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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-02-24 09:22:45 -0800 |
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Freud=. + + Zweite Auflage. Preis M 7.-- = K 8.40. + + + Die Traumdeutung. + + Von =Prof. Dr. Sigm. Freud=. + + Zweite, vermehrte Auflage. Preis M 9.-- = K 10.80. + + + Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. + + Von =Prof. Dr. Sigm. Freud=. + + Zweite Auflage. Preis M 2.-- = K 2.40. + + + Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre. + + Von =Prof. Dr. Sigm. Freud=. + + I. und II. Reihe. Preis à M 5.-- = K 6.--. + + + Der Wahn und die Träume in W. Jensens »Gradiva«. + + (Schriften zur angewandten Seelenkunde. I. Heft.) + + Von =Prof. Dr. Sigmund Freud= in =Wien=. + + Preis M 2.50 = K 3.--. + + + Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten. + + Von =Prof. Dr. Sigm. Freud=. + + Preis M 5.-- = K 6.--. + + + Über Psychoanalyse. + + Fünf Vorlesungen, gehalten zur 20jährigen Gründungsfeier der Clark + University in Worcester, Mass. + + Von =Prof. Dr. Sigm. Freud=. + + Preis M 1.-- = K 1.20. + + [Illustration: Heilige Anna Selbdritt. + + Nach dem Gemälde im Louvre zu Paris.] + + + + + SCHRIFTEN ZUR ANGEWANDTEN SEELENKUNDE + HERAUSGEGEBEN VON PROF. DR. SIGM. FREUD + SIEBENTES HEFT. + + + + + EINE KINDHEITSERINNERUNG + DES LEONARDO DA VINCI + + VON + + SIGM. FREUD + IN WIEN. + + MIT EINEM TITELBILD + + LEIPZIG UND WIEN + FRANZ DEUTICKE + 1910. + + Verlags-Nr. 1731. + + K. und K. Hofbuchdruckerei Karl Prochaska in Teschen. + + + + + I. + + +Wenn die seelenärztliche Forschung, die sich sonst mit schwächlichem +Menschenmaterial begnügt, an einen der Großen des Menschengeschlechtes +herantritt, so folgt sie dabei nicht den Motiven, die ihr von den Laien +so häufig zugeschoben werden. Sie strebt nicht danach, »das Strahlende +zu schwärzen und das Erhabene in den Staub zu ziehen«; es bereitet ihr +keine Befriedigung, den Abstand zwischen jener Vollkommenheit und der +Unzulänglichkeit ihrer gewöhnlichen Objekte zu verringern. Sondern sie +kann nicht anders, als alles des Verständnisses wert finden, was sich +an jenen Vorbildern erkennen läßt, und sie meint, es sei niemand so +groß, daß es für ihn eine Schande wäre, den Gesetzen zu unterliegen, +die normales und krankhaftes Tun mit gleicher Strenge beherrschen. + +Als einer der größten Männer der italienischen Renaissance ist +~Leonardo da Vinci~ (1452-1519) schon von den Zeitgenossen +bewundert worden und doch bereits ihnen rätselhaft erschienen, wie +auch jetzt noch uns. Ein allseitiges Genie, »dessen Umrisse man nur +ahnen kann, -- nie ergründen,«[1] übte er den maßgebendsten Einfluß +auf seine Zeit als Maler aus; erst uns blieb es vorbehalten, die Größe +des Naturforschers zu erkennen, der sich in ihm mit dem Künstler +verband. Wenngleich er Meisterwerke der Malerei hinterlassen, während +seine wissenschaftlichen Entdeckungen unveröffentlicht und unverwertet +blieben, hat doch in seiner Entwicklung der Forscher den Künstler +nie ganz frei gelassen, ihn oftmals schwer beeinträchtigt und ihn +vielleicht am Ende unterdrückt. ~Vasari~ legt ihm in seiner +letzten Lebensstunde den Selbstvorwurf in den Mund, daß er Gott und +die Menschen beleidigt, indem er in seiner Kunst nicht seine Pflicht +getan.[2] Und wenn auch diese Erzählung ~Vasaris~ weder die äußere +noch viel innere Wahrscheinlichkeit für sich hat, sondern der Legende +angehört, die sich um den geheimnisvollen Meister schon zu seinen +Lebzeiten zu bilden begann, so verbleibt ihr doch als Zeugnis für das +Urteil jener Menschen und jener Zeiten ein unbestreitbarer Wert. + +Was war es, was die Persönlichkeit Leonardos dem Verständnis seiner +Zeitgenossen entrückte? Gewiß nicht die Vielseitigkeit seiner Anlagen +und Kenntnisse, die ihm gestattete, sich am Hofe des ~Lodovico +Sforza~, zubenannt ~il Moro~, Herzogs von Mailand, als Lautenspieler +auf einem von ihm neugeformten Instrumente einzuführen oder ihn jenen +merkwürdigen Brief an eben denselben schreiben ließ, in dem er sich +seiner Leistungen als Bau- und Kriegsingenieur berühmte. Denn an +solche Vereinigung vielfältigen Könnens in einer Person waren die +Zeiten der Renaissance wohl gewöhnt; allerdings war Leonardo selbst +eines der glänzendsten Beispiele dafür. Auch gehörte er nicht jenem +Typus genialer Menschen an, die, von der Natur äußerlich karg bedacht, +ihrerseits keinen Wert auf die äußerlichen Formen des Lebens legen +und in der schmerzlichen Verdüsterung ihrer Stimmung den Verkehr der +Menschen fliehen. Er war vielmehr groß und ebenmäßig gewachsen, von +vollendeter Schönheit des Gesichtes und von ungewöhnlicher Körperkraft, +bezaubernd in den Formen seines Umgangs, ein Meister der Rede, heiter +und liebenswürdig gegen alle; er liebte die Schönheit auch an den +Dingen, die ihn umgaben, trug gern prunkvolle Gewänder und schätzte +jede Verfeinerung der Lebensführung. In einer für seine heitere +Genußfähigkeit bedeutsamen Stelle des Traktats über Malerei[3] hat er +die Malerei mit ihren Schwesterkünsten verglichen und die Beschwerden +der Arbeit des Bildhauers geschildert: »Da hat er das Gesicht ganz +beschmiert und mit Marmorstaub eingepudert, so daß er wie ein Bäcker +ausschaut, und ist mit kleinen Marmorsplittern über und über bedeckt, +daß es aussieht, als hätte es ihm auf den Buckel geschneit, und seine +Behausung, die ist voll Steinsplitter und Staub. Ganz das Gegenteil +von alle diesem ist beim Maler der Fall, -- .... denn der Maler sitzt +mit großer Bequemlichkeit vor seinem Werke, wohlgekleidet, und regt +den ganz leichten Pinsel mit den anmutigen Farben. Mit Kleidern ist +er geschmückt, wie es ihm gefällt. Und seine Behausung, die ist voll +heiterer Malereien und glänzend reinlich. Oft hat er Gesellschaft, von +Musik, oder von Vorlesern verschiedener schöner Werke, und das wird +ohne Hammergedröhn oder sonstigen Lärm mit großem Vergnügen angehört.« + +Es ist ja sehr wohl möglich, daß die Vorstellung eines strahlend +heiteren und genußfrohen Leonardo nur für die erste, längere +Lebensperiode des Meisters recht hat. Von da an, als der Niedergang der +Herrschaft des Lodovico Moro ihn zwang, Mailand, seinen Wirkungskreis +und seine gesicherte Stellung zu verlassen, um ein unstetes, an äußeren +Erfolgen wenig reiches Leben bis zum letzten Asyl in Frankreich +zu führen, mag der Glanz seiner Stimmung verblichen und mancher +befremdliche Zug seines Wesens stärker hervorgetreten sein. Auch die +mit den Jahren zunehmende Wendung seiner Interessen von seiner Kunst +zur Wissenschaft mußte dazu beitragen, die Kluft zwischen seiner +Person und seinen Zeitgenossen zu erweitern. Alle die Versuche, +mit denen er nach ihrer Meinung seine Zeit vertrödelte, anstatt +emsig auf Bestellung zu malen und sich zu bereichern, wie etwa sein +ehemaliger Mitschüler ~Perugino~, erschienen ihnen als grillenhafte +Spielereien oder brachten ihn selbst in den Verdacht, der »schwarzen +Kunst« zu dienen. Wir verstehen ihn hierin besser, die wir aus seinen +Aufzeichnungen wissen, welche Künste er übte. In einer Zeit, welche +die Autorität der Kirche mit der der Antike zu vertauschen begann und +voraussetzungslose Forschung noch nicht kannte, war er, der Vorläufer, +ja ein nicht unwürdiger Mitbewerber von ~Bacon~ und ~Kopernikus~, +notwendig vereinsamt. Wenn er Pferde- und Menschenleichen zerlegte, +Flugapparate baute, die Ernährung der Pflanzen und ihr Verhalten gegen +Gifte studierte, rückte er allerdings weit ab von den Kommentatoren des +Aristoteles und kam in die Nähe der verachteten Alchymisten, in deren +Laboratorien die experimentelle Forschung wenigstens eine Zuflucht +während dieser ungünstigen Zeiten gefunden hatte. + +Für seine Malerei hatte dies die Folge, daß er ungern den Pinsel zur +Hand nahm, immer weniger und seltener malte, das Angefangene meist +unfertig stehen ließ und sich um das weitere Schicksal seiner Werke +wenig kümmerte. Das war es auch, was ihm seine Zeitgenossen zum Vorwurf +machten, denen sein Verhältnis zur Kunst ein Rätsel blieb. + +Mehrere der späteren Bewunderer Leonardos haben es versucht, den +Makel der Unstetigkeit von seinem Charakter zu tilgen. Sie machen +geltend, daß das, was man an Leonardo tadle, Eigentümlichkeit der +großen Künstler überhaupt sei. Auch der tatkräftige, sich in die Arbeit +verbeißende ~Michel Angelo~ habe viele seiner Werke unvollendet +gelassen, und es sei so wenig seine Schuld gewesen wie die Leonardos +im gleichen Falle. Auch sei so manches Bild nicht so sehr unfertig +geblieben, als von ihm dafür erklärt worden. Was dem Laien schon ein +Meisterwerk scheine, das sei für den Schöpfer des Kunstwerkes immer +noch eine unbefriedigende Verkörperung seiner Absichten; ihm schwebe +eine Vollkommenheit vor, die er im Abbild wiederzugeben jedesmal +verzage. Am wenigsten ginge es aber an, den Künstler für das endliche +Schicksal verantwortlich zu machen, das seine Werke träfe. + +So stichhaltig manche dieser Entschuldigungen auch sein mögen, so +decken sie doch nicht den ganzen Sachverhalt, der uns bei Leonardo +begegnet. Das peinliche Ringen mit dem Werke, die endliche Flucht vor +ihm und die Gleichgültigkeit gegen sein weiteres Schicksal mag bei +vielen anderen Künstlern wiederkehren; gewiß aber zeigte Leonardo dies +Benehmen im höchsten Grade. ~Edm. Solmi~[4] zitiert (p. 12) die +Äußerung eines seiner Schüler: »Pareva, che ad ogni ora tremasse, +quando si poneva a dipingere, e però non diede mai fine ad alcuna cosa +cominciata, considerando la grandezza dell' arte, tal che egli scorgeva +errori in quelle cose, che ad altri parevano miracoli.« Seine letzten +Bilder, die Leda, die Madonna di Sant' Onofrio, der Bacchus und der +San Giovanni Battista giovane seien unvollendet geblieben »come quasi +intervenne di tutte le cose sue ....« ~Lomazzo~,[5] der eine Kopie +des Abendmahls anfertigte, berief sich auf die bekannte Unfähigkeit +Leonardos, etwas fertig zu malen, in einem Sonett: + + »Protogen che il penel di sue pitture + Non levava, agguaglio il Vinci Divo, + Di cui opra non è finita pure.« + +Die Langsamkeit, mit welcher Leonardo arbeitete, war sprichwörtlich. +Am Abendmahl im Kloster zu Santa Maria delle Grazie zu Mailand malte er +nach den gründlichsten Vorstudien drei Jahre lang. Ein Zeitgenosse, +der Novellenschreiber Matteo ~Bandelli~, der damals als junger +Mönch dem Kloster angehörte, erzählt, daß Leonardo häufig schon früh +am Morgen das Gerüst bestiegen habe, um bis zur Dämmerung den Pinsel +nicht aus der Hand zu legen, ohne an Essen und Trinken zu denken. Dann +seien Tage verstrichen, ohne daß er Hand daran anlegte, bisweilen +habe er stundenlang vor dem Gemälde verweilt und sich damit begnügt, +es innerlich zu prüfen. Andere Male sei er aus dem Hofe des Mailänder +Schlosses, wo er das Modell des Reiterstandbildes für Francesco Sforza +formte, geradewegs ins Kloster gekommen, um ein paar Pinselstriche an +einer Gestalt zu machen, dann aber unverzüglich aufgebrochen.[6] An +dem Porträt der Monna Lisa, Gemahlin des Florentiners Francesco del +Giocondo, malte er nach Vasaris Angabe vier Jahre lang, ohne es zur +letzten Vollendung bringen zu können, wozu auch der Umstand stimmen +mag, daß das Bild nicht dem Besteller abgeliefert wurde, sondern bei +Leonardo verblieb, der es nach Frankreich mitnahm.[7] Von König Franz +I. angekauft, bildet es heute einen der größten Schätze des Louvre. + +Wenn man diese Berichte über die Arbeitsweise Leonardos mit dem +Zeugnis der außerordentlich zahlreich von ihm erhaltenen Skizzen und +Studienblätter zusammenhält, die jedes in seinen Bildern vorkommende +Motiv auf das Vielfältigste variieren, so muß man die Auffassung weit +von sich weisen, als hätten Züge von Flüchtigkeit und Unbeständigkeit +den mindesten Einfluß auf Leonardos Verhältnis zu seiner Kunst +gewonnen. Man merkt im Gegenteile eine ganz außerordentliche +Vertiefung, einen Reichtum an Möglichkeiten, zwischen denen die +Entscheidung nur zögernd gefällt wird, Ansprüche, denen kaum zu +genügen ist, und eine Hemmung in der Ausführung, die sich eigentlich +auch durch das notwendige Zurückbleiben des Künstlers hinter seinem +idealen Vorsatz nicht erklärt. Die Langsamkeit, die an Leonardos +Arbeiten von jeher auffiel, erweist sich als ein Symptom dieser +Hemmung, als der Vorbote der Abwendung von der Malerei, die später +eintrat.[8] Sie war es auch, die das nicht unverschuldete Schicksal +des Abendmahls bestimmte. Leonardo konnte sich nicht mit der Malerei +al fresko befreunden, die ein rasches Arbeiten, solange der Malgrund +noch feucht ist, erfordert, darum wählte er Ölfarben, deren Eintrocknen +ihm gestattete, die Vollendung des Bildes nach Stimmung und Muße +hinauszuziehen. Diese Farben lösten sich aber von dem Grunde, auf dem +sie aufgetragen wurden, und der sie von der Mauer isolierte; die Fehler +dieser Mauer und die Schicksale des Raumes kamen hinzu, um die, wie es +scheint, unabwendbare Verderbnis des Bildes zu entscheiden.[9] + +Durch das Mißglücken eines ähnlichen technischen Versuches scheint das +Bild der Reiterschlacht bei Anghiari untergegangen zu sein, das er +später in einer Konkurrenz mit Michel Angelo an eine Wand der Sala del +Consiglio in Florenz zu malen begann und auch im unfertigen Zustand +im Stiche ließ. Es ist hier, als ob ein fremdes Interesse, das des +Experimentators, das künstlerische zunächst verstärkt habe, um dann das +Kunstwerk zu schädigen. + +Der Charakter des Mannes Leonardo zeigte noch manche andere +ungewöhnliche Züge und anscheinende Widersprüche. Eine gewisse +Inaktivität und Indifferenz schien an ihm unverkennbar. Zu einer +Zeit, da jedes Individuum den breitesten Raum für seine Betätigung +zu gewinnen suchte, was nicht ohne Entfaltung energischer Aggression +gegen andere abgehen kann, fiel er durch ruhige Friedfertigkeit, durch +Vermeidung aller Gegnerschaften und Streitigkeiten auf. Er war mild +und gütig gegen alle, lehnte angeblich die Fleischnahrung ab, weil er +es nicht für gerechtfertigt hielt, Tieren das Leben zu rauben, und +machte sich einen besonderen Genuß daraus, Vögeln, die er auf dem +Markte kaufte, die Freiheit zu schenken.[10] Er verurteilte Krieg +und Blutvergießen und hieß den Menschen nicht so sehr den König der +Tierwelt als vielmehr die ärgste der wilden Bestien.[11] Aber diese +weibliche Zartheit des Empfindens hielt ihn nicht ab, verurteilte +Verbrecher auf ihrem Wege zur Hinrichtung zu begleiten, um deren +von Angst verzerrte Mienen zu studieren und in seinem Taschenbuche +abzuzeichnen, hinderte ihn nicht, die grausamsten Angriffswaffen zu +entwerfen und als oberster Kriegsingenieur in die Dienste des ~Cesare +Borgia~ zu treten. Er erschien oft wie indifferent gegen Gut und +Böse, oder er verlangte mit einem besonderen Maße gemessen zu werden. +In einer maßgebenden Stellung machte er den Feldzug des Cesare mit, der +diesen rücksichtslosesten und treulosesten aller Gegner in den Besitz +der Romagna brachte. Nicht eine Zeile der Aufzeichnungen Leonardos +verrät eine Kritik oder Anteilnahme an den Vorgängen jener Tage. Der +Vergleich mit ~Goethe~ während der Campagne in Frankreich ist hier +nicht ganz abzuweisen. + +Wenn ein biographischer Versuch wirklich zum Verständnis des +Seelenlebens seines Helden durchdringen will, darf er nicht, wie dies +in den meisten Biographien aus Diskretion oder aus Prüderie geschieht, +die sexuelle Betätigung, die geschlechtliche Eigenart des Untersuchten +mit Stillschweigen übergehen. Was hierüber bei Leonardo bekannt ist, +ist wenig, aber dieses wenige bedeutungsvoll. In einer Zeit, die +schrankenlose Sinnlichkeit mit düsterer Askese ringen sah, war Leonardo +ein Beispiel von kühler Sexualablehnung, die man beim Künstler und +Darsteller der Frauenschönheit nicht erwarten würde. ~Solmi~[12] +zitiert von ihm folgenden Satz, der seine Frigidität kennzeichnet: +»Der Zeugungsakt und alles, was damit in Verbindung steht, ist so +abscheulich, daß die Menschen bald aussterben würden, wäre es nicht +eine althergebrachte Sitte und gäbe es nicht noch hübsche Gesichter +und sinnliche Veranlagungen.« Seine hinterlassenen Schriften, die ja +nicht nur die höchsten wissenschaftlichen Probleme behandeln, sondern +auch Harmlosigkeiten enthalten, welche uns eines so großen Geistes +kaum würdig erscheinen (eine allegorische Naturgeschichte, Tierfabeln, +Schwänke, Prophezeiungen[13] sind in einem Grade keusch -- man möchte +sagen: abstinent --, der an einem Werke der schönen Literatur auch +heute Wunder nehmen würde. Sie weichen allem Sexuellen so entschieden +aus, als wäre allein der Eros, der alles Lebende erhält, kein würdiger +Stoff für den Wissensdrang des Forschers.[14] Es ist bekannt, wie +häufig große Künstler sich darin gefallen, ihre Phantasie in erotischen +und selbst derb obszönen Darstellungen auszutoben; von Leonardo +besitzen wir zum Gegensatze nur einige anatomische Zeichnungen über die +inneren Genitalien des Weibes, die Lage der Frucht im Mutterleibe +u. dgl. + +Es ist zweifelhaft, ob Leonardo jemals ein Weib in Liebe umarmt hat; +auch von einer intimen seelischen Beziehung zu einer Frau, wie die +Michel Angelos zur ~Vittoria Colonna~, ist nichts bekannt. Als er +noch als Lehrling im Hause seines Meisters ~Verrocchio~ lebte, +traf ihn mit anderen jungen Leuten eine Anzeige wegen verbotenen +homosexuellen Umganges, die mit seinem Freispruch endete. Es scheint, +daß er in diesen Verdacht geriet, weil er sich eines übel beleumundeten +Knaben als Modells bediente.[15] Als Meister umgab er sich mit schönen +Knaben und Jünglingen, die er zu Schülern annahm. Der letzte dieser +Schüler, Francesco ~Melzi~, begleitete ihn nach Frankreich, blieb +bis zu seinem Tode bei ihm und wurde von ihm zum Erben eingesetzt. +Ohne die Sicherheit seiner modernen Biographen zu teilen, die die +Möglichkeit eines sexuellen Verkehres zwischen ihm und seinen Schülern +natürlich als eine grundlose Beschimpfung des großen Mannes verwerfen, +mag man es für weitaus wahrscheinlicher halten, daß die zärtlichen +Beziehungen Leonardos zu den jungen Leuten, die nach damaliger +Schülerart sein Leben teilten, nicht in geschlechtliche Betätigung +ausliefen. Man wird ihm auch von sexueller Aktivität kein hohes Maß +zumuten dürfen. + +Die Eigenart dieses Gefühls- und Geschlechtslebens läßt sich im +Zusammenhalt mit Leonardos Doppelnatur als Künstler und Forscher nur +in einer Weise begreifen. Von den Biographen, denen psychologische +Gesichtspunkte oft sehr ferne liegen, hat meines Wissens nur einer, +~Edm. Solmi~, sich der Lösung des Rätsels genähert; ein Dichter +aber, der Leonardo zum Helden eines großen historischen Romans gewählt +hat, ~Dmitry Sergewitsch Mereschkowski~, hat seine Darstellung +auf solches Verständnis des ungewöhnlichen Mannes gegründet und seine +Auffassung, wenn auch nicht in dürren Worten, so doch nach der Weise +des Dichters in plastischem Ausdruck unverkennbar geäußert.[16] +~Solmi~ urteilt über Leonardo: »Aber das unstillbare Verlangen, +alles ihn Umgebende zu erkennen und mit kalter Überlegenheit das +tiefste Geheimnis alles Vollkommenen zu ergründen, hatte Leonardos +Werke dazu verdammt, stets unfertig zu bleiben.«[17] In einem Aufsatze +der ~Conferenze Fiorentine~ wird die Äußerung Leonardos zitiert, +die sein Glaubensbekenntnis und den Schlüssel zu seinem Wesen +ausliefert: + +»~Nessuna cosa si può amare nè odiare, se prima non si ha cognition +di quella.~«[18] + +Also: Man hat kein Recht, etwas zu lieben oder zu hassen, wenn man +sich nicht eine gründliche Erkenntnis seines Wesens verschafft hat. +Und dasselbe wiederholt Leonardo an einer Stelle des Traktates von der +Malerei, wo er sich gegen den Vorwurf der Irreligiosität zu verteidigen +scheint: + +»Solche Tadler mögen aber stillschweigen. Denn jenes (Tun) ist die +Weise, den Werkmeister so vieler bewundernswerter Dinge kennen zu +lernen, und dies der Weg, einen so großen Erfinder zu lieben. Denn +wahrlich, große Liebe entspringt aus großer Erkenntnis des geliebten +Gegenstandes, und wenn du diesen wenig kennst, so wirst du ihn nur +wenig oder gar nicht lieben können ...«[19] + +Der Wert dieser Äußerungen Leonardos kann nicht darin gesucht werden, +daß sie eine bedeutsame psychologische Tatsache mitteilen, denn was sie +behaupten, ist offenkundig falsch, und Leonardo mußte dies ebensogut +wissen wie wir. Es ist nicht wahr, daß die Menschen mit ihrer Liebe +oder ihrem Haß warten, bis sie den Gegenstand, dem diese Affekte +gelten, studiert und in seinem Wesen erkannt haben, vielmehr lieben sie +impulsiv auf Gefühlsmotive hin, die mit Erkenntnis nichts zu tun haben, +und deren Wirkung durch Besinnung und Nachdenken höchstens abgeschwächt +wird. Leonardo konnte also nur gemeint haben, was die Menschen üben, +das sei nicht die richtige, einwandfreie Liebe, man ~sollte~ so +lieben, daß man den Affekt aufhalte, ihn der Gedankenarbeit unterwerfe +und erst frei gewähren lasse, nachdem er die Prüfung durch das Denken +bestanden hat. Und wir verstehen dabei, daß er uns sagen will, bei ihm +sei es so; es wäre für alle anderen erstrebenswert, wenn sie es mit +Liebe und Haß so hielten wie er selbst. + +Und bei ihm scheint es wirklich so gewesen zu sein. Seine Affekte waren +gebändigt, dem Forschertrieb unterworfen; er liebte und haßte nicht, +sondern fragte sich, woher das komme, was er lieben oder hassen sollte, +und was es bedeute, und so mußte er zunächst indifferent erscheinen +gegen Gut und Böse, gegen Schönes und Häßliches. Während dieser +Forscherarbeit warfen Liebe und Haß ihre Vorzeichen ab und wandelten +sich gleichmäßig in Denkinteresse um. In Wirklichkeit war Leonardo +nicht leidenschaftslos, er entbehrte nicht des göttlichen Funkens, der +mittelbar oder unmittelbar die Triebkraft -- il primo motore -- alles +menschlichen Tuns ist. Er hatte die Leidenschaft nur in Wissensdrang +verwandelt; er ergab sich nun der Forschung mit jener Ausdauer, +Stetigkeit, Vertiefung, die sich aus der Leidenschaft ableiten, und auf +der Höhe der geistigen Arbeit, nach gewonnener Erkenntnis, läßt er den +lange zurückgehaltenen Affekt losbrechen, frei abströmen, wie einen vom +Strome abgeleiteten Wasserarm, nachdem er das Werk getrieben hat. Auf +der Höhe einer Erkenntnis, wenn er ein großes Stück des Zusammenhanges +überschauen kann, dann erfaßt ihn das Pathos und er preist in +schwärmerischen Worten die Großartigkeit jenes Stückes der Schöpfung, +das er studiert hat, oder -- in religiöser Einkleidung -- die Größe +seines Schöpfers. ~Solmi~ hat diesen Prozeß der Umwandlung bei +Leonardo richtig erfaßt. Nach dem Zitat einer solchen Stelle, in der +Leonardo den hehren Zwang der Natur (»O mirabile necessita ...«) +gefeiert hat, sagt er: Tale trasfigurazione della scienza della natura +in emozione, quasi direi, religiosa, è uno dei tratti caratteristici +de' manoscritti vinciani, e si trova cento e cento volte espressa +...[20] + +Man hat Leonardo wegen seines unersättlichen und unermüdlichen +Forscherdranges den italienischen Faust geheißen. Aber von allen +Bedenken gegen die mögliche Rückverwandlung des Forschertriebes in +Lebenslust abgesehen, die wir als die Voraussetzung der Fausttragödie +annehmen müssen, möchte man die Bemerkung wagen, daß die Entwicklung +Leonardos an spinozistische Denkweise streift. + +Die Umsetzungen der psychischen Triebkraft in verschiedene Formen der +Betätigung sind vielleicht ebenso wenig ohne Einbuße konvertierbar, +wie die der physikalischen Kräfte. Das Beispiel Leonardos lehrt, +wie vielerlei anderes an diesen Prozessen zu verfolgen ist. Aus dem +Aufschub, erst zu lieben, nachdem man erkannt hat, wird ein Ersatz. Man +liebt und haßt nicht mehr recht, wenn man zur Erkenntnis durchgedrungen +ist; man bleibt jenseits von Liebe und Haß. Man hat geforscht, anstatt +zu lieben. Und darum vielleicht ist Leonardos Leben so viel ärmer +an Liebe gewesen als das anderer Großer und anderer Künstler. Die +stürmischen Leidenschaften erhebender und verzehrender Natur, in denen +andere ihr Bestes erlebten, scheinen ihn nicht getroffen zu haben. + +Und noch andere Folgen. Man hat auch geforscht, anstatt zu handeln, +zu schaffen. Wer die Großartigkeit des Weltzusammenhanges und dessen +Notwendigkeiten zu ahnen begonnen hat, der verliert leicht sein eigenes +kleines Ich. In Bewunderung versunken, wahrhaft demütig geworden, +vergißt man zu leicht, daß man selbst ein Stück jener wirkenden Kräfte +ist und es versuchen darf, nach dem Ausmaß seiner persönlichen Kraft +ein Stückchen jenes notwendigen Ablaufes der Welt abzuändern, der Welt, +in welcher das Kleine doch nicht minder wunderbar und bedeutsam ist als +das Große. + +Leonardo hatte vielleicht, wie ~Solmi~ meint, im Dienste seiner +Kunst zu forschen begonnen,[21] er bemühte sich um die Eigenschaften +und Gesetze des Lichtes, der Farben, Schatten, der Perspektive, um sich +die Meisterschaft in der Nachahmung der Natur zu sichern und anderen +den gleichen Weg zu weisen. Wahrscheinlich überschätzte er schon +damals den Wert dieser Kenntnisse für den Künstler. Dann trieb es ihn, +noch immer am Leitseil des malerischen Bedürfnisses, zur Erforschung +der Objekte der Malerei, der Tiere und Pflanzen, der Proportionen +des menschlichen Körpers, vom Äußeren derselben weg zur Kenntnis +ihres inneren Baues und ihrer Lebensfunktionen, die sich ja auch in +ihrer Erscheinung ausdrücken und von der Kunst Darstellung verlangen. +Und endlich riß ihn der übermächtig gewordene Trieb fort, bis der +Zusammenhang mit den Anforderungen seiner Kunst zerriß, so daß er die +allgemeinen Gesetze der Mechanik auffand, daß er die Geschichte der +Ablagerungen und Versteinerungen im Arnotal erriet, und bis daß er in +sein Buch die Erkenntnis mit großen Buchstaben eintragen konnte: Il +sole non si move. Auf so ziemlich alle Gebiete der Naturwissenschaft +dehnte er seine Forschungen aus, auf jedem einzelnen ein Entdecker oder +wenigstens Vorhersager und Pfadfinder.[22] Doch blieb sein Wissensdrang +auf die Außenwelt gerichtet, von der Erforschung des Seelenlebens der +Menschen hielt ihn etwas fern; in der »Academia Vinciana«, für die er +kunstvoll verschlungene Embleme zeichnete, war für die Psychologie +wenig Raum. + +Versuchte er dann von der Forschung zur Kunstübung zurückzukehren, von +der er ausgegangen war, so erfuhr er an sich die Störung durch die +neue Einstellung seiner Interessen und die veränderte Natur seiner +psychischen Arbeit. Am Bild interessierte ihn vor allem ein Problem, +und hinter diesem einen sah er ungezählte andere Probleme auftauchen, +wie er es in der endlosen und unabschließbaren Naturforschung gewohnt +war. Er brachte sich nicht mehr dazu, seinen Anspruch zu beschränken, +das Kunstwerk zu isolieren, es aus dem großen Zusammenhang zu reißen, +in den er es gehörig wußte. Nach den erschöpfendsten Bemühungen, alles +in ihm zum Ausdruck zu bringen, was sich in seinen Gedanken daran +knüpfte, mußte er es unfertig im Stiche lassen oder es für unvollendet +erklären. + +Der Künstler hatte einst den Forscher als Handlanger in seinen Dienst +genommen, nun war der Diener der stärkere geworden und unterdrückte +seinen Herrn. + +Wenn wir im Charakterbilde einer Person einen einzigen Trieb überstark +ausgebildet finden, wie bei Leonardo die Wißbegierde, so berufen wir +uns zur Erklärung auf eine besondere Anlage, über deren wahrscheinlich +organische Bedingtheit meist noch nichts Näheres bekannt ist. Durch +unsere psychoanalytischen Studien an Nervösen werden wir aber zwei +weiteren Erwartungen geneigt, die wir gern in jedem einzelnen Falle +bestätigt finden möchten. Wir halten es für wahrscheinlich, daß +jener überstarke Trieb sich bereits in der frühesten Kindheit der +Person betätigt hat, und daß seine Oberherrschaft durch Eindrücke +des Kinderlebens festgelegt wurde, und wir nehmen ferner an, daß er +ursprünglich sexuelle Triebkräfte zu seiner Verstärkung herangezogen +hat, so daß er späterhin ein Stück des Sexuallebens vertreten kann. Ein +solcher Mensch würde also z. B. forschen mit jener leidenschaftlichen +Hingabe, mit der ein anderer seine Liebe ausstattet, und er könnte +forschen anstatt zu lieben. Nicht nur beim Forschertrieb, sondern auch +in den meisten anderen Fällen von besonderer Intensität eines Triebes +würden wir den Schluß auf eine sexuelle Verstärkung desselben wagen. + +Die Beobachtung des täglichen Lebens der Menschen zeigt uns, daß es den +meisten gelingt, ganz ansehnliche Anteile ihrer sexuellen Triebkräfte +auf ihre Berufstätigkeit zu leiten. Der Sexualtrieb eignet sich ganz +besonders dazu, solche Beiträge abzugeben, da er mit der Fähigkeit +der Sublimierung begabt, d. h. im stande ist, sein nächstes Ziel +gegen andere, eventuell höher gewertete und nicht sexuelle, Ziele zu +vertauschen. Wir halten diesen Vorgang für erwiesen, wenn uns die +Kindergeschichte, also die seelische Entwicklungsgeschichte einer +Person zeigt, daß zur Kinderzeit der übermächtige Trieb im Dienste +sexueller Interessen stand. Wir finden eine weitere Bestätigung darin, +wenn sich im Sexualleben reifer Jahre eine auffällige Verkümmerung +dartut, gleichsam als ob ein Stück der Sexualbetätigung nun durch die +Betätigung des übermächtigen Triebes ersetzt wäre. + +Die Anwendung dieser Erwartungen auf den Fall des übermächtigen +Forschertriebs scheint besonderen Schwierigkeiten zu unterliegen, +da man gerade den Kindern weder diesen ernsthaften Trieb noch +bemerkenswerte sexuelle Interessen zutrauen möchte. Indes sind diese +Schwierigkeiten leicht zu beheben. Von der Wißbegierde der kleinen +Kinder zeugt deren unermüdliche Fragelust, die dem Erwachsenen +rätselhaft ist, so lange er nicht versteht, daß alle diese Fragen nur +Umschweife sind, und daß sie kein Ende nehmen können, weil das Kind +durch sie nur eine Frage ersetzen will, die es doch nicht stellt. Ist +das Kind größer und einsichtsvoller geworden, so bricht diese Äußerung +der Wißbegierde oft plötzlich ab. Eine volle Aufklärung gibt uns aber +die psychoanalytische Untersuchung, indem sie uns lehrt, daß viele, +vielleicht die meisten, jedenfalls die bestbegabten Kinder etwa vom +dritten Lebensjahr an eine Periode durchmachen, die man als die der +~infantilen Sexualforschung~ bezeichnen darf. Die Wißbegierde +erwacht bei den Kindern dieses Alters, soviel wir wissen, nicht +spontan, sondern wird durch den Eindruck eines wichtigen Erlebnisses +geweckt, durch die erfolgte oder nach auswärtigen Erfahrungen +gefürchtete Geburt eines Geschwisterchens, in der das Kind eine +Bedrohung seiner egoistischen Interessen erblickt. Die Forschung +richtet sich auf die Frage, woher die Kinder kommen, gerade so, als ob +das Kind nach Mitteln und Wegen suchte, ein so unerwünschtes Ereignis +zu verhüten. Wir haben so mit Erstaunen erfahren, daß das Kind den ihm +gegebenen Auskünften den Glauben verweigert, z. B. die mythologisch +so sinnreiche Storchfabel energisch abweist, daß es von diesem Akte +des Unglaubens an seine geistige Selbständigkeit datiert, sich oft +in ernstem Gegensatze zu den Erwachsenen fühlt und diesen eigentlich +niemals mehr verzeiht, daß es bei diesem Anlasse um die Wahrheit +betrogen wurde. Es forscht auf eigenen Wegen, errät den Aufenthalt +des Kindes im Mutterleibe und schafft sich, von den Regungen der +eigenen Sexualität geleitet, Ansichten über die Herkunft des Kindes +vom Essen, über sein Geborenwerden durch den Darm, über die schwer zu +ergründende Rolle des Vaters, und es ahnt bereits damals die Existenz +des sexuellen Aktes, der ihm als etwas Feindseliges und Gewalttätiges +erscheint. Aber wie seine eigene Sexualkonstitution der Aufgabe der +Kinderzeugung noch nicht gewachsen ist, so muß auch seine Forschung, +woher die Kinder kommen, im Sande verlaufen und als unvollendbar im +Stiche gelassen werden. Der Eindruck dieses Mißglückens bei der ersten +Probe intellektueller Selbständigkeit scheint ein nachhaltiger und tief +deprimierender zu sein.[23] + +Wenn die Periode der infantilen Sexualforschung durch einen Schub +energischer Sexualverdrängung abgeschlossen worden ist, leiten sich +für das weitere Schicksal des Forschertriebes drei verschiedene +Möglichkeiten aus seiner frühzeitlichen Verknüpfung mit sexuellen +Interessen ab. Entweder die Forschung teilt das Schicksal der +Sexualität, die Wißbegierde bleibt von da an gehemmt und die freie +Betätigung der Intelligenz vielleicht für Lebenszeit eingeschränkt, +besonders da kurze Zeit nachher durch die Erziehung die mächtige +religiöse Denkhemmung zur Geltung gebracht wird. Dies ist der Typus +der neurotischen Hemmung. Wir verstehen sehr wohl, daß die so +erworbene Denkschwäche dem Ausbruch einer neurotischen Erkrankung +wirksamen Vorschub leistet. In einem zweiten Typus ist die +intellektuelle Entwicklung kräftig genug, um der an ihr zerrenden +Sexualverdrängung zu widerstehen. Einige Zeit nach dem Untergang +der infantilen Sexualforschung, wenn die Intelligenz erstarkt ist, +bietet sie eingedenk der alten Verbindung ihre Hilfe zur Umgehung der +Sexualverdrängung, und die unterdrückte Sexualforschung kehrt als +Grübelzwang aus dem Unbewußten zurück, allerdings entstellt und unfrei, +aber mächtig genug, um das Denken selbst zu sexualisieren und die +intellektuellen Operationen mit der Lust und der Angst der eigentlichen +Sexualvorgänge zu betonen. Das Forschen wird hier zur Sexualbetätigung, +oft zur ausschließlichen, das Gefühl der Erledigung in Gedanken, der +Klärung, wird an die Stelle der sexuellen Befriedigung gesetzt; aber +der unabschließbare Charakter der Kinderforschung wiederholt sich auch +darin, daß dies Grübeln nie ein Ende findet, und daß das gesuchte +intellektuelle Gefühl der Lösung immer weiter in die Ferne rückt. + +Der dritte, seltenste und vollkommenste, Typus entgeht Kraft +besonderer Anlage der Denkhemmung wie dem neurotischen Denkzwang. +Die Sexualverdrängung tritt zwar auch hier ein, aber es gelingt ihr +nicht, einen Partialtrieb der Sexuallust ins Unbewußte zu weisen, +sondern die Libido entzieht sich dem Schicksal der Verdrängung, indem +sie sich von Anfang an in Wißbegierde sublimiert und sich zu dem +kräftigen Forschertrieb als Verstärkung schlägt. Auch hier wird das +Forschen gewissermaßen zum Zwang und zum Ersatz der Sexualbetätigung, +aber infolge der völligen Verschiedenheit der zu Grunde liegenden +psychischen Prozesse (Sublimierung an Stelle des Durchbruches aus dem +Unbewußten) bleibt der Charakter der Neurose aus, die Gebundenheit an +die ursprünglichen Komplexe der infantilen Sexualforschung entfällt, +und der Trieb kann sich frei im Dienste des intellektuellen Interesses +betätigen. Der Sexualverdrängung, die ihn durch den Zuschuß von +sublimierter Libido so stark gemacht hat, trägt er noch Rechnung, indem +er die Beschäftigung mit sexuellen Themen vermeidet. + +Wenn wir das Zusammentreffen des übermächtigen Forschertriebes bei +Leonardo mit der Verkümmerung seines Sexuallebens erwägen, welches sich +auf sogenannte ideelle Homosexualität einschränkt, werden wir geneigt +sein, ihn als einen Musterfall unseres dritten Typus in Anspruch zu +nehmen. Daß es ihm nach infantiler Betätigung der Wißbegierde im +Dienste sexueller Interessen dann gelungen ist, den größeren Anteil +seiner Libido in Forscherdrang zu sublimieren, das wäre der Kern +und das Geheimnis seines Wesens. Aber freilich der Beweis für diese +Auffassung ist nicht leicht zu erbringen. Wir bedürften hiezu eines +Einblickes in die seelische Entwicklung seiner ersten Kinderjahre, +und es erscheint töricht, auf solches Material zu hoffen, wenn die +Nachrichten über sein Leben so spärlich und so unsicher sind, und wenn +es sich überdies um Auskünfte über Verhältnisse handelt, die sich +noch bei Personen unserer eigenen Generation der Aufmerksamkeit der +Beobachter entziehen. + +Wir wissen sehr wenig von der Jugend Leonardos. Er wurde 1452 in dem +kleinen Städtchen ~Vinci~ zwischen Florenz und Empoli geboren; er +war ein uneheliches Kind, was in jener Zeit gewiß nicht als schwerer +bürgerlicher Makel betrachtet wurde; sein Vater war ~Ser Piero da +Vinci~, ein Notar und Abkömmling einer Familie von Notaren und +Landbebauern, die ihren Namen nach dem Orte Vinci führten; seine Mutter +eine ~Catarina~, wahrscheinlich ein Bauernmädchen, die später mit +einem anderen Einwohner von Vinci verheiratet war. Diese Mutter kommt +in der Lebensgeschichte Leonardos nicht mehr vor, nur der Dichter +~Mereschkowski~ glaubt ihre Spur nachweisen zu können. Die einzige +sichere Auskunft über Leonardos Kindheit gibt ein amtliches Dokument +aus dem Jahre 1457, ein Florentiner Steuerkataster, in welchem +unter den Hausgenossen der Familie Vinci Leonardo als fünfjähriges +illegitimes Kind des Ser Piero angeführt wird.[24] Die Ehe Ser Pieros +mit einer Donna Albiera blieb kinderlos, darum konnte der kleine +Leonardo im Hause seines Vaters aufgezogen werden. Dies Vaterhaus +verließ er erst, als er, unbekannt in welchem Alter, als Lehrling in +die Werkstatt des ~Andrea del Verrocchio~ eintrat. Im Jahre 1472 +findet sich Leonardos Name bereits im Verzeichnis der Mitglieder der +»Compagnia dei Pittori«. Das ist alles. + + + + + II. + + +Ein einziges Mal, soviel mir bekannt ist, hat Leonardo in eine seiner +wissenschaftlichen Niederschriften eine Mitteilung aus seiner Kindheit +eingestreut. An einer Stelle, die vom Fluge des Geiers handelt, +unterbricht er sich plötzlich, um einer in ihm auftauchenden Erinnerung +aus sehr frühen Jahren zu folgen. + +»Es scheint, daß es mir schon vorher bestimmt war, mich so gründlich +mit dem Geier zu befassen, denn es kommt mir als eine ganz frühe +Erinnerung in den Sinn, als ich noch in der Wiege lag, ist ein Geier +zu mir herabgekommen, hat mir den Mund mit seinem Schwanz geöffnet und +viele Male mit diesem seinen Schwanz gegen meine Lippen gestoßen.«[25] + +Eine Kindheitserinnerung also, und zwar höchst befremdender Art. +Befremdend wegen ihres Inhaltes und wegen der Lebenszeit, in die sie +verlegt wird. Daß ein Mensch eine Erinnerung an seine Säuglingszeit +bewahren könne, ist vielleicht nicht unmöglich, kann aber keineswegs +als gesichert gelten. Was jedoch diese Erinnerung Leonardos behauptet, +daß ein Geier dem Kinde mit seinem Schwanz den Mund geöffnet, +das klingt so unwahrscheinlich, so märchenhaft, daß eine andere +Auffassung, die beiden Schwierigkeiten mit einem Schlage ein Ende +macht, sich unserem Urteile besser empfiehlt. Jene Szene mit dem Geier +wird nicht eine Erinnerung Leonardos sein, sondern eine Phantasie, +die er sich später gebildet und in seine Kindheit versetzt hat. Die +Kindheitserinnerungen der Menschen haben oft keine andere Herkunft; +sie werden überhaupt nicht, wie die bewußten Erinnerungen aus der +Zeit der Reife vom Erlebnis an fixiert und wiederholt, sondern erst +in späterer Zeit, wenn die Kindheit schon vorüber ist, hervorgeholt, +dabei verändert, verfälscht, in den Dienst späterer Tendenzen gestellt, +so daß sie sich ganz allgemein von Phantasien nicht strenge scheiden +lassen. Vielleicht kann man sich ihre Natur nicht besser klar machen, +als indem man an die Art und Weise denkt, wie bei den alten Völkern +die Geschichtschreibung entstanden ist. Solange das Volk klein und +schwach war, dachte es nicht daran, seine Geschichte zu schreiben; man +bearbeitete den Boden des Landes, wehrte sich seiner Existenz gegen die +Nachbarn, suchte ihnen Land abzugewinnen und zu Reichtum zu kommen. +Es war eine heroische und unhistorische Zeit. Dann brach eine andere +Zeit an, in der man zur Besinnung kam, sich reich und mächtig fühlte, +und nun entstand das Bedürfnis zu erfahren, woher man gekommen und wie +man geworden war. Die Geschichtschreibung, welche begonnen hatte, die +Erlebnisse der Jetztzeit fortlaufend zu verzeichnen, warf den Blick +auch nach rückwärts in die Vergangenheit, sammelte Traditionen und +Sagen, deutete die Überlebsel alter Zeiten in Sitten und Gebräuchen +und schuf so eine Geschichte der Vorzeit. Es war unvermeidlich, daß +diese Vorgeschichte eher ein Ausdruck der Meinungen und Wünsche der +Gegenwart als ein Abbild der Vergangenheit wurde, denn vieles war von +dem Gedächtnis des Volkes beseitigt, anderes entstellt worden, manche +Spur der Vergangenheit wurde mißverständlich im Sinne der Gegenwart +gedeutet, und überdies schrieb man ja nicht Geschichte aus den Motiven +objektiver Wißbegierde, sondern weil man auf seine Zeitgenossen wirken, +sie aneifern, erheben oder ihnen einen Spiegel vorhalten wollte. +Das bewußte Gedächtnis eines Menschen von den Erlebnissen seiner +Reifezeit ist nun durchaus jener Geschichtschreibung zu vergleichen, +und seine Kindheitserinnerungen entsprechen nach ihrer Entstehung +und Verläßlichkeit wirklich der spät und tendenziös zurechtgemachten +Geschichte der Urzeit eines Volkes. + +Wenn die Erzählung Leonardos vom Geier, der ihn in der Wiege besucht, +also nur eine spätgeborene Phantasie ist, so sollte man meinen, es +könne sich kaum verlohnen, länger bei ihr zu verweilen. Zu ihrer +Erklärung könnte man sich ja mit der offen kundgegebenen Tendenz +begnügen, seiner Beschäftigung mit dem Problem des Vogelfluges +die Weihe einer Schicksalsbestimmung zu leihen. Allein mit dieser +Geringschätzung beginge man ein ähnliches Unrecht, wie wenn man das +Material von Sagen, Traditionen und Deutungen in der Vorgeschichte +eines Volkes leichthin verwerfen würde. Allen Entstellungen und +Mißverständnissen zum Trotze ist die Realität der Vergangenheit doch +durch sie repräsentiert; sie sind das, was das Volk aus den Erlebnissen +seiner Urzeit gestaltet hat, unter der Herrschaft einstens mächtiger +und heute noch wirksamer Motive, und könnte man nur durch die Kenntnis +aller wirkenden Kräfte diese Entstellungen rückgängig machen, so +müßte man hinter diesem sagenhaften Material die historische Wahrheit +aufdecken können. Gleiches gilt für die Kindheitserinnerungen oder +Phantasien der Einzelnen. Es ist nicht gleichgültig, was ein Mensch aus +seiner Kindheit zu erinnern glaubt; in der Regel sind hinter den von +ihm selbst nicht verstandenen Erinnerungsresten unschätzbare Zeugnisse +für die bedeutsamsten Züge seiner seelischen Entwicklung verborgen. Da +wir nun in den psychoanalytischen Techniken vortreffliche Hilfsmittel +besitzen, um dies Verborgene ans Licht zu ziehen, wird uns der Versuch +gestattet sein, die Lücke in Leonardos Lebensgeschichte durch die +Analyse seiner Kindheitsphantasie auszufüllen. Erreichen wir dabei +keinen befriedigenden Grad von Sicherheit, so müssen wir uns damit +trösten, daß so vielen anderen Untersuchungen über den großen und +rätselhaften Mann kein besseres Schicksal beschieden war. + +Wenn wir aber die Geierphantasie Leonardos mit dem Auge des +Psychoanalytikers betrachten, so erscheint sie uns nicht lange +fremdartig; wir glauben uns zu erinnern, daß wir oftmals, z. B. +in Träumen, ähnliches gefunden haben, so daß wir uns getrauen +können, diese Phantasie aus der ihr eigentümlichen Sprache in +gemeinverständliche Worte zu übersetzen. Die Übersetzung zielt dann +aufs Erotische. Schwanz, »coda«, ist eines der bekanntesten Symbole +und Ersatzbezeichnungen des männlichen Gliedes, im Italienischen +nicht minder als in anderen Sprachen; die in der Phantasie enthaltene +Situation, daß ein Geier den Mund des Kindes öffnet und mit dem Schwanz +tüchtig darin herumarbeitet, entspricht der Vorstellung einer Fellatio, +eines sexuellen Aktes, bei dem das Glied in den Mund der gebrauchten +Person eingeführt wird. Sonderbar genug, daß diese Phantasie so +durchwegs passiven Charakter an sich trägt; sie ähnelt auch gewissen +Träumen und Phantasien von Frauen oder passiven Homosexuellen (die im +Sexualverkehr die weibliche Rolle spielen). + +Möge der Leser nun an sich halten und nicht in aufflammender Entrüstung +der Psychoanalyse die Gefolgschaft verweigern, weil sie schon in ihren +ersten Anwendungen zu einer unverzeihlichen Schmähung des Andenkens +eines großen und reinen Mannes führt. Es ist doch offenbar, daß diese +Entrüstung uns niemals wird sagen können, was die Kindheitsphantasie +Leonardos bedeutet; anderseits hat sich Leonardo in unzweideutigster +Weise zu dieser Phantasie bekannt, und wir lassen die Erwartung -- wenn +man will: das Vorurteil -- nicht fallen, daß eine solche Phantasie wie +jede psychische Schöpfung, wie ein Traum, eine Vision, ein Delirium, +irgend eine Bedeutung haben muß. Schenken wir darum lieber der +analytischen Arbeit, die ja noch nicht ihr letztes Wort gesprochen hat, +für eine Weile gerechtes Gehör. + +Die Neigung, das Glied des Mannes in den Mund zu nehmen, um daran zu +saugen, die in der bürgerlichen Gesellschaft zu den abscheulichen +sexuellen Perversionen gerechnet wird, kommt doch bei den Frauen +unserer Zeit -- und, wie alte Bildwerke beweisen, auch früherer +Zeiten -- sehr häufig vor und scheint im Zustande der Verliebtheit +ihren anstößigen Charakter völlig abzustreifen. Der Arzt begegnet +Phantasien, die sich auf diese Neigung gründen, auch bei weiblichen +Personen, die nicht durch die Lektüre der Psychopathia sexualis von +v. ~Krafft-Ebing~ oder durch sonstige Mitteilung zur Kenntnis +von der Möglichkeit einer derartigen Sexualbefriedigung gelangt +sind. Es scheint, daß es den Frauen leicht wird, aus Eigenem solche +Wunschphantasien zu schaffen.[26] Die Nachforschung lehrt uns +denn auch, daß diese von der Sitte so schwer geächtete Situation +die harmloseste Ableitung zuläßt. Sie ist nichts anderes als die +Umarbeitung einer anderen Situation, in welcher wir uns einst alle +behaglich fühlten, als wir im Säuglingsalter (»essendo io in culla«) +die Brustwarze der Mutter oder Amme in den Mund nahmen, um an ihr zu +saugen. Der organische Eindruck dieses unseres ersten Lebensgenusses +ist wohl unzerstörbar eingeprägt geblieben; wenn das Kind später das +Euter der Kuh kennen lernt, das seiner Funktion nach eine Brustwarze, +seiner Gestalt und Lage am Unterleib nach aber einem Penis gleichkommt, +hat es die Vorstufe für die spätere Bildung jener anstößigen sexuellen +Phantasie gewonnen. + +Wir verstehen jetzt, warum Leonardo die Erinnerung an das angebliche +Erlebnis mit dem Geier in seine Säuglingszeit verlegt. Hinter dieser +Phantasie verbirgt sich doch nichts anderes als eine Reminiszenz +an das Saugen -- oder Gesäugtwerden -- an der Mutterbrust, welche +menschlich schöne Szene er wie so viele andere Künstler an der Mutter +Gottes und ihrem Kinde mit dem Pinsel darzustellen unternommen hat. +Allerdings wollen wir auch festhalten, was wir noch nicht verstehen, +daß diese für beide Geschlechter gleich bedeutsame Reminiszenz von dem +Manne Leonardo zu einer passiven homosexuellen Phantasie umgearbeitet +worden ist. Wir werden die Frage vorläufig bei Seite lassen, welcher +Zusammenhang etwa die Homosexualität mit dem Saugen an der Mutterbrust +verbindet, und uns bloß daran erinnern, daß die Tradition Leonardo +wirklich als einen homosexuell Fühlenden bezeichnet. Dabei gilt es uns +gleich, ob jene Anklage gegen den Jüngling Leonardo berechtigt war oder +nicht; nicht die reale Betätigung, sondern die Einstellung des Gefühls +entscheidet für uns darüber, ob wir irgend jemand die Eigentümlichkeit +der Homosexualität zuerkennen sollen. + +Ein anderer unverstandener Zug der Kindheitsphantasie Leonardos nimmt +unser Interesse zunächst in Anspruch. Wir deuten die Phantasie auf das +Gesäugtwerden durch die Mutter und finden die Mutter ersetzt durch +einen -- Geier. Woher rührt dieser Geier und wie kommt er an diese +Stelle? + +Ein Einfall bietet sich da, so fernab liegend, daß man versucht wäre, +auf ihn zu verzichten. In der heiligen Bilderschrift der alten Ägypter +wird die Mutter allerdings mit dem Bilde des Geiers geschrieben.[27] +Diese Ägypter verehrten auch eine mütterliche Gottheit, die geierköpfig +gebildet wurde oder mit mehreren Köpfen, von denen wenigstens einer +der eines Geiers war.[28] Der Name dieser Göttin wurde ~Mut~ +ausgesprochen; ob die Lautähnlichkeit mit unserem Worte »Mutter« nur +eine zufällige ist? So steht der Geier wirklich in Beziehung zur +Mutter, aber was kann uns das helfen? Dürfen wir Leonardo denn diese +Kenntnis zumuten, wenn die Lesung der Hieroglyphen erst François +~Champollion~ (1790-1832) gelungen ist?[29] + +Man möchte sich dafür interessieren, auf welchem Wege auch nur +die alten Ägypter dazu gekommen sind, den Geier zum Symbol der +Mütterlichkeit zu wählen. Nun war die Religion und Kultur der Ägypter +bereits den Griechen und Römern Gegenstand wissenschaftlicher +Neugierde, und lange, ehe wir selbst die Denkmäler Ägyptens lesen +konnten, standen uns einzelne Mitteilungen darüber aus erhaltenen +Schriften des klassischen Altertums zu Gebote, Schriften, die teils +von bekannten Autoren herrühren, wie ~Strabo~, ~Plutarch~, +~Aminianus Marcellus~, teils unbekannte Namen tragen und unsicher +in ihrer Herkunft und Abfassungszeit sind wie die Hieroglyphica des +~Horapollo Nilus~ und das unter dem Götternamen des ~Hermes +Trismegistos~ überlieferte Buch orientalischer Priesterweisheit. +Aus diesen Quellen erfahren wir, daß der Geier als Symbol der +Mütterlichkeit galt, weil man glaubte, es gäbe nur weibliche Geier und +keine männlichen von dieser Vogelart.[30] Die Naturgeschichte der Alten +kannte auch ein Gegenstück zu dieser Einschränkung; bei den Skarabäen, +den von den Ägyptern als göttlich verehrten Käfern, meinten sie, gebe +es nur Männchen.[31] + +Wie sollte nun die Befruchtung der Geier vor sich gehen, wenn sie alle +nur Weibchen waren? Darüber gibt eine Stelle des ~Horapollo~[32] +guten Aufschluß. Zu einer gewissen Zeit halten diese Vögel im Fluge +inne, öffnen ihre Scheide und empfangen vom Winde. + +Wir sind jetzt unerwarteter Weise dazu gelangt, etwas für recht +wahrscheinlich zu halten, was wir vor kurzem noch als absurd +zurückweisen mußten. Leonardo kann das wissenschaftliche Märchen, dem +es der Geier verdankt, daß die Ägypter mit seinem Bild den Begriff +der Mutter schrieben, sehr wohl gekannt haben. Er war ein Vielleser, +dessen Interesse alle Gebiete der Literatur und des Wissens umfaßte. +Wir besitzen im Codex atlanticus ein Verzeichnis aller Bücher, die er +zu einer gewissen Zeit besaß,[33] dazu zahlreiche Notizen über andere +Bücher, die er von Freunden entlehnt hatte, und nach den Exzerpten, +die Fr. ~Richter~[34] aus seinen Aufzeichnungen zusammengestellt +hat, können wir den Umfang seiner Lektüre kaum überschätzen. +Unter dieser Zahl fehlen auch ältere wie gleichzeitige Werke von +naturwissenschaftlichem Inhalte nicht. Alle diese Bücher waren zu jener +Zeit schon im Drucke vorhanden, und gerade Mailand war für Italien die +Hauptstätte der jungen Buchdruckerkunst. + +Wenn wir nun weiter gehen, stoßen wir auf eine Nachricht, welche +die Wahrscheinlichkeit, Leonardo habe das Geiermärchen gekannt, zur +Sicherheit steigern kann. Der gelehrte Herausgeber und Kommentator +des ~Horapollo~ bemerkt zu dem bereits zitierten Text (p. 172): +Caeterum hanc fabulam de vulturibus cupide amplexi sunt Patres +Ecclesiastici, ut ita argumento ex rerum natura petito refutarent eos, +qui Virginis partum negabant; itaque apud omnes fere hujus rei mentio +occurit. + +Also die Fabel von der Eingeschlechtigkeit und der Empfängnis der Geier +war keineswegs eine indifferente Anekdote geblieben wie die analoge +von den Skarabäen; die Kirchenväter hatten sich ihrer bemächtigt, um +gegen die Zweifler an der heiligen Geschichte ein Argument aus der +Naturgeschichte zur Hand zu haben. Wenn nach den besten Nachrichten +aus dem Altertum die Geier darauf angewiesen waren, sich vom Winde +befruchten zu lassen, warum sollte nicht auch einmal das gleiche mit +einem menschlichen Weibe vorgegangen sein? Dieser Verwertbarkeit wegen +pflegten die Kirchenväter »fast alle« die Geierfabel zu erzählen, und +nun kann es kaum zweifelhaft sein, daß sie durch so mächtige Patronanz +auch Leonardo bekannt geworden ist. + +Die Entstehung der Geierphantasie Leonardos können wir uns nun in +folgender Weise vorstellen. Als er einmal bei einem Kirchenvater oder +in einem naturwissenschaftlichen Buche davon las, die Geier seien alle +Weibchen und wüßten sich ohne Mithilfe von Männchen fortzupflanzen, +da tauchte in ihm eine Erinnerung auf, die sich zu jener Phantasie +umgestaltete, die aber besagen wollte, er sei ja auch so ein Geierkind +gewesen, das eine Mutter, aber keinen Vater gehabt habe, und dazu +gesellte sich in der Art, wie so alte Eindrücke sich allein äußern +können, ein Nachhall des Genusses, der ihm an der Mutterbrust zu teil +geworden war. Die von den Autoren hergestellte Anspielung auf die jedem +Künstler teure Vorstellung der heiligen Jungfrau mit dem Kinde mußte +dazu beitragen, ihm diese Phantasie wertvoll und bedeutsam erscheinen +zu lassen. Kam er doch so dazu, sich mit dem Christusknaben, dem +Tröster und Erlöser nicht nur des einen Weibes, zu identifizieren. + +Wenn wir eine Kindheitsphantasie zersetzen, streben wir danach, deren +realen Erinnerungsinhalt von den späteren Motiven zu sondern, welche +denselben modifizieren und entstellen. Im Falle Leonardos glauben +wir jetzt den realen Inhalt der Phantasie zu kennen; die Ersetzung +der Mutter durch den Geier weist darauf hin, daß das Kind den Vater +vermißt und sich mit der Mutter allein gefunden hat. Die Tatsache der +illegitimen Geburt Leonardos stimmt zu seiner Geierphantasie; nur darum +konnte er sich einem Geierkinde vergleichen. Aber wir haben als die +nächste gesicherte Tatsache aus seiner Jugend erfahren, daß er im Alter +von fünf Jahren in den Haushalt seines Vaters aufgenommen war; wann +dies geschah, ob wenige Monate nach seiner Geburt, ob wenige Wochen vor +der Aufnahme jenes Katasters, ist uns völlig unbekannt. Da tritt nun +die Deutung der Geierphantasie ein und will uns belehren, daß Leonardo +die entscheidenden ersten Jahre seines Lebens nicht bei seinem Vater +und seiner Stiefmutter, sondern bei der armen, verlassenen, echten +Mutter verbrachte, so daß er Zeit hatte, seinen Vater zu vermissen. +Dies scheint ein mageres und dabei noch immer gewagtes Ergebnis der +psychoanalytischen Bemühung, allein es wird bei weiterer Vertiefung +an Bedeutung gewinnen. Der Sicherheit kommt noch die Erwägung der +tatsächlichen Verhältnisse in der Kindheit Leonardos zu Hilfe. Den +Berichten nach heiratete sein Vater Ser Piero da Vinci noch im Jahre +von Leonardos Geburt die vornehme Donna Albiera; der Kinderlosigkeit +dieser Ehe verdankte der Knabe seine im fünften Jahre dokumentarisch +bestätigte Aufnahme ins väterliche oder vielmehr großväterliche Haus. +Nun ist es nicht gebräuchlich, daß man der jungen Frau, die noch auf +Kindersegen rechnet, von Anfang an einen illegitimen Sprößling zur +Pflege übergibt. Es mußten wohl erst Jahre von Enttäuschung hingegangen +sein, ehe man sich entschloß, das wahrscheinlich reizend entwickelte +uneheliche Kind zur Entschädigung für die vergeblich erhofften +ehelichen Kinder anzunehmen. Es steht im besten Einklang mit der +Deutung der Geierphantasie, wenn mindestens drei Jahre, vielleicht +fünf, von Leonardos Leben verflossen waren, ehe er seine einsame Mutter +gegen ein Elternpaar vertauschen konnte. Dann aber war es bereits zu +spät geworden. In den ersten drei oder vier Lebensjahren fixieren sich +Eindrücke und bahnen sich Reaktionsweisen gegen die Außenwelt an, die +durch kein späteres Erleben mehr ihrer Bedeutung beraubt werden können. + +Wenn es richtig ist, daß die unverständlichen Kindheitserinnerungen und +die auf sie gebauten Phantasien eines Menschen stets das Wichtigste +aus seiner seelischen Entwicklung herausheben, so muß die durch +die Geierphantasie erhärtete Tatsache, daß Leonardo seine ersten +Lebensjahre allein mit der Mutter verbracht hat, von entscheidendstem +Einfluß auf die Gestaltung seines inneren Lebens gewesen sein. Unter +den Wirkungen dieser Konstellation kann es nicht gefehlt haben, daß +das Kind, welches in seinem jungen Leben ein Problem mehr vorfand +als andere Kinder, mit besonderer Leidenschaft über diese Rätsel zu +grübeln begann und so frühzeitig ein Forscher wurde, den die großen +Fragen quälten, woher die Kinder kommen, und was der Vater mit ihrer +Entstehung zu tun habe. Die Ahnung dieses Zusammenhanges zwischen +seiner Forschung und seiner Kindheitsgeschichte hat ihm dann später den +Ausruf entlockt, ihm sei es wohl von jeher bestimmt gewesen, sich in +das Problem des Vogelfluges zu vertiefen, da er schon in der Wiege von +einem Geier heimgesucht worden war. Die Wißbegierde, die sich auf den +Vogelflug richtet, von der infantilen Sexualforschung abzuleiten, wird +eine spätere, unschwer zu erledigende Aufgabe sein. + + + + + III. + + +In der Kindheitsphantasie Leonardos repräsentierte uns das Element des +Geiers den realen Erinnerungsinhalt; der Zusammenhang, in den Leonardo +selbst seine Phantasie gestellt hatte, warf ein helles Licht auf die +Bedeutung dieses Inhaltes für sein späteres Leben. Bei fortschreitender +Deutungsarbeit stoßen wir nun auf das befremdliche Problem, warum +dieser Erinnerungsinhalt in eine homosexuelle Situation umgearbeitet +worden ist. Die Mutter, die das Kind säugt -- besser: an der das Kind +saugt --, ist in einen Geiervogel verwandelt, der dem Kinde seinen +Schwanz in den Mund steckt. Wir behaupten, daß die »Coda« des Geiers +nach gemeinem substituierenden Sprachgebrauch gar nichts anderes als +ein männliches Genitale, einen Penis, bedeuten kann. Aber wir verstehen +nicht, wie die Phantasietätigkeit dazu gelangen kann, gerade den +mütterlichen Vogel mit dem Abzeichen der Männlichkeit auszustatten, und +werden angesichts dieser Absurdität an der Möglichkeit irre, dieses +Phantasiegebilde auf einen vernünftigen Sinn zu reduzieren. + +Indes wir dürfen nicht verzagen. Wieviel scheinbar absurde Träume haben +wir nicht schon genötigt, ihren Sinn einzugestehen! Warum sollte es bei +einer Kindheitsphantasie schwieriger werden als bei einem Traum! + +Erinnern wir uns daran, daß es nicht gut ist, wenn sich eine +Sonderbarkeit vereinzelt findet, und beeilen wir uns, ihr eine zweite, +noch auffälligere, zur Seite zu stellen. + +Die geierköpfig gebildete Göttin ~Mut~ der Ägypter, eine Gestalt von +ganz unpersönlichem Charakter, wie ~Drexler~ in ~Roschers~ Lexikon +urteilt, wurde häufig mit anderen mütterlichen Gottheiten von +lebendigerer Individualität wie ~Isis~ und ~Hathor~ verschmolzen, +behielt aber daneben ihre gesonderte Existenz und Verehrung. Es +war eine besondere Eigentümlichkeit des ägyptischen Pantheons, +daß die einzelnen Götter nicht im Synkretismus untergingen. Neben +der Götterkomposition blieb die einfache Göttergestalt in ihrer +Selbständigkeit bestehen. Diese geierköpfige mütterliche Gottheit +wurde nun von den Ägyptern in den meisten Darstellungen phallisch +gebildet;[35] ihr durch die Brüste als weiblich gekennzeichneter Körper +trägt auch ein männliches Glied im Zustande der Erektion. + +Bei der Göttin ~Mut~ also dieselbe Vereinigung mütterlicher und +männlicher Charaktere wie in der Geierphantasie Leonardos! Sollen +wir dies Zusammentreffen durch die Annahme aufklären, Leonardo habe +aus seinen Bücherstudien auch die androgyne Natur des mütterlichen +Geiers gekannt? Solche Möglichkeit ist mehr als fraglich; es scheint, +daß die ihm zugänglichen Quellen von dieser merkwürdigen Bestimmung +nichts enthielten. Es liegt wohl näher, die Übereinstimmung auf ein +gemeinsames, hier wie dort wirksames und noch unbekanntes Motiv +zurückzuführen. + +Die Mythologie kann uns berichten, daß die androgyne Bildung, die +Vereinigung männlicher und weiblicher Geschlechtscharaktere, nicht nur +der ~Mut~ zukam, sondern auch anderen Gottheiten wie der Isis +und Hathor, aber diesen vielleicht nur, insofern sie auch mütterliche +Natur hatten und mit der ~Mut~ verschmolzen wurden.[36] Sie lehrt +uns ferner, daß andere Gottheiten der Ägypter, wie die ~Neith~ +von ~Sais~, aus der später die griechische ~Athene~ wurde, +ursprünglich androgyn, dihermaphroditisch aufgefaßt wurden, und daß +das gleiche für viele ~der griechischen~ Götter besonders aus +dem Kreise des Dionysos, aber auch für die später zur weiblichen +Liebesgöttin eingeschränkten ~Aphrodite~ galt. Sie mag dann die +Erklärung versuchen, daß der dem weiblichen Körper angefügte Phallus +die schöpferische Urkraft der Natur bedeuten solle, und daß alle +diese hermaphroditischen Götterbildungen die Idee ausdrücken, erst +die Vereinigung von Männlichem und Weiblichem könne eine würdige +Darstellung der göttlichen Vollkommenheit ergeben. Aber keine dieser +Bemerkungen klärt uns das psychologische Rätsel, daß die Phantasie der +Menschen keinen Anstoß daran nimmt, eine Gestalt, die ihr das Wesen der +Mutter verkörpern soll, mit dem zur Mütterlichkeit gegensätzlichen +Zeichen der männlichen Kraft zu versehen. + +Die Aufklärung kommt von seiten der infantilen Sexualtheorien. Es hatte +allerdings eine Zeit gegeben, in der das männliche Genitale mit der +Darstellung der Mutter vereinbar gefunden wurde. Wenn das männliche +Kind seine Wißbegierde zuerst auf die Rätsel des Geschlechtslebens +richtet, wird es von dem Interesse für sein eigenes Genitale +beherrscht. Es findet diesen Teil seines Körpers zu wertvoll und zu +wichtig, als daß es glauben könnte, er würde anderen Personen fehlen, +denen es sich so ähnlich fühlt. Da es nicht erraten kann, daß es noch +einen anderen, gleichwertigen Typus von Genitalbildung gibt, muß es +zur Annahme greifen, daß alle Menschen, auch die Frauen, ein solches +Glied wie er besitzen. Dieses Vorurteil setzt sich bei dem jugendlichen +Forscher so fest, daß es auch durch die ersten Beobachtungen an den +Genitalien kleiner Mädchen nicht zerstört wird. Die Wahrnehmung sagt +ihm allerdings, daß da etwas anders ist als bei ihm, aber er ist +nicht im stande, sich als Inhalt dieser Wahrnehmung einzugestehen, +daß er beim Mädchen das Glied nicht finden könne. Daß das Glied +fehlen könne, ist ihm eine unheimliche, unerträgliche Vorstellung, +er versucht darum eine vermittelnde Entscheidung: das Glied sei auch +beim Mädchen vorhanden, aber es sei noch sehr klein; es werde später +wachsen.[37] Scheint sich diese Erwartung bei späteren Beobachtungen +nicht zu erfüllen, so bietet sich ihm ein anderer Ausweg. Das Glied +war auch beim kleinen Mädchen da, aber es ist abgeschnitten worden, an +seiner Stelle ist eine Wunde geblieben. Dieser Fortschritt der Theorie +verwertet bereits eigene Erfahrungen von peinlichem Charakter; er hat +unterdeß die Drohung gehört, daß man ihm das teure Organ wegnehmen +wird, wenn er sein Interesse dafür allzu deutlich betätigt. Unter dem +Einfluß dieser Kastrationsandrohung deutet er jetzt seine Auffassung +des weiblichen Genitales um; er wird von nun an für seine Männlichkeit +zittern, dabei aber die unglücklichen Geschöpfe verachten, an denen +nach seiner Meinung die grausame Bestrafung bereits vollzogen worden +ist. + +Ehe das Kind unter die Herrschaft des Kastrationskomplexes geriet, +zur Zeit, als ihm das Weib noch als vollwertig galt, begann eine +intensive Schaulust als erotische Triebbetätigung sich bei ihm zu +äußern. Es wollte die Genitalien anderer Personen sehen, ursprünglich +wahrscheinlich, um sie mit den eigenen zu vergleichen. Die erotische +Anziehung, die von der Person der Mutter ausging, gipfelte bald in der +Sehnsucht nach ihrem für einen Penis gehaltenen Genitale. Mit der erst +spät erworbenen Erkenntnis, daß das Weib keinen Penis besitzt, schlägt +diese Sehnsucht oft in ihr Gegenteil um, macht einem Abscheu Platz, der +in den Jahren der Pubertät zur Ursache der psychischen Impotenz, der +Misogynie, der dauernden Homosexualität werden kann. Aber die Fixierung +an das einst heiß begehrte Objekt, den Penis des Weibes, hinterläßt +unauslöschliche Spuren im Seelenleben des Kindes, welches jenes Stück +infantiler Sexualforschung mit besonderer Vertiefung durchgemacht hat. +Die fetischartige Verehrung des weiblichen Fußes und Schuhes scheint +den Fuß nur als Ersatzsymbol für das einst verehrte, seither vermißte +Glied des Weibes zu nehmen; die »Zopfabschneider« spielen, ohne es zu +wissen, die Rolle von Personen, die am weiblichen Genitale den Akt der +Kastration ausführen. + +Man wird zu den Betätigungen der kindlichen Sexualität kein richtiges +Verhältnis gewinnen und wahrscheinlich zur Auskunft greifen, +diese Mitteilungen für unglaubwürdig zu erklären, solange man den +Standpunkt unserer kulturellen Geringschätzung der Genitalien und der +Geschlechtsfunktionen überhaupt nicht verläßt. Zum Verständnis des +kindlichen Seelenlebens bedarf es urzeitlicher Analogien. Für uns +sind die Genitalien schon seit einer langen Reihe von Generationen +die ~Pudenda~, Gegenstände der Scham, und bei weiter gediehener +Sexualverdrängung sogar des Ekels. Widerwillig fügen sich die heute +Lebenden in ihrer Mehrheit den Geboten der Fortpflanzung und fühlen +sich dabei in ihrer menschlichen Würde gekränkt und herabgesetzt. +Was an anderer Auffassung des Geschlechtslebens unter uns vorhanden +ist, hat sich auf die roh gebliebenen, niedrigen Volksschichten +zurückgezogen, versteckt sich bei den höheren und verfeinerten als +kulturell minderwertig und wagt seine Betätigung nur unter den +verbitternden Mahnungen eines schlechten Gewissens. Anders war es in +den Urzeiten des Menschengeschlechtes. Aus den mühseligen Sammlungen +der Kulturforscher kann man sich die Überzeugung holen, daß die +Genitalien ursprünglich der Stolz und die Hoffnung der Lebenden waren, +göttliche Verehrung genossen und die Göttlichkeit ihrer Funktionen auf +alle neu erlernten Tätigkeiten der Menschen übertrugen. Ungezählte +Göttergestalten erhoben sich durch Sublimierung aus ihrem Wesen, und +zur Zeit, da der Zusammenhang der offiziellen Religionen mit der +Geschlechtstätigkeit bereits dem allgemeinen Bewußtsein verhüllt war, +bemühten sich Geheimkulte, ihn bei einer Anzahl von Eingeweihten lebend +zu erhalten. Endlich geschah es im Laufe der Kulturentwicklung, daß +so viel Göttliches und Heiliges aus der Geschlechtlichkeit extrahiert +war, bis der erschöpfte Rest der Verachtung verfiel. Aber bei der +Unvertilgbarkeit, die in der Natur aller seelischen Spuren liegt, darf +man sich nicht verwundern, daß selbst die primitivsten Formen von +Anbetung der Genitalien bis in ganz rezente Zeiten nachzuweisen sind, +und daß Sprachgebrauch, Sitten und Aberglauben der heutigen Menschheit +die Überlebsel von allen Phasen dieses Entwicklungsganges +enthalten.[38] + +Wir sind durch gewichtige biologische Analogien darauf vorbereitet, +daß die seelische Entwicklung des Einzelnen den Lauf der +Menschheitsentwicklung abgekürzt wiederhole, und werden darum nicht +unwahrscheinlich finden, was die psychoanalytische Erforschung der +Kinderseele über die infantile Schätzung der Genitalien ergeben hat. +Die kindliche Annahme des mütterlichen Penis ist nun die gemeinsame +Quelle, aus der sich die androgyne Bildung der mütterlichen Gottheiten +wie der ägyptischen ~Mut~ und die »Coda« des Geiers in Leonardos +Kindheitsphantasie ableiten. Wir heißen ja diese Götterdarstellungen +nur mißverständlich hermaphroditisch im ärztlichen Sinne des +Wortes. Keine von ihnen vereinigt die wirklichen Genitalien beider +Geschlechter, wie sie in manchen Mißbildungen vereinigt sind zum +Abscheu jedes menschlichen Auges; sie fügen bloß den Brüsten als +Abzeichen der Mütterlichkeit das männliche Glied hinzu, wie es in +der ersten Vorstellung des Kindes vom Leibe der Mutter vorhanden +war. Die Mythologie hat diese ehrwürdige, uranfänglich phantasierte +Körperbildung der Mutter für die Gläubigen erhalten. Die Hervorhebung +des Geierschwanzes in der Phantasie Leonardos können wir nun so +übersetzen: Damals, als sich meine zärtliche Neugierde auf die Mutter +richtete, und ich ihr noch ein Genitale wie mein eigenes zuschrieb. Ein +weiteres Zeugnis für die frühzeitige Sexualforschung Leonardos, die +nach unserer Meinung ausschlaggebend für sein ganzes späteres Leben +wurde. + +Eine kurze Überlegung mahnt uns jetzt, daß wir uns mit der Aufklärung +des Geierschwanzes in Leonardos Kindheitsphantasie nicht begnügen +dürfen. Es scheint mehr in ihr enthalten, was wir noch nicht verstehen. +Ihr auffälligster Zug war doch, daß sie das Saugen an der Mutterbrust +in ein Gesäugtwerden, also in Passivität und damit in eine Situation +von unzweifelhaft homosexuellem Charakter verwandelte. Eingedenk der +historischen Wahrscheinlichkeit, daß sich Leonardo im Leben wie ein +homosexuell Fühlender benahm, drängt sich uns die Frage auf, ob diese +Phantasie nicht auf eine ursächliche Beziehung zwischen Leonardos +Kinderverhältnis zu seiner Mutter und seiner späteren manifesten, +wenn auch ideellen Homosexualität hinweist. Wir würden uns nicht +getrauen, eine solche aus der entstellten Reminiszenz Leonardos zu +erschließen, wenn wir nicht aus den psychoanalytischen Untersuchungen +von homosexuellen Patienten wüßten, daß eine solche besteht, ja daß sie +eine innige und notwendige ist. + +Die homosexuellen Männer, die in unseren Tagen eine energische +Aktion gegen die gesetzliche Einschränkung ihrer Sexualbetätigung +unternommen haben, lieben es, sich durch ihre theoretischen +Wortführer als eine von Anfang an gesonderte geschlechtliche Abart, +als sexuelle Zwischenstufen, als »ein drittes Geschlecht« hinstellen +zu lassen. Sie seien Männer, denen organische Bedingungen vom Keime +an das Wohlgefallen am Mann aufgenötigt, das am Weibe versagt +hätten. So gerne man nun aus humanen Rücksichten ihre Forderungen +unterschreibt, so zurückhaltend darf man gegen ihre Theorien sein, +die ohne Berücksichtigung der psychischen Genese der Homosexualität +aufgestellt worden sind. Die Psychoanalyse bietet die Mittel, diese +Lücke auszufüllen und die Behauptungen der Homosexuellen der Probe +zu unterziehen. Sie hat dieser Aufgabe erst bei einer geringen +Zahl von Personen genügen können, aber alle bisher vorgenommenen +Untersuchungen brachten das nämliche überraschende Ergebnis.[39] +Bei allen unseren homosexuellen Männern gab es in der ersten, vom +Individuum später vergessenen, Kindheit eine sehr intensive erotische +Bindung an eine weibliche Person, in der Regel an die Mutter, +hervorgerufen oder begünstigt durch die Überzärtlichkeit der Mutter +selbst, ferner unterstützt durch ein Zurücktreten des Vaters im +kindlichen Leben. ~Sadger~ hebt hervor, daß die Mütter seiner +homosexuellen Patienten häufig Mannweiber waren, Frauen mit energischen +Charakterzügen, die den Vater aus der ihm gebührenden Stellung drängen +konnten; ich habe gelegentlich das gleiche gesehen, aber stärkeren +Eindruck von jenen Fällen empfangen, in denen der Vater von Anfang an +fehlte oder frühzeitig wegfiel, so daß der Knabe dem weiblichen Einfluß +preisgegeben war. Sieht es doch fast so aus, als ob das Vorhandensein +eines starken Vaters dem Sohne die richtige Entscheidung in der +Objektwahl für das entgegengesetzte Geschlecht versichern würde. + +Nach diesem Vorstadium tritt eine Umwandlung ein, deren Mechanismus +uns bekannt ist, deren treibende Kräfte wir noch nicht erfassen. +Die Liebe zur Mutter kann die weitere bewußte Entwicklung nicht +mitmachen, sie verfällt der Verdrängung. Der Knabe verdrängt die +Liebe zur Mutter, indem er sich selbst an deren Stelle setzt, +sich mit der Mutter identifiziert und seine eigene Person zum +Vorbild nimmt, in dessen Ähnlichkeit er seine neuen Liebesobjekte +auswählt. Er ist so homosexuell geworden; eigentlich ist er in den +Autoerotismus zurückgeglitten, da die Knaben, die der Heranwachsende +jetzt liebt, doch nur Ersatzpersonen und Erneuerungen seiner eigenen +kindlichen Person sind, die er so liebt, wie die Mutter ihn als +Kind geliebt hat. Wir sagen, er findet seine Liebesobjekte auf dem +Wege des ~Narzißmus~, da die griechische Sage einen Jüngling +~Narzissus~ nennt, dem nichts so wohl gefiel wie das eigene +Spiegelbild, und der in die schöne Blume dieses Namens verwandelt +wurde. + +Tiefer reichende psychologische Erwägungen rechtfertigen die +Behauptung, daß der auf solchem Wege homosexuell Gewordene im +Unbewußten an das Erinnerungsbild seiner Mutter fixiert bleibt. Durch +die Verdrängung der Liebe zur Mutter konserviert er dieselbe in seinem +Unbewußten und bleibt von nun an der Mutter treu. Wenn er als Liebhaber +Knaben nachzulaufen scheint, so läuft er in Wirklichkeit vor den +anderen Frauen davon, die ihn untreu machen könnten. Wir haben auch +durch direkte Einzelbeobachtung nachweisen können, daß der scheinbar +nur für männlichen Reiz Empfängliche in Wahrheit der Anziehung, die +vom Weibe ausgeht, unterliegt wie ein Normaler; aber er beeilt sich +jedesmal, die vom Weibe empfangene Erregung auf ein männliches Objekt +zu überschreiben und wiederholt auf solche Weise immer wieder den +Mechanismus, durch den er seine Homosexualität erworben hat. + +Es liegt uns ferne, die Bedeutung dieser Aufklärungen über die +psychische Genese der Homosexualität zu übertreiben. Es ist ganz +unverkennbar, daß sie den offiziellen Theorien der homosexuellen +Wortführer grell widersprechen, aber wir wissen, daß sie nicht +umfassend genug sind, um eine endgültige Klärung des Problems zu +ermöglichen. Was man aus praktischen Gründen Homosexualität heißt, mag +aus mannigfaltigen psychosexuellen Hemmungsprozessen hervorgehen, und +der von uns erkannte Vorgang ist vielleicht nur einer unter vielen und +bezieht sich nur auf einen Typus von »Homosexualität«. Wir müssen auch +zugestehen, daß bei unserem homosexuellen Typus die Anzahl der Fälle, +in denen die von uns geforderten Bedingungen aufzeigbar sind, weitaus +die jener Fälle übersteigt, in denen der abgeleitete Effekt wirklich +eintritt, so daß auch wir die Mitwirkung unbekannter konstitutioneller +Faktoren nicht abweisen können, von denen man sonst das Ganze der +Homosexualität abzuleiten pflegt. Wir hätten überhaupt keinen Anlaß +gehabt, auf die psychische Genese der von uns studierten Form von +Homosexualität einzugehen, wenn nicht eine starke Vermutung dafür +spräche, daß gerade Leonardo, von dessen Geierphantasie wir ausgegangen +sind, diesem einen Typus der Homosexuellen angehört. + +So wenig Näheres über das geschlechtliche Verhalten des großen +Künstlers und Forschers bekannt ist, so darf man sich doch der +Wahrscheinlichkeit anvertrauen, daß die Aussagen seiner Zeitgenossen +nicht im Gröbsten irre gingen. Im Lichte dieser Überlieferungen +erscheint er uns also als ein Mann, dessen sexuelle Bedürftigkeit und +Aktivität außerordentlich herabgesetzt war, als hätte ein höheres +Streben ihn über die gemeine animalische Not der Menschen erhoben. +Es mag dahingestellt bleiben, ob er jemals und auf welchem Wege er +die direkte sexuelle Befriedigung gesucht, oder ob er ihrer gänzlich +entraten konnte. Wir haben aber ein Recht, auch bei ihm nach jenen +Gefühlsströmungen zu suchen, die andere gebieterisch zur sexuellen +Tat drängen, denn wir können kein menschliches Seelenleben glauben, +an dessen Aufbau nicht das sexuelle Begehren im weitesten Sinne, +die Libido, ihren Anteil hätte, mag dasselbe sich auch weit vom +ursprünglichen Ziel entfernt oder von der Ausführung zurückgehalten +haben. + +Anderes als Spuren von unverwandelter sexueller Neigung werden wir +bei Leonardo nicht erwarten dürfen. Diese weisen aber nach einer +Richtung und gestatten, ihn noch den Homosexuellen zuzurechnen. Es +wurde von jeher hervorgehoben, daß er nur auffällig schöne Knaben und +Jünglinge zu seinen Schülern nahm. Er war gütig und nachsichtig gegen +sie, besorgte sie und pflegte sie selbst, wenn sie krank waren, wie +eine Mutter ihre Kinder pflegt, wie seine eigene Mutter ihn betreut +haben mochte. Da er sie nach ihrer Schönheit und nicht nach ihrem +Talent ausgewählt hatte, wurde keiner von ihnen: Cesare da Sesto, G. +Boltraffio, Andrea Salaino, Francesco Melzi u. a., ein bedeutender +Maler. Meist brachten sie es nicht dazu, ihre Selbständigkeit vom +Meister zu erringen, sie verschwanden nach seinem Tode, ohne der +Kunstgeschichte eine bestimmtere Physiognomie zu hinterlassen. Die +anderen, die sich nach ihrem Schaffen mit Recht seine Schüler nennen +durften, wie ~Luini~ und ~Bazzi~, genannt ~Sodoma~, hat er +wahrscheinlich persönlich nicht gekannt. + +Wir wissen, daß wir der Einwendung zu begegnen haben, das Verhalten +Leonardos gegen seine Schüler habe mit geschlechtlichen Motiven +überhaupt nichts zu tun und gestatte keinen Schluß auf eine sexuelle +Eigenart. Dagegen wollen wir mit aller Vorsicht geltend machen, daß +unsere Auffassung einige sonderbare Züge im Benehmen des Meisters +aufklärt, die sonst rätselhaft bleiben müßten. Leonardo führte ein +Tagebuch; er machte in seiner kleinen, von rechts nach links geführten +Schrift Aufzeichnungen, die nur für ihn bestimmt waren. In diesem +Tagebuch redete er sich bemerkenswerter Weise mit »du« an: »Lerne bei +Meister Luca die Multiplikation der Wurzeln.«[40] »Laß dir vom Meister +d'Abacco die Quadratur des Zirkels zeigen.«[41] -- Oder bei Anlaß einer +Reise:[42] »Ich gehe meiner Gartenangelegenheit wegen nach Mailand +.... Lasse zwei Tragsäcke machen. Lasse dir die Drechselbank von +Boltraffio zeigen und einen Stein darauf bearbeiten. -- Lasse das Buch +dem Meister Andrea il Todesco.«[43] Oder, ein Vorsatz von ganz anderer +Bedeutung: »Du hast in deiner Abhandlung zu zeigen, daß die Erde ein +Stern ist, wie der Mond oder ungefähr, und so den Adel unserer Welt zu +erweisen.«[44] + +In diesem Tagebuch, welches übrigens -- wie die Tagebücher anderer +Sterblicher -- oft die bedeutsamsten Begebenheiten des Tages nur mit +wenigen Worten streift oder völlig verschweigt, finden sich einige +Eintragungen, die ihrer Sonderbarkeit wegen von allen Biographen +Leonardos zitiert werden. Es sind Aufzeichnungen über kleine Ausgaben +des Meisters von einer peinlichen Exaktheit, als sollten sie von einem +philiströs gestrengen und sparsamen Hausvater herrühren, während die +Nachweise über die Verwendung größerer Summen fehlen und nichts sonst +dafür spricht, daß der Künstler sich auf Wirtschaft verstanden habe. +Eine dieser Aufschreibungen betrifft einen neuen Mantel, den er dem +Schüler Andrea Salaino gekauft:[45] + + Silberbrokat 15 Lire 4 Soldi + Roten Samt zum Besatz 9 " -- " + Schnüre -- " 9 " + Knöpfe -- " 12 " + +Eine andere sehr ausführliche Notiz stellt alle die Ausgaben zusammen, +die ihm ein anderer Schüler[46] durch seine schlechten Eigenschaften +und seine Neigung zum Diebstahl verursacht: »Am Tage 21 des April +1490 begann ich dieses Buch und begann wieder das Pferd.[47] Jacomo +kam zu mir am Magdalenentage tausend 490, im Alter von 10 Jahren. +(Randbemerkung: diebisch, lügnerisch, eigensinnig, gefräßig.) Am +zweiten Tage ließ ich ihm zwei Hemden schneiden, ein Paar Hosen und +einen Wams, und als ich mir das Geld beiseite legte, um genannte Sachen +zu bezahlen, stahl er mir das Geld aus der Geldtasche, und war es +nie möglich, ihn das beichten zu machen, obwohl ich davon eine wahre +Sicherheit hatte (Randnote: 4 Lire ...).« So geht der Bericht über die +Missetaten des Kleinen weiter und schließt mit der Kostenrechnung: »Im +ersten Jahr, ein Mantel, Lire 2; 6 Hemden, Lire 4; 3 Wämser, Lire 6; 4 +Paar Strümpfe, Lire 7 u. s. w.«[48] + +Die Biographen Leonardos, denen nichts ferner liegt, als die Rätsel im +Seelenleben ihres Helden aus seinen kleinen Schwächen und Eigenheiten +ergründen zu wollen, pflegen an diese sonderbaren Verrechnungen eine +Bemerkung anzuknüpfen, welche die Güte und Nachsicht des Meisters +gegen seine Schüler betont. Sie vergessen daran, daß nicht Leonardos +Benehmen, sondern die Tatsache, daß er uns diese Zeugnisse desselben +hinterließ, einer Erklärung bedarf. Da man ihm unmöglich das Motiv +zuschreiben kann, uns Belege für seine Gutmütigkeit in die Hände zu +spielen, müssen wir die Annahme machen, daß ein anderes, affektives +Motiv ihn zu diesen Niederschriften veranlaßt hat. Es ist nicht leicht +zu erraten, welches, und wir würden keines anzugeben wissen, wenn nicht +eine andere unter Leonardos Papieren gefundene Rechnung ein helles +Licht auf diese seltsam kleinlichen Notizen über Schülerkleidungen u. +dgl. würfe:[49] + + Auslagen nach dem Tode zum Begräbnis der Katharina 27 florins + 2 Pfund Wachs 18 " + Katafalk 12 " + Für das Tragen und Aufrichten des Kreuzes 4 " + Leichenträger 8 " + An 4 Geistliche und 4 Kleriker 20 " + Glockenläuten 2 " + Den Totengräbern 16 " + Für die Genehmigung -- den Beamten 1 " + ------------- + Summa 108 florins + + Frühere Auslagen: + + Dem Arzte 4 florins + Für Zucker und Lichte 12 " 16 " + ------------- + Summa Summarum 124 florins. + +Der Dichter ~Mereschkowski~ ist der einzige, der uns zu sagen +weiß, wer diese Katharina war. Aus zwei anderen kurzen Notizen +erschließt er, daß die Mutter Leonardos, die arme Bäuerin aus Vinci, +im Jahre 1493 nach Mailand gekommen war, um ihren damals 41jährigen +Sohn zu besuchen, daß sie dort erkrankte, von Leonardo im Spital +untergebracht, und als sie starb, von ihm unter so ehrenvollem Aufwand +zu Grabe gebracht worden sei.[50] + +Erweisbar ist diese Deutung des seelenkundigen Romanschreibers nicht, +aber sie kann auf so viel innere Wahrscheinlichkeit Anspruch machen, +stimmt so gut zu allem, was wir sonst von Leonardos Gefühlsbetätigung +wissen, daß ich mich nicht enthalten kann, sie als richtig +anzuerkennen. Er hatte es zu stande gebracht, seine Gefühle unter +das Joch der Forschung zu zwingen und den freien Ausdruck derselben +zu hemmen; aber es gab auch für ihn Fälle, in denen das Unterdrückte +sich eine Äußerung erzwang, und der Tod der einst so heiß geliebten +Mutter war ein solcher. In dieser Rechnung über die Begräbniskosten +haben wir die bis zur Unkenntlichkeit entstellte Äußerung der Trauer +um die Mutter vor uns. Wir verwundern uns, wie solche Entstellung zu +stande kommen konnte, und können es auch unter den Gesichtspunkten +der normalen seelischen Vorgänge nicht verstehen. Aber unter den +abnormen Bedingungen der Neurosen und ganz besonders der sogenannten +~Zwangsneurose~ ist uns ähnliches wohlbekannt. Dort sehen wir +die Äußerung intensiver, aber durch Verdrängung unbewußt gewordener +Gefühle auf geringfügige, ja läppische Verrichtungen verschoben. +Es ist den widerstrebenden Mächten gelungen, den Ausdruck dieser +verdrängten Gefühle so sehr zu erniedrigen, daß man die Intensität +dieser Gefühle für eine höchst geringfügige einschätzen müßte; +aber in dem gebieterischen Zwang, mit dem sich diese kleinliche +Ausdruckshandlung durchsetzt, verrät sich die wirkliche, im Unbewußten +wurzelnde Macht der Regungen, die das Bewußtsein verleugnen möchte. +Nur ein solcher Anklang an das Geschehen bei der Zwangsneurose kann +die Leichenkostenrechnung Leonardos beim Tode seiner Mutter erklären. +Im Unbewußten war er noch wie in Kinderzeiten durch erotisch gefärbte +Neigung an sie gebunden; der Widerstreit der später eingetretenen +Verdrängung dieser Kinderliebe gestattete nicht, daß ihr im Tagebuche +ein anderes, würdigeres Denkmal gesetzt werde, aber was sich +als Kompromiß aus diesem neurotischen Konflikt ergab, das mußte +ausgeführt werden, und so wurde die Rechnung eingetragen und kam als +Unbegreiflichkeit zur Kenntnis der Nachwelt. + +Es scheint kein Wagniß, die an der Leichenrechnung gewonnene Einsicht +auf die Schülerkostenrechnungen zu übertragen. Demnach wäre auch dies +ein Fall, in dem sich bei Leonardo die spärlichen Reste libidinöser +Regungen zwangsartig einen entstellten Ausdruck schufen. Die +Mutter und die Schüler, die Ebenbilder seiner eigenen knabenhaften +Schönheit, wären seine Sexualobjekte gewesen -- soweit die sein Wesen +beherrschende Sexualverdrängung eine solche Kennzeichnung zuläßt +--, und der Zwang, die für sie gemachten Ausgaben mit peinlicher +Ausführlichkeit zu notieren, wäre der befremdliche Verrat dieser +rudimentären Konflikte. Es würde sich so ergeben, daß Leonardos +Liebesleben wirklich dem Typus von Homosexualität angehört, dessen +psychische Entwicklung wir aufdecken konnten, und das Auftreten +der homosexuellen Situation in seiner Geierphantasie würde uns +verständlich, denn es besagte nichts anderes, als was wir vorhin von +jenem Typus behauptet haben. Es erforderte die Übersetzung: Durch diese +erotische Beziehung zur Mutter bin ich ein Homosexueller geworden.[51] + + + + + IV. + + +Die Geierphantasie Leonardos hält uns noch immer fest. In Worten, +welche nur allzudeutlich an die Beschreibung eines Sexualaktes +anklingen (»und hat viele Male mit seinem Schwanz gegen meine Lippen +gestoßen«), betont Leonardo die Intensität der erotischen Beziehungen +zwischen Mutter und Kind. Es hält nicht schwer, aus dieser Verbindung +der Aktivität der Mutter (des Geiers) mit der Hervorhebung der Mundzone +einen zweiten Erinnerungsinhalt der Phantasie zu erraten. Wir können +übersetzen: Die Mutter hat mir ungezählte leidenschaftliche Küsse auf +den Mund gedrückt. Die Phantasie ist zusammengesetzt aus der Erinnerung +an das Gesäugtwerden und an das Geküßtwerden durch die Mutter. + +Dem Künstler hat eine gütige Natur gegeben, seine geheimsten, ihm +selbst verborgenen Seelenregungen durch Schöpfungen zum Ausdruck zu +bringen, welche die Anderen, dem Künstler Fremden, mächtig ergreift, +ohne daß sie selbst anzugeben wüßten, woher diese Ergriffenheit rührt. +Sollte in dem Lebenswerk Leonardos nichts Zeugnis ablegen von dem, was +seine Erinnerung als den stärksten Eindruck seiner Kindheit bewahrt +hat? Man müßte es erwarten. Wenn man aber erwägt, was für tiefgreifende +Umwandlungen ein Lebenseindruck des Künstlers durchzumachen hat, ehe er +seinen Beitrag zum Kunstwerk stellen darf, wird man gerade bei Leonardo +den Anspruch auf Sicherheit des Nachweises auf ein ganz bescheidenes +Maß herabsetzen müssen. + +Wer an Leonardos Bilder denkt, den wird die Erinnerung an ein +merkwürdiges, berückendes und rätselhaftes Lächeln mahnen, das er auf +die Lippen seiner weiblichen Figuren gezaubert hat. Ein stehendes +Lächeln auf langgezogenen, geschwungenen Lippen; es ist für ihn +charakteristisch geworden und wird vorzugsweise »Leonardesk« genannt. +In dem fremdartig schönen Antlitz der Florentinerin Monna Lisa del +Giocondo hat es die Beschauer am stärksten ergriffen und in Verwirrung +gebracht. Dies Lächeln verlangte nach einer Deutung und fand die +verschiedenartigsten, von denen keine befriedigte. »Voilà quatre +siècles bientôt que Mona Lisa fait perdre la tête à tous ceux qui +parlent d'elle, après l'avoir longtemps regardée.«[52] + +~Muther~:[53] »Was den Betrachter namentlich bannt, ist der +dämonische Zauber dieses Lächelns. Hunderte von Dichtern und +Schriftstellern haben über dieses Weib geschrieben, das bald +verführerisch uns anzulächeln, bald kalt und seelenlos ins Leere zu +starren scheint, und niemand hat ihr Lächeln enträtselt, niemand +ihre Gedanken gedeutet. Alles, auch die Landschaft ist geheimnisvoll +traumhaft, wie in gewitterschwüler Sinnlichkeit zitternd.« + +Die Ahnung, daß sich in dem Lächeln der Monna Lisa zwei verschiedene +Elemente vereinigen, hat sich bei mehreren Beurteilern geregt. +Sie erblicken darum in dem Mienenspiel der schönen Florentinerin +die vollkommenste Darstellung der Gegensätze, die das Liebesleben +des Weibes beherrschen, der Reserve und der Verführung, der +hingebungsvollen Zärtlichkeit und der rücksichtlos heischenden, +den Mann wie etwas Fremdes verzehrenden Sinnlichkeit. So äußert +~Müntz~:[54] On sait quelle énigme indéchiffrable et passionante +Monna Lisa Gioconda ne cesse depuis bientôt quatre siècles, de proposer +aux admirateurs pressés devant elle. Jamais artiste (j'emprunte la +plume du délicat écrivain qui se cache sous le pseudonyme de Pierre de +Corlay) »a-t-il traduit ainsi l'essence même de la féminité: tendresse +et coquetterie, pudeur et sourde volupté, tout le mystère d'un coeur +qui se réserve, d'un cerveau qui réfléchit, d'une personnalité qui +se garde et ne livre d'elle-même que son rayonnement .........« +Der Italiener ~Angelo Conti~[55] sieht das Bild im Louvre von +einem Sonnenstrahl belebt. »La donna sorrideva in una calma regale: +i suoi instinti di conquista, di ferocia, tutta l'eredità della +specie, la volontà della seduzione e dell' agguato, la grazia del +inganno, la bontà che cela un proposito crudele, tutto ciò appariva +alternativamente e scompariva dietro il velo ridente e si fondeva +nel poema del suo sorriso ....... Buona e malvaggia, crudele e +compassionevole, graziosa e felina, ella rideva ..........« + +Leonardo malte vier Jahre an diesem Bilde, vielleicht von 1503 bis +1507, während seines zweiten Aufenthaltes in Florenz, selbst über 50 +Jahre alt. Er wendete nach ~Vasaris~ Bericht die ausgesuchtesten +Künste an, um die Dame während der Sitzungen zu zerstreuen und jenes +Lächeln auf ihren Zügen festzuhalten. Von all den Feinheiten, die +sein Pinsel damals auf der Leinwand wiedergab, hat das Bild in seinem +heutigen Zustand wenig nur bewahrt; es galt, als es im Entstehen war, +als das höchste, was die Kunst leisten könnte; sicher ist aber, daß +es Leonardo selbst nicht befriedigte, daß er es für nicht vollendet +erklärte, dem Besteller nicht ablieferte und mit sich nach Frankreich +nahm, wo sein Beschützer Franz I. es von ihm für das Louvre erwarb. + +Lassen wir das physiognomische Rätsel der Monna Lisa ungelöst und +verzeichnen wir die unzweifelhafte Tatsache, daß ihr Lächeln den +Künstler nicht minder stark fasziniert hat, als alle die Beschauer seit +400 Jahren. Dies berückende Lächeln kehrt seitdem auf allen seinen +Bildern und den seiner Schüler wieder. Da die Monna Lisa Leonardos +ein Porträt ist, können wir nicht annehmen, er habe ihrem Angesicht +aus eigenem einen so ausdrucksschweren Zug geliehen, den sie selbst +nicht besaß. Es scheint, wir können kaum anders als glauben, daß er +dies Lächeln bei seinem Modell fand und so sehr unter dessen Zauber +geriet, daß er von da an die freien Schöpfungen seiner Phantasie +mit ihm ausstattete. Dieser naheliegenden Auffassung gibt z. B. A. +~Konstantinowa~[56] Ausdruck: + +»Während der langen Zeit, in welcher sich der Meister mit dem Porträt +der Monna Lisa del Giocondo beschäftigte, hatte er sich mit solcher +Teilnahme des Gefühls in die physiognomischen Feinheiten dieses +Frauenantlitzes hineingelebt, daß er diese Züge -- besonders das +geheimnisvolle Lächeln und den seltsamen Blick -- auf alle Gesichter +übertrug, welche er in der Folge malte oder zeichnete; die mimische +Eigentümlichkeit der Gioconda kann selbst auf dem Bilde Johannes des +Täufers im Louvre wahrgenommen werden; -- vor allem aber sind sie in +Marias Gesichtszügen auf dem Anna Selbdritt-Bilde deutlich erkennbar.« + +Allein es kann auch anders zugegangen sein. Das Bedürfnis nach einer +tieferen Begründung jener Anziehung, mit welcher das Lächeln der +Gioconda den Künstler ergriff, um ihn nicht mehr freizulassen, hat sich +bei mehr als einem seiner Biographen geregt. W. ~Pater~, der in +dem Bilde der Monna Lisa die »Verkörperung aller Liebeserfahrung der +Kulturmenschheit« sieht, und sehr fein »jenes unergründliche Lächeln, +welches bei Leonardo stets wie mit etwas Unheilverkündendem verbunden +scheint,« behandelt, führt uns auf eine andere Spur, wenn er +äußert:[57] + +»Übrigens ist das Bild ein Porträt. Wir können verfolgen, wie es sich +von Kindheit auf in das Gewebe seiner Träume mischt, so daß man, +sprächen nicht ausdrückliche Zeugnisse dagegen, glauben möchte, es sei +sein endlich gefundenes und verkörpertes Frauenideal .....« + +Etwas ganz Ähnliches hat wohl M. ~Herzfeld~ im Sinne, wenn sie +ausspricht, in der Monna Lisa habe Leonardo sich selbst begegnet, darum +sei es ihm möglich geworden, soviel von seinem eigenen Wesen in das +Bild einzutragen, »dessen Züge von jeher in rätselhafter Sympathie in +Leonardos Seele gelegen haben.«[58] + +Versuchen wir diese Andeutungen zur Klarheit zu entwickeln. Es mag also +so gewesen sein, daß Leonardo vom Lächeln der Monna Lisa gefesselt +wurde, weil dieses etwas in ihm aufweckte, was seit langer Zeit in +seiner Seele geschlummert hatte, eine alte Erinnerung wahrscheinlich. +Diese Erinnerung war bedeutsam genug, um ihn nicht mehr loszulassen, +nachdem sie einmal erweckt worden war; er mußte ihr immer wieder neuen +Ausdruck geben. Die Versicherung ~Paters~, daß wir verfolgen +können, wie sich ein Gesicht, wie das der Monna Lisa, von Kindheit auf +in das Gewebe seiner Träume mischt, scheint glaubwürdig und verdient +wörtlich verstanden zu werden. + +~Vasari~ erwähnt als seine ersten künstlerischen Versuche »teste +di femmine, che ridono«[59]. Die Stelle, die ganz unverdächtig ist, +weil sie nichts erweisen will, lautet vollständiger in deutscher +Übersetzung:[60] »indem er in seiner Jugend einige lachende weibliche +Köpfe aus Erde formte, die in Gyps vervielfältigt wurden, und einige +Kinderköpfe, so schön, als ob sie von Meisterhand gebildet wären ....., +p. 6.« + +Wir erfahren also, daß seine Kunstübung mit der Darstellung von +zweierlei Objekten begann, die uns an die zweierlei Sexualobjekte +mahnen müssen, welche wir aus der Analyse seiner Geierphantasie +erschlossen haben. Waren die schönen Kinderköpfe Vervielfältigungen +seiner eigenen kindlichen Person, so sind die lächelnden Frauen nichts +anderes als Wiederholungen der Catarina, seiner Mutter, und wir +beginnen die Möglichkeit zu ahnen, daß seine Mutter das geheimnisvolle +Lächeln besessen, das er verloren hatte, und das ihn so fesselte, als +er es bei der Florentiner Dame wiederfand.[61] + +Das Gemälde Leonardos, welches der Monna Lisa zeitlich am nächsten +steht, ist die sogenannte »heilige Anna selbdritt«, die heilige Anna +mit Maria und dem Christusknaben. Es zeigt das leonardeske Lächeln +in schönster Ausprägung an beiden Frauenköpfen. Es ist nicht zu +ermitteln, um wieviel früher oder später als das Porträt der Monna +Lisa Leonardo daran zu malen begann. Da beide Arbeiten sich über Jahre +erstreckten, darf man wohl annehmen, daß sie den Meister gleichzeitig +beschäftigten. Zu unserer Erwartung würde es am besten stimmen, wenn +gerade die Vertiefung in die Züge der Monna Lisa Leonardo angeregt +hätte, die Komposition der hl. Anna aus seiner Phantasie zu gestalten. +Denn wenn das Lächeln der Gioconda die Erinnerung an die Mutter in ihm +heraufbeschwor, so verstehen wir, daß es ihn zunächst dazu trieb, eine +Verherrlichung der Mütterlichkeit zu schaffen, und das Lächeln, das +er bei der vornehmen Dame gefunden hatte, der Mutter wiederzugeben. +So dürfen wir denn unser Interesse vom Porträt der Monna Lisa auf +dies andere, kaum minder schöne Bild, das sich jetzt auch im Louvre +befindet, hinübergleiten lassen. + +Die heilige Anna mit Tochter und Enkelkind ist ein in der italienischen +Malerei selten behandelter Gegenstand; die Darstellung Leonardos weicht +jedenfalls weit von allen sonst bekannten ab. ~Muther~ sagt:[62] + +»Einige Meister, wie Hans Fries, der ältere Holbein und Girolamo dai +Libri, ließen Anna neben Maria sitzen und stellten zwischen beide das +Kind. Andere, wie Jakob Cornelisz in seinem Berliner Bilde, zeigten +im eigentlichen Wortsinn die »heilige Anna selbdritt«, das heißt, sie +stellten sie dar, wie sie im Arme das kleine Figürchen Marias hält, +auf dem das noch kleinere des Christkindes sitzt«. Bei Leonardo sitzt +Maria auf dem Schoße ihrer Mutter vorgeneigt und greift mit beiden +Armen nach dem Knaben, der mit einem Lämmchen spielt, es wohl ein wenig +mißhandelt. Die Großmutter hat den einen unverdeckten Arm in die Hüfte +gestemmt und blickt mit seligem Lächeln auf die beiden herab. Die +Gruppierung ist gewiß nicht ganz ungezwungen. Aber das Lächeln, welches +auf den Lippen beider Frauen spielt, hat, obwohl unverkennbar dasselbe +wie im Bilde der Monna Lisa, seinen unheimlichen und rätselhaften +Charakter verloren; es drückt Innigkeit und stille Seligkeit aus.[63] + +Bei einer gewissen Vertiefung in dieses Bild kommt es wie ein +plötzliches Verständnis über den Beschauer: Nur Leonardo konnte +dieses Bild malen, wie nur er die Geierphantasie dichten konnte. In +dieses Bild ist die Synthese seiner Kindheitsgeschichte eingetragen; +die Einzelheiten desselben sind aus den allerpersönlichsten +Lebenseindrücken Leonardos erklärlich. Im Hause seines Vaters fand +er nicht nur die gute Stiefmutter Donna Albiera, sondern auch die +Großmutter, Mutter seines Vaters, Monna Lucia, die, wir wollen es +annehmen, nicht unzärtlicher gegen ihn war, als Großmütter zu sein +pflegen. Dieser Umstand mochte ihm die Darstellung der von Mutter und +Großmutter behüteten Kindheit nahebringen. Ein anderer auffälliger +Zug des Bildes gewinnt eine noch größere Bedeutung. Die hl. Anna, die +Mutter der Maria und Großmutter des Knaben, die eine Matrone sein +müßte, ist hier vielleicht etwas reifer und ernster als die hl. Maria, +aber noch als junge Frau von unverwelkter Schönheit gebildet. Leonardo +hat in Wirklichkeit dem Knaben zwei Mütter gegeben, eine, die die Arme +nach ihm ausstreckt, und eine andere im Hintergrunde, und beide mit dem +seligen Lächeln des Mutterglückes ausgestattet. Diese Eigentümlichkeit +des Bildes hat nicht verfehlt, die Verwunderung der Autoren zu erregen; +~Muther~ meint z. B., daß Leonardo sich nicht entschließen +konnte, Alter, Falten und Runzeln zu malen und darum auch Anna zu +einer Frau von strahlender Schönheit machte. Ob man sich mit dieser +Erklärung zufrieden geben kann? Andere haben zur Auskunft gegriffen, +die »Gleichaltrigkeit von Mutter und Tochter« überhaupt in Abrede zu +stellen.[64] Aber der ~Muther~sche Erklärungsversuch genügt wohl +für den Beweis, daß der Eindruck von der Verjüngung der hl. Anna dem +Bilde entnommen und nicht durch eine Tendenz vorgetäuscht ist. + +Leonardos Kindheit war gerade so merkwürdig gewesen wie dieses Bild. Er +hatte zwei Mütter gehabt, die erste seine wahre Mutter, die Catarina, +der er im Alter zwischen drei und fünf Jahren entrissen wurde, und +eine junge und zärtliche Stiefmutter, die Frau seines Vaters, Donna +Albiera. Indem er diese Tatsache seiner Kindheit mit der ersterwähnten +zusammenzog, sie zu einer Mischeinheit verdichtete, gestaltete sich ihm +die Komposition der hl. Anna selbdritt. Die mütterliche Gestalt weiter +weg vom Knaben, die Großmutter heißt, entspricht nach ihrer Erscheinung +und ihrem räumlichen Verhältnis zum Knaben der echten früheren Mutter +Catarina. Mit dem seligen Lächeln der hl. Anna hat der Künstler wohl +den Neid verleugnet und überdeckt, den die Unglückliche verspürte, als +sie der vornehmeren Rivalin wie früher den Mann, so nun auch den Sohn +abtreten mußte. + +So wären wir von einem anderen Werke Leonardos her zur Bestätigung der +Ahnung gekommen, daß das Lächeln der Monna Lisa del Giocondo in dem +Manne die Erinnerung an die Mutter seiner ersten Kinderjahre erweckt +hatte. Madonnen und vornehme Damen zeigten von da an bei den Malern +Italiens die demütige Kopfneigung und das seltsam-selige Lächeln des +armen Bauernmädchens Catarina, das der Welt den herrlichen, zum Malen, +Forschen und Dulden bestimmten Sohn geboren hatte. + +Wenn es Leonardo gelang, im Angesicht der Monna Lisa den doppelten Sinn +wiederzugeben, den dies Lächeln hatte, das Versprechen schrankenloser +Zärtlichkeit wie die unheilverkündende Drohung (nach ~Paters~ +Worten), so war er auch darin dem Inhalte seiner frühesten Erinnerung +treu geblieben. Denn die Zärtlichkeit der Mutter wurde ihm zum +Verhängnis, bestimmte sein Schicksal und die Entbehrungen, die seiner +warteten. Die Heftigkeit der Liebkosungen, auf die seine Geierphantasie +deutet, war nur allzu natürlich; die arme verlassene Mutter mußte all +ihre Erinnerungen an genossene Zärtlichkeiten wie ihre Sehnsucht nach +neuen in die Mutterliebe einfließen lassen; sie war dazu gedrängt, +nicht nur sich dafür zu entschädigen, daß sie keinen Mann, sondern +auch das Kind, daß es keinen Vater hatte, der es liebkosen wollte. So +nahm sie nach der Art aller unbefriedigten Mütter den kleinen Sohn an +Stelle ihres Mannes an und raubte ihm durch die allzu frühe Reifung +seiner Erotik ein Stück seiner Männlichkeit. Die Liebe der Mutter zum +Säugling, den sie nährt und pflegt, ist etwas weit tiefgreifenderes als +ihre spätere Affektion für das heranwachsende Kind. Sie ist von der +Natur eines vollbefriedigenden Liebesverhältnisses, das nicht nur alle +seelischen Wünsche, sondern auch alle körperlichen Bedürfnisse erfüllt, +und wenn sie eine der Formen des dem Menschen erreichbaren Glückes +darstellt, so rührt dies nicht zum mindesten von der Möglichkeit her, +auch längst verdrängte und pervers zu nennende Wunschregungen ohne +Vorwurf zu befriedigen.[65] In der glücklichsten jungen Ehe verspürt es +der Vater, daß das Kind, besonders der kleine Sohn, sein Nebenbuhler +geworden ist, und eine im Unbewußten tief wurzelnde Gegnerschaft gegen +den Bevorzugten nimmt von daher ihren Ausgang. + +Als Leonardo auf der Höhe seines Lebens jenem selig verzückten Lächeln +wieder begegnete, wie es einst den Mund seiner Mutter bei ihren +Liebkosungen umspielt hatte, stand er längst unter der Herrschaft +einer Hemmung, die ihm verbot, je wieder solche Zärtlichkeiten von +Frauenlippen zu begehren. Aber er war Maler geworden und so bemühte er +sich, dieses Lächeln mit dem Pinsel wieder zu erschaffen, und er gab es +allen seinen Bildern, ob er sie nun selbst ausführte oder unter seiner +Leitung von seinen Schülern ausführen ließ, der Leda, dem Johannes und +dem Bacchus. Die beiden letzten sind Abänderungen desselben Typus. +~Muther~ sagt: »Aus dem Heuschreckenesser der Bibel hat Leonardo +einen Bacchus, einen Apollino gemacht, der, ein rätselhaftes Lächeln +auf den Lippen, die weichen Schenkel übereinander geschlagen, uns mit +sinnbetörendem Auge anblickt.« Diese Bilder atmen eine Mystik, in deren +Geheimnis einzudringen man nicht wagt; man kann es höchstens versuchen, +den Anschluß an die früheren Schöpfungen Leonardos herzustellen. Die +Gestalten sind wieder mannweiblich, aber nicht mehr im Sinne der +Geierphantasie, es sind schöne Jünglinge von weiblicher Zartheit mit +weibischen Formen; sie schlagen die Augen nicht nieder, sondern +blicken geheimnisvoll triumphierend, als wüßten sie von einem großen +Glückserfolg, von dem man schweigen muß; das bekannte berückende +Lächeln läßt ahnen, daß es ein Liebesgeheimnis ist. Möglich, daß +Leonardo in diesen Gestalten das Unglück seines Liebeslebens verleugnet +und künstlerisch überwunden hat, indem er die Wunscherfüllung des von +der Mutter betörten Knaben in solch seliger Vereinigung von männlichem +und weiblichem Wesen darstellte. + + + + + V. + + +Unter den Eintragungen in den Tagebüchern Leonardos findet sich eine, +die durch ihren bedeutsamen Inhalt und wegen eines winzigen formalen +Fehlers die Aufmerksamkeit des Lesers festhält: + +Er schreibt im Juli 1504. + +»Adi 9 di Luglio 1504 mercoledi a ore 7 mori Ser Piero da Vinci, +notalio al palazzo del Potestà, mio padre, a ore 7. Era d'età d'anni +80, lasciò 10 figlioli maschi e 2 femmine.«[66] + +Die Notiz handelt also vom Tode des Vaters Leonardos. Die kleine Irrung +in ihrer Form besteht darin, daß die Zeitbestimmung »a ore 7« zweimal +wiederholt wird, als hätte Leonardo am Ende des Satzes vergessen, daß +er sie zu Anfang bereits hingeschrieben. Es ist nur eine Kleinigkeit, +aus der ein anderer als ein Psychoanalytiker nichts machen würde. +Vielleicht würde er sie nicht bemerken, und auf sie aufmerksam gemacht, +würde er sagen: Das kann in der Zerstreutheit oder im Affekt jedem +passieren und hat weiter keine Bedeutung. + +Der Psychoanalytiker denkt anders; ihm ist nichts zu klein als Äußerung +verborgener seelischer Vorgänge; er hat längst gelernt, daß solches +Vergessen oder Wiederholen bedeutungsvoll ist, und daß man es der +»Zerstreutheit« danken muß, wenn sie den Verrat sonst verborgener +Regungen gestattet. + +Wir werden sagen, auch diese Notiz entspricht, wie die Leichenrechnung +der Catarina, die Kostenrechnungen der Schüler, einem Falle, in dem +Leonardo die Unterdrückung seiner Affekte mißglückte und das lange +Verhohlene sich einen entstellten Ausdruck erzwang. Auch die Form +ist eine ähnliche, dieselbe pedantische Genauigkeit, die gleiche +Vordringlichkeit der Zahlen.[67] + +Wir heißen eine solche Wiederholung eine Perseveration. Sie ist ein +ausgezeichnetes Hilfsmittel, um die affektive Betonung anzuzeigen. +Man denke z. B. an die Zornesrede des heiligen Petrus gegen seinen +unwürdigen Stellvertreter auf Erden in ~Dantes~ Paradiso:[68] + + »Quegli ch'usurpa in terra il luogo mio + Il luogo mio, il luogo mio, che vaca + Nella presenza del Figliuol di Dio, + + Fatto ha del cimiterio mio cloaca.« + +Ohne Leonardos Affekthemmung hätte die Eintragung im Tagebuch etwa +lauten können: Heute um 7 Uhr starb mein Vater, Ser Piero da Vinci, +mein armer Vater! Aber die Verschiebung der Perseveration auf die +gleichgültigste Bestimmung der Todesnachricht, auf die Sterbestunde, +raubt der Notiz jedes Pathos und läßt uns gerade noch erkennen, daß +hier etwas zu verbergen und zu unterdrücken war. + +Ser Piero da Vinci, Notar und Abkömmling von Notaren, war ein Mann von +großer Lebenskraft, der es zu Ansehen und Wohlstand brachte. Er war +viermal verheiratet, die beiden ersten Frauen starben ihm kinderlos +weg, erst von der dritten erzielte er 1476 den ersten legitimen Sohn, +als Leonardo bereits 24 Jahre alt war und das Vaterhaus längst gegen +das Atelier seines Meisters Verrocchio vertauscht hatte; mit der +vierten und letzten Frau, die er bereits als Fünfziger geheiratet +hatte, zeugte er noch neun Söhne und zwei Töchter.[69] + +Gewiß ist auch dieser Vater für die psychosexuelle Entwicklung +Leonardos bedeutsam geworden, und zwar nicht nur negativ, durch +seinen Wegfall in den ersten Kinderjahren des Knaben, sondern auch +unmittelbar durch seine Gegenwart in dessen späterer Kindheit. Wer +als Kind die Mutter begehrt, der kann es nicht vermeiden, sich an die +Stelle des Vaters setzen zu wollen, sich in seiner Phantasie mit ihm +zu identifizieren und später seine Überwindung zur Lebensaufgabe zu +machen. Als Leonardo, noch nicht fünf Jahre alt, ins großväterliche +Haus aufgenommen wurde, trat gewiß die junge Stiefmutter Albiera an +die Stelle seiner Mutter in seinem Fühlen, und er kam in jenes normal +zu nennende Rivalitätsverhältnis zum Vater. Die Entscheidung zur +Homosexualität tritt bekanntlich erst in der Nähe der Pubertätsjahre +auf. Als diese für Leonardo gefallen war, verlor die Identifizierung +mit dem Vater jede Bedeutung für sein Sexualleben, setzte sich aber +auf anderen Gebieten von nicht erotischer Betätigung fort. Wir hören, +daß er Prunk und schöne Kleider liebte, sich Diener und Pferde hielt, +obwohl er nach ~Vasaris~ Worten »fast nichts besaß und wenig +arbeitete«; wir werden nicht allein seinen Schönheitssinn für diese +Vorlieben verantwortlich machen, wir erkennen in ihnen auch den Zwang, +den Vater zu kopieren und zu übertreffen. Der Vater war gegen das +arme Bauernmädchen der vornehme Herr gewesen, daher verblieb in dem +Sohne der Stachel, auch den vornehmen Herrn zu spielen, der Drang +»to out-herod Herod,« dem Vater vorzuhalten, wie erst die richtige +Vornehmheit aussehe. + +Wer als Künstler schafft, der fühlt sich gegen seine Werke gewiß als +Vater. Für Leonardos Schaffen als Maler hatte die Identifizierung mit +dem Vater eine verhängnisvolle Folge. Er schuf sie und kümmerte sich +nicht mehr um sie, wie sein Vater sich nicht um ihn bekümmert hatte. +Die spätere Sorge des Vaters konnte an diesem Zwange nichts ändern, +denn dieser leitete sich von den Eindrücken der ersten Kinderjahre ab, +und das unbewußt gebliebene Verdrängte ist unkorrigierbar durch spätere +Erfahrungen. + +Zur Zeit der Renaissance bedurfte jeder Künstler -- wie auch noch +viel später -- eines hohen Herrn und Gönners, eines Padrone, der ihm +Aufträge gab, in dessen Händen sein Schicksal ruhte. Leonardo fand +seinen Padrone in dem hochstrebenden, prachtliebenden, diplomatisch +verschlagenen, aber unsteten und unverläßlichen ~Lodovico Sforza~, +zubenannt: il ~Moro~. An seinem Hofe in Mailand verbrachte er +die glänzendste Zeit seines Lebens, in seinen Diensten entfaltete er +am ungehemmtesten die Schaffenskraft, von der das Abendmahl und das +Reiterstandbild des Francesco Sforza Zeugnis ablegten. Er verließ +Mailand, ehe die Katastrophe über Lodovico Moro hereinbrach, der als +Gefangener in einem französischen Kerker starb. Als die Nachricht +vom Schicksal seines Gönners Leonardo erreichte, schrieb er in sein +Tagebuch: »Der Herzog verlor sein Land, seinen Besitz, seine Freiheit, +und keines der Werke, die er unternommen, wurde zu Ende geführt.«[70] +Es ist merkwürdig und gewiß nicht bedeutungslos, daß er hier gegen +seinen Padrone den nämlichen Vorwurf erhob, den die Nachwelt gegen +ihn wenden sollte, als wollte er eine Person aus der Vaterreihe dafür +verantwortlich machen, daß er selbst seine Werke unvollendet ließ. In +Wirklichkeit hatte er auch gegen den Herzog nicht Unrecht. + +Aber wenn die Nachahmung des Vaters ihn als Künstler schädigte, so +war die Auflehnung gegen den Vater die infantile Bedingung seiner +vielleicht ebenso großartigen Leistung als Forscher. Er glich, nach +dem schönen Gleichnis ~Mereschkowskis~, einem Menschen, der in +der Finsternis zu früh erwacht war, während die anderen noch alle +schliefen.[71] Er wagte es, den kühnen Satz auszusprechen, der doch +die Rechtfertigung jeder freien Forschung enthält: ~Wer im Streite +der Meinungen sich auf die Autorität beruft, der arbeitet mit seinem +Gedächtnis, anstatt mit seinem Verstand.~[72] So wurde er der erste +moderne Naturforscher, und eine Fülle von Erkenntnissen und Ahnungen +belohnte seinen Mut, seit den Zeiten der Griechen als der erste, +nur auf Beobachtung und eigenes Urteil gestützt, an die Geheimnisse +der Natur zu rühren. Aber wenn er die Autorität geringschätzen und +die Nachahmung der »Alten« verwerfen lehrte und immer wieder auf +das Studium der Natur als auf die Quelle aller Wahrheit hinwies, +so wiederholte er nur in der höchsten, dem Menschen erreichbaren +Sublimierung die Parteinahme, die sich bereits dem kleinen, +verwundert in die Welt blickenden Knaben aufgedrängt hatte. Aus der +wissenschaftlichen Abstraktion in die konkrete individuelle Erfahrung +rückübersetzt, entsprachen die Alten und die Autorität doch nur dem +Vater, und die Natur wurde wieder die zärtliche, gütige Mutter, die ihn +genährt hatte. Während bei den meisten anderen Menschenkindern -- auch +noch heute wie in Urzeiten -- das Bedürfnis nach dem Anhalt an irgend +einer Autorität so gebieterisch ist, daß ihnen die Welt ins Wanken +gerät, wenn diese Autorität bedroht wird, konnte Leonardo allein dieser +Stütze entbehren; er hätte es nicht können, wenn er nicht in den ersten +Lebensjahren gelernt hätte, auf den Vater zu verzichten. Die Kühnheit +und Unabhängigkeit seiner späteren wissenschaftlichen Forschung setzt +die vom Vater ungehemmte infantile Sexualforschung voraus und setzt sie +unter Abwendung vom Sexuellen fort. + +Wenn jemand wie Leonardo in seiner Kindheit der Einschüchterung durch +den Vater entgangen ist und in seiner Forschung die Fesseln der +Autorität abgeworfen hat, so wäre es der grellste Widerspruch gegen +unsere Erwartung, wenn wir fänden, daß derselbe Mann ein Gläubiger +geblieben ist und es nicht vermocht hat, sich der dogmatischen Religion +zu entziehen. Die Psychoanalyse hat uns den intimen Zusammenhang +zwischen dem Vaterkomplex und der Gottesgläubigkeit kennen gelehrt, +hat uns gezeigt, daß der persönliche Gott psychologisch nichts +anderes ist als ein erhöhter Vater, und führt uns täglich vor +Augen, wie jugendliche Personen den religiösen Glauben verlieren, +sobald die Autorität des Vaters bei ihnen zusammenbricht. Im +Elternkomplex erkennen wir so die Wurzel des religiösen Bedürfnisses; +der allmächtige, gerechte Gott und die gütige Natur erscheinen uns +als großartige Sublimierungen von Vater und Mutter, vielmehr als +Erneuerungen und Wiederherstellungen der frühkindlichen Vorstellungen +von beiden. Die Religiosität führt sich biologisch auf die lang +anhaltende Hilflosigkeit und Hilfsbedürftigkeit des kleinen +Menschenkindes zurück, welches, wenn es später seine wirkliche +Verlassenheit und Schwäche gegen die großen Mächte des Lebens +erkannt hat, seine Lage ähnlich wie in der Kindheit empfindet und +deren Trostlosigkeit durch die regressive Erneuerung der infantilen +Schutzmächte zu verleugnen sucht. + +Es scheint nicht, daß das Beispiel Leonardos diese Auffassung der +religiösen Gläubigkeit des Irrtums überführen könnte. Anklagen, die ihn +des Unglaubens, oder, was jener Zeit ebensoviel hieß, des Abfalles vom +Christenglauben beschuldigten, regten sich bereits zu seinen Lebzeiten +und haben in der ersten Lebensbeschreibung, die ~Vasari~ von ihm +gab, einen bestimmten Ausdruck gefunden.[73] In der zweiten Ausgabe +seiner Vite 1568 hat ~Vasari~ diese Bemerkungen weggelassen. +Uns ist es vollkommen begreiflich, wenn Leonardo angesichts der +außerordentlichen Empfindlichkeit seines Zeitalters in religiösen +Dingen sich direkter Äußerungen über seine Stellung zum Christentum +auch in seinen Aufzeichnungen enthielt. Als Forscher ließ er sich +durch die Schöpfungsberichte der Heiligen Schrift nicht im mindesten +beirren; er bestritt z. B. die Möglichkeit einer universellen Sündflut +und rechnete in der Geologie ebenso unbedenklich wie die Modernen mit +Jahrhunderttausenden. + +Unter seinen »Prophezeiungen« finden sich so manche, die das Feingefühl +eines gläubigen Christen beleidigen müßten, z. B.:[74] Die Bilder der +Heiligen angebetet. + +»Es werden die Menschen mit Menschen reden, die nichts vernehmen, +welche die Augen offen haben und nicht sehen; sie werden zu diesen +reden und keine Antwort bekommen; sie werden Gnaden erbitten von dem, +welcher Ohren hat und nicht hört; sie werden Lichter anzünden für den, +der blind ist.« + +Oder: Vom Klagen am Karfreitag (p. 297). + +»In allen Teilen Europas wird von großen Völkerschaften geweint werden +um den Tod eines einzigen Mannes, der im Orient gestorben.« + +Von Leonardos Kunst hat man geurteilt, daß er den heiligen Gestalten +den letzten Rest kirchlicher Gebundenheit benahm und sie ins +Menschliche zog, um große und schöne menschliche Empfindungen an ihnen +darzustellen. ~Muther~ rühmt von ihm, daß er die Dekadenzstimmung +überwand und den Menschen das Recht auf Sinnlichkeit und frohen +Lebensgenuß wiedergab. In den Aufzeichnungen, welche Leonardo in die +Ergründung der großen Naturrätsel vertieft zeigen, fehlt es nicht an +Äußerungen der Bewunderung für den Schöpfer, den letzten Grund all +dieser herrlichen Geheimnisse, aber nichts deutet darauf hin, daß er +eine persönliche Beziehung zu dieser Gottesmacht festhalten wollte. +Die Sätze, in welche er die tiefe Weisheit seiner letzten Lebensjahre +gelegt hat, atmen die Resignation des Menschen, der sich der ᾿Αναγκη, +den Gesetzen der Natur, unterwirft und von der Güte oder Gnade +Gottes keine Milderung erwartet. Es ist kaum ein Zweifel, daß Leonardo +die dogmatische wie die persönliche Religion überwunden und sich durch +seine Forscherarbeit weit von der Weltanschauung des gläubigen Christen +entfernt hatte. + +Aus unseren vorhin erwähnten Einsichten in die Entwicklung des +kindlichen Seelenlebens wird uns die Annahme nahe gelegt, daß auch +Leonardos erste Forschungen im Kindesalter sich mit den Problemen +der Sexualität beschäftigten. Er verrät es uns aber selbst in +durchsichtiger Verhüllung, indem er seinen Forscherdrang an die +Geierphantasie knüpft und das Problem des Vogelfluges als eines +hervorhebt, das ihm durch besondere Schicksalsverkettung zur +Bearbeitung zugefallen sei. Eine recht dunkle, wie eine Prophezeiung +klingende Stelle in seinen Aufzeichnungen, die den Vogelflug behandeln, +bezeugt aufs Schönste, mit wie viel Affektinteresse er an dem Wunsche +hing, die Kunst des Fliegens selbst nachahmen zu können: »Es wird +seinen ersten Flug nehmen der große Vogel, vom Rücken seines großen +Schwanes aus, das Universum mit Verblüffung, alle Schriften mit seinem +Ruhme füllen und ewige Glorie sein dem Neste, wo er geboren ward.«[75] +Er hoffte wahrscheinlich, selbst einmal fliegen zu können, und wir +wissen aus den wunscherfüllenden Träumen der Menschen, welche Seligkeit +man sich von der Erfüllung dieser Hoffnung erwartet. + +Warum träumen aber so viele Menschen vom Fliegenkönnen? Die +Psychoanalyse gibt hierauf die Antwort, weil das Fliegen oder Vogel +sein, nur die Verhüllung eines anderen Wunsches ist, zu dessen +Erkennung mehr als eine sprachliche und sachliche Brücke führt. +Wenn man der wißbegierigen Jugend erzählt, ein großer Vogel, wie +der Storch, bringe die kleinen Kinder, wenn die Alten den Phallus +geflügelt gebildet haben, wenn die gebräuchlichste Bezeichnung der +Geschlechtstätigkeit des Mannes im Deutschen »vögeln« lautet, das +Glied des Mannes bei den Italienern direkt l'uccello (Vogel) heißt, +so sind das nur kleine Bruchstücke aus einem großen Zusammenhange, +der uns lehrt, daß der Wunsch, fliegen zu können, im Traume nichts +anderes bedeutet als die Sehnsucht, geschlechtlicher Leistungen fähig +zu sein. Es ist dies ein frühinfantiler Wunsch. Wenn der Erwachsene +seiner Kindheit gedenkt, so erscheint sie ihm als eine glückliche Zeit, +in der man sich des Augenblickes freute und wunschlos der Zukunft +entgegenging, und darum beneidet er die Kinder. Aber die Kinder selbst, +wenn sie darüber Auskunft geben könnten, würden wahrscheinlich anderes +berichten. Es scheint, daß die Kindheit nicht jenes selige Idyll ist, +zu dem wir es nachträglich entstellen, daß die Kinder vielmehr von +dem einen Wunsch, groß zu werden, es den Erwachsenen gleich zu tun, +durch die Jahre der Kindheit gepeitscht werden. Dieser Wunsch treibt +alle ihre Spiele. Ahnen die Kinder im Verlaufe ihrer Sexualforschung, +daß der Erwachsene auf dem einen rätselvollen und doch so wichtigen +Gebiete etwas Großartiges kann, was ihnen zu wissen und zu tun versagt +ist, so regt sich in ihnen ein ungestümer Wunsch, dasselbe zu können, +und sie träumen davon in der Form des Fliegens oder bereiten diese +Einkleidung des Wunsches für ihre späteren Flugträume vor. So hat also +auch die Aviatik, die in unseren Zeiten endlich ihr Ziel erreicht, ihre +infantile erotische Wurzel. + +Indem uns Leonardo eingesteht, daß er zu dem Problem des Fliegens +von Kindheit an eine besondere persönliche Beziehung verspürt hat, +bestätigt er uns, daß seine Kinderforschung auf Sexuelles gerichtet +war, wie wir es nach unseren Untersuchungen an den Kindern unserer +Zeit vermuten mußten. Dies eine Problem wenigstens hatte sich der +Verdrängung entzogen, die ihn später der Sexualität entfremdete; von +den Kinderjahren an bis in die Zeit der vollsten intellektuellen +Reife war ihm das nämliche mit leichter Sinnesabänderung interessant +geblieben, und es ist sehr wohl möglich, daß ihm die gewünschte Kunst +im primären sexuellen Sinne ebensowenig gelang wie im mechanischen, daß +beide für ihn versagte Wünsche blieben. + +Der große Leonardo blieb überhaupt sein ganzes Leben über in manchen +Stücken kindlich; man sagt, daß alle großen Männer etwas Infantiles +bewahren müssen. Er spielte auch als Erwachsener weiter und wurde auch +dadurch manchmal seinen Zeitgenossen unheimlich und unbegreiflich. +Wenn er zu höfischen Festlichkeiten und feierlichen Empfängen die +kunstvollsten mechanischen Spielereien verfertigte, so sind nur +wir damit unzufrieden, die den Meister nicht gern seine Kraft an +solchen Tand wenden sehen; er selbst scheint sich nicht ungern mit +diesen Dingen abgegeben zu haben, denn ~Vasari~ berichtet, daß +er ähnliches machte, wo kein Auftrag ihn dazu nötigte: »Dort (in +Rom) verfertigte er einen Teig von Wachs und formte daraus, wenn er +fließend war, sehr zarte Tiere, mit Luft gefüllt; blies er hinein, +so flogen sie, war die Luft heraus, so fielen sie zur Erde. Einer +seltsamen Eidechse, welche der Winzer von Belvedere fand, machte er +Flügel aus der abgezogenen Haut anderer Eidechsen, welche er mit +Quecksilber füllte, so daß sie sich bewegten und zitterten, wenn sie +ging; sodann machte er ihr Augen, Bart und Hörner, zähmte sie, tat sie +in eine Schachtel und jagte alle seine Freunde damit in Furcht.«[76] +Oft dienten ihm solche Spielereien zum Ausdruck inhaltschwerer +Gedanken: »Oftmals ließ er die Därme eines Hammels so fein ausputzen, +daß man sie in der hohlen Hand hätte halten können; diese trug er +in ein großes Zimmer, brachte in eine anstoßende Stube ein paar +Schmiedeblasebälge, befestigte daran die Därme und blies sie auf, bis +sie das ganze Zimmer einnahmen und man in eine Ecke flüchten mußte, +so zeigte er, wie sie allmählich durchsichtig und von Luft erfüllt +wurden, und indem sie anfangs auf einen kleinen Platz beschränkt sich +mehr und mehr in den weiten Raum ausbreiteten, verglich er sie dem +Genie.«[77] Dieselbe spielerische Lust am harmlosen Verbergen und +kunstvollen Einkleiden bezeugen seine Fabeln und Rätsel, letztere in +die Form von »Prophezeiungen« gebracht, fast alle gedankenreich und in +bemerkenswertem Maße des Witzes entbehrend. + +Die Spiele und Sprünge, die Leonardo seiner Phantasie gestattete, haben +in einigen Fällen seine Biographen, die diesen Charakter verkannten, in +argen Irrtum gebracht. In den Mailänder Manuskripten Leonardos finden +sich z. B. Entwürfe zu Briefen an den »Diodario von Sorio (Syrien), +Statthalter des heiligen Sultan von Babylonia«, in denen Leonardo sich +als Ingenieur einführt, der in diese Gegenden des Orients geschickt +wurde, um gewisse Arbeiten auszuführen, sich gegen den Vorwurf der +Trägheit verteidigt, geographische Beschreibungen von Städten und +Bergen liefert und endlich ein großes Elementarereignis schildert, das +dort in Leonardos Anwesenheit vorgefallen ist.[78] + +J. P. ~Richter~ hat im Jahre 1881 aus diesen Schriftstücken zu +beweisen gesucht, daß Leonardo wirklich im Dienste des Sultans von +Ägypten diese Reisebeobachtungen angestellt und selbst im Orient die +mohammedanische Religion angenommen habe. Dieser Aufenthalt sollte in +die Zeit vor 1483, also vor der Übersiedlung an den Hof des Herzogs von +Mailand fallen. Allein der Kritik anderer Autoren ist es nicht schwer +geworden, die Belege für die angebliche Orientreise Leonardos als das +zu erkennen, was sie in Wirklichkeit sind, phantastische Produktionen +des jugendlichen Künstlers, die er zu seiner eigenen Unterhaltung +schuf, in denen er vielleicht seine Wünsche, die Welt zu sehen und +Abenteuer zu erleben, zum Ausdruck brachte. + +Ein Phantasiegebilde ist wahrscheinlich auch die »Academia Vinciana«, +deren Annahme auf dem Vorhandensein von fünf oder sechs höchst +künstlich verschlungenen Emblemen mit der Inschrift der Akademie +beruht. ~Vasari~ erwähnt diese Zeichnungen, aber nicht die +Akademie.[79] ~Müntz~, der ein solches Ornament auf den Deckel +seines großen Leonardowerkes gesetzt hat, gehört zu den wenigen, die an +die Realität einer »Academia Vinciana« glauben. + +Es ist wahrscheinlich, daß dieser Spieltrieb Leonardos in seinen +reiferen Jahren schwand, daß auch er in die Forschertätigkeit +einmündete, welche die letzte und höchste Entfaltung seiner +Persönlichkeit bedeutete. Aber seine lange Erhaltung kann uns +lehren, wie langsam sich von seiner Kindheit losreißt, wer in seinen +Kinderzeiten die höchste, später nicht wieder erreichte, erotische +Seligkeit genossen hat. + + + + + VI. + + +Es wäre vergeblich sich darüber zu täuschen, daß die Leser heute +alle Pathographie unschmackhaft finden. Die Ablehnung bekleidet +sich mit dem Vorwurf, bei einer pathographischen Bearbeitung eines +großen Mannes gelange man nie zum Verständnis seiner Bedeutung und +seiner Leistung; es sei daher unnützer Mutwillen, an ihm Dinge zu +studieren, die man ebensowohl beim erstbesten anderen finden könne. +Allein diese Kritik ist so offenbar ungerecht, daß sie nur als +Vorwand und Verhüllung verständlich wird. Die Pathographie setzt sich +überhaupt nicht das Ziel, die Leistung des großen Mannes verständlich +zu machen; man darf doch niemand zum Vorwurf machen, daß er etwas +nicht gehalten hat, was er niemals versprochen hatte. Die wirklichen +Motive des Widerstrebens sind andere. Man findet sie auf, wenn man in +Erwägung zieht, daß Biographen in ganz eigentümlicher Weise an ihren +Helden fixiert sind. Sie haben ihn häufig zum Objekt ihrer Studien +gewählt, weil sie ihm aus Gründen ihres persönlichen Gefühlslebens +von vornherein eine besondere Affektion entgegenbrachten. Sie geben +sich dann einer Idealisierungsarbeit hin, die bestrebt ist, den großen +Mann in die Reihe ihrer infantilen Vorbilder einzutragen, etwa die +kindliche Vorstellung des Vaters in ihm neuzubeleben. Sie löschen +diesem Wunsche zuliebe die individuellen Züge in seiner Physiognomie +aus, glätten die Spuren seines Lebenskampfes mit inneren und äußeren +Widerständen, dulden an ihm keinen Rest von menschlicher Schwäche +oder Unvollkommenheit und geben uns dann wirklich eine kalte, fremde +Idealgestalt anstatt des Menschen, dem wir uns entfernt verwandt fühlen +könnten. Es ist zu bedauern, daß sie dies tun, denn sie opfern damit +die Wahrheit einer Illusion und verzichten zu Gunsten ihrer infantilen +Phantasien auf die Gelegenheit, in die reizvollsten Geheimnisse der +menschlichen Natur einzudringen.[80] + +Leonardo selbst hätte in seiner Wahrheitsliebe und seinem Wissensdrange +den Versuch nicht abgewehrt, aus den kleinen Seltsamkeiten und Rätseln +seines Wesens die Bedingungen seiner seelischen und intellektuellen +Entwicklung zu erraten. Wir huldigen ihm, indem wir an ihm lernen. +Es beeinträchtigt seine Größe nicht, wenn wir die Opfer studieren, +die seine Entwicklung aus dem Kinde kosten mußte, und die Momente +zusammentragen, die seiner Person den tragischen Zug des Mißglückens +eingeprägt haben. + +Heben wir ausdrücklich hervor, daß wir Leonardo niemals zu den +Neurotikern oder »Nervenkranken«, wie das ungeschickte Wort lautet, +gezählt haben. Wer sich darüber beklagt, daß wir es überhaupt wagen, +aus der Pathologie gewonnene Gesichtspunkte auf ihn anzuwenden, der +hält noch an Vorurteilen fest, die wir heute mit Recht aufgegeben +haben. Wir glauben nicht mehr, daß Gesundheit und Krankheit, Normale +und Nervöse, scharf von einander zu sondern sind, und daß neurotische +Züge als Beweise einer allgemeinen Minderwertigkeit beurteilt werden +müssen. Wir wissen heute, daß die neurotischen Symptome Ersatzbildungen +für gewisse Verdrängungsleistungen sind, welche wir im Laufe +unserer Entwicklung vom Kinde bis zum Kulturmenschen zu vollbringen +haben, daß wir alle solche Ersatzbildungen produzieren, und daß nur +die Anzahl, Intensität und Verteilung dieser Ersatzbildungen den +praktischen Begriff des Krankseins und den Schluß auf konstitutionelle +Minderwertigkeit rechtfertigen. Nach den kleinen Anzeichen an Leonardos +Persönlichkeit dürfen wir ihn in die Nähe jenes neurotischen Typus +stellen, den wir als »Zwangstypus« bezeichnen, sein Forschen mit dem +»Grübelzwang« der Neurotiker, seine Hemmungen mit den sog. Abulien +derselben vergleichen. + +Das Ziel unserer Arbeit war die Erklärung der Hemmungen in Leonardos +Sexualleben und in seiner künstlerischen Tätigkeit. Es ist uns +gestattet, zu diesem Zwecke zusammenzufassen, was wir über den Verlauf +seiner psychischen Entwicklung erraten konnten. + +Die Einsicht in seine hereditären Verhältnisse ist uns versagt, +dagegen erkennen wir, daß die akzidentellen Umstände seiner Kindheit +eine tiefgreifende störende Wirkung ausüben. Seine illegitime Geburt +entzieht ihn bis vielleicht zum fünften Jahre dem Einflusse des Vaters +und überläßt ihn der zärtlichen Verführung einer Mutter, deren einziger +Trost er ist. Von ihr zur sexuellen Frühreife emporgeküßt, muß er +wohl in eine Phase infantiler Sexualbetätigung eingetreten sein, von +welcher nur eine einzige Äußerung sicher bezeugt ist, die Intensität +seiner infantilen Sexualforschung. Schau- und Wißtrieb werden durch +seine frühkindlichen Eindrücke am stärksten erregt; die erogene +Mundzone empfängt eine Betonung, die sie nie mehr abgibt. Aus dem +später gegenteiligen Verhalten, wie dem übergroßen Mitleid mit Tieren, +können wir schließen, daß es in dieser Kindheitsperiode an kräftigen +sadistischen Zügen nicht fehlte. + +Ein energischer Verdrängungsschub bereitet diesem kindlichen Übermaß +ein Ende und stellt die Dispositionen fest, die in den Jahren der +Pubertät zum Vorschein kommen werden. Die Abwendung von jeder +grobsinnlichen Betätigung wird das augenfälligste Ergebnis der +Umwandlung sein; Leonardo wird abstinent leben können und den Eindruck +eines asexuellen Menschen machen. Wenn die Fluten der Pubertätserregung +über den Knaben kommen, werden sie ihn aber nicht krank machen, indem +sie ihn zu kostspieligen und schädlichen Ersatzbildungen nötigen; +der größere Anteil der Bedürftigkeit des Geschlechtstriebes wird +sich Dank der frühzeitigen Bevorzugung der sexuellen Wißbegierde zu +allgemeinem Wissensdrang sublimieren können und so der Verdrängung +ausweichen. Ein weit geringerer Anteil der Libido wird sexuellen Zielen +zugewendet bleiben und das verkümmerte Geschlechtsleben des Erwachsenen +repräsentieren. Infolge der Verdrängung der Liebe zur Mutter wird +dieser Anteil in homosexuelle Einstellung gedrängt werden und sich +als ideelle Knabenliebe kundgeben. Im Unbewußten bleibt die Fixierung +an die Mutter und an die seligen Erinnerungen des Verkehres mit ihr +bewahrt, verharrt aber vorläufig in inaktivem Zustand. In solcher Weise +teilen sich Verdrängung, Fixierung und Sublimierung in die Verfügung +über die Beiträge, welche der Sexualtrieb zum Seelenleben Leonardos +leistet. + +Aus dunkler Knabenzeit taucht Leonardo als Künstler, Maler und +Plastiker vor uns auf, dank einer spezifischen Begabung, die der +frühzeitigen Erweckung des Schautriebes in ersten Kinderjahren eine +Verstärkung schulden mag. Gerne würden wir angeben wollen, in welcher +Weise sich die künstlerische Betätigung auf die seelischen Urtriebe +zurückführt, wenn nicht gerade hier unsere Mittel versagen würden. Wir +bescheiden uns die kaum mehr zweifelhafte Tatsache hervorzuheben, daß +das Schaffen des Künstlers auch seinem sexuellen Begehren Ableitung +gibt, und für Leonardo auf die von ~Vasari~ übermittelte Nachricht +hinzuweisen, daß Köpfe von lächelnden Frauen und schönen Knaben, also +Darstellungen seiner Sexualobjekte, unter seinen ersten künstlerischen +Versuchen auffielen. In aufblühender Jugend scheint Leonardo zunächst +ungehemmt zu arbeiten. Wie er in seiner äußeren Lebensführung den +Vater zum Vorbild nimmt, so durchlebt er eine Zeit von männlicher +Schaffenskraft und künstlerischer Produktivität in Mailand, wo ihn die +Gunst des Schicksals im Herzog Lodovico Moro einen Vaterersatz finden +läßt. Aber bald bewährt sich an ihm die Erfahrung, daß die fast völlige +Unterdrückung des realen Sexuallebens nicht die günstigsten Bedingungen +für die Betätigung der sublimierten sexuellen Strebungen ergibt. Die +Vorbildlichkeit des Sexuallebens macht sich geltend, die Aktivität +und die Fähigkeit zu raschem Entschluß beginnen zu erlahmen, die +Neigung zum Erwägen und Verzögern wird schon beim heiligen Abendmahl +störend bemerkbar und bestimmt durch die Beeinflussung der Technik das +Schicksal dieses großartigen Werkes. Langsam vollzieht sich nun bei +ihm ein Vorgang, den man nur den Regressionen bei Neurotikern an die +Seite stellen kann. Die Pubertätsentfaltung seines Wesens zum Künstler +wird durch die frühinfantil bedingte zum Forscher überholt, die zweite +Sublimierung seiner erotischen Triebe tritt gegen die uranfängliche, +bei der ersten Verdrängung vorbereitete, zurück. Er wird zum Forscher, +zuerst noch im Dienste seiner Kunst, später unabhängig von ihr und von +ihr weg. Mit dem Verlust des den Vater ersetzenden Gönners und der +zunehmenden Verdüsterung im Leben greift diese regressive Ersetzung +immer mehr um sich. Er wird »impacientissimo al pennello«, wie ein +Korrespondent der Markgräfin Isabella d'Este berichtet, die durchaus +noch ein Bild von seiner Hand besitzen will.[81] Seine kindliche +Vergangenheit hat Macht über ihn bekommen. Das Forschen aber, das ihm +nun das künstlerische Schaffen ersetzt, scheint einige der Züge an +sich zu tragen, welche die Betätigung unbewußter Triebe kennzeichnen, +die Unersättlichkeit, die rücksichtslose Starrheit, den Mangel an +Fähigkeit, sich realen Verhältnissen anzupassen. + +Auf der Höhe seines Lebens, in den ersten fünfziger Jahren, zu einer +Zeit, da beim Weibe die Geschlechtscharaktere bereits rückgebildet +sind, beim Manne nicht selten die Libido noch einen energischen Vorstoß +wagt, kommt eine neue Wandlung über ihn. Noch tiefere Schichten +seines seelischen Inhaltes werden von neuem aktiv, aber diese weitere +Regression kommt seiner Kunst zu gute, die im Verkümmern war. Er +begegnet dem Weibe, welches die Erinnerung an das glückliche und +sinnlich verzückte Lächeln der Mutter bei ihm weckt, und unter dem +Einfluß dieser Erweckung gewinnt er den Antrieb wieder, der ihn zu +Beginn seiner künstlerischen Versuche, als er die lächelnden Frauen +bildete, geleitet. Er malt die Monna Lisa, die hl. Anna selbdritt +und die Reihe der geheimnisvollen, durch das rätselhafte Lächeln +ausgezeichneten Bilder. Mit Hilfe seiner urältesten erotischen Regungen +feiert er den Triumph, die Hemmung in seiner Kunst noch einmal zu +überwinden. Diese letzte Entwicklung verschwimmt für uns im Dunkel +des herannahenden Alters. Sein Intellekt hat sich noch vorher zu +den höchsten Leistungen einer seine Zeit weit hinter sich lassenden +Weltanschauung aufgeschwungen. + +Ich habe in den voranstehenden Abschnitten angeführt, was zu einer +solchen Darstellung des Entwicklungsganges Leonardos, zu einer +derartigen Gliederung seines Lebens und Aufklärung seines Schwankens +zwischen Kunst und Wissenschaft berechtigen kann. Sollte ich mit diesen +Ausführungen auch bei Freunden und Kennern der Psychoanalyse das Urteil +hervorrufen, daß ich bloß einen psychoanalytischen Roman geschrieben +habe, so werde ich antworten, daß ich die Sicherheit dieser Ergebnisse +gewiß nicht überschätze. Ich bin wie Andere der Anziehung unterlegen, +die von diesem großen und rätselhaften Manne ausgeht, in dessen Wesen +man mächtige triebhafte Leidenschaften zu verspüren glaubt, die sich +doch nur so merkwürdig gedämpft äußern können. + +Was immer aber die Wahrheit über Leonardos Leben sein mag, wir +können von unserem Versuche, sie psychoanalytisch zu ergründen, +nicht eher ablassen, als bis wir eine andere Aufgabe erledigt +haben. Wir müssen ganz allgemein die Grenzen abstecken, welche der +Leistungsfähigkeit der Psychoanalyse in der Biographik gesetzt sind, +damit uns nicht jede unterbliebene Erklärung als ein Mißerfolg +ausgelegt werde. Der psychoanalytischen Untersuchung stehen als +Material die Daten der Lebensgeschichte zur Verfügung, einerseits die +Zufälligkeiten der Begebenheiten und Milieueinflüsse, anderseits die +berichteten Reaktionen des Individuums. Gestützt auf ihre Kenntnis +der psychischen Mechanismen sucht sie nun das Wesen des Individuums +aus seinen Reaktionen dynamisch zu ergründen, seine ursprünglichen +seelischen Triebkräfte aufzudecken sowie deren spätere Umwandlungen +und Entwicklungen. Gelingt dies, so ist das Lebensverhalten der +Persönlichkeit durch das Zusammenwirken von Konstitution und Schicksal, +inneren Kräften und äußeren Mächten aufgeklärt. Wenn ein solches +Unternehmen, wie vielleicht im Falle Leonardos, keine gesicherten +Resultate ergibt, so liegt die Schuld nicht an der fehlerhaften oder +unzulänglichen Methodik der Psychoanalyse, sondern an der Unsicherheit +und Lückenhaftigkeit des Materials, welches die Überlieferung für +diese Person beistellt. Für das Mißglücken ist also nur der Autor +verantwortlich zu machen, der die Psychoanalyse genötigt hat, auf so +unzureichendes Material hin ein Gutachten abzugeben. + +Aber selbst bei ausgiebigster Verfügung über das historische Material +und bei gesichertster Handhabung der psychischen Mechanismen würde +eine psychoanalytische Untersuchung an zwei bedeutsamen Stellen die +Einsicht in die Notwendigkeit nicht ergeben können, daß das Individuum +nur so und nicht anders werden konnte. Wir haben bei Leonardo die +Ansicht vertreten müssen, daß die Zufälligkeit seiner illegitimen +Geburt und die Überzärtlichkeit seiner Mutter den entscheidendsten +Einfluß auf seine Charakterbildung und sein späteres Schicksal übten, +indem die nach dieser Kindheitsphase eintretende Sexualverdrängung +ihn zur Sublimierung der Libido in Wissensdrang veranlaßte und seine +sexuelle Inaktivität fürs ganze spätere Leben feststellte. Aber diese +Verdrängung nach den ersten erotischen Befriedigungen der Kindheit +hätte nicht eintreten müssen; sie wäre bei einem anderen Individuum +vielleicht nicht eingetreten oder wäre weit weniger ausgiebig +ausgefallen. Wir müssen hier einen Grad von Freiheit anerkennen, der +psychoanalytisch nicht mehr aufzulösen ist. Ebensowenig darf man den +Ausgang dieses Verdrängungsschubes als den einzig möglichen Ausgang +hinstellen wollen. Einer anderen Person wäre es wahrscheinlich +nicht geglückt, den Hauptanteil der Libido der Verdrängung durch +die Sublimierung zur Wißbegierde zu entziehen; unter den gleichen +Einwirkungen wie Leonardo hätte sie eine dauernde Beeinträchtigung +der Denkarbeit oder eine nicht zu bewältigende Disposition zur +Zwangsneurose davongetragen. Diese zwei Eigentümlichkeiten Leonardos +erübrigen also als unerklärbar durch psychoanalytische Bemühung: seine +ganz besondere Neigung zu Triebverdrängungen und seine außerordentliche +Fähigkeit zur Sublimierung der primitiven Triebe. + +Die Triebe und ihre Umwandlungen sind das letzte, das die Psychoanalyse +erkennen kann. Von da an räumt sie der biologischen Forschung den +Platz. Verdrängungsneigung sowie Sublimierungsfähigkeit sind wir +genötigt, auf die organischen Grundlagen des Charakters zurückzuführen, +über welche erst sich das seelische Gebäude erhebt. Da die +künstlerische Begabung und Leistungsfähigkeit mit der Sublimierung +innig zusammenhängt, müssen wir zugestehen, daß auch das Wesen der +künstlerischen Leistung uns psychoanalytisch unzugänglich ist. +Die biologische Forschung unserer Zeit neigt dazu, die Hauptzüge +der organischen Konstitution eines Menschen durch die Vermengung +männlicher und weiblicher Anlagen im stofflichen Sinne zu erklären; +die Körperschönheit wie die Linkshändigkeit Leonardos gestatteten +hier manche Anlehnung. Doch wir wollen den Boden rein psychologischer +Forschung nicht verlassen. Unser Ziel bleibt der Nachweis des +Zusammenhanges zwischen äußeren Erlebnissen und Reaktionen der Person +über den Weg der Triebbetätigung. Wenn uns die Psychoanalyse auch die +Tatsache der Künstlerschaft Leonardos nicht aufklärt, so macht sie uns +doch die Äußerungen und die Einschränkungen derselben verständlich. +Scheint es doch, als hätte nur ein Mann mit den Kindheitserlebnissen +Leonardos die Monna Lisa und die heilige Anna selbdritt malen, seinen +Werken jenes traurige Schicksal bereiten und so unerhörten Aufschwung +als Naturforscher nehmen können, als läge der Schlüssel zu all seinen +Leistungen und seinem Mißgeschick in der Kindheitsphantasie vom Geier +verborgen. + +Darf man aber nicht Anstoß nehmen an den Ergebnissen einer +Untersuchung, welche den Zufälligkeiten der Elternkonstellation einen +so entscheidenden Einfluß auf das Schicksal eines Menschen einräumt, +das Schicksal Leonardos z. B. von seiner illegitimen Geburt und der +Unfruchtbarkeit seiner ersten Stiefmutter Donna Albiera abhängig +macht? Ich glaube, man hat kein Recht dazu; wenn man den Zufall für +unwürdig hält, über unser Schicksal zu entscheiden, ist es bloß ein +Rückfall in die fromme Weltanschauung, deren Überwindung Leonardo +selbst vorbereitete, als er niederschrieb, die Sonne bewege sich +nicht. Wir sind natürlich gekränkt darüber, daß ein gerechter Gott und +eine gütige Vorsehung uns nicht besser vor solchen Einwirkungen in +unserer wehrlosesten Lebenszeit behüten. Wir vergessen dabei gern, daß +eigentlich alles an unserem Leben Zufall ist, von unserer Entstehung +an durch das Zusammentreffen von Spermatozoon und Ei, Zufall, der +darum doch an der Gesetzmäßigkeit und Notwendigkeit der Natur seinen +Anteil hat, bloß der Beziehung zu unseren Wünschen und Illusionen +entbehrt. Die Aufteilung unserer Lebensdeterminierung zwischen den +»Notwendigkeiten« unserer Konstitution und den »Zufälligkeiten« unserer +Kindheit mag im einzelnen noch ungesichert sein; im ganzen läßt sich +aber ein Zweifel an der Bedeutsamkeit gerade unserer ersten Kinderjahre +nicht mehr festhalten. Wir zeigen alle noch zu wenig Respekt vor +der Natur, die nach Leonardos dunklen, an Hamlets Rede gemahnenden +Worten »voll ist zahlloser Ursachen, die niemals in die Erfahrung +traten« (La natura è piena d'infinite ragioni che non furono mai in +isperienza).[82] Jeder von uns Menschenwesen entspricht einem der +ungezählten Experimente, in denen diese ragioni der Natur sich in die +Erfahrung drängen. + + + + + VERLAG VON FRANZ DEUTICKE IN LEIPZIG UND WIEN. + + + Schriften zur angewandten Seelenkunde. + + Herausgegeben von =Prof. Dr. Sigm. Freud= in Wien. + + I. Heft: =Der Wahn und die Träume in W. Jensens »Gradiva«.= Von + =Prof. Dr. Sigm. Freud= in Wien. Preis M 2.50 = K 3.--. + + II. Heft: =Wunscherfüllung und Symbolik im Märchen.= Eine Studie + von =Dr. Franz Riklin=, Sekundararzt in Rheinau (Schweiz). Preis + M 3.-- = K 3.60. + + III. Heft: =Der Inhalt der Psychose.= Von =Dr. C. G. Jung=, + Privatdozent der Psychiatrie in Zürich. Preis M 1.25 = K 1.50. + + IV. Heft: =Traum und Mythus.= Eine Studie zur Völkerpsychologie. + Von =Dr. Karl Abraham=, Arzt in Berlin. Preis M 2.50 = K 3.--. + + V. Heft: =Der Mythus von der Geburt des Helden.= Versuch einer + psychologischen Mythendeutung. Von =Otto Rank=. Preis M 3.-- = K + 3.60. + + VI. Heft: =Aus dem Liebesleben Nikolaus Lenaus.= Von =Dr. J. + Sadger=, Nervenarzt in Wien. Preis M 3.-- = K 3.60. + + +Jahrbuch für psycho-analytische und psycho-pathologische Forschungen. + +Herausgegeben von Prof. =Dr. E. Bleuler= in Zürich u. Prof. =Dr. +S. Freud= in Wien. + +Redigiert von =Dr. C. G. Jung=, Privatdozenten der Psychiatrie in +Zürich. + +I. Band: 1. und 2. Hälfte. Preis à M 7.-- = K 8.40. + + +Die Suggestion und ihre Heilwirkung. + +Von =Dr. H. Bernheim=, Professor an der Faculté de médecine in +Nancy. + +Autorisierte deutsche Ausgabe von =Dr. Sigm. Freud=, Dozent für +Nervenkrankheiten an der Universität in Wien. + +Zweite, umgearbeitete Auflage, besorgt von Dr. ~Max Kahane~. + +Preis M 5.-- = K 6.--. + + +Neue Studien über Hypnotismus, Suggestion und Psychotherapie. + +Von =Dr. H. Bernheim=, Professor an der Faculté de médecine in +Nancy. + +Übersetzt von =Dr. Sigm. Freud=, Privatdozent an der Universität +in Wien. + +Preis M 8.-- = K 9.60. + + +Neue Vorlesungen über die Krankheiten des Nervensystems, insbes. über +Hysterie. + +Von =J. M. Charcot=. + +Autorisierte deutsche Ausgabe von =Dr. Sigm. Freud=, Dozent für +Nervenkrankheiten an der Universität in Wien. + +Preis M 9.-- = K 10.80. + + +Introjektion und Übertragung. + +Eine psychoanalytische Studie von =Dr. S. Ferenczi=, Nervenarzt, +Sachverständiger des Kön. Gerichtshofes in Budapest. + +Preis M 1.-- = K 1.20. + + +Der Ablauf des Lebens. + +Grundlegung zur exakten Biologie. + +Von =Wilhelm Fliess=. + +Preis M 18.-- = K 21.60. + + +Die Bedeutung des Vaters für das Schicksal des Einzelnen. + +Von =Dr. C. G. Jung=, Privatdozenten der Psychiatrie in Zürich. + +Preis M 1.-- = K 1.20. + + +Lehrbuch der speziellen Psychiatrie für Studierende und Ärzte von +Professor =Dr. Alexander Pilcz=. + +Zweite, verb. Auflage. Preis geh. M 6.80 = K 8.--, +geb. M 7.80 = K 9.20. + + +Die hysterischen Geistesstörungen. + +Eine klinische Studie von =Dr. Emil Raimann=, Assistent der k. k. +psychiatrischen und Nervenklinik des Herrn Professor v. Wagner in Wien. + +Preis M 9.-- = K 10.80. + + +Studien zur Grundlegung der Psychologie. + +I. Psychologie und Leben. II. Assoziationen und Perioden. III. Leib und +Seele. + +Von =Dr. Hermann Swoboda=. + +Preis M 2.50 = K 3.--. + + +Die kritischen Tage des Menschen und ihre Berechnung mit dem +Periodenschieber. + +Von =Dr. Hermann Swoboda=, Privatdozent an der Universität in Wien. + +Preis M 4.-- = K 4.80. + + +Harmonia animae. + +Von =Dr. Hermann Swoboda=, Privatdozent für Psychologie an der +Universität in Wien. + +Preis M 1.50 = K 1.80. + + K. u. K. Hofbuchdruckerei Karl Prochaska in Teschen. + + +Fußnoten: + +[1] Nach dem Worte J. ~Burckhardts~, zitiert bei Alexandra +~Konstantinowa~, Die Entwicklung des Madonnentypus bei ~Leonardo da +Vinci~, Straßburg 1907 (Zur Kunstgeschichte des Auslandes, Heft 54). + +[2] »Egli per reverenza, rizzatosi a sedere sul letto, contando il mal +suo e gli accidenti di quello, mostrava tuttavia quanto aveva offeso +Dio e gli uomini del mondo, non avendo operato nell' arte come si +convenia.« ~Vasari~, Vite etc. LXXXIII. 1550-1584. + +[3] Traktat von der Malerei, neu herausgegeben und eingeleitet von +~Marie Herzfeld~, E. Diederichs, Jena 1909. + +[4] ~Solmi.~ La resurrezione dell' opera di Leonardo in dem Sammelwerk: +Leonardo da Vinci. Conferenze Fiorentine. Milano 1910. + +[5] Bei ~Scognamiglio~. Ricerche e Documenti sulla giovinezza di +Leonardo da Vinci. Napoli 1900. + +[6] W. v. ~Seidlitz~. Leonardo da Vinci, der Wendepunkt der +Renaissance, 1909, I. Bd., p. 203. + +[7] v. ~Seidlitz~ l. c., II. Bd., p. 48. + +[8] W. ~Pater~. Die Renaissance. Aus dem Englischen. Zweite Auflage +1906. »Doch sicher ist es, daß er in einem gewissen Abschnitt seines +Lebens beinahe aufgehört hatte, Künstler zu sein.« + +[9] Vgl. bei v. ~Seidlitz~, Bd. I die Geschichte der Restaurations- und +Rettungsversuche. + +[10] E. ~Müntz~. Léonard de Vinci. Paris 1899, p. 18. (Ein Brief +eines Zeitgenossen aus Indien an einen Medici spielt auf diese +Eigentümlichkeit Leonardos an. Nach ~Richter~: The literary Works of L. +d. V.) + +[11] F. ~Botazzi~. Leonardo biologo e anatomico. In Conferenze +fiorentine, p. 186, 1910. + +[12] E. ~Solmi~. Leonardo da Vinci. Deutsche Übersetzung von Emmi +Hirschberg. Berlin 1908. + +[13] ~Marie Herzfeld~, Leonardo da Vinci der Denker, Forscher und Poet. +Zweite Auflage. Jena 1906. + +[14] Vielleicht machen hier die von ihm gesammelten Schwänke -- belle +facezie, -- die nicht übersetzt vorliegen, eine, übrigens belanglose, +Ausnahme. Vgl. ~Herzfeld~, L. d. V., p. CLI. + +[15] Auf diesen Zwischenfall bezieht sich nach ~Scognamiglio~ (l. +c., p. 49) eine dunkle und selbst verschieden gelesene Stelle des +Codex Atlanticus: »Quando io feci Domeneddio putto voi mi metteste in +prigione, ora s'io lo fo grande, voi mi farete peggio.« + +[16] ~Mereschkowski~, Leonardo da Vinci. Ein biographischer Roman +aus der Wende des XV. Jahrhunderts. Deutsche Übersetzung von C. v. +Gülschow, Leipzig 1903. Das Mittelstück einer großen Romantrilogie, die +»Christ und Antichrist« betitelt ist. Die beiden anderen Bände heißen +»~Julian Apostata~« und »~Peter der Große und Alexei~«. + +[17] ~Solmi.~ Leonardo da Vinci. Deutsche Übersetzung von Emmi +Hirschberg. Berlin 1908, p. 46. + +[18] ~Filippo Botazzi.~ Leonardo biologo e anatomico, p. 193. + +[19] ~Marie Herzfeld.~ Leonardo da Vinci. Traktat von der Malerei. Nach +der Übersetzung von Heinrich Ludwig neu herausgegeben und eingeleitet. +Jena 1909 (Abschnitt I, 64, p. 54). + +[20] ~Solmi.~ La resurrezione etc., p. 11. + +[21] La resurrezione etc., p. 8: »Leonardo aveva posto, come regola al +pittore, lo studio della natura ...., poi la passione dello studio era +divenuta dominante, egli aveva voluto acquistare non piu la scienza per +l'arte, ma la scienza per la scienza.« + +[22] Siehe die Aufzählung seiner wissenschaftlichen Leistungen in der +schönen biographischen Einleitung der ~Marie Herzfeld~ (Jena 1906), in +den einzelnen Essays der Conferenze Fiorentine 1910 und anderwärts. + +[23] Zur Erhärtung dieser unwahrscheinlich klingenden Behauptungen +nehme man Einsicht in die »Analyse der Phobie eines fünfjährigen +Knaben«, Jahrbuch für psychoanalytische und psychopathologische +Forschungen Bd. I., 1909 und die ähnliche Beobachtung im II. B., 1910. +In einem Aufsatze über die »Infantilen Sexualtheorien«, 1908 (Sammlung +kleiner Schriften zur Neurosenlehre, zweite Folge, 1909), schrieb ich: +»Dieses Grübeln und Zweifeln wird aber vorbildlich für alle spätere +Denkarbeit an Problemen und der erste Mißerfolg wirkt für alle Zeiten +lähmend fort« (p. 167). + +[24] ~Scognamiglio~ l. c., p. 15. + +[25] »Questo scriver si distintamente del nibio par che sia mio +destino, perchè nella mia prima ricordatione della mia infantia e mi +parea che essendo io in culla, che un nibio venissi a me e mi aprissi +la bocca colla sua coda e molte volte mi percuotesse con tal coda +dentro alle labbra.« (Cod. atlant. F. 65 V. nach ~Scognamiglio~.) + +[26] Vgl. hiezu das »Bruchstück einer Hysterieanalyse« in Sammlung +kleiner Schriften zur Neurosenlehre. Zweite Folge, 1909. + +[27] ~Horapollo.~ Hieroglyphica 1, 11. Μητερα δε γρἀφοντες ...... γῡπα +ζωγραφοῡσιν. + +[28] ~Roscher.~ Ausf. Lexikon der griechischen und römischen +Mythologie. Artikel ~Mut~, II. Band, 1894-1897. -- ~Lanzone.~ +Dizionario di mitologia egizia. Torino 1882. + +[29] H. ~Hartleben~, Champollion. Sein Leben und sein Werk, 1906. + + +[30] »γῡπα δἑ ᾰρρενα ου φασιγἐνεσθαι ποτε, ἀιλἁ θηλείας ἁπἁσας« bei v. +~Römer~. Über die androgynische Idee des Lebens. Jahrb. f. sexuelle +Zwischenstufen, V, 1903, p. 732. + +[31] ~Plutarch.~ Veluti scarabaeos mares tantum esse putarunt Ägyptii +sic inter vultures mares non inveniri statuerunt. + +[32] ~Horapollinis~ Niloi Hieroglyphica edidit Conradus Leemans +Amstelodami 1835. Die auf das Geschlecht der Geier bezüglichen Worte +lauten (p. 14): μητἑρα μἑν ἑπειδἡ ἁρρεν ἑν τοὑτω τω γἑνει τὡν ζὡων οὑχ +ὑπαἁρχει. + +[33] E. ~Müntz~. Léonard de Vinci, Paris 1899, p. 282. + +[34] ~Müntz~ l. c. + +[35] Vgl. die Abbildungen bei ~Lanzone~ l. c., T. CXXXVI-VIII. + +[36] v. ~Römer~ l. c. + +[37] Vgl. die Beobachtungen im Jahrbuch für psychoanalyt. u. +psychopath. Forschungen, Bd. I, 1909. + +[38] Vgl. ~Richard Payne Knight~. Le culte du Priape. Traduit de +l'Anglais, Bruxelles 1883. + +[39] Es sind dies vornehmlich Untersuchungen von I. ~Sadger~, die ich +aus eigener Erfahrung im Wesentlichen bestätigen kann. Überdies ist mir +bekannt, daß W. ~Stekel~ in Wien und S. ~Ferenczi~ in Budapest zu den +gleichen Resultaten gekommen sind. + +[40] ~Edm. Solmi.~ Leonardo da Vinci. Deutsche Übersetzung, 1908, p. +152. + +[41] ibid. + +[42] ~Solmi.~ Leonardo da Vinci, p. 203. + +[43] Leonardo benimmt sich dabei wie jemand der gewöhnt war, einer +anderen Person seine tägliche Beichte abzulegen, und der sich jetzt +diese Person durch das Tagebuch ersetzt. Eine Vermutung, wer das +gewesen sein mag, siehe bei ~Mereschkowski~, S. 367. + +[44] M. ~Herzfeld~. Leonardo da Vinci, 1906, p. CXLI. + +[45] Der Wortlaut nach ~Mereschkowski~ l. c., p. 282. + +[46] oder Modell. + +[47] Vom Reiterdenkmal des Francesco Sforza. + +[48] Der volle Wortlaut bei M. ~Herzfeld~ l. c., p. XLV. + +[49] ~Mereschkowski~ l. c., p. 372. -- Als betrübenden Beleg für die +Unsicherheit der ohnedies spärlichen Nachrichten über Leonardos intimes +Leben erwähne ich, daß die gleiche Kostenrechnung bei ~Solmi~ (deutsche +Übersetzung, p. 104) mit erheblichen Abänderungen wiedergegeben ist. Am +bedenklichsten erscheint, daß die Florins in ihr durch Soldi ersetzt +sind. Man darf annehmen, daß in dieser Rechnung Florins nicht die alten +»Goldgulden,« sondern die später gebräuchliche Rechnungsgröße, die +1-2/3 Lire oder 33-1/3 Soldi gleichkommt, bedeuten. -- ~Solmi~ macht +die Katharina zu einer Magd, die Leonardos Hauswesen durch eine gewisse +Zeit geleitet hatte. Die Quelle, aus der die beiden Darstellungen +dieser Rechnung geschöpft haben, wurde mir nicht zugänglich. + +[50] »Katharina ist am 16. Juli 1493 eingetroffen.« -- »Giovannina -- +ein märchenhaftes Gesicht -- frage bei Katharina im Krankenhause nach.« + +[51] Die Ausdrucksformen, in denen sich die verdrängte Libido bei +Leonardo äußern darf, Umständlichkeit und Geldinteresse, gehören den +aus der Analerotik hervorgegangenen Charakterzügen an. Vgl.: Charakter +und Analerotik in der Zweiten Folge meiner Sammlung zur Neurosenlehre, +1909. + +[52] ~Gruyer~ nach ~Seidlitz~. L. da V., II. B., p. 280. + +[53] Geschichte der Malerei, Bd. I, p. 314. + +[54] L. c. p. 417. + +[55] A. ~Conti~. Leonardo pittore, Conferenze fiorentine l. c., p. 93. + +[56] L. c. p. 45. + +[57] W. ~Pater~. Die Renaissance. 2. Aufl., 1906, p. 157. (Aus dem +Englischen.) + +[58] M. ~Herzfeld~. L. d. V., p. LXXXVIII. + +[59] Bei ~Scognamiglio~ l. c., p. 32. + +[60] Von L. ~Schorn~, III. Bd., 1843, p. 6. + +[61] Das nämliche nimmt ~Mereschkowski~ an, der doch für Leonardo eine +Kindheitsgeschichte imaginiert, welche in den wesentlichen Punkten von +unseren, aus der Geierphantasie geschöpften, Ergebnissen abweicht. Wenn +aber Leonardo selbst dies Lächeln gezeigt hätte, so hätte die Tradition +es wohl kaum unterlassen, uns dies Zusammentreffen zu berichten. + +[62] L. c. p. 309. + +[63] A. ~Konstantinowa~ l. c.: »Maria schaut voll Innigkeit zu ihrem +Liebling herab, mit einem Lächeln, das an den rätselhaften Ausdruck der +Giocondo erinnert,« und anderswo von der Maria: »Um ihre Züge schwebt +das Lächeln der Gioconda.« + +[64] S. v. ~Seidlitz~ l. c., II. Bd., p. 274, Anmerkungen. + +[65] Vgl. »Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie«, 2. Aufl., 1910. + +[66] Nach E. ~Müntz~ l. c., p. 13, Anmerkung. + +[67] Von einem größeren Irrtum, den Leonardo in dieser Notiz beging, +indem er dem 77jährigen Vater 80 Jahre gab, will ich absehen. + +[68] ~Canto~, XXVII, V. 22-25. + +[69] Es scheint, daß Leonardo in jener Tagebuchstelle sich auch in der +Anzahl seiner Geschwister geirrt hat, was zur anscheinenden Exaktheit +derselben in einem merkwürdigen Gegensatze steht. + +[70] »Il duca perse lo stato e la roba e libertà e nessuna sua opera si +finì per lui.« -- v. ~Seidlitz~ l. c., II, p. 270. + +[71] l. c., p. 348. + +[72] ~Chi disputa allegando l'autorità non adopra l'ingegno ma +piuttosto la memoria~; ~Solmi~, Conf. fior, p. 13. + +[73] ~Müntz~ l. c. La religion de Léonard, l. c., p. 292 u. ff. + +[74] Nach ~Herzfeld~, p. 292. + +[75] Nach M. ~Herzfeld~, L. d. V., p. 32. »Der große Schwan« soll einen +Hügel, Monte Cecero, bei Florenz bedeuten. + +[76] ~Vasari~, übersetzt von ~Schorn~, 1843. + +[77] Ebenda, p. 39. + +[78] Über diese Briefe und die an sie geknüpften Kombinationen siehe: +~Müntz~ l. c., p. 82 ff.; den Wortlaut derselben und anderer an sie +anschließender Aufzeichnungen bei M. ~Herzfeld~ l. c., p. 223 u. ff. + +[79] »Außerdem verlor er manche Zeit, indem er sogar ein +Schnurgeflechte zeichnete, worin man den Faden von einem Ende bis +zum anderen verfolgen konnte, bis er eine völlig kreisförmige Figur +beschrieb; eine sehr schwierige und schöne Zeichnung der Art ist in +Kupfer gestochen, in deren Mitte man die Worte liest: »Leonardus Vinci +Academia« (p. 8).« + +[80] Diese Kritik soll ganz allgemein gelten und nicht etwa auf die +Biographen Leonardos besonders zielen. + +[81] v. ~Seidlitz~, II, p. 271. + +[82] M. ~Herzfeld~ l. c., p. 11. + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75455 *** diff --git a/75455-h/75455-h.htm b/75455-h/75455-h.htm new file mode 100644 index 0000000..e166b2a --- /dev/null +++ b/75455-h/75455-h.htm @@ -0,0 +1,3378 @@ +<!DOCTYPE html> +<html lang="de"> +<head> + <meta charset="UTF-8"> + <title> + Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci | Project Gutenberg + </title> + <link rel="icon" href="images/cover.jpg" type="image/x-cover"> + <style> + +body { + margin-left: 10%; 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Freud.</b><br> +Zweite Auflage. Preis M 7.— = K 8.40.</p><br> + +<p class="s3 center">Die Traumdeutung.</p> +<p class="s5 center">Von <b>Prof. Dr. Sigm. Freud.</b><br> +Zweite, vermehrte Auflage. Preis M 9.— = K 10.80.</p><br> + +<p class="s3 center">Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie.</p> +<p class="s5 center">Von <b>Prof. Dr. Sigm. Freud.</b><br>Zweite Auflage. Preis M 2.— = K 2.40.</p><br> + + +<p class="s3 center">Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre.</p> +<p class="s5 center">Von <b>Prof. Dr. Sigm. Freud.</b>.<br> +I. und II. Reihe. Preis à M 5.— = K 6.—.</p><br> + +<p class="s3 center">Der Wahn und die Träume in W. Jensens »Gradiva«.</p> +<p class="s5 center">(Schriften zur angewandten Seelenkunde. I. Heft.)<br> +Von <b>Prof. Dr. Sigmund Freud</b> in <b>Wien.</b><br> +Preis M 2.50 = K 3.—.</p><br> + +<p class="s3 center">Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten.</p> +<p class="s5 center">Von <b>Prof. Dr. Sigm. Freud.</b> <br> +Preis M 5.— = K 6.—.</p><br> + +<p class="s3 center">Über Psychoanalyse.</p> +<p class="s5 center">Fünf Vorlesungen, gehalten zur 20jährigen Gründungsfeier der Clark +University in Worcester, Mass.</p> +<p class="s5 center">Von <b>Prof. Dr. Sigm. Freud</b>.<br> +Preis M 1.— = K 1.20.</p><br> + +<figure class="figcenter illowp49" id="frontispiece_2" style="max-width: 50em;"> + <img class="w100" src="images/frontispiece.jpg" alt="Heilige Ann Selbdritt"> +</figure> + +<h1 class="mtop2">EINE KINDHEITSERINNERUNG<br> +DES LEONARDO DA VINCI</h1><br> + +<p class="s4 center">VON</p><br> +<p class="s2 center">SIGM. FREUD</p> +<p class="s4 center">IN WIEN.</p><br> + +<p class="p4 s4 center">LEIPZIG UND WIEN<br> +FRANZ DEUTICKE<br> +1910.</p><br> + +<p class="s5 center">Verlags-Nr. 1731.</p><br> +<p class="s5 center">K. und K. Hofbuchdruckerei Karl Prochaska in Teschen.</p><br> + + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_1">[S. 1]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="I">I.</h2> +</div> + +<p>Wenn die seelenärztliche Forschung, die sich sonst mit schwächlichem +Menschenmaterial begnügt, an einen der Großen des Menschengeschlechtes +herantritt, so folgt sie dabei nicht den Motiven, die ihr von den Laien +so häufig zugeschoben werden. Sie strebt nicht danach, »das Strahlende +zu schwärzen und das Erhabene in den Staub zu ziehen«; es bereitet ihr +keine Befriedigung, den Abstand zwischen jener Vollkommenheit und der +Unzulänglichkeit ihrer gewöhnlichen Objekte zu verringern. Sondern sie +kann nicht anders, als alles des Verständnisses wert finden, was sich +an jenen Vorbildern erkennen läßt, und sie meint, es sei niemand so +groß, daß es für ihn eine Schande wäre, den Gesetzen zu unterliegen, +die normales und krankhaftes Tun mit gleicher Strenge beherrschen.</p> + +<p>Als einer der größten Männer der italienischen Renaissance ist +<em class="gesperrt">Leonardo da Vinci</em> (1452-1519) schon von den Zeitgenossen +bewundert worden und doch bereits ihnen rätselhaft erschienen, wie +auch jetzt noch uns. Ein allseitiges Genie, »dessen Umrisse man nur +ahnen kann, — nie ergründen,«<a id="FNAnker_1" href="#Fussnote_1" class="fnanchor">[1]</a> übte er den maßgebendsten Einfluß +auf seine Zeit als Maler aus; erst uns blieb es vorbehalten, die Größe +des Naturforschers zu erkennen, der sich in ihm mit dem Künstler +verband. Wenngleich er Meisterwerke der Malerei hinterlassen, während +seine wissenschaftlichen Entdeckungen unveröffentlicht und unverwertet +blieben, hat doch in seiner Entwicklung der Forscher den Künstler +nie ganz frei gelassen, ihn oftmals schwer beeinträchtigt und ihn +vielleicht am Ende unterdrückt. <em class="gesperrt">Vasari</em> legt ihm in seiner +letzten Lebensstunde<span class="pagenum" id="Seite_2">[S. 2]</span> den Selbstvorwurf in den Mund, daß er Gott und +die Menschen beleidigt, indem er in seiner Kunst nicht seine Pflicht +getan.<a id="FNAnker_2" href="#Fussnote_2" class="fnanchor">[2]</a> Und wenn auch diese Erzählung <em class="gesperrt">Vasaris</em> weder die äußere +noch viel innere Wahrscheinlichkeit für sich hat, sondern der Legende +angehört, die sich um den geheimnisvollen Meister schon zu seinen +Lebzeiten zu bilden begann, so verbleibt ihr doch als Zeugnis für das +Urteil jener Menschen und jener Zeiten ein unbestreitbarer Wert.</p> + +<p>Was war es, was die Persönlichkeit Leonardos dem Verständnis seiner +Zeitgenossen entrückte? Gewiß nicht die Vielseitigkeit seiner Anlagen +und Kenntnisse, die ihm gestattete, sich am Hofe des <em class="gesperrt">Lodovico +Sforza</em>, zubenannt <em class="gesperrt">il Moro</em>, Herzogs von Mailand, als +Lautenspieler auf einem von ihm neugeformten Instrumente einzuführen +oder ihn jenen merkwürdigen Brief an eben denselben schreiben ließ, in +dem er sich seiner Leistungen als Bau- und Kriegsingenieur berühmte. +Denn an solche Vereinigung vielfältigen Könnens in einer Person waren +die Zeiten der Renaissance wohl gewöhnt; allerdings war Leonardo selbst +eines der glänzendsten Beispiele dafür. Auch gehörte er nicht jenem +Typus genialer Menschen an, die, von der Natur äußerlich karg bedacht, +ihrerseits keinen Wert auf die äußerlichen Formen des Lebens legen +und in der schmerzlichen Verdüsterung ihrer Stimmung den Verkehr der +Menschen fliehen. Er war vielmehr groß und ebenmäßig gewachsen, von +vollendeter Schönheit des Gesichtes und von ungewöhnlicher Körperkraft, +bezaubernd in den Formen seines Umgangs, ein Meister der Rede, heiter +und liebenswürdig gegen alle; er liebte die Schönheit auch an den +Dingen, die ihn umgaben, trug gern prunkvolle Gewänder und schätzte +jede Verfeinerung der Lebensführung. In einer für seine heitere +Genußfähigkeit bedeutsamen Stelle des Traktats über Malerei<a id="FNAnker_3" href="#Fussnote_3" class="fnanchor">[3]</a> hat er +die Malerei<span class="pagenum" id="Seite_3">[S. 3]</span> mit ihren Schwesterkünsten verglichen und die Beschwerden +der Arbeit des Bildhauers geschildert: »Da hat er das Gesicht ganz +beschmiert und mit Marmorstaub eingepudert, so daß er wie ein Bäcker +ausschaut, und ist mit kleinen Marmorsplittern über und über bedeckt, +daß es aussieht, als hätte es ihm auf den Buckel geschneit, und seine +Behausung, die ist voll Steinsplitter und Staub. Ganz das Gegenteil +von alle diesem ist beim Maler der Fall, — .... denn der Maler sitzt +mit großer Bequemlichkeit vor seinem Werke, wohlgekleidet, und regt +den ganz leichten Pinsel mit den anmutigen Farben. Mit Kleidern ist +er geschmückt, wie es ihm gefällt. Und seine Behausung, die ist voll +heiterer Malereien und glänzend reinlich. Oft hat er Gesellschaft, von +Musik, oder von Vorlesern verschiedener schöner Werke, und das wird +ohne Hammergedröhn oder sonstigen Lärm mit großem Vergnügen angehört.«</p> + +<p>Es ist ja sehr wohl möglich, daß die Vorstellung eines strahlend +heiteren und genußfrohen Leonardo nur für die erste, längere +Lebensperiode des Meisters recht hat. Von da an, als der Niedergang der +Herrschaft des Lodovico Moro ihn zwang, Mailand, seinen Wirkungskreis +und seine gesicherte Stellung zu verlassen, um ein unstetes, an äußeren +Erfolgen wenig reiches Leben bis zum letzten Asyl in Frankreich +zu führen, mag der Glanz seiner Stimmung verblichen und mancher +befremdliche Zug seines Wesens stärker hervorgetreten sein. Auch die +mit den Jahren zunehmende Wendung seiner Interessen von seiner Kunst +zur Wissenschaft mußte dazu beitragen, die Kluft zwischen seiner Person +und seinen Zeitgenossen zu erweitern. Alle die Versuche, mit denen er +nach ihrer Meinung seine Zeit vertrödelte, anstatt emsig auf Bestellung +zu malen und sich zu bereichern, wie etwa sein ehemaliger Mitschüler +<em class="gesperrt">Perugino</em>, erschienen ihnen als grillenhafte Spielereien oder +brachten ihn selbst in den Verdacht, der »schwarzen Kunst« zu dienen. +Wir verstehen ihn hierin besser, die wir aus seinen Aufzeichnungen +wissen, welche Künste er übte. In einer Zeit, welche die Autorität der +Kirche mit der der Antike zu vertauschen begann und voraussetzungslose<span class="pagenum" id="Seite_4">[S. 4]</span> +Forschung noch nicht kannte, war er, der Vorläufer, ja ein nicht +unwürdiger Mitbewerber von <em class="gesperrt">Bacon</em> und <em class="gesperrt">Kopernikus</em>, +notwendig vereinsamt. Wenn er Pferde- und Menschenleichen zerlegte, +Flugapparate baute, die Ernährung der Pflanzen und ihr Verhalten gegen +Gifte studierte, rückte er allerdings weit ab von den Kommentatoren des +Aristoteles und kam in die Nähe der verachteten Alchymisten, in deren +Laboratorien die experimentelle Forschung wenigstens eine Zuflucht +während dieser ungünstigen Zeiten gefunden hatte.</p> + +<p>Für seine Malerei hatte dies die Folge, daß er ungern den Pinsel zur +Hand nahm, immer weniger und seltener malte, das Angefangene meist +unfertig stehen ließ und sich um das weitere Schicksal seiner Werke +wenig kümmerte. Das war es auch, was ihm seine Zeitgenossen zum Vorwurf +machten, denen sein Verhältnis zur Kunst ein Rätsel blieb.</p> + +<p>Mehrere der späteren Bewunderer Leonardos haben es versucht, den +Makel der Unstetigkeit von seinem Charakter zu tilgen. Sie machen +geltend, daß das, was man an Leonardo tadle, Eigentümlichkeit der +großen Künstler überhaupt sei. Auch der tatkräftige, sich in die Arbeit +verbeißende <em class="gesperrt">Michel Angelo</em> habe viele seiner Werke unvollendet +gelassen, und es sei so wenig seine Schuld gewesen wie die Leonardos +im gleichen Falle. Auch sei so manches Bild nicht so sehr unfertig +geblieben, als von ihm dafür erklärt worden. Was dem Laien schon ein +Meisterwerk scheine, das sei für den Schöpfer des Kunstwerkes immer +noch eine unbefriedigende Verkörperung seiner Absichten; ihm schwebe +eine Vollkommenheit vor, die er im Abbild wiederzugeben jedesmal +verzage. Am wenigsten ginge es aber an, den Künstler für das endliche +Schicksal verantwortlich zu machen, das seine Werke träfe.</p> + +<p>So stichhaltig manche dieser Entschuldigungen auch sein mögen, so +decken sie doch nicht den ganzen Sachverhalt, der uns bei Leonardo +begegnet. Das peinliche Ringen mit dem Werke, die endliche Flucht vor +ihm und die Gleichgültigkeit gegen sein weiteres Schicksal mag bei +vielen anderen Künstlern wiederkehren; gewiß aber zeigte Leonardo dies +Benehmen im<span class="pagenum" id="Seite_5">[S. 5]</span> höchsten Grade. <em class="gesperrt">Edm. Solmi</em><a id="FNAnker_4" href="#Fussnote_4" class="fnanchor">[4]</a> zitiert (p. 12) die +Äußerung eines seiner Schüler: »Pareva, che ad ogni ora tremasse, +quando si poneva a dipingere, e però non diede mai fine ad alcuna cosa +cominciata, considerando la grandezza dell' arte, tal che egli scorgeva +errori in quelle cose, che ad altri parevano miracoli.« Seine letzten +Bilder, die Leda, die Madonna di Sant' Onofrio, der Bacchus und der +San Giovanni Battista giovane seien unvollendet geblieben »come quasi +intervenne di tutte le cose sue ....« <em class="gesperrt">Lomazzo</em>,<a id="FNAnker_5" href="#Fussnote_5" class="fnanchor">[5]</a> der eine Kopie +des Abendmahls anfertigte, berief sich auf die bekannte Unfähigkeit +Leonardos, etwas fertig zu malen, in einem Sonett:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">»Protogen che il penel di sue pitture</div> + <div class="verse indent0">Non levava, agguaglio il Vinci Divo,</div> + <div class="verse indent0">Di cui opra non è finita pure.«</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Die Langsamkeit, mit welcher Leonardo arbeitete, war sprichwörtlich. +Am Abendmahl im Kloster zu Santa Maria delle Grazie zu Mailand malte er +nach den gründlichsten Vorstudien drei Jahre lang. Ein Zeitgenosse, +der Novellenschreiber Matteo <em class="gesperrt">Bandelli</em>, der damals als junger +Mönch dem Kloster angehörte, erzählt, daß Leonardo häufig schon früh +am Morgen das Gerüst bestiegen habe, um bis zur Dämmerung den Pinsel +nicht aus der Hand zu legen, ohne an Essen und Trinken zu denken. Dann +seien Tage verstrichen, ohne daß er Hand daran anlegte, bisweilen +habe er stundenlang vor dem Gemälde verweilt und sich damit begnügt, +es innerlich zu prüfen. Andere Male sei er aus dem Hofe des Mailänder +Schlosses, wo er das Modell des Reiterstandbildes für Francesco Sforza +formte, geradewegs ins Kloster gekommen, um ein paar Pinselstriche an +einer Gestalt zu machen, dann aber unverzüglich aufgebrochen.<a id="FNAnker_6" href="#Fussnote_6" class="fnanchor">[6]</a> An +dem Porträt der Monna Lisa, Gemahlin des Florentiners Francesco del +Giocondo, malte er nach Vasaris Angabe vier Jahre lang, ohne es zur +letzten Vollendung<span class="pagenum" id="Seite_6">[S. 6]</span> bringen zu können, wozu auch der Umstand stimmen +mag, daß das Bild nicht dem Besteller abgeliefert wurde, sondern bei +Leonardo verblieb, der es nach Frankreich mitnahm.<a id="FNAnker_7" href="#Fussnote_7" class="fnanchor">[7]</a> Von König Franz +I. angekauft, bildet es heute einen der größten Schätze des Louvre.</p> + +<p>Wenn man diese Berichte über die Arbeitsweise Leonardos mit dem +Zeugnis der außerordentlich zahlreich von ihm erhaltenen Skizzen und +Studienblätter zusammenhält, die jedes in seinen Bildern vorkommende +Motiv auf das Vielfältigste variieren, so muß man die Auffassung weit +von sich weisen, als hätten Züge von Flüchtigkeit und Unbeständigkeit +den mindesten Einfluß auf Leonardos Verhältnis zu seiner Kunst +gewonnen. Man merkt im Gegenteile eine ganz außerordentliche +Vertiefung, einen Reichtum an Möglichkeiten, zwischen denen die +Entscheidung nur zögernd gefällt wird, Ansprüche, denen kaum zu +genügen ist, und eine Hemmung in der Ausführung, die sich eigentlich +auch durch das notwendige Zurückbleiben des Künstlers hinter seinem +idealen Vorsatz nicht erklärt. Die Langsamkeit, die an Leonardos +Arbeiten von jeher auffiel, erweist sich als ein Symptom dieser +Hemmung, als der Vorbote der Abwendung von der Malerei, die später +eintrat.<a id="FNAnker_8" href="#Fussnote_8" class="fnanchor">[8]</a> Sie war es auch, die das nicht unverschuldete Schicksal +des Abendmahls bestimmte. Leonardo konnte sich nicht mit der Malerei +al fresko befreunden, die ein rasches Arbeiten, solange der Malgrund +noch feucht ist, erfordert, darum wählte er Ölfarben, deren Eintrocknen +ihm gestattete, die Vollendung des Bildes nach Stimmung und Muße +hinauszuziehen. Diese Farben lösten sich aber von dem Grunde, auf dem +sie aufgetragen wurden, und der sie von der Mauer isolierte; die Fehler +dieser Mauer und die Schicksale des Raumes kamen hinzu, um die, wie es +scheint, unabwendbare Verderbnis des Bildes zu entscheiden.<a id="FNAnker_9" href="#Fussnote_9" class="fnanchor">[9]</a></p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_7">[S. 7]</span></p> + +<p>Durch das Mißglücken eines ähnlichen technischen Versuches scheint das +Bild der Reiterschlacht bei Anghiari untergegangen zu sein, das er +später in einer Konkurrenz mit Michel Angelo an eine Wand der Sala del +Consiglio in Florenz zu malen begann und auch im unfertigen Zustand +im Stiche ließ. Es ist hier, als ob ein fremdes Interesse, das des +Experimentators, das künstlerische zunächst verstärkt habe, um dann das +Kunstwerk zu schädigen.</p> + +<p>Der Charakter des Mannes Leonardo zeigte noch manche andere +ungewöhnliche Züge und anscheinende Widersprüche. Eine gewisse +Inaktivität und Indifferenz schien an ihm unverkennbar. Zu einer +Zeit, da jedes Individuum den breitesten Raum für seine Betätigung +zu gewinnen suchte, was nicht ohne Entfaltung energischer Aggression +gegen andere abgehen kann, fiel er durch ruhige Friedfertigkeit, durch +Vermeidung aller Gegnerschaften und Streitigkeiten auf. Er war mild +und gütig gegen alle, lehnte angeblich die Fleischnahrung ab, weil er +es nicht für gerechtfertigt hielt, Tieren das Leben zu rauben, und +machte sich einen besonderen Genuß daraus, Vögeln, die er auf dem +Markte kaufte, die Freiheit zu schenken.<a id="FNAnker_10" href="#Fussnote_10" class="fnanchor">[10]</a> Er verurteilte Krieg +und Blutvergießen und hieß den Menschen nicht so sehr den König der +Tierwelt als vielmehr die ärgste der wilden Bestien.<a id="FNAnker_11" href="#Fussnote_11" class="fnanchor">[11]</a> Aber diese +weibliche Zartheit des Empfindens hielt ihn nicht ab, verurteilte +Verbrecher auf ihrem Wege zur Hinrichtung zu begleiten, um deren +von Angst verzerrte Mienen zu studieren und in seinem Taschenbuche +abzuzeichnen, hinderte ihn nicht, die grausamsten Angriffswaffen zu +entwerfen und als oberster Kriegsingenieur in die Dienste des <em class="gesperrt">Cesare +Borgia</em> zu treten. Er erschien oft wie indifferent gegen Gut und +Böse, oder er verlangte mit einem besonderen Maße gemessen zu werden. +In einer maßgebenden Stellung machte er den Feldzug des Cesare mit, der +diesen rücksichtslosesten<span class="pagenum" id="Seite_8">[S. 8]</span> und treulosesten aller Gegner in den Besitz +der Romagna brachte. Nicht eine Zeile der Aufzeichnungen Leonardos +verrät eine Kritik oder Anteilnahme an den Vorgängen jener Tage. Der +Vergleich mit <em class="gesperrt">Goethe</em> während der Campagne in Frankreich ist hier +nicht ganz abzuweisen.</p> + +<p>Wenn ein biographischer Versuch wirklich zum Verständnis des +Seelenlebens seines Helden durchdringen will, darf er nicht, wie dies +in den meisten Biographien aus Diskretion oder aus Prüderie geschieht, +die sexuelle Betätigung, die geschlechtliche Eigenart des Untersuchten +mit Stillschweigen übergehen. Was hierüber bei Leonardo bekannt ist, +ist wenig, aber dieses wenige bedeutungsvoll. In einer Zeit, die +schrankenlose Sinnlichkeit mit düsterer Askese ringen sah, war Leonardo +ein Beispiel von kühler Sexualablehnung, die man beim Künstler und +Darsteller der Frauenschönheit nicht erwarten würde. <em class="gesperrt">Solmi</em><a id="FNAnker_12" href="#Fussnote_12" class="fnanchor">[12]</a> +zitiert von ihm folgenden Satz, der seine Frigidität kennzeichnet: +»Der Zeugungsakt und alles, was damit in Verbindung steht, ist so +abscheulich, daß die Menschen bald aussterben würden, wäre es nicht +eine althergebrachte Sitte und gäbe es nicht noch hübsche Gesichter +und sinnliche Veranlagungen.« Seine hinterlassenen Schriften, die ja +nicht nur die höchsten wissenschaftlichen Probleme behandeln, sondern +auch Harmlosigkeiten enthalten, welche uns eines so großen Geistes +kaum würdig erscheinen (eine allegorische Naturgeschichte, Tierfabeln, +Schwänke, Prophezeiungen<a id="FNAnker_13" href="#Fussnote_13" class="fnanchor">[13]</a> sind in einem Grade keusch — man möchte +sagen: abstinent —, der an einem Werke der schönen Literatur auch +heute Wunder nehmen würde. Sie weichen allem Sexuellen so entschieden +aus, als wäre allein der Eros, der alles Lebende erhält, kein würdiger +Stoff für den Wissensdrang des Forschers.<a id="FNAnker_14" href="#Fussnote_14" class="fnanchor">[14]</a> Es<span class="pagenum" id="Seite_9">[S. 9]</span> ist bekannt, wie +häufig große Künstler sich darin gefallen, ihre Phantasie in erotischen +und selbst derb obszönen Darstellungen auszutoben; von Leonardo +besitzen wir zum Gegensatze nur einige anatomische Zeichnungen über die +inneren Genitalien des Weibes, die Lage der Frucht im Mutterleibe u. +dgl.</p> + +<p>Es ist zweifelhaft, ob Leonardo jemals ein Weib in Liebe umarmt hat; +auch von einer intimen seelischen Beziehung zu einer Frau, wie die +Michel Angelos zur <em class="gesperrt">Vittoria Colonna</em>, ist nichts bekannt. Als er +noch als Lehrling im Hause seines Meisters <em class="gesperrt">Verrocchio</em> lebte, +traf ihn mit anderen jungen Leuten eine Anzeige wegen verbotenen +homosexuellen Umganges, die mit seinem Freispruch endete. Es scheint, +daß er in diesen Verdacht geriet, weil er sich eines übel beleumundeten +Knaben als Modells bediente.<a id="FNAnker_15" href="#Fussnote_15" class="fnanchor">[15]</a> Als Meister umgab er sich mit schönen +Knaben und Jünglingen, die er zu Schülern annahm. Der letzte dieser +Schüler, Francesco <em class="gesperrt">Melzi</em>, begleitete ihn nach Frankreich, blieb +bis zu seinem Tode bei ihm und wurde von ihm zum Erben eingesetzt. +Ohne die Sicherheit seiner modernen Biographen zu teilen, die die +Möglichkeit eines sexuellen Verkehres zwischen ihm und seinen Schülern +natürlich als eine grundlose Beschimpfung des großen Mannes verwerfen, +mag man es für weitaus wahrscheinlicher halten, daß die zärtlichen +Beziehungen Leonardos zu den jungen Leuten, die nach damaliger +Schülerart sein Leben teilten, nicht in geschlechtliche Betätigung +ausliefen. Man wird ihm auch von sexueller Aktivität kein hohes Maß +zumuten dürfen.</p> + +<p>Die Eigenart dieses Gefühls- und Geschlechtslebens läßt sich im +Zusammenhalt mit Leonardos Doppelnatur als Künstler und Forscher nur +in einer Weise begreifen. Von den Biographen, denen psychologische +Gesichtspunkte oft sehr ferne liegen, hat meines Wissens nur einer, +<em class="gesperrt">Edm. Solmi</em>, sich der Lösung des Rätsels genähert; ein Dichter +aber, der Leonardo zum Helden eines großen historischen Romans gewählt +hat,<span class="pagenum" id="Seite_10">[S. 10]</span> <em class="gesperrt">Dmitry Sergewitsch Mereschkowski</em>, hat seine Darstellung +auf solches Verständnis des ungewöhnlichen Mannes gegründet und seine +Auffassung, wenn auch nicht in dürren Worten, so doch nach der Weise +des Dichters in plastischem Ausdruck unverkennbar geäußert.<a id="FNAnker_16" href="#Fussnote_16" class="fnanchor">[16]</a> +<em class="gesperrt">Solmi</em> urteilt über Leonardo: »Aber das unstillbare Verlangen, +alles ihn Umgebende zu erkennen und mit kalter Überlegenheit das +tiefste Geheimnis alles Vollkommenen zu ergründen, hatte Leonardos +Werke dazu verdammt, stets unfertig zu bleiben.«<a id="FNAnker_17" href="#Fussnote_17" class="fnanchor">[17]</a> In einem Aufsatze +der <em class="gesperrt">Conferenze Fiorentine</em> wird die Äußerung Leonardos zitiert, +die sein Glaubensbekenntnis und den Schlüssel zu seinem Wesen +ausliefert:</p> + +<p>»<em class="gesperrt">Nessuna cosa si può amare nè odiare, se prima non si ha cognition +di quella.</em>«<a id="FNAnker_18" href="#Fussnote_18" class="fnanchor">[18]</a></p> + +<p>Also: Man hat kein Recht, etwas zu lieben oder zu hassen, wenn man +sich nicht eine gründliche Erkenntnis seines Wesens verschafft hat. +Und dasselbe wiederholt Leonardo an einer Stelle des Traktates von der +Malerei, wo er sich gegen den Vorwurf der Irreligiosität zu verteidigen +scheint:</p> + +<p>»Solche Tadler mögen aber stillschweigen. Denn jenes (Tun) ist die +Weise, den Werkmeister so vieler bewundernswerter Dinge kennen zu +lernen, und dies der Weg, einen so großen Erfinder zu lieben. Denn +wahrlich, große Liebe entspringt aus großer Erkenntnis des geliebten +Gegenstandes, und wenn du diesen wenig kennst, so wirst du ihn nur +wenig oder gar nicht lieben können ...«<a id="FNAnker_19" href="#Fussnote_19" class="fnanchor">[19]</a></p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_11">[S. 11]</span></p> + +<p>Der Wert dieser Äußerungen Leonardos kann nicht darin gesucht werden, +daß sie eine bedeutsame psychologische Tatsache mitteilen, denn was sie +behaupten, ist offenkundig falsch, und Leonardo mußte dies ebensogut +wissen wie wir. Es ist nicht wahr, daß die Menschen mit ihrer Liebe +oder ihrem Haß warten, bis sie den Gegenstand, dem diese Affekte +gelten, studiert und in seinem Wesen erkannt haben, vielmehr lieben sie +impulsiv auf Gefühlsmotive hin, die mit Erkenntnis nichts zu tun haben, +und deren Wirkung durch Besinnung und Nachdenken höchstens abgeschwächt +wird. Leonardo konnte also nur gemeint haben, was die Menschen üben, +das sei nicht die richtige, einwandfreie Liebe, man <em class="gesperrt">sollte</em> so +lieben, daß man den Affekt aufhalte, ihn der Gedankenarbeit unterwerfe +und erst frei gewähren lasse, nachdem er die Prüfung durch das Denken +bestanden hat. Und wir verstehen dabei, daß er uns sagen will, bei ihm +sei es so; es wäre für alle anderen erstrebenswert, wenn sie es mit +Liebe und Haß so hielten wie er selbst.</p> + +<p>Und bei ihm scheint es wirklich so gewesen zu sein. Seine Affekte waren +gebändigt, dem Forschertrieb unterworfen; er liebte und haßte nicht, +sondern fragte sich, woher das komme, was er lieben oder hassen sollte, +und was es bedeute, und so mußte er zunächst indifferent erscheinen +gegen Gut und Böse, gegen Schönes und Häßliches. Während dieser +Forscherarbeit warfen Liebe und Haß ihre Vorzeichen ab und wandelten +sich gleichmäßig in Denkinteresse um. In Wirklichkeit war Leonardo +nicht leidenschaftslos, er entbehrte nicht des göttlichen Funkens, der +mittelbar oder unmittelbar die Triebkraft — il primo motore — alles +menschlichen Tuns ist. Er hatte die Leidenschaft nur in Wissensdrang +verwandelt; er ergab sich nun der Forschung mit jener Ausdauer, +Stetigkeit, Vertiefung, die sich aus der Leidenschaft ableiten, und auf +der Höhe der geistigen Arbeit, nach gewonnener Erkenntnis, läßt er den +lange zurückgehaltenen Affekt losbrechen, frei abströmen, wie einen vom +Strome abgeleiteten Wasserarm, nachdem er das Werk getrieben hat. Auf +der Höhe einer Erkenntnis, wenn er ein großes Stück des Zusammenhanges<span class="pagenum" id="Seite_12">[S. 12]</span> +überschauen kann, dann erfaßt ihn das Pathos und er preist in +schwärmerischen Worten die Großartigkeit jenes Stückes der Schöpfung, +das er studiert hat, oder — in religiöser Einkleidung — die Größe +seines Schöpfers. <em class="gesperrt">Solmi</em> hat diesen Prozeß der Umwandlung bei +Leonardo richtig erfaßt. Nach dem Zitat einer solchen Stelle, in der +Leonardo den hehren Zwang der Natur (»O mirabile necessita ...«) +gefeiert hat, sagt er: Tale trasfigurazione della scienza della natura +in emozione, quasi direi, religiosa, è uno dei tratti caratteristici +de' manoscritti vinciani, e si trova cento e cento volte espressa +...<a id="FNAnker_20" href="#Fussnote_20" class="fnanchor">[20]</a></p> + +<p>Man hat Leonardo wegen seines unersättlichen und unermüdlichen +Forscherdranges den italienischen Faust geheißen. Aber von allen +Bedenken gegen die mögliche Rückverwandlung des Forschertriebes in +Lebenslust abgesehen, die wir als die Voraussetzung der Fausttragödie +annehmen müssen, möchte man die Bemerkung wagen, daß die Entwicklung +Leonardos an spinozistische Denkweise streift.</p> + +<p>Die Umsetzungen der psychischen Triebkraft in verschiedene Formen der +Betätigung sind vielleicht ebenso wenig ohne Einbuße konvertierbar, +wie die der physikalischen Kräfte. Das Beispiel Leonardos lehrt, +wie vielerlei anderes an diesen Prozessen zu verfolgen ist. Aus dem +Aufschub, erst zu lieben, nachdem man erkannt hat, wird ein Ersatz. Man +liebt und haßt nicht mehr recht, wenn man zur Erkenntnis durchgedrungen +ist; man bleibt jenseits von Liebe und Haß. Man hat geforscht, anstatt +zu lieben. Und darum vielleicht ist Leonardos Leben so viel ärmer +an Liebe gewesen als das anderer Großer und anderer Künstler. Die +stürmischen Leidenschaften erhebender und verzehrender Natur, in denen +andere ihr Bestes erlebten, scheinen ihn nicht getroffen zu haben.</p> + +<p>Und noch andere Folgen. Man hat auch geforscht, anstatt zu handeln, +zu schaffen. Wer die Großartigkeit des Weltzusammenhanges und dessen +Notwendigkeiten zu ahnen begonnen hat, der verliert leicht sein eigenes +kleines Ich. In Bewunderung versunken, wahrhaft demütig geworden, +vergißt<span class="pagenum" id="Seite_13">[S. 13]</span> man zu leicht, daß man selbst ein Stück jener wirkenden Kräfte +ist und es versuchen darf, nach dem Ausmaß seiner persönlichen Kraft +ein Stückchen jenes notwendigen Ablaufes der Welt abzuändern, der Welt, +in welcher das Kleine doch nicht minder wunderbar und bedeutsam ist als +das Große.</p> + +<p>Leonardo hatte vielleicht, wie <em class="gesperrt">Solmi</em> meint, im Dienste seiner +Kunst zu forschen begonnen,<a id="FNAnker_21" href="#Fussnote_21" class="fnanchor">[21]</a> er bemühte sich um die Eigenschaften +und Gesetze des Lichtes, der Farben, Schatten, der Perspektive, um sich +die Meisterschaft in der Nachahmung der Natur zu sichern und anderen +den gleichen Weg zu weisen. Wahrscheinlich überschätzte er schon +damals den Wert dieser Kenntnisse für den Künstler. Dann trieb es ihn, +noch immer am Leitseil des malerischen Bedürfnisses, zur Erforschung +der Objekte der Malerei, der Tiere und Pflanzen, der Proportionen +des menschlichen Körpers, vom Äußeren derselben weg zur Kenntnis +ihres inneren Baues und ihrer Lebensfunktionen, die sich ja auch in +ihrer Erscheinung ausdrücken und von der Kunst Darstellung verlangen. +Und endlich riß ihn der übermächtig gewordene Trieb fort, bis der +Zusammenhang mit den Anforderungen seiner Kunst zerriß, so daß er die +allgemeinen Gesetze der Mechanik auffand, daß er die Geschichte der +Ablagerungen und Versteinerungen im Arnotal erriet, und bis daß er in +sein Buch die Erkenntnis mit großen Buchstaben eintragen konnte: Il +sole non si move. Auf so ziemlich alle Gebiete der Naturwissenschaft +dehnte er seine Forschungen aus, auf jedem einzelnen ein Entdecker oder +wenigstens Vorhersager und Pfadfinder.<a id="FNAnker_22" href="#Fussnote_22" class="fnanchor">[22]</a> Doch blieb sein Wissensdrang +auf die Außenwelt gerichtet, von der Erforschung des Seelenlebens der +Menschen hielt ihn etwas fern; in der »Academia Vinciana«, für die er +kunstvoll verschlungene Embleme zeichnete, war für die Psychologie +wenig Raum.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_14">[S. 14]</span></p> + +<p>Versuchte er dann von der Forschung zur Kunstübung zurückzukehren, von +der er ausgegangen war, so erfuhr er an sich die Störung durch die +neue Einstellung seiner Interessen und die veränderte Natur seiner +psychischen Arbeit. Am Bild interessierte ihn vor allem ein Problem, +und hinter diesem einen sah er ungezählte andere Probleme auftauchen, +wie er es in der endlosen und unabschließbaren Naturforschung gewohnt +war. Er brachte sich nicht mehr dazu, seinen Anspruch zu beschränken, +das Kunstwerk zu isolieren, es aus dem großen Zusammenhang zu reißen, +in den er es gehörig wußte. Nach den erschöpfendsten Bemühungen, alles +in ihm zum Ausdruck zu bringen, was sich in seinen Gedanken daran +knüpfte, mußte er es unfertig im Stiche lassen oder es für unvollendet +erklären.</p> + +<p>Der Künstler hatte einst den Forscher als Handlanger in seinen Dienst +genommen, nun war der Diener der stärkere geworden und unterdrückte +seinen Herrn.</p> + +<p>Wenn wir im Charakterbilde einer Person einen einzigen Trieb überstark +ausgebildet finden, wie bei Leonardo die Wißbegierde, so berufen wir +uns zur Erklärung auf eine besondere Anlage, über deren wahrscheinlich +organische Bedingtheit meist noch nichts Näheres bekannt ist. Durch +unsere psychoanalytischen Studien an Nervösen werden wir aber zwei +weiteren Erwartungen geneigt, die wir gern in jedem einzelnen Falle +bestätigt finden möchten. Wir halten es für wahrscheinlich, daß +jener überstarke Trieb sich bereits in der frühesten Kindheit der +Person betätigt hat, und daß seine Oberherrschaft durch Eindrücke +des Kinderlebens festgelegt wurde, und wir nehmen ferner an, daß er +ursprünglich sexuelle Triebkräfte zu seiner Verstärkung herangezogen +hat, so daß er späterhin ein Stück des Sexuallebens vertreten kann. Ein +solcher Mensch würde also z. B. forschen mit jener leidenschaftlichen +Hingabe, mit der ein anderer seine Liebe ausstattet, und er könnte +forschen anstatt zu lieben. Nicht nur beim Forschertrieb, sondern auch +in den meisten anderen Fällen von besonderer Intensität eines Triebes +würden wir den Schluß auf eine sexuelle Verstärkung desselben wagen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_15">[S. 15]</span></p> + +<p>Die Beobachtung des täglichen Lebens der Menschen zeigt uns, daß es den +meisten gelingt, ganz ansehnliche Anteile ihrer sexuellen Triebkräfte +auf ihre Berufstätigkeit zu leiten. Der Sexualtrieb eignet sich ganz +besonders dazu, solche Beiträge abzugeben, da er mit der Fähigkeit +der Sublimierung begabt, d. h. im stande ist, sein nächstes Ziel +gegen andere, eventuell höher gewertete und nicht sexuelle, Ziele zu +vertauschen. Wir halten diesen Vorgang für erwiesen, wenn uns die +Kindergeschichte, also die seelische Entwicklungsgeschichte einer +Person zeigt, daß zur Kinderzeit der übermächtige Trieb im Dienste +sexueller Interessen stand. Wir finden eine weitere Bestätigung darin, +wenn sich im Sexualleben reifer Jahre eine auffällige Verkümmerung +dartut, gleichsam als ob ein Stück der Sexualbetätigung nun durch die +Betätigung des übermächtigen Triebes ersetzt wäre.</p> + +<p>Die Anwendung dieser Erwartungen auf den Fall des übermächtigen +Forschertriebs scheint besonderen Schwierigkeiten zu unterliegen, +da man gerade den Kindern weder diesen ernsthaften Trieb noch +bemerkenswerte sexuelle Interessen zutrauen möchte. Indes sind diese +Schwierigkeiten leicht zu beheben. Von der Wißbegierde der kleinen +Kinder zeugt deren unermüdliche Fragelust, die dem Erwachsenen +rätselhaft ist, so lange er nicht versteht, daß alle diese Fragen nur +Umschweife sind, und daß sie kein Ende nehmen können, weil das Kind +durch sie nur eine Frage ersetzen will, die es doch nicht stellt. Ist +das Kind größer und einsichtsvoller geworden, so bricht diese Äußerung +der Wißbegierde oft plötzlich ab. Eine volle Aufklärung gibt uns aber +die psychoanalytische Untersuchung, indem sie uns lehrt, daß viele, +vielleicht die meisten, jedenfalls die bestbegabten Kinder etwa vom +dritten Lebensjahr an eine Periode durchmachen, die man als die der +<em class="gesperrt">infantilen Sexualforschung</em> bezeichnen darf. Die Wißbegierde +erwacht bei den Kindern dieses Alters, soviel wir wissen, nicht +spontan, sondern wird durch den Eindruck eines wichtigen Erlebnisses +geweckt, durch die erfolgte oder nach auswärtigen Erfahrungen +gefürchtete Geburt eines Geschwisterchens, in der das Kind eine +Bedrohung seiner egoistischen<span class="pagenum" id="Seite_16">[S. 16]</span> Interessen erblickt. Die Forschung +richtet sich auf die Frage, woher die Kinder kommen, gerade so, als ob +das Kind nach Mitteln und Wegen suchte, ein so unerwünschtes Ereignis +zu verhüten. Wir haben so mit Erstaunen erfahren, daß das Kind den ihm +gegebenen Auskünften den Glauben verweigert, z. B. die mythologisch +so sinnreiche Storchfabel energisch abweist, daß es von diesem Akte +des Unglaubens an seine geistige Selbständigkeit datiert, sich oft +in ernstem Gegensatze zu den Erwachsenen fühlt und diesen eigentlich +niemals mehr verzeiht, daß es bei diesem Anlasse um die Wahrheit +betrogen wurde. Es forscht auf eigenen Wegen, errät den Aufenthalt +des Kindes im Mutterleibe und schafft sich, von den Regungen der +eigenen Sexualität geleitet, Ansichten über die Herkunft des Kindes +vom Essen, über sein Geborenwerden durch den Darm, über die schwer zu +ergründende Rolle des Vaters, und es ahnt bereits damals die Existenz +des sexuellen Aktes, der ihm als etwas Feindseliges und Gewalttätiges +erscheint. Aber wie seine eigene Sexualkonstitution der Aufgabe der +Kinderzeugung noch nicht gewachsen ist, so muß auch seine Forschung, +woher die Kinder kommen, im Sande verlaufen und als unvollendbar im +Stiche gelassen werden. Der Eindruck dieses Mißglückens bei der ersten +Probe intellektueller Selbständigkeit scheint ein nachhaltiger und tief +deprimierender zu sein.<a id="FNAnker_23" href="#Fussnote_23" class="fnanchor">[23]</a></p> + +<p>Wenn die Periode der infantilen Sexualforschung durch einen Schub +energischer Sexualverdrängung abgeschlossen worden ist, leiten sich +für das weitere Schicksal des Forschertriebes drei verschiedene +Möglichkeiten aus seiner frühzeitlichen Verknüpfung mit sexuellen +Interessen ab. Entweder die Forschung teilt das Schicksal der +Sexualität, die Wißbegierde<span class="pagenum" id="Seite_17">[S. 17]</span> bleibt von da an gehemmt und die freie +Betätigung der Intelligenz vielleicht für Lebenszeit eingeschränkt, +besonders da kurze Zeit nachher durch die Erziehung die mächtige +religiöse Denkhemmung zur Geltung gebracht wird. Dies ist der Typus +der neurotischen Hemmung. Wir verstehen sehr wohl, daß die so +erworbene Denkschwäche dem Ausbruch einer neurotischen Erkrankung +wirksamen Vorschub leistet. In einem zweiten Typus ist die +intellektuelle Entwicklung kräftig genug, um der an ihr zerrenden +Sexualverdrängung zu widerstehen. Einige Zeit nach dem Untergang +der infantilen Sexualforschung, wenn die Intelligenz erstarkt ist, +bietet sie eingedenk der alten Verbindung ihre Hilfe zur Umgehung der +Sexualverdrängung, und die unterdrückte Sexualforschung kehrt als +Grübelzwang aus dem Unbewußten zurück, allerdings entstellt und unfrei, +aber mächtig genug, um das Denken selbst zu sexualisieren und die +intellektuellen Operationen mit der Lust und der Angst der eigentlichen +Sexualvorgänge zu betonen. Das Forschen wird hier zur Sexualbetätigung, +oft zur ausschließlichen, das Gefühl der Erledigung in Gedanken, der +Klärung, wird an die Stelle der sexuellen Befriedigung gesetzt; aber +der unabschließbare Charakter der Kinderforschung wiederholt sich auch +darin, daß dies Grübeln nie ein Ende findet, und daß das gesuchte +intellektuelle Gefühl der Lösung immer weiter in die Ferne rückt.</p> + +<p>Der dritte, seltenste und vollkommenste, Typus entgeht Kraft +besonderer Anlage der Denkhemmung wie dem neurotischen Denkzwang. +Die Sexualverdrängung tritt zwar auch hier ein, aber es gelingt ihr +nicht, einen Partialtrieb der Sexuallust ins Unbewußte zu weisen, +sondern die Libido entzieht sich dem Schicksal der Verdrängung, indem +sie sich von Anfang an in Wißbegierde sublimiert und sich zu dem +kräftigen Forschertrieb als Verstärkung schlägt. Auch hier wird das +Forschen gewissermaßen zum Zwang und zum Ersatz der Sexualbetätigung, +aber infolge der völligen Verschiedenheit der zu Grunde liegenden +psychischen Prozesse (Sublimierung an Stelle des Durchbruches aus dem +Unbewußten) bleibt der Charakter der Neurose aus, die Gebundenheit an +die<span class="pagenum" id="Seite_18">[S. 18]</span> ursprünglichen Komplexe der infantilen Sexualforschung entfällt, +und der Trieb kann sich frei im Dienste des intellektuellen Interesses +betätigen. Der Sexualverdrängung, die ihn durch den Zuschuß von +sublimierter Libido so stark gemacht hat, trägt er noch Rechnung, indem +er die Beschäftigung mit sexuellen Themen vermeidet.</p> + +<p>Wenn wir das Zusammentreffen des übermächtigen Forschertriebes bei +Leonardo mit der Verkümmerung seines Sexuallebens erwägen, welches sich +auf sogenannte ideelle Homosexualität einschränkt, werden wir geneigt +sein, ihn als einen Musterfall unseres dritten Typus in Anspruch zu +nehmen. Daß es ihm nach infantiler Betätigung der Wißbegierde im +Dienste sexueller Interessen dann gelungen ist, den größeren Anteil +seiner Libido in Forscherdrang zu sublimieren, das wäre der Kern +und das Geheimnis seines Wesens. Aber freilich der Beweis für diese +Auffassung ist nicht leicht zu erbringen. Wir bedürften hiezu eines +Einblickes in die seelische Entwicklung seiner ersten Kinderjahre, +und es erscheint töricht, auf solches Material zu hoffen, wenn die +Nachrichten über sein Leben so spärlich und so unsicher sind, und wenn +es sich überdies um Auskünfte über Verhältnisse handelt, die sich +noch bei Personen unserer eigenen Generation der Aufmerksamkeit der +Beobachter entziehen.</p> + +<p>Wir wissen sehr wenig von der Jugend Leonardos. Er wurde 1452 in dem +kleinen Städtchen <em class="gesperrt">Vinci</em> zwischen Florenz und Empoli geboren; er +war ein uneheliches Kind, was in jener Zeit gewiß nicht als schwerer +bürgerlicher Makel betrachtet wurde; sein Vater war <em class="gesperrt">Ser Piero da +Vinci</em>, ein Notar und Abkömmling einer Familie von Notaren und +Landbebauern, die ihren Namen nach dem Orte Vinci führten; seine Mutter +eine <em class="gesperrt">Catarina</em>, wahrscheinlich ein Bauernmädchen, die später mit +einem anderen Einwohner von Vinci verheiratet war. Diese Mutter kommt +in der Lebensgeschichte Leonardos nicht mehr vor, nur der Dichter +<em class="gesperrt">Mereschkowski</em> glaubt ihre Spur nachweisen zu können. Die einzige +sichere Auskunft über Leonardos Kindheit gibt ein amtliches Dokument +aus dem Jahre 1457, ein Florentiner Steuerkataster, in welchem<span class="pagenum" id="Seite_19">[S. 19]</span> +unter den Hausgenossen der Familie Vinci Leonardo als fünfjähriges +illegitimes Kind des Ser Piero angeführt wird.<a id="FNAnker_24" href="#Fussnote_24" class="fnanchor">[24]</a> Die Ehe Ser Pieros +mit einer Donna Albiera blieb kinderlos, darum konnte der kleine +Leonardo im Hause seines Vaters aufgezogen werden. Dies Vaterhaus +verließ er erst, als er, unbekannt in welchem Alter, als Lehrling in +die Werkstatt des <em class="gesperrt">Andrea del Verrocchio</em> eintrat. Im Jahre 1472 +findet sich Leonardos Name bereits im Verzeichnis der Mitglieder der +»Compagnia dei Pittori«. Das ist alles.</p> + +<div class="chapter"> +<h2 class="nobreak" id="II">II.</h2> +</div> + +<p>Ein einziges Mal, soviel mir bekannt ist, hat Leonardo in eine seiner +wissenschaftlichen Niederschriften eine Mitteilung aus seiner Kindheit +eingestreut. An einer Stelle, die vom Fluge des Geiers handelt, +unterbricht er sich plötzlich, um einer in ihm auftauchenden Erinnerung +aus sehr frühen Jahren zu folgen.</p> + +<p>»Es scheint, daß es mir schon vorher bestimmt war, mich so gründlich +mit dem Geier zu befassen, denn es kommt mir als eine ganz frühe +Erinnerung in den Sinn, als ich noch in der Wiege lag, ist ein Geier +zu mir herabgekommen, hat mir den Mund mit seinem Schwanz geöffnet und +viele Male mit diesem seinen Schwanz gegen meine Lippen gestoßen.«<a id="FNAnker_25" href="#Fussnote_25" class="fnanchor">[25]</a></p> + +<p>Eine Kindheitserinnerung also, und zwar höchst befremdender Art. +Befremdend wegen ihres Inhaltes und wegen der Lebenszeit, in die sie +verlegt wird. Daß ein Mensch eine Erinnerung an seine Säuglingszeit +bewahren könne, ist vielleicht nicht unmöglich, kann aber keineswegs +als gesichert gelten. Was jedoch diese Erinnerung Leonardos behauptet, +daß ein Geier dem Kinde mit seinem Schwanz den Mund geöffnet, +das klingt so unwahrscheinlich, so märchenhaft, daß eine andere +Auffassung,<span class="pagenum" id="Seite_20">[S. 20]</span> die beiden Schwierigkeiten mit einem Schlage ein Ende +macht, sich unserem Urteile besser empfiehlt. Jene Szene mit dem Geier +wird nicht eine Erinnerung Leonardos sein, sondern eine Phantasie, +die er sich später gebildet und in seine Kindheit versetzt hat. Die +Kindheitserinnerungen der Menschen haben oft keine andere Herkunft; +sie werden überhaupt nicht, wie die bewußten Erinnerungen aus der +Zeit der Reife vom Erlebnis an fixiert und wiederholt, sondern erst +in späterer Zeit, wenn die Kindheit schon vorüber ist, hervorgeholt, +dabei verändert, verfälscht, in den Dienst späterer Tendenzen gestellt, +so daß sie sich ganz allgemein von Phantasien nicht strenge scheiden +lassen. Vielleicht kann man sich ihre Natur nicht besser klar machen, +als indem man an die Art und Weise denkt, wie bei den alten Völkern +die Geschichtschreibung entstanden ist. Solange das Volk klein und +schwach war, dachte es nicht daran, seine Geschichte zu schreiben; man +bearbeitete den Boden des Landes, wehrte sich seiner Existenz gegen die +Nachbarn, suchte ihnen Land abzugewinnen und zu Reichtum zu kommen. +Es war eine heroische und unhistorische Zeit. Dann brach eine andere +Zeit an, in der man zur Besinnung kam, sich reich und mächtig fühlte, +und nun entstand das Bedürfnis zu erfahren, woher man gekommen und wie +man geworden war. Die Geschichtschreibung, welche begonnen hatte, die +Erlebnisse der Jetztzeit fortlaufend zu verzeichnen, warf den Blick +auch nach rückwärts in die Vergangenheit, sammelte Traditionen und +Sagen, deutete die Überlebsel alter Zeiten in Sitten und Gebräuchen +und schuf so eine Geschichte der Vorzeit. Es war unvermeidlich, daß +diese Vorgeschichte eher ein Ausdruck der Meinungen und Wünsche der +Gegenwart als ein Abbild der Vergangenheit wurde, denn vieles war von +dem Gedächtnis des Volkes beseitigt, anderes entstellt worden, manche +Spur der Vergangenheit wurde mißverständlich im Sinne der Gegenwart +gedeutet, und überdies schrieb man ja nicht Geschichte aus den Motiven +objektiver Wißbegierde, sondern weil man auf seine Zeitgenossen wirken, +sie aneifern, erheben oder ihnen einen Spiegel vorhalten wollte. +Das bewußte Gedächtnis eines<span class="pagenum" id="Seite_21">[S. 21]</span> Menschen von den Erlebnissen seiner +Reifezeit ist nun durchaus jener Geschichtschreibung zu vergleichen, +und seine Kindheitserinnerungen entsprechen nach ihrer Entstehung +und Verläßlichkeit wirklich der spät und tendenziös zurechtgemachten +Geschichte der Urzeit eines Volkes.</p> + +<p>Wenn die Erzählung Leonardos vom Geier, der ihn in der Wiege besucht, +also nur eine spätgeborene Phantasie ist, so sollte man meinen, es +könne sich kaum verlohnen, länger bei ihr zu verweilen. Zu ihrer +Erklärung könnte man sich ja mit der offen kundgegebenen Tendenz +begnügen, seiner Beschäftigung mit dem Problem des Vogelfluges +die Weihe einer Schicksalsbestimmung zu leihen. Allein mit dieser +Geringschätzung beginge man ein ähnliches Unrecht, wie wenn man das +Material von Sagen, Traditionen und Deutungen in der Vorgeschichte +eines Volkes leichthin verwerfen würde. Allen Entstellungen und +Mißverständnissen zum Trotze ist die Realität der Vergangenheit doch +durch sie repräsentiert; sie sind das, was das Volk aus den Erlebnissen +seiner Urzeit gestaltet hat, unter der Herrschaft einstens mächtiger +und heute noch wirksamer Motive, und könnte man nur durch die Kenntnis +aller wirkenden Kräfte diese Entstellungen rückgängig machen, so +müßte man hinter diesem sagenhaften Material die historische Wahrheit +aufdecken können. Gleiches gilt für die Kindheitserinnerungen oder +Phantasien der Einzelnen. Es ist nicht gleichgültig, was ein Mensch aus +seiner Kindheit zu erinnern glaubt; in der Regel sind hinter den von +ihm selbst nicht verstandenen Erinnerungsresten unschätzbare Zeugnisse +für die bedeutsamsten Züge seiner seelischen Entwicklung verborgen. Da +wir nun in den psychoanalytischen Techniken vortreffliche Hilfsmittel +besitzen, um dies Verborgene ans Licht zu ziehen, wird uns der Versuch +gestattet sein, die Lücke in Leonardos Lebensgeschichte durch die +Analyse seiner Kindheitsphantasie auszufüllen. Erreichen wir dabei +keinen befriedigenden Grad von Sicherheit, so müssen wir uns damit +trösten, daß so vielen anderen Untersuchungen über den großen und +rätselhaften Mann kein besseres Schicksal beschieden war.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_22">[S. 22]</span></p> + +<p>Wenn wir aber die Geierphantasie Leonardos mit dem Auge des +Psychoanalytikers betrachten, so erscheint sie uns nicht lange +fremdartig; wir glauben uns zu erinnern, daß wir oftmals, z. B. +in Träumen, ähnliches gefunden haben, so daß wir uns getrauen +können, diese Phantasie aus der ihr eigentümlichen Sprache in +gemeinverständliche Worte zu übersetzen. Die Übersetzung zielt dann +aufs Erotische. Schwanz, »coda«, ist eines der bekanntesten Symbole +und Ersatzbezeichnungen des männlichen Gliedes, im Italienischen +nicht minder als in anderen Sprachen; die in der Phantasie enthaltene +Situation, daß ein Geier den Mund des Kindes öffnet und mit dem Schwanz +tüchtig darin herumarbeitet, entspricht der Vorstellung einer Fellatio, +eines sexuellen Aktes, bei dem das Glied in den Mund der gebrauchten +Person eingeführt wird. Sonderbar genug, daß diese Phantasie so +durchwegs passiven Charakter an sich trägt; sie ähnelt auch gewissen +Träumen und Phantasien von Frauen oder passiven Homosexuellen (die im +Sexualverkehr die weibliche Rolle spielen).</p> + +<p>Möge der Leser nun an sich halten und nicht in aufflammender Entrüstung +der Psychoanalyse die Gefolgschaft verweigern, weil sie schon in ihren +ersten Anwendungen zu einer unverzeihlichen Schmähung des Andenkens +eines großen und reinen Mannes führt. Es ist doch offenbar, daß diese +Entrüstung uns niemals wird sagen können, was die Kindheitsphantasie +Leonardos bedeutet; anderseits hat sich Leonardo in unzweideutigster +Weise zu dieser Phantasie bekannt, und wir lassen die Erwartung — wenn +man will: das Vorurteil — nicht fallen, daß eine solche Phantasie wie +jede psychische Schöpfung, wie ein Traum, eine Vision, ein Delirium, +irgend eine Bedeutung haben muß. Schenken wir darum lieber der +analytischen Arbeit, die ja noch nicht ihr letztes Wort gesprochen hat, +für eine Weile gerechtes Gehör.</p> + +<p>Die Neigung, das Glied des Mannes in den Mund zu nehmen, um daran zu +saugen, die in der bürgerlichen Gesellschaft zu den abscheulichen +sexuellen Perversionen gerechnet wird, kommt doch bei den Frauen +unserer Zeit — und, wie alte Bildwerke beweisen, auch früherer +Zeiten — sehr häufig<span class="pagenum" id="Seite_23">[S. 23]</span> vor und scheint im Zustande der Verliebtheit +ihren anstößigen Charakter völlig abzustreifen. Der Arzt begegnet +Phantasien, die sich auf diese Neigung gründen, auch bei weiblichen +Personen, die nicht durch die Lektüre der Psychopathia sexualis von +v. <em class="gesperrt">Krafft-Ebing</em> oder durch sonstige Mitteilung zur Kenntnis +von der Möglichkeit einer derartigen Sexualbefriedigung gelangt +sind. Es scheint, daß es den Frauen leicht wird, aus Eigenem solche +Wunschphantasien zu schaffen.<a id="FNAnker_26" href="#Fussnote_26" class="fnanchor">[26]</a> Die Nachforschung lehrt uns +denn auch, daß diese von der Sitte so schwer geächtete Situation +die harmloseste Ableitung zuläßt. Sie ist nichts anderes als die +Umarbeitung einer anderen Situation, in welcher wir uns einst alle +behaglich fühlten, als wir im Säuglingsalter (»essendo io in culla«) +die Brustwarze der Mutter oder Amme in den Mund nahmen, um an ihr zu +saugen. Der organische Eindruck dieses unseres ersten Lebensgenusses +ist wohl unzerstörbar eingeprägt geblieben; wenn das Kind später das +Euter der Kuh kennen lernt, das seiner Funktion nach eine Brustwarze, +seiner Gestalt und Lage am Unterleib nach aber einem Penis gleichkommt, +hat es die Vorstufe für die spätere Bildung jener anstößigen sexuellen +Phantasie gewonnen.</p> + +<p>Wir verstehen jetzt, warum Leonardo die Erinnerung an das angebliche +Erlebnis mit dem Geier in seine Säuglingszeit verlegt. Hinter dieser +Phantasie verbirgt sich doch nichts anderes als eine Reminiszenz +an das Saugen — oder Gesäugtwerden — an der Mutterbrust, welche +menschlich schöne Szene er wie so viele andere Künstler an der Mutter +Gottes und ihrem Kinde mit dem Pinsel darzustellen unternommen hat. +Allerdings wollen wir auch festhalten, was wir noch nicht verstehen, +daß diese für beide Geschlechter gleich bedeutsame Reminiszenz von dem +Manne Leonardo zu einer passiven homosexuellen Phantasie umgearbeitet +worden ist. Wir werden die Frage vorläufig bei Seite lassen, welcher +Zusammenhang etwa die Homosexualität mit dem Saugen an der Mutterbrust +verbindet, und uns bloß daran erinnern, daß die Tradition Leonardo<span class="pagenum" id="Seite_24">[S. 24]</span> +wirklich als einen homosexuell Fühlenden bezeichnet. Dabei gilt es uns +gleich, ob jene Anklage gegen den Jüngling Leonardo berechtigt war oder +nicht; nicht die reale Betätigung, sondern die Einstellung des Gefühls +entscheidet für uns darüber, ob wir irgend jemand die Eigentümlichkeit +der Homosexualität zuerkennen sollen.</p> + +<p>Ein anderer unverstandener Zug der Kindheitsphantasie Leonardos nimmt +unser Interesse zunächst in Anspruch. Wir deuten die Phantasie auf das +Gesäugtwerden durch die Mutter und finden die Mutter ersetzt durch +einen — Geier. Woher rührt dieser Geier und wie kommt er an diese +Stelle?</p> + +<p>Ein Einfall bietet sich da, so fernab liegend, daß man versucht wäre, +auf ihn zu verzichten. In der heiligen Bilderschrift der alten Ägypter +wird die Mutter allerdings mit dem Bilde des Geiers geschrieben.<a id="FNAnker_27" href="#Fussnote_27" class="fnanchor">[27]</a> +Diese Ägypter verehrten auch eine mütterliche Gottheit, die geierköpfig +gebildet wurde oder mit mehreren Köpfen, von denen wenigstens einer +der eines Geiers war.<a id="FNAnker_28" href="#Fussnote_28" class="fnanchor">[28]</a> Der Name dieser Göttin wurde <em class="gesperrt">Mut</em> +ausgesprochen; ob die Lautähnlichkeit mit unserem Worte »Mutter« nur +eine zufällige ist? So steht der Geier wirklich in Beziehung zur +Mutter, aber was kann uns das helfen? Dürfen wir Leonardo denn diese +Kenntnis zumuten, wenn die Lesung der Hieroglyphen erst François +<em class="gesperrt">Champollion</em> (1790-1832) gelungen ist?<a id="FNAnker_29" href="#Fussnote_29" class="fnanchor">[29]</a></p> + +<p>Man möchte sich dafür interessieren, auf welchem Wege auch nur +die alten Ägypter dazu gekommen sind, den Geier zum Symbol der +Mütterlichkeit zu wählen. Nun war die Religion und Kultur der Ägypter +bereits den Griechen und Römern Gegenstand wissenschaftlicher +Neugierde, und lange, ehe wir selbst die Denkmäler Ägyptens lesen +konnten, standen uns einzelne Mitteilungen darüber aus erhaltenen +Schriften des<span class="pagenum" id="Seite_25">[S. 25]</span> klassischen Altertums zu Gebote, Schriften, die teils +von bekannten Autoren herrühren, wie <em class="gesperrt">Strabo</em>, <em class="gesperrt">Plutarch</em>, +<em class="gesperrt">Aminianus Marcellus</em>, teils unbekannte Namen tragen und unsicher +in ihrer Herkunft und Abfassungszeit sind wie die Hieroglyphica des +<em class="gesperrt">Horapollo Nilus</em> und das unter dem Götternamen des <em class="gesperrt">Hermes +Trismegistos</em> überlieferte Buch orientalischer Priesterweisheit. +Aus diesen Quellen erfahren wir, daß der Geier als Symbol der +Mütterlichkeit galt, weil man glaubte, es gäbe nur weibliche Geier und +keine männlichen von dieser Vogelart.<a id="FNAnker_30" href="#Fussnote_30" class="fnanchor">[30]</a> Die Naturgeschichte der Alten +kannte auch ein Gegenstück zu dieser Einschränkung; bei den Skarabäen, +den von den Ägyptern als göttlich verehrten Käfern, meinten sie, gebe +es nur Männchen.<a id="FNAnker_31" href="#Fussnote_31" class="fnanchor">[31]</a></p> + +<p>Wie sollte nun die Befruchtung der Geier vor sich gehen, wenn sie alle +nur Weibchen waren? Darüber gibt eine Stelle des <em class="gesperrt">Horapollo</em><a id="FNAnker_32" href="#Fussnote_32" class="fnanchor">[32]</a> +guten Aufschluß. Zu einer gewissen Zeit halten diese Vögel im Fluge +inne, öffnen ihre Scheide und empfangen vom Winde.</p> + +<p>Wir sind jetzt unerwarteter Weise dazu gelangt, etwas für recht +wahrscheinlich zu halten, was wir vor kurzem noch als absurd +zurückweisen mußten. Leonardo kann das wissenschaftliche Märchen, dem +es der Geier verdankt, daß die Ägypter mit seinem Bild den Begriff +der Mutter schrieben, sehr wohl gekannt haben. Er war ein Vielleser, +dessen Interesse alle Gebiete der Literatur und des Wissens umfaßte. +Wir besitzen im Codex atlanticus ein Verzeichnis aller Bücher, die er +zu einer gewissen Zeit besaß,<a id="FNAnker_33" href="#Fussnote_33" class="fnanchor">[33]</a> dazu zahlreiche Notizen über andere +Bücher, die er von Freunden<span class="pagenum" id="Seite_26">[S. 26]</span> entlehnt hatte, und nach den Exzerpten, +die Fr. <em class="gesperrt">Richter</em><a id="FNAnker_34" href="#Fussnote_34" class="fnanchor">[34]</a> aus seinen Aufzeichnungen zusammengestellt +hat, können wir den Umfang seiner Lektüre kaum überschätzen. +Unter dieser Zahl fehlen auch ältere wie gleichzeitige Werke von +naturwissenschaftlichem Inhalte nicht. Alle diese Bücher waren zu jener +Zeit schon im Drucke vorhanden, und gerade Mailand war für Italien die +Hauptstätte der jungen Buchdruckerkunst.</p> + +<p>Wenn wir nun weiter gehen, stoßen wir auf eine Nachricht, welche +die Wahrscheinlichkeit, Leonardo habe das Geiermärchen gekannt, zur +Sicherheit steigern kann. Der gelehrte Herausgeber und Kommentator +des <em class="gesperrt">Horapollo</em> bemerkt zu dem bereits zitierten Text (p. 172): +Caeterum hanc fabulam de vulturibus cupide amplexi sunt Patres +Ecclesiastici, ut ita argumento ex rerum natura petito refutarent eos, +qui Virginis partum negabant; itaque apud omnes fere hujus rei mentio +occurit.</p> + +<p>Also die Fabel von der Eingeschlechtigkeit und der Empfängnis der Geier +war keineswegs eine indifferente Anekdote geblieben wie die analoge +von den Skarabäen; die Kirchenväter hatten sich ihrer bemächtigt, um +gegen die Zweifler an der heiligen Geschichte ein Argument aus der +Naturgeschichte zur Hand zu haben. Wenn nach den besten Nachrichten +aus dem Altertum die Geier darauf angewiesen waren, sich vom Winde +befruchten zu lassen, warum sollte nicht auch einmal das gleiche mit +einem menschlichen Weibe vorgegangen sein? Dieser Verwertbarkeit wegen +pflegten die Kirchenväter »fast alle« die Geierfabel zu erzählen, und +nun kann es kaum zweifelhaft sein, daß sie durch so mächtige Patronanz +auch Leonardo bekannt geworden ist.</p> + +<p>Die Entstehung der Geierphantasie Leonardos können wir uns nun in +folgender Weise vorstellen. Als er einmal bei einem Kirchenvater oder +in einem naturwissenschaftlichen Buche davon las, die Geier seien alle +Weibchen und wüßten sich ohne Mithilfe von Männchen fortzupflanzen, +da tauchte in ihm eine Erinnerung auf, die sich zu jener Phantasie +umgestaltete, die aber besagen wollte, er sei ja auch so ein<span class="pagenum" id="Seite_27">[S. 27]</span> Geierkind +gewesen, das eine Mutter, aber keinen Vater gehabt habe, und dazu +gesellte sich in der Art, wie so alte Eindrücke sich allein äußern +können, ein Nachhall des Genusses, der ihm an der Mutterbrust zu teil +geworden war. Die von den Autoren hergestellte Anspielung auf die jedem +Künstler teure Vorstellung der heiligen Jungfrau mit dem Kinde mußte +dazu beitragen, ihm diese Phantasie wertvoll und bedeutsam erscheinen +zu lassen. Kam er doch so dazu, sich mit dem Christusknaben, dem +Tröster und Erlöser nicht nur des einen Weibes, zu identifizieren.</p> + +<p>Wenn wir eine Kindheitsphantasie zersetzen, streben wir danach, deren +realen Erinnerungsinhalt von den späteren Motiven zu sondern, welche +denselben modifizieren und entstellen. Im Falle Leonardos glauben +wir jetzt den realen Inhalt der Phantasie zu kennen; die Ersetzung +der Mutter durch den Geier weist darauf hin, daß das Kind den Vater +vermißt und sich mit der Mutter allein gefunden hat. Die Tatsache der +illegitimen Geburt Leonardos stimmt zu seiner Geierphantasie; nur darum +konnte er sich einem Geierkinde vergleichen. Aber wir haben als die +nächste gesicherte Tatsache aus seiner Jugend erfahren, daß er im Alter +von fünf Jahren in den Haushalt seines Vaters aufgenommen war; wann +dies geschah, ob wenige Monate nach seiner Geburt, ob wenige Wochen vor +der Aufnahme jenes Katasters, ist uns völlig unbekannt. Da tritt nun +die Deutung der Geierphantasie ein und will uns belehren, daß Leonardo +die entscheidenden ersten Jahre seines Lebens nicht bei seinem Vater +und seiner Stiefmutter, sondern bei der armen, verlassenen, echten +Mutter verbrachte, so daß er Zeit hatte, seinen Vater zu vermissen. +Dies scheint ein mageres und dabei noch immer gewagtes Ergebnis der +psychoanalytischen Bemühung, allein es wird bei weiterer Vertiefung +an Bedeutung gewinnen. Der Sicherheit kommt noch die Erwägung der +tatsächlichen Verhältnisse in der Kindheit Leonardos zu Hilfe. Den +Berichten nach heiratete sein Vater Ser Piero da Vinci noch im Jahre +von Leonardos Geburt die vornehme Donna Albiera; der Kinderlosigkeit +dieser Ehe verdankte der Knabe seine im fünften Jahre dokumentarisch<span class="pagenum" id="Seite_28">[S. 28]</span> +bestätigte Aufnahme ins väterliche oder vielmehr großväterliche Haus. +Nun ist es nicht gebräuchlich, daß man der jungen Frau, die noch auf +Kindersegen rechnet, von Anfang an einen illegitimen Sprößling zur +Pflege übergibt. Es mußten wohl erst Jahre von Enttäuschung hingegangen +sein, ehe man sich entschloß, das wahrscheinlich reizend entwickelte +uneheliche Kind zur Entschädigung für die vergeblich erhofften +ehelichen Kinder anzunehmen. Es steht im besten Einklang mit der +Deutung der Geierphantasie, wenn mindestens drei Jahre, vielleicht +fünf, von Leonardos Leben verflossen waren, ehe er seine einsame Mutter +gegen ein Elternpaar vertauschen konnte. Dann aber war es bereits zu +spät geworden. In den ersten drei oder vier Lebensjahren fixieren sich +Eindrücke und bahnen sich Reaktionsweisen gegen die Außenwelt an, die +durch kein späteres Erleben mehr ihrer Bedeutung beraubt werden können.</p> + +<p>Wenn es richtig ist, daß die unverständlichen Kindheitserinnerungen und +die auf sie gebauten Phantasien eines Menschen stets das Wichtigste +aus seiner seelischen Entwicklung herausheben, so muß die durch +die Geierphantasie erhärtete Tatsache, daß Leonardo seine ersten +Lebensjahre allein mit der Mutter verbracht hat, von entscheidendstem +Einfluß auf die Gestaltung seines inneren Lebens gewesen sein. Unter +den Wirkungen dieser Konstellation kann es nicht gefehlt haben, daß +das Kind, welches in seinem jungen Leben ein Problem mehr vorfand +als andere Kinder, mit besonderer Leidenschaft über diese Rätsel zu +grübeln begann und so frühzeitig ein Forscher wurde, den die großen +Fragen quälten, woher die Kinder kommen, und was der Vater mit ihrer +Entstehung zu tun habe. Die Ahnung dieses Zusammenhanges zwischen +seiner Forschung und seiner Kindheitsgeschichte hat ihm dann später den +Ausruf entlockt, ihm sei es wohl von jeher bestimmt gewesen, sich in +das Problem des Vogelfluges zu vertiefen, da er schon in der Wiege von +einem Geier heimgesucht worden war. Die Wißbegierde, die sich auf den +Vogelflug richtet, von der infantilen Sexualforschung abzuleiten, wird +eine spätere, unschwer zu erledigende Aufgabe sein.</p> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_29">[S. 29]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="III">III.</h2> +</div> + +<p>In der Kindheitsphantasie Leonardos repräsentierte uns das Element des +Geiers den realen Erinnerungsinhalt; der Zusammenhang, in den Leonardo +selbst seine Phantasie gestellt hatte, warf ein helles Licht auf die +Bedeutung dieses Inhaltes für sein späteres Leben. Bei fortschreitender +Deutungsarbeit stoßen wir nun auf das befremdliche Problem, warum +dieser Erinnerungsinhalt in eine homosexuelle Situation umgearbeitet +worden ist. Die Mutter, die das Kind säugt — besser: an der das Kind +saugt —, ist in einen Geiervogel verwandelt, der dem Kinde seinen +Schwanz in den Mund steckt. Wir behaupten, daß die »Coda« des Geiers +nach gemeinem substituierenden Sprachgebrauch gar nichts anderes als +ein männliches Genitale, einen Penis, bedeuten kann. Aber wir verstehen +nicht, wie die Phantasietätigkeit dazu gelangen kann, gerade den +mütterlichen Vogel mit dem Abzeichen der Männlichkeit auszustatten, und +werden angesichts dieser Absurdität an der Möglichkeit irre, dieses +Phantasiegebilde auf einen vernünftigen Sinn zu reduzieren.</p> + +<p>Indes wir dürfen nicht verzagen. Wieviel scheinbar absurde Träume haben +wir nicht schon genötigt, ihren Sinn einzugestehen! Warum sollte es bei +einer Kindheitsphantasie schwieriger werden als bei einem Traum!</p> + +<p>Erinnern wir uns daran, daß es nicht gut ist, wenn sich eine +Sonderbarkeit vereinzelt findet, und beeilen wir uns, ihr eine zweite, +noch auffälligere, zur Seite zu stellen.</p> + +<p>Die geierköpfig gebildete Göttin <em class="gesperrt">Mut</em> der Ägypter, eine +Gestalt von ganz unpersönlichem Charakter, wie <em class="gesperrt">Drexler</em> in +<em class="gesperrt">Roschers</em> Lexikon urteilt, wurde häufig mit anderen mütterlichen +Gottheiten von lebendigerer Individualität wie <em class="gesperrt">Isis</em> und +<em class="gesperrt">Hathor</em> verschmolzen, behielt aber daneben ihre gesonderte +Existenz und Verehrung. Es war eine besondere Eigentümlichkeit des +ägyptischen Pantheons, daß die einzelnen Götter nicht im Synkretismus +untergingen. Neben der Götterkomposition blieb die einfache +Göttergestalt in ihrer Selbständigkeit bestehen. Diese geierköpfige +mütterliche Gottheit wurde nun von den Ägyptern in den meisten +Darstellungen<span class="pagenum" id="Seite_30">[S. 30]</span> phallisch gebildet;<a id="FNAnker_35" href="#Fussnote_35" class="fnanchor">[35]</a> ihr durch die Brüste als +weiblich gekennzeichneter Körper trägt auch ein männliches Glied im +Zustande der Erektion.</p> + +<p>Bei der Göttin <em class="gesperrt">Mut</em> also dieselbe Vereinigung mütterlicher und +männlicher Charaktere wie in der Geierphantasie Leonardos! Sollen +wir dies Zusammentreffen durch die Annahme aufklären, Leonardo habe +aus seinen Bücherstudien auch die androgyne Natur des mütterlichen +Geiers gekannt? Solche Möglichkeit ist mehr als fraglich; es scheint, +daß die ihm zugänglichen Quellen von dieser merkwürdigen Bestimmung +nichts enthielten. Es liegt wohl näher, die Übereinstimmung auf ein +gemeinsames, hier wie dort wirksames und noch unbekanntes Motiv +zurückzuführen.</p> + +<p>Die Mythologie kann uns berichten, daß die androgyne Bildung, die +Vereinigung männlicher und weiblicher Geschlechtscharaktere, nicht nur +der <em class="gesperrt">Mut</em> zukam, sondern auch anderen Gottheiten wie der Isis +und Hathor, aber diesen vielleicht nur, insofern sie auch mütterliche +Natur hatten und mit der <em class="gesperrt">Mut</em> verschmolzen wurden.<a id="FNAnker_36" href="#Fussnote_36" class="fnanchor">[36]</a> Sie lehrt +uns ferner, daß andere Gottheiten der Ägypter, wie die <em class="gesperrt">Neith</em> +von <em class="gesperrt">Sais</em>, aus der später die griechische <em class="gesperrt">Athene</em> wurde, +ursprünglich androgyn, dihermaphroditisch aufgefaßt wurden, und daß +das gleiche für viele <em class="gesperrt">der griechischen</em> Götter besonders aus +dem Kreise des Dionysos, aber auch für die später zur weiblichen +Liebesgöttin eingeschränkten <em class="gesperrt">Aphrodite</em> galt. Sie mag dann die +Erklärung versuchen, daß der dem weiblichen Körper angefügte Phallus +die schöpferische Urkraft der Natur bedeuten solle, und daß alle +diese hermaphroditischen Götterbildungen die Idee ausdrücken, erst +die Vereinigung von Männlichem und Weiblichem könne eine würdige +Darstellung der göttlichen Vollkommenheit ergeben. Aber keine dieser +Bemerkungen klärt uns das psychologische Rätsel, daß die Phantasie der +Menschen keinen Anstoß daran nimmt, eine Gestalt, die ihr das Wesen der +Mutter verkörpern soll, mit dem zur Mütterlichkeit<span class="pagenum" id="Seite_31">[S. 31]</span> gegensätzlichen +Zeichen der männlichen Kraft zu versehen.</p> + +<p>Die Aufklärung kommt von seiten der infantilen Sexualtheorien. Es hatte +allerdings eine Zeit gegeben, in der das männliche Genitale mit der +Darstellung der Mutter vereinbar gefunden wurde. Wenn das männliche +Kind seine Wißbegierde zuerst auf die Rätsel des Geschlechtslebens +richtet, wird es von dem Interesse für sein eigenes Genitale +beherrscht. Es findet diesen Teil seines Körpers zu wertvoll und zu +wichtig, als daß es glauben könnte, er würde anderen Personen fehlen, +denen es sich so ähnlich fühlt. Da es nicht erraten kann, daß es noch +einen anderen, gleichwertigen Typus von Genitalbildung gibt, muß es +zur Annahme greifen, daß alle Menschen, auch die Frauen, ein solches +Glied wie er besitzen. Dieses Vorurteil setzt sich bei dem jugendlichen +Forscher so fest, daß es auch durch die ersten Beobachtungen an den +Genitalien kleiner Mädchen nicht zerstört wird. Die Wahrnehmung sagt +ihm allerdings, daß da etwas anders ist als bei ihm, aber er ist +nicht im stande, sich als Inhalt dieser Wahrnehmung einzugestehen, +daß er beim Mädchen das Glied nicht finden könne. Daß das Glied +fehlen könne, ist ihm eine unheimliche, unerträgliche Vorstellung, +er versucht darum eine vermittelnde Entscheidung: das Glied sei auch +beim Mädchen vorhanden, aber es sei noch sehr klein; es werde später +wachsen.<a id="FNAnker_37" href="#Fussnote_37" class="fnanchor">[37]</a> Scheint sich diese Erwartung bei späteren Beobachtungen +nicht zu erfüllen, so bietet sich ihm ein anderer Ausweg. Das Glied +war auch beim kleinen Mädchen da, aber es ist abgeschnitten worden, an +seiner Stelle ist eine Wunde geblieben. Dieser Fortschritt der Theorie +verwertet bereits eigene Erfahrungen von peinlichem Charakter; er hat +unterdeß die Drohung gehört, daß man ihm das teure Organ wegnehmen +wird, wenn er sein Interesse dafür allzu deutlich betätigt. Unter dem +Einfluß dieser Kastrationsandrohung deutet er jetzt seine Auffassung +des weiblichen Genitales um; er wird von nun an für seine Männlichkeit +zittern, dabei aber die unglücklichen<span class="pagenum" id="Seite_32">[S. 32]</span> Geschöpfe verachten, an denen +nach seiner Meinung die grausame Bestrafung bereits vollzogen worden +ist.</p> + +<p>Ehe das Kind unter die Herrschaft des Kastrationskomplexes geriet, +zur Zeit, als ihm das Weib noch als vollwertig galt, begann eine +intensive Schaulust als erotische Triebbetätigung sich bei ihm zu +äußern. Es wollte die Genitalien anderer Personen sehen, ursprünglich +wahrscheinlich, um sie mit den eigenen zu vergleichen. Die erotische +Anziehung, die von der Person der Mutter ausging, gipfelte bald in der +Sehnsucht nach ihrem für einen Penis gehaltenen Genitale. Mit der erst +spät erworbenen Erkenntnis, daß das Weib keinen Penis besitzt, schlägt +diese Sehnsucht oft in ihr Gegenteil um, macht einem Abscheu Platz, der +in den Jahren der Pubertät zur Ursache der psychischen Impotenz, der +Misogynie, der dauernden Homosexualität werden kann. Aber die Fixierung +an das einst heiß begehrte Objekt, den Penis des Weibes, hinterläßt +unauslöschliche Spuren im Seelenleben des Kindes, welches jenes Stück +infantiler Sexualforschung mit besonderer Vertiefung durchgemacht hat. +Die fetischartige Verehrung des weiblichen Fußes und Schuhes scheint +den Fuß nur als Ersatzsymbol für das einst verehrte, seither vermißte +Glied des Weibes zu nehmen; die »Zopfabschneider« spielen, ohne es zu +wissen, die Rolle von Personen, die am weiblichen Genitale den Akt der +Kastration ausführen.</p> + +<p>Man wird zu den Betätigungen der kindlichen Sexualität kein richtiges +Verhältnis gewinnen und wahrscheinlich zur Auskunft greifen, +diese Mitteilungen für unglaubwürdig zu erklären, solange man den +Standpunkt unserer kulturellen Geringschätzung der Genitalien und der +Geschlechtsfunktionen überhaupt nicht verläßt. Zum Verständnis des +kindlichen Seelenlebens bedarf es urzeitlicher Analogien. Für uns +sind die Genitalien schon seit einer langen Reihe von Generationen +die <em class="gesperrt">Pudenda</em>, Gegenstände der Scham, und bei weiter gediehener +Sexualverdrängung sogar des Ekels. Widerwillig fügen sich die heute +Lebenden in ihrer Mehrheit den Geboten der Fortpflanzung und fühlen +sich dabei in ihrer menschlichen Würde gekränkt und herabgesetzt. +Was an anderer<span class="pagenum" id="Seite_33">[S. 33]</span> Auffassung des Geschlechtslebens unter uns vorhanden +ist, hat sich auf die roh gebliebenen, niedrigen Volksschichten +zurückgezogen, versteckt sich bei den höheren und verfeinerten als +kulturell minderwertig und wagt seine Betätigung nur unter den +verbitternden Mahnungen eines schlechten Gewissens. Anders war es in +den Urzeiten des Menschengeschlechtes. Aus den mühseligen Sammlungen +der Kulturforscher kann man sich die Überzeugung holen, daß die +Genitalien ursprünglich der Stolz und die Hoffnung der Lebenden waren, +göttliche Verehrung genossen und die Göttlichkeit ihrer Funktionen auf +alle neu erlernten Tätigkeiten der Menschen übertrugen. Ungezählte +Göttergestalten erhoben sich durch Sublimierung aus ihrem Wesen, und +zur Zeit, da der Zusammenhang der offiziellen Religionen mit der +Geschlechtstätigkeit bereits dem allgemeinen Bewußtsein verhüllt war, +bemühten sich Geheimkulte, ihn bei einer Anzahl von Eingeweihten lebend +zu erhalten. Endlich geschah es im Laufe der Kulturentwicklung, daß +so viel Göttliches und Heiliges aus der Geschlechtlichkeit extrahiert +war, bis der erschöpfte Rest der Verachtung verfiel. Aber bei der +Unvertilgbarkeit, die in der Natur aller seelischen Spuren liegt, darf +man sich nicht verwundern, daß selbst die primitivsten Formen von +Anbetung der Genitalien bis in ganz rezente Zeiten nachzuweisen sind, +und daß Sprachgebrauch, Sitten und Aberglauben der heutigen Menschheit +die Überlebsel von allen Phasen dieses Entwicklungsganges enthalten.<a id="FNAnker_38" href="#Fussnote_38" class="fnanchor">[38]</a></p> + +<p>Wir sind durch gewichtige biologische Analogien darauf vorbereitet, +daß die seelische Entwicklung des Einzelnen den Lauf der +Menschheitsentwicklung abgekürzt wiederhole, und werden darum nicht +unwahrscheinlich finden, was die psychoanalytische Erforschung der +Kinderseele über die infantile Schätzung der Genitalien ergeben hat. +Die kindliche Annahme des mütterlichen Penis ist nun die gemeinsame +Quelle, aus der sich die androgyne Bildung der mütterlichen Gottheiten +wie der ägyptischen <em class="gesperrt">Mut</em> und die »Coda« des Geiers in Leonardos<span class="pagenum" id="Seite_34">[S. 34]</span> +Kindheitsphantasie ableiten. Wir heißen ja diese Götterdarstellungen +nur mißverständlich hermaphroditisch im ärztlichen Sinne des +Wortes. Keine von ihnen vereinigt die wirklichen Genitalien beider +Geschlechter, wie sie in manchen Mißbildungen vereinigt sind zum +Abscheu jedes menschlichen Auges; sie fügen bloß den Brüsten als +Abzeichen der Mütterlichkeit das männliche Glied hinzu, wie es in +der ersten Vorstellung des Kindes vom Leibe der Mutter vorhanden +war. Die Mythologie hat diese ehrwürdige, uranfänglich phantasierte +Körperbildung der Mutter für die Gläubigen erhalten. Die Hervorhebung +des Geierschwanzes in der Phantasie Leonardos können wir nun so +übersetzen: Damals, als sich meine zärtliche Neugierde auf die Mutter +richtete, und ich ihr noch ein Genitale wie mein eigenes zuschrieb. Ein +weiteres Zeugnis für die frühzeitige Sexualforschung Leonardos, die +nach unserer Meinung ausschlaggebend für sein ganzes späteres Leben +wurde.</p> + +<p>Eine kurze Überlegung mahnt uns jetzt, daß wir uns mit der Aufklärung +des Geierschwanzes in Leonardos Kindheitsphantasie nicht begnügen +dürfen. Es scheint mehr in ihr enthalten, was wir noch nicht verstehen. +Ihr auffälligster Zug war doch, daß sie das Saugen an der Mutterbrust +in ein Gesäugtwerden, also in Passivität und damit in eine Situation +von unzweifelhaft homosexuellem Charakter verwandelte. Eingedenk der +historischen Wahrscheinlichkeit, daß sich Leonardo im Leben wie ein +homosexuell Fühlender benahm, drängt sich uns die Frage auf, ob diese +Phantasie nicht auf eine ursächliche Beziehung zwischen Leonardos +Kinderverhältnis zu seiner Mutter und seiner späteren manifesten, +wenn auch ideellen Homosexualität hinweist. Wir würden uns nicht +getrauen, eine solche aus der entstellten Reminiszenz Leonardos zu +erschließen, wenn wir nicht aus den psychoanalytischen Untersuchungen +von homosexuellen Patienten wüßten, daß eine solche besteht, ja daß sie +eine innige und notwendige ist.</p> + +<p>Die homosexuellen Männer, die in unseren Tagen eine energische +Aktion gegen die gesetzliche Einschränkung ihrer Sexualbetätigung +unternommen haben, lieben es, sich durch<span class="pagenum" id="Seite_35">[S. 35]</span> ihre theoretischen +Wortführer als eine von Anfang an gesonderte geschlechtliche Abart, +als sexuelle Zwischenstufen, als »ein drittes Geschlecht« hinstellen +zu lassen. Sie seien Männer, denen organische Bedingungen vom Keime +an das Wohlgefallen am Mann aufgenötigt, das am Weibe versagt +hätten. So gerne man nun aus humanen Rücksichten ihre Forderungen +unterschreibt, so zurückhaltend darf man gegen ihre Theorien sein, +die ohne Berücksichtigung der psychischen Genese der Homosexualität +aufgestellt worden sind. Die Psychoanalyse bietet die Mittel, diese +Lücke auszufüllen und die Behauptungen der Homosexuellen der Probe +zu unterziehen. Sie hat dieser Aufgabe erst bei einer geringen +Zahl von Personen genügen können, aber alle bisher vorgenommenen +Untersuchungen brachten das nämliche überraschende Ergebnis.<a id="FNAnker_39" href="#Fussnote_39" class="fnanchor">[39]</a> +Bei allen unseren homosexuellen Männern gab es in der ersten, vom +Individuum später vergessenen, Kindheit eine sehr intensive erotische +Bindung an eine weibliche Person, in der Regel an die Mutter, +hervorgerufen oder begünstigt durch die Überzärtlichkeit der Mutter +selbst, ferner unterstützt durch ein Zurücktreten des Vaters im +kindlichen Leben. <em class="gesperrt">Sadger</em> hebt hervor, daß die Mütter seiner +homosexuellen Patienten häufig Mannweiber waren, Frauen mit energischen +Charakterzügen, die den Vater aus der ihm gebührenden Stellung drängen +konnten; ich habe gelegentlich das gleiche gesehen, aber stärkeren +Eindruck von jenen Fällen empfangen, in denen der Vater von Anfang an +fehlte oder frühzeitig wegfiel, so daß der Knabe dem weiblichen Einfluß +preisgegeben war. Sieht es doch fast so aus, als ob das Vorhandensein +eines starken Vaters dem Sohne die richtige Entscheidung in der +Objektwahl für das entgegengesetzte Geschlecht versichern würde.</p> + +<p>Nach diesem Vorstadium tritt eine Umwandlung ein, deren Mechanismus +uns bekannt ist, deren treibende Kräfte<span class="pagenum" id="Seite_36">[S. 36]</span> wir noch nicht erfassen. +Die Liebe zur Mutter kann die weitere bewußte Entwicklung nicht +mitmachen, sie verfällt der Verdrängung. Der Knabe verdrängt die +Liebe zur Mutter, indem er sich selbst an deren Stelle setzt, +sich mit der Mutter identifiziert und seine eigene Person zum +Vorbild nimmt, in dessen Ähnlichkeit er seine neuen Liebesobjekte +auswählt. Er ist so homosexuell geworden; eigentlich ist er in den +Autoerotismus zurückgeglitten, da die Knaben, die der Heranwachsende +jetzt liebt, doch nur Ersatzpersonen und Erneuerungen seiner eigenen +kindlichen Person sind, die er so liebt, wie die Mutter ihn als +Kind geliebt hat. Wir sagen, er findet seine Liebesobjekte auf dem +Wege des <em class="gesperrt">Narzißmus</em>, da die griechische Sage einen Jüngling +<em class="gesperrt">Narzissus</em> nennt, dem nichts so wohl gefiel wie das eigene +Spiegelbild, und der in die schöne Blume dieses Namens verwandelt wurde.</p> + +<p>Tiefer reichende psychologische Erwägungen rechtfertigen die +Behauptung, daß der auf solchem Wege homosexuell Gewordene im +Unbewußten an das Erinnerungsbild seiner Mutter fixiert bleibt. Durch +die Verdrängung der Liebe zur Mutter konserviert er dieselbe in seinem +Unbewußten und bleibt von nun an der Mutter treu. Wenn er als Liebhaber +Knaben nachzulaufen scheint, so läuft er in Wirklichkeit vor den +anderen Frauen davon, die ihn untreu machen könnten. Wir haben auch +durch direkte Einzelbeobachtung nachweisen können, daß der scheinbar +nur für männlichen Reiz Empfängliche in Wahrheit der Anziehung, die +vom Weibe ausgeht, unterliegt wie ein Normaler; aber er beeilt sich +jedesmal, die vom Weibe empfangene Erregung auf ein männliches Objekt +zu überschreiben und wiederholt auf solche Weise immer wieder den +Mechanismus, durch den er seine Homosexualität erworben hat.</p> + +<p>Es liegt uns ferne, die Bedeutung dieser Aufklärungen über die +psychische Genese der Homosexualität zu übertreiben. Es ist ganz +unverkennbar, daß sie den offiziellen Theorien der homosexuellen +Wortführer grell widersprechen, aber wir wissen, daß sie nicht +umfassend genug sind, um eine endgültige Klärung des Problems zu +ermöglichen. Was man aus praktischen Gründen Homosexualität heißt, mag +aus mannigfaltigen<span class="pagenum" id="Seite_37">[S. 37]</span> psychosexuellen Hemmungsprozessen hervorgehen, und +der von uns erkannte Vorgang ist vielleicht nur einer unter vielen und +bezieht sich nur auf einen Typus von »Homosexualität«. Wir müssen auch +zugestehen, daß bei unserem homosexuellen Typus die Anzahl der Fälle, +in denen die von uns geforderten Bedingungen aufzeigbar sind, weitaus +die jener Fälle übersteigt, in denen der abgeleitete Effekt wirklich +eintritt, so daß auch wir die Mitwirkung unbekannter konstitutioneller +Faktoren nicht abweisen können, von denen man sonst das Ganze der +Homosexualität abzuleiten pflegt. Wir hätten überhaupt keinen Anlaß +gehabt, auf die psychische Genese der von uns studierten Form von +Homosexualität einzugehen, wenn nicht eine starke Vermutung dafür +spräche, daß gerade Leonardo, von dessen Geierphantasie wir ausgegangen +sind, diesem einen Typus der Homosexuellen angehört.</p> + +<p>So wenig Näheres über das geschlechtliche Verhalten des großen +Künstlers und Forschers bekannt ist, so darf man sich doch der +Wahrscheinlichkeit anvertrauen, daß die Aussagen seiner Zeitgenossen +nicht im Gröbsten irre gingen. Im Lichte dieser Überlieferungen +erscheint er uns also als ein Mann, dessen sexuelle Bedürftigkeit und +Aktivität außerordentlich herabgesetzt war, als hätte ein höheres +Streben ihn über die gemeine animalische Not der Menschen erhoben. +Es mag dahingestellt bleiben, ob er jemals und auf welchem Wege er +die direkte sexuelle Befriedigung gesucht, oder ob er ihrer gänzlich +entraten konnte. Wir haben aber ein Recht, auch bei ihm nach jenen +Gefühlsströmungen zu suchen, die andere gebieterisch zur sexuellen +Tat drängen, denn wir können kein menschliches Seelenleben glauben, +an dessen Aufbau nicht das sexuelle Begehren im weitesten Sinne, +die Libido, ihren Anteil hätte, mag dasselbe sich auch weit vom +ursprünglichen Ziel entfernt oder von der Ausführung zurückgehalten +haben.</p> + +<p>Anderes als Spuren von unverwandelter sexueller Neigung werden wir +bei Leonardo nicht erwarten dürfen. Diese weisen aber nach einer +Richtung und gestatten, ihn noch den Homosexuellen zuzurechnen. Es +wurde von jeher hervorgehoben,<span class="pagenum" id="Seite_38">[S. 38]</span> daß er nur auffällig schöne Knaben und +Jünglinge zu seinen Schülern nahm. Er war gütig und nachsichtig gegen +sie, besorgte sie und pflegte sie selbst, wenn sie krank waren, wie +eine Mutter ihre Kinder pflegt, wie seine eigene Mutter ihn betreut +haben mochte. Da er sie nach ihrer Schönheit und nicht nach ihrem +Talent ausgewählt hatte, wurde keiner von ihnen: Cesare da Sesto, G. +Boltraffio, Andrea Salaino, Francesco Melzi u. a., ein bedeutender +Maler. Meist brachten sie es nicht dazu, ihre Selbständigkeit vom +Meister zu erringen, sie verschwanden nach seinem Tode, ohne der +Kunstgeschichte eine bestimmtere Physiognomie zu hinterlassen. Die +anderen, die sich nach ihrem Schaffen mit Recht seine Schüler nennen +durften, wie <em class="gesperrt">Luini</em> und <em class="gesperrt">Bazzi</em>, genannt <em class="gesperrt">Sodoma</em>, hat +er wahrscheinlich persönlich nicht gekannt.</p> + +<p>Wir wissen, daß wir der Einwendung zu begegnen haben, das Verhalten +Leonardos gegen seine Schüler habe mit geschlechtlichen Motiven +überhaupt nichts zu tun und gestatte keinen Schluß auf eine sexuelle +Eigenart. Dagegen wollen wir mit aller Vorsicht geltend machen, daß +unsere Auffassung einige sonderbare Züge im Benehmen des Meisters +aufklärt, die sonst rätselhaft bleiben müßten. Leonardo führte ein +Tagebuch; er machte in seiner kleinen, von rechts nach links geführten +Schrift Aufzeichnungen, die nur für ihn bestimmt waren. In diesem +Tagebuch redete er sich bemerkenswerter Weise mit »du« an: »Lerne bei +Meister Luca die Multiplikation der Wurzeln.«<a id="FNAnker_40" href="#Fussnote_40" class="fnanchor">[40]</a> »Laß dir vom Meister +d'Abacco die Quadratur des Zirkels zeigen.«<a id="FNAnker_41" href="#Fussnote_41" class="fnanchor">[41]</a> — Oder bei Anlaß einer +Reise:<a id="FNAnker_42" href="#Fussnote_42" class="fnanchor">[42]</a> »Ich gehe meiner Gartenangelegenheit wegen nach Mailand +.... Lasse zwei Tragsäcke machen. Lasse dir die Drechselbank von +Boltraffio zeigen und einen Stein darauf bearbeiten. — Lasse das Buch +dem Meister Andrea il Todesco.«<a id="FNAnker_43" href="#Fussnote_43" class="fnanchor">[43]</a> Oder, ein Vorsatz von ganz anderer +Bedeutung:<span class="pagenum" id="Seite_39">[S. 39]</span> »Du hast in deiner Abhandlung zu zeigen, daß die Erde ein +Stern ist, wie der Mond oder ungefähr, und so den Adel unserer Welt zu +erweisen.«<a id="FNAnker_44" href="#Fussnote_44" class="fnanchor">[44]</a></p> + +<p>In diesem Tagebuch, welches übrigens — wie die Tagebücher anderer +Sterblicher — oft die bedeutsamsten Begebenheiten des Tages nur mit +wenigen Worten streift oder völlig verschweigt, finden sich einige +Eintragungen, die ihrer Sonderbarkeit wegen von allen Biographen +Leonardos zitiert werden. Es sind Aufzeichnungen über kleine Ausgaben +des Meisters von einer peinlichen Exaktheit, als sollten sie von einem +philiströs gestrengen und sparsamen Hausvater herrühren, während die +Nachweise über die Verwendung größerer Summen fehlen und nichts sonst +dafür spricht, daß der Künstler sich auf Wirtschaft verstanden habe. +Eine dieser Aufschreibungen betrifft einen neuen Mantel, den er dem +Schüler Andrea Salaino gekauft:<a id="FNAnker_45" href="#Fussnote_45" class="fnanchor">[45]</a></p> + +<table class="autotable"> +<tr> +<td>Silberbrokat</td> +<td class="tdc">15</td> +<td class="tdr">Lire</td> +<td class="tdc">4</td> +<td class="tdr">Soldi</td> +</tr> +<tr> +<td> Roten Samt zum Besatz</td> +<td class="tdc">9</td> +<td class="tdc">"</td> +<td class="tdc">--</td> +<td class="tdc">"</td> +</tr> +<tr> +<td>Schnüre</td> +<td class="tdc">--</td> +<td class="tdc">"</td> +<td class="tdc">9</td> +<td class="tdc">"</td> +</tr> +<tr> +<td>Knöpfe</td> +<td class="tdc">--</td> +<td class="tdc">"</td> +<td class="tdc">12</td> +<td class="tdc">"</td> +</tr> +</table> + +<p>Eine andere sehr ausführliche Notiz stellt alle die Ausgaben zusammen, +die ihm ein anderer Schüler<a id="FNAnker_46" href="#Fussnote_46" class="fnanchor">[46]</a> durch seine schlechten Eigenschaften +und seine Neigung zum Diebstahl verursacht: »Am Tage 21 des April +1490 begann ich dieses Buch und begann wieder das Pferd.<a id="FNAnker_47" href="#Fussnote_47" class="fnanchor">[47]</a> Jacomo +kam zu mir am Magdalenentage tausend 490, im Alter von 10 Jahren. +(Randbemerkung: diebisch, lügnerisch, eigensinnig, gefräßig.) Am +zweiten Tage ließ ich ihm zwei Hemden schneiden, ein Paar Hosen und +einen Wams, und als ich mir das Geld beiseite legte, um genannte Sachen +zu bezahlen, stahl er mir das Geld aus der Geldtasche, und war es +nie möglich, ihn das beichten zu machen, obwohl ich davon eine wahre +Sicherheit hatte (Randnote: 4 Lire ...).« So geht der Bericht über die +Missetaten<span class="pagenum" id="Seite_40">[S. 40]</span> des Kleinen weiter und schließt mit der Kostenrechnung: »Im +ersten Jahr, ein Mantel, Lire 2; 6 Hemden, Lire 4; 3 Wämser, Lire 6; 4 +Paar Strümpfe, Lire 7 u. s. w.«<a id="FNAnker_48" href="#Fussnote_48" class="fnanchor">[48]</a></p> + +<p>Die Biographen Leonardos, denen nichts ferner liegt, als die Rätsel im +Seelenleben ihres Helden aus seinen kleinen Schwächen und Eigenheiten +ergründen zu wollen, pflegen an diese sonderbaren Verrechnungen eine +Bemerkung anzuknüpfen, welche die Güte und Nachsicht des Meisters +gegen seine Schüler betont. Sie vergessen daran, daß nicht Leonardos +Benehmen, sondern die Tatsache, daß er uns diese Zeugnisse desselben +hinterließ, einer Erklärung bedarf. Da man ihm unmöglich das Motiv +zuschreiben kann, uns Belege für seine Gutmütigkeit in die Hände zu +spielen, müssen wir die Annahme machen, daß ein anderes, affektives +Motiv ihn zu diesen Niederschriften veranlaßt hat. Es ist nicht leicht +zu erraten, welches, und wir würden keines anzugeben wissen, wenn nicht +eine andere unter Leonardos Papieren gefundene Rechnung ein helles +Licht auf diese seltsam kleinlichen Notizen über Schülerkleidungen u. +dgl. würfe:<a id="FNAnker_49" href="#Fussnote_49" class="fnanchor">[49]</a></p> + +<table class="autotable"> +<tr> +<td>Auslagen nach dem Tode zum Begräbnis der Katharina</td> +<td></td> +<td class="tdc">27</td> +<td class="tdr"> florins</td> +</tr> +<tr> +<td>2 Pfund Wachs</td> +<td></td> +<td class="tdc">18</td> +<td class="tdc">"</td> +</tr> +<tr> +<td>Katafalk</td> +<td></td> +<td class="tdc">12</td> +<td class="tdc">"</td> +</tr> +<tr> +<td>Für das Tragen und Aufrichten des Kreuzes</td> +<td></td> +<td class="tdc">4</td> +<td class="tdc">"</td> +</tr> +<tr> +<td>Leichenträger</td> +<td></td> +<td class="tdc">8</td> +<td class="tdc">"</td> +</tr> +<tr> +<td>An 4 Geistliche und 4 Kleriker</td> +<td></td> +<td class="tdc">20</td> +<td class="tdc">"</td> +</tr> +<tr> +<td>Glockenläuten</td> +<td></td> +<td class="tdc">2</td> +<td class="tdc">"</td> +</tr> +<tr> +<td>Den Totengräbern</td> +<td></td> +<td class="tdc">16</td> +<td class="tdc">"</td> +</tr> +<tr> +<td>Für die Genehmigung -- den Beamten</td> +<td></td> +<td class="tdc tdu">1</td> +<td class="tdc">"</td> +</tr> +<tr> +<td></td> +<td class="tdr">Summa</td> +<td class="tdc">108</td> +<td class="tdr"> florins</td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl" style="padding-left: 2em;">Frühere Auslagen:</td> +<td></td> +<td></td> +<td></td> +</tr> +<tr> +<td>Dem Arzte</td> +<td class="tdl"> 4</td> +<td></td> +<td class="tdr">florins</td> +</tr> +<tr> +<td>Für Zucker und Lichte</td> +<td class="tdl">12</td> +<td class="tdc tdu">16</td> +<td class="tdc">"</td> +</tr> +<tr> +<td class="tdr">Summa Summarum</td> +<td></td> +<td class="tdc">124</td> +<td class="tdr"> florins.</td> +</tr> +</table> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_41">[S. 41]</span></p> + +<p>Der Dichter <em class="gesperrt">Mereschkowski</em> ist der einzige, der uns zu sagen +weiß, wer diese Katharina war. Aus zwei anderen kurzen Notizen +erschließt er, daß die Mutter Leonardos, die arme Bäuerin aus Vinci, +im Jahre 1493 nach Mailand gekommen war, um ihren damals 41jährigen +Sohn zu besuchen, daß sie dort erkrankte, von Leonardo im Spital +untergebracht, und als sie starb, von ihm unter so ehrenvollem Aufwand +zu Grabe gebracht worden sei.<a id="FNAnker_50" href="#Fussnote_50" class="fnanchor">[50]</a></p> + +<p>Erweisbar ist diese Deutung des seelenkundigen Romanschreibers nicht, +aber sie kann auf so viel innere Wahrscheinlichkeit Anspruch machen, +stimmt so gut zu allem, was wir sonst von Leonardos Gefühlsbetätigung +wissen, daß ich mich nicht enthalten kann, sie als richtig +anzuerkennen. Er hatte es zu stande gebracht, seine Gefühle unter +das Joch der Forschung zu zwingen und den freien Ausdruck derselben +zu hemmen; aber es gab auch für ihn Fälle, in denen das Unterdrückte +sich eine Äußerung erzwang, und der Tod der einst so heiß geliebten +Mutter war ein solcher. In dieser Rechnung über die Begräbniskosten +haben wir die bis zur Unkenntlichkeit entstellte Äußerung der Trauer +um die Mutter vor uns. Wir verwundern uns, wie solche Entstellung zu +stande kommen konnte, und können es auch unter den Gesichtspunkten +der normalen seelischen Vorgänge nicht verstehen. Aber unter den +abnormen Bedingungen der Neurosen und ganz besonders der sogenannten +<em class="gesperrt">Zwangsneurose</em> ist uns ähnliches wohlbekannt. Dort sehen wir +die Äußerung intensiver, aber durch Verdrängung unbewußt gewordener +Gefühle auf geringfügige, ja läppische Verrichtungen verschoben. +Es ist den widerstrebenden Mächten gelungen, den Ausdruck dieser +verdrängten Gefühle so sehr zu erniedrigen, daß man die Intensität<span class="pagenum" id="Seite_42">[S. 42]</span> +dieser Gefühle für eine höchst geringfügige einschätzen müßte; +aber in dem gebieterischen Zwang, mit dem sich diese kleinliche +Ausdruckshandlung durchsetzt, verrät sich die wirkliche, im Unbewußten +wurzelnde Macht der Regungen, die das Bewußtsein verleugnen möchte. +Nur ein solcher Anklang an das Geschehen bei der Zwangsneurose kann +die Leichenkostenrechnung Leonardos beim Tode seiner Mutter erklären. +Im Unbewußten war er noch wie in Kinderzeiten durch erotisch gefärbte +Neigung an sie gebunden; der Widerstreit der später eingetretenen +Verdrängung dieser Kinderliebe gestattete nicht, daß ihr im Tagebuche +ein anderes, würdigeres Denkmal gesetzt werde, aber was sich +als Kompromiß aus diesem neurotischen Konflikt ergab, das mußte +ausgeführt werden, und so wurde die Rechnung eingetragen und kam als +Unbegreiflichkeit zur Kenntnis der Nachwelt.</p> + +<p>Es scheint kein Wagniß, die an der Leichenrechnung gewonnene Einsicht +auf die Schülerkostenrechnungen zu übertragen. Demnach wäre auch dies +ein Fall, in dem sich bei Leonardo die spärlichen Reste libidinöser +Regungen zwangsartig einen entstellten Ausdruck schufen. Die +Mutter und die Schüler, die Ebenbilder seiner eigenen knabenhaften +Schönheit, wären seine Sexualobjekte gewesen — soweit die sein Wesen +beherrschende Sexualverdrängung eine solche Kennzeichnung zuläßt +—, und der Zwang, die für sie gemachten Ausgaben mit peinlicher +Ausführlichkeit zu notieren, wäre der befremdliche Verrat dieser +rudimentären Konflikte. Es würde sich so ergeben, daß Leonardos +Liebesleben wirklich dem Typus von Homosexualität angehört, dessen +psychische Entwicklung wir aufdecken konnten, und das Auftreten +der homosexuellen Situation in seiner Geierphantasie würde uns +verständlich, denn es besagte nichts anderes, als was wir vorhin von +jenem Typus behauptet haben. Es erforderte die Übersetzung: Durch diese +erotische Beziehung zur Mutter bin ich ein Homosexueller geworden.<a id="FNAnker_51" href="#Fussnote_51" class="fnanchor">[51]</a></p> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_43">[S. 43]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="IV">IV.</h2> +</div> + +<p>Die Geierphantasie Leonardos hält uns noch immer fest. In Worten, +welche nur allzudeutlich an die Beschreibung eines Sexualaktes +anklingen (»und hat viele Male mit seinem Schwanz gegen meine Lippen +gestoßen«), betont Leonardo die Intensität der erotischen Beziehungen +zwischen Mutter und Kind. Es hält nicht schwer, aus dieser Verbindung +der Aktivität der Mutter (des Geiers) mit der Hervorhebung der Mundzone +einen zweiten Erinnerungsinhalt der Phantasie zu erraten. Wir können +übersetzen: Die Mutter hat mir ungezählte leidenschaftliche Küsse auf +den Mund gedrückt. Die Phantasie ist zusammengesetzt aus der Erinnerung +an das Gesäugtwerden und an das Geküßtwerden durch die Mutter.</p> + +<p>Dem Künstler hat eine gütige Natur gegeben, seine geheimsten, ihm +selbst verborgenen Seelenregungen durch Schöpfungen zum Ausdruck zu +bringen, welche die Anderen, dem Künstler Fremden, mächtig ergreift, +ohne daß sie selbst anzugeben wüßten, woher diese Ergriffenheit rührt. +Sollte in dem Lebenswerk Leonardos nichts Zeugnis ablegen von dem, was +seine Erinnerung als den stärksten Eindruck seiner Kindheit bewahrt +hat? Man müßte es erwarten. Wenn man aber erwägt, was für tiefgreifende +Umwandlungen ein Lebenseindruck des Künstlers durchzumachen hat, ehe er +seinen Beitrag zum Kunstwerk stellen darf, wird man gerade bei Leonardo +den Anspruch auf Sicherheit des Nachweises auf ein ganz bescheidenes +Maß herabsetzen müssen.</p> + +<p>Wer an Leonardos Bilder denkt, den wird die Erinnerung an ein +merkwürdiges, berückendes und rätselhaftes Lächeln mahnen, das er auf +die Lippen seiner weiblichen Figuren gezaubert hat. Ein stehendes +Lächeln auf langgezogenen, geschwungenen Lippen; es ist für ihn +charakteristisch geworden und wird vorzugsweise »Leonardesk« genannt. +In dem fremdartig schönen Antlitz der Florentinerin Monna Lisa del +Giocondo hat es die Beschauer am stärksten ergriffen und in Verwirrung +gebracht. Dies Lächeln verlangte nach einer Deutung und fand die +verschiedenartigsten, von denen keine befriedigte. »Voilà quatre +siècles bientôt que Mona Lisa fait<span class="pagenum" id="Seite_44">[S. 44]</span> perdre la tête à tous ceux qui +parlent d'elle, après l'avoir longtemps regardée.«<a id="FNAnker_52" href="#Fussnote_52" class="fnanchor">[52]</a></p> + +<p><em class="gesperrt">Muther</em>:<a id="FNAnker_53" href="#Fussnote_53" class="fnanchor">[53]</a> »Was den Betrachter namentlich bannt, ist der +dämonische Zauber dieses Lächelns. Hunderte von Dichtern und +Schriftstellern haben über dieses Weib geschrieben, das bald +verführerisch uns anzulächeln, bald kalt und seelenlos ins Leere zu +starren scheint, und niemand hat ihr Lächeln enträtselt, niemand +ihre Gedanken gedeutet. Alles, auch die Landschaft ist geheimnisvoll +traumhaft, wie in gewitterschwüler Sinnlichkeit zitternd.«</p> + +<p>Die Ahnung, daß sich in dem Lächeln der Monna Lisa zwei verschiedene +Elemente vereinigen, hat sich bei mehreren Beurteilern geregt. +Sie erblicken darum in dem Mienenspiel der schönen Florentinerin +die vollkommenste Darstellung der Gegensätze, die das Liebesleben +des Weibes beherrschen, der Reserve und der Verführung, der +hingebungsvollen Zärtlichkeit und der rücksichtlos heischenden, +den Mann wie etwas Fremdes verzehrenden Sinnlichkeit. So äußert +<em class="gesperrt">Müntz</em>:<a id="FNAnker_54" href="#Fussnote_54" class="fnanchor">[54]</a> On sait quelle énigme indéchiffrable et passionante +Monna Lisa Gioconda ne cesse depuis bientôt quatre siècles, de proposer +aux admirateurs pressés devant elle. Jamais artiste (j'emprunte la +plume du délicat écrivain qui se cache sous le pseudonyme de Pierre de +Corlay) »a-t-il traduit ainsi l'essence même de la féminité: tendresse +et coquetterie, pudeur et sourde volupté, tout le mystère d'un coeur +qui se réserve, d'un cerveau qui réfléchit, d'une personnalité qui +se garde et ne livre d'elle-même que son rayonnement .........« +Der Italiener <em class="gesperrt">Angelo Conti</em><a id="FNAnker_55" href="#Fussnote_55" class="fnanchor">[55]</a> sieht das Bild im Louvre von +einem Sonnenstrahl belebt. »La donna sorrideva in una calma regale: +i suoi instinti di conquista, di ferocia, tutta l'eredità della +specie, la volontà della seduzione e dell' agguato, la grazia del +inganno, la bontà che cela un proposito crudele, tutto ciò appariva +alternativamente e scompariva dietro il velo<span class="pagenum" id="Seite_45">[S. 45]</span> ridente e si fondeva +nel poema del suo sorriso ....... Buona e malvaggia, crudele e +compassionevole, graziosa e felina, ella rideva ..........«</p> + +<p>Leonardo malte vier Jahre an diesem Bilde, vielleicht von 1503 bis +1507, während seines zweiten Aufenthaltes in Florenz, selbst über 50 +Jahre alt. Er wendete nach <em class="gesperrt">Vasaris</em> Bericht die ausgesuchtesten +Künste an, um die Dame während der Sitzungen zu zerstreuen und jenes +Lächeln auf ihren Zügen festzuhalten. Von all den Feinheiten, die +sein Pinsel damals auf der Leinwand wiedergab, hat das Bild in seinem +heutigen Zustand wenig nur bewahrt; es galt, als es im Entstehen war, +als das höchste, was die Kunst leisten könnte; sicher ist aber, daß +es Leonardo selbst nicht befriedigte, daß er es für nicht vollendet +erklärte, dem Besteller nicht ablieferte und mit sich nach Frankreich +nahm, wo sein Beschützer Franz I. es von ihm für das Louvre erwarb.</p> + +<p>Lassen wir das physiognomische Rätsel der Monna Lisa ungelöst und +verzeichnen wir die unzweifelhafte Tatsache, daß ihr Lächeln den +Künstler nicht minder stark fasziniert hat, als alle die Beschauer seit +400 Jahren. Dies berückende Lächeln kehrt seitdem auf allen seinen +Bildern und den seiner Schüler wieder. Da die Monna Lisa Leonardos +ein Porträt ist, können wir nicht annehmen, er habe ihrem Angesicht +aus eigenem einen so ausdrucksschweren Zug geliehen, den sie selbst +nicht besaß. Es scheint, wir können kaum anders als glauben, daß er +dies Lächeln bei seinem Modell fand und so sehr unter dessen Zauber +geriet, daß er von da an die freien Schöpfungen seiner Phantasie +mit ihm ausstattete. Dieser naheliegenden Auffassung gibt z. B. A. +<em class="gesperrt">Konstantinowa</em><a id="FNAnker_56" href="#Fussnote_56" class="fnanchor">[56]</a> Ausdruck:</p> + +<p>»Während der langen Zeit, in welcher sich der Meister mit dem Porträt +der Monna Lisa del Giocondo beschäftigte, hatte er sich mit solcher +Teilnahme des Gefühls in die physiognomischen Feinheiten dieses +Frauenantlitzes hineingelebt, daß er diese Züge — besonders das +geheimnisvolle Lächeln<span class="pagenum" id="Seite_46">[S. 46]</span> und den seltsamen Blick — auf alle Gesichter +übertrug, welche er in der Folge malte oder zeichnete; die mimische +Eigentümlichkeit der Gioconda kann selbst auf dem Bilde Johannes des +Täufers im Louvre wahrgenommen werden; — vor allem aber sind sie in +Marias Gesichtszügen auf dem Anna Selbdritt-Bilde deutlich erkennbar.«</p> + +<p>Allein es kann auch anders zugegangen sein. Das Bedürfnis nach einer +tieferen Begründung jener Anziehung, mit welcher das Lächeln der +Gioconda den Künstler ergriff, um ihn nicht mehr freizulassen, hat sich +bei mehr als einem seiner Biographen geregt. W. <em class="gesperrt">Pater</em>, der in +dem Bilde der Monna Lisa die »Verkörperung aller Liebeserfahrung der +Kulturmenschheit« sieht, und sehr fein »jenes unergründliche Lächeln, +welches bei Leonardo stets wie mit etwas Unheilverkündendem verbunden +scheint,« behandelt, führt uns auf eine andere Spur, wenn er äußert:<a id="FNAnker_57" href="#Fussnote_57" class="fnanchor">[57]</a></p> + +<p>»Übrigens ist das Bild ein Porträt. Wir können verfolgen, wie es sich +von Kindheit auf in das Gewebe seiner Träume mischt, so daß man, +sprächen nicht ausdrückliche Zeugnisse dagegen, glauben möchte, es sei +sein endlich gefundenes und verkörpertes Frauenideal .....«</p> + +<p>Etwas ganz Ähnliches hat wohl M. <em class="gesperrt">Herzfeld</em> im Sinne, wenn sie +ausspricht, in der Monna Lisa habe Leonardo sich selbst begegnet, darum +sei es ihm möglich geworden, soviel von seinem eigenen Wesen in das +Bild einzutragen, »dessen Züge von jeher in rätselhafter Sympathie in +Leonardos Seele gelegen haben.«<a id="FNAnker_58" href="#Fussnote_58" class="fnanchor">[58]</a></p> + +<p>Versuchen wir diese Andeutungen zur Klarheit zu entwickeln. Es mag also +so gewesen sein, daß Leonardo vom Lächeln der Monna Lisa gefesselt +wurde, weil dieses etwas in ihm aufweckte, was seit langer Zeit in +seiner Seele geschlummert hatte, eine alte Erinnerung wahrscheinlich. +Diese Erinnerung war bedeutsam genug, um ihn nicht mehr loszulassen, +nachdem sie einmal erweckt worden war; er mußte ihr immer<span class="pagenum" id="Seite_47">[S. 47]</span> wieder neuen +Ausdruck geben. Die Versicherung <em class="gesperrt">Paters</em>, daß wir verfolgen +können, wie sich ein Gesicht, wie das der Monna Lisa, von Kindheit auf +in das Gewebe seiner Träume mischt, scheint glaubwürdig und verdient +wörtlich verstanden zu werden.</p> + +<p><em class="gesperrt">Vasari</em> erwähnt als seine ersten künstlerischen Versuche »teste +di femmine, che ridono«<a id="FNAnker_59" href="#Fussnote_59" class="fnanchor">[59]</a>. Die Stelle, die ganz unverdächtig ist, +weil sie nichts erweisen will, lautet vollständiger in deutscher +Übersetzung:<a id="FNAnker_60" href="#Fussnote_60" class="fnanchor">[60]</a> »indem er in seiner Jugend einige lachende weibliche +Köpfe aus Erde formte, die in Gyps vervielfältigt wurden, und einige +Kinderköpfe, so schön, als ob sie von Meisterhand gebildet wären ....., +p. 6.«</p> + +<p>Wir erfahren also, daß seine Kunstübung mit der Darstellung von +zweierlei Objekten begann, die uns an die zweierlei Sexualobjekte +mahnen müssen, welche wir aus der Analyse seiner Geierphantasie +erschlossen haben. Waren die schönen Kinderköpfe Vervielfältigungen +seiner eigenen kindlichen Person, so sind die lächelnden Frauen nichts +anderes als Wiederholungen der Catarina, seiner Mutter, und wir +beginnen die Möglichkeit zu ahnen, daß seine Mutter das geheimnisvolle +Lächeln besessen, das er verloren hatte, und das ihn so fesselte, als +er es bei der Florentiner Dame wiederfand.<a id="FNAnker_61" href="#Fussnote_61" class="fnanchor">[61]</a></p> + +<p>Das Gemälde Leonardos, welches der Monna Lisa zeitlich am nächsten +steht, ist die sogenannte »heilige Anna selbdritt«, die heilige Anna +mit Maria und dem Christusknaben. Es zeigt das leonardeske Lächeln +in schönster Ausprägung an beiden Frauenköpfen. Es ist nicht zu +ermitteln, um wieviel früher oder später als das Porträt der Monna +Lisa Leonardo daran zu malen begann. Da beide Arbeiten sich über Jahre +erstreckten, darf man wohl annehmen, daß sie den Meister gleichzeitig +beschäftigten. Zu unserer Erwartung würde es<span class="pagenum" id="Seite_48">[S. 48]</span> am besten stimmen, wenn +gerade die Vertiefung in die Züge der Monna Lisa Leonardo angeregt +hätte, die Komposition der hl. Anna aus seiner Phantasie zu gestalten. +Denn wenn das Lächeln der Gioconda die Erinnerung an die Mutter in ihm +heraufbeschwor, so verstehen wir, daß es ihn zunächst dazu trieb, eine +Verherrlichung der Mütterlichkeit zu schaffen, und das Lächeln, das +er bei der vornehmen Dame gefunden hatte, der Mutter wiederzugeben. +So dürfen wir denn unser Interesse vom Porträt der Monna Lisa auf +dies andere, kaum minder schöne Bild, das sich jetzt auch im Louvre +befindet, hinübergleiten lassen.</p> + +<p>Die heilige Anna mit Tochter und Enkelkind ist ein in der italienischen +Malerei selten behandelter Gegenstand; die Darstellung Leonardos weicht +jedenfalls weit von allen sonst bekannten ab. <em class="gesperrt">Muther</em> sagt:<a id="FNAnker_62" href="#Fussnote_62" class="fnanchor">[62]</a></p> + +<p>»Einige Meister, wie Hans Fries, der ältere Holbein und Girolamo dai +Libri, ließen Anna neben Maria sitzen und stellten zwischen beide das +Kind. Andere, wie Jakob Cornelisz in seinem Berliner Bilde, zeigten +im eigentlichen Wortsinn die »heilige Anna selbdritt«, das heißt, sie +stellten sie dar, wie sie im Arme das kleine Figürchen Marias hält, +auf dem das noch kleinere des Christkindes sitzt«. Bei Leonardo sitzt +Maria auf dem Schoße ihrer Mutter vorgeneigt und greift mit beiden +Armen nach dem Knaben, der mit einem Lämmchen spielt, es wohl ein wenig +mißhandelt. Die Großmutter hat den einen unverdeckten Arm in die Hüfte +gestemmt und blickt mit seligem Lächeln auf die beiden herab. Die +Gruppierung ist gewiß nicht ganz ungezwungen. Aber das Lächeln, welches +auf den Lippen beider Frauen spielt, hat, obwohl unverkennbar dasselbe +wie im Bilde der Monna Lisa, seinen unheimlichen und rätselhaften +Charakter verloren; es drückt Innigkeit und stille Seligkeit aus.<a id="FNAnker_63" href="#Fussnote_63" class="fnanchor">[63]</a></p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_49">[S. 49]</span></p> + +<p>Bei einer gewissen Vertiefung in dieses Bild kommt es wie ein +plötzliches Verständnis über den Beschauer: Nur Leonardo konnte +dieses Bild malen, wie nur er die Geierphantasie dichten konnte. In +dieses Bild ist die Synthese seiner Kindheitsgeschichte eingetragen; +die Einzelheiten desselben sind aus den allerpersönlichsten +Lebenseindrücken Leonardos erklärlich. Im Hause seines Vaters fand +er nicht nur die gute Stiefmutter Donna Albiera, sondern auch die +Großmutter, Mutter seines Vaters, Monna Lucia, die, wir wollen es +annehmen, nicht unzärtlicher gegen ihn war, als Großmütter zu sein +pflegen. Dieser Umstand mochte ihm die Darstellung der von Mutter und +Großmutter behüteten Kindheit nahebringen. Ein anderer auffälliger +Zug des Bildes gewinnt eine noch größere Bedeutung. Die hl. Anna, die +Mutter der Maria und Großmutter des Knaben, die eine Matrone sein +müßte, ist hier vielleicht etwas reifer und ernster als die hl. Maria, +aber noch als junge Frau von unverwelkter Schönheit gebildet. Leonardo +hat in Wirklichkeit dem Knaben zwei Mütter gegeben, eine, die die Arme +nach ihm ausstreckt, und eine andere im Hintergrunde, und beide mit dem +seligen Lächeln des Mutterglückes ausgestattet. Diese Eigentümlichkeit +des Bildes hat nicht verfehlt, die Verwunderung der Autoren zu erregen; +<em class="gesperrt">Muther</em> meint z. B., daß Leonardo sich nicht entschließen +konnte, Alter, Falten und Runzeln zu malen und darum auch Anna zu +einer Frau von strahlender Schönheit machte. Ob man sich mit dieser +Erklärung zufrieden geben kann? Andere haben zur Auskunft gegriffen, +die »Gleichaltrigkeit von Mutter und Tochter« überhaupt in Abrede zu +stellen.<a id="FNAnker_64" href="#Fussnote_64" class="fnanchor">[64]</a> Aber der <em class="gesperrt">Muther</em>sche Erklärungsversuch genügt wohl +für den Beweis, daß der Eindruck von der Verjüngung der hl. Anna dem +Bilde entnommen und nicht durch eine Tendenz vorgetäuscht ist.</p> + +<p>Leonardos Kindheit war gerade so merkwürdig gewesen wie dieses Bild. Er +hatte zwei Mütter gehabt, die erste seine wahre Mutter, die Catarina, +der er im Alter zwischen drei und fünf Jahren entrissen wurde, und +eine junge und zärtliche Stiefmutter,<span class="pagenum" id="Seite_50">[S. 50]</span> die Frau seines Vaters, Donna +Albiera. Indem er diese Tatsache seiner Kindheit mit der ersterwähnten +zusammenzog, sie zu einer Mischeinheit verdichtete, gestaltete sich ihm +die Komposition der hl. Anna selbdritt. Die mütterliche Gestalt weiter +weg vom Knaben, die Großmutter heißt, entspricht nach ihrer Erscheinung +und ihrem räumlichen Verhältnis zum Knaben der echten früheren Mutter +Catarina. Mit dem seligen Lächeln der hl. Anna hat der Künstler wohl +den Neid verleugnet und überdeckt, den die Unglückliche verspürte, als +sie der vornehmeren Rivalin wie früher den Mann, so nun auch den Sohn +abtreten mußte.</p> + +<p>So wären wir von einem anderen Werke Leonardos her zur Bestätigung der +Ahnung gekommen, daß das Lächeln der Monna Lisa del Giocondo in dem +Manne die Erinnerung an die Mutter seiner ersten Kinderjahre erweckt +hatte. Madonnen und vornehme Damen zeigten von da an bei den Malern +Italiens die demütige Kopfneigung und das seltsam-selige Lächeln des +armen Bauernmädchens Catarina, das der Welt den herrlichen, zum Malen, +Forschen und Dulden bestimmten Sohn geboren hatte.</p> + +<p>Wenn es Leonardo gelang, im Angesicht der Monna Lisa den doppelten Sinn +wiederzugeben, den dies Lächeln hatte, das Versprechen schrankenloser +Zärtlichkeit wie die unheilverkündende Drohung (nach <em class="gesperrt">Paters</em> +Worten), so war er auch darin dem Inhalte seiner frühesten Erinnerung +treu geblieben. Denn die Zärtlichkeit der Mutter wurde ihm zum +Verhängnis, bestimmte sein Schicksal und die Entbehrungen, die seiner +warteten. Die Heftigkeit der Liebkosungen, auf die seine Geierphantasie +deutet, war nur allzu natürlich; die arme verlassene Mutter mußte all +ihre Erinnerungen an genossene Zärtlichkeiten wie ihre Sehnsucht nach +neuen in die Mutterliebe einfließen lassen; sie war dazu gedrängt, +nicht nur sich dafür zu entschädigen, daß sie keinen Mann, sondern +auch das Kind, daß es keinen Vater hatte, der es liebkosen wollte. So +nahm sie nach der Art aller unbefriedigten Mütter den kleinen Sohn an +Stelle ihres Mannes an und raubte ihm durch die allzu frühe Reifung +seiner Erotik ein Stück seiner Männlichkeit.<span class="pagenum" id="Seite_51">[S. 51]</span> Die Liebe der Mutter zum +Säugling, den sie nährt und pflegt, ist etwas weit tiefgreifenderes als +ihre spätere Affektion für das heranwachsende Kind. Sie ist von der +Natur eines vollbefriedigenden Liebesverhältnisses, das nicht nur alle +seelischen Wünsche, sondern auch alle körperlichen Bedürfnisse erfüllt, +und wenn sie eine der Formen des dem Menschen erreichbaren Glückes +darstellt, so rührt dies nicht zum mindesten von der Möglichkeit her, +auch längst verdrängte und pervers zu nennende Wunschregungen ohne +Vorwurf zu befriedigen.<a id="FNAnker_65" href="#Fussnote_65" class="fnanchor">[65]</a> In der glücklichsten jungen Ehe verspürt es +der Vater, daß das Kind, besonders der kleine Sohn, sein Nebenbuhler +geworden ist, und eine im Unbewußten tief wurzelnde Gegnerschaft gegen +den Bevorzugten nimmt von daher ihren Ausgang.</p> + +<p>Als Leonardo auf der Höhe seines Lebens jenem selig verzückten Lächeln +wieder begegnete, wie es einst den Mund seiner Mutter bei ihren +Liebkosungen umspielt hatte, stand er längst unter der Herrschaft +einer Hemmung, die ihm verbot, je wieder solche Zärtlichkeiten von +Frauenlippen zu begehren. Aber er war Maler geworden und so bemühte er +sich, dieses Lächeln mit dem Pinsel wieder zu erschaffen, und er gab es +allen seinen Bildern, ob er sie nun selbst ausführte oder unter seiner +Leitung von seinen Schülern ausführen ließ, der Leda, dem Johannes und +dem Bacchus. Die beiden letzten sind Abänderungen desselben Typus. +<em class="gesperrt">Muther</em> sagt: »Aus dem Heuschreckenesser der Bibel hat Leonardo +einen Bacchus, einen Apollino gemacht, der, ein rätselhaftes Lächeln +auf den Lippen, die weichen Schenkel übereinander geschlagen, uns mit +sinnbetörendem Auge anblickt.« Diese Bilder atmen eine Mystik, in deren +Geheimnis einzudringen man nicht wagt; man kann es höchstens versuchen, +den Anschluß an die früheren Schöpfungen Leonardos herzustellen. Die +Gestalten sind wieder mannweiblich, aber nicht mehr im Sinne der +Geierphantasie, es sind schöne Jünglinge von weiblicher Zartheit mit +weibischen Formen; sie schlagen<span class="pagenum" id="Seite_52">[S. 52]</span> die Augen nicht nieder, sondern +blicken geheimnisvoll triumphierend, als wüßten sie von einem großen +Glückserfolg, von dem man schweigen muß; das bekannte berückende +Lächeln läßt ahnen, daß es ein Liebesgeheimnis ist. Möglich, daß +Leonardo in diesen Gestalten das Unglück seines Liebeslebens verleugnet +und künstlerisch überwunden hat, indem er die Wunscherfüllung des von +der Mutter betörten Knaben in solch seliger Vereinigung von männlichem +und weiblichem Wesen darstellte.</p> + +<div class="chapter"> +<h2 class="nobreak" id="V">V.</h2> +</div> + +<p>Unter den Eintragungen in den Tagebüchern Leonardos findet sich eine, +die durch ihren bedeutsamen Inhalt und wegen eines winzigen formalen +Fehlers die Aufmerksamkeit des Lesers festhält:</p> + +<p>Er schreibt im Juli 1504.</p> + +<p>»Adi 9 di Luglio 1504 mercoledi a ore 7 mori Ser Piero da Vinci, +notalio al palazzo del Potestà, mio padre, a ore 7. Era d'età d'anni +80, lasciò 10 figlioli maschi e 2 femmine.«<a id="FNAnker_66" href="#Fussnote_66" class="fnanchor">[66]</a></p> + +<p>Die Notiz handelt also vom Tode des Vaters Leonardos. Die kleine Irrung +in ihrer Form besteht darin, daß die Zeitbestimmung »a ore 7« zweimal +wiederholt wird, als hätte Leonardo am Ende des Satzes vergessen, daß +er sie zu Anfang bereits hingeschrieben. Es ist nur eine Kleinigkeit, +aus der ein anderer als ein Psychoanalytiker nichts machen würde. +Vielleicht würde er sie nicht bemerken, und auf sie aufmerksam gemacht, +würde er sagen: Das kann in der Zerstreutheit oder im Affekt jedem +passieren und hat weiter keine Bedeutung.</p> + +<p>Der Psychoanalytiker denkt anders; ihm ist nichts zu klein als Äußerung +verborgener seelischer Vorgänge; er hat längst gelernt, daß solches +Vergessen oder Wiederholen bedeutungsvoll ist, und daß man es der +»Zerstreutheit« danken muß, wenn sie den Verrat sonst verborgener +Regungen gestattet.</p> + +<p>Wir werden sagen, auch diese Notiz entspricht, wie die Leichenrechnung +der Catarina, die Kostenrechnungen der<span class="pagenum" id="Seite_53">[S. 53]</span> Schüler, einem Falle, in dem +Leonardo die Unterdrückung seiner Affekte mißglückte und das lange +Verhohlene sich einen entstellten Ausdruck erzwang. Auch die Form +ist eine ähnliche, dieselbe pedantische Genauigkeit, die gleiche +Vordringlichkeit der Zahlen.<a id="FNAnker_67" href="#Fussnote_67" class="fnanchor">[67]</a></p> + +<p>Wir heißen eine solche Wiederholung eine Perseveration. Sie ist ein +ausgezeichnetes Hilfsmittel, um die affektive Betonung anzuzeigen. +Man denke z. B. an die Zornesrede des heiligen Petrus gegen seinen +unwürdigen Stellvertreter auf Erden in <em class="gesperrt">Dantes</em> Paradiso:<a id="FNAnker_68" href="#Fussnote_68" class="fnanchor">[68]</a></p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">»Quegli ch'usurpa in terra il luogo mio</div> + <div class="verse indent0">Il luogo mio, il luogo mio, che vaca</div> + <div class="verse indent0">Nella presenza del Figliuol di Dio,</div> + </div> + <div class="verse indent0">Fatto ha del cimiterio mio cloaca.«</div> + </div> +</div> + + +<p>Ohne Leonardos Affekthemmung hätte die Eintragung im Tagebuch etwa +lauten können: Heute um 7 Uhr starb mein Vater, Ser Piero da Vinci, +mein armer Vater! Aber die Verschiebung der Perseveration auf die +gleichgültigste Bestimmung der Todesnachricht, auf die Sterbestunde, +raubt der Notiz jedes Pathos und läßt uns gerade noch erkennen, daß +hier etwas zu verbergen und zu unterdrücken war.</p> + +<p>Ser Piero da Vinci, Notar und Abkömmling von Notaren, war ein Mann von +großer Lebenskraft, der es zu Ansehen und Wohlstand brachte. Er war +viermal verheiratet, die beiden ersten Frauen starben ihm kinderlos +weg, erst von der dritten erzielte er 1476 den ersten legitimen Sohn, +als Leonardo bereits 24 Jahre alt war und das Vaterhaus längst gegen +das Atelier seines Meisters Verrocchio vertauscht hatte; mit der +vierten und letzten Frau, die er bereits als Fünfziger geheiratet +hatte, zeugte er noch neun Söhne und zwei Töchter.<a id="FNAnker_69" href="#Fussnote_69" class="fnanchor">[69]</a></p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_54">[S. 54]</span></p> + +<p>Gewiß ist auch dieser Vater für die psychosexuelle Entwicklung +Leonardos bedeutsam geworden, und zwar nicht nur negativ, durch +seinen Wegfall in den ersten Kinderjahren des Knaben, sondern auch +unmittelbar durch seine Gegenwart in dessen späterer Kindheit. Wer +als Kind die Mutter begehrt, der kann es nicht vermeiden, sich an die +Stelle des Vaters setzen zu wollen, sich in seiner Phantasie mit ihm +zu identifizieren und später seine Überwindung zur Lebensaufgabe zu +machen. Als Leonardo, noch nicht fünf Jahre alt, ins großväterliche +Haus aufgenommen wurde, trat gewiß die junge Stiefmutter Albiera an +die Stelle seiner Mutter in seinem Fühlen, und er kam in jenes normal +zu nennende Rivalitätsverhältnis zum Vater. Die Entscheidung zur +Homosexualität tritt bekanntlich erst in der Nähe der Pubertätsjahre +auf. Als diese für Leonardo gefallen war, verlor die Identifizierung +mit dem Vater jede Bedeutung für sein Sexualleben, setzte sich aber +auf anderen Gebieten von nicht erotischer Betätigung fort. Wir hören, +daß er Prunk und schöne Kleider liebte, sich Diener und Pferde hielt, +obwohl er nach <em class="gesperrt">Vasaris</em> Worten »fast nichts besaß und wenig +arbeitete«; wir werden nicht allein seinen Schönheitssinn für diese +Vorlieben verantwortlich machen, wir erkennen in ihnen auch den Zwang, +den Vater zu kopieren und zu übertreffen. Der Vater war gegen das +arme Bauernmädchen der vornehme Herr gewesen, daher verblieb in dem +Sohne der Stachel, auch den vornehmen Herrn zu spielen, der Drang +»to out-herod Herod,« dem Vater vorzuhalten, wie erst die richtige +Vornehmheit aussehe.</p> + +<p>Wer als Künstler schafft, der fühlt sich gegen seine Werke gewiß als +Vater. Für Leonardos Schaffen als Maler hatte die Identifizierung mit +dem Vater eine verhängnisvolle Folge. Er schuf sie und kümmerte sich +nicht mehr um sie, wie sein Vater sich nicht um ihn bekümmert hatte. +Die spätere Sorge des Vaters konnte an diesem Zwange nichts ändern, +denn dieser leitete sich von den Eindrücken der ersten Kinderjahre ab, +und das unbewußt gebliebene Verdrängte ist unkorrigierbar durch spätere +Erfahrungen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_55">[S. 55]</span></p> + +<p>Zur Zeit der Renaissance bedurfte jeder Künstler — wie auch noch +viel später — eines hohen Herrn und Gönners, eines Padrone, der ihm +Aufträge gab, in dessen Händen sein Schicksal ruhte. Leonardo fand +seinen Padrone in dem hochstrebenden, prachtliebenden, diplomatisch +verschlagenen, aber unsteten und unverläßlichen <em class="gesperrt">Lodovico Sforza</em>, +zubenannt: il <em class="gesperrt">Moro</em>. An seinem Hofe in Mailand verbrachte er +die glänzendste Zeit seines Lebens, in seinen Diensten entfaltete er +am ungehemmtesten die Schaffenskraft, von der das Abendmahl und das +Reiterstandbild des Francesco Sforza Zeugnis ablegten. Er verließ +Mailand, ehe die Katastrophe über Lodovico Moro hereinbrach, der als +Gefangener in einem französischen Kerker starb. Als die Nachricht +vom Schicksal seines Gönners Leonardo erreichte, schrieb er in sein +Tagebuch: »Der Herzog verlor sein Land, seinen Besitz, seine Freiheit, +und keines der Werke, die er unternommen, wurde zu Ende geführt.«<a id="FNAnker_70" href="#Fussnote_70" class="fnanchor">[70]</a> +Es ist merkwürdig und gewiß nicht bedeutungslos, daß er hier gegen +seinen Padrone den nämlichen Vorwurf erhob, den die Nachwelt gegen +ihn wenden sollte, als wollte er eine Person aus der Vaterreihe dafür +verantwortlich machen, daß er selbst seine Werke unvollendet ließ. In +Wirklichkeit hatte er auch gegen den Herzog nicht Unrecht.</p> + +<p>Aber wenn die Nachahmung des Vaters ihn als Künstler schädigte, so +war die Auflehnung gegen den Vater die infantile Bedingung seiner +vielleicht ebenso großartigen Leistung als Forscher. Er glich, nach +dem schönen Gleichnis <em class="gesperrt">Mereschkowskis</em>, einem Menschen, der in +der Finsternis zu früh erwacht war, während die anderen noch alle +schliefen.<a id="FNAnker_71" href="#Fussnote_71" class="fnanchor">[71]</a> Er wagte es, den kühnen Satz auszusprechen, der doch +die Rechtfertigung jeder freien Forschung enthält: <em class="gesperrt">Wer im Streite +der Meinungen sich auf die Autorität beruft, der arbeitet mit seinem +Gedächtnis, anstatt mit seinem Verstand.</em><a id="FNAnker_72" href="#Fussnote_72" class="fnanchor">[72]</a> So wurde er der erste +moderne Naturforscher,<span class="pagenum" id="Seite_56">[S. 56]</span> und eine Fülle von Erkenntnissen und Ahnungen +belohnte seinen Mut, seit den Zeiten der Griechen als der erste, +nur auf Beobachtung und eigenes Urteil gestützt, an die Geheimnisse +der Natur zu rühren. Aber wenn er die Autorität geringschätzen und +die Nachahmung der »Alten« verwerfen lehrte und immer wieder auf +das Studium der Natur als auf die Quelle aller Wahrheit hinwies, +so wiederholte er nur in der höchsten, dem Menschen erreichbaren +Sublimierung die Parteinahme, die sich bereits dem kleinen, +verwundert in die Welt blickenden Knaben aufgedrängt hatte. Aus der +wissenschaftlichen Abstraktion in die konkrete individuelle Erfahrung +rückübersetzt, entsprachen die Alten und die Autorität doch nur dem +Vater, und die Natur wurde wieder die zärtliche, gütige Mutter, die ihn +genährt hatte. Während bei den meisten anderen Menschenkindern — auch +noch heute wie in Urzeiten — das Bedürfnis nach dem Anhalt an irgend +einer Autorität so gebieterisch ist, daß ihnen die Welt ins Wanken +gerät, wenn diese Autorität bedroht wird, konnte Leonardo allein dieser +Stütze entbehren; er hätte es nicht können, wenn er nicht in den ersten +Lebensjahren gelernt hätte, auf den Vater zu verzichten. Die Kühnheit +und Unabhängigkeit seiner späteren wissenschaftlichen Forschung setzt +die vom Vater ungehemmte infantile Sexualforschung voraus und setzt sie +unter Abwendung vom Sexuellen fort.</p> + +<p>Wenn jemand wie Leonardo in seiner Kindheit der Einschüchterung durch +den Vater entgangen ist und in seiner Forschung die Fesseln der +Autorität abgeworfen hat, so wäre es der grellste Widerspruch gegen +unsere Erwartung, wenn wir fänden, daß derselbe Mann ein Gläubiger +geblieben ist und es nicht vermocht hat, sich der dogmatischen Religion +zu entziehen. Die Psychoanalyse hat uns den intimen Zusammenhang +zwischen dem Vaterkomplex und der Gottesgläubigkeit kennen gelehrt, +hat uns gezeigt, daß der persönliche Gott psychologisch nichts +anderes ist als ein erhöhter Vater, und führt uns täglich vor +Augen, wie jugendliche Personen den religiösen Glauben verlieren, +sobald die Autorität des Vaters bei ihnen zusammenbricht.<span class="pagenum" id="Seite_57">[S. 57]</span> Im +Elternkomplex erkennen wir so die Wurzel des religiösen Bedürfnisses; +der allmächtige, gerechte Gott und die gütige Natur erscheinen uns +als großartige Sublimierungen von Vater und Mutter, vielmehr als +Erneuerungen und Wiederherstellungen der frühkindlichen Vorstellungen +von beiden. Die Religiosität führt sich biologisch auf die lang +anhaltende Hilflosigkeit und Hilfsbedürftigkeit des kleinen +Menschenkindes zurück, welches, wenn es später seine wirkliche +Verlassenheit und Schwäche gegen die großen Mächte des Lebens +erkannt hat, seine Lage ähnlich wie in der Kindheit empfindet und +deren Trostlosigkeit durch die regressive Erneuerung der infantilen +Schutzmächte zu verleugnen sucht.</p> + +<p>Es scheint nicht, daß das Beispiel Leonardos diese Auffassung der +religiösen Gläubigkeit des Irrtums überführen könnte. Anklagen, die ihn +des Unglaubens, oder, was jener Zeit ebensoviel hieß, des Abfalles vom +Christenglauben beschuldigten, regten sich bereits zu seinen Lebzeiten +und haben in der ersten Lebensbeschreibung, die <em class="gesperrt">Vasari</em> von ihm +gab, einen bestimmten Ausdruck gefunden.<a id="FNAnker_73" href="#Fussnote_73" class="fnanchor">[73]</a> In der zweiten Ausgabe +seiner Vite 1568 hat <em class="gesperrt">Vasari</em> diese Bemerkungen weggelassen. +Uns ist es vollkommen begreiflich, wenn Leonardo angesichts der +außerordentlichen Empfindlichkeit seines Zeitalters in religiösen +Dingen sich direkter Äußerungen über seine Stellung zum Christentum +auch in seinen Aufzeichnungen enthielt. Als Forscher ließ er sich +durch die Schöpfungsberichte der Heiligen Schrift nicht im mindesten +beirren; er bestritt z. B. die Möglichkeit einer universellen Sündflut +und rechnete in der Geologie ebenso unbedenklich wie die Modernen mit +Jahrhunderttausenden.</p> + +<p>Unter seinen »Prophezeiungen« finden sich so manche, die das Feingefühl +eines gläubigen Christen beleidigen müßten, z. B.:<a id="FNAnker_74" href="#Fussnote_74" class="fnanchor">[74]</a> Die Bilder der +Heiligen angebetet.</p> + +<p>»Es werden die Menschen mit Menschen reden, die nichts vernehmen, +welche die Augen offen haben und nicht sehen; sie werden zu diesen +reden und keine Antwort bekommen;<span class="pagenum" id="Seite_58">[S. 58]</span> sie werden Gnaden erbitten von dem, +welcher Ohren hat und nicht hört; sie werden Lichter anzünden für den, +der blind ist.«</p> + +<p>Oder: Vom Klagen am Karfreitag (p. 297).</p> + +<p>»In allen Teilen Europas wird von großen Völkerschaften geweint werden +um den Tod eines einzigen Mannes, der im Orient gestorben.«</p> + +<p>Von Leonardos Kunst hat man geurteilt, daß er den heiligen Gestalten +den letzten Rest kirchlicher Gebundenheit benahm und sie ins +Menschliche zog, um große und schöne menschliche Empfindungen an ihnen +darzustellen. <em class="gesperrt">Muther</em> rühmt von ihm, daß er die Dekadenzstimmung +überwand und den Menschen das Recht auf Sinnlichkeit und frohen +Lebensgenuß wiedergab. In den Aufzeichnungen, welche Leonardo in die +Ergründung der großen Naturrätsel vertieft zeigen, fehlt es nicht an +Äußerungen der Bewunderung für den Schöpfer, den letzten Grund all +dieser herrlichen Geheimnisse, aber nichts deutet darauf hin, daß er +eine persönliche Beziehung zu dieser Gottesmacht festhalten wollte. +Die Sätze, in welche er die tiefe Weisheit seiner letzten Lebensjahre +gelegt hat, atmen die Resignation des Menschen, der sich der ᾿Αναγκη, +den Gesetzen der Natur, unterwirft und von der Güte oder Gnade +Gottes keine Milderung erwartet. Es ist kaum ein Zweifel, daß Leonardo +die dogmatische wie die persönliche Religion überwunden und sich durch +seine Forscherarbeit weit von der Weltanschauung des gläubigen Christen +entfernt hatte.</p> + +<p>Aus unseren vorhin erwähnten Einsichten in die Entwicklung des +kindlichen Seelenlebens wird uns die Annahme nahe gelegt, daß auch +Leonardos erste Forschungen im Kindesalter sich mit den Problemen +der Sexualität beschäftigten. Er verrät es uns aber selbst in +durchsichtiger Verhüllung, indem er seinen Forscherdrang an die +Geierphantasie knüpft und das Problem des Vogelfluges als eines +hervorhebt, das ihm durch besondere Schicksalsverkettung zur +Bearbeitung zugefallen sei. Eine recht dunkle, wie eine Prophezeiung +klingende Stelle in seinen Aufzeichnungen, die den Vogelflug behandeln, +bezeugt aufs Schönste, mit wie viel Affektinteresse<span class="pagenum" id="Seite_59">[S. 59]</span> er an dem Wunsche +hing, die Kunst des Fliegens selbst nachahmen zu können: »Es wird +seinen ersten Flug nehmen der große Vogel, vom Rücken seines großen +Schwanes aus, das Universum mit Verblüffung, alle Schriften mit seinem +Ruhme füllen und ewige Glorie sein dem Neste, wo er geboren ward.«<a id="FNAnker_75" href="#Fussnote_75" class="fnanchor">[75]</a> +Er hoffte wahrscheinlich, selbst einmal fliegen zu können, und wir +wissen aus den wunscherfüllenden Träumen der Menschen, welche Seligkeit +man sich von der Erfüllung dieser Hoffnung erwartet.</p> + +<p>Warum träumen aber so viele Menschen vom Fliegenkönnen? Die +Psychoanalyse gibt hierauf die Antwort, weil das Fliegen oder Vogel +sein, nur die Verhüllung eines anderen Wunsches ist, zu dessen +Erkennung mehr als eine sprachliche und sachliche Brücke führt. +Wenn man der wißbegierigen Jugend erzählt, ein großer Vogel, wie +der Storch, bringe die kleinen Kinder, wenn die Alten den Phallus +geflügelt gebildet haben, wenn die gebräuchlichste Bezeichnung der +Geschlechtstätigkeit des Mannes im Deutschen »vögeln« lautet, das +Glied des Mannes bei den Italienern direkt l'uccello (Vogel) heißt, +so sind das nur kleine Bruchstücke aus einem großen Zusammenhange, +der uns lehrt, daß der Wunsch, fliegen zu können, im Traume nichts +anderes bedeutet als die Sehnsucht, geschlechtlicher Leistungen fähig +zu sein. Es ist dies ein frühinfantiler Wunsch. Wenn der Erwachsene +seiner Kindheit gedenkt, so erscheint sie ihm als eine glückliche Zeit, +in der man sich des Augenblickes freute und wunschlos der Zukunft +entgegenging, und darum beneidet er die Kinder. Aber die Kinder selbst, +wenn sie darüber Auskunft geben könnten, würden wahrscheinlich anderes +berichten. Es scheint, daß die Kindheit nicht jenes selige Idyll ist, +zu dem wir es nachträglich entstellen, daß die Kinder vielmehr von +dem einen Wunsch, groß zu werden, es den Erwachsenen gleich zu tun, +durch die Jahre der Kindheit gepeitscht werden. Dieser Wunsch treibt +alle ihre Spiele. Ahnen die Kinder im Verlaufe ihrer Sexualforschung, +daß der Erwachsene auf dem einen rätselvollen<span class="pagenum" id="Seite_60">[S. 60]</span> und doch so wichtigen +Gebiete etwas Großartiges kann, was ihnen zu wissen und zu tun versagt +ist, so regt sich in ihnen ein ungestümer Wunsch, dasselbe zu können, +und sie träumen davon in der Form des Fliegens oder bereiten diese +Einkleidung des Wunsches für ihre späteren Flugträume vor. So hat also +auch die Aviatik, die in unseren Zeiten endlich ihr Ziel erreicht, ihre +infantile erotische Wurzel.</p> + +<p>Indem uns Leonardo eingesteht, daß er zu dem Problem des Fliegens +von Kindheit an eine besondere persönliche Beziehung verspürt hat, +bestätigt er uns, daß seine Kinderforschung auf Sexuelles gerichtet +war, wie wir es nach unseren Untersuchungen an den Kindern unserer +Zeit vermuten mußten. Dies eine Problem wenigstens hatte sich der +Verdrängung entzogen, die ihn später der Sexualität entfremdete; von +den Kinderjahren an bis in die Zeit der vollsten intellektuellen +Reife war ihm das nämliche mit leichter Sinnesabänderung interessant +geblieben, und es ist sehr wohl möglich, daß ihm die gewünschte Kunst +im primären sexuellen Sinne ebensowenig gelang wie im mechanischen, daß +beide für ihn versagte Wünsche blieben.</p> + +<p>Der große Leonardo blieb überhaupt sein ganzes Leben über in manchen +Stücken kindlich; man sagt, daß alle großen Männer etwas Infantiles +bewahren müssen. Er spielte auch als Erwachsener weiter und wurde auch +dadurch manchmal seinen Zeitgenossen unheimlich und unbegreiflich. +Wenn er zu höfischen Festlichkeiten und feierlichen Empfängen die +kunstvollsten mechanischen Spielereien verfertigte, so sind nur +wir damit unzufrieden, die den Meister nicht gern seine Kraft an +solchen Tand wenden sehen; er selbst scheint sich nicht ungern mit +diesen Dingen abgegeben zu haben, denn <em class="gesperrt">Vasari</em> berichtet, daß +er ähnliches machte, wo kein Auftrag ihn dazu nötigte: »Dort (in +Rom) verfertigte er einen Teig von Wachs und formte daraus, wenn er +fließend war, sehr zarte Tiere, mit Luft gefüllt; blies er hinein, +so flogen sie, war die Luft heraus, so fielen sie zur Erde. Einer +seltsamen Eidechse, welche der Winzer von Belvedere fand, machte er +Flügel aus der abgezogenen Haut<span class="pagenum" id="Seite_61">[S. 61]</span> anderer Eidechsen, welche er mit +Quecksilber füllte, so daß sie sich bewegten und zitterten, wenn sie +ging; sodann machte er ihr Augen, Bart und Hörner, zähmte sie, tat sie +in eine Schachtel und jagte alle seine Freunde damit in Furcht.«<a id="FNAnker_76" href="#Fussnote_76" class="fnanchor">[76]</a> +Oft dienten ihm solche Spielereien zum Ausdruck inhaltschwerer +Gedanken: »Oftmals ließ er die Därme eines Hammels so fein ausputzen, +daß man sie in der hohlen Hand hätte halten können; diese trug er +in ein großes Zimmer, brachte in eine anstoßende Stube ein paar +Schmiedeblasebälge, befestigte daran die Därme und blies sie auf, bis +sie das ganze Zimmer einnahmen und man in eine Ecke flüchten mußte, +so zeigte er, wie sie allmählich durchsichtig und von Luft erfüllt +wurden, und indem sie anfangs auf einen kleinen Platz beschränkt sich +mehr und mehr in den weiten Raum ausbreiteten, verglich er sie dem +Genie.«<a id="FNAnker_77" href="#Fussnote_77" class="fnanchor">[77]</a> Dieselbe spielerische Lust am harmlosen Verbergen und +kunstvollen Einkleiden bezeugen seine Fabeln und Rätsel, letztere in +die Form von »Prophezeiungen« gebracht, fast alle gedankenreich und in +bemerkenswertem Maße des Witzes entbehrend.</p> + +<p>Die Spiele und Sprünge, die Leonardo seiner Phantasie gestattete, haben +in einigen Fällen seine Biographen, die diesen Charakter verkannten, in +argen Irrtum gebracht. In den Mailänder Manuskripten Leonardos finden +sich z. B. Entwürfe zu Briefen an den »Diodario von Sorio (Syrien), +Statthalter des heiligen Sultan von Babylonia«, in denen Leonardo sich +als Ingenieur einführt, der in diese Gegenden des Orients geschickt +wurde, um gewisse Arbeiten auszuführen, sich gegen den Vorwurf der +Trägheit verteidigt, geographische Beschreibungen von Städten und +Bergen liefert und endlich ein großes Elementarereignis schildert, das +dort in Leonardos Anwesenheit vorgefallen ist.<a id="FNAnker_78" href="#Fussnote_78" class="fnanchor">[78]</a></p> + +<p>J. P. <em class="gesperrt">Richter</em> hat im Jahre 1881 aus diesen Schriftstücken zu +beweisen gesucht, daß Leonardo wirklich im Dienste<span class="pagenum" id="Seite_62">[S. 62]</span> des Sultans von +Ägypten diese Reisebeobachtungen angestellt und selbst im Orient die +mohammedanische Religion angenommen habe. Dieser Aufenthalt sollte in +die Zeit vor 1483, also vor der Übersiedlung an den Hof des Herzogs von +Mailand fallen. Allein der Kritik anderer Autoren ist es nicht schwer +geworden, die Belege für die angebliche Orientreise Leonardos als das +zu erkennen, was sie in Wirklichkeit sind, phantastische Produktionen +des jugendlichen Künstlers, die er zu seiner eigenen Unterhaltung +schuf, in denen er vielleicht seine Wünsche, die Welt zu sehen und +Abenteuer zu erleben, zum Ausdruck brachte.</p> + +<p>Ein Phantasiegebilde ist wahrscheinlich auch die »Academia Vinciana«, +deren Annahme auf dem Vorhandensein von fünf oder sechs höchst +künstlich verschlungenen Emblemen mit der Inschrift der Akademie +beruht. <em class="gesperrt">Vasari</em> erwähnt diese Zeichnungen, aber nicht die +Akademie.<a id="FNAnker_79" href="#Fussnote_79" class="fnanchor">[79]</a> <em class="gesperrt">Müntz</em>, der ein solches Ornament auf den Deckel +seines großen Leonardowerkes gesetzt hat, gehört zu den wenigen, die an +die Realität einer »Academia Vinciana« glauben.</p> + +<p>Es ist wahrscheinlich, daß dieser Spieltrieb Leonardos in seinen +reiferen Jahren schwand, daß auch er in die Forschertätigkeit +einmündete, welche die letzte und höchste Entfaltung seiner +Persönlichkeit bedeutete. Aber seine lange Erhaltung kann uns +lehren, wie langsam sich von seiner Kindheit losreißt, wer in seinen +Kinderzeiten die höchste, später nicht wieder erreichte, erotische +Seligkeit genossen hat.</p> + +<div class="chapter"> +<h2 class="nobreak" id="VI">VI.</h2> +</div> + +<p>Es wäre vergeblich sich darüber zu täuschen, daß die Leser heute +alle Pathographie unschmackhaft finden. Die Ablehnung bekleidet +sich mit dem Vorwurf, bei einer pathographischen Bearbeitung eines +großen Mannes gelange man<span class="pagenum" id="Seite_63">[S. 63]</span> nie zum Verständnis seiner Bedeutung und +seiner Leistung; es sei daher unnützer Mutwillen, an ihm Dinge zu +studieren, die man ebensowohl beim erstbesten anderen finden könne. +Allein diese Kritik ist so offenbar ungerecht, daß sie nur als +Vorwand und Verhüllung verständlich wird. Die Pathographie setzt sich +überhaupt nicht das Ziel, die Leistung des großen Mannes verständlich +zu machen; man darf doch niemand zum Vorwurf machen, daß er etwas +nicht gehalten hat, was er niemals versprochen hatte. Die wirklichen +Motive des Widerstrebens sind andere. Man findet sie auf, wenn man in +Erwägung zieht, daß Biographen in ganz eigentümlicher Weise an ihren +Helden fixiert sind. Sie haben ihn häufig zum Objekt ihrer Studien +gewählt, weil sie ihm aus Gründen ihres persönlichen Gefühlslebens +von vornherein eine besondere Affektion entgegenbrachten. Sie geben +sich dann einer Idealisierungsarbeit hin, die bestrebt ist, den großen +Mann in die Reihe ihrer infantilen Vorbilder einzutragen, etwa die +kindliche Vorstellung des Vaters in ihm neuzubeleben. Sie löschen +diesem Wunsche zuliebe die individuellen Züge in seiner Physiognomie +aus, glätten die Spuren seines Lebenskampfes mit inneren und äußeren +Widerständen, dulden an ihm keinen Rest von menschlicher Schwäche +oder Unvollkommenheit und geben uns dann wirklich eine kalte, fremde +Idealgestalt anstatt des Menschen, dem wir uns entfernt verwandt fühlen +könnten. Es ist zu bedauern, daß sie dies tun, denn sie opfern damit +die Wahrheit einer Illusion und verzichten zu Gunsten ihrer infantilen +Phantasien auf die Gelegenheit, in die reizvollsten Geheimnisse der +menschlichen Natur einzudringen.<a id="FNAnker_80" href="#Fussnote_80" class="fnanchor">[80]</a></p> + +<p>Leonardo selbst hätte in seiner Wahrheitsliebe und seinem Wissensdrange +den Versuch nicht abgewehrt, aus den kleinen Seltsamkeiten und Rätseln +seines Wesens die Bedingungen seiner seelischen und intellektuellen +Entwicklung zu erraten. Wir huldigen ihm, indem wir an ihm lernen. +Es beeinträchtigt seine Größe nicht, wenn wir die Opfer studieren, +die seine<span class="pagenum" id="Seite_64">[S. 64]</span> Entwicklung aus dem Kinde kosten mußte, und die Momente +zusammentragen, die seiner Person den tragischen Zug des Mißglückens +eingeprägt haben.</p> + +<p>Heben wir ausdrücklich hervor, daß wir Leonardo niemals zu den +Neurotikern oder »Nervenkranken«, wie das ungeschickte Wort lautet, +gezählt haben. Wer sich darüber beklagt, daß wir es überhaupt wagen, +aus der Pathologie gewonnene Gesichtspunkte auf ihn anzuwenden, der +hält noch an Vorurteilen fest, die wir heute mit Recht aufgegeben +haben. Wir glauben nicht mehr, daß Gesundheit und Krankheit, Normale +und Nervöse, scharf von einander zu sondern sind, und daß neurotische +Züge als Beweise einer allgemeinen Minderwertigkeit beurteilt werden +müssen. Wir wissen heute, daß die neurotischen Symptome Ersatzbildungen +für gewisse Verdrängungsleistungen sind, welche wir im Laufe +unserer Entwicklung vom Kinde bis zum Kulturmenschen zu vollbringen +haben, daß wir alle solche Ersatzbildungen produzieren, und daß nur +die Anzahl, Intensität und Verteilung dieser Ersatzbildungen den +praktischen Begriff des Krankseins und den Schluß auf konstitutionelle +Minderwertigkeit rechtfertigen. Nach den kleinen Anzeichen an Leonardos +Persönlichkeit dürfen wir ihn in die Nähe jenes neurotischen Typus +stellen, den wir als »Zwangstypus« bezeichnen, sein Forschen mit dem +»Grübelzwang« der Neurotiker, seine Hemmungen mit den sog. Abulien +derselben vergleichen.</p> + +<p>Das Ziel unserer Arbeit war die Erklärung der Hemmungen in Leonardos +Sexualleben und in seiner künstlerischen Tätigkeit. Es ist uns +gestattet, zu diesem Zwecke zusammenzufassen, was wir über den Verlauf +seiner psychischen Entwicklung erraten konnten.</p> + +<p>Die Einsicht in seine hereditären Verhältnisse ist uns versagt, +dagegen erkennen wir, daß die akzidentellen Umstände seiner Kindheit +eine tiefgreifende störende Wirkung ausüben. Seine illegitime Geburt +entzieht ihn bis vielleicht zum fünften Jahre dem Einflusse des Vaters +und überläßt ihn der zärtlichen Verführung einer Mutter, deren einziger +Trost er ist. Von ihr zur sexuellen Frühreife emporgeküßt, muß<span class="pagenum" id="Seite_65">[S. 65]</span> er +wohl in eine Phase infantiler Sexualbetätigung eingetreten sein, von +welcher nur eine einzige Äußerung sicher bezeugt ist, die Intensität +seiner infantilen Sexualforschung. Schau- und Wißtrieb werden durch +seine frühkindlichen Eindrücke am stärksten erregt; die erogene +Mundzone empfängt eine Betonung, die sie nie mehr abgibt. Aus dem +später gegenteiligen Verhalten, wie dem übergroßen Mitleid mit Tieren, +können wir schließen, daß es in dieser Kindheitsperiode an kräftigen +sadistischen Zügen nicht fehlte.</p> + +<p>Ein energischer Verdrängungsschub bereitet diesem kindlichen Übermaß +ein Ende und stellt die Dispositionen fest, die in den Jahren der +Pubertät zum Vorschein kommen werden. Die Abwendung von jeder +grobsinnlichen Betätigung wird das augenfälligste Ergebnis der +Umwandlung sein; Leonardo wird abstinent leben können und den Eindruck +eines asexuellen Menschen machen. Wenn die Fluten der Pubertätserregung +über den Knaben kommen, werden sie ihn aber nicht krank machen, indem +sie ihn zu kostspieligen und schädlichen Ersatzbildungen nötigen; +der größere Anteil der Bedürftigkeit des Geschlechtstriebes wird +sich Dank der frühzeitigen Bevorzugung der sexuellen Wißbegierde zu +allgemeinem Wissensdrang sublimieren können und so der Verdrängung +ausweichen. Ein weit geringerer Anteil der Libido wird sexuellen Zielen +zugewendet bleiben und das verkümmerte Geschlechtsleben des Erwachsenen +repräsentieren. Infolge der Verdrängung der Liebe zur Mutter wird +dieser Anteil in homosexuelle Einstellung gedrängt werden und sich +als ideelle Knabenliebe kundgeben. Im Unbewußten bleibt die Fixierung +an die Mutter und an die seligen Erinnerungen des Verkehres mit ihr +bewahrt, verharrt aber vorläufig in inaktivem Zustand. In solcher Weise +teilen sich Verdrängung, Fixierung und Sublimierung in die Verfügung +über die Beiträge, welche der Sexualtrieb zum Seelenleben Leonardos +leistet.</p> + +<p>Aus dunkler Knabenzeit taucht Leonardo als Künstler, Maler und +Plastiker vor uns auf, dank einer spezifischen Begabung, die der +frühzeitigen Erweckung des Schautriebes<span class="pagenum" id="Seite_66">[S. 66]</span> in ersten Kinderjahren eine +Verstärkung schulden mag. Gerne würden wir angeben wollen, in welcher +Weise sich die künstlerische Betätigung auf die seelischen Urtriebe +zurückführt, wenn nicht gerade hier unsere Mittel versagen würden. Wir +bescheiden uns die kaum mehr zweifelhafte Tatsache hervorzuheben, daß +das Schaffen des Künstlers auch seinem sexuellen Begehren Ableitung +gibt, und für Leonardo auf die von <em class="gesperrt">Vasari</em> übermittelte Nachricht +hinzuweisen, daß Köpfe von lächelnden Frauen und schönen Knaben, also +Darstellungen seiner Sexualobjekte, unter seinen ersten künstlerischen +Versuchen auffielen. In aufblühender Jugend scheint Leonardo zunächst +ungehemmt zu arbeiten. Wie er in seiner äußeren Lebensführung den +Vater zum Vorbild nimmt, so durchlebt er eine Zeit von männlicher +Schaffenskraft und künstlerischer Produktivität in Mailand, wo ihn die +Gunst des Schicksals im Herzog Lodovico Moro einen Vaterersatz finden +läßt. Aber bald bewährt sich an ihm die Erfahrung, daß die fast völlige +Unterdrückung des realen Sexuallebens nicht die günstigsten Bedingungen +für die Betätigung der sublimierten sexuellen Strebungen ergibt. Die +Vorbildlichkeit des Sexuallebens macht sich geltend, die Aktivität +und die Fähigkeit zu raschem Entschluß beginnen zu erlahmen, die +Neigung zum Erwägen und Verzögern wird schon beim heiligen Abendmahl +störend bemerkbar und bestimmt durch die Beeinflussung der Technik das +Schicksal dieses großartigen Werkes. Langsam vollzieht sich nun bei +ihm ein Vorgang, den man nur den Regressionen bei Neurotikern an die +Seite stellen kann. Die Pubertätsentfaltung seines Wesens zum Künstler +wird durch die frühinfantil bedingte zum Forscher überholt, die zweite +Sublimierung seiner erotischen Triebe tritt gegen die uranfängliche, +bei der ersten Verdrängung vorbereitete, zurück. Er wird zum Forscher, +zuerst noch im Dienste seiner Kunst, später unabhängig von ihr und von +ihr weg. Mit dem Verlust des den Vater ersetzenden Gönners und der +zunehmenden Verdüsterung im Leben greift diese regressive Ersetzung +immer mehr um sich. Er wird »impacientissimo al pennello«, wie ein +Korrespondent der Markgräfin Isabella d'Este berichtet,<span class="pagenum" id="Seite_67">[S. 67]</span> die durchaus +noch ein Bild von seiner Hand besitzen will.<a id="FNAnker_81" href="#Fussnote_81" class="fnanchor">[81]</a> Seine kindliche +Vergangenheit hat Macht über ihn bekommen. Das Forschen aber, das ihm +nun das künstlerische Schaffen ersetzt, scheint einige der Züge an +sich zu tragen, welche die Betätigung unbewußter Triebe kennzeichnen, +die Unersättlichkeit, die rücksichtslose Starrheit, den Mangel an +Fähigkeit, sich realen Verhältnissen anzupassen.</p> + +<p>Auf der Höhe seines Lebens, in den ersten fünfziger Jahren, zu einer +Zeit, da beim Weibe die Geschlechtscharaktere bereits rückgebildet +sind, beim Manne nicht selten die Libido noch einen energischen Vorstoß +wagt, kommt eine neue Wandlung über ihn. Noch tiefere Schichten +seines seelischen Inhaltes werden von neuem aktiv, aber diese weitere +Regression kommt seiner Kunst zu gute, die im Verkümmern war. Er +begegnet dem Weibe, welches die Erinnerung an das glückliche und +sinnlich verzückte Lächeln der Mutter bei ihm weckt, und unter dem +Einfluß dieser Erweckung gewinnt er den Antrieb wieder, der ihn zu +Beginn seiner künstlerischen Versuche, als er die lächelnden Frauen +bildete, geleitet. Er malt die Monna Lisa, die hl. Anna selbdritt +und die Reihe der geheimnisvollen, durch das rätselhafte Lächeln +ausgezeichneten Bilder. Mit Hilfe seiner urältesten erotischen Regungen +feiert er den Triumph, die Hemmung in seiner Kunst noch einmal zu +überwinden. Diese letzte Entwicklung verschwimmt für uns im Dunkel +des herannahenden Alters. Sein Intellekt hat sich noch vorher zu +den höchsten Leistungen einer seine Zeit weit hinter sich lassenden +Weltanschauung aufgeschwungen.</p> + +<p>Ich habe in den voranstehenden Abschnitten angeführt, was zu einer +solchen Darstellung des Entwicklungsganges Leonardos, zu einer +derartigen Gliederung seines Lebens und Aufklärung seines Schwankens +zwischen Kunst und Wissenschaft berechtigen kann. Sollte ich mit diesen +Ausführungen auch bei Freunden und Kennern der Psychoanalyse das Urteil +hervorrufen, daß ich bloß einen psychoanalytischen Roman geschrieben +habe, so werde ich antworten, daß ich die Sicherheit dieser Ergebnisse +gewiß nicht überschätze. Ich bin wie Andere<span class="pagenum" id="Seite_68">[S. 68]</span> der Anziehung unterlegen, +die von diesem großen und rätselhaften Manne ausgeht, in dessen Wesen +man mächtige triebhafte Leidenschaften zu verspüren glaubt, die sich +doch nur so merkwürdig gedämpft äußern können.</p> + +<p>Was immer aber die Wahrheit über Leonardos Leben sein mag, wir +können von unserem Versuche, sie psychoanalytisch zu ergründen, +nicht eher ablassen, als bis wir eine andere Aufgabe erledigt +haben. Wir müssen ganz allgemein die Grenzen abstecken, welche der +Leistungsfähigkeit der Psychoanalyse in der Biographik gesetzt sind, +damit uns nicht jede unterbliebene Erklärung als ein Mißerfolg +ausgelegt werde. Der psychoanalytischen Untersuchung stehen als +Material die Daten der Lebensgeschichte zur Verfügung, einerseits die +Zufälligkeiten der Begebenheiten und Milieueinflüsse, anderseits die +berichteten Reaktionen des Individuums. Gestützt auf ihre Kenntnis +der psychischen Mechanismen sucht sie nun das Wesen des Individuums +aus seinen Reaktionen dynamisch zu ergründen, seine ursprünglichen +seelischen Triebkräfte aufzudecken sowie deren spätere Umwandlungen +und Entwicklungen. Gelingt dies, so ist das Lebensverhalten der +Persönlichkeit durch das Zusammenwirken von Konstitution und Schicksal, +inneren Kräften und äußeren Mächten aufgeklärt. Wenn ein solches +Unternehmen, wie vielleicht im Falle Leonardos, keine gesicherten +Resultate ergibt, so liegt die Schuld nicht an der fehlerhaften oder +unzulänglichen Methodik der Psychoanalyse, sondern an der Unsicherheit +und Lückenhaftigkeit des Materials, welches die Überlieferung für +diese Person beistellt. Für das Mißglücken ist also nur der Autor +verantwortlich zu machen, der die Psychoanalyse genötigt hat, auf so +unzureichendes Material hin ein Gutachten abzugeben.</p> + +<p>Aber selbst bei ausgiebigster Verfügung über das historische Material +und bei gesichertster Handhabung der psychischen Mechanismen würde +eine psychoanalytische Untersuchung an zwei bedeutsamen Stellen die +Einsicht in die Notwendigkeit nicht ergeben können, daß das Individuum +nur so und nicht anders werden konnte. Wir haben bei Leonardo<span class="pagenum" id="Seite_69">[S. 69]</span> die +Ansicht vertreten müssen, daß die Zufälligkeit seiner illegitimen +Geburt und die Überzärtlichkeit seiner Mutter den entscheidendsten +Einfluß auf seine Charakterbildung und sein späteres Schicksal übten, +indem die nach dieser Kindheitsphase eintretende Sexualverdrängung +ihn zur Sublimierung der Libido in Wissensdrang veranlaßte und seine +sexuelle Inaktivität fürs ganze spätere Leben feststellte. Aber diese +Verdrängung nach den ersten erotischen Befriedigungen der Kindheit +hätte nicht eintreten müssen; sie wäre bei einem anderen Individuum +vielleicht nicht eingetreten oder wäre weit weniger ausgiebig +ausgefallen. Wir müssen hier einen Grad von Freiheit anerkennen, der +psychoanalytisch nicht mehr aufzulösen ist. Ebensowenig darf man den +Ausgang dieses Verdrängungsschubes als den einzig möglichen Ausgang +hinstellen wollen. Einer anderen Person wäre es wahrscheinlich +nicht geglückt, den Hauptanteil der Libido der Verdrängung durch +die Sublimierung zur Wißbegierde zu entziehen; unter den gleichen +Einwirkungen wie Leonardo hätte sie eine dauernde Beeinträchtigung +der Denkarbeit oder eine nicht zu bewältigende Disposition zur +Zwangsneurose davongetragen. Diese zwei Eigentümlichkeiten Leonardos +erübrigen also als unerklärbar durch psychoanalytische Bemühung: seine +ganz besondere Neigung zu Triebverdrängungen und seine außerordentliche +Fähigkeit zur Sublimierung der primitiven Triebe.</p> + +<p>Die Triebe und ihre Umwandlungen sind das letzte, das die Psychoanalyse +erkennen kann. Von da an räumt sie der biologischen Forschung den +Platz. Verdrängungsneigung sowie Sublimierungsfähigkeit sind wir +genötigt, auf die organischen Grundlagen des Charakters zurückzuführen, +über welche erst sich das seelische Gebäude erhebt. Da die +künstlerische Begabung und Leistungsfähigkeit mit der Sublimierung +innig zusammenhängt, müssen wir zugestehen, daß auch das Wesen der +künstlerischen Leistung uns psychoanalytisch unzugänglich ist. +Die biologische Forschung unserer Zeit neigt dazu, die Hauptzüge +der organischen Konstitution eines Menschen durch die Vermengung +männlicher und weiblicher<span class="pagenum" id="Seite_70">[S. 70]</span> Anlagen im stofflichen Sinne zu erklären; +die Körperschönheit wie die Linkshändigkeit Leonardos gestatteten +hier manche Anlehnung. Doch wir wollen den Boden rein psychologischer +Forschung nicht verlassen. Unser Ziel bleibt der Nachweis des +Zusammenhanges zwischen äußeren Erlebnissen und Reaktionen der Person +über den Weg der Triebbetätigung. Wenn uns die Psychoanalyse auch die +Tatsache der Künstlerschaft Leonardos nicht aufklärt, so macht sie uns +doch die Äußerungen und die Einschränkungen derselben verständlich. +Scheint es doch, als hätte nur ein Mann mit den Kindheitserlebnissen +Leonardos die Monna Lisa und die heilige Anna selbdritt malen, seinen +Werken jenes traurige Schicksal bereiten und so unerhörten Aufschwung +als Naturforscher nehmen können, als läge der Schlüssel zu all seinen +Leistungen und seinem Mißgeschick in der Kindheitsphantasie vom Geier +verborgen.</p> + +<p>Darf man aber nicht Anstoß nehmen an den Ergebnissen einer +Untersuchung, welche den Zufälligkeiten der Elternkonstellation einen +so entscheidenden Einfluß auf das Schicksal eines Menschen einräumt, +das Schicksal Leonardos z. B. von seiner illegitimen Geburt und der +Unfruchtbarkeit seiner ersten Stiefmutter Donna Albiera abhängig +macht? Ich glaube, man hat kein Recht dazu; wenn man den Zufall für +unwürdig hält, über unser Schicksal zu entscheiden, ist es bloß ein +Rückfall in die fromme Weltanschauung, deren Überwindung Leonardo +selbst vorbereitete, als er niederschrieb, die Sonne bewege sich +nicht. Wir sind natürlich gekränkt darüber, daß ein gerechter Gott und +eine gütige Vorsehung uns nicht besser vor solchen Einwirkungen in +unserer wehrlosesten Lebenszeit behüten. Wir vergessen dabei gern, daß +eigentlich alles an unserem Leben Zufall ist, von unserer Entstehung +an durch das Zusammentreffen von Spermatozoon und Ei, Zufall, der +darum doch an der Gesetzmäßigkeit und Notwendigkeit der Natur seinen +Anteil hat, bloß der Beziehung zu unseren Wünschen und Illusionen +entbehrt. Die Aufteilung unserer Lebensdeterminierung zwischen den +»Notwendigkeiten« unserer Konstitution und den »Zufälligkeiten« unserer +Kindheit mag<span class="pagenum" id="Seite_71">[S. 71]</span> im einzelnen noch ungesichert sein; im ganzen läßt sich +aber ein Zweifel an der Bedeutsamkeit gerade unserer ersten Kinderjahre +nicht mehr festhalten. Wir zeigen alle noch zu wenig Respekt vor +der Natur, die nach Leonardos dunklen, an Hamlets Rede gemahnenden +Worten »voll ist zahlloser Ursachen, die niemals in die Erfahrung +traten« (La natura è piena d'infinite ragioni che non furono mai in +isperienza).<a id="FNAnker_82" href="#Fussnote_82" class="fnanchor">[82]</a> Jeder von uns Menschenwesen entspricht einem der +ungezählten Experimente, in denen diese ragioni der Natur sich in die +Erfahrung drängen.</p><br> + +<hr class="full"> + +<div class="chapter"> +<p class="s4 center">VERLAG VON FRANZ DEUTICKE IN LEIPZIG UND WIEN.</p> +</div> + +<p class="s3 center">Schriften zur angewandten Seelenkunde.</p> + +<p class="s5 center">Herausgegeben von <b>Prof. Dr. Sigm. Freud</b> in Wien.</p> + +<div class="blockquot"> +<div class="hang"> +<p>I. Heft: <b>Der Wahn und die Träume in W. Jensens »Gradiva«.</b> Von +<b>Prof. Dr. Sigm. Freud</b> in Wien. Preis M 2.50 = K 3.—.</p> + +<p>II. Heft: <b>Wunscherfüllung und Symbolik im Märchen.</b> Eine Studie +von <b>Dr. Franz Riklin</b>, Sekundararzt in Rheinau (Schweiz). Preis +M 3.— = K 3.60.</p> + +<p>III. Heft: <b>Der Inhalt der Psychose.</b> Von <b>Dr. C. G. Jung</b>, +Privatdozent der Psychiatrie in Zürich. Preis M 1.25 = K 1.50.</p> + +<p>IV. Heft: <b>Traum und Mythus.</b> Eine Studie zur Völkerpsychologie. +Von <b>Dr. Karl Abraham</b>, Arzt in Berlin. Preis M 2.50 = K 3.—.</p> + +<p>V. Heft: <b>Der Mythus von der Geburt des Helden.</b> Versuch einer +psychologischen Mythendeutung. Von <b>Otto Rank</b>. Preis M 3.— = K +3.60.</p> + +<p>VI. Heft: <b>Aus dem Liebesleben Nikolaus Lenaus.</b> Von <b>Dr. J. +Sadger</b>, Nervenarzt in Wien. Preis M 3.— = K 3.60.</p> +</div> +</div> +<hr class="div"> + +<p class="s3 center">Jahrbuch für psycho-analytische und<br> + psycho-pathologische Forschungen.</p> + +<p class="s5 center">Herausgegeben von Prof. <b>Dr. E. Bleuler</b> in Zürich u. Prof. <b>Dr. +S. Freud</b> in Wien.<br> +Redigiert von <b>Dr. C. G. Jung</b>,<br> +Privatdozenten der Psychiatrie in Zürich.<br> +I. Band: 1. und 2. Hälfte. Preis à M 7.— = K 8.40.</p> + +<hr class="div"> + +<p class="s3 center">Die Suggestion und ihre Heilwirkung.</p> + +<p class="s5 center">Von <b>Dr. H. Bernheim</b>,<br> +Professor an der Faculté de médecine in Nancy.<br> +Autorisierte deutsche Ausgabe von<br> +<b>Dr. Sigm. Freud</b>, Dozent für Nervenkrankheiten an der Universität in Wien.<br> +Zweite, umgearbeitete Auflage, besorgt von Dr. <em class="gesperrt">Max Kahane</em>.<br> +Preis M 5.— = K 6.—.</p> + +<hr class="div"> + +<p class="s3 center">Neue Studien über Hypnotismus,<br> +Suggestion und Psychotherapie.</p> +<p class="s5 center">Von <b>Dr. H. Bernheim</b>,<br> +Professor an der Faculté de médecine in Nancy.<br> +Übersetzt von <b>Dr. Sigm. Freud</b>,<br> +Privatdozent an der Universität in Wien.<br> +Preis M 8.— = K 9.60.</p> + +<hr class="div"> + +<p class="s3 center">Neue Vorlesungen über die Krankheiten des<br> +Nervensystems, insbes. über Hysterie.</p> +<p class="s5 center">Von <b>J. M. Charcot</b>.<br> +Autorisierte deutsche Ausgabe von<br> +<b>Dr. Sigm. Freud</b>,<br> +Dozent für Nervenkrankheiten an der Universität in Wien.<br> +Preis M 9.— = K 10.80.</p> + +<hr class="div"> + +<p class="s3 center">Introjektion und Übertragung.</p> +<p class="s5 center">Eine psychoanalytische Studie<br> +von <b>Dr. S. Ferenczi</b>,<br> +Nervenarzt, Sachverständiger des Kön. Gerichtshofes in Budapest.<br> +Preis M 1.— = K 1.20.</p> + +<hr class="div"> + +<p class="s3 center">Der Ablauf des Lebens.</p> +<p class="s5 center">Grundlegung zur exakten Biologie.<br> +Von <b>Wilhelm Fliess</b>.<br> +Preis M 18.— = K 21.60.</p> + +<hr class="div"> + +<p class="s3 center">Die Bedeutung des Vaters<br> +für das Schicksal des Einzelnen.</p> + +<p class="s5 center">Von <b>Dr. C. G. Jung</b>,<br> +Privatdozenten der Psychiatrie in Zürich.<br> +Preis M 1.— = K 1.20.</p> + +<hr class="div"> + +<p class="s3 center">Lehrbuch der speziellen Psychiatrie</p> +<p class="s5 center"> für Studierende und Ärzte von Professor <b>Dr. Alexander Pilcz</b>.<br> +Zweite, verb. Auflage. Preis geh. M 6.80 = K 8.—, geb. M 7.80 = K 9.20.</p> + +<hr class="div"> + +<p class="s3 center">Die hysterischen Geistesstörungen.</p> +<p class="s5 center">Eine klinische Studie von <b>Dr. Emil Raimann</b>,<br> +Assistent der k. k. psychiatrischen und Nervenklinik des Herrn Professor v. Wagner in Wien.<br> +Preis M 9.— = K 10.80.</p> + +<hr class="div"> + +<p class="s3 center">Studien zur Grundlegung der Psychologie.</p> +<p class="s4 center">I. Psychologie und Leben.<br> +II. Assoziationen und Perioden. III. Leib und Seele.</p> +<p class="s5 center">Von <b>Dr. Hermann Swoboda</b>.<br> +Preis M 2.50 = K 3.—.</p> + +<hr class="div"> + +<p class="s3 center">Die kritischen Tage des Menschen und ihre<br> +Berechnung mit dem Periodenschieber.</p> +<p class="s5 center">Von <b>Dr. Hermann Swoboda</b>,<br> +Privatdozent an der Universität in Wien.<br> +Preis M 4.— = K 4.80.</p> + +<hr class="div"> + +<p class="s3 center">Harmonia animae.</p> +<p class="s5 center">Von <b>Dr. Hermann Swoboda</b>,<br> +Privatdozent für Psychologie an der Universität in Wien.<br> +Preis M 1.50 = K 1.80.</p> + +<hr class="div"> + +<p class="s5 center">K. u. K. Hofbuchdruckerei Karl Prochaska in Teschen.</p><br> + +<div class="footnotes"><h3>Fußnoten:</h3> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_1" href="#FNAnker_1" class="label">[1]</a> Nach dem Worte J. <em class="gesperrt">Burckhardts</em>, zitiert bei +Alexandra <em class="gesperrt">Konstantinowa</em>, Die Entwicklung des Madonnentypus bei +<em class="gesperrt">Leonardo da Vinci</em>, Straßburg 1907 (Zur Kunstgeschichte des +Auslandes, Heft 54).</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_2" href="#FNAnker_2" class="label">[2]</a> »Egli per reverenza, rizzatosi a sedere sul letto, +contando il mal suo e gli accidenti di quello, mostrava tuttavia quanto +aveva offeso Dio e gli uomini del mondo, non avendo operato nell' arte +come si convenia.« <em class="gesperrt">Vasari</em>, Vite etc. LXXXIII. 1550-1584.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_3" href="#FNAnker_3" class="label">[3]</a> Traktat von der Malerei, neu herausgegeben und eingeleitet +von <em class="gesperrt">Marie Herzfeld</em>, E. Diederichs, Jena 1909.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_4" href="#FNAnker_4" class="label">[4]</a> <em class="gesperrt">Solmi.</em> La resurrezione dell' opera di Leonardo in +dem Sammelwerk: Leonardo da Vinci. Conferenze Fiorentine. Milano 1910.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_5" href="#FNAnker_5" class="label">[5]</a> Bei <em class="gesperrt">Scognamiglio</em>. Ricerche e Documenti sulla +giovinezza di Leonardo da Vinci. Napoli 1900.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_6" href="#FNAnker_6" class="label">[6]</a> W. v. <em class="gesperrt">Seidlitz</em>. Leonardo da Vinci, der Wendepunkt +der Renaissance, 1909, I. Bd., p. 203.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_7" href="#FNAnker_7" class="label">[7]</a> v. <em class="gesperrt">Seidlitz</em> l. c., II. Bd., p. 48.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_8" href="#FNAnker_8" class="label">[8]</a> W. <em class="gesperrt">Pater</em>. Die Renaissance. Aus dem Englischen. +Zweite Auflage 1906. »Doch sicher ist es, daß er in einem gewissen +Abschnitt seines Lebens beinahe aufgehört hatte, Künstler zu sein.«</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_9" href="#FNAnker_9" class="label">[9]</a> Vgl. bei v. <em class="gesperrt">Seidlitz</em>, Bd. I die Geschichte der +Restaurations- und Rettungsversuche.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_10" href="#FNAnker_10" class="label">[10]</a> E. <em class="gesperrt">Müntz</em>. Léonard de Vinci. Paris 1899, p. 18. +(Ein Brief eines Zeitgenossen aus Indien an einen Medici spielt auf +diese Eigentümlichkeit Leonardos an. Nach <em class="gesperrt">Richter</em>: The literary +Works of L. d. V.)</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_11" href="#FNAnker_11" class="label">[11]</a> F. <em class="gesperrt">Botazzi</em>. Leonardo biologo e anatomico. In +Conferenze fiorentine, p. 186, 1910.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_12" href="#FNAnker_12" class="label">[12]</a> E. <em class="gesperrt">Solmi</em>. Leonardo da Vinci. Deutsche Übersetzung +von Emmi Hirschberg. Berlin 1908.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_13" href="#FNAnker_13" class="label">[13]</a> <em class="gesperrt">Marie Herzfeld</em>, Leonardo da Vinci der Denker, +Forscher und Poet. Zweite Auflage. Jena 1906.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_14" href="#FNAnker_14" class="label">[14]</a> Vielleicht machen hier die von ihm gesammelten Schwänke +— belle facezie, — die nicht übersetzt vorliegen, eine, übrigens +belanglose, Ausnahme. Vgl. <em class="gesperrt">Herzfeld</em>, L. d. V., p. CLI.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_15" href="#FNAnker_15" class="label">[15]</a> Auf diesen Zwischenfall bezieht sich nach +<em class="gesperrt">Scognamiglio</em> (l. c., p. 49) eine dunkle und selbst verschieden +gelesene Stelle des Codex Atlanticus: »Quando io feci Domeneddio putto +voi mi metteste in prigione, ora s'io lo fo grande, voi mi farete +peggio.«</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_16" href="#FNAnker_16" class="label">[16]</a> <em class="gesperrt">Mereschkowski</em>, Leonardo da Vinci. Ein +biographischer Roman aus der Wende des XV. Jahrhunderts. Deutsche +Übersetzung von C. v. Gülschow, Leipzig 1903. Das Mittelstück einer +großen Romantrilogie, die »Christ und Antichrist« betitelt ist. Die +beiden anderen Bände heißen »<em class="gesperrt">Julian Apostata</em>« und »<em class="gesperrt">Peter der +Große und Alexei</em>«.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_17" href="#FNAnker_17" class="label">[17]</a> <em class="gesperrt">Solmi.</em> Leonardo da Vinci. Deutsche Übersetzung von +Emmi Hirschberg. Berlin 1908, p. 46.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_18" href="#FNAnker_18" class="label">[18]</a> <em class="gesperrt">Filippo Botazzi.</em> Leonardo biologo e anatomico, p. +193.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_19" href="#FNAnker_19" class="label">[19]</a> <em class="gesperrt">Marie Herzfeld.</em> Leonardo da Vinci. Traktat von der +Malerei. Nach der Übersetzung von Heinrich Ludwig neu herausgegeben und +eingeleitet. Jena 1909 (Abschnitt I, 64, p. 54).</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_20" href="#FNAnker_20" class="label">[20]</a> <em class="gesperrt">Solmi.</em> La resurrezione etc., p. 11.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_21" href="#FNAnker_21" class="label">[21]</a> La resurrezione etc., p. 8: »Leonardo aveva posto, come +regola al pittore, lo studio della natura ...., poi la passione dello +studio era divenuta dominante, egli aveva voluto acquistare non piu la +scienza per l'arte, ma la scienza per la scienza.«</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_22" href="#FNAnker_22" class="label">[22]</a> Siehe die Aufzählung seiner wissenschaftlichen Leistungen +in der schönen biographischen Einleitung der <em class="gesperrt">Marie Herzfeld</em> +(Jena 1906), in den einzelnen Essays der Conferenze Fiorentine 1910 und +anderwärts.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_23" href="#FNAnker_23" class="label">[23]</a> Zur Erhärtung dieser unwahrscheinlich klingenden +Behauptungen nehme man Einsicht in die »Analyse der Phobie +eines fünfjährigen Knaben«, Jahrbuch für psychoanalytische und +psychopathologische Forschungen Bd. I., 1909 und die ähnliche +Beobachtung im II. B., 1910. In einem Aufsatze über die »Infantilen +Sexualtheorien«, 1908 (Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre, +zweite Folge, 1909), schrieb ich: »Dieses Grübeln und Zweifeln wird +aber vorbildlich für alle spätere Denkarbeit an Problemen und der erste +Mißerfolg wirkt für alle Zeiten lähmend fort« (p. 167).</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_24" href="#FNAnker_24" class="label">[24]</a> <em class="gesperrt">Scognamiglio</em> l. c., p. 15.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_25" href="#FNAnker_25" class="label">[25]</a> »Questo scriver si distintamente del nibio par che sia +mio destino, perchè nella mia prima ricordatione della mia infantia +e mi parea che essendo io in culla, che un nibio venissi a me e +mi aprissi la bocca colla sua coda e molte volte mi percuotesse +con tal coda dentro alle labbra.« (Cod. atlant. F. 65 V. nach +<em class="gesperrt">Scognamiglio</em>.)</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_26" href="#FNAnker_26" class="label">[26]</a> Vgl. hiezu das »Bruchstück einer Hysterieanalyse« in +Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre. Zweite Folge, 1909.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_27" href="#FNAnker_27" class="label">[27]</a> <em class="gesperrt">Horapollo.</em> Hieroglyphica 1, 11. Μητερα δε +γρἀφοντες ...... γῡπα ζωγραφοῡσιν.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_28" href="#FNAnker_28" class="label">[28]</a> <em class="gesperrt">Roscher.</em> Ausf. Lexikon der griechischen und +römischen Mythologie. Artikel <em class="gesperrt">Mut</em>, II. Band, 1894-1897. — +<em class="gesperrt">Lanzone.</em> Dizionario di mitologia egizia. Torino 1882.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_29" href="#FNAnker_29" class="label">[29]</a> H. <em class="gesperrt">Hartleben</em>, Champollion. Sein Leben und sein +Werk, 1906.</p> + +</div> + + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_30" href="#FNAnker_30" class="label">[30]</a> »γῡπα δἑ ᾰρρενα ου φασιγἐνεσθαι ποτε, ἀιλἁ θηλείας ἁπἁσας« bei v. <em class="gesperrt">Römer</em>. Über die androgynische Idee des +Lebens. Jahrb. f. sexuelle Zwischenstufen, V, 1903, p. 732.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_31" href="#FNAnker_31" class="label">[31]</a> <em class="gesperrt">Plutarch.</em> Veluti scarabaeos mares tantum esse +putarunt Ägyptii sic inter vultures mares non inveniri statuerunt.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_32" href="#FNAnker_32" class="label">[32]</a> <em class="gesperrt">Horapollinis</em> Niloi Hieroglyphica edidit Conradus +Leemans Amstelodami 1835. Die auf das Geschlecht der Geier bezüglichen +Worte lauten (p. 14): μητἑρα μἑν ἑπειδἡ ἁρρεν ἑν τοὑτω τω γἑνει +τὡν ζὡων οὑχ ὑπαἁρχει.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_33" href="#FNAnker_33" class="label">[33]</a> E. <em class="gesperrt">Müntz</em>. Léonard de Vinci, Paris 1899, p. 282.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_34" href="#FNAnker_34" class="label">[34]</a> <em class="gesperrt">Müntz</em> l. c.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_35" href="#FNAnker_35" class="label">[35]</a> Vgl. die Abbildungen bei <em class="gesperrt">Lanzone</em> l. c., T. +CXXXVI-VIII.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_36" href="#FNAnker_36" class="label">[36]</a> v. <em class="gesperrt">Römer</em> l. c.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_37" href="#FNAnker_37" class="label">[37]</a> Vgl. die Beobachtungen im Jahrbuch für psychoanalyt. u. +psychopath. Forschungen, Bd. I, 1909.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_38" href="#FNAnker_38" class="label">[38]</a> Vgl. <em class="gesperrt">Richard Payne Knight</em>. Le culte du Priape. +Traduit de l'Anglais, Bruxelles 1883.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_39" href="#FNAnker_39" class="label">[39]</a> Es sind dies vornehmlich Untersuchungen von I. +<em class="gesperrt">Sadger</em>, die ich aus eigener Erfahrung im Wesentlichen bestätigen +kann. Überdies ist mir bekannt, daß W. <em class="gesperrt">Stekel</em> in Wien und S. +<em class="gesperrt">Ferenczi</em> in Budapest zu den gleichen Resultaten gekommen sind.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_40" href="#FNAnker_40" class="label">[40]</a> <em class="gesperrt">Edm. Solmi.</em> Leonardo da Vinci. Deutsche +Übersetzung, 1908, p. 152.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_41" href="#FNAnker_41" class="label">[41]</a> ibid.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_42" href="#FNAnker_42" class="label">[42]</a> <em class="gesperrt">Solmi.</em> Leonardo da Vinci, p. 203.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_43" href="#FNAnker_43" class="label">[43]</a> Leonardo benimmt sich dabei wie jemand der gewöhnt war, +einer anderen Person seine tägliche Beichte abzulegen, und der sich +jetzt diese Person durch das Tagebuch ersetzt. Eine Vermutung, wer das +gewesen sein mag, siehe bei <em class="gesperrt">Mereschkowski</em>, S. 367.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_44" href="#FNAnker_44" class="label">[44]</a> M. <em class="gesperrt">Herzfeld</em>. Leonardo da Vinci, 1906, p. CXLI.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_45" href="#FNAnker_45" class="label">[45]</a> Der Wortlaut nach <em class="gesperrt">Mereschkowski</em> l. c., p. 282.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_46" href="#FNAnker_46" class="label">[46]</a> oder Modell.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_47" href="#FNAnker_47" class="label">[47]</a> Vom Reiterdenkmal des Francesco Sforza.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_48" href="#FNAnker_48" class="label">[48]</a> Der volle Wortlaut bei M. <em class="gesperrt">Herzfeld</em> l. c., p. XLV.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_49" href="#FNAnker_49" class="label">[49]</a> <em class="gesperrt">Mereschkowski</em> l. c., p. 372. — Als betrübenden +Beleg für die Unsicherheit der ohnedies spärlichen Nachrichten über +Leonardos intimes Leben erwähne ich, daß die gleiche Kostenrechnung +bei <em class="gesperrt">Solmi</em> (deutsche Übersetzung, p. 104) mit erheblichen +Abänderungen wiedergegeben ist. Am bedenklichsten erscheint, daß die +Florins in ihr durch Soldi ersetzt sind. Man darf annehmen, daß in +dieser Rechnung Florins nicht die alten »Goldgulden,« sondern die +später gebräuchliche Rechnungsgröße, die 1-2/3 Lire oder 33-1/3 Soldi +gleichkommt, bedeuten. — <em class="gesperrt">Solmi</em> macht die Katharina zu einer +Magd, die Leonardos Hauswesen durch eine gewisse Zeit geleitet hatte. +Die Quelle, aus der die beiden Darstellungen dieser Rechnung geschöpft +haben, wurde mir nicht zugänglich.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_50" href="#FNAnker_50" class="label">[50]</a> »Katharina ist am 16. Juli 1493 eingetroffen.« — +»Giovannina — ein märchenhaftes Gesicht — frage bei Katharina im +Krankenhause nach.«</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_51" href="#FNAnker_51" class="label">[51]</a> Die Ausdrucksformen, in denen sich die verdrängte Libido +bei Leonardo äußern darf, Umständlichkeit und Geldinteresse, gehören +den aus der Analerotik hervorgegangenen Charakterzügen an. Vgl.: +Charakter und Analerotik in der Zweiten Folge meiner Sammlung zur +Neurosenlehre, 1909.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_52" href="#FNAnker_52" class="label">[52]</a> <em class="gesperrt">Gruyer</em> nach <em class="gesperrt">Seidlitz</em>. L. da V., II. B., p. +280.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_53" href="#FNAnker_53" class="label">[53]</a> Geschichte der Malerei, Bd. I, p. 314.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_54" href="#FNAnker_54" class="label">[54]</a> L. c. p. 417.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_55" href="#FNAnker_55" class="label">[55]</a> A. <em class="gesperrt">Conti</em>. Leonardo pittore, Conferenze fiorentine +l. c., p. 93.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_56" href="#FNAnker_56" class="label">[56]</a> L. c. p. 45.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_57" href="#FNAnker_57" class="label">[57]</a> W. <em class="gesperrt">Pater</em>. Die Renaissance. 2. Aufl., 1906, p. 157. +(Aus dem Englischen.)</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_58" href="#FNAnker_58" class="label">[58]</a> M. <em class="gesperrt">Herzfeld</em>. L. d. V., p. LXXXVIII.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_59" href="#FNAnker_59" class="label">[59]</a> Bei <em class="gesperrt">Scognamiglio</em> l. c., p. 32.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_60" href="#FNAnker_60" class="label">[60]</a> Von L. <em class="gesperrt">Schorn</em>, III. Bd., 1843, p. 6.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_61" href="#FNAnker_61" class="label">[61]</a> Das nämliche nimmt <em class="gesperrt">Mereschkowski</em> an, der doch +für Leonardo eine Kindheitsgeschichte imaginiert, welche in den +wesentlichen Punkten von unseren, aus der Geierphantasie geschöpften, +Ergebnissen abweicht. Wenn aber Leonardo selbst dies Lächeln gezeigt +hätte, so hätte die Tradition es wohl kaum unterlassen, uns dies +Zusammentreffen zu berichten.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_62" href="#FNAnker_62" class="label">[62]</a> L. c. p. 309.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_63" href="#FNAnker_63" class="label">[63]</a> A. <em class="gesperrt">Konstantinowa</em> l. c.: »Maria schaut voll +Innigkeit zu ihrem Liebling herab, mit einem Lächeln, das an den +rätselhaften Ausdruck der Giocondo erinnert,« und anderswo von der +Maria: »Um ihre Züge schwebt das Lächeln der Gioconda.«</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_64" href="#FNAnker_64" class="label">[64]</a> S. v. <em class="gesperrt">Seidlitz</em> l. c., II. Bd., p. 274, +Anmerkungen.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_65" href="#FNAnker_65" class="label">[65]</a> Vgl. »Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie«, 2. Aufl., +1910.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_66" href="#FNAnker_66" class="label">[66]</a> Nach E. <em class="gesperrt">Müntz</em> l. c., p. 13, Anmerkung.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_67" href="#FNAnker_67" class="label">[67]</a> Von einem größeren Irrtum, den Leonardo in dieser Notiz +beging, indem er dem 77jährigen Vater 80 Jahre gab, will ich absehen.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_68" href="#FNAnker_68" class="label">[68]</a> <em class="gesperrt">Canto</em>, XXVII, V. 22-25.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_69" href="#FNAnker_69" class="label">[69]</a> Es scheint, daß Leonardo in jener Tagebuchstelle sich +auch in der Anzahl seiner Geschwister geirrt hat, was zur anscheinenden +Exaktheit derselben in einem merkwürdigen Gegensatze steht.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_70" href="#FNAnker_70" class="label">[70]</a> »Il duca perse lo stato e la roba e libertà e nessuna sua +opera si finì per lui.« — v. <em class="gesperrt">Seidlitz</em> l. c., II, p. 270.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_71" href="#FNAnker_71" class="label">[71]</a> l. c., p. 348.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_72" href="#FNAnker_72" class="label">[72]</a> <em class="gesperrt">Chi disputa allegando l'autorità non adopra l'ingegno +ma piuttosto la memoria</em>; <em class="gesperrt">Solmi</em>, Conf. fior, p. 13.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_73" href="#FNAnker_73" class="label">[73]</a> <em class="gesperrt">Müntz</em> l. c. La religion de Léonard, l. c., p. 292 +u. ff.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_74" href="#FNAnker_74" class="label">[74]</a> Nach <em class="gesperrt">Herzfeld</em>, p. 292.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_75" href="#FNAnker_75" class="label">[75]</a> Nach M. <em class="gesperrt">Herzfeld</em>, L. d. V., p. 32. »Der große +Schwan« soll einen Hügel, Monte Cecero, bei Florenz bedeuten.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_76" href="#FNAnker_76" class="label">[76]</a> <em class="gesperrt">Vasari</em>, übersetzt von <em class="gesperrt">Schorn</em>, 1843.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_77" href="#FNAnker_77" class="label">[77]</a> Ebenda, p. 39.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_78" href="#FNAnker_78" class="label">[78]</a> Über diese Briefe und die an sie geknüpften Kombinationen +siehe: <em class="gesperrt">Müntz</em> l. c., p. 82 ff.; den Wortlaut derselben und +anderer an sie anschließender Aufzeichnungen bei M. <em class="gesperrt">Herzfeld</em> l. +c., p. 223 u. ff.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_79" href="#FNAnker_79" class="label">[79]</a> »Außerdem verlor er manche Zeit, indem er sogar ein +Schnurgeflechte zeichnete, worin man den Faden von einem Ende bis +zum anderen verfolgen konnte, bis er eine völlig kreisförmige Figur +beschrieb; eine sehr schwierige und schöne Zeichnung der Art ist in +Kupfer gestochen, in deren Mitte man die Worte liest: »Leonardus Vinci +Academia« (p. 8).«</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_80" href="#FNAnker_80" class="label">[80]</a> Diese Kritik soll ganz allgemein gelten und nicht etwa +auf die Biographen Leonardos besonders zielen.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_81" href="#FNAnker_81" class="label">[81]</a> v. <em class="gesperrt">Seidlitz</em>, II, p. 271.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_82" href="#FNAnker_82" class="label">[82]</a> M. <em class="gesperrt">Herzfeld</em> l. c., p. 11.</p> + +</div> +</div> + +<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75455 ***</div> +</body> +</html> + diff --git a/75455-h/images/cover.jpg b/75455-h/images/cover.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..56c5efa --- /dev/null +++ b/75455-h/images/cover.jpg diff --git a/75455-h/images/frontispiece.jpg b/75455-h/images/frontispiece.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..57beb50 --- /dev/null +++ b/75455-h/images/frontispiece.jpg diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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