diff options
Diffstat (limited to '75525-0.txt')
| -rw-r--r-- | 75525-0.txt | 14599 |
1 files changed, 14599 insertions, 0 deletions
diff --git a/75525-0.txt b/75525-0.txt new file mode 100644 index 0000000..59b6d0e --- /dev/null +++ b/75525-0.txt @@ -0,0 +1,14599 @@ + +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75525 *** + + + + + +Anmerkungen zur Transkription + +Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text ist +~so ausgezeichnet~. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist =so +markiert= und in fett gesetzter Text ist _so markiert_. + +Der Übersichtlichkeit halber wurde die Buchwerbung am Ende des Buches +zusammengefasst. + +Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. + + + + +Die vom Niederrhein + + +Roman in zwei Büchern + +von + +Rudolf Herzog + + +[Illustration] + + +Stuttgart und Berlin 1903 + +~J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger~ + +G. m. b. H. + +Alle Rechte vorbehalten + + +Druck der Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart + + +Walter Bloem + +zu eigen + + + + +Erstes Buch + + + + +Erstes Kapitel + + +Schiefergrau schob der Rhein seine Wassermassen an Düsseldorf vorbei. +Er zwängte sich stöhnend durch die Joche der alten Schiffsbrücke und +entpreßte den Bohlen und Planken der bauchigen Brückenkähne denselben +hellsingenden, melancholischen Ton, den einst der lustige Bergwind +dem Holze entlockte, als es noch mit quellenden, steigenden Säften +auf einsamen Nordlandshöhen oder grünen Schwarzwaldgipfeln seine +Kronen wiegte. Ausströmend fand er seine Gelassenheit zurück, trieb +schwerfällig an dem roten Schloßturm der schönen Jakobe von Baden +vorüber, der als altes Wahrzeichen der Stadt in die neue Zeit mit ihrer +alles glättenden, die Erinnerungen auslöschenden Verschönerungssucht +glücklich sich hinübergerettet hat, und nahm die Parade ab über +einen zusammengewürfelten Haufen baufällig scheinender Hütten und +Baracken, die sich wie eine Zigeunerhorde an die massigen Hüften ihrer +Nährmutter, den kalt und erhaben seine Umgebung beherrschenden Bau der +Kunstakademie, herandrängten. Dann tauschte er kurz Red’ und Antwort +mit dem leisquellenden Wasser des Sicherheitshafens, überströmte +kräftig den Rand der Golzheimer Insel, große Lachen in dem sandigen +Boden zurücklassend, und entschwand nahe Kaiserswerth, der alten, +efeuumsponnenen Feste, die einst Pipin erbaute und die die Entführung +des vierten Heinrich sah, in einem scharfen Bogen gen Holland. + +Unaufhörlich ging der Regen nieder. In der Nacht hatte er begonnen, und +jetzt, nachdem die Glocken der Stadt längst Mittag verkündet hatten, +zeigte er sich noch keineswegs zur Rast gewillt. Wer aus dem Rheintor +heraustrat, sah Strom und Ebene, soweit der Blick reichte, in einen +engmaschigen, grauen Schleier gehüllt, der nur dicht über dem Wasser +eine langgestreckte, silberne Kante aufwies, den zitternden Reflex, den +der beständige scharfe Anprall der Regentropfen auf der Wasserfläche +schuf. Die Häuser der Ortschaft Oberkassel jenseit der Schiffbrücke — +»auf der anderen Seit’« sagt der Eingeborene — waren nur als dunkle +Schattenmassen erkennbar, und die Pappeln, Erlen und Weiden, die dem +Stromlauf folgen und dem Bild des Niederrheins den besonderen Charakter +geben, geisterten nur wie spindeldürre Finger durch die Luft, wenn eine +schwächliche Brise den Regen zu Tal drückte. + +Die ganze Atmosphäre war gesättigt mit jener feuchten, weichlichen +Wärme, die das Menschenblut zur Unrast treibt. + +Kein Ton als das einförmige Triefen des Regens, das Singen des +Brückenholzes und zeitweilig ein dumpfes Aufbegehren der drängenden +Wassermassen im Strombett oder an den Bordschwellen. + +Jetzt zitterten die sentimental näselnden Laute einer Handharmonika +hindurch. In der Deckskajüte eines am Kai verankerten Schleppkahnes +rekelte sich die lange, verwitterte Gestalt des Schiffers auf dem +Rücken. Über den Kopf hielt er mit ausgestreckten Armen die Harmonika, +auf der er schläfrig allerlei Volksweisen improvisierte, wie sie just +unter dem Griff der hin und her stolpernden Finger herauskamen. Durch +das weitgeöffnete Hemd lugte unbekümmert die zottig behaarte Brust, ein +schmaler Gurt schnürte die englischen Lederhosen über den Hüften kraus +zusammen, an den Füßen, die in graublauen Socken staken, tanzten im +Takt der Musik rote Plüschpantoffeln. + +»Lambert!« tönte rufend eine Frauenstimme aus dem Unterdecksraum. + +Der Schiffer war viel zu faul, eine Antwort zu geben. + +Ein Kopf wurde in der Treppenluke sichtbar. + +»Wat machste, Lambert?« + +»Musik,« tönte es lakonisch zurück. + +»Ach e nee,« machte die Frau höhnisch verwundert und kletterte nach +oben, »wat du nich sagst! Ich hatt’ jejlaubt, du tätst schnarchen!« + +»Domm’ Grielächer,« schimpfte der Rheinschiffer, drehte ihr seine +Kehrseite zu und versuchte, auf dem Bauche liegend, weiterzuspielen. + +Die Frau prüfte das Wetter. + +»Jesus Maria Jusepp, wat es dat en Leid! Et rejent un et rejent.« + +»Kuns’stück,« entgegnete verächtlich der Harmonikaspieler und zog die +Register zu einem kläglichen Gewimmer. Mehr sagte er nicht. + +Die Frau sah über die Achsel zurück und wartete. + +»Du,« sagte sie nach einer Weile, in der nur noch das Surren des Regens +vernehmlich war, und tippte den Gefährten mit dem holzbeschuhten Fuß +in die Seite, »spürste noch nix oder spürste jet? Mr kann sich an de +eigene Schlauheit verfresse, wenn mr kein Lust hat. Wat es dat also mit +dem ›Kuns’stück‹?« + +»Och, Tring,« höhnte der Ehegatte, »ich jlöw, du bis us Dülken +jebürtig, wo die Gecke herkomme. Solang ich auf dem Rhing fahr un mein +Vader un mein Bestevader: wenn mr von Kölle zu Tal kommt, oder von +Wesel zu Berg, un et e su rejent wie heut, am heilige Sonntag et e su +rejent, na, wat es dann?« Er machte eine schlappe Viertelwendung und +gähnte. »Domm’ Dier, die Sank-Sebastian-Brüder in Düsseldorf feiern +Schützenfest! Den ihre Schutzpatron, dat is ene brave Heilige. Dä will +nich, dat en Malör passiert, deshalb speuzt er ihne dat Pulver naß.« + +»Da tät ich doch hinlaufe und mich aufnehme lasse in die Brüderschaft.« + +»Ich hau dat nich nüdig.« + +»Ah so! E nee — — jewiß nicht — —« machte die Vierschrötige maliziös. +Und mit einem Achselzucken: »ful’ Thommes!« + +Dann retirierte sie, mit den Holzpantoffeln klappernd, lachend unter +Deck. + +Der Schiffer gab sich gar nicht erst die Mühe, über ihre Reden +nachzudenken. Er blinzelte noch einmal nach dem Häusergewirr der +Altstadt, über deren Dächern der Regen wie ein Dampf lag, und schlief +ein. Er hielt seinen Sonntag. — — + +Über die Kaimauer gelehnt, hatte ein junger Mann den Diskurs der +beiden belustigt mit angehört. Der Regen füllte die Krempe seines +Hutes und rann an dem schwarzglänzenden, eleganten Gummimantel glatt +herab. Er achtete nicht darauf. Das schmalgeschnittene Gesicht — eher +das eines Knaben als eines Neunzehnjährigen — war durch das Wetter +leicht gerötet, das dichte, braune Haar klebte auf der Stirn, die +dunkelgrauen Augen blickten klar und fest. Diese Augen machten die +feine Jugendlichkeit der Züge wieder wett. Sie verliehen eine Reife, +die von den weichen, knabenhaften Bewegungen seltsam abstach. + +Der junge Spaziergänger richtete sich auf. Er schüttelte sich, daß +die Tropfen ihn umzischten, und sog dann mit Nüstern und Lungen den +charakteristischen Duft des Rheintals ein, den Duft, der zwischen Teer +und Algen die Mitte hält. + +»Düsseldorfer Luft!« dachte er stolz. »Ich glaub’, ich würde zu Grunde +gehen, wenn mir die auf die Dauer entzogen werden sollt’.« + +Er dehnte und reckte Arme und Körper. + +»Was die Leute nur immer von der Schönheit des Oberrheins fabeln! Diese +Spießbürger haben nur Sinn für das, was ihnen recht augenfällig auf dem +Präsentierteller entgegengetragen wird. Aber hier? Wenn’s dort hinten +über die weiten, einsamen Wiesen huscht, über die Wasserarme, um die +Erlenbestände? Und der Horizont ganz, ganz fern — —. Was liegt da alles +drin an Unerklärlichem, Schönem, Sehnsuchtsvollem — an Poesie — —. +Schreien möcht’ man, schreien!« + +Er fuhr sich mit dem nassen Rockärmel über das erhitzte Gesicht; das +kühlte ihn auf der Stelle ab. + +»Na ja,« dachte er weiter, »bist schon ein rechter Heimatsmensch, dem +die Scholle nicht von der Stiefelsohle geht!« + +Er lauschte. + +Aus der Ferne klangen die verwehten Töne eines marschierenden +Musikkorps. Nur die große Trommel und die Becken brachen sich vorläufig +Bahn. + +»Bumm, bumm, bumm — — —« + +»Zingda, zingda, zingda, zingda!« + +»Aha, der Schützenzug! Nun geht’s auf den Festplatz. Die Kirmeß gehört +dazu, die gehört zur Volkspoesie des Niederrheins. Vorwärts, ›Hans der +Träumer‹!« + +Und der junge, hübsche Mensch versenkte die Hände in den schräg +anliegenden Taschen seines Gummimantels und schritt im Takt der +unablässig herüberdröhnenden Paukenschläge, den Kopf zur Abwehr des +Regens leicht vorgebeugt, die Melodie des Schützenmarsches pfeifend, +den Kai entlang. Er umging die Schleife des Sicherheitshafens, +konnte sich nicht enthalten, die wenigen Schritte zum Eiskellerberg +hinaufzuspringen, um noch einmal das Auge über das in den Konturen +verschwimmende Rheinpanorama schweifen zu lassen, und durchquerte +darauf die Anlagen des Hofgartens, um die kürzeste Straße nach dem +Festplatz auf dem Golzheimer Gelände zu gewinnen. + +Das Straßenbild hatte sich mit einem Schlage verändert. Die gute +Düsseldorfer Bürgerschaft, vor allem der hier von alters her kräftig +gedeihende Mittelstand, stets bereit, jede öffentliche Lustbarkeit +als eine Art ausgedehnten Familienfestes zu begehen, hatte kaum die +ersten Klänge der Schützenmusik vernommen, als sie auch schon mit Kind +und Kegel den Ausmarsch begann. Der Regen genierte nicht. Gerade er +trug dazu bei, den niederrheinischen Witz zu üben, wenn eine Hausehre +couragiert die Kleider hochnahm, um sich durch die nassen Grasrabatten +einen Weg zu bahnen, wenn ein Unglücklicher verzweifelt seinem Hut +nachsetzte oder ein umgekippter Regenschirm sich in die Lüfte hob. + +»Achtung, Pitter, die Menagerie vom Festplatz hält nich dicht. Süch +ens: der Storch im Salat!« + +»Wat denn! Dat is ’ne Störchin! Awer ’ne komplette.« + +»Ach so, Sie sind dat, Frau Schmitz? Nix för ongot!« + +»Da — —! Da! — Da ging ’ne Hot heidi! Kß! Kß! Kß!« + +Schweißgebadet stürzte der Besitzer vorbei. Ein allgemeines »Ah« +empfing ihn. + +»Schnelllöper, Schnelllöper!! — Akurat wie Fritz Käpernick! Un alles +omsünst. Et werd nich emol affjesammelt.« + +Der umgekippte, vom Winde hochgehobene Regenschirm wurde von der +Menschenkolonne mit staunendem: »Luffballon — —! Hurra: Luffballon!« +begrüßt. + +»Minsch, Minsch,« kreischte einer aus der Menge, »wat ham’mer en Freud!« + +Und sofort fiel der ganze Chorus ein: »Wat ham’mer en Freud!« + +Alles elektrisiert. Sommerliche Karnevalsstimmung. + +Und von der Flanke her immer näher, dröhnender und gellender, die Musik. + +»Bumm, bumm, bumm — — —« + +»Zingda, zingda, zingda, zingda!« — — + +Der junge Naturschwärmer vom Rheinkai befand sich bald inmitten der +Menschenstauung, die an der Ehrenpforte zwischen dem eigentlichen +Schützenplatz und der mit Jahrmarktbuden und Schaustellungen jeder +Art besetzten Festwiese den Einzug der Sankt Sebastianus- und der +ihr verwandten Gilden erwartete. Altem Brauche nach hatten die +Schützenbrüderschaften am Vormittag das Hochamt gehört. Nun zogen +sie heran, mit Gott und der Welt eines frohen Sinns. Die »gedienten« +Leute faßten Tritt, die übrigen stampften lachend und plaudernd +hinterdrein, die Beine in weißen Leinenhosen, »Porzellanbuxen«, wie +sie der Volkswitz nennt, dazu schwarzer Bratenrock und Zylinder +aller Dimensionen. Auch grünes Jägerhabit und Lodenhut mischte sich +darunter. Die Büchse geschultert, die Musik vor den Fahnenzügen +verteilt, dahinter der Schützenkönig des vergangenen Jahres, ein +biederer Handwerksmeister mit einer fast über seine Kräfte gehenden +Hoheitsmiene, mehr einem Fürsten von Gottes Gnaden ähnlich als dem +Menschenpack, dem er morgen wieder die Schuhe flecken und sohlen würde, +so schwand der Zug — Gewerbetreibende, Kaufleute, Künstler — mit einer +Salve derber Zurufe und lustiger Grußworte überschüttet, durch die +Ehrenpforte, um sich bald darauf an den Schießständen zu verteilen +und das Königsschießen für das neue Schützenjahr zu beginnen. Wer von +den Zuschauern Karten für den Schützenplatz erworben hatte, drängte +nach. Der Rest, meist junges Volk aller Stände, verteilte sich auf +der Festwiese, auf der jetzt, nach Beendigung des nachmittaglichen +Gottesdienstes, die Bierzelte eröffnet wurden, die Jahrmarktsbuden +zur Schau einluden, die Karussells ihre verstimmten Orgeln auf die +Nerven losließen, die Clownkapelle des Kölner Hänneschentheaters ihre +ohrenzerreißende Musik anhob, die Glocken bimmelten und die Aufrufer +mit heiserer, in der Fistel jäh versagender Stimme unermüdlich das +schiebende, stoßende, lachende, kreischende Publikum zum Besuch +anfeuerten: »Hier herein, meine Herrschaften! Das muß man gesehen +haben! Das muß man mitgemacht haben! Das muß man seinen Kindern und +Kindeskindern erzählen können! Das gehört unbedingt zur Bildung! +Herein, meine Herrschaften; das größte Schwein der Welt für zehn +Pfennige — —!« + +»Hallo, Steinherr, hierher!« + +Der junge Mann im Gummimantel, der strahlend vor Vergnügen im +dichtesten Trubel eingekeilt stand, hob sich auf den Zehen, um über die +Köpfe der anderen hinweg die Rufenden zu erspähen. Jetzt hatte er sie +entdeckt und winkte ihnen mit der Hand zu. + +»Ich kann hier nicht heraus!« rief er. »Keine Möglichkeit.« + +Aber schon hatte einer der außerhalb des Ringes stehenden jungen Herren +einen anderen auf die Schulter gehoben, der nun von oben herab mit +seinem Spazierstock nach Steinherr angelte. + +»Schnappen Sie zu, Steinherr! Wir ziehen.« + +»Das Angeln an dieser Stelle ist verboten!« schrie einer aus der Menge. + +»Awer doch niemals för de Jeistlichkeit. Die hat dat Angelprivileg,« +mischte sich ein anderer ein. + +»Wo is denn hier Jeistlichkeit?« + +»Sühst du denn nich? Dat Jungken hät doch ’ne lange Rock, so schwarz +wie nur ’ne Deuwel oder ’ne Kaplan.« + +»Oha!« rief dem Spottvogel ein dritter zu, »komm du nur morjen in die +Beicht’. Dir kann’t sehr jut gehen!« + +Dann ließ man Steinherr bereitwillig durch. Ein keckes Wort ist +am leichtlebigen Niederrhein eine bessere Hilfe als Obrigkeit und +Schutzmannschaft. + +Der junge Mann war lachend zu seinen Freunden getreten. + +»Guten Tag, meine Herren. Was? Ein fideles Leben hier. Sie haben +wirklich Glück mit Ihrer Garnisonstadt. Wollen Sie mich auf Ihren +Bummel mitnehmen?« + +Die jungen Leutnants in elegantem Zivil — ein paar Neununddreißiger und +ein paar Fünfter Ulanen — die, wie das ganze Offizierkorps, im Hause +des Großindustriellen Steinherr fleißig verkehrten, nahmen den Sohn des +Hauses in ihre Mitte und zogen weiter auf Abenteuer aus, wie der Tag es +gebot. + +»Na, wenn Sie zu Ostern Ihr Abitur haben, Steinherr, werden Sie doch +auch bei uns bleiben. Welchem Regiment wollen Sie denn die Ehre +schenken?« + +Hans Steinherr schüttelte den Kopf. + +»Sprechen wir um Gottes willen nicht davon. Ich habe genug darüber zu +Hause zu hören. Es ist ja selbstverständlich eine hohe Ehre, Offizier +zu sein, aber — aber es gibt doch auch noch andere hohe Ehren.« + +»I natürlich! Zum Beispiel: Sohn des Hauses Steinherr zu sein.« + +»Die schönste Frau Düsseldorfs zur Mama zu haben.« + +»Und selbst ein so verteufelt hübscher Bengel —« + +»Stopp, stopp, meine Herren; ich akzeptiere nur die Ehre, die meine +Mama betrifft.« + +Er nahm dankend, etwas verlegen, den Hut ab. Die jungen Offiziere +warfen übermütig salutierend die Hand an die Hutkrempe. — + +Die Julisonne arbeitete sich nun doch noch durch. Ihre Strahlen +brachen in die letzten Regenschauer, und alle Feuchtigkeit, die noch +zwischen den grauen Wolkenfetzen und dem morastigen Erdboden schwebte, +wurde aufgesogen. Ein prachtvoller Regenbogen, in den klarsten Farben +prangend, spannte sich von der Golzheimer Insel bis weit hinein in die +Stadt Düsseldorf. + +Die jungen Leute hatten die Zeltgassen durchquert, sehr feierlich das +Kölner Hänneschentheater und etwas weniger ehrerbietig die Riesendame +besichtigt, hatten sich elektrisieren und photographieren lassen, dann, +um die Kraft der Muskeln zu erproben, ein Dutzendmal »den kleinen +Lukas gehauen« und sich kindisch gefreut, wenn unter dem schweren +Hammerschlag die Metallscheibe an der Stange emporsauste und an der +Spitze die Glocke anschlug. Sie hatten in den Schießbuden holländische +Tonpfeifen zerschossen und allerlei sonderliche Artigkeiten mit den +Schießbudenmädels ausgetauscht, waren juchzend auf dem Karussell +gefahren, immer zu zweit auf dem mächtigen Rücken eines hölzernen +Löwen oder einer springenden Pantherkatze, und hatten so viel Allotria +getrieben, wie überschüssige Jugendlust unter dem Eindruck einer +Festwiese, sinnverwirrenden Lärms und ausgelassenster Kirmesfreiheit es +nur vermag. + +Hans Steinherr war immer mitgezogen. Er lärmte nicht, wie die +übrigen, aber er genoß innerlich alles und jedes doppelt. Sein feines +Knabengesicht glühte, seine Nasenflügel spannten sich, sein Herz +hämmerte vor Lust. In ihm quoll etwas empor, was er noch nie mit +solcher Macht gespürt hatte. Es war ein Kraftgefühl ohnegleichen, +ein Gefühl, etwas Unerhörtes zu vollbringen. Noch nie hatte er so +die Freiheit genossen, so stark den Puls des Lebens empfunden. Ein +reiches Muttersöhnchen, hatte er sich zumeist mit einem Blick aus +der Vogelschau begnügt und das Fehlende dem Spiel der Phantasie zur +Ergänzung überlassen. Nun stand er dem Volksleben Brust an Brust +gegenüber, fein farbendurstiger Sinn trank sich einen Rausch, sein +niederrheinisch Blut, das so schön in Zucht und Ordnung gehalten worden +war, klopfte ihm von den Fingerspitzen bis in die Schläfen. + +Eine mächtige Wasserlache hatte sich diesseit des Engpasses, der +schmalen Landzunge, die das Inselterrain mit dem Stadtgebiet verband, +angesammelt. Drüben stand ein junges Mädchen, braun wie eine Kastanie, +dem Alter nach ein Kind, fünfzehnjährig. Aber das fadendünne +Sommerkleid, das erste fußlange wohl, das sie trug, spannte sich schon +unter dem Druck heimlich drängender Formen. Der altmodisch breite +Schäferhut aus gebleichtem Stroh saß auf einem Paar Flechten, deren +volle Enden bis in die Kniekehlen schlugen. Sie ließ die verträumten +Augen über die breite Wasserlache nach dem lärmenden Zeltlager +schweifen und pendelte mit dem kleinen Fuß, der in derbem Leder stak, +über den Rand der Sandleiste. + +Steinherrs Gesellschaft war herangekommen und rief dem hübschen Kinde +Scherzworte zu. Einer begann das Lied von den zwei Königskindern: + + »Sie konnten beisammen nicht kommen, + Das Wasser war viel zu tief.« + +Da setzte Hans Steinherr, einer impulsiven Regung nachgebend, im +Sprungschritt durch das Wasser, daß die Tropfen ihm um die Ohren +flogen, erreichte atemlos den jenseitigen Rand, schlang den Arm um +die Kniee der überrumpelten Kleinen, hob das heftig sich wehrende +Geschöpfchen empor und watete zurück, unbekümmert darum, daß das +aufklatschende Wasser ihm die Beinkleider verdarb und ihm in die +Stiefel rann. + +Die jungen Offiziere begleiteten als einzige Zuschauer den Vorgang +mit lautem Hallo. Aber das zarte Ding erwies sich als eine ungefügige +Wildkatze. Es packte den ungerufenen Ritter, der sich in der Rolle +des heiligen Christophorus versuchte, mit beiden kleinen nervigen +Fäusten in den Stirnlocken und bedrängte ihn so heftig, daß er fast +zum Straucheln kam. Es wurde ihm purpurn vor den Augen. Er spürte +das stürmende Blut des jugendlichen Mädchenkörpers dicht über seinem +eigenen jugendlichen Herzen, das sich mit einem fremden im Schlag +verschmolz. Das war etwas noch nie Empfundenes. Noch nie hatten seine +Knabenhände ein Mädchen berührt. Tausend Gefühle durchwühlten ihn in +Sekundenschnelle, ließen Duft, Klang und Farbe in ihm entstehen, regten +ihn an und verwirrten ihn durch ihre Süße, schlugen ihn gleichzeitig +zum Ritter und nahmen ihm die Kraft. + +»Ruhig, du, oder ich küß dich!« stieß er plötzlich hervor. + +Er wußte selbst nicht, woher er die Worte genommen hatte. + +Jetzt setzte er sie am anderen Ufer ab und wischte sich aufatmend die +Stirn. Seine Hand war blutig, als er sie zurückzog. + +»Die kleine Hexe hat Sie gekratzt?« + +Er nickte, verlegen lachend. Daß sie ihn auch empfindlich mit den +strampelnden Füßen getreten hatte, behielt er für sich. + +Aus den Augenwinkeln sah er scheu nach seiner kleinen Dame, die trotzig +Kehrt gemacht hatte, im Begriff, durch das Wasser wieder zurückzuwaten. +Er trat zögernd auf sie zu, und sie streifte mit einem hastigen +Seitenblick die Schramme auf seiner Stirn, dicht unter den lockigen +Haarsträhnen. + +»Nun?« fragte er mit angenommenem Knabenhochmut. + +»Ich will hier nicht sein,« brachte sie hervor, und die dunkelblauen +Kinderaugen verschleierten sich. + +Da hob er sie, als könnte das gar nicht anders sein, zum zweiten Male +auf und trug sie stumm, mit zusammengebissenen Zähnen, zurück. Sie +schien ihm schwerer als vorhin, obwohl sie sich nicht regte. Drüben +setzte er sie behutsam ab. Einen Herzschlag lang standen sie sich +schweigend und verstört gegenüber und sahen sich an. Dann nahm er, wie +er es im Salon seiner schönen Mama zu tun pflegte, die Mädchenhand, die +noch in der seinen lag, und führte sie an die Lippen. + +Hui, flog die Kleine davon, als wäre sie nie gewesen. Die Zöpfe +flatterten hinter ihr drein und sprühten Funken in der tiefstehenden +Sonne. Fort war sie. + +Und Hans Steinherr, ohne sich um die zurückbleibende Gesellschaft +zu kümmern, die bereits mit einem Rudel flügger Mädel kokettierte, +wandte der Festwiese den Rücken und ging den Weg zurück, den er am +Nachmittag gekommen war. Durch den Hofgarten schritt er und über den +Eiskellerberg, immer weiter, den abendlich stillen Kai entlang, den +geliebten Rhein zu Füßen, nichts hörend, nichts sehend; mit den Augen +eines, der unvermutet in die Wunder eines Feenlandes geblickt. + +Als er die Schiffbrücke erreicht hatte, betrat er, noch immer ganz +versunken in seinen rätselhaften Zustand, die schwanken Bohlen. Er +hatte schon ein paar Schritte zurückgelegt, als er hinter sich einen +kurzen, groben Zuruf vernahm. Er fuhr zusammen, wachte auf und wandte +sich um. Was wollte denn nur der gestikulierende Mensch von ihm? + +»Sie, jong Här, dat Brückengeld schaffen Sie allein auch nich aus der +Welt!« + +Ach so, er hatte vergessen, den Brückenzoll zu entrichten. Brückenzoll? +Wo war er denn und wohin wollte er nur? Unter ihm plauderte der Rhein +so geschäftig, wie er ihn nie glaubte gehört zu haben: Neuigkeiten, +Heimlichkeiten. Und er dachte: Sag’s nur laut, Alter, ich versteh’ dich +doch. Dabei lächelte er ganz still in sich hinein, denn er wußte gar +nichts. Nur so verwandt fühlte er sich plötzlich mit all dem Leben und +Weben der Natur um sich her, so vertraut, so zugehörig. + +Er kehrte zum Brückenhäuschen zurück, ließ sich, während er den Zoll +entrichtete, ruhig den mißtrauisch prüfenden Blick des Einnehmers +gefallen und nahm den Weg wieder auf. Mit einem Male zuckte ihm ein +Marschtempo in den Beinen. Und sofort streckte er den schlanken Leib, +richtete sich auf der Brücke zusammen und marschierte in dröhnendem +Taktschritt ab. Dabei sang er aus voller Kehle. + +Der Wärter sah ihm kopfschüttelnd nach. + +»De hät bereits Öwerfracht,« meinte er zum Einnehmer und machte mit dem +zerkauten Ende seines Pfeifenstiels eine bezeichnende Geste nach der +Gegend des Schützenplatzes. + +Hans Steinherr aber schritt unbekümmert seines Wegs. Er hatte sein +Marschtempo noch beibehalten, als er schon längst in den Fußweg linker +Hand eingebogen war und in den Rheinwiesen wanderte. Seinen ganzen +Vorrat von Volksliedern sang er herunter. Wie die Glieder einer Kette +ließ er sie aneinander anschließen, ob sie passen wollten oder nicht. +Er fühlte sich kindisch wie ein Abcschütze und abgeklärt wie ein Greis. +Wie seltsam weich die Luft war! Wie Samt. Und gerade so war’s in seinem +Innern. Ganz, ganz weich .... Und mitten in seiner Freude ertappte er +sich dabei, wie er ein paarmal heftig schluckte. — So bemitleidenswert +kam er sich plötzlich vor, trotz seiner Gehobenheit. + +»Heißa, heißa!« schrie er laut hinaus und begann ein tolles Rennen. +Diese verrückte Sommerabendstimmung wollte er schon unterkriegen. + +Nun stand er, festgebannt. Vor ihm flammte ein Hochofen des +Industriedorfes Heerdt, aber doch nur wie ein Widerschein der feurigen +Lohe, die über der altertümlichen Stadt Neuß und ihrem ragenden Dome +lag. + +Die untergehende Sonne. + +Mit gefalteten Händen stand er, den Hut unterm Arm, feierlich, +unbeweglich, staunend, als hätte er nie zuvor das Himmelsschauspiel +genossen. Tönten nicht auch Harmonien um ihn her? Er horchte gespannt +und erschauerte. Was war das? Hatten sich seine Sinne verfeinert? +Konnte er die Sonne singen hören und die Farben gleichsam als Duft +empfinden? Seit wann, seit wann — —? Darüber grübelte er nach und hörte +sein Herz schwere Schläge tun. + +Der Sonnenball war gesunken und entschwunden. Aber die Luft war noch +vollgesogen von dem Licht, das erst mählich zerfloß. Dann blinzelten +ein paar Sterne, und das Wasser warf ihr Bild zurück. Es sah aus, als +ob auf dem Rhein Irrlichter schwämmen, kein Hauch weit und breit. + +Behutsam, als ob er den Gottesfrieden nicht stören dürfe, glitt Hans +Steinherr auf einen Weidenbaum zu, der in phantastischer Gestaltung aus +dem Ufersande ragte. Hier stand er, den Arm um den Stamm geschlungen +und lauschte. Er belauschte die neue Welt, die sich vor ihm aufgetan +und die ihn doch vor kurzem noch die alte dünkte. Und er belauschte den +neuen Menschen, der sich da heimlich in ihm regte und dehnte und alles +mit seinem Wesen zu erfüllen trachtete. + +In der Ferne sah er ein Licht auftauchen. Es kam stromab und wuchs +schnell heran. Jetzt unterschied er die Laterne eines Dampfers, der +verspätet zum Hafen eilte. Morgen, in junger Sonne, würde er seine +Fahrt zu Tal wieder aufnehmen, dem Meere zu. Mit können — mit können! +Und mit den Atemzügen des Rheins, mit den leisen, schmalen Wellen, die +das Ufer küßten und entflohen und wiederkamen und wiederkamen, ohne +sich greifen zu lassen, durchzitterte ihn die Sehnsucht nach dem Leben. + +Er war ganz wach, so wach, daß er sogar den Rhythmus des Rheins mit dem +Rhythmus seines Herzens verglich. Das däuchte ihn so wunderlich, daß er +am liebsten laut über sich selbst gelacht hätte. Aber er traute sich +nicht. Er hatte auch gar keine Zeit dazu, denn er mußte ja die Rhythmen +in Worte kleiden. Er mußte, mußte! Es war ein Zwang und eine Befreiung. +Süß, herb; trotzig, weich. Dann sprach er eine Weile atemlos vor sich +hin, und plötzlich sprang er auf. + +Beschämt; selig. Heiß bis unter die Haarwurzeln. + +Er, Hans Steinherr, der Primaner, der Ostern ins Examen steigen würde, +hatte ein Gedicht vollbracht, sein erstes, allererstes — —! Es handelte +vom Rhein, dem alten, dem geliebten Rhein. Und — überdies noch von — — +Liebe — Liebe? Was war denn das für ein Begriff? Wie? He? Antwort! + +»Ach was, ich weiß nicht,« lachte Hans laut hinaus, und einem neuen +jähen Übermutsdrange folgend, rannte er wie ein Füllen durch die +im Mondschein glänzende Wiese und rastete nicht, bis er den ersten +Tanzsaal Oberkassels an der Schiffsbrücke erreicht hatte, aus dem +Juchzen und Stampfen in die Nacht hinaus scholl. + +»Wenn die Mama ihren wohlerzogenen Sohn so sehen würde,« dachte er. +»Sie würde es nicht glauben.« + +»Und ich glaub’s fast selber nicht,« fügte er laut hinzu. »Herr Gott, +ich war doch den ganzen Nachmittag in Gesellschaft von Offizieren. Bis +— nun — bis — Ach, was geht mich die kleine Kröte an? Frech war sie +und — Donnerwetter, wie lieb so ’n Ding ist, wie — wie — — Hans, du +hast einen Schwips!« + +Nun wollte er sich vor Lachen ausschütten. Er war wie ausgewechselt. +Dann hörte er aufmerksam der Tanzmusik zu, die aus den geöffneten +Fenstern des Wirtshauses drang; ganz ernsthaft, als horchte er auf eine +Offenbarung. Er unterschied deutlich die Uniformen der Husaren, der +Ulanen, der Infanteristen, sah die gebräunten Gesichter der wackeren +rheinischen Jungens, die, stolz auf ihr »zweierlei Tuch«, den Ballsaal +beherrschten und den Kopf so dicht über die brennendroten Wangen ihrer +Tänzerinnen gereckt hielten, daß diese nicht wußten wohin damit, um den +vielen genierlichen Tanzküßchen zu entgehen. Mitten im Saale entstand +eine Stockung. Ein Zivilist hatte die Kühnheit gehabt, von der Schönen +eines kleinen, windigen Neununddreißigers eine Extratour zu begehren. +Der Soldat lehnte verächtlich ab. Ein Wortwechsel folgte, in dem der +Soldat »Rheinkadett« und der Zivilist »Sandhase« schimpfte; eine kurze, +aber umso schnellere Prügelei — und alles tanzte mit verdoppelter +Hingebung weiter. Die Leute hatten nicht viel Zeit, sie mußten +pünktlich, zur Sekunde, in den Kasernen sein. + +Hans Steinherr lauschte mit glänzenden Augen. Was war das für ein Tag! +Und heute mittag erst hatte er ein Loblied auf das niederrheinische +Land angestimmt und sich einen Heimatsmenschen genannt. Kannte er denn +diese Heimat? Mit Ausnahme der Szenerie? War das nicht vielleicht, rein +äußerlich, der ererbte Stolz auf die Vaterstadt, auf sein Düsseldorf +gewesen? + +Und plötzlich packte ihn der Wunsch nach lauter, lustiger Kumpanei. + +Es fiel ihm ein, daß er sich als Schüler des Gymnasiums des +Wirtshausbesuches zu enthalten habe. Bisher hatte er das nicht als +Entbehrung empfunden. Zu Hause herrschte genug geselliges Treiben, +und die Mama liebte keine Extravaganzen an ihrem Sohne. In diesem +Augenblicke kam ihm das gesellschaftliche Leben daheim wie bestellte +Schablonenarbeit vor. Er hätte die Komplimente und Gesprächsthemen +am Schnürchen hersagen können. Alles sehr hübsch, sehr witzig sogar. +Aber das wahrhaft Rassige, das durch alle sieben Himmel Jauchzende, +das Ursprüngliche fehlte. Der Inhalt und Ausdruck der Jugend. — Hans +verspürte zum ersten Male seine neunzehn Jahre. + +»Verwünschtes Pennal,« murrte er. »Na warte, noch ein Semester, und ich +habe dich für ewig im Rücken.« + +Wohin also nun? + +Ihm fiel der »Malkasten« ein. Sein Vater gehörte der +Künstlergesellschaft als passives Mitglied an. Bei Tisch hatte er davon +gesprochen, heute abend, wenn das Wetter sich klären würde, im Garten +des Malkastens, dem alten, schönen Jacobischen Park, in dem auch Goethe +einst gelustwandelt, mit einigen Herren eine Bowle zu trinken. + +Also zum »Malkasten«, so schnell ihn die Füße trugen. + +Der Brückenwärter auf der Düsseldorfer Seite, an dem er vorüberrannte, +schien ihn wiederzuerkennen. »Hä ’s ömmer noch jeck,« knurrte er und +machte ironisch einen Sprung beiseite. — + +Außer Atem langte Hans vor dem Malkasten an. Hastig öffnete er das +Gittertor und prallte heftig gegen einen Herrn, der es ebenso eilig zu +haben schien, hinauszukommen, wie der andere hinein. + +»Hoppla, Verehrtester!« rief der Herr lachend und faßte ihn mit beiden +Händen um die Taille. »Um ein Haar, und Sie hätten sich ins Unglück +gestürzt. Sagen Sie mal, Sie wollen doch nicht ernsthaft da hinein? +Zu den Neunmalweisen in der phrygischen Mütze mit der Troddel dran? +Junger, junger Mann!« + +»Das beabsichtige ich freilich,« versetzte Hans Steinherr kurz. + +Der andere aber ließ sich durch den Ton des Gekränktseins nicht +abschrecken. Er führte den Jüngling unter die nächste Laterne und sah +ihm mit gemachtem Ernst eindringlich in die Augen. Dabei parodierte +er die Schülerszene des Faust: »Ihr seid allhier erst kurze Zeit +und kommet voll Ergebenheit. — Denn ich sah Sie noch nie vordem, +Verehrtester. — Ihr kommt mit allem guten Mut, leidlichem Geld und +frischem Blut. Möchtet gern was Rechts hier außen lernen. — Sehen +Sie, wenn ich der Mephistopheles wäre, für den sie mich da drinnen +verschreien, so müßte ich jetzt mit Salbung sagen: Da seid Ihr eben +recht am Ort. Aber das wäre verdammt gelogen. Weisheit ist nicht +verdaulicher, wenn sie altbacken genossen wird. Und nun entscheiden +Sie sich. Wollen Sie hinein zu den Perücken, die Simson, als er die +Philister erschlug, übersah, weil er sie für Haubenstöcke hielt, oder +wollen Sie mit mir, in irgend eine Vagabundenschenke, aber unter +Geschöpfe Gottes, die lebendiges Fleisch auf dem Gebein haben.« + +»Vorwärts,« bestimmte Hans und schob resolut den Arm in den des +Unbekannten. Nach den vielen Wundern des Tages hatte er das Verwundern +verlernt. Zudem: der Mann imponierte ihm. + +Der aber streifte den schnell Vertraulichen von oben herab mit einem +kurzen, prüfenden Blick und schritt, ohne von seinem Begleiter +vorderhand weiter Notiz zu nehmen, eine italienische Opernarie summend, +durch die Straßen, die zur Altstadt führten. + +Hans Steinherr hatte unterwegs Gelegenheit genug, den ihm so plötzlich +bescherten Wandergefährten mit Muße zu betrachten. Es war eine +schlanke, sehnige Figur, nach neuester Mode gekleidet. Aber die Eleganz +wurde mit solcher Selbstverständlichkeit getragen, daß sie nicht weiter +auffiel. Der Kopf war der eines vornehmen Mannes; scharf geschnitten, +mit vorspringender Hakennase, unter die sich ein weicher, blonder +Schnurrbart schmiegte; mit blauen, echten Germanenaugen, deren Blick +Kühnheit und Intelligenz, und einem Munde, dessen weiche und doch +charakteristische Linie Lebenslust und Spottsucht verriet. Das Alter +war unbestimmbar. Vielleicht, daß die Schätzung von vierzig Jahren die +richtige war, doch sah der Fremde jünger aus. Hans war es übrigens, +als müßte er die auffallend vornehme Erscheinung schon des öfteren in +Düsseldorf gesehen haben. + +Vor ihnen lag die Ratingerstraße, winklig und unregelmäßig, mit +ihren engbrüstigen Gebäuden, vorspringenden Erkern und altmodischen +Giebeldächern im Mondlicht einem Bilde gleich, das aus der +Versunkenheit längst entschwundener Zeiten emporgestiegen schien. Ihre +Schritte hallten auf dem holprigen Pflaster und weckten das Echo an der +Häuserzeile entlang. + +»Was meinen Sie, Verehrtester, dieser Ausschank macht einen höchst +vertrauenswürdigen Eindruck.« + +Hans fand zwar im stillen, daß das gepriesene Haus eher einer +Räuberherberge ähnlich sähe, aber er nickte energisch und trat hinter +seinem Begleiter ein. + +In dem Tabaksqualm, der, in dichten Streifen übereinander lagernd, +die Stube füllte, hielt es schwer, die Umgebung festzustellen. +Erst, als sie hinter einem weiß gescheuerten Tisch auf handfesten +Holzstühlen saßen, gelang es Hans allmählich, sich zu orientieren. +Das Zimmer war mäßig groß, die Decke aus schweren Balken gebildet, +die Alter und Rauch tiefbraun gebeizt hatten, die Wände zeigten +kaum eine Handbreit der ehemaligen weißen Tünche, mit Kohle, Rötel +und Farbe hatten sich Generationen werdender Maler hier =al fresco= +verewigt. Neben dem Eingang prangte das primitive, peinlich sauber +gehaltene Büfett, hinter dem das Wirtspaar thronte, der »Baas« in +gestrickter Weste und schneeweißen Hemdärmeln, die »jung’ Frau«, eine +behäbige Matrone, mit weißer Latzschürze über dem mächtigen Busen. +Ein Küferjunge mit vorgeschnalltem Lederstück bediente. Von der Decke +hingen große Petroleumlampen nieder, um die sich der Tabakrauch wie der +Hof um die Mondscheibe sammelte. Sie leuchteten nieder auf Gerechte +und Ungerechte, auf gestikulierende Arbeitsleute im Sonntagstaat und +auf gesetzte Bürger; und unter diese mischten sich Prachtexemplare +von Düsseldorfer Künstlern, trunkfeste Männer, die mit lautem, +nimmermüdem Humor die ganze Wirtschaft dirigierten. Man neckte sich +und log sich gegenseitig die unglaublichsten Geschichten vor, mit +glänzenden Schalksaugen den Reinfall des Gegners erwartend, und irgend +einer bestellte immer wieder eine Runde des köstlich bitterlichen, +einheimischen Bieres. Der gehobenen Künstleratmosphäre entsprechend, +trugen die beliebtesten Speisen — die Speisekarte wies die stattliche +Auswahl von vier Nummern auf — besonders vollklingende Namen. Hans +Steinherr wunderte sich, wie häufig am Büfett »ein halber Hahn« +beordert wurde, bis er dahinter kam, daß dies hochtönende Gericht aus +einem halben Roggenbrötchen mit Holländer Käse bestand. + +Hansens Begleiter schien hier eine wohlbekannte und von allen +respektierte Erscheinung zu sein. Die älteren Maler begrüßten ihn +mit kräftigem Händedruck und ebenso kräftigem Scherzwort. Einige der +jüngeren, die sonst der Ansicht huldigten, das echte Künstlertum müsse +unbedingt durch rauhbeinige Manieren bewiesen werden, verstiegen sich +sogar zu einer Bewegung, die eine Verbeugung ausdrücken sollte. + +Hans traute seinen Augen nicht. Der Kellnerjunge brachte eine Flasche +Sekt, und keiner der mundfertigen demokratischen Geister ringsum schien +gegen diese Reglementswidrigkeit auch nur das geringste einzuwenden zu +haben. Der Gastgeber schenkte die beiden Gläser voll und stieß mit dem +jungen Manne an. + +»Entschuldigen Sie,« stotterte Hans, »ich habe mich noch nicht +vorgestellt — —« + +»Sind Sie ein anständiger Kerl? Na also! Ich bin’s auch, schmeichle ich +mir. Prosit!« + +Aber Hans fand es dennoch passender, seinen Namen zu nennen. + +»So, so — —. Steinherr. Hm. Übrigens, wenn Ihnen so viel an der +Etiketteaufschrift gelegen ist: von Springe. Sagen Sie mal, +junger Freund, Sie sind ein Sohn der hochedlen Firma Steinherr, +Grafenbergerchaussee? Und wollen Maler werden?« + +»Ich habe noch nicht daran gedacht,« antwortete Hans bescheiden. +»Vorläufig werde ich zu Ostern ins Abiturientenexamen steigen.« + +Herr von Springe fuhr erstaunt mit dem Stuhl gegen die Wand. + +»Wie? Was? Hör’ ich recht? Ein Pennäler? Sie schlagen sich noch mit +Fibel und Schiefertafel herum? Und ich Volksverführer hielt Sie für +einen wackeren Lehrling des heiligen Lukas und schleppe Ihre zarte +Jugend in diesen Rauchfang? Ah, ich werde Ihrer Frau Mama morgen eine +Entschuldigungsvisite machen, damit es keine strammen Hosen setzt. +Bitte tausendmal um Verzeihung.« + +Purpurne Röte stieg in dem feinen Gesicht des jungen Mannes auf. Dann, +sich gewaltsam beherrschend, sagte er so ruhig, wie es ihm nur möglich +wurde: »Sie schmeichelten sich vorhin, auch ohne Namensetikettierung +als anständiger Mensch zu erscheinen. Nach diesem Überfall muß ich +freilich annehmen, daß der Schein trügt. Guten Abend.« + +Aber der Effekt seiner Rede entsprach nicht seinen Erwartungen. Herr +von Springe lachte, daß die Gäste von ihren Stühlen auffuhren. + +»Bravo, bravo, gut gebrüllt, Löwe! So lieb’ ich meine Pappenheimer! +Das Kerlchen hat, weiß Gott, Rasse. Hier geblieben, mein Junge, kein +schiefes Maul mehr gezogen, du hast vollkommen recht, ich bin ein +Verbrecher und gebe dir hiermit feierlichst eine Ehrenerklärung.« + +Er hielt ihm das Glas hin, und, halb widerstrebend, halb +unwiderstehlich angezogen von dem bannenden Wesen des lachenden Mannes +vor ihm, stieß der junge Heißsporn an. + +Bevor eine Stunde vergangen war, hatte Hans Steinherr dem Fremden +mit den sieghaften Augen alle die rätselvollen Eindrücke des Tages +anvertraut, die sein junges Leben erregt hatten wie nie zuvor. Auch das +Gedichtchen stammelte er, und von Springe lachte nicht. Er ließ nur +seine Augen über ihn hinblitzen, und die Freude an der Unberührtheit +dieser jungen Seele, die unbewußt zu Taten drängte, stand ihm auf der +Stirn. + +»Du bist ein Dichter, mein Sohn.« + +»Ich möchte ein Künstler werden, Herr von Springe. Sie — Sie müssen ein +großer Künstler sein.« + +»Herzlichen Dank für die gute Meinung.« + +»Spotten Sie nicht über mich. Aber wer als Mensch so über den +Situationen steht —« + +»Kindskopf, was weißt du davon!« + +Er blickte schweigend in sein Sektglas. + +»Die Hauptsache ist, für den Künstler und den Menschen, den Humor an +der Sache nicht verlieren.« + +»Darf ich Sie besuchen?« schmeichelte Hans. + +»Du darfst. Aber jetzt zu Bett, Kleiner, deine Schlafenszeit muß längst +da sein.« + +Und sie gingen. + + * * * * * + +So endete der ereignisvollste Tag in Hans Steinherrs bisherigem Leben. + +[Illustration] + + + + +Zweites Kapitel + + +Der alte Philipp Steinherr, Fabrikbesitzer und Stadtverordneter, hatte +klein angefangen. Grauköpfige Düsseldorfer Bürger erinnerten sich +sehr wohl noch der kleinen Blechschmiede auf freiem Felde beim Dorfe +Bilk, in der er als junger Mann selbst das Handwerk ausgeübt. Mit +nie rastendem Ehrgeiz hatte er seinen Hammer geführt. Seine Bildung +hatte er mit zähem Eifer in abendlichen Fortbildungsschulen und durch +unablässiges Selbststudium vervollkommnet. Kein Gebiet der über Nacht +emporblühenden Technik durfte ihm verschlossen bleiben, sein Spürsinn +witterte das goldene Zeitalter, das die Technik zur Wissenschaft und +diese Wissenschaft zur Macht stempeln würde, er sah bereits die neue +Morgenröte und richtete sich auf ihren Empfang ein, als alles um ihn +her noch im Gleise der alten, guten Zeit fortschlenderte, mit echt +rheinischem Leichtsinn die Tage hinnahm, wie sie kamen, und — als +Hauptsache dieses Erdendaseins — die Feste feierte, wie sie fielen. +Philipp Steinherr hatte wenig Feste gefeiert. Seine Gedanken waren +zeitlebens auf den Erwerb gerichtet gewesen, auf den Erwerb mit allen +Mitteln, die er für seinen Zweck tauglich befand. Der aber war eben +der Erwerb, der Konkurrenzkampf, der Aufstieg aus den Niederungen +des Lebens zu den Höhen der Besitzenden. Das Wort des Marschalls von +Danzig, der auf die hochmütige Frage eines Junkers, ob er sich in der +Zahl der Ahnen mit ihm messen könne, schlagend erwiderte: »Nein, aber +ich ~bin~ ein Ahne,« hatte ihn nicht mehr losgelassen, als er es bei +der Lektüre eines Buches gefunden. Der Ahnherr seines Geschlechtes +wollte er werden, der bei der Arbeit grübelnde Blechschmied, obwohl er +damals noch den Gedanken an Hochzeit machen mit einem geringschätzenden +Lächeln abtat. Eins aber wußte er: ein neues Wappenschild richtet +man am leichtesten auf heruntergerissenen alten auf, im Kampf der +Schlachten wie im Kampf der Industrie. Nur keine Sentimentalitäten beim +Geschäft! Man konnte über Leichen schreiten und dennoch ein achtbarer +Mann bleiben. + +Das hatte Philipp Steinherr in seinem ganzen Leben bewiesen. Als junger +dreißigjähriger Meister erfand er ein billigeres Fabrikationssystem. +Er unterbot die Marktpreise so lange, bis er die kleinen Betriebe +in der Runde zum Auffliegen gebracht oder von sich abhängig gemacht +hatte. Er sog die Kräfte seiner Leute bis zum letzten Blutstropfen +aus, entledigte sich ohne Bedenken der verbrauchten, ohne sich über +das weitere Schicksal der abgerackerten Alten auch nur einen Gedanken +zu machen, und arbeitete, um jeden bösen Leumund zu verstopfen +und gleichzeitig seine Leute zur Hergabe der letzten Muskelkraft +anzuspornen, mitten unter ihnen mit nie versagender Rüstigkeit. Wenn er +an Sonn- und Feiertagen die Messe gehört, gebeichtet und kommuniziert +hatte, verschloß er sich tagsüber in seinem kleinen Laboratorium, um +Versuche über Versuche anzustellen, und saß Abends über seinen Büchern +oder trieb Sprachstudien. + +Die Kriegsjahre 1864 und 1866 trugen ihm große Lieferungsaufträge ein. +Er hatte durch Zufall die Bekanntschaft eines vornehmen Herrn gemacht, +der sich zuweilen hier draußen auf den Feldern erging. Wenigstens +erschien ihm dazumal der Herr sehr vornehm. Er besaß die kordialen +Allüren des etwas heruntergekommenen Edelmannes, die für die unteren +Stände stets etwas Bestechendes haben. Dem Meister erzählte er, daß +er inspizieren gehe, ob man ihm in der Nacht sein Königreich nicht +fortgetragen hätte. Einst habe das ganze Wiesen- und Ackerland, so +weit das Auge reiche, seinen Vorfahren gehört, aber der Letzte dieser +Biedermänner, sein Herr Vater, habe so gründlich damit aufgeräumt, +daß ihm zu tun fast nichts mehr übrigbliebe. Dieser kleine Fetzen +Land, einen Steinwurf groß und völlig unkultivierbar, sei der Rest +eines einst fürstlichen Vermögens. Vorläufig aber immer noch viel zu +geräumig, um sich jetzt schon darin begraben zu lassen. + +Dieser lustige Junker, stets in Geldverlegenheit und nie in Sorge um +den kommenden Tag, wurde der Mittelsmann zwischen Philipp Steinherr und +den Militärbehörden. Die Konnexionen aus den Zeiten der Väter hatten +noch vorgehalten, dem Sprossen der alten, niederrheinischen Familie +ein paar kleine Gefälligkeiten zu erweisen. Als die Schlacht von +Königgrätz geschlagen war, hatte Philipp Steinherr den Grundstock zu +seinem Vermögen gelegt. Nun konnte er daran denken, eine vorteilhafte +Ehe zu schließen. Ihm, dem Fabrikanten, standen die Häuser offen. Er +heiratete eine blutjunge Dame, die ihm zwar keine Barmittel, dafür aber +einen hochgeachteten Düsseldorfer Namen als Mitgift einbrachte. Er +hatte ganz richtig gerechnet. Diese Verbindung brachte ihn vorwärts. + +Frau Margot beschenkte ihn im nächstfolgenden Jahre mit einem Sohne +und schien damit ihre Pflichten als erledigt zu betrachten. Sie +richtete sich mehr und mehr auf die Weltdame ein, was für die im +Grunde gut spießbürgerlichen Kreise der Stadt immerhin ein Ereignis +war, erhöhte ihre Bedeutung in den Augen der Damenwelt noch durch +einen wöchentlichen »Jour«, zu dem sich bald die jungen Offiziere der +Garnison und die bessergestellten Elemente der Künstlerschaft drängten, +schöngeisterte und flirtete und gewöhnte sich bald an, ihren wenig +unterhaltenden Mann lediglich als notwendiges Übel zu betrachten. + +Der aber lächelte nur zu dem Tun und Treiben seiner kindischen +Gemahlin. Er brauchte ja die Leute, die sie um sich sammelte und durch +Koketterien zu fesseln wußte, dann aber — so sehr er sich gegen das +Eingeständnis sträubte, fürchtete er sich auch ein klein wenig vor +der spöttisch überlegenen Miene der jungen Frau, die so trefflich den +Unterschied zwischen Geburt und Erziehung anzudeuten wußte und ihm die +mangelnde Lebensart fast greifbar zur Erkenntnis zu bringen vermochte. +So ließ er sie gewähren, lebte fürder als Hofmarschall neben ihr hin +und machte aus jeder Not eine zinstragende Tugend. + +Der Deutsch-französische Krieg brachte den gewaltigen Umschwung und +Aufschwung in der Industrie, den Philipp Steinherr seit Jahren +vorausgesehen hatte. Die große Zeit fand ihn vorbereitet. Ganz in der +Stille war ihm ein epochemachendes neues Verfahren in der Herstellung +von Eisenblech geglückt. Als der Tag von Sedan vorüber war und die +deutschen Armeen auf Paris rückten, ging auch er zum Angriff über, +kühl wie ein Börsenspieler. Es galt, so schnell wie möglich Terrain +anzukaufen, das beste, das sich zu großen Fabriksanlagen eignete. Mit +mathematischer Sicherheit rechnete er aus: war erst der Krieg siegreich +beendet, würde eine wilde Spekulation losbrechen und die Werte der +Grundstücke ums Vielfache multiplizieren. Dem galt es zuvorzukommen. Er +hatte sein Bargeld und den Kredit für die sofortige, jeden Mitbewerb +überflügelnde Inangriffnahme und steigernde Unterhaltung eines weit um +sich greifenden Betriebs nötiger. + +Aber die Bauern von Bilk waren mißtrauisch. Sie wollten zu Kriegszeiten +keine Grund- und Bodengeschäfte machen. Ihr Instinkt gab ihnen +Witterung von größeren Verdiensten. Schon nach wenigen Tagen merkte +Steinherr, daß ein schlauer Spekulant gleich ihm an der Arbeit war, +denn die Bauern nannten unerhörte Preise. Bis zum Winter schlug er +sich mit der hartnäckigen Bande herum, dann gab er es auf. Jedoch nur, +um nachdrücklich einen anderen Plan durchzuführen, den er bisher nur, +einem feinbohrenden Schamgefühl nachgebend, in ganz einsamen Stunden zu +streicheln gewagt hatte. + +Durch die Freunde seiner Frau, die zur Zernierungsarmee gehörten, +hatte er die unumstößlichsten Nachrichten, daß der Fall von Paris nur +noch eine Frage von Tagen sein könne. Da opferte er skrupellos die +Regungen der Freundschaft. Der fröhliche Mittelsmann, der ihm einst +durch die Verschaffung von Armeelieferungen zur Grundlegung seines +Wohlstandes verholfen hatte, mußte mit seinem Erbe daran glauben. Das +»Königreich«, die paar Hufen Landes, lagen zu beiden Seiten des Bilker +Baches langhin gestreckt. Sie waren, wenn die Industrie zur Blüte +gelangte, weitaus das günstigste Terrain, nahe genug den Bahnhöfen der +Bergisch-Märkischen und der Köln-Mindener Bahn, um sich an diese durch +kurze Anschlußgleise anzugliedern. + +Philipp Steinherr verließ an diesem Tage die Fabrik vor Feierabend. Er +begab sich auf dem kürzesten Weg nach Hause, sicher, den Freund als +lustigen Gesellschafter seiner Frau anzutreffen. Er hatte sich nicht +getäuscht. + +»Du kommst so früh schon?« begrüßte ihn Frau Margot. + +»Ich verspürte Lust, ein Stündchen zu verplaudern. Hast du Nachricht +von deinem Heinrich?« wandte er sich an den Gast. + +»Soeben überbrachte ich der schönen Hausfrau Botschaft von meinem +Jungen. Zum Leutnant befördert, vor dem Feinde, und als Marschsoldat +ausgerückt. Ja, mein Lieber, so weit hätten wir es mit kaum zwanzig +Jahren nicht gebracht, das ist meine Erziehung! Von meinem Alten — Gott +hab’ ihn selig — hatte ich, als ich zwanzig zählte, nichts, als mein +Königreich im Bilker Feld und einen gehörigen Schuß von seinem Podagra +im Blut.« + +»Und wenn er zurückkommt? Was wird er beginnen?« + +»Er wird sich dieser schönen Hausfrau zu Füßen legen, ganz wie bisher. +Das ist ~auch~ meine Erziehung,« und er küßte galant die Hand der +jungen Frau. + +»Margot wird,« entgegnete Steinherr, »vorausgesetzt, daß sie +ernstliches Interesse an dem hoffnungsvollen jungen Manne nimmt, die +Tändeleien abstellen und für seine Zukunft bedacht sein. Wie ich weiß, +bereitet sich Heinrich vor, die Kunstakademie zu besuchen.« + +»Ach du leew Herrgöttche!« seufzte der Sorglose humoristisch, »der Jong +wird Möler, un der Alte hät auch nix! Die Rechnung wird schon auf die +Dauer stimmen.« + +»Ich will dir einen Vorschlag machen,« sagte Steinherr nachdenklich. + +»Lieber Freund,« fiel der andere lachend ein, »wenn du mir etwas pumpen +willst — gnädige Frau verzeihen wohl diese gräßliche Wendung des +Gespräches — so muß ich dich darauf aufmerksam machen, daß, solange +mein Heinz und ich dieser schönen Frau um die Wette den Hof machen, wir +uns nicht noch obendrein von dem Gatten besolden lassen können.« + +Frau Margot lachte wie eine Turteltaube und reichte dem Schwerenöter +die Hand zum Kuß. Sie empfand den lustigen Kavalierdienst des Alten +fast so entzückend wie die heißen Huldigungen des Jungen, der ihr +Gespiele gewesen war. + +»Pardon,« sagte Steinherr kalt, »ich dachte, du könntest, wenn es sich +um die Zukunft deines Sohnes handelt, auch einmal fünf Minuten ernst +sein. Ich beabsichtige nicht im Traume, dir etwas zu schenken, aber ein +für dich profitables Geschäft möchte ich dir vorschlagen. Wirklich, aus +Freundschaft.« + +»Aus Freundschaft? Ein Geschäft? Meines Jungen wegen? Hm, das läßt sich +hören.« + +»Wieviel, glaubst du, wird die Ausbildung deines Sohnes kosten?« + +»Na, gut wär’ es, wenn man zweitausend Taler bar in der Hand hätte. +Aber die paar Zinsen, die ich beziehe, lassen nicht daran denken.« + +»Siehst du,« sagte Steinherr und zog seine Brieftasche heraus, »ich +möchte dir, deinem Jungen und meiner Frau, ja auch mir, eine Freude +machen und dich bitten, mir dein Königreich zu verkaufen. Ich habe Lust +auf ein Stückchen Feld. Vielleicht, daß ich mir einen Gemüsegarten und +eine Grasbleiche dort anlege, einige Obstbäume und eine hübsche Laube. +Margot wünschte sich lange schon derartiges. Hier sind zweitausend +Taler. Einverstanden?« + +Der joviale Freund stutzte. Dann lachte er schallend hinaus. + +»Philippus, du machst Witze? Da lebst du nicht mehr lange, alter Sohn! +Einen Gemüsegarten von fünf Morgen, für euch zwei Leute, denn das Baby +rechnet noch nicht mit. Und ich verstehe doch recht: Gemüsegarten? +Auf einem Stück Land, auf dem der Herrgott nur nackte Schnecken und +Regenwürmer wachsen läßt. O Philippus, du dauerst mich!« + +Steinherr lachte mit. Dann, ernst werdend, meinte er ruhig: »Das +Bedauern schenk’ ich dir gern. Jeder Mensch hat seine Marotte.« + +»Wie? Du sprichst im Ernst? Du wolltest wirklich?« + +»Hier liegen die zweitausend Taler. Wenn du einverstanden bist, kann +die Regierung deines Königreichs morgen schon auf mich übergegangen +sein.« + +Der Freund hatte sich erhoben und ging im Zimmer auf und ab. + +»Philippus,« sagte er dann und blieb vor Steinherr stehen, »du meinst +es gut mit mir. Und ich — hm — ich werde dir jetzt wie ein ganz +gemeiner, undankbarer und gieriger Rabe erscheinen. Aber, siehst du, +wenn ich auch ein einigermaßen flottes Tuch bin: etwas bin ich doch +auch meinem Jungen schuldig. Na, also kurz: Glaubst du nicht, daß das +Land da draußen nach dem Krieg Grundstückswert bekommen wird, daß sich +die Stadt ganz dort hinüber ausdehnen wird? Wenn erst die Milliarden +ins Land kommen, wird selbst die ordinärste Plebs von der Bauwut +befallen werden, geschweige denn die Mammonspächter und die Herren von +der Industrie.« + +»Ah — du mißtraust mir? Gut, gut.« + +»Sagt’ ich es nicht? Nun bin ich der schäbige Rabe! Donnerlütsch, +Minsch! Ich? Einem Freunde mißtrauen? Ich wende mich an Sie, schöne +Hausfrau. Bin ich denn wirklich schon so tief gesunken?« + +Da er nicht weiter wußte, nahm er seinen Marsch durch das Zimmer wieder +auf. Ganz kleinlaut, weil ihn das Gefühl peinigte, nicht ritterlich +verfahren zu sein, fügte er nur hinzu: »Ich meinte ja auch bloß, wegen +der Kriegsentschädigung. Vielleicht hast du die Folgen davon noch gar +nicht so ins Auge gefaßt. Ich Tagedieb habe ja genügend Zeit dazu, +Luftschlösser zu bauen und in meinem Königreich nach Gold zu schürfen.« + +Steinherr setzte die überlegene Miene des Geschäftsmannes auf. + +»Ihr werdet euch mit euren Milliardenerwartungen gründlich in +die Nesseln setzen. Der Beweis? Nun, was hat uns das Siegesjahr +Sechsundsechzig gebracht? Das trägt ein Hund auf dem Schwanze fort. +Dem Herrn von Bismarck schien es doch geratener, die gute Laune des +Herrn Nachbarn für künftige Zeiten zu schonen. In Geldangelegenheiten +sind alle Leute nun einmal am kitzlichsten. Frankreich gegenüber wird +der Herr von Bismarck zum guten Schluß auch keine andere Politik +einschlagen. Die deutsch gewesenen Provinzen zurück, sonst aber den +französischen Geldbeutel nach Möglichkeit geschont. Er wirft jetzt nur +mit Zahlen um sich, um nachher durch seine Großmut umso nachhaltiger +zu versöhnen. Übrigens würde auch England eine solche Schröpfung +Frankreichs nicht zulassen. Zum dritten und letzten aber: wer bürgt +dir dafür, daß dieser Krieg so bald zu Ende geht und ~wie~ er zu Ende +geht? Die Franzosen stempeln ihn zum Volkskrieg. Schau mal nach dem +Norden, nach Amiens zum Beispiel, welche Heeresmassen dieser Monsieur +Faidherbe da wieder aus dem Boden gestampft hat. Eure Milliarden +haben einstweilen nur auf dem Monde Kurs. Hier unten könnt ihr damit +verhungern.« + +Er trommelte einen kurzen Marsch auf dem Tisch. Dann trat Stille ein. + +Diese Stille wirkte auf den Hausfreund beklemmend. Er räusperte sich, +schritt nach der schönen Hausfrau, die ihm zulächelte, nach dem +Hausherrn, der mit einer geradezu beleidigenden Gelangweiltheit nach +der Decke starrte und die Daumen umeinanderlaufen ließ, räusperte sich +nochmals und trat dann entschieden vor. + +»Philippus,« sagte er, »wir kennen uns jetzt ein halbes Dutzend Jahre. +Ich hab’ dir, wie du behauptest, ein paar Gefälligkeiten erwiesen. +Du mir auch. Als Geschäftsleute wären wir ja — nehmen wir mal so an +— quitt; aber als Freunde — nee! Schön. So muß das ja auch sein. Und +nun, wo du mir deine Freundschaft mal wieder da offenbaren willst, wo +sie bei anderen Leuten aufhört, am Portemonnaiechen, da komme ich, ich +netter Bruder, dir mit allerhand Eigennützigkeiten, die sich weiß Gott +im Ohre eines Fremden beinahe wie Verdächtigungen ausnehmen müßten. Gib +mir deine Hand, du wackerer Eisenblechmensch, und laß mich sie drücken. +Nichts wie Vertrauen hab’ ich zu dir, Vertrauen und Dankbarkeit. ’raus +mit dem kalten Mammon und der warmen Liebe! Dafür sei es zehnmal +dein, mein Königreich. Nur noch die Zustimmung meines Jungen, und das +Geschäft ist perfekt und die Thronfolge geregelt.« + +Er schüttelte Steinherr die Hand, daß die Gelenke knackten. + +»Heinrichs Zustimmung?« meinte der Geschäftsmann nachdenklich. »Hältst +du denn die für nötig?« + +»Du wirst mich vielleicht auslachen. Aber es war nun einmal mein +Ehrgeiz — und du weißt, in diesem Artikel unterhalte ich nur ein +bescheidenes Lager — daß der Junge zum wenigsten eine Scholle +Heimatsboden sein eigen nennen sollte. Daß ich es konnte, das war ja +auch für mich ein sogenanntes ›erhebendes Bewußtsein‹. Grundbesitzer! +Na ja ... =Tempora mutantur=. Da bin ich nun zu Ende mit meinem +Latein.« + +Philipp Steinherr bemerkte die Weichheit des Freundes mit Besorgnis. +Jetzt nur keine Sentimentalität aufkommen lassen, sondern Trumpf +spielen! + +»Ja,« machte er kopfschüttelnd, »wenn du das deinem Sohn schreibst, +wird er in dem ganzen Handel natürlich nichts als ein Opfer sehen, das +du ihm darbringen willst, sich an Großmut nicht übertreffen lassen +wollen und dankend verzichten.« + +»Entschuldige, aber für so’n Jammermann wirst du mich doch wohl nicht +halten.« + +»Hm — — was meinst du, wenn — wenn — meine Frau ihm schriebe? Sie malt +ihm seine Zukunft, den Künstlerruhm, den er sich erringen kann, und — +na, das wird sie schon selbst am besten wissen. Wie denkst du, Margot?« + +»Herr Heinrich wird mir gewiß folgen,« sagte Frau Margot träumerisch. +Was verstand sie von den Geschäften der Männer! + +»Bis ans Ende der Welt, bis in die Hölle, nee, nee, bis in den Himmel, +das Leckermaul!« begeisterte sich der lebensfrohe Causeur, heilfroh, +daß er nicht mehr von Geschäften zu reden brauchte. »Und ich alter +Krippensetzer werde das Fingerlecken haben. O Philippus, weshalb +mußtest du dir eine so charmante Frau nehmen!« + +Philipp Steinherr hatte eine Flasche Rheinwein beordert. + +»Trinken wir auf eine glückliche Zukunft,« sagte er bedeutsam. + +Doch der andere hatte, den gefüllten Römer in der Hand, vor der Frau +des Hauses das Knie gebeugt. + +»Majestät,« sprach er, »ich habe bisher nur Eurer Schönheit gehuldigt. +Lasset mich heute als erster Euch huldigen als der Herrscherin meines +Euch zu Füßen liegenden Königreichs. Ich bin Euer Gefangener. Lang lebe +und blühe Königin Margot die Erste!« + +Die alte, fröhliche Haut ahnte nicht, daß er wirklich eingefangen war. + +Eine Woche später traf Antwort aus dem Lager vor Paris ein. Heinrich +dankte der Jugendfreundin für das große Vertrauen, das sie in ihn setze +und dessen er sich durch seine Kunst und durch seine Anhänglichkeit +würdig zeigen werde. + +Das Terrain am Bilker Bach ging in den Besitz Philipp Steinherrs über. + +Es folgte der Fall von Paris und der Friedensschluß. Wie ein Sturmwind +kam die neue Zeit ins Land, das Kapital wurde mobil, die Städte +empfanden ihre Enge und reckten sich und dehnten sich aus, industrielle +Unternehmungen schossen überall zu Dutzenden empor und suchten der +Bauspekulation den besten Boden abzugewinnen, und die Grundstückswerte +verdoppelten, verdreifachten, verzehnfachten sich. + +In Philipp Steinherrs neuen, mächtigen Eisenwerken dampften die +Schlote bei Tag und Nacht. Er war der erste auf dem Platze gewesen. +Und als nach wenigen Jahren das einst so einsame Terrain durch lange +Straßenzüge der Stadt angegliedert war, als sich die Spekulation durch +die unsinnigen, überhetzten Ausgaben zu Grunde gerichtet hatte und das +mangelnde oder festgelegte Kapital auch der Industrie den gewaltigen +Rückschlag brachte: Philipp Steinherr spürte nichts von schwerer Zeit. +Er wuchs und wuchs und war längst Millionär, bevor sein Sohn Hans die +ersten Gymnasialklassen hinter sich hatte. + +Von dem einstigen Freunde wußte der mit Ehrenämtern überladene Mann +seit langem nichts mehr. Der Name klang im Steinherrschen Hause wie das +Märchen von der Blechschmiede, die einem Gerüchte nach der Hausherr +einstmals draußen im Feld bewirtschaftet haben sollte. An dem Tage — +und der Tag war sehr schnell gekommen — an dem der einstige Besitzer +des »Königreichs« erfahren hatte, daß er mit kalter Überlegung um +hunderttausend Mark geprellt worden war, hatte er das Steinherrsche +Haus zum letzten Male betreten. Er war gekommen, seinen Sohn abzuholen, +der ahnungslos mit dem Fabrikanten plauderte und nicht dabei vergaß, +Frau Margot anzuschwärmen. + +»Heinrich,« hatte der alte Junker gelassen gesagt, »mach der Dame dein +Kompliment, wie es sich für einen Kavalier gebührt. Und dann setz +deinen Hut auf, bevor du an dem kleinen Spitzbuben da vorübergehst, — +wie es sich für einen Kavalier gebührt!« + +Der Vater war dem Sohne mit der Tat vorangegangen. Er hatte sich +zeremoniell vor Frau Margot verbeugt, sich umgewandt, den Hut auf +den Kopf gesetzt und war an Philipp Steinherr vorüber zur Türe +hinausgeschritten, als sähe er in Luft. Und der Sohn, der bei aller +leichten Sinnesart und den Zechgewohnheiten seines Erzeugers die +unbedingte Ehrenhaftigkeit seines alten Herrn kannte, war ihm, ohne zu +fragen, mit demselben Zeremoniell, auf den Hacken gefolgt. + +Trotz des überlauten Lachens ihres Gatten über die »Komödiantenallüren« +hatte Frau Margot doch des Gefühls sich nicht erwehren können, daß in +diesem scheinbaren Komödiantentum eine erkleckliche Dosis überlegenen +Rittersinns gelegen habe. Sie empfand die Demütigung umso stärker, +als die beiden einstigen Freunde und Verehrer den Grund des Bruches +mit keinem Wort in der Öffentlichkeit laut werden ließen und nicht im +Traume daran dachten, die gesellschaftliche Stellung der Steinherrs zu +gefährden. Von diesen armen Schluckern einfach übersehen zu werden, +hatte sie beschämt, ihre Eitelkeit verletzt und ihren Zorn erregt. +Diese Wunde wollte sich auch im Laufe der Zeit nicht schließen. + +Hin und wieder hörte sie über die originelle Zigeunerwirtschaft der +beiden reden, die hinfort wie Kameraden zusammen hausten, las in den +Zeitungen von dem wachsenden Ruhm des Jungen, der in seiner Kunst mehr +und mehr ein Eigener wurde, oder stand wohl auch in den Ausstellungen +vor seinen Bildern, die bei aller Realistik einen bannenden +Farbenrausch zur Schau trugen. Dann fühlte sie ein feines, feines +Bohren in ihrem Herzen, das wie aus weiter Ferne sich meldete. Und wenn +sie darüber grübelte, tauchte aus verschollenen Jugendtagen das Bild +eines Jünglings vor ihr auf, dessen heißes Knabentum sie einst geliebt +hatte. Die verwöhnte Weltdame, die seit Jahren die Grenzen ihrer Jugend +künstlich zu erweitern trachtete, fand in solchen Stunden keinen Spott +über ihre Gefühle. Ein einziges Mal in ihrem so rein äußerlichen Leben +hatte die Liebe sie gestreift. Die Liebe zu ihrem Pagen. + +Sie hatte sie geopfert, aus Bequemlichkeit, aus Egoismus; in der +Hoffnung auf Ersatz. + +Die elegante Frau mit den müden Zügen, die in ihrem Rosengarten draußen +im Villenviertel der Grafenbergerchaussee unter einem Zeltdach ruhte, +strich mechanisch mit der Hand über die Augenlider. + +»=Long, long ago= — —« murmelte sie. »Der Page ist jung geblieben und +seine Königin wird alt. Wir hätten miteinander jung bleiben können ...« + +Sie schloß die Augen und horchte auf das feine, feine Bohren in ihrem +Herzen, das wie aus weiter Ferne sich meldete — — —. + +Bei der Mittagstafel hatte ihr Sohn von seinem neuen Freunde erzählt. +Der Name von Springe hatte die Konversation der Ehegatten verstummen +gemacht. + +»Von Springe? — Ach, das war ja der tolle, alte Junker. Hm ...« + +»Von Springe?« — — Das war ja einst die Jugend ... + +[Illustration] + + + + +Drittes Kapitel + + +Auf der breiten, baumbestandenen Allee, der Hauptpromenade Düsseldorfs, +auf welche die Nachmittagsonne heiß herniederbrannte, wurde es +plötzlich lebendig. Es hatte soeben vier Uhr geschlagen. Das graue, +kastenartige Gymnasium entließ seine Schutzbefohlenen. + +Sexta und Quinta stürmten zuerst hervor. Kleine Halbwilde, noch bar +jeden wissenschaftlichen Ernstes, hatten sie bei dem ersten Luftzug, +der sie traf, die tiefe Bedeutung der Deklination von =mensa= und der +Konjugation von =amare= vergessen, erfüllten bereits Korridore und +Schulhof mit ihrem Lärm, inszenierten schleunigst ein paar Raufereien, +um den »Stärkeren« festzustellen, schlugen wild mit den am Riemen +geschwungenen Tornistern um sich, sausten im Wettrennen über den +aufstäubenden Reitweg, von den Schimpfworten der für die Lungen ihrer +Pfleglinge besorgten Kindermädchen verfolgt, und trennten sich an +den Straßenecken mit der würdevollen Grandezza ihrer vergötterten +Lederstrumpfgestalten. Ein Knirps rief dem anderen das Stelldichein +zu: »Mein großer Bruder Falkenauge wolle nicht vergessen, daß der +springende Panther ihn erwartet. Die Hunde von Sioux sind auf dem +Kriegspfad wider uns. Hör, Schrüwken, dene müsse mer ens ordentlich dat +Fell verjücke.« + +Quarta und Tertia folgten. Hier hatte schon das Leben mit seinen +Forderungen eingesetzt. Man tauschte Briefmarken, alte Münzen, +Quarze; man handelte um all die tausend Dinge, die die unergründliche +Hosentasche eines Lateinschülers nur zu fassen vermag. Einige ganz +Betriebsame hielten sich abseits und besprachen den Plan einer +Lotterie, in der ein lebendiges Eichhörnchen ausgelost werden sollte. +Dieses Eichhörnchen demnächst zu fangen, war der Hauptpunkt der +heimlichen Konferenz. Einer schlug eine aufregende Jagd im Ellerbusch +vor. Ein Phlegmatiker wies darauf hin, daß an der Mühle in Wersten, +ganz nahe der Stadt, ein Eichhörnchen frei in einem Kasten hinge und +ein kleines Rad triebe. Es wäre doch viel bequemer und auch sicherer, +wenn man — »Schuft!« hieß es empört. Aber man ging doch zunächst nach +Wersten. + +Nun nahte Sekunda. Eine Gattung für sich. Mannbar gewordene Leute, +ihren Empfindungen nach; dicht davor, bei Erlangung des Zeugnisses +zum einjährigfreiwilligen Dienst ihre Bildung ein für allemal als +abgeschlossen zu betrachten oder doch, sofern sie die Prima zu +absolvieren gedachten, in dem erhebenden Gefühl, daß die Büffelei +fürs Abiturientenexamen bei der immensen Länge der Zeit besser erst +im nächsten Jahre vorzunehmen sei. Selbstverständlich sprach man nur +vom »Weib«. Etwas Selbstverständlicheres gab es nicht, höchstens — die +Verachtung für die, die nicht mitzusprechen vermochten. Man sprach +über »meine, deine, seine Poussage« in der geläufigen Art, in der sich +Besitzer von Serails unterhalten mögen. Nahte ein weibliches Wesen — +und zählte es auch nicht mehr als zehn treubewachte Lenze —, so kniff +man die Augen ein und zupfte nervös an der Haut über der Oberlippe. +Dienstmädchen und das, was nicht die Töchterschule besuchte, galt +als Freiwild. Hier waren Augenrollen und laute Bemerkungen am Platz. +»Donnerwetter, gut gewachsen.« — »Unsinn, zu kurze Taille.« + +Den Beschluß machte Prima. Jünglinge von Erziehung, das reinste Produkt +der neunmaligen Filtration einer neunklassigen Schule. Zwei Welten +vereinigten sich in ihnen: die gegenwärtige, mit ihren jugendfrohen, +schwärmerischen Idealen für die Freuden des jungen Lebens, die +Schönheiten der Kunst und die Erhabenheiten der Dichtung, und die +künftige, mit ihrem Hinweis auf den Beruf und die Stufenleiter der +Erstrebungen. Diese Verschmelzung prägte sich deutlich in den Augen, +den Bewegungen, der Haltung aus. Sonnenschein und Frühreife. Der +künftige Student, der künftige Offizier, der künftige Kunstjünger wurde +bereits markiert, unbewußt fast, aber dennoch untrüglich. Aufmerksame +Beobachter vermochten selbst den gelinden Übergang zu den Feinheiten +der Klassifizierungen zu erkennen, wie sie zwischen Korpsstudenten +und Burschenschaftern, zwischen den Herren der Infanterie und der +Kavallerie bestehen. Trotz ihrer Gemessenheit hatten sie im Rassigen +die meiste Ähnlichkeit mit Sexta. Die Treffpunkte des Kreises +offenbarten sich. Der Sturm war auch in ihnen lebendig, wie bei +jenen Knirpsen, nur gezügelt durch die Erziehung; er war aufs neue +lebendig geworden im Wonneschauer der Erwartung, an der Schwelle der +zweiten Jugendhälfte. Ihre Disputationen waren von einer inneren +Leidenschaftlichkeit erfüllt. Ihre Ansichten, ihre Aussprüche über +antike Kunst und modernes Theater, über die soziale und pekuniäre +Stellung eines Amtsrichters zu der eines Hauptmanns, über die +Berechtigung eines philosophischen Systems, die Billigkeit einer Kneipe +und die Tugend der Frauen waren kategorisch. + +Als einer der letzten verließ Hans Steinherr das Schulgebäude. Er ging +allein, trug die Bücher unter den Arm geklemmt und schlenderte langsam +die Allee entlang. Den weißen Strohhut in den Nacken gerückt, die Hände +in den Taschen seines hellen Sommeranzuges, summte er vor sich hin und +horchte, ob es ein Liedvers wurde. + +Ein paar Klassenkameraden schauten sich nach ihm um. Dann gingen sie +weiter. Der junge Steinherr war den meisten von ihnen zu apart, er +legte ihnen durch sein zurückhaltendes Wesen zu großen Zwang in der +Unterhaltung auf. + +Als Hans dicht hinter ihnen in die Elberfelder Straße einbog, schwenkte +einer der Primaner die Mütze und rief einem jungen Mädchen, das in +diesem Augenblicke ihren Weg kreuzte, ein paar Worte zu. Hans blickte +auf. Dann spannten sich seine Züge, er fühlte, daß er flammend rot +wurde und daß sein Atem plötzlich ganz kurz geworden war. Instinktiv +machte er eine Bewegung nach dem Hute, aber sein Arm blieb in der +Luft hängen. Dabei starrte er auf das junge, schlanke Geschöpf in dem +fadendünnen Sommerkleidchen, mit dem altmodischen Schäferhut auf den +schwer herabhängenden Flechten, bis sie vorbei war. Sie hatte die Augen +gesenkt gehalten, als sie an ihm vorüberschritt, aber eine leise Röte, +die sich von den flaumweichen Wangen bis in den kleinen Halsausschnitt +stahl, zeigte an, daß auch sie ihn bemerkt und erkannt hatte. + +Sein Abenteuer von der Golzheimer Insel ... + +Sie war verschwunden, und er atmete tief auf; und nochmals und wieder. +Mitten auf dem Trottoir blieb er stehen, ließ sich von den Passanten +stoßen und lächelte in die Luft hinein. Alles um ihn und in ihm +streichelte und schmeichelte. Sein Wesen verspürte tausend kosende +Berührungen und drängte unerklärlich, sie zu erwidern. Ein Unnennbares, +eine grenzenlose Verwunderung lag über ihm ausgebreitet. + +Dann kam es ihm zum Bewußtsein, wie linkisch, wie überaus hölzern er +sich soeben dem Kinde gegenüber benommen hatte. Und nun färbte die +Scham seine Wangen so rot, wie vorhin die Überraschung. Er hätte sich +prügeln mögen dafür, daß er nicht wenigstens den Hut heruntergerissen, +gleichviel, ob sie seinen Gruß bemerken wollte oder nicht. Was war er +doch für ein steifleinener Bursche! Ob sich das Ding insgeheim nicht +über ihn lustig machen würde? + +Der Zorn rüttelte ihn gänzlich wach. Mit langen Schritten eilte er +hinter seinen Klassenkameraden her und gesellte sich zu ihnen. + +»Heiß heute, was?« und er nahm seinen Hut ab und wischte sich die +Stirn, um seine Verlegenheit zu bemänteln. + +»Nanu,« erwiderte der Angeredete erstaunt und ironisch, »ich dächte, +deine so wohl temperierte Natur wäre über so was erhaben.« + +Hans ging über den Spott hinweg. + +»Doll heiß!« fuhr er fort. »Wie wär’s, Hüsgen, wenn wir nachher +irgendwo eine Kneiperei veranstalteten?« + +»Was gefällig? Kneiperei? Steinherr und Kneiperei? Ich hab’ mich wohl +verhört?« + +»Du hast ganz recht gehört. Natürlich, wenn du vor einem Anker Bier +kneifst — —« + +»Nu schlag einer lang hin! Steinherr, wahrhaftig, ich glaub’s jetzt +selber, daß dir heiß ist. Seit wann gestatten dir denn deine vornehmen +Grundsätze solche Extravaganzen? O Steinherr, du steigst bergab, +du mischest dich unter das Volk. Laß das gemeine Vergnügen uns +gewöhnlicheren Sterblichen.« + +Der stämmige Bengel schüttelte wie in tiefem Schmerz das von einer +Künstlermähne umwallte Haupt. Es amüsierte ihn königlich, den +Kameraden, der sich von allen Streichen mehr als nötig und üblich +zurückhielt, derb zu hänseln. + +»Hör mal, Hüsgen,« antwortete Steinherr ruhig, »du tust dich etwas +groß. Ich hab’ zwar nicht das Zeug zu einem Kneipgenie, aber Leute wie +dich trink’ ich, wenn ich will, dreimal unter den Tisch.« + +»Ach nee, wenn du willst? Wirklich? Schön, du sollst wollen. Daran +kommst du jetzt nicht mehr vorbei.« + +»Gut. Heute abend.« + +»Heute abend kann ich nicht. Aber morgen.« + +»Du willst dich wohl präparieren? Oder hast du ein Rendezvous? Du +grüßtest da vorhin so ’n kleines Mädel.« + +Hans Steinherr hielt inne. Diese tastende Diplomatie war ihm bisher +fremd gewesen, und er ärgerte sich über sein Vorgehen. Aber er scheute +sich, von dem großtuerischen Kameraden, der zu Ostern die Kunstakademie +beziehen wollte, seiner zaghaften Neugier wegen verspottet zu werden. +So wartete er denn mit Spannung auf die Antwort. + +»Ein kleines Mädel? Gott, ich kenn’ so viele. Wo denn?« + +»An der Ecke der Elberfelder Straße.« + +»Ach so — —. Du meinst den Hannes?« + +»Den Hannes? Ich sag’ dir doch, ich mein’ ein Mädel!« + +»Behaupte ich denn, daß es ein Junge ist? Hör doch zu, Mensch!« + +»Also Hannes heißt sie ...?« + +»Hannes.« + +Hans Steinherr gab sich einen Ruck. Er mußte mehr erfahren. + +»Und ihretwegen bist du heute abend nicht zu haben?« sagte er mit +erzwungener Neckerei. + +»Wegen Hannes?« Der junge Kunstaspirant warf sich in die Brust. »Nee, +Backfische sind nicht mein Schwarm. Ich muß schon was Reiferes haben, +=à la= Rubens, verstehst du? Der wußte, was gut ist. Nicht dein +Geschmack, wie? Du hast eben keine Ahnung!« + +»Und Hannes?« beharrte der andere. + +»Ach, Hannes! Hm, gewiß, wird sich schon auswachsen. Glaub’ schon, daß +diese Linien eines Tages —« + +»Danach habe ich nicht gefragt.« + +Hans Steinherr stieß es fast herrisch hervor. Er hätte den plumpen +Menschen plötzlich am Halse würgen mögen. + +Der sah ihn mit überlegenem Hohn an. + +»Ja, nach was dann? Entschuldige nur, wenn ich deiner keuschen Seele —« + +»Das ist ja Unsinn,« unterbrach ihn Hans kurz. »Also du triffst das +Mädchen heute abend nicht?« + +»Natürlich treff’ ich sie. Sie kommt sogar zu uns. Der Künstlerverein +Gaudeamus — lauter flotte Akademiker — hat zu Beginn des +Wintersemesters große Feier. Zehnjähriges Bestehen! Ich werde offiziell +zwar erst zu Ostern eintreten, weil mein Alter sich hat einreden +lassen, das Abiturientenexamen sei erst der Schlüssel zum Leben, +aber ich bin in der Stille doch schon Konkneipant. Als Haussohn! +Die Gaudeamus-Brüder haben nämlich ihr Lokal bei meinem Alten. Du +weißt vielleicht, daß wir eins der ältesten Düsseldorfer Wirtshäuser +besitzen?« + +Hans Steinherr nickte. Der alte Hüsgen war eine stadtbekannte +Persönlichkeit und ein wohlhabender Mann, der seinen Stolz darein +setzte, seinen Jungen wie die der Vornehmsten das ganze Gymnasium +durchlaufen zu lassen. Mochte er nachher werden, was er wollte. + +»Also ich werde zu dem Fest lebende Bilder stellen. Aber welche, die +sich gewaschen haben. Die Kerle sollen Augen machen, was ich kann. +Daher fang’ ich jetzt schon mit den Vorbereitungen an. Alles stilecht: +Kostüme, Stellungen. Die Stellungen wollen probiert, die Kostüme +entworfen und geschneidert sein. Das ist alles nicht so einfach, wenn +man’s mit der Kunst ernst nimmt. Da hat nun meine Schwester den Hannes +aufgestöbert, eine frühere Schulkollegin; gerad’ nix Feines von Haus +aus, aber Schick und Geschmack hat der Balg.« + +Die anderen Kameraden hatten sich von ihnen getrennt. In Gedanken +versunken schritt Steinherr neben dem stämmigen Wirtssohn her, der, +stolz, sein Künstlertum proklamieren zu können, weitschweifig seine +Pläne auseinandersetzte und die Schönheiten der Renaissance beschwor, +als wäre er heute schon ihr Herr und Meister. Hans Steinherr hörte kaum +hin. Während die Schlagworte an sein Ohr tönten, die sich von einer +jungen Künstlergeneration auf die andere vererben, hatte ihn eine Idee +erfaßt und ließ ihn nicht mehr los. + +»Du,« unterbrach er plötzlich den Redseligen, »könntest du mich nicht +gebrauchen?« + +Sie waren am Wehrhahn angelangt, dicht vor dem Hüsgenschen Hause. + +Verblüfft machte Hüsgen Halt. Dann betrachtete er mißtrauisch die Miene +des anderen, der den Kopf geneigt hielt und mit der Stiefelspitze +Figuren beschrieb. + +»Steinherr,« sagte er endlich, »entweder, du hast heute eine Marotte, +oder du willst dich gar lustig machen. Für beides findest du in deinen +Kreisen bessere Gelegenheit. Adjüs.« + +Er wollte ins Haus, aber Steinherr faßte ihn am Ärmel. + +»Sei doch nicht gleich ein so grober Patron. Wenn ich dich höflich +frage, kannst du mir doch wohl eine höfliche Antwort geben.« + +»Was?« rief Hüsgen und riß die Augen auf, »das war dein Ernst vorhin? +Aber du hast doch früher keinen Schritt in unser Haus gesetzt? Die Bude +und die Gesellschaft drin waren dir und deinesgleichen doch immer zu +power. Hier verkehren wirklich keine Millionäre.« + +»Hüsgen,« erwiderte der Kamerad ernst, »bin ich dir so oberflächlich +erschienen? Glaubst du nicht, daß ich mich oft genug danach gesehnt +habe, mit euch herumzutollen? Früher, als wir noch jünger waren? Aber +ihr ließt mich ja nie zu. Mein Anzug genierte euch. Also, wenn sich da +so was wie eine Scheidewand aufgetan hat: ich bin doch nicht schuld. +Oder hast du mir sonst was vorzuwerfen?« + +Der derbe Bursche biß sich auf die Lippe und blickte stumm vor sich +nieder. Die Situation wurde ihm unbehaglich. Am liebsten hätte er sich +durch einen Sprung in den Torweg gedrückt. + +»Nun?« beharrte Hans und trat ihm einen Schritt näher. + +»Mensch,« stotterte der Schulkamerad, »du — du — na, du warst uns eben +zu vornehm.« + +»Und du, als werdender Künstler, sprichst auch heute noch solche +inferiore Begriffe aus? Weiß Gott, und wenn ich keinen Knopf mehr an +der Hose hätte, dazu wär’ ich zu stolz. Adieu, Hüsgen.« + +»Hör mal,« schrie es hinter ihm her, »komm um sechs!« + +Hans wandte sich um. + +»Ich will deine Anschauungen nicht verwirren,« rief er zurück. + +»Also um sechs!« brüllte der andere aus dem Torweg heraus, als ob +der Einwand gar nicht bis zu ihm gedrungen wäre. »Aber gefälligst +pünktlich! Adjüs!« + +Hans Steinherr schob den Strohhut in den Nacken und schritt wacker +aus. Er kam sich mit einem Male so unternehmungslustig vor. Und dabei +spürte er doch innerlich eine seltsame, wohlige Unruhe. Ah, war das +wieder ein schöner Tag heute! In dem Garten, der die Steinherrsche +Villa umschloß, dufteten die Rosen betäubend, die Jasminblüten lagen +wie ungezählte weiße Sterne in den grünen Hecken, und der Springbrunnen +sandte aus weitgeöffnetem Reiherschnabel eine Garbe Schaum in die +sonnendurchzitterte Luft. + +Es war ganz still im Garten und im Hause. Mama war zum Kaffee zu einer +Freundin gefahren; die Damen hatten jetzt, wo es bald zur Saison nach +Ostende ging, so vieles miteinander zu besprechen. Der Vater war +draußen in den Fabriken. + +Hans ließ sich den Kaffee in die Laube bringen. Er hatte eine +vollerblühte Marschall Niel-Rose vom Zweige geschnitten und preßte +sein Gesicht in den Blütenkelch. Um ihn her lebte und webte das leise +summende Getön des Sommers. + +Hatte er geschlafen? Er war aufgesprungen und sah nach der Uhr. Fünf +bereits. Der Kaffee stand noch immer unberührt und war kalt geworden. +Er nahm einen Schluck, dehnte sich und ging schnellen Schrittes ins +Haus. Auf seinem Zimmer setzte er sich sofort an den Arbeitstisch und +nahm energisch die Bücher vor. Die Zeigefinger in die Ohren gesteckt, +studierte er emsig sein Pensum für den morgigen Tag. + +Da schlug es sechs Uhr vom Kamin. Die durchdringenden Töne der +Metallplatte mußten doch wohl zu seinem Bewußtsein gelangt sein. Er +fuhr auf, starrte die Uhr an, schob die Bücher beiseite und griff +nach seinem Hut. Doch er ging noch nicht. Den Hut in der Hand, stand +er am Fenster und blickte hinaus. Wie der Garten prangte! Welch ein +herrliches Besitztum war doch sein väterliches Heim! — — Im Garten +rief eine kleine, schwarzbraune Amsel. Da lächelte er, ein unsicheres, +zärtliches Knabenlächeln, und verließ langsam das Haus. Eine +Straßenbahn fuhr vorüber. Er sprang auf die Plattform, und in wenigen +Minuten erreichte er den Wehrhahn. Vor der Hüsgenschen Wirtschaft +lauerte bereits der Haussohn. + +»Süch ens, der Steinherr!« tat er verwundert. »Hat dich die Frau Mama +losgelassen? Na, komm nur ’rein, du wirst dir auch bei uns die Stiebel +nicht schmutzig machen.« + +Hans folgte ihm durch den Torweg. Der mit Lorbeerbäumen und +verstellbaren Hecken bestandene Hof, der sich anschloß, war dicht mit +Menschen besetzt, die den Vespertrunk begannen. Durch die offene Tür +des Schenklokals sah man die Ehegatten Hüsgen am weißgescheuerten +Büfett mit Biergläsern und Butterbroten hantieren. + +»Willst du mich nicht deinen Eltern vorstellen?« fragte Hans bescheiden. + +»Vorstellen? Meinen Alten?« Hüsgen junior traute seinen Ohren nicht. +»Mensch, du bist doch hier nicht bei Hofe.« Dann, in neu erwachtem +Mißtrauen, zog er die Augenbrauen hoch. »Übrigens, wenn das ein Witz +sein sollte — deine Witze verbitt’ ich mir.« + +Hans Steinherr schüttelte den Kopf. + +»Hüsgen, daß man im eigenen Hause nicht den Grobian spielt, einem +Gastfreund gegenüber, das hätten dich auch mittlerweile deine +griechischen Klassiker lehren können.« + +»Ach was, ein echter Künstler ist immer grob. Ich pfeife auf eure +Finessen.« + +»Na, wenn du meinst, die Grobheit allein mache den Künstler, so kannst +du deinen Eltern das Lehrgeld für die Akademie sparen.« + +»Gott, wie viel Worte wegen einer überflüssigen Form. Vatter! Mutter!« +rief er zur Büfettür hinein, »ich hab’ hier einen Gast, den jungen +Steinherr von der Grafenbergerchaussee.« + +Hans trat vor und verbeugte sich. + +»En Gläschen Bier jefällig?« fragte der biedere Alte und hob ein Glas +an den Zapfhahn. + +Der Sohn des Hauses stieß den Schulgenossen ironisch in die Seite und +grinste. + +»Och, Vatter,« wies die lebensgewandtere Wirtin den geschäftseifrigen +Gatten zurecht, »dä jong Herr Steinherr is doch en Fründ von uns’ +Willibald. Freut mich sehr, Herr Steinherr,« fügte sie zierlich wie ein +junges Mädchen hinzu, strich sich die Hand an der Schürze trocken und +reichte sie dem jungen Manne zum Gruß. »Laßt euch als häufiger sehen. +Gelt? — Un nich überarbeiten, Jüngkens.« + +Als die beiden jungen Leute die Treppe hinaufstiegen, lachte Willibald +Hüsgen ziemlich respektlos. + +»Fein, so’ne Vorstellung, wie?« und er ahmte die Stimmen der Alten +nach. »En Gläschen Bier jefällig? Freut mich sehr, Herr Steinherr ...« + +»Ich verstehe dich nicht,« sagte Hans entrüstet. »Wenn ich doch +regelmäßiger in eurem Hause verkehren will, habe ich wohl deinen Eltern +gegenüber zuallererst die Pflicht der Höflichkeit.« + +»Ah so, du willst regelmäßiger — —. Mir kann’s ja recht sein. Hier ist +meine Bude, links, drück auf die Klinke. Der Herr segne deinen Eingang.« + +Sie waren ungefähr unter dem Dach angelangt. Hans tat, wie +ihm geheißen, drückte die Klinke auf und trat ohne weiteres +ein. »Donnerwetter!« entfuhr es ihm. Dann blickte er sich mit +großen Augen um. Auf die weißgetünchten Wände war mit Kohle ein +Bacchantenzug gezeichnet, übertrieben in den Formen, willkürlich in +der Linienführung, aber keck und saftig im Entwurf. Die Zimmerecken +waren mit mächtigen Bündeln Schilfkolben ausstaffiert, auf denen eine +silbrige Staubschicht lag. Von der Decke herab hing ein Kronleuchter, +der aus einem großen, mit Kerzen besteckten Faßreifen gebildet war; ein +Uhu, in dessen weitgespreiztem, mottenzerzaustem Gefieder der Reifen +zu ruhen schien, verlieh dem Beleuchtungsapparat einen phantastischen +Reiz. Dicht an das Fenster war eine Staffelei gerückt, die einen +gewaltigen Leinwandrahmen trug. Ob das Bild, das in satten Farben +darauf begonnen war, eine Prozession oder eine blühende Kirschbaumallee +vorstellen sollte, war noch nicht zu erkennen, der Meister erklärte +es vorläufig für das Gelage des Sardanapal. »Weißt du,« setzte er +belehrend hinzu, »hier taugen ja die Weiber nix. Zu schmal in den +Hüften.« + +»Schafskopp,« sagte jemand trocken hinter der Leinwand. + +Selbst der unverfrorene Willibald fand für einen Augenblick nicht das +Gleichgewicht. + +»Sprach da nicht jemand?« flüsterte Hans Steinherr nach einer Pause. + +»I wo!« entgegnete der Haussohn grob, »da spielte jemand Flöte. Kommt +heraus da, ihr Gesindel,« rief er und zerrte an dem Vorhang, der als +Draperie von der Staffelei herabhing. »Müßt ihr Frauenzimmer denn die +Ohren überall haben? Vorwärts!« + +Hinter dem Vorhang kicherte es. Dann wurde das Tuch zurückgeschlagen +und ein sechzehnjähriges, derbes Mädel trat, flammend rot zwar, aber +resolut vor. + +»Meine Schwester Malchen,« sagte der junge Künstler grimmig, »Herr +Steinherr, Oberprima. Nanu, wo steckt denn der Hannes?« + +»Hier,« tönte eine feine Stimme, in der Scham und Trotz miteinander +stritten. Das junge Mädchen war unbemerkt hinter dem Vorhang +hervorgetreten und stand nun unbeweglich im Hintergrund des Zimmers. + +»Der Hannes,« sagte Hüsgen mit einer Gebärde zu Steinherr hin. Damit +waren für ihn die Formalitäten erledigt. + +Hans Steinherr blickte verwirrt zu dem jungen Mädchen hinüber. Er sah, +wie sie die Lippen fest aufeinander schloß, wie die dunkelblauen Augen +einen Stahlglanz erhielten, und er trat rasch auf sie zu. + +»Hans Steinherr,« stellte er sich höflich vor und wartete auf Antwort. +Aber sie antwortete nicht. Über ihrer Nasenwurzel grub sich die +kindliche Trotzfalte nur noch tiefer, und der Blick, mit dem sie ihn +feindlich streifte, nahm ihm den Rest von Unbefangenheit. + +»Ich glaube, mein Fräulein ...« stotterte er, »verzeihen Sie, Fräulein, +ich habe mich noch —« + +Weiter kam er nicht. Die Kleine tat, als wäre er ihr gänzlich fremd, +und Fräulein Malchen nahm keinen Anstand, vergnügt in ihr Taschentuch +zu kichern. Herr Willibald aber machte auf seine Art reinen Tisch. + +»Ach, Steinherr, würdest du dir wohl merken, daß wir nicht hier sind, +um einen Kontertanz zu probieren, sondern um Kostüme zu entwerfen. +Schleppt mal den Tisch ans Fenster, ihr beide. Malchen, hol die +Zeichnungen. Ich werde erklären.« + +Während er den Rock abstreifte und es sich in Hemdärmeln bequem machte, +rückten Steinherr und seine kleine Feindin den Tisch aus der Ecke +heran. Die Kleine nahm all ihre Kräfte zusammen, um nicht schwächlich +zu erscheinen. Die junge Brust hob und senkte sich bei der ungewohnten +Anstrengung. + +»Loslassen!« befahl Hans kurz. Und da sie nicht gewillt schien, zu +gehorchen, setzte er den Tisch nieder. + +»Das ist doch keine Arbeit für Mädchen,« sagte er und sah sie an. Dann +packte er den Tisch allein, drückte ihn gegen die Brust und schleppte +ihn mit Aufbietung aller Kräfte ans Fenster. + +»Faulwams!« rief er dem Freunde zu. + +»Bitte sehr,« entgegnete Hüsgen gelassen, »einer muß dirigieren.« + +Hans schob den jungen Mädchen Stühle hin, stellte sich neben dem +Kameraden auf und hörte mit freundlicher Geduld den im Grunde einfachen +Erklärungen zu, die der Dozierende mit großer Wichtigkeit vortrug. + +»Ich denke, ihr habt mich begriffen,« schloß der Primaner seinen +Vortrag. »Was die Renaissance ist, hab’ ich euch nun haarklein +auseinandergesetzt. Das ist die Zeit der äußerlichen Pracht und +der innerlichen großen Leidenschaften. Aber uns geht hier nur die +Pracht an. Über die Leidenschaften reden wir später, wenn wir mit den +Kostümproben beginnen können. Die trichter’ ich euch dann schon ein, +die Leidenschaften. Hannes,« unterbrach er sich, »was fällt dir denn +eigentlich ein, zu lachen?« + +Steinherr sah schnell zu der Gemaßregelten hinüber. Sie saß, den Kopf +geneigt, und die Abendsonne lag voll auf ihren schweren Zöpfen, die +in der roten Lichtflut wie Feuer gleißten. Ein Beben flog über die +feine Gestalt. Und als dem jungen Manne einfiel, daß der ungeschlachte +Hüsgen, der echte Bierwirtsprößling, diesem Geschöpf die Ausdrucksart +der Leidenschaften einzutrichtern versprochen hatte, da konnte auch er +nicht an sich halten und er brach in ein fröhliches Gelächter aus. + +»Am Lachen erkennt man die Dummen,« erklärte Willibald, nachdem er sich +von der ersten Verblüffung erholt hatte. »Wenn ihr bedauernswerten +Böotier keinen Sinn für die Kunst habt, so sagt es doch gleich. Dann +brauch’ ich mich mit eurem Spatzenhirne doch nicht aufzuhalten.« + +Er wollte, tief gekränkt, seine Zeichnung zusammenklappen und sich +erheben. Aber Steinherr hinderte ihn daran. + +»Entschuldige nur,« sagte er. »Ernst ist das Leben, heiter die Kunst. +Laß uns fortfahren. Oder — wenn du gestattest — laß mich an dem Entwurf +der Skizzen teilnehmen. Vielleicht reicht mein Talent auch noch so +weit.« + +»Was?« schrie Hüsgen und schlug auf den Tisch, »du Duckmäuser, du wirst +auch Künstler? Weshalb hast du mir denn das nicht gleich gesagt?« + +»Ob ich Künstler werde?« wiederholte Hans Steinherr und ließ die +Blicke auf den im Abendrot flammenden Flechten seiner stumm horchenden +Nachbarin ruhen. »Ein echter Künstler? — — Ich fürchte, lieber Hüsgen, +ich bin nicht grob genug dazu.« + +»Du,« sagte der verständnisvoll, »werde gefälligst nicht anzüglich. Das +ist schlimmer als Grobheit.« + +Stillschweigend setzte sich Hans an den Tisch und griff nach den +Zeichnungen. Es waren Kostümentwürfe im Stile des Cinquecento. Er +vertiefte sich hinein, dachte nach und nahm, ohne zu fragen, den +Bleistift auf. In feinen, sicheren Schraffierungen zeichnete er das +Prunkgewand einer Florentinerin aus der Zeit der Medici. + +Willibald Hüsgen sah ihm sprachlos zu. Auch Hannes hatte sich an den +Tisch gedrängt und blickte erst scheu, bald aber mit offenkundiger +Bewunderung auf die schlanken, gepflegten Hände, die so leicht +produzierten. Man hörte nur die Atemzüge der jungen Leute und das +Stricheln des Bleistiftes. + +»Mensch,« brach endlich der zukünftige Akademiker das Schweigen, +»Mensch, du kannst ja was.« Aber, als hätte er seiner Stellung +als Kunstpapst dieses Kreises bereits etwas vergeben, fügte er in +protegierendem Tone hinzu: »Gezeichnet kann man das zwar noch nicht +nennen, das ist eher ein Gedicht. Na, wird schon noch werden. Geschmack +hast du.« + +Fräulein Hannes maß den Redner mit einem spöttischen Blick, während +Malchen auf Geheiß des Bruders die Gewandfetzen herbeischleppte. + +Hüsgen zeigte sie dem Kameraden. + +»Siehst du, das hier wird das Nachtgewand der Francesca von Rimini. +Im Schnitt stimmt’s, und im übrigen ist das ja verteufelt einfach. +Möcht’ wissen, was die Gans, die Male, dabei zu kichern hat. Himmel +Wetter,« fuhr er drein, »hier handelt es sich doch um Kunst, nicht um +ein altes Nachthemd!« Er zuckte die Achseln, überlegen, verächtlich, +mitleidsvoll. »Also wir stellen ein großes, glänzendes, höfisches Bild, +die Francesca als Fürstin; und ein feines, intimes: die Francesca +mit ihrem Geliebten, wie sie gemeuchelt werden. Hannes übernimmt die +Francesca. Das Nachtgewand hat sie bald fertig, sie kann nämlich +Maschine nähen. Jeder muß für sich selber sorgen, streng nach meinen +Skizzen,« flunkerte er, und mit der Schlauheit des Wirtssohnes, die +Wirkung seiner Worte gespannt beobachtend, fügte er seelenruhig hinzu: +»Der Liebhaber der Francesca, der schöne Paolo, steht natürlich im +Vordergrund des Interesses. Um den werden sich alle reißen. Aber ich +will ihn dir überlassen, Steinherr, weil du die richtige Figur dazu +hast. Nun blamier’ mich bloß nicht mit deinen Kostümen. Knausern gibt’s +hier nicht, wir müssen alle bluten. So, nun bedank dich mal.« + +Hans Steinherr schüttelte dem geriebenen Jüngling voll herzlicher +Freude die Hand. Er dachte viel zu anständig, als daß er einen +besondern Grund für diesen seltsam schnellen Freundschaftsbeweis +geargwöhnt hätte, und er warf nur einen fragenden Blick auf das junge +Mädchen, das durch viele Proben hindurch nun seine Partnerin werden +würde. Hannes aber tat, als ob sie von den Beschlüssen nichts vernommen +hätte. Sie saß über eine Handnähmaschine gebeugt und steppte das +Nachtgewand der Francesca von Rimini. Das von Gesundheit strotzende +Malchen hockte, die Hände im Schoß, auf einem Schemel vor ihr und sah +ihr gähnend zu. + +»Malchen,« kommandierte der Bruder, »du kannst jetzt mal für Abendbrot +sorgen. Bring Bier mit und spekulier, daß du ’n paar Zigarren aus der +Groschenkiste schnappst.« + +»Dat dhun ich nich,« empörte sich Malchen. »Gang du nur selber +spekulieren.« + +Der Bruder brummte etwas, was gerade nicht wie Bewunderung für die +schwesterliche Tugend klang, und bequemte sich endlich, hinter der +Voraufgegangenen das Zimmer zu verlassen. + +Hans und Hannes waren allein. + +Durch das offene Fenster kam die Dämmerung gezogen und spann ihre +Schleier um die Gegenstände und die beiden Menschenkinder. Das Mädchen +drehte mit verdoppeltem Eifer das Rädchen der Nähmaschine. + +»Sie werden sich die Augen verderben,« sagte Hans leise. + +Sie stand auf, trug die Handmaschine auf den Fenstertisch und setzte +wortlos ihre Arbeit fort. Nur das Rädchen schnurrte und belebte die +Stille. + +Hans gab den Gedanken an eine Unterhaltung auf. Er ließ sich am Tisch +auf einen Stuhl nieder und sah ihr stumm auf die kleinen, fleißigen +Finger. Zuweilen wagte er den Blick zu erheben und die feine Silhouette +in sich aufzunehmen. Da stand das Rädchen still. + +»Das geniert,« sagte sie böse. + +»O nein,« antwortete er trotzig, »mich geniert das gar nicht.« + +Sie preßte die Lippen zusammen, und das Rädchen schnurrte weiter. + +Wie ein breiter Mondscheinstreifen zog der weiße Stoff unter der Nadel +her. Der junge Mann folgte ihm mit den Blicken, und als die Kante +knisternd sein Knie berührte, griff er ihn auf und ließ ihn gedankenlos +durch die Hände gleiten. Dann fiel ihm ein: dieser selbe Stoff, dem er +die Wärme seines Blutes mitgab, würde auf ihrem Körper ruhen, sich an +ihre Glieder schmiegen. Und ganz lind und sacht, als beginge er ein +heimliches Verbrechen, fing er an, das feine Linnen zu streicheln ... + +Übte sein beschleunigter Pulsschlag einen Rapport aus? Konnte die +Leinwand, die ihm durch die schmeichelnden Hände glitt und zu den +hurtigen Fingern der Arbeitenden eilte, sein Gefühl verraten? Das +böse, gepreßte Lippenpaar des Mädchens wurde weicher, etwas Süßes, +Fröhliches, fast Schelmisches huschte um den Mund. Noch einmal +schnurrte das Rädchen. Dann stand es still. + +»Es ist dunkel,« murmelte sie und lehnte sich hintenüber. Aber die +erwachte Weibsnatur horchte mit feinen Ohren, ob der vornehm gekleidete +junge Herr das alte Gewebe weiter streicheln würde. — + +Auf der Treppe polterte das Geschwisterpaar. Nun flog die Tür auf, und +greller Lampenschein überströmte das Gemach. Die Idylle war zu Ende. + +»Prost!« brüllte Hüsgen und stieß die Biergläser auf den Tisch. +»Malchen bringt jet zum Müffeln. Zugelangt! Hier sind auch die +Havannas. Kosten mich ~einen~ Griff und ~zwei~ Sekunden Angst. Es lebe +die Kunst! Prost, Leute!« + +Es ging gegen zehn Uhr, als die Gäste des Hüsgenschen Ateliers sich +verabschiedeten. Man hatte die regelmäßigen Zusammenkünfte auf Mittwoch +und Samstag festgesetzt. + +Draußen, auf der abendstillen Straße, sah Hans Steinherr seine kleine +Dame fragend an. Ohne von seinem Blick Notiz zu nehmen, neigte sie +kurz den Kopf und ging an ihm vorbei. Er beeilte sich, ihr zu folgen, +und hielt neben ihr Schritt, so sehr sie auch hastete. So zogen sie +die Straße den Hofgarten entlang, der vom Duft der Sommernacht erfüllt +war. Und hier faßte sich der große Junge ein Herz und bot dem graziös +einherschreitenden Kind den Arm an. + +»Wohl nur, weil’s dunkel ist,« sagte sie ernsthaft. + +»Fräulein Hannes!« rief er gekränkt. + +»Glauben Sie an Sternschnuppen?« fragte sie schnell. »Man muß sich was +wünschen. Da! — und da auch!« + +Und während er hastig in die Luft starrte, war sie verschwunden. + +»Gute Nacht!« rief er durch die hohlen Hände und horchte. + +Aus der Ferne tönte es lachend zurück: »Gut’ Nacht!« — — — + +[Illustration] + + + + +Viertes Kapitel + + +Am nächsten Tage zog sich Hans Steinherr zum ersten Male seit Jahren +in der Unterrichtsstunde eine Vermahnung zu. Er hatte auf den Vortrag +des Mathematikprofessors nicht acht gehabt und wußte, als er aufgerufen +wurde, nicht zu antworten. Bei einer eingehenden Prüfung, die der +Professor sofort mit seinem Schüler veranstaltete, stellte es sich +heraus, daß Hans nicht einmal die geringste Ahnung hatte, welches Thema +überhaupt verhandelt worden war. Die ganze Oberprima staunte. Der +Musterknabe des Gymnasiums hatte sich menschlich schwach erwiesen. Nur +Hüsgen lachte. Und sofort entlud sich über sein Künstlerhaupt der Zorn +des Schulgewaltigen. Aufgefordert, an Stelle Steinherrs den Vortrag +inhaltlich wiederzugeben, hielt er zwar mit mächtigem Stimmaufgebot +eine längere Rede, mußte sich jedoch bedeuten lassen, daß er sich hier +durchaus nicht in einer Narrensitzung der Tonhalle befände, in der der +albernste Mann der berühmteste Mann sei, sondern »verstehen Sie mich +recht, Herr, in einem königlich preußischen Lehrinstitut, in dem der +Anstand mit der Wissenschaft zu wetteifern hat! Sollte sich das eine +oder das andere dieser Worte oder gar beide nicht in Ihrem Vokabularium +befinden, so wird es mir eine Freude sein, Ihnen diese Begriffe vor +dem Schlußexamen noch zu verdeutlichen«. + +Der stämmige Bursche hörte mit übertriebenem Interesse zu. Dann aber +ließ er sich kopfschüttelnd und mit einer Miene auf seinen Platz +nieder, die grenzenloses Mitleid mit der Auffassung des aufgeregten +Pädagogen bekundete. Diesmal war es die Klasse, welche lachte. + +Hans Steinherr nahm sich vor, dem Professor nach Schulschluß eine +Entschuldigung vorzutragen. Aber kaum war die Glocke des Pedells +erklungen, als sich auch schon Hüsgen an ihn hängte, um seinen Witz an +ihm zu üben. + +»Gratuliere, gratuliere. Du vermenschlichst dich in überraschender +Weise. Glaube mir,« fügte er pathetisch hinzu, »die schöne Francesca +und ihr Kavalier wußten auch nichts von Logarithmen, und sie waren +dennoch glücklich.« + +Hans Steinherr konnte das Geschwätz nicht ertragen; er schüttelte den +Kameraden an der nächsten Straßenecke ab und eilte nach Hause. Der +Nachmittag war schulfrei. Er arbeitete mehrere Stunden hindurch mit +einem Eifer, als gälte es, die Vergehen eines ganzen Semesters und +nicht die eines einzigen Tages wieder gut zu machen. Im Garten ließ die +kleine, schwarzbraune Amsel ihren Ruf ertönen. Sie störte ihn nicht. +Dann, während er eine Pause machte, um sich das Erlernte zu überhören, +vernahm er die Lockrufe deutlicher. Ruhig weiter memorierend ging er +zum Fenster, öffnete es und begab sich an seinen Arbeitsplatz zurück. +Jetzt machte er zwischen den Sätzen hin und wieder eine Pause. Er +lauschte auf den kleinen Sänger. Mit dem Liede zog durch das offene +Fenster der Duft des Gartens ... + +Der junge Stubengelehrte murmelte noch einige Worte seines Pensums. +Dann lehnte er sich langsam in seinen Stuhl zurück, streckte sich +wohlig und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. + +So blieb er lange, und seine Träumereien setzten dort ein, wo sie am +Morgen durch den Aufruf des Mathematikprofessors unterbrochen worden +waren. — — + +»Wie schön ist es, jung zu sein,« wogte es in seinem Innern, und es +stieg auf seine Lippen und formte sich zu Worten. Und mit tiefer +Inbrunst sprach er sie aus und wiederholte sie: »Jung zu sein — immer, +immer.« + +Konnte man diese Gefühle, die ihn durchströmten, diese Jugend, konnte +man sie bannen? + +Er schauerte leicht, öffnete die Augen weit und setzte sich grübelnd am +Tisch zurecht. + +Jung bleiben? — Wem war das geglückt, von allen Menschen, die er +kannte? »Mama,« sprach er lächelnd vor sich hin; aber das Lächeln +wollte nicht bleiben. Er war an diesem schweigenden Sommernachmittag +merkwürdig hellsehend geworden. »Mama?« wiederholte er. Sie hieß heute +noch in Freundes- und Besucherkreisen »die schöne Frau Margot«. Aber +wirklich jung? Achtunddreißig Jahre ... Ja, ist denn das schon keine +Jugend mehr? + +Es packte ihn eine Angst. Seine Mama, die er nie anders als jung und +schön gekannt, sie hatte die Jugend nicht mehr? Und wenn es keine +Jugend war, die sie antrieb, heiter, strahlend, lebendig zu sein, was +war es dann? + +›Unrast‹, sprach es laut in ihm. + +Das Wort war da. Er erschrak darüber und suchte die Beweggründe. +Doch es blieb ihm nur das Wort, so sehr er sich quälte, und wie +einen körperlichen Schmerz empfand er plötzlich seine völlige +Lebensunkenntnis. + +Er versuchte, an seinen Vater zu denken. Und wieder stand er vor einer +Mauer. Sein Vater? Ob der überhaupt in seiner Jugend jung gewesen +war? Zu einer Zeit selbst, in der Knaben aus Schilf und Haselholz +Flöten schneiden? Nein, das Bild wollte keine Gestalt gewinnen. So +weit er zurückdachte, er kannte seinen Vater nicht anders als mit +derselben unveränderlichen, eisernen Miene des Mannes, für den es keine +Überraschungen gibt, nie gegeben hat. + +Was aber ist das Leben ohne Überraschungen? philosophierte der +junge Grübler. Mich hat es doch überrascht, und ich war noch nie so +selig. Ist es denn erforderlich, ist es denn von einer willkürlichen +Altersgrenze abhängig, daß das zu Ende geht? + +Er ging erregt im Zimmer auf und ab. + +Nein, nein, sagte er sich und suchte sich krampfhaft eine Hoffnung +zuzuführen, das liegt an uns, das muß an uns liegen. An jedem +einzelnen, wie er es anpackt, was er einsetzt, ob er den rechten Mut +hat —. + +Und mit einem Male fiel ihm sein nächtliches Abenteuer am +Schützenfesttage ein. + +Er sah den Mann am Gitter des Malkastens auftauchen und sich ohne +weiteres von dem Fremden mit Beschlag belegt. Der feine, vornehme +Kopf, die blauen, sieghaften Augen tauchten vor ihm auf. Er hörte +die spottlustigen Worte in seinem Ohre klingen, die den Perücken +den Respekt verweigerten. Und dennoch war es keine lustige Person, +kein Allerweltskerl, der nach dem lachenden Applaus der Menge geizte. +Das hatte ihm der Respekt gezeigt, der diesem Manne selbst in der +buntgewürfelten Malerkneipe der Altstadt von Leuten entgegengebracht +wurde, denen in der Kunst nie ein anderer Name heilig war als der +eigene. + +Herr von Springe ... + +Der hatte die Jugend, und er zählte vierzig Jahre. Der würde sie haben, +und wenn er das doppelte Alter erreicht hätte. Ob er sein Mentor werden +würde, wenn er ihn bäte? Mit sehnsüchtigem Knabengesicht streckte er +die Arme aus — — + +Im Arbeitszimmer des Vaters suchte er im Adreßbuch die Wohnung. +»Immermannstraße.« Wenige Minuten später befand er sich auf dem Wege. + +Als er das Haus erreicht hatte, wollte ihm der Mut entweichen, +einzutreten. Er ging einige Male vor der Haustür auf und ab, musterte +verstohlen die Fenster und überlegte gerade, ob er nicht besser täte, +den Besuch zu verschieben, als er auch schon mit zusammengebissenen +Zähnen eine jähe Wendung machte und sich im Hausflur befand. An der +Korridortür der ersten Etage waren zwei Namenschildchen übereinander +angebracht: »Friedrich Leopold von Springe.« »Heinrich von Springe.« +Ohne sich zu besinnen zog Hans Steinherr die Klingel. + +Kurz darauf ertönte ein kurzer, fester Schritt. Die Tür wurde geöffnet, +und ein sehniger alter Herr mit kurzgehaltenem, schneeweißem Haar und +aufgebürstetem, schneeweißem Schnurrbärtchen stand vor ihm. + +»Womit kann ich dienen?« fragte er und musterte mit seinen klaren Augen +den Jüngling. + +»Ich möchte zu Herrn von Springe.« + +»Bin ich selber. Oder wünschen Sie die jüngere Auflage? Die ist auch zu +haben. Bitte nur hereinzuspazieren.« + +Hans folgte dankend der Aufforderung. Der alte Herr in grauem Gehrock +und weißer Weste war ihm sofort bekannt erschienen. Er hatte ihn zu +Hunderten von Malen auf den Promenaden gesehen. + +»Heinrich,« rief der alte Herr und pochte an eine Türe, »Besuch für +dich, mein Sohn.« + +»Eintreten!« + +Hans trat ein. Er stand in einem hohen, weiten Atelierraum und wagte +kaum zu atmen. Eine gediegene Pracht strömte auf ihn ein, nirgendwo +Überladung, aber jedes Stück unzweifelhaft echt und von erlesener Form, +Möbel, Teppiche, Gobelins, Lampen und Leuchter, Vasen und Bronzen. Von +den an den Wänden aufgestapelten Bildern waren einige zu übersehen: +die rotglühende Campagna, der Triumphbogen des Titus, eine südliche +Felsenlandschaft mit heranrollender See. Auf einer Staffelei stand ein +Bild, an dem der Maler arbeitete: ein schweigender Park in purpurnen, +braunen und gelben Tinten, die Sinfonie des in Schönheit sterbenden +Herbstes. + +Heinrich von Springe wandte sich nach seinem Besucher um. Er erkannte +ihn wohl nicht gleich, denn er kniff einen Augenblick das linke Auge +ein und überlegte. + +»Aha,« machte er dann, »mein junger Freund, der Dichter.« + +»O, nicht doch —« + +»Nicht? Mir war doch so? Oder wollten Sie gar Anstreicher werden +wie ich? Übrigens war das früher eine schöne Sitte, daß man den Gast +nicht ausfragte, sondern sich einfach der Ehre seines Besuches freute. +Gestatten Sie mir, ebenso zu verfahren.« + +Er legte Pinsel und Palette beiseite, rieb sich die Hände an einem +seidenen Tuch und begrüßte den jungen Mann mit kräftigem Handschlag. + +»Schön, daß Sie Wort halten. Machen Sie es sich bequem und strecken Sie +die Beine, so weit Sie wollen. Burg Springe ist stolz darauf, Sie in +ihren Mauern zu beherbergen.« + +Er nahm ihm den Hut aus der Hand und drückte den Gast in einen tiefen +Ledersessel. + +»Zigarette gefällig? Bitte, bitte, es ist mir eine Freude, Sie mit +Feuer zu bedienen.« + +Nachdem auch er sich eine Zigarette angezündet hatte, nahm er dem +Besucher gegenüber Platz, blies mit schweigendem Behagen ein paar +Rauchringel in die Luft und meinte: »’n ja.« + +Hans rührte sich nicht. Er fühlte sich unsagbar wohl in dem tiefen, +kühlen Lehnstuhl, in dem seine schlanke Gestalt fast verschwand, +umgeben von Schätzen der Kunst und in Gesellschaft eines sicherlich +hervorragenden Mannes, der ihn, den Unfertigen, Unbewährten, wie einen +Gleichgestellten behandelte. Es hätte ihn nicht weiter gestört, wenn +die Unterhaltung mit diesem einzigen »’n ja« beendet gewesen wäre. Nur +hier bleiben dürfen. Sonst wünschte er nichts vom Augenblick. + +Der Maler betrachtete ihn lächelnd. Er spürte den Überschwang heraus, +dem sich der hübsche Junge da hingab, und es gefiel ihm. + +»Ist Ihnen der Schützensonntag gut bekommen? Hoffentlich haben Sie +wegen der späten Sitzung keine Unannehmlichkeiten zu Hause gehabt?« + +»Sie sind sehr freundlich, Herr von Springe. Als ich am nächsten Tage +meinen Eltern von Ihnen erzählte, kam ich ohne Tadel weg. Ich war ja +noch so begeistert.« + +»Sie junge Schwarmseele. — Man fand also nichts zu erinnern?« + +»O nein, kein Wort. Es wurde auch sogleich von Tisch aufgestanden.« + +»So, so. Man stand sogleich von Tisch auf .... Gut. Reden wir von etwas +anderem. Sagen Sie mal, junger Freund, ich war an dem Abend wohl etwas +unparlamentarisch. Oder ziehen Sie das klare, deutsche Wort ›ruppig‹ +vor? Nur heraus mit der Sprache, ich kann’s vertragen.« + +»Sie beschämen mich, Herr von Springe. Es war doch ein so wundervoller +Abend.« + +»Ja, ja,« sagte Springe und stäubte mit dem kleinen Finger die Asche +von seiner Zigarette, »ich entsinne mich. Ich hatte mich im Malkasten +erbost, über eine Mitteilung, über einen Kumpan, der umgefallen war.« + +»Umgefallen?« + +»Ach so, das verstehen Sie nicht. Ich meine: der ›aus Gründen‹ eine +Reverenz vor den Perücken gemacht hatte. Glauben Sie mir, man soll nie +etwas aus Gründen tun.« + +»Pardon, jetzt versteh’ ich wirklich nicht.« + +»Na ja, es klingt paradox. Aber wenn der Mensch schon Gründe +herbeiholen muß, fährt seine Ursprünglichkeit zum Teufel. So tun, +so leben, weil man nicht anders kann, weil einen der Geist, die +Stimmung, der Herzschlag ~so~ treibt und nicht anders, das ist das +einzig Richtige, das einzig Menschenwürdige und nebenbei auch das +einzig Vergnügliche im Leben. Und auf das Letzte kommt es nicht zuletzt +an. Oder man spielt sich selbst die abgeschmackteste Komödie vor. Aus +Gründen!« + +»Ich verstehe Sie,« sagte Hans, und es war ihm ganz feierlich zu Mute. + +Der andere bemerkte es und wechselte den Ton. + +»Fidel, fidel!« rief er und schlug ihn leicht aufs Knie. »Als ich Sie +vor dem Malkasten sah, Einlaß begehrend, junger Freund, fuhr es mir +durch den Kopf: diese junge Künstlerseele schnappst du denen da drinnen +weg. Und nachher hatte ich die Ehre mit einem Herrn aus Oberprima.« + +»O, bitte, machen Sie sich nur über mich lustig. Vertreiben werden Sie +mich deshalb doch nicht.« + +»Sieh mal an,« meinte der Maler gedehnt. Dann stand er langsam auf, +strich seinem Gegenüber freundlich über das Haar und ging quer durch +das Zimmer zu einer Glastür, die zu einer Veranda führte. Er öffnete +sie und schaute hinaus. + +»Was der Bengel für eine zärtliche Stimme hat,« murmelte er. »Wie einst +die kleine Margot. Und die hat getäuscht.« + +Er kam zurück und blieb vor dem Ledersessel stehen. Der junge Mann +verspürte eine leichte Unruhe, als er den prüfenden Blick auf sich +gerichtet fühlte. Er wollte sich erheben und fragte unsicher: »Habe ich +vielleicht etwas Inkorrektes gesagt, Herr von Springe?« + +Springe drückte ihn in den Sessel zurück. + +»Inkorrektes? — Bleiben Sie ruhig sitzen, Kleiner. — Inkorrektes? +Herrgott, sagen Sie so viel Inkorrektes, wie Sie wollen. Das wird mir +mehr Spaß machen als die tadellosesten Erziehungsproben. Geben Sie +sich, wie ~Sie~ sind, nicht wie andere sind. Allons!« + +»Dann,« sagte Hans und nahm einen mutigen Anlauf, »möchte ich Ihre +Bilder sehen.« + +»So!« meinte der Maler mit lachender Selbstironie. »Wenn das inkorrekt +sein soll — schmeichelhaft für mich ist das ja gerade nicht. Aber ich +werde meiner Lebensweisheit nicht untreu werden. Kommen Sie, verehrter +Kunstkritiker.« + +Er führte den jungen Mann, der mit hochrotem Kopf eine Erwiderung +stammeln wollte, aber keine fand, im Atelier umher. Zu jedem Bilde, das +er auf die Staffelei hob und in die richtige Beleuchtung rückte, gab er +eine kurze Erklärung. »Gemalt in der Campagna, gemalt in Rom, gemalt +an der sizilianischen Küste, gemalt im Park zu Versailles, wenigstens +in der Studie; das übrige müssen Ihnen die Bilder sagen, oder es ist +schade um die schöne Leinwand.« + +Hans gab keine Antwort. Er trat vor die Bilder hin und versenkte +sich in ihre Sprache. Und ihm war, als ob es nicht die Sprache der +Landschaften wäre, die aus den seltsam packenden Gemälden redete, als +ob er die Sprache einer Menschenseele vernähme, die sich hier, fern dem +lauten Marktgetriebe, zum Beten gefunden hätte. Wie konnte ein Mensch +so tief empfinden, wie seine Empfindungen so leidenschaftlich zum +Ausdruck bringen! Ein Mensch, der so spottlustig durchs Leben schritt, +wie Herr von Springe! + +»Wie viel heimliche Liebe müssen Sie in sich tragen,« sagte er leise. +»So kann nur ein Glücklicher malen.« + +Springe legte ihm den Arm um die Schulter. + +»Heimliche Liebe? Menschlein, Sie sind eine Poetennatur. Aber werden +Sie erst älter, dann reden wir auch vom Glück. O, Sie süße Einfalt, als +ob Liebe und Glück dasselbe wäre.« + +»Ist es das nicht?« fragte Hans verwirrt. + +»Doch, doch. Beruhigen Sie sich. Sie brauchen Ihre Erstlingsgedichte +deshalb nicht gleich ins Feuer zu werfen. Aber wenn Sie eines Tages, +was Gott verhüten möge, an einer Frau irre werden, die Sie geliebt +haben, dann wundern Sie sich nicht, sofern Sie ein Künstler sind, +daß Ihre Kunst tausendmal reicher wird. Das ist wie mit einem wilden +Rosenstrauch, der aus den Schutthaufen verfallender Burgen seine +prangendsten Blütenzweige treibt. Das Entgelt, das der Himmel zahlt. +Für jeden Blutstropfen eine Doppelkrone. He, paßt Ihnen das nicht?« + +»Ich möchte doch lieber —« + +»Ihr Blut behalten? O ja, dafür gibt’s auch ein Rezept. Auf alles +pfeifen, sobald man es richtig abtaxiert hat, und nicht heulen, wenn +man herausfand, daß das hübsche Ding nur einen Groschenwert besaß. Das +hält merkwürdig jung; und jung sein, das heißt lieben. Punktum, streu +Sand drum.« + +»Darf ich Sie noch etwas fragen?« bat der junge Schüler zögernd. + +»Liebster, ich bin nicht allwissend. Sein Bündelchen Weisheit muß jeder +vom Leben selber kaufen.« + +»Nur eins noch, bitte. Halten Sie — halten Sie viele Frauen für +Groschenware?« + +»Kommen Sie doch mal ans Fenster,« sagte Springe nach einer Pause, »ich +möchte Ihnen gern einmal in die Augen sehen. Also Sie sind bereits +verliebt —.« + +»Nein, nein, nein,« wehrte der Errötende halb unverständlich ab. + +»Aha,« machte der Maler ironisch, »der Kampf der guten Erziehung mit +der Stimme der Natur. Die Hauptsache ist, nicht feige sein.« + +»Ich bin nicht feige, ich schwör’ es Ihnen. Ich bin nur unwissend. Die +Damen, die ich in Mamas Salon kennen lernte —« + +»Keine Beichte,« sagte Springe und strich ihm mit der Hand über das +erhitzte Gesicht. »Und was die Groschenware betrifft, mein lieber, +dummer Junge: Hüten Sie sich stets im Leben vor den Frauen, die +Gefallsucht mit Liebe, und Sinnlichkeit mit Leidenschaft verwechseln. +Das ist ganz verdammtes Kroppzeug aus dem Ramschbazar. Und nun hören +Sie mal, Verehrungswürdiger, wenn Sie etwa vorhaben, hier auf Burg +Springe sentimental zu werden, so werfe ich Sie samt Ihrer Kontrebande +hinaus. Hausrecht! Verstanden?« + +Er trat auf die Veranda hinaus, die von Weinlaub dicht überwuchert war. +Die Hände auf die Brüstung gestützt, schaute er in die Luft, in die +sich das erste Dämmer mischte. Nach einer Weile wandte er sich wieder +um. Aus seinen Augen lachte die sieghafte Fröhlichkeit. + +»Sehen Sie sich mal diesen Winkel an, Kleiner! Weinlaub oben, Weinlaub +unten und Weinlaub von allen Seiten. Schreit das nicht förmlich nach +einer Bowle? Und nachher kommt der Mondschein und setzt silberne +Lichter auf den goldenen Wein. Und man schlürft lauter Schätze in sich +hinein. Ah, das Zechen ist nicht die geringste Kunst. Menschen, die +nicht zechen, sind mir verhaßt wie die Leisetreter, denn sie haben +Angst, sich zu begeistern. Wir aber —« er unterbrach sich. »Na, wir +wollen das doch lieber durch die ~Tat~ beweisen.« + +Er ging zur Tür und rief in den Korridor hinaus: »Herr Friedrich +Leopold, Burggeist, Kellermeister, erscheine! Mr wolle en Böwlchen +drinke.« + +Aus dem Nebenzimmer kam schmunzelnd der alte Herr. + +»Die Botschaft hör’ ich wohl, allein — apropos, würdest du mich mit +deinem Gast bekannt machen?« + +»Herr Hans Steinherr. — Mein Vater.« + +»Steinherr?« wiederholte der alte Herr. »Hm, ja — — der Name ist mir ja +nicht ganz unbekannt.« + +»Hans Steinherr, wohnhaft Grafenberger Chaussee, seines Zeichens +Oberprimaner, in Zukunft ein großer oder ein kleiner Mann, wie’s +fällt, in der Gegenwart aber mein Freund, mein jüngster Freund. Dieser +Steckbrief, du lebensweiser Vater, wird deiner Menschenwürdigung +genügen. Daraufhin schau dir das Objekt einmal genauer an.« + +»Da mein Sohn und ich Freunde sind,« sagte der alte, stramme Herr und +schüttelte dem jungen Manne die Hand, »so sind seine Freunde meine +Freunde. Also das wollen wir feiern. Das wäre jetzt die Hauptsache.« + +»Hören Sie nicht hin, was dieses leichtfertige Alter spricht!« lachte +der Maler. »Seine Lebensweisheit ist vom Weine abhängig, echt und +unverfälscht rheinländisch. Wenn die Bowle winkt, sind alle Menschen +Brüder.« + +»Mein Sohn übertreibt schamlos,« widersprach der alte Herr würdig. »Er +war’s, der nach der Bowle rief, ich aber war’s, der eintrat, um ruhig +und sachlich zu zitieren: Die Botschaft hör’ ich wohl, allein —« + +»Allein —?« wiederholte Springe junior. + +»Allein mir fehlt der Wein,« vollendete Springe senior und zuckte +bedauernd die Achseln. + +Die beiden Springes sahen sich in die Augen. + +»Behüter meiner zarten Jugend,« sagte der Junge endlich, »du gibst mir +ein schlechtes Beispiel.« + +»Mein Sohn,« sagte der Alte, »ich habe dich bislang nur den Weg zur +Tugend geführt. Schlechter Wein aber, oder sogar gar kein Wein, das ist +keine Tugend.« + +»Die Weisheit deiner Jahre,« erwiderte der Junge, »ist +bewunderungswürdig, und ich beuge mich voller Respekt. Aber ich +argwöhne,« und er trat dicht vor ihn hin, »du hast die Tugend wieder +einmal allein ausgeübt. Herr Friedrich Leopold von Springe, ich habe +Sie im ernstlichen Verdacht, heimlich zu schnäpsen. Das ist Egoismus, +mein Vater. Mit solchen Grundsätzen wird man nicht alt!« + +Das Gesicht des siebzigjährigen, frischen Herrn wetterleuchtete vor +Vergnügen. + +»Heinrich,« sagte er, »wie würde ich meine Jugend so leichtsinnig +aufs Spiel setzen. Außerdem: zur Liebe und zum Zechen genügt nie ein +Menschenkind allein. Lerne das von deinem alten Vater.« + +»Also liebst du mich nicht mehr,« seufzte der Maler, »denn du nimmst +mir die Gelegenheit, mit dir zu zechen.« + +»Es ist nicht meine Schuld,« verteidigte sich der alte Herr. »Ich +war heute morgen persönlich bei Scheufgen, um einen ganz exquisiten +kleinen, aber spritzigen Mosel zu bestellen. Und heute nach Tisch kommt +so ein gallonierter Schuft und schleppt einen ganzen Korb Niersteiner +an. Ich hab’ ihm nicht schlecht den Kopf gewaschen. ›Rheinwein? Mosel +will ich!‹ hab’ ich ihn angedonnert, ›zum Teufel, ich bin doch ein +Rheinländer!‹ Und was glaubst du? Der unverschämte Bursche packt +seelenruhig seinen Korb aus und sagt schnippisch, ›die gnädige Frau +habe das nun einmal so angeordnet‹. Die ›gnädige Frau‹! Die dicke +Scheufgen! Na, da wurd’s selbst mir zu viel. Ich habe den arroganten +Bengel kurz beim Schlafitchen genommen und ihn samt seinem Niersteiner +vor die Tür befördert. ›Die gnädige Frau,‹ hab’ ich ihn angeblasen, +›soll nächstens ihre Ohren besser aufsperren, oder ich such’ mir ein +besseres Haus! Bestellen Sie das Ihrer Gnädigen!‹« Der alte Herr fuhr +sich mit seinem rotseidenen Taschentuch über die Stirn. »Auf diese +Weise, mein Sohn, wären wir nun ohne Wein.« + +Heinrich von Springe hatte mit merkwürdig interessierten Augen +zugehört. Er ergriff die Hand des Vaters und schüttelte sie lange und +kräftig. + +»Das hast du sehr, sehr gut gemacht, Papa.« + +»Nicht wahr?« meinte der alte Herr; aber er fragte etwas kleinlaut, +denn die Herzlichkeit des Dankes schien ihm nicht ganz im Einklang mit +dem kleinen Vorkommnis zu stehen. + +»Selbstverständlich. Man darf sich nur nichts gefallen lassen. Dieses +Volk möchte einem immer seinen schlechten Geschmack aufdrängen. +Freilich, daß es unbedingt Mosel sein müßte —« + +»Aber ich hab’ ihn der alten Tante doch deutlich genug bezeichnet.« + +»Nee, Alterchen, bezeichnet hast du ihn nicht, und das mit der alten +Tante stimmt auch nicht. Im Gegenteil: eine höchst scharmante Frau. +Als sie gestern bei mir im Atelier war, um den Herbstzauber auf der +Staffelei zu besichtigen, den sie, nebenbei gesagt, kaufen will —« + +»Was,« rief der alte Herr und riß die blanken Augen auf, »die Scheufgen +will Bilder kaufen?« + +»Nein, lieber Papa,« sagte der Maler freundlich, »die Frau Präsident +von Tondern. Als sie den ›Herbst‹ sah, meinte sie, da ich die Studien +dazu im letzten Jahre gemalt hätte, müßte ich auch den Wein dieses +gottgesegneten Jahrganges kennen lernen. Er sei zwar noch jung, aber +schon gehaltvoll. Die Leute haben nämlich große Weingüter. Und heute +schickt sie den Niersteiner. Brav, mein Vater, daß du das Unglück +abgewendet hast. Dieser Umgang verdirbt unsere einfachen Sitten.« + +Die Kinnlade des alten Herrn war mit einem Ruck nach unten gegangen, +der Mund stand auf, und die Augen hatten den Ausdruck eines erstaunten +Vogels. Er tastete mit der einen Hand nach der Hand des Sohnes, während +die andere das Taschentuch an die Augen führte. Das Antlitz abgewandt, +verhüllte mit der freien Hand auch der Maler sein Gesicht. So standen +sie lange, und ein Schweigen entstand, das für den unbeteiligten Gast +doppelt peinlich war. Dann ging ein Zittern durch ihre Körper, ihre +Schultern begannen zu zucken, immer heftiger machte sich das Toben der +Gefühle bei Vater und Sohn bemerkbar — und plötzlich lagen sie sich in +den Armen und lachten und lachten, daß es die Wände zu sprengen drohte. +Ob die Affäre unliebsame Folgen haben könnte, daran dachte weder das +Kind von Vater noch das Kind von Sohn. Selbst Hans wurde angesteckt, +und er schmetterte sein jugendhelles Lachen in das Duett der beiden +sonnigen Menschen. Burg Springe beherbergte drei wahrhaft Glückliche ... + +Draußen wurde an der Klingel gerissen. + +»Besuch,« sagte der alte Herr und wischte sich die tränenden Augen. +»Den können wir brauchen.« + +Er ging selbst, um zu öffnen. Nach einer Weile steckte er den Kopf +durch den Türspalt. + +»Diesmal,« verkündigte er, »ist es der richtige Scheufgen! Ich werde +die Bowle gleich auf Eis stellen. Zweitens habe ich Herrn Professor +Schack anzumelden. Er scheint mir ebenso reparatur- wie bowlebedürftig.« + +»Schack?« fragte der Maler schnell zurück. »I was! Herein mit Seiner +professoralen Gnaden.« + +Hastig und aufgeregt trat ein Mann von einigen dreißig Jahren ins +Atelier. Sein Gesicht war blaß, aber ausdrucksvoll und intelligent. +Seine unruhigen Augen bekundeten eine starke Nervosität. + +»Guten Abend, Springe. Kann ich dich sprechen oder stör’ ich? Ah, +Verzeihung, ich sehe, du hast Besuch.« + +»Guten Abend, Schack. Pardon, Pardon, man muß wohl jetzt Professor +sagen. Ja, wenn dir hier die Luft nicht zu revolutionär ist? So ein +frischgebackenes Professorenwesen hat das im Geruch wie eine Hofdame +den Sozialdemokraten. Herr Steinherr — Herr ~Professor~ Schack.« + +Der Neuhinzugekommene erwiderte die Verbeugung des jungen Mannes +zerstreut. + +»O,« sagte er hitzig, »ich kann auch wieder gehen. Ich dachte nur, +ein Mensch deines Genres würde ein Verständnis für die Gründe haben, +derentwegen ich die Stellung an der Akademie übernahm.« + +»Lieber Schack, ich habe schon als kleiner Junge nicht für die +Geschichten geschwärmt, denen im Lesebuch eine Moral in Vers oder Prosa +angehängt war. Wenn die Geschichte nicht für sich spricht, helfen alle +Begründungen nichts. Wenigstens bei mir nicht. Du bist umgefallen. Was +mich aber nicht hindert, mit dir als Menschen einen Becher zu leeren. +In deinem Interesse schlage ich vor: Wir wollen auf die Terrasse gehen. +Dort ist selbst für einen Akademieprofessor eine Luft, die sich neutral +und höchst gebührlich aufführt. =Avanti, signore=.« + +Springe schob den aufgeregten Kollegen vor sich her und winkte Hans +freundlich zu, ihnen zu folgen. Das letzte verlorene Sonnengeflimmer +zitterte durch das Weinlaub und malte weiße Kringel auf den Tisch. Die +Herren saßen in ihren Stühlen und sahen dem Spiele zu. Irgendwo in der +Nachbarschaft wurde ein Klavier bearbeitet, und ein jugendlicher Chor +intonierte das Rheinlied: + + »Nur am Rhein, da will ich leben, + Nur am Rhein geboren sein — — —« + +Der Chor klang rauh und ungeschult, aber das verschlug den Sängern +nichts. Die mangelnde Schönheit wurde durch Lungenkraft und +Begeisterung hinlänglich ersetzt. Mitten in das Rheinlied hinein ließ +ein Sohn der roten Erde trutzig das Westfalenlied ertönen: + + »Du Land, wo meine Wiege stand, + O grüß dich Gott, Westfalenland!« + +Eine Pause entstand. Dann sangen die lustigen Brüder einträchtig +miteinander: + + »Der Herr Pappenheimer, der soll leben, + Der Herr Pappenheimer lebe hoch! + Beim Bier und beim Wein + Lust’ge Pappenheimer woll’n wir sein ...« + +»Das sind die Balduren,« nickte Springe, »goldenes, unverschämtes +Künstlerblut. Die Kerle sind unverkennbar an ihren schrecklichen +Stimmen. Aber sie haben den Teufel im Leib und fürchten sich nicht vor +Gott und der Welt. Darum lieb’ ich sie!« + +»Jawohl,« knurrte der Professor, »nur vor der Malerei fürchten sie +sich.« + +»Ach du lieber Himmel, wer am bravsten im Taglohn malt, ist deshalb +nicht der größte Künstler.« + +»Soll das etwa auf mich gehen?« fuhr Professor Schack empor. + +»Dort naht der versöhnliche Geist Herrn Friedrich Leopolds mit +dem Abendimbiß. Ich beanspruche einen Waffenstillstand zur +Provianteinnahme.« + +Der alte Herr von Springe machte dem Geplänkel ein Ende. Mit der +Zuvorkommenheit eines alten Ritters spielte er den Wirt, nötigte zum +Zulangen und kredenzte in Gläsern verschiedener Formen und Farben den +Wein. Als die Dunkelheit hereinbrach, entzündete er eine Ampel, die +wie ein satter Rubin aus dem grünen Weinlaub über der Terrasse lugte, +und holte eigenhändig die kristallene Bowlenschale. Man saß zu viert, +feierlich, und kostete. + +»Ah!« machte Schack und tat einen leisen Schnalzer. + +»Das schmeckt wie flüssige Jugend,« bemerkte der alte Herr. »Davon kann +man nie genug bekommen. Bitte auszutrinken.« + +Man trank und plauderte. Von der Kunst wurde kein Wort gesprochen. Nach +dem vierten Glas aber wurde Professor Schack melancholisch. + +»Lieber Springe,« sagte er und blickte finster in das schwimmende Gold +seines Glases, »ich bin dir noch eine Erklärung schuldig.« + +»Lieber Schack,« entgegnete der andere, »das ist der große Irrtum. +Du bist nur dir allein Rechenschaft schuldig. Geht die Rechnung auf, +umso besser für dich. Stolperst du über einen Fehler, so mußt du ihn +korrigieren. Lediglich deinetwegen. Das ist’s.« + +»Ich weiß, worauf du hinzielst,« versetzte der junge Professor, »und +ich will mich auch nicht entschuldigen. Aber menschlich verständlich +will ich mich dir machen. Seit dem Tage, an dem ich dir im Malkasten +mitteilte, daß ich zum Professor an der Akademie ernannt sei, meidest +du mich. Du behauptest, ich wäre umgefallen, ich hätte — ja, ich +hätte die Sünde wider den heiligen Geist begangen, weil ich meine +individuelle Art des lieben Amtes wegen nach dem Akademiezopf regeln +würde, langsam, aber sicher. Abgesehen davon, daß doch auch im anderen +Lager Männer stehen —« + +»Entschuldige,« sagte Springe, »du willst da gerade einem landläufigen +Irrtum Worte verleihen. Ich kenne kein anderes Lager, ich kenne nur +Künstler! Ob sie auf die sogenannte alte oder auf die sogenannte +neue Manier malen, das ist mir ganz egal. Die Hauptsache ist mir, +ob sie die schöne Illusion erzielen. ~Wie~ sie das machen, ist mir +Nebensache. Die Individualität ist die Hauptsache. Ein Gott läßt sich +nicht in spanische Stiefel schnüren, oder es wird ein Götze. Ein +Ölgötze in unserem Falle. Und obwohl du weißt, daß auf der Akademie +augenblicklich mit Nachdruck schablonisiert wird, gehst du hin und +wirst Helfershelfer.« + +Schack sah düster vor sich hin. Dann griff er nach seinem Glase, trank +es aus und setzte sich aufrecht. + +»Du hast eins vergessen. Der heilige Geist, gegen den man sündigen +kann, besteht nicht allein in der Kunst. Er ist hier, da und dort. Er +ist überhaupt der reine Kautschukbegriff. Jeder arme Teufel legt ihn +sich auf seine Art aus. Schwärmer behaupten, er sei die Liebe.« Er +stand auf. »Auf die Gefahr hin: ich bin ein Schwärmer.« + +»Schack, alter Kamerad ...« Springe hatte sich schnell erhoben und den +Aufgeregten sanft in den Sessel niedergedrückt. »Ich hatte ja keine +Ahnung. Was ist denn los?« + +»Siehst du,« begann der Akademieprofessor, »ich habe gemalt, was das +Zeug hielt. Nicht oberflächlich, das weißt du. Ich habe, um mich +deines Ausdrucks zu bedienen, den Gott in mir wahrhaftig nicht in +spanische Stiefel geschnürt. Ich wurde verlästert, verhöhnt, als +Tempelschänder gebrandmarkt. Ich arbeitete fort. Als die Schreier +meine Entschlossenheit sahen, verliefen sie sich allmählich. Auch die +Kritik wagte sich jetzt hervor. Man nannte mich in den Zeitungen eine +interessante Erscheinung. Aber Bilder kaufen — das war nicht. Ich +war von den Perücken, die im lieben Düsseldorf einmal die Papstgewalt +haben, nicht approbiert. Unterdes wurde ich achtunddreißig. Und mein +Mädchen wurde auch nicht jünger. Springe,« fuhr er fort und griff nach +der Hand des Freundes, »das — das ist das Schrecklichste. Sehen, wie +die Jugend schwindet. An der Liebsten es sehen. An den kleinen Fältchen +der getäuschten Sehnsucht, den schmalen Wangen, die die heimliche Angst +blaß färbt, dem ergebungsvollen Blick der Entsagung. Springe, du hast +nicht geliebt, sonst wüßtest du, daß man in solchen Augenblicken sein +künstlerisches Gewissen für eine Handvoll Haselnüsse verkauft, daß +man seine Individualität hinschmeißt wie einen alten Handschuh, daß +man zu allem, aber auch zu allem bereit ist, um nur nicht hinsterben +zu müssen, ohne die Jugend der Liebsten und damit die eigene gerettet +zu haben. Ruft allesamt, ich sei umgefallen. Ich weiß das besser. +Ich zahl’ der Welt mit gleicher Münze, und inzwischen küsse ich im +Blumengarten meines stillen Mädels alle blassen Rosen wieder rot. Erst +kommen wir selber!« + +Es war einen Augenblick still geworden auf der Terrasse. + +»Und du,« brach Springe das Schweigen, »willst deine Individualität +hingeschmissen haben? Ich habe dich falsch beurteilt, denn du hast mir +nie von deiner Freundin erzählt. Vielleicht,« fügte er lächelnd hinzu, +»weil du mir kein Verständnis für die Liebe zutrautest. Aber,« er wurde +wieder ernst, »dem geliebten Weib gehört nicht nur die Kunst, ihm +gehört das Leben zuallererst. Jetzt habe ich keine Angst mehr um dich. +Schack, deine Liebe soll leben.« — — + +Den alten Herrn und den jungen Gast hatten die beiden Maler gänzlich +vergessen. Jetzt erhob sich der alte Herr und klingelte an sein Glas. + +»Liebe Freunde,« begann er, »ich möchte zu diesem Thema auch ein +Wörtlein sagen. Freund Schack hat soeben die Angst vor dem Altwerden +bekundet. Nun, er hat ja auch das Arkanum dagegen gefunden. Aber +wenn das Arkanum auf die Dauer Wirkung haben soll, müssen Sie alle +selbst das Beste dazu tun. Ich bin siebzig Jahre. Wie? Bin ich nicht +ein Jüngling? Sind Sie der Meinung, daß ich je im Leben alt werden +könne? Wollen Sie das Geheimnis wissen? Nun, es ist einfach. Werden +Sie nie im Leben blasiert! Versuchen Sie auch nie, über das Leben zu +philosophieren. Sie behalten jedesmal unrecht und haben eine Menge +Zeit vertrödelt. Das Alpha und Omega dieses Daseins ist, zu wissen: +~daß~ man lebt. Und es lohnt sich — glauben Sie das meiner langjährigen +Erfahrung — am besten, daß man für diese kurze Erdenspanne so lacht und +liebt, singt und trinkt, wie einem der Schnabel gewachsen ist. Klappt +einmal der Sargdeckel zu, und man entsinnt sich just in dieser Sekunde +einer Seligkeit, die man abgewehrt hat, kriegt man noch im Grabe die +Gelbsucht, und die schadet dem Teint. Ich meine natürlich den Teint der +Erinnerung. Meine Freunde, es prangt und duftet die Sommernacht, und +die Bowle nicht minder. Die Philister liegen in der Klappe und zetern +über unsere Untugend. Die Tugend aber ist das Leben; mit ihm hört auch +die schönste auf. Und diese Tugend wollen wir auf das kräftigste +ausüben. Dann sind wir die Herren dieser Welt, dann sind wir die ewige +Jugend. Bange machen gilt nicht. Prosit!« + +Der Akademieprofessor fiel dem alten Herrn schluchzend um den Hals. +Die Erregtheit der letzten Stunden, die rasch getrunkene Bowle, die +wunderbare Sommernachtstimmung und die prächtigen Menschen um ihn her — +er konnte nicht anders, er bekam es mit der Rührung. + +Hans Steinherr hatte mäuschenstill dagesessen. Es war ihm heiß und +kalt geworden, er hätte, ganz gegen die ihm anerzogenen Gewohnheiten, +schreien und singen mögen, und plötzlich sprang auch er auf und fragte +an, ob er ein Gedichtchen deklamieren dürfte, das ihm heute eingefallen +sei. + +»Silentium! Silentium für den Dichter!« + +Und mit vor Erregung zitternder Stimme sprach der Jüngste des Kreises: + + »Was nutzt der Kuß auf deinen Mund, + Wenn nicht dein Herz erglommen? + Tut sich der Lenz dem Blut nicht kund, + Was soll der Name frommen? + + Und sehnst du dich, daß dir die Kunst + Entschleiert sich soll zeigen: + Lern fühlen nur mit inn’ger Brunst + Und laß die Lippe schweigen. + + Gott ist im Sturm, im Frühlingswind + Und in der Früchte Samen. + Das Glück, du grübelnd Menschenkind, + Du bannst es nie mit Namen. + + Tu auf das Herz zur Feierstund’, + Bekränze still die Pforte. + Dann regt sich’s auf der Seele Grund + Wie seltne Bibelworte. + + Und ob dein Mund der lauten Welt + Ihr Wesen nie verkündet: + Wenn nur dein Herz die Zwiesprach hält, + So hast du es ergründet. + + Das tiefste Glück, das du dir schufst, + Blieb immer ungesprochen. + Und wenn du es bei Namen rufst, + Sein Zauber ist gebrochen.« + +Blaß bis unter die Haarwurzeln wollte sich Hans setzen. Er war zu Ende. +Aber Heinrich von Springe war hinter seinen Stuhl getreten und schloß +den Jungen in seine Arme. + +»Hättest du das auch zu Hause, in einer eurer Gesellschaften +vorgetragen?« fragte er ihn halblaut und sah ihm in die Augen. + +»Nein. Dort hätte ich es nie gekonnt. Hier fühl’ ich mich so, so — —« + +Springe küßte ihn auf den Mund. Das »Du« behielt er bei. — + +Der Akademieprofessor stellte nach einer Stunde fest, daß er den Rest +seiner Energie für den Nachhauseweg nötig habe. Lachend führten ihn +Springe und Steinherr die Treppe hinab. Der alte, fröhliche Herr folgte +mit dem Licht, und er zitierte kräftig aus seinem Lieblingsdichter +Wilhelm Busch für den Professor einen Abschiedsgruß. + + »Einen Menschen namens Meyer + Schubbst’ man vor des Hauses Tor + Und man sagt’: Betrunken sei er, + Selber kam’s ihm nicht so vor. + +=A rivederci, a rivederci=, es lebe die Persönlichkeit!« — + +[Illustration] + + + + +Fünftes Kapitel + + +Bei Willibald Hüsgen wurde emsig geprobt. Die Kostüme waren im Laufe +der Wochen fertig geworden, die Dekorationen von Willibalds Meisterhand +entworfen und in ziemlich eigenmächtiger Weise auf große Papierrahmen +gemalt. Der Künstler nannte das kurz: =al fresco=. Mutter Hüsgen +hatte bereits den Saal herrichten müssen, der während des Semesters +den Gaudeamusbrüdern zur Kneipe diente, und der Wirt, der »Baas«, +ließ seinen Stammgästen gegenüber geheimnisvolle Worte fallen, um +durchsickern zu lassen, was für ein Mordskerl sein Willibald sei, und +»von der Mutter hätte der Jung’ das nu mal nich«. + +Zu Anfang September erklärte der selbstbewußte Arrangeur, daß die +Vorstellung, wie es im Bühnenjargon heiße, nunmehr »stehe«. Das +Knochengerüst wäre da, nun gelte es, Fleisch ansetzen. Bei der nächsten +Probe am Samstag würde er mit der Durchgeistigung der Bilder beginnen. + +Hans blickte auf Hannes. Aber das Mädchen lachte nicht zu den +protzenhaften Worten wie einst, da ihnen auf dem Dachstubenatelier Herr +Willibald die Eintrichterung der Leidenschaft versprochen hatte. Es +war seit jenem Tage und mit der Zeit fortschreitend eine so seltsame +Änderung mit dem jungen Geschöpf vor sich gegangen, daß es der Umgebung +hätte auffallen müssen, wäre diese egoistische Jugend nicht viel zu +sehr von sich selbst in Anspruch genommen gewesen. Mechanisch folgte +sie den Regievorschriften, mechanisch nahm sie ihre Stellungen ein und +ahmte die Bewegungen nach, so daß der rücksichtslose Haussohn mehr als +einmal ein Donnerwetter über die verdammte Steifheit der Frauenzimmer +im allgemeinen und im besonderen über die Häupter der Versammelten +schickte. Dann färbte sie sich blaß und rot, verharrte regungslos und +wie im Trotz in ihrer eckigen Haltung, um, sobald die Probe ihr Ende +erreicht hatte, in einem Temperamentsausbruch sondergleichen durch das +Zimmer zu tollen. + +Hüsgen stand wie versteinert. Aber die Versteinerung wandelte sich bald +zur wilden Wut. + +»Kröte,« schrie er »alberner Aff’, wenn du dir etwa einbildest, mich +hier zum Narren zu halten, so soll doch gleich — Rausschmeißen werd’ +ich euch, rausschmeißen alle miteinander —!« + +»Du hältst sofort den Mund!« fiel ihm Hans Steinherr kategorisch ins +Wort. + +Er war dicht an den Kameraden herangetreten, mit geballten Händen, und +sah ihm herausfordernd in die Augen. + +»Untersteh dich, in diesem Tone fortzufahren. In meiner Gegenwart +werden keine Damen beleidigt!« + +»Damen?« fragte Hüsgen höhnisch. »Du bist wohl jeck? Malchen, lach dich +kapott, ihr seid ›Damen‹!« + +»Wie deine Schwester darüber denkt, muß sie selbst wissen. Aber +Fräulein Hannes ist hier Gast, und das Gastrecht respektiert man. +Zumal wenn der Gast dir zuliebe gekommen ist, um so selbstlos wie +möglich sich für deinen persönlichen Ehrgeiz verwenden zu lassen.« + +»Ehrgeiz?« brauste Hüsgen auf. »Bist du übergeschnappt? Ihr versteht +eben den Teufel von der Kunst!« + +»Dann stell deine lebenden Bilder gefälligst allein!« + +Einen Augenblick schien es, als sollten die lebenden Bilder wirklich +lebendig werden. Aber der Geschäftsinstinkt des Wirtssohnes witterte +noch rechtzeitig die Gefahr. Und knurrend lenkte Hüsgen ein, um sich im +»Gaudeamus« den Triumph nicht entgehen zu lassen. Während die beiden +Mädchen in einer Ecke beieinander hockten und Malchen verwundert die +renitente Freundin anstarrte, versuchte der Akademieaspirant sich in +der Fensternische vor dem Freunde reinzuwaschen. + +»Steinherr,« sagte er eindringlich, »du mußt das doch einsehen. Wir +Künstler sind geradeaus. Wir legen nun einmal keinen Wert auf das +Äußerliche, weil wir alles auf das Innerliche konzentrieren. Aber +unsere Seele — Mensch, unsere Seele — —!« + +Hans maß den Redenden von oben bis unten. + +»Erzähle mir doch keinen Unsinn, an den du selber nicht glaubst. Der +Geist macht den Körper, und Rauhbeinigkeit ist noch lange nicht das +Erkennungszeichen für spartanische Tugend. Übrigens bist du noch gar +kein Künstler.« + +»Was bin ich nicht?« versetzte Hüsgen atemlos. + +»Noch kein Künstler. Wenn du’s erst bist, sprichst du nicht mehr so +viel davon.« + +»Ich —? Ich wäre kein —? Nu hört sich aber alles auf. Malchen, Hannes, +kommt doch mal her! Ihr habt doch, weiß Gott, Verständnis! Malchen, +du holst auf der Stelle mein Skizzenbuch. Und die Kreidezeichnungen +bringst du her, die ich von Vatter gemacht hab’ und von Mutter. Im +Schlafzimmer über dem Bett. Wenn die nich ähnlich sind! Aber laß man. +Hier stehen doch die Dekorationen zur Francesca. Na? Wie? Ist das +gemalt oder ist das geschwefelt und geflunkert? Ich kein Künstler! Aber +der da, der da — Kuckt ihn euch an — das ist einer. Och! Och! Malchen, +fix, hol mal en Kognak. Vatter is nich am Büfett.« — + +Diese Szenen, die sich mit geringen Variationen häufig genug +wiederholten, waren Hans peinlicher, als er es sich gestehen mochte. +Nicht seiner selbst wegen. Er merkte, wie der Verkehr im Hüsgenschen +Wirtshaus sein allzu sensitives Empfinden abhärtete und seine weiche +Männlichkeit robuster machte. Das war sicher ein Gewinn. Aber das +Kavaliertum, das ihm im Salon seiner schönen Mama anerzogen worden war, +ließ zuweilen beschämt die Flügel hängen. Er hätte ganz anders für +seine kleine Dame eintreten mögen, aber die schien für die feineren +Unterscheidungen des Verkehrs noch weniger Verständnis zu haben als der +rüpelhafte Willibald. Mit übertriebener Hast nahm sie stets Partei für +den triumphierenden Haussohn und blitzte mit ihren dunklen blauen Augen +ihren Ritter wie einen Lästigen an. Wurden die Proben erneuert, so sah +man ihr das Unbehagen an, den jungen Mann berühren zu müssen. Steif wie +eine Gliederpuppe hielt sie die Arme gereckt, und des Regisseurs Zorn +wurde mit Recht entfacht über diese »niederträchtige Versündigung an +der Kunst«. + +Nachdem Hüsgen eines Tages erklärt hatte, daß sie nunmehr reif wären, +um sich von Direktor Millowitsch für das Kölner Hänneschen-Theater +engagieren zu lassen, und er nur noch einen und den allerletzten +Versuch mit ihnen machen wollte, ordnete er für die nächste +Zusammenkunft die erste Kostümprobe an. + +Willibald Hüsgen hatte einige junge Kunstschüler ins Vertrauen gezogen, +da er zu dem Prunkbilde, der Hofhaltung der Francesca, eine Anzahl +Ritter benötigte. Die jungen Leute erschienen, die Hosen über die +Trikots gezogen, lachend und lärmend im Hause und begannen im Festraum +ungeniert Toilette zu machen, während Francesca-Hannes und ihre +Palastdame Malchen in einem Nebenzimmer letzte Hand an ihre Kostüme +legten. + +Hans Steinherr betrachtete mit Verwunderung die Kostüme der Kumpane. +Tausend Maskenschlachten schienen schon darin geschlagen worden +zu sein, die Farben waren erblindet und verschossen, die Tuche +mottenzerfressen und geflickt, und ein Duft ging von ihnen aus, der am +Hofe der Malatesta kaum statthaft gewesen sein dürfte. Er wagte darüber +eine Bemerkung an Hüsgen, der von einem wahren Begeisterungstaumel +erfaßt zu sein schien. + +»Was? Blinde Farben? Mottenlöcher? — Ja, Mensch, begreifst du denn +nicht? Das ist ja gerade das Echte! Himmeldonnerwetter, das ist echt! +Das riecht man ja geradezu!« + +»Leider Gottes,« versetzte Hans und zog die Nasenflügel zusammen. »Aber +es handelt sich doch nicht darum, was heute echt erscheint, sondern was +damals echt ~war~. Und du darfst dich darauf verlassen, daß sich die +Herrschaften damals mindestens so anständig anzogen und auf Sauberkeit +hielten wie die gute Gesellschaft heute. Das hier aber — das ist doch +der reine Anachronismus.« + +Willibald und die jungen Herren von der Akademie, die sich vor +Entzücken über die »fabelhafte« Echtheit ihrer Gewandungen nicht +zu lassen wußten und sich gegenseitig beschauten, betasteten und +beschnüffelten, sahen sich sprachlos an. Der Horizont verfinsterte sich +eine Weile. Dann meinte ein langer Akademiker wegwerfend: »Laßt den +Kerl doch laufen, der hat ja keine Ahnung von echt!« + +Hans trat zurück. Er wollte heute keinen Streit; auch machten ihn die +sonderbaren Käuze lachen. + +Das stilgerechte Kostüm aus purpurnem Samt, das sich eng an seinen +schlanken Leib schmiegte, gab ihm ein fremdartiges Aussehen, und +der feine Kopf mit dem braunen Haar erinnerte in der Tat an einen +alten, seltenen Stich. Die purpurne Kappe mit den silberschillernden +Reiherfedern saß fest im Gelock. Die Hände falteten sich über dem Griff +des Degens. + +Hüsgen ließ die Stellungen einnehmen. Die jungen Akademiker +fanden sich überraschend schnell in die Situation und bildeten in +ritterlicher Attitüde den Hofstaat und die fremden Gesandtschaften. +Die alte Tradition, die Düsseldorf von jeher den Ruhm zuspricht, +unübertroffen im Arrangement lebender Bilder zu sein, wurde wie auf ein +Zauberzeichen in diesen formlosen Burschen lebendig. Sie standen da +mit dem Anstand von Adelsgeschlechtern, und die bunten Lumpen wurden +zu Prachtgewändern. Jetzt führte Hüsgen als mißgestalteter, finsterer +Gianciotto Malatesta sein Weib Francesca ein, und Totenstille +herrschte. Jeder der jungen Künstler spürte die Macht der Schönheit. + +Das war Francesca. Blaß war sie wie eine weiße Rose, in deren Kelch +eine Flamme sitzt. Das aufgenommene Haar lag wie Sonnengold auf der +Stirn. Die mädchenhaften Formen des Körpers hoben sich unter dem +reichbestickten Brokatgewand, und unter dem schweren Saume zeigten sich +die scheuen, zierlichen Kinderfüße. Sie konnte nur langsam vorwärts +schreiten, denn Fräulein Malchen als traute Gespielin hielt sich so +würdevoll, daß sie die Schleppe der Fürstin, die sie trug, straff zog +wie ein Sprungtuch. + +Malatesta geleitete Francesca zum Thronsessel und nahm neben ihr Platz. +Zur Seite hinter ihr stand Hans Steinherr-Paolo, versunken in diesen +Traum von Jugendschönheit. Jetzt hob Francesca den Kopf, und ihre +Blicke begegneten den Blicken Paolos. In diesem Augenblicke dachten +beide nicht an die Gestalten, die sie darzustellen hatten. Francesca +sah das feingeschnittene, leidenschaftliche Jünglingsantlitz, ihre +Augen hingen in rückhaltlosem Staunen an seiner Erscheinung und ließen +sie nicht los. Und während Paolo mit halbgeöffneten Lippen den keuschen +Duft ihrer Haare einatmete und sich mit Augen, in denen ein Suchen und +Sehnen war, unwillkürlich näher beugte, schwellte ein tiefer Seufzer +die Brust Francescas, und ein geheimnisvolles Lächeln zog durch ihren +Blick. Das Lächeln des Mädchens, das das Weib in sich erwachen fühlt. + +»Bravo, bravo!« rief stürmisch die »Gesandtschaft« vor ihrem Thron. +Ein Jubelgeschrei raste durch die jugendliche Versammlung, und +Hüsgen-Malatesta versuchte auf seinem Thronsessel den Kopfstand. +Gesandte und Mannen sprangen herzu und halfen dem überschwenglichen +Fürsten wieder auf die Beine. + +»Habt ihr’s gesehen?« rief er. »Habt ihr’s gesehen? Diese Bewegung? +Diesen Blick? Das war Musik, he? Eine ganze Geschichte in einer +Sekunde. Das große Vergessen im Liebestrank!« + +Er stolzierte aufgeregt umher. + +»Was sagt ihr nun? Nix! das glaub’ ich — Aber wenn ihr einen bloßen +Schimmer hättet, was mich das für Müh’ gekostet hat, den beiden +das einzupauken. Innerlichkeit konzentrieren, hab’ ich gesagt, +Innerlichkeit! Über Nacht ist es gekommen. Den Seinen gibt’s der Herr +im Schlaf. Aber dieser Herr war ich. Und wenn ich die Blasphemie morgen +am Tag dem Pater Servatius beichten sollt’ und mit hundert Rosenkränzen +gepönt werd’! So, und nun bedankt ihr beiden euch bei mir, daß ich euch +hab’ was lernen lassen. Vorwärts, umkleiden zum zweiten Bild.« + +Die beiden Mädchen waren ins Nebenzimmer geeilt. Hans Steinherr zog +sich hinter die Bühne zurück, um seinen Anzug zu wechseln. Hüsgen warf +als Rachegeist, der in der Nacht heimeilt, um die Untreue von Weib und +Bruder zu bestrafen, einen weiten Mantel um die Schultern und nahm den +blanken Stahl in die Faust. Alle Anwesenden, die in diesem Bilde nicht +mitwirkten, hatten sich in den Hintergrund des Zimmers zurückzuziehen, +das einstweilen verdunkelt wurde. + +Nun tastete sich Francesca zur Bühne. Hans-Paolo half ihr hinauf und +nahm mit ihr die Pose ein. Hüsgen-Malatesta ließ, zusammengekauert wie +ein sprungbereiter Tiger, den Degen schwirren. + +»Licht!« + +Nur die Gasflamme über der Bühne strahlte hell auf. Ein unerwarteter +Anblick: + +Paolo in weißem Samtwams. Das Wams über der Brust zerrissen, die +nackte Brust von Blut gerötet. Francesca hält den Taumelnden fest. +Das zarte Nachtgewand liegt wie ein Duft um den süßen Mädchenkörper. +Ihr rotschillerndes Haar ist gelöst und schlingt sich um den Hals des +Geliebten. Seinen Nacken umwindet ihr bloßer Arm, und mit der freien +Hand wendet sie den zweiten todbringenden Degenstoß des wutschäumenden +Malatesta auf sich. Und plötzlich, als sei auch sie getroffen von dem +erlösenden Stahl, ließ sie den ausgestreckten Arm auf die Schulter des +in die Kniee gebrochenen Geliebten niedersinken, und ihr Körper hing +schwer und fest an dem seinen, als wären sie eins. + +Hans Steinherr tanzten Flammen vor den Augen. Er wußte nicht, wie ihm +geschah. Alle Kraft hatte er nötig, den Mädchenkörper zu halten. Er +preßte ihn mit Gewalt an sich, um ihn vor dem Niederfallen zu bewahren, +und in die angstvolle Umschlingung hinein strömte eine Flut von +unbekannter Süße hinüber und herüber. Er suchte ihre Augen, die starr +die seinen suchten, sah ihren Mund wie blasse, verlangende Rosenblätter +— dann sank ihr Kopf hintenüber, und er spürte ihre kühle, weiche Wange +auf seiner entblößten Brust. + +»Vorhang!« schrie er mit erstickter Stimme in die Kulisse, und irgend +einer, der herbeigesprungen war, ließ die Gardine fallen. + +»Was ist denn los?« rief Hüsgen ärgerlich und stolperte über die Bühne. +»Die Bewegung war tadellos realistisch und du —« + +»Rufe sofort deine Mutter. Die anderen sollen in den Garten. Malchen +bleibt im Zimmer und verhält sich ruhig. Schnell, du!« + +Die abgehackten Sätze kamen wie ein Kommando. Und Willibald Hüsgen +duckte sich augenblicks, warf noch einen scheuen Blick auf das Mädchen, +dessen Ohnmacht er jetzt erst gewahrte, und hieß die Gaffer das Zimmer +räumen. Malchen trippelte an der Stubentür auf und ab und wartete +angstvoll auf die Mutter, die der Bruder holen gegangen war. + +Auf der Bühne kniete Hans, den Kopf der kleinen Freundin in seinen Arm +gebettet. Ihr durchsichtiges Gesichtchen war blutleer, und der schlanke +Mädchenleib lag wie leblos gestreckt. + +»Nicht sterben,« flüsterte er, »nicht sterben. Durch dich hab’ ich ja +erst zu leben begonnen. Das weißt du ja gar nicht. Du, Heinz Springe, +der alte, prächtige Vater Springe, all die neuen Menschen — alles durch +dich. Hörst du, kleiner Hannes?« Und es quoll in ihm empor, und ein +heißer Tropfen hing sich an seine Wimper und fiel auf ihre Stirn. Da +beugte er sich herab und küßte sie zärtlich, wie man eine Schwester +küßt, auf die kalten Lippen. Wie eine Schwester? Ein Schauer durchrann +ihn, und er wagte den Kuß nicht wieder. Wo nur Frau Hüsgen blieb ... + +Da kam sie; äußerlich erhitzt vom schnellen Treppensteigen, im Gemüt +seelenruhig. Sie hatte die Essigflasche gleich mitgebracht und rief +Malchen zur Hilfeleistung heran. Aber das alberne Mädel fürchtete sich +und drückte sich zur Tür hinaus, um die Magd zu rufen. + +»Barmherzigkeit,« grollte die resolute Wirtin, »dat Kindchen stirbt uns +noch unter die Hände weg. Fassen Sie mal an, jong Här. Sie sind jetz’ +Samariter, verstehn Sie mich. Dat hat mit dem sonstigen Anstand absolut +nix zu tun.« + +Mit flinken Fingern öffnete sie dem jungen Mädchen das Gewand, legte +einen essiggetränkten Lappen in die Herzgrube, einen essiggetränkten +Schwamm auf die Schläfen, rieb und frottierte und hieß ihren +Assistenten, die Arme des Mädchens im Takt auf und nieder zu heben. +Hans folgte dem leisesten Wink. Er sah die hilflose, weiße Mädchenblume +vor sich liegen in ihrer rührenden Schönheit, und ihm war feierlich zu +Mute. + +Das Mädchen öffnete die Augen. Das Blut hatte zu kreisen begonnen, und +das Leben war zurückgekehrt. + +»Weg!« sagte die Wirtin und machte dem jungen Manne eine energische +Kopfbewegung. »Dat Samariterspiele is all jut, aber nu kömmt auch +der menschliche Anstand retour. Jed’ Ding zu sein’ Zeit. Adjö, Herr +Steinherr.« + +»Ich werde mich umkleiden und dann unten warten,« antwortete Hans, +machte eine ehrerbietige Verbeugung und verließ, ohne sich umzuschauen, +das Zimmer. + +Ruhig ging er später im Flur auf und ab. Wenn das Bild, das er vorhin +gesehen, vor ihm auftauchte, war ihm, als ginge etwas Heiliges in ihm +vor. Er wußte, daß er nie einen heiligeren Augenblick erleben würde. +Wie ernst, wie glückselig ernst das stimmte. War das die Jugend? + +Aus dem Gärtchen im Hof hörte er die Kunstjünger schwatzen und lachen. +Sie tranken das Wohl der lieblichen Francesca und ihre baldige +Genesung. Das war auch eine Art, die elastische Jugend zu äußern. Aber +er brauchte nicht zu trinken, um seine Begeisterung anzufachen. + +»Kleiner Hannes,« murmelte er, »kleiner, lieber Hannes! Weißt du noch? +An dem Schützensonntag? Bis dahin war ich ein Kulturpflänzchen. An dem +Tage lernte ich die Natur verstehen. Ach, wie das wohl tut — —. Lieber, +kleiner Hannes!« + +Die Minuten dehnten sich ihm zu Stunden. Soeben noch ernst und +abgeklärt, überfiel ihn jetzt aufs neue die Unruhe, und er horchte in +das winklige Treppenhaus hinein, ob er auf den Stiegen ihren Schritt +noch nicht vernähme. Sollte sich der Anfall wiederholt haben? Dann — +ja, dann hatte er doch hier unten nicht herumzulungern, dann war doch +sein Platz dort oben, dann gehörte er doch an die Seite der armen, +kleinen Kameradin. + +Er hielt die Ungewißheit des Wartens nicht mehr aus. Zwei, drei Stufen +auf einmal nehmend, sprang er die Treppen hinauf. Vor der Tür des +Dachstubenateliers war ihm der Atem ausgegangen, aber er wartete die +Beruhigung der Pulse nicht erst ab, er klopfte an und drückte auf die +Klinke. + +Da saß Hannes, mit ihrem dünnen Sommerkleidchen angetan, am Tisch und +trank aus einem Glase dunklen, roten Wein. Das Haar hing gelöst, um +die Schläfen nicht zu drücken, an den schmalen Kinderwangen herab. +Mutter Hüsgen hockte mit ihrer massigen Gestalt auf einem Schemel und +ermunterte zum Trinken. + +Bei dem hastigen Eintritt des jungen Mannes hielt das Mädchen das Glas +unbeweglich an den Lippen und starrte ihn an. Die Erinnerung kehrte +zurück, und wo diese aussetzte, stellten sich ängstigende Vermutungen +ein. Die Hand, die das Glas zum Munde führte, begann zu zittern, das +Auge zu flirren und zu flimmern, und eine Glut stieg von der Kehle an +über Wangen und Stirn, so dunkel und tief wie der rote Wein im Glase. +Frau Hüsgen winkte dem jungen Manne ärgerlich ab. + +»Sachte, sachte! Dat jeht hier nich zu wie auf ene Bauernkirmeß: +Flauwerden un jleich wieder Walzer. En bisken mehr Zartheit, jong Här.« + +»Ich wollte nur — — ich hatte nur solche Angst — des Fräuleins +wegen — —« stotterte Hans. »Ich hielt’s da unten nicht mehr aus ... +Entschuldigen Sie.« + +»Ich bin ganz wohl,« sagte die Kleine trotzig und senkte die Augen. + +»Schön,« entschied die Wirtin und erhob sich, »dann machst du jetzt, +daß du in die Klappe kommst. Un Großmutter soll dich besser päpeln. Du +bist jetzt in die Jahre, wo mr aufpassen muß. Jesses Maria,« seufzte +sie, »wat is dat sein Lebtag ein Elend mit uns arm Frau’nsleut!« + +Ein schneller, scheuer Blick glitt aus den Augenwinkeln der Kleinen +zu dem jungen Manne hinüber, der noch immer die Türklinke in der Hand +hielt. Jetzt trat er näher und sagte, respektvoll zu Frau Hüsgen +gewandt: »Wenn Sie gestatten, werde ich das Fräulein nach Hause +bringen.« + +»Ich kann allein gehen,« wehrte das Mädchen hastig ab und stand im +selben Augenblick aufrecht da. + +»Fräulein Hannes,« sagte Hans Steinherr ruhig, und er wunderte sich +selbst über die Bestimmtheit seines Tones, »Sie werden diesmal +vernünftig sein. Sie sind krank und haben sich denen zu fügen, die es +gut mit Ihnen meinen.« + +Sie sah starr an ihm vorüber. Dann wandte sie sich mit einer seltsam +matten Bewegung ab, nahm ihren Hut vom Wandhaken, nestelte achtlos fast +ihr Haar darunter und reichte der Wirtin die Hand. + +»Ich dank’ Ihnen auch, Frau Hüsgen.« + +»Keine Ursach’, aber nich die Spur!« Die resolute Frau klopfte ihr die +Backen. »Also du wirst mir hübsch gesund. Un vergiß nich, Großmutter zu +grüßen, un sie soll übermorgen zum Waschen kommen.« + +Wieder der scheue Blick. Diesmal hatte ihn Hans Steinherr in den +Augenwinkeln seiner Schutzbefohlenen aufblitzen sehen. + +Ach, die Kleine schämte sich, weil sie zu einer Waschfrau ging. Daher +das Abwehren einer Begleitung. Und wenn schon zu einer Waschfrau; +was war dabei? Die Ereignisse hatten in Hans die romantischen Sinne +geweckt. Was ging ihn Rang und Stand der Menschen an. + +»Kommen Sie, Fräulein,« sagte er herzlich, »ich werde Sie bei Ihrer +Großmama gut abliefern.« + +Sie schritt, ohne ihn anzusehen, an ihm vorbei und die Treppe hinab. +So eilig, daß er sich sputen mußte, sie an der Toreinfahrt wieder zu +erreichen. Hier aber nahm er sie fest bei der Hand und sah sie an. + +»Fräulein Hannes — —.« + +Dann zog er ihren Arm durch den seinen und führte sie behutsam die +Straße entlang. Willenlos ging sie neben ihm her. Den Arm hielt sie +steif wie eine Marionette. + +»Wo wohnen Sie?« + +»Pempelforterstraße.« + +»Nummer?« + +Sie nannte sie und schwieg sofort wieder. Die unregelmäßigen Schritte +der beiden hallten durch den stillen, dunklen Abend. Es war spät +geworden. + +»Sie dürfen so weit nicht zu Fuß gehen,« sagte Hans Steinherr nach +einer Pause und blieb stehen. »Wir werden eine Droschke nehmen.« + +»Nein,« stieß sie hervor. »Ich will nicht.« + +»Wir werden es aber trotzdem tun,« meinte Hans ruhig, »oder fürchten +Sie sich, mit mir in einer Droschke zu fahren?« + +»Fürchten —?« wiederholte sie gedehnt. »Ich will nur nicht; der +Nachbarn wegen.« + +»Die liegen längst im Bett. Außerdem sind Sie Patientin. Ich wußte +übrigens nicht, daß Sie keine Courage haben.« + +Nun wartete sie mit ihm, bis eine Droschke sichtbar wurde. + +»Fräulein Hannes,« sagte der junge Ritter verlegen, »ich — ich weiß +wahrhaftig noch nicht, wie Sie eigentlich heißen. Sie — Sie gelten bei +Hüsgens immer schlankweg als Fräulein Hannes. Schon Ihrer Großmama +wegen muß ich das doch wissen.« + +Das junge Mädchen rührte sich nicht. Da hielt die Droschke vor ihnen. + +»Meine Großmutter heißt Frau Stahl,« murmelte sie. Dann ließ sie sich +in den Wagen helfen, kauerte sich in die Polster und schloß sofort die +Augen. + +Hans Steinherr saß ihr gegenüber. Ihre Kniee berührten sich. Wenn sich +der Wagen einer Straßenlaterne näherte, beugte er sich vor und spähte +in das regungslose Mädchenangesicht, das bei aller süßen Kindlichkeit +der Formen einen Zug der Entschlossenheit zeigte. Wie rührend dieser +Ausdruck wirkte — —. Und in der Brust des jungen Mannes regte sich ein +zärtliches Empfinden und erregte ihn. Dieses Kind in die Arme nehmen, +es streicheln und mit der Überlegenheit, die das männliche Bewußtsein +gewährt, trösten und ihm kosend zureden: »Kleines, kleines Närrchen, +so lächle doch! Du bist ja viel zu schwach, um ein Lebenskämpfer zu +werden. Und es wäre so schade um dich und so traurig ...« + +Unbewußt hatte er begonnen, ihre herabhängenden Arme zu streicheln. Wie +mager die Ärmchen geworden waren! Vor wenigen Monaten — das stand ihm +noch deutlich vor Augen — hatte sich das Kleid straff um den vollen Arm +gespannt. Sie hielt ganz still, als wäre die Berührung nicht einmal zu +ihrer Wahrnehmung gedrungen. Da streichelte er ganz sacht ihre kalten +Händchen. Und plötzlich fühlte er, wie sich ihre Finger um die seinen +krampften. + +Der Wagen hielt vor einem niederen, baufälligen Hause an. Die beiden +merkten es nicht. Sie saßen stumm und starr nebeneinander und hielten +sich bei der Hand. Keines wagte sich zu bewegen. Aber beide waren sie +blaß, und zwischen ihnen ging der Atem schmerzhaft schwer. + +Der Kutscher kletterte von seinem Bock herunter und öffnete den +Wagenschlag. + +»Hier is dat Palaischen; un ich kriegen eine Mark un fünfzig, netto, +ohne ’t Trinkgeld.« + +Hans sah verwundert auf. Hannes öffnete nur müde die Augen. Das +Mädchen war so schwach, daß ihr junger Begleiter sie nur mit Mühe die +ausgetretene Stiege, die zur oberen Wohnung führte, hinaufbringen +konnte. + +»Großmutter!« rief sie oben. Dann wankte sie und fiel gegen Hans’ +Schulter. + +In der Stube wurde ein Stuhl zurückgestoßen. Die Tür öffnete sich +und, eine Lampe in der weit vorgestreckten Hand, stand eine hagere, +sehnige Greisin auf der Schwelle. Sie fand zuerst kein Wort. Ein +schreckensstarrer Ausdruck war in ihre Augen getreten, und ein Zittern +flog ihr durch Schultern und Arme, daß Lampenglocke und Lampenglas +leise und schwirrend erklirrten. + +»Johanna! — Herr Gott, Johanna — — —« + +Sie fuhr sich mit der verarbeiteten Hand über die Augen. Eine Sekunde +nur. Dann ging ein Ruck durch ihren alten Körper, sie richtete sich +kerzengerade auf, schritt auf Hans zu und nahm ihm das Mädchen aus dem +Arm. + +»Lassen Sie sie los! Wie kommen Sie dazu ...« + +Es war wie Gewittergrollen in dieser Stimme, und doch ein Ton, der wie +eigenes Entsetzen klang. Hans aber empfand in diesem Augenblick nur +das Gefühl eines blinden Respekts gegenüber dieser großen, kräftigen +Greisin, deren Gesicht so dicht voll Falten und Runzeln stand wie ein +engbeschriebener Runenstein. Er sah mit Erstaunen, wie die alte Frau +das Mädchen aufhob und auf ihre Arme nahm, als wäre es ein Federchen, +das sie trüge. + +»Ihre Enkelin,« berichtete er leise, »ist bei Hüsgens von einem +Unwohlsein befallen worden. Eine Art Ohnmacht. Wenn Sie gestatten, Frau +Stahl, bleibe ich noch hier. Vielleicht, daß Sie mich zum Arzt schicken +möchten.« + +Die Greisin schenkte ihm keinen Blick. Mit zusammengepreßten Lippen, +den schlaffen Leib der Enkelin fest an ihrer Brust, schritt sie +schweren Fußes durch das Zimmer und verschwand in einer Nebenkammer. +Hans war ihr in das erste Zimmer gefolgt. Hier blieb er stehen und +wartete geduldig ihre Rückkehr ab. + +Der Raum diente als Wohnzimmer. Es war ein quadratisches Gelaß; eine +dünn aufgerichtete Wand teilte es von der kleinen Küche ab. Aus +der offen gebliebenen Tür der Nebenkammer fiel ein Lichtschein und +beleuchtete fahl die alten Möbel. Einfache Strohstühle umstanden +einen alten, ovalen Mahagonitisch; ein breiter Strohsessel mit +buntbestickter, wollener Schlummerrolle schien das einzige Prunkstück. +Auf dem Tisch lag ein schweres Buch, in dem die alte Frau wohl eben +erst gelesen hatte. Hans erkannte es als die Bibel. + +Jetzt wurde die Kammertür geschlossen, und Hans stand im Dunklen. + +Er fand gar nichts Taktloses in der außergewöhnlichen Behandlung, +die ihm zu teil wurde. Alles, was hier geschah, schien ihm so +selbstverständlich und der ganzen Lage entsprechend, daß ihm nicht +einfiel, sich zurückgesetzt zu fühlen. In dem Zupacken der Greisin, +in der Art, mit der sie Beschlag auf das junge Mädchen legte, wie auf +den Körper eines Verwundeten, den sie, einem altgermanischen Weibe +ähnlich, der Schlacht da draußen entriß, hatte ein großer Zug gelegen, +dessen Eindruck sich der so kurz beiseite Geschobene nicht zu entziehen +vermochte. Dank, für ihn? In dem harten »Lassen Sie sie los« hatte +die Antwort gelegen: Sie hat zu eurem Vergnügen beigetragen, in eurem +Dienst ist das Kind zusammengebrochen, und an euch war es, ihr den Dank +abzustatten. Daß ihr sie herschafftet, ist doch wohl die geringste +Äußerung dieses Dankes. + +Der Lauschende hörte die alte Frau in der Kammer auf und ab gehen. +Er hatte wohl eine halbe Stunde im Dunklen verbracht, als sich leise +die Tür öffnete und die Greisin mit dem Licht erschien. Sie drückte +behutsam die Tür ins Schloß und trug die Lampe auf den Tisch. Wortlos +blieb sie an ihrem Sessel stehen und starrte in das Licht. Noch +immer nahm sie von ihrem Besucher keine Notiz. Da glaubte Hans, sich +bemerkbar machen zu müssen, und trat einen Schritt vor. + +Die alte Frau wendete den Kopf und sah ihn verständnislos an. + +»Ah,« machte sie dann, als ob sie sich besänne, »Sie sind noch da?« + +»Wie geht es dem Fräulein? Können Sie mich nicht zu irgend etwas +gebrauchen, Frau Stahl?« + +»Sie schläft,« murmelte die Alte. »Wenn sie den Schlaf nachgeholt hat, +wird sie gesund sein.« + +»Hat sich Fräulein Hannes überanstrengt?« fragte Hans leise. + +»Überanstrengt?« wiederholte die Frau, und ein harter Zug trat in ihr +faltiges Gesicht. »Das fragen Sie mich? Ich sollte doch meinen, daß Sie +das besser wissen müßten.« + +»Ich habe keine Ahnung,« stotterte Hans. »Wie sollt’ ich denn, Frau +Stahl ...« + +»Natürlich nicht. Davon habt ihr keine Ahnung.« + +Die alte Frau ließ sich schwerfällig in ihren Sessel nieder. Dabei +streifte ihre Hand die Bibel auf dem Tisch. Sie zog die Brauen +zusammen, klappte das Buch zu und schob es von sich. + +»Wollen Sie mir nicht erklären, Frau Stahl — —? Weshalb das Fräulein +leidet, meine ich.« + +Die alte Frau sah auf ihre Hände, die fest auf ihren Knieen lagen. + +»Ist das so schwer —?« murmelte sie. »Sie leidet am Leben. Das ist ihr +Erbteil.« + +»Aber ihre Ohnmacht? Meine Fragen sind vielleicht ungeschickt.« + +Die Greisin hob den Kopf und sah ihn durchdringend an. Dann machte sie +eine Bewegung und sagte: »Setzen Sie sich, wenn Sie müde sind. Also Sie +wollen wissen —. Nun ja, Sie sollen es. Es wird gut für Sie sein; wer +weiß, wofür. Da hat sie gesessen,« fuhr sie finster fort, »da hat sie +gesessen, jede freie Stunde, bis in die Nacht hinein, und entworfen und +gezeichnet nach einem kleinen Blättchen, auf dem ein Kostüm zu sehen +war, und Stoffe hat sie angeschleppt und Zutaten und geschneidert, +gebandelt und gebastelt. Und nie wurde es ihr schön und reich genug, +immer wieder hat sie geändert und geprobt und mit einer Erregung daran +gearbeitet, daß sie Essen und Schlafen vergaß. Ob sie ihr bißchen +Kraft nötig hatte! Sechs Stunden im Tag sitzt sie im Atelier des +alten, biblische Geschichten malenden Professors Kehren. Ich arbeite +seit zehn Jahren in dem Hause und kenne die Leute. Einmal hat sie als +Kind dem Professor zu einem Engelsköpfchen gestanden. Aber ich hatte +Furcht wegen ihrer leicht erregten Phantasie und litt es nicht mehr. +Doch der Hang und Drang nach dem Schönen, nach dem Vornehmen stak in +ihr. Eines Abends, es war im Juni oder Juli, kommt sie atemlos nach +Hause und erzählt mir, daß sie bei Hüsgens lebende Bilder stellen +wollen. Sie soll die Fürstin darstellen und muß Gewänder haben. Und +nun trotzte sie, und nun schmeichelte sie, und dann lief sie zum +Professor und machte mit ihm aus, daß sie ihm jeden Tag zu einem großen +Historienbilde stehen wollte, und ich gab es endlich zu, daß sie sich +das Geld für ihre Kostüme verdiente, denn ich konnte nicht mehr gegen +sie an. Das steckt im Blut.« + +Die alte Frau grübelte vor sich hin, als ob sie an andere Zeiten dächte. + +»Sie hat eine Erziehung gehabt, wie junge Mädchen aus gutem Hause,« +fuhr sie nach einer Pause fort. »Das war vielleicht falsch und paßte +nicht mehr für unsere jetzigen Verhältnisse. Aber es war das Kind +meiner Tochter, die bessere Tage gesehen hatte, es war mein Fleisch und +Blut, und auch ich« — sie lächelte trübe vor sich hin — »auch ich hatte +in der Jugend die Sonne gesehen. Bis mein Mann starb. Bis ich als junge +Beamtenfrau eine Witwenpension erhielt, die zu wenig zum Leben und zu +viel zum Sterben war. Weshalb ich nichts anderes unternahm, weshalb ich +so weit heruntergestiegen bin? Das — das — das steht auf einem anderen +Blatt. Meine Tochter starb und hinterließ mir — ihre kleine Johanna. +Und einen Stolz hatte ich doch behalten, einen Stolz, und wenn es der +Hochmut aus alten Tagen war: ich wollte sie erziehen, wie bisher alle +aus unserer Familie erzogen worden waren. Sie sollte mir nicht unter +das Proletariat, weil bei Mutter und Großmutter das Unglück zu Besuch +gekommen war. Wie jedes andere Bürgermädchen sollte sie werden, nicht +mehr, aber auch nicht weniger. Das bißchen Unterhaltung bei Hüsgens +hab’ ich ihr gerne gegönnt. Es ist ein rechtes Haus. Nicht zu hoch +hinaus und doch gut bürgerlich. Dort gehen weder Lumpen aus und ein, +noch Barone. Und nun kommt sie mir ins Haus gestürzt und alles in +ihr ist auf den Kopf gestellt. Sie lacht, sie tanzt, sie singt. Dann +spricht sie stundenlang wieder kein Wort. Endlich bekam ich’s doch +heraus. Ihr ganzes verändertes Wesen, ihr neu erwachter Lernfleiß, +ihr Streben, auf ihre Sprache zu achten, auf ihr Benehmen, auf ihre +Kleidung, das war alles ja so deutlich, daß sie mir gar nicht erst +lachend zu versichern brauchte, ein Prinz stünde mit in den lebenden +Bildern, gegen den Hüsgens und all ihre Bekannten Bauern seien, und +nun müßte sie sorgen, daß sie neben ihm bestehen könnte und von ihm +nicht nur geduldet oder gar ausgelacht würde. Damit begann das tolle +Drauflosstürmen auf die Gesundheit, die fieberhafte Unruhe, der ich +nicht mehr gewachsen war. Und jeder Groschen, den sie sich verdiente +und den wir zu ihrer Kräftigung hätten anwenden können, er flog weg für +den Flittertand, mit dem sie sich für ein paar Stunden in eine andere +Welt täuschen wollte.« + +Die Greisin war erregter geworden. Ihre Hände zitterten, als wollte sie +einen nahenden Verlust aufhalten. Jetzt trat sie dicht an den jungen +Mann heran. + +»Hören Sie,« sagte sie und ihre Stimme klang heiser, »ich ~will~ +aber nicht, daß sie sich täuscht. Ich habe genug an den Täuschungen +im Leben. Ich will nicht, daß mit ihr gespielt wird, und daß sie an +Einbildungen zu Grunde geht. Dazu ist sie mir zu lieb, verstehen Sie +mich? Und wenn Sie auch dieser Prinz sind, gerade deshalb sage ich es +Ihnen! Hier ist ein Haus, das wieder aufwärts will! Bringen Sie es mir +nicht herunter! Die Kleine da — die Kleine — — ah, was rede ich nur +alles!« + +»Frau Stahl,« sagte Hans weich. Er wußte nichts anderes, als die Hand +der alten Frau zu nehmen. + +Sie achtete nicht darauf. Aber er fühlte an dem Zucken ihrer harten, +verarbeiteten Finger, daß sie in ihrem Inneren Empfindungen, Worte +niederkämpfte. + +»So sprechen Sie doch nur weiter, Frau Stahl. Ich bin Ihnen ja so +dankbar.« + +Sie sah ihn an. Dann machte sie ihre Hand los und setzte sich wieder +in den Sessel. Das Licht war heruntergebrannt. Ein Helldunkel, das die +Schatten der Gegenstände vergrößerte, herrschte in der alten Stube. Die +alte Frau erschien wie eine Riesin, wie die Überlebende eines einstigen +Geschlechtes. + +»Junger Herr — —« sagte sie sinnend. + +»Ich heiße Hans Steinherr.« + +»Gut, gut. Die Steinherrs sind reiche Leute. Ich kannte sie noch, +als sie so klein waren wie wir jetzt. Alles im Leben läuft im Kreis. +Wir dürfen uns nur nicht ganz herausschleudern lassen. Ach, das Alter +macht geschwätzig. Doch ich habe auch die Jugend nicht vergessen. Ich +verstehe mit ihr zu empfinden, wenn ich Ihnen auch hart und verknöchert +erscheine. Ich will der Jugend nichts verkürzen, auch der Johanna +nicht, so wenig, wie ich es ihrer Mutter getan habe. O Gott, die paar +kurzen Jährchen der Lebensfreude! Aber sich nicht fortwerfen, nicht +sich fortwerfen, oder es muß um ein Großes, ein Heiliges sein. Ich +habe nie mehr davon gesprochen, aber Ihnen sag’ ich es, obwohl Sie so +jung sind. Weil Sie mir vorhin danken wollten, weil ich es Johannas +wegen tue. Meine Tochter — ihre Mutter — war seit Jahren verlobt. Als +sie heiraten wollten, kam der Krieg. Er mußte mit, nach Frankreich. So +etwas Herzzerreißendes habe ich nicht wieder erlebt. In den letzten +Tagen mieden sie sich, sie hatten Furcht, sich zu berühren, und wenn +sie sich in die Arme stürzten, schrie die Verzweiflung aus ihnen. +Nicht, als ob der Mann Angst vor dem Kriege gehabt hätte. Er war +Offiziersaspirant und nicht feige. Aber eine Ahnung lastete auf ihnen, +sie würden sich nicht wiedersehen, sie würden sterben müssen, ohne für +ihr treues, jahrelanges Warten belohnt zu sein. Sie wollten zu den +Massentrauungen. Doch da rückte das Regiment schon aus. Den Jammer +versteht nur eine Frau, und ich verstand ihn. Ich, ja ich, die Mutter, +gab ihnen meinen Segen. Acht Tage darauf fiel der Mann bei Spichern.« + +Wieder saß die alte Frau in sich gebückt und versonnen da. Dann fuhr +sie langsam fort. + +»Das Kind war die Johanna — —. Ein Schmerzenskind. Denn meine Tochter +starb bald danach, und ich wurde die Mutter. Und deshalb, sehen Sie, +deshalb nahm ich die geringste Arbeit auf, griff ich zu allem und +jedem, was mir Verdienst versprach, um einst rein dazustehen vor meinem +Herrgott, damit er meine einstige Menschenschwäche als Menschenliebe +ansehen möge. Deshalb lese ich immer wieder in jenem Buche, das von der +Liebe handelt, und deshalb will ich nicht, daß meine Rechnung und die +Heilige Schrift betrogen werde.« Sie schöpfte tief Atem. »Solange ich +lebe — nicht!« + +Die Greisin richtete sich auf. Ihr Schatten wuchs bei dem niederen +Licht groß bis an die Decke. + +»Das war’s, was ich Ihnen sagen wollte. Und nun stören Sie uns nicht +länger.« + +»Frau Stahl —« bat Hans. Er hatte so viel zu sagen, aber er fand die +Worte nicht vor dieser Frau. + +»Gehen Sie. Aber so gehen Sie doch!« + +Da ging er schweigend. + +[Illustration] + + + + +Sechstes Kapitel + + +Es war eine Sonntagsstille. Die Nachmittagssonne schmeichelte sich an +den Kanten der leinenen Vorhänge vorbei in die kleine Kammer und lag +nun, als hätte sie ihren Willen erreicht, golden und friedlich auf dem +weißen Bette. Hannes saß aufrecht in den Kissen. Sie hatte das gelöste +Haar über den Arm gebreitet und ließ die Enden in der Sonne schimmern. +Ihre Augen besaßen wieder den alten Glanz, auf den Wangen zeigte sich +eine feine Röte. + +Ihre Hände spielten, aber ihre Gedanken waren nicht bei dem Spiel. + +»Großmutter!« rief sie nach einer Weile leise. + +Die alte Frau, die im Nebenzimmer ein Nickerchen gehalten hatte, kam +herbei. + +»Hab’ ich dich aufgeweckt, Großmutter? Nicht? — Du, Großmutter, dann +bleib doch bei mir sitzen. Willst du?« + +»Aber gewiß, Kind.« + +»Du, Großmutter — — — bist du mir arg böse?« + +»Ach, Unsinn. Es ist ja nichts passiert.« + +»Es ist nichts passiert — —« wiederholte das Mädchen und strich über +ihr sonnenglühendes Haar. + +Die alte Frau rückte die Kissen zurecht und zupfte und glättete an +den Decken. Dann zog sie einen Stuhl heran und setzte sich nieder. Sie +wartete. + +»Hast du keine Angst gekriegt, Großmutter, als man mich brachte?« + +Die Greisin machte eine jähe Bewegung. Aber sie bezwang sich und +lächelte. + +»Angst? Vor was denn? Ich kenn’ doch meine Johanna.« + +»Du sagst das so — so — —. Was meinst du denn damit?« + +»Krank werden kann jeder. Dabei ist nichts Böses. Die Krankheiten +stehen in Gottes Hand, das Böse in der unseren. Siehst du, so meint’ +ich es. Angst hat man nur vor dem Bösen.« + +»Und das — das traust du mir nicht zu, Großmutter?« + +»Nein, Kind, das trau’ ich dir nicht zu. Nicht, weil ich dich für so +viel besser hielte als andere Menschen, sondern einfach darum, weil du +es deiner Mutter wegen nicht darfst.« + +Da schwiegen sie beide. + +»Sag,« meinte dann das Mädchen sinnend, »Mutter war wohl sehr schön?« + +»Sie war schön und gut. Gut ist viel mehr. Das war sie.« + +»Und — und Vater?« + +»Dein Vater, mein Kind, war ein Mann von Ehre. Er verdiente, daß deine +Mutter ihn über alles liebte.« + +»Und doch — und doch — —?« + +»Und doch?« fragte die Greisin und hielt den Atem an. + +»Gelt, Großmutter,« rief das Mädchen leidenschaftlich und schlang die +Arme um den Nacken der Alten, »gelt, Großmutter, ich brauch’ mich nicht +zu schämen?« + +Die alte Frau preßte den Kopf der Jungen fest an ihre Brust. Unablässig +streichelte ihre Hand den Scheitel und die zuckenden Schultern der +Enkelin und bewegten sich lautlos ihre Lippen. + +»So sprich doch, Großmutter, so sprich doch nur.« + +»Kind, ich habe dir doch gesagt, daß deine Mutter gut war. Was sie tat, +war Güte. Und die Reinheit der Güte verstehen die Menschen nicht. Nein, +bei Gott dem Allmächtigen, du brauchst dich nicht zu schämen, du kannst +stolz auf deine Mutter sein — wenn du nur stolz auf dich selbst bist.« + +»Du, Großmutter,« stieß das Mädchen hervor, »ich glaube, ich könnte es +auch. So lieben wie Mutter.« + +Die Alte erwiderte nichts. Aber mit beiden Händen umspannte sie den +Kopf der Enkelin und drückte ihn fest an sich. Eine atemlose Stille +war um sie, die Sonne kroch langsam über die weiße Decke heran und +überströmte das bange Alter und die bange Jugend. + +»Johanna,« sagte die Greisin, »hör mich einmal an, Johanna. Wir haben +alle ein Schicksal zu erfüllen. Dagegen können wir nicht an, und wir +Frauen zumal nicht. Aber ~wie~ wir es erfüllen, darauf kommt es an. +Was wir hineintragen und mit welchen Gedanken wir es tun. Verstehst du +mich auch recht? Was bei dem einen Sünde ist, kann bei dem anderen zur +Tugend werden. Aber immer nur bei einem, nicht bei allen! Nur sich kein +Vorbild aufstellen wollen, denn es gibt keine Beispiele für uns. Was du +tust, das tue, weil du es ~mußt~, nicht weil du es magst. Und was du +mußt, das ist: dir selber treu sein. Wir können von den Menschen keine +größere Wertschätzung verlangen, als die wir uns selber beilegen.« + +»Aber die Liebe, Großmutter ...?« + +»Die Liebe, mein dummes Mädchen, ist der Stolz auf den Glauben des +Geliebten.« — — + +Das Mädchen hatte sich losgemacht. Mit gefalteter Stirn lag es in den +Kissen und starrte in die Luft. + +»Ist das wahr, Großmutter?« + +»Es ~ist~ wahr.« + +»Und wenn man den Stolz nicht hat?« + +»So ist die Liebe eine Lüge. Und Lügen haben kurze Beine.« + +»Du meinst, man geht daran zu Grunde. — — Ach, das Sterben kann nicht +so schwer sein.« + +»Wenn andere um uns jammern, nicht. Aber wenn man sich selbst +bejammert.« + +»Großmutter,« sagte das Mädchen mit einem plötzlichen Ernst, der eine +Feierlichkeit über ihre Züge goß, »ich glaube, ich habe den Stolz.« + +»Ich habe mich immer darauf verlassen, Johanna,« erwiderte die Greisin. + +»Soll ich dir die Hand darauf geben? Hier hast du sie.« + +Sie ergriff die hartgearbeitete Hand der alten Frau und preßte sie mit +ihren weichen Fingern. + +»Ich werde dir keine Unehre machen, Großmutter.« + +Die Alte nickte. Es war ihr feucht in die Augen gekommen, und sie +wandte den Kopf. + +»Was ist das für ein Sonntag,« murmelte sie. »Sieh nur, all die Sonne.« + +»Laß noch mehr herein, Großmutter. Ich kann so viel vertragen.« + +Und während die alte Frau die Vorhänge beiseite schob, kam endlich die +Frage, die sie erwartet hatte. + +»Hat sich denn keiner nach mir erkundigt?« + +Aber die Frage rief jetzt nur noch ein stilles Lächeln auf den +zerfurchten Zügen wach. Die Gemeinsamkeit des Blutes hatte sich +dargetan. Der Handschlag der Enkelin galt. + +»Der junge Herr Steinherr war in der Frühe da. Aber du warst noch gar +nicht wieder aufgewacht. Da hat er etwas für dich abgegeben und gesagt, +er wollte gegen Abend noch einmal vorsprechen.« + +»Gott, was für ein Getue.« + +»Mädel, Mädel,« lachte die Frau, »aus einem Fehler fällst du in den +anderen. Muß ich denn mit einem Male deine eigenen Freunde gegen dich +in Schutz nehmen?« + +»Ach was, Freunde! Aufdringlich ist er!« + +»Du — —,« sagte die alte Frau mahnend. »Vorläufig hast du allen Grund, +ihm dankbar zu sein. Aber ich merke schon, du wirst wieder gesund. Das +war soeben der echte Hannes.« + +Hannes drehte sich auf die Seite. Sie war flammend rot geworden. Dann, +nach einigen Minuten, klang es halb zag, halb trotzig aus dem Kissen: +»Was hat er denn für mich abgegeben? Eine Gratulationskarte?« + +Frau Stahl ging in das Wohnzimmer und kehrte zurück. Auf den bloßen Arm +gestützt, sah ihr das junge Mädchen gespannt entgegen. Keine Spur mehr +das ernste Wesen von vorhin, ganz das erwartungsfrohe Kind. + +»Rosen,« rief sie jubelnd und streckte die Hände aus, »Rosen, ein +ganzer Arm voll. Großmutter, das sind Maréchal Niel und das sind La +France! Himmel, sind die schön! Und das — was ist denn das? Du,« +sagte sie ganz feierlich, »das ist ja eine Bonbonnière, denk mal, von +Branscheidt. Feineres gibt’s in ganz Düsseldorf nicht.« + +Sie breitete die Herrlichkeiten auf der Bettdecke vor sich aus und +staunte sie an. Dann schob sie die Konfitüren zusammen und reichte sie +der Großmutter. + +»Da, nimm nur, das ist was für dich. Ich darf ja jetzt doch nicht. Aber +sofort essen.« + +»Ich heb’ sie auf, Kind, bis später.« + +»Ach, dann macht’s keinen Spaß mehr. So was Extraes muß immer extra +auf der Stelle genossen werden. Dann schmeckt’s ganz anders. Zeig mal. +Einen Bonbon kannst du mir doch abgeben.« + +Sie stopfte sich eine große kandierte Frucht in den Mund und ließ die +Großmutter ihre Schätze in Sicherheit bringen. Unterdes band sie den +Rosenstrauß auseinander, roch an jeder einzelnen Blume, ordnete sie +nach der Farbe, nach dem Duft, legte sie paarweise, Rosa und Gelb, +zusammen, um endlich alle wieder zu einem großen Buschen zu vereinen +und sie wie eine Garbe in den Arm zu legen. Die Wange hatte sie tief in +die Fülle der Blütenkelche geschmiegt. + +Als die Großmutter nach einer Weile eintrat, lag das Mädchen wie +eine Rose unter Rosen. Schnell zog sie sich zurück, um dem Kinde die +heimliche Freude nicht zu stören. Sie hatte ein merkwürdig junges Herz, +die alte Frau, die einst ihrer Tochter den Segen gab, damit sie den +blutroten Tag von Spichern leichter ertragen könne. + +Daß sie heute immer ihrer Tochter gedenken mußte — + +War es ein Unrecht gewesen — damals —? + +Ein heller Schein flog über der Alten Gesicht. Reue? Wofür? Nur Sünder +bereuen. Sie aber hatte aus tiefster Seele gehandelt, und die Seele ist +ein Stück von Gott und spricht wahrer als die Gesetze der Menschen. + +Die Greisin suchte ihre Brille hervor, rückte den Strohsessel dicht an +den Tisch und schlug die Bibel auf. Sie traf die erste Epistel Pauli +an die Korinther. Die Blätter teilten sich wie von selber bei dem 13. +Kapitel, als kannten sie seit langem die Zufluchtstätte der alten Frau. +Stumm und ernst blickte sie in das Buch. Dann las sie mit halblauter +Stimme die gnadenreichen Worte des Apostels, die sie mit ihrem starken +Menschensinn menschlich gerade deutete; das monotone Gemurmel klang wie +ein Gebet, und über das Gebet hinaus wie ein Glaubensbekenntnis, und es +war eine große Feiertagshaltung. + +»Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete, und hätte der Liebe +nicht, so wäre ich ein tönend Erz und eine klingende Schelle. Und wenn +ich weissagen könnte, und wüßte alle Geheimnisse und alle Erkenntnis, +und hätte allen Glauben, also daß ich Berge versetzte, und hätte der +Liebe nicht, so wäre ich nichts. Und wenn ich alle meine Habe den Armen +gäbe, und ließe meinen Leib brennen, und hätte der Liebe nicht, so wäre +mir’s nichts nütze. Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe +eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie blähet sich nicht. +Sie stellet sich nicht ungebärdig, sie suchet nicht das Ihre, sie +lässet sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu. Sie freuet +sich nicht der Ungerechtigkeit, sie freuet sich aber der Wahrheit. Sie +verträgt alles, sie glaubet alles, sie hoffet alles, sie duldet alles. +Die Liebe höret nimmer auf, so doch die Weissagungen aufhören werden, +und die Sprachen aufhören werden, und die Erkenntnis aufhören wird. +Denn unser Wissen ist Stückwerk, und unser Weissagen ist Stückwerk. +Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören. +Da ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind, und war klug wie ein +Kind, und hatte kindische Anschläge; da ich aber ein Mann ward, tat +ich ab, was kindisch war. Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem +dunkeln Wort; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich’s +stückweise; dann aber werde ich erkennen, gleichwie ich erkannt bin. +Nun aber bleibt Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist +die größeste unter ihnen.« + +Die alte Frau nahm die Brille ab und lehnte sich zurück. Sie lächelte. +Wer wollte mehr wissen als sie, was gut und böse sei, wenn unser Wissen +Stückwerk ist? Wer, der nicht erkannt hatte, daß die Liebe das Größte +ist? — — Die Liebe! — Die alte Frau erhob sich. Das Lächeln machte +einem feierlichen Ernste Platz. + +»Sie freuet sich aber der ~Wahrheit~!« sagte sie mit starker Stimme. +»Das ist es. Die Wahrheit allein gibt den Ausschlag. Dann mag sein, was +will: wir taten das Unsere.« + +Es wurde an die Tür geklopft, die zur Treppe führte, und die Alte ging, +um zu öffnen. Draußen stand Hans Steinherr. + +»Treten Sie ein,« sagte sie freundlich, »meine Enkelin ist wach und +auch wieder wohl.« + +»Sie sind heute so gütig zu mir, Frau Stahl.« Der junge Mann drückte +dankbar die dargebotene Hand. »Daran erkenn’ ich schon, daß es Fräulein +Johanna besser gehen muß.« + +Er hatte unwillkürlich an Stelle des kindischen »Hannes« Johanna gesagt. + +»Es ist Sonntag heute,« entgegnete die Greisin einfach. + +»Nicht wahr? Das ist wirklich ein Sonnentag! Alle Blumen strecken die +Köpfe hoch.« + +»Sie haben schon wieder Ihren Garten geplündert? Sie müssen nichts +übertreiben.« + +»Nur drei Rosen. Es waren die schönsten, und sie baten so sehr, für ihr +Blühen belohnt und mitgenommen zu werden.« + +Frau Stahl sah den Schmeichler prüfend an. + +»Sie haben die Worte hübsch in der Gewalt. Das kleidet Sie. Hoffentlich +tönt es unter dem Kleid gerade so.« + +Hans verstummte. Aber er blickte offen zu der Sprechenden auf. + +»Ich werde meiner Enkelin sagen, daß Sie da sind.« + +Einige Augenblicke später stand er in ihrer Kammer. + +»Guten Tag, Herr Steinherr,« tönte eine zage Stimme, die gern einen +festeren Beiklang gezeigt hätte. + +Da trat er an das Bett und reichte ihr seine Rosen. Zu sehen vermochte +er immer noch nicht. Er fühlte, wie seine Hand scheu ergriffen wurde. +Und nun sank der Schleier. + +»Guten Tag, Fräulein Hannes,« sagte er rasch. »Gottlob, daß Sie wieder +gesund sind!« + +»Ach,« meinte sie und vermied seinen Blick, »das bißchen von gestern. +Unkraut vergeht nicht.« + +»Unkraut?« machte er staunend. Ihre ganze Lieblichkeit wurde er gewahr. +Wie sie dalag, bis unter das Kinn zugeknöpft in dem weißen Linnen, +das leuchtende Haar glatt heruntergestrichen zu beiden Seiten der +zartgezeichneten Wangen, das leinene Hemdchen Hals und Brust bedeckend. +Und vor ihr lagen die Rosen, die er am Morgen hergetragen hatte, und +sie sagten so wenig, so gar nichts; wie kleine Dienerinnen vor einer +kleinen Prinzessin. + +»Unkraut?« wiederholte er und schüttelte den Kopf. »Wie kann man nur so +was aussprechen!« + +»Sie scherzt,« sagte Frau Stahl. »Ganz so gering schätzt sich Johanna +doch nicht ein.« + +Da wurde die kleine Rekonvaleszentin ausgelassen. + +»Buh!« machte sie und streckte ihrem Besucher so plötzlich ihr Köpfchen +entgegen, daß er zurückfuhr. Dann warf sie sich lachend zurück. »Ich +bin ein Ungetüm, gelt? Ein schreckliches Menschenkind! Antworten Sie, +auf der Stelle!« + +»Wahrhaftig,« rief Hans begeistert, »das sind Sie! Aber ich glaube, +mehr ein schrecklich ~liebes~ Menschenkind. Hab’ ich recht, Frau Stahl? +Sie verstellt sich nur immer, damit’s keiner merkt.« + +»Jawohl, ihre Unarten auch noch beloben! Na, nun setzen Sie sich nur +nieder. Einen Augenblick dürfen Sie schon hierbleiben.« + +»Großmutter,« sagte Hannes und lächelte die Alte an, »trinken wir denn +heute nachmittag keinen Kaffee?« + +»Ach so,« meinte die Greisin trocken. »So hatt’st du dir das gedacht?« + +»Herr Steinherr ist doch zu Besuch gekommen,« schmollte die Kleine und +zupfte an den Rosen. + +»Aber ich bitte, Frau Stahl,« warf der junge Besucher verlegen ein, +»ich möchte Sie nicht stören.« + +»Freilich,« stieß das Mädchen trotzig heraus, »dann — dann — wenn es +Herrn Steinherr geniert, bei uns Kaffee zu trinken. Es ist ja auch gar +kein richtiger Kaffee. Wir trinken ihn nur so.« + +»Fräulein Hannes!« + +Hans Steinherr war empört. + +»Das war schlecht,« fügte er nach einer Weile hinzu. »Das durften Sie +mir ganz gewiß nicht sagen.« + +Sie antwortete nicht, aber sie zog mit einer hastigen Bewegung ihr Haar +bis über die Augen zusammen. + +»Sie werden unseren Kaffee schon mögen,« meinte die alte Frau. »Wollen +Sie mittun?« + +»So viel Freundlichkeit hab’ ich ja gar nicht erwartet,« murmelte Hans. + +»Ich werde das Geschirr hereinholen. Dann trinken wir mit Johanna +zusammen.« + +Sie ging ruhig hinaus, um den Kaffee aufzubrühen. Bald vernahm man ihr +Hantieren mit Töpfen und Tassen. + +Hans Steinherr blickte zu seiner kleinen feindlichen Freundin hinüber. +Er konnte unter dem dichten Haarschleier nichts von ihrem Gesicht +erkennen. Nur die im Haar verkrampften Fäustchen waren sichtbar. + +»Fräulein Hannes,« sagte er recht knabenhaft weich. + +Sie regte sich nicht. + +»Sie schämen sich wohl, Fräulein Hannes? Dann ist ja alles wieder gut.« + +Keine Antwort. Sie lag wie eine Bildsäule. Nur über ihrem Munde +zitterte das Haar. + +Da wagte er es, ihre Hände zu fassen. Und die Fäustchen, die so fest +verkrampft schienen, zeigten sich so willfährig, nachzugeben, und er +schob sie sacht beiseite und strich ihr ganz sanft das Haar aus dem +Gesicht. + +»Sie haben ja Tränen in den Augen,« sagte er leise und tupfte mit +zartem Finger die Tropfen fort. + +Sie ließ alles mit sich geschehen, aber sie wich auch seinem Blick +nicht mehr aus. + +»Buh!« machte er plötzlich, wie sie vorher, und streckte mit einer +lustigen Grimasse den Kopf gegen sie aus. + +Erschrocken fuhr sie zusammen. Und dann lachte sie, lachte, daß es +durch die Kammer schmetterte, in einem Lachkrampf, der sich nicht +bändigen lassen wollte. Und Hans sekundierte ihr mit seinem jungen, +durchdringenden Bariton, und wenn der eine aufhören wollte, begann der +andere von neuem, und beide wußten nicht mehr, worüber sie lachten. +Über ein Nichts, über alles — das war ihnen Nebensache. Bis Großmutter +Stahl energisch gegen die Türe pochte. + +»Sind Sie — noch — ärgerlich auf mich?« schluchzte Hans. + +»Och,« schluchzte Hannes und rieb sich mit dem Handrücken die Augen, +bis sie brannten, »ich — ich hab’ mich ja nur — über mich selber — +geärgert.« + +»Dann — dann — könnten wir doch wirklich — gut’ Freund sein.« + +»Ja — — —« + +Da kam Frau Stahl mit dem Nachmittagskaffee. Schnell sprang Hans zu, um +ihr behilflich zu sein. Er zog aus der Ecke einen kleinen Tisch herbei, +deckte das Tuch darüber, das Frau Stahl unterm Arme trug und half +ihr, die Sonntagsgenüsse aufbauen. Aniszwieback, gezuckerten Zwieback +und Burger Brezeln. Die rüstige Frau stopfte ihrem Enkelkind ein paar +Kissen in den Rücken, und dann saßen sie zu dritt in der kleinen Kammer +und griffen wacker zu. + +»Schmeckt Ihnen der Kaffee?« fragte die Kleine mit größter +Unbefangenheit. + +»Einfach fürchterlich!« erwiderte Hans. + +»Das wundert mich,« fuhr die Kleine in aufrichtig klingendem Tone fort, +»Großmutter nimmt aber bestimmt nur die beste Zichorie.« + +»Ich hatte es auf gebrannte Eicheln taxiert,« entgegnete Hans +verbindlich und bat um eine neue Füllung. »Wir haben soeben +Freundschaft geschlossen, Frau Stahl. Sie merken es wohl am Ton.« + +»Die Freundschaft ist immer die beste, die sich eines guten Tones +befleißigt,« sagte die alte Frau. »Das hält die Gewöhnlichkeit der +Gewöhnung zurück, den schlimmsten Feind der Freundschaft.« + +Hans bröckelte stumm an seiner Brezel. Wie einfach und sicher die +Greisin sprach. Dieser Frau glaubte er es, daß sie einst die Würde der +Beamtenfrau ruhig mit der Stellung einer Lohnarbeiterin vertauschen +konnte, ohne auch nur die Spur von sich selbst zu verlieren. Wie +beneidenswert seine kleine Freundin war, daß sie eine solche Erzieherin +hatte. + +»Hat man Ihnen denn gar nichts aufgetragen?« hörte er plötzlich die +Stimme des Mädchens. + +»Aufgetragen?« fragte er und richtete sich auf. »Wer sollte mir denn +etwas aufgetragen haben?« + +»O, ich dachte nur — —« machte Hannes gedehnt. »Sie waren also nicht +bei Hüsgens?« + +»Gewiß, heute vormittag.« + +»Und sie haben sich nicht nach mir erkundigt?« + +Hans wurde ein wenig verlegen und suchte nach Worten. Sie bemerkte es +sofort. + +»Geben Sie sich keine Mühe,« sagte sie spöttisch, »ich bin nicht so +feinfühlig.« + +»Das sind Sie wohl,« warf er eifrig ein. »Aber Sie wissen ja selber, +daß der edle Willibald alles andere eher ist. Ich fürchte, seine +Schwester nicht minder. Doch daraus dürfen Sie sich nichts machen.« + +»Tu’ ich auch nicht. Aber etwas muß doch gesagt worden sein.« + +»Nun ja,« gab er zögernd zu, »Willibald hatte Angst, seine schönen +Veranstaltungen könnten ihm in die Brüche gehen — so sagte er wörtlich +— und er schalt auf das unzeitgemäße Krankwerden.« + +»Also eine gute Besserung hat er mir nicht wünschen lassen,« sagte sie +und zog die Stirn in Falten. + +»Er hat es wohl nur vergessen,« begütigte Hans. »Sie kennen doch seine +Art.« + +»Dann soll er auch meine Art kennen. Ich werde ihn und seine schöne +Veranstaltung auch vergessen.« + +»Sie wollen nicht mehr mittun?« rief Hans überrascht. »Ach nein, +Fräulein Hannes, das kann nicht Ihr Ernst sein. Wir haben uns doch alle +so auf den Abend gefreut.« + +»Und ich tu’ doch nicht mit,« beharrte sie trotzig. »Er soll sich +suchen, wen er will. Ich lass’ mich so nicht behandeln. Von dem am +wenigsten, diesem Bierwirtsjungen!« + +»Johanna,« verwies Frau Stahl sie zürnend. + +»Laß nur, Großmutter, ich tu’s doch nicht.« + +»Fräulein Hannes,« sagte Hans niedergeschlagen, »was soll denn aber aus +dem schönen Abend werden?« + +»Och, der Abend läuft uns nicht weg. Wir unternehmen was für uns.« + +»Für uns?« + +»Nun ja. Großmutter, Sie und ich. Oder — paßt Ihnen die andere +Gesellschaft besser?« + +»Darauf gebe ich Ihnen jetzt keine Antwort mehr. Das ist gerade wie +vorhin mit dem Kaffeetrinken.« + +»Sie sind einverstanden!« lachte sie, ohne auf seine beleidigte Miene +zu achten. »Großmutter, du auch? Also nächsten Sonntag? Wohin wollen +wir denn? Nach Schloß Benrath? Ja, bitte, nach Schloß Benrath!« + +Sie beugte sich vor, schlang die Arme um den Hals der alten Frau und +küßte sie auf den Mund. Frau Stahl erhob sich schnell. + +»Jetzt ist es aber Zeit, Herr Steinherr,« sagte sie mit freundlichem +Ernst. »Das Kind wird viel zu unruhig.« + +Sofort stand Hans auf. Man verabredete, sich am nächsten Sonntag +nachmittag zwei Uhr am Bahnhof zu treffen. Bei gutem Wetter sollte +der Rückweg zu Fuß angetreten werden. Hannes lag ganz still, mit +geschlossenen Augen, im Bette, als Hans Steinherr sich verabschiedete. +Sie gab ihm kaum die Hand. + +»Ich kann Sie leider nicht auffordern, in der Woche noch einmal +vorzusprechen,« sagte die alte Frau, als sie Hans die Tür im Vorzimmer +öffnete. »Ich bin die ganze Woche draußen auf Arbeit.« + +»O, Frau Stahl, ohne Ihren Willen würde ich es auch nicht wagen.« + +»Es ist gut,« entgegnete sie. + +»Haben Sie vielen Dank, Frau Stahl. Der Nachmittag bei Ihnen war +wirklich schön.« + +»Adieu, Herr Steinherr.« + +Er stolperte die Stiegen hinunter und stand mit erhitztem Kopf auf der +Straße. Wohin? dachte er. Nur nicht unter Menschen jetzt. Er eilte +auf kürzestem Wege nach Hause, in den Garten. Er fühlte, daß seine +Brust ganz schwer war von all den Gestalten, die er mit sich trug. Ein +unerklärlich wonniges Gewicht. Bis in die Nacht saß er in der Laube und +hielt mit den Gestalten allerlei närrische Zwiesprache. — — + +Frau Stahl hatte leise die Kammertür geöffnet. + +»Schläfst du, Johanna?« fragte sie. + +Als keine Antwort kam, blieb sie im Wohnzimmer. Grübelnd stand sie am +Fenster und blickte hinaus. Dann kehrte sie sich ruhig um und suchte +sich eine Handarbeit heraus. + +Sie sollen ihre Jugend haben, dachte sie, das ist ihr Recht. Man soll +dem Menschenfrühling nicht ins Handwerk pfuschen, wenn man das Wort +Glück im Munde führt. Und — und — das Kind gab mir doch die Hand +darauf. — — + + * * * * * + +Zweimal im Laufe der Woche war Hans Steinherr im Atelier seines +Freundes Springe gewesen. Er hatte sich stundenlang an den +Bildern vorbeigeschoben, in alle Ecken geguckt und ganz sonderbar +herumgedruckst. + +»Was gibt’s denn, Junge? Hast du Schulden beim Konditor, eine schlechte +Zensur, oder bist du verliebt?« + +»Ach, Sie spotten ja nur.« + +»Also verliebt. Dann behalt’s bei dir! Die Heimlichkeit erhöht den +Reiz. Hoffentlich ist sie von altem Adel?« + +»Sehen Sie? Ich wußte ja, daß Sie für gewisse Dinge kein Verständnis +haben.« + +Der Maler hatte eine Melodie gepfiffen und rastlos weiter gearbeitet. + +»Herr von Springe?« + +»Nun, mein Junge?« + +»Wenn — wenn ich nun einmal jemanden nötig haben sollte, der — der — +auf den ich mich — verlassen könnte?« + +»Soweit meine Verständnislosigkeit reicht, würde ich der Jemand ja sein +können.« + +»Herr von Springe!« + +Hans war auf ihn zugesprungen und hatte sich an ihn gehängt. + +»Mach’ daß du nach Hause kommst und halte die Leute nicht auf. Marsch, +ab! Hörst du nicht, ich habe zu arbeiten. Ich will allein sein.« + +Und jedesmal, wenn der Junge nach solch einer Szene gegangen war, +hatte der Maler die Arbeit beiseite geschoben und war auf die Veranda +hinausgetreten, an der das Weinlaub rubinrot schimmerte und tausend +dringendere Fragen stellte, als der Mund des mannbar gewordenen Knaben +... + +Und nun war Sonntag. Ein Herbsttag von jener Schönheit und tiefen +Schwermut, die noch einmal alle Erinnerungen des enteilenden Sommers +zusammengreifen möchte zu einem lang nachschwingenden Akkord. Aus +Hoffen und Bangen gemischt: Was wird der Tag bringen, was wird nach ihm +kommen? Nütze den Tag! Er trägt in sich, was über den Winter hilft. +Sein Zittern ist dein Zittern. — — + +Hans Steinherr stand am Bahnhof. Er hatte sich bei den Eltern mit +einem Ausflug entschuldigt, ohne die Namen der Teilnehmer anzugeben, +und wartete nun schon seit einer Viertelstunde auf Frau Stahl und ihre +Enkelin. Für jede der Frauen trug er ein paar Rosen in der Hand. Er war +so aufgeregt, als gälte es eine Weltreise. + +»Hier!« rief er plötzlich aus Leibeskräften und schwenkte den Hut. Da +waren sie neben ihm. + +Frau Stahl war nicht sonderlich modern gekleidet. Er merkte es nicht. +Er war nur dankbar, daß sie gekommen war. Und Hannes? War das denn +Hannes? Ja, war sie denn gewachsen in den acht Tagen und umsoviel +reifer geworden? Er kam sich fast wie ein Knabe neben ihr vor. + +»Wie geht es Ihnen?« murmelte er und stopfte ihr die Rosen in die Hand. +»Wie ich mich freue! Sie sind also wieder ganz gesund? Freuen Sie sich +denn auch ein wenig auf die Tour? Hier, Frau Stahl, bitte, nehmen Sie +doch auch die Blumen. Da kommt der Zug. So, bitte, hier können wir +einsteigen.« + +Frau Stahl hatte den Griff des Coupés gefaßt. Jetzt ließ sie ihn wieder +los. + +»Herr Gott,« lachte sie, »da wären wir beinah falsch eingestiegen. Das +ist ja die erste Klasse.« + +»Dann stimmt’s doch. Bitte, Fräulein Hannes.« + +Das junge Mädchen blickte fest auf die Coupénummer. Dann preßte sie die +Lippen zusammen und stieg ein, als ob sie’s anders nicht gewöhnt sei. +Frau Stahl folgte schweigend, und als letzter Hans. Während der kurzen +Fahrt bis zur Station Benrath wollte kein Gespräch zu stande kommen. + +Steif schritten die Frauen die Feldwege einher, die zum Schloß führten. +Auch Hans war verstimmt. So zogen die drei Menschen fürbaß. + +»Soll ich den Pedell rufen, damit er uns das Schloß zeigt?« fragte +Hans, als sie vor dem Rokokobau standen und die Blicke über die +Rasenfläche schweifen ließen, die sich vor ihm ausbreitete. + +»Bitte,« sagte Hannes kurz. + +Der Pedell kam und übernahm die Führung. Aber was er auch von dem +Erbauer, dem kunstsinnigen pfälzischen Herzog Karl Theodor und seinem +fröhlichen Hofstaat zu erzählen wußte, was er berichtete von allerhand +Zeitläuften und Schicksalen, von hohen und höchsten Herrschaften, +die geruht hatten, in diesen und jenen historischen Betten zu ruhen: +er fand nicht das mundaufsperrende Verständnis, das er bei diesen +Gästen zu finden gehofft hatte. Erst das Trinkgeld stimmte ihn um. Er +empfahl angelegentlich, nicht zu versäumen, den Park zu besuchen. »Der +herrlichste Park, den der Niederrhein besitzt. Mit der Dunkelheit wird +er geschlossen. Sonst müssen Sie übers Gitter klettern.« + +Wieder standen die drei Menschen draußen und blickten stumm über die +Rasenfläche. + +»Sind Sie müde, Frau Stahl? Wir hätten wohl erst die Wirtschaft +aussuchen sollen. Entschuldigen Sie, daß ich nur an mich dachte.« + +»Großmutter hat sich in den letzten Tagen überarbeitet,« sagte Hannes +kurz. + +Hans blickte auf die alte Frau und errötete. Hannes gewahrte es und +wandte sich finster ab. + +»Komm, Großmutter, es ist nicht weit. Nur ein paar Schritte bis zum +Grund.« + +Durch die lockende Sonntagspracht gingen sie mit lässigen, müden +Bewegungen. + +Im Wirtshaus im Grund saßen sie, bis die Sonne im Westen zu flammen +begann. Da drängte die alte Frau, die jungen Leute sollten den Tag +nicht vertrauern und noch einmal hinausgehen. Sie fühlte sich bereits +wieder wohler. Das Stillsitzen und der Abendfriede täten ihr am besten. + +Da gingen die beiden jungen Menschenkinder den Weg zurück zum Schloß +und traten durch das Gittertor in den gepflegten Garten und gingen +weiter, an den Sandsteingöttern vorbei, vorüber an den Wasserspielen +und dem mit Seerosen bedeckten Bassin, die laubenartig verwachsenen und +künstlich verschnittenen Heckengänge entlang, in denen es einsam war +wie in stillen Grotten, und weiter, bis der Park sie aufnahm mit seinen +Baumriesen und wundervollen Landschaftsbildern, bis sie den Rhein in +der Ferne aufblitzen sahen und sein heimatliches Gemurmel hörten. + +Es war ein Duften um sie her nach kräftigem Waldboden. + +Und sie blieben beide stehen und schlossen die Augen und sogen den Duft +ein. Den Duft von niederrheinischer Scholle, deren Kinder sie waren. + +Als sie die Augen öffneten, hatte die flammende Abendsonne den Park +mit Glut gefüllt, die Bäume schillerten in goldenen Konturen, und die +Wipfel waren wie purpurne Baldachine. Das Gras zu ihren Füßen war ein +persischer Teppich geworden in bunten Farben und phantastischen Mustern. + +»Wie — schön — —« stammelte fassungslos das junge Mädchen. + +Und der junge Begleiter ergriff ihre Hand, als müßte er ihr zeigen, daß +sie ritterlichen Schutz genösse in diesem Zaubermärchen. + +Als die tiefen Schatten fielen und das Licht auslöschten, behielt er +die Hand in der seinen, und so gingen sie wie Kinder, die sie waren: +Hand in Hand. + +Es wurde nicht dunkel heute. Ein silbriger Schimmer spielte in dem +Dämmer und durchdrang es. Der Mond kam herauf. Durch den flüsternden +Park gingen die Kinder Schulter an Schulter, bis sie in den +Laubengängen waren, in denen einst die Liebe des Rokoko geseufzt. +Drüben, im Garten, lächelten die verschwiegenen Sandsteinfiguren, +die allwissenden Heidengötter, wie ehedem; auf den Teichen träumten +die Wasserrosen; durch die Hecken glitt ein Singen wie von einer +Harfensaite, immer derselbe, einzige, sehnende Ton; und der Park dort +öffnete wie eine Mutter die Arme weit. + +Die Kinder spürten ein Zittern in den Händen, an denen sie sich gefaßt +hielten. Sie blieben stehen. Da lief das Zittern durch ihren Körper. + +Und das Mädchen legte den Kopf zurück und blickte mit weitgeöffneten +ergebungsvollen Augen dem Knabenkopf entgegen, der sich mit bebendem +Mund über sie beugte und ihre Lippen suchte. + +Sie berührten sich wie ein Hauch, staunend blieben sie übereinander +gebeugt, und in ihre kalten Wangen strömte das junge, warme Leben +zurück. + +Die Hände lösten sich und hingen schlaff herab. Dann hoben sich die +Arme, scheu und ungelenk, und eines umschlang den Nacken des anderen, +und die Lippen, halbgeöffnet, neigten sich zueinander und drängten +sich fest aneinander und kehrten, wenn sie sich lassen wollten, immer +wieder hastig, durstig zueinander zurück. Keines sprach ein Wort. Aber +wenn sie innehielten, zählte eines des anderen Herzschläge. Bis die +Herzschläge durcheinander jubelten. + +»Hannes, Hannes, ich habe dich so lieb, daß ich es nicht sagen kann.« + +»Ich hab’ dich lieb gehabt, wie ich dich sah, und werde nur dich lieb +haben,« murmelte das Mädchen, und ihre Finger zitterten auf seinem +Haar, seinen Augen, seinen Wangen. + +»Weshalb warst du immer so böse zu mir?« + +»Sprich doch nicht,« flehte sie und hob die feuchten Augen und die +jungen, verlangenden Lippen. + +Da faßte er sie um den biegsamen Leib und preßte sie an sich, daß ihnen +beiden schwindelte. + +»Komm, komm, du sollst dich setzen,« und er führte sie behutsam zu +einer Bank. + +Sie saß auf seinem Schoß, seinen Kopf in beiden Händen, und sah ihm +ganz nahe in die Augen. + +»Du!« stieß sie jäh hervor und bedeckte sein Gesicht mit Küssen. + +»Du! Du! Du!« stammelte er. »Wenn du mich vergessen solltest!« + +»Hans!« rief sie, und sie lachte und schluchzte durcheinander. + +»Weshalb hast du mich immer so gequält? Sag es mir doch, damit ich +ruhig werde,« bat er. + +»Ich kann es nicht. Ich kann es wahrhaftig nicht.« + +»Aber ich leide darunter. Ich habe ja nie einen anderen Menschen so +lieb gehabt.« + +»O, du! Und ich? — Und ich werde auch nie einen anderen Menschen lieb +haben können. Nie! Hörst du? Ich habe nicht und ich werde nicht. Hans, +Hans!« + +»So mußt du es mir auch sagen können. Erst heut nachmittag — o, du +weißt — da warst du so kalt.« + +»Sei nicht böse,« sagte sie beschämt und drückte ihr Gesicht an seine +Brust. + +Und plötzlich, unaufgefordert, begann sie zu sprechen. Ohne ihr Gesicht +von seiner Brust zu heben. + +»Ich war ja so kindisch. Siehst du, als ich dich sah, und immer wieder +sah, da warst du für mich so vornehm. Und ich wollte nicht, daß du +vornehmer wärst als ich. Und ich hatte solche Angst, du könntest es +merken, daß du vornehmer seist als ich und könntest dich über mich +lustig machen wollen. Deshalb war ich so trotzig. Lieb hatt’ ich dich +ja längst. Und du mich auch; das merkte ich. Aber ich wollte, daß du +dich nicht schämen solltest. Ich wollte werden wie du, und ich will es +auch werden. Ich will es! Du darfst dich nie, nie meiner schämen. Ach, +du, es kann dich ja keiner so lieb haben wie ich. Auf der ganzen Welt +nicht! Im ganzen Leben nicht!« + +Hans kniete vor sie hin, umschlang ihre Kniee und drückte seinen Kopf +in ihren Schoß. + +»Wie gut das tut,« sagte er aus Herzensgrund. »Wie lieb du bist!« + +Er küßte ihr Kleid, und sie schmiegte die Wange auf sein Haar. + +»Schwöre mir, daß du mein Weib wirst. Daß du auf mich warten wirst, was +auch kommt!« + +Sie schwur es, mit einem stillen Lächeln in der Stimme. + +Und er gab tausend heiße Knabenschwüre zur Antwort. + +»Komm, Hans,« sagte sie endlich, »Großmutter wartet. Sie vertraut auf +mich.« + +Da stand er von dem kühlen Boden auf, und sie gingen wieder Hand in +Hand, wie Kinder gehen. Durch den lauschenden Garten, vorbei an den +lächelnden Sandsteingöttern. + +Sie hatten lange zu suchen, bis sie eine Stelle im Parkzaun fanden, +durch die sie hindurchschlüpfen konnten. Das Parktor war verschlossen. +Doch der Spaß des Suchens war größer als die Angst. Und alles Kindische +kehrte in ihnen zurück. Ausgelassen tollten sie den Weg zum Wirtshaus +im Grund zurück. + +Frau Stahl war im Garten eingenickt. Der Wirtssohn spannte eine +Kalesche an und fuhr die Gäste nach der Stadt zurück. Die alte Frau +schlummerte im Fonds, müde von der Last der Arbeit, der Sorge und +der Jahre. Ihr gegenüber saß das Märchen, das sich Jugend nennt, und +schaute selig lächelnd in die ewigen Sterne. + +[Illustration] + + + + +Siebentes Kapitel + + +Der Spätherbst setzte mit endlosem Regen ein. Es regnete fort bis +in den Dezember. Verdrießlich eilten die sonst so lebensfrohen +Düsseldorfer über die Straßen, verdrießlich über das Wetter und die +allgemeine schlechte Geschäftslage. Selbst in den Narrensitzungen, +die wie alljährlich pünktlich mit der elften Abendstunde des elften +November begonnen hatten, um mit weiser Gründlichkeit den Karneval, den +»Fastelowend«, für den Monat Februar vorzubereiten, wurde mehr gallige +Bosheit als blanker Humor gezeitigt. Im Hofgarten war das Herbstlaub +an den Bäumen verfault. Harte Windstöße rissen es von den Zweigen +und klatschten es auf den Boden, wo es zu einer breiigen Masse ward. +Die Schwäne auf den Teichen ruderten zerzaust am Ufer entlang, als +wären sie in der Mauser. Kein Mensch bekümmerte sich um die sonst so +verwöhnten Tiere. Über den Rhein, den das aufgewühlte Grundwasser der +Nebenflüsse lehmiggelb gefärbt hatte, pfiffen die Winde, daß jeder die +Kaimauer mied. Die Schiffahrt war eingeschränkt. Die Frachtkähne wagten +sich bei dem rapid wachsenden Pegelstand nicht aus den Heimatshäfen, +und die paar kleinen Lokalboote fuhren meist ohne Passagiere. Große +Geschäftskrisen standen vor der Tür, und der unaufhörliche Regen +machte die Stimmung immer noch grauer. + +Hans und Hannes gewahrten von alledem nichts. Die Not der Zeit blieb +ihnen ein Buch mit sieben Siegeln. Sie wußten nicht anders, als daß +das goldene Zeitalter hereingebrochen sein müsse. Und wenn sie an +jeder Straßenecke über das erbärmliche Hundewetter schelten hörten, so +lachten sie und segneten das Hundewetter. Unter demselben Regenschirm, +eng aneinandergeschmiegt, unternahmen sie ihre Streifzüge durch +die entlegenen Viertel der Altstadt oder setzten den Brückenwärter +in Erstaunen durch stundenlange Promenaden auf der menschenleeren +Schiffsbrücke. + +»Nu säg ehner, wat en Rejen is!« brummte der Alte kopfschüttelnd. »Dene +hät et dörch et Dach jerejent, da sind se öwerjeschnappt. Knatsch +jeck.« — — — + +Hans und Hannes hörten und sahen nichts, als nur sich selbst. Jedem +ging im anderen eine neue Welt auf, und sie suchten sie sich zu eigen +zu machen und aus der Vermischung eine einheitliche mit erweiterten +Grenzen aufzubauen. Das Mädchen war dem jungen Manne in der schnelleren +Anpassung weit voran. Als hätte ihre Seele nur darauf gewartet, daß +einer an die verriegelte Pforte poche und das »Sesam, öffne dich« +spräche, so breitete ihr Empfinden und ihr Verständnis die Schwingen. +Mit dem unausgesprochenen Fraueninstinkt fand sie heraus, was in ihrer +ungebundenen Natur den guterzogenen Freund verwirrte, sie las ihm sein +ganzes Formentalent ab, das sie bisher als den Ausdruck angeborener +Vornehmheit angestaunt hatte, und zitterte insgeheim vor Freude, wenn +sie seinen verwunderten Blick bemerkte. Aber sie sprach nie ein Wort +über ihre Lerntätigkeit. Sie hatten auch so viel anderes zu besprechen +... + +Regelmäßig trafen sie sich zwischen der sechsten und siebenten +Abendstunde, wenn Hans das notwendigste Aufgabenpensum der Schule +erledigt hatte. Die Ecke am Pempelforter-Stall, neben Schloß Jägerhof, +galt ihnen als Rendezvous, aber meist trafen sie sich, da Hannes als +erste zur Stelle war, halbwegs der Jakobistraße und bogen sofort in +den triefenden, aufgeweichten Hofgarten ein. Als Hans im Gummimantel +erschien, erschien auch Hannes im Gummimantel. Daß sie ihn aus dem +Erlös ihres Francesca-Gewandes erstanden hatte, verschwieg sie. Der +elastische Stoff legte sich fest um den schlanken Mädchenleib, hob die +feinen Formen und gab der Figur etwas über die Jahre hinaus Vollendetes +und Reifes. + +»Wie wunderschön du bist!« sagte Hans. »Wie ein verkleideter Page. Man +wagt gar nicht, dich anzufassen.« + +Dann nahm sie seinen Arm, drückte sich an ihn und versuchte, mit ihren +zierlichen Füßen seinen Schritt einzuhalten. + +Kam ein Tümpel, so hob sie die Röckchen, prüfte erst mit der Spitze des +Stiefels die Tiefe und schritt hindurch wie eine kleine Bachstelze. + +»Du sollst mir nicht so nach den Füßen schauen, Hans,« sagte sie drüben. + +»Ach, Hannes, liebster, süßer Hannes, in ein paar Jahren bist du ja +doch meine Frau.« + +»Ich will es aber nicht, Hans. Oder riskierst du das auch bei den +jungen Damen, die in eurem Hause verkehren?« + +Dann ging er verstimmt neben ihr her. Bis die Bäume sich lichteten +und die Alleestraße sichtbar wurde, und sie sich plötzlich mit einer +jähen Bewegung an seine Brust warf und sich von ihm herzen, drücken +und küssen ließ und den Kuckuck danach fragte, ob er das auch bei den +jungen Damen, die in seinem elterlichen Hause verkehrten, »riskierte«. + +»Hans, ach, du, du!« + +»Hänschen, Hänschen, weshalb bin ich nicht schon was geworden!« — — + +Mit der gleichen, jähen Bewegung machte sie sich los, und mit der +sicheren Eleganz, als wäre sie die Schwester des so apart erscheinenden +jungen Menschen, überschritt sie mit ihm die Straße, um durch die +Altstadt oder an der Kunstakademie vorbei den Weg zum Rhein zu nehmen. + +Sie führten keine tiefen Gespräche, die beiden. Und doch war ihnen +jedesmal, wenn sie sich trennten, als hätten sie die Tiefen der +Weltweisheit erschöpft, und sie fühlten sich in ihrer Lebensklugheit +bereichert mehr denn von allen Schuljahren. + +Im stürmenden Wetter, unter dem schwankenden Regenschirm dicht +aneinandergeschmiegt, blieben sie oft mitten auf der Straße stehen +und horchten, halb selig, halb verängstigt, auf etwas Unerklärliches, +Beunruhigendes, Wunderbares — —. Und es war nur das Pulsen ihres +Blutes, das sie in der dichten Berührung verspürten. + + * * * * * + +Nun war Frost eingetreten. Es ging auf Weihnachten zu. Manchen +verregneten Sonntagnachmittag hatte sich Hans von der alten Frau Stahl +erbettelt, ihn in dem primitiven Wohnzimmer der Pempelforterstraße +zubringen zu dürfen. Denn an den Sonntagen verließ die Enkelin die +Großmutter nicht. Über den einzigen freien Tag, den die alte Frau +besaß, hatte sie auch allein zu verfügen. Seit in dem jungen Mädchen +das Geheimnis der Frauennatur zur Offenbarung rang und unbewußt nach +Betätigung drängte, umschloß sie mit verdreifachter Liebe die einzige +Frau, die, wenn auch alt und greis, ihrem Leben näher stand und ihr das +gleiche Geschlecht verkörperte. Dann wandelte sich der Liebeshunger in +eine Liebesverschwendung. + +Und in der Greisin stieg es jung und heiß empor. + +»Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete, und hätte der Liebe +nicht, so wäre ich ein tönend Erz und eine klingende Schelle,« murmelte +sie und reckte sich auf. + +Mit Hans saß sie oft und plauderte. Ruhig, ernst, auf ihre Weise. Sie +ließ ihn Blicke in ihr Leben tun, und ihr Leben, ihr siebzigjähriges, +spiegelte siebzig Jahre der Menschheit. Alle Kreuz- und Quersprünge der +Zeit und der Zeitgenossen, das Trotzen, Aufbegehren, Himmelstürmen, +das Nachgeben, Erkennen, Resignieren, die Inzucht des Egoismus wie +das Sichfeilhalten des Strebertums, alle Narrheiten und alle Tugenden +des Menschengeschlechts hatten der alten Frau ein Spiegelbild lassen +müssen, und sie mischte die Bilder in ihrem Kaleidoskop und hielt +es dem stumm Aufhorchenden hin und sagte: »In all dem suchte die +Menschheit das Glück. Schauen Sie nach, ob Sie es sehen.« + +Und Hans sah es nicht. + +»Ich sehe es in ganz etwas anderem,« sagte er mit seiner warmen +Knabenstimme. + +»Das taten die anderen von Haus aus auch. Aber sie waren zu schwach, +ihre Meinung vor den Leuten festzuhalten. Links und rechts lockte +es, akkurat wie das Glück. Und obenein schien es bequemer oder +ruhmreicher, oder vornehmer und eleganter; und sie brachen von der +Bahn aus und nahmen Richtwege. Da fanden sie die Bequemlichkeit, +den Ruhm, die Vornehmheit, die Eleganz. Und das Glück, das dumme, +kindische, einfältige, und doch über alles, alles, alles triumphierende +Menschenglück? Ich bin siebzig Jahre. Fragen Sie Leute, die so alt sind +wie ich, was sie an Orden und Ämtern bieten für das, was sie — als sie +jung waren — auf der geraden Bahn liegen sahen. Damals, als sie sich +ihrer Jugendmeinung, ihres Impulses schämten. Wissen Sie auch, was das +ist: sich schämen? Scham ist Feigheit.« + +Über das Wort hatte er lange nachgegrübelt. Er empfand sehr wohl, +daß es nur bedingungsweise gebraucht worden war und auch nur +bedingungsweise seine Anwendung finden konnte. Aber gerade deshalb +wurde es ihm zum Sporn, den Motiven nachzuspüren und sich zu prüfen, +wenn er drauf und dran war, sich einer Sache, eines Menschen wegen zu +schämen. Bevor er dem Gefühl der Scham Gewalt über sich ließ, sezierte +er mit Gedankenschnelle die treibenden Gründe. Waren sie ideeller +Natur, gaben sie ihm ein Recht, mit sich oder anderen unzufrieden zu +sein, so schämte er sich für sich und die anderen mehr denn früher. +Ging ein egoistischer Zug hindurch, vor allem der, der zur grundlosen +Überhebung und jener eigensüchtigen Art der Verleugnung drängt, aus der +Petrus nach des verlästerten Nazareners Gefangennahme die Worte sprach: +»Ich kenne den Menschen nicht,« so versuchte er mit Gewalt Herr über +sich selbst zu werden und murmelte es nach wie eine Beschwörung: »Scham +ist Feigheit.« + +An einem Dezemberabend war es, als Hans der Gedanke kam, mit Hannes +gemeinsam das Springesche Atelier aufzusuchen. Es sollte ein Überfall +in aller Form sein. Er wollte, daß Springe das Mädchen sehen, daß +er im stande sein sollte, sich ein Urteil zu bilden. Nie hatte er +mit dem älteren Freunde über seine Neigung mehr gesprochen, als in +losgelösten Andeutungen, nie einen Namen genannt. Nun aber trieb ihn +der jugendliche Renommierstolz, ein Zipfelchen des Schleiers, den er +über den selbstentdeckten Schatz gebreitet hatte, geheimnisvoll zu +lüften. Er kam sich mit seinen neunzehn Jahren unendlich kavaliermäßig +vor, als er, das sechzehnjährige Mädchen am Arm, die Treppe des Hauses +in der Immermannstraße hinaufstieg und die Klingel zur Springeschen +Wohnung zog. + +Der alte Herr öffnete wie gewöhnlich. Er blinzelte überrascht, als er +das Pärchen erblickte. + +»=Parbleu=,« sagte er und machte eine Verbeugung wie aus einem +graziösen, altmodischen Menuett. »Die verdammten Kalendermacher! Machen +die Kerle einem weiß, Dezember sei; und vor der Tür steht der Frühling! +Treten Sie ein, meine schöne, kleine Gnädige.« + +Das junge Mädchen, im molligen, schwarzen Krimmerjackett, die Pelzmütze +auf dem Kopf, trat errötend näher. Die chevalereske Begrüßung hatte +ihr sensitives Schönheitsgefühl erregt und sofort die Brücken +geschlagen zwischen ihr und dem jovialen alten Herrn. Als er ihr die +Hand zum Gruße reichte, machte sie ihm unwillkürlich einen so tiefen, +ehrerbietigen Knicks, wie er ihr vorher wohl nie in ihr kapriziöses +Köpfchen gekommen war, und als er, erfreut, ihre derb behandschuhten +Händchen hob, um ihr wie einer Dame den Zoll des Handkusses zu +entrichten, kam sie ihm zuvor und berührte mit ihren warmen, jungen +Lippen seine schönen, weißen Aristokratenhände. + +Mit einem Griff nahm er das feine Kind um die Taille. + +»Sommervögelchen,« sagte er mit lächelndem Drohen, während sie +schelmisch seinem Blick stand hielt, »das bitt’ ich mir aber aus. +Sparen Sie sich das Küssen, bis es für den Mund reicht. Gelt? Das ist +abgemacht.« + +Dann ließ er sie mit einer Verbeugung los und nahm die Hacken zusammen. + +»Gestatten Sie, meine allergnädigste Kleine: von Springe. Übrigens der +Ältere. Aber nur dem Geburtsschein nach.« + +Da trat Hans vor und übernahm schnell die Vorstellung seiner Freundin. + +»Fräulein Johanna Stahl. — Verzeihen Sie, Herr von Springe, daß ich Sie +am Abend noch mit einem Besuch überfalle. Aber ich hatte Fräulein Stahl +so viel von dem Atelier des Herrn Heinrich erzählt — und — und — am +Tage habe ich wegen der Vorbereitung zum Examen so wenig Zeit — daß — +daß — —« + +»Wie denn nur? Die Freude ist auf unserer Seite. Burg Springe ist +entzückt. Mein liebes Fräulein, lassen Sie sich von dem korrekten +jungen Mann da nicht ihre köstliche Natur verderben. Erstens mal ist +es erst sechs Uhr, und daß im Winter die Sonne früher untergeht als im +Sommer, ist ihr eigenes Pech. Und zweitens bitte ich überhaupt, Burg +Springe als Ihr Eigentum zu betrachten. So eine Lehnsherrin habe ich +mir schon lange gewünscht. Meinen Respekt, schöne Gönnerin.« + +»Donnerwetter noch mal!« entfuhr es ihm, als er sie an sich +vorbeischreiten ließ und sie ihn mit ihren großen Augen kinderfroh +anlachte. »Bitte, hier einzutreten. Verzeihen Sie eine kurze Weile, +ich werde sofort Licht machen. Die jüngere Generation von Springe +verrichtet im Nebenzimmer gerade ihr Abendgebet. Pardon also für wenige +Minuten. Religiöse Handlungen soll man nicht stören.« + +Er ging, um einen Kerzenfaden herbeizuholen, mit dem er die Lichter +anzünden wollte. + +Aus dem Nebenzimmer drangen die Klänge eines meisterhaft gespielten +Flügels. Sie suchten sich mit sehnsuchtsvoller Friedlosigkeit, in +durstiger Leidenschaft und tauchten unter in plötzlicher, zärtlicher +Erinnerung genossener Träume, um dann ihre Stimme aufs neue zu erheben +und von der großen Liebe zu sagen, die da gleich ist in der Nähe und +in der Ferne, im Leben und im Sterben. Und die horchenden jungen +Menschenkinder erschauerten vor der ungeahnten Menschenherrlichkeit. +Sie waren blaß geworden, blaß in der Erkenntnis der Größe der Liebe, +und ihre Hände kamen sich scheu entgegen, und als sie sich hielten, +verkrampften sie sich. Der Mann am Flügel spielte Tristan und Isoldens +Liebestod. + +Und in der Dunkelheit des Zimmers, in dem sie warteten, von demselben +Gedanken getrieben, hoben sie beide gleichzeitig die Arme und +umschlangen sich und preßten in Angst und Wonne Mund auf Mund, wie sie +noch nie einen Kuß geküßt. + +Ebenso hastig ließen sie voneinander ab. Die Musik rauschte auf. + +»Das ist wie ein Brautbesuch,« flüsterte Hans stockend. + +»Wie ein Brautbesuch,« wiederholte das Mädchen und suchte den schweren +Atem zu bändigen. + +Herr Friedrich Leopold von Springe kam mit dem brennenden Kerzenfaden +und zündete die großen Atelierlampen an. Auch die Kerzen in den +Bronzeleuchtern mußten heute daran glauben. + +»Ein bißchen festlichen Glanz muß Burg Springe doch hergeben,« meinte +er schmunzelnd. »Ein Turnier kann ich in der Kürze der Zeit leider +nicht abhalten lassen. Hoffentlich haben Sie sich vorhin im Dunklen +nicht allzusehr gefürchtet.« + +Der alte Herr schob die augenfällige Ergriffenheit der Kinder auf die +aufwühlende Tristanmusik. + +»So,« sagte er lakonisch, als drinnen der Deckel des Flügels klappte, +»er hat ausgerungen.« + +In der Tür stand Heinrich Springe. Er konnte sich in dem Lichtmeer +nicht gleich zurechtfinden und beschattete einen Augenblick lang die +Augen mit der Hand. Dann warf er den Kopf zurück, sah fest auf das Bild +vor sich und ging mit ausgestreckten Händen auf seinen Besuch zu. + +»Meine Freundin, Fräulein Johanna Stahl, würde sich so sehr freuen, +wenn sie Ihr Atelier sehen dürfte ...« + +»Herzlich willkommen. Das ist ja beinahe wie eine Weihnachtsbescherung. +Gelt, Papa?« + +»Wahrhaftig, mein Sohn, ich werde unsere Tanne um drei Tage zu früh +anzünden. Man soll die Tage nicht nach dem Datum, sondern nach dem +Inhalt feiern.« + +Und der alte Herr verschwand händereibend im Nebenzimmer, in dem der +Flügel stand. + +Heinrich Springe hielt die Hände des jungen Mädchens. Wie entzückend +die Kleine war, wie biegsam und weich, und doch wie stark und +selbstsicher an der Seite ihres jungen Freundes! Es ging ein Duft von +ihr aus, so frisch wie von einer Waldblume. Glückliche Jugend, dachte +er, wer die Zukunft so sähe wie ihr! + +»Darf ich Ihnen aus dem Jackett heraushelfen?« fragte er. »Es wird +Ihnen zu warm werden, und ein Stündchen müssen Sie nun schon bei uns +alten Junggesellen aushalten. Ergeben Sie sich nur gleich auf Gnade und +Ungnade.« + +»Ja, ja, mein Sohn,« fuhr er fort und schob Hans scherzend beiseite, +»das hättest du wissen sollen, als du dich in dies Nest wagtest. Die +alten Springes von ehedem waren arge Raubritter und Schnapphähne, +und die jungen kitzelt zuweilen auch noch das Blut. Jetzt erfind nur +schnell ein Lösegeld. Das Fräulein aber zahlt für ~sich~.« + +»Und wenn ich mich sträube?« lachte das Mädchen und reckte sich in +ihrem blauen mit weißen Litzen besetzten Tuchkleidchen nachdrücklich +auf. + +»So stehle ich Ihnen Ihr Konterfei und laß es zu Weihnachten an böse +Kinder verteilen mit der Unterschrift: ›Die unartige Johanna‹.« + +»Da muß ich mir doch erst Ihre Malkunst ansehen,« meinte sie +würdevoll, »damit ich mir klar werde, was vorzuziehen ist.« + +»Gestatten Sie, daß ich Ihnen den Arm reiche, meine Gnädigste?« + +»Sie sind sehr aufmerksam.« + +Hans war sprachlos. War das sein wilder, scheuer Hannes aus der +Zweizimmerwohnung der Pempelforterstraße? War das dasselbe Mädchen, +das noch vor wenigen Monaten nichts vom gesellschaftlichen Ton gewußt +und sich feindselig gegen alles, was aus den ihr fremden Kreisen kam, +gesträubt hatte? Wer hatte das in sie hineingelegt? Der gute Junge +ahnte ja nicht, daß er es selber gewesen war. Er wußte ja so gar nichts +von der geheimnisvollen Kraft der Frauennatur, die, wo sie liebt, +spielend bewältigt, wozu sonst Jahre der Erziehung oft nicht ausreichen +wollen. Hannes aber war nur von einem Gedanken beherrscht: ihrem +Freunde keine Unehre zu machen, tapfer die erste gesellschaftliche +Probe zu bestehen, zu zeigen, daß sie es wert war, aus der dunklen Ecke +herausgeholt zu werden, und daß sie das Licht jetzt nicht mehr scheute. +Es wurden Kräfte in ihr frei, vor denen sie sonst gezagt hätte, aber +ein urplötzlich erwachter starker Wille spornte sie an, sich ihrer zu +bedienen, damit der Freund jede ängstliche Besorgnis verliere, sich +ihrer an anderer Stelle einmal schämen zu müssen, damit sich sein +Vertrauen wie sein Stolz aus seinen kleinen, namenlosen Schatz stärke. + +Sie lächelte ihm zu, als sie an des Malers Arm von Staffelei zu +Staffelei wanderte. Halb Kinderlächeln war es, und halb süße, frauliche +Überlegenheit. + +Heinrich von Springe war nicht weniger überrascht als Hans Steinherr. +Er hatte nach den wenigen Andeutungen seines jungen Freundes geglaubt, +es handle sich um eine der unausbleiblichen Kinderliebeleien mit einem +der kleinen, nicht gar zu prüden rheinischen Mädel. Und nun fand +er ein Geschöpf, das zwar die ganze Rasse und die ganze Anmut der +Rheinlandstöchter in sich verkörperte, dem aber eine Tiefe innewohnte, +vor deren ernstem Grundspiegel er fast erschrak. Mit seinem geschärften +Künstlerauge sah er in diesem Spiegel, welche Flut von Gefühlen die +Tiefe bewegte, wie sich diese Mädchenseele ängstete und wie sie sich +trotzig mühte, wie sie selig erzitterte und wie sie tapfer kämpfte. Und +er sah, wie auf dem Grunde sich schon die Wandlung vom Kinde zum Weibe +vollzogen hatte und ein grenzenloses Vertrauen rührend klar bis zur +Oberfläche stieg. Jede Antwort, die sie ihm gab, jede freie Äußerung, +die von einem feinen weiblichen Empfinden für Kunst und Schönheit +Zeugnis ablegte, bestärkte seine schnelle Zuneigung zu dem seltsamen +Mädchen, dessen zierliche Schönheit sein Entzücken herausforderte und +dessen ungehobener innerlicher Reichtum sein Mitgefühl entzündete. +Würde Hans Steinherr der Mann sein oder doch der Mann werden, den +Schatz zu heben, ohne die Form zu zerstören? Die Form zu erkennen, +ohne den Schatz verkümmern zu lassen? Was wußte der junge, unerfahrene +Mensch von dem Wert des Geschenkes, das er wie ein blindtappendes +Sonntagskind am Wege gefunden hatte! Noch hatte er keinerlei ernste +Probe im Leben zu bestehen gehabt. + +Heinrich von Springe streifte den jungen Mann zum ersten Male mit einem +sorgenvolleren Blick. + +»Kinder,« sagte er dann, »wie schön, daß ihr gekommen seid!« + +»Sie sind also nicht böse?« schmeichelte Hans. »Eigentlich gehörte es +sich ja nicht, Sie zu überfallen.« + +»Mein Fräulein,« wandte sich der Maler an die Kleine, die, ganz Kind +wieder, bei Hans’ Worten beschämt die Augen gesenkt hatte, »gewöhnen +Sie diesem jungen Herrn doch die Salonsprache ab, wenn er sich unter +Freunden befindet. Von Ihnen nehme ich als ganz gewiß an, daß Sie sich +ebenso freuen wie ich. Stimmt’s?« + +»Ja,« sagte sie ehrlich, und es wurde ihr so frei zu Sinn, daß sie klar +und ruhig die Augen zu ihm erhob. + +»Sie müssen mich nicht schelten, Herr Heinrich,« bettelte Hans. »Ich +konnte doch nicht wissen, wie Sie meine Eigenmächtigkeit aufnehmen +würden.« + +»Auch nicht fühlen?« meinte der Maler und strich ihm über das Haar. +»Bin ich dein Freund, he? Und bin ich ein blutwarmer Mensch oder ein +verknöchertes Monstrum, das sich selbst zum Sterben mit Albertis +Anstandsbuch in den Händen niederlegt? Kleiner Dummkopf du!« + +»Ha,« entfuhr es Hannes, »das war famos!« + +»Freut mich, mein Fräulein, daß ich mich zum Dolmetscher Ihrer +Empfindungen machen durfte.« + +Er ergriff mit übertriebenem Zeremoniell ihre Hand und führte sie +an die Lippen, und Hans, glückselig, ergriff ihre andere Hand und +führte sie ebenso an die Lippen, und das Mädchen stand zwischen ihnen, +errötend und doch ihrer Freude nicht Herr; wie ein Weihnachtsengel, der +seine Flügel ausspannt. + +»Was ist denn das?« fragte Heinrich Springe und hob den Kopf. + +Alle drei horchten sie auf. Aber ihre Stellung behielten sie inne. + +Drinnen im Nebenzimmer suchte jemand auf dem Flügel eine Melodie. Jetzt +hatte er sie, wenn auch etwas klapperig, weil er sie nur mit einem +Finger zu spielen verstand. + + »Ihr Kinderlein, kommet, + O kommet doch all — — —« + +Die Musik wurde von einer brüchigen, aber sehr gefühlvollen Stimme +begleitet. + +»Die Kinderlein sind wir,« flüsterte der Maler. »Weiß Gott, Herr +Friedrich Leopold hat Ernst gemacht und das Geburtstagsfest des Herrn +Jesus um drei Tage vordatiert!« + +»Ihr Kinderlein, ~kommet~!« mahnte die Singstimme des alten Herrn +dringend von neuem, denn seine musikalischen Kenntnisse waren mit den +beiden Verszeilen erschöpft. + +»Also kommen wir,« entschied der Maler. »Man kann Weihnachten nie +ausgiebig genug feiern.« + +Noch immer hielten sie das Mädchen links und rechts bei den Händen, +und so führten sie es hinein, just, als würde das stimmungsvolle +Kindheitsfest nur für das fremde Mädchen gefeiert. + +Auf dem Tisch strahlte eine kaum drei Schuh hohe, sattgrüne Tanne in +buntem Kerzengeflimmer. Eine Schale, hochaufgetürmt mit Früchten aller +Art, war neben einer bauchigen Champagnerflasche und langgestielten +Kelchen aufgebaut. Durch das Zimmer zog der harzige Duft des Waldes. + +Herr Friedrich Leopold saß am Flügel. Er hatte nun schon dreimal +seinen Vers gesungen, und als er jetzt den reizenden Weihnachtsengel +hereinschweben sah, überkam ihn eine andere poetische Erinnerung aus +der Kinderzeit. Da der Finger auf den Tasten streikte, so klatschte er +kurz entschlossen den musikalischen Rhythmus mit den Händen und sang +dazu begeistert und aus Leibeskräften: + + »Christkindchen, komm in unser Haus, + Pack die große Tasche aus — —« + +»Donnerwetter,« unterbrach er sich bestürzt und sprang eilig auf die +Beine. »Das war natürlich nur ein Versehen, meine Allergnädigste, ein +bloßes Vergreifen in meinem Liederschatz. Sie werden mir im Ernst +nicht die bodenlose Unhöflichkeit zutrauen, von meinem lieben Gast das +Mitbringen und Auspacken einer großen Tasche zu ergieren. Was singen +wir nun?« + +Heinrich Springe setzte sich auf den Klavierstuhl, sann einen +Augenblick nach, und bald begann der Flügel unter seinen Händen zu +jauchzen und zu jubeln. Der Maler sah Hannes an, die neben ihm stand. +»Kennen Sie das?« fragte er, ohne sich im Spiel zu unterbrechen. + +»Aus den Weihnachtsliedern von Peter Cornelius.« + +»Ah — — das überrascht mich. — — Die Lieder sind nicht sehr bekannt.« + +»Die Musiklehrerin, von der Schule her, hat sie mich gelehrt. Ich +durfte zuweilen zu ihr kommen.« + +»Bitte, singen Sie,« und er begann von neuem. + +Ihr Blick fuhr blitzschnell von einem zum anderen; hilfesuchend, +verwirrt. Ihr Herz begann in rasendem Tempo zu schlagen. Der Maler +wartete, die Hände auf den Tasten; der alte Herr und Hans standen +gespannt neben der Tanne. Da hob sie sich in den Schultern und trat, +die Stirn zusammengezogen, dicht an das Instrument heran. + + »Wie schön geschmückt der festliche Raum. + Die Lichter funkeln am Weihnachtsbaum. + O fröhliche Zeit! O seliger Traum!« + +Der Maler wandte während des Spiels den Kopf und nickte ihr zu: +»Bravo!« Das half ihr über die Angst. Und sie sang so frisch und +unbekümmert das Lied zu Ende, als wüßte sie von keinem Zuhörer. + +Heinrich Springe reichte ihr die Hand. + +»Sie haben ein schönes Organ,« sagte er, »und was mehr ist, Sie haben +Seele. Wir müssen mehr miteinander musizieren. Topp, schlagen Sie ein!« + +»Sie spielen wundervoll,« stammelte sie und suchte mit den Augen den +Geliebten. + +Den aber hatte Herr Friedrich Leopold bei den Rockaufschlägen genommen, +ihn wach zu rütteln. + +»Sie sind an der Reihe, mein Sohn! Es geht ein Rundgesang an unserem +Tisch herumvidiwum!« + +»Ich lebe seit Jahren im Stimmbruch, Herr von Springe.« + +»Sie brauchen auch gar nicht zu singen; lassen Sie Ihre Muse singen; +die ist doch so Gott will über den Stimmbruch erhaben. Sie Drückeberger +sind der einzige, der heute abend nichts geleistet hat.« + +»Ich habe Ihnen Fräulein Stahl gebracht,« sagte Hans mit einer +Verbeugung. + +»Wahrhaftig,« beeilte sich der alte Herr und erwiderte die Verbeugung +tief. »Ich werde beim Papst darum einkommen, daß man Sie für diese Tat +heilig spricht.« + +Darauf ließ er mit einem Knall den Sektpfropfen an die Decke springen. + +»Noch nicht, Vater,« bat der Maler. »Horcht! Das paßt in die Stimmung.« + +Vom nahen Klösterchen in der Oststraße klangen die Glocken zu einer +weihnachtlichen Messe. + +»Hast du wirklich kein neues Gedicht verfaßt, Hans?« fragte der Maler. +»Wir bilden doch eine Familie.« + +»Hans dichtet?« rief Hannes überrascht. »Ach — ich meinte — Herrn +Steinherr.« + +»Herrn Steinherr?« versetzte der alte Herr trocken. »Hier gibt es nur +einen Hans; und der dichtet in der Tat.« + +»Ein Weihnachtsliedchen,« sagte Hans mit leiser Stimme, und es trat +feierliche Stille ein. + + »Komm, komm — — — — —! + Die Weihnachtsglocken läuten. — — + Du sollst das Lied mir deuten, + Ganz leis, ganz fromm. + Dort auf dem Tannenmoos, + Von Zweigen überhangen, + Laß, Liebste, dich umfangen + Auf meinem Schoß. + + Still, still — — —! + Was können Worte sagen? + Ich spür’s an seinem Schlagen: + Dein Herz, es will — + + Will aus dem Glockenklang + Mir eine Mär’ verkünden, + Die ich nicht konnt’ ergründen + Ein Leben lang. + + Du! Du! — — — + O, laß mich weiter hören! + Mit keinem Hauche stören + Will ich die Ruh’. + Weich nicht verwirrt zurück — + Ein Lachen und ein Singen + Will dich und mich bezwingen + Von innrem Glück. + + Bald, bald — — —! + Und wieder brennen Kerzen, + Und Glockenruf im Herzen + Uns widerhallt. + Was heiß in uns gegärt, + Die Wünsche, die wir spannen + Zu Weihnacht unter Tannen + — Gewährt, gewährt! + + Dann, dann — — — — —! + O jetzt noch schweigen müssen! + Sprich’s aus in tausend Küssen, + Was ich gewann. — — + Horch, in den Lüften blieb + Der Weihnachtsglocken Klingen, + Und unsre Seelen singen: + Ich hab’ dich lieb. — — —« + +Er blieb unter der Tanne stehen und blickte, weltvergessen, sein +Mädchen an, dem die Kniee zitterten. Sie hätte sich ihm an den Hals +geworfen, trotz des fremden Ortes, trotz der fremden Menschen, wenn sie +vermocht hätte, sich von der Stelle zu rühren. Ihr ganzes Wesen war in +Aufruhr. + +Heinrich Springe schenkte die Gläser voll und wortlos reichte er sie +herum. Dann trat er auf Hans zu und legte ihm den Arm um die Schulter. + +»Das soll das Wort sein, das diesem Tag die Weihe gibt: ›Ich hab’ dich +lieb.‹ Komm, nenne mich du.« — + +Noch ein halbes Stündchen blieben sie beisammen. Dann ging der Maler an +den Flügel. + +»Noch ein Abschiedslied,« sagte er und intonierte die Melodie. »Kennen +Sie es wiederum, Fräulein Johanna?« + +»Aus den Brautliedern von Cornelius,« erwiderte sie leise und setzte +ein. + + »Nun, Liebster, geh und scheide — — — + Morgen ist auch noch ein Tag. — Morgen, morgen, morgen ...« + +Und das »morgen« klang liebeschwer, sehnsuchtsvoll und wunderbar +trostreich. — — + +»Mein Dichter,« flüsterte sie erregt, als sie durch den Winterabend +heimschritten, »du wirst so groß, so berühmt werden ...« + +»Ich habe ja alles von dir!« rief er leidenschaftlich und preßte ihren +Arm. »Ich dürfte dich nie verlieren.« + +Da stieg ein seltsam neues Gefühl in ihrer jungen Brust auf. Das +zärtliche Muttergefühl des Weibes für den Geliebten. — + +[Illustration] + + + + +Achtes Kapitel + + +Die Abiturienten des Düsseldorfer Gymnasiums standen im Examen, während +sich die Stadt zum Empfang des Prinzen Karneval rüstete. + +Hans Steinherr stürmte aus dem Schultore heraus auf die Alleestraße. +Ohne sich zu besinnen, eilte er quer über die Straße nach der +Droschkenhaltestelle am Alleeplätzchen. + +»Grafenbergerchaussee,« rief er dem Kutscher zu. »So schnell Sie +können.« + +Er rasselte am Gymnasium vorüber und warf einen triumphierenden +Blick auf den nüchternen, grauen Kasten. Dann lehnte er sich wie ein +Grandseigneur in die Polster zurück und musterte stolz die Passanten +der Schadowstraße. Der Wagen fuhr dicht am Trottoir vorbei. + +»Halt!« rief Hans plötzlich und war mit einem Sprunge aus der Droschke +heraus. Er hatte Hannes gesehen. + +»Bestanden!« jubelte er ihr zu. »Vom Mündlichen dispensiert! Als +einziger!« + +Sie konnte nicht sprechen. Sie faßte scheu nach seiner Hand und +umklammerte sie. Das Gefühl seiner Bedeutung wuchs bei ihr ins +Abenteuerliche. + +»Nun? Keinen Glückwunsch?« lachte er obenhin. Seine Gedanken waren +noch bei der Zensurenverkündigung. + +»Doch, doch,« stammelte das Mädchen und hielt noch immer die Hand +umklammert. + +»Ich habe Eile,« belehrte er sie. »Meine Eltern warten. Wenn ich eben +kann, bin ich heute abend bei euch.« + +Sie sah ihm nach, wie er mit einer wichtigen Miene, die sie nie an ihm +gekannt hatte, im Wagen davonrollte. Als sie weiter ging, traf sie auf +Willibald Hüsgen. + +»He, Hannes, weißt du schon? Der Kerl, der Steinherr, hat mal wieder +Dusel entwickelt. Ach so« — unterbrach er sich mit einem hämischen Ton +— »seitdem wir so feinen Umgang haben, wollen wir wohl Fräulein und Sie +genannt werden. =O, excusez!= Soll prompt geschehen.« + +»Wie steht es mit ~Ihrem~ Examen?« fragte Hannes freundlich. + +»Gott, der Blödsinn! Wird gemacht. Das ist doch sonnenklar. Alles +auf natürlichem Wege, ohne gegenseitige Aufregung. Der Streber, der +Steinherr, nee, wie sich der Mensch hatte! Wie ’ne Petroleumlampe mit +Explosionsgefahr. Ich hab’ Tag für Tag nicht einen Schoppen weniger +getrunken. Weshalb auch? Als das Schriftliche vorüber war, hört’ ich +den Direx zum Schulrat sagen: ›Er will nur Maler werden.‹ — So’n Esel! +Als ob man im Vollbesitz der griechischen Grammatik auch nur ’nen ollen +griechischen Gipskopp zeichnen könnte!« + +Sie nickte, ohne weiter hinzuhören, ihm zu und wollte an ihm vorüber. + +»Hören Sie mal, Hannes, was ich noch sagen wollte.« Er vertrat ihr +den Weg. »Nun werden Sie doch wieder vernünftig werden, wie? Die +Fisimatenten mit dem Bengel, dem Steinherr, die sind doch nun ex? Der +wird jetzt irgend ein feines Korpsstudentchen und fragt den Deubel nach +Ihnen. Bei uns aber, im Gaudeamus, da wird’s jetzt fidel, wenn ich erst +von der Penne los bin. Lassen Sie mich nur in acht Tagen statt des +Abiturientenkittels die Sammetjacke anhaben. Ich glaub’, ich könnt’ Sie +gut brauchen.« + +Sie sah ihn eine Sekunde lang starr an, drehte ihm schweigend den +Rücken zu und ging den Weg zurück, den sie gekommen war. Mit offenem +Munde staunte ihr Hüsgen nach. + +»Na wart, du!« knurrte er und schaute sich um, ob keiner sein Fiasko +bemerkt hätte, »dir werd’ ich deinen dämlichen Hochmut anstreichen. Hat +sich was mit deinem Getue. Alberne Gans!« + +Und er wippte, den Gang des Mädchens nachahmend, hinter ihr her und +verschwand in der väterlichen Wirtschaft. + +Hans Steinherr war, zu Hause angelangt, sofort in das Eßzimmer +gestürmt. Herr Philipp Steinherr befand sich bereits daheim. Er sah +darauf, daß pünktlich um halb eins zu Mittag gespeist wurde. Grämlich +saß er bei Tisch und las in einer englischen Zeitung. + +»Nun?« begrüßte er den Sohn. »Du bist ja ausnahmsweise von einer +unheimlichen Pünktlichkeit. Bitte, Margot, klingle, damit sofort +serviert wird. Die Fabrik wartet auf mich.« + +»Bestanden, Papa! Ich habe das Examen bestanden!« + +»Das ist doch wohl selbstverständlich. Zu dem Zweck geht man nämlich +auf die Schule.« + +»Aber glänzend bestanden, Papa, summa cum laude, und vom Mündlichen +dispensiert!« + +»Sieh mal an, unser junger Mann!« Die steinernen Züge Philipp +Steinherrs hellten sich ein wenig auf. »So ist’s recht. Ahm deinem +Vater nach. Immer aufs Ganze, und dem kleinen Gelichter den Daumen aufs +Auge, so nur kommt man hoch. Man soll die Steinherrs noch einmal adeln +— wenn wir wollen.« + +»Mama,« begann Hans aufs neue, »ich weiß nicht, ob du zugehört hast, +ich bin Student!« + +Frau Margot winkte ihn herbei und reichte ihm die Hand. + +»Das ist ja schrecklich,« versuchte sie zu scherzen. »Ein so großer +Sohn, ein erwachsener Student, das kompromittiert mich ja geradezu. +Nimmst du denn gar keine Rücksicht auf deine junge Mama?« + +»Margot,« unterbrach Philipp Steinherr verstimmt, »ich hatte doch schon +vor geraumer Zeit gebeten, daß serviert würde. Vielleicht hast du jetzt +die Güte, das Zeichen zu geben.« + +Das Mahl wurde, wie immer, einsilbig verzehrt. Herr Philipp Steinherr +hatte die kleinbürgerliche Sitte, die in den Stunden der Mahlzeit +nicht eine freundliche Erholung, sondern nur eine notwendige hastige +Stoffzufuhr sieht, aus jenen Tagen beibehalten, da er selbst noch +zu den kleinen Leuten zählte. Sie saß wie ein Flicken auf einem +Gesellschaftsrock, und Frau Margot sah mit kühler Überlegenheit darüber +hinweg. + +Hans war es von Kind an nicht anders gewöhnt. Und doch hatte er +im stillen gehofft, daß heute, an seinem Ehrentage, die Tischregel +durchbrochen werden würde. Er hatte das Herz so übervoll, und er +empfand eine leise Enttäuschung, daß keiner es gewahren wollte, daß man +ihn nicht zum Schwatzen und Lachen animierte, daß alles blieb wie an +Werkeltagen. + +Beim Dessert übergab der Diener dem Hausherrn einen Brief. Philipp +Steinherr las ihn, sah scharf zu seinem Sohn hinüber und steckte das +Papier in die Tasche. Dann schälte er seine Orange weiter, aß die +Frucht bis auf die Kerne und erhob sich. + +»Mahlzeit,« sagte er zu seiner Frau, und sie neigte leicht den Kopf. + +Als er schon in der Tür stand, wandte er sich noch einmal um. + +»Du kannst nachher mal auf mein Zimmer kommen, Hans. Ich möchte einiges +mit dir besprechen.« + +Wenige Minuten später stand Hans im Arbeitszimmer seines Vaters. + +Philipp Steinherr saß, das Fenster im Rücken, in einem Lehnstuhl. Sein +Gesicht war beschattet, aber die Augen durchforschten scharf den vor +ihm Stehenden. Eine Weile blieb es still zwischen Vater und Sohn. Dann +sagte der Großfabrikant und deutete lässig auf einen Stuhl: »Du kannst +dich setzen.« + +Hans nahm Platz. Er wartete respektvoll, was der Vater ihm zu sagen +haben würde. + +Noch einmal musterten die scharfen Augen den Sohn. Aber die Stimme +klang ruhig und geschäftsmäßig. + +»Du wirst also zu Ostern zur Universität abgehen. Selbstverständlich +wählst du das Studium der Jurisprudenz. Ein Großindustrieller muß +heute so gut Jurist sein, wie der Leiter einer großen Bank.« + +»Papa,« warf der junge Mann kleinlaut ein, »Jurist —?« + +»Ja, Jurist. An etwas anderes hattest du doch wohl nicht gedacht?« + +»Doch, Papa; ich will dir die Wahrheit gestehen. Die Juristerei hat nie +etwas Anziehendes für mich gehabt.« + +»Du sollst sie auch nicht zum Vergnügen erlernen, sondern für das +Geschäft.« + +»Ach, Papa, fürs Geschäft bist du doch da. Mich brauchst du doch +wahrhaftig nicht.« + +»Und wenn ich ~nicht~ mehr da bin? Daran hast du wohl gar nicht +gedacht?« + +»Nein, Papa, daran will ich auch nicht denken.« + +»Das macht deiner Pietät Ehre, nicht aber deinem praktischen Verstand. +Laß dir sagen, mein Junge, daß man bei der wirtschaftlichen Stellung, +die wir im Staate einnehmen, nicht mit Gefühlen rechnet, sondern mit +der stahlharten Erkenntnis der Pflichten. Umso besser wirst du alsdann +die Pietät pflegen können, wie ich sie verstehe.« + +»Welche Pflichten meinst du, Papa? Wenn ich mich bestrebe, ein +nützliches Mitglied der Gesellschaft zu werden —« + +»Nützliches Mitglied der Gesellschaft! Was sind das wieder für +jugendtörichte Phrasen. Die Gesellschaft soll ~uns~ ein nützliches +Mitglied werden. Verstehst du den kleinen Unterschied? ~Wir~ sind +in erster Linie die Erhalter und Ernährer des Staates, wir, die +größte Steuerkraft des Landes. Wir sind die Ernährer und damit +auch die Bändiger der Arbeitermassen, wir, die Großindustrie. ~Wir~ +halten das Zünglein an der Wage. Und dafür gebührt es sich, daß man +uns Äquivalente zahlt. Freiwillig geschieht das nicht. Das ist ein +beständiges Markten und Feilschen, und es kommt darauf an, wer die +hellsten und härtesten Köpfe hat, den Profit zu erzwingen.« + +»Den Profit? Ich denke, du sprichst von Idealen?« + +»Ideale? Im Volksleben? Im Wirtschaftskampf? Ach, du armer +Schwarmgeist, es ist Zeit, daß deine Kathederweisheit unter den +Schmiedehammer kommt. Ideale! Das ist auch so ein Ding, das noch +niemand je mit Augen gesehen hat, so wenig wie den lieben Gott. Ein +jeder macht sich ein Bild davon, aber just immer ein Bild, wie es ihm +in seinen Kram paßt. In diesem Sinne lass’ ich die Ideale gelten. Als +gesunde Selbstsucht nämlich. Das stellt zwar deine Begriffe von der +Sache auf den Kopf.« + +»Wie kannst du nur so sprechen, Papa!« + +»Ich spreche in vollem Ernst. Und weil ich mich bemühe, dich als einen +nunmehr erwachsenen Menschen anzusehen, laß ich die Ammenmärchen, die +für das Proletariat gut sind, beiseite und spreche zu dir als Mann zum +Mann. Ich spreche zu meinem dereinstigen Nachfolger. Und ich wünsche, +daß du mich gut verstehst; zu deinem Besten. Es handelt sich für uns +nicht darum, das Gros der lieben Mitmenschen auf ein höheres Niveau zu +heben, sondern es handelt sich darum, unablässig unsere Position zu +erweitern und zu stärken. Die Wohlfahrtsapostel, auch die aus unseren +Gesellschaftskreisen sind wirre Köpfe, überspannte Flagellanten, die +sich selbst eine Geißel binden, um sich einen Erlösergeruch zu geben. +Ach du lieber Gott, diese Art Erlösergedanke wird Wahrheit werden, wenn +es — keine Menschen mehr geben wird. Solang es aber noch zwei Menschen +gibt, wird der eine Hammer und der andere Amboß sein. Ich glaube, da +fällt dir die Wahl nicht schwer.« + +»Und das Edle im Menschen, Papa? Daran müssen wir doch auch glauben?« + +»An das Edle? Warum denn nicht! Aber das bleibt doch ein ganz +persönlicher Luxusgegenstand. Wohl dem, der sich alle Tage ein Pöstchen +darin leisten kann, ohne in den realeren Dingen des Lebens in Konkurs +zu geraten. Die realeren Dinge gehen nämlich vor, oder du wirst mit +deinem schönsten Edelsinn von dem Volk da, dem du ihn widmen willst, +zertrampelt. Füll den Leuten den Magen; das übrige laß ihre Sorge sein.« + +»Papa, ich glaube nicht, daß ich mich zu dieser Anschauung durchringen +kann.« + +»Mein lieber Junge, so reden alle Kronprinzen. Wenn du erst die Macht +in die Hände bekommst, wirst du nichts Eiligeres zu tun haben, als +dich zum Regime deines Vorgängers zu bekennen. Dann liegt der Knüppel +plötzlich beim Hunde. Das ist mehr als berechtigte Notwehr, das ist +der Selbsterhaltungstrieb, der die Wurzeln eines jeden geordneten +Staatswesens bildet.« + +»Du magst gewiß recht haben, Papa, aber alles, was mit hoher Politik +zusammenhängt, liegt mir so fern.« + +»Ach was,« entgegnete Philipp Steinherr und bewegte ärgerlich die +Hand. »Hohe Politik! Für uns ist ~das~ hohe Politik, was uns am +nächsten steht. Und das ist bei allen anderen, wie sie sich auch +nennen, haarscharf ebenso. Klammere dich um Gottes willen nicht an die +großen Worte! Die Politik ist immer der Egoismus der einzelnen, die +sich aus Interessengemeinschaft zu einer Vielheit zusammengetan haben. +Merk dir das Wort ›Interesse‹. Es allein bewegt die Welt.« + +Hans sah still und gedrückt vor sich nieder. + +»Papa,« sagte er endlich und wagte ein kleines Lächeln, »du hast ja +deine Interessen so gut wahrgenommen, daß du dir nun auch einmal einen +Luxus gestatten könntest.« + +»Und der wäre?« + +»Laß deinen Sohn werden, was er möchte. Ich habe doch so gar keine +Neigung zur Fabrik. Sieh, Papa,« fuhr er hastig fort, als er an seinem +Gegenüber ein schnelles Auffahren bemerkte, »wir sind doch reich. +Und der Zweck des Reichtums ist doch, daß er uns in den Stand setzt, +unserem Leben unbehindert von materiellen Sorgen ein Ziel zu geben, +uns darin auszuleben. Ich möchte es, Papa. Ich will ja arbeiten wie +du, aber auf meine Weise. Es kommt doch nicht darauf an, nur Geld +aufzuhäufen, viel, viel mehr, als man je gebrauchen kann. Auf die +innere Befriedigung kommt es doch an.« + +»Und wie hattest du dir das mit der Fabrik gedacht, wenn ich mal nicht +mehr bin?« fragte Philipp Steinherr kalt. »Denn jetzt wirst du dir doch +etwas gedacht haben?« + +»Die Fabrik — —? O, die würde doch ein anderer übernehmen und sicher +besser leiten als ich.« + +»O, die würde!« spottete Philipp Steinherr ihm nach. »Das denkst du dir +so ganz einfach. Da kommt einfach ein Wildfremder und setzt sich in das +weiche Bett, das ich, Philipp Steinherr, mit Daransetzung eines ganzen +Lebens, unter Hergabe aller Kräfte, unter tausend Sorgen und Mühen +zurechtgemacht habe. Nein, mein Junge, so haben wir nun doch nicht +gewettet. Die Werke da draußen, ~ich~ hab’ sie gegründet, ~ich~ hab’ +sie aus dem Nichts geschaffen und jeden Skrupel zurückgedrängt, wenn +es hieß: vorwärts! Ja, glaubst du denn, das hätt’ ich lediglich zum +Pläsier meines Herrn Sohnes getan? Nur damit der junge Herr in der Lage +wäre, sich seine Tage so amüsant wie möglich zu gestalten? An dich, +mein Junge, habe ich überhaupt nicht gedacht. Ich habe nur an den Namen +Steinherr gedacht, den ich vom Aushängeschild einer Schmiede an die +Tore eines der größten Werke angeschlagen habe. Und da soll er stehen +bleiben, solange es einen Steinherr gibt. An dem Namen soll niemand +mehr rütteln und jeder sich beim Lesen an mich erinnern! Das war ~mein~ +Lebensideal, wenn du absolut von Idealen hören willst.« + +Er hatte sich erhoben und pochte mit den Knöcheln kurz und hart auf den +Schreibtisch. + +Auch Hans war aufgestanden. Er war bleich und kämpfte mit sich selbst. + +»Papa,« sagte er langsam, »du hast vorhin von gesunder Selbstsucht und +berechtigtem Egoismus gesprochen. Ich möchte die Lehre auch für mich in +Anspruch nehmen. Mich treibt alles zur Kunst. Ob mein Talent ausreichen +wird, ausübender, selbstschaffender Künstler zu werden, kann ich heute +nicht sagen. Aber laß mich den Versuch machen und laß mich gleichzeitig +Kunstgeschichte studieren.« + +Philipp Steinherr wandte sich ab. Er wollte den Sohn das überlegene +Lächeln, das über seine Züge flog, nicht sehen lassen. Künstler! +Kunstgeschichte! Er hatte Schlimmeres erwartet. Weshalb sollte sich +ein Großindustrieller in seinen Mußestunden nicht mit der Kunst +beschäftigen. Ein jeder ritt eben sein Steckenpferd. Und daß der Junge +nicht an der Kunst hängen bliebe, dafür wollte er schon sorgen. Der +Mensch ist das Produkt seiner Umgebung. + +»Ich mache dir einen Vorschlag, Hans,« erwiderte er nach einigem +Besinnen. »Du versprichst mir, regelrecht Jura zu studieren, bis zum +Doktor. Das Staatsexamen schenke ich dir. Ich stelle dir dafür frei, +auch kunstgeschichtliche Vorlesungen zu hören und dich, soweit es deine +Zeit gestattet, auch selbst in den ›freien Künsten‹ zu üben. Du gehst +zunächst nach Bonn. Ich wünsche, daß du in ein Korps eintrittst. Nach +dem ersten Semester dienst du dein Jahr bei den Bonner Husaren ab. +Später kannst du Heidelberg wählen und zum Schluß Berlin. Unterdes +werden sich deine Meinungen oder deine Talente geklärt haben. Du +siehst, ich komme dir entgegen, und nun sind wir, denke ich, =all +right=!« + +Er hielt ihm die Hand hin, und Hans, froh ein Zugeständnis erlangt zu +haben, legte die seine hinein. + +Philipp Steinherr lächelte geringschätzig. Weiches Wachs, der Junge. — — + +Hans war schon in der Tür, als ihn der Vater zurückrief. + +»Du, noch eins. Was kommen mir da für tugendhafte Dinge zu Ohren?« +Er faßte ihn vorn an der Weste und schüttelte ihn mit gutgespielter +Gemütlichkeit hin und her. »Ich darf doch wenigstens hoffen, du hast +dich anständig betragen? Du Duckmäuser, du!« + +»Hat man über mein Betragen geklagt, Papa?« fragte Hans verdutzt. + +»Die, welche es angeht, wird sich hüten. Hat wohl auch keinen Grund +dazu. Aber ich bitte mir aus, daß du ihr auch keinen Grund mehr gibst. +Na ja, es ist ja gut. Ich will dir keinen Sermon halten. Wer hat nicht +auch seine kleine Schülerliebelei gehabt? Aber nun ordne mir die Sache +schnell und bündig, damit du mit klarem Kopf ins Studentenleben gehst!« + +Er wollte ihn mit einem vertraulichen Klaps abschieben, aber Hans blieb +stehen. + +»Hast du mir noch etwas mitzuteilen, Hans? Dann bitte kurz. Ich habe +mich bereits über Gebühr verspätet.« + +»Ich habe dir nur mitzuteilen, Papa, daß du dich irrst.« + +Schwer kamen die Worte heraus, aber sie waren nachdrücklich gesprochen. +Philipp Steinherr horchte auf und maß den Sohn von oben bis unten. + +»Wenn du vorhin auf die Verehrung anspieltest, die ich für Fräulein +Johanna Stahl hege — und ich wüßte nicht, wen anderes du meinen +solltest —« + +»In der Tat. Fahre nur fort, du machst mich begierig.« + +»Papa,« sagte Hans und trat auf ihn zu, um seine Hand zu ergreifen. +Doch Steinherr übersah die Bewegung. »Papa, ich sehe ein, daß du Grund +hast, böse zu sein. Verzeih mir. Ich hätte es dir selber sagen sollen. +Und ich wollte es dir auch sagen, nur jetzt noch nicht, wo ich noch so +gar nichts geleistet habe.« + +»Sehr rücksichtsvoll, obwohl deine Streifzüge die Spatzen von den +Dächern pfeifen. Trotzdem: ich will dir deine Dummheiten verzeihen. Ich +sagte ja schon: in ~den~ Jahren begeht jeder seine Jugendeselei. Aber +nun auch rechtzeitig Schluß gemacht. Jedenfalls wünsche ich von der +sauberen Angelegenheit nichts mehr zu hören.« + +Hans Steinherr sah seinen Vater entgeistert an. + +»Du mußt mich nicht recht verstanden haben,« murmelte er, »oder — oder +man hat dich falsch unterrichtet.« + +»Bist du noch immer nicht zu Ende? Du stellst meine Geduld auf eine +lange Probe.« + +»Du hast davon begonnen, Papa; jetzt mußt du mich auch aussprechen +lassen. Wünschest du, daß ich mich kurz fasse?« + +»Ob ich es wünsche!« + +Der Alte und der Junge standen sich dicht gegenüber. Keiner wich +dem Blick des anderen aus. Und zum ersten Male las der Mann, der +sich nie die Mühe gegeben hatte, in Menschenseelen zu lesen, in den +Mienen seines Sohnes das Erbteil der niederrheinischen Heimat: die +Hartköpfigkeit und das verhaltene brausende Temperament. + +Hans sah nichts von den zusammengezogenen Falten auf der Stirn des +Vaters. Vor seinen Augen stand das scheue, zierliche Geschöpf, +das so rührend in seinem Armutsstolz gewesen war, sich ihm nicht +aufzudrängen; das ihn geflohen und ihn schlecht behandelt hatte, um +nicht zu erliegen, und, als er sie dennoch endlich von seiner treuen +Wahrhaftigkeit überzeugt hatte, ihm stets mehr gegeben hatte als er +ihr. Er sah ihre furchtsamen Augen voll schreckhafter Spannung auf sich +gerichtet, ob er mutig sein, ob er sie nicht verleugnen würde, und er +sagte laut: »Ich liebe Johanna von ganzem Herzen.« + +»Das bezweifle ich keineswegs. Es fragt sich nur, wie lange du den +Unsinn noch fortzusetzen gedenkst.« + +»Vater!« + +»Sag mir doch: wie alt bist du eigentlich?« + +»Zwanzig Jahre geworden.« + +»O! Ganz respektabel. Und die — die kleine Person?« + +»Sechzehn.« + +»Dacht’ ich’s mir doch. Sie soll sich ein Kinderfräulein nehmen und +keinen Geliebten.« + +»Vater!« brauste Hans auf. Er war nicht wiederzuerkennen. Jede Spur von +Farbe war aus seinem Gesicht gewichen, alles an ihm vibrierte, seine +Nasenflügel bebten, die Augen waren weit aufgerissen. + +»Was fällt dir ein, Junge? Mäßige dich auf der Stelle!« + +»Mir fällt ein,« keuchte Hans, »dich zu bitten, daß ~du~ dich mäßigst. +Du hast kein Recht, ein Mädchen zu beschimpfen, das reiner und +selbstloser ist als wir alle. Wenn du sie kennen lernst, wirst ~du~ +gewinnen, nicht sie.« + +»Du wärst im stande und brächtest sie mir ins Haus.« + +»O nein. Ich lasse sie nicht beleidigen. Aber in ~mein~ Haus hoffe ich +sie dereinst zu bringen. Und wenn sie später erst meinen Namen trägt, +wird sie schon geschützt sein.« + +»Du hast wohl vergessen, daß du deinen Namen von mir hast. Darüber habe +ich zu bestimmen. Und ich bestimme, daß, wenn ich es für an der Zeit +halte, der Name nur in aufsteigender Linie vergeben wird. Vorläufig +bist du mir noch zu kindisch, um dir meine Pläne auseinanderzusetzen.« + +»Über meine Gefühle hast du nicht zu bestimmen. Wenn ich das zuließe, +wär’ ich nicht wert, einer anständigen Frau in die Augen zu sehen.« + +»Bist du toll geworden, Bursche? Ist deine Mutter vielleicht keine +anständige Frau? Oder glaubst du, wir hätten uns nur unserer schönen +Augen wegen genommen? Geh hin, schäm dich vor deiner Mutter, wenn du +das bei deinem neuen Verkehr noch nicht verlernt hast.« + +»Meine — Mutter — —?« wiederholte Hans betäubt. Wachte er? Hatte er +wirklich richtig verstanden? Seine Mutter hätte — nicht aus tiefstem, +innersten Gefühl heraus — — Ja, war denn das überhaupt möglich? Konnte +man eine Ehe schließen eines Namens und nicht einer Liebe wegen —? Er +sah sich wirr um. Er war doch in seinem elterlichen Hause? Wo blieb +denn sein Verständnis? Wo blieben alle seine jugend-begeisterten +Argumente? Nichts, nichts regte sich in ihm. Es war ein Rauhreif auf +seine junge Seele gefallen und fröstelnd ließ sie die Flügel hängen. + +Da schlich er scheu aus dem Zimmer. — — + +»Wohin?« fragte er sich im Treppenhaus. + +»Zur Mutter?« + +»Nicht, nicht!« Er hatte Angst, eine unsägliche Angst, er könnte sie +nicht mehr verstehen. Und sie würde ihn auslachen. + +»Zu Frau Stahl? Zu Hannes?« + +Er hatte dem Mädchen versprochen, zu kommen. Aber wie sollte er ihr +unter die Augen treten? Er, mit seinem schlechten Gewissen, das vor +einer Stunde noch gut gewesen war, und das man ihm schlecht gemacht +hatte. + +In seiner Kehle stieg es auf. Er weinte mit trockenen Augen. Alles +war grau um ihn. Das würde sich nun nie mehr ändern. Nie mehr? Und +der erste Schmerz der Jugendliebe ließ ihn sich aufbäumen, in einem +titanenhaften Trotz, um ihn sogleich wieder niederzudrücken, ganz fest +auf den platten Boden. + +»Heinrich von Springe!« + +Der Name fuhr ihm heraus. Springe mußte ihm beistehen, ihn wieder +zu sich bringen. Der lachende Springe, der sich mit Tod und Teufel +herumzuschlagen verstand und immer Sieger blieb. In seiner Erregung +wuchs ihm der Freund zum Heiligen Georg. Der mußte es wissen. Der +Springe, o ja! Der sah mit seinen ironischen Blicken allen Dingen +auf den Grund und ließ sie nicht los, bis sie ihm Red’ und Antwort +gestanden hatten. Aber auslachen — auslachen würde ihn Heinrich Springe +nicht. + +Er eilte, so rasch ihn seine Füße trugen, zur Immermannstraße. An der +nächsten Ecke traf er die Straßenbahn, aber er lief lieber hinter ihr +her, als sich mit Menschen zusammen in einen engen, kleinen Raum zu +setzen. Die stupiden Gesichter hätten ihn krank gemacht. + +Oben, an der Etagentür, zog er so heftig die Klingel, daß er selbst +zusammenfuhr. + +Er hörte es gleich am Schritt: es war der Maler, der öffnen kam. Der +alte Herr machte seinen gewohnten Nachmittagspaziergang. + +»Heinrich!« rief der verstörte junge Mensch und warf sich +leidenschaftlich dem Freund an die Brust. + +Der drückte schnell die Tür ins Schloß und zog ihn ins Zimmer. + +»Gemach, gemach, mein großer Junge! Es wird schon zu reparieren gehen.« + +»Du weißt ja noch gar nicht, was geschehen ist —« + +»Ist das Examen nicht geglückt? Das wäre doch wunderbar.« + +»Das Examen? Ich hab’ es als Bester bestanden. Aber dann kam’s, heute +mittag; erst des Studiums wegen, und als das endlich geregelt war, +Johannas wegen. Man hat meinem Vater alles entstellt hinterbracht. Und +auf Erläuterungen ließ er sich gar nicht ein. Er hat sie verächtlich +abgetan, sie beschimpft und —« + +»Erzähle der Reihe nach,« sagte der Maler und legte ihm die Hand auf +die Schulter. »Der Aufgeregte ist immer im Nachteil. Beim ersten +Kanonenschuß läuft man nicht von dannen.« + +Hans bezwang sich. Der starke Wille des Freundes übte auf ihn seine +Wirkung. Er ließ sich auf einen Stuhl niederdrücken und begann +mechanisch herzusagen, was sich bei Tisch und nachher im Arbeitszimmer +des Vaters zugetragen hatte. So monoton er sprach, er vergaß nicht +das Nebensächlichste. Und ebenso berichtete er den Abschluß der +Unterhaltung und die andeutenden Worte über seine Mutter. + +Heinrich von Springe hatte, den Kopf in die Hand gestützt, zugehört. +Die müde Beichte des Jungen war längst zu Ende, und immer noch saß der +Maler in sich versunken im Stuhl. Da berührte eine zitternde Hand sein +Knie. + +»Ja, ja. Gewiß. Ich habe verstanden.« + +Er erhob sich, öffnete die Tür zur Veranda, daß ein kalter Luftstrom +über seine Stirn fuhr, schloß die Tür wieder und kam zurück. + +»Also helfen soll ich dir. Deshalb bist du doch gekommen. Einen +Freundschaftsdienst verlangst du.« + +»Du wirst nicht können und auch nicht mögen.« + +»Nicht mögen? Man mag vieles nicht und schluckt’s doch herunter, wenn’s +dienlich ist. So ein rechter Magen kann eine Menge vertragen — Und was +das Können oder Nichtkönnen betrifft — darüber kann man als Mann erst +urteilen, wenn man nach mißlungenem Experiment auf der Nase liegt. Bis +dahin aber hat man schlankweg Courage zu haben.« + +Er ging ins Nebenzimmer, um sich zum Ausgehen anzukleiden. Hans folgte +ihm wie ein Schatten. + +»Was willst du tun?« + +»Zunächst deiner Frau Mama meine Aufwartung machen. In +Herzensangelegenheiten ist immer die Mutter die zuständige Instanz. Du +bleibst ruhig hier. So, hier hast du ein Glas Wein; das trink mal aus, +um die Lebensgeister aus den Winkeln zu locken. Wenn du müde wirst, leg +dich auf das Sofa. Und damit: Gott befohlen.« — + +Heinrich Springe schritt, die Hände in den Taschen seines Paletots +vergraben, durch den unfreundlichen Februartag. Er ging mit +zusammengezogenen Brauen und fest aufeinandergepreßten Lippen. Und als +wollte er sich ungerufener Bilder erwehren, beschleunigte er plötzlich +seinen Schritt. Als er in die Grafenbergerchaussee einbog, schlug es in +der Stadt fünf Uhr. Er blieb stehen und schöpfte Atem. Vor ihm lag das +Steinherrsche Haus. + +»Weiß Gott, Mensch,« sagte er vor sich hin, »hast du gar selbst das +Kanonenfieber?« + +Er zog die Hausglocke und gab dem öffnenden Mädchen seine Karte. »Für +die gnädige Frau.« + +Wenige Minuten später, und er wurde in den Empfangssalon geführt. Er +wartete. + +»Meine gnädige Frau — —« + +Sie war eingetreten, mit hastigem Schritt, und nun zögerte sie, mitten +im Zimmer. + +»Ich weiß nicht, ob ich noch den Vorzug habe —« fuhr er fort, um ihr +über die Peinlichkeit der Minute hinwegzuhelfen. + +»Haben Sie endlich den Weg zu mir zurückgefunden?« entgegnete sie +zurückhaltend. »Es ist lange her, Herr von Springe. Sehr lange — —« + +»So lange, gnädige Frau, daß Ihr kleiner Irrtum leicht verzeihlich ist. +Nicht ich war’s, der vom Wege abgekommen war.« + +»Kommen Sie nur, um mir das zu sagen? Der Heinrich Springe, den ich +einmal kannte, war ritterlicher.« + +»Ich bitte um Verzeihung,« murmelte Springe. »Ich habe nicht das Recht, +die Beweggründe Ihres Lebens zu prüfen.« + +»Aber Sie haben es getan. O ich weiß. Und ich kenne auch das Resultat. +Sie kamen ja nicht wieder.« + +»Es wird Ihnen nicht schwer geworden sein, darüber zu lächeln, gnädige +Frau. Was war an mir gelegen?« + +»Wir waren einmal glückliche Kameraden,« sagte sie, als besänne sie +sich auf die Zeit. »Die Erinnerungen der Jugend laufen mit durch das +ganze Leben und bestimmen den Wert aller späteren Eindrücke. Das ist +bei mir nun einmal so. Möglich, daß ein Mann glücklicher darin ist.« + +»Nein,« erwiderte Springe fest, »ein Mann ist nicht glücklicher darin. +Auch er ist von dem Gewinn oder Verlust seiner Jugend abhängig. Und +deshalb sehen Sie mich heute vor sich. Nicht meinetwegen. Mein Konto +ist geschlossen. Aber einer anderen Jugend wegen, der ich Sie zu helfen +bitte, daß ihr die paar Ideale des Lebens erhalten bleiben, die uns wie +ein paar gute Gottesgroschen jede dürre Zeit erträglich machen. Wenn +Sie selber die Eindrücke, die wir aus der Jugend mitnehmen, so hoch +eintaxieren, wie Sie soeben sagten, so werden Sie mich nicht als einen +unnützen Bittsteller wegschicken.« + +»Sie stehen noch immer, Herr von Springe.« + +»Ich danke Ihnen für die Antwort.« + +Dann saßen sie sich stumm gegenüber und suchten unbewußt in ihren Zügen +die Kinder von einst. — — + +»Ich komme wegen Hans,« brach der Maler endlich das Schweigen. »Ich +weiß nicht, ob es Ihnen bekannt ist, daß wir gute Freunde geworden +sind.« + +»Ich habe es geahnt,« erwiderte sie leise. »Er hat mir nichts +anvertraut. Hier geht jeder seinen Weg.« + +»Sie haben es geahnt und keinen Einspruch erhoben.« + +»Ich wußte ihn in guten Händen.« + +Er rückte zusammen und sah sie mit maßlosem Erstaunen an. + +»Ja, ja; es ist so,« sagte sie mit einem Anflug von Lächeln. »Ich bin +wohl doch nicht ganz so schlecht, wie Sie vermuteten.« + +»Frau Margot — —« entfuhr es ihm unbedacht. + +»Sie kennen also meinen Namen noch? Lieber Freund, nur der Name ist +geblieben.« + +»Gnädige Frau,« sagte er mit Aufbietung aller Willenskraft. »So geht es +nicht weiter. Ich gedenke tiefernste Dinge mit Ihnen zu besprechen, und +Sie gedenken mit mir zu kokettieren.« + +»Wer sagt Ihnen, daß ich kokettieren will,« rief sie beinahe heftig. +»Ist denn in Ihren Augen alles Lüge, alles Verstellung an mir? Muß +ich denn, wenn ich mich einmal freue, von Herzen freue wie ein junges +Mädchen, immer gleich wieder geduckt und gedemütigt werden? Gut, gut, +wenn Sie wollen, daß ich Ihnen gegenüber den Ton gebrauche, den ich für +die ganze indifferente Menschheit gebrauche — o bitte, befehlen Sie +nur, Sie können ihn haben.« + +»Frau Margot,« sagte er, beugte sich vor und faßte ihre Hände. »Meine +liebe Frau Margot — —« + +Ihre Aufwallung ging vorüber. Aus seinen Händen strömte es in sie über +wie eine Beruhigung. + +»Sind das Freundeshände?« lächelte sie. »Wie gut es doch mein Hans hat!« + +»Sie kokettieren nicht, gnädige Frau?« + +»Doch, doch, ich kokettiere. Daß Sie es nur endlich wissen! Und wenn +ich noch länger mit Ihnen kokettiere, werde ich Ihnen noch eingestehen, +daß ich Sie vermißt habe. Mehr können Sie von einer koketten Frau nicht +verlangen.« + +Springe hatte ihre Hände losgelassen und sich erhoben. Er sprach zu +ihr. Und während er zu ihr sprach, blickte er über sie hinweg, in den +winterlichen Garten, und sie konnte glauben, er spräche vielleicht nur +zu sich selbst. + +»Ich habe Sie geliebt, Frau Margot, dabei ist nichts Unrechtes, denn +wir waren Kinder. Wenn wir im Hausflur oder in einer Zimmerecke +spielten, waren Sie die kleine Prinzessin und ich Ihr Page. Darunter +taten wir’s nicht, denn wir wurden beide daheim mit großen Ansprüchen +an das Leben erzogen und — hatten keinen Pfennig. Als ich die ersten +langen Hosen erhielt, nahm ich mir vor, mich zum Ritter schlagen +zu lassen, um Sie zu gewinnen. Wir haben damals oft ernsthafte +Beratungen darüber gepflogen. Ich glaube, es wurde sehr viel Gefühl +dabei verbraucht. So viel, daß für die Praxis wenig übrig blieb. Ich +diente mein Jahr bei den Neununddreißigern ab, und Sie feierten Ihren +siebzehnten Geburtstag. Als ich gratulieren kam, konnte ich gleich +doppelt gratulieren. Dem Geburtstagskind und der glücklichen Braut. +Ihr Vater mußte zugreifen, und Sie folgten den Spuren der Erziehung. +Das war im Winter des Jahres achtundsechzig. Ein paar Monate daraus +waren Sie verheiratet. Hm, ja, ich hab’ das verstehen gelernt. Ich +wollte Maler werden. Wollte erst! Und, wie mein alter Herr immer zu +sagen pflegte: Er war Maler, und sie hatte auch nix. Da konnte ich mir +das Exempel schon zusammenrechnen. Dann wollte ich mir wenigstens ein +Surrogat schaffen, und ich nahm, da es mit dem siegreichen Rittertum +nichts geworden war, die Pagendienste wieder auf. Das war ein stiller, +seliger Dienst, der nichts anderes wollte, als für Ihr Glück wachen. +Aber als ich nach dem Feldzug aus Frankreich heimkehrte, hatte sich die +Zahl der Pagen vermehrt und die Königin bedurfte meiner nicht mehr. Ich +durfte zurücktreten und hinfüro meinen Erinnerungen leben.« + +»Nein, Heinrich,« rief Frau Margot erregt, »so war es nicht! Es +war nicht meine Schuld. Sie gingen, weil mein Mann eine — eine — +Geschäftspraxis gegen Sie und Ihren Vater geübt hatte, die Sie +verletzen mußte. Wie können Sie mir die Verantwortung aufbürden! Ich +verstand ja nichts von alledem und war schon so apathisch.« + +»Ach, meine gnädige Frau, Sie glauben, des entgangenen Geldes wegen +wäre ich fortgeblieben?« + +»Weshalb — nur sonst?« entgegnete sie zögernd. Sein ironischer Ton +hatte sie beschämt. + +»Muß ich es Ihnen wirklich aussprechen? Muß ich Ihnen sagen, daß ich +den Glauben an Sie verloren hatte, weil Sie nichts, aber auch gar +nichts taten, um ihn mir zu erhalten? Den Glauben an die Jugend und +ihre starken Bande? Kein Freundeswort von Ihnen kam, kein Versuch wurde +gemacht, mich wissen zu lassen, daß die Dinge, wie sie lagen, nichts +zwischen uns beiden ändern dürften. Ich war für Sie erledigt, wie mein +Vater für Ihren Gatten. Sie waren die große Dame, und ich der armselige +Bilderstümper.« + +»Heinrich,« fragte sie ganz leise, »haben Sie — haben Sie lange +darunter gelitten?« + +Er gab keine Antwort. + +»Wollen Sie mir nicht erwidern? Auch dann nicht, wenn ich — wenn ich +Ihnen sage, daß ich — bis heute — darunter gelitten habe? Ich bin ja +heute eine alte Frau. Achtunddreißig Jahre! Da darf ich schon ein +Geständnis wagen. Ja, ich habe unrecht an Ihnen gehandelt und unrecht +an der Jugend. Und zur Strafe hat mich die Freudigkeit der Jugend +verlassen, seit — Sie mich verließen. Meine Erinnerungen wollen nicht +fröhlich werden. Ist das nicht Buße genug? Keine Rückschau zu haben, +aus der man die Fröhlichkeit zieht? — Nun habe ich Sie wohl zufrieden +gestellt.« + +Heinrich Springe beugte sich über ihre Hand. Er suchte nach Fassung. + +»Sie sind ja noch so jung,« murmelte er. »Mit achtunddreißig Jahren +steht man mitten im Leben.« + +»O ja,« bestätigte sie bitter, »soweit die Lebewelt in Betracht kommt. +Mitten drin! Das war doch die Ansicht. Aber die Gefühlswelt — ach, +lieber Freund, klingt es in Ihren Ohren nicht lächerlich, mich von +einer Gefühlswelt reden zu hören?« + +»Ich bedauere Sie.« — + +»Glauben Sie mir, was ich möchte? Noch einmal die Prinzessin im +Hausflur und in den Zimmerecken sein. Mein Gefühlsleben haben wie +einst. Ich wüßte dann, was Glück ist.« + +»So suchen Sie es. Es ist nie zu spät.« + +»Wollen Sie mir den Weg zurück zeigen?« fragte sie und sah ihn voll an. + +»Ja, Margot,« sagte er, »ich will. Als ich Ihr Haus betrat, wußte ich +nichts dergleichen. Ich kam wegen Ihres arg mitgenommenen Jungen. +Helfen Sie ihm aus seinem Leid, und Sie helfen sich aus dem Ihren. Er +liegt bei mir daheim und wartet auf mich, seinen Freund. Lassen Sie ihn +wissen, daß er auch noch eine Freundin hat, die seine Schmerzen mit ihm +versteht. Tragen Sie Sorge, daß ihm seine Jugend nicht verdorben, daß +er nicht vor der Zeit alt und blasiert wird, und Sie werden die erste +der fröhlichen Erinnerungen für sich gewonnen haben.« + +»Mein Mann hat mir schon davon gesprochen,« erwiderte sie nachdenklich. +»Das Mädchen soll keinen legitimen Vater haben, und die Großmutter eine +Arbeiterfrau sein.« + +»Das Mädchen ist rein, und überdies schön und klug und liebenswert. Für +seine Geburt kann kein Mensch. Es hat allen Anspruch darauf, glücklich +zu werden wie die Höchstgeborenen. Ich kenne die kleine Johanna und +weiß, was sie Hans sein wird. Ich war mehrfach mit meinem Vater dort im +Hause, denn mein biederer Alter macht der siebzigjährigen Großmutter +die Cour, die eine Arbeitsfrau geworden ist, weil sie für die Erziehung +ihres Enkelkindes arbeitet.« + +»Ich werde hingehen,« sagte Frau Margot und richtete sich auf. »Nein, +nein,« wehrte sie glücklich, als er ihr die Hände küßte, »es ist noch +eine Bedingung dabei. Erstens: Hans wird Vertrauen zu mir haben und +ruhig mit seinem Vater abreisen, der eine kurze Italienreise plant. Und +zweitens: Sie dürfen mich nicht mehr aufgeben.« + +»Frau Margot,« entgegnete er nur, »ich habe Sie wiedergefunden. Nun +werden wir alle wieder jung sein.« — — + +Als er hastig seiner Wohnung zueilte, tobten ein paar verfrühte +Fastnachtsläufer an ihm vorbei. Er war drauf und dran, ihr stürmisches +»Helau!« mit dem gleichen Juchzer zu erwidern. Zwanzig Jahre waren von +ihm abgefallen. + +Zu Hause fand er Hans auf dem Sofa ruhig eingeschlafen. + +Und er beugte sich lange über ihn, strich ihm das Haar aus der Stirn +und suchte in dem Gesicht des Jungen nach den Zügen einer anderen +Jugend. + +[Illustration] + + + + +Neuntes Kapitel + + +Hans Steinherr trug die Farben eines der vornehmsten Korps der +rheinischen Universität, und unter den Kommilitonen galt er als der +Mann der Zukunft. In welcher Hinsicht, darüber stand die Ansicht +bei den jungen Herren noch nicht fest. Aber daß ein Mann von seinen +Mitteln, seinen Allüren, seinen Konnexionen — manche zählten auch seine +Talente hinzu — eine glänzende Karriere machen würde, das sah der +Blindeste ein. + +Als er aus dem krassesten Fuchsentum herausgeschlüpft war und wagen +durfte, hin und wieder seine Stimme in die Wagschale zu werfen, +erkannte er bald seine Geltung und seine Kräfte. Das gab ihm einen +Anreiz. Es war nicht so sehr jugendliche Eitelkeit, als das stärkere +Gefühl des Ehrgeizes, unter diesen scharf auf die Form sehenden Leuten +aus den besten Häusern noch besonders hervorzustechen und über sie +hinaus als das Muster eines untadelhaften Gentleman betrachtet zu +werden. Er wurde tonangebend in seinen Anschauungen, wie im Schnitt +seiner Kleider, und sein Ehrgefühl entwickelte sich aufs peinlichste. +Galt es einen Ehrenhandel zu erörtern, Hans Steinherr gab das Votum; +stand die Frage nach standesgemäßer Aufführung zur Verhandlung, Hans +Steinherr entschied mit der Kaltblütigkeit eines alten Römers. Er +hielt auf Klassenabstufungen wie kein zweiter. Als er zum ersten Male +auf die Mensur gestellt wurde, schlief er in der vorhergehenden Nacht +vor Aufregung nicht eine Sekunde und lag wie im Fieber. Aber als er auf +der Tenne stand, und ihm aus einem wilden Durchzieher das Blut in den +Mund lief, wehrte er sich störrisch dagegen, daß der Hieb als Abfuhr +erklärt werde, und verlangte so lange auszupauken, bis der Korpsarzt +erklärte, jede Verantwortung ablehnen zu müssen. + +Die neue Welt, die sich vor ihm auftat, nahm ihn ganz und gar gefangen, +und in seinem jugendlichen Überschwang glaubte er bald, in ihr die +einzige gefunden zu haben. + +»Geliebter Leibfuchs,« sagte ihm einmal sein in hohen Semestern +stehender Leibbursch, dessen Worte er als heiligste Orakelsprüche zu +betrachten pflegte, »du bist ein ganz famoses Haus, aber du zeigst zu +viel dein Temperament. Deine Gefühle spiegeln sich auf deinem Gesicht +auf zehn Meter Entfernung. Da liest man Sonnenschein und Gewitter im +voraus, wie in der Zeitung. Mein Sohn, überlaß das den Kirmeßgästen, +die mit ihrem Gefühlslärm hausieren gehen. Leute wie wir haben sich +unter allen Umständen in der Zucht.« + +Und von Stund’ an überwachte der Schüler sein Mienenspiel, und er wurde +nach Anweisung kalt und gemessen. Das schuf ihm ein neues Übergewicht. + +In den Hörsaal war er nur wenige Male gegangen. Das Korpsleben nahm +ihn gänzlich in Anspruch. Und sein Vater rügte das keineswegs. Gute +Verbindungen anknüpfen, schien dem Manne, der nur die realen Seiten +eines jeden Unternehmens in Betracht zog, nicht der letzte Zweck der +Universitätsjahre. + +Trotz der Nähe der Stadt und der guten Bahnverbindung hatte Hans +Düsseldorf noch nicht wieder besucht. Er redete sich vor, daß er gerade +während des schwächeren Sommersemesters im Korps unabkömmlich sei, und +verschob den Besuch auf die Ferien. Insgeheim zwar peinigten ihn andere +Gedanken. Die Menschen daheim — die Springes, Frau Stahl, Johanna — +erschienen ihm seit kurzem in einem anderen Licht. Sie waren prächtige +Menschen, ohne Frage, und er verdankte ihnen entzückende Stunden. +Aber eigentlich und nur ein wenig streng genommen: sie waren doch ein +bißchen arg altmodisch und als intimer Umgang doch wohl nicht so ganz +zweifelsohne. Wenn er dachte, daß ihn einer seiner Korpsbrüder bei +Frau Stahl Kaffee trinken sehen könnte, stieg ihm heiß das Blut in die +Wangen. Die beiden von Springe, das war schon etwas anderes. Wenn nur +nicht Heinrich so gräßlich radikal seine Ansichten zu äußern liebte und +der alte Herr immer so komisch den Jugendlichen spielte! Und Johanna — +—? + +Es gab Zeiten, wo ihn eine rasende Sehnsucht nach ihrer Zärtlichkeit +packte und er in Gedanken seitenlange Briefe an sie entwarf. Kam er +dann von einem Ausflug heim, an dem die Damen des Korps in Schönheit +und Eleganz teilgenommen und ihn durch den Esprit der großen Welt +berauscht hatten, so fühlte er eine peinliche Ernüchterung, und +höchstens eine Ansichtspostkarte flatterte als kurzer Gruß nach dem +windschiefen Haus in der Pempelforterstraße. Dann schämte er sich vor +sich selbst, aber er war nicht mehr Herr seiner selbst. Er stand unter +einem Zwang, dem er gehorchte wie einem Fetisch. Ein unausgesprochenes +Lächeln, das seine Qualifikationen als Gesellschaftsmensch in Frage +gezogen hätte, würde ihn rasend gemacht haben. + +Nur in den ersten Wochen seines Bonner Aufenthaltes hatte er in +längeren Episteln dem Mädchen daheim ein Bild von den Herrlichkeiten +des Studentenlebens entworfen. Damals auch war er noch dem Briefträger +entgegengelaufen, der ihm die lieben, halb kindlichen, halb +frauenhaften Antworten brachte. Und selbst Heinrich Springe war nicht +vergessen worden. Eines Tages hatte der Maler in einem Briefumschlag, +der den Poststempel Bonn trug, ein schmales Büchlein vorgefunden, das +den Titel führte »Meine Lieder« und den Autornamen »Hans Steinherr«. +Aus der ersten Seite stand in Druckschrift zu lesen: »Meinem Mentor +Heinrich von Springe — Telemach.« + +Eine Druckerei in Düsseldorf hatte, wohl auf Kosten des Herausgebers, +den Verlag übernommen. + +Der Maler war an diesem Morgen für keinen Menschen sichtbar. Er +saß in seinem Atelier und las die zwei Dutzend Gedichte mit einer +Gründlichkeit, als ob er sie auswendig lernen wollte. Er las nicht nur +die Worte. Als er mit den Worten fertig war, begann er zwischen den +Zeilen zu lesen. Dann lehnte er sich, das Büchlein auf den Knieen, +zurück und ließ die Lieder plastisch werden. Die Bilder aber waren +eigenwillig und änderten ihre Züge. Und der Maler lachte dazu leise vor +sich hin ... + +Wie eine Erquickung war das schmale Buch. Ein echter und rechter +Jugendgruß. + +»Meinem Mentor — Telemach.« + +»Jawohl, Mentor!« polterte er. »Netter Mentor, der bei der Mutter nicht +einmal sein Versprechen eingelöst hat. Abgemacht. Heute nachmittag geh’ +ich hin.« + +Er traf Frau Margot zu Hause, zum Ausgehen gerüstet. + +»Ich will nicht lange stören, gnädige Frau. Sagen Sie mir nur, wann ich +wiederkommen soll.« + +»O nein, so entschlüpfen Sie mir nicht. Ich lege nur den Hut ab und bin +gleich wieder bei Ihnen.« + +»Versäumen Sie auch nichts, gnädige Frau? Ich möchte mir keine Ihrer +Freundinnen zur Feindin machen.« + +»So furchtsam sind Sie? Lassen Sie sich doch einmal ansehen.« + +»Nur Frauen gegenüber. Da kenn’ ich mich nicht aus.« + +»Trotz Ihrer sicherlich reichen Erfahrungen? O Gott, wie beschämt Sie +tun!« + +»Ich habe nur ~eine~ Erfahrung gemacht, gnädige Frau.« + +Sie blieb ganz ruhig. Nur ihre Stimme vibrierte ein wenig bei der +Antwort. + +»Ich meine, wir sollten, wenn wir uns sehen, immer ganz besonders +fröhlich sein.« + +»Wahrhaftig, Frau Margot,« rief er herzlich, »da sprechen Sie mir +aus der Seele! Und nun werde ich mich mal auf mindestens eine Stunde +häuslich hier niederlassen.« + +»Oder,« fragte sie, »haben Sie Lust zu einem Spaziergang? Dann können +Sie mich begleiten.« + +»Wollen Sie mich den Düsseldorfern als Ihre neueste Akquisition +vorführen? Wenn das Ihren Geschmack nur nicht kompromittiert. Gut, +spannen Sie mich nur an Ihren Wagen.« + +»Nein,« lachte sie, »mit Ihnen ist wirklich kein Staat zu machen. Es +würde aussehen, als ob ein gestrenger Mentor seine ungezogene Schülerin +spazieren führte.« + +»Halt; Mentor—« unterbrach er sie. »Das Wort fliegt mir heute schon zum +zweiten Male zu. Ich mache Ihnen eine Proposition. Sie behalten Ihr +entzückendes Hütchen auf und setzen sich für eine Viertelstunde ganz +stumm dort in die Sofaecke. Dann begleite ich Sie, so lange Sie mich +wollen, auf Ihrer Promenade. In dieser Zwischenzeit aber möchte ich +Ihnen Gedichte vorlesen.« + +»Gedichte — —« fragte sie verblüfft. »Sie haben doch nicht etwa — —« + +»Ihr Vertrauen ehrt mich,« versetzte er unerschütterlich. »Aber Sie +dürfen sich beruhigen, die Gedichte stammen von einem anderen.« + +»Schade,« meinte sie bedauernd. + +»Na, wenn Sie meinen, ich sähe noch leidlich lyrisch aus — an der +Courage zum Dichten soll’s mir nicht fehlen.« + +»Tun Sie es nicht, Heinrich,« riet sie mit mütterlicher Würde, »das +Leben ist zu kurz und Sie verlieren zu viel Zeit damit.« + +»Ganz meine Ansicht. Aber nun: Obacht! Ich bitte das geehrte Auditorium +um Ruhe.« + +Er begann zu lesen. Mit natürlicher Stimme, ohne Pathos, wie es die +einfachen Verse verlangten. + +Die Viertelstunde ging vorüber und keiner bemerkte es. Der Maler +las Gedicht für Gedicht, wie sie der Reihe nach in dem Büchlein +enthalten waren. Und zum Schluß das Weihnachtslied, das Hans an dem +improvisierten Christabend so feierlich-ernst vorgetragen hatte. + + »Horch, in den Lüften blieb + Der Weihnachtsglocken Klingen, + Und unsre Seelen singen: + Ich hab’ dich lieb. — — —« + +Er hatte geendet, und leise schloß er das Büchlein. Er sah Frau Margot +an. + +Die wischte seit einiger Zeit an ihren Augen herum. Als sie sich +beobachtet fühlte, ließ sie rasch die Hand sinken und versteckte sich +hinter einem lachenden Ärger. + +»Mein Gott,« sagte sie hastig, »wie kann man einem gänzlich +unvorbereiteten Menschen nur so etwas antun!« + +»Nicht wahr?« meinte er lakonisch. + +»Heinrich,« drängte sie, »gestehen Sie nur, Sie selbst sind der +Übeltäter.« + +»Mein Name steht zwar auf der ersten Seite, gleich hinter dem +Titelblatt,« gab er zu, »aber es steht davor: ›Meinem Mentor‹ und +dahinter: ›Telemach‹. Daß ich ein Mentor sei, haben Sie soeben selbst, +wenn auch nicht in schmeichelhafter Weise, behauptet. Und der Telemach? +Ja — da ich ~Sie~ ablehne, muß es schon, damit’s doch in der Familie +bleibt, Ihr — Hans sein.« + +»Ach nein,« versetzte sie kopfschüttelnd. + +»Ach ja,« versetzte er kopfnickend. + +Und dann lachten sie sich gemeinsam aus. + +»Der Junge, der Junge!« — sie konnte es nicht begreifen — »wo mag er +das nur herhaben! ...« + +»O — Sie kennen nicht die Vererbungstheorie? Vielleicht hat eins seiner +Eltern in der Jugend mal ähnliches geträumt, wofür er jetzt die Worte +gefunden hat. Darwinismus, wirklich, sonst nichts.« + +»Spotten Sie nicht immer,« sagte sie und legte ihm die Hand auf den +Mund. Dabei schloß sie für einen Moment die Augen. Heinrich Springe +hielt ganz still. Es war ihm leid, daß es nur ein Augenblick war. + +»Ich kenne jetzt auch das Mädchen,« fuhr sie nach einer Weile fort. +»Wenn auch nur vom Sehen. Ich habe so oft die Pempelforterstraße +aufgesucht, bis ich sie bei einem Patrouillengang entdeckte. Ein süßes +Geschöpf — — —. Seit der Zeit gehe ich häufig um dieselbe Stunde hin. +Aber mir ist immer noch nicht eingefallen, wie ich eine persönliche +Annäherung herbeiführen könnte. Mit der Tür ins Haus stürzen, geht doch +für mich nicht an.« + +»Wollen wir jetzt unsere Wanderung antreten?« erwiderte er. »Wie ich +annehme, nach der Pempelforterstraße?« + +Er öffnete die Tür, und die gefeierte Weltdame schritt an dem +merkwürdigen Manne vorüber. Als wäre er sich nur guter Taten bewußt, +ging er offen und frei neben ihr einher. + +»Sehen Sie mal,« sagte er unterwegs, »kennen Sie vielleicht den alten +Herrn dort, der im Begriff ist, zu einer Salzsäule zu erstarren?« + +»Aber das ist doch — das ist doch Ihr prächtiger Vater ...« + +»Gelt? Das ist doch Herr Friedrich Leopold? Aber besonders geistreich +— bei allem schuldigen Respekt — sieht er gerade nicht drein. Tag, +Papachen. Na, so aufgeräumt?« + +Der alte Kavalier hätte beinahe vergessen, seinen grauen Zylinder zu +ziehen. Er blickte verdutzt dem Paare nach. »Hm, hm,« machte er bloß, +»hm, hm; wird schon seine Richtigkeit haben.« Dann setzte er seinen +Spaziergang fort. + +Als das Paar in die Pempelforterstraße einbiegen wollte, kam vom +Hofgarten her Hannes. Sie ging, die Augen an den Boden geheftet, +nachdenklich ihren Weg und fuhr zusammen, als sie Springes Anruf +vernahm. + +»Potz Tausend, Fräulein Johanna, Sie machen sich! Schon so stolz, daß +man einen guten Freund über den Haufen rennt?« + +»Ach — Herr von Springe — Sie sind’s. Gerade dacht’ ich an Sie.« + +»Nicht flunkern, Fräuleinchen,« drohte er ihr. »So viel +Selbstverleugnung verlang’ ich ja gar nicht.« Und als sie errötend von +ihm zu der fremden Dame sah, fuhr er fort, als ob sie sich über etwas +Selbstverständliches unterhielten: »Nun? Gute Nachrichten von Bonn?« + +Sie errötete noch stärker, aber es war ein Strahlen in dem Erröten, und +sie nickte lebhaft. + +»Darf man vielleicht hören? Ich bin doch gewissermaßen der Nächste dazu +— natürlich: soweit es keine Geheimnisse sind.« + +»Ich habe ein Gedichtbuch bekommen,« sagte sie so leise, als +streichelte sie jedes ihrer Worte. + +»Was Sie sagen! Ein Gedichtbuch? Von wem ist es denn? Von Goethe? Oder +gar von Heinrich Heine —« + +»Von Hans selbst,« antwortete sie und sah ihn triumphierend an. + +»Machen Sie keine Späße, Fräulein Johanna! Von Hans? Und gedruckt, +sagen Sie? Wirklich mit Druckbuchstaben?« + +»Ach, Herr von Springe,« sagte sie und wiegte den Kopf neckend vor ihm +hin und her, »mich foppen Sie heute nicht. Ich ärgere mich heute ganz +bestimmt nicht. Und wenn Sie wüßten, was ich weiß, würden Sie auch +anders sein.« + +»So — —? Was wissen Sie denn?« + +»Ihr Name steht vorn in dem Buch,« raunte sie und sah ihn mit +erwartungsvollen Augen an. + +Aber die Wirkung blieb aus. + +»Ihr Name? — Wer ist denn diese ›ihr‹? Der Radschläger von Jung’ wird +sich doch in Bonn keine Flamme angeschafft haben?« + +Nun wurde sie doch ein wenig entrüstet. + +»Ich meine ~Ihren~ Namen, Herr von Springe, Ihren groß geschrieben.« + +»Donnerwetter!« rief er erstaunt und schlug die Hände zusammen. +»Apropos, Fräulein, ich schreibe meinen Namen immer groß.« + +Frau Margot stand zur Seite und ergötzte sich königlich an der +Unterhaltung, die sie belauschte. Ihre Freude an dem eigenartig +schönen und frischen Mädchen, in dem das Knospen und Blühen noch im +Streite lag, wuchs von Minute zu Minute. Sie konnte sich nicht länger +enthalten, sie selbst mußte mit dem Mädchen plaudern. + +»Dürfte man das seltene Buch einmal sehen?« sagte sie freundlich und +trat näher. »Bücherneuheiten sind immer interessant.« + +»Meine kleine Freundin, Fräulein Johanna Stahl« — stellte Springe vor +— »meine große Freundin — —« und er murmelte höchst unverständlich +einen Namen. »Fräulein Johanna wird sicher so liebenswürdig sein, uns +einen Blick auf das Buch zu gestatten. Da, wie sie sagt, mein Name in +dem Büchlein vorkommt, so hab’ ich doch sozusagen ein Recht darauf, +nachzusehen, ob man auch keinen Unfug mit mir getrieben hat.« + +»Das Buch liegt aber oben in der Wohnung,« stotterte Hannes kleinlaut. + +»Sie scherzen, Fräulein. Wetten, daß Sie es vorn in der Jacke stecken +haben?« + +Frau Margot kam der geängstigten kleinen Mitschwester zu Hilfe. + +»Wenn Sie das Buch in der Wohnung haben, wäre es wohl unbescheiden, +Sie zu bitten, uns auf einen Augenblick mit hinaufzunehmen? Wir würden +Ihnen zwar sicherlich keine Ungelegenheiten machen.« + +Das Mädchen nagte nervös an der Unterlippe. + +»Bitte,« stieß sie dann kurz hervor und ging vorauf. Lächelnd folgten +ihr die beiden Besucher. — — + +»Ich will nur ablegen,« sagte Hannes, als sie zu dritt in der einfachen +Wohnstube standen, und ging eilig, ohne den Blick vom Boden zu erheben, +in die Schlafkammer. + +»Sagt’ ich’s nicht,« flüsterte Springe schelmisch, »sie hat es doch im +Jackett.« + +Frau Margot hob beschwörend die Hand. Ihr war eigentümlich zu Mute in +diesem engen, dürftigen Raum. + +Da kam Hannes zurück. Sie hatte die dünne Sommerjacke abgelegt und +stand nun rank und schlank in ihrem weißen Kleide da. Das Buch trug sie +in der Hand. + +»Darf ich das Buch nehmen?« fragte Frau Margot und hielt, als sie es +nahm, mit leichtem, wie zufälligem Griff die Fingerspitzen des Mädchens +in ihrer Hand fest. + +»Meine Lieder — Hans Steinherr,« las sie ab, und dann sprach sie einige +der Gedichte, die sie aufschlug, halblaut vor sich hin. Plötzlich hielt +sie inne und sah mit forschendem Blick das Mädchen an. + +»Sie zittern ja, Fräulein. Ich spür’ es in Ihren Fingerspitzen. Ist +Ihnen nicht wohl?« + +»Doch,« kam die Antwort, und die Lippen schlossen sich wieder. Aber auf +der Stirn stand eine tiefe Falte. + +Frau Margot las weiter, um nach wenigen Zeilen von neuem einzuhalten. + +»Bin ich Ihnen unangenehm? — Sie ziehen Ihre Hand zurück?« + +»Ich weiß jetzt, wer Sie sind. Sie sind Hans Steinherrs Mutter.« + +»Wie kommen Sie mit einem Male darauf?« + +Und — plötzlich fassungslos — stammelte Hannes: »Weil Sie mich so +quälen — — —« + +»Mädchen!« rief Frau Margot bestürzt, »Mädchen! Was sagen Sie da!« Und +schnell schlang sie die Arme um die zuckenden Schultern der Erregten +und drückte das von dem schweren, leuchtenden Haar gekrönte Köpfchen +fest gegen ihre Brust ... »Springe,« bat sie mit einem Blick. Und +Heinrich Springe verstand und verließ leise die Wohnung. + +Dort oben aber ließ sich Frau Margot Steinherr auf einen Stuhl nieder +und zog das widerstandslose Geschöpf auf ihren Schoß. Mit weicher Hand +strich sie ihm wie einem Kinde über die Augen und spielte mit seinen +Flechten, die ihm in das verweinte Gesicht gefallen waren. Sie wunderte +sich selbst, wie lind, wie sanft sie das alles tat. Es war doch sonst +nicht ihre Art gewesen, über den Gefühlen anderer sentimental zu +werden. Was war es nur, das in ihr flutete? Seit dem Tage, da sie +mit dem wiedergekehrten Springe Kindheitserinnerungen ausgetauscht. +Und heute so viel stärker, angesichts dieses bangenden, jugendwarmen +Glücks, das sie auf dem Schoße hielt — —. + +»Komme ich Ihnen noch immer so schrecklich vor?« fragte sie lächelnd. + +Hannes schüttelte stumm den Kopf, den sie noch immer an die Brust der +fremden Dame gedrängt hielt. + +Wie wohl das tat! Wie köstlich es sich hier lag! Sie empfand das feine +Wogen und konnte jeden Herzschlag zählen. Sie hielt ganz still und +preßte nur die Lippen auf das Kleid Frau Margots. + +»Kleines Liebchen — —« sagte die verträumt. »Kleines Liebchen — — —« + +Und wieder stieg ein Wundern in ihr auf, woher sie nur diese nie +gebrauchten Worte nahm. + +»Also lieb haben Sie meinen großen Jungen?« fuhr sie nach einer Weile +fort. »Und so ganz hinter dem Rücken der Mama, die man für eine +Vogelscheuche hält?« + +»O, Sie sind so schön!« stieß Hannes hervor und sah mit ihren +lächelnden Kinderaugen zu ihr empor. + +»Kind, Kind, was für Schmeicheleien! Wer ist von uns beiden schön? +Vielleicht war ich es mal ein wenig, als ich so jung war wie Sie. Heute +sind Sie es.« + +»Nein, nein,« rief Hannes stürmisch, »Sie sind es heute! O, so schön +werd’ ich in meinem ganzen Leben nicht werden.« + +Frau Margot erhob sich schnell, um ihre Verwirrung zu verbergen. +Tag für Tag hatte sie in der Gesellschaft, von allen Offizieren +der Garnison und den sämtlichen Herren der Regierung, ähnliche +Worte vernommen und sie wie einen ihrer Stellung schuldigen Tribut +entgegengenommen. Sie waren ihrem Ohre so bekannt wie den Lippen +der Herren geläufig. Wie man eine Phrase wechselt. Und oft, in den +letzten Jahren, wenn ein neuer, jüngerer Stern am Gesellschaftshimmel +Düsseldorfs erschien, hatte sie innerlich gebangt, es könnte wirklich +eine Phrase sein ... Jetzt aber — dieses Kind — mit dem klaren Blick +und der jugendlichen Begeisterung — Gott, sie wurde ja über die +Lobpreisung verwirrt wie ein junges Ding von sechzehn Jahren, das zum +ersten Male von seinen Reizen erfährt. Wirkte denn diese Jugendlichkeit +ansteckend? + +Sie nahm sich zusammen und ging nachdenklich durch das Zimmer. Dabei +warf sie durch den Türspalt einen Blick in die Schlafkammer. Wie +leuchtend weiß das Stübchen war. Nein, da hinein gehörte kein anderer +Schmuck als die weißen Glieder des schlanken Mädchens. + +»Fräulein Johanna,« sagte sie und blieb vor ihr stehen, »geben Sie mir +mal Ihre Händchen. So. Und damit wollen wir es für heute bewenden +lassen. Wir haben uns gesehen und gesprochen und müssen nun zunächst +unsere Gedanken sammeln. Ein jeder über den anderen. Ich denke,« fügte +sie mit einem ermunternden Blick hinzu, »das soll uns nicht schwer +fallen. Versprechen kann ich Ihnen heute nichts, wenigstens nichts, was +über meine Person hinausgeht. Mein Mann ist gewöhnt, sich seine eigenen +Ansichten zu bilden und danach zu handeln. Aber Sie sind ja noch so +jung und werden abwarten können, besonders, da Sie jetzt wissen, daß +mit mir zu reden ist. Oder wissen Sie das nicht?« + +»Doch, doch,« stammelte die Kleine. + +»Nun, so kommen Sie zuweilen zu mir. Morgen nachmittag, um diese +Stunde. Geben Sie acht, wir werden uns schon befreunden und auch Pläne +schmieden. Ihre Frau Großmutter hoffe ich noch kennen zu lernen. Adieu, +mein Kindchen. Und vergessen Sie nicht: morgen!« + +Hannes knickste und beugte sich sprachlos über die feingeäderte +Frauenhand. Da faßte Frau Margot sie unter das Kinn und küßte sie auf +die Stirn. + +»Adieu, adieu — — —« + +Draußen auf der Straße wartete Springe auf sie. Er tat keine Frage, und +sie gingen eine ganze Weile, ohne zu reden, nebeneinander her. Aber das +Schweigen brachte sie einander näher. + +»Sie sind also meiner Ansicht?« fragte sie endlich unvermittelt und +blieb stehen. + +»Umgekehrt, gnädige Frau, Sie sind der meinen, und das macht mich +froher, als ich sagen kann.« + +»Des kleinen, herzigen Mädchens wegen?« + +»Nein, Ihretwegen, Frau Margot. Sie verstehen mich.« + +Und sie verstand, was er meinte. + +»Hat die Kleine besondere Talente, die man ausbilden könnte? Ich möchte +für alle Fälle etwas für sie tun.« + +»Sie ist überraschend musikalisch. Es würde sich lohnen, sie im Gesang +ausbilden zu lassen.« + +»Sie soll mir morgen etwas vorsingen. Dann werde ich mit einer +Gesangsmeisterin sprechen.« + +»Werden Sie mir erlauben, mein Scherflein dazu beizutragen?« + +»Springe,« meinte sie, »können Sie mir denn gar keine Freude gönnen?« + +»Geteilte Freude ist doppelte Freude. Wenigstens für mich. Ich bin nun +einmal ein Egoist.« + +»Ja,« sagte sie, »mir wird es auch so gehen. Wir beide als gemeinsame +Pflegeeltern — —.« + +»Nun haben wir schon ein gemeinsames Kind.« + +»Springe!« verwies sie ihn empört, aber sie mußte doch über ihn lachen. +»Sie sind und bleiben ein unverbesserlicher —« + +»Optimist,« vollendete er. »Man muß seinem Herrgott für alles danken.« + +Er brachte sie bis vor ihr Haus, und sie verabschiedeten sich mit einem +kameradschaftlichen Händedruck. + +Am nächsten Tage war Hannes gekommen, und sie kam fast Tag für Tag. Es +dauerte lange, bis sie die Scheu vor den glänzenden Räumen überwunden +hatte. Nicht der Komfort war es, der auf ihr lastete, sondern das +ungewisse Gefühl, daß sie hier wie ein heimlicher Dieb aus- und +eingehe. Der Geist Philipp Steinherrs ging sichtbar für sie durch die +Räume. Und ob sie auch den Fabrikanten tagsüber draußen auf seinen +Eisenwerken wußte und keinerlei Überraschung zu befürchten hatte: +daß sie nicht wie ein von allen gern gesehener Gast das Vaterhaus +ihres Hans betreten konnte, bedrängte um des Liebsten willen ihren +Mädchenstolz. + +Frau Margot beobachtete die junge Gesellschafterin mit ungetrübtem +Auge. Sie wünschte den Charakter in allen seinen Phasen zu ergründen. +Und gerade der stumme Seelenkampf, den sie wahrnahm, war es, der ihr +die stärksten Sympathien einflößte. Als sie sich sicher wußte, daß +ihre Zuneigung zu dem äußerlich seltsamen und innerlich so klaren +Wesen eine unerschütterliche geworden sei, begann sie mit festen +Händen in den Bildungsgang ihrer Schutzbefohlenen einzugreifen. Sie +brachte sie persönlich zur Gesangsmeisterin, und als die ernste Frau +beinahe enthusiastisch erklärte, in der Kleinen stecke eine Altistin +von seltener Begabung und seltenem Wohllaut der Stimme, schloß sie auf +der Stelle den Studienvertrag ab, demzufolge Hannes dreimal in der +Woche das Haus der Meisterin zu besuchen hatte. Doch hierbei blieb +Frau Margot nicht stehen. Sie wies das Mädchen an, ihre Sprachstudien +wieder aufzunehmen, führte nach einiger Zeit die Konversation öfters +im englischen oder französischen Idiom, wählte vornehme, deutsche +Lektüre aus und ließ sie wie spielend alle die kleinen Handgriffe +lernen, die eine schöne Frau im Salon als Wirtin oder Gast erst recht +liebenswert erscheinen lassen. Als der Herbst vorüberging und die +Saison anhob, schickte sie das bildungshungrige Mädchen zuweilen in +die großen Konzertaufführungen oder auch ins Theater, das sich damals +eines hohen Rufes erfreute. Und beim nächsten Zusammensein ließ sie +sich die Eindrücke schildern, korrigierte unauffällig den Geschmack und +erläuterte freundlich, was ihrem Fassungsvermögen noch unklar geblieben +war. + +Und der Herbst war nun lange schon vorüber, die Universitätsferien +waren zu Ende gegangen, und Hans war nicht gekommen. Er hatte mit +einigen seiner Kommilitonen sofort von Bonn aus eine Ferienreise +angetreten, die vom Vater mit Vergnügen gesehen wurde und ihn auf +fröhlichen Mittelmeerfahrten zurückhielt. Dann war Philipp Steinherr +ihm entgegengereist, hatte ihn in Bonn equipiert, und Hans hatte seinen +Dienst bei den blauen Husaren angetreten. + +»Der Prophet gilt nichts im Vaterland, wenn er seine Entwicklung unter +den Augen der Nachbarn abmacht,« hatte Philipp Steinherr dem Sohne +erklärt. »Zeige dich den Leuten daheim nicht zu oft in deiner unreifen +Zeit, tobe deine Dummheiten außerhalb der Mauern Düsseldorfs aus, und +man wird, wenn du nach ein paar Jahren zurückkehrst als Doktor der +Rechte, Reserveoffizier und was weiß ich, stets eine Art Respektsperson +in dir sehen und nicht den Allerweltsduzbruder, dem man mit der alten, +plumpen Vertraulichkeit begegnen kann. Ich möchte, daß du daheim einmal +Numero eins wirst.« + +Und Hans hatte sich vorgenommen, sich nicht eher daheim zu zeigen, +als bis er zum mindesten die Tressen erlangt hätte und ihm dadurch, +als Offiziersaspirant, unter den Besuchern seines väterlichen Hauses +von vornherein eine angemessene Stellung gewährleistet sei. Er tat +seinen Dienst mit einem Ehrgeiz, der ihm schnell die Beachtung und das +Wohlwollen seiner kavalleristischen Vorgesetzten eintrug. + +Die Briefe an Hannes wurden in dieser Zeit noch seltener. Er +entschuldigte sich mit seinen tausend Dienstobliegenheiten, Strapazen +und Ärger, und vertröstete auf ein Wiedersehen, das alles klären würde. +Was er sich unter dieser Klärung gedacht hatte, war ihm selbst nicht +bekannt. Nur jetzt nicht nachdenken. + +Daß Hannes bei seiner Mutter verkehrte, war ihm unbekannt geblieben. +Frau Margot hatte gewünscht, daß die Mitteilung unterbliebe, damit der +Junge eines Tages umsomehr von dem Ereignis und den sich an Hannes +so augenfällig bemerkbar machenden Folgen überrascht würde. Aber dem +Jungen eilte es scheinbar ja gar nicht, sich überraschen zu lassen. +Ein Grund mehr, ihn nicht unnötig und voreilig in den inneren Konflikt +zwischen Vater und Mutter hineinzutreiben. + +Ruhig ging das Leben in Düsseldorf seinen Weg. Die geschäftliche +Krisis, welche die ganze deutsche Industrie ergriffen hatte, war +zwar nicht gewichen, aber schon sahen einige Wetterkundige der +Großindustrie Zeichen auftauchen, die auf einen baldigen und jähen +Umschwung hindeuteten. Philipp Steinherr war nicht der letzte, der sie +bemerkte. Aber er sprach kein Wort von besseren Zeiten, von Zeiten, +die der Industrie eine bis dahin in Deutschland unerhörte Hausse +bringen sollten; er handelte auf seine Weise. Als der Sommer kam, +hatte er zu seinen Werken in aller Heimlichkeit einige Etablissements +hinzugekauft, die sich allein nicht mehr zu halten vermochten, +und ließ alsbald unauffällig alle Betriebe in Stand setzen und die +Vorräte an Rohmaterialien für billiges Geld verdoppeln, um beim ersten +beutekündenden Morgenrot sofort gerüstet auf der Schanze zu stehen. + +Da trug man an einem frühen Sommerabend den unersättlichen Mann auf +einer Bahre ins Haus. Während einer hitzigen Auseinandersetzung auf dem +Werk war er vom Schlag getroffen umgesunken. + +Es war noch Leben in ihm, als man ihn in seinem Zimmer bettete. Zwei +der besten Ärzte hielten bei ihm Wacht, bis ihm das Bewußtsein dämmernd +zurückkehrte. Frau Margot, furchtbar erregt und an nichts anderes +denkend als an die Linderung seiner Schmerzen, wich und wankte nicht +von seinem Lager. + +Philipp Steinherr öffnete den Mund. Sein Bestreben, Laute +hervorzubringen, war schrecklich anzusehen. Er rollte die Augen hin und +her, als ob er jemand suche. »Hans — —« quoll es ihm undeutlich über +die Lippen. Er hatte seinem Nachfolger noch so viel zu sagen. + +»Es ist nach ihm depeschiert, Philipp,« beruhigte Frau Margot, kaum im +stande, sich auf den Füßen zu halten. »Er kann bald hier sein.« + +Sie legte ihm die Hand auf die feuchte Stirn, und der Mann, der nie +im Leben nach einer schmeichelnden Frauenhand viel Verlangen getragen +hatte, empfand im Sterben den wohltuenden Zauber der Berührung. Seine +angstvoll starrenden Blicke wurden weicher, er hob mit Aufbietung aller +Kräfte die Hand, um sie auf ihre Hand zu legen. Dann verschied er in +den Armen seiner Frau. — — — + +Als Frau Margot totenblaß durch die Zimmer schritt, schlug ein leises +Weinen an ihr Ohr. Sie stutzte. Wer konnte da so heiß um den Toten +trauern, der im Leben keine Freunde besessen und sie auch nie gewollt +hatte? Sie schlug die Portière zu dem Kabinett zurück, das an ihr +Schlafzimmer stieß, und erblickte Hannes. + +»Was machen Sie hier, Kind?« fragte sie tonlos. + +Da warf sich das Mädchen an ihren Hals und schluchzte in wilder Angst. + +»Wie wird er das nur ertragen, wie wird er das nur ertragen — — —« + +»Sei still, mein Töchterchen,« sagte Frau Margot, »wir müssen einer dem +anderen beistehen.« + +Sie hatte dem fremden Kinde gegenüber das erste Du gefunden. + +»Im Salon — ist — noch jemand,« brachte Hannes unter den Tränen hervor. + +Frau Margot befreite sich sanft aus der Umarmung und schritt durch die +Zimmer weiter zum Salon. Sie wußte, daß es Springe war. Und Heinrich +Springe ging ihr, als er ihren Schritt hörte, entgegen und nahm stumm +ihre Hände in die seinen und drückte sie. + +»Ich bleibe hier,« sagte er dann, »vielleicht kann ich Ihnen etwas +abnehmen. Aber Sie müssen sich jetzt unbedingt zurückziehen. Tun Sie es +Ihrem Jungen zuliebe, der jeden Augenblick kommen kann, damit Sie ihm +Fassung zeigen können, wenn er die seine verliert.« + +Sie nickte bloß zu seinen Worten und ging. + +Die Dienstboten hatten die Rollläden heruntergelassen und im +Treppenhaus das Licht entzündet. Der Sommerabend senkte sich tief herab. + +Da rasselte ein Säbel auf der Treppe, Sporen klirrten, und bald darauf +gellte ein Schrei durch das Haus: »Papa, Papa — — —!« + +Nach einer halben Stunde wankte Hans aus dem Zimmer. Er hatte die +besänftigenden Worte der Mutter kaum gehört, wiederum war sein Leben +widerstandslos von den neuen Eindrücken überwältigt worden, und er fand +nicht den Halt in sich selbst. + +Er vermochte die schwere Luft im Hause nicht zu ertragen, nach +anderthalbjähriger Abwesenheit kamen ihm die Räume fremd vor, die +Dienstbotengesichter waren ihm unbekannt. Und allein wollte er +sein, allein, um alles zu begreifen und eine äußerliche Haltung +zurückzugewinnen. + +Er stolperte durch den dunklen Garten nach der Laube, in der er als +Primaner so oft Verse gedichtet hatte. Vom Gartentisch, an dem sie +gesessen hatte, erhob sich eine Gestalt, die der Mond hell beschien. +Das feine Gesicht, die tiefen Augen, das leuchtende Haar — das war +doch, das war doch — — + +»Hans —« sagte da die Stimme, die nur der Liebsten gehören konnte. + +Und als er vor ihr stand, schreckhaft weiß, trocken brennenden Auges +und der Sprache beraubt, trat sie auf ihn zu und nahm sein kaltes +Gesicht zwischen ihre Hände und küßte ihn leise zum Willkommen. + +»So weine doch,« sagte sie, »so weine doch nur ...« + +Da löste es sich in seiner Brust, da war ihm, als hörte er ferne +Heimatsglocken rufen, und sie riefen näher und näher und löschten aus, +was zwischen fern und nah lag. Den Kopf an der Schulter des Mädchens, +weinte er und weinte — um alle seine Verluste. + +[Illustration] + + + + +Zehntes Kapitel + + +Das Trauerjahr war zu Ende gegangen. + +Nach wie vor leuchtete der Name »Philipp Steinherr« in großen +Metallbuchstaben an den Oberbilker Eisenwerken, aber der, der den +Namen in harten, unvergänglichen Zügen geschaffen hatte, war nicht +unersetzlich geblieben. + +»Ist es nicht ein schwermütiger Gedanke,« hatte einst Frau Margot +im Gespräch mit dem Freunde geäußert, »daß kein Mensch eine Lücke +hinterläßt? Es wird Morgen und es wird Abend und wieder Morgen, und das +Leben schreitet fort und Handel und Wandel, und keiner dreht sich um +nach dem, der einst war und ohne dessen Stimme sonst kein Unternehmen +möglich schien. Was hat da aller Ehrgeiz genutzt, wenn jedes Ding so +bald unpersönlich wird?« + +»Nein, Frau Margot,« hatte Heinrich Springe geantwortet, »darin kann +ich keinen Grund zur Klage sehen. Für mich liegt gerade in dem Umstand, +daß kein Mensch unersetzlich ist, etwas ungemein Tröstliches und — +Aufrüttelndes. Inwiefern Tröstliches, meinen Sie? Nun, weil es auf +die Dauer auch den größten Schmerz paralysiert, wenn die beständig +mahnende Kluft fehlt; denn sonst würde die Vernichtung eines jeden +Menschenlebens die Vernichtung einer Anzahl anderer Menschenleben nach +sich ziehen und so fort bis ins Unendliche. Die Selbstzerfleischung +aber kann nie der Zweck einer Schöpfung sein. Der Mahner Tod schwindet +hin wie ein Phantom, weil wir seine Spur nicht mehr sehen, die Lust zum +Leben, die erschreckt den Kopf unter die Flügel gezogen hatte, wagt +sich scheu hervor, blinzelt mit den Augen und bemerkt, daß sie nach +wie vor und trotz heftigen Sträubens den Duft der Rosen empfindet, +den Gesang der Vögel vernimmt und das Licht der goldenen Sonne sieht. +Und damit komme ich zu dem, was ich das Aufrüttelnde der Idee nennen +möchte. Wenn wir erst einmal gewahr geworden sind, daß das Leben +nach der Spanne, die es uns läßt, uns nicht vermißt, so sollen ~wir~ +hingegen, ~während~ dieser Spanne, nichts vom Leben missen wollen, +sondern bei dem kurzen Besuch alle Gastgeschenke entgegennehmen und, +wenn’s not tut, sie seinem Reichtum entreißen. Damit nehmen wir +unserem Toten nichts und schaffen uns Lebendigen unser Recht. Es ist +eine fixe Idee, wenn man glaubt, man komme über den Schmerz um einen +Dahingeschiedenen nie mehr hinweg, wenn man sich um diesen Schmerz +lebendig begraben will, und läßt doch bei dem geringsten Zahnweh +einen Arzt zur Hilfe rufen. Für ehrliche Naturen sollte es keine +Inkonsequenzen geben, auch aus Gefühls- und Pietätsgründen nicht. +Entweder — oder!« + +»Also Witwenverbrennung — ich meine damit natürlich mehr, das +Auslöschen alles dessen, was er hinterlassen hat —« sagte sie +nachdenklich, »oder —?« + +»Hand ans Steuer,« vollendete er. »Nur nicht das widersinnige +Vegetieren, dies halbe Verzichtleisten und Nirgendhingehören, das +vielleicht einer Generation Schaden und uns keine Zufriedenheit bringt.« + +»Und wenn wir nun die Hand ans Steuer legen? Auch uns wird es eines +Tages entzogen.« + +»Verstehen Sie denn darin nicht die Größe des Gedankens, Frau Margot? +Es wird kein Unterschied gemacht! Auch bei unseren Nachfolgern nicht! +Ein endgültiges Triumphieren gibt’s nicht! Herr Gott, bei solchem +maschenlosen Kommunismus verliert der Tod doch jeden Schrecken.« + +»Und die Werke, die wir zurücklassen müssen und die in fremde Hände +übergehen? Ist das nicht quälend?« + +»Der Kopfschmerz, den wir uns darüber machen, vergeht in dem Moment, +in dem wir die Augen schließen. Sind wir am Abend unseres Daseins +mit dem Bestand unserer Werke und mit uns zufrieden, so ist uns die +Krone des Lebens geworden. Und wissen wir überdies, daß wir kein +Glück vorbeiließen, soweit es uns erreichbar war, so sind wir selbst +nach unserem Tode noch glücklich zu schätzen. Darum sag’ ich: bis +zum letzten Atemzug die Hacken einschlagen in die Felsen und Quellen +hervorrufen, aus denen wir trinken können. Austrinken, wenn es uns +schmeckt. Das nachfolgende Leben ist nicht auf unsere zwei Augen +gestellt, so wenig wie das unsere auf die Augen unserer Vordermänner. +Es rauschen immer wieder neue Brunnen.« + +»Sie sind ein Lebenskünstler, Heinrich Springe. Woher haben Sie diese +hieb- und stichfeste Weisheit genommen — —« + +Dann bot er ihr den Arm und führte sie in den Garten, zu den Rosen. + +»Wie sie blühen und duften,« sagte er. »Und sie schießen und sprießen +aus demselben Stock hervor, der im letzten Herbst verblüht war. Liebste +Frau: es gibt kein Jahr, in dem nicht Rosen blühen.« — — — + +Und auch in Frau Margot blühten die Rosen auf, die so lange +durchwintert hatten. + +Hans Steinherr hatte am Tage nach der Beerdigung seines Vaters den +Freund in seiner Wohnung aufgesucht, um sich wegen der Fortführung +der Werke Rats zu holen. Nach längerer ernster Konferenz war +man übereingekommen, sich zu Frau Margot zu begeben, um ihr die +einstweiligen Pläne zur Begutachtung vorzulegen. + +»Ich habe ja nicht die geringste Ahnung von dem Wesen der +Betriebsführung und rationeller Fabrikationswirtschaft,« hatte Springe +geäußert, »und daß Hans mir in diesen Dingen nichts weniger als +überlegen ist, bedeutet auch gerade keinen Trost. Wollen Sie jedoch +die Meinung eines sonst ziemlich klarblickenden Menschen haben, so +ist es die: Lassen Sie den Oberingenieur der Firma rufen. Der Mann +ist zwanzig Jahre im Dienst und hat die ganze Entwicklung der Werke +mit durchgemacht. Er weiß um alle Zukunftspläne und hat Interesse an +ihrem Werden, weil sein geistiges Kapital darin angelegt ist. Das ist +aber nicht genug. Soll die ganze Leitung in seine Hände übergehen, so +muß seine Bedeutung nach außen hin gesteigert werden. Seiner selbst +wegen, damit er nicht auf Konkurrenzgedanken kommt, und der Beamten +und Arbeiter der Fabrik wegen, damit sie mit Respekt seinen Weisungen +folgen. Das scheint mir aber nur möglich, wenn Sie ihn zum Teilhaber +ernennen. Geben Sie ihm den Titel und beteiligen Sie ihn — neben +seinem festen Gehalt — mit einem gewissen Prozentsatz am Reingewinn. +Sie werden pekuniär gut dabei fahren und vor allem jeder Sorge +überhoben sein.« + +Der Abend war mit Verhandlungen mit dem Oberingenieur ausgefüllt +worden, der sich als ein kluger und ruhiger Mann erwies. Die +Eintragungen in das Firmenregister hatten bald darauf stattgefunden. +Hans war zu seinem Regiment zurückgekehrt, und nun lief die Zeit wieder +hin, als wäre in ihrem Gleise keine Unebenheit gewesen. + +Hans hatte von seinem Kommandeur die Erlaubnis erhalten, die erste +achtwöchentliche Reserveübung sofort an das Dienstjahr anschließen +zu dürfen. Dadurch wurde er der Notwendigkeit enthoben, sich bis zum +Beginn des neuen Semesters nach Hause begeben zu müssen, denn eine +andere Reise erschien ihm jetzt nicht passend. Vor den Verhältnissen +daheim aber bangte ihm. Er wußte nun um das Verhältnis Johannas zu +seiner Mutter, er sah voraus, daß man ihm keine Hindernisse mehr in +den Weg legen, sondern im Gegenteil an seinen Besuch frohe Erwartungen +knüpfen würde. Und diese Erwartungsfreudigkeit war ihm unbequem, sie +war ihm geradezu fatal. + +Nun stand er dicht vor dem Reserveoffizier, und er setzte allen Ehrgeiz +darein, nicht zum Train abgeschoben zu werden, sondern beim Regiment +weiter zu bleiben. Die Anschauungen seiner neuen Freunde, seiner ganzen +Umgebung, hatten viel zu stark auf ihn abgefärbt, als daß er im stande +gewesen wäre, sich ein anderes Glück zu denken, als das von seinem +ganzen Kreise akklamierte und — beneidete. + +Hannes’ auffallende Mädchenschönheit tauchte vor ihm auf. Er wich +dem Bilde betreten aus, dann aber blickte er verstohlen hin und sein +Auge begann zu strahlen und sein Herz zu schlagen, je länger er es +ins Auge faßte. Dies letzte Wiedersehen! Als sie in der Laube vor ihm +stand, eine andere, schönere; und doch dieselbe, liebe. Nie, nein nie +und nirgends hatte er ein so starkes, überquellendes und wiederum so +beruhigendes Heimatsgefühl gehabt, wie in der Stunde, da er an ihrem +Halse hing und sie ihn das befreiende Weinen lehrte ... + +»Keine würde sie übertreffen,« dachte er selig, »keine ihr +gleichkommen. Sie hat den Mund einer Geliebten und die Augen einer +Mutter.« + +Plötzlich übergoß flammende Röte seine Stirn, und er wandte sich rasch +ab und trommelte nervös gegen die Fensterscheiben. + +»Aber wenn es auskäme? Ihre Herkunft, ihre Familie, ihre — Geburt? +Und es kommt aus,« rief er laut, »so was bleibt nie verheimlicht, +dafür sorgen die guten Freunde. Man wird zu tuscheln anfangen und sich +erzählen und alles mehr noch übertreiben, als ob es nicht so schon +genug wäre. Man brauchte nur zu erfahren, daß sie als Kind zum Modell +gesessen hat. Ob nur zu einem Engelsköpfchen, danach fragt ja die +Menschheit nicht. Da heißt es einfach: Modell! Und jeder denkt sich +ein Manko an Schamhaftigkeit dabei. Himmel und Hölle, weshalb mußte +die Alte auch einen solchen Unfug zugeben. Vererbtes Blut, schlechte +Erziehung — wo sind da die Kautelen? Als Primaner denkt man ja an +nichts anderes, als an das Gesichtchen. Aber ich bin kein Primaner +mehr. Ich habe Verpflichtungen gegen meine Gesellschaft. Ich würde +mich mit sehenden Augen unmöglich machen, nicht den Verkehr einhalten +können, den ich haben will und muß. Wenn’s ein anderer wäre, ich würde +doch ganz genau so darüber denken. Da kann und darf ich mich nicht +ausschließen wollen. + +Und dabei hab’ ich doch das Mädchen so lieb —« + +»Ruhe, Ruhe. Nichts überstürzen. Zeit gewinnen, nur Zeit gewinnen.« — + +Von Bonn ging er auf zwei weitere Semester nach Heidelberg. Auch hier +wurde er bei einem Korps aktiv, aber er betrieb doch mit einer gewissen +Regelmäßigkeit seinen Studiengang. Als der Herbst kam, bereitete er +sich auf die Übersiedlung nach Berlin vor; da erhielt er einen Brief +Heinrich Springes, der ihn bat, diesmal einen Teil der Ferien zu Hause +zu verbringen, da er verschiedenes mit ihm zu besprechen habe, das am +angenehmsten an Ort und Stelle seine Erledigung fände. Es war ihm nicht +sympathisch. Aber er mochte auch den alten Freund nicht vor den Kopf +stoßen und reiste an einem der nächsten Tage ab. — — + +Für Hannes war das letzte Jahr wie das vorletzte geblieben. Sie nahm +das Studium mit einem Ernst, der weit über ihre achtzehn Jahre ging, +und wenn sich Ermüdung einstellte, dachte sie an den Geliebten, +lächelte jede Mattigkeit hinweg und sprach vor sich hin: »Ich tue es ja +nicht für mich, ich tue es ja für ihn.« + +In ihren äußeren Verhältnissen waren einige Änderungen eingetreten. +Großmutter Stahl brauchte nicht mehr von Haus zu Haus ihrer Kundschaft +nachzugehen. Die Herren von Burg Springe hatten sie feierlich zur +Palastdame, Verwalterin und Oberschließerin auf Burg Springe ernannt, +eine Beschäftigung, die den Tag der alten Frau nicht allzusehr +bedrückte, aber dennoch ausfüllte. Zuerst hatte sie nicht gewollt. Sie +witterte ein verstecktes Almosen. Als ihr aber Herr Friedrich Leopold +in beweglichen Worten seine Not klagte und die aus Rand und Band +gehende Junggesellenwirtschaft beschrieb, da bedurfte es nur noch eines +kläglichen Hinweises auf den Verfall von Leib- und Tischwäsche — der +alte Herr raunte mit bekümmertem Gesicht der alten Frau einige Worte +ins Ohr und zeichnete dazu mit der Hand ein paar riesenhafte Ellipsen +in die Luft, um ihr die schreienden Defekte in ihrer Größe einigermaßen +klar zu machen — und Frau Stahl quittierte ihre sämtlichen Dienste in +anderen Häusern, um den Rest ihrer Kräfte der Ordnung auf Burg Springe +zu weihen. Die Wohnung in der Pempelforterstraße aber behielt sie +bei; nur die Einrichtung wurde nach und nach etwas komplettiert. »Sie +könne in ihren Jahren keine Luftveränderung mehr vertragen,« sagte sie +zu Frau Margot, die ihr riet, eine bequemere Wohnung zu nehmen. »Wie +gelebt, so gestorben.« + +In Burg Springe schlug das Leben seitdem höhere Wogen. Wenn Hannes +kam, um ihre Großmutter abzuholen, oder mit Herrn Friedrich Leopold +ein Stündchen zu verschwatzen und Herrn Heinrich beim Malen zuzusehen, +»dann wurde es Tag«, wie der alte Kavalier strahlend erklärte. Dann +zog die Jugend durch alle Räume und ließ die seinen Silberglöckchen +klingen, und die sonderbaren Burgbewohner, die immer die Fallbrücke in +Bereitschaft hielten, um die Jugend bei sich einzulassen, schworen, sie +wären keinen Tag älter als Hannes. Es ging von dem Mädchen ein Fluidum +aus, rein und stärkend wie die Wasser eines Jungbrunnens. + +An schmeichelnden Sommerabenden setzte sich Heinrich Springe an seinen +Flügel und Hannes ließ ihren warmen Alt erklingen. Und wenn die +Lieder ausgeströmt waren und die Stimmung sich so seltsam verdichtet +hatte, daß nur noch etwas Außergewöhnliches geschehen durfte, um den +glücklichen Zauber zu halten, dann führte Herr Friedrich Leopold an +zierlich gespreizter Hand die rüstige Altersgenossin Frau Stahl vor, +und sie mochte wollen oder nicht, sie mußte mit ihm zu Heinrichs +Begleitung ein köstlich-steifes Menuett aus der guten alten Zeit +exerzieren. Das war an den Abenden, an denen Frau Margot zugegen war, +die nach der Eintönigkeit des vergangenen Trauerjahres nun oft im +Vorbeigehen heraufgeschlüpft kam, um, wie sie sagte, ihre Seele zu +füttern. Und an dem Abend, an dem das Weinlaub der Veranda herbstlich +rot erglühte, hatte sie mit Heinrich Springe an der Brüstung gestanden, +und die Fröhlichkeit, die aus dem Zimmer zu ihnen drang, gab ihrer +stummen Stimmung das Relief. + +Sie lehnten nebeneinander und sahen geradeaus, in den farbenprangenden +Abend hinein. + +»Frau Margot,« sagte dann Springe, aber keins von ihnen änderte die +Richtung des Blickes, »ich habe Sie bis heute nicht fragen wollen.« + +»Lieber Freund, ich bin nicht mehr die kleine Margot, die Sie im +Gedächtnis haben. Ich bin eine Frau, die den Höhepunkt überschritten +hat. Bedenken Sie das.« + +»Wir beide haben erst den Höhepunkt überschritten, wenn wir uns nicht +mehr lieben.« + +»Und das ist nicht möglich,« sagte sie und legte ihre Hand auf die +seine. + +Sie schauten, nebeneinander lehnend, in den Abend wie vorher; aber es +war ihnen, als wäre Luft und Licht noch wohltuender geworden. + +»Wann, Margot?« fragte er nur. + +Und sie antwortete: »Wann du willst. Nur ordne mir auch das +Glücksbedürfnis meines Jungen ...« + +Da beugte er sich über die feingeäderte Hand, die wie ein Marmorgebilde +auf der Verandenbrüstung ruhte, und küßte sie. + + * * * * * + +Hans war angekommen. + +Als Frau Margot, die ihren Jungen von der Bahn abgeholt hatte, ihm im +Wagen gegenübersaß, wußte sie nicht das rechte Wort zu finden, ihn im +Sturm einzunehmen. Hans hatte sich bei der Begrüßung sehr zärtlich +gezeigt, aber es war doch mehr die liebenswürdige Aufmerksamkeit +eines chevaleresken Sohnes zur Mutter gewesen. Nun suchte sie ihn +während der Fahrt zu beobachten und Vergleiche zwischen früher und +jetzt anzustellen. Sie hatte sich ihren Jungen nicht gar so erwachsen +gedacht. Hans war stärker geworden und breiter in den Schultern. Sein +welliges braunes Haar war der Schere zum Opfer gefallen und so kurz +geschnitten, wie es der durchgeführte Scheitel nur eben zuließ. Auch +sein kräftiger dunkler Schnurrbart zeigte eine offiziersmäßige Form. +Das Gesicht war röter geworden und die Studentennarben auf Stirn und +Wangen zogen scharfe, purpurne Linien hinein. Um die Augen herum liefen +tiefe Schatten, die von durchtollten Nächten sprachen. + +Es wurde Frau Margot eigentümlich zu Mute bei dieser Entdeckung. Hatte +sie geseufzt? Worüber? Weshalb? + +Der Sohn erkundigte sich teilnehmend, ob sie sich nicht ganz wohl fühle? + +»O doch,« gab sie freundlich zur Antwort. »Ich bin nur froh, daß du da +bist.« + +»Weißt du, was Springe von mir will? Er zitierte mich mit solcher +Bestimmtheit her.« + +Welchen Ton er sich angewöhnt hatte — —. In den wenigen Worten schon +lag die ganze Veränderung seines Wesens. + +»Ich möchte unserem Freunde nicht vorgreifen,« erwiderte sie +reserviert. »Du wirst wohl gleich zu ihm wollen?« + +»Es eilt nicht, Mama. Jedenfalls möchte ich mich zunächst umkleiden +und, wenn du gestattest, ein Glas Wein bei dir trinken. Diniert habe +ich bereits in Köln auf dem Bahnhof.« + +Sie nickte nur, und schweigend kamen sie zu Hause an. + +Eine Stunde später verabschiedete er sich von der Mutter. Der rasch +genossene Wein brauste ihm im Blut, und er freute sich auf einen +Spaziergang durch den kühlen Herbsttag. Als der Hofgarten in Sicht +kam, zog es ihn unwiderstehlich nach der Pempelforterstraße. Er wollte +nur an dem Hause vorübergehen und dann zurückkehren, um Springe +aufzusuchen. Doch nachher konnte er sich nicht enthalten. Weshalb nicht +auf einen Sprung hinauf? Die Großmutter würde nicht daheim sein und +Hannes — Hannes allein. Alle Pulse klopften ihm. Da war er auch schon +oben und klingelte. + +»Hans!« + +Das Mädchen war zuerst einen Schritt zurückgetreten. Dann kam sie +hastig vor, faßte ihn bei den Händen und zog ihn in das Zimmer. Seine +Hände in den ihren, starrte sie ihn eine Minute an. Das Schweigen wurde +ihm peinlich, und er machte eine Bewegung. Da schüttelte sie den Kopf, +als wollte sie die aufsteigenden Gedanken verjagen, und warf, einem +jähen Impulse folgend, die Arme um seinen Hals. + +»Da bist du, da bist du,« wiederholte sie nur immer, und ihr junger, +warmer Mädchenkörper zuckte vor Erregung in seinen Armen. + +»Kind, Kind, wer wird sich denn so aufregen!« + +»O laß mich doch, laß mich doch. Ich wußte ja kaum noch, ob du lebtest.« + +»Mir ist das viele Briefschreiben ein Greuel. Damit wird dich auch Mama +getröstet haben.« + +»Mama —?« Sie ließ seinen Nacken los und lächelte eigen vor sich hin. + +»Nun, Johanna, was soll denn das?« + +»Mama ist der Meinung, daß ich regelmäßig Nachrichten von dir gehabt +hätte.« + +»Wie ist denn das möglich? Hat sie denn nie gefragt?« + +»Doch, doch. Gerade, weil sie gefragt hat. Da hab’ ich ihr das ja +gesagt.« + +»Daß du Nachrichten von mir hättest? Ja warum denn, um alles in der +Welt?« + +Sie sah ihn an. Sie fühlte, daß er sie nicht verstand, daß er ihre +Tapferkeit nicht verstand. Und plötzlich merkte sie, daß all ihre +Freude erstorben, daß ihr Blut eiskalt geworden war. + +»Weil ich mich für dich schämte,« sagte sie und richtete sich ruhig auf. + +»Was —?« fragte er erstaunt, als hätte er nicht recht gehört. »Weil du +dich — für mich — —? Ach, du scherzest wohl.« + +»Wie du dich verändert hast,« entgegnete sie nur und betrachtete ihn +ernst. Sein Gesicht hatte keine Geheimnisse für sie. Sie las aus den +kleinen Spuren sein ganzes Leben. + +»Darf ich vielleicht wissen, weshalb du es für nötig hieltst, dich für +mich zu schämen?« fragte er zornig. + +Da fuhr auch sie auf. + +»Nein! Das darfst du ~nicht~ wissen, wenn du es wirklich nicht längst +schon weißt.« + +»Ich bitte mir ein besseres Benehmen aus. Das ist nicht der Ton, in dem +wir eine Unterhaltung führen können.« + +»O — —! Und ~dein~ Benehmen? Dein Benehmen gegen mich? Daß du mich fast +ein Jahr lang auf eine Zeile warten ließest? Das ist wohl ganz was +anderes!« + +Er suchte nach einer Antwort, um der aufsteigenden Scham zu begegnen. +Und plötzlich, nur von dem Gefühl getrieben, nicht als der Besiegte +zu erscheinen, stieß er brüsk hervor: »Vergiß doch nicht, daß wir +durchaus nicht offiziell verlobt sind. Dann freilich, dann wäre es +unverantwortlich von mir gehandelt gewesen. So aber trifft mich auch +nicht der kleinste Vorwurf.« + +Sie wurde mit einem Male merkwürdig ruhig. Noch ein paar schnelle +Atemzüge, und sie konnte lächeln. + +»Reden wir nicht davon. Es hat keinen Zweck. Einer von uns spricht +Chinesisch.« + +Dann bot sie ihm mit heiterem Wesen einen Stuhl an und setzte sich mit +einer kleinen Handarbeit an den Tisch. Ganz korrekt, ganz über der +Situation stehend, wie eine große Dame, dieses junge Geschöpf ... + +»Großmama wird sehr bedauern. Es ist zwar nicht ganz schicklich, daß +wir hier so mutterseelenallein sitzen. Aber für ein paar Minuten — das +hat wohl nichts zu bedeuten.« + +Er biß sich auf die Lippen. Sie machte sich lustig über ihn! — — Da +verlor er den Kopf. + +»Hannes,« begann er, und nun sprudelten die Worte hervor und +überstürzten sich, »Hannes, ich hab’ dich lieb. Daran zweifelst du +doch hoffentlich nicht. Ich habe dich genau so lieb wie früher. Aber +dem Leben da draußen ist nicht nur mit der Liebe gedient. Wir — ich +mein’ die Menschen, die auf sich halten — wir haben ernstere Pflichten +gegenüber der Gesamtheit als die große Masse gegen sich. Wir bilden die +Elite. Und deshalb dürfen wir uns nicht leichtsinnig eine Blöße, eine +Angriffsfläche geben. Was den einzelnen von uns trifft, das trifft uns +alle. Wir sind sozusagen ein Körper und eine Seele. Verstehst du das?« + +»Ich wußte bisher nur, daß zwei, die sich lieben, das zu sein hätten +...« + +»Aber natürlich. Das hab’ ich doch wohl nicht in Abrede gestellt. Ich +spreche hier aber von dem Kreise, in dem ich zu leben habe, von den +Leuten aus gutem Hause und von guter Erziehung. Siehst du, Hannes, das +sind die Konflikte, die an mir herumreißen. Ich habe dich so lieb — wer +könnte dich nicht lieb haben — aber nun sei einmal mein vernünftiges +Mädchen.« + +»Ich bin dein vernünftiges Mädchen,« sagte sie und zwang den +stürmischen Atem zurück. + +»Also, Hannes; dann wird es uns leicht werden. Ganz offen, nicht +wahr, ganz offen! Ich habe nun einmal einen Platz in der Gesellschaft +einzunehmen. Und deine Mutter — deine Mutter besaß keinen Frauennamen.« + +»Nein; aber sie besaß die Frauenliebe.« + +»Aber davon versteht die Welt doch nichts,« rief er aufgebracht, »dazu +ist doch die Welt zu dumm!« + +»Und trotzdem — —? Armer Hans.« + +»Du scheinst bei meiner Mutter viel gelernt zu haben,« sagte er und +stand auf. + +»Ich wollte dich nicht kränken. Aber ich habe dich viel zu lieb, als +daß ich dich so hören könnte.« + +»Hannes,« bestürmte er sie von neuem und zog sie an sich, »es ist ja +nur eine bloße Formalität, die ich verlange. Ich habe ja allen Respekt +vor deiner Mutter, aber die Leute, auf die es für uns ankommt, denken +darüber anders. Wir wollen zu Springe hingehen. Wir wollen ihm alles +vorstellen und ihn bitten, zu helfen. Er soll dich adoptieren. Dagegen +wird er bei seinen Anschauungen nichts haben. Du erhältst einen guten +Namen und wir heiraten und ziehen nach München, nach Berlin, wohin du +willst. Mit der Fabrik will ich ja doch nichts zu tun haben. Hannes, +ich bitte dich. Hannes — — was hast du denn? Was fällt dir denn ein?« + +Sie hatte sich mit einer energischen Bewegung freigemacht und vom +Wandhaken ihren Hut gerissen. + +»Soll ~ich~ gehen, oder willst ~du~ gehen?« + +»Hannes, Liebste, versteh mich doch nicht falsch. Kannst du mir denn +kein Opfer bringen?« + +»O doch,« lachte sie und nestelte ihren Hut auf, »das größte; dasselbe +Opfer, das meine Mutter gebracht hat. Wenn es darum ging’! Wenn +es nicht anders wär’! Das wär’ doch wenigstens Stolz! Kein feiges +Einschleichen, wie du es von mir verlangst. Gib dir keine Müh’ mit mir. +Ich will nichts mehr hören, als das eine: Soll ~ich~ gehen, oder willst +~du~ gehen?« + +Er war gegangen. Rot vor Zorn und Scham. Aber wie in einer Muschel, in +der sich, unentrinnbar, die Stimme des ewigen Meeres gefangen hat, so +schallte, unentrinnbar ihr, eine Stimme in seinem Innern. »Scham ist +Feigheit — Scham ist Feigheit.« + +Die alte Frau Stahl hatte es gesagt, droben in dem Stübchen. Und droben +in dem Stübchen rang jetzt ein junges, wildes Blut mit dem ganzen +Stolz die Verzweiflung nieder. Der Sommernachtstraum, den sie im Park +zu Benrath geträumt hatte — Sommernacht? Es war doch Herbst gewesen, +Herbst wie heute. Der Ring hatte sich geschlossen. + +Sie saß gerade aufgerichtet auf dem Stuhl, den Hut auf dem Schoß, und +starrte ins Leere. Nicht mit der Wimper wollte sie zucken. Aber die +Tränen nahmen keine Notiz davon. Sie kamen tief aus dem Innern und +rollten langsam über die Wangen und tropften heiß auf die Hände. Ein +Abschied — —. + + * * * * * + +Heinrich Springe ging auf dem Trottoir vor seiner Haustür auf und +ab und zog jeden Augenblick aufs neue seine Uhr. Wo nur der Hans +blieb? Er hätte schon seit Stunden bei ihm sein können. Sollte Frau +Margot vorgezogen haben, zuerst mit ihrem Sohne zu sprechen, und Hans +Einwendungen zu machen haben? Dem wartenden Manne war es auf seinem +Atelier ordentlich unheimlich geworden. Ahnungen durchflatterten das +Zimmer und schreckten ihn auf. »Wie Fledermäuse,« dachte er und sah +sich um. Er hatte doch sonst nicht an Nervosität gelitten. + +»Die Liebe macht doch selbst die Vernünftigsten zu schreckhaften +Kindern,« sagte er kopfschüttelnd. »Vielleicht, weil ihre Vernunft +begreift, was das Herz zu verlieren hat.« + +Damit nahm er seinen Hut, um vor dem Hause nach Hans auszuspähen. + +Endlich! Dort kam er von der Oststraße her, den Hut etwas schief, das +Jackett aufgeknöpft und den Stock wagrecht unter dem Arm. + +»Achtung, mein Junge, du läufst zu weit.« + +»Ah, da bist du ja selbst. Guten Tag, Heinrich. Wie geht’s? Wollen wir +einen Spaziergang unternehmen? Es plaudert sich im Freien am besten.« + +»Lieber wär’s mir, wenn du mit mir hinaufgehen wolltest. Wir sind oben +ungestörter.« + +»Na, gar so feierlich wird’s doch nicht sein.« + +»Wie man’s nimmt, mein Junge. Für mich soll’s, so Gott will, eine +Feierstunde werden.« + +Sie saßen sich im Atelier gegenüber, wie vor Jahren. Aber der Jüngere +war älter geworden, und der Ältere jung geblieben. Das sahen sie beide +auf den ersten Blick, und es schlich sich ein Fremdes zwischen sie. + +Heinrich Springe schüttelte den Bann ab. Freimütig blickte er den +einstigen Schützling an und legte ihm die Hand aufs Knie. + +»Laß mich gleich mitten in die Sache hineingehen, Hans. Umschweife +würden sich für uns nicht schicken, und sie passen auch nicht zu meiner +Art. Nur eines sollst du mir vorher sagen: ob du mir noch so vertraust +...« + +»Aber gewiß ...« + +»Das genügt mir. Ich brauche also nicht zu erwähnen, daß keinerlei +Interessen bestimmend für mich sein konnten. Hans, ich habe deine +Mutter gekannt, als sie noch ein kleines Mädchen war, und ich habe sie +mit meiner Knabenliebe geliebt. Du weißt ja selbst, was Jugendliebe +bedeutet, nur daß du glücklicher darin bist, als ich es war. Wir waren +beide arm, deine Mutter konnte nicht warten und heiratete deinen +Vater, und ich — ich habe keine andere Frau mehr lieb gehabt. Und +nun, Hans, und nun — haben wir uns wieder zusammen gefunden. Und der +Kindheitsglaube an das Glück hat sich auch wieder eingefunden. Und nun +möchten wir drei für immer zusammen bleiben: deine Mutter, dein Freund +und der Kindheitsglaube.« + +Er stand auf und fuhr sich über die Stirn. + +»Das war’s, was ich dir persönlich sagen wollte, was sich brieflich +überhaupt nicht ausdrücken läßt. Deshalb bat ich dich her. Und ich +meine, dies Atelier, in dem auch du mir einmal von deiner Jugendliebe +erzähltest, war die richtige Umgebung für diese Minute. — Du antwortest +nicht? Hat es dich so überrascht?« + +»Das — das — verstehe ich nicht,« stieß Hans kurz hervor und erhob sich +gleichfalls. + +»Soll ich es dir — ausführlicher erklären?« + +»O ich danke dir. Die Erzählung selbst ist mir schon aufgegangen. Aber +daß meine Mutter es über sich gewinnt, daran zu denken, in ihren Jahren +daran zu denken —« + +»Schau sie dir doch an, Junge,« sagte Springe lächelnd, »und dann +wiederhole das von den Jahren.« + +»Einerlei. Und gerade ~du~ und sie. Spürt ihr denn nicht die Indezenz, +die darin für mich liegt?« + +»Was sollen wir spüren?« fragte Springe verblüfft. »Was liegt für dich +darin? Ja, mit wem sprech’ ich hier denn eigentlich? Hans, Hans, wach +auf, es ist doch dein alter Freund, der vor dir steht.« + +»Ein Freund, der im Begriff ist, sich in meinen Vater zu verwandeln. +Ein Freund, mit dem ich geschwärmt habe, mit dem ich gezecht habe, +mit dem ich meine Liebesaventiuren beraten habe; der mir wie ein +Gleichaltriger war. Und diesen Gleichaltrigen, diesen Kameraden der +Jugend soll ich mir vorstellen als — als — den Gatten meiner Mutter? +Wird es dir jetzt klar, was ich mit dem Worte ›Indezenz‹ aussprach?« + +Heinrich Springe war blaß geworden. + +»Nein,« sagte er und zog die Augenbrauen zusammen, »das wird mir +~nicht~ klar. Aber es schwant mir ziemlich klar, daß du da draußen dein +Liebesempfinden verloren oder — verhandelt hast.« + +»Möchtest du mir irgend etwas unterschieben?« brauste Hans auf. Die +Szene, die er soeben erst mit Hannes erlebt hatte, stand ihm so +greifbar vor Augen, daß er meinte, auch der andere müsse sie sehen. Das +brachte ihn außer sich. + +»Ich denke, ich spreche ganz deutlich,« erwiderte Springe, »und so +offen, wie es sich unter Männern ziemt. Du scheinst mir überhaupt den +wahren Kern des Wortes Liebe noch gar nicht entdeckt zu haben. Ja, +glaubst du denn, die Dezenz von Liebe und Eheliebe wäre unterscheidbar? +Mein Junge, wer die Indezenz hineinträgt, das seid ihr! Ihr mit eurem +lächerlichen Grenzregulieren und Schematisieren der Frauengefühle, +die nach bestimmter Frist so schnell als möglich mit Anstand und +Geräuschlosigkeit zu ersterben haben. Ich will dir was sagen: ich wäre +in diesem Falle so geschmacklos, auf die ganze sogenannte Liebe zu +pfeifen.« + +»Der Ausdruck macht dir im Rahmen dieser Unterhaltung alle Ehre.« + +»Nein, Hans,« sagte Springe schnell, »so dürfen wir beide nicht +miteinander verhandeln. Ich habe dich falsch verstanden und bin übers +Ziel geschossen. Aber sieh, wir sind alle Menschen. Deine Mutter und +ich, du und Hannes. Und deshalb bleibt uns nichts, als menschlich +zu fühlen. Das aber ist doch das Schönste. Wir fühlen, daß wir uns +lieben, und wir lieben uns. Wo wir das rein und wahr erkennen, da +fällt jede falsche Scham ab. Da versinkt das künstliche Verhältnis +zwischen Eltern und Kindern. Da stehen nur noch liebende Menschen neben +liebenden Menschen.« + +Er durchmaß das Zimmer und kehrte zu dem Schweigenden zurück. + +»Hans,« und das alte, strahlende Lächeln stand auf seinem Gesicht, »als +ich — damals — deine frische, ringende Jugend antraf und dein Mentor +wurde, da wurde ich es, um deinem Leben gerade dieses Ziel zu geben. Du +solltest ein echter Mensch werden, durch jeden Firnis hindurchschauen +lernen und mit klingendem Spiel noch ins Alter einmarschieren wie der +Soldat ins Himmelreich. Jedem aber das Seine! Auch deine Mutter und +ich nehmen das für uns in Anspruch, nicht weil wir älter sind, sondern +gerade weil wir uns in dieser Beziehung euch immer gleichaltrig dünken +werden. Mein lieber, alter Junge, in unseren Jahren ist der Vater nicht +nur Vater, sondern auch Bruder, Freund, Kamerad. Das alles, und nur +das, siehst du in mir. Und deine liebe, kleine Braut findet in ihrer +Mutter auch eine Schwester.« + +»Meine — Braut? Von wem sprichst du denn?« + +»Herr Gott, sei doch nicht so offiziell! Von Hannes sprech’ ich.« + +»Dann gestatte, daß ich dich berichtige. Fräulein Stahl und ich denken +nicht an eine Heirat.« + +Heinrich Springe trat ein paar Schritte zurück. Dann streckte er die +Arme aus, kam vor und rüttelte seinen Gast an den Schultern. + +»Hans —«, er suchte nach Worten, »Hans! Auf der Stelle sagst du mir, +daß du lügst. Ich will nicht wissen, was zwischen euch vorgefallen ist. +Aber daß du es wieder gut machst, und wenn es dich die Zeit deines +Lebens kostet. Eine Träne von ihr ist mehr wert, als der ganze Plunder +deiner Errungenschaften. Sag es; auf der Stelle sag es.« + +»Bitte sehr,« versetzte Hans und machte sich kurz los. »Der Vater +spricht etwas vorzeitig aus dir. Ich wüßte nicht, daß ich dir über mein +Tun und Lassen irgendwelche Rechenschaft schuldig wäre. Ich lebe mein +Leben, du — deins.« + +»O du armer Junge,« sagte Springe und ließ die Arme sinken, »du armer, +verblendeter Tor!« + +»Für heute ist wohl unsere Unterhaltung zu Ende,« erwiderte Hans und +ging zur Tür. + +Springe schaute ihm traurig nach. + +»Du hast noch etwas vergessen,« sagte er ernst, nahm ein Buch vom +Schreibtisch und brachte es ihm. »Das gehört mir nicht.« + +Dann fiel die Tür zwischen ihnen ins Schloß. + +»Er wird durch eine bittere Schule gehen,« murmelte der +Zurückbleibende, »und der arme, blinde Narr reißt sich selbst die +Schwungfedern aus, um eine fremde Sprache schreiben zu lernen, die er +nie sprechen lernt.« — — + +Hans Steinherr war, das Buch in der Hand, ziellos durch die Stadt +gewandert. Eine unsagbare Leere spürte er in seiner Brust, ein +quälendes, schmerzendes Heimverlangen. Aber er wollte es vor sich +selbst nicht Wort haben. Was wußten die hinter ihm von seinem Ehrgeiz? +Wer nicht mit ihm war, der war gegen ihn. Für den Philister sind die +Höhen nicht getürmt, dem behagt es nur in der Niederung wie dem Frosch +im Teich. »Ah, vorwärts,« sprach er sich Mut zu, »mit leichtem Gepäck +marschiert es sich am besten. Wenn ich wiederkomme, sollen sie zu mir +aufblicken.« + +Er war durch das Rheintor gegangen, über die Schiffsbrücke, und +wanderte durch die Rheinwiesen, an den Erlen- und Weidenbüschen vorbei. +Plötzlich zuckte er zusammen und griff nach dem Buch. Es war ihm +eingefallen, daß er an dieser Stelle sein erstes Gedicht gedichtet +hatte. Hier — hier hatte er zum ersten Male seine Jugend verspürt. +Begierig führte er das Buch dicht unter die Augen. + +Es war dunkel geworden. Fern über Neuß stand ein Wetter. Schmutziggelbe +Streifen zogen sich am schwarzbewölkten Himmel entlang. Aber die +Widmung, die vermochte er noch zu lesen. + +»Meinem Mentor — Telemach.« + +Der Mentor hatte auf diesen Telemach freiwillig verzichtet. Und die +Liebe auf ihren Sänger ... + +Ein Schwung — und das Buch klatschte in die Wogen des grollenden Rheins. + +Da schwamm ein Stück Jugend — — —. + +[Illustration] + + + + +Zweites Buch + + + + +Erstes Kapitel + + +Die Nacht ist herabgesunken auf das schweigende Nordmeer. + +Noch lustwandeln auf den Promenadendecks des Luxusdampfers fröhliche +Menschen in heiterem Geplauder, und aus den Rauchsalons schallt das +Lachen lustiger Zecherrunden. Aber die Macht der Gewohnheit berührt sie +an der Schulter, und die Menschenlust wird müde, die sich nur an sich +selbst zu entzünden vermag in der lauten Vielheit. Das Leben erlischt +über der lautlosen See. + +Auf Achterdeck lehnt eine Gestalt gegen die Brüstung und träumt in die +schaumweiße Kielspur nordische Märchen hinein. Scheu ist der Schlafgott +an dem Manne vorübergegangen, als spürte er den Widerpart der alten, +starken Götter, die in der Nacht über das einsame Nordmeer schweben. +Und auch der sinnende Mann spürt ihre Gegenwart. Das Wunderbare, +Rätselvolle, Nie-Gelöste in Luft und Wasser. Und seine Menschenseele +möchte sehnend sich dehnen in dem unsagbaren, schmerzlich süßen +Empfinden und unsichtbare Bande sprengen, um zu verschmelzen mit der +Allmutter Natur, und sie ringt vergeblich nach einem armseligen Wort ... + +»Gute Nacht, Herr Doktor!« + +Der Träumer fuhr herum und blinzelte mit den Augen in den Lichtstreifen +der Schiffslaterne. »Sie sind noch auf, gnädige Frau? Sie werden morgen +das Frühstück verschlafen.« + +»Selbst auf die Gefahr Ihrer Ironie hin.« + +»Meiner Ironie —? Was hätte wohl meine Ironie damit zu tun?« + +»O, bitte, keine Entschuldigung. Daß Sie sich über die ganze +Schiffsgesellschaft lustig machen —« + +»Pardon, meine Gnädige, ich denke nicht daran.« + +»Nun also, Sie denken nicht einmal daran; das wäre Ihnen schon zu viel +der aufgewandten Ehre. Sie verachten sie ganz einfach.« + +»Sie gefallen sich heute in starken Ausdrücken, gnädige Frau. Ich tue +weder das eine noch das andere, was Sie mir unterstellen. Wenn ich +mich während der Nordlandsfahrt, die leider ihren Kurs nun wieder heim +nimmt, für mich gehalten habe, so bedeutete das keinerlei Affront gegen +die Reisegesellschaft, so wenig, als sie mich affrontieren kann. Keine +Berührungspunkte zu finden, ist doch kein Verbrechen.« + +»Weshalb suchen Sie sie nicht?« + +»Meine gnädige Frau, ich bin trotz meiner verhältnismäßig jungen Jahre +viel auf Reisen. Wenn ich den Gang des gesellschaftlichen Lebens +beobachten wollte, könnte ich zu Hause bleiben. Aber gerade weil ich +anderen Stimmen, unverfälschten und ergreifenderen, lauschen wollte, +zog es mich aufs Meer. Da haben Sie den Unterschied. Frühstücken, +dinieren, soupieren, Musik oder ein Spielchen machen und von Zeit +zu Zeit einen Erholungsblick in die Natur tun — ja, dazu brauche +ich nicht nach dem Nordkap zu segeln. Eine Reihe von festlichen +Veranstaltungen finde ich überall. Wenn ich könnte, wie ich wollte, so +ließ’ ich mir hier auf dem Achterdeck ein primitives Bett aufschlagen, +nähme hier ganz nebenbei meine Mahlzeiten ein und rührte mich im +übrigen nicht von der Stelle.« + +»Ohne jede Unterhaltung?« + +»Ich plaudere den ganzen Tag, wenn auch wortlos. Und wenn ich nicht +plaudere, so staune ich.« + +»Über was, Herr Doktor?« + +»Über das, was mir die Elemente zu sagen haben.« + +»Und was sagen sie Ihnen gerade jetzt, Herr Doktor?« + +Hans Steinherr blickte lächelnd die elegante Fragerin an, die, den +Saum ihrer reichen Abendtoilette gerafft, auf den Spitzen der weißen +Glacéschuhe stand und in die schäumende Kielspur sah. + +»Hören Sie es nicht selbst? Sie wundern sich, daß die große Weltdame +ihre Nachtruhe einer Kaprice opfert und sich einen Schnupfen holt, um +ein Viertelstündchen Naturkind zu spielen!« + +»Das kann nicht alles sein,« erwiderte sie, »damit vertreiben Sie mich +nicht. Haben Sie keine stärkere Beschwörung?« + +»Wenn Sie sie hören wollen?« + +»Ich will.« + +»Sie wissen, es ist die erste Reise, die das Schiff macht. Es ist seine +Hochzeitsreise, seine Vermählung mit dem Meere. Und nun hat sich die +Nacht gesenkt und die Neugier hat die Augen geschlossen. Verstehen Sie +jetzt, was das Meer wünscht? Es wünscht, daß man die Mysterien der +Brautnacht ehrt und das Schiff allein läßt in den Umarmungen der See. +Schnell, schließen Sie schamhaft die Augen und fliehen Sie in Ihre +Kajüte.« + +»Und Sie?« + +»O, ich — —. Nehmen Sie an, ich kenne in diesen Dingen keine Scham. +Nehmen Sie an, ich sehe darin nur die Kraft und den Stolz der Kraft. +Alles das, was wir Menschenkinder verloren haben und was ich für meine +Person so gern wiedergewinnen möchte. Da! Da! Schauen Sie, wie die +Welle das Schiff bei der Flanke packt. Wie das Schiff zittert und in +die Umarmung hineintaucht. Was liegt ihm an dem Flüstern, das über die +Wasser läuft! Die Wasser verrinnen ... Gute Nacht, gnädige Frau, es ist +Zeit, daß Sie zu Bett gehen.« + +»Lassen Sie mich hier. Die Nacht ist herrlich.« + +Er gab es auf, sie zu verscheuchen, und zog einen bequemen Triumphstuhl +aus Segeltuch heran, in dem sie sich ausstrecken konnte. Dann wickelte +er seinen Plaid um ihre Schultern und hüllte ihre Füße in eine +Reisedecke. + +»Ah — —« machte sie und rekelte sich wohlig. + +Schweigend lehnte er wieder an der Brüstung und lauschte in die +schwarzblaue See unter dem endlosen Nachthimmel. Aber eine Unruhe trieb +in seiner Stimmung umher wie ein unter dem Wasserspiegel verborgener +Wirbel. Er fühlte, daß er beobachtet wurde, und diese Empfindung lenkte +ihn von der Vertiefung des Genusses ab. + +»Weshalb sind Sie nur ein solcher Sonderling?« hörte er die +Frauenstimme wieder neben sich fragen. »Wenn Sie wollten, könnten Sie +der vollendetste Weltmann sein.« + +»Ich mache weder auf das eine, noch auf das andere Anspruch, gnädige +Frau.« + +»Sie haben Trauriges im Leben erfahren?« + +»Ich — —? Ich glaube, es war umgekehrt. Das Leben hat von mir Trauriges +erfahren. Und das ist schlimmer.« + +»Bah, man muß das Leben zuweilen =en canaille= behandeln, damit’s +einmal einen anderen Ton von sich gibt.« + +»Sie spielen jetzt die Frivole wie vorhin das Naturkind.« + +»Wenn Sie das Spielerei zu nennen belieben —. Für mich ist es +jedenfalls keine Spielerei. Vielleicht liegt darin unsere individuelle +Verwandtschaft, die uns von der Allgemeinheit entfernt: wir haben, +jeder für seine Person, unsere Separatwünsche.« + +»Sie sind bei gutem Humor, gnädige Frau. Ich kann mir nicht vorstellen, +daß Sie sich lange mit Wünschen abgeben. Für Sie gibt es doch wohl nur +Erfüllungen.« Er sah mit seinem leisen, ironischen Lächeln nach ihr +hin, und es war ihm, als hätte es in ihren schwarzen Augen aufgeflammt. + +»Ihre Komplimente haben einen Beigeschmack, Herr Doktor; aber besser +Beigeschmack als das fade Einerlei.« + +»Das ist eine Freinacht hier oben. Die Kultur liegt unter Deck und +schnarcht.« + +»Sie sehen, daß ich nicht unter Deck liege. Ich verlange daher auch +durchaus nicht nach Rücksichtnahme. Erkennen Sie das an?« + +»Sie ebnen mir so sehr die Wege zur Erkenntnis, daß es eine +Rücksichtslosigkeit wäre, sie nicht zu betreten.« + +»Wohlan? Und Sie machen mir nicht den Hof?« + +»Das wäre doch paradox. Ich halte Sie für eine so schöne und so kluge +Frau, daß Sie alles Recht haben, sich nach Laune zu langweilen. Daß ich +Sie daran nicht hindere, das ist die eine Seite der Freinacht.« + +»Und die andere Seite?« + +»Die andere? Logischerweise muß sie darin bestehen, daß man sich +gegenseitig nicht langweilt. Auch nicht mit Hofmachen. Die Woge +schwillt empor, und das Schiff stürmt ihr entgegen. Die Schriften der +unendlichen Natur sind alle so einfach. Nur wir Endlichkeitsgeschöpfe +suchen sie zu komplizieren und haben die wenigste Zeit dazu.« + +»Sie reden wie ein dichtender Philosoph oder wie ein philosophischer +Dichter.« + +»Das sind beides Leute, die ihren Beruf verfehlt haben, denn sie +vergessen in ihrer Doppelbeschäftigung das eine über dem anderen.« + +»Und so haben Sie es auch gemacht? In die Sterne geguckt und dabei +Blumen zertreten?« + +»O, Eva, Eva! Das Paradies und die Schlange! Und wenn ich nun, um Ihren +Wissensdurst zu stillen, ja sagte?« + +»Ich könnte Ihnen zum Äquivalent aus meinem Leben erzählen.« + +»Meine Gnädige, ich bin ein ebenso schlechter Beichtvater wie ein +uninteressantes Beichtkind.« + +»Wer weiß — —?« meinte sie zögernd und ließ ihren Blick aufmerksam +über ihn hinstreifen. »Es stände ja nichts im Wege, daß Sie sich in +beiden Beziehungen besserten. Vielleicht habe ich den Ehrgeiz, Sie zu +entdecken.« + +Er verbeugte sich zeremoniell und schwang sich auf die Schiffsbrüstung. + +»Ich bin ganz Ohr, meine gnädige Frau,« sagte er, als er seinen Platz +eingenommen hatte. + +»Der Vorbereitungen bedurfte es wirklich nicht,« versetzte sie +leichthin. »Die Geschichte ist kurz und verständlich. Ich war zehn +Jahre lang an einen kranken Mann gefesselt, der mich tyrannisierte. +Einen Schritt aus dem Zimmer, und ich stand mitten in der Welt. Aber er +ließ nicht zu, daß ich den Schritt auch nur einmal tat. Aus Eifersucht, +aus Selbstsucht. Was nutzte mir da alle Schönheit und aller Geist, wenn +ich meine Waffen nicht in den Kampf tragen konnte! Draußen rief das +Leben, und in mir rief das Leben, und neben mir hielt mich der Kranke +an der Kette.« + +»Und Sie kamen nie darauf, Schönheit und Geist zu benutzen, um dem +Kranken eine Welt aufzubauen?« + +»Ich war ja selbst krank. Krank danach, mir selbst eine Welt +aufzubauen. Glauben Sie, ich wollte mich besser machen als ich bin? +Wenn nichts anderes, so sollen Sie wenigstens den Mut der Wahrheit bei +mir anerkennen. Zu einer duldenden Samariterin tauge ich nicht.« + +»Ihr Gatte starb?« + +»Vor einem Jahre. Nun bin ich auf der Fahrt ins Leben.« Sie stützte +sich auf den Arm und sah ihn mit ihren strahlenden Augen fest an. +»Herr Doktor, lassen Sie es meine erste Tat sein, daß ich Sie Ihren +Grübeleien entreiße, daß ich Sie ins Leben zurückführe, in das Sie +hineingehören wie ich. Seien Sie mein Herold!« + +»Ich bin nicht gewohnt, die Posaune zu blasen,« murmelte Steinherr und +verließ seinen Platz. + +»Aber die Zither zu schlagen. Verstellen Sie sich nicht; ich habe die +Künstlernatur gleich in Ihnen entdeckt.« + +»Die Zither?« Es lag ein spöttischer Ton in seiner Stimme. »Meine +verehrte Forscherin, alle Märchen beginnen mit: ›Es war einmal ...‹ +Sie reden von Märchentagen der Jugend, in denen jeder ein Instrument +spielt. Aber Sie tun recht daran, von Märchen zu sprechen. Ist das +nicht märchenhaft um uns her?« + +Er deutete in die nächtliche See hinaus, die sich wenige Meter vom +Schiff wie ein Geheimnis im Dunkel verlor. + +»Dort liegt das Asenreich, das einst dahin mußte vor ›Buch und Kreuz +und Mönchsgebet‹, wie Scheffels Waldfrau singt. Aber es liegt nur im +Traum, wie alles, was einmal war. Der Gedanke ist ewig. Und eines Tages +werden sich die Menschen zurückbesinnen auf die Tage der Kraft und +Ursprünglichkeit.« + +»Und Sie werden dazu die Zither schlagen.« + +»Ich? — Ich bin ein stagnierendes Wasser, das langsam aber sicher +verschwindet.« + +»Mein Herr Doktor: Sie und Sentimentalitäten? Ich nehme an, das ist ein +bißchen Pose.« + +»Wie Sie befehlen, gnädige Frau. Wenn es Sie nur unterhält.« + +»Ein stagnierendes Wasser — —,« wiederholte sie. »Mir fällt ein, +ich wanderte im Sommer einmal an einer wasserarmen Stelle des +Werraflüßchens. Da hatte sich ein stagnierendes Wasser gebildet, und +ein graues, moosiges Gespinst überzog die ganze Fläche. Das war ein +trauriger, trostloser Anblick. Und als ich wenige Tage darauf wieder an +den Ort kam, traute ich meinen Augen nicht. Das Grau war verschwunden, +Sonne lag auf dem Wasser, und der Fluß — ja, denken Sie — der Fluß +blühte! Tausende und aber Tausende weißer Blumen bedeckten ihn wie +ein prangender Sternenmantel. Der Gott war in das stagnierende Wasser +gefahren und hatte es gezwungen, zu leben, seine Wunder zu offenbaren. +Das war eine seltene Überraschung. Seit dem Tage, Herr Doktor, geben +mir die stagnierenden Wasser am meisten zu denken. Es sammelt sich +darin in der Stille eine ungeheure Materie, und fährt der Gott hinein, +so gibt es ein überwältigendes Prangen ...« + +»Sie schlagen ja selbst die Zither, gnädige Frau.« + +»O nein, ich bin nur eine begeisterte Zuhörerin. Heraus und heran mit +allem, was das Leben schmückt!« + +»Die Sonne,« sagte Steinherr leise und wies in die Ferne, die einen +fahlen, roten Streifen zeigte, der rasch anwuchs und die Linie +des Horizontes scharf markierte. »Sonnenaufgang,« wiederholte er. +»Ah, sehen Sie, wie im Osten Funken aufspringen und sich jagen und +vereinigen. Jetzt ringeln sich feurige Schlangen blitzschnell um den +Horizont. Jetzt schießen Strahlengarben empor, fliehen sich, suchen +sich und verdichten sich zu einem golden umsäumten Purpurbaldachin, +unter dem die Majestät der Sonne wie das segnende Auge Gottes +emporsteigt.« + +Er berauschte sich an dem Schauspiel der Natur und an seinen eigenen +Worten. + +»Ich freue mich mit Ihnen,« sagte die Frau im Triumphstuhl und streckte +in heimlichem Kraftbewußtsein die Glieder. Doch sie blickte nicht über +das Meer. Sie sah nur den Enthusiasmus des sonst so unnahbaren und +überlegenen Mannes und forschte, wie weit ihr Anteil an der Erweckung +ginge. + +»Ja,« fuhr Steinherr hastig fort, »eine wundersamere Stunde heiliger +Morgenfrühe kann es hienieden nicht geben. Wie das Schiff so sanft und +glatt dahineilt! Als wollte es die Weihe des Schauens durch nichts +unterbrechen und den Gedanken an seine Existenz verschwinden machen vor +dem Atmen der Weltenseele.« + +»Wo nehmen Sie die Worte her — —?« + +»Ist das so schwer? Da stehen sie ja alle aufgezeichnet, wohin Sie +blicken, da, da und da! Dort tritt auch die Felsenküste Norwegens +wieder hervor. Und nun liegen sie vor uns in ihrer Weltabgesondertheit, +die granitenen Häupter und Zacken, von der See bedrängt und zerrissen, +und das schwerlastende Einsamkeitsgefühl ausströmend, das unser +Altvorderen bewog, den Sitz Odins und Asathors, des Hammerschwingenden, +in das wilde Reich Norge zu verlegen. Das Land der Asen ... Soweit das +Auge reicht, Wasser und Felsen. Das Geschlecht der Menschlein nirgend +zu verspüren. Ein Wasserrabe streicht einsam über die Flut. In der +Ferne ein Zug wilder Eiderenten. Sonst nichts Lebendiges ...« + +»Nichts Lebendiges?« + +Er wandte sich nach der Fragerin um. Der Ton hatte ihn stutzig +gemacht. Und nun sah er die kapriziöse Reisegefährtin, die mit ihm +eine Nacht Kameradschaft geteilt hatte, mit der er wie mit einem +nächtlichen Schemen Rede und Antwort getauscht hatte, im Dämmer des +Morgens vor sich als ein Wesen von Fleisch und Blut, als ein üppiges, +bestrickendes Frauenbild. Er sah die elfenbeinfarbene Haut, das vom +Wind über die Stirn gewehte schwarze Haar, die großen, schwarzen Augen, +die fest seinem Blick begegneten und ihn zwangen, stillzuhalten. Und +den blaßroten Mund, der ihm am rätselvollsten schien. + +Seine überwachten Sinne, von der gewaltigen Schönheit der Natur +überwältigt, strafften sich mit verdoppelter Kraft. Was er sprach, +empfand er nicht. Er empfand nur das neue Bild in der Einsamkeit der +Frühe. + +»Was soll das?« hörte er seine Stimme, »was wollen Sie mit der Frage?« + +»Wissen, ob Sie glauben, ich sei neben Ihnen gestorben.« + +Sie sahen sich immer noch an, mit demselben festen, fast finsteren +Blick. Er vornüber gebeugt, die Hände an der Lehne ihres Stuhles; sie +ausgestreckt, regungslos daliegend. + +Da atmete sie tief auf. Und mit einer jähen Bewegung hatte er seine +Hände unter ihr Haar geschoben. + +Noch eine Sekunde starrten sie sich an, ganz nah, ganz dicht — — Und +sein Mund preßte sich auf ihre Lippen, die sich unter dem Drucke +öffneten und seinen Kuß tranken. — — + +Dann sprang sie auf, drückte die Hand auf die Augen, ließ den Arm +sinken und strich mechanisch die Toilette glatt, ging bis an die +Brüstung und blickte über das Meer. + +Als sie sich umwandte, war sie ruhig. + +»Kommen Sie, wir machen Dummheiten, lieber Freund! Bringen Sie mich bis +zur Kajütstreppe. Ich danke Ihnen. Gute Nacht! Nein, Guten Morgen! +=A bientôt=!« + +»Auf Wiedersehen, Frau Bettina Wittelsbach — —« + +Sie lächelte vor sich hin, als er ihren vollen Namen aussprach. War es +doch, als ob er damit beweisen wollte, daß auch sie ihm aus dem Kreise +der Reisegenossen längst aufgefallen sei. + +Als sie gegangen war, blieb er einen kurzen Moment emporgerichtet auf +dem Fleck stehen. Dann schwand das Leuchten aus seinen Augen, die +ironisierende Kälte kehrte in den Blick zurück, und mit langsamen +Schritten begab auch er sich in seine Kajüte, um die Vorgänge der +Nacht zu verschlafen. Als kurz nach sieben Uhr die Trompeten durch das +Schiff den Morgengruß schmetterten und zum Frühstück luden, erwachte +er frisch und gekräftigt. Nur in seinem Blute war ein leises Vibrieren +zurückgeblieben. Aber er empfand es nicht unangenehm. + +Während der Toilette fiel sein Blick in den Spiegel. Heute morgen +betrachtete er sich aufmerksamer als sonst. + +Hm, mein guter Hans, dachte er nachdenklich, die Jahre sind schneller +über dich gekommen, als du über sie. Mit achtundzwanzig Jahren pflegt +man in der Regel noch nicht nach den ersten grauen Haaren an den +Schläfen auszuspähen. + +Der Spiegel warf das Bild eines scharf ausgearbeiteten Kopfes zurück, +aus dem die weiche Rundung der Jugendformen längst verschwunden war. +Der wehende Schnurrbart beschattete den zum Sarkasmus neigenden Mund. +Die Stirn war breit, und die Wölbungen erschienen wie gemeißelt. Nur +in den dunkelgrauen Augen loderten zeitweilig noch die alten, heißen +Flammen auf, wie Wachtfeuer der Jugend. + +Ob man mich in Düsseldorf noch wiedererkennen würde? flog es ihm +plötzlich durch den Sinn. Und ich die Menschen dort? In fünf Jahren +ändert sich die ganze Welt von Kopf bis zu Fuß. Das ist eigentlich gar +nicht auszudenken. Also denken wir doch nicht immer daran ... + +In einem leichten Promenadenanzug ging er an Deck, ließ sich eine +Viertelstunde lang die frisch aufspringende Brise durchs Haar wehen und +begab sich dann in den Frühstückssalon. Mit dem ersten Blick stellte er +fest, daß Frau Bettina Wittelsbach noch nicht sichtbar geworden war. +Erst gegen Mittag gewahrte er sie in einem Kreise lebhaft flirtender +Berliner Herren. Sie trug ein fest anliegendes russisch-grünes +Tuchkleid, denn die Temperatur war plötzlich gesunken, und der Wind +kam in kurzen, kalten Stößen aus Nordnordwest. Als er gleichmütig +vorüberschritt und höflich den Hut lüftete wie alle Tage, ließ sie die +Gesellschaft stehen und kam auf ihn zu. »Guten Morgen, Herr Doktor! Ich +wünsche Ihnen das heute schon zum zweiten Male.« + +»Guten Morgen, meine gnädige Frau! Ich hoffe, daß die Freinacht in +Ihrer zarten Konstitution keine Spuren zurückgelassen hat.« + +»O doch,« sagte sie ruhig und hielt seinen Blick aus. »Aber das wird +Sie schwerlich interessieren.« + +»Mache ich einen so wenig Vertrauen erweckenden Eindruck, meine gnädige +Ungnädige?« + +»Ich habe das Frühstück richtig verschlafen,« lenkte sie ab, »wie Sie +es mir prophezeit hatten. Und auch nachher konnte ich mich kaum zum +Aufstehen zwingen. Ich habe selten den halbwachen Zustand als so schön +empfunden.« + +»Geträumt, gnädige Frau?« + +»Ja, geträumt.« + +»Darf man Näheres wissen?« + +»Nein, man darf nichts Näheres wissen.« + +Er nahm ihre Hand, die in seinem Arm lag, und führte sie an die Lippen. +Es lag keine Veranlassung zu einer Huldigung vor, aber sie empfanden +beide das Unzeitgemäße durchaus nicht. + +»Wie mir vorhin der Steward mitteilte, wird das zweite Frühstück um ein +Uhr heute mehr den Charakter eines Diners tragen. Die Windstärke steigt +verdächtig. Da sorgt der kluge Hausvater vorzeitig für die nötige +Widerstandsfähigkeit. Sehen Sie nur, wie boshaft die kleinen Wellen +hüpfen. Jede Welle eine kleine Grimasse. Das kann zum Abend lustig +werden. Sie fürchten sich doch nicht, gnädige Frau?« + +»Ich ernenne Sie einfach zu meinem Ritter. Da bin ich aller Furcht +ledig.« + +»Befehlen Sie, daß ich meinen Dienst bereits bei der Tafel antrete?« + +»Wie? Ist es möglich, Herr Doktor? Sie wollen Ihren einsamen Eckplatz +aufgeben und gar eine Tischdame wählen? Das ist sehr schmeichelhaft +für mich. Nur eine Bedingung: Fragen Sie mich nicht immer, ob ich +befehle. Wenn ich befehlen dürfte, hätte ich doch nicht die Freude, +zu sehen, daß man mir freiwillig etwas entgegenbringt. Kennen Sie uns +Frauen so wenig, daß Sie nicht wissen, worin unser größter Triumph +besteht?« + +Der sarkastische Zug erschien um seinen Mund. + +»Sie treffen ganz meinen Geschmack, gnädige Frau. Auch ich sehe den +besonderen Liebhaberwert einer Sache im Geschenk, in der persönlichen +Widmung. Also auf Gegenseitigkeit, wenn Sie geruhen.« + +Sie nickte kurz, als dächte sie schon an anderes. + +Dann riefen die Trompeten zu Tisch, und unbekümmert um die verwunderten +Gesichter der Tafelrunde pokulierten sie heiter miteinander, und mit +der heiteren Gravität des alten Kavaliertums, das mehr und mehr aus +der Zeit verschwindet und doch durch die Form auf den Inhalt wirkt, +bediente Hans Steinherr seine Dame. Seine Art fiel ihm selbst auf. +Woher hatte er sie nur? Und vor seinen Augen stand Herr Friedrich +Leopold von Springe, stand Düsseldorf, das gastfreie, stand das +schlanke, scheue, hingebungsvolle und aufbegehrende Mädel, das in +seligen Zeiten auf den Namen Hannes hörte ... + +Düsseldorf — Burg Springe — Pempelfort — — die Worte wurden zu +Begriffen, die Macht über ihn gewannen, die sein ganzes Denken und +Empfinden zu absorbieren drohten. Er wurde schweigsam und stierte in +sein Glas. + +»Mein Herr Ritter — —« erinnerte neben ihm die schöne Frau. + +Da nahm er sich zusammen und wurde, wie er zu Beginn der Tafel gewesen +war. »Ich rate Ihnen, sich für ein paar Nachmittagsstunden hinzulegen, +gnädige Frau. Der Himmel ist zwar noch klar, aber die See beginnt +verdächtig unruhig zu werden. Sollten wir zum Abend Sturm bekommen, ist +es doch um Ihre Nachtruhe geschehen.« + +»Weil Sie mich nicht für wetterfest halten?« + +»Nein,« sagte er, »weil ich Ihnen auch diese Nacht entreißen würde, um +Sie auf Deck zu halten. Weil ich Sie mit Beschlag belegen würde, damit +Sie das Meer in der Leidenschaft sehen. Das ist ein guter Maßstab, +schöne und verehrte Herrin aller Kulturstätten.« + +Sie hatte sich von der Tafel erhoben, zum Gehen bereit. + +»Hoffen wir, daß Sturm kommt,« sagte sie leise, verneigte sich gegen +ihn und suchte ihre Kajüte. + +Auf den Promenadendecks stand die Reisegesellschaft in Gruppen umher. +Man lachte, schwatzte und fühlte sich zu Hause, als ob man statt der +Schiffsplanken den Parkettboden der heimatlichen Salons unter den Füßen +hätte. Morgen abend hoffte man in Hamburg zu landen, und noch einmal +wurden die Eindrücke der Fahrt rekapituliert. Wer genauer hinzuhören +verstand, konnte wahrnehmen, daß die bleibendsten Eindrücke nicht durch +die Wunder der Natur, daß sie bei der Mehrzahl dieser Modereisenden +durch die — glänzende Verpflegung an Bord geschaffen worden waren. Ein +rundlicher, beweglicher Herr, dem die Wonne des Lebensgenusses auf den +glattrasierten Wangen geschrieben stand, ereiferte sich am meisten. + +»Ja, ja, meine Herrschaften, für unser Zeitalter gibt es keine Höhen +und Tiefen mehr. Flugs setzt sich so ein Techniker hin, schlägt die +Brücken und gleicht alles aus. Ist denn das ein einsam dahinsausender +Dampfer, auf dem wir uns befinden, der uns allen menschlichen +Wohnstätten entführt? Ein erstklassiges Hotel hat uns seine Pforten +geöffnet und führt uns mit jeder erdenklichen Selbstverständlichkeit +einen Luxus vor Augen, wie er selbst dem Verwöhntesten unter uns nicht +vollendeter an Land geboten werden könnte. Glauben Sie mir, meine +Herrschaften, ich verstehe mich ein wenig darauf. Aber das versichere +ich Sie: Zeit meines Lebens, wo es nur angeht, werde ich das Reisen +per Dampfer vorziehen. =D=-Zug mit Speisewagen ist ein überwundener +Standpunkt.« + +Hans Steinherr schlenderte weiter. Auf dem Sonnendeck war es ruhiger. +Hier ließ er sich nieder und beobachtete das aufgeregte Hasten der +vor Stunden noch so glatten See. Dann verfiel er, ohne sich dagegen +zu wehren, in eine Art Halbschlaf. Ein paar Stunden wohl mußte er +verträumt haben. Er hörte zwei Matrosen miteinander verhandeln, und als +er aufblickte, sah er, wie der eine verstohlen auf einen dunklen Punkt +am Horizont deutete, der sich rasch vergrößerte und sich mehr und mehr +zur Wolke auswuchs. + +Sturm in Sicht! + +Es wurde dunkel. Schwarze Schleierfetzen flatterten, wie von einem +boshaften und schadenfrohen Meeresgesindel emporgeblasen, am Himmel +auf, und die See machte einen Buckel wie ein fauchender Kater. Eine +steife Brise sprang auf. Plötzlich schwieg sie. Einen Augenblick +Stille ringsum; nur die See tanzte weiter in unregelmäßigem Hüpfwalzer. +Da — hui! — pfiff es daher, ein Windstoß, so wütend und kreuz und +quer einherspringend, daß die Passanten an Deck jäh ihren Stützpunkt +verloren. Ein Flüchten begann nach den Kabinen, den Salons. Nur wenige +hielten sich an Deck. Eine Leidenschaft war in ihnen erwacht nach +vieler, vieler frischer Luft ... + +Wieder setzte ein Windstoß ein; heftiger als der erste. Hans Steinherr +zog seinen Wettermantel an und stülpte die Kapuze über die Ohren. Dann +stieg er die Stufen zum Promenadendeck hinab, um sich die Tragikomödie, +die hier bereits ihren Anfang genommen hatte, aus der Nähe anzusehen. + +»Gottlob, daß ich Sie finde. Ich hätte Sie in Ihrer Vermummung fast +nicht erkannt.« + +»Ah — — meine Gnädige — —« + +Sie klammerte sich an seinen Arm, denn der Wind packte rücksichtslos +an. Wie er, war sie in einen langen Gummimantel gehüllt, und die +Gummikapuze, die sie über den Kopf gezogen hatte, ließ nur Augen, Nase +und Mund frei. + +»Ich wäre da unten verrückt geworden,« sagte sie rasch, denn der Wind +benahm ihr den Atem. »Unmöglich, in den Kabinen zu bleiben. Dort haben +sich — unsichtbare — Karussells — etabliert.« + +Der nächste Windstoß warf sie hart gegen seine Schulter. Sie schrie auf. + +Er lachte und faßte sie fest um den Leib. »Das war ja nur die +Ouverture. Das eigentliche Konzert soll erst beginnen. Da! Schauen +Sie hin! Da taucht der Nickelmann grinsend aus der Flut. Mit den +Flossenhänden stützt er sich auf den Kamm einer Riesenwelle, und sein +plusterndes Gesicht will platzen vor Vergnügen über den gelungenen +Streich. Sehen Sie es, schöne Sturmfrau? Jetzt — jetzt! Als rühre er +eine Pauke, so fallen plötzlich seine Tatzenschläge auf die See, und +soweit das Auge das fahle Licht durchdringt, schlagen weiße Nixenleiber +Kobolz mit den schwarz heranstürmenden Fluten, schwingen sie sich auf +die Wogenkämme, daß sie so blendend scheinen wie schneeiger Schaum, +heben sie sich bis an den Bordrand und werfen unter tollem Gelächter +den verblüfften Festgenossen Kübel voll Salzwasser über den Kopf. +Hoppla, der Guß war für uns!« Er riß Frau Bettina hoch, die unter der +Wucht des Sturzbades in die Kniee sinken wollte, und ergriff mit der +freien Hand einen Eisenring an der Bordbrüstung. + +»Ich habe den Mund voll Salz,« entrüstete sie sich, »das ist ja +unerträglich.« + +»Sie werden sich schnell daran gewöhnen,« beschwichtigte er. »Äußerten +Sie nicht in vergangener Nacht selbst, jeder Beigeschmack wäre Ihnen +noch lieber als das fade Einerlei? Der Himmel hat Ihre Bitte erhört.« + +»Spotten Sie nicht, Sie gräßlicher Heide. Da kommt eine neue +Sturzwelle.« + +»Diesmal gilt es den anderen. Schwupp — und sie hat ein Dutzend +Triumphstühle übergossen. Empfinden Sie nicht das Groteske des +Vorspiels? Ganz wie bei den alten Meistern. Erst die Rüpelkomödie, dann +das Drama. Ach du mein lieber Gott, das Publikum hier ist ja viel zu +ungebildet für die ganze Veranstaltung, oder zu dekadent. Wenn sich die +Natur einen Witz erlaubt, nennen sie’s Gemeinheit; und wenn sie selbst +sich Gemeinheiten gestatten, nennen sie’s einen Witz. Treten Sie näher, +meine schöne Dame. Entree gänzlich frei.« + +»Na,« lachte sie zornig, »Tribut scheint mir doch zur Genüge gezollt zu +werden.« + +»Ja,« bestätigte er, »die Ästhetik ist vorläufig von der Tagesordnung +abgesetzt. Sehen Sie nur, wie die tadellosen Helden und Heldinnen vom +Turf und Tennisplatz sich verzweifelt winden, um ihrem Schicksal zu +entrinnen. Hilft nichts. Jetzt grassiert das reine Menschentum. Dort +ziehen flinke Stewardshände die Erblassenden aus den Salons auf Deck — +denn die Smyrnateppiche sind kostbar, und Holzplanken noch nie diffizil +gewesen. Gehen wir hin, kondolieren.« + +»Um Himmels willen, hören Sie auf. Gleich wird sich der Spieß umkehren.« + +»Unbesorgt. Ich setze meinen rheinischen Dickkopf auf.« + +»Und ich?« + +»Sie —?« gab er zurück, ließ einen Augenblick den Eisenring los, schob +ihr die Kapuze aus der Stirn und sah ihr in die Augen. »Sie sind bis +auf weiteres ein Teil von mir.« + +Wieder sprühte ein Salzwasserregen über sie hin. Die Wellen fegten über +das Bugspriet; auf Vorderdeck war der Aufenthalt unmöglich geworden, +und auf Promenadendeck wurden starke Seile gezogen als Halt für die +tastenden Hände. Wie Mumien eingepackt, still und starr und frierend, +lagen die Reisegenossen in langer Reihe in den Triumphstühlen. Aber +die horizontale Lage war auf die Dauer nicht zu ertragen. Einer nach +dem anderen erhob sich wieder, mit übernatürlich glänzenden Augen, um, +wie weiland Graf Ernst von Mansfeld, stehend und in voller Rüstung +zu sterben. Und endlich schwankten sie hinweg, von samariterhaften +Matrosen geleitet. + +Der rundliche Herr, der am Mittag so enthusiastisch die Wonnen der +Dampfer vor allen anderen Transportmitteln gefeiert hatte, war wie +eine Kugel an Steinherr und seiner Gefährtin vorbeigeschossen. Nun +klammerte er sich, ohne den Kopf zu wenden, mit einer Innigkeit an +die Bordbrüstung, als hätte er tiefe Geheimnisse mit der zu ihm +aufspringenden See. Als er sich endlich mit schwerem Atemzug dem Bann +des Meeres entriß, drückte er erloschenen Auges Steinherr die Hand. + +»Doch, doch! =D=-Zug ist auch was Schönes. — Glauben Sie’s mir. Jetzt +versteh’ ich mich darauf.« + +Ein Matrose brachte ihn unter Deck. + +Die Nacht brach herein, und der Sturm tobte mit voller Kraft. Kein +Passagier war an Deck zurückgeblieben. Nur Steinherr stand mit seiner +Gefährtin an der Bordbrüstung. Er hatte ein Tau durch die Eisenringe +gezogen, so daß sie fest angeseilt gegen die Planke gedrängt waren. + +Die Frau an seiner Seite sprach schon seit langem nicht mehr. Sie +trieften beide vor Nässe, und bei jeder neuen Sturzwelle spürte er, wie +sie erschauerte, wie sie sich unwillkürlich an ihn preßte. Dann beugte +er sich zu ihr hinab und sah ihr starr in die Augen. Der Wind heulte +um die fauchenden Schlöte des Schiffes herum. + +»Nun, meine gnädige Frau,« fragte er leise, »was sagen Sie zu diesem +Pendant der gestrigen Nacht? Nach dem weichen Sehnen die tolle +Leidenschaft. Haben Sie ein Gefühl für die wilde Größe?« + +Sie hob den Kopf, und ihre Nasenflügel vibrierten. + +»O — —« stieß sie hervor, »Sie sind ein Lehrmeister — —« + +»Wir Menschen müssen Künstler sein,« sagte er, »und wenn nicht mehr, +dann doch Lebenskünstler. Damit betrügen wir uns selbst, zu unserem +Heil, als hätten wir wahrhaftig Gottähnlichkeit.« + +»Wir haben sie,« entgegnete sie, »wir brauchen nur zu wollen.« + +Er überhörte den Einwurf. Der Künstler in ihm war geweckt. + +»Was für ein Pathos liegt in dem Bilde vor uns! Man denkt nicht daran, +über den Stil zu lachen, man wird selbst pathetisch. Aber Größe +verspürt man. Wie sie aus weiter Ferne heranrollen, die Wellenungetüme, +näher und näher jagen, von anderen gefolgt. Und wie ein Kommandeur in +der Schlacht links und rechts die Regimenter an sich reißt, zum Sturm +auf die feindliche Hauptmacht, so schlingt die heranstürmende Woge +links und rechts kleinere Wellenberge in sich hinein, wächst wie eine +Lawine, bäumt sich dicht vor dem Bug des Schiffes haushoch empor, unten +die schwarzen Massen, darüber eine kristallgrüne Kappe, die wieder von +schneeweißem Gischt gekrönt, der sich in sausenden Fontänen auflöst +— heißa! jetzt fegt’s über Deck wie ein Schwarm von nadelscharfen +Pfeilen. Sind Sie getroffen, meine Allergnädigste?« + +Sie wollte etwas sagen, aber sie konnte nicht. Der Sturm hatte ihr die +Kapuze heruntergeweht, und sie griff mit beiden Händen in den Nacken. +In ihrem schwarzen Haar glitzerten die Salzspuren wie Diamanten. Brust +an Brust standen sie. + +»Wissen Sie noch, was Sie mir heute mittag zuriefen? ›Hoffen wir, daß +Sturm kommt.‹ Der Sturm ist da! Und ich warte.« + +»Nein, ~ich~ warte!« + +Sie küßten sich unter dem Sprühregen der See auf den Mund, auf die +Augen, und wieder auf den Mund. Kein Wort hatte Raum zwischen ihnen. +Kaum, daß sie sich sahen in der Dunkelheit. Nichts von Erblassen, +nichts von Erröten. Mitten im Meersturm: zwei Menschen. + +»Wohin mit uns?« + +»Wohin? Willst du vor meiner Kajütentür Schildwacht stehen?« + +»O, selbst Tristan —« + +Sie hielt ihm den Mund zu. + +»Ja, wenn ein König Marke existierte. Nur die Gefahr entzückt. Wart’s +ab, bis sie kommt.« + +»Hüte dich.« + +»Hüte du dich.« + +Und wieder küßten sie sich. + +»Auf morgen denn.« + +»Nein, nicht hier. Das wäre eine blasse Kopie. Nicht eher, als bis ich +daheim bin.« + +»Du reisest weiter, ohne in Hamburg zu bleiben?« + +»Übermorgen bin ich in Berlin. Vielleicht — weißt du mich zu finden?« + +»Und unterdes? Das ist eine Wartezeit von Jahrhunderten!« + +»Voneinander träumen. Lebenskünstler sein, wie du sagtest.« + +Er zog das Tau aus den Ringen, um sie frei zu geben. Sie tat ein paar +Schritte, blieb stehen, öffnete den durchnäßten Wettermantel und +schöpfte, die Arme dehnend, Atem. + +Da war er bei ihr und riß den Mantel ganz herab. »Ich muß deine Gestalt +noch einmal sehen. Ob du dich nicht in eine fischschwänzige Nixe +verwandelt hast. Das ist jetzt mein Eigentum.« + +»Verteidige es,« lachte sie und wollte ihm entfliehen. + +Aber er fing sie in den Armen und preßte sie an sich. Sie schloß die +Augen in der ungestümen Umarmung. + +»Gute Nacht, wilder Mensch!« + +»Gute Nacht, Sturmfrau!« — — — — + +Am nächsten Tage sah er sie wieder. Der Morgen war sonnendurchleuchtet. + +Hoheitsvoll, in eleganter, duftiger Toilette, schritt sie, wie eine +unnahbare Fürstin von einer alten Exzellenz geleitet, an ihm vorbei. +Kaum merkbar zuckte es in ihren Wimpern, als sie ihn erblickte, und die +Spitzen um den zarten Halsausschnitt zitterten eine Sekunde lang. Sie +war, wie vorher, die Dame der großen Welt. + +Und Steinherr, den alten ironischen Zug um den Mund, zog mit kalter +Höflichkeit den Hut. + +Als sie zum zweiten Male an ihm vorüberkam, kannten sie sich nicht mehr +.... + +Das Schiff war in die Elbmündung eingelaufen. Mit der einbrechenden +Flut ging es stromauf. Am Abend war der Sankt Pauli-Landungsplatz +erreicht; die Schiffsbrücken rasselten nieder und bildeten den Steg. + +Hans Steinherr stand mitten im Gedränge. Die Passagiere stießen an ihn +an und machten Bemerkungen über den Sonderling, der sich durch seine +Art auch beim Abschied nicht verleugnete. Er hörte nichts. + +Jetzt erschien Frau Bettina, von einem ganzen Kreise eskortiert. Er +streifte sie mit gleichmütigem Blick. Er hatte sich völlig in der +Gewalt. + +Als sie neben ihm war, tat sie, als würde sie von dem Menschenstrom +gegen ihn zurückgedrängt. Wie unbeabsichtigt lehnte sie sich einen +Moment fest an seine Schulter. Da spürte er ihre suchende Hand in der +seinen. Er biß die Zähne zusammen. Sie hatte ihm die Nägel in die +Handfläche gedrückt. + +Um den Wagen, der sie zum Bahnhof brachte, sammelte sich die +Gesellschaft. Sie erteilte gnädig Abschiedsaudienz. Hans Steinherr +reckte sich in den Schultern: ~Ich~ hab’ sie in den Armen gehabt! + +Aus der Ferne flatterte ihr Tuch. Das galt ~ihm~: Folge mir! + +Lange noch stand er an der stiller werdenden Hafenstelle. — — + +[Illustration] + + + + +Zweites Kapitel + + +Hans Steinherr hatte es nicht sonderlich eilig gehabt, Frau Bettina +Wittelsbach wiederzusehen. Die ersten Tage in Berlin waren damit +hingegangen, eine Wohnung zu suchen und das Ameublement auszuwählen, +das dem Geschmack eines verwöhnten Junggesellen zu entsprechen +vermochte. + +Er konnte nicht müde werden, die Stadt zu durchstreifen und sich die +Gegenstände Stück für Stück zusammenzuholen. So schuf er sich ein Heim, +so ruhig und vornehm in Form und Farbe, als hätte ein kunstsinniger +Geist schon seit einem Menschenalter in diesen Räumen geweilt. + +Die Wohnung lag in der Viktoriastraße nahe der Potsdamerbrücke. Wenige +Schritte, und er war mitten im Leben der Großstadt; wenige Schritte +zurück, und die Brandung war verrauscht, Weltabgeschiedenheit umfing +ihn. Seine Stimmung brauchte sich von der Laune Berlins nicht abhängig +zu machen. + +Vierzehn Tage hatte er benötigt, um die Einrichtung zu vollenden. Von +früh bis spät war er in freudiger Tätigkeit gewesen, und das Schaffen +und Anordnen, das stetige Sichversenken in jeden neuen Gegenstand und +das heitere Bekanntwerden mit den Dingen, die nun seine Umgebung +bildeten, hatte seine andrängenden Gedanken und Erinnerungen in ruhige +Bahnen abgezogen. + +Es war ein Vormittag zu Anfang Oktober. Hans Steinherr stand an dem +weitgeöffneten Fenster seiner Parterrewohnung und blickte über die +sonnenbeschienene Potsdamerbrücke hinaus. Was nun? Er hatte sich +fertig eingerichtet und mußte nun wohl an die Regelung eines weiteren +Tagewerks gehen. Das fiel ihm zum ersten Male ein. Weshalb hatte er +sich sonst seßhaft gemacht! + +Er erinnerte sich der hohen Meinungen seiner einstigen Kommilitonen. +Ihres Schwärmens von seiner Zukunft. Man hatte doch eine Karrière von +ihm erwartet, die in gerader Linie unter Volldampf vorwärts wies, und +nun war er, eben vom Start gelassen, in breiter Kurve ausgewichen und +hatte den Anschluß nicht wieder aufgesucht. Wo war der kalt wägende +Ehrgeiz geblieben, für den es keine Hindernisse geben sollte, dem er +als ersten Tribut seine töricht süße Jugendliebelei geopfert hatte? + +Töricht — —? Süß, o ja, das war sie gewesen. Aber töricht? — Was war +denn in der Empfindung später ernsthafter gewesen? Oder nur gleich +ernsthaft? Jede Spanne des Lebens nahm das ernsthaftere Gepräge der +Empfindungen für sich in Anspruch, aber das der aufwachenden Jugend +war das erste und damit das ursprünglichste gewesen. Das, was folgte, +hatte sich darauf aufgebaut, dem Geschmack der Welt, den Zeitströmungen +nachgebend. + +So schnell er gelaufen war, sein Schatten lief mit. + +Das hatte sich hemmend auf den Sturmlauf seines Ehrgeizes gelegt. Das +niederrheinische Gemüt wurzelte tiefer als alle anerlernte Form. Das +Wesensinnere einer Heimatscholle, die einen ausgesprochenen Charakter +besitzt, läßt sich nicht abschütteln wie der Staub von den Stiefeln. +Durch sie, durch das Festhalten an ihr, werden ihre Söhne in der Ferne +zur Kraft gelangen wie Eichen im Buschwald, ohne sie, unter Preisgabe +ihrer Art, werden sie unkennbar im Niederholz verschwinden. + +Hans Steinherr sah über die sonnige Straße hin. Noch war er da! + +Anders, als er es sich vorgestellt hatte beim letzten Abschied von +Düsseldorf, vor fünf Jahren ... Aber er war da! Er war ~wieder~ da! Und +eine neue Heimat zu schaffen, mußte gelingen. + +Als er es in seinem Studium zum Doktor der Rechte gebracht, hatte er +resigniert. Durch den jähen Abbruch der Beziehungen zur Vaterstadt, +zur Mutter, den Freunden, der Freundin, war es mählich und mählich +beklemmend still in ihm geworden. Er hatte Stunden gehabt, in denen +es ihn mitten in fröhlicher Gesellschaft fror. Und die Stunden +waren wiedergekommen und kamen wieder. Dann vermochte er sich nicht +zu wehren: die Vergleiche drängten sich ihm unabweisbar auf. Dann +entsann er sich des Abends am Rheinufer, als er, noch ein Primaner, +vom Schützenfestplatz gekommen war und ihm die Ursprünglichkeit des +Heimatlandes zum ersten Male jubelnd aufgegangen war. Auch damals hatte +er Vergleiche gezogen, zwischen dem gesellschaftlichen Leben im Hause +seines Vaters, das sich, wenn auch Schablonenarbeit, zeitweilig doch +so hübsch, ja sogar witzig abspielte, und der Glückseligkeit, die ihm +die nahe Berührung mit der Rassigkeit der ureigensten Scholle bereitet +hatte. Nun fehlte ihm selbst das schwache Abbild, das das Vaterhaus ihm +bot. Von allem anderen zu schweigen ... + +Immer wieder waren die Erinnerungen gekommen wie der Dieb in der +Nacht. Sie verschönten sich in seiner Einbildung, ließen ihn oft die +Gegenwart vergessen und gaukelten ihm Perspektiven vor, in denen er als +nimmer müder Genießender stand. Wenn er erwachte, fragte er sich: Wozu +arbeite ich, wozu leb’ ich denn überhaupt? Das ist ja eine regelrechte +Komödie, die ich mitmache. Nur weil andere aus Gründen ihr Gesicht +unter Schminke verstecken? »Wenn der Mensch schon etwas ›aus Gründen‹ +tut ...!« hatte Heinrich Springe einmal gewettert. + +Aber der harte Kopf, der niederrheinische Eigensinn hatte ihn +abgehalten, den Schritt zurück zu tun. Wenigstens nicht als +Schiffbrüchiger sollte es geschehen. Der Schein des Siegers, der +sich großmütig und menschlich erweist, sollte gewahrt werden. In den +Gedanken, so widerspruchsvoll er war, hatte er sich verbissen. + +Wo der Siegerlorbeer für ihn zu holen sei, war ihm dabei nicht +klarer geworden. Den Ehrgeiz auf eine hohe gesellschaftliche oder +Staatsstellung hatte er quittiert, seitdem ihm die Masken als +Masken erschienen und ihm der Gedanke, eines Tages als Marionette +zu funktionieren, kalten Schauder einjagte. Also zurück zu den +Jugendträumen, der Kunst! Aber die Poesie floß ihm dickflüssig aus der +Feder, sie wurde geschraubt, unwahr und schematisch, weil sich sein +innerer Mensch noch immer im Widerspruch zu dem äußeren befand. Er +war zu gründlich in die Schule der Salons gegangen. Die Natürlichkeit +schien ihm mit einem peinlich lächerlichen Beigeschmack behaftet. In +seinem Gefühlsleben war alles durcheinander gestürzt. + +Da hatte er es mit der Flucht in die Einsamkeit versucht. Er, der +Anwärter des Menschenglücks, war menschenscheu geworden, hatte die +Wüsten durchwandert und die Meere befahren. In jungen Jahren waren +seine Züge schärfer geworden und sein Sarkasmus größer als seine +Jugendfreude. Wieder hatte er sich eine neue Welt gebaut, und wieder +umgürtete sie nicht die chinesische Mauer, die den großen, fragenden +Augen der Heimat den Einblick verwehrt hätte. + +Nicht, daß er von daheim mit vielen Briefen behelligt worden wäre. Nur +das unabweisbar Notwendige kam zu seinen Ohren. Die geschäftlichen +Berichte und Bilanzen, die ihm der neue Leiter der Firma Philipp +Steinherr regelmäßig einsandte, würdigte er kaum eines Blickes. Das +mußte der Mann ja besser verstehen als er. Von privaten Geschehnissen +wußte er nur, daß seine Mutter Heinrich Springes Gattin geworden war, +daß sie sich an der Seite des herrlichen Menschen unsagbar glücklich +fühlte, daß sie die Wohnung in der Immermannstraße gewählt hatten, und +die Villa an der Grafenbergerchaussee unter einer tüchtigen Verwalterin +täglich für ihn bereit stand. Einmal hatte die Mutter den Namen Hannes +in den letzten Jahren erwähnt. Er hatte Wunderdinge aus dem Briefe +herausgelesen. Sie sollte, nachdem sie Düsseldorf bald verlassen und +in Frankfurt am Main unter Meister Stockhausens Leitung ihre Studien +vollendet hatte, eine Konzertsängerin von weitreichendem Ruf geworden +sein und draußen in der Welt zu den gesuchtesten Künstlerinnen zählen. +Nach Düsseldorf käme sie selten, und nur zu Gast. + +Die Nachwirkung dieser Kunde war größer gewesen, als er sich zuerst +gestehen wollte. Es war etwas wie Scham und Stolz, was in ihm stritt. +Die kleine Jugendliebste schien dort eingesetzt zu haben, wo er +aufgehört hatte. ~Sie~ hatte gehalten, was ~er~ versprochen hatte. Und +noch eins: sie zeigte, daß jeder Name, und sei es der geringste, adlig +ist, wenn er von seinem jeweiligen Träger adlig gehalten wird. + +Ah, das war ganz der alte Hannes. Das war schön und — das war +niederdrückend. + +Sie hatte sich den Inhalt ihrer Jugend gerettet, ihn veredelt; er hatte +ihn verloren, nachdem er ihn verleugnet hatte. + +Eine Ausgleichung konnte nicht mehr in Betracht kommen. + +Nein, dachte der Mann am Fenster ruhig, wir sind auseinander gewachsen, +der Boden unter unseren Füßen ist nicht mehr der gleiche. Die alten +Gespenster müssen endlich einmal geknebelt werden, und endgültig. + +Er trat zurück, nahm Hut und Handschuhe und verließ die Wohnung. Ein +eigentümliches Flimmern kam in seine Augen, als er über die Straße +schritt und sein Ziel nahm. Es glitt plötzlich wie schwerer Wein durch +seine Adern, und seine Männlichkeit dehnte sich in den Gelenken. Die +Sturmnachtstimmung von der Nordsee war über ihn gekommen, und er spürte +die wilden Küsse des Bereitseins. Das war eine andere Stimmung wie +weiland die Hofgartenstimmung in Düsseldorf mit den keuschen Küssen +der Vorbereitung. Das Herz hatte sich als ein läppischer Bundesgenosse +bewiesen. Es wimmerte bei der geringsten Zumutung. Frau Bettina aber +... Ah, diese Frau hielt es mit den Sinnen. Sie lachte und genoß. + + »Um Sechse des Morgens ward er gehenkt, + Sie aber schon um Achte + Trank roten Wein und lachte ...« + +klang ihm die Heinesche Romanze in den Ohren. Unwillkürlich blieb er +stehen und zog die Brauen zusammen. Was war dies für eine wahnsinnige +Reminiszenz? Mußte er denn schon wieder ins Extravagante verfallen? Sie +hatte Leidenschaft, Frau Bettina! + +Er schritt weiter, bis er den Kurfürstendamm erreicht hatte. Aus dem +Adreßbuch wußte er ihre Wohnung. Der Portier öffnete und wies ihn nach +der ersten Etage. + +Feierlich still war es in dem hochschössigen Treppenhaus. Der dicke +Teppich dämpfte jeden Lebenslaut. + +Hans Steinherr mußte eine momentane Verlegenheit niederkämpfen, bevor +er dem Stubenmädchen in den Salon folgen konnte. Er hatte sich ein ganz +anderes Bild von Frau Bettinas Umgebung gemacht, ein farbenfroheres, +ein genußfreudigeres. Hier war ja alles auf Harmonien gestimmt. + +Die Dame des Hauses ließ auf sich warten. Er hatte schon die Bilder +ringsum an den Wänden studiert, als er hinter sich das Rauschen eines +Kleides vernahm. + +»Guten Morgen, mein lieber Herr Doktor! Entschuldigen Sie, daß ich +Sie nicht in Toilette empfange, aber ich hätte dann Ihre kostbare Zeit +allzusehr in Anspruch nehmen müssen. Wie geht es Ihnen? Was führt Sie +her? Bitte, dort den Sessel!« + +Er ärgerte sich über die Begrüßung, und sie sah es ihm an. + +Ihre Augen schlossen sich ein wenig, als wollten sie eine geheime +Freude unterdrücken. + +»Sie sehen übrigens ausgezeichnet wohl aus. Ich fühle mich leider etwas +abgespannt. Die vielen Verpflichtungen hier —« + +»Frau Bettina —« + +»Aber so setzen Sie sich doch, Herr Doktor!« + +Er setzte sich, blickte sie an und schwieg. Eine Ernüchterung kam über +ihn. + +Und wieder bemerkte sie es, schloß die Augen halb und lächelte. + +»Sie sind wohl ungehalten, daß ich Sie so =sans gêne=, im Hauskleid, +empfange?« + +Er antwortete nicht gleich, aber der leise ironische Zug um seinen +Mund, der sie schon auf dem Schiffe gereizt hatte, kehrte wieder, +als er mit fragendem Blick ihre weich herniederwallende Gewandung +betrachtete und mit gut gespielter Naivetät dann das Auge zu ihr erhob. + +»Ich kann mir nicht helfen, ich finde Sie ganz hübsch, gnädige Frau.« + +»Nein — wirklich? Ganz hübsch? — Sie nehmen mir eine Last vom Herzen.« + +»Sollte Ihnen daran gelegen sein, mir gegenüber noch hübscher zu +erscheinen? Das wäre doch undenkbar.« + +»Gott, liebster Doktor, man hat zuweilen so seine Launen.« + +»Das versteh’ ich vollkommen. Wer in dieser Beziehung frei von Schuld, +der werfe den ersten Stein.« + +Sie öffnete weit die Augen. Was fiel dem Manne ein? Wollte er den Spieß +umkehren? Trotzte er noch oder spottete er bereits ... + +»Sie haben sich wohl noch in Hamburg von den Strapazen der Seereise +erholt?« fragte sie mit erzwungener Ruhe. + +»Nein. In Hamburg hielt mich nichts. Es zog mich nach Berlin, und seit +zwei Wochen bin ich hier.« + +»Würde es unbescheiden sein, zu fragen, was Sie so sehr nach Berlin zog +und Sie hier so fesselte, daß Sie sogar darüber vergaßen, sich nach dem +Befinden einer Ihnen nicht ganz unbekannten Dame zu erkundigen?« + +»Die nicht ganz unbekannte Dame war es.« + +»Ah,« lachte sie auf und lehnte sich weit zurück, »das muß ich sagen: +Sie haben eine Art, Ihre Bewunderung an den Tag zu legen, die einem +Dichter Ehre machen würde.« + +»Gnädige Frau haben die Güte, anzunehmen, daß ich etwas erdichte?« + +»Ja, gnädige Frau haben diese Güte.« + +»Das ist — verzeihen Sie — sehr unrecht, gnädige Frau. Ich konnte der +mir nicht ganz unbekannten Dame die Aufrichtigkeit meiner Bewunderung +nicht besser beweisen, als dadurch, daß ich ihr Zeit ließ, sich ebenso +über ~ihre~ Aufrichtigkeit klar zu werden. Wie mir scheint, ist das +geschehen. Das Schiff streicht durch die Wellen, Fridolin — —« + +»Sie erwarteten wohl gar noch eine Art rührender Familienszene, Herr +Doktor?« + +»Fehlgeraten, meine allergnädigste Frau. Über die Tage der Rührung bin +ich hinaus. Mich gelüstet es mehr nach dem Starken, dem Kräftemessen, +dem — aber =pardon=, ich langweile Sie wohl.« + +»Ich wüßte nicht, daß ich Sie unterbrochen hätte. Bitte, fahren Sie +fort. Es gelüstet Sie —?« + +»Nach dem Weib — dem Vollweib.« + +Sie lag noch immer, den Kopf weit hintenüber gelehnt, in ihrem Sessel. + +»Sie sprechen von diesen Dingen,« sagte sie gedehnt, »als ob es sich um +Spielzeug handelte. Orientieren Sie sich.« + +»Ich spreche von Dingen,« entgegnete er, »denen ich gewachsen bin. +Vorausgesetzt, daß mir die Partnerschaft paßt.« + +Mit einem Ruck stand sie auf den Füßen. Ihre Brust wogte, und über ihre +elfenbeinfarbene Haut zog sich blitzschnell eine fliegende Röte. + +»Das — das ist — eine Kühnheit von einer Beispiellosigkeit —« brachte +sie hervor. + +»Hassen Sie die Kühnheit?« fragte er mit einem Gleichmut, der sie noch +mehr empörte. »Nun, meine gnädige Frau, Kühnheit oder Feigheit, Haß +oder Liebe: eine Frau wie Sie, die nur zuweilen eine Laune hat, ist +doch selbstredend =hors concours=. Und von der anderen zu sprechen, +lohnt sich nicht.« + +»Wie Sie befehlen, Herr Doktor.« + +Sie ging mit erzwungener Gelassenheit an ihm vorüber, und die Schleppe +ihres weichen Kleides strich über seine Füße hin. Wie ein magnetischer +Strom ging es von der Berührung aus. + +»Sie bedienen sich da eines Ausdrucks, meine allergnädigste Frau, den +Sie mir einmal verwiesen. Sie betonten damals als erlesenste Freude das +freiwillige Entgegentragen ohne Befehl.« + +»Sie täuschen sich, Herr Doktor. Das muß wohl die andere gewesen sein.« + +»Verzeihung wegen meiner Vergeßlichkeit. Es war die andere.« + +Sie stand an dem Fenstervorhang, den Rücken ihm zugewandt, und blickte +durch die Stores. Wie prachtvoll sich diese Rückenlinie schwang. Ein +Frauenkörper ohne Fehl. + +Eine Minute zögerte Steinherr noch, um das Bild zu genießen. Dann erhob +er sich. + +»Sie verabschieden mich, meine gnädige Frau? Da muß ich wohl meiner +Erziehung Ehre machen und — gehen?« + +Sie blickte weiter durch die Stores, als ob auf der Straße sie etwas +ungewöhnlich fesselte. + +Da trat er hinter sie und küßte sie auf den weißen Nacken, dicht unter +den Haaransatz des schlanken Kopfes. + +Sie fuhr herum mit vor Entrüstung flammenden Augen. + +»Was erdreisten Sie sich!« + +Da beugte er sich über sie und küßte sie auf den gewölbten Hals. + +»Ich verbiete Ihnen — —« + +Und er beugte sich zum zweiten und dritten Male über sie und küßte sie +genau auf dieselbe Stelle. + +»Du!« stieß sie erregt hervor, »du! Ich will nicht! Ich — ah, ich +verspreche mich.« + +Er führte langsam ihre Hand an die Lippen, zum Abschied. + +»Leben Sie wohl, gnädige Frau! Ich hoffe, ich habe Ihnen keine +Aufregung bereitet.« + +Noch eine Verneigung, und er ging. + +»Hans!« + +Er wandte sich an der Tür um. »Sie befehlen, meine gnädige Frau?« + +»Nichts, nichts!« rief sie zornig und stampfte wie ein wildes Kind mit +dem Fuße auf. + +»Entschuldigung. Mir war’s, als hätte ich meinen Namen gehört,« und er +griff nach der Klinke. + +»Wann du wiederkommst, will ich wissen!« + +»Also war es doch keine Halluzination.« Er lachte, drehte sich um +und sah sie mit seinen strahlenden grauen Augen an, die sonst so +geheimnisvoll das Feuer behüteten. »Die andere war kein Phantom. Sie +lebt!« + +»Wann du wiederkommst, frag’ ich doch.« + +»Wenn Bettina sehr lieb zu sein gedenkt — morgen!« + +»Morgen,« sagte sie hastig, »morgen abend.« + +Er verbeugte sich und ging, ohne sie noch einmal zu berühren. + +Fassungslos blickte sie ihm nach. Dann lachte sie nervös auf. Also — +geschlagen! + +Geschlagen? Der Anfang eines Gefechtes entscheidet nicht. Und — und — +war es denn gar so unangenehm? Sie sah mit einem verträumten Lächeln an +sich herab. + +Wie er mich auf den Hals geküßt hat! Das brennt wie Feuer. + +Leise wischte sie mit der Hand über die Stelle. + +Sie durchtändelte den Tag, ohne sich zu einer bestimmten Beschäftigung +aufraffen zu können, nahm hundert verschiedene Dinge in die Hand und +entsann sich im selben Augenblick nicht mehr, zu was sie ihr dienen +sollten, fühlte sich einsam, ließ dennoch jeden Besuch abweisen und +saß zuletzt ganz still in einer Ecke des Diwans, zusammengekauert, mit +glänzenden Augen. + +Am Abend dieses Tages schrieb Hans Steinherr zum ersten Male nach +langen Jahren wieder ein Gedicht. Es war ein Impuls, dem er folgte. +Etwas trieb ihn an, die Spannung, die wie eine Gewitterschwüle in +ihm lag, zu entladen. Und der junge, heiße Siegestaumel kam hinzu, +das Begehren nach Frauenliebe, nach großer Leidenschaft, in deren +Lichtfülle alle kleinen Gestirne erblassen. Er glaubte in der +zwingenden, sinnenstarken Frau, der Geben und Nehmen nur ~ein~ Begriff +war, das Weib, die Verkörperung des Weibes entdeckt zu haben, und in +dem Sturm der beiderseitigen Gefühle sah er die beiderseitige Sehnsucht +nach der Ruhe. Nach der Ruhe Brust an Brust. + +Er wußte, daß sie ihn liebte; und in ihm loderte alles empor, wenn +er nur ihren Namen vor sich hinsprach. Er wollte nachdenken, wie von +nun an sein Leben zu gestalten wäre, er wollte einen Plan entwerfen, +seinem täglichen Tun einen vernünftigen Inhalt zu geben. Er dachte an +seine Fabrik, an die Eisenwerke in Bilk; er dachte an Arbeit. Denn ihm +schien es, als ob solche Liebe ein Äquivalent verlange, als ob er in +kühnem, erfolggekröntem Schaffen der königlichen Frau tagtäglich ein +Bild seiner Unwiderstehlichkeit bieten müsse, damit sie die Herrenhand +sähe, die für sie das Eisen zu Gold münzte, damit das Staunen vor +seiner Kraft sie wiederum ansporne, die Kräfte ihrer Liebe auszulösen. + +Aber in seine Grübeleien fuhr ihr Bild hinein wie ein Wirbelwind und +riß ihn mit über Höhen und Tiefen, und alle ehrgeizigen Pläne, alle +Vernunftgründe stoben auseinander vor dem einen Gedanken an den Besitz, +den unumschränkten Besitz dieser Frau. + +Das ist die Liebe, sagte er sich. Sie duldet keine Götter neben sich. +Als ich jung war, war ich ein Schwärmer, der die Seele suchte, wie +Saul des Vaters entlaufene Eselin. Und als er auszog, fand er ein +Königreich. Da flogen die opferseligen Hirtengefühle auf die Heide. Für +den verlorenen Jugendhimmel die königliche Glückseligkeit der Erde! + +Und ist das vielleicht keine Schwärmerei? dachte er lachend und sprang +vom Tisch auf. Ehrlich, alter Hans, du gibst dem Kind nur einen größer +tönenden Namen. Beschwindle deinen eigenen Menschen nicht. Du bist +verliebt, verliebt, verliebt! Nun ja — — und das ist mehr als alle +großen Worte. + +Von dieser Sekunde an versuchte er seine Gefühle nicht mehr zu +zergliedern und zu analysieren. Er nahm sie als ein Unbedingtes, als +eine feststehende Zahl, als ein untrennbares Element. Der Mann in ihm +erhob seine Stimme, und er sah nur Helena. Bettina-Helena — —. Nam’ und +Art zu wägen, wäre ihm als Sakrileg erschienen. + +Er beobachtete es nicht, daß er unmerklich in eine neue Phase geraten +war ... + +Am nächsten Abend, zur Teestunde, war er bei Bettina. + +Sie hatte ihn vom Fenster aus kommen sehen, und ihre Ungeduld war so +groß gewesen, daß sie selbst auf den Korridor hinausgeschlüpft war, um +die Entreetür für ihn offen zu halten. + +»Endlich, endlich ... So komm doch nur ... Nennst du das Abend? ... Das +ist ja Nacht.« + +»Kaum sechs vorbei.« + +Sie zog ihn ins Zimmer und hing, bevor er ablegen konnte, an seinem +Halse. + +»Du läßt mich ja zu Tod’ schmachten. So küss’ mich doch!« + +Sie sprachen kein Wort mehr. Sie küßten sich, bis daß es sie schmerzte. +Da ließen sie sich mit einem Seufzer los. + +Frau Bettina strich ihr Haar zurecht. Mechanisch, mit einer wohligen +Mattigkeit. Als er aufs neue auf sie zutreten wollte, um sie in die +Arme zu schließen, wehrte sie horchend ab. + +»Wir sind Kinder,« murmelte sie. »Wenn das Mädchen servieren kommt und +dich sieht —« + +Rasch ging sie auf den Korridor hinaus, ließ die elektrische Klingel +draußen ertönen und kam zurück. + +»Lassen Sie nur, Anna,« rief sie dem herbeieilenden Mädchen zu, »ich +habe schon selbst geöffnet. Sie können den Teetisch richten. In einer +Viertelstunde etwa melden Sie.« + +Hans Steinherr war überrascht beiseite getreten. Der Vorgang war ganz +natürlich, aber der schnelle Wechsel von alles verlachender Unvernunft +zur peinlich überlegenden Vernunft hatte ihn beklommen gemacht. + +Ihr weiblicher Instinkt witterte sofort den Grund seiner Umwandlung. +Der Ton ihrer Stimme bekam eine schmeichelnde, mütterlich besorgte +Klangfarbe, und als ob sie es mit einem großen Jungen zu tun habe, nahm +sie ihn beim Ohr und zupfte es. + +»Willst du wohl gleich ein anderes Gesicht machen? Wenn Bettina nicht +für dich mit dächte! Jetzt bist du doch offiziell gemeldet, ganz +gleich, ob du den Abend offiziell oder inoffiziell gestalten willst. +Siehst du wohl? Ja, jetzt lächelst du. Ich verwöhn’ dich.« + +Sie hob sich auf den Zehen und legte ihre weichen Lippen auf das +mißhandelte Ohr. + +Er hielt ganz still. In seinem Hirn begann ein Sausen und Brausen. Und +plötzlich faßte er sie um die Taille, trug sie wie ein zappelnd Nixlein +zum Diwan, kniete schnell nieder und hob sein erhitztes Gesicht zu ihr +auf. + +»Wie du die Menschen verjüngst. So hatte ich es mir gedacht. Du bist +das Leben.« + +»Du hast an mich gedacht? Wann? Wo? Ich muß jede Regung in dir kennen.« + +»Gestern abend, zu Hause. Ich kramte in Erinnerungen umher, in toten +Geschichten. Da kamst du ...« + +»Und weiter? Was tat ich? Was tatst du? So erzähle doch. Du sprichst +schön.« + +»Ich sagte es ja: du verjüngtest mich.« + +»Und die toten Geschichten? Legten sie sich nicht zwischen uns? Wurden +sie nicht lebendig?« + +»Du hattest ihnen ein neues Leben gegeben. Sie trugen deinen Stempel.« + +Sie atmete tief auf und zog die Brauen dicht zusammen. + +»Ich bin von einer unbändigen Eifersucht,« murmelte sie. »Das hast du +davon.« + +Er zog ihren Kopf herab und küßte sie auf die finsteren Augen. + +»Hättest du mich lieber als den Spötter gemocht, dem nichts mehr heilig +war?« + +»Nichts soll dir heilig sein als ich!« + +»Nun, ich meine: daß du diese Ausnahme in mir geweckt hast, beweist +alles. Eine andere kenne ich nicht.« + +Sie griff links und rechts in sein Haar. + +»Schnell, schnell, was hast du jetzt gedacht? Liebster, so sprich doch +...« + +»Du wirst mich nicht auslachen, wenn du hörst, wie jung ich geworden +bin?« + +»Nein, aber nein. Ich könnte dich eitel machen und sagen: ich will +nur dein sonores Organ hören. Du hast einen Klang in der Stimme, der +aufwühlt. Nun gib dem Klang Begriffe, an denen man sich halten kann.« + +»Ich werde beichten,« sagte er, und das selbst-ironisierende Lächeln +spielte um seinen Mund. »Erschrick nicht allzu sehr. Ich bin so jung +geworden, daß ich wie in der Jugend holden Wahnsinnstagen das — Dichten +wieder aufgenommen habe! Sage und schreibe: das Dichten!« + +Sie legte ihm die Hände auf die Schultern, richtete sich auf und +blickte ihn lange an. + +»Ich habe es ja gewußt,« sagte sie endlich, »o ich habe es ja gewußt, +daß etwas Eigenes in dir war.« + +Ein triumphierendes Leuchten stand in ihren Augen. + +Im Nebenzimmer klirrte ein Servierbrett. + +»Steh auf!« flüsterte sie. + +Als das Mädchen erschien, saß Hans, durch den Tisch von der Hausfrau +getrennt, gelassen in seinem Sessel. + +»Stellen Sie nur alles hin, Anna; ich werde das übrige selbst besorgen.« + +»Sehr wohl, gnädige Frau.« + +Sobald das Mädchen gegangen war, hatte sich Frau Bettina erhoben. + +»Hans,« schmeichelte sie und legte ihm die Arme um den Hals, »vorlesen; +bitte, bitte, vorlesen!« + +»Du wirst mir nachher keinen Tee mehr geben wollen,« lachte er. + +»Sei lieb, Hans. Ich will ~auch~ verwöhnt sein. Ich will einen Sänger, +meinen Sänger haben.« + +»Gut, dein Wille geschehe! Wollte ich mich noch weiter sträuben, +würdest du am Ende noch glauben, es handle sich um ein unerhörtes +Meisterwerk. Es ist nichts als eine Impression.« + +Er entnahm seiner Brieftasche ein Blatt und wollte lesen. Aber sie +legte ihre schlanken Hände über die Zeilen. + +»Trag mich erst auf den Diwan zurück.« + +Er gehorchte auf der Stelle. Aber sie ließ ihn nicht wieder los, bis er +auf dem früheren Platze kniete. + +»So — —« sagte sie gedehnt, und dann kroch sie lauschend in sich +zusammen. + +Er nahm die Spitzen ihrer Finger in seine Hand und las. Wenn er eine +Pause machte, hörte er ihre tiefen Atemzüge und spürte das Klopfen des +Blutes in ihren Fingerspitzen. + + »Der Tag erlischt ... Was war’s, was die Sibylle, + Die schöne Frau, einst sprach?: Es tut nicht gut, + Daß du allein bist in der Dämmerstille. + Dann fließt zu schwer dein Abenteurerblut. — — + + Der Tag erlischt ... Gestreckt in meinen Sessel + Schau träumend ich empor ins dichte Grau, + Das mich umstrickt wie eine enge Fessel.... + Hüt’ vor dem Traum dich — sprach die schöne Frau. — — + + Ich blätterte heut’ lang’ in alten Briefen; + Noch spielt die Hand mit dem vergilbten Tand. + Es wurden Bilder wach, die längst entschliefen; + Ein Rufen scholl aus fernem Heimatland. + + Ich hör’ den Rhein an seine Ufer rauschen; + Das Wellenlied reißt meine Sehnsucht wund. + Du meine Jugend, komm, laß dich belauschen; + Drück’ deine Lippen auf des Träumers Mund. + + Sieh dort, sieh dort: die alte Lieblingsstelle — + Ein Streifen Moos im dichten Erlenstand. + Fern fließt der Rhein; es lockt und lockt die Welle; + Ein Sommerduften zittert durch das Land. + + Zwei Händchen, wie sie sonst nur Kinder zieren, + Sie pressen sich an meine Schläfen an, + Und junge Lippen wollen sich verlieren + Im ersten Kuß, im Kuß von Weib und Mann. — — + + — Wenn Jahr für Jahr die Winterstürme bliesen, + Wenn meine Seele nach dem Sommer schrie, + Nach meinem Rhein, nach meinen Erlenriesen: + Ich sucht’ die Händchen, und ich fand sie nie. + + Durch Abenteuer bin ich durchgeritten, + Und Lieder sang, just wie mein Mund, mein Schwert. + O wüßtet ihr, um die ich heiß gestritten, + Nach welchen Rosen nur mein Herz begehrt’! + + — Du sollst dich hüten vor der Dämmerstille, + Kein Sieger träumt! — Wer trat in mein Gemach? + Wer wagt es, mit den Worten der Sibylle + Zu wandern meinen Seelenpfaden nach? + + Gib Antwort, du! Die Jugend ist verklungen! + Kein weicher Schwärmer spannte hier sein Zelt! + Halt’ ich mit diesem Arm ein Weib umschlungen, + So bring’ dies Weib mir eine ~neue~ Welt! + + Aus Gräbern müßt’ ihr wundertät’ger Wille + Mir wecken Heimat, Jugend, Liebeskraft! + — Seh’ ich dich recht — —? Du, zaubrische Sibylle? + Du hast zum Wunder ~selbst~ dich aufgerafft? + + Du, schöne Frau ...? Die Prüfung ist zu Ende? + Du trägst die Fackel in die Dämmerung? + Ich spür’ zwei Hände, schlank wie Kinderhände, + Und einen Mund wie wilde Rosen jung, + + Und deines Blutes sturmbewegte Welle! + — O andre Wellen sind’s, wie einst am Rhein — + Ein Lebender, ich fühl’s, in Sonnenhelle + Kann nur des Lebens Auserwählter sein. + + Komm an mein Herz! Es ward dein Adelswille, + Des Rätsels stolze Lösung mir bewußt! + ... Du sollst nicht ~träumen~ in der Dämmerstille, + Doch ~siegen~ sollst du, — siegen Brust an Brust!« + +Die Dämmerstille lag über ihnen. Es begann stärker zu dunkeln, und +keiner von ihnen bemerkte es. + +Da führte Hans Steinherr die widerstandslose Frauenhand an seine heißen +Lippen, so fest, daß sie den Druck schmerzhaft verspürte, und daß +Bettina mit einem kurzen Aufschrei auffuhr. + +»Tu’ ich dir weh?« + +»Weh? — Weh? — Fragt mich dieser Mensch auch noch, ob er mir weh tut! +Ja, du ~tust~ mir weh, aber nicht weh genug. Brust an Brust! Hast du +das nicht eben selbst gerufen? Brust an Brust! Wo bleibst du denn nur?« + +»Bettina! Ob du mich lieb hast, sag!« + +»Lieb, lieb! Das ist ein Ausdruck für kleine Mädchen! Wenn du ~mich~ +meinst, erfinde einen anderen!« + +»Ich habe keine Zeit dazu. Das einzige Wort, das ich ausdenken kann, +heißt: Bettina. Meine, mir gehörige — Bettina.« + +»Das ist nicht viel für einen Dichter. Sag mehr, mehr —« + +»Jetzt hat der Mensch in mir das Wort. Nimm dich in acht: wenn er mehr +redet, steigert er seine Ansprüche.« + +»Ah, laß ihn doch, laß ihn doch,« rief sie laut und preßte ihren Kopf +gegen seine Brust. Dann rann die Woge langsam zurück — — — + +»Ich bin rasend,« sagte sie und fuhr sich über die Augen. »Ich muß +Licht machen, damit wir zur Besinnung kommen.« + +Sie ging zur Wand und tastete nach dem Knopf der elektrischen Leitung. + +Das Zimmer schwamm in blendender Helle, und die beiden Menschen standen +und staunten sich an. + +Er trat ihr einen Schritt entgegen, ungewiß, zögernd. Aber es schob ihn +vorwärts. + +Und sie schüttelte den Kopf über sich selbst, wollte entweichen und +lief auf ihn zu. + +»Hans, Hans, sei doch vernünftig! Du siehst doch, ich kann es nicht +sein.« + +»Weshalb hast du Licht gemacht? Jetzt seh’ ich erst, was ich alles +vergessen habe.« + +Sie glitt unter seinem Arm hinweg, zurück zur Wand. Ein Ruck, und es +war dunkel. + +Bevor er sich von seiner Überraschung erholen konnte, spürte er ihre +Lippen auf seinem Mund und ihre Hände an seinen Schläfen. + +Worte seines Gedichtes wirbelten ihm durch das Hirn. + +»Ein Lebender kann nur des Lebens Auserwählter sein!« — + +Jetzt lebte er ein auserwähltes, ein doppeltes Leben. Das ihre war das +seine. + +Die umschwärmteste Frau, die Dame der großen Welt war wie ein +zärtliches Kind und bedeckte ihn mit ihren Liebkosungen. + +»Bettina, kleine, süße, wilde Bettina, sprich nur ein Wort. Noch +existiert der Schmied von Gretna-Green. Noch ist Helgoland nicht aus +der Welt. Morgen, übermorgen kannst du meine Frau sein.« + +»Nicht den Zauber brechen,« murmelte sie, »das kommt nicht wieder.« + +»Wir werden es in der Hand haben, ihn jede Stunde zu beschwören, wenn +wir nicht mehr getrennt sind.« + +»Ach, du, diese Heimlichkeit — das ist das Schöne. Das Gefühl haben: +wenn’s morgen aus wäre — diese Stunde raubt uns niemand mehr, mag die +Zukunft sein wie sie will. Das Gefühl laß mir, bring es mir, so oft du +kannst, tagtäglich; das spannt unsere Nerven, das macht so närrisch +jung und so rasend verliebt; das ist, als könne es ein Jahrhundert +dauern. Das ist eine Brautzeit, wie sie für uns paßt. Ein Fest nach dem +anderen. Die Ehe bringt ja doch den unausbleiblichen Schlafrock.« + +»Du, du, werde nicht tragisch. Soll ich wieder Licht machen, damit du +siehst, was du dir zutrauen kannst?« + +»Horch,« entgegnete sie unvermittelt, »eins — zwei — drei — neun Uhr! +Unmöglich! Was ist aus der Zeit geworden? Das Mädchen wird kommen, um +den Tisch abzuräumen. Ich habe alles vergessen.« + +»Wer an der Tafel der Götter gesessen hat, kann doch keinen Tee mehr +trinken, Bettina.« + +»Du mußt; hörst du, du mußt. Ich kann doch das ganze Arrangement nicht +unberührt fortschaffen lassen. Die Dienstboten würden die Hände über +dem Kopf zusammenschlagen. Liebster, sei gut. Ein klein, klein wenig +Aufopferung, weil es nicht anders geht. Da — ah, da ist Licht. Nein, +ich will dich jetzt nicht anschauen. Hier, an den Tisch mit dir! Lach +nicht so mokant. Du mußt ja doch, wie ich will.« + +»Ich bin dein ergebenster Diener. Wenn du befiehlst, verschling’ ich +dich mit.« + +»Vorwärts, die Küche will ihr Recht. Ach Gott, der Tee ist kalt!« + +»Nein,« sagte er verwundert, »und steht doch erst seit zwei Stunden.« + +Sie warf sich im Sessel zurück, griff in ihr Haar und lachte ohn’ +Aufhören. + +»Du, Bettina, ich möchte auch lieber lachen als essen. Das ist eine +Tortur.« + +Und jubelnd weiter lachend, fuhr sie mit Messer und Gabel durch den +Inhalt der Platten, warf die Delikatessen der Saison wild durcheinander +und lehnte sich ausatmend zurück. + +»So,« sagte sie, »das Abendessen wäre zu Ende. Wenn du jetzt auch nur +noch eine Viertelstunde bleibst, mache ich jede Dummheit.« + +»Dann laß mich ungezählte Viertelstunden bleiben. Und noch länger.« + +»Mein Herr — so gern ich Ihrem Wunsche willfahrte: der Ruf Ihrer Dame +verlangt —« + +Er erhob sich sofort. + +»Ich habe Ihnen nur noch zu danken, meine allergnädigste Frau; nur noch +zu danken.« + +Sie sah die kühne Mannesfröhlichkeit in seinem Blick, faßte seine Hand +und schloß die Augen. + +»Ich mach’ Dummheiten,« sagte sie. + +Er küßte sie auf die Lippen, die sich ihm boten. + +»Auf morgen!« + +»Und — vergiß nicht! — Gedichte will ich haben, Gedichte. Von mir, für +mich. Du sollst mich stolz machen.« + +Sie stand hinter den Stores und sah ihm nach, wie er jugendlich +elastisch über die Straße schritt. Dann ging sie langsamen Schrittes +und vor sich hin grübelnd zum Diwan. In eine Ecke gekauert saß sie und +sah vor sich hin, immer auf denselben Punkt. + +»Ich darf nur Dummheiten machen, die mich vorwärts bringen. +Einstweilen, einstweilen — —« + +[Illustration] + + + + +Drittes Kapitel + + +Mit der fortschreitenden Saison entwickelte sich auch das +gesellschaftliche Leben in den Salons Frau Bettina Wittelsbachs. Nicht, +daß sie das Prinzip der »offenen Tür« in ihrem Hause einführte. Die +schöne Frau, welcher ihr Gatte Verbindungen mit den ersten Häusern +hinterlassen hatte, hielt sehr auf eine erlesene Auswahl, und die +kleinen, vornehmen und doch künstlerisch bewegten Abende, die sie mit +nie trügendem Geschmack zu arrangieren verstand, erfreuten sich in der +weltkundigen Gesellschaft bald eines Rufes, daß es für eine besondere +Bevorzugung galt, hinzugezogen zu werden. In wenigen Monaten hatte +die zielbewußte und starkgeistige Frau erreicht, wozu andere eines +Einlebens von Jahren bedurften: ihr Salon bildete einen Machtfaktor. +Nicht offenkundig, nicht vor den Augen der Welt; noch weniger aber +insgeheim. Die Herren und Damen, die sich an jedem Mittwoch abend +bei ihr zu versammeln pflegten, gehörten durchweg Kreisen an, die +eine gewisse Bedeutung in sich schlossen: maßgebende Staatsbeamte, +hohe Offiziere, Künstler von Einfluß, alle mit ihren Damen, deren +Beziehungen wiederum weit durch die Salons der Hauptstadt reichten. +Handelte es sich darum, einen Wunsch, eine Persönlichkeit an die +Öffentlichkeit zu bringen, so spannen sich die Fäden der Protektion +von hier aus bald nach allen Seiten. + +Es war nicht allein Frau Bettinas reizvolle Art, jeden Menschen einzeln +seiner Individualität gemäß zu behandeln und in jedem den Glauben +zu erwecken, daß er vor allen die besondere Sympathie der Hausfrau +genösse, was der vielvermögenden Frau so schnell die Ausnahmestellung +schaffte. Unter den Näherstehenden war es ein stilles Geheimnis, daß +sich ein hoher Herr aus der Seitenlinie eines regierenden Hauses stark +um die Gunst der jungen, reichen Witwe bewerbe und lediglich deshalb in +diesem Winter fern von Berlin und in der langweiligen mitteldeutschen +Residenzstadt weile, um den Chef des Hauses seinen Heiratsplänen +zugängig zu machen. Hatte doch der Prinz, der sich gelegentlich der +Frühjahrsrennen der damals ins Leben zurückkehrenden Dame hatte +vorstellen lassen, ihretwegen sogar an der Nordlandsfahrt teilgenommen +und nur deshalb während der Reise ein mehr zurückhaltendes Wesen zur +Schau getragen, um die Dame nicht in vorzeitiges Gerede zu bringen und +dadurch die Chancen einer Verbindung mit Frau Bettina zu erschweren. + +Man hielt in den Kreisen um Frau Bettina mit großem Zartgefühl darauf, +daß dieser Gegenstand nicht mit Worten erwähnt wurde. Einerseits +geschah es aus dem natürlichen gesellschaftlichen Takt, anderseits +aber stand die Person des in Frage Kommenden immerhin so hoch, daß man +sich die für später sicher nützlichen Verbindungen nicht leichtfertig +verscherzen wollte. + +Hans Steinherr war wohl der einzige, dem von dem stillen Geheimnis +nichts bekannt war und auch nichts bekannt wurde. Er trat den +einzelnen des Kreises nicht sonderlich näher, beschäftigte sich +fast ausnahmslos mit der Dame des Hauses und galt bald als das +Protektionskind, als ein junger, talentvoller Dichter, dem man sich +bemühte, durch freiwillige Herolddienste die Wege zu ebnen. Den +Austausch eines wärmeren Blickes zwischen ihm und Frau Bettina hätte +man vergeblich zu erspähen versucht. Nur auf dem Nachhausewege pflegten +zuweilen einige der Herrschaften ihre Gedanken über die Beziehungen +zwischen Steinherr und der Dame des Hauses laut werden zu lassen. Dann +zerbrach man sich den Kopf, ob dem Verhältnis wirklich das Rückgrat +einer Liebschaft anhafte, oder ob die kluge und ehrgeizige Frau es +nur inszeniere, um, wie sich ein diplomatisch geschulter Geheimer Rat +ausdrückte, »Hoheit scharf zu machen«. + +Eines stand jedenfalls fest: Frau Bettina hatte der Person Hans +Steinherrs ein Relief gegeben, das bald über die Grenzen des +gesellschaftlichen Lebens hinaus seinen Wert erhielt. + +An den Abenden, die in ihrem Heim den Künsten gewidmet waren, bedrängte +sie ihn, seine starken, leidenschaftlichen Poesien vorzulesen, und ihr +äußerlich vornehm heiteres, innerlich drängendes, begehrendes Wesen +fand einen verfeinerten Genuß darin, vor aller Augen und Ohren Verse +zu hören, die ebensoviele Liebesbeteuerungen und Liebesschilderungen +enthielten, die einzig und allein ~sie~ angingen und die sie inmitten +des buntesten geselligen Treibens all die Stunden heimlichen Glückes +noch einmal durchschwelgen ließen. Sie lächelte unmerklich, wenn ein +spontaner Beifall sich über den Dichter ergoß, wenn Steinherr, nur für +sie erkenntlich, sich und die Situation ironisierend, eine Sekunde lang +den Blick auf sie heftete. + +Aber Frau Bettina blieb hierbei nicht stehen. Durch Schmeicheln, +Trotzen und Befehlen veranlaßte sie den Geliebten, die Gedichte in den +ausschlaggebenden modernen Zeitschriften zu publizieren, und da ihr +Namen von Bedeutung zur Seite standen, so war es ihr ein leichtes, +ihren Wünschen bald die Erfüllung folgen zu sehen. + +Als die Saison im Februar ihren Höhepunkt erreicht hatte, war der Name +Hans Steinherr unter den literarischen Feinschmeckern bekannt wie in +den unzähligen Salons, die sich in Berlin zu den Treffpunkten der +~oberen~ Zehntausend rechnen, weil Neugier und Nachahmungssucht das Tun +und Lassen der wirklichen Oberen hier zu beklatschen pflegt, als stände +man mit den so hoch interessanten Vorbildern familiär auf du und du. + +Hans Steinherr war eine der plötzlich aufschießenden Saisongrößen +geworden und wußte selbst nicht, wie er zu der Ehre kam. Wenn er an +der Seite Frau Bettinas, die durch ihre blendende Erscheinung und +nicht weniger durch ihre aparten, geschmackvollen Toiletten stets +die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zog, zu den Premieren in der +Theaterloge erschien, erregte er den Hauptteil des Interesses. Dann +sprach man in Logen und Parkett über seine Persönlichkeit, die berufen +war, dieser Dame =de grande tenue= als bevorzugter Kavalier zu dienen, +und der Neid schuf ihm ein noch größeres Renommee als die Freundschaft. + +»Wer ist denn dieser Günstling der schönen Wittelsbacherin?« + +»Aber, gnädige Frau, das ist doch Hans Steinherr!« + +»Hans Steinherr? Also von der Kunst, weil Sie den Vornamen nennen.« + +»Meine Gnädige: Hans Steinherr, der bedeutende und eigenartige Lyriker! +Treiben Sie denn nicht die neueste Literatur? Allerverehrteste, wie +können Sie nur so unmodern werden!« + +So wurde Hans Steinherr der »bedeutende und eigenartige« Lyriker, und +hatte kaum ein Dutzend Gedichte veröffentlicht, die er nicht einmal +für die Öffentlichkeit niedergeschrieben hatte. Man gab ihm einen Ruf, +damit es umso interessanter würde, ~über~ seinen Ruf Andeutungen mit +kleinen Pointen loszulassen. Irgend ein Dutzendmensch hätte sich nicht +gelohnt. + +Über Hans Steinherrs Seele gingen die Wandlungen, welche die Außenwelt +mit ihm vornahm, spurlos hinweg. Es war dasselbe Fluten und Ebben in +ihm, derselbe Wechsel von Rausch, Ernüchterung und neuem Rausch; alles +wie seit dem ersten Tag in Frau Bettinas Haus. Nicht um eine Spanne war +die Klärung fortgeschritten. Wenn er mit Ungestüm darauf drang, zog sie +sich zornig von ihm zurück und schalt ihn einen Alltagsmenschen, eine +poesielose Natur, einen Undankbaren, der nicht wert sei, mit ihr ein so +wunderbar anregendes Geheimnis zu teilen, und durch seine prosaische +Verständnislosigkeit den kleinsten Stimmungszauber verderben müsse. +Wurde er kalt und zurückhaltend, so überschüttete sie ihn unvermutet +mit einer so stürmischen Flut von Liebkosungen, daß er sein Blut sausen +fühlte und nach innerlicher Gegenwehr plötzlich die Reserviertheit +aufgab und ihre Küsse erwiderte, wie sie gegeben wurden. + +Sonnenschein und Sturm, Sturm und Sonnenschein. + +Er war in einen Kreislauf geraten, aus dem er sich nicht mehr +herausfand. + +Packte ihn in nüchternen Stunden die Scham, wie eine Drohne zu leben +und sein Dasein arbeitslos und daher zwecklos zu vergeuden, faßte er +den Entschluß, diesem für seinen Lebensstolz unhaltbaren Zustand ein +Ende zu machen, selbst auf die Gefahr eines gänzlichen Bruches hin, so +wandelte schon der nächste Abend ihn wieder zum modernen Tannhäuser, +der außer den Augen der liebsten Frau nichts will und nichts weiß. + +Was ihm jeden tatkräftigen Gedanken erschwerte, war das +unausgesprochene Bewußtsein, daß neben der wilden Zuneigung die +Eitelkeit des Mannes in ihm wachgerufen war. Die Eitelkeit des Mannes, +die weniger Schmerz um eine verlorene Liebe als um die sichtbaren +Zeichen einer Niederlage empfindet. Die Vorstellung, Bettina an der +Seite eines anderen zu sehen, während er unbeachtet abseits zu stehen +habe, zu wissen, daß sie einem anderen die Zärtlichkeiten gebe, die +sie ihm gegeben hatte, ließ ihn in wortlosem Grimm die Nägel in die +Handflächen graben. + +Dieses endlose Hin- und Herzerren, dieses immer sich wiederholende +Kapitulieren vor dem Ziele machte ihn launisch und reizbar. Er war +nicht der Mann des ewigen, verborgenen Brautlebens, er hatte ein +Ruhebedürfnis, und nicht zuletzt ein Bedürfnis nach der Ruhe des +Besitzes. + +Und dennoch: wenn er wieder einmal eine der immer seltener werdenden +Stunden verlebt hatte, in denen sie im engen Beisammensein allen +Sonnenschein über ihn ergossen hatte, wenn er sie vor sich sah in dem +weich herniederfallenden Hausgewand, das in dem schlanken Ausschnitt +die weißen Schultern freigab, dann unterlag auch er dem Zauber, den +gerade die Verschwiegenheit ihrer Liebe so außergewöhnlich prägte, und +er schmiegte knabenhaft, ein selig Träumender, sein Gesicht dicht neben +das ihre auf den Pfühl des Diwans, während er vor ihr kniete und seine +Arme sie umfaßt hielten. + +Seit kurzem häuften sich diese stillen, schönen Stunden. Es war, als ob +auch Bettina etwas Schmerzliches in der Art ihrer Liebe empfände, als +ob sie plötzlich zu der Erkenntnis seines unduldsamen Leidens gekommen +wäre und sich nun bemühte, durch eine fortlaufende Reihe ungetrübter +Tage viele voraufgegangene Launen wieder gut zu machen. Mitten im +Gespräch konnte sie verstummen, sein Gesicht in ihre beiden Hände +nehmen und ihm lange, mit verschleiertem Blick, in die Augen schauen. +Die Weichheit ihres Wesens nahm zeitweilig einen Charakter an, daß ihn +erschreckte, was ihn sonst mit Freude erfüllt haben würde. + +An einem Abend, an dem er die an ihr so ungewohnte Erscheinung stärker +als je empfand, fragte er sie. + +»Was hast du, liebste Frau? Dich quält etwas. So verbirg es mir doch +nicht.« + +Und sie sagte kopfschüttelnd und ihm leise über das Haar fahrend: »Es +ist nichts. Und wenn auch. Wir wollen uns in den kurzen Stunden doch +nicht mit Grillen plagen.« + +»Du bist eine andere geworden, Bettina — —« + +»Hast du dich nicht auch verändert — —?« + +»Ich —? Nenn mir meine Fehler, und ich will sie dir zuliebe ablegen.« + +»Hans,« sagte sie nachdenklich und legte die flache Hand auf die +Stirn, »wann hast du mir das letzte Gedicht gebracht?« + +»Ich wußte nicht, daß dir noch daran gelegen war,« entgegnete er ernst. + +»Hab’ ich dir wirklich Anlaß zu solchen Vermutungen gegeben?« + +»Ja,« sagte er. »Du schicktest, was ich schrieb, in die Öffentlichkeit, +bevor du es noch recht gelesen hattest. Und das Beste, was zwischen den +Zeilen geschrieben stand, hättest nur du empfinden können. Aber dir lag +an dem Druck mehr als an der Schrift; mir an deinen Augen mehr als an +denen des Publikums. Da streckte ich die Wehr.« + +»Und nie, nie wieder hast du das Gefühl gehabt: du mußt jetzt für +Bettina dichten?« + +»Doch. — In den letzten Tagen. — Seitdem du so — so verändert wurdest.« + +»Hans,« sagte sie und streckte ihm die Hände entgegen, »komm, Hans. +Wie damals, als es anfing. Hier auf dem Diwan lag ich, und da knietest +du — siehst du, ich habe alles behalten — und du lasest mir eine +Jugendbeichte von einer Liebe am Niederrhein, und wie du sie erst ganz +überwunden hättest durch mich. War das ein Abend! — — — Komm, ich sitze +wieder hier, und du lehnst deinen Kopf gegen meine Kniee. Und nun lies. +Es soll nur für mich sein.« + +Und er las, mit stiller, schwerer Stimme. + + »Wenn der weißen, stolzen Schultern Bogen + Wie des Marmors Schneekristalle flimmern, + Deiner Brust geheimnisvolle Wogen + Wie von Mondschein übergossen schimmern; + + Wenn ich dich, die mir entgegenleuchtet, + Mit gebenedeiten Händen streichle, + Und dein Auge sich vor Liebe feuchtet, + Wenn ich wie ein Knabe stumm dir schmeichle — + + Weißt du, Liebste, was ich schauernd fühle + Bei dem selbstvergessenen Umschlingen, + Wang’ an Wange auf demselben Pfühle? + — Sieh, die Seelen wollen sich durchdringen! + + Wollen sich durchdringen und vereinen, + Wollen unauflöslich sich verketten, + Wollen uns, wenn unsre Augen weinen + Fern der Heimat, unsern Frieden retten. + + Wo ich geh’, nun trag’ ich deine Seele; + Wo du bleibst, dich tröstet meine heiter: + Glaub’ es nicht, daß dir die Liebe fehle; + Ich bin bei dir, fürchte dich nicht weiter. — — — + + Heil’ge Stille ... Dann, mit beiden Händen, + Greifst du meinen Kopf und starrst mit weiten + Augen auf mich, die ein Wunder spenden; + Und voll Inbrunst und voll Seligkeiten, + + Bleich vor Wonne flüsterst du: Bedränger! + Zärtlichster und wildester der Knaben, + Press’ mich fester, daß die Seelen länger + Süß und heimlich einst zu raunen haben .....« + +Er sah nicht auf. Er hatte das Gefühl, daß es jetzt an ihr sei, +zu sprechen; irgend etwas hinreißend Liebes zu sagen, das all die +vielfachen kleinen Dissonanzen, die sich in die Melodie ihres Verkehrs +eingeschlichen hatten, in einem lange nachzitternden Vollton vergessen +machen würde. Aber es blieb Stille, ein lastendes Schweigen. + +Müde hob er den Kopf. Da fielen brennend heiße Tropfen auf seine Stirn. + +»Bettina!« rief er, sprang auf und faßte sie an den Schultern. +»Bettina, was geht in dir vor? So kenn’ ich dich ja gar nicht. Du +weinst? Herr Gott im Himmel, du kannst weinen? Liebste, Liebste, dann +ist ja alles gut.« + +Ihr Mund verzog sich krampfhaft, aber sie konnte den hervorschießenden +Tränen keinen Einhalt tun. Sie streifte seine Hände herab und wanderte +im Zimmer umher, bis sie ihre Haltung wiedergefunden hatte. + +»Mach doch nicht solch ein Wesen daraus. Ich bin nur nervös. Ich bin +gar nicht so tief, wie deine Dichterseele sich jetzt wieder einbildet. +Gemütsbewegungen! Das ist doch zum lachen. Ich bin in diesen Dingen +tatsächlich so oberflächlich, wie du es schon zu wiederholten Malen +mir vorgehalten hast. Die echte und rechte mondäne Frau. Daran läßt +sich nichts ändern, das liegt in einem. Nur deine rheinische Art macht +mich immer wieder fassungslos. Das wühlt auf und lullt ein, bis man +vor Sehnsucht nicht mehr aus noch ein weiß und jede Dummheit begehen +möchte.« + +»Du sprichst mir so oft von den — Dummheiten. Eine Frau wie du sollte +den Mut besitzen, sich klarer auszudrücken.« + +»O, ich — — da siehst du’s ja, wie recht du hast — ich bin eine ganz +oberflächliche Natur.« + +»Wenn ich nicht besser wüßte, was in dir steckte, würde ich dich nach +dem ersten Tage zu den Toten gelegt haben.« + +»Hans!« rief sie. Alle Unruhe war zurückgekehrt. Durch ihren Körper +flog es wie Angstschauer. Er hatte sie noch nie in solcher Aufregung +gesehen. + +»Du, du, ich hab’ ja eine Sehnsucht, eine ganz tolle, unbezwingbare +Sehnsucht. Wie soll das nur werden? Seid ihr denn alle so an +eurem Rhein? Ich habe gedacht, da leben nur frohe, leichtsinnige +Menschenkinder. Ähnlich wie ich. Oder seid ihr vom Niederrhein so +ganz anders? Ihr mit dem harten westfälischen Schädel und dem heißen +rheinischen Blut, ihr unauskennbaren Grenzlerleut’!« + +»Du solltest mich noch nicht auskennen, Bettina?« + +»Nein, schweigen sollst du, nicht reden. Ich weiß es ja, daß ich +rettungslos verliebt in dich bin. Aber wie weit du in mich — ob auch +rettungslos — das — das weiß ich nicht. Und deshalb fürcht’ ich mich +vor der Probe.« + +»So stell’ mich doch auf die Probe. Denk dir doch mal was ganz +Unerhörtes aus.« + +Sie blickte ihm starr in die Augen, als ob er ihre Gedanken erraten +hätte und sie sich vor der nächsten Sekunde fürchtete. Aber seine +scharf gewordenen Züge zeigten keinen Sarkasmus, nur eine sich +nähernde, mitleidsvolle Liebe. + +Das konnte sie nicht ertragen. In diesem Augenblick nicht. Ein +Schluchzen schüttelte ihren Körper, und sie ließ die Tränen strömen, +wie sie wollten. Sie hatte jede Gewalt über sich verloren. + +»Ich kann ja nicht leben ohne dich. Was soll denn nur werden?« + +Er zog sie sacht wie ein krankes Kind auf seinen Schoß und streichelte +ihre schönen Arme. + +»Glück soll daraus werden. Glück, nichts als Glück. Ein seliger Mann +und eine selige Frau.« + +»O du arme Dichterseele, wie werde ich dich enttäuschen.« + +»Dann werde ich meine Lieder zu dir reden lassen; von alten Zeiten, +von stolzen Menschen, von verschwiegenen Stunden, die uns mehr waren +als Jahre. Und die Erinnerungen werden so mächtig werden, daß sie eine +Fortsetzung fordern.« + +»Du — Hans,« sagte sie hastig. + +»Ich höre.« + +»Du sollst mir eins versprechen.« + +»Ich verspreche dir heute alles.« + +»Du sollst mich nicht mehr andichten. Jetzt nicht, die nächsten Tage +nicht. Ich ertrag’ es jetzt nicht, so — so deine Seele zwischen den +Fingern zu halten in ihrer beispiellosen Offenheit. — So blicke mich +doch nicht so ironisch an. Du kannst mich ja gar nicht verstehen. +Gerade weil ich deine Seele nun besser kenne als du, und weil ich dir +gerade in diesem Punkte nicht oberflächlich erscheinen will. Weil ich +erst — — Ach nein, später, später. Du mußt jetzt gehen. Nimm deinen +Mantel und Hut. Wie kalt es ist; fühlst du es nicht auch? Gute Nacht, +Liebster ...« + +Er berührte ihre Lippen nur ganz sanft und ging. + +An der Tür drehte er sich um. »Ich werde morgen abend bei dir sein. +Bestimme nur die Stunde. Zur Teezeit, um sieben?« + +»Morgen? Nein, morgen komme nicht!« + +»Aber weshalb morgen nicht? Ich muß mich doch nach meinem Patienten +umsehen.« + +»Ich erwarte morgen Besuch.« + +»Und wenn schon. Der soll mich doch nicht hindern, du nervöses +Geschöpf.« + +»Wenn ich dich aber bitte. Der Besuch würde dich nur — nur — +langweilen. Das will ich nicht. Komme übermorgen, Mittwoch, aber eine +Stunde früher als die Mittwochsgäste. Um sechs; willst du?« + +Er sah sie lächelnd an, nickte ihr zu und ließ sie allein. + +Auf dem Wege nach seiner Wohnung befiel ihn eine unerklärliche Unruhe. +Aber er redete sie sich aus. Wenn ihr etwas zustieße, morgen, während +er nicht zugegen wäre? Nun, er würde der erste sein, den sie rufen +lassen würde. Sie konnte ja doch nicht ohne ihn sein. Soeben erst hatte +er es von ihrem leidenschaftlichen Munde vernommen. + +Ein überhebendes Gefühl wallte in ihm auf, und wieder reckte und +streckte sich die männliche Eitelkeit in ihm weit über die selbstlose +Liebe hinaus und ließ ihn sich nur als lächelnden Gebieter dieser +vielgefeierten Frauenschönheit sehen. Aber als er in der Frühe +erwachte, war auch die Unruhe wieder erwacht und gab ihn nicht mehr +frei und ließ ihn alle Handlungen mechanisch verrichten. + +Auch Frau Bettina fand, als der Morgen graute, keinen Schlummer mehr. +Ziel- und zwecklos durchwanderte sie im Frisiermantel alle Räume der +Wohnung, blieb an den Fenstern stehen, blickte in den trüben Tag +hinaus, gab der Jungfer Aufträge, die sie sofort widerrief, und kehrte +immer wieder in den Salon zurück, um gedankenlos das Zifferblatt +der Bronzeuhr zu betrachten. Stellte sich wirklich ein Gedanke +ein, so dachte sie ihn nicht zu Ende, sondern eilte schnell in das +nächstgelegene Zimmer, um sich von irgend einem anderen Gegenstand +abziehen zu lassen. + +Endlich, gegen Mittag, brachte ihr das Mädchen eine Depesche. + +Sie nahm den Papierstreifen entgegen, dankte kurz und legte ihn neben +sich auf den Tisch. Erst als sie sich wieder allein befand, griff sie +danach und drehte das Blatt in den Händen umher. Dann erhob sie sich +plötzlich, warf den Kopf zurück, als ob sie das letzte schwache Zaudern +ein für allemal abweisen wolle, vergewisserte sich durch einen klaren +Umblick, daß sie ganz und gar Herrin der Situation sei, und entfernte +ruhig die Siegelmarke von der Depesche. + +Sie schlug das Blatt auseinander und las: + +»Reise soeben ab. Gestatten Sie mir, Ihnen um sechs Uhr meine +Aufwartung zu machen. Ich küsse Ihre Hände. Georg.« + +Ruhig faltete sie das Papier wieder zusammen und legte es auf eine +Schale. Dann klingelte sie. + +»Sie können das Frühstück bringen, Anna. Ich werde heute nicht +dinieren.« + +Sie trank in kleinen Zügen ein Glas Sherry aus und wählte in den +Speisen herum, ohne viel zu genießen. Trotzdem saß sie über eine Stunde +zu Tisch. Als auf ihr Klingelzeichen das Mädchen wieder erschienen war, +fragte sie nach der Zeit. + +»Es ist zwei Uhr, gnädige Frau. Befehlen gnädige Frau eine Toilette?« + +»Zwei Uhr? Ja, da muß ich wohl daran denken, mich anzuziehen. Kommen +Sie doch gleich mit.« + +Während sie in ihrem Ankleidezimmer vor dem wandhohen Spiegel stand, +kam es ihr in den Sinn, daß sie für Hans Steinherr nie einen großen +Toilettenapparat hatte in Szene zu setzen brauchen. O, dem hätte sie +in dem losen, weichen und bequemen Hauskleid immer am besten gefallen. +Das war auch Hans Steinherr. Und der andere, der heute — endlich — sein +Kommen gemeldet hatte — — + +»Nein, Anna, was legen Sie mir nur heute vor! Das ist ja schon zwei-, +dreimal getragen. Mädchen, seien Sie nicht so ungeschickt! Wo ist denn +der Karton, der gestern gekommen ist? Ja, ja, das seegrüne Unterkleid +und das Überkleid aus schwarzen Valenciennes mein’ ich. ›Diese +fürstliche Robe?‹ fragen Sie Unschuld? Endlich der erste vernünftige +Ausdruck, den ich von Ihnen höre. Also — die fürstliche Robe.« + +Sie lehnte sich in ihrem Frisiermantel in den Stuhl und blickte +unverwandt in den Spiegel. »Lassen Sie sich Zeit. Sie sollen mich heute +so schön machen, wie ich noch nie war.« + +»O, gnädige Frau sind immer schön. Wenn gnädige Frau noch so kunstvoll +frisiert sind, schöner können gnädige Frau darum nicht ausschauen.« + +Als wenn Hans Steinherr spräche ... Nur daß er für »gnädige Frau« einen +etwas präziseren Ausdruck setzte. + +»Erzählen Sie mir etwas, Anna!« + +Und das Mädchen schwatzte drauf los, Geschichten von Bekannten +und Unbekannten, und kam sich von Minute zu Minute wichtiger und +interessanter vor, während Frau Bettina sie längst vergessen hatte. — +— Bis das letzte Spitzenendchen mit kleinen Brillantnadeln über dem +Seidenstoff befestigt war, hatte es fünf Uhr geschlagen. + +Sie schickte das Mädchen fort, in der ganzen Zimmerflucht alle Flammen +der elektrischen Kronen zu entzünden, und blieb selbst, ein Buch in der +Hand, in ihrem Ankleidezimmer. + +Punkt sechs Uhr klopfte das Mädchen. Sie sah dem erstaunten Gesicht an, +daß es sich um eine außergewöhnliche Meldung handelte. + +»Nun, Anna?« fragte sie lächelnd und nahm die ihr auf dem Tablett +dargereichte Visitenkarte. + +»Gnädige Frau, der Prinz von —« + +»Es ist gut, Anna. Bitten Sie Hoheit, mich nur eine Sekunde zu +entschuldigen. Ich würde sofort erscheinen.« + +Noch einmal stellte sie sich vor den Wandspiegel, musterte ruhig ihre +Gestalt und den Glanz ihrer Augen und ging mit der Sicherheit der +Weltdame, um den Prinzen zu begrüßen. + +Er stand mitten im Salon, im eleganten Frackanzug, den =chapeau claque= +unter dem Arm, und eilte ihr, sobald sie die Portiere zurückschlug, +entgegen. + +»Meine schöne und liebenswürdige Freundin —« + +Sie reichte ihm anmutsvoll die beringte Hand, die er wiederholt an die +Lippen führte. + +»Seien Sie mir herzlich willkommen, Hoheit. Was trieb Sie denn so +plötzlich aus Ihrer Weltabgeschiedenheit her?« + +»Die Sehnsucht, mich meiner gnädigen Frau zu Füßen zu legen.« + +»Die Sehnsucht hat lange gebraucht, Hoheit, um zu diesem Entschluß zu +kommen.« + +»Man hatte ihr die Flügel zusammengeschnürt. Zürnen Sie ihr nicht. Ich +war ein abhängiger Mann.« + +»Sie ~waren~? Soll ich das dahin verstehen, daß Sie es heute nicht mehr +sind?« + +»Die Entscheidung wird lediglich von Ihrer Güte abhängen, Bettina.« + +Sie saß ihm gegenüber, frei und unbekümmert, und erwiderte seinen +festen Blick lächelnd. + +»Du lieber Gott, Hoheit, man appelliert so viel an meine Güte. Aber +tragen Sie Ihr Anliegen vor.« + +Der Prinz wurde für einen Moment unsicher. Er blickte auf die Spitzen +seiner Lackschuhe und streichelte mit dem Rande seines Claques nervös +die Bügelfalte seines Beinkleides. + +Frau Bettina hatte Muße, ihn zu betrachten. Er war eine durchaus +vornehme Erscheinung, ein Mann von glänzendster Haltung und großen +Formen. Nur die melierten Schnurrbartspitzen und die leicht ergrauten +Schläfen wiesen darauf hin, daß er die erste Jugend hinter sich hatte, +aber seine fünfzig Lebensjahre hätte ein Fremder nicht erraten. Ein +geschultes Auge konnte dem Kolorit des Gesichtes anmerken, daß Seine +Hoheit den Lebensgenüssen nicht aus dem Wege zu gehen pflegte. Eine +leise Lebemannstönung zog sich darüber hin. + +»Meine gütige Gnädige,« sagte der Prinz und schaute zu ihr auf, »ziehen +Sie doch in Betracht, ich bin in meinem bäuerlichen Waldnest gänzlich +außer Form gekommen.« + +»Ach, Sie wollen ein Kompliment hören? Nein, nein, Hoheit, so wollen +wir nicht beginnen.« + +»Meine gnädige Frau, so gestatten Sie mir, ohne Umschweife auf mein +Ziel loszusteuern. Über meine Gefühle befinden Sie sich nicht im +unklaren. Ich hatte mir, als ich im Herbst schied, die Freiheit +genommen, sie Ihnen zu gestehen, und unsere Korrespondenz konnte +sie nur noch verstärken und vertiefen. Der Grund meines damaligen +Scheidens ist Ihnen bekannt. Es galt, Hindernisse hinwegzuräumen und« +— er lächelte auf eigene Weise — »dem hohen Chef unseres Hauses die +Gelegenheit zu bieten, sich durch den Augenschein von der nunmehr +erlangten Reife zur Ehe zu überzeugen.« + +»So notwendig war das?« warf sie ein. + +»Meine Jugend hat ein bißchen lange gedauert, ich gestehe es zu. +Dadurch aber hoffe ich, mir die Anwartschaft auf einen besonders +soliden Ehemann erworben zu haben.« + +— Und bei Hans Steinherr, dachte sie bei seinen Worten, sollte die +Jugend mit der Ehe wiederbeginnen und endlos sein. — + +»Sie haben sich höchst ehrenvolle Vorsätze gestellt, Hoheit,« erwiderte +sie in dem Tone, den er angeschlagen hatte. + +»=Eh bien=, meine Gnädige, gegen die Ehe als Ding für sich hatte mein +Herr Oheim auch durchaus nichts einzuwenden, das einzige Hindernis war +—« + +»Die erwählte Dame.« + +»Keineswegs, meine gnädige Frau. Die Persönlichkeit der Dame stand +über jeder Situation. Lediglich die Rangfrage — verzeihen Sie, daß ich +das erwähnen muß, aber die Fragen der Etikette rangieren bei Hof zum +wenigsten mit dem Glaubensbekenntnis in einer Linie.« + +»Also als gläubig ward ich ~ohne~ jede Prüfung befunden?« + +»Prüfungslos,« lachte er und küßte ihr die Hand. »Schon daß Sie mich +schlimmen Christen bekehrt haben, gewann Ihnen die Gloriole der +Heiligen.« + +»Es scheint mir doch,« sagte sie leichthin, »als ob die Fragen der +Etikette demnach ~vor~ den Fragen des Katechismus rangierten. Aber ich +werde Sie nicht weiter unterbrechen. Entschuldigen Sie, Hoheit!« + +Der Prinz überwand die verblüffende Ironie schnell. Es war ihm darum zu +tun, zur Hauptsache zu kommen. + +»Der hohe Chef unseres Hauses vermochte an der Aufrichtigkeit meiner +Gefühle auf die Dauer nicht zu zweifeln, viel weniger noch an der +Stabilität meiner Absichten. Er geruhte, einzulenken und mir den +Konsens zu bewilligen. Freilich unter Auferlegung nicht zu umgehender +Opfer. Ich habe auf die Berechtigung zur Regierungsnachfolge Verzicht +geleistet — nun, für ein Jahrhundert war die Kandidatur ohnedies in +sicheren Händen, und später wird’s mir keinen Spaß mehr machen, — +und ich werde =à la suite= der Armee gestellt. Den Drill hatte ich +längst schon über, und ich werde in jeder Beziehung ein freier Mann. +Am Tage unserer Ehe — ich bitte Sie um die Erlaubnis, Bettina, von +uns in dieser Gemeinsamkeit zu reden — am Tage unserer Ehe wird uns +im Anschluß an den Namen meiner Besitzung der Titel Graf und Gräfin +Wallberg verliehen werden.« + +Er erhob sich. + +»Das wäre die Lösung der einen Seite der Frage. Die Lösung der anderen +steht in Ihrer Hand.« + +Auch Bettina hatte sich erhoben. Sie blickte einen Moment sinnend vor +sich hin. + +»Und man wird, Hoheit, mich nicht als lästigen Eindringling betrachten? +Ich kann annehmen, daß man mir meine Stellung nicht zu einer +exponierten gestaltet, daß es mir nicht an verwandtschaftlichem und +freundschaftlichem Entgegenkommen seitens Ihrer Familienmitglieder +fehlen wird? Das ›Nullerl‹ zu spielen, liegt nicht im Bereich meines +Ehrgeizes.« + +»Meine Brüder sind entzückt, Sie als Schwägerin zu sehen. Ihr Bild, das +ich besitze, hat allein schon Wunder gewirkt. Meine Brüder Dick und +Fredy suchen bei der schönen Herrin dieses Hauses und dieses Herzens um +die Ehre nach, der Vermählungsfeierlichkeit beiwohnen zu dürfen, und +senden jetzt schon ergebensten Handkuß mit der Versicherung blinder +Anhänglichkeit. Gestatten Sie, daß ich mich meines Auftrages in vollem +Umfange entledige!« + +Er nahm mit ritterlicher Verbeugung ihre Hände und küßte die rechte und +die linke. + +»Georg,« sagte sie und zog sanft ihre Hände zurück, »halten Sie mich +nicht für unzart. Aber bei einer so außergewöhnlichen Verbindung ist +es direkt notwendig, den realen Dingen ins Auge zu sehen. Ich denke, +wir sind über die Sentiments erhaben. Sie sehen in mir die schöne und +liebenswerte Frau. Aber das dürfte nicht genügt haben, mir die Stellung +an Ihrer Seite anzubieten. Sie sehen in mir auch die vollkommen +unabhängige und mit den Schätzen dieser Welt einigermaßen gesegnete +Frau.« + +»Bettina!« warf der Prinz in verweisendem Tone ein. + +»Es ist sehr liebenswürdig von Ihnen, das an die zweite Stelle zu +schieben. Aber es ist ein Grund mehr für mich, es zu beachten. Das +können und dürfen Sie nicht in Abrede stellen. Vorwürfe zwischen uns +müssen von vornherein ausgeschlossen sein, jeder von uns wird dem +anderen seine kleinen Liebhabereien nicht mißgönnen. Ihr Rennstall hat +Sie viel gekostet, der Troubadourendienst« — sie lächelte vor sich hin +— »kurz, sagen Sie mir ruhig die Höhe Ihrer Engagements.« + +»Bettina! Ich bitte tausendmal um Verzeihung. Aber das — das ist mir +nicht möglich.« + +»Nein, nein, lieber Freund, jetzt kein übertriebenes Zartgefühl. +Wir haben ernstere Dinge vor, als hier das verschämte Liebespaar +zu spielen. Wir kennen uns beide, und wir wollen es miteinander +wagen. Schaffen wir also sofort die richtige Grundlage. Das ist für +lebenserfahrene Menschen wie wir das einzig Würdige.« + +»Ich strecke vor Ihrer klaren Lebensauffassung die Waffen, Bettina.« + +»Also?« neckte sie und reichte ihm ermutigend die Hand. »Ist es eine +sechs- oder eine siebenstellige Zahl?« + +»Rund eine siebenstellige,« sagte er mit einem schweren Seufzer, der +humoristisch klingen sollte. + +»Nun,« entgegnete sie mit einem frappierenden Gleichmut, »das wird +sich immerhin arrangieren lassen. Über diesen Punkt brauchen wir also +nicht mehr zu sprechen. Die Regelung können wir unseren Sachwaltern +überlassen. Und wann gedachten Sie die Verlobung zu publizieren?« + +»Pardon,« sagte er, legte den Hut hin und kam auf sie zu. »Gestatten +Sie mir, daß ich mich zunächst in aller Form Rechtens meines Besitzes +versichere.« + +Sie stand regungslos, mit leicht vorgebeugtem Kopf, und er küßte sie +respektvoll auf die Stirn. + +Dann atmete sie tief auf. Es war geschehen. — + +Nun stand sie auf der Höhe, und das Leben war ihr tributpflichtiger +denn je. Nach der Sklavenrolle der ersten Ehe die Herrscherrolle der +zweiten. Unumschränkte Freiheit, und die Gesellschaft ihr zu Füßen. +Jetzt erst wollte sie das Leben erschöpfen, jetzt war sie erst ganz +gerüstet, denn über ihr hing der Schild. + +»Meine liebe Bettina,« sagte der Prinz feierlich, »ich huldige als +erster der Gräfin Bettina Wallberg.« + +»Ich danke dir, Georg. Die Gebieterin wird nicht allzu strenge sein.« + +Er steckte ihr einen reich gefaßten Brillantring an die Hand, und sie +ließ es sich lachend gefallen, daß er alle Ringe, die sie trug, abzog +und anprobierte, bis er sich für einen Rubin entschied. + +»Das ist Herzblut,« erklärte er, »dein rotes, feuriges Herzblut.« + +Sie schloß die Augen und dachte an ihr rotes, feuriges Herzblut — — + +»Wie schön du bist. Ich habe weder in Paris, noch in Nizza eine +wundervollere Toilette gesehen. Was brauchst du mich eigentlich? Du +bist ja die geborene Prinzessin.« + +Dann begann er, ihr seine Pläne zu entwerfen. Keine lange, offizielle +Verlobung. Die Vermählung heute in vier Wochen. Nur so viel Zeit, +um die notwendigen Reisevorbereitungen zu treffen. Dann eine +mehrmonatliche Reise durch den Orient: Bukarest, Sofia, Konstantinopel, +Alexandria, wohin und so weit sie wünsche. Seine intimen Beziehungen +reichten an alle Höfe und Vizehöfe. Sie würden überall der +glänzendsten Aufnahme gewiß sein können, und überall würde sie die +Herzen besiegen. + +Sie lauschte gern seinen weltmännischen Plaudereien. Eine schmeichelnde +Vorahnung unzähliger Triumphe zog durch ihre Seele und gab ihr ein +erhöhtes Selbstgefühl ... + +Leben, leben — auf den Höhen! — — + +Draußen erscholl kurz und fest die Korridorklingel. + +»Ah, wir werden gestört,« meinte der Prinz bedauernd und horchte auf. + +Auch Bettina war zusammengeschreckt. Sie kannte diese Art des Klingelns. + +»Ich bin für niemand daheim,« murmelte sie zornig. »Ich habe ihm doch +untersagt — —« Aber das Mädchen hatte keinen dahinlautenden Befehl. +Zumal bei Herrn Doktor Steinherr wußte sie, daß eine zeremonielle +Anfrage, ob gnädige Frau den Besuch anzunehmen gedenke, außer Betracht +stand. + +Hans Steinherr wechselte auf dem Korridor ein paar Worte mit dem +Mädchen, darauf öffnete dieses die Salontür nach leichtem Anklopfen +und meldete gewohnheitsgemäß den täglichen Besucher: »Herr Doktor +Steinherr, gnädige Frau.« + +Frau Bettina blieb ruhig sitzen, und der Prinz verhielt sich nach ihrem +Vorbild ebenfalls reserviert. + +Hans Steinherr trat ein. Seine Augen blitzten in der Erwartung eines +lachenden, überraschten Willkommens. Er hatte es einfach nicht mehr +ausgehalten daheim, der vergangene Abend mit seiner verweinten +Seligkeit und den rätselhaften, springenden Gefühlsstimmungen lastete +ihm auf der Seele. Wenigstens sehen wollte er Bettina und ihr den +Beweis liefern, daß er ihretwegen selbst die langweiligste Gesellschaft +gern ertrüge. + +Mit lässiger Handbewegung stellte Bettina vor. + +»Herr Doktor Steinherr — Seine Hoheit Prinz Georg.« + +Der Prinz machte eine höfliche Verbeugung und nahm seinen Platz wieder +ein. Hans Steinherr stand noch immer. Vergaß man vor der hohen Ehre, +einem Prinzen von Geblüt das Gastrecht zu erweisen, ihm, der sich als +Herr der Gastgeberin dünkte, einen Stuhl anzubieten? + +»Was führt Sie her, lieber Herr Doktor? Ein neuer literarischer Plan? — +Ich bin nämlich die Egeria dieses großen Dichters und bilde mir nicht +wenig darauf ein,« wandte sie sich lächelnd an den Prinzen. »Hoheit +haben allen Grund, auf der Stelle eifersüchtig zu werden.« + +Hans Steinherr trat einen Schritt näher. Mit festem, zwingendem Blick +sah er Bettina an, und auf seiner bleichen Stirn trat eine schwere, +dunkle Ader hervor. + +»Ich bitte um Entschuldigung, Herr Doktor,« sagte die schöne Frau +hastig, »daß ich Sie nicht zum Niedersitzen einlade. Aber ich mußte, so +schwer es mir wurde und entgegen allem Gastrecht, Hoheit bereits meinen +leidenden Zustand erklären und ihn bitten, seinen Besuch morgen zu +meinem Mittwochabend zu wiederholen. In meinem Schlafzimmer wartet das +Migräninpulver, meine Herren.« + +Der Prinz verstand und erhob sich sofort. »Möge Ihnen eine angenehme +Ruhe und ein heiteres Erwachen beschieden sein, meine Gnädige,« und er +küßte ihr, abschiednehmend, die Hand, dicht unter dem Verlobungsring. + +Sie bemerkte seine Galanterie und gab es ihm durch einen leisen Druck +der Fingerspitzen zu verstehen. + +»Gute Nacht, Herr Doktor, auf morgen also! Ich rechne bestimmt auf Sie. +Weil Sie heute zu kurz gekommen sind, dürfen Sie morgen eine Stunde +früher erscheinen.« + +Hans Steinherr verbeugte sich kalt. Er war überhaupt nicht zum Reden +zugelassen worden. + +Auf der Straße zogen die Herren die Hüte. Der Prinz winkte eine +Droschke heran und ließ sich zu einem Theater fahren. Für den Klub, +in dem er einst Stammgast gewesen war, war es ihm noch zu früh. Hans +Steinherr wanderte planlos weiter. + +Was war das? dachte er immer wieder, was war das? Das war doch eine +Komödie, eine ganz richtige Komödie! Oder — auch früher schon? — Wie? +Was? — Er fühlte sich total überrumpelt. Er fand sich nicht zurecht. +Wofür hatte sie sich so geschmückt? Das fiel ihm nachträglich ein. Dann +versagte das Gehirn den Dienst, und es war ihm so sonderbar angenehm, +nicht mehr denken zu können. Nur der frivole Heinesche Vers zog ihm +kreuz und quer durch den Sinn, und er konnte ihn nicht abschütteln: + + »Um sechse des Morgens ward er gehenkt, + Sie aber schon um achte + Trank roten Wein und lachte.« + +[Illustration] + + + + +Viertes Kapitel + + +Hans Steinherr war zu einem Entschluß gekommen. Als er am +Spätnachmittag des nächsten Tages den Frack anzog, wußte er, daß der +Abend die Entscheidung bringen müsse. Heute noch würde seine Verlobung +mit Frau Bettina erklärt werden, oder — er machte mit Fassung seine +Abschiedsverbeugung. Auf seinem Schreibtisch prangte eine große +Photographie Bettinas. Sie zeigte den von der dunklen Haarwelle +gekrönten Kopf im Profil, die klassischen Schultern und den weißen, +schlanken Nacken, der von mattfarbener Seide wirksam umsäumt war. Er +sah das Bild prüfend, finster an; wie einen Gegner, mit dem er heute +noch die Klinge kreuzen müsse. + +»Schöne Frau,« sagte er, »jetzt gilt’s. Zeig, daß du Seele hast, oder +du bist verloren.« + +Dann drehte er das Bild herum. + +»Erst die Berechtigung nachweisen, daß du hier stehst, sonst könnte ich +ja das Zimmer mit Bildern tapezieren.« + +Eine Röte stieg ihm in die Schläfen. + +Was für unwürdigen Zweifeln gab er Raum! Er verstand sich nicht, daß +er von der Frau, mit der er im Begriff stand, seinen Namen zu teilen, +auch nur vorübergehend anders denken konnte als in der höchsten +Wertbemessung. Sie hatte Kapricen. Welche Frau von Welt hatte die +nicht! War er doch selbst in diesem Winter nervös geworden und hatte +sich doch Jahre hindurch in kalter Selbstüberwindung geübt. + +Draußen auf dem Korridor wurden Stimmen laut. Es wurde nach ihm +gefragt, und die Wirtschafterin gab Auskunft. Da vergaß er, das +Bild wieder umzudrehen und wandte sich nach der Hausbesorgerin, die +eingetreten war. + +»Ein Herr möchte Sie sprechen, Herr Doktor. Er sagt, er wär’ ein +Landsmann.« + +»Wie heißt der Herr? — Sie wissen es nicht? — Nein, Sie brauchen nicht +zum zweiten Male zu fragen. Lassen Sie den Herrn eintreten.« + +Gespannt blickte er nach der Tür. Sonderbar, daß sich just in diesem +Augenblick die Heimat melden mußte. + +»Guten Tag, Steinherr; ’n Tag, ’n Tag! Jesses, Jüngsken, dich hätt’ +ich bereits nich widdererkannt. Süch ens, wer da vor dir steht? +Donnerlütsch, er hat kein’ Ahnung mehr vom Willibald Hüsgen am +Wehrhahn.« + +»Hüsgen —?« fragte Steinherr überrascht. »Wahrhaftig, an dich hätt’ +ich zuletzt gedacht. Nichts für ungut. Es freut mich doch, daß du mich +aufgesucht hast. Sei willkommen!« + +»Na, wenn et dich nur freut,« meinte der Gast und schüttelte die +dargebotene Hand, »dat is die Hauptsach’.« + +»Nimm Platz, ich steh’ zwar, wie du an meinem Frack siehst, auf dem +Sprunge, auszugehen, aber auf ein paar Minuten langt’s immer noch. Du +besuchst mich dann in den nächsten Tagen wieder.« + +»Och, Steinherr, laß doch heut die Gesellschaft schießen. Ich hatt’ +grad Lust, mit dir so’n bißchen ’rumzukneipen.« + +»Das läßt sich heute leider nicht machen,« versetzte Steinherr +höflich. »Ich habe sogar fest zugesagt, schon vor dem Beginn der +Abendgesellschaft zu erscheinen.« + +Willibald Hüsgen überlegte. Er hatte sich einen schönen Rubensbart +wachsen lassen, den er zärtlich streichelte. + +»Du hast vielleicht gehört, Steinherr,« begann er mit offenem +Selbstbewußtsein, »daß ich fix in die Höhe gekommen bin. Wir haben +da in Düsseldorf ein bißchen revolutioniert. Die Herren Malermeister +schliefen ja alle auf die Dauer ein; Gehirnschwund, Farbenblindheit, +Verblödung. Die betrieben das Geschäft zuletzt rein fabrikmäßig und +schmierten ihre Sächelchen nach dem Quadratfuß. Sie wünschen, mein +Herr? Eine Düsseldorfer Landschaft? Ein zartes Genrebildchen? Ein +derbes? Bitte, nehmen Sie Platz. Sie werden auf der Stelle rasiert. +So, bitte, frisch von der Pfanne, gleich mitzunehmen, wie beim +Kirmeßphotographen. Was es kostet? Fester Düsseldorfer Preis. Aber +bestellen Sie doch ein Pendant dazu! Pendants, das ist das Feinste. +Links vom Sofa, rechts vom Sofa. Heilig’ Mutterjottes, ich krieg’ +Leibschmerzen!« + +»Setz dich doch, Hüsgen!« sagte Steinherr lachend. Die heimatlichen +Klänge regten ihn zu einer längst entwöhnten, heiteren Stimmung an. Wie +lange hatte er solch eine Plauderstunde vermißt! + +»Du,« meinte Hüsgen und ließ sich gemütlich nieder, »das +Leitungswasser, hab’ ich mir sagen lassen, wär’ bei euch in Berlin gar +nicht zu genießen. Schade.« + +»Ach so,« fiel Steinherr ein, »du kommst ja vom Rhein. Da läßt sich +natürlich eine Unterhaltung nicht anders als zwischen den Gläsern +denken.« + +»Zu allen Tages- und Nachtstunden,« erklärte Hüsgen. »Die +Zeiteinteilung ist Menschenmachwerk. So was muß überwunden werden. Ah, +das nenn’ ich doch eine Blume. Prosit! Es lebe der freie Geist!« + +Sie taten sich mit einem Glase Rheinwein Bescheid, und Hüsgen nahm +sofort den Faden wieder auf: »Ja, alter Junge, den Umwandlungsprozeß +in Düsseldorf hast du nicht mitgemacht. Ihr hier draußen lebt in der +Einbildung, in Düsseldorf liefe noch alles im alten, verschlafenen +Trott. Schneidet euch nur nicht! Da ist Leben in die Bude gekommen; +über Nacht, sag’ ich dir. Aus der alten ›Lätitia‹, dem ›Tartarus‹, +dem ›Baldur‹ sind Maler hervorgegangen, Maler — na, mit einem Wort — +Kerle! Ich bin nämlich, als die Gaudeamusbrüder sich in Wohlgefallen +auflösten, weil mein Alter den Bierverlust nicht mehr tragen wollte +und ein anderer Dummer mit dem Laternchen nicht zu finden war, in +die ›Lätitia‹ eingetreten. Kurz, ich sag’ dir, die in Düsseldorf +wissen jetzt, was sie wollen! Der Fink hat wieder Samen! Das neue +Jahrhundert wird die Leute wieder an der Spitze sehen. Darauf kannst du +kommunizieren gehen.« + +»Das freut mich, zu hören. Es war aber auch Zeit geworden. Und du +stehst also mit an der Spitze?« + +Willibald Hüsgen verbeugte sich nur. + +»Ich hab’ ein paar Riesenfetzen verkauft. Landschaften, aber ordentlich +mit Erdgeruch. Weißt du, Landschaften, das ist heute nämlich das +einzige. Früher, da schrie die bornierte Gesellschaft gleich: ›Dat is +ja gar kein Möler, dat is ja nur en Landschafter!‹ Jawoll, un dann kam +dat Echo von draußen: ›Seht ens, dat is Düsseldorfer Figurenmalerei. +Dat sind Bilderbogen nach Zeichenvorlagen!‹ Zum scheckig lachen!« + +»Also, du hast Erfolg,« sagte Steinherr und erhob sich. »Ich gratuliere +herzlich. Und nun sei nicht bös, daß ich dich nicht länger hierhalten +kann. Gerade heute abend darf ich nicht fehlen.« + +»Ja,« meinte Hüsgen und schlürfte langsam sein Glas aus, »wenn sich +das nun mal nicht anders einrichten läßt? Ich bin nur auf ein paar +Tage hier, wegen meiner Ausstellung bei Schulte. Und eben für heut +hatt’ ich dir noch eine Masse zu erzählen. Du,« fragte er plötzlich mit +echter Hüsgenscher Unverfrorenheit, »kannst du mich denn nicht in die +Gesellschaft einführen?« + +»Heute geht’s schlecht,« sagte Steinherr reserviert. »Es ist ein Prinz +da, den ich selbst nicht kenne.« + +»Ein Prinz?« wiederholte Hüsgen wegwerfend. »Die sind, wenn’s ans +Bilderbezahlen geht, akkurat wie andere Menschen. Wie heißt er denn? +Vielleicht kenn’ ich ihn.« + +»Prinz Georg von Dingsda. Irgend eine Seitenlinie.« + +»Na natürlich kenn’ ich den. Der stand doch mal ein Jahr in Düsseldorf. +Und trinken konnt’ der! Ich hab’ ihn mal aus dem ›Malkasten‹ nach Hause +geschleppt, und zum Dank durft’ ich ihm gänzlich gratis seine Gäule +malen. Drunter tat er’s nicht. Als kleines Erinnerungszeichen an die +große, denkwürdige Stunde. Du, nimm mich mit; ich muß doch meinen edlen +Mäcen begrüßen.« + +Hans Steinherr lachte. Auch er hätte gern mit dem einstigen Kameraden +noch geschwatzt. Wenn er den Menschen ansah, wenn er ihn sprechen +hörte, wurden hundert alte Bilder in ihm lebendig. Die Proben im +Hüsgenschen Hause, Francesca von Rimini, Hannes — Und die Fragen +brannten ihm auf den Lippen. + +»Höre, ich muß vorausfahren. Aber ich werde dich anmelden. Ich glaube, +ich darf mir in dem Hause eine Einführung wohl gestatten. Wo wohnst +du? Am Potsdamer Platz? Dann steig schnell mit in meine Droschke, ich +setz’ dich vor der Tür ab, du ziehst den Frack an und kommst nach, und +ich werde durch den Tiergarten hinfahren. Die Adresse geb’ ich dir. Nun +aber eilt es.« + +Auf der kurzen Strecke zwischen Potsdamerbrücke und Potsdamerplatz +kramte Hüsgen schnell noch seine größte Neuigkeit aus. + +»Was sagst du denn zu unserem Hannes? Das ist eine Karrière, was? Die +verdient das Geld gleich scheffelweis, stellt sich hin, singt ein paar +Lieder und trägt die dicken Kuverts auf die Bank. Wenn ich bedenke, +daß ich das Mädel mal heiraten gewollt hab’ ... Nee, nee, das ist kein +Spaß von mir. Damals wollt’ ich mich tatsächlich herbeilassen. Ich +hatte nur noch nicht das dienstmäßige Alter. Und dann standest du mir +in der Quere. Das war wirklich nicht hübsch von dir, Steinherr, denn du +hattest doch keine ernsthaften Absichten. Na, ich war nicht schlecht +wütend auf dich. Einmal hab’ ich sogar an deinen Alten geschrieben, +aber anonym natürlich, das war ja nicht so schlimm. Gott, als Jung’ +ist man ja immer ein Stück Halunke, besonders in dem eifersüchtigen +Stadium, und du bist ja längst über so was ’raus.« + +»Wie hast du denn nur meine Adresse erfahren?« lenkte Steinherr ab. Das +Thema war ihm gerade jetzt unbequem. + +»Deine Adresse? Springe ist doch hier. Kam heute mit mir zusammen an. +Jesses, er will dich ja vor sieben Uhr besuchen. Der Hannes ist von +London gekommen und singt heute abend in der Philharmonie, wo der +Nikisch dirigiert. Oder ist es der Weingartner?« + +Der Wagen hielt vor dem Hotel, und Hüsgen, der in seiner derben +Selbstsucht Angst verspürte, die Gesellschaft mit dem Prinzen könnte +ihm verloren gehen, sprang schnell aus dem Fonds und rief dem +Jugendfreunde zu: »Das erzähl’ ich dir nachher alles ausführlich. Wohin +soll der Kutscher?« + +»Kurfürstendamm.« Steinherr nannte zerstreut Namen und Nummer. + +»Auf Wiedersehen. In einer Stunde meld’ ich mich zur Stelle.« + +Steinherr wollte ihn zurückhalten. Da fiel sein Blick auf die +Bahnhofsuhr. Sechs vorbei. Er gab dem Kutscher einen Wink und lehnte +sich, von einer plötzlichen unerklärlichen Müdigkeit befallen, tief in +die Polster des Wagens zurück. Hannes in Berlin, mit ihm in derselben +Stadt — — + +Er sah die Straßen nicht, durch die der Wagen rollte. Er sah nur immer +Bilder aus dem alten, einstigen Düsseldorf vor sich. Wanderungen +durch den stillen Hofgarten, Wanderungen über die Rheinbrücke, +Wanderungen nach all den kleinen altertümlichen Städtchen, Neuß, Zons, +Kaiserswerth, über die der Zauber geschichtlicher Romantik lag, und +Benrath, das für ihn den Zauber der Liebesidylle gezeitigt hatte. + +War er wirklich einmal so jung, so selig verschwärmt, so trunken +verliebt gewesen, daß er nicht anders gekonnt hatte, als seine Liebe +durch die Natur zu führen, um seine innere Glückseligkeit mit der +Umgebung in Einklang zu bringen? Und — er besann sich — so stark, so +stolz, so lebensfreudig hatte er sich dazumal gefühlt, als er die Welt +erobern wollte. Die Welt in einem süßen, milden, hingebungsvollen +Mädchen. Und die Welt überhaupt! Er, der Sieger ... + +Der Wagen hielt vor Frau Bettinas Haus, und Steinherr fuhr hastig empor. + +Richtig, er war am Platz. Hier war ein Feld, Beweise anzutreten. Also +heraus doch mit der jugend-trotzigen niederrheinischen Siegernatur, +falls sie nicht vorzeitig vom Alter gestreift war wie ihr einstiger +Besitzer! + +Er biß die Zähne aufeinander und ging ins Haus. + +Frau Bettina befand sich noch in ihrem kleinen Privatsalon, aber das +Mädchen hatte Auftrag, Herrn Doktor Steinherr unverzüglich zu ihr +einzuführen. Die Dame des Hauses erhob sich und kam ihm entgegen. + +»Du hast dir heute Zeit gelassen, lieber Freund. Ich erwarte dich seit +einer halben Stunde, und dringender als je.« + +»Ich bitte um Entschuldigung. Ein Schulfreund suchte mich in dem +Moment auf, in dem ich gehen wollte; ein junger, erfolgreicher Maler +aus Düsseldorf, der augenblicklich eine Ausstellung bei Schulte hat. +Hoffentlich hast du nichts dagegen, daß er heute abend hier erscheint. +Ich wußte ihn nicht anders loszuwerden.« + +»Aber heute abend gerade —« machte sie, sichtlich unangenehm +überrascht. + +»Du meinst, weil sich Hoheit angesagt hat?« Und mit leiser, ironischer +Färbung fuhr er fort: »Das trifft sich im Gegenteil sehr gut, der +Prinz Georg war während seiner Düsseldorfer Zeit der Mäcen des jungen +Künstlers.« + +Sie sah ihn ungewiß an. Dann nickte sie, daß die Angelegenheit nunmehr +erledigt sei. + +»Mein lieber Hans, wenn du den Namen des Prinzen nennst, ist mir, als +ob es mit einem gewissen Sarkasmus geschehe. Das hör’ ich nicht gern.« + +»O — ich konnte nicht ahnen, daß dir der Mann so interessant wäre. +Übrigens, wir wollen uns nicht zanken.« + +»Gewiß nicht. Ich wollte dir auch nur die Bitte vortragen, einige +Rücksicht auf mich zu nehmen.« + +Er sah stutzig zu ihr hin. + +»Sollte ich in der Tat so weit heruntergekommen sein, daß ich es an — +Rücksichtnahme fehlen ließe?« + +»Gebrauche doch nicht immer gleich die stärksten Ausdrücke. Es greift +dich doch niemand an.« + +»Mir war, als ob ich einen Vorwurf zu hören bekäme. Oder — verzeihe — +sollte es sich um — um eine Art Vorbereitung handeln?« + +»Das ist ein Angriff auf mich,« fuhr sie auf. »Jetzt ersuche ich dich, +dich deutlicher zu erklären.« + +»Deutlicher — —. Das ist so ein vages Gefühl. Seit einiger Zeit tritt +es auf, seitdem du so rätselhaft weich geworden bist. Aber das ist ja +unsinnig, rein unsinnig. Verliebte sehen Gespenster.« + +Er zwang sich zu einem Lächeln und trat auf sie zu. + +»Guten Tag, Bettina. In dem Eifer, uns Liebenswürdigkeiten zu sagen, +haben wir richtig vergessen, uns zu begrüßen.« + +Sie beugte den Kopf und hielt ihm die Stirn hin. Da legte er ihr +leicht die Hand unter das Kinn und bog ihren Kopf zurück. Und als +sie die Wimper, die sie unmutig gesenkt hielt, endlich hob, traf ihr +unvorbereiteter Blick in seine tiefgrauen, strahlenden Augensterne, und +um seinen Mund gewahrte sie den alten, spöttischen Zug, der sie einst +angetrieben hatte, den Einsamkeitsmenschen auf besondere Qualitäten +zu erforschen. Sie hatte mehr als besondere Qualitäten, sie hatte den +~Mann~ gefunden. + +Ihre Augen weiteten sich unter seinem Blick, ihre Brust schwoll unter +einem tiefen Seufzer — + +— — Den Mann gefunden — —! + +Und unwillkürlich hob sie sich in seiner Umarmung auf die Fußspitzen +und schob ihre Stirn an seine Wange hinauf. + +Mit weicher Hand strich sie ihm ein Haarsträhnchen aus der Stirn und +streichelte sein Gesicht. »Mein ganzes Dasein wird darin bestehen, dir +Opfer zu bringen.« + +»Also endlich hast du dich entschlossen? Endlich, Bettina?« + +»Zu was, was du nicht längst schon wüßtest. Ich hab’ dich lieb. +Verstehst du das? Lieb, lieb, lieb! Viel zu lieb, als daß ich dich +heiraten möchte.« + +»Ach — scherze jetzt nicht, Bettina!« + +»Scherzen? Wer spricht von scherzen? Ich war noch nie so ernst wie +jetzt. Wollte ich die Unklugheit begehen, dich zu heiraten, so +wäre sowohl der Nimbus hin, der mich, wie der, der dich umgibt. +Binnen kurzem hätten wir die Zahl der alltäglichen Ehepaare um eins +vergrößert.« + +Hans Steinherr staunte die Frau an, die mit ihm sprach. Hatte er recht +gehört? + +»Du, Bettina, du verwechselst die Personen. Ich bin’s — ich.« + +»O, ich bin durchaus bei der Sache. Ich habe alles hundertmal, +tausendmal überlegt und bitte dich nur darum, ruhig, ganz ruhig zu +bleiben. Was glaubst du, was es heißt, wenn eine Frau wie ich dir sagt: +Mein Dasein wird nur darin bestehen, dir Opfer zu bringen?« + +»Ich lasse nur eine Deutung zu. Ist die falsch, so verzicht’ ich auf +eine andere.« + +»Das ist Hartnäckigkeit; nicht das, was ich Liebe nenne. Liebe aber ist +für mich Leidenschaft; du kennst meine Natur. Und Leidenschaft, die +nach acht Tagen in Schlafrock und Pantoffeln herumläuft — geh fort, das +ist dir ja selber lächerlich. Menschen wie wir haben eine schärfere +Luft zum Gedeihen nötig.« + +»Du sprichst nur immer von uns beiden. Irr’ ich mich, oder geschieht +das, um den ehrenwerten Dritten zu cachieren?« + +»Uns soll doch eine bloße Form keine Skrupel machen? Ich behalte mir in +meiner Ehe jede Freiheit vor und lasse sie meinem Gatten nicht weniger. +Ich kann mich nicht zum zweiten Male fesseln lassen.« + +Hans trat zurück, totenblaß, aber er verbeugte sich. + +»Dann bleibt mir also nichts, als meinen allerergebensten Glückwunsch +abzustatten. Der Name ist bei den hochfliegenden Plänen der gnädigen +Frau ja nicht schwer zu erraten.« + +»Es ist der Prinz,« sagte sie ruhig. »Du brauchst über diese Wahl +wahrhaftig nicht betrübt zu sein.« + +»Es wäre unstatthaft für mich, wollte ich deinen — Pardon, Ihren +zukünftigen Gatten mit meinen Gefühlen in Zusammenhang bringen. Das +würde eine Geschmacklosigkeit bedeuten — und den guten Geschmack möchte +ich mir doch bewahren.« + +Sie sah es ihm an, daß er trotz der eisigen Kälte, die er jetzt +zur Schau trug, erregt war bis ins Innerste, daß ein beständiges +Zittern durch seinen Körper lief, daß er sich mit der letzten Gewalt +beherrschte. + +»Hans,« stieß sie hervor, »was will ich denn? Deinen Ehrgeiz +befriedigen und meinen Ehrgeiz befriedigen. Wir brauchen hier nichts zu +beschönigen. Du sollst berühmt werden, und ich will beneidet sein.« + +»Ah —« sagte er gedehnt, »du meinst: man beneidet eine Frau nicht um +den Mann, sondern um den Liebhaber.« + +»Nenn es, wie du magst. Das sind Worte. Ich will das Glück und die +Liebe auf meine Weise.« + +»Meine gnädige Frau, bei uns am Niederrhein pflegt man aus der Liebsten +eine Frau, nicht aber aus dem Liebsten einen Geliebten zu machen. +Wenn das in diesem Kreise hier nur Worte sind — ich habe ihnen nichts +hinzuzufügen.« + +Die Muskeln in seinem Gesicht arbeiteten. Er bewegte die Hand, als +wollte er etwas Widerwärtiges beiseite schieben. + +Da flammte es in ihr auf. + +»So behandelt man mich nicht!« rief sie und trat ihm dicht unter die +Augen. »Ich habe mehr an dir getan, als du zu wissen scheinst. Ich +habe dich bekannt gemacht, und mehr als das, ich habe dich interessant +gemacht, dir einen Nimbus in dieser sensationssüchtigen Welt gegeben, +selbst auf die Gefahr meiner eigenen Persönlichkeit hin, nur um dich +über alle hinaussteigen zu sehen.« + +»Für dich oder für mich?« fragte er mit offenem Hohn. + +»Nun ja, für mich! Tausendmal ja, für mich! Aber dir ist es zu gute +gekommen. Und dafür rechne ich auf Dank, auf Ergebenheit. Ich kann und +will dich nicht mehr lassen, und du, du — denke nur mit einem einzigen +Gedanken daran, mich beiseite zu schieben. Du solltest sehen, was ich +vermag. Wenn ich dich berühmt gemacht habe, ich kann dich auch —« + +Hans Steinherr sah die rasende Frau von oben bis unten an. Dann drehte +er sich auf dem Absatz herum. + +»Du,« rief sie außer sich und faßte nach seinen Schultern, »das ist +eine Behandlung, wie du sie deinem rheinischen Allerweltsmädel zu teil +werden lassen kannst, mir nicht, mir nicht!« + +Er hatte sich blitzschnell umgewandt und sie bei den Handgelenken +ergriffen. + +Kein Wort sprach er, aber er preßte ihre Gelenke, daß sie +zusammenzuckte. + +»Hans,« weinte sie leise, »sei doch gut, sei doch gut. Wenn ich dich +nicht so wahnsinnig liebte —« + +»Schäme dich,« sagte er kaum hörbar und ließ sie los. »Arme, betrogene +Frau ...« + +Und plötzlich war ihm, als ob er selbst schon einmal in einer ähnlichen +Situation gestanden hätte. Er als der Betrogene, der sich selbst +Betrügende. + +»Es wiederholt sich alles im Leben,« murmelte er, »nur der Verlierende +wechselt.« + +»Hans —« versuchte sie noch einmal. + +»Still, man kommt.« + +Frau Bettina richtete sich auf und fuhr sich mit dem Tuch über das +verstörte Gesicht. + +»Du darfst jetzt nicht gehen. Nicht sofort. Das gäbe Aufsehen. +Versprich es mir.« + +»Gut, gut. Hab’ ich so lang’ Komödie gespielt, halt’ ich es auch noch +eine halbe Stunde länger aus.« + +»Ich werde dich wiedersehen.« + +»Das wirst du nicht.« + +Das Mädchen meldete, soeben sei Seine Hoheit erschienen. Die Gäste +wären vollzählig. Auch ein fremder Herr schicke der gnädigen Frau seine +Karte herein mit einer Empfehlung des Herrn Doktor. + +»Ihren Arm, Herr Doktor ...« + +In seinen Augen flackerte es, als er die Dame des Hauses in den Salon +führte. Seine Haltung war noch aufrechter als sonst, seine Miene kalt +und abweisend wie meist. Aber es war ihm, als ob er ohne zu atmen, +ohne atmen zu können einherginge, und dieses Gefühl verursachte ihm +direkt körperlichen Schmerz. Er führte seine Begleiterin, ohne sich bei +den Gästen aufzuhalten, geradeswegs auf den Prinzen zu, der im selben +Augenblick den Salon betrat. + +Frau Bettinas Hand zitterte auf seinem Arm. Wollte er einen Eklat +herbeiführen? + +Doch als sie den Prinzen erreicht hatten, trat Steinherr mit kurzer +Verbeugung wortlos zurück. + +Da fand auch sie ihre Selbstbeherrschung, und sie reichte dem Prinzen +lächelnd die Hand, die er an die Lippen führte. + +»O —« sagte er bedauernd und nahm auch die andere Hand auf, »rote +Streifen an den süßen Gelenken?« + +»Ich habe Armbänder anprobiert, Hoheit, aber sie wollten nicht passen. +Darf ich Ihnen die Herrschaften bekannt machen?« + +Frau Bettina war an diesem Abend eine besonders entzückende Wirtin. +Für jeden ihrer Gäste hatte sie ein freundliches Wort bei der Hand, +das dem Prinzen die künstlerische oder gesellschaftliche Bedeutung des +Vorgestellten schmückend erklärte, und ihre Augen strahlten heller, +als sie sich von den bewundernden Blicken ihrer Freunde verfolgt sah. +Sie las darin den offenkundigen Drang, ihr heute noch die Glückwünsche +der Intimen darbringen zu können, und sie quittierte mit einem +geheimnisvollen Sinkenlassen der langen, dunklen Wimpern. Nun war ein +jeder orientiert. Und gerade die stille Erregung, die sie in dem Kreise +wahrnahm, gab ihrem Auftreten das Bewußtsein. + +Willibald Hüsgen war der vielbeschäftigten Hausfrau kurz präsentiert +und mit einem gnädigen Nicken bewillkommnet worden. Der Prinz hatte +kaum Notiz von ihm genommen. Von einem Wiedererkennen konnte nicht die +Rede sein. + +»Du,« flüsterte Hüsgen und stieß den wortkargen Steinherr in die Seite, +»alles wat recht is: ene staatse Frau. Wär’ det nix für dich gewese?« + +»Also Springe ist in Berlin?« fragte Steinherr zurück. Er fühlte, daß +er sich zu jedem Worte Gewalt antun mußte. + +Willibald Hüsgen aber war von dem eleganten Gesellschaftsbild viel zu +sehr gefesselt, um aus der neuen Welt eine Exkursion in die altbackene +zu unternehmen. + +»Weißt du,« sagte er, »hier muß mer sich bloß beliebt mache. Hier +gucken einen die Aufträg’ förmlich aus jeder Ritz’ an. Ich werde Hoheit +nachher mal so ’nen stillen Wink geben, von wegen der Düsseldorfer +Bekanntschaft.« + +Dann sprach er ziemlich laut von seiner Ausstellung bei Schulte, um die +Umstehenden darauf aufmerksam zu machen, daß auch er »wer sei«. + +Das wurde von der Gesellschaft nicht gerade angenehm empfunden. Man +befleißigte sich heute mehr denn je, dem Zusammensein einen gewissen +feierlichen Charakter zu verleihen, und die ungenierte Stimme des +Düsseldorfer Malers, der sich etwas zu gute darauf zu tun schien, +auch in seiner Ausdrucksweise durch Urwüchsigkeit zu verblüffen +und aufzufallen, störte empfindlich das verbindliche, harmonische +Zeremoniell. + +Es war an Frau Bettinas Abenden eine schöne Sitte, daß man zunächst +dem Büfett im Speisezimmer zusprach und dann erst den Musik- und +Diskutiersalon aufsuchte, um, angeregt durch die leibliche Stärkung, +ausgiebiger den geistigen Genüssen sich hingeben zu können. Auch +heute war das der Fall. Aber während der Büfettstunde wurde eifriger +als gewöhnlich die Improvisation einer unmittelbar eingreifenden +künstlerischen Veranstaltung besprochen. Man wünschte diesmal, das +gefüllte Glas in der Hand zu behalten, um für jeden Moment gewappnet zu +sein. + +»Herr Doktor Steinherr, es gilt, Hoheit einen anregenden Abend zu +verschaffen, und unserer strahlenden Hausfrau nicht minder. Bitte! +Beginnen Sie mit einem stimmungmachenden Gedicht. — Sie haben zufällig +nichts bei sich? Ach, das sagen die Herren Dichter immer, um sich +den Hof machen zu lassen! Sehen Sie nur einmal gründlich nach, die +Muse wird Ihnen bei ihrem letzten Besuch schon eine kleine Gabe +zurückgelassen haben. — In der Tat nicht? Ja, dann hilft es Ihnen +nichts, dann müssen Sie extemporieren.« + +Frau Bettina und der Prinz wurden um Hilfe angerufen. + +»Ah,« sagte der Prinz, »da steht uns ja ein seltener Genuß bevor. Sie +würden mich wirklich verbinden, Herr Doktor. Ich bin gerade heute für +Poesie besonders empfänglich.« + +Über Bettinas Gesicht glitt ein seltsames Scheinen. Der Augenblick +war da, den gegen den Stachel Lökenden wieder zur Raison zu bringen. +War er zu bewegen, den Abend verherrlichen zu helfen, so war die +Grundlage für ein späteres Wiederzusammenfinden dennoch geschaffen. Ein +Gedicht, jetzt, zum festlichen Abend, das der Eigenschaft gerade dieses +Abends irgendwie Rechnung trug, und er entäußerte sich damit seines +beleidigten Stolzes und erkannte, wenn auch heute noch unter einem +Zwange, ihre Wünsche und Pläne an. + +Gespannt blickte sie zu ihm auf, ihre Hand im Arme des Prinzen. + +»Fehlt Ihrer Harfe,« sagte sie, um ihn zu reizen, »die Saite, auf der +die Töne des Glückes erklingen?« + +»Ja,« fiel der Prinz lebhaft ein, »preisen Sie die Liebe. Ich höre, Sie +sind der Berufenste.« + +Um Hans Steinherrs Lippen zuckte es sarkastisch. Hoheit hatte unbewußt +ein böses Gleichnis gebraucht. + +Auch Frau Bettina hatte die Wimpern gesenkt und blickte starr auf einen +Punkt. + +Vom Musikzimmer her erschallten die Töne des Steinways. Ein berühmter +Klaviervirtuose spielte meisterlich das Liebeslied aus der Walküre: + + »Winterstürme wichen dem Wonnemond ...« + +Als er geendet hatte, grüßte Steinherr, äußerlich unbewegt, die +Hausfrau. Und mit einer Stimme, deren Kälte und Gelassenheit in +seltsamem Gegensatz zu dem nervösen Wesen Bettinas stand, sagte er nur: +»Ich bitte um Urlaub. Soeben höre ich von Freund Hüsgen, daß liebe +Düsseldorfer Freunde mich noch erwarten. Mit Ihrer gütigen Erlaubnis, +meine gnädige Frau. Sie wissen, die Heimat hat ihre Rechte. Nochmals: +ich bitte um Urlaub.« + +Er war gegangen, aber eine drückende Stille war geblieben. + +Da glaubte Willibald Hüsgen sich zum Retter der Situation aufwerfen +zu müssen, und er hob schnell sein Glas, das er nicht aus der Hand +gelassen hatte. »Pröstchen, gnädige Frau ...« + +Bettina sah über ihn hinweg. Und als nun gar Hüsgen, um sein +gesellschaftliches Gleichgewicht wieder herzustellen, auf den Prinzen +einsprach und ihn unter lustigem Augenzwinkern an die Düsseldorfer Zeit +erinnerte, kehrte ihm das Paar frostig den Rücken. + +Willibald Hüsgen aber nahm französischen Abschied. + +[Illustration] + + + + +Fünftes Kapitel + + +Hans Steinherr schritt durch den naßkalten Februarabend, die Hände tief +in den Taschen seines Paletots, den Kopf vorgestreckt. Er achtete nicht +darauf, daß seine dünnen Lackschuhe durchweicht und bespritzt wurden, +daß auf seinen Hut die Tropfen fielen. Er dachte überhaupt nicht. In +seinem Kopf tanzten hundert Melodien durcheinander, Kinderlieder, +Studentengesänge, Fastnachtsstrophen vom Rhein. Woher sie so plötzlich +auftauchten, wer sie gerufen hatte — er wußte es nicht. Er wollte es +auch gar nicht wissen. Sie waren eben da, sie erheiterten ihn, sie +verkürzten ihm die Zeit. Also war es doch eine große Errungenschaft, +über sie verfügen zu können. Und er summte sie mit, wie sie ihm durch +den Kopf kreuzten, einen Vers nach dem anderen, eine Melodie nach der +anderen, ohne sich über die Notwendigkeit Rechenschaft abzulegen. + +Einmal blieb er stehen. Er hatte da ein Karnevalsliedchen im Dialekt +vor sich hin geträllert, im Wortlaut, ohne zu stocken. Das kam ihm +selbst wunderbar vor. Und darüber grübelte er nun doch. Er wußte ganz +genau, daß er die Strophe kaum als Junge gekannt oder gesungen haben +konnte. Sie mußte ihm von irgend einem Düsseldorfer Fastnachtsabend +her im Ohr geblieben sein. Und nun meldete sie sich. Seltsam. War +denn damals alles so tief gegangen, saßen selbst die geringfügigsten +Tagesbildchen aus der Jugend so fest in ihm, daß sie nach jahrelanger +Unterdrückung plötzlich schelmisch hervorlugten und ihm lustig +zuraunten: Wir sind auch noch da, wir halten uns stets zu deiner +Verfügung, wenn du einmal ein Stündchen für uns hast oder wir unser +Stündchen für gekommen halten? + +Er schüttelte den Kopf und ging weiter. Gut, gut, mochte es so sein, +wie es wollte. Karneval in Düsseldorf, Karneval in Berlin — es war ja +schließlich völlig gleich. + +Aha — ja — was war’s doch gleich? Hatte er da vorhin ein Erlebnis +gehabt? Dort hinten, irgendwo, in dem Hause am Kurfürstendamm? Er mußte +sich einen Moment besinnen, denn das Haus erschien ihm nur nebelhaft, +und die Vorgänge des Abends — —? Ganz recht, er hatte Urlaub genommen, +Urlaub von der Liebe. Das war doch alles sehr höflich gewesen, mehr als +höflich. Doch das andere — das andere — —? War diese Verlobung nicht +längst schon eine fertige Geschichte? Sämtliche Freunde des Hauses +hatten es doch gewußt, nicht ein einziger, der überrascht gewesen wäre +— — + +Herrgott ja, es war keiner überrascht gewesen —! + +Glühend heiß lief es ihm durch den Körper, er fühlte, wie sein Gesicht +brannte, wie das Blut ihm in den Wangen klopfte, in den Schläfen, in +den Halsmuskeln. Er nahm den Hut ab und vergaß, ihn wieder aufzusetzen. +Also alle hatten sie es gewußt, nur er nicht ... Der Seladon war mit +Blindheit geschlagen gewesen. Herr Hans Steinherr, Seladon der Frau +Bettina Wittelsbach. Die höchste Charge, die er erreicht hatte, nachdem +er von der Schlichtheit der Heimat geschieden war, um seinen Ehrgeiz zu +befriedigen! + +Ah — —! schrie es in ihm auf, und er preßte die geballte Faust auf +den Mund, um den Schrei, der ihm über die Lippen trat, zu ersticken. +Mit entsetzten Augen blickte er sich um, ob ihn ein Vorübergehender +belauscht haben könnte. Wie erbärmlich, wie jämmerlich erbärmlich war +das, was er erlebt hatte! Nicht heute nur, nein, nein, all die Tage, +Wochen, Monate hindurch. Seine Augen wurden so unheimlich klarsehend. +Hundert Einzelheiten traten vor seine geschärfte Phantasie, Dinge, +die er hingenommen hatte, um die oft fadendünne Stimmung nicht zu +zerreißen, Küsse, die er geküßt hatte, obwohl sein Geist noch zornig +gewesen war über Oberflächlichkeiten und Unarten der Frau, die er — +küßte. Ihr Diener, Gnädigste, Ihr Diener — —. Das war ja doch der immer +wiederkehrende Endreim gewesen — er hatte den Diener gespielt! + +Er beschleunigte seinen Schritt. Er begann durch die Straßen zu laufen, +um zu seiner Wohnung zu gelangen. Jeder Straßenköter, so glaubte er, +müßte ihm doch die Rolle ansehen, die er in so beispielloser Überhebung +verwechselt hatte. + +Jetzt stießen sie im Hause Kurfürstendamm klingend die Gläser zusammen. +Jetzt brachte wohl die alte, diplomatisch geschulte Exzellenz den +Trinkspruch auf das Brautpaar aus. Und hinten, in einer Ecke des +Salons, kommentierte man tuschelnd seinen raschen Abgang. Er sah sie +ganz deutlich, die Intimen des Hauses, wie sie lächelten, in stillem +Mitleid, mit einem Stich ins Schadenfrohe. Keiner hatte ihn gemocht, +und er keinen von ihnen! Des freute sich seine Seele noch in dieser +Stunde. Nur Bettinas wegen hatte er sie ertragen, Bettinas wegen, die +so lieb zu betteln, so feurig zu überreden, so lachend jede Einwendung +zu verwischen wußte. Es dämmerte in den Straßen, und er war bei ihr. +Und sie lehnte ihren biegsamen Körper an ihn und strich über sein Haar; +und wenn er sie küssen wollte, bog sie den Kopf zurück; und wenn er +sich beleidigt zurückziehen wollte, überfiel sie ihn mit ihren Küssen. +Kein Denken und Wägen hielt stand. Denken und Wägen auf morgen! Er +fühlte nur ihre süße Gestalt und ihre heißen Lippen ... + +Sein Gesicht verzerrte sich wie unter einem körperlichen Schmerz. +Hatte er denn alle Würde verloren, daß er jetzt noch, nach dem soeben +Erlebten, in Erinnerungen schwelgen konnte? + +O, o, gab er sich selbst die Antwort, das ist doch kein süßes +Schwelgen, das ist ein ~bitteres~ Schwelgen, das ist der Haß, die Wut, +der Ekel. Das ist die Ironie, lachte er auf, die Ironie meines Lebens. + +Und immer wieder redete er mit seinem eigenen Selbst und fand +nicht Worte genug, um sich zu verwunden, zu demütigen und wieder +aufzustacheln. + +Ein Fluchwort preßte sich hinterher. Es war das erste Mal, daß er +fluchte. Und er meinte auch nur sich damit zu treffen. Wieder und +wieder stieß er das Wort heraus, aber es wurde ihm nicht leichter zu +Sinn. + +Heute würden sich die Gäste natürlich früher empfehlen. Nur der +eine, der Prinz, würde noch einen Augenblick zögern, um einen +Separatabschied zu nehmen. Dieser lächerlich wichtige, inferiore +Dutzendprinz. Was er besessen hatte: Rennställe, Weiber, Hunde; was er +nie besessen hatte: Witz und Verstand; was er noch besaß: Schulden und +wieder Schulden — das war die Analyse. Es blieb kein Rest. + +»Herr des Himmels!« stieß Steinherr hervor, »weshalb beschimpfe ich den +Mann?« + +Da war er schon wieder bei dem Bilde. + +Die Gäste waren gegangen; den Hut in der Hand, zögerte der Prinz. Jetzt +führte er mit unnachahmlicher Grazie ihre Hand an die Lippen. »Wer +war denn dieser unglaubliche Mensch, der sich so merkwürdig benehmen +zu müssen glaubte?!« Und sie antwortete lächelnd: »Mein Gott, ein +Dichter. Er legte heute schlechte Formen an den Tag. Wir werden sie ihm +abgewöhnen. Nicht wahr, mein Georg? Gute Nacht ...« + +Dem hastig Einherschreitenden stand der Schweiß auf der Stirn. Er +ballte die Finger zu Fäusten zusammen und renkte den Kopf, als ob +ihm das Atmen Beschwerden machte. Das war doch Verrücktheit, glatte, +blanke Verrücktheit, diese Selbstquälerei! Hier gab es doch nur eins: +Verachtung! Aber das sprach sich nur leicht aus. Was würden die beiden +Menschen nach seiner Verachtung fragen! Lachen würden sie über ihn! + +Er öffnete weit die Augen, aber er sah nichts, in sich und um sich, als +eine Leere. + +Vermisse ich denn etwas? fragte er sich höhnisch. War denn überhaupt +etwas vorhanden, was wert wäre, es auf der Straße ausklingeln zu +lassen? Liebe? Die würde nicht toben und schimpfen. Für einen Groschen +Ehrgeiz verloren gegangen, und in derselben Düte ein Rest schimmelig +gewordene Vornehmheit! + +Er stand vor seiner Wohnung. Neun Uhr erst ... Wie werd’ ich den Abend +herumbringen ... + +Dann ging er hinein, machte Licht und sah sich um; ganz scheu, als +müßte er auch hier auf eine Überraschung gefaßt sein. Aber alles war +unverändert. Und gerade dieses unveränderte Bild, das Tag für Tag das +gleiche bleiben würde, während er sich selbst ein Fremder geworden +war, ließ ihn das, was er vor einer Stunde aufgegeben hatte, wie einen +unwiederbringlichen Verlust, in weit über alle Grenzen gehenden Maßen, +erscheinen. + +Müde, zerschlagen, saß er in seinem Stuhl. Die Arme hingen schlaff über +die Lehne. + +Was nun? + +Er lächelte ironisch. + +Was nun? Das hört sich ja an, als ob ich überhaupt schon etwas getan +hätte. Ich hab’ dem Leben nichts genutzt, und das Leben hat mir nichts +genutzt. Quitt! Wir haben uns beiderseitig nichts vorzuwerfen. + +Sein Blick fiel auf das der Wand zugekehrte Bild Bettinas. + +Langsam erhob er sich, nahm das Bild vom Schreibtisch und betrachtete +es. Ganz bedächtig, ganz eingehend. Nun hatte er die Augen +durchforscht, nun heftete sich sein Blick auf den Mund. Ein Zittern +ging durch seine Hände, und es wurde stärker und stärker, bis er mit +jähem Griff den Karton packte, um ihn zu durchreißen. Aber er tat es +nicht. Er warf das Bild auf den Tisch und preßte die Lippen zusammen. +Seine Augen brannten in einem trockenen, quälenden Schmerz. Wozu nur +das alles? Wozu nur? Es war doch nirgend ein Zweck zu ersehen! + +Als er die Lampe niedriger schrauben wollte, fiel ihm auf dem +Schreibtisch eine Karte ins Auge. Mechanisch nahm er sie auf und las. +»Heinrich von Springe.« + +Und darunter stand: »Ich werde vor zehn Uhr noch einmal mein Glück +versuchen.« + +Hans Steinherr legte die Karte auf den Tisch zurück. + +Das Glück versuchen? ... dachte er. Das wird wohl bei mir mehr als +verlorene Liebesmüh’ sein. Das Glück versuchen! + +Im Halblicht saß er und erwartete den angekündigten Besuch. Wenige +Minuten, und er hatte ihn vergessen. Nur seine Scham hatte er nicht +vergessen, seinen beleidigten Stolz, seine beleidigte Männlichkeit. Das +wogte und quirlte in seinem Kopf durcheinander, und er war dem Ansturm +gegenüber willenlos. »Aus ist’s, aus, aus!« murmelte er immer wieder +vor sich hin, und dennoch arbeitete er unablässig an neuen Plänen, um +die gescheiterte Hoffnung zu reparieren. Es war ein Kampf in ihm, den +er verachtete und den er gleichwohl mit jeder Fiber kämpfte. Um ein +Phantom —. + +Es hatte an seine Tür geklopft. Nun klopfte es wieder, und die Tür +öffnete sich. Ein Mann stand auf der Schwelle und spähte durch das +Halbdunkel. + +»Hans —?« fragte eine Stimme, die ihm eigenartig vertraut vorkam. + +Er machte eine Bewegung, die seine Anwesenheit verriet. Da stand auch +schon der Besucher vor ihm. + +»Hans, mein alter Junge, es ist lange her, daß wir uns nicht sahen. +Deine Mutter läßt dich grüßen.« + +Er antwortete nicht. Nur die Hände hielt er fest, die ihm Springe +entgegengestreckt hatte. + +»Hans, ist es dir immer noch nicht lieb, mich wiederzusehen? Ich denke, +wir sind Männer geworden seitdem.« + +»Doch, doch. Entschuldige meine scheinbare Teilnahmlosigkeit. So nimm +doch Platz!« + +Springe legte seinen Mantel ab, ging zum Tisch und ließ das Licht +aufflammen. + +»Laß dich zunächst einmal anschauen,« sagte er ruhig. »Ob es der alte +Hans ist.« + +Steinherr wehrte mit der Hand ab, aber Springe achtete nicht darauf. In +Gedanken versunken, stand er vor dem einstigen Schützling. + +Der zwang sich zu einem Lachen. + +»Zufrieden mit der Musterung? Nicht ganz, wie ich merke. Ich bin nur +ein bißchen alt geworden in der Einsamkeit. Aber sonst, sonst — —. Nun +setz dich doch, und wenn es dich freut, will ich dir sagen: Es ist gut, +daß du hier bist.« + +Springe zog sich einen Stuhl heran und setzte sich ihm dicht gegenüber. +Ihre Kniee berührten sich. + +»Hans, Hans,« sagte er herzlich. + +Der aber wurde unruhig und blickte an dem Gast vorbei. + +»Laß gut sein; wir wollen uns das Wiedersehen nicht mit alten +Geschichten verkümmern.« + +Springe schüttelte nur den Kopf. Dann fragte er unvermittelt: »Hast +du mich nötig, Hans? Kannst du mich brauchen? Was gehen uns alte +Geschichten an, wenn neue dringendere zu erledigen sind? Leute wie wir +geben sich die Hand und verstehen sich.« + +»Verzeihe. Mach’ ich in der Tat einen so niederschmetternden Eindruck?« + +»Ich möchte den Grund wissen.« + +»Ja, lieber Heinrich — ich darf dich wohl noch so nennen — den Grund +möchte ich auch wissen. Nimm an, ich bin ohne Grund so, gänzlich ohne +Grund. Das klingt dumm, aber es hilft weiter.« + +»Was das anbetrifft, wir haben Zeit.« + +»Das klingt aus deinem Munde allzu bescheiden. Du wirst Besseres zu +tun haben, als dir über das Aussehen eines Menschen Kopfschmerzen +zu machen, der selbst nicht einmal weiß, ob er Kopf genug hat, um +Schmerzen zu fühlen.« + +Springe lehnte sich zurück und schwieg. Dann sagte er langsam: »In der +Ironie hast du es jedenfalls weit gebracht.« + +»Ich hatte einen guten Lehrmeister,« erwiderte Steinherr lächelnd; »er +hieß Heinrich von Springe und war in diesem Fach ein Meister. Bitte, +verkleinere mir den Mann nicht, ich verdanke ihm viel.« + +»Der Mann muß ein Stümper gewesen sein, lieber Hans.« + +»Ich widerspreche einem verehrten Gast nicht gern, aber hier scheint +es mir Pflicht. Pflicht oder Selbsterhaltungstrieb — wie du es nennen +willst. So laß dir denn sagen, daß das, was aus seiner Lebensanschauung +auf mich abgefärbt hat, das Beste war, was ich gewinnen konnte. Und das +war just der ironische Gesichtswinkel.« + +»Trotzdem. Ich bleibe dabei, der Kerl war ein Stümper oder — du hast +nicht ausgelernt.« + +»Ich habe, was ich brauche. Mehr wie seine Bedürfnisse kann man nicht +befriedigen.« + +Springe sah ihm fest in die Augen. + +»Was nutzt dich die Ironie allein? Die ist wie ein Zwilling, der ohne +den anderen Zwilling nicht leben und nicht sterben kann. Nörgelnde +Grämlichkeit statt scharfer Lebenslust. O ja, die Ironie hast du +erlernt. Nur eins, das Lachen, das rheinische Lachen hast du nicht +gelernt, noch nicht gelernt; und das gehört dazu wie der Klöppel zur +Glocke. Es wird Zeit, mein Sohn; lern das Lachen!« + +Hans Steinherr erhob sich rasch. Das war das Wort, das ihm gefehlt +hatte. Das Lachen, das Lachen! Das gekonnt haben, vor ein paar Stunden, +so recht aus Herzensgrund, so recht befreiend und alles reinfegend — +das Lachen ... damit hätte er gesiegt, über sich, über die anderen, +über die Situation. Weshalb hatte er nicht lachen gekonnt! + +Der Aufruhr in ihm, der sich eine kleine Weile gelegt hatte, brach +mit erneuter Gewalt los. Durch seinen Kopf schossen blitzschnell die +Bilder: das tödlich beleidigte und doch jäh erschrockene Gesicht +Bettinas, wenn er ihre Eröffnungen mit einem schallenden Gelächter +entgegengenommen hätte, wenn er sich mit lautem, humorvollem Lachen +auf dem Absatz umgedreht hätte und lachend ohne weiteres zur Tür +gegangen wäre. Das würde ihr einen anderen Respekt vor der Art +seiner Persönlichkeit beigebracht haben, als die hohen Worte seiner +Liebesmoral. Das würde sie zusammengeschüttelt und aufgerüttelt haben +mit Fäusten, und bevor er aus dem Zimmer gewesen wäre, hätte sie +widerspruchslos sich und ihre Welt der Kraft seines Lachens anvertraut. + +Er stand am Fenster und hielt das Holz der Fensterschwelle gepackt, +um den Sturm abzulenken. Weshalb war der Mann nicht gestern gekommen, +ihn an heimische Art zu mahnen! Dieser Mann, der ihm schon einmal den +rechten Weg gezeigt hatte, den Weg zur Jugend. Langsam kam er durch das +Zimmer zurück. Er hatte wohl doch noch einiges nachzuholen. + +»Heinrich,« sagte er, »ich habe dich vorhin nicht einmal ordentlich +begrüßt. Das möchte ich jetzt. Es hat vieles zwischen uns gestanden, +was nur in meiner Einbildung existierte und längst beschämt verflogen +ist. Aber du hast recht. Leute wie wir geben sich die Hand und +verstehen sich. Ich werde dich nicht mit Sentimentalitäten langweilen. +Wie geht es meiner Mutter?« + +»Sie hat sich in den Kopf gesetzt, nicht älter zu werden.« + +»Ihr seid sehr glücklich miteinander?« + +»Glücklich? Das Wort kann ich nicht mehr definieren. Es wird wohl bei +uns der Normalzustand so bezeichnet werden müssen. Lieb haben wir uns +wie die Kindsköpfe.« + +Er faßte den Jüngeren beim Schopf. + +»So, nun komm mal her. Deine Mutter hat mir aufgetragen, dir sofort, +wenn ich dich zu fassen kriegte, einen Kuß von ihr zu applizieren. Da +hast du ihn.« + +»Du hast dich in den fünf Jahren nicht verändert — —. Und Herr +Friedrich Leopold?« + +»Adrett wie ein Zwanzigjähriger, der sich vorgenommen hat, hundert zu +werden. Bleiben ihm nach seiner Rechnung also noch gutgezählte achtzig +Jahre zur Verfügung.« + +»Und — und Frau Stahl?« + +»Stellt lebende Bilder.« + +»Du, drück dich klarer aus! Lebende Bilder?« + +»Ganz richtig. Mit Herrn Friedrich Leopold gemeinsam. Philemon und +Baucis und sonstiges aus der Geschichte berühmter alter Liebespaare. +Ein paarmal wollt’ ich schon den Kaplan holen, um dem Geseufz’ ein Ende +zu machen.« + +»Sie führt ihm die Wirtschaft, wie mir Mutter schrieb?« + +»Die Wohnung liegt auf der anderen Seite des Korridors, in derselben +Etage mit der unseren; genannt: die Toggenburg. ›Ritter, treue +Schwesterliebe widmet euch dies Herz ...‹ und so weiter. O, die beiden +sind klassisch gebildet und handeln ganz ihrer Bildung gemäß.« + +»Da wären wir glücklich bei der Liebe,« meinte Hans mit einem Versuch, +zu scherzen. + +»O bitte, frag nur.« + +»Heinrich!« + +»Nun? Was denn? Sollte ich dich falsch verstanden haben? Ich dachte, du +hättest dich nach deiner Jugendliebe erkundigen wollen.« + +Hans blickte unbeweglich vor sich hin. + +Wie schmal der Junge geworden war. + +»Wie geht es Hannes ...« + +»Ach, mein Jung’, die steckt uns noch alle eines Tages in ihre +Kleidertasche.« + +»Sie muß jetzt sehr groß geworden sein ...« + +»Groß? In jeder Beziehung. Als herangewachsenes Menschenkind und als +Künstlerin. Wenn sich Größe nach dem Einkommen bemessen läßt, ist sie +jedenfalls größer als ich.« + +Er lachte behaglich in sich hinein, als freute er sich, daß das Mädel +ihn überholt habe. + +»Du hast sie heute singen gehört ... In der Philharmonie ... Hüsgen +sagte es mir.« + +»Ja, heute hab’ ich zum ersten Male erfahren, was Singen ist. Um und um +wird man von der Stimme gekehrt. Noch so verstockt kann man sein, die +Stimme lockert das ganze steinige Erdreich auf und bringt Triebe in dir +zum Blühen, Triebe sag’ ich dir, von denen du selbst keine Ahnung mehr +hattest. Man möchte heulen über sich selbst, aus purer Wonne, welch +ein guter Kerl man doch im Grunde ist. Und das macht alles der Hannes. +Jedem Wort gibt sie Leben, ganz schlicht, ganz natürlich, aber mit +einer Tiefe — das ist überhaupt nicht zu erzählen. Einfach hören mußt +du sie, und wenn du sie nebenbei ansiehst, zerstört dir das auch die +Illusionen nicht. Das war eine Sonntagslaune vom lieben Gott, als er +das Mädel schuf.« + +»So,« sagte Hans; und dann wiederholte er: »So — so —« + +Dann schwiegen sie beide, bis Hans, aus seinen Gedanken auffahrend, +hastig den Faden wieder aufnahm. »Weshalb bist du denn nicht bei ihr? +Das Konzert muß doch längst vorüber sein?« + +»Sie ist zum Künstlersouper gequält worden. Und da ich ihr mitteilte, +daß ich noch zu dir wollte —« + +»Das hast du ihr gesagt?« + +»Aber weshalb denn nicht? Sie hat mir außerdem Grüße an dich +aufgetragen.« + +»Der Hannes — —,« nickte Steinherr und lächelte abwesend vor sich hin. +»Bitte, du wolltest weiterreden ...« + +»Kurz, sie hat zum Souper zugesagt unter der Bedingung, daß man sie +um elf Uhr gehen ließe. Um elf Uhr hat sie nämlich im Hotel ein +Rendezvous.« + +Hans Steinherr blickte überrascht auf, und Springe amüsierte sich. +»Mit Onkel Springe nämlich. Der ›Onkel‹, das bin ich. Na, von so süßen +Lippen läßt man sich das Prädikat schon gefallen. Auf elf Uhr also bin +ich im Hotel Kaiserhof auf eine Tasse Tee befohlen. Du gehst natürlich +mit.« + +»Ich — —? Ich glaube, du überschreitest da gehörig deine Onkelgewalt.« + +»Aber so sperr dich doch nicht. Wir bilden doch sozusagen eine Familie. +Du wirst es ja erleben, was für freudige Augen sie macht, ihren alten +Kameraden wiederzusehen. Junge, Junge, ich fürchte, du taxierst unseren +Hannes falsch.« + +Hans Steinherr saß, die gefalteten Hände im Schoß, und blickte auf +einen Punkt. Wie eine weiche Welle floß es über ihn hinweg. Als ob er +krank sei, und weiche, kühle Hände legten sich auf seine heiße Stirn. +»Ich möchte sie wiedersehen,« sagte er wie zu sich selbst. Er hatte +Heimweh. + +»Was ist das nur?« fuhr er empor und ging zur Tür. »Es klingelt in +einem fort.« + +An der Korridortür traf er den Hausverwalter. + +»Ein Brief für Sie, Herr Doktor. Das Haustor war schon verschlossen, +aber ich hab’ dem Boten noch geöffnet.« + +Hans Steinherr gab dem Mann ein Trinkgeld und kehrte ins Zimmer +zurück. Beim ersten Blick auf das Papier erkannte er Bettinas steile +Schriftzüge. Seine Hände flogen, daß das Papier knatterte. Dann nahm er +sich mit Macht zusammen. + +»Entschuldige,« sagte er, »ein eiliger Brief, wie es scheint.« + +Springe nickte. Aber mit gespannten Blicken verfolgte er jede der +nervösen Bewegungen. + +Hans riß das Kuvert auf. Es enthielt nur eine Visitenkarte Bettinas. +Unter dem Namen stand in eiligen Zügen: »Ich erwarte dich aufs +bestimmteste morgen früh elf Uhr.« + +Dreimal, viermal, immer wieder las Hans die wenigen Worte. Als er +endlich den Arm sinken ließ, sah er farblos und um Jahre gealtert aus. +Das Blatt fiel auf den Tisch. Es war ganz still im Zimmer. + +Den starkgemuten rheinischen Maler packte ein Grauen vor dieser +künstlichen Ruhe. Er war gewohnt, den Dingen ins Auge zu sehen. Aber +hier war ein unsichtbarer Feind. Gleich beim Eintritt ins Zimmer hatte +er es an der apathischen Müdigkeit des jungen Freundes gespürt, und +nun, da er ihn durch unverfälschten Heimatsodem verscheucht zu haben +glaubte, kam er wieder. Den Zustand ertrug er nicht. Zustände waren für +alte Weiber. + +»Hast du schlechte Nachrichten, Hans?« + +Der hörte gar nicht. + +Da nahm Springe das Blatt vom Tisch auf und las es. + +»Hans!« + +»Wie meinst du?« + +»Was will die Frau von dir?« + +»Du siehst ja. Sie wünscht, ich soll zu ihr kommen. Also — werde ich — +hingehen.« + +»Du sagst das in einem Ton, als ob dich das Hingehen Überwindung +kostete.« + +»Überwindung —? Ich — ich spreche in einem Ton —? Du — wie war das doch +noch mit — mit dem Lachen? Weißt du, mit dem Lachen, das ich nicht +gelernt haben sollte. Man — ganz recht — man muß nur alles humoristisch +nehmen.« + +»Wenn du kein Vertrauen zu mir hast, laß uns gehen.« + +»Gehen? Wohin?« + +»Zu Hannes. Sie wird uns längst schon erwarten. Es ist halb zwölf.« + +»Es geht nicht, Heinrich. Ich kann, leider, nicht mehr mit. Morgen — +vielleicht.« + +Springe trat dicht vor ihn hin. Er zwang den anderen, ihn anzusehen. + +»Und weshalb kannst du nicht mehr mit? Den Mut, mir das zu sagen, wirst +du doch nicht verloren haben?« + +Hans Steinherr hielt den Blick aus. Und ohne sich zu bedenken, +antwortete er dem einstigen Mentor: »Wenn ich morgen zu dieser Frau +gehe, kann ich heute nicht mit Johanna zusammen sein.« + +»Der Dame wegen oder Johannas wegen?« + +»Johannas wegen.« + +Sie blickten sich noch immer voll in die Augen. Dann sagte Springe +kalt: »Also gedenkst du etwas zu tun, was eines Hans Steinherr unwürdig +ist.« + +»Heinrich!« + +»Ich wiederhole es, wenn du es wünschest. O, ich bin kein Sittenrichter +und Tugendbold. Du könntest ja die Frau lieb haben und sie dich, und +Hindernisse könnten euch im Wege stehen. Wer wollte euch deshalb +verdammen! Vielleicht ist die Dame verheiratet. Wir sind alle Menschen, +und auf die Kraft und Reinheit unserer Empfindungen kommt es an.« + +»Nein, sie ist nicht verheiratet. Noch nicht. Obwohl sie es früher war.« + +»Mit anderen Worten: sie ist Witwe und aufs neue verlobt. Hab’ ich +recht?« + +»Verlobt. Seit heute abend. Ich wußte nichts davon, mein Wort darauf.« + +»Du wurdest also getäuscht? Herrgott, so sprich doch! Ich seh’ es dir +ja an, daß du auf dem toten Punkt bist, daß es dich drängt, irgend +etwas herauszuschreien. So schrei doch! Ich bin wie eine Felswand, die +das Echo nur einmal hergibt, und sicher nicht an Unberufene. Soll ich +dir helfen? Soll ich dich zum Widerspruch reizen? Nun gut, selbst auf +~die~ Gefahr hin: Hans Steinherr, dem einst das ~beste~ Mädchen nicht +gut genug war, steht im Begriff, sich für die ~schlechteste~ Frau +zum Spielzeug zu degradieren. O, o! Wir wollen hier keinen Ringkampf +aufführen. Sag mir ins Gesicht, daß ich lüge ...« + +Steinherr ließ die erhobenen Arme sinken. Er murmelte unverständliche +Worte. + +»Verteidige dich nicht und sie nicht. Sie vor allen Dingen nicht. Wenn +eine Frau in der Stunde ihrer Verlobung an einen anderen schreibt, ja +nur an einen anderen denkt — weißt du, ich möchte das Wort für mich +behalten. Ich habe zu viel Respekt vor der Weiblichkeit im allgemeinen. +Hans, was ist dir?« + +Steinherr hatte sich an der Tischkante halten müssen. Es kreiste ihm +vor den Augen. + +»Junge, komm zu dir! Vielleicht hab’ ich eine Dummheit gemacht; +vielleicht liegen hier die Dinge so besonders, daß ich das Kind mit dem +Bade ausgeschüttet habe. Du, hör mich! Wenn ich auch beinahe dein Vater +bin, du sollst mich bei den Ohren nehmen dürfen, und ich will nicht +mucksen.« + +Hans Steinherr richtete sich auf. Er strich sich mit der Hand über die +Stirn und sah sich um. + +»Ich vertrottele wohl nächstens noch. Laß nur ruhig deine handfesten +Sprüche auf mich los. Vielleicht findet sich noch eine anständige +Stelle an mir, an der das eine oder andere haften bleibt. Die Hoffnung +ist zwar nicht groß.« + +Da trat Springe mit raschem Schritt auf ihn zu, schlang seine Arme um +ihn und drückt den Kopf des jungen Freundes fest an seine Brust. »So, +nun heul dich aus, ich sag’s keinem wieder.« + +Und nach einer Weile: »Ach, ich glaub’s ja gar nicht, daß du dich +verloren hast. Irgend eine Dickköpfigkeit, aber keine Preisgabe des +innersten Menschen. Nur rede — das erleichtert. Ich bin ja nun doch +einmal dein approbierter Vertrauter. Denk an den Tag, an dem du mir +Hannes brachtest.« + +Aber Hans gab keine Antwort mehr. Ein plötzlicher Schüttelfrost hatte +ihn gepackt. + +»Komm, mein Junge, ich geleite dich in deine Klappe. Du hast eine +Erkältung in allen Knochen und gehörst sofort ins Bett. Morgen sprechen +wir weiter. Rheinland läßt sich nicht unterkriegen.« + +Er führte ihn, der wie ein Schwerkranker taumelte, behutsam ins +Schlafzimmer und war ihm behilflich. Dann ließ er sich die Schlüssel +anweisen. »Ich bringe sie dir morgen gegen Mittag zurück. Deine Hand +darauf, daß du inzwischen die Dame nicht wiedersiehst. Heraus mit dem +rheinischen Stolz!« + +Als er durch den Salon zurückschritt, sah er das Bild Bettinas liegen. +Er nahm es auf und betrachtete es lange, mit Künstleraugen. + +»Den guten Geschmack verleugnet der Bengel nie,« knurrte er. »Pfui +Deubel, wie schön!« + +Mitternacht war vorüber, als er im Hotel ankam. Hannes saß noch in dem +kleinen, separierten Teezimmer und wartete. Und wieder ließ Springe +seine Künstleraugen blitzen. Das war doch ein anderes Bild. + +Die schlanke Gestalt mit den hochgeschwungenen, festen Formen, das +kühne, intelligente Köpfchen, auf dem die rotblonden Flechten wie ein +Kranz aus purpurnem Weinlaub lagen, und die tiefen, stillen Augen von +der Farbe des blauen Bergsees — das war echt germanisches Blut, so heiß +wie keusch, so treu wie furchtlos. + +»Guten Abend, Hannes!« + +»Guten Abend, Onkel Springe!« + +»Kleines Liebchen, willst du mir einen großen Gefallen tun?« + +»Aber natürlich. Mach’s nicht so feierlich, du erschreckst mich sonst.« + +»Dich erschreckt schon nichts. Also: geh schlafen. Darum wollt’ ich +dich bitten. Und morgen frühzeitig auf. Dann wollen wir lange plaudern.« + +Sie erhob sich und kam auf ihn zu. + +»Ist Hans krank? Ist etwas mit ihm geschehen? Als du nicht pünktlich +warst, wußt’ ich es.« + +Er legte den Arm um ihre Schulter. + +»Welch ein feinkorrespondierendes Empfinden — —. Wenn ich dir die +Wahrheit sage, wirst du sie mir auch sagen?« + +»Ja, ja,« drängte sie, »das solltest du wissen. Ich kann nicht lügen.« + +»Hans ist drauf und dran, über Bord zu gehen. Aber wir werden das nicht +zulassen, wir nicht, gelt, du? Und nun, gerad’ heraus: Hast du ihn noch +lieb?« + +»Ja, Onkel Springe, ich hab’ ihn so lieb wie früher.« + +»Gute Nacht, mein tapferes Mädel. Auf morgen!« + +Als sie in der Tür war, nickte sie ihm nochmals lächelnd zu; als müßte +sie ihm, dem Manne, Mut einflößen. — — + +[Illustration] + + + + +Sechstes Kapitel + + +Erst spät in der Nacht war Hannes eingeschlafen, und als sie erwachte, +war es noch nicht sieben Uhr. Ihre Gedanken setzten sofort dort wieder +ein, wo die Ermüdung sie unterbrochen hatte: bei Hans. + +Die Arme unter dem Kopf verschränkt, lag sie ganz still, mit +weitgeöffneten Augen. + +Hans ... Wie oft hatte sie das Wort vor sich hin gesprochen, in all den +Jahren des heißen Mühens und Studierens, der ersten, angsterfüllten +Versuche und der großen, stolzen Siege in ihrer Kunst. Er wußte es ja +nicht. Er wußte ja nicht, daß sie ihm alles verdankte, den ganzen, +reichen Inhalt ihres Lebens. Er hatte die Liebe in ihr wachgeküßt, +und die Liebe hatte den Ehrgeiz der vornehmen Seele geweckt, es dem +Geliebten gleich zu tun an Wissenseifer, und den Drang nach der +Schönheit der Form. Dann hatte er den ersten, gewaltigen Schmerz in +sie hineingetragen, und der Schmerz hatte den großen Stolz gezeitigt, +zu zeigen, daß es für den Mann kein Herabsteigen gewesen wäre zur +unlösbaren Verkettung von Seel’ und Leib. + +Ein leises, liebes Lächeln glitt um ihren Mund. Hans — — —. + +Die Wunden, die sie bei dem jähen Abschied davongetragen, waren +längst verharrscht. Und im Laufe der Jahre waren die Narben immer +glatter, immer feiner geworden. Wenn sie in stillen Nächten, in denen +sie heimdachte, mit gleitendem Finger danach tastete, fand sie kaum +noch die Spuren. Dann dehnte sie den jungen, gestählten Körper und +spürte in ihm statt Wunden und Schmerzen das Wunder der Frauenkraft. +Eines Tages — o, eines Tages würde er sie nötig haben, wie den Duft +der Heimatscholle, den kein Sohn des Niederrheins auf immer zu missen +vermochte, der zu den Treuen im Lande zählte. Sie glaubte fest an +diesen Zug der Heimat. Warte nur, über ein kleines ...! + +Sie hatte gewartet, und das Warten war ihr nicht sauer geworden. +Alle Energien in ihr waren frei geworden und, von einem zähen Willen +geleitet, den Weg gegangen, den ihr erst der Trotz und dann in +seltsamer Wandlung das erwachte Gefühl der Persönlichkeit gewiesen +hatte. Mit geklärtem Auge schaute sie mehr und mehr in alle Dinge +und ihre Beweggründe hinein, und wenn sie auf eine unbefriedigte +Ehe traf, sah sie die Verschiebung der einst harmonierenden Motive +nicht so sehr in äußerlichen Ablenkungen, als in dem rein innerlichen +Umstand, daß die Frau am Tage der Hochzeit mit der straffen, geistigen +Erziehung abzuschließen pflegte, während für den Mann jetzt erst die +Weiterentwicklung und mit ihr die geistigen Kämpfe begannen. Fand er +auf die Dauer kein mitgehendes Verständnis, fand er in ihr, in der er +eine Kameradin erhofft hatte, immer wieder nur das launenhafte Kind, +kaum auf einer höheren Warte stehend als die Kinder, die sie geboren +hatte und die sie zu stolzen, starken Menschen erziehen sollte, fand +er in ihr nie und nimmer anderes als das Evageschöpfchen, das »um +seiner selbst willen« geliebt sein wollte — was Wunder, daß die Kluft +breiter und breiter wurde und eine der Seelen frierend am Ufer stand. + +Das war dem jungen, im Dunkel seines ersten Liebeswehs umherirrenden +Mädchen wie eine Erleuchtung gekommen: eine Frau muß dem Manne, auch +nach dem Rausch des Lenzes, ebenbürtig bleiben; nicht in der Fülle des +Wissens, aber in der Fülle des Verständnisses. Dann hat sie ein Recht +auf ihn, als sein wahrhaftiger Zeltgenosse, der Kampf und Sieg mit ihm +teilt, beides wie ein gleichwertiges; nicht als seine hübsche Magd, der +er für ein Lächeln ein Armband mit heimbringt. + +Darauf war ihr Streben gerichtet gewesen. Sollte der Tag kommen — auf +alle Fälle, sie wollte bereit sein. + +Der Tag war nicht gekommen. Ihn mit kleinen Künsten herbeizuführen, lag +in ihrem Wesen nicht. + +Die Reihe war an ihm, dem Manne — und sie wartete, und wenn sie +vergeblich warten sollte. Heute stand sie ihm nicht mehr nach, weder in +der Kunst, noch im Leben. + +Der selbstbewußte Ausdruck auf dem Gesicht des Mädchens schwand +plötzlich hin, eine Unruhe trat in ihre Augen. Sie zog die Arme unter +dem Kopfe fort und saß aufrecht da. + +Was hatte Onkel Springe gestern abend gesagt? Was war mit Hans? + +»Er ist drauf und dran, über Bord zu gehen — —« + +Noch einen Moment ließ sie die Worte in ihren Ohren tönen und hämmern. +Dann war sie mit einem Sprunge aus dem Bett und kleidete sich an. +»Oho,« murmelte sie vor sich hin, während sie die Haken ihres +Promenadenkleides schloß, »oho!« Sie wußte nicht, war es eine Drohung, +war es, um sich selbst Mut zu machen. Noch war ihr ja gänzlich fremd, +in welcher Lage, in welcher Bedrängnis Hans eigentlich stak. Aber die +Gewißheit, daß es eine Bedrängnis war, genügte, um sie vergessen zu +machen, daß — die Reihe an ihm sein sollte, zu ihr zu kommen; und all +die mütterlichen Eigenschaften, die unbewußt im Weibe ruhen, waren in +ihr ausgelöst. + +Sie klingelte dem Zimmermädchen. + +»Sehen Sie doch sofort nach, ob Herr von Springe schon sein Zimmer +verlassen hat. Sonst lassen Sie ihn wecken.« + +Heinrich Springe erwartete seinen Bundesgenossen bereits im +Frühstückszimmer. Sie ließen sich an einem separaten Tisch servieren +und saßen allein. + +»Guten Morgen, meine Lerche!« + +Sie legte den Arm um seinen Hals und ihre weichen Lippen auf seinen +Mund. + +»Töchterchen,« sagte er zärtlich und streichelte ihr Gesicht und ihr +Haar ... »Dort kommt der Kellner. Jetzt heißt es zulangen. Ein Mensch, +der ein ordentliches Frühstück im Magen hat, hat schon halb gewonnen. +In diesem Sinne los, Hannes! Wer die beste Klinge schlägt!« + +Da hielt sie wacker mit. + +»Wunderst du dich nicht, daß ich dir gar keine Komplimente über dein +Singen mache?« fragte er nach einer Weile. »Du mußt mich unbedingt für +einen Barbaren halten. Gelt, das ist die Meinung?« + +»Onkel Springe! Wer ist denn musikalischer als du?!« + +»Für den Hausgebrauch, Kind. Die musikalischen Schwingungen muß jeder +Künstler in sich verspüren, ob Maler, Dichter oder Klavizimbelspieler. +Aber sieh mal, Mädel, da reise ich geschlagene acht Stunden mit dem +Kurierzug, um dich nach Jahren wiederzuhören, und als es geschehen ist, +bleibe ich stumm.« + +Sie streichelte seine Hand und sah ihn schelmisch von der Seite an. »Du +wolltest wohl erst die Kritiken in den Morgenblättern lesen?« + +»Schlauberger!« lachte er. »Übrigens ist das bereits auch geschehen. +Die Herren Musikkritiker verstehen zwar durch die Bank mehr von +Instrumentalmusik als von einer Stimme, aber diesmal haben sie sich +denn doch zu ~einem~ schönen Jubelchor vereinigt. Mein Mädel hat es +ihnen angetan, mußte es ihnen ja antun; mir hattest du es ja auch +angetan, daß ich den unbezwinglichen Drang verspürte, alle Menschen +teilnehmen zu lassen, irgend eine gute Tat zu tun, und da bin ich +spornstreichs zum Hans gelaufen.« + +Damit war das Wort gefallen. Die beiden sahen sich ernst an. + +»Eine Frau ist im Spiel,« sagte Springe kurz. + +»Liebt er sie — —?« + +»Wenn’s das wäre! Gelt, Mädel, dann würden wir uns bescheiden. Aber das +ist es eben nicht. Es ist schlimmer. Er ist mit seinen Sinnen, seinem +Hochmut, seiner Eitelkeit engagiert. Das ist ein böses Trisolium für +einen Mann, der gewohnt ist, alles von sich selbst aus zu beurteilen +und sich in jeder Situation zu bespiegeln. Die Coeur-Dame aber hat +ebenfalls ihren Ehrgeiz für sich. Sie möchte außer einem Gatten von +Rang und Würden auch noch einen Mantelträger — hm, anders kann ich dir +das nicht erklären — und für dies ehrenvolle Pöstchen hat sie in ihrer +großen Güte Hans ausersehen.« + +»Und Hans — und Hans?« + +»Ist aus allen seinen Himmeln gestürzt. Ich habe die feste Gewißheit, +daß er sie nicht liebt, so, weißt du, Kind, wie wir das Wort +verstehen, mit dem Ewigkeitsbegriff. Aber er ist im Lauf der Jahre +ein armer, einsamer Mensch geworden, und todmüde. Da kommt nun eine +schöne Frau des Wegs — sagen wir: die gefeiertste Weltdame — und da +der verschlossene Sonderling für sie Nouveauté ist, beginnt sie zur +Kurzweil das Spiel. Der Mann, der schon auf alle Freuden des Lebens +verzichtet hat, traut seinen Augen nicht, zögert, alte Erinnerungen +werden in ihm lebendig, und, teils aus Haß, teils aus Gier, noch +einmal seine Kräfte zu erproben — er greift zu. Wenn ein Todkranker +sich an etwas anklammert, mein Kind, dann fragt er nicht viel nach den +Qualitäten, dann redet nur noch sein Egoismus, denn er weiß, es ist das +letzte Mal ...« + +Springe sann nach. In seinem Geiste sah er, wie Bild für Bild sich +entwickelt hatte. + +»Die schöne Frau aber,« fuhr er mit ironischer Betonung fort, »hatte +bereits andere Pläne, auf die sie nicht verzichten wollte. Und da +ihr unterdes Hans unentbehrlich geworden war, als Troubadour, so +wirkte sie mit verdoppeltem Nachdruck auf seine Sinne, um ihn für das +vorbehaltene Pöstchen des Schleppenträgers gefügig zu machen. Gestern +abend erfolgte die Erklärung, und der überrumpelte Hans warf dennoch im +ersten Ansturm den Bettel über den Haufen.« + +»Ah — —« stieß die Zuhörerin hervor, und über ihr blaß gewordenes +Gesicht huschte eine Röte. + +»Das muß der Frau wohl imponiert haben. Möglich auch, daß sie darauf +vorbereitet war, den Mann erst ein bißchen der Raserei überlassen +wollte, um sich dann über den Niedergebrochenen gnädig zu neigen, +überzeugt, daß er nun für ein Glück halten werde, was ihm zuvor das +Anfassen nicht wert schien. Als ich gestern bei Hans war und meine +Plaudereien aus der Heimat ihn still und in sich gekehrt gemacht +hatten, platzte in die frommste Stimmung ein =billet de diable= hinein. +Und die schönste Explosion war fertig. + +Ich halte im allgemeinen nichts von sogenannten Schickungen. Das sind +Eselsbrücken für Faulpelze, die nicht fest zupacken wollen. Aber als in +diesem Augenblick bei Hans just eine schwere Erkältung zum Durchbruch +kommen mußte, Schüttelfrost, Fieber, Kopfschmerz, na, Kleine, da +hab’ ich für das eine Mal die Segel gestrichen und die ›Schickung‹ +akzeptiert. Auf vierundzwanzig Stunden mindestens liegt er in der +Klappe. Gottlob! Mit einem feudalen Husten und Schnupfen kann man weder +den Othello, noch den Romeo agieren.« + +»Onkel Springe,« bat sie leise, »sei doch ernsthaft!« + +»Ich war nie ernsthafter als jetzt. Als ich gestern nacht vor dem +Schlafengehen noch für einen Moment in das Café des Kaiserhofs trat, +traf ich Herrn Willibald Hüsgen, der Hans bei uns vermutete und ihm +auflauern wollte, um sich für den ›genußreichen Abend‹ im Hause Frau +Bettina Wittelsbachs zu bedanken. Hans hatte ihn auf seine Quälereien +hin dort eingeführt. Herr Willibald war ebenso konfus wie wütend, +scheint sich aber einen gut rheinischen Abgang gemacht zu haben. Von +ihm hörte ich, daß der bevorzugte Bräutigam ein kleiner, wenn auch +etwas abgetakelter Prinz ist. Verstehst du jetzt? Und hier ist das +Billett, das Hans gestern nach dem intimen Verlobungszirkel noch +erhielt. Ich habe es eingesteckt.« + +Er legte die Karte Bettinas auf den Tisch, und Hannes las. Dann lehnte +sie sich schweigend zurück, aber in ihren Augen und um ihren Mund stand +ein Zug fester Entschlossenheit. + +»Nun —?« fragte Springe. »Jetzt gilt’s, den Kriegsplan entwerfen, +Kleine.« + +»Ich werde zu der Dame hingehen.« + +»Was — —? Du — —?« + +»Jawohl, ich. Es muß doch auf der Stelle etwas geschehen. O nein, nicht +meinetwegen.« + +»Aber, Mädel, alter, tapferer Hannes, was willst du denn dort?« + +»Das weiß ich noch nicht. Wenn ich ihr gegenüberstehe, werd’ ich es +wissen.« + +Springe schwieg. Dann nahm er Hannes’ Hände. + +»Hör mich mal an. Ich weiß mit Frauenzimmern schlecht Bescheid, oder +sie müßten sein wie Frau Margot, du und Mutter Stahl. Düsseldorfer +Auslese. Aber daß ~du~ zu der Dame hingehst, das duld’ ich nicht. +Wenigstens jetzt noch nicht. Du bist ein junges Mädchen, und ich ein +gesetzter Mann, wenn’s auch keiner glaubt. Folglich — werde ~ich~ +hingehen. Das war auch meine Absicht.« + +»Onkel Springe, dir werden deine Kavaliertugenden im Wege stehen.« + +»Ja, Kind, um mich dort herumzuprügeln, geh’ ich auch nicht hin.« + +Nun mußte sie doch lächeln, trotz ihrer schweren Stimmung. + +»So meinte ich es nicht. Aber gewisse Dinge können sich nur Frauen +sagen. Und wenn du nichts erreichst?« + +»Dann, ja dann soll die Reihe an dir sein. Abgemacht!« + +Sie erhoben sich und unternahmen einen Spaziergang, über die Linden, +durch das Brandenburger Tor und den Tiergarten. Das Thema wurde nicht +weiter berührt. Sie waren beide wortkarg geworden. + +Als es gegen elf Uhr ging, verabredeten sie, da das Wetter heiter war, +eine Rendezvousstelle am westlichen Ausgang des Tiergartens. Springe +nahm einen Wagen und fuhr zum Kurfürstendamm. Dem Hausmädchen, welches +ihm die Korridortür öffnete, gab er seine Karte und trug ihm auf, der +gnädigen Frau zu bestellen, daß er eine Mitteilung von Herrn Doktor +Steinherr zu überbringen habe. Wenige Minuten darauf stand er im +Empfangssalon Bettina gegenüber. + +Sie sah etwas abgespannt aus, aber gerade der matte Flor um die Augen +verstärkte den pikanten Reiz. + +»Meine gnädige Frau,« sagte er mit tiefer Verbeugung, »ich erbitte Ihre +Verzeihung, daß ich so gänzlich ungerufen —« + +»O,« erwiderte sie lächelnd, »die Freunde des Herrn Doktor Steinherr +sind auch meine Freunde.« + +»Ich werde mir diesen Vorzug zu eigen machen.« + +Sie zog einen Moment die Augenbrauen hoch; dann wies sie lässig auf +einen Sessel. »Sie ließen mich wissen, daß ein Auftrag des Herrn Doktor +Sie zu mir führe ...« + +»Ein Auftrag? Pardon, nein. Das ist ein Mißverständnis. Lediglich ein +Mitteilungsbedürfnis trieb mich her.« + +Eine Pause trat ein. Frau Bettina war auf der Stelle orientiert. Und +diese Pause benutzten sie beide, um sich schweigend zu beobachten. Dann +sagte die Dame des Hauses kalt: »Jetzt ist es an mir, Ihre Verzeihung +zu erbitten. Aber ich erwarte in dieser Minute noch Besuch.« + +Heinrich von Springe verneigte sich, aber er blieb sitzen. »Der +Besucher, meine gnädige Frau, ist leider durch eine heimtückische +Krankheit ans Bett gefesselt.« + +»Hans ist krank — —?« entfuhr es ihr so schnell, daß sie ihren Fehler +nicht mehr korrigieren konnte. + +»Ja,« wiederholte Springe höflich, »er ist krank. Gestern abend ist er +plötzlich erkrankt.« + +Sie nagte nervös an der Lippe, um die Beherrschung wiederzufinden. Dann +sah sie ihr Gegenüber scharf an. + +»Sie wissen, um was es sich handelt?« + +»Um eine Influenza, gnädige Frau.« + +»Ah —!« rief sie zornig und sprang auf. »Mir scheint, Sie wollen die +Situation ins Lächerliche ziehen.« + +Auch Springe hatte sich sofort erhoben. + +»Wenn gnädige Frau mit der Frage etwas anderes bezweckten, dann +allerdings habe ich —« + +»Nein, nein,« lachte sie ungeduldig auf, »es handelt sich in der Tat um +diese — diese Influenza.« + +Springe lachte unaufgefordert mit, als ob er die Pointe in ihren +Worten durchaus nicht verstanden hätte. + +»Sie haben recht, gnädige Frau, das ist freilich eine außerordentlich +komische Krankheit.« + +Da wurden ihre Gesichtszüge unbeweglich. + +»Ich danke Ihnen, mein Herr, für die Freundlichkeit, mich zu +benachrichtigen. Ich darf aber wohl Ihre Zeit nicht länger in Anspruch +nehmen.« + +Und als Springe zögernd auf seinem Platze verharrte, sagte sie mit +einer hoheitsvollen Abschiedsverneigung: »Herr von Springe — —?« + +Da rückte sich Springe zusammen und trat einen Schritt näher. + +»Gestatten Sie mir, meine gnädige Frau, daß ich noch ein bei der +Vorstellung entstandenes Versäumnis nachhole. Ich möchte nicht gehen, +ohne mich Ihnen in meiner Eigenschaft als Vater Hans Steinherrs zu +präsentieren.« + +Frau Bettina trat überrascht zurück, glühende Röte auf der Stirn. »Sie +scherzen,« stammelte sie verwirrt, »das ist doch nicht möglich.« + +»Die Verwunderung ist ganz auf meiner Seite, gnädige Frau. Sollte Hans +das nie erwähnt haben?« + +»Er liebte es nicht, von daheim zu sprechen,« gab sie, immer noch +fassungslos, zur Antwort. »Nur einmal, ganz kurz, erwähnte er eines +alten Freundes, der durch Heirat sein, Hansens, Stiefvater geworden +sei.« + +»Dieser alte Freund bin ich, gnädige Frau, und die Freundschaft ist auf +meiner Seite unverändert geblieben.« + +»Sie sind nicht alt ...« sagte sie gedankenlos. + +»Ist denn äußerlich erkennbares Alter ein unbedingtes Erfordernis zum +Ehemann?« + +Sie zuckte zusammen. Das war Hohn. — — Nun hatte sie sich wieder. + +»Da Sie sich als Vater meines besten Freundes ausweisen,« sagte sie mit +lächelnder Liebenswürdigkeit, »so müssen Sie mir schon erlauben, daß +ich Sie noch ein wenig hier behalte. Das ist eine unerwartete Freude +für mich.« + +Springe stutzte; aber er ließ sich wieder nieder. + +»Und nun erzählen Sie mir von ihm. Von dem Hans, als er noch ganz klein +und unartig war.« + +»Sollte es nicht,« erwiderte Springe verblüfft, »in unserem Falle +richtiger sein, ~Sie~ erzählten mir von dem Hans, als er schon ganz +groß und — artig war?« + +»Bitte, bitte,« schmeichelte sie, und ihre dunklen Augen schienen weich +und flehend. »Was ich zu berichten habe, ist nicht immer erfreulich. +Er hat mir viel Sorgen gemacht, aber ich hab’ ihn gern und bewundere +sein Talent; und von seinen Freunden erträgt man viel, das haben Sie +wohl auch erfahren. Erzählen Sie mir von seiner Jugend. Nachher mag die +Reihe an mich kommen, zu ergänzen.« + +Noch einmal machte Springe einen Anlauf, das Gespräch auf der anderen +Bahn zu halten. Aber sie legte ihm sanft die Spitzen ihrer zarten +Finger auf die Hand und sah ihm mit dem rätselhaft lächelnden Blick in +die Augen. + +Das arme Ding, dachte er mitleidig, sie kann nun einmal nicht gegen +ihre Natur. Es ist ein Jammer, daß man so einem schönen Geschöpf wehe +tun muß. Na, anders geht’s doch nicht. + +Aber er begann zunächst zu erzählen. Vom Rhein, vom Düsseldorfer Leben, +von seiner ersten Bekanntschaft mit Hans, von den großen Qualitäten des +jungen Freundes und seiner Entwicklung, von den feinen, dichterischen +Talenten, die durch eine Jugendliebe geweckt worden seien, und vieles +mehr. Jedesmal, wenn er zu Ende kommen wollte, berührte sie leise seine +Hand, und ihr Auge verlangte, daß er fortfahre. + +Mitten in einer Schilderung hielt er inne. Die Zimmeruhr hatte die +Mittagsstunde geschlagen. Der Zweck seiner Mission fiel ihm heiß aufs +Herz. »Gnädige Frau,« sagte er sich erhebend, »Sie müssen mir den +Jungen freigeben, zumal ich mich gleichzeitig beehren darf, Ihnen meine +herzlichsten Glückwünsche zur Verlobung auszusprechen.« + +Frau Bettina lehnte sich tief zurück. Das war die Ironie, die ihr immer +imponierte. + +»Und wenn ich ihn trotzdem behalten möchte.« + +»Das ist des Rheinlands nicht der Brauch. Wir da von der Westgrenze +sind als reichlich selbstbewußt, oder sagen wir ruhig: hochmütig +verschrieen bei aller unserer Lebensleichtigkeit; auch in unserem +Lieben machen wir Anspruch auf die ~erste~ Stelle.« + +»Und in Ihrem Hassen?« + +»Ich bin kein Adelsnarr. Aber auf dem Wappen meiner Familie steht der +rechte Spruch: ›=Pectus amicis, hostibus frontem=.‹ Sie haben die Wahl.« + +»Ich verstehe kein Latein.« + +»Ich auch nicht. Ich hab’s wieder verlernt, seitdem ich merkte, daß in +der Welt viel zu wenig ›deutsch‹ geredet würde. ›Die Brust dem Freund, +die Stirn dem Feind‹, lautet der Spruch.« + +»Wollen Sie mein Freund sein, Herr von Springe?« + +»Gnädige Frau tun mir unverdiente Ehre an.« + +»Wer ist heute noch ein Freund? Ihr Hans, o ja; heute schon läßt er +mich allein. Aber ein Mann ist er doch, der Tollkopf, und deshalb muß +er mein Freund bleiben. Und Sie sind sein Erzieher ... Aus dieser +Quelle hat er geschöpft. Lassen Sie mich auch davon profitieren.« + +»Meine gnädige Frau, der Zweck meines Besuches ist denn doch wohl —« + +»Den Zweck Ihres Besuches,« fiel sie ein und schüttelte ihm herzlich +die Hand, »den sollen Sie mir morgen sagen, um diese Stunde. Kommen +Sie allein, oder kommen Sie mit Hans. Heute laß ich mir die schöne +Stimmung, die ich Ihnen danke, nicht angreifen. Das ist Ihre eigene +Schuld.« + +Sie sah ihn an, mit halb über die Augen gesenkten Wimpern. + +»Auf Wiedersehen, Herr von Springe! Ihrem Pflegling die zärtlichsten +Wünsche.« + +Da stand er draußen; lachend, wütend, vollständig +durcheinandergewirbelt. Die Hexe, sprudelte es in ihm. Da hat sie +mich so lange von Düsseldorf erzählen lassen, bis wir glücklich +so familiär geworden waren, daß ich ihr nicht mehr grob kommen +konnte. Hannes meinte ja gleich, meine Kavalierstugenden — — ach +was, Kavalierstugenden! Blamiert hast du dich, alter Sohn! Vor zwei +kokettierenden Satansaugen hast du geschnurrt wie ein Kater, dem man +das Fell streicht! + +Als er seiner Bundesgenossin ansichtig wurde, schlug ihm doch das Herz. +Aber er bemäntelte seine Niederlage nicht. + +»Sie hat mich in Watte gewickelt,« knurrte er und biß sich auf den +Schnurrbart. »Viel hätte nicht gefehlt, und ich wär’ ihr um den Hals +gefallen.« + +»Gott sei Dank!« gab das Mädchen zur Antwort. + +»Gott sei Dank?« wiederholte Springe perplex. »Wieso denn das?« + +»Onkel Springe, wenn selbst du nicht standhalten kannst, ist Hans doch +auch entschuldigt!« + +Das ist die Logik der Liebe, dachte Springe. Aber er war kleinlaut +geworden und sagte es nicht laut. + +»Erwarte mich im Hotel, Onkel. Spätestens in einer Stunde bin ich +zurück.« + +Er sah ihr nach, wie sie über den Damm mit leichtem, flotten +Gang auf eine Droschke zuschritt. In dem rotblonden Haar lag die +Vorfrühlingssonne wie eine lustige Lohe. Ist das ein Mädel! gestand +sich Springe. Man wird gesund und fröhlich vom bloßen Anschauen. Da +liegt ein anderer Schmiß drin als in der Treibhausblume von vorhin. — — +— Na, na, na ... Nachträglich Schimpfen, das ist auch so eine Art —. + +Dann wandte er sich ab und schlug langsam den Weg zum Hotel ein. — — — + +Hannes hatte Frau Bettina ihre Künstlerkarte hineingeschickt, wie +sie sie im Verkehr mit Konzertdirektoren und Arrangeuren zu benutzen +pflegte. + +»Johanna Stahl?« las Bettina nachdenklich. »Die berühmte Altistin, die +gestern erst im Philharmonischen — Sagen Sie der Dame, Anna, daß ich +sehr erfreut bin, sie zu empfangen.« + +Die beiden Frauen standen sich gegenüber. + +»Mein gnädiges Fräulein,« sagte Bettina, überwältigt von der +eigenartigen Erscheinung und der jugendlichen Schönheit der Sängerin, +und streckte ihr beide Hände entgegen, »was verschafft mir den Vorzug, +einen so ausgezeichneten Gast bei mir zu sehen?« + +»Bewilligen Sie mir wenige Minuten Gehör, gnädige Frau? Ich möchte +vorausschicken, daß die Angelegenheit, die mich herführt, in erster +Linie ~Ihre~ Interessen tangiert.« + +Bettina ließ die Arme sinken. Die andere hatte ihre Willkommenbewegung +gänzlich übersehen. + +»Nehmen Sie Platz, mein Fräulein,« sagte sie mit formeller Höflichkeit. +»Womit kann ich Ihnen dienen?« + +Hannes machte von der Einladung keinen Gebrauch. Eine Sekunde lang +kreuzten sich ihre Blicke. Die eine sah die dunkeläugige, gefährliche +Favoritin, die andere das freie, unerschrockene Germanenmädchen. + +»Ich spreche gern die Hoffnung aus,« begann Hannes ruhig, »daß unsere +Unterredung ebenso kurz wie befriedigend verläuft. Mein Pflegeonkel, +Herr von Springe, ist, wie sich denken ließ, unverrichteter Sache +heimgekehrt. Ich hatte ihm gleich gesagt, daß das kein Geschäft für +Männer sei.« + +»Ein Geschäft —? Mein Fräulein, Sie bedienen sich recht seltsamer +Ausdrücke.« + +»Wir wollen hier nicht um Worte streiten, gnädige Frau. Das würde die +Erledigung der Angelegenheit nur verzögern.« + +»So — so — —. Sie kommen aus demselben Grunde wie Herr von Springe? +Nun, ich finde das für Sie nicht sonderlich delikat.« + +»Gnädige Frau, Sie wollen gütigst beachten, daß das — Parfüm nicht von +mir herstammt.« + +»Mein Fräulein!« + +»O nein, Sie erschrecken mich nicht. Ich fasse mich kurz. Das ist auch +mein Geschmack. Es liegt in Ihrem Interesse, daß ich Sie bitte, Ihre +Beziehungen zu Herrn Hans Steinherr ohne weiteres abzubrechen.« + +»Verehrtes Fräulein,« lachte Bettina und zuckte die Achseln, »die +Rolle der verlassenen Ariadne, in der Sie sich gefallen, ist einfach +lächerlich.« + +»Es freut mich, daß Sie das Kolorit dieser Rolle richtig taxieren, +obwohl ich nicht viel mit ihr zu tun habe. Ich reise morgen nach +München und singe in acht Tagen in Paris. Aber eben Sie, gnädige Frau, +möchte ich vor dieser Rolle bewahren.« + +»Tragen Sie keine Sorge. Ich qualifiziere mich nicht dazu.« + +»Das zu erfahren, läge lediglich in meiner Hand.« + +»Sie machen mich neugierig.« + +»Ich frage Sie nur, ob Sie, die Verlobte eines hohen Herrn, die +Beziehungen zu meinem Jugendfreunde lösen wollen oder nicht.« + +»Und wenn ich Ihnen jegliche Antwort darauf verweigerte?« + +»Soll ich das als Antwort auslegen?« + +»Es steht in Ihrem Belieben.« + +»So zwingen Sie mich, auf der Stelle zum Prinzen Georg hinzufahren und +ihm den Inhalt dieser Unterredung mitzuteilen. Entscheiden Sie sich!« + +Bettina war erblaßt. Ihre Brust hob und senkte sich tief, und die +langen Wimpern zitterten über ihren Augen. + +»Wenn Sie durchaus Lust verspüren, sich selbst mit diesem Schritt zu +kompromittieren — —. Sie verstehen mich wohl. Übrigens wird man Sie +nicht empfangen.« + +»Man ~wird~ mich empfangen. Ich bin meiner Kunst dankbar, daß sie mir +alle Türen öffnet. Und vor einer Kompromittierung fürchte ich mich +nicht. Das ist mir die Freundschaft schon wert.« + +Die beiden Frauen sahen sich fest in die Augen. Dann sagte Bettina mit +einer starken Willensanstrengung: »Ihr glühendes Eintreten stellt mir +den Preis so verlockend vor, daß ich Lust habe, freiwillig dem Prinzen +abzusagen und Herrn Doktor Steinherrs Werbung heute noch anzunehmen.« + +»Das kommt zu spät, gnädige Frau.« + +»Mein Fräulein, ich muß mir jetzt jeden weiteren Einspruch verbitten.« + +»Gestern hätten Sie noch ein Recht dazu gehabt, heute nicht mehr. Ich +lasse Hans nicht unglücklich machen.« + +»Unglücklich? Wenn ich ihn heirate? Das ist zum wenigsten originell.« + +»Hans würde über die gestrige furchtbare Enttäuschung nie hinwegkommen. +Er würde nie das Vertrauen zurückgewinnen und an den quälenden Gedanken +zu Grunde gehen.« + +»In Ihnen aber, nicht wahr, in Ihnen würde er die rechte Gefährtin +finden. Nun, ich bin nicht seelengroß genug, um Ihnen den erwählten +Gatten abzutreten. Mein Entschluß ist jetzt gefaßt.« + +»Gnädige Frau,« begann Hannes, und ihr stolzer Mädchenkörper reckte +sich hoch auf. Über ihrem Gesicht lag eine finstere Ruhe. »Gnädige +Frau, ich habe bis jetzt ~nicht~ von mir gesprochen, aber wenn Sie mich +zwingen, ~werde~ ich von mir sprechen.« + +»Ah — das klingt wie eine Drohung ...« + +»Und es ~ist~ eine Drohung. Sehen Sie mich an. Wir sind zwei Frauen, +und keiner hört uns. In der Stunde der Gefahr soll keine falsche Scham +zwischen uns stehen. Sehen Sie mich an. Sie sind schön und üben Ihren +Einfluß auf die Männer; und ich —« eine dunkle Röte flog über ihre +Stirn, aber in ihren Augen blieb das stahlharte Leuchten — »ich traue +mir zu, es mit Ihnen aufzunehmen. Kein Mann hat mich je berührt, mit +Ausnahme Hans Steinherrs, als er noch ein halber Knabe war. Das fällt +mit in die Wagschale. Wagen Sie es, von seiner Stimmung Gebrauch zu +machen, wagen Sie es, ihn für immer an sich zu ketten und damit sein +Leben zu zerstören, nachdem Sie seinen Glauben schon zerstört haben! +Selbst ~dann~ werde ich meine mädchenhafte Scheu überwinden, und ich +werde schöner sein und treuer sein als Sie, und ich werde länger jung +bleiben um seinetwillen! Wagen Sie den Kampf? Ich werde ihn mit der +Heimatsstimme rufen und dem Ton der alten Erinnerungen. Für sein Glück +soll mir ~kein~ Opfer zu schwer sein, und der Herrgott wird es mir +verzeihen.« + +Frau Bettina starrte das Mädchen an. Das war kein Ausbruch verwundeter +Eitelkeit, das war die hinreißende Frauenreinheit, die alles darf, und +die durch nichts befleckt wird. Und mit einem Male kam sie sich alt und +müde vor neben dem jungen, zu jedem Kampf entschlossenen Geschöpf. + +»Gehen Sie, gehen Sie!« murmelte sie und drückte die Hand vor die Augen. + +Da trat Hannes auf sie zu und zog Frau Bettinas Hände herab. »Ich bin, +als ich eintrat, Ihrem Händedruck ausgewichen, gnädige Frau. Lassen Sie +mich jetzt Ihre Hände drücken.« + +»Ich weiß nicht, womit Sie es mir angetan haben,« stammelte die +Frau. »Sie — Sie haben den gläubigen Mut ...« Und plötzlich, dem +Impuls des Weibes folgend, schlang sie den Arm um Hannes und sah ihr +leidenschaftlich in das ernste und doch so jugendstrahlende Gesicht. + +»Leben Sie wohl, Sie glückliche Natur! Ihr Hans soll nie wieder von mir +hören. Nur drei Abschiedszeilen zum Adieu.« + +Mein Hans — dachte Hannes mit einem wehmütigen Lächeln. Aber sie +behielt tapfer ihre Haltung bei, und ruhig und gefaßt schieden die +Frauen voneinander. — — + +Im Hotel ließ sie Springe auf ihr Zimmer bitten. Sie nickte dem +aufgeregt Hereinstürmenden zu. + +»Hans wird ~nicht~ über Bord gehen. Die Gefahr ist vorbei.« + + * * * * * + +Als Springe am Nachmittag den Freund aufsuchte, fand er ihn am +Schreibtisch sitzend. Stumm wies Hans Steinherr auf ein Blatt Papier. +Bettina schrieb ihm, daß sie noch am selben Abend zu Verwandten ihres +Verlobten abreise, ihn aber um seine Verzeihung bitte. + +»Komm mit nach Düsseldorf!« sagte Springe ernst. »Du bist es dir und du +bist es auch der Mutter schuldig. Die Heimat wird dich gesund machen.« + +»Ich glaube an kein Gesundwerden mehr, Heinrich. Ich habe meine Wurzeln +eigenhändig zerstört.« + +Aber er ließ sich leicht überreden, er war müde und hatte eine traurige +Sehnsucht. — + +Hannes war nach München abgereist. Er hatte ihre Grüße empfangen und +sie selbst nicht gesehen. Sie schien vor ihm geflohen zu sein, und das +schmerzte ihn tiefer, als er es Springe wissen ließ. + +In den ersten Märztagen fuhr Hans Steinherr an der Seite Heinrich von +Springes durch Hannover, Westfalen und das niederrheinische Land. In +sich versunken blickte er auf die Lichter Düsseldorfs, die sich rasch +näherten. Er kam nicht als Sieger, aber er kam. + +Die Heimat hatte ihren erkrankten Sohn zurückgefordert. + +[Illustration] + + + + +Siebentes Kapitel + + +Herr Friedrich Leopold von Springe saß an seinem hochbeinigen +Schachtisch, dessen eingelegte Platte von einer niederen Galerie +umgeben war, um die Figuren vor dem Hinabstürzen zu bewahren. Er trug +eine elegante, flauschige Jagdjoppe, sein dünnes Haar war sorgfältig +frisiert, und sein schlohweißer Schnurrbart strebte noch immer in keck +gestutzten Spitzen nach oben. Nur in seinen Händen war ein leichtes, +wenn auch kaum auffallendes Zittern zu bemerken, wenn er den Läufer zum +Sturm beorderte oder den Springer den Rösselsprung vollziehen ließ. Er +behauptete zwar, das sei die Aufregung des Spiels, kompliziert durch +die Partnerschaft einer angebeteten Dame. + +Diese Partnerin und Verehrte seines Herzens thronte in Gestalt Frau +Stahls auf einem hohen Ledersessel ihm gegenüber. Über ihre faltigen +Züge huschte, so oft sich Herr Friedrich Leopold in einer chevaleresken +Bemerkung gefiel, ein kurzes, verschämtes Lächeln, das sie alsbald +unter einem verdoppelt strengen Ernst zu verstecken sich mühte, gerade +so, als müßte man sich von dem gefährlich tuenden alten Herrn der +unglaublichsten Heißspornigkeiten gewärtig halten und dürfte daher +seinem Jugendfeuer nicht die geringsten Konzessionen machen. + +Eine warme Gemütlichkeit herrschte in dem Zimmer. Kein Geruch nach +Lavendel und Rosmarin. Aber es duftete verräterisch nach echtem +Sellnerschen Punsch vom Karlsplatz. + +»Durchaus nicht, weil ich am Alkohol hänge,« pflegte der alte +Herr jedesmal zu betonen, wenn er aus dem Tischuntersatz das Glas +hervorholte und verbindlich gegen Frau Stahl hob. »Ich bin eigentlich +von Haus aus Vegetarier und schwärme für junges Gemüse. Aber wo soll +der Mensch in den ersten Tagen des Märzen Maikräuter herbeziehen!« + +Gegen diese eiserne Logik ließ sich nichts einwenden. Und wenn +auch Frau Stahl von Zeit zu Zeit mit dem liebevoll geschärften +Blick, mit dem man große Jungen zur Einkehr zwingt, auf die nach +dem Tischuntersatz tastende Hand des alten Herrn schaute, ~so~ +ungefähr, als ob sie auf seinem Handrücken etwas ganz außerordentlich +Interessantes erblickte, so erhob sie sich doch zu mehreren Malen +am Abend, um aus dem Kamin schweigend den dampfenden Wasserkessel +hervorzuziehen. + +Dann saß Herr Friedrich Leopold ganz still, die Hände im Schoß +gefaltet, und beobachtete ihr Tun. Mit leichtgewölbten Nasenflügeln +schnupperte er den Duft, der aus der innigen Vermählung des +Punschsirups mit dem brodelnden Wasser aufstieg, und bewegte leise die +Lippen. + +»Aber, Herr von Springe,« sagte die alte Frau mahnend, »können Sie denn +gar nicht abwarten?« + +»Ach,« erwiderte Friedrich Leopold harmlos, »Sie meinen also wirklich, +das geschehe wegen des Punsches? O, meine gute Frau Stahl, in welchem +Irrtum bewegen Sie sich. Wenn meine Lippen sich regen, so tun sie +es, weil es sie zum Reden drängt. Wes das Herz voll ist, des geht +der Mund über. Und wenn ich so die Zierlichkeit Ihrer Bewegungen bei +der Punschbereitung betrachte — nein, nein, lassen Sie mich nicht +weitersprechen. Aber das Wort des einzigen Philosophen, den ich +anerkenne, bleibt dennoch wahr: Wer Sorgen hat, hat auch Likör.« + +»Haben Sie denn Sorgen, Herr von Springe? Das bißchen Podagra meldet +sich doch nur beim Witterungsumschwung.« + +»Liebessorgen, meine verehrte Frau; Liebessorgen um Sie.« + +»Ja,« sagte die alte Frau und hob betrüblich die Achseln, »da ist +freilich nix zu machen. Sie kennen meinen Standpunkt. Ich bleib’ fest, +aus Konsequenz.« + +»Na, dann geben Sie mir wenigstens den Leidenskelch. Frau Stahl, Frau +Stahl! Wenn ich in meinen besten Mannesjahren jählings zum Trinker +werde — Sie tragen die Verantwortung. Nein, nein!« protestierte er, +»keine stärkere Wasserzugabe. Ich bin durch Ihre Absage genügend +abgebrüht.« + +Sie aber ließ sich nicht behindern, den Trank nach Gutdünken zu mischen. + +In dem offenen Kamin knatterten die Holzscheite hinter dem Eisengitter. +Das war bei kaltem Wetter Herrn Friedrich Leopolds größte Freude. + +»Sehen Sie,« belehrte er Frau Stahl, »der Stolz auf sein altes +Adelsgeschlecht, das ist doch kein leerer Wahn. Man muß ihn nur richtig +handhaben. Ich bin ja nur ein dürres Reis an unserem Stammbaum, aber +trotzdem, ich habe die Geschichte unseres Hauses im kleinen Finger. Und +wenn ich so sitze und grübele — dann gehört ein offenes Kaminfeuer dazu +und das Rattern und Knattern der Scheite. An so einem Kaminfeuer haben +sich auch meine Herren Vorgänger im lustigen Mittelalter höchstihre +Fußsohlen gewärmt, wenn sie von mehr oder weniger tugendhaftem Beginnen +auf ihre Burg am Rhein zurückkehrten. Geben Sie gut acht. Der Kamin +und das Füßewärmen tun’s nicht allein; aber — die Tradition. Es ist +so ein eigentümlich Ding um so eine Familientradition. Man sollte ihr +auch in Bürgerkreisen mehr nachgehen. Glauben Sie mir, die Gedanken +daran wandeln sich in Blutkörperchen um, und die Blutkörperchen geben +Haltung. Man weiß, man ist seinen Vorgängern und Nachfolgern etwas +schuldig, und wäre es auch nur die — gute Haltung. Ein Meteor, das +sich von seinem Heimatstern ablöst, strahlt zwar sehr schön und setzt +alle Welt einen Atemzug in Staunen, aber wenn es seine Bahn durchsaust +hat, sinkt es auf fremder Erde in Nacht und Grauen. Höchstens findet’s +ein Professor. Der klopft und riecht dran herum und — o Tragikomödie +des Meteors — erklärt der gläubigen Jüngerschar: Meine Herren, das, +was Sie hier sehen, ist durchaus kein Element an sich. Es hatte einmal +elementare Qualitäten, als es noch seine Kräfte aus dem zuständigen +Heimatsrevier des Saturn oder Uranus zog. Jetzt aber, jetzt — tun Sie’s +in Ihre Sammlung, unter: Verschiedenes.« + +Der alte rheinische Junker stemmte seine Füße fest gegen das +Kamingitter und fuhr fort: »Die Familientradition, ja, die hat eben +etwas an sich. Man braucht sie nicht nachzubeten, bloß in den Knochen +soll man sie haben. Das ist auf alle Fälle ein feiner Regulator +zwischen dem modernen Geist und der alten Materie. Sie mögen sagen, was +Sie wollen: das sind Imponderabilien, die man bei der Rassenentwicklung +nicht unterschätzen soll. Schauen Sie sich um unter den Söhnen des +Landes. Bengel sind sie ja alle, gottlob!, und das ist ein gesundes +Zeichen. Aber wie Sie, im engeren, unter den Akademikern untrüglich die +Verbindungsstudenten herauswittern, so werden Ihnen, im weiteren, immer +die jungen Leute auffallen, die durch ihre Erziehung darauf hingeleitet +worden sind, ihrer Altvorderen, ob bürgerlichen oder adligen Grades, zu +gedenken. Was natürlich mit der persönlichen Hinneigung des einzelnen +zum Genie oder zum Schafskopf auch nicht das allermindeste zu tun hat. +Ich resümiere nur auf die Haltung; in allen Lebenslagen.« + +Die alte Frau, die das Leben wissend gemacht hatte, nickte. Auch heute +freute sie sich an der draufgängerischen Frische des Altersgenossen, +aber sie hatte Lust, zu opponieren. + +»Und wenn ein Kind keine Familientradition besitzt? Es gibt doch auch +solche Würmer.« + +»Donnerwetter,« sagte der alte Herr eifrig, »dann heißt es +eine anlegen; auf einer Basis, so groß und breit und tief und +unveräußerlich, wie — na — kurz — wie ein Fideikommiß. Deubel ja, muß +das schön sein, eine werdende Familie zu etablieren, so eine mit Haken +und Ösen. Und der dolle Stolz, den man dann darauf hat!« + +»Zum Beispiel: wie der alte Steinherr,« meinte Frau Stahl nebenbei. + +Herr Friedrich Leopold sah sie groß an. + +»Ich sprach doch nicht von einem Krämergeschäft mit Addieren, +Multiplizieren und Bruch- und Prozentrechnung, bis die Siebenstellige +im Münzwert voll ist? Nein, meine verehrte Frau, ich meinte +die Etablierung eines besonders feinen und körperlich gesunden +Menschenschlags, mit Addieren und Multiplizieren, bis die +Siebenstellige im geistigen oder seelischen Wert voll ist, von der dann +die Nachkommen auf Generationen hinaus zehren. Um Ihnen ebenfalls mit +einem Beispiel zu dienen: Hannes!« — — + +Die alte Frau stand auf, ging zum Kamin und schüttelte dem +Realphilosophen derb die Hand. + +»Ja, ja, ja,« philosophierte der weiter, »und langlebig macht so eine +gute, alte Familienerinnerung! Wenn andere Leute in das Kaminfeuer +blicken, denken sie zurück bis zu dem Tage, an dem sie ihre Nase im +Gesicht verspürten. Bei mir jedoch werden hundert Jahre wie ein Tag. +Da seh’ ich alle meine Leute durch die Jahrhunderte schreiten, und +alle sind sie mir bekannt, die Würdigen und die Borstigen, und so oft +ich sie aufmarschieren lasse — ätsch, ich bin der Jüngste. Sehen Sie, +meine verehrte Freundin, darin liegt das große Geheimnis meiner ewigen +Jugend.« + +Die Greisin sann nach. + +»Sie sind ein glücklicher Mensch,« sagte sie dann. + +»Bin ich auch.« + +»Den einen trifft’s und den anderen kann’s auch treffen. Wenn man in +die Jahre kommt, von denen geschrieben steht: sie gefallen mir nicht +...« + +»Nee, nee, nee, Frau Stahl, nun schwindeln Sie. Die Jahre gefallen uns +gar nicht schlecht. Jungen Leuten wie uns kann’s doch nicht auf ein +paar lumpige Jahre ankommen. Die Hauptsache ist: leben, und wissen, +daß man lebt! Beste Freundin, Ihre Lippen sind sonst doch immer schwer +an Sprüchen der Weisheit. Ist Ihnen denn über den Wert des Lebens kein +kräftig Wörtlein geläufig?« + +Die alte, ungebeugte Frau mit dem großen Lebenstrotz saß auf ihrem +Ledersessel und strich mit der Handfläche über die aufmarschierten +Schachfiguren hin und her. Dann begann sie zu reden: »Es begegnet +dasselbe einem wie dem anderen, dem Gerechten wie dem Gottlosen, dem +Guten und Reinen wie dem Unreinen, dem, der opfert, wie dem, der nicht +opfert. Wie es dem Guten gehet, so gehet’s auch dem Sünder. Wie es dem, +der schwört gehet, so gehet’s auch dem, der den Eid fürchtet. Das ist +ein bös Ding unter allem, das unter der Sonne geschieht, daß es einem +gehet wie dem anderen; daher auch das Herz der Menschen voll Arges +wird, und Torheit ist in ihrem Herzen, dieweil sie leben; danach müssen +sie sterben. Denn bei allen Lebendigen ist, das man wünscht: Hoffnung; +~denn ein lebendiger Hund ist besser als ein toter Löwe~.« + +»Bravo!« rief Herr Friedrich Leopold und rieb sich die Hände. Besonders +das Beispiel hatte seinen Beifall. + +»Denn die Lebendigen,« fuhr die Greisin mit einem kleinen Lächeln +über des alten Freundes Zustimmungsruf fort, »wissen, daß sie sterben +werden; die Toten aber wissen nichts, sie haben auch keinen Lohn mehr; +denn ihr Gedächtnis ist vergessen, daß man sie nicht mehr liebet, noch +hasset, noch neidet; und haben keinen Teil mehr auf der Welt in allem, +das unter der Sonne geschieht.« + +»Ein lebendiger Hund ist besser als ein toter Löwe,« bestätigte der +Zuhörer. + +»So gehe hin,« schloß die Greisin frisch, »und iß dein Brot mit +~Freuden~, trinke deinen Wein mit ~gutem Mut~ —« + +»Bravo, bravo —« + +»— denn dein Werk gefällt Gott. Laß deine Kleider immer weiß sein, und +laß deinem Haupte Salbe nicht mangeln. Brauche des Lebens mit deinem +Weibe, das du lieb hast, solange du das eitle Leben hast, das dir Gott +unter der Sonne gegeben hat, solange dein eitel Leben währet; denn das +ist dein Teil im Leben und in deiner Arbeit, die du tust unter der +Sonne. Alles, was dir von Handen kommt zu tun, das tue ~frisch~; denn +in der Hölle, da du hinfährst, ist weder Werk, Kunst, Vernunft, noch +Weisheit.« + +»Schade um den Schluß,« sagte Herr Friedrich Leopold, »aber bange +machen gilt nicht, und Spaß muß sein.« + +Dann verließ er seinen Kaminsitz, nahm Frau Stahl gegenüber am +Schachtisch Platz und schaute sie voll ehrlicher Bewunderung an. + +»Allen Respekt, Verehrteste, das war eine Leistung. Aber, aufrichtig: +aus sich selbst haben Sie das nicht, das haben Sie mal irgendwo +gelesen.« + +»Das steht in der Bibel, Herr von Springe; im Prediger, neuntes +Kapitel.« + +»Ja, ja, ja,« sagte der alte Junker ein wenig kleinlaut .... »Hören +Sie mal,« meinte er nach einer Pause, und das ehrliche Staunen stand +wieder in seinen Augen, »wie haben Sie das nur alles seit der Schulzeit +behalten?« + +»Ich habe das seit der Schulzeit regelmäßig wieder aufgefrischt, Herr +von Springe.« + +»Aber natürlich, aber natürlich ... Eigentlich schlimm, daß ich ... +Aber nun hab’ ich ja den Pastor im Hause, mir wird nichts mangeln,« und +er schüttelte der Freundin vergnügt die Hand. + +Dann spielten sie, wie allabendlich, ihre Schachpartie zu Ende. + +Draußen stritt die Dämmerung mit dem Märzabend. Hier drinnen war es +friedlich und fröhlich. Eine hohe Stehlampe mit breitem, rotem Schirm +erleuchtete und beschattete zugleich harmonisch die kleine Welt der +beiden Alten, die kraft ihrer Erinnerungen die Grenzen ausdehnen +konnten zu einem weiten Reich und zusammenziehen zu einem stillen +Hafen. Im Kamin sangen die Buchenkloben alte, einfältig schöne Lieder, +und von der gebräunten Ledertapete schauten im engen Beisammen ein +paar nachgedunkelte Ahnenbilder, Frau Margots strahlende Züge und die +klaren, kühnen Mädchenaugen des Lieblings Hannes herab. + +Herr Friedrich Leopold streifte die Bilderreihe mit einem liebevollen +Blick. + +»Wir sind das Bindeglied,« meinte er und nickte zu der kleinen Galerie +hinüber. »Wir sitzen hier als Vermittler auf der Wacht, bis wir selber +ein Ahne werden. Aber dazu muß man zunächst Großvater sein ...« Frau +Stahl sah ihn prüfend an und lachte dann vor sich hin. + +»Finden Sie nicht,« fuhr der Unverbesserliche fort, »daß man uns +eigentlich ein großes Vertrauen schenkt, uns so mutterseelenallein zu +lassen? Das heißt: das Vertrauen hat eigentlich etwas Beleidigendes. +Wie alt sind wir denn? Knapp fünfundsiebzig pro Person. Vor lumpigen +vierzig Jahren hätte man uns nicht so allein gelassen, meine verehrte +Frau. Das sollten wir den Rackers da drüben doch mal anstreichen, und +da wir sicher noch kostbare fünfundzwanzig Jährchen vor uns haben, so +meine ich, ein ehrenwerter Antrag — —« + +Und er schmunzelte wie ein Spitzbube, der seinen Partner in Bedrängnis +gebracht hat. + +Frau Stahl legte den Kopf auf die Seite und blinzelte ihn an. + +»Na ja,« ließ sie sich nach einer oberflächlichen Prüfung des +Antragstellers vernehmen, »das Köpfchen wäre ja noch ganz gut, aber ...« + +»Bitte, da gibt es durchaus kein Aber!« rief Herr Friedrich +Leopold, und reckte seine lange Gestalt, um schleunigst wieder +zusammenzuknicken. Irgendwo in den Gelenken hatte es verdächtig +geknackt. + +»Achtung, Achtung! Nicht das Spiel aufhalten!« Frau Stahl tat mit der +Königin einen kühnen Raubzug. + +»Das Spiel? Na, warten Sie. Das wollen wir gleich haben. Ah, siehste +wie de biste? =Gardez la reine!=« + +»Jawoll,« gab sie zur Antwort, schlug seinen Springer und bedrängte ihn +im eigenen Lager. »Schach dem König, mein Herr.« + +»Oho, das wäre ...« + +»Ist bereits so. Matt!« + +Betrübt ließ der alte Herr die Figuren durcheinander fallen. + +»Da hört sich doch alles auf. Kein Glück in der Liebe und kein Glück +im Spiel. Und Sie können über solch eine doppelte Schicksalstücke auch +noch lachen! So sind die Weibsen!« + +Sie ließ ihn ruhig sich ausschelten, aber das heimliche Lächeln blieb +in ihren Augen sitzen. + +»Sie haben ganz und gar unrecht,« sagte sie endlich sanft. + +»Ich unrecht? Na ja, den verehrten Damen ist es ja selbst möglich, die +Tatsachen auf den Kopf zu stellen. Aber in meinem Falle — — Nee, nee, +bitte, keinen Honig, lieber ein Glas Punsch.« + +»Sollen Sie haben,« entgegnete die alte Freundin, »zur Feier Ihres +Glückes.« + +»Meines — Glückes —? Und soeben sehen Sie erst klipp und klar, daß ich +weder Glück in der Liebe noch —« + +Sie stellte das gefüllte Glas vor ihn hin und legte ihre verarbeiteten +Hände auf die seinen. + +»Doch. Sie ~haben~ Glück in der Liebe. Ganz Ihrem Wunsch gemäß ...« Und +sie ließ den Blick nach den Ahnenbildern schweifen. + +»Frau Stahl — —! Verehrte Freundin — —!« Der alte Junker wußte nicht, +wo ihm der Kopf stand. + +»Still, still. Ich sollte ja eigentlich noch nichts davon verraten ...« + +»Still?« schrie Herr Friedrich Leopold und sprang auf die Beine, ohne +auf das verdächtige Gliederknacken zu achten. »Still? O meine verehrte +Frau, ich bin gewiß ein Mann von Erziehung, aber da soll der Deubel +still bleiben, ich sage Ihnen, der Deu — — —« + +Da hatte sie ihm schon die Hand auf den Mund gelegt. + +»Aber ja, aber natürlich. Nur muß es doch zunächst Herr Heinrich +erfahren. Das sehen Sie doch ein. Vielleicht kommt er heute abend schon +zurück; dann können Sie morgen, wenn Sie wollen, die Fahnen zum Haus +herausstecken.« + +»Tu’ ich auch,« murmelte der alte Herr und marschierte aufgeregt im +Zimmer auf und ab, »tu’ ich auch.« Und immer wiederholte er leise +frohlockend, schmeichelnd, streichelnd: »Ein Stammhalter ... ein +Stammhalter.« + +Plötzlich kehrte er zum Tisch zurück, stand kerzengerade, faßte sein +Glas und leerte es auf einen Zug. + +»Das war für Frau Margot, die liebe ... liebe ... Frau Margot.« + +Der rüstigen Greisin standen lachende Tränen in den Augen. + +»Nun aber genug. Habt ihr Männer denn gar kein Zartgefühl? Bedenken Sie +doch, wenn eine Frau gewissermaßen große Gesellschaftsdame gewesen ist, +und überdies fünfundvierzig, die man ihr zwar nicht ansieht —« + +»Ach was,« fiel Herr Friedrich Leopold lebhaft ein. »Große +Gesellschaftsdame! Fünfundvierzig! Ein ganz famoses Frauenzimmer ist +sie, mit der ich Staat machen werde, an der sich unsere Hyperkultur ein +Beispiel nehmen soll! Meine Großmutter war gut und gern ein halbes +Dutzend Jahre älter, als mein Vater sich zur Stelle meldete. Das +nenn’ ich gesunden, rheinischen Schlag. Widersprechen Sie nicht. Ich +versichere Sie meiner vollsten Unzufriedenheit, Frau Stahl.« + +Er ereiferte sich von neuem, rannte strahlenden Auges herum und +gestikulierte mit den Händen. + +»Parbleu, diese Margot, diese — diese — — Nein, das halt’ ich nicht +aus. Die muß geküßt werden, die muß — —« + +Und mit einem Male begann er aus Leibeskräften zu rufen. + +»Margot! — — Margot! — —« + +Da riß der alten Frau die Geduld. + +»Wenn Sie nicht augenblicklich Ruhe geben, Herr von Springe, so sag’ +ich Ihnen schlankweg, daß ich Ihnen ein Märchen aufgebunden habe, und +Frau Margot wird Ihnen dasselbe sagen. Was wollen Sie dann machen?« + +Das leuchtete Herrn Friedrich Leopold ein, und ganz beschämt strich er +die Segel bei. + +»Liebe Frau Stahl,« bat er flehentlich, »aber sehen möcht’ ich sie nur, +bloß sehen und mich an ihr freuen. Das werden Sie mir doch zugestehen +können? Ich will ja kein Sterbenswörtchen verlauten lassen.« + +Damit erklärte sich Frau Stahl einverstanden, nachdem sie ihm noch +einmal »Zartgefühl« eingeschärft hatte. + +»Ich will nur schnell den Abendtisch richten,« sagte sie, »dann ruf’ +ich sie.« + +Dem alten Herrn ging heute das Anrichten nicht schnell genug. Er sah +sich veranlaßt, verschiedentlich in die Küche hineinzugucken und in +zarten Worten seinem Mißfallen Ausdruck zu verleihen. + +»Frau Stahl, Frau Stahl, sonst sind Sie doch immer die Jüngste — —« + +Endlich ging sie, Frau Margot zum Tee zu bitten; und nun wäre ihr Herr +Friedrich Leopold am liebsten nachgelaufen, um sie zum Bleiben zu +bewegen. Denn er wußte absolut nicht, wie er sich nur benehmen sollte. + +Da öffnete sich die Tür, und Frau Margot schlüpfte herein, weich und +schmiegsam, lustig und lachend. Vom Scheitel bis zur Sohle ganz die +Frau, die im zweiten Frühling ungeahnt emporgeblüht ist und jede +Zeitrechnung Lügen straft. »Guten Abend, Papachen! Schachpartie zu +Ende? Du Ärmster, hat dich Frau Stahl matt gesetzt?« + +»Mein Kind,« antwortete Herr Friedrich Leopold mit Haltung und bot ihr +den Arm wie einer Fürstin, »Unglück im Spiel — Glück in der Liebe.« + +Sie saßen um den Teetisch herum und plauderten. Keiner verspürte rechte +Lust, ordnungsgemäß zuzulangen. Frau Margot war mit ihren Gedanken +immer wieder in Berlin, und immer wieder nannte sie den Namen ihres +Gatten. + +»Nun ist er fast eine Woche fort, eine ganze Woche, der Herumtreiber. +Wenn er nur nicht mit Hannes durchgegangen ist! Pst, nicht in Schutz +nehmen, Papachen! Die Liebe zu den Stahls liegt den Springes im Blut. +Aha, jetzt wirst du rot. So ist’s recht, immer hübsch Farbe bekennen!« + +Der alte Junker warf Frau Stahl einen schadenfrohen Blick zu. + +»Das ist also, was die Damen ›Zartgefühl‹ nennen. Das muß für spätere +Fälle festgestellt werden.« + +Frau Stahl machte ihm heftige Zeichen mit dem Kopf. Sie traute dem +Landfrieden nicht. + +Aber Frau Margot war bereits wieder bei ihrem alten Thema. »Von Hannes +hat Heinz spaltenlange Berichte geschickt. Und die Kritiken erst! +Nein, das Mädel ist auch zu einzig. Hätt’ ich es doch hier, das liebe, +liebe Ding — — Ich hab’ immer eine Sehnsucht danach, das ist nicht zu +beschreiben. Gott, was mag nur mein armer Junge anstellen — —« + +»Schreibt denn Heinrich nichts Neues von Hans?« + +»O doch. Er ist täglich mit ihm zusammen. Der arme Kerl lebte seit +einiger Zeit ganz außer Verkehr, schreibt Heinz, aber er hätte doch die +alten Spuren in ihm wieder aufgedeckt und viel von der warmen Seele +wiedergefunden, die der Junge früher in so reichem Maße besaß. Weißt +du, Papa, ich mache mir seit langem schon die trübsten Vorwürfe, daß +ich ihm früher nicht genug Mutter, oder doch nicht genug mütterliche +Kameradin war.« + +»Gold gehört ins Feuer, wenn es geläutert werden soll,« bestimmte +Friedrich Leopold. »Und der Junge ist Gold, verlaß dich darauf. Ich +habe auch nicht die Spur Angst.« + +»Ja,« meinte Frau Margot sinnend, »du bist auch nicht seine Mutter.« + +Da schwieg der alte Herr sinnend. Das Wort Mutter hatte seit einer +Stunde für ihn einen besonders heiligen Klang. + +»Ach, Großmutter Stahl,« sagte Frau Margot und spann träumerisch ihre +Gedanken weiter, »Hans und Hannes — —. Unsere schönen Pläne — —. Nun +sind wir hier, und der ist da, und der ist dort. Warum —?« + +Die Greisin antwortete nicht. Sie blickte finster vor sich hin. + +»Sie haben Hans nicht verziehen?« + +»Nein.« + +»Aber wenn er heimkommt — Heinz schrieb mir, daß er ihn überreden würde +— Sie werden mir helfen und ihm auch helfen. Die Jugend glaubt ja doch, +sie müsse sich erst immer Kämpfe schaffen, sonst sei das Glück nichts +wert.« + +»Wir wollen warten, bis er da ist, Frau Margot. Vielleicht bedankt er +sich wieder einmal für unseren guten Willen.« + +Es klingelte an der Korridortür. Frau Margot erhob sich sofort, um +nachzusehen. Als sie zurückkam, hielt sie ein Briefchen in der Hand. + +»Von Heinz,« sagte sie erregt und brach das Kuvert auf, »ein Dienstmann +brachte es vom Bahnhof.« + +»Heinrich ist angekommen?« rief der Senior so freudig, als ob der Sohn +eine Weltumsegelung bestanden hätte. Frau Margots Augen überflogen +hastig das Billett. Dann klärten sich ihre gespannten Züge, ihre Lippen +lächelten, und sie mußte die Augen schließen, um sich zu sammeln. + +»Nicht allein Heinz,« sagte sie mit zuckendem Munde. »Er hat sein Wort +eingelöst, der treue Mann. Er bringt mir meinen Jungen zurück. Soeben +sind sie in Düsseldorf angekommen.« + +»Und noch nicht hier?« rief Herr Friedrich Leopold. »Ja da soll doch +gleich! Müssen die denn zunächst =stante pede= irgendwo einen Schoppen +machen?« + +»Nein, nein, Papa, wo denkst du denn hin? Hans ist nicht ganz auf dem +Posten gewesen in den letzten Tagen, schreibt Heinz, und nun möchte er +sich nicht als Halbkranker präsentieren. Mein eitler Junge! Und Heinz +ist mit ihm nach der Grafenbergerchaussee gefahren und liefert ihn in +seinem Knabenstübchen ab. In seinem Knabenstübchen — —. Möge er dort, +in der ersten Nacht unter dem heimatlichen Dache, finden, was ihm not +tut: das Vergessen und — das Erinnern.« + +Nie zuvor hatte Frau Margot ihr mütterliches Gefühl so stark ausströmen +gefühlt. + +»Ich glaube, heute bin ich ~wirklich~ glücklich,« sagte sie, und ihre +Augen sahen in die Weite. + +Herr Friedrich Leopold legte den Arm um ihre Taille und führte sie zum +Kaminsitz, mit der zärtlichen Sorge, mit der man ein Kind geleitet. Wie +schön, wie wohltuend das war. Sie streichelte ihm dankbar die Wange. + +»Wie gut du bist, Papachen — —.« + +Und der alte Herr, ganz überwältigt von den vielen Eindrücken des +Abends, stotterte: »Ach was, Margot, gut — —! Lieb hab’ ich dich, +Töchterchen, lieb, ganz furchtbar lieb. So lieb, daß ich gleich Hurra! +schreien möcht’. Und überhaupt, wenn der Heinrich kommt — ach Gott, der +glückliche Bengel! Du bist nun doch einmal ein Prachtweib, und nun, +bitte — nun gib mir einen Kuß!« + +Sie sah ein wenig scheu und errötend zu Frau Stahl hinüber. Aber als +die Vertraute des Hauses gleichmütig fortfuhr, den Tisch abzuräumen, +umfaßte sie schnell den schneeweißen Kopf, der dem des Gatten so +ähnlich sah, und küßte ihn zu wiederholten Malen auf den Mund. + +»So! Bist du jetzt zufrieden, Papa? Ihr seid doch Schwerenöters, ihr +Springes, Vater wie Sohn.« + +Und sie lachte glücklich in sich hinein, und der alte fröhliche Herr +tat desgleichen. + +Dann saßen sie, Herr Friedrich Leopold, Frau Margot und Großmutter +Stahl, vor dem Kamin und gaben ihren Gedanken Audienz. Ein jeder still +für sich. Ein jeder dachte sich eine Welt. Und doch war der Kreis ihrer +Gedanken so eng umsponnen, daß sie sich alle darin wiederfanden. + +Die Lampe surrte, und die Holzscheite knisterten in hellen Funken auf, +die lustige Reigentänze vollführten. — + +Es mochte wohl eine halbe Stunde vergangen sein, da fuhr Frau Margot +auf. + +»Heinrich!« + +Aber Frau Stahl war schon fort, um zu öffnen. + +»Heinz! Heinz!« und sie lag an seiner Brust, glückstrahlend wie ein +junges Mädchen. + +»Bummler!« lachte sie, »Ausreißer, unverbesserlicher Junggeselle! +Warte, ich werde dir die Leviten lesen, daß du dich wundern sollst! +Acht Tage — —! Acht Tage — — Und nun unterschlägt er mir auch noch den +Jungen.« + +»Wenn du meinen Mund nicht freigibst ...« + +Sie ließ ihn in ihrer Freude nicht zu Worte kommen. Alle Fragen, die +sie erwartungsvoll im Herzen getragen hatte, drängten sich auf ihre +Lippen und überholten sich. + +»Was ist das mit Hans? Weshalb kommt er nicht zuerst zur Mutter? Du, +so sag doch, wie er aussieht? Ich bin ja so froh, daß er da ist. So +froh! Mach nicht solch ein liebes, dummes Gesicht. Natürlich freu’ ich +mich auch über dich. Doch, doch! Aber wenn der Hans krank ist — du, ich +möchte hin, sogleich. Ach Gott, wenn der Mann doch endlich sprechen +wollte!« + +Nun war es an ihm, ihr die Hände auf die Lippen zu legen. + +»Was ist das für ein Empfang? Wie? Existiere ich gar nicht mehr? Ja, +ja, gewiß, ich kusche schon. Also der Hans! Der ist in der alten +Wohnung. Und da laß ihn heute abend allein, du liebste Frau und +Mutter. Er ist noch ein bißchen herunter und möchte sich erst — hm — +zurechtfinden. Verstehst du das? Bei einem Mann? Na, ja, ich wußte +es. Morgen mit dem frühesten ist er bei dir. Und wenn ihr mich jetzt +verhungern lassen wollt, kann ich nachher nicht weiterreden.« + +Er hatte sie um die Taille gefaßt und schwenkte sie lachend durch die +Luft wie einen Kreisel. + +Herr Gott, dachte Herr Friedrich Leopold, wo bleibt denn die große +Gesellschaftsdame? + +Aber dann zupfte er seinen Junior am Rock, und als sich der Racker +durchaus nicht stören lassen wollte, zupfte er energischer und ruckte +mißbilligend mit dem Kopf. + +»Margot, Margot,« rief Heinrich Springe, »nun schau dir doch um alles +in der Welt mal diesen schamhaften alten Herrn an. Oder — du — er ist +eifersüchtig!« + +»Er weiß eben noch nichts; er hat eben auch nicht die geringste +Ahnung,« sagte Herr Friedrich Leopold weise zu Frau Stahl. »Dieser +große Kindskopf. Es ist unglaublich.« — — + +Frau Margot sorgte, daß für den Gatten noch einmal aufgetischt wurde. +Als er abgespeist hatte, saß die ganze Gesellschaft wieder um den +Kamin herum, und Springe berichtete. »Den Hans, den hätten wir hier. +Ein bißchen erkältet zwar, auch seelisch, aber ich vertrau’ auf euch +Frauen. Mit Kamillentee wird’s nicht allein zu machen sein, aber +ihr habt ja auch noch andere Heilmethoden, wie den Magnetismus, das +Handauflegen. Gerade das Handauflegen — so eine liebe, stille und doch +vielsagende Frauenhand — —. Aber wem sag’ ich das! Was wir Männer mit +dem Seziermesser suchen, das findet ihr Frauen mit dem Instinkt!« + +»Und ~deine~ Meinung, Heinrich?« + +Er strich der Gattin über das ängstlich zu ihm aufschauende Gesicht. +»Heimweh an den Rhein,« resümierte er kurz. + +Da atmete sie tief auf und drückte ihm dankbar die Hand. + +»Denkst du noch an den Abend, als wir uns verlobten? Dort drüben auf +der Veranda? Ich hatte nur ~eine~ Bedingung zu stellen: Mach mir auch +den Hans glücklich. Dann fehlte mir nichts mehr, um auch an mich zu +denken.« + +»Und an mich nicht?« fragte Heinrich Springe schalkhaft. + +»O, du bester Mensch, wenn ich an mich denke, so heißt das doch: an +dich.« + +Da konnte sich der Ehemann nicht enthalten. Er mußte sich erheben +und trotz der Zuschauer Frau Margot in die Arme nehmen und eine +Familienszene absolvieren. Wieder stand Herr Friedrich Leopold hinter +ihm, und als der Junior den Kopf hob, rieb sich der Senior vor Freude +die Hände und nickte ihm mit weitaufgerissenen, leuchtenden Äuglein +heftig zu, als wollte er sagen: »Ich gratuliere, ich gratuliere.« Aber +er sagte keinen Ton. Der Junge machte ein zu dämliches Gesicht. + +Und nun wandte sich Heinrich Springe zu der Greisin und nahm ihre +Hände und berichtete von Hannes. Wunderdinge! Wie ihr die vornehmsten +Menschen der Reichshauptstadt und selbst die Damen vom Hof zugejubelt +hätten, ohne Aufhören, zehnmal, zwanzigmal. Und wie sie ausgesehen +hätte. Noch viel schöner und vornehmer als die ganze vornehme Umgebung. +»So echt und recht Stahlsch,« sagte Herr Heinrich mit einer Verbeugung. +Und gesungen hätte das Mädel, gesungen! »Wie nur ein Menschenkind +singen kann, das über seine Schönheit hinaus eine gewaltige Gottesseele +besitzt.« + +In den Augen der Greisin zitterte ein Licht, und es wurde, je weiter +der Mann da vor ihr sprach, ein stolzes Licht, und sie bewegte unhörbar +die Lippen. Sie gedachte wohl der Tochter, die ihr Mutterglück draußen +auf dem Goltzheimer Friedhof verschlafen mußte, und des einsamen +Mannes, der bei Spichern lag, und segnete sie um ihrer Liebe willen. + +»Grüße hat mir das Mädel aufgetragen,« schloß Herr Heinrich, »Grüße, +damit würd’ ich bis morgen nicht fertig. Aber das Beste ist doch: in +sechs Wochen haben wir sie hier, und bis zum Winter sollen wir sie +behalten.« + +Frau Margot empfand beinahe eine mütterliche Eifersuchtsregung. »Und +Hans?« fragte sie hastig. »Wie lange werden wir Hans haben?« + +»Wenn er sich wiederfindet — für immer. Und wie sollte er nicht, unter +den guten Augen einer solchen Mutter!« + +»Glaubst du wirklich, daß er wieder heimisch werden könnte — —?« + +»Die Guttaten der Heimat werden den hartgewordenen Sinn weich und gütig +machen.« + +»Du weißt nicht, was er unter gut versteht,« sagte sie nachdenklich. +»Er ist so eigenartig — — der arme Junge.« + +Da aber legte sich Herr Friedrich Leopold ins Mittel. + +»Darüber kann es nur eine einzige Auffassung geben,« versicherte er +aufs bestimmteste, »ebenso wie es nur einen einzigen Philosophen gibt, +der, weil unwiderlegbar, die allgemeinste Anerkennung besitzen muß. Wie +sagt also dieser einzige Philosoph? Er sagt: + + ›Das Gute, dieser Satz steht fest, + Ist stets das Böse, das man läßt.‹ + +Wonach sich zu richten. Gute Nacht.« + +Und heiteren Gemütes trennte man sich. — + +[Illustration] + + + + +Achtes Kapitel + + +Hans Steinherr war in seinem Knabenzimmer aufgewacht. Es dauerte lange, +bis er sich in die Situation, in die Umgebung hineinfand. Er lag in +den weichen Kissen, in denen er acht Stunden ununterbrochen und fest +geschlafen hatte, und ließ die fragenden Blicke an den Wänden des +Zimmers umherwandern, vom Plafond bis zum Fußboden, und vom Fußboden +zurück zu der gemalten Decke, die ihm so bekannt erschien. + +Langsam wachte das Bewußtsein auf. + +Er war zu Hause. — — + +Das erste Gefühl, das er empfand, war das Gefühl des Geborgenseins. + +Das Gefühl des Kindes, das in dem elterlichen Hause eine uneinnehmbare +Festung erblickt. + +Und er schloß die Augen und schlief ruhig weiter. Unbesorgt um den Tag. + +Dann fuhr er auf. + +Ein Gedanke hatte sich in seinen Traum hineingebohrt. Der Gedanke, daß +er seine Mutter noch nicht begrüßt hatte. + +Er wollte aufspringen und sich ankleiden. Dann zögerte er und blieb. + +Ach ja, er würde sie ja nicht im Hause finden. Daß er das vergessen +hatte — —. + +Dieses Haus gehörte jetzt ihm allein; aber die Mutter — gehörte nicht +mehr ihm allein. + +Es hatte sich eben vieles verändert, während er in der Fremde gewesen +war. Er selbst hatte sich ja auch verändert, weshalb da die anderen +nicht? Aber die anderen hatten dadurch gewonnen, und er —? + +Die kinderselige Stimmung war verflogen. Er lag ausgestreckt in den +Kissen und starrte in das Zimmer wie in ein Unbekanntes. Er bemühte +sich, den Zweck der Heimreise zu ergründen, und zwang sich Bettinas +Bild vor die Augen. Aber das Bild ließ ihn kalt, zu kalt, um ihn +heimgetrieben zu haben. Es mußte ein stärkeres gewesen sein. + +Die Heimat selbst? — Es dämmerte in ihm auf, daß er auch mit der Heimat +die Fühlung verloren haben würde. Sie wußte nichts von seinem Leben, +und er nichts mehr von ihrem. Er war ja allen so fremd geworden, +Menschen und Dingen. Und mit bitterem Lächeln gestand er sich: Es wird +wieder eine Illusion gewesen sein, der du voreilig nachgegeben hast; +eine Illusion, wie so viele schon in deinem Leben. + +Er lag ganz still und wartete, ob etwas antworten würde, von außen oder +in seinem Innern. Aber er hörte nur die Taschenuhr auf dem Tischchen +neben sich ticken, und er sagte sich: Nun, wenigstens die Zeit läuft um. + +Stunde auf Stunde verging, und er konnte sich nicht entschließen, +aufzustehen. Ihn beherrschte das lastende Empfinden, als habe er +nichts, so gar nichts zu versäumen. + +Dann vernahm er die Hausuhr, deren glockentiefen Klang er als Knabe so +geliebt hatte. Er zählte aufmerksam ihre Schläge nach. Zehn Uhr! Was +half’s, für heute mußte er nachgeben. + +Die Frische, die er beim Erwachen verspürt hatte, war gewichen. Mit +müden Bewegungen kleidete er sich an, und als er fertig war, dachte +er: Was nun? Er würde sich wohl zunächst zum Frühstückszimmer begeben +müssen ... + +Die Hausverwalterin war eine würdige Matrone. Sie war früher schon im +Hause bedienstet gewesen und kannte die Eigenheiten der Familie. Als +Hans in das Zimmer eintrat, fand er den Tisch gedeckt, mit Düsseldorfer +Bäckereien versehen, Butter und Gelee bereit gestellt und die +Kaffeemaschine lustig brodeln. Die Alte mußte an seiner Tür gehorcht +haben, um pünktlich zur Minute aufwarten zu können. + +Diese kleine, vertrauliche Aufmerksamkeit tat ihm doch wohler, als +er es für möglich gehalten hätte. Während er sich niederließ und das +Abkühlen des Kaffees abwartete, tönten in ihm feine, zage Stimmchen +eines uneingestandenen Behagens. Da lagen auch die Morgenzeitungen, +sauber zusammengefaltet, neben seinem Gedeck. Lächelnd griff er danach. +Was sollte ihm der Moniteur der Provinzstadt zu sagen haben? Zuerst +las er die hohe Politik, Zeile für Zeile, ohne sich viel Neues dabei +denken zu können. Aber allmählich wurde das Interesse selbsttätiger, +als er über die Lokalereignisse geraten war. Er las im Kunstbericht +über eine große Aufführung der Nibelungentrilogie in der Oper, mit +den besten Kräften aus aller Welt. Und staunend las er unter der +Rubrik »Städtische Angelegenheiten« von den riesigen Projekten, die in +der Durchführung begriffen waren, dem gewaltigen Bau einer zweiten, +festen Rheinbrücke, der Zuschüttung des alten Sicherheitshafens, +den in Angriff genommenen mächtigen Hafen- und Werftanlagen, die +in wenigen Jahren beendet sein sollten und das alte Düsseldorf zur +stolzen, gleichwertigen Rivalin des hochgemuten Köln machen würden. +Zufällig traf in einer Notiz sein Auge die Einwohnerziffer. Die +stille Gartenstadt, die Oase am Niederrhein, marschierte rüstig +auf die Viertelmillion zu. In weniger als zehn Jahren hatte sie +ihre Einwohnerzahl auf das Doppelte vermehrt. Da lag Gesundheit und +Fruchtbarkeit im Boden. Das war gesegnetes Land. + +Der Kaffee war ihm über dem Studium kalt geworden, aber er schmeckte +ihm auch so. Und das Schwarzbrot, dies einzig in der Welt existierende +bergisch-märkische Schwarzbrot, und der weiße, lockere »Bauernplatz«! +Er aß, als ob er ausgehungert wäre, und hatte doch vor einer halben +Stunde nicht den geringsten Appetit verspürt. Schlaf, Appetit — +aha, die Heimatsluft meldete sich doch. Und mit der Heimatsluft die +Heimatslust. Die Kunde, die er da aus dem Anzeiger schöpfte, von dem +Vormarsch Düsseldorfs, von dem Blühen und Wachsen der Stadt, berührte +direkt sein vaterstädtisches Herz, das er im Lärm der Metropolen +verloren zu haben glaubte, und er murmelte wie ein Alteingesessener: +»Hoho, hinter den Bergen wohnen auch noch Leute!« + +Was mochte die edle Malkunst angeben? Den großen Worten Hüsgens traute +er nicht recht. Aber nun war er ja selbst am Platz und würde sich +schon unterrichten. An Zeit fehlte es ihm ja nicht — ah, an Zeit! Und +wieder kroch die Beklommenheit heran und legte sich von neuem auf die +frischgesproßten Triebe wie ein Rauhreif. + +Er nahm Hut und Mantel, ging langsam die Treppen hinab, um die +Haushälterin zu begrüßen und die unumgänglichen Anordnungen zu treffen, +und benutzte die Hintertür, um einen kurzen Umweg durch den Garten zu +machen. Der Gärtner hatte schon vorgearbeitet, Bäume, Büsche und Ranken +waren beschnitten und die Wege ausgeharkt und mit bläulich schimmerndem +Rheinkies bestreut. Aber die Kahlheit, der Mangel an Farbe und Leben +ließ ihn frösteln, die dürre Laube, in der er einst, als die Blätter +rauschten, Hannes wiedergesehen hatte, maß er mit großem, erschrockenem +Blick, und er eilte, die Straße zu gewinnen. + +Viele Leute sah er an den Fenstern und vor den Häusern, und er brauchte +sich nicht auf die Namen zu besinnen. Aber es war keiner, der ihn +wiedererkannt hätte. Man hatte ihn nicht vermißt und wußte vielleicht +nicht einmal mehr, daß der alte Philipp Steinherr einen Sohn besessen +hatte. Wodurch auch? Er hatte es ja nicht für nötig befunden, sich in +der Erinnerung zu halten, weder durch einen Wunsch, noch durch eine Tat. + +Und dennoch wurde er das Gefühl nicht los, daß man ihn mit +Aufmerksamkeit betrachtete, mit einer Aufmerksamkeit, der ein +spöttisches Lächeln beigemischt wäre. Er wußte ganz genau, daß er es +mit einer Einbildung zu tun hatte, und trotzdem konnte er sich nicht +von ihr befreien und wanderte mit niedergeschlagenen Augen durch die +Straßen der Vaterstadt wie ein Mensch, der sich eines Unrechts bewußt +ist. Den Weg zur Immermannstraße hatte er gedankenlos eingeschlagen, +und ebenso gedankenlos blieb er stehen und wunderte sich, daß er sich +vor der Wohnung Springes befand. + +Wie ein blinder Gaul, der seine alte Tränke wiedererkennt, sagte er +sich. + +Dann schritt er mit einer Eile hinauf, als käme er dadurch schneller +über den Moment des Wiedersehens hinweg. + +Er brauchte nicht zu klingeln. Frau Margot hatte ihn schon seit dem +frühen Morgen am Fenster erwartet und stand jetzt auf dem obersten +Treppenabsatz, um ihn als erste in Empfang zu nehmen. + +»Mutter!« stammelte er, als sie hastig die Arme um seinen Hals legte +und ihn in ihr Zimmer zog. + +Frau Margot konnte nicht sprechen. Sie klopfte nur immer wieder seine +schmalen Wangen, strich ihm das Haar zurecht, drückte seinen Kopf an +ihre Schulter und küßte ihn auf den Scheitel. Sie saßen sich gegenüber, +und noch einmal sagte er leise: »Mutter,« legte seinen Kopf in ihren +Schoß und seine Lippen auf ihre Hände. + +So hatte er sich das Wiedersehen nicht ausgemalt, so nicht. Diese +schweigende Liebe, diese stumme, mitfühlende Rücksichtnahme traf ihn +tief. Er fühlte sich mehr denn je aus den Gleisen geschleudert. + +Allmählich sammelte er sich, und er brachte es über sich, aufzublicken +und die Mutter mit einem herzlichen Lächeln anzuschauen. Das Lächeln +aber fand den lange vorbereiteten Widerschein. + +»Mein lieber Junge, da bist du ja wieder. Also ganz vergessen hattest +du mich doch nicht!« + +»Nein, Mama, dich nicht.« + +»Wie männlich, wie stattlich du geworden bist!« + +»Und wie du jung geblieben bist, Mama. Du hast dich so gar nicht +verändert.« + +»O doch,« sagte sie, und eine geheime Freude vibrierte in dem Ton. »Du +wirst mich auslachen, wegen meiner Eitelkeit, aber — aber — ich bin +noch jünger geworden.« + +Die Worte hatten einen so vollen, tiefen Klang gehabt. Sie benahmen +dem Heimgekehrten jedes Grübeln, jede Frage. Er wußte jetzt, daß er +eine glückliche Frau vor sich hatte, eine glückliche Gattin, und — +wenigstens heute, in dem Augenblick, da sie das Gesicht des Sohnes +wiedersah — eine glückliche Mutter. Nur war sie auch eine glückliche +Frau und glückliche Gattin gewesen die Jahre hindurch, die er fern von +ihr verbracht hatte! Wenn er morgen wieder ging — ob er wirklich eine +Lücke hinterließe? + +Da waren die Zweifel wieder, die ihn von jedem Auskosten des Genusses +zurückschreckten. + +Nein, er würde keine Lücke hinterlassen. Im Gegenteil, er war doch, +bei Licht und mit vernünftiger Erwägung betrachtet, ein störendes +Element in diesem Hause der Fröhlichkeit. Man hatte zu viel Zartgefühl, +um ihn das merken zu lassen. Aber das liebe bißchen Sentimentalität +beiseite geschoben, und im Grunde verhielt es sich so. Nur keine +Selbstüberhebung mehr, nur nicht den anmaßlichen Glauben, als sei er, +nah oder fern, die Angel der Familie! Welcher Familie denn? Hier gab es +nur eine Familie Springe. + +Das alles zog ihm ruhig und geordnet durch den Kopf und gab ihm die +höfliche Haltung eines Mannes, der für jede erwiesene Freundlichkeit +ein dankbares Empfinden besitzt, ohne ihre Äußerungen als +selbstverständlichen Tribut beanspruchen und herbeiführen zu wollen. + +»Ist Heinrich zu Hause?« fragte er, und im gleichen Moment suchte er +sich zu verbessern. »Entschuldige, Mama,« sagte er verwirrt, »das — das +sollte natürlich keine Achtungsverletzung dir gegenüber sein. Die — die +alte Gewohnheit brach durch. Wünschest du, daß ich ihn Vater nenne?« + +»Großer Dummkopf,« lachte sie errötend, »bist du denn ein Baby? Mir ist +nichts lieber, als daß er dein Freund ist, nichts als dein Freund. Gibt +es denn etwas Schöneres unter Männern?« + +Er betrachtete sie still, und nun wurde auch er gewahr, daß sie jünger +schien als vor Jahren, daß in ihren Augen ein mädchenhafter Glanz lag +und über ihre Züge eine weiche Hand geglitten war. Zum ersten Male +überkam ihn eine innere, selbstlose Mitfreude, und er nahm ihre Hände +zärtlich zwischen die seinen. + +»Ich gratuliere dir zu allem, Mama.« + +Da löste sie rasch ihre Hände, zog ihn fest an sich und atmete dabei +tief, wie von einem Alpdruck befreit. + +»Danke dir, mein Junge, danke dir ...« + +»Soll ich jetzt Heinrich begrüßen?« fragte er nach einer Weile. + +»Er ist fortgegangen. Er meinte, er hielte es sonst doch nicht aus und +würde uns in die weichste Stimmung hineinprasseln. Da hat er sich vor +sich selber in Sicherheit gebracht.« + +Sie sahen sich lächelnd an. Nun war auch der Gatte und Freund in ihren +Kreis einbezogen. + +»Erzähle mir von dir, Hans! Mich interessiert alles, was du erlebt +hast. Nein, nein, du brauchst keine angstvollen Augen zu machen, ich +will dich nicht inquirieren. Erzähle mir nur Heiteres, was dich freut.« + +»Ich habe nichts Heiteres erlebt, liebe Mutter. Was soll ich da erst +berichten!« + +»Du warst krank, armer Junge? Heinrich hat es mir von Berlin aus +geschrieben.« + +»Krank? Ach ja, ganz recht, ich war auch krank. Ich muß die Krankheit +schon lange in mir gehabt haben.« + +»Aber nun ist sie gehoben, Hans; du fühlst dich wieder gesund —?« + +»Rekonvaleszentenstimmung, Mama, nicht schwarz, aber auch nicht +übermäßig farbig. Es wird sich schon klären.« + +»Du solltest zu uns ziehen, Hans,« drängte sie sanft, »wenigstens auf +ein paar Monate, bis du dich eingelebt hast. Ich möchte dich so gern +pflegen.« + +»Du würdest mich ja nur aufs neue verzärteln, liebe Mama.« + +»Wenn auch. Hast du denn nur schon gemerkt, daß hier eine ganz +besondere Luft weht, mein ernster Junge? Eine Luft, in der man gar +nicht anders kann, als fröhlich sein und lachen?« + +»Man kann auch mit traurigem Herzen lachen.« + +»Hier nicht, hier ganz gewiß nicht,« versicherte Frau Margot lebhaft. +»Und in sechs Wochen käme eine neue Pflegerin hinzu, oder — vielleicht +— eine halbe Patientin.« + +»Von wem sprichst du, Mama?« + +»Von Johanna. Von Hannes. Freut es dich nicht, deine kleine +Jugendfreundin wiederzusehen?« + +»Ob es ~mich~ freut? Darauf wird’s wohl nicht zuerst ankommen. Ob es +~sie~ freuen wird, Mama, das ist die richtige Frage. Und ich fürchte +fast — doch wozu sich darüber heute schon den Kopf zerbrechen!« + +»Du möchtest also nicht zu uns ziehen, Hans? Da draußen wird es dir +bald einsam werden.« + +»Ich bin ein Einsamkeitsmensch, Mama. Habe Geduld mit mir, und ich will +dir dankbar sein.« + +Sie ~wollte~ Geduld haben; so unendlich viel Geduld ... Seit ihr +in der Nacht Heinrich Springe in kurzen, scharfen Umrissen Bild +für Bild aus dem Leben des Sohnes gezeichnet hatte, glaubte sie +manches Gleichlautende in ihrem und Hans’ Charakter und damit manche +Wiederholung von Kämpfen und Schicksalen erkannt zu haben. In der +Erziehung war es versäumt worden. Die Jahre der Jugend hatten ihn nicht +mit dem nötigen Fonds an rheinischer Frische und Elastizität ausstatten +können, weil er daheim im Vater nur den rastlos drauf los arbeitenden +Geschäftsmann, in der Mutter die vielbeschäftigte oder die ausruhende +Weltdame, die für das begehrliche Knabenherzchen wenig Zeit erübrigen +konnte, erblickt hatte. + +Und in Frau Margots Phantasie verschoben sich die Maßstäbe, und sie +war geneigt, alle Schuld sich selbst zuzuschreiben und nun den Dingen, +wie sie geworden waren und deren Vorentwicklung in der Knabenseele sie +nicht rechtzeitig gesteuert hatte, das Geringe entgegenzusetzen, das +ihr blieb: die unendliche Geduld. + +»Mama,« sagte Hans, »du quälst dich, ich seh’ es dir an. Du hast ja gar +keine Ursache.« + +»Doch, doch; du verstehst das nicht.« + +»Ich verstehe es schon, Mama. Was in und außer mir fehlgeschlagen ist, +das mußte kommen, weil der Grundfehler in mir selber lag. Ich hatte +immer nur Träume, sprunghafte Gedanken, die jeden Schein, der mir +fremd geblieben war und mir deshalb im ersten Augenblick imponierte, +schleunigst zu einem neuen Erfahrungssatz stempelten. Mir fehlte die +Sammlung, Mama, und die Freude, anderen wie mir eine Freude zu machen; +und so schwebte ich in der Luft.« + +»Ich hätte dir helfen sollen, Hans.« + +»So beunruhige dich doch nicht. Es gibt für jeden Menschen einen +Zeitpunkt, an dem er Farbe bekennen muß, was denn eigentlich an ihm +ist. Ganz nach Ausfall dieses Examens richtet sich die eigentliche +Entwicklung. Wer hier den Anschluß verpaßt, aus Leichtsinn, Trägheit +oder Überhebung, der bekommt seinen Stempel für das ganze Leben. Davon +hilft ihm selbst alle für ihn aufgebotene Familienliebe nicht ab.« + +Er strich freundlich über ihre Hände, als wäre er der Tröster und sie +das Kind. + +»Nun heißt es, sich mit dem empfangenen Stempel auf möglichst +anständige Weise abfinden.« + +Sie hielt seine Hände fest und drückte sie mutig. + +»Mein Junge,« sagte sie mit tiefer Überzeugung, »es gibt für jede +Krankheit eine Heilung. Wir dürfen nur nicht die Krankheit lieb +gewinnen und den Arzt vorüberlassen, wenn er kommt. Siehst du, wir +sind erwachsene Menschen, und ich kann es dir sagen, ohne Furcht, +gegen deinen Vater undankbar zu erscheinen, von dir mißverstanden zu +werden. Auch ich war krank, lange, sehr lange sogar. Eigentlich bis zu +dem Tage, an dem Heinrich Springe kam, zum zweiten Male kam. Ich hatte +ihn als Mädchen gern, und doch habe ich nicht gewartet und habe mich +anders entschieden, weil auch mir die rechte Sammlung fehlte und ich +in der Luft schwebte. Weil ich mir angewöhnt hatte, alles nur von mir +aus zu beleuchten. Und der Rückschlag blieb auch bei mir nicht aus. Es +gab gar nicht genug Zerstreuungen, um über eine Leere hinwegzukommen. +Zum Schluß war es doch nur ein Vegetieren in vornehmem Stil. Es war +reichlich spät, da kam der Arzt. Und ich nahm alle meine Gesundheit +zusammen und alle meine Erinnerung an die Gesundheit, und diesmal ließ +ich ihn nicht vorbei und griff zu, als er mir die Hand bot, und weil +ich das Wollen hatte, riß er mich mit einem Ruck heraus. Ins Leben.« + +Sie sah den Sohn strahlend an, und wieder wunderte er sich, wie jung +sie war. + +»Da steh’ ich nun im Leben,« fuhr sie fort, »nicht in dem, was die +große Welt Leben nennt und was nichts ist als eine Parodie auf das +Menschentum, sondern in dem Leben, das einem so viel Umarmungen +zurückgibt, als man ihm bietet. Ach, Hans, ich möchte meine Arme nur +immer so ausstrecken! Wie viel verlieren wir törichten Menschen doch +durch die Blasiertheit und Gespreiztheit unseres Wesens!« + +»Du mußt sehr glücklich geworden sein, Mama!« + +»Weil ich sehe, daß ich im stande bin, andere glücklich zu machen.« + +Er verstand sie. Und lächelnd nahm er der Mutter schönes Gesicht in +seine Hände, sah ihr lange in die Augen und küßte sie auf den Mund. + +Ein Vergleich drängte sich ihm auf, ein ganz vager Vergleich, der kaum +Berührungspunkte besaß, aber selbst an dieses Minimum klammerte er sich +plötzlich an. Die Mutter mußte ihm antworten können, wenn überhaupt +einer. + +»Glaubst du, Mama, daß eine Frau darüber hinwegkommen kann, wenn sie +einen Mann geliebt und doch verabschiedet hat?« + +»Nein, mein Junge, sie wird es nicht können. In der ersten Zeit bildet +sie es sich ein. Das Neue schafft ihr Beschäftigung. Aber wenn das Neue +alt wird und die Beschäftigung ausbleibt, und wenn sich dann, so ganz +allmählich und zuerst wie zur Zerstreuung, die Erinnerungen einstellen +— mein alter Hans, die Erinnerungen sind unsere liebsten Freunde, aber +sie können auch unsere schlimmsten Feinde werden. Wenn sich bei einer +Frau die Erinnerungen einstellen und erst leise und dann lauter zu +rufen beginnen: Dies und das war dein und du hast es aus Laune oder +Feigheit verscherzt, und wenn sie dann kein Mittel sieht, an das alte +Ende den neuen Anfang zu knüpfen — die Frau wird innerlich alt vor der +Zeit, und selbst das schöne Wort der Pflichterfüllung kann ihr nur +äußerlich aufhelfen.« + +»Und was soll der Mann tun, der aus Laune oder Feigheit verleugnet +worden ist?« + +»Den Wert der Frau zu erkennen suchen und danach handeln.« + +»Es gibt also doch Unterschiede?« + +»Frauen können wie Kinder den Weg verfehlen; dann gebührt ihnen immer +noch Liebe und Nachsicht.« + +»Und wenn sie es bewußt tun, als fertige Menschen, mit der Berechnung, +im Wiederholungsfalle nicht anders zu handeln?« + +»Mein lieber Hans, über solche Frauen spricht man nicht.« + +Des Heimgekehrten Gedanken schweiften noch einmal zurück zu der Stadt, +die er gestern verlassen hatte. »Über solche Frauen spricht man +nicht.« Hast du es gut verstanden, Bettina? — Ein bitterer Geschmack +legte sich ihm auf die Zunge, und über sein Gesicht breitete sich die +Selbstironie. Von Hannes zu Bettina — das war eine Reise gewesen, des +Schweißes der Edeln wert! »Über solche Frauen spricht man nicht,« tönte +es laut und hallend in seinem Innern — aber man ~denkt~ auch nicht mehr +an sie. + +Das war Hans Steinherrs letzter Gedanke an Bettina Wittelsbach. + +»Mama,« sagte er, und der Versuch, heiter zu erscheinen, gelang +ihm, »lach mich doch aus, weil ich hier in der schönen Pose des +Weltschmerzlers vor dir agiere. Und solch ein Beispiel wie dich vor +Augen! Ist das nicht närrisch?« + +»Willst du Herrn von Springe begrüßen?« griff Frau Margot lebhaft die +Stimmung auf, »und Frau Stahl?« + +Der Sohn erhob sich sofort. + +»Wenn ich ihnen gelegen komme?« + +»Das sind zwei Menschen, denen nie etwas ungelegen kommt,« lachte Frau +Margot heiter. »Geh nur hinüber. Unterdes werde ich in der Küche +nachsehen, ob man auch die Ehre des Tags zu würdigen weiß. Heute habe +ich meines Jungen wegen aber auch alles verbummelt.« + +War das seine Mutter? fragte er sich, als er über den Korridor schritt. +In der Küche wollte sie nachsehen? War das ein Scherz, oder vermischte +sich bei ihr das Interesse für das geistige und leibliche Wohl ihrer +Lieben jetzt in eins? Sie ist wirklich eine ~Frau~ geworden, dachte er +staunend, meine verwöhnte, geistreiche und — so viel gelangweilte Mama, +eine wirkliche und wahrhaftige Frau ... + +Auf sein Klingeln an der Korridortür Herrn Friedrich Leopold von +Springes wurde nicht sogleich geöffnet. Aber einen Streit vernahm der +Draußenstehende ganz deutlich, und als er die Worte verstand, wußte er, +daß er nicht fehlgegangen war. + +»Nee, nee, nee, verehrte Frau, sagen Sie das nicht. Die jüngsten Beine +von uns beiden habe ~ich~!« + +»Aber, Herr von Springe, dafür bin ~ich~ doch da.« + +Und dann öffneten ihm alle beide. Rechts stand Herr Friedrich Leopold +in der Hausjoppe, links Frau Stahl in weißer Schürze. + +»Der Hans! Der Hans!« schrie Herr Friedrich Leopold und schwenkte an +hocherhobenem Arm die Hand wie eine Wetterfahne. + +»Guten Tag, Herr Doktor,« sagte die Greisin trocken, aber auch in ihrer +Stimme zitterte etwas. + +Der alte Junker hatte den Besucher gleich mit Beschlag belegt. Seinen +Arm um den des jungen Freundes geschoben, führte er den Heimgekehrten +im Triumph in seine Burggemächer. + +»Ha’, hamm’, ham’ mer dich emol, du Durchgänger? Herr Doktor müssen +schon verzeihen, daß ich Du sage, aber da ich nun einmal durch Recht +und Gesetz Ihr Großvater bin, du liebenswürdiger Jüngling du, so +kannste nix mache. Höchstens — — aber natürlich! Nach alter, deutscher +Sitte! Wollen zuallererst doch mal Bruderschaft trinken. Wie sagt doch +Krökel, der Klausner alt und greis? ›Mit Verlaub, ich bin so frei!‹ Das +soll ein Manneswort sein. Frau Stahl, edle Burgverschließerin, bitte +ganz ergebenst um eine Flasche Rauentaler Ausbruch.« + +»Rheinwein, Herr von Springe? Und so schweres Zeugs?« + +»Rheinwein, dem Rheinwein gebührt! Und was ist schwer, wenn zwei +kräftige Männer das Werk mit Händen anfassen! Notabene, woher wissen +Sie tugendhafte Frau denn, daß das Zeugs so schwer ist? Sie haben wohl +mal — ganz heimlich — mit Verlaub, ich bin so frei — —?« und er machte +die entsprechende Geste. + +Als sich Frau Stahl, entrüstet über den Verdacht, in den Keller begab, +wollte sich Herr Friedrich Leopold totlachen. + +»Siehst du, mein Sohn, das mußt du dir für später merken. Das ist +ein Kniff von mir, mit dem krieg’ ich alles. Nur den lieben Seelen +insinuieren, als ob sie das Beste für sich behalten wollten. Dann +kommt die Entrüstung und mit der Entrüstung die verächtlich tuende +Freigebigkeit. Aber mir schmeckt’s doch.« + +Nach fünf Minuten plauderte der alte Herr bereits, als ob sie nie +getrennt gewesen wären. + +»Du,« meinte er zwischendurch geheimnisvoll, »deine Mutter ist eine +charmante Frau. Weißt du? — —« + +Dann brachte Frau Stahl den Wein, und der alte Herr putzte selbst die +langstengligen Römer aus. + +»So, mein Junge, nu mal fix übers Kreuz. So — o —.« Er wischte sich +den Mund. »Ich heiße Friedrich Leopold. Ach nee, das zieht ja zwischen +uns beiden nicht. Also ich bin dein Großvater, der dich sehr lieb hat +und dasselbe von dir beansprucht. Und nun wollen wir mal wie echte +Kreuzritter gegen den Heiden ziehen.« + +»Gegen den Heiden?« wiederholte Hans Steinherr verwundert und ließ sich +das Glas frisch füllen. + +»Hie Buch und Kreuz und Mönchsgebet — sie müssen alle von dannen,« +variierte der strenggläubige Zecher. »Dieser Rauentaler, dieser Heide, +hat sich selbst der schmerzlosesten Taufe entzogen. Vertilge ihn, +vertilge ihn! Er ist reif!« + +Er stieß mit Hans an und zwinkerte, verständnisvoll schmunzelnd, mit +dem Auge. + +»Du — die charmante Frau soll leben! Jung’, Jung’, ham’ mer en Freud’!« + +Hans verstand zwar nicht recht, weshalb sich der alte Herr gerade +heute so unbändig über die charmante Frau freute, aber er nahm an, daß +das wohl die Normalempfindung Herrn Friedrich Leopolds gegenüber Frau +Margot sei, und dankbar tat er Bescheid. Die Trinksprüche waren indes +noch nicht zu Ende. + +»Einmal ist keinmal, nicht wahr, Frau Stahl? Aber dreimal — das können +Sie durch die einfachste Addition feststellen — das ist dreimal. Das +dritte Glas also — Was? Ich soll vor Tisch nicht mehr trinken? O, +wenn Sie ahnten, wem wir dies dritte Glas bringen, hätten Sie schon +aus purstem Familienegoismus geschwiegen. Das dritte Glas unserem +Prachtmädel, unserem Hannes. Marke: Stahl!« + +Er drängte der alten Freundin ein Glas auf, verbeugte sich höfisch und +ließ die Gläser fein aneinander klingen. + +Hans Steinherr fühlte eine sich steigernde Beklommenheit. Rasch trat er +auf die alte Frau zu und hielt ihr das Glas hin. + +Die Greisin sah ihm, ohne eine Gemütsregung zu äußern, ruhig in die +Augen und stieß mit ihm an. Dann wandte sie sich dem alten Herrn zu, +der am liebsten sofort in eine allgemeine Fiduzität hineingesegelt +wäre, und sagte warnend: »Herr von Springe, Frau Margot und Ihr Herr +Sohn erwarten uns in einer Viertelstunde drüben zu Tisch. Und Sie sind +noch immer in der Hausjoppe.« + +»Donnerwetter,« meinte Herr Friedrich Leopold, »eine Berufung auf Frau +Margot, das heißt so viel als: stramme Haltung! Na, nimm’s nicht übel, +mein Sohn, daß ich verschwinde. Ich lass’ dich ja, während ich Gala +anlege, in der allerbesten Gesellschaft zurück.« + +Dann war Hans Steinherr mit Frau Stahl allein. + +Er saß auf seinem Stuhl, vornübergebeugt, die Arme auf den Lehnen, und +beobachtete sinnend jede ihrer Bewegungen, während sie ab und zu ging, +den Tisch in Ordnung brachte und sich im Zimmer zu schaffen machte. + +»Wissen Sie noch, Frau Stahl, wie ich an dem Sonntag zu Ihnen kam, +drüben in der Pempelforterstraße, und bei Ihnen Kaffee trank?« + +»Weshalb sollte ich das nicht mehr wissen, Herr Doktor?« + +»Wie lang’ ist das her! — — Ich war damals noch ein Junge.« + +»Das kann ich nicht beurteilen, Herr Doktor.« + +Er zuckte zusammen. Sie hatte ihn falsch verstanden oder mißverstehen +wollen. + +»Haben Sie gute Nachrichten von — von Hannes?« fragte er nach einer +Pause. + +»Ich danke. Man muß schon zufrieden sein, wenn sie gesund bleibt.« + +»Haben Sie denn — haben Sie denn Besorgnisse? Ich meine: Ihre Enkelin +fühlt sich doch wohl?« + +»Sie sind sehr freundlich, Herr Doktor. Meine Enkelin hat bis heute +noch nicht geklagt.« + +Wieder die Pause, die kein Ende nehmen wollte. Nur das mechanische +Klappern von Stricknadeln. + +Da erhob sich Hans Steinherr von seinem Stuhl und ging zu der alten +Frau hinüber. + +»Frau Stahl, ich bin nach Düsseldorf zurückgekommen, um meinen Frieden +zu schließen, mit meinen Angehörigen und, wenn es angeht, auch mit mir. +Meine Mutter hilft mir, Heinrich Springe und der alte Herr helfen mir — +wollen Sie allein nicht?« + +»Wir sind doch nicht Ihre Angehörigen, Herr Doktor.« + +Hans Steinherr preßte die Lippen zusammen. Dann streckte er die Hand +aus und sagte leise: »Verzeihen Sie mir!« + +Die Greisin ließ das Strickzeug in den Schoß sinken und sah ihn mit +großen Augen an. + +»Ich habe Ihnen nichts zu verzeihen, Herr Doktor. Ob Ihnen Johanna was +zu verzeihen hat, das hat sie mir nie gesagt.« + +»Doch, Frau Stahl. Sie — gerade Sie. Sie haben mich damals voll +Vertrauen auf meine Ehrlichkeit in Ihr Haus aufgenommen und mich +Einblicke in ein starkes, stolzes Leben tun lassen. Jeder andere +wäre daran gewachsen. ›Scham ist Feigheit,‹ sagten Sie damals. Mein +Wankelmut hat das Wort traurig bestätigt, ich mußte erst noch einmal +durch die Schule gehen, um es in seiner Wahrheit verstehen zu lernen. +Frau Stahl, ich bin nicht mehr feige, ich bin nur noch beschämt. +Vielleicht halten Sie es der Mühe wert, dies trübe Geständnis +entgegenzunehmen.« + +Die alte Frau rückte unruhig auf ihrem Stuhl. + +»Wenn ich Ihnen von der Beschämung abhelfen könnte — —. Aber gute +Lehren sind Stroh statt Hafer.« + +»Verzeihen Sie mir!« sagte er noch einmal leise. + +Sie sah zu ihm auf. Sie sah sein müdes Gesicht und das Ruhebedürfnis +in seinen Augen. Und dann erhob sie sich und nahm seine Hand an. Sie +packte sie mit festem Druck und hielt sie in der ihren. Irgend etwas +wollte sie sagen. Doch sie nickte nur, ließ seine Hand los und ging in +ihre Küche. + +»Ich hätte es nicht ertragen,« murmelte Hans Steinherr; »von allen, nur +von ihr nicht. Nun ist mir freier.« + +Er nahm seinen Platz wieder ein und wartete auf Herrn Friedrich +Leopold, der bald erschien. + +»Oho — so ganz solo? Ja, mein Sohn, weiß man denn außerhalb Düsseldorfs +nicht mehr, wie man Süßholz raspelt? Ausgerissen ist dir die verehrte +Frau? Du bist zu schüchtern, Hans.« + +Er strich sich den weißen Schnurrbart hoch und klopfte behutsam ein +Stäubchen vom Rockärmel. + +»Tipp topp, gelt? Als wenn’s zum Tanzen ging’.« + +Draußen wurde an der Schelle gerissen, daß es Sturm läutete. + +»Das sind die jungen Leute von drüben,« sagte Herr Friedrich Leopold, +»überschüssige Kraft.« Und er ging öffnen. + +Dann stürmte Heinrich Springe ins Zimmer. Frau Margot folgte gemütlich +am Arme des Vaters. + +»Da bist du ja, Hans. Herrgott, wie ich mich freue! Und rote Backen +hat er schon gekriegt, ordentlich rote Ba —« Sein Blick fiel auf den +Senior. »Du, sag mal, du hast ja auch rote Backen gekriegt, aber so +verdächtige? Ihr habt wohl das Krökelspiel gespielt, vom frommen +Klausner? Ah, sieh da, der stumme Zeuge. Rauentaler Auslese. Hm, hm, +hm. Margot,« wandte er sich an seine Frau, »wirf doch den Plebejer, den +Zeltinger, aus dem Eiskühler. Die Herren haben bereits anders bestimmt.« + +Der alte Herr aber freute sich, als ob er den Sohn mit einer brillanten +Pointe hineingelegt hätte. + +Dann ging es zu Tisch. Hans Steinherr führte die Mutter, Herr Friedrich +Leopold holte Frau Stahl herbei, und Heinrich Springe machte den +Beschluß. Feierlich zogen sie über den Korridor in die andere Wohnung +hinüber. + +Nach der Tafel verlangte es Hans, die Fabrik zu sehen. Inmitten der +Fröhlichkeit war plötzlich ein Drang nach Tätigkeit in ihm erwacht. Er +bat, ihn für den Nachmittag zu entschuldigen, und versprach, sich zum +Abend wieder einzustellen. + +Langsam wanderte er durch den frischen Tag hinaus nach Bilk. Hier +bleiben können, hier bleiben können! tönte es in ihm. Er reckte sich in +den Schultern, und es war ihm, als spürte er neues Blut. + +Wie die Sonne dort über dem Feldstreifen zittert. Gerade, als ob es +schon Frühling wäre ... Und dann sprach er vor sich hin: »Die Heimat. +Die Heimat. Das hier ist die Heimat ...« + +Manchmal blieb er stehen und sog aus tiefen Lungen die frischwehende +Luft ein. Alles schien ihm in Glanz eingehüllt, und obwohl die +Landschaft hier nichts Anziehendes bot und ringsumher die Mauern und +Schornsteine der industriellen Werke emporragten, glaubte er, selten +ein schöneres Bild gesehen zu haben. + +Und er malte es sich verlockend aus, hier wieder Wurzel zu schlagen, +unter diesen Menschen hier wieder das Lachen zu lernen, durch +angespannte Tätigkeit sich die Achtung zu verdienen und — ja, +ja! weshalb sollte es nicht möglich sein! es mußte sich auch das +ermöglichen lassen bei tapferem Ausharren und unermüdlichem Werben — +und am eigenen Herd das Glück festzuhalten. »O, du Jugendkraft, du, du! +Die vom Niederrhein haben dich in Erbpacht!« + +Warm lief es ihm durch alle Glieder. Die Märzsonne hatte für ihn +Juliglut. — — + +Bis zum späten Abend war er in der Fabrik geblieben. Er hatte die +Feierabendglocke gehört und die Scharen geschwärzter Arbeiter unter +dem Fenster des Privatbureaus vorüberwallen sehen, während er immer +noch saß und sich von dem Leiter der Werke einen Überblick über die +Geschäftslage geben, Pläne vorlegen, den Gang der Fabrikation erläutern +ließ. Und je länger er saß, umso schärfer und quälender wurde die +Entdeckung, daß ihm jeder Sinn für das fehlte, was ihm der Teilhaber +der Firma Philipp Steinherr doch so klar und übersichtlich an Hand +der Bücher, Karten und Tabellen vortrug, daß er nie den Sinn dafür +erlangen würde. Denn die genialste Berechnung, in technischer wie in +kaufmännischer Beziehung, rüttelte kein außergewöhnliches Interesse in +ihm wach. Mit stumpfer Bereitwilligkeit hörte er zu und stellte immer +nur sein Unvermögen fest. + +Er hatte sich von dem Teilhaber, der noch einige wichtige Arbeiten zu +erledigen wünschte und deshalb noch nicht in die Stadt hineinfuhr, +mit herzlicher Danksagung verabschiedet, den Wagen abgelehnt +und den Heimweg zu Fuß angetreten. Aber die Sonne war fort, und +die Frühlingsahnung war fort. In seinem Innern waren alle die +hoffnungsfröhlichen Stimmen des Nachmittags jäh verstummt, so angstvoll +er auch horchte. + +Und plötzlich warf er sich an einer Böschung nieder und preßte sein +Gesicht verzweifelt gegen die Heimatserde. + +»Es ist ~nichts~ mehr, es ist ~nichts~ mehr. Es ist ja alles +verpfuscht! — — —« + +[Illustration] + + + + +Neuntes Kapitel + + +Der erste Tag im Mai! + +Wieder war Düsseldorf, das glücklich gelegene, den anderen Städten im +Reich um reichlich vierzehn Tage vorausgeeilt, im Hofgarten rauschten +die vollbelaubten Kronen der Bäume, das Gesträuch war mit Blüten +übersät, und der Flieder duftete über die ganze Stadt. + +Seit einer Woche hatte in der Immermannstraße Hannes Einkehr gehalten. + +Sie hatte eine anstrengende Tournee hinter sich, aber sie fühlte +sich, wie sie lachend versicherte, trotz alledem elastisch wie eine +Haselgerte und gedächte sich nur deswegen sechs Monate auf die faule +Seite zu legen, um den nötigen Vorrat an Düsseldorfer Luft zu sammeln. + +»Man muß doch zuletzt wissen, wo man ›zuständig‹ ist,« erklärte sie +Heinrich Springe, »wenn man nicht ganz verzigeunern will. Und das +Zigeunertum — ach Gott, das ist eine schöne Lüge.« + +»Du, Mädel, so schlau wie du ist nun auch der Hans. Ganz still und +beschaulich ...« + +»Er gefällt mir nicht,« sagte sie, »ich wollt’, er schlüge Skandal.« + +»Na, hör mal, so was von Radaulustigkeit — —! Du wirst wohl noch nach +Oberkassel tanzen gehen?« + +»Dem Hans tät’s vielleicht gut. Es riss’ ihn aus seiner +Beschaulichkeit.« + +»Aber Kind, gerade über die Beschaulichkeit sind wir ja so herzensfroh!« + +»Ihr seid liebe Menschen,« sagte sie und lehnte sich an seinen Arm, +»ihr denkt nur Gutes und Gesundes, weil ihr selbst gut und gesund +seid.« Sie sah zu ihm auf, ohne sich an seiner Schulter zu rühren. +»Wißt ihr denn, was es mit dieser stillen Beschaulichkeit von Hans auf +sich hat? Ach, Onkel Springe, ich habe es gleich gewußt. Er beschaut +seine Wunden.« + +»Hannes!« rief Springe erschrocken und zog das Mädchen mit einem Ruck +an sich, »Hannes, was willst du gleich gewußt haben? Herrgott, sollten +wir denn wirklich blind gewesen sein? Und du — du meinst — du hätt’st +recht?« + +Sie sah ihn noch immer an und nickte mit traurigen Augen. + +»Es ist so, Onkel Springe. Wundert es dich, daß ich dafür ein feineres +Verständnis habe als ihr?« + +Auf die Frage war Springe nicht vorbereitet, und er fand kein Wort +der Entgegnung. Aber sein gerades, ehrliches Herz erkannte die +gleichgesinnte Natur und schwoll empor bei diesem offenen Eingeständnis. + +»Mädel, Mädel,« brachte er nur heraus und fuhr ihr mit breiter Hand +über Haar und Gesicht, »was bist du für ein Mädel!« + +Das war nicht geistreich, das empfand er selbst. Aber für ihn gab es +in diesem Augenblick alles wieder, und für sie auch; und das war ihnen +beiden die Hauptsache. + +»Was fang’ ich nur an, um ihn aus dieser verdammten Beschaulichkeit +wieder ’raus zu kriegen, Hannes? Ich schäm’ mich ja zu Tod’. Beinah — +beinah — na, muß ich’s sagen? Beinah wie in Berlin, Kurfürstendamm: +und Heinrich Springe ging hinaus und weinte bitterlich, weil er sich +aus einem finsteren Cato in einen Pudel verwandelt hatte, der vor zwei +schönen Frauenaugen hübsch Apport machte. O Gott, o Gott, Hannes, sag +das nur keinem wieder! Wenn ich damals nicht dich gehabt hätte! Wie ein +Chirurg gingst du los ... Ihr Frauen seid doch die geborenen Ärzte.« + +»Du, Onkel —« + +»Gut,« sagte Springe und drückte ihr die Hand. »Wenn ich nämlich an +~die~ Affaire denke, wird mir immer noch glühheiß. Das brauchte nur +Margot zu wissen. Ich läge platt unterm Pantoffel. Also sprechen wir +wieder von Hans; schon, damit ich meine Haltung wiederfinde.« + +»Onkel,« sagte das Mädchen nachdenklich, »ich glaube, ihr drückt ihn +zu sehr mit eurer Liebe. Da kommt er sich vor wie ein Invalide, wie +ein Almosenempfänger. Mit solchen Kranken muß man sich frisch-fröhlich +herumzanken, ihren Widerspruchsgeist wecken. Der Mensch fühlt sich +nie gesünder, als wenn er widersprechen kann. Das steigert sein +Selbstgefühl und macht ihn trotzig.« + +»Ob Trotz gerade die richtige Tugend ist — —?« + +»O, du unkluger Mann! Trotz gibt nach, und dann ist der Trotzige der +Gebende. Aber Resignation, die nachgibt, bleibt die Empfangende. Das +verträgt kein Mann auf die Dauer an sich selbst.« + +»Sag mal, Kind, ich hoffe, diese Weisheit hast du nur aus deinen Arien.« + +»Sie ist mir über Nacht gekommen, seit ich Hans gesehen habe.« + +»Und was soll ich tun? Jetzt stehe ich blind zu deiner Verfügung.« + +»Suche ihn zu zerstreuen, bring ihn unter Männer, rede mit ihm über +Dinge, die ihm am Herzen liegen, über Kunst, über Literatur, und zeig +dich unwissend, dreist oder ungeschickt, damit seine Empörung wach +wird, seine Verteidigungslust; damit er ins Feuer gerät. Ach, Onkel, +wenn ich könnte, wie ich wollte —« + +»So will doch, Kindchen! Du nähmst mir da wirklich ein Kommissiönchen +ab.« + +Sie schüttelte den Kopf, und auf ihrer Stirn grub sich die Falte, die +sie als Kind so oft gezeigt hatte. + +»Ich kann mich doch nicht wegwerfen,« murmelte sie. »So was tut man +wohl in der Stunde der Gefahr, aber doch nicht aus freien Stücken. Das +säh’ ja aus, als ob ich Sonderinteressen dabei verfolgte.« + +»Wenn du ihn lieb hast ...« fragte Springe unsicher. + +»Weil ich ihn lieb habe, weil, weil! ~Er~ soll gesund werden, nicht +ich. Ich — ich bin’s ja.« + +»Das weiß Gott!« sagte Springe herzlich. »Und jetzt versteh’ ich dich +auch ganz. Seinen Stolz willst du.« + +»Ja,« sagte sie leise, mit einem versonnenen Lächeln, und sie hatte +nasse Wimpern. + +»Ich werde es einmal mit Herrn Friedrich Leopolds Rezept versuchen,« +entschied Heinrich Springe. »Der Wein erfreut des Menschen Herz, und +heute, am ersten Mai, fließt im ›Malkasten‹ die allgemeine Maibowle. +Da kommen die Malmännlein aus Höhlen und Klüften, Hunderte an der Zahl. +Und viele — ach, wie viele! — waren beim Barbarossa im Berg und haben +geschlafen, die Zipfelmütze über beide Ohren, einen gottgesegneten +Schlaf. Da verwandelte sich der Pinsel in ihrer Hand zum Weißquast, und +die heilige Ölfarbe zur unheiligen Tünche. Aber ein Geschwätz machen +sie, ein Geschwätz, sag’ ich dir, daß den umsitzenden Künstlern graut. +Hans soll es mitmachen!« — — + +Hans Steinherr war in der letzten Woche nur zweimal in Burg Springe als +Gast erschienen. An dem Tage, an dem die Familie Hannes feierlich am +Bahnhof eingeholt hatte, war er erst zur Abendstunde gekommen. + +Im Besuchsanzug, einen Strauß Flieder in der Hand, war er ins Atelier +eingetreten, in dem das Mädchen vor einem neuen Werke Springes, einem +schlummernden Parkteich, überwacht von dichtgedrängten, blühenden +Kastanien, stand. + +Als sie seinen Schritt vernahm, wandte sie sich um. + +»Guten Tag, Herr Hans. Wie geht es Ihnen? Ich freue mich, Sie +wiederzusehen.« + +Und er hatte auf das schöne, in sich gefestigte Geschöpf hingestarrt, +und als er die Lippen bewegte, um zu erwidern, spürte er, daß in ihm +etwas zerrissen war, in diesem Augenblick. + +»Hannes, Fräulein Hannes ...« sagte er mit Anstrengung, und dann bot er +ihr zögernd die Hand, die die Blumen hielt, und sie nahm die Blumen und +nahm seine Hand. + +»Wie aufmerksam von Ihnen! Haben Sie herzlichen Dank!« + +»Sie sind aus dem Garten draußen,« sagte er, um nur seine Stimme zu +hören. »Der Frühling kam zeitig dies Jahr.« + +Sie nickte und vergrub ihr Gesicht in den Strauß. Der herbe Zug um +seinen Mund tat ihr weh. + +Dann sprachen sie von ihren Reisen. Ganz so wie Menschen, die sich auf +einer Station getroffen haben und plaudern, um die Zeit hinzubringen. +Und doch achtete und wartete sie auf nichts anderes als auf ein Wort, +das den alten Hans verraten würde, und alles, was er sprach, ging +an ihrem Ohr vorüber, eilig, schnell zerflatternd, damit sie die +Aufnahmefähigkeit behielte für das, was doch kommen mußte. + +Aber es kam nicht. Der Mann, der vor ihr saß, war nicht mehr +kindergläubig genug, um durch den Schleier hindurch in ihrer Seele +zu lesen. Er sah nur die Zerstreutheit, mit der sie ihm zuhörte und +antwortete, und sein unruhiges Gewissen gab ihm ein, daß es ihr +peinlich sein müßte, dem Manne höflich und freundlich gegenüber zu +sitzen, den sie als Mädchen geküßt hatte. + +Einmal dachte er daran, die Vergangenheit zu berühren und sie +um Verzeihung zu bitten. Aber angesichts dieser vornehm stillen +Erscheinung, deren selbstsichere Haltung keinen Schluß mehr auf das +wilde, zärtliche Gemüt des einstigen Hannes zuließ, schien ihm seine +Anwandlung anmaßend und kindisch. Die Kinderzeit, in der ein einziges +»Sei wieder gut!« die Schranken wegräumte, war nicht mehr. Hier hieß es +nicht, reden, hier hieß es, zeigen. Und er hatte nur einen Bankrott +aufzuweisen gegen ihre Reichtümer. Einen solchen Handel machte er +nicht. Er war kein Betrüger. + +So lief die Stunde ab, und das Ergebnis war der Wunsch auf ferneres +Wohlergehen. Dann saß sie wieder vor dem Bild mit dem schlummernden +Parkteich und den blühenden Kastanien, aber sie saß mit geschlossenen +Augen. + +Im Nebenzimmer begrüßte Hans seine Mutter. Hannes hörte, wie er bat, +ihn zum Abendessen zu entschuldigen, und wie Frau Margot ihm doch +abschmeichelte, daß er blieb. Dann saßen sie miteinander bei Tisch, +und Großvater Springe war aufgeräumter denn je, und seine unbesiegbare +Laune holte sich auch heute den Triumph, die Tischgesellschaft zu +erheitern und die gewonnene Stimmung durchzuhalten. Später bestürmte +Frau Margot Hannes um ein Lied, um ein ganz kleines nur. Aber als sie +nachgeben wollte, obwohl ihr die Kehle wie zugeschnürt war, sah sie, +daß Hans geräuschlos das Zimmer verließ. Da versprach sie für morgen +so viel Lieder, als man zu hören wünschte, nur heute möchte sie sich +schonen. + +Auch Heinrich Springe hatte das stille Verschwinden des Freundes +wahrgenommen und war ihm gefolgt. Als er zurückkam, teilte er mit, daß +Hans nicht durch Abschiednehmen habe stören wollen. Der Junge fühle +sich heute nicht recht wohl, habe aber ebenfalls für morgen alles +mögliche versprochen. Und die beiden Springes, Frau Margot und selbst +Frau Stahl nahmen das mit unschuldigem Herzen als ein gutes Zeichen und +tauschten, heimlich sich zunickend, strahlende Blicke miteinander aus. + +Hans aber war nach Hause zurückgekehrt und saß die Frühlingsnacht +hindurch in der Laube und hörte nicht die Stimmen des Frühlings und +hörte nur die Stimmen der Nacht. + +Das ist nun vorüber, alter Junge ... + +Was ist vorüber? fragte er sich mit bewußter Selbstironie. + +Und er fuhr fort, sich Rede und Antwort zu stehen und den Sarkasmus +wider sich selbst zu kehren. + +Was vorüber ist? Nun, was denn sonst als das Wiedersehen? Oder hattest +du dir gar etwas anderes gedacht, als du hingingst? Ja, mein lieber, +eingebildeter Mensch, wenn du noch solche Träume spinnen konntest, +wirst du jetzt belehrt sein, daß das, was du meintest, längst, längst +schon vorüber ist. + +Sie ist schön, nicht wahr? Wie die goldrote Haarwelle auf ihrem feinen +Knabenköpfchen ruht, als wollte sie locken: Löse mich. Dich brenne ich +nicht. Wenn du mich über dein Gesicht legst, will ich dich kühlen ... + +Sie ist ein Märchen, gab er zur Antwort. Hast du vergessen, daß alle +Märchen beginnen: Es war einmal ...? + +Und wenn das Märchen dennoch Leben gewinnt und die Augen aufschlägt? + +Ach, du armer Phantast, die Augen werden an dir vorübergehen. Schau +dich an. Sieht so ein Märchenprinz aus? Überbleibsel bringt man nicht +auf eine Königstafel, und gierige Bettler werden im Hofe abgefertigt. + +Ich bin kein Bettler! brauste es ihm durch den Kopf. Ist es mir denn in +den Sinn gekommen, zu betteln? Bin ich so weit herunter, daß ich auf +Freibeuterei ausgehe? O nein, mein guter Hans, o nein, so viel Anstand +hast du doch noch in den Knochen, um dich nicht wehleidig aufzudrängen +und um Gottes Barmherzigkeit willen ein Almosen zu verlangen. Um zu +erklären: Jetzt, du schöne, lachende Frau, wo es dir geglückt ist und +mir nicht, passen wir besser zusammen. O nein, ich bin kein Bettler. +Ich weiß sehr gut, was ich bin, und mache mir keine Illusionen. + +Seine Lippen legten sich fest aufeinander, und je fester sie sich +schlossen, desto heller wurde sein Auge, in dem das alte Erbgut der +Kinder dieses Landes glänzte und schimmerte: der Spott, der selbst mit +dem Tiefstand des Lebens noch um ein Lachen trotzt. + +Und er zog die Bilanz der letzten Wochen, der Zeit, die er wieder in +der Heimat zugebracht hatte, und verglich die Kredit- und Debetseite. +Wieder und wieder hatte er sich aufgerafft, wie nur ein Mann es kann, +und war hinausgegangen in die Fabrik, um sein Interesse mit zäher +Energie zu zwingen. Aber was half all sein Wollen? So zappelt auch ein +Fisch auf dem trockenen Land. Das Element, in dem er sich befand, war +nicht das seine, ihm fehlte die kaufmännische Gabe und das technische +Verständnis. + +Dann hatte er es im stillen mit der Kunst versucht. Die Muse zwar +war nicht zu beleben, denn jede Gefühlsäußerung erschien ihm wie +ein Hohn, und künstlerische Formspielereien waren ihm verhaßt. Aber +durch die Kunstausstellungen war er gewandert und durch die Ateliers, +und er hatte sich einen Überblick verschafft über den Stand der +vaterstädtischen Kunst, über den neuen, urwüchsigen Heimatstrieb und +über den alten Zopf. Das war ein Gebiet, das er beherrschte, und hiefür +gedachte er zu schaffen. + +Sobald er jedoch vor dem Stoß weißen Papieres saß, befiel ihn wieder +der Gedanke an den Unwert all seines Tuns. Weshalb denn nur etwas +leisten wollen? Für wen denn? Für das Streicheln einer lieben Hand. +Für das Leuchten zweier Augen. Das hätte sich gelohnt, das hätte +gefördert. Aber für das bißchen Ehrgeiz oder, wenn es hoch kam, +für das Kerzenstümpfchen Idealismus? — Und die Freude, die ihm auf +Sekundenlänge über die Schulter geguckt hatte, war entflohen — —. + +Das also, schloß er, ist das Resultat! Daß es etwas minimal ist, kann +ich nicht verneinen. + +So verging die Frühlingsnacht. + +In den nächsten Tagen sah er Hannes wieder, plauderte mit ihr, bis +er merkte, daß er mitten im Satz verstummt war und sie seit Minuten +anstarrte, und sich schnell empfahl, um der Selbstquälerei ein Ende zu +machen. — + +Als am Abend des ersten Mai Heinrich Springe bei ihm erschien, packte +ihn die Angst, der Freund käme, um ihn zu einem Familienabend zu +holen. Umso hastiger ging er auf den Vorschlag ein, der Maibowle +des ›Malkastens‹ beizuwohnen. Er wurde sogar ordentlich aufgeräumt, +und Heinrich Springe dachte erstaunt und beschämt zugleich: Das +Sakramentsmädel, der Hannes, hat doch mal wieder recht behalten. Er +gehört unter trinkfeste Männer. — + +Im ›Malkasten‹ war es gedrängt voll. Hunderte von Künstlern und +Kunstfreunden waren in den weiten Räumen untergebracht, aber sie +mußten dicht zusammenrücken, denn das Fähnlein der Durstigen war +in der Rheinstadt schon an Abenden ohne tiefere Bedeutung nicht +klein. Eine Schicht blauen Zigarrendampfes schwamm wie ein Nebel +über der Festversammlung und gab dem Bilde das Kolorit eines alten +niederländischen Gemäldes. + +»Teniers oder Höllenbreughel?« fragte Springe lachend seinen Begleiter, +während er sich durch das Labyrinth der Tische einen Weg bahnte. »Was? +Das nennt sich doch noch gesunde Kneipenluft! Und dieser göttliche +Radau! Hier kommt’s nicht drauf an, ~was~ man sagt, sondern daß man +es möglichst ~laut~ sagt. Stimmenschwerheit entscheidet! Achtung, der +Pitter hat ’s Wort! Hier — hier ist noch Platz.« + +An einem mächtigen, runden Ecktisch hatten sie Unterkunft gefunden. +Man bat um Ruhe. Man klopfte ganz energisch auf die Tischplatten. Dann +ebbte das Stimmengewirr ab wie eine lange, chromatische Tonleiter. + +Der ›Pitter‹, ein weißhaariger, unverwüstlicher Maler der älteren +Generation, stand neben dem Klavier und strich mit überlegener Miene +den weißen Knebelbart. Er hatte als Maler und Mensch warten gelernt. +Plötzlich erfaßte er den ersten Moment der Ruhe. Wie eine Fanfare +drängte sich sein schmetterndes Organ in die Pause hinein und füllte +den Luftraum mit einer Vehemenz, daß kein fremder Hauch neben ihm noch +Platz zu finden vermocht hätte. Pitter hatte das Wort. Daran war nicht +mehr zu rütteln. Und er gab es von sich, als sänge er Samuels Fluch +über König Saul. + +»Auch eine Auffassung,« nickte Springe zustimmend. »Das Schwermutslied +von der ›Krone im Rhein‹ durchweg auf =forte= gesungen. Is mal was +Neues.« + +Dann sorgte er, daß aus dem riesigen Wandbassin, in dem das Meer der +Bowle floß, auch ihnen der Humpen häufiger gefüllt werde. Ernste Männer +traten von Zeit zu Zeit an den köstlichen Quell, prüften den Pegelstand +des Inhalts und besprachen in geheimnisvollem Flüsterton die Zufuhr +an Mosel- und Sektflaschen. Dann feierten die Humpen auf den Tischen, +und es war dürre Zeit im Land, bis die Auserwählten geprüft und wieder +geprüft hatten und sich der schweigende Ernst ihrer Mienen in die +strahlend aufsteigende Sonne der Zufriedenheit wandelte. + +Der Geist der Töne bedrängte heute viele im ›Malkasten‹. Von +Viertelstunde zu Viertelstunde erhob sich ein neuer Sänger, begehrte +stürmisch die allgemeine Aufmerksamkeit, lächelte und begann. Man sang +Getragenes und man sang Kitzliges, letzteres aber, der guten Sitte +wegen, im Düsseldorfer Dialekt; und man sang endlich im Chor aus den +»hundert allerschönsten Volksliedern für einen Silbergroschen« manch +ein artig Stückchen. + +Springe amüsierte sich herrlich. »Jeder Kerl hier,« behauptete er, +»ist ein aufgeschlagenes Skizzenbuch. Sein Genre könnt ihr am Singen +erkennen. Der Landschafter singt urwüchsig, der Schlachtenmaler mit +edlem Feuer, der biblische Historienmaler mit schönem nasalen Ton, der +Genremaler mit neckischen Koloraturen, der Porträtist möglichst korrekt +und der Tiermaler grunzt. Das gehört zum Metier.« + +Sofort wurde am Tisch widersprochen. Nicht aus Gekränktheit, aus der +bloßen Lust des Rheinländers am Opponieren. Und ehe drei gezählt +werden konnte, lag das längst erwartete Thema, die alte und die neue +Kunst, auf der Tischplatte wie ein Vivisektionstier, und jeder schnitt +lustig mit seinem Messer darin herum. + +Hans Steinherr hatte kaum ein Wort gesprochen. Er hörte auch nur mit +halbem Ohre hin. Was ihm auffiel, war, daß er unter den Hunderten +von Köpfen keinen einzigen zurechtgemachten Künstlerkopf fand, keine +Samtjackengenialität, keinen Satanisten, keinen Melancholiker. Eher +noch einen gemütlichen Biedermeier aus der Hasencleverzeit. Aber den +meisten war ein festererbter, knorriger Zug zu eigen, der Vertrauen +weckte und Vertrauen gab, trotz der Spottsucht um den Mund. + +Das ist die Gesundheit, sagte sich Hans Steinherr; Ungesundes wird hier +abgestoßen wie eine tote Zelle im Gewebe. + +In dem Stimmengewirr am Tisch war das Wort »modern« gefallen. Und +Heinrich Springes Stimme erscholl: »Also ’raus mit der Sprache! Haltet +ihr mich für modern oder nicht?« + +»Aber natürlich! Wenn Sie nicht, wen denn?« + +»Soo? Das möcht’ ich mir denn doch ergebenst verbeten haben. Sie +glauben wohl wunder was für eine Schmeichelei Sie mir gegenüber da +losgeworden sind. Nee, meine Herren. Ich male meinen Stiebel nach +meiner Art; wie, das ist Nebensache; mit welchen technischen und +Anschauungsmitteln, das besagt nichts; die Hauptsache ist: ist das Bild +gut?! Gut, meine Herren, gut! Da liegt der Hase im Pfeffer. Und ich +sage Ihnen: das ist und bleibt der ~ideale~ Hase! Prost, ihr Herren!« + +»Prosit! Prosit! Springe hoch! Springe soll eine Rede halten! +Si—len—ti—um!!« + +»Soll ich den Kerls mal den Kopf waschen?« fragte Heinrich Springe +lachend Hans. Er hoffte heimlich, auch den Freund aus seiner Lethargie +aufzurütteln, und er ließ sich bewegen und erhob sich. Er sprach nur +für den dichtgefüllten, mächtigen runden Ecktisch, der jetzt auch von +den Nebentischen belagert wurde. + +»Ihr wißt,« begann er, »ich bin ein Feind jedes akademischen Zopfes; +aber der schwache Mensch kann auch in das Extrem verfallen, und +auch das mißbillige ich. Der Künstler, ob Anhänger der alten oder +neuen Kunst, muß seine Ideale haben, das erst gibt seiner Kunst die +Weihe. Das Wort ›Ideal‹ steht heute ziemlich tief im Kurs. Es ist +nicht ›modern‹. Und damit ist ihm von den vielen, die da vorgeben, +die beste Gesellschaft auf allen Gebieten des Lebens, der Künste, +der Wissenschaften, mit einem Wort, der herrschenden Mode zu +repräsentieren, der Stab gebrochen. Ideale! Was unserer Zeit mehr als +je das Gepräge gibt, ist der unbändige Geschäftssinn, der nach allen +Dingen des Tages seine Fühler streckt und als Ausgleich das leichte +Amüsement für die mißhandelten Nerven beansprucht, wenn nicht eine +besondere Sensation. Der ›Geschäftssinn‹, bewußt oder unbewußt, ist der +Totschläger des Ideals. Unbewußt bei den vielen Tausenden, die blind +den Hammelsprung als Herde mitmachen, aus Furcht, der ›Mode‹ nicht zu +genügen. Bedauernswerte Menschen, denen ein neuer Gewandschneider mehr +zu sagen hat als alle Weisheit einer großen Überlieferung. + +Der Gewandschneider dominiert. Nicht allein in der Kleidung. Seine +Doppelgänger bearbeiten das Gebiet der Kunst, des gesellschaftlichen +Lebens; sie bestimmen das Niveau des Geisteslebens. Der Charlatanismus +hat hohe Zeit und schießt üppig ins Kraut. Heute heißt es, um jeden +Preis originell sein! Ist originell gleichbedeutend mit individuell, +soll ihm Lob und Preis gesungen werden. An solchen Charakteren kann +ein Volk nie wohlhabend genug sein, denn sie geben ihm den Stempel der +Kraft und Ursprünglichkeit. Aber welch traurige Konterbande wird mit +diesen Begriffen getrieben! Spekulative Köpfe haben einen billigen +Ersatz gefunden. Um aus der Allgemeinheit emporzutauchen, wird irgend +eine ›neue Richtung‹ ausgerufen, je kühner und extravaganter, desto +besser. Schwarz wird für Weiß ausgegeben, eckig und kantig für allein +bequem, unsinniges Gestammel für Offenbarung, Frivolität für den +Gipfel des feinen Menschentums und der Tingeltangel für die letzte und +schönste Blüte der dramatischen Kunst. Edle Dreistigkeit hat immer noch +suggestiv gewirkt, zumal im lieben deutschen Vaterland. + +Aber, ihr Herren, ohne die Pflege seiner altüberlieferten Ideale, an +die sich harmonisch die neuen knüpfen, ist eine wurzelechte Entwicklung +eines Volkslebens nicht denkbar. Und diese Pflege bedingt Tiefe des +Gemüts und Ernst der Gesinnung, just die Erscheinungen, durch deren +starkes Vorhandensein der Deutsche sich in allen Zeiten vor den +Nationen auszeichnete, die seiner Gesamtheit den Namen des ›Volkes +der Denker‹, meinetwegen selbst den des ›deutschen Schulmeisters‹ +gaben, die das deutsche Volk aber kraft seiner seit den Altvordern +angesammelten Schätze an Idealgütern befähigten, eintretenden Falls +einen Enthusiasmus zu entwickeln, der wie im Befreiungsjahr 1813 +elementar durch die Lande brauste, die Entäußerung alles Materiellen +zu Gunsten des Ideals in Flammenschrift auf den Fahnen führend, ein +Enthusiasmus, der in den Kriegsjahren 1864, 1866, 1870 und 71 aufs neue +siegreich in die Erscheinung trat. Aller tüftelnder Geistreichtum, +der heute so vielfach mit Worten und Dingen spielt, um die eigene +Persönlichkeit modisch in griechisches Feuer zu setzen, erhält diesen +hohen Sinn im Volkstum nimmer wach. Und aller Spott, alle Ironie, +mit der man die tiefreichenden Volksanschauungen heute vielerorts in +Literatur, den bildenden Künsten und dem Leben zu Gunsten eines Witzes +lächerlich zu machen trachtet, wird den Parteigängern im letzten Grunde +selbst zum Schaden gereichen. + +Die Mode ist vergänglich, das Ideal unsterblich. Aber daß es nicht +für eine ganze Zeitspanne verstümmelt und einer aufblühenden +Generation entzogen werde, dafür, ihr Herren, ist ernstlich Sorge zu +tragen. Die Ideale im Volksleben sind die Wurzeln eines kraftvoll +vorwärtsstrebenden, in sich gefestigten Staatswesens. Sie sind die +Stützen zur Macht. Sie schaffen den Glauben an eine große Vergangenheit +und die Hoffnung auf eine große Zukunft. Nehmt einer Nation ihre +Ideale, und ihr zeigt ihr den Weg zur Internationalität. Der Kunst +aber liegt es vor allem ob, die Hüterin der Volksschätze zu sein, +sie zu hegen und zu pflegen, damit sie einst in der Stunde, in der +das Vaterland an die Ideale appelliert, nicht an ausschlaggebendem +Wert eingebüßt haben. Und, ihr Herren, lassen Sie es mich an dieser +Stelle aussprechen: das große Wort: ›Die Kunst ist international‹, +hält vor der Sonne nicht stand, wollen wir nicht im gewissen Sinne zur +Schablone übergehen. Es gibt so wenig eine internationale Kunst, wie es +überhaupt eine internationale Kultur geben kann. Wie eine Kultur nur +von ~nationalem~ Boden auszugehen vermag, soll sie nicht nach kurzem +Überschwang an innerer Unhaltbarkeit jämmerlich zerfallen, so wird auch +die Ausübung der Kunst und ihr innerstes Wesen stets von der ~Rasse~ +abhängig sein. Eine ~deutsche~ Seele muß unsere Kunst in sich tragen, +und sie muß in den Werken unserer Künstler zum sieghaften Ausdruck +gelangen, soll sie frei und individuell neben der ausländischen +bestehen und dermaleinst in der Kunstgeschichte als Epoche bezeichnet +werden. Daran laßt uns in Düsseldorf festhalten, und wir werden die +Düsseldorfer Kunst wieder an der Spitze marschieren sehen trotz aller +französierender Mantelträger da draußen. Ihr Herren! In diesem Sinne +trinke ich auf die Stadt Düsseldorf!« + +Das war Heinrich von Springes Maienrede. + +Er hob seinen Bowlenhumpen und trank ihn bis zur Nagelprobe aus. + +Und die Alten und die Jungen drängten sich um ihn herum. Man stieß mit +ihm an, man schüttelte ihm die Hand, man sprach auf ihn ein und klopfte +ihm auf die Schulter. Doch als er sich nach Hans Steinherr umwandte, +sah er gerade noch, wie dieser still den Saal verließ. + +Da stellte auch Springe sein Glas hin, holte seinen Hut aus der +Garderobe, und als er auf der Straße stand und den Freund zwischen den +Bäumen des Hofgartens verschwinden sah, folgte er ihm aus der Ferne. — + +Hans Steinherr gedachte einen Abschiedsgang zu tun. + +Während er den einstigen Mentor im ›Malkasten‹ reden hörte und +alle Glocken des Lebens um ihn läuteten, fühlte er sich einsamer +und überflüssiger denn je. Seine Ideale lagen zertrümmert, und dem +Menschenkind, das allein ihm hätte aufbauen helfen können, hatte er +einst selbst die Wege gewiesen. + +Schluß der Tragikomödie! tönte es in ihm — Vorhang nieder, bevor du an +Altersschwäche eingehst! Sei ein Mann! + +Und während um ihn herum das lachende Leben mächtiger erbrauste, hatte +Hans Steinherr ruhig und schweigend seinen Tod beschlossen. + +Der volle Mond stand über dem Hofgarten, den Steinherr langsam +durchwanderte. Wie Silber rieselte es an den grünen Zweigen und Stämmen +herab. Die ganze Landschaft lag in Silber und Grün. Links ihm zur Seite +murmelte der glitzernde Düsselbach, und durch das frühlingsprangende +Gebüsch blinkten die weißen Teiche, auf denen träumende Schwäne stille +Bahnen zogen. Der Zauber der Romantik lag ausgebreitet über dem Kleinod +des Niederrheins. + +Und weiter wanderte er, bis er durch die Nacht die Wogen des +Rheinstroms klingen hörte und die rastlos drängenden Wassermassen sah. +Er schaute den Strom hinab und hinauf, und wieder hinauf und hinab. +Mit einem langen, dankbaren Blick. Dann wandte er sich zur Stadt +zurück und schritt, am Hohenzollernschloß, dem Jägerhof, vorbei, die +Pempelforterstraße entlang. + +Da lag das kleine, baufällige Haus, in dem Hannes ihre Jugend verbracht +hatte, in dem er das junge, sonst so trotzige Geschöpf zum ersten Male +in seiner süßen Weichheit unter Rosen gesehen hatte. Unter ~seinen~ +Rosen. Er entsann sich ganz genau, wie er die Blumen selbst am frühen +Morgen im Garten abgeschnitten hatte. Die Rosen aber, die sie jetzt +schmückten, waren nicht mehr die seinen, und das alte Haus wurde nun +abgerissen. + +Er konnte nicht anders, er nahm den Hut ab, wie zum Gebet. Seine Augen +lagen tief eingesunken und erloschen in ihren Höhlen. + +Als er sich endlich losriß, sah er einen Menschen neben sich stehen. + +Es war Springe. + +Wortlos standen sich die beiden Männer gegenüber. Dann nahm der Ältere +sanft den Arm des Jüngeren. + +»Komm nach Hause, Hans!« + +»Ich bin auf dem Wege.« + +»War der Umweg so dringend nötig?« + +»Ja, Alter, er war nötig.« + +»Hans,« sagte der andere und faßte ihn unwillkürlich fester am Arm, »du +hast mir noch nie so schlecht gefallen wie in dieser Mondbeleuchtung.« + +»Das wird sich bis morgen geändert haben.« + +»Rede nicht so delphisch. Ohne Grund hast du nicht gerade diese Route +zum Nachhausegehen gewählt. Du führst etwas im Sinne. Das — das sah +vorhin einem Abschiednehmen ganz verteufelt ähnlich. Hans! Sei offen +gegen mich. Du willst uns verlassen, dich treibt es wieder fort ...« + +»Und wenn es so wäre. Wir hätten alle Ruhe.« + +»Ruhe —? Du, schau mich einmal an. Ganz frei, ganz ohne Rückhalt, so, +wie du als Junge konntest —« + +Und plötzlich durchfuhr es den Mann. Er hatte in diesem stillen, +lächelnden Blick etwas gelesen. Er glaubte sich zu täuschen. Er faßte +den seltsam ruhigen Freund bei den Schultern und starrte ihm in das +weiße Gesicht. Es war kein Zweifel mehr, er hatte Klarheit. + +»Hans,« brachte er mühsam hervor, »Hans, das darfst du nicht. So weit +sind wir, bei Gott, noch lange nicht! In acht, in vierzehn Tagen bist +du gesund, ich garantier’ es dir. Aber das darfst du nicht!« + +»Was ist denn Großes dabei — bei einer Reise!« + +»Lüge nicht, Hans! Du kommst nicht wieder, wenn du reisest; du — du +willst dich töten ...« + +Das Wort war gesprochen, und atemlos wartete Springe auf ein Echo. + +»Lieber Heinrich,« sagte Hans Steinherr ernst, »so lieb ich dich habe: +in meine letzten Entschlüsse einzudringen oder gar einzugreifen, dazu +gebe ich niemand das Recht. Auch dir nicht.« + +Heinrich Springe nahm sein Herz in beide Hände. Er zwang sich mit aller +Gewalt zur Ruhe, zur kühlen Überlegung. Hier war nur Kaltblütigkeit am +Platz. + +»Hans,« sagte er, »ich sehe, du entziehst mir dein Vertrauen, obwohl +ich nun genug weiß. Aber was hilft mir das Wissen! Über dein Leben habe +ich nicht zu verfügen, und wollte ich es doch tun, so würd’st du schon +Mittel und Wege genug finden, um dein Vorhaben auszuführen. Nur einen +Aufschub verlang’ ich.« + +»Dies ist die letzte Nacht.« + +»Wann hast du es beschlossen?« + +»Vor einer Stunde.« + +»Vor einer Stunde erst? Und jetzt schon —? Hans, so stehlen sich +Kassendefraudanten aus dem Leben oder unreife Knaben. Nicht Männer, +die da wissen, daß sie eine Mutter und Freunde zurücklassen. Du wirst +noch eine Nacht darüber hingehen lassen, du wirst den Mut bekunden, am +hellen, lichten Tag deinem Vorhaben ins Auge zu sehen. Du wirst dich +zur Ruhe legen, und wenn du morgen früh ausstehst und du sagst mir: Es +bleibt dabei — so will ich gehen und dich nicht mehr hindern. Daraus +gebe ich dir mein Ehrenwort, mein heiliges, nie gebrochenes Wort.« + +»Es ist zwecklos, aber ich will dir den Wunsch erfüllen. Komm mit! Du +kannst mich sogar überwachen.« + +Schweigend schritten sie durch die mondbeglänzte Frühlingsnacht, die +tausendfältig das Leben gebar. + +[Illustration] + + + + +Zehntes Kapitel + + +»Was wünschest du, das geschieht?« fragte Hans Steinherr wie ein +freundlicher Wirt, als sie in seinem Hause an der gartenbekränzten +Grafenbergerchaussee angelangt waren und Heinrich Springe rastlos durch +das Zimmer wanderte. + +Der Angeredete unterbrach seinen Gang. + +»Hans —!« sagte er, und er legte alle Liebe und alle Innigkeit in den +Ton. Er ging auf ihn zu, faßte seine Hände und suchte seinen Blick. +»Hans — —!« + +Der aber schüttelte stumm verneinend den Kopf. + +»Hans,« fuhr Springe eindringlicher fort, »du kannst es ja nicht +wollen. Du hast ja vergessen, an deine Mutter zu denken. Ich will von +niemand sonst reden. Nur von deiner Mutter ...« + +»Meine Mutter,« sagte Hans Steinherr und sah zur Seite, »meine Mutter +ist durch das Glück geschützt. Der Verlust, der sie trifft, wird an +ihrem Reichtum nichts ändern.« + +Er holte tief Atem. Dann fand er ein ruhiges und entschlossenes Wort: +»Heinrich, mache keinen weiteren Versuch. Laß mich nicht bereuen, daß +ich dich nicht auf der Stelle abgewiesen habe. Ich versprach dir, +die nüchterne Überlegung am Morgen abzuwarten, obschon sie nicht +nüchterner ausfallen kann. Mehr kann ich nicht und mehr will ich nicht. +Das — ist mein letztes Wort.« + +»Hans — —!« + +Aber als der Freund sich abwandte, müde der Erwiderungen, ließ +Springe von jedem Überredungsversuch ab, trat hinter ihn und legte +schonungsvoll den Arm um ihn. + +»Komm, ich bringe dich in dein Zimmer. Du sollst jetzt ruhig schlafen.« + +Hans Steinherr lächelte leise über die sorglichen Bemühungen, aber er +ließ sie geschehen. + +Sie gingen die Treppen hinauf, in das obere Stockwerk, in dem das +Schlafzimmer lag. Dort ließ sich Hans schweigend auf das Ruhebett +fallen. + +»Laß die Lampe brennen, Hans. Licht ist gut gegen einsame Gedanken. Und +ich möchte von Zeit zu Zeit nachsehen kommen, ob du eingeschlafen bist +oder den Wunsch hast, mich zu sprechen. Gute Nacht, Hans; ich wünsche +dir mit aller Bedeutung eine ~gute~ Nacht!« + +Unten im Hausflur blieb er stehen und horchte angespannt. Dann stieg +er schnell ins Souterrain hinab und klopfte behutsam an der Tür der +Wirtschafterin. Die Alte hatte den leichten Schlaf des Alters. Sie +erwachte sofort und fragte, ob der Herr Doktor noch ein Verlangen habe. + +»Bitte, Frau Schmitz, stehen Sie gleich auf! Ich bin’s, Heinrich von +Springe. Sie müssen mir eine Gefälligkeit erweisen.« + +In wenigen Minuten hatte die erschrockene Person ihre Kleider +übergeworfen. Springe beruhigte sie. + +»Es ist nichts. Herr Hans fühlt sich nicht ganz wohl. Aber ich möchte +doch auf alle Fälle mit Fräulein Stahl sprechen. Gehen Sie doch bitte +sofort zur Immermannstraße — die Dienstmädchen machen leicht eine +übertriebene Geschichte daraus — und ersuchen Sie Fräulein Stahl in +meinem Namen, sich gleich herzubemühen. Das Fräulein versprach mir, +aufzubleiben, bis ich aus dem ›Malkasten‹ zurück sei. Wir wollten noch +plaudern.« + +»Soll ich nicht,« fragte die alte Frau ängstlich, »gleich einen Doktor +mitbringen?« + +»Das wird hoffentlich nicht von nöten sein. Eilen Sie nur!« + +Er sah ihr vom offenen Fenster aus nach, wie sie in ihrem großen +Umschlagetuch eilig die Straße dahintrippelte. + +Eine qualvoll lange Stunde begann für den Mann am Fenster. Er zog die +Uhr. Es war eins. Vor zwei Uhr konnte Hannes nicht eintreffen. Und wenn +sie nicht aufgeblieben, wenn sie schon zur Ruhe gegangen war? Aber +nein, sie hatte ja am Abend erst versprochen, zu warten. Es drängte +sie ja viel zu sehr, zu hören, ob der heitere Abend günstig auf Hans +eingewirkt habe. Sie wollten ja noch Pläne miteinander schmieden, +allein, ohne von den anderen gestört zu werden. + +Hannes würde kommen; Hannes würde ganz bestimmt kommen! + +Fern, aus einem der Gärten, tönten die langgezogenen Koloraturen einer +Nachtigall. Sobald ihr Ruf in einem Triller erstarb, antwortete eine +andere. Hin und her ging das Spiel, im Lauschen und im Schwelgen. + +Aber Springe hatte heute keinen Sinn für den Wohllaut der Nacht. Als +er sich dennoch beim Horchen ertappte, riß er sich ärgerlich los. Das +Tirilieren zog ihn ab. Er hatte sein Gehör einer anderen Richtung zu +schenken. + +Das Viertelstundenschlagen der Turmuhren erschien ihm endlos. Er +tastete nach seiner Zigarrentasche. Aber jetzt zu rauchen, kam ihm wie +ein Verbrechen vor. Er verspürte auch nicht die geringste Lust. + +Eben hatte es dreiviertel zwei geschlagen, und seine Nervosität +war gestiegen, daß er die Zähne zusammenbeißen und die Fingernägel +in das Fensterbrett einkratzen mußte. Herrgott, das ging ja über +Menschenkräfte. Das war ja wie eine Nacht vor dem Schafott. Schlimmer, +schlimmer. Da oben lag ein Mensch, den Tod vor Augen, und er stand +hier unten, tatenlos, wie ein Publikum. Er fühlte, wie auf seiner +Stirn große, kalte Tropfen standen. Und da draußen dieses schwelgende +Nachtigallenkonzert, als gäbe es jetzt auf der weiten Welt nichts +Dringenderes zu tun, als Liebeslieder zu singen ... + +Ein Schritt! Ein ganz hastiger Schritt! — —? + +So weit, als er es vermochte, beugte sich Springe aus dem Fenster, um +die Straße zu übersehen. + +Da! Das Mondlicht schuf taghelle Beleuchtung. Eine Frau! Eine Frau im +Umschlagetuch ...! Heiliger Vater im Himmel, die Frau kam allein zurück! + +Er stürzte nach der Haustür, er öffnete — + +Es war Hannes. + +Der Umschwung seiner Empfindungen war so stark, daß er sich einen +Atemzug lang gegen die Tür lehnen mußte — daß das Mädchen in jäher +Angst nach seinen Armen griff — daß sie Entsetzliches befürchtete — + +»Nein, nein!« stieß er hervor. »Es kam nur — ich dachte — Frau Schmitz +käme allein. Ich sah nur das große Umschlagetuch. Wenn man in der Nacht +wartet, spielt die Phantasie Streiche. Mädel, Mädel, Gott Dank, daß du +da bist!« + +Er drückte geräuschlos die Tür ins Schloß und führte das Mädchen +vorsichtig ins Zimmer. + +»Du warst noch auf, als die Frau kam? Hat keiner etwas gehört?« + +»Ich stand am Fenster, Onkel, und öffnete ihr, ohne daß sie zu läuten +brauchte. Als sie mir deine Bestellung ausgerichtet hatte, nahm ich +gleich ihr Umschlagetuch, ohne erst den Hut zu holen, bat die Frau, an +meiner Stelle dort zu bleiben, für den Fall, daß Großmutter zufällig +aufstehen und nach mir sehen sollte, und hastete hierher. Aber so +sprich doch um Gottes willen, was ist? Was ist mit Hans?« + +Und in fliegender Eile berichtete er ihr die Vorgänge des Abends. + +»Was ich auch vorbrachte, Hannes, alles war vergebens. Er war fertig +mit sich. Er hatte Abschluß gemacht. Das einzige, was ich in meiner +Todesangst erzielte, war der Aufschub bis zum Morgen. Und bis dahin ist +nicht mehr weit.« + +Hannes stand blaß vor ihm, aber sie stand aufrecht. Die großen, tiefen +Augen weit geöffnet, ging ihr Blick an ihm vorbei. + +»Nein, Onkel Springe, so spät ist es noch nicht.« + +»Ich wußte mir keinen anderen Rat als dich.« + +»Ich danke dir, Onkel Springe, Hat er von mir noch gesprochen?« + +»Nein, Kind. Aber das beweist nichts. Viel eher ...« + +»Onkel Springe,« sagte sie, bevor er vollenden konnte, »ich muß sofort +zu ihm.« + +»Ich hatte das erwartet,« murmelte Springe, »aber es mußte von dir +ausgehen.« + +»Willst du mich hinbringen? Wo ist er jetzt?« + +»Ich habe ihn dazu bewogen, sich zur Ruhe zu legen. In seinem +Schlafzimmer.« + +Aus den letzten Worten hörte sie die zögernde Frage heraus. Da sah sie +ihn ernst an. + +»Wie kann mich das hindern! Komm, Onkel Springe. Und dann, nicht wahr, +dann läßt du mich allein.« + +In Springes Brust stieg eine breite Atemwelle auf. Er antwortete nichts +als: »Ich wußte es ja, ich wußte es ja. In dir täuscht man sich nicht.« + +Dann ging er ihr voran in das obere Stockwerk und öffnete leise die Tür +zu Hans’ Zimmer. + +Hans Steinherr lag auf dem Ruhebett, ganz still, das Gesicht der Wand +zugekehrt. + +»Bist du es, Heinrich?« fragte er und wendete ein wenig den Kopf. + +Hannes hatte die Tür hinter sich ins Schloß gedrückt. Jetzt, allein +mit ihm, schlug ihr das Herz so rasend, daß ihr schwindelte. Aber sie +bezwang sich mit aller Tapferkeit, trat rasch an ihn heran, beugte +sich über ihn, und bevor er einen Schrei der Überraschung auszustoßen +vermochte, hatte sie ihre Lippen fest auf seinen Mund gepreßt, als +müßte es so sein — —. + +»Hans, mein alter, lieber Hans! Nun sage mir, was dir fehlt.« + +Hans Steinherr versuchte zu sprechen. Er rang nach Klarheit, nach +Bewußtsein. Mit entsetzten Augen starrte er die Erscheinung an, von +der er nicht wußte, wie sie zu dieser Stunde in dieses Zimmer kam. Und +sie strich mit ganz weicher Hand über diese wilden Augen und sagte nur +immer: »Mein alter, lieber Hans ...« + +Noch einmal versuchte er, die Lippen zu bewegen. Aber es kam kein Ton. +Sie sah nur, wie seine Schultern schütterten, und sie hinderte ihn +nicht. Vielleicht, daß er weinte — —. Nur mit zärtlichen Fingern strich +sie über sein Haar und wiederholte von Zeit zu Zeit: »Alter, lieber +Hans! Glaubtest du denn wirklich, daß ich dich so gehen lassen würde? +Einfach gehen lassen?« + +Dann wurde er allmählich stiller, und sie saß bei ihm und wartete +geduldig, bis er reden würde. Ihre weichen, warmen Hände, die jetzt auf +seiner Stirn lagen, zeigten ihm, daß sie wartete. + +»Was nun?« stammelte er, »was denn nun? Das — das habt ihr ja glücklich +zu stande gebracht. Nun kann ich es doch nicht mehr tun — —« + +»Wenn du es getan hättest, Hans, und ich hätte es erst morgen früh +erfahren, ich hätte dich doch nicht allein gelassen.« + +Er sah sie verständnislos an. Seine Gedanken sprangen noch immer im +Zickzack durch seinen Kopf. + +»Darauf bist du nicht selbst gekommen, Hans? Daß ich abgereist wäre, +um die lieben Menschen hier nicht so arg zu treffen, und dir an irgend +einem Winkel der Welt — nachgefolgt wäre?« + +»Hannes, Hannes!« brachte er hervor, »wie kannst du das aussprechen — —« + +»Wundert dich das? Das solltest du dir nicht gedacht haben, und wußtest +doch, daß ich dich liebte?« + +»Nein, nein!« rief er. »Das habe ich ~nicht~ gewußt. Das wäre ja +Wahnsinn gewesen.« + +»Was es ist,« sagte sie und lächelte vor sich hin, »das kann ich dir +nicht sagen. Denn ich weiß ja nur das eine: daß ich dich lieb habe; so +lieb, wie nur je im Leben; wie damals, als wir Kinder waren, und noch +viel lieber.« + +»Quäl’ mich nicht! Quäl’ mich nicht so!« + +Da nahm sie hastig seinen Kopf und drückte ihn gegen ihre Brust. +»Ruhig,« beschwichtigte sie mit ihrer tiefen, klingenden Stimme, +»ruhig, ganz ruhig. Es ist so, und nun hast du es mir zu glauben.« + +Er regte sich nicht. Er lag wie im Arm einer Mutter. Wie unendlich wohl +das tat — — + +Und nach einer Weile sagte sie: »Du darfst nur sprechen, wenn du +vernünftig bist.« + +»Ich bin’s.« + +»Nur, wenn du etwas Vernünftiges zu sagen hast.« + +»Hannes, Hannes, du bist so lieb, so — so — und es ist doch alles +nutzlos.« + +»Magst du mich so wenig leiden, Hans? Trotzdem ich mich dir aufdränge?« + +»Du kannst scherzen,« sagte er tonlos. Aber als sie eine Bewegung +machte, drückte er den Kopf fester gegen ihre Brust und schlang scheu +den Arm um ihren Hals. + +Sie hielt ganz still. Das war der Knabe — — der Knabe von ehemals. + +»Hannes, es ist nichts aus mir geworden. Ich bin nichts und ich werde +nichts. Hingegen du — du hast alles erreicht. Das sind doch keine +Gleichheiten, die zueinander passen.« + +»Dein Talent ist zehnmal größer und wichtiger als meins. « + +»Mein Talent? Ich habe keins. Ich hab’s in der Fabrik draußen kläglich +erproben können.« + +»Wer spricht denn von der Fabrik?« + +»Von der Fabrik nicht?« + +Er ließ sie los und schaute sie staunend an. + +»Ja, wenn nicht von der Fabrik, von was denn in aller Welt?« + +»Hältst du mich für so dumm, mein dummer Hans? Meinst du denn, ich +hätte deine Gedichte und deine kunsthistorischen Aufsätze nicht in den +Zeitschriften gelesen? Oder traust du mir so gar kein Verständnis zu?« + +Er lachte laut auf. »Meine Gedichte! Meine Aufsätze! Ein nettes, wirres +Zeug — —« + +»O ja,« sagte sie, ohne die Ironie zu beachten, »ein bißchen wild ging +es ja manchmal darin zu. Aber das lag nicht an deinem Kunstvermögen, +das lag an dir armem, liebem Kerl selbst. Dir fehlte die Sammlung. Man +muß ein Ziel haben, um unbeirrt marschieren zu können.« + +Und als sie sah, daß wieder der sarkastische Zug um seinen Mund +auftauchen wollte, fügte sie mit ganz leiser, ganz durchsichtiger +Schelmerei hinzu: »Wie kann man Sammlung haben, wenn man nicht einmal +eine Frau hat!« + +»Hannes!« rief er, von dem alten Heimatston gepackt, »Hannes!« + +»Aha, das siehst du ein. Das ist der erste Schritt zur Besserung. Und +da ich nun doch einmal dabei bin, mich dir auf die schönste Weise +anzutragen, so merk dir noch, daß ich schon ganz tüchtig verdiene, und +daß du, als der Mann, mich unbedingt überholen mußt.« + +Da lachte er nur auf. + +Aber nun gab sie nicht mehr nach und kniete an seiner Seite, als wollte +sie sich ganz klein machen. + +»Hans, Hans, heraus mit dem Ehrgeiz! Ich habe allezeit zu dir +aufgeschaut! Du bist ja so reich an Wissen und Können, daß du deine +Schätze gar nicht einmal überblicken kannst, wenn du erst anfängst, mit +deinem Pfund zu wuchern! Und höre einmal: Ich hab’ eine große Furcht. +Eine gewaltige Furcht wegen meines großen Einkommens. Wahrhaftig, Hans. +Ich fürchte — ich fürchte — ach, Hans, ich werde einmal entsetzlich +faul werden. Und wenn du mich lieb hast, wirst du dir das selber +zuzuschreiben haben.« + +Und wieder hatte der frische Heimatston des rheinischen Mädchens +gesiegt. + +»Hannes, das geb’ ich nicht zu. Auf keinen Fall! Die Kunst ist etwas +Heiliges, der wird man nicht untreu.« + +»So geh mir mit gutem Beispiel voran!« + +»Nein, du mir!« + +»Ich habe zuerst drum gebeten. Sei nicht geizig!« + +»Aber ich weiß ja nicht einmal, wie und wo ich es anfassen soll.« + +»Hans, das sagt ein Düsseldorfer? Hier, deine, unsere Vaterstadt +wartet. Hier ist Terrain. Hier werden Männer benötigt, die für die alte +und jung aufblühende Düsseldorfer Kunst eine Klinge zu schlagen wissen. +Gegen den Zopf bei uns selber und gegen die Hämlinge da draußen! Wie? +Hab’ ich das nicht schön gesagt? Hans, hier gibt’s Arbeit. Und wenn +du mit ihr noch nicht auskommst, widme dich dem öffentlichen Leben. +Ach, Hans, und wenn dich der Ehrgeiz plagt, kannst du noch einmal +beigeordneter Bürgermeister für das Kunstdepartement der guten Stadt +Düsseldorf werden. Hans, sind das nicht Aussichten?« + +Und sie lachte ihr klingendes, glückseliges Lachen, das ansteckend auf +den staunenden Horcher wirkte, der mit leuchtenden Augen jedem ihrer +Worte gefolgt war. + +»Hans, gib acht, wenn die Sammlung kommt! Wenn du erst deine Kräfte in +Kopf, Herz und Faust zusammen hast! Wie dann der Dichter sich melden +wird, der die Stimmen in sich und um sich her sammelt. O, ich bin ja +so froh, daß du kein Wunderkind geworden bist, kein Überflieger ohne +Wurzelland. Ein Baum muß wachsen in Sturm und Wetter.« + +Sie hatte den Kopf an den seinen geschmiegt, und plötzlich begann sie +leise eine Verszeile aus »Ännchen von Tharau« zu singen. + + »Recht als ein Palmenbaum über sich steigt, + Hat ihn erst Regen und Sturmwind gebeugt — —« + +Da konnte er sich nicht mehr enthalten. Da schlang er die Arme um sie +und küßte sie auf die Lippen, auf die Augen, auf das schimmernde, +rotblonde Haar. Als ein Gesunder! Als ein Mensch, der nach dem Leben +verlangt, nach dem fröhlichen Kampf und dem segenschweren Sieg. + +»Hannes, alter, kleiner Hannes! Liebste, ach du Aller-Allerliebste! +Jetzt lass’ ich dich nicht mehr los.« + +»Ich hab’ dich nie losgelassen, Hans.« — — + +Sie hörten ihre Herzen schlagen. Das war ein Gleichklang. + +Und mit einem Male, in der neuen Gesundheit seines Empfindens, wurde +sich Hans Steinherr der Situation bewußt. + +»Mädel, Mädel, wo bist du denn hingeraten? Das ist ja mein Schlafzimmer +— —« + +»Herr Gott!« schrie sie auf und wich bis an die Wand zurück. + +»Hans,« sagte sie dumpf, aber in ihrer Stimme vibrierte der Schalk und +das Glück, »du hast mich fürchterlich kompromittiert.« + +»Aber du warst ja als Krankenschwester bei mir.« + +»Der Kranke ist kerngesund. Ich hab’ die Beweise. Kannst du das +leugnen?« + +»Nein, ich kann es ~nicht~ leugnen.« + +»Du hast mich also kompromittiert, und du wirst wissen, was ein +Ehrenmann zu tun hat.« + +»Hannes!« flehte er. + +»Ja oder nein?« + +»Wenn es denn nicht anders ist —: Ja!« + +»O, bitte: das genügt mir nicht. Deutlicher, klarer, Herr Doktor +Steinherr!« + +»Hannes, ich seh’ es ein, ich muß dich heiraten.« + +Da flog sie wie der Wind heran und umhalste ihn wie ein glückliches +Kind. »Hans, mein alter, lieber Hans!« + +»O du alter, kleiner Hannes!« + +»Weißt du, wir könnten die beiden Namen in einen fassen.« + +»Wir sind ja eins und sind es immer gewesen.« + +Und sie plauderten und schwatzten wie die Kinder von den Erinnerungen, +und das dritte Wort war: »Weißt du noch?« + +»Weißt du noch,« fragte Hannes, »als wir im Regen durch den Hofgarten +liefen und ich es nicht wollte, daß du mir auf die Füße sahst, wenn ich +über die Pfützen springen mußte, und du dann riefst: Ach, in ein paar +Jahren bist du ja doch meine Frau?! Und heute bin ich zu dir gekommen, +weil ich es mußte, und weißt du, was ~ich~ jetzt rufe?: Ach, in ein +paar Wochen bist du ja doch mein Mann! Kuß! So, und jetzt müssen wir zu +Onkel Springe.« + +Aber sie hielt ihn noch einmal an der Tür zurück. Mit einem lieben, +ernsten Zug im Gesicht. + +»Hans, du darfst mich nicht falsch verstehen. Meine Liebe soll dir nie +eine Last sein, sie soll dir — meine Liebe sein. Du hast als Künstler +die Welt nötig. Du ~mußt~ sogar die Welt nötig haben, wenn du immer ein +Wahrheitsschilderer bleiben willst. Und du wirst überall die Schönheit +suchen, und manch eine Frau wirst du schön und interessant finden. +Hans, ich werde nie eifersüchtig sein. Meine Liebe steht so felsenfest, +daß ich weiß: ich werde der Hafen sein, zu dem er nach jeder Ausfahrt +freudig und mit überlegenem Lächeln zurückkehrt. Das, Hans, das war’s, +was ich dir noch sagen wollte.« + +Er hielt ihre Hände fest und war keines Wortes mächtig. + +Dann gingen sie, Hand in Hand. Sein Schritt war fest und schnell. Ein +aufrechtes Mannestum war in ihm und eine Heiterkeit, die nach frischer +Lebenstat Ausschau hält, den Dank für das Leben zu bekunden. — — + +Heinrich von Springe war, nachdem er Hannes in Hans Steinherrs +Zimmer hatte eintreten lassen, sofort umgekehrt. Zuerst hatte er +seine Wanderung durch das Parterrezimmer wieder aufgenommen, dann +war er lange auf einem Fleck stehen geblieben, um seiner Erregung +Herr zu werden, und die abenteuerlichsten Pläne waren ihm durch den +Kopf gegangen, für den Fall, daß das Mädchen unverrichteter Sache +zurückkehren würde. Als aber Viertelstunde auf Viertelstunde verstrich, +ohne daß das Mädchen wieder aufgetaucht wäre, löste sich die lastende +Spannung in ein verblüfftes Staunen, und das Staunen endlich in ein +breites Behagen — —. + +Es schlug drei Uhr. Da tastete er wieder einmal nach seiner Rocktasche, +und diesmal brachte er schmunzelnd sein Etui hervor und zündete sich +mit der Miene eines Mannes, der einen Genuß zu würdigen versteht, eine +große Zigarre an. + +Dann legte er sich in das offene Fenster, so bequem es ihm möglich +schien, und beobachtete den heraufziehenden Frühlingsmorgen. + +Noch immer schlug im fernen Garten eine Nachtigall, und ihr lockender +Ruf ließ eine zweite antworten. Aber Dialog und Duett irritierten ihn +nicht mehr. Ja, wenn ihm eine Pause in musikalischer Beziehung zu lang +ausgesponnen vorkam, nahm er seine Zigarre aus dem Mund und ahmte leise +den Lockruf nach. + +»Tü — — Türülü — — —« + +Und er freute sich kindisch, wenn die kleinen unsichtbaren +Gesangskünstler prompt einsetzten. + +Jetzt war er so in sein Tun vertieft, daß er das Uhrenschlagen +überhaupt überhörte. Nur einen Schritt überhörte er nicht. Der klang +ihm denn doch zu bekannt. So ging nur Frau Margot. + +Sie war schon dicht vor dem Hause, da lehnte er sich, die Zigarre +zwischen den Lippen, weit aus dem Fenster, damit sie ihn erkennen +sollte, und rief so gemütlich und fröhlich, als ob es sich um eine +Absprache handelte: »Guten Morgen! Guten Morgen, du allerschönste Frau! +Hast du dich auch herbemüht?« + +Frau Margot war sprachlos. Sie hatte den Weg in der treibenden Angst +der Ungewißheit zurückgelegt, von allen erdenkbaren Schreckensbildern +erfüllt, und nun rekelte sich ihr geliebter Mann zigarrenrauchend im +Fenster und machte Naturstudien! + +»Aber Heinz — — aber Heinz!« + +»Willst du zum Fenster einsteigen, oder soll ich dich feierlich an der +Tür des Hauses empfangen?« + +»Sei nicht so unvernünftig fidel. Ich bin ja ganz hin.« + +»Das, Liebste, kommt davon, wenn man nicht seine unvernünftige +Fidelität beibehält.« + +»Heinz, so öffne doch!« + +»Aber nicht prügeln, hörst du? Ich habe nichts verbrochen!« + +Sie schüttelte lachend den Kopf über den Unverbesserlichen. + +Nun war sie bei ihm im Zimmer und bestürmte ihn um Auskunft. + +»Erst beichten, wer dich mir auf die Spur gebracht hat. Es muß alles +seine Ordnung haben.« + +»Ach Gott, Heinz, ich wachte auf und fand deinen Platz immer noch leer. +Das ängstigte mich, und ich nahm meinen Morgenrock über, um zu sehen, +ob bei den Toggenburgers noch Licht sei. Du und Hannes, ihr hattet ja +den ganzen Tag über Heimlichkeiten gehabt. Und als ich wirklich noch +Lichtschein entdeckte, klopfte ich leise an. Du kannst dir meinen +Schreck vorstellen, als die Wirtschafterin von Hans mir öffnete.« + +»Das ist die Strafe, wenn die Frau nicht vertrauensvoll den Mann +erwarten kann,« sagte Heinrich Springe. + +»Spotte du noch! Mir war alle Lustigkeit vergangen. Und als mir Frau +Schmitz gar mitteilte, daß sie das Fräulein hätte holen müssen, weil +der Herr Doktor daheim wohl erkrankt sei, da war ich im Handumdrehen +angekleidet und, und — da bin ich.« + +»Und nun beruhigt, Liebste?« + +»Beruhigt —? Aber ich bin ja noch so klug wie zuvor.« + +»Ach so,« stimmte Springe bei. »Ja — viel klüger bin ich auch nicht.« + +»Aber so sag doch endlich, ob Hans wirklich krank ist!« + +»Krank? I wo! Der wird sich in diesem Augenblick wohl so urgemütlich +befinden wie noch nie in seinem Leben. Ich nehme das wenigstens an.« + +»Heinz, sei ernsthaft! Was ist hier vorgegangen? Weshalb hast +du Hannes in der Nacht herholen lassen? Du mußtest doch sehr +schwerwiegende Gründe haben.« + +»Ja, Margot, die hatte ich. Du siehst, ich bin jetzt ganz ernst. Hans +wollte in dieser Nacht ohne Abschied von dannen. Er wollte wieder +reisen, ins Ungewisse. Vielleicht wäre er nie wieder gekommen. Ich +erfuhr davon, ich habe lang’ auf ihn eingeredet, bei uns zu bleiben, +gesund und froh zu werden. Es half nichts. Da dachte ich: Hier kann +nur eine helfen. Wenn die Namen der Mutter und des Freundes versagen, +bleibt als letztes der Name der Geliebten. Und so griff ich denn zu der +stärksten Beschwörung und ließ Hannes holen.« + +»Sie muß ihn sehr lieb haben,« sagte Frau Margot leise und drückte die +Hand des Gatten. + +»Und er sie nicht minder,« entgegnete Heinrich Springe, »denn er +scheint sie jetzt überhaupt nicht mehr hergeben zu wollen. Diese +Egoisten haben meine Existenz total vergessen.« + +»Wo sind sie denn? Ich möchte sie sehen.« + +»Oben. In seinem Schlafzimmer.« + +»In seinem — —?« + +»Aber Liebste, mach doch nicht so liebe, dumme Augen. Sie sind in der +Tat oben. Der Junge hatte sich zur Ruhe gelegt, um nicht gestört zu +werden, und in der Frühe wollte er heimlich davon. Da ist das tapfere +Mädel schnurstracks hinaufgegangen, um ihn zu zwingen, sie anzuhören. +Nicht nur für sich, für uns alle. Spürst du denn nicht, wie kleinlich +und nichts-bedeutend in der Stunde der Gefahr alle sogenannten +Anstandsregeln werden? Zimperlichkeit ist nicht rheinische Art.« + +Frau Margot schmiegte sich an seinen Arm und lachte zu ihm auf. + +»Du, du? Ist das nicht unschicklich?« + +»Unschicklich ist es,« sagte Heinrich Springe mit einem tiefen Atemzug, +»aber es ist auch verdammt schön! Und siehst du,« fuhr er fort und +legte den Arm um ihren Leib, »weil die Schönheit gar so selten ist, so +soll man sie, wenn sie uns grüßt, halten und fassen, wie und wo man +kann. Und nie, nie im Leben soll man sie ungeküßt von dannen lassen.« + +Am offenen Fenster zog er ihren Kopf zu sich heran, und sie wehrte +nicht, und sie küßten sich. + +»Das ist aller Weisheit Schluß, du liebe Frau.« — + +Die Tür öffnete sich. Da waren die Kinder. + +Und wortlos eilten die beiden Frauen aufeinander zu und umarmten sich. +Eine jede den Kuß des Liebsten auf den Lippen. + +»Mutter —« sagte endlich Hannes. + +Frau Margot aber nahm beider Hände in die ihren — — — + +Heinrich Springe hatte sich abgewendet. Unmännliche Rührung mißbilligte +er an der eigenen Person. + +Dann standen sie alle am Fenster und atmeten tief in der Frühlingsluft. + +»Wie weiß die Gärten in Blüte stehen,« sagte Hannes. »Das kommt, ohne +Fragen und Zaudern, weil es seine Bestimmung ist.« + +»Das ist eine bräutliche Nacht,« nickte Frau Margot. »Duft und Licht +und Klang vermählen sich in eins.« + +Heinrich Springe stand zwischen den beiden Frauen. Er wußte keine +Sentenz. Aber er drückte sie beide an sich und sagte, lachenden, +leuchtenden Auges in den aufsteigenden Morgen hinausschauend: + +»Kinder, Kinder, es ist doch etwas Eigenes um den Frühling am +Niederrhein.« — — — + +[Illustration] + + + + +J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger G. m. b. H. + +Stuttgart und Berlin + +Die nachstehend verzeichneten Romane und Novellen sind auch +in Leinwand gebunden zu beziehen + +Preis für den Einband 1 Mark + + Geheftet + + ~Andreas-Salomé~, Lou, Ruth. Erzählung. 3. Aufl. M. 3.50 + + —"— Aus fremder Seele. Eine Spätherbstgeschichte + 2. Auflage M. 2.— + + —"— Fenitschka. Eine Ausschweifung + Zwei Erzählungen M. 2.50 + + —"— Menschenkinder. Novellencyklus. 2. Auflage M. 3.50 + + —"— Ma. Ein Porträt. 2. Auflage M. 2.50 + + —"— Im Zwischenland. Fünf Geschichten. 2. Aufl. M. 3.50 + + ~Anzengruber~, Ludwig, Wolken und Sunn’schein + 2. Auflage M. 3.— + + ~Arminius~, Wilhelm, Der Weg zur Erkenntnis M. 3.— + + —"— Yorks Offiziere. Historischer Roman M. 3.50 + + ~Bertsch~, Hugo, Die Geschwister. Mit einem Vorwort + von Adolf Wilbrandt. 5. Auflage M. 2.50 + + ~Bobertag~, Bianca, Moderne Jugend M. 4.— + + ~Böhlau~, Helene, Salin Kaliske. Novellen. 2. Aufl. M. 3.— + + ~Bourget~, Paul, Das gelobte Land M. 3.— + + ~Boy-Ed~, Ida, Die Lampe der Psyche. 2. Auflage M. 4.— + + —"— Um Helena. 2. Auflage M. 3.50 + + —"— Die säende Hand. 3. Auflage M. 3.50 + + —"— Die große Stimme. Novellen M. 2.— + + ~Bülow~, Frieda v., Kara M. 4.— + + ~Burckhard~, Max, Simon Thums. 2. Auflage M. 3.— + + ~Busse~, Carl, Die Schüler von Polajewo. Novellen M. 2.50 + + ~Ebner-Eschenbach~, Marie v., Erzählungen. 4. Aufl. M. 3.— + + —"— Božena. Erzählung. 6. Auflage M. 3.— + + —"— Margarete. 5. Auflage M. 2.— + + — Moriz v., =Hypnosis perennis.= Ein Wunder des + heiligen Sebastian. Zwei Wiener Geschichten M. 2.— + + ~Eckstein~, Ernst, Nero. 7. Auflage M. 5.— + + ~Ertl~, Emil, Mistral. Novellen M. 3.— + + ~Fontane~, Theodor, Quitt. 2. Auflage M. 3.— + + —"— Unwiederbringlich. 4. Auflage M. 3.— + + ~Fulda~, L., Lebensfragmente. Zwei Novellen. 2. Aufl. M. 2.— + + ~Gleichen-Rußwurm~, A. Freiherr v., Vergeltung M. 3.50 + + ~Grimm~, Herman, Unüberwindliche Mächte. 2 Bde. + 3. Auflage M. 8.— + + ~Haushofer~, Max, Planetenfeuer. Ein Zukunftsroman M. 3.50 + + ~Heer~, J. C., An heiligen Wassern. 15. Auflage M. 3.50 + + —"— Der König der Bernina. 16. Auflage M. 3.50 + + —"— Felix Notvest. 7. Auflage M. 3.50 + + —"— Joggeli. Die Geschichte einer Jugend. 6. Aufl. M. 3.50 + + ~Heilborn~, Ernst, Kleefeld M. 2.— + + ~Herzog~, Rudolf, Die vom Niederrhein M. 4.— + + ~Heyse~, Paul, Neue Novellen. 7. Auflage M. 3.50 + + —"— Marthas Briefe an Maria. 2. Auflage M. 1.— + + —"— Meraner Novellen. 10. Auflage M. 3.50 + + —"— Novellen vom Gardasee. 3. Auflage M. 4.50 + + —"— Kinder der Welt. 2 Bände. 21. Auflage M. 7.20 + + —"— Unvergeßbare Worte und andere Novellen. + 5. Auflage M. 3.60 + + —"— Im Paradiese. 2 Bände. 13. Auflage M. 7.20 + + —"— Der Roman der Stiftsdame. 12. Auflage M. 3.60 + + —"— Moralische Unmöglichkeiten u. and. Geschichten M. 4.50 + + ~Hillern~, Wilhelmine v., ’s Reis am Weg. 3. Aufl. M. 1.50 + + —"— Ein alter Streit. 3. Auflage M. 3.— + + —"— Der Gewaltigste. 3. Auflage M. 3.50 + + —"— Ein Sklave der Freiheit. Roman. 3. Auflage M. 5.— + + ~Höcker~, Paul Oskar, Väterchen M. 3.— + + ~Hopfen~, H., Der letzte Hieb. Eine Studentengeschichte. + 4. Auflage M. 2.50 + + ~Huch~, Ricarda, Erinnerungen von Ludolf Ursleu + dem Jüngeren. 4. Auflage M. 4.— + + ~Junghans~, Sophie, Schwertlilie. 2. Auflage M. 4.— + + ~Kaiser~, J., Wenn die Sonne untergeht. Novellen. + 2. Auflage M. 2.50 + + ~Kirchbach~, Wolfgang, Miniaturen. Fünf Novellen M. 4.— + + ~Langmann~, Philipp, Verflogene Rufe. Novellen M. 2.50 + + ~Lindau~, Paul, Der Zug nach dem Westen. 10. Aufl. M. 4.— + + ~Lindau~, Paul, Arme Mädchen. 8. Auflage M. 4.— + + —"— Spitzen. 7. Auflage M. 4.— + + ~Loti~, Pierre, Japanische Herbsteindrücke M. 3.— + + ~Mauthner~, Fritz, Hypatia. 2. Auflage M. 3.50 + + ~Meyer-Förster~, Wilhelm, Eldena. 2. Auflage M. 3.— + + ~Meyerhof-Hildeck~, Leonie, Töchter der Zeit + Münchner Roman M. 3.— + + ~Muellenbach~, E. (E. Lenbach), Abseits. Erzählungen M. 3.— + + —"— Vom heißen Stein M. 3.— + + —"— Aphrodite und andere Novellen M. 3.— + + ~Petri~, Julius, Pater peccavi! M. 3.— + + ~Prel~, Karl du, Das Kreuz am Ferner. 2. Auflage M. 5.— + + ~Proelß~, Johannes, Bilderstürmer! 2. Auflage M. 4.— + + ~Riehl~, W. H., Aus der Ecke. Sieben Novellen. 4. Aufl. M. 4.— + + —"— Neues Novellenbuch. 3. Auflage. (6. Abdruck) M. 4.— + + —"— Am Feierabend. Sechs neue Novellen. 4. Aufl. M. 4.— + + —"— Kulturgeschichtliche Novellen. 5. Auflage M. 4.— + + ~Saitschick~, Robert, Aus der Tiefe. Ein Lebensbuch M. 2.— + + ~Schunsui~, Tamenaga, Treu bis in den Tod + Historischer Roman M. 3.— + + ~Seidel~, Heinrich, Leberecht Hühnchen. Gesamtausgabe + 2. Auflage (11.–15. Tausend) M. 4.— + + —"— Vorstadtgeschichten. Gesamtausgabe. Erste Reihe M. 4.— + + —"— " " Zweite Reihe M. 4.— + + —"— Heimatgeschichten. Gesamtausgabe. Erste Reihe M. 4.— + + —"— " " Zweite Reihe M. 4.— + + —"— Von Perlin nach Berlin. Aus meinem Leben + Gesamtausgabe M. 4.— + + —"— Phantasiestücke. Gesamtausgabe M. 4.— + + ~Skowronnek~, Richard, Der Bruchhof. 2. Aufl. M. 3.— + + ~Stegemann~, Hermann, Stille Wasser M. 3.— + + —"— Der Gebieter M. 2.50 + + ~Stratz~, Rudolph, Der weiße Tod. 8. Auflage M. 3.— + + —"— Buch der Liebe. Sechs Novellen. 2. Auflage M. 2.50 + + —"— Der arme Konrad. 3. Auflage M. 3.— + + —"— Die letzte Wahl. 3. Auflage M. 3.50 + + —"— Montblanc. 5. Auflage M. 3.— + + —"— Die ewige Burg. 4. Auflage M. 3.— + + —"— Die thörichte Jungfrau. 5. Auflage M. 3.50 + + ~Stratz~, Rudolph, Alt-Heidelberg, du Feine ... 6. Aufl. M. 3.50 + + —"— Es war ein Traum. Berliner Novellen. 4. Aufl. M. 3.50 + + ~Sudermann~, Herm., Frau Sorge. 71. Auflage M. 3.50 + + —"— Geschwister. Zwei Novellen. 26. Auflage M. 3.50 + + —"— Der Katzensteg. 54. Auflage M. 3.50 + + —"— Im Zwielicht. Zwanglose Geschichten. 29. Auflage M. 2.— + + —"— Jolanthes Hochzeit. Erzählung. 26. Auflage M. 2.— + + —"— Es war. 35. Auflage M. 5.— + + ~Telmann~, Konrad, Trinacria. Sizilische Geschichten M. 4.— + + ~Voß~, Richard, Römische Dorfgeschichten. 4. Auflage M. 3.— + + ~Wereschagin~, W. W., Der Kriegskorrespondent M. 2.— + + ~Widmann~, J. V., Touristennovellen M. 4.— + + ~Wilbrandt~, Adolf, Fridolins heimliche Ehe. 3. Aufl. M. 2.50 + + —"— Meister Amor. 3. Auflage M. 3.50 + + —"— Novellen aus der Heimat. 2. Auflage M. 3.50 + + —"— Hermann Ifinger. 6. Auflage M. 4.— + + —"— Der Dornenweg. 4. Auflage M. 3.50 + + —"— Die Osterinsel. 4. Auflage M. 4.— + + —"— Die Rothenburger. 6. Auflage M. 3.— + + —"— Vater und Sohn und andere Geschichten. 2. Aufl. M. 3.— + + —"— Hildegard Mahlmann. 3. Auflage M. 3.50 + + —"— Schleichendes Gift. 3. Auflage M. 3.— + + —"— Die glückliche Frau. 4. Auflage M. 3.— + + —"— Vater Robinson. 3. Auflage M. 3.— + + —"— Der Sänger. 4. Auflage M. 4.— + + —"— Erika. Das Kind. Erzählungen. 3. Auflage M. 3.50 + + —"— Feuerblumen. 3. Auflage M. 3.— + + —"— Franz. 3. Auflage M. 3.50 + + —"— Das lebende Bild u. andere Geschichten. 3. Aufl. M. 3.— + + —"— Ein Mecklenburger. 3. Auflage M. 3.— + + —"— Villa Maria. 3. Auflage M. 3.— + + —"— Familie Roland M. 3.— + + ~Wildenbruch~, E. v., Schwester-Seele. 12. Auflage M. 4.— + + ~Worms~, Karl, Du bist mein. Zeitroman M. 4.— + + —"— Thoms friert M. 4.— + + —"— Die Stillen im Lande. Drei Erzählungen M. 3.— + + —"— Erdkinder M. 3.50 + + + + +_Gedichte_ + +von + +_Rudolf Herzog_ + +Geheftet 2 Mark 50 Pf. In Leinenband 3 Mark 50 Pf. + + +... Die Kunst Herzogs ist eine Kunst großen Stils und kennzeichnet sich +durch große Vornehmheit. Sie ist vornehm, ohne exklusiv zu sein, von +gedanklicher, sprachlicher und architektonischer Schönheit, ohne dunkel +oder stilisiert zu wirken; eine Kunst, die von einer tiefen Auffassung +des Schaffensmysteriums erfüllt ist, eine Innenkunst, die in die Gründe +und Abgründe der Seele steigt, um geheimes Gold an den Tag zu fördern +... + +_Literarisches Centralblatt, Leipzig_ + +... Wie Frühlingsbrausen weht es dem Leser aus der Gedichtsammlung +entgegen. Da spricht eine ganz eigene Persönlichkeit, die vor +allen Dingen durch Frische und unzerstörbaren Lebensmut köstlich +anziehend erscheint. Wie gesund das wirkt nach all den schwülen müden +Schöpfungen, die wir in den letzten zehn Jahren an uns vorübergehen +sahen ... + +_Lübecker Nachrichten_ + +Rudolf Herzog hat sich bisher durch Dramen und Romane eine geachtete +Stellung in der modernen Literatur erworben. Nun hat er uns als die +Frucht vieler Jahre einen Gedichtband geschenkt, in welchem sich +dieselbe starke und gesunde Persönlichkeit, die seinen Romanen ein +subjektives und individuelles Gepräge verlieh, offenbart ... Wenn auch +das Buch voll stark und stürmisch empfundener Poesien ist, so ist es +doch nicht das Werk eines Jünglings ... Es ist das Buch einer Liebe und +ihres Wachsens und ihrer Erfüllung. Und so führt er uns von tiefstem, +herzzerwühlendem Schmerz zu höchster Freude, zum vollen Menschenglücke. +So feiert er den großen Rausch der Liebe und verherrlicht die Stunden +tiefverschwiegenen Liebesglückes, den stillen Frieden des Herdes ... + +_Nationalzeitung, Berlin_ + +=H. M.= Seinen großen Romanen »Der Graf von Gleichen« und »Die vom +Niederrhein« sendet Rudolf Herzog jetzt die Sammlung seiner »Gedichte« +nach. Sie sind es vielleicht, die den Aufgang und die Entwickelung +seines Talentes am lebendigsten zeigen, die das vollste, klarste und +reichste Bild seiner dichterischen Natur geben. Sein ganzes Temperament +sprüht und leuchtet in ihnen, und das Temperament ist zugleich gebildet +und geadelt in künstlerischer Selbstzucht. Was der Most verhieß, ist +er geworden: ein reiner feuriger Wein von feinstem Duft und edelstem +Gehalt. Nennt man die besten Dichter im Lande, wird jetzt auch sein +Name genannt ... + +_Barmer Zeitung_ + +Herzogs »Gedichte« atmen dieselbe Lebensfreudigkeit, den gleichen +kecken Übermut und die nämliche Gefühlswärme, die uns seine Romane +so wert machen. Seine Verse klingen, und aus ihnen tönt es von +Kämpfertrotz und heißer Liebe, von lenzeslinden Lüften und wildem +Sturmeswehen: ein echter Mann und Dichter spricht zu uns, dem die Leyer +zum Schwert wird, wo es gilt, pedantische Moralphilosophen zu befehden. + +_Berliner Börsen-Courier_ + +... Herzogs Muse ist kein blasses, schwindsüchtiges Wesen, das uns +mit den Äußerungen eines krankhaften Zustandes quälen möchte: helle, +fröhliche Augen blicken uns aus diesen Gedichten entgegen, und wir +hören aus ihnen das Lachen und den Spott, zuweilen aber auch den Zorn +und den Schmerz eines gesunden, lebensfrohen Menschen heraus ... Es +ist frische Kraft in den Versen Herzogs, die wir herzlich begrüßen. +_Berliner Lokal-Anzeiger_ + +[Illustration] + + + + +_Der Graf von Gleichen_ + +Moderner Roman aus der Berliner Gesellschaft + +von + +_Rudolf Herzog_ + +Geheftet 4 Mark. In Leinenband 5 Mark + +[Illustration] + +Dieses neueste Werk des jungen, vielversprechenden Verfassers ist ein +gutes Buch voll ernsten Wollens und tüchtigen Könnens. Die Schilderung +der Charaktere bis in die feinsten Seelenschwingungen, bis in die +geheimsten Herzensregungen ist dem Verfasser überraschend gut gelungen. +Ich habe diese Menschen lieb gewonnen in ihrer gesunden, bewußten, +tatfrohen Eigenart. Die gesunde Sprache, die furchtlose Tendenz des +Buches deckt manchen veralteten Schaden der heutigen Gesellschaft auf. + +_Norddeutsche Allgemeine Zeitung, Berlin_ + +Unsere Literatur ist nicht reich an Büchern, die mit so ehrlicher +Schlichtheit, so ohne jedes Posieren, ohne alle Effekthascherei +geschrieben sind, wie der Roman Herzogs. + +_Hamburger Fremdenblatt_ + +Rudolf Herzog hat sich in verhaltnismäßig kurzer Zeit einen +achtungsvollen Namen unter den deutschen Romanciers erworben. Die +Erhebung des Imposanten und Kraftvollen zum Träger der Geschicke gibt +sein neuester Roman »Der Graf von Gleichen«. Der Stil des Romans ist +außerordentlich elegant und fesselnd. Er wird sich einen Platz in +unsrer neueren Literatur erringen. + +_Die Post, Berlin_ + +Das Buch ist außerordentlich gut geschrieben, flüssig, mit Kraft und +liebevoller Verve, es pulsiert in ihm ein leidenschaftlicher, tiefer +Ton, es ist die Bekenntnisschrift zweier starker, vornehmer Seelen, +die sich finden, weil es für sie kein Hindernis gibt. Das Buch will +gelesen und — empfunden werden, und wird seinen Weg machen, da es ein +so ernstliches Interesse erregt, daß es auch zum zweiten und dritten +Male gelesen werden kann, was man heuer nicht von allen Romanen sagen +darf. + +_Münchener Neueste Nachrichten_ + +Das Buch nimmt gefangen, so stark, so persönlich ist es. Aber es ist +eine Gefangenschaft zur Freiheit, es entbindet zum freien starken +Menschentum, das sich dem Zwang der Konvention entwindet, weil es sich +selbst das Gesetz des Lebens geworden. Es ist Nietzsches hohe Moral, +in einer dichterischen Gestalt von gesättigter Kraft verkörpert mit +hinreißender Anschaulichkeit! Das willkommene Seitenstück zu Wilbrandts +fein und vorsichtig abgestimmter »Osterinsel«, die den Himmelsstürmer +mit der milden Weisheit des überlegenen Alters ad absurdum führt. + +_Berliner Tageblatt_ + +Dieser neue Roman des geschätzten Berliner Erzählers nimmt eine +eigenartige Stellung in unserer modernen realistischen Epik ein. +Der Verfasser beherrscht spielend die naturalistische Technik, die +Milieuentwicklung, die impressionistische Aufnahme der Stimmung. Aber +vor allem ist Herzog ein Selbständiger und Eigener. Das Buch sei allen, +die an der Entwicklung unsrer modernen Literatur teilnehmen, bestens +empfohlen. + +_Bohemia, Prag_ + +[Illustration] + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75525 *** |
