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+The Project Gutenberg eBook of Also Sprach Zarathustra, by Friedrich
+Wilhelm Nietzsche
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
+most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
+whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
+of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
+www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you
+will have to check the laws of the country where you are located before
+using this eBook.
+
+Title: Also Sprach Zarathustra
+
+Author: Friedrich Wilhelm Nietzsche
+
+Release Date: March 26, 2003 [eBook #7205]
+[Most recently updated: February 12, 2023]
+
+Language: German
+
+Produced by: Peter Bellen
+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ALSO SPRACH ZARATHUSTRA ***
+
+cover
+
+
+
+
+Also sprach Zarathustra
+
+Ein Buch für Alle und Keinen
+
+von Friedrich Wilhelm Nietzsche
+
+
+
+
+Inhaltsverzeichnis
+
+
+ Erster Theil
+ Zarathustra’s Vorrede
+ Die Reden Zarathustra’s
+ Von den drei Verwandlungen
+ Von den Lehrstühlen der Tugend
+ Von den Hinterweltlern
+ Von den Verächtern des Leibes
+ Von den Freuden- und Leidenschaften
+ Vom bleichen Verbrecher
+ Vom Lesen und Schreiben
+ Vom Baum am Berge
+ Von den Predigern des Todes
+ Vom Krieg und Kriegsvolke
+ Vom neuen Götzen
+ Von den Fliegen des Marktes
+ Von der Keuschheit
+ Vom Freunde
+ Von tausend und Einem Ziele
+ Von der Nächstenliebe
+ Vom Wege des Schaffenden
+ Von alten und jungen Weiblein
+ Vom Biss der Natter
+ Von Kind und Ehe
+ Vom freien Tode
+ Von der schenkenden Tugend
+
+ Zweiter Theil
+ Das Kind mit dem Spiegel
+ Auf den glückseligen Inseln
+ Von den Mitleidigen
+ Von den Priestern
+ Von den Tugendhaften
+ Vom Gesindel
+ Von den Taranteln
+ Von den berühmten Weisen
+ Das Nachtlied
+ Das Tanzlied
+ Das Grablied
+ Von der Selbst-Überwindung
+ Von den Erhabenen
+ Vom Lande der Bildung
+ Von der unbefleckten Erkenntniss
+ Von den Gelehrten
+ Von den Dichtern
+ Von grossen Ereignissen
+ Der Wahrsager
+ Von der Erlösung
+ Von der Menschen-Klugheit
+ Die stillste Stunde
+
+ Dritter Theil
+ Der Wanderer
+ Vom Gesicht und Räthsel
+ Von der Seligkeit wider Willen
+ Vor Sonnen-Aufgang
+ Von der verkleinernden Tugend
+ Auf dem Ölberge
+ Vom Vorübergehen
+ Von den Abtrünnigen
+ Die Heimkehr
+ Von den drei Bösen
+ Vom Geist der Schwere
+ Von alten und neuen Tafeln
+ Der Genesende
+ Von der grossen Sehnsucht
+ Das andere Tanzlied
+ Die sieben Siegel (Oder: das Ja- und Amen-Lied)
+
+ Vierter und letzter Theil
+ Das Honig-Opfer
+ Der Nothschrei
+ Gespräch mit den Königen
+ Der Blutegel
+ Der Zauberer
+ Ausser Dienst
+ Der hässlichste Mensch
+ Der freiwillige Bettler
+ Der Schatten
+ Mittags
+ Die Begrüssung
+ Das Abendmahl
+ Vom höheren Menschen
+ Das Lied der Schwermuth
+ Von der Wissenschaft
+ Unter Töchtern der Wüste
+ Die Erweckung
+ Das Eselsfest
+ Das Nachtwandler-Lied
+ Das Zeichen
+
+
+
+
+Erster Theil
+
+
+Zarathustra’s Vorrede.
+
+1.
+
+Als Zarathustra dreissig Jahr alt war, verliess er seine Heimat und den
+See seiner Heimat und ging in das Gebirge. Hier genoss er seines
+Geistes und seiner Einsamkeit und wurde dessen zehn Jahr nicht müde.
+Endlich aber verwandelte sich sein Herz,—und eines Morgens stand er mit
+der Morgenröthe auf, trat vor die Sonne hin und sprach zu ihr also:
+
+„Du grosses Gestirn! Was wäre dein Glück, wenn du nicht Die hättest,
+welchen du leuchtest!
+
+Zehn Jahre kamst du hier herauf zu meiner Höhle: du würdest deines
+Lichtes und dieses Weges satt geworden sein, ohne mich, meinen Adler
+und meine Schlange.
+
+Aber wir warteten deiner an jedem Morgen, nahmen dir deinen Überfluss
+ab und segneten dich dafür.
+
+Siehe! Ich bin meiner Weisheit überdrüssig, wie die Biene, die des
+Honigs zu viel gesammelt hat, ich bedarf der Hände, die sich
+ausstrecken.
+
+Ich möchte verschenken und austheilen, bis die Weisen unter den
+Menschen wieder einmal ihrer Thorheit und die Armen einmal ihres
+Reichthums froh geworden sind.
+
+Dazu muss ich in die Tiefe steigen: wie du des Abends thust, wenn du
+hinter das Meer gehst und noch der Unterwelt Licht bringst, du
+überreiches Gestirn!
+
+Ich muss, gleich dir, _untergehen_, wie die Menschen es nennen, zu
+denen ich hinab will.
+
+So segne mich denn, du ruhiges Auge, das ohne Neid auch ein
+allzugrosses Glück sehen kann!
+
+Segne den Becher, welcher überfliessen will, dass das Wasser golden aus
+ihm fliesse und überallhin den Abglanz deiner Wonne trage!
+
+Siehe! Dieser Becher will wieder leer werden, und Zarathustra will
+wieder Mensch werden.“
+
+—Also begann Zarathustra’s Untergang.
+
+2.
+
+Zarathustra stieg allein das Gebirge abwärts und Niemand begegnete ihm.
+Als er aber in die Wälder kam, stand auf einmal ein Greis vor ihm, der
+seine heilige Hütte verlassen hatte, um Wurzeln im Walde zu suchen. Und
+also sprach der Greis zu Zarathustra:
+
+Nicht fremd ist mir dieser Wanderer: vor manchem Jahre gieng er hier
+vorbei. Zarathustra hiess er; aber er hat sich verwandelt. Damals
+trugst du deine Asche zu Berge: willst du heute dein Feuer in die
+Thäler tragen? Fürchtest du nicht des Brandstifters Strafen?
+
+Ja, ich erkenne Zarathustra. Rein ist sein Auge, und an seinem Munde
+birgt sich kein Ekel. Geht er nicht daher wie ein Tänzer?
+
+Verwandelt ist Zarathustra, zum Kind ward Zarathustra, ein Erwachter
+ist Zarathustra: was willst du nun bei den Schlafenden?
+
+Wie im Meere lebtest du in der Einsamkeit, und das Meer trug dich.
+Wehe, du willst an’s Land steigen? Wehe, du willst deinen Leib wieder
+selber schleppen?
+
+Zarathustra antwortete: „Ich liebe die Menschen.“
+
+Warum, sagte der Heilige, gieng ich doch in den Wald und die Einöde?
+War es nicht, weil ich die Menschen allzu sehr liebte?
+
+Jetzt liebe ich Gott: die Menschen liebe ich nicht. Der Mensch ist mir
+eine zu unvollkommene Sache. Liebe zum Menschen würde mich umbringen.
+
+Zarathustra antwortete: „Was sprach ich von Liebe! Ich bringe den
+Menschen ein Geschenk.“
+
+Gieb ihnen Nichts, sagte der Heilige. Nimm ihnen lieber Etwas ab und
+trage es mit ihnen—das wird ihnen am wohlsten thun: wenn er dir nur
+wohlthut!
+
+Und willst du ihnen geben, so gieb nicht mehr, als ein Almosen, und
+lass sie noch darum betteln!
+
+„Nein, antwortete Zarathustra, ich gebe kein Almosen. Dazu bin ich
+nicht arm genug.“
+
+Der Heilige lachte über Zarathustra und sprach also: So sieh zu, dass
+sie deine Schätze annehmen! Sie sind misstrauisch gegen die Einsiedler
+und glauben nicht, dass wir kommen, um zu schenken.
+
+Unsre Schritte klingen ihnen zu einsam durch die Gassen. Und wie wenn
+sie Nachts in ihren Betten einen Mann gehen hören, lange bevor die
+Sonne aufsteht, so fragen sie sich wohl: wohin will der Dieb?
+
+Gehe nicht zu den Menschen und bleibe im Walde! Gehe lieber noch zu den
+Thieren! Warum willst du nicht sein, wie ich,—ein Bär unter Bären, ein
+Vogel unter Vögeln?
+
+„Und was macht der Heilige im Walde?“ fragte Zarathustra.
+
+Der Heilige antwortete: Ich mache Lieder und singe sie, und wenn ich
+Lieder mache, lache, weine und brumme ich: also lobe ich Gott.
+
+Mit Singen, Weinen, Lachen und Brummen lobe ich den Gott, der mein Gott
+ist. Doch was bringst du uns zum Geschenke?
+
+Als Zarathustra diese Worte gehört hatte, grüsste er den Heiligen und
+sprach: „Was hätte ich euch zu geben! Aber lasst mich schnell davon,
+dass ich euch Nichts nehme!“—Und so trennten sie sich von einander, der
+Greis und der Mann, lachend, gleichwie zwei Knaben lachen.
+
+Als Zarathustra aber allein war, sprach er also zu seinem Herzen:
+„Sollte es denn möglich sein! Dieser alte Heilige hat in seinem Walde
+noch Nichts davon gehört, dass _Gott todt_ ist!“—
+
+3.
+
+Als Zarathustra in die nächste Stadt kam, die an den Wäldern liegt,
+fand er daselbst viel Volk versammelt auf dem Markte: denn es war
+verheissen worden, das man einen Seiltänzer sehen solle. Und
+Zarathustra sprach also zum Volke:
+
+Ich lehre euch den Übermenschen. Der Mensch ist Etwas, das überwunden
+werden soll. Was habt ihr gethan, ihn zu überwinden?
+
+„Alle Wesen bisher schufen etwas über sich hinaus: und ihr wollt die
+Ebbe dieser großen Flut sein und lieber noch zum Thiere zurückgehen, als
+den Menschen zu überwinden?“
+
+Was ist der Affe für den Menschen? Ein Gelächter oder eine schmerzliche
+Scham. Und ebendas soll der Mensch für den Übermenschen sein: ein
+Gelächter oder eine schmerzliche Scham.
+
+Ihr habt den Weg vom Wurme zum Menschen gemacht, und Vieles ist in euch
+noch Wurm. Einst wart ihr Affen, und auch jetzt ist der Mensch mehr
+Affe, als irgend ein Affe.
+
+Wer aber der Weiseste von euch ist, der ist auch nur ein Zwiespalt und
+Zwitter von Pflanze und von Gespenst. Aber heisse ich euch zu
+Gespenstern oder Pflanzen werden?
+
+Seht, ich lehre euch den Übermenschen!
+
+Der Übermensch ist der Sinn der Erde. Euer Wille sage: der Übermensch
+_sei_ der Sinn der Erde!
+
+Ich beschwöre euch, meine Brüder, _bleibt der Erde treu_ und glaubt
+Denen nicht, welche euch von überirdischen Hoffnungen reden!
+Giftmischer sind es, ob sie es wissen oder nicht.
+
+Verächter des Lebens sind es, Absterbende und selber Vergiftete, deren
+die Erde müde ist: so mögen sie dahinfahren!
+
+Einst war der Frevel an Gott der grösste Frevel, aber Gott starb, und
+damit auch diese Frevelhaften. An der Erde zu freveln ist jetzt das
+Furchtbarste und die Eingeweide des Unerforschlichen höher zu achten,
+als der Sinn der Erde!
+
+Einst blickte die Seele verächtlich auf den Leib: und damals war diese
+Verachtung das Höchste:—sie wollte ihn mager, grässlich, verhungert. So
+dachte sie ihm und der Erde zu entschlüpfen.
+
+Oh diese Seele war selbst noch mager, grässlich und verhungert: und
+Grausamkeit war die Wollust dieser Seele!
+
+Aber auch ihr noch, meine Brüder, sprecht mir: was kündet euer Leib von
+eurer Seele? Ist eure Seele nicht Armuth und Schmutz und ein
+erbärmliches Behagen?
+
+Wahrlich, ein schmutziger Strom ist der Mensch. Man muss schon ein Meer
+sein, um einen schmutzigen Strom aufnehmen zu können, ohne unrein zu
+werden.
+
+Seht, ich lehre euch den Übermenschen: der ist diess Meer, in ihm kann
+eure grosse Verachtung untergehn.
+
+Was ist das Grösste, das ihr erleben könnt? Das ist die Stunde der
+grossen Verachtung. Die Stunde, in der euch auch euer Glück zum Ekel
+wird und ebenso eure Vernunft und eure Tugend.
+
+Die Stunde, wo ihr sagt: „Was liegt an meinem Glücke! Es ist Armuth und
+Schmutz, und ein erbärmliches Behagen. Aber mein Glück sollte das
+Dasein selber rechtfertigen!“
+
+Die Stunde, wo ihr sagt: „Was liegt an meiner Vernunft! Begehrt sie
+nach Wissen wie der Löwe nach seiner Nahrung? Sie ist Armuth und
+Schmutz und ein erbärmliches Behagen!“
+
+Die Stunde, wo ihr sagt: „Was liegt an meiner Tugend! Noch hat sie mich
+nicht rasen gemacht. Wie müde bin ich meines Guten und meines Bösen!
+Alles das ist Armuth und Schmutz und ein erbärmliches Behagen!“
+
+Die Stunde, wo ihr sagt: „Was liegt an meiner Gerechtigkeit! Ich sehe
+nicht, dass ich Gluth und Kohle wäre. Aber der Gerechte ist Gluth und
+Kohle!“
+
+Die Stunde, wo ihr sagt: „Was liegt an meinem Mitleiden! Ist nicht
+Mitleid das Kreuz, an das Der genagelt wird, der die Menschen liebt?
+Aber mein Mitleiden ist keine Kreuzigung.“
+
+Spracht ihr schon so? Schriet ihr schon so? Ach, dass ich euch schon so
+schreien gehört hatte!
+
+Nicht eure Sünde—eure Genügsamkeit schreit gen Himmel, euer Geiz selbst
+in eurer Sünde schreit gen Himmel!
+
+Wo ist doch der Blitz, der euch mit seiner Zunge lecke? Wo ist der
+Wahnsinn, mit dem ihr geimpft werden müsstet?
+
+Seht, ich lehre euch den Übermenschen: der ist dieser Blitz, der ist
+dieser Wahnsinn!—
+
+Als Zarathustra so gesprochen hatte, schrie Einer aus dem Volke: „Wir
+hörten nun genug von dem Seiltänzer; nun lasst uns ihn auch sehen!“ Und
+alles Volk lachte über Zarathustra. Der Seiltänzer aber, welcher
+glaubte, dass das Wort ihm gälte, machte sich an sein Werk.
+
+4.
+
+Zarathustra aber sahe das Volk an und wunderte sich. Dann sprach er
+also:
+
+Der Mensch ist ein Seil, geknüpft zwischen Thier und Übermensch,—ein
+Seil über einem Abgrunde.
+
+Ein gefährliches Hinüber, ein gefährliches Auf-dem-Wege, ein
+gefährliches Zurückblicken, ein gefährliches Schaudern und
+Stehenbleiben.
+
+Was gross ist am Menschen, das ist, dass er eine Brücke und kein Zweck
+ist: was geliebt werden kann am Menschen, das ist, dass er ein
+_Übergang_ und ein _Untergang_ ist.
+
+Ich liebe Die, welche nicht zu leben wissen, es sei denn als
+Untergehende, denn es sind die Hinübergehenden.
+
+Ich liebe die grossen Verachtenden, weil sie die grossen Verehrenden
+sind und Pfeile der Sehnsucht nach dem andern Ufer.
+
+Ich liebe Die, welche nicht erst hinter den Sternen einen Grund suchen,
+unterzugehen und Opfer zu sein: sondern die sich der Erde opfern, dass
+die Erde einst der Übermenschen werde.
+
+Ich liebe Den, welcher lebt, damit er erkenne, und welcher erkennen
+will, damit einst der Übermensch lebe. Und so will er seinen Untergang.
+
+Ich liebe Den, welcher arbeitet und erfindet, dass er dem Übermenschen
+das Haus baue und zu ihm Erde, Thier und Pflanze vorbereite: denn so
+will er seinen Untergang.
+
+Ich liebe Den, welcher seine Tugend liebt: denn Tugend ist Wille zum
+Untergang und ein Pfeil der Sehnsucht.
+
+Ich liebe Den, welcher nicht einen Tropfen Geist für sich zurückbehält,
+sondern ganz der Geist seiner Tugend sein will: so schreitet er als
+Geist über die Brücke.
+
+Ich liebe Den, welcher aus seiner Tugend seinen Hang und sein
+Verhängniss macht: so will er um seiner Tugend willen noch leben und
+nicht mehr leben.
+
+Ich liebe Den, welcher nicht zu viele Tugenden haben will. Eine Tugend
+ist mehr Tugend, als zwei, weil sie mehr Knoten ist, an den sich das
+Verhängniss hängt.
+
+Ich liebe Den, dessen Seele sich verschwendet, der nicht Dank haben
+will und nicht zurückgiebt: denn er schenkt immer und will sich nicht
+bewahren.
+
+Ich liebe Den, welcher sich schämt, wenn der Würfel zu seinem Glücke
+fällt und der dann fragt: bin ich denn ein falscher Spieler?—denn er
+will zu Grunde gehen.
+
+Ich liebe Den, welcher goldne Worte seinen Thaten voraus wirft und
+immer noch mehr hält, als er verspricht: denn er will seinen Untergang.
+
+Ich liebe Den, welcher die Zukünftigen rechtfertigt und die Vergangenen
+erlöst: denn er will an den Gegenwärtigen zu Grunde gehen.
+
+Ich liebe Den, welcher seinen Gott züchtigt, weil er seinen Gott liebt:
+denn er muss am Zorne seines Gottes zu Grunde gehen.
+
+Ich liebe Den, dessen Seele tief ist auch in der Verwundung, und der an
+einem kleinen Erlebnisse zu Grunde gehen kann: so geht er gerne über
+die Brücke.
+
+Ich liebe Den, dessen Seele übervoll ist, so dass er sich selber
+vergisst, und alle Dinge in ihm sind: so werden alle Dinge sein
+Untergang.
+
+Ich liebe Den, der freien Geistes und freien Herzes ist: so ist sein
+Kopf nur das Eingeweide seines Herzens, sein Herz aber treibt ihn zum
+Untergang.
+
+Ich liebe alle Die, welche schwere Tropfen sind, einzeln fallend aus
+der dunklen Wolke, die über den Menschen hängt: sie verkündigen, dass
+der Blitz kommt, und gehn als Verkündiger zu Grunde.
+
+Seht, ich bin ein Verkündiger des Blitzes und ein schwerer Tropfen aus
+der Wolke: dieser Blitz aber heisst Übermensch.—
+
+5.
+
+Als Zarathustra diese Worte gesprochen hatte, sahe er wieder das Volk
+an und schwieg. „Da stehen sie“, sprach er zu seinem Herzen, „da lachen
+sie: sie verstehen mich nicht, ich bin nicht der Mund für diese Ohren.
+
+Muss man ihnen erst die Ohren zerschlagen, dass sie lernen, mit den
+Augen hören. Muss man rasseln gleich Pauken und Busspredigern? Oder
+glauben sie nur dem Stammelnden?
+
+Sie haben etwas, worauf sie stolz sind. Wie nennen sie es doch, was sie
+stolz macht? Bildung nennen sie’s, es zeichnet sie aus vor den
+Ziegenhirten.
+
+Drum hören sie ungern von sich das Wort „Verachtung“. So will ich denn
+zu ihrem Stolze reden.
+
+So will ich ihnen vom Verächtlichsten sprechen: das aber ist der
+_letzte Mensch_.“
+
+Und also sprach Zarathustra zum Volke:
+
+Es ist an der Zeit, dass der Mensch sich sein Ziel stecke. Es ist an
+der Zeit, dass der Mensch den Keim seiner höchsten Hoffnung pflanze.
+
+Noch ist sein Boden dazu reich genug. Aber dieser Boden wird einst arm
+und zahm sein, und kein hoher Baum wird mehr aus ihm wachsen können.
+
+Wehe! Es kommt die Zeit, wo der Mensch nicht mehr den Pfeil seiner
+Sehnsucht über den Menschen hinaus wirft, und die Sehne seines Bogens
+verlernt hat, zu schwirren!
+
+Ich sage euch: man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden
+Stern gebären zu können. Ich sage euch: ihr habt noch Chaos in euch.
+
+Wehe! Es kommt die Zeit, wo der Mensch keinen Stern mehr gebären wird.
+Wehe! Es kommt die Weit des verächtlichsten Menschen, der sich selber
+nicht mehr verachten kann.
+
+Seht! Ich zeige euch den _letzten Menschen_.
+
+„Was ist Liebe? Was ist Schöpfung? Was ist Sehnsucht? Was ist Stern“—so
+fragt der letzte Mensch und blinzelt.
+
+Die Erde ist dann klein geworden, und auf ihr hüpft der letzte Mensch,
+der Alles klein macht. Sein Geschlecht ist unaustilgbar, wie der
+Erdfloh; der letzte Mensch lebt am längsten.
+
+„Wir haben das Glück erfunden“—sagen die letzten Menschen und blinzeln.
+
+Sie haben die Gegenden verlassen, wo es hart war zu leben: denn man
+braucht Wärme. Man liebt noch den Nachbar und reibt sich an ihm: denn
+man braucht Wärme.
+
+Krankwerden und Misstrauen-haben gilt ihnen sündhaft: man geht achtsam
+einher. Ein Thor, der noch über Steine oder Menschen stolpert!
+
+Ein wenig Gift ab und zu: das macht angenehme Träume. Und viel Gift
+zuletzt, zu einem angenehmen Sterben.
+
+Man arbeitet noch, denn Arbeit ist eine Unterhaltung. Aber man sorgt,
+dass die Unterhaltung nicht angreife.
+
+Man wird nicht mehr arm und reich: Beides ist zu beschwerlich. Wer will
+noch regieren? Wer noch gehorchen? Beides ist zu beschwerlich.
+
+Kein Hirt und Eine Heerde! Jeder will das Gleiche, Jeder ist gleich:
+wer anders fühlt, geht freiwillig in’s Irrenhaus.
+
+„Ehemals war alle Welt irre“—sagen die Feinsten und blinzeln.
+
+Man ist klug und weiss Alles, was geschehn ist: so hat man kein Ende zu
+spotten. Man zankt sich noch, aber man versöhnt sich bald—sonst
+verdirbt es den Magen.
+
+Man hat sein Lüstchen für den Tag und sein Lüstchen für die Nacht: aber
+man ehrt die Gesundheit.
+
+„Wir haben das Glück erfunden“—sagen die letzten Menschen und blinzeln—
+
+Und hier endete die erste Rede Zarathustra’s, welche man auch „die
+Vorrede“ heisst: denn an dieser Stelle unterbrach ihn das Geschrei und
+die Lust der Menge. „Gieb uns diesen letzten Menschen, oh
+Zarathustra,—so riefen sie—mache uns zu diesen letzten Menschen! So
+schenken wir dir den Übermenschen!“ Und alles Volk jubelte und
+schnalzte mit der Zunge. Zarathustra aber wurde traurig und sagte zu
+seinem Herzen:
+
+Sie verstehen mich nicht: ich bin nicht der Mund für diese Ohren.
+
+Zu lange wohl lebte ich im Gebirge, zu viel horchte ich auf Bäche und
+Bäume: nun rede ich ihnen gleich den Ziegenhirten.
+
+Unbewegt ist meine Seele und hell wie das Gebirge am Vormittag. Aber
+sie meinen, ich sei kalt und ein Spötter in furchtbaren Spässen.
+
+Und nun blicken sie mich an und lachen: und indem sie lachen, hassen
+sie mich noch. Es ist Eis in ihrem Lachen.
+
+6.
+
+Da aber geschah Etwas, das jeden Mund stumm und jedes Auge starr
+machte. Inzwischen nämlich hatte der Seiltänzer sein Werk begonnen: er
+war aus einer kleiner Thür hinausgetreten und gieng über das Seil,
+welches zwischen zwei Thürmen gespannt war, also, dass es über dem
+Markte und dem Volke hieng. Als er eben in der Mitte seines Weges war,
+öffnete sich die kleine Thür noch einmal, und ein bunter Gesell, einem
+Possenreisser gleich, sprang heraus und gieng mit schnellen Schritten
+dem Ersten nach. „Vorwärts, Lahmfuss, rief seine fürchterliche Stimme,
+vorwärts Faulthier, Schleichhändler, Bleichgesicht! Dass ich dich nicht
+mit meiner Ferse kitzle! Was treibst du hier zwischen Thürmen? In den
+Thurm gehörst du, einsperren sollte man dich, einem Bessern, als du
+bist, sperrst du die freie Bahn!“—Und mit jedem Worte kam er ihm näher
+und näher: als er aber nur noch einen Schritt hinter ihm war, da
+geschah das Erschreckliche, das jeden Mund stumm und jedes Auge starr
+machte:—er stiess ein Geschrei aus wie ein Teufel und sprang über Den
+hinweg, der ihm im Wege war. Dieser aber, als er so seinen Nebenbuhler
+siegen sah, verlor dabei den Kopf und das Seil; er warf seine Stange
+weg und schoss schneller als diese, wie ein Wirbel von Armen und
+Beinen, in die Tiefe. Der Markt und das Volk glich dem Meere, wenn der
+Sturm hineinfährt: Alles floh aus einander und übereinander, und am
+meisten dort, wo der Körper niederschlagen musste.
+
+Zarathustra aber blieb stehen, und gerade neben ihn fiel der Körper
+hin, übel zugerichtet und zerbrochen, aber noch nicht todt. Nach einer
+Weile kam dem Zerschmetterten das Bewusstsein zurück, und er sah
+Zarathustra neben sich knieen. „Was machst du da? sagte er endlich, ich
+wusste es lange, dass mir der Teufel ein Bein stellen werde. Nun
+schleppt er mich zur Hölle: willst du’s ihm wehren?“
+
+„Bei meiner Ehre, Freund, antwortete Zarathustra, das giebt es Alles
+nicht, wovon du sprichst: es giebt keinen Teufel und keine Hölle. Deine
+Seele wird noch schneller todt sein als dein Leib: fürchte nun Nichts
+mehr!“
+
+Der Mann blickte misstrauisch auf. „Wenn du die Wahrheit sprichst,
+sagte er dann, so verliere ich Nichts, wenn ich das Leben verliere. Ich
+bin nicht viel mehr als ein Thier, das man tanzen gelehrt hat, durch
+Schläge und schmale Bissen.“
+
+„Nicht doch, sprach Zarathustra; du hast aus der Gefahr deinen Beruf
+gemacht, daran ist Nichts zu verachten. Nun gehst du an deinem Beruf zu
+Grunde: dafür will ich dich mit meinen Händen begraben.“
+
+Als Zarathustra diess gesagt hatte, antwortete der Sterbende nicht
+mehr; aber er bewegte die Hand, wie als ob er die Hand Zarathustra’s
+zum Danke suche.—
+
+7.
+
+Inzwischen kam der Abend, und der Markt barg sich in Dunkelheit: da
+verlief sich das Volk, denn selbst Neugierde und Schrecken werden müde.
+Zarathustra aber sass neben dem Todten auf der Erde und war in Gedanken
+versunken: so vergass er die Zeit. Endlich aber wurde es Nacht, und ein
+kalter Wind blies über den Einsamen. Da erhob sich Zarathustra und
+sagte zu seinem Herzen:
+
+Wahrlich, einen schönen Fischfang that heute Zarathustra! Keinen
+Menschen fieng er, wohl aber einen Leichnam.
+
+Unheimlich ist das menschliche Dasein und immer noch ohne Sinn: ein
+Possenreisser kann ihm zum Verhängniss werden.
+
+Ich will die Menschen den Sinn ihres Seins lehren: welcher ist der
+Übermensch, der Blitz aus der dunklen Wolke Mensch.
+
+Aber noch bin ich ihnen ferne, und mein Sinn redet nicht zu ihren
+Sinnen. Eine Mitte bin ich noch den Menschen zwischen einem Narren und
+einem Leichnam.
+
+Dunkel ist die Nacht, dunkel sind die Wege Zarathustra’s. Komm, du
+kalter und steifer Gefährte! Ich trage dich dorthin, wo ich dich mit
+meinen Händen begrabe.
+
+8.
+
+Als Zarathustra diess zu seinem Herzen gesagt hatte, lud er den
+Leichnam auf seinem Rücken und machte sich auf den Weg. Und noch nicht
+war er hundert Schritte gegangen, da schlich ein Mensch an ihn heran
+und flüsterte ihm in’s Ohr—und siehe! Der, welcher redete, war der
+Possenreisser vom Thurme. „Geh weg von dieser Stadt, oh Zarathustra,
+sprach er; es hassen dich hier zu Viele. Es hassen dich die Guten und
+Gerechten und sie nennen dich ihren Feind und Verächter; es hassen dich
+die Gläubigen des rechten Glaubens, und sie nennen dich die Gefahr der
+Menge. Dein Glück war es, dass man über dich lachte: und wahrlich, du
+redetest gleich einem Possenreisser. Dein Glück war es, dass du dich
+dem todten Hunde geselltest; als du dich so erniedrigtest, hast du dich
+selber für heute errettet. Geh aber fort aus dieser Stadt—oder morgen
+springe ich über dich hinweg, ein Lebendiger über einen Todten.“ Und
+als er diess gesagt hatte, verschwand der Mensch; Zarathustra aber
+gieng weiter durch die dunklen Gassen.
+
+Am Thore der Stadt begegneten ihm die Todtengräber: sie leuchteten ihm
+mit der Fackel in’s Gesicht, erkannten Zarathustra und spotteten sehr
+über ihn. „Zarathustra trägt den todten Hund davon: brav, dass
+Zarathustra zum Todtengräber wurde! Denn unsere Hände sind zu reinlich
+für diesen Braten. Will Zarathustra wohl dem Teufel seinen Bissen
+stehlen? Nun wohlan! Und gut Glück zur Mahlzeit! Wenn nur nicht der
+Teufel ein besserer Dieb ist, als Zarathustra! —er stiehlt die Beide,
+er frisst sie Beide!“ Und sie lachten mit einander und steckten die
+Köpfe zusammen.
+
+Zarathustra sagte dazu kein Wort und gieng seines Weges. Als er zwei
+Stunden gegangen war, an Wäldern und Sümpfen vorbei, da hatte er zu
+viel das hungrige Geheul der Wölfe gehört, und ihm selber kam der
+Hunger. So blieb er an einem einsamen Hause stehn, in dem ein Licht
+brannte.
+
+Der Hunger überfällt mich, sagte Zarathustra, wie ein Räuber. In
+Wäldern und Sümpfen überfällt mich mein Hunger und in tiefer Nacht.
+
+Wunderliche Launen hat mein Hunger. Oft kommt er mir erst nach der
+Mahlzeit, und heute kam er den ganzen Tag nicht: wo weilte er doch?
+
+Und damit schlug Zarathustra an das Thor des Hauses. Ein alter Mann
+erschien; er trug das Licht und fragte: „Wer kommt zu mir und zu meinem
+schlimmen Schlafe?“
+
+„Ein Lebendiger und ein Todter, sagte Zarathustra. Gebt mir zu essen
+und zu trinken, ich vergass es am Tage. Der, welcher den Hungrigen
+speiset, erquickt seine eigene Seele: so spricht die Weisheit.“
+
+Der Alte gieng fort, kam aber gleich zurück und bot Zarathustra Brod
+und Wein. „Eine böse Gegend ist’s für Hungernde, sagte er; darum wohne
+ich hier. Thier und Mensch kommen zu mir, dem Einsiedler. Aber heisse
+auch deinen Gefährten essen und trinken, er ist müder als du.“
+Zarathustra antwortete: „Todt ist mein Gefährte, ich werde ihn
+schwerlich dazu überreden.“ „Das geht mich Nichts an, sagte der Alte
+mürrisch; wer an meinem Hause anklopft, muss auch nehmen, was ich ihm
+biete. Esst und gehabt euch wohl!“—
+
+Darauf gieng Zarathustra wieder zwei Stunden und vertraute dem Wege und
+dem Lichte der Sterne: denn er war ein gewohnter Nachtgänger und liebte
+es, allem Schlafenden in’s Gesicht zu sehn. Als aber der Morgen graute,
+fand sich Zarathustra in einem tiefen Walde, und kein Weg zeigte sich
+ihm mehr. Da legte er den Todten in einen hohlen Baum sich zu
+Häupten—denn er wollte ihn vor den Wölfen schützen—und sich selber auf
+den Boden und das Moos. Und alsbald schlief er ein, müden Leibes, aber
+mit einer unbewegten Seele.
+
+8.
+
+Lange schlief Zarathustra, und nicht nur die Morgenröthe gieng über
+sein Antlitz, sondern auch der Vormittag. Endlich aber that sein Auge
+sich auf: verwundert sah Zarathustra in den Wald und die Stille,
+verwundert sah er in sich hinein. Dann erhob er sich schnell, wie ein
+Seefahrer, der mit Einem Male Land sieht, und jauchzte: denn er sah
+eine neue Wahrheit. Und also redete er dann zu seinem Herzen:
+
+Ein Licht gieng mir auf: Gefährten brauche ich und lebendige,—nicht
+todte Gefährten und Leichname, die ich mit mir trage, wohin ich will.
+
+Sondern lebendige Gefährten brauche ich, die mir folgen, weil sie sich
+selber folgen wollen—und dorthin, wo ich will.
+
+Ein Licht gieng mir auf: nicht zum Volke rede Zarathustra, sondern zu
+Gefährten! Nicht soll Zarathustra einer Heerde Hirt und Hund werden!
+
+Viele wegzulocken von der Heerde—dazu kam ich. Zürnen soll mir Volk und
+Heerde: Räuber will Zarathustra den Hirten heissen.
+
+Hirten sage ich, aber sie nennen sich die Guten und Gerechten. Hirten
+sage ich: aber sie nennen sich die Gläubigen des rechten Glaubens.
+
+Siehe die Guten und Gerechten! Wen hassen sie am meisten? Den, der
+zerbricht ihre Tafeln der Werthe, den Brecher, den Verbrecher:—das aber
+ist der Schaffende.
+
+Siehe die Gläubigen aller Glauben! Wen hassen sie am meisten? Den, der
+zerbricht ihre Tafeln der Werthe, den Brecher, den Verbrecher:—das aber
+ist der Schaffende.
+
+Gefährten sucht der Schaffende und nicht Leichname, und auch nicht
+Heerden und Gläubige. Die Mitschaffenden sucht der Schaffende, Die,
+welche neue Werthe auf neue Tafeln schreiben.
+
+Gefährten sucht der Schaffende, und Miterntende: denn Alles steht bei
+ihm reif zur Ernte. Aber ihm fehlen die hundert Sicheln: so rauft er
+Ähren aus und ist ärgerlich.
+
+Gefährten sucht der Schaffende, und solche, die ihre Sicheln zu wetzen
+wissen. Vernichter wird man sie heissen und Verächter des Guten und
+Bösen. Aber die Erntenden sind es und die Feiernden.
+
+Mitschaffende sucht Zarathustra, Miterntende und Mitfeiernde sucht
+Zarathustra: was hat er mit Heerden und Hirten und Leichnamen zu
+schaffen!
+
+Und du, mein erster Gefährte, gehab dich wohl! Gut begrub ich dich in
+deinem hohlen Baume, gut barg ich dich vor den Wölfen.
+
+Aber ich scheide von dir, die Zeit ist um. Zwischen Morgenröthe und
+Morgenröthe kam mir eine neue Wahrheit.
+
+Nicht Hirt soll ich sein, nicht Todtengräber. Nicht reden einmal will
+ich wieder mit dem Volke; zum letzten Male sprach ich zu einem Todten.
+
+Den Schaffenden, den Erntenden, den Feiernden will ich mich zugesellen:
+den Regenbogen will ich ihnen zeigen und alle die Treppen des
+Übermenschen.
+
+Den Einsiedlern werde ich mein Lied singen und den Zweisiedlern; und
+wer noch Ohren hat für Unerhörtes, dem will ich sein Herz schwer machen
+mit meinem Glücke.
+
+Zu meinem Ziele will ich, ich gehe meinen Gang; über die Zögernden und
+Saumseligen werde ich hinwegspringen. Also sei mein Gang ihr Untergang!
+
+10.
+
+Diess hatte Zarathustra zu seinem Herzen gesprochen, als die Sonne im
+Mittag stand: da blickte er fragend in die Höhe—denn er hörte über sich
+den scharfen Ruf eines Vogels. Und siehe! Ein Adler zog in weiten
+Kreisen durch die Luft, und an ihm hieng eine Schlange, nicht einer
+Beute gleich, sondern einer Freundin: denn sie hielt sich um seinen
+Hals geringelt.
+
+„Es sind meine Thiere!“ sagte Zarathustra und freute sich von Herzen.
+
+„Das stolzeste Thier unter der Sonne und das klügste Thier unter der
+Sonne—sie sind ausgezogen auf Kundschaft.
+
+Erkunden wollen sie, ob Zarathustra noch lebe. Wahrlich, lebe ich noch?
+
+Gefährlicher fand ich’s unter Menschen als unter Thieren, gefährlicher
+Wege geht Zarathustra. Mögen mich meine Thiere führen!“
+
+Als Zarathustra diess gesagt hatte, gedachte er der Worte des Heiligen
+im Walde, seufzte und sprach also zu seinem Herzen:
+
+Möchte ich klüger sein! Möchte ich klug von Grund aus sein, gleich
+meiner Schlange!
+
+Aber Unmögliches bitte ich da: so bitte ich denn meinen Stolz, dass er
+immer mit meiner Klugheit gehe!
+
+Und wenn mich einst meine Klugheit verlässt:—ach, sie liebt es,
+davonzufliegen!—möge mein Stolz dann noch mit meiner Thorheit fliegen!
+
+—Also begann Zarathustra’s Untergang.
+
+
+Die Reden Zarathustra’s
+
+
+Von den drei Verwandlungen
+
+Drei Verwandlungen nenne ich euch des Geistes: wie der Geist zum Kamele
+wird, und zum Löwen das Kameel, und zum Kinde zuletzt der Löwe.
+
+Vieles Schwere giebt es dem Geiste, dem starken, tragsamen Geiste, dem
+Ehrfurcht innewohnt: nach dem Schweren und Schwersten verlangt seine
+Stärke.
+
+Was ist schwer? so fragt der tragsame Geist, so kniet er nieder, dem
+Kameele gleich, und will gut beladen sein.
+
+Was ist das Schwerste, ihr Helden? so fragt der tragsame Geist, dass
+ich es auf mich nehme und meiner Stärke froh werde.
+
+Ist es nicht das: sich erniedrigen, um seinem Hochmuth wehe zu thun?
+Seine Thorheit leuchten lassen, um seiner Weisheit zu spotten?
+
+Oder ist es das: von unserer Sache scheiden, wenn sie ihren Sieg
+feiert? Auf hohe Berge steigen, um den Versucher zu versuchen?
+
+Oder ist es das: sich von Eicheln und Gras der Erkenntniss nähren und
+um der Wahrheit willen an der Seele Hunger leiden?
+
+Oder ist es das: krank sein und die Tröster heimschicken und mit Tauben
+Freundschaft schliessen, die niemals hören, was du willst?
+
+Oder ist es das: in schmutziges Wasser steigen, wenn es das Wasser der
+Wahrheit ist, und kalte Frösche und heisse Kröten nicht von sich
+weisen?
+
+Oder ist es das: Die lieben, die uns verachten, und dem Gespenste die
+Hand reichen, wenn es uns fürchten machen will?
+
+Alles diess Schwerste nimmt der tragsame Geist auf sich: dem Kameele
+gleich, das beladen in die Wüste eilt, also eilt er in seine Wüste.
+
+Aber in der einsamsten Wüste geschieht die zweite Verwandlung: zum
+Löwen wird hier der Geist, Freiheit will er sich erbeuten und Herr sein
+in seiner eignen Wüste.
+
+Seinen letzten Herrn sucht er sich hier: feind will er ihm werden und
+seinem letzten Gotte, um Sieg will er mit dem grossen Drachen ringen.
+
+Welches ist der grosse Drache, den der Geist nicht mehr Herr und Gott
+heissen mag? „Du-sollst“ heisst der grosse Drache. Aber der Geist des
+Löwen sagt „Ich will“.
+
+„Du-sollst“ liegt ihm am Wege, goldfunkelnd, ein Schuppenthier, und auf
+jeder Schuppe glänzt golden „Du-sollst!“
+
+Tausendjährige Werthe glänzen an diesen Schuppen, und also spricht der
+mächtigste aller Drachen „aller Werth der Dinge—der glänzt an mir.“
+
+„Aller Werth ward schon geschaffen, und aller geschaffene Werth—das bin
+ich. Wahrlich, es soll kein „Ich will“ mehr geben!“ Also spricht der
+Drache.
+
+Meine Brüder, wozu bedarf es des Löwen im Geiste? Was genügt nicht das
+lastbare Thier, das entsagt und ehrfürchtig ist?
+
+Neue Werthe schaffen—das vermag auch der Löwe noch nicht: aber Freiheit
+sich schaffen zu neuem Schaffen—das vermag die Macht des Löwen.
+
+Freiheit sich schaffen und ein heiliges Nein auch vor der Pflicht:
+dazu, meine Brüder bedarf es des Löwen.
+
+Recht sich nehmen zu neuen Werthen—das ist das furchtbarste Nehmen für
+einen tragsamen und ehrfürchtigen Geist. Wahrlich, ein Rauben ist es
+ihm und eines raubenden Thieres Sache.
+
+Als sein Heiligstes liebte er einst das „Du-sollst“: nun muss er Wahn
+und Willkür auch noch im Heiligsten finden, dass er sich Freiheit raube
+von seiner Liebe: des Löwen bedarf es zu diesem Raube.
+
+Aber sagt, meine Brüder, was vermag noch das Kind, das auch der Löwe
+nicht vermochte? Was muss der raubende Löwe auch noch zum Kinde werden?
+
+Unschuld ist das Kind und Vergessen, ein Neubeginnen, ein Spiel, ein
+aus sich rollendes Rad, eine erste Bewegung, ein heiliges Ja-sagen.
+
+Ja, zum Spiele des Schaffens, meine Brüder, bedarf es eines heiligen
+Ja-sagens: _seinen_ Willen will nun der Geist, _seine_ Welt gewinnt
+sich der Weltverlorene.
+
+Drei Verwandlungen nannte ich euch des Geistes: wie der Geist zum
+Kameele ward, und zum Löwen das Kameel, und der Löwe zuletzt zum Kinde.
+—
+
+Also sprach Zarathustra. Und damals weilte er in der Stadt, welche
+genannt wird: die bunte Kuh.
+
+
+Von den Lehrstühlen der Tugend
+
+Man rühmte Zarathustra einen Weisen, der gut vom Schlafe und von der
+Tugend zu reden wisse: sehr werde er geehrt und gelohnt dafür, und alle
+Jünglinge sässen vor seinem Lehrstuhle. Zu ihm gieng Zarathustra, und
+mit allen Jünglingen sass er vor seinem Lehrstuhle. Und also sprach der
+Weise:
+
+Ehre und Scham vor dem Schlafe! Das ist das Erste! Und Allen aus dem
+Wege gehn, die schlecht schlafen und Nachts wachen!
+
+Schamhaft ist noch der Dieb vor dem Schlafe: stets stiehlt er sich
+leise durch die Nacht. Schamlos aber ist der Wächter der Nacht,
+schamlos trägt er sein Horn.
+
+Keine geringe Kunst ist schlafen: es thut schon Noth, den ganzen Tag
+darauf hin zu wachen.
+
+Zehn Mal musst du des Tages dich selber überwinden: das macht eine gute
+Müdigkeit und ist Mohn der Seele.
+
+Zehn Mal musst du dich wieder dir selber versöhnen; denn Überwindung
+ist Bitterniss, und schlecht schläft der Unversöhnte.
+
+Zehn Wahrheiten musst du des Tages finden: sonst suchst du noch des
+Nachts nach Wahrheit, und deine Seele blieb hungrig.
+
+Zehn Mal musst du lachen am Tage und heiter sein: sonst stört dich der
+Magen in der Nacht, dieser Vater der Trübsal.
+
+Wenige wissen das: aber man muss alle Tugenden haben, um gut zu
+schlafen. Werde ich falsch Zeugniss reden? Werde ich ehebrechen?
+
+Werde ich mich gelüsten lassen meines Nächsten Magd? Das Alles vertrüge
+sich schlecht mit gutem Schlafe.
+
+Und selbst wenn man alle Tugenden hat, muss man sich noch auf Eins
+verstehn: selber die Tugenden zur rechten Zeit schlafen schicken.
+
+Dass sie sich nicht mit einander zanken, die artigen Weiblein! Und über
+dich, du Unglückseliger!
+
+Friede mit Gott und dem Nachbar: so will es der gute Schlaf. Und Friede
+auch noch mit des Nachbars Teufel! Sonst geht er bei dir des Nachts um.
+
+Ehre der Obrigkeit und Gehorsam, und auch der krummen Obrigkeit! So
+will es der gute Schlaf. Was kann ich dafür, dass die Macht gerne auf
+krummen Beinen Wandelt?
+
+Der soll mir immer der beste Hirt heissen, der sein Schaf auf die
+grünste Aue führt: so verträgt es sich mit dem gutem Schlafe.
+
+Viel Ehren will ich nicht, noch grosse Schätze: das entzündet die Milz.
+Aber schlecht schläft es sich ohne einen guten Namen und einen kleinen
+Schatz.
+
+Eine kleine Gesellschaft ist mir willkommener als eine böse: doch muss
+sie gehn und kommen zur rechten Zeit. So verträgt es sich mit gutem
+Schlafe.
+
+Sehr gefallen mir auch die Geistig-Armen: sie fördern den Schlaf. Selig
+sind die, sonderlich, wenn man ihnen immer Recht giebt.
+
+Also läuft der Tag dem Tugendsamen. Kommt nun die Nacht, so hüte ich
+mich wohl, den Schlaf zu rufen! Nicht will er gerufen sein, der Schlaf,
+der der Herr der Tugenden ist!
+
+Sondern ich denke, was ich des Tages gethan und gedacht. Wiederkäuend
+frage ich mich, geduldsam gleich einer Kuh: welches waren doch deine
+zehn Überwindungen?
+
+Und welches waren die zehn Versöhnungen und die zehn Wahrheiten und die
+zehn Gelächter, mit denen sich mein Herz gütlich that?
+
+Solcherlei erwägend und gewiegt von vierzig Gedanken, überfällt mich
+auf einmal der Schlaf, der Ungerufne, der Herr der Tugenden.
+
+Der Schlaf klopft mir auf meine Auge: da wird es schwer. Der Schlaf
+berührt mir den Mund: da bleibt er offen.
+
+Wahrlich, auf weichen Sohlen kommt er mir, der liebste der Diebe, und
+stiehlt mir meine Gedanken: dumm stehe ich da wie dieser Lehrstuhl.
+
+Aber nicht lange mehr stehe ich dann: da liege ich schon.—
+
+Als Zarathustra den Weisen also sprechen hörte, lachte er bei sich im
+Herzen: denn ihm war dabei ein Licht aufgegangen. Und also sprach er zu
+seinem Herzen:
+
+Ein Narr ist mir dieser Weise da mit seinen vierzig Gedanken: aber ich
+glaube, dass er sich wohl auf das Schlafen versteht.
+
+Glücklich schon, wer in der Nähe dieses Weisen wohnt! Solch ein Schlaf
+steckt an, noch durch eine dicke Wand hindurch steckt er an.
+
+Ein Zauber wohnt selbst in seinem Lehrstuhle. Und nicht vergebens
+sassen die Jünglinge vor dem Prediger der Tugend.
+
+Seine Weisheit heisst: wachen, um gut zu schlafen. Und wahrlich, hätte
+das Leben keinen Sinn und müsste ich Unsinn wählen, so wäre auch mir
+diess der wählenswürdigste Unsinn.
+
+Jetzo verstehe ich klar, was einst man vor Allem suchte, wenn man
+Lehrer der Tugend suchte. Guten Schlaf suchte man sich und mohnblumige
+Tugenden dazu!
+
+Allen diesen gelobten Weisen der Lehrstühle war Weisheit der Schlaf
+ohne Träume: sie kannten keinen bessern Sinn des Lebens.
+
+Auch noch heute wohl giebt es Einige, wie diesen Prediger der Tugend,
+und nicht immer so Ehrliche: aber ihre Zeit ist um. Und nicht mehr
+lange stehen sie noch: da liegen sie schon.
+
+Selig sind diese Schläfrigen: denn sie sollen bald einnicken.—
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+Von den Hinterweltlern
+
+Einst warf auch Zarathustra seinen Wahn jenseits des Menschen, gleich
+allen Hinterweltlern. Eines leidenden und zerquälten Gottes Werk schien
+mir da die Welt.
+
+Traum schien mir da die Welt und Dichtung eines Gottes; farbiger Rauch
+vor den Augen eines göttlich Unzufriednen.
+
+Gut und böse und Lust und Leid und Ich und Du—farbiger Rauch dünkte
+mich’s vor schöpferischen Augen. Wegsehn wollte der Schöpfer von
+sich,—da schuf er die Welt.
+
+Trunkne Lust ist’s dem Leidenden, wegzusehn von seinem Leiden und sich
+zu verlieren. Trunkne Lust Und Selbst-sich-Verlieren dünkte mich einst
+die Welt.
+
+Diese Welt, die ewig unvollkommene, eines ewigen Widerspruches Abbild
+und unvollkommnes Abbild—eine trunkne Lust ihrem unvollkommnen
+Schöpfer:—also dünkte mich einst die Welt.
+
+Also warf auch ich einst meinen Wahn jenseits des Menschen, gleich
+allen Hinterweltlern. Jenseits des Menschen in Wahrheit?
+
+Ach, ihr Brüder, dieser Gott, den ich schuf, war Menschen-Werk und
+-Wahnsinn, gleich allen Göttern!
+
+Mensch war er, und nur ein armes Stück Mensch und Ich: aus der eigenen
+Asche und Gluth kam es mir, dieses Gespenst, und wahrlich! Nicht kam es
+mir von Jenseits!
+
+Was geschah, meine Brüder? Ich überwand mich, den Leidenden, ich trug
+meine eigne Asche zu Berge, eine hellere Flamme erfand ich mir. Und
+siehe! Da _wich_ das Gespenst von mir!
+
+Leiden wäre es mir jetzt und Qual dem Genesenen, solche Gespenster zu
+glauben: Leiden wäre es mir jetzt und Erniedrigung. Also rede ich zu
+den Hinterweltlern.
+
+Leiden war’s und Unvermögen—das schuf alle Hinterwelten; und jener
+kurze Wahnsinn des Glücks, den nur der Leidendste erfährt.
+
+Müdigkeit, die mit Einem Sprunge zum Letzten will, mit einem
+Todessprunge, eine arme unwissende Müdigkeit, die nicht einmal mehr
+wollen will: die schuf alle Götter und Hinterwelten.
+
+Glaubt es mir, meine Brüder! Der Leib war’s, der am Leibe
+verzweifelte,—der tastete mit den Fingern des bethörten Geistes an die
+letzten Wände.
+
+Glaubt es mir, meine Brüder! Der Leib war’s, der an der Erde
+verzweifelte,—der hörte den Bauch des Seins zu sich reden.
+
+Und da wollte er mit dem Kopfe durch die letzten Wände, und nicht nur
+mit dem Kopfe,—hinüber zu „jener Welt“.
+
+Aber „jene Welt“ ist gut verborgen vor dem Menschen, jene entmenschte
+unmenschliche Welt, die ein himmlisches Nichts ist; und der Bauch des
+Seins redet gar nicht zum Menschen, es sei denn als Mensch.
+
+Wahrlich, schwer zu beweisen ist alles Sein und schwer zum Reden zu
+bringen. Sagt mir, ihr Brüder, ist nicht das Wunderlichste aller Dinge
+noch am besten bewiesen?
+
+Ja, diess Ich und des Ich’s Widerspruch und Wirrsal redet noch am
+redlichsten von seinem Sein, dieses schaffende, wollende, werthende
+Ich, welches das Maass und der Werth der Dinge ist.
+
+Und diess redlichste Sein, das Ich—das redet vom Leibe, und es will
+noch den Leib, selbst wenn es dichtet und schwärmt und mit zerbrochnen
+Flügeln flattert.
+
+Immer redlicher lernt es reden, das Ich: und je mehr es lernt, um so
+mehr findet es Worte und Ehren für Leib und Erde.
+
+Einen neuen Stolz lehrte mich mein Ich, den lehre ich die
+Menschen:—nicht mehr den Kopf in den Sand der himmlischen Dinge zu
+stecken, sondern frei ihn zu tragen, einen Erden-Kopf, der der Erde
+Sinn schafft!
+
+Einen neuen Willen lehre ich die Menschen: diesen Weg wollen, den
+blindlings der Mensch gegangen, und gut ihn heissen und nicht mehr von
+ihm bei Seite schleichen, gleich den Kranken und Absterbenden!
+
+Kranke und Absterbende waren es, die verachteten Leib und Erde und
+erfanden das Himmlische und die erlösenden Blutstropfen: aber auch noch
+diese süssen und düstern Gifte nahmen sie von Leib und Erde!
+
+Ihrem Elende wollten sie entlaufen, und die Sterne waren ihnen zu weit.
+Da seufzten sie: „Oh dass es doch himmlische Wege gäbe, sich in ein
+andres Sein und Glück zu schleichen!“—da erfanden sie sich ihre
+Schliche und blutigen Tränklein!
+
+Ihrem Leibe und dieser Erde nun entrückt wähnten sie sich, diese
+Undankbaren. Doch wem dankten sie ihrer Entrückung Krampf und Wonne?
+Ihrem Leibe und dieser Erde.
+
+Milde ist Zarathustra den Kranken. Wahrlich, er zürnt nicht ihren Arten
+des Trostes und Undanks. Mögen sie Genesende werden und Überwindende
+und einen höheren Leib sich schaffen!
+
+Nicht auch zürnt Zarathustra dem Genesenden, wenn er zärtlich nach
+seinem Wahne blickt und Mitternachts um das Grab seines Gottes
+schleicht: aber Krankheit und kranker Leib bleiben mir auch seine
+Thränen noch.
+
+Vieles krankhafte Volk gab es immer unter Denen, welche dichten und
+gottsüchtig sind; wüthend hassen sie den Erkennenden und jene jüngste
+der Tugenden, welche heisst: Redlichkeit.
+
+Rückwärts blicken sie immer nach dunklen Zeiten: da freilich war Wahn
+und Glaube ein ander Ding; Raserei der Vernunft war Gottähnlichkeit,
+und Zweifel Sünde.
+
+Allzugut kenne ich diese Gottähnlichen: sie wollen, dass an sie
+geglaubt werde, und Zweifel Sünde sei. Allzugut weiss ich auch, woran
+sie selber am besten glauben.
+
+Wahrlich nicht an Hinterwelten und erlösende Blutstropfen: sondern an
+den Leib glauben auch sie am besten, und ihr eigener Leib ist ihnen ihr
+Ding an sich.
+
+Aber ein krankhaftes Ding ist er ihnen: und gerne möchten sie aus der
+Haut fahren. Darum horchen sie nach den Predigern des Todes und
+predigen selber Hinterwelten.
+
+Hört mir lieber, meine Brüder, auf die Stimme des gesunden Leibes: eine
+redlichere und reinere Simme ist diess.
+
+Redlicher redet und reiner der gesunde Leib, der vollkommne und
+rechtwinklige: und er redet vom Sinn der Erde.
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+Von den Verächtern des Leibes
+
+Den Verächtern des Leibes will ich mein Wort sagen. Nicht umlernen und
+umlehren sollen sie mir, sondern nur ihrem eignen Leibe Lebewohl
+sagen—und also stumm werden.
+
+„Leib bin ich und Seele“ —so redet das Kind. Und warum sollte man nicht
+wie die Kinder reden?
+
+Aber der Erwachte, der Wissende sagt: Leib bin ich ganz und gar, und
+Nichts ausserdem; und Seele ist nur ein Wort für ein Etwas am Leibe.
+
+Der Leib ist eine grosse Vernunft, eine Vielheit mit Einem Sinne, ein
+Krieg und ein Frieden, eine Heerde und ein Hirt.
+
+Werkzeug deines Leibes ist auch deine kleine Vernunft, mein Bruder, die
+du „Geist“ nennst, ein kleines Werk- und Spielzeug deiner grossen
+Vernunft.
+
+„Ich“ sagst du und bist stolz auf diess Wort. Aber das Grössere ist,
+woran du nicht glauben willst,—dein Leib und seine grosse Vernunft: die
+sagt nicht Ich, aber thut Ich.
+
+Was der Sinn fühlt, was der Geist erkennt, das hat niemals in sich sein
+Ende. Aber Sinn und Geist möchten dich überreden, sie seien aller Dinge
+Ende: so eitel sind sie.
+
+Werk- und Spielzeuge sind Sinn und Geist: hinter ihnen liegt noch das
+Selbst. Das Selbst sucht auch mit den Augen der Sinne, es horcht auch
+mit den Ohren des Geistes.
+
+Immer horcht das Selbst und sucht: es vergleicht, bezwingt, erobert,
+zerstört. Es herrscht und ist auch des Ich’s Beherrscher.
+
+Hinter deinen Gedanken und Gefühlen, mein Bruder, steht ein mächtiger
+Gebieter, ein unbekannter Weiser—der heisst Selbst. In deinem Leibe
+wohnt er, dein Leib ist er.
+
+Es ist mehr Vernunft in deinem Leibe, als in deiner besten Weisheit.
+Und wer weiss denn, wozu dein Leib gerade deine beste Weisheit nöthig
+hat?
+
+Dein Selbst lacht über dein Ich und seine stolzen Sprünge. „Was sind
+mir diese Sprünge und Flüge des Gedankens? sagt es sich. Ein Umweg zu
+meinem Zwecke. Ich bin das Gängelband des Ich’s und der Einbläser
+seiner Begriffe.“
+
+Das Selbst sagt zum Ich: „hier fühle Schmerz!“ Und da leidet es und
+denkt nach, wie es nicht mehr leide—und dazu eben _soll_ es denken.
+
+Das Selbst sagt zum Ich: „hier fühle Lust!“ Da freut es sich und denkt
+nach, wie es noch oft sich freue—und dazu eben _soll_ es denken.
+
+Den Verächtern des Leibes will ich ein Wort sagen. Dass sie verachten,
+das macht ihr Achten. Was ist es, das Achten und Verachten und Werth
+und Willen schuf?
+
+Das schaffende Selbst schuf sich Achten und Verachten, es schuf sich
+Lust und Weh. Der schaffende Leib schuf sich den Geist als eine Hand
+seines Willens.
+
+Noch in eurer Thorheit und Verachtung, ihr Verächter des Leibes, dient
+ihr eurem Selbst. Ich sage euch: euer Selbst selber will sterben und
+kehrt sich vom Leben ab.
+
+Nicht mehr vermag es das, was es am liebsten wilI:—über sich hinaus zu
+schaffen. Das will es am liebsten, das ist seine ganze Inbrunst.
+
+Aber zu spät ward es ihm jetzt dafür:—so will euer Selbst untergehn,
+ihr Verächter des Leibes.
+
+Untergehn will euer Selbst, und darum wurdet ihr zu Verächtern des
+Leibes! Denn nicht mehr vermögt ihr über euch hinaus zu schaffen.
+
+Und darum zürnt ihr nun dem Leben und der Erde. Ein ungewusster Neid
+ist im scheelen Blick eurer Verachtung.
+
+Ich gehe nicht euren Weg, ihr Verächter des Leibes! Ihr seid mir keine
+Brücken zum Übermenschen!—
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+Von den Freuden- und Leidenschaften
+
+Mein Bruder, wenn du eine Tugend hast, und es deine Tugend ist, so hast
+du sie mit Niemandem gemeinsam.
+
+Freilich, du willst sie bei Namen nennen und liebkosen; du willst sie
+am Ohre zupfen und Kurzweil mit ihr treiben.
+
+Und siehe! Nun hast du ihren Namen mit dem Volke gemeinsam und bist
+Volk und Heerde geworden mit deiner Tugend!
+
+Besser thätest du, zu sagen: „unaussprechbar ist und namenlos, was
+meiner Seele Qual und Süsse macht und auch noch der Hunger meiner
+Eingeweide ist.“
+
+Deine Tugend sei zu hoch für die Vertraulichkeit der Namen: und musst
+du von ihr reden, so schäme dich nicht, von ihr zu stammeln.
+
+So sprich und stammle: „Das ist _mein_ Gutes, das liebe ich, so gefällt
+es mir ganz, so allein will ich das Gute.
+
+Nicht will ich es als eines Gottes Gesetz, nicht will ich es als eine
+Menschen-Satzung und -Nothdurft: kein Wegweiser sei es mir für
+Über-Erden und Paradiese.
+
+Eine irdische Tugend ist es, die ich liebe: wenig Klugheit ist darin
+und am wenigsten die Vernunft Aller.
+
+Aber dieser Vogel baute bei mir sich das Nest: darum liebe und herze
+ich ihn,—nun sitze er bei mir auf seinen goldnen Eiern.“
+
+So sollst du stammeln und deine Tugend loben.
+
+Einst hattest du Leidenschaften und nanntest sie böse. Aber jetzt hast
+du nur noch deine Tugenden: die wuchsen aus deinen Leidenschaften.
+
+Du legtest dein höchstes Ziel diesen Leidenschaften an’s Herz: da
+wurden sie deine Tugenden und Freudenschaften.
+
+Und ob du aus dem Geschlechte der Jähzornigen wärest oder aus dem der
+Wollüstigen oder der Glaubens-Wüthigen oder der Rachsüchtigen:
+
+Am Ende wurden alle deine Leidenschaften zu Tugenden und alle deine
+Teufel zu Engeln.
+
+Einst hattest du wilde Hunde in deinem Keller: aber am Ende
+verwandelten sie sich zu Vögeln und lieblichen Sängerinnen.
+
+Aus deinen Giften brautest du dir deinen Balsam; deine Kuh Trübsal
+melktest du, —nun trinkst du die süsse Milch ihres Euters.
+
+Und nichts Böses wächst mehr fürderhin aus dir, es sei denn das Böse,
+das aus dem Kampfe deiner Tugenden wächst.
+
+Mein Bruder, wenn du Glück hast, so hast du Eine Tugend und nicht mehr:
+so gehst du leichter über die Brücke.
+
+Auszeichnend ist es, viele Tugenden zu haben, aber ein schweres Loos;
+und Mancher gieng in die Wüste und tödtete sich, weil er müde war,
+Schlacht und Schlachtfeld von Tugenden zu sein.
+
+Mein Bruder, ist Krieg und Schlacht böse? Aber nothwendig ist diess
+Böse, nothwendig ist der Neid und das Misstrauen und die Verleumdung
+unter deinen Tugenden.
+
+Siehe, wie jede deiner Tugenden begehrlich ist nach dem Höchsten: sie
+will deinen ganzen Geist, dass er _ihr_ Herold sei, sie will deine
+ganze Kraft in Zorn, Hass und Liebe.
+
+Eifersüchtig ist jede Tugend auf die andre, und ein furchtbares Ding
+ist Eifersucht. Auch Tugenden können an der Eifersucht zu Grunde gehn.
+
+Wen die Flamme der Eifersucht umringt, der wendet zuletzt, gleich dem
+Scorpione, gegen sich selber den vergifteten Stachel.
+
+Ach, mein Bruder, sahst du noch nie eine Tugend sich selber verleumden
+und erstechen?
+
+Der Mensch ist Etwas, das überwunden werden muss: und darum sollst du
+deine Tugenden lieben,—denn du wirst an ihnen zu Grunde gehn.—
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+Vom bleichen Verbrecher
+
+Ihr wollt nicht tödten, ihr Richter und Opferer, bevor das Thier nicht
+genickt hat? Seht, der bleiche Verbrecher hat genickt: aus seinem Auge
+redet die grosse Verachtung.
+
+„Mein Ich ist Etwas, das überwunden werden soll: mein Ich ist mir die
+grosse Verachtung des Menschen“ : so redet es aus diesem Auge.
+
+Dass er sich selber richtete, war sein höchster Augenblick: lasst den
+Erhabenen nicht wieder zurück in sein Niederes!
+
+Es giebt keine Erlösung für Den, der so an sich selber leidet, es sei
+denn der schnelle Tod.
+
+Euer Tödten, ihr Richter, soll ein Mitleid sein und keine Rache. Und
+indem ihr tödtet, seht zu, dass ihr selber das Leben rechtfertiget!
+
+Es ist nicht genug, dass ihr euch mit Dem versöhnt, den ihr tödtet.
+Eure Traurigkeit sei Liebe zum Übermenschen: so rechtfertigt ihr euer
+Noch-Leben!
+
+„Feind“ sollt ihr sagen, aber nicht „Bösewicht“; „Kranker“ sollt ihr
+sagen, aber nicht „Schuft“; „Thor“ sollt ihr sagen, aber nicht
+„Sünder“.
+
+Und du, rother Richter, wenn du laut sagen wolltest, was du Alles schon
+in Gedanken gethan hast: so würde Jedermann schreien: „Weg mit diesem
+Unflath und Giftwurm!“
+
+Aber ein Anderes ist der Gedanke, ein Anderes die That, ein Anderes das
+Bild der That. Das Rad des Grundes rollt nicht zwischen ihnen.
+
+Ein Bild machte diesen bleichen Menschen bleich. Gleichwüchsig war er
+seiner That, als er sie that: aber ihr Bild ertrug er nicht, als sie
+gethan war.
+
+Immer sah er sich nun als Einer That Thäter. Wahnsinn heisse ich diess:
+die Ausnahme verkehrte sich ihm zum Wesen.
+
+Der Strich bannt die Henne; der Streich, den er führte, bannte seine
+arme Vernunft—den Wahnsinn _nach_ der That heisse ich diess.
+
+Hört, ihr Richter! Einen anderen Wahnsinn giebt es noch: und der ist
+vor der That. Ach, ihr krocht mir nicht tief genug in diese Seele!
+
+So spricht der rothe Richter: „was mordete doch dieser Verbrecher? Er
+wollte rauben.“ Aber ich sage euch: seine Seele wollte Blut, nicht
+Raub: er dürstete nach dem Glück des Messers!
+
+Seine arme Vernunft aber begriff diesen Wahnsinn nicht und überredete
+ihn. „Was liegt an Blut! sprach sie; willst du nicht zum Mindesten
+einen Raub dabei machen? Eine Rache nehmen?“
+
+Und er horchte auf seine arme Vernunft: wie Blei lag ihre Rede auf
+ihm,—da raubte er, als er mordete. Er wollte sich nicht seines
+Wahnsinns schämen.
+
+Und nun wieder liegt das Blei seiner Schuld auf ihm, und wieder ist
+seine arme Vernunft so steif, so gelähmt, so schwer.
+
+Wenn er nur den Kopf schütteln könnte, so würde seine Last herabrollen:
+aber wer schüttelt diesen Kopf?
+
+Was ist dieser Mensch? Ein Haufen von Krankheiten, welche durch den
+Geist in die Welt hinausgreifen: da wollen sie ihre Beute machen.
+
+Was ist dieser Mensch? Ein Knäuel wilder Schlangen, welche selten bei
+einander Ruhe haben,—da gehn sie für sich fort und suchen Beute in der
+Welt.
+
+Seht diesen armen Leib! Was er litt und begehrte, das deutete sich
+diese arme Seele,—sie deutete es als mörderische Lust und Gier nach dem
+Glück des Messers.
+
+Wer jetzt krank wird, den überfällt das Böse, das jetzt böse ist: wehe
+will er thun, mit dem, was ihm wehe thut. Aber es gab andre Zeiten und
+ein andres Böses und Gutes.
+
+Einst war der Zweifel böse und der Wille zum Selbst. Damals wurde der
+Kranke zum Ketzer und zur Hexe: als Ketzer und Hexe litt er und wollte
+leiden machen.
+
+Aber diess will nicht in eure Ohren: euren Guten schade es, sagt ihr
+mir. Aber was liegt mir an euren Guten!
+
+Vieles an euren Guten macht mir Ekel, und wahrlich nicht ihr Böses.
+Wollte ich doch, sie hätten einen Wahnsinn, an dem sie zu Grunde
+giengen, gleich diesem bleichen Verbrecher!
+
+Wahrlich, ich wollte, ihr Wahnsinn hiesse Wahrheit oder Treue oder
+Gerechtigkeit: aber sie haben ihre Tugend, um lange zu leben und in
+einem erbärmlichen Behagen.
+
+Ich bin ein Geländer am Strome: fasse mich, wer mich fassen kann! Eure
+Krücke aber bin ich nicht.—
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+Vom Lesen und Schreiben
+
+Von allem Geschriebenen liebe ich nur Das, was Einer mit seinem Blute
+schreibt. Schreibe mit Blut: und du wirst erfahren, dass Blut Geist
+ist.
+
+Es ist nicht leicht möglich, fremdes Blut zu verstehen: ich hasse die
+lesenden Müssiggänger.
+
+Wer den Leser kennt, der thut Nichts mehr für den Leser. Noch ein
+Jahrhundert Leser—und der Geist selber wird stinken.
+
+Dass Jedermann lesen lernen darf, verdirbt auf die Dauer nicht allein
+das Schreiben, sondern auch das Denken.
+
+Einst war der Geist Gott, dann wurde er zum Menschen und jetzt wird er
+gar noch Pöbel.
+
+Wer in Blut und Sprüchen schreibt, der will nicht gelesen, sondern
+auswendig gelernt werden.
+
+Im Gebirge ist der nächste Weg von Gipfel zu Gipfel: aber dazu musst du
+lange Beine haben. Sprüche sollen Gipfel sein: und Die, zu denen
+gesprochen wird, Grosse und Hochwüchsige.
+
+Die Luft dünn und rein, die Gefahr nahe und der Geist voll einer
+fröhlichen Bosheit: so passt es gut zu einander.
+
+Ich will Kobolde um mich haben, denn ich bin muthig. Muth, der die
+Gespenster verscheucht, schafft sich selber Kobolde,—der Muth will
+lachen.
+
+Ich empfinde nicht mehr mit euch: diese Wolke, die ich unter mir sehe,
+diese Schwärze und Schwere, über die ich lache,—gerade das ist eure
+Gewitterwolke.
+
+Ihr seht nach Oben, wenn ihr nach Erhebung verlangt. Und ich sehe
+hinab, weil ich erhoben bin.
+
+Wer von euch kann zugleich lachen und erhoben sein?
+
+Wer auf den höchsten Bergen steigt, der lacht über alle Trauer-Spiele
+und Trauer-Ernste.
+
+Muthig, unbekümmert, spöttisch, gewaltthätig—so will uns die Weisheit:
+sie ist ein Weib und liebt immer nur einen Kriegsmann.
+
+Ihr sagt mir: „das Leben ist schwer zu tragen.“ Aber wozu hättet ihr
+Vormittags euren Stolz und Abends eure Ergebung?
+
+Das Leben ist schwer zu tragen: aber so thut mir doch nicht so
+zärtlich! Wir sind allesammt hübsche lastbare Esel und Eselinnen.
+
+Was haben wir gemein mit der Rosenknospe, welche zittert, weil ihr ein
+Tropfen Thau auf dem Leibe liegt?
+
+Es ist wahr: wir lieben das Leben, nicht, weil wir an’s Leben, sondern
+weil wir an’s Lieben gewöhnt sind.
+
+Es ist immer etwas Wahnsinn in der Liebe. Es ist aber immer auch etwas
+Vernunft im Wahnsinn.
+
+Und auch mir, der ich dem Leben gut bin, scheinen Schmetterlinge und
+Seifenblasen und was ihrer Art unter Menschen ist, am meisten vom
+Glücke zu wissen.
+
+Diese leichten thörichten zierlichen beweglichen Seelchen flattern zu
+sehen—das verführt Zarathustra zu Thränen und Liedern.
+
+Ich würde nur an einen Gott glauben, der zu tanzen verstünde.
+
+Und als ich meinen Teufel sah, da fand ich ihn ernst, gründlich, tief,
+feierlich: es war der Geist der Schwere,—durch ihn fallen alle Dinge.
+
+Nicht durch Zorn, sondern durch Lachen tödtet man. Auf, lasst uns den
+Geist der Schwere tödten!
+
+Ich habe gehen gelernt: seitdem lasse ich mich laufen. Ich habe fliegen
+gelernt: seitdem will ich nicht erst gestossen sein, um von der Stelle
+zu kommen.
+
+Jetzt bin ich leicht, jetzt fliege ich, jetzt sehe ich mich unter mir,
+jetzt tanzt ein Gott durch mich.
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+Vom Baum am Berge
+
+Zarathustra’s Auge hatte gesehn, dass ein Jüngling ihm auswich. Und als
+er eines Abends allein durch die Berge gieng, welche die Stadt
+umschliessen, die genannt wird „die bunte Kuh“: siehe, da fand er im
+Gehen diesen Jüngling, wie er an einen Baum gelehnt sass und müden
+Blickes in das Thal schaute. Zarathustra fasste den Baum an, bei
+welchem der Jüngling sass, und sprach also:
+
+Wenn ich diesen Baum da mit meinen Händen schütteln wollte, ich würde
+es nicht vermögen.
+
+Aber der Wind, den wir nicht sehen, der quält und biegt ihn, wohin er
+will. Wir werden am schlimmsten von unsichtbaren Händen gebogen und
+gequält.
+
+Da erhob sich der Jüngling bestürzt und sagte: „ich höre Zarathustra
+und eben dachte ich an ihn.“ Zarathustra entgegnete:
+
+„Was erschrickst du desshalb?—Aber es ist mit dem Menschen wie mit dem
+Baume.
+
+Je mehr er hinauf in die Höhe und Helle will, um so stärker streben
+seine Wurzeln erdwärts, abwärts, in’s Dunkle, Tiefe,—in’s Böse.“
+
+„Ja in’s Böse! rief der Jüngling. Wie ist es möglich, dass du meine
+Seele entdecktest?“
+
+Zarathustra lächelte und sprach: „Manche Seele wird man nie entdecken,
+es sei denn, dass man sie zuerst erfindet.“ „Ja in’s Böse! rief der
+Jüngling nochmals.
+
+Du sagtest die Wahrheit, Zarathustra. Ich traue mir selber nicht mehr,
+seitdem ich in die Höhe will, und Niemand traut mir mehr,—wie geschieht
+diess doch?
+
+Ich verwandele mich zu schnell: mein Heute widerlegt mein Gestern. Ich
+überspringe oft die Stufen, wenn ich steige,—das verzeiht mir keine
+Stufe.
+
+Bin ich oben, so finde ich mich immer allein. Niemand redet mit mir,
+der Frost der Einsamkeit macht mich zittern. Was will ich doch in der
+Höhe?
+
+Meine Verachtung und meine Sehnsucht wachsen mit einander; je höher ich
+steige, um so mehr verachte ich Den, der steigt. Was will er doch in
+der Höhe?
+
+Wie schäme ich mich meines Steigens und Stolperns! Wie spotte ich
+meines heftigen Schnaubens! Wie hasse ich den Fliegenden! Wie müde bin
+ich in der Höhe!“
+
+Hier schwieg der Jüngling. Und Zarathustra betrachtete den Baum, an dem
+sie standen, und sprach also:
+
+Dieser Baum steht einsam hier am Gebirge; er wuchs hoch hinweg über
+Mensch und Thier.
+
+Und wenn er reden wollte, er würde Niemanden haben, der ihn verstünde:
+so hoch wuchs er.
+
+Nun wartet er und wartet,—worauf wartet er doch? Er wohnt dem Sitze der
+Wolken zu nahe: er wartet wohl auf den ersten Blitz?
+
+Als Zarathustra diess gesagt hatte, rief der Jüngling mit heftigen
+Gebärden: „Ja, Zarathustra, du sprichst die Wahrheit. Nach meinem
+Untergange verlangte ich, als ich in die Höhe wollte, und du bist der
+Blitz, auf den ich wartete! Siehe, was bin ich noch, seitdem du uns
+erschienen bist? Der _Neid_ auf dich ist’s, der mich zerstört hat!“—So
+sprach der Jüngling und weinte bitterlich. Zarathustra aber legte
+seinen Arm um ihn und führte ihn mit sich fort.
+
+Und als sie eine Weile mit einander gegangen waren, hob Zarathustra
+also an zu sprechen:
+
+Es zerreisst mir das Herz. Besser als deine Worte es sagen, sagt mir
+dein Auge alle deine Gefahr.
+
+Noch bist du nicht frei, du _suchst_ noch nach Freiheit. Übernächtig
+machte dich dein Suchen und überwach.
+
+In die freie Höhe willst du, nach Sternen dürstet deine Seele. Aber
+auch deine schlimmen Triebe dürsten nach Freiheit.
+
+Deine wilden Hunde wollen in die Freiheit; sie bellen vor Lust in ihrem
+Keller, wenn dein Geist alle Gefängnisse zu lösen trachtet.
+
+Noch bist du mir ein Gefangner, der sich Freiheit ersinnt: ach, klug
+wird solchen Gefangnen die Seele, aber auch arglistig und schlecht.
+
+Reinigen muss sich noch der Befreite des Geistes. Viel Gefängniss und
+Moder ist noch in ihm zurück: rein muss noch sein Auge werden.
+
+Ja, ich kenne deine Gefahr. Aber bei meiner Liebe und Hoffnung
+beschwöre ich dich: wirf deine Liebe und Hoffnung nicht weg!
+
+Edel fühlst du dich noch, und edel fühlen dich auch die Andern noch,
+die dir gram sind und böse Blicke senden. Wisse, dass Allen ein Edler
+im Wege steht.
+
+Auch den Guten steht ein Edler im Wege: und selbst wenn sie ihn einen
+Guten nennen, so wollen sie ihn damit bei Seite bringen.
+
+Neues will der Edle schaffen und eine neue Tugend. Altes will der Gute,
+und dass Altes erhalten bleibe.
+
+Aber nicht das ist die Gefahr des Edlen, dass er ein Guter werde,
+sondern ein Frecher, ein Höhnender, ein Vernichter.
+
+Ach, ich kannte Edle, die verloren ihre höchste Hoffnung. Und nun
+verleumdeten sie alle hohen Hoffnungen.
+
+Nun lebten sie frech in kurzen Lüsten, und über den Tag hin warfen sie
+kaum noch Ziele.
+
+„Geist ist auch Wollust“—so sagten sie. Da zerbrachen ihrem Geiste die
+Flügel: nun kriecht er herum und beschmutzt im Nagen.
+
+Einst dachten sie Helden zu werden: Lüstlinge sind es jetzt. Ein Gram
+und ein Grauen ist ihnen der Held.
+
+Aber bei meiner Liebe und Hoffnung beschwöre ich dich: wirf den Helden
+in deiner Seele nicht weg! Halte heilig deine höchste Hoffnung!—
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+Von den Predigern des Todes
+
+Es giebt Prediger des Todes: und die Erde ist voll von Solchen, denen
+Abkehr gepredigt werden muss vom Leben.
+
+Voll ist die Erde von Überflüssigen, verdorben ist das Leben durch die
+Viel-zu-Vielen. Möge man sie mit dem „ewigen Leben“ aus diesem Leben
+weglocken!
+
+„Gelbe“ : so nennt man die Prediger des Todes, oder „Schwarze“ . Aber
+ich will sie euch noch in andern Farben zeigen.
+
+Da sind die Fürchterlichen, welche in sich das Raubthier herumtragen
+und keine Wahl haben, es sei denn Lüste oder Selbstzerfleischung. Und
+auch ihre Lüste sind noch Selbstzerfleischung.
+
+Sie sind noch nicht einmal Menschen geworden, diese Fürchterlichen:
+mögen sie Abkehr predigen vom Leben und selber dahinfahren!
+
+Da sind die Schwindsüchtigen der Seele: kaum sind sie geboren, so
+fangen sie schon an zu sterben und sehnen sich nach Lehren der
+Müdigkeit und Entsagung.
+
+Sie wollen gerne todt sein, und wir sollten ihren Willen gut heissen!
+Hüten wir uns, diese Todten zu erwecken und diese lebendigen Särge zu
+versehren!
+
+Ihnen begegnet ein Kranker oder ein Greis oder ein Leichnam; und gleich
+sagen sie „das Leben ist widerlegt!“
+
+Aber nur sie sind widerlegt und ihr Auge, welches nur das Eine Gesicht
+sieht am Dasein.
+
+Eingehüllt in dicke Schwermuth und begierig auf die kleinen Zufälle,
+welche den Tod bringen: so warten sie und beissen die Zähne auf
+einander.
+
+Oder aber: sie greifen nach Zuckerwerk und spotten ihrer Kinderei
+dabei: sie hängen an ihrem Strohhalm Leben und spotten, dass sie noch
+an einem Strohhalm hängen.
+
+Ihre Weisheit lautet: „ein Thor, der leben bleibt, aber so sehr sind
+wir Thoren! Und das eben ist das Thörichtste am Leben!“—
+
+„Das Leben ist nur Leiden“ —so sagen Andre und lügen nicht: so sorgt
+doch, dass _ihr_ aufhört! So sorgt doch, dass das Leben aufhört,
+welches nur Leiden ist!
+
+Und also laute die Lehre eurer Tugend „du sollst dich selber tödten! Du
+sollst dich selber davonstehlen!“—
+
+„Wollust ist Sünde,—so sagen die Einen, welche den Tod predigen—lasst
+uns bei Seite gehn und keine Kinder zeugen!“
+
+„Gebären ist mühsam,—sagen dich Andern—wozu noch gebären? Man gebiert
+nur Unglückliche!“ Und auch sie sind Prediger des Todes.
+
+„Mitleid thut noth—so sagen die Dritten. Nehmt hin, was ich habe! Nehmt
+hin, was ich bin! Um so weniger bindet mich das Leben!“
+
+Wären sie Mitleidige von Grund aus, so würden sie ihren Nächsten das
+Leben verleiden. Böse sein—das wäre ihre rechte Güte.
+
+Aber sie wollen loskommen vom Leben: was schiert es sie, dass sie Andre
+mit ihren Ketten und Geschenken noch fester binden!—
+
+Und auch ihr, denen das Leben wilde Arbeit und Unruhe ist: seid ihr
+nicht sehr müde des Lebens? Seid ihr nicht sehr reif für die Predigt
+des Todes?
+
+Ihr Alle, denen die wilde Arbeit lieb ist und das Schnelle, Neue,
+Fremde,—ihr ertragt euch schlecht, euer Fleiss ist Flucht und Wille,
+sich selber zu vergessen.
+
+Wenn ihr mehr an das Leben glaubtet, würdet ihr weniger euch dem
+Augenblicke hinwerfen. Aber ihr habt zum Warten nicht Inhalt genug in
+euch—und selbst zur Faulheit nicht!
+
+Überall ertönt die Stimme Derer, welche den Tod predigen: und die Erde
+ist voll von Solchen, welchen der Tod gepredigt werden muss.
+
+Oder „das ewige Leben“ : das gilt mir gleich,—wofern sie nur schnell
+dahinfahren!
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+Vom Krieg und Kriegsvolke
+
+Von unsern besten Feinden wollen wir nicht geschont sein, und auch von
+Denen nicht, welche wir von Grund aus lieben. So lasst mich denn euch
+die Wahrheit sagen!
+
+Meine Brüder im Kriege! Ich liebe euch von Grund aus, ich bin und war
+Euresgleichen. Und ich bin auch euer bester Feind. So lasst mich denn
+euch die Wahrheit sagen!
+
+Ich weiss um den Hass und Neid eures Herzens. Ihr seid nicht gross
+genug, um Hass und Neid nicht zu kennen. So seid denn gross genug, euch
+ihrer nicht zu schämen!
+
+Und wenn ihr nicht Heilige der Erkenntniss sein könnt, so seid mir
+wenigstens deren Kriegsmänner. Das sind die Gefährten und Vorläufer
+solcher Heiligkeit.
+
+Ich sehe viel Soldaten: möchte ich viel Kriegsmänner sehn! „Ein-form“
+nennt man’s, was sie tragen: möge es nicht Ein-form sein, was sie damit
+verstecken!
+
+Ihr sollt mir Solche sein, deren Auge immer nach einem Feinde
+sucht—nach _eurem_ Feinde. Und bei Einigen von euch giebt es einen Hass
+auf den ersten Blick.
+
+Euren Feind sollt ihr suchen, euren Krieg sollt ihr führen und für eure
+Gedanken! Und wenn euer Gedanke unterliegt, so soll eure Redlichkeit
+darüber noch Triumph rufen!
+
+Ihr sollt den Frieden lieben als Mittel zu neuen Kriegen. Und den
+kurzen Frieden mehr, als den langen.
+
+Euch rathe ich nicht zur Arbeit, sondern zum Kampfe. Euch rathe ich
+nicht zum Frieden, sondern zum Siege. Eure Arbeit sei ein Kampf, euer
+Friede sei ein Sieg!
+
+Man kann nur schweigen und stillsitzen, wenn man Pfeil und Bogen hat:
+sonst schwätzt und zankt man. Euer Friede sei ein Sieg!
+
+Ihr sagt, die gute Sache sei es, die sogar den Krieg heilige? Ich sage
+euch: der gute Krieg ist es, der jede Sache heiligt.
+
+Der Krieg und der Muth haben mehr grosse Dinge gethan, als die
+Nächstenliebe. Nicht euer Mitleiden, sondern eure Tapferkeit rettete
+bisher die Verunglückten.
+
+Was ist gut? fragt ihr. Tapfer sein ist gut. Lasst die kleinen Mädchen
+reden: „gut sein ist, was hübsch zugleich und rührend ist.“
+
+Man nennt euch herzlos: aber euer Herz ist ächt, und ich liebe die
+Scham eurer Herzlichkeit. Ihr schämt euch eurer Fluth, und Andre
+schämen sich ihrer Ebbe.
+
+Ihr seid hässlich? Nun wohlan, meine Brüder! So nehmt das Erhabne um
+euch, den Mantel des Hässlichen!
+
+Und wenn eure Seele gross wird, so wird sie übermüthig, und in eurer
+Erhabenheit ist Bosheit. Ich kenne euch.
+
+In der Bosheit begegnet sich der Übermüthige mit dem Schwächlinge. Aber
+sie missverstehen einander. Ich kenne euch.
+
+Ihr dürft nur Feinde haben, die zu hassen sind, aber nicht Feinde zum
+Verachten. Ihr müsst stolz auf euern Feind sein: dann sind die Erfolge
+eures Feindes auch eure Erfolge.
+
+Auflehnung—das ist die Vornehmheit am Sclaven. Eure Vornehmheit sei
+Gehorsam! Euer Befehlen selber sei ein Gehorchen!
+
+Einem guten Kriegsmanne klingt „du sollst“ angenehmer, als „ich will“.
+Und Alles, was euch lieb ist, sollt ihr euch erst noch befehlen lassen.
+
+Eure Liebe zum Leben sei Liebe zu eurer höchsten Hoffnung: und eure
+höchste Hoffnung sei der höchste Gedanke des Lebens!
+
+Euren höchsten Gedanken aber sollt ihr euch von mir befehlen lassen—und
+er lautet: der Mensch ist Etwas, das überwunden werden soll.
+
+So lebt euer Leben des Gehorsams und des Krieges! Was liegt am
+Lang-Leben! Welcher Krieger will geschont sein!
+
+Ich schone euch nicht, ich liebe euch von Grund aus, meine Brüder im
+Kriege!—
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+Vom neuen Götzen
+
+Irgendwo giebt es noch Völker und Heerden, doch nicht bei uns, meine
+Brüder: da giebt es Staaten.
+
+Staat? Was ist das? Wohlan! Jetzt thut mir die Ohren auf, denn jetzt
+sage ich euch mein Wort vom Tode der Völker.
+
+Staat heisst das kälteste aller kalten Ungeheuer. Kalt lügt es auch;
+und diese Lüge kriecht aus seinem Munde: „Ich, der Staat, bin das
+Volk.“
+
+Lüge ist’s! Schaffende waren es, die schufen die Völker und hängten
+einen Glauben und eine Liebe über sie hin: also dienten sie dem Leben.
+
+Vernichter sind es, die stellen Fallen auf für Viele und heissen sie
+Staat: sie hängen ein Schwert und hundert Begierden über sie hin.
+
+Wo es noch Volk giebt, da versteht es den Staat nicht und hasst ihn als
+bösen Blick und Sünde an Sitten und Rechten.
+
+Dieses Zeichen gebe ich euch: jedes Volk spricht seine Zunge des Guten
+und Bösen: die versteht der Nachbar nicht. Seine Sprache erfand es sich
+in Sitten und Rechten.
+
+Aber der Staat lügt in allen Zungen des Guten und Bösen; und was er
+auch redet, er lügt—und was er auch hat, gestohlen hat er’s.
+
+Falsch ist Alles an ihm; mit gestohlenen Zähnen beisst er, der Bissige.
+Falsch sind selbst seine Eingeweide.
+
+Sprachverwirrung des Guten und Bösen: dieses Zeichen gebe ich euch als
+Zeichen des Staates. Wahrlich, den Willen zum Tode deutet dieses
+Zeichen! Wahrlich, es winkt den Predigern des Todes!
+
+Viel zu Viele werden geboren: für die Überflüssigen ward der Staat
+erfunden!
+
+Seht mir doch, wie er sie an sich lockt, die Viel-zu-Vielen! Wie er sie
+schlingt und kaut und wiederkäut!
+
+„Auf der Erde ist nichts Grösseres als ich: der ordnende Finger bin ich
+Gottes“ —also brüllt das Unthier. Und nicht nur Langgeohrte und
+Kurzgeäugte sinken auf die Kniee!
+
+Ach, auch in euch, ihr grossen Seelen, raunt er seine düsteren Lügen!
+Ach, er erräth die reichen Herzen, die gerne sich verschwenden!
+
+Ja, auch euch erräth er, ihr Besieger des alten Gottes! Müde wurdet ihr
+im Kampfe, und nun dient eure Müdigkeit noch dem neuen Götzen!
+
+Helden und Ehrenhafte möchte er um sich aufstellen, der neue Götze!
+Gerne sonnt er sich im Sonnenschein guter Gewissen,—das kalte Unthier!
+
+Alles will er _euch_ geben, wenn _ihr_ ihn anbetet, der neue Götze:
+also kauft er sich den Glanz eurer Tugend und den Blick eurer stolzen
+Augen.
+
+Ködern will er mit euch die Viel-zu-Vielen! Ja, ein Höllenkunststück
+ward da erfunden, ein Pferd des Todes, klirrend im Putz göttlicher
+Ehren!
+
+Ja, ein Sterben für Viele ward da erfunden, das sich selber als Leben
+preist: wahrlich, ein Herzensdienst allen Predigern des Todes!
+
+Staat nenne ich’s, wo Alle Gifttrinker sind, Gute und Schlimme: Staat,
+wo Alle sich selber verlieren, Gute und Schlimme: Staat, wo der
+langsame Selbstmord Aller—„das Leben“ heisst.
+
+Seht mir doch diese Überflüssigen! Sie stehlen sich die Werke der
+Erfinder und die Schätze der Weisen: Bildung nennen sie ihren
+Diebstahl—und Alles wird ihnen zu Krankheit und Ungemach!
+
+Seht mir doch diese Überflüssigen! Krank sind sie immer, sie erbrechen
+ihre Galle und nennen es Zeitung. Sie verschlingen einander und können
+sich nicht einmal verdauen.
+
+Seht mir doch diese Überflüssigen! Reichthümer erwerben sie und werden
+ärmer damit. Macht wollen sie und zuerst das Brecheisen der Macht, viel
+Geld,—diese Unvermögenden!
+
+Seht sie klettern, diese geschwinden Affen! Sie klettern über einander
+hinweg und zerren sich also in den Schlamm und die Tiefe.
+
+Hin zum Throne wollen sie Alle: ihr Wahnsinn ist es,—als ob das Glück
+auf dem Throne sässe! Oft sitzt der Schlamm auf dem Thron—und oft auch
+der Thron auf dem Schlamme.
+
+Wahnsinnige sind sie mir Alle und kletternde Affen und Überheisse. Übel
+riecht mir ihr Götze, das kalte Unthier: übel riechen sie mir alle
+zusammen, diese Götzendiener.
+
+Meine Brüder, wollt ihr denn ersticken im Dunste ihrer Mäuler und
+Begierden! Lieber zerbrecht doch die Fenster und springt in’s Freie!
+
+Geht doch dem schlechten Geruche aus dem Wege! Geht fort von der
+Götzendienerei der Überflüssigen!
+
+Geht doch dem schlechten Geruche aus dem Wege! Geht fort von dem Dampfe
+dieser Menschenopfer!
+
+Frei steht grossen Seelen auch jetzt noch die Erde. Leer sind noch
+viele Sitze für Einsame und Zweisame, um die der Geruch stiller Meere
+weht.
+
+Frei steht noch grossen Seelen ein freies Leben. Wahrlich, wer wenig
+besitzt, wird um so weniger besessen: gelobt sei die kleine Armuth!
+
+Dort, wo der Staat aufhört, da beginnt erst der Mensch, der nicht
+überflüssig ist: da beginnt das Lied des Nothwendigen, die einmalige
+und unersetzliche Weise.
+
+Dort, wo der Staat _aufhört_,—so seht mir doch hin, meine Brüder! Seht
+ihr ihn nicht, den Regenbogen und die Brücken des Übermenschen?—
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+Von den Fliegen des Marktes
+
+Fliehe, mein Freund, in deine Einsamkeit! Ich sehe dich betäubt vom
+Lärme der grossen Männer und zerstochen von den Stacheln der kleinen.
+
+Würdig wissen Wald und Fels mit dir zu schweigen. Gleiche wieder dem
+Baume, den du liebst, dem breitästigen: still und aufhorchend hängt er
+über dem Meere.
+
+Wo die Einsamkeit aufhört, da beginnt der Markt; und wo der Markt
+beginnt, da beginnt auch der Lärm der grossen Schauspieler und das
+Geschwirr der giftigen Fliegen.
+
+In der Welt taugen die besten Dinge noch Nichts, ohne Einen, der sie
+erst aufführt: grosse Männer heisst das Volk diese Aufführer.
+
+Wenig begreift das Volk das Grosse, das ist: das Schaffende. Aber Sinne
+hat es für alle Aufführer und Schauspieler grosser Sachen.
+
+Um die Erfinder von neuen Werthen dreht sich die Welt:—unsichtbar dreht
+sie sich. Doch um die Schauspieler dreht sich das Volk und der Ruhm: so
+ist es der Welt Lauf.
+
+Geist hat der Schauspieler, doch wenig Gewissen des Geistes. Er glaubt
+immer an Das, womit er am stärksten glauben macht,—glauben an _sich_
+macht!
+
+Morgen hat er einen neuen Glauben und übermorgen einen neueren. Rasche
+Sinne hat er, gleich dem Volke, und veränderliche Witterungen.
+
+Umwerfen—das heisst ihm: beweisen. Toll machen—das heisst ihm:
+überzeugen. Und Blut gilt ihm als aller Gründe bester.
+
+Eine Wahrheit, die nur in feine Ohren schlüpft, nennt er Lüge und
+Nichts. Wahrlich, er glaubt nur an Götter, die grossen Lärm in der Welt
+machen!
+
+Voll von feierlichen Possenreissern ist der Markt—und das Volk rühmt
+sich seiner grossen Männer! das sind ihm die Herrn der Stunde.
+
+Aber die Stunde drängt sie: so drängen sie dich. Und auch von dir
+wollen sie Ja oder Nein. Wehe, du willst zwischen Für und Wider deinen
+Stuhl setzen?
+
+Dieser Unbedingten und Drängenden halber sei ohne Eifersucht, du
+Liebhaber der Wahrheit! Niemals noch hängte sich die Wahrheit an den
+Arm eines Unbedingten.
+
+Dieser Plötzlichen halber gehe zurück in deine Sicherheit: nur auf dem
+Markt wird man mit Ja? oder Nein? überfallen.
+
+Langsam ist das Erleben allen tiefen Brunnen: lange müssen sie warten,
+bis sie wissen, _was_ in ihre Tiefe fiel.
+
+Abseits vom Markte und Ruhme begiebt sich alles Grosse: abseits vom
+Markte und Ruhme wohnten von je die Erfinder neuer Werthe.
+
+Fliehe, mein Freund, in deine Einsamkeit: ich sehe dich von giftigen
+Fliegen zerstochen. Fliehe dorthin, wo rauhe, starke Luft weht!
+
+Fliehe in deine Einsamkeit! Du lebtest den Kleinen und Erbärmlichen zu
+nahe. Fliehe vor ihrer unsichtbaren Rache! Gegen dich sind sie Nichts
+als Rache.
+
+Hebe nicht mehr den Arm gegen sie! Unzählbar sind sie, und es ist nicht
+dein Loos, Fliegenwedel zu sein.
+
+Unzählbar sind diese Kleinen und Erbärmlichen; und manchem stolzen Baue
+gereichten schon Regentropfen und Unkraut zum Untergange.
+
+Du bist kein Stein, aber schon wurdest du hohl von vielen Tropfen.
+Zerbrechen und zerbersten wirst du mir noch von vielen Tropfen.
+
+Ermüdet sehe ich dich durch giftige Fliegen, blutig geritzt sehe ich
+dich an hundert Stellen; und dein Stolz will nicht einmal zürnen.
+
+Blut möchten sie von dir in aller Unschuld, Blut begehren ihre
+blutlosen Seelen —und sie stechen daher in aller Unschuld.
+
+Aber, du Tiefer, du leidest zu tief auch an kleinen Wunden; und ehe du
+dich noch geheilt hast, kroch dir der gleiche Giftwurm über die Hand.
+
+Zu stolz bist du mir dafür, diese Naschhaften zu tödten. Hüte dich
+aber, dass es nicht dein Verhängniss werde, all ihr giftiges Unrecht zu
+tragen!
+
+Sie summen um dich auch mit ihrem Lobe: Zudringlichkeit ist ihr Loben.
+Sie wollen die Nähe deiner Haut und deines Blutes.
+
+Sie schmeicheln dir wie einem Gotte oder Teufel; sie winseln vor dir
+wie vor einem Gotte oder Teufel. Was macht es! Schmeichler sind es und
+Winsler und nicht mehr.
+
+Auch geben sie sich dir oft als Liebenswürdige. Aber das war immer die
+Klugheit der Feigen. Ja, die Feigen sind klug!
+
+Sie denken viel über dich mit ihrer engen Seele,—bedenklich bist du
+ihnen stets! Alles, was viel bedacht wird, wird bedenklich.
+
+Sie bestrafen dich für alle deine Tugenden. Sie verzeihen dir von Grund
+aus nur —deine Fehlgriffe.
+
+Weil du milde bist und gerechten Sinnes, sagst du: „unschuldig sind sie
+an ihrem kleinen Dasein.“ Aber ihre enge Seele denkt: „Schuld ist alles
+grosse Dasein.“
+
+Auch wenn du ihnen milde bist, fühlen sie sich noch von dir verachtet;
+und sie geben dir deine Wohlthat zurück mit versteckten Wehthaten.
+
+Dein wortloser Stolz geht immer wider ihren Geschmack; sie frohlocken,
+wenn du einmal bescheiden genug bist, eitel zu sein.
+
+Das, was wir an einem Menschen erkennen, das entzünden wir an ihm auch.
+Also hüte dich vor den Kleinen!
+
+Vor dir fühlen sie sich klein, und ihre Niedrigkeit glimmt und glüht
+gegen dich in unsichtbarer Rache.
+
+Merktest du nicht, wie oft sie stumm wurden, wenn du zu ihnen tratest,
+und wie ihre Kraft von ihnen gieng wie der Rauch von einem erlöschenden
+Feuer?
+
+Ja, mein Freund, das böse Gewissen bist du deinen Nächsten: denn sie
+sind deiner unwerth. Also hassen sie dich und möchten gerne an deinem
+Blute saugen.
+
+Deine Nächsten werden immer giftige Fliegen sein; Das, was gross an dir
+ist,—das selber muss sie giftiger machen und immer fliegenhafter.
+
+Fliehe, mein Freund, in deine Einsamkeit und dorthin, wo eine rauhe,
+starke Luft weht. Nicht ist es dein Loos, Fliegenwedel zu sein.—
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+Von der Keuschheit
+
+Ich liebe den Wald. In den Städten ist schlecht zu leben: da giebt es
+zu Viele der Brünstigen.
+
+Ist es nicht besser, in die Hände eines Mörders zu gerathen, als in die
+Träume eines brünstigen Weibes?
+
+Und seht mir doch diese Männer an: ihr Auge sagt es—sie wissen nichts
+Besseres auf Erden, als bei einem Weibe zu liegen.
+
+Schlamm ist auf dem Grunde ihrer Seele; und wehe, wenn ihr Schlamm gar
+noch Geist hat!
+
+Dass ihr doch wenigstens als Thiere vollkommen wäret! Aber zum Thiere
+gehört die Unschuld.
+
+Rathe ich euch, eure Sinne zu tödten? Ich rathe euch zur Unschuld der
+Sinne.
+
+Rathe ich euch zur Keuschheit? Die Keuschheit ist bei Einigen eine
+Tugend, aber bei Vielen beinahe ein Laster.
+
+Diese enthalten sich wohl: aber die Hündin Sinnlichkeit blickt mit Neid
+aus Allem, was sie thun.
+
+Noch in die Höhen ihrer Tugend und bis in den kalten Geist hinein folgt
+ihnen diess Gethier und sein Unfrieden.
+
+Und wie artig weiss die Hündin Sinnlichkeit um ein Stück Geist zu
+betteln, wenn ihr ein Stuck Fleisch versagt wird!
+
+Ihr liebt Trauerspiele und Alles, was das Herz zerbricht? Aber ich bin
+misstrauisch gegen eure Hündin.
+
+Ihr habt mir zu grausame Augen und blickt lüstern nach Leidenden. Hat
+sich nicht nur eure Wollust verkleidet und heisst sich Mitleiden?
+
+Und auch diess Gleichniss gebe ich euch: nicht Wenige, die ihren Teufel
+austreiben wollten, fuhren dabei selber in die Säue.
+
+Wem die Keuschheit schwer fällt, dem ist sie zu widerrathen: dass sie
+nicht der Weg zur Hölle werde—das ist zu Schlamm und Brunst der Seele.
+
+Rede ich von schmutzigen Dingen? Das ist mir nicht das Schlimmste.
+
+Nicht, wenn die Wahrheit schmutzig ist, sondern wenn sie seicht ist,
+steigt der Erkennende ungern in ihr Wasser.
+
+Wahrlich, es giebt Keusche von Grund aus: sie sind milder von Herzen,
+sie lachen lieber und reichlicher als ihr.
+
+Sie lachen auch über die Keuschheit und fragen: „was ist Keuschheit!
+
+Ist Keuschheit nicht Thorheit? Aber diese Thorheit kam zu uns und nicht
+wir zur ihr.
+
+Wir boten diesem Gaste Herberge und Herz: nun wohnt er bei uns,—mag er
+bleiben, wie lange er will!“
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+Vom Freunde
+
+„Einer ist immer zu viel um mich“—also denkt der Einsiedler. „Immer
+Einmal Eins—das giebt auf die Dauer Zwei!“
+
+Ich und Mich sind immer zu eifrig im Gespräche: wie wäre es
+auszuhalten, wenn es nicht einen Freund gäbe?
+
+Immer ist für den Einsiedler der Freund der Dritte: der Dritte ist der
+Kork, der verhindert, dass das Gespräch der Zweie in die Tiefe sinkt.
+
+Ach, es giebt zu viele Tiefen für alle Einsiedler. Darum sehnen sie
+sich so nach einem Freunde und nach seiner Höhe.
+
+Unser Glaube an Andre verräth, worin wir gerne an uns selber glauben
+möchten. Unsre Sehnsucht nach einem Freunde ist unser Verräther.
+
+Und oft will man mit der Liebe nur den Neid überspringen. Und oft
+greift man an und macht sich einen Feind, um zu verbergen, dass man
+angreifbar ist.
+
+„Sei wenigstens mein Feind!“—so spricht die wahre Ehrfurcht, die nicht
+um Freundschaft zu bitten wagt.
+
+Will man einen Freund haben, so muss man auch für ihn Krieg führen
+wollen: und um Krieg zu führen, muss man Feind sein _können_.
+
+Man soll in seinem Freunde noch den Feind ehren. Kannst du an deinen
+Freund dicht herantreten, ohne zu ihm überzutreten?
+
+In seinem Freunde soll man seinen besten Feind haben. Du sollst ihm am
+nächsten mit dem Herzen sein, wenn du ihm widerstrebst.
+
+Du willst vor deinem Freunde kein Kleid tragen? Es soll deines Freundes
+Ehre sein, dass du dich ihm giebst, wie du bist? Aber er wünscht dich
+darum zum Teufel!
+
+Wer aus sich kein Hehl macht, empört: so sehr habt ihr Grund, die
+Nacktheit zu fürchten! Ja, wenn ihr Götter wäret, da dürftet ihr euch
+eurer Kleider schämen!
+
+Du kannst dich für deinen Freund nicht schön genug putzen: denn du
+sollst ihm ein Pfeil und eine Sehnsucht nach dem Übermenschen sein.
+
+Sahst du deinen Freund schon schlafen,—damit du erfahrest, wie er
+aussieht? Was ist doch sonst das Gesicht deines Freundes? Es ist dein
+eignes Gesicht, auf einem rauhen und unvollkommnen Spiegel.
+
+Sahst du deinen Freund schon schlafen? Erschrakst du nicht, dass dein
+Freund so aussieht? Oh, mein Freund, der Mensch ist Etwas, das
+überwunden werden muss.
+
+Im Errathen und Stillschweigen soll der Freund Meister sein: nicht
+Alles musst du sehn wollen. Dein Traum soll dir verrathen, was dein
+Freund im Wachen thut.
+
+Ein Errathen sei dein Mitleiden: dass du erst wissest, ob dein Freund
+Mitleiden wolle. Vielleicht liebt er an dir das ungebrochne Auge und
+den Blick der Ewigkeit.
+
+Das Mitleiden mit dem Freunde berge sich unter einer harten Schale, an
+ihm sollst du dir einen Zahn ausbeissen. So wird es seine Feinheit und
+Süsse haben.
+
+Bist du reine Luft und Einsamkeit und Brod und Arznei deinem Freunde?
+Mancher kann seine eignen Ketten nicht lösen und doch ist er dem
+Freunde ein Erlöser.
+
+Bist du ein Sclave? So kannst du nicht Freund sein. Bist du ein Tyrann?
+So kannst du nicht Freunde haben.
+
+Allzulange war im Weibe ein Sclave und ein Tyrann versteckt. Desshalb
+ist das Weib noch nicht der Freundschaft fähig: es kennt nur die Liebe.
+
+In der Liebe des Weibes ist Ungerechtigkeit und Blindheit gegen Alles,
+was es nicht liebt. Und auch in der wissenden Liebe des Weibes ist
+immer noch Überfall und Blitz und Nacht neben dem Lichte.
+
+Noch ist das Weib nicht der Freundschaft fähig: Katzen sind immer noch
+die Weiber, und Vögel. Oder, besten Falles, Kühe.
+
+Noch ist das Weib nicht der Freundschaft fähig. Aber sagt mir, ihr
+Männer, wer von euch ist denn fähig der Freundschaft?
+
+Oh über eure Armuth, ihr Männer, und euren Geiz der Seele! Wie viel ihr
+dem Freunde gebt, das will ich noch meinem Feinde geben, und will auch
+nicht ärmer damit geworden sein.
+
+Es giebt Kameradschaft: möge es Freundschaft geben!
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+Von tausend und Einem Ziele
+
+VieIe Länder sah Zarathustra und viele Völker: so entdeckte er vieler
+Völker Gutes und Böses. Keine grössere Macht fand Zarathustra auf
+Erden, als Gut und Böse.
+
+Leben könnte kein Volk, das nicht erst schätzte; will es sich aber
+erhalten, so darf es nicht schätzen, wie der Nachbar schätzt.
+
+Vieles, das diesem Volke gut hiess, hiess einem andern Hohn und
+Schmach: also fand ich’s. Vieles fand ich hier böse genannt und dort
+mit purpurnen Ehren geputzt.
+
+Nie verstand ein Nachbar den andern: stets verwunderte sich seine Seele
+ob des Nachbarn Wahn und Bosheit.
+
+Eine Tafel der Güter hängt über jedem Volke. Siehe, es ist seiner
+Überwindungen Tafel; siehe, es ist die Stimme seines Willens zur Macht.
+
+Löblich ist, was ihm schwer gilt; was unerlässlich und schwer, heisst
+gut, und was aus der höchsten Noth noch befreit, das Seltene,
+Schwerste,—das preist es heilig.
+
+Was da macht, dass es herrscht und siegt und glänzt, seinem Nachbarn zu
+Grauen und Neide: das gilt ihm das Hohe, das Erste, das Messende, der
+Sinn aller Dinge.
+
+Wahrlich, mein Bruder, erkanntest du erst eines Volkes Noth und Land
+und Himmel und Nachbar: so erräthst du wohl das Gesetz seiner
+Überwindungen und warum es auf dieser Leiter zu seiner Hoffnung steigt.
+
+„Immer sollst du der Erste sein und den Andern vorragen: Niemanden soll
+deine eifersüchtige Seele lieben, es sei denn den Freund“—diess machte
+einem Griechen die Seele zittern: dabei gieng er seinen Pfad der
+Grösse.
+
+„Wahrheit reden und gut mit Bogen und Pfeil verkehren“ —so dünkte es
+jenem Volke zugleich lieb und schwer, aus dem mein Name kommt—der Name,
+welcher mir zugleich lieb und schwer ist.
+
+„Vater und Mutter ehren und bis in die Wurzel der Seele hinein ihnen zu
+Willen sein“ : diese Tafel der Überwindung hängte ein andres Volk über
+sich auf und wurde mächtig und ewig damit.
+
+„Treue üben und um der Treue Willen Ehre und Blut auch an böse und
+fährliche Sachen setzen“ : also sich lehrend bezwang sich ein anderes
+Volk, und also sich bezwingend wurde es schwanger und schwer von
+grossen Hoffnungen.
+
+Wahrlich, die Menschen gaben sich alles ihr Gutes und Böses. Wahrlich,
+sie nahmen es nicht, sie fanden es nicht, nicht fiel es ihnen als
+Stimme vom Himmel.
+
+Werthe legte erst der Mensch in die Dinge, sich zu erhalten,—er schuf
+erst den Dingen Sinn, einen Menschen-Sinn! Darum nennt er sich
+„Mensch“, das ist: der Schätzende.
+
+Schätzen ist Schaffen: hört es, ihr Schaffenden! Schätzen selber ist
+aller geschätzten Dinge Schatz und Kleinod.
+
+Durch das Schätzen erst giebt es Werth: und ohne das Schätzen wäre die
+Nuss des Daseins hohl. Hört es, ihr Schaffenden!
+
+Wandel der Werthe,—das ist Wandel der Schaffenden. Immer vernichtet,
+wer ein Schöpfer sein muss.
+
+Schaffende waren erst Völker und spät erst Einzelne; wahrlich, der
+Einzelne selber ist noch die jüngste Schöpfung.
+
+Völker hängten sich einst eine Tafel des Guten über sich. Liebe, die
+herrschen will, und Liebe, die gehorchen will, erschufen sich zusammen
+solche Tafeln.
+
+Älter ist an der Heerde die Lust, als die Lust am Ich: und so lange das
+gute Gewissen Heerde heisst, sagt nur das schlechte Gewissen: Ich.
+
+Wahrlich, das schlaue Ich, das lieblose, das seinen Nutzen im Nutzen
+Vieler will: das ist nicht der Heerde Ursprung, sondern ihr Untergang.
+
+Liebende waren es stets und Schaffende, die schufen Gut und Böse. Feuer
+der Liebe glüht in aller Tugenden Namen und Feuer des Zorns.
+
+Viele Länder sah Zarathustra und viele Völker: keine grössere Macht
+fand Zarathustra auf Erden, als die Werke der Liebenden: „gut“ und
+„böse“ ist ihr Name.
+
+Wahrlich, ein Ungethüm ist die Macht dieses Lobens und Tadelns. Sagt,
+wer bezwingt es mir, ihr Brüder? Sagt, wer wirft diesem Thier die
+Fessel über die tausend Nacken?
+
+Tausend Ziele gab es bisher, denn tausend Völker gab es. Nur die Fessel
+der tausend Nacken fehlt noch, es fehlt das Eine Ziel. Noch hat die
+Menschheit kein Ziel.
+
+Aber sagt mir doch, meine Brüder: wenn der Menschheit das Ziel noch
+fehlt, fehlt da nicht auch—sie selber noch?—
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+Von der Nächstenliebe
+
+Ihr drängt euch um den Nächsten und habt schöne Worte dafür. Aber ich
+sage euch: eure Nächstenliebe ist eure schlechte Liebe zu euch selber.
+
+Ihr flüchtet zum Nächsten vor euch selber und möchtet euch daraus eine
+Tugend machen: aber ich durchschaue euer „Selbstloses“.
+
+Das Du ist älter als das Ich; das Du ist heilig gesprochen, aber noch
+nicht das Ich: so drängt sich der Mensch hin zum Nächsten.
+
+Rathe ich euch zur Nächstenliebe? Lieber noch rathe ich euch zur
+Nächsten-Flucht und zur Fernsten-Liebe!
+
+Höher als die Liebe zum Nächsten ist die Liebe zum Fernsten und
+Künftigen; höher noch als die Liebe zu Menschen ist die Liebe zu Sachen
+und Gespenstern.
+
+Diess Gespenst, das vor dir herläuft, mein Bruder, ist schöner als du;
+warum giebst du ihm nicht dein Fleisch und deine Knochen? Aber du
+fürchtest dich und läufst zu deinem Nächsten.
+
+Ihr haltet es mit euch selber nicht aus und liebt euch nicht genug: nun
+wollt ihr den Nächsten zur Liebe verführen und euch mit seinem Irrthum
+vergolden.
+
+Ich wollte, ihr hieltet es nicht aus mit allerlei Nächsten und deren
+Nachbarn; so müsstet ihr aus euch selber euren Freund und sein
+überwallendes Herz schaffen.
+
+Ihr ladet euch einen Zeugen ein, wenn ihr von euch gut reden wollt; und
+wenn ihr ihn verführt habt, gut von euch zu denken, denkt ihr selber
+gut von euch.
+
+Nicht nur Der lügt, welcher wider sein Wissen redet, sondern erst recht
+Der, welcher wider sein Nichtwissen redet. Und so redet ihr von euch im
+Verkehre und belügt mit euch den Nachbar.
+
+Also spricht der Narr: „der Umgang mit Menschen verdirbt den Charakter,
+sonderlich wenn man keinen hat.“
+
+Der Eine geht zum Nächsten, weil er sich sucht, und der Andre, weil er
+sich verlieren möchte. Eure schlechte Liebe zu euch selber macht euch
+aus der Einsamkeit ein Gefängniss.
+
+Die Ferneren sind es, welche eure Liebe zum Nächsten bezahlen; und
+schon wenn ihr zu fünfen mit einander seid, muss immer ein sechster
+sterben.
+
+Ich liebe auch eure Feste nicht: zu viel Schauspieler fand ich dabei,
+und auch die Zuschauer gebärdeten sich oft gleich Schauspielern.
+
+Nicht den Nächsten lehre ich euch, sondern den Freund. Der Freund sei
+euch das Fest der Erde und ein Vorgefühl des Übermenschen.
+
+Ich lehre euch den Freund und sein übervolles Herz. Aber man muss
+verstehn, ein Schwamm zu sein, wenn man von übervollen Herzen geliebt
+sein will.
+
+Ich lehre euch den Freund, in dem die Welt fertig dasteht, eine Schale
+des Guten,—den schaffenden Freund, der immer eine fertige Welt zu
+verschenken hat.
+
+Und wie ihm die Welt auseinander rollte, so rollt sie ihm wieder in
+Ringen zusammen, als das Werden des Guten durch das Böse, als das
+Werden der Zwecke aus dem Zufalle.
+
+Die Zukunft und das Fernste sei dir die Ursache deines Heute: in deinem
+Freunde sollst du den Übermenschen als deine Ursache lieben.
+
+Meine Brüder, zur Nächstenliebe rathe ich euch nicht: ich rathe euch
+zur Fernsten-Liebe.
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+Vom Wege des Schaffenden
+
+Willst du, mein Bruder, in die Vereinsamung gehen? Willst du den Weg zu
+dir selber suchen? Zaudere noch ein Wenig und höre mich.
+
+„Wer sucht, der geht leicht selber verloren. Alle Vereinsamung ist
+Schuld“: also spricht die Heerde. Und du gehörtest lange zur Heerde.
+
+Die Stimme der Heerde wird auch in dir noch tönen. Und wenn du sagen
+wirst „ich habe nicht mehr Ein Gewissen mit euch“, so wird es eine
+Klage und ein Schmerz sein.
+
+Siehe, diesen Schmerz selber gebar noch das Eine Gewissen: und dieses
+Gewissens letzter Schimmer glüht noch auf deiner Trübsal.
+
+Aber du willst den Weg deiner Trübsal gehen, welches ist der Weg zu dir
+selber? So zeige mir dein Recht und deine Kraft dazu!
+
+Bist du eine neue Kraft und ein neues Recht? Eine erste Bewegung? Ein
+aus sich rollendes Rad? Kannst du auch Sterne zwingen, dass sie um dich
+sich drehen?
+
+Ach, es giebt so viel Lüsternheit nach Höhe! Es giebt so viel Krämpfe
+der Ehrgeizigen! Zeige mir, dass du keiner der Lüsternen und
+Ehrgeizigen bist!
+
+Ach, es giebt so viel grosse Gedanken, die thun nicht mehr als ein
+Blasebalg: sie blasen auf und machen leerer.
+
+Frei nennst du dich? Deinen herrschenden Gedanken will ich hören und
+nicht, dass du einem Joche entronnen bist.
+
+Bist du ein Solcher, der einem Joche entrinnen _durfte_? Es giebt
+Manchen, der seinen letzten Werth wegwarf, als er seine Dienstbarkeit
+wegwarf.
+
+Frei wovon? Was schiert das Zarathustra! Hell aber soll mir dein Auge
+künden: frei _wozu_?
+
+Kannst du dir selber dein Böses und dein Gutes geben und deinen Willen
+über dich aufhängen wie ein Gesetz? Kannst du dir selber Richter sein
+und Rächer deines Gesetzes?
+
+Furchtbar ist das Alleinsein mit dem Richter und Rächer des eignen
+Gesetzes. Also wird ein Stern hinausgeworfen in den öden Raum und in
+den eisigen Athem des Alleinseins.
+
+Heute noch leidest du an den Vielen, du Einer: heute noch hast du
+deinen Muth ganz und deine Hoffnungen.
+
+Aber einst wird dich die Einsamkeit müde machen, einst wird dein Stolz
+sich krümmen und dein Muth knirschen. Schreien wirst du einst „ich bin
+allein!“
+
+Einst wirst du dein Hohes nicht mehr sehn und dein Niedriges allzunahe;
+dein Erhabnes selbst wird dich fürchten machen wie ein Gespenst.
+Schreien wirst du einst: „Alles ist falsch!“
+
+Es giebt Gefühle, die den Einsamen tödten wollen; gelingt es ihnen
+nicht, nun, so müssen sie selber sterben! Aber vermagst du das, Mörder
+zu sein?
+
+Kennst du, mein Bruder, schon das Wort „Verachtung“? Und die Qual
+deiner Gerechtigkeit, Solchen gerecht zu sein, die dich verachten?
+
+Du zwingst Viele, über dich umzulernen; das rechnen sie dir hart an. Du
+kamst ihnen nahe und giengst doch vorüber: das verzeihen sie dir
+niemals.
+
+Du gehst über sie hinaus: aber je höher du steigst, um so kleiner sieht
+dich das Auge des Neides. Am meisten aber wird der Fliegende gehasst.
+
+„Wie wolltet ihr gegen mich gerecht sein!—musst du sprechen—ich erwähle
+mir eure Ungerechtigkeit als den mir zugemessnen Theil.“
+
+Ungerechtigkeit und Schmutz werfen sie nach dem Einsamen: aber, mein
+Bruder, wenn du ein Stern sein willst, so musst du ihnen desshalb nicht
+weniger leuchten!
+
+Und hüte dich vor den Guten und Gerechten! Sie kreuzigen gerne Die,
+welche sich ihre eigne Tugend erfinden,—sie hassen den Einsamen.
+
+Hüte dich auch vor der heiligen Einfalt! Alles ist ihr unheilig, was
+nicht einfältig ist; sie spielt auch gerne mit dem Feuer—der
+Scheiterhaufen.
+
+Und hüte dich auch vor den Anfällen deiner Liebe! Zu schnell streckt
+der Einsame Dem die Hand entgegen, der ihm begegnet.
+
+Manchem Menschen darfst du nicht die Hand geben, sondern nur die Tatze:
+und ich will, dass deine Tatze auch Krallen habe.
+
+Aber der schlimmste Feind, dem du begegnen kannst, wirst du immer dir
+selber sein; du selber lauerst dir auf in Höhlen und Wäldern.
+
+Einsamer, du gehst den Weg zu dir selber! Und an dir selber fuhrt dein
+Weg vorbei und an deinen sieben Teufeln!
+
+Ketzer wirst du dir selber sein und Hexe und Wahrsager und Narr und
+Zweifler und Unheiliger und Bösewicht.
+
+Verbrennen musst du dich wollen in deiner eignen Flamme: wie wolltest
+du neu werden, wenn du nicht erst Asche geworden bist!
+
+Einsamer, du gehst den Weg des Schaffenden: einen Gott willst du dir
+schaffen aus deinen sieben Teufeln!
+
+Einsamer, du gehst den Weg des Liebenden: dich selbst liebst du und
+desshalb verachtest du dich, wie nur Liebende verachten.
+
+Schaffen will der Liebende, weil er verachtet! Was weiss Der von Liebe,
+der nicht gerade verachten musste, was er liebte!
+
+Mit deiner Liebe gehe in deine Vereinsamung und mit deinem Schaffen,
+mein Bruder; und spät erst wird die Gerechtigkeit dir nachhinken.
+
+Mit meinen Thränen gehe in deine Vereinsamung, mein Bruder. Ich liebe
+Den, der über sich selber hinaus schaffen will und so zu Grunde geht.—
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+Von alten und jungen Weiblein
+
+„Was schleichst du so scheu durch die Dämmerung, Zarathustra? Und was
+birgst du behutsam unter deinem Mantel?
+
+Ist es ein Schatz, der dir geschenkt? Oder ein Kind, das dir geboren
+wurde? Oder gehst du jetzt selber auf den Wegen der Diebe, du Freund
+der Bösen?“—
+
+Wahrlich, mein Bruder! sprach Zarathustra, es ist ein Schatz, der mir
+geschenkt wurde: eine kleine Wahrheit ist’s, die ich trage.
+
+Aber sie ist ungebärdig wie ein junges Kind; und wenn ich ihr nicht den
+Mund halte, so schreit sie überlaut.
+
+Als ich heute allein meines Weges gieng, zur Stunde, wo die Sonne
+sinkt, begegnete mir ein altes Weiblein und redete also zu meiner
+Seele:
+
+„Vieles sprach Zarathustra auch zu uns Weibern, doch nie sprach er uns
+über das Weib.“
+
+Und ich entgegnete ihr: „über das Weib soll man nur zu Männern reden.“
+
+„Rede auch zu mir vom Weibe, sprach sie; ich bin alt genug, um es
+gleich wieder zu vergessen.“
+
+Und ich willfahrte dem alten Weiblein und sprach also zu ihm:
+
+Alles am Weibe ist ein Räthsel, und Alles am Weibe hat Eine Lösung: sie
+heisst Schwangerschaft.
+
+Der Mann ist für das Weib ein Mittel: der Zweck ist immer das Kind.
+Aber was ist das Weib für den Mann?
+
+Zweierlei will der ächte Mann: Gefahr und Spiel. Desshalb will er das
+Weib, als das gefährlichste Spielzeug.
+
+Der Mann soll zum Kriege erzogen werden und das Weib zur Erholung des
+Kriegers: alles Andre ist Thorheit.
+
+Allzusüsse Früchte—die mag der Krieger nicht. Darum mag er das Weib;
+bitter ist auch noch das süsseste Weib.
+
+Besser als ein Mann versteht das Weib die Kinder, aber der Mann ist
+kindlicher als das Weib.
+
+Im ächten Manne ist ein Kind versteckt: das will spielen. Auf, ihr
+Frauen, so entdeckt mir doch das Kind im Manne!
+
+Ein Spielzeug sei das Weib, rein und fein, dem Edelsteine gleich,
+bestrahlt von den Tugenden einer Welt, welche noch nicht da ist.
+
+Der Strahl eines Sternes glänze in eurer Liebe! Eure Hoffnung heisse:
+„möge ich den Übermenschen gebären!“
+
+In eurer Liebe sei Tapferkeit! Mit eurer Liebe sollt ihr auf Den
+losgehn, der euch Furcht einflösst!
+
+In eurer Liebe sei eure Ehre! Wenig versteht sich sonst das Weib auf
+Ehre. Aber diess sei eure Ehre, immer mehr zu lieben, als ihr geliebt
+werdet, und nie die Zweiten zu sein.
+
+Der Mann fürchte sich vor dem Weibe, wenn es liebt: da bringt es jedes
+Opfer, und jedes andre Ding gilt ihm ohne Werth.
+
+Der Mann fürchte sich vor dem Weibe, wenn es hasst: denn der Mann ist
+im Grunde der Seele nur böse, das Weib aber ist dort schlecht.
+
+Wen hasst das Weib am meisten?—Also sprach das Eisen zum Magneten: „ich
+hasse dich am meisten, weil du anziehst, aber nicht stark genug bist,
+an dich zu ziehen.“
+
+Das Glück des Mannes heisst: ich will. Das Glück des Weibes heisst: er
+will.
+
+„Siehe, jetzt eben ward die Welt vollkommen!“—also denkt ein jedes
+Weib, wenn es aus ganzer Liebe gehorcht.
+
+Und gehorchen muss das Weib und eine Tiefe finden zu seiner Oberfläche.
+Oberfläche ist des Weibes Gemüth, eine bewegliche stürmische Haut auf
+einem seichten Gewässer.
+
+Des Mannes Gemüth aber ist tief, sein Strom rauscht in unterirdischen
+Höhlen: das Weib ahnt seine Kraft, aber begreift sie nicht.—
+
+Da entgegnete mir das alte Weiblein: „Vieles Artige sagte Zarathustra
+und sonderlich für Die, welche jung genug dazu sind.
+
+Seltsam ist’s, Zarathustra kennt wenig die Weiber, und doch hat er über
+sie Recht! Geschieht diess desshalb, weil beim Weibe kein Ding
+unmöglich ist?
+
+Und nun nimm zum Danke eine kleine Wahrheit! Bin ich doch alt genug für
+sie!
+
+Wickle sie ein und halte ihr den Mund: sonst schreit sie überlaut,
+diese kleine Wahrheit.“
+
+„Gieb mir, Weib, deine kleine Wahrheit!“ sagte ich. Und also sprach das
+alte Weiblein:
+
+„Du gehst zu Frauen? Vergiss die Peitsche nicht!“—
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+Vom Biss der Natter
+
+Eines Tages war Zarathustra unter einem Feigenbaume eingeschlafen, da
+es heiss war, und hatte seine Arme über das Gesicht gelegt. Da kam eine
+Natter und biss ihn in den Hals, so dass Zarathustra vor Schmerz
+aufschrie. Als er den Arm vom Gesicht genommen hatte, sah er die
+Schlange an: da erkannte sie die Augen Zarathustra’s, wand sich
+ungeschickt und wollte davon. „Nicht doch, sprach Zarathustra; noch
+nahmst du meinen Dank nicht an! Du wecktest mich zur Zeit, mein Weg ist
+noch lang.“ „Dein Weg ist noch kurz, sagte die Natter traurig; mein
+Gift tödtet.“ Zarathustra lächelte. „Wann starb wohl je ein Drache am
+Gift einer Schlange?—sagte er. Aber nimm dein Gift zurück! Du bist
+nicht reich genug, es mir zu schenken.“ Da fiel ihm die Natter von
+Neuem um den Hals und leckte ihm seine Wunde.
+
+Als Zarathustra diess einmal seinen Jüngern erzählte, fragten sie: „Und
+was, oh Zarathustra, ist die Moral deiner Geschichte?“ Zarathustra
+antwortete darauf also:
+
+Den Vernichter der Moral heissen mich die Guten und Gerechten: meine
+Geschichte ist unmoralisch.—
+
+So ihr aber einen Feind habt, so vergeltet ihm nicht Böses mit Gutem:
+denn das würde beschämen. Sondern beweist, dass er euch etwas Gutes
+angethan hat.
+
+Und lieber zürnt noch, als dass ihr beschämt! Und wenn euch geflucht
+wird, so gefällt es mir nicht, dass ihr dann segnen wollt. Lieber ein
+Wenig mitfluchen!
+
+Und geschah euch ein grosses Unrecht, so thut mir geschwind fünf kleine
+dazu! Grässlich ist Der anzusehn, den allein das Unrecht drückt.
+
+Wusstet ihr diess schon? Getheiltes Unrecht ist halbes Recht. Und Der
+soll das Unrecht auf sich nehmen, der es tragen kann!
+
+Eine kleine Rache ist menschlicher, als gar keine Rache. Und wenn die
+Strafe nicht auch ein Recht und eine Ehre ist für den Übertretenden, so
+mag ich auch euer Strafen nicht.
+
+Vornehmer ist’s, sich Unrecht zu geben als Recht zu behalten,
+sonderlich wenn man Recht hat. Nur muss man reich genug dazu sein.
+
+Ich mag eure kalte Gerechtigkeit nicht; und aus dem Auge eurer Richter
+blickt mir immer der Henker und sein kaltes Eisen.
+
+Sagt, wo findet sich die Gerechtigkeit, welche Liebe mit sehenden Augen
+ist?
+
+So erfindet mir doch die Liebe, welche nicht nur alle Strafe, sondern
+auch alle Schuld trägt!
+
+So erfindet mir doch die Gerechtigkeit, die Jeden freispricht,
+ausgenommen den Richtenden!
+
+Wollt ihr auch diess noch hören? An Dem, der von Grund aus gerecht sein
+will, wird auch noch die Lüge zur Menschen-Freundlichkeit.
+
+Aber wie wollte ich gerecht sein von Grund aus! Wie kann ich Jedem das
+Seine geben! Diess sei mir genug: ich gebe Jedem das Meine.
+
+Endlich, meine Brüder, hütet euch Unrecht zu thun allen Einsiedlern!
+Wie könnte ein Einsiedler vergessen! Wie könnte er vergelten!
+
+Wie ein tiefer Brunnen ist ein Einsiedler. Leicht ist es, einen Stein
+hineinzuwerfen; sank er aber bis zum Grunde, sagt, wer will ihn wieder
+hinausbringen?
+
+Hütet euch, den Einsiedler zu beleidigen! Thatet ihr’s aber, nun, so
+tödtet ihn auch noch!
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+Von Kind und Ehe
+
+Ich habe eine Frage für dich allein, mein Bruder: wie ein Senkblei
+werfe ich diese Frage in deine Seele, dass ich wisse, wie tief sie sei.
+
+Du bist jung und wünschest dir Kind und Ehe. Aber ich frage dich: bist
+du ein Mensch, der ein Kind sich wünschen _darf_?
+
+Bist du der Siegreiche, der Selbstbezwinger, der Gebieter der Sinne,
+der Herr deiner Tugenden? Also frage ich dich.
+
+Oder redet aus deinem Wunsche das Thier und die Nothdurft? Oder
+Vereinsamung? Oder Unfriede mit dir?
+
+Ich will, dass dein Sieg und deine Freiheit sich nach einem Kinde
+sehne. Lebendige Denkmale sollst du bauen deinem Siege und deiner
+Befreiung.
+
+Über dich sollst du hinausbauen. Aber erst musst du mir selber gebaut
+sein, rechtwinklig an Leib und Seele.
+
+Nicht nur fort sollst du dich pflanzen, sondern hinauf! Dazu helfe dir
+der Garten der Ehe!
+
+Einen höheren Leib sollst du schaffen, eine erste Bewegung, ein aus
+sich rollendes Rad,—einen Schaffenden sollst du schaffen.
+
+Ehe: so heisse ich den Willen zu Zweien, das Eine zu schaffen, das mehr
+ist, als die es schufen. Ehrfurcht vor einander nenne ich Ehe als vor
+den Wollenden eines solchen Willens.
+
+Diess sei der Sinn und die Wahrheit deiner Ehe. Aber Das, was die
+Viel-zu-Vielen Ehe nennen, diese Überflüssigen,—ach, wie nenne ich das?
+
+Ach, diese Armuth der Seele zu Zweien! Ach, dieser Schmutz der Seele zu
+Zweien! Ach diess erbärmliche Behagen zu Zweien!
+
+Ehe nennen sie diess Alles; und sie sagen, ihre Ehen seien im Himmel
+geschlossen.
+
+Nun, ich mag ihn nicht, diesen Himmel der Überflüssigen! Nein, ich mag
+sie nicht, diese im himmlischen Netz verschlungenen Thiere!
+
+Ferne bleibe mir auch der Gott, der heranhinkt, zu segnen, was er nicht
+zusammenfügte!
+
+Lacht mir nicht über solche Ehen! Welches Kind hätte nicht Grund, über
+seine Eltern zu weinen?
+
+Würdig schien mir dieser Mann und reif für den Sinn der Erde: aber als
+ich sein Weib sah, schien mir die Erde ein Haus für Unsinnige.
+
+Ja, ich wollte, dass die Erde in Krämpfen bebte, wenn sich ein Heiliger
+und eine Gans mit einander paaren.
+
+Dieser gieng wie ein Held auf Wahrheiten aus und endlich erbeutete er
+sich eine kleine geputzte Lüge. Seine Ehe nennt er’s.
+
+Jener war spröde im Verkehre und wählte wählerisch. Aber mit Einem Male
+verdarb er für alle Male seine Gesellschaft: seine Ehe nennt er’s.
+
+Jener suchte eine Magd mit den Tugenden eines Engels. Aber mit Einem
+Male wurde er die Magd eines Weibes, und nun thäte es Noth, dass er
+darüber noch zum Engel werde.
+
+Sorgsam fand ich jetzt alle Käufer, und Alle haben listige Augen. Aber
+seine Frau kauft auch der Listigste noch im Sack.
+
+Viele kurze Thorheiten—das heisst bei euch Liebe. Und eure Ehe macht
+vielen kurzer Thorheiten ein Ende, als Eine lange Dummheit.
+
+Eure Liebe zum Weibe und des Weibes Liebe zum Manne: ach, möchte sie
+doch Mitleiden sein mit leidenden und verhüllten Göttern! Aber zumeist
+errathen zwei Thiere einander.
+
+Aber auch noch eure beste Liebe ist nur ein verzücktes Gleichniss und
+eine schmerzhafte Gluth. Eine Fackel ist sie, die euch zu höheren Wegen
+leuchten soll.
+
+Über euch hinaus sollt ihr einst lieben! So _lernt_ erst lieben! Und
+darum musstet ihr den bittern Kelch eurer Liebe trinken.
+
+Bitterniss ist im Kelch auch der besten Liebe: so macht sie Sehnsucht
+zum Übermenschen, so macht sie Durst dir, dem Schaffenden!
+
+Durst dem Schaffenden, Pfeil und Sehnsucht zum Übermenschen: sprich,
+mein Bruder, ist diess dein Wille zur Ehe?
+
+Heilig heisst mir solch ein Wille und solche Ehe.—
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+Vom freien Tode
+
+Viele sterben zu spät, und Einige sterben zu früh. Noch klingt fremd
+die Lehre: „stirb zur rechten Zeit!“
+
+Stirb zur rechten Zeit: also lehrt es Zarathustra.
+
+Freilich, wer nie zur rechten Zeit lebt, wie sollte der je zur rechten
+Zeit sterben? Möchte er doch nie geboren sein!—Also rathe ich den
+Überflüssigen.
+
+Aber auch die Überflüssigen thun noch wichtig mit ihrem Sterben, und
+auch die hohlste Nuss will noch geknackt sein.
+
+Wichtig nehmen Alle das Sterben: aber noch ist der Tod kein Fest. Noch
+erlernten die Menschen nicht, wie man die schönsten Feste weiht.
+
+Den vollbringenden Tod zeige ich euch, der den Lebenden ein Stachel und
+ein Gelöbniss wird.
+
+Seinen Tod stirbt der Vollbringende, siegreich, umringt von Hoffenden
+und Gelobenden.
+
+Also sollte man sterben lernen; und es sollte kein Fest geben, wo ein
+solcher Sterbender nicht der Lebenden Schwüre weihte!
+
+Also zu sterben ist das Beste; das Zweite aber ist: im Kampfe zu
+sterben und eine grosse Seele zu verschwenden.
+
+Aber dem Kämpfenden gleich verhasst wie dem Sieger ist euer grinsender
+Tod, der heranschleicht wie ein Dieb—und doch als Herr kommt.
+
+Meinen Tod lobe ich euch, den freien Tod, der mir kommt, weil _ich_
+will.
+
+Und wann werde ich wollen?—Wer ein Ziel hat und einen Erben, der will
+den Tod zur rechten Zeit für Ziel und Erben.
+
+Und aus Ehrfurcht vor Ziel und Erben wird er keine dürren Kränze mehr
+im Heiligthum des Lebens aufhängen.
+
+Wahrlich, nicht will ich den Seildrehern gleichen: sie ziehen ihren
+Faden in die Länge und gehen dabei selber immer rückwärts.
+
+Mancher wird auch für seine Wahrheiten und Siege zu alt; ein zahnloser
+Mund hat nicht mehr das Recht zu jeder Wahrheit.
+
+Und Jeder, der Ruhm haben will, muss sich bei Zeiten von der Ehre
+verabschieden und die schwere Kunst üben, zur rechten Zeit zu—gehn.
+
+Man muss aufhören, sich essen zu lassen, wenn man am besten schmeckt:
+das wissen Die, welche lange geliebt werden wollen.
+
+Saure Äpfel giebt es freilich, deren Loos will, dass sie bis auf den
+letzten Tag des Herbstes warten: und zugleich werden sie reif, gelb und
+runzelig.
+
+Andern altert das Herz zuerst und Andern der Geist. Und Einige sind
+greis in der Jugend: aber spät jung erhält lang jung.
+
+Manchem missräth das Leben: ein Giftwurm frisst sich ihm an’s Herz. So
+möge er zusehn, dass ihm das Sterben um so mehr gerathe.
+
+Mancher wird nie süss, er fault im Sommer schon. Feigheit ist es, die
+ihn an seinem Aste festhält.
+
+Viel zu Viele leben und viel zu lange hängen sie an ihren Ästen. Möchte
+ein Sturm kommen, der all diess Faule und Wurmfressne vom Baume
+schüttelt!
+
+Möchten Prediger kommen des _schnellen_ Todes! Das wären mir die
+rechten Stürme und Schüttler an Lebensbäumen Aber ich höre nur den
+langsamen Tod predigen und Geduld mit allem „Irdischen“ .
+
+Ach, ihr predigt Geduld mit dem Irdischen? Dieses Irdische ist es, das
+zu viel Geduld mit euch hat, ihr Lästermäuler!
+
+Wahrlich, zu früh starb jener Hebräer, den die Prediger des langsamen
+Todes ehren: und Vielen ward es seitdem zum Verhängniss, dass er zu
+früh starb.
+
+Noch kannte er nur Thränen und die Schwermuth des Hebräers, sammt dem
+Hasse der Guten und Gerechten,—der Hebräer Jesus: da überfiel ihn die
+Sehnsucht zum Tode.
+
+Wäre er doch in der Wüste geblieben und ferne von den Guten und
+Gerechten! Vielleicht hätte er leben gelernt und die Erde lieben
+gelernt—und das Lachen dazu!
+
+Glaubt es mir, meine Brüder! Er starb zu früh; er selber hätte seine
+Lehre widerrufen, wäre er bis zu meinem Alter gekommen! Edel genug war
+er zum Widerrufen!
+
+Aber ungereift war er noch. Unreif liebt der Jüngling und unreif hasst
+er auch Mensch und Erde. Angebunden und schwer ist ihm noch Gemüth und
+Geistesflügel.
+
+Aber im Manne ist mehr Kind als im Jünglinge, und weniger Schwermuth:
+besser versteht er sich auf Tod und Leben.
+
+Frei zum Tode und frei im Tode, ein heiliger Nein-sager, wenn es nicht
+Zeit mehr ist zum Ja: also versteht er sich auf Tod und Leben.
+
+Dass euer Sterben keine Lästerung sei auf Mensch und Erde, meine
+Freunde: das erbitte ich mir von dem Honig eurer Seele.
+
+In eurem Sterben soll noch euer Geist und eure Tugend glühn, gleich
+einem Abendroth um die Erde: oder aber das Sterben ist euch schlecht
+gerathen.
+
+Also will ich selber sterben, dass ihr Freunde um meinetwillen die Erde
+mehr liebt; und zur Erde will ich wieder werden, dass ich in Der Ruhe
+habe, die mich gebar.
+
+Wahrlich, ein Ziel hatte Zarathustra, er warf seinen Ball: nun seid ihr
+Freunde meines Zieles Erbe, euch werfe ich den goldenen Ball zu.
+
+Lieber als Alles sehe ich euch, meine Freunde, den goldenen Ball
+werfen! Und so verziehe ich noch ein Wenig auf Erden: verzeiht es mir!
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+Von der schenkenden Tugend
+
+1.
+
+Als Zarathustra von der Stadt Abschied genommen hatte, welcher sein
+Herz zugethan war und deren Name lautet: „die bunte Kuh“—folgten ihm
+Viele, die sich seine Jünger nannten und gaben ihm das Geleit. Also
+kamen sie an einen Kreuzweg: da sagte ihnen Zarathustra, dass er
+nunmehr allein gehen wolle; denn er war ein Freund des Alleingehens.
+Seine Jünger aber reichten ihm zum Abschiede einen Stab, an dessen
+goldnem Griffe sich eine Schlange um die Sonne ringelte. Zarathustra
+freute sich des Stabes und stützte sich darauf; dann sprach er also zu
+seinen Jüngern.
+
+Sagt mir doch: wie kam Gold zum höchsten Werthe? Darum, dass es
+ungemein ist und unnützlich und leuchtend und mild im Glanze; es
+schenkt sich immer.
+
+Nur als Abbild der höchsten Tugend kam Gold zum höchsten Werthe.
+Goldgleich leuchtet der Blick dem Schenkenden. Goldes-Glanz schliesst
+Friede zwischen Mond und Sonne.
+
+Ungemein ist die höchste Tugend und unnützlich, leuchtend ist sie und
+mild im Glanze: eine schenkende Tugend ist die höchste Tugend.
+
+Wahrlich, ich errathe euch wohl, meine Jünger: ihr trachtet, gleich
+mir, nach der schenkenden Tugend. Was hättet ihr mit Katzen und Wölfen
+gemeinsam?
+
+Das ist euer Durst, selber zu Opfern und Geschenken zu werden: und
+darum habt ihr den Durst, alle Reichthümer in euren Seele zu häufen.
+
+Unersättlich trachtet eure Seele nach Schätzen und Kleinodien, weil
+eure Tugend unersättlich ist im Verschenken-Wollen.
+
+Ihr zwingt alle Dinge zu euch und in euch, dass sie aus eurem Borne
+zurückströmen sollen als die Gaben eurer Liebe.
+
+Wahrlich, zum Räuber an allen Werthen muss solche schenkende Liebe
+werden; aber heil und heilig heisse ich diese Selbstsucht.
+
+Eine andre Selbstsucht giebt es, eine allzuarme, eine hungernde, die
+immer stehlen will, jene Selbstsucht der Kranken, die kranke
+Selbstsucht.
+
+Mit dem Auge des Diebes blickt sie auf alles Glänzende; mit der Gier
+des Hungers misst sie Den, der reich zu essen hat; und immer schleicht
+sie um den Tisch der Schenkenden.
+
+Krankheit redet aus solcher Begierde und unsichtbare Entartung; von
+siechem Leibe redet die diebische Gier dieser Selbstsucht.
+
+Sagt mir, meine Brüder: was gilt uns als Schlechtes und Schlechtestes?
+Ist es nicht _Entartung_?—Und auf Entartung rathen wir immer, wo die
+schenkende Seele fehlt.
+
+Aufwärts geht unser Weg, von der Art hinüber zur Über-Art. Aber ein
+Grauen ist uns der entartende Sinn, welcher spricht: „Alles für mich.“
+
+Aufwärts fliegt unser Sinn: so ist er ein Gleichniss unsres Leibes,
+einer Erhöhung Gleichniss. Solcher Erhöhungen Gleichnisse sind die
+Namen der Tugenden.
+
+Also geht der Leib durch die Geschichte, ein Werdender und ein
+Kämpfender. Und der Geist—was ist er ihm? Seiner Kämpfe und Siege
+Herold, Genoss und Wiederhall.
+
+Gleichnisse sind alle Namen von Gut und Böse: sie sprechen nicht aus,
+sie winken nur. Ein Thor, welcher von ihnen Wissen will!
+
+Achtet mir, meine Brüder, auf jede Stunde, wo euer Geist in
+Gleichnissen reden will: da ist der Ursprung eurer Tugend.
+
+Erhöht ist da euer Leib und auferstanden; mit seiner Wonne entzückt er
+den Geist, dass er Schöpfer wird und Schätzer und Liebender und aller
+Dinge Wohlthäter.
+
+Wenn euer Herz breit und voll wallt, dem Strome gleich, ein Segen und
+eine Gefahr den Anwohnenden: da ist der Ursprung eurer Tugend.
+
+Wenn ihr erhaben seid über Lob und Tadel, und euer Wille allen Dingen
+befehlen will, als eines Liebenden Wille: da ist der Ursprung eurer
+Tugend.
+
+Wenn ihr das Angenehme verachtet und das weiche Bett, und von den
+Weichlichen euch nicht weit genug betten könnt: da ist der Ursprung
+eurer Tugend.
+
+Wenn ihr Eines Willens Wollende seid, und diese Wende aller Noth euch
+Nothwendigkeit heisst: da ist der Ursprung eurer Tugend.
+
+Wahrlich, ein neues Gutes und Böses ist sie! Wahrlich, ein neues tiefes
+Rauschen und eines neuen Quelles Stimme!
+
+Macht ist sie, diese neue Tugend; ein herrschender Gedanke ist sie und
+um ihn eine kluge Seele: eine goldene Sonne und um sie die Schlange der
+Erkenntniss.
+
+2.
+
+Hier schwieg Zarathustra eine Weile und sah mit Liebe auf seine Jünger.
+Dann fuhr er also fort zu reden:—und seine Stimme hatte sich
+verwandelt.
+
+Bleibt mir der Erde treu, meine Brüder, mit der Macht eurer Tugend!
+Eure schenkende Liebe und eure Erkenntniss diene dem Sinn der Erde!
+Also bitte und beschwöre ich euch.
+
+Lasst sie nicht davon fliegen vom Irdischen und mit den Flügeln gegen
+ewige Wände schlagen! Ach, es gab immer so viel verflogene Tugend!
+
+Führt, gleich mir, die verflogene Tugend zur Erde zurück—ja, zurück zu
+Leib und Leben: dass sie der Erde ihren Sinn gebe, einen Menschen-Sinn!
+
+Hundertfältig verflog und vergriff sich bisher so Geist wie Tugend.
+Ach, in unserm Leibe wohnt jetzt noch all dieser Wahn und Fehlgriff:
+Leib und Wille ist er da geworden.
+
+Hundertfältig versuchte und verirrte sich bisher so Geist wie Tugend.
+Ja, ein Versuch war der Mensch. Ach, viel Unwissen und Irrthum ist an
+uns Leib geworden!
+
+Nicht nur die Vernunft von Jahrtausenden—auch ihr Wahnsinn bricht an
+uns aus. Gefährlich ist es, Erbe zu sein.
+
+Noch kämpfen wir Schritt um Schritt mit dem Riesen Zufall, und über der
+ganzen Menschheit waltete bisher noch der Unsinn, der Ohne-Sinn.
+
+Euer Geist und eure Tugend diene dem Sinn der Erde, meine Brüder: und
+aller Dinge Werth werde neu von euch gesetzt! Darum sollt ihr Kämpfende
+sein! Darum sollt ihr Schaffende sein!
+
+Wissend reinigt sich der Leib; mit Wissen versuchend erhöht er sich;
+dem Erkennenden heiligen sich alle Triebe; dem Erhöhten wird die Seele
+fröhlich.
+
+Arzt, hilf dir selber: so hilfst du auch deinem Kranken noch. Das sei
+seine beste Hülfe, dass er Den mit Augen sehe, der sich selber heil
+macht.
+
+Tausend Pfade giebt es, die nie noch gegangen sind; tausend
+Gesundheiten und verborgene Eilande des Lebens. Unerschöpft und
+unentdeckt ist immer noch Mensch und Menschen-Erde.
+
+Wachet und horcht, ihr Einsamen! Von der Zukunft her kommen Winde mit
+heimlichem Flügelschlagen; und an feine Ohren ergeht gute Botschaft.
+
+Ihr Einsamen von heute, ihr Ausscheidenden, ihr sollt einst ein Volk
+sein: aus euch, die ihr euch selber auswähltet, soll ein auserwähltes
+Volk erwachsen:—und aus ihm der Übermensch.
+
+Wahrlich, eine Stätte der Genesung soll noch die Erde werden! Und schon
+liegt ein neuer Geruch um sie, ein Heil bringender,—und eine neue
+Hoffnung!
+
+3.
+
+Als Zarathustra diese Worte gesagt hatte, schwieg er, wie Einer, der
+nicht sein letztes Wort gesagt hat; lange wog er den Stab zweifelnd in
+seiner Hand. Endlich sprach er also:—und seine Stimme hatte sich
+verwandelt.
+
+Allein gehe ich nun, meine Jünger! Auch ihr geht nun davon und allein!
+So will ich es.
+
+Wahrlich, ich rathe euch: geht fort von mir und wehrt euch gegen
+Zarathustra! Und besser noch: schämt euch seiner! Vielleicht betrog er
+euch.
+
+Der Mensch der Erkenntniss muss nicht nur seine Feinde lieben, sondern
+auch seine Freunde hassen können.
+
+Man vergilt einem Lehrer schlecht, wenn man immer nur der Schüler
+bleibt. Und warum wollt ihr nicht an meinem Kranze rupfen?
+
+Ihr verehrt mich; aber wie, wenn eure Verehrung eines Tages umfällt?
+Hütet euch, dass euch nicht eine Bildsäule erschlage!
+
+Ihr sagt, ihr glaubt an Zarathustra? Aber was liegt an Zarathustra! Ihr
+seid meine Gläubigen: aber was liegt an allen Gläubigen!
+
+Ihr hattet euch noch nicht gesucht: da fandet ihr mich. So thun alle
+Gläubigen; darum ist es so wenig mit allem Glauben.
+
+Nun heisse ich euch, mich verlieren und euch finden; und erst, wenn ihr
+mich Alle verleugnet habt, will ich euch wiederkehren.
+
+Wahrlich, mit andern Augen, meine Brüder, werde ich mir dann meine
+Verlorenen suchen; mit einer anderen Liebe werde ich euch dann lieben.
+
+Und einst noch sollt ihr mir Freunde geworden sein und Kinder Einer
+Hoffnung: dann will ich zum dritten Male bei euch sein, dass ich den
+grossen Mittag mit euch feiere.
+
+Und das ist der grosse Mittag, da der Mensch auf der Mitte seiner Bahn
+steht zwischen Thier und Übermensch und seinen Weg zum Abende als seine
+höchste Hoffnung feiert: denn es ist der Weg zu einem neuen Morgen.
+
+Alsda wird sich der Untergehende selber segnen, dass er ein
+Hinübergehender sei; und die Sonne seiner Erkenntniss wird ihm im
+Mittage stehn.
+
+„Todt sind alle Götter: nun wollen wir, dass der Übermensch
+lebe.“—diess sei einst am grossen Mittage unser letzter Wille!—
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+Zweiter Theil
+
+„—und erst, wenn ihr mich Alle verleugnet habt, will ich euch
+wiederkehren.
+ Wahrlich, mit andern _Augen_, meine Brüder, werde ich mir dann
+ meine Verlorenen suchen; mit einer andern Liebe werde ich euch dann
+ lieben.“
+
+Zarathustra, von der schenkenden Tugend
+
+
+Das Kind mit dem Spiegel
+
+Hierauf gieng Zarathustra wieder zurück in das Gebirge und in die
+Einsamkeit seiner Höhle und entzog sich den Menschen: wartend gleich
+einem Säemann, der seinen Samen ausgeworfen hat. Seine Seele aber wurde
+voll von Ungeduld und Begierde nach Denen, welche er liebte: denn er
+hatte ihnen noch Viel zu geben. Diess nämlich ist das Schwerste, aus
+Liebe die offne Hand schliessen und als Schenkender die Scham bewahren.
+
+Also vergiengen dem Einsamen Monde und Jahre; seine Weisheit aber wuchs
+und machte ihm Schmerzen durch ihre Fülle.
+
+Eines Morgens aber wachte er schon vor der Morgenröthe auf, besann sich
+lange auf seinem Lager und sprach endlich zu seinem Herzen:
+
+Was erschrak ich doch so in meinem Traume, dass ich aufwachte? Trat
+nicht ein Kind zu mir, das einen Spiegel trug?
+
+„Oh Zarathustra—sprach das Kind zu mir—schaue Dich an im Spiegel!“
+
+Aber als ich in den Spiegel schaute, da schrie ich auf, und mein Herz
+war erschüttert: denn nicht mich sahe ich darin, sondern eines Teufels
+Fratze und Hohnlachen.
+
+Wahrlich, allzugut verstehe ich des Traumes Zeichen und Mahnung: meine
+_Lehre_ ist in Gefahr, Unkraut will Weizen heissen!
+
+Meine Feinde sind mächtig worden und haben meiner Lehre Bildniss
+entstellt, also, dass meine Liebsten sich der Gaben schämen müssen, die
+ich ihnen gab.
+
+Verloren giengen mir meine Freunde; die Stunde kam mir, meine Verlornen
+zu suchen!—
+
+Mit diesen Worten sprang Zarathustra auf, aber nicht wie ein
+Geängstigter, der nach Luft sucht, sondern eher wie ein Seher und
+Sänger, welchen der Geist anfällt. Verwundert sahen sein Adler und
+seine Schlange auf ihn hin: denn gleich dem Morgenrothe lag ein
+kommendes Glück auf seinem Antlitze.
+
+Was geschah mir doch, meine Thiere?—sagte Zarathustra. Bin ich nicht
+verwandelt! Kam mir nicht die Seligkeit wie ein Sturmwind?
+
+Thöricht ist mein Glück und Thörichtes wird es reden: zu jung noch ist
+es—so habt Geduld mit ihm!
+
+Verwundet bin ich von meinem Glücke: alle Leidenden sollen mir Arzte
+sein!
+
+Zu meinen Freunden darf ich wieder hinab und auch zu meinen Feinden!
+Zarathustra darf wieder reden und schenken und Lieben das Liebste thun!
+
+Meine ungeduldige Liebe fliesst über in Strömen, abwärts, nach Aufgang
+und Niedergang. Aus schweigsamem Gebirge und Gewittern des Schmerzes
+rauscht meine Seele in die Thäler.
+
+Zu lange sehnte ich mich und schaute in die Ferne. Zu lange gehörte ich
+der Einsamkeit: so verlernte ich das Schweigen.
+
+Mund bin ich worden ganz und gar, und Brausen eines Bachs aus hohen
+Felsen: hinab will ich meine Rede stürzen in die Thäler.
+
+Und mag mein Strom der Liebe in Unwegsames stürzen! Wie sollte ein
+Strom nicht endlich den Weg zum Meere finden!
+
+Wohl ist ein See in mir, ein einsiedlerischer, selbstgenugsamer; aber
+mein Strom der Liebe reisst ihn mit sich hinab—zum Meere!
+
+Neue Wege gehe ich, eine neue Rede kommt mir; müde wurde ich, gleich
+allen Schaffenden, der alten Zungen. Nicht will mein Geist mehr auf
+abgelaufnen Sohlen wandeln.
+
+Zu langsam läuft mir alles Reden:—in deinen Wagen springe ich, Sturm!
+Und auch dich will ich noch peitschen mit meiner Bosheit!
+
+Wie ein Schrei und ein jauchzen will ich über weite Meere hinfahren,
+bis ich die glückseligen Inseln finde, wo meine Freunde weilen:—
+
+Und meine Feinde unter ihnen! Wie liebe ich nun jeden, zu dem ich nur
+reden darf! Auch meine Feinde gehören zu meiner Seligkeit.
+
+Und wenn ich auf mein wildestes Pferd steigen will, so hilft mir mein
+Speer immer am besten hinauf: der ist meines Fusses allzeit bereiter
+Diener:—
+
+Der Speer, den ich gegen meine Feinde schleudere! Wie danke ich es
+meinen Feinden, dass ich endlich ihn schleudern darf!
+
+Zu gross war die Spannung meiner Wolke: zwischen Gelächtern der Blitze
+will ich Hagelschauer in die Tiefe werfen.
+
+Gewaltig wird sich da meine Brust heben, gewaltig wird sie ihren Sturm
+über die Berge hinblasen: so kommt ihr Erleichterung.
+
+Wahrlich, einem Sturme gleich kommt mein Glück und meine Freiheit! Aber
+meine Feinde sollen glauben, _der Böse_ rase über ihren Häuptern.
+
+Ja, auch ihr werdet erschreckt sein, meine Freunde, ob meiner wilden
+Weisheit; und vielleicht flieht ihr davon sammt meinen Feinden.
+
+Ach, dass ich’s verstünde, euch mit Hirtenflöten zurück zu locken! Ach,
+dass meine Löwin Weisheit zärtlich brüllen lernte! Und Vieles lernten
+wir schon mit einander!
+
+Meine wilde Weisheit wurde trächtig auf einsamen Bergen; auf rauhen
+Steinen gebar sie ihr Junges, Jüngstes.
+
+Nun läuft sie närrisch durch die harte Wüste und sucht und sucht nach
+sanftem Rasen—meine alte wilde Weisheit!
+
+Auf eurer Herzen sanften Rasen, meine Freunde!—auf eure Liebe möchte
+sie ihr Liebstes betten!
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+Auf den glückseligen Inseln
+
+Die Feigen fallen von den Bäumen, sie sind gut und süss; und indem sie
+fallen, reisst ihnen die rothe Haut. Ein Nordwind bin ich reifen
+Feigen.
+
+Also, gleich Feigen, fallen euch diese Lehren zu, meine Freunde: nun
+trinkt ihren Saft und ihr süsses Fleisch! Herbst ist es umher und
+reiner Himmel und Nachmittag.
+
+Seht, welche Fülle ist um uns! Und aus dem Überflusse heraus ist es
+schön hinaus zu blicken auf ferne Meere.
+
+Einst sagte man Gott, wenn man auf ferne Meere blickte; nun aber lehrte
+ich euch sagen: Übermensch.
+
+Gott ist eine Muthmaassung; aber ich will, dass euer Muthmaassen nicht
+weiter reiche, als euer schaffender Wille.
+
+Könntet ihr einen Gott _schaffen_?—So schweigt mir doch von allen
+Göttern! Wohl aber könntet ihr den Übermenschen schaffen.
+
+Nicht ihr vielleicht selber, meine Brüder! Aber zu Vätern und Vorfahren
+könntet ihr euch umschaffen des Übermenschen: und Diess sei euer bestes
+Schaffen!—
+
+Gott ist eine Muthmaassung: aber ich will, dass euer Muthmaassen
+begrenzt sei in der Denkbarkeit.
+
+Könntet ihr einen Gott _denken_?—Aber diess bedeute euch Wille zur
+Wahrheit, dass Alles verwandelt werde in Menschen—Denkbares,
+Menschen—Sichtbares, Menschen—Fühlbares! Eure eignen Sinne sollt ihr zu
+Ende denken!
+
+Und was ihr Welt nanntet, das soll erst von euch geschaffen werden:
+eure Vernunft, euer Bild, euer Wille, eure Liebe soll es selber werden!
+Und wahrlich, zu eurer Seligkeit, ihr Erkennenden!
+
+Und wie wolltet ihr das Leben ertragen ohne diese Hoffnung, ihr
+Erkennenden? Weder in’s Unbegreifliche dürftet ihr eingeboren sein,
+noch in’s Unvernünftige.
+
+Aber dass ich euch ganz mein Herz offenbare, ihr Freunde: _wenn_ es
+Götter gäbe, wie hielte ich’s aus, kein Gott zu sein! _Also_ giebt es
+keine Götter.
+
+Wohl zog ich den Schluss; nun aber zieht er mich.—
+
+Gott ist eine Muthmaassung: aber wer tränke alle Qual dieser
+Muthmaassung, ohne zu sterben? Soll dem Schaffenden sein Glaube
+genommen sein und dem Adler sein Schweben in Adler-Fernen?
+
+Gott ist ein Gedanke, der macht alles Gerade krumm und Alles, was
+steht, drehend. Wie? Die Zeit wäre hinweg, und alles Vergängliche nur
+Lüge?
+
+Diess zu denken ist Wirbel und Schwindel menschlichen Gebeinen und noch
+dem Magen ein Erbrechen: wahrlich, die drehende Krankheit heisse ich’s,
+Solches zu muthmaassen.
+
+Böse heisse ich’s und menschenfeindlich: all diess Lehren vom Einen und
+Vollen und Unbewegten und Satten und Unvergänglichen!
+
+Alles Unvergängliche—das ist nur ein Gleichniss! Und die Dichter lügen
+zuviel.—
+
+Aber von Zeit und Werden sollen die besten Gleichnisse reden: ein Lob
+sollen sie sein und eine Rechtfertigung aller Vergänglichkeit!
+
+Schaffen—das ist die grosse Erlösung vom Leiden, und des Lebens
+Leichtwerden. Aber dass der Schaffende sei, dazu selber thut Leid noth
+und viel Verwandelung.
+
+Ja, viel bitteres Sterben muss in eurem Leben sein, ihr Schaffenden!
+Also seid ihr Fürsprecher und Rechtfertiger aller Vergänglichkeit.
+
+Dass der Schaffende selber das Kind sei, das neu geboren werde, dazu
+muss er auch die Gebärerin sein wollen und der Schmerz der Gebärerin.
+
+Wahrlich, durch hundert Seelen gieng ich meinen Weg und durch hundert
+Wiegen und Geburtswehen. Manchen Abschied nahm ich schon, ich kenne die
+herzbrechenden letzten Stunden.
+
+Aber so will’s mein schaffender Wille, mein Schicksal. Oder, dass ich’s
+euch redlicher sage: solches Schicksal gerade—will mein Wille.
+
+Alles Fühlende leidet an mir und ist in Gefängnissen: aber mein Wollen
+kommt mir stets als mein Befreier und Freudebringer.
+
+Wollen befreit: das ist die wahre Lehre von Wille und Freiheit—so lehrt
+sie euch Zarathustra.
+
+Nicht-mehr-wollen und Nicht-mehr-schätzen und Nicht-mehr-schaffen! ach,
+dass diese grosse Müdigkeit mir stets ferne bleibe!
+
+Auch im Erkennen fühle ich nur meines Willens Zeuge- und Werde-Lust;
+und wenn Unschuld in meiner Erkenntniss ist, so geschieht diess, weil
+Wille zur Zeugung in ihr ist.
+
+Hinweg von Gott und Göttem lockte mich dieser Wille; was wäre denn zu
+schaffen, wenn Götter—da wären!
+
+Aber zum Menschen treibt er mich stets von Neuem, mein inbrünstiger
+Schaffens-Wille; so treibt’s den Hammer hin zum Steine.
+
+Ach, ihr Menschen, im Steine schläft mir ein Bild, das Bild meiner
+Bilder! Ach, dass es im härtesten, hässlichsten Steine schlafen muss!
+
+Nun wüthet mein Hammer grausam gegen sein Gefängniss. Vom Steine
+stäuben Stücke: was schiert mich das?
+
+Vollenden will ich’s: denn ein Schatten kam zu mir—aller Dinge
+Stillstes und Leichtestes kam einst zu mir!
+
+Des Übermenschen Schönheit kam zu mir als Schatten. Ach, meine Brüder!
+Was gehen mich noch—die Götter an!—
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+Von den Mitleidigen
+
+Meine Freunde, es kam eine Spottrede zu eurem Freunde: „seht nur
+Zarathustra! Wandelt er nicht unter uns wie unter Thieren?“
+
+Aber so ist es besser geredet: „der Erkennende wandelt unter Menschen
+_als_ unter Thieren.“
+
+Der Mensch selber aber heisst dem Erkennenden: das Thier, das rothe
+Backen hat.
+
+Wie geschah ihm das? Ist es nicht, weil er sich zu oft hat schämen
+müssen?
+
+Oh meine Freunde! So spricht der Erkennende: Scham, Scham, Scham—das
+ist die Geschichte des Menschen!
+
+Und darum gebeut sich der Edle, nicht zu beschämen: Scham gebeut er
+sich vor allem Leidenden.
+
+Wahrlich, ich mag sie nicht, die Barmherzigen, die selig sind in ihrem
+Mitleiden: zu sehr gebricht es ihnen an Scham.
+
+Muss ich mitleidig sein, so will ich’s doch nicht heissen; und wenn
+ich’s bin, dann gern aus der Ferne.
+
+Gerne verhülle ich auch das Haupt und fliehe davon, bevor ich noch
+erkannt bin: und also heisse ich euch thun, meine Freunde!
+
+Möge mein Schicksal mir immer Leidlose, gleich euch, über den Weg
+führen, und Solche, mit denen mir Hoffnung und Mahl und Honig gemein
+sein _darf_!
+
+Wahrlich, ich that wohl Das und jenes an Leidenden: aber Besseres
+schien ich mir stets zu thun, wenn ich lernte, mich besser freuen.
+
+Seit es Menschen giebt, hat der Mensch sich zu wenig gefreut: Das
+allein, meine Brüder, ist unsre Erbsünde!
+
+Und lernen wir besser uns freuen, so verlernen wir am besten, Andern
+wehe zu thun und Wehes auszudenken.
+
+Darum wasche ich mir die Hand, die dem Leidenden half, darum wische ich
+mir auch noch die Seele ab.
+
+Denn dass ich den Leidenden leidend sah, dessen schämte ich mich um
+seiner Scham willen; und als ich ihm half, da vergieng ich mich hart an
+seinem Stolze.
+
+Grosse Verbindlichkeiten machen nicht dankbar, sondern rachsüchtig; und
+wenn die kleine Wohlthat nicht vergessen wird, so wird noch ein
+Nage-Wurm daraus.
+
+„Seid spröde im Annehmen! Zeichnet aus damit, dass ihr annehmt!“—also
+rathe ich Denen, die Nichts zu verschenken haben.
+
+Ich aber bin ein Schenkender: gerne schenke ich, als Freund den
+Freunden. Fremde aber und Arme mögen sich die Frucht selber von meinem
+Baume pflücken: so beschämt es weniger.
+
+Bettler aber sollte man ganz abschaffen! Wahrlich, man ärgert sich
+ihnen zu geben und, ärgert sich ihnen nicht zu geben.
+
+Und insgleichen die Sünder und bösen Gewissen! Glaubt mir, meine
+Freunde: Gewissensbisse erziehn zum Beissen.
+
+Das Schlimmste aber sind die kleinen Gedanken. Wahrlich, besser noch
+bös gethan, als klein gedacht!
+
+Zwar ihr sagt: „die Lust an kleinen Bosheiten erspart uns manche grosse
+böse That.“ Aber hier sollte man nicht sparen wollen.
+
+Wie ein Geschwür ist die böse That: sie juckt und kratzt und bricht
+heraus,—sie redet ehrlich.
+
+„Siehe, ich bin Krankheit“—so redet die böse That; das ist ihre
+Ehrlichkeit.
+
+Aber dem Pilze gleich ist der kleine Gedanke: er kriecht und duckt sich
+und will nirgendswo sein—bis der ganze Leib morsch und welk ist vor
+kleinen Pilzen.
+
+Dem aber, der vom Teufel besessen ist, sage ich diess Wort in’s Ohr:
+„besser noch, du ziehest deinen Teufel gross! Auch für dich giebt es
+noch einen Weg der Grösse!“—
+
+Ach, meine Brüder! Man weiss von Jedermann Etwas zu viel! Und Mancher
+wird uns durchsichtig, aber desshalb können wir noch lange nicht durch
+ihn hindurch.
+
+Es ist schwer, mit Menschen zu leben, weil Schweigen so schwer ist.
+
+Und nicht gegen Den, der uns zuwider ist, sind wir am unbilligsten,
+sondern gegen Den, welcher uns gar Nichts angeht.
+
+Hast du aber einen leidenden Freund, so sei seinem Leiden eine
+Ruhestätte, doch gleichsam ein hartes Bett, ein Feldbett: so wirst du
+ihm am besten nützen.
+
+Und thut dir ein Freund Übles, so sprich: „ich vergebe dir, was du mir
+thatest; dass du es aber _dir_ thatest,—wie könnte ich das vergeben!“
+
+Also redet alle grosse Liebe: die überwindet auch noch Vergebung und
+Mitleiden.
+
+Man soll sein Herz festhalten; denn lässt man es gehn, wie bald geht
+Einem da der Kopf durch!
+
+Ach, wo in der Welt geschahen grössere Thorheiten, als bei den
+Mitleidigen? Und was in der Welt stiftete mehr Leid, als die Thorheiten
+der Mitleidigen?
+
+Wehe allen Liebenden, die nicht noch eine Höhe haben, welche über ihrem
+Mitleiden ist!
+
+Also sprach der Teufel einst zu mir: „auch Gott hat seine Hölle: das
+ist seine Liebe zu den Menschen.“
+
+Und jüngst hörte ich ihn diess Wort sagen: „Gott ist todt; an seinem
+Mitleiden mit den Menschen ist Gott gestorben.“—
+
+So seid mir gewarnt vordem Mitleiden: _daher_ kommt noch den Menschen
+eine schwere Wolke! Wahrlich, ich verstehe mich auf Wetterzeichen!
+
+Merket aber auch diess Wort: alle grosse Liebe ist noch über all ihrem
+Mitleiden: denn sie will das Geliebte noch—schaffen!
+
+„Mich selber bringe ich meiner Liebe dar, und meinen Nächsten gleich
+mir“—so geht die Rede allen Schaffenden.
+
+Alle Schaffenden aber sind hart.—
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+Von den Priestern
+
+Und einstmals gab Zarathustra seinen Jüngern ein Zeichen und sprach
+diese Worte zu ihnen:
+
+„Hier sind Priester: und wenn es auch meine Feinde sind, geht mir still
+an ihnen vorüber und mit schlafendem Schwerte!
+
+Auch unter ihnen sind Helden; Viele von ihnen litten zuviel—: so wollen
+sie Andre leiden machen.
+
+Böse Feinde sind sie: Nichts ist rachsüchtiger als ihre Demuth. Und
+leicht besudelt sich Der, welcher sie angreift.
+
+Aber mein Blut ist mit dem ihren verwandt; und ich will mein Blut auch
+noch in dem ihren geehrt wissen.“—
+
+Und als sie vorüber gegangen waren, fiel Zarathustra der Schmerz an;
+und nicht lange hatte er mit seinem Schmerze gerungen, da hub er also
+an zu reden:
+
+Es jammert mich dieser Priester. Sie gehen mir auch wider den
+Geschmack; aber das ist mir das Geringste, seit ich unter Menschen bin.
+
+Aber ich leide und litt mit ihnen: Gefangene sind es mir und
+Abgezeichnete. Der, welchen sie Erlöser nennen, schlug sie in Banden:—
+
+In Banden falscher Werthe und Wahn-Worte! Ach dass Einer sie noch von
+ihrem Erlöser erlöste!
+
+Auf einem Eilande glaubten sie einst zu landen, als das Meer sie
+herumriss; aber siehe, es war ein schlafendes Ungeheuer!
+
+Falsche Werthe und Wahn-Worte: das sind die schlimmsten Ungeheuer für
+Sterbliche,—lange schläft und wartet in ihnen das Verhängniss.
+
+Aber endlich kommt es und wacht und frisst und schlingt, was auf ihm
+sich Hütten baute.
+
+Oh seht mir doch diese Hütten an, die sich diese Priester bauten!
+Kirchen heissen sie ihre süssduftenden Höhlen.
+
+Oh über diess verfälschte Licht, diese versumpfte Luft! Hier, wo die
+Seele zu ihrer Höhe hinauf—nicht fliegen darf!
+
+Sondern also gebietet ihr Glaube: „auf den Knien die Treppe hinan, ihr
+Sünder!“
+
+Wahrlich, lieber sehe ich noch den Schamlosen, als die verrenkten Augen
+ihrer Scham und Andacht!
+
+Wer schuf sich solche Höhlen und Buss-Treppen? Waren es nicht Solche,
+die sich verbergen wollten und sich vor dem reinen Himmel schämten?
+
+Und erst wenn der reine Himmel wieder durch zerbrochne Decken blickt,
+und hinab auf Gras und rothen Mohn an zerbrochnen Mauern,—will ich den
+Stätten dieses Gottes wieder mein Herz zuwenden.
+
+Sie nannten Gott, was ihnen widersprach und wehe that: und wahrlich, es
+war viel Helden-Art in ihrer Anbetung!
+
+Und nicht anders wussten sie ihren Gott zu lieben, als indem sie den
+Menschen an’s Kreuz schlugen!
+
+Als Leichname gedachten sie zu leben, schwarz schlugen sie ihren
+Leichnam aus; auch aus ihren Reden rieche ich noch die üble Würze von
+Todtenkammern.
+
+Und wer ihnen nahe lebt, der lebt schwarzen Teichen nahe, aus denen
+heraus die Unke ihr Lied mit süssem Tiefsinne singt.
+
+Bessere Lieder müssten sie mir singen, dass ich an ihren Erlöser
+glauben lerne: erlöster müssten mir seine jünger aussehen!
+
+Nackt möchte ich sie sehn: denn allein die Schönheit sollte Busse
+predigen. Aber wen überredet wohl diese vermummte Trübsal!
+
+Wahrlich, ihre Erlöser selber kamen nicht aus der Freiheit und der
+Freiheit siebentem Himmel! Wahrlich, sie selber wandelten niemals auf
+den Teppichen der Erkenntniss!
+
+Aus Lücken bestand der Geist dieser Erlöser; aber in jede Lücke hatten
+sie ihren Wahn gestellt, ihren Lückenbüsser, den sie Gott nannten.
+
+In ihrem Mitleiden war ihr Geist ertrunken, und wenn sie schwollen und
+überschwollen von Mitleiden, schwamm immer obenauf eine grosse
+Thorheit.
+
+Eifrig trieben sie und mit Geschrei ihre Heerde über ihren Steg: wie
+als ob es zur Zukunft nur Einen Steg gäbe! Wahrlich, auch diese Hirten
+gehörten noch zu den Schafen!
+
+Kleine Geister und umfängliche Seelen hatten diese Hirten: aber, meine
+Brüder, was für kleine Länder waren bisher auch die umfänglichsten
+Seelen!
+
+Blutzeichen schrieben sie auf den Weg, den sie giengen, und ihre
+Thorheit lehrte, dass man mit Blut die Wahrheit beweise.
+
+Aber Blut ist der schlechteste Zeuge der Wahrheit; Blut vergiftet die
+reinste Lehre noch zu Wahn und Hass der Herzen.
+
+Und wenn Einer durch’s Feuer geht für seine Lehre,—was beweist diess!
+Mehr ist’s wahrlich, dass aus eignem Brande die eigne Lehre kommt!
+
+Schwüles Herz und kalter Kopf: wo diess zusammentrifft, da entsteht der
+Brausewind, der „Erlöser“.
+
+Grössere gab es wahrlich und Höher-Geborene, als Die, welche das Volk
+Erlöser nennt, diese hinreissenden Brausewinde!
+
+Und noch von Grösseren, als alle Erlöser waren, müsst ihr, meine
+Brüder, erlöst werden, wollt ihr zur Freiheit den Weg finden!
+
+Niemals noch gab es einen Übermenschen. Nackt sah ich Beide, den
+grössten und den kleinsten Menschen:—
+
+Allzuähnlich sind sie noch einander. Wahrlich, auch den Grössten fand
+ich—allzumenschlich!
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+Von den Tugendhaften
+
+Mit Donnern und himmlischen Feuerwerken muss man zu schlaffen und
+schlafenden Sinnen reden.
+
+Aber der Schönheit Stimme redet leise: sie schleicht sich nur in die
+aufgewecktesten Seelen.
+
+Leise erbebte und lachte mir heut mein Schild; das ist der Schönheit
+heiliges Lachen und Beben.
+
+Über euch, ihr Tugendhaften, lachte heut meine Schönheit. Und also kam
+ihre Stimme zu mir: „sie wollen noch—bezahlt sein!“
+
+Ihr wollt noch bezahlt sein, ihr Tugendhaften! Wollt Lohn für Tugend
+und Himmel für Erden und Ewiges für euer Heute haben?
+
+Und nun zürnt ihr mir, dass ich lehre, es giebt keinen Lohn- und
+Zahlmeister? Und wahrlich, ich lehre nicht einmal, dass Tugend ihr
+eigener Lohn ist.
+
+Ach, das ist meine Trauer: in den Grund der Dinge hat man Lohn und
+Strafe hineingelogen—und nun auch noch in den Grund eurer Seelen, ihr
+Tugendhaften!
+
+Aber dem Rüssel des Ebers gleich soll mein Wort den Grund eurer Seelen
+aufreissen; Pflugschar will ich euch heissen.
+
+Alle Heimlichkeiten eures Grundes sollen an’s Licht; und wenn ihr
+aufgewühlt und zerbrochen in der Sonne liegt, wird auch eure Lüge von
+eurer Wahrheit ausgeschieden sein.
+
+Denn diess ist eure Wahrheit: ihr seid _zu reinlich_ für den Schmutz
+der Worte: Rache, Strafe, Lohn, Vergeltung.
+
+Ihr liebt eure Tugend, wie die Mutter ihr Kind; aber wann hörte man,
+dass eine Mutter bezahlt sein wollte für ihre Liebe?
+
+Es ist euer liebstes Selbst, eure Tugend. Des Ringes Durst ist in euch:
+sich selber wieder zu erreichen, dazu ringt und dreht sich jeder Ring.
+
+Und dem Sterne gleich, der erlischt, ist jedes Werk eurer Tugend: immer
+ist sein Licht noch unterwegs und wandert—und wann wird es nicht mehr
+unterwegs sein?
+
+Also ist das Licht eurer Tugend noch unterwegs, auch wenn das Werk
+gethan ist. Mag es nun vergessen und todt sein: sein Strahl von Licht
+lebt noch und wandert.
+
+Dass eure Tugend euer Selbst sei und nicht ein Fremdes, eine Haut, eine
+Bemäntelung: das ist die Wahrheit aus dem Grunde eurer Seele, ihr
+Tugendhaften! -
+
+Aber wohl giebt es Solche, denen Tugend der Krampf unter einer Peitsche
+heisst: und ihr habt mir zuviel auf deren Geschrei gehört!
+
+Und Andre giebt es, die heissen Tugend das Faulwerden ihrer Laster; und
+wenn ihr Hass und ihre Eifersucht einmal die Glieder strecken, wird
+ihre „Gerechtigkeit“ munter und reibt sich die verschlafenen Augen.
+
+Und Andre giebt es, die werden abwärts gezogen: ihre Teufel ziehn sie.
+Aber je mehr sie sinken, um so glühender leuchtet ihr Auge und die
+Begierde nach ihrem Gotte.
+
+Ach, auch deren Geschrei drang zu euren Ohren, ihr Tugendhaften: was
+ich _nicht_ bin, das, das ist mir Gott und Tugend!
+
+Und Andre giebt es, die kommen schwer und knarrend daher, gleich Wägen,
+die Steine abwärts fahren: die reden viel von Würde und Tugend,—ihren
+Hemmschuh heissen sie Tugend!
+
+Und Andre giebt es, die sind gleich Alltags-Uhren, die aufgezogen
+wurden; sie machen ihr Tiktak und wollen, dass man Tiktak—Tugend
+heisse.
+
+Wahrlich, an Diesen habe ich meine Lust: wo ich solche Uhren finde,
+werde ich sie mit meinem Spotte aufziehn; und sie sollen mir dabei noch
+schnurren!
+
+Und Andre sind stolz über ihre Handvoll Gerechtigkeit und begehen um
+ihrerwillen Frevel an allen Dingen: also dass die Welt in ihrer
+Ungerechtigkeit ertränkt wird.
+
+Ach, wie übel ihnen das Wort „Tugend“ aus dem Munde läuft! Und wenn sie
+sagen: „ich bin gerecht,“ so klingt es immer gleich wie: „ich bin
+gerächt!“
+
+Mit ihrer Tugend wollen sie ihren Feinden die Augen auskratzen; und sie
+erheben sich nur, um Andre zu erniedrigen.
+
+Und wiederum giebt es Solche, die sitzen in ihrem Sumpfe und reden also
+heraus aus dem Schilfrohr: „Tugend—das ist still im Sumpfe sitzen.
+
+Wir beissen Niemanden und gehen Dem aus dem Wege, der beissen will; und
+in Allem haben wir die Meinung, die man uns giebt.“
+
+Und wiederum giebt es Solche, die lieben Gebärden und denken: Tugend
+ist eine Art Gebärde.
+
+Ihre Kniee beten immer an, und ihre Hände sind Lobpreisungen der
+Tugend, aber ihr Herz weiss Nichts davon.
+
+Und wiederum giebt es Solche, die halten es für Tugend, zu sagen:
+„Tugend ist nothwendig“; aber sie glauben im Grunde nur daran, dass
+Polizei nothwendig ist.
+
+Und Mancher, der das Hohe an den Menschen nicht sehen kann, nennt es
+Tugend, dass er ihr Niedriges allzunahe sieht: also heisst er seinen
+bösen Blick Tugend.
+
+Und Einige wollen erbaut und aufgerichtet sein und heissen es Tugend;
+und Andre wollen umgeworfen sein—und heissen es auch Tugend.
+
+Und derart glauben fast Alle daran, Antheil zu haben an der Tugend; und
+zum Mindesten will ein jeder Kenner sein über „gut“ und „böse“ .
+
+Aber nicht dazu kam Zarathustra, allen diesen Lügnern und Narren zu
+sagen: „was wisst _ihr_ von Tugend! Was _könntet_ ihr von Tugend
+wissen!“—
+
+Sondern, dass ihr, meine Freunde, der alten Worte müde würdet, welche
+ihr von den Narren und Lügnern gelernt habt:
+
+Müde würdet der Worte „Lohn,“ „Vergeltung,“ „Strafe,“ „Rache in der
+Gerechtigkeit“—
+
+Müde würdet zu sagen: „dass eine Handlung gut ist, das macht, sie ist
+selbstlos.“
+
+Ach, meine Freunde! Dass _euer_ Selbst in der Handlung sei, wie die
+Mutter im Kinde ist: das sei mir _euer_ Wort von Tugend!
+
+Wahrlich, ich nahm euch wohl hundert Worte und eurer Tugend liebste
+Spielwerke; und nun zürnt ihr mir, wie Kinder zürnen.
+
+Sie spielten am Meere,—da kam die Welle und riss ihnen ihr Spielwerk in
+die Tiefe: nun weinen sie.
+
+Aber die selbe Welle soll ihnen neue Spielwerke bringen und neue bunte
+Muscheln vor sie hin ausschütten!
+
+So werden sie getröstet sein; und gleich ihnen sollt auch ihr, meine
+Freunde, eure Tröstungen haben—und neue bunte Muscheln!—
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+Vom Gesindel
+
+Das Leben ist ein Born der Lust; aber wo das Gesindel mit trinkt, da
+sind alle Brunnen vergiftet.
+
+Allem Reinlichen bin ich hold; aber ich mag die grinsenden Mäuler nicht
+sehn und den Durst der Unreinen.
+
+Sie warfen ihr Auge hinab in den Brunnen: nun glänzt mir ihr widriges
+Lächeln herauf aus dem Brunnen.
+
+Das heilige Wasser haben sie vergiftet mit ihrer Lüsternheit; und als
+sie ihre schmutzigen Träume Lust nannten, vergifteten sie auch noch die
+Worte.
+
+Unwillig wird die Flamme, wenn sie ihre feuchten Herzen an’s Feuer
+legen; der Geist selber brodelt und raucht, wo das Gesindel an’s Feuer
+tritt.
+
+Süsslich und übermürbe wird in ihrer Hand die Frucht: windfällig und
+wipfeldürr macht ihr Blick den Fruchtbaum.
+
+Und Mancher, der sich vom Leben abkehrte, kehrte sich nur vom Gesindel
+ab: er wollte nicht Brunnen und Flamme und Frucht mit dem Gesindel
+theilen.
+
+Und Mancher, der in die Wüste gieng und mit Raubthieren Durst litt,
+wollte nur nicht mit schmutzigen Kameeltreibern um die Cisterne sitzen.
+
+Und Mancher, der wie ein Vernichter daher kam und wie ein Hagelschlag
+allen Fruchtfeldern, wollte nur seinen Fuss dem Gesindel in den Rachen
+setzen und also seinen Schlund stopfen.
+
+Und nicht das ist der Bissen, an dem ich am meisten würgte, zu wissen,
+dass das Leben selber Feindschaft nöthig hat und Sterben und
+Marterkreuze:—
+
+Sondern ich fragte einst und erstickte fast an meiner Frage: wie? hat
+das Leben auch das Gesindel _nöthig_?
+
+Sind vergiftete Brunnen nöthig und stinkende Feuer und beschmutzte
+Träume und Maden im Lebensbrode?
+
+Nicht mein Hass, sondern mein Ekel frass mir hungrig am Leben! Ach, des
+Geistes wurde ich oft müde, als ich auch das Gesindel geistreich fand!
+
+Und den Herrschenden wandt’ich den Rücken, als ich sah, was sie jetzt
+Herrschen nennen: schachern und markten um Macht—mit dem Gesindel!
+
+Unter Völkern wohnte ich fremder Zunge, mit verschlossenen Ohren: dass
+mir ihres Schacherns Zunge fremd bliebe und ihr Markten um Macht.
+
+Und die Nase mir haltend, gieng ich unmuthig durch alles Gestern und
+Heute: wahrlich, übel riecht alles Gestern und Heute nach dem
+schreibenden Gesindel!
+
+Einem Krüppel gleich, der taub und blind und stumm wurde: also lebte
+ich lange, dass ich nicht mit Macht- und Schreib- und Lust-Gesindel
+lebte.
+
+Mühsam stieg mein Geist Treppen, und vorsichtig; Almosen der Lust waren
+sein Labsal; am Stabe schlich dem Blinden das Leben.
+
+Was geschah mir doch? Wie erlöste ich mich vom Ekel? Wer verjüngte mein
+Auge? Wie erflog ich die Höhe, wo kein Gesindel mehr am Brunnen sitzt?
+
+Schuf mein Ekel selber mir Flügel und quellenahnende Kräfte? Wahrlich,
+in’s Höchste musste ich fliegen, dass ich den Born der Lust
+wiederfände!
+
+Oh, ich fand ihn, meine Brüder! Hier im Höchsten quillt mir der Born
+der Lust! Und es giebt ein Leben, an dem kein Gesindel mit trinkt!
+
+Fast zu heftig strömst du mir, Quell der Lust! Und oft leerst du den
+Becher wieder, dadurch dass du ihn füllen willst!
+
+Und noch muss ich lernen, bescheidener dir zu nahen: allzuheftig strömt
+dir noch mein Herz entgegen:—
+
+Mein Herz, auf dem mein Sommer brennt, der kurze, heisse,
+schwermüthige, überselige: wie verlangt mein Sommer-Herz nach deiner
+Kühle!
+
+Vorbei die zögernde Trübsal meines Frühlings! Vorüber die Bosheit
+meiner Schneeflocken im Juni! Sommer wurde ich ganz und Sommer-Mittag!
+
+Ein Sommer im Höchsten mit kalten Quellen und seliger Stille: oh kommt,
+meine Freunde, dass die Stille noch seliger werde! Denn diess ist
+_unsre_ Höhe und unsre Heimat: zu hoch und steil wohnen wir hier allen
+Unreinen und ihrem Durste. Werft nur eure reinen Augen in den Born
+meiner Lust, ihr Freunde! Wie sollte er darob trübe werden!
+Entgegenlachen soll er euch mit _seiner_ Reinheit.
+
+Auf dem Baume Zukunft bauen wir unser Nest; Adler sollen uns Einsamen
+Speise bringen in ihren Schnäbeln!
+
+Wahrlich, keine Speise, an der Unsaubere mitessen dürften! Feuer würden
+sie zu fressen wähnen und sich die Mäuler verbrennen!
+
+Wahrlich, keine Heimstätten halten wir hier bereit für Unsaubere!
+Eishöhle würde ihren Leibern unser Glück heissen und ihren Geistern!
+
+Und wie starke Winde wollen wir über ihnen leben, Nachbarn den Adlern,
+Nachbarn dem Schnee, Nachbarn der Sonne: also leben starke Winde.
+
+Und einem Winde gleich will ich einst noch zwischen sie blasen und mit
+meinem Geiste ihrem Geiste den Athem nehmen: so will es meine Zukunft.
+
+Wahrlich, ein starker Wind ist Zarathustra allen Niederungen; und
+solchen Rath räth er seinen Feinden und Allem, was spuckt und speit:
+hütet euch _gegen_ den Wind zu speien!
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+Von den Taranteln
+
+Siehe, das ist der Tarantel Höhle! Willst du sie selber sehn? Hier
+hängt ihr Netz: rühre daran, dass es erzittert.
+
+Da kommt sie willig: willkommen, Tarantel! Schwarz sitzt auf deinem
+Rücken dein Dreieck und Wahrzeichen; und ich weiss auch, was in deiner
+Seele sitzt.
+
+Rache sitzt in deiner Seele: wohin du beissest, da wächst schwarzer
+Schorf; mit Rache macht dein Gift die Seele drehend!
+
+Also rede ich zu euch im Gleichniss, die ihr die Seelen drehend macht,
+ihr Prediger der _Gleichheit_! Taranteln seid ihr mir und versteckte
+Rachsüchtige!
+
+Aber ich will eure Verstecke schon an’s Licht bringen: darum lache ich
+euch in’s Antlitz mein Gelächter der Höhe.
+
+Darum reisse ich an eurem Netze, dass eure Wuth euch aus eurer
+Lügen-Höhle locke, und eure Rache hervorspringe hinter eurem Wort
+„Gerechtigkeit.“
+
+Denn dass der Mensch erlöst werde von der Rache: das ist mir die Brücke
+zur höchsten Hoffnung und ein Regenbogen nach langen Unwettern.
+
+Aber anders wollen es freilich die Taranteln. „Das gerade heisse uns
+Gerechtigkeit, dass die Welt voll werde von den Unwettern unsrer Rache“
+—also reden sie mit einander.
+
+„Rache wollen wir üben und Beschimpfung an Allen, die uns nicht gleich
+sind“—so geloben sich die Tarantel-Herzen.
+
+„Und „Wille zur Gleichheit“—das selber soll fürderhin der Name für
+Tugend werden; und gegen Alles, was Macht hat, wollen wir unser
+Geschrei erheben!“
+
+Ihr Prediger der Gleichheit, der Tyrannen-Wahnsinn der Ohnmacht schreit
+also aus euch nach „Gleichheit“: eure heimlichsten Tyrannen-Gelüste
+vermummen sich also in Tugend-Worte!
+
+Vergrämter Dünkel, verhaltener Neid, vielleicht eurer Väter Dünkel und
+Neid: aus euch bricht’s als Flamme heraus und Wahnsinn der Rache.
+
+Was der Vater schwieg, das kommt im Sohne zum Reden; und oft fand ich
+den Sohn als des Vaters entblösstes Geheimniss.
+
+Den Begeisterten gleichen sie: aber nicht das Herz ist es, was sie
+begeistert, —sondern die Rache. Und wenn sie fein und kalt werden,
+ist’s nicht der Geist, sondern der Neid, der sie fein und kalt macht.
+
+Ihre Eifersucht führt sie auch auf der Denker Pfade; und diess ist das
+Merkmal ihrer Eifersucht—immer gehn sie zu weit: dass ihre Müdigkeit
+sich zuletzt noch auf Schnee schlafen legen muss.
+
+Aus jeder ihrer Klagen tönt Rache, in jedem ihrer Lobsprüche ist ein
+Wehethun; und Richter-sein scheint ihnen Seligkeit.
+
+Also aber rathe ich euch, meine Freunde: misstraut Allen, in welchen
+der Trieb, zu strafen, mächtig ist!
+
+Das ist Volk schlechter Art und Abkunft; aus ihren Gesichtern blickt
+der Henker und der Spürhund.
+
+Misstraut allen Denen, die viel von ihrer Gerechtigkeit reden!
+Wahrlich, ihren Seelen fehlt es nicht nur an Honig.
+
+Und wenn sie sich selber „die Guten und Gerechten“ nennen, so vergesst
+nicht, dass ihnen zum Pharisäer Nichts fehlt als—Macht!
+
+Meine Freunde, ich will nicht vermischt und verwechselt werden.
+
+Es giebt Solche, die predigen meine Lehre vom Leben: und zugleich sind
+sie Prediger der Gleichheit und Taranteln.
+
+Dass sie dem Leben zu Willen reden, ob sie gleich in ihrer Höhle
+sitzen, diese Gift-Spinnen, und abgekehrt vom Leben: das macht, sie
+wollen damit wehethun.
+
+Solchen wollen sie damit wehethun, die jetzt die Macht haben: denn bei
+diesen ist noch die Predigt vom Tode am besten zu Hause.
+
+Wäre es anders, so würden die Taranteln anders lehren: und gerade sie
+waren ehemals die besten Welt-Verleumder und Ketzer-Brenner.
+
+Mit diesen Predigern der Gleichheit will ich nicht vermischt und
+verwechselt sein. Denn so redet _mir_ die Gerechtigkeit: „die Menschen
+sind nicht gleich.“
+
+Und sie sollen es auch nicht werden! Was wäre denn meine Liebe zum
+Übermenschen, wenn ich anders spräche?
+
+Auf tausend Brücken und Stegen sollen sie sich drängen zur Zukunft, und
+immer mehr Krieg und Ungleichheit soll zwischen sie gesetzt sein: so
+lässt mich meine grosse Liebe reden!
+
+Erfinder von Bildern und Gespenstern sollen sie werden in ihren
+Feindschaften, und mit ihren Bildern und Gespenstern sollen sie noch
+gegeneinander den höchsten Kampf kämpfen!
+
+Gut und Böse, und Reich und Arm, und Hoch und Gering, und alle Namen
+der Werthe: Waffen sollen es sein und klirrende Merkmale davon, dass
+das Leben sich immer wieder selber überwinden muss!
+
+In die Höhe will es sich bauen mit Pfeilern und Stufen, das Leben
+selber: in weite Fernen will es blicken und hinaus nach seligen
+Schönheiten,—_darum_ braucht es Höhe!
+
+Und weil es Höhe braucht, braucht es Stufen und Widerspruch der Stufen
+und Steigenden! Steigen will das Leben und steigend sich überwinden.
+
+Und seht mir doch, meine Freunde! Hier, wo der Tarantel Höhle ist,
+heben sich eines alten Tempels Trümmer aufwärts,—seht mir doch mit
+erleuchteten Augen hin!
+
+Wahrlich, wer hier einst seine Gedanken in Stein nach Oben thürmte, um
+das Geheimniss alles Lebens wusste er gleich dem Weisesten!
+
+Dass Kampf und Ungleiches auch noch in der Schönheit sei und Krieg um
+Macht und Übermacht: das lehrt er uns hier im deutlichsten Gleichniss.
+
+Wie sich göttlich hier Gewölbe und Bogen brechen, im Ringkampfe: wie
+mit Licht und Schatten sie wider einander streben, die
+göttlich-Strebenden—
+
+Also sicher und schön lasst uns auch Feinde sein, meine Freunde!
+Göttlich wollen wir _wider_ einander streben!—
+
+Wehe! Da biss mich selber die Tarantel, meine alte Feindin! Göttlich
+sicher und schön biss sie mich in den Finger!
+
+„Strafe muss sein und Gerechtigkeit—so denkt sie: nicht umsonst soll er
+hier der Feindschaft zu Ehren Lieder singen!“
+
+Ja, sie hat sich gerächt! Und wehe! nun wird sie mit Rache auch noch
+meine Seele drehend machen!
+
+Dass ich mich aber _nicht_ drehe, meine Freunde, bindet mich fest hier
+an diese Säule! Lieber noch Säulen-Heiliger will ich sein, als Wirbel
+der Rachsucht!
+
+Wahrlich, kein Dreh- und Wirbelwind ist Zarathustra; und wenn er ein
+Tänzer ist, nimmermehr doch ein Tarantel-Tänzer!—
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+Von den berühmten Weisen
+
+Dem Volke habt ihr gedient und des Volkes Aberglauben, ihr berühmten
+Weisen alle!—und _nicht_ der Wahrheit! Und gerade darum zollte man euch
+Ehrfurcht.
+
+Und darum auch ertrug man euren Unglauben, weil er ein Witz und Umweg
+war zum Volke. So lässt der Herr seine Sclaven gewähren und ergötzt
+sich noch an ihrem Übermuthe.
+
+Aber wer dem Volke verhasst ist wie ein Wolf den Hunden: das ist der
+freie Geist, der Fessel-Feind, der Nicht-Anbeter, der in Wäldern
+Hausende.
+
+Ihn zu jagen aus seinem Schlupfe—das hiess immer dem Volke „Sinn für
+das Rechte“ : gegen ihn hetzt es noch immer seine scharfzahnigsten
+Hunde.
+
+„Denn die Wahrheit ist da: ist das Volk doch da! Wehe, wehe den
+Suchenden!“—also scholl es von jeher.
+
+Eurem Volke wolltet ihr Recht schaffen in seiner Verehrung: das hiesset
+ihr „Wille zur Wahrheit,“ ihr berühmten Weisen!
+
+Und euer Herz sprach immer zu sich: „vom Volke kam ich: von dort her
+kam mir auch Gottes Stimme.“
+
+Hart-nackig und klug, dem Esel gleich, wart ihr immer als des Volkes
+Fürsprecher.
+
+Und mancher Mächtige, der gut fahren wollte mit dem Volke, spannte vor
+seine Rosse noch—ein Eselein, einen berühmten Weisen.
+
+Und nun wollte ich, ihr berühmten Weisen, ihr würfet endlich das Fell
+des Löwen ganz von euch!
+
+Das Fell des Raubthiers, das buntgefleckte, und die Zotten des
+Forschenden, Suchenden, Erobernden!
+
+Ach, dass ich an eure „Wahrhaftigkeit“ glauben lerne, dazu müsstet ihr
+mir erst euren verehrenden Willen zerbrechen.
+
+Wahrhaftig—so heisse ich Den, der in götterlose Wüsten geht und sein
+verehrendes Herz zerbrochen hat.
+
+Im gelben Sande und verbrannt von der Sonne schielt er wohl durstig
+nach den quellenreichen Eilanden, wo Lebendiges unter dunkeln Bäumen
+ruht.
+
+Aber sein Durst überredet ihn nicht, diesen Behaglichen gleich zu
+werden: denn wo Oasen sind, da sind auch Götzenbilder.
+
+Hungernd, gewaltthätig, einsam, gottlos: so will sich selber der
+Löwen-Wille.
+
+Frei von dem Glück der Knechte, erlöst von Göttern und Anbetungen,
+furchtlos und fürchterlich, gross und einsam: so ist der Wille des
+Wahrhaftigen.
+
+In der Wüste wohnten von je die Wahrhaftigen, die freien Geister, als
+der Wüste Herren; aber in den Städten wohnen die gutgefütterten,
+berühmten Weisen,—die Zugthiere.
+
+Immer nämlich ziehen sie, als Esel—des _Volkes_ Karren!
+
+Nicht dass ich ihnen darob zürne: aber Dienende bleiben sie mir und
+Angeschirrte, auch wenn sie von goldnem Geschirre glänzen.
+
+Und oft waren sie gute Diener und preiswürdige. Denn so spricht die
+Tugend: musst du Diener sein, so suche Den, welchem dein Dienst am
+besten nützt!
+
+„Der Geist und die Tugend deines Herrn sollen wachsen, dadurch dass du
+sein Diener bist: so wächsest du selber mit seinem Geiste und seiner
+Tugend!“
+
+Und wahrlich, ihr berühmten Weisen, ihr Diener des Volkes! Ihr selber
+wuchset mit des Volkes Geist und Tugend—und das Volk durch euch! Zu
+euren Ehren sage ich das!
+
+Aber Volk bleibt ihr mir auch noch in euren Tugenden, Volk mit blöden
+Augen,—Volk, das nicht weiss, was _Geist_ ist!
+
+Geist ist das Leben, das selber in’s Leben schneidet: an der eignen
+Qual mehrt es sich das eigne Wissen,—wusstet ihr das schon?
+
+Und des Geistes Glück ist diess: gesalbt zu sein und durch Thränen
+geweiht zum Opferthier,—wusstet ihr das schon?
+
+Und die Blindheit des Blinden und sein Suchen und Tappen soll noch von
+der Macht der Sonne zeugen, in die er schaute,—wusstet ihr das schon?
+
+Und mit Bergen soll der Erkennende _bauen_ lernen! Wenig ist es, dass
+der Geist Berge versetzt,—wusstet ihr das schon?
+
+Ihr kennt nur des Geistes Funken: aber ihr seht den Ambos nicht, der er
+ist, und nicht die Grausamkeit seines Hammers!
+
+Wahrlich, ihr kennt des Geistes Stolz nicht! Aber noch weniger würdet
+ihr des Geistes Bescheidenheit ertragen, wenn sie einmal reden wollte!
+
+Und niemals noch durftet ihr euren Geist in eine Grube von Schnee
+werfen: ihr seid nicht heiss genug dazu! So kennt ihr auch die
+Entzückungen seiner Kälte nicht.
+
+In Allem aber thut ihr mir zu vertraulich mit dem Geiste; und aus der
+Weisheit machtet ihr oft ein Armen- und Krankenhaus für schlechte
+Dichter.
+
+Ihr seid keine Adler: so erfuhrt ihr auch das Glück im Schrecken des
+Geistes nicht. Und wer kein Vogel ist, soll sich nicht über Abgründen
+lagern.
+
+Ihr seid mir Laue: aber kalt strömt jede tiefe Erkenntniss. Eiskalt
+sind die innersten Brunnen des Geistes: ein Labsal heissen Händen und
+Handelnden.
+
+Ehrbar steht ihr mir da und steif und mit geradem Rücken, ihr berühmten
+Weisen! —euch treibt kein starker Wind und Wille.
+
+Saht ihr nie ein Segel über das Meer gehn, geründet und gebläht und
+zitternd vor dem Ungestüm des Windes?
+
+Dem Segel gleich, zitternd vor dem Ungestüm des Geistes, geht meine
+Weisheit über das Meer—meine wilde Weisheit!
+
+Aber ihr Diener des Volkes, ihr berühmten Weisen,—wie _könntet_ ihr mit
+mir gehn!—
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+Das Nachtlied
+
+Nacht ist es: nun reden lauter alle springenden Brunnen. Und auch meine
+Seele ist ein springender Brunnen.
+
+Nacht ist es: nun erst erwachen alle Lieder der Liebenden. Und auch
+meine Seele ist das Lied eines Liebenden.
+
+Ein Ungestilltes, Unstillbares ist in mir; das will laut werden. Eine
+Begierde nach Liebe ist in mir, die redet selber die Sprache der Liebe.
+
+Licht bin ich: ach, dass ich Nacht wäre! Aber diess ist meine
+Einsamkeit, dass ich von Licht umgürtet bin.
+
+Ach, dass ich dunkel wäre und nächtig! Wie wollte ich an den Brüsten
+des Lichts saugen!
+
+Und euch selber wollte ich noch segnen, ihr kleinen Funkelsterne und
+Leuchtwürmer droben!—und selig sein ob eurer Licht-Geschenke.
+
+Aber ich lebe in meinem eignen Lichte, ich trinke die Flammen in mich
+zurück, die aus mir brechen.
+
+Ich kenne das Glück des Nehmenden nicht; und oft träumte mir davon,
+dass Stehlen noch seliger sein müsse, als Nehmen.
+
+Das ist meine Armuth, dass meine Hand niemals ausruht vom Schenken; das
+ist mein Neid, dass ich wartende Augen sehe und die erhellten Nächte
+der Sehnsucht.
+
+Oh Unseligkeit aller Schenkenden! Oh Verfinsterung meiner Sonne! Oh
+Begierde nach Begehren! Oh Heisshunger in der Sättigung!
+
+Sie nehmen von mir: aber rühre ich noch an ihre Seele? Eine Kluft ist
+zwischen Geben und Nehmen; und die kleinste Kluft ist am letzten zu
+überbrücken.
+
+Ein Hunger wächst aus meiner Schönheit: wehethun möchte ich Denen,
+welchen ich leuchte, berauben möchte ich meine Beschenkten:—also
+hungere ich nach Bosheit.
+
+Die Hand zurückziehend, wenn sich schon ihr die Hand entgegenstreckt;
+dem Wasserfälle gleich zögernd, der noch im Sturze zögert:—also hungere
+ich nach Bosheit.
+
+Solche Rache sinnt meine Fülle aus; solche Tücke quillt aus meiner
+Einsamkeit.
+
+Mein Glück im Schenken erstarb im Schenken, meine Tugend wurde ihrer
+selber müde an ihrem Überflusse!
+
+Wer immer schenkt, dessen Gefahr ist, dass er die Scham verliere; wer
+immer austheilt, dessen Hand und Herz hat Schwielen vor lauter
+Austheilen.
+
+Mein Auge quillt nicht mehr über vor der Scham der Bittenden; meine
+Hand wurde zu hart für das Zittern gefüllter Hände.
+
+Wohin kam die Thräne meinem Auge und der Flaum meinem Herzen? Oh
+Einsamkeit aller Schenkenden! Oh Schweigsamkeit aller Leuchtenden!
+
+Viel Sonnen kreisen im öden Räume: zu Allem, was dunkel ist, reden sie
+mit ihrem Lichte,—mir schweigen sie.
+
+Oh diess ist die Feindschaft des Lichts gegen Leuchtendes,
+erbarmungslos wandelt es seine Bahnen.
+
+Unbillig gegen Leuchtendes im tiefsten Herzen: kalt gegen Sonnen,—also
+wandelt jede Sonne.
+
+Einem Sturme gleich fliegen die Sonnen ihre Bahnen, das ist ihr
+Wandeln. Ihrem unerbittlichen Willen folgen sie, das ist ihre Kälte.
+
+Oh, ihr erst seid es, ihr Dunklen, ihr Nächtigen, die ihr Wärme schafft
+aus Leuchtendem! Oh, ihr erst trinkt euch Milch und Labsal aus des
+Lichtes Eutern!
+
+Ach, Eis ist um mich, meine Hand verbrennt sich an Eisigem! Ach, Durst
+ist in mir, der schmachtet nach eurem Durste!
+
+Nacht ist es: ach dass ich Licht sein muss! Und Durst nach Nächtigem!
+Und Einsamkeit!
+
+Nacht ist es: nun bricht wie ein Born aus mir mein Verlangen,—nach Rede
+verlangt mich.
+
+Nacht ist es: nun reden lauter alle springenden Brunnen. Und auch meine
+Seele ist ein springender Brunnen.
+
+Nacht ist es: nun erst erwachen alle Lieder der Liebenden. Und auch
+meine Seele ist das Lied eines Liebenden.—
+
+Also sang Zarathustra.
+
+
+Das Tanzlied
+
+Eines Abends gieng Zarathustra mit seinen Jüngern durch den Wald; und
+als er nach einem Brunnen suchte, siehe, da kam er auf eine grüne
+Wiese, die von Bäumen und Gebüsch still umstanden war: auf der tanzten
+Mädchen mit einander. Sobald die Mädchen Zarathustra erkannten, liessen
+sie vom Tanze ab; Zarathustra aber trat mit freundlicher Gebärde zu
+ihnen und sprach diese Worte:
+
+„Lasst vom Tanze nicht ab, ihr lieblichen Mädchen! Kein Spielverderber
+kam zu euch mit bösem Blick, kein Mädchen-Feind.
+
+Gottes Fürsprecher bin ich vor dem Teufel: der aber ist der Geist der
+Schwere. Wie sollte ich, ihr Leichten, göttlichen Tänzen feind sein?
+Oder Mädchen-Füssen mit schönen Knöcheln?
+
+Wohl bin ich ein Wald und eine Nacht dunkler Bäume: doch wer sich vor
+meinem Dunkel nicht scheut, der findet auch Rosenhänge unter meinen
+Cypressen.
+
+Und auch den kleinen Gott findet er wohl, der den Mädchen der liebste
+ist: neben dem Brunnen liegt er, still, mit geschlossenen Augen.
+
+Wahrlich, am hellen Tage schlief er mir ein, der Tagedieb! Haschte er
+wohl zu viel nach Schmetterlingen?
+
+Zürnt mir nicht, ihr schönen Tanzenden, wenn ich den kleinen Gott ein
+Wenig züchtige! Schreien wird er wohl und weinen,—aber zum Lachen ist
+er noch im Weinen!
+
+Und mit Thränen im Auge soll er euch um einen Tanz bitten; und ich
+selber will ein Lied zu seinem Tanze singen:
+
+Ein Tanz- und Spottlied auf den Geist der Schwere, meinen allerhöchsten
+grossmächtigsten Teufel, von dem sie sagen, dass er „der Herr der Welt“
+sei.“—
+
+Und diess ist das Lied, welches Zarathustra sang, als Cupido und die
+Mädchen zusammen tanzten.
+
+In dein Auge schaute ich jüngst, oh Leben! Und in’s Unergründliche
+schien ich mir da zu sinken.
+
+Aber du zogst mich mit goldner Angel heraus; spöttisch lachtest du, als
+ich dich unergründlich nannte.
+
+„So geht die Rede aller Fische, sprachst du; was _sie_ nicht ergründen,
+ist unergründlich.
+
+Aber veränderlich bin ich nur und wild und in Allem ein Weib, und kein
+tugendhaftes:
+
+Ob ich schon euch Männern „die Tiefe“ heisse oder „die Treue“, „die
+Ewige“, „die Geheimnissvolle.“—
+
+Doch ihr Männer beschenkt uns stets mit den eignen Tugenden—ach, ihr
+Tugendhaften!“
+
+Also lachte sie, die Unglaubliche; aber ich glaube ihr niemals und
+ihrem Lachen, wenn sie bös von sich selber spricht.
+
+Und als ich unter vier Augen mit meiner wilden Weisheit redete, sagte
+sie mir zornig: „Du willst, du begehrst, du liebst, darum allein
+_lobst_ du das Leben!“
+
+Fast hätte ich da bös geantwortet und der Zornigen die Wahrheit gesagt;
+und man kann nicht böser antworten, als wenn man seiner Weisheit „die
+Wahrheit sagt.“
+
+So nämlich steht es zwischen uns Dreien. Von Grund aus liebe ich nur
+das Leben —und, wahrlich, am meisten dann, wenn ich es hasse!
+
+Dass ich aber der Weisheit gut bin und oft zu gut: das macht, sie
+erinnert mich gar sehr an das Leben!
+
+Sie hat ihr Auge, ihr Lachen und sogar ihr goldnes Angelrüthchen: was
+kann ich dafür, dass die Beiden sich so ähnlich sehen?
+
+Und als mich einmal das Leben fragte: Wer ist denn das, die
+Weisheit?—da sagte ich eifrig: „Ach ja! die Weisheit!
+
+Man dürstet um sie und wird nicht satt, man blickt durch Schleier, man
+hascht durch Netze.
+
+Ist sie schön? Was weiss ich! Aber die ältesten Karpfen werden noch mit
+ihr geködert.
+
+Veränderlich ist sie und trotzig; oft sah ich sie sich die Lippe
+beissen und den Kamm wider ihres Haares Strich führen.
+
+Vielleicht ist sie böse und falsch, und in Allem ein Frauenzimmer; aber
+wenn sie von sich selber schlecht spricht, da gerade verführt sie am
+meisten.“
+
+Als ich diess zu dem Leben sagte, da lachte es boshaft und machte die
+Augen zu. „Von wem redest du doch? sagte sie, wohl von mir?
+
+Und wenn du Recht hättest,—sagt man _das_ mir so in’s Gesicht! Aber nun
+sprich doch auch von deiner Weisheit!“
+
+Ach, und nun machtest du wieder dein Auge auf, oh geliebtes Leben! Und
+in’s Unergründliche schien ich mir wieder zu sinken.—
+
+Also sang Zarathustra. Als aber der Tanz zu Ende und die Mädchen
+fortgegangen waren, wurde er traurig.
+
+„Die Sonne ist lange schon hinunter, sagte er endlich; die Wiese ist
+feucht, von den Wäldern her kommt Kühle.
+
+Ein Unbekanntes ist um mich und blickt nachdenklich. Was! Du lebst
+noch, Zarathustra?
+
+Warum? Wofür? Wodurch? Wohin? Wo? Wie? Ist es nicht Thorheit, noch zu
+leben?—
+
+Ach, meine Freunde, der Abend ist es, der so aus mir fragt. Vergebt mir
+meine Traurigkeit!
+
+Abend ward es: vergebt mir, dass es Abend ward!“
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+Das Grablied
+
+„Dort ist die Gräberinsel, die schweigsame; dort sind auch die Gräber
+meiner Jugend. Dahin will ich einen immergrünen Kranz des Lebens
+tragen.“
+
+Also im Herzen beschliessend fuhr ich über das Meer.—
+
+Oh ihr, meiner Jugend Gesichte und Erscheinungen! Oh, ihr Blicke der
+Liebe alle, ihr göttlichen Augenblicke! Wie starbt ihr mir so schnell!
+Ich gedenke eurer heute wie meiner Todten.
+
+Von euch her, meinen liebsten Todten, kommt mir ein süsser Geruch, ein
+herz- und thränenlösender. Wahrlich, er erschüttert und löst das Herz
+dem einsam Schiffenden.
+
+Immer noch bin ich der Reichste und Bestzubeneidende—ich der Einsamste!
+Denn ich _hatte_ euch doch, und ihr habt mich noch: sagt, wem fielen,
+wie mir, solche Rosenäpfel vom Baume?
+
+Immer noch bin ich eurer Liebe Erbe und Erdreich, blühend zu eurem
+Gedächtnisse von bunten wildwachsenen Tugenden, oh ihr Geliebtesten!
+
+Ach, wir waren gemacht, einander nahe zu bleiben, ihr holden fremden
+Wunder; und nicht schüchternen Vögeln gleich kamt ihr zu mir und meiner
+Begierde—nein, als Trauende zu dem Trauenden!
+
+Ja, zur Treue gemacht, gleich mir, und zu zärtlichen Ewigkeiten: muss
+ich nun euch nach eurer Untreue heissen, ihr göttlichen Blicke und
+Augenblicke: keinen andern Namen lernte ich noch.
+
+Wahrlich, zu schnell starbt ihr mir, ihr Flüchtlinge. Doch floht ihr
+mich nicht, noch floh ich euch: unschuldig sind wir einander in unsrer
+Untreue.
+
+_Mich_ zu tödten, erwürgte man euch, ihr Singvögel meiner Hoffnungen!
+Ja, nach euch, ihr Liebsten, schoss immer die Bosheit Pfeile—mein Herz
+zu treffen!
+
+Und sie traf! Wart ihr doch stets mein Herzlichstes, mein Besitz und
+mein Besessen-sein: _darum_ musstet ihr jung sterben und allzu frühe!
+
+Nach dem Verwundbarsten, das ich besass, schoss man den Pfeil: das
+waret ihr, denen die Haut einem Flaume gleich ist und mehr noch dem
+Lächeln, das an einem Blick erstirbt!
+
+Aber diess Wort will ich zu meinen Feinden reden: was ist alles
+Menschen-Morden gegen Das, was ihr mir thatet!
+
+Böseres thatet ihr mir, als aller Menschen-Mord ist;
+Unwiederbringliches nahmt ihr mir:—also rede ich zu euch, meine Feinde!
+
+Mordetet ihr doch meiner Jugend Gesichte und liebste Wunder! Meine
+Gespielen nahmt ihr mir, die seligen Geister! Ihrem Gedächtnisse lege
+ich diesen Kranz und diesen Fluch nieder.
+
+Diesen Fluch gegen euch, meine Feinde! Machtet ihr doch mein Ewiges
+kurz, wie ein Ton zerbricht in kalter Nacht! Kaum als Aufblinken
+göttlicher Augen kam es mir nur,—als Augenblick!
+
+Also sprach zur guten Stunde einst meine Reinheit: „göttlich sollen mir
+alle Wesen sein.“
+
+Da überfielt ihr mich mit schmutzigen Gespenstern; ach, wohin floh nun
+jene gute Stunde!
+
+„Alle Tage sollen mir heilig sein“ —so redete einst die Weisheit meiner
+Jugend: wahrlich, einer fröhlichen Weisheit Rede!
+
+Aber da stahlt ihr Feinde mir meine Nächte und verkauftet sie zu
+schlafloser Qual: ach, wohin floh nun jene fröhliche Weisheit?
+
+Einst begehrte ich nach glücklichen Vogelzeichen: da führtet ihr mir
+ein Eulen-Unthier über den Weg, ein widriges. Ach, wohin floh da meine
+zärtliche Begierde?
+
+Allem Ekel gelobte ich einst zu entsagen: da verwandeltet ihr meine
+Nahen und Nächsten in Eiterbeulen. Ach, wohin floh da mein edelstes
+Gelöbniss?
+
+Als Blinder gieng ich einst selige Wege: da warft ihr Unflath auf den
+Weg des Blinden: und nun ekelte ihn des alten Blinden-Fusssteigs.
+
+Und als ich mein Schwerstes that und meiner Überwindungen Sieg feierte:
+da machtet ihr Die, welche mich liebten, schrein, ich thue ihnen am
+wehesten.
+
+Wahrlich, das war immer euer Thun: ihr vergälltet mir meinen besten
+Honig und den Fleiss meiner besten Bienen.
+
+Meiner Mildthätigkeit sandtet ihr immer die frechsten Bettler zu; um
+mein Mitleiden drängtet ihr immer die unheilbar Schamlosen. So
+verwundetet ihr meine Tugend in ihrem Glauben.
+
+Und legte ich noch mein Heiligstes zum Opfer hin: flugs stellte eure
+„Frömmigkeit“ ihre fetteren Gaben dazu: also dass im Dampfe eures
+Fettes noch mein Heiligstes erstickte.
+
+Und einst wollte ich tanzen, wie nie ich noch tanzte: über alle Himmel
+weg wollte ich tanzen. Da überredetet ihr meinen liebsten Sänger.
+
+Und nun stimmte er eine schaurige dumpfe Weise an; ach, er tutete mir,
+wie ein düsteres Horn, zu Ohren!
+
+Mörderischer Sänger, Werkzeug der Bosheit, Unschuldigster! Schon stand
+ich bereit zum besten Tanze: da mordetest du mit deinen Tönen meine
+Verzückung!
+
+Nur im Tanze weiss ich der höchsten Dinge Gleichniss zu reden:—und nun
+blieb mir mein höchstes Gleichniss ungeredet in einen Gliedern!
+
+Ungeredet und unerlöst blieb mir die höchste Hoffnung! Und es starben
+mir alle Gesichte und Tröstungen meiner Jugend!
+
+Wie ertrug ich’s nur? Wie verwand und überwand ich solche Wunden? Wie
+erstand meine Seele wieder aus diesen Gräbern?
+
+Ja, ein Unverwundbares, Unbegrabbares ist an mir, ein
+Felsensprengendes: das heisst _mein Wille_. Schweigsam schreitet es und
+unverändert durch die Jahre.
+
+Seinen Gang will er gehn auf meinen Füssen, mein alter Wille;
+herzenshart ist ihm der Sinn und unverwundbar.
+
+Unverwundbar bin ich allein an meiner Ferse. Immer noch lebst du da und
+bist dir gleich, Geduldigster! Immer noch brachst du dich durch alle
+Gräber!
+
+In dir lebt auch noch das Unerlöste meiner Jugend; und als Leben und
+Jugend sitzest du hoffend hier auf gelben Grab-Trümmern.
+
+Ja, noch bist du mir aller Gräber Zertrümmerer: Heil dir, mein Wille!
+Und nur wo Gräber sind, giebt es Auferstehungen.—
+
+Also sang Zarathustra.—
+
+
+Von der Selbst-Überwindung
+
+„Wille zur Wahrheit“ heisst ihr’s, ihr Weisesten, was euch treibt und
+brünstig macht?
+
+Wille zur Denkbarkeit alles Seienden: also heisse _ich_ euren Willen!
+
+Alles Seiende wollt ihr erst denkbar _machen_: denn ihr zweifelt mit
+gutem Misstrauen, ob es schon denkbar ist.
+
+Aber es soll sich euch fügen und biegen! So will’s euer Wille. Glatt
+soll es werden und dem Geiste unterthan, als sein Spiegel und
+Widerbild.
+
+Das ist euer ganzer Wille, ihr Weisesten, als ein Wille zur Macht; und
+auch wenn ihr vom Guten und Bösen redet und von den Werthschätzungen.
+Schaffen wollt ihr noch die Welt, vor der ihr knien könnt: so ist es
+eure letzte Hoffnung und Trunkenheit.
+
+Die Unweisen freilich, das Volk,—die sind gleich dem Flusse, auf dem
+ein Nachen weiter schwimmt: und im Nachen sitzen feierlich und vermummt
+die Werthschätzungen.
+
+Euren Willen und eure Werthe setztet ihr auf den Fluss des Werdens;
+einen alten Willen zur Macht verräth mir, was vom Volke als gut und
+böse geglaubt wird.
+
+Ihr wart es, ihr Weisesten, die solche Gäste in diesen Nachen setzten
+und ihnen Prunk und stolze Namen gaben,—ihr und euer herrschender
+Wille!
+
+Weiter trägt nun der Fluss euren Nachen: er _muss_ ihn tragen. Wenig
+thut’s, ob die gebrochene Welle schäumt und zornig dem Kiele
+widerspricht!
+
+Nicht der Fluss ist eure Gefahr und das Ende eures Guten und Bösen, ihr
+Weisesten: sondern jener Wille selber, der Wille zur Macht,—der
+unerschöpfte zeugende Lebens-Wille.
+
+Aber damit ihr mein Wort versteht vom Guten und Bösen: dazu will ich
+euch noch mein Wort vom Leben sagen und von der Art alles Lebendigen.
+
+Dem Lebendigen gieng ich nach, ich gieng die grössten und die kleinsten
+Wege, dass ich seine Art erkenne.
+
+Mit hundertfachem Spiegel fieng ich noch seinen Blick auf, wenn ihm der
+Mund geschlossen war: dass sein Auge mir rede. Und sein Auge redete
+mir.
+
+Aber, wo ich nur Lebendiges fand, da hörte ich auch die Rede vom
+Gehorsame. Alles Lebendige ist ein Gehorchendes.
+
+Und diess ist das Zweite: Dem wird befohlen, der sich nicht selber
+gehorchen kann. So ist es des Lebendigen Art.
+
+Diess aber ist das Dritte, was ich hörte: dass Befehlen schwerer ist,
+als Gehorchen. Und nicht nur, dass der Befehlende die Last aller
+Gehorchenden trägt, und dass leicht ihn diese Last zerdrückt:—
+
+Ein Versuch und Wagniss erschien mir in allem Befehlen; und stets, wenn
+es befiehlt, wagt das Lebendige sich selber dran.
+
+Ja noch, wenn es sich selber befiehlt: auch da noch muss es sein
+Befehlen büssen. Seinem eignen Gesetze muss es Richter und Rächer und
+Opfer werden.
+
+Wie geschieht diess doch! so fragte ich mich. Was überredet das
+Lebendige, dass es gehorcht und befiehlt und befehlend noch Gehorsam
+übt?
+
+Hört mir nun mein Wort, ihr Weisesten! Prüft es ernstlich, ob ich dem
+Leben selber in’s Herz kroch und bis in die Wurzeln seines Herzens!
+
+Wo ich Lebendiges fand, da fand ich Willen zur Macht; und noch im
+Willen des Dienenden fand ich den Willen, Herr zu sein.
+
+Dass dem Stärkeren diene das Schwächere, dazu überredet es sein Wille,
+der über noch Schwächeres Herr sein will: dieser Lust allein mag es
+nicht entrathen.
+
+Und wie das Kleinere sich dem Grösseren hingiebt, dass es Lust und
+Macht am Kleinsten habe: also giebt sich auch das Grösste noch hin und
+setzt um der Macht willen—das Leben dran.
+
+Das ist die Hingebung des Grössten, dass es Wagniss ist und Gefahr und
+um den Tod ein Würfelspielen.
+
+Und wo Opferung und Dienste und Liebesblicke sind: auch da ist Wille,
+Herr zu sein. Auf Schleichwegen schleicht sich da der Schwächere in die
+Burg und bis in’s Herz dem Mächtigeren—und stiehlt da Macht.
+
+Und diess Geheimniss redete das Leben selber zu mir. Siehe, sprach es,
+ich bin das, was sich immer selber überwinden muss.
+
+„Freilich, ihr heisst es Wille zur Zeugung oder Trieb zum Zwecke, zum
+Höheren, Ferneren, Vielfacheren: aber all diess ist Eins und Ein
+Geheimniss.
+
+Lieber noch gehe ich unter, als dass ich diesem Einen absagte; und
+wahrlich, wo es Untergang giebt und Blätterfallen, siehe, da opfert
+sich Leben—um Macht!
+
+Dass ich Kampf sein muss und Werden und Zweck und der Zwecke
+Widerspruch: ach, wer meinen Willen erräth, erräth wohl auch, auf
+welchen _krummen_ Wegen er gehen muss!
+
+Was ich auch schaffe und wie ich’s auch liebe,—bald muss ich Gegner ihm
+sein und meiner Liebe: so will es mein Wille.
+
+Und auch du, Erkennender, bist nur ein Pfad und Fusstapfen meines
+Willens: wahrlich, mein Wille zur Macht wandelt auch auf den Füssen
+deines Willens zur Wahrheit!
+
+Der traf freilich die Wahrheit nicht, der das Wort nach ihr schoss vom
+„Willen zum Dasein“: diesen Willen—giebt es nicht!
+
+Denn: was nicht ist, das kann nicht wollen; was aber im Dasein ist, wie
+könnte das noch zum Dasein wollen!
+
+Nur, wo Leben ist, da ist auch Wille: aber nicht Wille zum Leben,
+sondern—so lehre ich’s dich—Wille zur Macht!
+
+Vieles ist dem Lebenden höher geschätzt, als Leben selber; doch aus dem
+Schätzen selber heraus redet—der Wille zur Macht!“—
+
+Also lehrte mich einst das Leben: und daraus löse ich euch, ihr
+Weisesten, noch das Räthsel eures Herzens.
+
+Wahrlich, ich sage euch: Gutes und Böses, das unvergänglich wäre—das
+giebt es nicht! Aus sich selber muss es sich immer wieder überwinden.
+
+Mit euren Werthen und Worten von Gut und Böse übt ihr Gewalt, ihr
+Werthschätzenden: und diess ist eure verborgene Liebe und eurer Seele
+Glänzen, Zittern und Überwallen.
+
+Aber eine stärkere Gewalt wächst aus euren Werthen und eine neue
+Überwindung: an der zerbricht Ei und Eierschale.
+
+Und wer ein Schöpfer sein muss im Guten und Bösen: wahrlich, der muss
+ein Vernichter erst sein und Werthe zerbrechen.
+
+Also gehört das höchste Böse zur höchsten Güte: diese aber ist die
+schöpferische.—
+
+Reden wir nur davon, ihr Weisesten, ob es gleich schlimm ist. Schweigen
+ist schlimmer; alle verschwiegenere Wahrheiten werden giftig.
+
+Und mag doch Alles zerbrechen, was an unseren Wahrheiten
+zerbrechen—kann! Manches Haus giebt es noch zu bauen!
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+Von den Erhabenen
+
+Still ist der Grund meines Meeres: wer erriethe wohl, dass er
+scherzhafte Ungeheuer birgt!
+
+Unerschütterlich ist meine Tiefe: aber sie glänzt von schwimmenden
+Räthseln und Gelächtern.
+
+Einen Erhabenen sah ich heute, einen Feierlichen, einen Büsser des
+Geistes: oh wie lachte meine Seele ob seiner Hässlichkeit!
+
+Mit erhobener Brust und Denen gleich, welche den Athem an sich ziehn:
+also stand er da, der Erhabene, und schweigsam:
+
+Behängt mit hässlichen Wahrheiten, seiner Jagdbeute, und reich an
+zerrissenen Kleidern; auch viele Dornen hiengen an ihm—aber noch sah
+ich keine Rose.
+
+Noch lernte er das Lachen nicht und die Schönheit. Finster kam dieser
+Jäger zurück aus dem Walde der Erkenntniss.
+
+Vom Kampfe kehrte er heim mit wilden Thieren: aber aus seinem Ernste
+blickt auch noch ein wildes Thier—ein unüberwundenes!
+
+Wie ein Tiger steht er immer noch da, der springen will; aber ich mag
+diese gespannten Seelen nicht, unhold ist mein Geschmack allen diesen
+Zurückgezognen.
+
+Und ihr sagt mir, Freunde, dass nicht zu streiten sei über Geschmack
+und Schmecken? Aber alles Leben ist Streit um Geschmack und Schmecken!
+
+Geschmack: das ist Gewicht zugleich und Wagschale und Wägender; und
+wehe allem Lebendigen, das ohne Streit um Gewicht und Wagschale und
+Wägende leben wollte!
+
+Wenn er seiner Erhabenheit müde würde, dieser Erhabene: dann erst würde
+seine Schönheit anheben,—und dann erst will ich ihn schmecken und
+schmackhaft finden.
+
+Und erst, wenn er sich von sich selber abwendet, wird er über seinen
+eignen Schatten springen—und, wahrlich! hinein in _seine_ Sonne.
+
+Allzulange sass er im Schatten, die Wangen bleichten dem Büsser des
+Geistes; fast verhungerte er an seinen Erwartungen.
+
+Verachtung ist noch in seinem Auge; und Ekel birgt sich an seinem
+Munde. Zwar ruht er jetzt, aber seine Ruhe hat sich noch nicht in die
+Sonne gelegt.
+
+Dem Stiere gleich sollte er thun; und sein Glück sollte nach Erde
+riechen und nicht nach Verachtung der Erde.
+
+Als weissen Stier möchte ich ihn sehn, wie er schnaubend und brüllend
+der Pflugschar vorangeht: und sein Gebrüll sollte noch alles Irdische
+preisen!
+
+Dunkel noch ist sein Antlitz; der Hand Schatten spielt auf ihm.
+Verschattet ist noch der Sinn seines Auges.
+
+Seine That selber ist noch der Schatten auf ihm: die Hand verdunkelt
+den Handelnden. Noch hat er seine That nicht überwunden.
+
+Wohl liebe ich an ihm den Nacken des Stiers: aber nun will ich auch
+noch das Auge des Engels sehn.
+
+Auch seinen Helden-Willen muss er noch verlernen: ein Gehobener soll er
+mir sein und nicht nur ein Erhabener:—der Äther selber sollte ihn
+heben, den Willenlosen!
+
+Er bezwang Unthiere, er löste Räthsel: aber erlösen sollte er auch noch
+seine Unthiere und Räthsel, zu himmlischen Kindern sollte er sie noch
+verwandeln.
+
+Noch hat seine Erkenntniss nicht lächeln gelernt und ohne Eifersucht
+sein; noch ist seine strömende Leidenschaft nicht stille geworden in
+der Schönheit.
+
+Wahrlich, nicht in der Sattheit soll sein Verlangen schweigen und
+untertauchen, sondern in der Schönheit! Die Anmuth gehört zur Grossmuth
+des Grossgesinnten.
+
+Den Arm über das Haupt gelegt: so sollte der Held ausruhn, so sollte er
+auch noch sein Ausruhen überwinden.
+
+Aber gerade dem Helden ist das _Schöne_ aller Dinge Schwerstes.
+Unerringbar ist das Schöne allem heftigen Willen.
+
+Ein Wenig mehr, ein Wenig weniger: das gerade ist hier Viel, das ist
+hier das Meiste.
+
+Mit lässigen Muskeln stehn und mit abgeschirrtem Willen: das ist das
+Schwerste euch Allen, ihr Erhabenen!
+
+Wenn die Macht gnädig wird und herabkommt in’s Sichtbare: Schönheit
+heisse ich solches Herabkommen.
+
+Und von Niemandem will ich so als von dir gerade Schönheit, du
+Gewaltiger: deine Güte sei deine letzte Selbst- Überwältigung.
+
+Alles Böse traue ich dir zu: darum will ich von dir das Gute.
+
+Wahrlich, ich lachte oft der Schwächlinge, welche sich gut glauben,
+weil sie lahme Tatzen haben!
+
+Der Säule Tugend sollst du nachstreben: schöner wird sie immer und
+zarter, aber inwendig härter und tragsamer, je mehr sie aufsteigt.
+
+Ja, du Erhabener, einst sollst du noch schön sein und deiner eignen
+Schönheit den Spiegel vorhalten.
+
+Dann wird deine Seele vor göttlichen Begierden schaudern; und Anbetung
+wird noch in deiner Eitelkeit sein!
+
+Diess nämlich ist das Geheimniss der Seele: erst, wenn sie der Held
+verlassen hat, naht ihr, im Traume,—der Über-Held.
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+Vom Lande der Bildung
+
+Zu weit hinein flog ich in die Zukunft: ein Grauen überfiel mich.
+
+Und als ich um mich sah, siehe! da war die Zeit mein einziger
+Zeitgenosse.
+
+Da floh ich rückwärts, heimwärts—und immer eilender: so kam ich zu
+euch, ihr Gegenwärtigen, und in’s Land der Bildung.
+
+Zum ersten Male brachte ich ein Auge mit für euch, und gute Begierde:
+wahrlich, mit Sehnsucht im Herzen kam ich.
+
+Aber wie geschah mir? So angst mir auch war,—ich musste lachen! Nie sah
+mein Auge etwas so Buntgesprenkeltes!
+
+Ich lachte und lachte, während der Fuss mir noch zitterte und das Herz
+dazu: „hier ist ja die Heimat aller Farbentöpfe!“—sagte ich.
+
+Mit fünfzig Klexen bemalt an Gesicht und Gliedern: so sasset ihr da zu
+meinem Staunen, ihr Gegenwärtigen!
+
+Und mit fünfzig Spiegeln um euch, die eurem Farbenspiele schmeichelten
+und nachredeten!
+
+Wahrlich, ihr könntet gar keine bessere Maske tragen, ihr
+Gegenwärtigen, als euer eignes Gesicht ist! Wer könnte euch—_erkennen_!
+
+Vollgeschrieben mit den Zeichen der Vergangenheit, und auch diese
+Zeichen überpinselt mit neuen Zeichen: also habt ihr euch gut versteckt
+vor allen Zeichendeutern!
+
+Und wenn man auch Nierenprüfer ist: wer glaubt wohl noch, dass ihr
+Nieren habt! Aus Farben scheint ihr gebacken und aus geleimten Zetteln.
+
+Alle Zeiten und Völker blicken bunt aus euren Schleiern; alle Sitten
+und Glauben reden bunt aus euren Gebärden.
+
+Wer von euch Schleier und Überwürfe und Farben und Gebärden abzöge:
+gerade genug würde er übrig behalten, um die Vögel damit zu
+erschrecken.
+
+Wahrlich, ich selber bin der erschreckte Vogel, der euch einmal nackt
+sah und ohne Farbe; und ich flog davon, als das Gerippe mir Liebe
+zuwinkte.
+
+Lieber wollte ich doch noch Tagelöhner sein in der Unterwelt und bei
+den Schatten des Ehemals!—feister und voller als ihr sind ja noch die
+Unterweltlichen!
+
+Diess, ja diess ist Bitterniss meinen Gedärmen, dass ich euch weder
+nackt, noch bekleidet aushalte, ihr Gegenwärtigen!
+
+Alles Unheimliche der Zukunft, und was je verflogenen Vögeln Schauder
+machte, ist wahrlich heimlicher noch und traulicher als eure
+„Wirklichkeit“.
+
+Denn so sprecht ihr: „Wirkliche sind wir ganz, und ohne Glauben und
+Aberglauben“ : also brüstet ihr euch—ach, auch noch ohne Brüste!
+
+Ja, wie solltet ihr glauben _können_, ihr Buntgesprenkelten!—die ihr
+Gemälde seid von Allem, was je geglaubt wurde!
+
+Wandelnde Widerlegungen seid ihr des Glaubens selber, und aller
+Gedanken Gliederbrechen. _Unglaubwürdige_: also heisse _ich_ euch, ihr
+Wirklichen!
+
+Alle Zeiten schwätzen wider einander in euren Geistern; und aller
+Zeiten Träume und Geschwätz waren wirklicher noch als euer Wachsein
+ist!
+
+Unfruchtbare seid ihr: _darum_ fehlt es euch an Glauben. Aber wer
+schaffen musste, der hatte auch immer seine Wahr-Träume und
+Stern-Zeichen—und glaubte an Glauben!—
+
+Halboffne Thore seid ihr, an denen Todtengräber warten. Und das ist
+_eure_ Wirklichkeit: „Alles ist werth, dass es zu Grunde geht.“
+
+Ach, wie ihr mir dasteht, ihr Unfruchtbaren, wie mager in den Rippen!
+Und Mancher von euch hatte wohl dessen selber ein Einsehen.
+
+Und er sprach: „es hat wohl da ein Gott, als ich schlief, mir heimlich
+Etwas entwendet? Wahrlich, genug, sich ein Weibchen daraus zu bilden!
+
+Wundersam ist die Armuth meiner Rippen!“ also sprach schon mancher
+Gegenwärtige.
+
+Ja, zum Lachen seid ihr mir, ihr Gegenwärtigen! Und sonderlich, wenn
+ihr euch über euch selber wundert!
+
+Und wehe mir, wenn ich nicht lachen könnte über eure Verwunderung, und
+alles Widrige aus euren Näpfen hinunter trinken müsste!
+
+So aber will ich’s mit euch leichter nehmen, da ich _Schweres_ zu
+tragen habe; und was thut’s mir, wenn sich Käfer und Flügelwürmer noch
+auf mein Bündel setzen!
+
+Wahrlich, es soll mir darob nicht schwerer werden! Und nicht aus euch,
+ihr Gegenwärtigen, soll mir die grosse Müdigkeit kommen.—Ach, wohin
+soll ich nun noch steigen mit meiner Sehnsucht! Von allen Bergen schaue
+ich aus nach Vater- und Mutterländern.
+
+Aber Heimat fand ich nirgends: unstät bin ich in allen Städten und ein
+Aufbruch an allen Thoren.
+
+Fremd sind mir und ein Spott die Gegenwärtigen, zu denen mich jüngst
+das Herz trieb; und vertrieben bin ich aus Vater- und Mutterländern.
+
+So liebe ich allein noch meiner _Kinder Land_, das unentdeckte, im
+fernsten Meere: nach ihm heisse ich meine Segel suchen und suchen.
+
+An meinen Kindern will ich es gut machen, dass ich meiner Väter Kind
+bin: und an aller Zukunft—_diese_ Gegenwart!
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+Von der unbefleckten Erkenntniss
+
+Als gestern der Mond aufgieng, wähnte ich, dass er eine Sonne gebären
+wolle: so breit und trächtig lag er am Horizonte.
+
+Aber ein Lügner war er mir mit seiner Schwangerschaft; und eher noch
+will ich an den Mann im Monde glauben als an das Weib.
+
+Freilich, wenig Mann ist er auch, dieser schüchterne Nachtschwärmer.
+Wahrlich, mit schlechtem Gewissen wandelt er über die Dächer.
+
+Denn er ist lüstern und eifersüchtig, der Mönch im Monde, lüstern nach
+der Erde und nach allen Freuden der Liebenden.
+
+Nein, ich mag ihn nicht, diesen Kater auf den Dächern! Widerlich sind
+mir Alle, die um halbverschlossne Fenster schleichen!
+
+Fromm und schweigsam wandelt er hin auf Sternen-Teppichen:—aber ich mag
+alle leisetretenden Mannsfüsse nicht, an denen auch nicht ein Sporen
+klirrt.
+
+Jedes Redlichen Schritt redet; die Katze aber stiehlt sich über den
+Boden weg. Siehe, katzenhaft kommt der Mond daher und unredlich.—
+
+Dieses Gleichniss gebe ich euch empfindsamen Heuchlern, euch, den
+„Rein-Erkennenden!“ Euch heisse _ich_—Lüsterne!
+
+Auch ihr liebt die Erde und das Irdische: ich errieth euch wohl!—aber
+Scham ist in eurer Liebe und schlechtes Gewissen,—dem Monde gleicht
+ihr!
+
+Zur Verachtung des Irdischen hat man euren Geist überredet, aber nicht
+eure Eingeweide: _die_ aber sind das Stärkste an euch!
+
+Und nun schämt sich euer Geist, dass er euren Eingeweiden zu willen ist
+und geht vor seiner eignen Scham Schleich- und Lügenwege.
+
+„Das wäre mir das Höchste—also redet euer verlogner Geist zu sich—auf
+das Leben ohne Begierde zu schaun und nicht gleich dem Hunde mit
+hängender Zunge:
+
+Glücklich zu sein im Schauen, mit erstorbenem Willen, ohne Griff und
+Gier der Selbstsucht—kalt und aschgrau am ganzen Leibe, aber mit
+trunkenen Mondesaugen!“
+
+„Das wäre mir das Liebste,—also verführt sich selber der Verführte—die
+Erde zu lieben, wie der Mond sie liebt, und nur mit dem Auge allein
+ihre Schönheit zu betasten.
+
+Und das heisse mir aller Dinge _unbefleckte_ Erkenntniss, dass ich von
+den Dingen Nichts will: ausser dass ich vor ihnen da liegen darf wie
+ein Spiegel mit hundert Augen.“—
+
+Oh, ihr empfindsamen Heuchler, ihr Lüsternen! Euch fehlt die Unschuld
+in der Begierde: und nun verleumdet ihr drum das Begehren!
+
+Wahrlich, nicht als Schaffende, Zeugende, Werdelustige liebt ihr die
+Erde!
+
+Wo ist Unschuld? Wo der Wille zur Zeugung ist. Und wer über sich hinaus
+schaffen will, der hat mir den reinsten Willen.
+
+Wo ist Schönheit? Wo ich mit allem Willen _wollen muss_; wo ich lieben
+und untergehn will, dass ein Bild nicht nur Bild bleibe.
+
+Lieben und Untergehn: das reimt sich seit Ewigkeiten. Wille zur Liebe:
+das ist, willig auch sein zum Tode. Also rede ich zu euch Feiglingen!
+
+Aber nun will euer entmanntes Schielen „Beschaulichkeit“ heissen! Und
+was mit feigen Augen sich tasten lässt, soll „schön“ getauft werden!
+oh, ihr Beschmutzer edler Namen!
+
+Aber das soll euer Fluch sein, ihr Unbefleckten, ihr Rein-Erkennenden,
+dass ihr nie gebären werdet: und wenn ihr auch breit und trächtig am
+Horizonte liegt!
+
+Wahrlich, ihr nehmt den Mund voll mit edlen Worten: und wir sollen
+glauben, dass euch das Herz übergehe, ihr Lügenbolde?
+
+Aber in _eine_ Worte sind geringe, verachtete, krumme Worte: gerne
+nehme ich auf, was bei eurer Mahlzeit unter den Tisch fällt.
+
+Immer noch kann ich mit ihnen—Heuchlern die Wahrheit sagen! ja, meine
+Gräten, Muscheln und Stachelblätter sollen—Heuchlern die Nasen kitzeln!
+
+Schlechte Luft ist immer um euch und eure Mahlzeiten: eure lüsternen
+Gedanken, eure Lügen und Heimlichkeiten sind ja in der Luft!
+
+Wagt es doch erst, euch selber zu glauben—euch und euren Eingeweiden!
+Wer sich selber nicht glaubt, lügt immer.
+
+Eines Gottes Larve hängtet ihr um vor euch selber, ihr „Reinen“ : in
+eines Gottes Larve verkroch sich euer greulicher Ringelwurm.
+
+Wahrlich, ihr täuscht, ihr „Beschaulichen“ ! Auch Zarathustra war einst
+der Narr eurer göttlichen Häute; nicht errieth er das
+Schlangengeringel, mit denen sie gestopft waren.
+
+Eines Gottes Seele wähnte ich einst spielen zu sehn in euren Spielen,
+ihr Rein-Erkennenden! Keine bessere Kunst wähnte ich einst als eure
+Künste!
+
+Schlangen-Unflath und schlimmen Geruch verhehlte mir die Ferne: und
+dass einer Eidechse List lüstern hier herumschlich.
+
+Aber ich kam euch _nah_: da kam mir der Tag—und nun kommt er euch,—zu
+Ende gieng des Mondes Liebschaft!
+
+Seht doch hin! Ertappt und bleich steht er da—vor der Morgenröthe!
+
+Denn schon kommt sie, die Glühende,—_ihre_ Liebe zur Erde kommt!
+Unschuld und Schöpfer-Begier ist alle Sonnen-Liebe!
+
+Seht doch hin, wie sie ungeduldig über das Meer kommt! Fühlt ihr den
+Durst und den heissen Athem ihrer Liebe nicht?
+
+Am Meere will sie saugen und seine Tiefe zu sich in die Höhe trinken:
+da hebt sich die Begierde des Meeres mit tausend Brüsten.
+
+Geküsst und gesaugt _will_ es sein vom Durste der Sonne; Luft _will_ es
+werden und Höhe und Fusspfad des Lichts und selber Licht!
+
+Wahrlich, der Sonne gleich liebe ich das Leben und alle tiefen Meere.
+
+Und diess heisst _mir_ Erkenntniss: alles Tiefe soll hinauf—zu meiner
+Höhe!
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+Von den Gelehrten
+
+Als ich im Schlafe lag, da frass ein Schaf am Epheukranze meines
+Hauptes,—frass und sprach dazu: „Zarathustra ist kein Gelehrter mehr.“
+
+Sprach’s und gieng stotzig davon und stolz. Ein Kind erzählte mir’s.
+
+Gerne liege ich hier, wo die Kinder spielen, an der zerbrochnen Mauer,
+unter Disteln und rothen Mohnblumen.
+
+Ein Gelehrter bin ich den Kindern noch und auch den Disteln und rothen
+Mohnblumen. Unschuldig sind sie, selbst noch in ihrer Bosheit.
+
+Aber den Schafen bin ich’s nicht mehr: so will es mein Loos—gesegnet
+sei es!
+
+Denn diess ist die Wahrheit: ausgezogen bin ich aus dem Hause der
+Gelehrten: und die Thür habe ich noch hinter mir zugeworfen.
+
+Zu lange sass meine Seele hungrig an ihrem Tische; nicht, gleich ihnen,
+bin ich auf das Erkennen abgerichtet wie auf das Nüsseknacken.
+
+Freiheit liebe ich und die Luft über frischer Erde; lieber noch will
+ich auf Ochsenhäuten schlafen, als auf ihren Würden und Achtbarkeiten.
+
+Ich bin zu heiss und verbrannt von eigenen Gedanken: oft will es mir
+den Athem nehmen. Da muss ich in’s Freie und weg aus allen verstaubten
+Stuben.
+
+Aber sie sitzen kühl in kühlem Schatten: sie wollen in Allem nur
+Zuschauer sein und hüten sich dort zu sitzen, wo die Sonne auf die
+Stufen brennt.
+
+Gleich Solchen, die auf der Strasse stehn und die Leute angaffen,
+welche vorübergehn: also warten sie auch und gaffen Gedanken an, die
+Andre gedacht haben.
+
+Greift man sie mit Händen, so stäuben sie um sich gleich Mehlsäcken,
+und unfreiwillig. aber wer erriethe wohl, dass ihr Staub vom Korne
+stammt und von der gelben Wonne der Sommerfelder?
+
+Geben sie sich weise, so fröstelt mich ihrer kleinen Sprüche und
+Wahrheiten: ein Geruch ist oft an ihrer Weisheit, als ob sie aus dem
+Sumpfe stamme: und wahrlich, ich hörte auch schon den Frosch aus ihr
+quaken!
+
+Geschickt sind sie, sie haben kluge Finger: was will _meine_ Einfalt
+bei ihrer Vielfalt! Alles Fädeln und Knüpfen und Weben verstehn ihre
+Finger: also wirken sie die Strümpfe des Geistes!
+
+Gute Uhrwerke sind sie: nur sorge man, sie richtig aufzuziehn! Dann
+zeigen sie ohne Falsch die Stunde an und machen einen bescheidnen Lärm
+dabei.
+
+Gleich Mühlwerken arbeiten sie und Stampfen: man werfe ihnen nur seine
+Fruchtkörner zu!—sie wissen schon, Korn klein zu mahlen und weissen
+Staub daraus zu machen.
+
+Sie sehen einander gut auf die Finger und trauen sich nicht zum Besten.
+Erfinderisch in kleinen Schlauheiten warten sie auf Solche, deren
+Wissen auf lahmen Füssen geht,—gleich Spinnen warten sie.
+
+Ich sah sie immer mit Vorsicht Gift bereiten; und immer zogen sie
+gläserne Handschuhe dabei an ihre Finger.
+
+Auch mit falschen Würfeln wissen sie zu spielen; und so eifrig fand ich
+sie spielen, dass sie dabei schwitzten.
+
+Wir sind einander fremd, und ihre Tugenden gehn mir noch mehr wider den
+Geschmack, als ihre Falschheiten und falschen Würfel.
+
+Und als ich bei ihnen wohnte, da wohnte ich über ihnen. Darüber wurden
+sie mir gram.
+
+Sie wollen Nichts davon hören, dass Einer über ihren Köpfen wandelt;
+und so legten sie Holz und Erde und Unrath zwischen mich und ihre
+Köpfe.
+
+Also dämpften sie den Schall meiner Schritte: und am schlechtesten
+wurde ich bisher von den Gelehrtesten gehört.
+
+Aller Menschen Fehl und Schwäche legten sie zwischen sich und
+mich:—„Fehlboden“ heissen sie das in ihren Häusern.
+
+Aber trotzdem wandele ich mit meinen Gedanken _über_ ihren Köpfen; und
+selbst, wenn ich auf meinen eignen Fehlern wandeln wollte, würde ich
+noch über ihnen sein und ihren Köpfen.
+
+Denn die Menschen sind _nicht_ gleich: so spricht die Gerechtigkeit.
+Und was ich will, dürften _sie_ nicht wollen!
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+Von den Dichtern
+
+„Seit ich den Leib besser kenne,—sagte Zarathustra zu einem seiner
+Jünger—ist mir der Geist nur noch gleichsam Geist; und alles das
+„Unvergängliche“—das ist auch nur ein Gleichniss.“
+
+„So hörte ich dich schon einmal sagen, antwortete der Jünger; und
+damals fügtest du hinzu: „aber die Dichter lügen zuviel.“ Warum sagtest
+du doch, dass die Dichter zuviel lügen?“
+
+„Warum? sagte Zarathustra. Du fragst warum? Ich gehöre nicht zu Denen,
+welche man nach ihrem Warum fragen darf.
+
+Ist denn mein Erleben von Gestern? Das ist lange her, dass ich die
+Gründe meiner Meinungen erlebte.
+
+Müsste ich nicht ein Fass sein von Gedächtniss, wenn ich auch meine
+Gründe bei mir haben wollte?
+
+Schon zuviel ist mir’s, meine Meinungen selber zu behalten; und mancher
+Vogel fliegt davon.
+
+Und mitunter finde ich auch ein zugezogenes Thier in meinem
+Taubenschlage, das mir fremd ist, und das zittert, wenn ich meine Hand
+darauf lege.
+
+Doch was sagte dir einst Zarathustra? Dass die Dichter zuviel
+lügen?—Aber auch Zarathustra ist ein Dichter.
+
+Glaubst du nun, dass er hier die Wahrheit redete? Warum glaubst du
+das?“
+
+Der Jünger antwortete: „ich glaube an Zarathustra.“ Aber Zarathustra
+schüttelte den Kopf und lächelte.
+
+Der Glaube macht mich nicht selig, sagte er, zumal nicht der Glaube an
+mich.
+
+Aber gesetzt, dass jemand allen Ernstes sagte, die Dichter lügen
+zuviel: so hat er Recht,—_wir_ lügen zuviel.
+
+Wir wissen auch zu wenig und sind schlechte Lerner: so müssen wir schon
+lügen.
+
+Und wer von uns Dichtern hätte nicht seinen Wein verfälscht? Manch
+giftiger Mischmasch geschah in unsern Kellern, manches Unbeschreibliche
+ward da gethan.
+
+Und weil wir wenig wissen, so gefallen uns von Herzen die geistig
+Armen, sonderlich wenn es junge Weibchen sind!
+
+Und selbst nach den Dingen sind wir noch begehrlich, die sich die alten
+Weibchen Abends erzählen. Das heissen wir selber an uns das
+Ewig-Weibliche.
+
+Und als ob es einen besondren geheimen Zugang zum Wissen gäbe, der sich
+Denen _verschütte_, welche Etwas lernen: so glauben wir an das Volk und
+seine „Weisheit“.
+
+Das aber glauben alle Dichter: dass wer im Grase oder an einsamen
+Gehängen liegend die Ohren spitze, Etwas von den Dingen erfahre, die
+zwischen Himmel und Erde sind.
+
+Und kommen ihnen zärtliche Regungen, so meinen die Dichter immer, die
+Natur selber sei in sie verliebt:
+
+Und sie schleiche zu ihrem Ohre, Heimliches hinein zu sagen und
+verliebte Schmeichelreden: dessen brüsten und blähen sie sich vor allen
+Sterblichen!
+
+Ach, es giebt so viel Dinge zwischen Himmel und Erden, von denen sich
+nur die Dichter Etwas haben träumen lassen!
+
+Und zumal _über_ dem Himmel: denn alle Götter sind Dichter-Gleichniss,
+Dichter-Erschleichniss!
+
+Wahrlich, immer zieht es uns hinan—nämlich zum Reich der Wolken: auf
+diese setzen wir unsre bunten Bälge und heissen sie dann Götter und
+Übermenschen:—
+
+Sind sie doch gerade leicht genug für diese Stühle!—alle diese Götter
+und Übermenschen.
+
+Ach, wie bin ich all des Unzulänglichen müde, das durchaus Ereigniss
+sein soll! Ach, wie bin ich der Dichter müde!
+
+Als Zarathustra so sprach, zürnte ihm sein Jünger, aber er schwieg. Und
+auch Zarathustra schwieg; und sein Auge hatte sich nach innen gekehrt,
+gleich als ob es in weite Fernen sähe. Endlich seufzte er und holte
+Athem.
+
+Ich bin von Heute und Ehedem, sagte er dann; aber Etwas ist in mir, das
+ist von Morgen und übermorgen und Einstmals.
+
+Ich wurde der Dichter müde, der alten und der neuen: Oberflächliche
+sind sie mir Alle und seichte Meere.
+
+Sie dachten nicht genug in die Tiefe: darum sank ihr Gefühl nicht bis
+zu den Gründen.
+
+Etwas Wollust und etwas Langeweile: das ist noch ihr bestes Nachdenken
+gewesen.
+
+Gespenster-Hauch und -Huschen gilt mir all ihr Harfen-Klingklang; was
+wussten sie bisher von der Inbrunst der Töne!—
+
+Sie sind mir auch nicht reinlich genug: sie trüben Alle ihr Gewässer,
+dass es tief scheine.
+
+Und gerne geben sie sich damit als Versöhner: aber Mittler und Mischer
+bleiben sie mir und Halb-und-Halbe und Unreinliche!—
+
+Ach, ich warf wohl mein Netz in ihre Meere und wollte gute Fische
+fangen; aber immer zog ich eines alten Gottes Kopf herauf.
+
+So gab dem Hungrigen das Meer einen Stein. Und sie selber mögen wohl
+aus dem Meere stammen.
+
+Gewiss, man findet Perlen in ihnen: um so ähnlicher sind sie selber
+harten Schalthieren. Und statt der Seele fand ich oft bei ihnen
+gesalzenen Schleim.
+
+Sie lernten vom Meere auch noch seine Eitelkeit: ist nicht das Meer der
+Pfau der Pfauen?
+
+Noch vor dem hässlichsten aller Büffel rollt es seinen Schweif hin,
+nimmer wird es seines Spitzenfächers von Silber und Seide müde.
+
+Trutzig blickt der Büffel dazu, dem Sande nahe in seiner Seele, näher
+noch dem Dickicht, am nächsten aber dem Sumpfe.
+
+Was ist ihm Schönheit und Meer und Pfauen-Zierath! Dieses Gleichniss
+sage ich den Dichtern.
+
+Wahrlich, ihr Geist selber ist der Pfau der Pfauen und ein Meer von
+Eitelkeit!
+
+Zuschauer will der Geist des Dichters: sollten’s auch Büffel sein!—
+
+Aber dieses Geistes wurde ich müde: und ich sehe kommen, dass er seiner
+selber müde wird.
+
+Verwandelt sah ich schon die Dichter und gegen sich selber den Blick
+gerichtet.
+
+Büsser des Geistes sah ich kommen: die wuchsen aus ihnen.
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+Von grossen Ereignissen
+
+Es giebt eine Insel im Meere—unweit den glückseligen Inseln
+Zarathustra’s—auf welcher beständig ein Feuerberg raucht; von der sagt
+das Volk, und sonderlich sagen es die alten Weibchen aus dem Volke,
+dass sie wie ein Felsblock vor das Thor der Unterwelt gestellt sei:
+durch den Feuerberg selber aber führe der schmale Weg abwärts, der zu
+diesem Thore der Unterwelt geleite.
+
+Um jene Zeit nun, als Zarathustra auf den glückseligen Inseln weilte,
+geschah es, dass ein Schiff an der Insel Anker warf, auf welcher der
+rauchende Berg steht; und seine Mannschaft gieng an’s Land, um
+Kaninchen zu schiessen. Gegen die Stunde des Mittags aber, da der
+Capitän und seine Leute wieder beisammen waren, sahen sie plötzlich
+durch die Luft einen Mann auf sich zukommen, und eine Stimme sagte
+deutlich: „es ist Zeit! Es ist die höchste Zeit!“ Wie die Gestalt ihnen
+aber am nächsten war—sie flog aber schnell gleich einem Schatten
+vorbei, in der Richtung, wo der Feuerberg lag—da erkannten sie mit
+grösster Bestürzung, dass es Zarathustra sei; denn sie hatten ihn Alle
+schon gesehn, ausgenommen der Capitän selber, und sie liebten ihn, wie
+das Volk liebt: also dass zu gleichen Theilen Liebe und Scheu beisammen
+sind.
+
+„Seht mir an! sagte der alte Steuermann, da fährt Zarathustra zur
+Hölle!“—
+
+Um die gleiche Zeit, als diese Schiffer an der Feuerinsel landeten,
+lief das Gerücht umher, dass Zarathustra verschwunden sei; und als man
+seine Freunde fragte, erzählten sie, er sei bei Nacht zu Schiff
+gegangen, ohne zu sagen, wohin er reisen wolle.
+
+Also entstand eine Unruhe; nach drei Tagen aber kam zu dieser Unruhe
+die Geschichte der Schiffsleute hinzu—und nun sagte alles Volk, dass
+der Teufel Zarathustra geholt habe. Seine jünger lachten zwar ob dieses
+Geredes; und einer von ihnen sagte sogar: „eher glaube ich noch, dass
+Zarathustra sich den Teufel geholt hat.“ Aber im Grunde der Seele waren
+sie Alle voll Besorgniss und Sehnsucht: so war ihre Freude gross, als
+am fünften Tage Zarathustra unter ihnen erschien.
+
+Und diess ist die Erzählung von Zarathustra’s Gespräch mit dem
+Feuerhunde.
+
+Die Erde, sagte er, hat eine Haut; und diese Haut hat Krankheiten. Eine
+dieser Krankheiten heisst zum Beispiel: „Mensch.“
+
+Und eine andere dieser Krankheiten heisst „Feuerhund“: über _den_ haben
+sich die Menschen Viel vorgelogen und vorlügen lassen.
+
+Diess Geheimniss zu ergründen gieng ich über das Meer: und ich habe die
+Wahrheit nackt gesehn, wahrlich! barfuss bis zum Halse.
+
+Was es mit dem Feuerhund auf sich hat, weiss ich nun; und insgleichen
+mit all den Auswurf- und Umsturz-Teufeln, vor denen sich nicht nur alte
+Weibchen fürchten.
+
+Heraus mit dir, Feuerhund, aus deiner Tiefe! rief ich, und bekenne, wie
+tief diese Tiefe ist! Woher ist das, was du da heraufschnaubst?
+
+Du trinkst reichlich am Meere: das verräth deine versalzte
+Beredsamkeit! Fürwahr, für einen Hund der Tiefe nimmst du deine Nahrung
+zu sehr von der Oberfläche!
+
+Höchstens für den Bauchredner der Erde halt’ ich dich: und immer, wenn
+ich Umsturz- und Auswurf-Teufel reden hörte, fand ich sie gleich dir:
+gesalzen, lügnerisch und flach.
+
+Ihr versteht zu brüllen und mit Asche zu verdunkeln! Ihr seid die
+besten Grossmäuler und lerntet sattsam die Kunst, Schlamm heiss zu
+sieden.
+
+Wo ihr seid, da muss stets Schlamm in der Nähe sein, und viel
+Schwammichtes, Höhlichtes, Eingezwängtes: das will in die Freiheit.
+
+„Freiheit“ brüllt ihr Alle am liebsten: aber ich verlernte den Glauben
+an „grosse Ereignisse,“ sobald viel Gebrüll und Rauch um sie herum ist.
+
+Und glaube mir nur, Freund Höllenlärm! Die grössten Ereignisse—das sind
+nicht unsre lautesten, sondern unsre stillsten Stunden.
+
+Nicht um die Erfinder von neuem Lärme: um die Erfinder von neuen
+Werthen dreht sich die Welt; _unhörbar_ dreht sie sich.
+
+Und gesteh es nur! Wenig war immer nur geschehn, wenn dein Lärm und
+Rauch sich verzog. Was liegt daran, dass eine Stadt zur Mumie wurde,
+und eine Bildsäule im Schlamme liegt!
+
+Und diess Wort sage ich noch den Umstürzern von Bildsäulen. Das ist
+wohl die grösste Thorheit, Salz in’s Meer und Bildsäulen in den Schlamm
+zu werfen.
+
+Im Schlamme eurer Verachtung lag die Bildsäule: aber das ist gerade ihr
+Gesetz, dass ihr aus der Verachtung wieder Leben und lebende Schönheit
+wächst!
+
+Mit göttlicheren Zügen steht sie nun auf und leidendverführerisch; und
+wahrlich! sie wird euch noch Dank sagen, dass ihr sie umstürztet, ihr
+Umstürzer!
+
+Diesen Rath aber rathe ich Königen und Kirchen und Allem, was alters-
+und tugendschwach ist—lasst euch nur umstürzen! Dass ihr wieder zum
+Leben kommt, und zu euch—die Tugend!—
+
+Also redete ich vor dem Feuerhunde: da unterbrach er mich mürrisch und
+fragte: „Kirche? Was ist denn das?“
+
+Kirche? antwortete ich, das ist eine Art von Staat, und zwar die
+verlogenste. Doch schweig still, du Heuchelhund! Du kennst deine Art
+wohl am besten schon!
+
+Gleich dir selber ist der Staat ein Heuchelhund; gleich dir redet er
+gern mit Rauch und Gebrülle,—dass er glauben mache, gleich dir, er rede
+aus dem Bauch der Dinge.
+
+Denn er will durchaus das wichtigste Thier auf Erden sein, der Staat;
+und man glaubt’s ihm auch.—
+
+Als ich das gesagt hatte, gebärdete sich der Feuerhund wie unsinnig vor
+Neid. „Wie? schrie er, das wichtigste Thier auf Erden? Und man glaubt’s
+ihm auch?“ Und so viel Dampf und grässliche Stimmen kamen ihm aus dem
+Schlunde, dass ich meinte, er werde vor Arger und Neid ersticken.
+
+Endlich wurde er stiller, und sein Keuchen liess nach; sobald er aber
+stille war, sagte ich lachend:
+
+„Du ärgerst dich, Feuerhund: also habe ich über dich Recht!
+
+Und dass ich auch noch Recht behalte, so höre von einem andern
+Feuerhunde: der spricht wirklich aus dem Herzen der Erde.
+
+Gold haucht sein Athem und goldigen Regen: so will’s das Herz ihm. Was
+ist ihm Asche und Rauch und heisser Schleim noch!
+
+Lachen flattert aus ihm wie ein buntes Gewölke; abgünstig ist er deinem
+Gurgeln und Speien und Grimmen der Ein- geweide!
+
+Das Gold aber und das Lachen—das nimmt er aus dem Herzen der Erde: denn
+dass du’s nur weisst,—das Herz der Erde ist von Gold.“
+
+Als diess der Feuerhund vernahm, hielt er’s nicht mehr aus, mir
+zuzuhören. Beschämt zog er seinen Schwanz ein, sagte auf eine
+kleinlaute Weise Wau! Wau! und kroch hinab in seine Höhle.—
+
+Also erzählte Zarathustra. Seine Jünger aber hörten ihm kaum zu: so
+gross war ihre Begierde, ihm von den Schiffsleuten, den Kaninchen und
+dem fliegenden Manne zu erzählen.
+
+„Was soll ich davon denken! sagte Zarathustra. Bin ich denn ein
+Gespenst?
+
+Aber es wird mein Schatten gewesen sein. Ihr hörtet wohl schon Einiges
+vom Wanderer und seinem Schatten?
+
+Sicher aber ist das: ich muss ihn kürzer halten,—er verdirbt mir sonst
+noch den Ruf.“
+
+Und nochmals schüttelte Zarathustra den Kopf und wunderte sich. „Was
+soll ich davon denken!“ sagte er nochmals.
+
+„Warum schrie denn das Gespenst: es ist Zeit! Es ist die höchste Zeit!
+
+_Wozu_ ist es denn—höchste Zeit?“—
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+Der Wahrsager
+
+„- und ich sahe eine grosse Traurigkeit über die Menschen kommen. Die
+Besten wurden ihrer Werke müde.
+
+Eine Lehre ergieng, ein Glauben lief neben ihr: „Alles ist leer, Alles
+ist gleich, Alles war!“
+
+Und von allen Hügeln klang es wieder: „Alles ist leer, Alles ist
+gleich, Alles war!“
+
+Wohl haben wir geerntet: aber warum wurden alle Früchte uns faul und
+braun? Was fiel vom bösen Monde bei der letzten Nacht hernieder?
+
+Umsonst war alle Arbeit, Gift ist unser Wein geworden, böser Blick
+sengte unsre Felder und Herzen gelb.
+
+Trocken wurden wir Alle; und fällt Feuer auf uns, so stäuben wir der
+Asche gleich:—ja das Feuer selber machten wir müde.
+
+Alle Brunnen versiegten uns, auch das Meer wich zurück. Aller Grund
+will reissen, aber die Tiefe will nicht schlingen!
+
+„Ach, wo ist noch ein Meer, in dem man ertrinken könnte“: so klingt
+unsre Klage - hinweg über flache Sümpfe.
+
+Wahrlich, zum Sterben wurden wir schon zu müde; nun wachen wir noch und
+leben fort—in Grabkammern!“—
+
+Also hörte Zarathustra einen Wahrsager reden; und seine Weissagung
+gieng ihm zu Herzen und verwandelte ihn. Traurig gieng er umher und
+müde; und er wurde Denen gleich, von welchen der Wahrsager geredet
+hatte.
+
+Wahrlich, so sagte er zu seinen Jüngern, es ist um ein Kleines, so
+kommt diese lange Dämmerung. Ach, wie soll ich mein Licht hinüber
+retten!
+
+Dass es mir nicht ersticke in dieser Traurigkeit! Ferneren Welten soll
+es ja Licht sein und noch fernsten Nächten!
+
+Dergestalt im Herzen bekümmert gieng Zarathustra umher; und drei Tage
+lang nahm er nicht Trank und Speise zu sich, hatte keine Ruhe und
+verlor die Rede. Endlich geschah es, dass er in einen tiefen Schlaf
+verfiel. Seine jünger aber sassen um ihn in langen Nachtwachen und
+warteten mit Sorge, ob er wach werde und wieder rede und genesen sei
+von seiner Trübsal.
+
+Diess aber ist die Rede, welche Zarathustra sprach, als er aufwachte;
+seine Stimme aber kam zu seinen Jüngern wie aus weiter Ferne.
+
+Hört mir doch den Traum, den ich träumte, ihr Freunde, und helft mir
+seinen Sinn rathen!
+
+Ein Räthsel ist er mir noch, dieser Traum; sein Sinn ist verborgen in
+ihm und eingefangen und fliegt noch nicht über ihn hin mit freien
+Flügeln.
+
+Allem Leben hatte ich abgesagt, so träumte mir. Zum Nacht- und
+Grabwächter war ich worden, dort auf der einsamen Berg-Burg des Todes.
+
+Droben hütete ich seine Särge: voll standen die dumpfen Gewölbe von
+solchen Siegeszeichen. Aus gläsernen Särgen blickte mich überwundenes
+Leben an.
+
+Den Geruch verstaubter Ewigkeiten athmete ich: schwül und verstaubt lag
+meine Seele. Und wer hätte dort auch seine Seele lüften können!
+
+Helle der Mitternacht war immer um mich, Einsamkeit kauerte neben ihr;
+und, zudritt, röchelnde Todesstille, die schlimmste meiner Freundinnen.
+
+Schlüssel führte ich, die rostigsten aller Schlüssel; und ich verstand
+es, damit das knarrendste aller Thore zu öffnen.
+
+Einem bitterbösen Gekrächze gleich lief der Ton durch die langen Gänge,
+wenn sich des Thores Flügel hoben: unhold schrie dieser Vogel, ungern
+wollte er geweckt sein.
+
+Aber furchtbarer noch und herzzuschnürender war es, wenn es wieder
+schwieg und rings stille ward, und ich allein sass in diesem tückischen
+Schweigen.
+
+So gieng mir und schlich die Zeit, wenn Zeit es noch gab: was weiss ich
+davon! Aber endlich geschah das, was mich weckte.
+
+Dreimal schlugen Schläge an’s Thor, gleich Donnern, es hallten und
+heulten die Gewölbe dreimal wieder: da gieng ich zum Thore.
+
+Alpa! rief ich, wer trägt seine Asche zu Berge? Alpa! Alpa! Wer trägt
+seine Asche zu Berge?
+
+Und ich drückte den Schlüssel und hob am Thore und mühte mich. Aber
+noch keinen Fingerbreit stand es offen:
+
+Da riss ein brausender Wind seine Flügel auseinander: pfeifend,
+schrillend und schneidend warf er mir einen schwarzen Sarg zu:
+
+Und im Brausen und Pfeifen und Schrillen zerbarst der Sarg und spie
+tausendfältiges Gelächter aus.
+
+Und aus tausend Fratzen von Kindern, Engeln, Eulen, Narren und
+kindergrossen Schmetterlingen lachte und höhnte und brauste es wider
+mich.
+
+Grässlich erschrak ich darob: es warf mich nieder. Und ich schrie vor
+Grausen, wie nie ich schrie.
+
+Aber der eigne Schrei weckte mich auf:—und ich kam zu mir.—
+
+Also erzählte Zarathustra seinen Traum und schwieg dann: denn er wusste
+noch nicht die Deutung seines Traumes. Aber der jünger, den er am
+meisten lieb hatte, erhob sich schnell, fasste die Hand Zarathustra’s
+und sprach:
+
+„Dein Leben selber deutet uns diesen Traum, oh Zarathustra!
+
+Bist du nicht selber der Wind mit schrillem Pfeifen, der den Burgen des
+Todes die Thore aufreisst?
+
+Bist du nicht selber der Sarg voll bunter Bosheiten und Engelsfratzen
+des Lebens?
+
+Wahrlich, gleich tausendfältigem Kindsgelächter kommt Zarathustra in
+alle Todtenkammern, lachend über diese Nacht- und Grabwächter, und wer
+sonst mit düstern Schlüsseln rasselt.
+
+Schrecken und umwerfen wirst du sie mit deinem Gelächter; Ohnmacht und
+Wachwerden wird deine Macht über sie beweisen.
+
+Und auch, wenn die lange Dämmerung kommt und die Todesmüdigkeit, wirst
+du an unserm Himmel, nicht untergehn, du Fürsprecher des Lebens!
+
+Neue Sterne liessest du uns sehen und neue Nachtherrlichkeiten;
+wahrlich, das Lachen selber spanntest du wie ein buntes Gezelt über
+uns.
+
+Nun wird immer Kindes-Lachen aus Särgen quellen; nun wird immer
+siegreich ein starker Wind kommen aller Todesmüdigkeit: dessen bist du
+uns selber Bürge und Wahrsager!
+
+Wahrlich, _sie selber träumtest du_, deine Feinde: das war dein
+schwerster Traum!
+
+Aber wie du von ihnen aufwachtest und zu dir kamst, also sollen sie
+selber von sich aufwachen—und zu dir kommen!“—
+
+So sprach der jünger; und alle Anderen drängten sich nun um Zarathustra
+und ergriffen ihn bei den Händen und wollten ihn bereden, dass er vom
+Bette und von der Traurigkeit lasse und zu ihnen zurückkehre.
+Zarathustra aber sass aufgerichtet auf seinem Lager, und mit fremdem
+Blicke. Gleichwie Einer, der aus langer Fremde heimkehrt, sah er auf
+seine Jünger und prüfte ihre Gesichter; und noch erkannte er sie nicht.
+Als sie aber ihn hoben und auf die Füsse stellten, siehe, da
+verwandelte sich mit Einem Male sein Auge; er begriff Alles, was
+geschehen war, strich sich den Bart und sagte mit starker Stimme:
+
+„Wohlan! Diess nun hat seine Zeit; sorgt mir aber dafür, meine jünger,
+dass wir eine gute Mahlzeit machen, und in Kürze! Also gedenke ich
+Busse zu thun für schlimme Träume!
+
+Der Wahrsager aber soll an meiner Seite essen und trinken: und
+wahrlich, ich will ihm noch ein Meer zeigen, in dem er ertrinken kann!“
+
+Also sprach Zarathustra. Darauf aber blickte er dem jünger, welcher den
+Traumdeuter abgegeben hatte, lange in’s Gesicht und schüttelte dabei
+den Kopf. -
+
+
+Von der Erlösung
+
+Als Zarathustra eines Tags über die grosse Brücke gieng, umringten ihn
+die Krüppel und Bettler, und ein Bucklichter redete also zu ihm:
+
+„Siehe, Zarathustra! Auch das Volk lernt von dir und gewinnt Glauben an
+deine Lehre: aber dass es ganz dir glauben soll, dazu bedarf es noch
+Eines—du musst erst noch uns Krüppel überreden! Hier hast du nun eine
+schöne Auswahl und wahrlich, eine Gelegenheit mit mehr als Einem
+Schopfe! Blinde kannst du heilen und Lahme laufen machen; und Dem, der
+zuviel hinter sich hat, könntest du wohl auch ein Wenig abnehmen:—das,
+meine ich, wäre die rechte Art, die Krüppel an Zarathustra glauben zu
+machen!“
+
+Zarathustra aber erwiderte Dem, der da redete, also: „Wenn man dem
+Bucklichten seinen Buckel nimmt, so nimmt man ihm seinen Geist—also
+lehrt das Volk. Und wenn man dem Blinden seine Augen giebt, so sieht er
+zuviel schlimme Dinge auf Erden: also dass er Den verflucht, der ihn
+heilte. Der aber, welcher den Lahmen laufen macht, der thut ihm den
+grössten Schaden an: denn kaum kann er laufen, so gehn seine Laster mit
+ihm durch—also lehrt das Volk über Krüppel. Und warum sollte
+Zarathustra nicht auch vom Volke lernen, wenn das Volk von Zarathustra
+lernt?
+
+Das ist mir aber das Geringste, seit ich unter Menschen bin, dass ich
+sehe: „Diesem fehlt ein Auge und jenem ein Ohr und einem Dritten das
+Bein, und Andre giebt es, die verloren die Zunge oder die Nase oder den
+Kopf.“
+
+Ich sehe und sah Schlimmeres und mancherlei so Abscheuliches, dass ich
+nicht von Jeglichem reden und von Einigem nicht einmal schweigen
+möchte: nämlich Menschen, denen es an Allem fehlt, ausser dass sie Eins
+zuviel haben—Menschen, welche Nichts weiter sind als ein grosses Auge,
+oder ein grosses Maul oder ein grosser Bauch oder irgend etwas
+Grosses,—umgekehrte Krüppel heisse ich Solche.
+
+Und als ich aus meiner Einsamkeit kam und zum ersten Male über diese
+Brücke gieng: da traute ich meinen Augen nicht und sah hin, und wieder
+hin, und sagte endlich: „das ist ein Ohr! Ein Ohr, so gross wie ein
+Mensch!“ Ich sah noch besser hin: und wirklich, unter dem Ohre bewegte
+sich noch Etwas, das zum Erbarmen klein und ärmlich und schmächtig war.
+Und wahrhaftig, das ungeheure Ohr sass auf einem kleinen dünnen
+Stiele,—der Stiel aber war ein Mensch! Wer ein Glas vor das Auge nahm,
+konnte sogar noch ein kleines neidisches Gesichtchen erkennen; auch,
+dass ein gedunsenes Seelchen am Stiele baumelte. Das Volk sagte mir
+aber, das grosse Ohr sei nicht nur ein Mensch, sondern ein grosser
+Mensch, ein Genie. Aber ich glaubte dem Volke niemals, wenn es von
+grossen Menschen redete—und behielt meinen Glauben bei, dass es ein
+umgekehrter Krüppel sei, der an Allem zu wenig und an Einem zu viel
+habe.“
+
+Als Zarathustra so zu dem Bucklichten geredet hatte und zu Denen,
+welchen er Mundstück und Fürsprecher war, wandte er sich mit tiefem
+Unmuthe zu seinen Jüngern und sagte:
+
+„Wahrlich, meine Freunde, ich wandle unter den Menschen wie unter den
+Bruchstücken und Gliedmaassen von Menschen!
+
+Diess ist meinem Auge das Fürchterliche, dass ich den Menschen
+zertrümmert finde und zerstreuet wie über ein Schlacht- und
+Schlächterfeld hin.
+
+Und flüchtet mein Auge vom Jetzt zum Ehemals: es findet immer das
+Gleiche: Bruchstücke und Gliedmaassen und grause Zufälle—aber keine
+Menschen!
+
+Das jetzt und das Ehemals auf Erden—ach! meine Freunde—das, ist _mein_
+Unerträglichstes; und ich wüsste nicht zu leben, wenn ich nicht noch
+ein Seher wäre, dessen, was kommen muss.
+
+Ein Seher, ein Wollender, ein Schaffender, eine Zukunft selber und eine
+Brücke zur Zukunft—und ach, auch noch gleichsam ein Krüppel an dieser
+Brücke: das Alles ist Zarathustra.
+
+Und auch ihr fragtet euch oft: „wer ist uns Zarathustra? Wie soll er
+uns heissen?“ Und gleich mir selber gabt ihr euch Fragen zur Antwort.
+
+Ist er ein Versprechender? Oder ein Erfüller? Ein Erobernder? Oder ein
+Erbender? Ein Herbst? Oder eine Pflugschar? Ein Arzt? Oder ein
+Genesener?
+
+Ist er ein Dichter? Oder ein Wahrhaftiger? Ein Befreier? Oder ein
+Bändiger? Ein Guter? Oder ein Böser?
+
+Ich wandle unter Menschen als den Bruchstücken der Zukunft: jener
+Zukunft, die ich schaue.
+
+Und das ist all mein Dichten und Trachten, dass ich in Eins dichte und
+zusammentragen was Bruchstück ist und Räthsel und grauser Zufall.
+
+Und wie ertrüge ich es, Mensch zu sein, wenn der Mensch nicht auch
+Dichter und Räthselrather und der Erlöser des Zufalls wäre!
+
+Die Vergangnen zu erlösen und alles „Es war“ umzuschauen in ein „So
+wollte ich es!“—das hiesse mir erst Erlösung!
+
+Wille—so heisst der Befreier und Freudebringer: also lehrte ich euch,
+meine Freunde! Und nun lernt diess hinzu: der Wille selber ist noch ein
+Gefangener.
+
+Wollen befreit: aber wie heisst Das, was auch den Befreier noch in
+Ketten schlägt?
+
+„Es war“: also heisst des Willens Zähneknirschen und einsamste Trübsal.
+Ohnmächtig gegen Das, was gethan ist—ist er allem Vergangenen ein böser
+Zuschauer.
+
+Nicht zurück kann der Wille wollen; dass er die Zeit nicht brechen kann
+und der Zeit Begierde,—das ist des Willens einsamste Trübsal.
+
+Wollen befreit: was ersinnt sich das Wollen selber, dass es los seiner
+Trübsal werde und seines Kerkers spotte?
+
+Ach, ein Narr wird jeder Gefangene! Närrisch erlöst sich auch der
+gefangene Wille.
+
+Dass die Zeit nicht zurückläuft, das ist sein Ingrimm; „Das, was
+war“—so heisst der Stein, den er nicht wälzen kann.
+
+Und so wälzt er Steine aus Ingrimm und Unmuth und übt Rache an dem, was
+nicht gleich ihm Grimm und Unmuth fühlt.
+
+Also wurde der Wille, der Befreier, ein Wehethäter: und an Allem, was
+leiden kann, nimmt er Rache dafür, dass er nicht zurück kann.
+
+Diess, ja diess allein ist _Rache_ selber: des Willens Widerwille gegen
+die Zeit und ihr „Es war.“
+
+Wahrlich, eine grosse Narrheit wohnt in unserm Willen; und zum Fluche
+wurde es allem Menschlichen, dass diese Narrheit Geist lernte!
+
+Der Geist der Rache: meine Freunde, das war bisher der Menschen bestes
+Nachdenken; und wo Leid war, da sollte immer Strafe sein.
+
+„Strafe“ nämlich, so heisst sich die Rache selber: mit einem Lügenwort
+heuchelt sie sich ein gutes Gewissen.
+
+Und weil im Wollenden selber Leid ist, darob dass es nicht zurück
+wollen kann, —also sollte Wollen selber und alles Leben—Strafe sein!
+
+Und nun wälzte sich Wolke auf Wolke über den Geist: bis endlich der
+Wahnsinn predigte: „Alles vergeht, darum ist Alles werth zu vergehn!“
+
+„Und diess ist selber Gerechtigkeit, jenes Gesetz der Zeit, dass sie
+ihre Kinder fressen muss“: also predigte der Wahnsinn.
+
+„Sittlich sind die Dinge geordnet nach Recht und Strafe. Oh wo ist die
+Erlösung vom Fluss der Dinge und der Strafe Dasein“? Also predigte der
+Wahnsinn.
+
+„Kann es Erlösung geben, wenn es ein ewiges Recht giebt? Ach, unwälzbar
+ist der Stein „Es war“: ewig müssen auch alle Strafen sein!“ Also
+predigte der Wahnsinn.
+
+„Keine That kann vernichtet werden: wie könnte sie durch die Strafe
+ungethan werden! Diess, diess ist das Ewige an der Strafe „Dasein“,
+dass das Dasein auch ewig wieder That und Schuld sein muss!
+
+Es sei denn, dass der Wille endlich sich selber erlöste und Wollen zu
+Nicht-Wollen würde—“: doch ihr kennt, meine Brüder, diess Fabellied des
+Wahnsinns!
+
+Weg führte ich euch von diesen Fabelliedern, als ich euch lehrte: „der
+Wille ist ein Schaffender.“
+
+Alles „Es war“ ist ein Bruchstück, ein Räthsel, ein grauser Zufall—bis
+der schaffende Wille dazu sagt: „aber so wollte ich es!“
+
+Bis der schaffende Wille dazu sagt: „Aber so will ich es! So werde
+ich’s wollen!“
+
+Aber sprach er schon so? Und wann geschieht diess? Ist der Wille schon
+abgeschirrt von seiner eignen Thorheit?
+
+Wurde der Wille sich selber schon Erlöser und Freudebringer? Verlernte
+er den Geist der Rache und alles Zähneknirschen?
+
+Und wer lehrte ihn Versöhnung mit der Zeit, und Höheres als alle
+Versöhnung ist?
+
+Höheres als alle Versöhnung muss der Wille wollen, welcher der Wille
+zur Macht ist—: doch wie geschieht ihm das? Wer lehrte ihn auch noch
+das Zurückwollen?“
+
+—Aber an dieser Stelle seiner Rede geschah es, dass Zarathustra
+plötzlich innehielt und ganz einem Solchen gleich sah, der auf das
+Äusserste erschrickt. Mit erschrecktem Auge blickte er auf seine
+Jünger; sein Auge durchbohrte wie mit Pfeilen ihre Gedanken und
+Hintergedanken. Aber nach einer kleinen Weile lachte er schon wieder
+und sagte begütigt:
+
+„Es ist schwer, mit Menschen zu leben, weil Schweigen so schwer ist.
+Sonderlich für einen Geschwätzigen.“—
+
+Also sprach Zarathustra. Der Bucklichte aber hatte dem Gespräche
+zugehört und sein Gesicht dabei bedeckt; als er aber Zarathustra lachen
+hörte, blickte er neugierig auf und sagte langsam:
+
+„Aber warum redet Zarathustra anders zu uns als zu seinen Jüngern?“
+
+Zarathustra antwortete: „Was ist da zum Verwundern! Mit Bucklichten
+darf man schon bucklicht reden!“
+
+„Gut, sagte der Bucklichte; und mit Schülern darf man schon aus der
+Schule schwätzen.
+
+Aber warum redet Zarathustra anders zu seinen Schülern—als zu sich
+selber?“—
+
+
+Von der Menschen-Klugheit
+
+Nicht die Höhe: der Abhang ist das Furchtbare!
+
+Der Abhang, wo der Blick _hinunter_ stürzt und die Hand _hinauf_
+greift. Da schwindelt dem Herzen vor seinem doppelten Willen.
+
+Ach, Freunde, errathet ihr wohl auch meines Herzens doppelten Willen?
+
+Das, Das ist _mein_ Abhang und meine Gefahr, dass mein Blick in die
+Höhe stürzt, und dass meine Hand sich halten und stützen möchte—an der
+Tiefe!
+
+An den Menschen klammert sich mein Wille, mit Ketten binde ich mich an
+den Menschen, weil es mich hinauf reisst zum Obermenschen: denn dahin
+will mein andrer Wille.
+
+Und _dazu_ lebe ich blind unter den Menschen; gleich als ob ich sie
+nicht kennte: dass meine Hand ihren Glauben an Festes nicht ganz
+verliere.
+
+Ich kenne euch Menschen nicht: diese Finsterniss und Tröstung ist oft
+um mich gebreitet.
+
+Ich sitze am Thorwege für jeden Schelm und frage: wer will mich
+betrügen?
+
+Das ist meine erste Menschen-Klugheit, dass ich mich betrügen lasse, um
+nicht auf der Hut zu sein vor Betrügern.
+
+Ach, wenn ich auf der Hut wäre vor dem Menschen: wie könnte meinem
+Balle der Mensch ein Anker sein! Zu leicht risse es mich hinauf und
+hinweg!
+
+Diese Vorsehung ist über meinem Schicksal, dass ich ohne Vorsicht sein
+muss.
+
+Und wer unter Menschen nicht verschmachten will, muss lernen, aus allen
+Gläsern zu trinken; und wer unter Menschen rein bleiben will, muss
+verstehn, sich auch mit schmutzigem Wasser zu waschen.
+
+Und also sprach ich oft mir zum Troste: „Wohlan! Wohlauf! Altes Herz!
+Ein Unglück missrieth dir: geniesse diess als dein—Glück!“
+
+Diess aber ist meine andre Menschen-Klugheit: ich schone die _Eitlen_
+mehr als die Stolzen.
+
+Ist nicht verletzte Eitelkeit die Mutter aller Trauerspiele? Wo aber
+Stolz verletzt wird, da wächst wohl etwas Besseres noch, als Stolz ist.
+
+Damit das Leben gut anzuschaun sei, muss sein Spiel gut gespielt
+werden: dazu aber bedarf es guter Schauspieler.
+
+Gute Schauspieler fand ich alle Eitlen: sie spielen und wollen, dass
+ihnen gern zugeschaut werde,—all ihr Geist ist bei diesem Willen.
+
+Sie führen sich auf, sie erfinden sich; in ihrer Nähe liebe ich’s, dem
+Leben zuzuschaun,—es heilt von der Schwermuth.
+
+Darum schone ich die Eitlen, weil sie mir Arzte sind meiner Schwermuth
+und mich am Menschen fest halten als an einem Schauspiele.
+
+Und dann: wer ermisst am Eitlen die ganze Tiefe seiner Bescheidenheit!
+Ich bin ihm gut und mitleidig ob seiner Bescheidenheit.
+
+Von euch will er seinen Glauben an sich lernen; er nährt sich an euren
+Blicken, er frisst das Lob aus euren Händen.
+
+Euren Lügen glaubt er noch, wenn ihr gut über ihn lügt: denn im
+Tiefsten seufzt sein Herz: „was bin _ich_!“
+
+Und wenn das die rechte Tugend ist, die nicht um sich selber weiss:
+nun, der Eitle weiss nicht um seine Bescheidenheit!—
+
+Das ist aber meine dritte Menschen-Klugheit, dass ich mir den Anblick
+der Bösen nicht verleiden lasse durch eure Furchtsamkeit.
+
+Ich bin selig, die Wunder zu sehn, welche heisse Sonne ausbrütet: Tiger
+und Palmen und Klapperschlangen.
+
+Auch unter Menschen giebt es schöne Brut heisser Sonne und viel
+Wunderwürdiges an den Bösen.
+
+Zwar, wie eure Weisesten mir nicht gar so weise erschienen: so fand ich
+auch der Menschen Bosheit unter ihrem Rufe.
+
+Und oft fragte ich mit Kopfschütteln: Warum noch klappern, ihr
+Klapperschlangen?
+
+Wahrlich, es giebt auch für das Böse noch eine Zukunft! Und der
+heisseste Süden ist noch nicht entdeckt für den Menschen.
+
+Wie Manches heisst jetzt schon ärgste Bosheit, was doch nur zwölf
+Schuhe breit und drei Monate lang ist! Einst aber werden grössere
+Drachen zur Welt kommen.
+
+Denn dass dem Übermenschen sein Drache nicht fehle, der Über-Drache,
+der seiner würdig ist: dazu muss viel heisse Sonne noch auf feuchten
+Urwald glühen!
+
+Aus euren Wildkatzen müssen erst Tiger geworden sein und aus euren
+Giftkröten Krokodile: denn der gute Jäger soll eine gute Jagd haben!
+
+Und wahrlich, ihr Guten und Gerechten! An euch ist Viel zum Lachen und
+zumal eure Furcht vor dem, was bisher „Teufel“ hiess!
+
+So fremd seid ihr dem Grossen mit eurer Seele, dass euch der Übermensch
+_furchtbar_ sein würde in seiner Güte!
+
+Und ihr Weisen und Wissenden, ihr würdet vor dem Sonnenbrande der
+Weisheit flüchten, in dem der Übermensch mit Lust seine Nacktheit
+badet!
+
+Ihr höchsten Menschen, denen mein Auge begegnete! das ist mein Zweifel
+an euch und mein heimliches Lachen: ich rathe, ihr würdet meinen
+Übermenschen—Teufel heissen!
+
+Ach, ich ward dieser Höchsten und Besten müde: aus ihrer „Höhe“
+verlangte mich hinauf, hinaus, hinweg zu dem Übermenschen!
+
+Ein Grausen überfiel mich, als ich diese Besten nackend sah: da wuchsen
+mir die Flügel, fortzuschweben in ferne Zukünfte.
+
+In fernere Zukünfte, in südlichere Süden, als je ein Bildner träumte:
+dorthin, wo Götter sich aller Kleider schämen!
+
+Aber verkleidet will ich _euch_ sehn, ihr Nächsten und Mitmenschen, und
+gut geputzt, und eitel, und würdig, als „die Guten und Gerechten,“—
+
+Und verkleidet will ich selber unter euch sitzen,—dass ich euch und
+mich _verkenne_: das ist nämlich meine letzte Menschen-Klugheit.
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+Die stillste Stunde
+
+„Was geschah mir, meine Freunde? Ihr seht mich verstört, fortgetrieben,
+unwillig-folgsam, bereit zu gehen—ach, von _euch_ fortzugehen!
+
+Ja, noch Ein Mal muss Zarathustra in seine Einsamkeit: aber unlustig
+geht diessmal der Bär zurück in seine Höhle!
+
+Was geschah mir? Wer gebeut diess?—Ach, meine zornige Herrin will es
+so, sie sprach zu mir: nannte ich je euch schon ihren Namen?
+
+Gestern gen Abend sprach zu mir _meine stillste Stunde_: das ist der
+Name meiner furchtbaren Herrin.
+
+Und so geschah’s,—denn Alles muss ich euch sagen, dass euer Herz sich
+nicht verhärte gegen den plötzlich Scheidenden!
+
+Kennt ihr den Schrecken des Einschlafenden?—
+
+Bis in die Zehen hinein erschrickt er, darob, dass ihm der Boden weicht
+und der Traum beginnt.
+
+Dieses sage ich euch zum Gleichniss. Gestern, zur stillsten Stunde,
+wich mir der Boden: der Traum begann.
+
+Der Zeiger rückte, die Uhr meines Lebens holte Athem—nie hörte ich
+solche Stille um mich: also dass mein Herz erschrak.
+
+Dann sprach es ohne Stimme zu mir: „Du weisst es, Zarathustra?“—
+
+Und ich schrie vor Schrecken bei diesem Flüstern, und das Blut wich aus
+meinem Gesichte: aber ich schwieg.
+
+Da sprach es abermals ohne Stimme zu mir: „Du weisst es, Zarathustra,
+aber du redest es nicht!“—
+
+Und ich antwortete endlich gleich einem Trotzigen: „Ja, ich weiss es,
+aber ich will es nicht reden!“
+
+Da sprach es wieder ohne Stimme zu mir: „Du _willst_ nicht,
+Zarathustra? Ist diess auch wahr? Verstecke dich nicht in deinen
+Trotz!“—
+
+Und ich weinte und zitterte wie ein Kind und sprach: „Ach, ich wollte
+schon, aber wie kann ich es! Erlass mir diess nur! Es ist über meine
+Kraft!“
+
+Da sprach es wieder ohne Stimme zu mir: „Was liegt an dir, Zarathustra!
+Sprich dein Wort und zerbrich!“—
+
+Und ich antwortete: „Ach, ist es _mein_ Wort? Wer bin ich? Ich warte
+des Würdigeren; ich bin nicht werth, an ihm auch nur zu zerbrechen.“
+
+Da sprach es wieder ohne Stimme zu mir: „Was liegt an dir? Du bist mir
+noch nicht demüthig genug. Die Demuth hat das härteste Fell.“—
+
+Und ich antwortete: „Was trug nicht schon das Fell meiner Demuth! Am
+Fusse wohne ich meiner Höhe: wie hoch meine Gipfel sind? Niemand sagte
+es mir noch. Aber gut kenne ich meine Thäler.“
+
+Da sprach es wieder ohne Stimme zu mir: „Oh Zarathustra, wer Berge zu
+versetzen hat, der versetzt auch Thäler und Niederungen.“—
+
+Und ich antwortete: „Noch versetzte mein Wort keine Berge, und was ich
+redete, erreichte die Menschen nicht. Ich gieng wohl zu den Menschen,
+aber noch langte ich nicht bei ihnen an.“
+
+Da sprach es wieder ohne Stimme zu mir: „Was weisst du _davon_! Der
+Thau fällt auf das Gras, wenn die Nacht am verschwiegensten ist.“—
+
+Und ich antwortete: „sie verspotteten mich, als ich meinen eigenen Weg
+fand und gieng; und in Wahrheit zitterten damals meine Füsse.“
+
+Und so sprachen sie zu mir: „du verlerntest den Weg, nun verlernst du
+auch das Gehen!“
+
+Da sprach es wieder ohne Stimme zu mir: „Was liegt an ihrem Spotte! Du
+bist Einer, der das Gehorchen verlernt hat: nun sollst du befehlen!
+
+Weisst du nicht, _wer_ Allen am nöthigsten thut? Der Grosses befiehlt.
+
+Grosses vollführen ist schwer: aber das Schwerere ist, Grosses
+befehlen.
+
+Das ist dein Unverzeihlichstes: du hast die Macht, und du willst nicht
+herrschen.“—
+
+Und ich antwortete: „Mir fehlt des Löwen Stimme zu allem Befehlen.“
+
+Da sprach es wieder wie ein Flüstern zu mir: „Die stillsten Worte sind
+es, welche den Sturm bringen. Gedanken, die mit Taubenfüssen kommen,
+lenken die Welt.
+
+Oh Zarathustra, du sollst gehen als ein Schatten dessen, was kommen
+muss: so wirst du befehlen und befehlend vorangehen.“—
+
+Und ich antwortete: „Ich schäme mich.“
+
+Da sprach es wieder ohne Stimme zu mir: „Du musst noch Kind werden und
+ohne Scham.
+
+Der Stolz der Jugend ist noch auf dir, spät bist du jung geworden: aber
+wer zum Kinde werden will, muss auch noch seine Jugend überwinden.“—
+
+Und ich besann mich lange und zitterte. Endlich aber sagte ich, was ich
+zuerst sagte: „Ich will nicht.“
+
+Da geschah ein Lachen um mich. Wehe, wie diess Lachen mir die
+Eingeweide zerriss und das Herz aufschlitzte!
+
+Und es sprach zum letzten Male zu mir: „Oh Zarathustra, deine Früchte
+sind reif, aber du bist nicht reif für deine Früchte!
+
+So musst du wieder in die Einsamkeit: denn du sollst noch mürbe
+werden.“—
+
+Und wieder lachte es und floh: dann wurde es stille um mich wie mit
+einer zwiefachen Stille. Ich aber lag am Boden, und der Schweiss floss
+mir von den Gliedern.
+
+—Nun hörtet ihr Alles, und warum ich in meine Einsamkeit zurück muss.
+Nichts verschwieg ich euch, meine Freunde.
+
+Aber auch diess hörtet ihr von mir, _wer_ immer noch aller Menschen
+Verschwiegenster ist—und es sein will!
+
+Ach meine Freunde! Ich hätte euch noch Etwas zu sagen, ich hätte euch
+noch Etwas zu geben! Warum gebe ich es nicht? Bin ich denn geizig?“—
+
+Als Zarathustra aber diese Worte gesprochen hatte, überfiel ihn die
+Gewalt des Schmerzes und die Nähe des Abschieds von seinen Freunden,
+also dass er laut weinte; und Niemand wusste ihn zu trösten. Des Nachts
+aber gieng er allein fort und verliess seine Freunde.
+
+
+Dritter Theil
+
+„Ihr seht nach Oben, wenn ihr nach Erhebung verlangt. Und ich sehe
+hinab, weil ich erhoben bin.
+ Wer von euch kann zugleich lachen und erhoben sein?
+ Wer auf den höchsten Bergen steigt, der lacht über alle
+ Trauer-Spiele und Trauer-Ernste.“
+
+Zarathustra, vom Lesen und Schreiben.
+
+
+Der Wanderer
+
+Um Mitternacht war es, da nahm Zarathustra seinen Weg über den Rücken
+der Insel, dass er mit dem frühen Morgen an das andre Gestade käme:
+denn dort wollte er zu Schiff steigen. Es gab nämlich allda eine gute
+Rhede, an der auch fremde Schiffe gern vor Anker giengen; die nahmen
+Manchen mit sich, der von den glückseligen Inseln über das Meer wollte.
+Als nun Zarathustra so den Berg hinanstieg, gedachte er unterwegs des
+vielen einsamen Wanderns von Jugend an, und wie viele Berge und Rücken
+und Gipfel er schon gestiegen sei.
+
+Ich bin ein Wanderer und ein Bergsteiger, sagte er zu seinem Herzen,
+ich liebe die Ebenen nicht und es scheint, ich kann nicht lange still
+sitzen.
+
+Und was mir nun auch noch als Schicksal und Erlebniss komme,—ein
+Wandern wird darin sein und ein Bergsteigen: man erlebt endlich nur
+noch sich selber.
+
+Die Zeit ist abgeflossen, wo mir noch Zufälle begegnen durften; und was
+_könnte_ jetzt noch zu mir fallen, was nicht schon mein Eigen wäre!
+
+Es kehrt nur zurück, es kommt mir endlich heim—mein eigen Selbst, und
+was von ihm lange in der Fremde war und zerstreut unter alle Dinge und
+Zufälle.
+
+Und noch Eins weiss ich: ich stehe jetzt vor meinem letzten Gipfel und
+vor dem, was mir am längsten aufgespart war. Ach, meinen härtesten Weg
+muss ich hinan! Ach, ich begann meine einsamste Wanderung!
+
+Wer aber meiner Art ist, der entgeht einer solchen Stunde nicht: der
+Stunde, die zu ihm redet: „Jetzo erst gehst du deinen Weg der Grösse!
+Gipfel und Abgrund—das ist jetzt in Eins beschlossen!
+
+Du gehst deinen Weg der Grösse: nun ist deine letzte Zuflucht worden,
+was bisher deine letzte Gefahr hiess!
+
+Du gehst deinen Weg der Grösse: das muss nun dein bester Muth sein,
+dass es hinter dir keinen Weg mehr giebt!
+
+Du gehst deinen Weg der Grösse; hier soll dir Keiner nachschleichen!
+Dein Fuss selber löschte hinter dir den Weg aus, und über ihm steht
+geschrieben: Unmöglichkeit.
+
+Und wenn dir nunmehr alle Leitern fehlen, so musst du verstehen, noch
+auf deinen eigenen Kopf zu steigen: wie wolltest du anders aufwärts
+steigen?
+
+Auf deinen eigenen Kopf und hinweg über dein eigenes Herz! Jetzt muss
+das Mildeste an dir noch zum Härtesten werden.
+
+Wer sich stets viel geschont hat, der kränkelt zuletzt an seiner vielen
+Schonung. Gelobt sei, was hart macht! Ich lobe das Land nicht, wo
+Butter und Honig—fliesst!
+
+Von sich _absehn_ lernen ist nöthig, um _Viel_ zu sehn:—diese Härte
+thut jedem Berge-Steigenden Noth.
+
+Wer aber mit den Augen zudringlich ist als Erkennender, wie sollte der
+von allen Dingen mehr als ihre vorderen Gründe sehn!
+
+Du aber, oh Zarathustra, wolltest aller Dinge Grund schaun und
+Hintergrund: so musst du schon über dich selber steigen,—hinan, hinauf,
+bis du auch deine Sterne noch _unter_ dir hast!
+
+Ja! Hinab auf mich selber sehn und noch auf meine Sterne: das erst
+hiesse mir mein _Gipfel_, das blieb mir noch zurück als mein _letzter_
+Gipfel!—“
+
+Also sprach Zarathustra im Steigen zu sich, mit harten Sprüchlein sein
+Herz tröstend: denn er war wund am Herzen wie noch niemals zuvor. Und
+als er auf die Höhe des Bergrückens kam, siehe, da lag das andere Meer
+vor ihm ausgebreitet: und er stand still und schwieg lange. Die Nacht
+aber war kalt in dieser Höhe und klar und hellgestirnt.
+
+Ich erkenne mein Loos, sagte er endlich mit Trauer. Wohlan! Ich bin
+bereit. Eben begann meine letzte Einsamkeit.
+
+Ach, diese schwarze traurige See unter mir! Ach, diese schwangere
+nächtliche Verdrossenheit! Ach, Schicksal und See! Zu euch muss ich nun
+_hinab_ steigen!
+
+Vor meinem höchsten Berge stehe ich und vor meiner längsten Wanderung:
+darum muss ich erst tiefer hinab als ich jemals stieg:
+
+—tiefer hinab in den Schmerz als ich jemals stieg, bis hinein in seine
+schwärzeste Fluth! So will es mein Schicksal: Wohlan! Ich bin bereit.
+
+Woher kommen die höchsten Berge? so fragte ich einst. Da lernte ich,
+dass sie aus dem Meere kommen.
+
+Diess Zeugniss ist in ihr Gestein geschrieben und in die Wände ihrer
+Gipfel. Aus dem Tiefsten muss das Höchste zu seiner Höhe kommen.—
+
+Also sprach Zarathustra auf der Spitze des Berges, wo es kalt war; als
+er aber in die Nähe des Meeres kam und zuletzt allein unter den Klippen
+stand, da war er unterwegs müde geworden und sehnsüchtiger als noch
+zuvor.
+
+Es schläft jetzt Alles noch, sprach er; auch das Meer schläft.
+Schlaftrunken und fremd blickt sein Auge nach mir.
+
+Aber es athmet warm, das fühle ich. Und ich fühle auch, dass es träumt.
+Es windet sieh träumend auf harten Kissen.
+
+Horch! Horch! Wie es stöhnt von bösen Erinnerungen! Oder bösen
+Erwartungen?
+
+Ach, ich bin traurig mit dir, du dunkles Ungeheuer, und mir selber noch
+gram um deinetwillen.
+
+Ach, dass meine Hand nicht Stärke genug hat! Gerne, wahrlich, möchte
+ich dich von bösen Träumen erlösen!—
+
+Und indem Zarathustra so sprach, lachte er mit Schwermuth und
+Bitterkeit über sich selber. „Wie! Zarathustra! sagte er, willst du
+noch dem Meere Trost singen?
+
+Ach, du liebreicher Narr Zarathustra, du Vertrauens-Überseliger! Aber
+so warst du immer: immer kamst du vertraulich zu allem Furchtbaren.
+
+Jedes Ungethüm wolltest du noch streicheln. Ein Hauch warmen Athems,
+ein Wenig weiches Gezottel an der Tatze—: und gleich warst du bereit,
+es zu lieben und zu locken.
+
+Die _Liebe_ ist die Gefahr des Einsamsten, die Liebe zu Allem, wenn es
+nur lebt! Zum Lachen ist wahrlich meine Narrheit und meine
+Bescheidenheit in der Liebe!“—
+
+Also sprach Zarathustra und lachte dabei zum andern Male: da aber
+gedachte er seiner verlassenen Freunde—, und wie als ob er sich mit
+seinen Gedanken an ihnen vergangen habe, zürnte er sich ob seiner
+Gedanken. Und alsbald geschah es, dass der Lachende weinte:—vor Zorn
+und Sehnsucht weinte Zarathustra bitterlich.
+
+
+Vom Gesicht und Räthsel
+
+1.
+
+Als es unter den Schiffsleuten ruchbar wurde, dass Zarathustra auf dem
+Schiffe sei,—denn es war ein Mann zugleich mit ihm an Bord gegangen,
+der von den glückseligen Inseln kam—da entstand eine grosse Neugierde
+und Erwartung. Aber Zarathustra schwieg zwei Tage und war kalt und taub
+vor Traurigkeit, also, dass er weder auf Blicke noch auf Fragen
+antwortete. Am Abende aber des zweiten Tages that er seine Ohren wieder
+auf, ob er gleich noch schwieg: denn es gab viel Seltsames und
+Gefährliches auf diesem Schiffe anzuhören, welches weither kam und noch
+weiterhin wollte. Zarathustra aber war ein Freund aller Solchen, die
+weite Reisen thun und nicht ohne Gefahr leben mögen. Und siehe! zuletzt
+wurde ihm im Zuhören die eigne Zunge gelöst, und das Eis seines Herzens
+brach: —da begann er also zu reden:
+
+Euch, den kühnen Suchern, Versuchern, und wer je sich mit listigen
+Segeln auf furchtbare Meere einschiffte,—
+
+euch, den Räthsel-Trunkenen, den Zwielicht-Frohen, deren Seele mit
+Flöten zu jedem Irr-Schlunde gelockt wird:
+
+—denn nicht wollt ihr mit feiger Hand einem Faden nachtasten; und, wo
+ihr _errathen_ könnt, da hasst ihr es, zu _erschliessen_—
+
+euch allein erzähle ich das Räthsel, das ich _sah_,—das Gesicht des
+Einsamsten.—
+
+Düster gierig ich jüngst durch leichenfarbne Dämmerung,—düster und
+hart, mit gepressten Lippen. Nicht nur Eine Sonne war mir
+untergegangen.
+
+Ein Pfad, der trotzig durch Geröll stieg, ein boshafter, einsamer, dem
+nicht Kraut, nicht Strauch mehr zusprach: ein Bergpfad knirschte unter
+dem Trotz meines Fusses.
+
+Stumm über höhnischem Geklirr von Kieseln schreitend, den Stein
+zertretend, der ihn gleiten liess: also zwang mein Fuss sich aufwärts.
+
+Aufwärts:—dem Geiste zum Trotz, der ihn abwärts zog, abgrundwärts zog,
+dem Geiste der Schwere, meinem Teufel und Erzfeinde.
+
+Aufwärts:—obwohl er auf mir sass, halb Zwerg, halb Maulwurf; lahm;
+lähmend; Blei durch mein Ohr, Bleitropfen-Gedanken in mein Hirn
+träufelnd.
+
+„Oh Zarathustra, raunte er höhnisch Silb’ um Silbe, du Stein der
+Weisheit! Du warfst dich hoch, aber jeder geworfene Stein muss—fallen!
+
+Oh Zarathustra, du Stein der Weisheit, du Schleuderstein, du
+Stern-Zertrümmerer! Dich selber warfst du so hoch,—aber jeder geworfene
+Stein - muss fallen!
+
+Verurtheilt zu dir selber und zur eignen Steinigung: oh Zarathustra,
+weit warfst du ja den Stein,—aber auf _dich_ wird er zurückfallen!“
+
+Drauf schwieg der Zwerg; und das währte lange. Sein Schweigen aber
+drückte mich; und solchermaassen zu Zwein ist man wahrlich einsamer als
+zu Einem!
+
+Ich stieg, ich stieg, ich träumte, ich dachte,—aber Alles drückte mich.
+Einem Kranken glich ich, den seine schlimme Marter müde macht, und den
+wieder ein schlimmerer Traum aus dem Einschlafen weckt.—
+
+Aber es giebt Etwas in mir, das ich Muth heisse: das schlug bisher mir
+jeden Unmuth todt. Dieser Muth hiess mich endlich stille stehn und
+sprechen: „Zwerg! Du! Oder ich!“—
+
+Muth nämlich ist der beste Todtschläger,—Muth, welcher _angreift_: denn
+in jedem Angriffe ist klingendes Spiel.
+
+Der Mensch aber ist das muthigste Thier: damit überwand er jedes Thier.
+Mit klingendem Spiele überwand er noch jeden Schmerz; Menschen-Schmerz
+aber ist der tiefste Schmerz.
+
+Der Muth schlägt auch den Schwindel todt an Abgründen: und wo stünde
+der Mensch nicht an Abgründen! Ist Sehen nicht selber—Abgründe sehen?
+
+Muth ist der beste Todtschläger: der Muth schlägt auch das Mitleiden
+todt. Mitleiden aber ist der tiefste Abgrund: so tief der Mensch in das
+Leben sieht, so tief sieht er auch in das Leiden.
+
+Muth aber ist der beste Todtschläger, Muth, der angreift: der schlägt
+noch den Tod todt, denn er spricht: „War _das_ das Leben? Wohlan! Noch
+Ein Mal!“
+
+In solchem Spruche aber ist viel klingendes Spiel. Wer Ohren hat, der
+höre.—
+
+2.
+
+„Halt! Zwerg! sprach ich. Ich! Oder du! Ich aber bin der Stärkere von
+uns Beiden—: du kennst meinen abgründlichen Gedanken nicht!
+_Den_—könntest du nicht tragen!“—
+
+Da geschah, was mich leichter machte: denn der Zwerg sprang mir von der
+Schulter, der Neugierige! Und er hockte sich auf einen Stein vor mich
+hin. Es war aber gerade da ein Thorweg, wo wir hielten.
+
+„Siehe diesen Thorweg! Zwerg! sprach ich weiter: der hat zwei
+Gesichter. Zwei Wege kommen hier zusammen: die gieng noch Niemand zu
+Ende.
+
+Diese lange Gasse zurück: die währt eine Ewigkeit. Und jene lange Gasse
+hinaus —das ist eine andre Ewigkeit.
+
+Sie widersprechen sich, diese Wege; sie stossen sich gerade vor den
+Kopf:—und hier, an diesem Thorwege, ist es, wo sie zusammen kommen. Der
+Name des Thorwegs steht oben geschrieben: „Augenblick“.
+
+Aber wer Einen von ihnen weiter gienge—und immer weiter und immer
+ferner: glaubst du, Zwerg, dass diese Wege sich ewig widersprechen?“—
+
+„Alles Gerade lügt, murmelte verächtlich der Zwerg. Alle Wahrheit ist
+krumm, die Zeit selber ist ein Kreis.“
+
+„Du Geist der Schwere! sprach ich zürnend, mache dir es nicht zu
+leicht! Oder ich lasse dich hocken, wo du hockst, Lahmfuss,—und ich
+trug dich _hoch_!
+
+Siehe, sprach ich weiter, diesen Augenblick! Von diesem Thorwege
+Augenblick läuft eine lange ewige Gasse _rückwärts_ hinter uns liegt
+eine Ewigkeit.
+
+Muss nicht, was laufen _kann_ von allen Dingen, schon einmal diese
+Gasse gelaufen sein? Muss nicht, was geschehn _kann_ von allen Dingen,
+schon einmal geschehn, gethan, vorübergelaufen sein?
+
+Und wenn Alles schon dagewesen ist: was hältst du Zwerg von diesem
+Augenblick? Muss auch dieser Thorweg nicht schon—dagewesen sein?
+
+Und sind nicht solchermaassen fest alle Dinge verknotet, dass dieser
+Augenblick _alle_ kommenden Dinge nach sich zieht? _Also_—- sich selber
+noch?
+
+Denn, was laufen _kann_ von allen Dingen: auch in dieser langen Gasse
+_hinaus_—_muss_ es einmal noch laufen!—
+
+Und diese langsame Spinne, die im Mondscheine kriecht, und dieser
+Mondschein selber, und ich und du im Thorwege, zusammen flüsternd, von
+ewigen Dingen flüsternd—müssen wir nicht Alle schon dagewesen sein?
+
+—und wiederkommen und in jener anderen Gasse laufen, hinaus, vor uns,
+in dieser langen schaurigen Gasse—müssen wir nicht ewig wiederkommen?—“
+
+Also redete ich, und immer leiser: denn ich fürchtete mich vor meinen
+eignen Gedanken und Hintergedanken. Da, plötzlich, hörte ich einen Hund
+nahe _heulen_.
+
+Hörte ich jemals einen Hund so heulen? Mein Gedanke lief zurück. Ja!
+Als ich Kind war, in fernster Kindheit:
+
+—da hörte ich einen Hund so heulen. Und sah ihn auch, gesträubt, den
+Kopf nach Oben, zitternd, in stillster Mitternacht, wo auch Hunde an
+Gespenster glauben:
+
+—also dass es mich erbarmte. Eben nämlich gieng der volle Mond,
+todtschweigsam, über das Haus, eben stand er still, eine runde
+Gluth,—still auf flachem Dache, gleich als auf fremdem Eigenthume:—
+
+darob entsetzte sich damals der Hund: denn Hunde glauben an Diebe und
+Gespenster. Und als ich wieder so heulen hörte, da erbarmte es mich
+abermals.
+
+Wohin war jetzt Zwerg? und Thorweg? Und Spinne? Und alles Flüstern?
+Träumte ich denn? Wachte ich auf? Zwischen wilden Klippen stand ich mit
+Einem Male, allein, öde, im ödesten Mondscheine.
+
+Aber da lag ein Mensch! Und da! Der Hund, springend, gesträubt,
+winselnd,—jetzt sah er mich kommen—da heulte er wieder, da _schrie_
+er:—hörte ich je einen Hund so Hülfe schrein?
+
+Und, wahrlich, was ich sah, desgleichen sah ich nie. Einen jungen
+Hirten sah ich, sich windend, würgend, zuckend, verzerrten Antlitzes,
+dem eine schwarze schwere Schlange aus dem Munde hieng.
+
+Sah ich je so viel Ekel und bleiches Grauen auf Einem Antlitze? Er
+hatte wohl geschlafen? Da kroch ihm die Schlange in den Schlund—da biss
+sie sich fest.
+
+Meine Hand riss die Schlange und riss:—umsonst! sie riss die Schlange
+nicht aus dem Schlunde. Da schrie es aus mir: „Beiss zu! Beiss zu!
+
+Den Kopf ab! Beiss zu!“—so schrie es aus mir, mein Grauen, mein Hass,
+mein Ekel, mein Erbarmen, all mein Gutes und Schlimmes schrie mit Einem
+Schrei aus mir.—
+
+Ihr Kühnen um mich! Ihr Sucher, Versucher, und wer von euch mit
+listigen Segeln sich in unerforschte Meere einschiffte! Ihr
+Räthsel-Frohen!
+
+So rathet mir doch das Räthsel, das ich damals schaute, so deutet mir
+doch das Gesicht des Einsamsten!
+
+Denn ein Gesicht war’s und ein Vorhersehn:—_was_ sah ich damals im
+Gleichnisse? Und _wer_ ist, der einst noch kommen muss?
+
+_Wer_ ist der Hirt, dem also die Schlange in den Schlund kroch? _Wer_
+ist der Mensch, dem also alles Schwerste, Schwärzeste in den Schlund
+kriechen wird?
+
+—Der Hirt aber biss, wie mein Schrei ihm rieth; er biss mit gutem
+Bisse! Weit weg spie er den Kopf der Schlange—: und sprang empor.—
+
+Nicht mehr Hirt, nicht mehr Mensch,—ein Verwandelter, ein Umleuchteter,
+welcher _lachte_! Niemals noch auf Erden lachte je ein Mensch, wie _er_
+lachte!
+
+Oh meine Brüder, ich hörte ein Lachen, das keines Menschen Lachen
+war,—- und nun frisst ein Durst an mir, eine Sehnsucht, die nimmer
+stille wird.
+
+Meine Sehnsucht nach diesem Lachen frisst an mir: oh wie ertrage ich
+noch zu leben! Und wie ertrüge ich’s, jetzt zu sterben!—
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+Von der Seligkeit wider Willen
+
+Mit solchen Räthseln und Bitternissen im Herzen fuhr Zarathustra über
+das Meer. Als er aber vier Tagereisen fern war von den glückseligen
+Inseln und von seinen Freunden, da hatte er allen seinen Schmerz
+überwunden—: siegreich und mit festen Füssen stand er wieder auf seinem
+Schicksal. Und damals redete Zarathustra also zu seinem frohlockenden
+Gewissen:
+
+„Allein bin ich wieder und will es sein, allein mit reinem Himmel und
+freiem Meere; und wieder ist Nachmittag um mich.
+
+Des Nachmittags fand ich zum ersten Male einst meine Freunde, des
+Nachmittags auch zum anderen Male:—zur Stunde, da alles Licht stiller
+wird.
+
+Denn was von Glück noch unterwegs ist zwischen Himmel und Erde, das
+sucht sich nun zur Herberge noch eine lichte Seele: _vor Glück_ ist
+alles Licht jetzt stiller worden.
+
+Oh Nachmittag meines Lebens! Einst stieg auch _mein_ Glück zu Thale,
+dass es sich eine Herberge suche: da fand es diese offnen
+gastfreundlichen Seelen.
+
+Oh Nachmittag meines Lebens! Was gab ich nicht hin, dass ich Eins
+hätte: diese lebendige Pflanzung meiner Gedanken und diess Morgenlicht
+meiner höchsten Hoffnung!
+
+Gefährten suchte einst der Schaffende und Kinder _seiner_ Hoffnung: und
+siehe, es fand sich, dass er sie nicht finden könne, es sei denn, er
+schaffe sie selber erst.
+
+Also bin ich mitten in meinem Werke, zu meinen Kindern gehend und von
+ihnen kehrend: um seiner Kinder willen muss Zarathustra sich selbst
+vollenden.
+
+Denn von Grund aus liebt man nur sein Kind und Werk; und wo grosse
+Liebe zu sich selber ist, da ist sie der Schwangerschaft Wahrzeichen:
+so fand ich’s.
+
+Noch grünen mir meine Kinder in ihrem ersten Frühlinge, nahe bei
+einander stehend und gemeinsam von Winden geschüttelt, die Bäume meines
+Gartens und besten Erdreichs.
+
+Und wahrlich! Wo solche Bäume bei einander stehn, da _sind_ glückselige
+Inseln!
+
+Aber einstmals will ich sie ausheben und einen jeden für sich allein
+stellen: dass er Einsamkeit lerne und Trotz und Vorsicht.
+
+Knorrig und gekrümmt und mit biegsamer Härte soll er mir dann am Meere
+dastehn, ein lebendiger Leuchtthurm unbesiegbaren Lebens.
+
+Dort, wo die Stürme hinab in’s Meer stürzen, und des Gebirgs Rüssel
+Wasser trinkt, da soll ein jeder einmal seine Tag- und Nachtwachen
+haben, zu _seiner_ Prüfung und Erkenntniss.
+
+Erkannt und geprüft soll er werden, darauf, ob er meiner Art und
+Abkunft ist,—ob er eines langen Willens Herr sei, schweigsam, auch wenn
+er redet, und nachgebend also, dass er im Geben _nimmt_:—
+
+—dass er einst mein Gefährte werde und ein Mitschaffender und
+Mitfeiernder Zarathustra’s—: ein Solcher, der mir meinen Willen auf
+meine Tafeln schreibt: zu aller Dinge vollerer Vollendung.
+
+Und um seinetwillen und seines Gleichen muss ich selber _mich_
+vollenden: darum weiche ich jetzt meinem Glücke aus und biete mich
+allem Unglücke an—zu _meiner_ letzten Prüfung und Erkenntniss.
+
+Und wahrlich, Zeit war’s, dass ich gierig; und des Wanderers Schatten
+und die längste Weile und die stillste Stunde—alle redeten mir zu: „es
+ist höchste Zeit!“
+
+Der Wind blies mir durch’s Schlüsselloch und sagte „Komm!“ Die Thür
+sprang mir listig auf und sagte „Geh!“
+
+Aber ich lag angekettet an die Liebe zu meinen Kindern: das Begehren
+legte mir diese Schlinge, das Begehren nach Liebe, dass ich meiner
+Kinder Beute würde und mich an sie verlöre.
+
+Begehren—das heisst mir schon: mich verloren haben. Ich habe euch,
+meine Kinder! In diesem Haben soll Alles Sicherheit und Nichts Begehren
+sein.
+
+Aber brütend lag die Sonne meiner Liebe auf mir, im eignen Safte kochte
+Zarathustra,—da flogen Schatten und Zweifel über mich weg.
+
+Nach Frost und Winter gelüstete mich schon: „oh dass Frost und Winter
+mich wieder knacken und knirschen machten!“ seufzte ich:—da stiegen
+eisige Nebel aus mir auf.
+
+Meine Vergangenheit brach ihm Gräber, manch lebendig begrabner Schmerz
+wachte auf—: ausgeschlafen hatte er sich nur, versteckt in
+Leichen-Gewänder.
+
+Also rief mir Alles in Zeichen zu: „es ist Zeit!“—Aber ich—hörte nicht:
+bis endlich mein Abgrund sich rührte und mein Gedanke mich biss.
+
+Ach, abgründlicher Gedanke, der du _mein_ Gedanke bist! Wann finde ich
+die Stärke, dich graben zu hören und nicht mehr zu zittern?
+
+Bis zur Kehle hinauf klopft mir das Herz, wenn ich dich graben höre!
+Dein Schweigen noch will mich würgen, du abgründlich Schweigender!
+
+Noch wagte ich niemals, dich _herauf_ zu rufen: genug schon, dass ich
+dich mit mir—trug! Noch war ich nicht stark genug zum letzten
+Löwen-Übermuthe und -Muthwillen.
+
+Genug des Furchtbaren war mir immer schon deine Schwere: aber einst
+soll ich noch die Stärke finden und die Löwen-Stimme, die dich herauf
+ruft!
+
+Wenn ich mich dessen erst überwunden habe, dann will ich mich auch des
+Grösseren noch überwinden; und ein _Sieg_ soll meiner Vollendung Siegel
+sein!—
+
+Inzwischen treibe ich noch auf ungewissen Meeren; der Zufall
+schmeichelt mir, der glattzüngige; vorwärts und rückwärts schaue ich—,
+noch schaue ich kein Ende.
+
+Noch kam mir die Stunde meines letzten Kampfes nicht,—oder kommt sie
+wohl mir eben? Wahrlich, mit tückischer Schönheit schaut mich rings
+Meer und Leben an!
+
+Oh Nachmittag meines Lebens! Oh Glück vor Abend! Oh Hafen auf hoher
+See! Oh Friede im Ungewissen! Wie misstraue ich euch Allen!
+
+Wahrlich, misstrauisch bin ich gegen eure tückische Schönheit! Dem
+Liebenden gleiche ich, der allzusammtenem Lächeln misstraut.
+
+Wie er die Geliebteste vor sich her stösst, zärtlich noch in seiner
+Härte, der Eifersüchtige—, also stosse ich diese selige Stunde vor mir
+her.
+
+Hinweg mit dir, du selige Stunde! Mit dir kam mir eine Seligkeit wider
+Willen! Willig zu meinem tiefsten Schmerze stehe ich hier:—zur Unzeit
+kamst du!
+
+Hinweg mit dir, du selige Stunde! Lieber nimm Herberge dort—bei meinen
+Kindern! Eile! und segne sie vor Abend noch mit _meinem_ Glücke!
+
+Da naht schon der Abend: die Sonne sinkt. Dahin—mein Glück!—“
+
+Also sprach Zarathustra. Und er wartete auf sein Unglück die ganze
+Nacht: aber er wartete umsonst. Die Nacht blieb hell und still, und das
+Glück selber kam ihm immer näher und näher. Gegen Morgen aber lachte
+Zarathustra zu seinem Herzen und sagte spöttisch: „das Glück läuft mir
+nach. Das kommt davon, dass ich nicht den Weibern nachlaufe. Das Glück
+aber ist ein Weib.“
+
+
+Vor Sonnen-Aufgang
+
+Oh Himmel über mir, du Reiner! Tiefer! Du Licht-Abgrund! Dich schauend
+schaudere ich vor göttlichen Begierden.
+
+In deine Höhe mich zu werfen—das ist _meine_ Tiefe! In deine Reinheit
+mich zu bergen—das ist _meine_ Unschuld!
+
+Den Gott verhüllt seine Schönheit: so verbirgst du deine Sterne. Du
+redest nicht: _so_ kündest du mir deine Weisheit.
+
+Stumm über brausendem Meere bist du heut mir aufgegangen, deine Liebe
+und deine Scham redet Offenbarung zu meiner brausenden Seele.
+
+Dass du schön zu mir kamst, verhüllt in deine Schönheit, dass du stumm
+zu mir sprichst, offenbar in deiner Weisheit:
+
+Oh wie erriethe ich nicht alles Schamhafte deiner Seele! _Vor_ der
+Sonne kamst du zu mir, dem Einsamsten.
+
+Wir sind Freunde von Anbeginn: uns ist Gram und Grauen und Grund
+gemeinsam; noch die Sonne ist uns gemeinsam.
+
+Wir reden nicht zu einander, weil wir zu Vieles wissen—: wir schweigen
+uns an, wir lächeln uns unser Wissen zu.
+
+Bist du nicht das Licht zu meinem Feuer? Hast du nicht die
+Schwester-Seele zu meiner Einsicht?
+
+Zusammen lernten wir Alles; zusammen lernten wir über uns zu uns selber
+aufsteigen und wolkenlos lächeln:—
+
+—wolkenlos hinab lächeln aus lichten Augen und aus meilenweiter Ferne,
+wenn unter uns Zwang und Zweck und Schuld wie Regen dampfen.
+
+Und wanderte ich allein: _wes_ hungerte meine Seele in Nächten und
+Irr-Pfaden? Und stieg ich Berge, _wen_ suchte ich je, wenn nicht dich,
+auf Bergen?
+
+Und all mein Wandern und Bergsteigen: eine Noth war’s nur und ein
+Behelf des Unbeholfenen:—_fliegen_ allein will mein ganzer Wille, in
+_dich_ hinein fliegen!
+
+Und wen hasste ich mehr, als ziehende Wolken und Alles, was dich
+befleckt? Und meinen eignen Hass hasste ich noch, weil er dich
+befleckte!
+
+Den ziehenden Wolken bin ich gram, diesen schleichenden Raub-Katzen:
+sie nehmen dir und mir, was uns gemein ist,—das ungeheure unbegrenzte
+Ja- und Amen-sagen.
+
+Diesen Mittlern und Mischern sind wir gram, den ziehenden Wolken:
+diesen Halb- und Halben, welche weder segnen lernten, noch von Grund
+aus fluchen.
+
+Lieber will ich noch unter verschlossnem Himmel in der Tonne sitzen,
+lieber ohne Himmel im Abgrund sitzen, als dich, Licht-Himmel, mit
+Zieh-Wolken befleckt sehn!
+
+Und oft gelüstete mich, sie mit zackichten Blitz-Golddrähten
+festzuheften, dass ich, gleich dem Donner, auf ihrem Kessel-Bauche die
+Pauke schlüge:—
+
+—ein zorniger Paukenschläger, weil sie mir dein Ja! und Amen! rauben,
+du Himmel über mir, du Reiner! Lichter! Du Licht-Abgrund!—weil sie dir
+_mein_ Ja! und Amen! rauben.
+
+Denn lieber noch will ich Lärm und Donner und Wetter-Flüche, als diese
+bedächtige zweifelnde Katzen-Ruhe; und auch unter Menschen hasse ich am
+besten alle Leisetreter und Halb- und Halben und zweifelnde, zögernde
+Zieh-Wolken.
+
+Und „wer nicht segnen kann, der soll fluchen _lernen_!“—diese helle
+Lehre fiel mir aus hellem Himmel, dieser Stern steht auch noch in
+schwarzen Nächten an meinem Himmel.
+
+Ich aber bin ein Segnender und ein Ja-sager, wenn du nur um mich bist,
+du Reiner! Lichter! Du Licht-Abgrund!—in alle Abgründe trage ich da
+noch mein segnendes Ja-sagen.
+
+Zum Segnenden bin ich worden und zum Ja-sagenden: und dazu rang ich
+lange und war ein Ringer, dass ich einst die Hände frei bekäme zum
+Segnen.
+
+Das aber ist mein Segnen: über jedwedem Ding als sein eigener Himmel
+stehn, als sein rundes Dach, seine azurne Glocke und ewige Sicherheit:
+und selig ist, wer also segnet!
+
+Denn alle Dinge sind getauft am Borne der Ewigkeit und jenseits von Gut
+und Böse; Gut und Böse selber aber sind nur Zwischenschatten und
+feuchte Trübsale und Zieh-Wolken.
+
+Wahrlich, ein Segnen ist es und kein Lästern, wenn ich lehre: „über
+allen Dingen steht der Himmel Zufall, der Himmel Unschuld, der Himmel
+Ohngefähr, der Himmel Übermuth.“
+
+„Von Ohngefähr“—das ist der älteste Adel der Welt, den gab ich allen
+Dingen zurück, ich erlöste sie von der Knechtschaft unter dem Zwecke.
+
+Diese Freiheit und Himmels-Heiterkeit stellte ich gleich azurner Glocke
+über alle Dinge, als ich lehrte, dass über ihnen und durch sie kein
+„ewiger Wille“ —will.
+
+Diesen Übermuth und diese Narrheit stellte ich an die Stelle jenes
+Willens, als ich lehrte: „bei Allem ist Eins unmöglich—Vernünftigkeit!“
+
+Ein _Wenig_ Vernunft zwar, ein Same der Weisheit zerstreut von Stern zu
+Stern,—dieser Sauerteig ist allen Dingen eingemischt: um der Narrheit
+willen ist Weisheit allen Dingen eingemischt!
+
+Ein Wenig Weisheit ist schon möglich; aber diese selige Sicherheit fand
+ich an allen Dingen: dass sie lieber noch auf den Füssen des
+Zufalls—_tanzen_.
+
+Oh Himmel über mir, du Reiner! Hoher! Das ist mir nun deine Reinheit,
+dass es keine ewige Vernunft-Spinne und -Spinnennetze giebt:—
+
+—dass du mir ein Tanzboden bist für göttliche Zufälle, dass du mir ein
+Göttertisch bist für göttliche Würfel und Würfelspieler!—
+
+Doch du erröthest? Sprach ich Unaussprechbares? Lästerte ich, indem ich
+dich segnen wollte?
+
+Oder ist es die Scham zu Zweien, welche dich erröthen machte?—Heissest
+du mich gehn und schweigen, weil nun—der _Tag_ kommt?
+
+Die Welt ist tief—: und tiefer als je der Tag gedacht hat. Nicht Alles
+darf vor dem Tage Worte haben. Aber der Tag kommt: so scheiden wir nun!
+
+Oh Himmel über mir, du Schamhafter! Glühender! Oh du mein Glück vor
+Sonnen-Aufgang! Der Tag kommt: so scheiden wir nun!—
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+Von der verkleinernden Tugend
+
+1.
+
+Als Zarathustra wieder auf dem festen Lande war, gieng er nicht stracks
+auf sein Gebirge und seine Höhle los, sondern that viele Wege und
+Fragen und erkundete diess und das, also, dass er von sich selber im
+Scherze sagte: „siehe einen Fluss, der in vielen Windungen zurück zur
+Quelle fliesst!“ Denn er wollte in Erfahrung bringen, was sich
+inzwischen _mit dem Menschen_ zugetragen habe: ob er grösser oder
+kleiner geworden sei. Und ein Mal sah er eine Reihe neuer Häuser; da
+wunderte er sich und sagte:
+
+„Was bedeuten diese Häuser? Wahrlich, keine grosse Seele stellte sie
+hin, sich zum Gleichnisse!
+
+Nahm wohl ein blödes Kind sie aus seiner Spielschachtel? Dass doch ein
+anderes Kind sie wieder in seine Schachtel thäte!
+
+Und diese Stuben und Kammern: können _Männer_ da aus- und eingehen?
+Gemacht dünken sie mich für Seiden-Puppen; oder für Naschkatzen, die
+auch wohl an sich naschen lassen.“
+
+Und Zarathustra blieb stehn und dachte nach. Endlich sagte er betrübt:
+„Es ist _Alles_ kleiner geworden!
+
+Überall sehe ich niedrigere Thore: wer _meiner_ Art ist, geht da wohl
+noch hindurch, aber—er muss sich bücken!
+
+Oh wann komme ich wieder in meine Heimat, wo ich mich nicht mehr bücken
+muss—nicht mehr bücken muss vor den Kleinen!“—Und Zarathustra seufzte
+und blickte in die Ferne.—
+
+Desselbigen Tages aber redete er seine Rede über die verkleinernde
+Tugend.
+
+2.
+
+Ich gehe durch diess Volk und halte meine Augen offen: sie vergeben mir
+es nicht, dass ich auf ihre Tugenden nicht neidisch bin.
+
+Sie beissen nach mir, weil ich zu ihnen sage: für kleine Leute sind
+kleine Tugenden nöthig—und weil es mir hart eingeht, dass kleine Leute
+_nöthig_ sind!
+
+Noch gleiche ich dem Hahn hier auf fremdem Gehöfte, nach dem auch die
+Hennen beissen; doch darob bin ich diesen Hennen nicht ungut.
+
+Ich bin höflich gegen sie wie gegen alles kleine Ärgerniss; gegen das
+Kleine stachlicht zu sein dünkt mich eine Weisheit für Igel.
+
+Sie reden Alle von mir, wenn sie Abends um’s Feuer sitzen,—sie reden
+von mir, aber Niemand denkt—an mich!
+
+Diess ist die neue Stille, die ich lernte: ihr Lärm um mich breitet
+einen Mantel über meine Gedanken.
+
+Sie lärmen unter einander: „was will uns diese düstere Wolke? sehen wir
+zu, dass sie uns nicht eine Seuche bringe!“
+
+Und jüngst riss ein Weib sein Kind an sich, das zu mir wollte: „nehmt
+die Kinder weg! schrie es; solche Augen versengen Kinder-Seelen.“
+
+Sie husten, wenn ich rede: sie meinen, Husten sei ein Einwand gegen
+starke Winde,—sie errathen Nichts vom Brausen meines Glückes!
+
+„Wir haben noch keine Zeit für Zarathustra“—so wenden sie ein; aber was
+liegt an einer Zeit, die für Zarathustra „keine Zeit hat“?
+
+Und wenn sie gar mich rühmen: wie könnte ich wohl auf _ihrem_ Ruhme
+einschlafen? Ein Stachel-Gürtel ist mir ihr Lob: es kratzt mich noch,
+wenn ich es von mir thue.
+
+Und auch das lernte ich unter ihnen: der Lobende stellt sich, als gäbe
+er zurück, in Wahrheit aber will er mehr beschenkt sein!
+
+Fragt meinen Fuss, ob ihm ihre Lob- und Lock-Weise gefällt! Wahrlich,
+nach solchem Takt und Tiktak mag er weder tanzen, noch stille stehn.
+
+Zur kleinen Tugend möchten sie mich locken und loben; zum Tiktak des
+kleinen Glücks möchten sie meinen Fuss überreden.
+
+Ich gehe durch diess Volk und halte die Augen offen: sie sind _kleiner_
+geworden und werden immer kleiner:—das aber macht ihre Lehre von Glück
+und Tugend.
+
+Sie sind nämlich auch in der Tugend bescheiden—denn sie wollen Behagen.
+Mit Behagen aber verträgt sich nur die bescheidene Tugend.
+
+Wohl lernen auch sie auf ihre Art Schreiten und Vorwärts-Schreiten: das
+heisse ich ihr _Humpeln_—. Damit werden sie jedem zum Anstosse, der
+Eile hat.
+
+Und Mancher von ihnen geht vorwärts und blickt dabei zurück, mit
+versteiftem Nacken: dem renne ich gern wider den Leib.
+
+Fuss und Augen sollen nicht lügen, noch sich einander Lügen strafen.
+Aber es ist viel Lügnerei bei den kleinen Leuten.
+
+Einige von ihnen wollen, aber die Meisten werden nur gewollt. Einige
+von ihnen sind ächt, aber die Meisten sind schlechte Schauspieler.
+
+Es giebt Schauspieler wider Wissen unter ihnen und Schauspieler wider
+Willen—, die Ächten sind immer selten, sonderlich die ächten
+Schauspieler.
+
+Des Mannes ist hier wenig: darum vermännlichen sich ihre Weiber. Denn
+nur wer Mannes genug ist, wird im Weibe _das Weib_—erlösen.
+
+Und diese Heuchelei fand ich unter ihnen am schlimmsten: dass auch Die,
+welche befehlen, die Tugenden Derer heucheln, welche dienen.
+
+„Ich diene, du dienst, wir dienen“ —so betet hier auch die Heuchelei
+der Herrschenden,—und wehe, wenn der erste Herr _nur_ der erste Diener
+ist!
+
+Ach, auch in ihre Heucheleien verflog sich wohl meines Auges Neugier;
+und gut errieth ich all ihr Fliegen-Glück und ihr Summen um besonnte
+Fensterscheiben.
+
+Soviel Güte, soviel Schwäche sehe ich. Soviel Gerechtigkeit und
+Mitleiden, soviel Schwäche.
+
+Rund, rechtlich und gütig sind sie mit einander, wie Sandkörnchen rund,
+rechtlich und gütig mit Sandkörnchen sind.
+
+Bescheiden ein kleines Glück umarmen—das heissen sie „Ergebung“! und
+dabei schielen sie bescheiden schon nach einem neuen kleinen Glücke
+aus.
+
+Sie wollen im Grunde einfältiglich Eins am meisten: dass ihnen Niemand
+wehe thue. So kommen sie jedermann zuvor und thun ihm wohl.
+
+Diess aber ist _Feigheit_: ob es schon „Tugend“ heisst.—
+
+Und wenn sie einmal rauh reden, diese kleinen Leute: _ich_ höre darin
+nur ihre Heiserkeit,—jeder Windzug nämlich macht sie heiser.
+
+Klug sind sie, ihre Tugenden haben kluge Finger. Aber ihnen fehlen die
+Fäuste, ihre Finger wissen nicht, sich hinter Fäuste zu verkriechen.
+
+Tugend ist ihnen das, was bescheiden und zahm macht: damit machten sie
+den Wolf zum Hunde und den Menschen selber zu des Menschen bestem
+Hausthiere.
+
+„Wir setzten unsern Stuhl in die _Mitte_—das sagt mir ihr
+Schmunzeln—und ebenso weit weg von sterbenden Fechtern wie von
+vergnügten Säuen.“
+
+Diess aber ist—_Mittelmässigkeit_: ob es schon Mässigkeit heisst.—
+
+3.
+
+Ich gehe durch diess Volk und lasse manches Wort fallen: aber sie
+wissen weder zu nehmen noch zu behalten.
+
+Sie wundern sich, dass ich nicht kam, auf Lüste und Laster zu lästern;
+und wahrlich, ich kam auch nicht, dass ich vor Taschendieben warnte!
+
+Sie wundern sich, dass ich nicht bereit bin, ihre Klugheit noch zu
+witzigen und zu spitzigen: als ob sie noch nicht genug der Klüglinge
+hätten, deren Stimme mir gleich Schieferstiften kritzelt!
+
+Und wenn ich rufe: „Flucht allen feigen Teufeln in euch, die gerne
+winseln und Hände falten und anbeten möchten“ : so rufen sie:
+„Zarathustra ist gottlos“.
+
+Und sonderlich rufen es ihre Lehrer der Ergebung—; aber gerade ihnen
+liebe ich’s, in das Ohr zu schrein: Ja! Ich _bin_ Zarathustra, der
+Gottlose!
+
+Diese Lehrer der Ergebung! Überall hin, wo es klein und krank und
+grindig ist, kriechen sie, gleich Läusen; und nur mein Ekel hindert
+mich, sie zu knacken.
+
+Wohlan! Diess ist meine Predigt für _ihre_ Ohren: ich bin Zarathustra,
+der Gottlose, der da spricht „wer ist gottloser denn ich, dass ich mich
+seiner Unterweisung freue?“
+
+Ich bin Zarathustra, der Gottlose: wo finde ich Meines-Gleichen? Und
+alle Die sind Meines-Gleichen, die sich selber ihren Willen geben und
+alle Ergebung von sich abthun.
+
+Ich bin Zarathustra, der Gottlose: ich koche mir noch jeden Zufall in
+_meinem_ Topfe. Und erst, wenn er da gar gekocht ist, heisse ich ihn
+willkommen, als _meine_ Speise.
+
+Und wahrlich, mancher Zufall kam herrisch zu mir: aber herrischer noch
+sprach zu ihm mein _Wille_,—da lag er schon bittend auf den Knieen—
+
+—bittend, dass er Herberge finde und Herz bei mir, und schmeichlerisch
+zuredend: „sieh doch; oh Zarathustra, wie nur Freund zu Freunde
+kommt!“—
+
+Doch was rede ich, wo Niemand _meine_ Ohren hat! Und so will ich es
+hinaus in alle Winde rufen:
+
+Ihr werdet immer kleiner, ihr kleinen Leute! Ihr bröckelt ab, ihr
+Behaglichen! Ihr geht mir noch zu Grunde—
+
+—an euren vielen kleinen Tugenden, an eurem vielen kleinen Unterlassen,
+an eurer vielen kleinen Ergebung!
+
+Zu viel schonend, zu viel nachgebend: so ist euer Erdreich! Aber dass
+ein Baum _gross_ werde, dazu will er um harte Felsen harte Wurzeln
+schlagen!
+
+Auch was ihr unterlasse, webt am Gewebe aller Menschen-Zukunft; auch
+euer Nichts ist ein Spinnennetz und eine Spinne, die von der Zukunft
+Blute lebt.
+
+Und wenn ihr nehmt, so ist es wie stehlen, ihr kleinen Tugendhaften;
+aber noch unter Schelmen spricht die _Ehre_: „man soll nur stehlen, wo
+man nicht rauben kann.“
+
+„Es giebt sich“—das ist auch eine Lehre der Ergebung. Aber ich sage
+euch, ihr Behaglichen: _es nimmt sich_ und wird immer mehr noch von
+euch nehmen!
+
+Ach, dass ihr alles _halbe_ Wollen von euch abthätet und entschlossen
+würdet zur Trägheit wie zur That!
+
+Ach, dass ihr mein Wort verstündet: „thut immerhin, was ihr wollt,—aber
+seid erst Solche, die _wollen können_!“
+
+„Liebt immerhin euren Nächsten gleich euch,—aber seid mir erst solche,
+die _sich selber lieben_—
+
+—mit der grossen Liebe lieben, mit der grossen Verachtung lieben!“ Also
+spricht Zarathustra, der Gottlose.—
+
+Doch was rede ich, wo Niemand _meine_ Ohren hat! Es ist hier noch eine
+Stunde zu früh für mich.
+
+Mein eigner Vorläufer bin ich unter diesem Volke, mein eigner
+Hahnen-Ruf durch dunkle Gassen.
+
+Aber _ihre_ Stunde kommt! Und es kommt auch die meine! Stündlich werden
+sie kleiner, ärmer, unfruchtbarer,—armes Kraut! armes Erdreich!
+
+Und _bald_ sollen sie mir dastehn wie dürres Gras und Steppe, und
+wahrlich! ihrer selber müde—und mehr, als nach Wasser, nach _Feuer_
+lechzend!
+
+Oh gesegnete Stunde des Blitzes! Oh Geheimniss vor Mittag!—Laufende
+Feuer will ich einst noch aus ihnen machen und Verkünder mit
+Flammen-Zungen:—
+
+—verkünden sollen sie einst noch mit Flammen-Zungen: Er kommt, er ist
+nahe, der grosse Mittag!
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+Auf dem Ölberge
+
+Der Winter, ein schlimmer Gast, sitzt bei mir zu Hause; blau sind meine
+Hände von seiner Freundschaft Händedruck.
+
+Ich ehre ihn, diesen schlimmen Gast, aber lasse gerne ihn allein
+sitzen. Gerne laufe ich ihm davon; und, läuft man _gut_, so entläuft
+man ihm!
+
+Mit warmen Füssen und warmen Gedanken laufe ich dorthin, wo der Wind
+stille steht,—zum Sonnen-Winkel meines Ölbergs.
+
+Da lache ich meines gestrengen Gastes und bin ihm noch gut, dass er zu
+Hause mir die Fliegen wegfängt und vielen kleinen Lärm stille macht.
+
+Er leidet es nämlich nicht, wenn eine Mücke singen will, oder gar zwei;
+noch die Gasse macht er einsam, dass der Mondschein drin Nachts sich
+fürchtet.
+
+Ein harter Gast ist er,—aber ich ehre ihn, und nicht bete ich, gleich
+den Zärtlingen, zum dickbäuchichten Feuer-Götzen.
+
+Lieber noch ein Wenig zähneklappern als Götzen anbeten!—so will’s meine
+Art. Und sonderlich bin ich allen brünstigen dampfenden dumpfigen
+Feuer-Götzen gram.
+
+Wen ich liebe, den liebe ich Winters besser als Sommers; besser spotte
+ich jetzt meiner Feinde und herzhafter, seit der Winter mir im Hause
+sitzt.
+
+Herzhaft wahrlich, selbst dann noch, wenn ich zu Bett _krieche_—: da
+lacht und muthwillt noch mein verkrochenes Glück; es lacht noch mein
+Lügen-Traum.
+
+Ich—ein Kriecher? Niemals kroch ich im Leben vor Mächtigen; und log ich
+je, so log ich aus Liebe. Desshalb bin ich froh auch im Winter-Bette.
+
+Ein geringes Bett wärmt mich mehr als ein reiches, denn ich bin
+eifersüchtig auf meine Armuth. Und im Winter ist sie mir am treuesten.
+
+Mit einer Bosheit beginne ich jeden Tag, ich spotte des Winters mit
+einem kalten Bade: darob brummt mein gestrenger Hausfreund.
+
+Auch kitzle ich ihn gerne mit einem Wachskerzlein: dass er mir endlich
+den Himmel herauslasse aus aschgrauer Dämmerung.
+
+Sonderlich boshaft bin ich nämlich des Morgens: zur frühen Stunde, da
+der Eimer am Brunnen klirrt und die Rosse warm durch graue Gassen
+wiehern:—
+
+Ungeduldig warte ich da, dass mir endlich der lichte Himmel aufgehe,
+der schneebärtige Winter-Himmel, der Greis und Weisskopf,—
+
+—der Winter-Himmel, der schweigsame, der oft noch seine Sonne
+verschweigt!
+
+Lernte ich wohl von ihm das lange lichte Schweigen? Oder lernte er’s
+von mir? Oder hat ein jeder von uns es selbst erfunden?
+
+Aller guten Dinge Ursprung ist tausendfältig,—alle guten muthwilligen
+Dinge springen vor Lust in’s Dasein: wie sollten sie das immer nur—Ein
+Mal thun!
+
+Ein gutes muthwilliges Ding ist auch das lange Schweigen und gleich dem
+Winter-Himmel blicken aus lichtem rundäugichten Antlitze:—
+
+—gleich ihm seine Sonne verschweigen und seinen unbeugsamen
+Sonnen-Willen: wahrlich, diese Kunst und diesen Winter-Muthwillen
+lernte ich _gut_!
+
+Meine liebste Bosheit und Kunst ist es, dass mein Schweigen lernte,
+sich nicht durch Schweigen zu verrathen.
+
+Mit Worten und Würfeln klappernd überliste ich mir die feierlichen
+Warter: allen diesen gestrengen Aufpassern soll mein Wille und Zweck
+entschlüpfen.
+
+Dass mir Niemand in meinen Grund und letzten Willen hinab sehe,—dazu
+erfand ich mir das lange lichte Schweigen.
+
+So manchen Klugen fand ich: der verschleierte sein Antlitz und trübte
+sein Wasser, dass Niemand ihm hindurch und hinunter sehe.
+
+Aber zu ihm gerade kamen die klügeren Misstrauer und Nussknacker: ihm
+gerade fischte man seinen verborgensten Fisch heraus!
+
+Sondern die Hellen, die Wackern, die Durchsichtigen—das sind mir die
+klügsten Schweiger: denen so _tief_ ihr Grund ist, dass auch das
+hellste Wasser ihn nicht—verräth.—
+
+Du schneebärtiger schweigender Winter-Himmel, du rundäugichter
+Weisskopf über mir! Oh du himmlisches Gleichniss meiner Seele und ihres
+Muthwillens!
+
+Und _muss_ ich mich nicht verbergen, gleich Einem, der Gold verschluckt
+hat,—dass man mir nicht die Seele aufschlitze?
+
+_Muss_ ich nicht Stelzen tragen, dass sie meine langen Beine
+_übersehen_,—alle diese Neidbolde und Leidholde, die um mich sind?
+
+Diese räucherigen, stubenwarmen, verbrauchten, vergrünten, vergrämelten
+Seelen —wie _könnte_ ihr Neid mein Glück ertragen!
+
+So zeige ich ihnen nur das Eis und den Winter auf meinen Gipfeln—und
+_nicht_, dass mein Berg noch alle Sonnengürtel um sich schlingt!
+
+Sie hören nur meine Winter-Stürme pfeifen: und _nicht_, dass ich auch
+über warme Meere fahre, gleich sehnsüchtigen, schweren, heissen
+Südwinden.
+
+Sie erbarmen sich noch meiner Unfälle und Zufälle:—aber _mein_ Wort
+heisst: „lasst den Zufall zu mir kommen: unschuldig ist er, wie ein
+Kindlein!“
+
+Wie _könnten_ sie mein Glück ertragen, wenn ich nicht Unfälle und
+Winter-Nöthe und Eisbären-Mützen und Schneehimmel-Hüllen um mein Glück
+legte!
+
+—wenn ich mich nicht selbst ihres _Mitleids_ erbarmte—des Mitleids
+dieser Neidbolde und Leidholde!
+
+—wenn ich nicht selber vor ihnen seufzte und frostklapperte und mich
+geduldsam in ihr Mitleid wickeln _liesse_!
+
+Diess ist der weise Muthwille und Wohlwille meiner Seele, dass sie
+ihren Winter und ihre Froststürme _nicht verbirgt_; sie verbirgt auch
+ihre Frostbeulen nicht.
+
+Des Einen Einsamkeit ist die Flucht des Kranken; des Andern Einsamkeit
+die Flucht _vor_ den Kranken.
+
+Mögen sie mich klappern und seufzen _hören_ vor Winterkälte, alle diese
+armen scheelen Schelme um mich! Mit solchem Geseufz und Geklapper
+flüchte ich noch vor ihren geheizten Stuben.
+
+Mögen sie mich bemitleiden und bemitseufzen ob meiner Frostbeulen: „am
+Eis der Erkenntniss _erfriert_ er uns noch!“—so klagen sie.
+
+Inzwischen laufe ich mit warmen Füssen kreuz und quer auf meinem
+Ölberge: im Sonnen-Winkel meines Ölberges singe und spotte ich alles
+Mitleids.—
+
+Also sang Zarathustra.
+
+
+Vom Vorübergehen
+
+Also, durch viel Volk und vielerlei Städte langsam hindurchschreitend,
+gierig Zarathustra auf Umwegen zurück zu seinem Gebirge und seiner
+Höhle. Und siehe, dabei kam er unversehens auch an das Stadtthor der
+_grossen Stadt_: hier aber sprang ein schäumender Narr mit
+ausgebreiteten Händen auf ihn zu und trat ihm in den Weg. Diess aber
+war der selbige Narr, welchen das Volk „den Affen Zarathustra’s“ hiess:
+denn er hatte ihm Etwas vom Satz und Fall der Rede abgemerkt und borgte
+wohl auch gerne vom Schatze seiner Weisheit. Der Narr aber redete also
+zu Zarathustra:
+
+„Oh Zarathustra, hier ist die grosse Stadt: hier hast du Nichts zu
+suchen und Alles zu verlieren.
+
+Warum wolltest du durch diesen Schlamm waten? Habe doch Mitleiden mit
+deinem Fusse! Speie lieber auf das Stadtthor und—kehre um!
+
+Hier ist die Hölle für Einsiedler-Gedanken: hier werden grosse Gedanken
+lebendig gesotten und klein gekocht.
+
+Hier verwesen alle grossen Gefühle: hier dürfen nur klapperdürre
+Gefühlchen klappern!
+
+Riechst du nicht schon die Schlachthäuser und Garküchen des Geistes?
+Dampft nicht diese Stadt vom Dunst geschlachteten Geistes?
+
+Siehst du nicht die Seelen hängen wie schlaffe schmutzige Lumpen?—Und
+sie machen noch Zeitungen aus diesen Lumpen!
+
+Hörst du nicht, wie der Geist hier zum Wortspiel wurde? Widriges
+Wort-Spülicht bricht er heraus!—Und sie machen noch Zeitungen aus
+diesem Wort-Spülicht.
+
+Sie hetzen einander und wissen nicht, wohin? Sie erhitzen einander und
+wissen nicht, warum? Sie klimpern mit ihrem Bleche, sie klingeln mit
+ihrem Golde.
+
+Sie sind kalt und suchen sich Wärme bei gebrannten Wassern; sie sind
+erhitzt und suchen Kühle bei gefrorenen Geistern; sie sind Alle siech
+und süchtig an öffentlichen Meinungen.
+
+Alle Lüste und Laster sind hier zu Hause; aber es giebt hier auch
+Tugendhafte, es giebt viel anstellige angestellte Tugend:—
+
+Viel anstellige Tugend mit Schreibfingern und hartem Sitz- und
+Warte-Fleische, gesegnet mit kleinen Bruststernen und ausgestopften
+steisslosen Töchtern.
+
+Es giebt hier auch viel Frömmigkeit und viel gläubige
+Speichel-Leckerei, Schmeichel-Bäckerei vor dem Gott der Heerschaaren.
+
+„Von Oben“ her träufelt ja der Stern und der gnädige Speichel; nach
+Oben hin sehnt sich jeder sternenlose Busen.
+
+Der Mond hat seinen Hof, und der Hof hat seine Mondkälber: zu Allem
+aber, was vom Hofe kommt, betet das Bettel-Volk und alle anstellige
+Bettel-Tugend.
+
+„Ich diene, du dienst, wir dienen“—so betet alle anstellige Tugend
+hinauf zum Fürsten: dass der verdiente Stern sich endlich an den
+schmalen Busen hefte!
+
+Aber der Mond dreht sich noch um alles Irdische: so dreht sich auch der
+Fürst noch um das Aller-Irdischste—: das aber ist das Gold der Krämer.
+
+Der Gott der Heerschaaren ist kein Gott der Goldbarren; der Fürst
+denkt, aber der Krämer—lenkt!
+
+Bei Allem, was licht und stark und gut in dir ist, oh Zarathustra!
+Speie auf diese Stadt der Krämer und kehre um!
+
+Hier fliesst alles Blut faulicht und lauicht und schaumicht durch alle
+Adern: speie auf die grosse Stadt, welche der grosse Abraum ist, wo
+aller Abschaum zusammenschäumt!
+
+Speie auf die Stadt der eingedrückten Seelen und schmalen Brüste, der
+spitzen Augen, der klebrigen Finger—
+
+—auf die Stadt der Aufdringlinge, der Unverschämten, der Schreib- und
+Schreihälse, der überheizten Ehrgeizigen:—
+
+—wo alles Anbrüchige, Anrüchige, Lüsterne, Düsterne, Übermürbe,
+Geschwürige, Verschwörerische zusammenschwärt:—
+
+—speie auf die grosse Stadt und kehre um!“—
+
+Hier aber unterbrach Zarathustra den schäumenden Narren und hielt ihm
+den Mund zu.
+
+„Höre endlich auf! rief Zarathustra, mich ekelt lange schon deiner Rede
+und deiner Art!
+
+Warum wohntest du so lange am Sumpfe, dass du selber zum Frosch und zur
+Kröte werden musstest?
+
+Fliesst dir nicht selber nun ein faulichtes schaumichtes Sumpf-Blut
+durch die Adern, dass du also quaken und lästern lerntest?
+
+Warum giengst du nicht in den Wald? Oder pflügtest die Erde? Ist das
+Meer nicht voll von grünen Eilanden?
+
+Ich verachte dein Verachten; und wenn du mich warntest,—warum warntest
+du dich nicht selber?
+
+Aus der Liebe allein soll mir mein Verachten und mein warnender Vogel
+auffliegen: aber nicht aus dem Sumpfe!—
+
+Man heisst dich meinen Affen, du schäumender Narr: aber ich heisse dich
+mein Grunze-Schwein,—durch Grunzen verdirbst du mir noch mein Lob der
+Narrheit.
+
+Was war es denn, was dich zuerst grunzen machte? Dass Niemand dir genug
+_geschmeichelt_ hat:—darum setztest du dich hin zu diesem Unrathe, dass
+du Grund hättest viel zu grunzen,—
+
+—dass du Grund hättest zu vieler _Rache_! Rache nämlich, du eitler
+Narr, ist all dein Schäumen, ich errieth dich wohl!
+
+Aber dein Narren-Wort thut _mir_ Schaden, selbst, wo du Recht hast! Und
+wenn Zarathustra’s Wort sogar hundert Mal Recht _hätte_: du würdest mit
+meinem Wort immer—Unrecht _thun_!“
+
+Also sprach Zarathustra; und er blickte die grosse Stadt an, seufzte
+und schwieg lange. Endlich redete er also:
+
+Mich ekelt auch dieser grossen Stadt und nicht nur dieses Narren. Hier
+und dort ist Nichts zu bessern, Nichts zu bösern.
+
+Wehe dieser grossen Stadt!—Und ich wollte, ich sähe schon die
+Feuersäule, in der sie verbrannt wird!
+
+Denn solche Feuersäulen müssen dem grossen Mittage vorangehn. Doch
+diess hat seine Zeit und sein eigenes Schicksal.—
+
+Diese Lehre aber gebe ich dir, du Narr, zum Abschiede: wo man nicht
+mehr lieben kann, da soll man—_vorübergehn_!—
+
+Also sprach Zarathustra und gieng an dem Narren und der grossen Stadt
+vorüber.
+
+
+Von den Abtrünnigen
+
+1.
+
+Ach, liegt Alles schon welk und grau, was noch jüngst auf dieser Wiese
+grün und bunt stand? Und wie vielen Honig der Hoffnung trug ich von
+hier in meine Bienenkörbe!
+
+Diese jungen Herzen sind alle schon alt geworden,—und nicht alt einmal!
+nur müde, gemein, bequem:—sie heissen es „Wir sind wieder fromm
+geworden.“
+
+Noch jüngst sah ich sie in der Frühe auf tapferen Füssen hinauslaufen:
+aber ihre Füsse der Erkenntniss wurden müde, und nun verleumden sie
+auch noch ihre Morgen-Tapferkeit!
+
+Wahrlich, Mancher von ihnen hob einst die Beine wie ein Tänzer, ihm
+winkte das Lachen in meiner Weisheit:—da besann er sich. Eben sah ich
+ihn krumm—zum Kreuze kriechen.
+
+Um Licht und Freiheit flatterten sie einst gleich Mücken und jungen
+Dichtern. Ein Wenig älter, ein Wenig kälter: und schon sind sie Dunkler
+und Munkler und Ofenhocker.
+
+Verzagte ihnen wohl das Herz darob, dass mich die Einsamkeit verschlang
+gleich einem Wallfische? Lauschte ihr Ohr wohl sehnsüchtig-lange
+_umsonst_ nach mir und meinen Trompeten- und Herolds-Rufen?
+
+—Ach! Immer sind ihrer nur Wenige, deren Herz einen langen Muth und
+Übermuth hat; und solchen bleibt auch der Geist geduldsam. Der Rest
+aber ist _feige_.
+
+Der Rest: das sind immer die Allermeisten, der Alltag, der Überfluss,
+die Viel-zu-Vielen—diese alle sind feige!—
+
+Wer meiner Art ist, dem werden auch die Erlebnisse meiner Art über den
+Weg laufen: also, dass seine ersten Gesellen Leichname und
+Possenreisser sein müssen.
+
+Seine zweiten Gesellen aber—die werden sich seine _Gläubigen_ heissen:
+ein lebendiger Schwarm, viel Liebe, viel Thorheit, viel unbärtige
+Verehrung.
+
+An diese Gläubigen soll Der nicht sein Herz binden, wer meiner Art
+unter Menschen ist; an diese Lenze und bunte Wiesen soll Der nicht
+glauben, wer die flüchtig-feige Menschenart kennt!
+
+_Könnten_ sie anders, so würden sie auch anders _wollen_. Halb- und
+Halbe verderben alles Ganze. Dass Blätter welk werden,—was ist da zu
+klagen!
+
+Lass sie fahren und fallen, oh Zarathustra, und klage nicht! Lieber
+noch blase mit raschelnden Winden unter sie,—
+
+—blase unter diese Blätter, oh Zarathustra: dass alles _Welke_
+schneller noch von dir davonlaufen!—
+
+2.
+
+„Wir sind wieder fromm geworden“ —so bekennen diese Abtrünnigen; und
+Manche von ihnen sind noch zu feige, also zu bekennen.
+
+Denen sehe ich in’s Auge,—denen sage ich es in’s Gesicht und in die
+Röthe ihrer Wangen: ihr seid Solche, welche wieder _beten_!
+
+Es ist aber eine Schmach, zu beten! Nicht für Alle, aber für dich und
+mich und wer auch im Kopfe sein Gewissen hat. Für _dich_ ist es eine
+Schmach, zu beten!
+
+Du weisst es wohl: dein feiger Teufel in dir, der gerne Hände-falten
+und Hände-in-den-Schooss-legen und es bequemer haben möchte:—dieser
+feige Teufel redet dir zu „es _giebt_ einen Gott!“
+
+_Damit_ aber gehörst du zur lichtscheuen Art, denen Licht nimmer Ruhe
+lässt; nun musst du täglich deinen Kopf tiefer in Nacht und Dunst
+stecken!
+
+Und wahrlich, du wähltest die Stunde gut: denn eben wieder fliegen die
+Nachtvögel aus. Die Stunde kam allem lichtscheuen Volke, die Abend- und
+Feierstunde, wo es nicht—„feiert.“
+
+Ich höre und rieche es: es kam ihre Stunde für Jagd und Umzug, nicht
+zwar für eine wilde Jagd, sondern für eine zahme lahme schnüffelnde
+Leisetreter- und Leisebeter-Jagd,—
+
+—für eine Jagd auf seelenvolle Duckmäuser: alle Herzens- Mausefallen
+sind jetzt wieder aufgestellt! Und wo ich einen Vorhang aufhebe, da
+kommt ein Nachtfalterchen herausgestürzt.
+
+Hockte es da wohl zusammen mit einem andern Nachtfalterchen? Denn
+überall rieche ich kleine verkrochne Gemeinden; und wo es Kämmerlein
+giebt, da giebt es neue Bet-Brüder drin und den Dunst von Bet-Brüdern.
+
+Sie sitzen lange Abende bei einander und sprechen: lasset uns wieder
+werden wie die Kindlein und „lieber Gott“ sagen!—an Mund und Magen
+verdorben durch die frommen Zuckerbäcker.
+
+Oder sie sehen lange Abende einer listigen lauernden Kreuzspinne zu,
+welche den Spinnen selber Klugheit predigt und also lehrt: „unter
+Kreuzen ist gut spinnen!“
+
+Oder sie sitzen Tags über mit Angelruthen an Sümpfen und glauben sich
+_tief_ damit; aber wer dort fischt, wo es keine Fische giebt, den
+heisse ich noch nicht einmal oberflächlich!
+
+Oder sie lernen fromm-froh die Harfe schlagen bei einem Lieder-Dichter,
+der sich gern jungen Weibchen in’s Herz harfnen möchte:—denn er wurde
+der alten Weibchen müde und ihres Lobpreisens.
+
+Oder sie lernen gruseln bei einem gelehrten Halb-Tollen, der in dunklen
+Zimmern wartet, dass ihm die Geister kommen—und der Geist ganz
+davonläuft!
+
+Oder sie horchen einem alten umgetriebnen Schnurr- und Knurrpfeifer zu,
+der trüben Winden die Trübsal der Töne ablernte; nun pfeift er nach dem
+Winde und predigt in trüben Tönen Trübsal.
+
+Und Einige von ihnen sind sogar Nachtwächter geworden: die verstehen
+jetzt in Hörner zu blasen und Nachts umherzugehn und alte Sachen
+aufzuwecken, die lange schon eingeschlafen sind.
+
+Fünf Worte von alten Sachen hörte ich gestern Nachts an der
+Garten-Mauer: die kamen von solchen alten betrübten trocknen
+Nachtwächtern.
+
+„Für einen Vater sorgt er nicht genug um seine Kinder: Menschen-Väter
+thun diess besser!“—
+
+„Er ist zu alt! Er sorgt schon gar nicht mehr um seine Kinder“—also
+antwortete der andere Nachtwächter.
+
+„_Hat_ er denn Kinder? Niemand kann’s beweisen, wenn er’s selber nicht
+beweist! Ich wollte längst, er bewiese es einmal gründlich.“
+
+„Beweisen? Als ob _Der_ je Etwas bewiesen hätte! Beweisen fällt ihm
+schwer; er hält grosse Stücke darauf, dass man ihm glaubt.“
+
+„Ja! Ja! Der Glaube macht ihn selig, der Glaube an ihn. Das ist so die
+Art alter Leute! So geht’s uns auch!“—
+
+—Also sprachen zu einander die zwei alten Nachtwächter und
+Lichtscheuchen, und tuteten darauf betrübt in ihre Hörner: so geschah’s
+gestern Nachts an der Garten-Mauer.
+
+Mir aber wand sich das Herz vor Lachen und wollte brechen und wusste
+nicht, wohin? und sank in’s Zwerchfell.
+
+Wahrlich, das wird noch mein Tod sein, dass ich vor Lachen ersticke,
+wenn ich Esel betrunken sehe und Nachtwächter also an Gott zweifeln
+höre.
+
+Ist es denn nicht _lange_ vorbei auch für alle solche Zweifel? Wer darf
+noch solche alte eingeschlafne lichtscheue Sachen aufwecken!
+
+Mit den alten Göttern gieng es ja lange schon zu Ende:—und wahrlich,
+ein gutes fröhliches Götter-Ende hatten sie!
+
+Sie „dämmerten“ sich nicht zu Tode,—das lügt man wohl! Vielmehr: sie
+haben sich selber einmal zu Tode—_gelacht_!
+
+Das geschah, als das gottloseste Wort von einem Gotte selber
+ausgieng,—das Wort: „Es ist Ein Gott! Du sollst keinen andern Gott
+haben neben mir!“—
+
+—ein alter Grimm-Bart von Gott, ein eifersüchtiger vergass sich also:
+
+Und alle Götter lachten damals und wackelten auf ihren Stühlen und
+riefen: „Ist das nicht eben Göttlichkeit, dass es Götter, aber keinen
+Gott giebt?“
+
+Wer Ohren hat, der höre.—
+
+Also redete Zarathustra in der Stadt, die er liebte und welche
+zubenannt ist die bunte Kuh. Von hier nämlich hatte er nur noch zwei
+Tage zu gehen, dass er wieder in seine Höhle käme und zu seinen
+Thieren; seine Seele aber frohlockte beständig ob der Nähe seiner
+Heimkehr.—
+
+
+Die Heimkehr
+
+Oh Einsamkeit! Du meine _Heimat_ Einsamkeit! Zu lange lebte ich wild in
+wilder Fremde, als dass ich nicht mit Thränen zu dir heimkehrte!
+
+Nun drohe mir nur mit dem Finger, wie Mütter drohn, nein lächle mir zu,
+wie Mütter lächeln, nun sprich nur: „Und wer war das, der wie ein
+Sturmwind einst von mir davonstürmte?—
+
+—der scheidend rief: zu lange sass ich bei der Einsamkeit, da verlernte
+ich das Schweigen! _Das_—lerntest du nun wohl?
+
+Oh Zarathustra, Alles weiss ich: und dass du unter den Vielen
+_verlassener_ warst, du Einer, als je bei mir!
+
+Ein Anderes ist Verlassenheit, ein Anderes Einsamkeit: _Das_—lerntest
+du nun! Und dass du unter Menschen immer wild und fremd sein wirst:
+
+-Wild und fremd auch noch, wenn sie dich lieben: denn zuerst von Allem
+wollen sie _geschont_ sein!
+
+Hier aber bist du bei dir zu Heim und Hause; hier kannst du Alles
+hinausreden und alle Gründe ausschütten, Nichts schämt sich hier
+versteckter, verstockter Gefühle.
+
+Hier kommen alle Dinge liebkosend zu deiner Rede und schmeicheln dir:
+denn sie wollen auf deinem Rücken reiten. Auf jedem Gleichniss reitest
+du hier zu jeder Wahrheit.
+
+Aufrecht und aufrichtig darfst du hier zu allen Dingen reden: und
+wahrlich, wie Lob klingt es ihren Ohren, dass Einer mit allen
+Dingen—gerade redet!
+
+Ein Anderes aber ist Verlassensein. Denn, weisst du noch, oh
+Zarathustra? Als damals dein Vogel über dir schrie, als du im Walde
+standest, unschlüssig, wohin? unkundig, einem Leichnam nahe:—
+
+—als du sprachst: mögen mich meine Thiere führen! Gefährlicher fand
+ich’s unter Menschen, als unter Thieren:—_Das_ war Verlassenheit!
+
+Und weisst du noch, oh Zarathustra? Als du auf deiner Insel sassest,
+unter leeren Eimern ein Brunnen Weins, gebend und ausgebend, unter
+Durstigen schenkend und ausschenkend:
+
+—bis du endlich durstig allein unter Trunkenen sassest und nächtlich
+klagtest „ist Nehmen nicht seliger als Geben? Und Stehlen noch seliger
+als Nehmen?“—_Das_ war Verlassenheit!
+
+Und weisst du noch, oh Zarathustra? Als deine stillste Stunde kam und
+dich von dir selber forttrieb, als sie mit bösem Flüstern sprach:
+„Sprich und zerbrich!“ -
+
+—als sie dir all dein Warten und Schweigen leid machte und deinen
+demüthigen Muth entmuthigte: _Das_ war Verlassenheit!“—
+
+Oh Einsamkeit! Du meine Heimat Einsamkeit! Wie selig und zärtlich redet
+deine Stimme zu mir!
+
+Wir fragen einander nicht, wir klagen einander nicht, wir gehen offen
+mit einander durch offne Thüren.
+
+Denn offen ist es bei dir und hell; und auch die Stunden laufen hier
+auf leichteren Füssen. Im Dunklen nämlich trägt man schwerer an der
+Zeit, als im Lichte.
+
+Hier springen mir alles Seins Worte und Wort-Schreine auf: alles Sein
+will hier Wort werden, alles Werden will hier von mir reden lernen.
+
+Da unten aber—da ist alles Reden umsonst! Da ist Vergessen und
+Vorübergehn die beste Weisheit: _Das_—lernte ich nun!
+
+Wer Alles bei den Menschen begreifen wollte, der müsste Alles
+angreifen. Aber dazu habe ich zu reinliche Hände.
+
+Ich mag schon ihren Athem nicht einathmen; ach, dass ich so lange unter
+ihrem Lärm und üblem Athem lebte!
+
+Oh selige Stille um mich! Oh reine Gerüche um mich! Oh wie aus tiefer
+Brust diese Stille reinen Athem holt! Oh wie sie horcht, diese selige
+Stille!
+
+Aber da unten—da redet Alles, da wird Alles überhört. Man mag seine
+Weisheit mit Glocken einläuten: die Krämer auf dem Markte werden sie
+mit Pfennigen überklingeln!
+
+Alles bei ihnen redet, Niemand weiss mehr zu verstehn. Alles fällt in’s
+Wasser, Nichts fällt mehr in tiefe Brunnen.
+
+Alles bei ihnen redet, Nichts geräth mehr und kommt zu Ende. Alles
+gackert, aber wer will noch still auf dem Neste sitzen und Eier brüten?
+
+Alles bei ihnen redet, Alles wird zerredet. Und was gestern noch zu
+hart war für die Zeit selber und ihren Zahn: heute hängt es zerschabt
+und zernagt aus den Mäulern der Heutigen.
+
+Alles bei ihnen redet, Alles wird verrathen. Und was einst Geheimniss
+hiess und Heimlichkeit tiefer Seelen, heute gehört es den
+Gassen-Trompetern und andern Schmetterlingen.
+
+Oh Menschenwesen, du wunderliches! Du Lärm auf dunklen Gassen! Nun
+liegst du wieder hinter mir:—meine grösste Gefahr liegt hinter mir!
+
+Im Schonen und Mitleiden lag immer meine grösste Gefahr; und alles
+Menschenwesen will geschont und gelitten sein.
+
+Mit verhaltenen Wahrheiten, mit Narrenhand und vernarrtem Herzen und
+reich an kleinen Lügen des Mitleidens:—also lebte ich immer unter
+Menschen.
+
+Verkleidet sass ich unter ihnen, bereit, _mich_ zu verkennen, dass ich
+_sie_ ertrüge, und gern mir zuredend „du Narr, du kennst die Menschen
+nicht!“
+
+Man verlernt die Menschen, wenn man unter Menschen lebt: zu viel
+Vordergrund ist an allen Menschen,—was sollen da weitsichtige,
+weit-süchtige Augen!
+
+Und wenn sie mich verkannten: ich Narr schonte sie darob mehr, als
+mich: gewohnt zur Härte gegen mich und oft noch an mir selber mich
+rächend für diese Schonung.
+
+Zerstochen von giftigen Fliegen und ausgehöhlt, dem Steine gleich, von
+vielen Tropfen Bosheit, so sass ich unter ihnen und redete mir noch zu:
+„unschuldig ist alles Kleine an seiner Kleinheit!“
+
+Sonderlich Die, welche sich „die Guten“ heissen, fand ich als die
+giftigsten Fliegen: sie stechen in aller Unschuld, sie lügen in aller
+Unschuld; wie _vermöchten_ sie, gegen mich—gerecht zu sein!
+
+Wer unter den Guten lebt, den lehrt Mitleid lügen. Mitleid macht dumpfe
+Luft allen freien Seelen. Die Dummheit der Guten nämlich ist
+unergründlich.
+
+Mich selber verbergen und meinen Reichthum—_das_ lernte ich da unten:
+denn jeden fand ich noch arm am Geiste. Das war der Lug meines
+Mitleidens, dass ich bei jedem wusste,
+
+—dass ich jedem es ansah und anroch, was ihm Geistes _genug_ und was
+ihm schon Geistes _zuviel_ war!
+
+Ihre steifen Weisen: ich hiess sie weise, nicht steif,—so lernte ich
+Worte verschlucken. Ihre Todtengräber: ich hiess sie Forscher und
+Prüfer,—so lernte ich Worte vertauschen.
+
+Die Todtengräber graben sich Krankheiten an. Unter altem Schutte ruhn
+schlimme Dünste. Man soll den Morast nicht aufrühren. Man soll auf
+Bergen leben.
+
+Mit seligen Nüstern athme ich wieder Berges-Freiheit! Erlöst ist
+endlich meine Nase vom Geruch alles Menschenwesens!
+
+Von scharfen Lüften gekitzelt, wie von schäumenden Weinen, _niest_
+meine Seele,—niest und jubelt sich zu: Gesundheit!
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+Von den drei Bösen
+
+1.
+
+Im Traum, im letzten Morgentraume stand ich heut auf einem
+Vorgebirge,—jenseits der Welt, hielt eine Wage und _wog_ die Welt.
+
+Oh dass zu früh mir die Morgenröthe kam: die glühte mich wach, die
+Eifersüchtige! Eifersüchtig ist sie immer auf meine
+Morgentraum-Gluthen.
+
+Messbar für Den, der Zeit hat, wägbar für einen guten Wäger, erfliegbar
+für starke Fittige, errathbar für göttliche Nüsseknacker: also fand
+mein Traum die Welt:—
+
+Mein Traum, ein kühner Segler, halb Schiff, halb Windsbraut, gleich
+Schmetterlingen schweigsam, ungeduldig gleich Edelfalken: wie hatte er
+doch zum Welt-Wägen heute Geduld und Weile!
+
+Sprach ihm heimlich wohl meine Weisheit zu, meine lachende wache
+Tags-Weisheit, welche über alle „unendliche Welten“ spottet? Denn sie
+spricht: „wo Kraft ist, wird auch die _Zahl_ Meisterin: die hat mehr
+Kraft.“
+
+Wie sicher schaute mein Traum auf diese endliche Welt, nicht neugierig,
+nicht altgierig, nicht fürchtend, nicht bittend:—
+
+—als ob ein voller Apfel sich meiner Hand böte, ein reifer Goldapfel,
+mit kühl-sanfter sammtener Haut:—so bot sich mir die Welt:—
+
+—als ob ein Baum mir winke, ein breitästiger, starkwilliger, gekrümmt
+zur Lehne und noch zum Fussbrett für den Wegmüden: so stand die Welt
+auf meinem Vorgebirge:—
+
+—als ob zierliche Hände mir einen Schrein entgegentrügen,—einen Schrein
+offen für das Entzücken schamhafter verehrender Augen: also bot sich
+mir heute die Welt entgegen:—
+
+—nicht Räthsel genug, um Menschen-Liebe davon zu scheuchen, nicht
+Lösung genug, um Menschen-Weisheit einzuschläfern:—ein menschlich gutes
+Ding war mir heut die Welt, der man so Böses nachredet!
+
+Wie danke ich es meinem Morgentraum, dass ich also in der Frühe heut
+die Welt wog! Als ein menschlich gutes Ding kam er zu mir, dieser Traum
+und Herzenströster!
+
+Und dass ich’s ihm gleich thue am Tage und sein Bestes ihm nach- und
+ablerne: will ich jetzt die drei bösesten Dinge auf die Wage thun und
+menschlich gut abwägen.—
+
+Wer da segnen lehrte, der lehrte auch fluchen: welches sind in der Welt
+die drei bestverfluchten Dinge? Diese will ich auf die Wage thun.
+
+Wollust, Herrschsucht, Selbstsucht: diese Drei wurden bisher am besten
+verflucht und am schlimmsten beleu- und belügenmundet,—diese Drei will
+ich menschlich gut abwägen.
+
+Wohlauf! Hier ist mein Vorgebirg und da das Meer: _das_ wälzt sich zu
+mir heran, zottelig, schmeichlerisch, das getreue alte hundertköpfige
+Hunds-Ungethüm, das ich liebe.
+
+Wohlauf! Hier will ich die Wage halten über gewälztem Meere: und auch
+einen Zeugen wähle ich, dass er zusehe,—dich, du Einsiedler-Baum, dich
+starkduftigen, breitgewölbten, den ich liebe!—
+
+Auf welcher Brücke geht zum Dereinst das Jetzt? Nach welchem Zwange
+zwingt das Hohe sich zum Niederen? Und was heisst auch das Höchste
+noch—hinaufwachsen?—
+
+Nun steht die Wage gleich und still: drei schwere Fragen warf ich
+hinein, drei schwere Antworten trägt die andre Wagschale.
+
+2.
+
+Wollust: allen busshemdigen Leib-Verächtern ihr Stachel und Pfahl, und
+als „Welt“ verflucht bei allen Hinterweltlern: denn sie höhnt und narrt
+alle Wirr- und Irr-Lehrer.
+
+Wollust: dem Gesindel das langsame Feuer, auf dem es verbrannt wird;
+allem wurmichten Holze, allen stinkenden Lumpen der bereite Brunst- und
+Brodel-Ofen.
+
+Wollust: für die freien Herzen unschuldig und frei, das Garten-Glück
+der Erde, aller Zukunft Dankes-Überschwang an das Jetzt.
+
+Wollust: nur dem Welken ein süsslich Gift, für die Löwen-Willigen aber
+die grosse Herzstärkung, und der ehrfürchtig geschonte Wein der Weine.
+
+Wollust: das grosse Gleichniss-Glück für höheres Glück und höchste
+Hoffnung. Vielem nämlich ist Ehe verheissen und mehr als Ehe,—
+
+—Vielem, das fremder sich ist, als Mann und Weib:—und wer begriff es
+ganz, _wie fremd_ sich Mann und Weib sind!
+
+Wollust:—doch ich will Zäune um meine Gedanken haben und auch noch um
+meine Worte: dass mir nicht in meine Gärten die Schweine und Schwärmer
+brechen!—
+
+Herrschsucht: die Glüh-Geissel der härtesten Herzensharten; die grause
+Marter, die sich dem Grausamsten selber aufspart; die düstre Flamme
+lebendiger Scheiterhaufen.
+
+Herrschsucht: die boshafte Bremse, die den eitelsten Völkern aufgesetzt
+wird; die Verhöhnerin aller ungewissen Tugend; die auf jedem Rosse und
+jedem Stolze reitet.
+
+Herrschsucht: das Erdbeben, das alles Morsche und Höhlichte bricht und
+aufbricht; die rollende grollende strafende Zerbrecherin übertünchter
+Gräber; das blitzende Fragezeichen neben vorzeitigen Antworten.
+
+Herrschsucht: vor deren Blick der Mensch kriecht und duckt und fröhnt
+und niedriger wird als Schlange und Schwein:—bis endlich die grosse
+Verachtung aus ihm aufschreie—,
+
+Herrschsucht: die furchtbare Lehrerin der grossen Verachtung, welche
+Städten und Reichen in’s Antlitz predigt „hinweg mit dir!“—bis es aus
+ihnen selber aufschreie „hinweg mit _mir_!“
+
+Herrschsucht: die aber lockend auch zu Reinen und Einsamen und hinauf
+zu selbstgenugsamen Höhen steigt, glühend gleich einer Liebe, welche
+purpurne Seligkeiten lockend an Erdenhimmel malt.
+
+Herrschsucht: doch wer hiesse es _Sucht_, wenn das Hohe hinab nach
+Macht gelüstet! Wahrlich, nichts Sieches und Süchtiges ist an solchem
+Gelüsten und Niedersteigen!
+
+Dass die einsame Höhe sich nicht ewig vereinsame und selbst begnüge;
+dass der Berg zu Thale komme und die Winde der Höhe zu den
+Niederungen:—
+
+Oh wer fände den rechten Tauf- und Tugendnamen für solche Sehnsucht!
+„Schenkende Tugend“—so nannte das Unnennbare einst Zarathustra.
+
+Und damals geschah es auch,—und wahrlich, es geschah zum ersten
+Male!—dass sein Wort die _Selbstsucht_ selig pries, die heile, gesunde
+Selbstsucht, die aus mächtiger Seele quillt:—
+
+—aus mächtiger Seele, zu welcher der hohe Leib gehört, der schöne,
+sieghafte, erquickliche, um den herum jedwedes Ding Spiegel wird:
+
+—der geschmeidige überredende Leib, der Tänzer, dessen Gleichniss und
+Auszug die selbst-lustige Seele ist. Solcher Leiber und Seelen
+Selbst-Lust heisst sich selber: „Tugend.“
+
+Mit ihren Worten von Gut und Schlecht schirmt sich solche Selbst-Lust
+wie mit heiligen Hainen; mit den Namen ihres Glücks bannt sie von sich
+alles Verächtliche.
+
+Von sich weg bannt sie alles Feige; sie spricht: Schlecht—das ist
+feige! Verächtlich dünkt ihr der immer Sorgende, Seufzende, Klägliche
+und wer auch die kleinsten Vortheile aufliest.
+
+Sie verachtet auch alle wehselige Weisheit: denn, wahrlich, es giebt
+auch Weisheit, die im Dunklen blüht, eine Nachtschatten-Weisheit: als
+welche immer seufzt: „Alles ist eitel!“
+
+Das scheue Misstrauen gilt ihr gering, und Jeder, wer Schwüre statt
+Blicke und Hände will: auch alle allzu misstrauische Weisheit,—denn
+solche ist feiger Seelen Art.
+
+Geringer noch gilt ihr der Schnell-Gefällige, der Hündische, der gleich
+auf dem Rücken liegt, der Demüthige; und auch Weisheit giebt es, die
+demüthig und hündisch und fromm und schnellgefällig ist.
+
+Verhasst ist ihr gar und ein Ekel, wer nie sich wehren will, wer
+giftigen Speichel und böse Blicke hinunterschluckt, der
+All-zu-Geduldige, Alles-Dulder, Allgenügsame: das nämlich ist die
+knechtische Art.
+
+Ob Einer vor Göttern und göttlichen Fusstritten knechtisch ist, ob vor
+Menschen und blöden Menschen-Meinungen: _alle_ Knechts-Art speit sie
+an, diese selige Selbstsucht!
+
+Schlecht: so beisst sie Alles, was geknickt und knickerisch-knechtisch
+ist, unfreie Zwinker-Augen, gedruckte Herzen, und jene falsche
+nachgebende Art, welche mit breiten feigen Lippen küsst.
+
+Und After-Weisheit: so heisst sie Alles, was Knechte und Greise und
+Müde witzeln; und sonderlich die ganze schlimme aberwitzige,
+überwitzige Priester-Narrheit!
+
+Die After-Weisen aber, alle die Priester, Weltmüden und wessen Seele
+von Weibs- und Knechtsart ist,—oh wie hat ihr Spiel von jeher der
+Selbstsucht übel mitgespielt!
+
+Und Das gerade sollte Tugend sein und Tugend heissen, _dass_ man der
+Selbstsucht übel mitspiele! Und „selbstlos“—so wünschten sich selber
+mit gutem Grunde alle diese weltmüden Feiglinge und Kreuzspinnen!
+
+Aber denen Allen kommt nun der Tag, die Wandlung, das Richtschwert,
+_der grosse Mittag_: da soll Vieles offenbar werden!
+
+Und wer das Ich heil und heilig spricht und die Selbstsucht selig,
+wahrlich, der spricht auch, was er weiss, ein Weissager: „Siehe, er
+kommt, er ist nahe, der grosse Mittag!“
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+Vom Geist der Schwere
+
+1.
+
+Mein Mundwerk—ist des Volks: zu grob und herzlich rede ich für die
+Seidenhasen. Und noch fremder klingt mein Wort allen Tinten-Fischen und
+Feder-Füchsen.
+
+Meine Hand—ist eine Narrenhand: wehe allen Tischen und Wänden, und was
+noch Platz hat für Narren-Zierath, Narren-Schmierath!
+
+Mein Fuss—ist ein Pferdefuss; damit trapple und trabe ich über Stock
+und Stein, kreuz- und querfeld-ein und bin des Teufels vor Lust bei
+allem schnellen Laufen.
+
+Mein Magen—ist wohl eines Adlers Magen? Denn er liebt am liebsten
+Lammfleisch. Gewisslich aber ist er eines Vogels Magen.
+
+Von unschuldigen Dingen genährt und von Wenigem, bereit und ungeduldig
+zu fliegen, davonzufliegen—das ist nun meine Art: wie sollte nicht
+Etwas daran von Vogel-Art sein!
+
+Und zumal, dass ich dem Geist der Schwere feind bin, das ist Vogel-Art:
+und wahrlich, todfeind, erzfeind, urfeind! Oh wohin flog und verflog
+sich nicht schon meine Feindschaft!
+
+Davon könnte ich schon ein Lied singen—- und _will_ es singen: ob ich
+gleich allein in leerem Hause bin und es meinen eignen Ohren singen
+muss.
+
+Andre Sänger giebt es freilich, denen macht das volle Haus erst ihre
+Kehle weide, ihre Hand gesprächig, ihr Auge ausdrücklich, ihr Herz
+wach:—Denen gleiche ich nicht.—
+
+2.
+
+Wer die Menschen einst fliegen lehrt, der hat alle Grenzsteine
+verrückt; alle Grenzsteine selber werden ihm in die Luft fliegen, die
+Erde wird er neu taufen —als „die Leichte.“
+
+Der Vogel Strauss läuft schneller als das schnellste Pferd, aber auch
+er steckt noch den Kopf schwer in schwere Erde: also der Mensch, der
+noch nicht fliegen kann.
+
+Schwer heisst ihm Erde und Leben; und so _will_ es der Geist der
+Schwere! Wer aber leicht werden will und ein Vogel, der muss sich
+selber lieben:—also lehre _ich_.
+
+Nicht freilich mit der Liebe der Siechen und Süchtigen: denn bei denen
+stinkt auch die Eigenliebe!
+
+Man muss sich selber lieben lernen—also lehre ich—mit einer heilen und
+gesunden Liebe: dass man es bei sich selber aushalte und nicht
+umherschweife.
+
+Solches Umherschweifen tauft sich „Nächstenliebe“ : mit diesem Worte
+ist bisher am besten gelogen und geheuchelt worden, und sonderlich von
+Solchen, die aller Welt schwer fielen.
+
+Und wahrlich, das ist kein Gebot für Heute und Morgen, sich lieben
+_lernen_. Vielmehr ist von allen Künsten diese die feinste, listigste,
+letzte und geduldsamste.
+
+Für seinen Eigener ist nämlich alles Eigene gut versteckt; und von
+allen Schatzgruben wird die eigne am spätesten ausgegraben,—also
+schafft es der Geist der Schwere.
+
+Fast in der Wiege giebt man uns schon schwere Worte und Werthe mit:
+„gut“ und „böse“ —so heisst sich diese Mitgift. Um derentwillen
+vergiebt man uns, dass wir leben.
+
+Und dazu lässt man die Kindlein zu sich kommen, dass man ihnen bei
+Zeiten wehre, sich selber zu lieben: also schafft es der Geist der
+Schwere.
+
+Und wir—wir schleppen treulich, was man uns mitgiebt, auf harten
+Schultern und über rauhe Berge! Und schwitzen wir, so sagt man uns:
+„Ja, das Leben ist schwer zu tragen!“
+
+Aber der Mensch nur ist sich schwer zu tragen! Das macht, er schleppt
+zu vieles Fremde auf seinen Schultern. Dem Kameele gleich kniet er
+nieder und lässt sich gut aufladen.
+
+Sonderlich der starke, tragsame Mensch, dem Ehrfurcht innewohnt: zu
+viele _fremde_ schwere Worte und Werthe lädt er auf sich,—nun dünkt das
+Leben ihm eine Wüste!
+
+Und wahrlich! Auch manches _Eigene_ ist schwer zu tragen! Und viel
+Inwendiges am Menschen ist der Auster gleich, nämlich ekel und
+schlüpfrig und schwer erfasslich—,
+
+—also dass eine edle Schale mit edler Zierath fürbitten muss. Aber auch
+diese Kunst muss man lernen: Schale _haben_ und schönen Schein und
+kluge Blindheit!
+
+Abermals trügt über Manches am Menschen, dass manche Schale gering und
+traurig und zu sehr Schale ist. Viel verborgene Güte und Kraft wird nie
+errathen; die köstlichsten Leckerbissen finden keine Schmecker!
+
+Die Frauen wissen das, die köstlichsten: ein Wenig fetter, ein Wenig
+magerer—oh wie viel Schicksal liegt in so Wenigem!
+
+Der Mensch ist schwer zu entdecken und sich selber noch am schwersten;
+oft lügt der Geist über die Seele. Also schafft es der Geist der
+Schwere.
+
+Der aber hat sich selber entdeckt, welcher spricht: Das ist _mein_
+Gutes und Böses: damit hat er den Maulwurf und Zwerg stumm gemacht,
+welcher spricht „Allen gut, Allen bös.“
+
+Wahrlich, ich mag auch Solche nicht, denen jegliches Ding gut und diese
+Welt gar die beste heisst. Solche nenne ich die Allgenügsamen.
+
+Allgenügsamkeit, die Alles zu schmecken weiss: das ist nicht der beste
+Geschmack! Ich ehre die widerspänstigen wählerischen Zungen und Mägen,
+welche „Ich“ und „Ja“ und „Nein“ sagen lernten.
+
+Alles aber kauen und verdauen—das ist eine rechte Schweine-Art! Immer
+I-a sagen—das lernte allein der Esel, und wer seines Geistes ist!—
+
+Das tiefe Gelb und das heisse Roth: so will es _mein_ Geschmack,—der
+mischt Blut zu allen Farben. Wer aber sein Haus weiss tüncht, der
+verräth mir eine weissgetünchte Seele.
+
+In Mumien verliebt die Einen, die Andern in Gespenster; und Beide
+gleich feind allem Fleisch und Blute—oh wie gehen Beide mir wider den
+Geschmack! Denn ich liebe Blut.
+
+Und dort will ich nicht wohnen und weilen, wo Jedermann spuckt und
+speit: das ist nun _mein_ Geschmack,—lieber noch lebte ich unter Dieben
+und Meineidigen. Niemand trägt Gold im Munde.
+
+Widriger aber sind mir noch alle Speichellecker; und das widrigste
+Thier von Mensch, das ich fand, das taufte ich Schmarotzer: das wollte
+nicht lieben und doch von Liebe leben.
+
+Unselig heisse ich Alle, die nur Eine Wahl haben: böse Thiere zu werden
+oder böse Thierbändiger: bei Solchen würde ich mir keine Hütten bauen.
+
+Unselig heisse ich auch Die, welche immer _warten_ müssen,—die gehen
+mir wider den Geschmack: alle die Zöllner und Krämer und Könige und
+andren Länder- und Ladenhüter.
+
+Wahrlich, ich lernte das Warten auch und von Grund aus,
+
+—aber nur das Warten auf _mich_. Und über Allem lernte ich stehn und
+gehn und laufen und springen und klettern und tanzen.
+
+Das ist aber meine Lehre: wer einst fliegen lernen will, der muss erst
+stehn und gehn und laufen und klettern und tanzen lernen:—man erfliegt
+das Fliegen nicht!
+
+Mit Strickleitern lernte ich manches Fenster erklettern, mit hurtigen
+Beinen klomm ich auf hohe Masten: auf hohen Masten der Erkenntniss
+sitzen dünkte mich keine geringe Seligkeit,—
+
+—gleich kleinen Flammen flackern auf hohen Masten: ein kleines Licht
+zwar, aber doch ein grosser Trost für verschlagene Schiffer und
+Schiffbrüchige!—
+
+Auf vielerlei Weg und Weise kam ich zu meiner Wahrheit; nicht auf Einer
+Leiter stieg ich zur Höhe, wo mein Auge in meine Ferne schweift.
+
+Und ungern nur fragte ich stets nach Wegen,—das gieng mir immer wider
+den Geschmack! Lieber fragte und versuchte ich die Wege selber.
+
+Ein Versuchen und Fragen war all mein Gehen:—und wahrlich, auch
+antworten muss man _lernen_ auf solches Fragen! Das aber—ist mein
+Geschmack:
+
+—kein guter, kein schlechter, aber _mein_ Geschmack, dessen ich weder
+Scham noch Hehl mehr habe.
+
+„Das—ist nun _mein_ Weg,—wo ist der eure?“ so antwortete ich Denen,
+welche mich „nach dem Wege“ fragten. _Den_ Weg nämlich—den giebt es
+nicht!
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+Von alten und neuen Tafeln
+
+1.
+
+Hier sitze ich und warte, alte zerbrochene Tafeln um mich und auch neue
+halb beschriebene Tafeln. Wann kommt meine Stunde?
+
+—die Stunde meines Niederganges, Unterganges: denn noch Ein Mal will
+ich zu den Menschen gehn.
+
+Dess warte ich nun: denn erst müssen mir die Zeichen kommen, dass es
+_meine_ Stunde sei,—nämlich der lachende Löwe mit dem Taubenschwarme.
+
+Inzwischen rede ich als Einer, der Zeit hat, zu mir selber. Niemand
+erzählt mir Neues: so erzähle ich mir mich selber.—
+
+2.
+
+Als ich zu den Menschen kam, da fand ich sie sitzen auf einem alten
+Dünkel: Alle dünkten sich lange schon zu wissen, was dem Menschen gut
+und böse sei.
+
+Eine alte müde Sache dünkte ihnen alles Reden von Tugend; und wer gut
+schlafen wollte, der sprach vor Schlafengehen noch von „Gut“ und „Böse“
+.
+
+Diese Schläferei störte ich auf, als ich lehrte: was gut und böse ist,
+_das weiss noch Niemand_:—es sei denn der Schaffende!
+
+—Das aber ist Der, welcher des Menschen Ziel schafft und der Erde ihren
+Sinn giebt und ihre Zukunft: Dieser erst _schafft_ es, _dass_ Etwas gut
+und böse ist.
+
+Und ich hiess sie ihre alten Lehr-Stühle umwerfen, und wo nur jener
+alte Dünkel gesessen hatte; ich hiess sie lachen über ihre grossen
+Tugend-Meister und Heiligen und Dichter und Welt-Erlöser.
+
+Über ihre düsteren Weisen hiess ich sie lachen, und wer je als schwarze
+Vogelscheuche warnend auf dem Baume des Lebens gesessen hatte.
+
+An ihre grosse Gräberstrasse setzte ich mich und selber zu Aas und
+Geiern—und ich lachte über all ihr Einst und seine mürbe verfallende
+Herrlichkeit.
+
+Wahrlich, gleich Busspredigern und Narrn schrie ich Zorn und Zeter über
+all ihr Grosses und Kleines—, dass ihr Bestes so gar klein ist! Dass
+ihr Bösestes so gar klein ist!—also lachte ich.
+
+Meine weise Sehnsucht schrie und lachte also aus mir, die auf Bergen
+geboren ist, eine wilde Weisheit wahrlich!—meine grosse flügelbrausende
+Sehnsucht.
+
+Und oft riss sie mich fort und hinauf und hinweg und mitten im Lachen:
+da flog ich wohl schaudernd, ein Pfeil, durch sonnentrunkenes
+Entzücken:
+
+—hinaus in ferne Zukünfte, die kein Traum noch sah, in heissere Süden,
+als je sich Bildner träumten: dorthin, wo Götter tanzend sich aller
+Kleider schämen:—
+
+—dass ich nämlich in Gleichnissen rede und gleich Dichtern hinke und
+stammle: und wahrlich, ich schäme mich, dass ich noch Dichter sein
+muss!—
+
+Wo alles Werden mich Götter-Tanz und Götter-Muthwillen dünkte, und die
+Welt los- und ausgelassen und zu sich selber zurückfliehend:—
+
+—als ein ewiges Sich-fliehn und -Wiedersuchen vieler Götter, als das
+selige Sich-Widersprechen, Sich-Wieder-hören, Sich-Wieder-Zugehören
+vieler Götter:—
+
+Wo alle Zeit mich ein seliger Hohn auf Augenblicke dünkte, wo die
+Nothwendigkeit die Freiheit selber war, die selig mit dem Stachel der
+Freiheit spielte:—
+
+Wo ich auch meinen alten Teufel und Erzfeind wiederfand, den Geist der
+Schwere und Alles, was er schuf: Zwang, Satzung, Noth und Folge und
+Zweck und Wille und Gut und Böse:—
+
+Denn muss nicht dasein, _über_ das getanzt, hinweggetanzt werde? Müssen
+nicht um der Leichten, Leichtesten willen—Maulwürfe und schwere Zwerge
+dasein?—
+
+3.
+
+Dort war’s auch, wo ich das Wort „Übermensch“ vom Wege auflas, und dass
+der Mensch Etwas sei, das überwunden werden müsse,
+
+—dass der Mensch eine Brücke sei und kein Zweck: sich selig preisend ob
+seines Mittags und Abends, als Weg zu neuen Morgenröthen:
+
+—das Zarathustra-Wort vom grossen Mittage, und was sonst ich über den
+Menschen aufhängte, gleich purpurnen zweiten Abendröthen.
+
+Wahrlich, auch neue Sterne liess ich sie sehn sammt neuen Nächten; und
+über Wolken und Tag und Nacht spannte ich noch das Lachen aus wie ein
+buntes Gezelt.
+
+Ich lehrte sie all _mein_ Dichten und Trachten: in Eins zu dichten und
+zusammen zu tragen, was Bruchstück ist am Menschen und Räthsel und
+grauser Zufall,—
+
+—als Dichter, Räthselrather und Erlöser des Zufalls lehrte ich sie an
+der Zukunft schaffen, und Alles, das _war_—, schaffend zu erlösen.
+
+Das Vergangne am Menschen zu erlösen und alles „Es war“ umzuschauen,
+bis der Wille spricht: „Aber so wollte ich es! So werde ich’s wollen—“
+
+—Diess hiess ich ihnen Erlösung, Diess allein lehrte ich sie Erlösung
+heissen. -—
+
+Nun warte ich _meiner_ Erlösung—, dass ich zum letzten Male zu ihnen
+gehe.
+
+Denn noch Ein Mal will ich zu den Menschen: _unter_ ihnen will ich
+untergehen, sterbend will ich ihnen meine reichste Gabe geben!
+
+Der Sonne lernte ich Das ab, wenn sie hinabgeht, die Überreiche: Gold
+schüttet sie da in’s Meer aus unerschöpflichem Reichthume,—
+
+—also, dass der ärmste Fischer noch mit _goldenem_ Ruder rudert! Diess
+nämlich sah ich einst und wurde der Thränen nicht satt im Zuschauen.—
+
+Der Sonne gleich will auch Zarathustra untergehn: nun sitzt er hier und
+wartet, alte zerbrochne Tafeln um sich und auch neue
+Tafeln,—halbbeschriebene.
+
+4.
+
+Siehe, hier ist eine neue Tafel: aber wo sind meine Brüder, die sie mit
+mir zu Thale und in fleischerne Herzen tragen?—
+
+Also heischt es meine grosse Liebe zu den Fernsten: schone deinen
+Nächsten nicht! Der Mensch ist Etwas, das überwunden werden muss.
+
+Es giebt vielerlei Weg und Weise der Überwindung.- da siehe _du_ zu!
+Aber nur ein Possenreisser denkt: „der Mensch kann auch _übersprungen_
+werden.“
+
+Überwinde dich selber noch in deinem Nächsten: und ein Recht, das du
+dir rauben kannst, sollst du dir nicht geben lassen!
+
+Was du thust, das kann dir Keiner wieder thun. Siehe, es giebt keine
+Vergeltung.
+
+Wer sich nicht befehlen kann, der soll gehorchen. Und Mancher _kann_
+sich befehlen, aber da fehlt noch Viel, dass er sich auch gehorche!
+
+5.
+
+Also will es die Art edler Seelen: sie wollen Nichts _umsonst_ haben,
+am wenigsten das Leben.
+
+Wer vom Pöbel ist, der will umsonst leben; wir Anderen aber, denen das
+Leben sich gab,—wir sinnen immer darüber, _was_ wir am besten _dagegen_
+geben!
+
+Und wahrlich, diess ist eine vornehme Rede, welche spricht: „was _uns_
+das Leben verspricht, das wollen _wir_—dem Leben halten!“
+
+Man soll nicht geniessen wollen, wo man nicht zu geniessen giebt.
+Und—man soll nicht geniessen _wollen_!
+
+Genuss und Unschuld nämlich sind die schamhaftesten Dinge: Beide wollen
+nicht gesucht sein. Man soll sie _haben_—, aber man soll eher noch nach
+Schuld und Schmerzen _suchen_!—
+
+6.
+
+Oh meine Brüder, wer ein Erstling ist, der wird immer geopfert. Nun
+aber sind wir Erstlinge.
+
+Wir bluten Alle an geheimen Opfertischen, wir brennen und braten Alle
+zu Ehren alter Götzenbilder.
+
+Unser Bestes ist noch jung: das reizt alte Gaumen. Unser Fleisch ist
+zart, unser Fell ist nur ein Lamm-Fell:—wie sollten wir nicht alte
+Götzenpriester reizen!
+
+_In uns selber_ wohnt er noch, der alte Götzenpriester, der unser
+Bestes sich zum Schmause brät. Ach, meine Brüder, wie sollten Erstlinge
+nicht Opfer sein!
+
+Aber so will es unsre Art; und ich liebe Die, welche sich nicht
+bewahren wollen. Die Untergehenden liebe ich mit meiner ganzen Liebe:
+denn sie gehn hinüber.—
+
+7.
+
+Wahr sein—das _können_ Wenige! Und wer es kann, der will es noch nicht!
+Am wenigsten aber können es die Guten.
+
+Oh diese Guten!—Gute Menschen reden nie die Wahrheit; für den Geist ist
+solchermaassen gut sein eine Krankheit.
+
+Sie geben nach, diese Guten, sie ergeben sich, ihr Herz spricht nach,
+ihr Grund gehorcht; wer aber gehorcht, der hört sich selber nicht!
+
+Alles, was den Guten böse heisst, muss zusammen kommen, dass Eine
+Wahrheit geboren werde: oh meine Brüder, seid ihr auch böse genug zu
+_dieser_ Wahrheit?
+
+Das verwegene Wagen, das lange Misstrauen, das grausame Nein, der
+Überdruss, das Schneiden in’s Lebendige—wie selten kommt _das_
+zusammen! Aus solchem Samen aber wird Wahrheit gezeugt!
+
+_Neben_ dem bösen Gewissen wuchs bisher alles _Wissen_! Zerbrecht,
+zerbrecht mir, ihr Erkennenden, die alten Tafeln!
+
+8.
+
+Wenn das Wasser Balken hat, wenn Stege und Geländer über den Fluss
+springen: wahrlich, da findet Keiner Glauben, der da spricht: „Alles
+ist im Fluss.“
+
+Sondern selber die Tölpel widersprechen ihm. „Wie? sagen die Tölpel,
+Alles wäre im Flusse? Balken und Geländer sind doch _über_ dem Flusse!“
+
+„_Über_ dem Flusse ist Alles fest, alle die Werthe der Dinge, die
+Brücken, Begriffe, alles „Gut“ und „Böse“: das ist Alles fest!“—
+
+Kommt gar der harte Winter, der Fluss-Thierbändiger: dann lernen auch
+die Witzigsten Misstrauen; und, wahrlich, nicht nur die Tölpel sprechen
+dann: „Sollte nicht Alles—_stille stehn_?“
+
+„Im Grunde steht Alles stille“ —, das ist eine rechte Winter-Lehre, ein
+gut Ding für unfruchtbare Zeit, ein guter Trost für Winterschläfer und
+Ofenhocker.
+
+„Im Grund steht Alles still“—: _dagegen_ aber predigt der Thauwind!
+
+Der Thauwind, ein Stier, der kein pflügender Stier ist,—ein wüthender
+Stier, ein Zerstörer, der mit zornigen Hörnern Eis bricht! Eis aber—
+_bricht Stege_!
+
+Oh meine Brüder, ist _jetzt_ nicht Alles _im Flusse_? Sind nicht alle
+Geländer und Stege in’s Wasser gefallen? Wer _hielte_ sich noch an
+„Gut“ und „Böse“ ?
+
+„Wehe uns! Heil uns! Der Thauwind weht!“—Also predigt mir, oh meine
+Brüder, durch alle Gassen!
+
+8.
+
+Es giebt einen alten Wahn, der heisst Gut und Böse. Um Wahrsager und
+Sterndeuter drehte sich bisher das Rad dieses Wahns.
+
+Einst glaubte man an Wahrsager und Sterndeuter: und darum glaubte man
+„Alles ist Schicksal: du sollst, denn du musst!“
+
+Dann wieder misstraute man allen Wahrsagern und Sterndeutern: und
+_darum_ glaubte man „Alles ist Freiheit: du kannst, denn du willst!“
+
+Oh meine Brüder, über Sterne und Zukunft ist bisher nur gewähnt, nicht
+gewusst worden: und _darum_ ist über Gut und Böse bisher nur gewähnt,
+nicht gewusst worden!
+
+10.
+
+„Du sollst nicht rauben! Du sollst nicht todtschlagen!“—solche Worte
+hiess man einst heilig; vor ihnen beugte man Knie und Köpfe und zog die
+Schuhe aus.
+
+Aber ich frage euch: wo gab es je bessere Räuber und Todtschläger in
+der Welt, als es solche heilige Worte waren?
+
+Ist in allem Leben selber nicht—Rauben und Todtschlagen? Und dass
+solche Worte heilig hiessen, wurde damit die _Wahrheit_ selber
+nicht—todtgeschlagen?
+
+Oder war es eine Predigt des Todes, dass heilig hiess, was allem Leben
+widersprach und widerrieth?—Oh meine Brüder, zerbrecht, zerbrecht mir
+die alten tafeln!
+
+11.
+
+Diess ist mein Mitleid mit allem Vergangenen, dass ich sehe: es ist
+preisgegeben,—
+
+—der Gnade, dem Geiste, dem Wahnsinne jedes Geschlechtes preisgegeben,
+das kommt und Alles, was war, zu seiner Brücke umdeutet!
+
+Ein grosser Gewalt-Herr könnte kommen, ein gewitzter Unhold, der mit
+seiner Gnade und Ungnade alles Vergangene zwänge und zwängte: bis es
+ihm Brücke würde und Vorzeichen und Herold und Hahnenschrei.
+
+Diess aber ist die andre Gefahr und mein andres Mitleiden:—wer vom
+Pöbel ist, dessen Gedenken geht zurück bis zum Grossvater,—mit dem
+Grossvater aber hört die Zeit auf.
+
+Also ist alles Vergangene preisgegeben: denn es könnte einmal kommen,
+dass der Pöbel Herr würde und in seichten Gewässern alle Zeit ertränke.
+
+Darum, oh meine Brüder, bedarf es eines _neuen Adels_, der allem Pöbel
+und allem Gewalt-Herrischen Widersacher ist und auf neue Tafeln neu das
+Wort schreibt „edel“.
+
+Vieler Edlen nämlich bedarf es und vielerlei Edlen, dass es Adel gebe!
+Oder, wie ich einst im Gleichniss sprach: „Das eben ist Göttlichkeit,
+dass es Götter, aber keinen Gott giebt!“
+
+12.
+
+Oh meine Brüder, ich weihe und weise euch zu einem neuen Adel: ihr
+sollt mir Zeuger und Züchter werden und Säemänner der Zukunft,—
+
+—wahrlich, nicht zu einem Adel, den ihr kaufen könntet gleich den
+Krämern und mit Krämer-Golde: denn wenig Werth hat Alles, was seinen
+Preis hat.
+
+Nicht, woher ihr kommt, mache euch fürderhin eure Ehre, sondern wohin
+ihr geht! Euer Wille und euer Fuss, der über euch selber hinaus
+will,—das mache eure neue Ehre!
+
+Wahrlich nicht, dass ihr einem Fürsten gedient habt—was liegt noch an
+Fürsten!—oder dem, was steht, zum Bollwerk wurdet, dass es fester
+stünde!
+
+Nicht, dass euer Geschlecht an Höfen höfisch wurde, und ihr lerntet,
+bunt, einem Flamingo ähnlich, lange Stunden in flachen Teichen stehn.
+
+—Denn Stehen-_können_ ist ein Verdienst bei Höflingen; und alle
+Höflinge glauben, zur Seligkeit nach dem Tode gehöre—Sitzen-_dürfen_!—
+
+Nicht auch, dass ein Geist, den sie heilig nennen, eure Vorfahren in
+gelobte Länder führte, die _ich_ nicht lobe: denn wo der schlimmste
+aller Bäume wuchs, das Kreuz,—an dem Lande ist Nichts zu loben!—
+
+—und wahrlich, wohin dieser „heilige Geist“ auch seine Ritter führte,
+immer liefen bei solchen Zügen—Ziegen und Gänse und Kreuz- und
+Querköpfe _voran_!—
+
+Oh meine Brüder, nicht zurück soll euer Adel schauen, sondern _hinaus_!
+Vertriebene sollt ihr sein aus allen Vater- und Urväterländern!
+
+Eurer Kinder Land sollt ihr lieben: diese Liebe sei euer neuer
+Adel,—das unentdeckte, im feinsten Meere! Nach ihm heisse ich eure
+Segel suchen und suchen!
+
+An euren Kindern sollt ihr _gutmachen_, dass ihr eurer Väter Kinder
+seid: alles Vergangene sollt ihr _so_ erlösen! Diese neue Tafel stelle
+ich über euch!
+
+13.
+
+„Wozu leben? Alles ist eitel! Leben—das ist Stroh dreschen; Leben—das
+ist sich verbrennen und doch nicht warm werden.“—
+
+Solch alterthümliches Geschwätz gilt immer noch als „Weisheit“; dass es
+aber alt ist und dumpfig riecht, _darum_ wird es besser geehrt. Auch
+der Moder adelt.—
+
+Kinder durften so reden: die _scheuen_ das Feuer, weil es sie brannte!
+Es ist viel Kinderei in den alten Büchern der Weisheit.
+
+Und wer immer „Stroh drischt“, wie sollte der auf das Dreschen lästern
+dürfen! Solchem Narren müsste man doch das Maul verbinden!
+
+Solche setzen sich zu Tisch und bringen Nichts mit, selbst den guten
+Hunger nicht:—und nun lästern sie „Alles ist eitel!“
+
+Aber gut essen und trinken, oh meine Brüder, ist wahrlich keine eitle
+Kunst! Zerbrecht, zerbrecht mir die Tafeln der Nimmer-Frohen!
+
+14.
+
+„Dem Reinen ist Alles rein“ —so spricht das Volk. Ich aber sage euch:
+den Schweinen wird Alles Schwein!
+
+Darum predigen die Schwärmer und Kopfhänger, denen auch das Herz
+niederhängt: „die Welt selber ist ein kothiges Ungeheuer.“
+
+Denn diese Alle sind unsäuberlichen Geistes; sonderlich aber Jene,
+welche nicht Ruhe, noch Rast haben, es sei denn, sie sehen die Welt
+_von hinten_,—die Hinterweltler!
+
+_Denen_ sage ich in’s Gesicht, ob es gleich nicht lieblich klingt: die
+Welt gleicht darin dem Menschen, dass sie einen Hintern hat,—_so Viel_
+ist wahr!
+
+Es giebt in der Welt viel Koth: _so Viel_ ist wahr! Aber darum ist die
+Welt selber noch kein kothiges Ungeheuer!
+
+Es ist Weisheit darin, dass Vieles in der Welt übel riecht: der Ekel
+selber schafft Flügel und quellenahnende Kräfte!
+
+An dem Besten ist noch Etwas zum Ekeln; und der Beste ist noch Etwas,
+das überwunden werden muss!—
+
+Oh meine Brüder, es ist viel Weisheit darin, dass viel Koth in der Welt
+ist!—
+
+15.
+
+Solche Sprüche hörte ich fromme Hinterweltler zu ihrem Gewissen reden;
+und wahrlich, ohne Arg und Falsch,—ob es Schon nichts Falscheres in der
+Welt giebt, noch Ärgeres.
+
+„Lass doch die Welt der Welt sein! Hebe dawider auch nicht Einen Finger
+auf!“
+
+„Lass, wer da wolle, die Leute würgen und stechen und schneiden und
+schaben: hebe dawider auch nicht Einen Finger auf! Darob lernen sie
+noch der Welt absagen.“
+
+„Und deine eigne Vernunft—die sollst du selber görgeln und würgen; denn
+es ist eine Vernunft von dieser Welt,—darob lernst du selber der Welt
+absagen.“ -
+
+—Zerbrecht, zerbrecht mir, oh meine Brüder, diese alten Tafeln der
+Frommen! Zersprecht mir die Sprüche der Welt-Verleumder!
+
+16.
+
+„Wer viel lernt, der verlernt alles heftige Begehren“ —das flüstert man
+heute sich zu auf allen dunklen Gassen.
+
+„Weisheit macht müde, es lohnt sich—Nichts; du sollst nicht
+begehren!“—diese neue Tafel fand ich hängen selbst auf offnen Märkten.
+
+Zerbrecht mir, oh meine Brüder, zerbrecht mir auch diese _neue_ Tafel!
+Die Welt-Müden hängten sie hin und die Prediger des Todes, und auch die
+Stockmeister: denn seht, es ist auch eine Predigt zur Knechtschaft!—
+
+Dass sie schlecht lernten und das Beste nicht, und Alles zu früh und
+Alles zu geschwind: dass sie schlecht _assen_, daher kam ihnen jener
+verdorbene Magen,—
+
+—ein verdorbener Magen ist nämlich ihr Geist: _der_ räth zum Tode! Denn
+wahrlich, meine Brüder, der Geist _ist_ ein Magen!
+
+Das Leben ist ein Born der Lust: aber aus wem der verdorbene Magen
+redet, der Vater der Trübsal, dem sind alle Quellen vergiftet.
+
+Erkennen: das ist _Lust_ dem Löwen-willigen! Aber wer müde wurde, der
+wird selber nur „gewollt“, mit dem spielen alle Wellen.
+
+Und so ist es immer schwacher Menschen Art: sie verlieren sich auf
+ihren Wegen. Und zuletzt fragt noch ihre Müdigkeit: „wozu giengen wir
+jemals Wege! Es ist Alles gleich!“
+
+_Denen_ klingt es lieblich zu Ohren, dass gepredigt wird: „Es verlohnt
+sich Nichts! Ihr sollt nicht wollen!“ Diess aber ist eine Predigt zur
+Knechtschaft.
+
+Oh meine Brüder, ein frischer Brause-Wind kommt Zarathustra allen
+Weg-Müden; viele Nasen wird er noch niesen machen!
+
+Auch durch Mauern bläst mein freier Athem, und hinein in Gefängnisse
+und eingefangne Geister!
+
+Wollen befreit: denn Wollen ist Schaffen: so lehre ich. Und _nur_ zum
+Schaffen sollt ihr lernen!
+
+Und auch das Lernen sollt ihr erst von mir _lernen_, das
+Gut-Lernen!—Wer Ohren hat, der höre!
+
+17.
+
+Da steht der Nachen,—dort hinüber geht es vielleicht in’s grosse
+Nichts.—Aber wer will in diess „Vielleicht“ einsteigen?
+
+Niemand von euch will in den Todes-Nachen einsteigen! Wieso wollt ihr
+dann _Welt-Müde_ sein!
+
+Weltmüde! Und noch nicht einmal Erd-Entrückte wurdet ihr! Lüstern fand
+ich euch immer noch nach Erde, verliebt noch in die eigne
+Erd-Müdigkeit!
+
+Nicht umsonst hängt euch die Lippe herab:—ein kleiner Erden-Wunsch
+sitzt noch darauf! Und im Auge—schwimmt da nicht ein Wölkchen
+unvergessner Erden-Lust?
+
+Es giebt auf Erden viel gute Erfindungen, die einen nützlich, die
+andern angenehm: derentwegen ist die Erde zu lieben.
+
+Und mancherlei so gut Erfundenes giebt es da, dass es ist wie des
+Weibes Busen: nützlich zugleich und angenehm.
+
+Ihr Welt-Müden aber! Ihr Erden-Faulen! Euch soll man mit Ruthen
+streichen! Mit Ruthenstreichen soll man euch wieder muntre Beine
+machen.
+
+Denn: seid ihr nicht Kranke und verlebte Wichte, deren die Erde müde
+ist, so seid ihr schlaue Faulthiere oder naschhafte verkrochene
+Lust-Katzen. Und wollt ihr nicht wieder lustig _laufen_, so sollt
+ihr—dahinfahren!
+
+An Unheilbaren soll man nicht Arzt sein wollen: also lehrt es
+Zarathustra:—so sollt ihr dahinfahren!
+
+Aber es gehört mehr _Muth_ dazu, ein Ende zu machen, als einen neuen
+Vers: das wissen alle Ärzte und Dichter.—
+
+18.
+
+Oh meine Brüder, es giebt Tafeln, welche die Ermüdung, und Tafeln,
+welche die Faulheit schuf, die faulige: ob sie schon gleich reden, so
+wollen sie doch ungleich gehört sein.—
+
+Seht hier diesen Verschmachtenden! Nur eine Spanne weit ist er noch von
+seinem Ziele, aber vor Müdigkeit hat er sich trotzig hier in den Staub
+gelegt: dieser Tapfere!
+
+Vor Müdigkeit gähnt er Weg und Erde und Ziel und sich selber an: keinen
+Schritt will er noch weiter thun,—dieser Tapfere!
+
+Nun glüht die Sonne auf ihn, und die Hunde lecken nach seinem
+Schweisse: aber er liegt da in seinem Trotze und will lieber
+verschmachten:—
+
+—eine Spanne weit von seinem Ziele verschmachten! Wahrlich, ihr werdet
+ihn noch an den Haaren in seinen Himmel ziehen müssen,—diesen Helden!
+
+Besser noch, ihr lasst ihn liegen, wohin er sich gelegt hat, dass der
+Schlaf ihm komme, der Tröster, mit kühlendem Rausche-Regen:
+
+Lasst ihn liegen, bis er von selber wach wird, bis er von selber alle
+Müdigkeit widerruft und was Müdigkeit aus ihm lehrte!
+
+Nur, meine Brüder, dass ihr die Hunde von ihm scheucht, die faulen
+Schleicher, und all das schwärmende Geschmeiss:—
+
+—all das schwärmende Geschmeiss der „Gebildeten“ , das sich am
+Schweisse jedes Helden—gütlich thut!—
+
+19.
+
+Ich schliesse Kreise um mich und heilige Grenzen; immer Wenigere
+steigen mit mir auf immer höhere Berge,—ich baue ein Gebirge aus immer
+heiligeren Bergen. -
+
+Wohin ihr aber auch mit mir steigen mögt, oh meine Brüder: seht zu,
+dass nicht ein _Schmarotzer_ mit euch steige!
+
+Schmarotzer: das ist ein Gewürm, ein kriechendes, geschmiegtes, das
+fett werden will an euren kranken wunden Winkeln.
+
+Und _das_ ist seine Kunst, dass er steigende Seelen erräth, wo sie müde
+sind: in euren Gram und Unmuth, in eure zarte Scham baut er sein ekles
+Nest.
+
+Wo der Starke schwach, der Edle allzumild ist,—dahinein baut er sein
+ekles Nest: der Schmarotzer wohnt, wo der Grosse kleine wunde Winkel
+hat.
+
+Was ist die höchste Art alles Seienden und was die geringste? Der
+Schmarotzer ist die geringste Art; wer aber höchster Art ist, der
+ernährt die meisten Schmarotzer.
+
+Die Seele nämlich, welche die längste Leiter hat und am tiefsten
+hinunter kann: wie sollten nicht an der die meisten Schmarotzer
+sitzen?—
+
+—die umfänglichste Seele, welche am weitesten in sich laufen und irren
+und schweifen kann; die nothwendigste, welche sich aus Lust in den
+Zufall stürzt:—
+
+—die seiende Seele, welche in’s Werden taucht; die habende, welche in’s
+Wollen und Verlangen _will_:—
+
+—die sich selber fliehende, die sich selber im weitesten Kreise
+einholt; die weiseste Seele, welcher die Narrheit am süssesten
+zuredet:—
+
+—die sich selber liebendste, in der alle Dinge ihr Strömen und
+Wiederströmen und Ebbe und Fluth haben:—oh wie sollte _die höchste
+Seele_ nicht die schlimmsten Schmarotzer haben?
+
+20.
+
+Oh meine Brüder, bin ich denn grausam? Aber ich sage: was fällt, das
+soll man auch noch stossen!
+
+Das Alles von Heute—das fällt, das verfällt: wer wollte es halten! Aber
+ich—ich _will_ es noch stossen!
+
+Kennt ihr die Wollust, die Steine in steile Tiefen rollt?—Diese
+Menschen von heute: seht sie doch, wie sie in meine Tiefen rollen!
+
+Ein Vorspiel bin ich besserer Spieler, oh meine Brüder! Ein Beispiel!
+_Thut_ nach meinem Beispiele!
+
+Und wen ihr nicht fliegen lehrt, den lehrt mir—schneller fallen!—
+
+21.
+
+Ich liebe die Tapferen: aber es ist nicht genug, Hau-Degen sein,—man
+muss auch wissen Hau-schau-_Wen_!
+
+Und oft ist mehr Tapferkeit darin, dass Einer an sich hält und
+vorübergeht: _damit_ er sich dem würdigeren Feinde aufspare!
+
+Ich sollt nur Feinde haben, die zu hassen sind, aber nicht Feinde zum
+Verachten: ihr müsst stolz auf euren Feind sein: also lehrte ich schon
+Ein Mal.
+
+Dem würdigeren Feinde, oh meine Freunde, sollt ihr euch aufsparen:
+darum müsst ihr an Vielem vorübergehn,—
+
+—sonderlich an vielem Gesindel, das euch in die Ohren lärmt von Volk
+und Völkern.
+
+Haltet euer Auge rein von ihrem Für und Wider! Da giebt es viel Recht,
+viel Unrecht: wer da zusieht, wird zornig.
+
+Dreinschaun, dreinhaun—das ist da Eins: darum geht weg in die Wälder
+und legt euer Schwert schlafen!
+
+Geht _eure_ Wege! Und lasst Volk und Völker die ihren gehn!—dunkle Wege
+wahrlich, auf denen auch nicht Eine Hoffnung mehr wetterleuchtet!
+
+Mag da der Krämer herrschen, wo Alles, was noch glänzt—Krämer-Gold ist!
+Es ist die Zeit der Könige nicht mehr: was sich heute Volk heisst,
+verdient keine Könige.
+
+Seht doch, wie diese Völker jetzt selber den Krämern gleich thun: sie
+lesen sich die kleinsten Vortheile noch aus jedem Kehricht!
+
+Sie lauern einander auf, sie lauern einander Etwas ab,—das heissen sie
+„gute Nachbarschaft.“ Oh selige ferne Zeit, wo ein Volk sich sagte:
+„ich will über Völker—_Herr_ sein!“
+
+Denn, meine Brüder: das Beste soll herrschen, das Beste will auch
+herrschen! Und wo die Lehre anders lautet, da—_fehlt_ es am Besten.
+
+22.
+
+Wenn _Die_—Brod umsonst hätten, wehe! Wonach würden _Die_ schrein! Ihr
+Unterhalt—das ist ihre rechte Unterhaltung; und sie sollen es schwer
+haben!
+
+Raubthiere sind es.- in ihrem „Arbeiten“ —da ist auch noch Rauben, in
+ihrem „Verdienen“ —da ist auch noch Überlisten! Darum sollen sie es
+schwer haben!
+
+Bessere Raubthiere sollen sie also werden, feinere, klügere,
+_menschen-ähnlichere_: der Mensch nämlich ist das beste Raubthier.
+
+Allen Thieren hat der Mensch schon ihre Tugenden abgeraubt: das macht,
+von allen Thieren hat es der Mensch am schwersten gehabt.
+
+Nur noch die Vögel sind über ihm. Und wenn der Mensch noch fliegen
+lernte, wehe! _wohinauf_—würde seine Raublust fliegen!
+
+23.
+
+So will ich Mann und Weib: kriegstüchtig den Einen, gebärtüchtig das
+Andre, beide aber tanztüchtig mit Kopf und Beinen.
+
+Und verloren sei uns der Tag, wo nicht Ein Mal getanzt wurde! Und
+falsch heisse uns jede Wahrheit, bei der es nicht Ein Gelächter gab!
+
+24.
+
+Euer Eheschliessen: seht zu, dass es nicht ein schlechtes _Schliessen_
+sei! Ihr schlosset zu schnell: so _folgt_ daraus—Ehebrechen!
+
+Und besser noch Ehebrechen als Ehe-biegen, Ehelügen!—So sprach mir ein
+Weib: „wohl brach ich die Ehe, aber zuerst brach die Ehe—mich!“
+
+Schlimm-Gepaarte fand ich immer als die schlimmsten Rachsüchtigen: sie
+lassen es aller Welt entgelten, dass sie nicht mehr einzeln laufen.
+
+Desswillen will ich, dass Redliche zu einander reden: „wir lieben uns:
+lasst uns _zusehn_, dass wir uns lieb behalten! Oder soll unser
+Versprechen ein Versehen sein?“
+
+—„Gebt uns eine Frist und kleine Ehe, dass wir zusehn, ob wir zur
+grossen Ehe taugen! Es ist ein grosses Ding, immer zu Zwein sein!“
+
+Also rathe ich allen Redlichen; und was wäre denn meine Liebe zum
+Übermenschen und zu Allem, was kommen soll, wenn ich anders riethe und
+redete!
+
+Nicht nur fort euch zu pflanzen, sondern _hinauf_—dazu, oh meine
+Brüder, helfe euch der Garten der Ehe!
+
+25.
+
+Wer über alte Ursprünge weise wurde, siehe, der wird zuletzt nach
+Quellen der Zukunft suchen und nach neuen Ursprüngen.—
+
+Oh meine Brüder, es ist nicht über lange, da werden _neue Völker_
+entspringen und neue Quellen hinab in neue Tiefen rauschen.
+
+Das Erdbeben nämlich—das verschüttet viel Brunnen, das schafft viel
+Verschmachten: das hebt auch innre Kräfte und Heimlichkeiten an’s
+Licht.
+
+Das Erdbeben macht neue Quellen offenbar. Im Erdbeben alter Völker
+brechen neue Quellen aus.
+
+Und wer da ruft: „Siehe hier ein Brunnen für viele Durstige, Ein Herz
+für viele Sehnsüchtige, Ein Wille für viele Werkzeuge“ :—um den sammelt
+sich ein _Volk_, das ist: viel Versuchende.
+
+Wer befehlen kann, wer gehorchen muss—Das wird da versucht! Ach, mit
+welch langem Suchen und Rathen und Missrathen und Lernen und
+Neu-Versuchen!
+
+Die Menschen-Gesellschaft: die ist ein Versuch, so lehre ich’s,—ein
+langes Suchen: sie sucht aber den Befehlenden!—
+
+—ein Versuch, oh meine Brüder! Und _kein_ „Vertrag“! Zerbrecht,
+zerbrecht mir solch Wort der Weich-Herzen und Halb- und Halben!
+
+26.
+
+Oh meine Brüder! Bei Welchen liegt doch die grösste Gefahr aller
+Menschen-Zukunft? Ist es nicht bei den Guten und Gerechten?—
+
+—als bei Denen, die sprechen und im Herzen fühlen: „wir wissen schon,
+was gut ist und gerecht, wir haben es auch; wehe Denen, die hier noch
+suchen!“—
+
+Und was für Schaden auch die Bösen thun mögen: der Schaden der Guten
+ist der schädlichste Schaden!
+
+Und was für Schaden auch die Welt-Verleumder thun mögen: der Schaden
+der Guten ist der schädlichste Schaden.
+
+Oh meine Brüder, den Guten und Gerechten sah Einer einmal in’s Herz,
+der da sprach: „es sind die Pharisäer.“ Aber man verstand ihn nicht.
+
+Die Guten und Gerechten selber durften ihn nicht verstehen: ihr Geist
+ist eingefangen in ihr gutes Gewissen. Die Dummheit der Guten ist
+unergründlich klug.
+
+Das aber ist die Wahrheit: die Guten _müssen_ Pharisäer sein,—sie haben
+keine Wahl!
+
+Die Guten _müssen_ Den kreuzigen, der sich seine eigne Tugend erfindet!
+Das _ist_ die Wahrheit!
+
+Der Zweite aber, der ihr Land entdeckte, Land, Herz und Erdreich der
+Guten und Gerechten: das war, der da fragte: „wen hassen sie am
+meisten?“
+
+Den _Schaffenden_ hassen sie am meisten: den, der Tafeln bricht und
+alte Werthe, den Brecher—den heissen sie Verbrecher.
+
+Die Guten nämlich—die _können_ nicht schaffen: die sind immer der
+Anfang vom Ende:-
+
+—sie kreuzigen Den, der neue Werthe auf neue Tafeln schreibt, sie
+opfern _sich_ die Zukunft,—sie kreuzigen alle Menschen-Zukunft!
+
+Die Guten—die waren immer der Anfang vom Ende.—
+
+27.
+
+Oh meine Brüder, verstandet ihr auch diess Wort? Und was ich einst
+sagte vom „letzten Menschen“ ?—
+
+Bei Welchen liegt die grösste Gefahr aller Menschen-Zukunft? Ist es
+nicht bei den Guten und Gerechten?
+
+Zerbrecht, zerbrecht mir die Guten und Gerechten!—Oh meine Brüder,
+verstandet ihr auch diess Wort?
+
+28.
+
+Ihr flieht von mir? Ihr seid erschreckt? Ihr zittert vor diesem Worte?
+
+Oh meine Brüder, als ich euch die Guten zerbrechen hiess und die Tafeln
+der Guten: da erst schiffte ich den Menschen ein auf seine hohe See.
+
+Und nun erst kommt ihm der grosse Schrecken, das grosse Um-sich-sehn,
+die grosse Krankheit, der grosse Ekel, die grosse See-Krankheit.
+
+Falsche Küsten und falsche Sicherheiten lehrten euch die Guten; in
+Lügen der Guten wart ihr geboren und geborgen. Alles ist in den Grund
+hinein verlogen und verbogen durch die Guten.
+
+Aber wer das Land „Mensch“ entdeckte, entdeckte auch das Land
+„Menschen-Zukunft“. Nun sollt ihr mir Seefahrer sein, wackere,
+geduldsame!
+
+Aufrecht geht mir bei Zeiten, oh meine Brüder, lernt aufrecht gehn! Das
+Meer stürmt: Viele wollen an euch sich wieder aufrichten.
+
+Das Meer stürmt: Alles ist im Meere. Wohlan! Wohlauf! Ihr alten
+Seemanns-Herzen!
+
+Was Vaterland! _Dorthin_ will unser Steuer, wo unser _Kinder-Land_ ist!
+Dorthinaus, stürmischer als das Meer, stürmt unsre grosse Sehnsucht!—
+
+29.
+
+„Warum so hart!—sprach zum Diamanten einst die Küchen-Kohle; sind wir
+denn nicht Nah-Verwandte?“—
+
+Warum so weich? Oh meine Brüder, also frage _ich_ euch: seid ihr denn
+nicht—meine Brüder?
+
+Warum so weich, so weichend und nachgebend? Warum ist so viel Leugnung,
+Verleugnung in eurem Herzen? So wenig Schicksal in eurem Blicke?
+
+Und wollt ihr nicht Schicksale sein und Unerbittliche: wie könntet ihr
+mit mir —siegen?
+
+Und wenn eure Härte nicht blitzen und scheiden und zerschneiden will:
+wie könntet ihr einst mit mir—schaffen?
+
+Die Schaffenden nämlich sind hart. Und Seligkeit muss es euch dünken,
+eure Hand auf Jahrtausende zu drücken wie auf Wachs,—
+
+—Seligkeit, auf dem Willen von Jahrtausenden zu schreiben wie auf
+Erz,—härter als Erz, edler als Erz. Ganz hart ist allein das Edelste.
+
+Diese neue Tafel, oh meine Brüder, stelle ich über euch: werdet hart!—
+
+30.
+
+Oh du mein Wille! Du Wende aller Noth du _meine_ Nothwendigkeit!
+Bewahre mich vor allen kleinen Siegen!
+
+Du Schickung meiner Seele, die ich Schicksal heisse! Du-In-mir!
+Über-mir! Bewahre und spare mich auf zu Einem grossen Schicksale!
+
+Und deine letzte Grösse, mein Wille, spare dir für dein Letztes
+auf,—dass du unerbittlich bist _in_ deinem Siege! Ach, wer unterlag
+nicht seinem Siege!
+
+Ach, wessen Auge dunkelte nicht in dieser trunkenen Dämmerung! Ach,
+wessen Fuss taumelte nicht und verlernte im Siege—stehen!—
+
+—Dass ich einst bereit und reif sei im grossen Mittage: bereit und reif
+gleich glühendem Erze, blitzschwangrer Wolke und schwellendem
+Milch-Euter:—
+
+—bereit zu mir selber und zu meinem verborgensten Willen: ein Bogen
+brünstig nach seinem Pfeile, ein Pfeil brünstig nach seinem Sterne:—
+
+—ein Stern bereit und reif in seinem Mittage, glühend, durchbohrt,
+selig vor vernichtenden Sonnen-Pfeilen:—
+
+—eine Sonne selber und ein unerbittlicher Sonnen-Wille, zum Vernichten
+bereit im Siegen!
+
+Oh Wille, Wende aller Noth, du _meine_ Nothwendigkeit! Spare mich auf
+zu Einem grossen Siege!—
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+Der Genesende
+
+1.
+
+Eines Morgens, nicht lange nach seiner Rückkehr zur Höhle, sprang
+Zarathustra von seinem Lager auf wie ein Toller, schrie mit furchtbarer
+Stimme und gebärdete sich, als ob noch Einer auf dem Lager läge, der
+nicht davon aufstehn wolle; und also tönte Zarathustra’s Stimme, dass
+seine Thiere erschreckt hinzukamen, und dass aus allen Höhlen und
+Schlupfwinkeln, die Zarathustra’s Höhle benachbart waren, alles Gethier
+davon huschte,—fliegend, flatternd, kriechend, springend, wie ihm nur
+die Art von Fuss und Flügel gegeben war. Zarathustra aber redete diese
+Worte:
+
+Herauf, abgründlicher Gedanke, aus meiner Tiefe! Ich bin dein Hahn und
+Morgen-Grauen, verschlafener Wurm: auf! auf! Meine Stimme soll dich
+schon wach krähen!
+
+Knüpfe die Fessel deiner Ohren los: horche! Denn ich will dich hören!
+Auf! Auf! Hier ist Donners genug, dass auch Gräber horchen lernen!
+
+Und wische den Schlaf und alles Blöde, Blinde aus deinen Augen! Höre
+mich auch mit deinen Augen: meine Stimme ist ein Heilmittel noch für
+Blindgeborne.
+
+Und bist du erst wach, sollst du mir ewig wach bleiben. Nicht ist das
+_meine_ Art, Urgrossmütter aus dem Schlafe wecken, dass ich sie
+heisse—weiterschlafen!
+
+Du regst dich, dehnst dich, röchelst? Auf! Auf! Nicht röcheln—reden
+sollst du mir! Zarathustra ruft dich, der Gottlose!
+
+Ich, Zarathustra, der Fürsprecher des Lebens, der Fürsprecher des
+Leidens, der Fürsprecher des Kreises—dich rufe ich, meinen
+abgründlichsten Gedanken!
+
+Heil mir! Du kommst—ich höre dich! Mein Abgrund _redet_, meine letzte
+Tiefe habe ich an’s Licht gestülpt!
+
+Heil mir! Heran! Gieb die Hand—ha! lass! Haha!—Ekel, Ekel, Ekel—wehe
+mir!
+
+2.
+
+Kaum aber hatte Zarathustra diese Worte gesprochen, da stürzte er
+nieder gleich einem Todten und blieb lange wie ein Todter. Als er aber
+wieder zu sich kam, da war er bleich und zitterte und blieb liegen und
+wollte lange nicht essen noch trinken. Solches Wesen dauerte an ihm
+sieben Tage; seine Thiere verliessen ihn aber nicht bei Tag und Nacht,
+es sei denn, dass der Adler ausflog, Speise zu holen. Und was er holte
+und zusammenraubte, das legte er auf Zarathustra’s Lager: also dass
+Zarathustra endlich unter gelben und rothen Beeren, Trauben,
+Rosenäpfeln, wohlriechendem Krautwerke und Pinien-Zapfen lag. Zu seinen
+Füssen aber waren zwei Lämmer gebreitet, welche der Adler mit Mühe
+ihren Hirten abgeraubt hatte.
+
+Endlich, nach sieben Tagen, richtete sich Zarathustra auf seinem Lager
+auf, nahm einen Rosenapfel in die Hand, roch daran und fand seinen
+Geruch lieblich. Da glaubten seine Thiere, die Zeit sei gekommen, mit
+ihm zu reden.
+
+„Oh Zarathustra, sagten sie, nun liegst du schon sieben Tage so, mit
+schweren Augen: willst du dich nicht endlich wieder auf deine Füsse
+stellen?
+
+Tritt hinaus aus deiner Höhle: die Welt wartet dein wie ein Garten. Der
+Wind spielt mit schweren Wohlgerüchen, die zu dir wollen; und alle
+Bäche möchten dir nachlaufen.
+
+Alle Dinge sehnen sich nach dir, dieweil du sieben Tage allein
+bliebst,—tritt hinaus aus deiner Höhle! Alle Dinge wollen deine Ärzte
+sein!
+
+Kam wohl eine neue Erkenntniss zu dir, eine saure, schwere? Gleich
+angesäuertem Teige lagst du, deine Seele gieng auf und schwoll über
+alle ihre Ränder.—„
+
+—Oh meine Thiere, antwortete Zarathustra, schwätzt also weiter und
+lasst mich zuhören! Es erquickt mich so, dass ihr schwätzt: wo
+geschwätzt wird, da liegt mir schon die Welt wie ein Garten.
+
+Wie lieblich ist es, dass Worte und Töne da sind: sind nicht Worte und
+Töne Regenbogen und Schein-Brücken zwischen Ewig-Geschiedenem?
+
+Zu jeder Seele gehört eine andre Welt; für jede Seele ist jede andre
+Seele eine Hinterwelt.
+
+Zwischen dem Ähnlichsten gerade lügt der Schein am schönsten; denn die
+kleinste Kluft ist am schwersten zu überbrücken.
+
+Für mich—wie gäbe es ein Ausser-mir? Es giebt kein Aussen! Aber das
+vergessen wir bei allen Tönen; wie lieblich ist es, dass wir vergessen!
+
+Sind nicht den Dingen Namen und Töne geschenkt, dass der Mensch sich an
+den Dingen erquicke? Es ist eine schöne Narrethei, das Sprechen: damit
+tanzt der Mensch über alle Dinge.
+
+Wie lieblich ist alles Reden und alle Lüge der Töne! Mit Tönen tanzt
+unsre Liebe auf bunten Regenbögen.—
+
+—„Oh Zarathustra, sagten darauf die Thiere, Solchen, die denken wie
+wir, tanzen alle Dinge selber: das kommt und reicht sich die Hand und
+lacht und flieht—und kommt zurück.
+
+Alles geht, Alles kommt zurück; ewig rollt das Rad des Seins. Alles
+stirbt, Alles blüht wieder auf, ewig läuft das Jahr des Seins.
+
+Alles bricht, Alles wird neu gefügt; ewig baut sich das gleiche Haus
+des Seins. Alles scheidet, Alles grüsst sich wieder; ewig bleibt sich
+treu der Ring des Seins.
+
+In jedem Nu beginnt das Sein; um jedes Hier rollt sich die Kugel Dort.
+Die Mitte ist überall. Krumm ist der Pfad der Ewigkeit.“—
+
+—Oh ihr Schalks-Narren und Drehorgeln! antwortete Zarathustra und
+lächelte wieder, wie gut wisst ihr, was sich in sieben Tagen erfüllen
+musste:—
+
+—und wie jenes Unthier mir in den Schlund kroch und mich würgte! Aber
+ich biss ihm den Kopf ab und spie ihn weg von mir.
+
+Und ihr,—ihr machtet schon ein Leier-Lied daraus? Nun aber liege ich
+da, müde noch von diesem Beissen und Wegspein, krank noch von der
+eigenen Erlösung.
+
+Und ihr schautet dem Allen zu? Oh meine Thiere, seid auch ihr grausam?
+Habt ihr meinem grossen Schmerze zuschaun wollen, wie Menschen thun?
+Der Mensch nämlich ist das grausamste Thier.
+
+Bei Trauerspielen, Stierkämpfen und Kreuzigungen ist es ihm bisher am
+wohlsten geworden auf Erden; und als er sich die Hölle erfand, siehe,
+da war das sein Himmel auf Erden.
+
+Wenn der grosse Mensch schreit—: flugs läuft der kleine hinzu; und die
+Zunge hängt ihm aus dem Halse vor Lüsternheit. Er aber heisst es sein
+„Mitleiden.“
+
+Der kleine Mensch, sonderlich der Dichter—wie eifrig klagt er das Leben
+in Worten an! Hört hin, aber überhört mir die Lust nicht, die in allem
+Anklagen ist!
+
+Solche Ankläger des Lebens: die überwindet das Leben mit einem
+Augenblinzeln. „Du liebst mich? sagt die Freche; warte noch ein Wenig,
+noch habe ich für dich nicht Zeit.“
+
+Der Mensch ist gegen sich selber das grausamste Thier; und bei Allem,
+was sich „Sünder“ und „Kreuzträger“ und „Büsser“ heisst, überhört mir
+die Wollust nicht, die in diesem Klagen und Anklagen ist!
+
+Und ich selber—will ich damit des Menschen Ankläger sein? Ach, meine
+Thiere, Das allein lernte ich bisher, dass dem Menschen sein Bösestes
+nöthig ist zu seinem Besten,—
+
+—dass alles Böseste seine beste _Kraft_ ist und der härteste Stein dem
+höchsten Schaffenden; und dass der Mensch besser _und_ böser werden
+muss: -
+
+Nicht an _diess_ Marterholz war ich geheftet, dass ich weiss: der
+Mensch ist böse,—sondern ich schrie, wie noch Niemand geschrien hat:
+
+„Ach dass sein Bösestes so gar klein ist! Ach dass sein Bestes so gar
+klein ist!“
+
+Der grosse Überdruss am Menschen—_der_ würgte mich und war mir in den
+Schlund gekrochen: und was der Wahrsager wahrsagte: „Alles ist gleich,
+es lohnt sich Nichts, Wissen würgt.“
+
+Eine lange Dämmerung hinkte vor mir her, eine todesmüde, todestrunkene
+Traurigkeit, welche mit gähnendem Munde redete.
+
+„Ewig kehrt er wieder, der Mensch, dess du müde bist, der kleine
+Mensch“—so gähnte meine Traurigkeit und schleppte den Fuss und konnte
+nicht einschlafen.
+
+Zur Höhle wandelte sich mir die Menschen-Erde, ihre Brust sank hinein,
+alles Lebendige ward mir Menschen-Moder und Knochen und morsche
+Vergangenheit.
+
+Mein Seufzen sass auf allen Menschen-Gräbern und konnte nicht mehr
+aufstehn; mein Seufzen und Fragen unkte und würgte und nagte und klagte
+bei Tag und Nacht:
+
+—„ach, der Mensch kehrt ewig wieder! Der kleine Mensch kehrt ewig
+wieder!“—
+
+Nackt hatte ich einst Beide gesehn, den grössten Menschen und den
+kleinsten Menschen: allzuähnlich einander,—allzumenschlich auch den
+Grössten noch!
+
+Allzuklein der Grösste!—Das war mein Überdruss am Menschen! Und ewige
+Wiederkunft auch des Kleinsten!—Das war mein Überdruss an allem Dasein!
+
+Ach, Ekel! Ekel! Ekel!—- Also sprach Zarathustra und seufzte und
+schauderte; denn er erinnerte sich seiner Krankheit. Da liessen ihn
+aber seine Thiere nicht weiter reden.
+
+„Sprich nicht weiter, du Genesender!—so antworteten ihm seine Thiere,
+sondern geh hinaus, wo die Welt auf dich wartet gleich einem Garten.
+
+Geh hinaus zu den Rosen und Bienen und Taubenschwärmen! Sonderlich aber
+zu den Singe-Vögeln: dass du ihnen das _Singen_ ablernst!
+
+Singen nämlich ist für Genesende; der Gesunde mag reden. Und wenn auch
+der Gesunde Lieder will, will er andre Lieder doch als der Genesende.“
+
+—„Oh ihr Schalks-Narren und Drehorgeln, so schweigt doch!—antwortete
+Zarathustra und lächelte über seine Thiere. Wie gut ihr wisst, welchen
+Trost ich mir selber in sieben Tagen erfand!
+
+Dass ich wieder singen müsse,—_den_ Trost erfand ich mir und _diese_
+Genesung: wollt ihr auch daraus gleich wieder ein Leier-Lied machen?“
+
+—„Sprich nicht weiter, antworteten ihm abermals seine Thiere; lieber
+noch, du Genesender, mache dir erst eine Leier zurecht, eine neue
+Leier!
+
+Denn siehe doch, oh Zarathustra! Zu deinen neuen Liedern bedarf es
+neuer Leiern.
+
+Singe und brause über, oh Zarathustra, heile mit neuen Liedern deine
+Seele: dass du dein grosses Schicksal tragest, das noch keines Menschen
+Schicksal war!
+
+Denn deine Thiere wissen es wohl, oh Zarathustra, wer du bist und
+werden musst: siehe, du bist der Lehrer der ewigen Wiederkunft—, das
+ist nun _dein_ Schicksal!
+
+Dass du als der Erste diese Lehre lehren musst,—wie sollte diess grosse
+Schicksal nicht auch deine grösste Gefahr und Krankheit sein!
+
+Siehe, wir wissen, was du lehrst: dass alle Dinge ewig wiederkehren und
+wir selber mit, und dass wir schon ewige Male dagewesen sind, und alle
+Dinge mit uns.
+
+Du lehrst, dass es ein grosses Jahr des Werdens giebt, ein Ungeheuer
+von grossem Jahre: das muss sich, einer Sanduhr gleich, immer wieder
+von Neuem umdrehn, damit es von Neuem ablaufe und auslaufe:—
+
+—so dass alle diese Jahre sich selber gleich sind, im Grössten und auch
+im Kleinsten,—so dass wir selber in jedem grossen Jahre uns selber
+gleich sind, im Grössten und auch im Kleinsten.
+
+Und wenn du jetzt sterben wolltest, oh Zarathustra: siehe, wir wissen
+auch, wie du da zu dir sprechen würdest:—aber deine Thiere bitten dich,
+dass du noch nicht sterbest!
+
+Du würdest sprechen und ohne Zittern, vielmehr aufathmend vor
+Seligkeit: denn eine grosse Schwere und Schwüle wäre von dir genommen,
+du Geduldigster!—
+
+„Nun sterbe und schwinde ich, würdest du sprechen, und im Nu bin ich
+ein Nichts. Die Seelen sind so sterblich wie die Leiber.
+
+Aber der Knoten von Ursachen kehrt wieder, in den ich verschlungen
+bin,—der wird mich wieder schaffen! Ich selber gehöre zu den Ursachen
+der ewigen Wiederkunft.
+
+Ich komme wieder, mit dieser Sonne, mit dieser Erde, mit diesem Adler,
+mit dieser Schlange—_nicht_ zu einem neuen Leben oder besseren Leben
+oder ähnlichen Leben:
+
+—ich komme ewig wieder zu diesem gleichen und selbigen Leben, im
+Grössten und auch im Kleinsten, dass ich wieder aller Dinge ewige
+Wiederkunft lehre,—
+
+—dass ich wieder das Wort spreche vom grossen Erden- und
+Menschen-Mittage, dass ich wieder den Menschen den Übermenschen künde.
+
+Ich sprach mein Wort, ich zerbreche an meinem Wort: so will es mein
+ewiges Loos -, als Verkündiger gehe ich zu Grunde!
+
+Die Stunde kam nun, dass der Untergehende sich selber segnet. Also
+_endet_ Zarathustra’s Untergang.““—
+
+Als die Thiere diese Worte gesprochen hatten, schwiegen sie und
+warteten, dass Zarathustra Etwas zu ihnen sagen werde: aber Zarathustra
+hörte nicht, dass sie schwiegen. Vielmehr lag er still, mit
+geschlossenen Augen, einem Schlafenden ähnlich, ob er schon nicht
+schlief: denn er unterredete sich eben mit seiner Seele. Die Schlange
+aber und der Adler, als sie ihn solchermaassen schweigsam fanden,
+ehrten die grosse Stille um ihn und machten sich behutsam davon.
+
+
+Von der grossen Sehnsucht
+
+Oh meine Seele, ich lehrte dich „Heute“ sagen wie „Einst“ und
+„Ehemals“ und über alles Hier und Da und Dort deinen Reigen hinweg
+tanzen.
+
+Oh meine Seele, ich erlöste dich von allen Winkeln, ich kehrte Staub,
+Spinnen und Zwielicht von dir ab.
+
+Oh meine Seele, ich wusch die kleine Scham und die Winkel-Tugend von
+dir ab und überredete dich, nackt vor den Augen der Sonne zu stehn.
+
+Mit dem Sturme, welcher „Geist“ heisst, blies ich über deine wogende
+See; alle Wolken blies ich davon, ich erwürgte selbst die Würgerin, die
+„Sünde“ heisst.
+
+Oh meine Seele, ich gab dir das Recht, Nein zu sagen wie der Sturm und
+Ja zu sagen wie offner Himmel Ja sagt: still wie Licht stehst du und
+gehst du nun durch verneinende Stürme.
+
+Oh meine Seele, ich gab dir die Freiheit zurück über Erschaffnes und
+Unerschaffnes: und wer kennt, wie du sie kennst, die Wollust des
+Zukünftigen?
+
+Oh meine Seele, ich lehrte dich das Verachten, das nicht wie ein
+Wurmfrass kommt, das grosse, das liebende Verachten, welches am meisten
+liebt, wo es am meisten verachtet.
+
+Oh meine Seele, ich lehrte dich so überreden, dass du zu dir die Gründe
+selber überredest: der Sonne gleich, die das Meer noch zu seiner Höhe
+überredet.
+
+Oh meine Seele, ich nahm von dir alles Gehorchen Kniebeugen und
+Herr-Sagen; ich gab dir selber den Namen „Wende der Noth“ und
+„Schicksal“.
+
+Oh meine Seele, ich gab dir neue Namen und bunte Spielwerke, ich hiess
+dich „Schicksal“ und „Umfang der Umfänge“ und „Nabelschnur der Zeit“
+und „azurne Glocke“ .
+
+Oh meine Seele, deinem Erdreich gab ich alle Weisheit zu trinken, alle
+neuen Weine und auch alle unvordenklich alten starken Weine der
+Weisheit.
+
+Oh meine Seele, jede Sonne goss ich auf dich und jede Nacht und jedes
+Schweigen und jede Sehnsucht:—da wuchsest du mir auf wie ein Weinstock.
+
+Oh meine Seele, überreich und schwer stehst du nun da, ein Weinstock
+mit schwellenden Eutern und gedrängten braunen Gold-Weintrauben:—
+
+—gedrängt und gedrückt von deinem Glücke, wartend vor Überflusse und
+schamhaft noch ob deines Wartens.
+
+Oh meine Seele, es giebt nun nirgends eine Seele, die liebender wäre
+und umfangender und umfänglicher! Wo wäre Zukunft und Vergangnes näher
+beisammen als bei dir?
+
+Oh meine Seele, ich gab dir Alles, und alle meine Hände sind an dich
+leer geworden:—und nun! Nun sagst du mir lächelnd und voll Schwermuth:
+„Wer von uns hat zu danken?—
+
+—hat der Geber nicht zu danken, dass der Nehmende nahm? Ist Schenken
+nicht eine Nothdurft? Ist Nehmen nicht—Erbarmen?“—
+
+Oh meine Seele, ich verstehe das Lächeln deiner Schwermuth: dein
+Über-Reichthum selber streckt nun sehnende Hände aus!
+
+Deine Fülle blickt über brausende Meere hin und sucht und wartet; die
+Sehnsucht der Über-Fülle blickt aus deinem lächelnden Augen-Himmel!
+
+Und wahrlich, oh meine Seele! Wer sähe dein Lächeln und schmelze nicht
+vor Thränen? Die Engel selber schmelzen vor Thränen ob der Über-Güte
+deines Lächelns.
+
+Deine Güte und Über-Güte ist es, die nicht klagen und weinen will: und
+doch sehnt sich, oh meine Seele, dein Lächeln nach Thränen und dein
+zitternder Mund nach Schluchzen.
+
+„Ist alles Weinen nicht ein Klagen? Und alles Klagen nicht ein
+Anklagen?“ Also redest du zu dir selber, und darum willst du, oh meine
+Seele, lieber lächeln, als dein Leid ausschütten.
+
+—in stürzende Thränen ausschütten all dein Leid über deine Fülle und
+über all die Drängniss des Weinstocks nach Winzer und Winzermesser!
+
+Aber willst du nicht weinen, nicht ausweinen deine purpurne Schwermuth,
+so wirst du _singen_ müssen, oh meine Seele!—Siehe, ich lächle selber,
+der ich dir solches vorhersage:
+
+—singen, mit brausendem Gesange, bis alle Meere still werden, dass sie
+deiner Sehnsucht zuhorchen,—
+
+—bis über stille sehnsüchtige Meere der Nachen schwebt, das güldene
+Wunder, um dessen Gold alle guten schlimmen wunderlichen Dinge hüpfen:—
+
+—auch vieles grosse und kleine Gethier und Alles, was leichte
+wunderliche Füsse hat, dass es auf veilchenblauen Pfaden laufen kann,—
+
+—hin zu dem güldenen Wunder, dem freiwilligen Nachen und zu seinem
+Herrn: das aber ist der Winzer, der mit diamantenem Winzermesser
+wartet,—
+
+—dein grosser Löser, oh meine Seele, der Namenlose—- dem zukünftige
+Gesänge erst Namen finden! Und wahrlich, schon duftet dein Athem nach
+zukünftigen Gesängen,—
+
+—schon glühst du und träumst, schon trinkst du durstig an allen tiefen
+klingenden Trost-Brunnen, schon ruht deine Schwermuth in der Seligkeit
+zukünftiger Gesänge!—
+
+Oh meine Seele, nun gab ich dir Alles und auch mein Letztes, und alle
+meine Hände sind an dich leer geworden:—_dass ich dich singen hiess_,
+siehe, das war mein Letztes!
+
+Dass ich dich singen hiess, sprich nun, sprich: _wer_ von uns hat
+jetzt—zu danken?—Besser aber noch: singe mir, singe, oh meine Seele!
+Und mich lass danken!—
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+Das andere Tanzlied
+
+1.
+
+„In dein Auge schaute ich jüngst, oh Leben: Gold sah ich in deinem
+Nacht-Auge blinken,—mein Herz stand still vor dieser Wollust:
+
+—einen goldenen Kahn sah ich blinken auf mächtigen Gewässern, einen
+sinkenden, trinkenden, wieder winkenden goldenen Schaukel-Kahn!
+
+Nach meinem Fusse, dem tanzwüthigen, warfst du einen Blick, einen
+lachenden fragenden schmelzenden Schaukel-Blick:
+
+Zwei Mal nur regtest du deine Klapper mit kleinen Händen—da schaukelte
+schon mein Fuss vor Tanz-Wuth.—
+
+Meine Fersen bäumten sich, meine Zehen horchten, dich zu verstehen:
+trägt doch der Tänzer sein Ohr—in seinen Zehen!
+
+Zu dir hin sprang ich: da flohst du zurück vor meinem Sprunge; und
+gegen mich züngelte deines fliehenden fliegenden Haars Zunge!
+
+Von dir weg sprang ich und von deinen Schlangen: da standst du schon,
+halbgewandt, das Auge voll Verlangen.
+
+Mit krummen Blicken—lehrst du mich krumme Bahnen; auf krummen Bahnen
+lernt mein Fuss—Tücken!
+
+Ich fürchte dich Nahe, ich liebe dich Ferne; deine Flucht lockt mich,
+dein Suchen stockt mich:—ich leide, aber was litt ich um dich nicht
+gerne!
+
+Deren Kälte zündet, deren Hass verführt, deren Flucht bindet, deren
+Spott—rührt:
+
+—wer hasste dich nicht, dich grosse Binderin, Umwinderin, Versucherin,
+Sucherin, Finderin! Wer liebte dich nicht, dich unschuldige,
+ungeduldige, windseilige, kindsäugige Sünderin!
+
+Wohin ziehst du mich jetzt, du Ausbund und Unband? Und jetzt fliehst du
+mich wieder, du süsser Wildfang und Undank!
+
+Ich tanze dir nach, ich folge dir auch auf geringer Spur. Wo bist du?
+Gieb mir die Hand! Oder einen Finger nur!
+
+Hier sind Höhlen und Dickichte: wir werden uns verirren!—Halt! Steh
+still! Siehst du nicht Eulen und Fledermäuse schwirren?
+
+Du Eule! Du Fledermaus! Du willst mich äffen? Wo sind wir? Von den
+Hunden lerntest du diess Heulen und Kläffen.
+
+Du fletschest mich lieblich an mit weissen Zähnlein, deine bösen Augen
+springen gegen mich aus lockichtem Mähnlein!
+
+Das ist ein Tanz über Stock und Stein: ich bin der Jäger,—willst du
+mein Hund oder meine Gemse sein?
+
+Jetzt neben mir! Und geschwind, du boshafte Springerin! Jetzt hinauf!
+Und hinüber!—Wehe! Da fiel ich selber im Springen hin!
+
+Oh sieh mich liegen, du Übermuth, und um Gnade flehn! Gerne möchte ich
+mit dir —lieblichere Pfade gehn!
+
+—der Liebe Pfade durch stille bunte Büsche! Oder dort den See entlang:
+da schwimmen und tanzen Goldfische!
+
+Du bist jetzt müde? Da drüben sind Schafe und Abendröthen: ist es nicht
+schön, zu schlafen, wenn Schäfer flöten?
+
+Du bist so arg müde? Ich trage dich hin, lass nur die Arme sinken! Und
+hast du Durst,—ich hätte wohl Etwas, aber dein Mund will es nicht
+trinken!—
+
+—Oh diese verfluchte flinke gelenke Schlange und Schlupf-Hexe! Wo bist
+du hin? Aber im Gesicht fühle ich von deiner Hand zwei Tupfen und rothe
+Klexe!
+
+Ich bin es wahrlich müde, immer dein schafichter Schäfer zu sein! Du
+Hexe, habe ich dir bisher gesungen, nun sollst _du_ mir—schrein!
+
+Nach dem Takt meiner Peitsche sollst du mir tanzen und schrein! Ich
+vergass doch die Peitsche nicht?—Nein!“—
+
+2.
+
+Da antwortete mir das Leben also und hielt sich dabei die zierlichen
+Ohren zu:
+
+„Oh Zarathustra! Klatsche doch nicht so fürchterlich mit deiner
+Peitsche! Du weisst es ja: Lärm mordet Gedanken,—und eben kommen mir so
+zärtliche Gedanken.
+
+Wir sind Beide zwei rechte Thunichtgute und Thunichtböse. Jenseits von
+Gut und Böse fanden wir unser Eiland und unsre grüne Wiese—wir Zwei
+allein! Darum müssen wir schon einander gut sein!
+
+Und lieben wir uns auch nicht von Grund aus—, muss man sich denn gram
+sein, wenn man sich nicht von Grund aus liebt?
+
+Und dass ich dir gut bin und oft zu gut, Das weisst du: und der Grund
+ist, dass ich auf deine Weisheit eifersüchtig bin. Ah, diese tolle alte
+Närrin von Weisheit!
+
+Wenn dir deine Weisheit einmal davonliefe, ach! da liefe dir schnell
+auch meine Liebe noch davon.“—
+
+Darauf blickte das Leben nachdenklich hinter sich und um sich und sagte
+leise: „Oh Zarathustra, du bist mir nicht treu genug!
+
+Du liebst mich lange nicht so sehr wie du redest; ich weiss, du denkst
+daran, dass du mich bald verlassen willst.
+
+Es giebt eine alte schwere schwere Brumm-Glocke: die brummt Nachts bis
+zu deiner Höhle hinauf:—
+
+—hörst du diese Glocke Mitternachts die Stunde schlagen, so denkst du
+zwischen Eins und Zwölf daran—
+
+—du denkst daran, oh Zarathustra, ich weiss es, dass du mich bald
+verlassen willst!“—
+
+„Ja, antwortete ich zögernd, aber du weisst es auch—“ Und ich sagte ihr
+Etwas in’s Ohr, mitten hinein zwischen ihre verwirrten gelben
+thörichten Haar-Zotteln.
+
+Du _weisst_ Das, oh Zarathustra? Das weiss Niemand.—
+
+Und wir sahen uns an und blickten auf die grüne Wiese, über welche eben
+der kühle Abend lief, und weinten mit einander.—Damals aber war mir das
+Leben lieber, als je alle meine Weisheit.—
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+3.
+
+ Eins!
+ Oh Mensch! Gieb Acht!
+ Zwei!
+ Was spricht die tiefe Mitternacht?
+ Drei!
+ „Ich schlief, ich schlief—,“
+ Vier!
+ „Auf tiefen Traum bin ich erwacht:—“
+ Fünf!
+ „Die Welt ist tief,“
+ Sechs!
+ „Und tiefer als der Tag gedacht.“
+ Sieben!
+ „Tief ist ihr Weh—,“
+ Acht!
+ „Lust—tiefer noch als Herzeleid:“
+ Neun!
+ „Weh spricht: Vergeh!“
+ Zehn!
+ „Doch alle Lust will Ewigkeit—,“
+ Elf!
+ „—will tiefe, tiefe Ewigkeit!“
+ Zwölf!
+
+
+Die sieben Siegel
+(Oder: das Ja- und Amen-Lied)
+
+1.
+
+Wenn ich ein Wahrsager bin und voll jenes wahrsagerischen Geistes, der
+auf hohem Joche zwischen zwei Meeren wandelt,—
+
+zwischen Vergangenem und Zukünftigem als schwere Wolke
+wandelt,—schwülen Niederungen feind und Allem, was müde ist und nicht
+sterben, noch leben kann.-
+
+zum Blitze bereit im dunklen Busen und zum erlösenden Lichtstrahle,
+schwanger von Blitzen, die Ja! sagen, Ja! lachen, zu wahrsagerischen
+Blitzstrahlen:—
+
+—selig aber ist der also Schwangere! Und wahrlich, lange muss als
+schweres Wetter am Berge hängen, wer einst das Licht der Zukunft zünden
+soll!—
+
+Oh wie sollte ich nicht nach der Ewigkeit brünstig sein und nach dem
+hochzeitlichen Ring der Ringe,—dem Ring de Wiederkunft!
+
+Nie noch fand ich das Weib, von dem ich Kinder mochte, sei denn dieses
+Weib, das ich lieb: denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!
+
+Denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!
+
+2.
+
+Wenn mein Zorn je Gräber brach, Grenzsteine rückte und alte Tafeln
+zerbrochen in steile Tiefen rollte:
+
+Wenn mein Hohn je vermoderte Worte zerblies, und ich wie ein Besen kam
+den Kreuzspinnen und als Fegewind alten verdumpften Grabkammern:
+
+Wenn ich je frohlockend sass, wo alte Götter begraben liegen,
+weltsegnend, weltliebend neben den Denkmalen alter Welt-Verleumder:—
+
+—denn selbst Kirchen und Gottes-Gräber liebe ich, wenn der Himmel erst
+reinen Auges durch ihre zerbrochenen Decken blickt; gern sitze ich
+gleich Gras und rothem Mohne auf zerbrochnen Kirchen—
+
+Oh wie sollte ich nicht nach der Ewigkeit brünstig sein und nach dem
+hochzeitlichen Ring der Ringe,—dem Ring de Wiederkunft!
+
+Nie noch fand ich das Weib, von dem ich Kinder mochte, sei denn dieses
+Weib, das ich lieb: denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!
+
+Denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!
+
+3.
+
+Wenn je ein Hauch zu mir kam vom schöpferischen Hauche und von jener
+himmlischen Noth, die noch Zufälle zwingt, Sternen-Reigen zu tanzen:
+
+Wenn ich je mit dem Lachen des schöpferischen Blitzes lachte, dem der
+lange Donner der That grollend, aber gehorsam nachfolgt:
+
+Wenn ich je am Göttertisch der Erde mit Göttern Würfel spielte, dass
+die Erde bebte und brach und Feuerflüsse heraufschnob:—
+
+—denn ein Göttertisch ist die Erde, und zitternd von schöpferischen
+neuen Worten und Götter-Würfen:—
+
+Oh wie sollte ich nicht nach der Ewigkeit brünstig sein und nach dem
+hochzeitlichen Ring der Ringe,—dem Ring de Wiederkunft!
+
+Nie noch fand ich das Weib, von dem ich Kinder mochte, sei denn dieses
+Weib, das ich lieb: denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!
+
+Denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!
+
+4.
+
+Wenn ich je vollen Zuges trank aus jenem schäumenden Würz- und
+Mischkruge, in dem alle Dinge gut gemischt sind:
+
+Wenn meine Hand je Fernstes zum Nächsten goss und Feuer zu Geist und
+Lust zu Leid und Schlimmstes zum Gütigsten:
+
+Wenn ich selber ein Korn bin von jenem erlösenden Salze, welches macht,
+dass alle Dinge im Mischkruge gut sich mischen:—
+
+—denn es giebt ein Salz, das Gutes mit Bösem bindet; und auch das
+Böseste ist zum Würzen würdig und zum letzten Überschäumen:—
+
+Oh wie sollte ich nicht nach der Ewigkeit brünstig sein und nach dem
+hochzeitlichen Ring der Ringe,—dem Ring de Wiederkunft!
+
+Nie noch fand ich das Weib, von dem ich Kinder mochte, sei denn dieses
+Weib, das ich lieb: denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!
+
+Denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!
+
+5.
+
+Wenn ich dem Meere hold bin und Allem, was Meeres-Art ist, und am
+holdesten noch, wenn es mir zornig widerspricht:
+
+Wenn jene suchende Lust in mir ist, die nach Unentdecktem die Segel
+treibt, wenn eine Seefahrer-Lust in meiner Lust ist:
+
+Wenn je mein Frohlocken rief: „die Küste schwand,—nun fiel mir die
+letzte Kette ab—
+
+—das Grenzenlose braust um mich, weit hinaus glänzt mir Raum und Zeit,
+wohlan! wohlauf! altes Herz!“—
+
+Oh wie sollte ich nicht nach der Ewigkeit brünstig sein und nach dem
+hochzeitlichen Ring der Ringe,—dem Ring de Wiederkunft!
+
+Nie noch fand ich das Weib, von dem ich Kinder mochte, sei denn dieses
+Weib, das ich lieb: denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!
+
+Denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!
+
+6.
+
+Wenn meine Tugend eines Tänzers Tugend ist, und ich oft mit beiden
+Füssen in gold-smaragdenes Entzücken sprang:
+
+Wenn meine Bosheit eine lachende Bosheit ist, heimisch unter
+Rosenhängen und Lilien-Hecken:
+
+—im Lachen nämlich ist alles Böse bei einander, aber heilig- und
+losgesprochen durch seine eigne Seligkeit:—
+
+Und wenn Das mein A und O ist, dass alles Schwere leicht, aller Leib
+Tänzer, aller Geist Vogel werde: und wahrlich, Das ist mein A und O!—
+
+Oh wie sollte ich nicht nach der Ewigkeit brünstig sein und nach dem
+hochzeitlichen Ring der Ringe,—dem Ring de Wiederkunft!
+
+Nie noch fand ich das Weib, von dem ich Kinder mochte, sei denn dieses
+Weib, das ich lieb: denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!
+
+Denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!
+
+7.
+
+Wenn ich je stille Himmel über mir ausspannte und mit eignen Flügeln in
+eigne Himmel flog:
+
+Wenn ich spielend in tiefen Licht-Fernen schwamm, und meiner Freiheit
+Vogel-Weisheit kam:—
+
+—so aber spricht Vogel-Weisheit: „Siehe, es giebt kein Oben, kein
+Unten! Wirf dich umher, hinaus, zurück, du Leichter! Singe! sprich
+nicht mehr!
+
+—sind alle Worte nicht für die Schweren gemacht? Lügen dem Leichten
+nicht alle Worte! Singe! sprich nicht mehr!“—
+
+Oh wie sollte ich nicht nach der Ewigkeit brünstig sein und nach dem
+hochzeitlichen Ring der Ringe,—dem Ring de Wiederkunft!
+
+Nie noch fand ich das Weib, von dem ich Kinder mochte, sei denn dieses
+Weib, das ich lieb: denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!
+
+Denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!
+
+
+Vierter und letzter Theil
+
+Ach, wo in der Welt geschahen grössere Thorheiten, als bei den
+Mitleidigen? Und was in der Weit stiftete mehr Leid, als die Thorheiten
+der Mitleidigen?
+ Wehe allen Liebenden, die nicht noch eine Höhe haben, welche über
+ ihrem Mitleiden ist!
+ Also sprach der Teufel einst zu mir: „auch Gott hat seine Hölle:
+ das ist seine Liebe zu den Menschen.“
+ Und jüngst hörte ich ihn diess Wort sagen: „Gott ist todt; an
+ seinem Mitleiden mit den Menschen ist Gott gestorben.“
+
+Zarathustra, Von den Mitleidigen
+
+
+Das Honig-Opfer
+
+—Und wieder liefen Monde und Jahre über Zarathustra’s Seele, und er
+achtete dessen nicht; sein Haar aber wurde weiss. Eines Tages, als er
+auf einem Steine vor seiner Höhle sass und still hinausschaute,—man
+schaut aber dort auf das Meer hinaus, und hinweg über gewundene
+Abgründe—da giengen seine Thiere nachdenklich um ihn herum und stellten
+sich endlich vor ihn hin.
+
+„Oh Zarathustra, sagten sie, schaust du wohl aus nach deinem
+Glücke?“—„Was liegt am Glücke! antwortete er, ich trachte lange nicht
+mehr nach Glücke, ich trachte nach meinem Werke.“—„Oh Zarathustra,
+redeten die Thiere abermals, Das sagst du als Einer, der des Guten
+übergenug hat. Liegst du nicht in einem himmelblauen See von
+Glück?“—„Ihr Schalks-Narren, antwortete Zarathustra und lächelte, wie
+gut wähltet ihr das Gleichniss! Aber ihr wisst auch, dass mein Glück
+schwer ist und nicht wie eine flüssige Wasserwelle: es drängt mich und
+will nicht von mir und thut gleich geschmolzenem Peche.“—
+
+Da giengen die Thiere wieder nachdenklich um ihn herum und stellten
+sich dann abermals vor ihn hin. „Oh Zarathustra, sagten sie, _daher_
+also kommt es, dass du selber immer gelber und dunkler wirst, obschon
+dein Haar weiss und flächsern aussehen will? Siehe doch, du sitzest in
+deinem Peche!“—„Was sagt ihr da, meine Thiere, sagte Zarathustra und
+lachte dazu, wahrlich, ich lästerte als ich von Peche sprach. Wie mir
+geschieht, so geht es allen Früchten, die reif werden. Es ist der
+_Honig_ in meinen Adern, der mein Blut dicker und auch meine Seele
+stiller macht.“—„So wird es sein, oh Zarathustra, antworteten die
+Thiere und drängten sich an ihn; willst du aber nicht heute auf einen
+hohen Berg steigen? Die Luft ist rein, und man sieht heute mehr von der
+Welt als jemals.“—„Ja, meine Thiere, antwortete er, ihr rathet
+trefflich und mir nach dem Herzen: ich will heute auf einen hohen Berg
+steigen! Aber sorgt, dass dort Honig mir zur Hand sei, gelber, weisser,
+guter, eisfrischer Waben-Goldhonig. Denn wisset, ich will droben das
+Honig-Opfer bringen.“—
+
+Als Zarathustra aber oben auf der Höhe war, sandte er die Thiere heim,
+die ihn geleitet hatten, und fand, dass er nunmehr allein sei:—da
+lachte er aus ganzem Herzen, sah sich um und sprach also:
+
+Dass ich von Opfern sprach und Honig-Opfern, eine List war’s nur meiner
+Rede und, wahrlich, eine nützliche Thorheit! Hier oben darf ich schon
+freier reden, als vor Einsiedler-Höhlen und Einsiedler-Hausthieren.
+
+Was opfern! Ich verschwende, was mir geschenkt wird, ich Verschwender
+mit tausend Händen: wie dürfte ich Das noch—Opfern heissen!
+
+Und als ich nach Honig begehrte, begehrte ich nur nach Köder und süssem
+Seime und Schleime, nach dem auch Brummbären und wunderliche mürrische
+böse Vögel die Zunge lecken:
+
+—nach dem besten Köder, wie er Jägern und Fischfängern noththut. Denn
+wenn die Welt wie ein dunkler Thierwald ist und aller wilden Jäger
+Lustgarten, so dünkt sie mich noch mehr und lieber ein abgründliches
+reiches Meer,
+
+—ein Meer voll bunter Fische und Krebse, nach dem es auch Götter
+gelüsten möchte, dass sie an ihm zu Fischern würden und zu
+Netz-Auswerfern: so reich ist die Welt an Wunderlichem, grossem und
+kleinem!
+
+Sonderlich die Menschen-Welt, das Menschen-Meer:—nach _dem_ werfe ich
+nun meine goldene Angelruthe aus und spreche: thue dich auf, du
+Menschen-Abgrund!
+
+Thue dich auf und wirf mir deine Fische und Glitzer-Krebse zu! Mit
+meinem besten Köder ködere ich mir heute die wunderlichsten
+Menschen-Fische!
+
+—mein Glück selber werfe ich hinaus in alle Weiten und Fernen, zwischen
+Aufgang, Mittag und Niedergang, ob nicht an meinem Glücke viele
+Menschen-Fische zerrn und zappeln lernen.
+
+Bis sie, anbeissend an meine spitzen verborgenen Haken, hinauf müssen
+in _meine_ Höhe, die buntesten Abgrund-Gründlinge zu dem boshaftigsten
+aller Menschen- Fischfänger.
+
+_Der_ nämlich bin ich von Grund und Anbeginn, ziehend, heranziehend,
+hinaufziehend, aufziehend, ein Zieher, Züchter und Zuchtmeister, der
+sich nicht umsonst einstmals zusprach: „Werde, der du bist!“
+
+Also mögen nunmehr die Menschen zu mir _hinauf_ kommen: denn noch warte
+ich der Zeichen, dass es Zeit sei zu meinem Niedergange, noch gehe ich
+selber nicht unter, wie ich muss, unter Menschen.
+
+Dazu warte ich hier, listig und spöttisch auf hohen Bergen, kein
+Ungeduldiger, kein Geduldiger, vielmehr Einer, der auch die Geduld
+verlernt hat,—weil er nicht mehr „duldet.“
+
+Mein Schicksal nämlich lässt mir Zeit: es vergass mich wohl? Oder sitzt
+es hinter einem grossen Steine im Schatten und fängt Fliegen?
+
+Und wahrlich, ich bin ihm gut darob, meinem ewigen Schicksale, dass es
+mich nicht hetzt und drängt und mir Zeit zu Possen lässt und Bosheiten:
+also dass ich heute zu einem Fischfange auf diesen hohen Berg stieg.
+
+Fieng wohl je ein Mensch auf hohen Bergen Fische? Und wenn es auch eine
+Thorheit ist, was ich hier oben will und treibe: besser noch Diess, als
+dass ich da unten feierlich würde vor Warten und grün und gelb—
+
+—ein gespreitzter Zornschnauber vor Warten, ein heiliger Heule-Sturm
+aus Bergen, ein Ungeduldiger, der in die Thäler hinabruft: „Hört, oder
+ich peitsche euch mit der Geissel Gottes!“
+
+Nicht dass ich solchen Zürnern darob gram würde: zum Lachen sind sie
+mir gut genung! Ungeduldig müssen sie schon sein, diese grossen
+Lärmtrommeln, welche heute oder niemals zu Worte kommen!
+
+Ich aber und mein Schicksal—wir reden nicht zum Heute, wir reden auch
+nicht zum Niemals: wir haben zum Reden schon Geduld und Zeit und
+Überzeit. Denn einst muss er doch kommen und darf nicht vorübergehn.
+
+Wer muss einst kommen und darf nicht vorübergehn? Unser grosser Hazar,
+das ist unser grosses fernes Menschen-Reich, das Zarathustra-Reich von
+tausend Jahren—
+
+Wie ferne mag solches „Ferne“ sein? was geht’s mich an! Aber darum
+steht es mir doch nicht minder fest—, mit beiden Füssen stehe ich
+sicher auf diesem Grunde,
+
+—auf einem ewigen Grunde, auf hartem Urgesteine, auf diesem höchsten
+härtesten Urgebirge, zu dem alle Winde kommen als zur Wetterscheide,
+fragend nach Wo? und Woher? und Wohinaus?
+
+Hier lache, lache meine helle heile Bosheit! Von hohen Bergen wirf
+hinab dein glitzerndes Spott-Gelächter! Ködere mit deinem Glitzern mir
+die schönsten Menschen-Fische!
+
+Und was in allen Meeren _mir_ zugehört, mein An-und-für-mich in allen
+Dingen—_Das_ fische mir heraus, _Das_ führe zu mir herauf: dess warte
+ich, der boshaftigste aller Fischfänger.
+
+Hinaus, hinaus, meine Angel! Hinein, hinab, Köder meines Glücks!
+Träufle deinen süssesten Thau, mein Herzens-Honig! Beisse, meine Angel,
+in den Bauch aller schwarzen Trübsal!
+
+Hinaus, hinaus, mein Auge! Oh welche vielen Meere rings um mich, welch
+dämmernde Menschen-Zukünfte! Und über mir—welch rosenrothe Stille!
+Welch entwölktes Schweigen!
+
+
+Der Nothschrei
+
+Des nächsten Tages sass Zarathustra wieder auf seinem Steine vor der
+Höhle, während die Thiere draussen in der Welt herumschweiften, dass
+sie neue Nahrung heimbrächten,—auch neuen Honig: denn Zarathustra hatte
+den alten Honig bis auf das letzte Korn verthan und verschwendet. Als
+er aber dermaassen dasass, mit einem Stecken in der Hand, und den
+Schatten seiner Gestalt auf der Erde abzeichnete, nachdenkend und,
+wahrlich! nicht über sich und seinen Schatten—da erschrak er mit Einem
+Male und fuhr zusammen: denn er sahe neben seinem Schatten noch einen
+andern Schatten. Und wie er schnell um sich blickte und aufstand,
+siehe, da stand der Wahrsager neben ihm, der selbe, den er einstmals an
+seinem Tische gespeist und getränkt hatte, der Verkündiger der grossen
+Müdigkeit, welcher lehrte: „Alles ist gleich, es lohnt sich Nichts,
+Welt ist ohne Sinn, Wissen würgt.“ Aber sein Antlitz hatte sich
+inzwischen verwandelt; und als ihm Zarathustra in die Augen blickte,
+wurde sein Herz abermals erschreckt: so viel schlimme Verkündigungen
+und aschgraue Blitze liefen über diess Gesicht.
+
+Der Wahrsager, der es wahrgenommen, was sich in Zarathustra’s Seele
+zutrug, wischte mit der Hand über sein Antlitz hin, wie als ob er
+dasselbe wegwischen wollte; desgleichen that auch Zarathustra. Und als
+Beide dergestalt sich schweigend gefasst und gekräftigt hatten, gaben
+sie sich die Hände, zum Zeichen, dass sie sich wiedererkennen wollten.
+
+„Sei mir willkommen, sagte Zarathustra, du Wahrsager der grossen
+Müdigkeit, du sollst nicht umsonst einstmals mein Tisch- und Gastfreund
+gewesen sein. Iss und trink auch heute bei mir und vergieb es, dass ein
+vergnügter alter Mann mit dir zu Tische sitzt!“—„Ein vergnügter alter
+Mann? antwortete der Wahrsager, den Kopf schüttelnd: wer du aber auch
+bist oder sein willst, oh Zarathustra, du bist es zum Längsten hier
+Oben gewesen,—dein Nachen soll über Kurzem nicht mehr im Trocknen
+sitzen!“—„Sitze ich denn im Trocknen?“ fragte Zarathustra lachend.—„Die
+Wellen um deinen Berg, antwortete der Wahrsager, steigen und steigen,
+die Wellen grosser Noth und Trübsal: die werden bald auch deinen Nachen
+heben und dich davontragen.“—Zarathustra schwieg hierauf und wunderte
+sich.—„Hörst du noch Nichts? fuhr der Wahrsager fort: rauscht und
+braust es nicht herauf aus der Tiefe?“—Zarathustra schwieg abermals und
+horchte: da hörte er einen langen, langen Schrei, welchen die Abgründe
+sich zuwarfen und weitergaben, denn keiner wollte ihn behalten: so böse
+klang er.
+
+„Du schlimmer Verkündiger, sprach endlich Zarathustra, das ist ein
+Nothschrei und der Schrei eines Menschen, der mag wohl aus einem
+schwarzen Meere kommen. Aber was geht mich Menschen-Noth an! Meine
+letzte Sünde, die mir aufgespart blieb,—weisst du wohl, wie sie
+heisst?“
+
+—„Mitleiden! antwortete der Wahrsager aus einem überströmenden Herzen
+und hob beide Hände empor—oh Zarathustra, ich komme, dass ich dich zu
+deiner letzten Sünde verführe!“—
+
+Und kaum waren diese Worte gesprochen, da erscholl der Schrei abermals,
+und länger und ängstlicher als vorher, auch schon viel näher. „Hörst
+du? Hörst du, oh Zarathustra? rief der Wahrsager, dir gilt der Schrei,
+dich ruft er: komm, komm, komm, es ist Zeit, es ist höchste Zeit!“—
+
+Zarathustra schwieg hierauf, verwirrt und erschüttert; endlich fragte
+er, wie Einer, der bei sich selber zögert: „Und wer ist das, der dort
+mich ruft?“
+
+„Aber du weisst es ja, antwortete der Wahrsager heftig, was verbirgst
+du dich? _Der höhere Mensch_ ist es, der nach dir schreit!“
+
+„Der höhere Mensch? schrie Zarathustra von Grausen erfasst: was will
+_der_? Was will _der_? Der höhere Mensch! Was will der hier?“—und seine
+Haut bedeckte sich mit Schweiss.
+
+Der Wahrsager aber antwortete nicht auf die Angst Zarathustra’s,
+sondern horchte und horchte nach der Tiefe zu. Als es jedoch lange Zeit
+dort stille blieb, wandte er seinen Blick zurück und sahe Zarathustra
+stehn und zittern.
+
+„Oh Zarathustra, hob er mit trauriger Stimme an, du stehst nicht da wie
+Einer, den sein Glück drehend macht: du wirst tanzen müssen, dass du
+mir nicht umfällst!
+
+Aber wenn du auch vor mir tanzen wolltest und alle deine Seitensprünge
+springen: Niemand soll mir doch sagen dürfen: „Siehe, hier tanzt der
+letzte frohe Mensch!“
+
+Umsonst käme Einer auf diese Höhe, der den hier suchte: Höhlen fände er
+wohl und Hinter-Höhlen, Verstecke für Versteckte, aber nicht
+Glücks-Schachte und Schatzkammern und neue Glücks-Goldadern.
+
+Glück—wie fände man wohl das Glück bei solchen Vergrabenen und
+Einsiedlern! Muss ich das letzte Glück noch auf glückseligen Inseln
+suchen und ferne zwischen vergessenen Meeren?
+
+Aber Alles ist gleich, es lohnt sich Nichts, es hilft kein Suchen, es
+giebt auch keine glückseligen Inseln mehr!“—
+
+Also seufzte der Wahrsager; bei seinem letzten Seufzer aber wurde
+Zarathustra wieder hell und sicher, gleich Einem, der aus einem tiefen
+Schlunde an’s Licht kommt. „Nein! Nein! Drei Mal Nein! rief er mit
+starker Stimme und strich sich den Bart—_Das_ weiss ich besser! Es
+giebt noch glückselige Inseln! Stille _davon_, du seufzender
+Trauersack!
+
+Höre _davon_ auf zu plätschern, du Regenwolke am Vormittag! Stehe ich
+denn nicht schon da, nass von deiner Trübsal und begossen wie ein Hund?
+
+Nun schüttle ich mich und laufe dir davon, dass ich wieder trocken
+werde: dess darfst du nicht Wunder haben! Dünke ich dir unhöflich? Aber
+hier ist _mein_ Hof.
+
+Was aber deinen höheren Menschen angeht: wohlan! ich suche ihn flugs in
+jenen Wäldern: _daher_ kam sein Schrei. Vielleicht bedrängt ihn da ein
+böses Thier.
+
+Er ist in _meinem_ Bereiche: darin soll er mir nicht zu Schaden kommen!
+Und wahrlich, es giebt viele böse Thiere bei mir.“—
+
+Mit diesen Worten wandte sich Zarathustra zum Gehen. Da sprach der
+Wahrsager: „Oh Zarathustra, du bist ein Schelm!
+
+Ich weiss es schon: du willst mich los sein! Lieber noch läufst du in
+die Wälder und stellst bösen Thieren nach!
+
+Aber was hilft es dir? Des Abends wirst du doch mich wiederhaben, in
+deiner eignen Höhle werde ich dasitzen, geduldig und schwer wie ein
+Klotz—und auf dich warten!“
+
+„So sei’s! rief Zarathustra zurück im Fortgehn: und was mein ist in
+meiner Höhle, gehört auch dir, meinem Gastfreunde!
+
+Solltest du aber drin noch Honig finden, wohlan! so lecke ihn nur auf,
+du Brummbär, und versüsse deine Seele! Am Abende nämlich wollen wir
+Beide guter Dinge sein,
+
+—guter Dinge und froh darob, dass dieser Tag zu Ende gieng! Und du
+selber sollst zu meinen Liedern als mein Tanzbär tanzen.
+
+Du glaubst nicht daran? Du schüttelst den Kopf? Wohlan! Wohlauf! Alter
+Bär! Aber auch ich—bin ein Wahrsager.“
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+Gespräch mit den Königen
+
+1.
+
+Zarathustra war noch keine Stunde in seinen Bergen und Wäldern
+unterwegs, da sahe er mit Einem Male einen seltsamen Aufzug. Gerade auf
+dem Wege, den er hinabwollte, kamen zwei Könige gegangen, mit Kronen
+und Purpurgürteln geschmückt und bunt wie Flamingo-Vögel: die trieben
+einen beladenen Esel vor sich her. „Was wollen diese Könige in meinem
+Reiche?“ sprach Zarathustra erstaunt zu seinem Herzen und versteckte
+Sich geschwind hinter einem Busche. Als aber die Könige bis zu ihm
+herankamen, sagte er, halblaut, wie Einer, der zu sich allein redet:
+„Seltsam! Seltsam! Wie reimt sich Das zusammen? Zwei Könige sehe
+ich—und nur Einen Esel!“
+
+Da machten die beiden Könige Halt, lächelten, sahen nach der Stelle
+hin, woher die Stimme kam, und sahen sich nachher selber in’s Gesicht.
+„Solcherlei denkt man wohl auch unter uns, sagte der König zur Rechten,
+aber man spricht es nicht aus.“
+
+Der König zur Linken aber zuckte mit den Achseln und antwortete: „Das
+mag wohl ein Ziegenhirt sein. Oder ein Einsiedler, der zu lange unter
+Felsen und Bäumen lebte. Gar keine Gesellschaft nämlich verdirbt auch
+die guten Sitten.“
+
+„Die guten Sitten? entgegnete unwillig und bitter der andre König: wem
+laufen wir denn aus dem Wege? Ist es nicht den „guten Sitten“? Unsrer
+„guten Gesellschaft“?
+
+Lieber, wahrlich, unter Einsiedlern und Ziegenhirten als mit unserm
+vergoldeten falschen überschminkten Pöbel leben,—ob er sich schon „gute
+Gesellschaft“ heisst,
+
+—ob er sich schon „Adel“ heisst. Aber da ist Alles falsch und faul,
+voran das Blut, Dank alten schlechten Krankheiten und schlechteren
+Heil-Künstlern.
+
+Der Beste und Liebste ist mir heute noch ein gesunder Bauer, grob,
+listig, hartnäckig, langhaltig: das ist heute die vornehmste Art.
+
+Der Bauer ist heute der Beste; und Bauern-Art sollte Herr sein! Aber es
+ist das Reich des Pöbels,—ich lasse mir Nichts mehr vormachen. Pöbel
+aber, das heisst: Mischmasch.
+
+Pöbel-Mischmasch: darin ist Alles in Allem durcheinander, Heiliger und
+Hallunke und Junker und Jude und jeglich Vieh aus der Arche Noäh.
+
+Gute Sitten! Alles ist bei uns falsch und faul. Niemand weiss mehr zu
+verehren: _dem_ gerade laufen wir davon. Es sind süssliche zudringliche
+Hunde, sie vergolden Palmenblätter.
+
+Dieser Ekel würgt mich, dass wir Könige selber falsch wurden, überhängt
+und verkleidet durch alten vergilbten Grossväter-Prunk, Schaumünzen für
+die Dümmsten und die Schlauesten, und wer heute Alles mit der Macht
+Schacher treibt!
+
+Wir _sind_ nicht die Ersten—und müssen es doch _bedeuten_: dieser
+Betrügerei sind wir endlich satt und ekel geworden.
+
+Dem Gesindel giengen wir aus dem Wege, allen diesen Schreihälsen und
+Schreib-Schmeissfliegen, dem Krämer-Gestank, dem Ehrgeiz-Gezappel, dem
+üblen Athem—: pfui, unter dem Gesindel leben,
+
+—pfui, unter dem Gesindel die Ersten zu bedeuten! Ach, Ekel! Ekel!
+Ekel! Was liegt noch an uns Königen!“—
+
+„Deine alte Krankheit fällt dich an, sagte hier der König zur Linken,
+der Ekel fällt dich an, mein armer Bruder. Aber du weisst es doch, es
+hört uns Einer zu.“
+
+Sofort erhob sich Zarathustra, der zu diesen Reden Ohren und Augen
+aufgesperrt hatte, aus seinem Schlupfwinkel, trat auf die Könige zu und
+begann:
+
+„Der Euch zuhört, der Euch gerne zuhört, ihr Könige, der heisst
+Zarathustra.
+
+Ich bin Zarathustra, der einst sprach: „Was liegt noch an Königen!“
+Vergebt mir, ich freute mich, als Ihr zu einander sagtet: „Was liegt an
+uns Königen!“
+
+Hier aber ist _mein_ Reich und meine Herrschaft: was mögt Ihr wohl in
+meinem Reiche suchen? Vielleicht aber _fandet_ Ihr unterwegs, was _ich_
+suche: nämlich den höheren Menschen.“
+
+Als Diess die Könige hörten, schlugen sie sich an die Brust und
+sprachen mit Einem Munde: „Wir sind erkannt!
+
+Mit dem Schwerte dieses Wortes zerhaust du unsres Herzens dickste
+Finsterniss. Du entdecktest unsre Noth, denn siehe! Wir sind unterwegs,
+dass wir den höheren Menschen fänden—
+
+—den Menschen, der höher ist als wir: ob wir gleich Könige sind. Ihm
+führen wir diesen Esel zu. Der höchste Mensch nämlich soll auf Erden
+auch der höchste Herr sein.
+
+Es giebt kein härteres Unglück in allem Menschen-Schicksale, als wenn
+die Mächtigen der Erde nicht auch die ersten Menschen sind. Da wird
+Alles falsch und schief und ungeheuer.
+
+Und wenn sie gar die letzten sind und mehr Vieh als Mensch: da steigt
+und steigt der Pöbel im Preise, und endlich spricht gar die
+Pöbel-Tugend: „siehe, ich allein bin Tugend!“—
+
+Was hörte ich eben? antwortete Zarathustra; welche Weisheit bei
+Königen! Ich bin entzückt, und, wahrlich, schon gelüstet’s mich, einen
+Reim darauf zu machen:—
+
+—mag es auch ein Reim werden, der nicht für Jedermanns Ohren taugt. Ich
+verlernte seit langem schon die Rücksicht auf lange Ohren. Wohlan!
+Wohlauf!
+
+(Hier aber geschah es, dass auch der Esel zu Worte kam: er sagte aber
+deutlich und mit bösem Willen I-A.)
+
+Einstmals—ich glaub’, im Jahr des Heiles Eins—
+Sprach die Sibylle, trunken sonder Weins:
+„Weh, nun geht’s schief!
+Verfall! Verfall! Nie sank die Welt so tief!
+Rom sank zur Hure und zur Huren-Bude,
+Rom’s Caesar sank zum Vieh, Gott selbst—ward Jude!“
+
+2.
+
+An diesen Reimen Zarathustra’s weideten sich die Könige; der König zur
+Rechten aber sprach: „oh Zarathustra, wie gut thaten wir, dass wir
+auszogen, dich zu sehn!
+
+Deine Feinde nämlich zeigten uns dein Bild in ihrem Spiegel: da
+blicktest du mit der Fratze eines Teufels und hohnlachend: also dass
+wir uns vor dir fürchteten.
+
+Aber was half’s! Immer wieder stachst du uns in Ohr und Herz mit deinen
+Sprüchen. Da sprachen wir endlich: was liegt daran, wie er aussieht!
+
+Wir müssen ihn _hören_, ihn, der lehrt „ihr sollt den Frieden lieben
+als Mittel zu neuen Kriegen, und den kurzen Frieden mehr als den
+langen!“
+
+Niemand sprach je so kriegerische Worte: „Was ist gut? Tapfer sein ist
+gut. Der gute Krieg ist’s, der jede Sache heiligt.“
+
+Oh Zarathustra, unsrer Väter Blut rührte sich bei solchen Worten in
+unserm Leibe: das war wie die Rede des Frühlings zu alten Weinfässern.
+
+Wenn die Schwerter durcheinander liefen gleich rothgefleckten
+Schlangen, da wurden unsre Väter dem Leben gut; alles Friedens Sonne
+dünkte sie flau und lau, der lange Frieden aber machte Scham.
+
+Wie sie seufzten, unsre Väter, wenn sie an der Wand blitzblanke
+ausgedorrte Schwerter sahen! Denen gleich dürsteten sie nach Krieg. Ein
+Schwert nämlich will Blut trinken und funkelt vor Begierde.“—
+
+—Als die Könige dergestalt mit Eifer von dem Glück ihrer Väter redeten
+und schwätzten, überkam Zarathustra keine kleine Lust, ihres Eifers zu
+spotten: denn ersichtlich waren es sehr friedfertige Könige, welche er
+vor sich sah, solche mit alten und feinen Gesichtern. Aber er bezwang
+sich. „Wohlan! sprach er, dorthin führt der Weg, da liegt die Höhle
+Zarathustra’s; und dieser Tag soll einen langen Abend haben! Jetzt aber
+ruft mich eilig ein Nothschrei fort von Euch.
+
+Es ehrt meine Höhle, wenn Könige in ihr sitzen und warten wollen: aber,
+freilich, Ihr werdet lange warten müssen!
+
+Je nun! Was thut’s! Wo lernt man heute besser warten als an Höfen? Und
+der Könige ganze Tugend, die ihnen übrig blieb,—heisst sie heute nicht:
+Warten-_können_?“
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+Der Blutegel
+
+Und Zarathustra gieng nachdenklich weiter und tiefer, durch Wälder und
+vorbei an moorigen Gründen; wie es aber Jedem ergeht, der über schwere
+Dinge nachdenkt, so trat er unversehens dabei auf einen Menschen. Und
+siehe, da sprützten ihm mit Einem Male ein Weheschrei und zwei Flüche
+und zwanzig schlimme Schimpfworte in’s Gesicht: also dass er in seinem
+Schrecken den Stock erhob und auch auf den Getretenen noch zuschlug.
+Gleich darauf aber kam ihm die Besinnung; und sein Herz lachte über die
+Thorheit, die er eben gethan hatte.
+
+„Vergieb, sagte er zu dem Getretenen, der sich grimmig erhoben und
+gesetzt hatte, vergieb und vernimm vor Allem erst ein Gleichniss.
+
+Wie ein Wanderer, der von fernen Dingen träumt, unversehens auf
+einsamer Strasse einen schlafenden Hund anstösst, einen Hund, der in
+der Sonne liegt:
+
+—wie da Beide auffahren, sich anfahren, Todfeinden gleich, diese zwei
+zu Tod Erschrockenen: also ergieng es uns.
+
+Und doch! Und doch—wie wenig hat gefehlt, dass sie einander liebkosten,
+dieser Hund und dieser Einsame! Sind sie doch Beide—Einsame!“
+
+—„Wer du auch sein magst, sagte immer noch grimmig der Getretene, du
+trittst mir auch mit deinem Gleichniss zu nahe, und nicht nur mit
+deinem Fusse!
+
+Siehe doch, bin ich denn ein Hund?“—und dabei erhob sich der Sitzende
+und zog seinen nackten Arm aus dem Sumpfe. Zuerst nämlich hatte er
+ausgestreckt am Boden gelegen, verborgen und unkenntlich gleich
+Solchen, die einem Sumpf-Wilde auflauern.
+
+„Aber was treibst du doch!“ rief Zarathustra erschreckt, denn er sahe,
+dass über den nackten Arm weg viel Blut floss,—was ist dir zugestossen?
+Biss dich, du Unseliger, ein schlimmes Thier?
+
+Der Blutende lachte, immer noch erzürnt. „Was geht’s dich an! sagte er
+und wollte weitergehn. Hier bin ich heim und in meinem Bereiche. Mag
+mich fragen, wer da will: einem Tölpel aber werde ich schwerlich
+antworten.“
+
+„Du irrst, sagte Zarathustra mitleidig und hielt ihn fest, du irrst:
+hier bist du nicht bei dir, sondern in meinem Reiche, und darin soll
+mir Keiner zu Schaden kommen.
+
+Nenne mich aber immerhin, wie du willst,—ich bin, der ich sein muss.
+Ich selber heisse mich Zarathustra.
+
+Wohlan! Dort hinauf geht der Weg zu Zarathustra’s Höhle: die ist nicht
+fern,—willst du nicht bei mir deiner Wunden warten?
+
+Es gieng dir schlimm, du Unseliger, in diesem Leben: erst biss dich das
+Thier, und dann—trat dich der Mensch!“—
+
+Als aber der Getretene den Namen Zarathustra’s hörte, verwandelte er
+sich. „Was geschieht mir doch! rief er aus, _wer_ kümmert mich denn
+noch in diesem Leben, als dieser Eine Mensch, nämlich Zarathustra, und
+jenes Eine Thier, das vom Blute lebt, der Blutegel?
+
+Des Blutegels halber lag ich hier an diesem Sumpfe wie ein Fischer, und
+schon war mein ausgehängter Arm zehn Mal angebissen, da beisst noch ein
+schönerer Igel nach meinem Blute, Zarathustra selber!
+
+Oh Glück! Oh Wunder! Gelobt sei dieser Tag, der mich in diesen Sumpf
+lockte! Gelobt sei der beste lebendigste Schröpfkopf, der heut lebt,
+gelobt sei der grosse Gewissens-Blutegel Zarathustra!“—
+
+Also sprach der Getretene; und Zarathustra freute sich über seine Worte
+und ihre feine ehrfürchtige Art. „Wer bist du? fragte er und reichte
+ihm die Hand, zwischen uns bleibt Viel aufzuklären und aufzuheitern:
+aber schon, dünkt mich, wird es reiner heller Tag.“
+
+„Ich bin _der Gewissenhafte des Geistes_, antwortete der Gefragte, und
+in Dingen des Geistes nimmt es nicht leicht Einer strenger, enger und
+härter als ich, ausgenommen der, von dem ich’s lernte, Zarathustra
+selber.
+
+Lieber Nichts wissen, als Vieles halb wissen! Lieber ein Narr sein auf
+eigne Faust, als ein Weiser nach fremdem Gutdünken! Ich—gehe auf den
+Grund:
+
+—was liegt daran, ob er gross oder klein ist? Ob er Sumpf oder Himmel
+heisst? Eine Hand breit Grund ist mir genung: wenn er nur wirklich
+Grund und Boden ist!
+
+—eine Hand breit Grund: darauf kann man stehn. In der rechten
+Wissen-Gewissenschaft giebt es nichts Grosses und nichts Kleines.“
+
+„So bist du vielleicht der Erkenner des Blutegels? fragte Zarathustra;
+und du gehst dem Blutegel nach bis auf die letzten Gründe, du
+Gewissenhafter?“
+
+„Oh Zarathustra, antwortete der Getretene, das wäre ein Ungeheures, wie
+dürfte ich mich dessen unterfangen!
+
+Wess ich aber Meister und Kenner bin, das ist des Blutegels _Hirn_:—das
+ist _meine_ Welt!
+
+Und es ist auch eine Welt! Vergieb aber, dass hier mein Stolz zu Worte
+kommt, denn ich habe hier nicht meines Gleichen. Darum sprach ich „hier
+bin ich heim.“
+
+Wie lange gehe ich schon diesem Einen nach, dem Hirn des Blutegels,
+dass die schlüpfrige Wahrheit mir hier nicht mehr entschlüpfe! Hier ist
+_mein_ Reich!
+
+—darob warf ich alles Andere fort, darob wurde mir alles. Andre gleich;
+und dicht neben meinem Wissen lagert mein schwarzes Unwissen.
+
+Mein Gewissen des Geistes will es so von mir, dass ich Eins weiss und
+sonst Alles nicht weiss: es ekelt mich aller Halben des Geistes, aller
+Dunstigen, Schwebenden, Schwärmerischen.
+
+Wo meine Redlichkeit aufhört, bin ich blind und will auch blind sein.
+Wo ich aber wissen will, will ich auch redlich sein, nämlich hart,
+streng, eng, grausam, unerbittlich.
+
+Dass _du_ einst sprachst, oh Zarathustra: „Geist ist das Leben, das
+selber in’s Leben schneidet,“ das führte und verführte mich zu deiner
+Lehre. Und, wahrlich, mit eignem Blute mehrte ich mir das eigne
+Wissen!“
+
+—„Wie der Augenschein lehrt,“ fiel Zarathustra ein; denn immer noch
+floss das Blut an dem nackten Arme des Gewissenhaften herab. Es hatten
+nämlich zehn Blutegel sich in denselben eingebissen.
+
+„Oh du wunderlicher Gesell, wie Viel lehrt mich dieser Augenschein da,
+nämlich du selber! Und nicht Alles dürfte ich vielleicht in deine
+strengen Ohren giessen!
+
+Wohlan! So scheiden wir hier! Doch möchte ich gerne dich wiederfinden.
+Dort hinauf führt der Weg zu meiner Höhle: heute Nacht sollst du dort
+mein lieber Gast sein!
+
+Gerne möchte ich’s auch an deinem Leibe wieder gut machen, dass
+Zarathustra dich mit Füssen trat: darüber denke ich nach. Jetzt aber
+ruft mich ein Nothschrei eilig fort von dir.“
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+Der Zauberer
+
+1.
+
+Als aber Zarathustra um einen Felsen herumbog, da sahe er, nicht weit
+unter sich, auf dem gleichen Wege, einen Menschen, der die Glieder warf
+wie ein Tobsüchtiger und endlich bäuchlings zur Erde niederstürzte.
+„Halt! sprach da Zarathustra zu seinem Herzen, Der dort muss wohl der
+höhere Mensch sein, von ihm kam jener schlimme Nothschrei,—ich will
+sehn, ob da zu helfen ist.“ Als er aber hinzulief, an die Stelle, wo
+der Mensch auf dem Boden lag, fand er einen zitternden alten Mann mit
+stieren Augen; und wie sehr sich Zarathustra mühte, dass er ihn
+aufrichte und wieder auf seine Beine stelle, es war umsonst. Auch
+schien der Unglückliche nicht zu merken, dass jemand um ihn sei;
+vielmehr sah er sich immer mit rührenden Gebärden um, wie ein von aller
+Welt Verlassener und Vereinsamter. Zuletzt aber, nach vielem Zittern,
+Zucken und Sich-zusammen-Krümmen, begann er also zu jammern:
+
+Wer wärmt mich, wer liebt mich noch?
+Gebt heisse Hände!
+Gebt Herzens-Kohlenbecken!
+Hingestreckt, schaudernd,
+Halbtodtem gleich, dem man die Füsse wärmt—
+Geschüttelt, ach! von unbekannten Fiebern,
+Zitternd vor spitzen eisigen Frost-Pfeilen,
+Von dir gejagt, Gedanke!
+Unnennbarer! Verhüllter! Entsetzlicher!
+Du Jäger hinter Wolken!
+Darniedergeblitzt von dir,
+Du höhnisch Auge, das mich aus Dunklem anblickt:
+—so liege ich,
+Biege mich, winde mich, gequält
+Von allen ewigen Martern,
+Getroffen
+Von Dir, grausamster Jäger,
+Du unbekannter—Gott!
+
+Triff tiefer,
+Triff Ein Mal noch!
+Zerstich, zerbrich diess Herz!
+Was soll diess Martern
+Mit zähnestumpfen Pfeilen?
+Was blickst du wieder,
+Der Menschen-Qual nicht müde,
+Mit schadenfrohen Götter-Blitz-Augen?
+Nicht tödten willst du,
+Nur martern, martern?
+Wozu—_mich_ martern,
+Du schadenfroher unbekannter Gott?—
+
+Haha! Du schleichst heran?
+Bei solcher Mitternacht
+Was willst du? Sprich!
+Du drängst mich, drückst mich—
+Ha! schon viel zu nahe!
+Weg! Weg!
+Du hörst mich athmen,
+Du behorchst mein Herz,
+Du Eifersüchtiger—
+Worauf doch eifersüchtig?
+Weg! Weg! Wozu die Leiter?
+Willst _du hinein_,
+In’s Herz,
+Einsteigen, in meine heimlichsten
+Gedanken einsteigen?
+Schamloser! Unbekannter—Dieb!
+Was willst du dir erstehlen,
+Was willst du dir erhorchen,
+Was willst du dir erfoltern,
+Du Folterer!
+Du—Henker-Gott!
+Oder soll ich, dem Hunde gleich,
+Vor dir mich wälzen?
+Hingebend, begeistert-ausser-mir,
+Dir—Liebe zuwedeln?
+
+Umsonst!
+Stich weiter,
+Grausamster Stachel! Nein,
+Kein Hund—dein Wild nur bin ich,
+Grausamster Jäger!
+Dein stolzester Gefangner,
+Du Räuber hinter Wolken...
+Sprich endlich,
+Was willst du, Wegelagerer, von _mir_?
+Du Blitz-Verhüllter! Unbekannter! Sprich,
+Was _willst_ du, unbekannter Gott?—-
+
+Wie?
+Lösegeld?
+Was willst du Lösegelds?
+Verlange Viel—das räth mein Stolz!
+Und rede kurz—das räth mein andrer Stolz!
+
+Haha!
+Mich—willst du? Mich?
+Mich—ganz?
+
+Haha!
+Und marterst mich, Narr, der du bist,
+Zermarterst meinen Stolz?
+Gieb _Liebe_ mir—wer wärmt mich noch?
+Wer liebt mich noch?—gieb heisse Hände,
+Gieb Herzens-Kohlenbecken,
+Gieb mir, dem Einsamsten,
+Den Eis, ach! siebenfaches Eis
+Nach Feinden selber,
+Nach Feinden schmachten lehrt,
+Gieb, ja ergieb,
+Grausamster Feind,
+Mir—_dich_!...
+
+Davon!
+Da floh er selber,
+Mein letzter einziger Genoss,
+Mein grosser Feind,
+Mein Unbekannter,
+Mein Henker-Gott!...
+
+—Nein!
+Komm zurück,
+Mit allen deinen Martern!
+Zum Letzten aller Einsamen
+Oh komm zurück!
+All meine Thränen-Bäche laufen
+Zu dir den Lauf!
+
+Und meine letzte Herzens-Flamme—
+_Dir_ glüht sie auf!
+Oh komm zurück,
+Mein unbekannter Gott! Mein Schmerz!
+Mein letztes Glück!
+
+2.
+
+—Hier aber konnte sich Zarathustra nicht länger halten, nahm seinen
+Stock und schlug mit allen Kräften auf den jammernden los. „Halt ein!
+schrie er ihm zu, mit ingrimmigem Lachen, halt ein, du Schauspieler! Du
+Falschmünzer! Du Lügner aus dem Grunde! Ich erkenne dich wohl!
+
+Ich will dir schon warme Beine machen, du schlimmer Zauberer, ich
+verstehe mich gut darauf, Solchen wie du bist—einzuheizen!“
+
+—„Lass ab, sagte der alte Mann und sprang vom Boden auf, schlage nicht
+mehr, oh Zarathustra! Ich trieb’s also nur zum Spiele!
+
+Solcherlei gehört zu meiner Kunst; dich selber wollte ich auf die Probe
+stellen, als ich dir diese Probe gab! Und, wahrlich, du hast mich gut
+durchschaut!
+
+Aber auch du—gabst mir von dir keine kleine Probe: du bist _hart_, du
+weiser Zarathustra! Hart schlägst du zu mit deinen „Wahrheiten“, dein
+Knüttel erzwingt von mir—_diese_ Wahrheit!“
+
+—„Schmeichle nicht, antwortete Zarathustra, immer noch erregt und
+finsterblickend, du Schauspieler aus dem Grunde! Du bist falsch: was
+redest du —von Wahrheit!
+
+Du Pfau der Pfauen, du Meer der Eitelkeit, _was_ spieltest du vor mir,
+du schlimmer Zauberer, an _wen_ sollte ich glauben, als du in solcher
+Gestalt jammertest?“
+
+„Den Büsser des Geistes, sagte der alte Mann, _den_—spielte ich: du
+selber erfandest einst diess Wort—
+
+—den Dichter und Zauberer, der gegen sich selber endlich seinen Geist
+wendet, den Verwandelten, der an seinem bösen Wissen und Gewissen
+erfriert.
+
+Und gesteh es nur ein: es währte lange, oh Zarathustra, bis du hinter
+meine Kunst und Lüge kamst! _Du glaubtest_ an meine Noth, als du mir
+den Kopf mit beiden Händen hieltest,—
+
+—ich hörte dich jammern „man hat ihn zu wenig geliebt, zu wenig
+geliebt!“ Dass ich dich soweit betrog, darüber frohlockte inwendig
+meine Bosheit.“
+
+„Du magst Feinere betrogen haben als mich, sagte Zarathustra hart. Ich
+bin nicht auf der Hut vor Betrügern, ich _muss_ ohne Vorsicht sein: so
+will es mein Loos.
+
+Du aber—_musst_ betrügen: so weit kenne ich dich! Du musst immer zwei-
+drei- vier- und fünfdeutig sein! Auch was du jetzt bekanntest, war mir
+lange nicht wahr und nicht falsch genung!
+
+Du schlimmer Falschmünzer, wie könntest du anders! Deine Krankheit
+würdest du noch schminken, wenn du dich deinem Arzte nackt zeigtest.
+
+So schminktest du eben vor mir deine Lüge, als du sprachst: „ich
+trieb’s also _nur_ zum Spiele!“ Es war auch _Ernst_ darin, du _bist_
+Etwas von einem Büsser des Geistes!
+
+Ich errathe dich wohl: du wurdest der Bezauberer Aller, aber gegen dich
+hast du keine Lüge und List mehr übrig,—du selber bist dir entzaubert!
+
+Du erntetest den Ekel ein, als deine Eine Wahrheit. Kein Wort ist mehr
+an dir ächt, aber dein Mund: nämlich der Ekel, der an deinem Munde
+klebt.“—
+
+—„Wer bist du doch! schrie hier der alte Zauberer mit einer trotzigen
+Stimme, wer darf also zu _mir_ reden, dem Grössten, der heute
+lebt?“—und ein grüner Blitz schoss aus seinem Auge nach Zarathustra.
+Aber gleich darauf verwandelte er sich und sagte traurig:
+
+„Oh Zarathustra, ich bin’s müde, es ekelt mich meiner Künste, ich bin
+nicht _gross_, was verstelle ich mich! Aber, du weisst es wohl—ich
+suchte nach Grösse!
+
+Einen grossen Menschen wollte ich vorstellen und überredete Viele: aber
+diese Lüge gieng über meine Kraft. An ihr zerbreche ich.
+
+Oh Zarathustra, Alles ist Lüge an mir; aber dass ich zerbreche—diess
+mein Zerbrechen ist _ächt_!“—
+
+„Es ehrt dich, sprach Zarathustra düster und zur Seite niederblickend,
+es ehrt dich, dass du nach Grösse suchtest, aber es verräth dich auch.
+Du bist nicht gross.
+
+Du schlimmer alter Zauberer, _das_ ist dein Bestes und Redlichstes, was
+ich an dir ehre, dass du deiner müde wurdest und es aussprachst: „ich
+bin nicht gross.“
+
+_Darin_ ehre ich dich als einen Büsser des Geistes: und wenn auch nur
+für einen Hauch und Husch, diesen Einen Augenblick warst du—ächt.
+
+Aber sprich, was suchst du hier in _meinen_ Wäldern und Felsen? Und
+wenn du _mir_ dich in den Weg legtest, welche Probe wolltest du von
+mir?—
+
+—wess versuchtest du _mich_?“—
+
+Also sprach Zarathustra, und seine Augen funkelten. Der alte Zauberer
+schwieg eine Weile, dann sagte er: „Versuchte ich dich? Ich—suche nur.
+
+Oh Zarathustra, ich suche einen Ächten, Rechten, Einfachen,
+Eindeutigen, einen Menschen aller Redlichkeit, ein Gefäss der Weisheit,
+einen Heiligen der Erkenntniss, einen grossen Menschen!
+
+Weisst du es denn nicht, oh Zarathustra? Ich suche Zarathustra.“
+
+—Und hier entstand ein langes Stillschweigen zwischen Beiden;
+Zarathustra aber versank tief hinein in sich selber, also dass er die
+Augen schloss. Dann aber, zu seinem Unterredner zurückkehrend, ergriff
+er die Hand des Zauberers und sprach, voller Artigkeit und Arglist:
+
+„Wohlan! Dort hinauf führt der Weg, da liegt die Höhle Zarathustra’s.
+In ihr darfst du suchen, wen du finden möchtest.
+
+Und frage meine Thiere um Rath, meinen Adler und meine Schlange: die
+sollen dir suchen helfen. Meine Höhle aber ist gross.
+
+Ich selber freilich—ich sah noch keinen grossen Menschen. Was gross
+ist, dafür ist das Auge der Feinsten heute grob. Es ist das Reich des
+Pöbels.
+
+So Manchen fand ich schon, der streckte und blähte sich, und das Volk
+schrie: „Seht da, einen grossen Menschen!“ Aber was helfen alle
+Blasebälge! Zuletzt fährt der Wind heraus.
+
+Zuletzt platzt ein Frosch, der sich zu lange aufblies: da fährt der
+Wind heraus. Einem Geschwollnen in den Bauch stechen, das heisse ich
+eine brave Kurzweil. Hört das, ihr Knaben!
+
+Diess Heute ist des Pöbels: wer _weiss_ da noch, was gross, was klein
+ist! Wer suchte da mit Glück nach Grösse! Ein Narr allein: den Narren
+glückt’s.
+
+Du suchst nach grossen Menschen, du wunderlicher Narr? Wer _lehrte’s_
+dich? Ist heute dazu die Zeit? Oh du schlimmer Sucher, was—versuchst du
+mich?“—
+
+Also sprach Zarathustra, getrösteten Herzens, und gierig lachend seines
+Wegs fürbass.
+
+
+Ausser Dienst
+
+Nicht lange aber, nachdem Zarathustra sich von dem Zauberer losgemacht
+hatte, sahe er wiederum Jemanden am Wege sitzen, den er gierig, nämlich
+einen schwarzen langen Mann mit einem hageren Bleichgesicht: _der_
+verdross ihn gewaltig. „Wehe, sprach er zu seinem Herzen, da, sitzt
+vermummte Trübsal, das dünkt mich von der Art der Priester: was wollen
+_die_ in meinem Reiche?
+
+Wie! Kaum bin ich jenem Zauberer entronnen: muss mir da wieder ein
+anderer Schwarzkünstler über den Weg laufen,—
+
+—irgend ein Hexenmeister mit Handauflegen, ein dunkler Wunderthäter von
+Gottes Gnaden, ein gesalbter Welt-Verleumder, den der Teufel holen
+möge!
+
+Aber der Teufel ist nie am Platze, wo er am Platze wäre: immer kommt er
+zu spät, dieser vermaledeite Zwerg und Klumpfuss!“—
+
+Also fluchte Zarathustra ungeduldig in seinem Herzen und gedachte, wie
+er abgewandten Blicks an dem schwarzen Manne vorüberschlüpfe: aber
+siehe, es kam anders. Im gleichen Augenblicke nämlich hatte ihn schon
+der Sitzende erblickt; und nicht unähnlich einem Solchen, dem ein
+unvermuthetes Glück zustösst, sprang er auf und gieng auf Zarathustra
+los.
+
+„Wer du auch bist, du Wandersmann, sprach er, hilf einem Verirrten,
+einem Suchenden, einem alten Manne, der hier leicht zu Schaden kommt!
+
+Diese Welt hier ist mir fremd und fern, auch hörte ich wilde Thiere
+heulen; und Der, welcher mir hätte Schutz bieten können, der ist selber
+nicht mehr.
+
+Ich suchte den letzten frommen Menschen, einen Heiligen und Einsiedler,
+der allein in seinem Walde noch Nichts davon gehört hatte, was alle
+Welt heute weiss.“
+
+„_Was_ weiss heute alle Welt? fragte Zarathustra. Etwa diess, dass der
+alte Gott nicht mehr lebt, an den alle Welt einst geglaubt hat?“
+
+„Du sagst es, antwortete der alte Mann betrübt. Und ich diente diesem
+alten Gotte bis zu seiner letzten Stunde.
+
+Nun aber bin ich ausser Dienst, ohne Herrn, und doch nicht frei, auch
+keine Stunde mehr lustig, es sei denn in Erinnerungen.
+
+Dazu stieg ich in diese Berge, dass ich endlich wieder ein Fest mir
+machte, wie es einem alten Papste und Kirchen-Vater zukommt: denn
+wisse, ich bin der letzte Papst!—ein Fest frommer Erinnerungen und
+Gottesdienste.
+
+Nun aber ist er selber todt, der frömmste Mensch, jener Heilige im
+Walde, der seinen Gott beständig mit Singen und Brummen lobte.
+
+Ihn selber fand ich nicht mehr, als ich seine Hütte fand,—wohl aber
+zwei Wölfe darin, welche um seinen Tod heulten—denn alle Thiere liebten
+ihn. Da lief ich davon.
+
+Kam ich also umsonst in diese Wälder und Berge? Da entschloss sich mein
+Herz, dass ich einen Anderen suchte, den Frömmsten aller Derer, die
+nicht an Gott glauben—, dass ich Zarathustra suchte!“
+
+Also sprach der Greis und blickte scharfen Auges Den an, welcher vor
+ihm stand; Zarathustra aber ergriff die Hand des alten Papstes und
+betrachtete sie lange mit Bewunderung.
+
+„Siehe da, du Ehrwürdiger, sagte er dann, welche schöne und lange Hand!
+Das ist die Hand eines Solchen, der immer Segen ausgetheilt hat. Nun
+aber hält sie Den fest, welchen du suchst, mich, Zarathustra.
+
+Ich bin’s, der gottlose Zarathustra, der da spricht: wer ist gottloser
+als ich, dass ich mich seiner Unterweisung freue?“—
+
+Also sprach Zarathustra und durchbohrte mit seinen Blicken die Gedanken
+und Hintergedanken des alten Papstes. Endlich begann dieser:
+
+„Wer ihn am meisten liebte und besass, der hat ihn nun am meisten auch
+verloren -:
+
+—siehe, ich selber bin wohl von uns Beiden jetzt der Gottlosere? Aber
+wer könnte daran sich freuen!“—
+
+„Du dientest ihm bis zuletzt, fragte Zarathustra nachdenklich, nach
+einem tiefen Schweigen, du weisst, _wie_ er starb? Ist es wahr, was man
+spricht, dass ihn das Mitleiden erwürgte,
+
+—dass er es sah, wie _der Mensch_ am Kreuze hieng, und es nicht ertrug,
+dass die Liebe zum Menschen seine Hölle und zuletzt sein Tod wurde?“—
+
+Der alte Papst aber antwortete nicht, sondern blickte scheu und mit
+einem schmerzlichen und düsteren Ausdrucke zur Seite.
+
+„Lass ihn fahren, sagte Zarathustra nach einem langen Nachdenken, indem
+er immer noch dem alten Manne gerade in’s Auge blickte.
+
+Lass ihn fahren, er ist dahin. Und ob es dich auch ehrt, dass du diesem
+Todten nur Gutes nachredest, so weisst du so gut als ich, _wer_ er war;
+und dass er wunderliche Wege gieng.“
+
+„Unter drei Augen gesprochen, sagte erheitert der alte Papst (denn er
+war auf Einem Auge blind), in Dingen Gottes bin ich aufgeklärter als
+Zarathustra selber —und darf es sein.
+
+Meine Liebe diente ihm lange Jahre, mein Wille gierig allem seinen
+Willen nach. Ein guter Diener aber weiss Alles, und Mancherlei auch,
+was sein Herr sich selbst verbirgt.
+
+Es war ein verborgener Gott, voller Heimlichkeit. Wahrlich zu einem
+Sohne sogar kam er nicht anders als auf Schleichwegen. An der Thür
+seines Glaubens steht der Ehebruch.
+
+Wer ihn als einen Gott der Liebe preist, denkt nicht hoch genug von der
+Liebe selber. Wollte dieser Gott nicht auch Richter sein? Aber der
+Liebende liebt jenseits von Lohn und Vergeltung.
+
+Als er jung war, dieser Gott aus dem Morgenlande, da war er hart und
+rachsüchtig und erbaute sich eine Hölle zum Ergötzen seiner Lieblinge.
+
+Endlich aber wurde er alt und weich und mürbe und mitleidig, einem
+Grossvater ähnlicher als einem Vater, am ähnlichsten aber einer
+wackeligen alten Grossmutter.
+
+Da sass er, welk, in seinem Ofenwinkel, härmte sich ob seiner schwachen
+Beine, weltmüde, willensmüde, und erstickte eines Tags an seinem
+allzugrossen Mitleiden.“—
+
+„Du alter Papst, sagte hier Zarathustra dazwischen, hast du _Das_ mit
+Augen angesehn? Es könnte wohl so abgegangen sein: so, _und_ auch
+anders. Wenn Götter sterben, sterben sie immer viele Arten Todes.
+
+Aber wohlan! So oder so, so und so—er ist dahin! Er gieng meinen Ohren
+und Augen wider den Geschmack, Schlimmeres möchte ich ihm nicht
+nachsagen.
+
+Ich liebe Alles, was hell blickt und redlich redet. Aber er—du weisst
+es ja, du alter Priester, es war Etwas von deiner Art an ihm, von
+Priester-Art—er war vieldeutig.
+
+Er war auch undeutlich. Was hat er uns darob gezürnt, dieser
+Zornschnauber, dass wir ihn schlecht verstanden Aber warum sprach er
+nicht reinlicher?
+
+Und lag es an unsern Ohren, warum gab er uns Ohren, die ihn schlecht
+hörten? War Schlamm in unsern Ohren, wohlan! wer legte ihn hinein?
+
+Zu Vieles missrieth ihm, diesem Töpfer, der nicht ausgelernt hatte!
+Dass er aber Rache an seinen Töpfen und Geschöpfen nahm, dafür dass sie
+ihm schlecht geriethen,—das war eine Sünde wider den _guten Geschmack_.
+
+Es giebt auch in der Frömmigkeit guten Geschmack: der sprach endlich
+„Fort mit einem _solchen_ Gotte! Lieber keinen Gott, lieber auf eigne
+Faust Schicksal machen, lieber Narr sein, lieber selber Gott sein!““
+
+—„Was höre ich! sprach hier der alte Papst mit gespitzten Ohren; oh
+Zarathustra, du bist frömmer als du glaubst, mit einem solchen
+Unglauben! Irgend ein Gott in dir bekehrte dich zu deiner
+Gottlosigkeit.
+
+Ist es nicht deine Frömmigkeit selber, die dich nicht mehr an einen
+Gott glauben lässt? Und deine übergrosse Redlichkeit wird dich auch
+noch jenseits von Gut und Böse wegfuhren!
+
+Siehe, doch, was blieb dir aufgespart? Du hast Augen und Hand und Mund,
+die sind zum Segnen vorher bestimmt seit Ewigkeit. Man segnet nicht mit
+der Hand allein.
+
+In deiner Nähe, ob du schon der Gottloseste sein willst, wittere ich
+einen heimlichen Weih- und Wohlgeruch von langen Segnungen: mir wird
+wohl und wehe dabei.
+
+Lass mich deinen Gast sein, oh Zarathustra, für eine einzige Nacht!
+Nirgends auf Erden wird es mir jetzt wohler als bei dir!“—
+
+„Amen! So soll es sein! sprach Zarathustra mit grosser Verwunderung,
+dort hinauf führt der Weg, da liegt die Höhle Zarathustra’s.
+
+Gerne, fürwahr, würde ich dich selber dahin geleiten, du Ehrwürdiger,
+denn ich liebe alle frommen Menschen. Aber jetzt ruft mich eilig ein
+Nothschrei weg von dir.
+
+In meinem Bereiche soll mir Niemand zu Schaden kommen; meine Höhle ist
+ein guter Hafen. Und am liebsten möchte ich jedweden Traurigen wieder
+auf festes Land und feste Beine stellen.
+
+Wer aber nähme dir _deine_ Schwermuth von der Schulter? Dazu bin ich zu
+schwach. Lange, wahrlich, möchten wir warten, bis dir Einer deinen Gott
+wieder aufweckt.
+
+Dieser alte Gott nämlich lebt nicht mehr: der ist gründlich todt.“—
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+Der hässlichste Mensch
+
+—Und wieder liefen Zarathustra’s Füsse durch Berge und Wälder, und
+seine Augen suchten und suchten, aber nirgends war Der zu sehen,
+welchen sie sehn wollten, der grosse Nothleidende und Nothschreiende.
+Auf dem ganzen Wege aber frohlockte er in seinem Herzen und war
+dankbar. „Welche guten Dinge, sprach er, schenkte mir doch dieser Tag,
+zum Entgelt, dass er schlimm begann! Welche seltsamen Unterredner fand
+ich!
+
+An deren Worten will ich lange nun kauen gleich als an guten Körnern;
+klein soll mein Zahn sie mahlen und malmen, bis sie mir wie Milch in
+die Seele fliessen!“—
+
+Als aber der Weg wieder um einen Felsen bog, veränderte sich mit Einem
+Male die Landschaft, und Zarathustra trat in ein Reich des Todes. Hier
+starrten schwarze und rothe Klippen empor: kein Gras, kein Baum, keine
+Vogelstimme. Es war nämlich ein Thal, welches alle Thiere mieden, auch
+die Raubthiere-, nur dass eine Art hässlicher, dicker, grüner
+Schlangen, wenn sie alt wurden, hierher kamen, um zu sterben. Darum
+nannten diess Thal die Hirten: Schlangen-Tod.
+
+Zarathustra aber versank in eine schwarze Erinnerung, denn ihm war, als
+habe er schon ein Mal in diesem Thal gestanden. Und vieles Schwere
+legte sich ihm über den Sinn: also, dass er langsam gieng und immer
+langsamer und endlich still stand. Da aber sahe er, als er die Augen
+aufthat, Etwas, das am Wege sass, gestaltet wie ein Mensch und kaum wie
+ein Mensch, etwas Unaussprechliches. Und mit Einem Schlage überfiel
+Zarathustra die grosse Scham darob, dass er so Etwas mit den Augen
+angesehn habe: erröthend bis hinauf an sein weisses Haar, wandte er den
+Blick ab und hob den Fuss, dass er diese schlimme Stelle verlasse. Da
+aber wurde die todte Öde laut: vom Boden auf nämlich quoll es gurgelnd
+und röchelnd, wie Wasser Nachts durch verstopfte Wasser-Röhren gurgelt
+und röchelt; und zuletzt wurde daraus eine Menschen-Stimme und
+Menschen-Rede:—die lautete also.
+
+„Zarathustra! Zarathustra! Rathe mein Räthsel! Sprich, sprich! Was ist
+_die Rache am Zeugen_?
+
+Ich locke dich zurück, hier ist glattes Eis! Sieh zu, sieh zu, ob dein
+Stolz sich hier nicht die Beine bricht!
+
+Du dünkst dich weise, du stolzer Zarathustra! So rathe doch das
+Räthsel, du harter Nüsseknacker,—das Räthsel, das ich bin! So sprich
+doch—wer bin _ich_!“
+
+—Als aber Zarathustra diese Worte gehört hatte,—was glaubt ihr wohl,
+dass sich da mit seiner Seele zutrug? Das Mitleiden fiel ihn an; und er
+sank mit Einem Male nieder, wie ein Eichbaum, der lange vielen
+Holzschlägern widerstanden hat,—schwer, plötzlich, zum Schrecken selber
+für Die, welche ihn fällen wollten. Aber schon stand er wieder vom
+Boden auf, und sein Antlitz wurde hart.
+
+„Ich erkenne dich wohl, sprach er mit einer erzenen Stimme: du bist der
+Mörder Gottes! Lass mich gehn.
+
+Du _ertrugst_ Den nicht, der _dich_ sah,—der dich immer und durch und
+durch sah, du hässlichster Mensch! Du nahmst Rache an diesem Zeugen!“
+
+Also sprach Zarathustra und wollte davon; aber der Unaussprechliche
+fasste nach einem Zipfel seines Gewandes und begann von Neuem zu
+gurgeln und nach Worten zu suchen. „Bleib!“ sagte er endlich—
+
+—„bleib! Geh nicht vorüber! Ich errieth, welche Axt dich zu Boden
+schlug: Heil dir, oh Zarathustra, dass du wieder stehst!
+
+Du erriethest, ich weiss es gut, wie Dem zu Muthe ist, der ihn
+tödtete,—dem Mörder Gottes. Bleib! Setze dich her zu mir, es ist nicht
+umsonst.
+
+Zu wem wollte ich, wenn nicht zu dir? Bleib, setze dich! Blicke mich
+aber nicht an! Ehre also—meine Hässlichkeit!
+
+Sie verfolgen mich: nun bist _du_ meine letzte Zuflucht. _Nicht_ mit
+ihrem Hasse, _nicht_ mit ihren Häschern:—oh solcher Verfolgung würde
+ich spotten und stolz und froh sein!
+
+War nicht aller Erfolg bisher bei den Gut-Verfolgten? Und wer gut
+verfolgt, lernt leicht _folgen_:—ist er doch einmal—hinterher! Aber ihr
+_Mitleid_ ist’s—
+
+—ihr Mitleid ist’s, vor dem ich flüchte und dir zuflüchte. Oh
+Zarathustra, schütze mich, du meine letzte Zuflucht, du Einziger, der
+mich errieth:
+
+—du erriethest, wie Dem zu Muthe ist, welcher _ihn_ tödtete. Bleib! Und
+willst du gehn, du Ungeduldiger: geh nicht den Weg, den ich kam. _Der_
+Weg ist schlecht.
+
+Zürnst du mir, dass ich zu lange schon rede-rade-breche? Dass ich schon
+dir rathe? Aber wisse, ich bin’s, der hässlichste Mensch,
+
+—der auch die grössten schwersten Füsse hat. Wo _ich_ gieng, ist der
+Weg schlecht. Ich trete alle Wege todt und zu Schanden.
+
+Dass du aber an mir vorübergiengst, schweigend; dass du erröthetest,
+ich sah es wohl: daran erkannte ich dich als Zarathustra.
+
+Jedweder Andere hätte mir sein Almosen zugeworfen, sein Mitleiden, mit
+Blick und Rede. Aber dazu—bin ich nicht Bettler genug, das erriethest
+du—
+
+—dazu bin ich zu _reich_, reich an Grossem, an Furchtbarem, am
+Hässlichsten, am Unaussprechlichsten! Deine Scham, oh Zarathustra,
+_ehrte_ mich!
+
+Mit Noth kam ich heraus aus dem Gedräng der Mitleidigen,—dass ich den
+Einzigen fände, der heute lehrt „Mitleiden ist zudringlich“—dich, oh
+Zarathustra!
+
+—sei es eines Gottes, sei es der Menschen Mitleiden: Mitleiden geht
+gegen die Scham. Und nicht-helfen-wollen kann vornehmer sein als jene
+Tugend, die zuspringt.
+
+_Das_ aber heisst heute Tugend selber bei allen kleinen Leuten, das
+Mitleiden:—die haben keine Ehrfurcht vor grossem Unglück, vor grosser
+Hässlichkeit, vor grossem Missrathen.
+
+Über diese Alle blicke ich hinweg, wie ein Hund über die Rücken
+wimmelnder Schafheerden wegblickt. Es sind kleine wohlwollige
+wohlwillige graue Leute.
+
+Wie ein Reiher verachtend über flache Teiche wegblickt, mit
+zurückgelegtem Kopfe: so blicke ich über das Gewimmel grauer kleiner
+Wellen und Willen und Seelen weg.
+
+Zu lange hat man ihnen Recht gegeben, diesen kleinen Leuten: _so_ gab
+man ihnen endlich auch die Macht—nun lehren sie: „gut ist nur, was
+kleine Leute gut heissen.“
+
+Und „Wahrheit“ heisst heute, was der Prediger sprach, der selber aus
+ihnen herkam, jener wunderliche Heilige und Fürsprecher der kleinen
+Leute, welcher von sich zeugte „ich—bin die Wahrheit.“
+
+Dieser Unbescheidne macht nun lange schon den kleinen Leuten den Kamm
+hoch schwellen—er, der keinen kleinen Irrthum lehrte, als er lehrte
+„ich—bin die Wahrheit.“
+
+Ward einem Unbescheidnen jemals höflicher geantwortet?—Du aber, oh
+Zarathustra, giengst an ihm vorüber und sprachst: „Nein! Nein! Drei Mal
+Nein!“
+
+Du warntest vor seinem Irrthum, du warntest als der Erste vor dem
+Mitleiden—nicht Alle, nicht Keinen, sondern dich und deine Art.
+
+Du schämst dich an der Scham des grossen Leidenden; und wahrlich, wenn
+du sprichst „von dem Mitleiden her kommt eine grosse Wolke, habt Acht,
+ihr Menschen!“
+
+—wenn du lehrst „alle Schaffenden sind hart, alle grosse Liebe ist über
+ihrem Mitleiden“: oh Zarathustra, wie gut dünkst du mich eingelernt auf
+Wetter-Zeichen!
+
+Du selber aber—warne dich selber auch vor _deinem_ Mitleiden! Denn
+Viele sind zu dir unterwegs, viele Leidende, Zweifelnde, Verzweifelnde,
+Ertrinkende, Frierende—
+
+Ich warne dich auch vor mir. Du erriethest mein bestes, schlimmstes
+Räthsel, mich selber und was ich that. Ich kenne die Axt, die dich
+fällt.
+
+Aber er—_musste_ sterben: er sah mit Augen, welche _Alles_ sahn,—er sah
+des Menschen Tiefen und Gründe, alle seine verhehlte Schmach und
+Hässlichkeit.
+
+Sein Mitleiden kannte keine Scham: er kroch in meine schmutzigsten
+Winkel. Dieser Neugierigste, Über-Zudringliche, Über-Mitleidige musste
+sterben.
+
+Er sah immer _mich_: an einem solchen Zeugen wollte ich Rache
+haben—oder selber nicht leben.
+
+Der Gott, der Alles sah, _auch den Menschen_ dieser Gott musste
+sterben! Der Mensch _erträgt_ es nicht, dass solch ein Zeuge lebt.“
+
+Also, sprach der hässlichste Mensch. Zarathustra aber erhob sich und
+schickte sich an fortzugehn: denn ihn fröstelte bis in seine
+Eingeweide.
+
+„Du Unaussprechlicher, sagte er, du warntest mich vor deinem Wege. Zum
+Danke dafür lobe ich dir den meinen. Siehe, dort hinauf liegt die Höhle
+Zarathustra’s.
+
+Meine Höhle ist gross und tief und hat viele Winkel; da findet der
+Versteckteste sein Versteck. Und dicht bei ihr sind hundert Schlüpfe
+und Schliche für kriechendes, flatterndes und springendes Gethier.
+
+Du Ausgestossener, der du dich selber ausstiessest, du willst nicht
+unter Menschen und Menschen-Mitleid wohnen? Wohlan, so thu’s mir
+gleich! So lernst du auch von mir; nur der Thäter lernt.
+
+Und rede zuerst und -nächst mit meinen Thieren! Das stolzeste Thier und
+das klügste Thier—die möchten uns Beiden wohl die rechten Rathgeber
+sein!“—
+
+Also sprach Zarathustra und gieng seiner Wege, nachdenklicher und
+langsamer noch als zuvor: denn er fragte sich Vieles und wusste sich
+nicht leicht zu antworten.
+
+„Wie arm ist doch der Mensch! dachte er in seinem Herzen, wie hässlich,
+wie röchelnd, wie voll verborgener Scham!
+
+Man sagt mir, dass der Mensch sich selber liebe: ach, wie gross muss
+diese Selber-Liebe sein! Wie viel Verachtung hat sie wider sich!
+
+Auch dieser da liebte sich, wie er sich verachtete,—ein grosser
+Liebender ist er mir und ein grosser Verächter.
+
+Keinen fand ich noch, der sich tiefer verachtet hätte: auch _Das_ ist
+Höhe. Wehe, war _Der_ vielleicht der höhere Mensch, dessen Schrei ich
+hörte?
+
+Ich liebe die grossen Verachtenden. Der Mensch aber ist Etwas, das
+überwunden werden muss.“—
+
+
+Der freiwillige Bettler
+
+Als Zarathustra den hässlichsten Menschen verlassen hatte, fror ihn,
+und er fühlte sich einsam: es gieng ihm nämlich vieles Kalte und
+Einsame durch die Sinne, also, dass darob auch seine Glieder kälter
+wurden. Indem er aber weiter und weiter stieg, hinauf, hinab, bald an
+grünen Weiden vorbei, aber auch über wilde steinichte Lager, wo ehedem
+wohl ein ungeduldiger Bach sich zu Bett gelegt hatte.- da wurde ihm mit
+Einem Male wieder wärmer und herzlicher zu Sinne.
+
+„Was geschah mir doch? fragte er sich, etwas Warmes und Lebendiges
+erquickt mich, das muss in meiner Nähe sein.
+
+Schon bin ich weniger allein; unbewusste Gefährten und Brüder schweifen
+um mich, ihr warmer Athem rührt an meine Seele.“
+
+Als er aber um sich spähete und nach den Tröstern seiner Einsamkeit
+suchte: siehe, da waren es Kühe, welche auf einer Anhöhe bei einander
+standen; deren Nähe und Geruch hatten sein Herz erwärmt. Diese Kühe
+aber schienen mit Eifer einem Redenden zuzuhören und gaben nicht auf
+Den Acht, der herankam. Wie aber Zarathustra ganz in ihrer Nähe war,
+hörte er deutlich, dass eine Menschen-Stimme aus der Mitte der Kühe
+heraus redete; und ersichtlich hatten sie allesammt ihre Köpfe dem
+Redenden zugedreht.
+
+Da sprang Zarathustra mit Eifer hinauf und drängte die Thiere
+auseinander, denn er fürchtete, dass hier jemandem ein Leids geschehn
+sei, welchem schwerlich das Mitleid von Kühen abhelfen mochte. Aber
+darin hatte er sich getäuscht; denn siehe, da sass ein Mensch auf der
+Erde und schien den Thieren zuzureden, dass sie keine Scheu vor ihm
+haben sollten, ein friedfertiger Mensch und Berg-Prediger, aus dessen
+Augen die Güte selber predigte. „Was suchst du hier?“ rief Zarathustra
+mit Befremden.
+
+„Was ich hier suche? antwortete er: das Selbe, was du suchst, du
+Störenfried! nämlich das Glück auf Erden.
+
+Dazu aber möchte ich von diesen Kühen lernen. Denn, weisst du wohl,
+einen halben Morgen schon rede ich ihnen zu, und eben wollten sie mir
+Bescheid geben. Warum doch störst du sie?
+
+So wir nicht umkehren und werden wie die Kühe, so kommen wir nicht in
+das Himmelreich. Wir sollten ihnen nämlich Eins ablernen: das
+Wiederkäuen.
+
+Und wahrlich, wenn der Mensch auch die ganze Welt gewönne und lernte
+das Eine nicht, das Wiederkäuen: was hülfe es! Er würde nicht seine
+Trübsal los
+
+—seine grosse Trübsal: die aber heisst heute _Ekel_. Wer hat heute von
+Ekel nicht Herz, Mund und Augen voll? Auch du! Auch du! Aber siehe doch
+diese Kühe an!“—
+
+Also sprach der Berg-Prediger und wandte dann seinen eignen Blick
+Zarathustra zu,—denn bisher hieng er mit Liebe an den Kühen—: da aber
+verwandelte er sich. „Wer ist das, mit dem ich rede? rief er erschreckt
+und sprang vom Boden empor.
+
+Diess ist der Mensch ohne Ekel, diess ist Zarathustra selber, der
+Überwinder des grossen Ekels, diess ist das Auge, diess ist der Mund,
+diess ist das Herz Zarathustra’s selber.“
+
+Und indem er also sprach, küsste er Dem, zu welchem er redete, die
+Hände, mit überströmenden Augen, und gebärdete sich ganz als Einer, dem
+ein kostbares Geschenk und Kleinod unversehens vom Himmel fällt. Die
+Kühe aber schauten dem Allen zu und wunderten sich.
+
+„Sprich nicht von mir, du Wunderlicher! Lieblicher! sagte Zarathustra
+und wehrte seiner Zärtlichkeit, sprich mir erst von dir! Bist du nicht
+der freiwillige Bettler, der einst einen grossen Reichthum von sich
+warf,—
+
+—der sich seines Reichthums schämte und der Reichen, und zu den Ärmsten
+floh, dass er ihnen seine Fülle und sein Herz schenke? Aber sie nahmen
+ihn nicht an.“
+
+„Aber sie nahmen mich nicht an, sagte der freiwillige Bettler, du
+weisst es ja. So gieng ich endlich zu den Thieren und zu diesen Kühen.“
+
+„Da lerntest du, unterbrach Zarathustra den Redenden, wie es schwerer
+ist, recht geben als recht nehmen, und dass gut schenken eine _Kunst_
+ist und die letzte listigste Meister-Kunst der Güte.“
+
+„Sonderlich heutzutage, antwortete der freiwillige Bettler: heute
+nämlich, wo alles Niedrige aufständisch ward und scheu und auf seine
+Art hoffährtig: nämlich auf Pöbel-Art.
+
+Denn es kam die Stunde, du weisst es ja, für den grossen schlimmen
+langen langsamen Pöbel- und Sklaven-Aufstand: der wächst und wächst!
+
+Nun empört die Niedrigen alles Wohlthun und kleine Weggeben; und die
+Überreichen mögen auf der Hut sein!
+
+Wer heute gleich bauchichten Flaschen tröpfelt aus allzuschmalen
+Hälsen:—solchen Flaschen bricht man heute gern den Hals.
+
+Lüsterne Gier, gallichter Neid, vergrämte Rachsucht, Pöbel-Stolz: das
+sprang mir Alles in’s Gesicht. Es ist nicht mehr wahr, dass die Armen
+selig sind. Das Himmelreich aber ist bei den Kühen.“
+
+Und warum ist es nicht bei den Reichen? fragte Zarathustra versuchend,
+während er den Kühen wehrte, die den Friedfertigen zutraulich
+anschnauften.
+
+„Was versuchst du mich? antwortete dieser. Du weisst es selber besser
+noch als ich. Was trieb mich doch zu den Ärmsten, oh Zarathustra? War
+es nicht der Ekel vor unsern Reichsten?
+
+—vor den Sträflingen des Reichthums, welche sich ihren Vortheil aus
+jedem Kehricht auflesen, mit kalten Augen, geilen Gedanken, vor diesem
+Gesindel, das gen Himmel stinkt,
+
+—vor diesem vergüldeten verfälschten Pöbel, dessen Väter Langfinger
+oder Aasvögel oder Lumpensammler waren, mit Weibern willfährig,
+lüstern, vergesslich:—sie haben’s nämlich alle nicht weit zur Hure—
+
+Pöbel oben, Pöbel unten! Was ist heute noch „Arm“ und „Reich“! Diesen
+Unterschied verlernte ich,—da floh ich davon, weiter, immer weiter, bis
+ich zu diesen Kühen kam.“
+
+Also sprach der Friedfertige und schnaufte selber und schwitzte bei
+seinen Worten: also dass die Kühe sich von Neuem wunderten. Zarathustra
+aber sah ihm immer mit Lächeln in’s Gesicht, als er so hart redete, und
+schüttelte dazu schweigend den Kopf.
+
+„Du thust dir Gewalt an, du Berg-Prediger, wenn du solche harte Worte
+brauchst. Für solche Härte wuchs dir nicht der Mund, nicht das Auge.
+
+Auch, wie mich dünkt, dein Magen selber nicht: _dem_ widersteht all
+solches Zürnen und Hassen und Überschäumen. Dein Magen will sanftere
+Dinge: du bist kein Fleischer.
+
+Vielmehr dünkst du mich ein Pflanzler und Wurzelmann. Vielleicht malmst
+du Körner. Sicherlich aber bist du fleischlichen Freuden abhold und
+liebst den Honig.“
+
+„Du erriethst mich gut, antwortete der freiwillige Bettler, mit
+erleichtertem Herzen. Ich liebe den Honig, ich malme auch Körner, denn
+ich suchte, was lieblich mundet und reinen Athem macht:
+
+—auch was lange Zeit braucht, ein Tag- und Maul-Werk für sanfte
+Müssiggänger und Tagediebe.
+
+Am weitesten freilich brachten es diese Kühe: die erfanden sich das
+Wiederkäuen und In-der-Sonne-Liegen. Auch enthalten sie sich aller
+schweren Gedanken, welche das Herz blähn.“
+
+„- Wohlan! sagte Zarathustra: du solltest auch _meine_ Thiere sehn,
+meinen Adler und meine Schlange,—ihres Gleichen giebt es heute nicht
+auf Erden.
+
+Siehe, dorthin führt der Weg zu meiner Höhle: sei diese Nacht ihr Gast.
+Und rede mit meinen Thieren vom Glück der Thiere,—
+
+—bis ich selber heimkomme. Denn jetzt ruft ein Nothschrei Mich eilig
+weg von dir. Auch findest du neuen Honig bei mir, eisfrischen
+Waben-Goldhonig: den iss!
+
+Jetzt aber nimm flugs Abschied von deinen Kühen, du Wunderlicher!
+Lieblicher! ob es dir schon schwer werden mag. Denn es sind deine
+wärmsten Freunde und Lehrmeister!“—
+
+„- Einen ausgenommen, den ich noch lieber habe, antwortete der
+freiwillige Bettler. Du selber bist gut und besser noch als eine Kuh,
+oh Zarathustra!“
+
+„Fort, fort mit dir! du arger Schmeichler! schrie Zarathustra mit
+Bosheit, was verdirbst du mich mit solchem Lob und Schmeichel-Honig?“
+
+„Fort, fort von mir!“ schrie er noch Ein Mal und schwang seinen Stock
+nach dem zärtlichen Bettler: der aber lief hurtig davon.
+
+
+Der Schatten
+
+Kaum aber war der freiwillige Bettler davongelaufen und Zarathustra
+wieder mit sich allein, da hörte er hinter sich eine neue Stimme: die
+rief „Halt! Zarathustra! So warte doch! Ich bin’s ja, oh Zarathustra,
+ich, dein Schatten!“ Aber Zarathustra wartete nicht, denn ein
+plötzlicher Verdruss überkam ihn ob des vielen Zudrangs und Gedrängs in
+seinen Bergen. „Wo ist meine Einsamkeit hin? sprach er.
+
+Es wird mir wahrlich zu viel; diess Gebirge wimmelt, mein Reich ist
+nicht mehr von _dieser_ Welt, ich brauche neue Berge.
+
+Mein Schatten ruft mich? Was liegt an meinem Schatten! Mag er mir
+nachlaufen! ich—laufe ihm davon.“—
+
+Also sprach Zarathustra zu seinem Herzen und lief davon. Aber Der,
+welcher hinter ihm war, folgte ihm nach: so dass alsbald drei Laufende
+hinter einander her waren, nämlich voran der freiwillige Bettler, dann
+Zarathustra und zudritt und -hinterst sein Schatten. Nicht lange liefen
+sie so, da kam Zarathustra zur Besinnung über seine Thorheit und
+schüttelte mit Einem Rucke allen Verdruss und Überdruss von sich.
+
+„Wie! sprach er, geschahen nicht von je die lächerlichsten Dinge bei
+uns alten Einsiedlern und Heiligen?
+
+Wahrlich, meine Thorheit wuchs hoch in den Bergen! Nun höre ich sechs
+alte Narren-Beine hinter einander her klappern!
+
+Darf aber Zarathustra sich wohl vor einem Schatten fürchten? Auch dünkt
+mich zu guterletzt, dass er längere Beine hat als ich.“
+
+Also sprach Zarathustra, lachend mit Augen und Eingeweiden, blieb
+stehen und drehte sich schnell herum—und siehe, fast warf er dabei
+seinen Nachfolger und Schatten zu Boden: so dicht schon folgte ihm
+derselbe auf den Fersen, und so schwach war er auch. Als er ihn nämlich
+mit Augen prüfte, erschrak er wie vor einem plötzlichen Gespenste: so
+dünn, schwärzlich, hohl und überlebt sah dieser Nachfolger aus.
+
+„Wer bist du? fragte Zarathustra heftig, was treibst du hier? Und
+wesshalb heissest du dich meinen Schatten? Du gefällst mir nicht.“
+
+„Vergieb mir, antwortete der Schatten, dass ich’s bin; und wenn ich dir
+nicht gefalle, wohlan, oh Zarathustra! darin lobe ich dich und deinen
+guten Geschmack.
+
+Ein Wanderer bin ich, der viel schon hinter deinen Fersen her gieng:
+immer unterwegs, aber ohne Ziel, auch ohne Heim: also dass mir wahrlich
+wenig zum ewigen Juden fehlt, es sei denn, dass ich nicht ewig, und
+auch nicht Jude bin.
+
+Wie? Muss ich immerdar unterwegs sein? Von jedem Winde gewirbelt,
+unstät, fortgetrieben? Oh Erde, du wardst mir zu rund!
+
+Auf jeder Oberfläche sass ich schon, gleich müdem Staube schlief ich
+ein auf Spiegeln und Fensterscheiben: Alles nimmt von mir, Nichts
+giebt, ich werde dünn,—fast gleiche ich einem Schatten.
+
+Dir aber, oh Zarathustra, flog und zog ich am längsten nach, und,
+verbarg ich mich schon vor dir, so war ich doch dein bester Schatten:
+wo du nur gesessen hast, sass ich auch.
+
+Mit dir bin ich in fernsten, kältesten Welten umgegangen, einem
+Gespenste gleich, das freiwillig über Winterdächer und Schnee läuft.
+
+Mit dir strebte ich in jedes Verbotene, Schlimmste, Fernste: und wenn
+irgend Etwas an mir Tugend ist, so ist es, dass ich vor keinem Verbote
+Furcht hatte.
+
+Mit dir zerbrach ich, was je mein Herz verehrte, alle Grenzsteine und
+Bilder warf ich um, den gefährlichsten Wünschen lief ich
+nach,—wahrlich, über jedwedes Verbrechen lief ich einmal hinweg.
+
+Mit dir verlernte ich den Glauben an Worte und Werthe und grosse Namen.
+Wenn der Teufel sich häutet, fällt da nicht auch sein Name ab? der ist
+nämlich auch Haut. Der Teufel selber ist vielleicht—Haut.
+
+„Nichts ist wahr, Alles ist erlaubt“: so sprach ich mir zu. In die
+kältesten Wasser stürzte ich mich, mit Kopf und Herzen. Ach, wie oft
+stand ich darob nackt als rother Krebs da!
+
+Ach, wohin kam mir alles Gute und alle Scham und aller Glaube an die
+Guten! Ach, wohin ist jene verlogne Unschuld, die ich einst besass, die
+Unschuld der Guten und ihrer edlen Lügen!
+
+Zu oft, wahrlich, folgte ich der Wahrheit dicht auf dem Fusse: da trat
+sie mir vor den Kopf. Manchmal meinte ich zu lügen, und siehe! da erst
+traf ich—die Wahrheit.
+
+Zu Viel klärte sich mir auf: nun geht es mich Nichts mehr an. Nichts
+lebt mehr, das ich liebe,—wie sollte ich noch mich selber lieben?
+
+„Leben, wie ich Lust habe, oder gar nicht leben“: so will ich’s, so
+will’s auch der Heiligste. Aber, wehe! wie habe _ich_ noch—Lust?
+
+Habe _ich_—noch ein Ziel? Einen Hafen, nach dem _mein_ Segel läuft?
+
+Einen guten Wind? Ach, nur wer weiss, _wohin_ er fährt, weiss auch,
+welcher Wind gut und sein Fahrwind ist.
+
+Was blieb mir noch zurück? Ein Herz müde und frech; ein unstäter Wille;
+Flatter-Flügel; ein zerbrochnes Rückgrat.
+
+Diess Suchen nach _meinem_ Heim: oh Zarathustra, weisst du wohl, diess
+Suchen war _meine_ Heimsuchung, es frisst mich auf.
+
+„Wo ist—_mein_ Heim?“ Darnach frage und suche und suchte ich, das fand
+ich nicht. Oh ewiges Überall, oh ewiges Nirgendwo, oh ewiges—Umsonst!“
+
+Also sprach der Schatten, und Zarathustra’s Gesicht verlängerte sich
+bei seinen Worten. „Du bist mein Schatten! sagte er endlich, mit
+Traurigkeit.
+
+Deine Gefahr ist keine kleine, du freier Geist und Wanderer! Du hast
+einen schlimmen Tag gehabt: sieh zu, dass dir nicht noch ein
+schlimmerer Abend kommt!
+
+Solchen Unstäten, wie du, dünkt zuletzt auch ein Gefängniss selig.
+Sahst du je, wie eingefangne Verbrecher schlafen? Sie schlafen ruhig,
+sie gemessen ihre neue Sicherheit.
+
+Hüte dich, dass dich nicht am Ende noch ein enger Glaube einfängt, ein
+harter, strenger Wahn! Dich nämlich verführt und versucht nunmehr
+Jegliches, das eng und fest ist.
+
+Du hast das Ziel verloren: wehe, wie wirst du diesen Verlust
+verscherzen und verschmerzen? Damit—hast du auch den Weg verloren!
+
+Du armer Schweifender, Schwärmender, du müder Schmetterling! willst du
+diesen Abend eine Rast und Heimstätte haben? So gehe hinauf zu meiner
+Höhle!
+
+Dorthin führt der Weg zu meiner Höhle. Und jetzo will ich Schnell
+wieder von dir davonlaufen. Schon liegt es wie ein Schatten auf mir.
+
+Ich will allein laufen, dass es wieder hell um mich werde. Dazu muss
+ich noch lange lustig auf den Beinen sein. Des Abends aber wird bei
+mir—getanzt!“—
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+Mittags
+
+—Und Zarathustra lief und lief und fand Niemanden mehr und war allein
+und fand immer wieder sich und genoss und schlürfte seine Einsamkeit
+und dachte an gute Dinge,—stundenlang. Um die Stunde des Mittags aber,
+als die Sonne gerade über Zarathustra’s Haupte stand, kam er an einem
+alten krummen und knorrichten Baume vorbei, der von der reichen Liebe
+eines Weinstocks rings umarmt und vor sich selber verborgen war: von
+dem hiengen gelbe Trauben in Fülle dem Wandernden entgegen. Da
+gelüstete ihn, einen kleinen Durst zu löschen und sich eine Traube
+abzubrechen; als er aber schon den Arm dazu ausstreckte, da gelüstete
+ihn etwas Anderes noch mehr: nämlich sich neben den Baum niederzulegen,
+um die Stunde des vollkommnen Mittags, und zu schlafen.
+
+Diess that Zarathustra; und sobald er auf dem Boden lag, in der Stille
+und Heimlichkeit des bunten Grases, hatte er auch schon seinen kleinen
+Durst vergessen und schlief ein. Denn, wie das Sprichwort Zarathustra’s
+sagt: Eins ist nothwendiger als das Andre. Nur dass seine Augen offen
+blieben:—sie wurden nämlich nicht satt, den Baum und die Liebe des
+Weinstocks zu sehn und zu preisen. Im Einschlafen aber sprach
+Zarathustra also zu seinem Herzen:
+
+Still! Still! Ward die Welt nicht eben vollkommen? Was geschieht mir
+doch?
+
+Wie ein zierlicher Wind, ungesehn, auf getäfeltem Meere tanzt, leicht,
+federleicht: so—tanzt der Schlaf auf mir,
+
+Kein Auge drückt er mir zu, die Seele lässt er mir wach. Leicht ist er,
+wahrlich! federleicht.
+
+Er überredet mich, ich weiss nicht wie?, er betupft mich innewendig mit
+schmeichelnder Hand, er zwingt mich. Ja, er zwingt mich, dass meine
+Seele sich ausstreckt:—
+
+—wie sie mir lang und müde wird, meine wunderliche Seele! Kam ihr eines
+siebenten Tages Abend gerade am Mittage? Wandelte sie zu lange schon
+selig zwischen guten und reifen Dingen?
+
+Sie streckt sich lang aus, lang,—länger! sie liegt stille, meine
+wunderliche Seele. Zu viel Gutes hat sie schon geschmeckt, diese.
+goldene Traurigkeit drückt sie, sie verzieht den Mund.
+
+—Wie ein Schiff, das in seine stillste Bucht einlief:—nun lehnt es sich
+an die Erde, der langen Reisen müde und der ungewissen Meere. Ist die
+Erde nicht treuer?
+
+Wie solch ein Schiff sich dem Lande anlegt, anschmiegt:—da genügt’s,
+dass eine Spinne vom Lande her zu ihm ihren Faden spinnt. Keiner
+stärkeren Taue bedarf es da.
+
+Wie solch ein müdes Schiff in der stillsten Bucht: so ruhe auch ich nun
+der Erde nahe, treu, zutrauend, wartend, mit den leisesten Fäden ihr
+angebunden.
+
+Oh Glück! Oh Glück! Willst du wohl singen, oh meine Seele? Du liegst im
+Grase. Aber das ist die heimliche feierliche Stunde, wo kein Hirt seine
+Flöte bläst.
+
+Scheue dich! Heisser Mittag schläft auf den Fluren. Singe. nicht!
+Still! Die Welt ist vollkommen.
+
+Singe nicht, du Gras-Geflügel, oh meine Seele! Flüstere nicht einmal!
+Sieh doch —still! der alte Mittag schläft, er bewegt den Mund: trinkt
+er nicht eben einen Tropfen Glücks—
+
+—einen alten braunen Tropfen goldenen Glücks, goldenen Weins? Es huscht
+über ihn hin, sein Glück lacht. So—lacht ein Gott. Still!—
+
+—„Zum Glück, wie wenig genügt schon zum Glücke!“ So sprach ich einst,
+und dünkte mich klug. Aber es war eine Lästerung: _das_ lernte ich nun.
+Kluge Narrn reden besser.
+
+Das Wenigste gerade, das Leiseste, Leichteste, einer Eidechse Rascheln,
+ein Hauch, ein Husch, ein Augen-Blidk—_Wenig_ macht die Art des
+_besten_ Glücks. Still!
+
+—Was geschah mir: Horch! Flog die Zeit wohl davon? Falle ich nicht?
+Fiel ich nicht—horch! in den Brunnen der Ewigkeit?
+
+—Was geschieht mir? Still! Es sticht mich—wehe—in’s Herz? In’s Herz! Oh
+zerbrich, zerbrich, Herz, nach solchem Glücke, nach solchem Stiche!
+
+—Wie? Ward die Welt nicht eben vollkommen? Rund und reif? Oh des
+goldenen runden Reifs—wohin fliegt er wohl? Laufe ich ihm nach! Husch!
+
+Still—- (und hier dehnte sich Zarathustra und fühlte, dass er
+schlafe.)—
+
+Auf! sprach er zu sich selber, du Schläfer! Du Mittagsschläfer! Wohlan,
+wohlauf, ihr alten Beine! Zeit ist’s und Überzeit, manch gut Stück Wegs
+blieb euch noch zurück—
+
+Nun schlieft ihr euch aus, wie lange doch? Eine halbe Ewigkeit! Wohlan,
+wohlauf nun, mein altes Herz! Wie lange erst darfst du nach solchem
+Schlaf—dich auswachen?
+
+(Aber da schlief er schon von Neuem ein, und seine Seele sprach gegen
+ihn und wehrte sich und legte sich wieder hin)—„Lass mich doch! Still!
+Ward nicht die Welt eben vollkommen? Oh des goldnen runden Balls!“—
+
+„Steh auf, sprach Zarathustra, du kleine Diebin, du Tagediebin! Wie?
+Immer noch sich strecken, gähnen, seufzen, hinunterfallen in tiefe
+Brunnen?
+
+Wer bist du doch! Oh meine Seele!“ (und hier erschrak er, denn ein
+Sonnenstrahl fiel vom Himmel herunter auf sein Gesicht)
+
+„Oh Himmel über mir, sprach er seufzend und setzte sich aufrecht, du
+schaust mir zu? Du horchst meiner wunderlichen Seele zu?
+
+Wann trinkst du diesen Tropfen Thau’s, der auf alle Erden-Dinge
+niederfiel,—wann trinkst du diese wunderliche Seele—
+
+—wann, Brunnen der Ewigkeit! du heiterer schauerlicher Mittags-Abgrund!
+wann trinkst du meine Seele in dich zurück?“
+
+Also sprach Zarathustra und erhob sich von seinem Lager am Baume wie
+aus einer fremden Trunkenheit: und siehe, da stand die Sonne immer noch
+gerade über seinem Haupte. Es möchte aber Einer daraus mit Recht
+abnehmen, dass Zarathustra damals nicht lange geschlafen habe.
+
+
+Die Begrüssung
+
+Am späten Nachmittage war es erst, dass Zarathustra, nach langem
+umsonstigen Suchen und Umherstreifen, wieder zu seiner Höhle heimkam.
+Als er aber derselben gegenüberstand, nicht zwanzig Schritt mehr von
+ihr ferne, da geschah das, was er jetzt am wenigsten erwartete: von
+Neuem hörte er den grossen _Nothschrei_. Und, erstaunlich! diess Mal
+kam derselbige aus seiner eignen Höhle. Es war aber ein langer
+vielfältiger seltsamer Schrei, und Zarathustra unterschied deutlich,
+dass er sich aus vielen Stimmen zusammensetze: mochte er schon, aus der
+Ferne gehört, gleich dem Schrei aus einem einzigen Munde klingen.
+
+Da sprang Zarathustra auf seine Höhle zu, und siehe! welches Schauspiel
+erwartete ihn erst nach diesem Hörspiele! Denn da sassen sie allesammt
+bei einander, an denen er des Tags vorübergegangen war: der König zur
+Rechten und der König zur Linken, der alte Zauberer, der Papst, der
+freiwillige Bettler, der Schatten, der Gewissenhafte des Geistes, der
+traurige Wahrsager und der Esel; der hässlichste Mensch aber hatte sich
+eine Krone aufgesetzt und zwei Purpurgürtel umgeschlungen,—denn er
+liebte es, gleich allen Hässlichen, sich zu verkleiden und schön zu
+thun. Inmitten aber dieser betrübten Gesellschaft stand der Adler
+Zarathustra’s, gesträubt und unruhig, denn er sollte auf zu Vieles
+antworten, wofür sein Stolz keine Antwort hatte; die kluge Schlange
+aber hieng um seinen Hals.
+
+Diess Alles schaute Zarathustra mit grosser Verwunderung; dann prüfte
+er jeden Einzelnen seiner Gäste mit leutseliger Neugierde, las ihre
+Seelen ab und wunderte sich von Neuem. Inzwischen hatten sich die
+Versammelten von ihren Sitzen erhoben und warteten mit Ehrfurcht, dass
+Zarathustra reden werde. Zarathustra aber sprach also:
+
+„Ihr Verzweifelnden! Ihr Wunderlichen! Ich hörte also _euren_
+Nothschrei? Und nun weiss ich auch, wo Der zu suchen ist, den ich
+umsonst heute suchte: der höhere Mensch—:
+
+—in meiner eignen Höhle sitzt er, der höhere Mensch! Aber was wundere
+ich mich! Habe ich ihn nicht selber zu mir gelockt durch Honig-Opfer
+und listige Lockrufe meines Glücks?
+
+Doch dünkt mir, ihr taugt euch schlecht zur Gesellschaft, ihr macht
+einander das Herz unwirsch, ihr Nothschreienden, wenn ihr hier
+beisammen sitzt? Es muss erst Einer kommen,
+
+—Einer, der euch wieder lachen macht, ein guter fröhlicher Hanswurst,
+ein Tänzer und Wind und Wildfang, irgend ein alter Narr:—was dünket
+euch?
+
+Vergebt mir doch, ihr Verzweifelnden, dass ich vor euch mit solch
+kleinen Worten rede, unwürdig, wahrlich!, solcher Gäste! Aber ihr
+errathet nicht, _was_ mein Herz muthwillig macht:—
+
+—ihr selber thut es und euer Anblick, vergebt es mir! Jeder nämlich
+wird muthig, der einem Verzweifelnden zuschaut. Einem Verzweifelnden
+zuzusprechen—dazu dünkt sich jeder stark genug.
+
+Mir selber gabt ihr diese Kraft,—eine gute Gabe, meine hohen Gäste! Ein
+rechtschaffnes Gastgeschenk! Wohlan, so zürnt nun nicht, dass ich euch
+auch vom Meinigen anbiete.
+
+Diess hier ist mein Reich und meine Herrschaft: was aber mein ist, für
+diesen Abend und diese Nacht soll es euer sein. Meine Thiere sollen
+euch dienen: meine Höhle sei eure Ruhestatt!
+
+Bei mir zu Heim-und-Hause soll Keiner verzweifeln, in meinem Reviere
+schütze ich jeden vor seinen wilden Thieren. Und das ist das Erste, was
+ich euch anbiete: Sicherheit!
+
+Das Zweite aber ist: mein kleiner Finger. Und habt ihr _den_ erst, so
+nehmt nur noch die ganze Hand, wohlan! und das Herz dazu! Willkommen
+hier, willkommen, meine Gastfreunde!“
+
+Also sprach Zarathustra und lachte vor Liebe und Bosheit. Nach dieser
+Begrüssung verneigten sich seine Gäste abermals und schwiegen
+ehrfürchtig; der König zur Rechten aber antwortete ihm in ihrem Namen.
+
+„Daran, oh Zarathustra, wie du uns Hand und Gruss botest, erkennen wir
+dich als Zarathustra. Du erniedrigtest dich vor uns; fast thatest du
+unserer Ehrfurcht wehe—:
+
+—wer aber vermochte gleich dir sich mit solchem Stolze zu erniedrigen?
+_Das_ richtet uns selber auf, ein Labsal ist es unsern Augen und
+Herzen.
+
+Diess allein nur zu schaun, stiegen gern wir auf höhere Berge, als
+dieser Berg ist. Als Schaulustige nämlich kamen wir, wir wollten sehn,
+was trübe Augen hell macht.
+
+Und siehe, schon ist es vorbei mit allem unsern Nothschrein. Schon
+steht Sinn und Herz uns offen und ist entzückt. Wenig fehlt: und unser
+Muth wird muthwillig.
+
+Nichts, oh Zarathustra, wächst Erfreulicheres auf Erden, als ein hoher
+starker Wille: der ist ihr schönstes Gewächs. Eine ganze Landschaft
+erquickt sich an Einem solchen Baume.
+
+Der Pinie vergleiche ich, wer gleich dir, oh Zarathustra, aufwächst:
+lang, schweigend, hart, allein, besten biegsamsten Holzes, herrlich,—
+
+—zuletzt aber hinausgreifend mit starken grünen Ästen nach _seiner_
+Herrschaft, starke Fragen fragend vor Winden und Wettern und was immer
+auf Höhen heimisch ist,
+
+—stärker antwortend, ein Befehlender, ein Siegreicher: oh wer sollte
+nicht, solche Gewächse zu schaun, auf hohe Berge steigen?
+
+Deines Baumes hier, oh Zarathustra, erlabt sich auch der Düstere, der
+Missrathene, an deinem Anblicke wird auch der Unstäte sicher und heilt
+sein Herz.
+
+Und wahrlich, zu deinem Berge und Baume richten sich heute viele Augen;
+eine grosse Sehnsucht hat sich aufgemacht, und Manche lernten fragen:
+wer ist Zarathustra?
+
+Und wem du jemals dein Lied und deinen Honig in’s Ohr geträufelt: alle
+die Versteckten, die Einsiedler, die Zweisiedler sprachen mit Einem
+Male zu ihrem Herzen:
+
+„Lebt Zarathustra noch? Es lohnt sich nicht mehr zu leben, Alles ist
+gleich, Alles ist umsonst: oder—wir müssen mit Zarathustra leben!“
+
+„Warum kommt er nicht, der sich so lange ankündigte? also fragen Viele;
+verschlang ihn die Einsamkeit? Oder sollen wir wohl zu ihm kommen?“
+
+Nun geschieht’s, dass die Einsamkeit selber mürbe wird und zerbricht,
+einem Grabe gleich, das zerbricht und seine Todten nicht mehr halten
+kann. Überall sieht man Auferstandene.
+
+Nun steigen und steigen die Wellen um deinen Berg, oh Zarathustra. Und
+wie hoch auch deine Höhe ist, Viele müssen zu dir hinauf; dein Nachen
+soll nicht lange mehr im Trocknen sitzen.
+
+Und dass wir Verzweifelnde jetzt in deine Höhle kamen und schon nicht
+mehr verzweifeln: ein Wahr- und Vorzeichen ist es nur, davon, dass
+Bessere zu dir unterwegs sind,—
+
+—denn er selber ist zu dir unterwegs, der letzte Rest Gottes unter
+Menschen, das ist: alle die Menschen der grossen Sehnsucht, des grossen
+Ekels, des grossen Überdrusses,
+
+—Alle, die nicht leben wollen, oder sie lernen wieder _hoffen_—oder sie
+lernen von dir, oh Zarathustra, die _grosse_ Hoffnung!“
+
+Also sprach der König zur Rechten und ergriff die Hand Zarathustra’s,
+um sie zu küssen; aber Zarathustra wehrte seiner Verehrung und trat
+erschreckt zurück, schweigend und plötzlich wie in weite Fernen
+entfliehend. Nach einer kleinen Weile aber war er schon wieder bei
+seinen Gästen, blickte sie mit hellen, prüfenden Augen an und sprach:
+
+Meine Gäste, ihr höheren Menschen, ich will deutsch und deutlich mit
+euch reden. Nicht auf _euch_ wartete ich hier in diesen Bergen.
+
+(„Deutsch und deutlich? Dass Gott erbarm! sagte hier der König zur
+Linken, bei Seite; man merkt, er kennt die lieben Deutschen nicht,
+dieser Weise aus dem Morgenlande!
+
+Aber er meint „deutsch und derb“—wohlan! Das ist heutzutage noch nicht
+der schlimmste Geschmack!“)
+
+„Ihr mögt wahrlich insgesammt höhere Menschen sein, fuhr Zarathustra
+fort: aber für mich—seid ihr nicht hoch und stark genug.
+
+Für mich, das heisst: für das Unerbittliche, das in mir schweigt, aber
+nicht immer schweigen wird. Und gehört ihr zu mir, so doch nicht als
+mein rechter Arm.
+
+Wer nämlich selber auf kranken und zarten Beinen steht, gleich euch,
+der will vor Allem, ob er’s weiss oder sich verbirgt: dass er
+_geschont_ werde.
+
+Meine Arme und meine Beine aber schone ich nicht, ich schone meine
+Krieger nicht: wieso könntet ihr zu _meinem_ Kriege taugen?
+
+Mit euch verdürbe ich mir jeden Sieg noch. Und Mancher von euch fiele
+schon um, wenn er nur den lauten Schall meiner Trommeln hörte.
+
+Auch seid ihr mir nicht schön genug und wohlgeboren. Ich brauche reine
+glatte Spiegel für meine Lehren; auf eurer Oberfläche verzerrt sich
+noch mein eignes Bildniss.
+
+Eure Schultern drückt manche Last, manche Erinnerung; manch schlimmer
+Zwerg hockt in euren Winkeln. Es giebt verborgenen Pöbel auch in euch.
+
+Und seid ihr auch hoch und höherer Art: Vieles an euch ist krumm und
+missgestalt. Da ist kein Schmied in der Welt, der euch mir zurecht und
+gerade schlüge.
+
+Ihr seid nur Brücken: mögen Höhere auf euch hinüber schreiten! Ihr
+bedeutet Stufen: so zürnt Dem nicht, der über euch hinweg in _seine_
+Höhe steigt!
+
+Aus eurem Samen mag auch mir einst ein ächter Sohn und vollkommener
+Erbe wachsen: aber das ist ferne. Ihr selber seid Die nicht, welchen
+mein Erbgut und Name zugehört.
+
+Nicht auf euch warte ich hier in diesen Bergen, nicht mit euch darf ich
+zum letzten Male niedersteigen. Als Vorzeichen kamt ihr mir nur, dass
+schon Höhere zu mir unterwegs sind,—
+
+—_nicht_ die Menschen der grossen Sehnsucht, des grossen Ekels, des
+grossen Überdrusses und Das, was ihr den Überrest Gottes nanntet.
+
+—Nein! Nein! Drei Mal Nein! Auf _Andere_ warte ich hier in diesen
+Bergen und will meinen Fuss nicht ohne sie von dannen heben,
+
+—auf Höhere, Stärkere, Sieghaftere, Wohlgemuthere, Solche, die
+rechtwinklig gebaut sind an Leib und Seele: _lachende Löwen_ müssen
+kommen!
+
+Oh, meine Gastfreunde, ihr Wunderlichen,—hörtet ihr noch Nichts von
+meinen Kindern? Und dass sie zu mir unterwegs sind?
+
+Sprecht mir doch von meinen Gärten, von meinen glückseligen Inseln, von
+meiner neuen schönen Art,—warum sprecht ihr mir nicht davon?
+
+Diess Gastgeschenk erbitte ich mir von eurer Liebe, dass ihr mir von
+meinen Kindern sprecht. Hierzu bin ich reich, hierzu ward ich arm: was
+gab ich nicht hin,
+
+—was gäbe ich nicht hin, dass ich Eins hätte: _diese_ Kinder, _diese_
+lebendige Pflanzung, _diese_ Lebensbäume meines Willens und meiner
+höchsten Hoffnung!“
+
+Also sprach Zarathustra und hielt plötzlich inne in seiner Rede: denn
+ihn überfiel seine Sehnsucht, und er schloss Augen und Mund vor der
+Bewegung seines Herzens. Und auch alle seine Gäste schwiegen und
+standen still und bestürzt: nur dass der alte Wahrsager mit Händen und
+Gebärden Zeichen gab.
+
+
+Das Abendmahl
+
+An dieser Stelle nämlich unterbrach der Wahrsager die Begrüssung
+Zarathustra’s und seiner Gäste: er drängte sich vor, wie Einer, der
+keine Zeit zu verlieren hat, fasste die Hand Zarathustra’s und rief:
+„Aber Zarathustra!
+
+Eins ist nothwendiger als das Andre, so redest du selber: wohlan, Eins
+ist _mir_ jetzt nothwendiger als alles Andere.
+
+Ein Wort zur rechten Zeit: hast du mich nicht zum _Mahle_ eingeladen?
+Und hier sind viele, die lange Wege machten. Du willst uns doch nicht
+mit Reden abspeisen?
+
+Auch gedachtet ihr Alle mir schon zu viel des Erfrierens, Ertrinkens,
+Erstickens und andrer Leibes-Nothstände: Keiner aber gedachte _meines_
+Nothstandes, nämlich des Verhungerns—„
+
+(Also sprach der Wahrsager; wie die Thiere Zarathustra’s aber diese
+Worte hörten, liefen sie vor Schrecken davon. Denn sie sahen, dass was
+sie auch am Tage heimgebracht hatten, nicht genug sein werde, den Einen
+Wahrsager zu stopfen.)
+
+„Eingerechnet das Verdursten, fuhr der Wahrsager fort. Und ob ich schon
+Wasser hier plätschern höre, gleich Reden der Weisheit, nämlich
+reichlich und unermüdlich: ich—will _Wein_!
+
+Nicht jeder ist gleich Zarathustra ein geborner Wassertrinker. Wasser
+taugt auch nicht für Müde und Verwelkte: _uns_ gebührt Wein,—_der_ erst
+giebt plötzliches Genesen und stegreife Gesundheit!“
+
+Bei dieser Gelegenheit, da der Wahrsager nach Wein begehrte, geschah
+es, dass auch der König zur Linken, der Schweigsame, einmal zu Worte
+kam. „Für Wein, sprach er, trugen _wir_ Sorge, ich sammt meinem Bruder,
+dem Könige zur Rechten: wir haben Weins genug,—einen ganzen Esel voll.
+So fehlt Nichts als Brod.“
+
+„Brod? entgegnete Zarathustra und lachte dazu. Nur gerade Brod haben
+Einsiedler nicht. Aber der Mensch lebt nicht vom Brod allein, sondern
+auch vom Fleische guter Lämmer, deren ich zwei habe:
+
+—_Die_ soll man geschwinde schlachten und würzig, mit Salbei,
+zubereiten: so liebe ich’s. Und auch an Wurzeln und Früchten fehlt es
+nicht, gut genug selbst für Lecker- und Schmeckerlinge; noch an Nüssen
+und andern Räthseln zum Knacken.
+
+Also wollen wir in Kürze eine gute Mahlzeit machen. Wer aber mit essen
+will, muss auch mit Hand anlegen, auch die Könige. Bei Zarathustra
+nämlich darf auch ein König Koch sein.“
+
+Mit diesem Vorschlage war Allen nach dem Herzen geredet: nur dass der
+freiwillige Bettler sich gegen Fleisch und Wein und Würzen sträubte.
+
+„Nun hört mir doch diesen Schlemmer Zarathustra! sagte er scherzhaft:
+geht man dazu in Höhlen und Hoch-Gebirge, dass man solche Mahlzeiten
+macht?
+
+Nun freilich verstehe ich, was er einst uns lehrte: „Gelobt sei die
+kleine Armuth!“ Und warum er die Bettler abschaffen will.“
+
+„Sei guter Dinge, antwortete ihm Zarathustra, wie ich es bin. Bleibe
+bei deiner Sitte, du Trefflicher, malme deine Körner, trink dein
+Wasser, lobe deine Küche: wenn sie dich nur fröhlich macht!
+
+Ich bin ein Gesetz nur für die Meinen, ich bin kein Gesetz für Alle.
+Wer aber zu mir gehört, der muss von starken Knochen sein, auch von
+leichten Füssen,—
+
+—lustig zu Kriegen und Festen, kein Düsterling, kein Traum-Hans, bereit
+zum Schwersten wie zu seinem Feste, gesund und heil.
+
+Das Beste gehört den Meinen und mir; und giebt man’s uns nicht, so
+nehmen wir’s:—die beste Nahrung, den reinsten Himmel, die stärksten
+Gedanken, die schönsten Fraun!“—
+
+Also sprach Zarathustra; der König zur Rechten aber entgegnete:
+„Seltsam! Vernahm man je solche kluge Dinge aus dem Munde eines Weisen?
+
+Und wahrlich, das ist das Seltsamste an einem Weisen, wenn er zu
+alledem auch noch klug und kein Esel ist.“
+
+Also sprach der König zur Rechten und wunderte sich; der Esel aber
+sagte zu seiner Rede mit bösem Willen I-A. Diess aber war der Anfang
+von jener langen Mahlzeit, welche „das Abendmahl“ in den
+Historien-Büchern genannt wird. Bei derselben aber wurde von nichts
+Anderem geredet als _vom höheren Menschen_.
+
+
+Vom höheren Menschen
+
+1.
+
+Als ich zum ersten Male zu den Menschen kam, da that ich die
+Einsiedler-Thorheit, die grosse Thorheit: ich stellte mich auf den
+Markt.
+
+Und als ich zu Allen redete, redete ich zu Keinem. Des Abends aber
+waren Seiltänzer meine Genossen, und Leichname; und ich selber fast ein
+Leichnam.
+
+Mit dem neuen Morgen aber kam mir eine neue Wahrheit: da lernte ich
+sprechen „Was geht mich Markt und Pöbel und Pöbel-Lärm und lange
+Pöbel-Ohren an!“
+
+Ihr höheren Menschen, Diess lernt von mir: auf dem Markt glaubt Niemand
+an höhere Menschen. Und wollt ihr dort reden, wohlan! Der Pöbel aber
+blinzelt „wir sind Alle gleich.“
+
+„Ihr höheren Menschen,—so blinzelt der Pöbel—es giebt keine höheren
+Menschen, wir sind Alle gleich, Mensch ist Mensch, vor Gott—sind wir
+Alle gleich!“
+
+Vor Gott!—Nun aber starb dieser Gott. Vor dem Pöbel aber wollen wir
+nicht gleich sein. Ihr höheren Menschen, geht weg vom Markt!
+
+2.
+
+Vor Gott!—Nun aber starb dieser Gott! Ihr höheren Menschen, dieser Gott
+war eure grösste Gefahr.
+
+Seit er im Grabe liegt, seid ihr erst wieder auferstanden. Nun erst
+kommt der grosse Mittag, nun erst wird der höhere Mensch—Herr!
+
+Verstandet ihr diess Wort, oh meine Brüder? Ihr seid erschreckt: wird
+euren Herzen schwindlig? Klafft euch hier der Abgrund? Kläfft euch hier
+der Höllenhund?
+
+Wohlan! Wohlauf! Ihr höheren Menschen! Nun erst kreisst der Berg der
+Menschen-Zukunft. Gott starb: nun wollen _wir_,—dass der Übermensch
+lebe.
+
+3.
+
+Die Sorglichsten fragen heute: „wie bleibt der Mensch erhalten?“
+Zarathustra aber fragt als der Einzige und Erste: „wie wird der Mensch
+_überwunden_?“
+
+Der Übermensch liegt mir am Herzen, _der_ ist mein Erstes und
+Einziges,—und _nicht_ der Mensch: nicht der Nächste, nicht der Ärmste,
+nicht der Leidendste, nicht der Beste—
+
+Oh meine Brüder, was ich lieben kann am Menschen, das ist, dass er ein
+Übergang ist und ein Untergang. Und auch an euch ist vieles, das mich
+lieben und hoffen macht.
+
+Dass ihr verachtetet, ihr höheren Menschen, das macht mich hoffen. Die
+grossen Verachtenden nämlich sind die grossen Verehrenden.
+
+Dass ihr verzweifeltet, daran ist Viel zu ehren. Denn ihr lerntet
+nicht, wie ihr euch ergäbet, ihr lerntet die kleinen Klugheiten nicht.
+
+Heute nämlich wurden die kleinen Leute Herr: die predigen Alle Ergebung
+und Bescheidung und Klugheit und Fleiss und Rücksicht und das lange
+Und-so-weiter der kleinen Tugenden.
+
+Was von Weibsart ist, was von Knechtsart stammt und sonderlich der
+Pöbel-Mischmasch: _Das_ will nun Herr werden alles
+Menschen-Schicksals—oh Ekel! Ekel! Ekel!
+
+_Das_ frägt und frägt und wird nicht müde: „Wie erhält sich der Mensch,
+am besten, am längsten, am angenehmsten?“ Damit—sind sie die Herrn von
+Heute.
+
+Diese Herrn von Heute überwindet mir, oh meine Brüder,—diese kleinen
+Leute: _die_ sind des Übermenschen grösste Gefahr!
+
+Überwindet mir, ihr höheren Menschen, die kleinen Tugenden, die kleinen
+Klugheiten, die Sandkorn-Rücksichten, den Ameisen-Kribbelkram, das
+erbärmliche Behagen, das „Glück der Meisten“ —!
+
+Und lieber verzweifelt, als dass ihr euch ergebt. Und, wahrlich, ich
+liebe euch dafür, dass ihr heute nicht zu leben wisst, ihr höheren
+Menschen! So nämlich lebt _ihr_—am Besten!
+
+4.
+
+Habt ihr Muth, oh meine Brüder? Seid ihr herzhaft? _Nicht_ Muth vor
+Zeugen, sondern Einsiedler- und Adler-Muth, dem auch kein Gott mehr
+zusieht?
+
+Kalte Seelen, Maulthiere, Blinde, Trunkene heissen mir nicht herzhaft.
+Herz hat, wer Furcht kennt, aber Furcht _zwingt_, er den Abgrund sieht,
+aber mit _Stolz_.
+
+Wer den Abgrund sieht, aber mit Adlers-Augen, wer mit Adlers-Krallen
+den Abgrund _fasst_: Der hat Muth.—
+
+5.
+
+„Der Mensch ist böse“ —so sprachen mir zum Troste alle Weisesten. Ach,
+wenn es heute nur noch wahr ist! Denn das Böse ist des Menschen beste
+Kraft.
+
+„Der Mensch muss besser und böser werden“ —so lehre _ich_. Das Böseste
+ist nöthig zu des Übermenschen Bestem.
+
+Das mochte gut sein für jenen Prediger der kleinen Leute, dass er litt
+und trug an des Menschen Sünde. Ich aber erfreue mich der grossen Sünde
+als meines grossen _Trostes_.—
+
+Solches ist aber nicht für lange Ohren gesagt. Jedwedes Wort gehört
+auch nicht in jedes Maul. Das sind feine ferne Dinge: nach denen sollen
+nicht Schafs-Klauen greifen!
+
+6.
+
+Ihr höheren Menschen, meint ihr, ich sei da, gut zu machen, was ihr
+schlecht machtet?
+
+Oder ich wollte fürderhin euch Leidende bequemer betten? Oder euch
+Unstäten, Verirrten, Verkletterten neue leichtere Fusssteige zeigen?
+
+Nein! Nein! Drei Mal Nein! Immer Mehr, immer Bessere eurer Art sollen
+zu Grunde gehn,—denn ihr sollt es immer schlimmer und härter haben. So
+allein—
+
+—so allein wächst der Mensch in _die_ Höhe, wo der Blitz ihn trifft und
+zerbricht: hoch genug für den Blitz!
+
+Auf Weniges, auf Langes, auf Fernes geht mein Sinn und meine Sehnsucht:
+was gienge mich euer kleines, vieles, kurzes Elend an!
+
+Ihr leidet mir noch nicht genug! Denn ihr leidet an euch, ihr littet
+noch nicht _am Menschen_. Ihr würdet lügen, wenn ihr’s anders sagtet!
+Ihr leidet Alle nicht, woran ich litt.—
+
+7.
+
+Es ist mir nicht genug, dass der Blitz nicht mehr schadet. Nicht
+ableiten will ich ihn: er soll lernen für _mich_—arbeiten.—
+
+Meine Weisheit sammlet sich lange schon gleich einer Wolke, sie wird
+stiller und dunkler. So thut jede Weisheit, welche _einst_ Blitze
+gebären soll.—
+
+Diesen Menschen von Heute will ich nicht _Licht_ sein, nicht Licht
+heissen. _Die_—will ich blenden: Blitz meiner Weisheit! Stich ihnen die
+Augen aus!
+
+8.
+
+Wollt Nichts über euer Vermögen: es giebt eine schlimme Falschheit bei
+Solchen, die über ihr Vermögen wollen.
+
+Sonderlich, wenn sie grosse Dinge wollen! Denn sie wecken Misstrauen
+gegen grosse Dinge, diese feinen Falschmünzer und Schauspieler:—
+
+—bis sie endlich falsch vor sich selber sind, schieläugig, übertünchter
+Wurmfrass, bemäntelt durch starke Worte, durch Aushänge-Tugenden, durch
+glänzende falsche Werke.
+
+Habt da eine gute Vorsicht, ihr höheren Menschen! Nichts nämlich gilt
+mir heute kostbarer und seltner als Redlichkeit.
+
+Ist diess Heute nicht des Pöbels? Pöbel aber weiss nicht, was gross,
+was klein, was gerade und redlich ist: der ist unschuldig krumm, der
+lügt immer.
+
+8.
+
+Habt heute ein gutes Misstrauen, ihr höheren Menschen, ihr Beherzten!
+Ihr Offenherzigen! Und haltet eure Gründe geheim! Diess Heute nämlich
+ist des Pöbels.
+
+Was der Pöbel ohne Gründe einst glauben lernte, wer könnte ihm durch
+Gründe Das —umwerfen?
+
+Und auf dem Markte überzeugt man mit Gebärden. Aber Gründe machen den
+Pöbel misstrauisch.
+
+Und wenn da einmal Wahrheit zum Siege kam, so fragt euch Mit gutem
+Misstrauen: „welch starker Irrthum hat für sie gekämpft?“
+
+Hütet euch auch vor den Gelehrten! Die hassen euch: denn sie sind
+unfruchtbar! Sie haben kalte vertrocknete Augen, vor ihnen liegt jeder
+Vogel entfedert.
+
+Solche brüsten sich damit, dass sie nicht lügen: aber Ohnmacht zur Lüge
+ist lange noch nicht Liebe zur Wahrheit. Hütet euch!
+
+Freiheit von Fieber ist lange noch nicht Erkenntniss! Ausgekälteten
+Geistern glaube ich nicht. Wer nicht lügen kann, weiss nicht, was
+Wahrheit ist.
+
+10.
+
+Wollt ihr hoch hinaus, so braucht die eignen Beine! Lasst euch nicht
+empor _tragen_, setzt euch nicht auf fremde Rücken und Köpfe!
+
+Du aber stiegst zu Pferde? Du reitest nun hurtig hinauf zu deinem
+Ziele? Wohlan, mein Freund! Aber dein lahmer Fuss sitzt auch mit zu
+Pferde!
+
+Wenn du an deinem Ziele bist, wenn du von deinem Pferde springst: auf
+deiner _Höhe_ gerade, du höherer Mensch—wirst du stolpern!
+
+11.
+
+Ihr Schaffenden, ihr höheren Menschen! Man ist nur für das eigne Kind
+schwanger.
+
+Lasst euch Nichts vorreden, einreden! Wer ist denn _euer_ Nächster? Und
+handelt ihr auch „für den Nächsten“ ,—ihr schafft doch nicht für ihn!
+
+Verlernt mir doch diess „Für“, ihr Schaffenden: eure Tugend gerade will
+es, dass ihr kein Ding mit „für“ und „um“ und „weil“ thut. Gegen diese
+falschen kleinen Worte sollt ihr euer Ohr zukleben.
+
+Das „für den Nächsten“ ist die Tugend nur der kleinen Leute: da heisst
+es „gleich und gleich“ und „Hand wäscht Hand“:—sie haben nicht Recht
+noch Kraft zu _eurem_ Eigennutz!
+
+In eurem Eigennutz, ihr Schaffenden, ist der Schwangeren Vorsicht und
+Vorsehung! Was Niemand noch mit Augen sah, die Frucht: die schirmt und
+schont und nährt eure ganze Liebe.
+
+Wo eure ganze Liebe ist, bei eurem Kinde, da ist auch eure ganze
+Tugend! Euer Werk, euer Wille ist _euer_ „Nächster“: lasst euch keine
+falschen Werthe einreden!
+
+12.
+
+Ihr Schaffenden, ihr höheren Menschen! Wer gebären muss, der ist krank;
+wer aber geboren hat, ist unrein.
+
+Fragt die Weiber: man gebiert nicht, weil es Vergnügen macht. Der
+Schmerz macht Hühner und Dichter gackern.
+
+Ihr Schaffenden, an euch ist viel Unreines. Das macht, ihr musstet
+Mütter sein.
+
+Ein neues Kind: oh wie viel neuer Schmutz kam auch zur Welt! Geht bei
+Seite! Und wer geboren hat, soll seine Seele rein waschen!
+
+13.
+
+Seid nicht tugendhaft über eure Kräfte! Und wollt Nichts von euch wider
+die Wahrscheinlichkeit!
+
+Geht in den Fusstapfen, wo schon eurer Väter Tugend gierig! Wie wolltet
+ihr hoch steigen, wenn nicht eurer Väter Wille mit euch steigt?
+
+Wer aber Erstling sein will, sehe zu, dass er nicht auch Letztling
+werde! Und wo die Laster eurer Väter sind, darin sollt ihr nicht
+Heilige bedeuten wollen!
+
+Wessen Väter es mit Weibern hielten und mit starken Weinen und
+Wildschweinen: was wäre es, wenn Der von sich Keuschheit wollte?
+
+Eine Narrheit wäre es! Viel, wahrlich, dünkt es mich für einen Solchen,
+wenn er Eines oder zweier oder dreier Weiber Mann ist.
+
+Und stiftete er Klöster und schriebe über die Thür: „der Weg zum
+Heiligen,“—ich spräche doch: wozu! es ist eine neue Narrheit!
+
+Er stiftete sich selber ein Zucht- und Fluchthaus: wohl bekomm’s! Aber
+ich glaube nicht daran.
+
+In der Einsamkeit wächst, was Einer in sie bringt, auch das innere
+Vieh. Solchergestalt widerräth sich Vielen die Einsamkeit.
+
+Gab es Schmutzigeres bisher auf Erden als Wüsten-Heilige? _Um die_
+herum war nicht nur der Teufel los,—sondern auch das Schwein.
+
+14.
+
+Scheu, beschämt, ungeschickt, einem Tiger gleich, dem der Sprung
+missrieth: also, ihr höheren Menschen, sah ich oft euch bei Seite
+schleichen. Ein _Wurf_ missrieth euch.
+
+Aber, ihr Würfelspieler, was liegt daran! Ihr lerntet nicht spielen und
+spotten, wie man spielen und spotten muss! Sitzen wir nicht immer an
+einem grossen Spott- und Spieltische?
+
+Und wenn euch Grosses missrieth, seid ihr selber darum—missrathen? Und
+missriethet ihr selber, missrieth darum—der Mensch? Missrieth aber der
+Mensch: wohlan! wohlauf!
+
+15.
+
+Je höher von Art, je seltener geräth ein Ding. Ihr höheren Menschen
+hier, seid ihr nicht alle—missgerathen?
+
+Seid guten Muths, was liegt daran! Wie Vieles ist noch möglich! Lernt
+über euch selber lachen, wie man lachen muss!
+
+Was Wunders auch, dass ihr missriethet und halb geriethet, ihr
+Halb-Zerbrochenen! Drängt und stösst sich nicht in euch—des Menschen
+_Zukunft_?
+
+Des Menschen Fernstes, Tiefstes, Sternen-Höchstes, seine ungeheure
+Kraft: schäumt Das nicht alles gegen einander in eurem Topfe?
+
+Was Wunders, dass mancher Topf zerbricht! Lernt über euch lachen, wie
+man lachen muss! Ihr höheren Menschen, oh wie Vieles ist noch möglich!
+
+Und wahrlich, wie Viel gerieth schon! Wie reich ist diese Erde an
+kleinen guten vollkommenen Dingen, an Wohlgerathenem!
+
+Stellt kleine gute vollkommne Dinge um euch, ihr höheren Menschen!
+Deren goldene Reife heilt das Herz. Vollkommnes lehrt hoffen.
+
+16.
+
+Welches war hier auf Erden bisher die grösste Sünde? War es nicht das
+Wort Dessen, der sprach: „Wehe Denen, die hier lachen!“
+
+Fand er zum Lachen auf der Erde selber keine Gründe? So suchte er nur
+schlecht. Ein Kind findet hier noch Gründe.
+
+Der—liebte nicht genug: sonst hätte er auch uns geliebt, die Lachenden!
+Aber er hasste und höhnte uns, Heulen und Zähneklappern verhiess er
+uns.
+
+Muss man denn gleich fluchen, wo man nicht liebt? Das—dünkt mich ein
+schlechter Geschmack. Aber so that er, dieser Unbedingte. Er kam vom
+Pöbel.
+
+Und er selber liebte nur nicht genug: sonst hätte er weniger gezürnt,
+dass man ihn nicht liebe. Alle grosse Liebe _will_ nicht Liebe:—die
+will mehr.
+
+Geht aus dem Wege allen solchen Unbedingten! Das ist eine arme kranke
+Art, eine Pöbel-Art: sie sehn schlimm diesem Leben zu, sie haben den
+bösen Blick für diese Erde.
+
+Geht aus dem Wege allen solchen Unbedingten! Sie haben Schwere Füsse
+und schwüle Herzen:—sie wissen nicht zu tanzen. Wie möchte Solchen wohl
+die Erde leicht sein!
+
+17.
+
+Krumm kommen alle guten Dinge ihrem Ziele nahe. Gleich Katzen machen
+sie Buckel, sie schnurren innewendig vor ihrem nahen Glücke,—alle guten
+Dinge lachen.
+
+Der Schritt verräth, ob Einer schon auf _seiner_ Bahn schreitet: so
+seht mich gehn! Wer aber seinem Ziel nahe kommt, der tanzt.
+
+Und, wahrlich, zum Standbild ward ich nicht, noch stehe ich nicht da,
+starr, stumpf, steinern, eine Säule; ich liebe geschwindes Laufen.
+
+Und wenn es auf Erden auch Moor und dicke Trübsal giebt: wer leichte
+Füsse hat, läuft über Schlamm noch hinweg und tanzt wie auf gefegtem
+Eise.
+
+Erhebt eure Herzen, meine Brüder, hoch! höher! Und vergesst mir auch
+die Beine nicht! Erhebt auch eure Beine, ihr guten Tänzer, und besser
+noch: ihr steht auch auf dem Kopf!
+
+18.
+
+Diese Krone des Lachenden, diese Rosenkranz-Krone: ich selber setzte
+mir diese Krone auf, ich selber sprach heilig mein Gelächter. Keinen
+Anderen fand ich heute stark genug dazu.
+
+Zarathustra der Tänzer, Zarathustra der Leichte, der mit den Flügeln
+winkt, ein Flugbereiter, allen Vögeln zuwinkend, bereit und fertig, ein
+Selig-Leichtfertiger:—
+
+Zarathustra der Wahrsager, Zarathustra der Wahrlacher, kein
+Ungeduldiger, kein Unbedingter, Einer, der Sprünge und Seitensprünge
+liebt; ich selber setzte mir diese Krone auf!
+
+19.
+
+Erhebt eure Herzen, meine Brüder, hoch! höher! Und vergesst mir auch
+die Beine nicht! Erhebt auch eure Beine, ihr guten Tänzer, und besser
+noch: ihr steht auch auf dem Kopf!
+
+Es giebt auch im Glück schweres Gethier, es giebt Plumpfüssler von
+Anbeginn. Wunderlich müht sie sich ab, einem Elephanten gleich, der
+sich müht auf dem Kopf zu stehn.
+
+Besser aber noch närrisch sein vor Glücke als närrisch vor Unglücke,
+besser plump tanzen als lahm gehn. So lernt mir doch meine Weisheit ab:
+auch das schlimmste Ding hat zwei gute Kehrseiten,—
+
+—auch das schlimmste Ding hat gute Tanzbeine: so lernt mir doch euch
+selbst, ihr höheren Menschen, auf eure rechten Beine stellen!
+
+So verlernt mir doch Trübsal-Blasen und alle Pöbel-Traurigkeit! Oh wie
+traurig dünken mich heute des Pöbels Hanswürste noch! Diess Heute aber
+ist des Pöbels.
+
+20.
+
+Dem Winde thut mir gleich, wenn er aus seinen Berghöhlen stürzt: nach
+seiner eignen Pfeife will er tanzen, die Meere zittern und hüpfen unter
+seinen Fusstapfen.
+
+Der den Eseln Flügel giebt, der Löwinnen melkt, gelobt sei dieser gute
+unbändige Geist, der allem Heute und allem Pöbel wie ein Sturmwind
+kommt,—
+
+—der Distel- und Tiftelköpfen feind ist und allen welken Blättern und
+Unkräutern: gelobt sei dieser wilde gute freie Sturmgeist, welcher auf
+Mooren und Trübsalen wie auf Wiesen tanzt!
+
+Der die Pöbel-Schwindhunde hasst und alles missrathene düstere Gezücht:
+gelobt sei dieser Geist aller freien Geister, der lachende Sturm,
+welcher allen Schwarzsichtigen, Schwärsüchtigen Staub in die Augen
+bläst!
+
+Ihr höheren Menschen, euer Schlimmstes ist: ihr lerntet alle nicht
+tanzen, wie man tanzen muss—über euch hinweg tanzen! Was liegt daran,
+dass ihr missriethet!
+
+Wie Vieles ist noch möglich! So _lernt_ doch über euch hinweg lachen!
+Erhebt eure Herzen, ihr guten Tänzer, hoch! höher! Und vergesst mir
+auch das gute Lachen nicht!
+
+Diese Krone des Lachenden, diese Rosenkranz-Krone: euch, meinen
+Brüdern, werfe ich diese Krone zu! Das Lachen sprach ich heilig; ihr
+höheren Menschen, _lernt_ mir—lachen!
+
+
+Das Lied der Schwermuth
+
+1.
+
+Als Zarathustra diese Reden sprach, stand er nahe dem Eingange seiner
+Höhle; mit den letzten Worten aber entschlüpfte er seinen Gästen und
+floh für eine kurze Weile in’s Freie.
+
+„Oh reine Gerüche um mich, rief er aus, oh selige Stille um mich! Aber
+wo sind meine Thiere? Heran, heran, mein Adler und meine Schlange!
+
+Sagt mir doch, meine Thiere: diese höheren Menschen
+insgesammt—_riechen_ sie vielleicht nicht gut? Oh reine Gerüche um
+mich! Jetzo weiss und fühle ich erst, wie ich euch, meine Thiere,
+liebe.“
+
+—Und Zarathustra sprach nochmals: „ich liebe euch, meine Thiere!“ Der
+Adler aber und die Schlange drängten sich an ihn, als er diese Worte
+sprach, und sahen zu ihm hinauf. Solchergestalt waren sie zu drei still
+beisammen und schnüffelten und schlürften mit einander die gute Luft.
+Denn die Luft war hier draussen besser als bei den höheren Menschen.
+
+2.
+
+Kaum aber hatte Zarathustra seine Höhle verlassen, da erhob sich der
+alte Zauberer, sah listig umher und sprach: „Er ist hinaus!
+
+Und schon, ihr höheren Menschen—dass ich euch mit diesem Lob- und
+Schmeichel-Namen kitzle, gleich ihm selber—schon fällt mich mein
+schlimmer Trug- und Zaubergeist an, mein schwermüthiger Teufel,
+
+—welcher diesem Zarathustra ein Widersacher ist aus dem Grunde: vergebt
+es ihm! Nun will er vor euch zaubern, er hat gerade _seine_ Stunde;
+umsonst ringe ich mit diesem bösen Geiste.
+
+Euch Allen, welche Ehren ihr euch mit Worten geben mögt, ob ihr euch
+„die freien Geister“ nennt oder „die Wahrhaftigen“ oder „die Büsser des
+Geistes“ oder „die Entfesselten“ oder „die grossen Sehnsüchtigen“—
+
+—euch Allen, die ihr _am grossen Ekel_ leidet gleich mir, denen der
+alte Gott starb und noch kein neuer Gott in Wiegen und Windeln
+liegt,—euch Allen ist mein böser Geist und Zauber-Teufel hold.
+
+Ich kenne euch, ihr höheren Menschen, ich kenne ihn,—ich kenne auch
+diesen Unhold, den ich wider Willen liebe, diesen Zarathustra: er
+selber dünkt mich öfter gleich einer schönen Heiligen-Larve,
+
+—gleich einem neuen wunderlichen Mummenschanze, in dem sich mein böser
+Geist, der schwermüthige Teufel, gefällt:—ich liebe Zarathustra, so
+dünkt mich oft, um meines bösen Geistes Willen.—
+
+Aber schon fällt _der_ mich an und zwingt mich, dieser Geist der
+Schwermuth, dieser Abend-Dämmerungs-Teufel: und, wahrlich, ihr höheren
+Menschen, es gelüstet ihn—
+
+—macht nur die Augen auf!—es gelüstet ihn, _nackt_ zu kommen, ob
+männlich, ob weiblich, noch weiss ich’s nicht: aber er kommt, er zwingt
+mich, wehe! macht eure Sinne auf!
+
+Der Tag klingt ab, allen Dingen kommt nun der Abend, auch den besten
+Dingen; hört nun und seht, ihr höheren Menschen, welcher Teufel, ob
+Mann, ob Weib, dieser Geist der Abend-Schwermuth ist!“
+
+Also sprach der alte Zauberer, sah listig umher und griff dann zu
+seiner Harfe.
+
+3.
+
+Bei abgehellter Luft,
+Wenn schon des Thau’s Tröstung
+Zur Erde niederquillt,
+Unsichtbar, auch ungehört:
+—Denn zartes Schuhwerk trägt
+Der Tröster Thau gleich allen Trost-Milden—:
+Gedenkst du da, gedenkst du, heisses Herz,
+Wie einst du durstetest,
+Nach himmlischen Thränen und Thau-Geträufel
+Versengt und müde durstetest,
+Dieweil auf gelben Gras-Pfaden
+Boshaft abendliche Sonnenblicke
+Durch schwarze Bäume um dich liefen,
+Blendende Sonnen-Gluthblicke, schadenfrohe.
+
+„Der _Wahrheit_ Freier? Du?—so höhnten sie—
+Nein! Nur ein Dichter!
+Ein Thier, ein listiges, raubendes, schleichendes,
+Das lügen muss,
+Das wissentlich, willentlich lügen muss:
+Nach Beute lüstern,
+Bunt verlarvt,
+Sich selber Larve,
+Sich selbst zur Beute—
+_Das_—der Wahrheit Freier? Nein!
+Nur Narr! Nur Dichter!
+Nur Buntes redend,
+Aus Narren-Larven bunt herausschreiend,
+Herumsteigend auf lügnerischen Wort-Brücken,
+Auf bunten Regenbogen,
+Zwischen falschen Himmeln
+Und falschen Erden,
+Herumschweifend, herumschwebend,—
+_Nur_ Narr! _Nur_ Dichter!...
+
+_Das_—der Wahrheit Freier?
+Nicht still, starr, glatt, kalt,
+Zum Bilde worden,
+Zur Gottes-Säule,
+Nicht aufgestellt vor Tempeln,
+Eines Gottes Thürwart:
+Nein! Feindselig solchen Wahrheits-Standbildern,
+In jeder Wildniss heimischer als vor Tempeln,
+Voll Katzen-Muthwillens,
+Durch jedes Fenster springend
+Husch! in jeden Zufall,
+Jedem Urwalde zuschnüffelnd,
+Süchtig-sehnsüchtig zuschnüffelnd,
+Dass du in Urwäldern
+Unter buntgefleckten Raubthieren
+Sündlich-gesund und bunt und schön liefest,
+Mit lüsternen Lefzen,
+Selig-höhnisch, selig-höllisch, selig-blutgierig,
+Raubend, schleichend, lügend liefest:...
+
+Oder, dem Adler gleich, der lange,
+Lange starr in Abgründe blickt,
+In _seine_ Abgründe:...
+-- Oh wie sie sich hier hinab,
+Hinunter, hinein,
+In immer tiefere Tiefen ringeln!—
+Dann,
+Plötzlich,
+geraden Zugs,
+Gezückten Flugs,
+Auf Lämmer stossen,
+Jach hinab, heisshungrig,
+Nach Lämmern lüstern,
+Gram allen Lamms-Seelen,
+Grimmig-gram Allem, was blickt
+Schafmässig, lammäugig, krauswollig,
+Grau, mit Lamms-Schafs-Wohlwollen!
+
+Also
+Adlerhaft, pantherhaft
+Sind des Dichters Sehnsüchte,
+Sind _deine_ Sehnsüchte unter tausend Larven,
+Du Narr! Du Dichter!
+
+Der du den Menschen schautest
+So Gott als Schaf—:
+Den Gott _zerreissen_ im Menschen
+Wie das Schaf im Menschen,
+Und zerreisend _lachen_—
+
+_Das_, _Das_ ist deine Seligkeit! Eines Panthers und Adlers Seligkeit!
+Eines Dichters und Narren Seligkeit!“—
+
+Bei abgehellter Luft,
+Wenn schon des Monds Sichel
+Grün zwischen Purpurröthen
+Und neidisch hinschleicht:
+—dem Tage feind,
+Mit jedem Schritte heimlich
+An Rosen-Hängematten
+Hinsichelnd, bis sie sinken,
+Nacht-abwärts blass hinabsinken:
+
+So sank ich selber einstmals
+Aus meinem Wahrheits-Wahnsinne,
+Aus meinen Tages-Sehnsüchten,
+Des Tages müde, krank vom Lichte,
+—sank abwärts, abendwärts, schattenwärts:
+Von Einer Wahrheit
+Verbrannt und durstig:
+—gedenkst du noch, gedenkst du, heisses Herz,
+Wie da du durstetest?—
+Dass ich verbannt sei
+Von _aller_ Wahrheit,
+Nur Narr! Nur Dichter!
+
+
+Von der Wissenschaft
+
+Also sang der Zauberer; und Alle, die beisammen waren, giengen gleich
+Vögeln unvermerkt in das Netz seiner listigen und schwermüthigen
+Wollust. Nur der Gewissenhafte des Geistes war nicht eingefangen: er
+nahm flugs dem Zauberer die Harfe weg und rief „Luft! Lasst gute Luft
+herein! Lass Zarathustra herein! Du machst diese Höhle schwül und
+giftig, du schlimmer alter Zauberer!
+
+Du verfährst, du Falscher, Feiner, zu unbekannten Begierden und
+Wildnissen. Und wehe, wenn Solche, wie du, von der _Wahrheit_ Redens
+und Wesens machen!
+
+Wehe allen freien Geistern, welche nicht vor _solchen_ Zauberern auf
+der Hut sind! Dahin ist es mit ihrer Freiheit: du lehrst und lockst
+zurück in Gefängnisse,—
+
+—du alter schwermüthiger Teufel, aus deiner Klage klingt eine
+Lockpfeife, du gleichst Solchen, welche mit ihrem Lobe der Keuschheit
+heimlich zu Wollüsten laden!“
+
+Also sprach der Gewissenhafte; der alte Zauberer aber blickte um sich,
+genoss seines Sieges und verschluckte darüber den Verdruss, welchen ihm
+der Gewissenhafte machte. „Sei still! sagte er mit bescheidener Stimme,
+gute Lieder wollen gut wiederhallen; nach guten Liedern soll man lange
+schweigen.
+
+So thun es diese Alle, die höheren Menschen. Du aber hast wohl Wenig
+von meinem Lied verstanden? In dir ist Wenig von einem Zaubergeiste.“
+
+„Du lobst mich, entgegnete der Gewissenhafte, indem du mich von dir
+abtrennst, wohlan! Aber ihr Anderen, was sehe ich? Ihr sitzt alle noch
+mit lüsternen Augen da—:
+
+Ihr freien Seelen, wohin ist eure Freiheit! Fast, dünkt mich’s, gleicht
+ihr Solchen, die lange schlimmen tanzenden nackten Mädchen zusahn: eure
+Seelen tanzen selber!
+
+In euch, ihr höheren Menschen, muss Mehr von Dem sein, was der Zauberer
+seinen bösen Zauber- und Truggeist nennt:—wir müssen wohl verschieden
+sein.
+
+Und wahrlich, wir sprachen und dachten genug mitsammen, ehe Zarathustra
+heimkam zu seiner Höhle, als dass ich nicht wüsste: wir _sind_
+verschieden.
+
+Wir _suchen_ Verschiednes auch hier oben, ihr und ich. Ich nämlich
+suche _mehr Sicherheit_, desshalb kam ich zu Zarathustra. Der nämlich
+ist noch der festeste Thurm und Wille—
+
+—heute, wo Alles wackelt, wo alle Erde bebt. Ihr aber, wenn ich eure
+Augen sehe, die ihr macht, fast dünkt mich’s, ihr sucht mehr
+_Unsicherheit_,
+
+—mehr Schauder, mehr Gefahr, mehr Erdbeben. Euch gelüstet, fast dünkt
+mich’s so, vergebt meinem Dünkel, ihr höheren Menschen—
+
+—euch gelüstet nach dem schlimmsten gefährlichsten Leben, das _mir_ am
+meisten Furcht macht, nach dem Leben wilder Thiere, nach Wäldern,
+Höhlen, steilen Bergen und Irr- Schlünden.
+
+Und nicht die Führer _aus_ der Gefahr gefallen euch am besten, sondern
+die euch von allen Wegen abführen, die Verführer. Aber, wenn solch
+Gelüsten an euch _wirklich_ ist, so dünkt es mich trotzdem _unmöglich_.
+
+Furcht nämlich—das ist des Menschen Erb- und Grundgefühl; aus der
+Furcht erklärt sich jegliches, Erbsünde und Erbtugend. Aus der Furcht
+wuchs auch _meine_ Tugend, die heisst: Wissenschaft.
+
+Die Furcht nämlich vor wildem Gethier—die wurde dem Menschen am
+längsten angezüchtet, einschliesslich das Thier, das er in sich selber
+birgt und fürchtet:—Zarathustra heisst es „das innere Vieh“.
+
+Solche lange alte Furcht, endlich fein geworden, geistlich,
+geistig—heute, dünkt mich, heisst sie: Wissenschaft.“—
+
+Also sprach der Gewissenhafte; aber Zarathustra, der eben in seine
+Höhle zurückkam und die letzte Rede gehört und errathen hatte, warf dem
+Gewissenhaften eine Hand voll Rosen zu und lachte ob seiner
+„Wahrheiten“ . „Wie! rief er, was hörte ich da eben? Wahrlich, mich
+dünkt, du bist ein Narr oder ich selber bin’s: und deine „Wahrheit“
+stelle ich rucks und flugs auf den Kopf.
+
+_Furcht_ nämlich—ist unsre Ausnahme. Muth aber und Abenteuer und Lust
+am Ungewissen, am Ungewagten,—_Muth_ dünkt mich des Menschen ganze
+Vorgeschichte.
+
+Den wildesten muthigsten Thieren hat er alle ihre Tugenden abgeneidet
+und abgeraubt: so erst wurde er—zum Menschen.
+
+_Dieser_ Muth, endlich fein geworden, geistlich, geistig, dieser
+Menschen-Muth mit Adler-Flügeln und Schlangen-Klugheit: _der_, dünkt
+mich, heisst heute—„
+
+„Zarathustra“! schrien Alle, die beisammen sassen, wie aus Einem Munde
+und machten dazu ein grosses Gelächter; es hob sich aber von ihnen wie
+eine schwere Wolke. Auch der Zauberer lachte und sprach mit Klugheit:
+„Wohlan! Er ist davon, mein böser Geist!
+
+Und habe ich euch nicht selber vor ihm gewarnt, als ich sagte, dass er
+ein Betrüger sei, ein Lug- und Truggeist?
+
+Sonderlich nämlich, wenn er sich nackend zeigt. Aber was kann _ich_ für
+seine Tücken! Habe _ich_ ihn und die Welt geschaffen?
+
+Wohlan! Seien wir wieder gut und guter Dinge! Und ob schon Zarathustra
+böse blickt—seht ihn doch! er ist mir gram—:
+
+—bevor die Nacht kommt, lernt er wieder, mich lieben und loben, er kann
+nicht lange leben, ohne solche Thorheiten zu thun.
+
+_Der_—liebt seine Feinde: diese Kunst versteht er am besten von Allen,
+die ich sah. Aber er nimmt Rache dafür—an seinen Freunden!“
+
+Also sprach der alte Zauberer, und die höheren Menschen zollten ihm
+Beifall: so dass Zarathustra herumgieng und mit Bosheit und Liebe
+seinen Freunden die Hände schüttelte,—gleichsam als Einer, der an Allen
+Etwas gutzumachen und abzubitten hat. Als er aber dabei an die Thür
+seiner Höhle kam, siehe, da gelüstete ihn schon wieder nach der guten
+Luft da draussen und nach seinen Thieren,—und er wollte hinaus
+schlüpfen.
+
+
+Unter Töchtern der Wüste
+
+1.
+
+„Gehe nicht davon! sagte da der Wanderer, welcher sich den Schatten
+Zarathustra’s nannte, bleibe bei uns, es möchte uns sonst die alte
+dumpfe Trübsal wieder anfallen.
+
+Schon gab uns jener alte Zauberer von seinem Schlimmsten zum Besten,
+und siehe doch, der gute fromme Papst da hat Thränen in den Augen und
+hat sich ganz wieder auf’s Meer der Schwermuth eingeschifft.
+
+Diese Könige mögen wohl vor uns noch gute Miene machen: das lernten
+_Die_ nämlich von uns Allen heute am Besten! Hätten sie aber keine
+Zeugen, ich wette, auch bei ihnen fienge das böse Spiel wieder an—
+
+—das böse Spiel der ziehenden Wolken, der feuchten Schwermuth, der
+verhängten Himmel, der gestohlenen Sonnen, der heulenden Herbst-Winde,
+
+—das böse Spiel unsres Heulens und Nothschreiens: bleibe bei uns, oh
+Zarathustra! Hier ist viel verborgenes Elend, das reden will, viel
+Abend, viel Wolke, viel dumpfe Luft!
+
+Du nährtest uns mit starker Manns-Kost und kräftigen Sprüchen: lass es
+nicht zu, dass uns zum Nachtisch die weichlichen weiblichen Geister
+wieder anfallen!
+
+Du allein machst die Luft um dich herum stark und klar! Fand ich je auf
+Erden so gute Luft als bei dir in deiner Höhle?
+
+Viele Länder sah ich doch, meine Nase lernte vielerlei Luft prüfen und
+abschätzen: aber bei dir schmecken meine Nüstern ihre grösste Lust!
+
+Es sei denn,—es sei denn—, oh vergieb eine alte Erinnerung! Vergieb mir
+ein altes Nachtisch-Lied, das ich einst unter Töchtern der Wüste
+dichtete:—
+
+—bei denen nämlich gab es gleich gute helle morgenländische Luft; dort
+war ich am fernsten vom wolkigen feuchten schwermüthigen Alt-Europa!
+
+Damals liebte ich solcherlei Morgenland-Mädchen und andres blaues
+Himmelreich, über dem keine Wolken und keine Gedanken hängen.
+
+Ihr glaubt es nicht, wie artig sie dasassen, wenn sie nicht tanzten,
+tief, aber ohne Gedanken, wie kleine Geheimnisse, wie bebänderte
+Räthsel, wie Nachtisch-Nüsse—
+
+bunt und fremd fürwahr! aber ohne Wolken: Räthsel, die sich rathen
+lassen: solchen Mädchen zu Liebe erdachte ich damals einen
+Nachtisch-Psalm.“
+
+Also sprach der Wanderer und Schatten; und ehe Jemand ihm antwortete,
+hatte er schon die Harfe des alten Zauberers ergriffen, die Beine
+gekreuzt und blickte gelassen und weise um sich:—mit den Nüstern aber
+zog er langsam und fragend die Luft ein, wie Einer, der in neuen
+Ländern neue fremde Luft kostet. Darauf hob er mit einer Art Gebrüll zu
+singen an.
+
+2.
+
+Die Wüste wächst: weh Dem, der Wüsten birgt!
+
+—Ha! Feierlich!
+In der That feierlich!
+Ein würdiger Anfang!
+Afrikanisch feierlich!
+Eines Löwen würdig,
+Oder eines moralischen Brüllaffen—
+—aber Nichts für euch,
+Ihr allerliebsten Freundinnen,
+Zu deren Füssen mir
+Zum ersten Male,
+Einem Europäer, unter Palmen
+Zu sitzen vergönnt ist. Sela.
+
+Wunderbar wahrlich!
+Da sitze ich nun,
+Der Wüste nahe und bereits
+So fern wieder der Wüste,
+Auch in Nichts noch verwüstet:
+Nämlich hinabgeschluckt
+Von dieser kleinsten Oasis—:
+—sie sperrte gerade gähnend
+Ihr liebliches Maul auf.
+Das wohlriechendste aller Mäulchen:
+Da fiel ich hinein,
+Hinab, hindurch—unter euch,
+Ihr allerliebsten Freundinnen! Sela.
+
+Heil, Heil jenem Wallfische,
+Wenn er also es seinem Gaste
+Wohl sein liess!—ihr versteht
+Meine gelehrte Anspielung?
+Heil seinem Bauche,
+Wenn er also
+Ein so lieblicher Oasis-Bauch war
+Gleich diesem: was ich aber in Zweifel ziehe,
+—dafür komme ich aus Europa,
+Das zweifelsüchtiger ist als alle
+Ältlichen Eheweibchen.
+Möge Gott es bessern!
+Amen!
+
+Da sitze ich nun,
+In dieser kleinsten Oasis,
+Einer Dattel gleich,
+Braun, durchsüsst, goldschwürig, lüstern
+Nach einem runden Mädchenmunde,
+Mehr noch aber nach mädchenhaften
+Eiskalten schneeweissen schneidigen
+Beisszähnen: nach denen nämlich
+Lechzt das Herz allen heissen Datteln. Sela.
+
+Den genannten Südfrüchten
+Ähnlich, allzuähnlich
+Liege ich hier, von kleinen
+Flügelkäfern
+Umtänzelt und umspielt,
+Insgleichen von noch kleineren
+Thörichteren boshafteren
+Wünschen und Einfällen,
+Umlagert von euch,
+Ihr stummen, ihr ahnungsvollen
+Mädchen-Katzen,
+Dudu und Suleika,
+—_umsphinxt_, dass ich in Ein Wort
+Viel Gefühle stopfe:
+(Vergebe mir Gott
+Diese Sprach-Sünde!)
+—sitze hier, die beste Luft schnüffelnd,
+Paradieses-Luft wahrlich,
+Lichte leichte Luft, goldgestreifte,
+So gute Luft nur je
+Vom Monde herabfiel—
+Sei es aus Zufall,
+Oder geschah es aus Übermuthe?
+Wie die alten Dichter erzählen.
+Ich Zweifler aber ziehe es
+In Zweifel, dafür aber komme ich
+Aus Europa,
+Das zweifelsüchtiger ist als alle
+Ältlichen Eheweibchen.
+Möge Gott es bessern!
+Amen!
+
+Diese schönste Luft trinkend,
+Mit Nüstern geschwellt gleich Bechern, Ohne Zukunft, ohne Erinnerungen,
+So sitze ich hier, ihr
+Allerliebsten Freundinnen,
+Und sehe der Palme zu,
+Wie sie, einer Tänzerin gleich,
+Sich biegt und schmiegt und in der Hüfte wiegt,
+—man thut es mit, sieht man lange zu!
+Einer Tänzerin gleich, die, wie mir scheinen will,
+Zu lange schon, gefährlich lange
+Immer, immer nur auf Einem Beine stand?
+—da vergass sie darob, wie mir scheinen will,
+Das andre Beinchen?
+Vergebens wenigstens
+Suchte ich das vermisste Zwillings-Kleinod
+—nämlich das andre Bein—
+In der heiligen Nähe
+Ihres allerliebsten, allerzierlichsten
+Fächer- und Flatter- und Flitterröckchens.
+ja, wenn ihr mir, ihr schönen Freundinnen,
+Ganz glauben wollt:
+Sie hat es verloren!
+Es ist dahin!
+Auf ewig dahin!
+Das andre Bein!
+Oh schade um dieses liebliche andre Bein!
+Wo—mag es wohl weilen und verlassen trauern?
+Das einsame Bein?
+In Furcht vielleicht vor einem
+Grimmen gelben blondgelockten
+Löwen-Unthiere? Oder gar schon
+Abgenagt, abgeknabbert—
+Erbärmlich, wehe! wehe! abgeknabbert! Sela.
+
+Oh weint mir nicht,
+Weiche Herzen!
+Weint mir nicht, ihr
+Dattel-Herzen! Milch-Busen!
+Ihr Süssholz-Herz-
+Beutelchen!
+Weine nicht mehr,
+Bleiche Dudu!
+Sei ein Mann, Suleika! Muth! Muth!
+—Oder sollte vielleicht
+Etwas Stärkendes, Herz-Stärkendes,
+Hier am Platze sein?
+Ein gesalbter Spruch?
+Ein feierlicher Zuspruch?—
+
+Ha! Herauf, Würde!
+Tugend-Würde! Europäer-Würde!
+Blase, blase wieder,
+Blasebalg der Tugend!
+Ha!
+Noch Ein Mal brüllen,
+Moralisch brüllen!
+Als moralischer Löwe
+Vor den Töchtern der Wüste brüllen!
+—Denn Tugend-Geheul,
+Ihr allerliebsten Mädchen,
+Ist mehr als Alles
+Europäer-Inbrunst, Europäer-Heisshunger!
+Und da stehe ich schon,
+Als Europäer,
+Ich kann nicht anders, Gott helfe mir!
+Amen!
+
+Die Wüste wächst: weh Dem, der Wüsten birgt!
+
+
+Die Erweckung
+
+1.
+
+Nach dem Liede des Wanderers und Schattens wurde die Höhle mit Einem
+Male voll Lärmens und Lachens; und da die versammelten Gäste alle
+zugleich redeten, und auch der Esel, bei einer solchen Ermuthigung,
+nicht mehr still blieb, überkam Zarathustra ein kleiner Widerwille und
+Spott gegen seinen Besuch: ob er sich gleich ihrer Fröhlichkeit
+erfreute. Denn sie dünkte ihm ein Zeichen der Genesung. So schlüpfte er
+hinaus in’s Freie und sprach zu seinen Thieren.
+
+„Wo ist nun ihre Noth hin? sprach er, und schon athmete er selber von
+seinem kleinen Überdrusse auf,—bei mir verlernten sie, wie mich dünkt,
+das Nothschrein!
+
+—wenn auch, leider, noch nicht das Schrein.“ Und Zarathustra hielt sich
+die Ohren zu, denn eben mischte sich das I-A des Esels wunderlich mit
+dem Jubel-Lärm dieser höheren Menschen.
+
+„Sie sind lustig, begann er wieder, und wer weiss? vielleicht auf ihres
+Wirthes Unkosten; und lernten sie von mir lachen, so ist es doch nicht
+_mein_ Lachen, das sie lernten.
+
+Aber was liegt daran! Es sind alte Leute: sie genesen auf ihre Art, sie
+lachen auf ihre Art; meine Ohren haben schon Schlimmeres erduldet und
+wurden nicht unwirsch.
+
+Dieser Tag ist ein Sieg: er weicht schon, er flieht, _der Geist der
+Schwere_, mein alter Erzfeind! Wie gut will dieser Tag enden, der so
+schlimm und schwer begann!
+
+Und enden _will_ er. Schon kommt der Abend: über das Meer her reitet
+er, der gute Reiter! Wie er sich wiegt, der Selige, Heimkehrende, in
+seinen purpurnen Sätteln!
+
+Der Himmel blickt klar dazu, die Welt liegt tief: oh all ihr
+Wunderlichen, die ihr zu mir kamt, es lohnt sich schon, bei mir zu
+leben!“
+
+Also sprach Zarathustra. Und wieder kam da das Geschrei und Gelächter
+der höheren Menschen aus der Höhle: da begann er von Neuem.
+
+„Sie beissen an, mein Köder wirkt, es weicht auch ihnen ihr Feind, der
+Geist der Schwere. Schon lernen sie über sich selber lachen: höre ich
+recht?
+
+Meine Manns-Kost wirkt, mein Saft- und Kraft-Spruch: und wahrlich, ich
+nährte sie nicht mit Bläh-Gemüsen! Sondern mit Krieger-Kost, mit
+Eroberer-Kost: neue Begierden weckte ich.
+
+Neue Hoffnungen sind in ihren Armen und Beinen, ihr Herz streckt sich
+aus. Sie finden neue Worte, bald wird ihr Geist Muthwillen athmen.
+
+Solche Kost mag freilich nicht für Kinder sein, noch auch für
+sehnsüchtige alte und junge Weibchen. Denen überredet man anders die
+Eingeweide; deren Arzt und Lehrer bin ich nicht.
+
+Der _Ekel_ weicht diesen höheren Menschen: wohlan! das ist mein Sieg.
+In meinem Reiche werden sie sicher, alle dumme Scham läuft davon, sie
+schütten sich aus.
+
+Sie schütten ihr Herz aus, gute Stunden kehren ihnen zurück, sie feiern
+und käuen wieder,—sie werden _dankbar_.
+
+_Das_ nehme ich als das beste Zeichen: sie werden dankbar. Nicht lange
+noch, und sie denken sich Feste aus und stellen Denksteine ihren alten
+Freuden auf.
+
+Es sind _Genesende_!“ Also sprach Zarathustra fröhlich zu seinem Herzen
+und schaute hinaus; seine Thiere aber drängten sich an ihn und ehrten
+sein Glück und sein Stillschweigen.
+
+2.
+
+Plötzlich aber erschrak das Ohr Zarathustra’s: die Höhle nämlich,
+welche bisher voller Lärmens und Gelächters war, wurde mit Einem Male
+todtenstill;—seine Nase aber roch einen wohlriechenden Qualm und
+Weihrauch, wie von brennenden Pinien-Zapfen.
+
+„Was geschieht? Was treiben sie?“ fragte er sich und schlich zum
+Eingange heran, dass er seinen Gästen, unvermerkt, zusehn könne. Aber,
+Wunder über Wunder! was musste er da mit seinen eignen Augen sehn!
+
+„Sie sind Alle wieder _fromm_ geworden, sie _beten_, sie sind toll!“
+—sprach er und verwundene sich über die Maassen. Und, fürwahr!, alle
+diese höheren Menschen, die zwei Könige, der Papst ausser Dienst, der
+schlimme Zauberer, der freiwillige Bettler, der Wanderer und Schatten,
+der alte Wahrsager, der Gewissenhafte des Geistes und der hässlichste
+Mensch: sie lagen Alle gleich Kindern und gläubigen alten Weibchen auf
+den Knien und beteten den Esel an. Und eben begann der hässlichste
+Mensch zu gurgeln und zu schnauben, wie als ob etwas Unaussprechliches
+aus ihm heraus wolle; als er es aber wirklich bis zu Worten gebracht
+hatte, siehe, da war es eine fromme seltsame Litanei zur Lobpreisung
+des angebeteten und angeräucherten Esels. Diese Litanei aber klang
+also:
+
+Amen! Und Lob und Ehre und Weisheit und Dank und Preis und Stärke sei
+unserm Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit!
+
+—Der Esel aber schrie dazu I-A.
+
+Er trägt unsre Last, er nahm Knechtsgestalt an, er ist geduldsam von
+Herzen und redet niemals Nein; und wer seinen Gott liebt, der züchtigt
+ihn.
+
+—Der Esel aber schrie dazu I-A.
+
+Er redet nicht: es sei denn, dass er zur Welt, die er Schuf, immer Ja
+sagt: also preist er seine Welt. Seine Schlauheit ist es, die nicht
+redet: so bekommt er selten Unrecht.
+
+—Der Esel aber schrie dazu I-A.
+
+Unscheinbar geht er durch die Welt. Grau ist die Leib-Farbe, in welche
+er seine Tugend hüllt. Hat er Geist, so verbirgt er ihn; Jedermann aber
+glaubt an seine langen Ohren.
+
+—Der Esel aber schrie dazu I-A.
+
+Welche verborgene Weisheit ist das, dass er lange Ohren trägt und
+allein ja und nimmer Nein sagt! Hat er nicht die Welt erschaffen nach
+seinem Bilde, nämlich so dumm als möglich?
+
+—Der Esel aber schrie dazu I-A.
+
+Du gehst gerade und krumme Wege; es kümmert dich wenig, was uns
+Menschen gerade oder krumm dünkt. Jenseits von Gut und Böse ist dein
+Reich. Es ist deine Unschuld, nicht zu wissen, was Unschuld ist.
+
+—Der Esel aber schrie dazu I-A.
+
+Siehe doch, wie du Niemanden von dir stössest, die Bettler nicht, noch
+die Könige. Die Kindlein lässest du zu dir kommen, und wenn dich die
+bösen Buben locken, so sprichst du einfältiglich I-A.
+
+—Der Esel aber schrie dazu I-A.
+
+Du liebst Eselinnen und frische Feigen, du bist kein Kostverächter.
+Eine Distel kitzelt dir das Herz, wenn du gerade Hunger hast. Darin
+liegt eines Gottes Weisheit.
+
+—Der Esel aber schrie dazu I-A.
+
+
+Das Eselsfest
+
+1.
+
+An dieser Stelle der Litanei aber konnte Zarathustra sich nicht länger
+bemeistern, schrie selber I-A, lauter noch als der Esel, und sprang
+mitten unter seine tollgewordenen Gäste.
+
+„Aber was treibt ihr da, ihr Menschenkinder? rief er, indem er die
+Betenden vom Boden empor riss. Wehe, wenn euch Jemand Anderes zusähe
+als Zarathustra:
+
+Jeder würde urtheilen, ihr wäret mit eurem neuen Glauben die ärgsten
+Gotteslästerer oder die thörichtsten aller alten Weiblein!
+
+Und du selber, du alter Papst, wie stimmt Das mit dir selber zusammen,
+dass du solchergestalt einen Esel hier als Gott anbetest?“—
+
+„Oh Zarathustra, antwortete der Papst, vergieb mir, aber in Dingen
+Gottes bin ich aufgeklärter noch als du. Und so ist’s billig.
+
+Lieber Gott also anbeten, in dieser Gestalt, als in gar keiner Gestalt!
+Denke über diesen Spruch nach, mein hoher Freund: du erräthst
+geschwind, in solchem Spruch steckt Weisheit.
+
+Der, welcher sprach „Gott ist ein Geist“—der machte bisher auf Erden
+den grössten Schritt und Sprung zum Unglauben: solch Wort ist auf Erden
+nicht leicht wieder gut zu machen!
+
+Mein altes Herz springt und hüpft darob, dass es auf Erden noch Etwas
+anzubeten giebt. Vergieb das, oh Zarathustra, einem alten frommen
+Papst-Herzen!—„
+
+—„Und du, sagte Zarathustra zu dem Wanderer und Schatten, du nennst und
+wähnst dich einen freien Geist? Und treibst hier solchen Götzen- und
+Pfaffendienst?
+
+Schlimmer, wahrlich, treibst du’s hier noch als bei deinen schlimmen
+braunen Mädchen, du schlimmer neuer Gläubiger!“
+
+„Schlimm genug, antwortete der Wanderer und Schatten, du hast Recht:
+aber was kann ich dafür! Der alte Gott lebt wieder, Oh Zarathustra, du
+magst reden, was du willst.
+
+Der hässlichste Mensch ist an Allem schuld: der hat ihn wieder
+auferweckt. Und wenn er sagt, dass er ihn einst getödtet habe: _Tod_
+ist bei Göttern immer nur ein Vorurtheil.“
+
+—Und du, sprach Zarathustra, du schlimmer alter Zauberer, was thatest
+du! Wer soll, in dieser freien Zeit, fürderhin an dich glauben, wenn
+_du_ an solche Götter-Eseleien glaubst?
+
+Es war eine Dummheit, was du thatest; wie konntest du, du Kluger, eine
+solche Dummheit thun!
+
+„Oh Zarathustra, antwortete der kluge Zauberer, du hast Recht, es war
+eine Dummheit,—es ist mir auch schwer genug geworden.“
+
+—„Und du gar, sagte Zarathustra, zu dem Gewissenhaften des Geistes,
+erwäge doch und lege den Finger an deine Nase! Geht hier denn Nichts
+wider dein Gewissen? Ist dein Geist nicht zu reinlich für diess Beten
+und den Dunst dieser Betbrüder?“
+
+„Es ist Etwas daran, antwortete der Gewissenhafte und legte den Finger
+an die Nase, es ist Etwas an diesem Schauspiele, das meinem Gewissen
+sogar wohlthut.
+
+Vielleicht, dass ich an Gott nicht glauben darf: gewiss aber ist, dass
+Gott mir in dieser Gestalt noch am glaubwürdigsten dünkt.
+
+Gott soll ewig sein, nach dem Zeugnisse der Frömmsten: wer so viel Zeit
+hat, lässt sich Zeit. So langsam und so dumm als möglich: _damit_ kann
+ein Solcher es doch sehr weit bringen.
+
+Und wer des Geistes zu viel hat, der möchte sich wohl in die Dumm- und
+Narrheit selber vernarren. Denke über dich selber nach, oh Zarathustra!
+
+Du selber—wahrlich! auch du könntest wohl aus Überfluss und Weisheit zu
+einem Esel werden.
+
+Geht nicht ein vollkommner Weiser gern auf den krümmsten Wegen? Der
+Augenschein lehrt es, oh Zarathustra,—_dein_ Augenschein!“
+
+—„Und du selber zuletzt, sprach Zarathustra und wandte sich gegen den
+hässlichsten Menschen, der immer noch auf dem Boden lag, den Arm zu dem
+Esel emporhebend (er gab ihm nämlich Wein zu trinken). Sprich, du
+Unaussprechlicher, was hast du da gemacht!
+
+Du dünkst mich verwandelt, dein Auge glüht, der Mantel des Erhabenen
+liegt um deine Hässlichkeit: _was_ thatest du?
+
+Ist es denn wahr, was jene sagen, dass du ihn wieder auferwecktest? Und
+wozu? War er nicht mit Grund abgetödtet und abgethan?
+
+Du selber dünkst mich aufgeweckt: was thatest du? was kehrtest _du_ um?
+Was bekehrtest _du_ dich? Sprich, du Unaussprechlicher?“
+
+„Oh Zarathustra, antwortete der hässlichste Mensch, du bist ein Schelm!
+
+Ob _Der_ noch lebt oder wieder lebt oder gründlich todt ist,—wer von
+uns Beiden weiss Das am Besten? Ich frage dich.
+
+Eins aber weiss ich,—von dir selber lernte ich’s einst, oh Zarathustra:
+wer am gründlichsten tödten will, der _lacht_.
+
+„Nicht durch Zorn, sondern durch Lachen tödtet man“—so sprachst du
+einst. Oh Zarathustra, du Verborgener, du Vernichter ohne Zorn, du
+gefährlicher Heiliger, - du bist ein Schelm!“
+
+2.
+
+Da aber geschah es, dass Zarathustra, verwundert über lauter solche
+Schelmen-Antworten, zur Thür seiner Höhle zurück sprang und, gegen alle
+seine Gäste gewendet, mit starker Stimme schrie:
+
+„Oh ihr Schalks-Narren allesammt, ihr Possenreisser! Was verstellt und
+versteckt ihr euch vor mir!
+
+Wie doch einem jeden von euch das Herz zappelte vor Lust und Bosheit,
+darob, dass ihr endlich einmal wieder wurdet wie die Kindlein, nämlich
+fromm,—
+
+—dass ihr endlich wieder thatet wie Kinder thun, nämlich betetet,
+hände-faltetet und „lieber Gott“ sagtet!
+
+Aber nun lasst mir _diese_ Kinderstube, meine eigne Höhle, wo heute
+alle Kinderei zu Hause ist. Kühlt hier draussen euren heissen
+Kinder-Übermuth und Herzenslärm ab!
+
+Freilich: so ihr nicht werdet wie die Kindlein, so kommt ihr nicht in
+_das_ Himmelreich. (Und Zarathustra zeigte mit den Händen nach Oben.)
+
+Aber wir wollen auch gar nicht in’s Himmelreich: Männer sind wir
+worden,—so wollen wir das Erdenreich.“
+
+3.
+
+Und noch einmal hob Zarathustra an zu reden. „Oh meine neuen Freunde,
+sprach er,—ihr Wunderlichen, ihr höheren Menschen, wie gut gefallt ihr
+mir nun,—
+
+—seit ihr wieder fröhlich wurdet! Ihr seid wahrlich Alle aufgeblüht:
+mich dünkt, solchen Blumen, wie ihr seid, thun _neue Feste_ noth,
+
+—ein kleiner tapferer Unsinn, irgend ein Gottesdienst und Eselsfest,
+irgend ein alter fröhlicher Zarathustra-Narr, ein Brausewind, der euch
+die Seelen hell bläst.
+
+Vergesst die Nacht und diess Eselsfest nicht, ihr höheren Menschen!
+_Das_ erfandet ihr bei mir, Das nehme ich als gutes
+Wahrzeichen,—Solcherlei erfinden nur Genesende!
+
+Und feiert ihr es abermals, dieses Eselsfest, thut’s euch zu Liebe,
+thut’s auch mir zu Liebe! Und zu _meinem_ Gedächtniss!“
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+Das Nachtwandler-Lied
+
+1.
+
+Inzwischen aber war Einer nach dem Andern hinaus getreten, in’s Freie
+und in die kühle nachdenkliche Nacht; Zarathustra selber aber führte
+den hässlichsten Menschen an der Hand, dass er ihm seine Nacht-Welt und
+den grossen runden Mond und die silbernen Wasserstürze bei seiner Höhle
+zeige. Da standen sie endlich still bei einander, lauter alte Leute,
+aber mit einem getrösteten tapferen Herzen und verwundert bei sich,
+dass es ihnen auf Erden so wohl war; die Heimlichkeit der Nacht aber
+kam ihnen näher und näher an’s Herz. Und von Neuem dachte Zarathustra
+bei sich: „oh wie gut sie mir nun gefallen, diese höheren
+Menschen!“—aber er sprach es nicht aus, denn er ehrte ihr Glück und ihr
+Stillschweigen.—
+
+Da aber geschah Das, was an jenem erstaunlichen langen Tage das
+Erstaunlichste war: der hässlichste Mensch begann noch ein Mal und zum
+letzten Mal zu gurgeln und zu schnauben, und als er es bis zu Worten
+gebracht hatte, siehe, da sprang eine Frage rund und reinlich aus
+seinem Munde, eine gute tiefe klare Frage, welche Allen, die ihm
+zuhörten, das Herz im Leibe bewegte.
+
+„Meine Freunde insgesammt, sprach der hässlichste Mensch, was dünket
+euch? Um dieses Tags Willen—_ich_ bin’s zum ersten Male zufrieden, dass
+ich das ganze Leben lebte.
+
+Und dass ich so viel bezeuge, ist mir noch nicht genug. Es lohnt sich
+auf der Erde zu leben: Ein Tag, Ein Fest mit Zarathustra lehrte mich
+die Erde lieben.
+
+„War _Das_—das Leben?“ will ich zum Tode sprechen. „Wohlan! Noch Ein
+Mal!“
+
+Meine Freunde, was dünket euch? Wollt ihr nicht gleich mir zum Tode
+sprechen: War Das—das Leben? Um Zarathustra’s Willen, wohlan! Noch Ein
+Mal!“—
+
+Also sprach der hässlichste Mensch; es war aber nicht lange vor
+Mitternacht. Und was glaubt ihr wohl, dass damals sich zutrug? Sobald
+die höheren Menschen seine Frage hörten, wurden sie sich mit Einem Male
+ihrer Verwandlung und Genesung bewusst, und wer ihnen dieselbe gegeben
+habe: da sprangen sie auf Zarathustra zu, dankend, verehrend,
+liebkosend, ihm die Hände küssend, so wie es der Art eines Jeden eigen
+war: also dass Einige lachten, Einige weinten. Der alte Wahrsager aber
+tanzte vor Vergnügen; und wenn er auch, wie manche Erzähler meinen,
+damals voll süssen Weines war, so war er gewisslich noch voller des
+süssen Lebens und hatte aller Müdigkeit abgesagt. Es giebt sogar
+Solche, die erzählen, dass damals der Esel getanzt habe: nicht umsonst
+nämlich habe ihm der hässlichste Mensch vorher Wein zu trinken gegeben.
+Diess mag sich nun so verhalten oder auch anders; und wenn in Wahrheit
+an jenem Abende der Esel nicht getanzt hat, so geschahen doch damals
+grössere und seltsamere Wunderdinge als es das Tanzen eines Esels wäre.
+Kurz, wie das Sprichwort Zarathustra’s lautet: „was liegt daran!“
+
+2.
+
+Zarathustra aber, als sich diess mit dem hässlichsten Menschen zutrug,
+stand da, wie ein Trunkener: sein Blick erlosch, seine Zunge lallte,
+seine Füsse schwankten. Und wer möchte auch errathen, welche Gedanken
+dabei über Zarathustra’s Seele liefen? Ersichtlich aber wich sein Geist
+zurück und floh voraus und war in weiten Fernen und gleichsam „auf
+hohem Joche, wie geschrieben steht, zwischen zwei Meeren,
+
+—zwischen Vergangenem und Zukünftigem als schwere Wolke wandelnd.“
+Allgemach aber, während ihn die höheren Menschen in den Armen hielten,
+kam er ein Wenig zu sich selber zurück und wehrte mit den Händen dem
+Gedränge der Verehrenden und Besorgten; doch sprach er nicht. Mit Einem
+Male aber wandte er schnell den Kopf, denn er schien Etwas zu hören: da
+legte er den Finger an den Mund und sprach: „Kommt!“
+
+Und alsbald wurde es rings still und heimlich; aus der Tiefe aber kam
+langsam der Klang einer Glocke herauf. Zarathustra horchte darnach,
+gleich den höheren Menschen; dann aber legte er zum andern Male den
+Finger an den Mund und sprach wiederum: „Kommt! Kommt! Es geht gen
+Mitternacht!“—und seine Stimme hatte sich verwandelt. Aber immer noch
+rührte er sich nicht von der Stelle: da wurde es noch stiller und
+heimlicher, und Alles horchte, auch der Esel, und Zarathustra’s
+Ehrenthiere, der Adler und die Schlange, insgleichen die Höhle
+Zarathustra’s und der grosse kühle Mond und die Nacht selber.
+Zarathustra aber legte zum dritten Male die Hand an den Mund und
+sprach:
+
+Kommt! Kommt! Kommt! Lasst uns jetzo wandeln! Es ist die Stunde: lasst
+uns in die Nacht wandeln!
+
+3.
+
+Ihr höheren Menschen, es geht gen Mitternacht: da will ich euch Etwas
+in die Ohren sagen, wie jene alte Glocke es mir in’s Ohr sagt,—
+
+—so heimlich, so schrecklich, so herzlich, wie jene Mitternachts-Glocke
+zu mir es redet, die mehr erlebt hat als Ein Mensch:
+
+—welche schon eurer Väter Herzens-Schmerzens-Schläge abzählte—ach! ach!
+wie sie seufzt! wie sie im Traume lacht! die alte tiefe tiefe
+Mitternacht!
+
+Still! Still! Da hört sich Manches, das am Tage nicht laut werden darf;
+nun aber, bei kühler Luft, da auch aller Lärm eurer Herzen stille
+ward,—
+
+—nun redet es, nun hört es sich, nun schleicht es sich in nächtliche
+überwache Seelen: ach! ach! wie sie seufzt! wie sie im Traume lacht!
+
+—hörst du’s nicht, wie sie heimlich, schrecklich, herzlich zu _dir_
+redet, die alte tiefe tiefe Mitternacht? Oh Mensch, gieb Acht!
+
+4.
+
+Wehe mir! Wo ist die Zeit hin? Sank ich nicht in tiefe Brunnen? Die
+Welt schläft—
+
+Ach! Ach! Der Hund heult, der Mond scheint. Lieber will ich sterben,
+sterben, als euch sagen, was mein Mitternachts-Herz eben denkt.
+
+Nun starb ich schon. Es ist dahin. Spinne, was spinnst du um mich?
+Willst du Blut? Ach! Ach! der Thau fällt, die Stunde kommt—
+
+—die Stunde, wo mich fröstelt und friert, die fragt und fragt und
+fragt: „wer hat Herz genug dazu?
+
+—wer soll der Erde Herr sein? Wer will sagen: _so_ sollt ihr laufen,
+ihr grossen und kleinen Ströme!“
+
+—die Stunde naht: oh Mensch, du höherer Mensch, gieb Acht! diese Rede
+ist für feine Ohren, für deine Ohren was spricht die tiefe Mitternacht?
+
+5.
+
+Es trägt mich dahin, meine Seele tanzt. Tagewerk! Tagewerk! Wer soll
+der Erde Herr sein?
+
+Der Mond ist kühl, der Wind schweigt. Ach! Ach! Flogt ihr schon hoch
+genug? Ihr tanztet: aber ein Bein ist doch kein Flügel.
+
+Ihr guten Tänzer, nun ist alle Lust vorbei, Wein ward Hefe, jeder
+Becher ward mürbe, die Gräber stammeln.
+
+Ihr flogt nicht hoch genug: nun stammeln die Gräber „erlöst doch die
+Todten! Warum ist so lange Nacht? Macht uns nicht der Mond trunken?“
+
+Ihr höheren Menschen, erlöst doch die Gräber, weckt die Leichname auf!
+Ach, was gräbt noch der Wurm? Es naht, es naht die Stunde,—
+
+—es brummt die Glocke, es schnarrt noch das Herz, es gräbt noch der
+Holzwurm, der Herzenswurm. Ach! Ach! Die Welt ist tief!
+
+6.
+
+Süsse Leier! Süsse Leier! Ich liebe deinen Ton, deinen trunkenen
+Unken-Ton!—wie lang her, wie fern her kommt mir dein Ton, weit her, von
+den Teichen der Liebe!
+
+Du alte Glocke, du süsse Leier! Jeder Schmerz riss dir in’s Herz,
+Vaterschmerz, Väterschmerz, Urväterschmerz, deine Rede wurde reif,-
+
+—reif gleich goldenem Herbste und Nachmittage, gleich meinem
+Einsiedlerherzen - nun redest du: die Welt selber ward reif, die Traube
+bräunt,
+
+—nun will sie sterben, vor Glück sterben. Ihr höheren Menschen, riecht
+ihr’s nicht? Es quillt heimlich ein Geruch herauf,
+
+—ein Duft und Geruch der Ewigkeit, ein rosenseliger, brauner
+Gold-Wein-Geruch von altem Glücke,
+
+von trunkenem Mitternachts-Sterbeglücke, welches singt: die Welt ist
+tief und tiefer als der Tag gedacht!
+
+7.
+
+Lass mich! Lass mich! Ich bin zu rein für dich. Rühre mich nicht an!
+Ward meine Welt nicht eben vollkommen?
+
+Meine Haut ist zu rein für deine Hände. Lass mich, du dummer tölpischer
+dumpfer Tag! Ist die Mitternacht nicht heller?
+
+Die Reinsten sollen der Erde Herrn sein, die Unerkanntesten, Stärksten,
+die Mitternachts-Seelen, die heller und tiefer sind als jeder Tag.
+
+Oh Tag, du tappst nach mir? Du tastest nach meinem Glücke? Ich bin dir
+reich, einsam, eine Schatzgrube, eine Goldkammer?
+
+Oh Welt, du willst _mich_? Bin ich dir weltlich? Bin ich dir geistlich?
+Bin ich dir göttlich? Aber Tag und Welt, ihr seid zu plump,—
+
+—habt klügere Hände, greift nach tieferem Glücke, nach tieferem
+Unglücke, greift nach irgend einem Gotte, greift nicht nach mir:
+
+—mein Unglück, mein Glück ist tief, du wunderlicher Tag, aber doch bin
+ich kein Gott, keine Gottes-Hölle: tief ist ihr Weh.
+
+8.
+
+Gottes Weh ist tiefer, du wunderliche Welt! Greife nach Gottes Weh,
+nicht nach mir! Was bin ich! Eine trunkene süsse Leier,—
+
+eine Mitternachts-Leier, eine Glocken-Unke, die Niemand versteht, aber
+welche reden _muss_, vor Tauben, ihr höheren Menschen! Denn ihr
+versteht mich nicht!
+
+Dahin! Dahin! Oh Jugend! Oh Mittag! Oh Nachmittag! Nun kam Abend und
+Nacht und Mitternacht,—der Hund heult, der Wind:
+
+—ist der Wind nicht ein Hund? Er winselt, er kläfft, er heult. Ach!
+Ach! wie sie seufzt! wie sie lacht, wie sie röchelt und keucht, die
+Mitternacht!
+
+Wie sie eben nüchtern spricht, diese trunkene Dichterin! sie übertrat
+wohl ihre Trunkenheit? sie wurde überwach? sie käut zurück?
+
+—ihr Weh käut sie zurück, im Traume, die alte tiefe Mitternacht, und
+mehr noch ihre Lust. Lust nämlich, wenn schon Weh tief ist: Lust ist
+tiefer noch als Herzeleid.
+
+8.
+
+Du Weinstock! Was preisest du mich? Ich schnitt dich doch! Ich bin
+grausam, du blutest—: was will dein Lob meiner trunkenen Grausamkeit?
+
+„Was vollkommen ward, alles Reife—will sterben!“ so redest du.
+Gesegnet, gesegnet sei das Winzermesser! Aber alles Unreife will leben:
+wehe!
+
+Weh spricht: „Vergeh! Weg, du Wehe!“ Aber Alles, was leidet, will
+leben, dass es reif werde und lustig und sehnsüchtig,
+
+—sehnsüchtig nach Fernerem, Höherem, Hellerem. „Ich will Erben, so
+spricht Alles, was leidet, ich will Kinder, ich will nicht _mich_,“—
+
+Lust aber will nicht Erben, nicht Kinder,—Lust will sich selber, will
+Ewigkeit, will Wiederkunft, will Alles-sich-ewig-gleich.
+
+Weh spricht: „Brich, blute, Herz! Wandle, Bein! Flügel, flieg! Hinan!
+Hinauf! Schmerz!“ Wohlan! Wohlauf! Oh mein altes Herz: Weh spricht:
+„vergeh!“
+
+10.
+
+Ihr höheren Menschen, was dünket euch? Bin ich ein Wahrsager? Ein
+Träumender? Trunkener? Ein Traumdeuter? Eine Mitternachts-Glocke?
+
+Ein Tropfen Thau’s? Ein Dunst und Duft der Ewigkeit? Hört ihr’s nicht?
+Riecht ihr’s nicht? Eben ward meine Welt vollkommen, Mitternacht ist
+auch Mittag,—
+
+Schmerz ist auch eine Lust, Fluch ist auch ein Segen, Nacht ist auch
+eine Sonne,—geht davon oder ihr lernt: ein Weiser ist auch ein Narr.
+
+Sagtet ihr jemals ja zu Einer Lust? Oh, meine Freunde, so sagtet ihr Ja
+auch zu _allem_ Wehe. Alle Dinge sind verkettet, verfädelt, verliebt,—
+
+—wolltet ihr jemals Ein Mal Zwei Mal, spracht ihr jemals „du gefällst
+mir, Glück! Husch! Augenblick!“ so wolltet ihr _Alles_ zurück!
+
+—Alles von neuem, Alles ewig, Alles verkettet, verfädelt, verliebt, oh
+so _liebtet_ ihr die Welt,—
+
+—ihr Ewigen, liebt sie ewig und allezeit: und auch zum Weh sprecht ihr:
+vergeh, aber komm zurück! Denn alle Lust will—Ewigkeit!
+
+11.
+
+Alle Lust will aller Dinge Ewigkeit, will Honig, will Hefe, will
+trunkene Mitternacht, will Gräber, will Gräber-Thränen-Trost, will
+vergüldetes Abendroth -
+
+—_was_ will nicht Lust! sie ist durstiger, herzlicher, hungriger,
+schrecklicher, heimlicher als alles Weh, sie will _sich_, sie beisst in
+_sich_, des Ringes Wille ringt in ihr,—
+
+—sie will Liebe, sie will Hass, sie ist überreich, schenkt, wirft weg,
+bettelt, dass Einer sie nimmt, dankt dem Nehmenden, sie möchte gern
+gehasst sein,—
+
+—so reich ist Lust, dass sie nach Wehe durstet, nach Hölle, nach Hass,
+nach Schmach, nach dem Krüppel, nach _Welt_,—denn diese Welt, oh ihr
+kennt sie ja!
+
+Ihr höheren Menschen, nach euch sehnt sie sich, die Lust, die
+unbändige, selige,—nach eurem Weh, ihr Missrathenen! Nach Missrathenem
+sehnt sich alle ewige Lust.
+
+Denn alle Lust will sich selber, drum will sie auch Herzeleid! Oh
+Glück, oh Schmerz! Oh brich, Herz! Ihr höheren Menschen, lernt es doch,
+Lust will Ewigkeit,
+
+—Lust will _aller_ Dinge Ewigkeit, will tiefe, tiefe Ewigkeit!
+
+12.
+
+Lerntet ihr nun mein Lied? Erriethet ihr, was es will? Wohlan! Wohlauf!
+Ihr höheren Menschen, so singt mir nun meinen Rundgesang!
+
+Singt mir nun selber das Lied, dess Name ist „Noch ein Mal“, dess Sinn
+ist „in alle Ewigkeit!“, singt, ihr höheren Menschen, Zarathustra’s
+Rundgesang!
+
+Oh Mensch! Gieb Acht!
+Was spricht die tiefe Mitternacht?
+„Ich schlief, ich schlief—,
+Aus tiefem Traum bin ich erwacht:—
+Die Welt ist tief,
+Und tiefer als der Tag gedacht.
+Tief ist ihr Weh—,
+Lust—tiefer noch als Herzeleid:
+Weh spricht: Vergeh!
+Doch alle Lust will Ewigkeit
+will tiefe, tiefe Ewigkeit!“
+
+
+Das Zeichen
+
+Des Morgens aber nach dieser Nacht sprang Zarathustra von seinem Lager
+auf, gürtete sich die Lenden und kam heraus aus seiner Höhle, glühend
+und stark, wie eine Morgensonne, die aus dunklen Bergen kommt.
+
+„Du grosses Gestirn, sprach er, wie er einstmal gesprochen hatte, du
+tiefes Glücks-Auge, was wäre all dein Glück, wenn du nicht _Die_
+hättest, welchen du leuchtest!
+
+Und wenn sie in ihren Kammern blieben, während du schon wach bist und
+kommst und schenkst und austheilst: wie würde darob deine stolze Scham
+zürnen!
+
+Wohlan! sie schlafen noch, diese höheren Menschen, während _ich_ wach
+bin: _das_ sind nicht meine rechten Gefährten! Nicht auf sie warte ich
+hier in meinen Bergen.
+
+Zu meinem Werke will ich, zu meinem Tage: aber sie verstehen nicht, was
+die Zeichen meines Morgens sind, mein Schritt—ist für sie kein Weckruf.
+
+Sie schlafen noch in meiner Höhle, ihr Traum käut noch an meinen
+Mitternächten. Das Ohr, das nach _mir_ horcht,—das _gehorchende_ Ohr
+fehlt in ihren Gliedern.“
+
+—Diess hatte Zarathustra zu seinem Herzen gesprochen, als die Sonne
+aufgieng: da blickte er fragend in die Höhe, denn er hörte über sich
+den scharfen Ruf seines Adlers. „Wohlan! rief er hinauf, so gefällt und
+gebührt es mir. Meine Thiere sind wach, denn ich bin wach.
+
+Mein Adler ist wach und ehrt gleich mir die Sonne. Mit Adlers-Klauen
+greift er nach dem neuen Lichte. Ihr seid meine rechten Thiere; ich
+liebe euch.
+
+Aber noch fehlen mir meine rechten Menschen!“—
+
+Also sprach Zarathustra; da aber geschah es, dass er sich plötzlich wie
+von unzähligen Vögeln umschwärmt und umflattert hörte,—das Geschwirr so
+vieler Flügel aber und das Gedräng um sein Haupt war so gross, dass er
+die Augen schloss. Und wahrlich, einer Wolke gleich fiel es über ihn
+her, einer Wolke von Pfeilen gleich, welche sich über einen neuen Feind
+ausschüttet. Aber siehe, hier war es eine Wolke der Liebe, und über
+einen neuen Freund.
+
+„Was geschieht mir?“ dachte Zarathustra in seinem erstaunten Herzen und
+liess sich langsam auf dem grossen Steine nieder, der neben dem
+Ausgange seiner Höhle lag. Aber, indem er mit den Händen um sich und
+über sich und unter sich griff, und den zärtlichen Vögeln wehrte,
+siehe, da geschah ihm etwas noch Seltsameres: er griff nämlich dabei
+unvermerkt in ein dichtes warmes Haar-Gezottel hinein; zugleich aber
+erscholl vor ihm ein Gebrüll,—ein sanftes langes Löwen-Brüllen.
+
+„Das Zeichen kommt,“ sprach Zarathustra und sein Herz verwandelte sich.
+Und in Wahrheit, als es helle vor ihm wurde, da lag ihm ein gelbes
+mächtiges Gethier zu Füssen und schmiegte das Haupt an seine Knie und
+wollte nicht von ihm lassen vor Liebe und that einem Hunde gleich,
+welcher seinen alten Herrn wiederfindet. Die Tauben aber waren mit
+ihrer Liebe nicht minder eifrig als der Löwe; und jedes Mal, wenn eine
+Taube über die Nase des Löwen huschte, schüttelte der Löwe das Haupt
+und wunderte sich und lachte dazu.
+
+Zu dem Allen sprach Zarathustra nur Ein Wort: „meine Kinder sind nahe,
+meine Kinder“—, dann wurde er ganz stumm. Sein Herz aber war gelöst,
+und aus seinen Augen tropften Thränen herab und fielen auf seine Hände.
+Und er achtete keines Dings mehr und sass da, unbeweglich und ohne dass
+er sich noch gegen die Thiere wehrte. Da flogen die Tauben ab und zu
+und setzten sich ihm auf die Schulter und liebkosten sein weisses Haar
+und wurden nicht müde mit Zärtlichkeit und Frohlocken. Der starke Löwe
+aber leckte immer die Thränen, welche auf die Hände Zarathustra’s
+herabfielen und brüllte und brummte schüchtern dazu. Also trieben es
+diese Thiere.—
+
+Diess Alles dauerte eine lange Zeit, oder eine kurze Zeit: denn, recht
+gesprochen, giebt es für dergleichen Dinge auf Erden _keine_ Zeit—.
+Inzwischen aber waren die höheren Menschen in der Höhle Zarathustra’s
+wach geworden und ordneten sich mit einander zu einem Zuge an, dass sie
+Zarathustra entgegen giengen und ihm den Morgengruss böten: denn sie
+hatten gefunden, als sie erwachten, dass er schon nicht mehr unter
+ihnen weilte. Als sie aber zur Thür der Höhle gelangten, und das
+Geräusch ihrer Schritte ihnen voranlief, da stutzte der Löwe gewaltig,
+kehrte sich mit Einem Male von Zarathustra ab und sprang, wild
+brüllend, auf die Höhle los; die höheren Menschen aber, als sie ihn
+brüllen hörten, schrien alle auf, wie mit Einem Munde, und flohen
+zurück und waren im Nu verschwunden.
+
+Zarathustra selber aber, betäubt und fremd, erhob sich von seinem
+Sitze, sah um sich, stand staunend da, fragte sein Herz, besann sich
+und war allein. „Was hörte ich doch? sprach er endlich langsam, was
+geschah mir eben?“
+
+Und schon kam ihm die Erinnerung, und er begriff mit Einem Blicke
+Alles, was zwischen Gestern und Heute sich begeben hatte. „Hier ist ja
+der Stein, sprach er und strich sich den Bart, auf _dem_ sass ich
+gestern am Morgen; und hier trat der Wahrsager zu mir, und hier hörte
+ich zuerst den Schrei, den ich eben hörte, den grossen Nothschrei.
+
+Oh ihr höheren Menschen, von _eurer_ Noth war’s ja, dass gestern am
+Morgen jener alte Wahrsager mir wahrsagte,—
+
+—zu eurer Noth wollte er mich verfuhren und versuchen: oh Zarathustra,
+sprach er zu mir, ich komme, dass ich dich zu deiner letzten Sünde
+verführe.
+
+Zu meiner letzten Sünde? rief Zarathustra und lachte zornig über sein
+eigenes Wort: _was_ blieb mir doch aufgespart als meine letzte Sünde?“
+
+—Und noch ein Mal versank Zarathustra in sich und setzte sich wieder
+auf den grossen Stein nieder und sann nach. Plötzlich sprang er empor,—
+
+„Mitleiden! Das Mitleiden mit dem höheren Menschen! schrie er auf, und
+sein Antlitz verwandelte sich in Erz. Wohlan! _Das_—hatte seine Zeit!
+
+Mein Leid und mein Mitleiden—was liegt daran! Trachte ich denn nach
+_Glücke_? Ich trachte nach meinem _Werke_!
+
+Wohlan! Der Löwe kam, meine Kinder sind nahe, Zarathustra ward reif,
+meine Stunde kam:—
+
+Dies ist _mein_ Morgen, _mein_ Tag hebt an: herauf nun, herauf, du
+grosser Mittag!“—
+
+Also sprach Zarathustra und verliess seine Höhle, glühend und stark,
+wie eine Morgensonne, die aus dunklen Bergen kommt.
+
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ALSO SPRACH ZARATHUSTRA ***
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions will
+be renamed.
+
+Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright
+law means that no one owns a United States copyright in these works,
+so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the
+United States without permission and without paying copyright
+royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part
+of this license, apply to copying and distributing Project
+Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm
+concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark,
+and may not be used if you charge for an eBook, except by following
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+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
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+Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
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+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation
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