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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75455 ***
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+ Anmerkungen zur Transkription.
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+Das Original ist in Fraktur gesetzt; Schreibweise und Interpunktion des
+Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler
+sind stillschweigend korrigiert worden.
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+Worte in Antiqua sind so +gekennzeichnet+; gesperrte so: ~gesperrt~
+und =fettgedruckte= so.
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+ VERLAG VON FRANZ DEUTICKE IN LEIPZIG UND WIEN.
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+ Nachstehende sieben Werke, welche als die Dokumente für den
+ Entwicklungsgang und Inhalt der =Freudschen Lehren= anzusehen
+ sind, werden, _wenn auf einmal bezogen_, zum Vorzugspreise von
+ M 30.-- = K 36.-- (statt M 36.50 = K 43.80) abgegeben:
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+
+ Studien über Hysterie.
+
+ Von =Dr. Josef Breuer= und =Prof. Dr. S. Freud=.
+
+ Zweite Auflage. Preis M 7.-- = K 8.40.
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+
+ Die Traumdeutung.
+
+ Von =Prof. Dr. Sigm. Freud=.
+
+ Zweite, vermehrte Auflage. Preis M 9.-- = K 10.80.
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+
+ Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie.
+
+ Von =Prof. Dr. Sigm. Freud=.
+
+ Zweite Auflage. Preis M 2.-- = K 2.40.
+
+
+ Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre.
+
+ Von =Prof. Dr. Sigm. Freud=.
+
+ I. und II. Reihe. Preis à M 5.-- = K 6.--.
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+
+ Der Wahn und die Träume in W. Jensens »Gradiva«.
+
+ (Schriften zur angewandten Seelenkunde. I. Heft.)
+
+ Von =Prof. Dr. Sigmund Freud= in =Wien=.
+
+ Preis M 2.50 = K 3.--.
+
+
+ Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten.
+
+ Von =Prof. Dr. Sigm. Freud=.
+
+ Preis M 5.-- = K 6.--.
+
+
+ Über Psychoanalyse.
+
+ Fünf Vorlesungen, gehalten zur 20jährigen Gründungsfeier der Clark
+ University in Worcester, Mass.
+
+ Von =Prof. Dr. Sigm. Freud=.
+
+ Preis M 1.-- = K 1.20.
+
+ [Illustration: Heilige Anna Selbdritt.
+
+ Nach dem Gemälde im Louvre zu Paris.]
+
+
+
+
+ SCHRIFTEN ZUR ANGEWANDTEN SEELENKUNDE
+ HERAUSGEGEBEN VON PROF. DR. SIGM. FREUD
+ SIEBENTES HEFT.
+
+
+
+
+ EINE KINDHEITSERINNERUNG
+ DES LEONARDO DA VINCI
+
+ VON
+
+ SIGM. FREUD
+ IN WIEN.
+
+ MIT EINEM TITELBILD
+
+ LEIPZIG UND WIEN
+ FRANZ DEUTICKE
+ 1910.
+
+ Verlags-Nr. 1731.
+
+ K. und K. Hofbuchdruckerei Karl Prochaska in Teschen.
+
+
+
+
+ I.
+
+
+Wenn die seelenärztliche Forschung, die sich sonst mit schwächlichem
+Menschenmaterial begnügt, an einen der Großen des Menschengeschlechtes
+herantritt, so folgt sie dabei nicht den Motiven, die ihr von den Laien
+so häufig zugeschoben werden. Sie strebt nicht danach, »das Strahlende
+zu schwärzen und das Erhabene in den Staub zu ziehen«; es bereitet ihr
+keine Befriedigung, den Abstand zwischen jener Vollkommenheit und der
+Unzulänglichkeit ihrer gewöhnlichen Objekte zu verringern. Sondern sie
+kann nicht anders, als alles des Verständnisses wert finden, was sich
+an jenen Vorbildern erkennen läßt, und sie meint, es sei niemand so
+groß, daß es für ihn eine Schande wäre, den Gesetzen zu unterliegen,
+die normales und krankhaftes Tun mit gleicher Strenge beherrschen.
+
+Als einer der größten Männer der italienischen Renaissance ist
+~Leonardo da Vinci~ (1452-1519) schon von den Zeitgenossen
+bewundert worden und doch bereits ihnen rätselhaft erschienen, wie
+auch jetzt noch uns. Ein allseitiges Genie, »dessen Umrisse man nur
+ahnen kann, -- nie ergründen,«[1] übte er den maßgebendsten Einfluß
+auf seine Zeit als Maler aus; erst uns blieb es vorbehalten, die Größe
+des Naturforschers zu erkennen, der sich in ihm mit dem Künstler
+verband. Wenngleich er Meisterwerke der Malerei hinterlassen, während
+seine wissenschaftlichen Entdeckungen unveröffentlicht und unverwertet
+blieben, hat doch in seiner Entwicklung der Forscher den Künstler
+nie ganz frei gelassen, ihn oftmals schwer beeinträchtigt und ihn
+vielleicht am Ende unterdrückt. ~Vasari~ legt ihm in seiner
+letzten Lebensstunde den Selbstvorwurf in den Mund, daß er Gott und
+die Menschen beleidigt, indem er in seiner Kunst nicht seine Pflicht
+getan.[2] Und wenn auch diese Erzählung ~Vasaris~ weder die äußere
+noch viel innere Wahrscheinlichkeit für sich hat, sondern der Legende
+angehört, die sich um den geheimnisvollen Meister schon zu seinen
+Lebzeiten zu bilden begann, so verbleibt ihr doch als Zeugnis für das
+Urteil jener Menschen und jener Zeiten ein unbestreitbarer Wert.
+
+Was war es, was die Persönlichkeit Leonardos dem Verständnis seiner
+Zeitgenossen entrückte? Gewiß nicht die Vielseitigkeit seiner Anlagen
+und Kenntnisse, die ihm gestattete, sich am Hofe des ~Lodovico
+Sforza~, zubenannt ~il Moro~, Herzogs von Mailand, als Lautenspieler
+auf einem von ihm neugeformten Instrumente einzuführen oder ihn jenen
+merkwürdigen Brief an eben denselben schreiben ließ, in dem er sich
+seiner Leistungen als Bau- und Kriegsingenieur berühmte. Denn an
+solche Vereinigung vielfältigen Könnens in einer Person waren die
+Zeiten der Renaissance wohl gewöhnt; allerdings war Leonardo selbst
+eines der glänzendsten Beispiele dafür. Auch gehörte er nicht jenem
+Typus genialer Menschen an, die, von der Natur äußerlich karg bedacht,
+ihrerseits keinen Wert auf die äußerlichen Formen des Lebens legen
+und in der schmerzlichen Verdüsterung ihrer Stimmung den Verkehr der
+Menschen fliehen. Er war vielmehr groß und ebenmäßig gewachsen, von
+vollendeter Schönheit des Gesichtes und von ungewöhnlicher Körperkraft,
+bezaubernd in den Formen seines Umgangs, ein Meister der Rede, heiter
+und liebenswürdig gegen alle; er liebte die Schönheit auch an den
+Dingen, die ihn umgaben, trug gern prunkvolle Gewänder und schätzte
+jede Verfeinerung der Lebensführung. In einer für seine heitere
+Genußfähigkeit bedeutsamen Stelle des Traktats über Malerei[3] hat er
+die Malerei mit ihren Schwesterkünsten verglichen und die Beschwerden
+der Arbeit des Bildhauers geschildert: »Da hat er das Gesicht ganz
+beschmiert und mit Marmorstaub eingepudert, so daß er wie ein Bäcker
+ausschaut, und ist mit kleinen Marmorsplittern über und über bedeckt,
+daß es aussieht, als hätte es ihm auf den Buckel geschneit, und seine
+Behausung, die ist voll Steinsplitter und Staub. Ganz das Gegenteil
+von alle diesem ist beim Maler der Fall, -- .... denn der Maler sitzt
+mit großer Bequemlichkeit vor seinem Werke, wohlgekleidet, und regt
+den ganz leichten Pinsel mit den anmutigen Farben. Mit Kleidern ist
+er geschmückt, wie es ihm gefällt. Und seine Behausung, die ist voll
+heiterer Malereien und glänzend reinlich. Oft hat er Gesellschaft, von
+Musik, oder von Vorlesern verschiedener schöner Werke, und das wird
+ohne Hammergedröhn oder sonstigen Lärm mit großem Vergnügen angehört.«
+
+Es ist ja sehr wohl möglich, daß die Vorstellung eines strahlend
+heiteren und genußfrohen Leonardo nur für die erste, längere
+Lebensperiode des Meisters recht hat. Von da an, als der Niedergang der
+Herrschaft des Lodovico Moro ihn zwang, Mailand, seinen Wirkungskreis
+und seine gesicherte Stellung zu verlassen, um ein unstetes, an äußeren
+Erfolgen wenig reiches Leben bis zum letzten Asyl in Frankreich
+zu führen, mag der Glanz seiner Stimmung verblichen und mancher
+befremdliche Zug seines Wesens stärker hervorgetreten sein. Auch die
+mit den Jahren zunehmende Wendung seiner Interessen von seiner Kunst
+zur Wissenschaft mußte dazu beitragen, die Kluft zwischen seiner
+Person und seinen Zeitgenossen zu erweitern. Alle die Versuche,
+mit denen er nach ihrer Meinung seine Zeit vertrödelte, anstatt
+emsig auf Bestellung zu malen und sich zu bereichern, wie etwa sein
+ehemaliger Mitschüler ~Perugino~, erschienen ihnen als grillenhafte
+Spielereien oder brachten ihn selbst in den Verdacht, der »schwarzen
+Kunst« zu dienen. Wir verstehen ihn hierin besser, die wir aus seinen
+Aufzeichnungen wissen, welche Künste er übte. In einer Zeit, welche
+die Autorität der Kirche mit der der Antike zu vertauschen begann und
+voraussetzungslose Forschung noch nicht kannte, war er, der Vorläufer,
+ja ein nicht unwürdiger Mitbewerber von ~Bacon~ und ~Kopernikus~,
+notwendig vereinsamt. Wenn er Pferde- und Menschenleichen zerlegte,
+Flugapparate baute, die Ernährung der Pflanzen und ihr Verhalten gegen
+Gifte studierte, rückte er allerdings weit ab von den Kommentatoren des
+Aristoteles und kam in die Nähe der verachteten Alchymisten, in deren
+Laboratorien die experimentelle Forschung wenigstens eine Zuflucht
+während dieser ungünstigen Zeiten gefunden hatte.
+
+Für seine Malerei hatte dies die Folge, daß er ungern den Pinsel zur
+Hand nahm, immer weniger und seltener malte, das Angefangene meist
+unfertig stehen ließ und sich um das weitere Schicksal seiner Werke
+wenig kümmerte. Das war es auch, was ihm seine Zeitgenossen zum Vorwurf
+machten, denen sein Verhältnis zur Kunst ein Rätsel blieb.
+
+Mehrere der späteren Bewunderer Leonardos haben es versucht, den
+Makel der Unstetigkeit von seinem Charakter zu tilgen. Sie machen
+geltend, daß das, was man an Leonardo tadle, Eigentümlichkeit der
+großen Künstler überhaupt sei. Auch der tatkräftige, sich in die Arbeit
+verbeißende ~Michel Angelo~ habe viele seiner Werke unvollendet
+gelassen, und es sei so wenig seine Schuld gewesen wie die Leonardos
+im gleichen Falle. Auch sei so manches Bild nicht so sehr unfertig
+geblieben, als von ihm dafür erklärt worden. Was dem Laien schon ein
+Meisterwerk scheine, das sei für den Schöpfer des Kunstwerkes immer
+noch eine unbefriedigende Verkörperung seiner Absichten; ihm schwebe
+eine Vollkommenheit vor, die er im Abbild wiederzugeben jedesmal
+verzage. Am wenigsten ginge es aber an, den Künstler für das endliche
+Schicksal verantwortlich zu machen, das seine Werke träfe.
+
+So stichhaltig manche dieser Entschuldigungen auch sein mögen, so
+decken sie doch nicht den ganzen Sachverhalt, der uns bei Leonardo
+begegnet. Das peinliche Ringen mit dem Werke, die endliche Flucht vor
+ihm und die Gleichgültigkeit gegen sein weiteres Schicksal mag bei
+vielen anderen Künstlern wiederkehren; gewiß aber zeigte Leonardo dies
+Benehmen im höchsten Grade. ~Edm. Solmi~[4] zitiert (p. 12) die
+Äußerung eines seiner Schüler: »Pareva, che ad ogni ora tremasse,
+quando si poneva a dipingere, e però non diede mai fine ad alcuna cosa
+cominciata, considerando la grandezza dell' arte, tal che egli scorgeva
+errori in quelle cose, che ad altri parevano miracoli.« Seine letzten
+Bilder, die Leda, die Madonna di Sant' Onofrio, der Bacchus und der
+San Giovanni Battista giovane seien unvollendet geblieben »come quasi
+intervenne di tutte le cose sue ....« ~Lomazzo~,[5] der eine Kopie
+des Abendmahls anfertigte, berief sich auf die bekannte Unfähigkeit
+Leonardos, etwas fertig zu malen, in einem Sonett:
+
+ »Protogen che il penel di sue pitture
+ Non levava, agguaglio il Vinci Divo,
+ Di cui opra non è finita pure.«
+
+Die Langsamkeit, mit welcher Leonardo arbeitete, war sprichwörtlich.
+Am Abendmahl im Kloster zu Santa Maria delle Grazie zu Mailand malte er
+nach den gründlichsten Vorstudien drei Jahre lang. Ein Zeitgenosse,
+der Novellenschreiber Matteo ~Bandelli~, der damals als junger
+Mönch dem Kloster angehörte, erzählt, daß Leonardo häufig schon früh
+am Morgen das Gerüst bestiegen habe, um bis zur Dämmerung den Pinsel
+nicht aus der Hand zu legen, ohne an Essen und Trinken zu denken. Dann
+seien Tage verstrichen, ohne daß er Hand daran anlegte, bisweilen
+habe er stundenlang vor dem Gemälde verweilt und sich damit begnügt,
+es innerlich zu prüfen. Andere Male sei er aus dem Hofe des Mailänder
+Schlosses, wo er das Modell des Reiterstandbildes für Francesco Sforza
+formte, geradewegs ins Kloster gekommen, um ein paar Pinselstriche an
+einer Gestalt zu machen, dann aber unverzüglich aufgebrochen.[6] An
+dem Porträt der Monna Lisa, Gemahlin des Florentiners Francesco del
+Giocondo, malte er nach Vasaris Angabe vier Jahre lang, ohne es zur
+letzten Vollendung bringen zu können, wozu auch der Umstand stimmen
+mag, daß das Bild nicht dem Besteller abgeliefert wurde, sondern bei
+Leonardo verblieb, der es nach Frankreich mitnahm.[7] Von König Franz
+I. angekauft, bildet es heute einen der größten Schätze des Louvre.
+
+Wenn man diese Berichte über die Arbeitsweise Leonardos mit dem
+Zeugnis der außerordentlich zahlreich von ihm erhaltenen Skizzen und
+Studienblätter zusammenhält, die jedes in seinen Bildern vorkommende
+Motiv auf das Vielfältigste variieren, so muß man die Auffassung weit
+von sich weisen, als hätten Züge von Flüchtigkeit und Unbeständigkeit
+den mindesten Einfluß auf Leonardos Verhältnis zu seiner Kunst
+gewonnen. Man merkt im Gegenteile eine ganz außerordentliche
+Vertiefung, einen Reichtum an Möglichkeiten, zwischen denen die
+Entscheidung nur zögernd gefällt wird, Ansprüche, denen kaum zu
+genügen ist, und eine Hemmung in der Ausführung, die sich eigentlich
+auch durch das notwendige Zurückbleiben des Künstlers hinter seinem
+idealen Vorsatz nicht erklärt. Die Langsamkeit, die an Leonardos
+Arbeiten von jeher auffiel, erweist sich als ein Symptom dieser
+Hemmung, als der Vorbote der Abwendung von der Malerei, die später
+eintrat.[8] Sie war es auch, die das nicht unverschuldete Schicksal
+des Abendmahls bestimmte. Leonardo konnte sich nicht mit der Malerei
+al fresko befreunden, die ein rasches Arbeiten, solange der Malgrund
+noch feucht ist, erfordert, darum wählte er Ölfarben, deren Eintrocknen
+ihm gestattete, die Vollendung des Bildes nach Stimmung und Muße
+hinauszuziehen. Diese Farben lösten sich aber von dem Grunde, auf dem
+sie aufgetragen wurden, und der sie von der Mauer isolierte; die Fehler
+dieser Mauer und die Schicksale des Raumes kamen hinzu, um die, wie es
+scheint, unabwendbare Verderbnis des Bildes zu entscheiden.[9]
+
+Durch das Mißglücken eines ähnlichen technischen Versuches scheint das
+Bild der Reiterschlacht bei Anghiari untergegangen zu sein, das er
+später in einer Konkurrenz mit Michel Angelo an eine Wand der Sala del
+Consiglio in Florenz zu malen begann und auch im unfertigen Zustand
+im Stiche ließ. Es ist hier, als ob ein fremdes Interesse, das des
+Experimentators, das künstlerische zunächst verstärkt habe, um dann das
+Kunstwerk zu schädigen.
+
+Der Charakter des Mannes Leonardo zeigte noch manche andere
+ungewöhnliche Züge und anscheinende Widersprüche. Eine gewisse
+Inaktivität und Indifferenz schien an ihm unverkennbar. Zu einer
+Zeit, da jedes Individuum den breitesten Raum für seine Betätigung
+zu gewinnen suchte, was nicht ohne Entfaltung energischer Aggression
+gegen andere abgehen kann, fiel er durch ruhige Friedfertigkeit, durch
+Vermeidung aller Gegnerschaften und Streitigkeiten auf. Er war mild
+und gütig gegen alle, lehnte angeblich die Fleischnahrung ab, weil er
+es nicht für gerechtfertigt hielt, Tieren das Leben zu rauben, und
+machte sich einen besonderen Genuß daraus, Vögeln, die er auf dem
+Markte kaufte, die Freiheit zu schenken.[10] Er verurteilte Krieg
+und Blutvergießen und hieß den Menschen nicht so sehr den König der
+Tierwelt als vielmehr die ärgste der wilden Bestien.[11] Aber diese
+weibliche Zartheit des Empfindens hielt ihn nicht ab, verurteilte
+Verbrecher auf ihrem Wege zur Hinrichtung zu begleiten, um deren
+von Angst verzerrte Mienen zu studieren und in seinem Taschenbuche
+abzuzeichnen, hinderte ihn nicht, die grausamsten Angriffswaffen zu
+entwerfen und als oberster Kriegsingenieur in die Dienste des ~Cesare
+Borgia~ zu treten. Er erschien oft wie indifferent gegen Gut und
+Böse, oder er verlangte mit einem besonderen Maße gemessen zu werden.
+In einer maßgebenden Stellung machte er den Feldzug des Cesare mit, der
+diesen rücksichtslosesten und treulosesten aller Gegner in den Besitz
+der Romagna brachte. Nicht eine Zeile der Aufzeichnungen Leonardos
+verrät eine Kritik oder Anteilnahme an den Vorgängen jener Tage. Der
+Vergleich mit ~Goethe~ während der Campagne in Frankreich ist hier
+nicht ganz abzuweisen.
+
+Wenn ein biographischer Versuch wirklich zum Verständnis des
+Seelenlebens seines Helden durchdringen will, darf er nicht, wie dies
+in den meisten Biographien aus Diskretion oder aus Prüderie geschieht,
+die sexuelle Betätigung, die geschlechtliche Eigenart des Untersuchten
+mit Stillschweigen übergehen. Was hierüber bei Leonardo bekannt ist,
+ist wenig, aber dieses wenige bedeutungsvoll. In einer Zeit, die
+schrankenlose Sinnlichkeit mit düsterer Askese ringen sah, war Leonardo
+ein Beispiel von kühler Sexualablehnung, die man beim Künstler und
+Darsteller der Frauenschönheit nicht erwarten würde. ~Solmi~[12]
+zitiert von ihm folgenden Satz, der seine Frigidität kennzeichnet:
+»Der Zeugungsakt und alles, was damit in Verbindung steht, ist so
+abscheulich, daß die Menschen bald aussterben würden, wäre es nicht
+eine althergebrachte Sitte und gäbe es nicht noch hübsche Gesichter
+und sinnliche Veranlagungen.« Seine hinterlassenen Schriften, die ja
+nicht nur die höchsten wissenschaftlichen Probleme behandeln, sondern
+auch Harmlosigkeiten enthalten, welche uns eines so großen Geistes
+kaum würdig erscheinen (eine allegorische Naturgeschichte, Tierfabeln,
+Schwänke, Prophezeiungen[13] sind in einem Grade keusch -- man möchte
+sagen: abstinent --, der an einem Werke der schönen Literatur auch
+heute Wunder nehmen würde. Sie weichen allem Sexuellen so entschieden
+aus, als wäre allein der Eros, der alles Lebende erhält, kein würdiger
+Stoff für den Wissensdrang des Forschers.[14] Es ist bekannt, wie
+häufig große Künstler sich darin gefallen, ihre Phantasie in erotischen
+und selbst derb obszönen Darstellungen auszutoben; von Leonardo
+besitzen wir zum Gegensatze nur einige anatomische Zeichnungen über die
+inneren Genitalien des Weibes, die Lage der Frucht im Mutterleibe
+u. dgl.
+
+Es ist zweifelhaft, ob Leonardo jemals ein Weib in Liebe umarmt hat;
+auch von einer intimen seelischen Beziehung zu einer Frau, wie die
+Michel Angelos zur ~Vittoria Colonna~, ist nichts bekannt. Als er
+noch als Lehrling im Hause seines Meisters ~Verrocchio~ lebte,
+traf ihn mit anderen jungen Leuten eine Anzeige wegen verbotenen
+homosexuellen Umganges, die mit seinem Freispruch endete. Es scheint,
+daß er in diesen Verdacht geriet, weil er sich eines übel beleumundeten
+Knaben als Modells bediente.[15] Als Meister umgab er sich mit schönen
+Knaben und Jünglingen, die er zu Schülern annahm. Der letzte dieser
+Schüler, Francesco ~Melzi~, begleitete ihn nach Frankreich, blieb
+bis zu seinem Tode bei ihm und wurde von ihm zum Erben eingesetzt.
+Ohne die Sicherheit seiner modernen Biographen zu teilen, die die
+Möglichkeit eines sexuellen Verkehres zwischen ihm und seinen Schülern
+natürlich als eine grundlose Beschimpfung des großen Mannes verwerfen,
+mag man es für weitaus wahrscheinlicher halten, daß die zärtlichen
+Beziehungen Leonardos zu den jungen Leuten, die nach damaliger
+Schülerart sein Leben teilten, nicht in geschlechtliche Betätigung
+ausliefen. Man wird ihm auch von sexueller Aktivität kein hohes Maß
+zumuten dürfen.
+
+Die Eigenart dieses Gefühls- und Geschlechtslebens läßt sich im
+Zusammenhalt mit Leonardos Doppelnatur als Künstler und Forscher nur
+in einer Weise begreifen. Von den Biographen, denen psychologische
+Gesichtspunkte oft sehr ferne liegen, hat meines Wissens nur einer,
+~Edm. Solmi~, sich der Lösung des Rätsels genähert; ein Dichter
+aber, der Leonardo zum Helden eines großen historischen Romans gewählt
+hat, ~Dmitry Sergewitsch Mereschkowski~, hat seine Darstellung
+auf solches Verständnis des ungewöhnlichen Mannes gegründet und seine
+Auffassung, wenn auch nicht in dürren Worten, so doch nach der Weise
+des Dichters in plastischem Ausdruck unverkennbar geäußert.[16]
+~Solmi~ urteilt über Leonardo: »Aber das unstillbare Verlangen,
+alles ihn Umgebende zu erkennen und mit kalter Überlegenheit das
+tiefste Geheimnis alles Vollkommenen zu ergründen, hatte Leonardos
+Werke dazu verdammt, stets unfertig zu bleiben.«[17] In einem Aufsatze
+der ~Conferenze Fiorentine~ wird die Äußerung Leonardos zitiert,
+die sein Glaubensbekenntnis und den Schlüssel zu seinem Wesen
+ausliefert:
+
+»~Nessuna cosa si può amare nè odiare, se prima non si ha cognition
+di quella.~«[18]
+
+Also: Man hat kein Recht, etwas zu lieben oder zu hassen, wenn man
+sich nicht eine gründliche Erkenntnis seines Wesens verschafft hat.
+Und dasselbe wiederholt Leonardo an einer Stelle des Traktates von der
+Malerei, wo er sich gegen den Vorwurf der Irreligiosität zu verteidigen
+scheint:
+
+»Solche Tadler mögen aber stillschweigen. Denn jenes (Tun) ist die
+Weise, den Werkmeister so vieler bewundernswerter Dinge kennen zu
+lernen, und dies der Weg, einen so großen Erfinder zu lieben. Denn
+wahrlich, große Liebe entspringt aus großer Erkenntnis des geliebten
+Gegenstandes, und wenn du diesen wenig kennst, so wirst du ihn nur
+wenig oder gar nicht lieben können ...«[19]
+
+Der Wert dieser Äußerungen Leonardos kann nicht darin gesucht werden,
+daß sie eine bedeutsame psychologische Tatsache mitteilen, denn was sie
+behaupten, ist offenkundig falsch, und Leonardo mußte dies ebensogut
+wissen wie wir. Es ist nicht wahr, daß die Menschen mit ihrer Liebe
+oder ihrem Haß warten, bis sie den Gegenstand, dem diese Affekte
+gelten, studiert und in seinem Wesen erkannt haben, vielmehr lieben sie
+impulsiv auf Gefühlsmotive hin, die mit Erkenntnis nichts zu tun haben,
+und deren Wirkung durch Besinnung und Nachdenken höchstens abgeschwächt
+wird. Leonardo konnte also nur gemeint haben, was die Menschen üben,
+das sei nicht die richtige, einwandfreie Liebe, man ~sollte~ so
+lieben, daß man den Affekt aufhalte, ihn der Gedankenarbeit unterwerfe
+und erst frei gewähren lasse, nachdem er die Prüfung durch das Denken
+bestanden hat. Und wir verstehen dabei, daß er uns sagen will, bei ihm
+sei es so; es wäre für alle anderen erstrebenswert, wenn sie es mit
+Liebe und Haß so hielten wie er selbst.
+
+Und bei ihm scheint es wirklich so gewesen zu sein. Seine Affekte waren
+gebändigt, dem Forschertrieb unterworfen; er liebte und haßte nicht,
+sondern fragte sich, woher das komme, was er lieben oder hassen sollte,
+und was es bedeute, und so mußte er zunächst indifferent erscheinen
+gegen Gut und Böse, gegen Schönes und Häßliches. Während dieser
+Forscherarbeit warfen Liebe und Haß ihre Vorzeichen ab und wandelten
+sich gleichmäßig in Denkinteresse um. In Wirklichkeit war Leonardo
+nicht leidenschaftslos, er entbehrte nicht des göttlichen Funkens, der
+mittelbar oder unmittelbar die Triebkraft -- il primo motore -- alles
+menschlichen Tuns ist. Er hatte die Leidenschaft nur in Wissensdrang
+verwandelt; er ergab sich nun der Forschung mit jener Ausdauer,
+Stetigkeit, Vertiefung, die sich aus der Leidenschaft ableiten, und auf
+der Höhe der geistigen Arbeit, nach gewonnener Erkenntnis, läßt er den
+lange zurückgehaltenen Affekt losbrechen, frei abströmen, wie einen vom
+Strome abgeleiteten Wasserarm, nachdem er das Werk getrieben hat. Auf
+der Höhe einer Erkenntnis, wenn er ein großes Stück des Zusammenhanges
+überschauen kann, dann erfaßt ihn das Pathos und er preist in
+schwärmerischen Worten die Großartigkeit jenes Stückes der Schöpfung,
+das er studiert hat, oder -- in religiöser Einkleidung -- die Größe
+seines Schöpfers. ~Solmi~ hat diesen Prozeß der Umwandlung bei
+Leonardo richtig erfaßt. Nach dem Zitat einer solchen Stelle, in der
+Leonardo den hehren Zwang der Natur (»O mirabile necessita ...«)
+gefeiert hat, sagt er: Tale trasfigurazione della scienza della natura
+in emozione, quasi direi, religiosa, è uno dei tratti caratteristici
+de' manoscritti vinciani, e si trova cento e cento volte espressa
+...[20]
+
+Man hat Leonardo wegen seines unersättlichen und unermüdlichen
+Forscherdranges den italienischen Faust geheißen. Aber von allen
+Bedenken gegen die mögliche Rückverwandlung des Forschertriebes in
+Lebenslust abgesehen, die wir als die Voraussetzung der Fausttragödie
+annehmen müssen, möchte man die Bemerkung wagen, daß die Entwicklung
+Leonardos an spinozistische Denkweise streift.
+
+Die Umsetzungen der psychischen Triebkraft in verschiedene Formen der
+Betätigung sind vielleicht ebenso wenig ohne Einbuße konvertierbar,
+wie die der physikalischen Kräfte. Das Beispiel Leonardos lehrt,
+wie vielerlei anderes an diesen Prozessen zu verfolgen ist. Aus dem
+Aufschub, erst zu lieben, nachdem man erkannt hat, wird ein Ersatz. Man
+liebt und haßt nicht mehr recht, wenn man zur Erkenntnis durchgedrungen
+ist; man bleibt jenseits von Liebe und Haß. Man hat geforscht, anstatt
+zu lieben. Und darum vielleicht ist Leonardos Leben so viel ärmer
+an Liebe gewesen als das anderer Großer und anderer Künstler. Die
+stürmischen Leidenschaften erhebender und verzehrender Natur, in denen
+andere ihr Bestes erlebten, scheinen ihn nicht getroffen zu haben.
+
+Und noch andere Folgen. Man hat auch geforscht, anstatt zu handeln,
+zu schaffen. Wer die Großartigkeit des Weltzusammenhanges und dessen
+Notwendigkeiten zu ahnen begonnen hat, der verliert leicht sein eigenes
+kleines Ich. In Bewunderung versunken, wahrhaft demütig geworden,
+vergißt man zu leicht, daß man selbst ein Stück jener wirkenden Kräfte
+ist und es versuchen darf, nach dem Ausmaß seiner persönlichen Kraft
+ein Stückchen jenes notwendigen Ablaufes der Welt abzuändern, der Welt,
+in welcher das Kleine doch nicht minder wunderbar und bedeutsam ist als
+das Große.
+
+Leonardo hatte vielleicht, wie ~Solmi~ meint, im Dienste seiner
+Kunst zu forschen begonnen,[21] er bemühte sich um die Eigenschaften
+und Gesetze des Lichtes, der Farben, Schatten, der Perspektive, um sich
+die Meisterschaft in der Nachahmung der Natur zu sichern und anderen
+den gleichen Weg zu weisen. Wahrscheinlich überschätzte er schon
+damals den Wert dieser Kenntnisse für den Künstler. Dann trieb es ihn,
+noch immer am Leitseil des malerischen Bedürfnisses, zur Erforschung
+der Objekte der Malerei, der Tiere und Pflanzen, der Proportionen
+des menschlichen Körpers, vom Äußeren derselben weg zur Kenntnis
+ihres inneren Baues und ihrer Lebensfunktionen, die sich ja auch in
+ihrer Erscheinung ausdrücken und von der Kunst Darstellung verlangen.
+Und endlich riß ihn der übermächtig gewordene Trieb fort, bis der
+Zusammenhang mit den Anforderungen seiner Kunst zerriß, so daß er die
+allgemeinen Gesetze der Mechanik auffand, daß er die Geschichte der
+Ablagerungen und Versteinerungen im Arnotal erriet, und bis daß er in
+sein Buch die Erkenntnis mit großen Buchstaben eintragen konnte: Il
+sole non si move. Auf so ziemlich alle Gebiete der Naturwissenschaft
+dehnte er seine Forschungen aus, auf jedem einzelnen ein Entdecker oder
+wenigstens Vorhersager und Pfadfinder.[22] Doch blieb sein Wissensdrang
+auf die Außenwelt gerichtet, von der Erforschung des Seelenlebens der
+Menschen hielt ihn etwas fern; in der »Academia Vinciana«, für die er
+kunstvoll verschlungene Embleme zeichnete, war für die Psychologie
+wenig Raum.
+
+Versuchte er dann von der Forschung zur Kunstübung zurückzukehren, von
+der er ausgegangen war, so erfuhr er an sich die Störung durch die
+neue Einstellung seiner Interessen und die veränderte Natur seiner
+psychischen Arbeit. Am Bild interessierte ihn vor allem ein Problem,
+und hinter diesem einen sah er ungezählte andere Probleme auftauchen,
+wie er es in der endlosen und unabschließbaren Naturforschung gewohnt
+war. Er brachte sich nicht mehr dazu, seinen Anspruch zu beschränken,
+das Kunstwerk zu isolieren, es aus dem großen Zusammenhang zu reißen,
+in den er es gehörig wußte. Nach den erschöpfendsten Bemühungen, alles
+in ihm zum Ausdruck zu bringen, was sich in seinen Gedanken daran
+knüpfte, mußte er es unfertig im Stiche lassen oder es für unvollendet
+erklären.
+
+Der Künstler hatte einst den Forscher als Handlanger in seinen Dienst
+genommen, nun war der Diener der stärkere geworden und unterdrückte
+seinen Herrn.
+
+Wenn wir im Charakterbilde einer Person einen einzigen Trieb überstark
+ausgebildet finden, wie bei Leonardo die Wißbegierde, so berufen wir
+uns zur Erklärung auf eine besondere Anlage, über deren wahrscheinlich
+organische Bedingtheit meist noch nichts Näheres bekannt ist. Durch
+unsere psychoanalytischen Studien an Nervösen werden wir aber zwei
+weiteren Erwartungen geneigt, die wir gern in jedem einzelnen Falle
+bestätigt finden möchten. Wir halten es für wahrscheinlich, daß
+jener überstarke Trieb sich bereits in der frühesten Kindheit der
+Person betätigt hat, und daß seine Oberherrschaft durch Eindrücke
+des Kinderlebens festgelegt wurde, und wir nehmen ferner an, daß er
+ursprünglich sexuelle Triebkräfte zu seiner Verstärkung herangezogen
+hat, so daß er späterhin ein Stück des Sexuallebens vertreten kann. Ein
+solcher Mensch würde also z. B. forschen mit jener leidenschaftlichen
+Hingabe, mit der ein anderer seine Liebe ausstattet, und er könnte
+forschen anstatt zu lieben. Nicht nur beim Forschertrieb, sondern auch
+in den meisten anderen Fällen von besonderer Intensität eines Triebes
+würden wir den Schluß auf eine sexuelle Verstärkung desselben wagen.
+
+Die Beobachtung des täglichen Lebens der Menschen zeigt uns, daß es den
+meisten gelingt, ganz ansehnliche Anteile ihrer sexuellen Triebkräfte
+auf ihre Berufstätigkeit zu leiten. Der Sexualtrieb eignet sich ganz
+besonders dazu, solche Beiträge abzugeben, da er mit der Fähigkeit
+der Sublimierung begabt, d. h. im stande ist, sein nächstes Ziel
+gegen andere, eventuell höher gewertete und nicht sexuelle, Ziele zu
+vertauschen. Wir halten diesen Vorgang für erwiesen, wenn uns die
+Kindergeschichte, also die seelische Entwicklungsgeschichte einer
+Person zeigt, daß zur Kinderzeit der übermächtige Trieb im Dienste
+sexueller Interessen stand. Wir finden eine weitere Bestätigung darin,
+wenn sich im Sexualleben reifer Jahre eine auffällige Verkümmerung
+dartut, gleichsam als ob ein Stück der Sexualbetätigung nun durch die
+Betätigung des übermächtigen Triebes ersetzt wäre.
+
+Die Anwendung dieser Erwartungen auf den Fall des übermächtigen
+Forschertriebs scheint besonderen Schwierigkeiten zu unterliegen,
+da man gerade den Kindern weder diesen ernsthaften Trieb noch
+bemerkenswerte sexuelle Interessen zutrauen möchte. Indes sind diese
+Schwierigkeiten leicht zu beheben. Von der Wißbegierde der kleinen
+Kinder zeugt deren unermüdliche Fragelust, die dem Erwachsenen
+rätselhaft ist, so lange er nicht versteht, daß alle diese Fragen nur
+Umschweife sind, und daß sie kein Ende nehmen können, weil das Kind
+durch sie nur eine Frage ersetzen will, die es doch nicht stellt. Ist
+das Kind größer und einsichtsvoller geworden, so bricht diese Äußerung
+der Wißbegierde oft plötzlich ab. Eine volle Aufklärung gibt uns aber
+die psychoanalytische Untersuchung, indem sie uns lehrt, daß viele,
+vielleicht die meisten, jedenfalls die bestbegabten Kinder etwa vom
+dritten Lebensjahr an eine Periode durchmachen, die man als die der
+~infantilen Sexualforschung~ bezeichnen darf. Die Wißbegierde
+erwacht bei den Kindern dieses Alters, soviel wir wissen, nicht
+spontan, sondern wird durch den Eindruck eines wichtigen Erlebnisses
+geweckt, durch die erfolgte oder nach auswärtigen Erfahrungen
+gefürchtete Geburt eines Geschwisterchens, in der das Kind eine
+Bedrohung seiner egoistischen Interessen erblickt. Die Forschung
+richtet sich auf die Frage, woher die Kinder kommen, gerade so, als ob
+das Kind nach Mitteln und Wegen suchte, ein so unerwünschtes Ereignis
+zu verhüten. Wir haben so mit Erstaunen erfahren, daß das Kind den ihm
+gegebenen Auskünften den Glauben verweigert, z. B. die mythologisch
+so sinnreiche Storchfabel energisch abweist, daß es von diesem Akte
+des Unglaubens an seine geistige Selbständigkeit datiert, sich oft
+in ernstem Gegensatze zu den Erwachsenen fühlt und diesen eigentlich
+niemals mehr verzeiht, daß es bei diesem Anlasse um die Wahrheit
+betrogen wurde. Es forscht auf eigenen Wegen, errät den Aufenthalt
+des Kindes im Mutterleibe und schafft sich, von den Regungen der
+eigenen Sexualität geleitet, Ansichten über die Herkunft des Kindes
+vom Essen, über sein Geborenwerden durch den Darm, über die schwer zu
+ergründende Rolle des Vaters, und es ahnt bereits damals die Existenz
+des sexuellen Aktes, der ihm als etwas Feindseliges und Gewalttätiges
+erscheint. Aber wie seine eigene Sexualkonstitution der Aufgabe der
+Kinderzeugung noch nicht gewachsen ist, so muß auch seine Forschung,
+woher die Kinder kommen, im Sande verlaufen und als unvollendbar im
+Stiche gelassen werden. Der Eindruck dieses Mißglückens bei der ersten
+Probe intellektueller Selbständigkeit scheint ein nachhaltiger und tief
+deprimierender zu sein.[23]
+
+Wenn die Periode der infantilen Sexualforschung durch einen Schub
+energischer Sexualverdrängung abgeschlossen worden ist, leiten sich
+für das weitere Schicksal des Forschertriebes drei verschiedene
+Möglichkeiten aus seiner frühzeitlichen Verknüpfung mit sexuellen
+Interessen ab. Entweder die Forschung teilt das Schicksal der
+Sexualität, die Wißbegierde bleibt von da an gehemmt und die freie
+Betätigung der Intelligenz vielleicht für Lebenszeit eingeschränkt,
+besonders da kurze Zeit nachher durch die Erziehung die mächtige
+religiöse Denkhemmung zur Geltung gebracht wird. Dies ist der Typus
+der neurotischen Hemmung. Wir verstehen sehr wohl, daß die so
+erworbene Denkschwäche dem Ausbruch einer neurotischen Erkrankung
+wirksamen Vorschub leistet. In einem zweiten Typus ist die
+intellektuelle Entwicklung kräftig genug, um der an ihr zerrenden
+Sexualverdrängung zu widerstehen. Einige Zeit nach dem Untergang
+der infantilen Sexualforschung, wenn die Intelligenz erstarkt ist,
+bietet sie eingedenk der alten Verbindung ihre Hilfe zur Umgehung der
+Sexualverdrängung, und die unterdrückte Sexualforschung kehrt als
+Grübelzwang aus dem Unbewußten zurück, allerdings entstellt und unfrei,
+aber mächtig genug, um das Denken selbst zu sexualisieren und die
+intellektuellen Operationen mit der Lust und der Angst der eigentlichen
+Sexualvorgänge zu betonen. Das Forschen wird hier zur Sexualbetätigung,
+oft zur ausschließlichen, das Gefühl der Erledigung in Gedanken, der
+Klärung, wird an die Stelle der sexuellen Befriedigung gesetzt; aber
+der unabschließbare Charakter der Kinderforschung wiederholt sich auch
+darin, daß dies Grübeln nie ein Ende findet, und daß das gesuchte
+intellektuelle Gefühl der Lösung immer weiter in die Ferne rückt.
+
+Der dritte, seltenste und vollkommenste, Typus entgeht Kraft
+besonderer Anlage der Denkhemmung wie dem neurotischen Denkzwang.
+Die Sexualverdrängung tritt zwar auch hier ein, aber es gelingt ihr
+nicht, einen Partialtrieb der Sexuallust ins Unbewußte zu weisen,
+sondern die Libido entzieht sich dem Schicksal der Verdrängung, indem
+sie sich von Anfang an in Wißbegierde sublimiert und sich zu dem
+kräftigen Forschertrieb als Verstärkung schlägt. Auch hier wird das
+Forschen gewissermaßen zum Zwang und zum Ersatz der Sexualbetätigung,
+aber infolge der völligen Verschiedenheit der zu Grunde liegenden
+psychischen Prozesse (Sublimierung an Stelle des Durchbruches aus dem
+Unbewußten) bleibt der Charakter der Neurose aus, die Gebundenheit an
+die ursprünglichen Komplexe der infantilen Sexualforschung entfällt,
+und der Trieb kann sich frei im Dienste des intellektuellen Interesses
+betätigen. Der Sexualverdrängung, die ihn durch den Zuschuß von
+sublimierter Libido so stark gemacht hat, trägt er noch Rechnung, indem
+er die Beschäftigung mit sexuellen Themen vermeidet.
+
+Wenn wir das Zusammentreffen des übermächtigen Forschertriebes bei
+Leonardo mit der Verkümmerung seines Sexuallebens erwägen, welches sich
+auf sogenannte ideelle Homosexualität einschränkt, werden wir geneigt
+sein, ihn als einen Musterfall unseres dritten Typus in Anspruch zu
+nehmen. Daß es ihm nach infantiler Betätigung der Wißbegierde im
+Dienste sexueller Interessen dann gelungen ist, den größeren Anteil
+seiner Libido in Forscherdrang zu sublimieren, das wäre der Kern
+und das Geheimnis seines Wesens. Aber freilich der Beweis für diese
+Auffassung ist nicht leicht zu erbringen. Wir bedürften hiezu eines
+Einblickes in die seelische Entwicklung seiner ersten Kinderjahre,
+und es erscheint töricht, auf solches Material zu hoffen, wenn die
+Nachrichten über sein Leben so spärlich und so unsicher sind, und wenn
+es sich überdies um Auskünfte über Verhältnisse handelt, die sich
+noch bei Personen unserer eigenen Generation der Aufmerksamkeit der
+Beobachter entziehen.
+
+Wir wissen sehr wenig von der Jugend Leonardos. Er wurde 1452 in dem
+kleinen Städtchen ~Vinci~ zwischen Florenz und Empoli geboren; er
+war ein uneheliches Kind, was in jener Zeit gewiß nicht als schwerer
+bürgerlicher Makel betrachtet wurde; sein Vater war ~Ser Piero da
+Vinci~, ein Notar und Abkömmling einer Familie von Notaren und
+Landbebauern, die ihren Namen nach dem Orte Vinci führten; seine Mutter
+eine ~Catarina~, wahrscheinlich ein Bauernmädchen, die später mit
+einem anderen Einwohner von Vinci verheiratet war. Diese Mutter kommt
+in der Lebensgeschichte Leonardos nicht mehr vor, nur der Dichter
+~Mereschkowski~ glaubt ihre Spur nachweisen zu können. Die einzige
+sichere Auskunft über Leonardos Kindheit gibt ein amtliches Dokument
+aus dem Jahre 1457, ein Florentiner Steuerkataster, in welchem
+unter den Hausgenossen der Familie Vinci Leonardo als fünfjähriges
+illegitimes Kind des Ser Piero angeführt wird.[24] Die Ehe Ser Pieros
+mit einer Donna Albiera blieb kinderlos, darum konnte der kleine
+Leonardo im Hause seines Vaters aufgezogen werden. Dies Vaterhaus
+verließ er erst, als er, unbekannt in welchem Alter, als Lehrling in
+die Werkstatt des ~Andrea del Verrocchio~ eintrat. Im Jahre 1472
+findet sich Leonardos Name bereits im Verzeichnis der Mitglieder der
+»Compagnia dei Pittori«. Das ist alles.
+
+
+
+
+ II.
+
+
+Ein einziges Mal, soviel mir bekannt ist, hat Leonardo in eine seiner
+wissenschaftlichen Niederschriften eine Mitteilung aus seiner Kindheit
+eingestreut. An einer Stelle, die vom Fluge des Geiers handelt,
+unterbricht er sich plötzlich, um einer in ihm auftauchenden Erinnerung
+aus sehr frühen Jahren zu folgen.
+
+»Es scheint, daß es mir schon vorher bestimmt war, mich so gründlich
+mit dem Geier zu befassen, denn es kommt mir als eine ganz frühe
+Erinnerung in den Sinn, als ich noch in der Wiege lag, ist ein Geier
+zu mir herabgekommen, hat mir den Mund mit seinem Schwanz geöffnet und
+viele Male mit diesem seinen Schwanz gegen meine Lippen gestoßen.«[25]
+
+Eine Kindheitserinnerung also, und zwar höchst befremdender Art.
+Befremdend wegen ihres Inhaltes und wegen der Lebenszeit, in die sie
+verlegt wird. Daß ein Mensch eine Erinnerung an seine Säuglingszeit
+bewahren könne, ist vielleicht nicht unmöglich, kann aber keineswegs
+als gesichert gelten. Was jedoch diese Erinnerung Leonardos behauptet,
+daß ein Geier dem Kinde mit seinem Schwanz den Mund geöffnet,
+das klingt so unwahrscheinlich, so märchenhaft, daß eine andere
+Auffassung, die beiden Schwierigkeiten mit einem Schlage ein Ende
+macht, sich unserem Urteile besser empfiehlt. Jene Szene mit dem Geier
+wird nicht eine Erinnerung Leonardos sein, sondern eine Phantasie,
+die er sich später gebildet und in seine Kindheit versetzt hat. Die
+Kindheitserinnerungen der Menschen haben oft keine andere Herkunft;
+sie werden überhaupt nicht, wie die bewußten Erinnerungen aus der
+Zeit der Reife vom Erlebnis an fixiert und wiederholt, sondern erst
+in späterer Zeit, wenn die Kindheit schon vorüber ist, hervorgeholt,
+dabei verändert, verfälscht, in den Dienst späterer Tendenzen gestellt,
+so daß sie sich ganz allgemein von Phantasien nicht strenge scheiden
+lassen. Vielleicht kann man sich ihre Natur nicht besser klar machen,
+als indem man an die Art und Weise denkt, wie bei den alten Völkern
+die Geschichtschreibung entstanden ist. Solange das Volk klein und
+schwach war, dachte es nicht daran, seine Geschichte zu schreiben; man
+bearbeitete den Boden des Landes, wehrte sich seiner Existenz gegen die
+Nachbarn, suchte ihnen Land abzugewinnen und zu Reichtum zu kommen.
+Es war eine heroische und unhistorische Zeit. Dann brach eine andere
+Zeit an, in der man zur Besinnung kam, sich reich und mächtig fühlte,
+und nun entstand das Bedürfnis zu erfahren, woher man gekommen und wie
+man geworden war. Die Geschichtschreibung, welche begonnen hatte, die
+Erlebnisse der Jetztzeit fortlaufend zu verzeichnen, warf den Blick
+auch nach rückwärts in die Vergangenheit, sammelte Traditionen und
+Sagen, deutete die Überlebsel alter Zeiten in Sitten und Gebräuchen
+und schuf so eine Geschichte der Vorzeit. Es war unvermeidlich, daß
+diese Vorgeschichte eher ein Ausdruck der Meinungen und Wünsche der
+Gegenwart als ein Abbild der Vergangenheit wurde, denn vieles war von
+dem Gedächtnis des Volkes beseitigt, anderes entstellt worden, manche
+Spur der Vergangenheit wurde mißverständlich im Sinne der Gegenwart
+gedeutet, und überdies schrieb man ja nicht Geschichte aus den Motiven
+objektiver Wißbegierde, sondern weil man auf seine Zeitgenossen wirken,
+sie aneifern, erheben oder ihnen einen Spiegel vorhalten wollte.
+Das bewußte Gedächtnis eines Menschen von den Erlebnissen seiner
+Reifezeit ist nun durchaus jener Geschichtschreibung zu vergleichen,
+und seine Kindheitserinnerungen entsprechen nach ihrer Entstehung
+und Verläßlichkeit wirklich der spät und tendenziös zurechtgemachten
+Geschichte der Urzeit eines Volkes.
+
+Wenn die Erzählung Leonardos vom Geier, der ihn in der Wiege besucht,
+also nur eine spätgeborene Phantasie ist, so sollte man meinen, es
+könne sich kaum verlohnen, länger bei ihr zu verweilen. Zu ihrer
+Erklärung könnte man sich ja mit der offen kundgegebenen Tendenz
+begnügen, seiner Beschäftigung mit dem Problem des Vogelfluges
+die Weihe einer Schicksalsbestimmung zu leihen. Allein mit dieser
+Geringschätzung beginge man ein ähnliches Unrecht, wie wenn man das
+Material von Sagen, Traditionen und Deutungen in der Vorgeschichte
+eines Volkes leichthin verwerfen würde. Allen Entstellungen und
+Mißverständnissen zum Trotze ist die Realität der Vergangenheit doch
+durch sie repräsentiert; sie sind das, was das Volk aus den Erlebnissen
+seiner Urzeit gestaltet hat, unter der Herrschaft einstens mächtiger
+und heute noch wirksamer Motive, und könnte man nur durch die Kenntnis
+aller wirkenden Kräfte diese Entstellungen rückgängig machen, so
+müßte man hinter diesem sagenhaften Material die historische Wahrheit
+aufdecken können. Gleiches gilt für die Kindheitserinnerungen oder
+Phantasien der Einzelnen. Es ist nicht gleichgültig, was ein Mensch aus
+seiner Kindheit zu erinnern glaubt; in der Regel sind hinter den von
+ihm selbst nicht verstandenen Erinnerungsresten unschätzbare Zeugnisse
+für die bedeutsamsten Züge seiner seelischen Entwicklung verborgen. Da
+wir nun in den psychoanalytischen Techniken vortreffliche Hilfsmittel
+besitzen, um dies Verborgene ans Licht zu ziehen, wird uns der Versuch
+gestattet sein, die Lücke in Leonardos Lebensgeschichte durch die
+Analyse seiner Kindheitsphantasie auszufüllen. Erreichen wir dabei
+keinen befriedigenden Grad von Sicherheit, so müssen wir uns damit
+trösten, daß so vielen anderen Untersuchungen über den großen und
+rätselhaften Mann kein besseres Schicksal beschieden war.
+
+Wenn wir aber die Geierphantasie Leonardos mit dem Auge des
+Psychoanalytikers betrachten, so erscheint sie uns nicht lange
+fremdartig; wir glauben uns zu erinnern, daß wir oftmals, z. B.
+in Träumen, ähnliches gefunden haben, so daß wir uns getrauen
+können, diese Phantasie aus der ihr eigentümlichen Sprache in
+gemeinverständliche Worte zu übersetzen. Die Übersetzung zielt dann
+aufs Erotische. Schwanz, »coda«, ist eines der bekanntesten Symbole
+und Ersatzbezeichnungen des männlichen Gliedes, im Italienischen
+nicht minder als in anderen Sprachen; die in der Phantasie enthaltene
+Situation, daß ein Geier den Mund des Kindes öffnet und mit dem Schwanz
+tüchtig darin herumarbeitet, entspricht der Vorstellung einer Fellatio,
+eines sexuellen Aktes, bei dem das Glied in den Mund der gebrauchten
+Person eingeführt wird. Sonderbar genug, daß diese Phantasie so
+durchwegs passiven Charakter an sich trägt; sie ähnelt auch gewissen
+Träumen und Phantasien von Frauen oder passiven Homosexuellen (die im
+Sexualverkehr die weibliche Rolle spielen).
+
+Möge der Leser nun an sich halten und nicht in aufflammender Entrüstung
+der Psychoanalyse die Gefolgschaft verweigern, weil sie schon in ihren
+ersten Anwendungen zu einer unverzeihlichen Schmähung des Andenkens
+eines großen und reinen Mannes führt. Es ist doch offenbar, daß diese
+Entrüstung uns niemals wird sagen können, was die Kindheitsphantasie
+Leonardos bedeutet; anderseits hat sich Leonardo in unzweideutigster
+Weise zu dieser Phantasie bekannt, und wir lassen die Erwartung -- wenn
+man will: das Vorurteil -- nicht fallen, daß eine solche Phantasie wie
+jede psychische Schöpfung, wie ein Traum, eine Vision, ein Delirium,
+irgend eine Bedeutung haben muß. Schenken wir darum lieber der
+analytischen Arbeit, die ja noch nicht ihr letztes Wort gesprochen hat,
+für eine Weile gerechtes Gehör.
+
+Die Neigung, das Glied des Mannes in den Mund zu nehmen, um daran zu
+saugen, die in der bürgerlichen Gesellschaft zu den abscheulichen
+sexuellen Perversionen gerechnet wird, kommt doch bei den Frauen
+unserer Zeit -- und, wie alte Bildwerke beweisen, auch früherer
+Zeiten -- sehr häufig vor und scheint im Zustande der Verliebtheit
+ihren anstößigen Charakter völlig abzustreifen. Der Arzt begegnet
+Phantasien, die sich auf diese Neigung gründen, auch bei weiblichen
+Personen, die nicht durch die Lektüre der Psychopathia sexualis von
+v. ~Krafft-Ebing~ oder durch sonstige Mitteilung zur Kenntnis
+von der Möglichkeit einer derartigen Sexualbefriedigung gelangt
+sind. Es scheint, daß es den Frauen leicht wird, aus Eigenem solche
+Wunschphantasien zu schaffen.[26] Die Nachforschung lehrt uns
+denn auch, daß diese von der Sitte so schwer geächtete Situation
+die harmloseste Ableitung zuläßt. Sie ist nichts anderes als die
+Umarbeitung einer anderen Situation, in welcher wir uns einst alle
+behaglich fühlten, als wir im Säuglingsalter (»essendo io in culla«)
+die Brustwarze der Mutter oder Amme in den Mund nahmen, um an ihr zu
+saugen. Der organische Eindruck dieses unseres ersten Lebensgenusses
+ist wohl unzerstörbar eingeprägt geblieben; wenn das Kind später das
+Euter der Kuh kennen lernt, das seiner Funktion nach eine Brustwarze,
+seiner Gestalt und Lage am Unterleib nach aber einem Penis gleichkommt,
+hat es die Vorstufe für die spätere Bildung jener anstößigen sexuellen
+Phantasie gewonnen.
+
+Wir verstehen jetzt, warum Leonardo die Erinnerung an das angebliche
+Erlebnis mit dem Geier in seine Säuglingszeit verlegt. Hinter dieser
+Phantasie verbirgt sich doch nichts anderes als eine Reminiszenz
+an das Saugen -- oder Gesäugtwerden -- an der Mutterbrust, welche
+menschlich schöne Szene er wie so viele andere Künstler an der Mutter
+Gottes und ihrem Kinde mit dem Pinsel darzustellen unternommen hat.
+Allerdings wollen wir auch festhalten, was wir noch nicht verstehen,
+daß diese für beide Geschlechter gleich bedeutsame Reminiszenz von dem
+Manne Leonardo zu einer passiven homosexuellen Phantasie umgearbeitet
+worden ist. Wir werden die Frage vorläufig bei Seite lassen, welcher
+Zusammenhang etwa die Homosexualität mit dem Saugen an der Mutterbrust
+verbindet, und uns bloß daran erinnern, daß die Tradition Leonardo
+wirklich als einen homosexuell Fühlenden bezeichnet. Dabei gilt es uns
+gleich, ob jene Anklage gegen den Jüngling Leonardo berechtigt war oder
+nicht; nicht die reale Betätigung, sondern die Einstellung des Gefühls
+entscheidet für uns darüber, ob wir irgend jemand die Eigentümlichkeit
+der Homosexualität zuerkennen sollen.
+
+Ein anderer unverstandener Zug der Kindheitsphantasie Leonardos nimmt
+unser Interesse zunächst in Anspruch. Wir deuten die Phantasie auf das
+Gesäugtwerden durch die Mutter und finden die Mutter ersetzt durch
+einen -- Geier. Woher rührt dieser Geier und wie kommt er an diese
+Stelle?
+
+Ein Einfall bietet sich da, so fernab liegend, daß man versucht wäre,
+auf ihn zu verzichten. In der heiligen Bilderschrift der alten Ägypter
+wird die Mutter allerdings mit dem Bilde des Geiers geschrieben.[27]
+Diese Ägypter verehrten auch eine mütterliche Gottheit, die geierköpfig
+gebildet wurde oder mit mehreren Köpfen, von denen wenigstens einer
+der eines Geiers war.[28] Der Name dieser Göttin wurde ~Mut~
+ausgesprochen; ob die Lautähnlichkeit mit unserem Worte »Mutter« nur
+eine zufällige ist? So steht der Geier wirklich in Beziehung zur
+Mutter, aber was kann uns das helfen? Dürfen wir Leonardo denn diese
+Kenntnis zumuten, wenn die Lesung der Hieroglyphen erst François
+~Champollion~ (1790-1832) gelungen ist?[29]
+
+Man möchte sich dafür interessieren, auf welchem Wege auch nur
+die alten Ägypter dazu gekommen sind, den Geier zum Symbol der
+Mütterlichkeit zu wählen. Nun war die Religion und Kultur der Ägypter
+bereits den Griechen und Römern Gegenstand wissenschaftlicher
+Neugierde, und lange, ehe wir selbst die Denkmäler Ägyptens lesen
+konnten, standen uns einzelne Mitteilungen darüber aus erhaltenen
+Schriften des klassischen Altertums zu Gebote, Schriften, die teils
+von bekannten Autoren herrühren, wie ~Strabo~, ~Plutarch~,
+~Aminianus Marcellus~, teils unbekannte Namen tragen und unsicher
+in ihrer Herkunft und Abfassungszeit sind wie die Hieroglyphica des
+~Horapollo Nilus~ und das unter dem Götternamen des ~Hermes
+Trismegistos~ überlieferte Buch orientalischer Priesterweisheit.
+Aus diesen Quellen erfahren wir, daß der Geier als Symbol der
+Mütterlichkeit galt, weil man glaubte, es gäbe nur weibliche Geier und
+keine männlichen von dieser Vogelart.[30] Die Naturgeschichte der Alten
+kannte auch ein Gegenstück zu dieser Einschränkung; bei den Skarabäen,
+den von den Ägyptern als göttlich verehrten Käfern, meinten sie, gebe
+es nur Männchen.[31]
+
+Wie sollte nun die Befruchtung der Geier vor sich gehen, wenn sie alle
+nur Weibchen waren? Darüber gibt eine Stelle des ~Horapollo~[32]
+guten Aufschluß. Zu einer gewissen Zeit halten diese Vögel im Fluge
+inne, öffnen ihre Scheide und empfangen vom Winde.
+
+Wir sind jetzt unerwarteter Weise dazu gelangt, etwas für recht
+wahrscheinlich zu halten, was wir vor kurzem noch als absurd
+zurückweisen mußten. Leonardo kann das wissenschaftliche Märchen, dem
+es der Geier verdankt, daß die Ägypter mit seinem Bild den Begriff
+der Mutter schrieben, sehr wohl gekannt haben. Er war ein Vielleser,
+dessen Interesse alle Gebiete der Literatur und des Wissens umfaßte.
+Wir besitzen im Codex atlanticus ein Verzeichnis aller Bücher, die er
+zu einer gewissen Zeit besaß,[33] dazu zahlreiche Notizen über andere
+Bücher, die er von Freunden entlehnt hatte, und nach den Exzerpten,
+die Fr. ~Richter~[34] aus seinen Aufzeichnungen zusammengestellt
+hat, können wir den Umfang seiner Lektüre kaum überschätzen.
+Unter dieser Zahl fehlen auch ältere wie gleichzeitige Werke von
+naturwissenschaftlichem Inhalte nicht. Alle diese Bücher waren zu jener
+Zeit schon im Drucke vorhanden, und gerade Mailand war für Italien die
+Hauptstätte der jungen Buchdruckerkunst.
+
+Wenn wir nun weiter gehen, stoßen wir auf eine Nachricht, welche
+die Wahrscheinlichkeit, Leonardo habe das Geiermärchen gekannt, zur
+Sicherheit steigern kann. Der gelehrte Herausgeber und Kommentator
+des ~Horapollo~ bemerkt zu dem bereits zitierten Text (p. 172):
+Caeterum hanc fabulam de vulturibus cupide amplexi sunt Patres
+Ecclesiastici, ut ita argumento ex rerum natura petito refutarent eos,
+qui Virginis partum negabant; itaque apud omnes fere hujus rei mentio
+occurit.
+
+Also die Fabel von der Eingeschlechtigkeit und der Empfängnis der Geier
+war keineswegs eine indifferente Anekdote geblieben wie die analoge
+von den Skarabäen; die Kirchenväter hatten sich ihrer bemächtigt, um
+gegen die Zweifler an der heiligen Geschichte ein Argument aus der
+Naturgeschichte zur Hand zu haben. Wenn nach den besten Nachrichten
+aus dem Altertum die Geier darauf angewiesen waren, sich vom Winde
+befruchten zu lassen, warum sollte nicht auch einmal das gleiche mit
+einem menschlichen Weibe vorgegangen sein? Dieser Verwertbarkeit wegen
+pflegten die Kirchenväter »fast alle« die Geierfabel zu erzählen, und
+nun kann es kaum zweifelhaft sein, daß sie durch so mächtige Patronanz
+auch Leonardo bekannt geworden ist.
+
+Die Entstehung der Geierphantasie Leonardos können wir uns nun in
+folgender Weise vorstellen. Als er einmal bei einem Kirchenvater oder
+in einem naturwissenschaftlichen Buche davon las, die Geier seien alle
+Weibchen und wüßten sich ohne Mithilfe von Männchen fortzupflanzen,
+da tauchte in ihm eine Erinnerung auf, die sich zu jener Phantasie
+umgestaltete, die aber besagen wollte, er sei ja auch so ein Geierkind
+gewesen, das eine Mutter, aber keinen Vater gehabt habe, und dazu
+gesellte sich in der Art, wie so alte Eindrücke sich allein äußern
+können, ein Nachhall des Genusses, der ihm an der Mutterbrust zu teil
+geworden war. Die von den Autoren hergestellte Anspielung auf die jedem
+Künstler teure Vorstellung der heiligen Jungfrau mit dem Kinde mußte
+dazu beitragen, ihm diese Phantasie wertvoll und bedeutsam erscheinen
+zu lassen. Kam er doch so dazu, sich mit dem Christusknaben, dem
+Tröster und Erlöser nicht nur des einen Weibes, zu identifizieren.
+
+Wenn wir eine Kindheitsphantasie zersetzen, streben wir danach, deren
+realen Erinnerungsinhalt von den späteren Motiven zu sondern, welche
+denselben modifizieren und entstellen. Im Falle Leonardos glauben
+wir jetzt den realen Inhalt der Phantasie zu kennen; die Ersetzung
+der Mutter durch den Geier weist darauf hin, daß das Kind den Vater
+vermißt und sich mit der Mutter allein gefunden hat. Die Tatsache der
+illegitimen Geburt Leonardos stimmt zu seiner Geierphantasie; nur darum
+konnte er sich einem Geierkinde vergleichen. Aber wir haben als die
+nächste gesicherte Tatsache aus seiner Jugend erfahren, daß er im Alter
+von fünf Jahren in den Haushalt seines Vaters aufgenommen war; wann
+dies geschah, ob wenige Monate nach seiner Geburt, ob wenige Wochen vor
+der Aufnahme jenes Katasters, ist uns völlig unbekannt. Da tritt nun
+die Deutung der Geierphantasie ein und will uns belehren, daß Leonardo
+die entscheidenden ersten Jahre seines Lebens nicht bei seinem Vater
+und seiner Stiefmutter, sondern bei der armen, verlassenen, echten
+Mutter verbrachte, so daß er Zeit hatte, seinen Vater zu vermissen.
+Dies scheint ein mageres und dabei noch immer gewagtes Ergebnis der
+psychoanalytischen Bemühung, allein es wird bei weiterer Vertiefung
+an Bedeutung gewinnen. Der Sicherheit kommt noch die Erwägung der
+tatsächlichen Verhältnisse in der Kindheit Leonardos zu Hilfe. Den
+Berichten nach heiratete sein Vater Ser Piero da Vinci noch im Jahre
+von Leonardos Geburt die vornehme Donna Albiera; der Kinderlosigkeit
+dieser Ehe verdankte der Knabe seine im fünften Jahre dokumentarisch
+bestätigte Aufnahme ins väterliche oder vielmehr großväterliche Haus.
+Nun ist es nicht gebräuchlich, daß man der jungen Frau, die noch auf
+Kindersegen rechnet, von Anfang an einen illegitimen Sprößling zur
+Pflege übergibt. Es mußten wohl erst Jahre von Enttäuschung hingegangen
+sein, ehe man sich entschloß, das wahrscheinlich reizend entwickelte
+uneheliche Kind zur Entschädigung für die vergeblich erhofften
+ehelichen Kinder anzunehmen. Es steht im besten Einklang mit der
+Deutung der Geierphantasie, wenn mindestens drei Jahre, vielleicht
+fünf, von Leonardos Leben verflossen waren, ehe er seine einsame Mutter
+gegen ein Elternpaar vertauschen konnte. Dann aber war es bereits zu
+spät geworden. In den ersten drei oder vier Lebensjahren fixieren sich
+Eindrücke und bahnen sich Reaktionsweisen gegen die Außenwelt an, die
+durch kein späteres Erleben mehr ihrer Bedeutung beraubt werden können.
+
+Wenn es richtig ist, daß die unverständlichen Kindheitserinnerungen und
+die auf sie gebauten Phantasien eines Menschen stets das Wichtigste
+aus seiner seelischen Entwicklung herausheben, so muß die durch
+die Geierphantasie erhärtete Tatsache, daß Leonardo seine ersten
+Lebensjahre allein mit der Mutter verbracht hat, von entscheidendstem
+Einfluß auf die Gestaltung seines inneren Lebens gewesen sein. Unter
+den Wirkungen dieser Konstellation kann es nicht gefehlt haben, daß
+das Kind, welches in seinem jungen Leben ein Problem mehr vorfand
+als andere Kinder, mit besonderer Leidenschaft über diese Rätsel zu
+grübeln begann und so frühzeitig ein Forscher wurde, den die großen
+Fragen quälten, woher die Kinder kommen, und was der Vater mit ihrer
+Entstehung zu tun habe. Die Ahnung dieses Zusammenhanges zwischen
+seiner Forschung und seiner Kindheitsgeschichte hat ihm dann später den
+Ausruf entlockt, ihm sei es wohl von jeher bestimmt gewesen, sich in
+das Problem des Vogelfluges zu vertiefen, da er schon in der Wiege von
+einem Geier heimgesucht worden war. Die Wißbegierde, die sich auf den
+Vogelflug richtet, von der infantilen Sexualforschung abzuleiten, wird
+eine spätere, unschwer zu erledigende Aufgabe sein.
+
+
+
+
+ III.
+
+
+In der Kindheitsphantasie Leonardos repräsentierte uns das Element des
+Geiers den realen Erinnerungsinhalt; der Zusammenhang, in den Leonardo
+selbst seine Phantasie gestellt hatte, warf ein helles Licht auf die
+Bedeutung dieses Inhaltes für sein späteres Leben. Bei fortschreitender
+Deutungsarbeit stoßen wir nun auf das befremdliche Problem, warum
+dieser Erinnerungsinhalt in eine homosexuelle Situation umgearbeitet
+worden ist. Die Mutter, die das Kind säugt -- besser: an der das Kind
+saugt --, ist in einen Geiervogel verwandelt, der dem Kinde seinen
+Schwanz in den Mund steckt. Wir behaupten, daß die »Coda« des Geiers
+nach gemeinem substituierenden Sprachgebrauch gar nichts anderes als
+ein männliches Genitale, einen Penis, bedeuten kann. Aber wir verstehen
+nicht, wie die Phantasietätigkeit dazu gelangen kann, gerade den
+mütterlichen Vogel mit dem Abzeichen der Männlichkeit auszustatten, und
+werden angesichts dieser Absurdität an der Möglichkeit irre, dieses
+Phantasiegebilde auf einen vernünftigen Sinn zu reduzieren.
+
+Indes wir dürfen nicht verzagen. Wieviel scheinbar absurde Träume haben
+wir nicht schon genötigt, ihren Sinn einzugestehen! Warum sollte es bei
+einer Kindheitsphantasie schwieriger werden als bei einem Traum!
+
+Erinnern wir uns daran, daß es nicht gut ist, wenn sich eine
+Sonderbarkeit vereinzelt findet, und beeilen wir uns, ihr eine zweite,
+noch auffälligere, zur Seite zu stellen.
+
+Die geierköpfig gebildete Göttin ~Mut~ der Ägypter, eine Gestalt von
+ganz unpersönlichem Charakter, wie ~Drexler~ in ~Roschers~ Lexikon
+urteilt, wurde häufig mit anderen mütterlichen Gottheiten von
+lebendigerer Individualität wie ~Isis~ und ~Hathor~ verschmolzen,
+behielt aber daneben ihre gesonderte Existenz und Verehrung. Es
+war eine besondere Eigentümlichkeit des ägyptischen Pantheons,
+daß die einzelnen Götter nicht im Synkretismus untergingen. Neben
+der Götterkomposition blieb die einfache Göttergestalt in ihrer
+Selbständigkeit bestehen. Diese geierköpfige mütterliche Gottheit
+wurde nun von den Ägyptern in den meisten Darstellungen phallisch
+gebildet;[35] ihr durch die Brüste als weiblich gekennzeichneter Körper
+trägt auch ein männliches Glied im Zustande der Erektion.
+
+Bei der Göttin ~Mut~ also dieselbe Vereinigung mütterlicher und
+männlicher Charaktere wie in der Geierphantasie Leonardos! Sollen
+wir dies Zusammentreffen durch die Annahme aufklären, Leonardo habe
+aus seinen Bücherstudien auch die androgyne Natur des mütterlichen
+Geiers gekannt? Solche Möglichkeit ist mehr als fraglich; es scheint,
+daß die ihm zugänglichen Quellen von dieser merkwürdigen Bestimmung
+nichts enthielten. Es liegt wohl näher, die Übereinstimmung auf ein
+gemeinsames, hier wie dort wirksames und noch unbekanntes Motiv
+zurückzuführen.
+
+Die Mythologie kann uns berichten, daß die androgyne Bildung, die
+Vereinigung männlicher und weiblicher Geschlechtscharaktere, nicht nur
+der ~Mut~ zukam, sondern auch anderen Gottheiten wie der Isis
+und Hathor, aber diesen vielleicht nur, insofern sie auch mütterliche
+Natur hatten und mit der ~Mut~ verschmolzen wurden.[36] Sie lehrt
+uns ferner, daß andere Gottheiten der Ägypter, wie die ~Neith~
+von ~Sais~, aus der später die griechische ~Athene~ wurde,
+ursprünglich androgyn, dihermaphroditisch aufgefaßt wurden, und daß
+das gleiche für viele ~der griechischen~ Götter besonders aus
+dem Kreise des Dionysos, aber auch für die später zur weiblichen
+Liebesgöttin eingeschränkten ~Aphrodite~ galt. Sie mag dann die
+Erklärung versuchen, daß der dem weiblichen Körper angefügte Phallus
+die schöpferische Urkraft der Natur bedeuten solle, und daß alle
+diese hermaphroditischen Götterbildungen die Idee ausdrücken, erst
+die Vereinigung von Männlichem und Weiblichem könne eine würdige
+Darstellung der göttlichen Vollkommenheit ergeben. Aber keine dieser
+Bemerkungen klärt uns das psychologische Rätsel, daß die Phantasie der
+Menschen keinen Anstoß daran nimmt, eine Gestalt, die ihr das Wesen der
+Mutter verkörpern soll, mit dem zur Mütterlichkeit gegensätzlichen
+Zeichen der männlichen Kraft zu versehen.
+
+Die Aufklärung kommt von seiten der infantilen Sexualtheorien. Es hatte
+allerdings eine Zeit gegeben, in der das männliche Genitale mit der
+Darstellung der Mutter vereinbar gefunden wurde. Wenn das männliche
+Kind seine Wißbegierde zuerst auf die Rätsel des Geschlechtslebens
+richtet, wird es von dem Interesse für sein eigenes Genitale
+beherrscht. Es findet diesen Teil seines Körpers zu wertvoll und zu
+wichtig, als daß es glauben könnte, er würde anderen Personen fehlen,
+denen es sich so ähnlich fühlt. Da es nicht erraten kann, daß es noch
+einen anderen, gleichwertigen Typus von Genitalbildung gibt, muß es
+zur Annahme greifen, daß alle Menschen, auch die Frauen, ein solches
+Glied wie er besitzen. Dieses Vorurteil setzt sich bei dem jugendlichen
+Forscher so fest, daß es auch durch die ersten Beobachtungen an den
+Genitalien kleiner Mädchen nicht zerstört wird. Die Wahrnehmung sagt
+ihm allerdings, daß da etwas anders ist als bei ihm, aber er ist
+nicht im stande, sich als Inhalt dieser Wahrnehmung einzugestehen,
+daß er beim Mädchen das Glied nicht finden könne. Daß das Glied
+fehlen könne, ist ihm eine unheimliche, unerträgliche Vorstellung,
+er versucht darum eine vermittelnde Entscheidung: das Glied sei auch
+beim Mädchen vorhanden, aber es sei noch sehr klein; es werde später
+wachsen.[37] Scheint sich diese Erwartung bei späteren Beobachtungen
+nicht zu erfüllen, so bietet sich ihm ein anderer Ausweg. Das Glied
+war auch beim kleinen Mädchen da, aber es ist abgeschnitten worden, an
+seiner Stelle ist eine Wunde geblieben. Dieser Fortschritt der Theorie
+verwertet bereits eigene Erfahrungen von peinlichem Charakter; er hat
+unterdeß die Drohung gehört, daß man ihm das teure Organ wegnehmen
+wird, wenn er sein Interesse dafür allzu deutlich betätigt. Unter dem
+Einfluß dieser Kastrationsandrohung deutet er jetzt seine Auffassung
+des weiblichen Genitales um; er wird von nun an für seine Männlichkeit
+zittern, dabei aber die unglücklichen Geschöpfe verachten, an denen
+nach seiner Meinung die grausame Bestrafung bereits vollzogen worden
+ist.
+
+Ehe das Kind unter die Herrschaft des Kastrationskomplexes geriet,
+zur Zeit, als ihm das Weib noch als vollwertig galt, begann eine
+intensive Schaulust als erotische Triebbetätigung sich bei ihm zu
+äußern. Es wollte die Genitalien anderer Personen sehen, ursprünglich
+wahrscheinlich, um sie mit den eigenen zu vergleichen. Die erotische
+Anziehung, die von der Person der Mutter ausging, gipfelte bald in der
+Sehnsucht nach ihrem für einen Penis gehaltenen Genitale. Mit der erst
+spät erworbenen Erkenntnis, daß das Weib keinen Penis besitzt, schlägt
+diese Sehnsucht oft in ihr Gegenteil um, macht einem Abscheu Platz, der
+in den Jahren der Pubertät zur Ursache der psychischen Impotenz, der
+Misogynie, der dauernden Homosexualität werden kann. Aber die Fixierung
+an das einst heiß begehrte Objekt, den Penis des Weibes, hinterläßt
+unauslöschliche Spuren im Seelenleben des Kindes, welches jenes Stück
+infantiler Sexualforschung mit besonderer Vertiefung durchgemacht hat.
+Die fetischartige Verehrung des weiblichen Fußes und Schuhes scheint
+den Fuß nur als Ersatzsymbol für das einst verehrte, seither vermißte
+Glied des Weibes zu nehmen; die »Zopfabschneider« spielen, ohne es zu
+wissen, die Rolle von Personen, die am weiblichen Genitale den Akt der
+Kastration ausführen.
+
+Man wird zu den Betätigungen der kindlichen Sexualität kein richtiges
+Verhältnis gewinnen und wahrscheinlich zur Auskunft greifen,
+diese Mitteilungen für unglaubwürdig zu erklären, solange man den
+Standpunkt unserer kulturellen Geringschätzung der Genitalien und der
+Geschlechtsfunktionen überhaupt nicht verläßt. Zum Verständnis des
+kindlichen Seelenlebens bedarf es urzeitlicher Analogien. Für uns
+sind die Genitalien schon seit einer langen Reihe von Generationen
+die ~Pudenda~, Gegenstände der Scham, und bei weiter gediehener
+Sexualverdrängung sogar des Ekels. Widerwillig fügen sich die heute
+Lebenden in ihrer Mehrheit den Geboten der Fortpflanzung und fühlen
+sich dabei in ihrer menschlichen Würde gekränkt und herabgesetzt.
+Was an anderer Auffassung des Geschlechtslebens unter uns vorhanden
+ist, hat sich auf die roh gebliebenen, niedrigen Volksschichten
+zurückgezogen, versteckt sich bei den höheren und verfeinerten als
+kulturell minderwertig und wagt seine Betätigung nur unter den
+verbitternden Mahnungen eines schlechten Gewissens. Anders war es in
+den Urzeiten des Menschengeschlechtes. Aus den mühseligen Sammlungen
+der Kulturforscher kann man sich die Überzeugung holen, daß die
+Genitalien ursprünglich der Stolz und die Hoffnung der Lebenden waren,
+göttliche Verehrung genossen und die Göttlichkeit ihrer Funktionen auf
+alle neu erlernten Tätigkeiten der Menschen übertrugen. Ungezählte
+Göttergestalten erhoben sich durch Sublimierung aus ihrem Wesen, und
+zur Zeit, da der Zusammenhang der offiziellen Religionen mit der
+Geschlechtstätigkeit bereits dem allgemeinen Bewußtsein verhüllt war,
+bemühten sich Geheimkulte, ihn bei einer Anzahl von Eingeweihten lebend
+zu erhalten. Endlich geschah es im Laufe der Kulturentwicklung, daß
+so viel Göttliches und Heiliges aus der Geschlechtlichkeit extrahiert
+war, bis der erschöpfte Rest der Verachtung verfiel. Aber bei der
+Unvertilgbarkeit, die in der Natur aller seelischen Spuren liegt, darf
+man sich nicht verwundern, daß selbst die primitivsten Formen von
+Anbetung der Genitalien bis in ganz rezente Zeiten nachzuweisen sind,
+und daß Sprachgebrauch, Sitten und Aberglauben der heutigen Menschheit
+die Überlebsel von allen Phasen dieses Entwicklungsganges
+enthalten.[38]
+
+Wir sind durch gewichtige biologische Analogien darauf vorbereitet,
+daß die seelische Entwicklung des Einzelnen den Lauf der
+Menschheitsentwicklung abgekürzt wiederhole, und werden darum nicht
+unwahrscheinlich finden, was die psychoanalytische Erforschung der
+Kinderseele über die infantile Schätzung der Genitalien ergeben hat.
+Die kindliche Annahme des mütterlichen Penis ist nun die gemeinsame
+Quelle, aus der sich die androgyne Bildung der mütterlichen Gottheiten
+wie der ägyptischen ~Mut~ und die »Coda« des Geiers in Leonardos
+Kindheitsphantasie ableiten. Wir heißen ja diese Götterdarstellungen
+nur mißverständlich hermaphroditisch im ärztlichen Sinne des
+Wortes. Keine von ihnen vereinigt die wirklichen Genitalien beider
+Geschlechter, wie sie in manchen Mißbildungen vereinigt sind zum
+Abscheu jedes menschlichen Auges; sie fügen bloß den Brüsten als
+Abzeichen der Mütterlichkeit das männliche Glied hinzu, wie es in
+der ersten Vorstellung des Kindes vom Leibe der Mutter vorhanden
+war. Die Mythologie hat diese ehrwürdige, uranfänglich phantasierte
+Körperbildung der Mutter für die Gläubigen erhalten. Die Hervorhebung
+des Geierschwanzes in der Phantasie Leonardos können wir nun so
+übersetzen: Damals, als sich meine zärtliche Neugierde auf die Mutter
+richtete, und ich ihr noch ein Genitale wie mein eigenes zuschrieb. Ein
+weiteres Zeugnis für die frühzeitige Sexualforschung Leonardos, die
+nach unserer Meinung ausschlaggebend für sein ganzes späteres Leben
+wurde.
+
+Eine kurze Überlegung mahnt uns jetzt, daß wir uns mit der Aufklärung
+des Geierschwanzes in Leonardos Kindheitsphantasie nicht begnügen
+dürfen. Es scheint mehr in ihr enthalten, was wir noch nicht verstehen.
+Ihr auffälligster Zug war doch, daß sie das Saugen an der Mutterbrust
+in ein Gesäugtwerden, also in Passivität und damit in eine Situation
+von unzweifelhaft homosexuellem Charakter verwandelte. Eingedenk der
+historischen Wahrscheinlichkeit, daß sich Leonardo im Leben wie ein
+homosexuell Fühlender benahm, drängt sich uns die Frage auf, ob diese
+Phantasie nicht auf eine ursächliche Beziehung zwischen Leonardos
+Kinderverhältnis zu seiner Mutter und seiner späteren manifesten,
+wenn auch ideellen Homosexualität hinweist. Wir würden uns nicht
+getrauen, eine solche aus der entstellten Reminiszenz Leonardos zu
+erschließen, wenn wir nicht aus den psychoanalytischen Untersuchungen
+von homosexuellen Patienten wüßten, daß eine solche besteht, ja daß sie
+eine innige und notwendige ist.
+
+Die homosexuellen Männer, die in unseren Tagen eine energische
+Aktion gegen die gesetzliche Einschränkung ihrer Sexualbetätigung
+unternommen haben, lieben es, sich durch ihre theoretischen
+Wortführer als eine von Anfang an gesonderte geschlechtliche Abart,
+als sexuelle Zwischenstufen, als »ein drittes Geschlecht« hinstellen
+zu lassen. Sie seien Männer, denen organische Bedingungen vom Keime
+an das Wohlgefallen am Mann aufgenötigt, das am Weibe versagt
+hätten. So gerne man nun aus humanen Rücksichten ihre Forderungen
+unterschreibt, so zurückhaltend darf man gegen ihre Theorien sein,
+die ohne Berücksichtigung der psychischen Genese der Homosexualität
+aufgestellt worden sind. Die Psychoanalyse bietet die Mittel, diese
+Lücke auszufüllen und die Behauptungen der Homosexuellen der Probe
+zu unterziehen. Sie hat dieser Aufgabe erst bei einer geringen
+Zahl von Personen genügen können, aber alle bisher vorgenommenen
+Untersuchungen brachten das nämliche überraschende Ergebnis.[39]
+Bei allen unseren homosexuellen Männern gab es in der ersten, vom
+Individuum später vergessenen, Kindheit eine sehr intensive erotische
+Bindung an eine weibliche Person, in der Regel an die Mutter,
+hervorgerufen oder begünstigt durch die Überzärtlichkeit der Mutter
+selbst, ferner unterstützt durch ein Zurücktreten des Vaters im
+kindlichen Leben. ~Sadger~ hebt hervor, daß die Mütter seiner
+homosexuellen Patienten häufig Mannweiber waren, Frauen mit energischen
+Charakterzügen, die den Vater aus der ihm gebührenden Stellung drängen
+konnten; ich habe gelegentlich das gleiche gesehen, aber stärkeren
+Eindruck von jenen Fällen empfangen, in denen der Vater von Anfang an
+fehlte oder frühzeitig wegfiel, so daß der Knabe dem weiblichen Einfluß
+preisgegeben war. Sieht es doch fast so aus, als ob das Vorhandensein
+eines starken Vaters dem Sohne die richtige Entscheidung in der
+Objektwahl für das entgegengesetzte Geschlecht versichern würde.
+
+Nach diesem Vorstadium tritt eine Umwandlung ein, deren Mechanismus
+uns bekannt ist, deren treibende Kräfte wir noch nicht erfassen.
+Die Liebe zur Mutter kann die weitere bewußte Entwicklung nicht
+mitmachen, sie verfällt der Verdrängung. Der Knabe verdrängt die
+Liebe zur Mutter, indem er sich selbst an deren Stelle setzt,
+sich mit der Mutter identifiziert und seine eigene Person zum
+Vorbild nimmt, in dessen Ähnlichkeit er seine neuen Liebesobjekte
+auswählt. Er ist so homosexuell geworden; eigentlich ist er in den
+Autoerotismus zurückgeglitten, da die Knaben, die der Heranwachsende
+jetzt liebt, doch nur Ersatzpersonen und Erneuerungen seiner eigenen
+kindlichen Person sind, die er so liebt, wie die Mutter ihn als
+Kind geliebt hat. Wir sagen, er findet seine Liebesobjekte auf dem
+Wege des ~Narzißmus~, da die griechische Sage einen Jüngling
+~Narzissus~ nennt, dem nichts so wohl gefiel wie das eigene
+Spiegelbild, und der in die schöne Blume dieses Namens verwandelt
+wurde.
+
+Tiefer reichende psychologische Erwägungen rechtfertigen die
+Behauptung, daß der auf solchem Wege homosexuell Gewordene im
+Unbewußten an das Erinnerungsbild seiner Mutter fixiert bleibt. Durch
+die Verdrängung der Liebe zur Mutter konserviert er dieselbe in seinem
+Unbewußten und bleibt von nun an der Mutter treu. Wenn er als Liebhaber
+Knaben nachzulaufen scheint, so läuft er in Wirklichkeit vor den
+anderen Frauen davon, die ihn untreu machen könnten. Wir haben auch
+durch direkte Einzelbeobachtung nachweisen können, daß der scheinbar
+nur für männlichen Reiz Empfängliche in Wahrheit der Anziehung, die
+vom Weibe ausgeht, unterliegt wie ein Normaler; aber er beeilt sich
+jedesmal, die vom Weibe empfangene Erregung auf ein männliches Objekt
+zu überschreiben und wiederholt auf solche Weise immer wieder den
+Mechanismus, durch den er seine Homosexualität erworben hat.
+
+Es liegt uns ferne, die Bedeutung dieser Aufklärungen über die
+psychische Genese der Homosexualität zu übertreiben. Es ist ganz
+unverkennbar, daß sie den offiziellen Theorien der homosexuellen
+Wortführer grell widersprechen, aber wir wissen, daß sie nicht
+umfassend genug sind, um eine endgültige Klärung des Problems zu
+ermöglichen. Was man aus praktischen Gründen Homosexualität heißt, mag
+aus mannigfaltigen psychosexuellen Hemmungsprozessen hervorgehen, und
+der von uns erkannte Vorgang ist vielleicht nur einer unter vielen und
+bezieht sich nur auf einen Typus von »Homosexualität«. Wir müssen auch
+zugestehen, daß bei unserem homosexuellen Typus die Anzahl der Fälle,
+in denen die von uns geforderten Bedingungen aufzeigbar sind, weitaus
+die jener Fälle übersteigt, in denen der abgeleitete Effekt wirklich
+eintritt, so daß auch wir die Mitwirkung unbekannter konstitutioneller
+Faktoren nicht abweisen können, von denen man sonst das Ganze der
+Homosexualität abzuleiten pflegt. Wir hätten überhaupt keinen Anlaß
+gehabt, auf die psychische Genese der von uns studierten Form von
+Homosexualität einzugehen, wenn nicht eine starke Vermutung dafür
+spräche, daß gerade Leonardo, von dessen Geierphantasie wir ausgegangen
+sind, diesem einen Typus der Homosexuellen angehört.
+
+So wenig Näheres über das geschlechtliche Verhalten des großen
+Künstlers und Forschers bekannt ist, so darf man sich doch der
+Wahrscheinlichkeit anvertrauen, daß die Aussagen seiner Zeitgenossen
+nicht im Gröbsten irre gingen. Im Lichte dieser Überlieferungen
+erscheint er uns also als ein Mann, dessen sexuelle Bedürftigkeit und
+Aktivität außerordentlich herabgesetzt war, als hätte ein höheres
+Streben ihn über die gemeine animalische Not der Menschen erhoben.
+Es mag dahingestellt bleiben, ob er jemals und auf welchem Wege er
+die direkte sexuelle Befriedigung gesucht, oder ob er ihrer gänzlich
+entraten konnte. Wir haben aber ein Recht, auch bei ihm nach jenen
+Gefühlsströmungen zu suchen, die andere gebieterisch zur sexuellen
+Tat drängen, denn wir können kein menschliches Seelenleben glauben,
+an dessen Aufbau nicht das sexuelle Begehren im weitesten Sinne,
+die Libido, ihren Anteil hätte, mag dasselbe sich auch weit vom
+ursprünglichen Ziel entfernt oder von der Ausführung zurückgehalten
+haben.
+
+Anderes als Spuren von unverwandelter sexueller Neigung werden wir
+bei Leonardo nicht erwarten dürfen. Diese weisen aber nach einer
+Richtung und gestatten, ihn noch den Homosexuellen zuzurechnen. Es
+wurde von jeher hervorgehoben, daß er nur auffällig schöne Knaben und
+Jünglinge zu seinen Schülern nahm. Er war gütig und nachsichtig gegen
+sie, besorgte sie und pflegte sie selbst, wenn sie krank waren, wie
+eine Mutter ihre Kinder pflegt, wie seine eigene Mutter ihn betreut
+haben mochte. Da er sie nach ihrer Schönheit und nicht nach ihrem
+Talent ausgewählt hatte, wurde keiner von ihnen: Cesare da Sesto, G.
+Boltraffio, Andrea Salaino, Francesco Melzi u. a., ein bedeutender
+Maler. Meist brachten sie es nicht dazu, ihre Selbständigkeit vom
+Meister zu erringen, sie verschwanden nach seinem Tode, ohne der
+Kunstgeschichte eine bestimmtere Physiognomie zu hinterlassen. Die
+anderen, die sich nach ihrem Schaffen mit Recht seine Schüler nennen
+durften, wie ~Luini~ und ~Bazzi~, genannt ~Sodoma~, hat er
+wahrscheinlich persönlich nicht gekannt.
+
+Wir wissen, daß wir der Einwendung zu begegnen haben, das Verhalten
+Leonardos gegen seine Schüler habe mit geschlechtlichen Motiven
+überhaupt nichts zu tun und gestatte keinen Schluß auf eine sexuelle
+Eigenart. Dagegen wollen wir mit aller Vorsicht geltend machen, daß
+unsere Auffassung einige sonderbare Züge im Benehmen des Meisters
+aufklärt, die sonst rätselhaft bleiben müßten. Leonardo führte ein
+Tagebuch; er machte in seiner kleinen, von rechts nach links geführten
+Schrift Aufzeichnungen, die nur für ihn bestimmt waren. In diesem
+Tagebuch redete er sich bemerkenswerter Weise mit »du« an: »Lerne bei
+Meister Luca die Multiplikation der Wurzeln.«[40] »Laß dir vom Meister
+d'Abacco die Quadratur des Zirkels zeigen.«[41] -- Oder bei Anlaß einer
+Reise:[42] »Ich gehe meiner Gartenangelegenheit wegen nach Mailand
+.... Lasse zwei Tragsäcke machen. Lasse dir die Drechselbank von
+Boltraffio zeigen und einen Stein darauf bearbeiten. -- Lasse das Buch
+dem Meister Andrea il Todesco.«[43] Oder, ein Vorsatz von ganz anderer
+Bedeutung: »Du hast in deiner Abhandlung zu zeigen, daß die Erde ein
+Stern ist, wie der Mond oder ungefähr, und so den Adel unserer Welt zu
+erweisen.«[44]
+
+In diesem Tagebuch, welches übrigens -- wie die Tagebücher anderer
+Sterblicher -- oft die bedeutsamsten Begebenheiten des Tages nur mit
+wenigen Worten streift oder völlig verschweigt, finden sich einige
+Eintragungen, die ihrer Sonderbarkeit wegen von allen Biographen
+Leonardos zitiert werden. Es sind Aufzeichnungen über kleine Ausgaben
+des Meisters von einer peinlichen Exaktheit, als sollten sie von einem
+philiströs gestrengen und sparsamen Hausvater herrühren, während die
+Nachweise über die Verwendung größerer Summen fehlen und nichts sonst
+dafür spricht, daß der Künstler sich auf Wirtschaft verstanden habe.
+Eine dieser Aufschreibungen betrifft einen neuen Mantel, den er dem
+Schüler Andrea Salaino gekauft:[45]
+
+ Silberbrokat 15 Lire 4 Soldi
+ Roten Samt zum Besatz 9 " -- "
+ Schnüre -- " 9 "
+ Knöpfe -- " 12 "
+
+Eine andere sehr ausführliche Notiz stellt alle die Ausgaben zusammen,
+die ihm ein anderer Schüler[46] durch seine schlechten Eigenschaften
+und seine Neigung zum Diebstahl verursacht: »Am Tage 21 des April
+1490 begann ich dieses Buch und begann wieder das Pferd.[47] Jacomo
+kam zu mir am Magdalenentage tausend 490, im Alter von 10 Jahren.
+(Randbemerkung: diebisch, lügnerisch, eigensinnig, gefräßig.) Am
+zweiten Tage ließ ich ihm zwei Hemden schneiden, ein Paar Hosen und
+einen Wams, und als ich mir das Geld beiseite legte, um genannte Sachen
+zu bezahlen, stahl er mir das Geld aus der Geldtasche, und war es
+nie möglich, ihn das beichten zu machen, obwohl ich davon eine wahre
+Sicherheit hatte (Randnote: 4 Lire ...).« So geht der Bericht über die
+Missetaten des Kleinen weiter und schließt mit der Kostenrechnung: »Im
+ersten Jahr, ein Mantel, Lire 2; 6 Hemden, Lire 4; 3 Wämser, Lire 6; 4
+Paar Strümpfe, Lire 7 u. s. w.«[48]
+
+Die Biographen Leonardos, denen nichts ferner liegt, als die Rätsel im
+Seelenleben ihres Helden aus seinen kleinen Schwächen und Eigenheiten
+ergründen zu wollen, pflegen an diese sonderbaren Verrechnungen eine
+Bemerkung anzuknüpfen, welche die Güte und Nachsicht des Meisters
+gegen seine Schüler betont. Sie vergessen daran, daß nicht Leonardos
+Benehmen, sondern die Tatsache, daß er uns diese Zeugnisse desselben
+hinterließ, einer Erklärung bedarf. Da man ihm unmöglich das Motiv
+zuschreiben kann, uns Belege für seine Gutmütigkeit in die Hände zu
+spielen, müssen wir die Annahme machen, daß ein anderes, affektives
+Motiv ihn zu diesen Niederschriften veranlaßt hat. Es ist nicht leicht
+zu erraten, welches, und wir würden keines anzugeben wissen, wenn nicht
+eine andere unter Leonardos Papieren gefundene Rechnung ein helles
+Licht auf diese seltsam kleinlichen Notizen über Schülerkleidungen u.
+dgl. würfe:[49]
+
+ Auslagen nach dem Tode zum Begräbnis der Katharina 27 florins
+ 2 Pfund Wachs 18 "
+ Katafalk 12 "
+ Für das Tragen und Aufrichten des Kreuzes 4 "
+ Leichenträger 8 "
+ An 4 Geistliche und 4 Kleriker 20 "
+ Glockenläuten 2 "
+ Den Totengräbern 16 "
+ Für die Genehmigung -- den Beamten 1 "
+ -------------
+ Summa 108 florins
+
+ Frühere Auslagen:
+
+ Dem Arzte 4 florins
+ Für Zucker und Lichte 12 " 16 "
+ -------------
+ Summa Summarum 124 florins.
+
+Der Dichter ~Mereschkowski~ ist der einzige, der uns zu sagen
+weiß, wer diese Katharina war. Aus zwei anderen kurzen Notizen
+erschließt er, daß die Mutter Leonardos, die arme Bäuerin aus Vinci,
+im Jahre 1493 nach Mailand gekommen war, um ihren damals 41jährigen
+Sohn zu besuchen, daß sie dort erkrankte, von Leonardo im Spital
+untergebracht, und als sie starb, von ihm unter so ehrenvollem Aufwand
+zu Grabe gebracht worden sei.[50]
+
+Erweisbar ist diese Deutung des seelenkundigen Romanschreibers nicht,
+aber sie kann auf so viel innere Wahrscheinlichkeit Anspruch machen,
+stimmt so gut zu allem, was wir sonst von Leonardos Gefühlsbetätigung
+wissen, daß ich mich nicht enthalten kann, sie als richtig
+anzuerkennen. Er hatte es zu stande gebracht, seine Gefühle unter
+das Joch der Forschung zu zwingen und den freien Ausdruck derselben
+zu hemmen; aber es gab auch für ihn Fälle, in denen das Unterdrückte
+sich eine Äußerung erzwang, und der Tod der einst so heiß geliebten
+Mutter war ein solcher. In dieser Rechnung über die Begräbniskosten
+haben wir die bis zur Unkenntlichkeit entstellte Äußerung der Trauer
+um die Mutter vor uns. Wir verwundern uns, wie solche Entstellung zu
+stande kommen konnte, und können es auch unter den Gesichtspunkten
+der normalen seelischen Vorgänge nicht verstehen. Aber unter den
+abnormen Bedingungen der Neurosen und ganz besonders der sogenannten
+~Zwangsneurose~ ist uns ähnliches wohlbekannt. Dort sehen wir
+die Äußerung intensiver, aber durch Verdrängung unbewußt gewordener
+Gefühle auf geringfügige, ja läppische Verrichtungen verschoben.
+Es ist den widerstrebenden Mächten gelungen, den Ausdruck dieser
+verdrängten Gefühle so sehr zu erniedrigen, daß man die Intensität
+dieser Gefühle für eine höchst geringfügige einschätzen müßte;
+aber in dem gebieterischen Zwang, mit dem sich diese kleinliche
+Ausdruckshandlung durchsetzt, verrät sich die wirkliche, im Unbewußten
+wurzelnde Macht der Regungen, die das Bewußtsein verleugnen möchte.
+Nur ein solcher Anklang an das Geschehen bei der Zwangsneurose kann
+die Leichenkostenrechnung Leonardos beim Tode seiner Mutter erklären.
+Im Unbewußten war er noch wie in Kinderzeiten durch erotisch gefärbte
+Neigung an sie gebunden; der Widerstreit der später eingetretenen
+Verdrängung dieser Kinderliebe gestattete nicht, daß ihr im Tagebuche
+ein anderes, würdigeres Denkmal gesetzt werde, aber was sich
+als Kompromiß aus diesem neurotischen Konflikt ergab, das mußte
+ausgeführt werden, und so wurde die Rechnung eingetragen und kam als
+Unbegreiflichkeit zur Kenntnis der Nachwelt.
+
+Es scheint kein Wagniß, die an der Leichenrechnung gewonnene Einsicht
+auf die Schülerkostenrechnungen zu übertragen. Demnach wäre auch dies
+ein Fall, in dem sich bei Leonardo die spärlichen Reste libidinöser
+Regungen zwangsartig einen entstellten Ausdruck schufen. Die
+Mutter und die Schüler, die Ebenbilder seiner eigenen knabenhaften
+Schönheit, wären seine Sexualobjekte gewesen -- soweit die sein Wesen
+beherrschende Sexualverdrängung eine solche Kennzeichnung zuläßt
+--, und der Zwang, die für sie gemachten Ausgaben mit peinlicher
+Ausführlichkeit zu notieren, wäre der befremdliche Verrat dieser
+rudimentären Konflikte. Es würde sich so ergeben, daß Leonardos
+Liebesleben wirklich dem Typus von Homosexualität angehört, dessen
+psychische Entwicklung wir aufdecken konnten, und das Auftreten
+der homosexuellen Situation in seiner Geierphantasie würde uns
+verständlich, denn es besagte nichts anderes, als was wir vorhin von
+jenem Typus behauptet haben. Es erforderte die Übersetzung: Durch diese
+erotische Beziehung zur Mutter bin ich ein Homosexueller geworden.[51]
+
+
+
+
+ IV.
+
+
+Die Geierphantasie Leonardos hält uns noch immer fest. In Worten,
+welche nur allzudeutlich an die Beschreibung eines Sexualaktes
+anklingen (»und hat viele Male mit seinem Schwanz gegen meine Lippen
+gestoßen«), betont Leonardo die Intensität der erotischen Beziehungen
+zwischen Mutter und Kind. Es hält nicht schwer, aus dieser Verbindung
+der Aktivität der Mutter (des Geiers) mit der Hervorhebung der Mundzone
+einen zweiten Erinnerungsinhalt der Phantasie zu erraten. Wir können
+übersetzen: Die Mutter hat mir ungezählte leidenschaftliche Küsse auf
+den Mund gedrückt. Die Phantasie ist zusammengesetzt aus der Erinnerung
+an das Gesäugtwerden und an das Geküßtwerden durch die Mutter.
+
+Dem Künstler hat eine gütige Natur gegeben, seine geheimsten, ihm
+selbst verborgenen Seelenregungen durch Schöpfungen zum Ausdruck zu
+bringen, welche die Anderen, dem Künstler Fremden, mächtig ergreift,
+ohne daß sie selbst anzugeben wüßten, woher diese Ergriffenheit rührt.
+Sollte in dem Lebenswerk Leonardos nichts Zeugnis ablegen von dem, was
+seine Erinnerung als den stärksten Eindruck seiner Kindheit bewahrt
+hat? Man müßte es erwarten. Wenn man aber erwägt, was für tiefgreifende
+Umwandlungen ein Lebenseindruck des Künstlers durchzumachen hat, ehe er
+seinen Beitrag zum Kunstwerk stellen darf, wird man gerade bei Leonardo
+den Anspruch auf Sicherheit des Nachweises auf ein ganz bescheidenes
+Maß herabsetzen müssen.
+
+Wer an Leonardos Bilder denkt, den wird die Erinnerung an ein
+merkwürdiges, berückendes und rätselhaftes Lächeln mahnen, das er auf
+die Lippen seiner weiblichen Figuren gezaubert hat. Ein stehendes
+Lächeln auf langgezogenen, geschwungenen Lippen; es ist für ihn
+charakteristisch geworden und wird vorzugsweise »Leonardesk« genannt.
+In dem fremdartig schönen Antlitz der Florentinerin Monna Lisa del
+Giocondo hat es die Beschauer am stärksten ergriffen und in Verwirrung
+gebracht. Dies Lächeln verlangte nach einer Deutung und fand die
+verschiedenartigsten, von denen keine befriedigte. »Voilà quatre
+siècles bientôt que Mona Lisa fait perdre la tête à tous ceux qui
+parlent d'elle, après l'avoir longtemps regardée.«[52]
+
+~Muther~:[53] »Was den Betrachter namentlich bannt, ist der
+dämonische Zauber dieses Lächelns. Hunderte von Dichtern und
+Schriftstellern haben über dieses Weib geschrieben, das bald
+verführerisch uns anzulächeln, bald kalt und seelenlos ins Leere zu
+starren scheint, und niemand hat ihr Lächeln enträtselt, niemand
+ihre Gedanken gedeutet. Alles, auch die Landschaft ist geheimnisvoll
+traumhaft, wie in gewitterschwüler Sinnlichkeit zitternd.«
+
+Die Ahnung, daß sich in dem Lächeln der Monna Lisa zwei verschiedene
+Elemente vereinigen, hat sich bei mehreren Beurteilern geregt.
+Sie erblicken darum in dem Mienenspiel der schönen Florentinerin
+die vollkommenste Darstellung der Gegensätze, die das Liebesleben
+des Weibes beherrschen, der Reserve und der Verführung, der
+hingebungsvollen Zärtlichkeit und der rücksichtlos heischenden,
+den Mann wie etwas Fremdes verzehrenden Sinnlichkeit. So äußert
+~Müntz~:[54] On sait quelle énigme indéchiffrable et passionante
+Monna Lisa Gioconda ne cesse depuis bientôt quatre siècles, de proposer
+aux admirateurs pressés devant elle. Jamais artiste (j'emprunte la
+plume du délicat écrivain qui se cache sous le pseudonyme de Pierre de
+Corlay) »a-t-il traduit ainsi l'essence même de la féminité: tendresse
+et coquetterie, pudeur et sourde volupté, tout le mystère d'un coeur
+qui se réserve, d'un cerveau qui réfléchit, d'une personnalité qui
+se garde et ne livre d'elle-même que son rayonnement .........«
+Der Italiener ~Angelo Conti~[55] sieht das Bild im Louvre von
+einem Sonnenstrahl belebt. »La donna sorrideva in una calma regale:
+i suoi instinti di conquista, di ferocia, tutta l'eredità della
+specie, la volontà della seduzione e dell' agguato, la grazia del
+inganno, la bontà che cela un proposito crudele, tutto ciò appariva
+alternativamente e scompariva dietro il velo ridente e si fondeva
+nel poema del suo sorriso ....... Buona e malvaggia, crudele e
+compassionevole, graziosa e felina, ella rideva ..........«
+
+Leonardo malte vier Jahre an diesem Bilde, vielleicht von 1503 bis
+1507, während seines zweiten Aufenthaltes in Florenz, selbst über 50
+Jahre alt. Er wendete nach ~Vasaris~ Bericht die ausgesuchtesten
+Künste an, um die Dame während der Sitzungen zu zerstreuen und jenes
+Lächeln auf ihren Zügen festzuhalten. Von all den Feinheiten, die
+sein Pinsel damals auf der Leinwand wiedergab, hat das Bild in seinem
+heutigen Zustand wenig nur bewahrt; es galt, als es im Entstehen war,
+als das höchste, was die Kunst leisten könnte; sicher ist aber, daß
+es Leonardo selbst nicht befriedigte, daß er es für nicht vollendet
+erklärte, dem Besteller nicht ablieferte und mit sich nach Frankreich
+nahm, wo sein Beschützer Franz I. es von ihm für das Louvre erwarb.
+
+Lassen wir das physiognomische Rätsel der Monna Lisa ungelöst und
+verzeichnen wir die unzweifelhafte Tatsache, daß ihr Lächeln den
+Künstler nicht minder stark fasziniert hat, als alle die Beschauer seit
+400 Jahren. Dies berückende Lächeln kehrt seitdem auf allen seinen
+Bildern und den seiner Schüler wieder. Da die Monna Lisa Leonardos
+ein Porträt ist, können wir nicht annehmen, er habe ihrem Angesicht
+aus eigenem einen so ausdrucksschweren Zug geliehen, den sie selbst
+nicht besaß. Es scheint, wir können kaum anders als glauben, daß er
+dies Lächeln bei seinem Modell fand und so sehr unter dessen Zauber
+geriet, daß er von da an die freien Schöpfungen seiner Phantasie
+mit ihm ausstattete. Dieser naheliegenden Auffassung gibt z. B. A.
+~Konstantinowa~[56] Ausdruck:
+
+»Während der langen Zeit, in welcher sich der Meister mit dem Porträt
+der Monna Lisa del Giocondo beschäftigte, hatte er sich mit solcher
+Teilnahme des Gefühls in die physiognomischen Feinheiten dieses
+Frauenantlitzes hineingelebt, daß er diese Züge -- besonders das
+geheimnisvolle Lächeln und den seltsamen Blick -- auf alle Gesichter
+übertrug, welche er in der Folge malte oder zeichnete; die mimische
+Eigentümlichkeit der Gioconda kann selbst auf dem Bilde Johannes des
+Täufers im Louvre wahrgenommen werden; -- vor allem aber sind sie in
+Marias Gesichtszügen auf dem Anna Selbdritt-Bilde deutlich erkennbar.«
+
+Allein es kann auch anders zugegangen sein. Das Bedürfnis nach einer
+tieferen Begründung jener Anziehung, mit welcher das Lächeln der
+Gioconda den Künstler ergriff, um ihn nicht mehr freizulassen, hat sich
+bei mehr als einem seiner Biographen geregt. W. ~Pater~, der in
+dem Bilde der Monna Lisa die »Verkörperung aller Liebeserfahrung der
+Kulturmenschheit« sieht, und sehr fein »jenes unergründliche Lächeln,
+welches bei Leonardo stets wie mit etwas Unheilverkündendem verbunden
+scheint,« behandelt, führt uns auf eine andere Spur, wenn er
+äußert:[57]
+
+»Übrigens ist das Bild ein Porträt. Wir können verfolgen, wie es sich
+von Kindheit auf in das Gewebe seiner Träume mischt, so daß man,
+sprächen nicht ausdrückliche Zeugnisse dagegen, glauben möchte, es sei
+sein endlich gefundenes und verkörpertes Frauenideal .....«
+
+Etwas ganz Ähnliches hat wohl M. ~Herzfeld~ im Sinne, wenn sie
+ausspricht, in der Monna Lisa habe Leonardo sich selbst begegnet, darum
+sei es ihm möglich geworden, soviel von seinem eigenen Wesen in das
+Bild einzutragen, »dessen Züge von jeher in rätselhafter Sympathie in
+Leonardos Seele gelegen haben.«[58]
+
+Versuchen wir diese Andeutungen zur Klarheit zu entwickeln. Es mag also
+so gewesen sein, daß Leonardo vom Lächeln der Monna Lisa gefesselt
+wurde, weil dieses etwas in ihm aufweckte, was seit langer Zeit in
+seiner Seele geschlummert hatte, eine alte Erinnerung wahrscheinlich.
+Diese Erinnerung war bedeutsam genug, um ihn nicht mehr loszulassen,
+nachdem sie einmal erweckt worden war; er mußte ihr immer wieder neuen
+Ausdruck geben. Die Versicherung ~Paters~, daß wir verfolgen
+können, wie sich ein Gesicht, wie das der Monna Lisa, von Kindheit auf
+in das Gewebe seiner Träume mischt, scheint glaubwürdig und verdient
+wörtlich verstanden zu werden.
+
+~Vasari~ erwähnt als seine ersten künstlerischen Versuche »teste
+di femmine, che ridono«[59]. Die Stelle, die ganz unverdächtig ist,
+weil sie nichts erweisen will, lautet vollständiger in deutscher
+Übersetzung:[60] »indem er in seiner Jugend einige lachende weibliche
+Köpfe aus Erde formte, die in Gyps vervielfältigt wurden, und einige
+Kinderköpfe, so schön, als ob sie von Meisterhand gebildet wären .....,
+p. 6.«
+
+Wir erfahren also, daß seine Kunstübung mit der Darstellung von
+zweierlei Objekten begann, die uns an die zweierlei Sexualobjekte
+mahnen müssen, welche wir aus der Analyse seiner Geierphantasie
+erschlossen haben. Waren die schönen Kinderköpfe Vervielfältigungen
+seiner eigenen kindlichen Person, so sind die lächelnden Frauen nichts
+anderes als Wiederholungen der Catarina, seiner Mutter, und wir
+beginnen die Möglichkeit zu ahnen, daß seine Mutter das geheimnisvolle
+Lächeln besessen, das er verloren hatte, und das ihn so fesselte, als
+er es bei der Florentiner Dame wiederfand.[61]
+
+Das Gemälde Leonardos, welches der Monna Lisa zeitlich am nächsten
+steht, ist die sogenannte »heilige Anna selbdritt«, die heilige Anna
+mit Maria und dem Christusknaben. Es zeigt das leonardeske Lächeln
+in schönster Ausprägung an beiden Frauenköpfen. Es ist nicht zu
+ermitteln, um wieviel früher oder später als das Porträt der Monna
+Lisa Leonardo daran zu malen begann. Da beide Arbeiten sich über Jahre
+erstreckten, darf man wohl annehmen, daß sie den Meister gleichzeitig
+beschäftigten. Zu unserer Erwartung würde es am besten stimmen, wenn
+gerade die Vertiefung in die Züge der Monna Lisa Leonardo angeregt
+hätte, die Komposition der hl. Anna aus seiner Phantasie zu gestalten.
+Denn wenn das Lächeln der Gioconda die Erinnerung an die Mutter in ihm
+heraufbeschwor, so verstehen wir, daß es ihn zunächst dazu trieb, eine
+Verherrlichung der Mütterlichkeit zu schaffen, und das Lächeln, das
+er bei der vornehmen Dame gefunden hatte, der Mutter wiederzugeben.
+So dürfen wir denn unser Interesse vom Porträt der Monna Lisa auf
+dies andere, kaum minder schöne Bild, das sich jetzt auch im Louvre
+befindet, hinübergleiten lassen.
+
+Die heilige Anna mit Tochter und Enkelkind ist ein in der italienischen
+Malerei selten behandelter Gegenstand; die Darstellung Leonardos weicht
+jedenfalls weit von allen sonst bekannten ab. ~Muther~ sagt:[62]
+
+»Einige Meister, wie Hans Fries, der ältere Holbein und Girolamo dai
+Libri, ließen Anna neben Maria sitzen und stellten zwischen beide das
+Kind. Andere, wie Jakob Cornelisz in seinem Berliner Bilde, zeigten
+im eigentlichen Wortsinn die »heilige Anna selbdritt«, das heißt, sie
+stellten sie dar, wie sie im Arme das kleine Figürchen Marias hält,
+auf dem das noch kleinere des Christkindes sitzt«. Bei Leonardo sitzt
+Maria auf dem Schoße ihrer Mutter vorgeneigt und greift mit beiden
+Armen nach dem Knaben, der mit einem Lämmchen spielt, es wohl ein wenig
+mißhandelt. Die Großmutter hat den einen unverdeckten Arm in die Hüfte
+gestemmt und blickt mit seligem Lächeln auf die beiden herab. Die
+Gruppierung ist gewiß nicht ganz ungezwungen. Aber das Lächeln, welches
+auf den Lippen beider Frauen spielt, hat, obwohl unverkennbar dasselbe
+wie im Bilde der Monna Lisa, seinen unheimlichen und rätselhaften
+Charakter verloren; es drückt Innigkeit und stille Seligkeit aus.[63]
+
+Bei einer gewissen Vertiefung in dieses Bild kommt es wie ein
+plötzliches Verständnis über den Beschauer: Nur Leonardo konnte
+dieses Bild malen, wie nur er die Geierphantasie dichten konnte. In
+dieses Bild ist die Synthese seiner Kindheitsgeschichte eingetragen;
+die Einzelheiten desselben sind aus den allerpersönlichsten
+Lebenseindrücken Leonardos erklärlich. Im Hause seines Vaters fand
+er nicht nur die gute Stiefmutter Donna Albiera, sondern auch die
+Großmutter, Mutter seines Vaters, Monna Lucia, die, wir wollen es
+annehmen, nicht unzärtlicher gegen ihn war, als Großmütter zu sein
+pflegen. Dieser Umstand mochte ihm die Darstellung der von Mutter und
+Großmutter behüteten Kindheit nahebringen. Ein anderer auffälliger
+Zug des Bildes gewinnt eine noch größere Bedeutung. Die hl. Anna, die
+Mutter der Maria und Großmutter des Knaben, die eine Matrone sein
+müßte, ist hier vielleicht etwas reifer und ernster als die hl. Maria,
+aber noch als junge Frau von unverwelkter Schönheit gebildet. Leonardo
+hat in Wirklichkeit dem Knaben zwei Mütter gegeben, eine, die die Arme
+nach ihm ausstreckt, und eine andere im Hintergrunde, und beide mit dem
+seligen Lächeln des Mutterglückes ausgestattet. Diese Eigentümlichkeit
+des Bildes hat nicht verfehlt, die Verwunderung der Autoren zu erregen;
+~Muther~ meint z. B., daß Leonardo sich nicht entschließen
+konnte, Alter, Falten und Runzeln zu malen und darum auch Anna zu
+einer Frau von strahlender Schönheit machte. Ob man sich mit dieser
+Erklärung zufrieden geben kann? Andere haben zur Auskunft gegriffen,
+die »Gleichaltrigkeit von Mutter und Tochter« überhaupt in Abrede zu
+stellen.[64] Aber der ~Muther~sche Erklärungsversuch genügt wohl
+für den Beweis, daß der Eindruck von der Verjüngung der hl. Anna dem
+Bilde entnommen und nicht durch eine Tendenz vorgetäuscht ist.
+
+Leonardos Kindheit war gerade so merkwürdig gewesen wie dieses Bild. Er
+hatte zwei Mütter gehabt, die erste seine wahre Mutter, die Catarina,
+der er im Alter zwischen drei und fünf Jahren entrissen wurde, und
+eine junge und zärtliche Stiefmutter, die Frau seines Vaters, Donna
+Albiera. Indem er diese Tatsache seiner Kindheit mit der ersterwähnten
+zusammenzog, sie zu einer Mischeinheit verdichtete, gestaltete sich ihm
+die Komposition der hl. Anna selbdritt. Die mütterliche Gestalt weiter
+weg vom Knaben, die Großmutter heißt, entspricht nach ihrer Erscheinung
+und ihrem räumlichen Verhältnis zum Knaben der echten früheren Mutter
+Catarina. Mit dem seligen Lächeln der hl. Anna hat der Künstler wohl
+den Neid verleugnet und überdeckt, den die Unglückliche verspürte, als
+sie der vornehmeren Rivalin wie früher den Mann, so nun auch den Sohn
+abtreten mußte.
+
+So wären wir von einem anderen Werke Leonardos her zur Bestätigung der
+Ahnung gekommen, daß das Lächeln der Monna Lisa del Giocondo in dem
+Manne die Erinnerung an die Mutter seiner ersten Kinderjahre erweckt
+hatte. Madonnen und vornehme Damen zeigten von da an bei den Malern
+Italiens die demütige Kopfneigung und das seltsam-selige Lächeln des
+armen Bauernmädchens Catarina, das der Welt den herrlichen, zum Malen,
+Forschen und Dulden bestimmten Sohn geboren hatte.
+
+Wenn es Leonardo gelang, im Angesicht der Monna Lisa den doppelten Sinn
+wiederzugeben, den dies Lächeln hatte, das Versprechen schrankenloser
+Zärtlichkeit wie die unheilverkündende Drohung (nach ~Paters~
+Worten), so war er auch darin dem Inhalte seiner frühesten Erinnerung
+treu geblieben. Denn die Zärtlichkeit der Mutter wurde ihm zum
+Verhängnis, bestimmte sein Schicksal und die Entbehrungen, die seiner
+warteten. Die Heftigkeit der Liebkosungen, auf die seine Geierphantasie
+deutet, war nur allzu natürlich; die arme verlassene Mutter mußte all
+ihre Erinnerungen an genossene Zärtlichkeiten wie ihre Sehnsucht nach
+neuen in die Mutterliebe einfließen lassen; sie war dazu gedrängt,
+nicht nur sich dafür zu entschädigen, daß sie keinen Mann, sondern
+auch das Kind, daß es keinen Vater hatte, der es liebkosen wollte. So
+nahm sie nach der Art aller unbefriedigten Mütter den kleinen Sohn an
+Stelle ihres Mannes an und raubte ihm durch die allzu frühe Reifung
+seiner Erotik ein Stück seiner Männlichkeit. Die Liebe der Mutter zum
+Säugling, den sie nährt und pflegt, ist etwas weit tiefgreifenderes als
+ihre spätere Affektion für das heranwachsende Kind. Sie ist von der
+Natur eines vollbefriedigenden Liebesverhältnisses, das nicht nur alle
+seelischen Wünsche, sondern auch alle körperlichen Bedürfnisse erfüllt,
+und wenn sie eine der Formen des dem Menschen erreichbaren Glückes
+darstellt, so rührt dies nicht zum mindesten von der Möglichkeit her,
+auch längst verdrängte und pervers zu nennende Wunschregungen ohne
+Vorwurf zu befriedigen.[65] In der glücklichsten jungen Ehe verspürt es
+der Vater, daß das Kind, besonders der kleine Sohn, sein Nebenbuhler
+geworden ist, und eine im Unbewußten tief wurzelnde Gegnerschaft gegen
+den Bevorzugten nimmt von daher ihren Ausgang.
+
+Als Leonardo auf der Höhe seines Lebens jenem selig verzückten Lächeln
+wieder begegnete, wie es einst den Mund seiner Mutter bei ihren
+Liebkosungen umspielt hatte, stand er längst unter der Herrschaft
+einer Hemmung, die ihm verbot, je wieder solche Zärtlichkeiten von
+Frauenlippen zu begehren. Aber er war Maler geworden und so bemühte er
+sich, dieses Lächeln mit dem Pinsel wieder zu erschaffen, und er gab es
+allen seinen Bildern, ob er sie nun selbst ausführte oder unter seiner
+Leitung von seinen Schülern ausführen ließ, der Leda, dem Johannes und
+dem Bacchus. Die beiden letzten sind Abänderungen desselben Typus.
+~Muther~ sagt: »Aus dem Heuschreckenesser der Bibel hat Leonardo
+einen Bacchus, einen Apollino gemacht, der, ein rätselhaftes Lächeln
+auf den Lippen, die weichen Schenkel übereinander geschlagen, uns mit
+sinnbetörendem Auge anblickt.« Diese Bilder atmen eine Mystik, in deren
+Geheimnis einzudringen man nicht wagt; man kann es höchstens versuchen,
+den Anschluß an die früheren Schöpfungen Leonardos herzustellen. Die
+Gestalten sind wieder mannweiblich, aber nicht mehr im Sinne der
+Geierphantasie, es sind schöne Jünglinge von weiblicher Zartheit mit
+weibischen Formen; sie schlagen die Augen nicht nieder, sondern
+blicken geheimnisvoll triumphierend, als wüßten sie von einem großen
+Glückserfolg, von dem man schweigen muß; das bekannte berückende
+Lächeln läßt ahnen, daß es ein Liebesgeheimnis ist. Möglich, daß
+Leonardo in diesen Gestalten das Unglück seines Liebeslebens verleugnet
+und künstlerisch überwunden hat, indem er die Wunscherfüllung des von
+der Mutter betörten Knaben in solch seliger Vereinigung von männlichem
+und weiblichem Wesen darstellte.
+
+
+
+
+ V.
+
+
+Unter den Eintragungen in den Tagebüchern Leonardos findet sich eine,
+die durch ihren bedeutsamen Inhalt und wegen eines winzigen formalen
+Fehlers die Aufmerksamkeit des Lesers festhält:
+
+Er schreibt im Juli 1504.
+
+»Adi 9 di Luglio 1504 mercoledi a ore 7 mori Ser Piero da Vinci,
+notalio al palazzo del Potestà, mio padre, a ore 7. Era d'età d'anni
+80, lasciò 10 figlioli maschi e 2 femmine.«[66]
+
+Die Notiz handelt also vom Tode des Vaters Leonardos. Die kleine Irrung
+in ihrer Form besteht darin, daß die Zeitbestimmung »a ore 7« zweimal
+wiederholt wird, als hätte Leonardo am Ende des Satzes vergessen, daß
+er sie zu Anfang bereits hingeschrieben. Es ist nur eine Kleinigkeit,
+aus der ein anderer als ein Psychoanalytiker nichts machen würde.
+Vielleicht würde er sie nicht bemerken, und auf sie aufmerksam gemacht,
+würde er sagen: Das kann in der Zerstreutheit oder im Affekt jedem
+passieren und hat weiter keine Bedeutung.
+
+Der Psychoanalytiker denkt anders; ihm ist nichts zu klein als Äußerung
+verborgener seelischer Vorgänge; er hat längst gelernt, daß solches
+Vergessen oder Wiederholen bedeutungsvoll ist, und daß man es der
+»Zerstreutheit« danken muß, wenn sie den Verrat sonst verborgener
+Regungen gestattet.
+
+Wir werden sagen, auch diese Notiz entspricht, wie die Leichenrechnung
+der Catarina, die Kostenrechnungen der Schüler, einem Falle, in dem
+Leonardo die Unterdrückung seiner Affekte mißglückte und das lange
+Verhohlene sich einen entstellten Ausdruck erzwang. Auch die Form
+ist eine ähnliche, dieselbe pedantische Genauigkeit, die gleiche
+Vordringlichkeit der Zahlen.[67]
+
+Wir heißen eine solche Wiederholung eine Perseveration. Sie ist ein
+ausgezeichnetes Hilfsmittel, um die affektive Betonung anzuzeigen.
+Man denke z. B. an die Zornesrede des heiligen Petrus gegen seinen
+unwürdigen Stellvertreter auf Erden in ~Dantes~ Paradiso:[68]
+
+ »Quegli ch'usurpa in terra il luogo mio
+ Il luogo mio, il luogo mio, che vaca
+ Nella presenza del Figliuol di Dio,
+
+ Fatto ha del cimiterio mio cloaca.«
+
+Ohne Leonardos Affekthemmung hätte die Eintragung im Tagebuch etwa
+lauten können: Heute um 7 Uhr starb mein Vater, Ser Piero da Vinci,
+mein armer Vater! Aber die Verschiebung der Perseveration auf die
+gleichgültigste Bestimmung der Todesnachricht, auf die Sterbestunde,
+raubt der Notiz jedes Pathos und läßt uns gerade noch erkennen, daß
+hier etwas zu verbergen und zu unterdrücken war.
+
+Ser Piero da Vinci, Notar und Abkömmling von Notaren, war ein Mann von
+großer Lebenskraft, der es zu Ansehen und Wohlstand brachte. Er war
+viermal verheiratet, die beiden ersten Frauen starben ihm kinderlos
+weg, erst von der dritten erzielte er 1476 den ersten legitimen Sohn,
+als Leonardo bereits 24 Jahre alt war und das Vaterhaus längst gegen
+das Atelier seines Meisters Verrocchio vertauscht hatte; mit der
+vierten und letzten Frau, die er bereits als Fünfziger geheiratet
+hatte, zeugte er noch neun Söhne und zwei Töchter.[69]
+
+Gewiß ist auch dieser Vater für die psychosexuelle Entwicklung
+Leonardos bedeutsam geworden, und zwar nicht nur negativ, durch
+seinen Wegfall in den ersten Kinderjahren des Knaben, sondern auch
+unmittelbar durch seine Gegenwart in dessen späterer Kindheit. Wer
+als Kind die Mutter begehrt, der kann es nicht vermeiden, sich an die
+Stelle des Vaters setzen zu wollen, sich in seiner Phantasie mit ihm
+zu identifizieren und später seine Überwindung zur Lebensaufgabe zu
+machen. Als Leonardo, noch nicht fünf Jahre alt, ins großväterliche
+Haus aufgenommen wurde, trat gewiß die junge Stiefmutter Albiera an
+die Stelle seiner Mutter in seinem Fühlen, und er kam in jenes normal
+zu nennende Rivalitätsverhältnis zum Vater. Die Entscheidung zur
+Homosexualität tritt bekanntlich erst in der Nähe der Pubertätsjahre
+auf. Als diese für Leonardo gefallen war, verlor die Identifizierung
+mit dem Vater jede Bedeutung für sein Sexualleben, setzte sich aber
+auf anderen Gebieten von nicht erotischer Betätigung fort. Wir hören,
+daß er Prunk und schöne Kleider liebte, sich Diener und Pferde hielt,
+obwohl er nach ~Vasaris~ Worten »fast nichts besaß und wenig
+arbeitete«; wir werden nicht allein seinen Schönheitssinn für diese
+Vorlieben verantwortlich machen, wir erkennen in ihnen auch den Zwang,
+den Vater zu kopieren und zu übertreffen. Der Vater war gegen das
+arme Bauernmädchen der vornehme Herr gewesen, daher verblieb in dem
+Sohne der Stachel, auch den vornehmen Herrn zu spielen, der Drang
+»to out-herod Herod,« dem Vater vorzuhalten, wie erst die richtige
+Vornehmheit aussehe.
+
+Wer als Künstler schafft, der fühlt sich gegen seine Werke gewiß als
+Vater. Für Leonardos Schaffen als Maler hatte die Identifizierung mit
+dem Vater eine verhängnisvolle Folge. Er schuf sie und kümmerte sich
+nicht mehr um sie, wie sein Vater sich nicht um ihn bekümmert hatte.
+Die spätere Sorge des Vaters konnte an diesem Zwange nichts ändern,
+denn dieser leitete sich von den Eindrücken der ersten Kinderjahre ab,
+und das unbewußt gebliebene Verdrängte ist unkorrigierbar durch spätere
+Erfahrungen.
+
+Zur Zeit der Renaissance bedurfte jeder Künstler -- wie auch noch
+viel später -- eines hohen Herrn und Gönners, eines Padrone, der ihm
+Aufträge gab, in dessen Händen sein Schicksal ruhte. Leonardo fand
+seinen Padrone in dem hochstrebenden, prachtliebenden, diplomatisch
+verschlagenen, aber unsteten und unverläßlichen ~Lodovico Sforza~,
+zubenannt: il ~Moro~. An seinem Hofe in Mailand verbrachte er
+die glänzendste Zeit seines Lebens, in seinen Diensten entfaltete er
+am ungehemmtesten die Schaffenskraft, von der das Abendmahl und das
+Reiterstandbild des Francesco Sforza Zeugnis ablegten. Er verließ
+Mailand, ehe die Katastrophe über Lodovico Moro hereinbrach, der als
+Gefangener in einem französischen Kerker starb. Als die Nachricht
+vom Schicksal seines Gönners Leonardo erreichte, schrieb er in sein
+Tagebuch: »Der Herzog verlor sein Land, seinen Besitz, seine Freiheit,
+und keines der Werke, die er unternommen, wurde zu Ende geführt.«[70]
+Es ist merkwürdig und gewiß nicht bedeutungslos, daß er hier gegen
+seinen Padrone den nämlichen Vorwurf erhob, den die Nachwelt gegen
+ihn wenden sollte, als wollte er eine Person aus der Vaterreihe dafür
+verantwortlich machen, daß er selbst seine Werke unvollendet ließ. In
+Wirklichkeit hatte er auch gegen den Herzog nicht Unrecht.
+
+Aber wenn die Nachahmung des Vaters ihn als Künstler schädigte, so
+war die Auflehnung gegen den Vater die infantile Bedingung seiner
+vielleicht ebenso großartigen Leistung als Forscher. Er glich, nach
+dem schönen Gleichnis ~Mereschkowskis~, einem Menschen, der in
+der Finsternis zu früh erwacht war, während die anderen noch alle
+schliefen.[71] Er wagte es, den kühnen Satz auszusprechen, der doch
+die Rechtfertigung jeder freien Forschung enthält: ~Wer im Streite
+der Meinungen sich auf die Autorität beruft, der arbeitet mit seinem
+Gedächtnis, anstatt mit seinem Verstand.~[72] So wurde er der erste
+moderne Naturforscher, und eine Fülle von Erkenntnissen und Ahnungen
+belohnte seinen Mut, seit den Zeiten der Griechen als der erste,
+nur auf Beobachtung und eigenes Urteil gestützt, an die Geheimnisse
+der Natur zu rühren. Aber wenn er die Autorität geringschätzen und
+die Nachahmung der »Alten« verwerfen lehrte und immer wieder auf
+das Studium der Natur als auf die Quelle aller Wahrheit hinwies,
+so wiederholte er nur in der höchsten, dem Menschen erreichbaren
+Sublimierung die Parteinahme, die sich bereits dem kleinen,
+verwundert in die Welt blickenden Knaben aufgedrängt hatte. Aus der
+wissenschaftlichen Abstraktion in die konkrete individuelle Erfahrung
+rückübersetzt, entsprachen die Alten und die Autorität doch nur dem
+Vater, und die Natur wurde wieder die zärtliche, gütige Mutter, die ihn
+genährt hatte. Während bei den meisten anderen Menschenkindern -- auch
+noch heute wie in Urzeiten -- das Bedürfnis nach dem Anhalt an irgend
+einer Autorität so gebieterisch ist, daß ihnen die Welt ins Wanken
+gerät, wenn diese Autorität bedroht wird, konnte Leonardo allein dieser
+Stütze entbehren; er hätte es nicht können, wenn er nicht in den ersten
+Lebensjahren gelernt hätte, auf den Vater zu verzichten. Die Kühnheit
+und Unabhängigkeit seiner späteren wissenschaftlichen Forschung setzt
+die vom Vater ungehemmte infantile Sexualforschung voraus und setzt sie
+unter Abwendung vom Sexuellen fort.
+
+Wenn jemand wie Leonardo in seiner Kindheit der Einschüchterung durch
+den Vater entgangen ist und in seiner Forschung die Fesseln der
+Autorität abgeworfen hat, so wäre es der grellste Widerspruch gegen
+unsere Erwartung, wenn wir fänden, daß derselbe Mann ein Gläubiger
+geblieben ist und es nicht vermocht hat, sich der dogmatischen Religion
+zu entziehen. Die Psychoanalyse hat uns den intimen Zusammenhang
+zwischen dem Vaterkomplex und der Gottesgläubigkeit kennen gelehrt,
+hat uns gezeigt, daß der persönliche Gott psychologisch nichts
+anderes ist als ein erhöhter Vater, und führt uns täglich vor
+Augen, wie jugendliche Personen den religiösen Glauben verlieren,
+sobald die Autorität des Vaters bei ihnen zusammenbricht. Im
+Elternkomplex erkennen wir so die Wurzel des religiösen Bedürfnisses;
+der allmächtige, gerechte Gott und die gütige Natur erscheinen uns
+als großartige Sublimierungen von Vater und Mutter, vielmehr als
+Erneuerungen und Wiederherstellungen der frühkindlichen Vorstellungen
+von beiden. Die Religiosität führt sich biologisch auf die lang
+anhaltende Hilflosigkeit und Hilfsbedürftigkeit des kleinen
+Menschenkindes zurück, welches, wenn es später seine wirkliche
+Verlassenheit und Schwäche gegen die großen Mächte des Lebens
+erkannt hat, seine Lage ähnlich wie in der Kindheit empfindet und
+deren Trostlosigkeit durch die regressive Erneuerung der infantilen
+Schutzmächte zu verleugnen sucht.
+
+Es scheint nicht, daß das Beispiel Leonardos diese Auffassung der
+religiösen Gläubigkeit des Irrtums überführen könnte. Anklagen, die ihn
+des Unglaubens, oder, was jener Zeit ebensoviel hieß, des Abfalles vom
+Christenglauben beschuldigten, regten sich bereits zu seinen Lebzeiten
+und haben in der ersten Lebensbeschreibung, die ~Vasari~ von ihm
+gab, einen bestimmten Ausdruck gefunden.[73] In der zweiten Ausgabe
+seiner Vite 1568 hat ~Vasari~ diese Bemerkungen weggelassen.
+Uns ist es vollkommen begreiflich, wenn Leonardo angesichts der
+außerordentlichen Empfindlichkeit seines Zeitalters in religiösen
+Dingen sich direkter Äußerungen über seine Stellung zum Christentum
+auch in seinen Aufzeichnungen enthielt. Als Forscher ließ er sich
+durch die Schöpfungsberichte der Heiligen Schrift nicht im mindesten
+beirren; er bestritt z. B. die Möglichkeit einer universellen Sündflut
+und rechnete in der Geologie ebenso unbedenklich wie die Modernen mit
+Jahrhunderttausenden.
+
+Unter seinen »Prophezeiungen« finden sich so manche, die das Feingefühl
+eines gläubigen Christen beleidigen müßten, z. B.:[74] Die Bilder der
+Heiligen angebetet.
+
+»Es werden die Menschen mit Menschen reden, die nichts vernehmen,
+welche die Augen offen haben und nicht sehen; sie werden zu diesen
+reden und keine Antwort bekommen; sie werden Gnaden erbitten von dem,
+welcher Ohren hat und nicht hört; sie werden Lichter anzünden für den,
+der blind ist.«
+
+Oder: Vom Klagen am Karfreitag (p. 297).
+
+»In allen Teilen Europas wird von großen Völkerschaften geweint werden
+um den Tod eines einzigen Mannes, der im Orient gestorben.«
+
+Von Leonardos Kunst hat man geurteilt, daß er den heiligen Gestalten
+den letzten Rest kirchlicher Gebundenheit benahm und sie ins
+Menschliche zog, um große und schöne menschliche Empfindungen an ihnen
+darzustellen. ~Muther~ rühmt von ihm, daß er die Dekadenzstimmung
+überwand und den Menschen das Recht auf Sinnlichkeit und frohen
+Lebensgenuß wiedergab. In den Aufzeichnungen, welche Leonardo in die
+Ergründung der großen Naturrätsel vertieft zeigen, fehlt es nicht an
+Äußerungen der Bewunderung für den Schöpfer, den letzten Grund all
+dieser herrlichen Geheimnisse, aber nichts deutet darauf hin, daß er
+eine persönliche Beziehung zu dieser Gottesmacht festhalten wollte.
+Die Sätze, in welche er die tiefe Weisheit seiner letzten Lebensjahre
+gelegt hat, atmen die Resignation des Menschen, der sich der ᾿Αναγκη,
+den Gesetzen der Natur, unterwirft und von der Güte oder Gnade
+Gottes keine Milderung erwartet. Es ist kaum ein Zweifel, daß Leonardo
+die dogmatische wie die persönliche Religion überwunden und sich durch
+seine Forscherarbeit weit von der Weltanschauung des gläubigen Christen
+entfernt hatte.
+
+Aus unseren vorhin erwähnten Einsichten in die Entwicklung des
+kindlichen Seelenlebens wird uns die Annahme nahe gelegt, daß auch
+Leonardos erste Forschungen im Kindesalter sich mit den Problemen
+der Sexualität beschäftigten. Er verrät es uns aber selbst in
+durchsichtiger Verhüllung, indem er seinen Forscherdrang an die
+Geierphantasie knüpft und das Problem des Vogelfluges als eines
+hervorhebt, das ihm durch besondere Schicksalsverkettung zur
+Bearbeitung zugefallen sei. Eine recht dunkle, wie eine Prophezeiung
+klingende Stelle in seinen Aufzeichnungen, die den Vogelflug behandeln,
+bezeugt aufs Schönste, mit wie viel Affektinteresse er an dem Wunsche
+hing, die Kunst des Fliegens selbst nachahmen zu können: »Es wird
+seinen ersten Flug nehmen der große Vogel, vom Rücken seines großen
+Schwanes aus, das Universum mit Verblüffung, alle Schriften mit seinem
+Ruhme füllen und ewige Glorie sein dem Neste, wo er geboren ward.«[75]
+Er hoffte wahrscheinlich, selbst einmal fliegen zu können, und wir
+wissen aus den wunscherfüllenden Träumen der Menschen, welche Seligkeit
+man sich von der Erfüllung dieser Hoffnung erwartet.
+
+Warum träumen aber so viele Menschen vom Fliegenkönnen? Die
+Psychoanalyse gibt hierauf die Antwort, weil das Fliegen oder Vogel
+sein, nur die Verhüllung eines anderen Wunsches ist, zu dessen
+Erkennung mehr als eine sprachliche und sachliche Brücke führt.
+Wenn man der wißbegierigen Jugend erzählt, ein großer Vogel, wie
+der Storch, bringe die kleinen Kinder, wenn die Alten den Phallus
+geflügelt gebildet haben, wenn die gebräuchlichste Bezeichnung der
+Geschlechtstätigkeit des Mannes im Deutschen »vögeln« lautet, das
+Glied des Mannes bei den Italienern direkt l'uccello (Vogel) heißt,
+so sind das nur kleine Bruchstücke aus einem großen Zusammenhange,
+der uns lehrt, daß der Wunsch, fliegen zu können, im Traume nichts
+anderes bedeutet als die Sehnsucht, geschlechtlicher Leistungen fähig
+zu sein. Es ist dies ein frühinfantiler Wunsch. Wenn der Erwachsene
+seiner Kindheit gedenkt, so erscheint sie ihm als eine glückliche Zeit,
+in der man sich des Augenblickes freute und wunschlos der Zukunft
+entgegenging, und darum beneidet er die Kinder. Aber die Kinder selbst,
+wenn sie darüber Auskunft geben könnten, würden wahrscheinlich anderes
+berichten. Es scheint, daß die Kindheit nicht jenes selige Idyll ist,
+zu dem wir es nachträglich entstellen, daß die Kinder vielmehr von
+dem einen Wunsch, groß zu werden, es den Erwachsenen gleich zu tun,
+durch die Jahre der Kindheit gepeitscht werden. Dieser Wunsch treibt
+alle ihre Spiele. Ahnen die Kinder im Verlaufe ihrer Sexualforschung,
+daß der Erwachsene auf dem einen rätselvollen und doch so wichtigen
+Gebiete etwas Großartiges kann, was ihnen zu wissen und zu tun versagt
+ist, so regt sich in ihnen ein ungestümer Wunsch, dasselbe zu können,
+und sie träumen davon in der Form des Fliegens oder bereiten diese
+Einkleidung des Wunsches für ihre späteren Flugträume vor. So hat also
+auch die Aviatik, die in unseren Zeiten endlich ihr Ziel erreicht, ihre
+infantile erotische Wurzel.
+
+Indem uns Leonardo eingesteht, daß er zu dem Problem des Fliegens
+von Kindheit an eine besondere persönliche Beziehung verspürt hat,
+bestätigt er uns, daß seine Kinderforschung auf Sexuelles gerichtet
+war, wie wir es nach unseren Untersuchungen an den Kindern unserer
+Zeit vermuten mußten. Dies eine Problem wenigstens hatte sich der
+Verdrängung entzogen, die ihn später der Sexualität entfremdete; von
+den Kinderjahren an bis in die Zeit der vollsten intellektuellen
+Reife war ihm das nämliche mit leichter Sinnesabänderung interessant
+geblieben, und es ist sehr wohl möglich, daß ihm die gewünschte Kunst
+im primären sexuellen Sinne ebensowenig gelang wie im mechanischen, daß
+beide für ihn versagte Wünsche blieben.
+
+Der große Leonardo blieb überhaupt sein ganzes Leben über in manchen
+Stücken kindlich; man sagt, daß alle großen Männer etwas Infantiles
+bewahren müssen. Er spielte auch als Erwachsener weiter und wurde auch
+dadurch manchmal seinen Zeitgenossen unheimlich und unbegreiflich.
+Wenn er zu höfischen Festlichkeiten und feierlichen Empfängen die
+kunstvollsten mechanischen Spielereien verfertigte, so sind nur
+wir damit unzufrieden, die den Meister nicht gern seine Kraft an
+solchen Tand wenden sehen; er selbst scheint sich nicht ungern mit
+diesen Dingen abgegeben zu haben, denn ~Vasari~ berichtet, daß
+er ähnliches machte, wo kein Auftrag ihn dazu nötigte: »Dort (in
+Rom) verfertigte er einen Teig von Wachs und formte daraus, wenn er
+fließend war, sehr zarte Tiere, mit Luft gefüllt; blies er hinein,
+so flogen sie, war die Luft heraus, so fielen sie zur Erde. Einer
+seltsamen Eidechse, welche der Winzer von Belvedere fand, machte er
+Flügel aus der abgezogenen Haut anderer Eidechsen, welche er mit
+Quecksilber füllte, so daß sie sich bewegten und zitterten, wenn sie
+ging; sodann machte er ihr Augen, Bart und Hörner, zähmte sie, tat sie
+in eine Schachtel und jagte alle seine Freunde damit in Furcht.«[76]
+Oft dienten ihm solche Spielereien zum Ausdruck inhaltschwerer
+Gedanken: »Oftmals ließ er die Därme eines Hammels so fein ausputzen,
+daß man sie in der hohlen Hand hätte halten können; diese trug er
+in ein großes Zimmer, brachte in eine anstoßende Stube ein paar
+Schmiedeblasebälge, befestigte daran die Därme und blies sie auf, bis
+sie das ganze Zimmer einnahmen und man in eine Ecke flüchten mußte,
+so zeigte er, wie sie allmählich durchsichtig und von Luft erfüllt
+wurden, und indem sie anfangs auf einen kleinen Platz beschränkt sich
+mehr und mehr in den weiten Raum ausbreiteten, verglich er sie dem
+Genie.«[77] Dieselbe spielerische Lust am harmlosen Verbergen und
+kunstvollen Einkleiden bezeugen seine Fabeln und Rätsel, letztere in
+die Form von »Prophezeiungen« gebracht, fast alle gedankenreich und in
+bemerkenswertem Maße des Witzes entbehrend.
+
+Die Spiele und Sprünge, die Leonardo seiner Phantasie gestattete, haben
+in einigen Fällen seine Biographen, die diesen Charakter verkannten, in
+argen Irrtum gebracht. In den Mailänder Manuskripten Leonardos finden
+sich z. B. Entwürfe zu Briefen an den »Diodario von Sorio (Syrien),
+Statthalter des heiligen Sultan von Babylonia«, in denen Leonardo sich
+als Ingenieur einführt, der in diese Gegenden des Orients geschickt
+wurde, um gewisse Arbeiten auszuführen, sich gegen den Vorwurf der
+Trägheit verteidigt, geographische Beschreibungen von Städten und
+Bergen liefert und endlich ein großes Elementarereignis schildert, das
+dort in Leonardos Anwesenheit vorgefallen ist.[78]
+
+J. P. ~Richter~ hat im Jahre 1881 aus diesen Schriftstücken zu
+beweisen gesucht, daß Leonardo wirklich im Dienste des Sultans von
+Ägypten diese Reisebeobachtungen angestellt und selbst im Orient die
+mohammedanische Religion angenommen habe. Dieser Aufenthalt sollte in
+die Zeit vor 1483, also vor der Übersiedlung an den Hof des Herzogs von
+Mailand fallen. Allein der Kritik anderer Autoren ist es nicht schwer
+geworden, die Belege für die angebliche Orientreise Leonardos als das
+zu erkennen, was sie in Wirklichkeit sind, phantastische Produktionen
+des jugendlichen Künstlers, die er zu seiner eigenen Unterhaltung
+schuf, in denen er vielleicht seine Wünsche, die Welt zu sehen und
+Abenteuer zu erleben, zum Ausdruck brachte.
+
+Ein Phantasiegebilde ist wahrscheinlich auch die »Academia Vinciana«,
+deren Annahme auf dem Vorhandensein von fünf oder sechs höchst
+künstlich verschlungenen Emblemen mit der Inschrift der Akademie
+beruht. ~Vasari~ erwähnt diese Zeichnungen, aber nicht die
+Akademie.[79] ~Müntz~, der ein solches Ornament auf den Deckel
+seines großen Leonardowerkes gesetzt hat, gehört zu den wenigen, die an
+die Realität einer »Academia Vinciana« glauben.
+
+Es ist wahrscheinlich, daß dieser Spieltrieb Leonardos in seinen
+reiferen Jahren schwand, daß auch er in die Forschertätigkeit
+einmündete, welche die letzte und höchste Entfaltung seiner
+Persönlichkeit bedeutete. Aber seine lange Erhaltung kann uns
+lehren, wie langsam sich von seiner Kindheit losreißt, wer in seinen
+Kinderzeiten die höchste, später nicht wieder erreichte, erotische
+Seligkeit genossen hat.
+
+
+
+
+ VI.
+
+
+Es wäre vergeblich sich darüber zu täuschen, daß die Leser heute
+alle Pathographie unschmackhaft finden. Die Ablehnung bekleidet
+sich mit dem Vorwurf, bei einer pathographischen Bearbeitung eines
+großen Mannes gelange man nie zum Verständnis seiner Bedeutung und
+seiner Leistung; es sei daher unnützer Mutwillen, an ihm Dinge zu
+studieren, die man ebensowohl beim erstbesten anderen finden könne.
+Allein diese Kritik ist so offenbar ungerecht, daß sie nur als
+Vorwand und Verhüllung verständlich wird. Die Pathographie setzt sich
+überhaupt nicht das Ziel, die Leistung des großen Mannes verständlich
+zu machen; man darf doch niemand zum Vorwurf machen, daß er etwas
+nicht gehalten hat, was er niemals versprochen hatte. Die wirklichen
+Motive des Widerstrebens sind andere. Man findet sie auf, wenn man in
+Erwägung zieht, daß Biographen in ganz eigentümlicher Weise an ihren
+Helden fixiert sind. Sie haben ihn häufig zum Objekt ihrer Studien
+gewählt, weil sie ihm aus Gründen ihres persönlichen Gefühlslebens
+von vornherein eine besondere Affektion entgegenbrachten. Sie geben
+sich dann einer Idealisierungsarbeit hin, die bestrebt ist, den großen
+Mann in die Reihe ihrer infantilen Vorbilder einzutragen, etwa die
+kindliche Vorstellung des Vaters in ihm neuzubeleben. Sie löschen
+diesem Wunsche zuliebe die individuellen Züge in seiner Physiognomie
+aus, glätten die Spuren seines Lebenskampfes mit inneren und äußeren
+Widerständen, dulden an ihm keinen Rest von menschlicher Schwäche
+oder Unvollkommenheit und geben uns dann wirklich eine kalte, fremde
+Idealgestalt anstatt des Menschen, dem wir uns entfernt verwandt fühlen
+könnten. Es ist zu bedauern, daß sie dies tun, denn sie opfern damit
+die Wahrheit einer Illusion und verzichten zu Gunsten ihrer infantilen
+Phantasien auf die Gelegenheit, in die reizvollsten Geheimnisse der
+menschlichen Natur einzudringen.[80]
+
+Leonardo selbst hätte in seiner Wahrheitsliebe und seinem Wissensdrange
+den Versuch nicht abgewehrt, aus den kleinen Seltsamkeiten und Rätseln
+seines Wesens die Bedingungen seiner seelischen und intellektuellen
+Entwicklung zu erraten. Wir huldigen ihm, indem wir an ihm lernen.
+Es beeinträchtigt seine Größe nicht, wenn wir die Opfer studieren,
+die seine Entwicklung aus dem Kinde kosten mußte, und die Momente
+zusammentragen, die seiner Person den tragischen Zug des Mißglückens
+eingeprägt haben.
+
+Heben wir ausdrücklich hervor, daß wir Leonardo niemals zu den
+Neurotikern oder »Nervenkranken«, wie das ungeschickte Wort lautet,
+gezählt haben. Wer sich darüber beklagt, daß wir es überhaupt wagen,
+aus der Pathologie gewonnene Gesichtspunkte auf ihn anzuwenden, der
+hält noch an Vorurteilen fest, die wir heute mit Recht aufgegeben
+haben. Wir glauben nicht mehr, daß Gesundheit und Krankheit, Normale
+und Nervöse, scharf von einander zu sondern sind, und daß neurotische
+Züge als Beweise einer allgemeinen Minderwertigkeit beurteilt werden
+müssen. Wir wissen heute, daß die neurotischen Symptome Ersatzbildungen
+für gewisse Verdrängungsleistungen sind, welche wir im Laufe
+unserer Entwicklung vom Kinde bis zum Kulturmenschen zu vollbringen
+haben, daß wir alle solche Ersatzbildungen produzieren, und daß nur
+die Anzahl, Intensität und Verteilung dieser Ersatzbildungen den
+praktischen Begriff des Krankseins und den Schluß auf konstitutionelle
+Minderwertigkeit rechtfertigen. Nach den kleinen Anzeichen an Leonardos
+Persönlichkeit dürfen wir ihn in die Nähe jenes neurotischen Typus
+stellen, den wir als »Zwangstypus« bezeichnen, sein Forschen mit dem
+»Grübelzwang« der Neurotiker, seine Hemmungen mit den sog. Abulien
+derselben vergleichen.
+
+Das Ziel unserer Arbeit war die Erklärung der Hemmungen in Leonardos
+Sexualleben und in seiner künstlerischen Tätigkeit. Es ist uns
+gestattet, zu diesem Zwecke zusammenzufassen, was wir über den Verlauf
+seiner psychischen Entwicklung erraten konnten.
+
+Die Einsicht in seine hereditären Verhältnisse ist uns versagt,
+dagegen erkennen wir, daß die akzidentellen Umstände seiner Kindheit
+eine tiefgreifende störende Wirkung ausüben. Seine illegitime Geburt
+entzieht ihn bis vielleicht zum fünften Jahre dem Einflusse des Vaters
+und überläßt ihn der zärtlichen Verführung einer Mutter, deren einziger
+Trost er ist. Von ihr zur sexuellen Frühreife emporgeküßt, muß er
+wohl in eine Phase infantiler Sexualbetätigung eingetreten sein, von
+welcher nur eine einzige Äußerung sicher bezeugt ist, die Intensität
+seiner infantilen Sexualforschung. Schau- und Wißtrieb werden durch
+seine frühkindlichen Eindrücke am stärksten erregt; die erogene
+Mundzone empfängt eine Betonung, die sie nie mehr abgibt. Aus dem
+später gegenteiligen Verhalten, wie dem übergroßen Mitleid mit Tieren,
+können wir schließen, daß es in dieser Kindheitsperiode an kräftigen
+sadistischen Zügen nicht fehlte.
+
+Ein energischer Verdrängungsschub bereitet diesem kindlichen Übermaß
+ein Ende und stellt die Dispositionen fest, die in den Jahren der
+Pubertät zum Vorschein kommen werden. Die Abwendung von jeder
+grobsinnlichen Betätigung wird das augenfälligste Ergebnis der
+Umwandlung sein; Leonardo wird abstinent leben können und den Eindruck
+eines asexuellen Menschen machen. Wenn die Fluten der Pubertätserregung
+über den Knaben kommen, werden sie ihn aber nicht krank machen, indem
+sie ihn zu kostspieligen und schädlichen Ersatzbildungen nötigen;
+der größere Anteil der Bedürftigkeit des Geschlechtstriebes wird
+sich Dank der frühzeitigen Bevorzugung der sexuellen Wißbegierde zu
+allgemeinem Wissensdrang sublimieren können und so der Verdrängung
+ausweichen. Ein weit geringerer Anteil der Libido wird sexuellen Zielen
+zugewendet bleiben und das verkümmerte Geschlechtsleben des Erwachsenen
+repräsentieren. Infolge der Verdrängung der Liebe zur Mutter wird
+dieser Anteil in homosexuelle Einstellung gedrängt werden und sich
+als ideelle Knabenliebe kundgeben. Im Unbewußten bleibt die Fixierung
+an die Mutter und an die seligen Erinnerungen des Verkehres mit ihr
+bewahrt, verharrt aber vorläufig in inaktivem Zustand. In solcher Weise
+teilen sich Verdrängung, Fixierung und Sublimierung in die Verfügung
+über die Beiträge, welche der Sexualtrieb zum Seelenleben Leonardos
+leistet.
+
+Aus dunkler Knabenzeit taucht Leonardo als Künstler, Maler und
+Plastiker vor uns auf, dank einer spezifischen Begabung, die der
+frühzeitigen Erweckung des Schautriebes in ersten Kinderjahren eine
+Verstärkung schulden mag. Gerne würden wir angeben wollen, in welcher
+Weise sich die künstlerische Betätigung auf die seelischen Urtriebe
+zurückführt, wenn nicht gerade hier unsere Mittel versagen würden. Wir
+bescheiden uns die kaum mehr zweifelhafte Tatsache hervorzuheben, daß
+das Schaffen des Künstlers auch seinem sexuellen Begehren Ableitung
+gibt, und für Leonardo auf die von ~Vasari~ übermittelte Nachricht
+hinzuweisen, daß Köpfe von lächelnden Frauen und schönen Knaben, also
+Darstellungen seiner Sexualobjekte, unter seinen ersten künstlerischen
+Versuchen auffielen. In aufblühender Jugend scheint Leonardo zunächst
+ungehemmt zu arbeiten. Wie er in seiner äußeren Lebensführung den
+Vater zum Vorbild nimmt, so durchlebt er eine Zeit von männlicher
+Schaffenskraft und künstlerischer Produktivität in Mailand, wo ihn die
+Gunst des Schicksals im Herzog Lodovico Moro einen Vaterersatz finden
+läßt. Aber bald bewährt sich an ihm die Erfahrung, daß die fast völlige
+Unterdrückung des realen Sexuallebens nicht die günstigsten Bedingungen
+für die Betätigung der sublimierten sexuellen Strebungen ergibt. Die
+Vorbildlichkeit des Sexuallebens macht sich geltend, die Aktivität
+und die Fähigkeit zu raschem Entschluß beginnen zu erlahmen, die
+Neigung zum Erwägen und Verzögern wird schon beim heiligen Abendmahl
+störend bemerkbar und bestimmt durch die Beeinflussung der Technik das
+Schicksal dieses großartigen Werkes. Langsam vollzieht sich nun bei
+ihm ein Vorgang, den man nur den Regressionen bei Neurotikern an die
+Seite stellen kann. Die Pubertätsentfaltung seines Wesens zum Künstler
+wird durch die frühinfantil bedingte zum Forscher überholt, die zweite
+Sublimierung seiner erotischen Triebe tritt gegen die uranfängliche,
+bei der ersten Verdrängung vorbereitete, zurück. Er wird zum Forscher,
+zuerst noch im Dienste seiner Kunst, später unabhängig von ihr und von
+ihr weg. Mit dem Verlust des den Vater ersetzenden Gönners und der
+zunehmenden Verdüsterung im Leben greift diese regressive Ersetzung
+immer mehr um sich. Er wird »impacientissimo al pennello«, wie ein
+Korrespondent der Markgräfin Isabella d'Este berichtet, die durchaus
+noch ein Bild von seiner Hand besitzen will.[81] Seine kindliche
+Vergangenheit hat Macht über ihn bekommen. Das Forschen aber, das ihm
+nun das künstlerische Schaffen ersetzt, scheint einige der Züge an
+sich zu tragen, welche die Betätigung unbewußter Triebe kennzeichnen,
+die Unersättlichkeit, die rücksichtslose Starrheit, den Mangel an
+Fähigkeit, sich realen Verhältnissen anzupassen.
+
+Auf der Höhe seines Lebens, in den ersten fünfziger Jahren, zu einer
+Zeit, da beim Weibe die Geschlechtscharaktere bereits rückgebildet
+sind, beim Manne nicht selten die Libido noch einen energischen Vorstoß
+wagt, kommt eine neue Wandlung über ihn. Noch tiefere Schichten
+seines seelischen Inhaltes werden von neuem aktiv, aber diese weitere
+Regression kommt seiner Kunst zu gute, die im Verkümmern war. Er
+begegnet dem Weibe, welches die Erinnerung an das glückliche und
+sinnlich verzückte Lächeln der Mutter bei ihm weckt, und unter dem
+Einfluß dieser Erweckung gewinnt er den Antrieb wieder, der ihn zu
+Beginn seiner künstlerischen Versuche, als er die lächelnden Frauen
+bildete, geleitet. Er malt die Monna Lisa, die hl. Anna selbdritt
+und die Reihe der geheimnisvollen, durch das rätselhafte Lächeln
+ausgezeichneten Bilder. Mit Hilfe seiner urältesten erotischen Regungen
+feiert er den Triumph, die Hemmung in seiner Kunst noch einmal zu
+überwinden. Diese letzte Entwicklung verschwimmt für uns im Dunkel
+des herannahenden Alters. Sein Intellekt hat sich noch vorher zu
+den höchsten Leistungen einer seine Zeit weit hinter sich lassenden
+Weltanschauung aufgeschwungen.
+
+Ich habe in den voranstehenden Abschnitten angeführt, was zu einer
+solchen Darstellung des Entwicklungsganges Leonardos, zu einer
+derartigen Gliederung seines Lebens und Aufklärung seines Schwankens
+zwischen Kunst und Wissenschaft berechtigen kann. Sollte ich mit diesen
+Ausführungen auch bei Freunden und Kennern der Psychoanalyse das Urteil
+hervorrufen, daß ich bloß einen psychoanalytischen Roman geschrieben
+habe, so werde ich antworten, daß ich die Sicherheit dieser Ergebnisse
+gewiß nicht überschätze. Ich bin wie Andere der Anziehung unterlegen,
+die von diesem großen und rätselhaften Manne ausgeht, in dessen Wesen
+man mächtige triebhafte Leidenschaften zu verspüren glaubt, die sich
+doch nur so merkwürdig gedämpft äußern können.
+
+Was immer aber die Wahrheit über Leonardos Leben sein mag, wir
+können von unserem Versuche, sie psychoanalytisch zu ergründen,
+nicht eher ablassen, als bis wir eine andere Aufgabe erledigt
+haben. Wir müssen ganz allgemein die Grenzen abstecken, welche der
+Leistungsfähigkeit der Psychoanalyse in der Biographik gesetzt sind,
+damit uns nicht jede unterbliebene Erklärung als ein Mißerfolg
+ausgelegt werde. Der psychoanalytischen Untersuchung stehen als
+Material die Daten der Lebensgeschichte zur Verfügung, einerseits die
+Zufälligkeiten der Begebenheiten und Milieueinflüsse, anderseits die
+berichteten Reaktionen des Individuums. Gestützt auf ihre Kenntnis
+der psychischen Mechanismen sucht sie nun das Wesen des Individuums
+aus seinen Reaktionen dynamisch zu ergründen, seine ursprünglichen
+seelischen Triebkräfte aufzudecken sowie deren spätere Umwandlungen
+und Entwicklungen. Gelingt dies, so ist das Lebensverhalten der
+Persönlichkeit durch das Zusammenwirken von Konstitution und Schicksal,
+inneren Kräften und äußeren Mächten aufgeklärt. Wenn ein solches
+Unternehmen, wie vielleicht im Falle Leonardos, keine gesicherten
+Resultate ergibt, so liegt die Schuld nicht an der fehlerhaften oder
+unzulänglichen Methodik der Psychoanalyse, sondern an der Unsicherheit
+und Lückenhaftigkeit des Materials, welches die Überlieferung für
+diese Person beistellt. Für das Mißglücken ist also nur der Autor
+verantwortlich zu machen, der die Psychoanalyse genötigt hat, auf so
+unzureichendes Material hin ein Gutachten abzugeben.
+
+Aber selbst bei ausgiebigster Verfügung über das historische Material
+und bei gesichertster Handhabung der psychischen Mechanismen würde
+eine psychoanalytische Untersuchung an zwei bedeutsamen Stellen die
+Einsicht in die Notwendigkeit nicht ergeben können, daß das Individuum
+nur so und nicht anders werden konnte. Wir haben bei Leonardo die
+Ansicht vertreten müssen, daß die Zufälligkeit seiner illegitimen
+Geburt und die Überzärtlichkeit seiner Mutter den entscheidendsten
+Einfluß auf seine Charakterbildung und sein späteres Schicksal übten,
+indem die nach dieser Kindheitsphase eintretende Sexualverdrängung
+ihn zur Sublimierung der Libido in Wissensdrang veranlaßte und seine
+sexuelle Inaktivität fürs ganze spätere Leben feststellte. Aber diese
+Verdrängung nach den ersten erotischen Befriedigungen der Kindheit
+hätte nicht eintreten müssen; sie wäre bei einem anderen Individuum
+vielleicht nicht eingetreten oder wäre weit weniger ausgiebig
+ausgefallen. Wir müssen hier einen Grad von Freiheit anerkennen, der
+psychoanalytisch nicht mehr aufzulösen ist. Ebensowenig darf man den
+Ausgang dieses Verdrängungsschubes als den einzig möglichen Ausgang
+hinstellen wollen. Einer anderen Person wäre es wahrscheinlich
+nicht geglückt, den Hauptanteil der Libido der Verdrängung durch
+die Sublimierung zur Wißbegierde zu entziehen; unter den gleichen
+Einwirkungen wie Leonardo hätte sie eine dauernde Beeinträchtigung
+der Denkarbeit oder eine nicht zu bewältigende Disposition zur
+Zwangsneurose davongetragen. Diese zwei Eigentümlichkeiten Leonardos
+erübrigen also als unerklärbar durch psychoanalytische Bemühung: seine
+ganz besondere Neigung zu Triebverdrängungen und seine außerordentliche
+Fähigkeit zur Sublimierung der primitiven Triebe.
+
+Die Triebe und ihre Umwandlungen sind das letzte, das die Psychoanalyse
+erkennen kann. Von da an räumt sie der biologischen Forschung den
+Platz. Verdrängungsneigung sowie Sublimierungsfähigkeit sind wir
+genötigt, auf die organischen Grundlagen des Charakters zurückzuführen,
+über welche erst sich das seelische Gebäude erhebt. Da die
+künstlerische Begabung und Leistungsfähigkeit mit der Sublimierung
+innig zusammenhängt, müssen wir zugestehen, daß auch das Wesen der
+künstlerischen Leistung uns psychoanalytisch unzugänglich ist.
+Die biologische Forschung unserer Zeit neigt dazu, die Hauptzüge
+der organischen Konstitution eines Menschen durch die Vermengung
+männlicher und weiblicher Anlagen im stofflichen Sinne zu erklären;
+die Körperschönheit wie die Linkshändigkeit Leonardos gestatteten
+hier manche Anlehnung. Doch wir wollen den Boden rein psychologischer
+Forschung nicht verlassen. Unser Ziel bleibt der Nachweis des
+Zusammenhanges zwischen äußeren Erlebnissen und Reaktionen der Person
+über den Weg der Triebbetätigung. Wenn uns die Psychoanalyse auch die
+Tatsache der Künstlerschaft Leonardos nicht aufklärt, so macht sie uns
+doch die Äußerungen und die Einschränkungen derselben verständlich.
+Scheint es doch, als hätte nur ein Mann mit den Kindheitserlebnissen
+Leonardos die Monna Lisa und die heilige Anna selbdritt malen, seinen
+Werken jenes traurige Schicksal bereiten und so unerhörten Aufschwung
+als Naturforscher nehmen können, als läge der Schlüssel zu all seinen
+Leistungen und seinem Mißgeschick in der Kindheitsphantasie vom Geier
+verborgen.
+
+Darf man aber nicht Anstoß nehmen an den Ergebnissen einer
+Untersuchung, welche den Zufälligkeiten der Elternkonstellation einen
+so entscheidenden Einfluß auf das Schicksal eines Menschen einräumt,
+das Schicksal Leonardos z. B. von seiner illegitimen Geburt und der
+Unfruchtbarkeit seiner ersten Stiefmutter Donna Albiera abhängig
+macht? Ich glaube, man hat kein Recht dazu; wenn man den Zufall für
+unwürdig hält, über unser Schicksal zu entscheiden, ist es bloß ein
+Rückfall in die fromme Weltanschauung, deren Überwindung Leonardo
+selbst vorbereitete, als er niederschrieb, die Sonne bewege sich
+nicht. Wir sind natürlich gekränkt darüber, daß ein gerechter Gott und
+eine gütige Vorsehung uns nicht besser vor solchen Einwirkungen in
+unserer wehrlosesten Lebenszeit behüten. Wir vergessen dabei gern, daß
+eigentlich alles an unserem Leben Zufall ist, von unserer Entstehung
+an durch das Zusammentreffen von Spermatozoon und Ei, Zufall, der
+darum doch an der Gesetzmäßigkeit und Notwendigkeit der Natur seinen
+Anteil hat, bloß der Beziehung zu unseren Wünschen und Illusionen
+entbehrt. Die Aufteilung unserer Lebensdeterminierung zwischen den
+»Notwendigkeiten« unserer Konstitution und den »Zufälligkeiten« unserer
+Kindheit mag im einzelnen noch ungesichert sein; im ganzen läßt sich
+aber ein Zweifel an der Bedeutsamkeit gerade unserer ersten Kinderjahre
+nicht mehr festhalten. Wir zeigen alle noch zu wenig Respekt vor
+der Natur, die nach Leonardos dunklen, an Hamlets Rede gemahnenden
+Worten »voll ist zahlloser Ursachen, die niemals in die Erfahrung
+traten« (La natura è piena d'infinite ragioni che non furono mai in
+isperienza).[82] Jeder von uns Menschenwesen entspricht einem der
+ungezählten Experimente, in denen diese ragioni der Natur sich in die
+Erfahrung drängen.
+
+
+
+
+ VERLAG VON FRANZ DEUTICKE IN LEIPZIG UND WIEN.
+
+
+ Schriften zur angewandten Seelenkunde.
+
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+Seele.
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+Periodenschieber.
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+Von =Dr. Hermann Swoboda=, Privatdozent an der Universität in Wien.
+
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+
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+Von =Dr. Hermann Swoboda=, Privatdozent für Psychologie an der
+Universität in Wien.
+
+Preis M 1.50 = K 1.80.
+
+ K. u. K. Hofbuchdruckerei Karl Prochaska in Teschen.
+
+
+Fußnoten:
+
+[1] Nach dem Worte J. ~Burckhardts~, zitiert bei Alexandra
+~Konstantinowa~, Die Entwicklung des Madonnentypus bei ~Leonardo da
+Vinci~, Straßburg 1907 (Zur Kunstgeschichte des Auslandes, Heft 54).
+
+[2] »Egli per reverenza, rizzatosi a sedere sul letto, contando il mal
+suo e gli accidenti di quello, mostrava tuttavia quanto aveva offeso
+Dio e gli uomini del mondo, non avendo operato nell' arte come si
+convenia.« ~Vasari~, Vite etc. LXXXIII. 1550-1584.
+
+[3] Traktat von der Malerei, neu herausgegeben und eingeleitet von
+~Marie Herzfeld~, E. Diederichs, Jena 1909.
+
+[4] ~Solmi.~ La resurrezione dell' opera di Leonardo in dem Sammelwerk:
+Leonardo da Vinci. Conferenze Fiorentine. Milano 1910.
+
+[5] Bei ~Scognamiglio~. Ricerche e Documenti sulla giovinezza di
+Leonardo da Vinci. Napoli 1900.
+
+[6] W. v. ~Seidlitz~. Leonardo da Vinci, der Wendepunkt der
+Renaissance, 1909, I. Bd., p. 203.
+
+[7] v. ~Seidlitz~ l. c., II. Bd., p. 48.
+
+[8] W. ~Pater~. Die Renaissance. Aus dem Englischen. Zweite Auflage
+1906. »Doch sicher ist es, daß er in einem gewissen Abschnitt seines
+Lebens beinahe aufgehört hatte, Künstler zu sein.«
+
+[9] Vgl. bei v. ~Seidlitz~, Bd. I die Geschichte der Restaurations- und
+Rettungsversuche.
+
+[10] E. ~Müntz~. Léonard de Vinci. Paris 1899, p. 18. (Ein Brief
+eines Zeitgenossen aus Indien an einen Medici spielt auf diese
+Eigentümlichkeit Leonardos an. Nach ~Richter~: The literary Works of L.
+d. V.)
+
+[11] F. ~Botazzi~. Leonardo biologo e anatomico. In Conferenze
+fiorentine, p. 186, 1910.
+
+[12] E. ~Solmi~. Leonardo da Vinci. Deutsche Übersetzung von Emmi
+Hirschberg. Berlin 1908.
+
+[13] ~Marie Herzfeld~, Leonardo da Vinci der Denker, Forscher und Poet.
+Zweite Auflage. Jena 1906.
+
+[14] Vielleicht machen hier die von ihm gesammelten Schwänke -- belle
+facezie, -- die nicht übersetzt vorliegen, eine, übrigens belanglose,
+Ausnahme. Vgl. ~Herzfeld~, L. d. V., p. CLI.
+
+[15] Auf diesen Zwischenfall bezieht sich nach ~Scognamiglio~ (l.
+c., p. 49) eine dunkle und selbst verschieden gelesene Stelle des
+Codex Atlanticus: »Quando io feci Domeneddio putto voi mi metteste in
+prigione, ora s'io lo fo grande, voi mi farete peggio.«
+
+[16] ~Mereschkowski~, Leonardo da Vinci. Ein biographischer Roman
+aus der Wende des XV. Jahrhunderts. Deutsche Übersetzung von C. v.
+Gülschow, Leipzig 1903. Das Mittelstück einer großen Romantrilogie, die
+»Christ und Antichrist« betitelt ist. Die beiden anderen Bände heißen
+»~Julian Apostata~« und »~Peter der Große und Alexei~«.
+
+[17] ~Solmi.~ Leonardo da Vinci. Deutsche Übersetzung von Emmi
+Hirschberg. Berlin 1908, p. 46.
+
+[18] ~Filippo Botazzi.~ Leonardo biologo e anatomico, p. 193.
+
+[19] ~Marie Herzfeld.~ Leonardo da Vinci. Traktat von der Malerei. Nach
+der Übersetzung von Heinrich Ludwig neu herausgegeben und eingeleitet.
+Jena 1909 (Abschnitt I, 64, p. 54).
+
+[20] ~Solmi.~ La resurrezione etc., p. 11.
+
+[21] La resurrezione etc., p. 8: »Leonardo aveva posto, come regola al
+pittore, lo studio della natura ...., poi la passione dello studio era
+divenuta dominante, egli aveva voluto acquistare non piu la scienza per
+l'arte, ma la scienza per la scienza.«
+
+[22] Siehe die Aufzählung seiner wissenschaftlichen Leistungen in der
+schönen biographischen Einleitung der ~Marie Herzfeld~ (Jena 1906), in
+den einzelnen Essays der Conferenze Fiorentine 1910 und anderwärts.
+
+[23] Zur Erhärtung dieser unwahrscheinlich klingenden Behauptungen
+nehme man Einsicht in die »Analyse der Phobie eines fünfjährigen
+Knaben«, Jahrbuch für psychoanalytische und psychopathologische
+Forschungen Bd. I., 1909 und die ähnliche Beobachtung im II. B., 1910.
+In einem Aufsatze über die »Infantilen Sexualtheorien«, 1908 (Sammlung
+kleiner Schriften zur Neurosenlehre, zweite Folge, 1909), schrieb ich:
+»Dieses Grübeln und Zweifeln wird aber vorbildlich für alle spätere
+Denkarbeit an Problemen und der erste Mißerfolg wirkt für alle Zeiten
+lähmend fort« (p. 167).
+
+[24] ~Scognamiglio~ l. c., p. 15.
+
+[25] »Questo scriver si distintamente del nibio par che sia mio
+destino, perchè nella mia prima ricordatione della mia infantia e mi
+parea che essendo io in culla, che un nibio venissi a me e mi aprissi
+la bocca colla sua coda e molte volte mi percuotesse con tal coda
+dentro alle labbra.« (Cod. atlant. F. 65 V. nach ~Scognamiglio~.)
+
+[26] Vgl. hiezu das »Bruchstück einer Hysterieanalyse« in Sammlung
+kleiner Schriften zur Neurosenlehre. Zweite Folge, 1909.
+
+[27] ~Horapollo.~ Hieroglyphica 1, 11. Μητερα δε γρἀφοντες ...... γῡπα
+ζωγραφοῡσιν.
+
+[28] ~Roscher.~ Ausf. Lexikon der griechischen und römischen
+Mythologie. Artikel ~Mut~, II. Band, 1894-1897. -- ~Lanzone.~
+Dizionario di mitologia egizia. Torino 1882.
+
+[29] H. ~Hartleben~, Champollion. Sein Leben und sein Werk, 1906.
+
+
+[30] »γῡπα δἑ ᾰρρενα ου φασιγἐνεσθαι ποτε, ἀιλἁ θηλείας ἁπἁσας« bei v.
+~Römer~. Über die androgynische Idee des Lebens. Jahrb. f. sexuelle
+Zwischenstufen, V, 1903, p. 732.
+
+[31] ~Plutarch.~ Veluti scarabaeos mares tantum esse putarunt Ägyptii
+sic inter vultures mares non inveniri statuerunt.
+
+[32] ~Horapollinis~ Niloi Hieroglyphica edidit Conradus Leemans
+Amstelodami 1835. Die auf das Geschlecht der Geier bezüglichen Worte
+lauten (p. 14): μητἑρα μἑν ἑπειδἡ ἁρρεν ἑν τοὑτω τω γἑνει τὡν ζὡων οὑχ
+ὑπαἁρχει.
+
+[33] E. ~Müntz~. Léonard de Vinci, Paris 1899, p. 282.
+
+[34] ~Müntz~ l. c.
+
+[35] Vgl. die Abbildungen bei ~Lanzone~ l. c., T. CXXXVI-VIII.
+
+[36] v. ~Römer~ l. c.
+
+[37] Vgl. die Beobachtungen im Jahrbuch für psychoanalyt. u.
+psychopath. Forschungen, Bd. I, 1909.
+
+[38] Vgl. ~Richard Payne Knight~. Le culte du Priape. Traduit de
+l'Anglais, Bruxelles 1883.
+
+[39] Es sind dies vornehmlich Untersuchungen von I. ~Sadger~, die ich
+aus eigener Erfahrung im Wesentlichen bestätigen kann. Überdies ist mir
+bekannt, daß W. ~Stekel~ in Wien und S. ~Ferenczi~ in Budapest zu den
+gleichen Resultaten gekommen sind.
+
+[40] ~Edm. Solmi.~ Leonardo da Vinci. Deutsche Übersetzung, 1908, p.
+152.
+
+[41] ibid.
+
+[42] ~Solmi.~ Leonardo da Vinci, p. 203.
+
+[43] Leonardo benimmt sich dabei wie jemand der gewöhnt war, einer
+anderen Person seine tägliche Beichte abzulegen, und der sich jetzt
+diese Person durch das Tagebuch ersetzt. Eine Vermutung, wer das
+gewesen sein mag, siehe bei ~Mereschkowski~, S. 367.
+
+[44] M. ~Herzfeld~. Leonardo da Vinci, 1906, p. CXLI.
+
+[45] Der Wortlaut nach ~Mereschkowski~ l. c., p. 282.
+
+[46] oder Modell.
+
+[47] Vom Reiterdenkmal des Francesco Sforza.
+
+[48] Der volle Wortlaut bei M. ~Herzfeld~ l. c., p. XLV.
+
+[49] ~Mereschkowski~ l. c., p. 372. -- Als betrübenden Beleg für die
+Unsicherheit der ohnedies spärlichen Nachrichten über Leonardos intimes
+Leben erwähne ich, daß die gleiche Kostenrechnung bei ~Solmi~ (deutsche
+Übersetzung, p. 104) mit erheblichen Abänderungen wiedergegeben ist. Am
+bedenklichsten erscheint, daß die Florins in ihr durch Soldi ersetzt
+sind. Man darf annehmen, daß in dieser Rechnung Florins nicht die alten
+»Goldgulden,« sondern die später gebräuchliche Rechnungsgröße, die
+1-2/3 Lire oder 33-1/3 Soldi gleichkommt, bedeuten. -- ~Solmi~ macht
+die Katharina zu einer Magd, die Leonardos Hauswesen durch eine gewisse
+Zeit geleitet hatte. Die Quelle, aus der die beiden Darstellungen
+dieser Rechnung geschöpft haben, wurde mir nicht zugänglich.
+
+[50] »Katharina ist am 16. Juli 1493 eingetroffen.« -- »Giovannina --
+ein märchenhaftes Gesicht -- frage bei Katharina im Krankenhause nach.«
+
+[51] Die Ausdrucksformen, in denen sich die verdrängte Libido bei
+Leonardo äußern darf, Umständlichkeit und Geldinteresse, gehören den
+aus der Analerotik hervorgegangenen Charakterzügen an. Vgl.: Charakter
+und Analerotik in der Zweiten Folge meiner Sammlung zur Neurosenlehre,
+1909.
+
+[52] ~Gruyer~ nach ~Seidlitz~. L. da V., II. B., p. 280.
+
+[53] Geschichte der Malerei, Bd. I, p. 314.
+
+[54] L. c. p. 417.
+
+[55] A. ~Conti~. Leonardo pittore, Conferenze fiorentine l. c., p. 93.
+
+[56] L. c. p. 45.
+
+[57] W. ~Pater~. Die Renaissance. 2. Aufl., 1906, p. 157. (Aus dem
+Englischen.)
+
+[58] M. ~Herzfeld~. L. d. V., p. LXXXVIII.
+
+[59] Bei ~Scognamiglio~ l. c., p. 32.
+
+[60] Von L. ~Schorn~, III. Bd., 1843, p. 6.
+
+[61] Das nämliche nimmt ~Mereschkowski~ an, der doch für Leonardo eine
+Kindheitsgeschichte imaginiert, welche in den wesentlichen Punkten von
+unseren, aus der Geierphantasie geschöpften, Ergebnissen abweicht. Wenn
+aber Leonardo selbst dies Lächeln gezeigt hätte, so hätte die Tradition
+es wohl kaum unterlassen, uns dies Zusammentreffen zu berichten.
+
+[62] L. c. p. 309.
+
+[63] A. ~Konstantinowa~ l. c.: »Maria schaut voll Innigkeit zu ihrem
+Liebling herab, mit einem Lächeln, das an den rätselhaften Ausdruck der
+Giocondo erinnert,« und anderswo von der Maria: »Um ihre Züge schwebt
+das Lächeln der Gioconda.«
+
+[64] S. v. ~Seidlitz~ l. c., II. Bd., p. 274, Anmerkungen.
+
+[65] Vgl. »Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie«, 2. Aufl., 1910.
+
+[66] Nach E. ~Müntz~ l. c., p. 13, Anmerkung.
+
+[67] Von einem größeren Irrtum, den Leonardo in dieser Notiz beging,
+indem er dem 77jährigen Vater 80 Jahre gab, will ich absehen.
+
+[68] ~Canto~, XXVII, V. 22-25.
+
+[69] Es scheint, daß Leonardo in jener Tagebuchstelle sich auch in der
+Anzahl seiner Geschwister geirrt hat, was zur anscheinenden Exaktheit
+derselben in einem merkwürdigen Gegensatze steht.
+
+[70] »Il duca perse lo stato e la roba e libertà e nessuna sua opera si
+finì per lui.« -- v. ~Seidlitz~ l. c., II, p. 270.
+
+[71] l. c., p. 348.
+
+[72] ~Chi disputa allegando l'autorità non adopra l'ingegno ma
+piuttosto la memoria~; ~Solmi~, Conf. fior, p. 13.
+
+[73] ~Müntz~ l. c. La religion de Léonard, l. c., p. 292 u. ff.
+
+[74] Nach ~Herzfeld~, p. 292.
+
+[75] Nach M. ~Herzfeld~, L. d. V., p. 32. »Der große Schwan« soll einen
+Hügel, Monte Cecero, bei Florenz bedeuten.
+
+[76] ~Vasari~, übersetzt von ~Schorn~, 1843.
+
+[77] Ebenda, p. 39.
+
+[78] Über diese Briefe und die an sie geknüpften Kombinationen siehe:
+~Müntz~ l. c., p. 82 ff.; den Wortlaut derselben und anderer an sie
+anschließender Aufzeichnungen bei M. ~Herzfeld~ l. c., p. 223 u. ff.
+
+[79] »Außerdem verlor er manche Zeit, indem er sogar ein
+Schnurgeflechte zeichnete, worin man den Faden von einem Ende bis
+zum anderen verfolgen konnte, bis er eine völlig kreisförmige Figur
+beschrieb; eine sehr schwierige und schöne Zeichnung der Art ist in
+Kupfer gestochen, in deren Mitte man die Worte liest: »Leonardus Vinci
+Academia« (p. 8).«
+
+[80] Diese Kritik soll ganz allgemein gelten und nicht etwa auf die
+Biographen Leonardos besonders zielen.
+
+[81] v. ~Seidlitz~, II, p. 271.
+
+[82] M. ~Herzfeld~ l. c., p. 11.
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75455 ***