summaryrefslogtreecommitdiff
path: root/75525-0.txt
diff options
context:
space:
mode:
Diffstat (limited to '75525-0.txt')
-rw-r--r--75525-0.txt14599
1 files changed, 14599 insertions, 0 deletions
diff --git a/75525-0.txt b/75525-0.txt
new file mode 100644
index 0000000..59b6d0e
--- /dev/null
+++ b/75525-0.txt
@@ -0,0 +1,14599 @@
+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75525 ***
+
+
+
+
+
+Anmerkungen zur Transkription
+
+Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text ist
+~so ausgezeichnet~. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist =so
+markiert= und in fett gesetzter Text ist _so markiert_.
+
+Der Übersichtlichkeit halber wurde die Buchwerbung am Ende des Buches
+zusammengefasst.
+
+Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
+
+
+
+
+Die vom Niederrhein
+
+
+Roman in zwei Büchern
+
+von
+
+Rudolf Herzog
+
+
+[Illustration]
+
+
+Stuttgart und Berlin 1903
+
+~J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger~
+
+G. m. b. H.
+
+Alle Rechte vorbehalten
+
+
+Druck der Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart
+
+
+Walter Bloem
+
+zu eigen
+
+
+
+
+Erstes Buch
+
+
+
+
+Erstes Kapitel
+
+
+Schiefergrau schob der Rhein seine Wassermassen an Düsseldorf vorbei.
+Er zwängte sich stöhnend durch die Joche der alten Schiffsbrücke und
+entpreßte den Bohlen und Planken der bauchigen Brückenkähne denselben
+hellsingenden, melancholischen Ton, den einst der lustige Bergwind
+dem Holze entlockte, als es noch mit quellenden, steigenden Säften
+auf einsamen Nordlandshöhen oder grünen Schwarzwaldgipfeln seine
+Kronen wiegte. Ausströmend fand er seine Gelassenheit zurück, trieb
+schwerfällig an dem roten Schloßturm der schönen Jakobe von Baden
+vorüber, der als altes Wahrzeichen der Stadt in die neue Zeit mit ihrer
+alles glättenden, die Erinnerungen auslöschenden Verschönerungssucht
+glücklich sich hinübergerettet hat, und nahm die Parade ab über
+einen zusammengewürfelten Haufen baufällig scheinender Hütten und
+Baracken, die sich wie eine Zigeunerhorde an die massigen Hüften ihrer
+Nährmutter, den kalt und erhaben seine Umgebung beherrschenden Bau der
+Kunstakademie, herandrängten. Dann tauschte er kurz Red’ und Antwort
+mit dem leisquellenden Wasser des Sicherheitshafens, überströmte
+kräftig den Rand der Golzheimer Insel, große Lachen in dem sandigen
+Boden zurücklassend, und entschwand nahe Kaiserswerth, der alten,
+efeuumsponnenen Feste, die einst Pipin erbaute und die die Entführung
+des vierten Heinrich sah, in einem scharfen Bogen gen Holland.
+
+Unaufhörlich ging der Regen nieder. In der Nacht hatte er begonnen, und
+jetzt, nachdem die Glocken der Stadt längst Mittag verkündet hatten,
+zeigte er sich noch keineswegs zur Rast gewillt. Wer aus dem Rheintor
+heraustrat, sah Strom und Ebene, soweit der Blick reichte, in einen
+engmaschigen, grauen Schleier gehüllt, der nur dicht über dem Wasser
+eine langgestreckte, silberne Kante aufwies, den zitternden Reflex, den
+der beständige scharfe Anprall der Regentropfen auf der Wasserfläche
+schuf. Die Häuser der Ortschaft Oberkassel jenseit der Schiffbrücke —
+»auf der anderen Seit’« sagt der Eingeborene — waren nur als dunkle
+Schattenmassen erkennbar, und die Pappeln, Erlen und Weiden, die dem
+Stromlauf folgen und dem Bild des Niederrheins den besonderen Charakter
+geben, geisterten nur wie spindeldürre Finger durch die Luft, wenn eine
+schwächliche Brise den Regen zu Tal drückte.
+
+Die ganze Atmosphäre war gesättigt mit jener feuchten, weichlichen
+Wärme, die das Menschenblut zur Unrast treibt.
+
+Kein Ton als das einförmige Triefen des Regens, das Singen des
+Brückenholzes und zeitweilig ein dumpfes Aufbegehren der drängenden
+Wassermassen im Strombett oder an den Bordschwellen.
+
+Jetzt zitterten die sentimental näselnden Laute einer Handharmonika
+hindurch. In der Deckskajüte eines am Kai verankerten Schleppkahnes
+rekelte sich die lange, verwitterte Gestalt des Schiffers auf dem
+Rücken. Über den Kopf hielt er mit ausgestreckten Armen die Harmonika,
+auf der er schläfrig allerlei Volksweisen improvisierte, wie sie just
+unter dem Griff der hin und her stolpernden Finger herauskamen. Durch
+das weitgeöffnete Hemd lugte unbekümmert die zottig behaarte Brust, ein
+schmaler Gurt schnürte die englischen Lederhosen über den Hüften kraus
+zusammen, an den Füßen, die in graublauen Socken staken, tanzten im
+Takt der Musik rote Plüschpantoffeln.
+
+»Lambert!« tönte rufend eine Frauenstimme aus dem Unterdecksraum.
+
+Der Schiffer war viel zu faul, eine Antwort zu geben.
+
+Ein Kopf wurde in der Treppenluke sichtbar.
+
+»Wat machste, Lambert?«
+
+»Musik,« tönte es lakonisch zurück.
+
+»Ach e nee,« machte die Frau höhnisch verwundert und kletterte nach
+oben, »wat du nich sagst! Ich hatt’ jejlaubt, du tätst schnarchen!«
+
+»Domm’ Grielächer,« schimpfte der Rheinschiffer, drehte ihr seine
+Kehrseite zu und versuchte, auf dem Bauche liegend, weiterzuspielen.
+
+Die Frau prüfte das Wetter.
+
+»Jesus Maria Jusepp, wat es dat en Leid! Et rejent un et rejent.«
+
+»Kuns’stück,« entgegnete verächtlich der Harmonikaspieler und zog die
+Register zu einem kläglichen Gewimmer. Mehr sagte er nicht.
+
+Die Frau sah über die Achsel zurück und wartete.
+
+»Du,« sagte sie nach einer Weile, in der nur noch das Surren des Regens
+vernehmlich war, und tippte den Gefährten mit dem holzbeschuhten Fuß
+in die Seite, »spürste noch nix oder spürste jet? Mr kann sich an de
+eigene Schlauheit verfresse, wenn mr kein Lust hat. Wat es dat also mit
+dem ›Kuns’stück‹?«
+
+»Och, Tring,« höhnte der Ehegatte, »ich jlöw, du bis us Dülken
+jebürtig, wo die Gecke herkomme. Solang ich auf dem Rhing fahr un mein
+Vader un mein Bestevader: wenn mr von Kölle zu Tal kommt, oder von
+Wesel zu Berg, un et e su rejent wie heut, am heilige Sonntag et e su
+rejent, na, wat es dann?« Er machte eine schlappe Viertelwendung und
+gähnte. »Domm’ Dier, die Sank-Sebastian-Brüder in Düsseldorf feiern
+Schützenfest! Den ihre Schutzpatron, dat is ene brave Heilige. Dä will
+nich, dat en Malör passiert, deshalb speuzt er ihne dat Pulver naß.«
+
+»Da tät ich doch hinlaufe und mich aufnehme lasse in die Brüderschaft.«
+
+»Ich hau dat nich nüdig.«
+
+»Ah so! E nee — — jewiß nicht — —« machte die Vierschrötige maliziös.
+Und mit einem Achselzucken: »ful’ Thommes!«
+
+Dann retirierte sie, mit den Holzpantoffeln klappernd, lachend unter
+Deck.
+
+Der Schiffer gab sich gar nicht erst die Mühe, über ihre Reden
+nachzudenken. Er blinzelte noch einmal nach dem Häusergewirr der
+Altstadt, über deren Dächern der Regen wie ein Dampf lag, und schlief
+ein. Er hielt seinen Sonntag. — —
+
+Über die Kaimauer gelehnt, hatte ein junger Mann den Diskurs der
+beiden belustigt mit angehört. Der Regen füllte die Krempe seines
+Hutes und rann an dem schwarzglänzenden, eleganten Gummimantel glatt
+herab. Er achtete nicht darauf. Das schmalgeschnittene Gesicht — eher
+das eines Knaben als eines Neunzehnjährigen — war durch das Wetter
+leicht gerötet, das dichte, braune Haar klebte auf der Stirn, die
+dunkelgrauen Augen blickten klar und fest. Diese Augen machten die
+feine Jugendlichkeit der Züge wieder wett. Sie verliehen eine Reife,
+die von den weichen, knabenhaften Bewegungen seltsam abstach.
+
+Der junge Spaziergänger richtete sich auf. Er schüttelte sich, daß
+die Tropfen ihn umzischten, und sog dann mit Nüstern und Lungen den
+charakteristischen Duft des Rheintals ein, den Duft, der zwischen Teer
+und Algen die Mitte hält.
+
+»Düsseldorfer Luft!« dachte er stolz. »Ich glaub’, ich würde zu Grunde
+gehen, wenn mir die auf die Dauer entzogen werden sollt’.«
+
+Er dehnte und reckte Arme und Körper.
+
+»Was die Leute nur immer von der Schönheit des Oberrheins fabeln! Diese
+Spießbürger haben nur Sinn für das, was ihnen recht augenfällig auf dem
+Präsentierteller entgegengetragen wird. Aber hier? Wenn’s dort hinten
+über die weiten, einsamen Wiesen huscht, über die Wasserarme, um die
+Erlenbestände? Und der Horizont ganz, ganz fern — —. Was liegt da alles
+drin an Unerklärlichem, Schönem, Sehnsuchtsvollem — an Poesie — —.
+Schreien möcht’ man, schreien!«
+
+Er fuhr sich mit dem nassen Rockärmel über das erhitzte Gesicht; das
+kühlte ihn auf der Stelle ab.
+
+»Na ja,« dachte er weiter, »bist schon ein rechter Heimatsmensch, dem
+die Scholle nicht von der Stiefelsohle geht!«
+
+Er lauschte.
+
+Aus der Ferne klangen die verwehten Töne eines marschierenden
+Musikkorps. Nur die große Trommel und die Becken brachen sich vorläufig
+Bahn.
+
+»Bumm, bumm, bumm — — —«
+
+»Zingda, zingda, zingda, zingda!«
+
+»Aha, der Schützenzug! Nun geht’s auf den Festplatz. Die Kirmeß gehört
+dazu, die gehört zur Volkspoesie des Niederrheins. Vorwärts, ›Hans der
+Träumer‹!«
+
+Und der junge, hübsche Mensch versenkte die Hände in den schräg
+anliegenden Taschen seines Gummimantels und schritt im Takt der
+unablässig herüberdröhnenden Paukenschläge, den Kopf zur Abwehr des
+Regens leicht vorgebeugt, die Melodie des Schützenmarsches pfeifend,
+den Kai entlang. Er umging die Schleife des Sicherheitshafens,
+konnte sich nicht enthalten, die wenigen Schritte zum Eiskellerberg
+hinaufzuspringen, um noch einmal das Auge über das in den Konturen
+verschwimmende Rheinpanorama schweifen zu lassen, und durchquerte
+darauf die Anlagen des Hofgartens, um die kürzeste Straße nach dem
+Festplatz auf dem Golzheimer Gelände zu gewinnen.
+
+Das Straßenbild hatte sich mit einem Schlage verändert. Die gute
+Düsseldorfer Bürgerschaft, vor allem der hier von alters her kräftig
+gedeihende Mittelstand, stets bereit, jede öffentliche Lustbarkeit
+als eine Art ausgedehnten Familienfestes zu begehen, hatte kaum die
+ersten Klänge der Schützenmusik vernommen, als sie auch schon mit Kind
+und Kegel den Ausmarsch begann. Der Regen genierte nicht. Gerade er
+trug dazu bei, den niederrheinischen Witz zu üben, wenn eine Hausehre
+couragiert die Kleider hochnahm, um sich durch die nassen Grasrabatten
+einen Weg zu bahnen, wenn ein Unglücklicher verzweifelt seinem Hut
+nachsetzte oder ein umgekippter Regenschirm sich in die Lüfte hob.
+
+»Achtung, Pitter, die Menagerie vom Festplatz hält nich dicht. Süch
+ens: der Storch im Salat!«
+
+»Wat denn! Dat is ’ne Störchin! Awer ’ne komplette.«
+
+»Ach so, Sie sind dat, Frau Schmitz? Nix för ongot!«
+
+»Da — —! Da! — Da ging ’ne Hot heidi! Kß! Kß! Kß!«
+
+Schweißgebadet stürzte der Besitzer vorbei. Ein allgemeines »Ah«
+empfing ihn.
+
+»Schnelllöper, Schnelllöper!! — Akurat wie Fritz Käpernick! Un alles
+omsünst. Et werd nich emol affjesammelt.«
+
+Der umgekippte, vom Winde hochgehobene Regenschirm wurde von der
+Menschenkolonne mit staunendem: »Luffballon — —! Hurra: Luffballon!«
+begrüßt.
+
+»Minsch, Minsch,« kreischte einer aus der Menge, »wat ham’mer en Freud!«
+
+Und sofort fiel der ganze Chorus ein: »Wat ham’mer en Freud!«
+
+Alles elektrisiert. Sommerliche Karnevalsstimmung.
+
+Und von der Flanke her immer näher, dröhnender und gellender, die Musik.
+
+»Bumm, bumm, bumm — — —«
+
+»Zingda, zingda, zingda, zingda!« — —
+
+Der junge Naturschwärmer vom Rheinkai befand sich bald inmitten der
+Menschenstauung, die an der Ehrenpforte zwischen dem eigentlichen
+Schützenplatz und der mit Jahrmarktbuden und Schaustellungen jeder
+Art besetzten Festwiese den Einzug der Sankt Sebastianus- und der
+ihr verwandten Gilden erwartete. Altem Brauche nach hatten die
+Schützenbrüderschaften am Vormittag das Hochamt gehört. Nun zogen
+sie heran, mit Gott und der Welt eines frohen Sinns. Die »gedienten«
+Leute faßten Tritt, die übrigen stampften lachend und plaudernd
+hinterdrein, die Beine in weißen Leinenhosen, »Porzellanbuxen«, wie
+sie der Volkswitz nennt, dazu schwarzer Bratenrock und Zylinder
+aller Dimensionen. Auch grünes Jägerhabit und Lodenhut mischte sich
+darunter. Die Büchse geschultert, die Musik vor den Fahnenzügen
+verteilt, dahinter der Schützenkönig des vergangenen Jahres, ein
+biederer Handwerksmeister mit einer fast über seine Kräfte gehenden
+Hoheitsmiene, mehr einem Fürsten von Gottes Gnaden ähnlich als dem
+Menschenpack, dem er morgen wieder die Schuhe flecken und sohlen würde,
+so schwand der Zug — Gewerbetreibende, Kaufleute, Künstler — mit einer
+Salve derber Zurufe und lustiger Grußworte überschüttet, durch die
+Ehrenpforte, um sich bald darauf an den Schießständen zu verteilen
+und das Königsschießen für das neue Schützenjahr zu beginnen. Wer von
+den Zuschauern Karten für den Schützenplatz erworben hatte, drängte
+nach. Der Rest, meist junges Volk aller Stände, verteilte sich auf
+der Festwiese, auf der jetzt, nach Beendigung des nachmittaglichen
+Gottesdienstes, die Bierzelte eröffnet wurden, die Jahrmarktsbuden
+zur Schau einluden, die Karussells ihre verstimmten Orgeln auf die
+Nerven losließen, die Clownkapelle des Kölner Hänneschentheaters ihre
+ohrenzerreißende Musik anhob, die Glocken bimmelten und die Aufrufer
+mit heiserer, in der Fistel jäh versagender Stimme unermüdlich das
+schiebende, stoßende, lachende, kreischende Publikum zum Besuch
+anfeuerten: »Hier herein, meine Herrschaften! Das muß man gesehen
+haben! Das muß man mitgemacht haben! Das muß man seinen Kindern und
+Kindeskindern erzählen können! Das gehört unbedingt zur Bildung!
+Herein, meine Herrschaften; das größte Schwein der Welt für zehn
+Pfennige — —!«
+
+»Hallo, Steinherr, hierher!«
+
+Der junge Mann im Gummimantel, der strahlend vor Vergnügen im
+dichtesten Trubel eingekeilt stand, hob sich auf den Zehen, um über die
+Köpfe der anderen hinweg die Rufenden zu erspähen. Jetzt hatte er sie
+entdeckt und winkte ihnen mit der Hand zu.
+
+»Ich kann hier nicht heraus!« rief er. »Keine Möglichkeit.«
+
+Aber schon hatte einer der außerhalb des Ringes stehenden jungen Herren
+einen anderen auf die Schulter gehoben, der nun von oben herab mit
+seinem Spazierstock nach Steinherr angelte.
+
+»Schnappen Sie zu, Steinherr! Wir ziehen.«
+
+»Das Angeln an dieser Stelle ist verboten!« schrie einer aus der Menge.
+
+»Awer doch niemals för de Jeistlichkeit. Die hat dat Angelprivileg,«
+mischte sich ein anderer ein.
+
+»Wo is denn hier Jeistlichkeit?«
+
+»Sühst du denn nich? Dat Jungken hät doch ’ne lange Rock, so schwarz
+wie nur ’ne Deuwel oder ’ne Kaplan.«
+
+»Oha!« rief dem Spottvogel ein dritter zu, »komm du nur morjen in die
+Beicht’. Dir kann’t sehr jut gehen!«
+
+Dann ließ man Steinherr bereitwillig durch. Ein keckes Wort ist
+am leichtlebigen Niederrhein eine bessere Hilfe als Obrigkeit und
+Schutzmannschaft.
+
+Der junge Mann war lachend zu seinen Freunden getreten.
+
+»Guten Tag, meine Herren. Was? Ein fideles Leben hier. Sie haben
+wirklich Glück mit Ihrer Garnisonstadt. Wollen Sie mich auf Ihren
+Bummel mitnehmen?«
+
+Die jungen Leutnants in elegantem Zivil — ein paar Neununddreißiger und
+ein paar Fünfter Ulanen — die, wie das ganze Offizierkorps, im Hause
+des Großindustriellen Steinherr fleißig verkehrten, nahmen den Sohn des
+Hauses in ihre Mitte und zogen weiter auf Abenteuer aus, wie der Tag es
+gebot.
+
+»Na, wenn Sie zu Ostern Ihr Abitur haben, Steinherr, werden Sie doch
+auch bei uns bleiben. Welchem Regiment wollen Sie denn die Ehre
+schenken?«
+
+Hans Steinherr schüttelte den Kopf.
+
+»Sprechen wir um Gottes willen nicht davon. Ich habe genug darüber zu
+Hause zu hören. Es ist ja selbstverständlich eine hohe Ehre, Offizier
+zu sein, aber — aber es gibt doch auch noch andere hohe Ehren.«
+
+»I natürlich! Zum Beispiel: Sohn des Hauses Steinherr zu sein.«
+
+»Die schönste Frau Düsseldorfs zur Mama zu haben.«
+
+»Und selbst ein so verteufelt hübscher Bengel —«
+
+»Stopp, stopp, meine Herren; ich akzeptiere nur die Ehre, die meine
+Mama betrifft.«
+
+Er nahm dankend, etwas verlegen, den Hut ab. Die jungen Offiziere
+warfen übermütig salutierend die Hand an die Hutkrempe. —
+
+Die Julisonne arbeitete sich nun doch noch durch. Ihre Strahlen
+brachen in die letzten Regenschauer, und alle Feuchtigkeit, die noch
+zwischen den grauen Wolkenfetzen und dem morastigen Erdboden schwebte,
+wurde aufgesogen. Ein prachtvoller Regenbogen, in den klarsten Farben
+prangend, spannte sich von der Golzheimer Insel bis weit hinein in die
+Stadt Düsseldorf.
+
+Die jungen Leute hatten die Zeltgassen durchquert, sehr feierlich das
+Kölner Hänneschentheater und etwas weniger ehrerbietig die Riesendame
+besichtigt, hatten sich elektrisieren und photographieren lassen, dann,
+um die Kraft der Muskeln zu erproben, ein Dutzendmal »den kleinen
+Lukas gehauen« und sich kindisch gefreut, wenn unter dem schweren
+Hammerschlag die Metallscheibe an der Stange emporsauste und an der
+Spitze die Glocke anschlug. Sie hatten in den Schießbuden holländische
+Tonpfeifen zerschossen und allerlei sonderliche Artigkeiten mit den
+Schießbudenmädels ausgetauscht, waren juchzend auf dem Karussell
+gefahren, immer zu zweit auf dem mächtigen Rücken eines hölzernen
+Löwen oder einer springenden Pantherkatze, und hatten so viel Allotria
+getrieben, wie überschüssige Jugendlust unter dem Eindruck einer
+Festwiese, sinnverwirrenden Lärms und ausgelassenster Kirmesfreiheit es
+nur vermag.
+
+Hans Steinherr war immer mitgezogen. Er lärmte nicht, wie die
+übrigen, aber er genoß innerlich alles und jedes doppelt. Sein feines
+Knabengesicht glühte, seine Nasenflügel spannten sich, sein Herz
+hämmerte vor Lust. In ihm quoll etwas empor, was er noch nie mit
+solcher Macht gespürt hatte. Es war ein Kraftgefühl ohnegleichen,
+ein Gefühl, etwas Unerhörtes zu vollbringen. Noch nie hatte er so
+die Freiheit genossen, so stark den Puls des Lebens empfunden. Ein
+reiches Muttersöhnchen, hatte er sich zumeist mit einem Blick aus
+der Vogelschau begnügt und das Fehlende dem Spiel der Phantasie zur
+Ergänzung überlassen. Nun stand er dem Volksleben Brust an Brust
+gegenüber, fein farbendurstiger Sinn trank sich einen Rausch, sein
+niederrheinisch Blut, das so schön in Zucht und Ordnung gehalten worden
+war, klopfte ihm von den Fingerspitzen bis in die Schläfen.
+
+Eine mächtige Wasserlache hatte sich diesseit des Engpasses, der
+schmalen Landzunge, die das Inselterrain mit dem Stadtgebiet verband,
+angesammelt. Drüben stand ein junges Mädchen, braun wie eine Kastanie,
+dem Alter nach ein Kind, fünfzehnjährig. Aber das fadendünne
+Sommerkleid, das erste fußlange wohl, das sie trug, spannte sich schon
+unter dem Druck heimlich drängender Formen. Der altmodisch breite
+Schäferhut aus gebleichtem Stroh saß auf einem Paar Flechten, deren
+volle Enden bis in die Kniekehlen schlugen. Sie ließ die verträumten
+Augen über die breite Wasserlache nach dem lärmenden Zeltlager
+schweifen und pendelte mit dem kleinen Fuß, der in derbem Leder stak,
+über den Rand der Sandleiste.
+
+Steinherrs Gesellschaft war herangekommen und rief dem hübschen Kinde
+Scherzworte zu. Einer begann das Lied von den zwei Königskindern:
+
+ »Sie konnten beisammen nicht kommen,
+ Das Wasser war viel zu tief.«
+
+Da setzte Hans Steinherr, einer impulsiven Regung nachgebend, im
+Sprungschritt durch das Wasser, daß die Tropfen ihm um die Ohren
+flogen, erreichte atemlos den jenseitigen Rand, schlang den Arm um
+die Kniee der überrumpelten Kleinen, hob das heftig sich wehrende
+Geschöpfchen empor und watete zurück, unbekümmert darum, daß das
+aufklatschende Wasser ihm die Beinkleider verdarb und ihm in die
+Stiefel rann.
+
+Die jungen Offiziere begleiteten als einzige Zuschauer den Vorgang
+mit lautem Hallo. Aber das zarte Ding erwies sich als eine ungefügige
+Wildkatze. Es packte den ungerufenen Ritter, der sich in der Rolle
+des heiligen Christophorus versuchte, mit beiden kleinen nervigen
+Fäusten in den Stirnlocken und bedrängte ihn so heftig, daß er fast
+zum Straucheln kam. Es wurde ihm purpurn vor den Augen. Er spürte
+das stürmende Blut des jugendlichen Mädchenkörpers dicht über seinem
+eigenen jugendlichen Herzen, das sich mit einem fremden im Schlag
+verschmolz. Das war etwas noch nie Empfundenes. Noch nie hatten seine
+Knabenhände ein Mädchen berührt. Tausend Gefühle durchwühlten ihn in
+Sekundenschnelle, ließen Duft, Klang und Farbe in ihm entstehen, regten
+ihn an und verwirrten ihn durch ihre Süße, schlugen ihn gleichzeitig
+zum Ritter und nahmen ihm die Kraft.
+
+»Ruhig, du, oder ich küß dich!« stieß er plötzlich hervor.
+
+Er wußte selbst nicht, woher er die Worte genommen hatte.
+
+Jetzt setzte er sie am anderen Ufer ab und wischte sich aufatmend die
+Stirn. Seine Hand war blutig, als er sie zurückzog.
+
+»Die kleine Hexe hat Sie gekratzt?«
+
+Er nickte, verlegen lachend. Daß sie ihn auch empfindlich mit den
+strampelnden Füßen getreten hatte, behielt er für sich.
+
+Aus den Augenwinkeln sah er scheu nach seiner kleinen Dame, die trotzig
+Kehrt gemacht hatte, im Begriff, durch das Wasser wieder zurückzuwaten.
+Er trat zögernd auf sie zu, und sie streifte mit einem hastigen
+Seitenblick die Schramme auf seiner Stirn, dicht unter den lockigen
+Haarsträhnen.
+
+»Nun?« fragte er mit angenommenem Knabenhochmut.
+
+»Ich will hier nicht sein,« brachte sie hervor, und die dunkelblauen
+Kinderaugen verschleierten sich.
+
+Da hob er sie, als könnte das gar nicht anders sein, zum zweiten Male
+auf und trug sie stumm, mit zusammengebissenen Zähnen, zurück. Sie
+schien ihm schwerer als vorhin, obwohl sie sich nicht regte. Drüben
+setzte er sie behutsam ab. Einen Herzschlag lang standen sie sich
+schweigend und verstört gegenüber und sahen sich an. Dann nahm er, wie
+er es im Salon seiner schönen Mama zu tun pflegte, die Mädchenhand, die
+noch in der seinen lag, und führte sie an die Lippen.
+
+Hui, flog die Kleine davon, als wäre sie nie gewesen. Die Zöpfe
+flatterten hinter ihr drein und sprühten Funken in der tiefstehenden
+Sonne. Fort war sie.
+
+Und Hans Steinherr, ohne sich um die zurückbleibende Gesellschaft
+zu kümmern, die bereits mit einem Rudel flügger Mädel kokettierte,
+wandte der Festwiese den Rücken und ging den Weg zurück, den er am
+Nachmittag gekommen war. Durch den Hofgarten schritt er und über den
+Eiskellerberg, immer weiter, den abendlich stillen Kai entlang, den
+geliebten Rhein zu Füßen, nichts hörend, nichts sehend; mit den Augen
+eines, der unvermutet in die Wunder eines Feenlandes geblickt.
+
+Als er die Schiffbrücke erreicht hatte, betrat er, noch immer ganz
+versunken in seinen rätselhaften Zustand, die schwanken Bohlen. Er
+hatte schon ein paar Schritte zurückgelegt, als er hinter sich einen
+kurzen, groben Zuruf vernahm. Er fuhr zusammen, wachte auf und wandte
+sich um. Was wollte denn nur der gestikulierende Mensch von ihm?
+
+»Sie, jong Här, dat Brückengeld schaffen Sie allein auch nich aus der
+Welt!«
+
+Ach so, er hatte vergessen, den Brückenzoll zu entrichten. Brückenzoll?
+Wo war er denn und wohin wollte er nur? Unter ihm plauderte der Rhein
+so geschäftig, wie er ihn nie glaubte gehört zu haben: Neuigkeiten,
+Heimlichkeiten. Und er dachte: Sag’s nur laut, Alter, ich versteh’ dich
+doch. Dabei lächelte er ganz still in sich hinein, denn er wußte gar
+nichts. Nur so verwandt fühlte er sich plötzlich mit all dem Leben und
+Weben der Natur um sich her, so vertraut, so zugehörig.
+
+Er kehrte zum Brückenhäuschen zurück, ließ sich, während er den Zoll
+entrichtete, ruhig den mißtrauisch prüfenden Blick des Einnehmers
+gefallen und nahm den Weg wieder auf. Mit einem Male zuckte ihm ein
+Marschtempo in den Beinen. Und sofort streckte er den schlanken Leib,
+richtete sich auf der Brücke zusammen und marschierte in dröhnendem
+Taktschritt ab. Dabei sang er aus voller Kehle.
+
+Der Wärter sah ihm kopfschüttelnd nach.
+
+»De hät bereits Öwerfracht,« meinte er zum Einnehmer und machte mit dem
+zerkauten Ende seines Pfeifenstiels eine bezeichnende Geste nach der
+Gegend des Schützenplatzes.
+
+Hans Steinherr aber schritt unbekümmert seines Wegs. Er hatte sein
+Marschtempo noch beibehalten, als er schon längst in den Fußweg linker
+Hand eingebogen war und in den Rheinwiesen wanderte. Seinen ganzen
+Vorrat von Volksliedern sang er herunter. Wie die Glieder einer Kette
+ließ er sie aneinander anschließen, ob sie passen wollten oder nicht.
+Er fühlte sich kindisch wie ein Abcschütze und abgeklärt wie ein Greis.
+Wie seltsam weich die Luft war! Wie Samt. Und gerade so war’s in seinem
+Innern. Ganz, ganz weich .... Und mitten in seiner Freude ertappte er
+sich dabei, wie er ein paarmal heftig schluckte. — So bemitleidenswert
+kam er sich plötzlich vor, trotz seiner Gehobenheit.
+
+»Heißa, heißa!« schrie er laut hinaus und begann ein tolles Rennen.
+Diese verrückte Sommerabendstimmung wollte er schon unterkriegen.
+
+Nun stand er, festgebannt. Vor ihm flammte ein Hochofen des
+Industriedorfes Heerdt, aber doch nur wie ein Widerschein der feurigen
+Lohe, die über der altertümlichen Stadt Neuß und ihrem ragenden Dome
+lag.
+
+Die untergehende Sonne.
+
+Mit gefalteten Händen stand er, den Hut unterm Arm, feierlich,
+unbeweglich, staunend, als hätte er nie zuvor das Himmelsschauspiel
+genossen. Tönten nicht auch Harmonien um ihn her? Er horchte gespannt
+und erschauerte. Was war das? Hatten sich seine Sinne verfeinert?
+Konnte er die Sonne singen hören und die Farben gleichsam als Duft
+empfinden? Seit wann, seit wann — —? Darüber grübelte er nach und hörte
+sein Herz schwere Schläge tun.
+
+Der Sonnenball war gesunken und entschwunden. Aber die Luft war noch
+vollgesogen von dem Licht, das erst mählich zerfloß. Dann blinzelten
+ein paar Sterne, und das Wasser warf ihr Bild zurück. Es sah aus, als
+ob auf dem Rhein Irrlichter schwämmen, kein Hauch weit und breit.
+
+Behutsam, als ob er den Gottesfrieden nicht stören dürfe, glitt Hans
+Steinherr auf einen Weidenbaum zu, der in phantastischer Gestaltung aus
+dem Ufersande ragte. Hier stand er, den Arm um den Stamm geschlungen
+und lauschte. Er belauschte die neue Welt, die sich vor ihm aufgetan
+und die ihn doch vor kurzem noch die alte dünkte. Und er belauschte den
+neuen Menschen, der sich da heimlich in ihm regte und dehnte und alles
+mit seinem Wesen zu erfüllen trachtete.
+
+In der Ferne sah er ein Licht auftauchen. Es kam stromab und wuchs
+schnell heran. Jetzt unterschied er die Laterne eines Dampfers, der
+verspätet zum Hafen eilte. Morgen, in junger Sonne, würde er seine
+Fahrt zu Tal wieder aufnehmen, dem Meere zu. Mit können — mit können!
+Und mit den Atemzügen des Rheins, mit den leisen, schmalen Wellen, die
+das Ufer küßten und entflohen und wiederkamen und wiederkamen, ohne
+sich greifen zu lassen, durchzitterte ihn die Sehnsucht nach dem Leben.
+
+Er war ganz wach, so wach, daß er sogar den Rhythmus des Rheins mit dem
+Rhythmus seines Herzens verglich. Das däuchte ihn so wunderlich, daß er
+am liebsten laut über sich selbst gelacht hätte. Aber er traute sich
+nicht. Er hatte auch gar keine Zeit dazu, denn er mußte ja die Rhythmen
+in Worte kleiden. Er mußte, mußte! Es war ein Zwang und eine Befreiung.
+Süß, herb; trotzig, weich. Dann sprach er eine Weile atemlos vor sich
+hin, und plötzlich sprang er auf.
+
+Beschämt; selig. Heiß bis unter die Haarwurzeln.
+
+Er, Hans Steinherr, der Primaner, der Ostern ins Examen steigen würde,
+hatte ein Gedicht vollbracht, sein erstes, allererstes — —! Es handelte
+vom Rhein, dem alten, dem geliebten Rhein. Und — überdies noch von — —
+Liebe — Liebe? Was war denn das für ein Begriff? Wie? He? Antwort!
+
+»Ach was, ich weiß nicht,« lachte Hans laut hinaus, und einem neuen
+jähen Übermutsdrange folgend, rannte er wie ein Füllen durch die
+im Mondschein glänzende Wiese und rastete nicht, bis er den ersten
+Tanzsaal Oberkassels an der Schiffsbrücke erreicht hatte, aus dem
+Juchzen und Stampfen in die Nacht hinaus scholl.
+
+»Wenn die Mama ihren wohlerzogenen Sohn so sehen würde,« dachte er.
+»Sie würde es nicht glauben.«
+
+»Und ich glaub’s fast selber nicht,« fügte er laut hinzu. »Herr Gott,
+ich war doch den ganzen Nachmittag in Gesellschaft von Offizieren. Bis
+— nun — bis — Ach, was geht mich die kleine Kröte an? Frech war sie
+und — Donnerwetter, wie lieb so ’n Ding ist, wie — wie — — Hans, du
+hast einen Schwips!«
+
+Nun wollte er sich vor Lachen ausschütten. Er war wie ausgewechselt.
+Dann hörte er aufmerksam der Tanzmusik zu, die aus den geöffneten
+Fenstern des Wirtshauses drang; ganz ernsthaft, als horchte er auf eine
+Offenbarung. Er unterschied deutlich die Uniformen der Husaren, der
+Ulanen, der Infanteristen, sah die gebräunten Gesichter der wackeren
+rheinischen Jungens, die, stolz auf ihr »zweierlei Tuch«, den Ballsaal
+beherrschten und den Kopf so dicht über die brennendroten Wangen ihrer
+Tänzerinnen gereckt hielten, daß diese nicht wußten wohin damit, um den
+vielen genierlichen Tanzküßchen zu entgehen. Mitten im Saale entstand
+eine Stockung. Ein Zivilist hatte die Kühnheit gehabt, von der Schönen
+eines kleinen, windigen Neununddreißigers eine Extratour zu begehren.
+Der Soldat lehnte verächtlich ab. Ein Wortwechsel folgte, in dem der
+Soldat »Rheinkadett« und der Zivilist »Sandhase« schimpfte; eine kurze,
+aber umso schnellere Prügelei — und alles tanzte mit verdoppelter
+Hingebung weiter. Die Leute hatten nicht viel Zeit, sie mußten
+pünktlich, zur Sekunde, in den Kasernen sein.
+
+Hans Steinherr lauschte mit glänzenden Augen. Was war das für ein Tag!
+Und heute mittag erst hatte er ein Loblied auf das niederrheinische
+Land angestimmt und sich einen Heimatsmenschen genannt. Kannte er denn
+diese Heimat? Mit Ausnahme der Szenerie? War das nicht vielleicht, rein
+äußerlich, der ererbte Stolz auf die Vaterstadt, auf sein Düsseldorf
+gewesen?
+
+Und plötzlich packte ihn der Wunsch nach lauter, lustiger Kumpanei.
+
+Es fiel ihm ein, daß er sich als Schüler des Gymnasiums des
+Wirtshausbesuches zu enthalten habe. Bisher hatte er das nicht als
+Entbehrung empfunden. Zu Hause herrschte genug geselliges Treiben,
+und die Mama liebte keine Extravaganzen an ihrem Sohne. In diesem
+Augenblicke kam ihm das gesellschaftliche Leben daheim wie bestellte
+Schablonenarbeit vor. Er hätte die Komplimente und Gesprächsthemen
+am Schnürchen hersagen können. Alles sehr hübsch, sehr witzig sogar.
+Aber das wahrhaft Rassige, das durch alle sieben Himmel Jauchzende,
+das Ursprüngliche fehlte. Der Inhalt und Ausdruck der Jugend. — Hans
+verspürte zum ersten Male seine neunzehn Jahre.
+
+»Verwünschtes Pennal,« murrte er. »Na warte, noch ein Semester, und ich
+habe dich für ewig im Rücken.«
+
+Wohin also nun?
+
+Ihm fiel der »Malkasten« ein. Sein Vater gehörte der
+Künstlergesellschaft als passives Mitglied an. Bei Tisch hatte er davon
+gesprochen, heute abend, wenn das Wetter sich klären würde, im Garten
+des Malkastens, dem alten, schönen Jacobischen Park, in dem auch Goethe
+einst gelustwandelt, mit einigen Herren eine Bowle zu trinken.
+
+Also zum »Malkasten«, so schnell ihn die Füße trugen.
+
+Der Brückenwärter auf der Düsseldorfer Seite, an dem er vorüberrannte,
+schien ihn wiederzuerkennen. »Hä ’s ömmer noch jeck,« knurrte er und
+machte ironisch einen Sprung beiseite. —
+
+Außer Atem langte Hans vor dem Malkasten an. Hastig öffnete er das
+Gittertor und prallte heftig gegen einen Herrn, der es ebenso eilig zu
+haben schien, hinauszukommen, wie der andere hinein.
+
+»Hoppla, Verehrtester!« rief der Herr lachend und faßte ihn mit beiden
+Händen um die Taille. »Um ein Haar, und Sie hätten sich ins Unglück
+gestürzt. Sagen Sie mal, Sie wollen doch nicht ernsthaft da hinein?
+Zu den Neunmalweisen in der phrygischen Mütze mit der Troddel dran?
+Junger, junger Mann!«
+
+»Das beabsichtige ich freilich,« versetzte Hans Steinherr kurz.
+
+Der andere aber ließ sich durch den Ton des Gekränktseins nicht
+abschrecken. Er führte den Jüngling unter die nächste Laterne und sah
+ihm mit gemachtem Ernst eindringlich in die Augen. Dabei parodierte
+er die Schülerszene des Faust: »Ihr seid allhier erst kurze Zeit
+und kommet voll Ergebenheit. — Denn ich sah Sie noch nie vordem,
+Verehrtester. — Ihr kommt mit allem guten Mut, leidlichem Geld und
+frischem Blut. Möchtet gern was Rechts hier außen lernen. — Sehen
+Sie, wenn ich der Mephistopheles wäre, für den sie mich da drinnen
+verschreien, so müßte ich jetzt mit Salbung sagen: Da seid Ihr eben
+recht am Ort. Aber das wäre verdammt gelogen. Weisheit ist nicht
+verdaulicher, wenn sie altbacken genossen wird. Und nun entscheiden
+Sie sich. Wollen Sie hinein zu den Perücken, die Simson, als er die
+Philister erschlug, übersah, weil er sie für Haubenstöcke hielt, oder
+wollen Sie mit mir, in irgend eine Vagabundenschenke, aber unter
+Geschöpfe Gottes, die lebendiges Fleisch auf dem Gebein haben.«
+
+»Vorwärts,« bestimmte Hans und schob resolut den Arm in den des
+Unbekannten. Nach den vielen Wundern des Tages hatte er das Verwundern
+verlernt. Zudem: der Mann imponierte ihm.
+
+Der aber streifte den schnell Vertraulichen von oben herab mit einem
+kurzen, prüfenden Blick und schritt, ohne von seinem Begleiter
+vorderhand weiter Notiz zu nehmen, eine italienische Opernarie summend,
+durch die Straßen, die zur Altstadt führten.
+
+Hans Steinherr hatte unterwegs Gelegenheit genug, den ihm so plötzlich
+bescherten Wandergefährten mit Muße zu betrachten. Es war eine
+schlanke, sehnige Figur, nach neuester Mode gekleidet. Aber die Eleganz
+wurde mit solcher Selbstverständlichkeit getragen, daß sie nicht weiter
+auffiel. Der Kopf war der eines vornehmen Mannes; scharf geschnitten,
+mit vorspringender Hakennase, unter die sich ein weicher, blonder
+Schnurrbart schmiegte; mit blauen, echten Germanenaugen, deren Blick
+Kühnheit und Intelligenz, und einem Munde, dessen weiche und doch
+charakteristische Linie Lebenslust und Spottsucht verriet. Das Alter
+war unbestimmbar. Vielleicht, daß die Schätzung von vierzig Jahren die
+richtige war, doch sah der Fremde jünger aus. Hans war es übrigens,
+als müßte er die auffallend vornehme Erscheinung schon des öfteren in
+Düsseldorf gesehen haben.
+
+Vor ihnen lag die Ratingerstraße, winklig und unregelmäßig, mit
+ihren engbrüstigen Gebäuden, vorspringenden Erkern und altmodischen
+Giebeldächern im Mondlicht einem Bilde gleich, das aus der
+Versunkenheit längst entschwundener Zeiten emporgestiegen schien. Ihre
+Schritte hallten auf dem holprigen Pflaster und weckten das Echo an der
+Häuserzeile entlang.
+
+»Was meinen Sie, Verehrtester, dieser Ausschank macht einen höchst
+vertrauenswürdigen Eindruck.«
+
+Hans fand zwar im stillen, daß das gepriesene Haus eher einer
+Räuberherberge ähnlich sähe, aber er nickte energisch und trat hinter
+seinem Begleiter ein.
+
+In dem Tabaksqualm, der, in dichten Streifen übereinander lagernd,
+die Stube füllte, hielt es schwer, die Umgebung festzustellen.
+Erst, als sie hinter einem weiß gescheuerten Tisch auf handfesten
+Holzstühlen saßen, gelang es Hans allmählich, sich zu orientieren.
+Das Zimmer war mäßig groß, die Decke aus schweren Balken gebildet,
+die Alter und Rauch tiefbraun gebeizt hatten, die Wände zeigten
+kaum eine Handbreit der ehemaligen weißen Tünche, mit Kohle, Rötel
+und Farbe hatten sich Generationen werdender Maler hier =al fresco=
+verewigt. Neben dem Eingang prangte das primitive, peinlich sauber
+gehaltene Büfett, hinter dem das Wirtspaar thronte, der »Baas« in
+gestrickter Weste und schneeweißen Hemdärmeln, die »jung’ Frau«, eine
+behäbige Matrone, mit weißer Latzschürze über dem mächtigen Busen.
+Ein Küferjunge mit vorgeschnalltem Lederstück bediente. Von der Decke
+hingen große Petroleumlampen nieder, um die sich der Tabakrauch wie der
+Hof um die Mondscheibe sammelte. Sie leuchteten nieder auf Gerechte
+und Ungerechte, auf gestikulierende Arbeitsleute im Sonntagstaat und
+auf gesetzte Bürger; und unter diese mischten sich Prachtexemplare
+von Düsseldorfer Künstlern, trunkfeste Männer, die mit lautem,
+nimmermüdem Humor die ganze Wirtschaft dirigierten. Man neckte sich
+und log sich gegenseitig die unglaublichsten Geschichten vor, mit
+glänzenden Schalksaugen den Reinfall des Gegners erwartend, und irgend
+einer bestellte immer wieder eine Runde des köstlich bitterlichen,
+einheimischen Bieres. Der gehobenen Künstleratmosphäre entsprechend,
+trugen die beliebtesten Speisen — die Speisekarte wies die stattliche
+Auswahl von vier Nummern auf — besonders vollklingende Namen. Hans
+Steinherr wunderte sich, wie häufig am Büfett »ein halber Hahn«
+beordert wurde, bis er dahinter kam, daß dies hochtönende Gericht aus
+einem halben Roggenbrötchen mit Holländer Käse bestand.
+
+Hansens Begleiter schien hier eine wohlbekannte und von allen
+respektierte Erscheinung zu sein. Die älteren Maler begrüßten ihn
+mit kräftigem Händedruck und ebenso kräftigem Scherzwort. Einige der
+jüngeren, die sonst der Ansicht huldigten, das echte Künstlertum müsse
+unbedingt durch rauhbeinige Manieren bewiesen werden, verstiegen sich
+sogar zu einer Bewegung, die eine Verbeugung ausdrücken sollte.
+
+Hans traute seinen Augen nicht. Der Kellnerjunge brachte eine Flasche
+Sekt, und keiner der mundfertigen demokratischen Geister ringsum schien
+gegen diese Reglementswidrigkeit auch nur das geringste einzuwenden zu
+haben. Der Gastgeber schenkte die beiden Gläser voll und stieß mit dem
+jungen Manne an.
+
+»Entschuldigen Sie,« stotterte Hans, »ich habe mich noch nicht
+vorgestellt — —«
+
+»Sind Sie ein anständiger Kerl? Na also! Ich bin’s auch, schmeichle ich
+mir. Prosit!«
+
+Aber Hans fand es dennoch passender, seinen Namen zu nennen.
+
+»So, so — —. Steinherr. Hm. Übrigens, wenn Ihnen so viel an der
+Etiketteaufschrift gelegen ist: von Springe. Sagen Sie mal,
+junger Freund, Sie sind ein Sohn der hochedlen Firma Steinherr,
+Grafenbergerchaussee? Und wollen Maler werden?«
+
+»Ich habe noch nicht daran gedacht,« antwortete Hans bescheiden.
+»Vorläufig werde ich zu Ostern ins Abiturientenexamen steigen.«
+
+Herr von Springe fuhr erstaunt mit dem Stuhl gegen die Wand.
+
+»Wie? Was? Hör’ ich recht? Ein Pennäler? Sie schlagen sich noch mit
+Fibel und Schiefertafel herum? Und ich Volksverführer hielt Sie für
+einen wackeren Lehrling des heiligen Lukas und schleppe Ihre zarte
+Jugend in diesen Rauchfang? Ah, ich werde Ihrer Frau Mama morgen eine
+Entschuldigungsvisite machen, damit es keine strammen Hosen setzt.
+Bitte tausendmal um Verzeihung.«
+
+Purpurne Röte stieg in dem feinen Gesicht des jungen Mannes auf. Dann,
+sich gewaltsam beherrschend, sagte er so ruhig, wie es ihm nur möglich
+wurde: »Sie schmeichelten sich vorhin, auch ohne Namensetikettierung
+als anständiger Mensch zu erscheinen. Nach diesem Überfall muß ich
+freilich annehmen, daß der Schein trügt. Guten Abend.«
+
+Aber der Effekt seiner Rede entsprach nicht seinen Erwartungen. Herr
+von Springe lachte, daß die Gäste von ihren Stühlen auffuhren.
+
+»Bravo, bravo, gut gebrüllt, Löwe! So lieb’ ich meine Pappenheimer!
+Das Kerlchen hat, weiß Gott, Rasse. Hier geblieben, mein Junge, kein
+schiefes Maul mehr gezogen, du hast vollkommen recht, ich bin ein
+Verbrecher und gebe dir hiermit feierlichst eine Ehrenerklärung.«
+
+Er hielt ihm das Glas hin, und, halb widerstrebend, halb
+unwiderstehlich angezogen von dem bannenden Wesen des lachenden Mannes
+vor ihm, stieß der junge Heißsporn an.
+
+Bevor eine Stunde vergangen war, hatte Hans Steinherr dem Fremden
+mit den sieghaften Augen alle die rätselvollen Eindrücke des Tages
+anvertraut, die sein junges Leben erregt hatten wie nie zuvor. Auch das
+Gedichtchen stammelte er, und von Springe lachte nicht. Er ließ nur
+seine Augen über ihn hinblitzen, und die Freude an der Unberührtheit
+dieser jungen Seele, die unbewußt zu Taten drängte, stand ihm auf der
+Stirn.
+
+»Du bist ein Dichter, mein Sohn.«
+
+»Ich möchte ein Künstler werden, Herr von Springe. Sie — Sie müssen ein
+großer Künstler sein.«
+
+»Herzlichen Dank für die gute Meinung.«
+
+»Spotten Sie nicht über mich. Aber wer als Mensch so über den
+Situationen steht —«
+
+»Kindskopf, was weißt du davon!«
+
+Er blickte schweigend in sein Sektglas.
+
+»Die Hauptsache ist, für den Künstler und den Menschen, den Humor an
+der Sache nicht verlieren.«
+
+»Darf ich Sie besuchen?« schmeichelte Hans.
+
+»Du darfst. Aber jetzt zu Bett, Kleiner, deine Schlafenszeit muß längst
+da sein.«
+
+Und sie gingen.
+
+ * * * * *
+
+So endete der ereignisvollste Tag in Hans Steinherrs bisherigem Leben.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Zweites Kapitel
+
+
+Der alte Philipp Steinherr, Fabrikbesitzer und Stadtverordneter, hatte
+klein angefangen. Grauköpfige Düsseldorfer Bürger erinnerten sich
+sehr wohl noch der kleinen Blechschmiede auf freiem Felde beim Dorfe
+Bilk, in der er als junger Mann selbst das Handwerk ausgeübt. Mit
+nie rastendem Ehrgeiz hatte er seinen Hammer geführt. Seine Bildung
+hatte er mit zähem Eifer in abendlichen Fortbildungsschulen und durch
+unablässiges Selbststudium vervollkommnet. Kein Gebiet der über Nacht
+emporblühenden Technik durfte ihm verschlossen bleiben, sein Spürsinn
+witterte das goldene Zeitalter, das die Technik zur Wissenschaft und
+diese Wissenschaft zur Macht stempeln würde, er sah bereits die neue
+Morgenröte und richtete sich auf ihren Empfang ein, als alles um ihn
+her noch im Gleise der alten, guten Zeit fortschlenderte, mit echt
+rheinischem Leichtsinn die Tage hinnahm, wie sie kamen, und — als
+Hauptsache dieses Erdendaseins — die Feste feierte, wie sie fielen.
+Philipp Steinherr hatte wenig Feste gefeiert. Seine Gedanken waren
+zeitlebens auf den Erwerb gerichtet gewesen, auf den Erwerb mit allen
+Mitteln, die er für seinen Zweck tauglich befand. Der aber war eben
+der Erwerb, der Konkurrenzkampf, der Aufstieg aus den Niederungen
+des Lebens zu den Höhen der Besitzenden. Das Wort des Marschalls von
+Danzig, der auf die hochmütige Frage eines Junkers, ob er sich in der
+Zahl der Ahnen mit ihm messen könne, schlagend erwiderte: »Nein, aber
+ich ~bin~ ein Ahne,« hatte ihn nicht mehr losgelassen, als er es bei
+der Lektüre eines Buches gefunden. Der Ahnherr seines Geschlechtes
+wollte er werden, der bei der Arbeit grübelnde Blechschmied, obwohl er
+damals noch den Gedanken an Hochzeit machen mit einem geringschätzenden
+Lächeln abtat. Eins aber wußte er: ein neues Wappenschild richtet
+man am leichtesten auf heruntergerissenen alten auf, im Kampf der
+Schlachten wie im Kampf der Industrie. Nur keine Sentimentalitäten beim
+Geschäft! Man konnte über Leichen schreiten und dennoch ein achtbarer
+Mann bleiben.
+
+Das hatte Philipp Steinherr in seinem ganzen Leben bewiesen. Als junger
+dreißigjähriger Meister erfand er ein billigeres Fabrikationssystem.
+Er unterbot die Marktpreise so lange, bis er die kleinen Betriebe
+in der Runde zum Auffliegen gebracht oder von sich abhängig gemacht
+hatte. Er sog die Kräfte seiner Leute bis zum letzten Blutstropfen
+aus, entledigte sich ohne Bedenken der verbrauchten, ohne sich über
+das weitere Schicksal der abgerackerten Alten auch nur einen Gedanken
+zu machen, und arbeitete, um jeden bösen Leumund zu verstopfen
+und gleichzeitig seine Leute zur Hergabe der letzten Muskelkraft
+anzuspornen, mitten unter ihnen mit nie versagender Rüstigkeit. Wenn er
+an Sonn- und Feiertagen die Messe gehört, gebeichtet und kommuniziert
+hatte, verschloß er sich tagsüber in seinem kleinen Laboratorium, um
+Versuche über Versuche anzustellen, und saß Abends über seinen Büchern
+oder trieb Sprachstudien.
+
+Die Kriegsjahre 1864 und 1866 trugen ihm große Lieferungsaufträge ein.
+Er hatte durch Zufall die Bekanntschaft eines vornehmen Herrn gemacht,
+der sich zuweilen hier draußen auf den Feldern erging. Wenigstens
+erschien ihm dazumal der Herr sehr vornehm. Er besaß die kordialen
+Allüren des etwas heruntergekommenen Edelmannes, die für die unteren
+Stände stets etwas Bestechendes haben. Dem Meister erzählte er, daß
+er inspizieren gehe, ob man ihm in der Nacht sein Königreich nicht
+fortgetragen hätte. Einst habe das ganze Wiesen- und Ackerland, so
+weit das Auge reiche, seinen Vorfahren gehört, aber der Letzte dieser
+Biedermänner, sein Herr Vater, habe so gründlich damit aufgeräumt,
+daß ihm zu tun fast nichts mehr übrigbliebe. Dieser kleine Fetzen
+Land, einen Steinwurf groß und völlig unkultivierbar, sei der Rest
+eines einst fürstlichen Vermögens. Vorläufig aber immer noch viel zu
+geräumig, um sich jetzt schon darin begraben zu lassen.
+
+Dieser lustige Junker, stets in Geldverlegenheit und nie in Sorge um
+den kommenden Tag, wurde der Mittelsmann zwischen Philipp Steinherr und
+den Militärbehörden. Die Konnexionen aus den Zeiten der Väter hatten
+noch vorgehalten, dem Sprossen der alten, niederrheinischen Familie
+ein paar kleine Gefälligkeiten zu erweisen. Als die Schlacht von
+Königgrätz geschlagen war, hatte Philipp Steinherr den Grundstock zu
+seinem Vermögen gelegt. Nun konnte er daran denken, eine vorteilhafte
+Ehe zu schließen. Ihm, dem Fabrikanten, standen die Häuser offen. Er
+heiratete eine blutjunge Dame, die ihm zwar keine Barmittel, dafür aber
+einen hochgeachteten Düsseldorfer Namen als Mitgift einbrachte. Er
+hatte ganz richtig gerechnet. Diese Verbindung brachte ihn vorwärts.
+
+Frau Margot beschenkte ihn im nächstfolgenden Jahre mit einem Sohne
+und schien damit ihre Pflichten als erledigt zu betrachten. Sie
+richtete sich mehr und mehr auf die Weltdame ein, was für die im
+Grunde gut spießbürgerlichen Kreise der Stadt immerhin ein Ereignis
+war, erhöhte ihre Bedeutung in den Augen der Damenwelt noch durch
+einen wöchentlichen »Jour«, zu dem sich bald die jungen Offiziere der
+Garnison und die bessergestellten Elemente der Künstlerschaft drängten,
+schöngeisterte und flirtete und gewöhnte sich bald an, ihren wenig
+unterhaltenden Mann lediglich als notwendiges Übel zu betrachten.
+
+Der aber lächelte nur zu dem Tun und Treiben seiner kindischen
+Gemahlin. Er brauchte ja die Leute, die sie um sich sammelte und durch
+Koketterien zu fesseln wußte, dann aber — so sehr er sich gegen das
+Eingeständnis sträubte, fürchtete er sich auch ein klein wenig vor
+der spöttisch überlegenen Miene der jungen Frau, die so trefflich den
+Unterschied zwischen Geburt und Erziehung anzudeuten wußte und ihm die
+mangelnde Lebensart fast greifbar zur Erkenntnis zu bringen vermochte.
+So ließ er sie gewähren, lebte fürder als Hofmarschall neben ihr hin
+und machte aus jeder Not eine zinstragende Tugend.
+
+Der Deutsch-französische Krieg brachte den gewaltigen Umschwung und
+Aufschwung in der Industrie, den Philipp Steinherr seit Jahren
+vorausgesehen hatte. Die große Zeit fand ihn vorbereitet. Ganz in der
+Stille war ihm ein epochemachendes neues Verfahren in der Herstellung
+von Eisenblech geglückt. Als der Tag von Sedan vorüber war und die
+deutschen Armeen auf Paris rückten, ging auch er zum Angriff über,
+kühl wie ein Börsenspieler. Es galt, so schnell wie möglich Terrain
+anzukaufen, das beste, das sich zu großen Fabriksanlagen eignete. Mit
+mathematischer Sicherheit rechnete er aus: war erst der Krieg siegreich
+beendet, würde eine wilde Spekulation losbrechen und die Werte der
+Grundstücke ums Vielfache multiplizieren. Dem galt es zuvorzukommen. Er
+hatte sein Bargeld und den Kredit für die sofortige, jeden Mitbewerb
+überflügelnde Inangriffnahme und steigernde Unterhaltung eines weit um
+sich greifenden Betriebs nötiger.
+
+Aber die Bauern von Bilk waren mißtrauisch. Sie wollten zu Kriegszeiten
+keine Grund- und Bodengeschäfte machen. Ihr Instinkt gab ihnen
+Witterung von größeren Verdiensten. Schon nach wenigen Tagen merkte
+Steinherr, daß ein schlauer Spekulant gleich ihm an der Arbeit war,
+denn die Bauern nannten unerhörte Preise. Bis zum Winter schlug er
+sich mit der hartnäckigen Bande herum, dann gab er es auf. Jedoch nur,
+um nachdrücklich einen anderen Plan durchzuführen, den er bisher nur,
+einem feinbohrenden Schamgefühl nachgebend, in ganz einsamen Stunden zu
+streicheln gewagt hatte.
+
+Durch die Freunde seiner Frau, die zur Zernierungsarmee gehörten,
+hatte er die unumstößlichsten Nachrichten, daß der Fall von Paris nur
+noch eine Frage von Tagen sein könne. Da opferte er skrupellos die
+Regungen der Freundschaft. Der fröhliche Mittelsmann, der ihm einst
+durch die Verschaffung von Armeelieferungen zur Grundlegung seines
+Wohlstandes verholfen hatte, mußte mit seinem Erbe daran glauben. Das
+»Königreich«, die paar Hufen Landes, lagen zu beiden Seiten des Bilker
+Baches langhin gestreckt. Sie waren, wenn die Industrie zur Blüte
+gelangte, weitaus das günstigste Terrain, nahe genug den Bahnhöfen der
+Bergisch-Märkischen und der Köln-Mindener Bahn, um sich an diese durch
+kurze Anschlußgleise anzugliedern.
+
+Philipp Steinherr verließ an diesem Tage die Fabrik vor Feierabend. Er
+begab sich auf dem kürzesten Weg nach Hause, sicher, den Freund als
+lustigen Gesellschafter seiner Frau anzutreffen. Er hatte sich nicht
+getäuscht.
+
+»Du kommst so früh schon?« begrüßte ihn Frau Margot.
+
+»Ich verspürte Lust, ein Stündchen zu verplaudern. Hast du Nachricht
+von deinem Heinrich?« wandte er sich an den Gast.
+
+»Soeben überbrachte ich der schönen Hausfrau Botschaft von meinem
+Jungen. Zum Leutnant befördert, vor dem Feinde, und als Marschsoldat
+ausgerückt. Ja, mein Lieber, so weit hätten wir es mit kaum zwanzig
+Jahren nicht gebracht, das ist meine Erziehung! Von meinem Alten — Gott
+hab’ ihn selig — hatte ich, als ich zwanzig zählte, nichts, als mein
+Königreich im Bilker Feld und einen gehörigen Schuß von seinem Podagra
+im Blut.«
+
+»Und wenn er zurückkommt? Was wird er beginnen?«
+
+»Er wird sich dieser schönen Hausfrau zu Füßen legen, ganz wie bisher.
+Das ist ~auch~ meine Erziehung,« und er küßte galant die Hand der
+jungen Frau.
+
+»Margot wird,« entgegnete Steinherr, »vorausgesetzt, daß sie
+ernstliches Interesse an dem hoffnungsvollen jungen Manne nimmt, die
+Tändeleien abstellen und für seine Zukunft bedacht sein. Wie ich weiß,
+bereitet sich Heinrich vor, die Kunstakademie zu besuchen.«
+
+»Ach du leew Herrgöttche!« seufzte der Sorglose humoristisch, »der Jong
+wird Möler, un der Alte hät auch nix! Die Rechnung wird schon auf die
+Dauer stimmen.«
+
+»Ich will dir einen Vorschlag machen,« sagte Steinherr nachdenklich.
+
+»Lieber Freund,« fiel der andere lachend ein, »wenn du mir etwas pumpen
+willst — gnädige Frau verzeihen wohl diese gräßliche Wendung des
+Gespräches — so muß ich dich darauf aufmerksam machen, daß, solange
+mein Heinz und ich dieser schönen Frau um die Wette den Hof machen, wir
+uns nicht noch obendrein von dem Gatten besolden lassen können.«
+
+Frau Margot lachte wie eine Turteltaube und reichte dem Schwerenöter
+die Hand zum Kuß. Sie empfand den lustigen Kavalierdienst des Alten
+fast so entzückend wie die heißen Huldigungen des Jungen, der ihr
+Gespiele gewesen war.
+
+»Pardon,« sagte Steinherr kalt, »ich dachte, du könntest, wenn es sich
+um die Zukunft deines Sohnes handelt, auch einmal fünf Minuten ernst
+sein. Ich beabsichtige nicht im Traume, dir etwas zu schenken, aber ein
+für dich profitables Geschäft möchte ich dir vorschlagen. Wirklich, aus
+Freundschaft.«
+
+»Aus Freundschaft? Ein Geschäft? Meines Jungen wegen? Hm, das läßt sich
+hören.«
+
+»Wieviel, glaubst du, wird die Ausbildung deines Sohnes kosten?«
+
+»Na, gut wär’ es, wenn man zweitausend Taler bar in der Hand hätte.
+Aber die paar Zinsen, die ich beziehe, lassen nicht daran denken.«
+
+»Siehst du,« sagte Steinherr und zog seine Brieftasche heraus, »ich
+möchte dir, deinem Jungen und meiner Frau, ja auch mir, eine Freude
+machen und dich bitten, mir dein Königreich zu verkaufen. Ich habe Lust
+auf ein Stückchen Feld. Vielleicht, daß ich mir einen Gemüsegarten und
+eine Grasbleiche dort anlege, einige Obstbäume und eine hübsche Laube.
+Margot wünschte sich lange schon derartiges. Hier sind zweitausend
+Taler. Einverstanden?«
+
+Der joviale Freund stutzte. Dann lachte er schallend hinaus.
+
+»Philippus, du machst Witze? Da lebst du nicht mehr lange, alter Sohn!
+Einen Gemüsegarten von fünf Morgen, für euch zwei Leute, denn das Baby
+rechnet noch nicht mit. Und ich verstehe doch recht: Gemüsegarten?
+Auf einem Stück Land, auf dem der Herrgott nur nackte Schnecken und
+Regenwürmer wachsen läßt. O Philippus, du dauerst mich!«
+
+Steinherr lachte mit. Dann, ernst werdend, meinte er ruhig: »Das
+Bedauern schenk’ ich dir gern. Jeder Mensch hat seine Marotte.«
+
+»Wie? Du sprichst im Ernst? Du wolltest wirklich?«
+
+»Hier liegen die zweitausend Taler. Wenn du einverstanden bist, kann
+die Regierung deines Königreichs morgen schon auf mich übergegangen
+sein.«
+
+Der Freund hatte sich erhoben und ging im Zimmer auf und ab.
+
+»Philippus,« sagte er dann und blieb vor Steinherr stehen, »du meinst
+es gut mit mir. Und ich — hm — ich werde dir jetzt wie ein ganz
+gemeiner, undankbarer und gieriger Rabe erscheinen. Aber, siehst du,
+wenn ich auch ein einigermaßen flottes Tuch bin: etwas bin ich doch
+auch meinem Jungen schuldig. Na, also kurz: Glaubst du nicht, daß das
+Land da draußen nach dem Krieg Grundstückswert bekommen wird, daß sich
+die Stadt ganz dort hinüber ausdehnen wird? Wenn erst die Milliarden
+ins Land kommen, wird selbst die ordinärste Plebs von der Bauwut
+befallen werden, geschweige denn die Mammonspächter und die Herren von
+der Industrie.«
+
+»Ah — du mißtraust mir? Gut, gut.«
+
+»Sagt’ ich es nicht? Nun bin ich der schäbige Rabe! Donnerlütsch,
+Minsch! Ich? Einem Freunde mißtrauen? Ich wende mich an Sie, schöne
+Hausfrau. Bin ich denn wirklich schon so tief gesunken?«
+
+Da er nicht weiter wußte, nahm er seinen Marsch durch das Zimmer wieder
+auf. Ganz kleinlaut, weil ihn das Gefühl peinigte, nicht ritterlich
+verfahren zu sein, fügte er nur hinzu: »Ich meinte ja auch bloß, wegen
+der Kriegsentschädigung. Vielleicht hast du die Folgen davon noch gar
+nicht so ins Auge gefaßt. Ich Tagedieb habe ja genügend Zeit dazu,
+Luftschlösser zu bauen und in meinem Königreich nach Gold zu schürfen.«
+
+Steinherr setzte die überlegene Miene des Geschäftsmannes auf.
+
+»Ihr werdet euch mit euren Milliardenerwartungen gründlich in
+die Nesseln setzen. Der Beweis? Nun, was hat uns das Siegesjahr
+Sechsundsechzig gebracht? Das trägt ein Hund auf dem Schwanze fort.
+Dem Herrn von Bismarck schien es doch geratener, die gute Laune des
+Herrn Nachbarn für künftige Zeiten zu schonen. In Geldangelegenheiten
+sind alle Leute nun einmal am kitzlichsten. Frankreich gegenüber wird
+der Herr von Bismarck zum guten Schluß auch keine andere Politik
+einschlagen. Die deutsch gewesenen Provinzen zurück, sonst aber den
+französischen Geldbeutel nach Möglichkeit geschont. Er wirft jetzt nur
+mit Zahlen um sich, um nachher durch seine Großmut umso nachhaltiger
+zu versöhnen. Übrigens würde auch England eine solche Schröpfung
+Frankreichs nicht zulassen. Zum dritten und letzten aber: wer bürgt
+dir dafür, daß dieser Krieg so bald zu Ende geht und ~wie~ er zu Ende
+geht? Die Franzosen stempeln ihn zum Volkskrieg. Schau mal nach dem
+Norden, nach Amiens zum Beispiel, welche Heeresmassen dieser Monsieur
+Faidherbe da wieder aus dem Boden gestampft hat. Eure Milliarden
+haben einstweilen nur auf dem Monde Kurs. Hier unten könnt ihr damit
+verhungern.«
+
+Er trommelte einen kurzen Marsch auf dem Tisch. Dann trat Stille ein.
+
+Diese Stille wirkte auf den Hausfreund beklemmend. Er räusperte sich,
+schritt nach der schönen Hausfrau, die ihm zulächelte, nach dem
+Hausherrn, der mit einer geradezu beleidigenden Gelangweiltheit nach
+der Decke starrte und die Daumen umeinanderlaufen ließ, räusperte sich
+nochmals und trat dann entschieden vor.
+
+»Philippus,« sagte er, »wir kennen uns jetzt ein halbes Dutzend Jahre.
+Ich hab’ dir, wie du behauptest, ein paar Gefälligkeiten erwiesen.
+Du mir auch. Als Geschäftsleute wären wir ja — nehmen wir mal so an
+— quitt; aber als Freunde — nee! Schön. So muß das ja auch sein. Und
+nun, wo du mir deine Freundschaft mal wieder da offenbaren willst, wo
+sie bei anderen Leuten aufhört, am Portemonnaiechen, da komme ich, ich
+netter Bruder, dir mit allerhand Eigennützigkeiten, die sich weiß Gott
+im Ohre eines Fremden beinahe wie Verdächtigungen ausnehmen müßten. Gib
+mir deine Hand, du wackerer Eisenblechmensch, und laß mich sie drücken.
+Nichts wie Vertrauen hab’ ich zu dir, Vertrauen und Dankbarkeit. ’raus
+mit dem kalten Mammon und der warmen Liebe! Dafür sei es zehnmal
+dein, mein Königreich. Nur noch die Zustimmung meines Jungen, und das
+Geschäft ist perfekt und die Thronfolge geregelt.«
+
+Er schüttelte Steinherr die Hand, daß die Gelenke knackten.
+
+»Heinrichs Zustimmung?« meinte der Geschäftsmann nachdenklich. »Hältst
+du denn die für nötig?«
+
+»Du wirst mich vielleicht auslachen. Aber es war nun einmal mein
+Ehrgeiz — und du weißt, in diesem Artikel unterhalte ich nur ein
+bescheidenes Lager — daß der Junge zum wenigsten eine Scholle
+Heimatsboden sein eigen nennen sollte. Daß ich es konnte, das war ja
+auch für mich ein sogenanntes ›erhebendes Bewußtsein‹. Grundbesitzer!
+Na ja ... =Tempora mutantur=. Da bin ich nun zu Ende mit meinem
+Latein.«
+
+Philipp Steinherr bemerkte die Weichheit des Freundes mit Besorgnis.
+Jetzt nur keine Sentimentalität aufkommen lassen, sondern Trumpf
+spielen!
+
+»Ja,« machte er kopfschüttelnd, »wenn du das deinem Sohn schreibst,
+wird er in dem ganzen Handel natürlich nichts als ein Opfer sehen, das
+du ihm darbringen willst, sich an Großmut nicht übertreffen lassen
+wollen und dankend verzichten.«
+
+»Entschuldige, aber für so’n Jammermann wirst du mich doch wohl nicht
+halten.«
+
+»Hm — — was meinst du, wenn — wenn — meine Frau ihm schriebe? Sie malt
+ihm seine Zukunft, den Künstlerruhm, den er sich erringen kann, und —
+na, das wird sie schon selbst am besten wissen. Wie denkst du, Margot?«
+
+»Herr Heinrich wird mir gewiß folgen,« sagte Frau Margot träumerisch.
+Was verstand sie von den Geschäften der Männer!
+
+»Bis ans Ende der Welt, bis in die Hölle, nee, nee, bis in den Himmel,
+das Leckermaul!« begeisterte sich der lebensfrohe Causeur, heilfroh,
+daß er nicht mehr von Geschäften zu reden brauchte. »Und ich alter
+Krippensetzer werde das Fingerlecken haben. O Philippus, weshalb
+mußtest du dir eine so charmante Frau nehmen!«
+
+Philipp Steinherr hatte eine Flasche Rheinwein beordert.
+
+»Trinken wir auf eine glückliche Zukunft,« sagte er bedeutsam.
+
+Doch der andere hatte, den gefüllten Römer in der Hand, vor der Frau
+des Hauses das Knie gebeugt.
+
+»Majestät,« sprach er, »ich habe bisher nur Eurer Schönheit gehuldigt.
+Lasset mich heute als erster Euch huldigen als der Herrscherin meines
+Euch zu Füßen liegenden Königreichs. Ich bin Euer Gefangener. Lang lebe
+und blühe Königin Margot die Erste!«
+
+Die alte, fröhliche Haut ahnte nicht, daß er wirklich eingefangen war.
+
+Eine Woche später traf Antwort aus dem Lager vor Paris ein. Heinrich
+dankte der Jugendfreundin für das große Vertrauen, das sie in ihn setze
+und dessen er sich durch seine Kunst und durch seine Anhänglichkeit
+würdig zeigen werde.
+
+Das Terrain am Bilker Bach ging in den Besitz Philipp Steinherrs über.
+
+Es folgte der Fall von Paris und der Friedensschluß. Wie ein Sturmwind
+kam die neue Zeit ins Land, das Kapital wurde mobil, die Städte
+empfanden ihre Enge und reckten sich und dehnten sich aus, industrielle
+Unternehmungen schossen überall zu Dutzenden empor und suchten der
+Bauspekulation den besten Boden abzugewinnen, und die Grundstückswerte
+verdoppelten, verdreifachten, verzehnfachten sich.
+
+In Philipp Steinherrs neuen, mächtigen Eisenwerken dampften die
+Schlote bei Tag und Nacht. Er war der erste auf dem Platze gewesen.
+Und als nach wenigen Jahren das einst so einsame Terrain durch lange
+Straßenzüge der Stadt angegliedert war, als sich die Spekulation durch
+die unsinnigen, überhetzten Ausgaben zu Grunde gerichtet hatte und das
+mangelnde oder festgelegte Kapital auch der Industrie den gewaltigen
+Rückschlag brachte: Philipp Steinherr spürte nichts von schwerer Zeit.
+Er wuchs und wuchs und war längst Millionär, bevor sein Sohn Hans die
+ersten Gymnasialklassen hinter sich hatte.
+
+Von dem einstigen Freunde wußte der mit Ehrenämtern überladene Mann
+seit langem nichts mehr. Der Name klang im Steinherrschen Hause wie das
+Märchen von der Blechschmiede, die einem Gerüchte nach der Hausherr
+einstmals draußen im Feld bewirtschaftet haben sollte. An dem Tage —
+und der Tag war sehr schnell gekommen — an dem der einstige Besitzer
+des »Königreichs« erfahren hatte, daß er mit kalter Überlegung um
+hunderttausend Mark geprellt worden war, hatte er das Steinherrsche
+Haus zum letzten Male betreten. Er war gekommen, seinen Sohn abzuholen,
+der ahnungslos mit dem Fabrikanten plauderte und nicht dabei vergaß,
+Frau Margot anzuschwärmen.
+
+»Heinrich,« hatte der alte Junker gelassen gesagt, »mach der Dame dein
+Kompliment, wie es sich für einen Kavalier gebührt. Und dann setz
+deinen Hut auf, bevor du an dem kleinen Spitzbuben da vorübergehst, —
+wie es sich für einen Kavalier gebührt!«
+
+Der Vater war dem Sohne mit der Tat vorangegangen. Er hatte sich
+zeremoniell vor Frau Margot verbeugt, sich umgewandt, den Hut auf
+den Kopf gesetzt und war an Philipp Steinherr vorüber zur Türe
+hinausgeschritten, als sähe er in Luft. Und der Sohn, der bei aller
+leichten Sinnesart und den Zechgewohnheiten seines Erzeugers die
+unbedingte Ehrenhaftigkeit seines alten Herrn kannte, war ihm, ohne zu
+fragen, mit demselben Zeremoniell, auf den Hacken gefolgt.
+
+Trotz des überlauten Lachens ihres Gatten über die »Komödiantenallüren«
+hatte Frau Margot doch des Gefühls sich nicht erwehren können, daß in
+diesem scheinbaren Komödiantentum eine erkleckliche Dosis überlegenen
+Rittersinns gelegen habe. Sie empfand die Demütigung umso stärker,
+als die beiden einstigen Freunde und Verehrer den Grund des Bruches
+mit keinem Wort in der Öffentlichkeit laut werden ließen und nicht im
+Traume daran dachten, die gesellschaftliche Stellung der Steinherrs zu
+gefährden. Von diesen armen Schluckern einfach übersehen zu werden,
+hatte sie beschämt, ihre Eitelkeit verletzt und ihren Zorn erregt.
+Diese Wunde wollte sich auch im Laufe der Zeit nicht schließen.
+
+Hin und wieder hörte sie über die originelle Zigeunerwirtschaft der
+beiden reden, die hinfort wie Kameraden zusammen hausten, las in den
+Zeitungen von dem wachsenden Ruhm des Jungen, der in seiner Kunst mehr
+und mehr ein Eigener wurde, oder stand wohl auch in den Ausstellungen
+vor seinen Bildern, die bei aller Realistik einen bannenden
+Farbenrausch zur Schau trugen. Dann fühlte sie ein feines, feines
+Bohren in ihrem Herzen, das wie aus weiter Ferne sich meldete. Und wenn
+sie darüber grübelte, tauchte aus verschollenen Jugendtagen das Bild
+eines Jünglings vor ihr auf, dessen heißes Knabentum sie einst geliebt
+hatte. Die verwöhnte Weltdame, die seit Jahren die Grenzen ihrer Jugend
+künstlich zu erweitern trachtete, fand in solchen Stunden keinen Spott
+über ihre Gefühle. Ein einziges Mal in ihrem so rein äußerlichen Leben
+hatte die Liebe sie gestreift. Die Liebe zu ihrem Pagen.
+
+Sie hatte sie geopfert, aus Bequemlichkeit, aus Egoismus; in der
+Hoffnung auf Ersatz.
+
+Die elegante Frau mit den müden Zügen, die in ihrem Rosengarten draußen
+im Villenviertel der Grafenbergerchaussee unter einem Zeltdach ruhte,
+strich mechanisch mit der Hand über die Augenlider.
+
+»=Long, long ago= — —« murmelte sie. »Der Page ist jung geblieben und
+seine Königin wird alt. Wir hätten miteinander jung bleiben können ...«
+
+Sie schloß die Augen und horchte auf das feine, feine Bohren in ihrem
+Herzen, das wie aus weiter Ferne sich meldete — — —.
+
+Bei der Mittagstafel hatte ihr Sohn von seinem neuen Freunde erzählt.
+Der Name von Springe hatte die Konversation der Ehegatten verstummen
+gemacht.
+
+»Von Springe? — Ach, das war ja der tolle, alte Junker. Hm ...«
+
+»Von Springe?« — — Das war ja einst die Jugend ...
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Drittes Kapitel
+
+
+Auf der breiten, baumbestandenen Allee, der Hauptpromenade Düsseldorfs,
+auf welche die Nachmittagsonne heiß herniederbrannte, wurde es
+plötzlich lebendig. Es hatte soeben vier Uhr geschlagen. Das graue,
+kastenartige Gymnasium entließ seine Schutzbefohlenen.
+
+Sexta und Quinta stürmten zuerst hervor. Kleine Halbwilde, noch bar
+jeden wissenschaftlichen Ernstes, hatten sie bei dem ersten Luftzug,
+der sie traf, die tiefe Bedeutung der Deklination von =mensa= und der
+Konjugation von =amare= vergessen, erfüllten bereits Korridore und
+Schulhof mit ihrem Lärm, inszenierten schleunigst ein paar Raufereien,
+um den »Stärkeren« festzustellen, schlugen wild mit den am Riemen
+geschwungenen Tornistern um sich, sausten im Wettrennen über den
+aufstäubenden Reitweg, von den Schimpfworten der für die Lungen ihrer
+Pfleglinge besorgten Kindermädchen verfolgt, und trennten sich an
+den Straßenecken mit der würdevollen Grandezza ihrer vergötterten
+Lederstrumpfgestalten. Ein Knirps rief dem anderen das Stelldichein
+zu: »Mein großer Bruder Falkenauge wolle nicht vergessen, daß der
+springende Panther ihn erwartet. Die Hunde von Sioux sind auf dem
+Kriegspfad wider uns. Hör, Schrüwken, dene müsse mer ens ordentlich dat
+Fell verjücke.«
+
+Quarta und Tertia folgten. Hier hatte schon das Leben mit seinen
+Forderungen eingesetzt. Man tauschte Briefmarken, alte Münzen,
+Quarze; man handelte um all die tausend Dinge, die die unergründliche
+Hosentasche eines Lateinschülers nur zu fassen vermag. Einige ganz
+Betriebsame hielten sich abseits und besprachen den Plan einer
+Lotterie, in der ein lebendiges Eichhörnchen ausgelost werden sollte.
+Dieses Eichhörnchen demnächst zu fangen, war der Hauptpunkt der
+heimlichen Konferenz. Einer schlug eine aufregende Jagd im Ellerbusch
+vor. Ein Phlegmatiker wies darauf hin, daß an der Mühle in Wersten,
+ganz nahe der Stadt, ein Eichhörnchen frei in einem Kasten hinge und
+ein kleines Rad triebe. Es wäre doch viel bequemer und auch sicherer,
+wenn man — »Schuft!« hieß es empört. Aber man ging doch zunächst nach
+Wersten.
+
+Nun nahte Sekunda. Eine Gattung für sich. Mannbar gewordene Leute,
+ihren Empfindungen nach; dicht davor, bei Erlangung des Zeugnisses
+zum einjährigfreiwilligen Dienst ihre Bildung ein für allemal als
+abgeschlossen zu betrachten oder doch, sofern sie die Prima zu
+absolvieren gedachten, in dem erhebenden Gefühl, daß die Büffelei
+fürs Abiturientenexamen bei der immensen Länge der Zeit besser erst
+im nächsten Jahre vorzunehmen sei. Selbstverständlich sprach man nur
+vom »Weib«. Etwas Selbstverständlicheres gab es nicht, höchstens — die
+Verachtung für die, die nicht mitzusprechen vermochten. Man sprach
+über »meine, deine, seine Poussage« in der geläufigen Art, in der sich
+Besitzer von Serails unterhalten mögen. Nahte ein weibliches Wesen —
+und zählte es auch nicht mehr als zehn treubewachte Lenze —, so kniff
+man die Augen ein und zupfte nervös an der Haut über der Oberlippe.
+Dienstmädchen und das, was nicht die Töchterschule besuchte, galt
+als Freiwild. Hier waren Augenrollen und laute Bemerkungen am Platz.
+»Donnerwetter, gut gewachsen.« — »Unsinn, zu kurze Taille.«
+
+Den Beschluß machte Prima. Jünglinge von Erziehung, das reinste Produkt
+der neunmaligen Filtration einer neunklassigen Schule. Zwei Welten
+vereinigten sich in ihnen: die gegenwärtige, mit ihren jugendfrohen,
+schwärmerischen Idealen für die Freuden des jungen Lebens, die
+Schönheiten der Kunst und die Erhabenheiten der Dichtung, und die
+künftige, mit ihrem Hinweis auf den Beruf und die Stufenleiter der
+Erstrebungen. Diese Verschmelzung prägte sich deutlich in den Augen,
+den Bewegungen, der Haltung aus. Sonnenschein und Frühreife. Der
+künftige Student, der künftige Offizier, der künftige Kunstjünger wurde
+bereits markiert, unbewußt fast, aber dennoch untrüglich. Aufmerksame
+Beobachter vermochten selbst den gelinden Übergang zu den Feinheiten
+der Klassifizierungen zu erkennen, wie sie zwischen Korpsstudenten
+und Burschenschaftern, zwischen den Herren der Infanterie und der
+Kavallerie bestehen. Trotz ihrer Gemessenheit hatten sie im Rassigen
+die meiste Ähnlichkeit mit Sexta. Die Treffpunkte des Kreises
+offenbarten sich. Der Sturm war auch in ihnen lebendig, wie bei
+jenen Knirpsen, nur gezügelt durch die Erziehung; er war aufs neue
+lebendig geworden im Wonneschauer der Erwartung, an der Schwelle der
+zweiten Jugendhälfte. Ihre Disputationen waren von einer inneren
+Leidenschaftlichkeit erfüllt. Ihre Ansichten, ihre Aussprüche über
+antike Kunst und modernes Theater, über die soziale und pekuniäre
+Stellung eines Amtsrichters zu der eines Hauptmanns, über die
+Berechtigung eines philosophischen Systems, die Billigkeit einer Kneipe
+und die Tugend der Frauen waren kategorisch.
+
+Als einer der letzten verließ Hans Steinherr das Schulgebäude. Er ging
+allein, trug die Bücher unter den Arm geklemmt und schlenderte langsam
+die Allee entlang. Den weißen Strohhut in den Nacken gerückt, die Hände
+in den Taschen seines hellen Sommeranzuges, summte er vor sich hin und
+horchte, ob es ein Liedvers wurde.
+
+Ein paar Klassenkameraden schauten sich nach ihm um. Dann gingen sie
+weiter. Der junge Steinherr war den meisten von ihnen zu apart, er
+legte ihnen durch sein zurückhaltendes Wesen zu großen Zwang in der
+Unterhaltung auf.
+
+Als Hans dicht hinter ihnen in die Elberfelder Straße einbog, schwenkte
+einer der Primaner die Mütze und rief einem jungen Mädchen, das in
+diesem Augenblicke ihren Weg kreuzte, ein paar Worte zu. Hans blickte
+auf. Dann spannten sich seine Züge, er fühlte, daß er flammend rot
+wurde und daß sein Atem plötzlich ganz kurz geworden war. Instinktiv
+machte er eine Bewegung nach dem Hute, aber sein Arm blieb in der
+Luft hängen. Dabei starrte er auf das junge, schlanke Geschöpf in dem
+fadendünnen Sommerkleidchen, mit dem altmodischen Schäferhut auf den
+schwer herabhängenden Flechten, bis sie vorbei war. Sie hatte die Augen
+gesenkt gehalten, als sie an ihm vorüberschritt, aber eine leise Röte,
+die sich von den flaumweichen Wangen bis in den kleinen Halsausschnitt
+stahl, zeigte an, daß auch sie ihn bemerkt und erkannt hatte.
+
+Sein Abenteuer von der Golzheimer Insel ...
+
+Sie war verschwunden, und er atmete tief auf; und nochmals und wieder.
+Mitten auf dem Trottoir blieb er stehen, ließ sich von den Passanten
+stoßen und lächelte in die Luft hinein. Alles um ihn und in ihm
+streichelte und schmeichelte. Sein Wesen verspürte tausend kosende
+Berührungen und drängte unerklärlich, sie zu erwidern. Ein Unnennbares,
+eine grenzenlose Verwunderung lag über ihm ausgebreitet.
+
+Dann kam es ihm zum Bewußtsein, wie linkisch, wie überaus hölzern er
+sich soeben dem Kinde gegenüber benommen hatte. Und nun färbte die
+Scham seine Wangen so rot, wie vorhin die Überraschung. Er hätte sich
+prügeln mögen dafür, daß er nicht wenigstens den Hut heruntergerissen,
+gleichviel, ob sie seinen Gruß bemerken wollte oder nicht. Was war er
+doch für ein steifleinener Bursche! Ob sich das Ding insgeheim nicht
+über ihn lustig machen würde?
+
+Der Zorn rüttelte ihn gänzlich wach. Mit langen Schritten eilte er
+hinter seinen Klassenkameraden her und gesellte sich zu ihnen.
+
+»Heiß heute, was?« und er nahm seinen Hut ab und wischte sich die
+Stirn, um seine Verlegenheit zu bemänteln.
+
+»Nanu,« erwiderte der Angeredete erstaunt und ironisch, »ich dächte,
+deine so wohl temperierte Natur wäre über so was erhaben.«
+
+Hans ging über den Spott hinweg.
+
+»Doll heiß!« fuhr er fort. »Wie wär’s, Hüsgen, wenn wir nachher
+irgendwo eine Kneiperei veranstalteten?«
+
+»Was gefällig? Kneiperei? Steinherr und Kneiperei? Ich hab’ mich wohl
+verhört?«
+
+»Du hast ganz recht gehört. Natürlich, wenn du vor einem Anker Bier
+kneifst — —«
+
+»Nu schlag einer lang hin! Steinherr, wahrhaftig, ich glaub’s jetzt
+selber, daß dir heiß ist. Seit wann gestatten dir denn deine vornehmen
+Grundsätze solche Extravaganzen? O Steinherr, du steigst bergab,
+du mischest dich unter das Volk. Laß das gemeine Vergnügen uns
+gewöhnlicheren Sterblichen.«
+
+Der stämmige Bengel schüttelte wie in tiefem Schmerz das von einer
+Künstlermähne umwallte Haupt. Es amüsierte ihn königlich, den
+Kameraden, der sich von allen Streichen mehr als nötig und üblich
+zurückhielt, derb zu hänseln.
+
+»Hör mal, Hüsgen,« antwortete Steinherr ruhig, »du tust dich etwas
+groß. Ich hab’ zwar nicht das Zeug zu einem Kneipgenie, aber Leute wie
+dich trink’ ich, wenn ich will, dreimal unter den Tisch.«
+
+»Ach nee, wenn du willst? Wirklich? Schön, du sollst wollen. Daran
+kommst du jetzt nicht mehr vorbei.«
+
+»Gut. Heute abend.«
+
+»Heute abend kann ich nicht. Aber morgen.«
+
+»Du willst dich wohl präparieren? Oder hast du ein Rendezvous? Du
+grüßtest da vorhin so ’n kleines Mädel.«
+
+Hans Steinherr hielt inne. Diese tastende Diplomatie war ihm bisher
+fremd gewesen, und er ärgerte sich über sein Vorgehen. Aber er scheute
+sich, von dem großtuerischen Kameraden, der zu Ostern die Kunstakademie
+beziehen wollte, seiner zaghaften Neugier wegen verspottet zu werden.
+So wartete er denn mit Spannung auf die Antwort.
+
+»Ein kleines Mädel? Gott, ich kenn’ so viele. Wo denn?«
+
+»An der Ecke der Elberfelder Straße.«
+
+»Ach so — —. Du meinst den Hannes?«
+
+»Den Hannes? Ich sag’ dir doch, ich mein’ ein Mädel!«
+
+»Behaupte ich denn, daß es ein Junge ist? Hör doch zu, Mensch!«
+
+»Also Hannes heißt sie ...?«
+
+»Hannes.«
+
+Hans Steinherr gab sich einen Ruck. Er mußte mehr erfahren.
+
+»Und ihretwegen bist du heute abend nicht zu haben?« sagte er mit
+erzwungener Neckerei.
+
+»Wegen Hannes?« Der junge Kunstaspirant warf sich in die Brust. »Nee,
+Backfische sind nicht mein Schwarm. Ich muß schon was Reiferes haben,
+=à la= Rubens, verstehst du? Der wußte, was gut ist. Nicht dein
+Geschmack, wie? Du hast eben keine Ahnung!«
+
+»Und Hannes?« beharrte der andere.
+
+»Ach, Hannes! Hm, gewiß, wird sich schon auswachsen. Glaub’ schon, daß
+diese Linien eines Tages —«
+
+»Danach habe ich nicht gefragt.«
+
+Hans Steinherr stieß es fast herrisch hervor. Er hätte den plumpen
+Menschen plötzlich am Halse würgen mögen.
+
+Der sah ihn mit überlegenem Hohn an.
+
+»Ja, nach was dann? Entschuldige nur, wenn ich deiner keuschen Seele —«
+
+»Das ist ja Unsinn,« unterbrach ihn Hans kurz. »Also du triffst das
+Mädchen heute abend nicht?«
+
+»Natürlich treff’ ich sie. Sie kommt sogar zu uns. Der Künstlerverein
+Gaudeamus — lauter flotte Akademiker — hat zu Beginn des
+Wintersemesters große Feier. Zehnjähriges Bestehen! Ich werde offiziell
+zwar erst zu Ostern eintreten, weil mein Alter sich hat einreden
+lassen, das Abiturientenexamen sei erst der Schlüssel zum Leben,
+aber ich bin in der Stille doch schon Konkneipant. Als Haussohn!
+Die Gaudeamus-Brüder haben nämlich ihr Lokal bei meinem Alten. Du
+weißt vielleicht, daß wir eins der ältesten Düsseldorfer Wirtshäuser
+besitzen?«
+
+Hans Steinherr nickte. Der alte Hüsgen war eine stadtbekannte
+Persönlichkeit und ein wohlhabender Mann, der seinen Stolz darein
+setzte, seinen Jungen wie die der Vornehmsten das ganze Gymnasium
+durchlaufen zu lassen. Mochte er nachher werden, was er wollte.
+
+»Also ich werde zu dem Fest lebende Bilder stellen. Aber welche, die
+sich gewaschen haben. Die Kerle sollen Augen machen, was ich kann.
+Daher fang’ ich jetzt schon mit den Vorbereitungen an. Alles stilecht:
+Kostüme, Stellungen. Die Stellungen wollen probiert, die Kostüme
+entworfen und geschneidert sein. Das ist alles nicht so einfach, wenn
+man’s mit der Kunst ernst nimmt. Da hat nun meine Schwester den Hannes
+aufgestöbert, eine frühere Schulkollegin; gerad’ nix Feines von Haus
+aus, aber Schick und Geschmack hat der Balg.«
+
+Die anderen Kameraden hatten sich von ihnen getrennt. In Gedanken
+versunken schritt Steinherr neben dem stämmigen Wirtssohn her, der,
+stolz, sein Künstlertum proklamieren zu können, weitschweifig seine
+Pläne auseinandersetzte und die Schönheiten der Renaissance beschwor,
+als wäre er heute schon ihr Herr und Meister. Hans Steinherr hörte kaum
+hin. Während die Schlagworte an sein Ohr tönten, die sich von einer
+jungen Künstlergeneration auf die andere vererben, hatte ihn eine Idee
+erfaßt und ließ ihn nicht mehr los.
+
+»Du,« unterbrach er plötzlich den Redseligen, »könntest du mich nicht
+gebrauchen?«
+
+Sie waren am Wehrhahn angelangt, dicht vor dem Hüsgenschen Hause.
+
+Verblüfft machte Hüsgen Halt. Dann betrachtete er mißtrauisch die Miene
+des anderen, der den Kopf geneigt hielt und mit der Stiefelspitze
+Figuren beschrieb.
+
+»Steinherr,« sagte er endlich, »entweder, du hast heute eine Marotte,
+oder du willst dich gar lustig machen. Für beides findest du in deinen
+Kreisen bessere Gelegenheit. Adjüs.«
+
+Er wollte ins Haus, aber Steinherr faßte ihn am Ärmel.
+
+»Sei doch nicht gleich ein so grober Patron. Wenn ich dich höflich
+frage, kannst du mir doch wohl eine höfliche Antwort geben.«
+
+»Was?« rief Hüsgen und riß die Augen auf, »das war dein Ernst vorhin?
+Aber du hast doch früher keinen Schritt in unser Haus gesetzt? Die Bude
+und die Gesellschaft drin waren dir und deinesgleichen doch immer zu
+power. Hier verkehren wirklich keine Millionäre.«
+
+»Hüsgen,« erwiderte der Kamerad ernst, »bin ich dir so oberflächlich
+erschienen? Glaubst du nicht, daß ich mich oft genug danach gesehnt
+habe, mit euch herumzutollen? Früher, als wir noch jünger waren? Aber
+ihr ließt mich ja nie zu. Mein Anzug genierte euch. Also, wenn sich da
+so was wie eine Scheidewand aufgetan hat: ich bin doch nicht schuld.
+Oder hast du mir sonst was vorzuwerfen?«
+
+Der derbe Bursche biß sich auf die Lippe und blickte stumm vor sich
+nieder. Die Situation wurde ihm unbehaglich. Am liebsten hätte er sich
+durch einen Sprung in den Torweg gedrückt.
+
+»Nun?« beharrte Hans und trat ihm einen Schritt näher.
+
+»Mensch,« stotterte der Schulkamerad, »du — du — na, du warst uns eben
+zu vornehm.«
+
+»Und du, als werdender Künstler, sprichst auch heute noch solche
+inferiore Begriffe aus? Weiß Gott, und wenn ich keinen Knopf mehr an
+der Hose hätte, dazu wär’ ich zu stolz. Adieu, Hüsgen.«
+
+»Hör mal,« schrie es hinter ihm her, »komm um sechs!«
+
+Hans wandte sich um.
+
+»Ich will deine Anschauungen nicht verwirren,« rief er zurück.
+
+»Also um sechs!« brüllte der andere aus dem Torweg heraus, als ob
+der Einwand gar nicht bis zu ihm gedrungen wäre. »Aber gefälligst
+pünktlich! Adjüs!«
+
+Hans Steinherr schob den Strohhut in den Nacken und schritt wacker
+aus. Er kam sich mit einem Male so unternehmungslustig vor. Und dabei
+spürte er doch innerlich eine seltsame, wohlige Unruhe. Ah, war das
+wieder ein schöner Tag heute! In dem Garten, der die Steinherrsche
+Villa umschloß, dufteten die Rosen betäubend, die Jasminblüten lagen
+wie ungezählte weiße Sterne in den grünen Hecken, und der Springbrunnen
+sandte aus weitgeöffnetem Reiherschnabel eine Garbe Schaum in die
+sonnendurchzitterte Luft.
+
+Es war ganz still im Garten und im Hause. Mama war zum Kaffee zu einer
+Freundin gefahren; die Damen hatten jetzt, wo es bald zur Saison nach
+Ostende ging, so vieles miteinander zu besprechen. Der Vater war
+draußen in den Fabriken.
+
+Hans ließ sich den Kaffee in die Laube bringen. Er hatte eine
+vollerblühte Marschall Niel-Rose vom Zweige geschnitten und preßte
+sein Gesicht in den Blütenkelch. Um ihn her lebte und webte das leise
+summende Getön des Sommers.
+
+Hatte er geschlafen? Er war aufgesprungen und sah nach der Uhr. Fünf
+bereits. Der Kaffee stand noch immer unberührt und war kalt geworden.
+Er nahm einen Schluck, dehnte sich und ging schnellen Schrittes ins
+Haus. Auf seinem Zimmer setzte er sich sofort an den Arbeitstisch und
+nahm energisch die Bücher vor. Die Zeigefinger in die Ohren gesteckt,
+studierte er emsig sein Pensum für den morgigen Tag.
+
+Da schlug es sechs Uhr vom Kamin. Die durchdringenden Töne der
+Metallplatte mußten doch wohl zu seinem Bewußtsein gelangt sein. Er
+fuhr auf, starrte die Uhr an, schob die Bücher beiseite und griff
+nach seinem Hut. Doch er ging noch nicht. Den Hut in der Hand, stand
+er am Fenster und blickte hinaus. Wie der Garten prangte! Welch ein
+herrliches Besitztum war doch sein väterliches Heim! — — Im Garten
+rief eine kleine, schwarzbraune Amsel. Da lächelte er, ein unsicheres,
+zärtliches Knabenlächeln, und verließ langsam das Haus. Eine
+Straßenbahn fuhr vorüber. Er sprang auf die Plattform, und in wenigen
+Minuten erreichte er den Wehrhahn. Vor der Hüsgenschen Wirtschaft
+lauerte bereits der Haussohn.
+
+»Süch ens, der Steinherr!« tat er verwundert. »Hat dich die Frau Mama
+losgelassen? Na, komm nur ’rein, du wirst dir auch bei uns die Stiebel
+nicht schmutzig machen.«
+
+Hans folgte ihm durch den Torweg. Der mit Lorbeerbäumen und
+verstellbaren Hecken bestandene Hof, der sich anschloß, war dicht mit
+Menschen besetzt, die den Vespertrunk begannen. Durch die offene Tür
+des Schenklokals sah man die Ehegatten Hüsgen am weißgescheuerten
+Büfett mit Biergläsern und Butterbroten hantieren.
+
+»Willst du mich nicht deinen Eltern vorstellen?« fragte Hans bescheiden.
+
+»Vorstellen? Meinen Alten?« Hüsgen junior traute seinen Ohren nicht.
+»Mensch, du bist doch hier nicht bei Hofe.« Dann, in neu erwachtem
+Mißtrauen, zog er die Augenbrauen hoch. »Übrigens, wenn das ein Witz
+sein sollte — deine Witze verbitt’ ich mir.«
+
+Hans Steinherr schüttelte den Kopf.
+
+»Hüsgen, daß man im eigenen Hause nicht den Grobian spielt, einem
+Gastfreund gegenüber, das hätten dich auch mittlerweile deine
+griechischen Klassiker lehren können.«
+
+»Ach was, ein echter Künstler ist immer grob. Ich pfeife auf eure
+Finessen.«
+
+»Na, wenn du meinst, die Grobheit allein mache den Künstler, so kannst
+du deinen Eltern das Lehrgeld für die Akademie sparen.«
+
+»Gott, wie viel Worte wegen einer überflüssigen Form. Vatter! Mutter!«
+rief er zur Büfettür hinein, »ich hab’ hier einen Gast, den jungen
+Steinherr von der Grafenbergerchaussee.«
+
+Hans trat vor und verbeugte sich.
+
+»En Gläschen Bier jefällig?« fragte der biedere Alte und hob ein Glas
+an den Zapfhahn.
+
+Der Sohn des Hauses stieß den Schulgenossen ironisch in die Seite und
+grinste.
+
+»Och, Vatter,« wies die lebensgewandtere Wirtin den geschäftseifrigen
+Gatten zurecht, »dä jong Herr Steinherr is doch en Fründ von uns’
+Willibald. Freut mich sehr, Herr Steinherr,« fügte sie zierlich wie ein
+junges Mädchen hinzu, strich sich die Hand an der Schürze trocken und
+reichte sie dem jungen Manne zum Gruß. »Laßt euch als häufiger sehen.
+Gelt? — Un nich überarbeiten, Jüngkens.«
+
+Als die beiden jungen Leute die Treppe hinaufstiegen, lachte Willibald
+Hüsgen ziemlich respektlos.
+
+»Fein, so’ne Vorstellung, wie?« und er ahmte die Stimmen der Alten
+nach. »En Gläschen Bier jefällig? Freut mich sehr, Herr Steinherr ...«
+
+»Ich verstehe dich nicht,« sagte Hans entrüstet. »Wenn ich doch
+regelmäßiger in eurem Hause verkehren will, habe ich wohl deinen Eltern
+gegenüber zuallererst die Pflicht der Höflichkeit.«
+
+»Ah so, du willst regelmäßiger — —. Mir kann’s ja recht sein. Hier ist
+meine Bude, links, drück auf die Klinke. Der Herr segne deinen Eingang.«
+
+Sie waren ungefähr unter dem Dach angelangt. Hans tat, wie
+ihm geheißen, drückte die Klinke auf und trat ohne weiteres
+ein. »Donnerwetter!« entfuhr es ihm. Dann blickte er sich mit
+großen Augen um. Auf die weißgetünchten Wände war mit Kohle ein
+Bacchantenzug gezeichnet, übertrieben in den Formen, willkürlich in
+der Linienführung, aber keck und saftig im Entwurf. Die Zimmerecken
+waren mit mächtigen Bündeln Schilfkolben ausstaffiert, auf denen eine
+silbrige Staubschicht lag. Von der Decke herab hing ein Kronleuchter,
+der aus einem großen, mit Kerzen besteckten Faßreifen gebildet war; ein
+Uhu, in dessen weitgespreiztem, mottenzerzaustem Gefieder der Reifen
+zu ruhen schien, verlieh dem Beleuchtungsapparat einen phantastischen
+Reiz. Dicht an das Fenster war eine Staffelei gerückt, die einen
+gewaltigen Leinwandrahmen trug. Ob das Bild, das in satten Farben
+darauf begonnen war, eine Prozession oder eine blühende Kirschbaumallee
+vorstellen sollte, war noch nicht zu erkennen, der Meister erklärte
+es vorläufig für das Gelage des Sardanapal. »Weißt du,« setzte er
+belehrend hinzu, »hier taugen ja die Weiber nix. Zu schmal in den
+Hüften.«
+
+»Schafskopp,« sagte jemand trocken hinter der Leinwand.
+
+Selbst der unverfrorene Willibald fand für einen Augenblick nicht das
+Gleichgewicht.
+
+»Sprach da nicht jemand?« flüsterte Hans Steinherr nach einer Pause.
+
+»I wo!« entgegnete der Haussohn grob, »da spielte jemand Flöte. Kommt
+heraus da, ihr Gesindel,« rief er und zerrte an dem Vorhang, der als
+Draperie von der Staffelei herabhing. »Müßt ihr Frauenzimmer denn die
+Ohren überall haben? Vorwärts!«
+
+Hinter dem Vorhang kicherte es. Dann wurde das Tuch zurückgeschlagen
+und ein sechzehnjähriges, derbes Mädel trat, flammend rot zwar, aber
+resolut vor.
+
+»Meine Schwester Malchen,« sagte der junge Künstler grimmig, »Herr
+Steinherr, Oberprima. Nanu, wo steckt denn der Hannes?«
+
+»Hier,« tönte eine feine Stimme, in der Scham und Trotz miteinander
+stritten. Das junge Mädchen war unbemerkt hinter dem Vorhang
+hervorgetreten und stand nun unbeweglich im Hintergrund des Zimmers.
+
+»Der Hannes,« sagte Hüsgen mit einer Gebärde zu Steinherr hin. Damit
+waren für ihn die Formalitäten erledigt.
+
+Hans Steinherr blickte verwirrt zu dem jungen Mädchen hinüber. Er sah,
+wie sie die Lippen fest aufeinander schloß, wie die dunkelblauen Augen
+einen Stahlglanz erhielten, und er trat rasch auf sie zu.
+
+»Hans Steinherr,« stellte er sich höflich vor und wartete auf Antwort.
+Aber sie antwortete nicht. Über ihrer Nasenwurzel grub sich die
+kindliche Trotzfalte nur noch tiefer, und der Blick, mit dem sie ihn
+feindlich streifte, nahm ihm den Rest von Unbefangenheit.
+
+»Ich glaube, mein Fräulein ...« stotterte er, »verzeihen Sie, Fräulein,
+ich habe mich noch —«
+
+Weiter kam er nicht. Die Kleine tat, als wäre er ihr gänzlich fremd,
+und Fräulein Malchen nahm keinen Anstand, vergnügt in ihr Taschentuch
+zu kichern. Herr Willibald aber machte auf seine Art reinen Tisch.
+
+»Ach, Steinherr, würdest du dir wohl merken, daß wir nicht hier sind,
+um einen Kontertanz zu probieren, sondern um Kostüme zu entwerfen.
+Schleppt mal den Tisch ans Fenster, ihr beide. Malchen, hol die
+Zeichnungen. Ich werde erklären.«
+
+Während er den Rock abstreifte und es sich in Hemdärmeln bequem machte,
+rückten Steinherr und seine kleine Feindin den Tisch aus der Ecke
+heran. Die Kleine nahm all ihre Kräfte zusammen, um nicht schwächlich
+zu erscheinen. Die junge Brust hob und senkte sich bei der ungewohnten
+Anstrengung.
+
+»Loslassen!« befahl Hans kurz. Und da sie nicht gewillt schien, zu
+gehorchen, setzte er den Tisch nieder.
+
+»Das ist doch keine Arbeit für Mädchen,« sagte er und sah sie an. Dann
+packte er den Tisch allein, drückte ihn gegen die Brust und schleppte
+ihn mit Aufbietung aller Kräfte ans Fenster.
+
+»Faulwams!« rief er dem Freunde zu.
+
+»Bitte sehr,« entgegnete Hüsgen gelassen, »einer muß dirigieren.«
+
+Hans schob den jungen Mädchen Stühle hin, stellte sich neben dem
+Kameraden auf und hörte mit freundlicher Geduld den im Grunde einfachen
+Erklärungen zu, die der Dozierende mit großer Wichtigkeit vortrug.
+
+»Ich denke, ihr habt mich begriffen,« schloß der Primaner seinen
+Vortrag. »Was die Renaissance ist, hab’ ich euch nun haarklein
+auseinandergesetzt. Das ist die Zeit der äußerlichen Pracht und
+der innerlichen großen Leidenschaften. Aber uns geht hier nur die
+Pracht an. Über die Leidenschaften reden wir später, wenn wir mit den
+Kostümproben beginnen können. Die trichter’ ich euch dann schon ein,
+die Leidenschaften. Hannes,« unterbrach er sich, »was fällt dir denn
+eigentlich ein, zu lachen?«
+
+Steinherr sah schnell zu der Gemaßregelten hinüber. Sie saß, den Kopf
+geneigt, und die Abendsonne lag voll auf ihren schweren Zöpfen, die
+in der roten Lichtflut wie Feuer gleißten. Ein Beben flog über die
+feine Gestalt. Und als dem jungen Manne einfiel, daß der ungeschlachte
+Hüsgen, der echte Bierwirtsprößling, diesem Geschöpf die Ausdrucksart
+der Leidenschaften einzutrichtern versprochen hatte, da konnte auch er
+nicht an sich halten und er brach in ein fröhliches Gelächter aus.
+
+»Am Lachen erkennt man die Dummen,« erklärte Willibald, nachdem er sich
+von der ersten Verblüffung erholt hatte. »Wenn ihr bedauernswerten
+Böotier keinen Sinn für die Kunst habt, so sagt es doch gleich. Dann
+brauch’ ich mich mit eurem Spatzenhirne doch nicht aufzuhalten.«
+
+Er wollte, tief gekränkt, seine Zeichnung zusammenklappen und sich
+erheben. Aber Steinherr hinderte ihn daran.
+
+»Entschuldige nur,« sagte er. »Ernst ist das Leben, heiter die Kunst.
+Laß uns fortfahren. Oder — wenn du gestattest — laß mich an dem Entwurf
+der Skizzen teilnehmen. Vielleicht reicht mein Talent auch noch so
+weit.«
+
+»Was?« schrie Hüsgen und schlug auf den Tisch, »du Duckmäuser, du wirst
+auch Künstler? Weshalb hast du mir denn das nicht gleich gesagt?«
+
+»Ob ich Künstler werde?« wiederholte Hans Steinherr und ließ die
+Blicke auf den im Abendrot flammenden Flechten seiner stumm horchenden
+Nachbarin ruhen. »Ein echter Künstler? — — Ich fürchte, lieber Hüsgen,
+ich bin nicht grob genug dazu.«
+
+»Du,« sagte der verständnisvoll, »werde gefälligst nicht anzüglich. Das
+ist schlimmer als Grobheit.«
+
+Stillschweigend setzte sich Hans an den Tisch und griff nach den
+Zeichnungen. Es waren Kostümentwürfe im Stile des Cinquecento. Er
+vertiefte sich hinein, dachte nach und nahm, ohne zu fragen, den
+Bleistift auf. In feinen, sicheren Schraffierungen zeichnete er das
+Prunkgewand einer Florentinerin aus der Zeit der Medici.
+
+Willibald Hüsgen sah ihm sprachlos zu. Auch Hannes hatte sich an den
+Tisch gedrängt und blickte erst scheu, bald aber mit offenkundiger
+Bewunderung auf die schlanken, gepflegten Hände, die so leicht
+produzierten. Man hörte nur die Atemzüge der jungen Leute und das
+Stricheln des Bleistiftes.
+
+»Mensch,« brach endlich der zukünftige Akademiker das Schweigen,
+»Mensch, du kannst ja was.« Aber, als hätte er seiner Stellung
+als Kunstpapst dieses Kreises bereits etwas vergeben, fügte er in
+protegierendem Tone hinzu: »Gezeichnet kann man das zwar noch nicht
+nennen, das ist eher ein Gedicht. Na, wird schon noch werden. Geschmack
+hast du.«
+
+Fräulein Hannes maß den Redner mit einem spöttischen Blick, während
+Malchen auf Geheiß des Bruders die Gewandfetzen herbeischleppte.
+
+Hüsgen zeigte sie dem Kameraden.
+
+»Siehst du, das hier wird das Nachtgewand der Francesca von Rimini.
+Im Schnitt stimmt’s, und im übrigen ist das ja verteufelt einfach.
+Möcht’ wissen, was die Gans, die Male, dabei zu kichern hat. Himmel
+Wetter,« fuhr er drein, »hier handelt es sich doch um Kunst, nicht um
+ein altes Nachthemd!« Er zuckte die Achseln, überlegen, verächtlich,
+mitleidsvoll. »Also wir stellen ein großes, glänzendes, höfisches Bild,
+die Francesca als Fürstin; und ein feines, intimes: die Francesca
+mit ihrem Geliebten, wie sie gemeuchelt werden. Hannes übernimmt die
+Francesca. Das Nachtgewand hat sie bald fertig, sie kann nämlich
+Maschine nähen. Jeder muß für sich selber sorgen, streng nach meinen
+Skizzen,« flunkerte er, und mit der Schlauheit des Wirtssohnes, die
+Wirkung seiner Worte gespannt beobachtend, fügte er seelenruhig hinzu:
+»Der Liebhaber der Francesca, der schöne Paolo, steht natürlich im
+Vordergrund des Interesses. Um den werden sich alle reißen. Aber ich
+will ihn dir überlassen, Steinherr, weil du die richtige Figur dazu
+hast. Nun blamier’ mich bloß nicht mit deinen Kostümen. Knausern gibt’s
+hier nicht, wir müssen alle bluten. So, nun bedank dich mal.«
+
+Hans Steinherr schüttelte dem geriebenen Jüngling voll herzlicher
+Freude die Hand. Er dachte viel zu anständig, als daß er einen
+besondern Grund für diesen seltsam schnellen Freundschaftsbeweis
+geargwöhnt hätte, und er warf nur einen fragenden Blick auf das junge
+Mädchen, das durch viele Proben hindurch nun seine Partnerin werden
+würde. Hannes aber tat, als ob sie von den Beschlüssen nichts vernommen
+hätte. Sie saß über eine Handnähmaschine gebeugt und steppte das
+Nachtgewand der Francesca von Rimini. Das von Gesundheit strotzende
+Malchen hockte, die Hände im Schoß, auf einem Schemel vor ihr und sah
+ihr gähnend zu.
+
+»Malchen,« kommandierte der Bruder, »du kannst jetzt mal für Abendbrot
+sorgen. Bring Bier mit und spekulier, daß du ’n paar Zigarren aus der
+Groschenkiste schnappst.«
+
+»Dat dhun ich nich,« empörte sich Malchen. »Gang du nur selber
+spekulieren.«
+
+Der Bruder brummte etwas, was gerade nicht wie Bewunderung für die
+schwesterliche Tugend klang, und bequemte sich endlich, hinter der
+Voraufgegangenen das Zimmer zu verlassen.
+
+Hans und Hannes waren allein.
+
+Durch das offene Fenster kam die Dämmerung gezogen und spann ihre
+Schleier um die Gegenstände und die beiden Menschenkinder. Das Mädchen
+drehte mit verdoppeltem Eifer das Rädchen der Nähmaschine.
+
+»Sie werden sich die Augen verderben,« sagte Hans leise.
+
+Sie stand auf, trug die Handmaschine auf den Fenstertisch und setzte
+wortlos ihre Arbeit fort. Nur das Rädchen schnurrte und belebte die
+Stille.
+
+Hans gab den Gedanken an eine Unterhaltung auf. Er ließ sich am Tisch
+auf einen Stuhl nieder und sah ihr stumm auf die kleinen, fleißigen
+Finger. Zuweilen wagte er den Blick zu erheben und die feine Silhouette
+in sich aufzunehmen. Da stand das Rädchen still.
+
+»Das geniert,« sagte sie böse.
+
+»O nein,« antwortete er trotzig, »mich geniert das gar nicht.«
+
+Sie preßte die Lippen zusammen, und das Rädchen schnurrte weiter.
+
+Wie ein breiter Mondscheinstreifen zog der weiße Stoff unter der Nadel
+her. Der junge Mann folgte ihm mit den Blicken, und als die Kante
+knisternd sein Knie berührte, griff er ihn auf und ließ ihn gedankenlos
+durch die Hände gleiten. Dann fiel ihm ein: dieser selbe Stoff, dem er
+die Wärme seines Blutes mitgab, würde auf ihrem Körper ruhen, sich an
+ihre Glieder schmiegen. Und ganz lind und sacht, als beginge er ein
+heimliches Verbrechen, fing er an, das feine Linnen zu streicheln ...
+
+Übte sein beschleunigter Pulsschlag einen Rapport aus? Konnte die
+Leinwand, die ihm durch die schmeichelnden Hände glitt und zu den
+hurtigen Fingern der Arbeitenden eilte, sein Gefühl verraten? Das
+böse, gepreßte Lippenpaar des Mädchens wurde weicher, etwas Süßes,
+Fröhliches, fast Schelmisches huschte um den Mund. Noch einmal
+schnurrte das Rädchen. Dann stand es still.
+
+»Es ist dunkel,« murmelte sie und lehnte sich hintenüber. Aber die
+erwachte Weibsnatur horchte mit feinen Ohren, ob der vornehm gekleidete
+junge Herr das alte Gewebe weiter streicheln würde. —
+
+Auf der Treppe polterte das Geschwisterpaar. Nun flog die Tür auf, und
+greller Lampenschein überströmte das Gemach. Die Idylle war zu Ende.
+
+»Prost!« brüllte Hüsgen und stieß die Biergläser auf den Tisch.
+»Malchen bringt jet zum Müffeln. Zugelangt! Hier sind auch die
+Havannas. Kosten mich ~einen~ Griff und ~zwei~ Sekunden Angst. Es lebe
+die Kunst! Prost, Leute!«
+
+Es ging gegen zehn Uhr, als die Gäste des Hüsgenschen Ateliers sich
+verabschiedeten. Man hatte die regelmäßigen Zusammenkünfte auf Mittwoch
+und Samstag festgesetzt.
+
+Draußen, auf der abendstillen Straße, sah Hans Steinherr seine kleine
+Dame fragend an. Ohne von seinem Blick Notiz zu nehmen, neigte sie
+kurz den Kopf und ging an ihm vorbei. Er beeilte sich, ihr zu folgen,
+und hielt neben ihr Schritt, so sehr sie auch hastete. So zogen sie
+die Straße den Hofgarten entlang, der vom Duft der Sommernacht erfüllt
+war. Und hier faßte sich der große Junge ein Herz und bot dem graziös
+einherschreitenden Kind den Arm an.
+
+»Wohl nur, weil’s dunkel ist,« sagte sie ernsthaft.
+
+»Fräulein Hannes!« rief er gekränkt.
+
+»Glauben Sie an Sternschnuppen?« fragte sie schnell. »Man muß sich was
+wünschen. Da! — und da auch!«
+
+Und während er hastig in die Luft starrte, war sie verschwunden.
+
+»Gute Nacht!« rief er durch die hohlen Hände und horchte.
+
+Aus der Ferne tönte es lachend zurück: »Gut’ Nacht!« — — —
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Viertes Kapitel
+
+
+Am nächsten Tage zog sich Hans Steinherr zum ersten Male seit Jahren
+in der Unterrichtsstunde eine Vermahnung zu. Er hatte auf den Vortrag
+des Mathematikprofessors nicht acht gehabt und wußte, als er aufgerufen
+wurde, nicht zu antworten. Bei einer eingehenden Prüfung, die der
+Professor sofort mit seinem Schüler veranstaltete, stellte es sich
+heraus, daß Hans nicht einmal die geringste Ahnung hatte, welches Thema
+überhaupt verhandelt worden war. Die ganze Oberprima staunte. Der
+Musterknabe des Gymnasiums hatte sich menschlich schwach erwiesen. Nur
+Hüsgen lachte. Und sofort entlud sich über sein Künstlerhaupt der Zorn
+des Schulgewaltigen. Aufgefordert, an Stelle Steinherrs den Vortrag
+inhaltlich wiederzugeben, hielt er zwar mit mächtigem Stimmaufgebot
+eine längere Rede, mußte sich jedoch bedeuten lassen, daß er sich hier
+durchaus nicht in einer Narrensitzung der Tonhalle befände, in der der
+albernste Mann der berühmteste Mann sei, sondern »verstehen Sie mich
+recht, Herr, in einem königlich preußischen Lehrinstitut, in dem der
+Anstand mit der Wissenschaft zu wetteifern hat! Sollte sich das eine
+oder das andere dieser Worte oder gar beide nicht in Ihrem Vokabularium
+befinden, so wird es mir eine Freude sein, Ihnen diese Begriffe vor
+dem Schlußexamen noch zu verdeutlichen«.
+
+Der stämmige Bursche hörte mit übertriebenem Interesse zu. Dann aber
+ließ er sich kopfschüttelnd und mit einer Miene auf seinen Platz
+nieder, die grenzenloses Mitleid mit der Auffassung des aufgeregten
+Pädagogen bekundete. Diesmal war es die Klasse, welche lachte.
+
+Hans Steinherr nahm sich vor, dem Professor nach Schulschluß eine
+Entschuldigung vorzutragen. Aber kaum war die Glocke des Pedells
+erklungen, als sich auch schon Hüsgen an ihn hängte, um seinen Witz an
+ihm zu üben.
+
+»Gratuliere, gratuliere. Du vermenschlichst dich in überraschender
+Weise. Glaube mir,« fügte er pathetisch hinzu, »die schöne Francesca
+und ihr Kavalier wußten auch nichts von Logarithmen, und sie waren
+dennoch glücklich.«
+
+Hans Steinherr konnte das Geschwätz nicht ertragen; er schüttelte den
+Kameraden an der nächsten Straßenecke ab und eilte nach Hause. Der
+Nachmittag war schulfrei. Er arbeitete mehrere Stunden hindurch mit
+einem Eifer, als gälte es, die Vergehen eines ganzen Semesters und
+nicht die eines einzigen Tages wieder gut zu machen. Im Garten ließ die
+kleine, schwarzbraune Amsel ihren Ruf ertönen. Sie störte ihn nicht.
+Dann, während er eine Pause machte, um sich das Erlernte zu überhören,
+vernahm er die Lockrufe deutlicher. Ruhig weiter memorierend ging er
+zum Fenster, öffnete es und begab sich an seinen Arbeitsplatz zurück.
+Jetzt machte er zwischen den Sätzen hin und wieder eine Pause. Er
+lauschte auf den kleinen Sänger. Mit dem Liede zog durch das offene
+Fenster der Duft des Gartens ...
+
+Der junge Stubengelehrte murmelte noch einige Worte seines Pensums.
+Dann lehnte er sich langsam in seinen Stuhl zurück, streckte sich
+wohlig und verschränkte die Arme hinter dem Kopf.
+
+So blieb er lange, und seine Träumereien setzten dort ein, wo sie am
+Morgen durch den Aufruf des Mathematikprofessors unterbrochen worden
+waren. — —
+
+»Wie schön ist es, jung zu sein,« wogte es in seinem Innern, und es
+stieg auf seine Lippen und formte sich zu Worten. Und mit tiefer
+Inbrunst sprach er sie aus und wiederholte sie: »Jung zu sein — immer,
+immer.«
+
+Konnte man diese Gefühle, die ihn durchströmten, diese Jugend, konnte
+man sie bannen?
+
+Er schauerte leicht, öffnete die Augen weit und setzte sich grübelnd am
+Tisch zurecht.
+
+Jung bleiben? — Wem war das geglückt, von allen Menschen, die er
+kannte? »Mama,« sprach er lächelnd vor sich hin; aber das Lächeln
+wollte nicht bleiben. Er war an diesem schweigenden Sommernachmittag
+merkwürdig hellsehend geworden. »Mama?« wiederholte er. Sie hieß heute
+noch in Freundes- und Besucherkreisen »die schöne Frau Margot«. Aber
+wirklich jung? Achtunddreißig Jahre ... Ja, ist denn das schon keine
+Jugend mehr?
+
+Es packte ihn eine Angst. Seine Mama, die er nie anders als jung und
+schön gekannt, sie hatte die Jugend nicht mehr? Und wenn es keine
+Jugend war, die sie antrieb, heiter, strahlend, lebendig zu sein, was
+war es dann?
+
+›Unrast‹, sprach es laut in ihm.
+
+Das Wort war da. Er erschrak darüber und suchte die Beweggründe.
+Doch es blieb ihm nur das Wort, so sehr er sich quälte, und wie
+einen körperlichen Schmerz empfand er plötzlich seine völlige
+Lebensunkenntnis.
+
+Er versuchte, an seinen Vater zu denken. Und wieder stand er vor einer
+Mauer. Sein Vater? Ob der überhaupt in seiner Jugend jung gewesen
+war? Zu einer Zeit selbst, in der Knaben aus Schilf und Haselholz
+Flöten schneiden? Nein, das Bild wollte keine Gestalt gewinnen. So
+weit er zurückdachte, er kannte seinen Vater nicht anders als mit
+derselben unveränderlichen, eisernen Miene des Mannes, für den es keine
+Überraschungen gibt, nie gegeben hat.
+
+Was aber ist das Leben ohne Überraschungen? philosophierte der
+junge Grübler. Mich hat es doch überrascht, und ich war noch nie so
+selig. Ist es denn erforderlich, ist es denn von einer willkürlichen
+Altersgrenze abhängig, daß das zu Ende geht?
+
+Er ging erregt im Zimmer auf und ab.
+
+Nein, nein, sagte er sich und suchte sich krampfhaft eine Hoffnung
+zuzuführen, das liegt an uns, das muß an uns liegen. An jedem
+einzelnen, wie er es anpackt, was er einsetzt, ob er den rechten Mut
+hat —.
+
+Und mit einem Male fiel ihm sein nächtliches Abenteuer am
+Schützenfesttage ein.
+
+Er sah den Mann am Gitter des Malkastens auftauchen und sich ohne
+weiteres von dem Fremden mit Beschlag belegt. Der feine, vornehme
+Kopf, die blauen, sieghaften Augen tauchten vor ihm auf. Er hörte
+die spottlustigen Worte in seinem Ohre klingen, die den Perücken
+den Respekt verweigerten. Und dennoch war es keine lustige Person,
+kein Allerweltskerl, der nach dem lachenden Applaus der Menge geizte.
+Das hatte ihm der Respekt gezeigt, der diesem Manne selbst in der
+buntgewürfelten Malerkneipe der Altstadt von Leuten entgegengebracht
+wurde, denen in der Kunst nie ein anderer Name heilig war als der
+eigene.
+
+Herr von Springe ...
+
+Der hatte die Jugend, und er zählte vierzig Jahre. Der würde sie haben,
+und wenn er das doppelte Alter erreicht hätte. Ob er sein Mentor werden
+würde, wenn er ihn bäte? Mit sehnsüchtigem Knabengesicht streckte er
+die Arme aus — —
+
+Im Arbeitszimmer des Vaters suchte er im Adreßbuch die Wohnung.
+»Immermannstraße.« Wenige Minuten später befand er sich auf dem Wege.
+
+Als er das Haus erreicht hatte, wollte ihm der Mut entweichen,
+einzutreten. Er ging einige Male vor der Haustür auf und ab, musterte
+verstohlen die Fenster und überlegte gerade, ob er nicht besser täte,
+den Besuch zu verschieben, als er auch schon mit zusammengebissenen
+Zähnen eine jähe Wendung machte und sich im Hausflur befand. An der
+Korridortür der ersten Etage waren zwei Namenschildchen übereinander
+angebracht: »Friedrich Leopold von Springe.« »Heinrich von Springe.«
+Ohne sich zu besinnen zog Hans Steinherr die Klingel.
+
+Kurz darauf ertönte ein kurzer, fester Schritt. Die Tür wurde geöffnet,
+und ein sehniger alter Herr mit kurzgehaltenem, schneeweißem Haar und
+aufgebürstetem, schneeweißem Schnurrbärtchen stand vor ihm.
+
+»Womit kann ich dienen?« fragte er und musterte mit seinen klaren Augen
+den Jüngling.
+
+»Ich möchte zu Herrn von Springe.«
+
+»Bin ich selber. Oder wünschen Sie die jüngere Auflage? Die ist auch zu
+haben. Bitte nur hereinzuspazieren.«
+
+Hans folgte dankend der Aufforderung. Der alte Herr in grauem Gehrock
+und weißer Weste war ihm sofort bekannt erschienen. Er hatte ihn zu
+Hunderten von Malen auf den Promenaden gesehen.
+
+»Heinrich,« rief der alte Herr und pochte an eine Türe, »Besuch für
+dich, mein Sohn.«
+
+»Eintreten!«
+
+Hans trat ein. Er stand in einem hohen, weiten Atelierraum und wagte
+kaum zu atmen. Eine gediegene Pracht strömte auf ihn ein, nirgendwo
+Überladung, aber jedes Stück unzweifelhaft echt und von erlesener Form,
+Möbel, Teppiche, Gobelins, Lampen und Leuchter, Vasen und Bronzen. Von
+den an den Wänden aufgestapelten Bildern waren einige zu übersehen:
+die rotglühende Campagna, der Triumphbogen des Titus, eine südliche
+Felsenlandschaft mit heranrollender See. Auf einer Staffelei stand ein
+Bild, an dem der Maler arbeitete: ein schweigender Park in purpurnen,
+braunen und gelben Tinten, die Sinfonie des in Schönheit sterbenden
+Herbstes.
+
+Heinrich von Springe wandte sich nach seinem Besucher um. Er erkannte
+ihn wohl nicht gleich, denn er kniff einen Augenblick das linke Auge
+ein und überlegte.
+
+»Aha,« machte er dann, »mein junger Freund, der Dichter.«
+
+»O, nicht doch —«
+
+»Nicht? Mir war doch so? Oder wollten Sie gar Anstreicher werden
+wie ich? Übrigens war das früher eine schöne Sitte, daß man den Gast
+nicht ausfragte, sondern sich einfach der Ehre seines Besuches freute.
+Gestatten Sie mir, ebenso zu verfahren.«
+
+Er legte Pinsel und Palette beiseite, rieb sich die Hände an einem
+seidenen Tuch und begrüßte den jungen Mann mit kräftigem Handschlag.
+
+»Schön, daß Sie Wort halten. Machen Sie es sich bequem und strecken Sie
+die Beine, so weit Sie wollen. Burg Springe ist stolz darauf, Sie in
+ihren Mauern zu beherbergen.«
+
+Er nahm ihm den Hut aus der Hand und drückte den Gast in einen tiefen
+Ledersessel.
+
+»Zigarette gefällig? Bitte, bitte, es ist mir eine Freude, Sie mit
+Feuer zu bedienen.«
+
+Nachdem auch er sich eine Zigarette angezündet hatte, nahm er dem
+Besucher gegenüber Platz, blies mit schweigendem Behagen ein paar
+Rauchringel in die Luft und meinte: »’n ja.«
+
+Hans rührte sich nicht. Er fühlte sich unsagbar wohl in dem tiefen,
+kühlen Lehnstuhl, in dem seine schlanke Gestalt fast verschwand,
+umgeben von Schätzen der Kunst und in Gesellschaft eines sicherlich
+hervorragenden Mannes, der ihn, den Unfertigen, Unbewährten, wie einen
+Gleichgestellten behandelte. Es hätte ihn nicht weiter gestört, wenn
+die Unterhaltung mit diesem einzigen »’n ja« beendet gewesen wäre. Nur
+hier bleiben dürfen. Sonst wünschte er nichts vom Augenblick.
+
+Der Maler betrachtete ihn lächelnd. Er spürte den Überschwang heraus,
+dem sich der hübsche Junge da hingab, und es gefiel ihm.
+
+»Ist Ihnen der Schützensonntag gut bekommen? Hoffentlich haben Sie
+wegen der späten Sitzung keine Unannehmlichkeiten zu Hause gehabt?«
+
+»Sie sind sehr freundlich, Herr von Springe. Als ich am nächsten Tage
+meinen Eltern von Ihnen erzählte, kam ich ohne Tadel weg. Ich war ja
+noch so begeistert.«
+
+»Sie junge Schwarmseele. — Man fand also nichts zu erinnern?«
+
+»O nein, kein Wort. Es wurde auch sogleich von Tisch aufgestanden.«
+
+»So, so. Man stand sogleich von Tisch auf .... Gut. Reden wir von etwas
+anderem. Sagen Sie mal, junger Freund, ich war an dem Abend wohl etwas
+unparlamentarisch. Oder ziehen Sie das klare, deutsche Wort ›ruppig‹
+vor? Nur heraus mit der Sprache, ich kann’s vertragen.«
+
+»Sie beschämen mich, Herr von Springe. Es war doch ein so wundervoller
+Abend.«
+
+»Ja, ja,« sagte Springe und stäubte mit dem kleinen Finger die Asche
+von seiner Zigarette, »ich entsinne mich. Ich hatte mich im Malkasten
+erbost, über eine Mitteilung, über einen Kumpan, der umgefallen war.«
+
+»Umgefallen?«
+
+»Ach so, das verstehen Sie nicht. Ich meine: der ›aus Gründen‹ eine
+Reverenz vor den Perücken gemacht hatte. Glauben Sie mir, man soll nie
+etwas aus Gründen tun.«
+
+»Pardon, jetzt versteh’ ich wirklich nicht.«
+
+»Na ja, es klingt paradox. Aber wenn der Mensch schon Gründe
+herbeiholen muß, fährt seine Ursprünglichkeit zum Teufel. So tun,
+so leben, weil man nicht anders kann, weil einen der Geist, die
+Stimmung, der Herzschlag ~so~ treibt und nicht anders, das ist das
+einzig Richtige, das einzig Menschenwürdige und nebenbei auch das
+einzig Vergnügliche im Leben. Und auf das Letzte kommt es nicht zuletzt
+an. Oder man spielt sich selbst die abgeschmackteste Komödie vor. Aus
+Gründen!«
+
+»Ich verstehe Sie,« sagte Hans, und es war ihm ganz feierlich zu Mute.
+
+Der andere bemerkte es und wechselte den Ton.
+
+»Fidel, fidel!« rief er und schlug ihn leicht aufs Knie. »Als ich Sie
+vor dem Malkasten sah, Einlaß begehrend, junger Freund, fuhr es mir
+durch den Kopf: diese junge Künstlerseele schnappst du denen da drinnen
+weg. Und nachher hatte ich die Ehre mit einem Herrn aus Oberprima.«
+
+»O, bitte, machen Sie sich nur über mich lustig. Vertreiben werden Sie
+mich deshalb doch nicht.«
+
+»Sieh mal an,« meinte der Maler gedehnt. Dann stand er langsam auf,
+strich seinem Gegenüber freundlich über das Haar und ging quer durch
+das Zimmer zu einer Glastür, die zu einer Veranda führte. Er öffnete
+sie und schaute hinaus.
+
+»Was der Bengel für eine zärtliche Stimme hat,« murmelte er. »Wie einst
+die kleine Margot. Und die hat getäuscht.«
+
+Er kam zurück und blieb vor dem Ledersessel stehen. Der junge Mann
+verspürte eine leichte Unruhe, als er den prüfenden Blick auf sich
+gerichtet fühlte. Er wollte sich erheben und fragte unsicher: »Habe ich
+vielleicht etwas Inkorrektes gesagt, Herr von Springe?«
+
+Springe drückte ihn in den Sessel zurück.
+
+»Inkorrektes? — Bleiben Sie ruhig sitzen, Kleiner. — Inkorrektes?
+Herrgott, sagen Sie so viel Inkorrektes, wie Sie wollen. Das wird mir
+mehr Spaß machen als die tadellosesten Erziehungsproben. Geben Sie
+sich, wie ~Sie~ sind, nicht wie andere sind. Allons!«
+
+»Dann,« sagte Hans und nahm einen mutigen Anlauf, »möchte ich Ihre
+Bilder sehen.«
+
+»So!« meinte der Maler mit lachender Selbstironie. »Wenn das inkorrekt
+sein soll — schmeichelhaft für mich ist das ja gerade nicht. Aber ich
+werde meiner Lebensweisheit nicht untreu werden. Kommen Sie, verehrter
+Kunstkritiker.«
+
+Er führte den jungen Mann, der mit hochrotem Kopf eine Erwiderung
+stammeln wollte, aber keine fand, im Atelier umher. Zu jedem Bilde, das
+er auf die Staffelei hob und in die richtige Beleuchtung rückte, gab er
+eine kurze Erklärung. »Gemalt in der Campagna, gemalt in Rom, gemalt
+an der sizilianischen Küste, gemalt im Park zu Versailles, wenigstens
+in der Studie; das übrige müssen Ihnen die Bilder sagen, oder es ist
+schade um die schöne Leinwand.«
+
+Hans gab keine Antwort. Er trat vor die Bilder hin und versenkte
+sich in ihre Sprache. Und ihm war, als ob es nicht die Sprache der
+Landschaften wäre, die aus den seltsam packenden Gemälden redete, als
+ob er die Sprache einer Menschenseele vernähme, die sich hier, fern dem
+lauten Marktgetriebe, zum Beten gefunden hätte. Wie konnte ein Mensch
+so tief empfinden, wie seine Empfindungen so leidenschaftlich zum
+Ausdruck bringen! Ein Mensch, der so spottlustig durchs Leben schritt,
+wie Herr von Springe!
+
+»Wie viel heimliche Liebe müssen Sie in sich tragen,« sagte er leise.
+»So kann nur ein Glücklicher malen.«
+
+Springe legte ihm den Arm um die Schulter.
+
+»Heimliche Liebe? Menschlein, Sie sind eine Poetennatur. Aber werden
+Sie erst älter, dann reden wir auch vom Glück. O, Sie süße Einfalt, als
+ob Liebe und Glück dasselbe wäre.«
+
+»Ist es das nicht?« fragte Hans verwirrt.
+
+»Doch, doch. Beruhigen Sie sich. Sie brauchen Ihre Erstlingsgedichte
+deshalb nicht gleich ins Feuer zu werfen. Aber wenn Sie eines Tages,
+was Gott verhüten möge, an einer Frau irre werden, die Sie geliebt
+haben, dann wundern Sie sich nicht, sofern Sie ein Künstler sind,
+daß Ihre Kunst tausendmal reicher wird. Das ist wie mit einem wilden
+Rosenstrauch, der aus den Schutthaufen verfallender Burgen seine
+prangendsten Blütenzweige treibt. Das Entgelt, das der Himmel zahlt.
+Für jeden Blutstropfen eine Doppelkrone. He, paßt Ihnen das nicht?«
+
+»Ich möchte doch lieber —«
+
+»Ihr Blut behalten? O ja, dafür gibt’s auch ein Rezept. Auf alles
+pfeifen, sobald man es richtig abtaxiert hat, und nicht heulen, wenn
+man herausfand, daß das hübsche Ding nur einen Groschenwert besaß. Das
+hält merkwürdig jung; und jung sein, das heißt lieben. Punktum, streu
+Sand drum.«
+
+»Darf ich Sie noch etwas fragen?« bat der junge Schüler zögernd.
+
+»Liebster, ich bin nicht allwissend. Sein Bündelchen Weisheit muß jeder
+vom Leben selber kaufen.«
+
+»Nur eins noch, bitte. Halten Sie — halten Sie viele Frauen für
+Groschenware?«
+
+»Kommen Sie doch mal ans Fenster,« sagte Springe nach einer Pause, »ich
+möchte Ihnen gern einmal in die Augen sehen. Also Sie sind bereits
+verliebt —.«
+
+»Nein, nein, nein,« wehrte der Errötende halb unverständlich ab.
+
+»Aha,« machte der Maler ironisch, »der Kampf der guten Erziehung mit
+der Stimme der Natur. Die Hauptsache ist, nicht feige sein.«
+
+»Ich bin nicht feige, ich schwör’ es Ihnen. Ich bin nur unwissend. Die
+Damen, die ich in Mamas Salon kennen lernte —«
+
+»Keine Beichte,« sagte Springe und strich ihm mit der Hand über das
+erhitzte Gesicht. »Und was die Groschenware betrifft, mein lieber,
+dummer Junge: Hüten Sie sich stets im Leben vor den Frauen, die
+Gefallsucht mit Liebe, und Sinnlichkeit mit Leidenschaft verwechseln.
+Das ist ganz verdammtes Kroppzeug aus dem Ramschbazar. Und nun hören
+Sie mal, Verehrungswürdiger, wenn Sie etwa vorhaben, hier auf Burg
+Springe sentimental zu werden, so werfe ich Sie samt Ihrer Kontrebande
+hinaus. Hausrecht! Verstanden?«
+
+Er trat auf die Veranda hinaus, die von Weinlaub dicht überwuchert war.
+Die Hände auf die Brüstung gestützt, schaute er in die Luft, in die
+sich das erste Dämmer mischte. Nach einer Weile wandte er sich wieder
+um. Aus seinen Augen lachte die sieghafte Fröhlichkeit.
+
+»Sehen Sie sich mal diesen Winkel an, Kleiner! Weinlaub oben, Weinlaub
+unten und Weinlaub von allen Seiten. Schreit das nicht förmlich nach
+einer Bowle? Und nachher kommt der Mondschein und setzt silberne
+Lichter auf den goldenen Wein. Und man schlürft lauter Schätze in sich
+hinein. Ah, das Zechen ist nicht die geringste Kunst. Menschen, die
+nicht zechen, sind mir verhaßt wie die Leisetreter, denn sie haben
+Angst, sich zu begeistern. Wir aber —« er unterbrach sich. »Na, wir
+wollen das doch lieber durch die ~Tat~ beweisen.«
+
+Er ging zur Tür und rief in den Korridor hinaus: »Herr Friedrich
+Leopold, Burggeist, Kellermeister, erscheine! Mr wolle en Böwlchen
+drinke.«
+
+Aus dem Nebenzimmer kam schmunzelnd der alte Herr.
+
+»Die Botschaft hör’ ich wohl, allein — apropos, würdest du mich mit
+deinem Gast bekannt machen?«
+
+»Herr Hans Steinherr. — Mein Vater.«
+
+»Steinherr?« wiederholte der alte Herr. »Hm, ja — — der Name ist mir ja
+nicht ganz unbekannt.«
+
+»Hans Steinherr, wohnhaft Grafenberger Chaussee, seines Zeichens
+Oberprimaner, in Zukunft ein großer oder ein kleiner Mann, wie’s
+fällt, in der Gegenwart aber mein Freund, mein jüngster Freund. Dieser
+Steckbrief, du lebensweiser Vater, wird deiner Menschenwürdigung
+genügen. Daraufhin schau dir das Objekt einmal genauer an.«
+
+»Da mein Sohn und ich Freunde sind,« sagte der alte, stramme Herr und
+schüttelte dem jungen Manne die Hand, »so sind seine Freunde meine
+Freunde. Also das wollen wir feiern. Das wäre jetzt die Hauptsache.«
+
+»Hören Sie nicht hin, was dieses leichtfertige Alter spricht!« lachte
+der Maler. »Seine Lebensweisheit ist vom Weine abhängig, echt und
+unverfälscht rheinländisch. Wenn die Bowle winkt, sind alle Menschen
+Brüder.«
+
+»Mein Sohn übertreibt schamlos,« widersprach der alte Herr würdig. »Er
+war’s, der nach der Bowle rief, ich aber war’s, der eintrat, um ruhig
+und sachlich zu zitieren: Die Botschaft hör’ ich wohl, allein —«
+
+»Allein —?« wiederholte Springe junior.
+
+»Allein mir fehlt der Wein,« vollendete Springe senior und zuckte
+bedauernd die Achseln.
+
+Die beiden Springes sahen sich in die Augen.
+
+»Behüter meiner zarten Jugend,« sagte der Junge endlich, »du gibst mir
+ein schlechtes Beispiel.«
+
+»Mein Sohn,« sagte der Alte, »ich habe dich bislang nur den Weg zur
+Tugend geführt. Schlechter Wein aber, oder sogar gar kein Wein, das ist
+keine Tugend.«
+
+»Die Weisheit deiner Jahre,« erwiderte der Junge, »ist
+bewunderungswürdig, und ich beuge mich voller Respekt. Aber ich
+argwöhne,« und er trat dicht vor ihn hin, »du hast die Tugend wieder
+einmal allein ausgeübt. Herr Friedrich Leopold von Springe, ich habe
+Sie im ernstlichen Verdacht, heimlich zu schnäpsen. Das ist Egoismus,
+mein Vater. Mit solchen Grundsätzen wird man nicht alt!«
+
+Das Gesicht des siebzigjährigen, frischen Herrn wetterleuchtete vor
+Vergnügen.
+
+»Heinrich,« sagte er, »wie würde ich meine Jugend so leichtsinnig
+aufs Spiel setzen. Außerdem: zur Liebe und zum Zechen genügt nie ein
+Menschenkind allein. Lerne das von deinem alten Vater.«
+
+»Also liebst du mich nicht mehr,« seufzte der Maler, »denn du nimmst
+mir die Gelegenheit, mit dir zu zechen.«
+
+»Es ist nicht meine Schuld,« verteidigte sich der alte Herr. »Ich
+war heute morgen persönlich bei Scheufgen, um einen ganz exquisiten
+kleinen, aber spritzigen Mosel zu bestellen. Und heute nach Tisch kommt
+so ein gallonierter Schuft und schleppt einen ganzen Korb Niersteiner
+an. Ich hab’ ihm nicht schlecht den Kopf gewaschen. ›Rheinwein? Mosel
+will ich!‹ hab’ ich ihn angedonnert, ›zum Teufel, ich bin doch ein
+Rheinländer!‹ Und was glaubst du? Der unverschämte Bursche packt
+seelenruhig seinen Korb aus und sagt schnippisch, ›die gnädige Frau
+habe das nun einmal so angeordnet‹. Die ›gnädige Frau‹! Die dicke
+Scheufgen! Na, da wurd’s selbst mir zu viel. Ich habe den arroganten
+Bengel kurz beim Schlafitchen genommen und ihn samt seinem Niersteiner
+vor die Tür befördert. ›Die gnädige Frau,‹ hab’ ich ihn angeblasen,
+›soll nächstens ihre Ohren besser aufsperren, oder ich such’ mir ein
+besseres Haus! Bestellen Sie das Ihrer Gnädigen!‹« Der alte Herr fuhr
+sich mit seinem rotseidenen Taschentuch über die Stirn. »Auf diese
+Weise, mein Sohn, wären wir nun ohne Wein.«
+
+Heinrich von Springe hatte mit merkwürdig interessierten Augen
+zugehört. Er ergriff die Hand des Vaters und schüttelte sie lange und
+kräftig.
+
+»Das hast du sehr, sehr gut gemacht, Papa.«
+
+»Nicht wahr?« meinte der alte Herr; aber er fragte etwas kleinlaut,
+denn die Herzlichkeit des Dankes schien ihm nicht ganz im Einklang mit
+dem kleinen Vorkommnis zu stehen.
+
+»Selbstverständlich. Man darf sich nur nichts gefallen lassen. Dieses
+Volk möchte einem immer seinen schlechten Geschmack aufdrängen.
+Freilich, daß es unbedingt Mosel sein müßte —«
+
+»Aber ich hab’ ihn der alten Tante doch deutlich genug bezeichnet.«
+
+»Nee, Alterchen, bezeichnet hast du ihn nicht, und das mit der alten
+Tante stimmt auch nicht. Im Gegenteil: eine höchst scharmante Frau.
+Als sie gestern bei mir im Atelier war, um den Herbstzauber auf der
+Staffelei zu besichtigen, den sie, nebenbei gesagt, kaufen will —«
+
+»Was,« rief der alte Herr und riß die blanken Augen auf, »die Scheufgen
+will Bilder kaufen?«
+
+»Nein, lieber Papa,« sagte der Maler freundlich, »die Frau Präsident
+von Tondern. Als sie den ›Herbst‹ sah, meinte sie, da ich die Studien
+dazu im letzten Jahre gemalt hätte, müßte ich auch den Wein dieses
+gottgesegneten Jahrganges kennen lernen. Er sei zwar noch jung, aber
+schon gehaltvoll. Die Leute haben nämlich große Weingüter. Und heute
+schickt sie den Niersteiner. Brav, mein Vater, daß du das Unglück
+abgewendet hast. Dieser Umgang verdirbt unsere einfachen Sitten.«
+
+Die Kinnlade des alten Herrn war mit einem Ruck nach unten gegangen,
+der Mund stand auf, und die Augen hatten den Ausdruck eines erstaunten
+Vogels. Er tastete mit der einen Hand nach der Hand des Sohnes, während
+die andere das Taschentuch an die Augen führte. Das Antlitz abgewandt,
+verhüllte mit der freien Hand auch der Maler sein Gesicht. So standen
+sie lange, und ein Schweigen entstand, das für den unbeteiligten Gast
+doppelt peinlich war. Dann ging ein Zittern durch ihre Körper, ihre
+Schultern begannen zu zucken, immer heftiger machte sich das Toben der
+Gefühle bei Vater und Sohn bemerkbar — und plötzlich lagen sie sich in
+den Armen und lachten und lachten, daß es die Wände zu sprengen drohte.
+Ob die Affäre unliebsame Folgen haben könnte, daran dachte weder das
+Kind von Vater noch das Kind von Sohn. Selbst Hans wurde angesteckt,
+und er schmetterte sein jugendhelles Lachen in das Duett der beiden
+sonnigen Menschen. Burg Springe beherbergte drei wahrhaft Glückliche ...
+
+Draußen wurde an der Klingel gerissen.
+
+»Besuch,« sagte der alte Herr und wischte sich die tränenden Augen.
+»Den können wir brauchen.«
+
+Er ging selbst, um zu öffnen. Nach einer Weile steckte er den Kopf
+durch den Türspalt.
+
+»Diesmal,« verkündigte er, »ist es der richtige Scheufgen! Ich werde
+die Bowle gleich auf Eis stellen. Zweitens habe ich Herrn Professor
+Schack anzumelden. Er scheint mir ebenso reparatur- wie bowlebedürftig.«
+
+»Schack?« fragte der Maler schnell zurück. »I was! Herein mit Seiner
+professoralen Gnaden.«
+
+Hastig und aufgeregt trat ein Mann von einigen dreißig Jahren ins
+Atelier. Sein Gesicht war blaß, aber ausdrucksvoll und intelligent.
+Seine unruhigen Augen bekundeten eine starke Nervosität.
+
+»Guten Abend, Springe. Kann ich dich sprechen oder stör’ ich? Ah,
+Verzeihung, ich sehe, du hast Besuch.«
+
+»Guten Abend, Schack. Pardon, Pardon, man muß wohl jetzt Professor
+sagen. Ja, wenn dir hier die Luft nicht zu revolutionär ist? So ein
+frischgebackenes Professorenwesen hat das im Geruch wie eine Hofdame
+den Sozialdemokraten. Herr Steinherr — Herr ~Professor~ Schack.«
+
+Der Neuhinzugekommene erwiderte die Verbeugung des jungen Mannes
+zerstreut.
+
+»O,« sagte er hitzig, »ich kann auch wieder gehen. Ich dachte nur,
+ein Mensch deines Genres würde ein Verständnis für die Gründe haben,
+derentwegen ich die Stellung an der Akademie übernahm.«
+
+»Lieber Schack, ich habe schon als kleiner Junge nicht für die
+Geschichten geschwärmt, denen im Lesebuch eine Moral in Vers oder Prosa
+angehängt war. Wenn die Geschichte nicht für sich spricht, helfen alle
+Begründungen nichts. Wenigstens bei mir nicht. Du bist umgefallen. Was
+mich aber nicht hindert, mit dir als Menschen einen Becher zu leeren.
+In deinem Interesse schlage ich vor: Wir wollen auf die Terrasse gehen.
+Dort ist selbst für einen Akademieprofessor eine Luft, die sich neutral
+und höchst gebührlich aufführt. =Avanti, signore=.«
+
+Springe schob den aufgeregten Kollegen vor sich her und winkte Hans
+freundlich zu, ihnen zu folgen. Das letzte verlorene Sonnengeflimmer
+zitterte durch das Weinlaub und malte weiße Kringel auf den Tisch. Die
+Herren saßen in ihren Stühlen und sahen dem Spiele zu. Irgendwo in der
+Nachbarschaft wurde ein Klavier bearbeitet, und ein jugendlicher Chor
+intonierte das Rheinlied:
+
+ »Nur am Rhein, da will ich leben,
+ Nur am Rhein geboren sein — — —«
+
+Der Chor klang rauh und ungeschult, aber das verschlug den Sängern
+nichts. Die mangelnde Schönheit wurde durch Lungenkraft und
+Begeisterung hinlänglich ersetzt. Mitten in das Rheinlied hinein ließ
+ein Sohn der roten Erde trutzig das Westfalenlied ertönen:
+
+ »Du Land, wo meine Wiege stand,
+ O grüß dich Gott, Westfalenland!«
+
+Eine Pause entstand. Dann sangen die lustigen Brüder einträchtig
+miteinander:
+
+ »Der Herr Pappenheimer, der soll leben,
+ Der Herr Pappenheimer lebe hoch!
+ Beim Bier und beim Wein
+ Lust’ge Pappenheimer woll’n wir sein ...«
+
+»Das sind die Balduren,« nickte Springe, »goldenes, unverschämtes
+Künstlerblut. Die Kerle sind unverkennbar an ihren schrecklichen
+Stimmen. Aber sie haben den Teufel im Leib und fürchten sich nicht vor
+Gott und der Welt. Darum lieb’ ich sie!«
+
+»Jawohl,« knurrte der Professor, »nur vor der Malerei fürchten sie
+sich.«
+
+»Ach du lieber Himmel, wer am bravsten im Taglohn malt, ist deshalb
+nicht der größte Künstler.«
+
+»Soll das etwa auf mich gehen?« fuhr Professor Schack empor.
+
+»Dort naht der versöhnliche Geist Herrn Friedrich Leopolds mit
+dem Abendimbiß. Ich beanspruche einen Waffenstillstand zur
+Provianteinnahme.«
+
+Der alte Herr von Springe machte dem Geplänkel ein Ende. Mit der
+Zuvorkommenheit eines alten Ritters spielte er den Wirt, nötigte zum
+Zulangen und kredenzte in Gläsern verschiedener Formen und Farben den
+Wein. Als die Dunkelheit hereinbrach, entzündete er eine Ampel, die
+wie ein satter Rubin aus dem grünen Weinlaub über der Terrasse lugte,
+und holte eigenhändig die kristallene Bowlenschale. Man saß zu viert,
+feierlich, und kostete.
+
+»Ah!« machte Schack und tat einen leisen Schnalzer.
+
+»Das schmeckt wie flüssige Jugend,« bemerkte der alte Herr. »Davon kann
+man nie genug bekommen. Bitte auszutrinken.«
+
+Man trank und plauderte. Von der Kunst wurde kein Wort gesprochen. Nach
+dem vierten Glas aber wurde Professor Schack melancholisch.
+
+»Lieber Springe,« sagte er und blickte finster in das schwimmende Gold
+seines Glases, »ich bin dir noch eine Erklärung schuldig.«
+
+»Lieber Schack,« entgegnete der andere, »das ist der große Irrtum.
+Du bist nur dir allein Rechenschaft schuldig. Geht die Rechnung auf,
+umso besser für dich. Stolperst du über einen Fehler, so mußt du ihn
+korrigieren. Lediglich deinetwegen. Das ist’s.«
+
+»Ich weiß, worauf du hinzielst,« versetzte der junge Professor, »und
+ich will mich auch nicht entschuldigen. Aber menschlich verständlich
+will ich mich dir machen. Seit dem Tage, an dem ich dir im Malkasten
+mitteilte, daß ich zum Professor an der Akademie ernannt sei, meidest
+du mich. Du behauptest, ich wäre umgefallen, ich hätte — ja, ich
+hätte die Sünde wider den heiligen Geist begangen, weil ich meine
+individuelle Art des lieben Amtes wegen nach dem Akademiezopf regeln
+würde, langsam, aber sicher. Abgesehen davon, daß doch auch im anderen
+Lager Männer stehen —«
+
+»Entschuldige,« sagte Springe, »du willst da gerade einem landläufigen
+Irrtum Worte verleihen. Ich kenne kein anderes Lager, ich kenne nur
+Künstler! Ob sie auf die sogenannte alte oder auf die sogenannte
+neue Manier malen, das ist mir ganz egal. Die Hauptsache ist mir,
+ob sie die schöne Illusion erzielen. ~Wie~ sie das machen, ist mir
+Nebensache. Die Individualität ist die Hauptsache. Ein Gott läßt sich
+nicht in spanische Stiefel schnüren, oder es wird ein Götze. Ein
+Ölgötze in unserem Falle. Und obwohl du weißt, daß auf der Akademie
+augenblicklich mit Nachdruck schablonisiert wird, gehst du hin und
+wirst Helfershelfer.«
+
+Schack sah düster vor sich hin. Dann griff er nach seinem Glase, trank
+es aus und setzte sich aufrecht.
+
+»Du hast eins vergessen. Der heilige Geist, gegen den man sündigen
+kann, besteht nicht allein in der Kunst. Er ist hier, da und dort. Er
+ist überhaupt der reine Kautschukbegriff. Jeder arme Teufel legt ihn
+sich auf seine Art aus. Schwärmer behaupten, er sei die Liebe.« Er
+stand auf. »Auf die Gefahr hin: ich bin ein Schwärmer.«
+
+»Schack, alter Kamerad ...« Springe hatte sich schnell erhoben und den
+Aufgeregten sanft in den Sessel niedergedrückt. »Ich hatte ja keine
+Ahnung. Was ist denn los?«
+
+»Siehst du,« begann der Akademieprofessor, »ich habe gemalt, was das
+Zeug hielt. Nicht oberflächlich, das weißt du. Ich habe, um mich
+deines Ausdrucks zu bedienen, den Gott in mir wahrhaftig nicht in
+spanische Stiefel geschnürt. Ich wurde verlästert, verhöhnt, als
+Tempelschänder gebrandmarkt. Ich arbeitete fort. Als die Schreier
+meine Entschlossenheit sahen, verliefen sie sich allmählich. Auch die
+Kritik wagte sich jetzt hervor. Man nannte mich in den Zeitungen eine
+interessante Erscheinung. Aber Bilder kaufen — das war nicht. Ich
+war von den Perücken, die im lieben Düsseldorf einmal die Papstgewalt
+haben, nicht approbiert. Unterdes wurde ich achtunddreißig. Und mein
+Mädchen wurde auch nicht jünger. Springe,« fuhr er fort und griff nach
+der Hand des Freundes, »das — das ist das Schrecklichste. Sehen, wie
+die Jugend schwindet. An der Liebsten es sehen. An den kleinen Fältchen
+der getäuschten Sehnsucht, den schmalen Wangen, die die heimliche Angst
+blaß färbt, dem ergebungsvollen Blick der Entsagung. Springe, du hast
+nicht geliebt, sonst wüßtest du, daß man in solchen Augenblicken sein
+künstlerisches Gewissen für eine Handvoll Haselnüsse verkauft, daß
+man seine Individualität hinschmeißt wie einen alten Handschuh, daß
+man zu allem, aber auch zu allem bereit ist, um nur nicht hinsterben
+zu müssen, ohne die Jugend der Liebsten und damit die eigene gerettet
+zu haben. Ruft allesamt, ich sei umgefallen. Ich weiß das besser.
+Ich zahl’ der Welt mit gleicher Münze, und inzwischen küsse ich im
+Blumengarten meines stillen Mädels alle blassen Rosen wieder rot. Erst
+kommen wir selber!«
+
+Es war einen Augenblick still geworden auf der Terrasse.
+
+»Und du,« brach Springe das Schweigen, »willst deine Individualität
+hingeschmissen haben? Ich habe dich falsch beurteilt, denn du hast mir
+nie von deiner Freundin erzählt. Vielleicht,« fügte er lächelnd hinzu,
+»weil du mir kein Verständnis für die Liebe zutrautest. Aber,« er wurde
+wieder ernst, »dem geliebten Weib gehört nicht nur die Kunst, ihm
+gehört das Leben zuallererst. Jetzt habe ich keine Angst mehr um dich.
+Schack, deine Liebe soll leben.« — —
+
+Den alten Herrn und den jungen Gast hatten die beiden Maler gänzlich
+vergessen. Jetzt erhob sich der alte Herr und klingelte an sein Glas.
+
+»Liebe Freunde,« begann er, »ich möchte zu diesem Thema auch ein
+Wörtlein sagen. Freund Schack hat soeben die Angst vor dem Altwerden
+bekundet. Nun, er hat ja auch das Arkanum dagegen gefunden. Aber
+wenn das Arkanum auf die Dauer Wirkung haben soll, müssen Sie alle
+selbst das Beste dazu tun. Ich bin siebzig Jahre. Wie? Bin ich nicht
+ein Jüngling? Sind Sie der Meinung, daß ich je im Leben alt werden
+könne? Wollen Sie das Geheimnis wissen? Nun, es ist einfach. Werden
+Sie nie im Leben blasiert! Versuchen Sie auch nie, über das Leben zu
+philosophieren. Sie behalten jedesmal unrecht und haben eine Menge
+Zeit vertrödelt. Das Alpha und Omega dieses Daseins ist, zu wissen:
+~daß~ man lebt. Und es lohnt sich — glauben Sie das meiner langjährigen
+Erfahrung — am besten, daß man für diese kurze Erdenspanne so lacht und
+liebt, singt und trinkt, wie einem der Schnabel gewachsen ist. Klappt
+einmal der Sargdeckel zu, und man entsinnt sich just in dieser Sekunde
+einer Seligkeit, die man abgewehrt hat, kriegt man noch im Grabe die
+Gelbsucht, und die schadet dem Teint. Ich meine natürlich den Teint der
+Erinnerung. Meine Freunde, es prangt und duftet die Sommernacht, und
+die Bowle nicht minder. Die Philister liegen in der Klappe und zetern
+über unsere Untugend. Die Tugend aber ist das Leben; mit ihm hört auch
+die schönste auf. Und diese Tugend wollen wir auf das kräftigste
+ausüben. Dann sind wir die Herren dieser Welt, dann sind wir die ewige
+Jugend. Bange machen gilt nicht. Prosit!«
+
+Der Akademieprofessor fiel dem alten Herrn schluchzend um den Hals.
+Die Erregtheit der letzten Stunden, die rasch getrunkene Bowle, die
+wunderbare Sommernachtstimmung und die prächtigen Menschen um ihn her —
+er konnte nicht anders, er bekam es mit der Rührung.
+
+Hans Steinherr hatte mäuschenstill dagesessen. Es war ihm heiß und
+kalt geworden, er hätte, ganz gegen die ihm anerzogenen Gewohnheiten,
+schreien und singen mögen, und plötzlich sprang auch er auf und fragte
+an, ob er ein Gedichtchen deklamieren dürfte, das ihm heute eingefallen
+sei.
+
+»Silentium! Silentium für den Dichter!«
+
+Und mit vor Erregung zitternder Stimme sprach der Jüngste des Kreises:
+
+ »Was nutzt der Kuß auf deinen Mund,
+ Wenn nicht dein Herz erglommen?
+ Tut sich der Lenz dem Blut nicht kund,
+ Was soll der Name frommen?
+
+ Und sehnst du dich, daß dir die Kunst
+ Entschleiert sich soll zeigen:
+ Lern fühlen nur mit inn’ger Brunst
+ Und laß die Lippe schweigen.
+
+ Gott ist im Sturm, im Frühlingswind
+ Und in der Früchte Samen.
+ Das Glück, du grübelnd Menschenkind,
+ Du bannst es nie mit Namen.
+
+ Tu auf das Herz zur Feierstund’,
+ Bekränze still die Pforte.
+ Dann regt sich’s auf der Seele Grund
+ Wie seltne Bibelworte.
+
+ Und ob dein Mund der lauten Welt
+ Ihr Wesen nie verkündet:
+ Wenn nur dein Herz die Zwiesprach hält,
+ So hast du es ergründet.
+
+ Das tiefste Glück, das du dir schufst,
+ Blieb immer ungesprochen.
+ Und wenn du es bei Namen rufst,
+ Sein Zauber ist gebrochen.«
+
+Blaß bis unter die Haarwurzeln wollte sich Hans setzen. Er war zu Ende.
+Aber Heinrich von Springe war hinter seinen Stuhl getreten und schloß
+den Jungen in seine Arme.
+
+»Hättest du das auch zu Hause, in einer eurer Gesellschaften
+vorgetragen?« fragte er ihn halblaut und sah ihm in die Augen.
+
+»Nein. Dort hätte ich es nie gekonnt. Hier fühl’ ich mich so, so — —«
+
+Springe küßte ihn auf den Mund. Das »Du« behielt er bei. —
+
+Der Akademieprofessor stellte nach einer Stunde fest, daß er den Rest
+seiner Energie für den Nachhauseweg nötig habe. Lachend führten ihn
+Springe und Steinherr die Treppe hinab. Der alte, fröhliche Herr folgte
+mit dem Licht, und er zitierte kräftig aus seinem Lieblingsdichter
+Wilhelm Busch für den Professor einen Abschiedsgruß.
+
+ »Einen Menschen namens Meyer
+ Schubbst’ man vor des Hauses Tor
+ Und man sagt’: Betrunken sei er,
+ Selber kam’s ihm nicht so vor.
+
+=A rivederci, a rivederci=, es lebe die Persönlichkeit!« —
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Fünftes Kapitel
+
+
+Bei Willibald Hüsgen wurde emsig geprobt. Die Kostüme waren im Laufe
+der Wochen fertig geworden, die Dekorationen von Willibalds Meisterhand
+entworfen und in ziemlich eigenmächtiger Weise auf große Papierrahmen
+gemalt. Der Künstler nannte das kurz: =al fresco=. Mutter Hüsgen
+hatte bereits den Saal herrichten müssen, der während des Semesters
+den Gaudeamusbrüdern zur Kneipe diente, und der Wirt, der »Baas«,
+ließ seinen Stammgästen gegenüber geheimnisvolle Worte fallen, um
+durchsickern zu lassen, was für ein Mordskerl sein Willibald sei, und
+»von der Mutter hätte der Jung’ das nu mal nich«.
+
+Zu Anfang September erklärte der selbstbewußte Arrangeur, daß die
+Vorstellung, wie es im Bühnenjargon heiße, nunmehr »stehe«. Das
+Knochengerüst wäre da, nun gelte es, Fleisch ansetzen. Bei der nächsten
+Probe am Samstag würde er mit der Durchgeistigung der Bilder beginnen.
+
+Hans blickte auf Hannes. Aber das Mädchen lachte nicht zu den
+protzenhaften Worten wie einst, da ihnen auf dem Dachstubenatelier Herr
+Willibald die Eintrichterung der Leidenschaft versprochen hatte. Es
+war seit jenem Tage und mit der Zeit fortschreitend eine so seltsame
+Änderung mit dem jungen Geschöpf vor sich gegangen, daß es der Umgebung
+hätte auffallen müssen, wäre diese egoistische Jugend nicht viel zu
+sehr von sich selbst in Anspruch genommen gewesen. Mechanisch folgte
+sie den Regievorschriften, mechanisch nahm sie ihre Stellungen ein und
+ahmte die Bewegungen nach, so daß der rücksichtslose Haussohn mehr als
+einmal ein Donnerwetter über die verdammte Steifheit der Frauenzimmer
+im allgemeinen und im besonderen über die Häupter der Versammelten
+schickte. Dann färbte sie sich blaß und rot, verharrte regungslos und
+wie im Trotz in ihrer eckigen Haltung, um, sobald die Probe ihr Ende
+erreicht hatte, in einem Temperamentsausbruch sondergleichen durch das
+Zimmer zu tollen.
+
+Hüsgen stand wie versteinert. Aber die Versteinerung wandelte sich bald
+zur wilden Wut.
+
+»Kröte,« schrie er »alberner Aff’, wenn du dir etwa einbildest, mich
+hier zum Narren zu halten, so soll doch gleich — Rausschmeißen werd’
+ich euch, rausschmeißen alle miteinander —!«
+
+»Du hältst sofort den Mund!« fiel ihm Hans Steinherr kategorisch ins
+Wort.
+
+Er war dicht an den Kameraden herangetreten, mit geballten Händen, und
+sah ihm herausfordernd in die Augen.
+
+»Untersteh dich, in diesem Tone fortzufahren. In meiner Gegenwart
+werden keine Damen beleidigt!«
+
+»Damen?« fragte Hüsgen höhnisch. »Du bist wohl jeck? Malchen, lach dich
+kapott, ihr seid ›Damen‹!«
+
+»Wie deine Schwester darüber denkt, muß sie selbst wissen. Aber
+Fräulein Hannes ist hier Gast, und das Gastrecht respektiert man.
+Zumal wenn der Gast dir zuliebe gekommen ist, um so selbstlos wie
+möglich sich für deinen persönlichen Ehrgeiz verwenden zu lassen.«
+
+»Ehrgeiz?« brauste Hüsgen auf. »Bist du übergeschnappt? Ihr versteht
+eben den Teufel von der Kunst!«
+
+»Dann stell deine lebenden Bilder gefälligst allein!«
+
+Einen Augenblick schien es, als sollten die lebenden Bilder wirklich
+lebendig werden. Aber der Geschäftsinstinkt des Wirtssohnes witterte
+noch rechtzeitig die Gefahr. Und knurrend lenkte Hüsgen ein, um sich im
+»Gaudeamus« den Triumph nicht entgehen zu lassen. Während die beiden
+Mädchen in einer Ecke beieinander hockten und Malchen verwundert die
+renitente Freundin anstarrte, versuchte der Akademieaspirant sich in
+der Fensternische vor dem Freunde reinzuwaschen.
+
+»Steinherr,« sagte er eindringlich, »du mußt das doch einsehen. Wir
+Künstler sind geradeaus. Wir legen nun einmal keinen Wert auf das
+Äußerliche, weil wir alles auf das Innerliche konzentrieren. Aber
+unsere Seele — Mensch, unsere Seele — —!«
+
+Hans maß den Redenden von oben bis unten.
+
+»Erzähle mir doch keinen Unsinn, an den du selber nicht glaubst. Der
+Geist macht den Körper, und Rauhbeinigkeit ist noch lange nicht das
+Erkennungszeichen für spartanische Tugend. Übrigens bist du noch gar
+kein Künstler.«
+
+»Was bin ich nicht?« versetzte Hüsgen atemlos.
+
+»Noch kein Künstler. Wenn du’s erst bist, sprichst du nicht mehr so
+viel davon.«
+
+»Ich —? Ich wäre kein —? Nu hört sich aber alles auf. Malchen, Hannes,
+kommt doch mal her! Ihr habt doch, weiß Gott, Verständnis! Malchen,
+du holst auf der Stelle mein Skizzenbuch. Und die Kreidezeichnungen
+bringst du her, die ich von Vatter gemacht hab’ und von Mutter. Im
+Schlafzimmer über dem Bett. Wenn die nich ähnlich sind! Aber laß man.
+Hier stehen doch die Dekorationen zur Francesca. Na? Wie? Ist das
+gemalt oder ist das geschwefelt und geflunkert? Ich kein Künstler! Aber
+der da, der da — Kuckt ihn euch an — das ist einer. Och! Och! Malchen,
+fix, hol mal en Kognak. Vatter is nich am Büfett.« —
+
+Diese Szenen, die sich mit geringen Variationen häufig genug
+wiederholten, waren Hans peinlicher, als er es sich gestehen mochte.
+Nicht seiner selbst wegen. Er merkte, wie der Verkehr im Hüsgenschen
+Wirtshaus sein allzu sensitives Empfinden abhärtete und seine weiche
+Männlichkeit robuster machte. Das war sicher ein Gewinn. Aber das
+Kavaliertum, das ihm im Salon seiner schönen Mama anerzogen worden war,
+ließ zuweilen beschämt die Flügel hängen. Er hätte ganz anders für
+seine kleine Dame eintreten mögen, aber die schien für die feineren
+Unterscheidungen des Verkehrs noch weniger Verständnis zu haben als der
+rüpelhafte Willibald. Mit übertriebener Hast nahm sie stets Partei für
+den triumphierenden Haussohn und blitzte mit ihren dunklen blauen Augen
+ihren Ritter wie einen Lästigen an. Wurden die Proben erneuert, so sah
+man ihr das Unbehagen an, den jungen Mann berühren zu müssen. Steif wie
+eine Gliederpuppe hielt sie die Arme gereckt, und des Regisseurs Zorn
+wurde mit Recht entfacht über diese »niederträchtige Versündigung an
+der Kunst«.
+
+Nachdem Hüsgen eines Tages erklärt hatte, daß sie nunmehr reif wären,
+um sich von Direktor Millowitsch für das Kölner Hänneschen-Theater
+engagieren zu lassen, und er nur noch einen und den allerletzten
+Versuch mit ihnen machen wollte, ordnete er für die nächste
+Zusammenkunft die erste Kostümprobe an.
+
+Willibald Hüsgen hatte einige junge Kunstschüler ins Vertrauen gezogen,
+da er zu dem Prunkbilde, der Hofhaltung der Francesca, eine Anzahl
+Ritter benötigte. Die jungen Leute erschienen, die Hosen über die
+Trikots gezogen, lachend und lärmend im Hause und begannen im Festraum
+ungeniert Toilette zu machen, während Francesca-Hannes und ihre
+Palastdame Malchen in einem Nebenzimmer letzte Hand an ihre Kostüme
+legten.
+
+Hans Steinherr betrachtete mit Verwunderung die Kostüme der Kumpane.
+Tausend Maskenschlachten schienen schon darin geschlagen worden
+zu sein, die Farben waren erblindet und verschossen, die Tuche
+mottenzerfressen und geflickt, und ein Duft ging von ihnen aus, der am
+Hofe der Malatesta kaum statthaft gewesen sein dürfte. Er wagte darüber
+eine Bemerkung an Hüsgen, der von einem wahren Begeisterungstaumel
+erfaßt zu sein schien.
+
+»Was? Blinde Farben? Mottenlöcher? — Ja, Mensch, begreifst du denn
+nicht? Das ist ja gerade das Echte! Himmeldonnerwetter, das ist echt!
+Das riecht man ja geradezu!«
+
+»Leider Gottes,« versetzte Hans und zog die Nasenflügel zusammen. »Aber
+es handelt sich doch nicht darum, was heute echt erscheint, sondern was
+damals echt ~war~. Und du darfst dich darauf verlassen, daß sich die
+Herrschaften damals mindestens so anständig anzogen und auf Sauberkeit
+hielten wie die gute Gesellschaft heute. Das hier aber — das ist doch
+der reine Anachronismus.«
+
+Willibald und die jungen Herren von der Akademie, die sich vor
+Entzücken über die »fabelhafte« Echtheit ihrer Gewandungen nicht
+zu lassen wußten und sich gegenseitig beschauten, betasteten und
+beschnüffelten, sahen sich sprachlos an. Der Horizont verfinsterte sich
+eine Weile. Dann meinte ein langer Akademiker wegwerfend: »Laßt den
+Kerl doch laufen, der hat ja keine Ahnung von echt!«
+
+Hans trat zurück. Er wollte heute keinen Streit; auch machten ihn die
+sonderbaren Käuze lachen.
+
+Das stilgerechte Kostüm aus purpurnem Samt, das sich eng an seinen
+schlanken Leib schmiegte, gab ihm ein fremdartiges Aussehen, und
+der feine Kopf mit dem braunen Haar erinnerte in der Tat an einen
+alten, seltenen Stich. Die purpurne Kappe mit den silberschillernden
+Reiherfedern saß fest im Gelock. Die Hände falteten sich über dem Griff
+des Degens.
+
+Hüsgen ließ die Stellungen einnehmen. Die jungen Akademiker
+fanden sich überraschend schnell in die Situation und bildeten in
+ritterlicher Attitüde den Hofstaat und die fremden Gesandtschaften.
+Die alte Tradition, die Düsseldorf von jeher den Ruhm zuspricht,
+unübertroffen im Arrangement lebender Bilder zu sein, wurde wie auf ein
+Zauberzeichen in diesen formlosen Burschen lebendig. Sie standen da
+mit dem Anstand von Adelsgeschlechtern, und die bunten Lumpen wurden
+zu Prachtgewändern. Jetzt führte Hüsgen als mißgestalteter, finsterer
+Gianciotto Malatesta sein Weib Francesca ein, und Totenstille
+herrschte. Jeder der jungen Künstler spürte die Macht der Schönheit.
+
+Das war Francesca. Blaß war sie wie eine weiße Rose, in deren Kelch
+eine Flamme sitzt. Das aufgenommene Haar lag wie Sonnengold auf der
+Stirn. Die mädchenhaften Formen des Körpers hoben sich unter dem
+reichbestickten Brokatgewand, und unter dem schweren Saume zeigten sich
+die scheuen, zierlichen Kinderfüße. Sie konnte nur langsam vorwärts
+schreiten, denn Fräulein Malchen als traute Gespielin hielt sich so
+würdevoll, daß sie die Schleppe der Fürstin, die sie trug, straff zog
+wie ein Sprungtuch.
+
+Malatesta geleitete Francesca zum Thronsessel und nahm neben ihr Platz.
+Zur Seite hinter ihr stand Hans Steinherr-Paolo, versunken in diesen
+Traum von Jugendschönheit. Jetzt hob Francesca den Kopf, und ihre
+Blicke begegneten den Blicken Paolos. In diesem Augenblicke dachten
+beide nicht an die Gestalten, die sie darzustellen hatten. Francesca
+sah das feingeschnittene, leidenschaftliche Jünglingsantlitz, ihre
+Augen hingen in rückhaltlosem Staunen an seiner Erscheinung und ließen
+sie nicht los. Und während Paolo mit halbgeöffneten Lippen den keuschen
+Duft ihrer Haare einatmete und sich mit Augen, in denen ein Suchen und
+Sehnen war, unwillkürlich näher beugte, schwellte ein tiefer Seufzer
+die Brust Francescas, und ein geheimnisvolles Lächeln zog durch ihren
+Blick. Das Lächeln des Mädchens, das das Weib in sich erwachen fühlt.
+
+»Bravo, bravo!« rief stürmisch die »Gesandtschaft« vor ihrem Thron.
+Ein Jubelgeschrei raste durch die jugendliche Versammlung, und
+Hüsgen-Malatesta versuchte auf seinem Thronsessel den Kopfstand.
+Gesandte und Mannen sprangen herzu und halfen dem überschwenglichen
+Fürsten wieder auf die Beine.
+
+»Habt ihr’s gesehen?« rief er. »Habt ihr’s gesehen? Diese Bewegung?
+Diesen Blick? Das war Musik, he? Eine ganze Geschichte in einer
+Sekunde. Das große Vergessen im Liebestrank!«
+
+Er stolzierte aufgeregt umher.
+
+»Was sagt ihr nun? Nix! das glaub’ ich — Aber wenn ihr einen bloßen
+Schimmer hättet, was mich das für Müh’ gekostet hat, den beiden
+das einzupauken. Innerlichkeit konzentrieren, hab’ ich gesagt,
+Innerlichkeit! Über Nacht ist es gekommen. Den Seinen gibt’s der Herr
+im Schlaf. Aber dieser Herr war ich. Und wenn ich die Blasphemie morgen
+am Tag dem Pater Servatius beichten sollt’ und mit hundert Rosenkränzen
+gepönt werd’! So, und nun bedankt ihr beiden euch bei mir, daß ich euch
+hab’ was lernen lassen. Vorwärts, umkleiden zum zweiten Bild.«
+
+Die beiden Mädchen waren ins Nebenzimmer geeilt. Hans Steinherr zog
+sich hinter die Bühne zurück, um seinen Anzug zu wechseln. Hüsgen warf
+als Rachegeist, der in der Nacht heimeilt, um die Untreue von Weib und
+Bruder zu bestrafen, einen weiten Mantel um die Schultern und nahm den
+blanken Stahl in die Faust. Alle Anwesenden, die in diesem Bilde nicht
+mitwirkten, hatten sich in den Hintergrund des Zimmers zurückzuziehen,
+das einstweilen verdunkelt wurde.
+
+Nun tastete sich Francesca zur Bühne. Hans-Paolo half ihr hinauf und
+nahm mit ihr die Pose ein. Hüsgen-Malatesta ließ, zusammengekauert wie
+ein sprungbereiter Tiger, den Degen schwirren.
+
+»Licht!«
+
+Nur die Gasflamme über der Bühne strahlte hell auf. Ein unerwarteter
+Anblick:
+
+Paolo in weißem Samtwams. Das Wams über der Brust zerrissen, die
+nackte Brust von Blut gerötet. Francesca hält den Taumelnden fest.
+Das zarte Nachtgewand liegt wie ein Duft um den süßen Mädchenkörper.
+Ihr rotschillerndes Haar ist gelöst und schlingt sich um den Hals des
+Geliebten. Seinen Nacken umwindet ihr bloßer Arm, und mit der freien
+Hand wendet sie den zweiten todbringenden Degenstoß des wutschäumenden
+Malatesta auf sich. Und plötzlich, als sei auch sie getroffen von dem
+erlösenden Stahl, ließ sie den ausgestreckten Arm auf die Schulter des
+in die Kniee gebrochenen Geliebten niedersinken, und ihr Körper hing
+schwer und fest an dem seinen, als wären sie eins.
+
+Hans Steinherr tanzten Flammen vor den Augen. Er wußte nicht, wie ihm
+geschah. Alle Kraft hatte er nötig, den Mädchenkörper zu halten. Er
+preßte ihn mit Gewalt an sich, um ihn vor dem Niederfallen zu bewahren,
+und in die angstvolle Umschlingung hinein strömte eine Flut von
+unbekannter Süße hinüber und herüber. Er suchte ihre Augen, die starr
+die seinen suchten, sah ihren Mund wie blasse, verlangende Rosenblätter
+— dann sank ihr Kopf hintenüber, und er spürte ihre kühle, weiche Wange
+auf seiner entblößten Brust.
+
+»Vorhang!« schrie er mit erstickter Stimme in die Kulisse, und irgend
+einer, der herbeigesprungen war, ließ die Gardine fallen.
+
+»Was ist denn los?« rief Hüsgen ärgerlich und stolperte über die Bühne.
+»Die Bewegung war tadellos realistisch und du —«
+
+»Rufe sofort deine Mutter. Die anderen sollen in den Garten. Malchen
+bleibt im Zimmer und verhält sich ruhig. Schnell, du!«
+
+Die abgehackten Sätze kamen wie ein Kommando. Und Willibald Hüsgen
+duckte sich augenblicks, warf noch einen scheuen Blick auf das Mädchen,
+dessen Ohnmacht er jetzt erst gewahrte, und hieß die Gaffer das Zimmer
+räumen. Malchen trippelte an der Stubentür auf und ab und wartete
+angstvoll auf die Mutter, die der Bruder holen gegangen war.
+
+Auf der Bühne kniete Hans, den Kopf der kleinen Freundin in seinen Arm
+gebettet. Ihr durchsichtiges Gesichtchen war blutleer, und der schlanke
+Mädchenleib lag wie leblos gestreckt.
+
+»Nicht sterben,« flüsterte er, »nicht sterben. Durch dich hab’ ich ja
+erst zu leben begonnen. Das weißt du ja gar nicht. Du, Heinz Springe,
+der alte, prächtige Vater Springe, all die neuen Menschen — alles durch
+dich. Hörst du, kleiner Hannes?« Und es quoll in ihm empor, und ein
+heißer Tropfen hing sich an seine Wimper und fiel auf ihre Stirn. Da
+beugte er sich herab und küßte sie zärtlich, wie man eine Schwester
+küßt, auf die kalten Lippen. Wie eine Schwester? Ein Schauer durchrann
+ihn, und er wagte den Kuß nicht wieder. Wo nur Frau Hüsgen blieb ...
+
+Da kam sie; äußerlich erhitzt vom schnellen Treppensteigen, im Gemüt
+seelenruhig. Sie hatte die Essigflasche gleich mitgebracht und rief
+Malchen zur Hilfeleistung heran. Aber das alberne Mädel fürchtete sich
+und drückte sich zur Tür hinaus, um die Magd zu rufen.
+
+»Barmherzigkeit,« grollte die resolute Wirtin, »dat Kindchen stirbt uns
+noch unter die Hände weg. Fassen Sie mal an, jong Här. Sie sind jetz’
+Samariter, verstehn Sie mich. Dat hat mit dem sonstigen Anstand absolut
+nix zu tun.«
+
+Mit flinken Fingern öffnete sie dem jungen Mädchen das Gewand, legte
+einen essiggetränkten Lappen in die Herzgrube, einen essiggetränkten
+Schwamm auf die Schläfen, rieb und frottierte und hieß ihren
+Assistenten, die Arme des Mädchens im Takt auf und nieder zu heben.
+Hans folgte dem leisesten Wink. Er sah die hilflose, weiße Mädchenblume
+vor sich liegen in ihrer rührenden Schönheit, und ihm war feierlich zu
+Mute.
+
+Das Mädchen öffnete die Augen. Das Blut hatte zu kreisen begonnen, und
+das Leben war zurückgekehrt.
+
+»Weg!« sagte die Wirtin und machte dem jungen Manne eine energische
+Kopfbewegung. »Dat Samariterspiele is all jut, aber nu kömmt auch
+der menschliche Anstand retour. Jed’ Ding zu sein’ Zeit. Adjö, Herr
+Steinherr.«
+
+»Ich werde mich umkleiden und dann unten warten,« antwortete Hans,
+machte eine ehrerbietige Verbeugung und verließ, ohne sich umzuschauen,
+das Zimmer.
+
+Ruhig ging er später im Flur auf und ab. Wenn das Bild, das er vorhin
+gesehen, vor ihm auftauchte, war ihm, als ginge etwas Heiliges in ihm
+vor. Er wußte, daß er nie einen heiligeren Augenblick erleben würde.
+Wie ernst, wie glückselig ernst das stimmte. War das die Jugend?
+
+Aus dem Gärtchen im Hof hörte er die Kunstjünger schwatzen und lachen.
+Sie tranken das Wohl der lieblichen Francesca und ihre baldige
+Genesung. Das war auch eine Art, die elastische Jugend zu äußern. Aber
+er brauchte nicht zu trinken, um seine Begeisterung anzufachen.
+
+»Kleiner Hannes,« murmelte er, »kleiner, lieber Hannes! Weißt du noch?
+An dem Schützensonntag? Bis dahin war ich ein Kulturpflänzchen. An dem
+Tage lernte ich die Natur verstehen. Ach, wie das wohl tut — —. Lieber,
+kleiner Hannes!«
+
+Die Minuten dehnten sich ihm zu Stunden. Soeben noch ernst und
+abgeklärt, überfiel ihn jetzt aufs neue die Unruhe, und er horchte in
+das winklige Treppenhaus hinein, ob er auf den Stiegen ihren Schritt
+noch nicht vernähme. Sollte sich der Anfall wiederholt haben? Dann —
+ja, dann hatte er doch hier unten nicht herumzulungern, dann war doch
+sein Platz dort oben, dann gehörte er doch an die Seite der armen,
+kleinen Kameradin.
+
+Er hielt die Ungewißheit des Wartens nicht mehr aus. Zwei, drei Stufen
+auf einmal nehmend, sprang er die Treppen hinauf. Vor der Tür des
+Dachstubenateliers war ihm der Atem ausgegangen, aber er wartete die
+Beruhigung der Pulse nicht erst ab, er klopfte an und drückte auf die
+Klinke.
+
+Da saß Hannes, mit ihrem dünnen Sommerkleidchen angetan, am Tisch und
+trank aus einem Glase dunklen, roten Wein. Das Haar hing gelöst, um
+die Schläfen nicht zu drücken, an den schmalen Kinderwangen herab.
+Mutter Hüsgen hockte mit ihrer massigen Gestalt auf einem Schemel und
+ermunterte zum Trinken.
+
+Bei dem hastigen Eintritt des jungen Mannes hielt das Mädchen das Glas
+unbeweglich an den Lippen und starrte ihn an. Die Erinnerung kehrte
+zurück, und wo diese aussetzte, stellten sich ängstigende Vermutungen
+ein. Die Hand, die das Glas zum Munde führte, begann zu zittern, das
+Auge zu flirren und zu flimmern, und eine Glut stieg von der Kehle an
+über Wangen und Stirn, so dunkel und tief wie der rote Wein im Glase.
+Frau Hüsgen winkte dem jungen Manne ärgerlich ab.
+
+»Sachte, sachte! Dat jeht hier nich zu wie auf ene Bauernkirmeß:
+Flauwerden un jleich wieder Walzer. En bisken mehr Zartheit, jong Här.«
+
+»Ich wollte nur — — ich hatte nur solche Angst — des Fräuleins
+wegen — —« stotterte Hans. »Ich hielt’s da unten nicht mehr aus ...
+Entschuldigen Sie.«
+
+»Ich bin ganz wohl,« sagte die Kleine trotzig und senkte die Augen.
+
+»Schön,« entschied die Wirtin und erhob sich, »dann machst du jetzt,
+daß du in die Klappe kommst. Un Großmutter soll dich besser päpeln. Du
+bist jetzt in die Jahre, wo mr aufpassen muß. Jesses Maria,« seufzte
+sie, »wat is dat sein Lebtag ein Elend mit uns arm Frau’nsleut!«
+
+Ein schneller, scheuer Blick glitt aus den Augenwinkeln der Kleinen
+zu dem jungen Manne hinüber, der noch immer die Türklinke in der Hand
+hielt. Jetzt trat er näher und sagte, respektvoll zu Frau Hüsgen
+gewandt: »Wenn Sie gestatten, werde ich das Fräulein nach Hause
+bringen.«
+
+»Ich kann allein gehen,« wehrte das Mädchen hastig ab und stand im
+selben Augenblick aufrecht da.
+
+»Fräulein Hannes,« sagte Hans Steinherr ruhig, und er wunderte sich
+selbst über die Bestimmtheit seines Tones, »Sie werden diesmal
+vernünftig sein. Sie sind krank und haben sich denen zu fügen, die es
+gut mit Ihnen meinen.«
+
+Sie sah starr an ihm vorüber. Dann wandte sie sich mit einer seltsam
+matten Bewegung ab, nahm ihren Hut vom Wandhaken, nestelte achtlos fast
+ihr Haar darunter und reichte der Wirtin die Hand.
+
+»Ich dank’ Ihnen auch, Frau Hüsgen.«
+
+»Keine Ursach’, aber nich die Spur!« Die resolute Frau klopfte ihr die
+Backen. »Also du wirst mir hübsch gesund. Un vergiß nich, Großmutter zu
+grüßen, un sie soll übermorgen zum Waschen kommen.«
+
+Wieder der scheue Blick. Diesmal hatte ihn Hans Steinherr in den
+Augenwinkeln seiner Schutzbefohlenen aufblitzen sehen.
+
+Ach, die Kleine schämte sich, weil sie zu einer Waschfrau ging. Daher
+das Abwehren einer Begleitung. Und wenn schon zu einer Waschfrau;
+was war dabei? Die Ereignisse hatten in Hans die romantischen Sinne
+geweckt. Was ging ihn Rang und Stand der Menschen an.
+
+»Kommen Sie, Fräulein,« sagte er herzlich, »ich werde Sie bei Ihrer
+Großmama gut abliefern.«
+
+Sie schritt, ohne ihn anzusehen, an ihm vorbei und die Treppe hinab.
+So eilig, daß er sich sputen mußte, sie an der Toreinfahrt wieder zu
+erreichen. Hier aber nahm er sie fest bei der Hand und sah sie an.
+
+»Fräulein Hannes — —.«
+
+Dann zog er ihren Arm durch den seinen und führte sie behutsam die
+Straße entlang. Willenlos ging sie neben ihm her. Den Arm hielt sie
+steif wie eine Marionette.
+
+»Wo wohnen Sie?«
+
+»Pempelforterstraße.«
+
+»Nummer?«
+
+Sie nannte sie und schwieg sofort wieder. Die unregelmäßigen Schritte
+der beiden hallten durch den stillen, dunklen Abend. Es war spät
+geworden.
+
+»Sie dürfen so weit nicht zu Fuß gehen,« sagte Hans Steinherr nach
+einer Pause und blieb stehen. »Wir werden eine Droschke nehmen.«
+
+»Nein,« stieß sie hervor. »Ich will nicht.«
+
+»Wir werden es aber trotzdem tun,« meinte Hans ruhig, »oder fürchten
+Sie sich, mit mir in einer Droschke zu fahren?«
+
+»Fürchten —?« wiederholte sie gedehnt. »Ich will nur nicht; der
+Nachbarn wegen.«
+
+»Die liegen längst im Bett. Außerdem sind Sie Patientin. Ich wußte
+übrigens nicht, daß Sie keine Courage haben.«
+
+Nun wartete sie mit ihm, bis eine Droschke sichtbar wurde.
+
+»Fräulein Hannes,« sagte der junge Ritter verlegen, »ich — ich weiß
+wahrhaftig noch nicht, wie Sie eigentlich heißen. Sie — Sie gelten bei
+Hüsgens immer schlankweg als Fräulein Hannes. Schon Ihrer Großmama
+wegen muß ich das doch wissen.«
+
+Das junge Mädchen rührte sich nicht. Da hielt die Droschke vor ihnen.
+
+»Meine Großmutter heißt Frau Stahl,« murmelte sie. Dann ließ sie sich
+in den Wagen helfen, kauerte sich in die Polster und schloß sofort die
+Augen.
+
+Hans Steinherr saß ihr gegenüber. Ihre Kniee berührten sich. Wenn sich
+der Wagen einer Straßenlaterne näherte, beugte er sich vor und spähte
+in das regungslose Mädchenangesicht, das bei aller süßen Kindlichkeit
+der Formen einen Zug der Entschlossenheit zeigte. Wie rührend dieser
+Ausdruck wirkte — —. Und in der Brust des jungen Mannes regte sich ein
+zärtliches Empfinden und erregte ihn. Dieses Kind in die Arme nehmen,
+es streicheln und mit der Überlegenheit, die das männliche Bewußtsein
+gewährt, trösten und ihm kosend zureden: »Kleines, kleines Närrchen,
+so lächle doch! Du bist ja viel zu schwach, um ein Lebenskämpfer zu
+werden. Und es wäre so schade um dich und so traurig ...«
+
+Unbewußt hatte er begonnen, ihre herabhängenden Arme zu streicheln. Wie
+mager die Ärmchen geworden waren! Vor wenigen Monaten — das stand ihm
+noch deutlich vor Augen — hatte sich das Kleid straff um den vollen Arm
+gespannt. Sie hielt ganz still, als wäre die Berührung nicht einmal zu
+ihrer Wahrnehmung gedrungen. Da streichelte er ganz sacht ihre kalten
+Händchen. Und plötzlich fühlte er, wie sich ihre Finger um die seinen
+krampften.
+
+Der Wagen hielt vor einem niederen, baufälligen Hause an. Die beiden
+merkten es nicht. Sie saßen stumm und starr nebeneinander und hielten
+sich bei der Hand. Keines wagte sich zu bewegen. Aber beide waren sie
+blaß, und zwischen ihnen ging der Atem schmerzhaft schwer.
+
+Der Kutscher kletterte von seinem Bock herunter und öffnete den
+Wagenschlag.
+
+»Hier is dat Palaischen; un ich kriegen eine Mark un fünfzig, netto,
+ohne ’t Trinkgeld.«
+
+Hans sah verwundert auf. Hannes öffnete nur müde die Augen. Das
+Mädchen war so schwach, daß ihr junger Begleiter sie nur mit Mühe die
+ausgetretene Stiege, die zur oberen Wohnung führte, hinaufbringen
+konnte.
+
+»Großmutter!« rief sie oben. Dann wankte sie und fiel gegen Hans’
+Schulter.
+
+In der Stube wurde ein Stuhl zurückgestoßen. Die Tür öffnete sich
+und, eine Lampe in der weit vorgestreckten Hand, stand eine hagere,
+sehnige Greisin auf der Schwelle. Sie fand zuerst kein Wort. Ein
+schreckensstarrer Ausdruck war in ihre Augen getreten, und ein Zittern
+flog ihr durch Schultern und Arme, daß Lampenglocke und Lampenglas
+leise und schwirrend erklirrten.
+
+»Johanna! — Herr Gott, Johanna — — —«
+
+Sie fuhr sich mit der verarbeiteten Hand über die Augen. Eine Sekunde
+nur. Dann ging ein Ruck durch ihren alten Körper, sie richtete sich
+kerzengerade auf, schritt auf Hans zu und nahm ihm das Mädchen aus dem
+Arm.
+
+»Lassen Sie sie los! Wie kommen Sie dazu ...«
+
+Es war wie Gewittergrollen in dieser Stimme, und doch ein Ton, der wie
+eigenes Entsetzen klang. Hans aber empfand in diesem Augenblick nur
+das Gefühl eines blinden Respekts gegenüber dieser großen, kräftigen
+Greisin, deren Gesicht so dicht voll Falten und Runzeln stand wie ein
+engbeschriebener Runenstein. Er sah mit Erstaunen, wie die alte Frau
+das Mädchen aufhob und auf ihre Arme nahm, als wäre es ein Federchen,
+das sie trüge.
+
+»Ihre Enkelin,« berichtete er leise, »ist bei Hüsgens von einem
+Unwohlsein befallen worden. Eine Art Ohnmacht. Wenn Sie gestatten, Frau
+Stahl, bleibe ich noch hier. Vielleicht, daß Sie mich zum Arzt schicken
+möchten.«
+
+Die Greisin schenkte ihm keinen Blick. Mit zusammengepreßten Lippen,
+den schlaffen Leib der Enkelin fest an ihrer Brust, schritt sie
+schweren Fußes durch das Zimmer und verschwand in einer Nebenkammer.
+Hans war ihr in das erste Zimmer gefolgt. Hier blieb er stehen und
+wartete geduldig ihre Rückkehr ab.
+
+Der Raum diente als Wohnzimmer. Es war ein quadratisches Gelaß; eine
+dünn aufgerichtete Wand teilte es von der kleinen Küche ab. Aus
+der offen gebliebenen Tür der Nebenkammer fiel ein Lichtschein und
+beleuchtete fahl die alten Möbel. Einfache Strohstühle umstanden
+einen alten, ovalen Mahagonitisch; ein breiter Strohsessel mit
+buntbestickter, wollener Schlummerrolle schien das einzige Prunkstück.
+Auf dem Tisch lag ein schweres Buch, in dem die alte Frau wohl eben
+erst gelesen hatte. Hans erkannte es als die Bibel.
+
+Jetzt wurde die Kammertür geschlossen, und Hans stand im Dunklen.
+
+Er fand gar nichts Taktloses in der außergewöhnlichen Behandlung,
+die ihm zu teil wurde. Alles, was hier geschah, schien ihm so
+selbstverständlich und der ganzen Lage entsprechend, daß ihm nicht
+einfiel, sich zurückgesetzt zu fühlen. In dem Zupacken der Greisin,
+in der Art, mit der sie Beschlag auf das junge Mädchen legte, wie auf
+den Körper eines Verwundeten, den sie, einem altgermanischen Weibe
+ähnlich, der Schlacht da draußen entriß, hatte ein großer Zug gelegen,
+dessen Eindruck sich der so kurz beiseite Geschobene nicht zu entziehen
+vermochte. Dank, für ihn? In dem harten »Lassen Sie sie los« hatte
+die Antwort gelegen: Sie hat zu eurem Vergnügen beigetragen, in eurem
+Dienst ist das Kind zusammengebrochen, und an euch war es, ihr den Dank
+abzustatten. Daß ihr sie herschafftet, ist doch wohl die geringste
+Äußerung dieses Dankes.
+
+Der Lauschende hörte die alte Frau in der Kammer auf und ab gehen.
+Er hatte wohl eine halbe Stunde im Dunklen verbracht, als sich leise
+die Tür öffnete und die Greisin mit dem Licht erschien. Sie drückte
+behutsam die Tür ins Schloß und trug die Lampe auf den Tisch. Wortlos
+blieb sie an ihrem Sessel stehen und starrte in das Licht. Noch
+immer nahm sie von ihrem Besucher keine Notiz. Da glaubte Hans, sich
+bemerkbar machen zu müssen, und trat einen Schritt vor.
+
+Die alte Frau wendete den Kopf und sah ihn verständnislos an.
+
+»Ah,« machte sie dann, als ob sie sich besänne, »Sie sind noch da?«
+
+»Wie geht es dem Fräulein? Können Sie mich nicht zu irgend etwas
+gebrauchen, Frau Stahl?«
+
+»Sie schläft,« murmelte die Alte. »Wenn sie den Schlaf nachgeholt hat,
+wird sie gesund sein.«
+
+»Hat sich Fräulein Hannes überanstrengt?« fragte Hans leise.
+
+»Überanstrengt?« wiederholte die Frau, und ein harter Zug trat in ihr
+faltiges Gesicht. »Das fragen Sie mich? Ich sollte doch meinen, daß Sie
+das besser wissen müßten.«
+
+»Ich habe keine Ahnung,« stotterte Hans. »Wie sollt’ ich denn, Frau
+Stahl ...«
+
+»Natürlich nicht. Davon habt ihr keine Ahnung.«
+
+Die alte Frau ließ sich schwerfällig in ihren Sessel nieder. Dabei
+streifte ihre Hand die Bibel auf dem Tisch. Sie zog die Brauen
+zusammen, klappte das Buch zu und schob es von sich.
+
+»Wollen Sie mir nicht erklären, Frau Stahl — —? Weshalb das Fräulein
+leidet, meine ich.«
+
+Die alte Frau sah auf ihre Hände, die fest auf ihren Knieen lagen.
+
+»Ist das so schwer —?« murmelte sie. »Sie leidet am Leben. Das ist ihr
+Erbteil.«
+
+»Aber ihre Ohnmacht? Meine Fragen sind vielleicht ungeschickt.«
+
+Die Greisin hob den Kopf und sah ihn durchdringend an. Dann machte sie
+eine Bewegung und sagte: »Setzen Sie sich, wenn Sie müde sind. Also Sie
+wollen wissen —. Nun ja, Sie sollen es. Es wird gut für Sie sein; wer
+weiß, wofür. Da hat sie gesessen,« fuhr sie finster fort, »da hat sie
+gesessen, jede freie Stunde, bis in die Nacht hinein, und entworfen und
+gezeichnet nach einem kleinen Blättchen, auf dem ein Kostüm zu sehen
+war, und Stoffe hat sie angeschleppt und Zutaten und geschneidert,
+gebandelt und gebastelt. Und nie wurde es ihr schön und reich genug,
+immer wieder hat sie geändert und geprobt und mit einer Erregung daran
+gearbeitet, daß sie Essen und Schlafen vergaß. Ob sie ihr bißchen
+Kraft nötig hatte! Sechs Stunden im Tag sitzt sie im Atelier des
+alten, biblische Geschichten malenden Professors Kehren. Ich arbeite
+seit zehn Jahren in dem Hause und kenne die Leute. Einmal hat sie als
+Kind dem Professor zu einem Engelsköpfchen gestanden. Aber ich hatte
+Furcht wegen ihrer leicht erregten Phantasie und litt es nicht mehr.
+Doch der Hang und Drang nach dem Schönen, nach dem Vornehmen stak in
+ihr. Eines Abends, es war im Juni oder Juli, kommt sie atemlos nach
+Hause und erzählt mir, daß sie bei Hüsgens lebende Bilder stellen
+wollen. Sie soll die Fürstin darstellen und muß Gewänder haben. Und
+nun trotzte sie, und nun schmeichelte sie, und dann lief sie zum
+Professor und machte mit ihm aus, daß sie ihm jeden Tag zu einem großen
+Historienbilde stehen wollte, und ich gab es endlich zu, daß sie sich
+das Geld für ihre Kostüme verdiente, denn ich konnte nicht mehr gegen
+sie an. Das steckt im Blut.«
+
+Die alte Frau grübelte vor sich hin, als ob sie an andere Zeiten dächte.
+
+»Sie hat eine Erziehung gehabt, wie junge Mädchen aus gutem Hause,«
+fuhr sie nach einer Pause fort. »Das war vielleicht falsch und paßte
+nicht mehr für unsere jetzigen Verhältnisse. Aber es war das Kind
+meiner Tochter, die bessere Tage gesehen hatte, es war mein Fleisch und
+Blut, und auch ich« — sie lächelte trübe vor sich hin — »auch ich hatte
+in der Jugend die Sonne gesehen. Bis mein Mann starb. Bis ich als junge
+Beamtenfrau eine Witwenpension erhielt, die zu wenig zum Leben und zu
+viel zum Sterben war. Weshalb ich nichts anderes unternahm, weshalb ich
+so weit heruntergestiegen bin? Das — das — das steht auf einem anderen
+Blatt. Meine Tochter starb und hinterließ mir — ihre kleine Johanna.
+Und einen Stolz hatte ich doch behalten, einen Stolz, und wenn es der
+Hochmut aus alten Tagen war: ich wollte sie erziehen, wie bisher alle
+aus unserer Familie erzogen worden waren. Sie sollte mir nicht unter
+das Proletariat, weil bei Mutter und Großmutter das Unglück zu Besuch
+gekommen war. Wie jedes andere Bürgermädchen sollte sie werden, nicht
+mehr, aber auch nicht weniger. Das bißchen Unterhaltung bei Hüsgens
+hab’ ich ihr gerne gegönnt. Es ist ein rechtes Haus. Nicht zu hoch
+hinaus und doch gut bürgerlich. Dort gehen weder Lumpen aus und ein,
+noch Barone. Und nun kommt sie mir ins Haus gestürzt und alles in
+ihr ist auf den Kopf gestellt. Sie lacht, sie tanzt, sie singt. Dann
+spricht sie stundenlang wieder kein Wort. Endlich bekam ich’s doch
+heraus. Ihr ganzes verändertes Wesen, ihr neu erwachter Lernfleiß,
+ihr Streben, auf ihre Sprache zu achten, auf ihr Benehmen, auf ihre
+Kleidung, das war alles ja so deutlich, daß sie mir gar nicht erst
+lachend zu versichern brauchte, ein Prinz stünde mit in den lebenden
+Bildern, gegen den Hüsgens und all ihre Bekannten Bauern seien, und
+nun müßte sie sorgen, daß sie neben ihm bestehen könnte und von ihm
+nicht nur geduldet oder gar ausgelacht würde. Damit begann das tolle
+Drauflosstürmen auf die Gesundheit, die fieberhafte Unruhe, der ich
+nicht mehr gewachsen war. Und jeder Groschen, den sie sich verdiente
+und den wir zu ihrer Kräftigung hätten anwenden können, er flog weg für
+den Flittertand, mit dem sie sich für ein paar Stunden in eine andere
+Welt täuschen wollte.«
+
+Die Greisin war erregter geworden. Ihre Hände zitterten, als wollte sie
+einen nahenden Verlust aufhalten. Jetzt trat sie dicht an den jungen
+Mann heran.
+
+»Hören Sie,« sagte sie und ihre Stimme klang heiser, »ich ~will~
+aber nicht, daß sie sich täuscht. Ich habe genug an den Täuschungen
+im Leben. Ich will nicht, daß mit ihr gespielt wird, und daß sie an
+Einbildungen zu Grunde geht. Dazu ist sie mir zu lieb, verstehen Sie
+mich? Und wenn Sie auch dieser Prinz sind, gerade deshalb sage ich es
+Ihnen! Hier ist ein Haus, das wieder aufwärts will! Bringen Sie es mir
+nicht herunter! Die Kleine da — die Kleine — — ah, was rede ich nur
+alles!«
+
+»Frau Stahl,« sagte Hans weich. Er wußte nichts anderes, als die Hand
+der alten Frau zu nehmen.
+
+Sie achtete nicht darauf. Aber er fühlte an dem Zucken ihrer harten,
+verarbeiteten Finger, daß sie in ihrem Inneren Empfindungen, Worte
+niederkämpfte.
+
+»So sprechen Sie doch nur weiter, Frau Stahl. Ich bin Ihnen ja so
+dankbar.«
+
+Sie sah ihn an. Dann machte sie ihre Hand los und setzte sich wieder
+in den Sessel. Das Licht war heruntergebrannt. Ein Helldunkel, das die
+Schatten der Gegenstände vergrößerte, herrschte in der alten Stube. Die
+alte Frau erschien wie eine Riesin, wie die Überlebende eines einstigen
+Geschlechtes.
+
+»Junger Herr — —« sagte sie sinnend.
+
+»Ich heiße Hans Steinherr.«
+
+»Gut, gut. Die Steinherrs sind reiche Leute. Ich kannte sie noch,
+als sie so klein waren wie wir jetzt. Alles im Leben läuft im Kreis.
+Wir dürfen uns nur nicht ganz herausschleudern lassen. Ach, das Alter
+macht geschwätzig. Doch ich habe auch die Jugend nicht vergessen. Ich
+verstehe mit ihr zu empfinden, wenn ich Ihnen auch hart und verknöchert
+erscheine. Ich will der Jugend nichts verkürzen, auch der Johanna
+nicht, so wenig, wie ich es ihrer Mutter getan habe. O Gott, die paar
+kurzen Jährchen der Lebensfreude! Aber sich nicht fortwerfen, nicht
+sich fortwerfen, oder es muß um ein Großes, ein Heiliges sein. Ich
+habe nie mehr davon gesprochen, aber Ihnen sag’ ich es, obwohl Sie so
+jung sind. Weil Sie mir vorhin danken wollten, weil ich es Johannas
+wegen tue. Meine Tochter — ihre Mutter — war seit Jahren verlobt. Als
+sie heiraten wollten, kam der Krieg. Er mußte mit, nach Frankreich. So
+etwas Herzzerreißendes habe ich nicht wieder erlebt. In den letzten
+Tagen mieden sie sich, sie hatten Furcht, sich zu berühren, und wenn
+sie sich in die Arme stürzten, schrie die Verzweiflung aus ihnen.
+Nicht, als ob der Mann Angst vor dem Kriege gehabt hätte. Er war
+Offiziersaspirant und nicht feige. Aber eine Ahnung lastete auf ihnen,
+sie würden sich nicht wiedersehen, sie würden sterben müssen, ohne für
+ihr treues, jahrelanges Warten belohnt zu sein. Sie wollten zu den
+Massentrauungen. Doch da rückte das Regiment schon aus. Den Jammer
+versteht nur eine Frau, und ich verstand ihn. Ich, ja ich, die Mutter,
+gab ihnen meinen Segen. Acht Tage darauf fiel der Mann bei Spichern.«
+
+Wieder saß die alte Frau in sich gebückt und versonnen da. Dann fuhr
+sie langsam fort.
+
+»Das Kind war die Johanna — —. Ein Schmerzenskind. Denn meine Tochter
+starb bald danach, und ich wurde die Mutter. Und deshalb, sehen Sie,
+deshalb nahm ich die geringste Arbeit auf, griff ich zu allem und
+jedem, was mir Verdienst versprach, um einst rein dazustehen vor meinem
+Herrgott, damit er meine einstige Menschenschwäche als Menschenliebe
+ansehen möge. Deshalb lese ich immer wieder in jenem Buche, das von der
+Liebe handelt, und deshalb will ich nicht, daß meine Rechnung und die
+Heilige Schrift betrogen werde.« Sie schöpfte tief Atem. »Solange ich
+lebe — nicht!«
+
+Die Greisin richtete sich auf. Ihr Schatten wuchs bei dem niederen
+Licht groß bis an die Decke.
+
+»Das war’s, was ich Ihnen sagen wollte. Und nun stören Sie uns nicht
+länger.«
+
+»Frau Stahl —« bat Hans. Er hatte so viel zu sagen, aber er fand die
+Worte nicht vor dieser Frau.
+
+»Gehen Sie. Aber so gehen Sie doch!«
+
+Da ging er schweigend.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Sechstes Kapitel
+
+
+Es war eine Sonntagsstille. Die Nachmittagssonne schmeichelte sich an
+den Kanten der leinenen Vorhänge vorbei in die kleine Kammer und lag
+nun, als hätte sie ihren Willen erreicht, golden und friedlich auf dem
+weißen Bette. Hannes saß aufrecht in den Kissen. Sie hatte das gelöste
+Haar über den Arm gebreitet und ließ die Enden in der Sonne schimmern.
+Ihre Augen besaßen wieder den alten Glanz, auf den Wangen zeigte sich
+eine feine Röte.
+
+Ihre Hände spielten, aber ihre Gedanken waren nicht bei dem Spiel.
+
+»Großmutter!« rief sie nach einer Weile leise.
+
+Die alte Frau, die im Nebenzimmer ein Nickerchen gehalten hatte, kam
+herbei.
+
+»Hab’ ich dich aufgeweckt, Großmutter? Nicht? — Du, Großmutter, dann
+bleib doch bei mir sitzen. Willst du?«
+
+»Aber gewiß, Kind.«
+
+»Du, Großmutter — — — bist du mir arg böse?«
+
+»Ach, Unsinn. Es ist ja nichts passiert.«
+
+»Es ist nichts passiert — —« wiederholte das Mädchen und strich über
+ihr sonnenglühendes Haar.
+
+Die alte Frau rückte die Kissen zurecht und zupfte und glättete an
+den Decken. Dann zog sie einen Stuhl heran und setzte sich nieder. Sie
+wartete.
+
+»Hast du keine Angst gekriegt, Großmutter, als man mich brachte?«
+
+Die Greisin machte eine jähe Bewegung. Aber sie bezwang sich und
+lächelte.
+
+»Angst? Vor was denn? Ich kenn’ doch meine Johanna.«
+
+»Du sagst das so — so — —. Was meinst du denn damit?«
+
+»Krank werden kann jeder. Dabei ist nichts Böses. Die Krankheiten
+stehen in Gottes Hand, das Böse in der unseren. Siehst du, so meint’
+ich es. Angst hat man nur vor dem Bösen.«
+
+»Und das — das traust du mir nicht zu, Großmutter?«
+
+»Nein, Kind, das trau’ ich dir nicht zu. Nicht, weil ich dich für so
+viel besser hielte als andere Menschen, sondern einfach darum, weil du
+es deiner Mutter wegen nicht darfst.«
+
+Da schwiegen sie beide.
+
+»Sag,« meinte dann das Mädchen sinnend, »Mutter war wohl sehr schön?«
+
+»Sie war schön und gut. Gut ist viel mehr. Das war sie.«
+
+»Und — und Vater?«
+
+»Dein Vater, mein Kind, war ein Mann von Ehre. Er verdiente, daß deine
+Mutter ihn über alles liebte.«
+
+»Und doch — und doch — —?«
+
+»Und doch?« fragte die Greisin und hielt den Atem an.
+
+»Gelt, Großmutter,« rief das Mädchen leidenschaftlich und schlang die
+Arme um den Nacken der Alten, »gelt, Großmutter, ich brauch’ mich nicht
+zu schämen?«
+
+Die alte Frau preßte den Kopf der Jungen fest an ihre Brust. Unablässig
+streichelte ihre Hand den Scheitel und die zuckenden Schultern der
+Enkelin und bewegten sich lautlos ihre Lippen.
+
+»So sprich doch, Großmutter, so sprich doch nur.«
+
+»Kind, ich habe dir doch gesagt, daß deine Mutter gut war. Was sie tat,
+war Güte. Und die Reinheit der Güte verstehen die Menschen nicht. Nein,
+bei Gott dem Allmächtigen, du brauchst dich nicht zu schämen, du kannst
+stolz auf deine Mutter sein — wenn du nur stolz auf dich selbst bist.«
+
+»Du, Großmutter,« stieß das Mädchen hervor, »ich glaube, ich könnte es
+auch. So lieben wie Mutter.«
+
+Die Alte erwiderte nichts. Aber mit beiden Händen umspannte sie den
+Kopf der Enkelin und drückte ihn fest an sich. Eine atemlose Stille
+war um sie, die Sonne kroch langsam über die weiße Decke heran und
+überströmte das bange Alter und die bange Jugend.
+
+»Johanna,« sagte die Greisin, »hör mich einmal an, Johanna. Wir haben
+alle ein Schicksal zu erfüllen. Dagegen können wir nicht an, und wir
+Frauen zumal nicht. Aber ~wie~ wir es erfüllen, darauf kommt es an.
+Was wir hineintragen und mit welchen Gedanken wir es tun. Verstehst du
+mich auch recht? Was bei dem einen Sünde ist, kann bei dem anderen zur
+Tugend werden. Aber immer nur bei einem, nicht bei allen! Nur sich kein
+Vorbild aufstellen wollen, denn es gibt keine Beispiele für uns. Was du
+tust, das tue, weil du es ~mußt~, nicht weil du es magst. Und was du
+mußt, das ist: dir selber treu sein. Wir können von den Menschen keine
+größere Wertschätzung verlangen, als die wir uns selber beilegen.«
+
+»Aber die Liebe, Großmutter ...?«
+
+»Die Liebe, mein dummes Mädchen, ist der Stolz auf den Glauben des
+Geliebten.« — —
+
+Das Mädchen hatte sich losgemacht. Mit gefalteter Stirn lag es in den
+Kissen und starrte in die Luft.
+
+»Ist das wahr, Großmutter?«
+
+»Es ~ist~ wahr.«
+
+»Und wenn man den Stolz nicht hat?«
+
+»So ist die Liebe eine Lüge. Und Lügen haben kurze Beine.«
+
+»Du meinst, man geht daran zu Grunde. — — Ach, das Sterben kann nicht
+so schwer sein.«
+
+»Wenn andere um uns jammern, nicht. Aber wenn man sich selbst
+bejammert.«
+
+»Großmutter,« sagte das Mädchen mit einem plötzlichen Ernst, der eine
+Feierlichkeit über ihre Züge goß, »ich glaube, ich habe den Stolz.«
+
+»Ich habe mich immer darauf verlassen, Johanna,« erwiderte die Greisin.
+
+»Soll ich dir die Hand darauf geben? Hier hast du sie.«
+
+Sie ergriff die hartgearbeitete Hand der alten Frau und preßte sie mit
+ihren weichen Fingern.
+
+»Ich werde dir keine Unehre machen, Großmutter.«
+
+Die Alte nickte. Es war ihr feucht in die Augen gekommen, und sie
+wandte den Kopf.
+
+»Was ist das für ein Sonntag,« murmelte sie. »Sieh nur, all die Sonne.«
+
+»Laß noch mehr herein, Großmutter. Ich kann so viel vertragen.«
+
+Und während die alte Frau die Vorhänge beiseite schob, kam endlich die
+Frage, die sie erwartet hatte.
+
+»Hat sich denn keiner nach mir erkundigt?«
+
+Aber die Frage rief jetzt nur noch ein stilles Lächeln auf den
+zerfurchten Zügen wach. Die Gemeinsamkeit des Blutes hatte sich
+dargetan. Der Handschlag der Enkelin galt.
+
+»Der junge Herr Steinherr war in der Frühe da. Aber du warst noch gar
+nicht wieder aufgewacht. Da hat er etwas für dich abgegeben und gesagt,
+er wollte gegen Abend noch einmal vorsprechen.«
+
+»Gott, was für ein Getue.«
+
+»Mädel, Mädel,« lachte die Frau, »aus einem Fehler fällst du in den
+anderen. Muß ich denn mit einem Male deine eigenen Freunde gegen dich
+in Schutz nehmen?«
+
+»Ach was, Freunde! Aufdringlich ist er!«
+
+»Du — —,« sagte die alte Frau mahnend. »Vorläufig hast du allen Grund,
+ihm dankbar zu sein. Aber ich merke schon, du wirst wieder gesund. Das
+war soeben der echte Hannes.«
+
+Hannes drehte sich auf die Seite. Sie war flammend rot geworden. Dann,
+nach einigen Minuten, klang es halb zag, halb trotzig aus dem Kissen:
+»Was hat er denn für mich abgegeben? Eine Gratulationskarte?«
+
+Frau Stahl ging in das Wohnzimmer und kehrte zurück. Auf den bloßen Arm
+gestützt, sah ihr das junge Mädchen gespannt entgegen. Keine Spur mehr
+das ernste Wesen von vorhin, ganz das erwartungsfrohe Kind.
+
+»Rosen,« rief sie jubelnd und streckte die Hände aus, »Rosen, ein
+ganzer Arm voll. Großmutter, das sind Maréchal Niel und das sind La
+France! Himmel, sind die schön! Und das — was ist denn das? Du,«
+sagte sie ganz feierlich, »das ist ja eine Bonbonnière, denk mal, von
+Branscheidt. Feineres gibt’s in ganz Düsseldorf nicht.«
+
+Sie breitete die Herrlichkeiten auf der Bettdecke vor sich aus und
+staunte sie an. Dann schob sie die Konfitüren zusammen und reichte sie
+der Großmutter.
+
+»Da, nimm nur, das ist was für dich. Ich darf ja jetzt doch nicht. Aber
+sofort essen.«
+
+»Ich heb’ sie auf, Kind, bis später.«
+
+»Ach, dann macht’s keinen Spaß mehr. So was Extraes muß immer extra
+auf der Stelle genossen werden. Dann schmeckt’s ganz anders. Zeig mal.
+Einen Bonbon kannst du mir doch abgeben.«
+
+Sie stopfte sich eine große kandierte Frucht in den Mund und ließ die
+Großmutter ihre Schätze in Sicherheit bringen. Unterdes band sie den
+Rosenstrauß auseinander, roch an jeder einzelnen Blume, ordnete sie
+nach der Farbe, nach dem Duft, legte sie paarweise, Rosa und Gelb,
+zusammen, um endlich alle wieder zu einem großen Buschen zu vereinen
+und sie wie eine Garbe in den Arm zu legen. Die Wange hatte sie tief in
+die Fülle der Blütenkelche geschmiegt.
+
+Als die Großmutter nach einer Weile eintrat, lag das Mädchen wie
+eine Rose unter Rosen. Schnell zog sie sich zurück, um dem Kinde die
+heimliche Freude nicht zu stören. Sie hatte ein merkwürdig junges Herz,
+die alte Frau, die einst ihrer Tochter den Segen gab, damit sie den
+blutroten Tag von Spichern leichter ertragen könne.
+
+Daß sie heute immer ihrer Tochter gedenken mußte —
+
+War es ein Unrecht gewesen — damals —?
+
+Ein heller Schein flog über der Alten Gesicht. Reue? Wofür? Nur Sünder
+bereuen. Sie aber hatte aus tiefster Seele gehandelt, und die Seele ist
+ein Stück von Gott und spricht wahrer als die Gesetze der Menschen.
+
+Die Greisin suchte ihre Brille hervor, rückte den Strohsessel dicht an
+den Tisch und schlug die Bibel auf. Sie traf die erste Epistel Pauli
+an die Korinther. Die Blätter teilten sich wie von selber bei dem 13.
+Kapitel, als kannten sie seit langem die Zufluchtstätte der alten Frau.
+Stumm und ernst blickte sie in das Buch. Dann las sie mit halblauter
+Stimme die gnadenreichen Worte des Apostels, die sie mit ihrem starken
+Menschensinn menschlich gerade deutete; das monotone Gemurmel klang wie
+ein Gebet, und über das Gebet hinaus wie ein Glaubensbekenntnis, und es
+war eine große Feiertagshaltung.
+
+»Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete, und hätte der Liebe
+nicht, so wäre ich ein tönend Erz und eine klingende Schelle. Und wenn
+ich weissagen könnte, und wüßte alle Geheimnisse und alle Erkenntnis,
+und hätte allen Glauben, also daß ich Berge versetzte, und hätte der
+Liebe nicht, so wäre ich nichts. Und wenn ich alle meine Habe den Armen
+gäbe, und ließe meinen Leib brennen, und hätte der Liebe nicht, so wäre
+mir’s nichts nütze. Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe
+eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie blähet sich nicht.
+Sie stellet sich nicht ungebärdig, sie suchet nicht das Ihre, sie
+lässet sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu. Sie freuet
+sich nicht der Ungerechtigkeit, sie freuet sich aber der Wahrheit. Sie
+verträgt alles, sie glaubet alles, sie hoffet alles, sie duldet alles.
+Die Liebe höret nimmer auf, so doch die Weissagungen aufhören werden,
+und die Sprachen aufhören werden, und die Erkenntnis aufhören wird.
+Denn unser Wissen ist Stückwerk, und unser Weissagen ist Stückwerk.
+Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören.
+Da ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind, und war klug wie ein
+Kind, und hatte kindische Anschläge; da ich aber ein Mann ward, tat
+ich ab, was kindisch war. Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem
+dunkeln Wort; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich’s
+stückweise; dann aber werde ich erkennen, gleichwie ich erkannt bin.
+Nun aber bleibt Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist
+die größeste unter ihnen.«
+
+Die alte Frau nahm die Brille ab und lehnte sich zurück. Sie lächelte.
+Wer wollte mehr wissen als sie, was gut und böse sei, wenn unser Wissen
+Stückwerk ist? Wer, der nicht erkannt hatte, daß die Liebe das Größte
+ist? — — Die Liebe! — Die alte Frau erhob sich. Das Lächeln machte
+einem feierlichen Ernste Platz.
+
+»Sie freuet sich aber der ~Wahrheit~!« sagte sie mit starker Stimme.
+»Das ist es. Die Wahrheit allein gibt den Ausschlag. Dann mag sein, was
+will: wir taten das Unsere.«
+
+Es wurde an die Tür geklopft, die zur Treppe führte, und die Alte ging,
+um zu öffnen. Draußen stand Hans Steinherr.
+
+»Treten Sie ein,« sagte sie freundlich, »meine Enkelin ist wach und
+auch wieder wohl.«
+
+»Sie sind heute so gütig zu mir, Frau Stahl.« Der junge Mann drückte
+dankbar die dargebotene Hand. »Daran erkenn’ ich schon, daß es Fräulein
+Johanna besser gehen muß.«
+
+Er hatte unwillkürlich an Stelle des kindischen »Hannes« Johanna gesagt.
+
+»Es ist Sonntag heute,« entgegnete die Greisin einfach.
+
+»Nicht wahr? Das ist wirklich ein Sonnentag! Alle Blumen strecken die
+Köpfe hoch.«
+
+»Sie haben schon wieder Ihren Garten geplündert? Sie müssen nichts
+übertreiben.«
+
+»Nur drei Rosen. Es waren die schönsten, und sie baten so sehr, für ihr
+Blühen belohnt und mitgenommen zu werden.«
+
+Frau Stahl sah den Schmeichler prüfend an.
+
+»Sie haben die Worte hübsch in der Gewalt. Das kleidet Sie. Hoffentlich
+tönt es unter dem Kleid gerade so.«
+
+Hans verstummte. Aber er blickte offen zu der Sprechenden auf.
+
+»Ich werde meiner Enkelin sagen, daß Sie da sind.«
+
+Einige Augenblicke später stand er in ihrer Kammer.
+
+»Guten Tag, Herr Steinherr,« tönte eine zage Stimme, die gern einen
+festeren Beiklang gezeigt hätte.
+
+Da trat er an das Bett und reichte ihr seine Rosen. Zu sehen vermochte
+er immer noch nicht. Er fühlte, wie seine Hand scheu ergriffen wurde.
+Und nun sank der Schleier.
+
+»Guten Tag, Fräulein Hannes,« sagte er rasch. »Gottlob, daß Sie wieder
+gesund sind!«
+
+»Ach,« meinte sie und vermied seinen Blick, »das bißchen von gestern.
+Unkraut vergeht nicht.«
+
+»Unkraut?« machte er staunend. Ihre ganze Lieblichkeit wurde er gewahr.
+Wie sie dalag, bis unter das Kinn zugeknöpft in dem weißen Linnen,
+das leuchtende Haar glatt heruntergestrichen zu beiden Seiten der
+zartgezeichneten Wangen, das leinene Hemdchen Hals und Brust bedeckend.
+Und vor ihr lagen die Rosen, die er am Morgen hergetragen hatte, und
+sie sagten so wenig, so gar nichts; wie kleine Dienerinnen vor einer
+kleinen Prinzessin.
+
+»Unkraut?« wiederholte er und schüttelte den Kopf. »Wie kann man nur so
+was aussprechen!«
+
+»Sie scherzt,« sagte Frau Stahl. »Ganz so gering schätzt sich Johanna
+doch nicht ein.«
+
+Da wurde die kleine Rekonvaleszentin ausgelassen.
+
+»Buh!« machte sie und streckte ihrem Besucher so plötzlich ihr Köpfchen
+entgegen, daß er zurückfuhr. Dann warf sie sich lachend zurück. »Ich
+bin ein Ungetüm, gelt? Ein schreckliches Menschenkind! Antworten Sie,
+auf der Stelle!«
+
+»Wahrhaftig,« rief Hans begeistert, »das sind Sie! Aber ich glaube,
+mehr ein schrecklich ~liebes~ Menschenkind. Hab’ ich recht, Frau Stahl?
+Sie verstellt sich nur immer, damit’s keiner merkt.«
+
+»Jawohl, ihre Unarten auch noch beloben! Na, nun setzen Sie sich nur
+nieder. Einen Augenblick dürfen Sie schon hierbleiben.«
+
+»Großmutter,« sagte Hannes und lächelte die Alte an, »trinken wir denn
+heute nachmittag keinen Kaffee?«
+
+»Ach so,« meinte die Greisin trocken. »So hatt’st du dir das gedacht?«
+
+»Herr Steinherr ist doch zu Besuch gekommen,« schmollte die Kleine und
+zupfte an den Rosen.
+
+»Aber ich bitte, Frau Stahl,« warf der junge Besucher verlegen ein,
+»ich möchte Sie nicht stören.«
+
+»Freilich,« stieß das Mädchen trotzig heraus, »dann — dann — wenn es
+Herrn Steinherr geniert, bei uns Kaffee zu trinken. Es ist ja auch gar
+kein richtiger Kaffee. Wir trinken ihn nur so.«
+
+»Fräulein Hannes!«
+
+Hans Steinherr war empört.
+
+»Das war schlecht,« fügte er nach einer Weile hinzu. »Das durften Sie
+mir ganz gewiß nicht sagen.«
+
+Sie antwortete nicht, aber sie zog mit einer hastigen Bewegung ihr Haar
+bis über die Augen zusammen.
+
+»Sie werden unseren Kaffee schon mögen,« meinte die alte Frau. »Wollen
+Sie mittun?«
+
+»So viel Freundlichkeit hab’ ich ja gar nicht erwartet,« murmelte Hans.
+
+»Ich werde das Geschirr hereinholen. Dann trinken wir mit Johanna
+zusammen.«
+
+Sie ging ruhig hinaus, um den Kaffee aufzubrühen. Bald vernahm man ihr
+Hantieren mit Töpfen und Tassen.
+
+Hans Steinherr blickte zu seiner kleinen feindlichen Freundin hinüber.
+Er konnte unter dem dichten Haarschleier nichts von ihrem Gesicht
+erkennen. Nur die im Haar verkrampften Fäustchen waren sichtbar.
+
+»Fräulein Hannes,« sagte er recht knabenhaft weich.
+
+Sie regte sich nicht.
+
+»Sie schämen sich wohl, Fräulein Hannes? Dann ist ja alles wieder gut.«
+
+Keine Antwort. Sie lag wie eine Bildsäule. Nur über ihrem Munde
+zitterte das Haar.
+
+Da wagte er es, ihre Hände zu fassen. Und die Fäustchen, die so fest
+verkrampft schienen, zeigten sich so willfährig, nachzugeben, und er
+schob sie sacht beiseite und strich ihr ganz sanft das Haar aus dem
+Gesicht.
+
+»Sie haben ja Tränen in den Augen,« sagte er leise und tupfte mit
+zartem Finger die Tropfen fort.
+
+Sie ließ alles mit sich geschehen, aber sie wich auch seinem Blick
+nicht mehr aus.
+
+»Buh!« machte er plötzlich, wie sie vorher, und streckte mit einer
+lustigen Grimasse den Kopf gegen sie aus.
+
+Erschrocken fuhr sie zusammen. Und dann lachte sie, lachte, daß es
+durch die Kammer schmetterte, in einem Lachkrampf, der sich nicht
+bändigen lassen wollte. Und Hans sekundierte ihr mit seinem jungen,
+durchdringenden Bariton, und wenn der eine aufhören wollte, begann der
+andere von neuem, und beide wußten nicht mehr, worüber sie lachten.
+Über ein Nichts, über alles — das war ihnen Nebensache. Bis Großmutter
+Stahl energisch gegen die Türe pochte.
+
+»Sind Sie — noch — ärgerlich auf mich?« schluchzte Hans.
+
+»Och,« schluchzte Hannes und rieb sich mit dem Handrücken die Augen,
+bis sie brannten, »ich — ich hab’ mich ja nur — über mich selber —
+geärgert.«
+
+»Dann — dann — könnten wir doch wirklich — gut’ Freund sein.«
+
+»Ja — — —«
+
+Da kam Frau Stahl mit dem Nachmittagskaffee. Schnell sprang Hans zu, um
+ihr behilflich zu sein. Er zog aus der Ecke einen kleinen Tisch herbei,
+deckte das Tuch darüber, das Frau Stahl unterm Arme trug und half
+ihr, die Sonntagsgenüsse aufbauen. Aniszwieback, gezuckerten Zwieback
+und Burger Brezeln. Die rüstige Frau stopfte ihrem Enkelkind ein paar
+Kissen in den Rücken, und dann saßen sie zu dritt in der kleinen Kammer
+und griffen wacker zu.
+
+»Schmeckt Ihnen der Kaffee?« fragte die Kleine mit größter
+Unbefangenheit.
+
+»Einfach fürchterlich!« erwiderte Hans.
+
+»Das wundert mich,« fuhr die Kleine in aufrichtig klingendem Tone fort,
+»Großmutter nimmt aber bestimmt nur die beste Zichorie.«
+
+»Ich hatte es auf gebrannte Eicheln taxiert,« entgegnete Hans
+verbindlich und bat um eine neue Füllung. »Wir haben soeben
+Freundschaft geschlossen, Frau Stahl. Sie merken es wohl am Ton.«
+
+»Die Freundschaft ist immer die beste, die sich eines guten Tones
+befleißigt,« sagte die alte Frau. »Das hält die Gewöhnlichkeit der
+Gewöhnung zurück, den schlimmsten Feind der Freundschaft.«
+
+Hans bröckelte stumm an seiner Brezel. Wie einfach und sicher die
+Greisin sprach. Dieser Frau glaubte er es, daß sie einst die Würde der
+Beamtenfrau ruhig mit der Stellung einer Lohnarbeiterin vertauschen
+konnte, ohne auch nur die Spur von sich selbst zu verlieren. Wie
+beneidenswert seine kleine Freundin war, daß sie eine solche Erzieherin
+hatte.
+
+»Hat man Ihnen denn gar nichts aufgetragen?« hörte er plötzlich die
+Stimme des Mädchens.
+
+»Aufgetragen?« fragte er und richtete sich auf. »Wer sollte mir denn
+etwas aufgetragen haben?«
+
+»O, ich dachte nur — —« machte Hannes gedehnt. »Sie waren also nicht
+bei Hüsgens?«
+
+»Gewiß, heute vormittag.«
+
+»Und sie haben sich nicht nach mir erkundigt?«
+
+Hans wurde ein wenig verlegen und suchte nach Worten. Sie bemerkte es
+sofort.
+
+»Geben Sie sich keine Mühe,« sagte sie spöttisch, »ich bin nicht so
+feinfühlig.«
+
+»Das sind Sie wohl,« warf er eifrig ein. »Aber Sie wissen ja selber,
+daß der edle Willibald alles andere eher ist. Ich fürchte, seine
+Schwester nicht minder. Doch daraus dürfen Sie sich nichts machen.«
+
+»Tu’ ich auch nicht. Aber etwas muß doch gesagt worden sein.«
+
+»Nun ja,« gab er zögernd zu, »Willibald hatte Angst, seine schönen
+Veranstaltungen könnten ihm in die Brüche gehen — so sagte er wörtlich
+— und er schalt auf das unzeitgemäße Krankwerden.«
+
+»Also eine gute Besserung hat er mir nicht wünschen lassen,« sagte sie
+und zog die Stirn in Falten.
+
+»Er hat es wohl nur vergessen,« begütigte Hans. »Sie kennen doch seine
+Art.«
+
+»Dann soll er auch meine Art kennen. Ich werde ihn und seine schöne
+Veranstaltung auch vergessen.«
+
+»Sie wollen nicht mehr mittun?« rief Hans überrascht. »Ach nein,
+Fräulein Hannes, das kann nicht Ihr Ernst sein. Wir haben uns doch alle
+so auf den Abend gefreut.«
+
+»Und ich tu’ doch nicht mit,« beharrte sie trotzig. »Er soll sich
+suchen, wen er will. Ich lass’ mich so nicht behandeln. Von dem am
+wenigsten, diesem Bierwirtsjungen!«
+
+»Johanna,« verwies Frau Stahl sie zürnend.
+
+»Laß nur, Großmutter, ich tu’s doch nicht.«
+
+»Fräulein Hannes,« sagte Hans niedergeschlagen, »was soll denn aber aus
+dem schönen Abend werden?«
+
+»Och, der Abend läuft uns nicht weg. Wir unternehmen was für uns.«
+
+»Für uns?«
+
+»Nun ja. Großmutter, Sie und ich. Oder — paßt Ihnen die andere
+Gesellschaft besser?«
+
+»Darauf gebe ich Ihnen jetzt keine Antwort mehr. Das ist gerade wie
+vorhin mit dem Kaffeetrinken.«
+
+»Sie sind einverstanden!« lachte sie, ohne auf seine beleidigte Miene
+zu achten. »Großmutter, du auch? Also nächsten Sonntag? Wohin wollen
+wir denn? Nach Schloß Benrath? Ja, bitte, nach Schloß Benrath!«
+
+Sie beugte sich vor, schlang die Arme um den Hals der alten Frau und
+küßte sie auf den Mund. Frau Stahl erhob sich schnell.
+
+»Jetzt ist es aber Zeit, Herr Steinherr,« sagte sie mit freundlichem
+Ernst. »Das Kind wird viel zu unruhig.«
+
+Sofort stand Hans auf. Man verabredete, sich am nächsten Sonntag
+nachmittag zwei Uhr am Bahnhof zu treffen. Bei gutem Wetter sollte
+der Rückweg zu Fuß angetreten werden. Hannes lag ganz still, mit
+geschlossenen Augen, im Bette, als Hans Steinherr sich verabschiedete.
+Sie gab ihm kaum die Hand.
+
+»Ich kann Sie leider nicht auffordern, in der Woche noch einmal
+vorzusprechen,« sagte die alte Frau, als sie Hans die Tür im Vorzimmer
+öffnete. »Ich bin die ganze Woche draußen auf Arbeit.«
+
+»O, Frau Stahl, ohne Ihren Willen würde ich es auch nicht wagen.«
+
+»Es ist gut,« entgegnete sie.
+
+»Haben Sie vielen Dank, Frau Stahl. Der Nachmittag bei Ihnen war
+wirklich schön.«
+
+»Adieu, Herr Steinherr.«
+
+Er stolperte die Stiegen hinunter und stand mit erhitztem Kopf auf der
+Straße. Wohin? dachte er. Nur nicht unter Menschen jetzt. Er eilte
+auf kürzestem Wege nach Hause, in den Garten. Er fühlte, daß seine
+Brust ganz schwer war von all den Gestalten, die er mit sich trug. Ein
+unerklärlich wonniges Gewicht. Bis in die Nacht saß er in der Laube und
+hielt mit den Gestalten allerlei närrische Zwiesprache. — —
+
+Frau Stahl hatte leise die Kammertür geöffnet.
+
+»Schläfst du, Johanna?« fragte sie.
+
+Als keine Antwort kam, blieb sie im Wohnzimmer. Grübelnd stand sie am
+Fenster und blickte hinaus. Dann kehrte sie sich ruhig um und suchte
+sich eine Handarbeit heraus.
+
+Sie sollen ihre Jugend haben, dachte sie, das ist ihr Recht. Man soll
+dem Menschenfrühling nicht ins Handwerk pfuschen, wenn man das Wort
+Glück im Munde führt. Und — und — das Kind gab mir doch die Hand
+darauf. — —
+
+ * * * * *
+
+Zweimal im Laufe der Woche war Hans Steinherr im Atelier seines
+Freundes Springe gewesen. Er hatte sich stundenlang an den
+Bildern vorbeigeschoben, in alle Ecken geguckt und ganz sonderbar
+herumgedruckst.
+
+»Was gibt’s denn, Junge? Hast du Schulden beim Konditor, eine schlechte
+Zensur, oder bist du verliebt?«
+
+»Ach, Sie spotten ja nur.«
+
+»Also verliebt. Dann behalt’s bei dir! Die Heimlichkeit erhöht den
+Reiz. Hoffentlich ist sie von altem Adel?«
+
+»Sehen Sie? Ich wußte ja, daß Sie für gewisse Dinge kein Verständnis
+haben.«
+
+Der Maler hatte eine Melodie gepfiffen und rastlos weiter gearbeitet.
+
+»Herr von Springe?«
+
+»Nun, mein Junge?«
+
+»Wenn — wenn ich nun einmal jemanden nötig haben sollte, der — der —
+auf den ich mich — verlassen könnte?«
+
+»Soweit meine Verständnislosigkeit reicht, würde ich der Jemand ja sein
+können.«
+
+»Herr von Springe!«
+
+Hans war auf ihn zugesprungen und hatte sich an ihn gehängt.
+
+»Mach’ daß du nach Hause kommst und halte die Leute nicht auf. Marsch,
+ab! Hörst du nicht, ich habe zu arbeiten. Ich will allein sein.«
+
+Und jedesmal, wenn der Junge nach solch einer Szene gegangen war,
+hatte der Maler die Arbeit beiseite geschoben und war auf die Veranda
+hinausgetreten, an der das Weinlaub rubinrot schimmerte und tausend
+dringendere Fragen stellte, als der Mund des mannbar gewordenen Knaben
+...
+
+Und nun war Sonntag. Ein Herbsttag von jener Schönheit und tiefen
+Schwermut, die noch einmal alle Erinnerungen des enteilenden Sommers
+zusammengreifen möchte zu einem lang nachschwingenden Akkord. Aus
+Hoffen und Bangen gemischt: Was wird der Tag bringen, was wird nach ihm
+kommen? Nütze den Tag! Er trägt in sich, was über den Winter hilft.
+Sein Zittern ist dein Zittern. — —
+
+Hans Steinherr stand am Bahnhof. Er hatte sich bei den Eltern mit
+einem Ausflug entschuldigt, ohne die Namen der Teilnehmer anzugeben,
+und wartete nun schon seit einer Viertelstunde auf Frau Stahl und ihre
+Enkelin. Für jede der Frauen trug er ein paar Rosen in der Hand. Er war
+so aufgeregt, als gälte es eine Weltreise.
+
+»Hier!« rief er plötzlich aus Leibeskräften und schwenkte den Hut. Da
+waren sie neben ihm.
+
+Frau Stahl war nicht sonderlich modern gekleidet. Er merkte es nicht.
+Er war nur dankbar, daß sie gekommen war. Und Hannes? War das denn
+Hannes? Ja, war sie denn gewachsen in den acht Tagen und umsoviel
+reifer geworden? Er kam sich fast wie ein Knabe neben ihr vor.
+
+»Wie geht es Ihnen?« murmelte er und stopfte ihr die Rosen in die Hand.
+»Wie ich mich freue! Sie sind also wieder ganz gesund? Freuen Sie sich
+denn auch ein wenig auf die Tour? Hier, Frau Stahl, bitte, nehmen Sie
+doch auch die Blumen. Da kommt der Zug. So, bitte, hier können wir
+einsteigen.«
+
+Frau Stahl hatte den Griff des Coupés gefaßt. Jetzt ließ sie ihn wieder
+los.
+
+»Herr Gott,« lachte sie, »da wären wir beinah falsch eingestiegen. Das
+ist ja die erste Klasse.«
+
+»Dann stimmt’s doch. Bitte, Fräulein Hannes.«
+
+Das junge Mädchen blickte fest auf die Coupénummer. Dann preßte sie die
+Lippen zusammen und stieg ein, als ob sie’s anders nicht gewöhnt sei.
+Frau Stahl folgte schweigend, und als letzter Hans. Während der kurzen
+Fahrt bis zur Station Benrath wollte kein Gespräch zu stande kommen.
+
+Steif schritten die Frauen die Feldwege einher, die zum Schloß führten.
+Auch Hans war verstimmt. So zogen die drei Menschen fürbaß.
+
+»Soll ich den Pedell rufen, damit er uns das Schloß zeigt?« fragte
+Hans, als sie vor dem Rokokobau standen und die Blicke über die
+Rasenfläche schweifen ließen, die sich vor ihm ausbreitete.
+
+»Bitte,« sagte Hannes kurz.
+
+Der Pedell kam und übernahm die Führung. Aber was er auch von dem
+Erbauer, dem kunstsinnigen pfälzischen Herzog Karl Theodor und seinem
+fröhlichen Hofstaat zu erzählen wußte, was er berichtete von allerhand
+Zeitläuften und Schicksalen, von hohen und höchsten Herrschaften,
+die geruht hatten, in diesen und jenen historischen Betten zu ruhen:
+er fand nicht das mundaufsperrende Verständnis, das er bei diesen
+Gästen zu finden gehofft hatte. Erst das Trinkgeld stimmte ihn um. Er
+empfahl angelegentlich, nicht zu versäumen, den Park zu besuchen. »Der
+herrlichste Park, den der Niederrhein besitzt. Mit der Dunkelheit wird
+er geschlossen. Sonst müssen Sie übers Gitter klettern.«
+
+Wieder standen die drei Menschen draußen und blickten stumm über die
+Rasenfläche.
+
+»Sind Sie müde, Frau Stahl? Wir hätten wohl erst die Wirtschaft
+aussuchen sollen. Entschuldigen Sie, daß ich nur an mich dachte.«
+
+»Großmutter hat sich in den letzten Tagen überarbeitet,« sagte Hannes
+kurz.
+
+Hans blickte auf die alte Frau und errötete. Hannes gewahrte es und
+wandte sich finster ab.
+
+»Komm, Großmutter, es ist nicht weit. Nur ein paar Schritte bis zum
+Grund.«
+
+Durch die lockende Sonntagspracht gingen sie mit lässigen, müden
+Bewegungen.
+
+Im Wirtshaus im Grund saßen sie, bis die Sonne im Westen zu flammen
+begann. Da drängte die alte Frau, die jungen Leute sollten den Tag
+nicht vertrauern und noch einmal hinausgehen. Sie fühlte sich bereits
+wieder wohler. Das Stillsitzen und der Abendfriede täten ihr am besten.
+
+Da gingen die beiden jungen Menschenkinder den Weg zurück zum Schloß
+und traten durch das Gittertor in den gepflegten Garten und gingen
+weiter, an den Sandsteingöttern vorbei, vorüber an den Wasserspielen
+und dem mit Seerosen bedeckten Bassin, die laubenartig verwachsenen und
+künstlich verschnittenen Heckengänge entlang, in denen es einsam war
+wie in stillen Grotten, und weiter, bis der Park sie aufnahm mit seinen
+Baumriesen und wundervollen Landschaftsbildern, bis sie den Rhein in
+der Ferne aufblitzen sahen und sein heimatliches Gemurmel hörten.
+
+Es war ein Duften um sie her nach kräftigem Waldboden.
+
+Und sie blieben beide stehen und schlossen die Augen und sogen den Duft
+ein. Den Duft von niederrheinischer Scholle, deren Kinder sie waren.
+
+Als sie die Augen öffneten, hatte die flammende Abendsonne den Park
+mit Glut gefüllt, die Bäume schillerten in goldenen Konturen, und die
+Wipfel waren wie purpurne Baldachine. Das Gras zu ihren Füßen war ein
+persischer Teppich geworden in bunten Farben und phantastischen Mustern.
+
+»Wie — schön — —« stammelte fassungslos das junge Mädchen.
+
+Und der junge Begleiter ergriff ihre Hand, als müßte er ihr zeigen, daß
+sie ritterlichen Schutz genösse in diesem Zaubermärchen.
+
+Als die tiefen Schatten fielen und das Licht auslöschten, behielt er
+die Hand in der seinen, und so gingen sie wie Kinder, die sie waren:
+Hand in Hand.
+
+Es wurde nicht dunkel heute. Ein silbriger Schimmer spielte in dem
+Dämmer und durchdrang es. Der Mond kam herauf. Durch den flüsternden
+Park gingen die Kinder Schulter an Schulter, bis sie in den
+Laubengängen waren, in denen einst die Liebe des Rokoko geseufzt.
+Drüben, im Garten, lächelten die verschwiegenen Sandsteinfiguren,
+die allwissenden Heidengötter, wie ehedem; auf den Teichen träumten
+die Wasserrosen; durch die Hecken glitt ein Singen wie von einer
+Harfensaite, immer derselbe, einzige, sehnende Ton; und der Park dort
+öffnete wie eine Mutter die Arme weit.
+
+Die Kinder spürten ein Zittern in den Händen, an denen sie sich gefaßt
+hielten. Sie blieben stehen. Da lief das Zittern durch ihren Körper.
+
+Und das Mädchen legte den Kopf zurück und blickte mit weitgeöffneten
+ergebungsvollen Augen dem Knabenkopf entgegen, der sich mit bebendem
+Mund über sie beugte und ihre Lippen suchte.
+
+Sie berührten sich wie ein Hauch, staunend blieben sie übereinander
+gebeugt, und in ihre kalten Wangen strömte das junge, warme Leben
+zurück.
+
+Die Hände lösten sich und hingen schlaff herab. Dann hoben sich die
+Arme, scheu und ungelenk, und eines umschlang den Nacken des anderen,
+und die Lippen, halbgeöffnet, neigten sich zueinander und drängten
+sich fest aneinander und kehrten, wenn sie sich lassen wollten, immer
+wieder hastig, durstig zueinander zurück. Keines sprach ein Wort. Aber
+wenn sie innehielten, zählte eines des anderen Herzschläge. Bis die
+Herzschläge durcheinander jubelten.
+
+»Hannes, Hannes, ich habe dich so lieb, daß ich es nicht sagen kann.«
+
+»Ich hab’ dich lieb gehabt, wie ich dich sah, und werde nur dich lieb
+haben,« murmelte das Mädchen, und ihre Finger zitterten auf seinem
+Haar, seinen Augen, seinen Wangen.
+
+»Weshalb warst du immer so böse zu mir?«
+
+»Sprich doch nicht,« flehte sie und hob die feuchten Augen und die
+jungen, verlangenden Lippen.
+
+Da faßte er sie um den biegsamen Leib und preßte sie an sich, daß ihnen
+beiden schwindelte.
+
+»Komm, komm, du sollst dich setzen,« und er führte sie behutsam zu
+einer Bank.
+
+Sie saß auf seinem Schoß, seinen Kopf in beiden Händen, und sah ihm
+ganz nahe in die Augen.
+
+»Du!« stieß sie jäh hervor und bedeckte sein Gesicht mit Küssen.
+
+»Du! Du! Du!« stammelte er. »Wenn du mich vergessen solltest!«
+
+»Hans!« rief sie, und sie lachte und schluchzte durcheinander.
+
+»Weshalb hast du mich immer so gequält? Sag es mir doch, damit ich
+ruhig werde,« bat er.
+
+»Ich kann es nicht. Ich kann es wahrhaftig nicht.«
+
+»Aber ich leide darunter. Ich habe ja nie einen anderen Menschen so
+lieb gehabt.«
+
+»O, du! Und ich? — Und ich werde auch nie einen anderen Menschen lieb
+haben können. Nie! Hörst du? Ich habe nicht und ich werde nicht. Hans,
+Hans!«
+
+»So mußt du es mir auch sagen können. Erst heut nachmittag — o, du
+weißt — da warst du so kalt.«
+
+»Sei nicht böse,« sagte sie beschämt und drückte ihr Gesicht an seine
+Brust.
+
+Und plötzlich, unaufgefordert, begann sie zu sprechen. Ohne ihr Gesicht
+von seiner Brust zu heben.
+
+»Ich war ja so kindisch. Siehst du, als ich dich sah, und immer wieder
+sah, da warst du für mich so vornehm. Und ich wollte nicht, daß du
+vornehmer wärst als ich. Und ich hatte solche Angst, du könntest es
+merken, daß du vornehmer seist als ich und könntest dich über mich
+lustig machen wollen. Deshalb war ich so trotzig. Lieb hatt’ ich dich
+ja längst. Und du mich auch; das merkte ich. Aber ich wollte, daß du
+dich nicht schämen solltest. Ich wollte werden wie du, und ich will es
+auch werden. Ich will es! Du darfst dich nie, nie meiner schämen. Ach,
+du, es kann dich ja keiner so lieb haben wie ich. Auf der ganzen Welt
+nicht! Im ganzen Leben nicht!«
+
+Hans kniete vor sie hin, umschlang ihre Kniee und drückte seinen Kopf
+in ihren Schoß.
+
+»Wie gut das tut,« sagte er aus Herzensgrund. »Wie lieb du bist!«
+
+Er küßte ihr Kleid, und sie schmiegte die Wange auf sein Haar.
+
+»Schwöre mir, daß du mein Weib wirst. Daß du auf mich warten wirst, was
+auch kommt!«
+
+Sie schwur es, mit einem stillen Lächeln in der Stimme.
+
+Und er gab tausend heiße Knabenschwüre zur Antwort.
+
+»Komm, Hans,« sagte sie endlich, »Großmutter wartet. Sie vertraut auf
+mich.«
+
+Da stand er von dem kühlen Boden auf, und sie gingen wieder Hand in
+Hand, wie Kinder gehen. Durch den lauschenden Garten, vorbei an den
+lächelnden Sandsteingöttern.
+
+Sie hatten lange zu suchen, bis sie eine Stelle im Parkzaun fanden,
+durch die sie hindurchschlüpfen konnten. Das Parktor war verschlossen.
+Doch der Spaß des Suchens war größer als die Angst. Und alles Kindische
+kehrte in ihnen zurück. Ausgelassen tollten sie den Weg zum Wirtshaus
+im Grund zurück.
+
+Frau Stahl war im Garten eingenickt. Der Wirtssohn spannte eine
+Kalesche an und fuhr die Gäste nach der Stadt zurück. Die alte Frau
+schlummerte im Fonds, müde von der Last der Arbeit, der Sorge und
+der Jahre. Ihr gegenüber saß das Märchen, das sich Jugend nennt, und
+schaute selig lächelnd in die ewigen Sterne.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Siebentes Kapitel
+
+
+Der Spätherbst setzte mit endlosem Regen ein. Es regnete fort bis
+in den Dezember. Verdrießlich eilten die sonst so lebensfrohen
+Düsseldorfer über die Straßen, verdrießlich über das Wetter und die
+allgemeine schlechte Geschäftslage. Selbst in den Narrensitzungen,
+die wie alljährlich pünktlich mit der elften Abendstunde des elften
+November begonnen hatten, um mit weiser Gründlichkeit den Karneval, den
+»Fastelowend«, für den Monat Februar vorzubereiten, wurde mehr gallige
+Bosheit als blanker Humor gezeitigt. Im Hofgarten war das Herbstlaub
+an den Bäumen verfault. Harte Windstöße rissen es von den Zweigen
+und klatschten es auf den Boden, wo es zu einer breiigen Masse ward.
+Die Schwäne auf den Teichen ruderten zerzaust am Ufer entlang, als
+wären sie in der Mauser. Kein Mensch bekümmerte sich um die sonst so
+verwöhnten Tiere. Über den Rhein, den das aufgewühlte Grundwasser der
+Nebenflüsse lehmiggelb gefärbt hatte, pfiffen die Winde, daß jeder die
+Kaimauer mied. Die Schiffahrt war eingeschränkt. Die Frachtkähne wagten
+sich bei dem rapid wachsenden Pegelstand nicht aus den Heimatshäfen,
+und die paar kleinen Lokalboote fuhren meist ohne Passagiere. Große
+Geschäftskrisen standen vor der Tür, und der unaufhörliche Regen
+machte die Stimmung immer noch grauer.
+
+Hans und Hannes gewahrten von alledem nichts. Die Not der Zeit blieb
+ihnen ein Buch mit sieben Siegeln. Sie wußten nicht anders, als daß
+das goldene Zeitalter hereingebrochen sein müsse. Und wenn sie an
+jeder Straßenecke über das erbärmliche Hundewetter schelten hörten, so
+lachten sie und segneten das Hundewetter. Unter demselben Regenschirm,
+eng aneinandergeschmiegt, unternahmen sie ihre Streifzüge durch
+die entlegenen Viertel der Altstadt oder setzten den Brückenwärter
+in Erstaunen durch stundenlange Promenaden auf der menschenleeren
+Schiffsbrücke.
+
+»Nu säg ehner, wat en Rejen is!« brummte der Alte kopfschüttelnd. »Dene
+hät et dörch et Dach jerejent, da sind se öwerjeschnappt. Knatsch
+jeck.« — — —
+
+Hans und Hannes hörten und sahen nichts, als nur sich selbst. Jedem
+ging im anderen eine neue Welt auf, und sie suchten sie sich zu eigen
+zu machen und aus der Vermischung eine einheitliche mit erweiterten
+Grenzen aufzubauen. Das Mädchen war dem jungen Manne in der schnelleren
+Anpassung weit voran. Als hätte ihre Seele nur darauf gewartet, daß
+einer an die verriegelte Pforte poche und das »Sesam, öffne dich«
+spräche, so breitete ihr Empfinden und ihr Verständnis die Schwingen.
+Mit dem unausgesprochenen Fraueninstinkt fand sie heraus, was in ihrer
+ungebundenen Natur den guterzogenen Freund verwirrte, sie las ihm sein
+ganzes Formentalent ab, das sie bisher als den Ausdruck angeborener
+Vornehmheit angestaunt hatte, und zitterte insgeheim vor Freude, wenn
+sie seinen verwunderten Blick bemerkte. Aber sie sprach nie ein Wort
+über ihre Lerntätigkeit. Sie hatten auch so viel anderes zu besprechen
+...
+
+Regelmäßig trafen sie sich zwischen der sechsten und siebenten
+Abendstunde, wenn Hans das notwendigste Aufgabenpensum der Schule
+erledigt hatte. Die Ecke am Pempelforter-Stall, neben Schloß Jägerhof,
+galt ihnen als Rendezvous, aber meist trafen sie sich, da Hannes als
+erste zur Stelle war, halbwegs der Jakobistraße und bogen sofort in
+den triefenden, aufgeweichten Hofgarten ein. Als Hans im Gummimantel
+erschien, erschien auch Hannes im Gummimantel. Daß sie ihn aus dem
+Erlös ihres Francesca-Gewandes erstanden hatte, verschwieg sie. Der
+elastische Stoff legte sich fest um den schlanken Mädchenleib, hob die
+feinen Formen und gab der Figur etwas über die Jahre hinaus Vollendetes
+und Reifes.
+
+»Wie wunderschön du bist!« sagte Hans. »Wie ein verkleideter Page. Man
+wagt gar nicht, dich anzufassen.«
+
+Dann nahm sie seinen Arm, drückte sich an ihn und versuchte, mit ihren
+zierlichen Füßen seinen Schritt einzuhalten.
+
+Kam ein Tümpel, so hob sie die Röckchen, prüfte erst mit der Spitze des
+Stiefels die Tiefe und schritt hindurch wie eine kleine Bachstelze.
+
+»Du sollst mir nicht so nach den Füßen schauen, Hans,« sagte sie drüben.
+
+»Ach, Hannes, liebster, süßer Hannes, in ein paar Jahren bist du ja
+doch meine Frau.«
+
+»Ich will es aber nicht, Hans. Oder riskierst du das auch bei den
+jungen Damen, die in eurem Hause verkehren?«
+
+Dann ging er verstimmt neben ihr her. Bis die Bäume sich lichteten
+und die Alleestraße sichtbar wurde, und sie sich plötzlich mit einer
+jähen Bewegung an seine Brust warf und sich von ihm herzen, drücken
+und küssen ließ und den Kuckuck danach fragte, ob er das auch bei den
+jungen Damen, die in seinem elterlichen Hause verkehrten, »riskierte«.
+
+»Hans, ach, du, du!«
+
+»Hänschen, Hänschen, weshalb bin ich nicht schon was geworden!« — —
+
+Mit der gleichen, jähen Bewegung machte sie sich los, und mit der
+sicheren Eleganz, als wäre sie die Schwester des so apart erscheinenden
+jungen Menschen, überschritt sie mit ihm die Straße, um durch die
+Altstadt oder an der Kunstakademie vorbei den Weg zum Rhein zu nehmen.
+
+Sie führten keine tiefen Gespräche, die beiden. Und doch war ihnen
+jedesmal, wenn sie sich trennten, als hätten sie die Tiefen der
+Weltweisheit erschöpft, und sie fühlten sich in ihrer Lebensklugheit
+bereichert mehr denn von allen Schuljahren.
+
+Im stürmenden Wetter, unter dem schwankenden Regenschirm dicht
+aneinandergeschmiegt, blieben sie oft mitten auf der Straße stehen
+und horchten, halb selig, halb verängstigt, auf etwas Unerklärliches,
+Beunruhigendes, Wunderbares — —. Und es war nur das Pulsen ihres
+Blutes, das sie in der dichten Berührung verspürten.
+
+ * * * * *
+
+Nun war Frost eingetreten. Es ging auf Weihnachten zu. Manchen
+verregneten Sonntagnachmittag hatte sich Hans von der alten Frau Stahl
+erbettelt, ihn in dem primitiven Wohnzimmer der Pempelforterstraße
+zubringen zu dürfen. Denn an den Sonntagen verließ die Enkelin die
+Großmutter nicht. Über den einzigen freien Tag, den die alte Frau
+besaß, hatte sie auch allein zu verfügen. Seit in dem jungen Mädchen
+das Geheimnis der Frauennatur zur Offenbarung rang und unbewußt nach
+Betätigung drängte, umschloß sie mit verdreifachter Liebe die einzige
+Frau, die, wenn auch alt und greis, ihrem Leben näher stand und ihr das
+gleiche Geschlecht verkörperte. Dann wandelte sich der Liebeshunger in
+eine Liebesverschwendung.
+
+Und in der Greisin stieg es jung und heiß empor.
+
+»Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete, und hätte der Liebe
+nicht, so wäre ich ein tönend Erz und eine klingende Schelle,« murmelte
+sie und reckte sich auf.
+
+Mit Hans saß sie oft und plauderte. Ruhig, ernst, auf ihre Weise. Sie
+ließ ihn Blicke in ihr Leben tun, und ihr Leben, ihr siebzigjähriges,
+spiegelte siebzig Jahre der Menschheit. Alle Kreuz- und Quersprünge der
+Zeit und der Zeitgenossen, das Trotzen, Aufbegehren, Himmelstürmen,
+das Nachgeben, Erkennen, Resignieren, die Inzucht des Egoismus wie
+das Sichfeilhalten des Strebertums, alle Narrheiten und alle Tugenden
+des Menschengeschlechts hatten der alten Frau ein Spiegelbild lassen
+müssen, und sie mischte die Bilder in ihrem Kaleidoskop und hielt
+es dem stumm Aufhorchenden hin und sagte: »In all dem suchte die
+Menschheit das Glück. Schauen Sie nach, ob Sie es sehen.«
+
+Und Hans sah es nicht.
+
+»Ich sehe es in ganz etwas anderem,« sagte er mit seiner warmen
+Knabenstimme.
+
+»Das taten die anderen von Haus aus auch. Aber sie waren zu schwach,
+ihre Meinung vor den Leuten festzuhalten. Links und rechts lockte
+es, akkurat wie das Glück. Und obenein schien es bequemer oder
+ruhmreicher, oder vornehmer und eleganter; und sie brachen von der
+Bahn aus und nahmen Richtwege. Da fanden sie die Bequemlichkeit,
+den Ruhm, die Vornehmheit, die Eleganz. Und das Glück, das dumme,
+kindische, einfältige, und doch über alles, alles, alles triumphierende
+Menschenglück? Ich bin siebzig Jahre. Fragen Sie Leute, die so alt sind
+wie ich, was sie an Orden und Ämtern bieten für das, was sie — als sie
+jung waren — auf der geraden Bahn liegen sahen. Damals, als sie sich
+ihrer Jugendmeinung, ihres Impulses schämten. Wissen Sie auch, was das
+ist: sich schämen? Scham ist Feigheit.«
+
+Über das Wort hatte er lange nachgegrübelt. Er empfand sehr wohl,
+daß es nur bedingungsweise gebraucht worden war und auch nur
+bedingungsweise seine Anwendung finden konnte. Aber gerade deshalb
+wurde es ihm zum Sporn, den Motiven nachzuspüren und sich zu prüfen,
+wenn er drauf und dran war, sich einer Sache, eines Menschen wegen zu
+schämen. Bevor er dem Gefühl der Scham Gewalt über sich ließ, sezierte
+er mit Gedankenschnelle die treibenden Gründe. Waren sie ideeller
+Natur, gaben sie ihm ein Recht, mit sich oder anderen unzufrieden zu
+sein, so schämte er sich für sich und die anderen mehr denn früher.
+Ging ein egoistischer Zug hindurch, vor allem der, der zur grundlosen
+Überhebung und jener eigensüchtigen Art der Verleugnung drängt, aus der
+Petrus nach des verlästerten Nazareners Gefangennahme die Worte sprach:
+»Ich kenne den Menschen nicht,« so versuchte er mit Gewalt Herr über
+sich selbst zu werden und murmelte es nach wie eine Beschwörung: »Scham
+ist Feigheit.«
+
+An einem Dezemberabend war es, als Hans der Gedanke kam, mit Hannes
+gemeinsam das Springesche Atelier aufzusuchen. Es sollte ein Überfall
+in aller Form sein. Er wollte, daß Springe das Mädchen sehen, daß
+er im stande sein sollte, sich ein Urteil zu bilden. Nie hatte er
+mit dem älteren Freunde über seine Neigung mehr gesprochen, als in
+losgelösten Andeutungen, nie einen Namen genannt. Nun aber trieb ihn
+der jugendliche Renommierstolz, ein Zipfelchen des Schleiers, den er
+über den selbstentdeckten Schatz gebreitet hatte, geheimnisvoll zu
+lüften. Er kam sich mit seinen neunzehn Jahren unendlich kavaliermäßig
+vor, als er, das sechzehnjährige Mädchen am Arm, die Treppe des Hauses
+in der Immermannstraße hinaufstieg und die Klingel zur Springeschen
+Wohnung zog.
+
+Der alte Herr öffnete wie gewöhnlich. Er blinzelte überrascht, als er
+das Pärchen erblickte.
+
+»=Parbleu=,« sagte er und machte eine Verbeugung wie aus einem
+graziösen, altmodischen Menuett. »Die verdammten Kalendermacher! Machen
+die Kerle einem weiß, Dezember sei; und vor der Tür steht der Frühling!
+Treten Sie ein, meine schöne, kleine Gnädige.«
+
+Das junge Mädchen, im molligen, schwarzen Krimmerjackett, die Pelzmütze
+auf dem Kopf, trat errötend näher. Die chevalereske Begrüßung hatte
+ihr sensitives Schönheitsgefühl erregt und sofort die Brücken
+geschlagen zwischen ihr und dem jovialen alten Herrn. Als er ihr die
+Hand zum Gruße reichte, machte sie ihm unwillkürlich einen so tiefen,
+ehrerbietigen Knicks, wie er ihr vorher wohl nie in ihr kapriziöses
+Köpfchen gekommen war, und als er, erfreut, ihre derb behandschuhten
+Händchen hob, um ihr wie einer Dame den Zoll des Handkusses zu
+entrichten, kam sie ihm zuvor und berührte mit ihren warmen, jungen
+Lippen seine schönen, weißen Aristokratenhände.
+
+Mit einem Griff nahm er das feine Kind um die Taille.
+
+»Sommervögelchen,« sagte er mit lächelndem Drohen, während sie
+schelmisch seinem Blick stand hielt, »das bitt’ ich mir aber aus.
+Sparen Sie sich das Küssen, bis es für den Mund reicht. Gelt? Das ist
+abgemacht.«
+
+Dann ließ er sie mit einer Verbeugung los und nahm die Hacken zusammen.
+
+»Gestatten Sie, meine allergnädigste Kleine: von Springe. Übrigens der
+Ältere. Aber nur dem Geburtsschein nach.«
+
+Da trat Hans vor und übernahm schnell die Vorstellung seiner Freundin.
+
+»Fräulein Johanna Stahl. — Verzeihen Sie, Herr von Springe, daß ich Sie
+am Abend noch mit einem Besuch überfalle. Aber ich hatte Fräulein Stahl
+so viel von dem Atelier des Herrn Heinrich erzählt — und — und — am
+Tage habe ich wegen der Vorbereitung zum Examen so wenig Zeit — daß —
+daß — —«
+
+»Wie denn nur? Die Freude ist auf unserer Seite. Burg Springe ist
+entzückt. Mein liebes Fräulein, lassen Sie sich von dem korrekten
+jungen Mann da nicht ihre köstliche Natur verderben. Erstens mal ist
+es erst sechs Uhr, und daß im Winter die Sonne früher untergeht als im
+Sommer, ist ihr eigenes Pech. Und zweitens bitte ich überhaupt, Burg
+Springe als Ihr Eigentum zu betrachten. So eine Lehnsherrin habe ich
+mir schon lange gewünscht. Meinen Respekt, schöne Gönnerin.«
+
+»Donnerwetter noch mal!« entfuhr es ihm, als er sie an sich
+vorbeischreiten ließ und sie ihn mit ihren großen Augen kinderfroh
+anlachte. »Bitte, hier einzutreten. Verzeihen Sie eine kurze Weile,
+ich werde sofort Licht machen. Die jüngere Generation von Springe
+verrichtet im Nebenzimmer gerade ihr Abendgebet. Pardon also für wenige
+Minuten. Religiöse Handlungen soll man nicht stören.«
+
+Er ging, um einen Kerzenfaden herbeizuholen, mit dem er die Lichter
+anzünden wollte.
+
+Aus dem Nebenzimmer drangen die Klänge eines meisterhaft gespielten
+Flügels. Sie suchten sich mit sehnsuchtsvoller Friedlosigkeit, in
+durstiger Leidenschaft und tauchten unter in plötzlicher, zärtlicher
+Erinnerung genossener Träume, um dann ihre Stimme aufs neue zu erheben
+und von der großen Liebe zu sagen, die da gleich ist in der Nähe und
+in der Ferne, im Leben und im Sterben. Und die horchenden jungen
+Menschenkinder erschauerten vor der ungeahnten Menschenherrlichkeit.
+Sie waren blaß geworden, blaß in der Erkenntnis der Größe der Liebe,
+und ihre Hände kamen sich scheu entgegen, und als sie sich hielten,
+verkrampften sie sich. Der Mann am Flügel spielte Tristan und Isoldens
+Liebestod.
+
+Und in der Dunkelheit des Zimmers, in dem sie warteten, von demselben
+Gedanken getrieben, hoben sie beide gleichzeitig die Arme und
+umschlangen sich und preßten in Angst und Wonne Mund auf Mund, wie sie
+noch nie einen Kuß geküßt.
+
+Ebenso hastig ließen sie voneinander ab. Die Musik rauschte auf.
+
+»Das ist wie ein Brautbesuch,« flüsterte Hans stockend.
+
+»Wie ein Brautbesuch,« wiederholte das Mädchen und suchte den schweren
+Atem zu bändigen.
+
+Herr Friedrich Leopold von Springe kam mit dem brennenden Kerzenfaden
+und zündete die großen Atelierlampen an. Auch die Kerzen in den
+Bronzeleuchtern mußten heute daran glauben.
+
+»Ein bißchen festlichen Glanz muß Burg Springe doch hergeben,« meinte
+er schmunzelnd. »Ein Turnier kann ich in der Kürze der Zeit leider
+nicht abhalten lassen. Hoffentlich haben Sie sich vorhin im Dunklen
+nicht allzusehr gefürchtet.«
+
+Der alte Herr schob die augenfällige Ergriffenheit der Kinder auf die
+aufwühlende Tristanmusik.
+
+»So,« sagte er lakonisch, als drinnen der Deckel des Flügels klappte,
+»er hat ausgerungen.«
+
+In der Tür stand Heinrich Springe. Er konnte sich in dem Lichtmeer
+nicht gleich zurechtfinden und beschattete einen Augenblick lang die
+Augen mit der Hand. Dann warf er den Kopf zurück, sah fest auf das Bild
+vor sich und ging mit ausgestreckten Händen auf seinen Besuch zu.
+
+»Meine Freundin, Fräulein Johanna Stahl, würde sich so sehr freuen,
+wenn sie Ihr Atelier sehen dürfte ...«
+
+»Herzlich willkommen. Das ist ja beinahe wie eine Weihnachtsbescherung.
+Gelt, Papa?«
+
+»Wahrhaftig, mein Sohn, ich werde unsere Tanne um drei Tage zu früh
+anzünden. Man soll die Tage nicht nach dem Datum, sondern nach dem
+Inhalt feiern.«
+
+Und der alte Herr verschwand händereibend im Nebenzimmer, in dem der
+Flügel stand.
+
+Heinrich Springe hielt die Hände des jungen Mädchens. Wie entzückend
+die Kleine war, wie biegsam und weich, und doch wie stark und
+selbstsicher an der Seite ihres jungen Freundes! Es ging ein Duft von
+ihr aus, so frisch wie von einer Waldblume. Glückliche Jugend, dachte
+er, wer die Zukunft so sähe wie ihr!
+
+»Darf ich Ihnen aus dem Jackett heraushelfen?« fragte er. »Es wird
+Ihnen zu warm werden, und ein Stündchen müssen Sie nun schon bei uns
+alten Junggesellen aushalten. Ergeben Sie sich nur gleich auf Gnade und
+Ungnade.«
+
+»Ja, ja, mein Sohn,« fuhr er fort und schob Hans scherzend beiseite,
+»das hättest du wissen sollen, als du dich in dies Nest wagtest. Die
+alten Springes von ehedem waren arge Raubritter und Schnapphähne,
+und die jungen kitzelt zuweilen auch noch das Blut. Jetzt erfind nur
+schnell ein Lösegeld. Das Fräulein aber zahlt für ~sich~.«
+
+»Und wenn ich mich sträube?« lachte das Mädchen und reckte sich in
+ihrem blauen mit weißen Litzen besetzten Tuchkleidchen nachdrücklich
+auf.
+
+»So stehle ich Ihnen Ihr Konterfei und laß es zu Weihnachten an böse
+Kinder verteilen mit der Unterschrift: ›Die unartige Johanna‹.«
+
+»Da muß ich mir doch erst Ihre Malkunst ansehen,« meinte sie
+würdevoll, »damit ich mir klar werde, was vorzuziehen ist.«
+
+»Gestatten Sie, daß ich Ihnen den Arm reiche, meine Gnädigste?«
+
+»Sie sind sehr aufmerksam.«
+
+Hans war sprachlos. War das sein wilder, scheuer Hannes aus der
+Zweizimmerwohnung der Pempelforterstraße? War das dasselbe Mädchen,
+das noch vor wenigen Monaten nichts vom gesellschaftlichen Ton gewußt
+und sich feindselig gegen alles, was aus den ihr fremden Kreisen kam,
+gesträubt hatte? Wer hatte das in sie hineingelegt? Der gute Junge
+ahnte ja nicht, daß er es selber gewesen war. Er wußte ja so gar nichts
+von der geheimnisvollen Kraft der Frauennatur, die, wo sie liebt,
+spielend bewältigt, wozu sonst Jahre der Erziehung oft nicht ausreichen
+wollen. Hannes aber war nur von einem Gedanken beherrscht: ihrem
+Freunde keine Unehre zu machen, tapfer die erste gesellschaftliche
+Probe zu bestehen, zu zeigen, daß sie es wert war, aus der dunklen Ecke
+herausgeholt zu werden, und daß sie das Licht jetzt nicht mehr scheute.
+Es wurden Kräfte in ihr frei, vor denen sie sonst gezagt hätte, aber
+ein urplötzlich erwachter starker Wille spornte sie an, sich ihrer zu
+bedienen, damit der Freund jede ängstliche Besorgnis verliere, sich
+ihrer an anderer Stelle einmal schämen zu müssen, damit sich sein
+Vertrauen wie sein Stolz aus seinen kleinen, namenlosen Schatz stärke.
+
+Sie lächelte ihm zu, als sie an des Malers Arm von Staffelei zu
+Staffelei wanderte. Halb Kinderlächeln war es, und halb süße, frauliche
+Überlegenheit.
+
+Heinrich von Springe war nicht weniger überrascht als Hans Steinherr.
+Er hatte nach den wenigen Andeutungen seines jungen Freundes geglaubt,
+es handle sich um eine der unausbleiblichen Kinderliebeleien mit einem
+der kleinen, nicht gar zu prüden rheinischen Mädel. Und nun fand
+er ein Geschöpf, das zwar die ganze Rasse und die ganze Anmut der
+Rheinlandstöchter in sich verkörperte, dem aber eine Tiefe innewohnte,
+vor deren ernstem Grundspiegel er fast erschrak. Mit seinem geschärften
+Künstlerauge sah er in diesem Spiegel, welche Flut von Gefühlen die
+Tiefe bewegte, wie sich diese Mädchenseele ängstete und wie sie sich
+trotzig mühte, wie sie selig erzitterte und wie sie tapfer kämpfte. Und
+er sah, wie auf dem Grunde sich schon die Wandlung vom Kinde zum Weibe
+vollzogen hatte und ein grenzenloses Vertrauen rührend klar bis zur
+Oberfläche stieg. Jede Antwort, die sie ihm gab, jede freie Äußerung,
+die von einem feinen weiblichen Empfinden für Kunst und Schönheit
+Zeugnis ablegte, bestärkte seine schnelle Zuneigung zu dem seltsamen
+Mädchen, dessen zierliche Schönheit sein Entzücken herausforderte und
+dessen ungehobener innerlicher Reichtum sein Mitgefühl entzündete.
+Würde Hans Steinherr der Mann sein oder doch der Mann werden, den
+Schatz zu heben, ohne die Form zu zerstören? Die Form zu erkennen,
+ohne den Schatz verkümmern zu lassen? Was wußte der junge, unerfahrene
+Mensch von dem Wert des Geschenkes, das er wie ein blindtappendes
+Sonntagskind am Wege gefunden hatte! Noch hatte er keinerlei ernste
+Probe im Leben zu bestehen gehabt.
+
+Heinrich von Springe streifte den jungen Mann zum ersten Male mit einem
+sorgenvolleren Blick.
+
+»Kinder,« sagte er dann, »wie schön, daß ihr gekommen seid!«
+
+»Sie sind also nicht böse?« schmeichelte Hans. »Eigentlich gehörte es
+sich ja nicht, Sie zu überfallen.«
+
+»Mein Fräulein,« wandte sich der Maler an die Kleine, die, ganz Kind
+wieder, bei Hans’ Worten beschämt die Augen gesenkt hatte, »gewöhnen
+Sie diesem jungen Herrn doch die Salonsprache ab, wenn er sich unter
+Freunden befindet. Von Ihnen nehme ich als ganz gewiß an, daß Sie sich
+ebenso freuen wie ich. Stimmt’s?«
+
+»Ja,« sagte sie ehrlich, und es wurde ihr so frei zu Sinn, daß sie klar
+und ruhig die Augen zu ihm erhob.
+
+»Sie müssen mich nicht schelten, Herr Heinrich,« bettelte Hans. »Ich
+konnte doch nicht wissen, wie Sie meine Eigenmächtigkeit aufnehmen
+würden.«
+
+»Auch nicht fühlen?« meinte der Maler und strich ihm über das Haar.
+»Bin ich dein Freund, he? Und bin ich ein blutwarmer Mensch oder ein
+verknöchertes Monstrum, das sich selbst zum Sterben mit Albertis
+Anstandsbuch in den Händen niederlegt? Kleiner Dummkopf du!«
+
+»Ha,« entfuhr es Hannes, »das war famos!«
+
+»Freut mich, mein Fräulein, daß ich mich zum Dolmetscher Ihrer
+Empfindungen machen durfte.«
+
+Er ergriff mit übertriebenem Zeremoniell ihre Hand und führte sie
+an die Lippen, und Hans, glückselig, ergriff ihre andere Hand und
+führte sie ebenso an die Lippen, und das Mädchen stand zwischen ihnen,
+errötend und doch ihrer Freude nicht Herr; wie ein Weihnachtsengel, der
+seine Flügel ausspannt.
+
+»Was ist denn das?« fragte Heinrich Springe und hob den Kopf.
+
+Alle drei horchten sie auf. Aber ihre Stellung behielten sie inne.
+
+Drinnen im Nebenzimmer suchte jemand auf dem Flügel eine Melodie. Jetzt
+hatte er sie, wenn auch etwas klapperig, weil er sie nur mit einem
+Finger zu spielen verstand.
+
+ »Ihr Kinderlein, kommet,
+ O kommet doch all — — —«
+
+Die Musik wurde von einer brüchigen, aber sehr gefühlvollen Stimme
+begleitet.
+
+»Die Kinderlein sind wir,« flüsterte der Maler. »Weiß Gott, Herr
+Friedrich Leopold hat Ernst gemacht und das Geburtstagsfest des Herrn
+Jesus um drei Tage vordatiert!«
+
+»Ihr Kinderlein, ~kommet~!« mahnte die Singstimme des alten Herrn
+dringend von neuem, denn seine musikalischen Kenntnisse waren mit den
+beiden Verszeilen erschöpft.
+
+»Also kommen wir,« entschied der Maler. »Man kann Weihnachten nie
+ausgiebig genug feiern.«
+
+Noch immer hielten sie das Mädchen links und rechts bei den Händen,
+und so führten sie es hinein, just, als würde das stimmungsvolle
+Kindheitsfest nur für das fremde Mädchen gefeiert.
+
+Auf dem Tisch strahlte eine kaum drei Schuh hohe, sattgrüne Tanne in
+buntem Kerzengeflimmer. Eine Schale, hochaufgetürmt mit Früchten aller
+Art, war neben einer bauchigen Champagnerflasche und langgestielten
+Kelchen aufgebaut. Durch das Zimmer zog der harzige Duft des Waldes.
+
+Herr Friedrich Leopold saß am Flügel. Er hatte nun schon dreimal
+seinen Vers gesungen, und als er jetzt den reizenden Weihnachtsengel
+hereinschweben sah, überkam ihn eine andere poetische Erinnerung aus
+der Kinderzeit. Da der Finger auf den Tasten streikte, so klatschte er
+kurz entschlossen den musikalischen Rhythmus mit den Händen und sang
+dazu begeistert und aus Leibeskräften:
+
+ »Christkindchen, komm in unser Haus,
+ Pack die große Tasche aus — —«
+
+»Donnerwetter,« unterbrach er sich bestürzt und sprang eilig auf die
+Beine. »Das war natürlich nur ein Versehen, meine Allergnädigste, ein
+bloßes Vergreifen in meinem Liederschatz. Sie werden mir im Ernst
+nicht die bodenlose Unhöflichkeit zutrauen, von meinem lieben Gast das
+Mitbringen und Auspacken einer großen Tasche zu ergieren. Was singen
+wir nun?«
+
+Heinrich Springe setzte sich auf den Klavierstuhl, sann einen
+Augenblick nach, und bald begann der Flügel unter seinen Händen zu
+jauchzen und zu jubeln. Der Maler sah Hannes an, die neben ihm stand.
+»Kennen Sie das?« fragte er, ohne sich im Spiel zu unterbrechen.
+
+»Aus den Weihnachtsliedern von Peter Cornelius.«
+
+»Ah — — das überrascht mich. — — Die Lieder sind nicht sehr bekannt.«
+
+»Die Musiklehrerin, von der Schule her, hat sie mich gelehrt. Ich
+durfte zuweilen zu ihr kommen.«
+
+»Bitte, singen Sie,« und er begann von neuem.
+
+Ihr Blick fuhr blitzschnell von einem zum anderen; hilfesuchend,
+verwirrt. Ihr Herz begann in rasendem Tempo zu schlagen. Der Maler
+wartete, die Hände auf den Tasten; der alte Herr und Hans standen
+gespannt neben der Tanne. Da hob sie sich in den Schultern und trat,
+die Stirn zusammengezogen, dicht an das Instrument heran.
+
+ »Wie schön geschmückt der festliche Raum.
+ Die Lichter funkeln am Weihnachtsbaum.
+ O fröhliche Zeit! O seliger Traum!«
+
+Der Maler wandte während des Spiels den Kopf und nickte ihr zu:
+»Bravo!« Das half ihr über die Angst. Und sie sang so frisch und
+unbekümmert das Lied zu Ende, als wüßte sie von keinem Zuhörer.
+
+Heinrich Springe reichte ihr die Hand.
+
+»Sie haben ein schönes Organ,« sagte er, »und was mehr ist, Sie haben
+Seele. Wir müssen mehr miteinander musizieren. Topp, schlagen Sie ein!«
+
+»Sie spielen wundervoll,« stammelte sie und suchte mit den Augen den
+Geliebten.
+
+Den aber hatte Herr Friedrich Leopold bei den Rockaufschlägen genommen,
+ihn wach zu rütteln.
+
+»Sie sind an der Reihe, mein Sohn! Es geht ein Rundgesang an unserem
+Tisch herumvidiwum!«
+
+»Ich lebe seit Jahren im Stimmbruch, Herr von Springe.«
+
+»Sie brauchen auch gar nicht zu singen; lassen Sie Ihre Muse singen;
+die ist doch so Gott will über den Stimmbruch erhaben. Sie Drückeberger
+sind der einzige, der heute abend nichts geleistet hat.«
+
+»Ich habe Ihnen Fräulein Stahl gebracht,« sagte Hans mit einer
+Verbeugung.
+
+»Wahrhaftig,« beeilte sich der alte Herr und erwiderte die Verbeugung
+tief. »Ich werde beim Papst darum einkommen, daß man Sie für diese Tat
+heilig spricht.«
+
+Darauf ließ er mit einem Knall den Sektpfropfen an die Decke springen.
+
+»Noch nicht, Vater,« bat der Maler. »Horcht! Das paßt in die Stimmung.«
+
+Vom nahen Klösterchen in der Oststraße klangen die Glocken zu einer
+weihnachtlichen Messe.
+
+»Hast du wirklich kein neues Gedicht verfaßt, Hans?« fragte der Maler.
+»Wir bilden doch eine Familie.«
+
+»Hans dichtet?« rief Hannes überrascht. »Ach — ich meinte — Herrn
+Steinherr.«
+
+»Herrn Steinherr?« versetzte der alte Herr trocken. »Hier gibt es nur
+einen Hans; und der dichtet in der Tat.«
+
+»Ein Weihnachtsliedchen,« sagte Hans mit leiser Stimme, und es trat
+feierliche Stille ein.
+
+ »Komm, komm — — — — —!
+ Die Weihnachtsglocken läuten. — —
+ Du sollst das Lied mir deuten,
+ Ganz leis, ganz fromm.
+ Dort auf dem Tannenmoos,
+ Von Zweigen überhangen,
+ Laß, Liebste, dich umfangen
+ Auf meinem Schoß.
+
+ Still, still — — —!
+ Was können Worte sagen?
+ Ich spür’s an seinem Schlagen:
+ Dein Herz, es will —
+
+ Will aus dem Glockenklang
+ Mir eine Mär’ verkünden,
+ Die ich nicht konnt’ ergründen
+ Ein Leben lang.
+
+ Du! Du! — — —
+ O, laß mich weiter hören!
+ Mit keinem Hauche stören
+ Will ich die Ruh’.
+ Weich nicht verwirrt zurück —
+ Ein Lachen und ein Singen
+ Will dich und mich bezwingen
+ Von innrem Glück.
+
+ Bald, bald — — —!
+ Und wieder brennen Kerzen,
+ Und Glockenruf im Herzen
+ Uns widerhallt.
+ Was heiß in uns gegärt,
+ Die Wünsche, die wir spannen
+ Zu Weihnacht unter Tannen
+ — Gewährt, gewährt!
+
+ Dann, dann — — — — —!
+ O jetzt noch schweigen müssen!
+ Sprich’s aus in tausend Küssen,
+ Was ich gewann. — —
+ Horch, in den Lüften blieb
+ Der Weihnachtsglocken Klingen,
+ Und unsre Seelen singen:
+ Ich hab’ dich lieb. — — —«
+
+Er blieb unter der Tanne stehen und blickte, weltvergessen, sein
+Mädchen an, dem die Kniee zitterten. Sie hätte sich ihm an den Hals
+geworfen, trotz des fremden Ortes, trotz der fremden Menschen, wenn sie
+vermocht hätte, sich von der Stelle zu rühren. Ihr ganzes Wesen war in
+Aufruhr.
+
+Heinrich Springe schenkte die Gläser voll und wortlos reichte er sie
+herum. Dann trat er auf Hans zu und legte ihm den Arm um die Schulter.
+
+»Das soll das Wort sein, das diesem Tag die Weihe gibt: ›Ich hab’ dich
+lieb.‹ Komm, nenne mich du.« —
+
+Noch ein halbes Stündchen blieben sie beisammen. Dann ging der Maler an
+den Flügel.
+
+»Noch ein Abschiedslied,« sagte er und intonierte die Melodie. »Kennen
+Sie es wiederum, Fräulein Johanna?«
+
+»Aus den Brautliedern von Cornelius,« erwiderte sie leise und setzte
+ein.
+
+ »Nun, Liebster, geh und scheide — — —
+ Morgen ist auch noch ein Tag. — Morgen, morgen, morgen ...«
+
+Und das »morgen« klang liebeschwer, sehnsuchtsvoll und wunderbar
+trostreich. — —
+
+»Mein Dichter,« flüsterte sie erregt, als sie durch den Winterabend
+heimschritten, »du wirst so groß, so berühmt werden ...«
+
+»Ich habe ja alles von dir!« rief er leidenschaftlich und preßte ihren
+Arm. »Ich dürfte dich nie verlieren.«
+
+Da stieg ein seltsam neues Gefühl in ihrer jungen Brust auf. Das
+zärtliche Muttergefühl des Weibes für den Geliebten. —
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Achtes Kapitel
+
+
+Die Abiturienten des Düsseldorfer Gymnasiums standen im Examen, während
+sich die Stadt zum Empfang des Prinzen Karneval rüstete.
+
+Hans Steinherr stürmte aus dem Schultore heraus auf die Alleestraße.
+Ohne sich zu besinnen, eilte er quer über die Straße nach der
+Droschkenhaltestelle am Alleeplätzchen.
+
+»Grafenbergerchaussee,« rief er dem Kutscher zu. »So schnell Sie
+können.«
+
+Er rasselte am Gymnasium vorüber und warf einen triumphierenden
+Blick auf den nüchternen, grauen Kasten. Dann lehnte er sich wie ein
+Grandseigneur in die Polster zurück und musterte stolz die Passanten
+der Schadowstraße. Der Wagen fuhr dicht am Trottoir vorbei.
+
+»Halt!« rief Hans plötzlich und war mit einem Sprunge aus der Droschke
+heraus. Er hatte Hannes gesehen.
+
+»Bestanden!« jubelte er ihr zu. »Vom Mündlichen dispensiert! Als
+einziger!«
+
+Sie konnte nicht sprechen. Sie faßte scheu nach seiner Hand und
+umklammerte sie. Das Gefühl seiner Bedeutung wuchs bei ihr ins
+Abenteuerliche.
+
+»Nun? Keinen Glückwunsch?« lachte er obenhin. Seine Gedanken waren
+noch bei der Zensurenverkündigung.
+
+»Doch, doch,« stammelte das Mädchen und hielt noch immer die Hand
+umklammert.
+
+»Ich habe Eile,« belehrte er sie. »Meine Eltern warten. Wenn ich eben
+kann, bin ich heute abend bei euch.«
+
+Sie sah ihm nach, wie er mit einer wichtigen Miene, die sie nie an ihm
+gekannt hatte, im Wagen davonrollte. Als sie weiter ging, traf sie auf
+Willibald Hüsgen.
+
+»He, Hannes, weißt du schon? Der Kerl, der Steinherr, hat mal wieder
+Dusel entwickelt. Ach so« — unterbrach er sich mit einem hämischen Ton
+— »seitdem wir so feinen Umgang haben, wollen wir wohl Fräulein und Sie
+genannt werden. =O, excusez!= Soll prompt geschehen.«
+
+»Wie steht es mit ~Ihrem~ Examen?« fragte Hannes freundlich.
+
+»Gott, der Blödsinn! Wird gemacht. Das ist doch sonnenklar. Alles
+auf natürlichem Wege, ohne gegenseitige Aufregung. Der Streber, der
+Steinherr, nee, wie sich der Mensch hatte! Wie ’ne Petroleumlampe mit
+Explosionsgefahr. Ich hab’ Tag für Tag nicht einen Schoppen weniger
+getrunken. Weshalb auch? Als das Schriftliche vorüber war, hört’ ich
+den Direx zum Schulrat sagen: ›Er will nur Maler werden.‹ — So’n Esel!
+Als ob man im Vollbesitz der griechischen Grammatik auch nur ’nen ollen
+griechischen Gipskopp zeichnen könnte!«
+
+Sie nickte, ohne weiter hinzuhören, ihm zu und wollte an ihm vorüber.
+
+»Hören Sie mal, Hannes, was ich noch sagen wollte.« Er vertrat ihr
+den Weg. »Nun werden Sie doch wieder vernünftig werden, wie? Die
+Fisimatenten mit dem Bengel, dem Steinherr, die sind doch nun ex? Der
+wird jetzt irgend ein feines Korpsstudentchen und fragt den Deubel nach
+Ihnen. Bei uns aber, im Gaudeamus, da wird’s jetzt fidel, wenn ich erst
+von der Penne los bin. Lassen Sie mich nur in acht Tagen statt des
+Abiturientenkittels die Sammetjacke anhaben. Ich glaub’, ich könnt’ Sie
+gut brauchen.«
+
+Sie sah ihn eine Sekunde lang starr an, drehte ihm schweigend den
+Rücken zu und ging den Weg zurück, den sie gekommen war. Mit offenem
+Munde staunte ihr Hüsgen nach.
+
+»Na wart, du!« knurrte er und schaute sich um, ob keiner sein Fiasko
+bemerkt hätte, »dir werd’ ich deinen dämlichen Hochmut anstreichen. Hat
+sich was mit deinem Getue. Alberne Gans!«
+
+Und er wippte, den Gang des Mädchens nachahmend, hinter ihr her und
+verschwand in der väterlichen Wirtschaft.
+
+Hans Steinherr war, zu Hause angelangt, sofort in das Eßzimmer
+gestürmt. Herr Philipp Steinherr befand sich bereits daheim. Er sah
+darauf, daß pünktlich um halb eins zu Mittag gespeist wurde. Grämlich
+saß er bei Tisch und las in einer englischen Zeitung.
+
+»Nun?« begrüßte er den Sohn. »Du bist ja ausnahmsweise von einer
+unheimlichen Pünktlichkeit. Bitte, Margot, klingle, damit sofort
+serviert wird. Die Fabrik wartet auf mich.«
+
+»Bestanden, Papa! Ich habe das Examen bestanden!«
+
+»Das ist doch wohl selbstverständlich. Zu dem Zweck geht man nämlich
+auf die Schule.«
+
+»Aber glänzend bestanden, Papa, summa cum laude, und vom Mündlichen
+dispensiert!«
+
+»Sieh mal an, unser junger Mann!« Die steinernen Züge Philipp
+Steinherrs hellten sich ein wenig auf. »So ist’s recht. Ahm deinem
+Vater nach. Immer aufs Ganze, und dem kleinen Gelichter den Daumen aufs
+Auge, so nur kommt man hoch. Man soll die Steinherrs noch einmal adeln
+— wenn wir wollen.«
+
+»Mama,« begann Hans aufs neue, »ich weiß nicht, ob du zugehört hast,
+ich bin Student!«
+
+Frau Margot winkte ihn herbei und reichte ihm die Hand.
+
+»Das ist ja schrecklich,« versuchte sie zu scherzen. »Ein so großer
+Sohn, ein erwachsener Student, das kompromittiert mich ja geradezu.
+Nimmst du denn gar keine Rücksicht auf deine junge Mama?«
+
+»Margot,« unterbrach Philipp Steinherr verstimmt, »ich hatte doch schon
+vor geraumer Zeit gebeten, daß serviert würde. Vielleicht hast du jetzt
+die Güte, das Zeichen zu geben.«
+
+Das Mahl wurde, wie immer, einsilbig verzehrt. Herr Philipp Steinherr
+hatte die kleinbürgerliche Sitte, die in den Stunden der Mahlzeit
+nicht eine freundliche Erholung, sondern nur eine notwendige hastige
+Stoffzufuhr sieht, aus jenen Tagen beibehalten, da er selbst noch
+zu den kleinen Leuten zählte. Sie saß wie ein Flicken auf einem
+Gesellschaftsrock, und Frau Margot sah mit kühler Überlegenheit darüber
+hinweg.
+
+Hans war es von Kind an nicht anders gewöhnt. Und doch hatte er
+im stillen gehofft, daß heute, an seinem Ehrentage, die Tischregel
+durchbrochen werden würde. Er hatte das Herz so übervoll, und er
+empfand eine leise Enttäuschung, daß keiner es gewahren wollte, daß man
+ihn nicht zum Schwatzen und Lachen animierte, daß alles blieb wie an
+Werkeltagen.
+
+Beim Dessert übergab der Diener dem Hausherrn einen Brief. Philipp
+Steinherr las ihn, sah scharf zu seinem Sohn hinüber und steckte das
+Papier in die Tasche. Dann schälte er seine Orange weiter, aß die
+Frucht bis auf die Kerne und erhob sich.
+
+»Mahlzeit,« sagte er zu seiner Frau, und sie neigte leicht den Kopf.
+
+Als er schon in der Tür stand, wandte er sich noch einmal um.
+
+»Du kannst nachher mal auf mein Zimmer kommen, Hans. Ich möchte einiges
+mit dir besprechen.«
+
+Wenige Minuten später stand Hans im Arbeitszimmer seines Vaters.
+
+Philipp Steinherr saß, das Fenster im Rücken, in einem Lehnstuhl. Sein
+Gesicht war beschattet, aber die Augen durchforschten scharf den vor
+ihm Stehenden. Eine Weile blieb es still zwischen Vater und Sohn. Dann
+sagte der Großfabrikant und deutete lässig auf einen Stuhl: »Du kannst
+dich setzen.«
+
+Hans nahm Platz. Er wartete respektvoll, was der Vater ihm zu sagen
+haben würde.
+
+Noch einmal musterten die scharfen Augen den Sohn. Aber die Stimme
+klang ruhig und geschäftsmäßig.
+
+»Du wirst also zu Ostern zur Universität abgehen. Selbstverständlich
+wählst du das Studium der Jurisprudenz. Ein Großindustrieller muß
+heute so gut Jurist sein, wie der Leiter einer großen Bank.«
+
+»Papa,« warf der junge Mann kleinlaut ein, »Jurist —?«
+
+»Ja, Jurist. An etwas anderes hattest du doch wohl nicht gedacht?«
+
+»Doch, Papa; ich will dir die Wahrheit gestehen. Die Juristerei hat nie
+etwas Anziehendes für mich gehabt.«
+
+»Du sollst sie auch nicht zum Vergnügen erlernen, sondern für das
+Geschäft.«
+
+»Ach, Papa, fürs Geschäft bist du doch da. Mich brauchst du doch
+wahrhaftig nicht.«
+
+»Und wenn ich ~nicht~ mehr da bin? Daran hast du wohl gar nicht
+gedacht?«
+
+»Nein, Papa, daran will ich auch nicht denken.«
+
+»Das macht deiner Pietät Ehre, nicht aber deinem praktischen Verstand.
+Laß dir sagen, mein Junge, daß man bei der wirtschaftlichen Stellung,
+die wir im Staate einnehmen, nicht mit Gefühlen rechnet, sondern mit
+der stahlharten Erkenntnis der Pflichten. Umso besser wirst du alsdann
+die Pietät pflegen können, wie ich sie verstehe.«
+
+»Welche Pflichten meinst du, Papa? Wenn ich mich bestrebe, ein
+nützliches Mitglied der Gesellschaft zu werden —«
+
+»Nützliches Mitglied der Gesellschaft! Was sind das wieder für
+jugendtörichte Phrasen. Die Gesellschaft soll ~uns~ ein nützliches
+Mitglied werden. Verstehst du den kleinen Unterschied? ~Wir~ sind
+in erster Linie die Erhalter und Ernährer des Staates, wir, die
+größte Steuerkraft des Landes. Wir sind die Ernährer und damit
+auch die Bändiger der Arbeitermassen, wir, die Großindustrie. ~Wir~
+halten das Zünglein an der Wage. Und dafür gebührt es sich, daß man
+uns Äquivalente zahlt. Freiwillig geschieht das nicht. Das ist ein
+beständiges Markten und Feilschen, und es kommt darauf an, wer die
+hellsten und härtesten Köpfe hat, den Profit zu erzwingen.«
+
+»Den Profit? Ich denke, du sprichst von Idealen?«
+
+»Ideale? Im Volksleben? Im Wirtschaftskampf? Ach, du armer
+Schwarmgeist, es ist Zeit, daß deine Kathederweisheit unter den
+Schmiedehammer kommt. Ideale! Das ist auch so ein Ding, das noch
+niemand je mit Augen gesehen hat, so wenig wie den lieben Gott. Ein
+jeder macht sich ein Bild davon, aber just immer ein Bild, wie es ihm
+in seinen Kram paßt. In diesem Sinne lass’ ich die Ideale gelten. Als
+gesunde Selbstsucht nämlich. Das stellt zwar deine Begriffe von der
+Sache auf den Kopf.«
+
+»Wie kannst du nur so sprechen, Papa!«
+
+»Ich spreche in vollem Ernst. Und weil ich mich bemühe, dich als einen
+nunmehr erwachsenen Menschen anzusehen, laß ich die Ammenmärchen, die
+für das Proletariat gut sind, beiseite und spreche zu dir als Mann zum
+Mann. Ich spreche zu meinem dereinstigen Nachfolger. Und ich wünsche,
+daß du mich gut verstehst; zu deinem Besten. Es handelt sich für uns
+nicht darum, das Gros der lieben Mitmenschen auf ein höheres Niveau zu
+heben, sondern es handelt sich darum, unablässig unsere Position zu
+erweitern und zu stärken. Die Wohlfahrtsapostel, auch die aus unseren
+Gesellschaftskreisen sind wirre Köpfe, überspannte Flagellanten, die
+sich selbst eine Geißel binden, um sich einen Erlösergeruch zu geben.
+Ach du lieber Gott, diese Art Erlösergedanke wird Wahrheit werden, wenn
+es — keine Menschen mehr geben wird. Solang es aber noch zwei Menschen
+gibt, wird der eine Hammer und der andere Amboß sein. Ich glaube, da
+fällt dir die Wahl nicht schwer.«
+
+»Und das Edle im Menschen, Papa? Daran müssen wir doch auch glauben?«
+
+»An das Edle? Warum denn nicht! Aber das bleibt doch ein ganz
+persönlicher Luxusgegenstand. Wohl dem, der sich alle Tage ein Pöstchen
+darin leisten kann, ohne in den realeren Dingen des Lebens in Konkurs
+zu geraten. Die realeren Dinge gehen nämlich vor, oder du wirst mit
+deinem schönsten Edelsinn von dem Volk da, dem du ihn widmen willst,
+zertrampelt. Füll den Leuten den Magen; das übrige laß ihre Sorge sein.«
+
+»Papa, ich glaube nicht, daß ich mich zu dieser Anschauung durchringen
+kann.«
+
+»Mein lieber Junge, so reden alle Kronprinzen. Wenn du erst die Macht
+in die Hände bekommst, wirst du nichts Eiligeres zu tun haben, als
+dich zum Regime deines Vorgängers zu bekennen. Dann liegt der Knüppel
+plötzlich beim Hunde. Das ist mehr als berechtigte Notwehr, das ist
+der Selbsterhaltungstrieb, der die Wurzeln eines jeden geordneten
+Staatswesens bildet.«
+
+»Du magst gewiß recht haben, Papa, aber alles, was mit hoher Politik
+zusammenhängt, liegt mir so fern.«
+
+»Ach was,« entgegnete Philipp Steinherr und bewegte ärgerlich die
+Hand. »Hohe Politik! Für uns ist ~das~ hohe Politik, was uns am
+nächsten steht. Und das ist bei allen anderen, wie sie sich auch
+nennen, haarscharf ebenso. Klammere dich um Gottes willen nicht an die
+großen Worte! Die Politik ist immer der Egoismus der einzelnen, die
+sich aus Interessengemeinschaft zu einer Vielheit zusammengetan haben.
+Merk dir das Wort ›Interesse‹. Es allein bewegt die Welt.«
+
+Hans sah still und gedrückt vor sich nieder.
+
+»Papa,« sagte er endlich und wagte ein kleines Lächeln, »du hast ja
+deine Interessen so gut wahrgenommen, daß du dir nun auch einmal einen
+Luxus gestatten könntest.«
+
+»Und der wäre?«
+
+»Laß deinen Sohn werden, was er möchte. Ich habe doch so gar keine
+Neigung zur Fabrik. Sieh, Papa,« fuhr er hastig fort, als er an seinem
+Gegenüber ein schnelles Auffahren bemerkte, »wir sind doch reich.
+Und der Zweck des Reichtums ist doch, daß er uns in den Stand setzt,
+unserem Leben unbehindert von materiellen Sorgen ein Ziel zu geben,
+uns darin auszuleben. Ich möchte es, Papa. Ich will ja arbeiten wie
+du, aber auf meine Weise. Es kommt doch nicht darauf an, nur Geld
+aufzuhäufen, viel, viel mehr, als man je gebrauchen kann. Auf die
+innere Befriedigung kommt es doch an.«
+
+»Und wie hattest du dir das mit der Fabrik gedacht, wenn ich mal nicht
+mehr bin?« fragte Philipp Steinherr kalt. »Denn jetzt wirst du dir doch
+etwas gedacht haben?«
+
+»Die Fabrik — —? O, die würde doch ein anderer übernehmen und sicher
+besser leiten als ich.«
+
+»O, die würde!« spottete Philipp Steinherr ihm nach. »Das denkst du dir
+so ganz einfach. Da kommt einfach ein Wildfremder und setzt sich in das
+weiche Bett, das ich, Philipp Steinherr, mit Daransetzung eines ganzen
+Lebens, unter Hergabe aller Kräfte, unter tausend Sorgen und Mühen
+zurechtgemacht habe. Nein, mein Junge, so haben wir nun doch nicht
+gewettet. Die Werke da draußen, ~ich~ hab’ sie gegründet, ~ich~ hab’
+sie aus dem Nichts geschaffen und jeden Skrupel zurückgedrängt, wenn
+es hieß: vorwärts! Ja, glaubst du denn, das hätt’ ich lediglich zum
+Pläsier meines Herrn Sohnes getan? Nur damit der junge Herr in der Lage
+wäre, sich seine Tage so amüsant wie möglich zu gestalten? An dich,
+mein Junge, habe ich überhaupt nicht gedacht. Ich habe nur an den Namen
+Steinherr gedacht, den ich vom Aushängeschild einer Schmiede an die
+Tore eines der größten Werke angeschlagen habe. Und da soll er stehen
+bleiben, solange es einen Steinherr gibt. An dem Namen soll niemand
+mehr rütteln und jeder sich beim Lesen an mich erinnern! Das war ~mein~
+Lebensideal, wenn du absolut von Idealen hören willst.«
+
+Er hatte sich erhoben und pochte mit den Knöcheln kurz und hart auf den
+Schreibtisch.
+
+Auch Hans war aufgestanden. Er war bleich und kämpfte mit sich selbst.
+
+»Papa,« sagte er langsam, »du hast vorhin von gesunder Selbstsucht und
+berechtigtem Egoismus gesprochen. Ich möchte die Lehre auch für mich in
+Anspruch nehmen. Mich treibt alles zur Kunst. Ob mein Talent ausreichen
+wird, ausübender, selbstschaffender Künstler zu werden, kann ich heute
+nicht sagen. Aber laß mich den Versuch machen und laß mich gleichzeitig
+Kunstgeschichte studieren.«
+
+Philipp Steinherr wandte sich ab. Er wollte den Sohn das überlegene
+Lächeln, das über seine Züge flog, nicht sehen lassen. Künstler!
+Kunstgeschichte! Er hatte Schlimmeres erwartet. Weshalb sollte sich
+ein Großindustrieller in seinen Mußestunden nicht mit der Kunst
+beschäftigen. Ein jeder ritt eben sein Steckenpferd. Und daß der Junge
+nicht an der Kunst hängen bliebe, dafür wollte er schon sorgen. Der
+Mensch ist das Produkt seiner Umgebung.
+
+»Ich mache dir einen Vorschlag, Hans,« erwiderte er nach einigem
+Besinnen. »Du versprichst mir, regelrecht Jura zu studieren, bis zum
+Doktor. Das Staatsexamen schenke ich dir. Ich stelle dir dafür frei,
+auch kunstgeschichtliche Vorlesungen zu hören und dich, soweit es deine
+Zeit gestattet, auch selbst in den ›freien Künsten‹ zu üben. Du gehst
+zunächst nach Bonn. Ich wünsche, daß du in ein Korps eintrittst. Nach
+dem ersten Semester dienst du dein Jahr bei den Bonner Husaren ab.
+Später kannst du Heidelberg wählen und zum Schluß Berlin. Unterdes
+werden sich deine Meinungen oder deine Talente geklärt haben. Du
+siehst, ich komme dir entgegen, und nun sind wir, denke ich, =all
+right=!«
+
+Er hielt ihm die Hand hin, und Hans, froh ein Zugeständnis erlangt zu
+haben, legte die seine hinein.
+
+Philipp Steinherr lächelte geringschätzig. Weiches Wachs, der Junge. — —
+
+Hans war schon in der Tür, als ihn der Vater zurückrief.
+
+»Du, noch eins. Was kommen mir da für tugendhafte Dinge zu Ohren?«
+Er faßte ihn vorn an der Weste und schüttelte ihn mit gutgespielter
+Gemütlichkeit hin und her. »Ich darf doch wenigstens hoffen, du hast
+dich anständig betragen? Du Duckmäuser, du!«
+
+»Hat man über mein Betragen geklagt, Papa?« fragte Hans verdutzt.
+
+»Die, welche es angeht, wird sich hüten. Hat wohl auch keinen Grund
+dazu. Aber ich bitte mir aus, daß du ihr auch keinen Grund mehr gibst.
+Na ja, es ist ja gut. Ich will dir keinen Sermon halten. Wer hat nicht
+auch seine kleine Schülerliebelei gehabt? Aber nun ordne mir die Sache
+schnell und bündig, damit du mit klarem Kopf ins Studentenleben gehst!«
+
+Er wollte ihn mit einem vertraulichen Klaps abschieben, aber Hans blieb
+stehen.
+
+»Hast du mir noch etwas mitzuteilen, Hans? Dann bitte kurz. Ich habe
+mich bereits über Gebühr verspätet.«
+
+»Ich habe dir nur mitzuteilen, Papa, daß du dich irrst.«
+
+Schwer kamen die Worte heraus, aber sie waren nachdrücklich gesprochen.
+Philipp Steinherr horchte auf und maß den Sohn von oben bis unten.
+
+»Wenn du vorhin auf die Verehrung anspieltest, die ich für Fräulein
+Johanna Stahl hege — und ich wüßte nicht, wen anderes du meinen
+solltest —«
+
+»In der Tat. Fahre nur fort, du machst mich begierig.«
+
+»Papa,« sagte Hans und trat auf ihn zu, um seine Hand zu ergreifen.
+Doch Steinherr übersah die Bewegung. »Papa, ich sehe ein, daß du Grund
+hast, böse zu sein. Verzeih mir. Ich hätte es dir selber sagen sollen.
+Und ich wollte es dir auch sagen, nur jetzt noch nicht, wo ich noch so
+gar nichts geleistet habe.«
+
+»Sehr rücksichtsvoll, obwohl deine Streifzüge die Spatzen von den
+Dächern pfeifen. Trotzdem: ich will dir deine Dummheiten verzeihen. Ich
+sagte ja schon: in ~den~ Jahren begeht jeder seine Jugendeselei. Aber
+nun auch rechtzeitig Schluß gemacht. Jedenfalls wünsche ich von der
+sauberen Angelegenheit nichts mehr zu hören.«
+
+Hans Steinherr sah seinen Vater entgeistert an.
+
+»Du mußt mich nicht recht verstanden haben,« murmelte er, »oder — oder
+man hat dich falsch unterrichtet.«
+
+»Bist du noch immer nicht zu Ende? Du stellst meine Geduld auf eine
+lange Probe.«
+
+»Du hast davon begonnen, Papa; jetzt mußt du mich auch aussprechen
+lassen. Wünschest du, daß ich mich kurz fasse?«
+
+»Ob ich es wünsche!«
+
+Der Alte und der Junge standen sich dicht gegenüber. Keiner wich
+dem Blick des anderen aus. Und zum ersten Male las der Mann, der
+sich nie die Mühe gegeben hatte, in Menschenseelen zu lesen, in den
+Mienen seines Sohnes das Erbteil der niederrheinischen Heimat: die
+Hartköpfigkeit und das verhaltene brausende Temperament.
+
+Hans sah nichts von den zusammengezogenen Falten auf der Stirn des
+Vaters. Vor seinen Augen stand das scheue, zierliche Geschöpf,
+das so rührend in seinem Armutsstolz gewesen war, sich ihm nicht
+aufzudrängen; das ihn geflohen und ihn schlecht behandelt hatte, um
+nicht zu erliegen, und, als er sie dennoch endlich von seiner treuen
+Wahrhaftigkeit überzeugt hatte, ihm stets mehr gegeben hatte als er
+ihr. Er sah ihre furchtsamen Augen voll schreckhafter Spannung auf sich
+gerichtet, ob er mutig sein, ob er sie nicht verleugnen würde, und er
+sagte laut: »Ich liebe Johanna von ganzem Herzen.«
+
+»Das bezweifle ich keineswegs. Es fragt sich nur, wie lange du den
+Unsinn noch fortzusetzen gedenkst.«
+
+»Vater!«
+
+»Sag mir doch: wie alt bist du eigentlich?«
+
+»Zwanzig Jahre geworden.«
+
+»O! Ganz respektabel. Und die — die kleine Person?«
+
+»Sechzehn.«
+
+»Dacht’ ich’s mir doch. Sie soll sich ein Kinderfräulein nehmen und
+keinen Geliebten.«
+
+»Vater!« brauste Hans auf. Er war nicht wiederzuerkennen. Jede Spur von
+Farbe war aus seinem Gesicht gewichen, alles an ihm vibrierte, seine
+Nasenflügel bebten, die Augen waren weit aufgerissen.
+
+»Was fällt dir ein, Junge? Mäßige dich auf der Stelle!«
+
+»Mir fällt ein,« keuchte Hans, »dich zu bitten, daß ~du~ dich mäßigst.
+Du hast kein Recht, ein Mädchen zu beschimpfen, das reiner und
+selbstloser ist als wir alle. Wenn du sie kennen lernst, wirst ~du~
+gewinnen, nicht sie.«
+
+»Du wärst im stande und brächtest sie mir ins Haus.«
+
+»O nein. Ich lasse sie nicht beleidigen. Aber in ~mein~ Haus hoffe ich
+sie dereinst zu bringen. Und wenn sie später erst meinen Namen trägt,
+wird sie schon geschützt sein.«
+
+»Du hast wohl vergessen, daß du deinen Namen von mir hast. Darüber habe
+ich zu bestimmen. Und ich bestimme, daß, wenn ich es für an der Zeit
+halte, der Name nur in aufsteigender Linie vergeben wird. Vorläufig
+bist du mir noch zu kindisch, um dir meine Pläne auseinanderzusetzen.«
+
+»Über meine Gefühle hast du nicht zu bestimmen. Wenn ich das zuließe,
+wär’ ich nicht wert, einer anständigen Frau in die Augen zu sehen.«
+
+»Bist du toll geworden, Bursche? Ist deine Mutter vielleicht keine
+anständige Frau? Oder glaubst du, wir hätten uns nur unserer schönen
+Augen wegen genommen? Geh hin, schäm dich vor deiner Mutter, wenn du
+das bei deinem neuen Verkehr noch nicht verlernt hast.«
+
+»Meine — Mutter — —?« wiederholte Hans betäubt. Wachte er? Hatte er
+wirklich richtig verstanden? Seine Mutter hätte — nicht aus tiefstem,
+innersten Gefühl heraus — — Ja, war denn das überhaupt möglich? Konnte
+man eine Ehe schließen eines Namens und nicht einer Liebe wegen —? Er
+sah sich wirr um. Er war doch in seinem elterlichen Hause? Wo blieb
+denn sein Verständnis? Wo blieben alle seine jugend-begeisterten
+Argumente? Nichts, nichts regte sich in ihm. Es war ein Rauhreif auf
+seine junge Seele gefallen und fröstelnd ließ sie die Flügel hängen.
+
+Da schlich er scheu aus dem Zimmer. — —
+
+»Wohin?« fragte er sich im Treppenhaus.
+
+»Zur Mutter?«
+
+»Nicht, nicht!« Er hatte Angst, eine unsägliche Angst, er könnte sie
+nicht mehr verstehen. Und sie würde ihn auslachen.
+
+»Zu Frau Stahl? Zu Hannes?«
+
+Er hatte dem Mädchen versprochen, zu kommen. Aber wie sollte er ihr
+unter die Augen treten? Er, mit seinem schlechten Gewissen, das vor
+einer Stunde noch gut gewesen war, und das man ihm schlecht gemacht
+hatte.
+
+In seiner Kehle stieg es auf. Er weinte mit trockenen Augen. Alles
+war grau um ihn. Das würde sich nun nie mehr ändern. Nie mehr? Und
+der erste Schmerz der Jugendliebe ließ ihn sich aufbäumen, in einem
+titanenhaften Trotz, um ihn sogleich wieder niederzudrücken, ganz fest
+auf den platten Boden.
+
+»Heinrich von Springe!«
+
+Der Name fuhr ihm heraus. Springe mußte ihm beistehen, ihn wieder
+zu sich bringen. Der lachende Springe, der sich mit Tod und Teufel
+herumzuschlagen verstand und immer Sieger blieb. In seiner Erregung
+wuchs ihm der Freund zum Heiligen Georg. Der mußte es wissen. Der
+Springe, o ja! Der sah mit seinen ironischen Blicken allen Dingen
+auf den Grund und ließ sie nicht los, bis sie ihm Red’ und Antwort
+gestanden hatten. Aber auslachen — auslachen würde ihn Heinrich Springe
+nicht.
+
+Er eilte, so rasch ihn seine Füße trugen, zur Immermannstraße. An der
+nächsten Ecke traf er die Straßenbahn, aber er lief lieber hinter ihr
+her, als sich mit Menschen zusammen in einen engen, kleinen Raum zu
+setzen. Die stupiden Gesichter hätten ihn krank gemacht.
+
+Oben, an der Etagentür, zog er so heftig die Klingel, daß er selbst
+zusammenfuhr.
+
+Er hörte es gleich am Schritt: es war der Maler, der öffnen kam. Der
+alte Herr machte seinen gewohnten Nachmittagspaziergang.
+
+»Heinrich!« rief der verstörte junge Mensch und warf sich
+leidenschaftlich dem Freund an die Brust.
+
+Der drückte schnell die Tür ins Schloß und zog ihn ins Zimmer.
+
+»Gemach, gemach, mein großer Junge! Es wird schon zu reparieren gehen.«
+
+»Du weißt ja noch gar nicht, was geschehen ist —«
+
+»Ist das Examen nicht geglückt? Das wäre doch wunderbar.«
+
+»Das Examen? Ich hab’ es als Bester bestanden. Aber dann kam’s, heute
+mittag; erst des Studiums wegen, und als das endlich geregelt war,
+Johannas wegen. Man hat meinem Vater alles entstellt hinterbracht. Und
+auf Erläuterungen ließ er sich gar nicht ein. Er hat sie verächtlich
+abgetan, sie beschimpft und —«
+
+»Erzähle der Reihe nach,« sagte der Maler und legte ihm die Hand auf
+die Schulter. »Der Aufgeregte ist immer im Nachteil. Beim ersten
+Kanonenschuß läuft man nicht von dannen.«
+
+Hans bezwang sich. Der starke Wille des Freundes übte auf ihn seine
+Wirkung. Er ließ sich auf einen Stuhl niederdrücken und begann
+mechanisch herzusagen, was sich bei Tisch und nachher im Arbeitszimmer
+des Vaters zugetragen hatte. So monoton er sprach, er vergaß nicht
+das Nebensächlichste. Und ebenso berichtete er den Abschluß der
+Unterhaltung und die andeutenden Worte über seine Mutter.
+
+Heinrich von Springe hatte, den Kopf in die Hand gestützt, zugehört.
+Die müde Beichte des Jungen war längst zu Ende, und immer noch saß der
+Maler in sich versunken im Stuhl. Da berührte eine zitternde Hand sein
+Knie.
+
+»Ja, ja. Gewiß. Ich habe verstanden.«
+
+Er erhob sich, öffnete die Tür zur Veranda, daß ein kalter Luftstrom
+über seine Stirn fuhr, schloß die Tür wieder und kam zurück.
+
+»Also helfen soll ich dir. Deshalb bist du doch gekommen. Einen
+Freundschaftsdienst verlangst du.«
+
+»Du wirst nicht können und auch nicht mögen.«
+
+»Nicht mögen? Man mag vieles nicht und schluckt’s doch herunter, wenn’s
+dienlich ist. So ein rechter Magen kann eine Menge vertragen — Und was
+das Können oder Nichtkönnen betrifft — darüber kann man als Mann erst
+urteilen, wenn man nach mißlungenem Experiment auf der Nase liegt. Bis
+dahin aber hat man schlankweg Courage zu haben.«
+
+Er ging ins Nebenzimmer, um sich zum Ausgehen anzukleiden. Hans folgte
+ihm wie ein Schatten.
+
+»Was willst du tun?«
+
+»Zunächst deiner Frau Mama meine Aufwartung machen. In
+Herzensangelegenheiten ist immer die Mutter die zuständige Instanz. Du
+bleibst ruhig hier. So, hier hast du ein Glas Wein; das trink mal aus,
+um die Lebensgeister aus den Winkeln zu locken. Wenn du müde wirst, leg
+dich auf das Sofa. Und damit: Gott befohlen.« —
+
+Heinrich Springe schritt, die Hände in den Taschen seines Paletots
+vergraben, durch den unfreundlichen Februartag. Er ging mit
+zusammengezogenen Brauen und fest aufeinandergepreßten Lippen. Und als
+wollte er sich ungerufener Bilder erwehren, beschleunigte er plötzlich
+seinen Schritt. Als er in die Grafenbergerchaussee einbog, schlug es in
+der Stadt fünf Uhr. Er blieb stehen und schöpfte Atem. Vor ihm lag das
+Steinherrsche Haus.
+
+»Weiß Gott, Mensch,« sagte er vor sich hin, »hast du gar selbst das
+Kanonenfieber?«
+
+Er zog die Hausglocke und gab dem öffnenden Mädchen seine Karte. »Für
+die gnädige Frau.«
+
+Wenige Minuten später, und er wurde in den Empfangssalon geführt. Er
+wartete.
+
+»Meine gnädige Frau — —«
+
+Sie war eingetreten, mit hastigem Schritt, und nun zögerte sie, mitten
+im Zimmer.
+
+»Ich weiß nicht, ob ich noch den Vorzug habe —« fuhr er fort, um ihr
+über die Peinlichkeit der Minute hinwegzuhelfen.
+
+»Haben Sie endlich den Weg zu mir zurückgefunden?« entgegnete sie
+zurückhaltend. »Es ist lange her, Herr von Springe. Sehr lange — —«
+
+»So lange, gnädige Frau, daß Ihr kleiner Irrtum leicht verzeihlich ist.
+Nicht ich war’s, der vom Wege abgekommen war.«
+
+»Kommen Sie nur, um mir das zu sagen? Der Heinrich Springe, den ich
+einmal kannte, war ritterlicher.«
+
+»Ich bitte um Verzeihung,« murmelte Springe. »Ich habe nicht das Recht,
+die Beweggründe Ihres Lebens zu prüfen.«
+
+»Aber Sie haben es getan. O ich weiß. Und ich kenne auch das Resultat.
+Sie kamen ja nicht wieder.«
+
+»Es wird Ihnen nicht schwer geworden sein, darüber zu lächeln, gnädige
+Frau. Was war an mir gelegen?«
+
+»Wir waren einmal glückliche Kameraden,« sagte sie, als besänne sie
+sich auf die Zeit. »Die Erinnerungen der Jugend laufen mit durch das
+ganze Leben und bestimmen den Wert aller späteren Eindrücke. Das ist
+bei mir nun einmal so. Möglich, daß ein Mann glücklicher darin ist.«
+
+»Nein,« erwiderte Springe fest, »ein Mann ist nicht glücklicher darin.
+Auch er ist von dem Gewinn oder Verlust seiner Jugend abhängig. Und
+deshalb sehen Sie mich heute vor sich. Nicht meinetwegen. Mein Konto
+ist geschlossen. Aber einer anderen Jugend wegen, der ich Sie zu helfen
+bitte, daß ihr die paar Ideale des Lebens erhalten bleiben, die uns wie
+ein paar gute Gottesgroschen jede dürre Zeit erträglich machen. Wenn
+Sie selber die Eindrücke, die wir aus der Jugend mitnehmen, so hoch
+eintaxieren, wie Sie soeben sagten, so werden Sie mich nicht als einen
+unnützen Bittsteller wegschicken.«
+
+»Sie stehen noch immer, Herr von Springe.«
+
+»Ich danke Ihnen für die Antwort.«
+
+Dann saßen sie sich stumm gegenüber und suchten unbewußt in ihren Zügen
+die Kinder von einst. — —
+
+»Ich komme wegen Hans,« brach der Maler endlich das Schweigen. »Ich
+weiß nicht, ob es Ihnen bekannt ist, daß wir gute Freunde geworden
+sind.«
+
+»Ich habe es geahnt,« erwiderte sie leise. »Er hat mir nichts
+anvertraut. Hier geht jeder seinen Weg.«
+
+»Sie haben es geahnt und keinen Einspruch erhoben.«
+
+»Ich wußte ihn in guten Händen.«
+
+Er rückte zusammen und sah sie mit maßlosem Erstaunen an.
+
+»Ja, ja; es ist so,« sagte sie mit einem Anflug von Lächeln. »Ich bin
+wohl doch nicht ganz so schlecht, wie Sie vermuteten.«
+
+»Frau Margot — —« entfuhr es ihm unbedacht.
+
+»Sie kennen also meinen Namen noch? Lieber Freund, nur der Name ist
+geblieben.«
+
+»Gnädige Frau,« sagte er mit Aufbietung aller Willenskraft. »So geht es
+nicht weiter. Ich gedenke tiefernste Dinge mit Ihnen zu besprechen, und
+Sie gedenken mit mir zu kokettieren.«
+
+»Wer sagt Ihnen, daß ich kokettieren will,« rief sie beinahe heftig.
+»Ist denn in Ihren Augen alles Lüge, alles Verstellung an mir? Muß
+ich denn, wenn ich mich einmal freue, von Herzen freue wie ein junges
+Mädchen, immer gleich wieder geduckt und gedemütigt werden? Gut, gut,
+wenn Sie wollen, daß ich Ihnen gegenüber den Ton gebrauche, den ich für
+die ganze indifferente Menschheit gebrauche — o bitte, befehlen Sie
+nur, Sie können ihn haben.«
+
+»Frau Margot,« sagte er, beugte sich vor und faßte ihre Hände. »Meine
+liebe Frau Margot — —«
+
+Ihre Aufwallung ging vorüber. Aus seinen Händen strömte es in sie über
+wie eine Beruhigung.
+
+»Sind das Freundeshände?« lächelte sie. »Wie gut es doch mein Hans hat!«
+
+»Sie kokettieren nicht, gnädige Frau?«
+
+»Doch, doch, ich kokettiere. Daß Sie es nur endlich wissen! Und wenn
+ich noch länger mit Ihnen kokettiere, werde ich Ihnen noch eingestehen,
+daß ich Sie vermißt habe. Mehr können Sie von einer koketten Frau nicht
+verlangen.«
+
+Springe hatte ihre Hände losgelassen und sich erhoben. Er sprach zu
+ihr. Und während er zu ihr sprach, blickte er über sie hinweg, in den
+winterlichen Garten, und sie konnte glauben, er spräche vielleicht nur
+zu sich selbst.
+
+»Ich habe Sie geliebt, Frau Margot, dabei ist nichts Unrechtes, denn
+wir waren Kinder. Wenn wir im Hausflur oder in einer Zimmerecke
+spielten, waren Sie die kleine Prinzessin und ich Ihr Page. Darunter
+taten wir’s nicht, denn wir wurden beide daheim mit großen Ansprüchen
+an das Leben erzogen und — hatten keinen Pfennig. Als ich die ersten
+langen Hosen erhielt, nahm ich mir vor, mich zum Ritter schlagen
+zu lassen, um Sie zu gewinnen. Wir haben damals oft ernsthafte
+Beratungen darüber gepflogen. Ich glaube, es wurde sehr viel Gefühl
+dabei verbraucht. So viel, daß für die Praxis wenig übrig blieb. Ich
+diente mein Jahr bei den Neununddreißigern ab, und Sie feierten Ihren
+siebzehnten Geburtstag. Als ich gratulieren kam, konnte ich gleich
+doppelt gratulieren. Dem Geburtstagskind und der glücklichen Braut.
+Ihr Vater mußte zugreifen, und Sie folgten den Spuren der Erziehung.
+Das war im Winter des Jahres achtundsechzig. Ein paar Monate daraus
+waren Sie verheiratet. Hm, ja, ich hab’ das verstehen gelernt. Ich
+wollte Maler werden. Wollte erst! Und, wie mein alter Herr immer zu
+sagen pflegte: Er war Maler, und sie hatte auch nix. Da konnte ich mir
+das Exempel schon zusammenrechnen. Dann wollte ich mir wenigstens ein
+Surrogat schaffen, und ich nahm, da es mit dem siegreichen Rittertum
+nichts geworden war, die Pagendienste wieder auf. Das war ein stiller,
+seliger Dienst, der nichts anderes wollte, als für Ihr Glück wachen.
+Aber als ich nach dem Feldzug aus Frankreich heimkehrte, hatte sich die
+Zahl der Pagen vermehrt und die Königin bedurfte meiner nicht mehr. Ich
+durfte zurücktreten und hinfüro meinen Erinnerungen leben.«
+
+»Nein, Heinrich,« rief Frau Margot erregt, »so war es nicht! Es
+war nicht meine Schuld. Sie gingen, weil mein Mann eine — eine —
+Geschäftspraxis gegen Sie und Ihren Vater geübt hatte, die Sie
+verletzen mußte. Wie können Sie mir die Verantwortung aufbürden! Ich
+verstand ja nichts von alledem und war schon so apathisch.«
+
+»Ach, meine gnädige Frau, Sie glauben, des entgangenen Geldes wegen
+wäre ich fortgeblieben?«
+
+»Weshalb — nur sonst?« entgegnete sie zögernd. Sein ironischer Ton
+hatte sie beschämt.
+
+»Muß ich es Ihnen wirklich aussprechen? Muß ich Ihnen sagen, daß ich
+den Glauben an Sie verloren hatte, weil Sie nichts, aber auch gar
+nichts taten, um ihn mir zu erhalten? Den Glauben an die Jugend und
+ihre starken Bande? Kein Freundeswort von Ihnen kam, kein Versuch wurde
+gemacht, mich wissen zu lassen, daß die Dinge, wie sie lagen, nichts
+zwischen uns beiden ändern dürften. Ich war für Sie erledigt, wie mein
+Vater für Ihren Gatten. Sie waren die große Dame, und ich der armselige
+Bilderstümper.«
+
+»Heinrich,« fragte sie ganz leise, »haben Sie — haben Sie lange
+darunter gelitten?«
+
+Er gab keine Antwort.
+
+»Wollen Sie mir nicht erwidern? Auch dann nicht, wenn ich — wenn ich
+Ihnen sage, daß ich — bis heute — darunter gelitten habe? Ich bin ja
+heute eine alte Frau. Achtunddreißig Jahre! Da darf ich schon ein
+Geständnis wagen. Ja, ich habe unrecht an Ihnen gehandelt und unrecht
+an der Jugend. Und zur Strafe hat mich die Freudigkeit der Jugend
+verlassen, seit — Sie mich verließen. Meine Erinnerungen wollen nicht
+fröhlich werden. Ist das nicht Buße genug? Keine Rückschau zu haben,
+aus der man die Fröhlichkeit zieht? — Nun habe ich Sie wohl zufrieden
+gestellt.«
+
+Heinrich Springe beugte sich über ihre Hand. Er suchte nach Fassung.
+
+»Sie sind ja noch so jung,« murmelte er. »Mit achtunddreißig Jahren
+steht man mitten im Leben.«
+
+»O ja,« bestätigte sie bitter, »soweit die Lebewelt in Betracht kommt.
+Mitten drin! Das war doch die Ansicht. Aber die Gefühlswelt — ach,
+lieber Freund, klingt es in Ihren Ohren nicht lächerlich, mich von
+einer Gefühlswelt reden zu hören?«
+
+»Ich bedauere Sie.« —
+
+»Glauben Sie mir, was ich möchte? Noch einmal die Prinzessin im
+Hausflur und in den Zimmerecken sein. Mein Gefühlsleben haben wie
+einst. Ich wüßte dann, was Glück ist.«
+
+»So suchen Sie es. Es ist nie zu spät.«
+
+»Wollen Sie mir den Weg zurück zeigen?« fragte sie und sah ihn voll an.
+
+»Ja, Margot,« sagte er, »ich will. Als ich Ihr Haus betrat, wußte ich
+nichts dergleichen. Ich kam wegen Ihres arg mitgenommenen Jungen.
+Helfen Sie ihm aus seinem Leid, und Sie helfen sich aus dem Ihren. Er
+liegt bei mir daheim und wartet auf mich, seinen Freund. Lassen Sie ihn
+wissen, daß er auch noch eine Freundin hat, die seine Schmerzen mit ihm
+versteht. Tragen Sie Sorge, daß ihm seine Jugend nicht verdorben, daß
+er nicht vor der Zeit alt und blasiert wird, und Sie werden die erste
+der fröhlichen Erinnerungen für sich gewonnen haben.«
+
+»Mein Mann hat mir schon davon gesprochen,« erwiderte sie nachdenklich.
+»Das Mädchen soll keinen legitimen Vater haben, und die Großmutter eine
+Arbeiterfrau sein.«
+
+»Das Mädchen ist rein, und überdies schön und klug und liebenswert. Für
+seine Geburt kann kein Mensch. Es hat allen Anspruch darauf, glücklich
+zu werden wie die Höchstgeborenen. Ich kenne die kleine Johanna und
+weiß, was sie Hans sein wird. Ich war mehrfach mit meinem Vater dort im
+Hause, denn mein biederer Alter macht der siebzigjährigen Großmutter
+die Cour, die eine Arbeitsfrau geworden ist, weil sie für die Erziehung
+ihres Enkelkindes arbeitet.«
+
+»Ich werde hingehen,« sagte Frau Margot und richtete sich auf. »Nein,
+nein,« wehrte sie glücklich, als er ihr die Hände küßte, »es ist noch
+eine Bedingung dabei. Erstens: Hans wird Vertrauen zu mir haben und
+ruhig mit seinem Vater abreisen, der eine kurze Italienreise plant. Und
+zweitens: Sie dürfen mich nicht mehr aufgeben.«
+
+»Frau Margot,« entgegnete er nur, »ich habe Sie wiedergefunden. Nun
+werden wir alle wieder jung sein.« — —
+
+Als er hastig seiner Wohnung zueilte, tobten ein paar verfrühte
+Fastnachtsläufer an ihm vorbei. Er war drauf und dran, ihr stürmisches
+»Helau!« mit dem gleichen Juchzer zu erwidern. Zwanzig Jahre waren von
+ihm abgefallen.
+
+Zu Hause fand er Hans auf dem Sofa ruhig eingeschlafen.
+
+Und er beugte sich lange über ihn, strich ihm das Haar aus der Stirn
+und suchte in dem Gesicht des Jungen nach den Zügen einer anderen
+Jugend.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Neuntes Kapitel
+
+
+Hans Steinherr trug die Farben eines der vornehmsten Korps der
+rheinischen Universität, und unter den Kommilitonen galt er als der
+Mann der Zukunft. In welcher Hinsicht, darüber stand die Ansicht
+bei den jungen Herren noch nicht fest. Aber daß ein Mann von seinen
+Mitteln, seinen Allüren, seinen Konnexionen — manche zählten auch seine
+Talente hinzu — eine glänzende Karriere machen würde, das sah der
+Blindeste ein.
+
+Als er aus dem krassesten Fuchsentum herausgeschlüpft war und wagen
+durfte, hin und wieder seine Stimme in die Wagschale zu werfen,
+erkannte er bald seine Geltung und seine Kräfte. Das gab ihm einen
+Anreiz. Es war nicht so sehr jugendliche Eitelkeit, als das stärkere
+Gefühl des Ehrgeizes, unter diesen scharf auf die Form sehenden Leuten
+aus den besten Häusern noch besonders hervorzustechen und über sie
+hinaus als das Muster eines untadelhaften Gentleman betrachtet zu
+werden. Er wurde tonangebend in seinen Anschauungen, wie im Schnitt
+seiner Kleider, und sein Ehrgefühl entwickelte sich aufs peinlichste.
+Galt es einen Ehrenhandel zu erörtern, Hans Steinherr gab das Votum;
+stand die Frage nach standesgemäßer Aufführung zur Verhandlung, Hans
+Steinherr entschied mit der Kaltblütigkeit eines alten Römers. Er
+hielt auf Klassenabstufungen wie kein zweiter. Als er zum ersten Male
+auf die Mensur gestellt wurde, schlief er in der vorhergehenden Nacht
+vor Aufregung nicht eine Sekunde und lag wie im Fieber. Aber als er auf
+der Tenne stand, und ihm aus einem wilden Durchzieher das Blut in den
+Mund lief, wehrte er sich störrisch dagegen, daß der Hieb als Abfuhr
+erklärt werde, und verlangte so lange auszupauken, bis der Korpsarzt
+erklärte, jede Verantwortung ablehnen zu müssen.
+
+Die neue Welt, die sich vor ihm auftat, nahm ihn ganz und gar gefangen,
+und in seinem jugendlichen Überschwang glaubte er bald, in ihr die
+einzige gefunden zu haben.
+
+»Geliebter Leibfuchs,« sagte ihm einmal sein in hohen Semestern
+stehender Leibbursch, dessen Worte er als heiligste Orakelsprüche zu
+betrachten pflegte, »du bist ein ganz famoses Haus, aber du zeigst zu
+viel dein Temperament. Deine Gefühle spiegeln sich auf deinem Gesicht
+auf zehn Meter Entfernung. Da liest man Sonnenschein und Gewitter im
+voraus, wie in der Zeitung. Mein Sohn, überlaß das den Kirmeßgästen,
+die mit ihrem Gefühlslärm hausieren gehen. Leute wie wir haben sich
+unter allen Umständen in der Zucht.«
+
+Und von Stund’ an überwachte der Schüler sein Mienenspiel, und er wurde
+nach Anweisung kalt und gemessen. Das schuf ihm ein neues Übergewicht.
+
+In den Hörsaal war er nur wenige Male gegangen. Das Korpsleben nahm
+ihn gänzlich in Anspruch. Und sein Vater rügte das keineswegs. Gute
+Verbindungen anknüpfen, schien dem Manne, der nur die realen Seiten
+eines jeden Unternehmens in Betracht zog, nicht der letzte Zweck der
+Universitätsjahre.
+
+Trotz der Nähe der Stadt und der guten Bahnverbindung hatte Hans
+Düsseldorf noch nicht wieder besucht. Er redete sich vor, daß er gerade
+während des schwächeren Sommersemesters im Korps unabkömmlich sei, und
+verschob den Besuch auf die Ferien. Insgeheim zwar peinigten ihn andere
+Gedanken. Die Menschen daheim — die Springes, Frau Stahl, Johanna —
+erschienen ihm seit kurzem in einem anderen Licht. Sie waren prächtige
+Menschen, ohne Frage, und er verdankte ihnen entzückende Stunden.
+Aber eigentlich und nur ein wenig streng genommen: sie waren doch ein
+bißchen arg altmodisch und als intimer Umgang doch wohl nicht so ganz
+zweifelsohne. Wenn er dachte, daß ihn einer seiner Korpsbrüder bei
+Frau Stahl Kaffee trinken sehen könnte, stieg ihm heiß das Blut in die
+Wangen. Die beiden von Springe, das war schon etwas anderes. Wenn nur
+nicht Heinrich so gräßlich radikal seine Ansichten zu äußern liebte und
+der alte Herr immer so komisch den Jugendlichen spielte! Und Johanna —
+—?
+
+Es gab Zeiten, wo ihn eine rasende Sehnsucht nach ihrer Zärtlichkeit
+packte und er in Gedanken seitenlange Briefe an sie entwarf. Kam er
+dann von einem Ausflug heim, an dem die Damen des Korps in Schönheit
+und Eleganz teilgenommen und ihn durch den Esprit der großen Welt
+berauscht hatten, so fühlte er eine peinliche Ernüchterung, und
+höchstens eine Ansichtspostkarte flatterte als kurzer Gruß nach dem
+windschiefen Haus in der Pempelforterstraße. Dann schämte er sich vor
+sich selbst, aber er war nicht mehr Herr seiner selbst. Er stand unter
+einem Zwang, dem er gehorchte wie einem Fetisch. Ein unausgesprochenes
+Lächeln, das seine Qualifikationen als Gesellschaftsmensch in Frage
+gezogen hätte, würde ihn rasend gemacht haben.
+
+Nur in den ersten Wochen seines Bonner Aufenthaltes hatte er in
+längeren Episteln dem Mädchen daheim ein Bild von den Herrlichkeiten
+des Studentenlebens entworfen. Damals auch war er noch dem Briefträger
+entgegengelaufen, der ihm die lieben, halb kindlichen, halb
+frauenhaften Antworten brachte. Und selbst Heinrich Springe war nicht
+vergessen worden. Eines Tages hatte der Maler in einem Briefumschlag,
+der den Poststempel Bonn trug, ein schmales Büchlein vorgefunden, das
+den Titel führte »Meine Lieder« und den Autornamen »Hans Steinherr«.
+Aus der ersten Seite stand in Druckschrift zu lesen: »Meinem Mentor
+Heinrich von Springe — Telemach.«
+
+Eine Druckerei in Düsseldorf hatte, wohl auf Kosten des Herausgebers,
+den Verlag übernommen.
+
+Der Maler war an diesem Morgen für keinen Menschen sichtbar. Er
+saß in seinem Atelier und las die zwei Dutzend Gedichte mit einer
+Gründlichkeit, als ob er sie auswendig lernen wollte. Er las nicht nur
+die Worte. Als er mit den Worten fertig war, begann er zwischen den
+Zeilen zu lesen. Dann lehnte er sich, das Büchlein auf den Knieen,
+zurück und ließ die Lieder plastisch werden. Die Bilder aber waren
+eigenwillig und änderten ihre Züge. Und der Maler lachte dazu leise vor
+sich hin ...
+
+Wie eine Erquickung war das schmale Buch. Ein echter und rechter
+Jugendgruß.
+
+»Meinem Mentor — Telemach.«
+
+»Jawohl, Mentor!« polterte er. »Netter Mentor, der bei der Mutter nicht
+einmal sein Versprechen eingelöst hat. Abgemacht. Heute nachmittag geh’
+ich hin.«
+
+Er traf Frau Margot zu Hause, zum Ausgehen gerüstet.
+
+»Ich will nicht lange stören, gnädige Frau. Sagen Sie mir nur, wann ich
+wiederkommen soll.«
+
+»O nein, so entschlüpfen Sie mir nicht. Ich lege nur den Hut ab und bin
+gleich wieder bei Ihnen.«
+
+»Versäumen Sie auch nichts, gnädige Frau? Ich möchte mir keine Ihrer
+Freundinnen zur Feindin machen.«
+
+»So furchtsam sind Sie? Lassen Sie sich doch einmal ansehen.«
+
+»Nur Frauen gegenüber. Da kenn’ ich mich nicht aus.«
+
+»Trotz Ihrer sicherlich reichen Erfahrungen? O Gott, wie beschämt Sie
+tun!«
+
+»Ich habe nur ~eine~ Erfahrung gemacht, gnädige Frau.«
+
+Sie blieb ganz ruhig. Nur ihre Stimme vibrierte ein wenig bei der
+Antwort.
+
+»Ich meine, wir sollten, wenn wir uns sehen, immer ganz besonders
+fröhlich sein.«
+
+»Wahrhaftig, Frau Margot,« rief er herzlich, »da sprechen Sie mir
+aus der Seele! Und nun werde ich mich mal auf mindestens eine Stunde
+häuslich hier niederlassen.«
+
+»Oder,« fragte sie, »haben Sie Lust zu einem Spaziergang? Dann können
+Sie mich begleiten.«
+
+»Wollen Sie mich den Düsseldorfern als Ihre neueste Akquisition
+vorführen? Wenn das Ihren Geschmack nur nicht kompromittiert. Gut,
+spannen Sie mich nur an Ihren Wagen.«
+
+»Nein,« lachte sie, »mit Ihnen ist wirklich kein Staat zu machen. Es
+würde aussehen, als ob ein gestrenger Mentor seine ungezogene Schülerin
+spazieren führte.«
+
+»Halt; Mentor—« unterbrach er sie. »Das Wort fliegt mir heute schon zum
+zweiten Male zu. Ich mache Ihnen eine Proposition. Sie behalten Ihr
+entzückendes Hütchen auf und setzen sich für eine Viertelstunde ganz
+stumm dort in die Sofaecke. Dann begleite ich Sie, so lange Sie mich
+wollen, auf Ihrer Promenade. In dieser Zwischenzeit aber möchte ich
+Ihnen Gedichte vorlesen.«
+
+»Gedichte — —« fragte sie verblüfft. »Sie haben doch nicht etwa — —«
+
+»Ihr Vertrauen ehrt mich,« versetzte er unerschütterlich. »Aber Sie
+dürfen sich beruhigen, die Gedichte stammen von einem anderen.«
+
+»Schade,« meinte sie bedauernd.
+
+»Na, wenn Sie meinen, ich sähe noch leidlich lyrisch aus — an der
+Courage zum Dichten soll’s mir nicht fehlen.«
+
+»Tun Sie es nicht, Heinrich,« riet sie mit mütterlicher Würde, »das
+Leben ist zu kurz und Sie verlieren zu viel Zeit damit.«
+
+»Ganz meine Ansicht. Aber nun: Obacht! Ich bitte das geehrte Auditorium
+um Ruhe.«
+
+Er begann zu lesen. Mit natürlicher Stimme, ohne Pathos, wie es die
+einfachen Verse verlangten.
+
+Die Viertelstunde ging vorüber und keiner bemerkte es. Der Maler
+las Gedicht für Gedicht, wie sie der Reihe nach in dem Büchlein
+enthalten waren. Und zum Schluß das Weihnachtslied, das Hans an dem
+improvisierten Christabend so feierlich-ernst vorgetragen hatte.
+
+ »Horch, in den Lüften blieb
+ Der Weihnachtsglocken Klingen,
+ Und unsre Seelen singen:
+ Ich hab’ dich lieb. — — —«
+
+Er hatte geendet, und leise schloß er das Büchlein. Er sah Frau Margot
+an.
+
+Die wischte seit einiger Zeit an ihren Augen herum. Als sie sich
+beobachtet fühlte, ließ sie rasch die Hand sinken und versteckte sich
+hinter einem lachenden Ärger.
+
+»Mein Gott,« sagte sie hastig, »wie kann man einem gänzlich
+unvorbereiteten Menschen nur so etwas antun!«
+
+»Nicht wahr?« meinte er lakonisch.
+
+»Heinrich,« drängte sie, »gestehen Sie nur, Sie selbst sind der
+Übeltäter.«
+
+»Mein Name steht zwar auf der ersten Seite, gleich hinter dem
+Titelblatt,« gab er zu, »aber es steht davor: ›Meinem Mentor‹ und
+dahinter: ›Telemach‹. Daß ich ein Mentor sei, haben Sie soeben selbst,
+wenn auch nicht in schmeichelhafter Weise, behauptet. Und der Telemach?
+Ja — da ich ~Sie~ ablehne, muß es schon, damit’s doch in der Familie
+bleibt, Ihr — Hans sein.«
+
+»Ach nein,« versetzte sie kopfschüttelnd.
+
+»Ach ja,« versetzte er kopfnickend.
+
+Und dann lachten sie sich gemeinsam aus.
+
+»Der Junge, der Junge!« — sie konnte es nicht begreifen — »wo mag er
+das nur herhaben! ...«
+
+»O — Sie kennen nicht die Vererbungstheorie? Vielleicht hat eins seiner
+Eltern in der Jugend mal ähnliches geträumt, wofür er jetzt die Worte
+gefunden hat. Darwinismus, wirklich, sonst nichts.«
+
+»Spotten Sie nicht immer,« sagte sie und legte ihm die Hand auf den
+Mund. Dabei schloß sie für einen Moment die Augen. Heinrich Springe
+hielt ganz still. Es war ihm leid, daß es nur ein Augenblick war.
+
+»Ich kenne jetzt auch das Mädchen,« fuhr sie nach einer Weile fort.
+»Wenn auch nur vom Sehen. Ich habe so oft die Pempelforterstraße
+aufgesucht, bis ich sie bei einem Patrouillengang entdeckte. Ein süßes
+Geschöpf — — —. Seit der Zeit gehe ich häufig um dieselbe Stunde hin.
+Aber mir ist immer noch nicht eingefallen, wie ich eine persönliche
+Annäherung herbeiführen könnte. Mit der Tür ins Haus stürzen, geht doch
+für mich nicht an.«
+
+»Wollen wir jetzt unsere Wanderung antreten?« erwiderte er. »Wie ich
+annehme, nach der Pempelforterstraße?«
+
+Er öffnete die Tür, und die gefeierte Weltdame schritt an dem
+merkwürdigen Manne vorüber. Als wäre er sich nur guter Taten bewußt,
+ging er offen und frei neben ihr einher.
+
+»Sehen Sie mal,« sagte er unterwegs, »kennen Sie vielleicht den alten
+Herrn dort, der im Begriff ist, zu einer Salzsäule zu erstarren?«
+
+»Aber das ist doch — das ist doch Ihr prächtiger Vater ...«
+
+»Gelt? Das ist doch Herr Friedrich Leopold? Aber besonders geistreich
+— bei allem schuldigen Respekt — sieht er gerade nicht drein. Tag,
+Papachen. Na, so aufgeräumt?«
+
+Der alte Kavalier hätte beinahe vergessen, seinen grauen Zylinder zu
+ziehen. Er blickte verdutzt dem Paare nach. »Hm, hm,« machte er bloß,
+»hm, hm; wird schon seine Richtigkeit haben.« Dann setzte er seinen
+Spaziergang fort.
+
+Als das Paar in die Pempelforterstraße einbiegen wollte, kam vom
+Hofgarten her Hannes. Sie ging, die Augen an den Boden geheftet,
+nachdenklich ihren Weg und fuhr zusammen, als sie Springes Anruf
+vernahm.
+
+»Potz Tausend, Fräulein Johanna, Sie machen sich! Schon so stolz, daß
+man einen guten Freund über den Haufen rennt?«
+
+»Ach — Herr von Springe — Sie sind’s. Gerade dacht’ ich an Sie.«
+
+»Nicht flunkern, Fräuleinchen,« drohte er ihr. »So viel
+Selbstverleugnung verlang’ ich ja gar nicht.« Und als sie errötend von
+ihm zu der fremden Dame sah, fuhr er fort, als ob sie sich über etwas
+Selbstverständliches unterhielten: »Nun? Gute Nachrichten von Bonn?«
+
+Sie errötete noch stärker, aber es war ein Strahlen in dem Erröten, und
+sie nickte lebhaft.
+
+»Darf man vielleicht hören? Ich bin doch gewissermaßen der Nächste dazu
+— natürlich: soweit es keine Geheimnisse sind.«
+
+»Ich habe ein Gedichtbuch bekommen,« sagte sie so leise, als
+streichelte sie jedes ihrer Worte.
+
+»Was Sie sagen! Ein Gedichtbuch? Von wem ist es denn? Von Goethe? Oder
+gar von Heinrich Heine —«
+
+»Von Hans selbst,« antwortete sie und sah ihn triumphierend an.
+
+»Machen Sie keine Späße, Fräulein Johanna! Von Hans? Und gedruckt,
+sagen Sie? Wirklich mit Druckbuchstaben?«
+
+»Ach, Herr von Springe,« sagte sie und wiegte den Kopf neckend vor ihm
+hin und her, »mich foppen Sie heute nicht. Ich ärgere mich heute ganz
+bestimmt nicht. Und wenn Sie wüßten, was ich weiß, würden Sie auch
+anders sein.«
+
+»So — —? Was wissen Sie denn?«
+
+»Ihr Name steht vorn in dem Buch,« raunte sie und sah ihn mit
+erwartungsvollen Augen an.
+
+Aber die Wirkung blieb aus.
+
+»Ihr Name? — Wer ist denn diese ›ihr‹? Der Radschläger von Jung’ wird
+sich doch in Bonn keine Flamme angeschafft haben?«
+
+Nun wurde sie doch ein wenig entrüstet.
+
+»Ich meine ~Ihren~ Namen, Herr von Springe, Ihren groß geschrieben.«
+
+»Donnerwetter!« rief er erstaunt und schlug die Hände zusammen.
+»Apropos, Fräulein, ich schreibe meinen Namen immer groß.«
+
+Frau Margot stand zur Seite und ergötzte sich königlich an der
+Unterhaltung, die sie belauschte. Ihre Freude an dem eigenartig
+schönen und frischen Mädchen, in dem das Knospen und Blühen noch im
+Streite lag, wuchs von Minute zu Minute. Sie konnte sich nicht länger
+enthalten, sie selbst mußte mit dem Mädchen plaudern.
+
+»Dürfte man das seltene Buch einmal sehen?« sagte sie freundlich und
+trat näher. »Bücherneuheiten sind immer interessant.«
+
+»Meine kleine Freundin, Fräulein Johanna Stahl« — stellte Springe vor
+— »meine große Freundin — —« und er murmelte höchst unverständlich
+einen Namen. »Fräulein Johanna wird sicher so liebenswürdig sein, uns
+einen Blick auf das Buch zu gestatten. Da, wie sie sagt, mein Name in
+dem Büchlein vorkommt, so hab’ ich doch sozusagen ein Recht darauf,
+nachzusehen, ob man auch keinen Unfug mit mir getrieben hat.«
+
+»Das Buch liegt aber oben in der Wohnung,« stotterte Hannes kleinlaut.
+
+»Sie scherzen, Fräulein. Wetten, daß Sie es vorn in der Jacke stecken
+haben?«
+
+Frau Margot kam der geängstigten kleinen Mitschwester zu Hilfe.
+
+»Wenn Sie das Buch in der Wohnung haben, wäre es wohl unbescheiden,
+Sie zu bitten, uns auf einen Augenblick mit hinaufzunehmen? Wir würden
+Ihnen zwar sicherlich keine Ungelegenheiten machen.«
+
+Das Mädchen nagte nervös an der Unterlippe.
+
+»Bitte,« stieß sie dann kurz hervor und ging vorauf. Lächelnd folgten
+ihr die beiden Besucher. — —
+
+»Ich will nur ablegen,« sagte Hannes, als sie zu dritt in der einfachen
+Wohnstube standen, und ging eilig, ohne den Blick vom Boden zu erheben,
+in die Schlafkammer.
+
+»Sagt’ ich’s nicht,« flüsterte Springe schelmisch, »sie hat es doch im
+Jackett.«
+
+Frau Margot hob beschwörend die Hand. Ihr war eigentümlich zu Mute in
+diesem engen, dürftigen Raum.
+
+Da kam Hannes zurück. Sie hatte die dünne Sommerjacke abgelegt und
+stand nun rank und schlank in ihrem weißen Kleide da. Das Buch trug sie
+in der Hand.
+
+»Darf ich das Buch nehmen?« fragte Frau Margot und hielt, als sie es
+nahm, mit leichtem, wie zufälligem Griff die Fingerspitzen des Mädchens
+in ihrer Hand fest.
+
+»Meine Lieder — Hans Steinherr,« las sie ab, und dann sprach sie einige
+der Gedichte, die sie aufschlug, halblaut vor sich hin. Plötzlich hielt
+sie inne und sah mit forschendem Blick das Mädchen an.
+
+»Sie zittern ja, Fräulein. Ich spür’ es in Ihren Fingerspitzen. Ist
+Ihnen nicht wohl?«
+
+»Doch,« kam die Antwort, und die Lippen schlossen sich wieder. Aber auf
+der Stirn stand eine tiefe Falte.
+
+Frau Margot las weiter, um nach wenigen Zeilen von neuem einzuhalten.
+
+»Bin ich Ihnen unangenehm? — Sie ziehen Ihre Hand zurück?«
+
+»Ich weiß jetzt, wer Sie sind. Sie sind Hans Steinherrs Mutter.«
+
+»Wie kommen Sie mit einem Male darauf?«
+
+Und — plötzlich fassungslos — stammelte Hannes: »Weil Sie mich so
+quälen — — —«
+
+»Mädchen!« rief Frau Margot bestürzt, »Mädchen! Was sagen Sie da!« Und
+schnell schlang sie die Arme um die zuckenden Schultern der Erregten
+und drückte das von dem schweren, leuchtenden Haar gekrönte Köpfchen
+fest gegen ihre Brust ... »Springe,« bat sie mit einem Blick. Und
+Heinrich Springe verstand und verließ leise die Wohnung.
+
+Dort oben aber ließ sich Frau Margot Steinherr auf einen Stuhl nieder
+und zog das widerstandslose Geschöpf auf ihren Schoß. Mit weicher Hand
+strich sie ihm wie einem Kinde über die Augen und spielte mit seinen
+Flechten, die ihm in das verweinte Gesicht gefallen waren. Sie wunderte
+sich selbst, wie lind, wie sanft sie das alles tat. Es war doch sonst
+nicht ihre Art gewesen, über den Gefühlen anderer sentimental zu
+werden. Was war es nur, das in ihr flutete? Seit dem Tage, da sie
+mit dem wiedergekehrten Springe Kindheitserinnerungen ausgetauscht.
+Und heute so viel stärker, angesichts dieses bangenden, jugendwarmen
+Glücks, das sie auf dem Schoße hielt — —.
+
+»Komme ich Ihnen noch immer so schrecklich vor?« fragte sie lächelnd.
+
+Hannes schüttelte stumm den Kopf, den sie noch immer an die Brust der
+fremden Dame gedrängt hielt.
+
+Wie wohl das tat! Wie köstlich es sich hier lag! Sie empfand das feine
+Wogen und konnte jeden Herzschlag zählen. Sie hielt ganz still und
+preßte nur die Lippen auf das Kleid Frau Margots.
+
+»Kleines Liebchen — —« sagte die verträumt. »Kleines Liebchen — — —«
+
+Und wieder stieg ein Wundern in ihr auf, woher sie nur diese nie
+gebrauchten Worte nahm.
+
+»Also lieb haben Sie meinen großen Jungen?« fuhr sie nach einer Weile
+fort. »Und so ganz hinter dem Rücken der Mama, die man für eine
+Vogelscheuche hält?«
+
+»O, Sie sind so schön!« stieß Hannes hervor und sah mit ihren
+lächelnden Kinderaugen zu ihr empor.
+
+»Kind, Kind, was für Schmeicheleien! Wer ist von uns beiden schön?
+Vielleicht war ich es mal ein wenig, als ich so jung war wie Sie. Heute
+sind Sie es.«
+
+»Nein, nein,« rief Hannes stürmisch, »Sie sind es heute! O, so schön
+werd’ ich in meinem ganzen Leben nicht werden.«
+
+Frau Margot erhob sich schnell, um ihre Verwirrung zu verbergen.
+Tag für Tag hatte sie in der Gesellschaft, von allen Offizieren
+der Garnison und den sämtlichen Herren der Regierung, ähnliche
+Worte vernommen und sie wie einen ihrer Stellung schuldigen Tribut
+entgegengenommen. Sie waren ihrem Ohre so bekannt wie den Lippen
+der Herren geläufig. Wie man eine Phrase wechselt. Und oft, in den
+letzten Jahren, wenn ein neuer, jüngerer Stern am Gesellschaftshimmel
+Düsseldorfs erschien, hatte sie innerlich gebangt, es könnte wirklich
+eine Phrase sein ... Jetzt aber — dieses Kind — mit dem klaren Blick
+und der jugendlichen Begeisterung — Gott, sie wurde ja über die
+Lobpreisung verwirrt wie ein junges Ding von sechzehn Jahren, das zum
+ersten Male von seinen Reizen erfährt. Wirkte denn diese Jugendlichkeit
+ansteckend?
+
+Sie nahm sich zusammen und ging nachdenklich durch das Zimmer. Dabei
+warf sie durch den Türspalt einen Blick in die Schlafkammer. Wie
+leuchtend weiß das Stübchen war. Nein, da hinein gehörte kein anderer
+Schmuck als die weißen Glieder des schlanken Mädchens.
+
+»Fräulein Johanna,« sagte sie und blieb vor ihr stehen, »geben Sie mir
+mal Ihre Händchen. So. Und damit wollen wir es für heute bewenden
+lassen. Wir haben uns gesehen und gesprochen und müssen nun zunächst
+unsere Gedanken sammeln. Ein jeder über den anderen. Ich denke,« fügte
+sie mit einem ermunternden Blick hinzu, »das soll uns nicht schwer
+fallen. Versprechen kann ich Ihnen heute nichts, wenigstens nichts, was
+über meine Person hinausgeht. Mein Mann ist gewöhnt, sich seine eigenen
+Ansichten zu bilden und danach zu handeln. Aber Sie sind ja noch so
+jung und werden abwarten können, besonders, da Sie jetzt wissen, daß
+mit mir zu reden ist. Oder wissen Sie das nicht?«
+
+»Doch, doch,« stammelte die Kleine.
+
+»Nun, so kommen Sie zuweilen zu mir. Morgen nachmittag, um diese
+Stunde. Geben Sie acht, wir werden uns schon befreunden und auch Pläne
+schmieden. Ihre Frau Großmutter hoffe ich noch kennen zu lernen. Adieu,
+mein Kindchen. Und vergessen Sie nicht: morgen!«
+
+Hannes knickste und beugte sich sprachlos über die feingeäderte
+Frauenhand. Da faßte Frau Margot sie unter das Kinn und küßte sie auf
+die Stirn.
+
+»Adieu, adieu — — —«
+
+Draußen auf der Straße wartete Springe auf sie. Er tat keine Frage, und
+sie gingen eine ganze Weile, ohne zu reden, nebeneinander her. Aber das
+Schweigen brachte sie einander näher.
+
+»Sie sind also meiner Ansicht?« fragte sie endlich unvermittelt und
+blieb stehen.
+
+»Umgekehrt, gnädige Frau, Sie sind der meinen, und das macht mich
+froher, als ich sagen kann.«
+
+»Des kleinen, herzigen Mädchens wegen?«
+
+»Nein, Ihretwegen, Frau Margot. Sie verstehen mich.«
+
+Und sie verstand, was er meinte.
+
+»Hat die Kleine besondere Talente, die man ausbilden könnte? Ich möchte
+für alle Fälle etwas für sie tun.«
+
+»Sie ist überraschend musikalisch. Es würde sich lohnen, sie im Gesang
+ausbilden zu lassen.«
+
+»Sie soll mir morgen etwas vorsingen. Dann werde ich mit einer
+Gesangsmeisterin sprechen.«
+
+»Werden Sie mir erlauben, mein Scherflein dazu beizutragen?«
+
+»Springe,« meinte sie, »können Sie mir denn gar keine Freude gönnen?«
+
+»Geteilte Freude ist doppelte Freude. Wenigstens für mich. Ich bin nun
+einmal ein Egoist.«
+
+»Ja,« sagte sie, »mir wird es auch so gehen. Wir beide als gemeinsame
+Pflegeeltern — —.«
+
+»Nun haben wir schon ein gemeinsames Kind.«
+
+»Springe!« verwies sie ihn empört, aber sie mußte doch über ihn lachen.
+»Sie sind und bleiben ein unverbesserlicher —«
+
+»Optimist,« vollendete er. »Man muß seinem Herrgott für alles danken.«
+
+Er brachte sie bis vor ihr Haus, und sie verabschiedeten sich mit einem
+kameradschaftlichen Händedruck.
+
+Am nächsten Tage war Hannes gekommen, und sie kam fast Tag für Tag. Es
+dauerte lange, bis sie die Scheu vor den glänzenden Räumen überwunden
+hatte. Nicht der Komfort war es, der auf ihr lastete, sondern das
+ungewisse Gefühl, daß sie hier wie ein heimlicher Dieb aus- und
+eingehe. Der Geist Philipp Steinherrs ging sichtbar für sie durch die
+Räume. Und ob sie auch den Fabrikanten tagsüber draußen auf seinen
+Eisenwerken wußte und keinerlei Überraschung zu befürchten hatte:
+daß sie nicht wie ein von allen gern gesehener Gast das Vaterhaus
+ihres Hans betreten konnte, bedrängte um des Liebsten willen ihren
+Mädchenstolz.
+
+Frau Margot beobachtete die junge Gesellschafterin mit ungetrübtem
+Auge. Sie wünschte den Charakter in allen seinen Phasen zu ergründen.
+Und gerade der stumme Seelenkampf, den sie wahrnahm, war es, der ihr
+die stärksten Sympathien einflößte. Als sie sich sicher wußte, daß
+ihre Zuneigung zu dem äußerlich seltsamen und innerlich so klaren
+Wesen eine unerschütterliche geworden sei, begann sie mit festen
+Händen in den Bildungsgang ihrer Schutzbefohlenen einzugreifen. Sie
+brachte sie persönlich zur Gesangsmeisterin, und als die ernste Frau
+beinahe enthusiastisch erklärte, in der Kleinen stecke eine Altistin
+von seltener Begabung und seltenem Wohllaut der Stimme, schloß sie auf
+der Stelle den Studienvertrag ab, demzufolge Hannes dreimal in der
+Woche das Haus der Meisterin zu besuchen hatte. Doch hierbei blieb
+Frau Margot nicht stehen. Sie wies das Mädchen an, ihre Sprachstudien
+wieder aufzunehmen, führte nach einiger Zeit die Konversation öfters
+im englischen oder französischen Idiom, wählte vornehme, deutsche
+Lektüre aus und ließ sie wie spielend alle die kleinen Handgriffe
+lernen, die eine schöne Frau im Salon als Wirtin oder Gast erst recht
+liebenswert erscheinen lassen. Als der Herbst vorüberging und die
+Saison anhob, schickte sie das bildungshungrige Mädchen zuweilen in
+die großen Konzertaufführungen oder auch ins Theater, das sich damals
+eines hohen Rufes erfreute. Und beim nächsten Zusammensein ließ sie
+sich die Eindrücke schildern, korrigierte unauffällig den Geschmack und
+erläuterte freundlich, was ihrem Fassungsvermögen noch unklar geblieben
+war.
+
+Und der Herbst war nun lange schon vorüber, die Universitätsferien
+waren zu Ende gegangen, und Hans war nicht gekommen. Er hatte mit
+einigen seiner Kommilitonen sofort von Bonn aus eine Ferienreise
+angetreten, die vom Vater mit Vergnügen gesehen wurde und ihn auf
+fröhlichen Mittelmeerfahrten zurückhielt. Dann war Philipp Steinherr
+ihm entgegengereist, hatte ihn in Bonn equipiert, und Hans hatte seinen
+Dienst bei den blauen Husaren angetreten.
+
+»Der Prophet gilt nichts im Vaterland, wenn er seine Entwicklung unter
+den Augen der Nachbarn abmacht,« hatte Philipp Steinherr dem Sohne
+erklärt. »Zeige dich den Leuten daheim nicht zu oft in deiner unreifen
+Zeit, tobe deine Dummheiten außerhalb der Mauern Düsseldorfs aus, und
+man wird, wenn du nach ein paar Jahren zurückkehrst als Doktor der
+Rechte, Reserveoffizier und was weiß ich, stets eine Art Respektsperson
+in dir sehen und nicht den Allerweltsduzbruder, dem man mit der alten,
+plumpen Vertraulichkeit begegnen kann. Ich möchte, daß du daheim einmal
+Numero eins wirst.«
+
+Und Hans hatte sich vorgenommen, sich nicht eher daheim zu zeigen,
+als bis er zum mindesten die Tressen erlangt hätte und ihm dadurch,
+als Offiziersaspirant, unter den Besuchern seines väterlichen Hauses
+von vornherein eine angemessene Stellung gewährleistet sei. Er tat
+seinen Dienst mit einem Ehrgeiz, der ihm schnell die Beachtung und das
+Wohlwollen seiner kavalleristischen Vorgesetzten eintrug.
+
+Die Briefe an Hannes wurden in dieser Zeit noch seltener. Er
+entschuldigte sich mit seinen tausend Dienstobliegenheiten, Strapazen
+und Ärger, und vertröstete auf ein Wiedersehen, das alles klären würde.
+Was er sich unter dieser Klärung gedacht hatte, war ihm selbst nicht
+bekannt. Nur jetzt nicht nachdenken.
+
+Daß Hannes bei seiner Mutter verkehrte, war ihm unbekannt geblieben.
+Frau Margot hatte gewünscht, daß die Mitteilung unterbliebe, damit der
+Junge eines Tages umsomehr von dem Ereignis und den sich an Hannes
+so augenfällig bemerkbar machenden Folgen überrascht würde. Aber dem
+Jungen eilte es scheinbar ja gar nicht, sich überraschen zu lassen.
+Ein Grund mehr, ihn nicht unnötig und voreilig in den inneren Konflikt
+zwischen Vater und Mutter hineinzutreiben.
+
+Ruhig ging das Leben in Düsseldorf seinen Weg. Die geschäftliche
+Krisis, welche die ganze deutsche Industrie ergriffen hatte, war
+zwar nicht gewichen, aber schon sahen einige Wetterkundige der
+Großindustrie Zeichen auftauchen, die auf einen baldigen und jähen
+Umschwung hindeuteten. Philipp Steinherr war nicht der letzte, der sie
+bemerkte. Aber er sprach kein Wort von besseren Zeiten, von Zeiten,
+die der Industrie eine bis dahin in Deutschland unerhörte Hausse
+bringen sollten; er handelte auf seine Weise. Als der Sommer kam,
+hatte er zu seinen Werken in aller Heimlichkeit einige Etablissements
+hinzugekauft, die sich allein nicht mehr zu halten vermochten,
+und ließ alsbald unauffällig alle Betriebe in Stand setzen und die
+Vorräte an Rohmaterialien für billiges Geld verdoppeln, um beim ersten
+beutekündenden Morgenrot sofort gerüstet auf der Schanze zu stehen.
+
+Da trug man an einem frühen Sommerabend den unersättlichen Mann auf
+einer Bahre ins Haus. Während einer hitzigen Auseinandersetzung auf dem
+Werk war er vom Schlag getroffen umgesunken.
+
+Es war noch Leben in ihm, als man ihn in seinem Zimmer bettete. Zwei
+der besten Ärzte hielten bei ihm Wacht, bis ihm das Bewußtsein dämmernd
+zurückkehrte. Frau Margot, furchtbar erregt und an nichts anderes
+denkend als an die Linderung seiner Schmerzen, wich und wankte nicht
+von seinem Lager.
+
+Philipp Steinherr öffnete den Mund. Sein Bestreben, Laute
+hervorzubringen, war schrecklich anzusehen. Er rollte die Augen hin und
+her, als ob er jemand suche. »Hans — —« quoll es ihm undeutlich über
+die Lippen. Er hatte seinem Nachfolger noch so viel zu sagen.
+
+»Es ist nach ihm depeschiert, Philipp,« beruhigte Frau Margot, kaum im
+stande, sich auf den Füßen zu halten. »Er kann bald hier sein.«
+
+Sie legte ihm die Hand auf die feuchte Stirn, und der Mann, der nie
+im Leben nach einer schmeichelnden Frauenhand viel Verlangen getragen
+hatte, empfand im Sterben den wohltuenden Zauber der Berührung. Seine
+angstvoll starrenden Blicke wurden weicher, er hob mit Aufbietung aller
+Kräfte die Hand, um sie auf ihre Hand zu legen. Dann verschied er in
+den Armen seiner Frau. — — —
+
+Als Frau Margot totenblaß durch die Zimmer schritt, schlug ein leises
+Weinen an ihr Ohr. Sie stutzte. Wer konnte da so heiß um den Toten
+trauern, der im Leben keine Freunde besessen und sie auch nie gewollt
+hatte? Sie schlug die Portière zu dem Kabinett zurück, das an ihr
+Schlafzimmer stieß, und erblickte Hannes.
+
+»Was machen Sie hier, Kind?« fragte sie tonlos.
+
+Da warf sich das Mädchen an ihren Hals und schluchzte in wilder Angst.
+
+»Wie wird er das nur ertragen, wie wird er das nur ertragen — — —«
+
+»Sei still, mein Töchterchen,« sagte Frau Margot, »wir müssen einer dem
+anderen beistehen.«
+
+Sie hatte dem fremden Kinde gegenüber das erste Du gefunden.
+
+»Im Salon — ist — noch jemand,« brachte Hannes unter den Tränen hervor.
+
+Frau Margot befreite sich sanft aus der Umarmung und schritt durch die
+Zimmer weiter zum Salon. Sie wußte, daß es Springe war. Und Heinrich
+Springe ging ihr, als er ihren Schritt hörte, entgegen und nahm stumm
+ihre Hände in die seinen und drückte sie.
+
+»Ich bleibe hier,« sagte er dann, »vielleicht kann ich Ihnen etwas
+abnehmen. Aber Sie müssen sich jetzt unbedingt zurückziehen. Tun Sie es
+Ihrem Jungen zuliebe, der jeden Augenblick kommen kann, damit Sie ihm
+Fassung zeigen können, wenn er die seine verliert.«
+
+Sie nickte bloß zu seinen Worten und ging.
+
+Die Dienstboten hatten die Rollläden heruntergelassen und im
+Treppenhaus das Licht entzündet. Der Sommerabend senkte sich tief herab.
+
+Da rasselte ein Säbel auf der Treppe, Sporen klirrten, und bald darauf
+gellte ein Schrei durch das Haus: »Papa, Papa — — —!«
+
+Nach einer halben Stunde wankte Hans aus dem Zimmer. Er hatte die
+besänftigenden Worte der Mutter kaum gehört, wiederum war sein Leben
+widerstandslos von den neuen Eindrücken überwältigt worden, und er fand
+nicht den Halt in sich selbst.
+
+Er vermochte die schwere Luft im Hause nicht zu ertragen, nach
+anderthalbjähriger Abwesenheit kamen ihm die Räume fremd vor, die
+Dienstbotengesichter waren ihm unbekannt. Und allein wollte er
+sein, allein, um alles zu begreifen und eine äußerliche Haltung
+zurückzugewinnen.
+
+Er stolperte durch den dunklen Garten nach der Laube, in der er als
+Primaner so oft Verse gedichtet hatte. Vom Gartentisch, an dem sie
+gesessen hatte, erhob sich eine Gestalt, die der Mond hell beschien.
+Das feine Gesicht, die tiefen Augen, das leuchtende Haar — das war
+doch, das war doch — —
+
+»Hans —« sagte da die Stimme, die nur der Liebsten gehören konnte.
+
+Und als er vor ihr stand, schreckhaft weiß, trocken brennenden Auges
+und der Sprache beraubt, trat sie auf ihn zu und nahm sein kaltes
+Gesicht zwischen ihre Hände und küßte ihn leise zum Willkommen.
+
+»So weine doch,« sagte sie, »so weine doch nur ...«
+
+Da löste es sich in seiner Brust, da war ihm, als hörte er ferne
+Heimatsglocken rufen, und sie riefen näher und näher und löschten aus,
+was zwischen fern und nah lag. Den Kopf an der Schulter des Mädchens,
+weinte er und weinte — um alle seine Verluste.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Zehntes Kapitel
+
+
+Das Trauerjahr war zu Ende gegangen.
+
+Nach wie vor leuchtete der Name »Philipp Steinherr« in großen
+Metallbuchstaben an den Oberbilker Eisenwerken, aber der, der den
+Namen in harten, unvergänglichen Zügen geschaffen hatte, war nicht
+unersetzlich geblieben.
+
+»Ist es nicht ein schwermütiger Gedanke,« hatte einst Frau Margot
+im Gespräch mit dem Freunde geäußert, »daß kein Mensch eine Lücke
+hinterläßt? Es wird Morgen und es wird Abend und wieder Morgen, und das
+Leben schreitet fort und Handel und Wandel, und keiner dreht sich um
+nach dem, der einst war und ohne dessen Stimme sonst kein Unternehmen
+möglich schien. Was hat da aller Ehrgeiz genutzt, wenn jedes Ding so
+bald unpersönlich wird?«
+
+»Nein, Frau Margot,« hatte Heinrich Springe geantwortet, »darin kann
+ich keinen Grund zur Klage sehen. Für mich liegt gerade in dem Umstand,
+daß kein Mensch unersetzlich ist, etwas ungemein Tröstliches und —
+Aufrüttelndes. Inwiefern Tröstliches, meinen Sie? Nun, weil es auf
+die Dauer auch den größten Schmerz paralysiert, wenn die beständig
+mahnende Kluft fehlt; denn sonst würde die Vernichtung eines jeden
+Menschenlebens die Vernichtung einer Anzahl anderer Menschenleben nach
+sich ziehen und so fort bis ins Unendliche. Die Selbstzerfleischung
+aber kann nie der Zweck einer Schöpfung sein. Der Mahner Tod schwindet
+hin wie ein Phantom, weil wir seine Spur nicht mehr sehen, die Lust zum
+Leben, die erschreckt den Kopf unter die Flügel gezogen hatte, wagt
+sich scheu hervor, blinzelt mit den Augen und bemerkt, daß sie nach
+wie vor und trotz heftigen Sträubens den Duft der Rosen empfindet,
+den Gesang der Vögel vernimmt und das Licht der goldenen Sonne sieht.
+Und damit komme ich zu dem, was ich das Aufrüttelnde der Idee nennen
+möchte. Wenn wir erst einmal gewahr geworden sind, daß das Leben
+nach der Spanne, die es uns läßt, uns nicht vermißt, so sollen ~wir~
+hingegen, ~während~ dieser Spanne, nichts vom Leben missen wollen,
+sondern bei dem kurzen Besuch alle Gastgeschenke entgegennehmen und,
+wenn’s not tut, sie seinem Reichtum entreißen. Damit nehmen wir
+unserem Toten nichts und schaffen uns Lebendigen unser Recht. Es ist
+eine fixe Idee, wenn man glaubt, man komme über den Schmerz um einen
+Dahingeschiedenen nie mehr hinweg, wenn man sich um diesen Schmerz
+lebendig begraben will, und läßt doch bei dem geringsten Zahnweh
+einen Arzt zur Hilfe rufen. Für ehrliche Naturen sollte es keine
+Inkonsequenzen geben, auch aus Gefühls- und Pietätsgründen nicht.
+Entweder — oder!«
+
+»Also Witwenverbrennung — ich meine damit natürlich mehr, das
+Auslöschen alles dessen, was er hinterlassen hat —« sagte sie
+nachdenklich, »oder —?«
+
+»Hand ans Steuer,« vollendete er. »Nur nicht das widersinnige
+Vegetieren, dies halbe Verzichtleisten und Nirgendhingehören, das
+vielleicht einer Generation Schaden und uns keine Zufriedenheit bringt.«
+
+»Und wenn wir nun die Hand ans Steuer legen? Auch uns wird es eines
+Tages entzogen.«
+
+»Verstehen Sie denn darin nicht die Größe des Gedankens, Frau Margot?
+Es wird kein Unterschied gemacht! Auch bei unseren Nachfolgern nicht!
+Ein endgültiges Triumphieren gibt’s nicht! Herr Gott, bei solchem
+maschenlosen Kommunismus verliert der Tod doch jeden Schrecken.«
+
+»Und die Werke, die wir zurücklassen müssen und die in fremde Hände
+übergehen? Ist das nicht quälend?«
+
+»Der Kopfschmerz, den wir uns darüber machen, vergeht in dem Moment,
+in dem wir die Augen schließen. Sind wir am Abend unseres Daseins
+mit dem Bestand unserer Werke und mit uns zufrieden, so ist uns die
+Krone des Lebens geworden. Und wissen wir überdies, daß wir kein
+Glück vorbeiließen, soweit es uns erreichbar war, so sind wir selbst
+nach unserem Tode noch glücklich zu schätzen. Darum sag’ ich: bis
+zum letzten Atemzug die Hacken einschlagen in die Felsen und Quellen
+hervorrufen, aus denen wir trinken können. Austrinken, wenn es uns
+schmeckt. Das nachfolgende Leben ist nicht auf unsere zwei Augen
+gestellt, so wenig wie das unsere auf die Augen unserer Vordermänner.
+Es rauschen immer wieder neue Brunnen.«
+
+»Sie sind ein Lebenskünstler, Heinrich Springe. Woher haben Sie diese
+hieb- und stichfeste Weisheit genommen — —«
+
+Dann bot er ihr den Arm und führte sie in den Garten, zu den Rosen.
+
+»Wie sie blühen und duften,« sagte er. »Und sie schießen und sprießen
+aus demselben Stock hervor, der im letzten Herbst verblüht war. Liebste
+Frau: es gibt kein Jahr, in dem nicht Rosen blühen.« — — —
+
+Und auch in Frau Margot blühten die Rosen auf, die so lange
+durchwintert hatten.
+
+Hans Steinherr hatte am Tage nach der Beerdigung seines Vaters den
+Freund in seiner Wohnung aufgesucht, um sich wegen der Fortführung
+der Werke Rats zu holen. Nach längerer ernster Konferenz war
+man übereingekommen, sich zu Frau Margot zu begeben, um ihr die
+einstweiligen Pläne zur Begutachtung vorzulegen.
+
+»Ich habe ja nicht die geringste Ahnung von dem Wesen der
+Betriebsführung und rationeller Fabrikationswirtschaft,« hatte Springe
+geäußert, »und daß Hans mir in diesen Dingen nichts weniger als
+überlegen ist, bedeutet auch gerade keinen Trost. Wollen Sie jedoch
+die Meinung eines sonst ziemlich klarblickenden Menschen haben, so
+ist es die: Lassen Sie den Oberingenieur der Firma rufen. Der Mann
+ist zwanzig Jahre im Dienst und hat die ganze Entwicklung der Werke
+mit durchgemacht. Er weiß um alle Zukunftspläne und hat Interesse an
+ihrem Werden, weil sein geistiges Kapital darin angelegt ist. Das ist
+aber nicht genug. Soll die ganze Leitung in seine Hände übergehen, so
+muß seine Bedeutung nach außen hin gesteigert werden. Seiner selbst
+wegen, damit er nicht auf Konkurrenzgedanken kommt, und der Beamten
+und Arbeiter der Fabrik wegen, damit sie mit Respekt seinen Weisungen
+folgen. Das scheint mir aber nur möglich, wenn Sie ihn zum Teilhaber
+ernennen. Geben Sie ihm den Titel und beteiligen Sie ihn — neben
+seinem festen Gehalt — mit einem gewissen Prozentsatz am Reingewinn.
+Sie werden pekuniär gut dabei fahren und vor allem jeder Sorge
+überhoben sein.«
+
+Der Abend war mit Verhandlungen mit dem Oberingenieur ausgefüllt
+worden, der sich als ein kluger und ruhiger Mann erwies. Die
+Eintragungen in das Firmenregister hatten bald darauf stattgefunden.
+Hans war zu seinem Regiment zurückgekehrt, und nun lief die Zeit wieder
+hin, als wäre in ihrem Gleise keine Unebenheit gewesen.
+
+Hans hatte von seinem Kommandeur die Erlaubnis erhalten, die erste
+achtwöchentliche Reserveübung sofort an das Dienstjahr anschließen
+zu dürfen. Dadurch wurde er der Notwendigkeit enthoben, sich bis zum
+Beginn des neuen Semesters nach Hause begeben zu müssen, denn eine
+andere Reise erschien ihm jetzt nicht passend. Vor den Verhältnissen
+daheim aber bangte ihm. Er wußte nun um das Verhältnis Johannas zu
+seiner Mutter, er sah voraus, daß man ihm keine Hindernisse mehr in
+den Weg legen, sondern im Gegenteil an seinen Besuch frohe Erwartungen
+knüpfen würde. Und diese Erwartungsfreudigkeit war ihm unbequem, sie
+war ihm geradezu fatal.
+
+Nun stand er dicht vor dem Reserveoffizier, und er setzte allen Ehrgeiz
+darein, nicht zum Train abgeschoben zu werden, sondern beim Regiment
+weiter zu bleiben. Die Anschauungen seiner neuen Freunde, seiner ganzen
+Umgebung, hatten viel zu stark auf ihn abgefärbt, als daß er im stande
+gewesen wäre, sich ein anderes Glück zu denken, als das von seinem
+ganzen Kreise akklamierte und — beneidete.
+
+Hannes’ auffallende Mädchenschönheit tauchte vor ihm auf. Er wich
+dem Bilde betreten aus, dann aber blickte er verstohlen hin und sein
+Auge begann zu strahlen und sein Herz zu schlagen, je länger er es
+ins Auge faßte. Dies letzte Wiedersehen! Als sie in der Laube vor ihm
+stand, eine andere, schönere; und doch dieselbe, liebe. Nie, nein nie
+und nirgends hatte er ein so starkes, überquellendes und wiederum so
+beruhigendes Heimatsgefühl gehabt, wie in der Stunde, da er an ihrem
+Halse hing und sie ihn das befreiende Weinen lehrte ...
+
+»Keine würde sie übertreffen,« dachte er selig, »keine ihr
+gleichkommen. Sie hat den Mund einer Geliebten und die Augen einer
+Mutter.«
+
+Plötzlich übergoß flammende Röte seine Stirn, und er wandte sich rasch
+ab und trommelte nervös gegen die Fensterscheiben.
+
+»Aber wenn es auskäme? Ihre Herkunft, ihre Familie, ihre — Geburt?
+Und es kommt aus,« rief er laut, »so was bleibt nie verheimlicht,
+dafür sorgen die guten Freunde. Man wird zu tuscheln anfangen und sich
+erzählen und alles mehr noch übertreiben, als ob es nicht so schon
+genug wäre. Man brauchte nur zu erfahren, daß sie als Kind zum Modell
+gesessen hat. Ob nur zu einem Engelsköpfchen, danach fragt ja die
+Menschheit nicht. Da heißt es einfach: Modell! Und jeder denkt sich
+ein Manko an Schamhaftigkeit dabei. Himmel und Hölle, weshalb mußte
+die Alte auch einen solchen Unfug zugeben. Vererbtes Blut, schlechte
+Erziehung — wo sind da die Kautelen? Als Primaner denkt man ja an
+nichts anderes, als an das Gesichtchen. Aber ich bin kein Primaner
+mehr. Ich habe Verpflichtungen gegen meine Gesellschaft. Ich würde
+mich mit sehenden Augen unmöglich machen, nicht den Verkehr einhalten
+können, den ich haben will und muß. Wenn’s ein anderer wäre, ich würde
+doch ganz genau so darüber denken. Da kann und darf ich mich nicht
+ausschließen wollen.
+
+Und dabei hab’ ich doch das Mädchen so lieb —«
+
+»Ruhe, Ruhe. Nichts überstürzen. Zeit gewinnen, nur Zeit gewinnen.« —
+
+Von Bonn ging er auf zwei weitere Semester nach Heidelberg. Auch hier
+wurde er bei einem Korps aktiv, aber er betrieb doch mit einer gewissen
+Regelmäßigkeit seinen Studiengang. Als der Herbst kam, bereitete er
+sich auf die Übersiedlung nach Berlin vor; da erhielt er einen Brief
+Heinrich Springes, der ihn bat, diesmal einen Teil der Ferien zu Hause
+zu verbringen, da er verschiedenes mit ihm zu besprechen habe, das am
+angenehmsten an Ort und Stelle seine Erledigung fände. Es war ihm nicht
+sympathisch. Aber er mochte auch den alten Freund nicht vor den Kopf
+stoßen und reiste an einem der nächsten Tage ab. — —
+
+Für Hannes war das letzte Jahr wie das vorletzte geblieben. Sie nahm
+das Studium mit einem Ernst, der weit über ihre achtzehn Jahre ging,
+und wenn sich Ermüdung einstellte, dachte sie an den Geliebten,
+lächelte jede Mattigkeit hinweg und sprach vor sich hin: »Ich tue es ja
+nicht für mich, ich tue es ja für ihn.«
+
+In ihren äußeren Verhältnissen waren einige Änderungen eingetreten.
+Großmutter Stahl brauchte nicht mehr von Haus zu Haus ihrer Kundschaft
+nachzugehen. Die Herren von Burg Springe hatten sie feierlich zur
+Palastdame, Verwalterin und Oberschließerin auf Burg Springe ernannt,
+eine Beschäftigung, die den Tag der alten Frau nicht allzusehr
+bedrückte, aber dennoch ausfüllte. Zuerst hatte sie nicht gewollt. Sie
+witterte ein verstecktes Almosen. Als ihr aber Herr Friedrich Leopold
+in beweglichen Worten seine Not klagte und die aus Rand und Band
+gehende Junggesellenwirtschaft beschrieb, da bedurfte es nur noch eines
+kläglichen Hinweises auf den Verfall von Leib- und Tischwäsche — der
+alte Herr raunte mit bekümmertem Gesicht der alten Frau einige Worte
+ins Ohr und zeichnete dazu mit der Hand ein paar riesenhafte Ellipsen
+in die Luft, um ihr die schreienden Defekte in ihrer Größe einigermaßen
+klar zu machen — und Frau Stahl quittierte ihre sämtlichen Dienste in
+anderen Häusern, um den Rest ihrer Kräfte der Ordnung auf Burg Springe
+zu weihen. Die Wohnung in der Pempelforterstraße aber behielt sie
+bei; nur die Einrichtung wurde nach und nach etwas komplettiert. »Sie
+könne in ihren Jahren keine Luftveränderung mehr vertragen,« sagte sie
+zu Frau Margot, die ihr riet, eine bequemere Wohnung zu nehmen. »Wie
+gelebt, so gestorben.«
+
+In Burg Springe schlug das Leben seitdem höhere Wogen. Wenn Hannes
+kam, um ihre Großmutter abzuholen, oder mit Herrn Friedrich Leopold
+ein Stündchen zu verschwatzen und Herrn Heinrich beim Malen zuzusehen,
+»dann wurde es Tag«, wie der alte Kavalier strahlend erklärte. Dann
+zog die Jugend durch alle Räume und ließ die seinen Silberglöckchen
+klingen, und die sonderbaren Burgbewohner, die immer die Fallbrücke in
+Bereitschaft hielten, um die Jugend bei sich einzulassen, schworen, sie
+wären keinen Tag älter als Hannes. Es ging von dem Mädchen ein Fluidum
+aus, rein und stärkend wie die Wasser eines Jungbrunnens.
+
+An schmeichelnden Sommerabenden setzte sich Heinrich Springe an seinen
+Flügel und Hannes ließ ihren warmen Alt erklingen. Und wenn die
+Lieder ausgeströmt waren und die Stimmung sich so seltsam verdichtet
+hatte, daß nur noch etwas Außergewöhnliches geschehen durfte, um den
+glücklichen Zauber zu halten, dann führte Herr Friedrich Leopold an
+zierlich gespreizter Hand die rüstige Altersgenossin Frau Stahl vor,
+und sie mochte wollen oder nicht, sie mußte mit ihm zu Heinrichs
+Begleitung ein köstlich-steifes Menuett aus der guten alten Zeit
+exerzieren. Das war an den Abenden, an denen Frau Margot zugegen war,
+die nach der Eintönigkeit des vergangenen Trauerjahres nun oft im
+Vorbeigehen heraufgeschlüpft kam, um, wie sie sagte, ihre Seele zu
+füttern. Und an dem Abend, an dem das Weinlaub der Veranda herbstlich
+rot erglühte, hatte sie mit Heinrich Springe an der Brüstung gestanden,
+und die Fröhlichkeit, die aus dem Zimmer zu ihnen drang, gab ihrer
+stummen Stimmung das Relief.
+
+Sie lehnten nebeneinander und sahen geradeaus, in den farbenprangenden
+Abend hinein.
+
+»Frau Margot,« sagte dann Springe, aber keins von ihnen änderte die
+Richtung des Blickes, »ich habe Sie bis heute nicht fragen wollen.«
+
+»Lieber Freund, ich bin nicht mehr die kleine Margot, die Sie im
+Gedächtnis haben. Ich bin eine Frau, die den Höhepunkt überschritten
+hat. Bedenken Sie das.«
+
+»Wir beide haben erst den Höhepunkt überschritten, wenn wir uns nicht
+mehr lieben.«
+
+»Und das ist nicht möglich,« sagte sie und legte ihre Hand auf die
+seine.
+
+Sie schauten, nebeneinander lehnend, in den Abend wie vorher; aber es
+war ihnen, als wäre Luft und Licht noch wohltuender geworden.
+
+»Wann, Margot?« fragte er nur.
+
+Und sie antwortete: »Wann du willst. Nur ordne mir auch das
+Glücksbedürfnis meines Jungen ...«
+
+Da beugte er sich über die feingeäderte Hand, die wie ein Marmorgebilde
+auf der Verandenbrüstung ruhte, und küßte sie.
+
+ * * * * *
+
+Hans war angekommen.
+
+Als Frau Margot, die ihren Jungen von der Bahn abgeholt hatte, ihm im
+Wagen gegenübersaß, wußte sie nicht das rechte Wort zu finden, ihn im
+Sturm einzunehmen. Hans hatte sich bei der Begrüßung sehr zärtlich
+gezeigt, aber es war doch mehr die liebenswürdige Aufmerksamkeit
+eines chevaleresken Sohnes zur Mutter gewesen. Nun suchte sie ihn
+während der Fahrt zu beobachten und Vergleiche zwischen früher und
+jetzt anzustellen. Sie hatte sich ihren Jungen nicht gar so erwachsen
+gedacht. Hans war stärker geworden und breiter in den Schultern. Sein
+welliges braunes Haar war der Schere zum Opfer gefallen und so kurz
+geschnitten, wie es der durchgeführte Scheitel nur eben zuließ. Auch
+sein kräftiger dunkler Schnurrbart zeigte eine offiziersmäßige Form.
+Das Gesicht war röter geworden und die Studentennarben auf Stirn und
+Wangen zogen scharfe, purpurne Linien hinein. Um die Augen herum liefen
+tiefe Schatten, die von durchtollten Nächten sprachen.
+
+Es wurde Frau Margot eigentümlich zu Mute bei dieser Entdeckung. Hatte
+sie geseufzt? Worüber? Weshalb?
+
+Der Sohn erkundigte sich teilnehmend, ob sie sich nicht ganz wohl fühle?
+
+»O doch,« gab sie freundlich zur Antwort. »Ich bin nur froh, daß du da
+bist.«
+
+»Weißt du, was Springe von mir will? Er zitierte mich mit solcher
+Bestimmtheit her.«
+
+Welchen Ton er sich angewöhnt hatte — —. In den wenigen Worten schon
+lag die ganze Veränderung seines Wesens.
+
+»Ich möchte unserem Freunde nicht vorgreifen,« erwiderte sie
+reserviert. »Du wirst wohl gleich zu ihm wollen?«
+
+»Es eilt nicht, Mama. Jedenfalls möchte ich mich zunächst umkleiden
+und, wenn du gestattest, ein Glas Wein bei dir trinken. Diniert habe
+ich bereits in Köln auf dem Bahnhof.«
+
+Sie nickte nur, und schweigend kamen sie zu Hause an.
+
+Eine Stunde später verabschiedete er sich von der Mutter. Der rasch
+genossene Wein brauste ihm im Blut, und er freute sich auf einen
+Spaziergang durch den kühlen Herbsttag. Als der Hofgarten in Sicht
+kam, zog es ihn unwiderstehlich nach der Pempelforterstraße. Er wollte
+nur an dem Hause vorübergehen und dann zurückkehren, um Springe
+aufzusuchen. Doch nachher konnte er sich nicht enthalten. Weshalb nicht
+auf einen Sprung hinauf? Die Großmutter würde nicht daheim sein und
+Hannes — Hannes allein. Alle Pulse klopften ihm. Da war er auch schon
+oben und klingelte.
+
+»Hans!«
+
+Das Mädchen war zuerst einen Schritt zurückgetreten. Dann kam sie
+hastig vor, faßte ihn bei den Händen und zog ihn in das Zimmer. Seine
+Hände in den ihren, starrte sie ihn eine Minute an. Das Schweigen wurde
+ihm peinlich, und er machte eine Bewegung. Da schüttelte sie den Kopf,
+als wollte sie die aufsteigenden Gedanken verjagen, und warf, einem
+jähen Impulse folgend, die Arme um seinen Hals.
+
+»Da bist du, da bist du,« wiederholte sie nur immer, und ihr junger,
+warmer Mädchenkörper zuckte vor Erregung in seinen Armen.
+
+»Kind, Kind, wer wird sich denn so aufregen!«
+
+»O laß mich doch, laß mich doch. Ich wußte ja kaum noch, ob du lebtest.«
+
+»Mir ist das viele Briefschreiben ein Greuel. Damit wird dich auch Mama
+getröstet haben.«
+
+»Mama —?« Sie ließ seinen Nacken los und lächelte eigen vor sich hin.
+
+»Nun, Johanna, was soll denn das?«
+
+»Mama ist der Meinung, daß ich regelmäßig Nachrichten von dir gehabt
+hätte.«
+
+»Wie ist denn das möglich? Hat sie denn nie gefragt?«
+
+»Doch, doch. Gerade, weil sie gefragt hat. Da hab’ ich ihr das ja
+gesagt.«
+
+»Daß du Nachrichten von mir hättest? Ja warum denn, um alles in der
+Welt?«
+
+Sie sah ihn an. Sie fühlte, daß er sie nicht verstand, daß er ihre
+Tapferkeit nicht verstand. Und plötzlich merkte sie, daß all ihre
+Freude erstorben, daß ihr Blut eiskalt geworden war.
+
+»Weil ich mich für dich schämte,« sagte sie und richtete sich ruhig auf.
+
+»Was —?« fragte er erstaunt, als hätte er nicht recht gehört. »Weil du
+dich — für mich — —? Ach, du scherzest wohl.«
+
+»Wie du dich verändert hast,« entgegnete sie nur und betrachtete ihn
+ernst. Sein Gesicht hatte keine Geheimnisse für sie. Sie las aus den
+kleinen Spuren sein ganzes Leben.
+
+»Darf ich vielleicht wissen, weshalb du es für nötig hieltst, dich für
+mich zu schämen?« fragte er zornig.
+
+Da fuhr auch sie auf.
+
+»Nein! Das darfst du ~nicht~ wissen, wenn du es wirklich nicht längst
+schon weißt.«
+
+»Ich bitte mir ein besseres Benehmen aus. Das ist nicht der Ton, in dem
+wir eine Unterhaltung führen können.«
+
+»O — —! Und ~dein~ Benehmen? Dein Benehmen gegen mich? Daß du mich fast
+ein Jahr lang auf eine Zeile warten ließest? Das ist wohl ganz was
+anderes!«
+
+Er suchte nach einer Antwort, um der aufsteigenden Scham zu begegnen.
+Und plötzlich, nur von dem Gefühl getrieben, nicht als der Besiegte
+zu erscheinen, stieß er brüsk hervor: »Vergiß doch nicht, daß wir
+durchaus nicht offiziell verlobt sind. Dann freilich, dann wäre es
+unverantwortlich von mir gehandelt gewesen. So aber trifft mich auch
+nicht der kleinste Vorwurf.«
+
+Sie wurde mit einem Male merkwürdig ruhig. Noch ein paar schnelle
+Atemzüge, und sie konnte lächeln.
+
+»Reden wir nicht davon. Es hat keinen Zweck. Einer von uns spricht
+Chinesisch.«
+
+Dann bot sie ihm mit heiterem Wesen einen Stuhl an und setzte sich mit
+einer kleinen Handarbeit an den Tisch. Ganz korrekt, ganz über der
+Situation stehend, wie eine große Dame, dieses junge Geschöpf ...
+
+»Großmama wird sehr bedauern. Es ist zwar nicht ganz schicklich, daß
+wir hier so mutterseelenallein sitzen. Aber für ein paar Minuten — das
+hat wohl nichts zu bedeuten.«
+
+Er biß sich auf die Lippen. Sie machte sich lustig über ihn! — — Da
+verlor er den Kopf.
+
+»Hannes,« begann er, und nun sprudelten die Worte hervor und
+überstürzten sich, »Hannes, ich hab’ dich lieb. Daran zweifelst du
+doch hoffentlich nicht. Ich habe dich genau so lieb wie früher. Aber
+dem Leben da draußen ist nicht nur mit der Liebe gedient. Wir — ich
+mein’ die Menschen, die auf sich halten — wir haben ernstere Pflichten
+gegenüber der Gesamtheit als die große Masse gegen sich. Wir bilden die
+Elite. Und deshalb dürfen wir uns nicht leichtsinnig eine Blöße, eine
+Angriffsfläche geben. Was den einzelnen von uns trifft, das trifft uns
+alle. Wir sind sozusagen ein Körper und eine Seele. Verstehst du das?«
+
+»Ich wußte bisher nur, daß zwei, die sich lieben, das zu sein hätten
+...«
+
+»Aber natürlich. Das hab’ ich doch wohl nicht in Abrede gestellt. Ich
+spreche hier aber von dem Kreise, in dem ich zu leben habe, von den
+Leuten aus gutem Hause und von guter Erziehung. Siehst du, Hannes, das
+sind die Konflikte, die an mir herumreißen. Ich habe dich so lieb — wer
+könnte dich nicht lieb haben — aber nun sei einmal mein vernünftiges
+Mädchen.«
+
+»Ich bin dein vernünftiges Mädchen,« sagte sie und zwang den
+stürmischen Atem zurück.
+
+»Also, Hannes; dann wird es uns leicht werden. Ganz offen, nicht
+wahr, ganz offen! Ich habe nun einmal einen Platz in der Gesellschaft
+einzunehmen. Und deine Mutter — deine Mutter besaß keinen Frauennamen.«
+
+»Nein; aber sie besaß die Frauenliebe.«
+
+»Aber davon versteht die Welt doch nichts,« rief er aufgebracht, »dazu
+ist doch die Welt zu dumm!«
+
+»Und trotzdem — —? Armer Hans.«
+
+»Du scheinst bei meiner Mutter viel gelernt zu haben,« sagte er und
+stand auf.
+
+»Ich wollte dich nicht kränken. Aber ich habe dich viel zu lieb, als
+daß ich dich so hören könnte.«
+
+»Hannes,« bestürmte er sie von neuem und zog sie an sich, »es ist ja
+nur eine bloße Formalität, die ich verlange. Ich habe ja allen Respekt
+vor deiner Mutter, aber die Leute, auf die es für uns ankommt, denken
+darüber anders. Wir wollen zu Springe hingehen. Wir wollen ihm alles
+vorstellen und ihn bitten, zu helfen. Er soll dich adoptieren. Dagegen
+wird er bei seinen Anschauungen nichts haben. Du erhältst einen guten
+Namen und wir heiraten und ziehen nach München, nach Berlin, wohin du
+willst. Mit der Fabrik will ich ja doch nichts zu tun haben. Hannes,
+ich bitte dich. Hannes — — was hast du denn? Was fällt dir denn ein?«
+
+Sie hatte sich mit einer energischen Bewegung freigemacht und vom
+Wandhaken ihren Hut gerissen.
+
+»Soll ~ich~ gehen, oder willst ~du~ gehen?«
+
+»Hannes, Liebste, versteh mich doch nicht falsch. Kannst du mir denn
+kein Opfer bringen?«
+
+»O doch,« lachte sie und nestelte ihren Hut auf, »das größte; dasselbe
+Opfer, das meine Mutter gebracht hat. Wenn es darum ging’! Wenn
+es nicht anders wär’! Das wär’ doch wenigstens Stolz! Kein feiges
+Einschleichen, wie du es von mir verlangst. Gib dir keine Müh’ mit mir.
+Ich will nichts mehr hören, als das eine: Soll ~ich~ gehen, oder willst
+~du~ gehen?«
+
+Er war gegangen. Rot vor Zorn und Scham. Aber wie in einer Muschel, in
+der sich, unentrinnbar, die Stimme des ewigen Meeres gefangen hat, so
+schallte, unentrinnbar ihr, eine Stimme in seinem Innern. »Scham ist
+Feigheit — Scham ist Feigheit.«
+
+Die alte Frau Stahl hatte es gesagt, droben in dem Stübchen. Und droben
+in dem Stübchen rang jetzt ein junges, wildes Blut mit dem ganzen
+Stolz die Verzweiflung nieder. Der Sommernachtstraum, den sie im Park
+zu Benrath geträumt hatte — Sommernacht? Es war doch Herbst gewesen,
+Herbst wie heute. Der Ring hatte sich geschlossen.
+
+Sie saß gerade aufgerichtet auf dem Stuhl, den Hut auf dem Schoß, und
+starrte ins Leere. Nicht mit der Wimper wollte sie zucken. Aber die
+Tränen nahmen keine Notiz davon. Sie kamen tief aus dem Innern und
+rollten langsam über die Wangen und tropften heiß auf die Hände. Ein
+Abschied — —.
+
+ * * * * *
+
+Heinrich Springe ging auf dem Trottoir vor seiner Haustür auf und
+ab und zog jeden Augenblick aufs neue seine Uhr. Wo nur der Hans
+blieb? Er hätte schon seit Stunden bei ihm sein können. Sollte Frau
+Margot vorgezogen haben, zuerst mit ihrem Sohne zu sprechen, und Hans
+Einwendungen zu machen haben? Dem wartenden Manne war es auf seinem
+Atelier ordentlich unheimlich geworden. Ahnungen durchflatterten das
+Zimmer und schreckten ihn auf. »Wie Fledermäuse,« dachte er und sah
+sich um. Er hatte doch sonst nicht an Nervosität gelitten.
+
+»Die Liebe macht doch selbst die Vernünftigsten zu schreckhaften
+Kindern,« sagte er kopfschüttelnd. »Vielleicht, weil ihre Vernunft
+begreift, was das Herz zu verlieren hat.«
+
+Damit nahm er seinen Hut, um vor dem Hause nach Hans auszuspähen.
+
+Endlich! Dort kam er von der Oststraße her, den Hut etwas schief, das
+Jackett aufgeknöpft und den Stock wagrecht unter dem Arm.
+
+»Achtung, mein Junge, du läufst zu weit.«
+
+»Ah, da bist du ja selbst. Guten Tag, Heinrich. Wie geht’s? Wollen wir
+einen Spaziergang unternehmen? Es plaudert sich im Freien am besten.«
+
+»Lieber wär’s mir, wenn du mit mir hinaufgehen wolltest. Wir sind oben
+ungestörter.«
+
+»Na, gar so feierlich wird’s doch nicht sein.«
+
+»Wie man’s nimmt, mein Junge. Für mich soll’s, so Gott will, eine
+Feierstunde werden.«
+
+Sie saßen sich im Atelier gegenüber, wie vor Jahren. Aber der Jüngere
+war älter geworden, und der Ältere jung geblieben. Das sahen sie beide
+auf den ersten Blick, und es schlich sich ein Fremdes zwischen sie.
+
+Heinrich Springe schüttelte den Bann ab. Freimütig blickte er den
+einstigen Schützling an und legte ihm die Hand aufs Knie.
+
+»Laß mich gleich mitten in die Sache hineingehen, Hans. Umschweife
+würden sich für uns nicht schicken, und sie passen auch nicht zu meiner
+Art. Nur eines sollst du mir vorher sagen: ob du mir noch so vertraust
+...«
+
+»Aber gewiß ...«
+
+»Das genügt mir. Ich brauche also nicht zu erwähnen, daß keinerlei
+Interessen bestimmend für mich sein konnten. Hans, ich habe deine
+Mutter gekannt, als sie noch ein kleines Mädchen war, und ich habe sie
+mit meiner Knabenliebe geliebt. Du weißt ja selbst, was Jugendliebe
+bedeutet, nur daß du glücklicher darin bist, als ich es war. Wir waren
+beide arm, deine Mutter konnte nicht warten und heiratete deinen
+Vater, und ich — ich habe keine andere Frau mehr lieb gehabt. Und
+nun, Hans, und nun — haben wir uns wieder zusammen gefunden. Und der
+Kindheitsglaube an das Glück hat sich auch wieder eingefunden. Und nun
+möchten wir drei für immer zusammen bleiben: deine Mutter, dein Freund
+und der Kindheitsglaube.«
+
+Er stand auf und fuhr sich über die Stirn.
+
+»Das war’s, was ich dir persönlich sagen wollte, was sich brieflich
+überhaupt nicht ausdrücken läßt. Deshalb bat ich dich her. Und ich
+meine, dies Atelier, in dem auch du mir einmal von deiner Jugendliebe
+erzähltest, war die richtige Umgebung für diese Minute. — Du antwortest
+nicht? Hat es dich so überrascht?«
+
+»Das — das — verstehe ich nicht,« stieß Hans kurz hervor und erhob sich
+gleichfalls.
+
+»Soll ich es dir — ausführlicher erklären?«
+
+»O ich danke dir. Die Erzählung selbst ist mir schon aufgegangen. Aber
+daß meine Mutter es über sich gewinnt, daran zu denken, in ihren Jahren
+daran zu denken —«
+
+»Schau sie dir doch an, Junge,« sagte Springe lächelnd, »und dann
+wiederhole das von den Jahren.«
+
+»Einerlei. Und gerade ~du~ und sie. Spürt ihr denn nicht die Indezenz,
+die darin für mich liegt?«
+
+»Was sollen wir spüren?« fragte Springe verblüfft. »Was liegt für dich
+darin? Ja, mit wem sprech’ ich hier denn eigentlich? Hans, Hans, wach
+auf, es ist doch dein alter Freund, der vor dir steht.«
+
+»Ein Freund, der im Begriff ist, sich in meinen Vater zu verwandeln.
+Ein Freund, mit dem ich geschwärmt habe, mit dem ich gezecht habe,
+mit dem ich meine Liebesaventiuren beraten habe; der mir wie ein
+Gleichaltriger war. Und diesen Gleichaltrigen, diesen Kameraden der
+Jugend soll ich mir vorstellen als — als — den Gatten meiner Mutter?
+Wird es dir jetzt klar, was ich mit dem Worte ›Indezenz‹ aussprach?«
+
+Heinrich Springe war blaß geworden.
+
+»Nein,« sagte er und zog die Augenbrauen zusammen, »das wird mir
+~nicht~ klar. Aber es schwant mir ziemlich klar, daß du da draußen dein
+Liebesempfinden verloren oder — verhandelt hast.«
+
+»Möchtest du mir irgend etwas unterschieben?« brauste Hans auf. Die
+Szene, die er soeben erst mit Hannes erlebt hatte, stand ihm so
+greifbar vor Augen, daß er meinte, auch der andere müsse sie sehen. Das
+brachte ihn außer sich.
+
+»Ich denke, ich spreche ganz deutlich,« erwiderte Springe, »und so
+offen, wie es sich unter Männern ziemt. Du scheinst mir überhaupt den
+wahren Kern des Wortes Liebe noch gar nicht entdeckt zu haben. Ja,
+glaubst du denn, die Dezenz von Liebe und Eheliebe wäre unterscheidbar?
+Mein Junge, wer die Indezenz hineinträgt, das seid ihr! Ihr mit eurem
+lächerlichen Grenzregulieren und Schematisieren der Frauengefühle,
+die nach bestimmter Frist so schnell als möglich mit Anstand und
+Geräuschlosigkeit zu ersterben haben. Ich will dir was sagen: ich wäre
+in diesem Falle so geschmacklos, auf die ganze sogenannte Liebe zu
+pfeifen.«
+
+»Der Ausdruck macht dir im Rahmen dieser Unterhaltung alle Ehre.«
+
+»Nein, Hans,« sagte Springe schnell, »so dürfen wir beide nicht
+miteinander verhandeln. Ich habe dich falsch verstanden und bin übers
+Ziel geschossen. Aber sieh, wir sind alle Menschen. Deine Mutter und
+ich, du und Hannes. Und deshalb bleibt uns nichts, als menschlich
+zu fühlen. Das aber ist doch das Schönste. Wir fühlen, daß wir uns
+lieben, und wir lieben uns. Wo wir das rein und wahr erkennen, da
+fällt jede falsche Scham ab. Da versinkt das künstliche Verhältnis
+zwischen Eltern und Kindern. Da stehen nur noch liebende Menschen neben
+liebenden Menschen.«
+
+Er durchmaß das Zimmer und kehrte zu dem Schweigenden zurück.
+
+»Hans,« und das alte, strahlende Lächeln stand auf seinem Gesicht, »als
+ich — damals — deine frische, ringende Jugend antraf und dein Mentor
+wurde, da wurde ich es, um deinem Leben gerade dieses Ziel zu geben. Du
+solltest ein echter Mensch werden, durch jeden Firnis hindurchschauen
+lernen und mit klingendem Spiel noch ins Alter einmarschieren wie der
+Soldat ins Himmelreich. Jedem aber das Seine! Auch deine Mutter und
+ich nehmen das für uns in Anspruch, nicht weil wir älter sind, sondern
+gerade weil wir uns in dieser Beziehung euch immer gleichaltrig dünken
+werden. Mein lieber, alter Junge, in unseren Jahren ist der Vater nicht
+nur Vater, sondern auch Bruder, Freund, Kamerad. Das alles, und nur
+das, siehst du in mir. Und deine liebe, kleine Braut findet in ihrer
+Mutter auch eine Schwester.«
+
+»Meine — Braut? Von wem sprichst du denn?«
+
+»Herr Gott, sei doch nicht so offiziell! Von Hannes sprech’ ich.«
+
+»Dann gestatte, daß ich dich berichtige. Fräulein Stahl und ich denken
+nicht an eine Heirat.«
+
+Heinrich Springe trat ein paar Schritte zurück. Dann streckte er die
+Arme aus, kam vor und rüttelte seinen Gast an den Schultern.
+
+»Hans —«, er suchte nach Worten, »Hans! Auf der Stelle sagst du mir,
+daß du lügst. Ich will nicht wissen, was zwischen euch vorgefallen ist.
+Aber daß du es wieder gut machst, und wenn es dich die Zeit deines
+Lebens kostet. Eine Träne von ihr ist mehr wert, als der ganze Plunder
+deiner Errungenschaften. Sag es; auf der Stelle sag es.«
+
+»Bitte sehr,« versetzte Hans und machte sich kurz los. »Der Vater
+spricht etwas vorzeitig aus dir. Ich wüßte nicht, daß ich dir über mein
+Tun und Lassen irgendwelche Rechenschaft schuldig wäre. Ich lebe mein
+Leben, du — deins.«
+
+»O du armer Junge,« sagte Springe und ließ die Arme sinken, »du armer,
+verblendeter Tor!«
+
+»Für heute ist wohl unsere Unterhaltung zu Ende,« erwiderte Hans und
+ging zur Tür.
+
+Springe schaute ihm traurig nach.
+
+»Du hast noch etwas vergessen,« sagte er ernst, nahm ein Buch vom
+Schreibtisch und brachte es ihm. »Das gehört mir nicht.«
+
+Dann fiel die Tür zwischen ihnen ins Schloß.
+
+»Er wird durch eine bittere Schule gehen,« murmelte der
+Zurückbleibende, »und der arme, blinde Narr reißt sich selbst die
+Schwungfedern aus, um eine fremde Sprache schreiben zu lernen, die er
+nie sprechen lernt.« — —
+
+Hans Steinherr war, das Buch in der Hand, ziellos durch die Stadt
+gewandert. Eine unsagbare Leere spürte er in seiner Brust, ein
+quälendes, schmerzendes Heimverlangen. Aber er wollte es vor sich
+selbst nicht Wort haben. Was wußten die hinter ihm von seinem Ehrgeiz?
+Wer nicht mit ihm war, der war gegen ihn. Für den Philister sind die
+Höhen nicht getürmt, dem behagt es nur in der Niederung wie dem Frosch
+im Teich. »Ah, vorwärts,« sprach er sich Mut zu, »mit leichtem Gepäck
+marschiert es sich am besten. Wenn ich wiederkomme, sollen sie zu mir
+aufblicken.«
+
+Er war durch das Rheintor gegangen, über die Schiffsbrücke, und
+wanderte durch die Rheinwiesen, an den Erlen- und Weidenbüschen vorbei.
+Plötzlich zuckte er zusammen und griff nach dem Buch. Es war ihm
+eingefallen, daß er an dieser Stelle sein erstes Gedicht gedichtet
+hatte. Hier — hier hatte er zum ersten Male seine Jugend verspürt.
+Begierig führte er das Buch dicht unter die Augen.
+
+Es war dunkel geworden. Fern über Neuß stand ein Wetter. Schmutziggelbe
+Streifen zogen sich am schwarzbewölkten Himmel entlang. Aber die
+Widmung, die vermochte er noch zu lesen.
+
+»Meinem Mentor — Telemach.«
+
+Der Mentor hatte auf diesen Telemach freiwillig verzichtet. Und die
+Liebe auf ihren Sänger ...
+
+Ein Schwung — und das Buch klatschte in die Wogen des grollenden Rheins.
+
+Da schwamm ein Stück Jugend — — —.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Zweites Buch
+
+
+
+
+Erstes Kapitel
+
+
+Die Nacht ist herabgesunken auf das schweigende Nordmeer.
+
+Noch lustwandeln auf den Promenadendecks des Luxusdampfers fröhliche
+Menschen in heiterem Geplauder, und aus den Rauchsalons schallt das
+Lachen lustiger Zecherrunden. Aber die Macht der Gewohnheit berührt sie
+an der Schulter, und die Menschenlust wird müde, die sich nur an sich
+selbst zu entzünden vermag in der lauten Vielheit. Das Leben erlischt
+über der lautlosen See.
+
+Auf Achterdeck lehnt eine Gestalt gegen die Brüstung und träumt in die
+schaumweiße Kielspur nordische Märchen hinein. Scheu ist der Schlafgott
+an dem Manne vorübergegangen, als spürte er den Widerpart der alten,
+starken Götter, die in der Nacht über das einsame Nordmeer schweben.
+Und auch der sinnende Mann spürt ihre Gegenwart. Das Wunderbare,
+Rätselvolle, Nie-Gelöste in Luft und Wasser. Und seine Menschenseele
+möchte sehnend sich dehnen in dem unsagbaren, schmerzlich süßen
+Empfinden und unsichtbare Bande sprengen, um zu verschmelzen mit der
+Allmutter Natur, und sie ringt vergeblich nach einem armseligen Wort ...
+
+»Gute Nacht, Herr Doktor!«
+
+Der Träumer fuhr herum und blinzelte mit den Augen in den Lichtstreifen
+der Schiffslaterne. »Sie sind noch auf, gnädige Frau? Sie werden morgen
+das Frühstück verschlafen.«
+
+»Selbst auf die Gefahr Ihrer Ironie hin.«
+
+»Meiner Ironie —? Was hätte wohl meine Ironie damit zu tun?«
+
+»O, bitte, keine Entschuldigung. Daß Sie sich über die ganze
+Schiffsgesellschaft lustig machen —«
+
+»Pardon, meine Gnädige, ich denke nicht daran.«
+
+»Nun also, Sie denken nicht einmal daran; das wäre Ihnen schon zu viel
+der aufgewandten Ehre. Sie verachten sie ganz einfach.«
+
+»Sie gefallen sich heute in starken Ausdrücken, gnädige Frau. Ich tue
+weder das eine noch das andere, was Sie mir unterstellen. Wenn ich
+mich während der Nordlandsfahrt, die leider ihren Kurs nun wieder heim
+nimmt, für mich gehalten habe, so bedeutete das keinerlei Affront gegen
+die Reisegesellschaft, so wenig, als sie mich affrontieren kann. Keine
+Berührungspunkte zu finden, ist doch kein Verbrechen.«
+
+»Weshalb suchen Sie sie nicht?«
+
+»Meine gnädige Frau, ich bin trotz meiner verhältnismäßig jungen Jahre
+viel auf Reisen. Wenn ich den Gang des gesellschaftlichen Lebens
+beobachten wollte, könnte ich zu Hause bleiben. Aber gerade weil ich
+anderen Stimmen, unverfälschten und ergreifenderen, lauschen wollte,
+zog es mich aufs Meer. Da haben Sie den Unterschied. Frühstücken,
+dinieren, soupieren, Musik oder ein Spielchen machen und von Zeit
+zu Zeit einen Erholungsblick in die Natur tun — ja, dazu brauche
+ich nicht nach dem Nordkap zu segeln. Eine Reihe von festlichen
+Veranstaltungen finde ich überall. Wenn ich könnte, wie ich wollte, so
+ließ’ ich mir hier auf dem Achterdeck ein primitives Bett aufschlagen,
+nähme hier ganz nebenbei meine Mahlzeiten ein und rührte mich im
+übrigen nicht von der Stelle.«
+
+»Ohne jede Unterhaltung?«
+
+»Ich plaudere den ganzen Tag, wenn auch wortlos. Und wenn ich nicht
+plaudere, so staune ich.«
+
+»Über was, Herr Doktor?«
+
+»Über das, was mir die Elemente zu sagen haben.«
+
+»Und was sagen sie Ihnen gerade jetzt, Herr Doktor?«
+
+Hans Steinherr blickte lächelnd die elegante Fragerin an, die, den
+Saum ihrer reichen Abendtoilette gerafft, auf den Spitzen der weißen
+Glacéschuhe stand und in die schäumende Kielspur sah.
+
+»Hören Sie es nicht selbst? Sie wundern sich, daß die große Weltdame
+ihre Nachtruhe einer Kaprice opfert und sich einen Schnupfen holt, um
+ein Viertelstündchen Naturkind zu spielen!«
+
+»Das kann nicht alles sein,« erwiderte sie, »damit vertreiben Sie mich
+nicht. Haben Sie keine stärkere Beschwörung?«
+
+»Wenn Sie sie hören wollen?«
+
+»Ich will.«
+
+»Sie wissen, es ist die erste Reise, die das Schiff macht. Es ist seine
+Hochzeitsreise, seine Vermählung mit dem Meere. Und nun hat sich die
+Nacht gesenkt und die Neugier hat die Augen geschlossen. Verstehen Sie
+jetzt, was das Meer wünscht? Es wünscht, daß man die Mysterien der
+Brautnacht ehrt und das Schiff allein läßt in den Umarmungen der See.
+Schnell, schließen Sie schamhaft die Augen und fliehen Sie in Ihre
+Kajüte.«
+
+»Und Sie?«
+
+»O, ich — —. Nehmen Sie an, ich kenne in diesen Dingen keine Scham.
+Nehmen Sie an, ich sehe darin nur die Kraft und den Stolz der Kraft.
+Alles das, was wir Menschenkinder verloren haben und was ich für meine
+Person so gern wiedergewinnen möchte. Da! Da! Schauen Sie, wie die
+Welle das Schiff bei der Flanke packt. Wie das Schiff zittert und in
+die Umarmung hineintaucht. Was liegt ihm an dem Flüstern, das über die
+Wasser läuft! Die Wasser verrinnen ... Gute Nacht, gnädige Frau, es ist
+Zeit, daß Sie zu Bett gehen.«
+
+»Lassen Sie mich hier. Die Nacht ist herrlich.«
+
+Er gab es auf, sie zu verscheuchen, und zog einen bequemen Triumphstuhl
+aus Segeltuch heran, in dem sie sich ausstrecken konnte. Dann wickelte
+er seinen Plaid um ihre Schultern und hüllte ihre Füße in eine
+Reisedecke.
+
+»Ah — —« machte sie und rekelte sich wohlig.
+
+Schweigend lehnte er wieder an der Brüstung und lauschte in die
+schwarzblaue See unter dem endlosen Nachthimmel. Aber eine Unruhe trieb
+in seiner Stimmung umher wie ein unter dem Wasserspiegel verborgener
+Wirbel. Er fühlte, daß er beobachtet wurde, und diese Empfindung lenkte
+ihn von der Vertiefung des Genusses ab.
+
+»Weshalb sind Sie nur ein solcher Sonderling?« hörte er die
+Frauenstimme wieder neben sich fragen. »Wenn Sie wollten, könnten Sie
+der vollendetste Weltmann sein.«
+
+»Ich mache weder auf das eine, noch auf das andere Anspruch, gnädige
+Frau.«
+
+»Sie haben Trauriges im Leben erfahren?«
+
+»Ich — —? Ich glaube, es war umgekehrt. Das Leben hat von mir Trauriges
+erfahren. Und das ist schlimmer.«
+
+»Bah, man muß das Leben zuweilen =en canaille= behandeln, damit’s
+einmal einen anderen Ton von sich gibt.«
+
+»Sie spielen jetzt die Frivole wie vorhin das Naturkind.«
+
+»Wenn Sie das Spielerei zu nennen belieben —. Für mich ist es
+jedenfalls keine Spielerei. Vielleicht liegt darin unsere individuelle
+Verwandtschaft, die uns von der Allgemeinheit entfernt: wir haben,
+jeder für seine Person, unsere Separatwünsche.«
+
+»Sie sind bei gutem Humor, gnädige Frau. Ich kann mir nicht vorstellen,
+daß Sie sich lange mit Wünschen abgeben. Für Sie gibt es doch wohl nur
+Erfüllungen.« Er sah mit seinem leisen, ironischen Lächeln nach ihr
+hin, und es war ihm, als hätte es in ihren schwarzen Augen aufgeflammt.
+
+»Ihre Komplimente haben einen Beigeschmack, Herr Doktor; aber besser
+Beigeschmack als das fade Einerlei.«
+
+»Das ist eine Freinacht hier oben. Die Kultur liegt unter Deck und
+schnarcht.«
+
+»Sie sehen, daß ich nicht unter Deck liege. Ich verlange daher auch
+durchaus nicht nach Rücksichtnahme. Erkennen Sie das an?«
+
+»Sie ebnen mir so sehr die Wege zur Erkenntnis, daß es eine
+Rücksichtslosigkeit wäre, sie nicht zu betreten.«
+
+»Wohlan? Und Sie machen mir nicht den Hof?«
+
+»Das wäre doch paradox. Ich halte Sie für eine so schöne und so kluge
+Frau, daß Sie alles Recht haben, sich nach Laune zu langweilen. Daß ich
+Sie daran nicht hindere, das ist die eine Seite der Freinacht.«
+
+»Und die andere Seite?«
+
+»Die andere? Logischerweise muß sie darin bestehen, daß man sich
+gegenseitig nicht langweilt. Auch nicht mit Hofmachen. Die Woge
+schwillt empor, und das Schiff stürmt ihr entgegen. Die Schriften der
+unendlichen Natur sind alle so einfach. Nur wir Endlichkeitsgeschöpfe
+suchen sie zu komplizieren und haben die wenigste Zeit dazu.«
+
+»Sie reden wie ein dichtender Philosoph oder wie ein philosophischer
+Dichter.«
+
+»Das sind beides Leute, die ihren Beruf verfehlt haben, denn sie
+vergessen in ihrer Doppelbeschäftigung das eine über dem anderen.«
+
+»Und so haben Sie es auch gemacht? In die Sterne geguckt und dabei
+Blumen zertreten?«
+
+»O, Eva, Eva! Das Paradies und die Schlange! Und wenn ich nun, um Ihren
+Wissensdurst zu stillen, ja sagte?«
+
+»Ich könnte Ihnen zum Äquivalent aus meinem Leben erzählen.«
+
+»Meine Gnädige, ich bin ein ebenso schlechter Beichtvater wie ein
+uninteressantes Beichtkind.«
+
+»Wer weiß — —?« meinte sie zögernd und ließ ihren Blick aufmerksam
+über ihn hinstreifen. »Es stände ja nichts im Wege, daß Sie sich in
+beiden Beziehungen besserten. Vielleicht habe ich den Ehrgeiz, Sie zu
+entdecken.«
+
+Er verbeugte sich zeremoniell und schwang sich auf die Schiffsbrüstung.
+
+»Ich bin ganz Ohr, meine gnädige Frau,« sagte er, als er seinen Platz
+eingenommen hatte.
+
+»Der Vorbereitungen bedurfte es wirklich nicht,« versetzte sie
+leichthin. »Die Geschichte ist kurz und verständlich. Ich war zehn
+Jahre lang an einen kranken Mann gefesselt, der mich tyrannisierte.
+Einen Schritt aus dem Zimmer, und ich stand mitten in der Welt. Aber er
+ließ nicht zu, daß ich den Schritt auch nur einmal tat. Aus Eifersucht,
+aus Selbstsucht. Was nutzte mir da alle Schönheit und aller Geist, wenn
+ich meine Waffen nicht in den Kampf tragen konnte! Draußen rief das
+Leben, und in mir rief das Leben, und neben mir hielt mich der Kranke
+an der Kette.«
+
+»Und Sie kamen nie darauf, Schönheit und Geist zu benutzen, um dem
+Kranken eine Welt aufzubauen?«
+
+»Ich war ja selbst krank. Krank danach, mir selbst eine Welt
+aufzubauen. Glauben Sie, ich wollte mich besser machen als ich bin?
+Wenn nichts anderes, so sollen Sie wenigstens den Mut der Wahrheit bei
+mir anerkennen. Zu einer duldenden Samariterin tauge ich nicht.«
+
+»Ihr Gatte starb?«
+
+»Vor einem Jahre. Nun bin ich auf der Fahrt ins Leben.« Sie stützte
+sich auf den Arm und sah ihn mit ihren strahlenden Augen fest an.
+»Herr Doktor, lassen Sie es meine erste Tat sein, daß ich Sie Ihren
+Grübeleien entreiße, daß ich Sie ins Leben zurückführe, in das Sie
+hineingehören wie ich. Seien Sie mein Herold!«
+
+»Ich bin nicht gewohnt, die Posaune zu blasen,« murmelte Steinherr und
+verließ seinen Platz.
+
+»Aber die Zither zu schlagen. Verstellen Sie sich nicht; ich habe die
+Künstlernatur gleich in Ihnen entdeckt.«
+
+»Die Zither?« Es lag ein spöttischer Ton in seiner Stimme. »Meine
+verehrte Forscherin, alle Märchen beginnen mit: ›Es war einmal ...‹
+Sie reden von Märchentagen der Jugend, in denen jeder ein Instrument
+spielt. Aber Sie tun recht daran, von Märchen zu sprechen. Ist das
+nicht märchenhaft um uns her?«
+
+Er deutete in die nächtliche See hinaus, die sich wenige Meter vom
+Schiff wie ein Geheimnis im Dunkel verlor.
+
+»Dort liegt das Asenreich, das einst dahin mußte vor ›Buch und Kreuz
+und Mönchsgebet‹, wie Scheffels Waldfrau singt. Aber es liegt nur im
+Traum, wie alles, was einmal war. Der Gedanke ist ewig. Und eines Tages
+werden sich die Menschen zurückbesinnen auf die Tage der Kraft und
+Ursprünglichkeit.«
+
+»Und Sie werden dazu die Zither schlagen.«
+
+»Ich? — Ich bin ein stagnierendes Wasser, das langsam aber sicher
+verschwindet.«
+
+»Mein Herr Doktor: Sie und Sentimentalitäten? Ich nehme an, das ist ein
+bißchen Pose.«
+
+»Wie Sie befehlen, gnädige Frau. Wenn es Sie nur unterhält.«
+
+»Ein stagnierendes Wasser — —,« wiederholte sie. »Mir fällt ein,
+ich wanderte im Sommer einmal an einer wasserarmen Stelle des
+Werraflüßchens. Da hatte sich ein stagnierendes Wasser gebildet, und
+ein graues, moosiges Gespinst überzog die ganze Fläche. Das war ein
+trauriger, trostloser Anblick. Und als ich wenige Tage darauf wieder an
+den Ort kam, traute ich meinen Augen nicht. Das Grau war verschwunden,
+Sonne lag auf dem Wasser, und der Fluß — ja, denken Sie — der Fluß
+blühte! Tausende und aber Tausende weißer Blumen bedeckten ihn wie
+ein prangender Sternenmantel. Der Gott war in das stagnierende Wasser
+gefahren und hatte es gezwungen, zu leben, seine Wunder zu offenbaren.
+Das war eine seltene Überraschung. Seit dem Tage, Herr Doktor, geben
+mir die stagnierenden Wasser am meisten zu denken. Es sammelt sich
+darin in der Stille eine ungeheure Materie, und fährt der Gott hinein,
+so gibt es ein überwältigendes Prangen ...«
+
+»Sie schlagen ja selbst die Zither, gnädige Frau.«
+
+»O nein, ich bin nur eine begeisterte Zuhörerin. Heraus und heran mit
+allem, was das Leben schmückt!«
+
+»Die Sonne,« sagte Steinherr leise und wies in die Ferne, die einen
+fahlen, roten Streifen zeigte, der rasch anwuchs und die Linie
+des Horizontes scharf markierte. »Sonnenaufgang,« wiederholte er.
+»Ah, sehen Sie, wie im Osten Funken aufspringen und sich jagen und
+vereinigen. Jetzt ringeln sich feurige Schlangen blitzschnell um den
+Horizont. Jetzt schießen Strahlengarben empor, fliehen sich, suchen
+sich und verdichten sich zu einem golden umsäumten Purpurbaldachin,
+unter dem die Majestät der Sonne wie das segnende Auge Gottes
+emporsteigt.«
+
+Er berauschte sich an dem Schauspiel der Natur und an seinen eigenen
+Worten.
+
+»Ich freue mich mit Ihnen,« sagte die Frau im Triumphstuhl und streckte
+in heimlichem Kraftbewußtsein die Glieder. Doch sie blickte nicht über
+das Meer. Sie sah nur den Enthusiasmus des sonst so unnahbaren und
+überlegenen Mannes und forschte, wie weit ihr Anteil an der Erweckung
+ginge.
+
+»Ja,« fuhr Steinherr hastig fort, »eine wundersamere Stunde heiliger
+Morgenfrühe kann es hienieden nicht geben. Wie das Schiff so sanft und
+glatt dahineilt! Als wollte es die Weihe des Schauens durch nichts
+unterbrechen und den Gedanken an seine Existenz verschwinden machen vor
+dem Atmen der Weltenseele.«
+
+»Wo nehmen Sie die Worte her — —?«
+
+»Ist das so schwer? Da stehen sie ja alle aufgezeichnet, wohin Sie
+blicken, da, da und da! Dort tritt auch die Felsenküste Norwegens
+wieder hervor. Und nun liegen sie vor uns in ihrer Weltabgesondertheit,
+die granitenen Häupter und Zacken, von der See bedrängt und zerrissen,
+und das schwerlastende Einsamkeitsgefühl ausströmend, das unser
+Altvorderen bewog, den Sitz Odins und Asathors, des Hammerschwingenden,
+in das wilde Reich Norge zu verlegen. Das Land der Asen ... Soweit das
+Auge reicht, Wasser und Felsen. Das Geschlecht der Menschlein nirgend
+zu verspüren. Ein Wasserrabe streicht einsam über die Flut. In der
+Ferne ein Zug wilder Eiderenten. Sonst nichts Lebendiges ...«
+
+»Nichts Lebendiges?«
+
+Er wandte sich nach der Fragerin um. Der Ton hatte ihn stutzig
+gemacht. Und nun sah er die kapriziöse Reisegefährtin, die mit ihm
+eine Nacht Kameradschaft geteilt hatte, mit der er wie mit einem
+nächtlichen Schemen Rede und Antwort getauscht hatte, im Dämmer des
+Morgens vor sich als ein Wesen von Fleisch und Blut, als ein üppiges,
+bestrickendes Frauenbild. Er sah die elfenbeinfarbene Haut, das vom
+Wind über die Stirn gewehte schwarze Haar, die großen, schwarzen Augen,
+die fest seinem Blick begegneten und ihn zwangen, stillzuhalten. Und
+den blaßroten Mund, der ihm am rätselvollsten schien.
+
+Seine überwachten Sinne, von der gewaltigen Schönheit der Natur
+überwältigt, strafften sich mit verdoppelter Kraft. Was er sprach,
+empfand er nicht. Er empfand nur das neue Bild in der Einsamkeit der
+Frühe.
+
+»Was soll das?« hörte er seine Stimme, »was wollen Sie mit der Frage?«
+
+»Wissen, ob Sie glauben, ich sei neben Ihnen gestorben.«
+
+Sie sahen sich immer noch an, mit demselben festen, fast finsteren
+Blick. Er vornüber gebeugt, die Hände an der Lehne ihres Stuhles; sie
+ausgestreckt, regungslos daliegend.
+
+Da atmete sie tief auf. Und mit einer jähen Bewegung hatte er seine
+Hände unter ihr Haar geschoben.
+
+Noch eine Sekunde starrten sie sich an, ganz nah, ganz dicht — — Und
+sein Mund preßte sich auf ihre Lippen, die sich unter dem Drucke
+öffneten und seinen Kuß tranken. — —
+
+Dann sprang sie auf, drückte die Hand auf die Augen, ließ den Arm
+sinken und strich mechanisch die Toilette glatt, ging bis an die
+Brüstung und blickte über das Meer.
+
+Als sie sich umwandte, war sie ruhig.
+
+»Kommen Sie, wir machen Dummheiten, lieber Freund! Bringen Sie mich bis
+zur Kajütstreppe. Ich danke Ihnen. Gute Nacht! Nein, Guten Morgen!
+=A bientôt=!«
+
+»Auf Wiedersehen, Frau Bettina Wittelsbach — —«
+
+Sie lächelte vor sich hin, als er ihren vollen Namen aussprach. War es
+doch, als ob er damit beweisen wollte, daß auch sie ihm aus dem Kreise
+der Reisegenossen längst aufgefallen sei.
+
+Als sie gegangen war, blieb er einen kurzen Moment emporgerichtet auf
+dem Fleck stehen. Dann schwand das Leuchten aus seinen Augen, die
+ironisierende Kälte kehrte in den Blick zurück, und mit langsamen
+Schritten begab auch er sich in seine Kajüte, um die Vorgänge der
+Nacht zu verschlafen. Als kurz nach sieben Uhr die Trompeten durch das
+Schiff den Morgengruß schmetterten und zum Frühstück luden, erwachte
+er frisch und gekräftigt. Nur in seinem Blute war ein leises Vibrieren
+zurückgeblieben. Aber er empfand es nicht unangenehm.
+
+Während der Toilette fiel sein Blick in den Spiegel. Heute morgen
+betrachtete er sich aufmerksamer als sonst.
+
+Hm, mein guter Hans, dachte er nachdenklich, die Jahre sind schneller
+über dich gekommen, als du über sie. Mit achtundzwanzig Jahren pflegt
+man in der Regel noch nicht nach den ersten grauen Haaren an den
+Schläfen auszuspähen.
+
+Der Spiegel warf das Bild eines scharf ausgearbeiteten Kopfes zurück,
+aus dem die weiche Rundung der Jugendformen längst verschwunden war.
+Der wehende Schnurrbart beschattete den zum Sarkasmus neigenden Mund.
+Die Stirn war breit, und die Wölbungen erschienen wie gemeißelt. Nur
+in den dunkelgrauen Augen loderten zeitweilig noch die alten, heißen
+Flammen auf, wie Wachtfeuer der Jugend.
+
+Ob man mich in Düsseldorf noch wiedererkennen würde? flog es ihm
+plötzlich durch den Sinn. Und ich die Menschen dort? In fünf Jahren
+ändert sich die ganze Welt von Kopf bis zu Fuß. Das ist eigentlich gar
+nicht auszudenken. Also denken wir doch nicht immer daran ...
+
+In einem leichten Promenadenanzug ging er an Deck, ließ sich eine
+Viertelstunde lang die frisch aufspringende Brise durchs Haar wehen und
+begab sich dann in den Frühstückssalon. Mit dem ersten Blick stellte er
+fest, daß Frau Bettina Wittelsbach noch nicht sichtbar geworden war.
+Erst gegen Mittag gewahrte er sie in einem Kreise lebhaft flirtender
+Berliner Herren. Sie trug ein fest anliegendes russisch-grünes
+Tuchkleid, denn die Temperatur war plötzlich gesunken, und der Wind
+kam in kurzen, kalten Stößen aus Nordnordwest. Als er gleichmütig
+vorüberschritt und höflich den Hut lüftete wie alle Tage, ließ sie die
+Gesellschaft stehen und kam auf ihn zu. »Guten Morgen, Herr Doktor! Ich
+wünsche Ihnen das heute schon zum zweiten Male.«
+
+»Guten Morgen, meine gnädige Frau! Ich hoffe, daß die Freinacht in
+Ihrer zarten Konstitution keine Spuren zurückgelassen hat.«
+
+»O doch,« sagte sie ruhig und hielt seinen Blick aus. »Aber das wird
+Sie schwerlich interessieren.«
+
+»Mache ich einen so wenig Vertrauen erweckenden Eindruck, meine gnädige
+Ungnädige?«
+
+»Ich habe das Frühstück richtig verschlafen,« lenkte sie ab, »wie Sie
+es mir prophezeit hatten. Und auch nachher konnte ich mich kaum zum
+Aufstehen zwingen. Ich habe selten den halbwachen Zustand als so schön
+empfunden.«
+
+»Geträumt, gnädige Frau?«
+
+»Ja, geträumt.«
+
+»Darf man Näheres wissen?«
+
+»Nein, man darf nichts Näheres wissen.«
+
+Er nahm ihre Hand, die in seinem Arm lag, und führte sie an die Lippen.
+Es lag keine Veranlassung zu einer Huldigung vor, aber sie empfanden
+beide das Unzeitgemäße durchaus nicht.
+
+»Wie mir vorhin der Steward mitteilte, wird das zweite Frühstück um ein
+Uhr heute mehr den Charakter eines Diners tragen. Die Windstärke steigt
+verdächtig. Da sorgt der kluge Hausvater vorzeitig für die nötige
+Widerstandsfähigkeit. Sehen Sie nur, wie boshaft die kleinen Wellen
+hüpfen. Jede Welle eine kleine Grimasse. Das kann zum Abend lustig
+werden. Sie fürchten sich doch nicht, gnädige Frau?«
+
+»Ich ernenne Sie einfach zu meinem Ritter. Da bin ich aller Furcht
+ledig.«
+
+»Befehlen Sie, daß ich meinen Dienst bereits bei der Tafel antrete?«
+
+»Wie? Ist es möglich, Herr Doktor? Sie wollen Ihren einsamen Eckplatz
+aufgeben und gar eine Tischdame wählen? Das ist sehr schmeichelhaft
+für mich. Nur eine Bedingung: Fragen Sie mich nicht immer, ob ich
+befehle. Wenn ich befehlen dürfte, hätte ich doch nicht die Freude,
+zu sehen, daß man mir freiwillig etwas entgegenbringt. Kennen Sie uns
+Frauen so wenig, daß Sie nicht wissen, worin unser größter Triumph
+besteht?«
+
+Der sarkastische Zug erschien um seinen Mund.
+
+»Sie treffen ganz meinen Geschmack, gnädige Frau. Auch ich sehe den
+besonderen Liebhaberwert einer Sache im Geschenk, in der persönlichen
+Widmung. Also auf Gegenseitigkeit, wenn Sie geruhen.«
+
+Sie nickte kurz, als dächte sie schon an anderes.
+
+Dann riefen die Trompeten zu Tisch, und unbekümmert um die verwunderten
+Gesichter der Tafelrunde pokulierten sie heiter miteinander, und mit
+der heiteren Gravität des alten Kavaliertums, das mehr und mehr aus
+der Zeit verschwindet und doch durch die Form auf den Inhalt wirkt,
+bediente Hans Steinherr seine Dame. Seine Art fiel ihm selbst auf.
+Woher hatte er sie nur? Und vor seinen Augen stand Herr Friedrich
+Leopold von Springe, stand Düsseldorf, das gastfreie, stand das
+schlanke, scheue, hingebungsvolle und aufbegehrende Mädel, das in
+seligen Zeiten auf den Namen Hannes hörte ...
+
+Düsseldorf — Burg Springe — Pempelfort — — die Worte wurden zu
+Begriffen, die Macht über ihn gewannen, die sein ganzes Denken und
+Empfinden zu absorbieren drohten. Er wurde schweigsam und stierte in
+sein Glas.
+
+»Mein Herr Ritter — —« erinnerte neben ihm die schöne Frau.
+
+Da nahm er sich zusammen und wurde, wie er zu Beginn der Tafel gewesen
+war. »Ich rate Ihnen, sich für ein paar Nachmittagsstunden hinzulegen,
+gnädige Frau. Der Himmel ist zwar noch klar, aber die See beginnt
+verdächtig unruhig zu werden. Sollten wir zum Abend Sturm bekommen, ist
+es doch um Ihre Nachtruhe geschehen.«
+
+»Weil Sie mich nicht für wetterfest halten?«
+
+»Nein,« sagte er, »weil ich Ihnen auch diese Nacht entreißen würde, um
+Sie auf Deck zu halten. Weil ich Sie mit Beschlag belegen würde, damit
+Sie das Meer in der Leidenschaft sehen. Das ist ein guter Maßstab,
+schöne und verehrte Herrin aller Kulturstätten.«
+
+Sie hatte sich von der Tafel erhoben, zum Gehen bereit.
+
+»Hoffen wir, daß Sturm kommt,« sagte sie leise, verneigte sich gegen
+ihn und suchte ihre Kajüte.
+
+Auf den Promenadendecks stand die Reisegesellschaft in Gruppen umher.
+Man lachte, schwatzte und fühlte sich zu Hause, als ob man statt der
+Schiffsplanken den Parkettboden der heimatlichen Salons unter den Füßen
+hätte. Morgen abend hoffte man in Hamburg zu landen, und noch einmal
+wurden die Eindrücke der Fahrt rekapituliert. Wer genauer hinzuhören
+verstand, konnte wahrnehmen, daß die bleibendsten Eindrücke nicht durch
+die Wunder der Natur, daß sie bei der Mehrzahl dieser Modereisenden
+durch die — glänzende Verpflegung an Bord geschaffen worden waren. Ein
+rundlicher, beweglicher Herr, dem die Wonne des Lebensgenusses auf den
+glattrasierten Wangen geschrieben stand, ereiferte sich am meisten.
+
+»Ja, ja, meine Herrschaften, für unser Zeitalter gibt es keine Höhen
+und Tiefen mehr. Flugs setzt sich so ein Techniker hin, schlägt die
+Brücken und gleicht alles aus. Ist denn das ein einsam dahinsausender
+Dampfer, auf dem wir uns befinden, der uns allen menschlichen
+Wohnstätten entführt? Ein erstklassiges Hotel hat uns seine Pforten
+geöffnet und führt uns mit jeder erdenklichen Selbstverständlichkeit
+einen Luxus vor Augen, wie er selbst dem Verwöhntesten unter uns nicht
+vollendeter an Land geboten werden könnte. Glauben Sie mir, meine
+Herrschaften, ich verstehe mich ein wenig darauf. Aber das versichere
+ich Sie: Zeit meines Lebens, wo es nur angeht, werde ich das Reisen
+per Dampfer vorziehen. =D=-Zug mit Speisewagen ist ein überwundener
+Standpunkt.«
+
+Hans Steinherr schlenderte weiter. Auf dem Sonnendeck war es ruhiger.
+Hier ließ er sich nieder und beobachtete das aufgeregte Hasten der
+vor Stunden noch so glatten See. Dann verfiel er, ohne sich dagegen
+zu wehren, in eine Art Halbschlaf. Ein paar Stunden wohl mußte er
+verträumt haben. Er hörte zwei Matrosen miteinander verhandeln, und als
+er aufblickte, sah er, wie der eine verstohlen auf einen dunklen Punkt
+am Horizont deutete, der sich rasch vergrößerte und sich mehr und mehr
+zur Wolke auswuchs.
+
+Sturm in Sicht!
+
+Es wurde dunkel. Schwarze Schleierfetzen flatterten, wie von einem
+boshaften und schadenfrohen Meeresgesindel emporgeblasen, am Himmel
+auf, und die See machte einen Buckel wie ein fauchender Kater. Eine
+steife Brise sprang auf. Plötzlich schwieg sie. Einen Augenblick
+Stille ringsum; nur die See tanzte weiter in unregelmäßigem Hüpfwalzer.
+Da — hui! — pfiff es daher, ein Windstoß, so wütend und kreuz und
+quer einherspringend, daß die Passanten an Deck jäh ihren Stützpunkt
+verloren. Ein Flüchten begann nach den Kabinen, den Salons. Nur wenige
+hielten sich an Deck. Eine Leidenschaft war in ihnen erwacht nach
+vieler, vieler frischer Luft ...
+
+Wieder setzte ein Windstoß ein; heftiger als der erste. Hans Steinherr
+zog seinen Wettermantel an und stülpte die Kapuze über die Ohren. Dann
+stieg er die Stufen zum Promenadendeck hinab, um sich die Tragikomödie,
+die hier bereits ihren Anfang genommen hatte, aus der Nähe anzusehen.
+
+»Gottlob, daß ich Sie finde. Ich hätte Sie in Ihrer Vermummung fast
+nicht erkannt.«
+
+»Ah — — meine Gnädige — —«
+
+Sie klammerte sich an seinen Arm, denn der Wind packte rücksichtslos
+an. Wie er, war sie in einen langen Gummimantel gehüllt, und die
+Gummikapuze, die sie über den Kopf gezogen hatte, ließ nur Augen, Nase
+und Mund frei.
+
+»Ich wäre da unten verrückt geworden,« sagte sie rasch, denn der Wind
+benahm ihr den Atem. »Unmöglich, in den Kabinen zu bleiben. Dort haben
+sich — unsichtbare — Karussells — etabliert.«
+
+Der nächste Windstoß warf sie hart gegen seine Schulter. Sie schrie auf.
+
+Er lachte und faßte sie fest um den Leib. »Das war ja nur die
+Ouverture. Das eigentliche Konzert soll erst beginnen. Da! Schauen
+Sie hin! Da taucht der Nickelmann grinsend aus der Flut. Mit den
+Flossenhänden stützt er sich auf den Kamm einer Riesenwelle, und sein
+plusterndes Gesicht will platzen vor Vergnügen über den gelungenen
+Streich. Sehen Sie es, schöne Sturmfrau? Jetzt — jetzt! Als rühre er
+eine Pauke, so fallen plötzlich seine Tatzenschläge auf die See, und
+soweit das Auge das fahle Licht durchdringt, schlagen weiße Nixenleiber
+Kobolz mit den schwarz heranstürmenden Fluten, schwingen sie sich auf
+die Wogenkämme, daß sie so blendend scheinen wie schneeiger Schaum,
+heben sie sich bis an den Bordrand und werfen unter tollem Gelächter
+den verblüfften Festgenossen Kübel voll Salzwasser über den Kopf.
+Hoppla, der Guß war für uns!« Er riß Frau Bettina hoch, die unter der
+Wucht des Sturzbades in die Kniee sinken wollte, und ergriff mit der
+freien Hand einen Eisenring an der Bordbrüstung.
+
+»Ich habe den Mund voll Salz,« entrüstete sie sich, »das ist ja
+unerträglich.«
+
+»Sie werden sich schnell daran gewöhnen,« beschwichtigte er. »Äußerten
+Sie nicht in vergangener Nacht selbst, jeder Beigeschmack wäre Ihnen
+noch lieber als das fade Einerlei? Der Himmel hat Ihre Bitte erhört.«
+
+»Spotten Sie nicht, Sie gräßlicher Heide. Da kommt eine neue
+Sturzwelle.«
+
+»Diesmal gilt es den anderen. Schwupp — und sie hat ein Dutzend
+Triumphstühle übergossen. Empfinden Sie nicht das Groteske des
+Vorspiels? Ganz wie bei den alten Meistern. Erst die Rüpelkomödie, dann
+das Drama. Ach du mein lieber Gott, das Publikum hier ist ja viel zu
+ungebildet für die ganze Veranstaltung, oder zu dekadent. Wenn sich die
+Natur einen Witz erlaubt, nennen sie’s Gemeinheit; und wenn sie selbst
+sich Gemeinheiten gestatten, nennen sie’s einen Witz. Treten Sie näher,
+meine schöne Dame. Entree gänzlich frei.«
+
+»Na,« lachte sie zornig, »Tribut scheint mir doch zur Genüge gezollt zu
+werden.«
+
+»Ja,« bestätigte er, »die Ästhetik ist vorläufig von der Tagesordnung
+abgesetzt. Sehen Sie nur, wie die tadellosen Helden und Heldinnen vom
+Turf und Tennisplatz sich verzweifelt winden, um ihrem Schicksal zu
+entrinnen. Hilft nichts. Jetzt grassiert das reine Menschentum. Dort
+ziehen flinke Stewardshände die Erblassenden aus den Salons auf Deck —
+denn die Smyrnateppiche sind kostbar, und Holzplanken noch nie diffizil
+gewesen. Gehen wir hin, kondolieren.«
+
+»Um Himmels willen, hören Sie auf. Gleich wird sich der Spieß umkehren.«
+
+»Unbesorgt. Ich setze meinen rheinischen Dickkopf auf.«
+
+»Und ich?«
+
+»Sie —?« gab er zurück, ließ einen Augenblick den Eisenring los, schob
+ihr die Kapuze aus der Stirn und sah ihr in die Augen. »Sie sind bis
+auf weiteres ein Teil von mir.«
+
+Wieder sprühte ein Salzwasserregen über sie hin. Die Wellen fegten über
+das Bugspriet; auf Vorderdeck war der Aufenthalt unmöglich geworden,
+und auf Promenadendeck wurden starke Seile gezogen als Halt für die
+tastenden Hände. Wie Mumien eingepackt, still und starr und frierend,
+lagen die Reisegenossen in langer Reihe in den Triumphstühlen. Aber
+die horizontale Lage war auf die Dauer nicht zu ertragen. Einer nach
+dem anderen erhob sich wieder, mit übernatürlich glänzenden Augen, um,
+wie weiland Graf Ernst von Mansfeld, stehend und in voller Rüstung
+zu sterben. Und endlich schwankten sie hinweg, von samariterhaften
+Matrosen geleitet.
+
+Der rundliche Herr, der am Mittag so enthusiastisch die Wonnen der
+Dampfer vor allen anderen Transportmitteln gefeiert hatte, war wie
+eine Kugel an Steinherr und seiner Gefährtin vorbeigeschossen. Nun
+klammerte er sich, ohne den Kopf zu wenden, mit einer Innigkeit an
+die Bordbrüstung, als hätte er tiefe Geheimnisse mit der zu ihm
+aufspringenden See. Als er sich endlich mit schwerem Atemzug dem Bann
+des Meeres entriß, drückte er erloschenen Auges Steinherr die Hand.
+
+»Doch, doch! =D=-Zug ist auch was Schönes. — Glauben Sie’s mir. Jetzt
+versteh’ ich mich darauf.«
+
+Ein Matrose brachte ihn unter Deck.
+
+Die Nacht brach herein, und der Sturm tobte mit voller Kraft. Kein
+Passagier war an Deck zurückgeblieben. Nur Steinherr stand mit seiner
+Gefährtin an der Bordbrüstung. Er hatte ein Tau durch die Eisenringe
+gezogen, so daß sie fest angeseilt gegen die Planke gedrängt waren.
+
+Die Frau an seiner Seite sprach schon seit langem nicht mehr. Sie
+trieften beide vor Nässe, und bei jeder neuen Sturzwelle spürte er, wie
+sie erschauerte, wie sie sich unwillkürlich an ihn preßte. Dann beugte
+er sich zu ihr hinab und sah ihr starr in die Augen. Der Wind heulte
+um die fauchenden Schlöte des Schiffes herum.
+
+»Nun, meine gnädige Frau,« fragte er leise, »was sagen Sie zu diesem
+Pendant der gestrigen Nacht? Nach dem weichen Sehnen die tolle
+Leidenschaft. Haben Sie ein Gefühl für die wilde Größe?«
+
+Sie hob den Kopf, und ihre Nasenflügel vibrierten.
+
+»O — —« stieß sie hervor, »Sie sind ein Lehrmeister — —«
+
+»Wir Menschen müssen Künstler sein,« sagte er, »und wenn nicht mehr,
+dann doch Lebenskünstler. Damit betrügen wir uns selbst, zu unserem
+Heil, als hätten wir wahrhaftig Gottähnlichkeit.«
+
+»Wir haben sie,« entgegnete sie, »wir brauchen nur zu wollen.«
+
+Er überhörte den Einwurf. Der Künstler in ihm war geweckt.
+
+»Was für ein Pathos liegt in dem Bilde vor uns! Man denkt nicht daran,
+über den Stil zu lachen, man wird selbst pathetisch. Aber Größe
+verspürt man. Wie sie aus weiter Ferne heranrollen, die Wellenungetüme,
+näher und näher jagen, von anderen gefolgt. Und wie ein Kommandeur in
+der Schlacht links und rechts die Regimenter an sich reißt, zum Sturm
+auf die feindliche Hauptmacht, so schlingt die heranstürmende Woge
+links und rechts kleinere Wellenberge in sich hinein, wächst wie eine
+Lawine, bäumt sich dicht vor dem Bug des Schiffes haushoch empor, unten
+die schwarzen Massen, darüber eine kristallgrüne Kappe, die wieder von
+schneeweißem Gischt gekrönt, der sich in sausenden Fontänen auflöst
+— heißa! jetzt fegt’s über Deck wie ein Schwarm von nadelscharfen
+Pfeilen. Sind Sie getroffen, meine Allergnädigste?«
+
+Sie wollte etwas sagen, aber sie konnte nicht. Der Sturm hatte ihr die
+Kapuze heruntergeweht, und sie griff mit beiden Händen in den Nacken.
+In ihrem schwarzen Haar glitzerten die Salzspuren wie Diamanten. Brust
+an Brust standen sie.
+
+»Wissen Sie noch, was Sie mir heute mittag zuriefen? ›Hoffen wir, daß
+Sturm kommt.‹ Der Sturm ist da! Und ich warte.«
+
+»Nein, ~ich~ warte!«
+
+Sie küßten sich unter dem Sprühregen der See auf den Mund, auf die
+Augen, und wieder auf den Mund. Kein Wort hatte Raum zwischen ihnen.
+Kaum, daß sie sich sahen in der Dunkelheit. Nichts von Erblassen,
+nichts von Erröten. Mitten im Meersturm: zwei Menschen.
+
+»Wohin mit uns?«
+
+»Wohin? Willst du vor meiner Kajütentür Schildwacht stehen?«
+
+»O, selbst Tristan —«
+
+Sie hielt ihm den Mund zu.
+
+»Ja, wenn ein König Marke existierte. Nur die Gefahr entzückt. Wart’s
+ab, bis sie kommt.«
+
+»Hüte dich.«
+
+»Hüte du dich.«
+
+Und wieder küßten sie sich.
+
+»Auf morgen denn.«
+
+»Nein, nicht hier. Das wäre eine blasse Kopie. Nicht eher, als bis ich
+daheim bin.«
+
+»Du reisest weiter, ohne in Hamburg zu bleiben?«
+
+»Übermorgen bin ich in Berlin. Vielleicht — weißt du mich zu finden?«
+
+»Und unterdes? Das ist eine Wartezeit von Jahrhunderten!«
+
+»Voneinander träumen. Lebenskünstler sein, wie du sagtest.«
+
+Er zog das Tau aus den Ringen, um sie frei zu geben. Sie tat ein paar
+Schritte, blieb stehen, öffnete den durchnäßten Wettermantel und
+schöpfte, die Arme dehnend, Atem.
+
+Da war er bei ihr und riß den Mantel ganz herab. »Ich muß deine Gestalt
+noch einmal sehen. Ob du dich nicht in eine fischschwänzige Nixe
+verwandelt hast. Das ist jetzt mein Eigentum.«
+
+»Verteidige es,« lachte sie und wollte ihm entfliehen.
+
+Aber er fing sie in den Armen und preßte sie an sich. Sie schloß die
+Augen in der ungestümen Umarmung.
+
+»Gute Nacht, wilder Mensch!«
+
+»Gute Nacht, Sturmfrau!« — — — —
+
+Am nächsten Tage sah er sie wieder. Der Morgen war sonnendurchleuchtet.
+
+Hoheitsvoll, in eleganter, duftiger Toilette, schritt sie, wie eine
+unnahbare Fürstin von einer alten Exzellenz geleitet, an ihm vorbei.
+Kaum merkbar zuckte es in ihren Wimpern, als sie ihn erblickte, und die
+Spitzen um den zarten Halsausschnitt zitterten eine Sekunde lang. Sie
+war, wie vorher, die Dame der großen Welt.
+
+Und Steinherr, den alten ironischen Zug um den Mund, zog mit kalter
+Höflichkeit den Hut.
+
+Als sie zum zweiten Male an ihm vorüberkam, kannten sie sich nicht mehr
+....
+
+Das Schiff war in die Elbmündung eingelaufen. Mit der einbrechenden
+Flut ging es stromauf. Am Abend war der Sankt Pauli-Landungsplatz
+erreicht; die Schiffsbrücken rasselten nieder und bildeten den Steg.
+
+Hans Steinherr stand mitten im Gedränge. Die Passagiere stießen an ihn
+an und machten Bemerkungen über den Sonderling, der sich durch seine
+Art auch beim Abschied nicht verleugnete. Er hörte nichts.
+
+Jetzt erschien Frau Bettina, von einem ganzen Kreise eskortiert. Er
+streifte sie mit gleichmütigem Blick. Er hatte sich völlig in der
+Gewalt.
+
+Als sie neben ihm war, tat sie, als würde sie von dem Menschenstrom
+gegen ihn zurückgedrängt. Wie unbeabsichtigt lehnte sie sich einen
+Moment fest an seine Schulter. Da spürte er ihre suchende Hand in der
+seinen. Er biß die Zähne zusammen. Sie hatte ihm die Nägel in die
+Handfläche gedrückt.
+
+Um den Wagen, der sie zum Bahnhof brachte, sammelte sich die
+Gesellschaft. Sie erteilte gnädig Abschiedsaudienz. Hans Steinherr
+reckte sich in den Schultern: ~Ich~ hab’ sie in den Armen gehabt!
+
+Aus der Ferne flatterte ihr Tuch. Das galt ~ihm~: Folge mir!
+
+Lange noch stand er an der stiller werdenden Hafenstelle. — —
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Zweites Kapitel
+
+
+Hans Steinherr hatte es nicht sonderlich eilig gehabt, Frau Bettina
+Wittelsbach wiederzusehen. Die ersten Tage in Berlin waren damit
+hingegangen, eine Wohnung zu suchen und das Ameublement auszuwählen,
+das dem Geschmack eines verwöhnten Junggesellen zu entsprechen
+vermochte.
+
+Er konnte nicht müde werden, die Stadt zu durchstreifen und sich die
+Gegenstände Stück für Stück zusammenzuholen. So schuf er sich ein Heim,
+so ruhig und vornehm in Form und Farbe, als hätte ein kunstsinniger
+Geist schon seit einem Menschenalter in diesen Räumen geweilt.
+
+Die Wohnung lag in der Viktoriastraße nahe der Potsdamerbrücke. Wenige
+Schritte, und er war mitten im Leben der Großstadt; wenige Schritte
+zurück, und die Brandung war verrauscht, Weltabgeschiedenheit umfing
+ihn. Seine Stimmung brauchte sich von der Laune Berlins nicht abhängig
+zu machen.
+
+Vierzehn Tage hatte er benötigt, um die Einrichtung zu vollenden. Von
+früh bis spät war er in freudiger Tätigkeit gewesen, und das Schaffen
+und Anordnen, das stetige Sichversenken in jeden neuen Gegenstand und
+das heitere Bekanntwerden mit den Dingen, die nun seine Umgebung
+bildeten, hatte seine andrängenden Gedanken und Erinnerungen in ruhige
+Bahnen abgezogen.
+
+Es war ein Vormittag zu Anfang Oktober. Hans Steinherr stand an dem
+weitgeöffneten Fenster seiner Parterrewohnung und blickte über die
+sonnenbeschienene Potsdamerbrücke hinaus. Was nun? Er hatte sich
+fertig eingerichtet und mußte nun wohl an die Regelung eines weiteren
+Tagewerks gehen. Das fiel ihm zum ersten Male ein. Weshalb hatte er
+sich sonst seßhaft gemacht!
+
+Er erinnerte sich der hohen Meinungen seiner einstigen Kommilitonen.
+Ihres Schwärmens von seiner Zukunft. Man hatte doch eine Karrière von
+ihm erwartet, die in gerader Linie unter Volldampf vorwärts wies, und
+nun war er, eben vom Start gelassen, in breiter Kurve ausgewichen und
+hatte den Anschluß nicht wieder aufgesucht. Wo war der kalt wägende
+Ehrgeiz geblieben, für den es keine Hindernisse geben sollte, dem er
+als ersten Tribut seine töricht süße Jugendliebelei geopfert hatte?
+
+Töricht — —? Süß, o ja, das war sie gewesen. Aber töricht? — Was war
+denn in der Empfindung später ernsthafter gewesen? Oder nur gleich
+ernsthaft? Jede Spanne des Lebens nahm das ernsthaftere Gepräge der
+Empfindungen für sich in Anspruch, aber das der aufwachenden Jugend
+war das erste und damit das ursprünglichste gewesen. Das, was folgte,
+hatte sich darauf aufgebaut, dem Geschmack der Welt, den Zeitströmungen
+nachgebend.
+
+So schnell er gelaufen war, sein Schatten lief mit.
+
+Das hatte sich hemmend auf den Sturmlauf seines Ehrgeizes gelegt. Das
+niederrheinische Gemüt wurzelte tiefer als alle anerlernte Form. Das
+Wesensinnere einer Heimatscholle, die einen ausgesprochenen Charakter
+besitzt, läßt sich nicht abschütteln wie der Staub von den Stiefeln.
+Durch sie, durch das Festhalten an ihr, werden ihre Söhne in der Ferne
+zur Kraft gelangen wie Eichen im Buschwald, ohne sie, unter Preisgabe
+ihrer Art, werden sie unkennbar im Niederholz verschwinden.
+
+Hans Steinherr sah über die sonnige Straße hin. Noch war er da!
+
+Anders, als er es sich vorgestellt hatte beim letzten Abschied von
+Düsseldorf, vor fünf Jahren ... Aber er war da! Er war ~wieder~ da! Und
+eine neue Heimat zu schaffen, mußte gelingen.
+
+Als er es in seinem Studium zum Doktor der Rechte gebracht, hatte er
+resigniert. Durch den jähen Abbruch der Beziehungen zur Vaterstadt,
+zur Mutter, den Freunden, der Freundin, war es mählich und mählich
+beklemmend still in ihm geworden. Er hatte Stunden gehabt, in denen
+es ihn mitten in fröhlicher Gesellschaft fror. Und die Stunden
+waren wiedergekommen und kamen wieder. Dann vermochte er sich nicht
+zu wehren: die Vergleiche drängten sich ihm unabweisbar auf. Dann
+entsann er sich des Abends am Rheinufer, als er, noch ein Primaner,
+vom Schützenfestplatz gekommen war und ihm die Ursprünglichkeit des
+Heimatlandes zum ersten Male jubelnd aufgegangen war. Auch damals hatte
+er Vergleiche gezogen, zwischen dem gesellschaftlichen Leben im Hause
+seines Vaters, das sich, wenn auch Schablonenarbeit, zeitweilig doch
+so hübsch, ja sogar witzig abspielte, und der Glückseligkeit, die ihm
+die nahe Berührung mit der Rassigkeit der ureigensten Scholle bereitet
+hatte. Nun fehlte ihm selbst das schwache Abbild, das das Vaterhaus ihm
+bot. Von allem anderen zu schweigen ...
+
+Immer wieder waren die Erinnerungen gekommen wie der Dieb in der
+Nacht. Sie verschönten sich in seiner Einbildung, ließen ihn oft die
+Gegenwart vergessen und gaukelten ihm Perspektiven vor, in denen er als
+nimmer müder Genießender stand. Wenn er erwachte, fragte er sich: Wozu
+arbeite ich, wozu leb’ ich denn überhaupt? Das ist ja eine regelrechte
+Komödie, die ich mitmache. Nur weil andere aus Gründen ihr Gesicht
+unter Schminke verstecken? »Wenn der Mensch schon etwas ›aus Gründen‹
+tut ...!« hatte Heinrich Springe einmal gewettert.
+
+Aber der harte Kopf, der niederrheinische Eigensinn hatte ihn
+abgehalten, den Schritt zurück zu tun. Wenigstens nicht als
+Schiffbrüchiger sollte es geschehen. Der Schein des Siegers, der
+sich großmütig und menschlich erweist, sollte gewahrt werden. In den
+Gedanken, so widerspruchsvoll er war, hatte er sich verbissen.
+
+Wo der Siegerlorbeer für ihn zu holen sei, war ihm dabei nicht
+klarer geworden. Den Ehrgeiz auf eine hohe gesellschaftliche oder
+Staatsstellung hatte er quittiert, seitdem ihm die Masken als
+Masken erschienen und ihm der Gedanke, eines Tages als Marionette
+zu funktionieren, kalten Schauder einjagte. Also zurück zu den
+Jugendträumen, der Kunst! Aber die Poesie floß ihm dickflüssig aus der
+Feder, sie wurde geschraubt, unwahr und schematisch, weil sich sein
+innerer Mensch noch immer im Widerspruch zu dem äußeren befand. Er
+war zu gründlich in die Schule der Salons gegangen. Die Natürlichkeit
+schien ihm mit einem peinlich lächerlichen Beigeschmack behaftet. In
+seinem Gefühlsleben war alles durcheinander gestürzt.
+
+Da hatte er es mit der Flucht in die Einsamkeit versucht. Er, der
+Anwärter des Menschenglücks, war menschenscheu geworden, hatte die
+Wüsten durchwandert und die Meere befahren. In jungen Jahren waren
+seine Züge schärfer geworden und sein Sarkasmus größer als seine
+Jugendfreude. Wieder hatte er sich eine neue Welt gebaut, und wieder
+umgürtete sie nicht die chinesische Mauer, die den großen, fragenden
+Augen der Heimat den Einblick verwehrt hätte.
+
+Nicht, daß er von daheim mit vielen Briefen behelligt worden wäre. Nur
+das unabweisbar Notwendige kam zu seinen Ohren. Die geschäftlichen
+Berichte und Bilanzen, die ihm der neue Leiter der Firma Philipp
+Steinherr regelmäßig einsandte, würdigte er kaum eines Blickes. Das
+mußte der Mann ja besser verstehen als er. Von privaten Geschehnissen
+wußte er nur, daß seine Mutter Heinrich Springes Gattin geworden war,
+daß sie sich an der Seite des herrlichen Menschen unsagbar glücklich
+fühlte, daß sie die Wohnung in der Immermannstraße gewählt hatten, und
+die Villa an der Grafenbergerchaussee unter einer tüchtigen Verwalterin
+täglich für ihn bereit stand. Einmal hatte die Mutter den Namen Hannes
+in den letzten Jahren erwähnt. Er hatte Wunderdinge aus dem Briefe
+herausgelesen. Sie sollte, nachdem sie Düsseldorf bald verlassen und
+in Frankfurt am Main unter Meister Stockhausens Leitung ihre Studien
+vollendet hatte, eine Konzertsängerin von weitreichendem Ruf geworden
+sein und draußen in der Welt zu den gesuchtesten Künstlerinnen zählen.
+Nach Düsseldorf käme sie selten, und nur zu Gast.
+
+Die Nachwirkung dieser Kunde war größer gewesen, als er sich zuerst
+gestehen wollte. Es war etwas wie Scham und Stolz, was in ihm stritt.
+Die kleine Jugendliebste schien dort eingesetzt zu haben, wo er
+aufgehört hatte. ~Sie~ hatte gehalten, was ~er~ versprochen hatte. Und
+noch eins: sie zeigte, daß jeder Name, und sei es der geringste, adlig
+ist, wenn er von seinem jeweiligen Träger adlig gehalten wird.
+
+Ah, das war ganz der alte Hannes. Das war schön und — das war
+niederdrückend.
+
+Sie hatte sich den Inhalt ihrer Jugend gerettet, ihn veredelt; er hatte
+ihn verloren, nachdem er ihn verleugnet hatte.
+
+Eine Ausgleichung konnte nicht mehr in Betracht kommen.
+
+Nein, dachte der Mann am Fenster ruhig, wir sind auseinander gewachsen,
+der Boden unter unseren Füßen ist nicht mehr der gleiche. Die alten
+Gespenster müssen endlich einmal geknebelt werden, und endgültig.
+
+Er trat zurück, nahm Hut und Handschuhe und verließ die Wohnung. Ein
+eigentümliches Flimmern kam in seine Augen, als er über die Straße
+schritt und sein Ziel nahm. Es glitt plötzlich wie schwerer Wein durch
+seine Adern, und seine Männlichkeit dehnte sich in den Gelenken. Die
+Sturmnachtstimmung von der Nordsee war über ihn gekommen, und er spürte
+die wilden Küsse des Bereitseins. Das war eine andere Stimmung wie
+weiland die Hofgartenstimmung in Düsseldorf mit den keuschen Küssen
+der Vorbereitung. Das Herz hatte sich als ein läppischer Bundesgenosse
+bewiesen. Es wimmerte bei der geringsten Zumutung. Frau Bettina aber
+... Ah, diese Frau hielt es mit den Sinnen. Sie lachte und genoß.
+
+ »Um Sechse des Morgens ward er gehenkt,
+ Sie aber schon um Achte
+ Trank roten Wein und lachte ...«
+
+klang ihm die Heinesche Romanze in den Ohren. Unwillkürlich blieb er
+stehen und zog die Brauen zusammen. Was war dies für eine wahnsinnige
+Reminiszenz? Mußte er denn schon wieder ins Extravagante verfallen? Sie
+hatte Leidenschaft, Frau Bettina!
+
+Er schritt weiter, bis er den Kurfürstendamm erreicht hatte. Aus dem
+Adreßbuch wußte er ihre Wohnung. Der Portier öffnete und wies ihn nach
+der ersten Etage.
+
+Feierlich still war es in dem hochschössigen Treppenhaus. Der dicke
+Teppich dämpfte jeden Lebenslaut.
+
+Hans Steinherr mußte eine momentane Verlegenheit niederkämpfen, bevor
+er dem Stubenmädchen in den Salon folgen konnte. Er hatte sich ein ganz
+anderes Bild von Frau Bettinas Umgebung gemacht, ein farbenfroheres,
+ein genußfreudigeres. Hier war ja alles auf Harmonien gestimmt.
+
+Die Dame des Hauses ließ auf sich warten. Er hatte schon die Bilder
+ringsum an den Wänden studiert, als er hinter sich das Rauschen eines
+Kleides vernahm.
+
+»Guten Morgen, mein lieber Herr Doktor! Entschuldigen Sie, daß ich
+Sie nicht in Toilette empfange, aber ich hätte dann Ihre kostbare Zeit
+allzusehr in Anspruch nehmen müssen. Wie geht es Ihnen? Was führt Sie
+her? Bitte, dort den Sessel!«
+
+Er ärgerte sich über die Begrüßung, und sie sah es ihm an.
+
+Ihre Augen schlossen sich ein wenig, als wollten sie eine geheime
+Freude unterdrücken.
+
+»Sie sehen übrigens ausgezeichnet wohl aus. Ich fühle mich leider etwas
+abgespannt. Die vielen Verpflichtungen hier —«
+
+»Frau Bettina —«
+
+»Aber so setzen Sie sich doch, Herr Doktor!«
+
+Er setzte sich, blickte sie an und schwieg. Eine Ernüchterung kam über
+ihn.
+
+Und wieder bemerkte sie es, schloß die Augen halb und lächelte.
+
+»Sie sind wohl ungehalten, daß ich Sie so =sans gêne=, im Hauskleid,
+empfange?«
+
+Er antwortete nicht gleich, aber der leise ironische Zug um seinen
+Mund, der sie schon auf dem Schiffe gereizt hatte, kehrte wieder,
+als er mit fragendem Blick ihre weich herniederwallende Gewandung
+betrachtete und mit gut gespielter Naivetät dann das Auge zu ihr erhob.
+
+»Ich kann mir nicht helfen, ich finde Sie ganz hübsch, gnädige Frau.«
+
+»Nein — wirklich? Ganz hübsch? — Sie nehmen mir eine Last vom Herzen.«
+
+»Sollte Ihnen daran gelegen sein, mir gegenüber noch hübscher zu
+erscheinen? Das wäre doch undenkbar.«
+
+»Gott, liebster Doktor, man hat zuweilen so seine Launen.«
+
+»Das versteh’ ich vollkommen. Wer in dieser Beziehung frei von Schuld,
+der werfe den ersten Stein.«
+
+Sie öffnete weit die Augen. Was fiel dem Manne ein? Wollte er den Spieß
+umkehren? Trotzte er noch oder spottete er bereits ...
+
+»Sie haben sich wohl noch in Hamburg von den Strapazen der Seereise
+erholt?« fragte sie mit erzwungener Ruhe.
+
+»Nein. In Hamburg hielt mich nichts. Es zog mich nach Berlin, und seit
+zwei Wochen bin ich hier.«
+
+»Würde es unbescheiden sein, zu fragen, was Sie so sehr nach Berlin zog
+und Sie hier so fesselte, daß Sie sogar darüber vergaßen, sich nach dem
+Befinden einer Ihnen nicht ganz unbekannten Dame zu erkundigen?«
+
+»Die nicht ganz unbekannte Dame war es.«
+
+»Ah,« lachte sie auf und lehnte sich weit zurück, »das muß ich sagen:
+Sie haben eine Art, Ihre Bewunderung an den Tag zu legen, die einem
+Dichter Ehre machen würde.«
+
+»Gnädige Frau haben die Güte, anzunehmen, daß ich etwas erdichte?«
+
+»Ja, gnädige Frau haben diese Güte.«
+
+»Das ist — verzeihen Sie — sehr unrecht, gnädige Frau. Ich konnte der
+mir nicht ganz unbekannten Dame die Aufrichtigkeit meiner Bewunderung
+nicht besser beweisen, als dadurch, daß ich ihr Zeit ließ, sich ebenso
+über ~ihre~ Aufrichtigkeit klar zu werden. Wie mir scheint, ist das
+geschehen. Das Schiff streicht durch die Wellen, Fridolin — —«
+
+»Sie erwarteten wohl gar noch eine Art rührender Familienszene, Herr
+Doktor?«
+
+»Fehlgeraten, meine allergnädigste Frau. Über die Tage der Rührung bin
+ich hinaus. Mich gelüstet es mehr nach dem Starken, dem Kräftemessen,
+dem — aber =pardon=, ich langweile Sie wohl.«
+
+»Ich wüßte nicht, daß ich Sie unterbrochen hätte. Bitte, fahren Sie
+fort. Es gelüstet Sie —?«
+
+»Nach dem Weib — dem Vollweib.«
+
+Sie lag noch immer, den Kopf weit hintenüber gelehnt, in ihrem Sessel.
+
+»Sie sprechen von diesen Dingen,« sagte sie gedehnt, »als ob es sich um
+Spielzeug handelte. Orientieren Sie sich.«
+
+»Ich spreche von Dingen,« entgegnete er, »denen ich gewachsen bin.
+Vorausgesetzt, daß mir die Partnerschaft paßt.«
+
+Mit einem Ruck stand sie auf den Füßen. Ihre Brust wogte, und über ihre
+elfenbeinfarbene Haut zog sich blitzschnell eine fliegende Röte.
+
+»Das — das ist — eine Kühnheit von einer Beispiellosigkeit —« brachte
+sie hervor.
+
+»Hassen Sie die Kühnheit?« fragte er mit einem Gleichmut, der sie noch
+mehr empörte. »Nun, meine gnädige Frau, Kühnheit oder Feigheit, Haß
+oder Liebe: eine Frau wie Sie, die nur zuweilen eine Laune hat, ist
+doch selbstredend =hors concours=. Und von der anderen zu sprechen,
+lohnt sich nicht.«
+
+»Wie Sie befehlen, Herr Doktor.«
+
+Sie ging mit erzwungener Gelassenheit an ihm vorüber, und die Schleppe
+ihres weichen Kleides strich über seine Füße hin. Wie ein magnetischer
+Strom ging es von der Berührung aus.
+
+»Sie bedienen sich da eines Ausdrucks, meine allergnädigste Frau, den
+Sie mir einmal verwiesen. Sie betonten damals als erlesenste Freude das
+freiwillige Entgegentragen ohne Befehl.«
+
+»Sie täuschen sich, Herr Doktor. Das muß wohl die andere gewesen sein.«
+
+»Verzeihung wegen meiner Vergeßlichkeit. Es war die andere.«
+
+Sie stand an dem Fenstervorhang, den Rücken ihm zugewandt, und blickte
+durch die Stores. Wie prachtvoll sich diese Rückenlinie schwang. Ein
+Frauenkörper ohne Fehl.
+
+Eine Minute zögerte Steinherr noch, um das Bild zu genießen. Dann erhob
+er sich.
+
+»Sie verabschieden mich, meine gnädige Frau? Da muß ich wohl meiner
+Erziehung Ehre machen und — gehen?«
+
+Sie blickte weiter durch die Stores, als ob auf der Straße sie etwas
+ungewöhnlich fesselte.
+
+Da trat er hinter sie und küßte sie auf den weißen Nacken, dicht unter
+den Haaransatz des schlanken Kopfes.
+
+Sie fuhr herum mit vor Entrüstung flammenden Augen.
+
+»Was erdreisten Sie sich!«
+
+Da beugte er sich über sie und küßte sie auf den gewölbten Hals.
+
+»Ich verbiete Ihnen — —«
+
+Und er beugte sich zum zweiten und dritten Male über sie und küßte sie
+genau auf dieselbe Stelle.
+
+»Du!« stieß sie erregt hervor, »du! Ich will nicht! Ich — ah, ich
+verspreche mich.«
+
+Er führte langsam ihre Hand an die Lippen, zum Abschied.
+
+»Leben Sie wohl, gnädige Frau! Ich hoffe, ich habe Ihnen keine
+Aufregung bereitet.«
+
+Noch eine Verneigung, und er ging.
+
+»Hans!«
+
+Er wandte sich an der Tür um. »Sie befehlen, meine gnädige Frau?«
+
+»Nichts, nichts!« rief sie zornig und stampfte wie ein wildes Kind mit
+dem Fuße auf.
+
+»Entschuldigung. Mir war’s, als hätte ich meinen Namen gehört,« und er
+griff nach der Klinke.
+
+»Wann du wiederkommst, will ich wissen!«
+
+»Also war es doch keine Halluzination.« Er lachte, drehte sich um
+und sah sie mit seinen strahlenden grauen Augen an, die sonst so
+geheimnisvoll das Feuer behüteten. »Die andere war kein Phantom. Sie
+lebt!«
+
+»Wann du wiederkommst, frag’ ich doch.«
+
+»Wenn Bettina sehr lieb zu sein gedenkt — morgen!«
+
+»Morgen,« sagte sie hastig, »morgen abend.«
+
+Er verbeugte sich und ging, ohne sie noch einmal zu berühren.
+
+Fassungslos blickte sie ihm nach. Dann lachte sie nervös auf. Also —
+geschlagen!
+
+Geschlagen? Der Anfang eines Gefechtes entscheidet nicht. Und — und —
+war es denn gar so unangenehm? Sie sah mit einem verträumten Lächeln an
+sich herab.
+
+Wie er mich auf den Hals geküßt hat! Das brennt wie Feuer.
+
+Leise wischte sie mit der Hand über die Stelle.
+
+Sie durchtändelte den Tag, ohne sich zu einer bestimmten Beschäftigung
+aufraffen zu können, nahm hundert verschiedene Dinge in die Hand und
+entsann sich im selben Augenblick nicht mehr, zu was sie ihr dienen
+sollten, fühlte sich einsam, ließ dennoch jeden Besuch abweisen und
+saß zuletzt ganz still in einer Ecke des Diwans, zusammengekauert, mit
+glänzenden Augen.
+
+Am Abend dieses Tages schrieb Hans Steinherr zum ersten Male nach
+langen Jahren wieder ein Gedicht. Es war ein Impuls, dem er folgte.
+Etwas trieb ihn an, die Spannung, die wie eine Gewitterschwüle in
+ihm lag, zu entladen. Und der junge, heiße Siegestaumel kam hinzu,
+das Begehren nach Frauenliebe, nach großer Leidenschaft, in deren
+Lichtfülle alle kleinen Gestirne erblassen. Er glaubte in der
+zwingenden, sinnenstarken Frau, der Geben und Nehmen nur ~ein~ Begriff
+war, das Weib, die Verkörperung des Weibes entdeckt zu haben, und in
+dem Sturm der beiderseitigen Gefühle sah er die beiderseitige Sehnsucht
+nach der Ruhe. Nach der Ruhe Brust an Brust.
+
+Er wußte, daß sie ihn liebte; und in ihm loderte alles empor, wenn
+er nur ihren Namen vor sich hinsprach. Er wollte nachdenken, wie von
+nun an sein Leben zu gestalten wäre, er wollte einen Plan entwerfen,
+seinem täglichen Tun einen vernünftigen Inhalt zu geben. Er dachte an
+seine Fabrik, an die Eisenwerke in Bilk; er dachte an Arbeit. Denn ihm
+schien es, als ob solche Liebe ein Äquivalent verlange, als ob er in
+kühnem, erfolggekröntem Schaffen der königlichen Frau tagtäglich ein
+Bild seiner Unwiderstehlichkeit bieten müsse, damit sie die Herrenhand
+sähe, die für sie das Eisen zu Gold münzte, damit das Staunen vor
+seiner Kraft sie wiederum ansporne, die Kräfte ihrer Liebe auszulösen.
+
+Aber in seine Grübeleien fuhr ihr Bild hinein wie ein Wirbelwind und
+riß ihn mit über Höhen und Tiefen, und alle ehrgeizigen Pläne, alle
+Vernunftgründe stoben auseinander vor dem einen Gedanken an den Besitz,
+den unumschränkten Besitz dieser Frau.
+
+Das ist die Liebe, sagte er sich. Sie duldet keine Götter neben sich.
+Als ich jung war, war ich ein Schwärmer, der die Seele suchte, wie
+Saul des Vaters entlaufene Eselin. Und als er auszog, fand er ein
+Königreich. Da flogen die opferseligen Hirtengefühle auf die Heide. Für
+den verlorenen Jugendhimmel die königliche Glückseligkeit der Erde!
+
+Und ist das vielleicht keine Schwärmerei? dachte er lachend und sprang
+vom Tisch auf. Ehrlich, alter Hans, du gibst dem Kind nur einen größer
+tönenden Namen. Beschwindle deinen eigenen Menschen nicht. Du bist
+verliebt, verliebt, verliebt! Nun ja — — und das ist mehr als alle
+großen Worte.
+
+Von dieser Sekunde an versuchte er seine Gefühle nicht mehr zu
+zergliedern und zu analysieren. Er nahm sie als ein Unbedingtes, als
+eine feststehende Zahl, als ein untrennbares Element. Der Mann in ihm
+erhob seine Stimme, und er sah nur Helena. Bettina-Helena — —. Nam’ und
+Art zu wägen, wäre ihm als Sakrileg erschienen.
+
+Er beobachtete es nicht, daß er unmerklich in eine neue Phase geraten
+war ...
+
+Am nächsten Abend, zur Teestunde, war er bei Bettina.
+
+Sie hatte ihn vom Fenster aus kommen sehen, und ihre Ungeduld war so
+groß gewesen, daß sie selbst auf den Korridor hinausgeschlüpft war, um
+die Entreetür für ihn offen zu halten.
+
+»Endlich, endlich ... So komm doch nur ... Nennst du das Abend? ... Das
+ist ja Nacht.«
+
+»Kaum sechs vorbei.«
+
+Sie zog ihn ins Zimmer und hing, bevor er ablegen konnte, an seinem
+Halse.
+
+»Du läßt mich ja zu Tod’ schmachten. So küss’ mich doch!«
+
+Sie sprachen kein Wort mehr. Sie küßten sich, bis daß es sie schmerzte.
+Da ließen sie sich mit einem Seufzer los.
+
+Frau Bettina strich ihr Haar zurecht. Mechanisch, mit einer wohligen
+Mattigkeit. Als er aufs neue auf sie zutreten wollte, um sie in die
+Arme zu schließen, wehrte sie horchend ab.
+
+»Wir sind Kinder,« murmelte sie. »Wenn das Mädchen servieren kommt und
+dich sieht —«
+
+Rasch ging sie auf den Korridor hinaus, ließ die elektrische Klingel
+draußen ertönen und kam zurück.
+
+»Lassen Sie nur, Anna,« rief sie dem herbeieilenden Mädchen zu, »ich
+habe schon selbst geöffnet. Sie können den Teetisch richten. In einer
+Viertelstunde etwa melden Sie.«
+
+Hans Steinherr war überrascht beiseite getreten. Der Vorgang war ganz
+natürlich, aber der schnelle Wechsel von alles verlachender Unvernunft
+zur peinlich überlegenden Vernunft hatte ihn beklommen gemacht.
+
+Ihr weiblicher Instinkt witterte sofort den Grund seiner Umwandlung.
+Der Ton ihrer Stimme bekam eine schmeichelnde, mütterlich besorgte
+Klangfarbe, und als ob sie es mit einem großen Jungen zu tun habe, nahm
+sie ihn beim Ohr und zupfte es.
+
+»Willst du wohl gleich ein anderes Gesicht machen? Wenn Bettina nicht
+für dich mit dächte! Jetzt bist du doch offiziell gemeldet, ganz
+gleich, ob du den Abend offiziell oder inoffiziell gestalten willst.
+Siehst du wohl? Ja, jetzt lächelst du. Ich verwöhn’ dich.«
+
+Sie hob sich auf den Zehen und legte ihre weichen Lippen auf das
+mißhandelte Ohr.
+
+Er hielt ganz still. In seinem Hirn begann ein Sausen und Brausen. Und
+plötzlich faßte er sie um die Taille, trug sie wie ein zappelnd Nixlein
+zum Diwan, kniete schnell nieder und hob sein erhitztes Gesicht zu ihr
+auf.
+
+»Wie du die Menschen verjüngst. So hatte ich es mir gedacht. Du bist
+das Leben.«
+
+»Du hast an mich gedacht? Wann? Wo? Ich muß jede Regung in dir kennen.«
+
+»Gestern abend, zu Hause. Ich kramte in Erinnerungen umher, in toten
+Geschichten. Da kamst du ...«
+
+»Und weiter? Was tat ich? Was tatst du? So erzähle doch. Du sprichst
+schön.«
+
+»Ich sagte es ja: du verjüngtest mich.«
+
+»Und die toten Geschichten? Legten sie sich nicht zwischen uns? Wurden
+sie nicht lebendig?«
+
+»Du hattest ihnen ein neues Leben gegeben. Sie trugen deinen Stempel.«
+
+Sie atmete tief auf und zog die Brauen dicht zusammen.
+
+»Ich bin von einer unbändigen Eifersucht,« murmelte sie. »Das hast du
+davon.«
+
+Er zog ihren Kopf herab und küßte sie auf die finsteren Augen.
+
+»Hättest du mich lieber als den Spötter gemocht, dem nichts mehr heilig
+war?«
+
+»Nichts soll dir heilig sein als ich!«
+
+»Nun, ich meine: daß du diese Ausnahme in mir geweckt hast, beweist
+alles. Eine andere kenne ich nicht.«
+
+Sie griff links und rechts in sein Haar.
+
+»Schnell, schnell, was hast du jetzt gedacht? Liebster, so sprich doch
+...«
+
+»Du wirst mich nicht auslachen, wenn du hörst, wie jung ich geworden
+bin?«
+
+»Nein, aber nein. Ich könnte dich eitel machen und sagen: ich will
+nur dein sonores Organ hören. Du hast einen Klang in der Stimme, der
+aufwühlt. Nun gib dem Klang Begriffe, an denen man sich halten kann.«
+
+»Ich werde beichten,« sagte er, und das selbst-ironisierende Lächeln
+spielte um seinen Mund. »Erschrick nicht allzu sehr. Ich bin so jung
+geworden, daß ich wie in der Jugend holden Wahnsinnstagen das — Dichten
+wieder aufgenommen habe! Sage und schreibe: das Dichten!«
+
+Sie legte ihm die Hände auf die Schultern, richtete sich auf und
+blickte ihn lange an.
+
+»Ich habe es ja gewußt,« sagte sie endlich, »o ich habe es ja gewußt,
+daß etwas Eigenes in dir war.«
+
+Ein triumphierendes Leuchten stand in ihren Augen.
+
+Im Nebenzimmer klirrte ein Servierbrett.
+
+»Steh auf!« flüsterte sie.
+
+Als das Mädchen erschien, saß Hans, durch den Tisch von der Hausfrau
+getrennt, gelassen in seinem Sessel.
+
+»Stellen Sie nur alles hin, Anna; ich werde das übrige selbst besorgen.«
+
+»Sehr wohl, gnädige Frau.«
+
+Sobald das Mädchen gegangen war, hatte sich Frau Bettina erhoben.
+
+»Hans,« schmeichelte sie und legte ihm die Arme um den Hals, »vorlesen;
+bitte, bitte, vorlesen!«
+
+»Du wirst mir nachher keinen Tee mehr geben wollen,« lachte er.
+
+»Sei lieb, Hans. Ich will ~auch~ verwöhnt sein. Ich will einen Sänger,
+meinen Sänger haben.«
+
+»Gut, dein Wille geschehe! Wollte ich mich noch weiter sträuben,
+würdest du am Ende noch glauben, es handle sich um ein unerhörtes
+Meisterwerk. Es ist nichts als eine Impression.«
+
+Er entnahm seiner Brieftasche ein Blatt und wollte lesen. Aber sie
+legte ihre schlanken Hände über die Zeilen.
+
+»Trag mich erst auf den Diwan zurück.«
+
+Er gehorchte auf der Stelle. Aber sie ließ ihn nicht wieder los, bis er
+auf dem früheren Platze kniete.
+
+»So — —« sagte sie gedehnt, und dann kroch sie lauschend in sich
+zusammen.
+
+Er nahm die Spitzen ihrer Finger in seine Hand und las. Wenn er eine
+Pause machte, hörte er ihre tiefen Atemzüge und spürte das Klopfen des
+Blutes in ihren Fingerspitzen.
+
+ »Der Tag erlischt ... Was war’s, was die Sibylle,
+ Die schöne Frau, einst sprach?: Es tut nicht gut,
+ Daß du allein bist in der Dämmerstille.
+ Dann fließt zu schwer dein Abenteurerblut. — —
+
+ Der Tag erlischt ... Gestreckt in meinen Sessel
+ Schau träumend ich empor ins dichte Grau,
+ Das mich umstrickt wie eine enge Fessel....
+ Hüt’ vor dem Traum dich — sprach die schöne Frau. — —
+
+ Ich blätterte heut’ lang’ in alten Briefen;
+ Noch spielt die Hand mit dem vergilbten Tand.
+ Es wurden Bilder wach, die längst entschliefen;
+ Ein Rufen scholl aus fernem Heimatland.
+
+ Ich hör’ den Rhein an seine Ufer rauschen;
+ Das Wellenlied reißt meine Sehnsucht wund.
+ Du meine Jugend, komm, laß dich belauschen;
+ Drück’ deine Lippen auf des Träumers Mund.
+
+ Sieh dort, sieh dort: die alte Lieblingsstelle —
+ Ein Streifen Moos im dichten Erlenstand.
+ Fern fließt der Rhein; es lockt und lockt die Welle;
+ Ein Sommerduften zittert durch das Land.
+
+ Zwei Händchen, wie sie sonst nur Kinder zieren,
+ Sie pressen sich an meine Schläfen an,
+ Und junge Lippen wollen sich verlieren
+ Im ersten Kuß, im Kuß von Weib und Mann. — —
+
+ — Wenn Jahr für Jahr die Winterstürme bliesen,
+ Wenn meine Seele nach dem Sommer schrie,
+ Nach meinem Rhein, nach meinen Erlenriesen:
+ Ich sucht’ die Händchen, und ich fand sie nie.
+
+ Durch Abenteuer bin ich durchgeritten,
+ Und Lieder sang, just wie mein Mund, mein Schwert.
+ O wüßtet ihr, um die ich heiß gestritten,
+ Nach welchen Rosen nur mein Herz begehrt’!
+
+ — Du sollst dich hüten vor der Dämmerstille,
+ Kein Sieger träumt! — Wer trat in mein Gemach?
+ Wer wagt es, mit den Worten der Sibylle
+ Zu wandern meinen Seelenpfaden nach?
+
+ Gib Antwort, du! Die Jugend ist verklungen!
+ Kein weicher Schwärmer spannte hier sein Zelt!
+ Halt’ ich mit diesem Arm ein Weib umschlungen,
+ So bring’ dies Weib mir eine ~neue~ Welt!
+
+ Aus Gräbern müßt’ ihr wundertät’ger Wille
+ Mir wecken Heimat, Jugend, Liebeskraft!
+ — Seh’ ich dich recht — —? Du, zaubrische Sibylle?
+ Du hast zum Wunder ~selbst~ dich aufgerafft?
+
+ Du, schöne Frau ...? Die Prüfung ist zu Ende?
+ Du trägst die Fackel in die Dämmerung?
+ Ich spür’ zwei Hände, schlank wie Kinderhände,
+ Und einen Mund wie wilde Rosen jung,
+
+ Und deines Blutes sturmbewegte Welle!
+ — O andre Wellen sind’s, wie einst am Rhein —
+ Ein Lebender, ich fühl’s, in Sonnenhelle
+ Kann nur des Lebens Auserwählter sein.
+
+ Komm an mein Herz! Es ward dein Adelswille,
+ Des Rätsels stolze Lösung mir bewußt!
+ ... Du sollst nicht ~träumen~ in der Dämmerstille,
+ Doch ~siegen~ sollst du, — siegen Brust an Brust!«
+
+Die Dämmerstille lag über ihnen. Es begann stärker zu dunkeln, und
+keiner von ihnen bemerkte es.
+
+Da führte Hans Steinherr die widerstandslose Frauenhand an seine heißen
+Lippen, so fest, daß sie den Druck schmerzhaft verspürte, und daß
+Bettina mit einem kurzen Aufschrei auffuhr.
+
+»Tu’ ich dir weh?«
+
+»Weh? — Weh? — Fragt mich dieser Mensch auch noch, ob er mir weh tut!
+Ja, du ~tust~ mir weh, aber nicht weh genug. Brust an Brust! Hast du
+das nicht eben selbst gerufen? Brust an Brust! Wo bleibst du denn nur?«
+
+»Bettina! Ob du mich lieb hast, sag!«
+
+»Lieb, lieb! Das ist ein Ausdruck für kleine Mädchen! Wenn du ~mich~
+meinst, erfinde einen anderen!«
+
+»Ich habe keine Zeit dazu. Das einzige Wort, das ich ausdenken kann,
+heißt: Bettina. Meine, mir gehörige — Bettina.«
+
+»Das ist nicht viel für einen Dichter. Sag mehr, mehr —«
+
+»Jetzt hat der Mensch in mir das Wort. Nimm dich in acht: wenn er mehr
+redet, steigert er seine Ansprüche.«
+
+»Ah, laß ihn doch, laß ihn doch,« rief sie laut und preßte ihren Kopf
+gegen seine Brust. Dann rann die Woge langsam zurück — — —
+
+»Ich bin rasend,« sagte sie und fuhr sich über die Augen. »Ich muß
+Licht machen, damit wir zur Besinnung kommen.«
+
+Sie ging zur Wand und tastete nach dem Knopf der elektrischen Leitung.
+
+Das Zimmer schwamm in blendender Helle, und die beiden Menschen standen
+und staunten sich an.
+
+Er trat ihr einen Schritt entgegen, ungewiß, zögernd. Aber es schob ihn
+vorwärts.
+
+Und sie schüttelte den Kopf über sich selbst, wollte entweichen und
+lief auf ihn zu.
+
+»Hans, Hans, sei doch vernünftig! Du siehst doch, ich kann es nicht
+sein.«
+
+»Weshalb hast du Licht gemacht? Jetzt seh’ ich erst, was ich alles
+vergessen habe.«
+
+Sie glitt unter seinem Arm hinweg, zurück zur Wand. Ein Ruck, und es
+war dunkel.
+
+Bevor er sich von seiner Überraschung erholen konnte, spürte er ihre
+Lippen auf seinem Mund und ihre Hände an seinen Schläfen.
+
+Worte seines Gedichtes wirbelten ihm durch das Hirn.
+
+»Ein Lebender kann nur des Lebens Auserwählter sein!« —
+
+Jetzt lebte er ein auserwähltes, ein doppeltes Leben. Das ihre war das
+seine.
+
+Die umschwärmteste Frau, die Dame der großen Welt war wie ein
+zärtliches Kind und bedeckte ihn mit ihren Liebkosungen.
+
+»Bettina, kleine, süße, wilde Bettina, sprich nur ein Wort. Noch
+existiert der Schmied von Gretna-Green. Noch ist Helgoland nicht aus
+der Welt. Morgen, übermorgen kannst du meine Frau sein.«
+
+»Nicht den Zauber brechen,« murmelte sie, »das kommt nicht wieder.«
+
+»Wir werden es in der Hand haben, ihn jede Stunde zu beschwören, wenn
+wir nicht mehr getrennt sind.«
+
+»Ach, du, diese Heimlichkeit — das ist das Schöne. Das Gefühl haben:
+wenn’s morgen aus wäre — diese Stunde raubt uns niemand mehr, mag die
+Zukunft sein wie sie will. Das Gefühl laß mir, bring es mir, so oft du
+kannst, tagtäglich; das spannt unsere Nerven, das macht so närrisch
+jung und so rasend verliebt; das ist, als könne es ein Jahrhundert
+dauern. Das ist eine Brautzeit, wie sie für uns paßt. Ein Fest nach dem
+anderen. Die Ehe bringt ja doch den unausbleiblichen Schlafrock.«
+
+»Du, du, werde nicht tragisch. Soll ich wieder Licht machen, damit du
+siehst, was du dir zutrauen kannst?«
+
+»Horch,« entgegnete sie unvermittelt, »eins — zwei — drei — neun Uhr!
+Unmöglich! Was ist aus der Zeit geworden? Das Mädchen wird kommen, um
+den Tisch abzuräumen. Ich habe alles vergessen.«
+
+»Wer an der Tafel der Götter gesessen hat, kann doch keinen Tee mehr
+trinken, Bettina.«
+
+»Du mußt; hörst du, du mußt. Ich kann doch das ganze Arrangement nicht
+unberührt fortschaffen lassen. Die Dienstboten würden die Hände über
+dem Kopf zusammenschlagen. Liebster, sei gut. Ein klein, klein wenig
+Aufopferung, weil es nicht anders geht. Da — ah, da ist Licht. Nein,
+ich will dich jetzt nicht anschauen. Hier, an den Tisch mit dir! Lach
+nicht so mokant. Du mußt ja doch, wie ich will.«
+
+»Ich bin dein ergebenster Diener. Wenn du befiehlst, verschling’ ich
+dich mit.«
+
+»Vorwärts, die Küche will ihr Recht. Ach Gott, der Tee ist kalt!«
+
+»Nein,« sagte er verwundert, »und steht doch erst seit zwei Stunden.«
+
+Sie warf sich im Sessel zurück, griff in ihr Haar und lachte ohn’
+Aufhören.
+
+»Du, Bettina, ich möchte auch lieber lachen als essen. Das ist eine
+Tortur.«
+
+Und jubelnd weiter lachend, fuhr sie mit Messer und Gabel durch den
+Inhalt der Platten, warf die Delikatessen der Saison wild durcheinander
+und lehnte sich ausatmend zurück.
+
+»So,« sagte sie, »das Abendessen wäre zu Ende. Wenn du jetzt auch nur
+noch eine Viertelstunde bleibst, mache ich jede Dummheit.«
+
+»Dann laß mich ungezählte Viertelstunden bleiben. Und noch länger.«
+
+»Mein Herr — so gern ich Ihrem Wunsche willfahrte: der Ruf Ihrer Dame
+verlangt —«
+
+Er erhob sich sofort.
+
+»Ich habe Ihnen nur noch zu danken, meine allergnädigste Frau; nur noch
+zu danken.«
+
+Sie sah die kühne Mannesfröhlichkeit in seinem Blick, faßte seine Hand
+und schloß die Augen.
+
+»Ich mach’ Dummheiten,« sagte sie.
+
+Er küßte sie auf die Lippen, die sich ihm boten.
+
+»Auf morgen!«
+
+»Und — vergiß nicht! — Gedichte will ich haben, Gedichte. Von mir, für
+mich. Du sollst mich stolz machen.«
+
+Sie stand hinter den Stores und sah ihm nach, wie er jugendlich
+elastisch über die Straße schritt. Dann ging sie langsamen Schrittes
+und vor sich hin grübelnd zum Diwan. In eine Ecke gekauert saß sie und
+sah vor sich hin, immer auf denselben Punkt.
+
+»Ich darf nur Dummheiten machen, die mich vorwärts bringen.
+Einstweilen, einstweilen — —«
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Drittes Kapitel
+
+
+Mit der fortschreitenden Saison entwickelte sich auch das
+gesellschaftliche Leben in den Salons Frau Bettina Wittelsbachs. Nicht,
+daß sie das Prinzip der »offenen Tür« in ihrem Hause einführte. Die
+schöne Frau, welcher ihr Gatte Verbindungen mit den ersten Häusern
+hinterlassen hatte, hielt sehr auf eine erlesene Auswahl, und die
+kleinen, vornehmen und doch künstlerisch bewegten Abende, die sie mit
+nie trügendem Geschmack zu arrangieren verstand, erfreuten sich in der
+weltkundigen Gesellschaft bald eines Rufes, daß es für eine besondere
+Bevorzugung galt, hinzugezogen zu werden. In wenigen Monaten hatte
+die zielbewußte und starkgeistige Frau erreicht, wozu andere eines
+Einlebens von Jahren bedurften: ihr Salon bildete einen Machtfaktor.
+Nicht offenkundig, nicht vor den Augen der Welt; noch weniger aber
+insgeheim. Die Herren und Damen, die sich an jedem Mittwoch abend
+bei ihr zu versammeln pflegten, gehörten durchweg Kreisen an, die
+eine gewisse Bedeutung in sich schlossen: maßgebende Staatsbeamte,
+hohe Offiziere, Künstler von Einfluß, alle mit ihren Damen, deren
+Beziehungen wiederum weit durch die Salons der Hauptstadt reichten.
+Handelte es sich darum, einen Wunsch, eine Persönlichkeit an die
+Öffentlichkeit zu bringen, so spannen sich die Fäden der Protektion
+von hier aus bald nach allen Seiten.
+
+Es war nicht allein Frau Bettinas reizvolle Art, jeden Menschen einzeln
+seiner Individualität gemäß zu behandeln und in jedem den Glauben
+zu erwecken, daß er vor allen die besondere Sympathie der Hausfrau
+genösse, was der vielvermögenden Frau so schnell die Ausnahmestellung
+schaffte. Unter den Näherstehenden war es ein stilles Geheimnis, daß
+sich ein hoher Herr aus der Seitenlinie eines regierenden Hauses stark
+um die Gunst der jungen, reichen Witwe bewerbe und lediglich deshalb in
+diesem Winter fern von Berlin und in der langweiligen mitteldeutschen
+Residenzstadt weile, um den Chef des Hauses seinen Heiratsplänen
+zugängig zu machen. Hatte doch der Prinz, der sich gelegentlich der
+Frühjahrsrennen der damals ins Leben zurückkehrenden Dame hatte
+vorstellen lassen, ihretwegen sogar an der Nordlandsfahrt teilgenommen
+und nur deshalb während der Reise ein mehr zurückhaltendes Wesen zur
+Schau getragen, um die Dame nicht in vorzeitiges Gerede zu bringen und
+dadurch die Chancen einer Verbindung mit Frau Bettina zu erschweren.
+
+Man hielt in den Kreisen um Frau Bettina mit großem Zartgefühl darauf,
+daß dieser Gegenstand nicht mit Worten erwähnt wurde. Einerseits
+geschah es aus dem natürlichen gesellschaftlichen Takt, anderseits
+aber stand die Person des in Frage Kommenden immerhin so hoch, daß man
+sich die für später sicher nützlichen Verbindungen nicht leichtfertig
+verscherzen wollte.
+
+Hans Steinherr war wohl der einzige, dem von dem stillen Geheimnis
+nichts bekannt war und auch nichts bekannt wurde. Er trat den
+einzelnen des Kreises nicht sonderlich näher, beschäftigte sich
+fast ausnahmslos mit der Dame des Hauses und galt bald als das
+Protektionskind, als ein junger, talentvoller Dichter, dem man sich
+bemühte, durch freiwillige Herolddienste die Wege zu ebnen. Den
+Austausch eines wärmeren Blickes zwischen ihm und Frau Bettina hätte
+man vergeblich zu erspähen versucht. Nur auf dem Nachhausewege pflegten
+zuweilen einige der Herrschaften ihre Gedanken über die Beziehungen
+zwischen Steinherr und der Dame des Hauses laut werden zu lassen. Dann
+zerbrach man sich den Kopf, ob dem Verhältnis wirklich das Rückgrat
+einer Liebschaft anhafte, oder ob die kluge und ehrgeizige Frau es
+nur inszeniere, um, wie sich ein diplomatisch geschulter Geheimer Rat
+ausdrückte, »Hoheit scharf zu machen«.
+
+Eines stand jedenfalls fest: Frau Bettina hatte der Person Hans
+Steinherrs ein Relief gegeben, das bald über die Grenzen des
+gesellschaftlichen Lebens hinaus seinen Wert erhielt.
+
+An den Abenden, die in ihrem Heim den Künsten gewidmet waren, bedrängte
+sie ihn, seine starken, leidenschaftlichen Poesien vorzulesen, und ihr
+äußerlich vornehm heiteres, innerlich drängendes, begehrendes Wesen
+fand einen verfeinerten Genuß darin, vor aller Augen und Ohren Verse
+zu hören, die ebensoviele Liebesbeteuerungen und Liebesschilderungen
+enthielten, die einzig und allein ~sie~ angingen und die sie inmitten
+des buntesten geselligen Treibens all die Stunden heimlichen Glückes
+noch einmal durchschwelgen ließen. Sie lächelte unmerklich, wenn ein
+spontaner Beifall sich über den Dichter ergoß, wenn Steinherr, nur für
+sie erkenntlich, sich und die Situation ironisierend, eine Sekunde lang
+den Blick auf sie heftete.
+
+Aber Frau Bettina blieb hierbei nicht stehen. Durch Schmeicheln,
+Trotzen und Befehlen veranlaßte sie den Geliebten, die Gedichte in den
+ausschlaggebenden modernen Zeitschriften zu publizieren, und da ihr
+Namen von Bedeutung zur Seite standen, so war es ihr ein leichtes,
+ihren Wünschen bald die Erfüllung folgen zu sehen.
+
+Als die Saison im Februar ihren Höhepunkt erreicht hatte, war der Name
+Hans Steinherr unter den literarischen Feinschmeckern bekannt wie in
+den unzähligen Salons, die sich in Berlin zu den Treffpunkten der
+~oberen~ Zehntausend rechnen, weil Neugier und Nachahmungssucht das Tun
+und Lassen der wirklichen Oberen hier zu beklatschen pflegt, als stände
+man mit den so hoch interessanten Vorbildern familiär auf du und du.
+
+Hans Steinherr war eine der plötzlich aufschießenden Saisongrößen
+geworden und wußte selbst nicht, wie er zu der Ehre kam. Wenn er an
+der Seite Frau Bettinas, die durch ihre blendende Erscheinung und
+nicht weniger durch ihre aparten, geschmackvollen Toiletten stets
+die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zog, zu den Premieren in der
+Theaterloge erschien, erregte er den Hauptteil des Interesses. Dann
+sprach man in Logen und Parkett über seine Persönlichkeit, die berufen
+war, dieser Dame =de grande tenue= als bevorzugter Kavalier zu dienen,
+und der Neid schuf ihm ein noch größeres Renommee als die Freundschaft.
+
+»Wer ist denn dieser Günstling der schönen Wittelsbacherin?«
+
+»Aber, gnädige Frau, das ist doch Hans Steinherr!«
+
+»Hans Steinherr? Also von der Kunst, weil Sie den Vornamen nennen.«
+
+»Meine Gnädige: Hans Steinherr, der bedeutende und eigenartige Lyriker!
+Treiben Sie denn nicht die neueste Literatur? Allerverehrteste, wie
+können Sie nur so unmodern werden!«
+
+So wurde Hans Steinherr der »bedeutende und eigenartige« Lyriker, und
+hatte kaum ein Dutzend Gedichte veröffentlicht, die er nicht einmal
+für die Öffentlichkeit niedergeschrieben hatte. Man gab ihm einen Ruf,
+damit es umso interessanter würde, ~über~ seinen Ruf Andeutungen mit
+kleinen Pointen loszulassen. Irgend ein Dutzendmensch hätte sich nicht
+gelohnt.
+
+Über Hans Steinherrs Seele gingen die Wandlungen, welche die Außenwelt
+mit ihm vornahm, spurlos hinweg. Es war dasselbe Fluten und Ebben in
+ihm, derselbe Wechsel von Rausch, Ernüchterung und neuem Rausch; alles
+wie seit dem ersten Tag in Frau Bettinas Haus. Nicht um eine Spanne war
+die Klärung fortgeschritten. Wenn er mit Ungestüm darauf drang, zog sie
+sich zornig von ihm zurück und schalt ihn einen Alltagsmenschen, eine
+poesielose Natur, einen Undankbaren, der nicht wert sei, mit ihr ein so
+wunderbar anregendes Geheimnis zu teilen, und durch seine prosaische
+Verständnislosigkeit den kleinsten Stimmungszauber verderben müsse.
+Wurde er kalt und zurückhaltend, so überschüttete sie ihn unvermutet
+mit einer so stürmischen Flut von Liebkosungen, daß er sein Blut sausen
+fühlte und nach innerlicher Gegenwehr plötzlich die Reserviertheit
+aufgab und ihre Küsse erwiderte, wie sie gegeben wurden.
+
+Sonnenschein und Sturm, Sturm und Sonnenschein.
+
+Er war in einen Kreislauf geraten, aus dem er sich nicht mehr
+herausfand.
+
+Packte ihn in nüchternen Stunden die Scham, wie eine Drohne zu leben
+und sein Dasein arbeitslos und daher zwecklos zu vergeuden, faßte er
+den Entschluß, diesem für seinen Lebensstolz unhaltbaren Zustand ein
+Ende zu machen, selbst auf die Gefahr eines gänzlichen Bruches hin, so
+wandelte schon der nächste Abend ihn wieder zum modernen Tannhäuser,
+der außer den Augen der liebsten Frau nichts will und nichts weiß.
+
+Was ihm jeden tatkräftigen Gedanken erschwerte, war das
+unausgesprochene Bewußtsein, daß neben der wilden Zuneigung die
+Eitelkeit des Mannes in ihm wachgerufen war. Die Eitelkeit des Mannes,
+die weniger Schmerz um eine verlorene Liebe als um die sichtbaren
+Zeichen einer Niederlage empfindet. Die Vorstellung, Bettina an der
+Seite eines anderen zu sehen, während er unbeachtet abseits zu stehen
+habe, zu wissen, daß sie einem anderen die Zärtlichkeiten gebe, die
+sie ihm gegeben hatte, ließ ihn in wortlosem Grimm die Nägel in die
+Handflächen graben.
+
+Dieses endlose Hin- und Herzerren, dieses immer sich wiederholende
+Kapitulieren vor dem Ziele machte ihn launisch und reizbar. Er war
+nicht der Mann des ewigen, verborgenen Brautlebens, er hatte ein
+Ruhebedürfnis, und nicht zuletzt ein Bedürfnis nach der Ruhe des
+Besitzes.
+
+Und dennoch: wenn er wieder einmal eine der immer seltener werdenden
+Stunden verlebt hatte, in denen sie im engen Beisammensein allen
+Sonnenschein über ihn ergossen hatte, wenn er sie vor sich sah in dem
+weich herniederfallenden Hausgewand, das in dem schlanken Ausschnitt
+die weißen Schultern freigab, dann unterlag auch er dem Zauber, den
+gerade die Verschwiegenheit ihrer Liebe so außergewöhnlich prägte, und
+er schmiegte knabenhaft, ein selig Träumender, sein Gesicht dicht neben
+das ihre auf den Pfühl des Diwans, während er vor ihr kniete und seine
+Arme sie umfaßt hielten.
+
+Seit kurzem häuften sich diese stillen, schönen Stunden. Es war, als ob
+auch Bettina etwas Schmerzliches in der Art ihrer Liebe empfände, als
+ob sie plötzlich zu der Erkenntnis seines unduldsamen Leidens gekommen
+wäre und sich nun bemühte, durch eine fortlaufende Reihe ungetrübter
+Tage viele voraufgegangene Launen wieder gut zu machen. Mitten im
+Gespräch konnte sie verstummen, sein Gesicht in ihre beiden Hände
+nehmen und ihm lange, mit verschleiertem Blick, in die Augen schauen.
+Die Weichheit ihres Wesens nahm zeitweilig einen Charakter an, daß ihn
+erschreckte, was ihn sonst mit Freude erfüllt haben würde.
+
+An einem Abend, an dem er die an ihr so ungewohnte Erscheinung stärker
+als je empfand, fragte er sie.
+
+»Was hast du, liebste Frau? Dich quält etwas. So verbirg es mir doch
+nicht.«
+
+Und sie sagte kopfschüttelnd und ihm leise über das Haar fahrend: »Es
+ist nichts. Und wenn auch. Wir wollen uns in den kurzen Stunden doch
+nicht mit Grillen plagen.«
+
+»Du bist eine andere geworden, Bettina — —«
+
+»Hast du dich nicht auch verändert — —?«
+
+»Ich —? Nenn mir meine Fehler, und ich will sie dir zuliebe ablegen.«
+
+»Hans,« sagte sie nachdenklich und legte die flache Hand auf die
+Stirn, »wann hast du mir das letzte Gedicht gebracht?«
+
+»Ich wußte nicht, daß dir noch daran gelegen war,« entgegnete er ernst.
+
+»Hab’ ich dir wirklich Anlaß zu solchen Vermutungen gegeben?«
+
+»Ja,« sagte er. »Du schicktest, was ich schrieb, in die Öffentlichkeit,
+bevor du es noch recht gelesen hattest. Und das Beste, was zwischen den
+Zeilen geschrieben stand, hättest nur du empfinden können. Aber dir lag
+an dem Druck mehr als an der Schrift; mir an deinen Augen mehr als an
+denen des Publikums. Da streckte ich die Wehr.«
+
+»Und nie, nie wieder hast du das Gefühl gehabt: du mußt jetzt für
+Bettina dichten?«
+
+»Doch. — In den letzten Tagen. — Seitdem du so — so verändert wurdest.«
+
+»Hans,« sagte sie und streckte ihm die Hände entgegen, »komm, Hans.
+Wie damals, als es anfing. Hier auf dem Diwan lag ich, und da knietest
+du — siehst du, ich habe alles behalten — und du lasest mir eine
+Jugendbeichte von einer Liebe am Niederrhein, und wie du sie erst ganz
+überwunden hättest durch mich. War das ein Abend! — — — Komm, ich sitze
+wieder hier, und du lehnst deinen Kopf gegen meine Kniee. Und nun lies.
+Es soll nur für mich sein.«
+
+Und er las, mit stiller, schwerer Stimme.
+
+ »Wenn der weißen, stolzen Schultern Bogen
+ Wie des Marmors Schneekristalle flimmern,
+ Deiner Brust geheimnisvolle Wogen
+ Wie von Mondschein übergossen schimmern;
+
+ Wenn ich dich, die mir entgegenleuchtet,
+ Mit gebenedeiten Händen streichle,
+ Und dein Auge sich vor Liebe feuchtet,
+ Wenn ich wie ein Knabe stumm dir schmeichle —
+
+ Weißt du, Liebste, was ich schauernd fühle
+ Bei dem selbstvergessenen Umschlingen,
+ Wang’ an Wange auf demselben Pfühle?
+ — Sieh, die Seelen wollen sich durchdringen!
+
+ Wollen sich durchdringen und vereinen,
+ Wollen unauflöslich sich verketten,
+ Wollen uns, wenn unsre Augen weinen
+ Fern der Heimat, unsern Frieden retten.
+
+ Wo ich geh’, nun trag’ ich deine Seele;
+ Wo du bleibst, dich tröstet meine heiter:
+ Glaub’ es nicht, daß dir die Liebe fehle;
+ Ich bin bei dir, fürchte dich nicht weiter. — — —
+
+ Heil’ge Stille ... Dann, mit beiden Händen,
+ Greifst du meinen Kopf und starrst mit weiten
+ Augen auf mich, die ein Wunder spenden;
+ Und voll Inbrunst und voll Seligkeiten,
+
+ Bleich vor Wonne flüsterst du: Bedränger!
+ Zärtlichster und wildester der Knaben,
+ Press’ mich fester, daß die Seelen länger
+ Süß und heimlich einst zu raunen haben .....«
+
+Er sah nicht auf. Er hatte das Gefühl, daß es jetzt an ihr sei,
+zu sprechen; irgend etwas hinreißend Liebes zu sagen, das all die
+vielfachen kleinen Dissonanzen, die sich in die Melodie ihres Verkehrs
+eingeschlichen hatten, in einem lange nachzitternden Vollton vergessen
+machen würde. Aber es blieb Stille, ein lastendes Schweigen.
+
+Müde hob er den Kopf. Da fielen brennend heiße Tropfen auf seine Stirn.
+
+»Bettina!« rief er, sprang auf und faßte sie an den Schultern.
+»Bettina, was geht in dir vor? So kenn’ ich dich ja gar nicht. Du
+weinst? Herr Gott im Himmel, du kannst weinen? Liebste, Liebste, dann
+ist ja alles gut.«
+
+Ihr Mund verzog sich krampfhaft, aber sie konnte den hervorschießenden
+Tränen keinen Einhalt tun. Sie streifte seine Hände herab und wanderte
+im Zimmer umher, bis sie ihre Haltung wiedergefunden hatte.
+
+»Mach doch nicht solch ein Wesen daraus. Ich bin nur nervös. Ich bin
+gar nicht so tief, wie deine Dichterseele sich jetzt wieder einbildet.
+Gemütsbewegungen! Das ist doch zum lachen. Ich bin in diesen Dingen
+tatsächlich so oberflächlich, wie du es schon zu wiederholten Malen
+mir vorgehalten hast. Die echte und rechte mondäne Frau. Daran läßt
+sich nichts ändern, das liegt in einem. Nur deine rheinische Art macht
+mich immer wieder fassungslos. Das wühlt auf und lullt ein, bis man
+vor Sehnsucht nicht mehr aus noch ein weiß und jede Dummheit begehen
+möchte.«
+
+»Du sprichst mir so oft von den — Dummheiten. Eine Frau wie du sollte
+den Mut besitzen, sich klarer auszudrücken.«
+
+»O, ich — — da siehst du’s ja, wie recht du hast — ich bin eine ganz
+oberflächliche Natur.«
+
+»Wenn ich nicht besser wüßte, was in dir steckte, würde ich dich nach
+dem ersten Tage zu den Toten gelegt haben.«
+
+»Hans!« rief sie. Alle Unruhe war zurückgekehrt. Durch ihren Körper
+flog es wie Angstschauer. Er hatte sie noch nie in solcher Aufregung
+gesehen.
+
+»Du, du, ich hab’ ja eine Sehnsucht, eine ganz tolle, unbezwingbare
+Sehnsucht. Wie soll das nur werden? Seid ihr denn alle so an
+eurem Rhein? Ich habe gedacht, da leben nur frohe, leichtsinnige
+Menschenkinder. Ähnlich wie ich. Oder seid ihr vom Niederrhein so
+ganz anders? Ihr mit dem harten westfälischen Schädel und dem heißen
+rheinischen Blut, ihr unauskennbaren Grenzlerleut’!«
+
+»Du solltest mich noch nicht auskennen, Bettina?«
+
+»Nein, schweigen sollst du, nicht reden. Ich weiß es ja, daß ich
+rettungslos verliebt in dich bin. Aber wie weit du in mich — ob auch
+rettungslos — das — das weiß ich nicht. Und deshalb fürcht’ ich mich
+vor der Probe.«
+
+»So stell’ mich doch auf die Probe. Denk dir doch mal was ganz
+Unerhörtes aus.«
+
+Sie blickte ihm starr in die Augen, als ob er ihre Gedanken erraten
+hätte und sie sich vor der nächsten Sekunde fürchtete. Aber seine
+scharf gewordenen Züge zeigten keinen Sarkasmus, nur eine sich
+nähernde, mitleidsvolle Liebe.
+
+Das konnte sie nicht ertragen. In diesem Augenblick nicht. Ein
+Schluchzen schüttelte ihren Körper, und sie ließ die Tränen strömen,
+wie sie wollten. Sie hatte jede Gewalt über sich verloren.
+
+»Ich kann ja nicht leben ohne dich. Was soll denn nur werden?«
+
+Er zog sie sacht wie ein krankes Kind auf seinen Schoß und streichelte
+ihre schönen Arme.
+
+»Glück soll daraus werden. Glück, nichts als Glück. Ein seliger Mann
+und eine selige Frau.«
+
+»O du arme Dichterseele, wie werde ich dich enttäuschen.«
+
+»Dann werde ich meine Lieder zu dir reden lassen; von alten Zeiten,
+von stolzen Menschen, von verschwiegenen Stunden, die uns mehr waren
+als Jahre. Und die Erinnerungen werden so mächtig werden, daß sie eine
+Fortsetzung fordern.«
+
+»Du — Hans,« sagte sie hastig.
+
+»Ich höre.«
+
+»Du sollst mir eins versprechen.«
+
+»Ich verspreche dir heute alles.«
+
+»Du sollst mich nicht mehr andichten. Jetzt nicht, die nächsten Tage
+nicht. Ich ertrag’ es jetzt nicht, so — so deine Seele zwischen den
+Fingern zu halten in ihrer beispiellosen Offenheit. — So blicke mich
+doch nicht so ironisch an. Du kannst mich ja gar nicht verstehen.
+Gerade weil ich deine Seele nun besser kenne als du, und weil ich dir
+gerade in diesem Punkte nicht oberflächlich erscheinen will. Weil ich
+erst — — Ach nein, später, später. Du mußt jetzt gehen. Nimm deinen
+Mantel und Hut. Wie kalt es ist; fühlst du es nicht auch? Gute Nacht,
+Liebster ...«
+
+Er berührte ihre Lippen nur ganz sanft und ging.
+
+An der Tür drehte er sich um. »Ich werde morgen abend bei dir sein.
+Bestimme nur die Stunde. Zur Teezeit, um sieben?«
+
+»Morgen? Nein, morgen komme nicht!«
+
+»Aber weshalb morgen nicht? Ich muß mich doch nach meinem Patienten
+umsehen.«
+
+»Ich erwarte morgen Besuch.«
+
+»Und wenn schon. Der soll mich doch nicht hindern, du nervöses
+Geschöpf.«
+
+»Wenn ich dich aber bitte. Der Besuch würde dich nur — nur —
+langweilen. Das will ich nicht. Komme übermorgen, Mittwoch, aber eine
+Stunde früher als die Mittwochsgäste. Um sechs; willst du?«
+
+Er sah sie lächelnd an, nickte ihr zu und ließ sie allein.
+
+Auf dem Wege nach seiner Wohnung befiel ihn eine unerklärliche Unruhe.
+Aber er redete sie sich aus. Wenn ihr etwas zustieße, morgen, während
+er nicht zugegen wäre? Nun, er würde der erste sein, den sie rufen
+lassen würde. Sie konnte ja doch nicht ohne ihn sein. Soeben erst hatte
+er es von ihrem leidenschaftlichen Munde vernommen.
+
+Ein überhebendes Gefühl wallte in ihm auf, und wieder reckte und
+streckte sich die männliche Eitelkeit in ihm weit über die selbstlose
+Liebe hinaus und ließ ihn sich nur als lächelnden Gebieter dieser
+vielgefeierten Frauenschönheit sehen. Aber als er in der Frühe
+erwachte, war auch die Unruhe wieder erwacht und gab ihn nicht mehr
+frei und ließ ihn alle Handlungen mechanisch verrichten.
+
+Auch Frau Bettina fand, als der Morgen graute, keinen Schlummer mehr.
+Ziel- und zwecklos durchwanderte sie im Frisiermantel alle Räume der
+Wohnung, blieb an den Fenstern stehen, blickte in den trüben Tag
+hinaus, gab der Jungfer Aufträge, die sie sofort widerrief, und kehrte
+immer wieder in den Salon zurück, um gedankenlos das Zifferblatt
+der Bronzeuhr zu betrachten. Stellte sich wirklich ein Gedanke
+ein, so dachte sie ihn nicht zu Ende, sondern eilte schnell in das
+nächstgelegene Zimmer, um sich von irgend einem anderen Gegenstand
+abziehen zu lassen.
+
+Endlich, gegen Mittag, brachte ihr das Mädchen eine Depesche.
+
+Sie nahm den Papierstreifen entgegen, dankte kurz und legte ihn neben
+sich auf den Tisch. Erst als sie sich wieder allein befand, griff sie
+danach und drehte das Blatt in den Händen umher. Dann erhob sie sich
+plötzlich, warf den Kopf zurück, als ob sie das letzte schwache Zaudern
+ein für allemal abweisen wolle, vergewisserte sich durch einen klaren
+Umblick, daß sie ganz und gar Herrin der Situation sei, und entfernte
+ruhig die Siegelmarke von der Depesche.
+
+Sie schlug das Blatt auseinander und las:
+
+»Reise soeben ab. Gestatten Sie mir, Ihnen um sechs Uhr meine
+Aufwartung zu machen. Ich küsse Ihre Hände. Georg.«
+
+Ruhig faltete sie das Papier wieder zusammen und legte es auf eine
+Schale. Dann klingelte sie.
+
+»Sie können das Frühstück bringen, Anna. Ich werde heute nicht
+dinieren.«
+
+Sie trank in kleinen Zügen ein Glas Sherry aus und wählte in den
+Speisen herum, ohne viel zu genießen. Trotzdem saß sie über eine Stunde
+zu Tisch. Als auf ihr Klingelzeichen das Mädchen wieder erschienen war,
+fragte sie nach der Zeit.
+
+»Es ist zwei Uhr, gnädige Frau. Befehlen gnädige Frau eine Toilette?«
+
+»Zwei Uhr? Ja, da muß ich wohl daran denken, mich anzuziehen. Kommen
+Sie doch gleich mit.«
+
+Während sie in ihrem Ankleidezimmer vor dem wandhohen Spiegel stand,
+kam es ihr in den Sinn, daß sie für Hans Steinherr nie einen großen
+Toilettenapparat hatte in Szene zu setzen brauchen. O, dem hätte sie
+in dem losen, weichen und bequemen Hauskleid immer am besten gefallen.
+Das war auch Hans Steinherr. Und der andere, der heute — endlich — sein
+Kommen gemeldet hatte — —
+
+»Nein, Anna, was legen Sie mir nur heute vor! Das ist ja schon zwei-,
+dreimal getragen. Mädchen, seien Sie nicht so ungeschickt! Wo ist denn
+der Karton, der gestern gekommen ist? Ja, ja, das seegrüne Unterkleid
+und das Überkleid aus schwarzen Valenciennes mein’ ich. ›Diese
+fürstliche Robe?‹ fragen Sie Unschuld? Endlich der erste vernünftige
+Ausdruck, den ich von Ihnen höre. Also — die fürstliche Robe.«
+
+Sie lehnte sich in ihrem Frisiermantel in den Stuhl und blickte
+unverwandt in den Spiegel. »Lassen Sie sich Zeit. Sie sollen mich heute
+so schön machen, wie ich noch nie war.«
+
+»O, gnädige Frau sind immer schön. Wenn gnädige Frau noch so kunstvoll
+frisiert sind, schöner können gnädige Frau darum nicht ausschauen.«
+
+Als wenn Hans Steinherr spräche ... Nur daß er für »gnädige Frau« einen
+etwas präziseren Ausdruck setzte.
+
+»Erzählen Sie mir etwas, Anna!«
+
+Und das Mädchen schwatzte drauf los, Geschichten von Bekannten
+und Unbekannten, und kam sich von Minute zu Minute wichtiger und
+interessanter vor, während Frau Bettina sie längst vergessen hatte. —
+— Bis das letzte Spitzenendchen mit kleinen Brillantnadeln über dem
+Seidenstoff befestigt war, hatte es fünf Uhr geschlagen.
+
+Sie schickte das Mädchen fort, in der ganzen Zimmerflucht alle Flammen
+der elektrischen Kronen zu entzünden, und blieb selbst, ein Buch in der
+Hand, in ihrem Ankleidezimmer.
+
+Punkt sechs Uhr klopfte das Mädchen. Sie sah dem erstaunten Gesicht an,
+daß es sich um eine außergewöhnliche Meldung handelte.
+
+»Nun, Anna?« fragte sie lächelnd und nahm die ihr auf dem Tablett
+dargereichte Visitenkarte.
+
+»Gnädige Frau, der Prinz von —«
+
+»Es ist gut, Anna. Bitten Sie Hoheit, mich nur eine Sekunde zu
+entschuldigen. Ich würde sofort erscheinen.«
+
+Noch einmal stellte sie sich vor den Wandspiegel, musterte ruhig ihre
+Gestalt und den Glanz ihrer Augen und ging mit der Sicherheit der
+Weltdame, um den Prinzen zu begrüßen.
+
+Er stand mitten im Salon, im eleganten Frackanzug, den =chapeau claque=
+unter dem Arm, und eilte ihr, sobald sie die Portiere zurückschlug,
+entgegen.
+
+»Meine schöne und liebenswürdige Freundin —«
+
+Sie reichte ihm anmutsvoll die beringte Hand, die er wiederholt an die
+Lippen führte.
+
+»Seien Sie mir herzlich willkommen, Hoheit. Was trieb Sie denn so
+plötzlich aus Ihrer Weltabgeschiedenheit her?«
+
+»Die Sehnsucht, mich meiner gnädigen Frau zu Füßen zu legen.«
+
+»Die Sehnsucht hat lange gebraucht, Hoheit, um zu diesem Entschluß zu
+kommen.«
+
+»Man hatte ihr die Flügel zusammengeschnürt. Zürnen Sie ihr nicht. Ich
+war ein abhängiger Mann.«
+
+»Sie ~waren~? Soll ich das dahin verstehen, daß Sie es heute nicht mehr
+sind?«
+
+»Die Entscheidung wird lediglich von Ihrer Güte abhängen, Bettina.«
+
+Sie saß ihm gegenüber, frei und unbekümmert, und erwiderte seinen
+festen Blick lächelnd.
+
+»Du lieber Gott, Hoheit, man appelliert so viel an meine Güte. Aber
+tragen Sie Ihr Anliegen vor.«
+
+Der Prinz wurde für einen Moment unsicher. Er blickte auf die Spitzen
+seiner Lackschuhe und streichelte mit dem Rande seines Claques nervös
+die Bügelfalte seines Beinkleides.
+
+Frau Bettina hatte Muße, ihn zu betrachten. Er war eine durchaus
+vornehme Erscheinung, ein Mann von glänzendster Haltung und großen
+Formen. Nur die melierten Schnurrbartspitzen und die leicht ergrauten
+Schläfen wiesen darauf hin, daß er die erste Jugend hinter sich hatte,
+aber seine fünfzig Lebensjahre hätte ein Fremder nicht erraten. Ein
+geschultes Auge konnte dem Kolorit des Gesichtes anmerken, daß Seine
+Hoheit den Lebensgenüssen nicht aus dem Wege zu gehen pflegte. Eine
+leise Lebemannstönung zog sich darüber hin.
+
+»Meine gütige Gnädige,« sagte der Prinz und schaute zu ihr auf, »ziehen
+Sie doch in Betracht, ich bin in meinem bäuerlichen Waldnest gänzlich
+außer Form gekommen.«
+
+»Ach, Sie wollen ein Kompliment hören? Nein, nein, Hoheit, so wollen
+wir nicht beginnen.«
+
+»Meine gnädige Frau, so gestatten Sie mir, ohne Umschweife auf mein
+Ziel loszusteuern. Über meine Gefühle befinden Sie sich nicht im
+unklaren. Ich hatte mir, als ich im Herbst schied, die Freiheit
+genommen, sie Ihnen zu gestehen, und unsere Korrespondenz konnte
+sie nur noch verstärken und vertiefen. Der Grund meines damaligen
+Scheidens ist Ihnen bekannt. Es galt, Hindernisse hinwegzuräumen und«
+— er lächelte auf eigene Weise — »dem hohen Chef unseres Hauses die
+Gelegenheit zu bieten, sich durch den Augenschein von der nunmehr
+erlangten Reife zur Ehe zu überzeugen.«
+
+»So notwendig war das?« warf sie ein.
+
+»Meine Jugend hat ein bißchen lange gedauert, ich gestehe es zu.
+Dadurch aber hoffe ich, mir die Anwartschaft auf einen besonders
+soliden Ehemann erworben zu haben.«
+
+— Und bei Hans Steinherr, dachte sie bei seinen Worten, sollte die
+Jugend mit der Ehe wiederbeginnen und endlos sein. —
+
+»Sie haben sich höchst ehrenvolle Vorsätze gestellt, Hoheit,« erwiderte
+sie in dem Tone, den er angeschlagen hatte.
+
+»=Eh bien=, meine Gnädige, gegen die Ehe als Ding für sich hatte mein
+Herr Oheim auch durchaus nichts einzuwenden, das einzige Hindernis war
+—«
+
+»Die erwählte Dame.«
+
+»Keineswegs, meine gnädige Frau. Die Persönlichkeit der Dame stand
+über jeder Situation. Lediglich die Rangfrage — verzeihen Sie, daß ich
+das erwähnen muß, aber die Fragen der Etikette rangieren bei Hof zum
+wenigsten mit dem Glaubensbekenntnis in einer Linie.«
+
+»Also als gläubig ward ich ~ohne~ jede Prüfung befunden?«
+
+»Prüfungslos,« lachte er und küßte ihr die Hand. »Schon daß Sie mich
+schlimmen Christen bekehrt haben, gewann Ihnen die Gloriole der
+Heiligen.«
+
+»Es scheint mir doch,« sagte sie leichthin, »als ob die Fragen der
+Etikette demnach ~vor~ den Fragen des Katechismus rangierten. Aber ich
+werde Sie nicht weiter unterbrechen. Entschuldigen Sie, Hoheit!«
+
+Der Prinz überwand die verblüffende Ironie schnell. Es war ihm darum zu
+tun, zur Hauptsache zu kommen.
+
+»Der hohe Chef unseres Hauses vermochte an der Aufrichtigkeit meiner
+Gefühle auf die Dauer nicht zu zweifeln, viel weniger noch an der
+Stabilität meiner Absichten. Er geruhte, einzulenken und mir den
+Konsens zu bewilligen. Freilich unter Auferlegung nicht zu umgehender
+Opfer. Ich habe auf die Berechtigung zur Regierungsnachfolge Verzicht
+geleistet — nun, für ein Jahrhundert war die Kandidatur ohnedies in
+sicheren Händen, und später wird’s mir keinen Spaß mehr machen, —
+und ich werde =à la suite= der Armee gestellt. Den Drill hatte ich
+längst schon über, und ich werde in jeder Beziehung ein freier Mann.
+Am Tage unserer Ehe — ich bitte Sie um die Erlaubnis, Bettina, von
+uns in dieser Gemeinsamkeit zu reden — am Tage unserer Ehe wird uns
+im Anschluß an den Namen meiner Besitzung der Titel Graf und Gräfin
+Wallberg verliehen werden.«
+
+Er erhob sich.
+
+»Das wäre die Lösung der einen Seite der Frage. Die Lösung der anderen
+steht in Ihrer Hand.«
+
+Auch Bettina hatte sich erhoben. Sie blickte einen Moment sinnend vor
+sich hin.
+
+»Und man wird, Hoheit, mich nicht als lästigen Eindringling betrachten?
+Ich kann annehmen, daß man mir meine Stellung nicht zu einer
+exponierten gestaltet, daß es mir nicht an verwandtschaftlichem und
+freundschaftlichem Entgegenkommen seitens Ihrer Familienmitglieder
+fehlen wird? Das ›Nullerl‹ zu spielen, liegt nicht im Bereich meines
+Ehrgeizes.«
+
+»Meine Brüder sind entzückt, Sie als Schwägerin zu sehen. Ihr Bild, das
+ich besitze, hat allein schon Wunder gewirkt. Meine Brüder Dick und
+Fredy suchen bei der schönen Herrin dieses Hauses und dieses Herzens um
+die Ehre nach, der Vermählungsfeierlichkeit beiwohnen zu dürfen, und
+senden jetzt schon ergebensten Handkuß mit der Versicherung blinder
+Anhänglichkeit. Gestatten Sie, daß ich mich meines Auftrages in vollem
+Umfange entledige!«
+
+Er nahm mit ritterlicher Verbeugung ihre Hände und küßte die rechte und
+die linke.
+
+»Georg,« sagte sie und zog sanft ihre Hände zurück, »halten Sie mich
+nicht für unzart. Aber bei einer so außergewöhnlichen Verbindung ist
+es direkt notwendig, den realen Dingen ins Auge zu sehen. Ich denke,
+wir sind über die Sentiments erhaben. Sie sehen in mir die schöne und
+liebenswerte Frau. Aber das dürfte nicht genügt haben, mir die Stellung
+an Ihrer Seite anzubieten. Sie sehen in mir auch die vollkommen
+unabhängige und mit den Schätzen dieser Welt einigermaßen gesegnete
+Frau.«
+
+»Bettina!« warf der Prinz in verweisendem Tone ein.
+
+»Es ist sehr liebenswürdig von Ihnen, das an die zweite Stelle zu
+schieben. Aber es ist ein Grund mehr für mich, es zu beachten. Das
+können und dürfen Sie nicht in Abrede stellen. Vorwürfe zwischen uns
+müssen von vornherein ausgeschlossen sein, jeder von uns wird dem
+anderen seine kleinen Liebhabereien nicht mißgönnen. Ihr Rennstall hat
+Sie viel gekostet, der Troubadourendienst« — sie lächelte vor sich hin
+— »kurz, sagen Sie mir ruhig die Höhe Ihrer Engagements.«
+
+»Bettina! Ich bitte tausendmal um Verzeihung. Aber das — das ist mir
+nicht möglich.«
+
+»Nein, nein, lieber Freund, jetzt kein übertriebenes Zartgefühl.
+Wir haben ernstere Dinge vor, als hier das verschämte Liebespaar
+zu spielen. Wir kennen uns beide, und wir wollen es miteinander
+wagen. Schaffen wir also sofort die richtige Grundlage. Das ist für
+lebenserfahrene Menschen wie wir das einzig Würdige.«
+
+»Ich strecke vor Ihrer klaren Lebensauffassung die Waffen, Bettina.«
+
+»Also?« neckte sie und reichte ihm ermutigend die Hand. »Ist es eine
+sechs- oder eine siebenstellige Zahl?«
+
+»Rund eine siebenstellige,« sagte er mit einem schweren Seufzer, der
+humoristisch klingen sollte.
+
+»Nun,« entgegnete sie mit einem frappierenden Gleichmut, »das wird
+sich immerhin arrangieren lassen. Über diesen Punkt brauchen wir also
+nicht mehr zu sprechen. Die Regelung können wir unseren Sachwaltern
+überlassen. Und wann gedachten Sie die Verlobung zu publizieren?«
+
+»Pardon,« sagte er, legte den Hut hin und kam auf sie zu. »Gestatten
+Sie mir, daß ich mich zunächst in aller Form Rechtens meines Besitzes
+versichere.«
+
+Sie stand regungslos, mit leicht vorgebeugtem Kopf, und er küßte sie
+respektvoll auf die Stirn.
+
+Dann atmete sie tief auf. Es war geschehen. —
+
+Nun stand sie auf der Höhe, und das Leben war ihr tributpflichtiger
+denn je. Nach der Sklavenrolle der ersten Ehe die Herrscherrolle der
+zweiten. Unumschränkte Freiheit, und die Gesellschaft ihr zu Füßen.
+Jetzt erst wollte sie das Leben erschöpfen, jetzt war sie erst ganz
+gerüstet, denn über ihr hing der Schild.
+
+»Meine liebe Bettina,« sagte der Prinz feierlich, »ich huldige als
+erster der Gräfin Bettina Wallberg.«
+
+»Ich danke dir, Georg. Die Gebieterin wird nicht allzu strenge sein.«
+
+Er steckte ihr einen reich gefaßten Brillantring an die Hand, und sie
+ließ es sich lachend gefallen, daß er alle Ringe, die sie trug, abzog
+und anprobierte, bis er sich für einen Rubin entschied.
+
+»Das ist Herzblut,« erklärte er, »dein rotes, feuriges Herzblut.«
+
+Sie schloß die Augen und dachte an ihr rotes, feuriges Herzblut — —
+
+»Wie schön du bist. Ich habe weder in Paris, noch in Nizza eine
+wundervollere Toilette gesehen. Was brauchst du mich eigentlich? Du
+bist ja die geborene Prinzessin.«
+
+Dann begann er, ihr seine Pläne zu entwerfen. Keine lange, offizielle
+Verlobung. Die Vermählung heute in vier Wochen. Nur so viel Zeit,
+um die notwendigen Reisevorbereitungen zu treffen. Dann eine
+mehrmonatliche Reise durch den Orient: Bukarest, Sofia, Konstantinopel,
+Alexandria, wohin und so weit sie wünsche. Seine intimen Beziehungen
+reichten an alle Höfe und Vizehöfe. Sie würden überall der
+glänzendsten Aufnahme gewiß sein können, und überall würde sie die
+Herzen besiegen.
+
+Sie lauschte gern seinen weltmännischen Plaudereien. Eine schmeichelnde
+Vorahnung unzähliger Triumphe zog durch ihre Seele und gab ihr ein
+erhöhtes Selbstgefühl ...
+
+Leben, leben — auf den Höhen! — —
+
+Draußen erscholl kurz und fest die Korridorklingel.
+
+»Ah, wir werden gestört,« meinte der Prinz bedauernd und horchte auf.
+
+Auch Bettina war zusammengeschreckt. Sie kannte diese Art des Klingelns.
+
+»Ich bin für niemand daheim,« murmelte sie zornig. »Ich habe ihm doch
+untersagt — —« Aber das Mädchen hatte keinen dahinlautenden Befehl.
+Zumal bei Herrn Doktor Steinherr wußte sie, daß eine zeremonielle
+Anfrage, ob gnädige Frau den Besuch anzunehmen gedenke, außer Betracht
+stand.
+
+Hans Steinherr wechselte auf dem Korridor ein paar Worte mit dem
+Mädchen, darauf öffnete dieses die Salontür nach leichtem Anklopfen
+und meldete gewohnheitsgemäß den täglichen Besucher: »Herr Doktor
+Steinherr, gnädige Frau.«
+
+Frau Bettina blieb ruhig sitzen, und der Prinz verhielt sich nach ihrem
+Vorbild ebenfalls reserviert.
+
+Hans Steinherr trat ein. Seine Augen blitzten in der Erwartung eines
+lachenden, überraschten Willkommens. Er hatte es einfach nicht mehr
+ausgehalten daheim, der vergangene Abend mit seiner verweinten
+Seligkeit und den rätselhaften, springenden Gefühlsstimmungen lastete
+ihm auf der Seele. Wenigstens sehen wollte er Bettina und ihr den
+Beweis liefern, daß er ihretwegen selbst die langweiligste Gesellschaft
+gern ertrüge.
+
+Mit lässiger Handbewegung stellte Bettina vor.
+
+»Herr Doktor Steinherr — Seine Hoheit Prinz Georg.«
+
+Der Prinz machte eine höfliche Verbeugung und nahm seinen Platz wieder
+ein. Hans Steinherr stand noch immer. Vergaß man vor der hohen Ehre,
+einem Prinzen von Geblüt das Gastrecht zu erweisen, ihm, der sich als
+Herr der Gastgeberin dünkte, einen Stuhl anzubieten?
+
+»Was führt Sie her, lieber Herr Doktor? Ein neuer literarischer Plan? —
+Ich bin nämlich die Egeria dieses großen Dichters und bilde mir nicht
+wenig darauf ein,« wandte sie sich lächelnd an den Prinzen. »Hoheit
+haben allen Grund, auf der Stelle eifersüchtig zu werden.«
+
+Hans Steinherr trat einen Schritt näher. Mit festem, zwingendem Blick
+sah er Bettina an, und auf seiner bleichen Stirn trat eine schwere,
+dunkle Ader hervor.
+
+»Ich bitte um Entschuldigung, Herr Doktor,« sagte die schöne Frau
+hastig, »daß ich Sie nicht zum Niedersitzen einlade. Aber ich mußte, so
+schwer es mir wurde und entgegen allem Gastrecht, Hoheit bereits meinen
+leidenden Zustand erklären und ihn bitten, seinen Besuch morgen zu
+meinem Mittwochabend zu wiederholen. In meinem Schlafzimmer wartet das
+Migräninpulver, meine Herren.«
+
+Der Prinz verstand und erhob sich sofort. »Möge Ihnen eine angenehme
+Ruhe und ein heiteres Erwachen beschieden sein, meine Gnädige,« und er
+küßte ihr, abschiednehmend, die Hand, dicht unter dem Verlobungsring.
+
+Sie bemerkte seine Galanterie und gab es ihm durch einen leisen Druck
+der Fingerspitzen zu verstehen.
+
+»Gute Nacht, Herr Doktor, auf morgen also! Ich rechne bestimmt auf Sie.
+Weil Sie heute zu kurz gekommen sind, dürfen Sie morgen eine Stunde
+früher erscheinen.«
+
+Hans Steinherr verbeugte sich kalt. Er war überhaupt nicht zum Reden
+zugelassen worden.
+
+Auf der Straße zogen die Herren die Hüte. Der Prinz winkte eine
+Droschke heran und ließ sich zu einem Theater fahren. Für den Klub,
+in dem er einst Stammgast gewesen war, war es ihm noch zu früh. Hans
+Steinherr wanderte planlos weiter.
+
+Was war das? dachte er immer wieder, was war das? Das war doch eine
+Komödie, eine ganz richtige Komödie! Oder — auch früher schon? — Wie?
+Was? — Er fühlte sich total überrumpelt. Er fand sich nicht zurecht.
+Wofür hatte sie sich so geschmückt? Das fiel ihm nachträglich ein. Dann
+versagte das Gehirn den Dienst, und es war ihm so sonderbar angenehm,
+nicht mehr denken zu können. Nur der frivole Heinesche Vers zog ihm
+kreuz und quer durch den Sinn, und er konnte ihn nicht abschütteln:
+
+ »Um sechse des Morgens ward er gehenkt,
+ Sie aber schon um achte
+ Trank roten Wein und lachte.«
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Viertes Kapitel
+
+
+Hans Steinherr war zu einem Entschluß gekommen. Als er am
+Spätnachmittag des nächsten Tages den Frack anzog, wußte er, daß der
+Abend die Entscheidung bringen müsse. Heute noch würde seine Verlobung
+mit Frau Bettina erklärt werden, oder — er machte mit Fassung seine
+Abschiedsverbeugung. Auf seinem Schreibtisch prangte eine große
+Photographie Bettinas. Sie zeigte den von der dunklen Haarwelle
+gekrönten Kopf im Profil, die klassischen Schultern und den weißen,
+schlanken Nacken, der von mattfarbener Seide wirksam umsäumt war. Er
+sah das Bild prüfend, finster an; wie einen Gegner, mit dem er heute
+noch die Klinge kreuzen müsse.
+
+»Schöne Frau,« sagte er, »jetzt gilt’s. Zeig, daß du Seele hast, oder
+du bist verloren.«
+
+Dann drehte er das Bild herum.
+
+»Erst die Berechtigung nachweisen, daß du hier stehst, sonst könnte ich
+ja das Zimmer mit Bildern tapezieren.«
+
+Eine Röte stieg ihm in die Schläfen.
+
+Was für unwürdigen Zweifeln gab er Raum! Er verstand sich nicht, daß
+er von der Frau, mit der er im Begriff stand, seinen Namen zu teilen,
+auch nur vorübergehend anders denken konnte als in der höchsten
+Wertbemessung. Sie hatte Kapricen. Welche Frau von Welt hatte die
+nicht! War er doch selbst in diesem Winter nervös geworden und hatte
+sich doch Jahre hindurch in kalter Selbstüberwindung geübt.
+
+Draußen auf dem Korridor wurden Stimmen laut. Es wurde nach ihm
+gefragt, und die Wirtschafterin gab Auskunft. Da vergaß er, das
+Bild wieder umzudrehen und wandte sich nach der Hausbesorgerin, die
+eingetreten war.
+
+»Ein Herr möchte Sie sprechen, Herr Doktor. Er sagt, er wär’ ein
+Landsmann.«
+
+»Wie heißt der Herr? — Sie wissen es nicht? — Nein, Sie brauchen nicht
+zum zweiten Male zu fragen. Lassen Sie den Herrn eintreten.«
+
+Gespannt blickte er nach der Tür. Sonderbar, daß sich just in diesem
+Augenblick die Heimat melden mußte.
+
+»Guten Tag, Steinherr; ’n Tag, ’n Tag! Jesses, Jüngsken, dich hätt’
+ich bereits nich widdererkannt. Süch ens, wer da vor dir steht?
+Donnerlütsch, er hat kein’ Ahnung mehr vom Willibald Hüsgen am
+Wehrhahn.«
+
+»Hüsgen —?« fragte Steinherr überrascht. »Wahrhaftig, an dich hätt’
+ich zuletzt gedacht. Nichts für ungut. Es freut mich doch, daß du mich
+aufgesucht hast. Sei willkommen!«
+
+»Na, wenn et dich nur freut,« meinte der Gast und schüttelte die
+dargebotene Hand, »dat is die Hauptsach’.«
+
+»Nimm Platz, ich steh’ zwar, wie du an meinem Frack siehst, auf dem
+Sprunge, auszugehen, aber auf ein paar Minuten langt’s immer noch. Du
+besuchst mich dann in den nächsten Tagen wieder.«
+
+»Och, Steinherr, laß doch heut die Gesellschaft schießen. Ich hatt’
+grad Lust, mit dir so’n bißchen ’rumzukneipen.«
+
+»Das läßt sich heute leider nicht machen,« versetzte Steinherr
+höflich. »Ich habe sogar fest zugesagt, schon vor dem Beginn der
+Abendgesellschaft zu erscheinen.«
+
+Willibald Hüsgen überlegte. Er hatte sich einen schönen Rubensbart
+wachsen lassen, den er zärtlich streichelte.
+
+»Du hast vielleicht gehört, Steinherr,« begann er mit offenem
+Selbstbewußtsein, »daß ich fix in die Höhe gekommen bin. Wir haben
+da in Düsseldorf ein bißchen revolutioniert. Die Herren Malermeister
+schliefen ja alle auf die Dauer ein; Gehirnschwund, Farbenblindheit,
+Verblödung. Die betrieben das Geschäft zuletzt rein fabrikmäßig und
+schmierten ihre Sächelchen nach dem Quadratfuß. Sie wünschen, mein
+Herr? Eine Düsseldorfer Landschaft? Ein zartes Genrebildchen? Ein
+derbes? Bitte, nehmen Sie Platz. Sie werden auf der Stelle rasiert.
+So, bitte, frisch von der Pfanne, gleich mitzunehmen, wie beim
+Kirmeßphotographen. Was es kostet? Fester Düsseldorfer Preis. Aber
+bestellen Sie doch ein Pendant dazu! Pendants, das ist das Feinste.
+Links vom Sofa, rechts vom Sofa. Heilig’ Mutterjottes, ich krieg’
+Leibschmerzen!«
+
+»Setz dich doch, Hüsgen!« sagte Steinherr lachend. Die heimatlichen
+Klänge regten ihn zu einer längst entwöhnten, heiteren Stimmung an. Wie
+lange hatte er solch eine Plauderstunde vermißt!
+
+»Du,« meinte Hüsgen und ließ sich gemütlich nieder, »das
+Leitungswasser, hab’ ich mir sagen lassen, wär’ bei euch in Berlin gar
+nicht zu genießen. Schade.«
+
+»Ach so,« fiel Steinherr ein, »du kommst ja vom Rhein. Da läßt sich
+natürlich eine Unterhaltung nicht anders als zwischen den Gläsern
+denken.«
+
+»Zu allen Tages- und Nachtstunden,« erklärte Hüsgen. »Die
+Zeiteinteilung ist Menschenmachwerk. So was muß überwunden werden. Ah,
+das nenn’ ich doch eine Blume. Prosit! Es lebe der freie Geist!«
+
+Sie taten sich mit einem Glase Rheinwein Bescheid, und Hüsgen nahm
+sofort den Faden wieder auf: »Ja, alter Junge, den Umwandlungsprozeß
+in Düsseldorf hast du nicht mitgemacht. Ihr hier draußen lebt in der
+Einbildung, in Düsseldorf liefe noch alles im alten, verschlafenen
+Trott. Schneidet euch nur nicht! Da ist Leben in die Bude gekommen;
+über Nacht, sag’ ich dir. Aus der alten ›Lätitia‹, dem ›Tartarus‹,
+dem ›Baldur‹ sind Maler hervorgegangen, Maler — na, mit einem Wort —
+Kerle! Ich bin nämlich, als die Gaudeamusbrüder sich in Wohlgefallen
+auflösten, weil mein Alter den Bierverlust nicht mehr tragen wollte
+und ein anderer Dummer mit dem Laternchen nicht zu finden war, in
+die ›Lätitia‹ eingetreten. Kurz, ich sag’ dir, die in Düsseldorf
+wissen jetzt, was sie wollen! Der Fink hat wieder Samen! Das neue
+Jahrhundert wird die Leute wieder an der Spitze sehen. Darauf kannst du
+kommunizieren gehen.«
+
+»Das freut mich, zu hören. Es war aber auch Zeit geworden. Und du
+stehst also mit an der Spitze?«
+
+Willibald Hüsgen verbeugte sich nur.
+
+»Ich hab’ ein paar Riesenfetzen verkauft. Landschaften, aber ordentlich
+mit Erdgeruch. Weißt du, Landschaften, das ist heute nämlich das
+einzige. Früher, da schrie die bornierte Gesellschaft gleich: ›Dat is
+ja gar kein Möler, dat is ja nur en Landschafter!‹ Jawoll, un dann kam
+dat Echo von draußen: ›Seht ens, dat is Düsseldorfer Figurenmalerei.
+Dat sind Bilderbogen nach Zeichenvorlagen!‹ Zum scheckig lachen!«
+
+»Also, du hast Erfolg,« sagte Steinherr und erhob sich. »Ich gratuliere
+herzlich. Und nun sei nicht bös, daß ich dich nicht länger hierhalten
+kann. Gerade heute abend darf ich nicht fehlen.«
+
+»Ja,« meinte Hüsgen und schlürfte langsam sein Glas aus, »wenn sich
+das nun mal nicht anders einrichten läßt? Ich bin nur auf ein paar
+Tage hier, wegen meiner Ausstellung bei Schulte. Und eben für heut
+hatt’ ich dir noch eine Masse zu erzählen. Du,« fragte er plötzlich mit
+echter Hüsgenscher Unverfrorenheit, »kannst du mich denn nicht in die
+Gesellschaft einführen?«
+
+»Heute geht’s schlecht,« sagte Steinherr reserviert. »Es ist ein Prinz
+da, den ich selbst nicht kenne.«
+
+»Ein Prinz?« wiederholte Hüsgen wegwerfend. »Die sind, wenn’s ans
+Bilderbezahlen geht, akkurat wie andere Menschen. Wie heißt er denn?
+Vielleicht kenn’ ich ihn.«
+
+»Prinz Georg von Dingsda. Irgend eine Seitenlinie.«
+
+»Na natürlich kenn’ ich den. Der stand doch mal ein Jahr in Düsseldorf.
+Und trinken konnt’ der! Ich hab’ ihn mal aus dem ›Malkasten‹ nach Hause
+geschleppt, und zum Dank durft’ ich ihm gänzlich gratis seine Gäule
+malen. Drunter tat er’s nicht. Als kleines Erinnerungszeichen an die
+große, denkwürdige Stunde. Du, nimm mich mit; ich muß doch meinen edlen
+Mäcen begrüßen.«
+
+Hans Steinherr lachte. Auch er hätte gern mit dem einstigen Kameraden
+noch geschwatzt. Wenn er den Menschen ansah, wenn er ihn sprechen
+hörte, wurden hundert alte Bilder in ihm lebendig. Die Proben im
+Hüsgenschen Hause, Francesca von Rimini, Hannes — Und die Fragen
+brannten ihm auf den Lippen.
+
+»Höre, ich muß vorausfahren. Aber ich werde dich anmelden. Ich glaube,
+ich darf mir in dem Hause eine Einführung wohl gestatten. Wo wohnst
+du? Am Potsdamer Platz? Dann steig schnell mit in meine Droschke, ich
+setz’ dich vor der Tür ab, du ziehst den Frack an und kommst nach, und
+ich werde durch den Tiergarten hinfahren. Die Adresse geb’ ich dir. Nun
+aber eilt es.«
+
+Auf der kurzen Strecke zwischen Potsdamerbrücke und Potsdamerplatz
+kramte Hüsgen schnell noch seine größte Neuigkeit aus.
+
+»Was sagst du denn zu unserem Hannes? Das ist eine Karrière, was? Die
+verdient das Geld gleich scheffelweis, stellt sich hin, singt ein paar
+Lieder und trägt die dicken Kuverts auf die Bank. Wenn ich bedenke,
+daß ich das Mädel mal heiraten gewollt hab’ ... Nee, nee, das ist kein
+Spaß von mir. Damals wollt’ ich mich tatsächlich herbeilassen. Ich
+hatte nur noch nicht das dienstmäßige Alter. Und dann standest du mir
+in der Quere. Das war wirklich nicht hübsch von dir, Steinherr, denn du
+hattest doch keine ernsthaften Absichten. Na, ich war nicht schlecht
+wütend auf dich. Einmal hab’ ich sogar an deinen Alten geschrieben,
+aber anonym natürlich, das war ja nicht so schlimm. Gott, als Jung’
+ist man ja immer ein Stück Halunke, besonders in dem eifersüchtigen
+Stadium, und du bist ja längst über so was ’raus.«
+
+»Wie hast du denn nur meine Adresse erfahren?« lenkte Steinherr ab. Das
+Thema war ihm gerade jetzt unbequem.
+
+»Deine Adresse? Springe ist doch hier. Kam heute mit mir zusammen an.
+Jesses, er will dich ja vor sieben Uhr besuchen. Der Hannes ist von
+London gekommen und singt heute abend in der Philharmonie, wo der
+Nikisch dirigiert. Oder ist es der Weingartner?«
+
+Der Wagen hielt vor dem Hotel, und Hüsgen, der in seiner derben
+Selbstsucht Angst verspürte, die Gesellschaft mit dem Prinzen könnte
+ihm verloren gehen, sprang schnell aus dem Fonds und rief dem
+Jugendfreunde zu: »Das erzähl’ ich dir nachher alles ausführlich. Wohin
+soll der Kutscher?«
+
+»Kurfürstendamm.« Steinherr nannte zerstreut Namen und Nummer.
+
+»Auf Wiedersehen. In einer Stunde meld’ ich mich zur Stelle.«
+
+Steinherr wollte ihn zurückhalten. Da fiel sein Blick auf die
+Bahnhofsuhr. Sechs vorbei. Er gab dem Kutscher einen Wink und lehnte
+sich, von einer plötzlichen unerklärlichen Müdigkeit befallen, tief in
+die Polster des Wagens zurück. Hannes in Berlin, mit ihm in derselben
+Stadt — —
+
+Er sah die Straßen nicht, durch die der Wagen rollte. Er sah nur immer
+Bilder aus dem alten, einstigen Düsseldorf vor sich. Wanderungen
+durch den stillen Hofgarten, Wanderungen über die Rheinbrücke,
+Wanderungen nach all den kleinen altertümlichen Städtchen, Neuß, Zons,
+Kaiserswerth, über die der Zauber geschichtlicher Romantik lag, und
+Benrath, das für ihn den Zauber der Liebesidylle gezeitigt hatte.
+
+War er wirklich einmal so jung, so selig verschwärmt, so trunken
+verliebt gewesen, daß er nicht anders gekonnt hatte, als seine Liebe
+durch die Natur zu führen, um seine innere Glückseligkeit mit der
+Umgebung in Einklang zu bringen? Und — er besann sich — so stark, so
+stolz, so lebensfreudig hatte er sich dazumal gefühlt, als er die Welt
+erobern wollte. Die Welt in einem süßen, milden, hingebungsvollen
+Mädchen. Und die Welt überhaupt! Er, der Sieger ...
+
+Der Wagen hielt vor Frau Bettinas Haus, und Steinherr fuhr hastig empor.
+
+Richtig, er war am Platz. Hier war ein Feld, Beweise anzutreten. Also
+heraus doch mit der jugend-trotzigen niederrheinischen Siegernatur,
+falls sie nicht vorzeitig vom Alter gestreift war wie ihr einstiger
+Besitzer!
+
+Er biß die Zähne aufeinander und ging ins Haus.
+
+Frau Bettina befand sich noch in ihrem kleinen Privatsalon, aber das
+Mädchen hatte Auftrag, Herrn Doktor Steinherr unverzüglich zu ihr
+einzuführen. Die Dame des Hauses erhob sich und kam ihm entgegen.
+
+»Du hast dir heute Zeit gelassen, lieber Freund. Ich erwarte dich seit
+einer halben Stunde, und dringender als je.«
+
+»Ich bitte um Entschuldigung. Ein Schulfreund suchte mich in dem
+Moment auf, in dem ich gehen wollte; ein junger, erfolgreicher Maler
+aus Düsseldorf, der augenblicklich eine Ausstellung bei Schulte hat.
+Hoffentlich hast du nichts dagegen, daß er heute abend hier erscheint.
+Ich wußte ihn nicht anders loszuwerden.«
+
+»Aber heute abend gerade —« machte sie, sichtlich unangenehm
+überrascht.
+
+»Du meinst, weil sich Hoheit angesagt hat?« Und mit leiser, ironischer
+Färbung fuhr er fort: »Das trifft sich im Gegenteil sehr gut, der
+Prinz Georg war während seiner Düsseldorfer Zeit der Mäcen des jungen
+Künstlers.«
+
+Sie sah ihn ungewiß an. Dann nickte sie, daß die Angelegenheit nunmehr
+erledigt sei.
+
+»Mein lieber Hans, wenn du den Namen des Prinzen nennst, ist mir, als
+ob es mit einem gewissen Sarkasmus geschehe. Das hör’ ich nicht gern.«
+
+»O — ich konnte nicht ahnen, daß dir der Mann so interessant wäre.
+Übrigens, wir wollen uns nicht zanken.«
+
+»Gewiß nicht. Ich wollte dir auch nur die Bitte vortragen, einige
+Rücksicht auf mich zu nehmen.«
+
+Er sah stutzig zu ihr hin.
+
+»Sollte ich in der Tat so weit heruntergekommen sein, daß ich es an —
+Rücksichtnahme fehlen ließe?«
+
+»Gebrauche doch nicht immer gleich die stärksten Ausdrücke. Es greift
+dich doch niemand an.«
+
+»Mir war, als ob ich einen Vorwurf zu hören bekäme. Oder — verzeihe —
+sollte es sich um — um eine Art Vorbereitung handeln?«
+
+»Das ist ein Angriff auf mich,« fuhr sie auf. »Jetzt ersuche ich dich,
+dich deutlicher zu erklären.«
+
+»Deutlicher — —. Das ist so ein vages Gefühl. Seit einiger Zeit tritt
+es auf, seitdem du so rätselhaft weich geworden bist. Aber das ist ja
+unsinnig, rein unsinnig. Verliebte sehen Gespenster.«
+
+Er zwang sich zu einem Lächeln und trat auf sie zu.
+
+»Guten Tag, Bettina. In dem Eifer, uns Liebenswürdigkeiten zu sagen,
+haben wir richtig vergessen, uns zu begrüßen.«
+
+Sie beugte den Kopf und hielt ihm die Stirn hin. Da legte er ihr
+leicht die Hand unter das Kinn und bog ihren Kopf zurück. Und als
+sie die Wimper, die sie unmutig gesenkt hielt, endlich hob, traf ihr
+unvorbereiteter Blick in seine tiefgrauen, strahlenden Augensterne, und
+um seinen Mund gewahrte sie den alten, spöttischen Zug, der sie einst
+angetrieben hatte, den Einsamkeitsmenschen auf besondere Qualitäten
+zu erforschen. Sie hatte mehr als besondere Qualitäten, sie hatte den
+~Mann~ gefunden.
+
+Ihre Augen weiteten sich unter seinem Blick, ihre Brust schwoll unter
+einem tiefen Seufzer —
+
+— — Den Mann gefunden — —!
+
+Und unwillkürlich hob sie sich in seiner Umarmung auf die Fußspitzen
+und schob ihre Stirn an seine Wange hinauf.
+
+Mit weicher Hand strich sie ihm ein Haarsträhnchen aus der Stirn und
+streichelte sein Gesicht. »Mein ganzes Dasein wird darin bestehen, dir
+Opfer zu bringen.«
+
+»Also endlich hast du dich entschlossen? Endlich, Bettina?«
+
+»Zu was, was du nicht längst schon wüßtest. Ich hab’ dich lieb.
+Verstehst du das? Lieb, lieb, lieb! Viel zu lieb, als daß ich dich
+heiraten möchte.«
+
+»Ach — scherze jetzt nicht, Bettina!«
+
+»Scherzen? Wer spricht von scherzen? Ich war noch nie so ernst wie
+jetzt. Wollte ich die Unklugheit begehen, dich zu heiraten, so
+wäre sowohl der Nimbus hin, der mich, wie der, der dich umgibt.
+Binnen kurzem hätten wir die Zahl der alltäglichen Ehepaare um eins
+vergrößert.«
+
+Hans Steinherr staunte die Frau an, die mit ihm sprach. Hatte er recht
+gehört?
+
+»Du, Bettina, du verwechselst die Personen. Ich bin’s — ich.«
+
+»O, ich bin durchaus bei der Sache. Ich habe alles hundertmal,
+tausendmal überlegt und bitte dich nur darum, ruhig, ganz ruhig zu
+bleiben. Was glaubst du, was es heißt, wenn eine Frau wie ich dir sagt:
+Mein Dasein wird nur darin bestehen, dir Opfer zu bringen?«
+
+»Ich lasse nur eine Deutung zu. Ist die falsch, so verzicht’ ich auf
+eine andere.«
+
+»Das ist Hartnäckigkeit; nicht das, was ich Liebe nenne. Liebe aber ist
+für mich Leidenschaft; du kennst meine Natur. Und Leidenschaft, die
+nach acht Tagen in Schlafrock und Pantoffeln herumläuft — geh fort, das
+ist dir ja selber lächerlich. Menschen wie wir haben eine schärfere
+Luft zum Gedeihen nötig.«
+
+»Du sprichst nur immer von uns beiden. Irr’ ich mich, oder geschieht
+das, um den ehrenwerten Dritten zu cachieren?«
+
+»Uns soll doch eine bloße Form keine Skrupel machen? Ich behalte mir in
+meiner Ehe jede Freiheit vor und lasse sie meinem Gatten nicht weniger.
+Ich kann mich nicht zum zweiten Male fesseln lassen.«
+
+Hans trat zurück, totenblaß, aber er verbeugte sich.
+
+»Dann bleibt mir also nichts, als meinen allerergebensten Glückwunsch
+abzustatten. Der Name ist bei den hochfliegenden Plänen der gnädigen
+Frau ja nicht schwer zu erraten.«
+
+»Es ist der Prinz,« sagte sie ruhig. »Du brauchst über diese Wahl
+wahrhaftig nicht betrübt zu sein.«
+
+»Es wäre unstatthaft für mich, wollte ich deinen — Pardon, Ihren
+zukünftigen Gatten mit meinen Gefühlen in Zusammenhang bringen. Das
+würde eine Geschmacklosigkeit bedeuten — und den guten Geschmack möchte
+ich mir doch bewahren.«
+
+Sie sah es ihm an, daß er trotz der eisigen Kälte, die er jetzt
+zur Schau trug, erregt war bis ins Innerste, daß ein beständiges
+Zittern durch seinen Körper lief, daß er sich mit der letzten Gewalt
+beherrschte.
+
+»Hans,« stieß sie hervor, »was will ich denn? Deinen Ehrgeiz
+befriedigen und meinen Ehrgeiz befriedigen. Wir brauchen hier nichts zu
+beschönigen. Du sollst berühmt werden, und ich will beneidet sein.«
+
+»Ah —« sagte er gedehnt, »du meinst: man beneidet eine Frau nicht um
+den Mann, sondern um den Liebhaber.«
+
+»Nenn es, wie du magst. Das sind Worte. Ich will das Glück und die
+Liebe auf meine Weise.«
+
+»Meine gnädige Frau, bei uns am Niederrhein pflegt man aus der Liebsten
+eine Frau, nicht aber aus dem Liebsten einen Geliebten zu machen.
+Wenn das in diesem Kreise hier nur Worte sind — ich habe ihnen nichts
+hinzuzufügen.«
+
+Die Muskeln in seinem Gesicht arbeiteten. Er bewegte die Hand, als
+wollte er etwas Widerwärtiges beiseite schieben.
+
+Da flammte es in ihr auf.
+
+»So behandelt man mich nicht!« rief sie und trat ihm dicht unter die
+Augen. »Ich habe mehr an dir getan, als du zu wissen scheinst. Ich
+habe dich bekannt gemacht, und mehr als das, ich habe dich interessant
+gemacht, dir einen Nimbus in dieser sensationssüchtigen Welt gegeben,
+selbst auf die Gefahr meiner eigenen Persönlichkeit hin, nur um dich
+über alle hinaussteigen zu sehen.«
+
+»Für dich oder für mich?« fragte er mit offenem Hohn.
+
+»Nun ja, für mich! Tausendmal ja, für mich! Aber dir ist es zu gute
+gekommen. Und dafür rechne ich auf Dank, auf Ergebenheit. Ich kann und
+will dich nicht mehr lassen, und du, du — denke nur mit einem einzigen
+Gedanken daran, mich beiseite zu schieben. Du solltest sehen, was ich
+vermag. Wenn ich dich berühmt gemacht habe, ich kann dich auch —«
+
+Hans Steinherr sah die rasende Frau von oben bis unten an. Dann drehte
+er sich auf dem Absatz herum.
+
+»Du,« rief sie außer sich und faßte nach seinen Schultern, »das ist
+eine Behandlung, wie du sie deinem rheinischen Allerweltsmädel zu teil
+werden lassen kannst, mir nicht, mir nicht!«
+
+Er hatte sich blitzschnell umgewandt und sie bei den Handgelenken
+ergriffen.
+
+Kein Wort sprach er, aber er preßte ihre Gelenke, daß sie
+zusammenzuckte.
+
+»Hans,« weinte sie leise, »sei doch gut, sei doch gut. Wenn ich dich
+nicht so wahnsinnig liebte —«
+
+»Schäme dich,« sagte er kaum hörbar und ließ sie los. »Arme, betrogene
+Frau ...«
+
+Und plötzlich war ihm, als ob er selbst schon einmal in einer ähnlichen
+Situation gestanden hätte. Er als der Betrogene, der sich selbst
+Betrügende.
+
+»Es wiederholt sich alles im Leben,« murmelte er, »nur der Verlierende
+wechselt.«
+
+»Hans —« versuchte sie noch einmal.
+
+»Still, man kommt.«
+
+Frau Bettina richtete sich auf und fuhr sich mit dem Tuch über das
+verstörte Gesicht.
+
+»Du darfst jetzt nicht gehen. Nicht sofort. Das gäbe Aufsehen.
+Versprich es mir.«
+
+»Gut, gut. Hab’ ich so lang’ Komödie gespielt, halt’ ich es auch noch
+eine halbe Stunde länger aus.«
+
+»Ich werde dich wiedersehen.«
+
+»Das wirst du nicht.«
+
+Das Mädchen meldete, soeben sei Seine Hoheit erschienen. Die Gäste
+wären vollzählig. Auch ein fremder Herr schicke der gnädigen Frau seine
+Karte herein mit einer Empfehlung des Herrn Doktor.
+
+»Ihren Arm, Herr Doktor ...«
+
+In seinen Augen flackerte es, als er die Dame des Hauses in den Salon
+führte. Seine Haltung war noch aufrechter als sonst, seine Miene kalt
+und abweisend wie meist. Aber es war ihm, als ob er ohne zu atmen,
+ohne atmen zu können einherginge, und dieses Gefühl verursachte ihm
+direkt körperlichen Schmerz. Er führte seine Begleiterin, ohne sich bei
+den Gästen aufzuhalten, geradeswegs auf den Prinzen zu, der im selben
+Augenblick den Salon betrat.
+
+Frau Bettinas Hand zitterte auf seinem Arm. Wollte er einen Eklat
+herbeiführen?
+
+Doch als sie den Prinzen erreicht hatten, trat Steinherr mit kurzer
+Verbeugung wortlos zurück.
+
+Da fand auch sie ihre Selbstbeherrschung, und sie reichte dem Prinzen
+lächelnd die Hand, die er an die Lippen führte.
+
+»O —« sagte er bedauernd und nahm auch die andere Hand auf, »rote
+Streifen an den süßen Gelenken?«
+
+»Ich habe Armbänder anprobiert, Hoheit, aber sie wollten nicht passen.
+Darf ich Ihnen die Herrschaften bekannt machen?«
+
+Frau Bettina war an diesem Abend eine besonders entzückende Wirtin.
+Für jeden ihrer Gäste hatte sie ein freundliches Wort bei der Hand,
+das dem Prinzen die künstlerische oder gesellschaftliche Bedeutung des
+Vorgestellten schmückend erklärte, und ihre Augen strahlten heller,
+als sie sich von den bewundernden Blicken ihrer Freunde verfolgt sah.
+Sie las darin den offenkundigen Drang, ihr heute noch die Glückwünsche
+der Intimen darbringen zu können, und sie quittierte mit einem
+geheimnisvollen Sinkenlassen der langen, dunklen Wimpern. Nun war ein
+jeder orientiert. Und gerade die stille Erregung, die sie in dem Kreise
+wahrnahm, gab ihrem Auftreten das Bewußtsein.
+
+Willibald Hüsgen war der vielbeschäftigten Hausfrau kurz präsentiert
+und mit einem gnädigen Nicken bewillkommnet worden. Der Prinz hatte
+kaum Notiz von ihm genommen. Von einem Wiedererkennen konnte nicht die
+Rede sein.
+
+»Du,« flüsterte Hüsgen und stieß den wortkargen Steinherr in die Seite,
+»alles wat recht is: ene staatse Frau. Wär’ det nix für dich gewese?«
+
+»Also Springe ist in Berlin?« fragte Steinherr zurück. Er fühlte, daß
+er sich zu jedem Worte Gewalt antun mußte.
+
+Willibald Hüsgen aber war von dem eleganten Gesellschaftsbild viel zu
+sehr gefesselt, um aus der neuen Welt eine Exkursion in die altbackene
+zu unternehmen.
+
+»Weißt du,« sagte er, »hier muß mer sich bloß beliebt mache. Hier
+gucken einen die Aufträg’ förmlich aus jeder Ritz’ an. Ich werde Hoheit
+nachher mal so ’nen stillen Wink geben, von wegen der Düsseldorfer
+Bekanntschaft.«
+
+Dann sprach er ziemlich laut von seiner Ausstellung bei Schulte, um die
+Umstehenden darauf aufmerksam zu machen, daß auch er »wer sei«.
+
+Das wurde von der Gesellschaft nicht gerade angenehm empfunden. Man
+befleißigte sich heute mehr denn je, dem Zusammensein einen gewissen
+feierlichen Charakter zu verleihen, und die ungenierte Stimme des
+Düsseldorfer Malers, der sich etwas zu gute darauf zu tun schien,
+auch in seiner Ausdrucksweise durch Urwüchsigkeit zu verblüffen
+und aufzufallen, störte empfindlich das verbindliche, harmonische
+Zeremoniell.
+
+Es war an Frau Bettinas Abenden eine schöne Sitte, daß man zunächst
+dem Büfett im Speisezimmer zusprach und dann erst den Musik- und
+Diskutiersalon aufsuchte, um, angeregt durch die leibliche Stärkung,
+ausgiebiger den geistigen Genüssen sich hingeben zu können. Auch
+heute war das der Fall. Aber während der Büfettstunde wurde eifriger
+als gewöhnlich die Improvisation einer unmittelbar eingreifenden
+künstlerischen Veranstaltung besprochen. Man wünschte diesmal, das
+gefüllte Glas in der Hand zu behalten, um für jeden Moment gewappnet zu
+sein.
+
+»Herr Doktor Steinherr, es gilt, Hoheit einen anregenden Abend zu
+verschaffen, und unserer strahlenden Hausfrau nicht minder. Bitte!
+Beginnen Sie mit einem stimmungmachenden Gedicht. — Sie haben zufällig
+nichts bei sich? Ach, das sagen die Herren Dichter immer, um sich
+den Hof machen zu lassen! Sehen Sie nur einmal gründlich nach, die
+Muse wird Ihnen bei ihrem letzten Besuch schon eine kleine Gabe
+zurückgelassen haben. — In der Tat nicht? Ja, dann hilft es Ihnen
+nichts, dann müssen Sie extemporieren.«
+
+Frau Bettina und der Prinz wurden um Hilfe angerufen.
+
+»Ah,« sagte der Prinz, »da steht uns ja ein seltener Genuß bevor. Sie
+würden mich wirklich verbinden, Herr Doktor. Ich bin gerade heute für
+Poesie besonders empfänglich.«
+
+Über Bettinas Gesicht glitt ein seltsames Scheinen. Der Augenblick
+war da, den gegen den Stachel Lökenden wieder zur Raison zu bringen.
+War er zu bewegen, den Abend verherrlichen zu helfen, so war die
+Grundlage für ein späteres Wiederzusammenfinden dennoch geschaffen. Ein
+Gedicht, jetzt, zum festlichen Abend, das der Eigenschaft gerade dieses
+Abends irgendwie Rechnung trug, und er entäußerte sich damit seines
+beleidigten Stolzes und erkannte, wenn auch heute noch unter einem
+Zwange, ihre Wünsche und Pläne an.
+
+Gespannt blickte sie zu ihm auf, ihre Hand im Arme des Prinzen.
+
+»Fehlt Ihrer Harfe,« sagte sie, um ihn zu reizen, »die Saite, auf der
+die Töne des Glückes erklingen?«
+
+»Ja,« fiel der Prinz lebhaft ein, »preisen Sie die Liebe. Ich höre, Sie
+sind der Berufenste.«
+
+Um Hans Steinherrs Lippen zuckte es sarkastisch. Hoheit hatte unbewußt
+ein böses Gleichnis gebraucht.
+
+Auch Frau Bettina hatte die Wimpern gesenkt und blickte starr auf einen
+Punkt.
+
+Vom Musikzimmer her erschallten die Töne des Steinways. Ein berühmter
+Klaviervirtuose spielte meisterlich das Liebeslied aus der Walküre:
+
+ »Winterstürme wichen dem Wonnemond ...«
+
+Als er geendet hatte, grüßte Steinherr, äußerlich unbewegt, die
+Hausfrau. Und mit einer Stimme, deren Kälte und Gelassenheit in
+seltsamem Gegensatz zu dem nervösen Wesen Bettinas stand, sagte er nur:
+»Ich bitte um Urlaub. Soeben höre ich von Freund Hüsgen, daß liebe
+Düsseldorfer Freunde mich noch erwarten. Mit Ihrer gütigen Erlaubnis,
+meine gnädige Frau. Sie wissen, die Heimat hat ihre Rechte. Nochmals:
+ich bitte um Urlaub.«
+
+Er war gegangen, aber eine drückende Stille war geblieben.
+
+Da glaubte Willibald Hüsgen sich zum Retter der Situation aufwerfen
+zu müssen, und er hob schnell sein Glas, das er nicht aus der Hand
+gelassen hatte. »Pröstchen, gnädige Frau ...«
+
+Bettina sah über ihn hinweg. Und als nun gar Hüsgen, um sein
+gesellschaftliches Gleichgewicht wieder herzustellen, auf den Prinzen
+einsprach und ihn unter lustigem Augenzwinkern an die Düsseldorfer Zeit
+erinnerte, kehrte ihm das Paar frostig den Rücken.
+
+Willibald Hüsgen aber nahm französischen Abschied.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Fünftes Kapitel
+
+
+Hans Steinherr schritt durch den naßkalten Februarabend, die Hände tief
+in den Taschen seines Paletots, den Kopf vorgestreckt. Er achtete nicht
+darauf, daß seine dünnen Lackschuhe durchweicht und bespritzt wurden,
+daß auf seinen Hut die Tropfen fielen. Er dachte überhaupt nicht. In
+seinem Kopf tanzten hundert Melodien durcheinander, Kinderlieder,
+Studentengesänge, Fastnachtsstrophen vom Rhein. Woher sie so plötzlich
+auftauchten, wer sie gerufen hatte — er wußte es nicht. Er wollte es
+auch gar nicht wissen. Sie waren eben da, sie erheiterten ihn, sie
+verkürzten ihm die Zeit. Also war es doch eine große Errungenschaft,
+über sie verfügen zu können. Und er summte sie mit, wie sie ihm durch
+den Kopf kreuzten, einen Vers nach dem anderen, eine Melodie nach der
+anderen, ohne sich über die Notwendigkeit Rechenschaft abzulegen.
+
+Einmal blieb er stehen. Er hatte da ein Karnevalsliedchen im Dialekt
+vor sich hin geträllert, im Wortlaut, ohne zu stocken. Das kam ihm
+selbst wunderbar vor. Und darüber grübelte er nun doch. Er wußte ganz
+genau, daß er die Strophe kaum als Junge gekannt oder gesungen haben
+konnte. Sie mußte ihm von irgend einem Düsseldorfer Fastnachtsabend
+her im Ohr geblieben sein. Und nun meldete sie sich. Seltsam. War
+denn damals alles so tief gegangen, saßen selbst die geringfügigsten
+Tagesbildchen aus der Jugend so fest in ihm, daß sie nach jahrelanger
+Unterdrückung plötzlich schelmisch hervorlugten und ihm lustig
+zuraunten: Wir sind auch noch da, wir halten uns stets zu deiner
+Verfügung, wenn du einmal ein Stündchen für uns hast oder wir unser
+Stündchen für gekommen halten?
+
+Er schüttelte den Kopf und ging weiter. Gut, gut, mochte es so sein,
+wie es wollte. Karneval in Düsseldorf, Karneval in Berlin — es war ja
+schließlich völlig gleich.
+
+Aha — ja — was war’s doch gleich? Hatte er da vorhin ein Erlebnis
+gehabt? Dort hinten, irgendwo, in dem Hause am Kurfürstendamm? Er mußte
+sich einen Moment besinnen, denn das Haus erschien ihm nur nebelhaft,
+und die Vorgänge des Abends — —? Ganz recht, er hatte Urlaub genommen,
+Urlaub von der Liebe. Das war doch alles sehr höflich gewesen, mehr als
+höflich. Doch das andere — das andere — —? War diese Verlobung nicht
+längst schon eine fertige Geschichte? Sämtliche Freunde des Hauses
+hatten es doch gewußt, nicht ein einziger, der überrascht gewesen wäre
+— —
+
+Herrgott ja, es war keiner überrascht gewesen —!
+
+Glühend heiß lief es ihm durch den Körper, er fühlte, wie sein Gesicht
+brannte, wie das Blut ihm in den Wangen klopfte, in den Schläfen, in
+den Halsmuskeln. Er nahm den Hut ab und vergaß, ihn wieder aufzusetzen.
+Also alle hatten sie es gewußt, nur er nicht ... Der Seladon war mit
+Blindheit geschlagen gewesen. Herr Hans Steinherr, Seladon der Frau
+Bettina Wittelsbach. Die höchste Charge, die er erreicht hatte, nachdem
+er von der Schlichtheit der Heimat geschieden war, um seinen Ehrgeiz zu
+befriedigen!
+
+Ah — —! schrie es in ihm auf, und er preßte die geballte Faust auf
+den Mund, um den Schrei, der ihm über die Lippen trat, zu ersticken.
+Mit entsetzten Augen blickte er sich um, ob ihn ein Vorübergehender
+belauscht haben könnte. Wie erbärmlich, wie jämmerlich erbärmlich war
+das, was er erlebt hatte! Nicht heute nur, nein, nein, all die Tage,
+Wochen, Monate hindurch. Seine Augen wurden so unheimlich klarsehend.
+Hundert Einzelheiten traten vor seine geschärfte Phantasie, Dinge,
+die er hingenommen hatte, um die oft fadendünne Stimmung nicht zu
+zerreißen, Küsse, die er geküßt hatte, obwohl sein Geist noch zornig
+gewesen war über Oberflächlichkeiten und Unarten der Frau, die er —
+küßte. Ihr Diener, Gnädigste, Ihr Diener — —. Das war ja doch der immer
+wiederkehrende Endreim gewesen — er hatte den Diener gespielt!
+
+Er beschleunigte seinen Schritt. Er begann durch die Straßen zu laufen,
+um zu seiner Wohnung zu gelangen. Jeder Straßenköter, so glaubte er,
+müßte ihm doch die Rolle ansehen, die er in so beispielloser Überhebung
+verwechselt hatte.
+
+Jetzt stießen sie im Hause Kurfürstendamm klingend die Gläser zusammen.
+Jetzt brachte wohl die alte, diplomatisch geschulte Exzellenz den
+Trinkspruch auf das Brautpaar aus. Und hinten, in einer Ecke des
+Salons, kommentierte man tuschelnd seinen raschen Abgang. Er sah sie
+ganz deutlich, die Intimen des Hauses, wie sie lächelten, in stillem
+Mitleid, mit einem Stich ins Schadenfrohe. Keiner hatte ihn gemocht,
+und er keinen von ihnen! Des freute sich seine Seele noch in dieser
+Stunde. Nur Bettinas wegen hatte er sie ertragen, Bettinas wegen, die
+so lieb zu betteln, so feurig zu überreden, so lachend jede Einwendung
+zu verwischen wußte. Es dämmerte in den Straßen, und er war bei ihr.
+Und sie lehnte ihren biegsamen Körper an ihn und strich über sein Haar;
+und wenn er sie küssen wollte, bog sie den Kopf zurück; und wenn er
+sich beleidigt zurückziehen wollte, überfiel sie ihn mit ihren Küssen.
+Kein Denken und Wägen hielt stand. Denken und Wägen auf morgen! Er
+fühlte nur ihre süße Gestalt und ihre heißen Lippen ...
+
+Sein Gesicht verzerrte sich wie unter einem körperlichen Schmerz.
+Hatte er denn alle Würde verloren, daß er jetzt noch, nach dem soeben
+Erlebten, in Erinnerungen schwelgen konnte?
+
+O, o, gab er sich selbst die Antwort, das ist doch kein süßes
+Schwelgen, das ist ein ~bitteres~ Schwelgen, das ist der Haß, die Wut,
+der Ekel. Das ist die Ironie, lachte er auf, die Ironie meines Lebens.
+
+Und immer wieder redete er mit seinem eigenen Selbst und fand
+nicht Worte genug, um sich zu verwunden, zu demütigen und wieder
+aufzustacheln.
+
+Ein Fluchwort preßte sich hinterher. Es war das erste Mal, daß er
+fluchte. Und er meinte auch nur sich damit zu treffen. Wieder und
+wieder stieß er das Wort heraus, aber es wurde ihm nicht leichter zu
+Sinn.
+
+Heute würden sich die Gäste natürlich früher empfehlen. Nur der
+eine, der Prinz, würde noch einen Augenblick zögern, um einen
+Separatabschied zu nehmen. Dieser lächerlich wichtige, inferiore
+Dutzendprinz. Was er besessen hatte: Rennställe, Weiber, Hunde; was er
+nie besessen hatte: Witz und Verstand; was er noch besaß: Schulden und
+wieder Schulden — das war die Analyse. Es blieb kein Rest.
+
+»Herr des Himmels!« stieß Steinherr hervor, »weshalb beschimpfe ich den
+Mann?«
+
+Da war er schon wieder bei dem Bilde.
+
+Die Gäste waren gegangen; den Hut in der Hand, zögerte der Prinz. Jetzt
+führte er mit unnachahmlicher Grazie ihre Hand an die Lippen. »Wer
+war denn dieser unglaubliche Mensch, der sich so merkwürdig benehmen
+zu müssen glaubte?!« Und sie antwortete lächelnd: »Mein Gott, ein
+Dichter. Er legte heute schlechte Formen an den Tag. Wir werden sie ihm
+abgewöhnen. Nicht wahr, mein Georg? Gute Nacht ...«
+
+Dem hastig Einherschreitenden stand der Schweiß auf der Stirn. Er
+ballte die Finger zu Fäusten zusammen und renkte den Kopf, als ob
+ihm das Atmen Beschwerden machte. Das war doch Verrücktheit, glatte,
+blanke Verrücktheit, diese Selbstquälerei! Hier gab es doch nur eins:
+Verachtung! Aber das sprach sich nur leicht aus. Was würden die beiden
+Menschen nach seiner Verachtung fragen! Lachen würden sie über ihn!
+
+Er öffnete weit die Augen, aber er sah nichts, in sich und um sich, als
+eine Leere.
+
+Vermisse ich denn etwas? fragte er sich höhnisch. War denn überhaupt
+etwas vorhanden, was wert wäre, es auf der Straße ausklingeln zu
+lassen? Liebe? Die würde nicht toben und schimpfen. Für einen Groschen
+Ehrgeiz verloren gegangen, und in derselben Düte ein Rest schimmelig
+gewordene Vornehmheit!
+
+Er stand vor seiner Wohnung. Neun Uhr erst ... Wie werd’ ich den Abend
+herumbringen ...
+
+Dann ging er hinein, machte Licht und sah sich um; ganz scheu, als
+müßte er auch hier auf eine Überraschung gefaßt sein. Aber alles war
+unverändert. Und gerade dieses unveränderte Bild, das Tag für Tag das
+gleiche bleiben würde, während er sich selbst ein Fremder geworden
+war, ließ ihn das, was er vor einer Stunde aufgegeben hatte, wie einen
+unwiederbringlichen Verlust, in weit über alle Grenzen gehenden Maßen,
+erscheinen.
+
+Müde, zerschlagen, saß er in seinem Stuhl. Die Arme hingen schlaff über
+die Lehne.
+
+Was nun?
+
+Er lächelte ironisch.
+
+Was nun? Das hört sich ja an, als ob ich überhaupt schon etwas getan
+hätte. Ich hab’ dem Leben nichts genutzt, und das Leben hat mir nichts
+genutzt. Quitt! Wir haben uns beiderseitig nichts vorzuwerfen.
+
+Sein Blick fiel auf das der Wand zugekehrte Bild Bettinas.
+
+Langsam erhob er sich, nahm das Bild vom Schreibtisch und betrachtete
+es. Ganz bedächtig, ganz eingehend. Nun hatte er die Augen
+durchforscht, nun heftete sich sein Blick auf den Mund. Ein Zittern
+ging durch seine Hände, und es wurde stärker und stärker, bis er mit
+jähem Griff den Karton packte, um ihn zu durchreißen. Aber er tat es
+nicht. Er warf das Bild auf den Tisch und preßte die Lippen zusammen.
+Seine Augen brannten in einem trockenen, quälenden Schmerz. Wozu nur
+das alles? Wozu nur? Es war doch nirgend ein Zweck zu ersehen!
+
+Als er die Lampe niedriger schrauben wollte, fiel ihm auf dem
+Schreibtisch eine Karte ins Auge. Mechanisch nahm er sie auf und las.
+»Heinrich von Springe.«
+
+Und darunter stand: »Ich werde vor zehn Uhr noch einmal mein Glück
+versuchen.«
+
+Hans Steinherr legte die Karte auf den Tisch zurück.
+
+Das Glück versuchen? ... dachte er. Das wird wohl bei mir mehr als
+verlorene Liebesmüh’ sein. Das Glück versuchen!
+
+Im Halblicht saß er und erwartete den angekündigten Besuch. Wenige
+Minuten, und er hatte ihn vergessen. Nur seine Scham hatte er nicht
+vergessen, seinen beleidigten Stolz, seine beleidigte Männlichkeit. Das
+wogte und quirlte in seinem Kopf durcheinander, und er war dem Ansturm
+gegenüber willenlos. »Aus ist’s, aus, aus!« murmelte er immer wieder
+vor sich hin, und dennoch arbeitete er unablässig an neuen Plänen, um
+die gescheiterte Hoffnung zu reparieren. Es war ein Kampf in ihm, den
+er verachtete und den er gleichwohl mit jeder Fiber kämpfte. Um ein
+Phantom —.
+
+Es hatte an seine Tür geklopft. Nun klopfte es wieder, und die Tür
+öffnete sich. Ein Mann stand auf der Schwelle und spähte durch das
+Halbdunkel.
+
+»Hans —?« fragte eine Stimme, die ihm eigenartig vertraut vorkam.
+
+Er machte eine Bewegung, die seine Anwesenheit verriet. Da stand auch
+schon der Besucher vor ihm.
+
+»Hans, mein alter Junge, es ist lange her, daß wir uns nicht sahen.
+Deine Mutter läßt dich grüßen.«
+
+Er antwortete nicht. Nur die Hände hielt er fest, die ihm Springe
+entgegengestreckt hatte.
+
+»Hans, ist es dir immer noch nicht lieb, mich wiederzusehen? Ich denke,
+wir sind Männer geworden seitdem.«
+
+»Doch, doch. Entschuldige meine scheinbare Teilnahmlosigkeit. So nimm
+doch Platz!«
+
+Springe legte seinen Mantel ab, ging zum Tisch und ließ das Licht
+aufflammen.
+
+»Laß dich zunächst einmal anschauen,« sagte er ruhig. »Ob es der alte
+Hans ist.«
+
+Steinherr wehrte mit der Hand ab, aber Springe achtete nicht darauf. In
+Gedanken versunken, stand er vor dem einstigen Schützling.
+
+Der zwang sich zu einem Lachen.
+
+»Zufrieden mit der Musterung? Nicht ganz, wie ich merke. Ich bin nur
+ein bißchen alt geworden in der Einsamkeit. Aber sonst, sonst — —. Nun
+setz dich doch, und wenn es dich freut, will ich dir sagen: Es ist gut,
+daß du hier bist.«
+
+Springe zog sich einen Stuhl heran und setzte sich ihm dicht gegenüber.
+Ihre Kniee berührten sich.
+
+»Hans, Hans,« sagte er herzlich.
+
+Der aber wurde unruhig und blickte an dem Gast vorbei.
+
+»Laß gut sein; wir wollen uns das Wiedersehen nicht mit alten
+Geschichten verkümmern.«
+
+Springe schüttelte nur den Kopf. Dann fragte er unvermittelt: »Hast
+du mich nötig, Hans? Kannst du mich brauchen? Was gehen uns alte
+Geschichten an, wenn neue dringendere zu erledigen sind? Leute wie wir
+geben sich die Hand und verstehen sich.«
+
+»Verzeihe. Mach’ ich in der Tat einen so niederschmetternden Eindruck?«
+
+»Ich möchte den Grund wissen.«
+
+»Ja, lieber Heinrich — ich darf dich wohl noch so nennen — den Grund
+möchte ich auch wissen. Nimm an, ich bin ohne Grund so, gänzlich ohne
+Grund. Das klingt dumm, aber es hilft weiter.«
+
+»Was das anbetrifft, wir haben Zeit.«
+
+»Das klingt aus deinem Munde allzu bescheiden. Du wirst Besseres zu
+tun haben, als dir über das Aussehen eines Menschen Kopfschmerzen
+zu machen, der selbst nicht einmal weiß, ob er Kopf genug hat, um
+Schmerzen zu fühlen.«
+
+Springe lehnte sich zurück und schwieg. Dann sagte er langsam: »In der
+Ironie hast du es jedenfalls weit gebracht.«
+
+»Ich hatte einen guten Lehrmeister,« erwiderte Steinherr lächelnd; »er
+hieß Heinrich von Springe und war in diesem Fach ein Meister. Bitte,
+verkleinere mir den Mann nicht, ich verdanke ihm viel.«
+
+»Der Mann muß ein Stümper gewesen sein, lieber Hans.«
+
+»Ich widerspreche einem verehrten Gast nicht gern, aber hier scheint
+es mir Pflicht. Pflicht oder Selbsterhaltungstrieb — wie du es nennen
+willst. So laß dir denn sagen, daß das, was aus seiner Lebensanschauung
+auf mich abgefärbt hat, das Beste war, was ich gewinnen konnte. Und das
+war just der ironische Gesichtswinkel.«
+
+»Trotzdem. Ich bleibe dabei, der Kerl war ein Stümper oder — du hast
+nicht ausgelernt.«
+
+»Ich habe, was ich brauche. Mehr wie seine Bedürfnisse kann man nicht
+befriedigen.«
+
+Springe sah ihm fest in die Augen.
+
+»Was nutzt dich die Ironie allein? Die ist wie ein Zwilling, der ohne
+den anderen Zwilling nicht leben und nicht sterben kann. Nörgelnde
+Grämlichkeit statt scharfer Lebenslust. O ja, die Ironie hast du
+erlernt. Nur eins, das Lachen, das rheinische Lachen hast du nicht
+gelernt, noch nicht gelernt; und das gehört dazu wie der Klöppel zur
+Glocke. Es wird Zeit, mein Sohn; lern das Lachen!«
+
+Hans Steinherr erhob sich rasch. Das war das Wort, das ihm gefehlt
+hatte. Das Lachen, das Lachen! Das gekonnt haben, vor ein paar Stunden,
+so recht aus Herzensgrund, so recht befreiend und alles reinfegend —
+das Lachen ... damit hätte er gesiegt, über sich, über die anderen,
+über die Situation. Weshalb hatte er nicht lachen gekonnt!
+
+Der Aufruhr in ihm, der sich eine kleine Weile gelegt hatte, brach
+mit erneuter Gewalt los. Durch seinen Kopf schossen blitzschnell die
+Bilder: das tödlich beleidigte und doch jäh erschrockene Gesicht
+Bettinas, wenn er ihre Eröffnungen mit einem schallenden Gelächter
+entgegengenommen hätte, wenn er sich mit lautem, humorvollem Lachen
+auf dem Absatz umgedreht hätte und lachend ohne weiteres zur Tür
+gegangen wäre. Das würde ihr einen anderen Respekt vor der Art
+seiner Persönlichkeit beigebracht haben, als die hohen Worte seiner
+Liebesmoral. Das würde sie zusammengeschüttelt und aufgerüttelt haben
+mit Fäusten, und bevor er aus dem Zimmer gewesen wäre, hätte sie
+widerspruchslos sich und ihre Welt der Kraft seines Lachens anvertraut.
+
+Er stand am Fenster und hielt das Holz der Fensterschwelle gepackt,
+um den Sturm abzulenken. Weshalb war der Mann nicht gestern gekommen,
+ihn an heimische Art zu mahnen! Dieser Mann, der ihm schon einmal den
+rechten Weg gezeigt hatte, den Weg zur Jugend. Langsam kam er durch das
+Zimmer zurück. Er hatte wohl doch noch einiges nachzuholen.
+
+»Heinrich,« sagte er, »ich habe dich vorhin nicht einmal ordentlich
+begrüßt. Das möchte ich jetzt. Es hat vieles zwischen uns gestanden,
+was nur in meiner Einbildung existierte und längst beschämt verflogen
+ist. Aber du hast recht. Leute wie wir geben sich die Hand und
+verstehen sich. Ich werde dich nicht mit Sentimentalitäten langweilen.
+Wie geht es meiner Mutter?«
+
+»Sie hat sich in den Kopf gesetzt, nicht älter zu werden.«
+
+»Ihr seid sehr glücklich miteinander?«
+
+»Glücklich? Das Wort kann ich nicht mehr definieren. Es wird wohl bei
+uns der Normalzustand so bezeichnet werden müssen. Lieb haben wir uns
+wie die Kindsköpfe.«
+
+Er faßte den Jüngeren beim Schopf.
+
+»So, nun komm mal her. Deine Mutter hat mir aufgetragen, dir sofort,
+wenn ich dich zu fassen kriegte, einen Kuß von ihr zu applizieren. Da
+hast du ihn.«
+
+»Du hast dich in den fünf Jahren nicht verändert — —. Und Herr
+Friedrich Leopold?«
+
+»Adrett wie ein Zwanzigjähriger, der sich vorgenommen hat, hundert zu
+werden. Bleiben ihm nach seiner Rechnung also noch gutgezählte achtzig
+Jahre zur Verfügung.«
+
+»Und — und Frau Stahl?«
+
+»Stellt lebende Bilder.«
+
+»Du, drück dich klarer aus! Lebende Bilder?«
+
+»Ganz richtig. Mit Herrn Friedrich Leopold gemeinsam. Philemon und
+Baucis und sonstiges aus der Geschichte berühmter alter Liebespaare.
+Ein paarmal wollt’ ich schon den Kaplan holen, um dem Geseufz’ ein Ende
+zu machen.«
+
+»Sie führt ihm die Wirtschaft, wie mir Mutter schrieb?«
+
+»Die Wohnung liegt auf der anderen Seite des Korridors, in derselben
+Etage mit der unseren; genannt: die Toggenburg. ›Ritter, treue
+Schwesterliebe widmet euch dies Herz ...‹ und so weiter. O, die beiden
+sind klassisch gebildet und handeln ganz ihrer Bildung gemäß.«
+
+»Da wären wir glücklich bei der Liebe,« meinte Hans mit einem Versuch,
+zu scherzen.
+
+»O bitte, frag nur.«
+
+»Heinrich!«
+
+»Nun? Was denn? Sollte ich dich falsch verstanden haben? Ich dachte, du
+hättest dich nach deiner Jugendliebe erkundigen wollen.«
+
+Hans blickte unbeweglich vor sich hin.
+
+Wie schmal der Junge geworden war.
+
+»Wie geht es Hannes ...«
+
+»Ach, mein Jung’, die steckt uns noch alle eines Tages in ihre
+Kleidertasche.«
+
+»Sie muß jetzt sehr groß geworden sein ...«
+
+»Groß? In jeder Beziehung. Als herangewachsenes Menschenkind und als
+Künstlerin. Wenn sich Größe nach dem Einkommen bemessen läßt, ist sie
+jedenfalls größer als ich.«
+
+Er lachte behaglich in sich hinein, als freute er sich, daß das Mädel
+ihn überholt habe.
+
+»Du hast sie heute singen gehört ... In der Philharmonie ... Hüsgen
+sagte es mir.«
+
+»Ja, heute hab’ ich zum ersten Male erfahren, was Singen ist. Um und um
+wird man von der Stimme gekehrt. Noch so verstockt kann man sein, die
+Stimme lockert das ganze steinige Erdreich auf und bringt Triebe in dir
+zum Blühen, Triebe sag’ ich dir, von denen du selbst keine Ahnung mehr
+hattest. Man möchte heulen über sich selbst, aus purer Wonne, welch
+ein guter Kerl man doch im Grunde ist. Und das macht alles der Hannes.
+Jedem Wort gibt sie Leben, ganz schlicht, ganz natürlich, aber mit
+einer Tiefe — das ist überhaupt nicht zu erzählen. Einfach hören mußt
+du sie, und wenn du sie nebenbei ansiehst, zerstört dir das auch die
+Illusionen nicht. Das war eine Sonntagslaune vom lieben Gott, als er
+das Mädel schuf.«
+
+»So,« sagte Hans; und dann wiederholte er: »So — so —«
+
+Dann schwiegen sie beide, bis Hans, aus seinen Gedanken auffahrend,
+hastig den Faden wieder aufnahm. »Weshalb bist du denn nicht bei ihr?
+Das Konzert muß doch längst vorüber sein?«
+
+»Sie ist zum Künstlersouper gequält worden. Und da ich ihr mitteilte,
+daß ich noch zu dir wollte —«
+
+»Das hast du ihr gesagt?«
+
+»Aber weshalb denn nicht? Sie hat mir außerdem Grüße an dich
+aufgetragen.«
+
+»Der Hannes — —,« nickte Steinherr und lächelte abwesend vor sich hin.
+»Bitte, du wolltest weiterreden ...«
+
+»Kurz, sie hat zum Souper zugesagt unter der Bedingung, daß man sie
+um elf Uhr gehen ließe. Um elf Uhr hat sie nämlich im Hotel ein
+Rendezvous.«
+
+Hans Steinherr blickte überrascht auf, und Springe amüsierte sich.
+»Mit Onkel Springe nämlich. Der ›Onkel‹, das bin ich. Na, von so süßen
+Lippen läßt man sich das Prädikat schon gefallen. Auf elf Uhr also bin
+ich im Hotel Kaiserhof auf eine Tasse Tee befohlen. Du gehst natürlich
+mit.«
+
+»Ich — —? Ich glaube, du überschreitest da gehörig deine Onkelgewalt.«
+
+»Aber so sperr dich doch nicht. Wir bilden doch sozusagen eine Familie.
+Du wirst es ja erleben, was für freudige Augen sie macht, ihren alten
+Kameraden wiederzusehen. Junge, Junge, ich fürchte, du taxierst unseren
+Hannes falsch.«
+
+Hans Steinherr saß, die gefalteten Hände im Schoß, und blickte auf
+einen Punkt. Wie eine weiche Welle floß es über ihn hinweg. Als ob er
+krank sei, und weiche, kühle Hände legten sich auf seine heiße Stirn.
+»Ich möchte sie wiedersehen,« sagte er wie zu sich selbst. Er hatte
+Heimweh.
+
+»Was ist das nur?« fuhr er empor und ging zur Tür. »Es klingelt in
+einem fort.«
+
+An der Korridortür traf er den Hausverwalter.
+
+»Ein Brief für Sie, Herr Doktor. Das Haustor war schon verschlossen,
+aber ich hab’ dem Boten noch geöffnet.«
+
+Hans Steinherr gab dem Mann ein Trinkgeld und kehrte ins Zimmer
+zurück. Beim ersten Blick auf das Papier erkannte er Bettinas steile
+Schriftzüge. Seine Hände flogen, daß das Papier knatterte. Dann nahm er
+sich mit Macht zusammen.
+
+»Entschuldige,« sagte er, »ein eiliger Brief, wie es scheint.«
+
+Springe nickte. Aber mit gespannten Blicken verfolgte er jede der
+nervösen Bewegungen.
+
+Hans riß das Kuvert auf. Es enthielt nur eine Visitenkarte Bettinas.
+Unter dem Namen stand in eiligen Zügen: »Ich erwarte dich aufs
+bestimmteste morgen früh elf Uhr.«
+
+Dreimal, viermal, immer wieder las Hans die wenigen Worte. Als er
+endlich den Arm sinken ließ, sah er farblos und um Jahre gealtert aus.
+Das Blatt fiel auf den Tisch. Es war ganz still im Zimmer.
+
+Den starkgemuten rheinischen Maler packte ein Grauen vor dieser
+künstlichen Ruhe. Er war gewohnt, den Dingen ins Auge zu sehen. Aber
+hier war ein unsichtbarer Feind. Gleich beim Eintritt ins Zimmer hatte
+er es an der apathischen Müdigkeit des jungen Freundes gespürt, und
+nun, da er ihn durch unverfälschten Heimatsodem verscheucht zu haben
+glaubte, kam er wieder. Den Zustand ertrug er nicht. Zustände waren für
+alte Weiber.
+
+»Hast du schlechte Nachrichten, Hans?«
+
+Der hörte gar nicht.
+
+Da nahm Springe das Blatt vom Tisch auf und las es.
+
+»Hans!«
+
+»Wie meinst du?«
+
+»Was will die Frau von dir?«
+
+»Du siehst ja. Sie wünscht, ich soll zu ihr kommen. Also — werde ich —
+hingehen.«
+
+»Du sagst das in einem Ton, als ob dich das Hingehen Überwindung
+kostete.«
+
+»Überwindung —? Ich — ich spreche in einem Ton —? Du — wie war das doch
+noch mit — mit dem Lachen? Weißt du, mit dem Lachen, das ich nicht
+gelernt haben sollte. Man — ganz recht — man muß nur alles humoristisch
+nehmen.«
+
+»Wenn du kein Vertrauen zu mir hast, laß uns gehen.«
+
+»Gehen? Wohin?«
+
+»Zu Hannes. Sie wird uns längst schon erwarten. Es ist halb zwölf.«
+
+»Es geht nicht, Heinrich. Ich kann, leider, nicht mehr mit. Morgen —
+vielleicht.«
+
+Springe trat dicht vor ihn hin. Er zwang den anderen, ihn anzusehen.
+
+»Und weshalb kannst du nicht mehr mit? Den Mut, mir das zu sagen, wirst
+du doch nicht verloren haben?«
+
+Hans Steinherr hielt den Blick aus. Und ohne sich zu bedenken,
+antwortete er dem einstigen Mentor: »Wenn ich morgen zu dieser Frau
+gehe, kann ich heute nicht mit Johanna zusammen sein.«
+
+»Der Dame wegen oder Johannas wegen?«
+
+»Johannas wegen.«
+
+Sie blickten sich noch immer voll in die Augen. Dann sagte Springe
+kalt: »Also gedenkst du etwas zu tun, was eines Hans Steinherr unwürdig
+ist.«
+
+»Heinrich!«
+
+»Ich wiederhole es, wenn du es wünschest. O, ich bin kein Sittenrichter
+und Tugendbold. Du könntest ja die Frau lieb haben und sie dich, und
+Hindernisse könnten euch im Wege stehen. Wer wollte euch deshalb
+verdammen! Vielleicht ist die Dame verheiratet. Wir sind alle Menschen,
+und auf die Kraft und Reinheit unserer Empfindungen kommt es an.«
+
+»Nein, sie ist nicht verheiratet. Noch nicht. Obwohl sie es früher war.«
+
+»Mit anderen Worten: sie ist Witwe und aufs neue verlobt. Hab’ ich
+recht?«
+
+»Verlobt. Seit heute abend. Ich wußte nichts davon, mein Wort darauf.«
+
+»Du wurdest also getäuscht? Herrgott, so sprich doch! Ich seh’ es dir
+ja an, daß du auf dem toten Punkt bist, daß es dich drängt, irgend
+etwas herauszuschreien. So schrei doch! Ich bin wie eine Felswand, die
+das Echo nur einmal hergibt, und sicher nicht an Unberufene. Soll ich
+dir helfen? Soll ich dich zum Widerspruch reizen? Nun gut, selbst auf
+~die~ Gefahr hin: Hans Steinherr, dem einst das ~beste~ Mädchen nicht
+gut genug war, steht im Begriff, sich für die ~schlechteste~ Frau
+zum Spielzeug zu degradieren. O, o! Wir wollen hier keinen Ringkampf
+aufführen. Sag mir ins Gesicht, daß ich lüge ...«
+
+Steinherr ließ die erhobenen Arme sinken. Er murmelte unverständliche
+Worte.
+
+»Verteidige dich nicht und sie nicht. Sie vor allen Dingen nicht. Wenn
+eine Frau in der Stunde ihrer Verlobung an einen anderen schreibt, ja
+nur an einen anderen denkt — weißt du, ich möchte das Wort für mich
+behalten. Ich habe zu viel Respekt vor der Weiblichkeit im allgemeinen.
+Hans, was ist dir?«
+
+Steinherr hatte sich an der Tischkante halten müssen. Es kreiste ihm
+vor den Augen.
+
+»Junge, komm zu dir! Vielleicht hab’ ich eine Dummheit gemacht;
+vielleicht liegen hier die Dinge so besonders, daß ich das Kind mit dem
+Bade ausgeschüttet habe. Du, hör mich! Wenn ich auch beinahe dein Vater
+bin, du sollst mich bei den Ohren nehmen dürfen, und ich will nicht
+mucksen.«
+
+Hans Steinherr richtete sich auf. Er strich sich mit der Hand über die
+Stirn und sah sich um.
+
+»Ich vertrottele wohl nächstens noch. Laß nur ruhig deine handfesten
+Sprüche auf mich los. Vielleicht findet sich noch eine anständige
+Stelle an mir, an der das eine oder andere haften bleibt. Die Hoffnung
+ist zwar nicht groß.«
+
+Da trat Springe mit raschem Schritt auf ihn zu, schlang seine Arme um
+ihn und drückt den Kopf des jungen Freundes fest an seine Brust. »So,
+nun heul dich aus, ich sag’s keinem wieder.«
+
+Und nach einer Weile: »Ach, ich glaub’s ja gar nicht, daß du dich
+verloren hast. Irgend eine Dickköpfigkeit, aber keine Preisgabe des
+innersten Menschen. Nur rede — das erleichtert. Ich bin ja nun doch
+einmal dein approbierter Vertrauter. Denk an den Tag, an dem du mir
+Hannes brachtest.«
+
+Aber Hans gab keine Antwort mehr. Ein plötzlicher Schüttelfrost hatte
+ihn gepackt.
+
+»Komm, mein Junge, ich geleite dich in deine Klappe. Du hast eine
+Erkältung in allen Knochen und gehörst sofort ins Bett. Morgen sprechen
+wir weiter. Rheinland läßt sich nicht unterkriegen.«
+
+Er führte ihn, der wie ein Schwerkranker taumelte, behutsam ins
+Schlafzimmer und war ihm behilflich. Dann ließ er sich die Schlüssel
+anweisen. »Ich bringe sie dir morgen gegen Mittag zurück. Deine Hand
+darauf, daß du inzwischen die Dame nicht wiedersiehst. Heraus mit dem
+rheinischen Stolz!«
+
+Als er durch den Salon zurückschritt, sah er das Bild Bettinas liegen.
+Er nahm es auf und betrachtete es lange, mit Künstleraugen.
+
+»Den guten Geschmack verleugnet der Bengel nie,« knurrte er. »Pfui
+Deubel, wie schön!«
+
+Mitternacht war vorüber, als er im Hotel ankam. Hannes saß noch in dem
+kleinen, separierten Teezimmer und wartete. Und wieder ließ Springe
+seine Künstleraugen blitzen. Das war doch ein anderes Bild.
+
+Die schlanke Gestalt mit den hochgeschwungenen, festen Formen, das
+kühne, intelligente Köpfchen, auf dem die rotblonden Flechten wie ein
+Kranz aus purpurnem Weinlaub lagen, und die tiefen, stillen Augen von
+der Farbe des blauen Bergsees — das war echt germanisches Blut, so heiß
+wie keusch, so treu wie furchtlos.
+
+»Guten Abend, Hannes!«
+
+»Guten Abend, Onkel Springe!«
+
+»Kleines Liebchen, willst du mir einen großen Gefallen tun?«
+
+»Aber natürlich. Mach’s nicht so feierlich, du erschreckst mich sonst.«
+
+»Dich erschreckt schon nichts. Also: geh schlafen. Darum wollt’ ich
+dich bitten. Und morgen frühzeitig auf. Dann wollen wir lange plaudern.«
+
+Sie erhob sich und kam auf ihn zu.
+
+»Ist Hans krank? Ist etwas mit ihm geschehen? Als du nicht pünktlich
+warst, wußt’ ich es.«
+
+Er legte den Arm um ihre Schulter.
+
+»Welch ein feinkorrespondierendes Empfinden — —. Wenn ich dir die
+Wahrheit sage, wirst du sie mir auch sagen?«
+
+»Ja, ja,« drängte sie, »das solltest du wissen. Ich kann nicht lügen.«
+
+»Hans ist drauf und dran, über Bord zu gehen. Aber wir werden das nicht
+zulassen, wir nicht, gelt, du? Und nun, gerad’ heraus: Hast du ihn noch
+lieb?«
+
+»Ja, Onkel Springe, ich hab’ ihn so lieb wie früher.«
+
+»Gute Nacht, mein tapferes Mädel. Auf morgen!«
+
+Als sie in der Tür war, nickte sie ihm nochmals lächelnd zu; als müßte
+sie ihm, dem Manne, Mut einflößen. — —
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Sechstes Kapitel
+
+
+Erst spät in der Nacht war Hannes eingeschlafen, und als sie erwachte,
+war es noch nicht sieben Uhr. Ihre Gedanken setzten sofort dort wieder
+ein, wo die Ermüdung sie unterbrochen hatte: bei Hans.
+
+Die Arme unter dem Kopf verschränkt, lag sie ganz still, mit
+weitgeöffneten Augen.
+
+Hans ... Wie oft hatte sie das Wort vor sich hin gesprochen, in all den
+Jahren des heißen Mühens und Studierens, der ersten, angsterfüllten
+Versuche und der großen, stolzen Siege in ihrer Kunst. Er wußte es ja
+nicht. Er wußte ja nicht, daß sie ihm alles verdankte, den ganzen,
+reichen Inhalt ihres Lebens. Er hatte die Liebe in ihr wachgeküßt,
+und die Liebe hatte den Ehrgeiz der vornehmen Seele geweckt, es dem
+Geliebten gleich zu tun an Wissenseifer, und den Drang nach der
+Schönheit der Form. Dann hatte er den ersten, gewaltigen Schmerz in
+sie hineingetragen, und der Schmerz hatte den großen Stolz gezeitigt,
+zu zeigen, daß es für den Mann kein Herabsteigen gewesen wäre zur
+unlösbaren Verkettung von Seel’ und Leib.
+
+Ein leises, liebes Lächeln glitt um ihren Mund. Hans — — —.
+
+Die Wunden, die sie bei dem jähen Abschied davongetragen, waren
+längst verharrscht. Und im Laufe der Jahre waren die Narben immer
+glatter, immer feiner geworden. Wenn sie in stillen Nächten, in denen
+sie heimdachte, mit gleitendem Finger danach tastete, fand sie kaum
+noch die Spuren. Dann dehnte sie den jungen, gestählten Körper und
+spürte in ihm statt Wunden und Schmerzen das Wunder der Frauenkraft.
+Eines Tages — o, eines Tages würde er sie nötig haben, wie den Duft
+der Heimatscholle, den kein Sohn des Niederrheins auf immer zu missen
+vermochte, der zu den Treuen im Lande zählte. Sie glaubte fest an
+diesen Zug der Heimat. Warte nur, über ein kleines ...!
+
+Sie hatte gewartet, und das Warten war ihr nicht sauer geworden.
+Alle Energien in ihr waren frei geworden und, von einem zähen Willen
+geleitet, den Weg gegangen, den ihr erst der Trotz und dann in
+seltsamer Wandlung das erwachte Gefühl der Persönlichkeit gewiesen
+hatte. Mit geklärtem Auge schaute sie mehr und mehr in alle Dinge
+und ihre Beweggründe hinein, und wenn sie auf eine unbefriedigte
+Ehe traf, sah sie die Verschiebung der einst harmonierenden Motive
+nicht so sehr in äußerlichen Ablenkungen, als in dem rein innerlichen
+Umstand, daß die Frau am Tage der Hochzeit mit der straffen, geistigen
+Erziehung abzuschließen pflegte, während für den Mann jetzt erst die
+Weiterentwicklung und mit ihr die geistigen Kämpfe begannen. Fand er
+auf die Dauer kein mitgehendes Verständnis, fand er in ihr, in der er
+eine Kameradin erhofft hatte, immer wieder nur das launenhafte Kind,
+kaum auf einer höheren Warte stehend als die Kinder, die sie geboren
+hatte und die sie zu stolzen, starken Menschen erziehen sollte, fand
+er in ihr nie und nimmer anderes als das Evageschöpfchen, das »um
+seiner selbst willen« geliebt sein wollte — was Wunder, daß die Kluft
+breiter und breiter wurde und eine der Seelen frierend am Ufer stand.
+
+Das war dem jungen, im Dunkel seines ersten Liebeswehs umherirrenden
+Mädchen wie eine Erleuchtung gekommen: eine Frau muß dem Manne, auch
+nach dem Rausch des Lenzes, ebenbürtig bleiben; nicht in der Fülle des
+Wissens, aber in der Fülle des Verständnisses. Dann hat sie ein Recht
+auf ihn, als sein wahrhaftiger Zeltgenosse, der Kampf und Sieg mit ihm
+teilt, beides wie ein gleichwertiges; nicht als seine hübsche Magd, der
+er für ein Lächeln ein Armband mit heimbringt.
+
+Darauf war ihr Streben gerichtet gewesen. Sollte der Tag kommen — auf
+alle Fälle, sie wollte bereit sein.
+
+Der Tag war nicht gekommen. Ihn mit kleinen Künsten herbeizuführen, lag
+in ihrem Wesen nicht.
+
+Die Reihe war an ihm, dem Manne — und sie wartete, und wenn sie
+vergeblich warten sollte. Heute stand sie ihm nicht mehr nach, weder in
+der Kunst, noch im Leben.
+
+Der selbstbewußte Ausdruck auf dem Gesicht des Mädchens schwand
+plötzlich hin, eine Unruhe trat in ihre Augen. Sie zog die Arme unter
+dem Kopfe fort und saß aufrecht da.
+
+Was hatte Onkel Springe gestern abend gesagt? Was war mit Hans?
+
+»Er ist drauf und dran, über Bord zu gehen — —«
+
+Noch einen Moment ließ sie die Worte in ihren Ohren tönen und hämmern.
+Dann war sie mit einem Sprunge aus dem Bett und kleidete sich an.
+»Oho,« murmelte sie vor sich hin, während sie die Haken ihres
+Promenadenkleides schloß, »oho!« Sie wußte nicht, war es eine Drohung,
+war es, um sich selbst Mut zu machen. Noch war ihr ja gänzlich fremd,
+in welcher Lage, in welcher Bedrängnis Hans eigentlich stak. Aber die
+Gewißheit, daß es eine Bedrängnis war, genügte, um sie vergessen zu
+machen, daß — die Reihe an ihm sein sollte, zu ihr zu kommen; und all
+die mütterlichen Eigenschaften, die unbewußt im Weibe ruhen, waren in
+ihr ausgelöst.
+
+Sie klingelte dem Zimmermädchen.
+
+»Sehen Sie doch sofort nach, ob Herr von Springe schon sein Zimmer
+verlassen hat. Sonst lassen Sie ihn wecken.«
+
+Heinrich Springe erwartete seinen Bundesgenossen bereits im
+Frühstückszimmer. Sie ließen sich an einem separaten Tisch servieren
+und saßen allein.
+
+»Guten Morgen, meine Lerche!«
+
+Sie legte den Arm um seinen Hals und ihre weichen Lippen auf seinen
+Mund.
+
+»Töchterchen,« sagte er zärtlich und streichelte ihr Gesicht und ihr
+Haar ... »Dort kommt der Kellner. Jetzt heißt es zulangen. Ein Mensch,
+der ein ordentliches Frühstück im Magen hat, hat schon halb gewonnen.
+In diesem Sinne los, Hannes! Wer die beste Klinge schlägt!«
+
+Da hielt sie wacker mit.
+
+»Wunderst du dich nicht, daß ich dir gar keine Komplimente über dein
+Singen mache?« fragte er nach einer Weile. »Du mußt mich unbedingt für
+einen Barbaren halten. Gelt, das ist die Meinung?«
+
+»Onkel Springe! Wer ist denn musikalischer als du?!«
+
+»Für den Hausgebrauch, Kind. Die musikalischen Schwingungen muß jeder
+Künstler in sich verspüren, ob Maler, Dichter oder Klavizimbelspieler.
+Aber sieh mal, Mädel, da reise ich geschlagene acht Stunden mit dem
+Kurierzug, um dich nach Jahren wiederzuhören, und als es geschehen ist,
+bleibe ich stumm.«
+
+Sie streichelte seine Hand und sah ihn schelmisch von der Seite an. »Du
+wolltest wohl erst die Kritiken in den Morgenblättern lesen?«
+
+»Schlauberger!« lachte er. »Übrigens ist das bereits auch geschehen.
+Die Herren Musikkritiker verstehen zwar durch die Bank mehr von
+Instrumentalmusik als von einer Stimme, aber diesmal haben sie sich
+denn doch zu ~einem~ schönen Jubelchor vereinigt. Mein Mädel hat es
+ihnen angetan, mußte es ihnen ja antun; mir hattest du es ja auch
+angetan, daß ich den unbezwinglichen Drang verspürte, alle Menschen
+teilnehmen zu lassen, irgend eine gute Tat zu tun, und da bin ich
+spornstreichs zum Hans gelaufen.«
+
+Damit war das Wort gefallen. Die beiden sahen sich ernst an.
+
+»Eine Frau ist im Spiel,« sagte Springe kurz.
+
+»Liebt er sie — —?«
+
+»Wenn’s das wäre! Gelt, Mädel, dann würden wir uns bescheiden. Aber das
+ist es eben nicht. Es ist schlimmer. Er ist mit seinen Sinnen, seinem
+Hochmut, seiner Eitelkeit engagiert. Das ist ein böses Trisolium für
+einen Mann, der gewohnt ist, alles von sich selbst aus zu beurteilen
+und sich in jeder Situation zu bespiegeln. Die Coeur-Dame aber hat
+ebenfalls ihren Ehrgeiz für sich. Sie möchte außer einem Gatten von
+Rang und Würden auch noch einen Mantelträger — hm, anders kann ich dir
+das nicht erklären — und für dies ehrenvolle Pöstchen hat sie in ihrer
+großen Güte Hans ausersehen.«
+
+»Und Hans — und Hans?«
+
+»Ist aus allen seinen Himmeln gestürzt. Ich habe die feste Gewißheit,
+daß er sie nicht liebt, so, weißt du, Kind, wie wir das Wort
+verstehen, mit dem Ewigkeitsbegriff. Aber er ist im Lauf der Jahre
+ein armer, einsamer Mensch geworden, und todmüde. Da kommt nun eine
+schöne Frau des Wegs — sagen wir: die gefeiertste Weltdame — und da
+der verschlossene Sonderling für sie Nouveauté ist, beginnt sie zur
+Kurzweil das Spiel. Der Mann, der schon auf alle Freuden des Lebens
+verzichtet hat, traut seinen Augen nicht, zögert, alte Erinnerungen
+werden in ihm lebendig, und, teils aus Haß, teils aus Gier, noch
+einmal seine Kräfte zu erproben — er greift zu. Wenn ein Todkranker
+sich an etwas anklammert, mein Kind, dann fragt er nicht viel nach den
+Qualitäten, dann redet nur noch sein Egoismus, denn er weiß, es ist das
+letzte Mal ...«
+
+Springe sann nach. In seinem Geiste sah er, wie Bild für Bild sich
+entwickelt hatte.
+
+»Die schöne Frau aber,« fuhr er mit ironischer Betonung fort, »hatte
+bereits andere Pläne, auf die sie nicht verzichten wollte. Und da
+ihr unterdes Hans unentbehrlich geworden war, als Troubadour, so
+wirkte sie mit verdoppeltem Nachdruck auf seine Sinne, um ihn für das
+vorbehaltene Pöstchen des Schleppenträgers gefügig zu machen. Gestern
+abend erfolgte die Erklärung, und der überrumpelte Hans warf dennoch im
+ersten Ansturm den Bettel über den Haufen.«
+
+»Ah — —« stieß die Zuhörerin hervor, und über ihr blaß gewordenes
+Gesicht huschte eine Röte.
+
+»Das muß der Frau wohl imponiert haben. Möglich auch, daß sie darauf
+vorbereitet war, den Mann erst ein bißchen der Raserei überlassen
+wollte, um sich dann über den Niedergebrochenen gnädig zu neigen,
+überzeugt, daß er nun für ein Glück halten werde, was ihm zuvor das
+Anfassen nicht wert schien. Als ich gestern bei Hans war und meine
+Plaudereien aus der Heimat ihn still und in sich gekehrt gemacht
+hatten, platzte in die frommste Stimmung ein =billet de diable= hinein.
+Und die schönste Explosion war fertig.
+
+Ich halte im allgemeinen nichts von sogenannten Schickungen. Das sind
+Eselsbrücken für Faulpelze, die nicht fest zupacken wollen. Aber als in
+diesem Augenblick bei Hans just eine schwere Erkältung zum Durchbruch
+kommen mußte, Schüttelfrost, Fieber, Kopfschmerz, na, Kleine, da
+hab’ ich für das eine Mal die Segel gestrichen und die ›Schickung‹
+akzeptiert. Auf vierundzwanzig Stunden mindestens liegt er in der
+Klappe. Gottlob! Mit einem feudalen Husten und Schnupfen kann man weder
+den Othello, noch den Romeo agieren.«
+
+»Onkel Springe,« bat sie leise, »sei doch ernsthaft!«
+
+»Ich war nie ernsthafter als jetzt. Als ich gestern nacht vor dem
+Schlafengehen noch für einen Moment in das Café des Kaiserhofs trat,
+traf ich Herrn Willibald Hüsgen, der Hans bei uns vermutete und ihm
+auflauern wollte, um sich für den ›genußreichen Abend‹ im Hause Frau
+Bettina Wittelsbachs zu bedanken. Hans hatte ihn auf seine Quälereien
+hin dort eingeführt. Herr Willibald war ebenso konfus wie wütend,
+scheint sich aber einen gut rheinischen Abgang gemacht zu haben. Von
+ihm hörte ich, daß der bevorzugte Bräutigam ein kleiner, wenn auch
+etwas abgetakelter Prinz ist. Verstehst du jetzt? Und hier ist das
+Billett, das Hans gestern nach dem intimen Verlobungszirkel noch
+erhielt. Ich habe es eingesteckt.«
+
+Er legte die Karte Bettinas auf den Tisch, und Hannes las. Dann lehnte
+sie sich schweigend zurück, aber in ihren Augen und um ihren Mund stand
+ein Zug fester Entschlossenheit.
+
+»Nun —?« fragte Springe. »Jetzt gilt’s, den Kriegsplan entwerfen,
+Kleine.«
+
+»Ich werde zu der Dame hingehen.«
+
+»Was — —? Du — —?«
+
+»Jawohl, ich. Es muß doch auf der Stelle etwas geschehen. O nein, nicht
+meinetwegen.«
+
+»Aber, Mädel, alter, tapferer Hannes, was willst du denn dort?«
+
+»Das weiß ich noch nicht. Wenn ich ihr gegenüberstehe, werd’ ich es
+wissen.«
+
+Springe schwieg. Dann nahm er Hannes’ Hände.
+
+»Hör mich mal an. Ich weiß mit Frauenzimmern schlecht Bescheid, oder
+sie müßten sein wie Frau Margot, du und Mutter Stahl. Düsseldorfer
+Auslese. Aber daß ~du~ zu der Dame hingehst, das duld’ ich nicht.
+Wenigstens jetzt noch nicht. Du bist ein junges Mädchen, und ich ein
+gesetzter Mann, wenn’s auch keiner glaubt. Folglich — werde ~ich~
+hingehen. Das war auch meine Absicht.«
+
+»Onkel Springe, dir werden deine Kavaliertugenden im Wege stehen.«
+
+»Ja, Kind, um mich dort herumzuprügeln, geh’ ich auch nicht hin.«
+
+Nun mußte sie doch lächeln, trotz ihrer schweren Stimmung.
+
+»So meinte ich es nicht. Aber gewisse Dinge können sich nur Frauen
+sagen. Und wenn du nichts erreichst?«
+
+»Dann, ja dann soll die Reihe an dir sein. Abgemacht!«
+
+Sie erhoben sich und unternahmen einen Spaziergang, über die Linden,
+durch das Brandenburger Tor und den Tiergarten. Das Thema wurde nicht
+weiter berührt. Sie waren beide wortkarg geworden.
+
+Als es gegen elf Uhr ging, verabredeten sie, da das Wetter heiter war,
+eine Rendezvousstelle am westlichen Ausgang des Tiergartens. Springe
+nahm einen Wagen und fuhr zum Kurfürstendamm. Dem Hausmädchen, welches
+ihm die Korridortür öffnete, gab er seine Karte und trug ihm auf, der
+gnädigen Frau zu bestellen, daß er eine Mitteilung von Herrn Doktor
+Steinherr zu überbringen habe. Wenige Minuten darauf stand er im
+Empfangssalon Bettina gegenüber.
+
+Sie sah etwas abgespannt aus, aber gerade der matte Flor um die Augen
+verstärkte den pikanten Reiz.
+
+»Meine gnädige Frau,« sagte er mit tiefer Verbeugung, »ich erbitte Ihre
+Verzeihung, daß ich so gänzlich ungerufen —«
+
+»O,« erwiderte sie lächelnd, »die Freunde des Herrn Doktor Steinherr
+sind auch meine Freunde.«
+
+»Ich werde mir diesen Vorzug zu eigen machen.«
+
+Sie zog einen Moment die Augenbrauen hoch; dann wies sie lässig auf
+einen Sessel. »Sie ließen mich wissen, daß ein Auftrag des Herrn Doktor
+Sie zu mir führe ...«
+
+»Ein Auftrag? Pardon, nein. Das ist ein Mißverständnis. Lediglich ein
+Mitteilungsbedürfnis trieb mich her.«
+
+Eine Pause trat ein. Frau Bettina war auf der Stelle orientiert. Und
+diese Pause benutzten sie beide, um sich schweigend zu beobachten. Dann
+sagte die Dame des Hauses kalt: »Jetzt ist es an mir, Ihre Verzeihung
+zu erbitten. Aber ich erwarte in dieser Minute noch Besuch.«
+
+Heinrich von Springe verneigte sich, aber er blieb sitzen. »Der
+Besucher, meine gnädige Frau, ist leider durch eine heimtückische
+Krankheit ans Bett gefesselt.«
+
+»Hans ist krank — —?« entfuhr es ihr so schnell, daß sie ihren Fehler
+nicht mehr korrigieren konnte.
+
+»Ja,« wiederholte Springe höflich, »er ist krank. Gestern abend ist er
+plötzlich erkrankt.«
+
+Sie nagte nervös an der Lippe, um die Beherrschung wiederzufinden. Dann
+sah sie ihr Gegenüber scharf an.
+
+»Sie wissen, um was es sich handelt?«
+
+»Um eine Influenza, gnädige Frau.«
+
+»Ah —!« rief sie zornig und sprang auf. »Mir scheint, Sie wollen die
+Situation ins Lächerliche ziehen.«
+
+Auch Springe hatte sich sofort erhoben.
+
+»Wenn gnädige Frau mit der Frage etwas anderes bezweckten, dann
+allerdings habe ich —«
+
+»Nein, nein,« lachte sie ungeduldig auf, »es handelt sich in der Tat um
+diese — diese Influenza.«
+
+Springe lachte unaufgefordert mit, als ob er die Pointe in ihren
+Worten durchaus nicht verstanden hätte.
+
+»Sie haben recht, gnädige Frau, das ist freilich eine außerordentlich
+komische Krankheit.«
+
+Da wurden ihre Gesichtszüge unbeweglich.
+
+»Ich danke Ihnen, mein Herr, für die Freundlichkeit, mich zu
+benachrichtigen. Ich darf aber wohl Ihre Zeit nicht länger in Anspruch
+nehmen.«
+
+Und als Springe zögernd auf seinem Platze verharrte, sagte sie mit
+einer hoheitsvollen Abschiedsverneigung: »Herr von Springe — —?«
+
+Da rückte sich Springe zusammen und trat einen Schritt näher.
+
+»Gestatten Sie mir, meine gnädige Frau, daß ich noch ein bei der
+Vorstellung entstandenes Versäumnis nachhole. Ich möchte nicht gehen,
+ohne mich Ihnen in meiner Eigenschaft als Vater Hans Steinherrs zu
+präsentieren.«
+
+Frau Bettina trat überrascht zurück, glühende Röte auf der Stirn. »Sie
+scherzen,« stammelte sie verwirrt, »das ist doch nicht möglich.«
+
+»Die Verwunderung ist ganz auf meiner Seite, gnädige Frau. Sollte Hans
+das nie erwähnt haben?«
+
+»Er liebte es nicht, von daheim zu sprechen,« gab sie, immer noch
+fassungslos, zur Antwort. »Nur einmal, ganz kurz, erwähnte er eines
+alten Freundes, der durch Heirat sein, Hansens, Stiefvater geworden
+sei.«
+
+»Dieser alte Freund bin ich, gnädige Frau, und die Freundschaft ist auf
+meiner Seite unverändert geblieben.«
+
+»Sie sind nicht alt ...« sagte sie gedankenlos.
+
+»Ist denn äußerlich erkennbares Alter ein unbedingtes Erfordernis zum
+Ehemann?«
+
+Sie zuckte zusammen. Das war Hohn. — — Nun hatte sie sich wieder.
+
+»Da Sie sich als Vater meines besten Freundes ausweisen,« sagte sie mit
+lächelnder Liebenswürdigkeit, »so müssen Sie mir schon erlauben, daß
+ich Sie noch ein wenig hier behalte. Das ist eine unerwartete Freude
+für mich.«
+
+Springe stutzte; aber er ließ sich wieder nieder.
+
+»Und nun erzählen Sie mir von ihm. Von dem Hans, als er noch ganz klein
+und unartig war.«
+
+»Sollte es nicht,« erwiderte Springe verblüfft, »in unserem Falle
+richtiger sein, ~Sie~ erzählten mir von dem Hans, als er schon ganz
+groß und — artig war?«
+
+»Bitte, bitte,« schmeichelte sie, und ihre dunklen Augen schienen weich
+und flehend. »Was ich zu berichten habe, ist nicht immer erfreulich.
+Er hat mir viel Sorgen gemacht, aber ich hab’ ihn gern und bewundere
+sein Talent; und von seinen Freunden erträgt man viel, das haben Sie
+wohl auch erfahren. Erzählen Sie mir von seiner Jugend. Nachher mag die
+Reihe an mich kommen, zu ergänzen.«
+
+Noch einmal machte Springe einen Anlauf, das Gespräch auf der anderen
+Bahn zu halten. Aber sie legte ihm sanft die Spitzen ihrer zarten
+Finger auf die Hand und sah ihm mit dem rätselhaft lächelnden Blick in
+die Augen.
+
+Das arme Ding, dachte er mitleidig, sie kann nun einmal nicht gegen
+ihre Natur. Es ist ein Jammer, daß man so einem schönen Geschöpf wehe
+tun muß. Na, anders geht’s doch nicht.
+
+Aber er begann zunächst zu erzählen. Vom Rhein, vom Düsseldorfer Leben,
+von seiner ersten Bekanntschaft mit Hans, von den großen Qualitäten des
+jungen Freundes und seiner Entwicklung, von den feinen, dichterischen
+Talenten, die durch eine Jugendliebe geweckt worden seien, und vieles
+mehr. Jedesmal, wenn er zu Ende kommen wollte, berührte sie leise seine
+Hand, und ihr Auge verlangte, daß er fortfahre.
+
+Mitten in einer Schilderung hielt er inne. Die Zimmeruhr hatte die
+Mittagsstunde geschlagen. Der Zweck seiner Mission fiel ihm heiß aufs
+Herz. »Gnädige Frau,« sagte er sich erhebend, »Sie müssen mir den
+Jungen freigeben, zumal ich mich gleichzeitig beehren darf, Ihnen meine
+herzlichsten Glückwünsche zur Verlobung auszusprechen.«
+
+Frau Bettina lehnte sich tief zurück. Das war die Ironie, die ihr immer
+imponierte.
+
+»Und wenn ich ihn trotzdem behalten möchte.«
+
+»Das ist des Rheinlands nicht der Brauch. Wir da von der Westgrenze
+sind als reichlich selbstbewußt, oder sagen wir ruhig: hochmütig
+verschrieen bei aller unserer Lebensleichtigkeit; auch in unserem
+Lieben machen wir Anspruch auf die ~erste~ Stelle.«
+
+»Und in Ihrem Hassen?«
+
+»Ich bin kein Adelsnarr. Aber auf dem Wappen meiner Familie steht der
+rechte Spruch: ›=Pectus amicis, hostibus frontem=.‹ Sie haben die Wahl.«
+
+»Ich verstehe kein Latein.«
+
+»Ich auch nicht. Ich hab’s wieder verlernt, seitdem ich merkte, daß in
+der Welt viel zu wenig ›deutsch‹ geredet würde. ›Die Brust dem Freund,
+die Stirn dem Feind‹, lautet der Spruch.«
+
+»Wollen Sie mein Freund sein, Herr von Springe?«
+
+»Gnädige Frau tun mir unverdiente Ehre an.«
+
+»Wer ist heute noch ein Freund? Ihr Hans, o ja; heute schon läßt er
+mich allein. Aber ein Mann ist er doch, der Tollkopf, und deshalb muß
+er mein Freund bleiben. Und Sie sind sein Erzieher ... Aus dieser
+Quelle hat er geschöpft. Lassen Sie mich auch davon profitieren.«
+
+»Meine gnädige Frau, der Zweck meines Besuches ist denn doch wohl —«
+
+»Den Zweck Ihres Besuches,« fiel sie ein und schüttelte ihm herzlich
+die Hand, »den sollen Sie mir morgen sagen, um diese Stunde. Kommen
+Sie allein, oder kommen Sie mit Hans. Heute laß ich mir die schöne
+Stimmung, die ich Ihnen danke, nicht angreifen. Das ist Ihre eigene
+Schuld.«
+
+Sie sah ihn an, mit halb über die Augen gesenkten Wimpern.
+
+»Auf Wiedersehen, Herr von Springe! Ihrem Pflegling die zärtlichsten
+Wünsche.«
+
+Da stand er draußen; lachend, wütend, vollständig
+durcheinandergewirbelt. Die Hexe, sprudelte es in ihm. Da hat sie
+mich so lange von Düsseldorf erzählen lassen, bis wir glücklich
+so familiär geworden waren, daß ich ihr nicht mehr grob kommen
+konnte. Hannes meinte ja gleich, meine Kavalierstugenden — — ach
+was, Kavalierstugenden! Blamiert hast du dich, alter Sohn! Vor zwei
+kokettierenden Satansaugen hast du geschnurrt wie ein Kater, dem man
+das Fell streicht!
+
+Als er seiner Bundesgenossin ansichtig wurde, schlug ihm doch das Herz.
+Aber er bemäntelte seine Niederlage nicht.
+
+»Sie hat mich in Watte gewickelt,« knurrte er und biß sich auf den
+Schnurrbart. »Viel hätte nicht gefehlt, und ich wär’ ihr um den Hals
+gefallen.«
+
+»Gott sei Dank!« gab das Mädchen zur Antwort.
+
+»Gott sei Dank?« wiederholte Springe perplex. »Wieso denn das?«
+
+»Onkel Springe, wenn selbst du nicht standhalten kannst, ist Hans doch
+auch entschuldigt!«
+
+Das ist die Logik der Liebe, dachte Springe. Aber er war kleinlaut
+geworden und sagte es nicht laut.
+
+»Erwarte mich im Hotel, Onkel. Spätestens in einer Stunde bin ich
+zurück.«
+
+Er sah ihr nach, wie sie über den Damm mit leichtem, flotten
+Gang auf eine Droschke zuschritt. In dem rotblonden Haar lag die
+Vorfrühlingssonne wie eine lustige Lohe. Ist das ein Mädel! gestand
+sich Springe. Man wird gesund und fröhlich vom bloßen Anschauen. Da
+liegt ein anderer Schmiß drin als in der Treibhausblume von vorhin. — —
+— Na, na, na ... Nachträglich Schimpfen, das ist auch so eine Art —.
+
+Dann wandte er sich ab und schlug langsam den Weg zum Hotel ein. — — —
+
+Hannes hatte Frau Bettina ihre Künstlerkarte hineingeschickt, wie
+sie sie im Verkehr mit Konzertdirektoren und Arrangeuren zu benutzen
+pflegte.
+
+»Johanna Stahl?« las Bettina nachdenklich. »Die berühmte Altistin, die
+gestern erst im Philharmonischen — Sagen Sie der Dame, Anna, daß ich
+sehr erfreut bin, sie zu empfangen.«
+
+Die beiden Frauen standen sich gegenüber.
+
+»Mein gnädiges Fräulein,« sagte Bettina, überwältigt von der
+eigenartigen Erscheinung und der jugendlichen Schönheit der Sängerin,
+und streckte ihr beide Hände entgegen, »was verschafft mir den Vorzug,
+einen so ausgezeichneten Gast bei mir zu sehen?«
+
+»Bewilligen Sie mir wenige Minuten Gehör, gnädige Frau? Ich möchte
+vorausschicken, daß die Angelegenheit, die mich herführt, in erster
+Linie ~Ihre~ Interessen tangiert.«
+
+Bettina ließ die Arme sinken. Die andere hatte ihre Willkommenbewegung
+gänzlich übersehen.
+
+»Nehmen Sie Platz, mein Fräulein,« sagte sie mit formeller Höflichkeit.
+»Womit kann ich Ihnen dienen?«
+
+Hannes machte von der Einladung keinen Gebrauch. Eine Sekunde lang
+kreuzten sich ihre Blicke. Die eine sah die dunkeläugige, gefährliche
+Favoritin, die andere das freie, unerschrockene Germanenmädchen.
+
+»Ich spreche gern die Hoffnung aus,« begann Hannes ruhig, »daß unsere
+Unterredung ebenso kurz wie befriedigend verläuft. Mein Pflegeonkel,
+Herr von Springe, ist, wie sich denken ließ, unverrichteter Sache
+heimgekehrt. Ich hatte ihm gleich gesagt, daß das kein Geschäft für
+Männer sei.«
+
+»Ein Geschäft —? Mein Fräulein, Sie bedienen sich recht seltsamer
+Ausdrücke.«
+
+»Wir wollen hier nicht um Worte streiten, gnädige Frau. Das würde die
+Erledigung der Angelegenheit nur verzögern.«
+
+»So — so — —. Sie kommen aus demselben Grunde wie Herr von Springe?
+Nun, ich finde das für Sie nicht sonderlich delikat.«
+
+»Gnädige Frau, Sie wollen gütigst beachten, daß das — Parfüm nicht von
+mir herstammt.«
+
+»Mein Fräulein!«
+
+»O nein, Sie erschrecken mich nicht. Ich fasse mich kurz. Das ist auch
+mein Geschmack. Es liegt in Ihrem Interesse, daß ich Sie bitte, Ihre
+Beziehungen zu Herrn Hans Steinherr ohne weiteres abzubrechen.«
+
+»Verehrtes Fräulein,« lachte Bettina und zuckte die Achseln, »die
+Rolle der verlassenen Ariadne, in der Sie sich gefallen, ist einfach
+lächerlich.«
+
+»Es freut mich, daß Sie das Kolorit dieser Rolle richtig taxieren,
+obwohl ich nicht viel mit ihr zu tun habe. Ich reise morgen nach
+München und singe in acht Tagen in Paris. Aber eben Sie, gnädige Frau,
+möchte ich vor dieser Rolle bewahren.«
+
+»Tragen Sie keine Sorge. Ich qualifiziere mich nicht dazu.«
+
+»Das zu erfahren, läge lediglich in meiner Hand.«
+
+»Sie machen mich neugierig.«
+
+»Ich frage Sie nur, ob Sie, die Verlobte eines hohen Herrn, die
+Beziehungen zu meinem Jugendfreunde lösen wollen oder nicht.«
+
+»Und wenn ich Ihnen jegliche Antwort darauf verweigerte?«
+
+»Soll ich das als Antwort auslegen?«
+
+»Es steht in Ihrem Belieben.«
+
+»So zwingen Sie mich, auf der Stelle zum Prinzen Georg hinzufahren und
+ihm den Inhalt dieser Unterredung mitzuteilen. Entscheiden Sie sich!«
+
+Bettina war erblaßt. Ihre Brust hob und senkte sich tief, und die
+langen Wimpern zitterten über ihren Augen.
+
+»Wenn Sie durchaus Lust verspüren, sich selbst mit diesem Schritt zu
+kompromittieren — —. Sie verstehen mich wohl. Übrigens wird man Sie
+nicht empfangen.«
+
+»Man ~wird~ mich empfangen. Ich bin meiner Kunst dankbar, daß sie mir
+alle Türen öffnet. Und vor einer Kompromittierung fürchte ich mich
+nicht. Das ist mir die Freundschaft schon wert.«
+
+Die beiden Frauen sahen sich fest in die Augen. Dann sagte Bettina mit
+einer starken Willensanstrengung: »Ihr glühendes Eintreten stellt mir
+den Preis so verlockend vor, daß ich Lust habe, freiwillig dem Prinzen
+abzusagen und Herrn Doktor Steinherrs Werbung heute noch anzunehmen.«
+
+»Das kommt zu spät, gnädige Frau.«
+
+»Mein Fräulein, ich muß mir jetzt jeden weiteren Einspruch verbitten.«
+
+»Gestern hätten Sie noch ein Recht dazu gehabt, heute nicht mehr. Ich
+lasse Hans nicht unglücklich machen.«
+
+»Unglücklich? Wenn ich ihn heirate? Das ist zum wenigsten originell.«
+
+»Hans würde über die gestrige furchtbare Enttäuschung nie hinwegkommen.
+Er würde nie das Vertrauen zurückgewinnen und an den quälenden Gedanken
+zu Grunde gehen.«
+
+»In Ihnen aber, nicht wahr, in Ihnen würde er die rechte Gefährtin
+finden. Nun, ich bin nicht seelengroß genug, um Ihnen den erwählten
+Gatten abzutreten. Mein Entschluß ist jetzt gefaßt.«
+
+»Gnädige Frau,« begann Hannes, und ihr stolzer Mädchenkörper reckte
+sich hoch auf. Über ihrem Gesicht lag eine finstere Ruhe. »Gnädige
+Frau, ich habe bis jetzt ~nicht~ von mir gesprochen, aber wenn Sie mich
+zwingen, ~werde~ ich von mir sprechen.«
+
+»Ah — das klingt wie eine Drohung ...«
+
+»Und es ~ist~ eine Drohung. Sehen Sie mich an. Wir sind zwei Frauen,
+und keiner hört uns. In der Stunde der Gefahr soll keine falsche Scham
+zwischen uns stehen. Sehen Sie mich an. Sie sind schön und üben Ihren
+Einfluß auf die Männer; und ich —« eine dunkle Röte flog über ihre
+Stirn, aber in ihren Augen blieb das stahlharte Leuchten — »ich traue
+mir zu, es mit Ihnen aufzunehmen. Kein Mann hat mich je berührt, mit
+Ausnahme Hans Steinherrs, als er noch ein halber Knabe war. Das fällt
+mit in die Wagschale. Wagen Sie es, von seiner Stimmung Gebrauch zu
+machen, wagen Sie es, ihn für immer an sich zu ketten und damit sein
+Leben zu zerstören, nachdem Sie seinen Glauben schon zerstört haben!
+Selbst ~dann~ werde ich meine mädchenhafte Scheu überwinden, und ich
+werde schöner sein und treuer sein als Sie, und ich werde länger jung
+bleiben um seinetwillen! Wagen Sie den Kampf? Ich werde ihn mit der
+Heimatsstimme rufen und dem Ton der alten Erinnerungen. Für sein Glück
+soll mir ~kein~ Opfer zu schwer sein, und der Herrgott wird es mir
+verzeihen.«
+
+Frau Bettina starrte das Mädchen an. Das war kein Ausbruch verwundeter
+Eitelkeit, das war die hinreißende Frauenreinheit, die alles darf, und
+die durch nichts befleckt wird. Und mit einem Male kam sie sich alt und
+müde vor neben dem jungen, zu jedem Kampf entschlossenen Geschöpf.
+
+»Gehen Sie, gehen Sie!« murmelte sie und drückte die Hand vor die Augen.
+
+Da trat Hannes auf sie zu und zog Frau Bettinas Hände herab. »Ich bin,
+als ich eintrat, Ihrem Händedruck ausgewichen, gnädige Frau. Lassen Sie
+mich jetzt Ihre Hände drücken.«
+
+»Ich weiß nicht, womit Sie es mir angetan haben,« stammelte die
+Frau. »Sie — Sie haben den gläubigen Mut ...« Und plötzlich, dem
+Impuls des Weibes folgend, schlang sie den Arm um Hannes und sah ihr
+leidenschaftlich in das ernste und doch so jugendstrahlende Gesicht.
+
+»Leben Sie wohl, Sie glückliche Natur! Ihr Hans soll nie wieder von mir
+hören. Nur drei Abschiedszeilen zum Adieu.«
+
+Mein Hans — dachte Hannes mit einem wehmütigen Lächeln. Aber sie
+behielt tapfer ihre Haltung bei, und ruhig und gefaßt schieden die
+Frauen voneinander. — —
+
+Im Hotel ließ sie Springe auf ihr Zimmer bitten. Sie nickte dem
+aufgeregt Hereinstürmenden zu.
+
+»Hans wird ~nicht~ über Bord gehen. Die Gefahr ist vorbei.«
+
+ * * * * *
+
+Als Springe am Nachmittag den Freund aufsuchte, fand er ihn am
+Schreibtisch sitzend. Stumm wies Hans Steinherr auf ein Blatt Papier.
+Bettina schrieb ihm, daß sie noch am selben Abend zu Verwandten ihres
+Verlobten abreise, ihn aber um seine Verzeihung bitte.
+
+»Komm mit nach Düsseldorf!« sagte Springe ernst. »Du bist es dir und du
+bist es auch der Mutter schuldig. Die Heimat wird dich gesund machen.«
+
+»Ich glaube an kein Gesundwerden mehr, Heinrich. Ich habe meine Wurzeln
+eigenhändig zerstört.«
+
+Aber er ließ sich leicht überreden, er war müde und hatte eine traurige
+Sehnsucht. —
+
+Hannes war nach München abgereist. Er hatte ihre Grüße empfangen und
+sie selbst nicht gesehen. Sie schien vor ihm geflohen zu sein, und das
+schmerzte ihn tiefer, als er es Springe wissen ließ.
+
+In den ersten Märztagen fuhr Hans Steinherr an der Seite Heinrich von
+Springes durch Hannover, Westfalen und das niederrheinische Land. In
+sich versunken blickte er auf die Lichter Düsseldorfs, die sich rasch
+näherten. Er kam nicht als Sieger, aber er kam.
+
+Die Heimat hatte ihren erkrankten Sohn zurückgefordert.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Siebentes Kapitel
+
+
+Herr Friedrich Leopold von Springe saß an seinem hochbeinigen
+Schachtisch, dessen eingelegte Platte von einer niederen Galerie
+umgeben war, um die Figuren vor dem Hinabstürzen zu bewahren. Er trug
+eine elegante, flauschige Jagdjoppe, sein dünnes Haar war sorgfältig
+frisiert, und sein schlohweißer Schnurrbart strebte noch immer in keck
+gestutzten Spitzen nach oben. Nur in seinen Händen war ein leichtes,
+wenn auch kaum auffallendes Zittern zu bemerken, wenn er den Läufer zum
+Sturm beorderte oder den Springer den Rösselsprung vollziehen ließ. Er
+behauptete zwar, das sei die Aufregung des Spiels, kompliziert durch
+die Partnerschaft einer angebeteten Dame.
+
+Diese Partnerin und Verehrte seines Herzens thronte in Gestalt Frau
+Stahls auf einem hohen Ledersessel ihm gegenüber. Über ihre faltigen
+Züge huschte, so oft sich Herr Friedrich Leopold in einer chevaleresken
+Bemerkung gefiel, ein kurzes, verschämtes Lächeln, das sie alsbald
+unter einem verdoppelt strengen Ernst zu verstecken sich mühte, gerade
+so, als müßte man sich von dem gefährlich tuenden alten Herrn der
+unglaublichsten Heißspornigkeiten gewärtig halten und dürfte daher
+seinem Jugendfeuer nicht die geringsten Konzessionen machen.
+
+Eine warme Gemütlichkeit herrschte in dem Zimmer. Kein Geruch nach
+Lavendel und Rosmarin. Aber es duftete verräterisch nach echtem
+Sellnerschen Punsch vom Karlsplatz.
+
+»Durchaus nicht, weil ich am Alkohol hänge,« pflegte der alte
+Herr jedesmal zu betonen, wenn er aus dem Tischuntersatz das Glas
+hervorholte und verbindlich gegen Frau Stahl hob. »Ich bin eigentlich
+von Haus aus Vegetarier und schwärme für junges Gemüse. Aber wo soll
+der Mensch in den ersten Tagen des Märzen Maikräuter herbeziehen!«
+
+Gegen diese eiserne Logik ließ sich nichts einwenden. Und wenn
+auch Frau Stahl von Zeit zu Zeit mit dem liebevoll geschärften
+Blick, mit dem man große Jungen zur Einkehr zwingt, auf die nach
+dem Tischuntersatz tastende Hand des alten Herrn schaute, ~so~
+ungefähr, als ob sie auf seinem Handrücken etwas ganz außerordentlich
+Interessantes erblickte, so erhob sie sich doch zu mehreren Malen
+am Abend, um aus dem Kamin schweigend den dampfenden Wasserkessel
+hervorzuziehen.
+
+Dann saß Herr Friedrich Leopold ganz still, die Hände im Schoß
+gefaltet, und beobachtete ihr Tun. Mit leichtgewölbten Nasenflügeln
+schnupperte er den Duft, der aus der innigen Vermählung des
+Punschsirups mit dem brodelnden Wasser aufstieg, und bewegte leise die
+Lippen.
+
+»Aber, Herr von Springe,« sagte die alte Frau mahnend, »können Sie denn
+gar nicht abwarten?«
+
+»Ach,« erwiderte Friedrich Leopold harmlos, »Sie meinen also wirklich,
+das geschehe wegen des Punsches? O, meine gute Frau Stahl, in welchem
+Irrtum bewegen Sie sich. Wenn meine Lippen sich regen, so tun sie
+es, weil es sie zum Reden drängt. Wes das Herz voll ist, des geht
+der Mund über. Und wenn ich so die Zierlichkeit Ihrer Bewegungen bei
+der Punschbereitung betrachte — nein, nein, lassen Sie mich nicht
+weitersprechen. Aber das Wort des einzigen Philosophen, den ich
+anerkenne, bleibt dennoch wahr: Wer Sorgen hat, hat auch Likör.«
+
+»Haben Sie denn Sorgen, Herr von Springe? Das bißchen Podagra meldet
+sich doch nur beim Witterungsumschwung.«
+
+»Liebessorgen, meine verehrte Frau; Liebessorgen um Sie.«
+
+»Ja,« sagte die alte Frau und hob betrüblich die Achseln, »da ist
+freilich nix zu machen. Sie kennen meinen Standpunkt. Ich bleib’ fest,
+aus Konsequenz.«
+
+»Na, dann geben Sie mir wenigstens den Leidenskelch. Frau Stahl, Frau
+Stahl! Wenn ich in meinen besten Mannesjahren jählings zum Trinker
+werde — Sie tragen die Verantwortung. Nein, nein!« protestierte er,
+»keine stärkere Wasserzugabe. Ich bin durch Ihre Absage genügend
+abgebrüht.«
+
+Sie aber ließ sich nicht behindern, den Trank nach Gutdünken zu mischen.
+
+In dem offenen Kamin knatterten die Holzscheite hinter dem Eisengitter.
+Das war bei kaltem Wetter Herrn Friedrich Leopolds größte Freude.
+
+»Sehen Sie,« belehrte er Frau Stahl, »der Stolz auf sein altes
+Adelsgeschlecht, das ist doch kein leerer Wahn. Man muß ihn nur richtig
+handhaben. Ich bin ja nur ein dürres Reis an unserem Stammbaum, aber
+trotzdem, ich habe die Geschichte unseres Hauses im kleinen Finger. Und
+wenn ich so sitze und grübele — dann gehört ein offenes Kaminfeuer dazu
+und das Rattern und Knattern der Scheite. An so einem Kaminfeuer haben
+sich auch meine Herren Vorgänger im lustigen Mittelalter höchstihre
+Fußsohlen gewärmt, wenn sie von mehr oder weniger tugendhaftem Beginnen
+auf ihre Burg am Rhein zurückkehrten. Geben Sie gut acht. Der Kamin
+und das Füßewärmen tun’s nicht allein; aber — die Tradition. Es ist
+so ein eigentümlich Ding um so eine Familientradition. Man sollte ihr
+auch in Bürgerkreisen mehr nachgehen. Glauben Sie mir, die Gedanken
+daran wandeln sich in Blutkörperchen um, und die Blutkörperchen geben
+Haltung. Man weiß, man ist seinen Vorgängern und Nachfolgern etwas
+schuldig, und wäre es auch nur die — gute Haltung. Ein Meteor, das
+sich von seinem Heimatstern ablöst, strahlt zwar sehr schön und setzt
+alle Welt einen Atemzug in Staunen, aber wenn es seine Bahn durchsaust
+hat, sinkt es auf fremder Erde in Nacht und Grauen. Höchstens findet’s
+ein Professor. Der klopft und riecht dran herum und — o Tragikomödie
+des Meteors — erklärt der gläubigen Jüngerschar: Meine Herren, das,
+was Sie hier sehen, ist durchaus kein Element an sich. Es hatte einmal
+elementare Qualitäten, als es noch seine Kräfte aus dem zuständigen
+Heimatsrevier des Saturn oder Uranus zog. Jetzt aber, jetzt — tun Sie’s
+in Ihre Sammlung, unter: Verschiedenes.«
+
+Der alte rheinische Junker stemmte seine Füße fest gegen das
+Kamingitter und fuhr fort: »Die Familientradition, ja, die hat eben
+etwas an sich. Man braucht sie nicht nachzubeten, bloß in den Knochen
+soll man sie haben. Das ist auf alle Fälle ein feiner Regulator
+zwischen dem modernen Geist und der alten Materie. Sie mögen sagen, was
+Sie wollen: das sind Imponderabilien, die man bei der Rassenentwicklung
+nicht unterschätzen soll. Schauen Sie sich um unter den Söhnen des
+Landes. Bengel sind sie ja alle, gottlob!, und das ist ein gesundes
+Zeichen. Aber wie Sie, im engeren, unter den Akademikern untrüglich die
+Verbindungsstudenten herauswittern, so werden Ihnen, im weiteren, immer
+die jungen Leute auffallen, die durch ihre Erziehung darauf hingeleitet
+worden sind, ihrer Altvorderen, ob bürgerlichen oder adligen Grades, zu
+gedenken. Was natürlich mit der persönlichen Hinneigung des einzelnen
+zum Genie oder zum Schafskopf auch nicht das allermindeste zu tun hat.
+Ich resümiere nur auf die Haltung; in allen Lebenslagen.«
+
+Die alte Frau, die das Leben wissend gemacht hatte, nickte. Auch heute
+freute sie sich an der draufgängerischen Frische des Altersgenossen,
+aber sie hatte Lust, zu opponieren.
+
+»Und wenn ein Kind keine Familientradition besitzt? Es gibt doch auch
+solche Würmer.«
+
+»Donnerwetter,« sagte der alte Herr eifrig, »dann heißt es
+eine anlegen; auf einer Basis, so groß und breit und tief und
+unveräußerlich, wie — na — kurz — wie ein Fideikommiß. Deubel ja, muß
+das schön sein, eine werdende Familie zu etablieren, so eine mit Haken
+und Ösen. Und der dolle Stolz, den man dann darauf hat!«
+
+»Zum Beispiel: wie der alte Steinherr,« meinte Frau Stahl nebenbei.
+
+Herr Friedrich Leopold sah sie groß an.
+
+»Ich sprach doch nicht von einem Krämergeschäft mit Addieren,
+Multiplizieren und Bruch- und Prozentrechnung, bis die Siebenstellige
+im Münzwert voll ist? Nein, meine verehrte Frau, ich meinte
+die Etablierung eines besonders feinen und körperlich gesunden
+Menschenschlags, mit Addieren und Multiplizieren, bis die
+Siebenstellige im geistigen oder seelischen Wert voll ist, von der dann
+die Nachkommen auf Generationen hinaus zehren. Um Ihnen ebenfalls mit
+einem Beispiel zu dienen: Hannes!« — —
+
+Die alte Frau stand auf, ging zum Kamin und schüttelte dem
+Realphilosophen derb die Hand.
+
+»Ja, ja, ja,« philosophierte der weiter, »und langlebig macht so eine
+gute, alte Familienerinnerung! Wenn andere Leute in das Kaminfeuer
+blicken, denken sie zurück bis zu dem Tage, an dem sie ihre Nase im
+Gesicht verspürten. Bei mir jedoch werden hundert Jahre wie ein Tag.
+Da seh’ ich alle meine Leute durch die Jahrhunderte schreiten, und
+alle sind sie mir bekannt, die Würdigen und die Borstigen, und so oft
+ich sie aufmarschieren lasse — ätsch, ich bin der Jüngste. Sehen Sie,
+meine verehrte Freundin, darin liegt das große Geheimnis meiner ewigen
+Jugend.«
+
+Die Greisin sann nach.
+
+»Sie sind ein glücklicher Mensch,« sagte sie dann.
+
+»Bin ich auch.«
+
+»Den einen trifft’s und den anderen kann’s auch treffen. Wenn man in
+die Jahre kommt, von denen geschrieben steht: sie gefallen mir nicht
+...«
+
+»Nee, nee, nee, Frau Stahl, nun schwindeln Sie. Die Jahre gefallen uns
+gar nicht schlecht. Jungen Leuten wie uns kann’s doch nicht auf ein
+paar lumpige Jahre ankommen. Die Hauptsache ist: leben, und wissen,
+daß man lebt! Beste Freundin, Ihre Lippen sind sonst doch immer schwer
+an Sprüchen der Weisheit. Ist Ihnen denn über den Wert des Lebens kein
+kräftig Wörtlein geläufig?«
+
+Die alte, ungebeugte Frau mit dem großen Lebenstrotz saß auf ihrem
+Ledersessel und strich mit der Handfläche über die aufmarschierten
+Schachfiguren hin und her. Dann begann sie zu reden: »Es begegnet
+dasselbe einem wie dem anderen, dem Gerechten wie dem Gottlosen, dem
+Guten und Reinen wie dem Unreinen, dem, der opfert, wie dem, der nicht
+opfert. Wie es dem Guten gehet, so gehet’s auch dem Sünder. Wie es dem,
+der schwört gehet, so gehet’s auch dem, der den Eid fürchtet. Das ist
+ein bös Ding unter allem, das unter der Sonne geschieht, daß es einem
+gehet wie dem anderen; daher auch das Herz der Menschen voll Arges
+wird, und Torheit ist in ihrem Herzen, dieweil sie leben; danach müssen
+sie sterben. Denn bei allen Lebendigen ist, das man wünscht: Hoffnung;
+~denn ein lebendiger Hund ist besser als ein toter Löwe~.«
+
+»Bravo!« rief Herr Friedrich Leopold und rieb sich die Hände. Besonders
+das Beispiel hatte seinen Beifall.
+
+»Denn die Lebendigen,« fuhr die Greisin mit einem kleinen Lächeln
+über des alten Freundes Zustimmungsruf fort, »wissen, daß sie sterben
+werden; die Toten aber wissen nichts, sie haben auch keinen Lohn mehr;
+denn ihr Gedächtnis ist vergessen, daß man sie nicht mehr liebet, noch
+hasset, noch neidet; und haben keinen Teil mehr auf der Welt in allem,
+das unter der Sonne geschieht.«
+
+»Ein lebendiger Hund ist besser als ein toter Löwe,« bestätigte der
+Zuhörer.
+
+»So gehe hin,« schloß die Greisin frisch, »und iß dein Brot mit
+~Freuden~, trinke deinen Wein mit ~gutem Mut~ —«
+
+»Bravo, bravo —«
+
+»— denn dein Werk gefällt Gott. Laß deine Kleider immer weiß sein, und
+laß deinem Haupte Salbe nicht mangeln. Brauche des Lebens mit deinem
+Weibe, das du lieb hast, solange du das eitle Leben hast, das dir Gott
+unter der Sonne gegeben hat, solange dein eitel Leben währet; denn das
+ist dein Teil im Leben und in deiner Arbeit, die du tust unter der
+Sonne. Alles, was dir von Handen kommt zu tun, das tue ~frisch~; denn
+in der Hölle, da du hinfährst, ist weder Werk, Kunst, Vernunft, noch
+Weisheit.«
+
+»Schade um den Schluß,« sagte Herr Friedrich Leopold, »aber bange
+machen gilt nicht, und Spaß muß sein.«
+
+Dann verließ er seinen Kaminsitz, nahm Frau Stahl gegenüber am
+Schachtisch Platz und schaute sie voll ehrlicher Bewunderung an.
+
+»Allen Respekt, Verehrteste, das war eine Leistung. Aber, aufrichtig:
+aus sich selbst haben Sie das nicht, das haben Sie mal irgendwo
+gelesen.«
+
+»Das steht in der Bibel, Herr von Springe; im Prediger, neuntes
+Kapitel.«
+
+»Ja, ja, ja,« sagte der alte Junker ein wenig kleinlaut .... »Hören
+Sie mal,« meinte er nach einer Pause, und das ehrliche Staunen stand
+wieder in seinen Augen, »wie haben Sie das nur alles seit der Schulzeit
+behalten?«
+
+»Ich habe das seit der Schulzeit regelmäßig wieder aufgefrischt, Herr
+von Springe.«
+
+»Aber natürlich, aber natürlich ... Eigentlich schlimm, daß ich ...
+Aber nun hab’ ich ja den Pastor im Hause, mir wird nichts mangeln,« und
+er schüttelte der Freundin vergnügt die Hand.
+
+Dann spielten sie, wie allabendlich, ihre Schachpartie zu Ende.
+
+Draußen stritt die Dämmerung mit dem Märzabend. Hier drinnen war es
+friedlich und fröhlich. Eine hohe Stehlampe mit breitem, rotem Schirm
+erleuchtete und beschattete zugleich harmonisch die kleine Welt der
+beiden Alten, die kraft ihrer Erinnerungen die Grenzen ausdehnen
+konnten zu einem weiten Reich und zusammenziehen zu einem stillen
+Hafen. Im Kamin sangen die Buchenkloben alte, einfältig schöne Lieder,
+und von der gebräunten Ledertapete schauten im engen Beisammen ein
+paar nachgedunkelte Ahnenbilder, Frau Margots strahlende Züge und die
+klaren, kühnen Mädchenaugen des Lieblings Hannes herab.
+
+Herr Friedrich Leopold streifte die Bilderreihe mit einem liebevollen
+Blick.
+
+»Wir sind das Bindeglied,« meinte er und nickte zu der kleinen Galerie
+hinüber. »Wir sitzen hier als Vermittler auf der Wacht, bis wir selber
+ein Ahne werden. Aber dazu muß man zunächst Großvater sein ...« Frau
+Stahl sah ihn prüfend an und lachte dann vor sich hin.
+
+»Finden Sie nicht,« fuhr der Unverbesserliche fort, »daß man uns
+eigentlich ein großes Vertrauen schenkt, uns so mutterseelenallein zu
+lassen? Das heißt: das Vertrauen hat eigentlich etwas Beleidigendes.
+Wie alt sind wir denn? Knapp fünfundsiebzig pro Person. Vor lumpigen
+vierzig Jahren hätte man uns nicht so allein gelassen, meine verehrte
+Frau. Das sollten wir den Rackers da drüben doch mal anstreichen, und
+da wir sicher noch kostbare fünfundzwanzig Jährchen vor uns haben, so
+meine ich, ein ehrenwerter Antrag — —«
+
+Und er schmunzelte wie ein Spitzbube, der seinen Partner in Bedrängnis
+gebracht hat.
+
+Frau Stahl legte den Kopf auf die Seite und blinzelte ihn an.
+
+»Na ja,« ließ sie sich nach einer oberflächlichen Prüfung des
+Antragstellers vernehmen, »das Köpfchen wäre ja noch ganz gut, aber ...«
+
+»Bitte, da gibt es durchaus kein Aber!« rief Herr Friedrich
+Leopold, und reckte seine lange Gestalt, um schleunigst wieder
+zusammenzuknicken. Irgendwo in den Gelenken hatte es verdächtig
+geknackt.
+
+»Achtung, Achtung! Nicht das Spiel aufhalten!« Frau Stahl tat mit der
+Königin einen kühnen Raubzug.
+
+»Das Spiel? Na, warten Sie. Das wollen wir gleich haben. Ah, siehste
+wie de biste? =Gardez la reine!=«
+
+»Jawoll,« gab sie zur Antwort, schlug seinen Springer und bedrängte ihn
+im eigenen Lager. »Schach dem König, mein Herr.«
+
+»Oho, das wäre ...«
+
+»Ist bereits so. Matt!«
+
+Betrübt ließ der alte Herr die Figuren durcheinander fallen.
+
+»Da hört sich doch alles auf. Kein Glück in der Liebe und kein Glück
+im Spiel. Und Sie können über solch eine doppelte Schicksalstücke auch
+noch lachen! So sind die Weibsen!«
+
+Sie ließ ihn ruhig sich ausschelten, aber das heimliche Lächeln blieb
+in ihren Augen sitzen.
+
+»Sie haben ganz und gar unrecht,« sagte sie endlich sanft.
+
+»Ich unrecht? Na ja, den verehrten Damen ist es ja selbst möglich, die
+Tatsachen auf den Kopf zu stellen. Aber in meinem Falle — — Nee, nee,
+bitte, keinen Honig, lieber ein Glas Punsch.«
+
+»Sollen Sie haben,« entgegnete die alte Freundin, »zur Feier Ihres
+Glückes.«
+
+»Meines — Glückes —? Und soeben sehen Sie erst klipp und klar, daß ich
+weder Glück in der Liebe noch —«
+
+Sie stellte das gefüllte Glas vor ihn hin und legte ihre verarbeiteten
+Hände auf die seinen.
+
+»Doch. Sie ~haben~ Glück in der Liebe. Ganz Ihrem Wunsch gemäß ...« Und
+sie ließ den Blick nach den Ahnenbildern schweifen.
+
+»Frau Stahl — —! Verehrte Freundin — —!« Der alte Junker wußte nicht,
+wo ihm der Kopf stand.
+
+»Still, still. Ich sollte ja eigentlich noch nichts davon verraten ...«
+
+»Still?« schrie Herr Friedrich Leopold und sprang auf die Beine, ohne
+auf das verdächtige Gliederknacken zu achten. »Still? O meine verehrte
+Frau, ich bin gewiß ein Mann von Erziehung, aber da soll der Deubel
+still bleiben, ich sage Ihnen, der Deu — — —«
+
+Da hatte sie ihm schon die Hand auf den Mund gelegt.
+
+»Aber ja, aber natürlich. Nur muß es doch zunächst Herr Heinrich
+erfahren. Das sehen Sie doch ein. Vielleicht kommt er heute abend schon
+zurück; dann können Sie morgen, wenn Sie wollen, die Fahnen zum Haus
+herausstecken.«
+
+»Tu’ ich auch,« murmelte der alte Herr und marschierte aufgeregt im
+Zimmer auf und ab, »tu’ ich auch.« Und immer wiederholte er leise
+frohlockend, schmeichelnd, streichelnd: »Ein Stammhalter ... ein
+Stammhalter.«
+
+Plötzlich kehrte er zum Tisch zurück, stand kerzengerade, faßte sein
+Glas und leerte es auf einen Zug.
+
+»Das war für Frau Margot, die liebe ... liebe ... Frau Margot.«
+
+Der rüstigen Greisin standen lachende Tränen in den Augen.
+
+»Nun aber genug. Habt ihr Männer denn gar kein Zartgefühl? Bedenken Sie
+doch, wenn eine Frau gewissermaßen große Gesellschaftsdame gewesen ist,
+und überdies fünfundvierzig, die man ihr zwar nicht ansieht —«
+
+»Ach was,« fiel Herr Friedrich Leopold lebhaft ein. »Große
+Gesellschaftsdame! Fünfundvierzig! Ein ganz famoses Frauenzimmer ist
+sie, mit der ich Staat machen werde, an der sich unsere Hyperkultur ein
+Beispiel nehmen soll! Meine Großmutter war gut und gern ein halbes
+Dutzend Jahre älter, als mein Vater sich zur Stelle meldete. Das
+nenn’ ich gesunden, rheinischen Schlag. Widersprechen Sie nicht. Ich
+versichere Sie meiner vollsten Unzufriedenheit, Frau Stahl.«
+
+Er ereiferte sich von neuem, rannte strahlenden Auges herum und
+gestikulierte mit den Händen.
+
+»Parbleu, diese Margot, diese — diese — — Nein, das halt’ ich nicht
+aus. Die muß geküßt werden, die muß — —«
+
+Und mit einem Male begann er aus Leibeskräften zu rufen.
+
+»Margot! — — Margot! — —«
+
+Da riß der alten Frau die Geduld.
+
+»Wenn Sie nicht augenblicklich Ruhe geben, Herr von Springe, so sag’
+ich Ihnen schlankweg, daß ich Ihnen ein Märchen aufgebunden habe, und
+Frau Margot wird Ihnen dasselbe sagen. Was wollen Sie dann machen?«
+
+Das leuchtete Herrn Friedrich Leopold ein, und ganz beschämt strich er
+die Segel bei.
+
+»Liebe Frau Stahl,« bat er flehentlich, »aber sehen möcht’ ich sie nur,
+bloß sehen und mich an ihr freuen. Das werden Sie mir doch zugestehen
+können? Ich will ja kein Sterbenswörtchen verlauten lassen.«
+
+Damit erklärte sich Frau Stahl einverstanden, nachdem sie ihm noch
+einmal »Zartgefühl« eingeschärft hatte.
+
+»Ich will nur schnell den Abendtisch richten,« sagte sie, »dann ruf’
+ich sie.«
+
+Dem alten Herrn ging heute das Anrichten nicht schnell genug. Er sah
+sich veranlaßt, verschiedentlich in die Küche hineinzugucken und in
+zarten Worten seinem Mißfallen Ausdruck zu verleihen.
+
+»Frau Stahl, Frau Stahl, sonst sind Sie doch immer die Jüngste — —«
+
+Endlich ging sie, Frau Margot zum Tee zu bitten; und nun wäre ihr Herr
+Friedrich Leopold am liebsten nachgelaufen, um sie zum Bleiben zu
+bewegen. Denn er wußte absolut nicht, wie er sich nur benehmen sollte.
+
+Da öffnete sich die Tür, und Frau Margot schlüpfte herein, weich und
+schmiegsam, lustig und lachend. Vom Scheitel bis zur Sohle ganz die
+Frau, die im zweiten Frühling ungeahnt emporgeblüht ist und jede
+Zeitrechnung Lügen straft. »Guten Abend, Papachen! Schachpartie zu
+Ende? Du Ärmster, hat dich Frau Stahl matt gesetzt?«
+
+»Mein Kind,« antwortete Herr Friedrich Leopold mit Haltung und bot ihr
+den Arm wie einer Fürstin, »Unglück im Spiel — Glück in der Liebe.«
+
+Sie saßen um den Teetisch herum und plauderten. Keiner verspürte rechte
+Lust, ordnungsgemäß zuzulangen. Frau Margot war mit ihren Gedanken
+immer wieder in Berlin, und immer wieder nannte sie den Namen ihres
+Gatten.
+
+»Nun ist er fast eine Woche fort, eine ganze Woche, der Herumtreiber.
+Wenn er nur nicht mit Hannes durchgegangen ist! Pst, nicht in Schutz
+nehmen, Papachen! Die Liebe zu den Stahls liegt den Springes im Blut.
+Aha, jetzt wirst du rot. So ist’s recht, immer hübsch Farbe bekennen!«
+
+Der alte Junker warf Frau Stahl einen schadenfrohen Blick zu.
+
+»Das ist also, was die Damen ›Zartgefühl‹ nennen. Das muß für spätere
+Fälle festgestellt werden.«
+
+Frau Stahl machte ihm heftige Zeichen mit dem Kopf. Sie traute dem
+Landfrieden nicht.
+
+Aber Frau Margot war bereits wieder bei ihrem alten Thema. »Von Hannes
+hat Heinz spaltenlange Berichte geschickt. Und die Kritiken erst!
+Nein, das Mädel ist auch zu einzig. Hätt’ ich es doch hier, das liebe,
+liebe Ding — — Ich hab’ immer eine Sehnsucht danach, das ist nicht zu
+beschreiben. Gott, was mag nur mein armer Junge anstellen — —«
+
+»Schreibt denn Heinrich nichts Neues von Hans?«
+
+»O doch. Er ist täglich mit ihm zusammen. Der arme Kerl lebte seit
+einiger Zeit ganz außer Verkehr, schreibt Heinz, aber er hätte doch die
+alten Spuren in ihm wieder aufgedeckt und viel von der warmen Seele
+wiedergefunden, die der Junge früher in so reichem Maße besaß. Weißt
+du, Papa, ich mache mir seit langem schon die trübsten Vorwürfe, daß
+ich ihm früher nicht genug Mutter, oder doch nicht genug mütterliche
+Kameradin war.«
+
+»Gold gehört ins Feuer, wenn es geläutert werden soll,« bestimmte
+Friedrich Leopold. »Und der Junge ist Gold, verlaß dich darauf. Ich
+habe auch nicht die Spur Angst.«
+
+»Ja,« meinte Frau Margot sinnend, »du bist auch nicht seine Mutter.«
+
+Da schwieg der alte Herr sinnend. Das Wort Mutter hatte seit einer
+Stunde für ihn einen besonders heiligen Klang.
+
+»Ach, Großmutter Stahl,« sagte Frau Margot und spann träumerisch ihre
+Gedanken weiter, »Hans und Hannes — —. Unsere schönen Pläne — —. Nun
+sind wir hier, und der ist da, und der ist dort. Warum —?«
+
+Die Greisin antwortete nicht. Sie blickte finster vor sich hin.
+
+»Sie haben Hans nicht verziehen?«
+
+»Nein.«
+
+»Aber wenn er heimkommt — Heinz schrieb mir, daß er ihn überreden würde
+— Sie werden mir helfen und ihm auch helfen. Die Jugend glaubt ja doch,
+sie müsse sich erst immer Kämpfe schaffen, sonst sei das Glück nichts
+wert.«
+
+»Wir wollen warten, bis er da ist, Frau Margot. Vielleicht bedankt er
+sich wieder einmal für unseren guten Willen.«
+
+Es klingelte an der Korridortür. Frau Margot erhob sich sofort, um
+nachzusehen. Als sie zurückkam, hielt sie ein Briefchen in der Hand.
+
+»Von Heinz,« sagte sie erregt und brach das Kuvert auf, »ein Dienstmann
+brachte es vom Bahnhof.«
+
+»Heinrich ist angekommen?« rief der Senior so freudig, als ob der Sohn
+eine Weltumsegelung bestanden hätte. Frau Margots Augen überflogen
+hastig das Billett. Dann klärten sich ihre gespannten Züge, ihre Lippen
+lächelten, und sie mußte die Augen schließen, um sich zu sammeln.
+
+»Nicht allein Heinz,« sagte sie mit zuckendem Munde. »Er hat sein Wort
+eingelöst, der treue Mann. Er bringt mir meinen Jungen zurück. Soeben
+sind sie in Düsseldorf angekommen.«
+
+»Und noch nicht hier?« rief Herr Friedrich Leopold. »Ja da soll doch
+gleich! Müssen die denn zunächst =stante pede= irgendwo einen Schoppen
+machen?«
+
+»Nein, nein, Papa, wo denkst du denn hin? Hans ist nicht ganz auf dem
+Posten gewesen in den letzten Tagen, schreibt Heinz, und nun möchte er
+sich nicht als Halbkranker präsentieren. Mein eitler Junge! Und Heinz
+ist mit ihm nach der Grafenbergerchaussee gefahren und liefert ihn in
+seinem Knabenstübchen ab. In seinem Knabenstübchen — —. Möge er dort,
+in der ersten Nacht unter dem heimatlichen Dache, finden, was ihm not
+tut: das Vergessen und — das Erinnern.«
+
+Nie zuvor hatte Frau Margot ihr mütterliches Gefühl so stark ausströmen
+gefühlt.
+
+»Ich glaube, heute bin ich ~wirklich~ glücklich,« sagte sie, und ihre
+Augen sahen in die Weite.
+
+Herr Friedrich Leopold legte den Arm um ihre Taille und führte sie zum
+Kaminsitz, mit der zärtlichen Sorge, mit der man ein Kind geleitet. Wie
+schön, wie wohltuend das war. Sie streichelte ihm dankbar die Wange.
+
+»Wie gut du bist, Papachen — —.«
+
+Und der alte Herr, ganz überwältigt von den vielen Eindrücken des
+Abends, stotterte: »Ach was, Margot, gut — —! Lieb hab’ ich dich,
+Töchterchen, lieb, ganz furchtbar lieb. So lieb, daß ich gleich Hurra!
+schreien möcht’. Und überhaupt, wenn der Heinrich kommt — ach Gott, der
+glückliche Bengel! Du bist nun doch einmal ein Prachtweib, und nun,
+bitte — nun gib mir einen Kuß!«
+
+Sie sah ein wenig scheu und errötend zu Frau Stahl hinüber. Aber als
+die Vertraute des Hauses gleichmütig fortfuhr, den Tisch abzuräumen,
+umfaßte sie schnell den schneeweißen Kopf, der dem des Gatten so
+ähnlich sah, und küßte ihn zu wiederholten Malen auf den Mund.
+
+»So! Bist du jetzt zufrieden, Papa? Ihr seid doch Schwerenöters, ihr
+Springes, Vater wie Sohn.«
+
+Und sie lachte glücklich in sich hinein, und der alte fröhliche Herr
+tat desgleichen.
+
+Dann saßen sie, Herr Friedrich Leopold, Frau Margot und Großmutter
+Stahl, vor dem Kamin und gaben ihren Gedanken Audienz. Ein jeder still
+für sich. Ein jeder dachte sich eine Welt. Und doch war der Kreis ihrer
+Gedanken so eng umsponnen, daß sie sich alle darin wiederfanden.
+
+Die Lampe surrte, und die Holzscheite knisterten in hellen Funken auf,
+die lustige Reigentänze vollführten. —
+
+Es mochte wohl eine halbe Stunde vergangen sein, da fuhr Frau Margot
+auf.
+
+»Heinrich!«
+
+Aber Frau Stahl war schon fort, um zu öffnen.
+
+»Heinz! Heinz!« und sie lag an seiner Brust, glückstrahlend wie ein
+junges Mädchen.
+
+»Bummler!« lachte sie, »Ausreißer, unverbesserlicher Junggeselle!
+Warte, ich werde dir die Leviten lesen, daß du dich wundern sollst!
+Acht Tage — —! Acht Tage — — Und nun unterschlägt er mir auch noch den
+Jungen.«
+
+»Wenn du meinen Mund nicht freigibst ...«
+
+Sie ließ ihn in ihrer Freude nicht zu Worte kommen. Alle Fragen, die
+sie erwartungsvoll im Herzen getragen hatte, drängten sich auf ihre
+Lippen und überholten sich.
+
+»Was ist das mit Hans? Weshalb kommt er nicht zuerst zur Mutter? Du,
+so sag doch, wie er aussieht? Ich bin ja so froh, daß er da ist. So
+froh! Mach nicht solch ein liebes, dummes Gesicht. Natürlich freu’ ich
+mich auch über dich. Doch, doch! Aber wenn der Hans krank ist — du, ich
+möchte hin, sogleich. Ach Gott, wenn der Mann doch endlich sprechen
+wollte!«
+
+Nun war es an ihm, ihr die Hände auf die Lippen zu legen.
+
+»Was ist das für ein Empfang? Wie? Existiere ich gar nicht mehr? Ja,
+ja, gewiß, ich kusche schon. Also der Hans! Der ist in der alten
+Wohnung. Und da laß ihn heute abend allein, du liebste Frau und
+Mutter. Er ist noch ein bißchen herunter und möchte sich erst — hm —
+zurechtfinden. Verstehst du das? Bei einem Mann? Na, ja, ich wußte
+es. Morgen mit dem frühesten ist er bei dir. Und wenn ihr mich jetzt
+verhungern lassen wollt, kann ich nachher nicht weiterreden.«
+
+Er hatte sie um die Taille gefaßt und schwenkte sie lachend durch die
+Luft wie einen Kreisel.
+
+Herr Gott, dachte Herr Friedrich Leopold, wo bleibt denn die große
+Gesellschaftsdame?
+
+Aber dann zupfte er seinen Junior am Rock, und als sich der Racker
+durchaus nicht stören lassen wollte, zupfte er energischer und ruckte
+mißbilligend mit dem Kopf.
+
+»Margot, Margot,« rief Heinrich Springe, »nun schau dir doch um alles
+in der Welt mal diesen schamhaften alten Herrn an. Oder — du — er ist
+eifersüchtig!«
+
+»Er weiß eben noch nichts; er hat eben auch nicht die geringste
+Ahnung,« sagte Herr Friedrich Leopold weise zu Frau Stahl. »Dieser
+große Kindskopf. Es ist unglaublich.« — —
+
+Frau Margot sorgte, daß für den Gatten noch einmal aufgetischt wurde.
+Als er abgespeist hatte, saß die ganze Gesellschaft wieder um den
+Kamin herum, und Springe berichtete. »Den Hans, den hätten wir hier.
+Ein bißchen erkältet zwar, auch seelisch, aber ich vertrau’ auf euch
+Frauen. Mit Kamillentee wird’s nicht allein zu machen sein, aber
+ihr habt ja auch noch andere Heilmethoden, wie den Magnetismus, das
+Handauflegen. Gerade das Handauflegen — so eine liebe, stille und doch
+vielsagende Frauenhand — —. Aber wem sag’ ich das! Was wir Männer mit
+dem Seziermesser suchen, das findet ihr Frauen mit dem Instinkt!«
+
+»Und ~deine~ Meinung, Heinrich?«
+
+Er strich der Gattin über das ängstlich zu ihm aufschauende Gesicht.
+»Heimweh an den Rhein,« resümierte er kurz.
+
+Da atmete sie tief auf und drückte ihm dankbar die Hand.
+
+»Denkst du noch an den Abend, als wir uns verlobten? Dort drüben auf
+der Veranda? Ich hatte nur ~eine~ Bedingung zu stellen: Mach mir auch
+den Hans glücklich. Dann fehlte mir nichts mehr, um auch an mich zu
+denken.«
+
+»Und an mich nicht?« fragte Heinrich Springe schalkhaft.
+
+»O, du bester Mensch, wenn ich an mich denke, so heißt das doch: an
+dich.«
+
+Da konnte sich der Ehemann nicht enthalten. Er mußte sich erheben
+und trotz der Zuschauer Frau Margot in die Arme nehmen und eine
+Familienszene absolvieren. Wieder stand Herr Friedrich Leopold hinter
+ihm, und als der Junior den Kopf hob, rieb sich der Senior vor Freude
+die Hände und nickte ihm mit weitaufgerissenen, leuchtenden Äuglein
+heftig zu, als wollte er sagen: »Ich gratuliere, ich gratuliere.« Aber
+er sagte keinen Ton. Der Junge machte ein zu dämliches Gesicht.
+
+Und nun wandte sich Heinrich Springe zu der Greisin und nahm ihre
+Hände und berichtete von Hannes. Wunderdinge! Wie ihr die vornehmsten
+Menschen der Reichshauptstadt und selbst die Damen vom Hof zugejubelt
+hätten, ohne Aufhören, zehnmal, zwanzigmal. Und wie sie ausgesehen
+hätte. Noch viel schöner und vornehmer als die ganze vornehme Umgebung.
+»So echt und recht Stahlsch,« sagte Herr Heinrich mit einer Verbeugung.
+Und gesungen hätte das Mädel, gesungen! »Wie nur ein Menschenkind
+singen kann, das über seine Schönheit hinaus eine gewaltige Gottesseele
+besitzt.«
+
+In den Augen der Greisin zitterte ein Licht, und es wurde, je weiter
+der Mann da vor ihr sprach, ein stolzes Licht, und sie bewegte unhörbar
+die Lippen. Sie gedachte wohl der Tochter, die ihr Mutterglück draußen
+auf dem Goltzheimer Friedhof verschlafen mußte, und des einsamen
+Mannes, der bei Spichern lag, und segnete sie um ihrer Liebe willen.
+
+»Grüße hat mir das Mädel aufgetragen,« schloß Herr Heinrich, »Grüße,
+damit würd’ ich bis morgen nicht fertig. Aber das Beste ist doch: in
+sechs Wochen haben wir sie hier, und bis zum Winter sollen wir sie
+behalten.«
+
+Frau Margot empfand beinahe eine mütterliche Eifersuchtsregung. »Und
+Hans?« fragte sie hastig. »Wie lange werden wir Hans haben?«
+
+»Wenn er sich wiederfindet — für immer. Und wie sollte er nicht, unter
+den guten Augen einer solchen Mutter!«
+
+»Glaubst du wirklich, daß er wieder heimisch werden könnte — —?«
+
+»Die Guttaten der Heimat werden den hartgewordenen Sinn weich und gütig
+machen.«
+
+»Du weißt nicht, was er unter gut versteht,« sagte sie nachdenklich.
+»Er ist so eigenartig — — der arme Junge.«
+
+Da aber legte sich Herr Friedrich Leopold ins Mittel.
+
+»Darüber kann es nur eine einzige Auffassung geben,« versicherte er
+aufs bestimmteste, »ebenso wie es nur einen einzigen Philosophen gibt,
+der, weil unwiderlegbar, die allgemeinste Anerkennung besitzen muß. Wie
+sagt also dieser einzige Philosoph? Er sagt:
+
+ ›Das Gute, dieser Satz steht fest,
+ Ist stets das Böse, das man läßt.‹
+
+Wonach sich zu richten. Gute Nacht.«
+
+Und heiteren Gemütes trennte man sich. —
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Achtes Kapitel
+
+
+Hans Steinherr war in seinem Knabenzimmer aufgewacht. Es dauerte lange,
+bis er sich in die Situation, in die Umgebung hineinfand. Er lag in
+den weichen Kissen, in denen er acht Stunden ununterbrochen und fest
+geschlafen hatte, und ließ die fragenden Blicke an den Wänden des
+Zimmers umherwandern, vom Plafond bis zum Fußboden, und vom Fußboden
+zurück zu der gemalten Decke, die ihm so bekannt erschien.
+
+Langsam wachte das Bewußtsein auf.
+
+Er war zu Hause. — —
+
+Das erste Gefühl, das er empfand, war das Gefühl des Geborgenseins.
+
+Das Gefühl des Kindes, das in dem elterlichen Hause eine uneinnehmbare
+Festung erblickt.
+
+Und er schloß die Augen und schlief ruhig weiter. Unbesorgt um den Tag.
+
+Dann fuhr er auf.
+
+Ein Gedanke hatte sich in seinen Traum hineingebohrt. Der Gedanke, daß
+er seine Mutter noch nicht begrüßt hatte.
+
+Er wollte aufspringen und sich ankleiden. Dann zögerte er und blieb.
+
+Ach ja, er würde sie ja nicht im Hause finden. Daß er das vergessen
+hatte — —.
+
+Dieses Haus gehörte jetzt ihm allein; aber die Mutter — gehörte nicht
+mehr ihm allein.
+
+Es hatte sich eben vieles verändert, während er in der Fremde gewesen
+war. Er selbst hatte sich ja auch verändert, weshalb da die anderen
+nicht? Aber die anderen hatten dadurch gewonnen, und er —?
+
+Die kinderselige Stimmung war verflogen. Er lag ausgestreckt in den
+Kissen und starrte in das Zimmer wie in ein Unbekanntes. Er bemühte
+sich, den Zweck der Heimreise zu ergründen, und zwang sich Bettinas
+Bild vor die Augen. Aber das Bild ließ ihn kalt, zu kalt, um ihn
+heimgetrieben zu haben. Es mußte ein stärkeres gewesen sein.
+
+Die Heimat selbst? — Es dämmerte in ihm auf, daß er auch mit der Heimat
+die Fühlung verloren haben würde. Sie wußte nichts von seinem Leben,
+und er nichts mehr von ihrem. Er war ja allen so fremd geworden,
+Menschen und Dingen. Und mit bitterem Lächeln gestand er sich: Es wird
+wieder eine Illusion gewesen sein, der du voreilig nachgegeben hast;
+eine Illusion, wie so viele schon in deinem Leben.
+
+Er lag ganz still und wartete, ob etwas antworten würde, von außen oder
+in seinem Innern. Aber er hörte nur die Taschenuhr auf dem Tischchen
+neben sich ticken, und er sagte sich: Nun, wenigstens die Zeit läuft um.
+
+Stunde auf Stunde verging, und er konnte sich nicht entschließen,
+aufzustehen. Ihn beherrschte das lastende Empfinden, als habe er
+nichts, so gar nichts zu versäumen.
+
+Dann vernahm er die Hausuhr, deren glockentiefen Klang er als Knabe so
+geliebt hatte. Er zählte aufmerksam ihre Schläge nach. Zehn Uhr! Was
+half’s, für heute mußte er nachgeben.
+
+Die Frische, die er beim Erwachen verspürt hatte, war gewichen. Mit
+müden Bewegungen kleidete er sich an, und als er fertig war, dachte
+er: Was nun? Er würde sich wohl zunächst zum Frühstückszimmer begeben
+müssen ...
+
+Die Hausverwalterin war eine würdige Matrone. Sie war früher schon im
+Hause bedienstet gewesen und kannte die Eigenheiten der Familie. Als
+Hans in das Zimmer eintrat, fand er den Tisch gedeckt, mit Düsseldorfer
+Bäckereien versehen, Butter und Gelee bereit gestellt und die
+Kaffeemaschine lustig brodeln. Die Alte mußte an seiner Tür gehorcht
+haben, um pünktlich zur Minute aufwarten zu können.
+
+Diese kleine, vertrauliche Aufmerksamkeit tat ihm doch wohler, als
+er es für möglich gehalten hätte. Während er sich niederließ und das
+Abkühlen des Kaffees abwartete, tönten in ihm feine, zage Stimmchen
+eines uneingestandenen Behagens. Da lagen auch die Morgenzeitungen,
+sauber zusammengefaltet, neben seinem Gedeck. Lächelnd griff er danach.
+Was sollte ihm der Moniteur der Provinzstadt zu sagen haben? Zuerst
+las er die hohe Politik, Zeile für Zeile, ohne sich viel Neues dabei
+denken zu können. Aber allmählich wurde das Interesse selbsttätiger,
+als er über die Lokalereignisse geraten war. Er las im Kunstbericht
+über eine große Aufführung der Nibelungentrilogie in der Oper, mit
+den besten Kräften aus aller Welt. Und staunend las er unter der
+Rubrik »Städtische Angelegenheiten« von den riesigen Projekten, die in
+der Durchführung begriffen waren, dem gewaltigen Bau einer zweiten,
+festen Rheinbrücke, der Zuschüttung des alten Sicherheitshafens,
+den in Angriff genommenen mächtigen Hafen- und Werftanlagen, die
+in wenigen Jahren beendet sein sollten und das alte Düsseldorf zur
+stolzen, gleichwertigen Rivalin des hochgemuten Köln machen würden.
+Zufällig traf in einer Notiz sein Auge die Einwohnerziffer. Die
+stille Gartenstadt, die Oase am Niederrhein, marschierte rüstig
+auf die Viertelmillion zu. In weniger als zehn Jahren hatte sie
+ihre Einwohnerzahl auf das Doppelte vermehrt. Da lag Gesundheit und
+Fruchtbarkeit im Boden. Das war gesegnetes Land.
+
+Der Kaffee war ihm über dem Studium kalt geworden, aber er schmeckte
+ihm auch so. Und das Schwarzbrot, dies einzig in der Welt existierende
+bergisch-märkische Schwarzbrot, und der weiße, lockere »Bauernplatz«!
+Er aß, als ob er ausgehungert wäre, und hatte doch vor einer halben
+Stunde nicht den geringsten Appetit verspürt. Schlaf, Appetit —
+aha, die Heimatsluft meldete sich doch. Und mit der Heimatsluft die
+Heimatslust. Die Kunde, die er da aus dem Anzeiger schöpfte, von dem
+Vormarsch Düsseldorfs, von dem Blühen und Wachsen der Stadt, berührte
+direkt sein vaterstädtisches Herz, das er im Lärm der Metropolen
+verloren zu haben glaubte, und er murmelte wie ein Alteingesessener:
+»Hoho, hinter den Bergen wohnen auch noch Leute!«
+
+Was mochte die edle Malkunst angeben? Den großen Worten Hüsgens traute
+er nicht recht. Aber nun war er ja selbst am Platz und würde sich
+schon unterrichten. An Zeit fehlte es ihm ja nicht — ah, an Zeit! Und
+wieder kroch die Beklommenheit heran und legte sich von neuem auf die
+frischgesproßten Triebe wie ein Rauhreif.
+
+Er nahm Hut und Mantel, ging langsam die Treppen hinab, um die
+Haushälterin zu begrüßen und die unumgänglichen Anordnungen zu treffen,
+und benutzte die Hintertür, um einen kurzen Umweg durch den Garten zu
+machen. Der Gärtner hatte schon vorgearbeitet, Bäume, Büsche und Ranken
+waren beschnitten und die Wege ausgeharkt und mit bläulich schimmerndem
+Rheinkies bestreut. Aber die Kahlheit, der Mangel an Farbe und Leben
+ließ ihn frösteln, die dürre Laube, in der er einst, als die Blätter
+rauschten, Hannes wiedergesehen hatte, maß er mit großem, erschrockenem
+Blick, und er eilte, die Straße zu gewinnen.
+
+Viele Leute sah er an den Fenstern und vor den Häusern, und er brauchte
+sich nicht auf die Namen zu besinnen. Aber es war keiner, der ihn
+wiedererkannt hätte. Man hatte ihn nicht vermißt und wußte vielleicht
+nicht einmal mehr, daß der alte Philipp Steinherr einen Sohn besessen
+hatte. Wodurch auch? Er hatte es ja nicht für nötig befunden, sich in
+der Erinnerung zu halten, weder durch einen Wunsch, noch durch eine Tat.
+
+Und dennoch wurde er das Gefühl nicht los, daß man ihn mit
+Aufmerksamkeit betrachtete, mit einer Aufmerksamkeit, der ein
+spöttisches Lächeln beigemischt wäre. Er wußte ganz genau, daß er es
+mit einer Einbildung zu tun hatte, und trotzdem konnte er sich nicht
+von ihr befreien und wanderte mit niedergeschlagenen Augen durch die
+Straßen der Vaterstadt wie ein Mensch, der sich eines Unrechts bewußt
+ist. Den Weg zur Immermannstraße hatte er gedankenlos eingeschlagen,
+und ebenso gedankenlos blieb er stehen und wunderte sich, daß er sich
+vor der Wohnung Springes befand.
+
+Wie ein blinder Gaul, der seine alte Tränke wiedererkennt, sagte er
+sich.
+
+Dann schritt er mit einer Eile hinauf, als käme er dadurch schneller
+über den Moment des Wiedersehens hinweg.
+
+Er brauchte nicht zu klingeln. Frau Margot hatte ihn schon seit dem
+frühen Morgen am Fenster erwartet und stand jetzt auf dem obersten
+Treppenabsatz, um ihn als erste in Empfang zu nehmen.
+
+»Mutter!« stammelte er, als sie hastig die Arme um seinen Hals legte
+und ihn in ihr Zimmer zog.
+
+Frau Margot konnte nicht sprechen. Sie klopfte nur immer wieder seine
+schmalen Wangen, strich ihm das Haar zurecht, drückte seinen Kopf an
+ihre Schulter und küßte ihn auf den Scheitel. Sie saßen sich gegenüber,
+und noch einmal sagte er leise: »Mutter,« legte seinen Kopf in ihren
+Schoß und seine Lippen auf ihre Hände.
+
+So hatte er sich das Wiedersehen nicht ausgemalt, so nicht. Diese
+schweigende Liebe, diese stumme, mitfühlende Rücksichtnahme traf ihn
+tief. Er fühlte sich mehr denn je aus den Gleisen geschleudert.
+
+Allmählich sammelte er sich, und er brachte es über sich, aufzublicken
+und die Mutter mit einem herzlichen Lächeln anzuschauen. Das Lächeln
+aber fand den lange vorbereiteten Widerschein.
+
+»Mein lieber Junge, da bist du ja wieder. Also ganz vergessen hattest
+du mich doch nicht!«
+
+»Nein, Mama, dich nicht.«
+
+»Wie männlich, wie stattlich du geworden bist!«
+
+»Und wie du jung geblieben bist, Mama. Du hast dich so gar nicht
+verändert.«
+
+»O doch,« sagte sie, und eine geheime Freude vibrierte in dem Ton. »Du
+wirst mich auslachen, wegen meiner Eitelkeit, aber — aber — ich bin
+noch jünger geworden.«
+
+Die Worte hatten einen so vollen, tiefen Klang gehabt. Sie benahmen
+dem Heimgekehrten jedes Grübeln, jede Frage. Er wußte jetzt, daß er
+eine glückliche Frau vor sich hatte, eine glückliche Gattin, und —
+wenigstens heute, in dem Augenblick, da sie das Gesicht des Sohnes
+wiedersah — eine glückliche Mutter. Nur war sie auch eine glückliche
+Frau und glückliche Gattin gewesen die Jahre hindurch, die er fern von
+ihr verbracht hatte! Wenn er morgen wieder ging — ob er wirklich eine
+Lücke hinterließe?
+
+Da waren die Zweifel wieder, die ihn von jedem Auskosten des Genusses
+zurückschreckten.
+
+Nein, er würde keine Lücke hinterlassen. Im Gegenteil, er war doch,
+bei Licht und mit vernünftiger Erwägung betrachtet, ein störendes
+Element in diesem Hause der Fröhlichkeit. Man hatte zu viel Zartgefühl,
+um ihn das merken zu lassen. Aber das liebe bißchen Sentimentalität
+beiseite geschoben, und im Grunde verhielt es sich so. Nur keine
+Selbstüberhebung mehr, nur nicht den anmaßlichen Glauben, als sei er,
+nah oder fern, die Angel der Familie! Welcher Familie denn? Hier gab es
+nur eine Familie Springe.
+
+Das alles zog ihm ruhig und geordnet durch den Kopf und gab ihm die
+höfliche Haltung eines Mannes, der für jede erwiesene Freundlichkeit
+ein dankbares Empfinden besitzt, ohne ihre Äußerungen als
+selbstverständlichen Tribut beanspruchen und herbeiführen zu wollen.
+
+»Ist Heinrich zu Hause?« fragte er, und im gleichen Moment suchte er
+sich zu verbessern. »Entschuldige, Mama,« sagte er verwirrt, »das — das
+sollte natürlich keine Achtungsverletzung dir gegenüber sein. Die — die
+alte Gewohnheit brach durch. Wünschest du, daß ich ihn Vater nenne?«
+
+»Großer Dummkopf,« lachte sie errötend, »bist du denn ein Baby? Mir ist
+nichts lieber, als daß er dein Freund ist, nichts als dein Freund. Gibt
+es denn etwas Schöneres unter Männern?«
+
+Er betrachtete sie still, und nun wurde auch er gewahr, daß sie jünger
+schien als vor Jahren, daß in ihren Augen ein mädchenhafter Glanz lag
+und über ihre Züge eine weiche Hand geglitten war. Zum ersten Male
+überkam ihn eine innere, selbstlose Mitfreude, und er nahm ihre Hände
+zärtlich zwischen die seinen.
+
+»Ich gratuliere dir zu allem, Mama.«
+
+Da löste sie rasch ihre Hände, zog ihn fest an sich und atmete dabei
+tief, wie von einem Alpdruck befreit.
+
+»Danke dir, mein Junge, danke dir ...«
+
+»Soll ich jetzt Heinrich begrüßen?« fragte er nach einer Weile.
+
+»Er ist fortgegangen. Er meinte, er hielte es sonst doch nicht aus und
+würde uns in die weichste Stimmung hineinprasseln. Da hat er sich vor
+sich selber in Sicherheit gebracht.«
+
+Sie sahen sich lächelnd an. Nun war auch der Gatte und Freund in ihren
+Kreis einbezogen.
+
+»Erzähle mir von dir, Hans! Mich interessiert alles, was du erlebt
+hast. Nein, nein, du brauchst keine angstvollen Augen zu machen, ich
+will dich nicht inquirieren. Erzähle mir nur Heiteres, was dich freut.«
+
+»Ich habe nichts Heiteres erlebt, liebe Mutter. Was soll ich da erst
+berichten!«
+
+»Du warst krank, armer Junge? Heinrich hat es mir von Berlin aus
+geschrieben.«
+
+»Krank? Ach ja, ganz recht, ich war auch krank. Ich muß die Krankheit
+schon lange in mir gehabt haben.«
+
+»Aber nun ist sie gehoben, Hans; du fühlst dich wieder gesund —?«
+
+»Rekonvaleszentenstimmung, Mama, nicht schwarz, aber auch nicht
+übermäßig farbig. Es wird sich schon klären.«
+
+»Du solltest zu uns ziehen, Hans,« drängte sie sanft, »wenigstens auf
+ein paar Monate, bis du dich eingelebt hast. Ich möchte dich so gern
+pflegen.«
+
+»Du würdest mich ja nur aufs neue verzärteln, liebe Mama.«
+
+»Wenn auch. Hast du denn nur schon gemerkt, daß hier eine ganz
+besondere Luft weht, mein ernster Junge? Eine Luft, in der man gar
+nicht anders kann, als fröhlich sein und lachen?«
+
+»Man kann auch mit traurigem Herzen lachen.«
+
+»Hier nicht, hier ganz gewiß nicht,« versicherte Frau Margot lebhaft.
+»Und in sechs Wochen käme eine neue Pflegerin hinzu, oder — vielleicht
+— eine halbe Patientin.«
+
+»Von wem sprichst du, Mama?«
+
+»Von Johanna. Von Hannes. Freut es dich nicht, deine kleine
+Jugendfreundin wiederzusehen?«
+
+»Ob es ~mich~ freut? Darauf wird’s wohl nicht zuerst ankommen. Ob es
+~sie~ freuen wird, Mama, das ist die richtige Frage. Und ich fürchte
+fast — doch wozu sich darüber heute schon den Kopf zerbrechen!«
+
+»Du möchtest also nicht zu uns ziehen, Hans? Da draußen wird es dir
+bald einsam werden.«
+
+»Ich bin ein Einsamkeitsmensch, Mama. Habe Geduld mit mir, und ich will
+dir dankbar sein.«
+
+Sie ~wollte~ Geduld haben; so unendlich viel Geduld ... Seit ihr
+in der Nacht Heinrich Springe in kurzen, scharfen Umrissen Bild
+für Bild aus dem Leben des Sohnes gezeichnet hatte, glaubte sie
+manches Gleichlautende in ihrem und Hans’ Charakter und damit manche
+Wiederholung von Kämpfen und Schicksalen erkannt zu haben. In der
+Erziehung war es versäumt worden. Die Jahre der Jugend hatten ihn nicht
+mit dem nötigen Fonds an rheinischer Frische und Elastizität ausstatten
+können, weil er daheim im Vater nur den rastlos drauf los arbeitenden
+Geschäftsmann, in der Mutter die vielbeschäftigte oder die ausruhende
+Weltdame, die für das begehrliche Knabenherzchen wenig Zeit erübrigen
+konnte, erblickt hatte.
+
+Und in Frau Margots Phantasie verschoben sich die Maßstäbe, und sie
+war geneigt, alle Schuld sich selbst zuzuschreiben und nun den Dingen,
+wie sie geworden waren und deren Vorentwicklung in der Knabenseele sie
+nicht rechtzeitig gesteuert hatte, das Geringe entgegenzusetzen, das
+ihr blieb: die unendliche Geduld.
+
+»Mama,« sagte Hans, »du quälst dich, ich seh’ es dir an. Du hast ja gar
+keine Ursache.«
+
+»Doch, doch; du verstehst das nicht.«
+
+»Ich verstehe es schon, Mama. Was in und außer mir fehlgeschlagen ist,
+das mußte kommen, weil der Grundfehler in mir selber lag. Ich hatte
+immer nur Träume, sprunghafte Gedanken, die jeden Schein, der mir
+fremd geblieben war und mir deshalb im ersten Augenblick imponierte,
+schleunigst zu einem neuen Erfahrungssatz stempelten. Mir fehlte die
+Sammlung, Mama, und die Freude, anderen wie mir eine Freude zu machen;
+und so schwebte ich in der Luft.«
+
+»Ich hätte dir helfen sollen, Hans.«
+
+»So beunruhige dich doch nicht. Es gibt für jeden Menschen einen
+Zeitpunkt, an dem er Farbe bekennen muß, was denn eigentlich an ihm
+ist. Ganz nach Ausfall dieses Examens richtet sich die eigentliche
+Entwicklung. Wer hier den Anschluß verpaßt, aus Leichtsinn, Trägheit
+oder Überhebung, der bekommt seinen Stempel für das ganze Leben. Davon
+hilft ihm selbst alle für ihn aufgebotene Familienliebe nicht ab.«
+
+Er strich freundlich über ihre Hände, als wäre er der Tröster und sie
+das Kind.
+
+»Nun heißt es, sich mit dem empfangenen Stempel auf möglichst
+anständige Weise abfinden.«
+
+Sie hielt seine Hände fest und drückte sie mutig.
+
+»Mein Junge,« sagte sie mit tiefer Überzeugung, »es gibt für jede
+Krankheit eine Heilung. Wir dürfen nur nicht die Krankheit lieb
+gewinnen und den Arzt vorüberlassen, wenn er kommt. Siehst du, wir
+sind erwachsene Menschen, und ich kann es dir sagen, ohne Furcht,
+gegen deinen Vater undankbar zu erscheinen, von dir mißverstanden zu
+werden. Auch ich war krank, lange, sehr lange sogar. Eigentlich bis zu
+dem Tage, an dem Heinrich Springe kam, zum zweiten Male kam. Ich hatte
+ihn als Mädchen gern, und doch habe ich nicht gewartet und habe mich
+anders entschieden, weil auch mir die rechte Sammlung fehlte und ich
+in der Luft schwebte. Weil ich mir angewöhnt hatte, alles nur von mir
+aus zu beleuchten. Und der Rückschlag blieb auch bei mir nicht aus. Es
+gab gar nicht genug Zerstreuungen, um über eine Leere hinwegzukommen.
+Zum Schluß war es doch nur ein Vegetieren in vornehmem Stil. Es war
+reichlich spät, da kam der Arzt. Und ich nahm alle meine Gesundheit
+zusammen und alle meine Erinnerung an die Gesundheit, und diesmal ließ
+ich ihn nicht vorbei und griff zu, als er mir die Hand bot, und weil
+ich das Wollen hatte, riß er mich mit einem Ruck heraus. Ins Leben.«
+
+Sie sah den Sohn strahlend an, und wieder wunderte er sich, wie jung
+sie war.
+
+»Da steh’ ich nun im Leben,« fuhr sie fort, »nicht in dem, was die
+große Welt Leben nennt und was nichts ist als eine Parodie auf das
+Menschentum, sondern in dem Leben, das einem so viel Umarmungen
+zurückgibt, als man ihm bietet. Ach, Hans, ich möchte meine Arme nur
+immer so ausstrecken! Wie viel verlieren wir törichten Menschen doch
+durch die Blasiertheit und Gespreiztheit unseres Wesens!«
+
+»Du mußt sehr glücklich geworden sein, Mama!«
+
+»Weil ich sehe, daß ich im stande bin, andere glücklich zu machen.«
+
+Er verstand sie. Und lächelnd nahm er der Mutter schönes Gesicht in
+seine Hände, sah ihr lange in die Augen und küßte sie auf den Mund.
+
+Ein Vergleich drängte sich ihm auf, ein ganz vager Vergleich, der kaum
+Berührungspunkte besaß, aber selbst an dieses Minimum klammerte er sich
+plötzlich an. Die Mutter mußte ihm antworten können, wenn überhaupt
+einer.
+
+»Glaubst du, Mama, daß eine Frau darüber hinwegkommen kann, wenn sie
+einen Mann geliebt und doch verabschiedet hat?«
+
+»Nein, mein Junge, sie wird es nicht können. In der ersten Zeit bildet
+sie es sich ein. Das Neue schafft ihr Beschäftigung. Aber wenn das Neue
+alt wird und die Beschäftigung ausbleibt, und wenn sich dann, so ganz
+allmählich und zuerst wie zur Zerstreuung, die Erinnerungen einstellen
+— mein alter Hans, die Erinnerungen sind unsere liebsten Freunde, aber
+sie können auch unsere schlimmsten Feinde werden. Wenn sich bei einer
+Frau die Erinnerungen einstellen und erst leise und dann lauter zu
+rufen beginnen: Dies und das war dein und du hast es aus Laune oder
+Feigheit verscherzt, und wenn sie dann kein Mittel sieht, an das alte
+Ende den neuen Anfang zu knüpfen — die Frau wird innerlich alt vor der
+Zeit, und selbst das schöne Wort der Pflichterfüllung kann ihr nur
+äußerlich aufhelfen.«
+
+»Und was soll der Mann tun, der aus Laune oder Feigheit verleugnet
+worden ist?«
+
+»Den Wert der Frau zu erkennen suchen und danach handeln.«
+
+»Es gibt also doch Unterschiede?«
+
+»Frauen können wie Kinder den Weg verfehlen; dann gebührt ihnen immer
+noch Liebe und Nachsicht.«
+
+»Und wenn sie es bewußt tun, als fertige Menschen, mit der Berechnung,
+im Wiederholungsfalle nicht anders zu handeln?«
+
+»Mein lieber Hans, über solche Frauen spricht man nicht.«
+
+Des Heimgekehrten Gedanken schweiften noch einmal zurück zu der Stadt,
+die er gestern verlassen hatte. Ȇber solche Frauen spricht man
+nicht.« Hast du es gut verstanden, Bettina? — Ein bitterer Geschmack
+legte sich ihm auf die Zunge, und über sein Gesicht breitete sich die
+Selbstironie. Von Hannes zu Bettina — das war eine Reise gewesen, des
+Schweißes der Edeln wert! »Über solche Frauen spricht man nicht,« tönte
+es laut und hallend in seinem Innern — aber man ~denkt~ auch nicht mehr
+an sie.
+
+Das war Hans Steinherrs letzter Gedanke an Bettina Wittelsbach.
+
+»Mama,« sagte er, und der Versuch, heiter zu erscheinen, gelang
+ihm, »lach mich doch aus, weil ich hier in der schönen Pose des
+Weltschmerzlers vor dir agiere. Und solch ein Beispiel wie dich vor
+Augen! Ist das nicht närrisch?«
+
+»Willst du Herrn von Springe begrüßen?« griff Frau Margot lebhaft die
+Stimmung auf, »und Frau Stahl?«
+
+Der Sohn erhob sich sofort.
+
+»Wenn ich ihnen gelegen komme?«
+
+»Das sind zwei Menschen, denen nie etwas ungelegen kommt,« lachte Frau
+Margot heiter. »Geh nur hinüber. Unterdes werde ich in der Küche
+nachsehen, ob man auch die Ehre des Tags zu würdigen weiß. Heute habe
+ich meines Jungen wegen aber auch alles verbummelt.«
+
+War das seine Mutter? fragte er sich, als er über den Korridor schritt.
+In der Küche wollte sie nachsehen? War das ein Scherz, oder vermischte
+sich bei ihr das Interesse für das geistige und leibliche Wohl ihrer
+Lieben jetzt in eins? Sie ist wirklich eine ~Frau~ geworden, dachte er
+staunend, meine verwöhnte, geistreiche und — so viel gelangweilte Mama,
+eine wirkliche und wahrhaftige Frau ...
+
+Auf sein Klingeln an der Korridortür Herrn Friedrich Leopold von
+Springes wurde nicht sogleich geöffnet. Aber einen Streit vernahm der
+Draußenstehende ganz deutlich, und als er die Worte verstand, wußte er,
+daß er nicht fehlgegangen war.
+
+»Nee, nee, nee, verehrte Frau, sagen Sie das nicht. Die jüngsten Beine
+von uns beiden habe ~ich~!«
+
+»Aber, Herr von Springe, dafür bin ~ich~ doch da.«
+
+Und dann öffneten ihm alle beide. Rechts stand Herr Friedrich Leopold
+in der Hausjoppe, links Frau Stahl in weißer Schürze.
+
+»Der Hans! Der Hans!« schrie Herr Friedrich Leopold und schwenkte an
+hocherhobenem Arm die Hand wie eine Wetterfahne.
+
+»Guten Tag, Herr Doktor,« sagte die Greisin trocken, aber auch in ihrer
+Stimme zitterte etwas.
+
+Der alte Junker hatte den Besucher gleich mit Beschlag belegt. Seinen
+Arm um den des jungen Freundes geschoben, führte er den Heimgekehrten
+im Triumph in seine Burggemächer.
+
+»Ha’, hamm’, ham’ mer dich emol, du Durchgänger? Herr Doktor müssen
+schon verzeihen, daß ich Du sage, aber da ich nun einmal durch Recht
+und Gesetz Ihr Großvater bin, du liebenswürdiger Jüngling du, so
+kannste nix mache. Höchstens — — aber natürlich! Nach alter, deutscher
+Sitte! Wollen zuallererst doch mal Bruderschaft trinken. Wie sagt doch
+Krökel, der Klausner alt und greis? ›Mit Verlaub, ich bin so frei!‹ Das
+soll ein Manneswort sein. Frau Stahl, edle Burgverschließerin, bitte
+ganz ergebenst um eine Flasche Rauentaler Ausbruch.«
+
+»Rheinwein, Herr von Springe? Und so schweres Zeugs?«
+
+»Rheinwein, dem Rheinwein gebührt! Und was ist schwer, wenn zwei
+kräftige Männer das Werk mit Händen anfassen! Notabene, woher wissen
+Sie tugendhafte Frau denn, daß das Zeugs so schwer ist? Sie haben wohl
+mal — ganz heimlich — mit Verlaub, ich bin so frei — —?« und er machte
+die entsprechende Geste.
+
+Als sich Frau Stahl, entrüstet über den Verdacht, in den Keller begab,
+wollte sich Herr Friedrich Leopold totlachen.
+
+»Siehst du, mein Sohn, das mußt du dir für später merken. Das ist
+ein Kniff von mir, mit dem krieg’ ich alles. Nur den lieben Seelen
+insinuieren, als ob sie das Beste für sich behalten wollten. Dann
+kommt die Entrüstung und mit der Entrüstung die verächtlich tuende
+Freigebigkeit. Aber mir schmeckt’s doch.«
+
+Nach fünf Minuten plauderte der alte Herr bereits, als ob sie nie
+getrennt gewesen wären.
+
+»Du,« meinte er zwischendurch geheimnisvoll, »deine Mutter ist eine
+charmante Frau. Weißt du? — —«
+
+Dann brachte Frau Stahl den Wein, und der alte Herr putzte selbst die
+langstengligen Römer aus.
+
+»So, mein Junge, nu mal fix übers Kreuz. So — o —.« Er wischte sich
+den Mund. »Ich heiße Friedrich Leopold. Ach nee, das zieht ja zwischen
+uns beiden nicht. Also ich bin dein Großvater, der dich sehr lieb hat
+und dasselbe von dir beansprucht. Und nun wollen wir mal wie echte
+Kreuzritter gegen den Heiden ziehen.«
+
+»Gegen den Heiden?« wiederholte Hans Steinherr verwundert und ließ sich
+das Glas frisch füllen.
+
+»Hie Buch und Kreuz und Mönchsgebet — sie müssen alle von dannen,«
+variierte der strenggläubige Zecher. »Dieser Rauentaler, dieser Heide,
+hat sich selbst der schmerzlosesten Taufe entzogen. Vertilge ihn,
+vertilge ihn! Er ist reif!«
+
+Er stieß mit Hans an und zwinkerte, verständnisvoll schmunzelnd, mit
+dem Auge.
+
+»Du — die charmante Frau soll leben! Jung’, Jung’, ham’ mer en Freud’!«
+
+Hans verstand zwar nicht recht, weshalb sich der alte Herr gerade
+heute so unbändig über die charmante Frau freute, aber er nahm an, daß
+das wohl die Normalempfindung Herrn Friedrich Leopolds gegenüber Frau
+Margot sei, und dankbar tat er Bescheid. Die Trinksprüche waren indes
+noch nicht zu Ende.
+
+»Einmal ist keinmal, nicht wahr, Frau Stahl? Aber dreimal — das können
+Sie durch die einfachste Addition feststellen — das ist dreimal. Das
+dritte Glas also — Was? Ich soll vor Tisch nicht mehr trinken? O,
+wenn Sie ahnten, wem wir dies dritte Glas bringen, hätten Sie schon
+aus purstem Familienegoismus geschwiegen. Das dritte Glas unserem
+Prachtmädel, unserem Hannes. Marke: Stahl!«
+
+Er drängte der alten Freundin ein Glas auf, verbeugte sich höfisch und
+ließ die Gläser fein aneinander klingen.
+
+Hans Steinherr fühlte eine sich steigernde Beklommenheit. Rasch trat er
+auf die alte Frau zu und hielt ihr das Glas hin.
+
+Die Greisin sah ihm, ohne eine Gemütsregung zu äußern, ruhig in die
+Augen und stieß mit ihm an. Dann wandte sie sich dem alten Herrn zu,
+der am liebsten sofort in eine allgemeine Fiduzität hineingesegelt
+wäre, und sagte warnend: »Herr von Springe, Frau Margot und Ihr Herr
+Sohn erwarten uns in einer Viertelstunde drüben zu Tisch. Und Sie sind
+noch immer in der Hausjoppe.«
+
+»Donnerwetter,« meinte Herr Friedrich Leopold, »eine Berufung auf Frau
+Margot, das heißt so viel als: stramme Haltung! Na, nimm’s nicht übel,
+mein Sohn, daß ich verschwinde. Ich lass’ dich ja, während ich Gala
+anlege, in der allerbesten Gesellschaft zurück.«
+
+Dann war Hans Steinherr mit Frau Stahl allein.
+
+Er saß auf seinem Stuhl, vornübergebeugt, die Arme auf den Lehnen, und
+beobachtete sinnend jede ihrer Bewegungen, während sie ab und zu ging,
+den Tisch in Ordnung brachte und sich im Zimmer zu schaffen machte.
+
+»Wissen Sie noch, Frau Stahl, wie ich an dem Sonntag zu Ihnen kam,
+drüben in der Pempelforterstraße, und bei Ihnen Kaffee trank?«
+
+»Weshalb sollte ich das nicht mehr wissen, Herr Doktor?«
+
+»Wie lang’ ist das her! — — Ich war damals noch ein Junge.«
+
+»Das kann ich nicht beurteilen, Herr Doktor.«
+
+Er zuckte zusammen. Sie hatte ihn falsch verstanden oder mißverstehen
+wollen.
+
+»Haben Sie gute Nachrichten von — von Hannes?« fragte er nach einer
+Pause.
+
+»Ich danke. Man muß schon zufrieden sein, wenn sie gesund bleibt.«
+
+»Haben Sie denn — haben Sie denn Besorgnisse? Ich meine: Ihre Enkelin
+fühlt sich doch wohl?«
+
+»Sie sind sehr freundlich, Herr Doktor. Meine Enkelin hat bis heute
+noch nicht geklagt.«
+
+Wieder die Pause, die kein Ende nehmen wollte. Nur das mechanische
+Klappern von Stricknadeln.
+
+Da erhob sich Hans Steinherr von seinem Stuhl und ging zu der alten
+Frau hinüber.
+
+»Frau Stahl, ich bin nach Düsseldorf zurückgekommen, um meinen Frieden
+zu schließen, mit meinen Angehörigen und, wenn es angeht, auch mit mir.
+Meine Mutter hilft mir, Heinrich Springe und der alte Herr helfen mir —
+wollen Sie allein nicht?«
+
+»Wir sind doch nicht Ihre Angehörigen, Herr Doktor.«
+
+Hans Steinherr preßte die Lippen zusammen. Dann streckte er die Hand
+aus und sagte leise: »Verzeihen Sie mir!«
+
+Die Greisin ließ das Strickzeug in den Schoß sinken und sah ihn mit
+großen Augen an.
+
+»Ich habe Ihnen nichts zu verzeihen, Herr Doktor. Ob Ihnen Johanna was
+zu verzeihen hat, das hat sie mir nie gesagt.«
+
+»Doch, Frau Stahl. Sie — gerade Sie. Sie haben mich damals voll
+Vertrauen auf meine Ehrlichkeit in Ihr Haus aufgenommen und mich
+Einblicke in ein starkes, stolzes Leben tun lassen. Jeder andere
+wäre daran gewachsen. ›Scham ist Feigheit,‹ sagten Sie damals. Mein
+Wankelmut hat das Wort traurig bestätigt, ich mußte erst noch einmal
+durch die Schule gehen, um es in seiner Wahrheit verstehen zu lernen.
+Frau Stahl, ich bin nicht mehr feige, ich bin nur noch beschämt.
+Vielleicht halten Sie es der Mühe wert, dies trübe Geständnis
+entgegenzunehmen.«
+
+Die alte Frau rückte unruhig auf ihrem Stuhl.
+
+»Wenn ich Ihnen von der Beschämung abhelfen könnte — —. Aber gute
+Lehren sind Stroh statt Hafer.«
+
+»Verzeihen Sie mir!« sagte er noch einmal leise.
+
+Sie sah zu ihm auf. Sie sah sein müdes Gesicht und das Ruhebedürfnis
+in seinen Augen. Und dann erhob sie sich und nahm seine Hand an. Sie
+packte sie mit festem Druck und hielt sie in der ihren. Irgend etwas
+wollte sie sagen. Doch sie nickte nur, ließ seine Hand los und ging in
+ihre Küche.
+
+»Ich hätte es nicht ertragen,« murmelte Hans Steinherr; »von allen, nur
+von ihr nicht. Nun ist mir freier.«
+
+Er nahm seinen Platz wieder ein und wartete auf Herrn Friedrich
+Leopold, der bald erschien.
+
+»Oho — so ganz solo? Ja, mein Sohn, weiß man denn außerhalb Düsseldorfs
+nicht mehr, wie man Süßholz raspelt? Ausgerissen ist dir die verehrte
+Frau? Du bist zu schüchtern, Hans.«
+
+Er strich sich den weißen Schnurrbart hoch und klopfte behutsam ein
+Stäubchen vom Rockärmel.
+
+»Tipp topp, gelt? Als wenn’s zum Tanzen ging’.«
+
+Draußen wurde an der Schelle gerissen, daß es Sturm läutete.
+
+»Das sind die jungen Leute von drüben,« sagte Herr Friedrich Leopold,
+»überschüssige Kraft.« Und er ging öffnen.
+
+Dann stürmte Heinrich Springe ins Zimmer. Frau Margot folgte gemütlich
+am Arme des Vaters.
+
+»Da bist du ja, Hans. Herrgott, wie ich mich freue! Und rote Backen
+hat er schon gekriegt, ordentlich rote Ba —« Sein Blick fiel auf den
+Senior. »Du, sag mal, du hast ja auch rote Backen gekriegt, aber so
+verdächtige? Ihr habt wohl das Krökelspiel gespielt, vom frommen
+Klausner? Ah, sieh da, der stumme Zeuge. Rauentaler Auslese. Hm, hm,
+hm. Margot,« wandte er sich an seine Frau, »wirf doch den Plebejer, den
+Zeltinger, aus dem Eiskühler. Die Herren haben bereits anders bestimmt.«
+
+Der alte Herr aber freute sich, als ob er den Sohn mit einer brillanten
+Pointe hineingelegt hätte.
+
+Dann ging es zu Tisch. Hans Steinherr führte die Mutter, Herr Friedrich
+Leopold holte Frau Stahl herbei, und Heinrich Springe machte den
+Beschluß. Feierlich zogen sie über den Korridor in die andere Wohnung
+hinüber.
+
+Nach der Tafel verlangte es Hans, die Fabrik zu sehen. Inmitten der
+Fröhlichkeit war plötzlich ein Drang nach Tätigkeit in ihm erwacht. Er
+bat, ihn für den Nachmittag zu entschuldigen, und versprach, sich zum
+Abend wieder einzustellen.
+
+Langsam wanderte er durch den frischen Tag hinaus nach Bilk. Hier
+bleiben können, hier bleiben können! tönte es in ihm. Er reckte sich in
+den Schultern, und es war ihm, als spürte er neues Blut.
+
+Wie die Sonne dort über dem Feldstreifen zittert. Gerade, als ob es
+schon Frühling wäre ... Und dann sprach er vor sich hin: »Die Heimat.
+Die Heimat. Das hier ist die Heimat ...«
+
+Manchmal blieb er stehen und sog aus tiefen Lungen die frischwehende
+Luft ein. Alles schien ihm in Glanz eingehüllt, und obwohl die
+Landschaft hier nichts Anziehendes bot und ringsumher die Mauern und
+Schornsteine der industriellen Werke emporragten, glaubte er, selten
+ein schöneres Bild gesehen zu haben.
+
+Und er malte es sich verlockend aus, hier wieder Wurzel zu schlagen,
+unter diesen Menschen hier wieder das Lachen zu lernen, durch
+angespannte Tätigkeit sich die Achtung zu verdienen und — ja,
+ja! weshalb sollte es nicht möglich sein! es mußte sich auch das
+ermöglichen lassen bei tapferem Ausharren und unermüdlichem Werben —
+und am eigenen Herd das Glück festzuhalten. »O, du Jugendkraft, du, du!
+Die vom Niederrhein haben dich in Erbpacht!«
+
+Warm lief es ihm durch alle Glieder. Die Märzsonne hatte für ihn
+Juliglut. — —
+
+Bis zum späten Abend war er in der Fabrik geblieben. Er hatte die
+Feierabendglocke gehört und die Scharen geschwärzter Arbeiter unter
+dem Fenster des Privatbureaus vorüberwallen sehen, während er immer
+noch saß und sich von dem Leiter der Werke einen Überblick über die
+Geschäftslage geben, Pläne vorlegen, den Gang der Fabrikation erläutern
+ließ. Und je länger er saß, umso schärfer und quälender wurde die
+Entdeckung, daß ihm jeder Sinn für das fehlte, was ihm der Teilhaber
+der Firma Philipp Steinherr doch so klar und übersichtlich an Hand
+der Bücher, Karten und Tabellen vortrug, daß er nie den Sinn dafür
+erlangen würde. Denn die genialste Berechnung, in technischer wie in
+kaufmännischer Beziehung, rüttelte kein außergewöhnliches Interesse in
+ihm wach. Mit stumpfer Bereitwilligkeit hörte er zu und stellte immer
+nur sein Unvermögen fest.
+
+Er hatte sich von dem Teilhaber, der noch einige wichtige Arbeiten zu
+erledigen wünschte und deshalb noch nicht in die Stadt hineinfuhr,
+mit herzlicher Danksagung verabschiedet, den Wagen abgelehnt
+und den Heimweg zu Fuß angetreten. Aber die Sonne war fort, und
+die Frühlingsahnung war fort. In seinem Innern waren alle die
+hoffnungsfröhlichen Stimmen des Nachmittags jäh verstummt, so angstvoll
+er auch horchte.
+
+Und plötzlich warf er sich an einer Böschung nieder und preßte sein
+Gesicht verzweifelt gegen die Heimatserde.
+
+»Es ist ~nichts~ mehr, es ist ~nichts~ mehr. Es ist ja alles
+verpfuscht! — — —«
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Neuntes Kapitel
+
+
+Der erste Tag im Mai!
+
+Wieder war Düsseldorf, das glücklich gelegene, den anderen Städten im
+Reich um reichlich vierzehn Tage vorausgeeilt, im Hofgarten rauschten
+die vollbelaubten Kronen der Bäume, das Gesträuch war mit Blüten
+übersät, und der Flieder duftete über die ganze Stadt.
+
+Seit einer Woche hatte in der Immermannstraße Hannes Einkehr gehalten.
+
+Sie hatte eine anstrengende Tournee hinter sich, aber sie fühlte
+sich, wie sie lachend versicherte, trotz alledem elastisch wie eine
+Haselgerte und gedächte sich nur deswegen sechs Monate auf die faule
+Seite zu legen, um den nötigen Vorrat an Düsseldorfer Luft zu sammeln.
+
+»Man muß doch zuletzt wissen, wo man ›zuständig‹ ist,« erklärte sie
+Heinrich Springe, »wenn man nicht ganz verzigeunern will. Und das
+Zigeunertum — ach Gott, das ist eine schöne Lüge.«
+
+»Du, Mädel, so schlau wie du ist nun auch der Hans. Ganz still und
+beschaulich ...«
+
+»Er gefällt mir nicht,« sagte sie, »ich wollt’, er schlüge Skandal.«
+
+»Na, hör mal, so was von Radaulustigkeit — —! Du wirst wohl noch nach
+Oberkassel tanzen gehen?«
+
+»Dem Hans tät’s vielleicht gut. Es riss’ ihn aus seiner
+Beschaulichkeit.«
+
+»Aber Kind, gerade über die Beschaulichkeit sind wir ja so herzensfroh!«
+
+»Ihr seid liebe Menschen,« sagte sie und lehnte sich an seinen Arm,
+»ihr denkt nur Gutes und Gesundes, weil ihr selbst gut und gesund
+seid.« Sie sah zu ihm auf, ohne sich an seiner Schulter zu rühren.
+»Wißt ihr denn, was es mit dieser stillen Beschaulichkeit von Hans auf
+sich hat? Ach, Onkel Springe, ich habe es gleich gewußt. Er beschaut
+seine Wunden.«
+
+»Hannes!« rief Springe erschrocken und zog das Mädchen mit einem Ruck
+an sich, »Hannes, was willst du gleich gewußt haben? Herrgott, sollten
+wir denn wirklich blind gewesen sein? Und du — du meinst — du hätt’st
+recht?«
+
+Sie sah ihn noch immer an und nickte mit traurigen Augen.
+
+»Es ist so, Onkel Springe. Wundert es dich, daß ich dafür ein feineres
+Verständnis habe als ihr?«
+
+Auf die Frage war Springe nicht vorbereitet, und er fand kein Wort
+der Entgegnung. Aber sein gerades, ehrliches Herz erkannte die
+gleichgesinnte Natur und schwoll empor bei diesem offenen Eingeständnis.
+
+»Mädel, Mädel,« brachte er nur heraus und fuhr ihr mit breiter Hand
+über Haar und Gesicht, »was bist du für ein Mädel!«
+
+Das war nicht geistreich, das empfand er selbst. Aber für ihn gab es
+in diesem Augenblick alles wieder, und für sie auch; und das war ihnen
+beiden die Hauptsache.
+
+»Was fang’ ich nur an, um ihn aus dieser verdammten Beschaulichkeit
+wieder ’raus zu kriegen, Hannes? Ich schäm’ mich ja zu Tod’. Beinah —
+beinah — na, muß ich’s sagen? Beinah wie in Berlin, Kurfürstendamm:
+und Heinrich Springe ging hinaus und weinte bitterlich, weil er sich
+aus einem finsteren Cato in einen Pudel verwandelt hatte, der vor zwei
+schönen Frauenaugen hübsch Apport machte. O Gott, o Gott, Hannes, sag
+das nur keinem wieder! Wenn ich damals nicht dich gehabt hätte! Wie ein
+Chirurg gingst du los ... Ihr Frauen seid doch die geborenen Ärzte.«
+
+»Du, Onkel —«
+
+»Gut,« sagte Springe und drückte ihr die Hand. »Wenn ich nämlich an
+~die~ Affaire denke, wird mir immer noch glühheiß. Das brauchte nur
+Margot zu wissen. Ich läge platt unterm Pantoffel. Also sprechen wir
+wieder von Hans; schon, damit ich meine Haltung wiederfinde.«
+
+»Onkel,« sagte das Mädchen nachdenklich, »ich glaube, ihr drückt ihn
+zu sehr mit eurer Liebe. Da kommt er sich vor wie ein Invalide, wie
+ein Almosenempfänger. Mit solchen Kranken muß man sich frisch-fröhlich
+herumzanken, ihren Widerspruchsgeist wecken. Der Mensch fühlt sich
+nie gesünder, als wenn er widersprechen kann. Das steigert sein
+Selbstgefühl und macht ihn trotzig.«
+
+»Ob Trotz gerade die richtige Tugend ist — —?«
+
+»O, du unkluger Mann! Trotz gibt nach, und dann ist der Trotzige der
+Gebende. Aber Resignation, die nachgibt, bleibt die Empfangende. Das
+verträgt kein Mann auf die Dauer an sich selbst.«
+
+»Sag mal, Kind, ich hoffe, diese Weisheit hast du nur aus deinen Arien.«
+
+»Sie ist mir über Nacht gekommen, seit ich Hans gesehen habe.«
+
+»Und was soll ich tun? Jetzt stehe ich blind zu deiner Verfügung.«
+
+»Suche ihn zu zerstreuen, bring ihn unter Männer, rede mit ihm über
+Dinge, die ihm am Herzen liegen, über Kunst, über Literatur, und zeig
+dich unwissend, dreist oder ungeschickt, damit seine Empörung wach
+wird, seine Verteidigungslust; damit er ins Feuer gerät. Ach, Onkel,
+wenn ich könnte, wie ich wollte —«
+
+»So will doch, Kindchen! Du nähmst mir da wirklich ein Kommissiönchen
+ab.«
+
+Sie schüttelte den Kopf, und auf ihrer Stirn grub sich die Falte, die
+sie als Kind so oft gezeigt hatte.
+
+»Ich kann mich doch nicht wegwerfen,« murmelte sie. »So was tut man
+wohl in der Stunde der Gefahr, aber doch nicht aus freien Stücken. Das
+säh’ ja aus, als ob ich Sonderinteressen dabei verfolgte.«
+
+»Wenn du ihn lieb hast ...« fragte Springe unsicher.
+
+»Weil ich ihn lieb habe, weil, weil! ~Er~ soll gesund werden, nicht
+ich. Ich — ich bin’s ja.«
+
+»Das weiß Gott!« sagte Springe herzlich. »Und jetzt versteh’ ich dich
+auch ganz. Seinen Stolz willst du.«
+
+»Ja,« sagte sie leise, mit einem versonnenen Lächeln, und sie hatte
+nasse Wimpern.
+
+»Ich werde es einmal mit Herrn Friedrich Leopolds Rezept versuchen,«
+entschied Heinrich Springe. »Der Wein erfreut des Menschen Herz, und
+heute, am ersten Mai, fließt im ›Malkasten‹ die allgemeine Maibowle.
+Da kommen die Malmännlein aus Höhlen und Klüften, Hunderte an der Zahl.
+Und viele — ach, wie viele! — waren beim Barbarossa im Berg und haben
+geschlafen, die Zipfelmütze über beide Ohren, einen gottgesegneten
+Schlaf. Da verwandelte sich der Pinsel in ihrer Hand zum Weißquast, und
+die heilige Ölfarbe zur unheiligen Tünche. Aber ein Geschwätz machen
+sie, ein Geschwätz, sag’ ich dir, daß den umsitzenden Künstlern graut.
+Hans soll es mitmachen!« — —
+
+Hans Steinherr war in der letzten Woche nur zweimal in Burg Springe als
+Gast erschienen. An dem Tage, an dem die Familie Hannes feierlich am
+Bahnhof eingeholt hatte, war er erst zur Abendstunde gekommen.
+
+Im Besuchsanzug, einen Strauß Flieder in der Hand, war er ins Atelier
+eingetreten, in dem das Mädchen vor einem neuen Werke Springes, einem
+schlummernden Parkteich, überwacht von dichtgedrängten, blühenden
+Kastanien, stand.
+
+Als sie seinen Schritt vernahm, wandte sie sich um.
+
+»Guten Tag, Herr Hans. Wie geht es Ihnen? Ich freue mich, Sie
+wiederzusehen.«
+
+Und er hatte auf das schöne, in sich gefestigte Geschöpf hingestarrt,
+und als er die Lippen bewegte, um zu erwidern, spürte er, daß in ihm
+etwas zerrissen war, in diesem Augenblick.
+
+»Hannes, Fräulein Hannes ...« sagte er mit Anstrengung, und dann bot er
+ihr zögernd die Hand, die die Blumen hielt, und sie nahm die Blumen und
+nahm seine Hand.
+
+»Wie aufmerksam von Ihnen! Haben Sie herzlichen Dank!«
+
+»Sie sind aus dem Garten draußen,« sagte er, um nur seine Stimme zu
+hören. »Der Frühling kam zeitig dies Jahr.«
+
+Sie nickte und vergrub ihr Gesicht in den Strauß. Der herbe Zug um
+seinen Mund tat ihr weh.
+
+Dann sprachen sie von ihren Reisen. Ganz so wie Menschen, die sich auf
+einer Station getroffen haben und plaudern, um die Zeit hinzubringen.
+Und doch achtete und wartete sie auf nichts anderes als auf ein Wort,
+das den alten Hans verraten würde, und alles, was er sprach, ging
+an ihrem Ohr vorüber, eilig, schnell zerflatternd, damit sie die
+Aufnahmefähigkeit behielte für das, was doch kommen mußte.
+
+Aber es kam nicht. Der Mann, der vor ihr saß, war nicht mehr
+kindergläubig genug, um durch den Schleier hindurch in ihrer Seele
+zu lesen. Er sah nur die Zerstreutheit, mit der sie ihm zuhörte und
+antwortete, und sein unruhiges Gewissen gab ihm ein, daß es ihr
+peinlich sein müßte, dem Manne höflich und freundlich gegenüber zu
+sitzen, den sie als Mädchen geküßt hatte.
+
+Einmal dachte er daran, die Vergangenheit zu berühren und sie
+um Verzeihung zu bitten. Aber angesichts dieser vornehm stillen
+Erscheinung, deren selbstsichere Haltung keinen Schluß mehr auf das
+wilde, zärtliche Gemüt des einstigen Hannes zuließ, schien ihm seine
+Anwandlung anmaßend und kindisch. Die Kinderzeit, in der ein einziges
+»Sei wieder gut!« die Schranken wegräumte, war nicht mehr. Hier hieß es
+nicht, reden, hier hieß es, zeigen. Und er hatte nur einen Bankrott
+aufzuweisen gegen ihre Reichtümer. Einen solchen Handel machte er
+nicht. Er war kein Betrüger.
+
+So lief die Stunde ab, und das Ergebnis war der Wunsch auf ferneres
+Wohlergehen. Dann saß sie wieder vor dem Bild mit dem schlummernden
+Parkteich und den blühenden Kastanien, aber sie saß mit geschlossenen
+Augen.
+
+Im Nebenzimmer begrüßte Hans seine Mutter. Hannes hörte, wie er bat,
+ihn zum Abendessen zu entschuldigen, und wie Frau Margot ihm doch
+abschmeichelte, daß er blieb. Dann saßen sie miteinander bei Tisch,
+und Großvater Springe war aufgeräumter denn je, und seine unbesiegbare
+Laune holte sich auch heute den Triumph, die Tischgesellschaft zu
+erheitern und die gewonnene Stimmung durchzuhalten. Später bestürmte
+Frau Margot Hannes um ein Lied, um ein ganz kleines nur. Aber als sie
+nachgeben wollte, obwohl ihr die Kehle wie zugeschnürt war, sah sie,
+daß Hans geräuschlos das Zimmer verließ. Da versprach sie für morgen
+so viel Lieder, als man zu hören wünschte, nur heute möchte sie sich
+schonen.
+
+Auch Heinrich Springe hatte das stille Verschwinden des Freundes
+wahrgenommen und war ihm gefolgt. Als er zurückkam, teilte er mit, daß
+Hans nicht durch Abschiednehmen habe stören wollen. Der Junge fühle
+sich heute nicht recht wohl, habe aber ebenfalls für morgen alles
+mögliche versprochen. Und die beiden Springes, Frau Margot und selbst
+Frau Stahl nahmen das mit unschuldigem Herzen als ein gutes Zeichen und
+tauschten, heimlich sich zunickend, strahlende Blicke miteinander aus.
+
+Hans aber war nach Hause zurückgekehrt und saß die Frühlingsnacht
+hindurch in der Laube und hörte nicht die Stimmen des Frühlings und
+hörte nur die Stimmen der Nacht.
+
+Das ist nun vorüber, alter Junge ...
+
+Was ist vorüber? fragte er sich mit bewußter Selbstironie.
+
+Und er fuhr fort, sich Rede und Antwort zu stehen und den Sarkasmus
+wider sich selbst zu kehren.
+
+Was vorüber ist? Nun, was denn sonst als das Wiedersehen? Oder hattest
+du dir gar etwas anderes gedacht, als du hingingst? Ja, mein lieber,
+eingebildeter Mensch, wenn du noch solche Träume spinnen konntest,
+wirst du jetzt belehrt sein, daß das, was du meintest, längst, längst
+schon vorüber ist.
+
+Sie ist schön, nicht wahr? Wie die goldrote Haarwelle auf ihrem feinen
+Knabenköpfchen ruht, als wollte sie locken: Löse mich. Dich brenne ich
+nicht. Wenn du mich über dein Gesicht legst, will ich dich kühlen ...
+
+Sie ist ein Märchen, gab er zur Antwort. Hast du vergessen, daß alle
+Märchen beginnen: Es war einmal ...?
+
+Und wenn das Märchen dennoch Leben gewinnt und die Augen aufschlägt?
+
+Ach, du armer Phantast, die Augen werden an dir vorübergehen. Schau
+dich an. Sieht so ein Märchenprinz aus? Überbleibsel bringt man nicht
+auf eine Königstafel, und gierige Bettler werden im Hofe abgefertigt.
+
+Ich bin kein Bettler! brauste es ihm durch den Kopf. Ist es mir denn in
+den Sinn gekommen, zu betteln? Bin ich so weit herunter, daß ich auf
+Freibeuterei ausgehe? O nein, mein guter Hans, o nein, so viel Anstand
+hast du doch noch in den Knochen, um dich nicht wehleidig aufzudrängen
+und um Gottes Barmherzigkeit willen ein Almosen zu verlangen. Um zu
+erklären: Jetzt, du schöne, lachende Frau, wo es dir geglückt ist und
+mir nicht, passen wir besser zusammen. O nein, ich bin kein Bettler.
+Ich weiß sehr gut, was ich bin, und mache mir keine Illusionen.
+
+Seine Lippen legten sich fest aufeinander, und je fester sie sich
+schlossen, desto heller wurde sein Auge, in dem das alte Erbgut der
+Kinder dieses Landes glänzte und schimmerte: der Spott, der selbst mit
+dem Tiefstand des Lebens noch um ein Lachen trotzt.
+
+Und er zog die Bilanz der letzten Wochen, der Zeit, die er wieder in
+der Heimat zugebracht hatte, und verglich die Kredit- und Debetseite.
+Wieder und wieder hatte er sich aufgerafft, wie nur ein Mann es kann,
+und war hinausgegangen in die Fabrik, um sein Interesse mit zäher
+Energie zu zwingen. Aber was half all sein Wollen? So zappelt auch ein
+Fisch auf dem trockenen Land. Das Element, in dem er sich befand, war
+nicht das seine, ihm fehlte die kaufmännische Gabe und das technische
+Verständnis.
+
+Dann hatte er es im stillen mit der Kunst versucht. Die Muse zwar
+war nicht zu beleben, denn jede Gefühlsäußerung erschien ihm wie
+ein Hohn, und künstlerische Formspielereien waren ihm verhaßt. Aber
+durch die Kunstausstellungen war er gewandert und durch die Ateliers,
+und er hatte sich einen Überblick verschafft über den Stand der
+vaterstädtischen Kunst, über den neuen, urwüchsigen Heimatstrieb und
+über den alten Zopf. Das war ein Gebiet, das er beherrschte, und hiefür
+gedachte er zu schaffen.
+
+Sobald er jedoch vor dem Stoß weißen Papieres saß, befiel ihn wieder
+der Gedanke an den Unwert all seines Tuns. Weshalb denn nur etwas
+leisten wollen? Für wen denn? Für das Streicheln einer lieben Hand.
+Für das Leuchten zweier Augen. Das hätte sich gelohnt, das hätte
+gefördert. Aber für das bißchen Ehrgeiz oder, wenn es hoch kam,
+für das Kerzenstümpfchen Idealismus? — Und die Freude, die ihm auf
+Sekundenlänge über die Schulter geguckt hatte, war entflohen — —.
+
+Das also, schloß er, ist das Resultat! Daß es etwas minimal ist, kann
+ich nicht verneinen.
+
+So verging die Frühlingsnacht.
+
+In den nächsten Tagen sah er Hannes wieder, plauderte mit ihr, bis
+er merkte, daß er mitten im Satz verstummt war und sie seit Minuten
+anstarrte, und sich schnell empfahl, um der Selbstquälerei ein Ende zu
+machen. —
+
+Als am Abend des ersten Mai Heinrich Springe bei ihm erschien, packte
+ihn die Angst, der Freund käme, um ihn zu einem Familienabend zu
+holen. Umso hastiger ging er auf den Vorschlag ein, der Maibowle
+des ›Malkastens‹ beizuwohnen. Er wurde sogar ordentlich aufgeräumt,
+und Heinrich Springe dachte erstaunt und beschämt zugleich: Das
+Sakramentsmädel, der Hannes, hat doch mal wieder recht behalten. Er
+gehört unter trinkfeste Männer. —
+
+Im ›Malkasten‹ war es gedrängt voll. Hunderte von Künstlern und
+Kunstfreunden waren in den weiten Räumen untergebracht, aber sie
+mußten dicht zusammenrücken, denn das Fähnlein der Durstigen war
+in der Rheinstadt schon an Abenden ohne tiefere Bedeutung nicht
+klein. Eine Schicht blauen Zigarrendampfes schwamm wie ein Nebel
+über der Festversammlung und gab dem Bilde das Kolorit eines alten
+niederländischen Gemäldes.
+
+»Teniers oder Höllenbreughel?« fragte Springe lachend seinen Begleiter,
+während er sich durch das Labyrinth der Tische einen Weg bahnte. »Was?
+Das nennt sich doch noch gesunde Kneipenluft! Und dieser göttliche
+Radau! Hier kommt’s nicht drauf an, ~was~ man sagt, sondern daß man
+es möglichst ~laut~ sagt. Stimmenschwerheit entscheidet! Achtung, der
+Pitter hat ’s Wort! Hier — hier ist noch Platz.«
+
+An einem mächtigen, runden Ecktisch hatten sie Unterkunft gefunden.
+Man bat um Ruhe. Man klopfte ganz energisch auf die Tischplatten. Dann
+ebbte das Stimmengewirr ab wie eine lange, chromatische Tonleiter.
+
+Der ›Pitter‹, ein weißhaariger, unverwüstlicher Maler der älteren
+Generation, stand neben dem Klavier und strich mit überlegener Miene
+den weißen Knebelbart. Er hatte als Maler und Mensch warten gelernt.
+Plötzlich erfaßte er den ersten Moment der Ruhe. Wie eine Fanfare
+drängte sich sein schmetterndes Organ in die Pause hinein und füllte
+den Luftraum mit einer Vehemenz, daß kein fremder Hauch neben ihm noch
+Platz zu finden vermocht hätte. Pitter hatte das Wort. Daran war nicht
+mehr zu rütteln. Und er gab es von sich, als sänge er Samuels Fluch
+über König Saul.
+
+»Auch eine Auffassung,« nickte Springe zustimmend. »Das Schwermutslied
+von der ›Krone im Rhein‹ durchweg auf =forte= gesungen. Is mal was
+Neues.«
+
+Dann sorgte er, daß aus dem riesigen Wandbassin, in dem das Meer der
+Bowle floß, auch ihnen der Humpen häufiger gefüllt werde. Ernste Männer
+traten von Zeit zu Zeit an den köstlichen Quell, prüften den Pegelstand
+des Inhalts und besprachen in geheimnisvollem Flüsterton die Zufuhr
+an Mosel- und Sektflaschen. Dann feierten die Humpen auf den Tischen,
+und es war dürre Zeit im Land, bis die Auserwählten geprüft und wieder
+geprüft hatten und sich der schweigende Ernst ihrer Mienen in die
+strahlend aufsteigende Sonne der Zufriedenheit wandelte.
+
+Der Geist der Töne bedrängte heute viele im ›Malkasten‹. Von
+Viertelstunde zu Viertelstunde erhob sich ein neuer Sänger, begehrte
+stürmisch die allgemeine Aufmerksamkeit, lächelte und begann. Man sang
+Getragenes und man sang Kitzliges, letzteres aber, der guten Sitte
+wegen, im Düsseldorfer Dialekt; und man sang endlich im Chor aus den
+»hundert allerschönsten Volksliedern für einen Silbergroschen« manch
+ein artig Stückchen.
+
+Springe amüsierte sich herrlich. »Jeder Kerl hier,« behauptete er,
+»ist ein aufgeschlagenes Skizzenbuch. Sein Genre könnt ihr am Singen
+erkennen. Der Landschafter singt urwüchsig, der Schlachtenmaler mit
+edlem Feuer, der biblische Historienmaler mit schönem nasalen Ton, der
+Genremaler mit neckischen Koloraturen, der Porträtist möglichst korrekt
+und der Tiermaler grunzt. Das gehört zum Metier.«
+
+Sofort wurde am Tisch widersprochen. Nicht aus Gekränktheit, aus der
+bloßen Lust des Rheinländers am Opponieren. Und ehe drei gezählt
+werden konnte, lag das längst erwartete Thema, die alte und die neue
+Kunst, auf der Tischplatte wie ein Vivisektionstier, und jeder schnitt
+lustig mit seinem Messer darin herum.
+
+Hans Steinherr hatte kaum ein Wort gesprochen. Er hörte auch nur mit
+halbem Ohre hin. Was ihm auffiel, war, daß er unter den Hunderten
+von Köpfen keinen einzigen zurechtgemachten Künstlerkopf fand, keine
+Samtjackengenialität, keinen Satanisten, keinen Melancholiker. Eher
+noch einen gemütlichen Biedermeier aus der Hasencleverzeit. Aber den
+meisten war ein festererbter, knorriger Zug zu eigen, der Vertrauen
+weckte und Vertrauen gab, trotz der Spottsucht um den Mund.
+
+Das ist die Gesundheit, sagte sich Hans Steinherr; Ungesundes wird hier
+abgestoßen wie eine tote Zelle im Gewebe.
+
+In dem Stimmengewirr am Tisch war das Wort »modern« gefallen. Und
+Heinrich Springes Stimme erscholl: »Also ’raus mit der Sprache! Haltet
+ihr mich für modern oder nicht?«
+
+»Aber natürlich! Wenn Sie nicht, wen denn?«
+
+»Soo? Das möcht’ ich mir denn doch ergebenst verbeten haben. Sie
+glauben wohl wunder was für eine Schmeichelei Sie mir gegenüber da
+losgeworden sind. Nee, meine Herren. Ich male meinen Stiebel nach
+meiner Art; wie, das ist Nebensache; mit welchen technischen und
+Anschauungsmitteln, das besagt nichts; die Hauptsache ist: ist das Bild
+gut?! Gut, meine Herren, gut! Da liegt der Hase im Pfeffer. Und ich
+sage Ihnen: das ist und bleibt der ~ideale~ Hase! Prost, ihr Herren!«
+
+»Prosit! Prosit! Springe hoch! Springe soll eine Rede halten!
+Si—len—ti—um!!«
+
+»Soll ich den Kerls mal den Kopf waschen?« fragte Heinrich Springe
+lachend Hans. Er hoffte heimlich, auch den Freund aus seiner Lethargie
+aufzurütteln, und er ließ sich bewegen und erhob sich. Er sprach nur
+für den dichtgefüllten, mächtigen runden Ecktisch, der jetzt auch von
+den Nebentischen belagert wurde.
+
+»Ihr wißt,« begann er, »ich bin ein Feind jedes akademischen Zopfes;
+aber der schwache Mensch kann auch in das Extrem verfallen, und
+auch das mißbillige ich. Der Künstler, ob Anhänger der alten oder
+neuen Kunst, muß seine Ideale haben, das erst gibt seiner Kunst die
+Weihe. Das Wort ›Ideal‹ steht heute ziemlich tief im Kurs. Es ist
+nicht ›modern‹. Und damit ist ihm von den vielen, die da vorgeben,
+die beste Gesellschaft auf allen Gebieten des Lebens, der Künste,
+der Wissenschaften, mit einem Wort, der herrschenden Mode zu
+repräsentieren, der Stab gebrochen. Ideale! Was unserer Zeit mehr als
+je das Gepräge gibt, ist der unbändige Geschäftssinn, der nach allen
+Dingen des Tages seine Fühler streckt und als Ausgleich das leichte
+Amüsement für die mißhandelten Nerven beansprucht, wenn nicht eine
+besondere Sensation. Der ›Geschäftssinn‹, bewußt oder unbewußt, ist der
+Totschläger des Ideals. Unbewußt bei den vielen Tausenden, die blind
+den Hammelsprung als Herde mitmachen, aus Furcht, der ›Mode‹ nicht zu
+genügen. Bedauernswerte Menschen, denen ein neuer Gewandschneider mehr
+zu sagen hat als alle Weisheit einer großen Überlieferung.
+
+Der Gewandschneider dominiert. Nicht allein in der Kleidung. Seine
+Doppelgänger bearbeiten das Gebiet der Kunst, des gesellschaftlichen
+Lebens; sie bestimmen das Niveau des Geisteslebens. Der Charlatanismus
+hat hohe Zeit und schießt üppig ins Kraut. Heute heißt es, um jeden
+Preis originell sein! Ist originell gleichbedeutend mit individuell,
+soll ihm Lob und Preis gesungen werden. An solchen Charakteren kann
+ein Volk nie wohlhabend genug sein, denn sie geben ihm den Stempel der
+Kraft und Ursprünglichkeit. Aber welch traurige Konterbande wird mit
+diesen Begriffen getrieben! Spekulative Köpfe haben einen billigen
+Ersatz gefunden. Um aus der Allgemeinheit emporzutauchen, wird irgend
+eine ›neue Richtung‹ ausgerufen, je kühner und extravaganter, desto
+besser. Schwarz wird für Weiß ausgegeben, eckig und kantig für allein
+bequem, unsinniges Gestammel für Offenbarung, Frivolität für den
+Gipfel des feinen Menschentums und der Tingeltangel für die letzte und
+schönste Blüte der dramatischen Kunst. Edle Dreistigkeit hat immer noch
+suggestiv gewirkt, zumal im lieben deutschen Vaterland.
+
+Aber, ihr Herren, ohne die Pflege seiner altüberlieferten Ideale, an
+die sich harmonisch die neuen knüpfen, ist eine wurzelechte Entwicklung
+eines Volkslebens nicht denkbar. Und diese Pflege bedingt Tiefe des
+Gemüts und Ernst der Gesinnung, just die Erscheinungen, durch deren
+starkes Vorhandensein der Deutsche sich in allen Zeiten vor den
+Nationen auszeichnete, die seiner Gesamtheit den Namen des ›Volkes
+der Denker‹, meinetwegen selbst den des ›deutschen Schulmeisters‹
+gaben, die das deutsche Volk aber kraft seiner seit den Altvordern
+angesammelten Schätze an Idealgütern befähigten, eintretenden Falls
+einen Enthusiasmus zu entwickeln, der wie im Befreiungsjahr 1813
+elementar durch die Lande brauste, die Entäußerung alles Materiellen
+zu Gunsten des Ideals in Flammenschrift auf den Fahnen führend, ein
+Enthusiasmus, der in den Kriegsjahren 1864, 1866, 1870 und 71 aufs neue
+siegreich in die Erscheinung trat. Aller tüftelnder Geistreichtum,
+der heute so vielfach mit Worten und Dingen spielt, um die eigene
+Persönlichkeit modisch in griechisches Feuer zu setzen, erhält diesen
+hohen Sinn im Volkstum nimmer wach. Und aller Spott, alle Ironie,
+mit der man die tiefreichenden Volksanschauungen heute vielerorts in
+Literatur, den bildenden Künsten und dem Leben zu Gunsten eines Witzes
+lächerlich zu machen trachtet, wird den Parteigängern im letzten Grunde
+selbst zum Schaden gereichen.
+
+Die Mode ist vergänglich, das Ideal unsterblich. Aber daß es nicht
+für eine ganze Zeitspanne verstümmelt und einer aufblühenden
+Generation entzogen werde, dafür, ihr Herren, ist ernstlich Sorge zu
+tragen. Die Ideale im Volksleben sind die Wurzeln eines kraftvoll
+vorwärtsstrebenden, in sich gefestigten Staatswesens. Sie sind die
+Stützen zur Macht. Sie schaffen den Glauben an eine große Vergangenheit
+und die Hoffnung auf eine große Zukunft. Nehmt einer Nation ihre
+Ideale, und ihr zeigt ihr den Weg zur Internationalität. Der Kunst
+aber liegt es vor allem ob, die Hüterin der Volksschätze zu sein,
+sie zu hegen und zu pflegen, damit sie einst in der Stunde, in der
+das Vaterland an die Ideale appelliert, nicht an ausschlaggebendem
+Wert eingebüßt haben. Und, ihr Herren, lassen Sie es mich an dieser
+Stelle aussprechen: das große Wort: ›Die Kunst ist international‹,
+hält vor der Sonne nicht stand, wollen wir nicht im gewissen Sinne zur
+Schablone übergehen. Es gibt so wenig eine internationale Kunst, wie es
+überhaupt eine internationale Kultur geben kann. Wie eine Kultur nur
+von ~nationalem~ Boden auszugehen vermag, soll sie nicht nach kurzem
+Überschwang an innerer Unhaltbarkeit jämmerlich zerfallen, so wird auch
+die Ausübung der Kunst und ihr innerstes Wesen stets von der ~Rasse~
+abhängig sein. Eine ~deutsche~ Seele muß unsere Kunst in sich tragen,
+und sie muß in den Werken unserer Künstler zum sieghaften Ausdruck
+gelangen, soll sie frei und individuell neben der ausländischen
+bestehen und dermaleinst in der Kunstgeschichte als Epoche bezeichnet
+werden. Daran laßt uns in Düsseldorf festhalten, und wir werden die
+Düsseldorfer Kunst wieder an der Spitze marschieren sehen trotz aller
+französierender Mantelträger da draußen. Ihr Herren! In diesem Sinne
+trinke ich auf die Stadt Düsseldorf!«
+
+Das war Heinrich von Springes Maienrede.
+
+Er hob seinen Bowlenhumpen und trank ihn bis zur Nagelprobe aus.
+
+Und die Alten und die Jungen drängten sich um ihn herum. Man stieß mit
+ihm an, man schüttelte ihm die Hand, man sprach auf ihn ein und klopfte
+ihm auf die Schulter. Doch als er sich nach Hans Steinherr umwandte,
+sah er gerade noch, wie dieser still den Saal verließ.
+
+Da stellte auch Springe sein Glas hin, holte seinen Hut aus der
+Garderobe, und als er auf der Straße stand und den Freund zwischen den
+Bäumen des Hofgartens verschwinden sah, folgte er ihm aus der Ferne. —
+
+Hans Steinherr gedachte einen Abschiedsgang zu tun.
+
+Während er den einstigen Mentor im ›Malkasten‹ reden hörte und
+alle Glocken des Lebens um ihn läuteten, fühlte er sich einsamer
+und überflüssiger denn je. Seine Ideale lagen zertrümmert, und dem
+Menschenkind, das allein ihm hätte aufbauen helfen können, hatte er
+einst selbst die Wege gewiesen.
+
+Schluß der Tragikomödie! tönte es in ihm — Vorhang nieder, bevor du an
+Altersschwäche eingehst! Sei ein Mann!
+
+Und während um ihn herum das lachende Leben mächtiger erbrauste, hatte
+Hans Steinherr ruhig und schweigend seinen Tod beschlossen.
+
+Der volle Mond stand über dem Hofgarten, den Steinherr langsam
+durchwanderte. Wie Silber rieselte es an den grünen Zweigen und Stämmen
+herab. Die ganze Landschaft lag in Silber und Grün. Links ihm zur Seite
+murmelte der glitzernde Düsselbach, und durch das frühlingsprangende
+Gebüsch blinkten die weißen Teiche, auf denen träumende Schwäne stille
+Bahnen zogen. Der Zauber der Romantik lag ausgebreitet über dem Kleinod
+des Niederrheins.
+
+Und weiter wanderte er, bis er durch die Nacht die Wogen des
+Rheinstroms klingen hörte und die rastlos drängenden Wassermassen sah.
+Er schaute den Strom hinab und hinauf, und wieder hinauf und hinab.
+Mit einem langen, dankbaren Blick. Dann wandte er sich zur Stadt
+zurück und schritt, am Hohenzollernschloß, dem Jägerhof, vorbei, die
+Pempelforterstraße entlang.
+
+Da lag das kleine, baufällige Haus, in dem Hannes ihre Jugend verbracht
+hatte, in dem er das junge, sonst so trotzige Geschöpf zum ersten Male
+in seiner süßen Weichheit unter Rosen gesehen hatte. Unter ~seinen~
+Rosen. Er entsann sich ganz genau, wie er die Blumen selbst am frühen
+Morgen im Garten abgeschnitten hatte. Die Rosen aber, die sie jetzt
+schmückten, waren nicht mehr die seinen, und das alte Haus wurde nun
+abgerissen.
+
+Er konnte nicht anders, er nahm den Hut ab, wie zum Gebet. Seine Augen
+lagen tief eingesunken und erloschen in ihren Höhlen.
+
+Als er sich endlich losriß, sah er einen Menschen neben sich stehen.
+
+Es war Springe.
+
+Wortlos standen sich die beiden Männer gegenüber. Dann nahm der Ältere
+sanft den Arm des Jüngeren.
+
+»Komm nach Hause, Hans!«
+
+»Ich bin auf dem Wege.«
+
+»War der Umweg so dringend nötig?«
+
+»Ja, Alter, er war nötig.«
+
+»Hans,« sagte der andere und faßte ihn unwillkürlich fester am Arm, »du
+hast mir noch nie so schlecht gefallen wie in dieser Mondbeleuchtung.«
+
+»Das wird sich bis morgen geändert haben.«
+
+»Rede nicht so delphisch. Ohne Grund hast du nicht gerade diese Route
+zum Nachhausegehen gewählt. Du führst etwas im Sinne. Das — das sah
+vorhin einem Abschiednehmen ganz verteufelt ähnlich. Hans! Sei offen
+gegen mich. Du willst uns verlassen, dich treibt es wieder fort ...«
+
+»Und wenn es so wäre. Wir hätten alle Ruhe.«
+
+»Ruhe —? Du, schau mich einmal an. Ganz frei, ganz ohne Rückhalt, so,
+wie du als Junge konntest —«
+
+Und plötzlich durchfuhr es den Mann. Er hatte in diesem stillen,
+lächelnden Blick etwas gelesen. Er glaubte sich zu täuschen. Er faßte
+den seltsam ruhigen Freund bei den Schultern und starrte ihm in das
+weiße Gesicht. Es war kein Zweifel mehr, er hatte Klarheit.
+
+»Hans,« brachte er mühsam hervor, »Hans, das darfst du nicht. So weit
+sind wir, bei Gott, noch lange nicht! In acht, in vierzehn Tagen bist
+du gesund, ich garantier’ es dir. Aber das darfst du nicht!«
+
+»Was ist denn Großes dabei — bei einer Reise!«
+
+»Lüge nicht, Hans! Du kommst nicht wieder, wenn du reisest; du — du
+willst dich töten ...«
+
+Das Wort war gesprochen, und atemlos wartete Springe auf ein Echo.
+
+»Lieber Heinrich,« sagte Hans Steinherr ernst, »so lieb ich dich habe:
+in meine letzten Entschlüsse einzudringen oder gar einzugreifen, dazu
+gebe ich niemand das Recht. Auch dir nicht.«
+
+Heinrich Springe nahm sein Herz in beide Hände. Er zwang sich mit aller
+Gewalt zur Ruhe, zur kühlen Überlegung. Hier war nur Kaltblütigkeit am
+Platz.
+
+»Hans,« sagte er, »ich sehe, du entziehst mir dein Vertrauen, obwohl
+ich nun genug weiß. Aber was hilft mir das Wissen! Über dein Leben habe
+ich nicht zu verfügen, und wollte ich es doch tun, so würd’st du schon
+Mittel und Wege genug finden, um dein Vorhaben auszuführen. Nur einen
+Aufschub verlang’ ich.«
+
+»Dies ist die letzte Nacht.«
+
+»Wann hast du es beschlossen?«
+
+»Vor einer Stunde.«
+
+»Vor einer Stunde erst? Und jetzt schon —? Hans, so stehlen sich
+Kassendefraudanten aus dem Leben oder unreife Knaben. Nicht Männer,
+die da wissen, daß sie eine Mutter und Freunde zurücklassen. Du wirst
+noch eine Nacht darüber hingehen lassen, du wirst den Mut bekunden, am
+hellen, lichten Tag deinem Vorhaben ins Auge zu sehen. Du wirst dich
+zur Ruhe legen, und wenn du morgen früh ausstehst und du sagst mir: Es
+bleibt dabei — so will ich gehen und dich nicht mehr hindern. Daraus
+gebe ich dir mein Ehrenwort, mein heiliges, nie gebrochenes Wort.«
+
+»Es ist zwecklos, aber ich will dir den Wunsch erfüllen. Komm mit! Du
+kannst mich sogar überwachen.«
+
+Schweigend schritten sie durch die mondbeglänzte Frühlingsnacht, die
+tausendfältig das Leben gebar.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Zehntes Kapitel
+
+
+»Was wünschest du, das geschieht?« fragte Hans Steinherr wie ein
+freundlicher Wirt, als sie in seinem Hause an der gartenbekränzten
+Grafenbergerchaussee angelangt waren und Heinrich Springe rastlos durch
+das Zimmer wanderte.
+
+Der Angeredete unterbrach seinen Gang.
+
+»Hans —!« sagte er, und er legte alle Liebe und alle Innigkeit in den
+Ton. Er ging auf ihn zu, faßte seine Hände und suchte seinen Blick.
+»Hans — —!«
+
+Der aber schüttelte stumm verneinend den Kopf.
+
+»Hans,« fuhr Springe eindringlicher fort, »du kannst es ja nicht
+wollen. Du hast ja vergessen, an deine Mutter zu denken. Ich will von
+niemand sonst reden. Nur von deiner Mutter ...«
+
+»Meine Mutter,« sagte Hans Steinherr und sah zur Seite, »meine Mutter
+ist durch das Glück geschützt. Der Verlust, der sie trifft, wird an
+ihrem Reichtum nichts ändern.«
+
+Er holte tief Atem. Dann fand er ein ruhiges und entschlossenes Wort:
+»Heinrich, mache keinen weiteren Versuch. Laß mich nicht bereuen, daß
+ich dich nicht auf der Stelle abgewiesen habe. Ich versprach dir,
+die nüchterne Überlegung am Morgen abzuwarten, obschon sie nicht
+nüchterner ausfallen kann. Mehr kann ich nicht und mehr will ich nicht.
+Das — ist mein letztes Wort.«
+
+»Hans — —!«
+
+Aber als der Freund sich abwandte, müde der Erwiderungen, ließ
+Springe von jedem Überredungsversuch ab, trat hinter ihn und legte
+schonungsvoll den Arm um ihn.
+
+»Komm, ich bringe dich in dein Zimmer. Du sollst jetzt ruhig schlafen.«
+
+Hans Steinherr lächelte leise über die sorglichen Bemühungen, aber er
+ließ sie geschehen.
+
+Sie gingen die Treppen hinauf, in das obere Stockwerk, in dem das
+Schlafzimmer lag. Dort ließ sich Hans schweigend auf das Ruhebett
+fallen.
+
+»Laß die Lampe brennen, Hans. Licht ist gut gegen einsame Gedanken. Und
+ich möchte von Zeit zu Zeit nachsehen kommen, ob du eingeschlafen bist
+oder den Wunsch hast, mich zu sprechen. Gute Nacht, Hans; ich wünsche
+dir mit aller Bedeutung eine ~gute~ Nacht!«
+
+Unten im Hausflur blieb er stehen und horchte angespannt. Dann stieg
+er schnell ins Souterrain hinab und klopfte behutsam an der Tür der
+Wirtschafterin. Die Alte hatte den leichten Schlaf des Alters. Sie
+erwachte sofort und fragte, ob der Herr Doktor noch ein Verlangen habe.
+
+»Bitte, Frau Schmitz, stehen Sie gleich auf! Ich bin’s, Heinrich von
+Springe. Sie müssen mir eine Gefälligkeit erweisen.«
+
+In wenigen Minuten hatte die erschrockene Person ihre Kleider
+übergeworfen. Springe beruhigte sie.
+
+»Es ist nichts. Herr Hans fühlt sich nicht ganz wohl. Aber ich möchte
+doch auf alle Fälle mit Fräulein Stahl sprechen. Gehen Sie doch bitte
+sofort zur Immermannstraße — die Dienstmädchen machen leicht eine
+übertriebene Geschichte daraus — und ersuchen Sie Fräulein Stahl in
+meinem Namen, sich gleich herzubemühen. Das Fräulein versprach mir,
+aufzubleiben, bis ich aus dem ›Malkasten‹ zurück sei. Wir wollten noch
+plaudern.«
+
+»Soll ich nicht,« fragte die alte Frau ängstlich, »gleich einen Doktor
+mitbringen?«
+
+»Das wird hoffentlich nicht von nöten sein. Eilen Sie nur!«
+
+Er sah ihr vom offenen Fenster aus nach, wie sie in ihrem großen
+Umschlagetuch eilig die Straße dahintrippelte.
+
+Eine qualvoll lange Stunde begann für den Mann am Fenster. Er zog die
+Uhr. Es war eins. Vor zwei Uhr konnte Hannes nicht eintreffen. Und wenn
+sie nicht aufgeblieben, wenn sie schon zur Ruhe gegangen war? Aber
+nein, sie hatte ja am Abend erst versprochen, zu warten. Es drängte
+sie ja viel zu sehr, zu hören, ob der heitere Abend günstig auf Hans
+eingewirkt habe. Sie wollten ja noch Pläne miteinander schmieden,
+allein, ohne von den anderen gestört zu werden.
+
+Hannes würde kommen; Hannes würde ganz bestimmt kommen!
+
+Fern, aus einem der Gärten, tönten die langgezogenen Koloraturen einer
+Nachtigall. Sobald ihr Ruf in einem Triller erstarb, antwortete eine
+andere. Hin und her ging das Spiel, im Lauschen und im Schwelgen.
+
+Aber Springe hatte heute keinen Sinn für den Wohllaut der Nacht. Als
+er sich dennoch beim Horchen ertappte, riß er sich ärgerlich los. Das
+Tirilieren zog ihn ab. Er hatte sein Gehör einer anderen Richtung zu
+schenken.
+
+Das Viertelstundenschlagen der Turmuhren erschien ihm endlos. Er
+tastete nach seiner Zigarrentasche. Aber jetzt zu rauchen, kam ihm wie
+ein Verbrechen vor. Er verspürte auch nicht die geringste Lust.
+
+Eben hatte es dreiviertel zwei geschlagen, und seine Nervosität
+war gestiegen, daß er die Zähne zusammenbeißen und die Fingernägel
+in das Fensterbrett einkratzen mußte. Herrgott, das ging ja über
+Menschenkräfte. Das war ja wie eine Nacht vor dem Schafott. Schlimmer,
+schlimmer. Da oben lag ein Mensch, den Tod vor Augen, und er stand
+hier unten, tatenlos, wie ein Publikum. Er fühlte, wie auf seiner
+Stirn große, kalte Tropfen standen. Und da draußen dieses schwelgende
+Nachtigallenkonzert, als gäbe es jetzt auf der weiten Welt nichts
+Dringenderes zu tun, als Liebeslieder zu singen ...
+
+Ein Schritt! Ein ganz hastiger Schritt! — —?
+
+So weit, als er es vermochte, beugte sich Springe aus dem Fenster, um
+die Straße zu übersehen.
+
+Da! Das Mondlicht schuf taghelle Beleuchtung. Eine Frau! Eine Frau im
+Umschlagetuch ...! Heiliger Vater im Himmel, die Frau kam allein zurück!
+
+Er stürzte nach der Haustür, er öffnete —
+
+Es war Hannes.
+
+Der Umschwung seiner Empfindungen war so stark, daß er sich einen
+Atemzug lang gegen die Tür lehnen mußte — daß das Mädchen in jäher
+Angst nach seinen Armen griff — daß sie Entsetzliches befürchtete —
+
+»Nein, nein!« stieß er hervor. »Es kam nur — ich dachte — Frau Schmitz
+käme allein. Ich sah nur das große Umschlagetuch. Wenn man in der Nacht
+wartet, spielt die Phantasie Streiche. Mädel, Mädel, Gott Dank, daß du
+da bist!«
+
+Er drückte geräuschlos die Tür ins Schloß und führte das Mädchen
+vorsichtig ins Zimmer.
+
+»Du warst noch auf, als die Frau kam? Hat keiner etwas gehört?«
+
+»Ich stand am Fenster, Onkel, und öffnete ihr, ohne daß sie zu läuten
+brauchte. Als sie mir deine Bestellung ausgerichtet hatte, nahm ich
+gleich ihr Umschlagetuch, ohne erst den Hut zu holen, bat die Frau, an
+meiner Stelle dort zu bleiben, für den Fall, daß Großmutter zufällig
+aufstehen und nach mir sehen sollte, und hastete hierher. Aber so
+sprich doch um Gottes willen, was ist? Was ist mit Hans?«
+
+Und in fliegender Eile berichtete er ihr die Vorgänge des Abends.
+
+»Was ich auch vorbrachte, Hannes, alles war vergebens. Er war fertig
+mit sich. Er hatte Abschluß gemacht. Das einzige, was ich in meiner
+Todesangst erzielte, war der Aufschub bis zum Morgen. Und bis dahin ist
+nicht mehr weit.«
+
+Hannes stand blaß vor ihm, aber sie stand aufrecht. Die großen, tiefen
+Augen weit geöffnet, ging ihr Blick an ihm vorbei.
+
+»Nein, Onkel Springe, so spät ist es noch nicht.«
+
+»Ich wußte mir keinen anderen Rat als dich.«
+
+»Ich danke dir, Onkel Springe, Hat er von mir noch gesprochen?«
+
+»Nein, Kind. Aber das beweist nichts. Viel eher ...«
+
+»Onkel Springe,« sagte sie, bevor er vollenden konnte, »ich muß sofort
+zu ihm.«
+
+»Ich hatte das erwartet,« murmelte Springe, »aber es mußte von dir
+ausgehen.«
+
+»Willst du mich hinbringen? Wo ist er jetzt?«
+
+»Ich habe ihn dazu bewogen, sich zur Ruhe zu legen. In seinem
+Schlafzimmer.«
+
+Aus den letzten Worten hörte sie die zögernde Frage heraus. Da sah sie
+ihn ernst an.
+
+»Wie kann mich das hindern! Komm, Onkel Springe. Und dann, nicht wahr,
+dann läßt du mich allein.«
+
+In Springes Brust stieg eine breite Atemwelle auf. Er antwortete nichts
+als: »Ich wußte es ja, ich wußte es ja. In dir täuscht man sich nicht.«
+
+Dann ging er ihr voran in das obere Stockwerk und öffnete leise die Tür
+zu Hans’ Zimmer.
+
+Hans Steinherr lag auf dem Ruhebett, ganz still, das Gesicht der Wand
+zugekehrt.
+
+»Bist du es, Heinrich?« fragte er und wendete ein wenig den Kopf.
+
+Hannes hatte die Tür hinter sich ins Schloß gedrückt. Jetzt, allein
+mit ihm, schlug ihr das Herz so rasend, daß ihr schwindelte. Aber sie
+bezwang sich mit aller Tapferkeit, trat rasch an ihn heran, beugte
+sich über ihn, und bevor er einen Schrei der Überraschung auszustoßen
+vermochte, hatte sie ihre Lippen fest auf seinen Mund gepreßt, als
+müßte es so sein — —.
+
+»Hans, mein alter, lieber Hans! Nun sage mir, was dir fehlt.«
+
+Hans Steinherr versuchte zu sprechen. Er rang nach Klarheit, nach
+Bewußtsein. Mit entsetzten Augen starrte er die Erscheinung an, von
+der er nicht wußte, wie sie zu dieser Stunde in dieses Zimmer kam. Und
+sie strich mit ganz weicher Hand über diese wilden Augen und sagte nur
+immer: »Mein alter, lieber Hans ...«
+
+Noch einmal versuchte er, die Lippen zu bewegen. Aber es kam kein Ton.
+Sie sah nur, wie seine Schultern schütterten, und sie hinderte ihn
+nicht. Vielleicht, daß er weinte — —. Nur mit zärtlichen Fingern strich
+sie über sein Haar und wiederholte von Zeit zu Zeit: »Alter, lieber
+Hans! Glaubtest du denn wirklich, daß ich dich so gehen lassen würde?
+Einfach gehen lassen?«
+
+Dann wurde er allmählich stiller, und sie saß bei ihm und wartete
+geduldig, bis er reden würde. Ihre weichen, warmen Hände, die jetzt auf
+seiner Stirn lagen, zeigten ihm, daß sie wartete.
+
+»Was nun?« stammelte er, »was denn nun? Das — das habt ihr ja glücklich
+zu stande gebracht. Nun kann ich es doch nicht mehr tun — —«
+
+»Wenn du es getan hättest, Hans, und ich hätte es erst morgen früh
+erfahren, ich hätte dich doch nicht allein gelassen.«
+
+Er sah sie verständnislos an. Seine Gedanken sprangen noch immer im
+Zickzack durch seinen Kopf.
+
+»Darauf bist du nicht selbst gekommen, Hans? Daß ich abgereist wäre,
+um die lieben Menschen hier nicht so arg zu treffen, und dir an irgend
+einem Winkel der Welt — nachgefolgt wäre?«
+
+»Hannes, Hannes!« brachte er hervor, »wie kannst du das aussprechen — —«
+
+»Wundert dich das? Das solltest du dir nicht gedacht haben, und wußtest
+doch, daß ich dich liebte?«
+
+»Nein, nein!« rief er. »Das habe ich ~nicht~ gewußt. Das wäre ja
+Wahnsinn gewesen.«
+
+»Was es ist,« sagte sie und lächelte vor sich hin, »das kann ich dir
+nicht sagen. Denn ich weiß ja nur das eine: daß ich dich lieb habe; so
+lieb, wie nur je im Leben; wie damals, als wir Kinder waren, und noch
+viel lieber.«
+
+»Quäl’ mich nicht! Quäl’ mich nicht so!«
+
+Da nahm sie hastig seinen Kopf und drückte ihn gegen ihre Brust.
+»Ruhig,« beschwichtigte sie mit ihrer tiefen, klingenden Stimme,
+»ruhig, ganz ruhig. Es ist so, und nun hast du es mir zu glauben.«
+
+Er regte sich nicht. Er lag wie im Arm einer Mutter. Wie unendlich wohl
+das tat — —
+
+Und nach einer Weile sagte sie: »Du darfst nur sprechen, wenn du
+vernünftig bist.«
+
+»Ich bin’s.«
+
+»Nur, wenn du etwas Vernünftiges zu sagen hast.«
+
+»Hannes, Hannes, du bist so lieb, so — so — und es ist doch alles
+nutzlos.«
+
+»Magst du mich so wenig leiden, Hans? Trotzdem ich mich dir aufdränge?«
+
+»Du kannst scherzen,« sagte er tonlos. Aber als sie eine Bewegung
+machte, drückte er den Kopf fester gegen ihre Brust und schlang scheu
+den Arm um ihren Hals.
+
+Sie hielt ganz still. Das war der Knabe — — der Knabe von ehemals.
+
+»Hannes, es ist nichts aus mir geworden. Ich bin nichts und ich werde
+nichts. Hingegen du — du hast alles erreicht. Das sind doch keine
+Gleichheiten, die zueinander passen.«
+
+»Dein Talent ist zehnmal größer und wichtiger als meins. «
+
+»Mein Talent? Ich habe keins. Ich hab’s in der Fabrik draußen kläglich
+erproben können.«
+
+»Wer spricht denn von der Fabrik?«
+
+»Von der Fabrik nicht?«
+
+Er ließ sie los und schaute sie staunend an.
+
+»Ja, wenn nicht von der Fabrik, von was denn in aller Welt?«
+
+»Hältst du mich für so dumm, mein dummer Hans? Meinst du denn, ich
+hätte deine Gedichte und deine kunsthistorischen Aufsätze nicht in den
+Zeitschriften gelesen? Oder traust du mir so gar kein Verständnis zu?«
+
+Er lachte laut auf. »Meine Gedichte! Meine Aufsätze! Ein nettes, wirres
+Zeug — —«
+
+»O ja,« sagte sie, ohne die Ironie zu beachten, »ein bißchen wild ging
+es ja manchmal darin zu. Aber das lag nicht an deinem Kunstvermögen,
+das lag an dir armem, liebem Kerl selbst. Dir fehlte die Sammlung. Man
+muß ein Ziel haben, um unbeirrt marschieren zu können.«
+
+Und als sie sah, daß wieder der sarkastische Zug um seinen Mund
+auftauchen wollte, fügte sie mit ganz leiser, ganz durchsichtiger
+Schelmerei hinzu: »Wie kann man Sammlung haben, wenn man nicht einmal
+eine Frau hat!«
+
+»Hannes!« rief er, von dem alten Heimatston gepackt, »Hannes!«
+
+»Aha, das siehst du ein. Das ist der erste Schritt zur Besserung. Und
+da ich nun doch einmal dabei bin, mich dir auf die schönste Weise
+anzutragen, so merk dir noch, daß ich schon ganz tüchtig verdiene, und
+daß du, als der Mann, mich unbedingt überholen mußt.«
+
+Da lachte er nur auf.
+
+Aber nun gab sie nicht mehr nach und kniete an seiner Seite, als wollte
+sie sich ganz klein machen.
+
+»Hans, Hans, heraus mit dem Ehrgeiz! Ich habe allezeit zu dir
+aufgeschaut! Du bist ja so reich an Wissen und Können, daß du deine
+Schätze gar nicht einmal überblicken kannst, wenn du erst anfängst, mit
+deinem Pfund zu wuchern! Und höre einmal: Ich hab’ eine große Furcht.
+Eine gewaltige Furcht wegen meines großen Einkommens. Wahrhaftig, Hans.
+Ich fürchte — ich fürchte — ach, Hans, ich werde einmal entsetzlich
+faul werden. Und wenn du mich lieb hast, wirst du dir das selber
+zuzuschreiben haben.«
+
+Und wieder hatte der frische Heimatston des rheinischen Mädchens
+gesiegt.
+
+»Hannes, das geb’ ich nicht zu. Auf keinen Fall! Die Kunst ist etwas
+Heiliges, der wird man nicht untreu.«
+
+»So geh mir mit gutem Beispiel voran!«
+
+»Nein, du mir!«
+
+»Ich habe zuerst drum gebeten. Sei nicht geizig!«
+
+»Aber ich weiß ja nicht einmal, wie und wo ich es anfassen soll.«
+
+»Hans, das sagt ein Düsseldorfer? Hier, deine, unsere Vaterstadt
+wartet. Hier ist Terrain. Hier werden Männer benötigt, die für die alte
+und jung aufblühende Düsseldorfer Kunst eine Klinge zu schlagen wissen.
+Gegen den Zopf bei uns selber und gegen die Hämlinge da draußen! Wie?
+Hab’ ich das nicht schön gesagt? Hans, hier gibt’s Arbeit. Und wenn
+du mit ihr noch nicht auskommst, widme dich dem öffentlichen Leben.
+Ach, Hans, und wenn dich der Ehrgeiz plagt, kannst du noch einmal
+beigeordneter Bürgermeister für das Kunstdepartement der guten Stadt
+Düsseldorf werden. Hans, sind das nicht Aussichten?«
+
+Und sie lachte ihr klingendes, glückseliges Lachen, das ansteckend auf
+den staunenden Horcher wirkte, der mit leuchtenden Augen jedem ihrer
+Worte gefolgt war.
+
+»Hans, gib acht, wenn die Sammlung kommt! Wenn du erst deine Kräfte in
+Kopf, Herz und Faust zusammen hast! Wie dann der Dichter sich melden
+wird, der die Stimmen in sich und um sich her sammelt. O, ich bin ja
+so froh, daß du kein Wunderkind geworden bist, kein Überflieger ohne
+Wurzelland. Ein Baum muß wachsen in Sturm und Wetter.«
+
+Sie hatte den Kopf an den seinen geschmiegt, und plötzlich begann sie
+leise eine Verszeile aus »Ännchen von Tharau« zu singen.
+
+ »Recht als ein Palmenbaum über sich steigt,
+ Hat ihn erst Regen und Sturmwind gebeugt — —«
+
+Da konnte er sich nicht mehr enthalten. Da schlang er die Arme um sie
+und küßte sie auf die Lippen, auf die Augen, auf das schimmernde,
+rotblonde Haar. Als ein Gesunder! Als ein Mensch, der nach dem Leben
+verlangt, nach dem fröhlichen Kampf und dem segenschweren Sieg.
+
+»Hannes, alter, kleiner Hannes! Liebste, ach du Aller-Allerliebste!
+Jetzt lass’ ich dich nicht mehr los.«
+
+»Ich hab’ dich nie losgelassen, Hans.« — —
+
+Sie hörten ihre Herzen schlagen. Das war ein Gleichklang.
+
+Und mit einem Male, in der neuen Gesundheit seines Empfindens, wurde
+sich Hans Steinherr der Situation bewußt.
+
+»Mädel, Mädel, wo bist du denn hingeraten? Das ist ja mein Schlafzimmer
+— —«
+
+»Herr Gott!« schrie sie auf und wich bis an die Wand zurück.
+
+»Hans,« sagte sie dumpf, aber in ihrer Stimme vibrierte der Schalk und
+das Glück, »du hast mich fürchterlich kompromittiert.«
+
+»Aber du warst ja als Krankenschwester bei mir.«
+
+»Der Kranke ist kerngesund. Ich hab’ die Beweise. Kannst du das
+leugnen?«
+
+»Nein, ich kann es ~nicht~ leugnen.«
+
+»Du hast mich also kompromittiert, und du wirst wissen, was ein
+Ehrenmann zu tun hat.«
+
+»Hannes!« flehte er.
+
+»Ja oder nein?«
+
+»Wenn es denn nicht anders ist —: Ja!«
+
+»O, bitte: das genügt mir nicht. Deutlicher, klarer, Herr Doktor
+Steinherr!«
+
+»Hannes, ich seh’ es ein, ich muß dich heiraten.«
+
+Da flog sie wie der Wind heran und umhalste ihn wie ein glückliches
+Kind. »Hans, mein alter, lieber Hans!«
+
+»O du alter, kleiner Hannes!«
+
+»Weißt du, wir könnten die beiden Namen in einen fassen.«
+
+»Wir sind ja eins und sind es immer gewesen.«
+
+Und sie plauderten und schwatzten wie die Kinder von den Erinnerungen,
+und das dritte Wort war: »Weißt du noch?«
+
+»Weißt du noch,« fragte Hannes, »als wir im Regen durch den Hofgarten
+liefen und ich es nicht wollte, daß du mir auf die Füße sahst, wenn ich
+über die Pfützen springen mußte, und du dann riefst: Ach, in ein paar
+Jahren bist du ja doch meine Frau?! Und heute bin ich zu dir gekommen,
+weil ich es mußte, und weißt du, was ~ich~ jetzt rufe?: Ach, in ein
+paar Wochen bist du ja doch mein Mann! Kuß! So, und jetzt müssen wir zu
+Onkel Springe.«
+
+Aber sie hielt ihn noch einmal an der Tür zurück. Mit einem lieben,
+ernsten Zug im Gesicht.
+
+»Hans, du darfst mich nicht falsch verstehen. Meine Liebe soll dir nie
+eine Last sein, sie soll dir — meine Liebe sein. Du hast als Künstler
+die Welt nötig. Du ~mußt~ sogar die Welt nötig haben, wenn du immer ein
+Wahrheitsschilderer bleiben willst. Und du wirst überall die Schönheit
+suchen, und manch eine Frau wirst du schön und interessant finden.
+Hans, ich werde nie eifersüchtig sein. Meine Liebe steht so felsenfest,
+daß ich weiß: ich werde der Hafen sein, zu dem er nach jeder Ausfahrt
+freudig und mit überlegenem Lächeln zurückkehrt. Das, Hans, das war’s,
+was ich dir noch sagen wollte.«
+
+Er hielt ihre Hände fest und war keines Wortes mächtig.
+
+Dann gingen sie, Hand in Hand. Sein Schritt war fest und schnell. Ein
+aufrechtes Mannestum war in ihm und eine Heiterkeit, die nach frischer
+Lebenstat Ausschau hält, den Dank für das Leben zu bekunden. — —
+
+Heinrich von Springe war, nachdem er Hannes in Hans Steinherrs
+Zimmer hatte eintreten lassen, sofort umgekehrt. Zuerst hatte er
+seine Wanderung durch das Parterrezimmer wieder aufgenommen, dann
+war er lange auf einem Fleck stehen geblieben, um seiner Erregung
+Herr zu werden, und die abenteuerlichsten Pläne waren ihm durch den
+Kopf gegangen, für den Fall, daß das Mädchen unverrichteter Sache
+zurückkehren würde. Als aber Viertelstunde auf Viertelstunde verstrich,
+ohne daß das Mädchen wieder aufgetaucht wäre, löste sich die lastende
+Spannung in ein verblüfftes Staunen, und das Staunen endlich in ein
+breites Behagen — —.
+
+Es schlug drei Uhr. Da tastete er wieder einmal nach seiner Rocktasche,
+und diesmal brachte er schmunzelnd sein Etui hervor und zündete sich
+mit der Miene eines Mannes, der einen Genuß zu würdigen versteht, eine
+große Zigarre an.
+
+Dann legte er sich in das offene Fenster, so bequem es ihm möglich
+schien, und beobachtete den heraufziehenden Frühlingsmorgen.
+
+Noch immer schlug im fernen Garten eine Nachtigall, und ihr lockender
+Ruf ließ eine zweite antworten. Aber Dialog und Duett irritierten ihn
+nicht mehr. Ja, wenn ihm eine Pause in musikalischer Beziehung zu lang
+ausgesponnen vorkam, nahm er seine Zigarre aus dem Mund und ahmte leise
+den Lockruf nach.
+
+»Tü — — Türülü — — —«
+
+Und er freute sich kindisch, wenn die kleinen unsichtbaren
+Gesangskünstler prompt einsetzten.
+
+Jetzt war er so in sein Tun vertieft, daß er das Uhrenschlagen
+überhaupt überhörte. Nur einen Schritt überhörte er nicht. Der klang
+ihm denn doch zu bekannt. So ging nur Frau Margot.
+
+Sie war schon dicht vor dem Hause, da lehnte er sich, die Zigarre
+zwischen den Lippen, weit aus dem Fenster, damit sie ihn erkennen
+sollte, und rief so gemütlich und fröhlich, als ob es sich um eine
+Absprache handelte: »Guten Morgen! Guten Morgen, du allerschönste Frau!
+Hast du dich auch herbemüht?«
+
+Frau Margot war sprachlos. Sie hatte den Weg in der treibenden Angst
+der Ungewißheit zurückgelegt, von allen erdenkbaren Schreckensbildern
+erfüllt, und nun rekelte sich ihr geliebter Mann zigarrenrauchend im
+Fenster und machte Naturstudien!
+
+»Aber Heinz — — aber Heinz!«
+
+»Willst du zum Fenster einsteigen, oder soll ich dich feierlich an der
+Tür des Hauses empfangen?«
+
+»Sei nicht so unvernünftig fidel. Ich bin ja ganz hin.«
+
+»Das, Liebste, kommt davon, wenn man nicht seine unvernünftige
+Fidelität beibehält.«
+
+»Heinz, so öffne doch!«
+
+»Aber nicht prügeln, hörst du? Ich habe nichts verbrochen!«
+
+Sie schüttelte lachend den Kopf über den Unverbesserlichen.
+
+Nun war sie bei ihm im Zimmer und bestürmte ihn um Auskunft.
+
+»Erst beichten, wer dich mir auf die Spur gebracht hat. Es muß alles
+seine Ordnung haben.«
+
+»Ach Gott, Heinz, ich wachte auf und fand deinen Platz immer noch leer.
+Das ängstigte mich, und ich nahm meinen Morgenrock über, um zu sehen,
+ob bei den Toggenburgers noch Licht sei. Du und Hannes, ihr hattet ja
+den ganzen Tag über Heimlichkeiten gehabt. Und als ich wirklich noch
+Lichtschein entdeckte, klopfte ich leise an. Du kannst dir meinen
+Schreck vorstellen, als die Wirtschafterin von Hans mir öffnete.«
+
+»Das ist die Strafe, wenn die Frau nicht vertrauensvoll den Mann
+erwarten kann,« sagte Heinrich Springe.
+
+»Spotte du noch! Mir war alle Lustigkeit vergangen. Und als mir Frau
+Schmitz gar mitteilte, daß sie das Fräulein hätte holen müssen, weil
+der Herr Doktor daheim wohl erkrankt sei, da war ich im Handumdrehen
+angekleidet und, und — da bin ich.«
+
+»Und nun beruhigt, Liebste?«
+
+»Beruhigt —? Aber ich bin ja noch so klug wie zuvor.«
+
+»Ach so,« stimmte Springe bei. »Ja — viel klüger bin ich auch nicht.«
+
+»Aber so sag doch endlich, ob Hans wirklich krank ist!«
+
+»Krank? I wo! Der wird sich in diesem Augenblick wohl so urgemütlich
+befinden wie noch nie in seinem Leben. Ich nehme das wenigstens an.«
+
+»Heinz, sei ernsthaft! Was ist hier vorgegangen? Weshalb hast
+du Hannes in der Nacht herholen lassen? Du mußtest doch sehr
+schwerwiegende Gründe haben.«
+
+»Ja, Margot, die hatte ich. Du siehst, ich bin jetzt ganz ernst. Hans
+wollte in dieser Nacht ohne Abschied von dannen. Er wollte wieder
+reisen, ins Ungewisse. Vielleicht wäre er nie wieder gekommen. Ich
+erfuhr davon, ich habe lang’ auf ihn eingeredet, bei uns zu bleiben,
+gesund und froh zu werden. Es half nichts. Da dachte ich: Hier kann
+nur eine helfen. Wenn die Namen der Mutter und des Freundes versagen,
+bleibt als letztes der Name der Geliebten. Und so griff ich denn zu der
+stärksten Beschwörung und ließ Hannes holen.«
+
+»Sie muß ihn sehr lieb haben,« sagte Frau Margot leise und drückte die
+Hand des Gatten.
+
+»Und er sie nicht minder,« entgegnete Heinrich Springe, »denn er
+scheint sie jetzt überhaupt nicht mehr hergeben zu wollen. Diese
+Egoisten haben meine Existenz total vergessen.«
+
+»Wo sind sie denn? Ich möchte sie sehen.«
+
+»Oben. In seinem Schlafzimmer.«
+
+»In seinem — —?«
+
+»Aber Liebste, mach doch nicht so liebe, dumme Augen. Sie sind in der
+Tat oben. Der Junge hatte sich zur Ruhe gelegt, um nicht gestört zu
+werden, und in der Frühe wollte er heimlich davon. Da ist das tapfere
+Mädel schnurstracks hinaufgegangen, um ihn zu zwingen, sie anzuhören.
+Nicht nur für sich, für uns alle. Spürst du denn nicht, wie kleinlich
+und nichts-bedeutend in der Stunde der Gefahr alle sogenannten
+Anstandsregeln werden? Zimperlichkeit ist nicht rheinische Art.«
+
+Frau Margot schmiegte sich an seinen Arm und lachte zu ihm auf.
+
+»Du, du? Ist das nicht unschicklich?«
+
+»Unschicklich ist es,« sagte Heinrich Springe mit einem tiefen Atemzug,
+»aber es ist auch verdammt schön! Und siehst du,« fuhr er fort und
+legte den Arm um ihren Leib, »weil die Schönheit gar so selten ist, so
+soll man sie, wenn sie uns grüßt, halten und fassen, wie und wo man
+kann. Und nie, nie im Leben soll man sie ungeküßt von dannen lassen.«
+
+Am offenen Fenster zog er ihren Kopf zu sich heran, und sie wehrte
+nicht, und sie küßten sich.
+
+»Das ist aller Weisheit Schluß, du liebe Frau.« —
+
+Die Tür öffnete sich. Da waren die Kinder.
+
+Und wortlos eilten die beiden Frauen aufeinander zu und umarmten sich.
+Eine jede den Kuß des Liebsten auf den Lippen.
+
+»Mutter —« sagte endlich Hannes.
+
+Frau Margot aber nahm beider Hände in die ihren — — —
+
+Heinrich Springe hatte sich abgewendet. Unmännliche Rührung mißbilligte
+er an der eigenen Person.
+
+Dann standen sie alle am Fenster und atmeten tief in der Frühlingsluft.
+
+»Wie weiß die Gärten in Blüte stehen,« sagte Hannes. »Das kommt, ohne
+Fragen und Zaudern, weil es seine Bestimmung ist.«
+
+»Das ist eine bräutliche Nacht,« nickte Frau Margot. »Duft und Licht
+und Klang vermählen sich in eins.«
+
+Heinrich Springe stand zwischen den beiden Frauen. Er wußte keine
+Sentenz. Aber er drückte sie beide an sich und sagte, lachenden,
+leuchtenden Auges in den aufsteigenden Morgen hinausschauend:
+
+»Kinder, Kinder, es ist doch etwas Eigenes um den Frühling am
+Niederrhein.« — — —
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger G. m. b. H.
+
+Stuttgart und Berlin
+
+Die nachstehend verzeichneten Romane und Novellen sind auch
+in Leinwand gebunden zu beziehen
+
+Preis für den Einband 1 Mark
+
+ Geheftet
+
+ ~Andreas-Salomé~, Lou, Ruth. Erzählung. 3. Aufl. M. 3.50
+
+ —"— Aus fremder Seele. Eine Spätherbstgeschichte
+ 2. Auflage M. 2.—
+
+ —"— Fenitschka. Eine Ausschweifung
+ Zwei Erzählungen M. 2.50
+
+ —"— Menschenkinder. Novellencyklus. 2. Auflage M. 3.50
+
+ —"— Ma. Ein Porträt. 2. Auflage M. 2.50
+
+ —"— Im Zwischenland. Fünf Geschichten. 2. Aufl. M. 3.50
+
+ ~Anzengruber~, Ludwig, Wolken und Sunn’schein
+ 2. Auflage M. 3.—
+
+ ~Arminius~, Wilhelm, Der Weg zur Erkenntnis M. 3.—
+
+ —"— Yorks Offiziere. Historischer Roman M. 3.50
+
+ ~Bertsch~, Hugo, Die Geschwister. Mit einem Vorwort
+ von Adolf Wilbrandt. 5. Auflage M. 2.50
+
+ ~Bobertag~, Bianca, Moderne Jugend M. 4.—
+
+ ~Böhlau~, Helene, Salin Kaliske. Novellen. 2. Aufl. M. 3.—
+
+ ~Bourget~, Paul, Das gelobte Land M. 3.—
+
+ ~Boy-Ed~, Ida, Die Lampe der Psyche. 2. Auflage M. 4.—
+
+ —"— Um Helena. 2. Auflage M. 3.50
+
+ —"— Die säende Hand. 3. Auflage M. 3.50
+
+ —"— Die große Stimme. Novellen M. 2.—
+
+ ~Bülow~, Frieda v., Kara M. 4.—
+
+ ~Burckhard~, Max, Simon Thums. 2. Auflage M. 3.—
+
+ ~Busse~, Carl, Die Schüler von Polajewo. Novellen M. 2.50
+
+ ~Ebner-Eschenbach~, Marie v., Erzählungen. 4. Aufl. M. 3.—
+
+ —"— Božena. Erzählung. 6. Auflage M. 3.—
+
+ —"— Margarete. 5. Auflage M. 2.—
+
+ — Moriz v., =Hypnosis perennis.= Ein Wunder des
+ heiligen Sebastian. Zwei Wiener Geschichten M. 2.—
+
+ ~Eckstein~, Ernst, Nero. 7. Auflage M. 5.—
+
+ ~Ertl~, Emil, Mistral. Novellen M. 3.—
+
+ ~Fontane~, Theodor, Quitt. 2. Auflage M. 3.—
+
+ —"— Unwiederbringlich. 4. Auflage M. 3.—
+
+ ~Fulda~, L., Lebensfragmente. Zwei Novellen. 2. Aufl. M. 2.—
+
+ ~Gleichen-Rußwurm~, A. Freiherr v., Vergeltung M. 3.50
+
+ ~Grimm~, Herman, Unüberwindliche Mächte. 2 Bde.
+ 3. Auflage M. 8.—
+
+ ~Haushofer~, Max, Planetenfeuer. Ein Zukunftsroman M. 3.50
+
+ ~Heer~, J. C., An heiligen Wassern. 15. Auflage M. 3.50
+
+ —"— Der König der Bernina. 16. Auflage M. 3.50
+
+ —"— Felix Notvest. 7. Auflage M. 3.50
+
+ —"— Joggeli. Die Geschichte einer Jugend. 6. Aufl. M. 3.50
+
+ ~Heilborn~, Ernst, Kleefeld M. 2.—
+
+ ~Herzog~, Rudolf, Die vom Niederrhein M. 4.—
+
+ ~Heyse~, Paul, Neue Novellen. 7. Auflage M. 3.50
+
+ —"— Marthas Briefe an Maria. 2. Auflage M. 1.—
+
+ —"— Meraner Novellen. 10. Auflage M. 3.50
+
+ —"— Novellen vom Gardasee. 3. Auflage M. 4.50
+
+ —"— Kinder der Welt. 2 Bände. 21. Auflage M. 7.20
+
+ —"— Unvergeßbare Worte und andere Novellen.
+ 5. Auflage M. 3.60
+
+ —"— Im Paradiese. 2 Bände. 13. Auflage M. 7.20
+
+ —"— Der Roman der Stiftsdame. 12. Auflage M. 3.60
+
+ —"— Moralische Unmöglichkeiten u. and. Geschichten M. 4.50
+
+ ~Hillern~, Wilhelmine v., ’s Reis am Weg. 3. Aufl. M. 1.50
+
+ —"— Ein alter Streit. 3. Auflage M. 3.—
+
+ —"— Der Gewaltigste. 3. Auflage M. 3.50
+
+ —"— Ein Sklave der Freiheit. Roman. 3. Auflage M. 5.—
+
+ ~Höcker~, Paul Oskar, Väterchen M. 3.—
+
+ ~Hopfen~, H., Der letzte Hieb. Eine Studentengeschichte.
+ 4. Auflage M. 2.50
+
+ ~Huch~, Ricarda, Erinnerungen von Ludolf Ursleu
+ dem Jüngeren. 4. Auflage M. 4.—
+
+ ~Junghans~, Sophie, Schwertlilie. 2. Auflage M. 4.—
+
+ ~Kaiser~, J., Wenn die Sonne untergeht. Novellen.
+ 2. Auflage M. 2.50
+
+ ~Kirchbach~, Wolfgang, Miniaturen. Fünf Novellen M. 4.—
+
+ ~Langmann~, Philipp, Verflogene Rufe. Novellen M. 2.50
+
+ ~Lindau~, Paul, Der Zug nach dem Westen. 10. Aufl. M. 4.—
+
+ ~Lindau~, Paul, Arme Mädchen. 8. Auflage M. 4.—
+
+ —"— Spitzen. 7. Auflage M. 4.—
+
+ ~Loti~, Pierre, Japanische Herbsteindrücke M. 3.—
+
+ ~Mauthner~, Fritz, Hypatia. 2. Auflage M. 3.50
+
+ ~Meyer-Förster~, Wilhelm, Eldena. 2. Auflage M. 3.—
+
+ ~Meyerhof-Hildeck~, Leonie, Töchter der Zeit
+ Münchner Roman M. 3.—
+
+ ~Muellenbach~, E. (E. Lenbach), Abseits. Erzählungen M. 3.—
+
+ —"— Vom heißen Stein M. 3.—
+
+ —"— Aphrodite und andere Novellen M. 3.—
+
+ ~Petri~, Julius, Pater peccavi! M. 3.—
+
+ ~Prel~, Karl du, Das Kreuz am Ferner. 2. Auflage M. 5.—
+
+ ~Proelß~, Johannes, Bilderstürmer! 2. Auflage M. 4.—
+
+ ~Riehl~, W. H., Aus der Ecke. Sieben Novellen. 4. Aufl. M. 4.—
+
+ —"— Neues Novellenbuch. 3. Auflage. (6. Abdruck) M. 4.—
+
+ —"— Am Feierabend. Sechs neue Novellen. 4. Aufl. M. 4.—
+
+ —"— Kulturgeschichtliche Novellen. 5. Auflage M. 4.—
+
+ ~Saitschick~, Robert, Aus der Tiefe. Ein Lebensbuch M. 2.—
+
+ ~Schunsui~, Tamenaga, Treu bis in den Tod
+ Historischer Roman M. 3.—
+
+ ~Seidel~, Heinrich, Leberecht Hühnchen. Gesamtausgabe
+ 2. Auflage (11.–15. Tausend) M. 4.—
+
+ —"— Vorstadtgeschichten. Gesamtausgabe. Erste Reihe M. 4.—
+
+ —"— " " Zweite Reihe M. 4.—
+
+ —"— Heimatgeschichten. Gesamtausgabe. Erste Reihe M. 4.—
+
+ —"— " " Zweite Reihe M. 4.—
+
+ —"— Von Perlin nach Berlin. Aus meinem Leben
+ Gesamtausgabe M. 4.—
+
+ —"— Phantasiestücke. Gesamtausgabe M. 4.—
+
+ ~Skowronnek~, Richard, Der Bruchhof. 2. Aufl. M. 3.—
+
+ ~Stegemann~, Hermann, Stille Wasser M. 3.—
+
+ —"— Der Gebieter M. 2.50
+
+ ~Stratz~, Rudolph, Der weiße Tod. 8. Auflage M. 3.—
+
+ —"— Buch der Liebe. Sechs Novellen. 2. Auflage M. 2.50
+
+ —"— Der arme Konrad. 3. Auflage M. 3.—
+
+ —"— Die letzte Wahl. 3. Auflage M. 3.50
+
+ —"— Montblanc. 5. Auflage M. 3.—
+
+ —"— Die ewige Burg. 4. Auflage M. 3.—
+
+ —"— Die thörichte Jungfrau. 5. Auflage M. 3.50
+
+ ~Stratz~, Rudolph, Alt-Heidelberg, du Feine ... 6. Aufl. M. 3.50
+
+ —"— Es war ein Traum. Berliner Novellen. 4. Aufl. M. 3.50
+
+ ~Sudermann~, Herm., Frau Sorge. 71. Auflage M. 3.50
+
+ —"— Geschwister. Zwei Novellen. 26. Auflage M. 3.50
+
+ —"— Der Katzensteg. 54. Auflage M. 3.50
+
+ —"— Im Zwielicht. Zwanglose Geschichten. 29. Auflage M. 2.—
+
+ —"— Jolanthes Hochzeit. Erzählung. 26. Auflage M. 2.—
+
+ —"— Es war. 35. Auflage M. 5.—
+
+ ~Telmann~, Konrad, Trinacria. Sizilische Geschichten M. 4.—
+
+ ~Voß~, Richard, Römische Dorfgeschichten. 4. Auflage M. 3.—
+
+ ~Wereschagin~, W. W., Der Kriegskorrespondent M. 2.—
+
+ ~Widmann~, J. V., Touristennovellen M. 4.—
+
+ ~Wilbrandt~, Adolf, Fridolins heimliche Ehe. 3. Aufl. M. 2.50
+
+ —"— Meister Amor. 3. Auflage M. 3.50
+
+ —"— Novellen aus der Heimat. 2. Auflage M. 3.50
+
+ —"— Hermann Ifinger. 6. Auflage M. 4.—
+
+ —"— Der Dornenweg. 4. Auflage M. 3.50
+
+ —"— Die Osterinsel. 4. Auflage M. 4.—
+
+ —"— Die Rothenburger. 6. Auflage M. 3.—
+
+ —"— Vater und Sohn und andere Geschichten. 2. Aufl. M. 3.—
+
+ —"— Hildegard Mahlmann. 3. Auflage M. 3.50
+
+ —"— Schleichendes Gift. 3. Auflage M. 3.—
+
+ —"— Die glückliche Frau. 4. Auflage M. 3.—
+
+ —"— Vater Robinson. 3. Auflage M. 3.—
+
+ —"— Der Sänger. 4. Auflage M. 4.—
+
+ —"— Erika. Das Kind. Erzählungen. 3. Auflage M. 3.50
+
+ —"— Feuerblumen. 3. Auflage M. 3.—
+
+ —"— Franz. 3. Auflage M. 3.50
+
+ —"— Das lebende Bild u. andere Geschichten. 3. Aufl. M. 3.—
+
+ —"— Ein Mecklenburger. 3. Auflage M. 3.—
+
+ —"— Villa Maria. 3. Auflage M. 3.—
+
+ —"— Familie Roland M. 3.—
+
+ ~Wildenbruch~, E. v., Schwester-Seele. 12. Auflage M. 4.—
+
+ ~Worms~, Karl, Du bist mein. Zeitroman M. 4.—
+
+ —"— Thoms friert M. 4.—
+
+ —"— Die Stillen im Lande. Drei Erzählungen M. 3.—
+
+ —"— Erdkinder M. 3.50
+
+
+
+
+_Gedichte_
+
+von
+
+_Rudolf Herzog_
+
+Geheftet 2 Mark 50 Pf. In Leinenband 3 Mark 50 Pf.
+
+
+... Die Kunst Herzogs ist eine Kunst großen Stils und kennzeichnet sich
+durch große Vornehmheit. Sie ist vornehm, ohne exklusiv zu sein, von
+gedanklicher, sprachlicher und architektonischer Schönheit, ohne dunkel
+oder stilisiert zu wirken; eine Kunst, die von einer tiefen Auffassung
+des Schaffensmysteriums erfüllt ist, eine Innenkunst, die in die Gründe
+und Abgründe der Seele steigt, um geheimes Gold an den Tag zu fördern
+...
+
+_Literarisches Centralblatt, Leipzig_
+
+... Wie Frühlingsbrausen weht es dem Leser aus der Gedichtsammlung
+entgegen. Da spricht eine ganz eigene Persönlichkeit, die vor
+allen Dingen durch Frische und unzerstörbaren Lebensmut köstlich
+anziehend erscheint. Wie gesund das wirkt nach all den schwülen müden
+Schöpfungen, die wir in den letzten zehn Jahren an uns vorübergehen
+sahen ...
+
+_Lübecker Nachrichten_
+
+Rudolf Herzog hat sich bisher durch Dramen und Romane eine geachtete
+Stellung in der modernen Literatur erworben. Nun hat er uns als die
+Frucht vieler Jahre einen Gedichtband geschenkt, in welchem sich
+dieselbe starke und gesunde Persönlichkeit, die seinen Romanen ein
+subjektives und individuelles Gepräge verlieh, offenbart ... Wenn auch
+das Buch voll stark und stürmisch empfundener Poesien ist, so ist es
+doch nicht das Werk eines Jünglings ... Es ist das Buch einer Liebe und
+ihres Wachsens und ihrer Erfüllung. Und so führt er uns von tiefstem,
+herzzerwühlendem Schmerz zu höchster Freude, zum vollen Menschenglücke.
+So feiert er den großen Rausch der Liebe und verherrlicht die Stunden
+tiefverschwiegenen Liebesglückes, den stillen Frieden des Herdes ...
+
+_Nationalzeitung, Berlin_
+
+=H. M.= Seinen großen Romanen »Der Graf von Gleichen« und »Die vom
+Niederrhein« sendet Rudolf Herzog jetzt die Sammlung seiner »Gedichte«
+nach. Sie sind es vielleicht, die den Aufgang und die Entwickelung
+seines Talentes am lebendigsten zeigen, die das vollste, klarste und
+reichste Bild seiner dichterischen Natur geben. Sein ganzes Temperament
+sprüht und leuchtet in ihnen, und das Temperament ist zugleich gebildet
+und geadelt in künstlerischer Selbstzucht. Was der Most verhieß, ist
+er geworden: ein reiner feuriger Wein von feinstem Duft und edelstem
+Gehalt. Nennt man die besten Dichter im Lande, wird jetzt auch sein
+Name genannt ...
+
+_Barmer Zeitung_
+
+Herzogs »Gedichte« atmen dieselbe Lebensfreudigkeit, den gleichen
+kecken Übermut und die nämliche Gefühlswärme, die uns seine Romane
+so wert machen. Seine Verse klingen, und aus ihnen tönt es von
+Kämpfertrotz und heißer Liebe, von lenzeslinden Lüften und wildem
+Sturmeswehen: ein echter Mann und Dichter spricht zu uns, dem die Leyer
+zum Schwert wird, wo es gilt, pedantische Moralphilosophen zu befehden.
+
+_Berliner Börsen-Courier_
+
+... Herzogs Muse ist kein blasses, schwindsüchtiges Wesen, das uns
+mit den Äußerungen eines krankhaften Zustandes quälen möchte: helle,
+fröhliche Augen blicken uns aus diesen Gedichten entgegen, und wir
+hören aus ihnen das Lachen und den Spott, zuweilen aber auch den Zorn
+und den Schmerz eines gesunden, lebensfrohen Menschen heraus ... Es
+ist frische Kraft in den Versen Herzogs, die wir herzlich begrüßen.
+_Berliner Lokal-Anzeiger_
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+_Der Graf von Gleichen_
+
+Moderner Roman aus der Berliner Gesellschaft
+
+von
+
+_Rudolf Herzog_
+
+Geheftet 4 Mark. In Leinenband 5 Mark
+
+[Illustration]
+
+Dieses neueste Werk des jungen, vielversprechenden Verfassers ist ein
+gutes Buch voll ernsten Wollens und tüchtigen Könnens. Die Schilderung
+der Charaktere bis in die feinsten Seelenschwingungen, bis in die
+geheimsten Herzensregungen ist dem Verfasser überraschend gut gelungen.
+Ich habe diese Menschen lieb gewonnen in ihrer gesunden, bewußten,
+tatfrohen Eigenart. Die gesunde Sprache, die furchtlose Tendenz des
+Buches deckt manchen veralteten Schaden der heutigen Gesellschaft auf.
+
+_Norddeutsche Allgemeine Zeitung, Berlin_
+
+Unsere Literatur ist nicht reich an Büchern, die mit so ehrlicher
+Schlichtheit, so ohne jedes Posieren, ohne alle Effekthascherei
+geschrieben sind, wie der Roman Herzogs.
+
+_Hamburger Fremdenblatt_
+
+Rudolf Herzog hat sich in verhaltnismäßig kurzer Zeit einen
+achtungsvollen Namen unter den deutschen Romanciers erworben. Die
+Erhebung des Imposanten und Kraftvollen zum Träger der Geschicke gibt
+sein neuester Roman »Der Graf von Gleichen«. Der Stil des Romans ist
+außerordentlich elegant und fesselnd. Er wird sich einen Platz in
+unsrer neueren Literatur erringen.
+
+_Die Post, Berlin_
+
+Das Buch ist außerordentlich gut geschrieben, flüssig, mit Kraft und
+liebevoller Verve, es pulsiert in ihm ein leidenschaftlicher, tiefer
+Ton, es ist die Bekenntnisschrift zweier starker, vornehmer Seelen,
+die sich finden, weil es für sie kein Hindernis gibt. Das Buch will
+gelesen und — empfunden werden, und wird seinen Weg machen, da es ein
+so ernstliches Interesse erregt, daß es auch zum zweiten und dritten
+Male gelesen werden kann, was man heuer nicht von allen Romanen sagen
+darf.
+
+_Münchener Neueste Nachrichten_
+
+Das Buch nimmt gefangen, so stark, so persönlich ist es. Aber es ist
+eine Gefangenschaft zur Freiheit, es entbindet zum freien starken
+Menschentum, das sich dem Zwang der Konvention entwindet, weil es sich
+selbst das Gesetz des Lebens geworden. Es ist Nietzsches hohe Moral,
+in einer dichterischen Gestalt von gesättigter Kraft verkörpert mit
+hinreißender Anschaulichkeit! Das willkommene Seitenstück zu Wilbrandts
+fein und vorsichtig abgestimmter »Osterinsel«, die den Himmelsstürmer
+mit der milden Weisheit des überlegenen Alters ad absurdum führt.
+
+_Berliner Tageblatt_
+
+Dieser neue Roman des geschätzten Berliner Erzählers nimmt eine
+eigenartige Stellung in unserer modernen realistischen Epik ein.
+Der Verfasser beherrscht spielend die naturalistische Technik, die
+Milieuentwicklung, die impressionistische Aufnahme der Stimmung. Aber
+vor allem ist Herzog ein Selbständiger und Eigener. Das Buch sei allen,
+die an der Entwicklung unsrer modernen Literatur teilnehmen, bestens
+empfohlen.
+
+_Bohemia, Prag_
+
+[Illustration]
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75525 ***