clare, das Kind zu sich
-rufend.
-
-Topsy näherte sich ihm. Ihre grellen, runden Augen glänzten und
-funkelten von einer Mischung von Furcht und ihrer gewöhnlichen
-Schalkhaftigkeit.
-
-»Warum beträgst Du Dich so?« sagte St. Clare, der sich über den
-sonderbaren Gesichtsausdruck des Kindes kaum des Lachens enthalten
-konnte.
-
-»Denke, 's ist mein schlechtes Herz,« sagte Topsy ganz ernsthaft; »Miß
-Feely sagt so.«
-
-»Siehst Du nicht, was Miß Ophelia alles für Dich gethan hat? Sie sagt,
-sie habe Alles gethan, was sie nur habe erdenken können.«
-
-»Ja, Master! alte Missis sagte auch so. Sie peitschte mich ganz anders,
-und riß mein Haar aus, und stieß meinen Kopf gegen die Wand, -- aber 's
-half nichts. Glaube, wenn sie mir auch alle Haare ausrissen, 's würde
-doch nichts helfen; -- bin so schlecht! bin nichts als ein Nigger, gar
-nichts!«
-
-»Ja, ich muß sie aufgeben,« sagte Miß Ophelia, »ich kann diese Qual
-nicht länger ertragen.«
-
-»Gut, ich wollte nur eine Frage an Dich richten,« sagte St. Clare.
-
-»Und welche?«
-
-»Wenn Euer Evangelium nicht kräftig genug ist, ein heidnisches Kind zu
-erretten, welches Du hier bei Dir allein im Hause haben kannst, welchen
-Nutzen kann es dann gewähren, ein paar arme Missionäre unter Tausende
-von derselben Art und Gattung zu senden?«
-
-Miß gab keine unmittelbare Antwort hierauf; und Eva, welche bisher eine
-stumme Zuschauerin der Scene abgegeben hatte, gab Topsy ein stummes
-Zeichen, ihr zu folgen. In der einen Ecke der Veranda befand sich ein
-kleines Zimmer mit einer Glasthüre, welches St. Clare als Lesezimmer zu
-benutzen pflegte. Dort hinein verschwanden Eva und Topsy.
-
-»Was hat Eva jetzt vor?« sagte St. Clare. »Ich will lauschen.«
-
-Indem er sich auf den Zehen der Glasthür näherte, und den Vorhang,
-welcher sie bedeckte, aufhob, blickte er hinein. Im nächsten Augenblicke
-machte er, den Finger auf die Lippen legend, Miß Ophelien ein Zeichen,
-ihm zu folgen und in das Zimmer zu blicken. Dort saßen die beiden Kinder
-auf dem Fußboden, während die Seiten ihrer Gesichter den Schauenden
-zugewendet waren: Topsy, mit ihrer gewöhnlichen Miene drolligen,
-sorglosen Muthwillens, und ihr gegenüber Eva, glühend im ganzen Gesichte
-von Gefühl, und mit Thränen in ihren großen Augen.
-
-»Warum bist Du so unartig, Topsy? Weßhalb gibst Du Dir nicht Mühe, gut
-zu sein? Hast Du denn Niemanden lieb, Topsy?«
-
-»Weiß nichts von lieb haben; habe Zuckerbrod und so 'was lieb, -- weiter
-nichts,« sagte Topsy.
-
-»Aber Du hast doch Deinen Vater und Deine Mutter lieb?«
-
-»Habe nie keine gehabt; -- hab's Ihnen schon gesagt, Miß Eva.«
-
-»Ja, ich weiß,« entgegnete Eva traurig; »aber hast Du nie einen Bruder
-oder eine Schwester oder eine Tante oder --?«
-
-»Nein, keinen, -- gar keinen, niemals.«
-
-»Aber Topsy, wenn Du Dir nur Mühe geben wolltest, gut zu sein, so
-könntest Du --«
-
-»Könnte doch nie 'was Andres sein als ein Nigger, wenn ich auch noch so
-gut wäre,« sagte Topsy. »Wenn sie mir die Haut abziehen könnten, und
-wenn ich weiß werden könnte, dann wollt' ich 's versuchen.«
-
-»Aber die Menschen könnten Dich ja doch lieb haben, wenn Du auch schwarz
-bist, Topsy. Miß Ophelia würde Dich lieb haben, wenn Du gut wärest.«
-
-Topsy ließ ein kurzes, grelles Lachen als Antwort hören, was ihre
-gewöhnliche Mode war, wenn sie Ungläubigkeit ausdrücken wollte.
-
-»Glaubst Du das nicht?« fragte Eva.
-
-»Nein, sie kann mich nicht leiden, weil ich ein Nigger bin! -- sie ließe
-sich eben so gern von einer Kröte anfassen! Niemand kann Niggers lieb
-haben, -- Niggers können gar nichts thun! Mach' mir nichts draus!« sagte
-Topsy, indem sie anfing zu pfeifen.
-
-»O Topsy, armes Kind, ich habe Dich lieb!« sagte Eva in einem
-plötzlichen Ausbruche ihres Gefühls, und legte ihre kleine, dünne Hand
-auf Topsy's Schulter. »Ich habe Dich lieb, weil Du keinen Vater und
-keine Mutter und Freunde hast, -- weil Du ein armes, mißhandeltes Kind
-bist! Ich habe Dich lieb, und will gut gegen Dich sein. Ich bin recht
-krank, Topsy, und ich glaube ich werde nicht mehr lange leben, und es
-macht mir wirklich Kummer, daß Du so unartig bist. Ich wünschte, Du
-versuchtest es, artig zu sein, mir zu Liebe; -- es ist nur noch kurze
-Zeit, daß ich bei Dir sein werde.«
-
-Die runden, scharfen Augen des schwarzen Kindes waren von Thränen
-verdunkelt; große, schwere Tropfen rollten nach einander herab, und
-fielen auf die weiße, kleine Hand. Ja, in diesem Momente hatte ein
-Strahl wirklichen Glaubens, ein Strahl himmlischer Liebe die Dunkelheit
-ihrer heidnischen Seele durchdrungen! Sie legte ihren Kopf zwischen ihre
-Kniee nieder, und weinte und schluchzte, -- während das schöne Kind,
-sich über sie neigend, wie das Bild eines glänzenden Engels erschien,
-der sich herabsenkte, um einen Sünder zu erlösen.
-
-»Arme Topsy!« sagte Eva, »weißt Du nicht, daß Jesus alle Menschen gleich
-liebt? Er ist eben so bereit, Dich zu lieben wie mich. Er liebt Dich so
-wie ich es thue, -- nur noch mehr, weil er besser ist. Er wird Dir
-beistehen, gut zu sein: und Du kannst endlich in den Himmel gehen, und
-dort für ewig ein Engel sein, eben so gut, als wenn Du weiß wärest. O,
-denke daran, Topsy! -- Du kannst einer jener glänzenden Engel werden,
-von denen Onkel Tom singt.«
-
-»O, liebe Miß Eva, liebe Miß Eva!« sagte das Kind; »ich will versuchen,
-ich will versuchen: -- habe früher nie 'was danach gefragt.«
-
-In diesem Augenblicke ließ St. Clare den Vorhang fallen. »Es erinnert
-mich an meine Mutter,« sagte er zu Miß Ophelia. -- »Es ist wahr, was sie
-mir sagte: wenn wir die Blinden sehend machen wollen, so müssen wir
-bereit sein, so zu handeln, wie Christus handelte, -- sie zu uns rufen,
-und ^unsere Hände auf sie legen^.«
-
-»Ich habe immer ein Vorurtheil gegen Neger gehabt,« sagte Miß Ophelia;
-»es ist wahr, es ist mir immer zuwider gewesen, mich von dem Kinde
-berühren zu lassen; allein ich glaubte nicht, daß Topsy es gewußt habe.«
-
-»Verlaß Dich darauf, daß jedes Kind das bald entdeckt,« entgegnete St.
-Clare, »es ist unmöglich, es vor ihnen verborgen zu halten. Aber ich
-glaube auch, daß alle Bemühungen der Welt, einem Kinde wohl zu thun,
-und alle Gunstbezeugungen nie eine Regung von Dankbarkeit in ihm
-erwecken werden, so lange ein derartiges Gefühl von Abneigung im Herzen
-vorhanden ist.«
-
-»Ich weiß nicht, wie ich das ändern soll,« sagte Miß Ophelia; »sie
-^sind^ mir einmal zuwider -- und besonders dieses Kind, -- wie soll
-ich mich von diesem Gefühle befreien?«
-
-»Es scheint, Eva thut es.«
-
-»Ja, sie ist von Natur so liebreich!« sagte Miß Ophelia. »Ich wollte,
-ich wäre wie sie; sie könnte mir zum Muster dienen.«
-
-»Es wäre nicht das erste Mal, daß ein kleines Kind einem alten Schüler
-eine Lehre gegeben hat,« entgegnete St. Clare.
-
-
-
-
-Sechsundzwanzigstes Kapitel.
-
-Der Tod.
-
- Weint nicht um die, so Grabesschleier
- Am Lebensmorgen uns verbarg.
-
-
-Eva's Schlafgemach war ein geräumiges Zimmer, welches, wie fast alle
-übrigen Gemächer des Hauses, sich auf die Veranda öffnete. Auf der einen
-Seite stand dasselbe mit dem Zimmer ihres Vaters und ihrer Mutter in
-Verbindung, und auf der anderen mit dem, welches Miß Ophelien überwiesen
-worden war. St. Clare hatte seinem eigenen Geschmacke gehuldigt, indem
-er das Zimmer in einer Weise ausmöblirt und geschmückt hatte, die in
-seltsamer Harmonie mit dem Charakter derjenigen stand, für die es
-bestimmt war. Vor den Fenstern hingen Gardinen von weißem und
-rosafarbenem Mousselin herab, und der Fußboden war von einem Teppich
-bedeckt, welcher nach einem von St. Clare besonders angegebenen Muster
-in Paris gefertigt worden war, indem ein Kranz von Rosenknospen und
-Blättern die Einfassung bildete, und im Mittelpunkte sich mehrere ganz
-aufgeblühte Rosen befanden. Die Bettstelle, Stühle und Sitze waren von
-Bambus nach besonders geschmackvollen Mustern gearbeitet. Ueber dem
-Kopfende des Bettes befand sich an der Wand ein Fuß von Alabaster, aus
-dem ein schön gemeißelter Engel mit gesenkten Flügeln stand, welcher
-einen Myrthenkranz in der Hand hielt. Von demselben hingen über dem
-Bette leichte Vorhänge von rosafarbener Gaze herab, welche den für alle
-Schläfer so nothwendigen Schutz gegen die Moskito's gewährten. Die
-geschmackvollen Bambussitze waren reichlich mit Kissen von röthlichem
-Damast versehen, während über denselben ähnliche Vorhänge wie über dem
-Bett herabhingen. Ein leichter Bambustisch stand in der Mitte des
-Zimmers, aus welchem eine Vase von parischem Marmor in der Form einer
-blühenden Lilie stand, die stets mit Blumen gefüllt war. Auf diesem
-Tische lagen auch Eva's Bücher und kleine Schmucksachen, nebst einem
-eleganten Schreibzeuge von Alabaster, welches ihr Vater für sie
-angeschafft hatte, als er bemerkte, daß sie sich bemühte, sich im
-Schreiben zu verbessern. Auf dem marmornen Kaminsimse stand eine schön
-gearbeitete Statue, welche Jesus darstellte, wie er die Kinder zu sich
-rief, und auf jeder Seite derselben befanden sich Marmorvasen, welche
-Tom jeden Morgen mit frischen Blumen zu füllen sich zum Stolz gereichen
-ließ. Zwei oder drei ausgewählte Gemälde von Kindern in verschiedenen
-Stellungen schmückten die Wände. Kurz, wohin das Auge auch blicken
-mochte, überall begegneten ihm Bilder der Kindheit, der Schönheit und
-des Friedens. Eva's kleine Augen öffneten sich nie dem Morgenlichte,
-ohne auf etwas zu fallen, was in ihrem Herzen sanfte, schöne Gedanken
-erweckte.
-
-Die trügerische Kraft, welche Eva eine kurze Zeit lang aufrecht erhalten
-hatte, schwand schnell. Seltener und immer seltener wurde ihr leichter
-Fußtritt in der Veranda gehört, und öfter und immer öfter wurde sie auf
-ihren Strohsitzen am offenen Fenster liegend gefunden, während ihre
-großen, tiefen Augen die steigenden und sinkenden Wellen des See's
-beobachteten.
-
-Es war eines Nachmittags, während sie sich gerade in einer ähnlichen
-Stellung befand, und ihre durchsichtigen kleinen Finger zwischen den
-Blättern der halbgeöffneten Bibel lagen, als sie plötzlich die Stimme
-ihrer Mutter in scharfen Lauten in der Veranda hörte.
-
-»Was ist dies, Du Nickel? -- Was ist das für ein neuer Streich? Du hast
-hier Blumen abgepflückt, he?« und Eva hörte den Schall eines kräftigen
-Schlages.
-
-»O Missis, -- sie sind für Miß Eva,« hörte sie eine Stimme sagen, welche
-sie als Topsy's erkannte.
-
-»Miß Eva! eine hübsche Entschuldigung! -- Du meinst, sie brauche
-^Deine^ Blumen, Du nichtsnützige Nigger! Fort mit Dir!«
-
-Im Augenblicke war Eva von ihrem Sitze auf und in der Veranda.
-
-»O nein, Mutter! ich möchte diese Blumen gern haben; bitte, gieb sie
-mir, -- ich brauche sie.«
-
-»Wie, Eva? Dein Zimmer ist ja ganz voll von Blumen.«
-
-»Ich kann nicht zu viele haben,« entgegnete Eva. »Topsy, komm, bringe
-sie mir.«
-
-Topsy, die mürrisch und mit gesenktem Kopfe dagestanden hatte, kam jetzt
-näher und übergab ihre Blumen. Sie that es mit scheuer, zaudernder
-Miene, die sehr verschieden von ihrer gewöhnlichen Kühnheit und Keckheit
-war.
-
-»Es ist ein schönes Bouquet!« sagte Eva, es betrachtend.
-
-Es war etwas sonderbarer Art, denn es bestand aus glänzend
-scharlachrothem Geranium mit einer einzigen weißen Japonikablume und
-ihren glänzenden Blättern. Der Gegensatz der Farben war augenscheinlich
-die Idee bei der Zusammensetzung des Bouquets gewesen, und die Anordnung
-jedes Blattes war mit besonderer Sorgfalt erfolgt.
-
-Topsy's Gesicht klärte sich auf als Eva sagte:
-
-»Topsy, Du kannst hübsche Bouquette binden. Sieh, hier ist eine Vase,
-für die ich keine Blumen habe. Ich wünschte, Du könntest mir jeden
-Morgen einige Blumen dafür sammeln.«
-
-»Nun, das ist sonderbar!« sagte Marie. »Wozu in der Welt, Kind, brauchst
-Du die nur noch?«
-
-»O, das thut nichts, Mamma; ich weiß, Du hast nichts dagegen, daß Topsy
-es thut, -- nicht wahr?«
-
-»Natürlich nicht; Alles was Du willst, mein Kind! Topsy, Du hörst, was
-Deine junge Mistreß sagt; -- gieb wohl Acht.«
-
-Topsy machte eine kurze Verbeugung mit gesenktem Kopfe; und als sie sich
-entfernte, sah Eva eine Thräne über ihre dunkle Wange rollen.
-
-»Siehst Du, liebe Mamma, ich wußte, daß die arme Topsy gern etwas für
-mich thun wollte,« sagte Eva zu ihrer Mutter.
-
-»O Unsinn! sie that's nur, weil sie gern verbotene Dinge thut. Sie weiß,
-daß sie keine Blumen abpflücken soll, -- also thut sie es; das ist das
-Ganze. Aber wenn Du es gern willst, daß sie sie pflückt, so mag sie es
-thun.«
-
-»Mamma, ich denke, Topsy ist jetzt ganz anders als sie früher war; sie
-giebt sich Mühe, gut zu sein.«
-
-»Da wird sie sich noch lange Mühe geben müssen, ehe sie wirklich gut
-wird,« sagte Marie mit gleichgültigem Lachen.
-
-»Ja, aber Du weißt, Mamma, die arme Topsy! -- Alles ist immer gegen sie
-gewesen.«
-
-»Nicht seitdem sie hier gewesen ist. Wenn ^ihr^ nicht vorgesprochen
-und vorgepredigt, und an sie nicht Alles gethan worden ist, was Menschen
-vermögen! -- und doch ist sie noch gerade eben so häßlich, und wird es
-immer sein; -- nein, es läßt sich nichts mit dem Geschöpfe machen!«
-
-»Aber, Mamma, es ist doch ganz anders, so auferzogen worden zu sein, wie
-ich es bin, mit so vielen Freunden, und so vielen Dingen, die mich gut
-und glücklich machen; und dann so aufgebracht worden zu sein, wie sie es
-die ganze Zeit war, ehe sie hieher kam!«
-
-»Kann sein,« entgegnete Marie gähnend, -- »o, wie heiß es ist!«
-
-»Mamma, nicht wahr, Du glaubst auch, daß Topsy ein Engel werden könnte,
-so gut wie wir, wenn sie eine Christin wäre?«
-
-»Topsy? was für eine lächerliche Idee! Niemand als Du würde jemals an so
-etwas denken. Aber es ist möglich!«
-
-»Aber, Mamma, ist denn Gott nicht ihr Vater so gut wie der unserige, --
-und Jesus ihr Erlöser?«
-
-»Wohl, das mag sein. Ich glaube, Gott hat alle Menschen geschaffen,«
-erwiederte Marie. »Wo ist mein Riechfläschchen?«
-
-»Es ist solch' ein Jammer, -- o! solch' ein Jammer!« sagte Eva, auf den
-fernen See blickend, und halb zu sich selbst redend.
-
-»Was ist ein Jammer?« fragte Marie.
-
-»Daß ein Wesen, welches ein Engel werden und mit Engeln leben könnte,
-ganz hinab, hinab, hinab gehen soll, ohne daß ihm Jemand hilft! -- o,
-lieber Gott!«
-
-»Wohl, wir können's nicht ändern, Eva; es nützt nichts, sich darum zu
-grämen! Ich weiß nicht, was zu thun ist. Wir müssen nur dankbar sein für
-die Vortheile, die wir genießen.«
-
-»Ich kann es kaum sein,« sagte Eva. »Ich bin so traurig, wenn ich an
-arme Leute denke, die gar keine Vortheile genießen.«
-
-»Das ist sonderbar genug,« sagte Marie; -- »meine Religion macht mich
-dankbar für meine Vorzüge.«
-
-»Mamma,« sagte Eva plötzlich, »ich möchte gern etwas von meinem Haar
-abschneiden lassen, -- recht viel.«
-
-»Wozu?« fragte Marie.
-
-»Ich wollte es an meine Freunde geben, so lange ich noch im Stande bin,
-es selbst zu thun. Willst Du nicht die Tante bitten, daß sie komme und
-es für mich abschneide?«
-
-Marie erhob ihre Stimme, um Miß Ophelia aus dem nächsten Zimmer zu
-rufen.
-
-Als Ophelia in das Zimmer trat, erhob sich das Kind von seinem Lager,
-und ließ seine langen, goldenen Locken herabfallen, indem es scherzweise
-sagte: »Komm, Tante, scheere das Schäfchen!«
-
-»Was ist das?« fragte St. Clare, der gerade in diesem Augenblick in das
-Zimmer trat und Früchte trug, die er besonders für Eva geholt hatte.
-
-»Papa, ich wollte gern, daß Tante von meinem Haar etwas abschnitte; es
-ist zu lang und macht meinen Kopf so heiß. Auch wollte ich gern etwas
-davon verschenken.«
-
-Miß Ophelia erschien mit der Scheere.
-
-»Sieh' Dich vor, -- verdirb die Locken nicht!« sagte der Vater.
-»Schneide unterhalb, wo es nicht zu sehen ist. Eva's Locken sind mein
-Stolz.«
-
-»O Papa!« sagte Eva traurig.
-
-»Ja, und ich will, daß sie in recht hübschem Stande zu der Zeit bleiben,
-wo ich mit Dir nach Onkels Plantage reisen will, um Cousin Henrique zu
-besuchen,« sagte St. Clare in heiterem Tone.
-
-»Ich werde nie dahin kommen, Papa, -- ich gehe in ein besseres Land. O
-glaube mir! Siehst Du nicht Papa, daß ich jeden Tag schwächer werde?«
-
-»Warum bestehst Du darauf, Eva, daß ich etwas so Schreckliches glauben
-solle?« sagte der Vater.
-
-»Nur weil es ^wahr^ ist, Papa; und wenn Du es jetzt glauben willst, so
-wirst Du vielleicht eben so darüber empfinden lernen, wie ich,«
-entgegnete Eva.
-
-St. Clare schloß seine Lippen, und betrachtete trüben Blickes die langen
-schönen Locken, welche, sobald sie abgeschnitten waren, in den Schooß
-des Kindes gelegt wurden. Sie hob sie auf, betrachtete sie ernsten
-Blickes, und flocht sie durch ihre zarten Finger, und blickte von Zeit
-zu Zeit ängstlich auf ihren Vater.
-
-»Es ist gerade das, was ich geahnt habe!« sagte Marie; »es ist grade
-das, was Tag für Tag an meiner Gesundheit genagt und mich dem Grabe nahe
-gebracht hat, obgleich Niemand es hat beachten wollen. Ich habe es lange
-vorhergesehen. St. Clare, Du wirst bald sehen, daß ich Recht hatte.«
-
-»Was Dir zu großem Troste gereichen wird, ohne Zweifel!« entgegnete St.
-Clare mit trockenem, bitterem Tone.
-
-Marie lag auf einem Kanapee, und bedeckte ihr Gesicht mit einem feinen
-weißen Taschentuche.
-
-Eva's klares, blaues Auge blickte ernst vom Vater auf die Mutter. Es war
-der ruhige, verstehende Blick einer Seele, die schon halb von ihren
-irdischen Banden gelöst war, und unverkennbar war es, daß sie den
-Unterschied zwischen Beiden sah, fühlte und würdigte.
-
-Sie winkte ihrem Vater mit der Hand. Er kam und setzte sich an ihre
-Seite.
-
-»Papa, meine Kraft schwindet täglich mehr, und ich weiß, ich muß fort.
-Da sind noch manche Dinge, die ich zu sagen und zu thun habe -- die ich
-thun muß, und Du willst mich nie über diesen Gegenstand sprechen lassen.
-Aber kommen muß es doch; es ist kein Aufschub möglich. Bitte, laß mich
-jetzt reden!«
-
-»Mein Kind, recht gern!« sagte St. Clare, seine Augen mit der einen Hand
-bedeckend, und Eva's Hand in der andern haltend.
-
-»Dann möchte ich alle unsere Leute hier beisammen sehen. Ich habe Etwas,
-was ich ihnen sagen muß,« sagte Eva.
-
-»Gut,« erwiederte St. Clare im Tone völliger Ergebung.
-
-Miß Ophelia sandte einen Boten ab, und bald darauf wurden sämmtliche
-Dienstboten in das Zimmer geführt.
-
-Eva lag ausgestreckt auf ihren Kissen, ihr Haar hing unbefestigt um ihr
-Gesicht, ihre purpurnen Wangen kontrastirten auf schmerzliche Weise mit
-der durchsichtigen Weiße ihrer Haut und den zarten Linien ihrer Glieder
-und Züge, und ihre großen, seelenvollen Augen richteten sich mit ernstem
-Ausdrucke auf jeden Einzelnen.
-
-Die Dienstboten fühlten sich plötzlich ergriffen von ihrem Anblicke. Ihr
-geisterartiges Gesicht, die langen, abgeschnittenen Locken auf ihrem
-Schooße, ihres Vaters abgewandtes Gesicht und Marien's Schluchzen
-machten einen plötzlichen Eindruck auf die Gefühle dieser leicht
-erregbaren Menschenklasse, und während sie nach einander eintraten,
-sahen sie sich gegenseitig an, seufzten und schüttelten die Köpfe. Im
-ganzen Zimmer herrschte eine Stille, wie bei einem Begräbniß.
-
-Eva richtete sich auf, und blickte lange und ernst um sich auf jeden
-Einzelnen. Alle sahen bange und traurig aus, und viele unter den Weibern
-bargen ihre Gesichter in den Schürzen.
-
-»Ich habe euch Alle rufen lassen, meine lieben Freunde,« sagte Eva,
-»weil ich Euch lieb habe. Ich liebe Euch alle, und ich habe Euch Etwas
-zu sagen, an das Ihr Euch, wie ich wünsche, stets erinnern werdet. --
-Ich muß Euch verlassen; -- in wenigen Wochen werdet Ihr mich nicht mehr
-sehen --«
-
-Hier wurde das Kind durch einen allgemeinen Ausbruch von Seufzern,
-Stöhnen und Wehklagen unterbrochen, in denen ihre zarte Stimme
-vollständig verloren ging. Sie hielt einen Augenblick inne und fuhr dann
-in einem Tone fort, der das Schluchzen Aller verstummen ließ.
-
-»Wenn Ihr mich lieb habt,« sagte sie, »so müßt Ihr mich nicht auf eine
-solche Weise unterbrechen. Hört, was ich Euch zu sagen habe. Ich wollte
-zu Euch über Eure Seelen reden. -- Viele unter Euch, fürchte ich, sind
-sehr sorglos. Ihr denkt nur an diese Welt; aber ich bitte Euch, daran zu
-denken, daß es eine andere, schöne Welt gibt, wo Jesus ist. Dahin gehe
-ich, und dahin könnt Ihr gehen. Sie ist für Euch sowohl, wie für mich.
-Aber, wenn Ihr dahin gehen wollt, so müßt Ihr nicht ein träges,
-sorgloses und leichtsinniges Leben führen. Ihr müßt Christen sein. Ihr
-müßt bedenken, daß jeder von Euch ein Engel werden und für ewig bleiben
-kann. Wenn Ihr Christen sein wollt, so wird Euch Jesus helfen. Ihr müßt
-zu ihm beten, Ihr müßt lesen --«
-
-Das Kind hielt hier plötzlich inne, blickte mitleidig auf die
-Umstehenden und fuhr dann traurig fort:
-
-»O, Ihr Armen, Ihr könnt ja nicht lesen, -- arme Seelen!« und sie
-verbarg ihr Gesicht in den Kissen und schluchzte, bis das unterdrückte
-Stöhnen derjenigen, zu denen sie sprach, und die knieend um sie her
-lagen, sie wieder erweckte.
-
-»Aber faßt Muth!« sagte sie, ihr Gesicht erhebend, und durch Thränen
-freundlich lächelnd, »ich habe für Euch gebetet, und ich weiß, Jesus
-wird Euch helfen, auch wenn Ihr nicht lesen könnt. Bemüht Euch, Alles
-zu thun, was in Euren Kräften steht; betet jeden Tag; ruft Ihn an, daß
-Er Euch helfe, und laßt Euch die Bibel vorlesen, wo und wann Ihr könnt,
-und ich hoffe, daß ich Euch dann alle im Himmel sehen werde.«
-
-»Amen,« war die leise Antwort von den Lippen Tom's und Mammy's, und
-einiger der Aelteren unter ihnen, welche einer methodistischen Kirche
-angehörten, während die Jüngeren und Leichtsinnigeren, die für den
-Augenblick vollständig überwältigt waren, ihre Köpfe auf die Knie
-niedergelegt hatten und laut schluchzten.
-
-»Ich weiß,« sagte Eva, »Ihr habt mich alle lieb.«
-
-»Ja, o ja! gewiß! Gott segne Sie!« war die unwillkührliche Antwort von
-Allen!
-
-»Ja, ich weiß es! Es ist kein Einziger unter Euch, der nicht immer
-liebreich gegen mich gewesen wäre; und ich wollte Euch jetzt Etwas
-geben, was Euch stets an mich erinnern wird, wenn Ihr darauf blickt. Ich
-will jedem von Euch eine Locke von meinem Haare geben; und wenn Ihr sie
-betrachtet, so erinnert Euch, daß ich Euch liebte und in den Himmel
-gegangen bin, und daß ich Euch alle dort zu sehen wünsche.«
-
-Es ist unmöglich, die Scene zu beschreiben, welche sich jetzt
-entwickelte, wo Alle unter Thränen und Schluchzen sich um das kleine
-Wesen sammelten, und aus Eva's Händen das letzte Zeichen ihrer Liebe
-empfingen. Sie fielen auf ihre Kniee und schluchzten und beteten, und
-küßten den Saum ihres Kleides, während die Aelteren Worte der Liebe,
-untermischt mit Gebeten und Segenssprüchen auf sie ausströmen ließen.
-
-So wie Jeder seine Gabe empfing, gab ihm Miß Ophelia, welche von dieser
-Aufregung nachtheilige Folgen für ihre kleine Kranke fürchtete, ein
-Zeichen, das Zimmer zu verlassen. Alle waren fort bis auf Tom und Mammy.
-
-»Hier, Onkel Tom,« sagte Eva, »ist eine schöne Locke für Dich. O ich bin
-so glücklich, Onkel Tom, wenn ich daran denke, daß ich Dich im Himmel
-sehen werde, -- denn ich weiß es gewiß; und Mammy, -- meine liebe, gute
-Mammy!« rief sie, ihre Arme um den Hals ihrer alten Wärterin schlingend,
--- »ich weiß, Du wirst auch dort sein.«
-
-»O Miß Eva! -- weiß gar nicht, wie ich ohne Sie leben kann!« sagte das
-treue Geschöpf, und verfiel in einen leidenschaftlichen Ausbruch von
-Schmerz.
-
-Miß Ophelia drängte sie sanft zur Thüre hinaus, und glaubte, es seien
-nun Alle fort; allein, als sie sich umwandte, stand Topsy noch da.
-
-»Wo kommst Du her?« fragte Miß Ophelia verwundert.
-
-»Ich war hier,« entgegnete Topsy, die Thränen aus ihren Augen wischend.
-»O, Miß Eva, ich bin immer ein unartiges Mädchen gewesen; aber wollen
-Sie ^mir^ nicht auch eine geben?«
-
-»Ja, arme Topsy, gewiß will ich das. Hier -- so oft Du sie ansiehst,
-denke daran, daß ich Dich lieb hatte und wünschte, daß Du ein gutes Kind
-sein möchtest!«
-
-»O Miß Eva, ich gebe mir Mühe!« sagte Topsy eifrig; »aber, o Herr, 's
-ist so schwer, gut zu sein! -- bin gar nicht dran gewöhnt!«
-
-»Jesus weiß das, Topsy; er hat Mitleid mit Dir, -- er wird Dir helfen.«
-
-Topsy wurde hierauf, indem sie ihre Augen in der Schürze verbarg, von
-Miß Ophelia schweigend aus dem Zimmer geführt; allein, während sie
-hinausging, verbarg sie die kostbare Locke in ihrem Busen.
-
-Als Alle fort waren, verschloß Miß Ophelia die Thür. Diese gute Dame
-hatte während der Scene manche Thräne aus ihrem eigenen Auge
-hinweggewischt; aber die Besorgniß wegen der aus einer solchen Aufregung
-für ihren jungen Pflegling möglicher Weise entspringenden Folgen war
-überwiegend in ihrem Geiste.
-
-St. Clare hatte während der ganzen Zeit, seine Augen mit der Hand
-bedeckend, in derselben Stellung gesessen. Auch als Alle fort waren,
-blieb er darin.
-
-»Papa!« sagte Eva sanft, ihre Hand auf die seinige legend.
-
-Er erschrak und ein Schauer überlief ihn, aber er gab keine Antwort.
-
-»Lieber Vater!« wiederholte Eva.
-
-»Ich kann nicht,« sagte St. Clare aufstehend, -- »ich kann es nicht
-tragen! Der Allmächtige ist ^sehr hart^ mit mir verfahren!« und St.
-Clare legte auf die letzten Worte einen besonders bitteren Nachdruck.
-
-»Augustin! hat Gott nicht ein Recht, zu thun, was er will, mit dem, was
-sein ist?« sagte Miß Ophelia.
-
-»Mag sein; aber das macht es nicht leichter für mich zu tragen,«
-entgegnete er in harter, trockener, thränenloser Weise, während er sich
-abwandte.
-
-»Papa, Du brichst mein Herz!« sagte Eva sich aufrichtend und sich in
-seine Arme werfend; »Du mußt nicht so denken!« Und dabei weinte und
-schluchzte das Kind mit einer Heftigkeit, die Alle in Bestürzung
-versetzte, und den Gedanken ihres Vaters schnell eine andere Richtung
-verlieh.
-
-»Still, Eva, still! mein liebes Kind! Es wäre unrecht von mir, -- recht
-unrecht! Ich will anders denken, -- ich will Alles thun, was Du willst,
-nur beruhige Dich, schluchze nicht so. Ich will ganz gefaßt sein; es war
-sehr unrecht von mir, so zu sprechen.«
-
-Bald lag Eva wie eine müde Taube in ihres Vaters Armen; und er, sich
-über sie beugend, bemühte sich, sie durch jedes zärtliche Wort, das er
-ersinnen konnte, zu beruhigen.
-
-Marie stand auf und ging aus dem Zimmer in ihr eigenes, wo sie in
-hysterische Krämpfe verfiel.
-
-»Du hast mir keine Locke gegeben, Eva,« sagte ihr Vater mit traurigem
-Lächeln.
-
-»Sie gehören Dir alle, Papa,« erwiederte sie lächelnd, -- »Dir und
-Mamma, und Du mußt der lieben Tante so viele davon geben, als sie haben
-will. Ich gab jene nur den armen Leuten selbst, lieber Papa, weil sie
-möchten vergessen worden sein, wenn ich nicht mehr da bin, und weil ich
-hoffte, daß es sie erinnern möchte an -- Du bist ein Christ, lieber
-Vater, nicht wahr?« fügte sie dann mit zweifelndem Tone hinzu.
-
-»Weshalb fragst Du mich?«
-
-»Ich weiß nicht. Du bist so gut, Du mußt es sein.«
-
-»Was heißt das, ein Christ sein, Eva?«
-
-»Christus über Alles lieben,« entgegnete Eva.
-
-»Thust Du das, Eva?«
-
-»Gewiß thue ich das.«
-
-»Du sahst ihn aber nie,« sagte St. Clare.
-
-»Das macht keinen Unterschied,« erwiederte Eva. »Ich glaube an ihn und
-in wenigen Tagen werde ich ihn sehen.« Und bei diesen Worten begann das
-jugendliche Gesicht vor Freude zu strahlen.
-
-St. Clare antwortete nicht mehr. Es war ein Gefühl, welches er oft an
-seiner Mutter wahrgenommen hatte, aber wofür keine gleichgestimmte Saite
-in seinem Innern vibrirte.
-
-Von dieser Zeit ab wurde Eva zusehends schwächer. Es konnte kein Zweifel
-mehr über den Ausgang herrschen und selbst die kühnste Hoffnung konnte
-sich nicht mehr täuschen. Ihr schönes Zimmer war ein vollständiges
-Krankenzimmer geworden; und Miß Ophelia verrichtete Tag und Nacht die
-Geschäfte einer Wärterin, -- und nie hatten ihre Freunde Gelegenheit,
-ihren Werth mehr zu erkennen als in dieser Eigenschaft. Mit so geübter
-Hand und richtigem Auge, mit so vollkommener Gewandtheit in der Kunst,
-Reinlichkeit und Behaglichkeit für die Kranke zu befördern, -- mit so
-genauer Berechnung der Zeit, mit so klarem ruhigem Kopfe, und so
-gewissenhafter Beachtung jeder Vorschrift des Arztes, war sie ihm Alles.
-Diejenigen, welche über ihre kleinen Eigenthümlichkeiten, die von der
-Freiheit der südlichen Sitten so sehr abwichen, die Achsel zuckten,
-mußten anerkennen, daß sie in ihrem gegenwärtigen Verhältniß gerade die
-passende Person sei.
-
-Onkel Tom hielt sich viel in Eva's Zimmer auf. Das Kind litt viel an
-Ruhelosigkeit, und es gewährte ihm große Erleichterung, getragen zu
-werden. Für Tom war es daher die größte Freude, die kleine zarte Gestalt
-auf seinen Armen, auf einem Kissen ruhend, bald im Zimmer auf und ab,
-bald in der Veranda umherzutragen; und wenn die frische Seeluft vom See
-her wehte, und Eva sich am Morgen wohler fühlte, so pflegte er unter den
-Orangenbäumen des Gartens mit ihr umher zu wandeln, oder sich auf einen
-ihrer alten Sitze niederzulassen und ihr ihre Lieblingshymnen
-vorzusingen.
-
-Ihr Vater that öfters dasselbe; aber sein Körper war weniger kräftig,
-und wenn er müde war, pflegte Eva zu ihm zu sagen:
-
-»O Papa, laß Tom mich tragen. Der arme Mensch, -- er thut es so gern; Du
-weißt, es ist Alles, was er thun kann, und er möchte gern Etwas thun!«
-
-»Dasselbe ist mit mir der Fall, Eva!« sagte der Vater.
-
-»O Papa, Du kannst Alles thun, und bist mir Alles. Du liesest mir vor,
--- Du wachst bei mir des Nachts -- und Tom hat nur dieses Eine und sein
-Singen; und dann weiß ich auch, daß es ihm leichter wird als Dir. Er
-trägt mich so fest und sicher!«
-
-Der Wunsch, Etwas für Eva zu thun, beschränkte sich nicht auf Tom. Jeder
-Dienstbote des Hauses verrieth dasselbe Gefühl und that nach seiner
-Weise und seinen Kräften, was er konnte.
-
-Die arme Mammy sehnte sich nach dem Lieblinge, aber fand weder bei Tage
-noch bei Nacht Gelegenheit, da Marie erklärte, daß ihr Geisteszustand
-ihr keine Ruhe lasse, weshalb es natürlich gegen ihre Grundsätze war,
-irgend einem Andern Ruhe zu lassen. Zwanzigmal in der Nacht wurde Mammy
-gerufen, um ihre Füße zu reiben, ihren Kopf zu waschen, ihr Taschentuch
-zu suchen, oder nachzufragen, was das Geräusch in Eva's Zimmer zu
-bedeuten habe, die Fenstervorhänge herunterzulassen, weil es zu hell
-sei, oder hinaufzuziehen, weil es zu dunkel sei; und bei Tage, wenn sie
-sich danach sehnte, an der Wartung ihres Lieblings Theil zu nehmen,
-schien Marie ganz besonders erfinderisch zu sein, um sie überall im
-Hause oder um ihre Person zu beschäftigen, so daß sie nichts als kurze
-Blicke oder verstohlene Besuche erlangen konnte.
-
-»Ich halte es für meine Pflicht, jetzt besonders sorgsam für mich zu
-sein,« pflegte sie zu sagen, -- »schwach wie ich bin, und mit der ganzen
-Sorge der Wartung und Pflege des lieben Kindes auf mir.«
-
-»In der That, meine Liebe?« antwortete St. Clare. »Ich dachte, unsere
-Cousine Ophelia nähme Dir diese Sorge ab.«
-
-»Du sprichst wie ein Mann, St. Clare, -- als ob eine Mutter sich die
-Sorge um ein Kind in einem solchen Zustande abnehmen lassen ^könnte^.
-Aber es ist Alles gleich, -- Niemand weiß, was ich fühle! Ich kann die
-Sachen nicht so leicht nehmen.«
-
-St. Clare lächelte. Du mußt ihn entschuldigen, lieber Leser, er konnte
-nicht anders, -- St. Clare konnte noch lächeln; denn so hell und ruhig
-war die Abschiedsfahrt des kleinen Geistes, -- von so sanften,
-balsamischen Lüften wurde der kleine Nachen den himmlischen Ufern
-zugetrieben, daß es unmöglich war, zu erkennen, daß es der Tod sei, der
-sich nahe. Das Kind empfand keinen Schmerz, -- nur eine ruhige, sanfte
-Schwäche, die täglich und fast unmerklich zunahm; und so schön, so
-liebreich, so vertrauensvoll, so glücklich war es dabei, daß Niemand dem
-besänftigenden Einflusse der Unschuld und Friede athmenden Luft
-widerstehen konnte, welche das Kind zu umgeben schien. Auch St. Clare
-fühlte eine sonderbare Ruhe auf sich niedersinken. Es war nicht
-Hoffnung, -- die war unmöglich; es war nicht Resignation; es war nur ein
-ruhiges Weilen in der Gegenwart, die so schön erschien, daß er nicht an
-die Zukunft denken mochte.
-
-Der Freund, welcher am meisten von Eva's Vorstellungen und Ahnungen
-wußte, war ihr treuer Träger, Tom. Ihm theilte sie mit, womit sie ihren
-Vater nicht beunruhigen wollte. Ihm vertraute sie jene geheimnisvollen
-Vorgefühle, welche die Seele empfindet, wenn ihre Saiten sich zu lösen
-beginnen und sie ihre irdische Hülle verlassen will.
-
-Tom wollte endlich nicht mehr in seinem Zimmer schlafen, sondern lag
-jede Nacht in der äußeren Veranda, bereit für jeden Ruf.
-
-»Onkel Tom,« sagte Miß Ophelia, »was in der Welt ist Dir eingefallen,
-daß Du überall liegst und schläfst wie ein Hund. Ich dachte, Du wärest
-ein ordentlicher Mensch, der gewohnt wäre, in christlicher Weise in
-einem Bette zu schlafen.«
-
-»Das bin ich, Miß Feely,« sagte Tom geheimnißvoll. »Das bin ich, aber
-jetzt --«
-
-»Nun, was jetzt?«
-
-»Wir müssen nicht so laut sprechen, -- Master St. Clare will nichts
-davon hören; aber, Miß Feely, Sie wissen, es muß Einer auf den Bräutigam
-warten.«
-
-»Was meinst Du, Tom?«
-
-»Sie wissen, es heißt in der Schrift: »Zur Mitternacht aber ward ein
-Geschrei: siehe, der Bräutigam kommt.« Das ist's, was ich jetzt erwarte,
-Miß Feely, -- und ich konnte nicht schlafen, wo ich nicht höre.«
-
-»Wie, Onkel Tom, wie kommst Du auf diesen Gedanken?«
-
-»Miß Eva, -- sie spricht mit mir. Der Herr sendet seinen Boten in die
-Seele. Ich muß dabei sein, Miß Feely; denn wenn das Segenskind in das
-Himmelreich geht, wird sich das Thor so weit öffnen, daß wir alle einen
-Blick in seine Glorie hineinthun können, Miß Feely.«
-
-»Onkel Tom! sagte Miß Eva, daß sie sich heute Abend kränker als
-gewöhnlich fühle?«
-
-»Nein, aber sie sagte mir diesen Morgen, daß sie näher käme, -- jene da
-oben sind es, die es dem Kinde sagen, Miß Feely, -- die Engel sind's! --
-Es ist der Trompetenschall vor dem Anbruch des Tages!« sagte Tom, sich
-der Worte einer Lieblingshymne bedienend.
-
-Dieses Zwiegespräch fand zwischen Miß Ophelia und Tom eines Abends
-zwischen zehn und elf Uhr Statt, nachdem sie bereits alle ihre
-Anordnungen für die Nacht getroffen hatte, und sie, als sie die äußere
-Thür der Veranda schließen wollte, Tom vor derselben ausgestreckt
-liegend fand. Sie war weder nervenschwach, noch leicht erregbar, allein
-Tom's feierlicher, aus dem Herzen kommender Ton fiel Ophelien auf. Eva
-war an diesem Tage besonders munter und heiter gewesen, und hatte
-aufrecht in ihrem Bett gesessen, und über alle ihre kleinen
-Schmucksachen geblickt und die Freunde namhaft gemacht, denen sie
-gegeben werden sollten. Ihr ganzes Wesen war lebhafter und ihre Stimme
-natürlicher gewesen als seit vielen Wochen. Ihr Vater war gegen Abend in
-ihrem Zimmer gewesen und hatte gesagt, daß Eva ihm ihren früheren
-gesunden Tagen ähnlicher erschienen wäre, als je in ihrer Krankheit, und
-als er sie zum Abschiede für die Nacht geküßt, hatte er zu Miß Ophelien
-gesagt: »Cousine, wir können sie vielleicht dennoch behalten, sie ist
-entschieden besser,« und hatte sich sodann mit leichterem Herzen in sein
-Zimmer zurückgezogen, als manche lange Woche zuvor.
-
-Aber um Mitternacht, -- seltsame, geheimnißvolle Stunde! -- wenn der
-Schleier zwischen der gebrechlichen Gegenwart und der ewigen Zukunft
-durchsichtiger wird, -- dann kam der Bote!
-
-Ein Geräusch wurde hörbar in jenem Zimmer von schnellen, eiligen
-Schritten. Es war Miß Ophelia, welche beschlossen hatte, die ganze Nacht
-bei ihrem kleinen Pflegling zu wachen, und um Mitternacht Etwas bemerkt
-hatte, was erfahrene Wärterinnen bedeutungsvoll »eine Veränderung« zu
-nennen pflegen. Die äußere Thür wurde schnell geöffnet, und Tom, der
-außerhalb wachte, war im Augenblick bei der Hand.
-
-»Geh' zum Arzte, Tom! verliere keinen Augenblick!« sagte Miß Ophelia,
-und eilte durch das Zimmer, um an St. Clare's Thür zu pochen.
-
-»Cousin,« rief sie, »bitte, komm heraus!«
-
-Diese Worte fielen auf sein Herz wie Sandschollen auf einen Sarg. Im
-Augenblicke war er im Zimmer und beugte sich über Eva nieder, die noch
-schlief.
-
-Was war es, was er dort sah und sein Herz stocken ließ? Weshalb wurde
-kein Wort zwischen Beiden gesprochen? Du, liebe Leserin, weißt es
-vielleicht, die Du denselben Ausdruck auf dem Gesichte dessen gesehen
-hast, was Dir am theuersten war, -- jenen unbeschreiblichen,
-hoffnungslosen, unverkennbaren Zug, der Dir sagt, daß Dein Geliebtes
-nicht mehr Dein ist.
-
-Gleichwohl zeigte sich auf dem Gesichte nichts Geisterhaftes,
-Todtenähnliches, sondern nur ein hoher, beinahe erhabener Ausdruck, --
-die überschattende Gegenwart geistiger Naturen, der Tagesanbruch eines
-unsterblichen Lebens in dieser kindlichen Seele.
-
-St. Clare und Ophelia standen so still und betrachteten das Kind so
-schweigend, daß selbst der Pendelschlag der Uhr zu laut zu sein schien.
-In wenigen Minuten kehrte Tom mit dem Arzte zurück. Letzterer trat ein,
-warf einen Blick auf das Kind, und blieb schweigend wie die Uebrigen
-stehen.
-
-»Wann trat diese Veränderung ein?« sagte er flüsternd zu Ophelien.
-
-»Ungefähr um Mitternacht,« war die Antwort.
-
-Jetzt erschien aus dem nächsten Zimmer Marie in größter Eile, die durch
-die Ankunft des Arztes erweckt worden war.
-
-»Augustin! Cousine! -- O! -- was« -- begann sie in hastigem Tone.
-
-»Still!« sagte St. Clare mit rauher Stimme, -- »^sie stirbt!^«
-
-Mammy hatte diese Worte gehört und eilte davon, um die Dienstboten zu
-erwecken. Das ganze Haus war bald munter, -- Lichter wurden gesehen,
-Fußtritte gehört, ängstliche Gesichter drängten sich in die Veranda, und
-blickten mit thränenvollen Augen durch die Glasthüren; aber St. Clare
-hörte und sah nichts, -- er sah nur ^den Ausdruck^ im Gesichte der
-kleinen Schläferin.
-
-»O, wenn sie nur noch einmal aufwachen und sprechen wollte!« sagte er,
-und sich über sie niederbeugend, flüsterte er in ihr Ohr: »Eva,
-Liebling!«
-
-Die großen blauen Augen öffneten sich, -- ein Lächeln flog über ihr
-Gesicht, -- sie versuchte ihren Kopf zu erheben und zu sprechen.
-
-»Kennst Du mich, Eva?«
-
-»Lieber Vater!« sagte das Kind, mit letzter Anstrengung seine Arme um
-den Hals des Vaters schlingend. Im nächsten Augenblicke fielen sie
-wieder nieder und als St. Clare seinen Kopf erhob, sah er einen
-Todeskrampf über das Gesicht ziehen; -- das Kind suchte angstvoll nach
-Athem, und warf seine kleinen Hände empor.
-
-»O Gott, das ist schrecklich!« rief er, sich im tiefsten Schmerze
-abwendend und Tom's Hand drückend, ohne zu wissen, was er that. »O Tom,
-es bringt mich um!«
-
-Tom hielt die Hand seines Herrn zwischen den seinigen, und während die
-Thränen über seine dunklen Wangen strömten, schaute er nach Hülfe da
-hinauf, wohin er immer gewohnt gewesen war, zu blicken.
-
-»Bete, daß dies bald enden möge!« sagte St. Clare, -- »es zerreißt mir
-das Herz.«
-
-»Der Herr sei gepriesen! es ist vorüber, -- es ist vorbei, lieber
-Master!« sagte Tom; -- »sehen Sie sie an.«
-
-Das Kind lag erschöpft und schwer athmend auf seinen Kissen, während die
-großen klaren Augen weit offen vor sich hinstarrten. Was sagten diese
-Augen, die sich so gerade auf den Himmel richteten? Die Erde und
-irdischer Schmerz war zurückgelassen; aber so feierlich, so
-geheimnißvoll war die triumphirende Klarheit dieses Gesichts, daß selbst
-das Schluchzen des Schmerzes verstummte. Alle drängten sich in
-athemloser Stille um sie her.
-
-»Eva,« sagte St. Clare sanft.
-
-Sie hörte nicht.
-
-»O Eva, sage uns, was Du siehst! Was ist es?« sagte der Vater.
-
-Ein sanftes, seliges Lächeln schwebte über ihr Gesicht, und sie
-antwortete in gebrochenen Tönen: »O! Liebe, -- Freude, -- Friede!«
-seufzte tief auf, und ging vom Leben zum Tode über.
-
-Lebe wohl, geliebtes Kind! Die glänzenden Thore der Ewigkeit haben sich
-hinter Dir geschlossen; wir werden Deine sanften Züge nicht mehr sehen.
-Wehe den Armen, die Deinen Eingang in den Himmel sahen, und, wenn sie
-erwachten, nichts als den kalten, grauen Lebenshimmel finden, nachdem Du
-für immer dahin bist.
-
-
-
-
-Siebenundzwanzigstes Kapitel.
-
- Dies ist das Letzte der Erde.
-
- J. G. ^Adams^.
-
-
-Die Statuen und Gemälde in Eva's Zimmer waren mit weißen Tüchern
-verhangen, und nur stilles Athmen und leise Tritte wurden darin gehört,
-und das Licht stahl sich feierlich durch halbverschlossene Fenster.
-
-Das Bett war weiß überzogen, und darauf, unter dem Engel mit gesenkten
-Flügeln, lag eine kleine, schlafende Gestalt, schlafend, -- um nimmer
-wieder zu erwachen.
-
-Dort lag sie, in eins der schlichten weißen Gewänder gekleidet, welche
-sie im Leben zu tragen gepflegt hatte, und das rosige Licht, welches
-durch die Gardinen fiel, warf einen wärmeren Schein über die eisige
-Kälte des Todes. Die schweren Augenwimpern ruhten sanft auf der klaren
-Wange; der Kopf war ein wenig nach einer Seite geneigt, wie im
-natürlichen Schlafe, aber über alle Züge des Gesichtes ergoß sich jener
-himmlische Ausdruck, jene Mischung von Wonne und Ruhe, welche deutlich
-erkennen ließ, daß es kein irdischer oder zeitlicher Schlaf, sondern
-jene lange, heilige Ruhe sei, welche »Er Denen gibt, die er liebt.«
-
-Für Wesen wie Du, theure Eva, gibt es keinen Tod! Es ist nichts als ein
-sanftes Schwinden, wie wenn der Morgenstern unter den goldenen Strahlen
-des ersten Tageslichtes erbleicht. Dir gehört der Sieg ohne Kampf, --
-die Krone ohne Streit.
-
-So dachte St. Clare, als er mit unterschlagenen Armen vor der Hülle
-seines Kindes stand. Aber, wer will sagen, was er dachte? denn von der
-Stunde an, daß er Stimmen in dem Sterbezimmer gehört hatte, die da
-sagten, »sie sei dahin,« war Alles um ihn nur ein dunkler, schwerer
-Nebel gewesen. Er hatte Stimmen um sich gehört; es waren Fragen an ihn
-gerichtet und beantwortet worden; man hatte ihn gefragt, wann das
-Begräbniß stattfinden solle, und wo er wünsche, daß sie beigesetzt
-werde, und er hatte ungeduldig geantwortet, daß es ihm gleichgültig sei.
-
-Adolph und Rosa hatten die Anordnungen im Zimmer getroffen, welche,
-obgleich leichtsinnig und kindisch, doch gutherzig und gefühlvoll waren;
-und während Miß Ophelia die Vorbereitungen im Allgemeinen leitete, waren
-es ihre Hände, welche ihnen jenen sanfteren, poetischeren Anstrich
-liehen, der dem Sterbezimmer den abschreckenden, geisterartigen Anschein
-nimmt, welcher den Leichenbegängnissen in Neu-England so eigentümlich
-ist. Auch jetzt, während St. Clare sinnend dastand, kam Rosa mit einem
-Korbe voll weißer Blumen leise in das Zimmer getrippelt. Sie trat
-zurück, als sie St. Clare gewahrte, und blieb ehrfurchtsvoll stehen;
-allein, da sie sah, daß er sie nicht bemerkte, kam sie näher, um die
-Blumen um das todte Kind zu legen. St. Clare sah sie nur wie im Traume,
-als sie in die kleinen Hände eine schöne Jasminblüthe legte, und mit
-bewunderungswürdigem Geschmacke die anderen Blumen auf dem Sterbelager
-ausbreitete.
-
-Die Thür öffnete sich abermals, und Topsy erschien mit dick
-angeschwollenen, verweinten Augen, Etwas unter ihrer Schürze tragend.
-Rosa machte gegen sie eine schnelle, zurückweisende Bewegung, aber sie
-trat dennoch einen Schritt weiter in das Zimmer.
-
-»Du mußt hinausgehen,« sagte Rosa flüsternd in scharfem, entschiedenem
-Tone; -- »^Du^ hast hier Nichts zu thun.«
-
-»O, bitte, laß mich! Ich habe eine Blume, -- so eine schöne!« sagte
-Topsy, eine halb aufgeblühte Theerosenknospe emporhaltend. »Bitte, laß
-mich sie dahin legen!«
-
-»Geh' hinaus!« sagte Rosa noch bestimmter.
-
-»Laß sie hier!« rief St. Clare plötzlich mit dem Fuße stampfend. »Sie
-soll herein kommen.«
-
-Rosa zog sich sogleich zurück, und Topsy kam näher und legte ihr
-Geschenk zu den Füßen des Leichnams; und sodann sich plötzlich mit einem
-wilden, schmerzlichen Schrei an der Seite des Bettes niederwerfend,
-begann sie mit leidenschaftlicher Heftigkeit zu weinen und zu
-schluchzen.
-
-Miß Ophelia kam in's Zimmer geeilt, und bemühte sich, sie aufzuheben und
-zu beruhigen, aber vergeblich.
-
-»O Miß Eva! o Miß Eva! ich wollte, ich wäre auch todt!«
-
-Es lag eine solche Wildheit und ein so schneidender Schmerz in diesem
-Weinen, daß das Blut in St. Clare's marmorweiße Wangen stieg, und seit
-Eva's Tode die ersten Thränen wieder in seine Augen traten.
-
-»Steh' auf, Kind,« sagte Miß Ophelia mit sanfter Stimme, »weine nicht so
-heftig. Miß Eva ist im Himmel, und ist nun ein Engel!«
-
-»Aber ich kann sie nicht sehen!« sagte Topsy. »Ich werde sie nie wieder
-sehen!« und ihr Schluchzen begann von Neuem.
-
-St. Clare und Ophelia standen einen Augenblick schweigend da.
-
-»^Sie^ sagte, sie hätte mich ^lieb^,« fuhr Topsy fort, -- »ja! o
-Herr! o Herr! nun ist ^Niemand^ da! -- Niemand!«
-
-»Das ist wahr genug,« sagte St. Clare, und fuhr dann zu Miß Ophelien
-gewendet fort: »aber bitte, sieh' zu, ob Du nicht das arme Wesen
-beruhigen kannst.«
-
-Miß Ophelia hob sie sanft, aber fest auf, und führte sie aus dem
-Zimmer; aber, während sie es that, fielen auch aus ihrem Auge einige
-Thränen nieder.
-
-»Topsy, Du armes Kind,« sagte sie, als sie sie in ihr eignes Zimmer
-führte, »verzweifle nicht! Ich kann Dich lieb haben, obgleich ich nicht
-so bin, wie jenes theure Kind. Ich hoffe, ich habe etwas von der Liebe
-Christi durch sie gelernt. Ich kann Dich lieben; und ich will Dir
-beistehen, daß Du als ein gutes, christliches Mädchen aufwachsen
-mögest.«
-
-Miß Opheliens Stimme drückte mehr aus, als ihre Worte, und mehr noch,
-als jene, sagten die aufrichtigen Thränen, die über ihre Wangen
-niederrollten. Und von diesem Augenblicke an erlangte sie einen Einfluß
-auf den Geist dieses verlassenen Kindes, den sie nie wieder verlor.
-
-»O meine Eva, deren kurze Stunde so viel Gutes auf Erden wirkte,« dachte
-St. Clare, »welche Rechenschaft habe ich zu geben von meinen vielen,
-langen Jahren?«
-
-Eine Zeit lang wurde noch leises Flüstern und Gehen im Zimmer gehört,
-während Einer nach dem Andern herein schliech, um die Todte zu sehen;
-dann kam der kleine Sarg, und dann begann das Leichenbegängniß, und
-Wagen kamen gefahren, und fremde Personen betraten das Zimmer und
-setzten sich darin nieder; und weiße Bänder wurden gesehen, und
-Trauerflöre, und Trauernde in schwarzer Kleidung; und dann wurden Worte
-aus der Bibel gelesen, und Gebete gehalten; und St. Clare lebte, und
-ging, und bewegte sich wie Jemand, der die letzte Thräne vergossen hat.
-Endlich sah er nur noch einen Gegenstand, -- das goldene Köpfchen im
-Sarge; aber dann sah er das Leichentuch darüber ausbreiten, und den
-Sargdeckel schließen, und er schritt an der Seite Andrer, wohin man ihn
-gestellt hatte, nach einem Platze am Ende des Gartens, und dort, bei dem
-Moossitze, wo sie und Tom so oft gesessen, und gesungen und gelesen
-hatten, war das kleine Grab. St. Clare stand neben demselben, -- und
-blickte gedankenlos hinab; er sah den kleinen Sarg hinabsenken: er hörte
-die feierlichen Worte: »Ich bin die Auferstehung und das Leben; wer an
-mich glaubet, der wird leben, ob er gleich stürbe;« und als die Erde
-hinab geschüttet wurde, und das kleine Grab füllte, konnte er sich nicht
-denken, daß es Eva sei, die man dort vor seinen Blicken verborgen habe.
-
-Auch war es nicht Eva! -- sondern nur der schwache Same jener
-glänzenden, unsterblichen Gestalt, mit der sie hervortreten wird am Tage
-unseres Herrn Jesu Christi.
-
-Sodann entfernten sich Alle, und die Trauernden gingen zurück nach dem
-Orte, an dem sie nicht mehr gesehen werden sollte. Mariens Zimmer war
-dunkel, und sie selbst lag auf dem Bette, und schluchzte und stöhnte in
-unmäßigem Schmerze, und verlangte jeden Augenblick nach der Bedienung
-aller ihrer Dienstboten. Diese, natürlich, hatten keine Zeit zu weinen;
--- weshalb sollten sie auch? Der Schmerz war ja ^ihr^ Schmerz, und sie
-war völlig überzeugt, daß Niemand auf Erden so empfinden könne oder
-wolle wie sie.
-
-»St. Clare habe keine Thräne vergossen,« sagte sie; »er habe nicht mit
-ihr sympathisirt; es sei wirklich ganz unbegreiflich, wie er so
-hartherzig und gefühllos sein könne, da er doch wissen müsse, was sie
-leide.«
-
-So sehr sind die Menschen Sklaven ihres Auges und Ohres, daß viele der
-Dienstboten wirklich glaubten, daß ihre Missis bei diesem Trauerfalle am
-meisten leide, besonders, als Marie anfing, hysterische Krämpfe zu
-bekommen, und nach dem Arzte schickte, und sich selbst als dem Tode nahe
-erklärte. Allein Tom trug in seinem Herzen ein andres Gefühl, welches
-ihn zu seinem Herrn zog. Er folgte ihm, wohin er auch sinnend und
-traurig gehen mochte; und wenn er ihn in Eva's Zimmer blaß und
-schweigend sitzen, und ihre kleine Bibel offen vor sich halten sah, in
-der er kein Wort und keinen Buchstaben sah, so erkannte Tom in diesem
-stillen, starren, thränenlosen Auge mehr Schmerz, als in Marien's
-Stöhnen und Klagen.
-
-Wenige Tage später ging die ganze Familie nach der Stadt zurück, da St.
-Clare in der Ruhelosigkeit seines Schmerzes nach andern Scenen
-verlangte, um dem Laufe seiner Gedanken eine andre Richtung zu geben.
-Sie verließen also das Haus und den Garten mit dem kleinen Grabe, und
-kamen nach New-Orleans zurück; und St. Clare schritt eilfertig die
-Straßen auf und ab, und suchte die Leere in seinem Herzen durch eifrige
-Geschäftigkeit und durch Veränderung des Aufenthaltes auszufüllen; und
-die Leute, die ihm auf der Straße oder im Caffe begegneten, erkannten
-seinen Verlust nur durch das Zeichen am Hute, denn er lächelte und
-unterhielt sich, und las Zeitungen, und disputirte über politische
-Gegenstände, und widmete sich seinen Geschäften; und wer konnte sehen,
-daß diese lächelnde Außenseite nur als hohle Schale ein Herz bedeckte,
-welches ein dunkles, schweigendes Grab war?
-
-»Mr. St. Clare ist ein sonderbarer Mann,« sagte Marie zu Ophelien, in
-sich beklagendem Tone. »Ich dachte immer, wenn es überhaupt Etwas in der
-Welt gäbe, was er lieben könne, so sei es unsere theure, kleine Eva
-gewesen; allein er scheint sie sehr leicht zu vergessen. Ich kann ihn
-nie dazu bringen, von ihr zu sprechen. Ich dachte wirklich, er würde
-mehr Gefühl zeigen!«
-
-»Stille Wasser sind tief, pflegt man zu sagen,« entgegnete Miß Ophelia
-bedeutungsvoll.
-
-»O, ich glaube nicht an solche Dinge; das ist Alles nur Geschwätz. Wer
-Gefühl hat, wird es zeigen, -- und kann nicht anders; aber es ist ein
-großes Unglück, so viel Gefühl zu haben. Ich wollte lieber, ich wäre wie
-St. Clare; meine Gefühle nagen an meiner Gesundheit!«
-
-»O gewiß, Missis,« sagte Mammy, »Master St. Clare wird wie ein Schatten;
--- er ißt gar nichts. Ich weiß, er kann Miß Eva nicht vergessen; -- ich
-weiß, Keiner kann's, -- das liebe, kleine, segensreiche Wesen!« fügte
-sie, ihre Augen trocknend, hinzu.
-
-»Wohl, auf alle Fälle hat er kein Gefühl für mich,« sagte Marie; »er hat
-mir noch kein theilnehmendes Wort gesagt, und er muß doch wissen, wie
-viel tiefer so etwas eine Mutter empfindet, als es ein Mann kann.«
-
-»Jedes Herz kennt seinen eignen Schmerz!« sagte Ophelia sehr ernst.
-
-»Das ist es grade, was ich denke. Ich weiß, was ich empfinde, -- und
-Niemand Anderes scheint es zu ahnen. Nur Eva konnte es, aber sie ist
-hin!« sagte Marie, und legte sich auf ihr Sopha zurück, und begann
-heftig zu schluchzen.
-
-Während diese Unterhaltung in Marien's Wohnzimmer Statt fand, wurde eine
-andre in St. Clare's Arbeitszimmer gepflogen.
-
-Tom, der seinem Herrn überall unruhig folgte, hatte ihn mehrere Stunden
-zuvor in sein Arbeitszimmer gehen sehen, und beschloß endlich, nachdem
-er vergeblich darauf gewartet hatte, ihn wieder herauskommen zu sehen,
-unter irgend einem Vorwande hinein zu gehen. Er trat leise ein. St.
-Clare lag auf dem Sopha, am anderen Ende des Zimmers, auf dem Gesichte,
-Eva's Bibel aufgeschlagen in der Hand haltend. Tom näherte sich ihm, und
-blieb am Sopha stehen. Er zauderte, und während dessen richtete sich St.
-Clare plötzlich auf. Das ehrliche Gesicht, auf dem sich der Ausdruck
-tiefsten Schmerzes und flehenden Mitgefühls zeigte, rührte St. Clare. Er
-legte seine Hand auf Tom's Hand, und neigte seine Stirn darauf nieder.
-
-»O, Tom, mein Junge, die Welt ist leer, wie eine Eierschale.«
-
-»Ich weiß, Master, -- ich weiß,« sagte Tom; »aber, o! wenn Master nur
-da hinauf blicken könnte, -- hinauf, wo unsere liebe Miß Eva ist, -- auf
-zum lieben Herrn Jesus!«
-
-»Ach, Tom! ich sehe hinauf; aber das Unglück ist, ich sehe nichts, wenn
-ich es thue. Ich wollte, ich könnte etwas sehen.«
-
-Tom seufzte schwer.
-
-»Es scheint nur Kindern gegeben zu sein, und solchen armen, ehrlichen
-Seelen, wie Du bist, zu sehen, was wir nicht können,« sagte St. Clare.
-»Wie kommt das?«
-
-»»Du hast es verborgen den Weisen und Klugen, und hast es geoffenbaret
-den Unmündigen. Ja, Vater, also war es wohlgefällig vor Dir,««
-antwortete Tom mit den Worten der Schrift.
-
-»Tom, ich glaube nicht, -- ich kann nicht glauben, -- ich habe einmal
-die Gewohnheit des Zweifelns angenommen,« sagte St. Clare. »Ich möchte
-gern an die Bibel glauben, -- und kann nicht.«
-
-»Lieber Master, beten Sie zum lieben Herrn: »Herr, ich glaube, hilf Du
-meinem Unglauben!««
-
-»Wer ^weiß^ Etwas?« sagte St. Clare, während seine Augen träumerisch
-umher wanderten, und er zu sich selbst sprach. »War alle diese
-himmlische Liebe und dieser Glaube nichts als eine der ewig wechselnden
-Phasen menschlichen Gefühls, die auf nichts Wirklichem ruht, und mit dem
-schwachen Athem entflieht? Und gibt es jetzt keine Eva mehr, -- keinen
-Himmel, -- keinen Christus, -- nichts?«
-
-»O lieber Master, ja! ich weiß es! -- ich weiß es gewiß!« sagte Tom auf
-die Knie fallend. »Bitte, bitte, lieber Master, glauben Sie es!«
-
-»Wie weißt Du, Tom, daß es einen Christus gibt? Du hast ihn nie
-gesehen.«
-
-»Ich habe Ihn gefühlt in meiner Seele, Master, -- fühle Ihn jetzt! O
-Master, als ich verkauft wurde, fort von meiner alten Frau und meinen
-Kindern, da dacht' ich, 's wäre aus mit mir. Mir war, als wenn Alles
-vorbei wäre; aber dann kam der gute Herr, und stand bei mir, und sagte:
-›Tom, fürchte nicht!‹ und er brachte Licht und Freude in meine arme
-Seele, -- und machte Friede; -- und ich wurde so glücklich, und liebte
-Jedermann, und fühlte mich willig nur dem Herrn anzugehören, und des
-Herrn Willen zu thun, und überall hinzugehen, wohin der Herr mir befahl.
-Ich wußte, das konnte nicht von mir kommen, denn ich bin eine arme,
-unzufriedene Creatur; es kommt vom Herrn; -- und ich weiß, Er ist auch
-bereit, Master beizustehen.«
-
-Tom sprach unter strömenden Thränen, und mit stockender Stimme. St.
-Clare lehnte seinen Kopf an Tom's Schulter, und drückte seine harte,
-treue, schwarze Hand.
-
-»Tom, Du hast mich lieb,« sagte er.
-
-»Bin bereit mein Leben zu lassen, heute noch, wenn Master wollte ein
-Christ werden.«
-
-»Armer, thörichter Bursche!« sagte St. Clare, sich halb aufrichtend.
-»Ich bin der Liebe eines so guten, ehrlichen Herzens, wie Deines, nicht
-werth.«
-
-»O Master, ich liebe Sie nicht allein, -- der liebe Herr Jesus liebt Sie
-auch.«
-
-»Wie weißt Du das, Tom?« sagte St. Clare.
-
-»Ich fühle es in meiner Seele. O Master! ›die Liebe Christi, die viel
-besser ist denn alles Wissen.‹«
-
-»Sonderbar!« sagte St. Clare, sich abwendend, »daß die Geschichte eines
-Menschen, der vor achtzehnhundert Jahren lebte und starb, noch jetzt so
-tiefen Eindruck auf die Gemüther machen kann. Aber er war kein Mensch,«
-fügte er plötzlich hinzu. »Nie hatte ein Mensch eine so lange dauernde
-und lebendige Kraft. O, daß ich glauben könnte was meine Mutter mich
-lehrte, und beten, wie ich es als Knabe konnte!«
-
-»Wenn Master so gut sein wollte,« sagte Tom »Miß Eva las dies immer so
-wunderschön. Ich wünschte, Master wollte so gut sein und es lesen. Höre
-jetzt gar nichts mehr lesen, nun Miß Eva nicht mehr da ist.«
-
-Es war das eilfte Kapitel Johannis, -- die rührende Scene von der
-Wiedererweckung des Lazarus. St. Clare las laut, oft inne haltend, um
-gewisse Empfindungen niederzudrücken, die durch das Ergreifende der
-Schilderung erregt wurden. Tom kniete vor ihm mit gefalteten Händen, und
-mit dem innigsten Ausdrucke von Liebe, Vertrauen und Anbetung in seinem
-ruhigen Gesichte.
-
-»Tom,« sagte sein Herr, »dies ist alles Wirklichkeit für Dich!«
-
-»Ich kann es alles deutlich sehen, Master,« entgegnete Tom.
-
-»Ich wollte, ich hätte Deine Augen, Tom.«
-
-»Ich wünschte, bei dem lieben Herrn Jesus, Master hätte sie.«
-
-»Aber, Tom, Du weißt, daß ich viel mehr Kenntnisse besitze als Du; wie,
-wenn ich Dir sage, daß ich an diese Bibel nicht glaube?«
-
-»O Master!« rief Tom, seine Hände mit bittender Geberde emporhaltend.
-
-»Würde es nicht Deinen Glauben etwas wankend machen?«
-
-»Nicht im Geringsten,« entgegnete Tom.
-
-»Aber, Tom, Du mußt bedenken, daß ich viel mehr weiß als Du.«
-
-»O Master, haben Sie nicht just jetzt gelesen, »Er hat es den Weisen und
-Klugen verborgen, und es den Unmündigen geoffenbaret?« Aber Master war
-nicht im Ernste, -- gewiß nicht -- nicht wahr?« sagte Tom ängstlich.
-
-»Nein, Tom, es war nicht mein Ernst. Ich verwerfe den Glauben nicht, und
-dennoch kann ich nicht selbst glauben. Es ist eine unglückliche, böse
-Gewohnheit, Tom, die ich angenommen habe.«
-
-»Wenn Master nur beten wollte!«
-
-»Woher weißt Du, Tom, daß ich es nicht thue?«
-
-»Thut Master es?«
-
-»Ich würde es thun, Tom, wenn Jemand dort wäre, wenn ich bete; aber alle
-meine Worte gehen nur in die Leere hinein. Aber komm, Tom, Du sollst
-beten, jetzt, und es mir zeigen, wie.«
-
-Tom's Herz war voll. Er ließ es ausströmen in Gebet wie Wasser, die
-lange zurückgedrängt worden sind. Eins war klar: Tom glaubte, daß Jemand
-da sei, der ihn höre, und St. Clare fühlte sich auf der Fluth seines
-Glaubens und Gefühls beinahe bis zu den Pforten des Himmels hinauf
-getragen, den Tom so deutlich zu sehen schien; es war ihm, als wenn er
-Eva näher gebracht würde.
-
-»Danke Dir, mein Junge,« sagte St. Clare, als Tom aufstand. »Ich höre
-Dich gern, Tom, aber jetzt gehe, und verlaß mich; ein anderes Mal wollen
-wir mehr mit einander reden.«
-
-Tom verließ schweigend das Zimmer.
-
-
-
-
-Achtundzwanzigstes Kapitel.
-
-Wiedervereinigung.
-
-
-Woche um Woche floß dahin in St. Clare's Hause, und die Wellen des
-Lebens nahmen wieder ihren gewöhnlichen Lauf an, wo jener kleine Nachen
-untergegangen war; denn wie gebieterisch, wie kalt, wie gefühllos, wie
-gleichgültig bewegt sich nicht das tägliche Leben fort! Wir müssen
-essen, trinken, schlafen und wieder erwachen -- wir müssen handeln,
-kaufen, verkaufen, fragen und antworten, -- kurz, tausend Schatten
-verfolgen, obgleich jedes Interesse in ihnen längst verschwunden ist;
-denn die kalte, mechanische Gewohnheit des Lebens bleibt, nachdem jedes
-lebendige Interesse längst geflohen ist.
-
-Alle Hoffnungen und jedes Interesse in St. Clares Leben hatten sich ihm
-unbewußt um dieses Kind gewunden. Für Eva verwaltete er sein Eigenthum;
-mit Rücksicht auf Eva hatte er die Eintheilung seiner Zeit getroffen;
-und dies oder das für Eva zu thun, -- zu kaufen, zu verbessern, zu
-verändern und anzuordnen, -- war seit so langer Zeit seine Gewohnheit
-gewesen, daß es ihm jetzt, wo sie nicht mehr da war, schien, als habe er
-an nichts mehr zu denken, nichts mehr zu thun.
-
-Zwar gab es noch ein anderes Leben, -- ein Leben, das, wenn einmal daran
-geglaubt wird, als eine so heilige, bedeutungsvolle Ziffer vor den sonst
-so bedeutungslosen Zahlen der Zeit steht, daß sie einen geheimnißvollen,
-unaussprechlichen Werth dadurch empfangen. St. Clare wußte dies, und
-glaubte in mancher müden Stunde die zarte, kindliche Stimme zu hören,
-wie sie ihn zu sich rief, und die kleine Hand zu sehen, wie sie ihm den
-Lebensweg vorzeichnete; aber es lag ein schwerer, lethargischer Schmerz
-auf ihm, er konnte sich nicht erheben. St. Clare hatte nie versucht,
-sich durch religiöse Vorschriften leiten zu lassen, denn eine gewisse
-Feinheit seiner Natur hat ihm einen Blick in die weite Ausdehnung der
-Erfordernisse des Christenthums gegeben, so daß er im Voraus davor
-zurückbebte. So inconsequent ist die menschliche Natur, besonders im
-Gebiete des Geistigen, daß es ihr besser erscheint, ein Unternehmen
-überhaupt gar nicht zu beginnen, als darin nicht ganz erfolgreich zu
-sein.
-
-Dennoch war St. Clare in mancher Beziehung ein andrer Mensch geworden.
-Er las in der Bibel seiner kleinen Eva ernstlich und aufrichtig; er
-dachte mehr und reichlicher über das Verhalten gegen seine Dienstboten
-nach, -- eine Betrachtung, die ihn im höchsten Grade unzufrieden mit
-seiner bisherigen und gegenwärtigen Verfahrungsweise machte; und er
-that, gleich nach seiner Rückkehr nach New-Orleans, die nöthigen
-Schritte, um Tom's Freilassung zu bewirken, welche erfolgen sollte,
-sobald den nöthigen Formalitäten genügt worden war. Inzwischen schloß er
-sich jeden Tag mehr und mehr an Tom an. Nichts in der Welt schien ihn so
-sehr an Eva zu erinnern wie Tom; und so verschlossen und unzugänglich er
-sonst mit seinen tieferen Gefühlen war, so legte er sich in Tom's
-Gegenwart so wenig Zwang an, daß er beinahe laut dachte. Auch würde sich
-Niemand darüber gewundert haben, der den Ausdruck von Liebe und
-Ergebenheit sah, mit dem Tom seinem jungen Herrn überall folgte.
-
-»Nun, Tom,« sagte St. Clare am Tage, an welchem die gesetzlichen
-Förmlichkeiten seiner Freilassung begonnen hatten, -- »ich will Dich
-jetzt zu einem freien Menschen machen; -- Du kannst also nur Deinen
-Koffer packen, und Dich zur Abreise nach Kentucky vorbereiten.«
-
-Die plötzliche Freude, die in Tom's Gesicht aufleuchtete, während er
-seine Hände erhob, und sein Ausruf: »Gesegnet sei der Herr!« kränkten
-St. Clare gewissermaßen. Es gefiel ihm nicht, daß Tom so bereitwillig
-war, ihn zu verlassen.
-
-»Du hast doch so sehr schlimme Zeit hier nicht gehabt, daß Du in solches
-Entzücken darüber gerathen mußt, Tom,« sagte er trocken.
-
-»Nein, nein, Master!, das ist es nicht, -- es ist ›ein freier Mensch
-sein.‹ Darüber freue ich mich.«
-
-»Wie, Tom, glaubst Du nicht, daß Du, was Dich allein betrifft, es hier
-besser gehabt hast, als wenn Du frei gewesen wärest?«
-
-»Nein, Master St. Clare,« sagte Tom mit aufloderndem Enthusiasmus, --
-»nein, o nein!«
-
-»Wie, Tom, hättest Du durch Deine eigene Arbeit Dir solche Kleider und
-solchen Unterhalt verdienen können, wie ich Dir gegeben habe?«
-
-»Weiß das, Master St. Clare; Master ist zu gut gewesen; aber, Master,
-ich will lieber schlechte Kleider, eine kleine Hütte, und Alles dürftig
-haben, und es ^mein^ nennen, als das Beste haben, was einem Andern
-gehört. -- Ich möchte 's so, Master, -- ich denke, 's ist natürlich,
-Master.«
-
-»Ich denke, Tom, Du wirst ungefähr in einem Monat gehen, und mich
-verlassen können,« sagte St. Clare etwas unzufrieden. »Aber warum
-solltest Du 's auch nicht? -- kein Mensch kann es sagen,« fuhr er
-plötzlich in heiterem Tone fort, und stand auf, und begann im Zimmer auf
-und abzugehen.
-
-»Nicht, so lange Master St. Clare unglücklich ist,« sagte Tom. »Ich will
-bleiben, so lange Master mich nöthig hat, und ich von Nutzen sein kann.«
-
-»Nicht, so lange ich unglücklich bin, Tom?« sagte St. Clare, traurig
-durch das Fenster blickend. -- -- »Und wann glaubst Du, daß mein Unglück
-aufhören werde?«
-
-»Wenn Master St. Clare ein Christ ist,« sagte Tom.
-
-»Und Du gedenkst wirklich hier so lange zu bleiben, bis dieser Tag
-kommt?« sagte St. Clare halb lächelnd, während er sich vom Fenster
-abwandte und seine Hand auf Tom's Schulter legte. »O Tom, Du guter,
-thörichter Bursche! Ich will Dich nicht bis zu dem Tage halten. Geh'
-heim zu Deinem Weibe und Deinen Kindern, und grüße sie alle von mir.«
-
-»Ich weiß gewiß, daß dieser Tag kommen wird,« sagte Tom mit Wärme und
-mit Thränen in den Augen; »der Herr hat ein Werk für Master.«
-
-»Ein Werk, wie?« sagte St. Clare; »wohl, Tom, so gib mir Deine Ansichten
-darüber, von welcher Art das Werk sein könne; -- laß mich hören.«
-
-»Wenn ein armer Mensch wie ich sogar ein Werk für den Herrn verrichten
-kann, -- wie viel mehr kann Master St. Clare, der Gelehrsamkeit hat, und
-Reichthümer und Freunde, für den Herrn wirken!«
-
-»Tom, Du scheinst anzunehmen, daß der Herr ein großes Wirken für sich
-nöthig habe,« sagte St. Clare lächelnd.
-
-»Wir wirken für den Herrn, während er für seine Geschöpfe wirkt,« sagte
-Tom.
-
-»Eine gute Theologie, Tom, besser als die, welche Dr. B.... predigt, --
-ich möchte darauf schwören,« entgegnete St. Clare.
-
-Die Unterhaltung wurde hier durch Besuch, welcher sich anmelden ließ,
-unterbrochen.
-
-Marie St. Clare empfand Eva's Verlust so tief, wie sie überhaupt etwas
-empfinden konnte; und da sie eine Frau war, die es verstand, Jedermann
-unglücklich zu machen, wenn sie es selbst war, so hatte ihre
-unmittelbare Umgebung noch besondere Gründe, den Verlust ihrer jungen
-Mistreß zu betrauern, deren sanfte Fürsprache so oft für sie ein Schild
-gegen die Tyrannei und den selbstsüchtigen Druck ihrer Mutter gewesen
-war. Besonders herzbrechend war der Schmerz der armen, alten Mammy,
-deren natürliche, häusliche Bande sämmtlich gelöst waren, und die in
-jenem liebenswürdigen Wesen ihren einzigen Trost gefunden hatte. Sie
-weinte Tag und Nacht, und war durch ihren übermäßigen Kummer weniger
-geschickt und gewandt in ihren Verrichtungen für die Person ihrer
-Mistreß, was einen fortwährenden Sturm von Schmähungen auf ihr
-schutzloses Haupt herab rief.
-
-Miß Ophelia fühlte den Verlust; aber in ihrem guten, braven Herzen trug
-er Früchte des ewigen Lebens. Sie wurde gemäßigter, sanfter in ihrem
-Wesen, und obgleich eben so emsig und eifrig in ihren Pflichten wie
-früher, zeigte sie doch eine demüthigere, ruhigere Miene, wie Jemand,
-der nicht vergeblich mit seinem Herzen Rath gepflogen hatte. Sie
-verwendete noch mehr Fleiß auf den Unterricht Topsy's, -- lehrte ihr aus
-der Bibel, -- scheute sich nicht mehr vor ihrer Berührung und verrieth
-keinen Widerwillen mehr gegen sie, denn sie empfand keinen. Sie
-betrachtete sie jetzt durch das sanftere Medium, welches Eva zuerst
-ihren Augen vorgehalten hatte, und sah in ihr nur ein unsterbliches
-Wesen, welches Gott gesendet hatte, um durch sie zur Herrlichkeit und
-zur Tugend geführt zu werden. Topsy wurde nicht auf einmal eine Heilige;
-aber das Leben und der Tod Eva's hatten eine merkliche Veränderung in
-ihr bewirkt. Jene verhärtete Gleichgültigkeit war verschwunden, und an
-ihrer Stelle zeigten sich jetzt Empfänglichkeit, Hoffnung, Verlangen und
-Streben nach dem Guten, -- ein unregelmäßiges und oft unterbrochenes,
-aber stets wieder erneuertes Streben.
-
-Eines Tages, als Topsy von Miß Ophelien gerufen worden war, kam sie
-herbei, während sie eiligst etwas in ihren Busen steckte.
-
-»Was machst Du da, Du unnützes Ding? Du hast gewiß etwas gestohlen,«
-sagte die herrschsüchtige, kleine Rosa, welche abgesendet worden war, um
-sie zu holen, während sie sie zugleich heftig beim Arm ergriff.
-
-»Laß mich gehen, Rosa!« sagte Topsy, sich von ihr losreißend; »'s geht
-Dich gar nichts an!«
-
-»Keine Ungezogenheit!« sagte Rosa. »Ich hab's gesehen, daß Du 'was
-versteckt hast, -- ich kenne Deine Streiche!« Und mit diesen Worten
-ergriff sie ihren Arm von Neuem und versuchte ihre Hand in Topsy's Busen
-zu zwängen, während Topsy wüthend um sich stieß, und für das, was sie
-als ihr Recht ansah, tapfer focht. Das Geschrei und der Lärm des Kampfes
-zogen Miß Ophelien und St. Clare zur Stelle.
-
-»Sie hat 'was gestohlen!« rief Rosa.
-
-»'s ist nicht wahr!« schrie Topsy, leidenschaftlich schluchzend.
-
-»Gib es mir, was es auch immer sein möge!« sagte Miß Ophelia mit
-Festigkeit.
-
-Topsy zauderte; aber nach einem zweiten Befehle zog sie aus ihrem Busen
-ein Paket hervor, welches in den Fuß eines ihrer alten Strümpfe
-gewickelt war. Miß Ophelia öffnete es. Es zeigte sich ein kleines Buch,
-welches Topsy von Eva erhalten hatte und welches einen einzelnen Vers
-enthielt, der für alle Tage des Jahres eingerichtet war, und in einem
-Papiere die Haarlocke, die Eva ihr an jenem denkwürdigen Tage gegeben,
-an dem sie von Allen Abschied genommen hatte.
-
-St. Clare fühlte sich heftig ergriffen beim Anblicke derselben. Das
-kleine Buch war in einen langen Streifen schwarzen Krepp's gewickelt,
-der beim Leichenbegängniß benützt worden war.
-
-»Warum hast Du ^dies^ um das Buch gewickelt?« fragte St. Clare, den
-Kreppstreifen emporhaltend.
-
-»Weil -- weil -- weil es von Miß Eva war. O, bitte, nehmen Sie's nicht
-fort!« sagte sie, und setzte sich nieder auf den Fußboden, zog ihre
-Schürze über den Kopf und begann heftig zu weinen.
-
-Es war eine sonderbare Mischung des Pathetischen und Komischen, -- der
-kleine, alte Strumpf, -- schwarzer Krepp -- das Textbuch -- sanftes,
-blondes Haar, -- und Topsy's heftiger Schmerz.
-
-St. Clare lächelte; aber es schimmerten Thränen in einem Auge, als er
-sagte:
-
-»Still, still, weine nicht! Du sollst Alles wieder haben!« und mit
-diesen Worten wickelte er Alles wieder zusammen, warf es in Topsy's
-Schooß, und zog Ophelien in das nächste Zimmer.
-
-»Ich glaube wirklich, Du kannst aus dem Besteck noch etwas machen,«
-sagte er, mit dem Daumen rückwärts über die Schulter deutend. »Ein
-Gemüth, das wirklichen Schmerz empfinden kann, ist des Guten fähig. Du
-mußt versuchen, ob Du etwas aus ihr machen kannst.«
-
-»Das Kind hat sich wesentlich gebessert,« sagte Miß Ophelia. »Ich hege
-große Hoffnungen mit ihr; -- aber, Augustin,« fuhr sie fort, ihre Hand
-auf seinen Arm legend, »eins muß ich Dich fragen: wem soll das Kind
-gehören, -- Dir oder mir?«
-
-»Nun, ich gab sie Dir,« sagte Augustin.
-
-»Aber nicht in gesetzlicher Form; -- ich möchte sie in aller Form
-Rechtens besitzen,« sagte Miß Ophelia.
-
-»Hoho! Cousine!« sagte Augustin, »was werden die Abolitionisten davon
-denken? Die werden einen Bußtag wegen dieses Abfalls halten, wenn Du
-eine Besitzerin von Sklaven wirst!«
-
-»O Unsinn! Ich will sie nur deßhalb ^mein^ nennen können, um das Recht
-zu haben, sie mit mir nach den Freistaaten zu nehmen und ihr dort die
-Freiheit zu geben, damit nicht Alles verloren sei, was ich für sie zu
-thun versucht habe.«
-
-»O Cousine, was für ein schreckliches ›Uebles thun, daß Gutes daraus
-komme‹ ist das! Ich kann das nicht unterstützen!«
-
-»Du mußt nicht darüber scherzen, sondern die Sache vernünftig
-betrachten,« sagte Miß Ophelia. »Alle meine Bemühungen, dieses Kind zu
-einem christlichen Kinde zu machen, sind vergeblich, wenn ich es nicht
-gegen alle Zufälle und Gefahren schützen kann, die ihm von der Sklaverei
-drohen; und wenn es wirklich Deine Absicht ist, sie mir eigenthümlich
-zu überlassen, so mußt Du mir eine in gesetzlicher Form ausgestellte
-Urkunde darüber geben.«
-
-»Gut, gut,« sagte St. Clare, »ich will es thun;« worauf er sich setzte,
-und eine Zeitung zu lesen begann.
-
-»Aber ich wünschte, daß Du es gleich thätest,« fuhr Miß Ophelia fort.
-
-»Wozu ist diese schreckliche Eile?«
-
-»Weil jetzt grade die einzige Zeit ist, in der etwas vorgenommen werden
-kann,« entgegnete Miß Ophelia; »also komm', Cousin, hier ist Papier,
-Feder und Tinte; stelle mir eine Urkunde aus.«
-
-St. Clare, gleich der Mehrzahl seiner Geistesgenossen, haßte jede Art
-gespannter Thätigkeit, und fühlte sich deßhalb nicht wenig gequält durch
-Opheliens Offenheit und Dringlichkeit.
-
-»Aber was hast Du denn?« sagte er. »Ist Dir denn mein Wort nicht
-genügend? Man sollte glauben, Du wärest bei den Juden in der Lehre
-gewesen, daß Du so über einen Menschen herfällst!«
-
-»Ich will meiner Sache gewiß sein,« entgegnete Miß Ophelia. »Du kannst
-sterben oder Dein Vermögen verlieren, und dann würde Topsy, aller meiner
-Bemühungen ungeachtet, fortgerissen und auf den Sklavenmarkt geschleppt
-werden.«
-
-»In der That, Du bist außerordentlich vorsichtig. Gut, da ich sehe, daß
-ich doch einmal in der Hand einer Yanky bin, so muß ich nachgeben,«
-sagte St. Clare, und schrieb schnell eine Ueberweisungsurkunde nieder,
-was ihm, da er mit den gesetzlichen Formen genau bekannt war, leicht
-wurde, unterzeichnete seinen Namen mit großen Buchstaben und schloß mit
-einem mächtigen Schnörkel. »Da, ist das nicht Schwarz auf Weiß?« sagte
-er, als er es ihr einhändigte.
-
-»Bist ein guter Junge,« sagte Miß Ophelia lächelnd, »aber muß es nicht
-von einem Zeugen mit unterschrieben sein?«
-
-»O Plage! -- ja. Hier,« rief er, die Thür von Marien's Zimmer öffnend,
-»Marie, Cousine bedarf Deiner Handschrift; komm', schreibe Deinen Namen
-hierher.«
-
-»Was ist das?« sagte Marie, während sie das Papier überlief. --
-»Lächerlich! Ich dachte, Cousine wäre zu fromm für so schreckliche
-Dinge,« fügte sie hinzu, während sie nachlässig ihren Namen
-unterzeichnete, »aber wenn sie an dem Artikel Gefallen gefunden hat, so
-soll es uns willkommen sein.«
-
-»Da, nun ist sie Dein mit Leib und Seele,« sagte St. Clare, ihr das
-Papier aushändigend.
-
-»Nicht mehr mein, als sie es zuvor war,« entgegnete Miß Ophelia.
-»Niemand als Gott hat das Recht, sie mir zu geben; aber ich kann sie
-jetzt beschützen.«
-
-»Wohl, so gehört sie Dir durch eine Fiktion des Gesetzes,« sagte St.
-Clare, während er in sein Zimmer zurückkehrte und sich wieder zu seiner
-Zeitung niedersetzte.
-
-Miß Ophelia, welche sich selten lange in Mariens Gesellschaft aufhielt,
-folgte ihm in das Zimmer, nachdem sie zuvor sorgfältig die Urkunde
-fortgelegt hatte.
-
-»Augustin,« sagte sie plötzlich, während sie sich mit Stricken
-beschäftigte, »hast Du nie daran gedacht, Verfügungen irgend einer Art
-zu Gunsten Deiner Dienstboten für den Fall Deines Todes zu treffen?«
-
-»Nein,« entgegnete St. Clare, während er fortfuhr zu lesen.
-
-»Dann kann sich alle Deine Nachsicht gegen sie am Ende als eine große
-Grausamkeit herausstellen.«
-
-St. Clare hatte oft dasselbe gedacht, aber er antwortete nachlässig:
-
-»Ich habe die Absicht, noch Verfügungen zu treffen.«
-
-»Wann?« fragte Miß Ophelia.
-
-»O, dieser Tage.«
-
-»Wie aber, wenn Du früher stirbst?«
-
-»Cousine, was meinst Du?« sagte St. Clare, sein Papier niederlegend und
-sie ansehend. »Glaubst Du, daß ich Symptome des gelben Fiebers oder der
-Cholera zeige, daß Du mit solchem Eifer von Verfügungen für meinen
-Todesfall sprichst?«
-
-»»Mitten wir im Leben sind von dem Tod umfangen,«« recitirte Ophelia.
-
-St. Clare erhob sich, legte nachlässig seine Zeitung fort und trat in
-die offene Thür der Veranda, um einer Unterhaltung ein Ende zu machen,
-die ihm nicht angenehm war. Mechanisch wiederholte er das Wort -- »Tod!«
--- und während er sich gegen das Geländer lehnte, und das Steigen und
-Fallen des Wassers im Springbrunnen beobachtete, und die Bäume und
-Blumen des Hofes wie durch einen feuchten Nebel betrachtete, wiederholte
-er wieder und wieder das Wort, welches in jedem Munde so gewöhnlich und
-doch von so furchtbarer Gewalt ist -- »^Tod!^« »Sonderbar,« sagte er,
-»daß es ein solches Wort und einen solchen Gegenstand giebt, deren wir
-nie eingedenk sind; daß man heut lebendig, warm, schön, voll von
-Hoffnungen und Wünschen und morgen für immer dahin sein kann!«
-
-Es war ein warmer, sonniger Abend, und als er zum andern Ende der
-Veranda ging, gewahrte er Tom, welcher eifrigst mit seiner Bibel
-beschäftigt war, jedes Wort mit dem Finger verfolgte, und sich selbst
-mit ernster Miene zuflüsterte.
-
-»Soll Dir wohl ein Stückchen lesen, Tom?« sagte St. Clare, sich
-nachlässig an seine Seite setzend.
-
-»Wenn Master so gut sein wollte,« sagte Tom dankbar, »Master macht es so
-viel deutlicher.«
-
-St. Clare nahm das Buch, und begann eine jener von Tom mit großen
-Zeichen markirten Stellen zu lesen: Sie lautete folgendermaßen:
-
- »Wenn aber des Menschen Sohn kommen wird in seiner Herrlichkeit,
- und alle heilige Engel mit ihm, dann wird er sitzen auf dem Stuhle
- seiner Herrlichkeit; und werden vor ihm alle Völker versammelt
- werden. Und er wird sie von einander scheiden, gleich als ein Hirte
- die Schafe von den Böcken scheidet.«
-
-St. Clare las mit erhobener Stimme, bis er an den letzten Vers kam:
-
- »Da wird dann der König sagen zu denen zu seiner Linken: ›Gehet hin
- von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das bereitet ist dem
- Teufel und seinen Engeln! Ich bin hungrig gewesen und ihr habt mich
- nicht gespeiset. Ich bin durstig gewesen, und ihr habt mich nicht
- getränket. Ich bin ein Gast gewesen, und ihr habt mich nicht
- beherberget. Ich bin nackend gewesen, und ihr habt mich nicht
- bekleidet. Ich bin krank und gefangen gewesen, und ihr habt mich
- nicht besuchet.‹ Dann werden sie ihm auch antworten und sagen:
- ›Herr, wann haben wir Dich gesehen hungrig, oder durstig, oder
- einen Gast, oder nackend, oder krank, oder gefangen, und wir haben
- Dir nicht gedienet?‹ Dann wird er ihnen antworten und sagen:
- ›Wahrlich, ich sage Euch: Was ihr nicht gethan habt Einem unter
- diesen Geringsten, das habt ihr mir auch nicht gethan.‹«
-
-St. Clare schien von dem letzteren Theile der Stelle tief ergriffen zu
-sein, denn er las sie zweimal, -- das zweite Mal langsam, als wenn er
-die Worte im Geiste überdächte.
-
-»Tom,« sagte er, »die Menschen, die mit so strengen Maßregeln bedroht
-werden, scheinen gerade das gethan zu haben, was ich gethan habe, -- ein
-behagliches, angenehmes Leben geführt, und sich nicht darum bekümmert,
-wie viele von ihren Mitbrüdern hungrig, durstig, krank oder gefangen
-seien.«
-
-Tom antwortete nicht.
-
-St. Clare stand auf und schritt gedankenvoll in der Veranda auf und ab,
-alles Andere über seine eignen Gedanken so sehr vergessend, daß ihn Tom
-zweimal daran erinnern mußte, daß die Glocke zum Thee gezogen worden
-sei, ehe er seine Aufmerksamkeit erwecken konnte.
-
-St. Clare blieb während des Thee's abwesend und gedankenvoll. Nach
-demselben nahmen er und Marie und Miß Ophelia von dem Wohnzimmer beinahe
-schweigend Besitz. Marie legte sich auf einen Sopha, unter einer
-seidenen Moskitodecke, und war bald entschlafen. Miß Ophelia
-beschäftigte sich schweigend mit ihrem Strickzeuge, und St. Clare setzte
-sich am Piano nieder, und begann eine sanfte, melancholische Weise zu
-spielen. Er schien in tiefe Träumereien versunken zu sein, und durch die
-Musik mit sich selbst zu reden. Nach einer kurzen Pause öffnete er einen
-Kasten, und nahm ein altes Notenbuch hervor, dessen Blätter bereits gelb
-geworden waren, und schlug es auf.
-
-»Dieses Buch,« sagte er zu Miß Ophelien, »gehörte meiner Mutter, -- und
-hier ist ihre Handschrift, -- komm', sieh' her. Sie kopirte und
-arrangirte dies von Mozart's Requiem.«
-
-Miß Ophelia kam.
-
-»Sie sang dies oft,« fuhr St. Clare fort; »mir ist, als hörte ich sie
-noch.«
-
-Er schlug einige majestätische Accorde an, und begann die erhabene, alte
-lateinische Arie, »_Dies Irae_,« zu singen.
-
-Tom, der sich in der äußeren Veranda befand, wurde durch die Klänge bis
-an die Thür gezogen, wo er eifrig horchend stehen blieb. Er verstand
-natürlich die Worte nicht; aber die Musik und der Gesang, besonders in
-den ausdrucksvolleren Stellen, schienen ihn tief zu ergreifen. Einen
-noch größeren Eindruck würde Beides auf ihn gemacht haben, wenn er den
-Sinn der schönen Worte hätte verstehen können:
-
- _Recordare Jesu pie,
- Quod sum causa tuae viae
- Ne me perdas illa die.
- Quaerens me sedisti lassus,
- Tantus labor non sit cassus._
-
-St. Clare legte einen tief gefühlten Ausdruck in die Worte, denn der
-düstere Schleier der Jahre schien hinweg gezogen zu sein, und er glaubte
-noch die Stimme seiner Mutter zu hören. Stimme und Instrument schienen
-lebendig zu sein, und ließen im innigsten Einklange jene herrlichen
-Harmonien ausströmen, welche Mozart als sein eignes Sterbe-Requiem
-zuerst erdacht hatte.
-
-Als St. Clare aufgehört hatte, lehnte er einige Augenblicke seinen Kopf
-in die Hand, und begann dann im Zimmer auf und ab zu gehen.
-
-»Welche erhabene Auffassung ist dies vom jüngsten Gerichte!« sagte er,
--- »eine Lösung aller moralischen Räthsel durch eine unwiderlegliche
-Weisheit! Es ist in der That ein herrliches Bild.«
-
-»Es ist für uns ein schreckliches,« sagte Miß Ophelia.
-
-»Ich glaube, das sollte es für mich sein,« sagte St. Clare stillstehend
-und gedankenvoll. »Ich las diesen Nachmittag Tom das Kapitel aus dem
-Matthäus vor, welches eine Schilderung davon enthält, und ich fühlte
-mich tief ergriffen. Man hätte schreckliche Abscheulichkeiten derjenigen
-als Grund annehmen sollen, welche von dem Himmel ausgeschlossen werden;
-aber nein, -- sie sind verdammt, weil sie ^nicht^ positiv Gutes gethan
-haben, als wenn dies schon jedes mögliche Unrecht in sich schlösse.«
-
-»So mag es sein,« sagte Miß Ophelia; »es ist unmöglich für Jemanden, der
-nicht Gutes thut, kein Unrecht zu thun.«
-
-»Und was,« sagte St. Clare sinnend, aber mit tiefem Gefühle, -- »was
-soll von Jemanden gesagt werden, der durch sein eignes Herz, seine
-Erziehung und die Bedürfnisse der menschlichen Gesellschaft zu edlen
-Zwecken aufgefordert worden ist, und der als ein träumerischer,
-theilnahmloser Zuschauer bei den Kämpfen, Leiden und Schmerzen seiner
-Mitmenschen fortgelebt hat, während er hätte thätig für sie wirken
-sollen?«
-
-»Ich würde sagen,« entgegnete Miß Ophelia, »daß er bereuen und von nun
-an beginnen solle.«
-
-»Immer praktisch und zum Zwecke!« sagte St. Clare lächelnd. »Du läßt mir
-nie Zeit zu allgemeinen Betrachtungen, Cousine; Du stellst mich immer
-dicht vor die wirkliche Gegenwart; Du hast eine Art von ewigem ^Jetzt^
-fortwährend im Geiste.«
-
-»^Jetzt^ ist auch die einzige Zeit, mit der ich etwas zu thun habe,«
-sagte Miß Ophelia.
-
-»Meine theure, kleine Eva, -- armes Kind!« sagte St. Clare, »sie
-gedachte in ihrer kleinen schlichten Seele ein gutes Werk für mich zu
-thun.«
-
-Es war das erste Mal seit Eva's Tode, daß er so viele Worte über sie
-geäußert hatte, und er unterdrückte jetzt augenscheinlich, während er
-sprach, sehr heftige Empfindungen.
-
-»Meine Ansicht vom Christenthume ist eine solche,« fuhr er fort, »daß
-ich der Meinung bin, kein Mensch kann sich consequenter Weise dazu
-bekennen, ohne sich mit aller Macht diesem abscheulichen Systeme von
-Ungerechtigkeit entgegen zu werfen, welches allen unsern
-gesellschaftlichen Zuständen zu Grunde liegt, und im Falle der Noth sich
-selbst im Kampfe dagegen zu opfern. Ich will damit sagen, daß ich selbst
-mich unter keinen andern Bedingungen einen Christen nennen könnte,
-obgleich ich mit vielen erleuchteten und christlichen Leuten Umgang
-gehabt habe, die es nicht gethan haben; und ich bekenne, daß die
-Gleichgültigkeit religiöser Leute über diesen Punkt, ihr Mangel an
-Empfänglichkeit für das Unrecht, welches mich mit Abscheu erfüllte, mehr
-dazu beigetragen haben, Unglauben in mir zu erwecken, als irgend ein
-anderer Umstand.«
-
-»Wenn Du alles dieß wußtest,« sagte Miß Ophelia, »warum hast Du es nicht
-gethan?«
-
-»O, weil ich nur diejenige Art von Wohlwollen besitze, welche darin
-besteht, daß ich auf dem Sopha liege und die Kirche und alle Geistlichen
-verdamme, weil sie nicht Märtyrer und Bekenner in diesem Sinne sind. Man
-kann natürlich sehr leicht sehen, wie Andere Märtyrer sein sollten.«
-
-»Wohl, willst Du von nun an anders handeln?« fragte Miß Ophelia.
-
-»Gott allein kennt die Zukunft,« entgegnete St. Clare. »Ich bin besser
-als ich war, weil ich Alles verloren habe; und der, welcher nichts mehr
-zu verlieren hat, kann sich leicht allen Gefahren aussetzen.«
-
-»Und was willst Du jetzt thun?«
-
-»Meine Pflicht, hoffe ich, gegen die Armen und Niedrigen, so weit ich
-sie erkennen kann,« sagte St. Clare, »und ich will mit meinen eignen
-Sklaven anfangen, für die ich bis jetzt nichts gethan habe; und zu einem
-späteren Zeitpunkte kann es sich vielleicht zeigen, daß ich etwas für
-eine ganze Klasse thun kann, -- etwas, um mein Vaterland von der Schande
-jener unrichtigen Stellung zu befreien, in der es jetzt vor allen
-civilisirten Nationen steht.«
-
-»Hältst Du es für möglich, daß eine Nation jemals von freien Stücken
-emancipiren werde?« sagte Miß Ophelia.
-
-»Ich weiß nicht,« entgegnete St. Clare. »Es ist jetzt eine Zeit großer
-Handlungen. Heroismus und Uneigennützigkeit erheben sich hier und dort
-auf der Erde. Der ungarische Adel hat mit einem ungeheuren Geldverluste
-Millionen von Sklaven freigelassen; und vielleicht finden sich auch
-unter uns edelmüthige Seelen, die Ehre und Gerechtigkeit nicht nach
-Dollarn und Cents abschätzen.«
-
-»Ich glaube kaum,« bemerkte Miß Ophelia.
-
-»Aber angenommen, wir erhöben uns morgen und emancipirten, -- wer würde
-diese Millionen erziehen, und ihnen lehren ihre Freiheit richtig zu
-gebrauchen? Wir selbst sind zu träge und unpraktisch, um ihnen eine Idee
-von der Industrie und Energie beizubringen, welche erforderlich sind, um
-sie zu Menschen zu machen. Sie werden nach Norden gehen müssen, wo
-Arbeit an der Tagesordnung, allgemeine Sitte ist; und sage mir nun,
-herrscht in Euren nordischen Staaten genug christliche Menschenliebe, um
-den Prozeß ihrer Erziehung und Heranbildung zu unternehmen? Ihr sendet
-Tausende von Dollarn nach fernen Missionen, aber würdet Ihr erlauben,
-daß die Heiden in Eure eignen Städte und Dörfer gesendet würden, und
-Eure Zeit, Ueberlegung und Geld daran wenden, um sie nach christlichen
-Principien zu bilden? Das ist's, was ich gerne wissen möchte! Wenn wir
-emancipiren, seid Ihr dann bereit zu erziehen? Wie viele Familien in
-Eurer Stadt würden wohl einen Neger oder eine Negerin in ihr Haus
-nehmen, sie unterrichten, und zu Christen machen? Wie viele Kaufleute
-würden sich wohl bereit finden lassen, den Adolph aufzunehmen, wenn ich
-einen Commis aus ihm machen, -- oder Handwerker, wenn ich ihn ein
-Handwerk lernen lassen wollte? Wenn ich die Absicht hätte, Rosa und Jane
-in eine Schule zu bringen, wie viele Schulen würden sich in den
-nördlichen Staaten wohl finden, die sie annähmen, wie viele Familien,
-die sie in Kost zu nehmen bereit wären? Und dennoch sind sie so weiß wie
-irgend ein Frauenzimmer im Norden oder Süden. Du siehst, Cousine, ich
-will nur, daß man uns Gerechtigkeit widerfahren lasse. Wir befinden uns
-in einer bösen Lage. Wir sind die mehr sichtbaren Bedrücker der Neger,
-aber das unchristliche Vorurtheil des Nordens ist ein eben so harter
-Tyrann.«
-
-»Ich weiß, es ist so, Cousin,« entgegnete Miß Ophelia, -- »ich weiß, es
-war mir selbst so, bis ich es für meine Pflicht hielt, das Gefühl zu
-unterdrücken; aber ich hoffe, ich habe es unterdrückt, und ich weiß, daß
-es im Norden viele gute Menschen gibt, die über diesen Gegenstand nur
-belehrt zu werden brauchen, um ihre Pflicht zu erkennen und zu erfüllen.
-Es würde jedenfalls eine größere Selbstverläugnung sein, Heiden unter
-uns aufzunehmen, als ihnen Missionäre zuzusenden; aber ich glaube, wir
-würden es thun.«
-
-»^Du^ würdest es thun, das weiß ich!« sagte St. Clare. »Ich möchte
-wissen, was Du nicht thun würdest, sobald Du es für Deine Pflicht
-hieltest!«
-
-»Ich bin nicht so außerordentlich gut,« entgegnete Miß Ophelia. »Andere
-würden es eben so wohl thun, wenn sie die Sachen so ansähen wie ich.
-Wenn ich nach Hause reise, soll Topsy mit mir gehen. Ich glaube gern,
-unsere Leute werden sich anfangs wundern; aber sie werden bald dahin
-gelangen, die Sache eben so zu betrachten wie ich. Ueberdieß weiß ich,
-daß es Viele im Norden gibt, die grade das thun, was Du sagst.«
-
-»Ja, aber es ist nur die Minorität; und wenn wir jemals anfangen
-sollten, zu emancipiren, so würden wir bald von Dir hören.«
-
-Miß Ophelia antwortete nicht. Es herrschte einige Augenblicke lang eine
-Pause, und St. Clare's Gesicht hatte einen melancholischen,
-träumerischen Ausdruck angenommen.
-
-»Ich weiß nicht, was mich heut Abend so unaufhörlich an meine Mutter
-erinnert,« sagte er. »Ich habe ein sonderbares Gefühl, als ob sie mir
-nahe wäre; und ich denke fortwährend an Dinge, die sie mir gesagt hat.
-Woher kommt es nur, daß zuweilen vergangene Zeiten so lebhaft vor unsere
-Erinnerung geführt werden?«
-
-Mehrere Minuten lang schritt St. Clare im Zimmer auf und ab, und sagte
-dann:
-
-»Ich will einige Augenblicke die Straße hinauf gehen, und hören, was für
-Neuigkeiten es gibt.«
-
-Er nahm seinen Hut und ging hinaus.
-
-Tom folgte ihm bis in den Hof, und fragte ihn, ob er ihn begleiten
-solle?
-
-»Nein, mein Junge,« sagte St. Clare, »in einer Stunde bin ich wieder zu
-Hause.«
-
-Tom setzte sich in der Veranda nieder. Es war ein schöner, mondheller
-Abend. Er betrachtete das Steigen und Fallen des Springbrunnens, horchte
-seinem Plätschern und dachte an seine Heimath, und daß er nun bald ein
-freier Mensch sein werde, und nach Belieben dahin zurückkehren könne. Er
-dachte daran, wie er arbeiten werde, um seine Frau und seine Kinder
-loskaufen zu können; er befühlte mit einer Art Freude die Muskeln seiner
-sehnigen Arme, und dachte, daß diese ihm nun bald selbst gehören würden,
-und wie viel sie für die Freiheit seiner Familie würden arbeiten können.
-Dann dachte er an seinen edlen jungen Herrn, und als unmittelbare Folge
-davon sprach er das gewohnte Gebet für ihn; und dann wendeten sich seine
-Gedanken der schönen, kleinen Eva zu, die er jetzt unter den Engeln
-vermuthete; und dachte daran so lange, bis es ihm beinahe vorkam, als ob
-der goldene Kopf mit dem klaren Gesichtchen aus dem Schaume des
-Springbrunnens auf ihn nieder blicke. Und so sinnend schlief er ein, und
-träumte, er sehe sie, nach ihrer gewohnten Weise, zu sich gesprungen
-kommen, mit einem Jasminkranz im Haare, glänzende Wangen und vor Freude
-strahlenden Augen. Aber während er sie betrachtete, schien sie aus der
-Erde aufzusteigen; ihre Wangen waren bleicher, -- aus ihren Augen
-leuchtete ein tiefer, göttlicher Strahl, ihren Kopf umgab ein goldener
-Heiligenschein, -- und sie verschwand vor seinen Augen; und in
-demselben Augenblick wurde Tom durch ein lautes Pochen und den Klang
-vieler Stimmen aus seinen Träumen erweckt.
-
-Er beeilte sich, das Thor zu öffnen, worauf mehrere Männer mit
-gedämpften Stimmen und schwerem Tritte eintraten, welche einen, durch
-ein schwarzes Tuch bedeckten und auf einer Bahre liegenden Körper
-trugen. Das Lampenlicht fiel auf das Gesicht desselben, und Tom stieß
-einen wilden, gellenden Schrei des Schreckens aus, der durch alle
-Gallerien scholl, während die Männer mit ihrer Bürde sich dem offenen
-Wohnzimmer näherten, wo Miß Ophelia mit Stricken beschäftigt saß.
-
-St. Clare war in ein Caffehaus getreten, um die Abendzeitung zu lesen.
-Während er damit beschäftigt war, hatte sich zwischen zwei etwas
-berauschten Herrn im Zimmer ein Streit erhoben. St. Clare mit einigen
-andern der Anwesenden versuchte sie zu trennen, und empfing dabei einen
-Stich mit einem Jagdmesser, welches er einem der Streitenden zu
-entringen bemüht war.
-
-Das Haus füllte sich mit Geschrei, Klagen und Lamentationen; und die
-Dienstboten rauften sich ihr Haar, und warfen sich auf den Boden nieder
-oder rannten wie wahnsinnig umher. Tom und Miß Ophelia allein schienen
-etwas Geistesgegenwart bewahrt zu haben, denn Marie lag in heftigen
-hysterischen Krämpfen. Auf Miß Opheliens Anordnung wurde eins der
-Kanapees im Zimmer zu einem Bettlager umgeschaffen, und die blutende
-Gestalt darauf gelegt. St. Clare war durch Schmerz und Blutverlust
-ohnmächtig geworden; allein, als Miß Ophelia Wiederbelebungsmittel
-anwandte, kam er wieder zu sich, schlug die Augen auf, und schaute sich
-aufmerksam im Zimmer um, während seine Blicke sinnend von einem
-Gegenstande zum andern wanderten, und endlich am Bilde seiner Mutter
-hängen blieben.
-
-Der Arzt kam jetzt, und nahm seine Untersuchung vor. Es war in seinem
-Gesichte deutlich zu lesen, daß keine Hoffnung vorhanden sei; allein er
-begann die Wunde zu verbinden, und er fuhr mit dieser Arbeit, unter Miß
-Opheliens und Tom's Beihülfe, ruhig fort, während die erschreckten
-Dienstboten sich schluchzend und schreiend um die Fenster und Thüren der
-Veranda drängten.
-
-»Jetzt,« sagte der Arzt, »müssen wir alle diese Geschöpfe entfernen,
-denn Alles hängt von der äußersten Ruhe ab.«
-
-St. Clare öffnete seine Augen und blickte starr auf die trostlosen
-Wesen, welche Miß Ophelia und der Arzt aus dem Zimmer zu entfernen
-bemüht waren. »Arme Geschöpfe!« sagte er, mit dem Ausdrucke bitteren
-Vorwurfes gegen sich selbst. Adolph verweigerte positiv zu gehen. Der
-Schrecken hatte ihm alle Besinnung geraubt; er warf sich auf den
-Erdboden, und nichts konnte ihn vermögen, wieder aufzustehen. Die
-Uebrigen gaben Miß Opheliens dringenden Vorstellungen nach, daß das
-Leben ihres Herrn von ihrer Ruhe und ihrem Gehorsam abhänge.
-
-St. Clare konnte nur wenig sagen; er lag mit geschlossenen Augen da,
-aber kämpfte augenscheinlich mit bitteren Gedanken. Nach einer Weile
-legte er seine Hand auf die Tom's, der an seiner Seite kniete, und
-sagte: »Tom! armer Mensch!«
-
-»Was, Master?« sagte Tom mit innigem Tone.
-
-»Ich sterbe!« entgegnete St. Clare, seine Hand drückend, -- »bete!«
-
-»Verlangen Sie vielleicht nach einem Geistlichen?« sagte der Arzt.
-
-St. Clare schüttelte unruhig mit dem Kopfe und wiederholte in noch
-dringenderem Tone zu Tom gewendet: »bete!«
-
-Und Tom begann zu beten, aus vollem Herzen, für die Seele, die im
-Begriff war zu scheiden, -- die Seele, die so ruhig und so traurig aus
-den großen, melancholischen, blauen Augen blickte. Es war im
-eigentlichsten Sinne des Wortes »ein Gebet unter Schreien und Thränen.«
-
-Als Tom aufgehört hatte, ergriff St. Clare seine Hand, und blickte ihn
-wehmüthig an, aber sagte nichts. Er schloß seine Augen, aber hielt seine
-Hand fest, denn vor den Thoren der Ewigkeit ruhen die schwarze und die
-weiße Hand mit gleich warmem Drucke in einander. Er murmelte leise und
-mit Unterbrechungen vor sich hin:
-
- _»Recordare Jesu pie --
-
- * * * * *
-
- Ne me perdas -- illa die
- Quaerens me -- sedisti lassus.«_
-
-Es war deutlich erkennbar, daß die Worte, welche er am Nachmittage
-gesungen hatte, seinem Geiste vorschwebten, -- Worte der Bitte an eine
-unendliche Barmherzigkeit gerichtet. Seine Lippen bewegten sich mit
-Unterbrechungen, während Bruchstücke der Hymne von seinen Lippen
-flossen.
-
-»Sein Geist irrt umher,« sagte der Arzt.
-
-»Nein, er geht endlich ^heim^!« sagte St. Clare mit Nachdruck;
-»endlich! endlich!«
-
-Die Anstrengungen, die er machte, um zu sprechen, erschöpften ihn.
-Allmählig überzog Todesblässe sein Gesicht; aber mit ihr nahmen seine
-schönen Züge einen sanften Ausdruck des Friedens an, wie den eines müden
-Kindes, welches einschlafen will.
-
-So lag er einige Augenblicke. Die Umstehenden sahen, daß die mächtige
-Hand ihn bereits berührt habe. Kurz zuvor, ehe sein Geist entfloh,
-öffnete er seine Augen mit einem Glanze, aus dem die Freude der
-Wiedererkennung strahlte, und mit dem Ausrufe: »Mutter!« verschied er.
-
-
-
-
-Neunundzwanzigstes Kapitel.
-
-Die Schutzlosen.
-
-
-Wir hören oft von dem unglücklichen Zustande der Negersklaven beim
-Verluste eines guten Herrn, und nicht ohne Grund, denn kein Wesen auf
-Gottes Erde ist schutzloser und verlassener, als ein Sklave unter
-solchen Umständen.
-
-Das Kind, welches einen Vater verloren hat, genießt noch den Schutz der
-Verwandten und des Gesetzes; es ist Etwas, und kann Etwas thun, -- hat
-eine anerkannte Stellung und Rechte; der Sklave hat keine. Das Gesetz
-sieht ihn in jeder Beziehung als so rechtlos an wie einen Ballen Waare.
-Die einzig mögliche Anerkennung seiner Wünsche und Bedürfnisse, als
-eines menschlichen und unsterblichen Wesens, welche ihm werden kann, muß
-durch den souveränen und unverantwortlichen Willen seines Herrn
-erfolgen. Die Zahl derjenigen Menschen, welche eine ohne jede
-Verantwortlichkeit verliehene Gewalt mit Menschlichkeit und Edelmuth
-auszuüben verstehen, ist nur klein. Jedermann weiß das, und der Sklave
-weiß es am besten, daß er eher zehn grausame und tyrannische Herren, als
-einen milden und gütigen findet. Deßhalb ist die Klage um einen
-menschenfreundlichen Herrn so laut und so anhaltend, wie es nicht anders
-sein kann.
-
-Als St. Clare verschieden war, hatten Schrecken und Bestürzung das ganze
-Hausgesinde ergriffen. Er hatte seinen Tod so plötzlich, in der Blüthe
-der Kraft und Jugend gefunden. Jedes Zimmer und jede Gallerie des
-Hauses widerhallte von Schluchzen und Geschrei.
-
-Marie, deren reizbares Nervensystem durch eine fortwährende
-Verweichlichung gänzlich geschwächt worden war, hatte nichts mehr, um
-einen so plötzlichen Schlag ertragen zu können, und verfiel, während ihr
-Gatte seinen Geist aufgab, von einer Ohnmacht in die andere, so daß er
-aus diesem Leben schied, ohne derjenigen, die mit ihm durch das enge
-Band der Ehe verbunden war, auch nur ein Abschiedswort sagen zu können.
-
-Miß Ophelia war mit der ihr eigenthümlichen Stärke und
-Selbstbeherrschung bis zum letzten Augenblicke bei ihrem
-Blutsverwandten geblieben, -- ganz Auge, ganz Ohr, ganz Aufmerksamkeit,
-hatte sie Alles gethan, was geschehen konnte, und hatte von ganzem
-Herzen in das weiche, inbrünstige Gebet mit eingestimmt, welches der
-arme Sklave für die Seele seines sterbenden Herrn zum Himmel gerichtet
-hatte.
-
-Als man ihn zu seiner letzten Ruhe vorbereitete, wurde auf seiner Brust
-ein Miniaturgemälde in einem kleinen, einfachen Futterale gefunden,
-welches sich mittelst einer Feder öffnete. Es war das Portrait eines
-edlen und schönen weiblichen Gesichtes, und auf der Rückseite befand
-sich unter einem Krystallglase eine Locke dunklen Haares. Man legte
-Beides zurück auf seine kalte Brust, -- Staub zu Staub, -- traurige
-Ueberreste jugendlicher Träume, die einst dieses kalte Herz so warm
-schlagen ließen!
-
-Tom's ganze Seele war mit Gedanken an die Ewigkeit erfüllt; und während
-er um die sterblichen Ueberreste seines Herrn beschäftigt war, dachte er
-nicht einen Augenblick daran, daß dieser plötzliche Schlag ihn
-hoffnungsloser Sklaverei überwiesen habe. Er war beruhigt über seinen
-Herrn; denn in jener Stunde, wo das inbrünstige Gebet zum Vater seinen
-Lippen entströmt war, hatte er als Antwort darauf das Gefühl einer
-ruhigen Zuversicht in seiner Brust empfunden. In den Tiefen seines
-eigenen gefühlvollen Gemüths fühlte er sich fähig, Spuren von der Fülle
-der göttlichen Liebe zu entdecken; denn ein alter Spruch sagt: »Wer in
-der Liebe bleibet, der bleibet in Gott, und Gott in ihm.« Tom hoffte,
-und vertraute, und war ruhig.
-
-Das Begräbniß ging vorüber mit allem Prunke von schwarzem Krepp, Gebeten
-und feierlichen Gesichtern; und die kalten, trüben Wellen des täglichen
-Lebens rollten zurück, und die ewige, harte Frage drängte sich auf: »Was
-soll nun geschehen?« Sie drängte sich dem Geiste Mariens auf, als sie in
-leichten Morgengewändern, umgeben von angstvollen Dienstboten, in einem
-bequemen Armstuhle saß, und verschiedene Muster von Krepp und Bombasin
-untersuchte. Sie drängte sich Miß Ophelien auf, welche begann, ihre
-Gedanken ihrer nördlichen Heimath zuzuwenden; und sie drängte sich mit
-geheimen Schrecken den Geistern der Sklaven auf, welche den gefühllosen,
-tyrannischen Charakter ihrer Mistreß, in deren Händen sie jetzt allein
-waren, kannten. Alle wußten sehr wohl, daß die Nachsicht, deren sie sich
-bisher erfreut hatten, nicht von ihrer Mistreß, sondern nur von ihrem
-Herrn ausgegangen war, und daß von nun an, wo er todt war, kein Schutz
-und Schirm mehr zwischen ihnen und jeder tyrannischen Maßregel vorhanden
-sei, welche ein durch Leiden verbittertes Gemüth ersinnen konnte.
-
-Es war ungefähr vierzehn Tage nach dem Leichenbegängniß, daß Ophelia
-eines Tages, als sie in ihrem Zimmer beschäftigt war, ein leises Klopfen
-an ihre Thür hörte. Sie öffnete, und vor ihr stand Rosa, die niedliche,
-kleine Mulattin, deren wir schon früher öfters erwähnt haben, mit
-verstörten Haaren und verweinten Augen.
-
-»O, Miß Feely!« rief sie, auf ihre Kniee fallend, und den Saum von
-Opheliens Kleide fassend, -- »bitte, bitte, gehen Sie zu Miß Marien für
-mich! und bitten Sie für mich! Sie will mich fortschicken, um
-gepeitscht zu werden, -- sehen Sie hier!« Und sie händigte Miß Ophelien
-ein Papier ein.
-
-Es war ein Befehl, welcher in Mariens zarter, italienischer Hand an den
-Vorsteher des Stockhauses geschrieben war, und den Auftrag enthielt, der
-Ueberbringerin fünfzehn Hiebe zu ertheilen.
-
-»Was hast Du gethan?« fragte Miß Ophelia.
-
-»Sie wissen, Miß Feely, ich habe ein so hitziges Temperament; -- es ist
-recht häßlich von mir. Ich paßte Mistreß Marien ein Kleid an, und sie
-schlug mir ins Gesicht, und ich sprach, ehe ich dachte, und war
-ungezogen; und da sagte sie, sie wolle mich herunterbringen, und ich
-solle ein für allemal wissen, daß ich nicht mehr so verwegen sein dürfe,
-wie ich immer gewesen wäre; und sie schrieb dies und sagte, ich solle es
-hintragen. Ich wollte lieber, sie brächte mich auf der Stelle um.«
-
-Miß Ophelia überlegte, mit dem Papier in der Hand.
-
-»Sehen Sie, Miß Feely,« sagte Rosa, »ich würde nicht so viel nach den
-Hieben fragen, wenn Miß Marie oder Sie sie mir gäben; aber, an einen
-^Mann^ geschickt zu werden! -- und solchen schrecklichen Mann, o, die
-Schande, Miß Feely!«
-
-Miß Ophelia wußte recht wohl, daß es allgemeine Sitte war, Frauen und
-junge Mädchen nach den Stockhäusern zu schicken und sie dort den Händen
-der niedrigsten Menschen zu übergeben, -- Menschen, die roh genug waren,
-dies zu ihrem Geschäfte zu machen, -- um dort gepeitscht und der
-schamlosesten Bloßstellung preisgegeben zu werden. Sie wußte dies, aber
-hatte sich bisher nie selbst davon überzeugt, bis sie die zarte Gestalt
-Rosa's jetzt in fast krampfhaftem Schmerze vor sich stehen und beben
-sah. Alles Gefühl von Weiblichkeit, das in Neu-England so kräftige
-Gefühl für Freiheit röthete ihre Wangen und ließ ihr Herz im höchsten
-Unwillen heftiger schlagen; allein, mit gewohnter Klugheit und
-Selbstbeherrschung unterdrückte sie ihr Gefühl, und sagte nur, während
-sie das Papier in ihrer Hand zerdrückte, zu Rosa:
-
-»Setze Dich hier, Kind, während ich zu Deiner Mistreß gehe.«
-
-»Schändlich! abscheulich!« sagte sie zu sich selbst, während sie durch
-das Zimmer ging.
-
-Sie fand Marien in ihrem Armstuhle sitzend, und Mammy neben ihr stehend
-und beschäftigt, ihr Haar zu kämmen, während Jane am Boden saß, zu ihren
-Füßen, und diese zu wärmen bemüht war.
-
-»Wie befinden Sie sich heut?« sagte Miß Ophelia.
-
-Ein tiefer Seufzer, wobei sie ihre Augen schloß, war Marien's einzige
-Antwort im ersten Augenblicke; dann fuhr sie fort: »O, ich weiß nicht,
-Cousine; ich glaube, ich befinde mich so wohl, wie ich überhaupt sein
-kann!« wobei sie ihre Augen mit einem weißen Taschentuch trocknete,
-welches eine zollbreite, schwarze Einfassung hatte.
-
-»Ich kam,« sagte Miß Ophelia mit einem kurzen, trockenen Husten, von dem
-gewöhnlich die Einführung eines schwierigen Gegenstandes begleitet wird,
--- »ich kam hierher, um mit Ihnen über die arme Rosa zu sprechen.«
-
-Bei diesen Worten öffneten sich Marien's Augen weit genug, und ihre
-bleichen Wangen rötheten sich, während sie mit scharfer Stimme
-antwortete:
-
-»Nun, was ist's mit ihr?«
-
-»Sie bereut ihren Fehler sehr.«
-
-»Wirklich? Sie wird ihn wahrscheinlich noch mehr bereuen, ehe ich mit
-ihr ganz fertig bin! Ich habe die Unverschämtheit dieses Kindes lange
-genug ertragen, und will sie jetzt demüthig machen, -- sie soll mir im
-Staube liegen!«
-
-»Aber könnten Sie sie nicht auf irgend eine andere Weise bestrafen, --
-die weniger die Scham verletzte?«
-
-»Das ist grade meine Absicht; sie soll sich schämen. Sie hat sich ihr
-ganzes Leben so viel auf ihre Zartheit zu gut gethan, auf ihr hübsches
-Gesicht, und auf ihre feinen Manieren, bis sie endlich ganz vergessen
-hat, wer und was sie eigentlich ist. Ich will ihr jetzt eine Lehre
-geben, die sie zur Besinnung bringen wird, wie ich hoffe!«
-
-»Aber, Cousine, bedenken Sie doch, daß wenn Sie in einem jungen Mädchen
-das Schamgefühl und Zartgefühl vernichten, Sie sie augenblicklich
-gänzlich verderben.«
-
-»Zartgefühl!« sagte Marie mit verächtlichem Lachen, -- »ein schönes Wort
-für so Eine, wie sie ist! Ich will ihr, mit allen ihren feinen Manieren,
-lehren, daß sie nichts Besseres ist, als das zerlumpteste schwarze
-Mensch, das sich auf den Straßen umhertreibt! Sie soll sich mir
-gegenüber keine Miene mehr geben!«
-
-»Sie werden Gott Rechenschaft geben müssen über solche Grausamkeit!«
-sagte Miß Ophelia mit Nachdruck.
-
-»Grausamkeit, -- ich möchte wissen, wo hier Grausamkeit ist! Ich schrieb
-einen Befehl für fünfzehn Hiebe, und bemerkte ausdrücklich, daß sie
-leicht gegeben werden sollten. Ich dächte, das wäre keine Grausamkeit!«
-
-»Keine Grausamkeit!« sagte Miß Ophelia. »Ich bin gewiß, daß jedes junge
-Mädchen sich lieber geradezu umbringen ließe!«
-
-»So mag es jemanden von Ihrem Gefühle erscheinen, aber alle diese
-Geschöpf sind daran gewöhnt; denn es ist der einzige Weg, auf dem sie in
-Ordnung gehalten werden können. Erlauben Sie ihnen nur ein einziges Mal
-Mienen von Zartgefühl und dergleichen anzunehmen, und Sie haben sie alle
-auf dem Halse, grade wie es meine Dienstboten mit mir gemacht haben. Ich
-habe jetzt angefangen, sie wieder zur Unterwürfigkeit zu bringen; und
-sie sollen mir alle wissen, daß ich jeden, ohne Unterschied, will
-auspeitschen lassen, wenn sie sich nicht in Acht nehmen!« sagte Marie,
-während sie sich mit einem sehr determinirten Blicke unter den
-Anwesenden umsah.
-
-Jane ließ bei diesen Worten erschreckt ihren Kopf hängen, denn es war
-ihr, als seien diese Worte besonders an sie gerichtet. Miß Ophelia saß
-einige Augenblicke da, als wenn sie eine explodirende Mixtur eingenommen
-hätte, und im Begriffe sei zu bersten; sodann aber die völlige
-Nutzlosigkeit jedes ferneren Streites mit einer solchen Natur in
-Betracht ziehend, preßte sie entschlossen ihre Lippen zusammen, erhob
-sich, und verließ das Zimmer.
-
-Es war für sie eine harte Aufgabe, zu Rosa zurückzugehen, und ihr zu
-sagen, daß sie nichts habe für sie thun können; und gleich darauf
-erschien ein männlicher Sklave mit dem Befehle seiner Mistreß, Rosa nach
-dem Stockhause zu bringen, wohin sie, ihrer Thränen und Bitten
-ungeachtet, unverzüglich geschleppt wurde.
-
-Wenige Tage nachher stand Tom sinnend an einem der Balkone, als Adolph
-zu ihm trat, der seit dem Tode seines Herrn im höchsten Grade
-niedergeschlagen und trostlos gewesen war. Adolph wußte, daß er von
-jeher für Marien ein Gegenstand des Widerwillens gewesen war; allein so
-lange sein Herr lebte, hatte er sich wenig darum gekümmert. Jetzt, da er
-todt war, bewegte er sich in täglichem Zittern und Beben umher, ohne zu
-wissen, welches Schicksal ihn zunächst treffen werde. Marie hatte
-vielfache Consultationen mit ihrem Rechtsanwalte gehalten, und man war
-endlich, nachdem auch St. Clare's Bruder zur Berathung gezogen worden
-war, dahin übereingekommen, daß die Besitzung und sämmtliche Sklaven
-verkauft werden sollten, mit alleiniger Ausnahme der ihr persönlich
-zugehörigen, mit denen sie nach der Pflanzung ihres Vaters
-zurückzukehren beabsichtigte.
-
-»Weißt Du, Tom, daß wir Alle verkauft werden sollen?« sagte Adolph.
-
-»Wo hast Du das gehört?« entgegnete Tom.
-
-»Ich hatte mich hinter den Gardinen versteckt, als Missis mit dem
-Anwalte sprach. In wenigen Tagen sollen wir Alle zur Auktion geschickt
-werden,« sagte Adolph.
-
-»Des Herrn Wille geschehe!« erwiderte Tom mit schwerem Seufzer, seine
-Hände faltend.
-
-»Wir werden nie einen solchen Herrn wieder bekommen,« fuhr Adolph
-furchtsam fort; »aber ich will doch lieber verkauft werden, als bei
-Missis bleiben.«
-
-Tom wandte sich ab, -- sein Herz war schwer. Die Hoffnung auf Freiheit,
-der Gedanke an sein fernes Weib und seine Kinder stieg vor seiner
-geduldigen Seele auf, wie vor dem Seemanne, der dicht vor dem Hafen noch
-Schiffbruch leidet, der Kirchthurm und die geliebten Dächer seines
-heimatlichen Dorfes aufsteigen, die er nur über den Gipfel einer
-schwarzen Welle hinweg sieht, um ihnen für immer Lebewohl zu sagen. Er
-zog seine Arme dicht über die Brust zusammen und drückte die
-andringenden, bitteren Thränen zurück, und versuchte zu beten. Die arme,
-alte Seele hatte eine so unerklärliche Liebe zur Freiheit, daß es ein
-harter Kampf für ihn war; und je öfter er sagte: »Dein Wille geschehe!«
-desto schwerer wurde ihm das Herz.
-
-Er suchte Miß Ophelien auf, die seit Eva's Tode ihn stets mit besonderer
-Güte und Achtung behandelt hatte.
-
-»Miß Feely,« sagte er, »Master St. Clare versprach mir meine Freiheit.
-Er sagte mir, daß er den Anfang dazu gemacht habe; und wenn nun
-vielleicht Miß Feely so gut sein wollte, ein Wort für mich mit Missis zu
-sprechen, so würde sie vielleicht das thun, was Mr. St. Clare's Wille
-war.«
-
-»Ich will für Dich sprechen, Tom, und mein Bestes thun,« sagte Miß
-Ophelia; »allein, wenn es von Mrs. St. Clare abhängt, so kann ich Dir
-nicht viel Hoffnung machen, -- dennoch will ich es versuchen.«
-
-Dieser Umstand ereignete sich wenige Tage nach dem Vorfalle mit Rosa,
-als Miß Ophelia grade mit ihren Vorbereitungen zur Rückkehr nach Norden
-beschäftigt war.
-
-Ernstlich hierüber nachdenkend kam sie zu der Ansicht, daß sie in ihrer
-früheren Zusammenkunft mit Marien sich vielleicht einer zu heftigen
-Sprache bedient habe, und nahm sich deßhalb vor, jetzt in einem so
-gemäßigten und versöhnenden Tone als möglich zu reden. Die gute Seele
-erhob sich deßhalb, nahm ihr Strickzeug, und beschloß in Mariens Zimmer
-zu gehen, sich dort so angenehm wie möglich zu machen, und für Toms
-Sache mit aller diplomatischen Kunst, die ihr zu Gebot stand, zu
-arbeiten.
-
-Sie fand Marien der Länge nach auf einem Sopha ausgestreckt, mit einem
-Ellbogen auf Kissen gestützt, während Jane verschiedene Muster feinen,
-schwarzen Stoffes vor ihr ausbreitete.
-
-»Dieses hier würde mir gefallen,« sagte Marie, ein Muster auswählend; --
-»nur weiß ich nicht, ob es sich für Trauer paßt.«
-
-»O Missis,« sagte Jane mit geläufiger Zunge, »die Frau Generalin
-Derbennon trug grade dasselbe Zeug, als der General im vorigen Sommer
-gestorben war; es macht sich wunderschön!«
-
-»Was denken Sie?« sagte Marie zu Miß Ophelien.
-
-»Das ist Sache des Geschmackes,« entgegnete Miß Ophelia. »Sie können
-darüber besser urtheilen als ich.«
-
-»Die Sache ist die,« sagte Marie, »daß ich kein einziges Kleid habe, was
-ich tragen kann; und da ich hier das Haus und Alles verkaufen, und
-nächste Woche fortgehen will, so muß ich mich zu Etwas entschließen.«
-
-»Gehen Sie schon so bald?«
-
-»Ja. St. Clare's Bruder hat geschrieben, daß er und der Anwalt es für am
-zweckmäßigsten hielten, die Mobilien und die Sklaven zu verkaufen, und
-das Grundstück dem Anwalte zur Verwaltung zu überlassen.«
-
-»Ich möchte gern über einen Gegenstand mit Ihnen sprechen,« sagte Miß
-Ophelia. »Augustin versprach Tom seine Freiheit, und begann die
-Einleitung der dazu erforderlichen, gesetzlichen Förmlichkeiten. Ich
-hoffe, daß Sie Ihren Einfluß benutzen werden, um seine Freilassung zu
-vollenden.«
-
-»Wirklich? Ich habe nicht die Absicht, etwas Derartiges zu thun!« sagte
-Marie mit scharfem Tone. »Tom ist einer der werthvollsten Sklaven der
-ganzen Besitzung -- das geht unmöglich an. Ueberdies, wozu braucht er
-seine Freiheit? Er ist so viel besser daran.«
-
-»Aber er sehnt sich so sehr danach, und sein Herr hat sie ihm
-versprochen,« entgegnete Miß Ophelia.
-
-»O freilich, er sehnt sich danach,« sagte Marie. »sie sehnen sich Alle
-danach, weil sie ein unzufriedenes Geschmeiß sind, und immer danach
-verlangen, was sie nicht besitzen. Es ist durchaus gegen meine
-Grundsätze, irgend Einen frei zu lassen. So lange ein Neger unter einem
-Herrn ist, befindet er sich wohl, und thut gut; aber sobald man ihn
-freiläßt, wird er faul, will nicht mehr arbeiten, fängt an zu trinken,
-und wird gemein und nichtsnutzig. Habe das hundertmal gesehen; 's ist
-gar keine Wohlthat für sie, freigelassen zu werden.«
-
-»Aber Tom ist so ordentlich, so fleißig und so fromm!«
-
-»O, Sie brauchen mir das nicht zu sagen! Ich habe hundert gesehen, wie
-er. Er wird sich so lange gut betragen, als er unter strenger Aufsicht
-steht, -- länger nicht.«
-
-»Aber bedenken Sie doch,« sagte Miß Ophelia, »wie leicht er einen
-schlechten Herrn bekommen kann, wenn Sie ihn zum Verkaufe ausstellen.«
-
-»O, das ist Alles Thorheit!« entgegnete Marie. »Nicht einmal unter
-hundert geschieht es, daß ein guter Dienstbote einen schlechten Herrn
-bekömmt. Die meisten Herren sind gut, was auch immer gesprochen werden
-möge. Ich habe hier im Süden gelebt, und bin hier aufgewachsen, und habe
-nie einen Herrn kennen gelernt, der seine Leute nicht gut behandelte, --
-grade so gut, als es nöthig ist. Darüber bin ich ganz ruhig.«
-
-»Wohl,« sagte Miß Ophelia mit Nachdruck, »ich weiß, daß es einer der
-letzten Wünsche Ihres Gatten war, daß Tom seine Freiheit haben solle; es
-war ein Versprechen, welches er der lieben, kleinen Eva auf ihrem
-Sterbebette gemacht hatte, und ich glaubte nicht, daß Sie sich für
-berechtigt halten würden, dies zu vergessen.«
-
-Marie bedeckte bei dieser Anrede ihr Gesicht mit dem Taschentuche, und
-begann heftig zu schluchzen und ihr Riechfläschchen zu gebrauchen.
-
-»Jeder Mensch ist gegen mich!« sagte sie. »Jeder ist so rücksichtslos!
-Ich hätte nicht gedacht, daß ^Sie^ auch mir alle diese Erinnerungen
-meiner Leiden vorhalten würden, -- es ist so rücksichtslos! aber Niemand
-hat die geringste Rücksicht für mich, -- meine Leiden sind
-unaussprechlich! Ist es nicht schrecklich, daß, wenn ich nur eine
-einzige Tochter habe, ich auch diese verlieren muß? -- und daß mir mein
-Mann, der grade für mich paßte, genommen werden muß? -- Und nun scheinen
-Sie auch noch so wenig Gefühl zu haben, und erinnern mich daran so
-unbarmherzig, -- da Sie doch wissen, wie sehr es mich angreift! Ich
-glaube recht gern, daß Sie es gut meinen, aber es ist so rücksichtslos!«
-Und Marie schluchzte und suchte nach Athem, und rief Mammy zu, das
-Fenster zu öffnen, und ihr die Kampferflasche zu bringen, und ihr das
-Kleid aufzuhaken; und während der hierauf folgenden Unruhe trat Miß
-Ophelia ihren Rückzug in ihr eigenes Zimmer an. Sie sah, daß es nutzlos
-sein würde, noch mehr über den Gegenstand zu sprechen; denn Marie hatte
-eine unendliche Fertigkeit, hysterische Anfälle heraufzubeschwören, und
-sobald nachher irgend eine Erwähnung der von ihrem Manne oder Eva
-ausgesprochenen Wünsche in Betreff der Dienstboten geschah, fand sie es
-jedes Mal für angemessen, einen solchen zu Hülfe zu rufen. Miß Ophelia
-that deßhalb das Einzige, was sie noch für Tom thun konnte, -- sie
-schrieb an Mrs. Shelby, schilderte seine traurige Lage, und bat um Hülfe
-für ihn.
-
-Am nächsten Tage wurden Tom und Adolph mit einem halben Dutzend anderer
-Dienstboten nach einem Sklavenhause abgeführt, um daselbst den Händler
-abzuwarten, der eine größere Anzahl zur öffentlichen Versteigerung
-sammeln wollte.
-
-
-
-
-Dreißigstes Kapitel.
-
-Das Sklavenhaus.
-
-
-Ein Sklavenhaus! ein Sklavenspeicher! Vielleicht machen sich manche
-unserer Leser eine schreckliche Vorstellung von einem solchen Orte, --
-halten ihn für eine schmutzige, finstere Höhle, einen schrecklichen
-Tartarus, »_informis, ingens, cui lumen ademptum._« Aber nein,
-unschuldiger Freund; in jetziger Zeit hat man die Kunst gelernt, auf
-anständige Weise zu sündigen, so daß die Augen und Gefühle guter
-Gesellschaft nicht beleidigt werden. Menschliche Waare steht in gutem
-Preise, und wird deßhalb wohl genährt, wohl gereinigt und abgewartet,
-damit sie glatt, kräftig und gesund auf den Markt komme. Ein Sklavenhaus
-in New-Orleans unterscheidet sich äußerlich wenig von anderen Häusern
-und wird in reinlichem Stande gehalten. Vor demselben kann man täglich
-unter einer Art Schuppen Reihen von Männern und Weibern ausgestellt
-sehen, welche als Zeichen derjenigen Waare dienen, die innerhalb
-verkauft wird. Dann wirst du höflich eingeladen einzutreten und zu
-untersuchen, und wirst eine große Anzahl von Ehemännern, Weibern,
-Vätern, Müttern, Brüdern, Schwestern und jungen Kindern finden, die
-einzeln oder zusammen, je nachdem die Käufer es wünschen, losgeschlagen
-werden sollen; und die unsterbliche Seele, die einst mit dem Blute und
-der Todesangst des Sohnes Gottes verkauft wurde, als die Erde erbebte
-und die Felsen zersprangen, und die Gräber sich öffneten, kann jetzt
-verkauft, verdungen, verpfändet oder gegen Waaren jeder Art ausgetauscht
-werden, um den Bedürfnissen des Handels oder den Wünschen der Käufer zu
-genügen.
-
-Es war, wie erwähnt, wenige Tage nach jener Unterhaltung zwischen Marien
-und Miß Ophelien, daß Tom, Adolph und ein halbes Dutzend anderer zur St.
-Clareschen Besitzung gehöriger Sklaven der menschenfreundlichen Fürsorge
-Mr. Skeggs' überwiesen wurden, welcher einen Sklavenhandel in der
-F....straße hielt, um in der am nächsten Tage Statt findenden Auktion
-zum Verkaufe gestellt zu werden. Tom hatte einen ganz ansehnlichen
-Koffer mit Kleidungsstücken bei sich, wie die meisten Anderen. Sie
-wurden für die Nacht in ein langes Zimmer geführt, in welchem sich viele
-andere Männer von jedem Alter, jeder Größe und Schattirung befanden, die
-ein Gebrüll von Lachen und sorgloser Fröhlichkeit erschallen ließen.
-
-»Ah, ah! das ist recht. Nur zu, Jungens, -- nur zu,« sagte Mr. Skeggs,
-der Verwalter. »Meine Leute sind immer lustig! -- Sambo, ich sehe!«
-fügte er, an einen dicken Neger gewendet, beifällig hinzu, der durch
-Possen der niedrigsten Art das Gelächter erzeugte, welches Tom gehört
-hatte.
-
-Wie sich leicht denken läßt, war Tom nicht in der Stimmung, an diesen
-Spässen Theil zu nehmen. Indem er deshalb seinen Kasten so entfernt wie
-möglich von der lärmenden Gruppe auf den Boden stellte, setzte er sich
-darauf nieder, und lehnte seinen Kopf gegen die Wand.
-
-Die Händler mit menschlichen Waaren bemühen sich gewissenhaft, auf
-systematische Weise geräuschvolle Heiterkeit unter ihnen zu erhalten und
-zu befördern, als ein Mittel, jedes Nachdenken zu ertödten und sie
-gefühllos für ihre Lage zu machen. Der ganze Zweck der Zucht, unter
-welche der Neger von dem Augenblicke an gebracht wird, wo er auf dem
-nördlichen Markte verkauft worden, bis dahin, wo er nach Süden kömmt,
-ist darauf berechnet, ihn gefühllos und sorglos zu machen. Der
-Sklavenhändler sammelt sich eine Anzahl in Virginien oder Kentucky, und
-treibt sie nach irgend einem passenden, gesunden Orte, um fett zu
-werden. Hier werden sie täglich mit überflüssiger Nahrung versehen, und,
-weil Manche darunter sind, welche sich zum Gram hinneigen, wird eine
-Geige für sie gehalten, nach der sie täglich tanzen müssen; und
-derjenige, welcher es verweigert, heiter zu sein, -- in dessen Seele
-vielleicht die Gedanken an Weib, Kind oder Heimath zu stark sind, um
-fröhlich sein zu können, -- wird als tückisch und gefährlich bezeichnet,
-und allen Uebeln bloß gestellt, die der Unwille eines gefühllosen und
-von jeder Verantwortung freien Menschen ihm auferlegen kann.
-Gewandtheit, Munterkeit und Heiterkeit, besonders in Gegenwart von
-Beobachtern, werden ihnen fortwährend eingeprägt, nicht nur durch die
-ihnen vorgehaltene Hoffnung, dadurch einen guten Herrn zu bekommen,
-sondern auch durch die Furcht vor den Uebeln, welche der Händler ihnen
-zufügen darf, im Falle sie nicht verkauft werden können.
-
-»Was macht dieser Nigger hier?« sagte Sambo, sich Tom nähernd, nachdem
-Mr. Skeggs das Zimmer verlassen hatte. Sambo war ganz schwarz, groß,
-sehr lebendig, gesprächig, und voll von Possen und Grimassen.
-
-»Was machst Du hier?« sagte Sambo, zu Tom herankommend, und ihn
-scherzhaft in die Seite stoßend: -- »nachdenken, he?«
-
-»Ich soll morgen verkauft werden, -- auf der Auktion,« entgegnete Tom
-ruhig.
-
-»Verkauft -- auf Auktion, -- ho! ho! Jungens, ist das nicht ein Spaß?
-Wollte, ich ginge selbst den Weg! -- sage Euch, wollt' ich sie nicht
-lachen machen? Aber wie, -- die ganze Sippschaft hier soll morgen
-verkauft werden?« sagte Sambo, seinen Arm vertraulich auf Adolphs
-Schulter legend.
-
-»Ich bitte, mich in Frieden zu lassen,« sagte Adolph grimmig, und sich
-mit dem Ausdruck des äußersten Abscheu's in die Höhe richtend.
-
-»Ho, ho! Jungens, dieser hier ist einer von den weißen Niggers, -- so
-'ne Art Käsefarbe, riecht gut!« sagte er, sich Adolph nähernd und
-schniffelnd. »Herr! der 's gut für 'nen Tabacksladen!«
-
-»Laß mich in Frieden! -- verstehst Du?« rief Adolph wüthend.
-
-»Sieh' Einer! wie empfindlich wir sind, -- wir weißen Nigger! Sieh' uns
-nur an!« sagte Sambo, indem er Adolphs Manieren nachzuäffen suchte; --
-»wie graziös! wir sind in sehr guter Familie gewesen, -- vermuthe!«
-
-»Ja,« entgegnete Adolph, »ich hatte einen Master, der Euch alle für
-alten Plunder hätte kaufen können.«
-
-»Nun sieh' Einer,« entgegnete Sambo, »was für ein Herr wir sind!«
-
-»Ich gehörte der Familie St. Clare,« sagte Adolph stolz.
-
-»Wirklich? na, ich will mich hängen lassen, wenn's nicht ein Glück für
-sie ist, daß sie Dich los werden. Sie verkaufen Dich wohl mit den alten
-zerbrochenen Theekannen und solcher Waare!« sagte Sambo grinsend.
-
-Adolph, durch diesen Hohn rasend gemacht, flog wüthend auf seinen
-Gegner zu, und fluchte und schlug auf ihn los von allen Seiten. Die
-Uebrigen schrieen und lachten, und der allgemeine Lärm rief endlich den
-Aufseher herbei.
-
-»Was gibt's hier, Jungens? Ruhe -- Ruhe!« rief er eintretend, und eine
-lange Peitsche schwingend.
-
-Alle entflohen nach verschiedenen Richtungen, ausgenommen Sambo,
-welcher, im Vertrauen auf die Gunst des Aufsehers, deren er sich bisher
-als privilegirter Spaßmacher erfreut hatte, stehen blieb, und seinen
-Kopf mit komischem Grinsen versteckte, sobald der Master einen Angriff
-auf ihn machte.
-
-»O, Master, wir sind's nicht, -- wir sind ganz ordentlich, -- hier,
-diese Neuen sind's; -- ^die^ lassen uns nicht zufrieden, -- haben uns
-zum Besten immer zu!«
-
-Der Aufseher wandte sich hierauf gegen Tom und Adolph, theilte einige
-Stöße und Püffe ohne viel Untersuchung aus, und verließ sodann wieder
-das Zimmer, nachdem er zuvor allgemeine Befehle für Alle, sich ruhig zu
-verhalten und zum Schlafen niederzulegen, zurückgelassen hatte.
-
-Während diese Scene im Schlafzimmer der Männer spielte, ist der Leser
-vielleicht nicht abgeneigt, einen Blick in das dem weiblichen Personale
-angewiesene, ähnliche Gemach zu thun. Ausgestreckt auf dem Erdboden in
-den verschiedenartigsten Stellungen kann er hier zahllose Gestalten, von
-jeder Hautfarbe, vom schwärzesten Ebenholz bis zum reinsten Weiß, und
-von jedem Alter, vom Kindes- bis zum Greisenalter, schlafen sehen. Hier
-liegt ein schönes, liebliches Mädchen von zehn Jahren, dessen Mutter
-gestern verkauft wurde, und welches sich diese Nacht selbst in den
-Schlaf weinte, während Niemand darauf achtete. Hier befindet sich eine
-alte Negerin, deren dünne Arme und knöcherige Finger von schwerer Arbeit
-erzählen, und die am morgenden Tage als ein abgenutzter Artikel
-losgeschlagen werden soll; und um sie her liegen vierzig bis fünfzig
-Andere ausgestreckt, deren Köpfe in Bettdecken oder Theile ihrer
-Kleidungsstücke gewickelt sind. Allein in der Ecke, abgesondert von den
-Uebrigen, sitzen zwei Frauenzimmer, deren Aeußeres mehr Interesse als
-gewöhnlich erweckt. Die Eine derselben ist eine anständig gekleidete
-Mulattin zwischen vierzig und fünfzig Jahren, mit sanften Augen und
-weichen, einnehmenden Zügen. Sie trägt auf dem Kopfe einen hohen, aus
-rothseidenen Madrastüchern gewundenen Turban, und ihre Kleidung ist von
-feinem Stoffe und sauberer Arbeit, was als Beweis gilt, daß sie einer
-sorgsamen Hand bisher angehört hat. An ihrer Seite, dicht an sie
-gedrückt, sitzt ein junges Mädchen von fünfzehn Jahren, -- ihre Tochter.
-Sie ist eine Quadroon, wie ihre hellere Gesichtsfarbe andeutet, obgleich
-ihre Aehnlichkeit mit der Mutter unverkennbar ist. Sie hat dasselbe
-sanfte, dunkle Auge, nur mit längeren Wimpern, und ihr üppiges, lockiges
-Haar ist von glänzendem Braun. Ihre Kleidung ist ebenfalls von der
-größten Sauberkeit, und ihre zarten, weißen Hände verrathen wenig
-Bekanntschaft mit niedriger Arbeit. Diese Beiden sollen am morgenden
-Tage zugleich mit den St. Clare'schen Leuten verkauft werden; und der
-Herr, dem sie gehören, und dem das für sie gelöste Geld zugeschickt
-werden soll, ist Mitglied einer christlichen Kirche in New-York, welcher
-das Geld in Empfang nehmen, und nachher zum Sakramente seines und ihres
-Herrn gehen und nicht weiter an sie denken wird.
-
-Diese beiden Frauenzimmer, welche wir Susan und Emmeline nennen wollen,
-waren Dienerinnen einer liebenswürdigen und frommen Dame in New-Orleans
-gewesen, von der sie mit Sorgfalt und in Frömmigkeit erzogen und
-unterrichtet worden waren. Sie hatten lesen und schreiben, und die
-Wahrheiten der Religion erkennen gelernt, und ihr Loos war im
-Allgemeinen ein so glückliches gewesen, als es unter ihren Verhältnissen
-überhaupt möglich war. Allein der einzige Sohn ihrer Beschützerin,
-welcher die Verwaltung ihres ganzen Eigenthums hatte, versank durch
-Nachlässigkeit oder Verschwendung in eine tiefe Schuldenlast und
-fallirte endlich. Einer der bedeutendsten Creditoren war die sehr
-achtbare Firma _B. et Cie._ in New-York. Dieselbe schrieb an ihren
-Anwalt in New-Orleans, welcher das vorhandene Vermögen mit Arrest
-belegte (dessen werthvollster Theil in diesen beiden Frauenzimmern und
-einer Anzahl Feldsklaven bestand), und der Letztere erstattete Bericht
-an die Firma. Bruder _B._, der, wie gesagt, ein christlicher Mann und
-ein Bewohner eines Freistaates war, fühlte einige Unbehaglichkeit über
-diesen Gegenstand. Er wollte natürlich nicht gern mit Sklaven und
-menschlichen Seelen handeln; allein es handelte sich um dreißig tausend
-Dollars in diesem Falle, und dies war eine etwas zu große Summe, um sie
-einem Principe zu opfern; und so schrieb endlich Bruder _B._ nach
-langer Ueberlegung und nach Einholung von Rath bei Denjenigen, deren
-Rath, wie er wußte, ihm zusagen werde, an seinen Anwalt, daß er den
-Aktivbestand auf die zweckmäßigste Weise verwerthen und den Erlös an ihn
-einsenden möge.
-
-Am Tage nach Eingang dieses Briefes wurden Susan und Emmeline mit Arrest
-belegt, und an den Sklavendepot abgeliefert, um dort die am nächsten
-Morgen stattfindende allgemeine Versteigerung zu erwarten; und während
-sie jetzt dort schwach im Mondlichte schimmern, welches sich durch die
-vergitterten Fenster stiehlt, können wir ihrer Unterhaltung lauschen.
-Beide weinen, aber Jede leise und im Stillen, damit die Andere es nicht
-höre.
-
-»Mutter, lege Deinen Kopf in meinen Schooß, und versuche, ob Du nicht
-ein wenig schlafen kannst,« sagte das junge Mädchen, während es sich
-Mühe gab, ruhig zu erscheinen.
-
-»Ich habe kein Herz zu schlafen, Em; ich kann nicht; -- es ist
-vielleicht die letzte Nacht, daß wir bei einander sind!«
-
-»O Mutter, sage das nicht! vielleicht werden wir zusammen verkauft, --
-wer weiß!«
-
-»Wenn jemand anderes sich in diesem Falle befände, so würde ich das auch
-sagen, Em,« entgegnete die Mutter, »aber ich habe so große Angst, Dich
-zu verlieren, daß ich nichts als die Gefahr sehe.«
-
-»Aber Mutter, der Mann sagte doch, daß wir beide gut aussähen, und gut
-verkauft werden würden.«
-
-Susan erinnerte sich der Blicke und Worte des Mannes. Mit innerem Beben
-gedachte sie, wie er Emmelinens Hände betrachtet, und ihre Locken
-aufgehoben, und sie für einen Artikel erster Klasse erklärt hatte. Susan
-war auf christlichem Wege erzogen, und an ein tägliches Lesen der Bibel
-gewöhnt worden, und hegte deshalb denselben Abscheu davor, ihr Kind zu
-einem Leben der Schande verkauft zu sehen, wie jede andre christliche
-Mutter; aber sie hatte keine Hoffnung -- keinen Schutz für sie.
-
-»Mutter, ich denke, wir könnten uns recht wohl befinden, wenn Du eine
-Stelle als Köchin, und ich als Stubenmädchen oder Näherin in irgend
-einer Familie bekämest. Ich hoffe es. Laß uns beide so heiter aussehen
-wie wir können, und Alles sagen, was wir verstehen; vielleicht bekommen
-wir dann solche Stellen,« sagte Emmeline.
-
-»Du mußt morgen Dein ganzes Haar glatt nach hinten kämmen,« sagte Susan.
-
-»Weshalb, Mutter? ich sehe dann bei weitem nicht so gut aus.«
-
-»Ja, aber Du wirst so besser verkauft werden.«
-
-»Ich sehe nicht ein, weshalb!« sagte das Kind.
-
-»Anständige Familien werden Dich eher kaufen, wenn Du einfach und
-sittsam aussiehst, und Dich nicht hübsch machen willst. Ich kenne ihre
-Art und Weise besser als Du,« sagte Susan.
-
-»Gut, Mutter, dann will ich es thun.«
-
-»Und wenn wir uns von morgen an nie wieder sehen sollten, Emmeline, --
-wenn ich nach irgend einer Plantage verkauft werden sollte, und Du
-anderswohin, -- so denke immer daran, wie Du erzogen worden bist, und
-was Missis Dir gesagt hat. Nimm' Deine Bibel und Dein Gesangbuch mit
-Dir, und sei Gott getreu, so wird er Dir getreu sein.«
-
-So spricht die arme Seele in schmerzlicher Muthlosigkeit, denn sie weiß,
-daß am folgenden Tage jeder Mensch, so gemein und roh, so gottlos und
-unbarmherzig er auch immer sein möge, Herr ihrer Tochter an Leib und
-Seele werden kann, sobald er das nöthige Geld für sie zu erlegen im
-Stande ist; und wie soll das Kind dann seinem Gott getreu bleiben? Sie
-denkt an alles dies, während sie ihre Tochter im Arme hält, und wünscht,
-daß diese weniger hübsch und anziehend sein möchte. Sie hat keine andre
-Zuflucht als zum Gebete; und viele solcher Gebete sind von diesen
-saubern, reinlichen Sklavengefängnissen zu Gott emporgestiegen, --
-Gebete, die Gott nicht vergessen hat, wie sich an einem Tage, der noch
-kommen soll, zeigen wird; denn es steht geschrieben: »Wer aber ärgert
-dieser Geringsten Einen, dem wäre besser, daß ein Mühlstein an seinen
-Hals gehänget würde, und er ersäufet würde im Meere da es am tiefsten
-ist.«
-
-Die sanften, ernsten, stillen Mondesstrahlen fallen durch die Stäbe des
-vergitterten Fensters, und werfen den Schatten derselben auf die
-ausgestreckten, schlafenden Gestalten, während Mutter und Tochter eine
-jener milden, melancholischen Trauerarien singen, welche unter den
-Sklaven als Begräbnißgesänge üblich sind.
-
-Singt nur, arme Seelen! Die Nacht ist kurz, und der kommende Morgen wird
-Euch für ewig trennen!
-
-Aber jetzt tagt der Morgen, und Alles ist munter; und der würdige Mr.
-Skeggs ist geschäftig und guter Laune, denn eine Quantität Waare soll
-zur Versteigerung in Stand gesetzt werden. Alles macht Toilette, und
-Befehle ergehen an einen Jeden, das beste Gesicht anzulegen, und heiter
-zu sein; und dann werden alle zur letzten Revüe in einen Kreis gestellt,
-ehe sie nach der Börse abgeführt werden, und Mr. Skeggs, mit der Cigarre
-im Munde, hält die letzte Schau.
-
-»Was ist das?« fragte er, vor Susan und Emmelinen tretend. »Wo sind
-Deine Locken, Mädchen?«
-
-Das Mädchen blickte furchtsam auf ihre Mutter, welche mit der ihrem
-Geschlechte eigenthümlichen, sanften Gewandtheit antwortete: »Ich sagte
-ihr gestern Abend, ihr Haar glatt zu kämmen, und es nicht in Locken
-umherhängen zu lassen, weil es anständiger aussehe.«
-
-»O Unsinn!« entgegnete der Mann, und fügte, sich in befehlendem Tone an
-das Mädchen wendend, hinzu: »Du gehst mir auf der Stelle, und bringst
-Deine Locken wieder ordentlich in Stande! -- und bist mir schnell wieder
-hier!« und an die Mutter gerichtet, sagte er: »Die Locken bringen
-vielleicht 'en hundert Dollar mehr beim Verkaufe.«
-
-Unter einem glänzenden Dome befanden sich Menschen aller Nationen, die
-sich auf den Marmorplatten des Fußbodens hin und her bewegten. Auf jeder
-Seite der kreisförmigen Area standen kleine Tribünen zum Gebrauche von
-Rednern oder Auktionatoren. Zwei derselben auf gegenüberliegenden Seiten
-der Area waren jetzt von talentvollen Männern besetzt, welche mit großem
-Enthusiasmus in gemischtem Englisch und Französisch die Gebote der
-Kenner ihrer verschiedenen Waaren in die Höhe trieben. Eine dritte
-Tribüne auf der andern Seite, noch unbesetzt, war von einer Gruppe
-umringt, welche auf den Anfang der Versteigerung wartete. Hier können
-wir St. Clares ehemalige Dienstboten finden, Tom, Adolph und andere;
-und außerdem Susan und Emmeline, welche mit angstvollen,
-niedergeschlagenen Mienen ihr Schicksal erwarten. Mehrere Zuschauer,
-theils kauflustig, theils nicht, umgaben die Gruppe, und untersuchten,
-befühlten und besprachen die verschiedenen Gesichter und Gliedmaßen mit
-derselben Freiheit, mit der eine Gesellschaft Roßkämme die Verdienste
-eines Pferdes bespricht.
-
-»Holla! Alf! was bringt Dich denn hieher?« sagte ein junger Stutzer,
-einem andern, auffallend geputzten jungen Manne auf die Schulter
-schlagend, welcher Adolph durch eine Lorgnette beobachtete.
-
-»Ich brauche einen Lackei,« entgegnete dieser, »und hörte, daß St.
-Clare's Leute an die Reihe kämen; und so wollt' ich mir 'mal ansehen --«
-
-»Wollte mich hüten; jemals einen von St. Clare's Leuten zu kaufen!
-verdirbt alle seine Nigger, -- sind unverschämt wie der Teufel!« sagte
-der Andere.
-
-»Fürchte mich nicht davor!« sagte der Erstere. »Wenn ich sie habe, will
-ich ihnen bald ihre Manieren abgewöhnen, -- sollen bald wissen, daß sie
-mit einem andern Master zu thun haben, als mit Monsieur St. Clare. Mein
-Wort, ich kaufe den Burschen; -- er gefällt mir.«
-
-»Du wirst sehen, es kostet Dich Alles, was Du hast, um ihn zu halten; --
-er ist teufelsmäßig ausschweifend.«
-
-»Ja, aber Mylord wird sehen, daß er bei ^mir^ nicht ausschweifend sein
-^kann^. Laß ihn nur erst ein paar Male nach dem Stockhause geschickt
-und gründlich dressirt sein, -- dann wird er schon zur Besinnung kommen!
-Ich will ihn schon reformiren. -- Du sollst es sehen. Ich kaufe ihn, das
-steht fest!«
-
-Tom hatte inzwischen sinnend die Menge von Gesichtern derer geprüft, die
-sich um ihn drängten, und nach Einem gesucht, den er seinen Herrn hätte
-nennen mögen. Wenn Du, lieber Leser, Dich jemals in der Nothwendigkeit
-befinden solltest, aus zweihundert Männern einen auszuwählen, der Dein
-unbeschränkter Herr und Eigenthümer werden soll, so würdest Du wie Tom
-sehen, wie wenige darunter zu finden sind, denen Du Dich bereitwillig zu
-diesem Zwecke übermachen lassen möchtest. Tom sah eine große Anzahl von
-Männern vor sich, -- große, dicke und finstere; kleine, magere und
-muntere; lange und dünne, mit harten Gesichtszügen, und jede Abstufung
-gemeiner Gesichter, die ihren Mitmenschen aufnehmen, wie man Späne
-aufsammelt, um sie in's Feuer oder in den Korb zu werfen; aber er sah
-keinen St. Clare.
-
-Kurz vorher, ehe der Verkauf begann, drängte sich ein kurzer, breiter,
-muskulöser Mann, in einem bunten Hemde, welches auf der Brust weit offen
-war, und sehr schmutzigen Beinkleidern, durch die Menge, wie Jemand, der
-eifrig an ein Geschäft gehen will, und begann, als er der Gruppe näher
-kam, diese systematisch zu untersuchen. Vom ersten Augenblicke, wo Tom
-ihn sich nähern sah, fühlte er einen unwillkührlichen Schrecken vor ihm,
-der sich steigerte, je näher er zu ihm kam. Der Mann besaß
-augenscheinlich, obgleich er klein war, eine gigantische Kraft. Sein
-runder, kugelförmiger Kopf, seine großen, hellgrauen Augen, mit den
-zottigen, rothen Augenbrauen, und sein struppiges, sonnverbranntes Haar
-waren allerdings wenig einnehmende Eigenschaften; sein großer, gemeiner
-Mund dehnte sich unter großen Tabacksballen, deren Saft er von Zeit zu
-Zeit mit großer Kraft und Entschiedenheit hinausschleuderte; seine Hände
-waren unförmlich groß, haarig, sonnverbrannt, fleckig, sehr schmutzig,
-mit langen Nägeln versehen, und überhaupt in einem ekelhaften Zustande.
-Dieser Mann begann eine sehr dreiste, persönliche Untersuchung der zum
-Verkauf aufgestellten Sklaven. Er ergriff Tom beim Kiefer, und riß
-seinen Mund auf, um seine Zähne zu untersuchen; ließ ihn seinen Aermel
-aufstreifen, um seine Muskeln zu zeigen, und drehte ihn herum, und ließ
-ihn springen, um seine Gelenkigkeit zu prüfen.
-
-»Wo bist Du aufgebracht worden?« fragte er kurz nach diesen
-Untersuchungen.
-
-»In Kentucky, Master,« sagte Tom, sich wie nach Hülfe umschauend.
-
-»Was hast Du da gethan?«
-
-»Habe Master's Farm verwaltet,« entgegnete Tom.
-
-»Sehr wahrscheinliche Geschichte!« sagte der Andere kurz, während er
-weiter ging. Er blieb einen Augenblick vor Adolph stehen, feuerte eine
-Ladung Tabakssaft auf seine blank geputzten Stiefeln ab, und ging mit
-einem verächtlichen »Umph!« weiter. Vor Susan und Emmelinen blieb er
-wieder stehen. Er streckte seine schwere schmutzige Hand aus, und zog
-das Mädchen zu sich, strich ihr damit über Nacken und Brust, untersuchte
-ihre Zähne, und stieß sie dann wieder zu ihrer Mutter zurück, deren
-geduldiges Gesicht das tiefe Leiden verrieth, welches sie bei jeder
-Bewegung des scheußlichen Fremden empfunden hatte.
-
-Das Mädchen war erschreckt worden, und fing an zu weinen.
-
-»Still da! Du Heuldirne! kein Blärren hier!« rief der Auktionator, --
-»der Verkauf beginnt.«
-
-Adolph wurde für eine gute Summe dem jungen Manne zugeschlagen, welcher
-seine Absicht, ihn zu kaufen, vorher schon erklärt hatte; und die
-übrigen Leute St. Clare's fielen verschiedenen Bietern zu.
-
-»Hinauf nun mit Dir, Bursche! hörst Du?« rief der Auktionator Tom zu.
-
-Tom stieg auf den Block und ließ seine Blicke ängstlich umher streifen,
-während alles Geräusch in einem gemeinsamen, undeutlichen Lärm
-zusammenfloß, -- das Geschrei des Verkäufers, welcher Tom's
-Eigenschaften in Französisch und Englisch ausrief, das scharfe Feuer der
-französischen und englischen Gebote; -- und einen Augenblick später
-folgte der letzte Schlag des Hammers, und der deutliche Schall der
-letzten Sylbe des Wortes ^Dollar^, als der Auktionator die Summe
-verkündete, und Tom hatte einen Herrn!
-
-Er wurde vom Block hinabgestoßen; -- der kleine, rundköpfige Mann packte
-ihn bei der Schulter, stieß ihn nach einer Seite, und rief ihm mit
-lauter Stimme zu: »Hier bleib stehen!«
-
-Tom wußte kaum, was mit ihm geschah. Inzwischen dauerten die Gebote
-fort, -- lärmend und geräuschvoll, bald englisch, bald französisch.
-Nieder fällt der Hammer wieder, -- Susan ist verkauft! Sie steigt vom
-Blocke herab, bleibt stehen, und blickt sich kummervoll um; -- ihre
-Tochter streckt ihre Arme nach ihr aus. Sie schaut verzweiflungsvoll dem
-Manne in's Gesicht, der sie gekauft hat, -- ein anständig aussehender
-Mann von mittlerem Alter, mit wohlwollenden Zügen.
-
-»O Master, bitte, kaufen Sie meine Tochter auch!«
-
-»Ich hätte wohl Lust, aber ich fürchte, ich kann nicht!« sagte der Mann,
-und schaute mit ängstlichem Interesse zu, als das junge Mädchen den
-Block bestieg, und sich mit furchtsamen, scheuen Blicken umschaute. Das
-Blut steigt in ihre sonst bleichen Wangen, ihr Auge glüht fieberhaft,
-und ihre Mutter gewahrt verzweiflungsvoll, daß sie schöner erscheint als
-zuvor. Der Auktionator sieht seinen Vortheil und läßt sich mit
-geläufiger Zunge in gemischtem Englisch und Französisch über ihre
-Vorzüge aus, und die Gebote folgen schnell aufeinander.
-
-»Ich will thun, was ich kann,« sagte der gutmüthig aussehende Mann,
-drängte sich vor und fing an mitzubieten. In wenigen Augenblicken haben
-die Gebote seine Börse überstiegen, und er schweigt. Der Auktionator
-wird wärmer, aber die Gebote lassen allmählig nach. Es sind nur noch
-zwei Bieter da, ein alter, aristokratischer Bürger, und unser
-rundköpfiger Freund. Der Bürger überbietet mehrmals, und sieht seinen
-Gegner verächtlich an; aber der Rundkopf ist ihm überlegen, sowohl an
-Hartnäckigkeit als in geheimer Länge der Börse, und der Streit währt nur
-kurze Zeit. Der Hammer fällt, -- er hat das Mädchen, Leib und Seele, so
-Gott ihr nicht hilft.
-
-Ihr Herr ist Mr. Legree, welcher eine Baumwollen-Plantage am rothen Fluß
-besitzt. Sie wird mit Tom und zwei andern Männern zusammen getrieben,
-und weinend fortgeschleppt.
-
-Dem gutmüthigen Manne thut es leid; allein der Fall ereignet sich
-täglich! Man sieht ja stets auf diesen Verkäufen Mädchen und Mütter
-weinen! es läßt sich nicht ändern, u. s. w., und er entfernt sich mit
-seinem neuen Besitzthume in einer anderen Richtung.
-
-Zwei Tage später sandte der Anwald der christlichen Firma _B et Cie._
-in New-York das Geld ein. Auf die Rückseite des auf diese Weise
-erlangten Wechsels mögen sie die Worte des großen Zahlmeisters
-schreiben, dem sie an einem späteren Tage werden Rechenschaft legen
-müssen: »Denn er gedenket und fraget nach ihrem Blut; er vergißt nicht
-des Schreiens der Armen.«
-
-
-
-
-Einunddreißigstes Kapitel.
-
-Die Fahrt.
-
- Deine Augen sind rein, daß du Uebles nicht
- sehen magst, und dem Jammer kannst du nicht
- zusehen. Warum siehst du denn zu den Verräthern
- und schweigest, daß der Gottlose verschlinget
- den, der frömmer denn er ist.
-
-
-Am unteren Ende eines kleinen Bootes, auf dem rothen Flusse, saß Tom, --
-Ketten an seinen Handgelenken, Ketten an seinen Füßen, und eine Last,
-schwerer als diese Ketten, auf seiner Brust. Alles war an seinem
-Horizonte verschwunden, -- Mond und Sterne; Alles war an ihm
-vorübergeflogen wie die Bäume und Ufer jetzt an ihm vorüber flogen, um
-nie wieder zu kehren. Die Heimath in Kentucky, mit Weib und Kindern und
-der freundlichen Herrschaft; St. Clare's Haus mit allem seinem Luxus und
-Glanze; der goldlockige Kopf Eva's mit seinen frommen Augen; der stolze,
-heitre, hübsche, anscheinend so sorglose, aber immer gütige St. Clare;
-Stunden der Muße und Behaglichkeit, -- Alles fort! und was war an dessen
-Stelle geblieben?
-
-Es gehört mit zu den bittersten Erfahrungen des Sklavenlebens, daß der
-Neger, der von Natur mitfühlend und leicht empfänglich ist, nachdem er
-in einer gebildeten Familie den Geschmack und die Empfindungen der
-dortigen Atmosphäre kennen gelernt hat, nichts destoweniger in jedem
-Augenblick wieder der Sklave des rohesten und brutalsten Menschen
-werden kann, -- gerade wie ein Stuhl oder Tisch, welcher einst den
-kostbarsten Salon zierte, und endlich zerschlagen und entstellt in das
-Schenkzimmer eines schmutzigen Wirthshauses oder in eine niedrige Höhle
-gemeiner Ausschweifung gelangt. Der große Unterschied besteht aber
-darin, daß der Stuhl und der Tisch nicht empfinden können, wohl aber der
-Sklave; denn selbst der Ausspruch des Gesetzes, daß er »als ein
-Gegenstand persönlicher Habe erachtet und gehalten werden solle,« ist
-nicht im Stande, seine Seele, mit ihrer eigenen kleinen Welt von
-Erinnerungen, Hoffnungen, Liebe, Furcht und Wünschen zu vernichten.
-
-Mr. Simon Legree, Tom's Herr, hatte an verschiedenen Plätzen in
-New-Orleans acht Sklaven zusammengekauft, und sie geschlossen, in Paaren
-von zwei und zwei, dem Dampfboote »der Pirat« zugetrieben, welches am
-Ufer lag, bereit, den rothen Fluß hinauf zu fahren.
-
-Nachdem er sie alle an Bord gebracht hatte und das Boot abgefahren war,
-kam er mit der Miene großer Geschäftigkeit, die ihm immer eigen war,
-heran, um Revue zu halten. Indem er zunächst vor Tom stehen blieb, der
-für den Verkauf seine beste Kleidung mit gestärkter Wäsche und blanken
-Stiefeln hatte anlegen müssen, drückte er sich kurz folgender Maßen aus:
-
-»Steh' auf!«
-
-Tom stand auf.
-
-»Nimm die Halsbinde ab!« und als Tom, behindert durch seine Fesseln,
-dazu schritt, begann er, mit nicht sehr sanfter Hand, ihm zu helfen,
-indem er sie vom Halse herunterriß und sie in seine Tasche steckte.
-
-Sodann wandte sich Legree zu Tom's Koffer, den er schon vorher
-geplündert hatte, nahm ein Paar alter Beinkleider und einen zerrissenen
-Rock heraus, den Tom nur im Stall zu tragen gepflegt hatte, und sagte
-zu ihm, indem er seine Handfesseln ablöste und auf einen Winkel
-zwischen den Waarenballen deutete:
-
-»Da, gehe dahin und ziehe diese an.«
-
-Tom gehorchte und kam in wenigen Augenblicken zurück.
-
-»Ziehe Deine Stiefel aus,« fuhr Mr. Legree fort.
-
-Tom that es.
-
-»Hier,« sagte jener, ihm ein paar grobe, starke Schuhe zuwerfend, die
-gewöhnlich von Sklaven getragen werden, »ziehe diese an!«
-
-Während seiner eiligen Umkleidung hatte Tom nicht vergessen, seine
-geliebte Bibel in seine Tasche zu stecken. Und er hatte wohl gethan;
-denn, nachdem Legree ihm die Handschellen wieder angelegt hatte, schritt
-er sorgfältig dazu, die Taschen der abgetragenen Kleidungsstücke zu
-untersuchen. Er zog ein seidenes Taschentuch hervor und steckte es in
-seine Tasche. Mehrere Kleinigkeiten, welche Tom hauptsächlich deßhalb
-aufgehoben hatte, weil Eva daran Gefallen gefunden, sah er mit
-verächtlichem Grunzen an und warf sie rücklings über seine Schulter in
-den Fluß. Jetzt zog er auch Tom's methodistisches Gesangbuch hervor,
-welches er in der Eile vergessen hatte und öffnete es:
-
-»Hm! fromm, versteht sich. So, wie heißt Du, -- gehörst zur Kirche?«
-
-»Ja, Master,« entgegnete Tom mit fester Stimme.
-
-»So, -- will Dir das bald abgewöhnen; -- kann keine Niggers gebrauchen,
-die schreien und beten und singen, -- merke das. Also paß' auf!« sagte
-er, mit dem Fuße stampfend und mit einem wilden Blicke seiner grauen
-Augen auf Tom, -- »^ich^ bin jetzt Deine Kirche! verstehst Du? -- Du
-mußt jetzt so sein, wie ^ich^ es haben will.«
-
-Ein Gefühl im Innern des schwarzen Menschen antwortete ^nein!^ und,
-wie von einer unsichtbaren Stimme gesprochen, kamen die Worte eines
-alten prophetischen Buches in seinen Sinn, die ihm Eva öfters daraus
-vorgelesen hatte: »Fürchte Dich nicht, denn ich habe Dich erlöset; ich
-habe Dich bei Deinem Namen gerufen; Du bist mein.«
-
-Aber Simon Legree hörte keine Stimme. Er stierte nur einen Augenblick
-auf das niedergeschlagene Gesicht Tom's und ging weiter. Er nahm Tom's
-Koffer, der eine reichliche und gute Garderobe enthielt, mit sich nach
-dem Vordertheile des Schiffes, wo er bald von verschiedenen Matrosen des
-Bootes umringt war. Unter vielem Gelächter und lauten Spöttereien über
-Niggers, die Gentlemen sein wollten, wurden die verschiedenen Artikel
-schnell verkauft und endlich der leere Koffer zur Auktion gestellt. Alle
-dachten, es sei ein guter Spaß, besonders Tom zu sehen, wie er seinen
-Sachen nachblickte, die nach verschiedenen Richtungen gingen; und dann
-die Versteigerung des Koffers, -- was das Spaßhafteste von Allem war und
-viel Witzeleien verursachte.
-
-Als dieß kleine Geschäft endlich vorüber war, schlenderte Simon zu
-seinem Eigenthume zurück.
-
-»Nun, Tom, siehst Du, ich habe Dir etwas unnützes Gepäck abgenommen.
-Nimm jetzt die Kleidungsstücke da gewaltig in Acht; denn 's dauert
-lange, ehe Du neue bekömmst. Ich will meine Niggers sorgsam machen; ein
-Anzug muß bei mir ein Jahr aushalten.«
-
-Nach diesen Worten wandte Simon seine Schritte dem Orte zu, wo Emmeline
-mit einem andern Frauenzimmer zusammen gekettet saß.
-
-»Na, meine Liebe,« sagte er, ihr unter das Kinn fassend, »hübsch
-munter!«
-
-Der unwillkürliche Blick von Schrecken, Furcht und Abscheu, mit dem das
-Mädchen ihn betrachtete, entging seinem Auge nicht. Er zog seine Stirn
-in finstere Falten.
-
-»Nichts von Deinen Zierereien, Mädchen! hast immer ein munteres Gesicht
-zu machen, wenn ich mit Dir spreche -- hörst Du? Und Du da, altes,
-gelbes Mondscheingesicht!« sagte er, indem er der mit Emmelinen
-zusammengeketteten Mulattin einen Stoß gab, »laß mich nicht solch ein
-Gesicht sehen! -- sollst lustiger aussehen, -- verstanden?«
-
-»Und Ihr alle da!« fügte er, ein paar Schritte zurücktretend, hinzu, --
-»hier, seht mich an, -- seht mir grade in's Gesicht, -- grade aus!« rief
-er, bei jeder Pause mit dem Fuße stampfend.
-
-Und wie durch Zauberkraft richtete sich jetzt jeder Blick auf die
-grünlich grauen, funkelnden Augen Simon's.
-
-»Paßt auf!« rief er, seine große, schwere Faust ballend, so daß sie die
-Form eines Schmiedehammers annahm, -- »seht Ihr diese Faust? -- Seht
-hier diese Knochen! Nun merkt, diese Faust ist davon so hart geworden,
-daß sie so viele Niggers niedergeschlagen hat. Habe nie 'nen Nigger
-gesehen, den ich nicht mit einem Schlage niedergebracht hätte!« sagte
-er, indem er seine Faust so dicht vor Tom's Gesicht hielt, daß dieser
-unwillkührlich mit den Augen blinzte und den Kopf zurückbog. »Halte
-keine solche miserablen Aufseher; -- führe meine Aufsicht selbst, -- und
-das ist Aufsicht. Ihr müßt auf's Wort passen, -- Alle, -- den
-Augenblick, wo ich spreche, -- wenn ihr mit mir fertig werden wollt. Ihr
-findet keine weiche Stelle an mir, nirgend. Also nehmt Euch in Acht;
-denn ich habe keine Barmherzigkeit!«
-
-Die Weiber hielten unwillkührlich den Athem an, und der ganze Trupp saß
-mit niedergeschlagenen Gesichtern da. Inzwischen hatte Simon sich auf
-den Hacken umgedreht und war an den Schenktisch des Bootes getreten, um
-ein Glas Brandwein zu genießen.
-
-»Das ist der Weg, wie ich immer mit meinen Niggers anfange,« sagte er zu
-einem anständig gekleideten Herrn, der während dieser Rede in seiner
-Nähe gestanden hatte. »'s ist mein System, immer kräftig anzufangen, --
-damit sie wissen, was sie zu erwarten haben.«
-
-»Wirklich?« entgegnete der Fremde, während er ihn mit der Neugierde
-eines Naturforschers betrachtete, der irgend ein seltenes Exemplar eines
-Naturprodukts vor sich hat.
-
-»Ja, gewiß. Bin keiner von Euren vornehmen Pflanzern, mit Lilienfingern,
-der sich von jedem alten, verdammten Aufseher betrügen läßt! Hier, faßt
-'mal meine Knöchel an! Seht 'mal meine Faust! Sage Euch, Herr, das
-Fleisch ist grade wie Stein geworden, -- 's macht die Praxis mit den
-Niggers, -- faßt nur 'mal an!«
-
-Der Fremde legte seine Hände an das fragliche Werkzeug und entgegnete
-trocken:
-
-»Hart genug! und, wie ich vermuthe, hat die Praxis Euer Herz eben so
-hart gemacht.«
-
-»Ja, ja, kann sein,« erwiederte Simon mit herzlichem Lachen. »Glaube, 's
-nicht viel Weiches in mir zu finden. Ich sage Euch, es kommt keiner über
-mich! Nie kommt ein Nigger um mich herum, weder mit Schreien, noch mit
-weicher Seife, -- das ist gewiß!«
-
-»Ihr habt einen hübschen Trupp hier.«
-
-»O ja,« sagte Simon. »Da ist der Tom, -- habe gehört, es soll ein
-ausgezeichneter Kerl sein. Er kostet mich viel Geld, weil ich ihn als
-Kutscher oder als Verwalter gebrauchen wollte; nur die Ideen müssen erst
-aus ihm heraus, die er dadurch gelernt hat, daß er behandelt worden ist,
-wie Niggers nie behandelt werden sollten, -- dann wird er ganz
-vortrefflich sein! Das gelbe Weib sieht mir etwas kränklich aus, aber
-ich will doch noch aus ihr herausdrücken, was sie werth ist. Ein oder
-zwei Jahre hält sie noch vor. Schone meine Niggers nicht; -- verbrauche
-sie und kaufe neue, -- 's macht weniger Umstände und 's kommt mir am
-Ende billiger zu stehen,« sagte Simon, sein Glas schlürfend.
-
-»Und wie lange halten sie gewöhnlich aus?« fragte der Fremde.
-
-»Weiß nicht genau; 's hängt von der Constitution ab. Stämmige Bursche
-sechs oder sieben Jahre; schwache sind in zweien oder dreien fertig. Im
-Anfang hatt' ich schrecklich viel Umstände, weil ich sie erhalten
-wollte, -- und dokterte, wenn sie krank waren, und ihnen Kleidungsstücke
-und Decken gab, und 's ihnen bequem machen wollte. Jetzt aber, seht,
-treibe ich sie grade durch, krank oder gesund, und wenn ein Nigger todt
-ist, so kauf' ich 'nen andern, und 's ist viel bequemer und billiger,
-find' ich.«
-
-Der Fremde wendete sich ab und setzte sich neben einen Herrn nieder,
-welcher der ganzen Unterhaltung mit unterdrücktem Unwillen zugehört
-hatte.
-
-»Sie dürfen die südlichen Pflanzer nicht nach diesem Kerl beurtheilen,«
-sagte er.
-
-»Ich hoffe ^nicht^,« entgegnete der junge Mann mit Nachdruck.
-
-»Es ist ein niedriger, gemeiner, viehischer Kerl,« sagte der Andere.
-
-»Und dennoch erlauben ihm Ihre Gesetze, so viele menschliche Wesen
-seinem unbeschränkten Willen unterworfen zu halten, ohne daß diese auch
-nur einen Schatten von Schutz haben; und so gemein er ist, so müssen Sie
-dennoch zugestehen, daß es Viele seiner Art gibt.«
-
-»Mag sein,« entgegnete der Andere, »aber es gibt auch viele
-menschenfreundliche Männer unter den Pflanzern.«
-
-»Zugestanden,« sagte der junge Mann; »aber meiner Ansicht nach sind
-grade Ihre menschenfreundlichen Männer für alle Unmenschlichkeit
-verantwortlich, die von diesen Elenden verübt wird; denn ohne ihre
-Billigung und ihren Einfluß könnte sich das ganze System nicht eine
-Stunde halten. Wenn es keine anderen Pflanzer gäbe, als solche,« sagte
-er, mit dem Finger auf Legree deutend, welcher ihnen den Rücken
-zugewendet hatte, »so würde die ganze Sache wie ein Mühlstein zu Grunde
-gehen. Es ist grade Ihre Menschenfreundlichkeit, die diese
-Unmenschlichkeit beschützt.«
-
-»Sie müssen viel Vertrauen zu meiner Gutmüthigkeit haben,« sagte der
-Pflanzer lächelnd; »aber ich würde Ihnen doch rathen, nicht so laut zu
-sprechen, da sich hier viele Personen auf dem Boote befinden, die nicht
-ganz so tolerant sein dürften. Sie thun besser, zu warten, bis Sie auf
-meiner Plantage sind; dann mögen Sie uns Alle schmähen, so viel Sie
-wollen.«
-
-Der junge Mann erröthete und lächelte, und Beide waren bald darauf beim
-Puffspiele beschäftigt. Inzwischen fand am unteren Ende des Bootes eine
-andre Unterhaltung zwischen Emmelinen und der Mulattin Statt, mit der
-sie zusammengekettet war. Sie theilten sich, wie es natürlich war,
-Einzelnheiten ihrer Geschichte mit.
-
-»Wem gehörst Du?« fragte Emmeline.
-
-»Mein Herr war Mr. Ellis, in Leveestreet. Vielleicht hast Du das Haus
-gesehen.«
-
-»War er gut gegen Dich?« fragte Emmeline weiter.
-
-»Meistens, bis er krank wurde. Er lag länger als sechs Monate krank, und
-wurde schrecklich ungeduldig. Er wollte keinen Menschen Tag und Nacht
-ruhen lassen, und kein Mensch konnt' ihm 'was zu Dank thun. Jeden Tag
-wurd' er schlimmer, und hielt mich alle Nächte wach, bis ich ganz hin
-war und nicht mehr wachen konnte; und weil ich 'mal in einer Nacht
-einschlief, wurd' er so schrecklich gegen mich, und sagte, er wolle mich
-an den bösesten Herrn verkaufen, den er finden könnte! und doch
-versprach er mir meine Freiheit, als er starb.«
-
-»Hattest Du Angehörige?« fragte Emmeline.
-
-»Ja, einen Mann, -- er ist ein Hufschmied. Master verdung ihn
-gewöhnlich. Sie schleppten mich so schnell fort, daß ich ihn nicht 'mal
-mehr sehen konnte; und ich habe vier Kinder. O mein Gott!« sagte das
-Weib, und bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen.
-
-Es ist ein natürliches Gefühl bei Jedem, der eine Schilderung des Elends
-hört, irgend ein Trostwort sagen zu wollen. Emmeline wollte auch etwas
-sagen, aber sie konnte sich auf nichts besinnen. Was sollte sie sagen?
-Wie aus Uebereinkommen vermieden Beide vor Furcht und Schrecken des
-entsetzlichen Mannes Erwähnung zu thun, der jetzt ihr Herr war.
-
-Wahr ist, daß es selbst in der trübsten Stunde einen religiösen Trost
-gibt. Die Mulattin war Mitglied einer methodistischen Kirche, und besaß
-zwar einen unaufgeklärten Geist, aber aufrichtige Frömmigkeit. Emmeline
-hatte eine bessere Bildung empfangen; sie hatte durch die Fürsorge einer
-frommen Mistreß lesen, schreiben und die Bibel verstehen gelernt; aber
-würde es nicht selbst den Glauben des besten Christen erschüttern, wenn
-er sich anscheinend so von Gott verlassen, und in den Klauen der
-rohesten Gewalt befände? Wie viel mehr mußte es den Glauben von Kindern
-erschüttern, die noch schwach in Erkenntniß, und zart an Jahren waren.
-
-Das Boot verfolgte seinen Lauf, -- beladen mit seiner kummerschweren
-Last, -- durch den röthlichen, trüben Strom, und durch die Windungen des
-rothen Flusses hinauf; und traurige, müde Augen ruhten auf den steilen,
-röthlichen Kalkufern, die in öder Einförmigkeit vorüber glitten. Endlich
-hielt das Boot vor einer kleinen Stadt an, und Legree schiffte sich mit
-seinem Trupp Sklaven aus.
-
-
-
-
-Zweiunddreißigstes Kapitel.
-
-Finstere Orte.
-
- Das Land ist allenthalben jämmerlich
- verheeret, und die Häuser zerrissen.
-
-
-Müde und matt sich hinter einem rohen Wagen herschleppend, einen rauhen
-Weg entlang, verfolgten Tom und seine Genossen ihre Reise.
-
-Im Wagen saß Simon Legree; und die beiden Frauenzimmer, noch immer
-zusammengefesselt, hatten mit verschiedenem Gepäcke ihren Platz im
-hinteren Theile desselben angewiesen erhalten. Auf diese Weise bewegte
-sich die ganze Gesellschaft der Plantage Legree's zu, welche noch in
-ziemlicher Entfernung lag.
-
-Es war eine wilde, öde Straße, die sich bald durch einsame
-Fichtenwaldungen wand, und bald über Knippeldämme, durch lange, mit
-Cypressen bewachsene Sümpfe hinlief, deren melancholische Bäume weite
-Kränze schwarzen Leichenmooses trugen, während hier und dort die
-widerliche Gestalt der Mokassin-Schlange zwischen Baumstämmen und
-abgebrochenen Zweigen sich hinschlängelte, welche faulend im Wasser
-lagen.
-
-Es ist eine solche Reise schon trostlos genug für den Fremden, wenn er
-mit wohlgefüllter Tasche und zuverlässigem Pferde den einsamen Weg in
-Geschäften verfolgen muß; aber noch viel schrecklicher und öder ist sie
-für den unglücklichen Sklaven, den jeder müde Schritt weiter und weiter
-von dem entfernt, was der Mensch liebt, und wonach er sich sehnt.
-
-So würde Derjenige gedacht haben, der den kummervollen Ausdruck jener
-dunklen Gesichter sah, die sinnende, geduldige Mattigkeit, mit der jene
-traurigen Augen an jedem Gegenstande hängen blieben, der ihnen auf ihrem
-trostlosen Wege begegnete.
-
-Simon setzte inzwischen in bester Laune, wie es schien, seine Reise
-fort, während er von Zeit zu Zeit einer Brandweinflasche zusprach, die
-er in seiner Tasche trug.
-
-»Ihr da, hört!« rief er, indem er sich umwandte und mit einem flüchtigen
-Blicke die muthlosen Gesichter hinter sich gewahrte. »Singt eins,
-Jungens! -- los!«
-
-Die Männer sahen sich gegenseitig an, und die Wiederholung des Wortes
-»los!« wurde mit einem kräftigen Knall der Peitsche begleitet, welche
-der Fuhrmann in der Hand trug. Tom begann eine methodistische Hymne zu
-singen:
-
- »Sei, Seele, stark und unverzagt!
- Wenn irgend Dich ein Kummer plagt,
- Befiehl Gott deine Sachen.
- In aller Pein --«
-
-»Halt Dein schwarzes Maul!« brüllte Legree. »Denkst Du, ich will 'was
-von Deinem verfluchten methodistischen Unsinn hören? Stimmt mir gleich
-'was Lustiges an, -- schnell!«
-
-Einer der anderen Männer begann einen jener sinnlosen Gesänge, welche
-unter Sklaven üblich sind, und schien den Text selbst zu erdichten, ohne
-Rücksicht auf Sinn und Vernunft nur nach einem Reime haschend:
-
- »Master sah' mich 'nen Affen fangen,
- Jungens hoch, Jungens hoch!
- Er hätte sich vor Lachen bald aufgehangen,
- Ho, ho, ho, Jungens, ho!«
-
-wozu die ganze Gesellschaft den Chor sang:
-
- »Ho! ho! ho! Jungens, ho!
- Ho, he, ho! ho, he, ho!«
-
-Es wurde von Allen sehr laut, und mit einem erzwungenen Versuche zur
-Fröhlichkeit gesungen; aber nicht das flehendste Gebet um Hülfe, nicht
-die verzweiflungsvollste Klage hätte ein so tiefes Weh auszudrücken
-vermocht, wie in den wilden Klängen dieses Chores lag. Als wenn das
-arme, stumme Herz, bedroht und in Fesseln geschlagen, zu dem
-unartikulirten Heiligthume der Musik seine Zuflucht genommen, und darin
-die Sprache gefunden hätte, in der es sein Gebet zu Gott empor senden
-wollte! Es lag ein Gebet darin, aber Simon konnte es nicht hören. Er
-hörte nur den lauten, lärmenden Gesang der Sklaven, und war zufrieden
-damit; er hatte sie »lustig« gemacht.
-
-»Nun, meine liebe Kleine,« sagte er, sich zu Emmelinen wendend, und
-seine Hand auf ihre Schulter legend, »wir sind nun bald zu Hause.«
-
-Wenn Legree fluchte und stürmte, war Emmeline erschreckt; aber wenn er
-sie berührte, und mit ihr sprach, wie er jetzt that, so war es ihr, als
-wolle sie sich lieber von ihm mißhandeln lassen. Der Blick seiner Augen
-machte ihr Herz stocken, und ihre Haut schaudern. Unwillkürlich drängte
-sie sich dichter an die Seite der Mulattin, als wenn sie ihre Mutter
-wäre.
-
-»Du hast noch nie Ohrringe getragen,« sagte er, mit seinen groben
-Fingern ihre zarten Ohren anfassend.
-
-»Nein, Master!« entgegnete Emmeline zitternd und mit gesenkten Blicken.
-
-»Wohl, Du sollst ein Paar haben, wenn wir nach Hause kommen, wenn Du
-artig sein willst. Brauchst Dich nicht zu fürchten: Du sollst keine
-schwere Arbeit verrichten. Kannst gute Zeit bei mir haben, und wie eine
-Dame leben, -- wenn Du artig sein willst.«
-
-Legree hatte so viel getrunken, daß er sich geneigt fühlte, in diesem
-herablassenden Tone zu reden. Gleich darauf zeigten sich den Reisenden
-die Umzäunungen der Plantage.
-
-Die Besitzung hatte früher einem Manne gehört, der Reichthum und
-Geschmack besaß, und sehr viel für die Verschönerung der Anlagen gethan
-hatte. Da er insolvent starb, so kaufte sie Legree um einen billigen
-Preis, und benutzte sie, wie alles Andre in der Welt, lediglich als
-Werkzeug, Geld zu verdienen. Der Ort hatte ein ödes, verwildertes
-Ansehen, was sich immer dann zeigt, wenn die Sorgfalt eines früheren
-Besitzers dem gänzlichen Verfalle überlassen worden ist.
-
-Was einst ein glatt geschorener Rasenplatz vor dem Hause gewesen war,
-der hier und da verzierende Stauden getragen hatte, war jetzt mit
-dichtem, wilden Grase überwachsen, und zur Anlage von Pferdeständen
-benutzt, wo der Rasen zertreten, und der Boden mit zerbrochenen Eimern,
-Maishülsen und andern Fragmenten bedeckt war. Hier und da hing ein
-verwelkender Jasmin oder ein verkümmerndes Geißblatt von einer Säule
-herab, die früher als Verzierung gedient, aber jetzt eine schiefe
-Stellung angenommen hatte, weil sie als Pferdepfosten benutzt worden
-war. Was früher ein großer Garten gewesen, war jetzt mit Unkraut
-überwachsen, aus welchem hier und da noch eine einzelne Zierpflanze ihr
-einsames Haupt erhob. Ein ehemaliges Gewächshaus war jetzt ohne Fenster,
-und auf den modernden Blumenbrettern standen noch einige trockene,
-verlassene Blumentöpfe, deren verwelkte Stöcke und Blätter kaum erkennen
-ließen, daß sie einst Pflanzen gewesen waren.
-
-Der Wagen fuhr einen mit Unkraut bedeckten Kiesweg hinauf, durch eine
-schöne Allee von Chinabäumen, deren anmuthige Formen und immergrünender
-Blätterschmuck die einzigen Dinge hier zu sein schienen, die
-Vernachlässigung nicht verändern konnte, gleich edlen Geistern, die
-ihre Wurzeln so tief in den Boden des Guten geschlagen haben, daß sie
-selbst unter Entmuthigung und Verfall blühen und kräftiger werden.
-
-Das Wohnhaus war groß und schön gewesen, und war in dem im Süden
-gewöhnlichen Style erbaut. Eine zwei Stock hohe Veranda, deren unterer
-Theil von massiven Säulen getragen wurde, umgab dasselbe auf allen
-Seiten, und nach ihr öffneten sich alle äußeren Thüren des Hauses.
-
-Allein das ganze Gebäude sah öde und unbehaglich aus. Einige Fenster
-waren mit Brettern verschlossen, andere hatten zerbrochene Scheiben, und
-Laden, die nur noch an einer Angel hingen. Alles verrieth rohe
-Vernachlässigung und Unbehaglichkeit. Zerbrochene Bretter, Stroh, alte,
-eingefallene Fässer und Kisten bedeckten den Boden in allen Richtungen;
-und drei bis vier wild aussehende Hunde, die durch das Geräusch der
-Wagenräder erweckt worden waren, kamen angesprungen, und wurden nur mit
-großer Mühe von den ihnen folgenden, zerlumpten Dienstboten abgehalten,
-über Tom und seine Genossen herzufallen.
-
-»Da seht Ihr, was mit Euch geschehen würde!« sagte Legree zu Tom und
-seinen Gefährten, während er seine Hunde mit grimmiger Freude liebkoste.
-»Ihr seht, was mit Euch geschehen würde, wenn Ihr fortlaufen wolltet.
-Diese Hunde sind dressirt, Niggers aufzuspüren, und würden eben so gut
-einen von Euch zermalmen und verschlucken, wie sie ihr Abendbrod
-verzehren. Also nehmt Euch in Acht! -- Sieh' da, Sambo!« sagte er zu
-einem zerlumpten Kerl mit einem Hut ohne Krempe, der sehr geschäftig in
-seinen Aufmerksamkeiten um ihn war. »Wie sind die Sachen hier gegangen?«
-
-»Vortrefflich, Master.«
-
-»Quimbo,« sagte Legree zu einem Andern, der sich die möglichste Mühe
-gab, seine Aufmerksamkeit zu erregen, -- »Du hast das gethan, was ich
-Dir gesagt habe?«
-
-»Gewiß hab' ich's gethan.«
-
-Diese beiden farbigen Männer waren die obersten Arbeiter auf der
-Plantage. Legree hatte sie in Rohheit und Brutalität so systematisch
-erzogen und abgerichtet wie seine Bulldogs, und hatte durch lange Uebung
-in Härte und Grausamkeit ihre ganze Natur ziemlich auf denselben Stand
-von Fähigkeiten reducirt. Es ist eine gewöhnliche Erfahrung, die gegen
-den Charakter der Rasse stark zu sprechen scheint, daß nämlich der
-schwarze Aufseher immer tyrannischer und grausamer ist als der weiße. Es
-gilt dies aber von dieser Rasse nicht mehr als von jedem andern
-unterdrückten Geschlechte auf der ganzen Erde. Der Sklave ist stets ein
-Tyrann, sobald sich ihm Gelegenheit dazu darbietet.
-
-Legree, gleich andern Potentaten, von denen wir in der Geschichte lesen,
-beherrschte seine Plantage mit Hülfe einer gewissen Trennung der Kräfte.
-Sambo und Quimbo haßten sich gegenseitig von ganzem Herzen; die
-Plantagen-Arbeiter haßten beide eben so sehr; und indem er den Einen
-gegen den Andern anhetzte, war er dessen gewiß, von einem dieser drei
-Theile zu erfahren, was in der Plantage vorging.
-
-Niemand kann ganz ohne geselligen Verkehr leben, und Legree ermunterte
-deßhalb seine beiden schwarzen Satelliten zu einer Art roher
-Familiarität mit ihm, die jedoch zu jedem Augenblicke den Einen oder den
-Andern in eine mißliche Lage bringen konnte; denn bei der geringsten
-Veranlassung stand einer von ihnen stets bereit, auf einen gegebenen
-Wink seine Rache gegen den Andern auszuüben.
-
-Wie sie jetzt neben Legree standen, erschienen sie als eine passende
-Versinnlichung der Wahrheit, daß viehische Menschen selbst noch tiefer
-stehen als Thiere. Ihre rohen, dunklen, schweren Züge; ihre großen
-Augen, die neidisch einander betrachteten; ihre barbarische,
-thierähnliche Gutturalsprache; ihre zerrissenen Kleidungsstücke, die im
-Winde flatterten, standen in bewunderungswürdiger Harmonie mit dem
-gemeinen, ungesunden Charakter der ganzen Besitzung.
-
-»Hier, Sambo,« sagte Legree, »bringe diese Burschen nach den Quartieren;
-und hier ist ein Weib, das ich ^Dir^ mitgebracht habe,« sagte er,
-indem er die Mulattin von Emmelinen trennte, und sie ihm zustieß. »Du
-weißt, ich versprach Dir eins.«
-
-Die Frau erschrack, und sagte ängstlich, sich zurückziehend: »O Master,
-ich habe meinen alten Mann in New-Orleans gelassen.«
-
-»Was soll das heißen, Du --; brauchst Du hier keinen Mann? Keine Worte:
--- fort mit Dir!« sagte Legree, während er die Peitsche aufhob.
-
-»Komm', Mistreß,« sagte er darauf zu Emmelinen gewendet, »Du gehst mit
-mir diesen Weg.«
-
-Ein dunkles, wildes Gesicht wurde einen Augenblick lang am Fenster des
-Hauses sichtbar, und als Legree die Thüre öffnete, sagte eine weibliche
-Stimme Etwas in schnellem und befehlendem Tone. Tom, der Emmelinen mit
-ängstlichem Interesse nachblickte, nahm dies wahr, und hörte Legree
-ärgerlich antworten: »Du hältst Deinen Mund! Ich werde thun, was mir
-gefällt, und mich um Dich nicht kümmern!«
-
-Tom hörte weiter nichts; denn er folgte Sambo gleich darauf nach den
-Quartieren. Diese bestanden in einer Reihe roh gezimmerter Schuppen,
-welche eine Art kleiner Straße bildeten, und in einem von dem Wohnhause
-weit entlegenen Theile der Plantage lagen. Tom's Herz sank, als er sie
-sah. Er hatte sich mit der Hoffnung auf eine Hütte getröstet, die er,
-wenn sie auch in rohem Zustande war, doch zu einer reinlichen, stillen
-Wohnung machen konnte, wo ein Plätzchen für seine Bibel war, und wo er
-sich nach beendigten Arbeitsstunden allein aufhalten durfte. Er sah in
-mehrere derselben hinein. Es waren nichts als rohe, leere Schalen, ohne
-jede Art von Hausgeräth, ausgenommen einem Haufen Stroh, der vor Schmutz
-in Fäulniß überging, und den Fußboden bedeckte, welcher nur aus dem
-natürlichen, von zahllosen Füßen festgetretenen Erdboden bestand.
-
-»Welches von diesen Behältnissen ist mein?« sagte er demüthig zu Sambo.
-
-»Weiß nicht; -- kannst hier hinein gehen, denk' ich,« entgegnete Sambo;
-»wird noch Platz drin sein für Einen; -- 's ist ein guter Haufe Niggers
-in jedem drin; -- weiß gar nicht, wo ich noch mit mehr hin soll.«
-
- * * * * *
-
-Es war spät Abends, als die müden Bewohner dieser Schuppen in Haufen
-nach Hause gezogen kamen, -- Männer und Weiber in zerlumpten Kleidern,
-finster und mürrisch, und in keiner Stimmung, neue Ankömmlinge
-freundlich zu empfangen. Das kleine Dorf wurde nun lebendig von wenig
-einladenden Tönen; rauhe Stimmen stritten sich um die Handmühlen, auf
-denen ihre kleine Quantität harten Kornes erst noch gemahlen werden
-mußte, um den Kornkuchen daraus bereiten zu können, aus dem ihr ganzes
-Abendbrod bestehen sollte. Von der ersten Morgendämmerung an waren sie
-auf dem Felde gewesen, und durch die unbarmherzige Peitsche der Aufseher
-zur Arbeit angetrieben worden; denn es war jetzt grade im höchsten
-Drange der Jahreszeit, und kein Mittel blieb unversucht, um die
-Fähigkeiten eines Jeden bis zur äußersten Spannung zu treiben.
-
-»Ja, aber,« sagt der nachlässige Zuschauer, »Baumwolle zupfen ist keine
-harte Arbeit.«
-
-Wirklich nicht? Es ist auch kein sehr schmerzhaftes Gefühl, sich einen
-Tropfen Wasser auf den Kopf fallen zu lassen; aber die schrecklichste
-Tortur der Inquisition bestand darin, Tropfen auf Tropfen einen
-Augenblick nach dem andern, in gleichmäßiger Einförmigkeit auf dieselbe
-Stelle fallen zu lassen; und Arbeit, die an sich nicht schwer ist, wird
-dadurch schwer, daß sie eine Stunde nach der andern mit derselben
-unveränderlichen, unerbittlichen Gleichförmigkeit, ohne freien Willen,
-dieselbe unterbrechen zu dürfen, fortgesetzt wird.
-
-Tom schaute sich unter dem Trupp der Sklaven, als er sich heran wälzte,
-vergeblich nach umgänglichen Gesichtern um. Er sah nur finstere,
-mürrische, viehische Männer, und schwarze, muthlose Weiber, oder solche,
-die keine Weiber mehr waren; die Stärkeren stießen die Schwachen bei
-Seite, und es zeigte sich ganz die rohe, ungebändigte, thierische
-Selbstsucht menschlicher Wesen, von denen nichts Gutes mehr erwartet und
-verlangt wurde, und die, behandelt wie das Vieh, dem Standpunkte
-desselben so nahe gekommen waren, wie es für menschliche Wesen überhaupt
-möglich war. Das Geräusch der Handmühlen wurde bis spät in die Nacht
-hinein gehört; denn die Anzahl derselben war im Verhältniß zur Zahl der
-Mahlenden nur gering, und die Müden und Schwachen wurden von den Starken
-zurück getrieben, und kamen zuletzt an die Reihe.
-
-»Hör Du!« rief Sambo, sich der Mulattin nähernd, und einen Sack mit Korn
-vor sie nieder werfend; »wie heißt Du?«
-
-»Lucy,« entgegnete die Frau.
-
-»Na denn, Lucy, -- bist jetzt meine Frau. Hier, mahle das Korn, und
-mache ^mein^ Abendbrod zurecht, -- hörst Du?«
-
-»Ich bin Deine Frau nicht, und will es nicht sein!« rief das Weib mit
-dem plötzlichen Muthe der Verzweiflung; -- »laß mich zufrieden!«
-
-»Ich werde Dir 'nen Tritt geben!« sagte Sambo, drohend seinen Fuß
-aufhebend.
-
-»Du magst mich umbringen, wenn Du willst, -- je eher, je besser!
-Wünschte mir, ich wäre schon todt!« sagte sie.
-
-»Höre, Sambo -- Du willst die Arbeiter mißhandeln, ich werd's Master
-sagen,« rief Quimbo, welcher mit der Handmühle beschäftigt war, von der
-er zwei oder drei ermüdete Weiber zurückgedrängt hatte, die lange darauf
-gewartet hatten, um ihr Korn zu mahlen.
-
-»Und ich werde ihm erzählen, daß Du die Weiber nicht an die Mühle lassen
-willst, Du alter Nigger!« sagte Sambo. »Du bekümmere Dich um Deine
-eigene Sachen.«
-
-Tom war bei seiner Tagesarbeit hungrig geworden, und beinahe ohnmächtig
-vor Mangel an Nahrung.
-
-»Da, Du!« sagte Quimbo, einen groben Sack, welcher eine Metze Korn
-enthielt, vor ihn niederwerfend; -- »da, Nigger, Futter, sieh' Dich mit
-vor, -- bekömmst weiter nichts ^diese^ Woche.«
-
-Tom wartete bis zu einer späten Stunde, um einen Platz an der Mühle zu
-erlangen; und dann, Mitleid mit zwei todtmüden Frauen empfindend, die er
-sich abmühen sah, ihr Korn zu mahlen, that er es für sie, und legte die
-verglimmenden Feuerbrände zusammen, an denen Viele ihre Kuchen vorher
-gebacken hatten, und schritt dann endlich dazu, sein eignes Abendbrod zu
-bereiten. Dieses Werk der Liebe, so geringfügig es war, erweckte eine
-antwortende Regung im Herzen der Frauen, und ein Ausdruck weiblichen
-Gefühls kam über ihre harten Züge. Sie mengten den Kuchen für ihn, und
-buken ihn; und er setzte sich dann beim Scheine des Feuers nieder und
-suchte seine Bibel hervor, -- denn er bedurfte Trost.
-
-»Was ist das?« sagte eine der Frauen.
-
-»Eine Bibel,« entgegnete Tom.
-
-»Guter Gott! habe keine gesehen seit ich in Kentucky war.«
-
-»Bist Du in Kentucky aufgebracht worden?« fragte Tom mit Interesse.
-
-»Ja, und gut aufgebracht; -- hätte nimmer gedacht, daß ich hierher
-kommen würde!« entgegnete die Frau seufzend.
-
-»Was für 'ne Art Buch ist das?« fragte die andere Frau.
-
-»Nun, 'ne Bibel.«
-
-»Wie? was ist das?« fragte jene wieder.
-
-»Sprich doch! -- Du hast nie davon gehört? Ich hörte Missis oft drin
-lesen, in Kentucky, aber hier -- o Herr! hier hört man nichts als
-peitschen und fluchen.«
-
-»Lies doch ein Stück, -- eins!« sagte die erste Frau neugierig zu Tom,
-den sie eifrig darin studiren sah.
-
-Tom las: -- »Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid,
-ich will euch erquicken.«
-
-»Sind gute Worte,« sagte die Frau, »wer sagt sie denn?«
-
-»Der Herr,« entgegnete Tom.
-
-»Ich möchte nur wissen, wo ich ihn finden könnte,« fuhr die Frau fort;
--- »ich würde zu ihm gehen. 's ist grade als sollt' ich gar keine Ruhe
-mehr haben. Mein Fleisch ist wund und ich zittere jeden Tag von Morgen
-bis Abend, denn Sambo schimpft immerzu auf mich los, daß ich nicht
-schnell genug zupfe; und Abends wird's fast immer Mitternacht, ehe ich
-mein Essen bekomme; und dann, kaum habe ich mich hingelegt und meine
-Augen geschlossen, so bläst das Horn schon wieder zum Aufstehn, und dann
-geht 's wieder los. Wenn ich nur wüßte, wo der Herr wäre, -- ich wollt
-'s ihm sagen.«
-
-»Er ist hier, er ist überall,« sagte Tom.
-
-»Ach, geh' weg, Du wirst mir das nicht einreden! Ich weiß, der Herr ist
-nicht hier,« sagte die Frau; »'s nützt nichts, das Reden. Will mich
-hinlegen und schlafen, so lange ich kann.«
-
-Die Weiber gingen fort nach ihren Hütten, und Tom saß allein beim
-verglimmenden Feuer, welches seinen röthlichen Schein über sein Gesicht
-warf. Der freundliche silberne Mond stieg auf am Nachthimmel, und still
-und schweigend, wie Gott auf die Scenen des Elends und der Unterdrückung
-herabschaut, blickt er nieder auf den einsamen schwarzen Menschen, der
-mit untergeschlagenen Armen seine Bibel auf dem Knie haltend, dort saß.
-
-»Ist Gott hier?« O wie ist es für das ungelehrte Herz möglich, seinen
-Glauben ohne Wanken im Angesichte und unter dem Drucke gräßlicher,
-unverkennbarer Ungerechtigkeiten zu bewahren! In jenem schlichten Herzen
-kämpfte ein wilder Kampf; das zerschmetternde Gefühl des erlittenen
-Unrechts, die Ahnung eines ganzen übrigen Lebens voll Elend, die Trümmer
-aller früheren Hoffnungen, die vor der Seele traurig auf- und
-niedertauchten, wie die Leichname von Weib, Kind und Freunden aus der
-schwarzen Welle hervor noch einmal den Blicken des schon versinkenden
-Seemannes erscheinen! War es ^hier^ leicht zu glauben, und
-festzuhalten an der großen Parole des christlichen Glaubens, »daß er
-sei, und denen die er suche, ein Vergelter sein werde!«
-
-Tom erhob sich trostlos und stolperte in die Hütte, die ihm angewiesen
-worden war. Der Fußboden war bereits mit müden Schläfern bedeckt, und
-die schlechte Luft des Behältnisses schreckte Tom beinahe zurück; aber
-der schwere Nachtthau war kalt, und seine Glieder waren müde; und indem
-er sich deßhalb in eine zerrissene Decke wickelte, welche sein einziges
-Bettzeug ausmachte, streckte er sich auf das Stroh und entschlief.
-
-Eine sanfte Stimme schlug im Traume an sein Ohr. Er saß auf dem
-Moossitze im Garten am See Pontchartrain, und Eva, mit ihren ernsten
-Augen niederblickend, las ihm die Bibel vor, und er hörte sie lesen:
-
- »Denn so Du durchs Wasser gehest, will Ich bei Dir sein, daß Dich
- die Ströme nicht sollen ersäufen; und so Du in's Feuer gehst,
- sollst Du nicht brennen und die Flamme soll Dich nicht anzünden.
- Denn Ich bin der Herr, Dein Gott, der Heilige in Israel, Dein
- Heiland.«
-
-Allmählig schienen die Worte sich in himmlische Musik aufzulösen und zu
-verhallen; das Kind schlug seine tiefen Augen auf und richtete sie
-liebevoll auf ihn, und wärmende, tröstende Strahlen fielen auf sein
-Herz; und wie getragen von den heiligen Tönen, schien sie sich auf
-glänzenden Flügeln zu erheben, von denen goldene Funken und Flocken
-gleich Sternen herabfielen, und sie war verschwunden.
-
-Tom erwachte. War es ein Traum? Es möge dafür gelten; aber wer will
-behaupten, daß es jenem sanften, jugendlichen Geiste, der im Leben stets
-bemüht war, die Unglücklichen zu trösten und zu beruhigen, von Gott
-verwehrt worden sei, dieses Amt auch nach dem Tode zu verrichten?
-
-
-
-
-Dreiunddreißigstes Kapitel.
-
-Cassy.
-
- Und siehe, da waren Thränen derer, so Unrecht
- litten, und hatten keinen Tröster; und die ihnen
- Unrecht thaten, waren zu mächtig, daß sie
- keine Tröster haben konnten.
-
-
-Es erforderte nur kurze Zeit, um Tom mit Allem bekannt zu machen, was er
-auf seinem neuen Lebenswege zu hoffen und zu fürchten hatte. Er war ein
-erfahrener, geschickter Arbeiter in jeder Beschäftigung, die er
-unternahm, und aus Princip und Gewohnheit pünktlich und getreu. Ruhig
-und friedfertig von Natur, hoffte er durch unausgesetzten Fleiß
-wenigstens theilweise die in seiner Lage ihm drohenden Uebel abzuwenden.
-Er sah genug Mißhandlung und Elend, um ihn krank und lebensmüde zu
-machen; aber er beschloß angestrengt fortzuarbeiten, und mit frommer
-Geduld auf Den zu vertrauen, der gerecht richtet, nicht ohne Hoffnung,
-daß sich doch vielleicht ein Weg der Rettung öffnen könne.
-
-Legree beachtete im Stillen Toms Brauchbarkeit wohl. Er hielt ihn für
-einen vorzüglichen Arbeiter, und dennoch empfand er einen gewissen
-Widerwillen gegen ihn, -- die natürliche Antipathie des Schlechten gegen
-das Gute. Er sah deutlich, daß wenn, was oft der Fall war, seine Rohheit
-und Gewaltthätigkeit auf die Hülflosen fiel, Tom dies jedesmal
-beachtete; denn so fein ist die Atmosphäre der Gedanken, daß sie sich
-selbst ohne Worte fühlbar macht, und selbst die Gedanken eines Sklaven
-können einen Herrn verletzen. Tom verrieth in mannigfachen Beziehungen
-eine Zartheit des Gefühls, und ein Mitleid für seine Leidensgenossen,
-welches diesen durchaus neu war, und von Legree mit eifersüchtigen Augen
-beobachtet wurde. Er hatte Tom in der Absicht gekauft, ihn zu einer Art
-Aufseher zu machen, dem er, während Abwesenheiten von kurzer Dauer,
-seine Geschäfte übertragen könne, und nach seiner Ansicht war das erste,
-zweite und dritte Erforderniß zu einer solchen Stellung -- ^Härte^. Da
-nun Tom für diesen Zweck nicht hart genug war, so nahm sich Legree vor,
-ihn abzuhärten; und als Tom einige Wochen dort gewesen war, beschloß er
-diesen Prozeß zu beginnen.
-
-Eines Morgens, als die Arbeiter für die Feldarbeit gemustert wurden,
-bemerkte Tom mit Erstaunen einen neuen Ankömmling unter ihnen, dessen
-Erscheinung seine Aufmerksamkeit erregte. Es war eine Frau, von großem,
-schlanken Wuchse, mit außerordentlich zarten Händen und Füßen, die
-reinlich und anständig gekleidet war. Ihrem Gesichte nach zu urtheilen,
-konnte sie zwischen fünfunddreißig und vierzig Jahr alt sein; und es war
-dies ein Gesicht, das, einmal gesehen, sich nie wieder vergessen ließ,
--- eins derjenigen, die uns auf den ersten Blick eine wilde,
-schmerzvolle, romantische Lebensgeschichte ahnen lassen. Ihre Stirn war
-hoch, und ihre Augenbrauen waren fein und schön gezogen. Ihre
-griechische Nase, ihr fein geschnittener Mund und die reizenden Umrisse
-ihres Kopfes und Nackens zeigten, daß sie einst sehr schön gewesen sein
-müsse; aber ihr Gesicht trug tiefe Furchen von Schmerz und stolzen und
-bitteren Leidens. Ihre Gesichtsfarbe war bleich und ungesund, ihre
-Wangen waren eingefallen, ihre Züge scharf, und ihre ganze Gestalt
-abgezehrt. Aber ihr Auge war der merkwürdigste Theil ihrer ganzen
-Erscheinung, -- so groß, so tiefschwarz, beschattet von langen und eben
-so schwarzen Wimpern, und dem Ausdrucke wilder Verzweiflung. In jeder
-Linie ihres Gesichts, in jeder Biegung ihrer Lippen, in jeder Bewegung
-ihres Körpers lagen Stolz und wilder Trotz; aber in ihrem Auge lag eine
-stille, tiefe Nacht von Angst, die in schrecklichem Gegensatze zu dem
-Stolze und Trotze stand, welcher aus ihrem ganzen Wesen sprach.
-
-Woher sie kam, und wer sie war, wußte Tom nicht. Seine erste Wahrnehmung
-von ihr bestand darin, daß er sie stolz und grade an seiner Seite durch
-die erste Morgendämmerung schreiten sah. Den Uebrigen schien sie jedoch
-bekannt zu sein; denn Aller Köpfe wendeten sich nach ihr um, und
-blickten nach ihr hin, und eine unterdrückte, aber unverkennbare Freude
-sprach sich unter den elenden, zerlumpten, halb verhungerten Wesen aus,
-von denen sie umgeben war.
-
-»Endlich doch gekommen? -- freue mich!« sagte Einer.
-
-»Ha! ha! ha!« sagte ein Anderer, »sollst sehen, wie gut es ist, Missis!«
-
-»Wollen sie nun 'mal arbeiten sehen!«
-
-»Soll mich wundern, ob sie heut Abend 'mal eine Tracht Prügel bekömmt,
-wie wir anderen!«
-
-»Sollte mich freuen, wenn sie auch 'mal die Peitsche kriegte, -- meiner
-Seel!« sagte wieder ein Anderer.
-
-Die Frau nahm keine Notiz von allen diesen Spöttereien, sondern schritt
-mit dem Ausdruck kalter Verachtung weiter, als höre sie nichts. Tom
-hatte von jeher unter gebildeten Leuten gelebt, und erkannte an ihrem
-Wesen und ihrer ganzen Haltung, daß sie dieser Klasse angehöre; aber wie
-oder weßhalb sie in diese entehrende Verhältnisse gesunken sei, konnte
-er sich nicht erklären. Die Frau sah ihn weder an, noch sprach sie mit
-ihm, obgleich sie während des ganzen Weges nach dem Felde an seiner
-Seite blieb.
-
-Tom war bald darauf mit seiner Arbeit beschäftigt, allein, da die Frau
-sich nur in geringer Entfernung von ihm befand, so warf er öfters einen
-Blick nach ihr hinüber, während sie bei ihrer Arbeit saß. Er erkannte
-sogleich, daß ihr vermöge einer natürlichen Gewandtheit und
-Geschicklichkeit die Arbeit viel leichter wurde als vielen Andern. Sie
-zupfte sehr schnell und sehr reinlich, und mit einer Miene, als wenn sie
-sowohl die Arbeit wie die Schande und Demüthigung der Verhältnisse
-verachte, in denen sie sich befand.
-
-Im Laufe des Tages arbeitete Tom auch in der Nähe der Mulattin, die
-zugleich mit ihm gekauft worden war. Sie befand sich augenscheinlich in
-einem sehr leidenden Zustande, und Tom hörte sie öfters beten, während
-sie zitterte und schwankte, und nahe daran zu sein schien, umzusinken.
-Indem er sich deßhalb ihr schweigend nahte, that er einige Handvoll
-Baumwolle aus seinem Sacke in den ihrigen.
-
-»O thue das nicht, thue das nicht!« sagte die Frau, ihn erstaunt
-anblickend, »es wird Dir Schaden bringen.«
-
-In demselben Augenblicke kam Sambo heran. Er schien einen besondern
-Groll gegen dieses Weib zu haben; und während er deßhalb seine Peitsche
-schwang, rief er mit seinen rohen Kehllauten: »Was ist das hier? Luce,
--- Betrügereien?« stieß das Weib mit seinem schweren Schuh in die Seite,
-und hieb Tom mit der Peitsche über das Gesicht.
-
-Tom fuhr schweigend mit seiner Arbeit fort, aber die Frau, vorher schon
-gänzlicher Erschöpfung nahe, fiel in Ohnmacht.
-
-»Ich will sie wieder zu sich bringen!« sagte der Treiber mit viehischem
-Lachen. »Will ihr noch 'was Besseres geben als Kampher!« und indem er
-sodann eine Stecknadel von seinem Aermel zog, stieß er diese bis an den
-Knopf in ihr Fleisch hinein. Das Weib stöhnte, und erhob sich halb.
-»Steh' auf, Du Biest, und arbeite, willst Du?« rief Sambo, »oder ich
-will Dir noch was anderes zeigen.«
-
-Auf diese Weise zu einer unnatürlichen Kraft für einige Augenblicke
-angetrieben, arbeitete die Frau mit verzweifeltem Eifer weiter.
-
-»Sieh' Dich vor, daß Du so fortfährst,« sagte der Mann, »oder Du sollst
-wünschen, daß Du heut Abend noch todt wärst, -- glaubs mir!«
-
-»Das wünsch' ich jetzt schon!« hörte Tom sie sagen, und gleich darauf:
-»O Gott, wie lange noch! O Gott, warum hilfst Du uns nicht?«
-
-Auf die Gefahr jedes möglichen Uebels hin näherte sich ihr Tom abermals,
-und that alle seine Baumwolle in den Sack der Frau.
-
-»O Du mußt nicht! Du weißt nicht, was sie mit Dir machen werden!« sagte
-die Frau.
-
-»Ich kann's tragen!« sagte Tom, »eher als Du.« während er sich auf
-seinen Platz zurück begab. Es war das Werk eines Augenblicks.
-
-Plötzlich schlug die fremde Frau, die wir geschildert haben, und die im
-Laufe der Arbeit nahe genug an Tom heran gerückt war, um seine Worte
-hören zu können, ihre tiefen, schwarzen Augen auf, richtete sie auf Tom
-eine Sekunde lang, und nahm aus ihrem Korbe eine Quantität Baumwolle,
-und that sie in den seinigen.
-
-»Du kennst diesen Ort nicht,« sagte sie, »sonst würdest Du das nicht
-gethan haben. Wenn Du erst einen Monat hier gewesen bist, wirst Du
-Niemanden mehr helfen wollen, -- wirst es schwer genug finden, für Deine
-eigene Haut zu sorgen.«
-
-»Gott bewahre, Missis!« rief Tom, während er sich unwillkührlich gegen
-seine Mitarbeiterin auf dem Felde der Höflichkeitsform bediente, welche
-nur gegen die Personen höheren Standes üblich war, bei denen er gelebt
-hatte.
-
-»Gott ist nie an diesen Orten,« entgegnete die Frau, während sie gewandt
-mit ihrer Arbeit fortfuhr, und das verächtliche Lächeln wieder um ihre
-Lippen spielte.
-
-Allein die Handlung der Frau war von dem Treiber in einiger Entfernung
-wahrgenommen worden, und mit geschwungener Peitsche kam er deßhalb auf
-sie zu.
-
-»Was? was?« rief er ihr mit triumphirender Miene zu, »^Du^ --
-betrügen? bist jetzt unter mir, -- nimm' Dich in Acht, oder Du sollst es
-kriegen.«
-
-Ein Glanz wie Wetterleuchten fuhr plötzlich aus ihren schwarzen Augen,
-und sich mit bebenden Lippen umwendend, schoß sie einen wüthenden Blick
-auf den Treiber.
-
-»Hund!« rief sie, »berühre mich, wenn Du es wagst! Noch habe ich Macht
-genug, um Dich von den Hunden zerreißen, lebendig verbrennen, oder in
-Stücke zerschneiden zu lassen. Es kostet mich nur ein Wort!«
-
-»Wozu bist Du denn hier, zum Teufel?« sagte der Mann, augenscheinlich
-eingeschüchtert, sich einige Schritte zurückziehend. »Meinte nichts
-Böses, Misse Cassy!«
-
-»So entferne Dich von mir!« sagte die Frau. Und in der That schien der
-Mensch sehr geneigt, sich am andern Ende des Feldes ein Geschäft zu
-suchen, denn er zog sich sofort in möglichster Eile zurück.
-
-Plötzlich wandte sich die Frau wieder zu ihrem Geschäfte, und arbeitete
-mit einer Schnelligkeit, die Tom wirklich wunderbar erschien. Es war,
-als wenn sie mit Zauberkräften arbeitete. Ehe der Tag zu Ende war, hatte
-sich ihr Korb gefüllt, fast niedergepreßt, und hoch aufgehäuft, und
-dessen ungeachtet hatte sie mehrmals bedeutende Quantitäten in Tom's
-Korb gelegt. Lange nachdem die Abenddämmerung vorüber war, zog der
-ganze, ermüdete Haufe, mit den Körben auf den Köpfen, dem Gebäude zu, wo
-das Abwägen und Aufschichten der Baumwolle Statt fand. Legree befand
-sich dort, in angelegentlicher Unterhaltung mit seinen beiden Treibern.
-
-»Der Tom fängt an, schreckliche Unruhe zu machen; -- hat immerfort in
-Lucy's Korb gepackt. So Einer wird bald alle die Niggers aufsäßig und
-unzufrieden machen, wenn Master ihm nicht aufpaßt!« sagte Sambo.
-
-»Heisa! Der schwarze Schlingel!« sagte Legree. »Wird 'ne Dressur nöthig
-haben, -- nicht wahr, Jungens?«
-
-Beide Neger grinsten bei dieser Mittheilung auf entsetzliche Weise.
-
-»Master Legree wird ihn schon dressiren, -- das kann der Teufel selbst
-nicht besser, als Master!« sagte Quimbo.
-
-»Ich denke, Jungens, das beste Mittel ist, daß er's Auspeitschen
-besorgt, bis er seine Begriffe los wird,« sagte Legree.
-
-»O Herr! Master wird schwere Arbeit haben, bis er die aus ihm heraus
-bringt!« bemerkte Sambo.
-
-»Heraus müssen sie doch!« entgegnete Legree, während er seinen Taback im
-Munde umher wälzte.
-
-»Nun, da ist Lucy, -- das ärgerlichste, häßlichste Mensch auf der ganzen
-Plantage!« fuhr Sambo fort.
-
-»Nimm Dich in Acht, Sam,« sagte Legree, -- »werd's am Ende ausfinden,
-warum Du solchen Groll gegen Lucy hast.«
-
-»Ja, Master weiß, sie hat sich Master widersetzt, und hat mich nicht
-haben wollen, als ich's ihr sagte.«
-
-»Ich wollt's ihr schon einprügeln,« sagte Legree speiend, »aber 's gibt
-jetzt so viel Arbeit, und 's ist nicht erst der Mühe werth, sie gerade
-jetzt unter zu bringen. Sie ist nur schmächtig; aber diese Schmächtigen
-lassen sich halb umbringen, um ihren Willen zu behalten!«
-
-»Ja, aber Lucy war faul und eigensinnig, und wollte nichts thun, -- und
-Tom hat die Arbeit für sie gethan.«
-
-»Tom, -- wirklich? Na, dann soll Tom das Vergnügen haben, sie
-auszupeitschen. 'S wird 'ne gute Uebung für ihn sein, und er wird's ihr
-nicht so geben, wie Ihr, Teufels!«
-
-»Ho! ho! ho!« lachten die beiden schwarzen Schufte, und ihre
-diabolischen Laute schienen in der That kein unpassender Ausdruck des
-teuflischen Charakters zu sein, welchen Legree ihnen zuschrieb.
-
-»Ja, aber, Master, Tom und Misse Cassy haben beide Lucy's Korb gefüllt.
-Kann mir's Gewicht schon denken, Master.«
-
-»^Ich will das Abwägen besorgen!^« sagte Legree mit Nachdruck.
-
-Beide Treiber ließen von Neuem ihr teuflisches Lachen hören.
-
-»So?« fügte Legree hinzu, »Misse Cassy hat ihr Tagewerk gethan?«
-
-»Sie zupft wie der Teufel, und alle seine Engel!«
-
-»Sie hat sie, glaub' ich, alle in sich!« sagte Legree, und ging, während
-er einen rohen Fluch brummte, nach dem Wägezimmer.
-
- * * * * *
-
-Langsam schleppten sich die müden, muthlosen Geschöpfe in dasselbe, und
-boten furchtsam und kriechend ihre Körbe zum Wägen dar.
-
-Legree vermerkte den Betrag eines jeden auf einer Schiefertafel, auf
-deren Seite sich ein Namensverzeichniß Aller befand.
-
-Tom's Korb wurde gewogen und richtig befunden, worauf er mit ängstlichem
-Blicke den Erfolg der armen Frau beobachtete, die er in seine
-Freundschaft gezogen hatte.
-
-Wankend vor Mattigkeit, trat sie vor und übergab ihren Korb. Er hatte
-volles Gewicht, wie Legree wohl bemerkte; aber sich zornig stellend,
-sagte er:
-
-»Was, Du faules Thier, wieder zu wenig? tritt auf die Seite, -- sollst
-es kriegen, -- gleich!«
-
-Das Weib ließ ein Stöhnen der äußersten Verzweiflung hören, und setzte
-sich auf eine Bank nieder.
-
-Dann trat die Person, welche Misse Cassy genannt worden war, hervor, und
-überlieferte ihren Korb mit einer stolzen, nachlässigen Miene, während
-Legree sie mit einem höhnischen, fragenden Blicke beobachtete. Sie
-richtete ihre schwarzen Augen fest auf ihn, ihre Lippen bewegten sich
-leicht, und sie sagte etwas in französischer Sprache zu ihm. Was es war,
-verstand Niemand; aber Legree's Gesicht nahm bei diesen Worten einen
-dämonischen Ausdruck an, und er hob seine Hand auf wie zum Schlagen, --
-eine Bewegung, die sie mit stolzer Verachtung ansah, während sie sich
-abwandte und fortging.
-
-»Und nun,« sagte Legree, »komme Du her, Tom. Siehst Du, ich sagte Dir
-vorher, daß ich Dich nicht für gemeine Arbeit gekauft hätte. Ich will
-Dich erhöhen, und 'nen Aufseher aus Dir machen, und so kannst Du heut
-Abend gleich anfangen, und Deine Hand dazu thun. Also nimm' hier das
-Weib, und peitsche sie aus; hast schon genug davon gesehen, um zu
-wissen, wie Du's machst.«
-
-»Ich bitte Master um Verzeihung,« sagte Tom, -- »hoffe, Master wird das
-nicht von mir verlangen. Bin nicht daran gewöhnt, -- hab's nie gethan,
--- und kann's nicht thun, -- ganz unmöglich.«
-
-»Wirst noch Manches lernen müssen, was Du nie gewußt hast, eh' ich mit
-Dir fertig bin!« sagte Legree, während er die Peitsche aufhob, und Tom
-einen schweren Hieb über die Backe versetzte, und dann einen Schauer von
-Hieben nachfolgen ließ. »Da!« sagte er, als er inne hielt, um
-auszuruhen, -- »willst Du mir nun noch sagen, Du kannst nicht?«
-
-»Ja, Master,« entgegnete Tom, während er seine Hand aufhob, um das Blut
-abzuwischen, welches ihm vom Gesichte herabträufelte. »Ich bin bereit,
-Tag und Nacht, so lange Leben und Athem in mir ist, zu arbeiten; aber
-das halt' ich nicht für recht zu thun, -- und, Master, ich werde 's
-^nimmer^ thun, -- ^nimmer^!«
-
-Tom hatte eine außerordentlich sanfte, weiche Stimme, und beobachtete
-stets, gewohnheitsgemäß, ein ehrerbietiges Benehmen, was Legree zu dem
-Glauben veranlaßt hatte, daß er furchtsam und leicht zu unterwerfen sei.
-Als er diese letzten Worte sprach, überlief Alle ein Schreckensschauer;
-das arme Weib schlug seine Hände zusammen, und rief: »o Herr!« und alle
-Anwesenden blickten sich unwillkürlich gegenseitig an, und hielten den
-Athem an, wie um sich auf den Sturm vorzubereiten, der jetzt folgen
-müsse.
-
-Legree stand starr vor Verwunderung und ganz verwirrt da; endlich aber
-brach er los:
-
-»Was! Du verdammtes schwarzes Biest! Du willst mir sagen, Du hältst es
-nicht für recht zu thun, was ich Dir heiße? Was hat eins von Euch
-verfluchten Stücken Vieh nöthig, dran zu denken, was recht ist. Wart',
-ich will dem Dinge ein Ende machen! Was meinst Du denn, daß Du bist?
-Glaubst wohl, Du bist ein Herr, Mister Tom, der seinem Master sagen
-will, was recht ist, und was nicht! Bist also der Meinung, daß es
-unrecht sei, das Weib zu peitschen?«
-
-»Ich denke so, Master,« sagte Tom; »das arme Geschöpf ist krank und
-schwach; 's würde ganz grausam sein, und ich kann 's nimmer thun.
-Master, wenn Sie mich umbringen wollen, thun Sie's; aber meine Hand
-werd' ich niemals gegen irgend Einen hier aufheben, -- lieber will ich
-sterben!«
-
-Tom sprach mit sanfter Stimme, aber mit einer Bestimmtheit, die sich
-nicht verkennen ließ. Legree bebte vor Zorn; seine grünlichen Augen
-funkelten wild, und selbst sein Bart fing sich vor Leidenschaft an zu
-kräuseln; aber, gleich einem wilden Thiere, das mit seinem Opfer spielt,
-ehe es dasselbe verzehrt, hielt er seinen heftigen, inneren Drang zur
-augenblicklichen Gewaltthätigkeit zurück, und brach in bittere
-Spöttereien aus.
-
-»Sieh' da, hier ist endlich ein frommer Kerl unter uns Sünder gefallen!
--- ein Heiliger, ein Gentleman, nichts weniger, um uns Sündern unsere
-Sünden vorzuhalten! Muß 'ne mächtig fromme Kreatur sein! -- Hier, Du
-Schlingel, der Du so fromm sein willst, hast Du nie in der Bibel
-gelesen: »Ihr Knechte, seid unterthan Eurem leiblichen Herrn!« Bin ich
-nicht Dein Herr? Hab' ich nicht zwölfhundert Dollar baar Geld bezahlt
-für Alles, was in Deiner alten, verfluchten schwarzen Schale steckt?
-Bist Du nicht mein jetzt mit Leib und Seele?« rief er, Tom einen
-heftigen Stoß mit seinem schweren Stiefel versetzend, -- »sage mir!«
-
-Selbst in diesem heftigen physischen Leiden, und obgleich niedergebeugt
-von roher Gewalt, schoß dennoch bei dieser Frage ein Strahl von Freude
-und Triumph durch Toms Seele. Er richtete sich plötzlich auf, und
-inbrünstig zum Himmel blickend, während Thränen und Blut sich auf seiner
-Wange mischten, rief er:
-
-»Nein! nein! nein! meine Seele gehört Ihnen nicht, Master! Sie haben sie
-nicht gekauft, -- Sie können sie nicht kaufen! ^Die^ ist gekauft und
-bezahlt worden von Einem, der fähig ist, sie zu bewahren; -- thut
-nichts, thut nichts, Sie können mir kein Leid zufügen!«
-
-»Ich kann nicht?« sagte Legree mit höhnischem Lächeln; »wollen seh'n! --
-wollen seh'n! Hier, Sambo, Quimbo, gebt diesem Hunde 'ne solche Dressur,
-daß er für diesen Monat genug hat!«
-
-Die beiden gigantischen Neger, welche mit teuflischer Freude in ihren
-Gesichtern sich jetzt Toms bemächtigten, wären nicht ungeeignet gewesen,
-die Mächte der Finsterniß persönlich darzustellen. Die arme Frau schrie
-laut auf vor Schrecken, und Alle, wie von demselben Impulse getrieben,
-erhoben sich, während Tom, ohne Widerstand zu leisten, hinausgeschleppt
-wurde.
-
-
-
-
-Vierunddreißigstes Kapitel.
-
-Die Geschichte der Quadroon.
-
- Da lobte ich die Todten, die schon gestorben
- waren, mehr denn die Lebendigen, die noch das
- Leben hatten.
-
-
-Es war Nacht, und Tom lag allein, stöhnend und blutend in einem alten,
-verlassenen Zimmer des Gin-Hauses zwischen Stücken zerbrochenen
-Maschinenwerks, Haufen verdorbener Baumwolle und anderem Unrath, der
-hier aufbewahrt wurde.
-
-Die Nacht war feucht und warm, und die dicke Atmosphäre war angefüllt
-von Myriaden Moskitos, welche die Qualen seiner Wunden vermehrten,
-während ein brennender Durst, -- die größte aller Torturen, -- das
-höchste Maaß physischer Leiden füllte.
-
-»O guter Gott! Sieh' herab, -- verleihe mir den Sieg, -- den Sieg über
-Alles!« betete der arme Tom in seiner Todesangst.
-
-Ein menschlicher Fußtritt wurde plötzlich im Zimmer gehört, und das
-Licht einer Laterne fiel auf seine Augen.
-
-»Wer ist da? O um des Herrn willen, reicht mir ein wenig Wasser!«
-
-Die Frau Cassy -- denn sie war es -- setzte die Laterne nieder, goß
-Wasser aus einer Flasche, erhob seinen Kopf, und gab ihm zu trinken.
-Noch einen Becher, und noch einen leerte er in seinem fieberischen
-Durste.
-
-»Trink so viel Du willst,« sagte sie, »ich wußte schon, wie es sein
-würde! 's ist nicht das erste Mal, daß ich in der Nacht ausgegangen
-bin, um solchen Leuten, wie Du jetzt bist, Wasser zu bringen.«
-
-»Dank' Euch, Missis,« sagte Tom, nachdem er getrunken hatte.
-
-»Nenne mich nicht Missis! Ich bin eine elende Sklavin, gleich Dir, --
-eine niedrigere, als Du je werden kannst!« sagte sie in bitterem Tone;
-»aber nun,« fügte sie hinzu, an die Thür gehend, und einen kleinen
-Strohsack hereinziehend, über welchen sie leinene, in kaltes Wasser
-getauchte Tücher gelegt hatte, »versuche es, mein armer Bursche, Dich
-auf diesen Sack zu rollen.«
-
-Steif von Wunden und Quetschungen brauchte Tom lange Zeit, ehe er diese
-Bewegung vollbrachte; dann aber empfand er eine merkliche Erleichterung
-durch die kühlenden Umschläge auf seinen Wunden.
-
-Die Frau, welche durch eine lange Praxis an den Opfern der Rohheit
-manche heilende Künste erlernt hatte, legte mehrfache Verbände auf Toms
-Wunden, welche ihm Linderung seiner Schmerzen bereiteten.
-
-»Nun,« sagte die Frau, nachdem sie ihm noch eine Rolle schadhafter
-Baumwolle als Kissen untergelegt hatte, »das ist Alles, was ich für Dich
-thun kann.«
-
-Tom dankte ihr, und die Frau setzte sich auf den Boden nieder, zog ihre
-Kniee an, und diese mit den Armen umfassend, blickte sie mit einem
-bitteren, schmerzlichen Ausdrucke ihres Gesichts starr vor sich hin. Ihr
-Hut fiel zurück, und langes, üppiges, schwarzes Haar strömte um ihr
-sonderbares, melancholisches Gesicht.
-
-»Es ist vergeblich, mein armer Mensch!« begann sie endlich, »Es ist
-vergeblich, was Du zu thun versucht hast. Warst ein braver Bursche, --
-und hattest das Recht auf Deiner Seite; aber 's hilft Dir alles nichts,
-dagegen zu kämpfen. Du bist in des Teufels Händen; -- er ist der
-Stärkere, und Du mußt nachgeben!«
-
-»Nachgeben!« und hatten nicht menschliche Schwäche und physischer
-Schmerz ihm das schon zuvor in's Ohr geflüstert? Tom erschrak; denn das
-bittere Weib mit den wilden Augen und der melancholischen Stimme
-erschien ihm als die verkörperte Versuchung, gegen die er gekämpft
-hatte.
-
-»O Herr! o Herr!« stöhnte er, »wie kann ich nachgeben?«
-
-»Es hilft nichts, den Herrn anrufen, -- er hört es nie,« sagte die Frau
-mit ruhiger, fester Stimme. »Ich glaube, es gibt keinen Gott; oder, wenn
-es einen gibt, so hat er gegen uns Partei genommen. Alles ist gegen uns,
-Himmel und Erde; Alles hilft dazu, uns in die Hölle zu stoßen; -- warum
-sollten wir nicht gehen?«
-
-Tom schloß seine Augen, und schauderte vor den finsteren, atheistischen
-Worten.
-
-»Siehst Du,« fuhr die Frau fort, »Du verstehst davon nichts, -- aber
-ich. Ich bin hier fünf Jahre gewesen, mit Leib und Seele unter dieses
-Mannes Fuß, und hasse ihn wie den Teufel! Du bist hier auf einer
-einsamen Pflanzung, zehn Meilen von jeder andern entfernt, in den
-Sümpfen; und keine weiße Person ist hier, die Zeugniß ablegen könnte,
-wenn Du auch lebendig verbrannt, oder geschunden, in Stücke gehauen, den
-Hunden vorgeworfen, oder aufgehängt und zu Tode gepeitscht würdest. Es
-gibt kein göttliches und kein menschliches Gesetz hier, das Dir von
-Nutzen sein könnte, und dieser Mann! -- es gibt Nichts, das er zu gut zu
-thun wäre. Ich könnte Dein Haar sträuben und Deine Zähne klappern
-machen, wenn ich Dir erzählen wollte, was ich hier gesehen und gehört
-habe; -- es hilft nichts, hier Widerstand zu leisten! -- ^Wollte^ ich
-etwa mit ihm leben? War ich nicht ein Weib, das eine feine Erziehung
-erhalten hatte? und er -- Gott im Himmel! was war er, und was ist er?
-Und dennoch habe ich mit ihm seit fünf Jahren gelebt, und jeden
-Augenblick meines Lebens verflucht, -- Nacht und Tag! Und jetzt hat er
-eine Neue bekommen, -- ein junges Ding, erst fünfzehn Jahre alt, und
-fromm erzogen, wie sie sagt. Ihre gute Mistreß hat sie gelehrt, die
-Bibel lesen, und sie hat ihre Bibel mitgebracht, -- mit in die Hölle!«
--- und das Weib stieß ein wildes, schmerzliches Lachen aus, das mit
-sonderbarem, übernatürlichem Klange durch den verfallenen alten Schuppen
-schallte.
-
-Tom faltete seine Hände. Alles war Schrecken und Finsterniß.
-
-»O Jesus! Herr Jesus! hast Du uns arme Geschöpfe ganz vergessen?« fing
-er endlich an zu klagen. »O hilf, Herr! ich komme um!«
-
-Das Weib fuhr in strengem Tone fort:
-
-»Und was sind diese elenden, niedrigen Geschöpfe, mit denen Du
-arbeitest, daß Du um ihretwillen leiden solltest? Ein Jeder von ihnen
-würde sich bei der ersten Gelegenheit gegen Dich wenden. Sie sind Alle
-gegen einander so gemein und grausam wie nur möglich. Es ist ganz
-nutzlos, daß Du leidest, um ihnen nicht wehe zu thun.«
-
-»Arme Geschöpfe!« sagte Tom, -- »was machte sie grausam? -- und, wenn
-ich nachgebe, so werd' ich mich d'ran gewöhnen, und werde nach und nach
-auch so werden, wie sie sind! Nein, nein, Missis! ich habe Alles
-verloren, -- Weib, Kinder und Heimath, und einen guten Master, der mich
-frei gelassen haben würde, wenn er noch eine Woche länger gelebt hätte;
-ich habe Alles in ^dieser^ Welt verloren, und 's ist dahin für immer,
--- und nun ^kann^ ich nicht den Himmel auch noch verlieren; -- nein,
-ich kann nicht auch noch schlecht werden!«
-
-»Aber es ist unmöglich, daß der Herr die Sünde in unser Schuldbuch
-schreiben werde,« sagte die Frau; »er wird sie uns nicht zurechnen, wenn
-wir dazu gezwungen werden; er wird sie denen zurechnen, die uns dazu
-getrieben haben.«
-
-»Ja,« sagte Tom; »aber das wird uns nicht dagegen schützen, schlecht zu
-werden. Wenn ich so hartherzig und so böse werden sollte, wie jener
-Sambo, so würde 's mir am Ende gleich sein, wie ich dazu gekommen wäre;
-es ist das ^so sein^, -- das ist's, was ich fürchte.«
-
-Die Frau richtete einen wilden, überraschten Blick auf Tom, als wenn ein
-neuer Gedanke in ihr aufgestiegen sei; dann sagte sie tief seufzend:
-
-»O Gott sei uns gnädig! Du sagst die Wahrheit! O! O! O!« -- und stöhnend
-sank sie wie zerschmettert und im tiefsten Seelenschmerz sich krümmend
-auf den Boden nieder.
-
-Es trat eine Pause ein, während deren das Athmen Beider hörbar war, bis
-Tom mit schwacher Stimme sagte: »O, bitte, Missis!«
-
-Die Frau erhob sich, und ihr Gesicht hatte wieder den gewöhnlichen
-ernsten, melancholischen Ausdruck angenommen.
-
-»Bitte, Missis, ich sah, daß sie meinen Rock in jene Ecke warfen, und in
-der Tasche ist meine Bibel; -- wenn Missis so gut sein wollte, sie mir
-zu reichen.«
-
-Cassy ging und holte die Bibel. Tom öffnete sofort eine besonders
-markirte, viel gelesene Stelle aus den letzten Lebensaugenblicken
-Desjenigen, durch dessen Streiche und Leiden wir geheilt worden sind.
-
-»Wenn Missis doch so gut sein wollte, hier -- das zu lesen, 's ist noch
-besser als Wasser.«
-
-Cassy nahm das Buch mit kalter, stolzer Miene, und blickte über die
-Stelle. Dann las sie mit sanfter Stimme und mit eigenthümlichem, schönem
-Ausdrucke die rührende Schilderung seines Todesschmerzes und seiner
-Glorie. Oefters, während des Lesens, stockte ihre Stimme, oder versagte
-gänzlich, und dann hielt sie mit einer Miene kalter Ruhe inne, bis sie
-sich wieder vollständig gesammelt hatte. Als sie an die rührenden Worte
-kam: »Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie thun!« ließ
-sie das Buch fallen, barg ihr Gesicht in die dunkle Fülle ihrer Haare,
-und begann laut und mit krampfhafter Heftigkeit zu schluchzen.
-
-Tom weinte auch und ließ zuweilen einen unterdrückten Ausruf hören.
-
-»Wenn wir nur das erreichen könnten!« sagte Tom; »es schien bei ihm so
-natürlich zu sein, und wir müssen so schwer darum kämpfen! O Herr, hilf
-uns! o heiliger Herr Jesus, hilf uns!«
-
-Nach einer Weile fuhr Tom fort: »Missis, ich kann das ganz deutlich
-sehen, Missis ist in allen Dingen weit über mir, aber da ist eins, das
-Missis selbst vom armen Tom lernen könnte. Ihr sagtet, der Herr habe
-Partei gegen uns genommen, weil er zuläßt, daß man uns zu Boden schlägt
-und mißhandelt: aber Ihr seht, was seinem eigenen Sohne widerfahren ist,
--- dem Herrn der Herrlichkeit, -- war er nicht immer arm? und ist Einer
-von uns schon so elend geworden, wie er war? Nein, Gott hat uns nicht
-vergessen, -- das weiß ich gewiß! Wenn wir mit ihm leiden, so werden wir
-auch mit zur Herrlichkeit erhoben werden, sagt die Schrift; aber wenn
-wir Ihn verleugnen, so wird er uns auch verleugnen. Haben sie nicht Alle
-gelitten? -- der Herr und die Seinigen? Hören wir nicht, wie sie
-gesteinigt und auseinander gesägt wurden, und wie sie in Schaaffellen
-und Ziegenhäuten umherwanderten, und hülflos, und betrübt, und gequält
-waren? Leiden ist kein Grund, um uns glauben zu lassen, daß sich der
-Herr von uns gewendet habe, sondern gerade das Gegentheil, wenn wir zu
-ihm halten und nicht der Sünde weichen.«
-
-»Aber warum setzt er uns dahin, wo wir nicht anders können, als
-sündigen?« sagte die Frau.
-
-»Ich glaube, wir ^können^ anders,« entgegnete Tom.
-
-»Du wirst es sehen,« sagte Cassy; »was willst Du thun? Morgen werden sie
-wieder über Dich herfallen. Ich kenne sie; ich habe alle ihre Thaten
-gesehen; ich kann nicht an alles das denken, was sie noch über Dich
-bringen werden, -- und zuletzt wirst Du doch nachgeben müssen!«
-
-»Herr Jesus!« sagte Tom, »Du ^willst^ Dich meiner Seele annehmen? O
-Herr, thue es! -- lasse mich nicht wanken!«
-
-»O mein Gott!« sagte Cassy; »Ich habe alles dieses Schreien und Beten
-schon oft gehört, und dennoch sind sie gebrochen und bezwungen worden.
-Da ist Emmeline, die sich zu halten versucht, und Du versuchst, -- aber
-was hilft es? Du mußt nachgeben, oder Dich langsam umbringen lassen.«
-
-»Gut, so ^will^ ich sterben!« sagte Tom. »Sie mögen es in die Länge
-ziehen, so weit sie können, sie können doch nicht verhindern, daß ich
-endlich sterbe! -- und dann können sie nichts mehr thun. Das ist klar,
-ich bin bereit! Ich ^weiß^, der Herr wird mir helfen und mich hindurch
-führen.«
-
-Die Frau antwortete nicht; sie blieb schweigend sitzen, während sie mit
-ihren schwarzen Augen vor sich hin auf den Boden starrte.
-
-»Vielleicht ist das der rechte Weg,« murmelte sie für sich; »aber für
-Diejenigen, die es einmal aufgegeben haben, ist keine Hoffnung mehr, --
-keine! Wir leben in Schmutz, und werden eckelhaft, bis wir uns selbst
-zum Eckel werden! Wir sehnen uns danach, zu sterben, und haben nicht den
-Muth, uns selbst zu tödten! -- Keine Hoffnung! keine! keine! -- das
-Mädchen, grade so alt, wie ich war!«
-
-»Du siehst mich jetzt,« fuhr sie zu Tom gewendet fort, und sehr schnell
-sprechend, -- »siehst, was ich jetzt bin! Wohl, ich bin in Luxus erzogen
-worden. Das erste, dessen ich mich entsinne, ist, daß ich als Kind in
-glänzenden Zimmern spielte, -- daß ich wie eine Puppe gekleidet ging,
-und von aller Welt gelobt und gepriesen wurde. Eine Glasthür führte aus
-dem Salon in den Garten, und dort pflegte ich mit meinen Geschwistern zu
-spielen. Ich wurde in ein Kloster gebracht, und lernte Musik,
-Französisch und feine Stickerei und wer weiß was Alles; und als ich
-vierzehn Jahre alt war, verließ ich es, um dem Begräbnisse meines Vaters
-beizuwohnen. Er starb plötzlich, und als der Nachlaß regulirt werden
-sollte, ergab sich's, daß kaum genug vorhanden war, um seine Schulden zu
-decken; und die Gläubiger nahmen ein Inventarium auf, und ich wurde mit
-darin verzeichnet. Meine Mutter war eine Sklavin gewesen, und mein Vater
-hatte stets die Absicht gehabt, mich für frei zu erklären; aber er hatte
-es nicht gethan, und so wurde ich mit in das Verzeichniß aufgenommen. Es
-war mir von jeher bekannt gewesen, was ich war, aber ich hatte nie viel
-daran gedacht. Man glaubte nie, daß ein starker, gesunder Mann plötzlich
-sterben könne. Mein Vater war noch vier Stunden vor seinem Tode gesund
-und wohl. Es war einer der ersten Cholerafälle in New-Orleans. Am Tage
-nach dem Begräbniß nahm die Frau meines Vaters ihre Kinder und ging
-damit nach der Plantage ihres Vaters. Ich dachte, sie behandelten mich
-recht sonderbar, aber ich verstand es nicht. Es war da ein junger
-Advokat, der den Auftrag hatte, die Geschäfte in Ordnung zu bringen;
-dieser kam jeden Tag und sprach sehr höflich mit mir. Eines Tages
-brachte er einen jungen Mann mit sich, den ich für den schönsten hielt,
-den ich jemals gesehen hatte. Ich werde niemals jenen Abend vergessen.
-Wir gingen zusammen im Garten spazieren. Ich fühlte mich so einsam und
-so traurig, und er war so sanft und so freundlich gegen mich, und
-erzählte mir, daß er mich schon früher gesehen habe, ehe ich nach dem
-Kloster gebracht worden sei, und daß er mich so lange geliebt habe, und
-daß er mein Freund und Beschützer sein wolle; -- kurz, obgleich er es
-mir nicht sagte, er hatte zweitausend Dollar für mich bezahlt, und ich
-war sein Eigenthum. Ich wurde es gern, denn ich liebte ihn. -- Liebte!«
-wiederholte die Frau inne haltend. »O! wie liebte ich ihn! wie liebe ich
-ihn jetzt noch, -- und werde ihn ewig lieben, so lange ich athme! Er war
-so schön, so erhaben, so edel! Er wies mir ein schönes Haus an, mit
-Dienern, Pferden und Wagen, mit Möbeln und schönen Kleidungsstücken.
-Alles was Geld erkaufen konnte, gab er mir; aber ich legte keinen Werth
-darauf, -- er galt mir über Alles. Ich liebte ihn mehr als Gott und
-meine Seele; und ich konnte nichts Anderes thun, als was er wünschte.
-
-Nur einen Wunsch hegte ich, -- den, daß er mich ^heirathen^ solle.
-Ich dachte, wenn er mich so liebte wie ich ihn, und wenn ich das
-wirklich war, wofür er mich zu halten schien, so würde er gern bereit
-sein, mich zu heirathen und in Freiheit zu setzen. Allein er überzeugte
-mich davon, daß es unmöglich sei, und sagte mir, daß wenn wir einander
-treu seien, es eine Ehe vor Gott sei. Wenn das wahr ist, war ich denn
-nicht jenes Mannes Weib? War ich nicht treu? Bewachte ich nicht sieben
-Jahre lang jeden Blick und jede Bewegung, nur bemüht, ihm zu gefallen?
-Er bekam das gelbe Fieber, während dessen ich zwanzig Tage und Nächte
-bei ihm wachte. Ich allein; -- ich reichte ihm alle seine Arzneien, und
-verrichtete jede Dienstleistung für ihn, und er nannte mich seinen guten
-Engel, und sagte, daß ich ihm das Leben gerettet habe.
-
-Wir hatten zwei schöne Kinder. Das erste war ein Knabe, den wir Henry
-nannten. Er war das Abbild seines Vaters; -- er hatte so schöne Augen,
-eine so schöne Stirn und so schöne, lange Locken, -- und ganz seines
-Vaters Geist und Fähigkeiten! Die kleine Elise war mir ähnlich, wie ihr
-Vater sagte. Er pflegte mich das schönste Weib in Louisiana zu nennen
-und mich zu versichern, daß er stolz auf mich und die Kinder sei. Er
-sah es gern, daß ich sie hübsch anzog, um mit ihnen und mir sodann in
-einem offenen Wagen umherzufahren und die Bemerkungen der Leute über uns
-zu hören; und fortwährend erzählte er mir nachher die Lobsprüche, die
-über mich und die Kinder geäußert worden waren. O, das waren glückliche
-Tage! Ich fühlte mich so glücklich, wie ein Mensch nur sein konnte; aber
-dann kamen böse Zeiten. Es war ein Cousin von New-Orleans gekommen, der
-sein intimster Freund war, -- und von dem er außerordentlich viel hielt.
-Allein vom ersten Augenblicke, wo ich ihn sah, fürchtete ich ihn, ohne
-zu wissen, weßhalb; denn ich fühlte die Gewißheit in mir, daß er Unglück
-über uns bringen werde. Er verleitete Henry, mit ihm auszugehen, und
-kehrte oft erst um zwei oder drei Uhr nach Hause. Ich wagte nichts
-darüber zu sagen, denn Henry war heftigen Temperaments, und ich
-fürchtete mich. Er ließ sich von seinem Cousin in Spielhäuser führen,
-und er war einer von denjenigen, die, wenn sie einmal dort gewesen sind,
-sich nicht mehr davon zurückhalten lassen. Bald darauf machte ihn jener
-mit einer andern Dame bekannt, und ich bemerkte bald, daß sein Herz sich
-von mir gewendet hatte. Er sagte mir es nie, aber ich sah es deutlich,
--- ich fühlte es jeden Tag mehr, -- mein Herz brach, aber ich konnte
-kein Wort darüber sagen! Dann erbot sich jener Elende, mich und die
-Kinder von Henry zu kaufen, um seine Spielschulden davon bezahlen zu
-können, welche ihn verhinderten, sich so zu verheirathen, wie er
-wünschte; -- und ^er verkaufte uns^! Er sagte mir eines Tages, daß er
-Geschäfte auf dem Lande habe, und zwei oder drei Wochen abwesend sein
-werde. Er sprach freundlicher, als gewöhnlich, und versicherte mich, daß
-er zurückkehren werde; allein ich ließ mich dadurch nicht täuschen. Ich
-wußte, daß die Zeit gekommen sei. Mir war, als sei ich in Stein
-verwandelt worden: ich konnte weder sprechen, noch eine Thräne
-vergießen. Er küßte mich und die Kinder viele, viele Male, und ging
-hinaus. Ich sah ihn noch das Pferd besteigen und folgte ihm mit den
-Augen, bis er meinen Blicken entschwand. Dann sank ich ohnmächtig
-nieder.
-
-Dann kam ^er^, der verfluchte Elende! -- und nahm Besitz von mir. Er
-sagte mir, daß er mich und meine Kinder gekauft habe, und zeigte mir die
-Papiere. Ich verfluchte ihn vor Gott und sagte ihm, daß ich lieber
-sterben als mit ihm leben würde.
-
-›Ganz wie Du willst,‹ entgegnete er, ›aber wenn Du dich nicht
-vernünftig beträgst, so verkaufe ich beide Kinder, so daß Du sie nie im
-Leben wieder siehst.‹ Er sagte mir, daß es vom ersten Augenblicke an,
-wo er mich gesehen, seine Absicht gewesen sei, mich zu besitzen, und daß
-er Henry absichtlich verleitet und in Schulden gestürzt habe, um ihn
-dazu zu bringen, mich zu verkaufen; daß er ihn aus demselben Grunde zu
-dem Verhältniß mit einer andern Dame geführt habe, und daß er selbst
-endlich nicht gesonnen sei, seinen Plan um ein paar Thränen halber
-aufzugeben.
-
-Ich gab nach, denn meine Hände waren gebunden. Er hatte meine Kinder in
-seiner Gewalt; und sobald ich mich irgendwie seinem Willen widersetzte,
-fing er davon an zu sprechen, daß er sie verkaufen wolle, und machte
-mich dadurch so unterwürfig, als er nur wünschte. O, was für ein Leben
-war das! Jeden Tag mit brechendem Herzen leben und liebevoll und
-zärtlich sein zu müssen, während es doch nichts als Elend war; und mit
-Leib und Seele an jemanden gebunden zu sein, den ich haßte. Meinem Henry
-las ich gern vor, ich spielte und tanzte mit ihm, oder sang ihm etwas
-vor; aber Alles, was ich für diesen thun mußte, war mir eine Qual; --
-und dennoch wagte ich nicht, irgend Etwas zu verweigern. Sein Benehmen
-war herrisch und hart gegen die Kinder. Elise war ein kleines,
-furchtsames Wesen; aber Henry war wie sein Vater kühn und muthig, und
-hatte sich nie durch irgend Jemanden zur Unterwürfigkeit bringen lassen.
-Ihn tadelte und schalt er fortwährend, und ich lebte in steter Angst.
-Ich bemühte mich, den Knaben ehrerbietiger zu machen, -- ich suchte ihn
-von ihm entfernt zu halten, denn ich hing an diesen Kindern mit meinem
-ganzen Leben; aber es half nichts. ^Er verkaufte beide Kinder.^ Eines
-Tags nahm er mich mit auf eine Spazierfahrt, und als ich zu Hause kam,
-waren sie verschwunden! Er sagte mir, daß er sie verkauft habe und er
-zeigte mir das Geld, den Preis ihres Blutes.
-
-Von nun an schien mich alles Gute zu verlassen. Ich raste und fluchte,
--- fluchte Gott und Menschen; und eine Zeit lang fürchtete er sich
-wirklich vor mir. Allein er gab nicht nach. Er sagte mir, daß meine
-Kinder verkauft seien, aber daß, ob ich ihre Gesichter je wiedersähe,
-von ihm abhänge, und daß, wenn ich mich nicht ruhig verhalte, meine
-Kinder dafür leiden sollten. Du kannst mit einer Frau Alles thun, wenn
-Du ihre Kinder hast. Er machte mich demüthig, er brachte mich zur Ruhe;
-er schmeichelte mir mit Hoffnungen, daß er sie zurückkaufen werde, und
-so verfloßen einige Wochen. Eines Tages ging ich spazieren, und kam am
-Stockhause vorüber. Ich sah eine große Menschenmenge vor dem Thore
-versammelt und hörte eine Kinderstimme, -- und plötzlich riß sich mein
-Henry von zwei oder drei Männern los, die ihn hielten, und lief
-schreiend auf mich zu und erfaßte mein Kleid. Jene kamen fluchend hinter
-ihm her, und ein Mann, dessen Gesicht ich nie vergessen werde, sagte
-ihm, daß er so nicht davon kommen solle, daß er mit ihm in's Stockhaus
-gehe und daß er dort eine Lehre bekommen solle, die er nicht so leicht
-vergessen werde. Ich bat und flehte für ihn, -- aber die Männer lachten
-nur dazu; der arme Knabe schrie und schaute mir in's Gesicht, und hielt
-sich an mir fest, bis sie ihn losreißend den Rock meines Kleides halb
-mit abrissen; und dann schleppten sie ihn, während er ›Mutter! Mutter!
-Mutter!‹ schrie, fort. Ein Mann stand dabei, der Mitleid zu haben
-schien. Ich bot ihm alles Geld an, was ich hatte, wenn er mir beistehen
-wolle; aber er schüttelte seinen Kopf und entgegnete, daß der Mann ihm
-gesagt habe, der Knabe sei ungehorsam und ungezogen vom ersten
-Augenblicke an gewesen, daß er ihn gekauft und daß er ihm jetzt ein für
-allemal eine Dressur geben wolle. Ich wandte mich um und rannte davon,
-und auf jedem Schritte glaubte ich noch sein Geschrei zu hören. Ich
-gelangte in das Haus und eilte athemlos in das Zimmer, wo sich Butler
-befand. Ich sagte es ihm und flehte ihn an, sich des Knaben anzunehmen;
-aber er lachte nur und antwortete mir, daß der Knabe bekomme, was er
-verdiene, und daß er dressirt werden müsse, je eher, desto besser.
-
-Es war mir, als wenn irgend etwas in diesem Augenblicke in meinem Kopfe
-springe. Ich wurde rasend und verlor die Besinnung. Dunkel entsinne ich
-mich noch, daß ich ein großes Messer auf dem Tische liegen sah, daß ich
-darnach griff und auf ihn zu sprang; dann wurde Alles schwarz vor mir,
-und was nachher mit mir geschah, -- davon weiß ich viele, viele Tage
-lang nichts.
-
-Als ich wieder zu mir kam, befand ich mich in einem reinlichen Zimmer,
--- aber nicht dem meinigen. Ein altes, schwarzes Weib bediente mich, und
-ein Arzt besuchte mich, und große Aufmerksamkeit wurde mir überhaupt
-geschenkt. Bald nachher erfuhr ich, daß er den Ort verlassen und mich in
-diesem Hause zurückgelassen habe, um verkauft zu werden. Das war der
-Grund, weßhalb man mir so große Sorgfalt bewies.«
-
-»Mein Wunsch und meine Hoffnung war, nicht wieder gesund zu werden; aber
-trotz dessen verließ mich das Fieber, ich wurde gesund und stand endlich
-wieder auf. Dann wurde ich gezwungen, mich jeden Tag zu putzen; und
-Herren kamen herein, und rauchten ihre Cigarren, und betrachteten mich,
-und richteten Fragen an mich, und sprachen über meinen Preis. Ich war
-stumm und finster, so daß Niemand mich kaufen wollte. Man drohte mir mit
-der Peitsche, wenn ich nicht heitrer wäre und mir mehr Mühe gäbe, mich
-angenehm zu machen. Endlich kam eines Tages ein Herr, Namens Stuart, der
-etwas Gefühl für mich zu haben schien. Er sah, daß etwas Schreckliches
-an meinem Herzen nage, und kam sehr oft allein, und beredete mich
-endlich, mich ihm mitzutheilen. Er kaufte mich und versprach mir, Alles,
-was er könne, zu thun, um meine Kinder zu ermitteln und zurückzukaufen.
-Er ging nach dem Hotel, wo mein Henry gewesen war; aber man sagte ihm,
-daß er an einen Pflanzer am Perlfluß verkauft worden sei, und das war
-das letzte, was ich über ihn gehört habe. Dann fand er meine Tochter,
-die von einem alten Weibe gehalten wurde. Er bot eine ungeheure Summe,
-aber sie sollte nicht verkauft werden. Butler hatte in Erfahrung
-gebracht, daß er sie für mich kaufen wolle, und ließ mir deßhalb
-anzeigen, daß ich sie nie wieder haben solle. Kapitän Stuart war sehr
-gütig gegen mich. Er besaß eine große Pflanzung und führte mich dahin.
-Im Laufe eines Jahres gebar ich einen Sohn. O, das Kind, wie liebte ich
-es! Wie ähnlich das kleine Wesen meinem armen Henry war! Aber mein
-Entschluß war gefaßt. Ich wollte nie wieder ein Kind am Leben erhalten,
-um es aufwachsen zu lassen. Ich nahm das kleine Geschöpf in meine Arme,
-als es vierzehn Tage alt war, und küßte es und weinte über ihm; und dann
-flößte ich ihm Laudanum ein, und hielt es an meinen Busen, während es
-zum Tode einschlief. Ich trauerte und weinte über es, und Niemand
-glaubte anders, als daß ich dem Kinde aus Irrthum Laudanum gegeben habe;
-aber es ist eins der wenigen Dinge, deren ich mich jetzt noch freue. Ich
-habe nie bereut, es gethan zu haben, denn das arme Wesen ist nun
-wenigstens frei von Schmerzen. Was konnte ich ihm Besseres geben, als
-den Tod?«
-
-»Bald nachher kam die Cholera, und Kapitän Stuart starb. Jeder starb,
-der zu leben wünschte, -- und ich, -- ich, obgleich ich bis an die
-Pforten des Grabes gebracht wurde, -- ich mußte ^leben^! Dann wurde
-ich verkauft und ging von einer Hand in die andere, bis ich verwelkt war
-und runzelig wurde, und das Fieber gehabt hatte. Dann kaufte mich dieser
-Elende, und brachte mich hierher, -- und hier bin ich!«
-
-Die Frau hielt inne. Sie war wild und leidenschaftlich über ihre
-Erzählung hingeeilt, bald ihre Worte an Tom richtend, bald wie im
-Selbstgespräche redend. So gewaltig und hinreißend war die Kraft ihrer
-Rede, daß Tom selbst die Schmerzen seiner Wunden vergaß, und, sich auf
-einen Ellbogen stützend, sie aufmerksam beobachtete, während sie ruhelos
-auf und nieder schritt, und ihr langes, schwarzes Haar um ihre Schultern
-schwer herabfiel.
-
-»Du sagst mir,« fuhr sie nach einer Pause fort, »daß es einen Gott gebe,
--- einen Gott, der herabblicke und alle diese Dinge sehe. Mag sein! --
-Die Schwestern im Kloster erzählten mir von einem Tage des Gerichts, an
-welchem Alles an das Licht kommen werde; -- o, das wird ein Tag der
-Vergeltung sein!«
-
-»Die Menschen glauben, es sei nichts, was wir leiden, -- nichts, was
-unsere Kinder leiden! -- es sei Alles nur Kleinigkeit; und doch bin ich
-oft durch die Straßen gegangen und glaubte so viel Elend und Jammer in
-meinem eigenen Herzen zu haben, daß die Stadt darüber versinken müsse.
-Ich wünschte, daß die Häuser auf mich fallen und die Steine unter mir
-versinken möchten! Ja! am Tage des Gerichts will ich vor Gott hintreten
-und Zeugniß gegen Jene ablegen, die mich und meine Kinder an Leib und
-Seele ruinirt haben!«
-
-»Als ich noch ein Mädchen war, glaubte ich, ich sei fromm; ich liebte
-Gott und betete gern. Jetzt bin ich eine verlorene Seele, von Teufeln
-verfolgt, die mich Tag und Nacht plagen, -- die mich immer weiter und
-weiter treiben, -- und ich ^will^ es thun, -- bald, recht bald!« sagte
-sie, ihre Faust ballend, während ein sinnverwirrter Blick aus ihren
-schwarzen Augen hervorschoß. »Ich will ihn dahin schicken, wohin er
-gehört, -- und auf recht kurzem Wege, -- in einer dieser Nächte, -- und
-wenn sie mich lebendig verbrennen!«
-
-Ein wildes, anhaltendes Lachen scholl durch den öden Raum und endete in
-hysterischem Schluchzen, während sie sich mit krampfhafter Heftigkeit
-auf die Erde niederwarf. Wenige Augenblicke nachher war dieser Anfall
-vorüber; sie erhob sich langsam und schien sich zu sammeln.
-
-»Kann ich sonst noch etwas für Dich thun, mein armer Mensch?« sagte sie,
-sich Tom nähernd; -- »soll ich Dir mehr Wasser geben?«
-
-Bei diesen Worten lag in ihrer Stimme und in ihrem Wesen eine anmuthige,
-mitleidsvolle Sanftmuth, die in sonderbarem Gegensatze zu ihrer
-vorherigen Wildheit stand.
-
-Tom trank das Wasser und blickte sie ernst und traurig an.
-
-»O Missis,« sagte er, »ich wünschte, Ihr wolltet Euch zu Ihm wenden, der
-Euch lebendiges Wasser reichen kann!«
-
-»Zu ihm wenden! Wo ist er? wo ist er?« sagte Cassy.
-
-»Zu Ihm, von dem Ihr mir vorgelesen habt, -- dem Herrn!«
-
-»Als ich noch ein Mädchen war, sah ich oft sein Bild über dem Altare,«
-sagte Cassy, während sie in trüber Träumerei vor sich hinstarrte; --
-»aber ^hier ist er nicht^! Hier ist nichts als Sünde und lange, lange
-Verzweiflung! Oh!«
-
-Sie legte ihre Hand auf die Brust, und hielt den Athem an, als wolle sie
-eine schwere Last aufheben.
-
-Tom schien weiter reden zu wollen, allein sie unterbrach ihn mit einer
-entschiedenen Bewegung.
-
-»Sprich nicht, mein armer Mensch; versuche lieber zu schlafen, wenn Du
-kannst,« sagte sie, indem sie das Wasser in seine Nähe stellte; und
-nachdem sie sodann noch einige kleine Anordnungen für seine
-Bequemlichkeit getroffen hatte, verließ sie ihn.
-
-
-
-
-Fünfunddreißigstes Kapitel.
-
-Die Zeichen.
-
- Ein kleiner Anlaß, der sich eingeschlichen,
- Bringt in die Brust zurück, was längst entwichen
- Das Herz gewöhnt: -- ein Laut, ein süßer Klang. --
- Das Meer, -- der Wind aus fernen Himmelsstrichen --
- Der Frühling -- eine Blume macht uns bang,
- Berührt die Kette, die elektrisch uns umschlang.
-
- Ritter Harold's Pilgerfahrt, 4ter Gesang.
-
-
-Das Wohngemach in dem Hause Legree's war ein großes, langes Zimmer mit
-einem weiten und geräumigen Kamine. Es war früher mit einer prächtigen
-und kostbaren Tapete bekleidet gewesen, die jetzt modernd, zerrissen und
-verfärbt an den feuchten Wänden herabhing. Der Ort hatte jenen
-eigenthümlichen, Eckel erregenden und ungesunden Geruch, der sich aus
-einer Mischung von Feuchtigkeit, Schmutz und Verfall entwickelt, und
-welchen man oft in verschlossenen, alten Häusern findet. Die Tapeten an
-der Wand waren stellenweise von Bier- und Weinflecken verunstaltet,
-oder mit Kreidezeichen und langen summirten Rechnungen geziert, als wenn
-hier Jemand arithmetische Versuche gemacht hätte. Im Kamine stand ein
-Becken voll brennender Holzkohlen; denn, obgleich das Wetter nicht kalt
-war, schienen die Abende in jenem großen Zimmer immer feucht und kühl zu
-sein, und überdies brauchte Legree einen Ort, um seine Cigarren
-anzustecken und sein Wasser zum Punsche heiß zu machen. Der röthliche
-Schein der Kohlen zeigte das unordentliche und unfreundliche Aussehen
-des Zimmers -- Sättel, Zäume, verschiedene Arten Geschirr,
-Reitpeitschen, Oberröcke und verschiedene Kleidungsstücke in verwirrter
-Mannigfaltigkeit im Zimmer hin und her gestreut; und dazwischen hatten
-sich die Hunde, von welchen wir zuvor gesprochen haben, nach eignem
-Belieben und Geschmacke gelagert.
-
-Legree mischte sich eben ein Glas Punsch, indem er das heiße Wasser aus
-einer zerbrochenen Kanne goß und dabei vor sich hin brummte:
-
-»Die Pest über den Sambo! so einen Lärm zwischen mir und den neuen
-Arbeitern anzufangen! Der Kerl wird nun eine ganze Woche lang nicht
-arbeiten können -- grade im Drange der Erntezeit!«
-
-»Das sieht Euch ganz ähnlich,« sagte eine Stimme hinter seinem Stuhle.
-Es war Cassy, die sich während seines Monologs herangeschlichen hatte.
-
-»Ha, Teufel von einem Weibe! Bist Du wieder gekommen?«
-
-»Ja,« sagte sie kalt, »ich bin wieder gekommen, und zwar um meinen
-Willen zu haben!«
-
-»Du lügst, alte Vettel! Ich halte Wort. Entweder betrage Dich
-ordentlich, oder bleibe in den Quartieren und lebe und arbeite mit den
-Andern.«
-
-»Ich wollte tausendmal lieber,« sagte das Weib, »im schmutzigsten Loche
-der Quartiere, als unter Euren Klauen leben!«
-
-»Aber Du bist trotz alle dem in meinen Klauen,« sagte er, indem er sich
-mit rohem Grinsen nach ihr umdrehte; »das ist ein Trost. So setze Dich
-also her auf meinen Schooß, meine Liebe, und nimm Vernunft an,« sagte
-er, indem er sie bei der Hand ergriff.
-
-»Simon Legree, nehmt Euch in Acht!« sagte das Weib mit einem scharfen
-Blitz des Auges, einem Blicke so wild und irre in seinem Lichte, daß er
-fast Grauen erregte. »Ihr fürchtet Euch vor mir, Simon,« fügte sie
-bedächtig hinzu, »und Ihr habt Ursache dazu! Hütet Euch, denn ich habe
-den Teufel im Leibe!«
-
-Die letzten Worte flüsterte sie in einem zischenden Tone in sein Ohr.
-
-»Hinaus! Ich glaube, meiner Seele, 's ist wahr!« sagte Legree, indem er
-sie von sich stieß und sie unbehaglich anschaute. »Aber sage mir,
-Cassy,« sagte er, »warum kannst Du nicht Freundschaft mit mir halten,
-wie Du früher zu thun pflegtest?«
-
-»Pflegtest?« sagte sie bitter. Sie hielt inne -- eine Welt von
-erstickenden Gefühlen, die in ihrem Herzen aufstiegen, ließ sie
-schweigen.
-
-Cassy hatte von jeher über Legree die Art Einfluß behalten, welche ein
-leidenschaftliches Weib immer über den rohesten Mann bewahren kann; aber
-seit Kurzem war sie immer reizbarer und ruheloser unter dem
-abscheulichen Joche ihrer Knechtschaft geworden, so daß ihre Reizbarkeit
-zuweilen in Raserei ausbrach, wodurch sie zu einem Gegenstande der
-Furcht für Legree wurde, der jenes abergläubige Grauen vor Wahnsinnigen
-hatte, welches rohen und nicht unterrichteten Gemüthern eigen ist. Als
-Legree Emmelinen in das Haus führte, loderte die Flamme weiblichen
-Gefühls aus ihrer verlöschenden Asche in dem müden Herzen Cassy's noch
-einmal auf; sie trat auf die Seite des Mädchens, und ein heftiger Streit
-zwischen ihr und Legree war die Folge. Legree schwor in der Wuth, sie
-solle an die Feldarbeit gestellt werden, wenn sie keinen Frieden halten
-wolle. Cassy erklärte mit stolzer Verachtung, sie ^wolle^ auf das Feld
-gehen. Und sie arbeitete daselbst einen Tag, wie vorher geschildert
-worden, um zu zeigen, wie sehr sie die Drohung verachte.
-
-Legree war im Stillen den ganzen Tag unruhig, denn Cassy hatte einen
-Einfluß auf ihn, wovon er sich nicht frei machen konnte. Als sie ihren
-Korb an der Waage überreichte, hatte er auf Nachgeben von ihrer Seite
-gehofft, und sie in halb versöhnlichem, halb verächtlichem Tone
-angeredet, worauf sie nur mit der bittersten Verachtung geantwortet
-hatte.
-
-Die empörende Behandlung des armen Tom hatte sie noch mehr aufgebracht,
-und sie war Legree ins Haus gefolgt nur in der Absicht, ihm über seine
-Rohheit Vorwürfe zu machen.
-
-»Ich wollte, Cassy,« sagte Legree, »Du betrügest Dich vernünftiger.«
-
-»^Ihr^ sprecht von vernünftigem Betragen! Und was habt Ihr gethan?
-Ihr, der nicht einmal Verstand genug hat, um nicht einen Eurer besten
-Leute unbrauchbar zu machen, grade in der dringendsten Erntezeit, und
-nur Eurer teuflischen Laune wegen!«
-
-»Ich war ein Narr, 's ist wahr, so eine Zänkerei aufkommen zu lassen,«
-sagte Legree; »aber als der Bursche seinen Kopf aufsetzte, mußte er
-gebändigt werden.«
-
-»Ich denke, Ihr werdet ^ihn^ nicht bändigen.«
-
-»Nicht?« sagte Legree, indem er heftig aufstand. »Ich möchte doch
-wissen, ob nicht. Er wäre der erste Nigger, mit dem ich nicht fertig
-würde! Ich zerbreche ihm jeden Knochen im Leibe, aber nachgeben ^soll^
-er!«
-
-Die Thür ging auf und Sambo trat ein. Er näherte sich gebeugt und hielt
-etwas in einem Papiere vor sich hin.
-
-»Was ist das, Hund?« sagte Legree.
-
-»'s ist ein Hexending, Master!«
-
-»Was?«
-
-»Etwas, das Nigger von Hexen bekommen. Es macht, daß sie nichts fühlen,
-wenn sie geprügelt werden. Er hatte es an einem schwarzen Bande um den
-Hals.«
-
-Legree war abergläubisch, wie fast alle gottlosen und grausamen
-Menschen. Er nahm das Papier und öffnete es widerstrebend.
-
-Heraus fiel ein Silberdollar und eine lange, glänzende Locke blonden
-Haares -- Haar, welches sich gleich etwas Lebendiges um Legree's Finger
-wand.
-
-»Donnerwetter!« schrie er plötzlich wüthend auf, indem er auf den Boden
-stampfte und an den Haaren riß, als wenn er sich daran verbrenne. »Woher
-ist das gekommen? Nimm es weg! -- verbrenne es! -- verbrenne es!« schrie
-er, indem er sie abriß und in die Kohlen warf. »Wozu hast Du mir das
-gebracht?«
-
-Sambo stand da mit seinem plumpen Munde weit offen vor Schreck und
-Staunen, und Cassy, die im Begriffe war, das Gemach zu verlassen, blieb
-da und sah ihn verwundert an.
-
-»Daß Du mir nie wieder etwas von Deinem Teufelszeuge bringst!« sagte er,
-die Faust gegen Sambo ballend, der sich eilig nach der Thür zurückzog;
-und nachdem er den Dollar aufhob, warf er denselben durch die klirrende
-Fensterscheibe hinaus in die Finsterniß.
-
-Sambo war froh, daß er die Flucht ergreifen konnte. Als er fort war,
-schien sich Legree seines Anfalles von Schreck zu schämen. Er setzte
-sich mürrisch auf seinen Stuhl und begann verdrießlich seinen Punsch zu
-schlürfen.
-
-Cassy wollte sich entfernen, ohne von ihm bemerkt zu werden, und
-schlüpfte davon, um dem armen Tom beizustehen, wie wir schon berichtet
-haben.
-
-Und was war es mit Legree? und was für eine Bewandtniß hatte es mit
-einer einfachen Locke blonden Haares, daß dieselbe jenen rohen Menschen
-zu erschrecken vermochte, der mit Grausamkeit in jeder Gestalt vertraut
-war? Um dies zu beantworten, müssen wir den Leser in der Geschichte
-dieses Menschen zurückführen. So hart und verworfen auch der gottlose
-Mann jetzt erschien, so hatte es doch eine Zeit gegeben, wo er am Busen
-einer Mutter gewiegt -- mit Gebeten und frommen Liedern eingelullt --
-und seine jetzt gefurchte Stirne mit dem Wasser der heiligen Taufe
-bethaut worden war. In früher Kindheit hatte ihn eine Frau mit schönem,
-blondem Haare beim Klange der Sabath-Glocke zur Andacht und zum Gebete
-geführt. Fern von dort, in Neu-England, hätte jene Mutter ihren einzigen
-Sohn mit unermüdlicher Liebe und frommen Gebeten auferzogen. Von einem
-hartgelaunten Vater entsprossen, an welchen jenes sanfte Weib eine Welt
-von ungewürdigter Liebe verschwendet hatte, war Legree in die Fußstapfen
-seines Vaters getreten. Ungestüm, unlenksam und tyrannisch verachtete er
-alle ihre Rathschläge und wollte von ihrem Vorwurfe nichts hören, und
-riß sich von ihr in frühem Alter los, um sein Glück auf der See zu
-suchen. Nur einmal kam er wieder nach Hause; und damals klammerte sich
-seine Mutter mit dem Jammer eines Herzens, das etwas lieben muß, und
-nichts weiter zu lieben hat, an ihn und suchte ihn mit
-leidenschaftlichem Bitten und Flehen von einem Leben der Sünde zum Heile
-seiner Seele zurückzuführen.
-
-Das war Legree's Gnadentag. Damals riefen ihn gute Engel, da war er fast
-gewonnen, und die Gnade nahm ihn bei der Hand. Sein Herz wurde weich, --
-es entstand ein Kampf; aber die Sünde siegte und er setzte alle Kraft
-seiner rauhen Natur der Ueberzeugung seines Gewissens entgegen. Er trank
-und schwor, war wilder und roher als je; und eines Abends, als seine
-Mutter in ihrer letzten Verzweiflungsangst ihm zu Füßen kniete, stieß
-er sie von sich, warf sie besinnungslos auf den Boden und floh mit rohen
-Flüchen auf sein Schiff. Das nächste Mal, daß Legree etwas von seiner
-Mutter hörte, war, als er eines Abends mit seinen trunknen Gefährten
-zechte, wo ihm ein Brief in die Hand gesteckt wurde. Er öffnete
-denselben, und heraus fiel eine lange sich ringelnde Haarlocke, die sich
-um seine Finger schlängelte. Der Brief sagte ihm, daß seine Mutter todt
-sei und daß sie sterbend ihn gesegnet und ihm verziehen habe.
-
-Es gibt eine schreckliche unheimliche Zauberei des Bösen, welche das
-Süßeste und Heiligste in Gebilde des Schreckens und Entsetzens
-verwandelt. Jene blasse, liebevolle Mutter -- ihr Sterbegebet, ihre
-vergebende Liebe, wirkten auf jenes teuflische Sündenherz nur wie ein
-verdammendes Urtheil, welchem die fürchterliche Erwartung des Gerichts
-und feurigen Zornes folgte. Legree verbrannte die Haare und verbrannte
-den Brief, und als er Beides zischen und knistern sah in der Flamme,
-schauderte er innerlich bei dem Gedanken an das ewige Feuer. Er
-versuchte zu trinken und zu schwärmen und die Erinnerung wegzufluchen;
-aber oft in tiefer Nacht, deren feierliche Stille die schlechte Seele
-zum Verkehre mit sich selbst zwingt, hatte er jene blasse Mutter an
-seinem Bette aufsteigen sehen und jenes Haar sich sanft um seine Finger
-schlängeln gefühlt, bis der kalte Schweiß ihm am Gesicht herablief, und
-er mit Entsetzen in seinem Bette aufsprang. Ihr, die ihr euch gewundert
-habt, aus demselben Evangelium zu hören, daß Gott die Liebe, und daß
-Gott ein verzehrendes Feuer ist, seht ihr nicht, wie für die zum Bösen
-entschlossene Seele die vollkommene Liebe die fürchterlichste Qual ist,
-das Siegel und der Spruch der gräßlichsten Verzweiflung.
-
-»Hol 's der Teufel!« sagte Legree zu sich selbst, als er an seinem
-Getränke nippte, »woher hat er das? Wenn es nicht aussah, grade wie --
-ach! Ich dachte, ich hätte das vergessen. Will verflucht sein, wenn ich
-glaube, es gibt dergleichen; wie etwas vergessen, irgendwie -- hol's der
-Henker! Ich bin allein! will Em rufen. Sie haßt mich -- der Affe! Mich
-kümmert's nicht -- ich will es schon ^machen^, daß sie kommt!«
-
-Legree schritt hinaus in einen großen Vorsaal, welcher vermittelst einer
-großen Wendeltreppe, die vormals prächtig gewesen war, in's erste Stock
-führte; aber der Gang war schmutzig und öde, mit Kasten und häßlichen
-Dingen, die zerstreut umherlagen, versperrt. Die mit keinem Teppiche
-belegte Treppe schien sich in der Düsterkeit hinaufzuwinden zu wer weiß
-wohin! Der bleiche Mondschein strömte durch ein zerschmettertes
-Bogenfenster über der Thür, die Luft war ungesund und feucht, wie die
-eines Grabgewölbes.
-
-Legree blieb am Fuße der Treppe stehen und hörte eine Stimme singen. Sie
-klang ihm fremdartig und geisterhaft in jenem öden, alten Hause,
-vielleicht wegen des schon erschütterten Zustandes seiner Nerven. Horch!
-was ist das?
-
-Eine wilde, rührende Stimme singt ein unter den Sklaven gewöhnliches
-Lied:
-
- »O, es wird Trauer, Trauer sein,
- O, es wird Trauer sein an Christi Richterstuhle!«
-
-»Hol der Teufel das Mädchen!« sagte Legree. »Ich will ihr den Mund
-stopfen. -- Em! Em!« rief er barsch; aber nur ein höhnender Widerhall
-antwortete ihm von den Wänden. Die süße Stimme sang weiter:
-
- »Da müssen Eltern und Kinder scheiden!
- Da müssen Eltern und Kinder scheiden!
- Scheiden, um nimmer sich wieder zu sehn!«
-
-Und hell und klar schwoll durch die leeren Hallen der Schlußreim: --
-
- »O, es wird Trauer, Trauer sein,
- O, es wird Trauer sein an Christi Richterstuhl!«
-
-Legree blieb stehen. Er würde sich geschämt haben, es zu gestehen, aber
-große Schweißtropfen standen ihm auf der Stirn; das Herz schlug ihm
-schwer und schnell vor Furcht, er dachte sogar, er sähe etwas Weißes
-sich erheben und vor ihm im Zimmer schimmern, und schauderte bei dem
-Gedanken, daß die Gestalt seiner todten Mutter ihm plötzlich erscheinen
-könne.
-
-»Das weiß ich,« sagte er zu sich selbst, als er in das Wohnzimmer
-zurückstolperte und sich niedersetzte; »ich will den Kerl künftig gehen
-lassen! Was wollt' ich mit seinem verfluchten Papiere? Ich glaube
-wahrhaftig, ich bin behext! Es schauert und schwitzt mich seit der Zeit!
-Woher hat er die Haare? Es kann nicht ^das^ gewesen sein! ^Das^ habe
-ich verbrannt, ich weiß es! Es wäre doch spaßhaft, wenn Haare von den
-Todten auferstehen könnten!«
-
-Ja, Legree! Jene goldene Locke ^war^ verzaubert; jedes Haar derselben
-enthielt einen Zauber, der den Schrecken und Gewissensbisse in Dir
-erweckte, und wurde von einer höhern Macht benutzt, Dir die grausamen
-Hände zu binden, damit sie nicht den Hülflosen das tiefste Elend zufügen
-möchten!
-
-»Hört!« sagte Legree, indem er den Hunden pfiff und stampfte,
-»aufgewacht, Einer von euch, und mir Gesellschaft geleistet!« Aber die
-Hunde öffneten nur schläfrig ein Auge nach ihm und schloßen es wieder.
-
-»Sambo und Quimbo sollen heraufkommen und singen, und einen ihrer
-höllenmäßigen Tänze aufführen und diese schauerlichen Gedanken
-verjagen,« sagte Legree; er setzte seinen Hut auf, ging in die Veranda
-und blies ein Horn, womit er gewöhnlich seine zwei schwarzen Aufseher
-rief.
-
-Wenn Legree bei guter Laune war, pflegte er oft diese zwei Ehrenmänner
-in sein Wohnzimmer zu rufen, dieselben mit Whisky zu erwärmen, und sich
-dann ein Vergnügen daraus zu machen, sie singen, tanzen, oder sich
-raufen zu lassen, wie er gerade die Laune hatte.
-
-Es war zwischen ein und zwei Uhr des Nachts, als Cassy, die von der
-Pflege des armen Tom zurückkehrte, den Schall wilden Gekreisches,
-Geschrei's, Halloh-Rufen und Singen aus dem Wohnzimmer kommen hörte,
-vermischt mit Hundegebell und andern Zeichen eines allgemeinen Aufruhrs.
-
-Sie ging die Verandatreppe hinauf und sah hinein. Legree und die beiden
-Aufseher, im Zustande wüthender Trunkenheit, sangen, schrien, warfen die
-Stühle um und schnitten sich allerhand lächerliche und schauderhafte
-Gesichter.
-
-Sie stützte ihre kleine, zarte Hand auf das Fenstersims und sah sie
-unverwandt an. Es lag eine Welt von Angst, Verachtung und grimmiger
-Bitterkeit in ihren schwarzen Augen. »Wär' es eine Sünde, die Welt von
-einem solchen Elenden zu befreien?« sagte sie für sich.
-
-Sie drehte sich schnell um, ging zu einer Hinterthür, schlüpfte hinauf
-und klopfte an Emmelinens Thür.
-
-
-
-
-Sechsunddreißigstes Kapitel.
-
-Emmeline und Cassy.
-
-
-Cassy trat in das Zimmer und fand Emmeline blaß vor Furcht im äußersten
-Winkel desselben sitzen. Als sie hereinkam, fuhr das Mädchen erschrocken
-auf; aber als diese sah, wer es war, stürzte sie hervor, ergriff Cassy's
-Arm und sagte: »O, Cassy, Ihr seid es? Ich bin froh, daß Ihr gekommen
-seid! Ich fürchtete, es wäre --. O, Ihr wisset nicht, was für ein
-schauerlicher Lärm diese ganze Nacht unten gewesen ist!«
-
-»Ich sollte das kennen,« sagte Cassy trocken. »Ich habe es oft genug
-gehört!«
-
-»O, Cassy, sagt mir doch nur ja, können wir nicht von diesem Orte
-wegkommen? Ich kümmere mich nicht darum, wohin -- in die Sümpfe unter
-die Schlangen -- irgendwohin?«
-
-»Nirgendhin, es sei denn in unsre Gräber,« sagte Cassy.
-
-»Habt Ihr es je versucht?«
-
-»Ich habe es nur zu oft versuchen sehen und was dabei herauskommt,«
-sagte Cassy.
-
-»Ich wollte gern in den Sümpfen leben und Baumrinde nagen. Ich fürchte
-mich nicht vor Schlangen! Ich wollte lieber eine Schlange bei mir haben,
-als ihn,« sagte Emmeline heftig.
-
-»Es sind ziemlich Viele hier Deiner Meinung gewesen,« sagte Cassy. »Aber
-Du könntest nicht in den Sümpfen bleiben -- die Hunde würden Dich
-ausspüren und zurückbringen, und dann -- dann --«
-
-»Was würde er thun?« sagte das Mädchen, indem sie ihr mit athemloser
-Spannung ins Gesicht schaute.
-
-»Was würde er ^nicht^ thun, frage lieber,« sagte Cassy. »Er hat sein
-Handwerk unter den Räubern Westindiens gut gelernt. Du würdest nicht
-viel schlafen, wenn ich Dir erzählte, was ich gesehen habe -- was er
-zuweilen als gute Spässe erzählt. Ich habe Schreie hier gehört, die ich
-wochenlang nicht habe aus dem Ohre los werden können. Da ist unten bei
-den Hütten ein entlegener Ort, wo man einen schwarzen verdorrten Baum
-und den ganzen Boden mit schwarzer Asche bedeckt sehen kann. Frage nur
-irgend Einen, was da geschehen ist, und siehe zu, ob er wagen wird, es
-Dir zu sagen.«
-
-»Was wollt Ihr damit sagen?«
-
-»Ich will es Dir nicht sagen. Ich denke nicht gern daran; und ich sage
-Dir, Gott allein weiß, was wir morgen sehen werden, wenn jener arme Kerl
-fortfährt, wie er angefangen hat.«
-
-»Schauderhaft!« sagte Emmeline, indem ihr jeder Blutstropfen aus den
-Wangen trat. »O, Cassy, sagt mir doch nur, was ich thun soll!«
-
-»Was ich gethan habe. Thu' Dein Bestes; thu' was Du mußt, und mache es
-durch Haß und Verwünschung wieder gut!«
-
-»Er wollte mich von seinem verhaßten Branndwein trinken lassen,« sagte
-Emmeline; »und ich hasse ihn so --«
-
-»Trinkt lieber,« sagte Cassy. »Ich haßte ihn auch; und jetzt kann ich
-nicht ohne ihn leben. Man muß etwas haben; die Sachen sehen nicht so
-schrecklich aus, wenn man den nimmt.«
-
-»Die Mutter pflegte mir zu sagen, ich solle nie so etwas anrühren,«
-sagte Emmeline.
-
-»Die Mutter sagte 's Dir!« rief Cassy mit scharfem und bittern
-Nachdrucke auf dem Worte Mutter. »Was hilft's, daß Mütter etwas sagen?
-Ihr werdet alle gekauft und bezahlt, und eure Seelen gehören dem,
-welcher euch bekommt. So geht 's. Hörst Du! ^trink^ Branndwein: trinke
-so viel Du kannst, und Du wirst Alles leichter tragen.«
-
-»O, Cassy! habt doch Mitleid mit mir!«
-
-»Mitleid mit Dir! Habe ich etwa keins? Habe ich keine Tochter? -- Gott
-weiß, wo sie ist, und wem sie jetzt gehört! Sie geht vermuthlich den
-Weg, welchen ihre Mutter vor ihr ging, und den ihre Kinder nach ihr
-gehen müssen! Der Fluch hört nie auf!«
-
-»Ich wollte, ich wär' nie geboren!« sagte Emmeline, ihre Hände ringend.
-
-»Das ist ein alter Wunsch von mir,« sagte Cassy. »Ich habe mich ganz
-daran gewöhnt, das zu wünschen. Ich stürbe, wenn ich es wagte,« sagte
-sie, indem sie in die Dunkelheit hinausschaute mit jener stillen,
-starren Verzweiflung, dem gewöhnlichen Ausdrucke ihres Antlitzes, wenn
-es ruhig war.
-
-»Es wär gottlos, sich das Leben zu nehmen,« sagte Emmeline.
-
-»Ich weiß nicht warum; nicht gottloser, als was wir Tag für Tag erleben
-und thun. Als ich aber im Kloster war, haben mir die Schwestern Dinge
-erzählt, die mir vor dem Sterben bange machen. Wär' es nur mit uns zu
-Ende, ja dann --«
-
-Emmeline wendete sich ab und verbarg ihr Gesicht mit den Händen.
-
-Während diese Unterhaltung in der Kammer vor sich ging, war Legree,
-überwältigt vom Zechgelage, im untern Zimmer in Schlaf gesunken. Er war
-nicht von Gewohnheit ein Trunkenbold. Seine rohe, starke Natur verlangte
-und ertrug eine fortwährende Aufregung, welche eine schwächere gänzlich
-aufgerieben haben würde. Aber Vorsicht hielt ihn ab, sich der
-Schwelgerei in einem solchen Maaße hinzugeben, daß er dadurch die
-Herrschaft über sich selbst verlor.
-
-Diese Nacht hatte er sich jedoch in seinen fieberhaften Anstrengungen,
-aus seinem Gemüthe jene furchtbaren Gewissensbisse zu verbannen, welche
-in ihm erwachten, mehr als gewöhnlich erlaubt, so daß er, nachdem er
-seine schwarzen Diener verabschiedet hatte, schwer in einen Sessel fiel
-und fest einschlief.
-
-O, wie darf die schlechte Seele die Schattenwelt des Schlafes betreten?
--- jenes Land, dessen dunkle Gränzen dem geheimnißvollen Schauplatze der
-Vergeltung so furchtbar nahe liegen! Legree träumte. In seinem schweren
-und fieberischen Schlafe stand eine verschleierte Gestalt neben ihm, und
-legte eine kalte, weiche Hand auf ihn. Er glaubte zu wissen, wer es sei;
-er schauderte und Grauen beschlich ihn, obgleich das Antlitz
-verschleiert war. Bald glaubte er, er fühle ^jenes^ ^Haar^ sich um
-seine Finger schlängeln, bald, daß es sich sanft um seinen Hals
-schlinge, und sich immer dichter zusammenzöge, bis er keinen Athem mehr
-holen konnte; bald dachte er, Stimmen ^flüsterten^ ihm zu, ein
-Geflüster, das ihn mit Grauen erfüllte. Dann schien es ihm, als sei er
-am Rande eines fürchterlichen Abgrundes, sich festhaltend und in
-Todesfurcht ringend, während schwarze Hände sich herausstreckten, um ihn
-hinabzuziehen; und Cassy kam lachend hinter ihn und stieß ihn hinunter.
-Und nun erhob sich jene feierlich verschleierte Gestalt und warf den
-Schleier zurück. Es war seine Mutter; und sie wendete sich von ihm ab,
-und er fiel hinab, hinab, hinab unter verworrenem Geschrei und Gestöhn
-und Jauchzen höllischen Gelächters -- und Legree erwachte.
-
-Ruhig stahl sich das rosige Licht der Morgendämmerung in das Zimmer. Der
-Morgenstern stand am heller werdenden Horizonte und schaute mit seinem
-feierlichen, heiligen Lichtauge auf den Mann der Sünde hernieder. O, mit
-welcher Frische, welcher Feierlichkeit und Schönheit wird jeder neue Tag
-geboren, als wolle er dem Unempfindlichen sagen: »Sieh! Du hast noch
-eine Möglichkeit! ^Kämpfe^ für unsterblichen Ruhm!« Es gibt keine Rede
-oder Sprache, in der diese Stimme nicht gehört wird; aber der freche,
-schlechte Mensch hörte sie nicht. Er erwachte mit einem Fluche. Was galt
-ihm das Gold und der Purpur, das tägliche Wunder des Morgens! Was die
-Heiligkeit jenes Sternes, welchen Gottes Sohn zu seinem eigenen
-Sinnbilde geweiht hat? Thierähnlich sah er, ohne wahrzunehmen; er
-stolperte vorwärts, schenkte ein Glas Branndwein ein und trank es halb.
-
-»Ich habe eine höllische Nacht gehabt!« sagte er zu Cassy, welche eben
-dann durch eine gegenüber befindliche Thüre hereintrat.
-
-»Ihr werdet bald mehr von der Art haben,« sagte sie trocken.
-
-»Was willst Du damit sagen, Vettel?«
-
-»Ihr werdet es dieser Tage erfahren,« erwiderte Cassy in demselben Tone.
-»Jetzt, Simon, habe ich Euch einen guten Rath zu geben.«
-
-»Den Teufel hast Du!«
-
-»Ich rathe Euch,« sagte Cassy gelassen, während sie Einiges im Zimmer zu
-ordnen begann, »daß Ihr Tom gehen laßt.«
-
-»Was geht das Dich an?«
-
-»Was? Ich weiß wahrhaftig nicht, was es mich angehen könnte. Wenn Ihr
-zwölf Hundert Dollar für einen Kerl zahlen wollt und ihn grade im Drange
-der Erntezeit zu Grunde richten wollt, nur um Eurer Wuth zu fröhnen, so
-geht 's mich nichts an. Ich habe für ihn gethan, was ich konnte.«
-
-»So? Was hast Du Dich in meine Angelegenheiten zu mischen?«
-
-»Ich habe Euch schon manches Tausend Dollar gerettet, dadurch, daß ich
-zuweilen für Eure Leute Sorge getragen habe -- das ist nun aller Dank,
-den ich davon habe. Wenn Eure Ernte geringer auf den Markt kommt, so
-verliert Ihr Eure Wette nicht. Tompkins wird Euch nicht den Rang
-ablaufen und Ihr werdet ganz niedlich hinzahlen müssen, nicht wahr? Mir
-ist schon, als sähe ich Euch dabei!«
-
-Legree hatte, wie manche andre Pflanzer, nur eine Art Ehrgeiz, die beste
-Ernte zu haben; und er hatte gerade jetzt verschiedene Wetten in der
-nächsten Stadt schweben. Cassy berührte daher mit weiblicher Gewandtheit
-die einzige Saite, die bei ihm anzuschlagen war.
-
-»Gut, ich will ihn mit dem loslassen, was er schon bekommen hat,« sagte
-Legree; »aber er soll mich um Verzeihung bitten, und bessere Manieren
-versprechen.«
-
-»Das thut er nicht,« sagte Cassy.
-
-»Nicht, he?«
-
-»Nein, er thut 's nicht,« sagte Cassy.
-
-»Ich möchte doch wissen, ^warum^, Mistreß,« sagte Legree mit der
-äußersten Verachtung.
-
-»Weil er recht gethan hat, und das weiß, und nicht sagen will, er habe
-Unrecht gethan.«
-
-»Wer zum Teufel kümmert sich darum, was er weiß? Der Nigger soll sagen,
-was mir beliebt, oder --«
-
-»Oder Ihr wollt Eure Wette auf die Baumwollen-Ernte verlieren, indem Ihr
-ihn gerade in dieser dringenden Zeit vom Felde entfernt haltet.«
-
-»Aber er ^wird^ nachgeben, natürlich wird er; ich weiß ja, wie es mit
-Niggern ist. Diesen Morgen wird er schon betteln wie ein Hund.«
-
-»Er wird nicht, Simon; Ihr kennt diese Art Menschen nicht. Ihr könnt ihn
-zollweise tödten, aber Ihr werdet nicht ein Wort eines solchen
-Bekenntnisses aus ihm heraus bringen.«
-
-»Wollen sehen. Wo ist er?« sagte Legree, indem er hinausging.
-
-»In der alten Kammer des Ginhauses,« sagte Cassy.
-
-Obgleich Legree so zuversichtlich mit Cassy sprach, so verließ er doch
-das Haus mit einer Art bösen Vorgefühls, welches nicht gewöhnlich bei
-ihm war. Die Träume der vergangenen Nacht, vereint mit Cassy's
-Weisungen, beunruhigten ihn in hohem Grade. Er beschloß, daß Niemand
-Zeuge seines Zusammentreffens mit Tom sein solle, und nahm sich vor, daß
-wenn er ihn nicht durch Drohungen zwingen könne, er es auf eine
-gelegenere Zeit verschieben wolle, seine Rache auszuüben.
-
-Das feierliche Licht der ersten Dämmerung, die engelgleiche Herrlichkeit
-des Morgensterns war durch das rohe Fenster des Schuppens gedrungen, wo
-Tom lag, und wie auf den Strahlen dieses Sternes nieder gleitend, kamen
-die feierlichen Worte zu ihm: »Ich bin die Wurzel des Geschlechtes
-David's, ein heller Morgenstern!« Die geheimnißvollen Warnungen und
-Andeutungen Cassy's, weit entfernt, seine Seele zu entmuthigen, hatten
-dieselbe am Ende wie durch einen himmlischen Ruf erhoben. Er wußte nicht
-anders, als daß sein Todestag am Himmel dämmere und das Herz schlug ihm
-mit feierlichem Klopfen der Freude und des Verlangens, als er dachte,
-daß das wundervolle All, worüber er so viel gesonnen, der große weiße
-Thron mit seinem immer strahlenden Regenbogen, die Schaar der weißen
-Engel, die Kronen, die Palmen, die Harfen -- sich ihm zeigen würden, ehe
-jene Sonne wieder unterginge; und deßhalb hörte er ohne Schauder und
-Beben die Stimme seines Verfolgers, als derselbe sich näherte:
-
-»Nun, Junge,« sagte Legree mit einem verächtlichen Fußstoß, »wie
-befindest Du Dich? Habe ich Dir nicht gesagt, ich könne Dir Eins oder
-das Andre beibringen? Wie gefällt's Dir, he? Wie bekommen Dir die
-Schwielen, Tom? Bist nicht ganz so keck wie Du gestern Abend warst?
-Könntest jetzt wohl nicht einen armen Sünder auf ein Bischen Predigt
-freihalten, nicht, he?«
-
-Tom antwortete Nichts.
-
-»Auf, Vieh!« sagte Legree, indem er ihn wieder stieß.
-
-Das war eine schwere Aufgabe für einen so zerschlagenen und entkräfteten
-Menschen, und als Tom sich bemühte, es zu thun, brach Legree in ein
-viehisches Gelächter aus.
-
-»Wovon bist Du diesen Morgen so sanft, Tom? Vielleicht gestern Abend
-erkältet?«
-
-Tom war indessen auf die Füße gekommen und stand seinem Herrn gegenüber
-mit fester, standhafter Stirne.
-
-»Teufel, Du kannst's!« sagte Legree, indem er ihn betrachtete. »Ich
-glaube, Du hast noch nicht genug gekriegt. Jetzt, Tom, ohne Umstände auf
-die Knie und bitte mich um Verzeihung wegen Deiner Streiche von gestern
-Abend.«
-
-Tom bewegte sich nicht.
-
-»Nieder, Hund!« sagte Legree, indem er ihn mit der Reitpeitsche schlug.
-
-»Herr Legree,« sagte Tom, »ich kann es nicht thun. Ich habe nur gethan,
-was ich für recht gehalten habe. Ich werde es jedes Mal gerade wieder so
-machen. Ich werde nie eine Grausamkeit begehen, komme, was da wolle.«
-
-»Ja, aber Du weißt nicht, was kommen will, Master Tom. Du denkst, was Du
-gekriegt hast, ist etwas. Ich sage Dir, 's ist nichts -- gar nichts. Wie
-würde es Dir gefallen, an einen Baum gebunden zu werden, und ein
-langsames Feuer um Dich angezündet zu haben? Wäre das nicht angenehm --
-he, Tom?«
-
-»Master,« sagte Tom, »ich weiß, Ihr könnt Schreckliches thun; aber« --
-er streckte sich aufwärts und faltete die Hände, -- »aber nachdem Ihr
-den Leib getödtet habt, könnt Ihr nichts mehr thun. Und o, dann folgt
-alle ^Ewigkeit^!«
-
-^Ewigkeit^ -- das Wort durchbebte die Seele des schwarzen Menschen mit
-Licht und Kraft, als er sprach -- es durchzuckte auch des Sünders Seele
-wie Scorpionenbiß. Legree knirschte mit den Zähnen, aber Wuth hielt ihn
-still, und Tom sprach, wie ein aus der Knechtschaft befreiter Mensch,
-mit klarer und heitrer Stimme:
-
-»Master Legree, Ihr habt mich gekauft, und ich will Euch ein treuer und
-redlicher Diener sein. Ich will Euch alle Arbeit meiner Hände geben,
-alle meine Zeit, alle meine Kraft, aber meine Seele will ich keinem
-Sterblichen opfern. Ich will am Herrn festhalten, und seine Gebote vor
-Allem befolgen, mag ich leben oder sterben, darauf verlaßt Euch. Master
-Legree, ich fürchte den Tod nicht im Geringsten. Ich sterbe eben so gern
-wie nicht. Ihr könnt mich zu Tode peitschen, verhungern, verbrennen
-lassen, es bringt mich nur früher dahin, wohin ich mich sehne.«
-
-»Ich will Dich doch nachgiebig machen, ehe ich mit Dir fertig bin!«
-sagte Legree wüthend.
-
-»Ich werde ^Hülfe^ bekommen,« sagte Tom. »Ihr könnt es nicht.«
-
-»Wer zum Teufel wird Dir helfen?« sagte Legree verächtlich.
-
-»Der allmächtige Gott!« sagte Tom.
-
-»Hol Dich der Teufel!« sagte Legree, indem er Tom mit einem Faustschlage
-zu Boden streckte.
-
-Eine kalte, weiche Hand legte sich in diesem Augenblick auf die
-Legree's. Er drehte sich um -- es war Cassy's; aber die kalte, sanfte
-Berührung rief ihm den Traum der letzten Nacht zurück, und durch die
-Kammern seines Hirnes blitzend, kamen alle die fürchterlichen Bilder der
-Nachtwachen zurück, mit einem Theile der Schrecknisse, die jene
-begleiteten.
-
-»Wollt Ihr ein Thor sein?« sagte Cassy auf französisch. »Laßt ihn gehen.
-Laßt mich ihn herstellen, um wieder im Felde arbeiten zu können. Ist's
-nicht gerade wie ich Euch sagte?«
-
-Man sagt, der Alligator, das Nashorn, obschon in kugelfesten Panzer
-gehüllt, haben einen Fleck, wo sie verwundbar sind; und freche,
-ungläubige Verworfene haben gewöhnlich diesen Punkt in abergläubischer
-Furcht.
-
-Legree wendete sich weg, entschlossen, einstweilen die Sache gehen zu
-lassen.
-
-»Nun, so habe Deinen Willen,« sagte er mürrisch zu Cassy.
-
-»Höre Du,« fuhr er zu Tom gewendet fort, »ich will Dich für jetzt gehen
-lassen, weil die Geschäfte dringend sind, und ich alle meine Arbeiter
-brauche, aber ich vergesse ^niemals^. Ich will es Dir ankreiden, und
-die Zeit kommt, wo es mir Dein altes schwarzes Fell bezahlen soll --
-merk' Dir das!«
-
-Legree drehte sich um und ging hinaus.
-
-»Gehe nur,« sagte Cassy ihm finster nachschauend; »Deine Rechnung kommt
-auch noch! -- Armer Mensch, wie geht's Dir?«
-
-»Der Herr hat seinen Engel gesendet und des Löwen Rachen für diesmal
-verschlossen,« sagte Tom.
-
-»Für diesmal gewiß,« sagte Cassy; »aber jetzt habt Ihr seinen Haß auf
-Euch, der Euch Tag für Tag verfolgt, wie ein Hund, der an Eurer Kehle
-hängt, Euer Blut saugt und Euer Leben tropfenweise verbluten läßt. Ich
-kenne den Menschen.«
-
-
-
-
-Siebenunddreißigstes Kapitel.
-
-Freiheit.
-
- »Es kommt nicht darauf an, mit welchen Feierlichkeiten
- er auf dem Altare der Sklaverei geweiht worden
- sei; sobald er den heiligen, brittischen Boden
- betritt, versinken der Altar und der Gott in Staub,
- und erlöst wiedergeboren, entfesselt steht er da durch
- den unwiderstehlichen Genius allgemeiner Emancipation.«
- ^Curran.^
-
-
-Für einige Zeit müssen wir Tom in den Händen seiner Verfolger lassen,
-während wir uns zurückwenden, um die Schicksale Georgs und seiner Frau
-zu verfolgen, die wir in einem Farmhause an der Straße in
-freundschaftlichen Händen ließen.
-
-Tom Locker verließen wir, stöhnend und lärmend in einem fleckenlos
-reinen Quäcker-Bett, unter der mütterlichen Aufsicht von Base Dorcas,
-welche in ihm einen ganz so lenksamen Patienten fand, wie in einem
-kranken Büffelochsen.
-
-Man denke sich eine hohe, würdevolle Frau, deren reine Musselinhaube ein
-wellenartiges Silberhaar beschattet, das auf der breiten, hintern Stirn
-gescheitelt ist, welche gedankenvolle, graue Augen überwölbt; ein
-schneeweißes Tuch von geglättetem Krepp legt sich glatt über ihrem
-Busen; ihr glänzend braunes Seidenkleid rauscht friedlich, wenn sie in
-der Stube auf und nieder gleitet.
-
-»Alle Teufel!« sagt Tom Locker, indem er der Bettdecke einen starken
-Schlag versetzt.
-
-»Ich muß Dich ersuchen, Thomas, nicht solche Ausdrücke zu gebrauchen,«
-sagt Base Dorcas, während sie ruhig das Bett wieder in Ordnung bringt.
-
-»Nun, ich will 's nicht thun, Großmutter, wenn ich kann,« sagt Thomas;
-»aber 's ist genug, einen armen Kerl zum Fluchen zu bringen, so verdammt
-heiß ist's!«
-
-Dorcas entfernte eine Decke vom Bette, ordnete das Bettzeug wieder und
-stopfte es unter, bis Tom fast wie eine Puppe aussah, indem sie dabei
-bemerkte:
-
-»Ich wollte, Freund, Du ließest das Fluchen und Schwören, und dächtest
-an Deine Wege.«
-
-»Was der Teufel,« sagte Tom, »soll ich daran denken? 's ist immer 's
-Letzte, woran ich gern denke -- hol 's der Henker!« Und Tom stampfte,
-schlug die Decken auf und brachte Alles auf eine entsetzliche Art in
-Unordnung.
-
-»Der Kerl und die Dirne sind hier, glaube ich?« sagte er nach einer
-Weile mürrisch.
-
-»Ja,« sagte Dorcas, »sie sind hier.«
-
-»Die sollten sich lieber aufmachen, fort nach dem See,« sagte Tom, »je
-schneller desto besser.«
-
-»Wahrscheinlich werden sie das thun,« sagte Base Dorcas, indem sie ruhig
-weiter strickte.
-
-»Und hört,« sagte Tom; »wir haben Freunde in Sandusky, welche die Boote
-für uns bewachen. Kümmere mich nicht mehr darum, 's zu sagen. Ich
-wollte, sie entwischten, nur um Marks zu ärgern -- den verfluchten
-Laffen! -- hol ihn der Teufel!«
-
-»Thomas!« sagte Dorcas.
-
-»Ich sage Euch, Großmutter, wenn Ihr einen armen Kerl zu dicht
-einpfropft, so platzt er,« sagte Tom. »Aber wegen der Dirne -- sagt
-ihnen, daß sie sich so ankleide, daß sie nicht mehr kenntlich ist. Ihre
-Beschreibung ist in Sandusky.«
-
-»Wir wollen dafür sorgen,« sagte Dorcas mit der ihrer Sekte
-eigenthümlichen Gelassenheit.
-
-Da wir an dieser Stelle von Tom Locker Abschied nehmen, so können wir
-hier zugleich erwähnen, daß, nachdem er drei Wochen in dem Quäckerhause
-am rheumatischen Fieber darniederlag, welches zu seinen übrigen Leiden
-hinzu trat, er sich vom Lager als ein etwas weiserer und bessrer Mensch
-erhob; und fortan statt Sklaven zu fangen, sich in einer der neuen
-Ansiedlungen niederließ, wo seine Fähigkeiten sich in der Jagd von
-Bären, Wölfen und andern Bewohnern des Forstes glücklicher entwickelten,
-wodurch er sich einen Namen im Lande machte. Tom sprach immer
-ehrfurchtsvoll von den Quäkern. »Hübsche Leute,« pflegte er zu sagen;
-»wollten mich bekehren, konnten 's aber nicht zu Stande bringen. Aber
-eins will ich euch sagen, Fremder, einen kranken Kerl warten sie
-vortrefflich ab, -- das ist richtig! Kochen die beste Sorte Kraftbrühe
-und Brezeln.«
-
-Da Tom den Flüchtlingen mitgetheilt hatte, daß ihre Gesellschaft in
-Sandusky gesucht werde, so hielt man es für gerathen, sich zu theilen.
-Jim wurde mit seiner alten Mutter besonders fortgeschafft; und ein oder
-zwei Nächte später wurden Georg und Elise mit ihrem Kinde in's Geheim
-nach Sandusky gefahren und unter einem gastfreien Dache untergebracht,
-während die Vorbereitungen zu ihrer letzten Einschiffung auf den See
-getroffen wurden.
-
-Ihre Nacht neigte sich jetzt dem Ende und schön erhob sich vor ihnen der
-Morgenstern der Freiheit. Freiheit! Begeisterndes Wort! Was ist es? Ist
-es denn etwas mehr als ein Name oder ein rednerischer Ausdruck? Warum
-Ihr Männer und Frauen Amerikas, beben Eure Herzen vor Wonne bei dem
-Worte, für welches Eure Väter bluteten und Eure noch bravere Mütter
-willig ihre Besten und Edelsten sterben sahen?
-
-Liegt darin etwas Ruhmreiches und Theures für ein Volk, das nicht auch
-ruhmreich und theuer für den einzelnen Menschen ist? Was ist Freiheit
-eines Volkes anders als Freiheit der Individuen desselben? Was ist
-Freiheit für jenen jungen Mann, welcher dort sitzt, die Arme über die
-breite Brust geschlagen, die Farbe des afrikanischen Blutes auf den
-Wangen, dessen dunkles Feuer im Auge -- was ist Freiheit für George
-Harris? Für Eure Väter war Freiheit das Recht eines Volkes, ein Volk zu
-sein. Für ihn ist es das Recht eines Menschen, ein Mensch zu sein und
-kein Vieh; das Recht, das Weib seines Herzens sein Weib nennen, und sie
-vor gesetzlicher Gewaltthätigkeit schützen zu können; das Recht, sein
-Kind zu beschützen und zu erziehen; das Recht, eine eigne Heimath, eine
-eigne Religion, einen eignen Charakter zu haben, der nicht dem Willen
-eines Andern unterworfen ist. Alle diese Gedanken arbeiteten in Georgs
-Brust, während er gedankenvoll den Kopf auf die Hand stützte, und seine
-Frau beobachtete, als sie ihrer zarten und hübschen Gestalt männliche
-Kleidung anpaßte, in der man es für das Sicherste hielt, daß sie ihre
-Flucht bewerkstellige.
-
-»Jetzt gilt's,« sagte sie, als sie vor dem Spiegel stand und die seidene
-Fülle des schwarzen Lockenhaares herabschüttelte. »Sieh! Georg, 's ist
-fast ein Jammer, nicht wahr?« sagte sie, indem sie scherzhaft einige
-Locken in die Höhe hielt. »'s ist ein Jammer, daß sie alle ab müssen.«
-
-Georg lächelte traurig und gab keine Antwort.
-
-Elise kehrte sich gegen den Spiegel und die Scheere schimmerte, als eine
-lange Locke nach der andern vom Haupte getrennt wurde.
-
-»Nun, das wird genug sein,« sagte sie, indem sie eine Haarbürste
-ergriff, »jetzt ein Paar Phantasiestriche.«
-
-»Da, bin ich nicht ein hübscher junger Mensch?« sagte sie, indem sie
-sich nach ihrem Gatten umwandte, lachend und erröthend zugleich.
-
-»Du bist immer hübsch, Du magst thun, was Du willst,« sagte Georg.
-
-»Was macht Dich so ernst?« sagte Elise, indem sie sich auf ein Knie
-niederließ, und ihre Hände auf das seinige legte. »Wir sind nur noch 24
-Stunden von Canada entfernt. Nur einen Tag und eine Nacht auf dem See,
-und dann -- o, dann!«
-
-»O, Elise!« sagte Georg, indem er sie an sich zog, »das ist 's gerade!
-Jetzt naht sich mein Schicksal dem entscheidenden Punkt. So nahe zu
-kommen, es fast vor Augen haben und dann Alles verlieren. Ich könnte es
-nicht überleben, Elise.«
-
-»Habe keine Furcht,« sagte seine Frau zuversichtlich. »Der gute Gott
-hätte uns nicht so weit gebracht, wenn er uns nicht durchbringen wollte.
-Mir ist 's, als fühlte ich, daß er mit uns ist, Georg.«
-
-»Du bist ein gesegnetes Weib, Elise!« sagte Georg, indem er sie
-krampfhaft umarmte. »Aber -- ach, sag'! kann uns diese große Gnade zu
-Theil werden? Werden diese Jahre des Elend's wirklich ein Ende nehmen?
--- werden wir frei werden?«
-
-»Gewiß, Georg,« sagte Elise, indem sie aufwärts blickte, während Thränen
-der Hoffnung und Begeisterung an ihren langen, dunkeln Wimpern glänzten.
-»Ich fühle es in mir, daß Gott uns heut aus der Knechtschaft erlösen
-wird.«
-
-»Ich will Dir glauben, Elise,« sagte Georg, indem er plötzlich aufstand.
-»Ich will es glauben; komm, laß uns fort. Ja, wahrlich,« sagte er, indem
-er sie auf Armeslänge von sich hielt, und sie voll Bewunderung
-betrachtete. »Du ^bist^ ein hübsches Kerlchen. Die kleinen kurzen
-Backen stehen Dir vortrefflich. Setze Deine Mütze auf. So -- ein Bischen
-auf eine Seite. Du hast nie so hübsch ausgesehen. Aber es ist fast Zeit
-für den Wagen, ich soll mich wundern, ob Mrs. Smyth den Harry
-aufgetakelt hat?«
-
-Die Thür öffnete sich und eine Frau von achtbarem Aeußern und mittleren
-Jahren trat ein, den kleinen Harry an der Hand, der in Mädchenkleider
-gehüllt war.
-
-»Was für ein hübsches Mädchen er abgibt,« sagte Elise, indem sie ihn
-herumdrehte. »Wir nennen ihn Harriet, paßt der Name nicht hübsch?«
-
-Das Kind stand da und betrachtete seine Mutter ernst und schweigend in
-ihrem neuen und fremdartigen Anzuge, während es zuweilen tief seufzte
-und unter seinen dunkeln Locken hervor scheue Blicke auf sie heftete.
-
-»Kennt Harry Mama?« sagte Elise, indem sie die Hände gegen ihn
-ausstreckte.
-
-Das Kind hing sich furchtsam an die Frau.
-
-»Komm, Elise, warum versuchst Du, ihn zu liebkosen, da Du doch weißt,
-daß er sich fern von Dir zu halten hat?«
-
-»Ich weiß, 's ist thöricht,« sagte Elise, »aber ich kann es nicht
-ertragen, daß er sich von mir abwendet. Doch komm -- wo ist mein Mantel?
-Hier -- wie nehmen die Männer den Mantel um, Georg?«
-
-»Du mußt ihn so tragen,« sagte ihr Mann, indem er denselben über die
-Schultern warf.
-
-»So also,« sagte Elise, indem sie die Bewegung nachahmte; »und ich muß
-fest auftreten und große Schritte machen, und dreist auszusehen suchen.«
-
-»Gib Dir keine Mühe,« sagte Georg. »Es gibt hier und da auch bescheidene
-junge Männer; und ich glaube, es wird Dir leichter werden, diese Rolle
-zu spielen.«
-
-»Und diese Handschuhe! Gott sei uns gnädig!« sagte Elise, »meine Hände
-verlieren sich darin.«
-
-»Ich rathe Dir, sie hübsch ordentlich anzubehalten,« sagte Georg. »Dein
-zartes Pfötchen könnte uns Alle verrathen. Nun, Mrs. Smyth, tretet Euren
-Dienst an, und seid unser Tantchen -- merkt darauf.«
-
-»Ich habe gehört,« sagte Mrs. Smyth, »daß Männer unten gewesen sind, die
-alle Schiffscapitäne vor einem Manne und einer Frau mit einem kleinen
-Knaben gewarnt haben.«
-
-»So!« sagte Georg. »Nun, wenn wir solche Leute sehen, so können wir 's
-ihnen sagen.«
-
-Ein Miethwagen fuhr nun vor, und die freundliche Familie, welche die
-Flüchtlinge aufgenommen hatte, drängte sich um dieselben, um Abschied
-von ihnen zu nehmen.
-
-Die Verkleidung, welche die Flüchtlinge angenommen hatten, war nach den
-Winken des Tom Locker eingerichtet worden. Mrs. Smyth, eine achtbare
-Frau aus der Niederlassung in Canada, wohin sie flohen, die glücklicher
-Weise grade im Begriffe war, über den See dahin zurückzukehren, hatte
-eingewilligt, als die Tante des kleinen Harry aufzutreten; und um ihn an
-dieselbe zu gewöhnen, hatte man ihn die letzten zwei Tage allein unter
-ihrer Obhut bleiben lassen; und ein besonderer Aufwand von Liebkosungen,
-in Verbindung mit einem unendlichen Betrage von Kuchen und Zuckerwerk,
-hatten die Anhänglichkeit von Seiten des jungen Herrn befestigt.
-
-Der Miethwagen fuhr nach dem Landungsplatze. Die zwei vermeintlichen
-jungen Männer schritten über das Brett in das Boot, indem Elise Mrs.
-Smyth mit vieler Artigkeit am Arm führte und Georg für das Gepäck Sorge
-trug.
-
-Als Georg vor dem Büreau des Kapitäns stand, um für seine
-Reisegesellschafter Zahlung zu leisten, hörte er zwei Männer neben sich
-reden.
-
-»Ich habe jeden, der an Bord kam, beobachtet,« sagte der Eine, »und
-weiß, sie sind nicht in diesem Boot.«
-
-Die Stimme war die des Bootsschreibers. Der Andre, mit dem er sprach,
-war unser alter Freund Marks, der mit jener unschätzbaren
-Beharrlichkeit, welche ihn charakterisirte, nach Sandusky gekommen war,
-um zu sehen, wen er verschlingen könne.
-
-»Ihr könnt das Frauenzimmer kaum von einer Weißen unterscheiden,« sagte
-Marks. »Die Mannsperson ist ein sehr heller Mulatte. Er hat ein Brandmal
-an der einen Hand.«
-
-Die Hand, womit Georg eben die Zettel und das heraus erhaltene Geld
-nahm, bebte ein wenig; aber er drehte sich kalt um, heftete den Blick
-unbefangen auf das Gesicht des Sprechenden und ging gemächlich nach
-einem andern Theile des Boots, wo Elise auf ihn wartete.
-
-Mrs. Smyth mit dem kleinen Harry ging nach der Damenkajüte, wo die
-dunkle Schönheit des vermeintlichen kleinen Mädchens den Reisenden
-manche schmeichelhafte Bemerkungen entlockte.
-
-Georg hatte die Genugthuung, daß er, als die Glocke zum Abschied
-läutete, Marks über das Brett an das Ufer gehen sah; und stieß einen
-tiefen Seufzer der Erleichterung aus, als das Boot eine Entfernung, die
-keine Rückkehr zuließ, erreicht hatte.
-
-Es war ein prächtiger Tag. Die blauen Wogen des Erie-Sees tanzten, sich
-kräuselnd und im Sonnenlicht glänzend. Ein frisches Lüftchen wehte vom
-Ufer, und das herrliche Boot pflügte seinen Weg tapfer durch das Wasser.
-
-Oh, was für eine unaussprechliche Welt in ^einem^ menschlichen Herzen
-liegt! Wer dachte, als Georg ruhig das Verdeck des Dampfbootes auf- und
-abschritt, mit seinem schüchternen Gefährten an der Seite, an Alles das,
-was in seinem Busen brannte? Das große Gut, dem er sich nahte, schien
-ihm zu groß, um wirklich sein werden zu können; und er fühlte jeden
-Augenblick die Besorgniß, daß sich etwas erheben möchte, es ihm wieder
-zu entreißen.
-
-Aber das Boot flog weiter -- Stunden verflogen, und endlich erhob sich
-klar und deutlich die gesegnete englische Küste -- ein Gestade, dem die
-mächtige Zauberkraft verliehen ist, -- mit einer Berührung jede
-Sklaverei zu vernichten, gleichviel, in welcher Sprache ihre Formel
-gesprochen, oder von welcher Staatsgewalt sie bestätigt worden ist.
-
-Georg stand mit seiner Frau Arm in Arm, als das Boot sich dem Städtchen
-Armherstberg in Canada näherte. Sein Athem wurde schwer und kurz; wie
-Nebel sammelte es sich vor seinen Augen, und er drückte schweigend die
-kleine Hand, welche zitternd auf seinem Arme lag. Die Glocke erscholl --
-das Boot hielt an. Kaum sehend, was er that, suchte er sein Gepäck und
-sammelte die Seinigen um sich. Die kleine Gesellschaft wurde an das Ufer
-gesetzt. Sie standen still, bis das Boot ausgeladen hatte; und dann
-knieten mit Thränen und Umarmungen Gatte und Gattin, das staunende Kind
-in den Armen, nieder und erhoben ihre Herzen zu Gott!
-
- 'S war wie wenn Leben bricht durch Todesnacht,
- Aus Grabes Hülle zu des Himmels Licht;
- Vom Reich der Sünde und des Bösen Macht,
- Zu der erlösten Seele Freiheitsmorgenroth;
- Zerbrochen sind die Ketten, die geschmiedet Tod;
- Den Sterblichen Unsterblichkeit umweht,
- Wenn Gnadenhand den goldnen Schlüssel dreht
- Und ein zur Freiheitsherrlichkeit die Seele geht.
-
-Der kleine Kreis wurde darauf von Mrs. Smyth zur gastlichen Wohnung
-eines guten Missionärs geführt, den christliche Liebe hierher verpflanzt
-hatte, als einen Hirten für die Verstoßenen und Wandernden, die
-beständig an diesem Gestade eine Zuflucht finden.
-
-Wer kann den Segen des ersten Freiheitstages aussprechen? Ist nicht der
-Sinn der Freiheit ein höherer und feinerer, als irgend einer der fünf
-anderen. Sich zu bewegen, zu reden, zu athmen, zu gehen und zu kommen
-unbewacht und ohne Gefahr! Wer kann die Segnungen des Schlafes
-schildern, der sich auf des freien Mannes Kissen niedersenkt, unter
-Gesetzen, welche ihm die Rechte sichern, die Gott den Menschen
-verliehen? Wie schön erschien jener Mutter des schlafenden Kindes
-Antlitz, theurer durch die Erinnerung an tausend Gefahren! Wie unmöglich
-war es zu schlafen im überschwänglichen Genusse solchen Segens! Und doch
-hatten diese zwei nicht eine Hufe Land, kein Dach, das sie ihr eigen
-nennen konnten; sie hatten ihr Alles dahingegeben bis auf den letzten
-Thaler. Sie hatten nicht mehr, als die Vögel der Luft, oder die Blumen
-des Feldes -- und doch konnten sie nicht schlafen vor Freude. »O Ihr,
-die Ihr dem Menschen die Freiheit raubt, wie wollt Ihr das vor Gott
-verantworten?« --
-
-
-
-
-Achtunddreißigstes Kapitel.
-
-Der Sieg.
-
- »Dank sei Gott, der uns den Sieg verleiht.«
-
-
-Haben nicht viele von uns in mancher Stunde mühseligen Lebensweges
-gefühlt, wie weit leichter es sei, zu sterben, als zu leben?
-
-Der Märtyrer, wenn er unter körperlichen Qualen dem Tode in die Augen
-schaut, findet selbst im Schrecken seines Looses eine Stärkung. Es liegt
-eine lebendige Aufregung darin, welche ihn durch jede Krisis des Leidens
-führen kann, und sie zur Geburtsstunde ewigen Ruhmes und ewigen Friedens
-macht.
-
-Aber zu leben, und Tag für Tag in niederer, bitterer, gemeiner und
-quälender Knechtschaft sich hinzuschleppen, jede Nerve erschlafft und
-abgespannt, jede Gefühlskraft allmählig erstickt -- dieses lange,
-zehrende Märtyrerthum des Herzens, dieses langsame, tägliche Verbluten
-des inneren Lebens, tropfenweise, stündlich -- dies ist der wahre
-Probirstein dessen, was im Menschen ist.
-
-Als Tom seinem Verfolger gegenüberstand, und dessen Drohungen hörte, und
-in seiner innersten Seele dachte, daß seine Stunde gekommen sei, schwoll
-ihm muthig die Brust, und er glaubte, er könne Folter und Feuer, Alles
-ertragen, mit dem Blicke auf Jesus und den Himmel gerichtet; als
-derselbe aber fortgegangen und die Aufregung verschwunden war, kehrte
-der Schmerz seiner gequetschten, müden Glieder zurück und das Gefühl
-seines völlig herabgewürdigten, hoffnungslosen und verlornen Zustandes;
-und der Tag verging ihm traurig.
-
-Legree bestand darauf, daß Tom lange vorher, ehe dessen Wunden geheilt
-waren, wieder an die regelmäßige Feldarbeit gestellt werden sollte; und
-dann kamen Tag für Tag Schmerz und Müdigkeit, erschwert durch jede Art
-von Ungerechtigkeit und Unwürdigkeit, welche der böse Wille einer
-gemeinen und boshaften Seele ersinnen konnte. Wer nur immer in
-^unsern^ Umständen eine Schmerzensprüfung zu bestehen hatte, selbst
-mit allen Erleichterungen, welche dieselben bei uns gewöhnlich
-begleiten, muß die Gereiztheit kennen, die uns in derselben nie verläßt.
-Tom wunderte sich nicht mehr über die gewohnheitsmäßige Verdrießlichkeit
-seiner Gefährten: ja, er fand die ruhige, heitere Stimmung, welche ihn
-durch sein ganzes Leben begleitet hatte, zerstört und jämmerlich
-zerrissen. Er hatte auf Muße gehofft, seine Bibel lesen zu können, aber
-Muße gab es hier nicht. In der dringendsten Erntezeit trug Legree kein
-Bedenken, alle seine Arbeiter Sonntags wie Wochentags gleich zu quälen.
-Warum nicht? Er erzielte dadurch mehr Baumwolle, und gewann seine Wette;
-und wenn es einige Leute mehr aufrieb, konnte er bessere kaufen. Zuerst
-war Tom gewohnt gewesen, beim Leuchten des Feuers einige Bibelverse zu
-lesen, nachdem er von der Tagesarbeit zurückgekehrt war; nach der
-grausamen Behandlung aber, die er erfahren hatte, pflegte er so
-erschöpft nach Hause zu kommen, daß der Kopf sich ihm drehte und ihm die
-Augen den Dienst versagten, wenn er zu lesen versuchte, und er froh war,
-sich mit den Andern in völliger Erschöpfung niederstrecken zu können.
-
-Ist es auffallend, daß der Gottesfriede und das Himmelsvertrauen, welche
-ihn bisher aufrecht erhalten hatten, Gemüthserschütterungen und
-finsterem Verzagen weichen konnten? Die düsterste Aufgabe dieses
-geheimnißvollen Lebens war ihm beständig vor den Augen; zerschmetterte
-und zu Grunde gerichtete Seelen, Böses triumphirend und Gott schweigend.
-Wochen, Monate rang Tom in seinem Geiste in Dunkelheit und Betrübniß. Er
-dachte an Miß Ophelia's Brief, an seine Freunde in Kentucky, und betete
-ernstlich, daß ihm Gott Erlösung senden möge; und dann wartete er Tag
-für Tag in derlei unbestimmter Hoffnung, Jemanden zu sehen, der zu
-seiner Erlösung ausgesendet sei; und wenn Niemand kam, drängte er
-bittere Gedanken in sein Herz zurück -- daß es eitel sei, Gott zu
-dienen, daß Gott ihn vergessen habe. Zuweilen sah er Cassy, und wenn er
-zuweilen nach dem Hause gerufen wurde, erblickte er dann und wann die
-gebeugte Gestalt Emmelinens, er hatte aber mit keiner viel Verkehr; es
-blieb wirklich keine Zeit, mit irgend Jemanden Umgang zu haben.
-
-Eines Abends saß er in völliger Niedergeschlagenheit und Abspannung bei
-ein paar erlöschenden Feuerbränden, an denen er sein kärgliches
-Abendessen bereitete. Er legte etwas Reisig auf, um das Feuer wieder in
-Brand zu setzen, und zog dann seine verbrauchte alte Bibel aus der
-Tasche. Darin waren alle die Stellen gezeichnet, welche so oft seine
-Seele angeregt hatten -- Worte von Erzvätern und Sehern, Dichtern und
-Weisen, die von frühen Zeiten her dem Menschen Muth zugesprochen --
-Stimmen aus der großen Wolke von Zeugen, welche uns immer auf der
-Lebensbahn umgeben. Hatte das Wort seine Kraft verloren, oder waren das
-versagende Auge und der müde Sinn nicht länger empfänglich für jene
-mächtigen Eingebungen? Schwer seufzend steckte er das Buch in die
-Tasche. Ein rohes Gelächter erwartete ihn; er sah auf -- Legree stand
-ihm gegenüber.
-
-»Nun, alter Junge,« sagte er, »Du findest, Deine Religion wirkt nicht;
-es scheint so! Ich dachte ja, ich würde das aus Deiner Wolle
-herausbringen!«
-
-Der grausame Hohn war schlimmer, als Hunger, Kälte und Nacktheit. Tom
-war still.
-
-»Du warst ein Narr,« sagte Legree, »denn ich dachte Dir Gutes zu thun,
-als ich Dich kaufte. Du hättest besser daran sein können, als Sambo oder
-Quimbo, und gute Zeiten haben; und anstatt alle paar Tage geprügelt und
-gedroschen zu werden, könntest Du Freiheit gehabt haben, rings umher zu
-herrschen, und die andern Nigger zu peitschen, und hättest Dich zuweilen
-an einem guten Whiskeypunsch erwärmen können. Nun, mach keine Umstände
-und sei vernünftig! Wirf den alten Plunder hier ins Feuer und schlag
-Dich zu meiner Kirche!«
-
-»Gott behüte mich!« sagte Tom inbrünstig.
-
-»Du siehst, Gott will Dir nicht helfen; wenn er gewollt hätte, so hätte
-er Dich nicht in ^meine^ Hände kommen lassen. Deine Religion ist ein
-Gemisch von lauter Lügenkram, Tom. Ich weiß es. Halt lieber zu mir; ich
-bin etwas und kann etwas thun!«
-
-»Nein, Master,« sagte Tom, »ich will festhalten. Gott mag mir nun helfen
-oder nicht; aber ich will an ihm halten und bis aufs Letzte an ihn
-glauben!«
-
-»Um so mehr bist Du ein Narr!« sagte Legree, indem er ihn verächtlich
-anspie und mit dem Fuße trat. »Nun, es macht nichts aus; ich will Dich
-doch noch niederhetzen und herunterbringen, Du wirst 's sehen!« und
-Legree wendete sich weg.
-
-Wenn ein schweres Gewicht die Seele zur tiefsten Tiefe menschlichen
-Duldens herunterdrückt, so tritt eine plötzliche und verzweifelte
-Anstrengung jedes physischen und geistigen Nervs ein, das Gewicht
-abzuwerfen, und dadurch wird der größte Schmerz oft zu einer
-rückströmenden Fluth der Freude und des Muthes. So war es jetzt mit Tom.
-Die gottesläugnerischen Verhöhnungen seines grausamen Herrn senkten
-seine vorher schon niedergeschlagene Seele zur tiefsten Ebbe hinab; und
-obgleich die Hand des Glaubens sich noch an dem ewigen Felsen festhielt,
-so war es doch nur mit einem starren, verzweifelten Griffe. Tom saß wie
-betäubt am Feuer. Plötzlich schien Alles um ihn zu verschwinden, und
-vor ihm erhob sich die Erscheinung einer mit Dornen gekrönten,
-geschlagenen und blutenden Gestalt. Tom schaute mit Staunen und
-Bewunderung auf die würdevolle Ruhe des Antlitzes; die tiefen, rührenden
-Augen drangen ihm bis in das innerste Herz; seine Seele erwachte,
-während er mit strömendem Gefühle seine Hände ausstreckte und auf seine
-Kniee fiel; und allmählig veränderte sich die Erscheinung, die scharfen
-Dornen wurden zur Strahlenkrone, und im unbegreiflichen Glanze sah er
-dasselbe Antlitz sich mitleidsvoll zu ihm neigen, und eine Stimme sagte:
-»Wer überwindet, dem will ich geben, mit mir auf meinem Stuhle zu
-sitzen, wie Ich überwunden habe, und bin mit meinem Vater gesessen auf
-seinem Stuhle.«
-
-Wie lange Tom so gelegen hatte, wußte er nicht. Als er wieder zu sich
-kam, war das Feuer erloschen, seine Kleider von feuchtem Thaue
-durchnäßt, aber der fürchterliche Seelenkampf war entschieden, und in
-der Freude, welche ihn erfüllte, fühlte er nicht mehr Hunger, Kälte,
-Erniedrigung, Widerwärtigkeit und Elend. Aus tiefster Seele schied er in
-jener Stunde von jeder Hoffnung dieses Lebens, und brachte seinen
-eigenen Willen als ein williges Opfer dem Unendlichen dar. Tom sah auf
-zu den stillen, ewigen Sternen, den Sinnbildern der Engelsschaaren, die
-immer auf den Menschen herabschauen; und die Einsamkeit der Nacht
-wiederhallte von den Siegesworten eines Lobgesanges, welchen er oft in
-glücklicheren Tagen gesungen, aber nie mit einem solchen Gefühle wie
-jetzt:
-
- »Die Erde wird wie Schnee zergehn,
- Die Sonne nicht mehr scheinen;
- Doch Gott, der mich hier ließ entstehn,
- Wird sich mit mir vereinen.«
-
- »Und wenn dies ird'sche Leben flieht,
- Und Fleisch und Sinn vergehn,
- Der Engel Schaar mich jenseits zieht,
- Wo Fried und Freude wehn.«
-
- »Und wenn zehntausend Jahr wir da
- Hell scheinend wie die Sonn',
- So sing'n wir noch Halleluja,
- Wie einst auf Erden schon.«
-
-Wer vertraut ist mit der Religionsgeschichte der Sklavenbevölkerung,
-wird wissen, daß Verhältnisse gleich denen, welche wir erzählt haben,
-sehr gewöhnlich unter ihnen sind. Wir haben von ihren eigenen Lippen
-einige der rührendsten und ergreifendsten Züge gehört. Der
-Seelenforscher erzählt uns von einem Zustande, in welchem die Bewegungen
-und Bilder des Gemüths so herrschend und übermächtig werden, daß sie die
-äußeren Sinne in ihren Dienst zwingen, und diese den inneren Gebilden
-eine erkennbare Gestalt verleihen. Wer kann ermessen, was ein
-alldurchdringender Geist mit diesen Fähigkeiten unserer sterblichen
-Natur wirken, oder wie er die verzagenden Seelen der Untröstlichen
-ermuthigen kann? Wenn der arme, vergessene Sklave glaubt, daß Jesus ihm
-erschienen sei und mit ihm geredet habe, wer wird ihm widersprechen?
-Sagte er nicht, daß seine Sendung zu allen Zeiten sei, »zu heilen, die
-zerstoßenen Herzens sind, zu predigen den Zerschlagenen, daß sie frei
-und ledig sein sollen.«
-
-Als das dunkle Grau der Morgendämmerung die Schläfer erweckte, hinaus
-auf das Feld zu gehen, da war einer unter jenen zerlumpten und
-schauernden Unglücklichen, der mit frohlockendem Schritte einherging,
-denn fester, als der Boden, welchen er betrat, war sein starker Glaube
-an die allmächtige, ewige Liebe. Ach, Legree! versuche jetzt alle Deine
-Kräfte! Völlige Seelenangst, Wehe, Erniedrigung, Mangel und Verlust von
-Allem werden nur den Proceß beschleunigen, der ihn zum König und
-Priester Gottes weiht!
-
-Von dieser Zeit an umgab ein unverletzbarer Kreis des Friedens das
-demüthige Herz des Bedrückten -- ein immer gegenwärtiger Erlöser weihte
-es zu einem Tempel. Vorüber ist nun das Bluten irdischen Schmerzes,
-vorüber seine schwankende Hoffnung und Furcht, sein schwankendes
-Verlangen -- der menschliche Wille gebeugt und blutend, und lange
-ringend, war nun ganz in dem göttlichen aufgegangen. So kurz schien
-jetzt die übrige Lebensreise -- so nahe, so lebendig der ewige Segen --
-daß des Lebens äußerstes Weh harmlos an ihm vorüberging.
-
-Alle bemerkten die Veränderung in seiner Erscheinung. Heiterkeit und
-Freudigkeit schien in ihn zurückzukehren, und eine Ruhe, welche keine
-Kränkung oder Beleidigung stören konnte, schien ihn zu beherrschen.
-
-»Was der Teufel ist in den Tom gefahren?« sagte Legree zu Sambo. »Vor
-einiger Zeit war er ganz wie stumm, und jetzt ist er vergnügt wie ein
-Heimchen.«
-
-»Weiß nicht, Master, will vielleicht fortlaufen.«
-
-»Möchte ihn das versuchen sehen,« sagte Legree mit wildem Grinsen;
-»nicht wahr, Sambo?«
-
-»Ja, ich glaube! Ha! ha!« sagte der schwarze Gnom, indem er
-dienstpflichtig lachte. »O Herr, der Spaß! Ihn im Schlamme stecken,
-durch die Büsche jagen und reißen zu sehen, die Hunde an den Fersen!
-Herr, ich lachte, daß ich dachte, ich sollte platzen, damals, als wir
-Molly fingen. Ich dachte, sie hätten ihr alles Zeug vom Leibe gerissen,
-ehe ich sie von ihr kriegen konnte. Sie hat noch immer die Male von dem
-Spasse.«
-
-»Ich glaube, sie wird sie mit ins Grab nehmen,« sagte Legree. »Aber
-jetzt, Sambo, pass' auf! Wenn der Neger dergleichen im Schilde hat,
-stelle ihm ein Bein.«
-
-»Herr, laßt mich dafür sorgen!« sagte Sambo. »Ich will den Affen
-fangen.«
-
-Das wurde gesprochen, als Legree auf sein Pferd stieg, um zur
-benachbarten Stadt zu reiten. Als er jenen Abend zurückkehrte, fiel es
-ihm ein, sein Pferd umzudrehen und um die Hütten zu reiten und zu
-sehen, ob Alles in Ordnung sei.
-
-Es war eine prächtige Mondnacht; die Schatten der schönen
-Pomeranzenbäume lagen scharf gezeichnet auf den Rasen, und es herrschte
-jene durchsichtige Stille in der Luft, deren Störung unheilig erscheint.
-Als Legree in geringer Entfernung von den Hütten war, hörte er eine
-Stimme singen. Es war kein gewöhnlicher Gesang, und er hielt deshalb an,
-um zu horchen. Eine klangvolle Tenorstimme sang:
-
- »Wenn ich mein Recht klar lesen kann
- Auf himmlischen Besitz,
- So kommt mich keine Furcht mehr an,
- Und scheu' ich nicht der Hölle Blitz.«
-
- »Und ringt mit Erdenlust mein Geist
- Und fliegt der Hölle Pfeil,
- Mein Heiland, Satan von mir weist,
- Und schützt mein Seelenheil.«
-
- »Kömmt Sorge wie 'ne Sündfluth an,
- Und Unglücksstürme wehn,
- Komm ich doch nicht von meiner Bahn,
- Die kann ich deutlich sehn.«
-
-»So! ha!« sagte Legree bei sich, »denkt er das wirklich? Wie ich diese
-verfluchten Methodistenlieder hasse! Her! Nigger!« sagte er, indem er
-plötzlich auf Tom zukam und seine Reitpeitsche in die Höhe hob, »wie
-kannst Du Dich unterstehen, diesen Lärm hier zu machen, wenn Du zu Bette
-sein mußt? Halt Deinen alten schwarzen Rachen und packe Dich fort!«
-
-»Ja, Master,« sagte Tom mit bereitwilliger Freundlichkeit, als er sich
-erhob, um heimzugehen.
-
-Legree war auf's Aeußerste gereizt durch Toms sichtliche Glückseligkeit;
-er ritt an ihn heran und bearbeitete ihn mit Schlägen über Kopf und
-Schultern.
-
-»Da, Hund,« sagte er, »sieh zu, ob Dir danach noch immer so wohl ist!«
-
-Aber die Schläge fielen jetzt nur auf den äußern Menschen und nicht, wie
-zuvor, auf das Herz. Tom stand völlig unterwürfig da; und doch konnte
-sich Legree nicht verhehlen, daß seine Macht über seinen Leibeigenen
-aufgehört hatte. Als Tom in seiner Hütte verschwand, und er sein Pferd
-herumwarf, durchzuckte sein Herz plötzlich einer jener lebendigen
-Blitze, welche oft das Licht des Gewissens durch die dunkle, ruchlose
-Seele senden. Er fühlte deutlich, daß es Gott sei, der zwischen ihm und
-seinem Opfer stand, und er lästerte ihn. Jener unterwürfige und stille
-Mensch, den weder Hohn, noch Drohungen, weder Streiche, noch
-Grausamkeiten stören konnten in der Ruhe des Gemüthes, erweckte eine
-Stimme in ihm, wie sie vor Alters sein Herr erweckte in der besessenen
-Seele, die da sagte: »Ach Jesu, Du Sohn Gottes, was haben wir mit Dir zu
-thun? Bist Du gekommen, uns zu quälen, ehe denn es Zeit ist?«
-
-Toms ganzes Herz floß über von Mitleid und Theilnahme für die armen
-Elenden, von welchen er umringt war. Ihm schien es, als wenn sein
-Lebenskummer noch nicht vorüber sei, und als wenn er aus jenem seltsamen
-Schatze von Frieden und Freude, mit dem er von Oben begnadigt worden
-war, etwas zur Erleichterung ihres Elends ausgießen müsse. Die
-Gelegenheit war freilich selten; aber auf dem Wege in die Felder und
-wieder zurück, und während den Arbeitsstunden bot sich ihm die
-Gelegenheit dar, den Müden, Verzagten und Kleinmüthigen eine hülfreiche
-Hand zu reichen. Die armen, ausgemergelten entmenschten Geschöpfe
-konnten das anfangs kaum begreifen; als es aber wöchentlich und
-monatlich fortgesetzt wurde, begann es endlich, Saiten, die lange
-geschwiegen, in ihren erstarrten Herzen anzuschlagen. Allmählig und
-unmerkbar begann der seltsame, stille, geduldige Mensch, der immer
-bereit war, Jedermanns Bürde zu tragen, und von Niemanden Hülfe
-verlangte -- der Allen den Platz räumte, und zuletzt kam und zuletzt
-nahm, jedoch der Erste war, das Wenige, was er hatte, mit Jedem zu
-theilen, der es bedurfte -- der Mensch, welcher in kalten Nächten seine
-zerrissene Decke willig zur Bequemlichkeit einer Frau hergab, die an
-Frost oder Krankheit litt; welcher im Felde die Körbe der Schwächern
-füllte, in der furchtbaren Gefahr, in seinem eigenen Maße zu kurz zu
-kommen -- und welcher, obgleich mit unablässiger Grausamkeit von ihrem
-gemeinschaftlichen Tyrannen verfolgt, nie mit einem Worte in die
-Schmähungen und Flüche einstimmte, welche man über jenen ausstieß --
-dieser Mensch begann zuletzt eine seltene Gewalt über seine Umgebung zu
-erlangen; und als die drängende Erntezeit vorüber war, und sie den
-Sonntag wieder zu ihrer eigenen Benutzung frei hatten, sammelten sich
-Manche um ihn, um von ihm über Jesus zu hören. Sie hätten sich gern
-irgendwo versammelt, um zu hören, zu beten und zu singen, aber Legree
-wollte das nicht erlauben und störte solche Versuche öfters mit Fluchen
-und rohen Verwünschungen, so daß die gesegneten Worte unter den
-Einzelnen von Munde zu Munde gehen mußten. Wer kann jedoch die einfache
-Freude schildern, womit einige dieser armen Verstoßenen, für die das
-Leben eine freudenleere Reise zu einer unbekannten, finstern Zukunft
-war, von einem mitleidigen Erlöser und einer himmlischen Heimath hörten?
-Missionäre versichern, daß keine Menschenrace der Erde das Evangelium
-mit so eifriger Gelehrigkeit empfangen hat, wie die afrikanische. Das
-Princip des zuversichtlichen Vertrauens und zweifellosen Glaubens, der
-seine Grundlage bildet, ist bei diesem Stamme mehr, als bei jedem andern
-natürlich vorhanden; und man hat oft unter ihnen gefunden, daß ein
-zerstreutes Samenkorn der Wahrheit, von einem Lüftchen des Zufalls in
-das unwissendste Herz gelegt, Frucht getragen hat, deren Reichthum das
-mit höherer Bildung begabte beschämt hat.
-
-Die arme Mulattin, deren einfältiger Glaube fast zerdrückt und
-zerschmettert worden war durch die Lawine von Grausamkeit und Unrecht,
-welche sie überschüttet hatte, fühlte ihre Seele gehoben von den
-Gesängen und Stellen der heiligen Schrift, welche dieser demüthige
-Missionar von Zeit zu Zeit in ihr Ohr hauchte, wenn sie zur Arbeit
-gingen oder davon zurückkehrten; und selbst der halb zerrüttete und
-irregehende Geist Cassy's wurde besänftigt und beruhigt durch seinen
-schlichten und ungesuchten Einfluß.
-
-Zu Wahnsinn und Verzweiflung von den zermalmenden Martern ihres Lebens
-getrieben, hatte Cassy oft in ihrer Seele eine Stunde der Vergeltung
-beschlossen, in der ihre Hand an ihrem Unterdrücker alle Ungerechtigkeit
-und Grausamkeit rächen sollte, zu deren Zeugin er sie gemacht oder
-welche ^sie^ in ihrer eigenen Person geduldet hatte.
-
-In einer Nacht, nachdem Alles in Toms Hütte in Schlaf gesunken war,
-wurde derselbe plötzlich erweckt, indem er ihr Gesicht an einer Oeffnung
-zwischen den Balken gewahrte, die als Fenster diente. Sie winkte ihm
-schweigend, herauszukommen.
-
-Tom trat zur Thür hinaus. Es war zwischen ein und zwei Uhr Morgens --
-heller, ruhiger, stiller Mondschein. Als das Mondlicht auf Cassy's
-große, schwarze Augen fiel, gewahrt' er, daß darin ein wilder,
-eigenthümlicher Glanz leuchtete, ungleich ihrer gewöhnlichen, starren
-Verzweiflung.
-
-»Komm her, Vater Tom,« sagte sie, indem sie ihre kleine Hand auf sein
-Handgelenk legte, und ihn mit einer Kraft, als wenn die Hand von Stahl
-wäre, fortzog; »komm her -- ich habe Neuigkeiten für Euch.«
-
-»Was, Misse Cassy?« sagte Tom ängstlich.
-
-»Tom, möchtest Du nicht gern Deine Freiheit haben?«
-
-»Ich werde sie haben, Misse, »zur Zeit Gottes,«« sagte Tom.
-
-»Ja, aber Du kannst sie diese Nacht noch haben,« sagte Cassy mit einem
-Strahl plötzlichen Feuers. »Komme!«
-
-Tom zögerte.
-
-»Komm'!« sagte sie flüsternd, indem sie ihre schwarzen Augen auf ihn
-heftete. »Komm mit mir! Er schläft -- fest. Ich habe genug in seinen
-Brandwein gethan, um ihn so zu erhalten. Ich wollte, ich hätte mehr
-gehabt; dann hätte ich Dich nicht gebraucht. Aber komm, die Hinterthür
-ist unverschlossen; dort ist eine Axt; ich habe sie dahingelegt -- seine
-Stubenthür ist offen, ich will Dir den Weg zeigen. Ich hätte es selbst
-gethan; aber meine Arme sind zu schwach. Komm! komm!«
-
-»Nicht für zehntausend Welten, Misse!« sagte Tom fest, indem er still
-stand und sie zurückhielt, als sie vorwärts drängte.
-
-»Aber denke doch an alle diese armen Geschöpfe,« sagte Cassy. »Wir
-könnten sie alle in Freiheit setzen und irgendwo in die Sümpfe gehen und
-eine Insel finden und für uns leben; ich habe gehört, daß es schon
-geschehen ist. Jedes Leben ist besser als dieß.«
-
-»Nein!« sagte Tom fest. »Nein! Nie entsteht Gutes aus Bösem. Ich wollte
-mir lieber die rechte Hand abhacken!«
-
-»Dann will ^ich^ es thun,« sagte Cassy, indem sie sich umdrehte.
-
-»O, Misse Cassy!« sagte Tom, indem er sich vor sie niederwarf, »um des
-lieben Herrn willen, der für Euch gestorben ist, verkauft nicht so Eure
-kostbare Seele dem Teufel. Nichts als Böses kommt davon. Der Herr hat
-uns nicht zu Zorn berufen. Wir müssen leiden und seine Zeit erwarten.«
-
-»Erwarten!« sagte Cassy. »Habe ich nicht gewartet -- gewartet, bis mein
-Kopf schwindelig und mein Herz krank geworden ist? Was hat er mich
-dulden lassen? Was hat er Hunderte von armen Geschöpfen leiden lassen?
-Preßt er nicht das Lebensblut aus Euch? Ich bin berufen! Man ruft mich!
-Seine Zeit ist gekommen, und ich will sein Herzblut haben!«
-
-»Nein, nein, nein!« sagte Tom, indem er ihre kleinen Hände festhielt,
-die sie mit krampfhafter Gewalt geballt hatte. »Nein, arme, verlorne
-Seele, das dürft Ihr nicht. Der liebe Herr vergoß kein anderes Blut, als
-sein eigenes, und das vergoß er für uns, als wir seine Feinde waren.
-Herr, hilf uns in Deine Fußstapfen zu treten und unsere Feinde zu
-lieben!«
-
-»Lieben!« sagte Cassy mit einem grimmigen Blick, »^solche^ Feinde
-lieben! Fleisch und Blut kann das nicht.«
-
-»Nein, Fräulein,« sagte Tom, indem er aufsah; »aber ^Er^ gibt es uns,
-und das ist der ^Sieg^. Wenn wir lieben und beten können über Alles
-und durch Alles, so ist der Kampf vorüber und der Sieg ist da --
-gepriesen sei Gott!« Und mit strömenden Augen und erstickender Stimme
-schaute der schwarze Mensch zum Himmel auf.
-
-Und dies, Afrika! -- zuletzt berufen unter allen Völkern, berufen zur
-Dornenkrone, zur Geißel, dem blutigen Schweiße, dem Kreuze des
-Todeskampfes -- dies soll ^Dein^ Sieg sein; dadurch sollst Du mit
-Christus herrschen, wenn sein Königreich kommen wird auf Erden.
-
-Die tiefe Gluth von Tom's Gefühlen, seine sanfte Stimme, seine Thränen
-fielen wie Thau auf den wilden, unstäten Geist der unglücklichen Frau.
-Ein sanfter Ausdruck sammelte sich um das düstere Feuer ihres Auges; sie
-blickte nieder, und Tom konnte fühlen, wie die Muskeln ihrer Hand
-nachließen, als sie sagte:
-
-»Habe ich Dir nicht gesagt, daß böse Geister mich verfolgten? O, Vater
-Tom, ich kann nicht beten. Ich wollte, ich könnte. Ich habe nie gebetet,
-seitdem meine Kinder verkauft wurden! Was Du sagst, muß wahr sein --
-ich weiß, es muß; aber wenn ich zu beten versuche, kann ich nur hassen
-und fluchen. Ich kann nicht beten!«
-
-»Arme Seele!« sagte Tom mitleidig. »Satan möchte Euch gerne haben und
-wie Waizen sieben. Ich bete für Euch zum Herrn. O, Miß Cassy, wendet
-Euch zu dem lieben Herrn Jesus. Er ist gekommen, die zerstoßenen Herzens
-sind, zu heilen und die Trauernden zu trösten.«
-
-Cassy stand still, während große, schwere Thränen aus ihren
-niedergeschlagenen Augen tropften.
-
-»Misse Cassy,« sagte Tom mit zögernder Stimme, nachdem er sie einen
-Augenblick stillschweigend mit den Blicken gemessen, »wenn Ihr nur von
-hier fortkommen könntet, wenn es nur möglich wäre -- ich möchte Euch und
-Emmeline rathen, es zu thun, das heißt, wenn ihr ohne Blutschuld gehen
-könntet, nicht anders.«
-
-»Wolltest Du es mit uns versuchen, Vater Tom?«
-
-»Nein,« sagte Tom; »es gab eine Zeit, wo ich gewollt hätte; aber der
-Herr hat mir ein Werk aufgetragen unter diesen armen Seelen, und ich
-will mit ihnen stehen und mein Kreuz mit ihnen tragen bis zum Ende. Es
-ist etwas Anderes mit Euch: für Euch ist es eine Falle -- es ist mehr,
-als Ihr tragen könnt; und Ihr solltet lieber gehen, wenn Ihr könnet.«
-
-»Ich kenne keinen Weg, als durch das Grab,« sagte Cassy. »Es giebt kein
-Thier, keinen Vogel, der nicht irgendwo eine Heimath finden könnte,
-selbst die Schlangen und die Alligators haben ihre Orte, wo sie sich in
-Ruhe niederlegen können; aber wir haben keinen Ort. Unten in den
-dunkelsten Sümpfen werden uns ihre Hunde aufjagen. Alles und Alles ist
-gegen uns, selbst die Thiere nehmen Partei gegen uns, -- und wohin
-sollen wir uns wenden?«
-
-Tom stand stille; endlich sagte er:
-
-»Er, der Daniel in der Löwengrube errettete -- der die Kinder im
-feurigen Ofen bewahrte -- der auf der See wandelte und dem Winde Stille
-gebot -- er lebt noch; und ich habe den Glauben an ihn, daß er Euch
-befreien kann. Versucht es, und ich will mit aller Kraft für Euch
-beten.«
-
-Nach welchem Gesetz des Geistes geschieht es, daß eine Idee, die lange
-unbeachtet gewesen ist, und wie ein unnützer Stein mit Füßen getreten
-worden ist, plötzlich in neuem Lichte aufflammt, wie ein neu entdeckter
-Edelstein!
-
-Cassy hatte oft stundenlang alle möglichen und wahrscheinlichen
-Fluchtpläne überlegt und alle als hoffnungslos und unausführbar bei
-Seite gelegt; aber in diesem Augenblick flog ein Plan durch ihre Seele,
-so einfach und leicht ausführbar in allen seinen Einzelnheiten, um
-augenblickliche neue Hoffnung zu erwecken.
-
-»Vater Tom, ich will es versuchen!« sagte sie plötzlich.
-
-»Amen!« sagte Tom. »Der Herr helfe Euch!«
-
-
-
-
-Neununddreißigstes Kapitel.
-
-Der Kunstgriff.
-
- Der Gottlosen Weg ist dunkel, und sie wissen
- nicht, wo sie fallen werden.
-
-
-Der Boden des Hauses, welches Legree bewohnte, war, wie die meisten
-anderen Böden, ein großer, öder Platz, staubig, mit Spinneweben behangen
-und mit verbrauchtem Gerölle überstreut. Die reiche Familie, welche das
-Haus in den Tagen seines Glanzes bewohnte, hatte viel glänzendes
-Hausgeräth hineingebracht, wovon sie einen Theil mit sich weggenommen
-hatte, während ein anderer verlassen in modernden, unbewohnten Zimmern
-stehen geblieben, oder an diesen Ort aufgehäuft worden war. Ein oder
-zwei sehr große Kisten, in denen dies Geräth gebracht worden war,
-standen an den Seiten des Bodens. Es befand sich dort ein kleines
-Fenster, welches durch seine schmutzigen, staubigen Scheiben ein
-dürftiges, ungewisses Licht auf die hohen Stühle und staubigen Tische
-fallen ließ, die einst bessere Tage gesehn hatten. Im Ganzen war es ein
-gespenstiger, unheimlicher Ort; aber so geisterhaft er war, fehlte es
-ihm doch nicht an Sagen unter den abergläubischen Negern, seine
-Schrecknisse zu erhöhen. Wenige Jahre vorher, war eine Negerin, welche
-Legrees Mißvergnügen erregt hatte, mehrere Wochen lang dort
-eingeschlossen worden. Wir sagen nicht, was dort geschah; die Neger
-pflegten es sich einander zuzuflüstern; aber es war bekannt, daß der
-Leichnam des unglücklichen Geschöpfes eines Tages von dort
-heruntergebracht und beerdigt wurde; und darauf hieß es, daß
-Verwünschungen und Flüche und der Schall heftiger Schläge, vermischt mit
-Klagen und Stöhnen der Verzweiflung durch die alte Bodenkammer zu
-schallen pflegten. Als einst Legree zufällig etwas der Art hörte,
-gerieth er in heftige Leidenschaft, und schwor, daß der Nächste, welcher
-Geschichten von dieser Bodenkammer erzähle, Gelegenheit haben solle, zu
-erfahren, was darin vorgänge, denn er wolle ihn eine Woche lang dort in
-Ketten legen. Dieser Wink reichte hin, um alles weitere Gespräch darüber
-zu unterdrücken, obgleich er natürlich den Glauben an die Wahrheit der
-Geschichte nicht verminderte.
-
-Allmählig wurde die Treppe, welche zu der Oberstube führte, und selbst
-der Gang zu jener Treppe, von jedermann im Hause gemieden, da jeder
-davon zu sprechen fürchtete, und die Sage kam allmälig in Vergessenheit.
-Plötzlich war es Cassy eingefallen, von der abergläubischen
-Erregbarkeit, welche bei Legree so stark war, zum Zwecke ihrer Befreiung
-und der ihrer Mitdulder Gebrauch zu machen.
-
-Cassy's Schlafzimmer war gerade unter dem Boden. Eines Tages begann sie
-plötzlich, ohne Legree dabei zu Rathe zu ziehen, mit bedeutendem
-Aufsehen alles Geräth und Zubehör ihres Zimmers nach einem andern in
-beträchtlicher Entfernung davon schaffen zu lassen. Die Unterbedienten,
-welche Auftrag erhalten hatten, diesen Umzug zu bewerkstelligen, rannten
-und lärmten umher mit großem Eifer und viel Verwirrung, als Legree
-gerade von einem Ritte zurückkam.
-
-»Hallo! Cass'!« sagte Legree, »was ist hier im Werke?«
-
-»Nichts; ich bin nur gesonnen, ein anderes Zimmer zu haben,« sagte Cassy
-mürrisch.
-
-»Und warum denn das?« sagte Legree.
-
-»Weil mir's beliebt,« sagte Cassy.
-
-»Und weßhalb denn, zum Teufel?«
-
-»Ich möchte gern zuweilen ein Bischen Schlaf haben.«
-
-»Schlaf! gut, warum kannst Du denn nicht schlafen?«
-
-»Ich glaube, ich kann es Euch sagen, wenn Ihr es hören wollt,« sagte
-Cassy trocken.
-
-»Heraus damit, Mensch!« sagte Legree.
-
-»O! Nichts. Es wird Euch vermutlich nicht stören. Nichts als Stöhnen und
-Balgen und Umherrollen auf dem Boden die halbe Nacht hindurch, von Zwölf
-bis zum Morgen.«
-
-»Leute auf dem Boden?« sagte Legree mit Unbehagen, sich jedoch zum
-Lachen zwingend. »Wer ist es, Cassy?«
-
-Cassy schlug ihre scharfen, schwarzen Augen auf und sah Legree mit einem
-Ausdrucke in's Gesicht, der ihm durch Mark und Bein ging, als sie sagte:
-»Wahrhaftig, Simon, wer es ist? Ich wollte gern, daß ^Ihr^ es mir
-sagtet. Ihr wißt 's vermuthlich nicht!«
-
-Legree schlug fluchend mit der Reitpeitsche nach ihr, aber sie schlüpfte
-auf die Seite, eilte zur Thüre hinaus und sagte, indem sie
-zurückschaute: »Wenn Ihr in jenem Zimmer schlafen wollt, erfahrt Ihr
-Alles. Vielleicht versucht Ihr 's lieber selbst!« Und dann machte sie
-sogleich die Thür zu und verschloß dieselbe.
-
-Legree tobte und fluchte, und drohte die Thür einzuschlagen, besann sich
-aber sichtlich eines Bessern und ging unruhig in sein Wohnzimmer. Cassy
-bemerkte, daß der Pfeil den rechten Fleck getroffen hatte, und von jener
-Stunde an hörte sie mit der ausgezeichnetsten Geschicklichkeit nie mehr
-auf, die Einwirkungen, welche sie begonnen, fortzusetzen.
-
-In einem Astloche auf dem Boden hatte sie einen alten Flaschenhals so
-angebracht, daß wenn der geringste Wind war, jammervolle und traurige
-Klagetöne daraus hervorgingen, welche bei einem starken Winde zu
-völligen Schreien anwuchsen, so daß es leichtgläubigen und in
-Aberglauben befangenen Ohren leicht scheinen konnte, als wenn sie
-Schreckens- und Verzweiflungs-Laute hörten.
-
-Jene Töne, welche die Dienerschaft von Zeit zu Zeit hörte, erweckten die
-Erinnerung an die alte Gespenstergeschichte in voller Kraft. Eine
-abergläubische Furcht schien das ganze Haus zu beschleichen, und
-obgleich sie Niemand gegen Legree äußern durfte, fand er sich doch davon
-wie von einem Dunstkreise umgeben.
-
-Niemand ist so durchaus abergläubisch, als der Gottlose. Der Christ ist
-gesammelt im Glauben an einen weisen, Alles beherrschenden Vater,
-dessen Gegenwart die unbekannten Räume mit Licht und Ordnung erfüllt;
-aber einem Menschen, welcher Gott verläugnet, ist das Geisterland in der
-That, mit den Worten des hebräischen Dichters zu reden, »ein Land der
-Dunkelheit und der Schatten des Todes,« ohne jede Ordnung und ohne
-Licht. Leben und Tod sind für ihn gespenstige Gebiete, angefüllt mit
-Koboldgestalten und drohenden Schatten.
-
-Bei Legree waren die schlummernden moralischen Elemente durch sein
-Zusammentreffen mit Tom geweckt worden -- geweckt, nur um Widerstand an
-der entschlossenen Kraft des Bösen zu finden; aber dennoch lag eine
-Mahnung an die finstere, innere Welt in jedem Worte, jedem Gebete oder
-Liede, und rief abergläubische Furcht hervor.
-
-Der Einfluß Cassy's auf ihn war eigenthümlicher Art. Sie war sein
-Eigenthum und er ihr Tyrann und Quäler. Sie war, wie sie wußte, ganz und
-ohne jede Möglichkeit von Hülfe oder Rettung in seinen Händen, und doch
-ist es so, daß selbst der roheste Mann nicht in beständigem Verkehr mit
-einem starken, weiblichen Einflusse leben kann, ohne in hohem Grade
-davon beherrscht zu werden. Als er sie kaufte, war sie, wie wir sie
-haben sagen hören, ein wohlerzogenes Frauenzimmer, und er zermalmte sie,
-ohne Gewissensbisse, unter seinen thierischen Füßen. Als aber die Zeit,
-erniedrigende Einflüsse und Verzweiflung das weibliche Gefühl in ihr
-abgestumpft, und die Gluthen wilder Leidenschaften in ihr erwacht waren,
-war sie seine Geliebte geworden und er quälte und fürchtete sie
-wechselsweise.
-
-Dieser Einfluß war plagender und entschiedener geworden, seit
-theilweiser Wahnsinn allen ihren Worten und ihrer ganzen Sprache einen
-fremden, spukhaften und unstäten Anstrich gegeben hatte.
-
-Ein oder zwei Abende später saß Legree in dem alten Wohnzimmer bei einem
-flackernden Holzfeuer, das einen ungewissen Schein im Zimmer umher warf.
-Es war eine stürmische Regennacht, eine solche, die ganze Schaaren
-unbeschreibbarer Töne und Laute in baufälligen alten Häusern erweckt.
-Fenster rasselten, Laden schlugen auf und zu, der Wind lärmte, und fuhr
-den Schornstein herab, und peitschte dann und wann Rauch und Asche
-umher, als wenn eine Legion Geister hinter ihm käme. Legree hatte ein
-Paar Stunden lang Rechnungen geprüft und Zeitungen gelesen, während
-Cassy in der Ecke saß und mürrisch in das Feuer sah. Legree legte die
-Papiere hin und da er ein altes Buch auf dem Tische liegen sah, welches
-er Cassy im ersten Theile des Abends hatte lesen sehen, nahm er es auf
-und begann darin zu blättern. Es war eine jener Sammlungen von
-Geschichten blutiger Morde, Gespenstern und übernatürlichen
-Erscheinungen, welche in ihrem rohen Gewande und mit Kupfern verziert,
-einen eigenthümlichen Reiz für den haben, der sie einmal zu lesen
-anfängt.
-
-Legree sagte wiederholt: Pah! und Pfui! las aber zu, indem er Blatt auf
-Blatt umkehrte, bis er endlich, nachdem er eine gute Strecke
-hineingelesen, das Buch mit einem Fluche wegwarf.
-
-»Du glaubst nicht an Geister, Cassy, nicht wahr?« sagte er, indem er die
-Zange nahm und das Feuer schürte. »Ich dachte, Du hättest mehr Verstand,
-als Dich von solchem Lärm in Furcht jagen zu lassen.«
-
-»Es kommt nichts darauf an, was ich glaube,« sagte Cassy mürrisch.
-
-»Auf der See pflegten die Kerle zu versuchen, mir mit ihren Geschichten
-bange zu machen,« sagte Legree. »Mich übertölpelt Keiner auf die Art.
-Ich bin zu fest für dergleichen Plunder, das kann ich Dir sagen.«
-
-Cassy saß im Schatten der Ecke und schaute ihn mit durchdringenden
-Blicken an. Es war jenes seltsame Licht in ihren Augen, das auf Legree
-immer einen unheimlichen Eindruck machte.
-
-»Der Lärm war nichts als Ratten und Wind,« sagte Legree. »Ratten machen
-einen Teufelslärm. Ich habe sie zuweilen unten im Schiffsraume gehört;
-und Wind -- um Gottes Willen! man kann Alles aus Wind machen.«
-
-Cassy wußte, daß es Legree unter ihrem Blicke nicht wohl war, und sie
-antwortete deßhalb nicht, sondern fuhr fort, den Blick auf ihn zu heften
-mit demselben seltsamen, unheimlichen Ausdruck wie vorher.
-
-»Sprich doch, Weib -- nicht wahr?« sagte Legree.
-
-»Können Ratten die Treppe heruntergehen, durch die Halle kommen und die
-Thür aufmachen, wenn man sie zugeschlossen und einen Stuhl davor gesetzt
-hat?« sagte Cassy; »und gerade auf das Bett kommen, und ihre Hand
-ausstrecken, so?«
-
-Cassy heftete ihr blitzendes Auge auf Legree, als sie so sprach, und er
-starrte sie an, wie ein Mensch unter Alpdrücken, bis er, als sie damit
-endete, daß sie ihre eiskalte Hand auf die seine legte, mit einem Fluche
-zurücksprang.
-
-»Weib! Was willst Du? Es war Niemand!«
-
-»O, nein -- natürlich -- sagte ich, es war Jemand?« sagte Cassy mit
-einem Lächeln kalten Hohnes.
-
-»Aber -- hast Du wirklich gesehen? Komm', Cass', was ist es? Sprich!«
-
-»Ihr könnt selbst da schlafen,« sagte Cassy, »wenn Ihr es wollt.«
-
-»Kam es vom Boden herunter, Cassy?«
-
-»Es -- was?« sagte Cassy.
-
-»Nun, wovon Du sprachst.«
-
-»Ich habe Euch Nichts gesagt,« sagte Cassy mit finsterem Tone.
-
-Legree schritt unruhig im Zimmer auf und ab.
-
-»Ich will das heraushaben. Ich will diesen Abend noch untersuchen. Ich
-nehme meine Pistolen --«
-
-»Das thut,« sagte Cassy; »schlaft in dem Zimmer. Ich wollte, Ihr thätet
-es. Schießt mit den Pistolen -- thut's!«
-
-Legree stampfte mit dem Fuße und fluchte gewaltig.
-
-»Flucht nicht,« sagte Cassy; »Niemand weiß, wer Euch hören kann. Horcht!
-Was war das?«
-
-»Was?« sagte Legree zurückfahrend.
-
-Eine schwerfällige, alte, holländische Uhr, welche in einem Winkel der
-Stube stand, hob an und schlug langsam Zwölf.
-
-Aus einem oder dem andern Grunde sprach Legree weder, noch bewegte er
-sich; ein unbestimmtes Grauen befiel ihn; während Cassy, mit einem
-scharfen, spöttischen Glanze im Auge, ihn ansah und die Schläge zählte.
-
-»Zwölf Uhr; gut, ^nun^ wollen wir sehen,« sagte sie, indem sie sich
-umdrehte und die Thür nach dem Gange öffnete, wie um zu lauschen.
-
-»Horcht! Was ist das?« sagte sie, indem sie den Finger aufhob.
-
-»Es ist bloß der Wind,« sagte Legree. »Hörst Du nicht, wie verdammt er
-bläst.«
-
-»Simon, kommt her,« sagte Cassy flüsternd, indem sie ihre Hand auf die
-Seinige legte und ihn an den Fuß der Treppe führte; »wißt Ihr, was das
-ist? Horcht!«
-
-Ein wilder Schrei schallte die Treppe herunter. Er kam aus dem Boden.
-Legree's Beine schlotterten; sein Gesicht wurde weiß vor Furcht.
-
-»Wollt Ihr nicht lieber Eure Pistolen zur Hand nehmen?« sagte Cassy mit
-einem Hohn, der Legree's Blut erstarren ließ. »Jetzt ist's Zeit, es zu
-untersuchen. Ich dächte, Ihr ginget jetzt hinauf; ^jetzt sind sie
-dran!^«
-
-»Ich gehe nicht!« sagte Legree mit einem Fluche.
-
-»Warum nicht? So etwas wie Geister gibt es nicht, wisset Ihr! Vorwärts!«
-und Cassy schlüpfte die Wendeltreppe hinauf, lachend nach ihm
-zurückblickend. »Kommt doch!«
-
-»Ich glaube, Du bist der Teufel!« sagte Legree. »Komm zurück, Hexe --
-komm zurück, Cass'! Du sollst nicht gehen.«
-
-Aber Cassy lachte wild und flog weiter. Er hörte sie die Thür öffnen,
-welche zum Boden führte. Ein heftiger Windstoß fegte herunter und
-löschte das Licht aus, welches er in der Hand hielt, und dabei hörte er
-furchtbares, gräßliches Geschrei, was gerade in sein Ohr hinein zu
-kreischen schien.
-
-Legree floh außer sich in das Wohnzimmer, wohin ihm in Kurzem Cassy
-folgte, blaß, ruhig, kalt wie ein Rachegeist und mit demselben
-furchtbaren Feuer im Auge.
-
-»Ihr seid hoffentlich befriedigt,« sagte sie.
-
-»Hol' Dich der Teufel, Cass'!« sagte Legree.
-
-»Warum?« sagte Cassy. »Ich ging bloß hinauf und schloß die Thür zu. Was
-denkt Ihr, ^daß das zu bedeuten hat auf der Bodenkammer^, Simon?«
-sagte sie.
-
-»Das geht Euch nichts an!« sagte Legree.
-
-»Nicht? Nun,« sagte Cassy, »ich bin jedenfalls froh, daß ich nicht
-darunter schlafe.«
-
-Cassy, die vorhergesehen hatte, daß sich diesen Abend ein Sturm erheben
-werde, war oben gewesen und hatte das Bodenfenster geöffnet. Natürlich
-hatte im Augenblick, als die Thür aufgemacht wurde, der Wind nach unten
-hin Zug verursacht und das Licht ausgelöscht.
-
-Dies kann als Probe des Spiels dienen, welches Cassy mit Legree trieb,
-bis er eher seinen Kopf in des Löwen Rachen gesteckt, als die
-Bodenkammer untersucht hätte.
-
-Inzwischen hatte Cassy bei Nacht, wenn Alles schlief, langsam und
-sorgfältig daselbst eine Niederlage von Lebensmitteln angelegt, die
-hinreichend war, um eine Zeit lang Nahrung zu gewähren, und sie brachte
-einen großen Theil ihrer und Emmelinens Kleidung stückweise dahin. Als
-Alles angeordnet war, wartete sie nur auf eine passende Gelegenheit,
-ihren Plan in Ausführung zu bringen.
-
-Indem Cassy Legree schmeichelte und einzelne gutmüthige Momente
-benutzte, hatte sie denselben bewogen, sie mit sich zur benachbarten
-Stadt zu nehmen, welche dicht am »Red River« lag. Mit einem zu fast
-übernatürlicher Helle geschärften Gedächtnisse merkte sie jede Wendung
-des Weges und berechnete im Geiste die Zeit, welche erforderlich sei,
-denselben zurückzulegen.
-
-Da jetzt Alles zum Handeln reif ist, so schauen unsere Leser vielleicht
-gern hinter den Vorhang, um den endlichen _coup d'état_ selbst mit
-anzusehen.
-
-Es war gegen Abend. Legree war auf ein benachbartes Gut geritten.
-Mehrere Tage war Cassy ungewöhnlich gnädiger und gefälliger Laune
-gewesen; und Legree war scheinbar auf dem besten Fuße mit ihr. Jetzt
-sehen wir sie und Emmeline in dem Zimmer der Letzteren emsig
-beschäftigt, zwei Bündelchen zu schnüren.
-
-»Da, die werden groß genug sein,« sagte Cassy. »Nun setz Deinen Hut auf
-und laß uns fort: 's ist gerade die rechte Zeit.«
-
-»Aber, sie können uns noch sehen,« sagte Emmeline.
-
-»Das sollen sie gerade,« sagte Cassy kaltblütig. »Weißt Du nicht, daß
-sie auf jeden Fall Jagd auf uns machen müssen? Die Sache muß
-folgendermaßen gehen. Wir stehlen uns aus der Hinterthür und laufen nach
-den Hütten hinunter. Sambo und Quimbo sehen uns gewiß. Sie machen Jagd
-und wir machen uns in die Sümpfe; dann können sie uns nicht weiter
-folgen, bis sie hinaufgehen und Lärm machen, und die Hunde loslassen und
-so weiter; und während sie umherstolpern und über einander fallen, wie
-sie es immer machen, schleichen wir den Bach entlang, der hinter dem
-Hause fließt, und waten darin fort, bis wir an die Hinterthür kommen.
-Die Hunde verlieren dadurch die Spur, denn das Wasser hält keine
-Witterung. Alle werden zum Hause hinaus laufen, um nach uns zu sehen,
-und dann schlüpfen wir zur Hinterthür hinein und hinauf in die
-Bodenkammer, wo ich ein hübsches Bett in einer von den großen Kisten
-zurecht gemacht habe. Wir müssen dort eine gute Weile bleiben; denn ich
-sage Dir, er wird Himmel und Erde nach uns aufbieten. Er wird einige
-alte Aufseher an den andern Pflanzungen zusammenbringen und eine große
-Hetze halten; und sie werden jedes Fleckchen in dem Sumpfe durchsuchen.
-Er setzt seinen Stolz darein, daß ihm nie Einer hat entkommen können. So
-laß ihn denn nach Belieben jagen.«
-
-»Cassy, wie gut Ihr das angelegt habt!« sagte Emmeline. »Niemand als Ihr
-hätte das ausgedacht!«
-
-Es lag weder Vergnügen, noch Frohlocken in Cassy's Augen -- nur eine
-verzweifelte Festigkeit.
-
-»Komm',« sagte sie, Emmeline die Hand gebend.
-
-Die beiden Flüchtlinge schlichen geräuschlos aus dem Hause, und eilten
-durch die zunehmenden Schatten des Abends an den Hütten entlang. Der
-Mond, der wie eine silberne Sichel am westlichen Himmel stand, verschob
-ein wenig das Herannahen der Nacht. Wie Cassy erwartet hatte, hörten
-sie, als sie den Sümpfen ganz nahe waren, welche die Pflanzung
-einschlossen, eine Stimme ihnen Halt! zurufen. Es war indeß nicht Sambo,
-sondern Legree, der sie mit heftigen Verwünschungen verfolgte. Bei dem
-Tone brach der schwächere Geist Emmelinens zusammen: und indem sie sich
-an Cassy's Arm hielt, sagte sie: »O, Cassy, ich werde ohnmächtig!«
-
-»Geschieht das, so tödte ich Dich!« sagte Cassy, indem sie einen kleinen
-schimmernden Dolch zog, und vor den Augen des Mädchens blitzen ließ.
-
-Die Drohung entsprach dem Zwecke. Emmeline wurde nicht ohnmächtig, und
-es gelang ihr, sich mit Cassy in einen Theil des Sumpflabyrinths zu
-stürzen, welches so tief und dunkel war, daß Legree an ein Verfolgen
-derselben ohne Hülfe nicht denken konnte.
-
-»Gut,« sagte er, indem er ein viehisches Gelächter aufschlug, »nun sind
-sie in der Falle -- das Pack. Sie sind jetzt sicher genug; sollen mir
-dafür schwitzen.«
-
-»Holla, da! Sambo! Quimbo! Kommt Alle her!« rief er, die Quartiere
-erreichend, als die Leute gerade von der Arbeit kamen. »Da sind zwei
-Ausreißer in den Sümpfen. Ich gebe dem Nigger, der sie fängt, fünf
-Dollar. Laßt die Hunde los. Laßt Tiger, Furie und alle andern los!«
-
-Diese Nachricht brachte sogleich große Aufregung hervor. Viele sprangen
-eifrig herbei, um ihre Dienste anzubieten, entweder in der Hoffnung
-einer Belohnung oder aus jener kriechenden Bereitwilligkeit, welche eine
-der kläglichsten Wirkungen der Sklaverei ist. Einige rannten dahin,
-Andere dorthin. Einige suchten nach Kienfackeln; Andere ließen die Hunde
-los, deren heiseres, wildes Gebell nicht wenig zur Belebung der Scene
-beitrug.
-
-»Herr, sollen wir auf sie schießen, wenn wir sie nicht fangen können?«
-sagte Sambo, dem sein Herr eine Büchse gebracht hatte.
-
-»Du kannst auf Cassy feuern, wenn Du willst; es ist Zeit, daß sie zum
-Teufel geht, wohin sie gehört; aber nicht auf die Dirne,« sagte Legree.
-»Und nun, Jungen, seid hurtig und flink. Fünf Dollar für den, der sie
-fängt, und ein Glas Brandwein Jedem von Euch!«
-
-Die ganze Bande begab sich nun, unter leuchtendem Fackelschein, mit
-Geschrei und Gebrüll, und wildem Getöse von Menschen und Thieren, hinab
-zum Sumpfe, während in einiger Entfernung alle übrigen Sklaven folgten.
-Das ganze Haus war folglich verlassen, als Cassy und Emmeline auf dem
-hintern Wege wieder hineinschlüpften. Das Schreien und Rufen ihrer
-Verfolger erfüllte noch die Luft: und Cassy und Emmeline konnten von den
-Fenstern des Wohnzimmers aus den Trupp sehen, wie er sich mit den
-Fackeln am Sumpfe vertheilte.
-
-»Sieh da!« sagte Emmeline, indem sie Cassy drauf aufmerksam machte: »die
-Jagd hat angefangen! Sieh, wie diese Lichter umhertanzen! Horch! die
-Hunde! Hörst Du nicht? Wären wir dort, so wäre unser Spiel keinen
-Picayune werth. O, um Gottes Willen, wir wollen uns verstecken.
-Schnell!«
-
-»Es hat keine Eile,« sagte Cassy kalt, »Alles ist auf der Jagd -- das
-ist das Abendvergnügen! Wir gehen bald hinauf. Indessen,« sagte sie,
-indem sie bedächtig einen Schlüssel aus der Tasche eines Rockes nahm,
-den Legree in der Eile abgeworfen hatte, »inzwischen will ich etwas
-nehmen, um die Reisekosten zu decken.«
-
-Sie schloß das Pult auf und nahm eine Rolle Anweisungen heraus, welche
-sie schnell überzählte.
-
-»O, laßt uns das nicht thun!« sagte Emmeline.
-
-»Nicht?« sagte Cassy, »warum nicht? Sollen wir in den Sümpfen
-verhungern, oder das nehmen, was unsere Reise in die freien Staaten
-bezahlen wird. Mit Geld richtet man Alles aus, Mädchen.« Und indem sie
-dies sagte, steckte sie das Geld in den Busen.
-
-»Das ist Stehlen,« flüsterte Emmeline ängstlich.
-
-»Stehlen!« sagte Cassy mit verächtlichem Gelächter. »Wer Leib und Seele
-stiehlt, braucht uns keine guten Lehren zu geben. Jede dieser
-Anweisungen ist gestohlen -- gestohlen von armen, verhungerten, elenden
-Geschöpfen, die zuletzt zu seinem Besten zum Teufel gehen müssen. Laß
-^ihn^ vom Stehlen sprechen! Aber komm', wir können nun ebenso gut auf
-die Bodenkammer gehen; ich habe da einen Vorrath von Lichtern und
-einige Bücher, um uns die Zeit zu vertreiben. Du kannst ganz ruhig
-sein, daß sie ^dahin^ nicht kommen, um uns zu suchen; und wenn sie's
-thun, so will ich ihnen den Geist spielen.«
-
-Als Emmeline die Bodenkammer erreichte, fand sie daselbst eine ungeheure
-Kiste, in der früher irgend ein schweres Möbelstück hierher gebracht
-worden war, auf die Seite gelegt, so daß die Oeffnung gegen die Wand
-oder vielmehr das Dach gekehrt war. Cassy steckte eine kleine Lampe an,
-und beide krochen unter dem Dache herum und ließen sich in der Kiste
-nieder. Es befanden sich darin ein Paar kleine Matratzen und einige
-Kissen, und ein in der Nähe stehender Kasten enthielt einen reichlichen
-Vorrath von Lichtern, Lebensmitteln und allen zu ihrer Reise nöthigen
-Kleidungsstücken, welche Cassy in Bündelchen von erstaunlich kleinem
-Umfange gepackt hatte.
-
-»Da,« sagte Cassy, als sie die Lampe an einen kleinen Haken hing,
-welchen sie zu dem Zwecke in die Seite der Kiste getrieben hatte; »dies
-soll für jetzt unsere Heimath sein. Wie gefällt sie Dir?«
-
-»Seid Ihr gewiß, daß sie nicht kommen und die Dachstube durchsuchen?«
-
-»Ich möchte Simon Legree das thun sehen,« sagte Cassy. »Nein,
-wahrhaftig; er ist zu froh, daß er wegbleiben kann. Was die Dienstboten
-anbetrifft, so würde Jeder von ihnen sich lieber todt schießen lassen,
-als sich hier zeigen.«
-
-Etwas beruhigt ließ sich Emmeline auf ihre Kissen nieder.
-
-»Was wolltet Ihr damit sagen, Cassy, daß Ihr mich umzubringen drohtet?«
-sagte sie arglos.
-
-»Ich wollte Dich verhindern, ohnmächtig zu werden,« sagte Cassy, »und es
-gelang mir. Und jetzt sage ich Dir, Emmeline, Du mußt Dich entschließen,
-^nicht^ ohnmächtig zu werden, komme, was da wolle; das ist ganz und
-gar nicht nöthig. Wenn ich Dich nicht davon abgehalten hätte, so wärst
-Du jetzt schon in den Händen jenes Elenden.«
-
-Emmeline schauderte.
-
-Beide schwiegen. Cassy beschäftigte sich mit einem französischen Buche,
-und Emmeline, von Erschöpfung übermannt, schlummerte ein und schlief
-einige Zeit. Plötzlich wurde durch sie lautes Schreien und Rufen, durch
-Getrampel von Pferden und Bellen von Hunden erweckt, und fuhr mit einem
-leisen Schrei empor.
-
-»Die Jagdpartie kommt nun zurück,« sagte Cassy kalt; »fürchte nichts.
-Schau' durch dieses Astloch. Kannst Du sie nicht Alle unten sehen? Simon
-muß es für diesen Abend aufgeben. Sieh', wie schmutzig sein Pferd ist,
-wie mißmuthig die Hunde aussehen. Ach, mein guter Herr, Ihr müßt die
-Hetze wieder und wieder versuchen -- das Wild ist nicht da.«
-
-»O, sprecht nicht!« sagte Emmeline; »wie, wenn man Euch hörte?«
-
-»Wenn sie irgend etwas hören sollten, so würden sie sich nur um so mehr
-vorsehen, von hier weg zu bleiben,« sagte Cassy. »Keine Gefahr; wir
-können so viel Lärm machen, als wir wollen, und es wird nur um so mehr
-Wirkung haben.«
-
-Endlich legte sich die Stille der Mitternacht über das Haus, und Legree,
-sein Unglück verfluchend, und schreckliche Rache für den folgenden Tag
-gelobend, ging zu Bette.
-
-
-
-
-Vierzigstes Kapitel.
-
-Der Märtyrer.
-
- Glaub nicht den Guten vom Himmel vergessen,
- Wenn auch das Leben ihm Alles verweigert, --
- Wenn mit gebrochenem, blutenden Herzen,
- Unter Hohn und Verachtung er langsam stirbt;
- Denn Gott hat jeden Kummer verzeichnet,
- Und jede bittre Thräne gezählt;
- Und lange Jahre himmlischen Segens
- Zahlen, was seine Kinder geduldet.
-
-
-Der längste Tag muß sein Ende haben -- auf die früheste Nacht folgt ein
-Morgen. Ein ewiger, unerbittlicher Verlauf von Augenblicken treibt immer
-den Tag des Bösen zur ewigen Nacht, und die Nacht des Gerechten zu einem
-ewigen Tage. Wir sind mit unserem demüthigen Freunde so weit durch das
-Thal der Sklaverei gewandelt; erst durch blumige Gefilde der Ruhe und
-Gemächlichkeit, dann durch die herzzerreißende Trennung von Allem, was
-den Menschen theuer ist. Dann haben wir mit ihm auf einem sonnigen
-Eilande verweilt, wo edle Hände seine Ketten unter Blumen verbargen; und
-zuletzt sind wir ihm dahin gefolgt, wo der letzte Strahl irdischer
-Hoffnung verschwand, und haben gesehn, wie in der Finsterniß irdischer
-Macht die Feste des Ungesehenen mit Sternen eines neuen und
-bedeutungsvollen Glanzes schimmerte.
-
-Der Morgenstern steht nun über den Gipfeln der Berge, und überirdische
-Winde und Lüfte verkünden, daß die Pforten des Tages sich öffnen.
-
-Die Flucht Cassy's und Emmelinen's reizte die vorher schon mürrische
-Stimmung Legree's im höchsten Grade; und, wie zu erwarten war, fiel
-seine Wuth auf das vertheidigungslose Haupt Tom's. Als er seinen Leuten
-hastig die Neuigkeit mittheilte, glänzten Tom's Augen, und er hob seine
-Hände empor. Das entging ihm nicht. Er sah, daß er sich dem Aufgebot der
-Verfolger nicht anschloß, und dachte darauf, ihn dazu zu zwingen; aber
-da er schon von früher her Erfahrungen über seine Unbeugsamkeit hatte,
-wenn ihm befohlen wurde, Theil an einer Grausamkeit zu nehmen, so wollte
-er sich jetzt in seiner Eile nicht dadurch aufhalten lassen, daß er
-einen Streit mit ihm anfing.
-
-Tom blieb also mit einigen Wenigen zurück, die von ihm beten gelernt
-hatten, und flehte mit ihnen für das Entkommen der Flüchtlinge zum
-Himmel.
-
-Als Legree getäuscht und betrogen zurückkehrte, fing der ganze Haß, der
-ihm schon lange gegen seinen Sklaven in der Seele arbeitete, an, eine
-tödtliche und verzweifelte Gestalt anzunehmen. Hatte ihm der Mann nicht
-getrotzt -- hartnäckig, mächtig, unwiderstehlich -- seit dem er ihn
-gekauft hatte! War nicht ein Geist in demselben, der, wenn auch
-schweigend, ihn wie Feuer der Verdammniß brannte!
-
-»Ich ^hasse^ ihn!« sagte Legree in jener Nacht, als er sich in seinem
-Bette aufrichtete; »ich ^hasse^ ihn! Und gehört er nicht mir? Kann ich
-mit ihm nicht machen, was ich will? Es soll mich doch wundern, wer 's
-mir wehren will?« Und Legree ballte die Faust und schüttelte sie, als
-wenn er etwas in der Hand hätte, das er in Stücke brechen wollte.
-
-Aber Tom war doch ein treuer, werthvoller Diener; und obgleich Legree
-ihn deßhalb um so mehr haßte, so war diese Rücksicht doch immer noch
-etwas, das ihn in Schranken hielt.
-
-Er beschloß, am nächsten Morgen noch nichts zu sagen; sondern eine
-Gesellschaft von den benachbarten Pflanzungen mit Hunden und Flinten zu
-versammeln, den Sumpf zu umstellen und die Jagd systematisch zu
-betreiben. Wenn es gelänge, gut; wenn nicht, so wollte er Tom vor sich
-fordern, und ^dann^ -- er knirschte mit den Zähnen und sein Blut
-siedete -- ^dann^ wollte er den Burschen niederbrechen, oder -- und
-seine Seele antwortete auf ein gräßliches innerliches Geflüster.
-
-Man sagt, daß der ^Vortheil^ des Herrn ein hinreichender Schutz für
-den Sklaven sei. In der Wuth des tollen Willens verkauft der Mensch
-wissentlich und mit offnen Augen seine eigne Seele dem Teufel, um zu
-seinem Zwecke zu gelangen; und wird er für seines Nächsten Leib mehr
-Sorge tragen?
-
-»Nun,« sagte Cassy am nächsten Tage, als sie von der Dachkammer aus
-durch das Astloch spähte, »die Jagd wird heute wieder anfangen!«
-
-Drei bis vier Reiter galoppirten auf dem Platze vor dem Hause umher; und
-mehrere Koppeln fremder Hunde sträubten sich gegen die Neger, welche
-dieselben hielten, und bellten sich einander an.
-
-Zwei der Leute waren Aufseher in benachbarten Pflanzungen; die Andern
-gehörten zu Legree's Genossen in der Schenke einer benachbarten Stadt,
-welche der Reiz der Jagd hergezogen hatte. Eine rohere Rotte konnte man
-sich nicht vorstellen. Legree schenkte Brandwein im Ueberflusse unter
-sie wie unter die Neger aus, welche von verschiedenen Pflanzungen zu
-dieser Dienstleistung gestellt worden waren, denn es war Gebrauch, jeden
-derartigen Dienst für die Neger so viel als möglich zu einem Festtage zu
-machen.
-
-Cassy legte das Ohr an das Astloch; und da die Morgenluft gerade auf das
-Haus zu wehte, so konnte sie ziemlich viel von der Unterhaltung hören.
-Ein tiefer Hohn lagerte sich über dem dunkeln, strengen Ernst ihres
-Antlitzes, als sie horchte und hörte, wie sie das Feld vertheilten, die
-verschiednen Vorzüge der Hunde abhandelten, Befehle in Betreff des
-Feuerngebens und der Behandlung einer Jeden im Falle des
-Gefangennehmens.
-
-Cassy zog sich zurück; sie schaute mit gefalteten Händen empor und
-sagte: »O, großer, allmächtiger Gott! Wir sind ^alle^ Sünder; aber was
-haben ^wir^ mehr, als die übrige Welt verbrochen, daß wir so behandelt
-werden?«
-
-Es lag ein furchtbarer Ernst in ihrem Antlitz und ihrer Stimme, als sie
-sprach.
-
-»Wenn es nicht für Dich wäre, Kind,« sagte sie, auf Emmeline blickend,
-»^ginge^ ich zu ihnen hinaus; und würde es dem Dank wissen, der mich
-^niederschöße^; denn was kann mir die Freiheit helfen? Kann sie mir
-meine Kinder wieder geben, oder mich wieder dazu machen, was ich war?«
-
-Emmeline in ihrer kindlichen Einfalt fürchtete sich fast vor der
-finstern Stimmung Cassy's. Sie sah bestürzt aus und gab keine Antwort.
-Sie ergriff blos ihre Hand mit einer sanften, liebkosenden Bewegung.
-
-»Nicht doch!« sagte Cassy, indem sie dieselbe zurückzuziehen versuchte;
-»Du willst mich zwingen, Dich lieb zu haben; aber ich will nichts wieder
-lieben!«
-
-»Arme Cassy!« sagte Emmeline, »hegt nicht solche Gefühle! Wenn Gott uns
-die Freiheit schenkt, schenkt er Euch auch vielleicht Eure Tochter
-wieder. Ich weiß, ich werde meine arme, alte Mutter nicht wieder sehen!
-Ich will Euch lieben, Cassy, gleichviel, ob Ihr mich auch liebt oder
-nicht!«
-
-Der sanfte, kindliche Geist siegte. Cassy setzte sich zu ihr nieder,
-legte den Arm um ihren Nacken, und strich ihr sanft das braune Haar; da
-erstaunte Emmeline über die Schönheit ihrer prachtvollen Augen, die nun
-sanft schimmerten unter Thränen.
-
-»O, Em!« sagte Cassy, »ich habe nach meinen Kindern gehungert und nach
-ihnen gedurstet, und meine Augen sind trübe geworden vom Ausschauen nach
-ihnen! Hier! hier!« sagte sie, an ihre Brust schlagend, »ist Alles
-verödet und leer! Wenn Gott mir meine Kinder wiedergäbe, dann könnte ich
-beten.«
-
-»Ihr müßt auf ihn vertrauen, Cassy,« sagte Emmeline; »er ist unser
-Vater!«
-
-»Sein Zorn lastet auf uns,« sagte Cassy, »er hat sich im Zorn von uns
-gewendet.«
-
-»Nun, Cassy! Er wird noch gütig gegen uns sein! Laßt uns auf ihn
-hoffen,« sagte Emmeline; -- »ich habe immer Hoffnung gehabt.«
-
- * * * * *
-
-Die Jagd währte lange; sie wurde sehr lebhaft und gründlich ausgeführt,
-aber blieb erfolglos, und Cassy schaute mit ernstem, höhnischem
-Frohlocken auf Legree hinab, als er müde und verdrießlich vom Pferde
-stieg.
-
-»Nun, Quimbo,« sagte Legree, als er sich im Wohnzimmer niederstreckte,
-»geh und bring den Tom hier herauf, sogleich! Der alte Schuft steckt
-hinter der ganzen Geschichte; und ich will es aus seinem alten schwarzen
-Fell heraus haben; oder den Grund wissen!«
-
-Sambo und Quimbo, obgleich sie sich einander haßten, stimmten doch
-vollkommen in einem nicht weniger herzlichen Haß gegen Tom überein.
-Legree hatte ihnen gleich Anfangs gesagt, daß er ihn gekauft habe, um
-einen Oberaufseher in seiner Abwesenheit aus ihm zu machen; und dies
-hatte bei ihnen einen Groll erregt, welcher in ihren erniedrigten und
-knechtischen Naturen noch zunahm, als sie sahen, daß er bei ihrem Herrn
-in Mißgunst fiel. Quimbo ging deßhalb bereitwillig fort, um seine
-Befehle in Ausführung zu bringen.
-
-Tom hörte die Botschaft mit ahnendem Herzen; denn er kannte den ganzen
-Plan von dem Entweichen der Flüchtlinge; und den Ort ihres
-gegenwärtigen Verstecks. Er kannte den wilden Charakter des Mannes, mit
-dem er zu thun hatte, und dessen grausame Gewalt. Aber er fühlte sich
-stark in Gott, lieber dem Tode zu begegnen, als die Hülflosen zu
-verrathen.
-
-Er setzte seinen Korb in die Reihe nieder, blickte auf und sagte: »In
-deine Hände befehle ich meinen Geist! Du hast mich erlöset, Gott der
-Wahrheit!« und dann überließ er sich ruhig dem rohen, thierischen Griffe
-womit ihn Quimbo packte.
-
-»Ja, ja!« sagte der Riese, als er ihn entlang schleppte, »wirst 's nun
-kriegen! Will verdammt sein, wenn Master nicht grimmig wild ist! Hilft
-nun kein Wegschleichen mehr! Ich sage Dir, Du wirst 's kriegen, das
-steht fest! Nun sieh zu, was Du für ein Gesicht machen wirst, Masters
-Nigger helfen davon zu laufen! Wirst's sehen, was Du kriegst!«
-
-Keines der wilden Worte erreichte sein Ohr -- eine höhere Stimme sagte
-dann: »Fürchte Dich nicht vor denen, die den Leib tödten, und dann
-nichts mehr thun können!«
-
-Diese Worte durchbebten Mark und Bein des Armen, wie vom Finger Gottes
-berührt; und er fühlte die Kraft von tausend Seelen in einer. Als er
-dahin schritt, schienen die Bäume und Büsche, die Hütten seiner
-Knechtschaft, der ganze Schauplatz seiner Erniedrigung an ihm vorbei zu
-fliegen, wie eine Landschaft an dahineilenden Wagen. Das Herz schlug ihm
--- seine Heimath war ihm vor Augen -- und die Stunde der Erlösung schien
-gekommen.
-
-»Nun, Tom,« sagte Legree, indem er auf ihn los ging, ihn grimmig am
-Rockkragen packend und in rasender Wuth durch die Zähne sprechend,
-»weißt Du, ich bin entschlossen, Du sollst sterben!«
-
-»So scheint es, Master,« sagte Tom ruhig.
-
-»^Ich habe^,« sagte Legree mit grimmiger, furchtbarer Ruhe, »^eben^
--- ^das^ -- ^gethan^, Tom, wenn Du mir nicht sagst, was Du von den
-Mädchen weißt!«
-
-Tom schwieg.
-
-»Hörst Du?« sagte Legree, mit den Füßen stampfend und mit einem Gebrülle
-wie das eines wüthenden Löwen. »Sprich!«
-
-»^Ich kann nichts sagen, Master,^« sagte Tom mit langsamem, festem und
-bedächtigem Tone.
-
-»Wagst Du, mir zu sagen, alter, schwarzer Christ, Du ^weißt^ es
-nicht?« sagte Legree.
-
-Tom antwortete nicht.
-
-»Rede!« donnerte Legree, indem er ihn wüthend schlug. »Weißt Du etwas
-davon?«
-
-»Ich weiß was, Master, kann aber nichts sagen. ^Ich kann sterben!^«
-
-Legree holte tief Athem, nahm, seine Wuth unterdrückend, Tom beim Arme,
-zog dessen Gesicht dicht an das seinige heran, und sagte mit
-schrecklicher Stimme: »Höre, Tom -- Du denkst, weil ich Dich früher
-losgelassen habe, 's ist nicht mein Ernst, was ich sage, aber diesmal
-^bin ich entschlossen^, ich habe die Kosten berechnet. Du hast Dich
-mir immer widersetzt -- jetzt will ich ^Dich unterwerfen oder
-umbringen^! Eins oder 's Andre. Ich will jeden Tropfen Blut in Dir
-zählen und einen nach dem andern abzapfen, bis Du nachgibst!«
-
-Tom sah zu seinem Herrn auf und antwortete: »Herr, wenn Ihr krank wärt
-oder in Noth, oder am Tode, und ich könnte Euch retten, wollte ich Euch
-gern mein Herzblut geben; und wenn es Eure köstliche Seele retten
-könnte, daß Ihr jeden Blutstropfen nähmt, der in diesem armen, alten
-Leibe ist, so wollte ich ihn willig geben, wie der Herr sein Blut für
-mich gab. O, Master, ladet nicht diese große Sünde auf Euch! Es schadet
-Euch mehr als mir! Thut das Schlimmste, was Ihr könnt, meine Noth wird
-bald vorüber sein; aber wenn Ihr nicht bereut, wird Eure ^nie^ enden!«
-
-Gleich einem Accorde himmlischer Musik, nachdem sich der Sturm gelegt
-hat, schuf dieser Ausbruch des Gefühls eine plötzliche Pause. Legree
-stand erstaunt da, und sah Tom an; es herrschte eine so tiefe Stille,
-daß man das Ticken der alten Uhr hören konnte, die mit stiller Berührung
-dem verhärteten Herzen die letzten Augenblicke der Gnade und Prüfung
-zumaß.
-
-Es war nur ein Augenblick. Eine Pause des Zögerns, der
-Unentschlossenheit, des Widerstrebens, und der Geist des Bösen kehrte
-mit siebenfacher Heftigkeit zurück; und Legree, schäumend vor Wuth,
-schmetterte sein Opfer zu Boden.
-
- * * * * *
-
-Scenen von Blut und Grausamkeit sind verletzend für unser Ohr und unser
-Herz. Was der Mensch den Muth hat zu thun, hat er oft nicht den Muth zu
-hören. Was Mitmenschen und Mitchristen leiden müssen, lassen wir uns
-selbst nicht in unsrer geheimsten Kammer erzählen; so sehr zerreißt es
-unser Herz. Und doch, o! mein Vaterland! geschehen diese Dinge unterm
-Schatten deiner Gesetze! O, Christ! Deine Kirche sieht es fast
-schweigend!
-
-Aber vor alten Zeiten war einer, dessen Leiden ein Marterwerkzeug, ein
-Werkzeug der Erniedrigung und Schande in ein Sinnbild des Ruhms und des
-unsterblichen Lebens verwandelte; und wo sein Geist ist, können weder
-erniedrigende Streiche, noch Blut, noch Hohn des Christen letzten Kampf
-anders als glorreich machen.
-
-War er allein in jener langen Nacht, dessen edler, liebevoller Geist in
-jenem alten Schuppen nicht verzagte unter Stößen und viehischen
-Streichen?
-
-Nein! Neben ihm stand ^Einer^, nur von ihm gesehen, »gleich dem Sohne
-Gottes.«
-
-Der Versucher stand auch neben ihm, verblendet durch seinen wüthenden,
-despotischen Willen, jeden Augenblick in ihn dringend, diesem Todeskampf
-durch den Verrath der Unschuldigen zu entgehen. Aber das brave treue
-Herz stand fest auf dem ewigen Felsen. Wie sein Meister wußte er, daß
-wenn er Andre rette, er sich selbst nicht retten könne; auch konnte die
-äußerste Gewaltmaßregel ihm keine anderen Worte abzwingen, als die des
-Gebetes und heiligen Vertrauens.
-
-»Er ist fast hin, Master,« sagte Sambo, wider Willen von der Geduld
-seines Opfers gerührt.
-
-»Ausgezahlt, bis er nachgibt! Gieb 's ihm, gieb 's ihm!« brüllte Legree.
-»Ich will ihm jeden Blutstropfen abzapfen, den er hat, wenn er nicht
-gesteht.«
-
-Tom öffnete die Augen und sah seinen Herrn an. »Ihr armes, elendes
-Geschöpf!« sagte er; »es gibt nichts mehr für Euch zu thun! Ich vergebe
-Euch mit ganzem Herzen!« und er sank vollständig in Ohnmacht.
-
-»Ich glaube meiner Seele, 's ist aus mit ihm,« sagte Legree, indem er
-herzutrat und ihn betrachtete. »Ja, 's ist aus! Nun, so ist ihm doch
-wenigstens der Mund gestopft -- das ist ein Trost!«
-
-Ja, Legree; aber wer wird jene Stimmen in Deiner Seele zum Schweigen
-bringen, -- jener Seele, ohne Reue, ohne Gebet, ohne Hoffnung, in
-welcher das Feuer schon brennt, welches nie gelöscht werden wird.
-
-Tom war jedoch noch nicht ganz dahin. Seine wundervollen Worte und
-frommen Gebete hatten die Herzen der entmenschten Schwarzen getroffen,
-welche die Werkzeuge der an ihm verübten Grausamkeit gewesen waren; und
-den Augenblick, als sich Legree zurückzog, nahmen sie ihn ab und suchten
-ihn in ihrer Unwissenheit zum Leben zurückzurufen -- als wenn das eine
-Wohlthat für ihn gewesen wäre.
-
-»Wir haben wahrhaftig 'was schrecklich Böses gethan!« sagte Sambo; »ich
-hoffe, Master hat dafür Rechenschaft zu geben, -- nicht wir.«
-
-Sie wuschen seine Wunden -- bereiteten ihm ein rohes Bett von
-schadhafter Baumwolle -- und Einer von ihnen schlich nach dem Hause und
-erbat sich einen Schluck Brandwein von Legree, unter dem Vorgeben, daß
-er ermattet sei und ihn für sich brauche. Er brachte denselben zurück
-und flößte ihn Tom in den Mund.
-
-»O, Tom!« sagte Quimbo, »wir haben sehr schlecht gegen Dich gehandelt!«
-
-»Ich vergebe Euch mit ganzem Herzen!« sagte Tom mit schwacher Stimme.
-
-»O, Tom! sag uns, wer ^Jesus^ ist?« sagte Sambo, »-- Jesus, der die
-ganze Nacht bei Dir gestanden hat! Wer ist 's?«
-
-Das Wort erweckte den sinkenden, ohnmächtigen Geist. Ueber seine Lippen
-strömten einige kräftige Sprüche jenes Wunderbaren -- von seinem Leben,
-seinem Tode, seiner ewigen Gegenwart, und seiner Macht zu erlösen.
-
-Sie weinten -- die beiden rohen Menschen.
-
-»Warum habe ich das noch nie gehört?« sagte Sambo; »aber ich glaube! --
-ich kann nicht anders! Herr Jesus, erbarme Dich unser.«
-
-»Arme Geschöpfe!« sagte Tom, »ich will gern Alles getragen haben, wenn
-es Euch nur zu Christus bringt! O Gott! ich bitte Dich, gib mir nur noch
-diese beiden Seelen!«
-
-Das Gebet wurde erhört.
-
-
-
-
-Einundvierzigstes Kapitel.
-
-Der junge Master.
-
-
-Zwei Tage darauf fuhr ein junger Mann in einem leichten Wagen durch die
-Orangen-Allee herauf, warf die Zügel eilig auf die Rücken der Pferde,
-sprang heraus und fragte nach dem Besitzer der Plantage.
-
-Es war Georg Shelby; und um zu zeigen, wie er hierher kam, müssen wir in
-unsrer Geschichte zurück gehen.
-
-Der Brief Opheliens an Mrs. Shelby war durch einen unglücklichen Zufall
-einen oder zwei Monate auf einer entlegenen Post liegen geblieben, ehe
-er seine Bestimmung erreichte; und ehe er ankam, war Tom schon in den
-fernen Sümpfen des Red River verschwunden.
-
-Mrs. Shelby las die Nachricht mit dem tiefsten Kummer; aber irgend ein
-unmittelbares Handeln darauf hin war eine Unmöglichkeit. Sie war damals
-am Krankenlager ihres Gatten beschäftigt, der in der heftigsten
-Phantasie einer Fieberkrisis lag. Der junge Master, Georg Shelby, der
-indessen aus einem Knaben ein großer, junger Mann geworden war, stand
-ihr als beständiger und treuer Gehülfe zur Seite, und war ihre einzige
-Stütze in der Leitung der Angelegenheiten seines Vaters. Miß Ophelie
-hatte die Vorsicht gebraucht, den Namen des Anwalts zu melden, der die
-Geschäfte der St. Clares betrieb; und das Einzige, was in dieser
-Angelegenheit gethan werden konnte, war, schriftlich bei ihm anzufragen.
-Der plötzliche Tod Mr. Shelby's wenige Tage nachher hatte natürlich eine
-Menge dringender Geschäfte zur Folge, die alles Uebrige eine Zeit lang
-in den Hintergrund drängten.
-
-Mr. Shelby hatte sein Vertrauen in die Geschicklichkeit seiner Gattin
-dadurch an den Tag gelegt, daß er sie zur alleinigen Vollstreckerin des
-letzten Willens ernannte; und so hatte sie augenblicklich eine Masse der
-verwickeltesten Geschäfte zu ordnen.
-
-Mrs. Shelby unternahm mit der ihr eignen Entschlossenheit das Geschäft,
-das verwickelte Netz dieser Angelegenheiten zu entwirren, und sie und
-Georg waren eine Zeit lang mit dem Sammeln und Prüfen von Rechnungen,
-dem Verkaufe von Vermögensstücken und der Berichtigung von Schulden
-beschäftigt; denn Mrs. Shelby war entschlossen, daß Alles in eine klare
-und übersichtliche Gestalt gebracht werden solle, möchten die Folgen
-sein, welche sie wollten. Inzwischen empfingen sie ein Schreiben von dem
-Anwalt, an welchen sie Ophelie gewiesen hatte, des Inhalts, daß ihm
-nichts von der Angelegenheit bekannt sei; daß der Mann in öffentlicher
-Versteigerung verkauft worden, und er daher von der Sache nur so viel
-wisse, daß das Kaufgeld für denselben an ihn berichtigt worden sei.
-
-Weder Georg noch Mrs. Shelby konnten sich bei diesem Erfolge beruhigen,
-und demgemäß beschloß der Letztere nach sechs Monaten, als er für seine
-Mutter den Fluß hinab Geschäfte zu besorgen hatte, New-Orleans in Person
-zu besuchen und die Nachforschungen weiter zu betreiben, in der
-Hoffnung, Tom's Aufenthalt zu entdecken und ihn auszulösen.
-
-Nach einigen Monaten erfolglosen Nachsuchens traf Georg durch bloßen
-Zufall in New-Orleans Jemanden, der zufällig die gewünschte Auskunft
-geben konnte, und unser Held ging sofort mit dem Gelde in der Tasche auf
-einem Dampfschiffe nach Red River ab, entschlossen, seinen alten Freund
-aufzusuchen und wieder zu kaufen.
-
-Er wurde in das Haus geführt, wo er Legree im Wohnzimmer fand.
-
-Legree empfing den Fremden mit einer Art von mürrischer
-Gastfreundlichkeit.
-
-»Ich höre,« sagte der junge Mann, »daß Ihr in New-Orleans einen
-Burschen, Namens Tom, gekauft habt. Er war früher bei meinem Vater, und
-ich bin gekommen, um zu sehen, ob ich ihn wieder kaufen könnte.«
-
-Legree's Stirn verdunkelte sich, und er brach heftig in die Worte aus:
-»Ja, ich habe so einen Kerl gekauft, und habe dabei einen höllischen
-Handel gemacht! Der aufrührerischste, frechste, unverschämteste Hund!
-Hetzt meine Nigger auf, davon zu laufen, brachte zwei Mädchen weg, das
-Stück acht hundert oder tausend Dollar werth. Er hat es eingestanden,
-und als ich ihm befahl, zu sagen, wo sie wären, fuhr er auf und sagte,
-er wisse es, wolle es aber nicht sagen, und blieb dabei, obgleich ich
-ihm die höllischsten Hiebe geben ließ, die je ein Nigger bekommen hat.
-Ich glaube, er wird wohl drauf gehn, weiß aber nicht, ob er schon damit
-fertig ist.«
-
-»Wo ist er?« sagte Georg heftig. »Zeigt mir ihn!« Die Wangen des
-Jünglings glühten und seine Augen sprühten Feuer; aber er beschloß,
-nichts weiter zu sagen.
-
-»Er ist in jenem Schuppen,« sagte ein kleiner Bursche, der Georg's Pferd
-hielt.
-
-Legree gab dem Knaben einen Fußtritt und stieß Flüche gegen ihn aus;
-Georg aber drehte sich, ohne ein Wort weiter zu sagen, um, und schritt
-auf den Ort zu.
-
-Tom hatte zwei Tage seit dem verhängnißvollen Abend da gelegen; nicht
-leidend, denn jeder Nerv des Leidens war abgestumpft und zerstört. Er
-lag meistens in einer ruhigen Betäubung; denn die Natur seines
-gewaltigen und kräftigen Körpers wollte den gefesselten Geist nicht auf
-einmal erlöschen. Es waren heimlich in der Nacht arme, trostlose
-Geschöpfe da gewesen, die sich etwas von ihrer kurzen Ruhe entzogen, um
-ihm einige der Liebesdienste zurückzuzahlen, mit denen er immer so
-freigebig gewesen war. Wahrlich, diese armen Schüler hatten wenig zu
-geben -- nur eine Schale kaltes Wasser; aber es wurde mit vollem Herzen
-gegeben.
-
-Thränen waren auf das ehrliche, empfindungslose Gesicht gefallen --
-Thränen später Reue aus den Augen der armen, unwissenden Heiden, die
-seine sterbende Liebe und Geduld zur Reue erweckt hatte, und bittere
-Gebete waren über ihm zu einem spät gefundenen Heiland gehaucht worden,
-von welchem sie kaum mehr als den Namen kannten, aber den das sehnende,
-unwissende Herz des Menschen nie vergebens anruft.
-
-Cassy, die aus ihrem Versteck geschlichen war und durch Lauschen gehört
-hatte, welches Opfer für sie und Emmeline gebracht war, hatte ihn, der
-Gefahr der Entdeckung trotzbietend, in der vorigen Nacht besucht; und,
-von den wenigen letzten Worten bewegt, welche die liebevolle Seele noch
-Kraft zu hauchen hatte, war der lange Winter der Verzweiflung, das Eis
-von Jahren aufgethaut, und das finstere, verzweifelnde Weib hatte
-geweint und gebetet.
-
-Als Georg in den Schuppen trat, fühlte er seinen Kopf schwer und sein
-Herz krank werden.
-
-»Ist es möglich? -- ist es möglich?« sagte er, indem er zu ihm
-niederkniete. »Onkel Tom, mein armer, armer alter Freund!«
-
-Etwas in der Stimme drang zu dem Ohr des Sterbenden. Er bewegte sanft
-den Kopf, lächelte und sagte:
-
- »Jesus macht ein Sterbebett
- Weich wie Dunen-Kissen sind.«
-
-Aus des Jünglings Augen fielen Thränen, welche seinem männlichen Herzen
-Ehre machten, als er sich über seinen armen Freund beugte.
-
-»O, lieber Onkel Tom! wach auf -- sprich noch einmal! Sieh auf! Hier ist
-der junge Master Georg -- Dein kleiner junger Master Georg. Kennst Du
-mich nicht?«
-
-»Der junge Master Georg!« sagte Tom, indem er die Augen öffnete, und mit
-schwacher Stimme sprach, »der junge Master Georg!« Er blickte ihn
-verwirrt an.
-
-Allmählig schien der Gedanke seine Seele zu erfüllen; das irre Auge
-wurde stätiger und heller, das ganze Antlitz klärte sich auf, die harten
-Hände falteten sich und Thränen rannen seine Wangen hinab.
-
-»Gelobt sei Gott! es ist -- es ist -- es ist Alles, was ich wollte! Sie
-haben mich nicht vergessen. Es wärmt mein Herz; es macht meinem alten
-Herzen Freude! Nun will ich zufrieden sterben! Gepriesen sei Gott, o
-meine Seele!«
-
-»Du sollst nicht sterben! Du ^darfst^ nicht sterben, oder nur daran
-denken! Ich bin gekommen, Dich zu kaufen und nach Hause zu nehmen,«
-sagte Georg mit stürmischer Heftigkeit.
-
-»O, Master Georg, Sie kommen zu spät. Der Herr hat mich gekauft und will
-mich nach Hause nehmen -- und ich sehne mich, mit ihm zu gehen. Der
-Himmel ist besser als Kentucky.«
-
-»O, stirb nicht! Es wird mich tödten! -- es wird mir das Herz brechen,
-wenn ich daran denke, was Du gelitten hast -- und hier in diesem alten
-Schuppen zu liegen! armer, armer Mensch!«
-
-»Sagen Sie nicht, armer Mensch!« sagte Tom feierlich. »Ich ^bin^ ein
-armer Mensch ^gewesen^, aber das ist jetzt vorüber. Ich bin gerade in
-der Pforte, und gehe zum Ruhme ein! O, Master Georg! ^Der Himmel ist
-geöffnet!^ Ich habe den Sieg errungen! -- der Herr Jesus hat mir ihn
-gegeben. Gepriesen sei sein Name!«
-
-Georg war tief ergriffen von der Kraft und dem Feuer, womit diese
-abgebrochenen Sätze ausgestoßen wurden. Schweigend betrachtete er den
-Sterbenden.
-
-Tom ergriff seine Hand und fuhr fort: -- »Sie müssen Chloe nichts davon
-sagen, der armen Seele! wie Sie mich gefunden haben; es wäre so
-schrecklich für sie. Sagen Sie ihr bloß, daß Sie mich gefunden haben,
-als ich zur Herrlichkeit einging, und daß ich nicht hätte bleiben
-können. Und sagen Sie ihr, der Herr habe bei mir gestanden überall und
-immer und Alles leicht und schmerzlos gemacht. Und ach, die armen
-Kinder, und das Kleine -- mein altes Herz ist ihretwegen lange
-gebrochen. Sagen Sie Allen, daß Sie mir folgen -- mir folgen! Grüßen Sie
-Master freundlich und die liebe, gute Missis und Jedermann auf dem Gute!
-Sie wissen nicht! 's ist mir, als liebte ich sie Alle! Ich liebe jedes
-Geschöpf, überall -- 's ist ^nichts^ als Liebe! O, Master Georg! was
-ist 's doch, wenn man ein Christ ist!«
-
-Diesen Augenblick trat Legree an die Thür des Schuppens, sah hinein mit
-verdrießlicher Miene und affektirter Gleichgültigkeit, und ging wieder
-fort.
-
-»Der alte Satan!« sagte Georg in seinem Unwillen. »'s ist ein Trost zu
-glauben, daß der Teufel ihn dafür bald bezahlen wird.«
-
-»O, nicht doch! -- oh, das müssen Sie nicht!« sagte Tom, indem er seine
-Hand ergriff; »er ist ein armes, elendes Geschöpf 's ist schrecklich
-daran zu denken! O, wenn er nur bereuen könnte, Gott würde ihm noch
-immer vergeben; aber ich fürchte, er wird es niemals.«
-
-»Ich hoffe, er wird nicht!« sagte Georg. »Ich möchte ^ihn^ nicht im
-Himmel sehen.«
-
-»Still, Master Georg! das thut mir weh. Denken Sie nicht so. Er hat mir
-kein wirkliches Leid gethan -- mir nur die Thore des Himmelreichs
-geöffnet; das ist Alles!«
-
-In diesem Augenblick schwand die plötzliche Kraft, welche die Freude,
-seinen jungen Herrn wiederzusehen, dem Sterbenden eingeflößt hatte. Eine
-plötzliche Ohnmacht befiel ihn; er schloß die Augen; und jener
-geheimnißvolle und erhabene Wechsel kam über sein Antlitz, der das Nahen
-einer andern Welt verkündete.
-
-Er begann mit langen und tiefen Zügen zu athmen; und seine breite Brust
-hob sich schwer und sank. Der Ausdruck seines Gesichts war der eines
-Ueberwinders.
-
-»Wer -- wer -- wer soll uns scheiden von der Liebe Christi?« sagte er
-mit einer Stimme, die gegen sterbliche Schwäche ankämpfte; und sank
-lächelnd in den tiefen Schlaf.
-
-Georg saß da wie von feierlichem Grauen gebannt. Der Ort schien ihm
-heilig zu sein; und als er die leblosen Augen schloß und sich von dem
-Todten erhob, erfüllte ihn nur der Gedanke -- den sein schlichter, alter
-Freund ausgesprochen: »Was ist es doch, wenn man ein Christ ist!«
-
-Er wendete sich um, Legree stand mürrisch hinter ihm.
-
-Die Sterbescene hatte die natürliche Heftigkeit der jugendlichen
-Leidenschaft gezügelt. Die Gegenwart des Menschen war Georg nur
-widerlich und er fühlte nur das Verlangen, mit so wenig Worten wie
-möglich von ihm abzukommen.
-
-Indem er sein scharfes, dunkles Auge auf Legree heftete, sagte er
-einfach, indem er auf den Todten hindeutete: »Ihr habt Alles aus ihm
-heraus, was Ihr habt herausbekommen können. Was soll ich Euch für den
-Körper zahlen? Ich will ihn mit mir nehmen und anständig beerdigen.«
-
-»Ich verkaufe keinen todten Nigger,« sagte Legree finster. »Ihr könnt
-ihn begraben, wo und wann Ihr wollt.«
-
-»Burschen,« sagte Georg in einem befehlenden Tone zu zwei oder drei
-Negern, welche um den Leichnam standen, »helft mir ihn zu meinem Wagen
-tragen; und verschafft mir einen Spaten.«
-
-Einer von ihnen lief nach einem Spaten; die andern beiden halfen Georg
-den Körper nach dem Wagen tragen.
-
-Georg sprach weder mit Legree, noch sah er denselben an; und dieser gab
-keine Gegenbefehle, sondern stand pfeifend da mit der Miene erzwungener
-Unbekümmertheit, und folgte ihnen trotzig zum Wagen, der am Thor stand.
-
-Georg breitete seinen Mantel im Wagen aus und legte den Körper
-sorgfältig hinein, indem er den Sitz so ordnete, daß Platz gewonnen
-wurde. Dann drehte er sich um, heftete das Auge auf Legree und sagte mit
-erzwungener Ruhe:
-
-»Ich habe Euch noch nicht gesagt, was ich von dieser scheußlichen
-Angelegenheit denke; dies ist nicht Zeit und Ort. Aber diesem
-unschuldigen Blute muß Gerechtigkeit werden. Ich will diesen Mord
-veröffentlichen. Ich werde zur nächsten Behörde gehen und Euch
-anklagen.«
-
-»Das könnt Ihr!« sagte Legree, verächtlich mit den Fingern schnippend.
-»Ich möchte das wohl sehen. Woher wollt Ihr Zeugen nehmen? -- Wie wollt
-Ihr es beweisen? He?«
-
-Georg sah sogleich, wie wohl begründet dieses Trotzbieten war. Es war
-kein Weißer am Orte; und in allen südlichen Gerichtshöfen hat das
-Zeugniß der Farbigen keinen Werth. Ihm war in dem Augenblicke, als könne
-er den Himmel zerreißen mit seines Herzens empörtem Rufe nach
-Gerechtigkeit; aber vergebens.
-
-»Aber was für Geschrei um einen todten Nigger!« sagte Legree.
-
-Das Wort wirkte wie ein Funke in einer Pulverkammer. Vorsicht war nie
-eine Haupttugend des Kentucky'schen Jünglings. Georg drehte sich um und
-schmetterte mit einem wüthenden Schlage Legree zu Boden; und als er über
-ihm stand, schäumend vor Zorn und Wuth, hätte er kein unpassendes Bild
-seines großen Namensvetters abgegeben, wie derselbe über den Drachen
-triumphirt.
-
-Einige Leute werden indeß entschieden dadurch gebessert, daß sie zu
-Boden geschlagen werden. Wenn Jemand dieselben ehrlich und redlich in
-den Staub streckt, scheinen sie sogleich Achtung vor ihm zu bekommen;
-und Legree gehörte zu diesen. Als er sich daher erhob und den Staub von
-seinen Kleidern strich, schaute er dem langsam sich entfernenden Wagen
-mit sichtlicher Achtung nach; auch that er den Mund nicht eher auf, als
-bis ihm derselbe aus dem Gesichte war.
-
-Jenseits der Grenzen der Pflanzung hatte Georg einen trockenen, sandigen
-Hügel bemerkt, der von wenigen Bäumen beschattet war; dort gruben sie
-das Grab.
-
-»Sollen wir den Mantel abnehmen, Herr?« sagten die Neger, als das Grab
-fertig war.
-
-»Nein, nein: begrabt ihn damit. Es ist Alles, was ich Dir jetzt geben
-kann, armer Tom, und Du sollst ihn haben.«
-
-Sie legten ihn hinein, und die Leute schaufelten ihn still zu. Sie
-häuften einen Hügel auf und legten grüne Rasen darauf.
-
-»Ihr könnt nun gehen, Jungens,« sagte Georg, indem er jedem ein
-Geldstück in die Hand drückte. Sie zögerten aber.
-
-»Wenn Master so gut sein wollte, uns zu kaufen --« sagte der Eine.
-
-»Wir wollten so treu dienen!« sagte der Andere.
-
-»Schlechte Zeiten hier, Master!« sagte der Erste. »Kauft uns doch,
-Master, kauft uns!«
-
-»Ich kann nicht! -- Ich kann nicht,« sagte Georg mit schwerem Herzen,
-indem er sie fortdrängte, »es ist unmöglich!«
-
-Die armen Kerle machten niedergeschlagene Gesichter und gingen
-schweigend fort.
-
-»Bezeuge mir, ewiger Gott,« sagte Georg, indem er am Grabe seines armen
-Freundes knieete, »o, bezeuge mir, daß ich von dieser Stunde an Alles
-thun will, ^was ein Mensch kann^, um diesen Fluch der Sklaverei aus
-meinem Vaterlande zu verbannen!«
-
-Kein Denkmal bezeichnet die letzte Ruhestätte unseres Freundes. Er
-bedarf keines. Sein Gott weiß, wo er liegt, und wird ihn zur
-Unsterblichkeit erwecken, um mit ihm zu erscheinen, wenn er in seiner
-Herrlichkeit erscheinen wird.
-
-Bemitleide ihn nicht! Solch' ein Leben und Tod sind nicht zu
-bemitleiden. Nicht in der Fülle von Allmacht ist der höchste Ruhm Gottes
-zu finden, sondern in der selbstverleugnenden, duldenden Liebe. Und
-gesegnet sind Die, welche er zur Gemeinschaft mit sich ruft, und ihr
-Kreuz ihm nachtragen in Geduld. Von denen steht es geschrieben:
-»Gesegnet sind die Traurigen, denn sie sollen getröstet werden.«
-
-
-
-
-Zweiundvierzigstes Kapitel.
-
-Eine wirkliche Geistergeschichte.
-
-
-Aus irgend einem besondern Grunde waren Geistergeschichten um diese Zeit
-ungewöhnlich im Schwunge unter den Dienstboten auf Legree's Gute.
-
-Man flüsterte sich zu, daß Fußtritte um Mitternacht die Dachstubentreppe
-herabgekommen und im Hause umher gehört worden seien. Vergebens hatte
-man die Thüre des obern Einganges geschlossen; der Geist trug entweder
-einen Nachschlüssel in der Tasche, oder bediente sich des unverjährbaren
-Vorrechtes der Geister, durch das Schlüsselloch zu kommen, und ging nach
-wie vor mit beunruhigender Freiheit im Hause umher.
-
-Die Ansichten waren einigermaßen getheilt über die Gestalt des Geistes,
-nach der unter Negern -- und so viel wir wissen, auch unter Weißen --
-vorherrschenden Sitte, unveränderlich die Augen zu schließen, und den
-Kopf unter der Bettdecke, Unterröcken, oder was sonst bei dergleichen
-Gelegenheiten zum Schutze gebraucht zu werden pflegt, zu verbergen.
-
-Natürlich ist, wie Jedermann weiß, das geistige Auge besonders scharf
-und durchdringend, sobald die leiblichen Augen außer Thätigkeit gesetzt
-sind; und deshalb gab es eine Menge Portraits des Geistes in voller
-Lebensgröße, die bezeugt und beschworen wurden, und, wie es oft mit
-Portraiten der Fall ist, keine andre Aehnlichkeit mit einander hatten,
-als die Familienähnlichkeit des ganzen Geistergeschlechts, -- ein weißes
-Gewand.
-
-Sei dem wie ihm wolle, wir haben besondre Gründe, zu wissen, daß eine
-große Figur in einem weißen Gewande allnächtlich zur echten
-Geisterstunde um Legree's Wohnung schritt, durch Thüren ging, das Haus
-umschlich, -- zuweilen verschwand, dann wieder erschien, und jene
-einsame Treppe hinauf in den verrufenen Boden ging; und daß am nächsten
-Morgen alle Thüren eben so fest verschlossen gefunden wurden, wie zuvor.
-
-Legree mußte nothwendig dies Geflüster hören, und es regte ihn um so
-mehr auf, je mehr Mühe man sich gab, es ihm zu verhehlen. Er trank mehr
-Brandwein, als gewöhnlich, trug seinen Kopf hoch und fluchte lauter als
-jemals bei Tage. Aber er hatte böse Träume, und die Erscheinungen, die
-sich an seinem Bette zeigten, waren nichts weniger als angenehm. Am
-Abende, nachdem Tom's Leichnam fortgeschafft worden war, ritt er nach
-der nächsten Stadt zu einem Zechgelage. Er kam spät und ermüdet nach
-Hause, verschloß seine Thür, zog den Schlüssel aus, und ging zu Bett.
-
-Mag ein Mensch sich auch noch so viel Mühe geben, seine Seele
-einzuschläfern, sie ist für einen bösen Menschen doch ein entsetzlich
-gespenstiges Besitzthum. Wer kennt ihre Grenzen? Wer kennt alle ihre
-Ahnungen, ihre Schauer, ihr Beben, die sie eben so wenig unterdrücken
-kann, wie ihre eigne Ewigkeit überleben! Welcher Thor ist Derjenige, der
-seine Thür verschließt, um Geister abzuhalten, und in seinem eignen
-Busen einen Geist trägt, dem er nicht zu begegnen wagt, -- dessen
-Stimme, obgleich unterdrückt durch Berge von Weltlichkeit, dennoch wie
-die warnende Stimme des jüngsten Gerichtes ertönt!
-
-Aber Legree verschloß seine Thür, und setzte einen Stuhl davor; er
-stellte seine Lampe zu Häupten des Bettes, und legte seine Pistolen
-daneben. Er untersuchte den Verschluß der Fenster, und schwur dann, »daß
-er sich nicht vor dem Teufel und allen seinen Engeln fürchte,« und legte
-sich schlafen.
-
-Wohl, er schlief, denn er war müde, -- er schlief fest. Endlich aber
-breitete sich über seinen Schlaf ein Schatten, ein Schrecken, eine
-Ahnung von etwas Entsetzlichem, was über ihm schwebe. Er hielt es für
-das Sterbehemd seiner Mutter, aber Cassy hielt es empor, und zeigte es
-ihm. Er hörte ein verworrenes Geräusch von Schreien und Stöhnen; und
-dennoch wußte er, daß er schlief, und bemühte sich, wach zu werden.
-Endlich wurde er halb wach, und glaubte mit Bestimmtheit zu erkennen,
-daß Etwas in sein Zimmer komme. Er wußte, daß die Thür offen war, aber
-er konnte weder Hand noch Fuß rühren. Endlich wendete er sich mit einer
-plötzlichen Anstrengung um. Die Thür war geöffnet, und er sah eine Hand
-sein Licht auslöschen.
-
-Es war eine trübe, nebelige Mondnacht, und doch sah er es! -- etwas
-Weißes, was herein schlich! Er hörte das leise Rauschen der gespenstigen
-Gewänder. Es stand an seinem Bette still; -- eine kalte Hand berührte
-die seinige; eine Stimme sagte dreimal in leisem, schrecklichen
-Flüstern: »Komm'! komm'! komm'!« Und während er vor Schrecken in Schweiß
-gebadet da lag, bemerkte er nicht, wann und wie die Erscheinung wieder
-verschwand. Er sprang aus dem Bette, und riß an der Thür. Sie war fest
-verschlossen, und der Mann stürzte ohnmächtig zu Boden.
-
-Von dieser Zeit an wurde Legree ein stärkerer Trinker als je zuvor. Er
-trank nicht mehr mit Vorsicht und Besonnenheit, sondern ohne Grenze und
-Maaß. Bald nachher verbreitete sich in der Umgegend das Gerücht, daß er
-krank sei und dem Tode nahe. Unmäßigkeit hatte jene schreckliche
-Krankheit erzeugt, welche die düstern Schatten einer kommenden
-Vergeltung auf dieses Leben zurückzuwerfen scheint. Niemand konnte die
-Schrecken jenes Krankenzimmers ertragen, wenn er raste und schrie, und
-von Gesichten sprach, die das Blut Derjenigen, die ihn hörten, erstarren
-ließ; und an seinem Sterbebette stand eine ernste, weiße, unerbittliche
-Gestalt, die ihm zurief: »Komme! komme! komme!«
-
-Durch ein sonderbares Zusammentreffen wurde nach derselben Nacht, in der
-Legree diese Erscheinung hatte, die Hausthür am Morgen offen gefunden;
-und einige Neger hatten zwei weiße Gestalten die Allee hinab der
-Landstraße zugehen sehen.
-
-Es war kurz vor Sonnenaufgang, als Cassy und Emmeline einen Augenblick
-in einem kleinen Gehölze in der Nähe der Stadt anhielten. Cassy war nach
-der Mode spanischer Creolinnen gekleidet, -- ganz schwarz. Ein kleiner,
-schwarzer Hut, der mit einem dicht gestickten Schleier bedeckt war,
-verbarg ihr Gesicht. Nach getroffener Uebereinkunft sollte sie auf der
-Flucht die Rolle einer vornehmen Creolin spielen, und Emmeline für ihre
-Dienerin gelten.
-
-Da Cassy sich von früher Jugend an in den höchsten Gesellschaftskreisen
-bewegt hatte, so harmonirten ihre Sprache, ihre Bewegungen, ihr ganzes
-Wesen mit dieser Idee; und sie hatte von ihrer einst glänzenden
-Garderobe noch genug bewahrt, um diese Rolle mit äußerem Anstande und
-mit Erfolg spielen zu können.
-
-In der Vorstadt kaufte sie an einem ihr bekannten Orte einen hübschen
-Reisekoffer, und ersuchte den Mann, ihr denselben nachtragen zu lassen;
-und auf diese Weise von dem Burschen, der ihren Koffer karrte, und
-Emmelinen, welche eine Reisetasche und verschiedene andre Effekten trug,
-gefolgt, erschien sie vor dem kleinen Gasthofe wie eine Dame von Stande.
-
-Die erste Person, welche ihr nach ihrer Ankunft daselbst auffiel, war
-Georg Shelby, der daselbst das nächste Boot erwartete. Cassy hatte den
-jungen Mann aus ihrem Verstecke auf dem Boden bemerkt, und ihn den
-Leichnam Tom's fortschaffen sehen, und mit geheimer Freude sein
-Zusammentreffen mit Legree beobachtet. Späterhin hatte sie aus den
-Unterhaltungen der Neger, die sie behorchte, wenn sie Nachts in ihrer
-gespenstigen Verkleidung umher schlich, erfahren, wer er war, und in
-welchem Verhältniß er zu Tom stand. Aus diesem Grunde fühlte sie sich
-augenblicklich durch eine Art Vertrauen zu ihm hingezogen, als sie sah,
-daß er gleich ihr das nächste Boot erwarte.
-
-Cassy's Haltung und ganzes Aeußere, so wie die ihr zu Gebote stehenden
-Geldmittel verdrängten im Gasthofe jede Möglichkeit eines Verdachtes.
-Die Leute untersuchen nie zu genau die Verhältnisse solcher Personen,
-die in dem Hauptpunkte, einer guten Zahlung, befriedigend sind, was
-Cassy vorher gewußt zu haben schien, als sie sich mit Gelde versah.
-
-Gegen Abend näherte sich ein Boot, und Georg Shelby geleitete Cassy mit
-einer Höflichkeit an Bord, die jedem Eingeborenen von Kentucky natürlich
-ist, und bemühte sich, ihr eine gute Cajüte zu verschaffen.
-
-Cassy blieb während der ganzen Zeit, daß sie auf dem rothen Flusse
-waren, unter dem Vorwande von Krankheit in ihrem Zimmer und ihrem Bette,
-und wurde mit dem dienstfertigsten Eifer von ihrer Begleiterin bedient.
-Als sie den Mississipppi erreichten, und Georg in Erfahrung brachte, daß
-die fremde Dame denselben Weg aufwärts den Fluß wie er nehme, machte er
-ihr den Vorschlag, eine Cajüte für sie auf demselben Boote nehmen zu
-dürfen, auf dem er zu fahren beabsichtigte, -- indem er in seiner
-Gutmüthigkeit Mitleid für ihre schwache Gesundheit hegte, und ihr so
-viel Beistand wie möglich zu leisten wünschte.
-
-Wir sehen deshalb die ganze Gesellschaft wohlbehalten auf das gute
-Dampfboot Cincinnati übergehen, welches unter Leitung einer gewaltigen
-Dampfsäule den Fluß hinauf arbeitet.
-
-Cassy's Gesundheit hatte sich bedeutend gebessert. Sie saß auf dem
-Verdeck, kam zu Tische, und wurde von Allen auf dem Boote für eine Dame
-gehalten, die sehr schön gewesen sein müsse.
-
-Vom ersten Augenblicke an, wo Georg ihr Gesicht gewahrte, fiel ihm eine
-jener flüchtigen, und dunklen Aehnlichkeiten auf, die wohl fast jedem
-Menschen begegnet sind. Er konnte sich nicht enthalten, sie fortwährend
-anzusehen und zu beobachten. Sie mochte bei Tische, oder in der Thür
-ihrer Kajüte sitzen, immer begegnete sie den auf ihr ruhenden Augen des
-jungen Mannes, der seine Blicke jedoch sogleich abwandte, sobald er in
-ihrem Gesichte bemerkte, daß sie sich von ihm beobachtet fühlte.
-
-Cassy wurde unruhig. Sie begann zu fürchten, daß er Verdacht geschöpft
-habe, und beschloß deshalb endlich, sich seinem Edelmuthe gänzlich
-anzuvertrauen, und theilte ihm ihre ganze Geschichte mit.
-
-Georg war gern geneigt, für Jeden Sympathie zu empfinden, der von
-Legree's Plantage entflohen war, -- einem Orte, an den er nicht ohne
-Aufregung denken konnte, -- und er versprach ihr deshalb mit jener
-muthigen, seinem Alter eigenthümlichen Nichtbeachtung aller möglichen
-Folgen, daß er sie mit allen seinen Kräften unterstützen und
-durchbringen wolle.
-
-Das nächste, an Cassy's Kajüte stoßende Gemach war von einer
-französischen Dame, Namens de Thoux, bewohnt, welche sich in Begleitung
-einer schönen, kleinen Tochter, einem Mädchen von ungefähr zwölf Jahren,
-befand. Diese Dame, welche aus Georg's Unterhaltung entnommen hatte, daß
-er aus Kentucky gebürtig war, schien offenbar geneigt, seine
-Bekanntschaft zu machen, worin sie durch die Anmuth ihrer kleinen
-Tochter unterstützt wurde, die ein so niedliches, kleines Spielwerk war,
-als nur je eins die Langeweile einer vierzehntägigen Fahrt auf dem
-Dampfboote vertrieb.
-
-Georgs Stuhl befand sich oft an der Thür ihrer Kajüte, und Cassy konnte,
-wenn sie auf dem Verdecke saß, ihre Unterhaltung hören.
-
-Madame de Thoux befragte ihn sehr umständlich über Kentucky, wo sie, wie
-sie sagte, in einer frühern Periode ihres Lebens gewohnt hatte; und
-Georg entdeckte zu seinem großen Erstaunen, daß ihr früherer Aufenthalt
-in der Nähe seiner eignen Besitzung gewesen sein müsse, denn ihre Fragen
-verriethen eine Bekanntschaft mit Leuten und Dingen in jener Gegend, die
-ihn förmlich in Verwundrung setzte.
-
-»Kennen Sie,« sagte Madame de Thoux eines Tages, »einen Mann in Ihrer
-Nachbarschaft, der den Namen Harris führt?«
-
-»Es gibt dort einen Menschen dieses Namens, der nicht weit von der
-Besitzung meines Vaters wohnt; allein wir haben nie Umgang mit ihm
-gehabt,« entgegnete Georg.
-
-»Er besitzt, glaube ich, eine große Anzahl Sklaven,« fuhr Madame de
-Thoux in einer Weise fort, die mehr Interesse verrieth, als sie schien
-sehen lassen zu wollen.
-
-»Ja, ich glaube,« entgegnete Georg, überrascht durch ihr Wesen.
-
-»Haben Sie jemals davon gehört, -- vielleicht haben Sie davon gehört,
-daß er einen Mulattenburschen Namens Georg besaß?«
-
-»O gewiß -- Georg Harris -- ich kenne ihn recht wohl. Er heirathete eine
-Sklavin meiner Mutter, aber ist jetzt nach Canada entflohen.«
-
-»Ist er entflohen?« sagte Madame de Thoux schnell. »Gott sei gedankt!«
-
-Georg richtete einen fragenden Blick auf sie, aber sagte nichts.
-
-Madame de Thoux stützte ihren Kopf in die Hand und brach in Thränen aus.
-
-»Er ist mein Bruder,« sagte sie.
-
-»Madame!« rief Georg mit dem Ausdruck des höchsten Erstaunens.
-
-»Ja,« entgegnete Madame de Thoux stolz, ihren Kopf empor richtend und
-ihre Thränen trocknend, -- »Mr. Shelby, Georg Harris ist mein Bruder!«
-
-»Ich bin im höchsten Grade erstaunt,« sagte Georg, indem er seinen Stuhl
-zurückschob und Madame de Thoux betrachtete.
-
-»Ich wurde nach dem Süden verkauft, als er noch ein Knabe war,« sagte
-sie, »und von einem guten, menschenfreundlichen Manne gekauft. Er nahm
-mich mit sich nach den westindischen Inseln, gab mir meine Freiheit und
-heirathete mich. Erst vor Kurzem starb er, und ich wollte nach Kentucky
-gehen, um zu sehen, ob ich meinen Bruder loskaufen könne.«
-
-»Ich habe ihn von einer Schwester Emilie sprechen hören, die nach Süden
-verkauft wurde,« sagte Georg.
-
-»Ja, das bin ich,« entgegnete Madame de Thoux. -- »Bitte, sagen Sie mir,
-was für ein --«
-
-»Ein sehr hübscher, junger Mann,« erwiederte Georg, »ungeachtet des
-Fluches der Sklaverei, der auf ihm lastete. Er erwarb sich stets in
-Bezug auf Intelligenz und Grundsätze die besten Zeugnisse. Ich kenne ihn
-deßhalb,« fügte er hinzu, »weil er in unsere Familie geheirathet hat.«
-
-»Was für ein Mädchen?« fragte Madame de Thoux eifrig.
-
-»Einen wahren Schatz,« entgegnete Georg; -- »ein schönes, kluges,
-liebenswürdiges und sehr frommes Mädchen. Meine Mutter hatte sie fast so
-sorgsam auferzogen, als wenn sie ihre eigene Tochter gewesen wäre. Sie
-konnte lesen und schreiben, sehr schön, und sticken, und sang
-vortrefflich.«
-
-»Wurde sie in Ihrem Hause geboren?« fragte Madame de Thoux.
-
-»Nein. Mein Vater kaufte sie auf einer seiner Reisen nach New-Orleans
-und brachte sie meiner Mutter als Geschenk mit. Sie mochte damals acht
-oder neun Jahre alt sein. Vater wollte uns nie sagen, wie viel er für
-sie gegeben hatte; allein vor Kurzem, als wir seine alten Papiere
-durchsahen, fanden wir den Verkaufsbrief. Er hatte eine ungeheure Summe
-für sie bezahlt, ich glaube, mit Rücksicht auf ihre ungewöhnliche
-Schönheit.«
-
-Georg saß mit dem Rücken gegen Cassy gewendet, und konnte deßhalb die
-gespannte Aufmerksamkeit ihrer Züge nicht bemerken, während er diese
-Details mittheilte. Bei diesem Punkte der Erzählung berührte sie seinen
-Arm und sagte mit einem vor ängstlicher Spannung bleich gewordenen
-Gesichte: »Kennen Sie den Namen der Leute, von denen sie gekauft wurde?«
-
-»Ein Mann Namens Simmons, glaube ich, war die Hauptperson in dem
-Geschäfte; wenigstens, denke ich, stand dieser Name im Verkaufsbriefe.«
-
-»O mein Gott!« rief Cassy, und fiel bewußtlos auf den Boden der Kajüte.
-
-Georg war im höchsten Grade überrascht, und ebenso Madame de Thoux.
-Obgleich keines von Beiden errathen konnte, was die Ursache ihrer
-Ohnmacht sei, so machten sie doch allen, in solchen Fällen gewöhnlichen,
-Tumult; -- Georg stieß in dem Eifer seiner Menschenfreundlichkeit ein
-Waschbecken um und zerbrach zwei Gläser; und mehrere andere Damen, die
-davon gehört hatten, daß Jemand in Ohnmacht gefallen sei, drängten sich
-um die Thür, und hielten alle frische Luft ab, so viel sie konnten; so
-daß, im Ganzen genommen, Alles geschah, was nur erwartet werden konnte.
-
-Arme Cassy! Als sie wieder zu sich kam, lehnte sie ihr Gesicht gegen die
-Wand und weinte und schluchzte wie ein Kind. Vielleicht weißt Du, o
-Mutter, woran sie dachte, vielleicht auch nicht; aber sie fühlte in
-dieser Stunde, daß Gott ihr gnädig gewesen sei, und daß sie ihre Tochter
-wieder sehen werde, -- wie mehrere Monate später geschah, -- als -- doch
-wir greifen vor.
-
-
-
-
-Dreiundvierzigstes Kapitel.
-
-Ergebnisse.
-
-
-Der Rest unserer Geschichte ist bald erzählt. Georg Shelby, der, wie
-jeder andere junge Mann an seiner Stelle, durch das Romantische des
-Falles und seine eigenen menschenfreundlichen Gefühle bewogen,
-besonderes Interesse an dieser Angelegenheit genommen hatte, sendete
-Cassy den Verkaufsbrief über Elisa, dessen Datum und Name mit ihrer
-eigenen Kenntniß der Umstände übereintraf, und also keinen Zweifel über
-die Identität ihres Kindes zurückließ. Es kam jetzt nur noch darauf an,
-die Spur der Flüchtlinge zu verfolgen.
-
-Sie und Madame de Thoux, die auf diese Weise durch die seltsame
-Berührung ihrer Schicksale zusammengeführt worden waren, begaben sich
-sofort nach Canada, und begannen hier ihre Nachforschungen auf den
-Stationen, wo die zahlreichen Flüchtlinge aus der Sklaverei
-untergebracht werden.
-
-In Amherstberg fanden sie den Missionär, bei dem Georg und Elisa nach
-ihrer ersten Ankunft in Canada ein Unterkommen gefunden hatten; und
-durch ihn wurden sie in den Stand gesetzt, der Familie nach Montreal zu
-folgen.
-
-Georg und Elisa waren jetzt seit fünf Jahren frei. Georg hatte
-fortwährende Beschäftigung in der Werkstatt eines achtbaren Maschinisten
-gefunden, wo er einen hinreichenden Unterhalt für seine Familie erwarb,
-die sich inzwischen um eine Tochter vermehrt hatte. Der kleine Harry, --
-ein hübscher, munterer Knabe, -- war in eine gute Schule gebracht
-worden, und machte schnelle Fortschritte.
-
-Der würdige Geistliche der Station in Amherstberg, wo Georg zuerst
-gelandet war, hatte so großen Antheil an den Mittheilungen der Madame de
-Thoux und Cassy's genommen, daß er den Bitten der Ersteren nachgab, sie
-zum Zwecke ihrer Nachforschungen bis nach Montreal zu begleiten.
-
-Die Scene verwandelt sich jetzt in eine kleine niedliche Wohnung in den
-Vorstädten von Montreal. Es ist Abend. Ein lustiges Feuer brennt auf dem
-Heerde; der Theetisch ist mit einem weißen Tuche bedeckt, und steht zum
-Abendessen bereit. In der einen Ecke des Zimmers befindet sich ein
-Tisch, der mit einem grünen Tuche überzogen ist, und auf dem man
-Schreibzeug, Papier und Federn bemerkt, während über demselben ein Brett
-mit einer ausgesuchten Sammlung von Büchern angebracht ist. Dies war
-Georg's Studirzimmer. Derselbe Eifer für Belehrung, der ihn dazu
-antrieb, die von ihm so sehr ersehnten Künste des Lesens und Schreibens
-sich heimlich, unter den Mühseligkeiten und Demüthigungen seines
-früheren Lebens anzueignen, vermochte ihn auch jetzt, alle seine
-Mußestunden zu seiner Ausbildung zu verwenden.
-
-In diesem Augenblicke sitzt er am Tische, und ist damit beschäftigt,
-Auszüge aus einem Bande der Familienbibliothek zu machen, den er gelesen
-hat.
-
-»Komm', Georg,« sagt Elisa, »Du bist den ganzen Tag aus dem Hause
-gewesen. Lege jetzt Dein Buch bei Seite, und laß uns zusammen plaudern,
-während ich den Thee bereite.«
-
-Und die kleine Elisa unterstützt die Bitte, indem sie zu ihrem Vater
-herum getrippelt kömmt und ihm das Buch aus der Hand zu ziehen versucht,
-um sich an dessen Stelle auf sein Knie niederzulassen.
-
-»O Du kleine Hexe!« sagt Georg nachgebend, wie ein Mann unter solchen
-Umständen immer muß.
-
-»Das ist recht,« sagt Elisa, während sie das Brod zu schneiden beginnt.
-Sie ist etwas älter geworden, ihre Gestalt etwas voller, und ihre Miene
-etwas matronenhafter; aber zufrieden und glücklich scheint sie zu sein.
-
-»Harry, mein Junge, wie bist Du heut mit Deiner Rechnung fertig
-geworden?« fragt Georg, während er seine Hand auf des Sohnes Kopf legt.
-
-Harry hat seine Locken verloren; aber er kann nie jene Augen und
-Augenlider verlieren, und die schöne, kühne Stirne, die von Triumph
-strahlt, während er antwortet: »Ich habe sie ^ganz allein^ gemacht,
-und ^Niemand^ hat mir geholfen!«
-
-»Das ist recht,« sagt der Vater, »verlaß Dich immer auf Dich selbst,
-mein Sohn. Du hast mehr Aussicht, als Dein armer Vater jemals hatte.«
-
-In diesem Augenblick wird ein Klopfen an der Thür gehört, und Elisa geht
-und öffnet sie. Das freudige: »Wie! -- Sie sind es?« ruft den Mann
-herbei, und der gute Pastor von Amherstberg wird bewillkommt. Zwei
-andere Frauenzimmer begleiten ihn, welche Elisa zum Sitzen einladet.
-
-Wenn wir die Wahrheit sagen sollen, so hatte der gute Pastor ein kleines
-Programm entworfen, nach welchem sich diese Angelegenheit entwickeln
-sollte; und auf dem Wege dahin hatten Alle sich gegenseitig ermahnt,
-vorsichtig zu sein und nichts vor der Zeit zu verrathen, sondern der
-getroffenen Verabredung getreu zu bleiben. Wie groß war daher des guten
-Mannes Bestürzung, als gerade in dem Augenblicke, wo er sein Taschentuch
-hervorzog, um seinen Mund abzuwischen, und seine Einleitungsrede in
-guter Ordnung beginnen wollte, Madame de Thoux den ganzen Plan
-vereitelte, indem sie ihre Arme um Georg's Hals schlang und Alles durch
-die Worte verrieth: »O Georg! kennst Du mich nicht? Ich bin Deine
-Schwester Emilie!«
-
-Cassy hatte sich mit mehr Fassung niedergesetzt, und würde ihre Rolle
-wahrscheinlich sehr gut durchgeführt haben, wenn nicht plötzlich die
-kleine Elisa grade in derselben Gestalt, mit denselben Zügen und Locken
-vor ihr erschienen wäre, wie sie ihre Tochter hatte, als sie sie zum
-letzten Male sah. Das kleine Wesen schaute ihr in's Gesicht, und Cassy
-fing sie in ihren Armen, drückte sie an ihren Busen und rief, was sie in
-diesem Augenblicke wirklich glaubte: »Mein Liebling, ich bin Deine
-Mutter!«
-
-Es war in der That eine schwierige Aufgabe, gehörige Ordnung wieder
-herzustellen; allein endlich gelang es dem guten Pastor doch, Alle zur
-Ruhe zu bringen, und seine Rede zu halten, mit der er die Sache hatte
-eröffnen wollen, welche eine solche Wirkung äußerte, daß seine
-sämmtliche Zuhörerschaft in ein Schluchzen ausbrach, das jeden Redner,
-älterer oder neuerer Zeit, befriedigt haben würde. Sie knieten zusammen
-nieder, und der gute Mann betete, -- denn es gibt Gefühle so gewaltiger
-Art, daß sie nur dann Ruhe finden können, wenn sie in den Busen der
-allmächtigen Liebe ausgegossen werden; -- und sodann erhoben sich die
-Mitglieder der neugefundenen Familie, und umarmten einander mit heiligem
-Vertrauen zu ihm, der sie aus solchen Gefahren, und auf so dunklen Wegen
-hier zusammengeführt hatte.
-
-Das Tagebuch eines Missionärs unter den canadischen Flüchtlingen enthält
-wahre Thatsachen, die wunderbarer sind als Erfindungen irgend einer Art.
-Wie kann es anders sein, wo ein System besteht, welches die Familien
-zerreißt und ihre Mitglieder zerstreut, wie der Wind die Blätter des
-Herbstes zerstreut? Diese Küsten vereinigen oft, wie die der Ewigkeit,
-Herzen, die schon lange Jahre um einander als verloren getrauert hatten;
-und unbeschreiblich rührend ist der Eifer, mit dem jeder neue Ankömmling
-von ihnen empfangen wird, um zu hören, ob er vielleicht Nachrichten von
-Mutter, Schwester, Kind oder Weib bringe, die noch in der Nacht der
-Sklaverei schmachten. Größere Heldenthaten werden hier vollbracht, als
-im Romane geschildert werden können, wenn der Flüchtling, den Martern
-und selbst dem Tode trotzend, freiwillig zu den Schrecken und Gefahren
-jenes dunklen Landes zurückkehrt, um seine Mutter, seine Schwester oder
-seine Frau zu erretten.
-
-Ein junger Mann, von dem uns ein Missionär erzählte, war zweimal wieder
-gefangen worden, und hatte die schrecklichsten Mißhandlungen erduldet,
-als er zum dritten Male entfloh; und zeigte seinen Freunden in einem
-Briefe an, der uns vorgelesen worden ist, daß er zum dritten Male
-zurückkehre, um endlich seine Schwester zu befreien. Ist dieser Mensch
-ein Held oder ein Verbrecher? Wer würde nicht dasselbe für seine
-Schwester thun? Wer kann ihn tadeln?
-
-Aber wir müssen zu unsern Freunden zurückzukehren, die wir verließen,
-als sie ihre Augen trockneten, und sich von einer zu großen und zu
-plötzlichen Freude erholten. Jetzt sitzen sie um den gastlichen Tisch,
-und beginnen ganz ernstlich gesellig zu werden; nur daß Cassy, welche
-die kleine Elisa auf ihrem Schooße hält, das kleine Wesen zuweilen auf
-eine Weise drückt, welche dasselbe in Erstaunen setzt, und sich
-hartnäckig weigert, sich den Mund in einem solchen Maaße mit Kuchen
-stopfen zu lassen, wie die Kleine es wünscht, -- indem sie sagt, worüber
-sich das Kind in hohem Grade wundert, daß sie etwas Besseres als Kuchen
-habe und dessen nicht bedürfe.
-
-Und in der That ist mit Cassy in Zeit von zwei bis drei Tagen eine
-solche Veränderung vorgegangen, daß unsere Leser sie kaum kennen würden.
-Der verzweifelnde, wilde Ausdruck des Gesichts ist dem eines sanften
-Vertrauens gewichen. Sie scheint auf einmal in den Busen der Familie zu
-sinken, und die Kleinen in ihr Herz zu schließen, wie Etwas, worauf sie
-lange gewartet hat. Wirklich schien ihre Liebe sich mehr der kleinen
-Elisa, als ihrer Tochter zuzuwenden; denn sie war das getreue Abbild des
-Kindes, welches sie verloren hatte. Das kleine Wesen war ein Blumenband
-zwischen Mutter und Tochter, durch welches Bekanntschaft und Zuneigung
-wieder aufwuchsen. Elisa's beständige, durch fortwährendes Lesen der
-heiligen Schrift geregelte Frömmigkeit machte sie zu einer geeigneten
-Führerin für das zerrissene Gemüth ihrer Mutter. Cassy war schnell und
-von ganzem Herzen für jeden guten Einfluß empfänglich, und wurde eine
-aufrichtige und andächtige Christin.
-
-Nach einigen Tagen machte Madame de Thoux ihrem Bruder genauere
-Mittheilungen über ihre Verhältnisse. Der Tod ihres Mannes hatte sie in
-den Besitz eines bedeutenden Vermögens gesetzt, welches sie großmüthig
-mit der Familie zu theilen sich erbot. Als sie Georg fragte, auf welchem
-Wege sie es am Besten für ihn verwenden könne, antwortete er ihr:
-»Verleihe mir Bildung, Emilie; danach hat immer mein Herz verlangt. Dann
-kann ich alles Uebrige thun.«
-
-Nach reiflicher Ueberlegung wurde beschlossen, daß die ganze Familie auf
-einige Jahre nach Frankreich gehen solle, wohin sie alsbald abreiste und
-Emmeline mitnahm. Das hübsche Aeußere der Letzteren erweckte die Liebe
-des ersten Steuermanns auf dem Schiffe, und Emmeline wurde bald nach dem
-Einlaufen in den Hafen sein Weib.
-
-Georg blieb vier Jahre auf einer französischen Universität, und erlangte
-durch unermüdlichen Fleiß eine gründliche Bildung. Die politischen
-Unruhen Frankreichs bewogen endlich die Familie, von Neuem eine Zuflucht
-in diesem Lande zu suchen. Georg's Empfindungen und Ansichten als eines
-gebildeten Mannes lassen sich am Besten aus einem an seine Freunde
-gerichteten Briefe entnehmen:
-
- »Ich bin noch nicht ganz einig mit mir über mein zukünftiges
- Verhalten. Zwar könnte ich mich, wie Sie mir sagten, in die Kreise
- der Weißen in diesem Lande mischen, da meine eigene Farbe so hell
- und die meiner Frau und Familie kaum bemerkbar ist. Kann sein, ich
- würde vielleicht dort geduldet werden. Aber um die Wahrheit zu
- sagen, ich mag es nicht thun.«
-
- »Meine Sympathien gehören nicht dem Geschlechte meines Vaters,
- sondern dem meiner Mutter. Ihm galt ich nicht mehr als ein schöner
- Hund oder ein schönes Pferd; aber meiner armen Mutter mit ihrem
- gebrochenen Herzen war ich ein Kind; und obgleich ich sie nach
- jenem grausamen Verkaufe, der uns trennte, nie wieder sah, bis sie
- starb, so weiß ich doch, daß sie mich innig liebte. Ich weiß es
- durch mein eignes Herz. Wenn ich an alles das denke, was sie
- litt, an meine eignen frühen Leiden, an die Schmerzen und Kämpfe
- eines heldenmüthigen Weibes, an meine Schwester, die in
- New-Orleans auf dem Sklavenmarkte verkauft wurde, -- so darf ich,
- ohne unchristliche Empfindungen zu haben, sagen, daß ich nicht für
- einen Amerikaner gelten, oder mich mit ihm identificiren möchte.«
-
- »Das unterdrückte, in Ketten geschlagene afrikanische Geschlecht
- ist es, zu dem ich mich hingezogen fühle; und wenn ich etwas
- wünschen sollte, so wäre es eher, daß ich um zwei Schattirungen
- dunkler, als um eine heller wäre.«
-
- »Der Wunsch und das Sehnen meines Herzens richtet sich auf eine
- afrikanische ^Nationalität^. Ich verlange nach einem Volke,
- welches eine erkennbare, besondre Existenz für sich selbst hat;
- und wo soll ich das finden? Nicht in Hayti, denn dort hatten sie
- keine Grundlage für den Anfang. Ein Strom kann sich nicht über
- seine Quelle erheben. Das Geschlecht, welches den Charakter der
- Haytier bildete, war ein entkräftetes, verweichlichtes, und wird
- deßhalb natürlich Jahrhunderte gebrauchen, um sich nur zu Etwas zu
- erheben.«
-
- »Wo soll ich also suchen? An den Küsten Afrika's sehe ich eine
- Republik, -- die von auserlesenen Männern gebildet ist, welche
- sich durch Energie und selbstbildende Kraft in vielen Fällen
- individuell über den Zustand der Sklaverei erhoben haben. Nachdem
- diese Republik durch ein vorbereitendes Stadium von Schwäche
- gegangen ist, ist sie endlich eine anerkannte Nation der Erde
- geworden, -- anerkannt von Frankreich und England. Dahin wünsche
- ich zu gehen, um ein Volk für mich zu finden.«
-
- »Ich weiß wohl, daß ich Sie jetzt alle gegen mich haben werde;
- aber ehe Sie mich verdammen, hören Sie mich! Während meines
- Aufenthaltes in Frankreich habe ich mit großem Interesse die
- Geschichte meines Volkes in Amerika studirt. Ich habe den Kampf
- zwischen dem Abolitions- und Colonisationssysteme beobachtet, und
- als entfernter Zuschauer einige Wahrnehmungen gemacht, die ich als
- Theilnehmer nicht würde haben machen können. Ich gebe zu, daß
- dieses Liberia allen Zwecken gedient haben mag, indem es in den
- Händen unserer Unterdrücker gegen uns gebraucht wurde. Ohne
- Zweifel ist der Plan auf unverantwortliche Weise zur Verzögerung
- unserer Emancipation gebraucht worden; aber meine Frage ist: Giebt
- es nicht einen Gott, der über allen Plänen erhaben ist! Kann er
- nicht ihre Absichten beherrscht, und durch sie eine Nation für uns
- gegründet haben?«
-
- »In der jetzigen Zeit wird eine Nation in einem Tage geboren. Eine
- Nation erhebt sich jetzt mit allen den großen Problemen der
- Civilisation und republikanischen Lebens fertig zur Hand. Sie hat
- nicht mehr zu entdecken, sondern nur anzuwenden. Laßt uns also
- alle mit aller Kraft zusammenhalten, und sagen, was wir in diesem
- neuen Unternehmen vermögen, und der ganze Continent Afrika's wird
- sich uns und unsern Kindern öffnen. Unsere Nation wird die Fluth
- der Civilisation und des Christenthums über seine Küsten ergießen,
- und mächtige Republiken gründen, die, mit der Schnelligkeit
- tropischer Vegetation aufwachsend, für alle kommenden Jahrhunderte
- bestehen werden.«
-
- »Sagen Sie, daß ich meine in der Sklaverei schmachtenden Brüder
- vergesse? Ich glaube nicht. Wenn ich sie eine Stunde, einen
- Augenblick meines Lebens vergesse, so möge Gott mich vergessen!
- Aber was kann ich hier für sie thun? Kann ich ihre Ketten
- zerbrechen? Nein, nicht als Individuum; aber lassen Sie mich gehen
- und ein Theil einer Nation werden, welche eine Stimme in dem Rathe
- der Völker erlangen wird, und dann können wir reden. Eine Nation
- hat das Recht, die Sache ihres Stammes zu besprechen, zu
- vertreten, -- was ein Individuum nicht kann.«
-
- »Wenn Europa jemals eine große Versammlung freier Nationen wird,
- -- wie ich zu Gott hoffe, -- wenn darin Knechtschaft und alle
- ungerechten, drückenden, socialen Ungleichheiten aufgehoben worden
- sind; und wenn sie, wie England und Frankreich bereits gethan
- haben, unsere Stellung anerkennen, -- dann wollen wir in dem
- großen Congreß der Nationen unsere Stimme hören lassen, und die
- Sache unseres geknechteten, leidenden Stammes zur Sprache bringen;
- und es ist unmöglich, daß das freie, aufgeklärte Amerika dann
- nicht den schwarzen Fleck von seinem Wappenschilde vertilgen
- sollte, der es schändet, und ein eben so großer Fluch für das Land
- selbst wie für seine Sklaven ist.«
-
- »Aber Sie werden mir sagen, daß unser Stamm dasselbe Recht habe,
- in der amerikanischen Republik zu leben, wie der Irländer, der
- Deutsche, der Schwede, und ich gestehe das zu. Wir ^sollten^ die
- Freiheit haben, dort zu leben, uns durch unsern individuellen
- Werth, ohne Rücksicht auf Kaste oder Farbe, zu heben; und
- Diejenigen, welche uns dieses Recht versagen, sind ihren eigenen
- Grundsätzen von menschlicher Gleichheit ungetreu. Wir sollten
- insbesondre hier zugelassen werden; denn wir haben ein größeres
- Recht als das der gewöhnlichen Menschen ist: wir haben die
- Ansprüche eines verletzten Stammes auf Entschädigung. Allein, ich
- mache keine Ansprüche darauf; ich will ein eignes Land, eine
- eigene Nation haben. Ich glaube, daß der afrikanische Stamm
- besondere Eigenschaften hat, die noch unter dem Lichte der
- Civilisation und des Christenthums entwickelt werden müssen, und
- die, wenn es nicht dieselben sind, welche der angelsächsische
- Stamm besitzt, in moralischer Beziehung vielleicht nur noch höher
- stehen.«
-
- »Dem angelsächsischen Stamme sind die Geschicke der Welt während
- der Periode ihres Ringens und Kämpfens anvertraut gewesen, und zu
- dieser Mission waren seine strengen, unbeugsamen, energischen
- Elemente wohl geeignet; aber als ein Christ sehe ich einer andern
- Aera entgegen. Ich hoffe, daß wir an ihren Gränzen stehen, und daß
- die Schmerzen, von denen die Nationen jetzt zerrissen werden, nur
- die Geburtswehen einer Stunde sind, welche uns allgemeinen Frieden
- und allgemeine Brüderschaft bringen wird.«
-
- »Ich hoffe, daß die Entwickelung Afrika's vorzugsweise eine
- christliche sein wird. Wenn der eingeborene Stamm kein
- herrschender und gebietender ist, so ist er wenigstens ein
- gefühlvoller, großherziger und vergebender. Da er in den Glühofen
- der Ungerechtigkeit und Unterdrückung gesunken ist, so muß er jene
- erhabene Lehre der Liebe und Vergebung um so fester in sein Herz
- schließen, als er durch sie allein siegen kann, und ihre
- Verbreitung über den Continent Afrika's die ihm aufgetragene
- Mission ist.«
-
- »Ich selbst bin, wie ich gestehen muß, schwach in diesem Punkte,
- denn die eine Hälfte meines Blutes ist das heiße, hitzige,
- sächsische; aber ich habe in der Person meines schönen Weibes
- einen beredten Prediger des Evangeliums an meiner Seite. Wenn ich
- mich verirre, führt mich ihr sanfterer Geist stets zurück, und
- hält meinen Augen den christlichen Beruf unseres Geschlechtes vor.
- Ich gehe als ein christlicher Patriot, als ein Lehrer des
- Christenthums nach ^meinem Vaterlande^ -- meinem erwählten,
- glorreichen Afrika! auf das ich in meinem Herzen oft jene
- herrlichen Worte der Prophezeiung anwende: -- »Sintemalen Du
- verlassen und verhaßt gewesen, so daß Niemand von Dir wissen
- wollen, will ich Dich zu ewigem Ruhme erheben, und zur Freude
- vieler Geschlechter!««
-
- »Sie werden mich einen Enthusiasten nennen, und werden mir sagen,
- daß ich das nicht reiflich überlegt habe, was ich zu unternehmen
- im Begriffe stehe; aber ich habe überlegt und die Kosten
- berechnet. Ich gehe nach Liberia, nicht wie nach einem
- romantischen Elysium, sondern wie nach einem Felde der Arbeit.
- Ich rechne darauf, mit beiden Händen dort zu arbeiten, -- schwer
- zu arbeiten; gegen alle Arten Schwierigkeiten und Entmuthigungen
- zu arbeiten, -- und zu arbeiten, bis ich sterbe. Das ist der Zweck
- meines Gehens, und ich bin überzeugt, daß ich darin nicht werde
- getäuscht werden.«
-
- »Was Sie auch immer von meinem Entschlusse denken mögen, entziehen
- Sie mir deßhalb Ihr Vertrauen nicht, und sein Sie überzeugt, daß
- ich bei Allem, was ich thue, mit einem Herzen handle, welches ganz
- meinem Volke angehört.«
-
- »Georg Harris.«
-
-Einige Wochen später schiffte sich Georg mit seinem Weibe, seinen
-Kindern, seiner Schwester und Mutter nach Afrika ein. Wenn wir uns nicht
-täuschen, wird die Welt dort noch von ihm hören.
-
-Von unsern übrigen Personen haben wir nichts Besonderes mehr zu
-erwähnen, ausgenommen ein Wort in Beziehung auf Miß Ophelia und Topsy,
-und ein Schlußkapitel, welches wir Georg Shelby widmen wollen.
-
-Miß Ophelia nahm Topsy mit sich nach Vermont, und zwar zum großen
-Erstaunen derjenigen ernsten und bedächtigen Personen, welche ein
-Neu-Engländer unter dem Ausdrucke: »Unsere Leute« versteht. »Unsere
-Leute« waren anfangs der Meinung, daß Topsy eine seltsame und unnöthige
-Vergrößerung ihres wohlgeregelten Haushaltes sei; allein so erfolgreich
-war Miß Ophelien's gewissenhaftes Streben, ihre Pflicht gegen ihren
-Zögling zu thun, daß das Kind schnell bei der Familie und der
-Nachbarschaft in Gunst und Gnade zunahm. Als sie das Alter der
-Jungfräulichkeit erreicht hatte, wurde sie auf ihren eigenen Wunsch
-getauft, wurde ein Mitglied der christlichen Gemeinde des Ortes, und
-verrieth so viel Verstand, Thätigkeit, Eifer und Verlangen, Gutes in
-der Welt zu wirken, daß sie endlich als Missionärin zu einer der
-Stationen in Afrika empfohlen und bestätigt wurde; und wir haben gehört,
-daß dieselbe Thätigkeit und Empfindungsgabe, welche sie in ihrer
-Kindheit so unstät in ihrer Entwickelung machte, jetzt zu einem
-heilsameren Zwecke, dem Unterrichte der Kinder ihres eigenen
-Vaterlandes, verwendet wird.
-
-_P. S._ Es wird für manche Mutter eine Genugthuung sein, wenn wir
-erwähnen, daß die von der Madame de Thoux veranlaßten Nachforschungen
-den Erfolg gehabt haben, Cassy's Sohn aufzufinden. Als ein junger,
-energischer Mann war es ihm schon mehrere Jahre vor seiner Mutter
-geglückt, zu entfliehen, und hatte bei Freunden der Unterdrückten im
-Norden Aufnahme gefunden und seine Erziehung erhalten. Er wird nächstens
-seiner Familie nach Afrika nachfolgen.
-
-
-
-
-Vierundvierzigstes Kapitel.
-
-Der Befreier.
-
-
-Georg Shelby hatte nur eine Zeile an seine Mutter geschrieben, um ihr
-den Tag seiner Ankunft anzuzeigen. Von der Sterbescene seines alten
-Freundes sagte er kein Wort, -- er hatte nicht den Muth dazu. Mehrmals
-hatte er versucht, aber nichts erreicht, als daß ihm vor Wehmuth der
-Athem stockte, und endete jedesmal damit, daß er das Papier zerriß, sich
-die Augen trocknete, und vom Sitze aufsprang, um wieder ruhig zu
-werden.
-
-An jenem Tage fand, in Erwartung der Ankunft des jungen Master Georg, im
-ganzen Shelby'schen Hause eine muntere Bewegung Statt. Mrs. Shelby saß
-in ihrem bequem eingerichteten Wohnzimmer, wo ein gemüthliches Feuer die
-Kühle des Herbstabends verjagte, und in der Mitte ein Abendtisch mit
-Tellern und geschliffenen Gläsern gedeckt stand, dessen Anordnung unsere
-alte Freundin Chloe besorgte. Angethan mit einem neuen Kattunkleide,
-einer reinen, weißen Schürze und einem hohen, wohl gestärkten Turbane,
-glänzte ihr schwarz polirtes Gesicht von innerer Zufriedenheit, während
-sie mit unnöthiger Genauigkeit in ihren Geschäften am Tische fortfuhr,
-und sich derselben als Vorwand bediente, um mit ihrer Mistreß ein wenig
-plaudern zu können.
-
-»Sehen Sie, nun! wird's ihm nicht ganz natürlich scheinen?« sagte sie.
-»Hier, da, -- ich setze seinen Teller hin, wo er am liebsten sitzt, --
-hier beim Feuer. Master Georg hat gern 'nen warmen Sitz. O, gehn Sie mir
-doch! -- warum hat Sally denn nicht die ^beste^ Theekanne genommen, --
-die kleine neue, die Master Georg zu Weihnachten für Missis gekauft hat?
--- Will sie holen! -- Und Missis hat von Master Georg einen Brief
-bekommen?« fügte sie fragend hinzu.
-
-»Ja, Chloe, aber nur eine Zeile, die weiter nichts enthielt, als daß er
-heut Abend hier eintreffen werde, wenn es ihm möglich sei.«
-
-»Hat wohl nichts gesagt von meinem alten Mann?« fuhr Chloe fort, sich
-noch immer mit den Theetassen beschäftigend.
-
-»Nein, er hat gar nichts von ihm erwähnt, Chloe. Er sagte nur, er würde
-Alles erzählen, wenn er hier wäre.«
-
-»Ganz wie Master Georg; -- er muß immer Alles selbst erzählen. Habe das
-immer an Master Georg bemerkt. Weiß gar nicht, ich, wie die weißen Leute
-so viel schreiben können, als sie gewöhnlich thun; -- schreiben ist so
-'ne langsame, mühselige Arbeit.«
-
-Mrs. Shelby lächelte.
-
-»Denke, mein alter Mann wird die Jungens und 's Kleine gar nicht mehr
-kennen. Herr! sie ist nun ein großes Mädchen, jetzt -- und gut ist sie
-auch, und munter, Polly. Sie ist jetzt im Hause, und paßt auf die Kuchen
-auf. Habe grade den rechten Teig gemacht, wie ihn mein alter Mann so
-gern ißt; grade so wie damals, an dem Morgen, wo er fortgebracht wurde.
-Gott sei mir gnädig! wie mir damals zu Muthe war!«
-
-Mrs. Shelby seufzte, und fühlte bei diesen Worten eine schwere Last auf
-ihr Herz fallen. Sie hatte vom ersten Augenblicke, wo sie ihres Sohnes
-Brief erhalten, eine ängstliche Unruhe darüber empfunden, daß hinter
-diesem Schleier des Schweigens noch Etwas verborgen sein möchte.
-
-»Missis hat doch die Banknoten?« fragte Chloe besorgt.
-
-»Ja, Chloe.«
-
-»Weil ich meinem alten Manne gerne dieselben Noten zeigen möchte, die
-mir der Kuchenbäcker gegeben hat. Und dann sagte er: ›Chloe, ich
-wollte, Du bliebst länger hier.‹ ›Dank' Ihnen, Master,‹ sagt' ich,
-›ich thät's gern, aber mein alter Mann kommt nach Hause, und Missis --
-sie kann mich nicht länger entbehren.‹ Das hab' ich ihm gesagt. War ein
-sehr guter Mann, dieser Master Jones.«
-
-Chloe hatte hartnäckig darauf bestanden, daß dieselben Noten, in denen
-ihr Lohn ausgezahlt worden war, aufbewahrt werden sollten, um sie ihrem
-Manne als Beweis ihrer Geschicklichkeit zu zeigen; und Mrs. Shelby hatte
-gern eingewilligt.
-
-»Er wird Polly gar nicht mehr kennen, -- mein alter Mann. Herr! 's ist
-nun just fünf Jahre, daß sie ihn weg holten! Damals war sie noch ganz
-klein, -- konnte kaum stehen. Weiß noch, wie ängstlich er immer war,
-wenn sie laufen wollte und immer hin fiel.«
-
-Jetzt wurde das Rasseln von Rädern hörbar.
-
-»Master Georg!« sagte Tante Chloe, an's Fenster eilend.
-
-Mrs. Shelby lief nach der Thür, und befand sich gleich darauf in den
-Armen ihres Sohnes. Tante Chloe stand ängstlich dabei und suchte mit
-ihren Augen in der Dunkelheit.
-
-»Meine ^arme^ Tante Chloe!« sagte Georg, mitleidig vor ihr stehen
-bleibend und ihre harte, schwarze Hand in die seinige nehmend: »ich
-hätte mein ganzes Vermögen darum gegeben, wenn ich ihn hätte mitbringen
-können; aber er ist in ein besseres Land gegangen.«
-
-Mrs. Shelby stieß einen Schrei aus, aber Tante Chloe sagte nichts.
-
-Alle traten hierauf in das Wohnzimmer, wo das Geld noch auf dem Tische
-lag, auf welches Chloe so stolz gewesen war.
-
-»Da,« sagte sie, es zusammenraffend und mit zitternder Hand ihrer
-Mistreß hinhaltend, -- »will nichts weiter davon sehen und hören. Grade
-so, wie ich mir dachte, daß es kommen würde, -- verkauft und umgebracht
-auf den alten Plantagen!«
-
-Chloe wandte sich um und schritt stolz zum Zimmer hinaus. Mrs. Shelby
-ging ihr nach, nahm sie sanft bei der Hand und zog sie auf einen Stuhl
-nieder, und setzte sich zu ihr.
-
-»Meine arme, gute Chloe!« sagte sie.
-
-Chloe lehnte ihren Kopf an die Schulter ihrer Mistreß, und schluchzte
-laut: »O Missis, verzeihen Sie mir, -- mein Herz bricht.«
-
-»Ich weiß es,« entgegnete Mrs. Shelby, »und ich kann es nicht heilen,
-aber Jesus kann es. ›Er heilet, die zerbrochenen Herzens sind, und
-verbindet ihre Schmerzen.‹«
-
-Eine Zeit lang herrschte tiefes Schweigen, und Alle weinten. Endlich
-setzte sich Georg neben die Trauernde, ergriff ihre Hand, und schilderte
-mit einfachen, aber gefühlvollen Worten ihres Mannes triumphirende
-Sterbescene und seine letzten Aufträge der Liebe.
-
-Etwa einen Monat später wurden eines Morgens alle Sklaven der
-Shelby'schen Besitzung in die große Halle des Hauses zusammenberufen, um
-einige Worte von ihrem jungen Herrn zu hören.
-
-Zum Erstaunen Aller erschien er mit einem großen Bündel Papiere in der
-Hand, welche die Freilassungsscheine jedes Einzelnen enthielten, die er
-nach der Reihe vorlas, und sodann unter Thränen und Schluchzen aller
-Anwesenden aushändigte. Viele drängten sich um ihn und baten ihn
-flehend, mit ängstlichen Gesichtern, und indem sie ihre
-Freilassungsscheine zurückreichten, sie nicht fortzuschicken.
-
-»Wir wollen nicht freier sein, als wir sind. Wir haben immer Alles
-gehabt, was wir brauchten. Wir wollen den alten Platz nicht verlassen,
-und Master und Missis und alles Uebrige.«
-
-»Meine guten Freunde,« sagte Georg, sobald er sie zum Schweigen bringen
-konnte, »es ist durchaus nicht erforderlich, daß Ihr mich verlasset.
-Meine Besitzung braucht jetzt noch eben so viele Arbeiter, wie früher,
-und eben so mein Haus. Aber Ihr seid jetzt freie Männer und freie
-Weiber. Ich werde Euch Löhne für Eure Arbeit bezahlen, je nachdem wir
-übereinkommen. Der Vortheil für Euch besteht darin, daß, im Falle ich in
-Schulden gerathen, oder sterben sollte, Ihr nicht genommen und verkauft
-werden könnt. Ich beabsichtige, die Bewirthschaftung meiner Besitzung
-fortzusetzen, und Euch zu lehren, was Euch vielleicht einige Zeit zu
-lernen kosten wird, -- nämlich, auf welche Weise Ihr von den Rechten
-Gebrauch zu machen habt, die ich Euch als freien Menschen gebe. Ich
-erwarte, daß Ihr gut sein und willig lernen werdet, und hoffe zu Gott,
-daß ich gegen Euch treu und willig zu lehren sein werde. Und nun, meine
-Freunde, blicket empor und danket Gott für den Segen der Freiheit!«
-
-Ein alter Neger-Patriarch, der auf der Besitzung grau und blind geworden
-war, stand jetzt auf, hob seine zitternden Hände empor, und sagte: »Laßt
-uns dem Herrn danken!«
-
-Als Alle niedergekniet waren, stieg aus der Tiefe dieses alten,
-ehrlichen Herzens ein _Te Deum_ zum Himmel, wie es selbst beim Klange
-der Orgel, der Glocken und Kanonen nie feierlicher gehört werden konnte.
-
-Als Alle sich erhoben hatten, stimmte ein Anderer eine methodistische
-Hymne an, deren Schlußvers war:
-
- »Das Jubeljahr ist jetzt gekommen,
- Kehrt Ihr, befreite Sünder, heim.«
-
-»Noch Eins,« sagte Georg, indem er die Gratulationen der Menge
-unterbrach. -- »Ihr alle erinnert Euch unseres guten, alten Onkel Tom?«
-
-Hierauf gab Georg eine kurze Schilderung seiner Sterbescene, und
-erwähnte des liebevollen Abschieds, den er ihm an Alle aufgetragen
-hatte, und fügte hinzu:
-
-»An seinem Grabe, meine Freunde, gelobte ich vor Gott, nie wieder einen
-Sklaven zu besitzen, wenn es in meiner Macht stehe, ihn in Freiheit zu
-setzen, um nie Jemanden durch mich der Gefahr auszusetzen, von seiner
-Heimath und seinen Freunden losgerissen zu werden und auf einer einsamen
-Plantage sterben zu müssen, wie er starb. So oft Ihr Euch also Eurer
-Freiheit freut, so denkt daran, daß Ihr sie jener alten, guten Seele
-verdankt, und zeigt Euch durch Liebe gegen seine Frau und Kinder dafür
-erkenntlich. Gedenkt Eurer Freiheit, so oft Ihr ^Onkel Tom's Hütte^
-seht, und laßt sie Euch daran erinnern, seinen Fußtapfen zu folgen, und
-so redlich, so treu, so christlich zu sein, wie er war.«
-
-
-
-
-Fünfundvierzigstes Kapitel.
-
-Schlußbemerkungen.
-
-
-Die Verfasserin hat oft von verschiedenen Seiten Anfragen darüber
-erhalten, ob diese Erzählung wahre Thatsachen enthalte, und sie will
-deshalb hierauf die nachfolgende allgemeine Antwort geben.
-
-Die einzelnen Ereignisse, welche darin zusammengestellt worden, sind bis
-zu einem hohen Grade authentisch, und haben sich entweder unter den
-eignen Augen der Verfasserin, oder denen ihrer Freunde zugetragen. Sie
-selbst oder ihre Freunde haben Gegenstücke zu fast allen Charakteren,
-die hier geschildert worden sind, beobachtet, und viele der
-eingeflochtenen Reden sind Wort für Wort wiedergegeben, wie sie von der
-Verfasserin gehört oder ihr mitgetheilt worden sind.
-
-Die persönliche Erscheinung Elisa's und der ihr beigelegte Charakter
-sind nach dem Leben gezeichnet. Die unbestechbare Treue, Rechtlichkeit
-und Frömmigkeit Tom's hat die Verfasserin in mehr als einem persönlichen
-Beispiele selbst beobachtet. Ebenso haben mehrere der tragischsten und
-schrecklichsten Ereignisse ihre Originalien in der Wirklichkeit. Die
-Handlung der Mutter, welche über das Eis des Ohioflusses geht, ist eine
-wohlbekannte Thatsache. Die Geschichte der »alten Prue« ereignete sich
-unter der persönlichen Wahrnehmung eines Bruders der Verfasserin,
-welcher Kassirer eines großen Handlungshauses in New Orleans war. Aus
-derselben Quelle ist der Charakter des Pflanzers Legree entnommen
-worden. Ueber ihn äußerte sich derselbe, indem er einen auf seiner
-Pflanzung bei Gelegenheit einer Geschäftsreise abgestatteten Besuch
-schildert, folgendermaßen: »Er ließ mich in der That seine Faust
-befühlen, welche dem Hammer eines Grobschmieds glich, und sagte mir
-dabei, daß sie vom ^Niederschlagen der Neger^ so hart geworden sei.«
-
-Daß ebenso Tom's tragisches Schicksal mehr als ein Beispiel in der
-Wirklichkeit hat, dafür gibt es im ganzen Lande zahlreiche lebendige
-Zeugen. Man erinnere sich daran, daß es in allen südlichen Staaten ein
-gesetzliches Princip ist, keine Person von farbiger Abkunft als Zeugen
-gegen einen Weißen zuzulassen; und man wird deshalb leicht sehen, daß
-ein solcher Fall sich überall ereignen kann, wo die Leidenschaften eines
-Menschen die Rücksichten auf seinen Vortheil überwiegen, und ein Sklave
-Männlichkeit und Festigkeit genug besitzt, seinem Willen zu widerstehen.
-Es gibt in der That für einen Sklaven keinen andern Schutz, als den
-Charakter seines Herrn.
-
-Thatsachen, die zu schrecklich sind, um nur gelegentlich erwähnt zu
-werden, bahnen sich ihren Weg gewaltsam zur Oeffentlichkeit, und die
-Bemerkungen, die darüber gemacht werden, sind oft noch schrecklicher,
-als die Sache selbst. Man hört die Aeußerung: »Kann wohl sein, daß
-solche Dinge sich dann und wann zutragen, aber sie sind kein Beleg für
-die allgemeine Praxis.« Wenn die Gesetze von Neu-England so beschaffen
-wären, daß ein Meister dann und wann einen Lehrling zu Tode quälen
-könnte, ohne die Möglichkeit, denselben zur Bestrafung zu ziehen, --
-würde dies mit demselben Gleichmuthe angehört werden? Würde man sagen:
-»Derartige Fälle sind selten und keine Belege für die allgemeine
-Praxis?« Diese Ungerechtigkeit ist eine nothwendige Folge des
-Sklavensystems, welches ohne dieselbe nicht bestehen kann.
-
-Der öffentliche und schamlose Verkauf reizender Mulatten und
-Quadroonmädchen hat durch diejenigen Ereignisse Oeffentlichkeit erlangt,
-welche der Wegnahme der ›Perl‹ folgten. Wir entnehmen das Folgende aus
-der Rede des Mr. Horace Mann, eines der gesetzlich bestellten
-Vertheidiger der Angeklagten. Er sagt: »Unter den sechsundsiebzig
-Personen, welche im Jahre 1848 in dem Schoner ›Perl‹ von Columbia zu
-entfliehen suchten, und deren Offiziere ich zu vertheidigen bemüht war,
-befanden sich mehrere junge und kräftige Mädchen, welche in Zügen und
-Gestalt jene besonderen Reize besaßen, die von Kennern so hoch geschätzt
-werden. Elisabeth Russel gehörte zu diesen. Sie fiel augenblicklich in
-die Netze der Sklavenhändler, und wurde von ihnen für den Markt in
-New-Orleans bestimmt. Die Herzen Aller, die sie sahen, wurden von
-Mitleid für ihr Schicksal ergriffen. Man bot achtzehnhundert Dollar, um
-sie loszukaufen, aber der Teufel von einem Sklavenhändler war
-unerbittlich. Sie wurde nach New-Orleans abgeführt; allein während der
-Reise erbarmte Gott sich ihrer und erlöste sie durch den Tod. Zwei
-andere Mädchen, Namens Edmundson, befanden sich ebenfalls unter ihnen.
-Als sie nach demselben Markte abgesendet werden sollten, kam eine ältere
-Schwester derselben zur Fleischbank, um den Elenden, dem sie gehörten,
-bei der Liebe Gottes anzuflehen, seiner Opfer zu schonen. Er verhöhnte
-sie, und stellte ihr vor, was für schöne Kleider und Möbeln sie haben
-würden. ›Ja,‹ entgegnete sie, ›das mag in diesem Leben ganz angenehm
-sein, aber was wird in jenem Leben aus ihnen werden?‹ Sie wurden auch
-nach New-Orleans abgeführt, aber später für eine ungeheure Summe
-losgekauft und zurückgebracht.« Ergibt sich aus diesen Beispielen nicht
-deutlich genug, daß die Schicksale Cassy's und Emmelinens zahlreiche
-Gegenstücke haben werden?
-
-Um gerecht zu sein, ist die Verfasserin auch genöthigt, zu bemerken, daß
-die Freundlichkeit und der Edelmuth St. Clare's nicht ohne Parallelen
-sind, wie sich aus der folgenden Thatsache ergibt. Vor mehreren Jahren
-kam ein junger Gentleman aus dem Süden mit einem Lieblingssklaven, der
-von seiner Kindheit an sein persönlicher Diener gewesen war, nach
-Cincinnati. Letzterer machte von dieser Gelegenheit Gebrauch, sich seine
-Freiheit zu verschaffen, und floh unter den Schutz eines Quäckers, der
-im allgemeinen Rufe stand, sich derartigen Geschäften zu unterziehen.
-Der Eigenthümer war empört. Er hatte den Sklaven stets mit großer
-Nachsicht behandelt, und setzte ein so großes Vertrauen in seine
-Anhänglichkeit zu ihm, daß er glaubte, er müsse nothwendig zu diesem
-Schritte durch Andre verleitet worden sein. Er begab sich deshalb in
-heftiger Aufregung zu dem Quäcker, aber wurde bald, da er ein Mann von
-offenem und rechtlichem Sinne war, durch die Vorstellungen desselben
-beschwichtigt. Er lernte hier die Sache von einer Seite betrachten, von
-der er noch nie gehört, -- an die er noch nie gedacht hatte, und sagte
-deshalb dem Quäcker sofort, daß, wenn sein Sklave ihm von Angesicht zu
-Angesicht den Wunsch, frei zu werden, erklären wolle, er ihn frei lassen
-werde. Die Zusammenkunft fand augenblicklich Statt, und Nathan wurde von
-seinem jungen Herrn befragt, ob er irgend einen Grund habe, sich über
-die von ihm zu Theil gewordene Behandlung zu beklagen?
-
-»Nein, Master,« sagte Nathan, »Sie sind immer gut gegen mich gewesen.«
-
-»Gut, weshalb willst Du mich also verlassen?«
-
-»Master kann sterben, und wem falle ich dann zu? -- Ich möchte lieber
-frei sein.«
-
-Nach einiger Ueberlegung entgegnete der junge Mann: »Nathan, ich
-glaube, ich würde an Deiner Stelle eben so denken. Du bist frei.«
-
-Sofort fertigte er seine Entlassungsscheine aus, legte eine Summe Geldes
-in die Hand des Quäckers, um ihm auf zweckmäßige Weise damit
-fortzuhelfen, und ließ einen herzlichen und gefühlvollen Brief an den
-jungen Mann zurück, in welchem er ihm gute Rathschläge für seinen neuen
-Lebensweg ertheilte. Dieser Brief ist längere Zeit in den Händen der
-Verfasserin gewesen.
-
-Die Verfasserin hofft, daß sie der Menschenfreundlichkeit und dem
-Edelmuthe volle Gerechtigkeit hat wiederfahren lassen, durch welche sich
-oft einzelne Bewohner des Südens auszeichnen. Solche Beispiele bewahren
-uns davor, an unserem Geschlechte ganz zu verzweifeln; aber wir fragen
-Jeden, der die Welt kennt, ob solche Charaktere gewöhnlich sind?
-
-Viele Jahre lang hat die Verfasserin durchaus vermieden, etwas über den
-Gegenstand der Sklaverei zu lesen, oder seiner irgendwie Erwähnung zu
-thun, weil es zu peinlich für sie war, Ermittelungen darüber
-anzustellen, und sie der Ueberzeugung lebte, daß das sich immer mehr
-ausbreitende Licht der Civilisation das ganze Institut bald verdrängen
-werde; allein seit sie durch die Akte von 1850 zu ihrem größten
-Erstaunen gehört hat, daß Menschen und Christen die Zurücklieferung der
-Entflohenen in die Sklaverei als die Pflicht eines jeden guten Bürgers
-empfehlen, -- seit sie überall in den nördlichen Freistaaten
-menschenfreundliche, mitleidige und achtungswerthe Leute Versammlungen
-und Berathschlagungen darüber hat halten sehen, was die Christenpflicht
-in diesem Falle gebiete, -- konnte sie nur glauben, daß diese Menschen
-und Christen keine klare Vorstellung von dem haben, was Sklaverei
-wirklich ist; denn wenn sie sie besäßen, so hätte bei ihnen eine solche
-Frage nie zur Berathung kommen können. Hieraus entstand der Wunsch, sie
-zum Gegenstande einer lebendigen dramatischen Darstellung zu machen.
-Die Verfasserin ist bemüht gewesen, sie in ihrem besten und
-schlechtesten Lichte zu zeigen. In ersterer Beziehung ist es ihr
-vielleicht gelungen: aber o! wer kann sagen, was in dem jenseitigen
-Thale und unter seinen Todesschatten noch unerwähnt geblieben ist?
-
-An Euch, Ihr edelherzigen, edelmüthigen Männer und Frauen des Südens, --
-an Euch, deren Tugend, Hochherzigkeit und Reinheit des Charakters um so
-größer sind, als Ihr gegen eine schwere Versuchung zu kämpfen habt, --
-an Euch ergeht mein Ruf. Habt Ihr nicht in der Tiefe Eurer eignen Herzen
-empfunden, in Eurem eignen Privatverkehr wahrgenommen, daß in diesem
-fluchwürdigen Systeme viel größere Uebel und Leiden liegen, als hier hat
-schwach geschildert werden können? Kann es anders sein? Ist der Mensch
-ein Geschöpf, dem eine völlig unverantwortliche Gewalt anvertraut werden
-darf? und macht das System der Sklaverei nicht dadurch, daß es dem
-Sklaven die Fähigkeit Zeugniß abzulegen, versagt, jeden einzelnen
-Besitzer von Sklaven zu einem Despoten ohne jede Verantwortlichkeit?
-Kann irgend Jemand sich darüber täuschen, welche praktische Folgen
-nothwendig daraus hervorgehen müssen? Wenn, was wir gern zugestehen,
-unter Euch, Männern von Ehre, Menschlichkeit und Gerechtigkeit, ein
-übereinstimmendes Gefühl herrscht, so frage ich Euch, herrscht nicht ein
-solches andrer Art auch unter den schändlichen, rohen und entarteten
-Menschen? Und kann nicht nach Eurem Sklaven-Gesetze der rohe, entartete
-Mensch grade eben so viele Sklaven besitzen, wie der Beste unter Euch?
-Bilden die ehrenwerthen, gerechten, mitleidigen und edelmüthigen
-Menschen irgendwo in dieser Welt die Majorität?
-
-Der Sklavenhandel wird jetzt nach amerikanischen Gesetzen als eine Art
-Räuberei betrachtet; allein ein so systematischer Sklavenhandel, wie er
-nur jemals an der Küste Afrika's betrieben wurde, ist eine nothwendige
-Folge der in Amerika bestehenden Sklaverei. Und können ihre Gräuel und
-ihr herzzerreißendes Elend geschildert werden?
-
-Die Verfasserin hat nur ein schwaches Bild von der Angst und
-Verzweiflung gegeben, die in diesem Augenblicke tausend Herzen
-zerreißen, tausend Familien zerstören, und jene hülflose und gefühlvolle
-Menschenklasse zu Wahnsinn und Verzweiflung treiben. Es gibt Viele,
-denen aus eigner Wahrnehmung bekannt ist, daß durch diesen fluchwürdigen
-Handel Mütter dazu getrieben worden sind, ihre eigenen Kinder zu
-ermorden, und für sich selbst im Tode einen Schutz gegen Leiden zu
-suchen, die für sie schrecklicher waren als der Tod. Es läßt sich nichts
-so Tragisches schreiben, sagen oder vorstellen, was der furchtbaren
-Wirklichkeit jener Scenen gleich käme, die sich täglich unter dem
-Schutze des amerikanischen Gesetzes und dem Schatten des Kreuzes Christi
-an unsern Küsten zutragen.
-
-Und nun, Ihr Männer und Frauen Amerika's, ist dies ein Gegenstand, der
-leicht genommen, entschuldigt oder mit Schweigen übergangen werden
-könnte? Ihr Farmer vom Massachusetts, New-Hampshire, Vermont und
-Connecticut, die Ihr dieses Buch beim Scheine Eures winterlichen Feuers
-leset, -- Ihr muthigen, edelherzigen Seeleute vom Maine, -- ist dies
-eine Sache, die Ihr unterstützen und befördern wollt? Ihr braven, edlen
-Männer von New-York, Ihr Farmer des reichen und fröhlichen Ohio, und Ihr
-in den weiten Prairie-Staaten, -- antwortet mir, ist dies eine Sache,
-die Ihr vertheidigen wollt? Und Ihr, Mütter Amerika's, -- Ihr, die Ihr
-an den Wiegen Eurer eignen Kinder gelernt habt das ganze
-Menschengeschlecht zu lieben, -- bei der heiligen Liebe zu Euren eignen
-Kindern, bei der Freude, die Ihr über ihre reine, schöne Kindheit
-empfindet, bei der mütterlichen Liebe und Zärtlichkeit, mit der Ihr ihre
-reifenden Jahre bewacht, bei der Sorge für ihre Erziehung, bei den
-Gebeten, die Ihr für ihr unsterbliches Seelenheil zum Himmel sendet, --
-beschwöre ich Euch, habt Mitleid für die Mutter, die alle Eure warmen
-Empfindungen, und kein gesetzliches Recht hat, das Kind ihres Herzens zu
-beschützen, zu leiten und zu erziehen! Bei der Sterbestunde Eures
-Kindes, bei jenen brechenden Augen, die Ihr nie vergessen könnt, bei den
-letzten Schreien, die Euer Herz zerrissen haben, wenn Ihr weder helfen
-noch retten konntet, bei jener vereinsamten Wiege, bei jener verödeten
-Kinderstube, -- beschwöre ich Euch, habt Mitleid mit jenen Müttern, die
-fortwährend kinderlos werden durch den amerikanischen Sklavenhandel! Und
-sagt mir, Ihr Mütter Amerika's, ist dies ein Gegenstand, der vertheidigt
-oder mit Stillschweigen übergangen werden kann?
-
-Wollt Ihr behaupten, daß die Bewohner der Freistaaten nichts damit zu
-thun haben, und nichts dafür thun können? Wollte Gott, es wäre wahr!
-Aber es ist nicht wahr. Die Bewohner der Freistaaten haben das System
-vertheidigt, befördert, und selbst daran Theil genommen; sie sind vor
-Gott sogar schuldiger als der Süden, da sie weder den Einfluß der
-Erziehung noch der Sitte für sich haben.
-
-Wenn die Mütter der Freistaaten in früheren Zeiten die Empfindungen und
-Ansichten gehabt hätten, die sie hätten haben sollen, so würden die
-Söhne der Freistaaten nicht Sklavenhalter, und, wie es sprüchwörtlich
-geworden ist, die härtesten Herrn der Sklaven geworden sein; die Söhne
-der Freistaaten würden nicht zur Verbreitung der Sklaverei mitgewirkt,
-und nicht mit menschlichen Seelen und Körpern, wie sie thun, anstatt
-Geldes gehandelt haben. Es gibt zahllose Sklaven, die von Kaufleuten der
-nördlichen Städte zeitweise besessen und verkauft werden; und darf also
-die ganze Schuld und Schmach der Sklaverei allein auf den Süden fallen?
-Die Männer, Mütter und Christen des Nordens haben noch etwas mehr zu
-thun, als ihre Brüder des Südens anzuklagen; sie haben das unter ihnen
-selbst bestehende Uebel abzustellen.
-
-Aber was kann eine einzelne Person thun? Darüber kann Jeder urtheilen.
-Es gibt Etwas, das jedes Individuum thun kann, -- dafür sorgen, daß es
-richtige Empfindungen hegt. Ein jedes menschliches Wesen ist von einer
-Atmosphäre sympathetischen Einflusses umgeben, und Jeder, der gesunde,
-kräftige und gerechte Empfindungen in Bezug auf die großen Interessen
-der Menschheit hegt, wird stets ein Wohlthäter des menschlichen
-Geschlechts sein. Sorgt also für Eure Empfindungen über diesen
-Gegenstand. Sind sie in Uebereinstimmung mit den Gefühlen, die Christus
-lehrte, oder sind sie durch die Sophistereien einer weltlichen Politik
-auf Abwege gelenkt und verderbt worden?
-
-Noch mehr, Ihr christlichen Männer und Weiber des Nordens! -- Ihr könnt
-noch mehr thun! Ihr könnt beten! Glaubt Ihr an die Kraft des Gebetes?
-oder ist es für Euch nur eine dunkle, apostolische Tradition geworden?
-Ihr betet für die Heiden im Auslande; betet auch für die Heiden in Eurem
-Vaterlande; und betet für die unglücklichen Christen, deren Fortschritte
-in der Religion einzig und allein von Zufälligkeiten im Handel und
-Wandel abhängig sind, und für die jedes Festhalten an der Moral des
-Christenthums häufig eine Unmöglichkeit ist, wenn sie nicht von oben
-herab mit dem Muthe des Märtyrerthums begnadigt worden sind.
-
-Aber noch mehr. An den Küsten unserer freien Staaten sammeln sich die
-armen, verstreuten Ueberbleibsel zerrissener Familien, -- Männer und
-Weiber, die durch wunderbare Fügungen der Vorsehung aus der Sklaverei
-entkommen sind, -- schwach im Wissen, und meistens auch zu Grunde
-gerichtet in ihrem moralischen Zustande, und zwar durch ein System,
-welches jedes Princip des Christenthums und der Morallehre entstellt und
-verwirrt. Sie kommen, um eine Zuflucht bei Euch zu suchen, um Erziehung,
-Unterricht und Christenthum zu suchen.
-
-Was seid Ihr diesen Unglücklichen schuldig, o Christen? Hat nicht jeder
-amerikanische Christ die Verbindlichkeit gegen das afrikanische
-Geschlecht, nach Kräften das Unrecht wieder gut zu machen, welches die
-amerikanische Nation über das Letztere gebracht hat? Sollen ihnen die
-Thüren der Kirchen und Schulhäuser verschlossen werden? Sollen die
-Staaten sich erheben und sie hinaustreiben? Soll die Kirche Christi
-schweigend den Hohn mit anhören, der auf sie geworfen wird, soll sie vor
-der hülflosen Hand zurückweichen, die Jene ausstrecken, und durch ihr
-Schweigen die Grausamkeit gut heißen, die sie aus unsern Gränzen
-vertreiben möchte? Wenn dies geschehen muß, so wird es ein trauriges
-Schauspiel sein. Wenn dies geschehen muß, so wird das Land Ursache haben
-zu zittern, sobald es daran denkt, daß das Schicksal der Völker in der
-Hand Eines liegt, der mitleidig und barmherzig ist.
-
-Sagt Ihr vielleicht: »Wir wollen sie nicht hier haben, -- sie mögen nach
-Afrika gehen?«
-
-Daß die Vorsehung Gottes ihnen einen Zufluchtsort in Afrika eröffnet
-hat, ist allerdings ein großer und wichtiger Umstand, aber es ist kein
-Grund, der die Kirche Christi von der Verantwortlichkeit gegen diesen
-ausgestoßenen Stamm entbindet, welche ihr Glaube ihr zur Pflicht macht.
-Wollte man Liberia mit einem unwissenden, unerfahrenen, halb
-barbarischen Geschlechte anfüllen, welches so eben erst den Ketten der
-Sklaverei entlaufen ist, so würde es nur dazu dienen, die Dauer des
-Kampfes zu verlängern, der den Anfang jedes neuen Unternehmens
-begleitet. Die Kirche des Nordens möge diese armen Leidenden im Geiste
-Christi bei sich aufnehmen, sie der Wohlthaten einer christlich
-republikanischen Gesellschaft und ihrer Schulen theilhaftig machen, und,
-wenn sie eine gewisse moralische und intellektuelle Reife erlangt haben,
-ihnen behülflich zu der Uebersiedelung nach jenen Küsten sein, wo sie
-den in Amerika angefangenen Unterricht praktisch anwenden können.
-
-Es gibt im Norden einen verhältnißmäßig kleinen Verein von Männern,
-welche dies bereits gethan haben, und in Folge dessen hat unser Land
-bereits Beispiele von Männern aufzuweisen, die früher Sklaven gewesen
-sind, und sich schnell Vermögen, Ruf und Bildung erworben haben. Talente
-sind entwickelt worden, die unter Berücksichtigung der Umstände,
-Bewundrung verdienen; und in Zügen von Rechtlichkeit, Herzensgüte,
-Zartheit der Empfindungen, -- heroischer Aufopferung und
-Selbstverläugnung; um Brüder und Angehörige, die noch in der Sklaverei
-waren, zu befreien, -- haben sich diese Menschen in einem Grade
-ausgezeichnet, der unter Berücksichtigung des Einflusses, unter dem sie
-geboren wurden, Staunen erregen muß.
-
-Die Verfasserin hat viele Jahre lang an der Gränze der Sklavenstaaten
-gelebt, und vielfach Gelegenheit gehabt, solche Personen zu beobachten,
-die früher Sklaven gewesen waren. Sie sind Dienstboten in ihrer Familie
-gewesen, und haben, in Ermangelung einer andern Schule, häufig denselben
-Unterricht mit ihren Kindern genossen. Mit ihren Erfahrungen stimmen die
-Ansichten der in Canada unter den flüchtigen Sklaven lebenden Missionäre
-vollkommen überein, so daß die daraus zu ziehenden Folgerungen über die
-Bildungsfähigkeit des Geschlechts in hohem Grade ermuthigend sind.
-
-Das erste Verlangen des emancipirten Negers steht in der Regel nach
-Unterricht. Es gibt nichts, was sie nicht willig geben würden, um ihre
-Kinder unterrichtet zu sehen; und so weit die Beobachtung der
-Verfasserin selbst geht, und das Zeugniß der Lehrer reicht, welche sie
-unterrichtet haben, besitzen sie eine ungewöhnliche Fassungsgabe. Die
-Ergebnisse der in Cincinnati für sie von wohlthätigen Individuen
-gegründeten Schulen bestätigen dies vollkommen.
-
-Die Verfasserin läßt hier die nachstehenden Angaben rücksichtlich der
-jetzt in Cincinnati lebenden, emancipirten Sklaven folgen, und stützt
-sich dabei auf die Autorität des Professors C. E. Stowe, am Lane Seminar
-zu Ohio, um zu zeigen, was die diesem Geschlechte angehörigen
-Individuen, selbst ohne besonderen Beistand, zu leisten vermögen. Es
-sind hier nur die Anfangsbuchstaben der Namen gegeben, und sämmtliche
-hier angedeutete Personen wohnen in Cincinnati.
-
- »B--. Tischler; zwanzig Jahre in der Stadt; besitzt an Vermögen
- zehn tausend Dollar, die er selbst erworben hat, und gehört der
- Baptisten Gemeinde an.«
-
- »C--. Ganz schwarz; gestohlen in Afrika und in New-Orleans
- verkauft; ist seit fünfzehn Jahren frei; bezahlte selbst
- sechshundert Dollar für sich; ist Farmer, und besitzt mehrere
- Farmgrundstücke in Indiana; gehört der presbyterianischen Kirche
- an, und hat ein selbst erworbenes Vermögen von fünfzehn bis
- zwanzig tausend Dollar.«
-
- »K--. Ganz schwarz; ist vierzig Jahre alt, Gütermäkler, seit sechs
- Jahren frei, und besitzt ungefähr dreißig tausend Dollar. Er
- bezahlte achtzehn hundert Dollar für seine Familie, ist Mitglied
- der Baptisten-Gemeinde, und empfing von seinem Herrn ein Legat,
- welches er in Acht genommen und vermehrt hat.«
-
- »G--. Ganz schwarz, Kohlenhändler, dreißig Jahr alt; besitzt
- achtzehn tausend Dollar; bezahlte zweimal für sich, da er einmal
- um sechszehnhundert Dollar betrogen wurde; verdiente sein ganzes
- Vermögen durch eigne Anstrengungen, -- und einen großen Theil
- davon während er Sklave war, indem er seine Zeit seinem Herrn
- abdung, und für sich selbst Geschäfte machte; ist ein hübscher
- Mensch von anständigem Aeußern.«
-
- »W--. Drei Viertel schwarz; Barbier und Aufwärter, aus Kentucky;
- neunzehn Jahre frei; bezahlte für sich selbst und seine Familie
- drei tausend Dollar; besitzt zwanzig tausend Dollar, die er
- selbst erworben hat: ist Diakon der Baptistenkirche.«
-
- »G. D--. Drei Viertel schwarz; Weißwäscher, von Kentucky gebürtig;
- neun Jahre frei; bezahlte fünfzehn hundert Dollar für sich und
- seine Familie; ist kürzlich sechszig Jahre alt gestorben, und
- besaß ein Vermögen von sechs tausend Dollar.«
-
-Professor Stowe sagt: »Mit allen diesen, G-- allein ausgenommen, bin ich
-viele Jahre persönlich bekannt gewesen, und gründe deßhalb meine Angaben
-auf eigne Wahrnehmung.«
-
-Die Verfasserin erinnert sich deutlich einer alten, farbigen Frau, die
-als Waschfrau in der Familie ihres Vaters fungirte. Die Tochter dieser
-Frau heirathete einen Sklaven. Sie war eine außerordentlich thätige und
-geschickte junge Frau, welche durch ihren Fleiß, ihre Anstrengungen und
-die ausdauerndste Selbstverleugnung neun hundert Dollar sammelte, und an
-den Herrn ihres Mannes bezahlte. Es fehlten noch hundert Dollar am
-Preise, als er starb. Sie erhielt nie den geringsten Theil ihres Geldes
-zurück.
-
-Es sind dies nur einzelne Thatsachen, einer großen Anzahl ähnlicher
-entnommen, die als Belege angeführt werden könnten, um zu zeigen, welche
-Selbstverleugnung, Energie, Geduld und Rechtlichkeit der frühere Sklave
-im Zustande der Freiheit besitzt. Und dabei vergesse man nicht, daß es
-diesen Individuen gelungen ist, sich verhältnißmäßigen Reichthum und
-eine gesellschaftliche Stellung zu erobern, während sie gegen Nachtheile
-und Entmuthigungen jeder Art zu kämpfen hatten. Nach den Gesetzen des
-Ohio Staates kann der Farbige nicht Wähler sein, und noch bis vor
-wenigen Jahren war ihm sogar versagt, Zeugniß in Prozessen gegen einen
-Weißen abzulegen. Auch beschränken sich diese Beispiele keineswegs auf
-den Staat Ohio allein; denn wir sehen jetzt in allen Staaten der Union
-Männer, welche, nachdem sie kaum die Fesseln der Sklaverei
-abgeschüttelt haben, durch eigene Kraft, die nicht genug bewundert
-werden kann, zu geachteten Stellungen in der Gesellschaft emporgestiegen
-sind. Pennington unter den Geistlichen, Douglas und Ward unter den
-Autoren sind wohl bekannte Beispiele.
-
-Wenn dieses verfolgte Geschlecht, unter Nachtheilen und Entmuthigungen
-jeder Art, so viel erreicht hat, wie viel würde es dann vermögen, wenn
-die christliche Kirche im Geiste ihres Stifters gegen dasselbe handeln
-wollte!
-
-Wir leben jetzt in einer Zeit, wo die Nationen zittern und in Krämpfen
-liegen. Andre Theile der Erde werden von einem gewaltigen Einflusse
-gehoben und erschüttert. Und ist Amerika sicher? Jede Nation, die große
-und ungesühnte Ungerechtigkeiten in ihrem Busen trägt, hat auch die
-Elemente zu diesen inneren Krämpfen in sich. Weßhalb erweckt jener
-mächtige Einfluß in allen Nationen und Sprachen die Seufzer nach
-Freiheit und Gleichheit, die nicht laut werden dürfen?
-
-O Kirche Christi, lies die Zeichen der Zeit! Ist nicht jene Gewalt sein
-Geist, dessen Reich noch kommen soll, und dessen Wille geschehen muß auf
-Erden wie im Himmel?
-
-Aber wer mag den Tag seines Erscheinens erwarten? »Denn dieser Tag wird
-brennen wie ein Ofen: und Er wird erscheinen als ein schneller Zeuge
-gegen Diejenigen, welche den Diener in seinem Solde verkürzen, Wittwen
-und Waisen bedrücken, und ^den Fremden in seinen Rechten auf die Seite
-setzen wollen^: und er wird den Unterdrücker in Stücke zerbrechen.«
-
-Sind dies nicht schreckliche Worte für eine Nation, die eine so
-furchtbare Ungerechtigkeit in ihrem Busen trägt? Christen! könnt Ihr, so
-oft Ihr betet, daß das Reich Christi kommen möge, vergessen, daß die
-Prophezeiung in schrecklicher Verbindung mit dem Tage der Erlösung den
-Tag der Wiedervergeltung verheißt?
-
-Noch ist uns ein Tag der Gnade geboten. Der Norden sowohl wie der Süden
-ist schuldig vor Gott, und die christliche Kirche hat eine schwere
-Rechnung abzulegen. Nicht dadurch, daß sich Alles verbindet, um
-Ungerechtigkeit und Grausamkeit zu beschützen, und ein
-gemeinschaftliches Kapital der Sünde anzulegen, -- kann die Union
-gerettet werden, -- sondern nur durch Reue, Gerechtigkeit und Gnade;
-denn nicht gewisser ist das ewige Gesetz, daß der Mühlstein im Oceane
-versinken muß, als das noch stärkere, daß Ungerechtigkeit und
-Grausamkeit den Zorn des Allmächtigen über die Nationen bringen werden.
-
-
- ^Ende^
-
-
-
-
-Notizen des Bearbeiters:
-
- Gesperrte Schrift markiert durch ^ ... ^
- Schrift in Antiqua markiert durch _..._
- Nicht einheitliche Schreibweisen wurden wie im Original beibehalten.
- Alte, heute nicht mehr verwendete Schreibweisen des Originals wurden
- beibehalten.
-
-
-
-*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ONKEL TOM'S HÜTTE ***
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