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diff --git a/75679-0.txt b/75679-0.txt new file mode 100644 index 0000000..b5ba0aa --- /dev/null +++ b/75679-0.txt @@ -0,0 +1,5600 @@ + +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75679 *** + + + + Remisow / Die Schwestern im Kreuz + + + Alexej Remisow + + + + + Die Schwestern im Kreuz + + + Erzählung + + + 1913 + München und Leipzig bei Georg Müller + + + Copyright 1912 by Georg Müller München + + + Autorisierte Uebersetzung von Fega Frisch + + + + + Einleitung + von Professor Eugen Anitschkow + (St. Petersburg) + + +Alexej Remisow ist im Herzen Rußlands, in Moskau, geboren. Dort sind +vierzig mal vierzig Kirchen; täglich dröhnen dort zur Früh- und +Abendmesse die Glocken, die großen und feierlichen in den Klöstern und +Kathedralen, die Zarenglocken des Kreml; es antworten ihnen mit allen +ihren Glocken die kleinen und niedrigen Glockentürme in den uralten +Pfarrkirchen. Gar viele Pfarrkirchen hat Moskau; um sie herum schlängeln +sich die Straßen und Gäßchen, in ihnen lebt der Moskauer Handelsstand +sein eigenes urwüchsiges Leben. Alle Fasten werden streng eingehalten; +an den Feiertagen ziehen die Priester mit dem ganzen Klerus aus einem +Haus ins andere, um die festlichen Tafeln zu segnen; dort werden bis +heute die Märtyrer- und Heiligenlegenden in der uralten Schrift gelesen, +dunkle und vertraute Mitteilungen über Gottesmänner und große Märtyrer. +Mancher ist sauber gekleidet und sieht ganz europäisch aus: ein +gestärktes Vorhemd und eine Krawatte nach der letzten Pariser Mode – +doch beginnt er sich auszuziehen, so entdeckt man ein kattunenes +russisches Hemd darunter und einen geweihten Gürtel mit eingewebten +Gebeten. Voll Inbrunst kniet der moderne Stutzer vor dem Familienschrein +mit den Heiligenbildern. Der unter der neumodischen Wäsche verborgene +geweihte Gürtel schützt vor Uebel. Der alte Glaube ist fest in ihm, und +der uralte Kaufmannsstand in Moskau lebt nach der Väter Art. + +Einst wurde er von dem Advokatensohn Ostrowskij auf die Bühne gebracht. +Seitdem war es Mode, sich über die rührseligen Mitjas, die gutmütigen +Andrej Bruskows, die durchtriebenen Podchaljusins, über die dünkelhaften +Väter: Tit Tititsch und Torzows zu amüsieren. Das „finstere Reich“ +nannte die Kritik den Moskauer Kaufmannsstand. Diese eigenartige Welt +blieb ganz abseits von den großen Wegen der russischen Literatur. Um die +Mitte des vergangenen Jahrhunderts war die Literatur vorwiegend +ländlich, Gutsbesitzer- und Bauernliteratur. Die Stadt schämte sich +gleichsam ihrer selbst. Was in ihr geschah, besonders unter der +Handelsbevölkerung in den alten Kirchspielen, das wußte man nicht, das +wollte man nicht wissen. Und wenn in der Literatur auch einige +Sprößlinge aus dieser Welt auftraten, so waren sie bemüht, möglichst +rasch zu vergessen, zu verschweigen und tief im Herzen alles zu +verbergen, was sie von dorther aus dem „finstern Reich“ in die +Helligkeit der volkstümlichen Bildung, auf welche die fortschrittlich +Gebildeten so stolz waren, mitbrachten. + +Erst seit kurzem sind die stillen Kirchspiele auf den sieben Hügeln des +russischen Rom, des Mütterchens Moskau, gleichsam erwacht. Die neue +Kunst, die sozialdemokratischen Tendenzen, die Beziehungen zu +westeuropäischen Firmen, die Errungenschaften der Technik, die +Verfeinerungen in den Anschauungen, alles das ist bis in die dunkelsten +Winkel gedrungen. Und von da kam zu uns der Neueste: ein Erneuerer der +Kunst, ein Prophet von morgen, der dennoch nichts von gestern vergessen +hat: Alexej Remisow. + +Sein Leben verläuft äußerlich wie das vieler gebildeter Russen der +letzten Zeit. Im Jahre 1877 geboren, hat er seine Bildung in einem +Handelsgymnasium und später auf der Universität empfangen; er hat +Nationalökonomie und deutsche Philosophie studiert, den Marxismus und +die Bewegung „Zurück zu Kant“ mitgemacht, in den Seminarien Aufsätze +über wirtschaftliche Fragen und über Statistik geschrieben, +Arbeiterzirkel gegründet, und war infolgedessen erst in die milde +Verbannung eines großrussischen Gouvernements, dann ins Gefängnis +geraten, hat mit einem ganzen Haufen revolutionärer russischer +Intelligenz die Strapazen und Mühsale des Etappenlebens mitgemacht, hat +so manches Jahr im fernen Norden, wo oft im Juni noch Schnee genug +fällt, daß man Schlitten fahren kann und wo das Nordlicht in seiner +kalten Schönheit leuchtet, verbracht. Er hat dies alles erduldet, sein +Herz zermartert, eine Menge Bücher studiert und kam zu uns nach +Petersburg als ein fertiger Schriftsteller zurück, als ein +symbolistischer Schriftsteller und Stilist von neuester Prägung. + +Wichtig aber ist, daß er seine uralte Moskauer Seele bewahrt hat; in +seiner Seele dröhnen die vierzig mal vierzig Kirchenglocken weiter und +er liebt noch immer die Legenden und Sagen von den Gottesmännern, +Heiligen und Märtyrern, von den von Gottes Gnade erleuchteten +Buhlerinnen, vom tapferen Georg, von allerlei märchenhaften +Seltsamkeiten: von Totenfeiern, Teufeln, Zauberern und Hexen. Alles was +die Philologen, die sich mit alter Literatur befassen, studieren und was +die Engländer Folklore nennen: Märchen, Runen, Volkslieder und Riten, +Volksglauben und Apokryphen – dies alles pflegt er mit dem Talent eines +modernen Dichters, und sein Stil ist eigenartig, seltsam und prächtig, +so verfeinert und reich, als hätte sich ihm die ganze geistige +Schatzkammer des tausendjährigen heiligen Rußland aufgetan, zum Dank für +seine Liebe zu den vertrauten Kirchspielen aller sieben Hügel des +Mütterchens Moskau. + +Remisows erster großer Roman „Der Teich“ zeigt noch den jungen Schmerz +einer Seele, vor der sich eben erst das Böse des Lebenskampfes +erschlossen hat. Woher kommt das Böse? Es wird schon in der ganz naiven +kindlichen Seele geboren. Die rationalistischen Theorien aus den Büchern +tragen zur Lösung dieses schicksalsmäßigen Rätsels nichts bei – im +Gegenteil! – vielleicht muß man also nach rückwärts, in den uralten von +den Ahnen ererbten Sagen vom bösen Geist, in dem sagenhaften Teufel und +Spötter die Antwort suchen? – Remisows von den Fragen unserer Zeit +durchdrungener Geist vertiefte sich in das Studium alter Sagen und +Legenden, und eins an das andere reihten sich etwas wie Märchen oder +moderne Apokryphen und bildeten eine Art neues pratum spirituale, das +mit seiner Buntheit alle seine größeren Werke gleichsam einrahmt. + +„Der Teich“ kann nur im Licht dieser apokryphischen Skizzen ganz +verstanden werden. Der Grundgedanke dieses Werkes ist noch nicht ganz +klar herausgearbeitet; die einzelnen Episoden wirken zwar an sich +erschütternd, doch fehlt noch das Allgemeine. Dies Allgemeine erscheint +klar auf eine neue Weise in einer objektiveren Form, losgelöst von den +tragischen poesieumwehten Erinnerungen im zweiten Roman „Die Uhren“. +Hier handelt es sich nicht mehr um die Chronik eines Moskauer +Handelshauses in einem der Moskauer Kirchspiele, in den „Uhren“ wollte +der Autor das Geheimnis der ganzen Stadt in all seiner Vielgestaltigkeit +auffangen, und die Frage nach dem Bösen hat eine größere Bestimmtheit +erhalten. Dennoch ist es auch hier schwer, den heimlichen Gedanken des +Autors herauszufinden und seine Symbole zu begreifen, die geheimnisvoll +sind wie uralte Runen. Erst später in den nachfolgenden Erzählungen sind +endlich die Schwierigkeiten überwunden, eine Klarheit ist erreicht und +im Herzen ist das ausgesprochen, was so lange nach außen drängte, aber +keine entsprechenden Bilder und Symbole fand. Ja, das Böse ist +schicksalsmäßig, es ist notwendig, es hat keinen Sinn, Idyllen zu +schreiben, man muß das Böse erkennen und verstehen, diese irdische +Hölle, die irdischen Leidenschaften. + +Schwierig waren seine Romane „Der Teich“ und „Die Uhren“. Schwierig sind +auch jetzt in den „Schwestern im Kreuze“ und im „Unbezähmbaren armen +Teufel“ die Betrachtungen über die schicksalsmäßige und offenbar +notwendige Schuld. Im „Unbezähmbaren armen Teufel“ ist diese Theorie +schon anschaulich und entschieden durchgeführt. In den „Schwestern im +Kreuze“ ist alles auf ihr aufgebaut. Marakulin denkt: „Der eine muß +verraten, um durch den Verrat seine Seele aufzuschließen und in der Welt +er selbst zu sein; der andere muß töten, um durch den Mord seine Seele +aufzuschließen und wenigstens als er selbst zu sterben; er aber mußte +offenbar eine Quittung ausfertigen – aber nicht der Person, der sie +zukam –, um seine Seele zu erschließen und in der Welt zu sein, und zwar +nicht mehr als irgendein beliebiger Marakulin, sondern als dieser Peter +Alexejewitsch Marakulin, der er war, sehen, hören und fühlen.“ + +Doch muß man sich fragen: Findet denn die Persönlichkeit sich selbst nur +in einem Verbrechen? Das scheint nicht glaubhaft. Natürlich nicht. Aber +gerade dieser Gedanke in seinem Rohzustand sozusagen führt uns zum +Verständnis einer der wichtigsten Fragen der Gegenwart. Darum lockte es +den Symbolisten Remisow, den Fall aller Einwohner des Burkowschen Hauses +zu schildern, weil dieses Symbol unseres zeitgenössischen russischen +Alltags sich durch alle traurigen Fälle der letzten Jahre aufgeschlossen +hatte. + +Remisow versucht jetzt, seine Symbole zu deuten. „Die Katze miaute, +Murka miaute. Und plötzlich sah Marakulin so klar, wie noch nie zuvor, +daß Murka stets gemiaut hat, nicht nur gestern, sondern alle die fünf +Jahre hier an der Fontanka auf dem Burkowschen Hof; er hatte es nur +nicht bemerkt, und nicht nur hier auf dem Burkowschen Hof an der +Fontanka, sondern auch auf dem Newsky und in Moskau an der Taganka – bei +der Auferstehungskirche –, an der Taganka, wo er geboren war, überall, +wo etwas lebt. So klar sah er es, so deutlich sprach es in ihm, daß er +sich vor diesem Miauen, vor dieser Murka nirgends hätte verstecken +können. Und er fühlte es, daß Murka nicht dort unten im Hofe miaute, +sondern hier ...“ Das stöhnende Burkowsche Haus ist ganz Rußland, das +heilige Rußland, und zwar das ganz gewöhnliche, alltägliche. Es ist +schuldig geworden, es hat sich unvermögend erwiesen, es hat mehr +versprochen, als es gehalten hat. Hier hat es sich eben gezeigt, so wie +es wirklich war und nicht wie es nach den Programmen geschienen hat. Man +muß sich von allen Theorien lossagen, um es so zu sehen. Noch wichtiger +ist der Mut, es gegen alle Programme und Theorien auszusprechen. Dies +ist Remisows Stärke: sein Held ist eine wirkliche Individualität. Er ist +nicht aus Theorien geboren und nicht verstandesmäßig gesehen. Marakulin +lebt sein eigenes Leben, er ist ein durchschnittlicher Mensch, aber eben +von diesem Eigenen geht der Symbolismus zum Allgemeinen. Auch Marakulin +ist symbolisch. Waren wir nicht alle noch vor kurzem ebenso offenherzig +und vertrauensselig, als hätten wir keine Lehren der Geschichte vor +Augen? Damit haben wir Schuld auf uns geladen. Das Leben ist bei uns +erstarrt. Jetzt haben wir Zeit, uns umzusehen. + +Lange und hartnäckig hat sich Remisow mit den Fragen des Glaubens +befaßt, mit den Altertümern, mit der Volkspoesie, mit Sagen, aus denen +das uralte heilige Rußland sich Pein und Belehrung schöpfte. Man +verstand ihn nicht und hielt der unverstandenen Kunst Remisows den +Realismus entgegen. Es schien, daß sein Stilisieren kein Ende nehmen +wollte in diesem ganzen Strom von Skizzen, in denen er vor allem seine +Meisterschaft zeigte. Aber diese Skizzen Remisows waren nur seine +Lehrlingsarbeit. + +Wer ihn gut kannte, der konnte nicht daran zweifeln, denn dieses +Stilisieren beschränkte sich nicht auf die Form. Es führte in das wahre +Verständnis dessen ein, was einst Volksseele genannt wurde. Denn die +Volksseele läßt sich nicht in Kategorien pressen, welche die politischen +Parteien für sie aufstellen, weder in die der volkstümlichen rechten +oder linken Partei, noch in die Kategorien derer, die der ganzen +Menschheit Heil versprechen. Das Geheimnis der Volksseele blieb +verschlossen; jetzt sehen wir es endlich klar ein. Im „Unbezähmbaren +armen Teufel“ ist die verwirrte moderne Seele, die Seele eines Trödlers +geschildert. Plötzlich hat sich alles das aus der Vergessenheit erhoben, +was man ein für allemal hinter sich zu haben glaubte. Dieses Alte in der +jetzt ohnedies schon konventionellen Gestalt des Trödlers zeigt sich +auch mitten in Petersburg, es klafft aus der Tiefe des Burkowschen Hofes +wie aus der Unterwelt, und man fühlt: dies ist wahr! Paradox ist +vielleicht nur die Gestalt der Hörerin der Hebammenkurse, welche alte +Weisen singt. Hier hat die Phantasie Remisows sich hinreißen lassen, die +gewöhnt ist, auch im Neuesten etwas Altertümliches herauszufinden. Aber +da haben wir Akumowna; das Schicksal hat sie in die Stadt getrieben, das +Schicksal jagt ganz Rußland wenn nicht in die verderblichen Gegenden +Sibiriens, so doch in die Städte, wo das Neue geschaffen wird, neuer +Glaube und neue Forderungen an das Leben. Aber das Alte stirbt noch +lange, lange nicht aus, es bewahrt sich länger, als wir glauben. Daher +die Vermengung und das Zusammenfließen des Alten mit dem Neuen. Die +Bewegung ins Volk suchte lange den Traum vom freien Grundbesitz zu +verwirklichen. Der Bauer hörte dem Sozialismus zu und verstand, daß die +Rede von freiem Grundbesitz war. Akumownas Märchen und Lisaweta +Iwanownas Geheimnis flossen zusammen mit den Lehren der Verbannten Maria +Alexandrowna. Dieses Ineinanderfließen zu schildern, ist eine der +vornehmsten künstlerischen Aufgaben, die sich Remisow stellt. + +Zu den besten Episoden der Erzählung gehören die Szenen, in denen von +der Reise ins Ausland geträumt wird. Darin liegt auch ein geheimer +Herzenswunsch verborgen: vom Lande strebt man in die Stadt, aus der +Stadt aber, aus allen Burkowschen Häusern, in denen sich das aufgewühlte +heilige Rußland quält, drängen die Träume, Wünsche und Hoffnungen dahin, +nach dem fernen fremden und seit uralten Zeiten vertrauten Westen. Und +es genügt nur zu denken, daß bald, bald eine Möglichkeit eintreten +könnte, hinzureisen, sich innerlich auszuruhen und das Martyrium des +heimatlichen Schmerzes für eine Weile zu vergessen, dann wird es einem +leicht zumute und die Freude leuchtet auf. Kommt von dort, aus der +Heimat unserer allerbegehrtesten Ideale – ich brauche absichtlich ein +Fremdwort – eine erfrischende Welle über uns, Verjüngung, Geist der +sozialen Freiheit, so vergessen wir ganz das Burkowsche Haus und Murkas +schmerzliches Miauen, das Weinen und Stöhnen des Volkes. Unsere Augen +leuchten und wir atmen freier. + +Das Weiseste, was Remisow in seinen „Schwestern im Kreuz“ gesagt hat, +ist seine Theorie vom königlichen Recht. Gleich Raskolnikow zermartert +Marakulin in einem Ausbruch von Verzweiflung sein Gehirn mit der Frage +nach der Vertilgung der menschlichen „Laus“. Wie Raskolnikow sieht +Marakulin ebenfalls das ganze Uebel in einer jämmerlichen alten Frau, +und es dünkt ihn, daß man nur wagen, die konventionelle Angst vor dem +Verbrechen nur überwinden müßte, um das Uebel zu vernichten. Nur ist die +menschliche „Laus“, welche Marakulin sieht, keine Pfandverleiherin, sie +tut niemand etwas Böses. „Sie hat nichts in ihrem Leben zu bereuen; sie +hat weder getötet noch gestohlen und wird weder töten noch stehlen, denn +sie tut nichts als sich ernähren, sie trinkt und ißt, sie verdaut und +härtet sich ab.“ Was bedeutet das? Remisow schildert die Raskolnikowsche +„Laus“ in der Gestalt einer Generalin, die von ihren Renten lebt. +Eintönig und sinnlos vergeht ihre Zeit. Sie braucht niemand und niemand +braucht sie. „Die Generalin rührt mit keinem Finger, tut rein nichts und +erreicht alles: sie härtet sich ganz sichtbar und zweifellos ab, und +ihrem Leben ist kein Ende abzusehen – der Chiromant hat sich nicht +geirrt – sie ist vielleicht schon unsterblich!“ Ein Leben ohne Arbeit, +das heißt ohne Verbrechen und ohne Heldentaten – denn jede Tat ist +entweder ein Verbrechen oder eine Heldentat – ein solches Leben beruht, +Remisows Meinung nach, nicht auf einem einfachen Recht, sondern auf +einem königlichen Recht. So würden wir alle, wenn wir die Utopie vom +allgemeinen Wohlergehen verwirklicht hätten, das kummerlose, sündenlose, +unsterbliche Lauseleben der Generalin genießen. + +Rechtschaffener aber ist das heilige Martyrium des Lebens, mit seinen +Abstürzen, Ausbrüchen von Hoffnung, Kämpfen und zäher, qualvoller +Erwartung. + +St. Petersburg 1912. + + + + + Erstes Kapitel + + +Marakulin war mit Glotow befreundet; durchaus nicht etwa, weil der +Dienst sie eng miteinander verband und einer ohne den anderen nicht +hätte auskommen können: Peter Alexejewitsch gab die Quittungen aus, +Alexander Iwanowitsch war der Kassierer. Man weiß ja, wie die Ordnung +ist: Marakulin brauchte nur mit Tinte zu schreiben und Glotow zahlte +genau so viel in Gold aus. Dabei waren sie so verschieden und einander +so unähnlich: der eine schmalbrüstig, der Schnurrbart dünn wie ein +Faden, der andere breitschultrig und der Schnurrbart wie bei einem +Kater; der eine blickte von innen heraus, der andere strahlte. Dennoch +waren sie Freunde, ein Herz und eine Seele. + +Denn sie hatten beide ein gemeinsames Merkmal, oder eine Eigenschaft, +und zwar eine grundlegende; etwas, das nicht zu verbergen ist: es würde +unter den Augenlidern des Schlafenden hervorblinken, gleichviel, ob es +sich in der Pupille versteckt oder aus der Pupille sich über den +Augapfel verbreitet: beide nämlich hatten eine Art von Fühler oder +Rüsselchen. Nicht nur daß dieser Fühler sich ans Leben klammerte, +vielmehr sog er alles Lebendige in sich auf, alles, was ringsum lebte +und wob, bis auf den Grashalm, der atmet, bis auf das Steinchen, das +wächst, und er sog das alles so gierig und fröhlich in sich auf, so +ansteckend fröhlich. Das war es. + +Wer es bemerken wollte, konnte es sehen, wer es nicht sah, der fühlte +es, und wer es nicht fühlte, der erriet es. + +Dazu kam, daß sie gleich jung waren – beide waren an die Dreißig oder +etwas drüber – und der Erfolg – dem einen sowohl wie dem anderen gelang +alles – und die Kraft – keiner von ihnen war jemals krank oder klagte +auch nur über Zahnweh. Sie waren auch von keinerlei Banden gefesselt, +weder von gesetzlichen, noch von ungesetzlichen, sie waren wie in der +Steppe, allein, und die Steppe dehnte sich vor ihnen in ihrer ganzen +Weite und Macht, frei, ungebunden, unermeßlich – dein. + +Vor drei Jahren etwa hatte Glotow seine rechtmäßige Gattin aus dem +dritten Stockwerk auf das Pflaster hinabgestürzt, und die Aermste brach +sich dabei das Genick; vielleicht aber war es nicht vor drei Jahren, es +kann schon vor ganzen vier gewesen sein. Uebrigens ist das unwesentlich, +– es handelt sich ja gar nicht um Glotow, sondern um Peter Alexejewitsch +Marakulin. + +Marakulin, welcher seine Kollegen mit Fröhlichkeit und Sorglosigkeit +ansteckte, gestand einmal, daß er, obschon dreißig Jahre alt, sich für +nicht mehr und nicht weniger als zwölfjährig hielte, er wüßte selbst +nicht warum, und er führte dafür Gründe an: so oft er mit jemand +zusammenkäme, oder sich in ein Gespräch einließe, hätte er das Gefühl, +als wären die anderen alle älter – alt, und er wäre der jüngste – ganz +jung noch, zwölfjährig. Und ferner gestand Marakulin, daß er sich den +anderen Menschen gar nicht ähnlich – nicht ein bißchen ähnlich fühle, +wenigstens nicht jenen richtiggehenden Menschen, wie man sie gewöhnlich +im Theater, in Gesellschaften oder in den Klubs beobachtet, während sie +eintreten oder fortgehen, sich unterhalten oder schweigen, sich ärgern +oder zufrieden sind – und daß alles an ihm, von der Nase bis zur kleinen +Zeh wahrscheinlich nicht auf dem richtigen Fleck säße – so schiene es +ihm wenigstens. Und weiter gestand Marakulin, daß er nie denke; er hätte +einfach gar nicht die Empfindung, daß er denke; wenn er durch die +Straßen gehe, so geschehe dies eben nur so mit den Beinen, und wenn er +mit jemand bekannt werde, dann fände er an seinem neuen Bekannten weder +Unterschiedsmerkmale noch Besonderheiten, nicht im Gesicht noch in den +Bewegungen: er fühle nur unklar, daß der eine ihn anziehe und der andre +abstoße, einer weniger, ein anderer mehr, und ein dritter sei ihm ganz +gleichgültig; häufiger aber herrsche doch das Gefühl der Nähe und das +Vertrauen in das Wohlwollen des anderen vor. Und weiter gestand +Marakulin, daß ihn, seitdem er Bücher lese und mit Menschen +zusammenkomme, die entgegengesetzten Meinungen nie abschreckten. Er sei +vielmehr bereit, jedermann zuzustimmen, weil er jeden in seiner Weise +für berechtigt hielte, und diskutiere nie; wenn er sich aber einmal +selbst verstiege oder zu Auseinandersetzungen aufreize, so geschehe es +aus ganz indiskutabeln Gründen, deren er sich jedesmal genau bewußt sei, +obwohl er sie nicht verrate – gebe es doch genug solcher indiskutabler +und doch alltäglicher Gründe! – Und weiter gestand Marakulin, daß er nie +in seinem Leben geweint habe, ein einziges Mal ausgenommen, als seine +alte Kinderfrau ihn verließ, an ihrem letzten Tag: damals wäre er, in +der Rumpelkammer versteckt, an seinen ersten und letzten Tränen fast +erstickt. Noch eine verrückte Eigenschaft hatte er, über die man sich +lustig zu machen pflegte: wenn ihm irgendein Einfall in den Sinn kam, so +stürzte er sich auf ihn mit einer solchen Hartnäckigkeit, als läge in +ihm der Sinn seines Lebens, oder des Lebens überhaupt – aus +Kleinigkeiten machte er wichtige Dinge. Zu den Feiertagen, zum Beispiel, +wurde dem Direktor gewöhnlich ein Bericht überreicht. Dieser Bericht +wurde stets mit der Maschine geschrieben, ihm aber konnte es einfallen, +ihn mit der Hand abzuschreiben; und obwohl es mit der Maschine viel +schneller, leichter und einfacher zu machen ging, – es gab auch +vorgedruckte Formulare zu diesem Zweck – so ließ er es sich durchaus +nicht nehmen und malte Tag und Nacht beharrlich und sorgfältig einen +Buchstaben nach dem andern und reihte die Zeilen aneinander, als wären +sie Perlen, und schrieb den Bericht so oft ab, bis er so war, daß er +ausgestellt werden konnte, – so war er geschrieben! – denn Marakulin war +wegen seiner Schrift berühmt. Am nächsten Tage schon wird so ein Bericht +irgendwohin verlegt, man schenkt ihm keine besondere Aufmerksamkeit, man +verlangt ihn nicht so, und eine Menge Zeit und Arbeit sind sinnlos +verschwendet worden! Ein verrückter Kerl, und wie beharrlich in seiner +Verrücktheit! Und weiter pflegte Marakulin noch etwas Seltsames zu +erzählen – von einer ihm eigenen, durch nichts erklärbaren +ungewöhnlichen Freude, die er ganz unerwartet empfinden konnte: +manchmal, wenn er am Morgen ins Bureau lief, begann ihm plötzlich das +Herz in der Brust zu flattern und er fühlte eine ungewöhnliche Freude. +Und diese seine Freude umfing ihn so ganz und sie war so groß, daß ihm +schien, er könnte sie jetzt warm aus der Brust herausnehmen und jeden +mit ihr beschenken – es würde für Alle reichen; wie ein Vögelchen wollte +er sie in beide Hände nehmen, damit ihm dies Paradiesvöglein nicht +davonfliege, darauf hauchen, daß es nicht friere und es so den Newsky +entlang tragen: mögen sie alle sehen, ihre Wärme einatmen, ihr Licht +fühlen, – das stille Licht und die Wärme, die das Herz vor Freude atmet +und ausstrahlt. + +Natürlich ist es schwer, sich selbst zu beurteilen, und mit +Geständnissen kommt man auch nicht weit: ob das alles stimmte oder nicht +– wer kann es wissen? – Aber eine Liebe zum Leben, ein Instinkt zum +Leben, die Heiterkeit des Gemütes – das war in ihm in der Tat. + +Wenn man Marakulin zuhörte oder sah, wie er an Menschen heranzutreten +pflegte, wer sein Lächeln und seinen Blick kannte, dem konnte manchmal +der Gedanke kommen, daß so einer wie er, jederzeit imstande wäre, zu +einer Bestie in den Käfig zu treten und, ohne mit der Wimper zu zucken, +ohne zu überlegen, die Hand auszustrecken, um das sich sträubende wilde +Haar des grimmigen Tieres zu streicheln – und das Tier würde nicht +beißen. + +Und wie konnte es Marakulin betrüben, wenn es sich zuweilen, plötzlich +herausstellte, daß auch er, wie jeder andere, gehaßt wurde, daß auch er +seine Mißgönner hatte, daß auch er für jemand ein Balken im Auge sein +konnte! Denn man konnte ja mit ihm machen, was man wollte. Und wenn er +es dennoch zustande gebracht hatte, das dreißigste Jahr zu erleben, und +mit Erfolg, so war es das reinste Wunder – eine unwahrscheinliche Sache. +Meistens aber wurde Peter Alexejewitsch geliebt, nicht etwa besonders +oder gar zu sehr, aber es war gar kein Grund, ihn nicht zu lieben – +brachte er doch Heiterkeit und Lachen mit, dazu kein gewöhnliches +Lachen, sondern ein trunkenes, marakulinsches – warum sollte man ihn da +hassen? Und dennoch nahm das alles kein sehr gutes Ende – Peter +Marakulin endete schlimm. + +Das kam so: Marakulin erwartete zu Ostern Beförderung und eine +Gratifikation – in den großen Geschäftshäusern ist es zu den Feiertagen +so üblich –; statt dessen aber wurde er aus dem Dienst gejagt. Es +geschah folgendermaßen: Fünf Jahre hatte Peter Alexejewitsch gedient, +fünf Jahre die Quittungsbücher geführt, und alles befand sich in bester +Ordnung, – Marakulin wurde sogar wegen seiner Ordnungsliebe und +Genauigkeit scherzweise „Der Deutsche“ genannt – als aber die Direktoren +vor den Feiertagen revidierten und zu vergleichen und zu rechnen +begannen, da trat eben die Verlegenheit ein: es stimmte etwas nicht, es +fehlte etwas – vielleicht nur eine wirkliche Bagatelle, – das Geschäft +aber war groß, und solche Kleinigkeiten konnten Verwirrungen +verursachen. So nahm man ihm denn die Bücher ab und entließ ihn. + +Erst glaubte Marakulin nicht daran, er wollte es einfach nicht glauben, +und dachte, man triebe nur Scherz mit ihm, einen Jux zum allgemeinen +Ergötzen einfach, um vor dem Fest die Fröhlichkeit zu erhöhen; er lachte +dazu und begann seine Auseinandersetzung auch nicht ohne Witz: + +– Gestatten Sie dem Dieb Soundso, dem Räuber und Wegelagerer, den +Diebstahl aufzuklären ... + +– Wie? + +– Ha – ha ... Und er war es, der zuerst lachte. + +Und in einem aufklärenden Brief an eine wichtige und einflußreiche +Persönlichkeit, an den Direktor, unterschrieb er nicht einfach Peter +Marakulin, sondern „Der Dieb und Expropriateur Peter Marakulin“. + +„Der Dieb und Expropriateur Peter Marakulin.“ + +– Wie? + +– Ha – ha ... Und er war es wieder, der zuerst lachte. + +Aber der Scherz gelang diesmal offenbar vorbei, er wirkte gar nicht +spaßhaft, oder wenn er auch so wirken hätte können, so nahm man das gar +nicht wahr, und niemand lachte, – im Gegenteil. Und am komischsten war +die Antwort eines jungen Buchhalters, – dieser Buchhalter war ein +kleiner stiller Mensch, der nicht einmal eine Fliege zu kränken imstande +war, so still war er. + +Dieser Awerjanow nun sagte: Ich möchte bis zur Aufklärung Ihres +Mißverständnisses mit meiner Antwort abwarten. + +Hier wurde Peter Alexejewitsch ernst: + +– Was für ein Mißverständnis! Es kann ja gar keinen Irrtum geben! + +– Wie? + +– Der Irrtum, meine ich ... ich irre mich nicht, ich bin ein „Deutscher“ +... Wo ist denn der Irrtum? + +Und jetzt mußte er es glauben. Er mußte ja glauben! Die wilde Bestie ist +offenbar doch nicht so einfach, sie unterwirft sich nicht so leicht, sie +läßt nicht so ohne weiteres ihr sich sträubendes Fell streicheln. Hände +weg! Die Bestie beißt dir noch die Finger ab! Ist es nicht so? – Oder +hat es mit der Bestie gar nichts auf sich und der Fluch besteht gar +nicht darin, daß der Mensch für den Menschen eine Bestie ist und eine +grimmige dazu, sondern darin, daß der Mensch für den Menschen ein Klotz +ist: man mag ihn noch so anflehen, er hört es nicht; man mag ihn noch so +anrufen, er antwortet nicht; man mag sich den Kopf einstoßen, indem man +vor ihm mit der Stirn auf den Boden schlägt, er rührt sich nicht; er +bleibt so stehen, wie er hingestellt wurde, bis er umfällt oder bis du +umfällst. Ist es nicht so? + +Etwas Derartiges flog damals Marakulin durch den Sinn, und zum erstenmal +dachte es in ihm und sprach sich deutlich aus: Der Mensch ist für den +Menschen ein Klotz. + +Er lief da hin, klopfte dort an: überall war geschlossen, überall war +zu: er wurde nicht empfangen. Und wenn er empfangen wurde, so ließ man +ihn nicht sprechen, gar nicht zu Worte kommen. Dann begann man ihm die +Tür vor der Nase zuzuschlagen: keine Zeit! oder: laß, bitte, in Frieden! +oder: wir haben an was anderes zu denken! – Bald gab die Dienerschaft +nicht einmal Antwort mehr hinter der Vorlegekette: es war ihnen +untersagt; außerdem war er allen schon zu lästig geworden. + +Marakulin hatte keine Zuflucht mehr: er war wie in der Steppe, allein, +und die Steppe lag vor ihm, ausgebrannt, schwarz, endlos – fremd. Nach +allen vier Richtungen gleich unabsehbar. Erst hatte er alles, jetzt +hatte er nichts. + +Und das alles wegen einer Bagatelle – wegen eines blinden Zufalls. Es +ging freilich ein Gerücht um, die ganze Sache sei von Alexander +Iwanowitsch angezettelt, sei ein Werk seiner Hände, – Glotow habe seinen +Freund hineingelegt und sich selbst aufs Trockene gebracht. Andererseits +aber wußte man, daß Marakulin selbst bereit war, sei es aus Herzensgüte +oder aus einer sonstigen Eigenschaft, etwa aus übermäßiger +Vertrauensseligkeit und Einbildungskraft – er kam mit den Menschen gern +gut aus – ja, daß er selbst nichts dagegen hatte, eine Quittung, +provisorisch natürlich, einer Person auszuhändigen, die mit einer +Zahlung nichts zu tun hatte; auf besondere Bitten hin oder mit Rücksicht +auf die Verlegenheit eines Kollegen – vielleicht eben dieses Alexander +Iwanowitsch! Denn man konnte mit Marakulin machen, was man wollte. + +Er aber, durch einen blinden Zufall aus seiner Bahn geschleudert, ohne +Arbeit, allein, Tage und Nächte denkend, für sich allein denkend – es +waren eben andere Zeiten, jene Zeiten waren vorbei; jetzt hatte auch er, +wie die richtigen Menschen, zu denken angefangen – er selbst aber +entschied und sprach sich selbst das Urteil: er erkannte sich nicht +schuldig und sprach sich von Diebstahl frei. Und indem er sich in seiner +fieberhaften Aufregung seine Daseinsberechtigung bewies, tat er es wie +früher mit Lachen und mit Freude, auf die marakulinsche Art: er biß sich +in diesen Klotz fest, in die Vorstellung, zu der sein Denken ihn +geführt, daß der Mensch für den Menschen ein Klotz sei, und begann zu +bohren. Er wollte um jeden Preis ergründen, wer das alles brauchte und +wozu: zum Vergnügen welchen Klotzes all die andern Klötze hingestellt +seien! Er wollte es nur ergründen, um sich bestimmt sagen zu können, ob +er selber noch länger als Klotz dastehen sollte, so wie es irgend jemand +beliebt hatte, ihn hinzustellen, oder ob er, ohne abzuwarten, bis es +jemand belieben würde, ihn umzustoßen, sich selber hinstrecken sollte, +freiwillig, ohne jemand zu fragen. Freilich läßt sich dergleichen nicht +auf einmal beantworten, urteilt selbst, und wer könnte es auch? Es sei +denn der Chiromant von der Kusnetschnybrücke, welcher eine Hose +gestohlen und nach den Linien der Hand einen anderen beschuldigte, +seinen Nachbar im Asyl nämlich, ebenfalls von der Kusnetschnybrücke. + +Aber offenbar geht das nicht, ohne daß man sich an jemand rächt; es ist +schon so, wenn man erst anfängt, seine Daseinsberechtigung zu erweisen! +Und auch das ist es nicht, daß der Mensch für den Menschen eine Bestie +ist, und nicht, daß der Mensch für den Menschen ein Klotz ist; die Sache +ist einfacher: wenn das Unglück über einen kommt, dann heißt es: dulde, +und dulden mußt du darum, weil es einerlei ist, ob du mit den +Hinterbeinen ausschlägst oder beißest, – denn alles ist nutzlos, es läßt +dich nicht los, bis seine Zeit um ist. Ist es nicht so? Etwas Derartiges +flog damals Marakulin durch den Sinn und sprach deutlich zu ihm: Dulde. + +Den ganzen Sommer trieb er sich ohne Arbeit herum. Alles, was er in den +fünf Petersburger Quittungsjahren erworben hatte, ging jetzt in die +Leihhäuser, in das Residenzpfandhaus oder in das städtische, auf dem +Wladimirsky-Prospekt. Bald besaß er nichts mehr; die Pfandscheine hatte +er auch an einen Uhrmacher in der Gorochowaja verklopft, und was ihm +noch übrig blieb, war so vertragen und zerrissen, daß nicht einmal der +Tartar es gekauft hätte. Er war abgerissen und schäbig; sein einziger +Gummikragen war ganz zerwaschen, nur das Kreuz am Hals war noch ganz und +das Amulett, das er sich übrigens längst nicht mehr umzuhängen pflegte; +er hatte es an die Wand gehängt zur Erinnerung. Und er begann, sich zu +schämen – früher hatte er nie etwas Derartiges gefühlt. Er wagte es +nicht mehr zu bitten. Zum Glück konnte er auch niemand bitten: wie vor +einem Cholerakranken waren alle Freunde davongelaufen und hielten sich +vor ihm versteckt. Und er empfand Angst vor Allen, vor Bekannten und +Unbekannten. Er schämte und fürchtete sich, durch die Straßen zu gehen; +es war ihm, als wüßten alle etwas von ihm, das er nicht den Mut hätte, +sich selber zu gestehen, geschweige den Menschen zu sagen. Die Passanten +in den Straßen stießen ihn. Sogar die Hunde, auch die bellten ihn an und +schnappten nach seinen Beinen. Er war eben ein verlorener Mensch. + +Nun ja, ein verlorener, rechtloser – da heißt es eben: dulde, dulde und +vergiß ... Bricht das Unglück über dich herein, dann vergiß, daß es +Menschen auf der Welt gibt; die Menschen werden dir nicht helfen, und +wenn sie es wollten, gleichviel, das Unglück wird ihre Taten zunichte +machen, es wird sie auseinanderjagen und einschüchtern; darum vergiß die +Menschen. Ist es nicht so? + +Und etwas Derartiges flog damals Marakulin durch den Sinn und sprach +deutlich zu ihm: Vergiß. + +Bald fanden sich dennoch Menschen. Es erschien aber nicht etwa so ein +Awerjanow oder sein Gehilfe Tschekurow – die Peitsche der Gemeinheit, +wie der ehrliche Tschekurow sich selbst nannte, – nein, es waren lauter +solche, an die Marakulin niemals vorher gedacht hatte: kleine, +verdächtige Beamte, die aus allen möglichen Aemtern fortgejagt waren, +und solche, die von einer Stellung zur anderen wanderten – Anwärter auf +den Laufpaß, Zugrundegegangene und Zugrundegehende, Betrogene und +Vielgeprüfte, die in anständige Häuser nicht kommen dürfen und denen die +Hand zu reichen für unpassend und unmöglich gilt, und endlich solche, +die einen sehr bezeichnenden Spitznamen haben – ihren eigenen Namen und +den Zunamen von Dieben, Schurken, Schuften: bekannte, halbbekannte und +ihm völlig unbekannte Gauner kamen zu Marakulin, um ihr Mitgefühl zu +bezeigen; sie waren es auch, die ihm fürs erste Arbeit fanden, wenn auch +keine sichere, nur so, um sich durchzufretten. + +Marakulin hatte vorher eine Wohnung auf der Fontanka, an der +Obuchowskybrücke; sie war klein, aber doch seine eigene, jetzt mußte er +die Wohnung aufgeben und in ein Zimmer ziehen. Das Zimmer fand sich auf +derselben Treppe, drei Stockwerke höher. Im ganzen hatte sich Marakulins +Leben bis dahin ganz leidlich gestaltet, wenn auch verworren und +ungeordnet. Er hatte zwar schon früher einmal Zeiten gehabt, da er nicht +besonders gut lebte, freilich war das noch vor seiner warmen Stellung, +in den Anfängen seiner Laufbahn, da man sich aus so etwas gar nichts +macht. Jetzt aber war es anders: es fiel ihm schwer, sich +einzuschränken, um so mehr, als er keine Hoffnung auf Verbesserung hatte +und der Gaunerverdienst nicht übermäßig war; er reichte gerade, um sich +durchzufretten. Aber wozu sich durchfretten? Wozu leiden, leiden, wozu +vergessen, vergessen und dulden? Er wollte durchaus wissen, wer das +alles brauchte und wozu, zum Vergnügen welchen Diebes, welches Schurken +oder Schuften – welchen Gauners das nötig war? Und er wollte es wissen, +nur um sich klar zu sagen, ob es sich noch lohnte, das alles in die +Länge zu ziehen – zu dulden, nur um sich durchzufretten? + +Freilich läßt sich dergleichen nicht auf einmal beantworten, urteilt +selbst, und wer könnte es auch? – Es sei denn der Chiromant von der +Kusnetschnybrücke, welcher eine Hose gestohlen und nach den Linien der +Hand einen anderen beschuldigte, seinen Nachbar im Asyl nämlich, +ebenfalls von der Kusnetschnybrücke. + +Aber offenbar geht das nicht, ohne daß man sich an jemand rächt; es ist +schon so, wenn man erst anfängt, seine Daseinsberechtigung zu erweisen! +Es kommt offenbar gar nicht darauf an, daß man duldet und auch nicht, +daß man vergißt; die Sache ist viel einfacher: Denke nicht. – Ist es +nicht so? + +Und etwas Derartiges flog damals Marakulin durch den Sinn und sprach +ganz deutlich zu ihm: Denke nicht. + +Er sollte nicht denken, jetzt? Gerade jetzt, durch einen blinden Zufall +aus seiner Bahn geschleudert, allein, ohne Arbeit? Jetzt begann er erst +recht zu denken – jene Zeit, als er noch nicht dachte, war vorbei, und +wird nie wiederkehren. + +Und der Kreis schloß sich in ihm: er wußte, daß es nutzlos war zu +denken, daß er nicht denken durfte, daß man nichts beweisen kann, und +konnte doch nicht umhin zu denken, konnte doch nicht umhin zu beweisen, +er mußte denken bis es schmerzte; die Gedanken jagten sich unaufhörlich +wie im Fieber. + +Seine Wohnung wurde Marakulin glücklich los, ohne daß man ihn aufs +Polizeirevier geschleift oder gepfändet hätte – er hatte nichts, und die +Seele kann man einem doch nicht wegnehmen. Nur daß Michail Pawlowitsch +ihm die Hand nicht gereicht hatte, – der Oberhausmeister Michail +Pawlowitsch pflegte den mittleren Mietern, die er achtete, die Hand zu +reichen. + +Der letzte Tag am alten Herd verlief für Marakulin sehr denkwürdig. Am +Morgen geschah ein Unfall im Hof: eine Katze war verunglückt – eine +weiße, glatte Katze mit grauem Schnurrbart. Möglich, daß sie auch gar +nicht verunglückt war und gar nicht gedacht hatte, vom Dach des fünften +Stockwerks herabzustürzen, sondern sie mochte vielleicht zufällig etwas +verschluckt haben: einen Nagel oder eine Glasscherbe. Es kann auch sein, +daß jemand ihr absichtlich, zum Spaß, ein Nägelchen oder einen Splitter +zu fressen gegeben hatte, – es gibt nämlich solche Liebhaber. Sie quälte +sich sehr und litt: bald warf sie sich auf den Rücken und wälzte sich +auf den Steinen, bald drehte sie sich auf den Bauch herum, streckte die +Vorderpfoten aus, hob die Schnauze in die Höhe, als wollte sie in die +Fenster hineinsehen, und miaute. + +Die kleinen Kinder umstanden die Katze, sie ließen ihre wilden Spiele +und wilden Arbeiten im Stich und hockten sich um sie herum. Sie waren +still geworden und konnten sich von der Katze nicht losreißen; sie aber +miaute. Der Perser, der schwarze Masseur aus der Badeanstalt, hockte +sich auch hin, rollte mit den Augäpfeln sie aber miaute. + +Ein rauchfarbener Kater sprang aus der Remise hervor, ging forsch quer +durch den Hof, über die Bretter und über den Kies geradeaus auf die +Katze zu, aber drei Schritt von ihr blieb er stehen, sträubte sein Fell +und zog mit hochgehobenem Schweif ab. Ein kleines Mädchen besann sich +und lief um Milch; sie brachte eine Scherbe voll und stellte sie der +Katze unter die Nase; die Katze aber sah gar nicht hin und miaute. – Die +Katze ist verrückt! – sagte ein Erwachsener, der ebenso wie Marakulin +aus dem Fenster zuschaute. + +– Das ist unsere Katze Murka! – verbesserte ihn das kleine Mädchen, das +um Milch gelaufen war; ihr Gesicht glühte und in ihrer Stimme klang +etwas wie Gekränktheit und Ungeduld. + +Und alle schienen auf eins zu warten: auf das Ende. Marakulin wich nicht +vom Fenster, er konnte sich nicht losreißen, auch er wartete auf das +Ende. Und er würde so, ohne sich zu rühren, auch bis zum Abend +dagestanden sein, wenn er nicht plötzlich gefühlt hätte, daß hinter +seinem Rücken jemand da war und von einem Fuß auf den anderen trat. +Marakulin pflegte die Türen schon längst nicht mehr abzuschließen, es +war also jemand hereingekommen! In der Tat: ein alter Mann stand vor +ihm, von einem Fuß auf den anderen tretend – ein zerzauster langer alter +Mann, unter dem Mantel schlotterten die Hosen um seine Beine, als wären +es keine Beine, sondern bloß Knochen. In der Hand zerknüllte er seine +Mütze und noch etwas – ein Kuvert, ja ein Kuvert. Diesen alten Mann +hatte er früher nie gesehen, natürlich! – was wollte er? + +– Was wünschen Sie? + +– Ich komme zu Euer Gnaden, Peter Alexejewitsch, ich komme von Alexander +Iwanowitsch. + +– Von Alexander Iwanowitsch? + +– Von ihm persönlich. Sie vergaßen die Tür zu schließen, so bin ich da, +– zu klingeln hab’ ich gefürchtet, verzeihen Sie, – der Alte kaute mit +den Lippen und zupfte an seiner Mütze. + +In früheren Zeiten kamen manchmal allerlei Leute von Glotow – sie +brauchten im Kontor zuweilen Aushilfe für den Abenddienst – aber wie +konnte es Glotow einfallen, jetzt jemand zu ihm zu schicken, da Glotow +doch wußte, daß er stellungslos war und nur einen Sechser in der Tasche +hatte! + +– Ich kann nichts für Sie tun, Sie brauchen doch Geld ... + +Der Alte wurde geschäftig und zog ein zerdrücktes Blatt Papier aus dem +Kuvert, das ungleichmäßig mit großen Buchstaben beschrieben war. + +– Ich habe eine Bittschrift an Euer Gnaden verfaßt, ich geniere mich zu +bitten, und so habe ich diese Bittschrift verfaßt, – der Alte schob ihm +das Papier zu und lächelte ununterbrochen, ein Lächeln, das so war, als +miaute die Katze Murka. + +Marakulin steckte dem Alten seinen letzten Sechser zu, setzte sich an +den Tisch und wartete nur, wann der Alte fortgehen und wann es ein Ende +nehmen würde. + +Der Alte ging nicht, er preßte in der einen Faust den Sechser und die +Mütze und in der anderen das zerknüllte, ungleichmäßig mit großen +Buchstaben beschriebene Papier. Seine Hände zitterten und die Mütze fiel +zu Boden. + +– Was macht Alexander Iwanowitsch, wie geht es ihm? – fragte Marakulin +und fühlte dabei, wie alles in ihm zitterte und daß er es bald nicht +mehr aushalten würde, nicht aufzustehen und den Alten hinauszujagen. + +Der Alte streckte vogelartig lang seinen Hals aus und sperrte den Mund +auf wie einen Schnabel. + +– Heute ausgezeichnet, – er bewegte wie erfreut den Kopf, – er ist sehr +gut angezogen, wie ein Oberhausmeister, ein Rock, Lackstiefel, – wie ein +Oberhausmeister. – Geh, Gwosdjow, gradeaus zu Peter Alexejewitsch in die +Fontanka! – So geruhte er zu mir zu sagen. Wie ein Oberhausmeister. Ich +war bei ihm in Zarskoje in seiner Sommerwohnung, er scherzt immer: er +ist verliebt – sagt er – verliebt in eine Madame. Er scherzt immer: +Einen Hungrigen – sagt er – kann man satt machen, einen Armen kann man +reich machen, aber bist du verliebt und dein Gegenstand erweist dir +keine Gegenseitigkeit, so kannst du dich zerreißen, es gibt keine Hilfe. +– Ich verstehe es nicht, er scherzt nur immer. Einen Paletot hat er mir +von seinen eigenen Schultern geschenkt, und diese da Awerjanow der +Buchhalter; seine eigenen; sie sind mir etwas zu weit. Bist du keusch, +Gwosdjow? – sagt er. Nehmen Sie es mir nicht übel, Alexander +Iwanowitsch, ich bin ein Liebhaber von Weibern. Ja, er scherzt immer. + +Ohne aufzuhören und alles durcheinanderbringend redete der Alte, setzte +sich aber nicht, öffnete nicht die Faust und hob auch die Mütze nicht +vom Boden auf. + +Ein ruheloser Alter war das, ach wie ruhelos! Er hatte bei den +Schachowskojs in Petersburg als Stallknecht gedient, es war eine gute +Stellung, aber einmal wurde ein Pferd scheu und stieß ihn in die Brust, +da ging er ins Kloster. Seitdem zog er herum, aus einem Kloster in das +andere – er war eine ruhelose Natur: sowie er anfing sich irgendwo zu +gewöhnen, da lief er fort. Vor einem Monat war er aus dem +Tschermenetzkischen Kloster davongelaufen. + +– Da hat sich ein Bekannter meiner erbarmt. In der Seleninaja hat er ein +Zimmer, ein kleines Zimmerchen. Er selbst, dieser Korjakin, ist +verheiratet, hat eine Frau und ein kleines Kind, ein Mädchen, aber er +hat sich meiner erbarmt, und wir wohnten alle zusammen. Aber zum Fest +der heiligen Olga kam das älteste Töchterchen zu ihnen nach Petersburg +zu Besuch, so wurde es zu eng, auch ist es unschicklich: eine Jungfrau. +So zog ich auf den Obwodnij, hab’ da einen Winkel gemietet für +anderthalb Rubel, mit Gurken – ein schöner Winkel im Korridor. Ich +möchte mich gern mit Handel befassen, um mich nur irgendwie +durchzufretten ... + +Verworren und ohne aufzuhören redete der Alte, die Worte flossen +ineinander und zischten, – ein ruheloser Alter. Marakulins Augen +verschleierten sich, seine Lider wurden schwer, er sah nichts mehr, vor +seinen Augen bewegten sich nur die Hosen des Alten, die allzuweiten, von +Awerjanow, die nicht um Beine, sondern um Knochen zu schlottern +schienen. + +– Ich bin Liebhaber von Weibern ... anderthalb Rubel mit Gurken ... nur +um mich irgendwie durchzufretten ... + +Marakulin sprang vom Stuhl auf. + +– Wozu, sagen Sie mir endlich, wozu wollen Sie sich durchfretten? – rief +er. + +Aber er befand sich allein im Zimmer, es war niemand mehr drin. + +Die Katze miaute, Murka miaute. Er war allein im Zimmer; er war mitten +im Gespräch eingeschlafen, der Alte hatte es offenbar bemerkt und sich +mit seinem letzten Fünfkopekenstück davongeschlichen, genau so, wie er +vorher unbemerkt eingetreten war. Auch die Mütze lag nicht mehr auf dem +Boden. Die Katze miaute, Murka miaute. + +Und plötzlich sah Marakulin so klar, wie noch nie zuvor, daß Murka stets +gemiaut hat, und nicht nur gestern, sondern alle die fünf Jahre hier an +der Fontanka auf dem Burkowschen Hof; er hatte es nur nicht bemerkt, und +nicht nur hier auf dem Burkowschen Hof an der Fontanka, sondern auch auf +dem Newsky und in Moskau an der Taganka – bei der Auferstehungskirche –, +an der Taganka, wo er geboren war, – überall, wo etwas lebt. So klar sah +er es, so deutlich sprach es in ihm, daß er sich vor diesem Miauen, vor +dieser Murka nirgends hätte verstecken können. Und er fühlte es, daß +Murka nicht dort unten im Hof miaute, sondern hier ... + +– Gebt Luft! – miaute Murka, als könnte sie sprechen: – gebt Luft! – und +sie wälzte sich auf den Steinen, zu den Fenstern hinaufflehend. + +Eng, immer enger hockten sich die Kinder um sie herum, sie vergaßen ihre +wilden Spiele und ihre wilden Beschäftigungen, sie horchten; auch die +Scherbe mit der Milch stand noch unberührt da, und der Perser, der +schwarze Masseur aus der Badeanstalt ging nicht fort und rollte mit den +Augäpfeln. + +Erst spät am Abend bezog Marakulin in der fünften Etage sein neues +Zimmer, wo früher die Waschküche war. In der Wohnung war niemand, außer +der Köchin Akumowna; die Wirtin Adonja Iwoilowna war von der Reise noch +nicht zurück, – Adonja Iwoilowna pflegte im Sommer zu pilgern und die +Wohnung Akumownas Aufsicht zu überlassen. Die anderen zwei Zimmer waren +unvermietet. + +Die erste Nacht in der neuen Wohnung träumte Marakulin, er sitze in +einem Lustgarten außerhalb der Stadt an einem Tischchen gegenüber der +Estrade – der Garten erinnerte an den Garten des Aquariums – und rings +um ihn lauter unbekannte Menschen: ihre Gesichter waren böse und +unruhig, und sie gingen herum und brummten und flüsterten miteinander. +Er verstand, daß ihr Brummen und Flüstern sich auf ihn bezog. Sie hatten +nichts Gutes im Sinn, gewiß nichts Gutes! Es wurde ihm Angst, sie aber +kamen immer näher, und bald flüsterten sie nicht mehr miteinander, +sondern winkten einander mit den Augen zu, verstanden einander und +zeigten auf ihn. Und schon gab es keinen Zweifel mehr: – er darf nicht +länger dableiben, sie würden ihn sonst totschlagen. Er erhebt sich und +will ganz unbemerkt zum Ausgang gelangen, – sie aber sind hinterher. So +ist es, sie wollen ihn totschlagen! Sie werden ihn totschlagen, +erwürgen; wohin fliehen, wo sich verstecken? O Gott, wenn doch ein +Mensch wenigstens da wäre, ein Mensch! Und sie verfolgen ihn, sind ihm +schon auf den Fersen, jetzt holen sie ihn ein. Er stürzt in eine Grotte, +fällt mit dem Gesicht auf die Steine. Und plötzlich läßt sich ein Vogel +wie ein Stein auf ihn nieder, auf den Rücken, kein Adler, sondern ein +Habicht, der Hühner raubt. Er preßt ihn hart zwischen den Klauen, +zerdrückt ihn, wie er sonst die Hühner zermalmt. – Dieb, Dieb, Dieb – +klopft sein Schnabel. Und ihm wird schwer, so schwer, – es ist kein +Zweifel mehr für ihn: er wird sich nie mehr erheben können, nie mehr +sich aufrichten, – und es ist ihm schwer; Bitternis ist in ihm und +Todesbangen. + +– Ein böser Traum – sagte Akumowna, als Marakulin ihr am Morgen von den +nächtlichen Menschen und vom Habichtvogel erzählte, – man hat ihn nur +vor einer Krankheit. Sie werden ganz bestimmt krank werden. + +Die Krankheit aber hatte sich seiner schon bemächtigt, er war ganz +zerbrochen, ganz aufgelöst, der Kopf hing ihm herab, er war krank: am +Morgen vermochte er kaum ein Glas Tee auszutrinken und der Bissen blieb +ihm im Munde stecken. Draußen war eine Hochsommerhitze und ihn +schüttelte der Frost wie im Januar. + +Die göttliche Akumowna – im Burkowschen Hof wurde Akumowna die göttliche +genannt –, die gute Seele, brachte Marakulin zu Bett, gab ihm Himbeertee +zu trinken und legte ihm Senfpflaster auf; sie pflegte ihn Tag und +Nacht, und pflegte ihn gesund. Die Krankheit ließ ihn los und verließ +ihn. Doch hatte er an die zwei Wochen gelegen. + +Das erste, was er empfand, als er nach der Krankheit die Hausschwelle +überschritt und sich auf der Straße befand, war – daß er jetzt alles zu +sehen und zu hören anfing. Und er fühlte, wie sein Herz sich auftat und +seine Seele lebte. + +Der eine muß verraten, um durch den Verrat seine Seele aufzuschließen +und in der Welt er selbst zu sein; der andre muß töten, um durch den +Mord seine Seele aufzuschließen und wenigstens als er selbst zu sterben; +er aber mußte offenbar eine Quittung ausfertigen – aber nicht der +Person, der sie zukam, – um seine Seele zu erschließen und in der Welt +zu sein, und zwar nicht mehr als irgendein beliebiger Marakulin, sondern +als dieser Peter Alexejewitsch Marakulin, der er war, sehen, hören und +fühlen. + +So sprach es in Marakulin am ersten Tag seiner Genesung, so fand er ein +Schlupfloch, um wieder in die Welt hineinzuschlüpfen, so bewies er sich +sein Recht zum Dasein: nur sehen, nur hören, nur fühlen. + +Er hatte keine Angst mehr vor den Menschen, sie schreckten ihn nicht +mehr. Und es war ihm jetzt eigentlich ganz gleichgültig, ob er ein Dieb +war oder nicht. Er fürchtete sich auch vor gar keinem Unglück mehr. Und +wenn, dachte er, noch tausendmal soviel Ungemach ihn heimsuchen sollte, +so war er zu allem bereit, mit allem einverstanden, alles wollte er +hinnehmen und erdulden und in jeglicher Schmach leben, in jeglicher +Erniedrigung, alles sehend, alles hörend, alles fühlend. – Warum? Das +wußte er selber nicht, nur, daß er leben wollte. + +Geschah dies dem Ungemach und dem einäugigen Bösen zum Trotz, dem +überall ein Fest gerichtet ist, wo man sich grämt und weint – er hat +nämlich das Ungemach ausgehungert und läßt es hungrig um die Erde +streifen, und er selbst, der Einäugige, blickt mit seinem unterlaufenen +Auge scheel aus den Wolken von der Höhe des Himmels herab, wie die Erde +vor Kummer, Gram, Not, Trauer, Leid, Bosheit und Haß sich wälzt und wie +Murka klagt, und duldet es vielleicht nur bis zu einer gewissen Zeit, +oder betrachtet er es mit Wohlgefallen –? + +Oder geschah es dem Kummer und seinem Hohn zum Trotz, dem mageren, +dünnen, zusammengeschrumpften, von Weiden umgürteten, mit Bast +umwickelten, – diesem, wie der alte Gwosdjow, zerzausten Kummer, mit +seinen geheuchelten Tränen, die er vergießt, wenn er einen in die Grube +hinabstößt und dazu „Ecce homo!“ ruft? Oder erkannte er in Murkas +Miauen, in Murkas Bestimmung zu klagen, eine höhere Gerechtigkeit, eine +Strafe für Murkas Erbsünde, die nicht gesühnt, nicht vertuscht werden +kann, wenn sie vielleicht auch ganz geringfügig ist, weil geschrieben +steht: Wer das ganze Gesetz befolgt und nur eins übertritt, der ist im +ganzen schuldig! und er ergab sich drein mit Furcht und Beben, nachdem +er erkannt hat, daß sein Recht eben in der Rechtlosigkeit von Uranbeginn +bestand? – Oder war es seine Liebe zum Leben, sein Instinkt zum Leben, +die Heiterkeit des Gemüts – das Mark und die Wurzel seines Lebens, die +ihm Recht sprachen, als eingeborene Kräfte seiner Seele, und ihm die +Fähigkeit verliehen, sich zu finden, sich zu fügen und anzupassen, ohne +Worte, ohne Beweise? Oder wird er jetzt einfach nur leben, niemand zum +Trotz, niemand zu Leide, weder aus Erkenntnis, noch dank seiner +besonderen seelischen Eigenschaften, sondern einfach so – zu gar keinem +Zweck, ebenso wie er früher zu keinem Zweck für den Direktor vor den +Feiertagen die Berichte abgeschrieben hatte, Tag und Nacht beharrlich +einen Buchstaben nach dem anderen malend, die Zeilen wie Perlen +aneinanderreihend? – Ist es nicht so? + +Etwas Derartiges flog damals Marakulin durch den Sinn und sprach +deutlich in ihm: Zu keinem Zweck – zu gar keinem Zweck, aber du wirst +dennoch leben und nur sehen, nur hören, nur fühlen. + + + + + Zweites Kapitel + + +Das Burkowsche Haus stößt an keine fremde Mauer. Ihm seitlich gegenüber +liegt das Obuchowsche Krankenhaus. Zwischen dem Haus und dem Krankenhaus +befinden sich zwei Höfe: Burkows Hof und der Hof der Belgischen +Gesellschaft. Die Fabrik der Gesellschaft liegt rechts, – sie hat vier +Ziegelschlote mit Blitzableitern; sie qualmen den ganzen Tag und +erfüllen die Fensterrahmen mit schwarzem Ruß. Ueber diesen Ruß beklagt +sich Akumowna so oft sie vor den Feiertagen die Zimmer reinigt, aber sie +schreibt die Schuld daran nicht den belgischen Schloten zu, sondern der +riesigen elektrischen Milchglaskugel, die den ganzen belgischen Hof +beleuchtet. + +Der Mond blickt manchmal in die Fenster hinein, die Sonne aber ist nie +zu sehen, nur im Hochsommer glüht Marakulins Zimmer wie eine heiße +Pfanne: die Strahlen dringen herein zusammen mit dem Staub und jenem +lästigen Hämmern von Eisen gegen Stein, das dem sich erneuernden und +aufputzenden Petersburg im Sommer eigen ist. Auch die Sterne sind hier +wenig zu sehen, mit Ausnahme des Abendsterns, und auch dieser ist nur im +Frühjahr sichtbar, in später, nicht sehr dunkler Mitternacht; dafür aber +glänzt das Licht im Obuchowschen Krankenhaus wie ein Stern. + +Wenn im Hof der Belgischen Gesellschaft schwarze Männer erscheinen und +wie Zuchthäusler einen schwarzen Karten mit Steinkohle nach dem andern +von der Fontanka hereinfahren, und der Hof sich im Laufe der Tage in +einen schwarzen Berg verwandelt, dann bedeutet es, daß der Sommer +vorüber ist und daß der Winter, der Herbst naht. Wenn aber der Berg +abzunehmen beginnt und wie Schnee schmelzend zergeht, wenn die schwarzen +Männer wieder mit schwarzen Karren erscheinen und klirrend die letzten +Stücke wegfahren; wenn in dem mit grauem Sandbestreuten Hof weiße Zelte +sich erheben, kurzgeschorene, erdfahle Menschen in grauen +Krankenhauskitteln herumzuschleichen beginnen und die roten Kreuze der +Schwestern leuchten, dann bedeutet es, daß der Winter vorüber ist und +daß der Sommer – der Frühling da ist. + +Burkows Haus ist wie Petersburg selbst. + +Der herrschaftliche Teil des Hauses liegt nach der Seitengasse mit der +Kaserne – in ihm sind lauter teure Wohnungen. Hier wohnt der Eigentümer +Burkow selbst – ein ehemaliger Gouverneur: seine Uniform strahlt wie +elektrisches Licht und sein Vorzimmer ist voller Epauletten und blanker +Knöpfe. Eine Etage höher wohnt der Rechtsanwalt Amsterdamskij – er nimmt +zwei Wohnungen ein. Noch höher wohnen Oschurkows – ein Ehepaar nur – in +zehn Zimmern; alle zehn Zimmer sind voll von Nippes, auch ein Aquarium +mit Goldfischchen haben sie; die Dienstboten wechseln jeden Tag. Der +Nachbar der Oschurkows ist ein Deutscher, der Doktor der Medizin +Wittenstaube, der alle Krankheiten mit Röntgenstrahlen heilt. Ueber +Oschurkows und Wittenstaube wohnt die Generalin Cholmogorowa, oder die +Laus, wie sie im Hof genannt wird. Ueber der Generalin wohnt niemand; +unter Burkow befindet sich noch ein Kontor und an der Ecke eine +Bäckerei. + +Burkow selbst wurde nie von jemand gesehen. Es gingen seltsame Gerüchte +um von seiner eigenartigen Selbstvernichtung: während er Gouverneur in +Purchowez war und dort den Aufruhr unterdrückte, soll er dermaßen außer +sich geraten sein, daß er unter anderen Akten auch eine von ihm selbst +verfaßte Meldung an das Ministerium über seine eigene völlige +Unfähigkeit unterschrieb, worauf er glücklich, aber ihm völlig +überraschend nach Petersburg berufen wurde, wo er seinen Abschied +erhielt. + +Die Generalin Cholmogorowa dagegen konnte ein jeder sehen, und alle +wußten, daß allein die Zinsen ihres Kapitals bis zu ihrem Tode reichten, +und leben könnte sie noch ein halbes Jahrhundert: kräftig und lebhaft +würde sie alle überleben, oder wie der Chiromant sich ausdrückte: es ist +ihrem Leben kein Ende abzusehen! Man wußte auch von der Generalin, daß +sie jeden Dienstag ins Dampfbad gehe und so abgehärtet sei, daß sie +überhaupt nicht altere, sondern immer im gleichen Zustand verharre. +Weiter wußte man, Gott weiß woher, daß sie nichts in ihrem Leben zu +bereuen habe; sie hat weder getötet noch gestohlen, und wird weder töten +noch stehlen, denn sie tut nichts, als sich ernähren – sie trinkt und +ißt – sie verdaut und härtet sich ab. Sonst nichts. Endlich wußte man, +daß sie das Haus nie anders als mit einem Klappstuhl verlasse; diesen +nehme sie als eine Art Waffe mit, falls sie überfallen werden sollte, – +und so kann man sie mit dem Stuhl täglich auf der Fontanka der Motion +wegen promenierend antreffen, an Samstagen und Sonntagen, vor den Festen +und an den Festtagen selbst dagegen auf dem Sagorodny-Prospekt, wo sie +entweder zur Kirche geht oder aus der Kirche kommt. + +Jeden Mittag Schlag Zwölf erscheint auf dem Hof das Burkowsche +Hausmädchen Susanna, das schon mehr wie ein Fräulein aussieht – wie eine +Stenotypistin aus irgendeinem Bureau – und führt den schönen Hund des +Gouverneurs, den rothaarigen Revisor über den Hof spazieren, wobei sie +kaum die lästige Stahlkette festhält. Jeden Mittwoch werden die Teppiche +in den Hof hinuntergebracht und vor den Feiertagen auch die +Polstermöbel, und die Teppichklopfer bearbeiten sie und klopfen so +eifrig und mit solchem Gedonner, daß es sich anhört, als würde auf der +Newa aus Kanonen geschossen; das bedeutet: ein Attentat oder eine +Ueberschwemmung. Alle diese Teppiche und Möbel stammen aus dem +herrschaftlichen Teil des Hauses – aus den reichen Wohnungen der +Burkows, Amsterdamskijs, Oschurkows, Wittenstaubes und der Generalin +Cholmogorowa. + +Im Hinterhaus sind lauter kleine Wohnungen, und die Einwohner sind +mittlere, zumeist aber kleine Leute. Hier befinden sich Schuster und +Schneider, Bäcker, Bademeister, Friseure, eine Waschanstalt, zwei +Weißnäherinnen, drei Schneiderinnen, eine Krankenschwester aus dem +Obuchowschen Krankenhaus, Kondukteure, Maschinisten, Kürschner, +Schirmmacher, Bürstenmacher, Buchhalter, Wasserleitungsarbeiter, Setzer +und allerlei Mechaniker, Techniker und elektrische Monteure mit ihren +Familien und ihren Lumpen, Flaschen, Gläsern und Schwaben; hier sind +auch allerlei Fräuleins von der Gorochowaja und vom Sagorodny-Prospekt, +Nähmamsells, Mädchen aus den Teestuben und elegante junge Leute aus den +Badeanstalten, die die Petersburger Damen auf Wunsch bedienen; hier +befinden sich auch „die Winkel“. + +Der Inhaber der Winkel, der Händler Gorbatschow, der Schweigsame – so +wurde er im ganzen Hof genannt – ein stämmiger, haariger, angegrauter, +betfrommer Mann, der allsonnabendlich alle seine dreißig Winkel mit +Weihrauch ausräuchert, besitzt auf dem Marsfeld drei Stände. Zu den +Feiertagen tummeln sich bei Gorbatschow Mädchen in schwarzen Tüchern und +Nonnen-Geldsammlerinnen in Schaftstiefeln, und zu Ostern legen alle +diese Töchter des Gesanges lustig und keck: Christ ist auferstanden! bei +ihm los. Gorbatschow ist allen bekannt und wenig beliebt; er kann Kinder +nicht ausstehen. Die Generalin Cholmogorowa kann, wie man sagt, +ebenfalls Kinder nicht ausstehen, aber sie selbst hat nie welche gehabt; +Gorbatschow dagegen hatte ein Töchterchen gehabt, das er aber so lange +in einer leeren Kammer voller Ratten eingesperrt hielt und so lange +mißhandelte, bis er es ins Jenseits befördert hatte. Die kleinen Kinder +ärgern Gorbatschow, geben ihm allerlei Spitznamen, verfolgen ihn in +wilden Scharen, spotten über seinen Weihrauch und über seine mit +Pferdehaaren bewachsene Nase, und davon ertönt der Hof von so kräftigen, +geflügelten Worten, von einer so auserlesenen saftigen russischen +Sprache, wie man sie kaum im Gefängnis zu hören bekommt; und das +Gefängnis ist doch sozusagen ihre Akademie. + +– Die Zeiten sind reif, die Sündenschale ist voll, die Strafe ist nah, +ich werde euch alle, ihr Lumpen, auf einem Stricklein aufhängen! – +brummt der gekränkte, von den Kindern gequälte alte Schweiger und +schnuppert mit seiner von Pferdehaaren bewachsenen Gorbatschowschen +Nase, während er an den Sonnabenden alle seine dreißig Winkel +beweihräuchert, böse und bitter das Göttliche mit dem Ungebührlichen +durcheinandermengend. + +Die Gorbatschowschen Winkel sind allbekannt. Hier wohnt die Alte, die an +der Badeanstalt Sonnenblumen- und Kürbissamen, Johannisbrot, +Zuckerplätzchen in rosa Papierchen mit Fransen, Heringe und eingelegte +Birnen feilbietet; stellenlose Köchinnen wohnen hier und sonst allerlei +Volk, von der Art des ruhelosen alten Gwosdjow: ein Maler, ein Tischler +und allerlei fliegende Händler. + +Die Stände der Händler, ihre Kästen, befinden sich an der hölzernen +Ueberwölbung der Müllgrube und auf dem Müllkasten andererseits. Am +frühen Morgen, wenn die Hausmeister den Hof säubern und fegen, da kocht +es bei den Händlern vor Arbeit auf den Ständen: die Aepfel, Apfelsinen, +getrocknete Aprikosen, Pflaumen, Datteln und andere Süßigkeiten und +Näschereien, alles wird vorsichtig immer wieder verlockend +zurechtgelegt, aufgefrischt und erneuert. Dann wird es an der Fontanka +herumgetragen und sieht so verlockend, so schmackhaft aus, daß es über +die Kraft geht, sich zu versagen, wenigstens etwas davon zum Tee zu +kaufen: eine Dattel oder eine Tafel Schokolade, die nach Mistpilzen +riecht. + +Und so wie die Gorbatschowschen Winkel nie leer stehen, so sind auch die +Stände dieser Händler, ihre Kästen stets voll von den verlockendsten +Süßigkeiten und Näschereien. + +Neben den Winkeln befindet sich die Hausmeisterwohnung. Es sind ihrer +sieben Hausmeister. Alle sehen sie so gesund aus, und alle sind sie +irgendwie krank; – wenn sich zum Spaß wenigstens ein gesunder unter +ihnen fände! Der Beruf eines Hausmeisters ist auch gar nicht so einfach: +er muß aufpassen und Holz tragen und Leute auf die Wache schleppen, – +und alles muß flink geschehen. Ihr einziger Vorteil ist der Verkauf von +Brennholz. Nur der herrschaftliche Teil des Hauses bezieht das Holz vom +Wirt; im Hinterhaus aber wohnen nur kleine Leute, die ihr Holz selber +kaufen, und deshalb treiben durchweg alle sieben Hausmeister einen +schwunghaften Handel mit Holz. + +Ueber der Portierloge wohnt der Oberhausmeister Michail Pawlowitsch, der +seiner Stattlichkeit nach besser in die Newskaja Lawra[1] passen würde – +auch in diesem Kloster würde er nicht zu den letzten zählen; – als +Feiertagsgeschenk nimmt er nicht weniger als einen Rubel an. Ueber +Michail Pawlowitsch wohnen der Paßaufseher Jerkin und der Kontorist +Stanislaus. + +Jerkin ist im ganzen Burkowschen Hof in Beziehung auf Trinken als der +erste bekannt. Und in den Feiertagen kann es vorkommen, daß er, nachdem +er die fünfte Etage erklettert, an einer Tür geklingelt und mit Mühe +hervorgestammelt hat, er sei um seinen Feiertagsobolus gekommen, wie tot +auf dem Platz liegen bleibt. Einmal, war es Weihnachten oder Ostern, da +war er die ganze Treppe hinuntergekollert, von Stufe zu Stufe – „er +liebt mich, er liebt mich nicht“ – und hatte sich dermaßen an den +Fliesen zerschunden, daß man ihn kaum erkennen konnte. Nach Neujahr, am +Tage der heiligen drei Könige, brachte ihn Antonina Ignatjewna, Michail +Pawlowitschs Gattin, eine gottesfürchtige Frau, zum Mönch am Hafen, um +ihn wieder auf den guten Weg zu bekehren. Er ließ sich auch bekehren: er +legte vor dem Bruder ein Gelübde ab, – schriftlich – daß er ein ganzes +Jahr nicht mehr trinken würde, bis zum nächsten Neujahr. Jerkin handelt +mit Marken aus dem Krankenhaus, und diese Marken, meist im Werte eines +Rubels, sind für ihn dasselbe, was das Holz für einen Burkowschen +Hausmeister ist. + +Jerkins Hausgenosse, der Kontorist Stanislaus, ist ebenso wie sein +Freund, der Monteur Kasimir, von jeher dadurch bekannt, daß er sich +nachts auf allen Treppen herumtreibt und daß keine Köchin, kein +Hausmädchen ihm widerstehen kann; ein solcher Fall soll noch nicht +vorgekommen sein, und kein Gardesoldat kommt ihm darin gleich. + +Hochzeiten, Leichenbegängnisse, Unfälle, Begebenheiten, Skandale, +Raufereien, Schlägereien, Hilferufe und Polizeiwache – bald ist es, als +schreie ein Mensch, bald, als miaue eine Katze oder als würde jemand +gewürgt. Und so jeden Tag. + +Burkows Haus ist eine richtige Wjasma[2]. + +Die Wohnung Adonja Iwoilowna Jurawljowas, der Wirtin Marakulins, ist im +Hinterhaus gelegen und trägt die Nummer neunundsiebzig. + +Auf Nummer achtundsiebzig wohnt die Hebamme Lebedjowa. Bei der Hebamme +wurde am Advent ein Pelzmantel gestohlen, und der Dieb war nicht zu +finden, als wäre der Pelz im Ofen verbrannt. Man warf dem Schweizer +Nikanor vor, daß er nicht aufgepaßt hätte, – aber wie konnte er +aufpassen, wenn er den ganzen Tag auf den Beinen sein muß und nachts +herausgeklingelt wird, und so das ganze Jahr hindurch! Natürlich war es +ein schlauer Dieb, ein Hausgenosse, – aber es war nichts zu machen. + +Auf Nummer siebenundsiebzig wohnten eine Zeitlang zwei Studenten – +Scheweljow und Chabarow. Dem Aussehen nach waren sie wohlhabend; sie +waren elegant gekleidet und hatten die Miete für einen Monat +vorausbezahlt. Sie lebten zurückgezogen, niemand pflegte zu ihnen zu +kommen, es gab nie Lärm bei ihnen und sie hatten auch keine eigene +Bedienung. Gewöhnlich fuhren sie schon am Morgen fort und kamen erst +spät abends heim. Sie befaßten sich damit, Geld für ihre armen Kollegen +zu sammeln; so sagten sie bei ihren Besuchen in den Vorder- und +Hinterwohnungen des Burkowschen Hauses. Nur durch eins störten sie: sie +sangen sehr oft in der Nacht, wenn auch nicht laut, so doch vernehmlich +Totenmessen. Diese nächtlichen Totengesänge verursachten den Nachbarn +wenn nicht Schrecken, so doch einige Erregung. Aber was geschah? Nach +einem Monat stellte sich heraus, daß sie gar keine Studenten waren, auch +nicht Scheweljow und Chabarow hießen, sondern Schibanow und Kotschenkow +– Diebe vom reinsten Wasser, und ihre Wohnung war, als wäre sie gar +nicht bewohnt, leer, nicht einmal ein zerbrochener Stuhl war drin – +nichts, nur ein Kerzenstumpf in einer Bierflasche und ein Messinghahn. +Und da sie nicht wenig auf dem Kerbholz hatten, wurden sie verhaftet. + +An Stelle der Studenten quartierten sich auf Nummer siebenundsiebzig +zwei Artisten, die beiden Brüder Damaskin ein: Sergej Alexandrowitsch +vom Ballett – er hatte in zwölf Sprachen Examen gemacht und alle Gesetze +ausstudiert, wie man im Hof sagte, – und Wassilij Alexandrowitsch, ein +Zirkusclown oder der Klon[3], wie es in der Burkowschen Sprache hieß: er +spie Feuer und fürchtete nichts und ist schon im Luftballon geflogen. +Die neuen Mieter wurden vom Oberhausmeister Michail Pawlowitsch die +Artisten genannt, und er war von einem ungewöhnlichen und ihm selbst +rätselhaften Respekt vor den Brüdern Damaskin durchdrungen, wie vor +einem Mönch aus dem Hafen. + +Wassilij Alexandrowitsch, der Clown, sieht wie eine Teetasse aus, Sergej +Alexandrowitsch ist schlank und sauber, wie ein sechzehnjähriges +Fräulein; er berührt die Erde kaum beim Gehen und hält sich steil, wie +ein dreijähriges Kind; – er geht schnell, seine Schuhchen scheinen keine +Absätze zu haben, und jeden Augenblick kontrolliert er sozusagen seine +Füße gymnastisch: er beginnt mit den Füßen zu flattern, wie ein Hahn mit +den Flügeln. Wassilij Alexandrowitsch ist nur im Zirkus beschäftigt und +hat jeden Abend Vorstellung, wie das so ist, Sergej Alexandrowitsch +dagegen tanzt im Theater und gibt Stunden bei sich zu Hause und außer +dem Hause. + +Die Artisten verdienten gut, streuten das Geld aber um sich wie Späne – +Sergej Alexandrowitsch spielte Karten und verlor stets – sie kamen aus +den Schulden nicht heraus, und manchmal ging’s ihnen an den Kragen. + +Sie beide waren nicht älter als Marakulin. Sergej Alexandrowitsch war +verheiratet, aber seine Frau hatte ihn verlassen. Und obgleich er sie +versicherte, daß die Liebe nur einmal komme – es gebe nur eine Liebe auf +der Welt – und, wenn er seinen Schülerinnen den Hof mache, dies eben nur +zu den Pflichten seines Berufes gehöre, und wenn er mit einer Schönen +spreche, so spreche er mit ihr nur, wie mit einem Menschen, ohne daß +sein Herz dabei beteiligt sei, so war seine Frau doch von ihm +fortgegangen. Sergej Alexandrowitsch ist sauber, Wassilij +Alexandrowitsch das Gegenteil: er braucht jeden Tag ein Fräulein, er +kann sonst nicht leben; er ist dabei nicht wählerisch und fürchtet sich +vor nichts, dafür aber besucht er, wenn auch nicht oft, die Kirche. +Sergej Alexandrowitsch dagegen ist sogar Ostern zu Hause geblieben. Und +als Sergej Alexandrowitsch einmal Zahnweh bekam und beschlossen hatte, +er müsse sterben, dachte er gar nicht daran, einen Priester rufen zu +lassen, vielmehr warnte er die Sklavin – so nannten die Artisten ihre +Köchin Kusjmowna – und zwar aufs strengste davor: – Wenn du mir einen +Popen holst – rief er in seiner Zahnwehraserei – werfe ich das Aas die +Treppe hinab! – + +Und er hätt’ es auch gewiß getan: Sergej Alexandrowitsch war ein großer +Philosoph. + +Marakulin stand mit der Hebamme Lebedjowa nur auf dem Grüßfuß – sie +mißfiel ihm: sie sah nur auf die Tasche, war unterwürfig und verstand es +mit zwei Stimmen zu sprechen: mit der einen zu denen mit den vollen +Taschen und mit der anderen zu denen, die nichts hatten. Bald hörte die +Hebamme auf, Marakulins Gruß zu erwidern, und auch er tat, als bemerkte +er sie nicht mehr. Mit den Studenten war Marakulin nicht näher bekannt +gewesen und nur manchmal an der Treppe mit ihnen zusammengestoßen: er +stieg gerade hinauf, als sie herunterliefen; nachts aber war er ein +aufmerksamer Hörer der studentischen Totengesänge. Auf den ersten +Eindruck gefielen ihm diese Kerle: sie waren so tüchtig und +lebenslustig. Mit den Artisten aber hatte er sich angefreundet und +besuchte sie: er kam zu ihnen ab und zu abends zum Tee. + +Die Artisten waren geistlicher Herkunft und von seminaristischer +Bildung; sie waren beide ein paar fidele Hühner, nicht kopfhängerisch – +sie sparten kein Streichholz beim Zigarettenrauchen! – Wassilij +Alexandrowitsch, der Clown, war nicht sehr gesprächig, aber einem +Gespräch nicht hinderlich; er war gutmütig und lachte viel, häufig auch, +wo es gar keinen Anlaß zum Lachen gab, offenbar nach seiner eigenen +Clownlinie. Sergej Alexandrowitsch dagegen unterhielt sich gern. Er war +auch ein Bücherfreund und las nicht nur humoristische illustrierte +Zeitschriften wie etwa „das Petersburger Satirikon,“ nicht nur den +berühmten „Andrej, den Schwergeprüften,“ oder „Elsa von Gabron,“ oder +„die schrecklichen Geheimnisse des unterirdischen Gewölbes,“ oder „die +schrecklichen Abenteuer des Räuberhauptmanns die schwarze Hand,“ oder +„die Liebesrendezvous von Beritzky,“ „die Entführung Ludmillas durch den +Waldräuber Alexander“ – die Lieblingslektüre des Clowns –, nein, er las +die neuesten, sensationellen Bücher, die überall in den Schaufenstern zu +sehen sind: bei Ssuworin, bei Wolf, bei Mitjurnikow auf dem Newsky, im +Gostiny Dwor, auf der Litejnaja und sogar auf der Gorochowaja, in der +einzigen Buchhandlung dieser Straße. Und beim Tee pflegte Sergej +Alexandrowitsch auf alle totengräberischen, tendenziösen Betrachtungen +Marakulins mit eigenen ausgedehnten Betrachtungen über das Schicksal und +das Los verschiedener Länder, Völker und des Menschen überhaupt zu +erwidern und schloß gewöhnlich mit der kurzen Bemerkung: + +– Man muß alles von sich abschütteln! – dabei flatterte er mit den Füßen +wie ein Hahn mit den Flügeln. + +Sergej Alexandrowitsch ist ein großer Künstler. + +Die Wirtin Marakulins Adonja Iwoilowna Jurawljowa – eine nicht mehr +junge, dicke und sehr gute Frau, ist seit fünfzehn Jahren Witwe, seitdem +ihr Mann infolge einer Krebskrankheit den Hungertod starb. Er wurde auf +dem Smolensky-Kirchhof begraben. Sie selbst ist keine geborene +Petersburgerin, sie stammt von der Meeresküste, vom Weißen Meer. Ihr +Mann besaß ein Geschäft auf der Ssadowaja, einen Schnittwarenladen – +Baumwolle und Zwirn – jetzt hat sie es verpachtet. Sie hat keine Kinder +und die Verwandten von seiten ihres Mannes sind auch kinderlos, nur ein +Neffe ist da. Der Neffe pflegt an den Feiertagen zu Weihnachten und +Ostern zu kommen, um ihr zum Fest zu gratulieren, ebenso an ihrem +Namens- und Geburtstag. Sie ist reich – hat viel Geld und weiß nichts +damit anzufangen; sie grämt sich sehr, daß sie keine Kinder hat und +seufzend klagt sie über das ihr von Gott bestimmte kinderlose Leben. + +Adonja Iwoilowna bewohnt das äußerste Zimmer; gleich am Eingang rechts +liegt ihr Zimmer. Den ganzen Tag sitzt sie zu Hause; auf die Straße geht +sie nicht – es ist ihr beschwerlich, die Treppen hinunterzusteigen –, +der eine Fuß schleppt etwas nach, und beim Hinaufsteigen vergeht ihr der +Atem; auch hat sie Angst vor der Elektrischen. Es bleibt ihr nur eine +Zerstreuung: in die Küche zu Akumowna zu spazieren und mit ihr vom Essen +zu sprechen. + +Adonja Iwoilowna ißt gern. + +Die Zimmer liegen alle in einer Reihe. Das zunächst an der Küche +gelegene ist das Marakulins, und Peter Alexejewitsch kann am Morgen +schon hören, wie sie das Mittagsessen bespricht. Adonja Iwoilowna ißt +besonders gern Fische. Und sie belehrt Akumowna über den Sterlet, über +die Zubereitung einer Sterletsuppe, von einem wahrhaft die Seele aus dem +Leibe schmeichelnden Geschmack. + +– Zuerst mußt du, Uljanuschka – spricht sie zu Akumowna mit einer +Stimme, als schlucke sie Tränen – zuerst mußt du die Barsche bis zur +Erschöpfung kochen, dann tu’ den Sterlet hinein, das gibt eine +schmackhafte Suppe. + +Und in der Tat wurde da eine schmackhafte Fischsuppe gekocht; ein die +Seele aus dem Leibe schmeichelnder, süßer, fetter Sterletgeruch erfüllte +die Küche und alle vier Zimmer, und Marakulin konnte es kaum aushalten, +kaum den glücklichen, seligen Augenblick erwarten, bis er in die +Garküche auf den Sabalkansky gehen konnte. + +Adonja Iwoilowna versteht sich aufs Essen. + +Den ganzen Winter sitzt sie fest, sie ist seßhaft und wird wegen ihrer +Seßhaftigkeit im ganzen Hof nicht anders als die Schmiede genannt; aber +kaum, daß der Frühling beginnt, ist sie nicht mehr in Petersburg: den +ganzen Sommer zieht sie von Ort zu Ort, zu allen heiligen Stätten +pilgernd. + +Adonja Iwoilowna liebt die Einfältigen und Narren, die Starzy[4], Brüder +und Propheten. Sie war bei dem rasenden Starez in der Nähe von +Kischinew, hatte seine schrecklichen Schilderungen des Jüngsten Gerichts +und der Qualen der Sünder gehört; – sie waren so entsetzlich, daß die +Pilger wie von Sinnen davongingen und tobsüchtig wurden; manche starben +auf der Stelle vor Angst vor den Höllenqualen – so entsetzlich waren +diese Schilderungen. Sie war auch schon im Ural bei Makarij: – dieser +Starez wohnt auf einem Geflügelhof, pflegt das Geflügel, spricht mit dem +Geflügel, und ihm gehorcht alles Vieh: wenn sich der Starez bei +Sonnenuntergang zum Beten hinstellt, so stellt sich auch das ganze Vieh +hin, wendet die gehörnten, bärtigen Köpfe nach der Richtung, wohin der +Starez betet und steht und rührt sich nicht; es erklingt kein Glöcklein, +es klirrt keine Schelle. Sie war auch in Werchoturje bei Fedotuschka +Kabakow, der durch Gebete die Stimme des Himmels herabruft; sie war auch +bei jenem Starez, der durch seine Berührung engelhafte Reinheit schenkt +und in den paradiesischen Zustand versetzt; sie war auch bei dem +Kitajewschen Propheten: dieser Heilige läßt die Frommen an seiner Zunge +saugen – er steckt seine Zunge heraus, man saugt an ihr und ist +geheiligt – die Gnade hat sich auf einen herabgesenkt. Noch bei vielen +anderen heiligen Männern war sie in ihrem Leben gewesen: +im Heiligengeistkloster, wo der Starez die bösen Geister +vertreibt, indem er durch den Beischlaf das Fleisch abtötet; beim +Bossoj-Iwanowskij-Starez, beim Starez Damian und bei Phoka Skopinskij, +der sich selbst auf dem Scheiterhaufen verbrannt hatte. + +Adonja Iwoilowna liebt die Armen im Geist, die Narren, die Starzy, +Brüder und Propheten. Sie möchte ihr Leben lang ihren unverständlichen +Gesprächen, ihren Parabeln und Sprüchen lauschen, sie möchte in ihren +Zellen beten, wo die Oellampen sich von selbst entzünden, wie die Kerzen +Jerusalems. Sie hat nur einen Kummer: sie sprechen nicht mit ihr, – +einzig ihr allein hat noch niemand von diesen Heiligen etwas gesagt! Ob +sie nun zu alt an Jahren ist, oder ob sie vor Rührung die prophetischen +Worte nicht hört, oder ist es ihr vielleicht nicht gegeben zu hören –? +Nur die heilige Schwester Parascha hatte ihr einmal gesagt: + +– Schiffe werden gehen, viele Schiffe – weit! + +Und im Winter in ihrer schwülen Stube auf der Fontanka sitzend, +wiederholt Adonja Iwoilowna sehr oft: + +– Schiffe, Schiffe! – und kann diese Worte nicht begreifen, und die +Tränen rollen ihr wie die Erbsen die Wangen herab. + +Adonja Iwoilownas Aehnlichkeit mit einer Seerobbe ist erstaunlich – eine +echte murmanische[5] Seerobbe. + +Adonja Iwoilowna liebt die Armen im Geiste, die Narren, die Starzy, +Brüder und Propheten, aber sie hat noch eine andre Leidenschaft und eine +ebenso unbezwingliche: das Meer, das Meer – sie liebt das Meer. Alle +russischen Meere hat sie befahren, sie ist auf dem Murman, auf dem +Eismeer geschwommen, wo der Wal lebt, und hat auch das Mittelmeer +gesehen. + +Und im Winter allein in ihrer schwülen Stube auf der Fontanka sitzend +denkt sie oft an das Weiße Meer, ihre Heimat, und an das warme Schwarze +Meer und an das smaragdgrüne Mittelmeer, und bei dem Gedanken an das +Meer wiederholt sie Paraschas einzige prophetische Worte: + +– Schiffe, Schiffe! – und sie kann es nicht verstehen und Tränen rollen +ihr wie Erbsen die Wangen herab. + +Nachts quälen Adonja Iwoilowna Träume. Sie träumt bunte Träume: sie +träumt von der Heimat, von den heimatlichen Flüssen, dem Onegafluß, dem +Dwinafluß, dem Pinegafluß, den Meshafluß, den Petschorafluß, vom +schweren Brokat altrussischer Gewänder, von weißen Perlen und rosa +Perlen aus Lappland, von Walfischen, Seerobben, Lappen, Samojeden, von +Märchen und alten Weisen, von langen Winternächten und von der +Mitternachtssonne, vom Kloster Ssolowski und vom Reigen. Sie träumt von +cholmogorischen ungehörnten Kühen, einer ganzen Herde; – und diese Kühe +haben menschliche Augen, sie schmiegen sich alle mit dem Rücken an sie, +dann tritt eine vor, reicht ihr einen Fuß wie eine Hand und sagt: +„Adonja Iwoilowna, lehre mich sprechen.“ Nach ihr tritt eine andre vor, +und so eine Kuh nach der anderen, jede reicht ihr einen Fuß wie die +Hand, und alle haben sie die gleiche Bitte: „Adonja Iwoilowna, lehre +mich sprechen!“ Sie träumt von Skorpio-Chamäleonen; – alle sind sie im +Frack, sitzen an den Wänden und wedeln mit den Schwänzen, die bald +smaragdgrün sind und bald purpurn, wie eiskaltes Abendrot. Sie sehen sie +alle nur an, und bald sind alle Wände voll von Skorpio-Chamäleonen, +überall sind sie: auf den Heiligenbildern und hinter den +Heiligenbildern, und ein Schweif, wie aus tausend kleinen Schweifen +zusammengesetzt, winkt ihr zu und lockt sie, bald smaragdgrün und bald +purpurn, wie eiskaltes Abendrot. Und manchmal träumt sie auch baren +Unsinn: als esse sie einen Käsekuchen, und so viel sie auch essen mag, +sie wird nicht satt und der Käsekuchen nimmt nicht ab. + +Jeden Tag deutet Akumowna die Träume, und abends beim Tee legt sie +Karten. Akumowna kann wahrsagen aus den Weidenkätzchen, aus den +Wagenkerzen und zur Winterzeit aus den Frostblumen auf den Fenstern; +doch am genauesten kann sie aus den Karten wahrsagen. + +Herbstabend. Draußen rieselt ein Petersburger Regen. Aus den Dachrinnen +schlägt dumpf, wie ein Hund aufheulend, das Wasser auf die Steine. Die +belgische Bogenlampe leuchtet wie der Mond durch das Gewoge von Nebel +und Rauch. Im Fenster des Obuchowschen Krankenhauses blinkt nur ein +Licht. + +Im äußersten Zimmer bei Adonja Iwoilowna singt der Samowar – er geht +nicht aus, er ist voll und kochend heiß, der Dampf wallt nur so – der +Sänger summt sein Lied. Der Samowar singt, daß man es durch alle Zimmer +hört. + +Akumowna ist nicht in der Küche. Akumowna ist mit den Karten bei Adonja +Iwoilowna. Akumowna legt Karten. Der Samowar ist im Erlöschen, sein +Gesumme ist leiser und Akumownas Stimme tönt dumpfer: + +– Fürs Haus. Fürs Herz. Was sein wird. Wie es endet. Wie es sich +beruhigt. Sagt die volle Wahrheit, reinen Herzens. Was kommt, wird auch +zutreffen. + +Es kommen aber lauter unreine, lauter unerfreuliche und dunkle Karten. + +Adonja Iwoilowna weint. Wie sollte sie auch nicht weinen! Ihren Mann +hatte man auf dem Smolensky-Kirchhof bestattet und sie wollte ihn doch +in der Newskaja Lawra haben: die Verwandten hatten darauf bestanden, +hatten nicht auf sie geachtet. Er war zu Allen gut gewesen, hatte viel +geholfen, aber sie liebten ihn nicht. Nur sie allein hatte ihn geliebt +und auf sie hatte man nicht gehört. Auf dem Kirchhof geht nun die Erde +unter ihm weg, die Erde bröckelt ab. + +Und wieder ertönt Akumownas Stimme, noch dumpfer. + +– Fürs Haus. Fürs Herz. Wie es endet. Was sein wird. Wie es sich +beruhigt. Sagt die volle Wahrheit reinen Herzens. Was sein wird, wird +auch zutreffen. + +Doch es kommen wieder dieselben Karten. Und wieder dieselben Träume; +Adonja Iwoilowna weint: nur sie allein hatte ihn geliebt, aber man hatte +nicht auf sie gehört, und jetzt geht die Erde unter ihm weg, die Erde +bröckelt ab. + +– Man darf niemand beschuldigen! – sagte Akumowna plötzlich. + +Herbstabend. Draußen rieselt ein Petersburger Regen. Aus den Rinnen +schlägt das Wasser, wie ein Hund aufheulend auf die Steine. Die +belgische Bogenlampe leuchtet wie der Mond durch das Gewoge von Nebel +und Rauch. Im Fenster des Obuchowschen Krankenhauses schimmert nur ein +einziges Lichtlein. + +Im äußersten Zimmer, in der schwülen Stube bei Adonja Iwoilowna brennen +drei ewige Oellämpchen. Adonja Iwoilowna betet lange. Auch in der Küche, +in der vom unverwüstlichen Sterletgeruch und vom Geruch getrockneter +Pilze gesättigten Küche, brennen drei Oellämpchen. Akumowna betet lange. + +– Schiffe, Schiffe! – ertönt des Nachts eine Stimme inmitten des +weinerlichen Schnarchens. + +Und am anderen Ende der Wohnung antwortet ihr dumpf eine andere: + +– Man kann niemand beschuldigen! – + +Und eine dritte Stimme, die durch die Wand aus dem Zimmer der Artisten +hereindringt, sagt: + +– Man muß alles von sich abschütteln. + +Marakulin fährt dabei auf, kauert sich zusammen, ganz verstummt und +bedrückt horcht er und wiederholt sich vergebens immer dasselbe; trotzig +wie er ist, kann er nicht mehr nicht denken, er kann nicht auf seine +Gedanken nicht hören, und der Friede flieht ihn. + +Die göttliche Akumowna ist laut ihrem Paß eine Jungfrau von +zweiunddreißig Jahren, aber laut ihren eigenen Versicherungen – es war +übrigens auch ohne ihre Versicherungen einleuchtend – war sie nicht +zweiunddreißig, sondern sicher fünfzig. Sie ist aus Pskow gebürtig oder +eine Pskowitanerin, wie die Artisten sie zu nennen pflegen, zu denen sie +ebenfalls manchmal hinläuft, um Karten zu legen; für Sergej +Alexandrowitsch wäre sie sogar bereit, den ganzen Tag Karten zu legen, +außerdem ist die Sklavin Kusjmowna, welche halb an eine Flunder, halb an +ein gefrorenes Huhn von der Sennaja erinnert, so etwas wie ihre +Gevatterin. + +Akumowna ist klein und schwarz, ihr Gesicht ist sehr dunkel, – ein +Käfer! Sie lächelt und blickt so eigentümlich, idiotisch, nicht +gradeaus, sondern von der Seite, mit etwas geneigtem Kopf. Sie ist sanft +und wird nie böse. Und flink ist sie, aber sie läuft nicht, sondern sie +dreht sich auf demselben Fleck herum und es sieht nur so aus, als liefe +sie. Und geschickt ist sie, man würde glauben, sie mache alles sofort; +wenn es aber vorkommt, daß man sie irgendwohin rasch schicken muß, dann +ist’s aus, dann kann man lange warten! Es ist ja auch die fünfte Etage +und ihre Beine sind schon alt. Das Hinunterlaufen geht noch, aber beim +Hinaufsteigen der Treppe – da bleibt sie stecken. Die Füße möchten schon +laufen, und Akumowna wäre froh, möglichst schnell zurück zu sein, aber +sie hat eben keine Kraft mehr, und sie dreht sich nur auf demselben +Fleck. + +Den Tag und die Nacht verbringt Akumowna ebenso wie Adonja Iwoilowna. +Sie träumt allerlei Träume: sie sieht Feuersbrünste – das Haus brennt ab +– und Räuber – die Räuber jagen und verfolgen sie – und einen nackten +Mann – der Nackte steht an einem Ufer und wäscht sich mit Seife – und +ein fleckiges Reptil – das Reptil beißt sie; – und Beeren ißt sie im +Traum – Preißelbeeren, die Büschel so groß wie ein Hammelschwanz. Aber +am häufigsten – sehr häufig fliegt sie im Traum: sie fliegt immer nach +einem und demselben Ort, zu Ostaschkow in Nils Einsiedelei, zum +ehrwürdigen Nilus Stolbenskij. + +– Ich mache einen Sprung und fliege – erzählt Akumowna, – ich steige auf +und greife aus mit den Händen, wie auf dem Wasser, und es wird mir so +leicht und ich fliege vorwärts wie ein Vogel. + +Schon vor langer Zeit hatte Akumowna ein Gelübde getan, zum ehrwürdigen +Nilus zu pilgern, und bis jetzt hat sie dieses Gelübde noch nicht +erfüllt; sie war noch nicht ein einziges Mal da, deshalb fliegt sie oft, +sehr oft zu Ostaschkow. + +Im Hof wird Akumowna geliebt: die göttliche Akumowna. Und immer treiben +sich Scharen von Kindern bei ihr in der Küche herum, sie versteht und +liebt es mit den Kindern zu spielen und zu scherzen. Sie besucht alle; +wenn sie Geld hat, gibt sie es – und man nimmt es von ihr, um es ihr nie +zurückzugeben – in allen Winkeln ist sie willkommen. Und nur eins +fürchtet sie: wenn auf dem Hof eine Schlägerei angeht. + +Sergej Alexandrowitsch Damaskin hat alle Gesetze ausstudiert, – er ist +ein Artist. Akumowna aber ist ein Mensch, der weiß, was im Jenseits +geschieht. So sagt man im Burkowschen Hof. + +Akumowna war schon im Jenseits, – sie war dort den Passionsweg gegangen. + +Dort in jener Welt wurde ihr alles gezeigt, nur weiß sie nicht, wer der +Mensch war, der sie geführt. + +– Ich trat in ein Gebäude – so erzählt Akumowna ihren Passionsweg, – in +einen Saal: der Fußboden war morsch, die Dielen eingefallen, die Erde +unter ihnen war Schutt und auf dem Boden lagen Fische, stinkende, +abscheuliche Fische verschiedener Art, Fleisch, Schädel; lauter +schlechtes Zeug lag da herum und bis auf die Knochen verweste Menschen – +einzelne menschliche Glieder, verweste Tiere, alles verfault und +abscheulich. + +Und sie wurde durch dieses Gemach geführt und es wurde ihr alles +gezeigt! Das Gemach war lang, unabsehbar, und breit, und dennoch war ihr +so eng. Vor ihnen waren Menschen, viele Menschen, hinter ihnen ebenfalls +viele Menschen, ringsum und überall gingen und standen Menschen. Und in +den Winkeln befanden sich Menschen, aber keine richtigen Menschen – das +nimmt sie so an; – auch solcher gab es viele. + +– Ich habe mich so gequält, ein Gebet gesprochen, sie antworteten aber +nicht – sie hatten Schwänze und Beine wie Kühe und Krallen wie Hunde. – +Laßt mich heraus! – flehte ich. + +Einer aber sagte: – Nein, sie muß noch etwas sehen! – Und darauf ein +andrer: – Warten wir, sie muß alles sehen, – und sie führten mich +weiter. + +Und sie führten sie durch das Gemach und zeigten ihr alles. Es lag da +nur Schlechtes und Vermodertes herum, lauter Aas, alles verwest und +abscheulich, tote Menschen, tote Tiere, Gebein, Schädel, Kehricht. + +– Wenn Gott mich wenigstens die heiligen Sakramente empfangen lassen +wollte! – dachte ich, – da könnte ich dieser Unzucht entrinnen. Und ich +wiederholte bei mir: – Herrgott, laß mich das Abendmahl nehmen, ich bin +schon zu Tode gequält! – Und da sehe ich, wir sind schon draußen. + +Draußen wurde sie auf einen Berg geführt, und auf dem Berg standen drei +Personen, alle in hellen Mänteln und die Gesichter mit etwas Hellem +verhüllt; sie nahmen das Abendmahl. Nur daß statt des Kelches ein +Spülnapf war und der Löffel fehlte; so nahmen sie das Abendmahl. Und +viel Volk war da, und alle traten hinzu, alle nahmen das Abendmahl. + +Und auch sie wurde hingeführt. Sie wollte sich bekreuzigen, aber es war +ihr schwer, als würde sie gehindert. + +Er selbst reicht mir eigenhändig die Oblate, aber nicht befeuchtet, +sondern trocken. Und ich kann ihre Hostie nicht hinunterschlucken, sie +bleibt mir im Halse stecken, ich ersticke fast. – Herrgott! Herrgott! +Euch Heilige und Engel Gottes bitte ich, genug schon mich zu quälen! – +Sie aber lachen. Der eine sagt: „Warte nur, wirst noch weiter gehen.“ +Und nach ihm der andre: „Ja, wir müssen sie noch weiter führen!“ – Sie +lachen – ihre Schwänze und Beine sind wie bei Kühen, die Krallen wie bei +Hunden. Und wieder beginnen sie mich zu führen. + +Sie führten sie den Berg hinunter zum See. An ihnen vorbei strömt das +Volk in großen Scharen, wie auf dem Newsky – sie eilen, überholen +einander, laufen, laufen und schleifen ihre langen Schwänze nach. Alle +laufen sie vom Berg zum See, und am See verwandeln sie sich in Tauben – +einer Riesenwolke gleicht diese Taubenschar. + +– Die Tauben ließen sich am Wasser nieder und begannen zu trinken, und +ich sagte: „Gehen wir auch hin?“ „Ja,“ wurde mir die Antwort, „wir gehen +auch hin.“ Einer aber sagte: „Nun ist es bald mit euch zu Ende.“ Schon +nähern wir uns immer mehr dem See. Ich räuspere mich, noch immer kann +ich die Hostie nicht herunterschlucken! Herrgott, bitte ich, genug schon +mich zu quälen. Um mich herum tummeln sich Kinder und ich stürze zu den +Kindern, ob sie mich nicht retten wollen: „Schütz mich doch, mein +Schutzengel, schützt mich doch, seid mir gnädig!“ Nun ist der ganze See +mit Tauben bedeckt, das Wasser ist trübe und schmutzig. Ich steige bis +an die Knie ins Wasser. „Jetzt ist dein Ende nah“ vernahm ich eine +Stimme, und der, welcher mich geführt hatte, war fort und verschwunden. + +So war Akumowna im Jenseits gewesen, so war ihr Passionsweg. + +Zum Glück hat sie ein gesundes Herz, über ihren Leib klagt Akumowna oft. +Denn sie hat nicht wenig Schweres erlebt – sie war gehörig unter der +Fuchtel. + +Akumownas Vater war wohlhabend und stand in gutem Ruf. Sie war noch +nicht zehn Jahre alt, da starb ihre Mutter. Sie hatte sieben Brüder, +alle älter als sie. Sie war ein gesundes Mädchen. Zwar hatte sie als +kleines Kind einen Unfall: sie schlief in der Hängewiege und die älteren +Geschwister wiegten sie, da rissen die Stricke, die Wiege flog auf die +Erde und mit ihr das Kind. Es schrie Tag und Nacht und ließ sich nicht +einmal mit der Brust beruhigen, dann wurde es besser und es erholte sich +ganz. Sie war ein kluges Kind. Vor dem Tode hatte ihr die Mutter fünfzig +Rubel übergeben, in Leinewand eingewickelt. Niemand wußte etwas vom +Gelde, nur der Vater allein. Und wenn der Vater es brauchte, da wickelte +sie so viel er benötigte aus der Leinwand heraus und gab es ihm. Später +gab er’s ihr wieder zurück, sie wickelte es wieder ein und verriet +niemand etwas davon. Auch ihre Schwägerin wußte nichts davon. Der Vater +lebte mit seiner Schwiegertochter. Die Schwiegertochter liebte sie +nicht. Beim Mittagessen nahm sie sie bei der Hand und zerrte sie vom +Tisch. Sie quälte das kleine Mädchen sehr. Der Vater lebte mit der +Schwiegertochter. Einmal kam ein Vetter; der Vater hatte längst +versprochen, ihm Geld zu leihen, jetzt war er gekommen, um es zu holen. +Aber der Vater wurde böse und wollte ihm keines geben. Wassilij aber +brauchte das Geld sehr, außerdem kränkte es ihn: warum hatte er es erst +versprochen! Er weinte und ging fort. Das Mädelchen hörte es – sie war +so gut und nicht glücklich – sie holte Wassilij ein und bot ihm von +ihrem Geld an, das in der Leinwand eingewickelt war, aber er sollte ihr +versprechen, es ihr bald zurückzugeben. Er war natürlich froh: „Möge +mein Haus verbrennen, mag ich meine Kinder nicht wiedersehen,“ schwor +er. Und sie gab ihm das Geld – genau so viel, Heller bei Heller, wie ihr +Vater ihm versprochen hatte. Aber als die Zeit kam, gab er’s ihr nicht +zurück. Er habe eben kein Geld, hieß es, sie müsse warten. Sie hätte +auch gewartet, auch war es ihr gar nicht um das Geld zu tun, aber was +sollte sie dem Vater sagen, wenn er danach fragte! Und grade mußte es +kommen, daß der Vater krank wurde: er hatte Bier getrunken, da wurden +seine Füße blau und es ging ihm schlecht. Das ganze Dorf wurde +zusammengerufen. Auch Wassilij kam, der Vetter. Alle setzten sich um ihn +herum und saßen. Da sagte der Vater zum Mädchen, sie solle die Leinwand +bringen, worin das Geld war. Sie erschrak, wußte nicht was zu sagen und +redete sich heraus: Sie habe den Schlüssel verloren. Verloren? – Schön. +Die Schwägerin nahm eine Axt, ging in den Speicher, brach den Koffer auf +und holte die Leinwand. Man zählte das Geld und es fehlten zwanzig +Rubel. Der Vater sagte zum Mädchen: – Wo ist das Geld? – Sie schwieg. +Und nochmals: Wo ist das Geld? – Sie aber schwieg wieder. Und als es +ganz schlimm mit ihm wurde, begann er die Kinder zu segnen. Er segnete +erst seine Söhne, ihre älteren Brüder, dann kam die Reihe an sie. Sie +fing an zu weinen und bat Wassilij leise, er möchte doch das vom Gelde +sagen – aber Wassilij der Räuber erwiderte: – Ich weiß von nichts, ich +habe dein Geld nicht genommen! – als hätte er in der Tat nie Geld von +ihr genommen. Sie weinte nicht mehr; – wenn es einem gar schlimm zumute +ist, da weint man nicht, sie sah nur den Vater an, sie sah ihn nur an. +Der Vater sagte zu ihr: – Ich segne dich – er hielt inne und überlegte: +– sei wie ein rollender Stein um die weite Welt! – dann knirschte er mit +den Zähnen und verschied. + +„Wie ein rollender Stein um die weite Welt!“ So lautete der Segen ihres +Vaters, den Akumowna empfing und der sie offenbar, wie Akumowna annahm, +zum Herumirren in der weiten Welt bestimmte. + +Sie hielt es darauf keine sechs Wochen mehr zu Hause aus, und lebte dann +in einem Gemüsegarten. Zu Lebzeiten des Vaters, ob es schlecht oder gut +ging, hieß es dulden; als aber der Vater starb, da ward die Schwägerin +grimmiger als eine Bestie, sie verfolgte sie und fraß sie auf. Am +sechsten Tag nach dem Froltage nahm die Herrin von Turij-Rog, Frau +Bujanowa die Akumowna zu sich aufs Gut, ins Haus. Das Bujanowsche Gut +Turij-Rog lag sechs Werst von Ssosna-Gora entfernt. + +Auf dem Gut hatte sie es sehr schön. Die Herrin Bujanowa gewann sie +lieb. Sie war nur ein wenig älter als Akumowna: Akumowna war damals +dreizehn, die Herrin sechzehn Jahre alt. Herr Bujanow selbst war nicht +mehr jung und hätte gut der Großvater der beiden sein können. Er reiste +oft in Geschäften in die Stadt und war auch zu Hause viel beschäftigt: +er besaß viel Land, viel Wald und See, – er war ein tüchtiger Wirt und +liebte sein Gut: der Hanf in Turij-Rog stand so dicht, daß ein Mensch +nicht durch konnte, und die Hühner weideten auf den Feldern wie Schafe! +Die Herrin aber war immer allein mit Akumowna, wie mit einem lieben +Schwesterchen. Sie nahm sie überall mit, ins Feld, in den Wald, in das +junge Gehölz, um Pilze und in den dunkeln Wald, um Beeren zu suchen. Im +dunkeln Wald, in den Lichtungen, in der Sonne da stehen die Beeren so +rot, daß es eine Freude ist, sie zu pflücken. Sie pflückten Nüsse, +sammelten Eicheln zum Kaffee, oder die Herrin legte sich unter eine +Kiefer und schickte Akumowna Blumen zu holen. Akumowna kehrte dann mit +Blumen zurück – mit vielen verschiedenen blauen Blumen – und wand einen +Kranz, die Herrin aber lag unter der Kiefer und weinte. Akumowna +schmückte sie mit den blauen Blumen – und küßte sie halbtot; – sie +selbst war schwarz, mit blanken, lustigen Augen, ein rotes Band im Zopf +– ein Käfer. + +So verbrachte Akumowna ein Jahr unzertrennlich von der Herrin: sie wurde +zu allem angeleitet, lernte Plätten und Waschen. Vor Mariä Schutz und +Fürbitte fuhr der Herr in die Stadt und wurde da krank. Dem Herrn +geschah dies oft: man behauptete, daß _sie_ ihn quälten: – der Wald hat +seinen Herrn und das Wasser seinen, die Wald- und Wasserbeherrscher. Der +Wald in Turij-Rog war früher dicht und undurchdringlich, ein Käfer +konnte kaum durchfliegen; Bujanow hatte den Wald gelichtet. Zu den Seen +konnte man früher nicht gelangen, er aber hatte Wege gebaut und die Seen +gereinigt. Ihnen aber ist so etwas nicht recht. Und von Zeit zu Zeit +kamen sie zu ihm und machten ihm Vorwürfe, daß er sie umgebracht hatte. +Dies eben war seine Krankheit. So sagten die Menschen. Man +benachrichtigte die Herrin in Turij-Rog, sie machte sich auf und fuhr zu +ihm. + +– Die gnädige Frau befahl mir, auf das Schönchen acht zu geben, – +erzählte Akumowna, – jede Nacht nach der Kuh zu sehen. Es gab da viele +Kühe, aber das Schönchen war ihre Lieblingskuh. Das Schönchen sollte +kalben. Damit fing’s an. Im Dorf war grade eine Hochzeit und ich bat um +Erlaubnis hinzugehen. Ich versprach um Zwölf heimzukommen, vergaffte +mich und kam erst um Zwei. Inzwischen hatte das Schönchen um Zwölf +gekalbt und das Kalb mit einem Fußtritt erschlagen. „Eins von uns bleibt +am Leben, entweder du oder ich!“ sagte der Aufseher des Viehhofs, – +entweder ich werde davongejagt oder er. Und so gehe ich zum jungen Herrn +– der Bruder der gnädigen Frau war bei uns damals Verwalter – und +fürchte mich hineinzugehen: ich versuche die Tür aufzumachen und laufe +zurück. „Was hast du, Käfer?“ Er hatte mich also kommen gehört. +„Verzeihen Sie, gnädiger Herr, verzeihen Sie, ein Unglück ist passiert!“ +„Komm her!“ Er ließ mich eintreten. Ich werfe mich auf die Knie, erzähle +ihm auf den Knien alles und weine. „Hinaus! Pack deine Sachen!“ Und jagt +mich hinaus. Ich ging zu mir aufs Zimmer – meine kleine Kammer lag +hinter dem Speisezimmer – und wußte gar nicht, was für Sachen zu packen, +denn ich hatte keine, ich weinte nur. Und so weinte ich die ganze Nacht. +Am nächsten Morgen kommt der Herr. „Hast du schon eingepackt?“ Ich fange +wieder an. „Verzeihen Sie, gnädiger Herr, ich bekenne meine Schuld!“ +„Schweig, wag es nicht zu weinen, – ruft er – sonst laß ich dich +aufhängen“ und ging fort. Ich denke mir, aufhängen läßt er mich doch +nicht, er will mir nur Angst machen, und dennoch fürchte ich, und mir +ist so bange. Es war Samstag, das Bad wurde geheizt. Ich scheuerte die +Schwitzbank, stellte Bier hin und wollte eben gehen, da kommt der +gnädige Herr. Ich will zur Tür hinaus. „Halt, hast du schon deine Sachen +gepackt?“ Ich wiederhole das meinige: „Verzeihen Sie mir, gnädiger Herr, +ich bekenne meine Schuld, jagen Sie mich nicht fort!“ – Er überlegt und +sagt zu mir: „Wenn du einwilligst mit mir zu leben, dann bleibe hier, +brauchst dann nicht fortzugehen!“ Und stieß mich hinaus. Ich wollte aber +nicht fortgehen, wollte nicht von meiner gnädigen Frau verstoßen werden, +und wohin sollte ich auch gehen? – wieder zum Bruder, zur Schwägerin? +Und so gehe ich herum und weine. Der Viehhofaufseher wiederholt aber +nur: „Eins von uns bleibt am Leben, du oder ich!“ Entweder er wird +fortgejagt oder ich. Wäre die gnädige Frau nur zu Hause gewesen, aber +sie kam immer noch nicht. Es wurde wieder Samstag. Wieder wurde das Bad +geheizt. Ich scheuerte die Schwitzbank, stellte Bier hin und wollte mich +beeilen, vor dem gnädigen Herrn fortzugehen, mir war so bange, ich +fürchtete mich. Er trat aber schon ein. „Bist du nun einverstanden?“ – +„Ja.“ – Natürlich, ich war ein dummes Mädchen, hab’ nichts verstanden. +„Geh, zieh dich aus, ich will dich ansehen.“ Ich zog mich aus. Am +nächsten Tag fuhr der gnädige Herr in die Stadt – er hatte mich noch +nicht angerührt – und brachte mir ein seidenes Tuch und ein Band ins +Haar mit. Ich erzählte es der Kinderfrau, – eine alte, ganz alte +Kinderfrau war da im Hause. „Das macht nichts,“ sagte die Kinderfrau, +„verlange du aber fünfhundert Rubel auf ein Büchlein, zur +Sicherstellung!“ Ich konnte nicht verstehen, was für ein Büchlein sie +meinte. Ich war eben ein kleines dummes Mädchen und verstand nichts. Am +Abend ruft mich die Kinderfrau: „Wenn du dem gnädigen Herrn den Samowar +hineinbringst, dann geh nicht fort!“ Das Zimmer des gnädigen Herrn lag +neben dem Speisezimmer. Ich nahm das seidene Tuch um, flocht mir das +Band ins Haar, brachte den Samowar und setzte mich an den Tisch, – und +es schüttelte mich nur so. + +Die Schande und die Schmach! – Akumowna schämte sich sehr, sie wollte +sich erhängen: ihre Herrin war zurückgekehrt, ihre Herrin – und Akumowna +ging so herum. Die Herrin beruhigte sie, versprach ihr das Kind zu +erziehen, verzieh ihr das mit dem Schönchen und verwies sie nicht von +sich. Akumowna brachte einen Knaben zur Welt, bald darauf bekam auch die +Herrin einen Knaben. Die Kinder wurden zusammen erzogen, sie hatten eine +Kinderfrau, und wurden später auch gemeinsam unterrichtet. Mit neun +Jahren wurden beide nach Petersburg gebracht. Der Bruder der gnädigen +Frau adoptierte Akumownas Sohn. Sie kamen nur zu den Sommerferien, zu +Weihnachten und zu Ostern heim. Im gleichen Jahr beendigten sie beide +ihr Studium und wurden Offiziere. Da blieben sie kurze Zeit auf dem Gut +und fuhren bald nach Petersburg zurück. Als Akumownas Sohn klein war, da +war er sanft und zärtlich, später aber als er groß wurde, begann +Akumowna sich vor ihm zu fürchten: wenn er sie ansah, hätte sie sich +verkriechen mögen, sie hätte nicht gewagt ein Wort zu ihm zu sprechen. + +Die Zeit aber wartet nicht, die Zeit nimmt das ihrige! Der alte Herr +starb – _sie_ hatten ihn erwürgt: der Wald hat seinen Herrn und das +Wasser hat seinen Herrn, Wald- und Wasserherren, so sagt man. Und nach +dem Tod des alten Herrn stieß auch dem Bruder der Herrin ein Unglück zu: +an einem Kirchenfest ihres Sprengels wurden sieben Menschen auf der +Hauptstraße ermordet; man begann zu untersuchen und der Weg führte +gradeaus nach Turij-Rog in den Hof, und so wurde er wegen +Mitwisserschaft eingesperrt. Ein Jahr blieb er im Gefängnis, und als er +wieder frei wurde und sich zu einer Reise ins Ausland rüstete, starb er. +Akumowna hatte den gnädigen Herrn nicht gesehen, als er im Sterben lag, +sie hatte ihn nur gesehen, als er aus dem Gefängnis kam. Sie hätte ihn +nicht erkannt: er war schwarz, wie die Erde. Man sagte, seine Lungen +hätten sich abgelöst. + +Akumowna blieb wieder allein mit der Herrin zurück, wie einst. Sie +gingen wie einst wieder ins Feld und in den Wald. Akumowna sammelte +Blumen für ihre Herrin, allerlei blaue Blumen, und wand ihr einen Kranz; +die Herrin lag wieder unter einer Kiefer, nur weinte sie nicht mehr, sie +schlief; – sie trank jetzt, schon längst hatte sie sich ans Trinken +gewöhnt: sie nahm einen Schluck, aß eine Pfefferminzpastille dazu und +schlief ein. + +Der gnädige Herr, der Bruder der Herrin, starb im Frühling, und im +Herbst wurde Akumownas Sohn aus Petersburg nach Turij-Rog gebracht. Er +hatte gebeten, daß man ihn vor dem Tode nach Turij-Rog bringe: er war +schwindsüchtig. Er wurde auf dem Gut bestattet, auf dem Turij-Rogschen +Kirchhof. Seine Uniform und seine Mütze bekam Akumowna. Und das Jahr war +noch nicht um, da starb die Herrin. An ihrem Todestage sah sie im Traum +den alten Herrn mit einem weißen Hund kommen ... Und auch die Herrin +wurde bestattet. + +Turij-Rog war nun vereinsamt. Akumowna war allein auf dem Gut. Der junge +Herr wollte sie nicht mehr behalten und entließ sie nach der Beerdigung. +Und so war sie ganz allein. Sie weinte aber nicht, – wenn es einem gar +zu schlimm ist, dann weint man nicht. + +Zum letzten Mal ging sie ins Feld, in den dunkeln Wald und in das junge +Gehölz, saß zum letzten Male im Wald auf dem Abhang, wo die Sonne am +stärksten brennt und wo die Beeren so rot stehen, und unter der Kiefer, +wo ihre Herrin zu liegen pflegte, verneigte sich tief vor dem jungen +Wald, vor dem Feld – vor dem alten dunkeln Wald und vor der Kiefer, und +ging. Sie ging die Hauptstraße aus Turij-Rog an Ssosna-Gora vorbei, +vorbei am Bruder und an der Schwägerin, an Wassilijs Haus, am Kirchhof, +an den Grabkreuzen des Vaters und der Mutter, immer gradeaus von +Turij-Rog, immer gradeaus die Hauptstraße lang, wie ein rollender Stein +um die weite Welt. + +Und manches Jahr dehnte sich der Weg von Turij-Rog nach Petersburg. Bis +sie Petersburg erreichte, ging sie oft hinter dem Pflug und mit der +Sense, oder mußte wie eine Zigeunerin in den Hohlwegen herumlungern. + +Neun Jahre lebt nun Akumowna in Petersburg. Die Uniform und die Mütze +wurden ihr noch auf dem Weg von Turij-Rog nach Petersburg gestohlen, und +nur ein Andenken ist ihr geblieben: ein Paar warme Schuhe und ein Paar +Gummischuhe hängen mit Naphtalin bestreut in einem Karton an der Decke +ihrer Küche. + +– Ich sehe diese Sachen an, als wenn er es selbst wäre! – sagt Akumowna, +wenn sie an den Feiertagen den Karton öffnet. + +Neun Jahre wohnt nun Akumowna auf der Fontanka im Hinterhaus des +Burkowschen Hofes, Sommer und Winter, und weiter als auf die Sennaja +oder bis zum Fischteich ist sie noch nicht gekommen, und sie sehnt sich +nach freier Luft. + +– Wenigstens etwas Luft atmen! – sagt sie manchmal und lächelt und +blickt idiotisch von der Seite – die sanfte, göttliche, verwaiste, +unglückliche Akumowna. + + + + + Drittes Kapitel + + +Die Zimmer, die im Herbst leergestanden hatten, wurden zu Anfang des +Winters vermietet, und Marakulin hatte nun zwei neue Nachbarinnen: Wera +Nikolajewna Klikatschowa, Hörerin der Nadeschdinschen Kurse, und Wera +Iwanowna Wechorjowa, Schülerin der Theaterschule. + +Wera Nikolajewna war sehr mager, so mager, daß man Angst um sie bekommen +konnte, besonders nachdem sie die Nacht über den Büchern verbracht +hatte. Wie ein solcher Mensch bloß leben kann: nicht ein Blutstropfen +war in ihrem Gesicht, und ihre Augen waren jene verlorenen Augen des +herumschweifenden heiligen Rußland. + +Sie hatte mit ihrer Mutter in der Provinz gelebt, in der alten +Kreisstadt Kostrinsk. Sie hatten ein eignes Häuschen, das Häuschen aber +brannte ab, und sie verloren dabei alle ihre Habseligkeiten. Man hätte +sie retten können, wenigstens ein Teil konnte gerettet werden, aber die +Mutter, die alte Klikatschowa stellte sich mit dem Heiligenbild den +Flammen gegenüber und ließ nichts wegtragen, – alles verbrannte. Wenn +man dem Feuer erlaubt, alles aufzufressen, ohne sich zu widersetzen, +dann ersetzt es alles hundertfach, – so glaubte die Alte. Zwar hatte sie +vorher schon eine Erscheinung gehabt, ein Zeichen hatte ihr den Brand +verkündet: eine Woche früher hatte der Tisch und die Heiligenbilder +unheimlich geknistert, doch die Alte besann sich erst darauf, als alles +schon verbrannt war. Nach dem Brande wohnten sie in einem alten +Badehäuschen. Wera Nikolajewna absolvierte die Kostrinskische +Gemeindeschule und wäre in ihrem alten Badehäuschen sitzen geblieben, +wenn nicht eine Verbannte aus Petersburg hingekommen wäre, die sie zu +unterrichten begann und zur Aufnahme in die vierte Gymnasialklasse +vorbereitete. Wera Nikolajewna reiste in die Gouvernementstadt, machte +da das Examen und blieb dort drei Jahre in der Heilgehilfenschule am +Gouvernementkrankenhaus. Darauf ging sie nach Petersburg, wo sie jetzt +im Begriff war, die Nadeschdinschen Kurse zu absolvieren. + +Das Lernen fiel ihr nicht leicht, – bis zum Weinen schwer war ihr das +Lernen. Aber sie wollte es nicht aufgeben, sie war von einem +unheimlichen Fleiß. Nach Absolvierung der Nadeschdinschen Kurse +beabsichtigte sie, das Abiturientenexamen zu machen, um in das +medizinische Institut aufgenommen zu werden. + +Voller Sorgen, von den Lehrbüchern und von Arbeit erfüllt – sie mußte +als Masseuse ihren Lebensunterhalt verdienen – saß sie nie mit im Schoß +müßig gefaltenen Händen, und es war schwer, ein Wort aus ihr +herauszubringen; sie erzählte selten und war nicht gesprächig. Sie +erwähnte nur zuweilen ihre Mutter und jene Verbannte, Maria +Alexandrowna, die sie unterrichtet und in ihr die Lust zum Lernen +erweckt hatte, – nur von diesen beiden sprach sie. + +Wera Nikolajewnas Mutter, Lisaweta Iwanowna, lebte seit ihrer Kindheit +in dem kleinen, weißen, verlassenen, alten Städtchen mit den fünfzehn +weißen Kirchen. Kostrinsk ist eine alte Stadt am Ufer des Flusses +Ustjuschina, – und in Beziehung auf das Trauergeläute der Glocken eine +erste Stadt, eine Klagestadt. Alte Leute können sich noch erinnern, wie +Lisaweta Iwanowna jung war, eine lustige Reigenführerin, +Märchenerzählerin und Sängerin uralter Weisen. Sie erinnern sich noch, +wie sie im Dom getraut wurde und wie der Priester, der doch Braut und +Bräutigam kannte, sich fortwährend irrte und die Namen verwechselte, und +wie Jutschicha, eine alte Waschfrau, dazu traurig den Kopf schüttelte, +weil sie in ihrer ahnenden Seele wußte, daß das junge Paar nicht lange +zusammenbleiben wird: ein Dritter stand zwischen ihnen unter dem +Baldachin. Die Alte wußte es, aber sie schwieg. + +Und diese Jutschicha war auch dabei, als Lisaweta Iwanownas Mann starb, +und dabei, als das Haus brannte. Sie war es auch, die ihr beigebracht +hatte, nichts hinauszutragen und alles dem Feuer zu überlassen. Und +nicht das allein bloß hatte sie sie gelehrt, sondern all ihr nicht +einfaches, ahnungsvolles Wissen. Denn Jutschicha wußte viel, ja, +vielleicht alles, was dem Menschen zugestanden ist. So sagte man in +Kostrinsk. Und sie stieg ruhig ins Grab, weil sie in der Welt einen +andern Menschen an ihrer Statt zurücklassen konnte. Lisaweta Iwanowna +würde für sie besonders zu Gott beten, weil ihr die Alte alles +überliefert und für sie mehr getan hatte, als Vater und Mutter tun +könnten, so viel, daß es wohl keinem Menschen gegeben ist, mehr zu tun. +So urteilte man in Kostrinsk. + +Zehn Jahre waren nach Jutschichas Tod und nach dem Brand des Hauses +vergangen. Noch immer im alten Badehäuschen lebend, träumte Lisaweta +Iwanowna davon, sich ein neues stattliches Haus zu bauen, ähnlich wie +das verbrannte. Jeden Sommer ließ sie Bauholz aus dem Wald in ihrem +Gemüsegarten aufstapeln. Sie war auch schon beim Vater Johann von +Kronstadt gewesen, um seinen Segen zu erbitten und brachte ihm ein altes +Heiligenbild im Stroganowschen Stil zum Geschenk, und er schenkte ihr +dagegen hundert Rubel für den Anfang. Wie oft schon hatte sie sich von +Verbannten einen Plan zeichnen lassen und ihn scharfsichtig genau +geprüft und untersucht: ob die Speisekammer oder die Rumpelkammer nicht +vergessen worden sei, ob auch alles genau so wäre, wie im alten +verbrannten Hause. Aber ein neues, stattliches baute sie doch nicht. Das +Bauholz verfaulte im Gemüsegarten, der Plan wurde sorgfältig in einem +Kästchen aufbewahrt und die hundert Rubel, das Geschenk des Priesters +hatten auf der Rückfahrt nicht einmal Moskau erreicht. Sie hatte nie in +ihrem Leben soviel Geld beisammen gehabt – ihr Mann war ein kleiner +Beamter in Kostrinsk gewesen und mußte mit Kopeken rechnen – und des +ehrwürdigen Vaters regenbogenfarbener Schein verflüchtigte sich im +Handumdrehen: sie brachte allerlei Nippes, Schächtelchen und Schachteln, +nötige und unnötige, zerbrochene und ganze, als Geschenke aus Kronstadt +mit, und jeder Gegenstand, jedes Schächtelchen hatte seine Bestimmung; +das größte Paket aber sollte seine Bestimmung nach näherer Erwägung +erhalten, und für diese „nähere Erwägung“ war fast ein halbes hundert +Rubel daraufgegangen. Wie sollte man da ein Haus bauen! + +Lisaweta Iwanowna ist gebückt, zahnlos, ihre schweren weißen Flechten +umwickeln den ganzen Kopf, und die blauen Augen sind noch heller +geworden und leuchten. Sie hat vieles in dieser Welt gesehen, obwohl die +ganze Welt für sie die kleine weiße verlassene alte Stadt mit den +fünfzehn weißen Kirchen war, und alle ihre Tage waren besungen vom +Trauergeläute. Kostrinsk ist eine alte Stadt am Fluß Ustjuschina und dem +Trauergeläute der Glocken nach eine erste Stadt, eine Klagestadt. Viele +Menschen hat Lisaweta Iwanowna schon zu Grabe geleitet; sie besucht ihre +Gräber und am Ostersonntag trägt sie rote Eier hin, um den Toten den +Gruß: „Christ ist erstanden“ zu entbieten; denn es ist viel wichtiger, +den Toten diesen Gruß zu bringen als den Lebenden, so glaubte die Alte. +So lebte sie in ihrem Badehäuschen, wie in einem richtigen Haus dahin +und genoß den Anblick der Sonne, wenn sie hinter dem Kirchturm +unterging, und das Kreuz vergoldete, freute sich, wenn man zum erstenmal +Schlitten fuhr, oder wenn die Kinder im Frühjahr auf den Brettern sich +schaukelten, und wartete nur auf den Menschen, dem sie all das Wissen, +das ihr die alte Waschfrau Jutschicha überliefert hatte, weiter +überliefern könnte. Und der Mensch, dem sie es überliefern würde, wird +ebenso glücklich werden wie sie selbst; denn es gebe kein größeres Glück +als das ihre, – so dachte die Alte. Ihr Glück aber bestand darin, daß +sie durch ihr nicht einfaches, ahnungsvolles, gleichviel ob +eingebildetes oder tatsächliches Wissen erkannt hat, wie man leben muß. +Sie lebte nicht für sich und nicht für die anderen, und wenn sie etwas +tat, so dachte sie weder an sich noch an die Einwohner von Kostrinsk, +sondern sie bereitete sich fürs andere Leben vor, fürs Jenseits, und +dachte bei ihren Handlungen nur an das andre Leben und an das Jenseits; +deswegen war ihr selbst wohl, und deswegen tat sie den anderen wohl. + +Lisaweta Iwanowna war für Kostrinsk dasselbe, was irgendein Bruder im +Hafen für die arme Petersburger Bevölkerung. + +Da kam nach Kostrinsk eine Verbannte aus Petersburg, Maria Alexandrowna. +Um sich die Tage abzukürzen und auf irgendeine Weise die Zeit zu +vertreiben, die in der Unfreiheit sich so ausdehnende Zeit, begann sie +Wera Nikolajewna zu unterrichten. Wera Nikolajewna gefiel ihr, und sie +kam oft zu Klikatschows. Auch Lisaweta Iwanowna interessierte sie und +sie fragte die Alte aus, wie sie denkt, daß man leben und wofür man +leben müsse, wie man vergessen könnte, was nicht zu vergessen ist, und +was man tun müsse, daß man keine Angst hätte und nicht begehre, was man +nicht nehmen darf, – Alles das fragte sie die Alte. Und aus diesen +Fragen erkannte die Alte und ihr Herz flüsterte ihr zu, daß diese +Verbannte eben der Mensch war, dem sie ihr nicht einfaches ahnungsvolles +Wissen überliefern und ihn glücklich machen müßte. + +Ein Jahr lang lebte Maria Alexandrowna in Unfreiheit in dieser kleinen, +weißen, verlassenen, alten Stadt. Zu Ostern kam sie zu Klikatschows, um +am geweihten Mahl teilzunehmen; – zu Ostern aber ist für den Wissenden +alles besonders sichtbar und klar. Und so erblickte Lisaweta Iwanowna +bei ihrem Liebling, bei ihrer Auserwählten auf der Stirn zwischen den +Augenbrauen das Zeichen des Todes. Und sie wollte erst nicht glauben, +als sie dieses Geheimnis erkannte. Aber schon in der Osterwoche war +Maria Alexandrowna nicht mehr in Kostrinsk, sie war ganz spurlos +verschwunden. + +Vieles hatte Lisaweta Iwanowna gesehen: sie hatte ihren Mann begraben, +hatte auch viel fremden Kummer mit angesehen – wo gibt es ihn nicht! – +aber niemals hatte sie so viel geseufzt, wie damals, als der Morgen kam, +der Tag verstrich und es Abend wurde und Nacht, und ihre Auserwählte, +ihr Liebling, die dem Tod Geweihte verschwunden blieb. Sie, die +Glückliche, hatte dank ihrem nicht einfachen, ahnungsvollen, gleichviel +ob eingebildeten oder tatsächlichen Wissen erkannt, wie man leben muß, +aber sie hat die ihr bestimmte göttliche Tat nicht vollbracht, sie hat +ihr Wissen nicht überliefert, und wenn Maria Alexandrowna nicht +zurückkehrte, müßte sie als Unglückliche sterben. Und die Alte wartet; +ihr von schweren weißen Flechten umwundener Kopf wackelt, sie betet +leise, sanft und demütig, und über ihr läuten die Glocken ihr +Trauergeläute und besingen sie. Kostrinsk ist eine alte Stadt am Fluß +Ustjuschina und dem Trauergeläut nach eine erste Stadt, eine Klagestadt. + +– Wohin ist denn Maria Alexandrowna verschwunden? – fragte einmal +Marakulin. + +Aber Wera Nikolajewna sagte nichts, nur ihre verlorenen Augen, die Augen +des herumschweifenden heiligen Rußland lohten auf wie zwei +Scheiterhaufen, und sie weinte nicht, sondern schrie die ganze Nacht, +als hätte man ihr die Kehle zugeschnürt und die Schlinge sehr eng +zusammengezogen. + +Marakulin konnte diese Nacht auch nicht einschlafen. Er horchte, er +verstand, und es war ihm unheimlich zumute. + +– Dem Gorbatschow aber, – dachte er, – werden seine Nonnen und +Jungfrauen in schwarzen Kopftüchern bis in die Ewigkeit hinein „Christ +ist auferstanden“ zu Ostern singen. + +Dieser Gedanke wiederholte sich in ihm und zog durch ihn schleppend und +zäh und drückte sich in Worten aus. Als er aber erschöpft war, überkam +ihn eine Unruhe: er vergaß Gorbatschow, Maria Alexandrowna und Lisaweta +Iwanowna, nur eins wollte er erkennen: was man wegräumen müßte, um seine +Ruhe wiederzufinden. + +Da erinnerte er sich plötzlich an die Generalin Cholmogorowa, wie sie +satt und gesund, so zufrieden und sieghaft herumgeht, diese Laus, die +nichts zu bereuen hat und nur der Motion wegen herumgeht, wie sie mit +ihrem Klappstuhl auf der Fontanka herumspaziert oder auf dem +Sagorodny-Prospekt aus der Kirche zurückkommt, – und es war, als wenn +modriges Spinnweb sich ihr nachziehen würde, wie es in den Winkeln +ungelüfteter Rattenkammern hängt, oder zwischen dem Fußboden und +unverschiebbaren schweren Kästen, – dieses Spinnweb zieht sich ihr nach +und dringt einem gradezu in den Mund – es ist um sich ins Wasser zu +werfen! + +Schon lange hatte er das bemerkt, aber erst jetzt erkannte er es. Und er +überlegte die ganze Nacht bis zum Morgen ingrimmig, wie man die +Generalin möglichst geschickt beseitigen könnte, so daß nicht einmal +eine nasse Spur von ihr zurückbliebe; denn er konnte nicht leben, ohne +daß sie beseitigt wäre, es fehlte ihm die Luft zum Atmen, sie ließ ihn +nicht atmen mit ihrem modrigen Spinnweb. – Es läßt einen nicht frei +aufatmen, dachte er, man hat keinen Schlaf, keine Geduld, keine Ruhe. + +Hätte Marakulin im Moment der Verzweiflung die Generalin ermordet, und +wäre am Morgen vor Gericht gestellt worden, so hätte er zu seiner +Rechtfertigung sagen können, daß nicht er gemordet hat, sondern die +grausame Burkowsche Nacht. + +Und Wera Nikolajewna weinte nicht, sondern schrie die ganze Nacht bis +zum Morgen, als hätte man ihr die Kehle zugeschnürt und die Schlinge +sehr eng zusammengezogen. + +Es waren jetzt grausame Nächte für Marakulin. Wo blieb seine +Bereitwilligkeit, alles zu ertragen, nur um zu sehen, nur um zu hören, +nur um zu fühlen? Immer derselbe Gedanke an die Generalin ging ihm nicht +aus dem Sinn, die unglückliche Generalin war ihm im Halse stecken +geblieben! – Ein verrückter Mensch und in seiner Verrücktheit +beharrlich. + +Als er einmal am Morgen in der Zeitung von einem Arzt las, der des +Giftmordes beschuldigt wurde, versteckte er die Zeitung unter sein +Kissen und las am Abend vor dem Einschlafen wieder die Stelle. + +– Wohltäter der Menschheit, Doktor – flüsterte er im Dunkeln, – du magst +wohl nicht eine Laus nur ins Jenseits befördert haben und vielleicht +wirst du ... noch jemand befördern! + +Und angesichts der allgemeinen Entrüstung der Zeitungen sprach er zu +sich ganz trunken: + +– Das sind Schwestern meiner Generalin, die für diese vom Doktor +vergiftete Laus so einmütig eintreten. + +Er stand mitten in der Nacht auf, zündete eine Kerze an, las nochmals +die Zeitung und versteckte sie unter dem Kopfkissen. Darauf legte er +sich wieder hin und flüsterte im Dunkeln und dachte bis zum Morgen. Und +er übertrug seine eigene Burkowsche Verzweiflung auf die ganze +Menschheit, deren Wohltäter vielleicht dieser giftmischerische Arzt +werden könnte, der eine Laus nach der anderen ins Jenseits befördert und +die Luft reinigt, damit man atmen kann: denn sonst hätte er keine Luft +zum Atmen, keinen Schlaf, keine Geduld, keine Ruhe. Ein verrückter +Mensch war er und in seiner Verrücktheit beharrlich. + +Eine Woche oder länger lebte Marakulin in einer Art Raserei und +erreichte, wie es ihm schien, den Punkt. Und als er den Punkt erreicht +hatte, fand er einen Schlupfweg, um wieder in die Welt zu gelangen, er +fand sein Recht in der Welt zu sein, welches seit dem Herbst schon +schwankte, oder richtiger, nicht bloß schwankte, sondern ihm abhanden +gekommen war, zusammen mit dem Schlaf, mit der Geduld, mit der Ruhe. + +Gorbatschow hatte, so dachte Marakulin, nach all seinen Umtrieben und +Klügeleien erkannt, wie er leben muß: er wollte seine Seele erlösen, und +deshalb räucherte er seine Winkel mit Weihrauch, alles übrige aber: ob +man die Kinder alle auf einen Strick aufhängen oder sie mit Bonbons in +rosa Papierchen füttern müßte – das betrachtete er als unwesentlich für +die Erlösung seiner Seele. Maria Alexandrowna hatte ebenfalls nach allen +ihren Fragen erkannt und begriffen, wie sie leben mußte: nicht daß sie +die Gefahr besonders liebte und ein Leben, neben dem der Tod einherging +– nein, sie wollte verderben, ihre Seele für andre hingeben, sie hatte +sich zum Opfer auserkoren für ein Gesetz und eine Wahrheit, von deren +Herrschaft das Glück der Menschen abhängt, und sie hatte gewiß getötet, +oder einen Totschlag vorbereitet, oder war bei irgendeinem Attentat +gegen eine Person, die ihrer Meinung nach dem Gesetz und dem Recht +schadete, behilflich gewesen. Lisaweta Iwanowna hat durch ihr nicht +einfaches, ahnungsvolles, gleichviel ob eingebildetes oder tatsächliches +Wissen erkannt und begriffen, wie sie leben muß: sie denkt weder an +sich, noch an die anderen, sondern sie denkt an das Jenseits und an das +jenseitige Leben, und indem sie sich für das Jenseits und für das +jenseitige Leben vorbereitet, handelt sie dementsprechend. Aber mit +Weihrauch räuchern und dabei sich gegen die Kinder wehren, ebenso wie +ein Attentat vorbereiten oder sich für das jenseitige Leben vorbereiten +– das alles ist Tat, Aktion, Arbeit, und setzt zu seiner Verwirklichung +eine Menge wichtiger Entschlüsse voraus. Vor allem muß man wissen, +gleichviel ob vor seinem Gewissen oder aus Verantwortung vor der +Vergangenheit und ihren Werken, muß man sich selbst antworten können, +daß man seine Seele erlösen, oder daß man seine Seele verderben soll – +oder daß man sich für das jenseitige Leben vorbereiten soll, und es sich +fest vornehmen im Namen eines Unwiderruflichen. Die Generalin dagegen +rührt keinen Finger, tut nichts – man kann doch das Besuchen des +Dampfbades nicht eine Tat nennen! – erreicht aber alles, und wie +glänzend! Der Erfolg ihrer Abhärtung ist handgreiflich und ganz +zweifellos, so daß ihrem Leben kein Ende abzusehen ist – der Chiromant +hat sich in diesem Falle nicht geirrt, und sie ist vielleicht schon +unsterblich. Dabei sucht sie weder ihre Seele zu erlösen, noch zu +verderben – denn verderben ist dasselbe wie erlösen – und sie gedeiht, +indem sie auf jede Erlösung verzichtet und nichts und niemand etwas +schuldet. Und hat Gorbatschow, welcher weiß, wie man leben muß, ein +Daseinsrecht, und haben Maria Alexandrowna und Lisaweta Iwanowna, die +ebenfalls wissen, wie man leben muß, ebenfalls ein Daseinsrecht, so hat +die Generalin, wie ein Kelch der Auserwähltheit, nicht nur ein einfaches +Recht, sondern ein königliches! + +– Und jetzt ist zu überlegen und sehr genau zu überlegen, – räsonierte +Marakulin, als er den springenden Punkt, wie ihm schien, erreichte, – um +einen entscheidenden Schluß zu ziehen, ein für allemal: wie würde die +Menschheit handeln, wenn, sagen wir, wenn alle Großmächte, ein Bündnis +aller Mächte der Welt, mit England an der Spitze, ihren Untertanen, der +ganzen Menschheit, durch die Parlamente und Reichstage in besonderen +Manifesten dieses sorgenlose Lauseleben, das sündenlose und unsterbliche +Leben der Generalin anbieten würden? – Gesetzt, so etwas wäre möglich, +sei es durch eine wirkliche Erfindung – wenn etwa der gelehrte Deutsche +Wittenstaube es mit Hilfe seiner Röntgenstrahlen herausgefunden hätte; +oder durch einen Betrug – oder wenn etwa einer unserer gewesenen +Gouverneure wie Burkow der Selbstvertilger – wie viele solcher Vertilger +gibt es in Rußland, die fanatisch ihre außergewöhnlichen Fähigkeiten +gegen sich selbst richten! – also, wenn so ein Burkow einen Trick +erfunden hätte, meinetwegen einen vorübergehenden Betrug, aber natürlich +so, daß alles glatt ginge; oder durch ein freches Wagnis, wenn etwa ein +lichtspendender, hochheiliger Starez Kabakow, nachdem er ein Grammophon +in seinen Keller eingemauert, sich durch eine Himmelsstimme der Welt als +Hirte und Richter offenbaren ließe – als der Erlöser von Murkas Erbsünde +– und ein neues, nicht von Menschenhand geschaffenes Zion aufgebaut +hätte, voll Frieden und Gnade, schnell, einfach und billig, – wie würde +sich die Menschheit dazu verhalten, wie würde sie darauf reagieren? Ich +denke – fuhr Marakulin fort zu räsonieren, als er mit Marakulinscher +Hartnäckigkeit bis zu seinem springenden Punkt vorgedrungen war – alle +Untertanen würden ohne alle überflüssigen Worte und Zeremonien, das Soll +und Nichtsoll und jeden Gedanken an Erlösung vergessend, ganz leise, +ohne die Hüte oder sonst den Rang bezeichnenden Kopfputz abzunehmen, die +Hosen ausziehen und auf den mutigen, freien, stolzen, heiligen Anruf, +sich bekreuzigend, in einen gigantischen mit Pferdehaaren bedeckten, +vielleicht bei uns in der belgischen Fabrik hergestellten Kopf, +hineinschlüpfen. Sie würden in dieses neue, nicht von Menschenhand +erschaffene Kabakowsche Zion voll Frieden und Gnade hineinstürzen, um +ein neues Lauseleben, ein schmerzloses, sündenloses, unsterbliches, und +vor allem ruhiges Leben anzufangen: ernähre dich, verdaue und härte dich +ab! Ein Klappstühlchen könnte man sich noch immer anschaffen; vielleicht +wäre es sogar möglich, unter diesen allgemeingültigen und deshalb +zwingenden, freiwillig angenommenen Bedingungen, da bei jedem am Hals +ein Kuhglöcklein läuten würde, damit man, sorglos weidend, nicht +verloren gehe, sich auch ohne Klappstühlchen auf der Fontanka Motion zu +machen, oder auf dem Sagorodny in die Kirche zu gehen. Und es ist +anzunehmen, daß jeder Vernünftige und Gute so handeln würde – denn wer +ist sein eigener Feind? – und er würde nach dem Gesetz richtig, weise +und menschlich handeln: denn in der Tat, wer hätte Lust sich zu quälen, +zu ersticken ohne Schlaf, ohne Geduld, ohne Ruhe! + +Als Marakulin einst in seiner Kindheit Gardist bei der Kavallerie werden +wollte, betete er, Gott möge ihm helfen, ein Gardekavallerist zu werden, +und als er Räuber werden wollte, betete er mit denselben Worten, nur daß +der Gardekavallerist durch den Räuber ersetzt wurde, und ebenso betete +er, als er Kalligraphielehrer zu werden wünschte. Das waren seine +Hauptgebete für sich in Moskau auf der Taganka, denn um ein gutes +Zeugnis hatte er nie gebetet. Später pflegte er beim gewohnheitsmäßigen +Beten, während er morgens beim Erwachen und nachts beim Einschlafen +„Gott sei mir gnädig“ aufsagte, von Gott nichts mehr zu verlangen. Dann +hatte er auch dies: „Gott sei mir gnädig“ vergessen. Jetzt aber, als er, +wie ihm schien, in seinen Betrachtungen bis zu jenem springenden Punkt +angelangt war und das königliche Recht entdeckt hatte und dieses +königliche Recht auf der Welt zu sein auch für sich begehrte, warf er +sich nachts inbrünstig auf die Erde und betete in der Raserei, die Stirn +gegen den Boden schlagend: + +– Herrgott! – flehte er – gewähre mir für einen Augenblick nur dieses +wahre Lauseleben, mach mich deiner Gnade teilhaftig, Herrgott, laß mich +nur für einen Augenblick aufatmen, dann mag dein Wille geschehen! + +Und hätte sich Marakulin in seiner Verzweiflung, während er mit der +Stirn gegen den Fußboden schlug, den Schädel gespalten, und man hätte +ihn am nächsten Morgen dafür zur Verantwortung gezogen, so hätte er, zur +Besinnung gekommen, nur eins zu seiner Rechtfertigung sagen können, daß +nicht er sich getötet, sondern die grausame Burkowsche Nacht. + +Hier muß noch gesagt werden, daß seine Geschäfte, die auch sonst nicht +besonders waren, zu Weihnachten überhaupt stillstanden. Er fand gar +keine Arbeit mehr; ein Entehrter findet sehr schwer Arbeit, besonders +wenn auf die Frage: „Womit beschäftigen Sie sich sonst?“ der wirkliche +Grund der Untätigkeit nicht verheimlicht wird. Marakulin verheimlichte +ihn auch nicht, und erzählte naiv wie ein zwölfjähriges Kind von seinen +Streichen, von seinen Quittungsbüchern und wie er wegen jener Quittung +herausgeflogen war. + +Seine Lage war schlimm. Die Artisten Damaskin halfen ihm aus, und ohne +Sergej Alexandrowitsch, Wassilij Alexandrowitsch und Wera Nikolajewna +wäre ihm nichts übrig geblieben, als eine Bittschrift zu verfassen, +gleich dem ruhelosen alten Gwosdjow, der damals an Murkas Tag bei ihm +erschienen war, am letzten Tag in seiner eigenen Wohnung. + +Und am Ende wird man sie doch verfassen müssen, denn das königliche +Recht, dieses nächtliche königliche Recht, wird einem offenbar nicht so +leicht gewährt, und wenn man keine Renten hat, die bis ans Lebensende +reichen, da ist es vielleicht besser, Gott gar nicht zu beunruhigen: man +erreicht ja doch nichts. + +Zu Weihnachten gab es bei den Artisten einen Weihnachtsbaum, und alle +Mieter Adonja Iwoilownas waren eingeladen. Es war da eine Menge Leute, +gewiß lauter Artisten. Sergej Alexandrowitsch war sehr geschäftig und +reichte den Gästen Aschenschalen, damit die Zigarettenstummel nicht auf +den Boden geworfen werden, und Wassilij Alexandrowitsch ging so aus sich +heraus, ließ solche Raketen steigen, daß alle vor Lachen beinahe +umkamen. Im Kartenspiel verloren die Brüder das Letzte. In der +Gesellschaft taute auch Wera Nikolajewna auf und sang ihre +Kostrinskischen uralten Weisen, wie sie sie von ihrer Mutter Lisaweta +Iwanowna gelernt hatte. + +Und seitdem, seit jenem Damaskinschen Weihnachtsabend, sang Wera +Nikolajewna an den Abenden der Weihnachtswoche allein in ihrem Zimmer, +zuweilen von den Lehrbüchern sich losreißend, mit halblauter Stimme vor +sich hin. Sie sang auf altertümliche Art, und in ihren Weisen atmete das +uralte Rußland. + +Gewöhnlich begann sie mit dem Gesang von den sieben wilden Stieren und +von ihrer Mutter, der Stierin; wie die sieben goldgehörnten wilden +Stiere am Gestade des blauen Meeres wanderten, wie sie über das blaue +Meer schwammen und auf der berühmten Insel Bujan landeten, wo sie ihrer +Mutter, der Stierin, begegneten. Und die Stiere erzählten ihr, wie sie +an Kiew vorbeikamen und an der Auferstehungskirche, und was sie da für +ein Wunder gesehen hatten: aus der Kirche kam eine Jungfrau, sie trug +auf dem Kopf ein goldnes Buch, trat bis zum Gürtel in den Newafluß, +legte das Buch auf einen weißen, heißen Stein, las im Buch und weinte. +Und die Stierin deutet den Stieren dies übergroße Wunder: die Jungfrau +war die Mutter Gottes und sie las ein goldnes Buch – das Evangelium, und +sie weinte, weil sie Ungemach über Kiew heraufkommen sah, Ungemach über +das ganze heilige Rußland. + +Und nach den Stieren erhob sich in seiner ganzen reckenhaften Größe der +Riese Ilja Muromez; wie der Recke am Grabe des Swjatogor den +reckenhaften Geist einatmet – den dritten, weißen Grabesschaum, – und es +treibt ihn und es hebt ihn, er weiß nicht, wo er mit seiner Kraft hin +soll. Dann folgte die Nachtschwalbe, die Aebtissin, die blonde Füchsin; +vierzig schwarze Jungfrauen folgen ihr wie die Dohlen, und schon donnert +und poltert der schreckliche Alte, Igrimistsche-Kologrenistsche. Er +tritt aus dem Bogoljubowschen Kloster aus, er will seine Seele retten, +sie ins Paradies bringen und schleppt in einem Sack weißen Kohl, +bitteren Rettich, rote Rüben – und ein schwarzlockiges Mägdelein. + +Und wieder schwimmen auf dem blauen Meere die goldgehörnten Stiere, +begegnen ihrer Mutter, der Stierin, und erzählen ihr das übergroße +Wunder. Die Stierin deutet ihnen das Wunder: die Jungfrau ist die Mutter +Gottes, und lesen tut sie ein goldenes Buch, das Evangelium, und sie +weint, weil sie ein Ungemach über Kiew ahnt, Ungemach über das ganze +heilige Rußland. + +Wera Nikolajewna sang auch die Räuberweise, von dem Scnurrbart, dem +Teufelskerl; sie sang von Gauklern und von lustigen Leuten ... + + Leise spielt, ihr Spielmänner, + Leise spielt, ihr Lustigen, + Mir tut der Kopf so weh, + Mir ist mein Herz so schwer ... + +In der Küche betet Akumowna vor den drei ewigen Lampen; sie betet für +ihre Herrin, für den Bruder der Herrin, für ihren eigenen Sohn. Im +hintersten Zimmer betet vor den drei ewigen Lampen Adonja Iwoilowna; sie +denkt an Paraschas Schiffe und weint, weil sie es nicht versteht. + +Mit Wera Nikolajewna schien etwas vorzugehen: sie sang viel und war +nicht mehr so fleißig. + +– Bei Gott, Sie sind in Sergej Alexandrowitsch verliebt –, sagte einmal +Werotschka Wechorjowa plötzlich in Wera Nikolajewnas Zimmer eintretend, +und sah sie schelmisch, herausfordernd und boshaft an. + +Und die sonst so Blasse flammte plötzlich auf und wurde still – kein +Wort. Und auch ihm wird sie kein Wort sagen, sie wird eher sterben, als +etwas sagen – es gibt Solche. Und darum klang in ihren alten Weisen, in +denen das uralte Russland atmete, eine so dumpfe beklommene Sehnsucht. + +Werotschka – so wurde vom ersten Tage an Wera Iwanowna Wechorjowa +genannt –, welche Akumowna auch die Unverschämte nannte, nicht etwa als +Schimpfwort, sondern als Kosename – Werotschka verbrachte selten einen +Abend zu Hause. Am Tage war sie in der Schule, dann kam sie für ein +Stündchen nach Hause und bald darauf lief sie irgendwohin, ins Theater. +Wenn sie nichts vorhatte, dann saß sie bei den Damaskins. Sergej +Alexandrowitsch unterrichtete sie in allerlei Tänzen. Sie war biegsam, +schlank und leicht, wie ein Federchen, und wenn beide miteinander +tanzten, so schien es, als hätten sie Flügel wie Vögel. Die Zeit verging +ihnen lustig. + +Einmal fand sie Marakulin beim Tanzen, und seitdem kam er öfters zu den +Nachbarn, und daß Werotschka dort war und tanzte, das tat ihm wohl. Wera +Nikolajewna aber kam seit Weihnachten nicht mehr zu Damaskins; sie fand +stets eine Ausrede und saß allein, in ihre Lehrbücher vertieft, oder +hatte Wache im Krankenhaus. + +Werotschka gefiel Marakulin. Sie tanzte schön und las gut vor – mit +einem schönen Organ. Im Süden geboren, war sie in Moskau erzogen worden, +und in ihrer Sprache war weder das lästige südliche Zwitschern, noch die +nordische Kälte – die gebändigte Freiheit, dafür aber Festigkeit und +jene besondere Moskauer Lieblichkeit. Nach dem Tanzen bat sie gewöhnlich +Sergej Alexandrowitsch, der Verse liebte, etwas vorzulesen. Und +Onjergins Brief: „Ich weiß voraus, beleidigen wird Sie des traurigen +Geheimnisses Erklärung ...“ mußte sie ihm einigemal wiederholen. + +Was Marakulin auffiel und ihn am Anfang von Werotschka abgestoßen hatte, +war ihr äußerst starkes Selbstgefühl, eine maßlose Selbstüberhebung und +Prahlerei, die marktschreierisch wirkte. Man mußte sich für sie schämen. +Und jeden Widerspruch faßte sie als Beleidigung auf. Sie konnte sich +dermaßen versteigen bis zu einer Höhe, wo alle Worte einander gleichen +und nur einen Sinn haben: – es war nicht der sehnsüchtige Ruf eines +Hoffenden, sondern eine Herausforderung, ein unheimlicher Schrei nach +dem Recht, die himmlischen Scharen kurz und klein zu schlagen, wenn es +nur eine Himmelsleiter gäbe, wie es in der alten Weise heißt, – oder die +Erde auf den Kopf zu stellen, wenn man nur einen Griff zu fassen +kriegte! – Dabei hört ein so Verstiegener, ein so unheimlich nach seinem +Recht Schreiender ja niemals seinen eigenen Schrei. Und Werotschka tat +einem leid. + +Sie behauptete, sie sei eine große Schauspielerin, sie brauche bei +niemand zu lernen, vielmehr müßten alle bei ihr lernen. Und wenn sie +dennoch in diese dumme Schule eingetreten sei, so wäre es nur geschehen, +um sich den Weg zu bahnen. Ohne das komme man eben nicht vorwärts. Und +sie werde sich ihren Weg schon bahnen, sie werde ihren Schatz heben, +dann würden alle sehen ... + +– Und dann werden alle sehen – Werotschka zerriß sich fast vor Schreien, +– Vielen wird es leid tun, aber zu spät! – Und die Namen der +Berühmtheiten aufzählend, als wollte sie sie mit sich vergleichen, +lächelte Werotschka halb verächtlich, halb mitleidig, – Ihr werdet mich +noch sehen! – und ihre Augen flammten begeistert auf und loderten in +brennendem Haß, – ich werde zeigen, wer ich bin, der ganzen Welt, – +mögen sie dann sehen ... + +„Aber wer sind denn diese sie?“ fragte sich Marakulin nicht einmal, je +öfter er über Werotschka nachdachte. Werotschka erzählte gern von sich, +aber auf allerlei Art, und es war nicht herauszubringen, was daran echte +Wahrheit war und was bloß so Wahrheit. + +Ihr Vater war gestorben, als sie noch klein war. Er war Offizier. Aus +Wosnessensk im Chersonschen Gouvernement, wo sein Regiment stand, +übersiedelte die Mutter nach Moskau; hier wurde sie Haushälterin bei +einem alten General, einem Verwandten ihres Mannes. Werotschka wurde im +Institut erzogen, doch bevor sie es noch absolviert hatte, starb ihre +Mutter. Zum General pflegte ein reicher Fabrikant, Wakujew mit Namen, zu +kommen – ein nicht mehr junger, aber schöner gesunder Mann – wie man in +Moskau von ihm sagte. Er hatte einträgliche Geschäfte mit dem General. +Anissim Nikititsch begann Werotschka den Hof zu machen und gefiel ihr +auch. Und so kam es, daß Werotschka mit der Zustimmung des Generals zu +Wakujew zog. Wakujew besaß auf dem Arbat ein altes herrschaftliches +Einfamilienhaus. Seine Frau war tot, seine Kinder versorgt; nur drei +schon ziemlich bejahrte Fräulein, seine Nichten, die er nach dem Tode +seines ruinierten Bruders ins Haus genommen, führten ihm die Wirtschaft. +Ein Jahr blieb Werotschka bei Wakujew, und es ist anzunehmen, daß er +ihrer im Laufe dieses Jahres überdrüssig wurde; ferner ist anzunehmen, +daß ihr Leben auf dem Arbat nicht besonders heiter war. Anissim liebte, +wie sie selbst erzählte, Abwechslung, Zerstreuung, und es wurde ihm +alles nachgesehen. Anissim war es auch, der sie in Petersburg studieren +ließ und ihr fünfunddreißig Rubel monatlich schickte; von diesem Geld +lebte sie. + +„Ist es dieser Anissim und seine drei Nichten, die ihr so zugesetzt +haben, sind sie es, diese _sie_, die dann sehen werden?“ fragte sich +Marakulin nicht einmal, als er jetzt immer häufiger über Werotschka +nachdachte. + +Eines Tages, es war in der Theodorwoche, ganz am Anfang des Frühlings, +da kam Werotschka so lustig und aufgeräumt nach Hause, daß sie die +Hausgenossen beinahe überrannte. Selbst die sonst weinerliche und +unbewegliche Adonja Iwoilowna vergaß ihre Tränen, und begann mit noch +tränenfeuchten Augen herumzuwirtschaften, als wäre Werotschka ihre +Tochter, die jetzt so lustig und aufgeräumt heimgekommen. Akumowna +drehte sich ebenfalls flinker herum, als wäre es ein Feiertag, und sah +ihre „Unverschämte“ besonders zärtlich an. + +Der Tag war sonnig, der Frühling, die Wärme lockte, im belgischen Hof +schmolz der Schnee zusammen mit dem Steinkohlenberg dahin. Aus den vier +Ziegelschloten stieg gleichmäßig der Rauch in die Höhe, die Burkowschen +Fenster vermeidend, und der Burkowsche Hof war voll von Kindern; sogar +die Säuglinge waren mit ihren Ammen draußen. + +Anissim Nikititsch Wakujew war in eigener Person nach Petersburg +gekommen, und Werotschka war ihm auf dem Newsky begegnet – das war es: +daher die Freude und diese ungewöhnliche Ausgelassenheit. + +Diese Nacht schlief Werotschka nicht zu Hause. Und als sie am Morgen +wiederkam, machte sie sich sofort daran, ihr Zimmer aufzuräumen. Wieviel +Erfindungsgeist zeigte sie dabei, sie, die sonst doch – ganz anders als +Wera Nikolajewna – so zerfahren und unordentlich war! Jetzt blies sie +jedes Stäubchen fort, legte Papier unter den wackelnden Tisch, damit er +fester stand und brachte die Haarnadeln in eine Schachtel unter. Und +wieviel Lauferei gab es und welche Geschäftigkeit entwickelte sie – +sogar einen Blumentopf hatte sie irgendwo erstanden, wie zu Pfingsten. +Sie erwartete einen Gast, Anissim Nikititsch Wakujew selbst. Und der Tag +war ebenfalls sonnig, es lockte der Frühling, die Wärme. + +Der Tag verstrich langsam, es kam der Abend, ein unruhiger Abend, und +als dann in der Wohnung die Klingel anschlug, da hielt die ganze +Wohnung, alle vier Zimmer und die Küche, den Atem an, und Marakulin +wollte sogar die Lampe auslöschen, aber die Lampe erlosch von selbst, +ohne zu fragen, als hätte sie ein krachender Donner, ein moskauischer +Donner getroffen. + +Es war ein Student, ein Techniker, der auf der Suche nach seinem +Bekannten an die falsche Tür geraten war. Und Akumowna hatte noch lange +mit ihm zu schaffen, da er sich auf keine Weise dabei beruhigen konnte, +daß es hier keinen Ljubimow gab und nie gegeben hatte. + +– Es kann nicht sein – sperrte sich wichtigtuerisch der Student, – das +ist Willkür! + +Der Student wurde mit Mühe und Not fortgeschickt; der betrunkene Student +verzog sich endlich wie Rauch, aber nun konnte man niemand mehr +erwarten. + +Werotschka ging in ihrem Zimmer auf und ab, unermüdlich und nicht wie +mit ihren eigenen Schritten. Ihre Schritte waren fest und krallig und +ihre „unverschämten“ Augen wie zwei scharfe Klingen. Es war einem +unheimlich. + +Vom sonnigen Frühlingstag aufgescheucht, ließ sich Adonja Iwoilowna beim +abendlichen Samowar von Akumowna über ihre sommerliche Pilgerfahrt +wahrsagen: es war schon Zeit für sie, sich auf den Weg zu machen, der +Frühling war schon da. + +– Jedes Stengelchen verflicht sich mit einem Stengelchen – tönte +Akumownas gerührte Stimme, – jedes Zweiglein mit einem Zweiglein. + +Und Wera Nikolajewna, die mit ihren Arbeiten fertig war, sang leise ihre +geliebten alten Weisen, und in ihren Liedern atmete das uralte Rußland +und eine dumpfe beklommene Sehnsucht: + + Leise spielt, ihr Spielmänner, + Leise spielt, ihr Lustigen, + Mir ist mein Kopf so weh, + Mir ist mein Herz so schwer ... + +Und plötzlich wurde sie still. Kein Wort mehr. Sie wird auch ihm nichts +sagen, sie wird eher sterben als etwas sagen. + +– Jedes Zweiglein mit einem Zweiglein, jedes Blättchen mit einem +Blättchen – tönte Akumownas gerührte Stimme, – der Frühling ist da. + +Und es wurde immer bedrückender. Denn Adonja Iwoilowna begann zu weinen, +und noch lauter als sonst; sie erinnerte sich gewiß an ihren Mann, und +daß die Erde an dem Friedhof unter ihm weggeht und von seinem Grabe +abbröckelt. + +Werotschka ging im Zimmer auf und ab, unermüdlich und nicht wie mit +ihren eignen Schritten. Ihre Schritte waren fest und krallig und ihre +„unverschämten“ Augen wie zwei scharfe Klingen. Es war einem unheimlich. + +Doch der Sänger, der Samowar, erlosch, die Tränen waren ausgeweint und +die Schritte verstummt. Alles schlief im Haus und im Hof, die Hupen der +Automobile tönten nicht mehr von der Fontanka herüber, im Obuchowschen +Krankenhaus blinkte das Licht schon auf nächtliche Weise wie ein Stern, +und über den belgischen Ziegelschloten ging ein Stern an und sah in die +Fenster hinein, so ein großer Frühlings-Abendstern – die Stunde der +Nacht war da. Und Marakulin war es, als klopfte jemand – ein seltsames +Klopfen. Er horchte auf und erkannte: das Klopfen kam aus Werotschkas +Zimmer. Und nun verstand er, daß Werotschka allein in ihrem Zimmer nicht +eingeschlafen war und nicht einschlafen würde, und daß sie mit dem Kopf +gegen die Wand schlug, ohne Tränen, ohne Klage, mit weit aufgerissenen +trockenen Augen: wenn es gar zu schlimm ist, dann weint man nicht. + +Und all sein Gefühl, seine ganze Erbitterung, seine ganze Verzweiflung, +die für eine Weile sich gelegt hatte, loderte hell auf und ergoß sich +wieder auf seine auserkorene, verhaßte Generalin. Fiebernd wie im +widerlichsten Rausch und zähneknirschend malte er sich aus, wie diese +unglückselige Generalin, diese kerngesunde, unsterbliche, sündenlose, +kummerlose Laus – dieser Kelch der Auserwähltheit – süß schlafe. Und er +mußte es jemand sagen, einerlei wem, aber sofort, solange das Herz noch +nicht gesprungen war. + +Und fast erstickend sprang er ans Fenster und schrie aus Leibeskräften +hinaus: + +– Ihr rechtgläubigen Christen, die Laus schläft, so helft doch! + +Und als er es hinausgeschrien hatte, da fühlte er, wie seine einstige +ungewöhnliche Freude langsam in ihm hochsteigt, hinaufbrandet und bald +sein Herz überfluten und die Brust überfüllen werde. + +– Was brüllst du so? – schrie ihn eine knarrende Stimme an, und aus den +Winkeln zeigte sich Gorbatschows haarige Nase. + +Das Klopfen aber dauerte fort. Das war Werotschka, allein in ihrem +Zimmer – sie war nicht eingeschlafen und wird nicht einschlafen – sie +schlug mit dem Kopf gegen die Wand, ohne Tränen, ohne Klage, mit +weitaufgerissenen trockenen Augen: wenn es gar zu schlimm ist, dann +weint man nicht. + +Grausame Augenblicke, Herumtreiben ohne Arbeit und Erschöpfung +beschlossen das erste Burkowsche Jahr Marakulins. + +Als erste machte sich Adonja Iwoilowna auf die Reise: sie fuhr nach +Kaschin zu der ehrwürdigen Anna von Kaschin, und aus Kaschin auf den +Murman in das Petschenegische Kloster zum ehrwürdigen Tryphon. Nach +Adonja Iwoilowna verreiste Wera Nikolajewna, nachdem sie ihre Prüfungen +abgelegt, bis zum Herbst zu ihrer Mutter, in ihr kleines weißes +Städtchen mit den fünfzehn weißen Kirchen, in die alte vergessene Stadt +Kostrinsk. Sie sah zum Umblasen schwach aus. Als letzte reiste +Werotschka. Sie hatte sich zu gar keiner Prüfung gemeldet und ihre +Theaterschule aufgegeben, da sie offenbar ein anderes sicheres Mittel +gefunden, „sich den Weg zu bahnen“, – sie sagte aber nicht was für eins. + +Sie sagte nur: + +– Im nächsten Jahr werdet ihr sehen, ich werde ganz Rußland zeigen, wer +ich bin! + +Marakulin brachte sie zum Nikolajewschen Bahnhof: Werotschka reiste über +Moskau irgendwohin nach der Krim. Nach dem ersten Glockenzeichen fühlte +er es besonders stark, wie bitter es ihm war, daß Werotschka nicht mehr +da sein wird und stand schweigend vor dem Wagen. Sie aber streckte sich +so sonderbar, indem sie die Vorübergehenden ungeduldig ansah und die +Blicke auf sich zog, schlank, biegsam und leicht. + +Plötzlich lächelte Marakulin zum erstenmal in seiner ganzen Burkowschen +Zeit, ohne zu wissen weshalb und warum, – er lächelte einfach. Und sie +mußte es sicher bemerkt haben, denn es war so ungewöhnlich und +unerwartet! + +– Weinen müßte man um mich! – sagte sie theatralisch und kniff die Augen +zusammen, halb mit Bedauern, halb mit Ekel, und während sie ihm mit dem +Schirm auf die Hand schlug, sagte sie ganz ernst, übertrieben ernst, mit +einer Falte auf der Stirn: – Ich bin eine große Schauspielerin! + +Er glaubte es damals gern und von ganzem Herzen, daß Werotschka eine +große Schauspielerin sei und daß sie sich im nächsten Jahr wirklich +auszeichnen würde in ganz Rußland und daß ihr Name bald in ganz Europa, +in der ganzen Welt berühmt sein werde. + +Als er vom Bahnhof zu sich nach der Fontanka kam und sich mit Akumowna +allein fand, da fühlte Marakulin, wie ihm das Leben jetzt zuwider war +und daß er nicht so leben konnte. + +Der eine muß verraten, um durch den Verrat seine Seele aufzutun und in +der Welt er selbst zu sein, der andre muß töten, um durch den Mord seine +Seele aufzutun und wenigstens als er selbst zu sterben, er aber mußte +offenbar eine Quittung ausfertigen, aber nicht der Person, der sie +zukam, um seine Seele aufzutun und in der Welt zu sein, und zwar nicht +mehr als irgendein Marakulin, sondern als Peter Alexejewitsch Marakulin: +sehen, hören, fühlen. + +Aber er war nicht mehr damit einverstanden, weil er es nicht mehr +ertrug; er wollte nicht mehr so dahinleben ohne einen Zweck, nur um zu +sehen, zu hören und zu fühlen, – und auch das Leben einer Laus, das +unsterbliche, sündenlose, kummerlose Leben, das königliche Recht, jenen +Tropfen Wasser, den die sündige Seele im Jenseits sucht, wünschte er +nicht mehr. Er will leben und wird es, aber um nur noch einmal +wenigstens jene ungewöhnliche Freude zu fühlen, die er in seiner +Kindheit kannte und die er nicht mehr kennt, die nur das eine Mal in ihm +hochgestiegen war, in jener Frühlingsnacht, als Anissim zu Werotschka +nicht kam, in jener Frühlingsnacht, als jedes Stenglein sich mit einem +Stenglein verflocht, jedes Zweiglein mit einem Zweiglein, jedes +Blättchen mit einem Blättchen. Und wie klebrige junge Blättchen waren +ihm in der Erinnerung die Frühlingsworte der von der Sonne gerührten +Akumowna. + +Und es war ihm so bitter, noch bitterer als an jenem Abend, weil +Werotschka nicht mehr da war; als wenn seine ganze ungewöhnliche Freude +– der Quell seines Lebens nur in ihr sich bergen würde. + + + + + Viertes Kapitel + + +Wera! Weruschka! Werotschka! + +Marakulin, der gerade damit beschäftigt war, eine lustige altertümliche +russische Erzählung in Halbfraktur abzuschreiben, eine Arbeit, über der +er vom Morgen bis in die Nacht hinein saß – ein seltener und +einträglicher Auftrag, der wie erfrischende paradiesische Manna auf ihn +herabgefallen war. – Marakulin fuhr auf, so daß er den Schnörkel am +Anfangsbuchstaben W nicht zu Ende brachte. + +Von der Treppe her aber tönte immer beharrlicher der bekannte Name: + +– Wera! Weruschka! Werotschka! + +– Wen rufen Sie da, Akumowna? + +Marakulin konnte es nicht aushalten und sah in die Küche hinein. + +– Wera! – sagte Akumowna, ohne sich umzuwenden, – ach, die Unverschämte! +– und sie stampfte die Treppe hinunter in den Hof. + +Es war spät – etwa elf Uhr. Schon verbreitete sich der windige +Sonnenuntergang staubig hinter dem Obuchowschen Krankenhaus, und +zusammen mit der kurzen Nacht krochen aus den sumpfigen Vorstädten die +Nebel herauf; aber auf dem mit Kehricht, Schutt und Ziegeln bedeckten +Hof lärmten noch immer die Kinder, und klagend klimperte die Balalaika – +von dieser nicht russischen, armseligen Habe gab es reichlich auf dem +Burkowschen Hof – und in den Fenstern, auf Kissen gestützt, steckten +zerzauste, von der steinernen Petersburger Glut zermarterte Köpfe, in +der Hoffnung, etwas Kühle zu schöpfen. + +Die Tusche vertrocknete auf der Feder, die Buchstaben wollten nicht +werden, und Marakulin schien es, daß Akumowna nicht wiederkommen, daß +sie mit ihrer geheimnisvollen Wera irgendwo im Burkowschen Schutt +untergehen würde. Und als in der Küche wieder Stampfen vernehmbar wurde, +und nicht Akumowna, sondern noch eine zweite Stimme, halb kindlich und +halb mädchenhaft rasch zu sprechen begann, bald in fröhliches Lachen, +bald in ein schmerzliches Klagen übergehend, da zog er wie erleichtert +wieder den Vorhang zu und begann weiterzuarbeiten. + +Die Abschrift war für Marakulin sehr wichtig, und er wollte sie +unbedingt heute fertigmachen, da er fast zwei Monate schon über ihr saß. +Diese seltene Arbeitsgelegenheit hatte ihm Sergej Alexandrowitsch vor +der Abreise in sein Sommergastspiel verschafft. Marakulin hatte ganze +fünfzig Rubel dafür zu bekommen und seine Verhältnisse sollten sich +dadurch ganz bedeutend verbessern. + +– Wer wohnt denn bei Ihnen in der Küche? – fragte Marakulin am nächsten +Abend, als Akumowna ihm den roten blitzenden Sänger, den Samowar +hereinbrachte. + +– Weruschka – antwortete Akumowna und lächelte und blickte so +eigentümlich idiotisch von der Seite, – Weruschka, die Wundertätige. + +Und die Spülschale brachte schon nicht Akumowna herein – sie blieb in +der Tür stehen –, sondern es brachte sie die „wundertätige“ Weruschka. + +Es war ein kleines Mädchen – ein Backfisch von fünfzehn Jahren, wie +ihrer so viele auf dem Burkowschen Hof als Kindermädchen dienen, und +doch schon völlig wie ein junges Mädchen entwickelt. Als er sie aber +aufmerksamer ansah, fand Marakulin in ihren Augen etwas ihm sehr +Bekanntes und ungewöhnlich Verwandtes, er konnte es nur nicht benennen +und vermochte sich nicht zu erinnern, wo er Derartiges schon gesehen: +ein Feuer, – nein, noch etwas anderes, das man auf keinen Fall verbergen +kann, denn es würde selbst beim Schlafenden unter den Lidern +hervorblinken. + +– Sie heißen Wera? + +– Werutschka ... Werotschka – antwortete das Kind verwirrt, leise und +mürrisch und trat zurück, als hätte es etwas verlegen gemacht. + +– Werotschka gar, so! – rief Marakulin entzückt, das Kind betrachtend +und erhob sich plötzlich. + +Doch das Mädchen zog sich hinter Akumowna in den Korridor zurück und +machte sich hörbar in der Küche zu schaffen. Oder war es sein Herz, das +so hörbar klopfte, Gott weiß warum? + +– Gnädiger Herr, ich möchte Sie bitten, gnädiger Herr, rühren Sie sie +nicht an! + +– Was fällt Ihnen ein, Akumowna, Gott schütze Sie! + +Aber wie ertappt ließ er sich auf seinen Stuhl fallen. + +– Ich fürchte Wassilij Alexandrowitsch – fuhr Akumowna fort, – mir ist +Angst, wenn er aus der Sommerfrische zurückkommt. Er muß ja immerzu eine +haben, der Unbezähmbare. Sobald es Nacht wird, kriechen auch die hier +auf der Treppe herum und kratzen an der Tür, die Herumtreiber! + +Nachdem sie es von der Straße aufgelesen hatte, behütete Akumowna das +kleine Mädchen eifersüchtig vor den Burkowschen Herumtreibern, vor +Stanislaus dem Kontoristen und vor Kasimir, dem Monteur; sie schloß oft +die Küche noch bei Tageslicht ab und bettete die Kleine +sicherheitshalber auf ihr eignes Bett unter den drei Oellämpchen. Und +wundertätig nannte sie Wera darum, weil ein Wunder an ihr geschehen war. + +– Sie ist eine Wundertätige – pflegte Akumowna zu sagen, – bis zum +fünften Jahre war sie ohne Zunge, sie sprach nicht, man hat sie dem +Doktor Nikolai Franzewitsch gezeigt, vergebens; zu der Schmerzensreichen +hat die Mutter sie gebracht, auch wurde ihr geraten, barfuß zu +Matrionuschka zu pilgern – nichts hat genützt. Aber am dunkeln Freitag +gingen sie in die Pulverfabriken, – am Iljinischnen-Freitag ist da eine +Prozession, zwölf große Heiligenbilder werden da herumgetragen und fast +tausend kleinere. Als die Messe zu Ende war und sie nach Hause gehen +wollten, da verlangte das Kind plötzlich zu trinken: „Mama – sprach sie +– gib mir zu trinken!“ Seitdem spricht sie. + +Weras Vater war Buchhändler: er handelte mit Büchern, Haken, Knöpfen und +allerlei Kleinkram. Ihre kränkliche Mutter ging als Tagelöhnerin +Fußboden scheuern und reinmachen. Sie wohnten im Kusnetschnygäßchen, in +den „Winkeln“, wo der Chiromant wohnt – die Fenster dort sind von +venezianischer Art und unheimlich. Als Wera etwas größer wurde, gab man +sie zu einer Goldstickerin in die Lehre, ein Jahr blieb sie da, aber sie +taugte nicht dazu, da ihre Augen krank wurden; so wurde sie +Kindermädchen. Da passierte es, daß ihr Vater mit seinem Stand über den +Wladimirsky vor einem Schutzmann floh; an den fünf „Winkeln“ bei der +Kreuzung geriet er unter die Elektrische und wurde zermalmt. Zur +gleichen Zeit wurde Wera gekündigt. Es ging ihnen damals sehr schlecht. +Und so kam die Mutter auf den Gedanken, sie zum Onkel zu schicken, +welcher auf dem Murinsky-Prospekt in Lesnoj als Hausmeister lebte, +vielleicht, daß er für sie eine Stellung finden würde. Die Kleine ging +fort, erreichte Lesnoj erst am Abend, und unterwegs, während sie das +Haus suchte, blieb sie vor einem Gasthaus stehen, um die Musik zu hören. +Sie stand da und hörte zu, ihre Augen glühten, der Mund war weit +aufgesperrt, da kam aus dem Gasthaus ein Herr, der eine Gnädige +untergefaßt hielt und sah Wera sehr freundlich an. Er blieb ebenfalls +stehen und fragte sie freundlich aus. Sie erzählte ihm alles, auch wie +sie stehengeblieben war, um die Musik zu hören. Und sieh da, welch +glücklicher Zufall: die Herrschaften brauchten gerade gleich ein +Kindermädchen und ihre Bedingungen waren günstig. Wera war erfreut und +willigte ein. Sie nahmen eine Droschke und brachten sie zu sich nach +Hause – sie wohnten auch gar nicht weit. Welch ein glücklicher Zufall! – +Es war schon spät, es dämmerte, und als sie zu Hause anlangten, gingen +sie sofort zu Tisch und ließen auch Wera neben sich Platz nehmen. Und +als sie sich satt gegessen hatte, da führte sie der Herr in ein Zimmer, +das im Korridor gegenüber lag. Nachts kam er wieder. Sie wollte +schreien, aber er verschloß ihr den Mund mit den Händen. So fing es an. +Als Wera zu sich kam, war es bereits Tag. Sie trat aus dem Zimmer und +streifte im Korridor herum, um den gnädigen Herrn und die gnädige Frau +zu suchen und geriet in das Büfettzimmer: sie hatte also in einem +Gasthaus übernachtet. Sie fragte den Büfettier, wo der gnädige Herr und +die gnädige Frau seien? Der Büfettier lachte: es gäbe weder einen +gnädigen Herrn noch eine gnädige Frau; wenn sie aber gewillt sei, könne +sie auch bei ihm als Kindermädchen bleiben. Das war eine schlimme Lage! +Wenn sie nicht einwilligte, hatte sie Angst zur Mutter zurückzukehren, +doch wie, wenn der Büfettier, wie der Herr von gestern, ihr ebenfalls +den Mund mit den Fäusten stopfen würde! ... Das eine war schrecklich, +das andere war ebenfalls schrecklich, und ein drittes gab es nicht. So +blieb sie beim Büfettier als Kindermädchen. Es waren viele Kinder und +sie konnte kaum mit der Arbeit fertig werden. Es verging eine Woche. +Nach einer Woche aber, kaum, daß sie sich etwas eingelebt hatte, +quartierte sie der Büfettier in ein besonderes Zimmer ein, damit sie von +den Kindern getrennt schlafe – es waren eben viele Kinder – es würde +bequemer und ruhiger für sie sein. Und wieder begann es: erst der Wirt +selbst, der Büfettier, nach ihm der Reviervorsteher. Sobald die Nacht +kam, erschien jemand – man brachte ihr im Laufe der Nacht fünf Männer. +Man ließ sie nicht mehr aus dem Zimmer, die Kinder sah sie auch nicht +wieder; es war bereits ein neues Kindermädchen da. Sie weinte, aber was +half es, man lachte sie nur aus. Nur durch ein Wunder entkam sie aus +diesem Zimmer und dem Büfettier. Ein glücklicher Zufall kam ihr zu +Hilfe: ein Brand! Im Gasthaus war Feuer ausgebrochen. Sonst wäre sie +zugrunde gegangen. Im Trubel sprang sie aus ihrem Zimmerchen und begann +zu laufen. Sie kam an die Kusnetschnybrücke gelaufen, in die Winkel, wo +der Chiromant wohnt, die Mutter aber war nicht mehr da: sie war an der +Cholera gestorben. Das war eine schlimme Lage: es wäre ihr schließlich +nichts anderes übriggeblieben, als zum Büfettier ins Zimmerchen +zurückzukehren. Aber die Hausmeisterin hatte Mitleid mit ihr – sie +pflegte ebenso wie Antonina Ignatjewna, die Gattin des Oberhausmeisters, +in den Hafen von Kronstadt zum „Bruder“ zu pilgern – sie war barmherzig +und mit Antonina Ignatjewna bekannt. So schickte sie das Mädchen zu ihr +ins Burkowsche Haus, ob sich da für das Kind vielleicht eine Stellung +fände. Aber Wera geriet statt zu Antonina Ignatjewna zu Akumowna. + +– Sie ist eine Wundertätige – pflegte Akumowna zu sagen, – nur eins ist +schrecklich – diese Herumtreiber; sobald es Nacht wird, da kriechen sie +herum und rütteln an der Tür, – es wird einem ganz Angst! – + +Der Sommer dehnte sich endlos, quälend, eintönig. Es war heiß und fast +in ganz Petersburg waren die Straßen gesperrt: das Pflaster wurde +ausgebessert, wie immer im Sommer; es war nirgends ein Durchgang, +nirgends eine Durchfahrt, und es herrschte eine große Schwüle. + +Am Abend beim Samowar legte Akumowna Karten für Marakulin, wie sie es im +Winter für Adonja Iwoilowna tat. Sie wahrsagte viel und ausgiebig, nicht +nur für den Treffkönig oder Kreuzkönig, wie ihn Akumowna nannte und der +Marakulins Karte war, sondern auch für andere Könige und Damen – für die +Kreuz-, Coeur-, Karo- und Pik-Dame, als für alle die Personen, die ihm +in den Karten zulagen, um auch ihr Schicksal zu erfahren und dadurch +besser zu erforschen, wer sie seien und was sie vorhaben. + +Die Karten logen nicht. Das gleiche Orakel kehrte immer wieder und +brachte meist etwas unsinnig Bedeutungsloses: ein wenig Langweile, ein +wenig Geld, ein wenig Veränderung, ein wenig Tränen, Verdruß, eine junge +Person, ein eigenes Haus, ein eigener Gegenstand, ein vornehmer, +einflußreicher Herr mit einem Schriftstück, eine behördliche Anstalt, +Langweile der jungen Person, eine kleine Unannehmlichkeit, eigene +Sorgen, Gespräch mit sich selbst. Und das letzte war stets das Gespräch +mit sich selbst. + +Wenn Akumowna zum letztenmal die Karten ausbreitete, pflegte sie zu +flüstern: – Fürs Haus. Fürs Herz. Was sein wird. Wie es enden wird. +Womit es beruhigen wird. Womit überraschen. Sagt die ganze Wahrheit +reinen Herzens. Was sein muß, wird sich erfüllen. + +Und auch zum letztenmal kam das gleiche – dieselben Karten: unsinnig +bedeutungsloses Zeug und das Gespräch mit sich selbst. + +Die Karten logen nicht. Nur zuweilen wurden sie offenbar selbst der +Sache überdrüssig und ärgerten sich: dann waren sie bissig, zeigten +große Veränderungen an oder einen weiten Weg, viel Geld und Erfüllung +aller Wünsche. + +Beim Kartenlegen erinnerte sich Akumowna oft an ihre Herrin, an den +alten Herrn, an den Bruder der Herrin und an ihren eigenen Sohn, was für +Träume sie alle geträumt hatten, welche Ereignisse nach ihnen eintraten +und was jeder Traum bedeutete. + +– Unser Priester in Turij-Rog – er war ein guter Mann, ein großer Büßer, +der Vater Arsenij – erzählte Akumowna aus ihren Erinnerungen – vor +seinem Tode erhob er sich und fragte: „Sind die Pferde bereit!“ – Was +für Pferde, ehrwürdiger Vater? – „Ich habe ja eben ein Paar getraut, man +ladet mich zur Hochzeit ins Ausland!“ Und starb. – Sechs Tage, bevor der +alte Herr sterben mußte, sah meine gnädige Frau, daß sie einen Stiefel +vom Fuß verloren hatte. Und vor dem Tode der gnädigen Frau träumte ich, +ich sitze vor einem Ofen, den Ofen habe ich eingeheizt, das Holz brennt +hell, die Scheite verkohlen schon. Ich zerschnitt Speck, tat ihn in +einen Topf und stellte den Topf in den Ofen, aber kaum, daß ich ihn +hineinstelle, da zerfällt der Topf in zwei Hälften, die Glut prasselt +und ein Qualm erhebt sich ... Mein Vater gab mir keinen Segen. Und so +kam es auch! Wie ein rollender Stein um die weite Welt. + +– Wie geht es Ihrem Bruder und Ihrer Schwägerin? + +– Sie plagen sich auch, haben weder Wald noch Holz noch Weide. Und ihre +jüngere Tochter Fedossja, meine Nichte, ging nach Turij-Rog als +Taglöhnerin zur Feldarbeit; sie gefiel dem gnädigen Herrn, dem jungen +Bujanow, er ist ein toller Kerl. Er nahm sie für einen Monat zu sich in +Dienst. Als der Monat zu Ende war, behielt er sie noch für einen Monat, +dann für den ganzen Winter. Mein Bruder verstand wohl alles, sagte aber +zur Schwägerin nichts. Sie hatten keinen Wald, kein Holz, keine Weide; +vom gnädigen Herrn aber kam Holz und Geld, es war vorteilhaft. So +verlebte Fedossja dort den ganzen Winter. Im Frühjahr aber reiste der +gnädige Herr in die Stadt und verheiratete sich dort. Da kehrte Fedossja +wieder heim zum Vater, und alle wußten es bereits; es war auch schon zu +sehen. Ihre Brüder machten ihr Vorwürfe, daß sie so eine war, daß ihr so +etwas geschehen konnte. Wie die Raben haben sie auf sie eingehackt, sie +hielt es nicht aus; zehn Tage vor Pokrow starb sie. Sie war gerade +zwanzig Jahre alt geworden, – so jung noch. Und Wassilij, dem Vetter, +sind in der Butterwoche die Füße erfroren ... + +Während sie sich an Turij-Rog und Ssosna-Gora erinnerte, konnte Akumowna +ab und zu einen Ausspruch tun, von so echt Turij-Rogischer Art, daß man +sich wundern mußte, wie es ihr hier auf dem Burkowschen Hof in den Kopf +konnte. + +– Jetzt – konnte sie sagen – ist das Korn schon reif, gelobt sei Gott! – +sie bekreuzigte sich. – Regen wäre jetzt nicht gut. + +Wera gewöhnte sich an Marakulin und hatte keine Scheu mehr vor ihm. Auch +er hatte sich an sie gewöhnt, und es tat ihm wohl, wenn sie sein Zimmer +betrat. Voran schritt dann Akumowna mit dem Samowar und ihr folgte Wera +mit der Spülschale. + +„Aus der Spülschale reichen die Teufel im Jenseits den Teufeln und +Sündern das Abendmahl!“ Marakulin erinnerte sich einmal an Akumownas +Vision aus ihrem Passionsweg und lächelte zum erstenmal seit Werotschkas +Abreise. + +Und als hätte sie seine Gedanken erraten, erwiderte ihm Wera mit einem +Lächeln. Und noch lange sah er dieses halbkindliche, halbmädchenhafte +Lächeln vor sich. + +Wie leer erschien es ihm im Hause, als Wera, die eine Stellung gefunden, +aus Akumownas Küche in die vierte Etage desselben Burkowschen Hofes +verzogen war, in den Flügel, wie der nicht herrschaftliche an der +belgischen Fabrik belegene Teil des Hauses genannt wurde. + +Akumowna begann jetzt öfters fortzubleiben. Sie ging, um nach ihrer +„Wundertätigen“, nach ihrem Flämmchen, nach ihrer Wera zu sehen. Sie +lehrte sie gewiß Zimmer aufräumen, Feuer aus Birkenholz anmachen und +dergleichen mehr. Marakulin blieb allein, es schien ihm ganz öde. + +Ein Herr aus dem Flügel hatte folgende Gewohnheit: sobald es Abend +wurde, steckte er seinen Kopf aus dem Fenster, das Gesicht zu Marakulin +gewandt und pfiff. Daß der Herr kein Auge von ihm wandte – Marakulin +hatte sich überzeugt, daß es ihm galt, – und daß das Pfeifen nicht +aufhörte, brachte ihn zur Raserei, und ob er wollte oder nicht, er mußte +den Vorhang zuziehen und in der Schwüle sitzen bleiben. + +Es war öde um ihn und die Wut machte ihn fast ersticken. + +Am Morgen beim Zeitungslesen suchte er mit einer Art Ungeduld alle +Berichte über Morde, Brande, Katastrophen, Ueberschwemmungen, +Wolkenbrüche und Erdbeben und las sie mit großer Schadenfreude, indem er +sich einbildete, man könne den Menschen mit Furcht besiegen, ihn +erschüttern, sein Gehirn und seine Seele umstülpen; dann würde +vielleicht dieses abendliche selbstzufriedene, freche Pfeifen an seinem +Ohr ein Ende nehmen. + +In Weras neuer Stellung ging aber nicht alles glatt: es war doch wohl +nicht leicht, sie vor den Herumtreibern zu schützen; auch mochte sie +selbst schwer zu bewachen sein, die Unverschämte. + +Wenn sie das Kartenlegen unterbrach und von Wera anfing, sagte Akumowna +jedesmal unter Tränen: + +– Ich werde zum Kaiser gehen – die Hände so, wie im Sterben, – und werde +alles erzählen. + +– Man wird Sie nicht zulassen. + +Nackt geh’ ich hin, splitternackt – die Hände so, wie im Sterben. – +Alles werde ich erzählen. + +– Auch splitternackt wird man Sie nicht zulassen. + +Aber sie blieb dabei: sie glaubte, der Kaiser würde sie in Schutz nehmen +und die Kleine nicht zugrunde gehen lassen. Beharrlich blieb sie dabei, +dann wurde sie auf einmal still und gab nach. Und Marakulin hörte, wie +sie ihren Wahlspruch, ihr Sterbegebet flüsterte: – die Sühne und den +Lohn für alle Taten! + +– Man darf niemand beschuldigen. + +– Wer ist aber schuldig, Akumowna? + +– Ich bin ein unwissender Mensch, ich weiß nichts – antwortete Akumowna +und lächelte und sah idiotisch zur Seite. + +Der Sommer dehnte sich endlos, quälend, eintönig. + +Marakulin wartete auf die Feiertage: wie immer sie waren, es waren doch +Feiertage! + + * * * * * + +Als erster kam Wassilij Alexandrowitsch, der Clown zurück. Er trat zwar +auch im Sommer in Petersburg auf, wohnte aber in der Sommerfrische in +Schuwalowo und kam in die Stadtwohnung nur ab und zu, um nachzusehen. +Auch die Sklavin Kusjmowna war bei ihm in Schuwalowo. Nach Wassilij +Alexandrowitsch erschien nach absolvierter Gastspielreise Sergej +Alexandrowitsch und brachte aus den warmen Ländern, oder aus jenen +Gegenden, wo man mit Ochsen fährt, wie Akumowna sagte, hundert Gläschen +mit Honig mit; – er war eben ein wirtschaftlicher Mensch. Bald nach +Sergej Alexandrowitsch kam auch Wera Nikolajewna zurück, mit +eingemachten nordischen Himbeeren aus ihrem kleinen weißen verlassenen +Städtchen mit den fünfzehn weißen Kirchen, von ihrer Mutter aus +Kostrinsk. Nach Wera Nikolajewna erschien Adonja Iwoilowna selbst. + +Alle waren zurückgekehrt, nur Werotschka fehlte. Es kamen auch keine +Nachrichten von ihr. Und bereits im September wurde Werotschkas Zimmer +mit Hilfe eines grünen Zettels, der beim Portier Nikanor ausgehängt war, +vermietet. + +Die neue Nachbarin Marakulins hieß Anna Stepanowna Schianowa, nach ihrem +Manne Lestschowa genannt, und war eine Lehrerin aus Purchowez. + +Purchowez ist eine alte Stadt am Fluß Smugra, und in Beziehung auf +Nachtigallengesang eine erste Stadt – eine Nachtigallstadt. Es waren in +Purchowez im Mädchengymnasium, wo Anna Stepanowna unterrichtet hatte, +zwei Lehrer, zwei Berühmtheiten: der Lehrer für Geschichte: Rakow, und +der für Literatur: Lestschow. Sie waren Freunde und beide – nach ihrer +eigenen Definition – Menschen von Bestrebungen. Das Schicksal Anna +Stepanownas war mit dem Schicksal Lestschows eng verbunden; Lestschow +aber und Rakow waren wie zwei Hälften und nach der Uebereinstimmung von +Gemüt und Gesinnung – ein Ganzes. Nur war Rakow etwas älter. Sie wohnten +beide bei derselben Wirtin, sie lebten eingeschränkt, nüchtern, einsam. +Ihre Wirtin Pawlina Polikarpowna, obschon nicht mehr sechzehnjährig, so +doch munter und fest, hatte in längst verflossenen Zeiten als Köchin +beim Gouvernementsrat Gerassimow gedient; und Gerassimow hatte sie vor +seinem Tode „in allem eingeschränkt“, wie Pawlina Polikarpowna sich +auszudrücken pflegte, das heißt: er hatte sie versorgt und ihr für ihren +musterhaften Dienst ein teures Lotterielos geschenkt. Pawlina +Polikarpowna kaufte sich ein Häuschen und lebte vom Vermieten. + +Als Rakow von diesem Gerassimowschen Lotterielos erfuhr, konnte er es +als gewissenhafter Historiker nicht unterlassen, dessen Nummer in sein +Notizbuch einzutragen und verfolgte wachsam die Ziehungen in den +Zeitungen. Pawlina Polikarpowna behandelte er respektvoll, streng und +freundlich. Und so vergingen die Jahre, still, einsam und +erwartungsvoll. + +Pawlina Polikarpowna war zwar nicht mehr sechzehnjährig, doch hatte sie +manchmal ihre bestimmten Gedanken, und zuweilen weinte sie, einfach so, +ohne jeden Grund. Besonders im Frühling, wenn die Sonne zu brennen +begann, die Hühner zu legen anfingen, die Gärten ergrünten und die +Nächte warm, schwül und sehnsuchtsweckend waren, wenn die Nachtigall +schlug und selbst Rakow auf der Gitarre wie auf einer Harfe spielte und +dazu wie eine Nachtigall sang: „Auf den blauen Wogen des Ozeans, kaum +daß die Sterne am Himmel erglühen, treibt ein einsames Schifflein“ – +dann konnte kein Herz es länger ertragen, und Pawlina Polikarpownas Herz +sank dahin. + +Purchowez ist eine alte Stadt am Fluß Smugra, und in Beziehung auf +Nachtigallengesang eine erste Stadt, eine Nachtigallstadt! + +Eines Morgens, als Rakow die „Purchowezschen Gouvernementsnachrichten“ +durchflog, begann er plötzlich laut zu lachen, so laut, wie ein Mensch +nur vor Freude lachen kann, wenn ihm zumute ist, als reiche die eigne +Kehle nicht aus. Und wie sollte er auch nicht lachen? Das Gerassimowsche +Los hatte gewonnen, und zwar keine Kleinigkeit, sondern die ganzen +Zweimalhunderttausend! Er besann sich aber rechtzeitig, steckte die +Zeitung in die Tasche, hustete absichtlich laut und begab sich mit dem +Geheimnis von Pawlinas Glück ins Gymnasium, als wäre nichts vorgefallen. + +Nachdem er mit Mühe seine Stunden gegeben hatte, wurde Rakow vor +Aufregung noch am selben Abend krank, und Pawlina Polikarpowna mußte die +ganze Nacht den Kranken pflegen. Am nächsten Morgen ging es ihm auch +nicht besser, und so die ganze Woche. Eine Woche lang pflegte ihn +Pawlina Polikarpowna, und um Fastnacht hielten sie Hochzeit. Sofort nach +der Trauung, als die Neuvermählten allein blieben, lautete die erste +indiskrete, aber durchaus berechtigte Frage des jungen Ehemannes: „Wo +ist das Los?“ – „Was für ein Los?“ – „Was für eins? Das Gerassimowsche!“ +Das Gerassimowsche Los aber war längst verkauft; es war nicht mehr da. + +Um Fastnacht, fast am gleichen Tage, heiratete auch Lestschow Anna +Stepanowna Schianowa. Die Schianows waren einst die reichsten Leute in +Purchowez, aber Anna Stepanownas Vater hatte das ganze Vermögen +verspielt, und so mußte die Familie nach großer Ueppigkeit in Armut +weiterleben. Dann starb der Vater, es starb auch die Mutter. Anna +Stepanowna war bereits mehr als zwanzig Jahre alt, und obwohl in ihrem +Gesicht nichts Abstoßendes war, nichts, was man häßlich oder entstellend +nennen konnte, im Gegenteil, – so gefiel sie dennoch niemand besonders +und wurde überhaupt nicht begehrt. Sie gehörte nicht zu den +Heiratskandidatinnen von Purchowez, hielt sich auch selbst nicht dafür, +und hatte sich bereits damit abgefunden, allein und ledig zu bleiben, +oder vielmehr, sie hatte sich nicht damit abgefunden, – man kann sich +damit nicht abfinden, – sondern sie redete sich das eben ein. Eines +schönen Tages aber fiel ihr die Erbschaft von einer Tante zu, von der +sie nie etwas gehört hatte, und zwar eine nicht geringe Erbschaft: etwa +Fünfzigtausend. Natürlich wurde es im Gymnasium, an dem sie +unterrichtete, bald bekannt, – war sie doch selbst die erste, die es +erzählte, – und so erfuhr es auch Lestschow. Sofort ging er ans Werk: er +begann, Anna Stepanownas Spuren zu folgen, wurde mit einem Male sehr +unglücklich, beklagte sich, jammerte, erfand allerlei Verfolgungen +seiner Person, ersann sich Feinde; auf einmal brachen auch sämtliche +Krankheiten bei ihm aus, und lauter unheilbare, so daß er im Begriff +war, Selbstmord zu begehen. Und die verzweifelte Liebe sang aus ihm wie +eine Nachtigall, ja, er übertraf die Nachtigall ... + +Purchowez ist eine uralte Stadt am Fluß Smugra, und in Beziehung auf +Nachtigallengesang eine erste Stadt – eine Nachtigallstadt. So heiratete +Lestschow Anna Stepanowna, nahm ihr die Erbschaft der Tante ab, die +ganzen Fünfzigtausend und wies ihr die Tür: „Ich brauche dich nicht,“ +sagte er, „ich brauche dein Geld.“ + +Wera Nikolajewna mußte man bedauern; um Werotschka hatte man Angst, aber +Anna Stepanowna tat einem weh. Sie lächelte so, daß es in die Seele +hinein weh tat. + +Wera Nikolajewna wollte studieren. Warum? Weil es ihr Maria Alexandrowna +so geraten hatte, an die sie glaubte wie an die Iwerskaja Mutter +Gottes[6]. Und sie wird studieren, solange ihre Kräfte reichen, und +eines Tages wird sie vielleicht über der Physik von Krajewitsch[7] die +Seele aushauchen. + +Werotschka wollte eine große Schauspielerin werden, berühmt in ganz +Rußland, in ganz Europa, in der ganzen Welt – und sie wollte das, um +sich an Anissim zu rächen: nur damit Anissim Nikititsch Wakujew, dem +alles gelingt und dem man alles durchgehen läßt, nur einen Augenblick +lang es bedauern und bereuen solle, daß er sie um andere, die ihn +liebten oder sich ihm verkauften, verlassen hatte. Und so bahnte sie +sich jetzt den Weg mit ihrem sicheren, erprobten Mittel, und wird sich +ihn weiterbahnen, solange ihre Kräfte reichen. + +Was aber wollte Anna Stepanowna? Sie war allein geblieben und ohne +Mittel, aber das war es nicht: sie hatte ja auch früher allein und ohne +Geld gelebt. Hier war es etwas anderes, etwas Seelisches: sie hatte mit +der ganzen Seele geglaubt, daß man sie liebte und hatte wieder geliebt. +Was wollte sie nun? Was konnte sie wollen! Das, was ein Mensch will, +dessen Seele beschmutzt, dessen Seele vergewaltigt worden ist. + +Und während Marakulin Anna Stepanowna näher betrachtete, überzeugte er +sich immer mehr, daß sie auf der Welt nichts zu tun hatte. Und weil sie +so lächelte, tat es ihm weh bis in die Seele hinein. + +Es begann ein böser Herbst; es ging ihnen allen schlecht. Nach dem +Kirchenfest der Kreuzeserhöhung geschah es, daß Wassilij +Alexandrowitsch, der Clown, als er im Zirkus auf dem Trapez in der Luft +sich schwang, herabstürzte und verunglückte; er verletzte sich – wie man +auf dem Burkowschen Hof sagte – die Wirbelsäule und den „Stamm der +Beine“. Es stand um ihn nach diesem Sturz aus den Lüften so schlecht, +daß er sogar einen Priester holen ließ, um die heiligen Sakramente zu +empfangen. Der Arzt aber meinte, er würde sechs Monate liegen und sich +einer schweren Operation unterziehen müssen. + +– Sie werden ihm von der Ferse ein Stück abschneiden und das Fleisch +öffnen – bedauerte Akumowna, – sie werden den Knochen mit einem Bohrer +wegbohren, beide Fersen abschneiden. Hätte er aber einen Aufguß von +Pferdemist getrunken, so wäre alles fort, wie mit der Hand ... + +Marakulin hatte seit jenem Glückszufall im Sommer keine Arbeit mehr +gefunden. An allen Orten und Anstalten, an die er sich wandte, wurde +höchstens seine Adresse notiert, und bekanntlich hat man nichts mehr zu +erwarten, wenn die Adresse notiert wird. Um diese Zeit fand gerade in +Petersburg eine Hundezählung statt. Eine Woche lang ging er auf den +Burkowschen und belgischen Höfen herum, zählte die Hunde und lernte +dabei einen Studenten Lichowidow kennen, der, so wie er, Hundezähler +war. Der Student Lichowidow, ebenfalls ein Mensch in den letzten Zügen, +verstand es jedoch schließlich, sich noch irgendwelche Hundearbeiten zu +verschaffen, und auch für Marakulin fiel dabei etwas ab. Es begann ihm +schon etwas besser zu gehen, da mußte Lichowidow ein kleines Malheur +passieren: er arbeitete damals in irgendeinem Bureau und trat eines +späten Abends nach seinem Dienst auf die Straße, als ihm sein +Vorgesetzter, der Bureauchef – gut angezogen, im Pelz, mit einem +kostbaren Kragen – entgegenkam. „Was meinen Sie, Herr Lichowidow, was +wäre jetzt besser, Tee oder Kaffee zu trinken?“ Lichowidow aber hatte +seit dem Morgen nichts gegessen, er war hungrig wie ein Hund, auch hatte +ihn gerade der Petersburger Wind angeblasen, seine Zähne klapperten nur +so. Er sah den Chef an, als überlegte er, was jetzt besser wäre, Tee +oder Kaffee zu trinken und haute ihm eine in die Fresse. Seitdem war +Lichowidow verschwunden, und Marakulins Mühle stand still. + +Dem guten Jäger läuft das Wild in’s Garn. Nach langem Suchen fand Anna +Stepanowna eine Anstellung in einem Privatgymnasium. Es war ein +Mustergymnasium und seine Vorsteherin Lednjowa war eine Frau von +Bestrebungen. Sie verstand die große Kunst, zu wirtschaften, ohne einen +Heller aus eigener Tasche auszugeben, und sie tat es sehr einfach und +gleichzeitig ziemlich verzwickt: sie verschleierte ihre Manipulationen +mit einem echten Petersburger Nebel. Man sagte, sie bezahle die Lehrer +aus geheimnisvollen Equipierungsgeldern, die ihr gar nicht gehörten, und +daß die Lehrer im Lednjowschen Gymnasium jedes Jahr wechselten. Rakow +und Lestschow waren, was Bestrebungen betrifft, im Vergleich mit der +Lednjowa die reinen Waisenknaben, so wie der schönste Gardesoldat in +Beziehung auf Köchinnen gegen Kasimir den Monteur und Stanislaus den +Kontoristen gar nicht in Betracht kommt. + +Zwei Monate bekam Anna Stepanowna keinen Gehalt: die Zahlung wurde unter +allerlei Vorwänden hinausgeschoben. Erst im dritten Monat wurde er ihr +ausgezahlt, aber selbstverständlich nicht als gewöhnlicher Gehalt, +sondern als eine Anleihe aus eben jenen geheimnisvollen +Equipierungsgeldern. Als sie das Geld bekam, lud sie Marakulin und Wera +Nikolajewna zum Besuch des Marijinschen Theaters ein, zu einer +Opernvorstellung. Die Billetts kosteten nicht wenig, dafür waren es gute +Plätze; es war alles gut zu sehen und zu hören. + +An diesem Abend begegnete Marakulin im Theater Werotschka. Wie oft hatte +er im Sommer und im Herbst an sie gedacht und im Meldeamt nach ihrer +Adresse geforscht – immer wieder aber hieß es: verreist. Jetzt traf er +sie. Im ersten Augenblick erschrak er, dann verwandelte sich sein +Schreck in Unruhe: Werotschka war nicht allein; mit Werotschka ging +Glotow, der Kassierer, Alexander Iwanowitsch, Marakulins ehemaliger +Freund. + +Werotschka hatte sich gar nicht verändert. Verändern sich denn die +Menschen überhaupt? Werotschka erkannte ihn gleich, Glotow aber nicht, +oder er tat so, absichtlich, aus wohlerwogenen und unwiderleglichen +Gründen. + +– Das ist aber eine Ueberraschung, denn wir haben dich längst begraben, +weißt du, Petruscha! – sagte er. + +Und als Werotschka erfuhr, daß Wera Nikolajewna ebenfalls im Theater +sei, ging sie sie aufsuchen und kam nicht wieder. + +Glotow führte Marakulin ins Theaterrestaurant. + +– Woher kennst du sie? – fragte Glotow seinen Freund. + +– Wir haben einen Winter lang bei derselben Wirtin gewohnt – erwiderte +Marakulin. + +– Du kennst sie also gut? + +– Wie man es nimmt. + +Und plötzlich verwandelte die Wut ihre Gesichter. Sie verstanden +einander nur zu gut. Sie hatten sich nichts mehr zu sagen. Aber es war +peinlich, so auseinanderzugehen, und auch das Schweigen war peinlich. + +Glotow schlug vor, etwas zu trinken. Marakulin dankte. Und so traten sie +aus dem Restaurant, gingen Schulter an Schulter nebeneinander und +suchten Werotschka. Marakulin schwieg. Glotow aber wiederholte mit einer +Art Vergnügen und als hätte er es einstudiert, immer dasselbe: + +– Das ist aber eine Ueberraschung! Denn wir haben dich ja längst +begraben, Petruscha, weißt du! + +Marakulin traf Werotschka auch in der nächsten Pause nicht: sie hatte +Wera Nikolajewna versprochen, sie noch zu treffen und kam nicht. Er sah +sie an dem Abend nicht wieder. + +Nach dem Theater ging Marakulin mit Wera Nikolajewna und mit Anna +Stepanowna in ein Café auf dem Newsky. + +Die Begegnung mit Werotschka und mit Glotow, und daß er sie zusammen +getroffen, das Theater, das Café, alles wühlte Marakulin auf, und was +dort im Theaterrestaurant verborgen in ihm brodelte, als er neben Glotow +stand, sammelte sich jetzt zu brennender Verzweiflung. Und gemartert +fühlte er: wenn jetzt dieser Glotow, sein Bruder oder sein Verwandter, +einer, der Werotschka kennt und den auch Werotschka gut kennt, aufstehen +und ihm, Marakulin, eine herunterhauen würde, wie der Student Lichowidow +dem Bureauchef, so würde er, Marakulin, ihm zum Dank dafür die Füße +küssen und ihm noch seinen Nacken hinhalten, daß er nach Herzenslust +dreinhaue, oder ihm die Zähne einschlage, daß die Kiefer knacken. Und in +seinem grausamen Martyrium das ganze Brennen des freiwillig auf sich +genommenen Schmerzes fühlend, erinnerte er sich an seine geliebte, +verhaßte, unglückselige Generalin, und es verging ihm die Lust an seinem +Leid – er wollte keine Ohrfeigen, keine Faustschläge, keine Fußtritte, +weder von diesem gestutzten Schnurrbart, der so selbstgefällig mit +diesem andern widerlichen Glattgesicht plauderte, noch von jenem roten, +nach oben gekräuselten Schnurrbart, der auch vielleicht Werotschka kennt +und den Werotschka sehr gut kennt. Nein, in seiner Verzweiflung dachte +er jetzt, wie gut es wäre, die Generalin mit kochendem Wasser zu +übergießen, sie ein wenig nur zu verbrühen. Mit welcher Wut würde sie +sich auf alle stürzen und beißen, – alle zerbeißen! + +– Warum heißt Werotschka nicht mehr Wechorjowa, sondern Rogowa? + +– Weil sie keine Generalin ist – antwortete Marakulin. + +– Was für eine Generalin? + +Wera Nikolajewna verstand nichts und sah bald ihn, bald Anna Stepanowna +an, welche lächelte und deren Lächeln bis in die Seele hinein weh tat. + +Marakulin hätte jetzt aufstehen und der einen die Augen ausstechen mögen +– diese verlorenen Augen des vagabundierenden heiligen Rußland, des +verschüchterten, freiwillig bettelnden, von Armut, wie von einem +geweihten Gürtel umgürteten, alles ertragenden, demütigen, geduldigen +Rußland, das sich nicht einmal einen Sarg zusammenzuzimmern vermag, +höchstens einen Scheiterhaufen zusammenbringen und sich darauf +verbrennen! Die andre aber hätte er ersticken mögen, damit sie aufhörte +zu lächeln, damit es dieses Lächeln nicht mehr gäbe, aus dem mit frecher +Schamlosigkeit eine beschmutzte, vergewaltigte Seele jedem in die Augen +sticht: sie braucht nicht zu leben, sie hat hier nichts zu tun, es ist +kein Platz für sie auf der Erde! + +Oder war für ihn selbst kein Platz mehr auf der Erde? + +– Und was meinen Sie, Wera Nikolajewna? – fragte er. + +– Werotschka gab mir ihre Adresse und bat mich, nicht nach Wechorjowa, +sondern nach Rogowa zu fragen – antwortete Wera Nikolajewna. + +Marakulin schloß die Augen. Er empfand plötzlich eine äußerste Müdigkeit +und Erschöpfung, eine so vollkommene Gleichgültigkeit, daß er sich nicht +gerührt und nicht einmal sich umgesehen haben würde, wenn das Café in +Brand geraten oder die Decke herabgestürzt wäre. + +Als Wera Nikolajewna und Anna Stepanowna bemerkten, wie verstimmt er +war, wollten sie ihn nicht beunruhigen, und um seiner Seele nicht lästig +zu sein, unterhielten sie sich leise miteinander. + +Wera Nikolajewna erzählte von einer Krankenschwester: + +– Man brachte ins Krankenhaus ein Kindchen: es war verbrüht. Um die +Operation zu machen, brauchte man Haut, und wo sollte man sie hernehmen? +Vom Kindchen selbst? – das hätte es nicht ausgehalten, es war zu +schwach. So bot sich die Schwester dazu an, und man schnitt ihr so viel +Haut aus, als man brauchte. + +– Und wie ist es verlaufen? + +– Gott sei Dank, beide leben. + +Anna Stepanowna bekreuzigte sich lächelnd: + +– Gott sei Dank! + +Marakulin erhob sich, und sie gingen nach der Fontanka zurück. + + * * * * * + +Werotschka bewohnte eine kleine möblierte Wohnung an der Mojka, die sie +nur mit ihrer Wirtin teilte. Die Zimmer waren mit allerlei Sofachen und +Tischchen vollgepfropft und mit Sächelchen angefüllt, wie sie wohl auch +das Ehepaar Oschurkow in seinen zehn Zimmern haben mochte. Die +kanariengelbe Farbe war in der Wohnung vorherrschend: gelbe Kissen, +gelbe Wandschirme, – alles hier war gelb. + +Marakulin, der Werotschka endlich gefunden hatte, begriff schon im +Vorzimmer, daß Werotschka hier nicht aus eigener Wahl wohnte, sondern +daß sie in diese möblierte gelbe Wohnung von jemand einquartiert worden +war. + +Er fand sie zu Hause und freute sich sehr über sein Glück: sie war +allein, sie kamen einfach und leicht ins Gespräch. Wie immer, redete sie +erst äußerst herausfordernd, und ihre Erzählung war von solcher Art, daß +man aus ihr nicht klug werden konnte, ob es echte Wahrheit war oder bloß +so eine Wahrheit. Sie habe ihren Namen geändert, weil sie jetzt beim +Theater sei; sie sei bei einer kleinen Bühne engagiert, in einem +Petersburger Café chantant. + +– Ich tanze dort – erzählte sie – kommen Sie einmal hin, um mich zu +sehen. + +Doch abgesehen vom Theater und vom Tanzen stand es mit ihr so, daß +Anissim Wakujew ihr kein Geld mehr schickte. Statt seiner war jetzt ein +vornehmer alter Herr ihr Gönner. Er hatte ihr diese Wohnung gemietet und +seinetwegen hatte sie den Familiennamen geändert, – oder richtiger: sie +mußte einen andern Familiennamen annehmen. Warjaginskij war eine +einflußreiche Persönlichkeit und verkehrte bei Hofe. + +– Er ist ein ganz altes Kerlchen. Mit dem linken Auge sieht er immer +eine Maus; wenn er es zukneift, dann verschwindet die Maus, macht er es +aber auf, dann ist die Maus wieder da, ein graues, ganz kleines +Mäuschen. + +Anissim schicke ihr längst kein Geld mehr, sie aber brauche Geld. Sie +müsse es soweit bringen, daß der alte Warjaginskij auf ihren Namen ein +Kapital deponiere, dann ... + +– Dann werde ich zeigen, wer ich bin – der ganzen Welt, – dann sollen +sie sehen! + +Ja, sie werde sich schon erweisen, ihr Name werde in ganz Rußland +berühmt sein, in ganz Europa, in der ganzen Welt! Sie habe ihren Weg +durch den Scheiterhaufen gewählt; denn auf dem gewöhnlichen Wege gelange +man nirgends hin; man komme auf andre Weise nicht vorwärts; ohne Geld +lasse man einen nirgends hin; man werde zerrieben, und wäre man der +Teufel selbst! Man müsse lügen können und Geld haben – Lügen und Geld +haben, das sei notwendig. Sie hätte ja auch versucht, auf die +gewöhnliche Weise durchzukommen – sie kenne es gut! Sie könne ja +schließlich nicht Waschfrau werden – oder sollte sie in der Tat +Waschfrau werden? Sie sei durchaus nicht damit einverstanden, im +Kusnetschnygäßchen zusammen mit dem Chiromanten oder in den +Gorbatschowschen „Winkeln“ zu wohnen. Wenn der Alte aber erst ein +Kapital auf ihren Namen deponiert und sie viel Geld haben würde, dann +... ja dann ... + +– Für Geld kann man alles kaufen! – schrie Werotschka mit ihrem +unheimlichen Schrei. Es war nicht der sehnsüchtige Ruf eines Hoffenden, +sondern eine Herausforderung, ein Schrei nach dem Recht, die ganzen +himmlischen Heerscharen kurz und klein zu schlagen, wäre nur eine Leiter +bei der Hand – wie es in einer alten Weise heißt – oder die Erde aus den +Angeln zu heben, bekäme man nur einen Griff zu fassen! – Es war eine +Herausforderung, ein Schrei der Verzweiflung auf ihrem Weg durch den +Scheiterhaufen. + +– Ich bin eine Dirne und bleibe eine Dirne. Aber im nächsten Jahre werde +ich mich zeigen. Sie werden mich dann sehen. Jawohl, auch Wera +Nikolajewna würde kein Geld ausschlagen, und auch diese Ihre Andre, mit +dem kläglichen Lächeln, würde es annehmen! Es gibt ihnen bloß niemand +etwas, mir aber gibt jeder, ich verstehe zu lügen und werde mein Ziel +erreichen! + +Sie begann hastig ihre Toiletten zu zeigen, riß alle Schubfächer auf und +öffnete den Kleiderschrank; Kleider und Wäschestücke flogen haufenweise +zu Marakulin hin, und ein bunter Berg von Seide und Spitzen türmte sich +zwischen den gelben Sofas, wie der schwarze Berg auf dem belgischen Hof. + +– Und alles das ist mein – schrie sie, – sehen Sie, es sind Geschenke, +alles gehört mir! + +Marakulin erhob sich, er wollte sie zurückhalten, aber es war unmöglich; +er setzte sich wieder auf das gelbe Sofa. Werotschka aber war in Raserei +geraten, sie zerknüllte und zerfetzte die Sachen und warf sie um sich +her. Und als die Kommoden entleert und alle Schubfächer von unterst zu +oberst gekehrt waren, begann sie die Nippes abzuräumen, zerschlug alles +und warf es auf einen Haufen. + +– Und alles das gehört mir, lauter Geschenke! – schrie sie mit dem +letzten Aufwand ihrer Stimme, fast schon ohne Stimme. Einen Augenblick +stieg in Marakulin der heftige Wunsch auf, ein Streichholz anzuzünden +und alles in Brand zu stecken, alles zu vernichten, den ganzen Haufen, +den Berg, die gelben Kanapees, gelben Wandschirme, gelben Lampenschirme, +gelben Kissen – alle diese Geschenke! + +Werotschka riß von der Etagere eine kleine bronzene Schildkröte herab +und reichte sie ihm, offenbar in der Absicht, sie ihm zu schenken. + +– Man kann nur schenk–, man kann nur schenk–, man kann nur schenk– – +stieß Marakulin hervor, als wollte er mit den Worten dreinschlagen, und +sah Werotschka fest an, aber der Atem verging ihm, bevor er das Wort zu +Ende brachte. Seine Schultern zitterten plötzlich. + +Ja, sie wisse es selbst. Hier sei nichts, was ihr gehöre. Und fremde +Sachen dürfe man nicht verschenken. Geschenke verschenke man zwar nicht, +doch dürfte man es tun; hier aber gehöre ihr nichts, es seien nicht +Geschenke, es seien lauter fremde Sachen. Fremde Sachen aber dürfe man +nicht verschenken. Eigentümer sei hier der alte Warjaginskij, der Mäuse +sieht, und Glotow der Kassierer, und sonst jeder, der Geld hat und Geld +ausgeben kann – und je mehr einer Geld gebe, desto wichtiger sei er. +Alles an ihr sei beschmutzt, alles abgegriffen, sie könne Wera +Nikolajewna nicht einmal einen Kuß geben, sie habe nichts mehr zu geben, +alles sei eingesetzt, alles bespuckt. + +– Und Sie, Petruscha, Sie möchten wohl auch? – fragte sie plötzlich voll +Bosheit, – ja, wollen Sie? – nicht? + +Marakulin erhob sich. + +– Da – Werotschka zeigte ihm die Zunge – nichts kriegen Sie, Sie +Bettler! Bettler empfange ich nicht, verstehen Sie! – und ihre +unverschämten Augen blitzten auf wie zwei scharfe Klingen und ihr +aufgelöstes Haar brannte wie Feuer. + +Ohne die Straßen zu unterscheiden ging Marakulin wohin ihn seine Füße +trugen. Es war im Dezember und Tauwetter. Ein warmer Wind wehte, die +Laternen sahen aus wie vom Himmel herabgestiegene Sterne und Monde und +schienen im Nebel aufgehängt. Beim Hinaustreten aus der Podjatscheskaja +auf die Ssadowaja blieb er plötzlich stehen: vor dem Tor des Spaßeschen +Polizeireviers, da, wo die Glocke hängt, stand ein Feuerwehrmann in +einem riesigen Messinghelm, ein wirklicher Feuerwehrmann, aber +überlebensgroß, und sein Messinghelm reichte über die Torwölbung hinauf. + +Marakulin begann vor Entsetzen zu laufen. Etwas stieg ihm die Kehle +hinauf und preßte sie zusammen. Und erst als er zu Hause war, allein in +seinem Zimmer im Burkowschen Hof, fühlte er, daß er weinte, so wie er +nur einmal im Leben geweint hatte, als seine Kinderfrau ihn verlassen. + +Nachts träumte er, er läge auf dem Burkowschen Hof. Der Hof aber war +größer als in Wirklichkeit, und obwohl er an den Seiten von den Häusern +zusammengedrückt war, so lagen doch die Stände und Kästen der fliegenden +Händler viel weiter als sonst, und die Wagenremise, die Müllgrube und +der Abguß waren viel entfernter. Es waren unter den Fenstern viel mehr +Ziegelsteine, Schutt und Kehricht angehäuft. Er lag nicht allein auf dem +Hof, neben ihm lagen die Mieter aus dem Vorderhaus und aus dem +Hinterhaus, aus den Seitenflügeln, aus den Gorbatschowschen „Winkeln“. +Und obwohl er viele von ihnen nicht kannte, so erriet er doch, wer sie +waren, und irrte sich bestimmt nicht darin, daß dieser Herr und diese +Dame Herr und Frau Oschurkow waren, die zehn Zimmer und allerlei Nippes, +die die Wohnung ganz ausfüllten, und ein Aquarium mit Goldfischchen +hatten. Und dieser da, der Bewegliche im Zylinder, war der Rechtsanwalt +Amsterdamskij, ein lustiger Kerl, – er verstand es, Prozesse gut zu +führen; die Portiers im Senat warteten auf ihn, wie auf das Osterfest. +Und Burkow selbst, der frühere Gouverneur, der Selbstvertilger, lag da, +aber man sah nur seine Uniform. Neben der Uniform lag der älteste +Hausmeister Michail Pawlowitsch mit seiner Gemahlin, der +gottesfürchtigen Antonina Ignatjewa, und der Händler Gorbatschow mit +einem kleinen Mädchen – mit seiner Tochter, der er einst in der +Rattenkammer die Fingerchen zerbrochen, und Wera mit Akumowna, +Stanislaus der Kontorist und Kasimir der Monteur, Adonja Iwoilowna und +die Artisten Damaskin, Sergej Alexandrowitsch und Wassilij +Alexandrowitsch, Wera Nikolajewna und Anna Stepanowna, die Hebamme +Lebedjowa in ihren Pelz eingewickelt, den man ihr um Weihnachten +gestohlen hatte, und der Portier Nikanor; auch lagen hier die Studenten, +welche nachts Totenmessen sangen, in neuen studentischen Uniformen und +mit ihrem Messinghahn, dann alle sieben Hausmeister und der Paßaufseher +Jerkin – die Hausmeister mit Holz und Jerkin mit Krankenhausmarken, jede +Marke ein Rubel, Gesicht und Hände ganz mit Marken beklebt. Kleine +Kinder lagen in Haufen, der Perser – der Masseur aus der Badeanstalt und +jenes kleine Mädchen, welches Murka damals Milch gebracht hatte, mit der +Scherbe; es lagen da alle Schuster, Bäcker, Bader, Friseure, +Schneiderinnen, Weißnäherinnen, eine Krankenschwester aus dem +Obuchowschen Krankenhaus, Kondukteure, Maschinisten, Kürschner, Schirm- +und Bürstenmacher, Kommis, Wasserleitungsmonteure, Setzer und allerlei +Mechaniker, Techniker und elektrische Meister mitsamt ihren Familien und +ihrem Gerümpel, mit Gläsern, Flaschen und Schwaben, und allerlei +Fräuleins von der Gorochowaja und vom Sagorodny, kleine Nähmädchen, +Mädchen aus den Teestuben und elegante junge Leute aus der Badeanstalt, +die die Petersburger Damen auf Wunsch bedienen, die alte Frau, welche +Sonnenblumensamen und sonst allerlei Kram feilbietet, stellenlose +Köchinnen, Maler und Schreiner, fliegende Händler mit Datteln und +Zuckerwerk, das nach Mistpilzen riecht, – mit einem Wort: der ganze +Burkowsche Hof, ganz Petersburg. Und nachdem Marakulin alle diese +Burkowschen Gestalten feststellte, erblickte er auch noch andre: seine +Mutter, seinen Vater, seine Schwestern, den alten Gwosdjow, den +Buchhalter Awerjanow, Tschekurow, Lisaweta Iwanowna und Maria +Alexandrowna, Rakow mit dem Lotterielos von Zweihunderttausend, +Lestschow, Pawlina Polikarpowna und alle Idioten, Geistesarmen, Eremiten +und heiligen Brüder, allerhand Belgier und Deutsche, die Deutschen um +den Doktor Wittenstaube zusammengedrängt, der alle Krankheiten mit +Röntgenstrahlen heilt, – überhaupt das ganze vagabundierende Rußland. + +Da lagen sie alle auf dem Burkowschen Hof, wie auf einem Totenfeld, nur +war es nicht trocknes Gebein, sondern es waren lebendige Menschen, und +in jedem lebte und schlug ein Herz. Und Tiere lagen da zusammen mit den +Menschen: der schöne rothaarige Hund des Gouverneurs, Revisor, an der +lästigen Stahlkette hob zuweilen seine kluge Schnauze, und Murka lag +auch daneben, von einem rauchfarbenen Kater belegt. Neben Marakulin aber +lag die Generalin Cholmogorowa, die Laus, und die elektrischen Lampen +brannten wie vom Himmel herabgestiegene Sterne und Monde tief im Nebel +über dem Burkowschen Hof. + +– Die Zeiten sind reif, die Sündenschale ist übervoll, die Strafe ist +nah! – sang Gorbatschow im Halbschlaf, die Worte durch die mit +Pferdehaaren bewachsene Nase dehnend. + +Da klirrte etwas wie ein Säbel, und aus einem Schrank trat ein +Feuerwehrmann, überlebensgroß, in einem riesigen messingnen Helm, und +begann zu schreiten, mit den Stiefeln polternd. Und rasch über die +Maler, Schlosser und fliegende Händler hinwegschreitend, nahte er +Marakulin und blieb vor ihm stehen. + +Es war ein ganz gewöhnlicher Feuerwehrmann mit einem roten Gesicht. + +Da fühlte Marakulin, wie es ihm so schwer wurde, daß er weder einen Fuß +noch eine Hand rühren konnte, und er wußte, daß er nicht mehr lange +leben werde und daß ihm nur noch die Freiheit zu reden übriggeblieben +war. Er fühlte auch, daß es Allen – dem ganzen Totenfeld – ebenso schwer +war; sie konnten weder einen Fuß noch eine Hand rühren und hatten nur +noch die Freiheit zu reden; und während er seine letzten Augenblicke +nahen fühlte, hörte er die Automobile auf der Fontanka tuten. + +Ueber ihm aber stand unbeweglich der Feuerwehrmann. Es war ein ganz +gewöhnlicher Feuerwehrmann mit einem roten Gesicht. + +Erst wollte Marakulin es wagen, gleich jenem Starez Kabakow, der durch +Gebete die Stimme des Himmels befragte, den Feuerwehrmann für Alle, für +die ganze Welt auszufragen, aber er hatte nicht den Mut, wie Kabakow für +Alle, für die ganze Welt, für das ganze Totenfeld zu fragen, sondern er +fragte nur für sich. + +– Wird es mir gut ergehen? + +– Warte – sagte der Feuerwehrmann. + +– Gut? – fragte Marakulin nochmals mit stockendem Atem, und hörte dabei, +wie auf der Fontanka die Automobile tuteten. + +Und der Feuerwehrmann antwortete ihm, jedoch sehr kleinlaut, kaum daß er +das Wort zu Ende sprach: + +– G–u–t. + + + + + Fünftes Kapitel + + +Vor Weihnachten zerbrach Marakulin sein Kreuz. + +Anna Stepanowna nahm es mit, um es reparieren zu lassen, ging aber aus +dem Gymnasium erst auf den Gostinij-Markt. Dort wurde ihr das +Portemonnaie gestohlen und mit ihm auch Marakulins Kreuz, sein kleines +goldenes Taufkreuz. + +In den Weihnachtstagen wahrsagte Akumowna wieder aus den Karten, und +Marakulin schien es, daß die Karten jetzt ganz erbost seien und ihn mit +ihrem schonungslosen „reinen Herzen“ verspotteten. Sie orakelten: ein +fröhlicher Weg; ein wohlgeborener einflußreicher Herr; viel Geld; wenn +Sie heute keinen Brief bekommen, so bekommen Sie ihn morgen; er trinkt +ein wenig, – und in den Ecken Gras und Tannen. + +Aber die Karten logen diesmal nicht. Sei es, daß Akumowna es mit ihrem +Wahrsagen heraufbeschworen hatte, oder, daß es ihm sonst bestimmt war – +Marakulin mußte in der Tat bald nach dem Tag der hl. Tatjana und ganz +unerwartet nach Moskau verreisen. + +Marakulin war ein Moskauer. In Moskau geboren und aufgewachsen, war er +auch dort zur Schule gegangen. Nur die fünf Jahre vor seinem +Petersburger Aufenthalt hatte er in der Provinz verlebt und in +Geschäften auch solche Städte wie Kostrinsk und Purchowez besucht. Er +hatte in Moskau in einer Privatrealschule in der Handelsabteilung +studiert. Kaum daß er in die Schule eintrat, starb seine Mutter, und +bevor er die Schule verließ, verlor er den Vater. Die letzten Schuljahre +waren sehr schwierig, er mußte selbst für sich sorgen. Er hatte zwei +Schwestern, beide älter als er und beide verheiratet. Als er noch in +Moskau lebte, besuchte er die Schwestern, erst oft, dann seltener, +endlich ganz selten. Als er klein war hatten sie ihn sehr gern gehabt +und ihn verwöhnt. Er wußte es noch genau, sie aber hatten es vergessen. +Als er in der Provinz wohnte, schrieb er den Schwestern im Anfang oft, +dann seltener, dann ganz selten und nur noch Gratulationsbriefe, dann +hörte er überhaupt auf zu schreiben. Sie waren es, die zuerst den +Briefwechsel abbrachen. Und seit er in Petersburg lebte, hatte er sich +an den Gedanken gewöhnt, daß er in Moskau niemand hatte. Nur auf dem +Kalitnikowschen Kirchhof befanden sich zwei Gräber, zwei Kreuze: das +Kreuz des Vaters und das Kreuz der Mutter. + +Sein Vater war der älteste Buchführer bei Plotnikow gewesen. Plotnikows +Fabrik befand sich auf der Taganka, das Engrosgeschäft auf der Iljinka. +Der Vater war ein Mann der Arbeit, der sich mit Energie seinen Weg +bahnte. Seine Mutter war anders; sie war ein Mensch von besonderer Art. + +Jewgenja Alexandrowna – so hieß sie – war aufrichtig, einfach und +herzlich. Ihre Aufrichtigkeit kannten alle; ihr Vater kannte sie und +alle, die im Hause verkehrten kannten sie. Man klatschte in ihrer +Gegenwart nicht über Bekannte, man schärfte nicht unnütz die Zungen – +man sagte nichts, was man den andern nicht ins Gesicht hätte sagen +können. Die Gepflogenheit, zwei Meinungen über jemand oder über etwas zu +haben: eine Meinung sozusagen für’s Haus, welche nur im engen +Familienkreis ausgesprochen wird, und eine andere für die Straße, welche +vor Fremden geäußert wird, wenn es nützlich erscheint, – diese üblichen +Formen des Umgangs waren ihr fremd. Es fehlte ihr der praktische Sinn. +Daraus konnte oft ein kleiner Skandal, zumindest eine Verlegenheit +entstehen, und ihr Vater mußte sie häufig davor warnen. Dieser +praktische Sinn, der zwei Meinungen kennt, dieser einfältige und oft +niederträchtige Selbstschutz ist keine Weisheit. In der echten Weisheit, +die nicht nur zwei, sondern zwanzigmal zwei Meinungen kennt, ist Wissen +und Schonung. Diese höhere Weisheit konnte sie natürlich noch nicht +haben, aber sie besaß jene, die aus dem Instinkt stammt und die das Herz +begreift. Es fehlte ihr dagegen völlig an jener Schlampigkeit des +Herzens, an der Gewöhnlichkeit der Seele, die wie grobe Geradlinigkeit +aussieht. Alles berührte und quälte sie; sie hatte keine +Gleichgültigkeit in sich, im Gegenteil: ungewöhnlich barmherzig und +mitfühlend, war sie bereit, jedem zu helfen. Kaum aus der Schule, +verliebte sie sich in einen Studenten, in den Hauslehrer ihres Bruders, +und wie zu Gott sah sie zu ihrem Studenten auf. Der Student aber – sagte +nichts, und als ein ernsthafter Student, der er war, lächelte er nur, +lächelte und dankte. Jenjas Vater – Marakulins Großvater – war Arzt, und +als Fabrikarzt bei Plotnikow angestellt, nahm er das junge Mädchen oft +in die Fabrik mit. Bei Plotnikow war aber auch ein junger Techniker +namens Ziganow. Dieser machte sich mit den Fabrikarbeitern zu schaffen, +veranstaltete Vorlesungen und Theatervorstellungen für sie, und soll +auch, wie die Wissenden behaupteten, einen Streik angezettelt haben. Die +Fabrikarbeiter liebten Ziganow und gehorchten ihm. Jenja, der das Leben +in der Fabrik, das sie allmählich kennen lernte, die Seele verwundete, +bot Ziganow ihre Mithilfe an. Sie verbrachte viel Zeit mit dem Techniker +und arbeitete mit, so weit ihre Kräfte reichten. Und wenn eine Sache +gelang, – mit welcher Freude erzählte sie von ihrem Erfolg dem +Hauslehrer ihres Bruders, ihrem Studenten, zu dem sie wie zu Gott +aufsah! Der Student aber – sagte nichts, und als ein ernsthafter +Student, der er war, lächelte er nur, lächelte und dankte. So traf es +sich auch einmal, daß Jenja bei Ziganow in der Wohnung war. Sie half ihm +Lektüre für die Fabrikarbeiter zusammenstellen; es waren Broschüren. Sie +war sehr eifrig dabei, sie brannte darauf, daß die Broschüren bald +gelesen werden, denn sie glaubte, daß in ihnen die Wahrheit stand und +ein Ausweg aus dem erbärmlichen Leben, das ihr die Seele verwundete. Sie +brannte vor Eifer – es war ja das erstemal. Ziganow arbeitete am selben +Tisch mit ihr und wich nicht von ihrer Seite; auch er wollte die Arbeit +möglichst rasch erledigen, denn die Sache war gefährlich! Als dann alles +fertig war, die Broschüren geordnet, ausgesucht und verteilt, und sie, +befriedigt, freudig erregt und davon träumend, wie sie alles dem +Studenten, ihrem Abgott erzählen würde – (er hatte wohl jetzt die +Lektion mit ihrem Bruder beendigt, saß vielleicht mit ihrem Vater im +Eßzimmer beim Tee und spielte mit ihm Schach) – gerade im Begriff war, +nach Hause zu gehen, – da fiel Ziganow über sie her und warf sie zu +Boden ... + +An diesem Abend, als sie nach Hause zurückkehrte und den Studenten, wie +sie erwartet hatte, im Eßzimmer beim Tee mit ihrem Vater Schach spielend +fand, – sagte sie nichts; weder dem Vater, noch dem Studenten. Sie +verriet nicht mit der leisesten Andeutung, was eben zwischen ihr und +Ziganow vorgefallen war, sie verriet mit keiner Silbe das Entsetzen, das +sie erfüllte. + +Entsetzen und Scham besiegten all ihre Wahrhaftigkeit und zwangen sie, +das Schreckliche zu verheimlichen. Sie schwieg, und obwohl sie, die sich +nicht verstellen konnte, sich so gab, wie sie war, bemerkte dennoch +niemand etwas, nur dem Vater fiel eine Trauer in ihrem Gesicht auf, die +früher nicht in ihm war. Erst viele Jahre später sah es auch manch +andrer, sprach aber nicht darüber. Denn diejenigen, die sie oft sahen, +mochten sie dann vielleicht zum erstenmal aufmerksam angesehen haben und +konnten deshalb nicht feststellen, ob diese Trauer in ihrem Gesicht +schon immer dagewesen und von ihnen nur nicht bemerkt worden war, oder +ob tatsächlich eine Veränderung in ihm stattgefunden hatte. + +Wohl war diese Trauer schon immer in ihr, seit ihrer Geburt vielleicht, +vielleicht war sie zusammen mit ihr zur Welt gekommen, hatte sich all +die siebzehn Jahre in ihrer Seele verborgen gehalten und trat erst an +jenem Abend hervor, an dem Jenja bei Ziganow die Broschüren ordnete und +glücklich, freudig erregt daran dachte, wie sie ihrem Studenten, ihrem +Abgott von ihrer Freude erzählen würde; – damals mochte das Entsetzen +die eingeborene Trauer hervorgeholt und über ihr Gesicht gebreitet +haben. + +War es nur Trauer, was ihr Gesicht verriet, als sie sich auf dem Boden +wälzte und vor tierischem Schmerz, vor Ekel und Entsetzen geschrien +haben würde, wenn sie ihre Schreie nicht hätte unterdrücken müssen? War +nur Trauer in ihrem Gesicht, da sie schweigend und doch unverstellt sich +quälte? + +Wenn die Menschen einander genau sehen und beobachten würden, wenn Alle +Augen hätten, dann könnte nur ein eisernes Herz das ganze Entsetzen, die +ganze Rätselhaftigkeit des Lebens ertragen. Oder am Ende wäre, wenn die +Menschen einander sehen würden, das eiserne Herz gar nicht nötig? + +Wie war das alles so gekommen, und weshalb? Und wie erklärte Jenja es +sich selber? + +An jenem Abend war Ziganow geblendet, – einen andern Grund gab es nicht +– es war nicht vorgefaßte Absicht, er war einfach geblendet. Und hätte +er auch sieben Augen gehabt, wer weiß, ob er nicht an allen sieben Augen +geblendet worden wäre vor ihren beiden, mit denen sie so freudig +dreinblickte, bereit, im nächsten Augenblick von ihrer Freude dem +Studenten, ihrem Abgott zu erzählen: ihre Freude war so gewaltig; es war +ja das erstemal, die Sache war gefährlich und sie glaubte die Erlösung +gefunden zu haben aus dem erbärmlichen Leben, das ihre Seele verwundete. + +So erklärte Jenja das, was vorgefallen, indem sie niemand beschuldigte, +außer sich selbst. + +Ob es so war oder nicht, ob er tatsächlich geblendet war oder nicht, ob +er dem Zwang nicht widerstehen konnte, sich auf sie zu stürzen, oder ob +er sich hätte zurückhalten müssen – einerlei: am Ende wäre es auch einem +andern so ergangen wie Ziganow, der sich mit einer gefährlichen Sache +befaßte, die heimlich und verborgen getan werden mußte, und der vor +lauter geschäftigem Mißtrauen seine Augen verloren hatte? Jedenfalls +aber hatte er seine Augen verloren, gleichviel warum: denn hätte er +sehen können, so wäre das nicht geschehen, was weiter geschah. Es kam +aber, daß jedesmal, wenn Jenja bei ihm war, um Broschüren zu ordnen, +oder in ähnlichen Angelegenheiten, sich jener gefährliche und freudig +erregte Abend wiederholte. Sie flehte ihn an, sie zu schonen, sie nicht +anzurühren, aber er wollte nichts hören, weil er taub und blind war. Und +so verging ein ganzes Jahr. + +Als dann Ziganow aus der Plotnikowschen Fabrik verschwunden war – manche +behaupteten, er wäre nach Sibirien verbannt worden, andre dagegen, daß +er jenseits der Trechgornaja-Maut in einer Fabrik eine gutbezahlte +Stellung angenommen hatte, wieder andre, daß er der Welt so etwas wie +ein „neues Zion“ verkündete – mit einem Wort, als Ziganow nicht mehr da +war, und Jenja aufatmen konnte, da widerfuhr ihr das gleiche, nur daß +diesmal an Ziganows Stelle ihr eigener Bruder, der Kadett war. Sie bat +ihren Bruder, flehte ihn an, sie zu schonen, sie nicht anzurühren, er +aber wollte nichts hören, und darum nicht, weil er in diesem Augenblick +taub und blind war. + +Ja, auch er war in diesem Augenblick geblendet, und nur, weil in ihr +selbst etwas Sinnberaubendes, Blendendes war; denn sonst hatte doch +dieser Bruderabend nichts gemeinsames mit jenem Ziganowschen, jenem +gefährlichen und freudig erregten Abend. + +So erklärte sich Jenja alles, was vorgefallen, indem sie niemand als +sich selbst beschuldigte. + +Ob es nun so war oder nicht, ob der Bruder ebenfalls geblendet war oder +nicht – jedenfalls ist es klar, daß er, ohne sich mit gefährlichen +Dingen zu befassen, wie Ziganow und nicht wie dieser durch die +Heimlichkeit und die Gefahr der Arbeit in gemeinsame Erregung mit der +Schwester gedrängt, – im Gegenteil: er hatte einen offenen Weg vor sich, +frei von jedem Spähen und Horchen – jedenfalls ist es klar, daß er, wie +so viele Menschen von Beruf oder Handwerk, von Meisterschaft oder +Leidenschaft, sich eben durch keinen besonderen Scharfblick +auszeichnete. Nein, er zeichnete sich nicht durch besonderen Scharfblick +aus, denn hätte er etwas gesehen, so wäre nicht geschehen, was weiter +geschah. Es kam aber, daß sich jedesmal, wenn er sie allein fand, das +wiederholte, was an jenem Schwesterabend geschah. So verging wieder ein +Jahr. + +Als der Bruder dann von Moskau abgereist war und sie, allein geblieben, +aufzuatmen hoffte, da wurde der Bruder von dem Gehilfen ihres Vaters, +von einem jungen Arzt ersetzt, so wie einst der Bruder Ziganow abgelöst +hatte. Und nach dem Arzt kam noch einer und wieder einer; alle traten +sie kühn an sie heran und taten mit ihr, was sie wollten. + +Sie taten es aber nicht deshalb, weil sie es freiwillig gewährte, nein, +sie taten nur das, wozu es sie, die Geblendeten, trieb. + +So erklärte sich Jenja alles, indem sie niemand als sich selbst +beschuldigte. + +Ob es so war oder nicht, ob sie wirklich geblendet waren oder nicht, ob +es sie trieb, oder ob sie sich selbst über sie warfen, jedenfalls +beschuldigte sie keinen von ihnen, nur sich selbst: dies etwas in ihrem +Wesen, das blendete und betäubte. + +Sie schwieg – ganze drei Jahre schwieg sie. Sie machte nie eine +Andeutung, verriet sich mit keinem Wort. In ihr aber war Entsetzen, +Scham und Qual. Sie wurde geliebt, hatte viele Freundinnen, und wußte, +wie sehr man sie liebte und wie gut man von ihr dachte; und trotz aller +Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit, die in ihr war, vermochte sie es +nicht, ihnen zu sagen, wie sehr sie sich irrten: daß sie nicht so war, +wie sie von ihr dachten. Hätten sie die Wahrheit gewußt, dann würden sie +sich von ihr losgesagt haben, so aber stahl sie ihre Liebe dadurch, daß +sie die Wahrheit verheimlichte. + +Die Menschen traten kühn an sie heran und taten mit ihr was sie wollten, +sie aber konnte sich nicht wehren und gab, erfüllt von tierischem Ekel +und Schmerz, nach. Und dafür, daß sie nachgab, daß sie trotz Ekel und +Schmerz nachgab und nachgeben mußte, für dies blendende und betäubende +Wesen in ihr, das die Menschen trieb, sich über sie zu werfen, reichte +eine von Menschen verhängte Strafe nicht aus. Es wäre ihr ja ein +leichtes gewesen, ein Ende mit sich zu machen, aber das hätte ihr nicht +genügt. Auch wenn man sie gefoltert und gemartert, wenn man sie zu Tode +gefoltert hätte, was hätte ihr das genützt? Für sie war eine von +Menschen bestimmte Strafe zu gering, sie mußte sich selbst ihr Urteil +sprechen und sich selbst hinrichten. Aber wie sich strafen, wie sich +hinrichten? In den drei Jahren des Entsetzens, der Scham und der Qual +hatte sie sich in den schlaflosen Nächten die Haare gerauft, hatte mit +dem Kopf gegen die Eisenstäbe ihres Bettes, – ihres schmalen +Mädchenbettes – geschlagen, aber was war damit erreicht? Nichts, gar +nichts! Wer sollte ihr die Strafe diktieren und wie sollte sie sie +vollziehen? + +Wenn die Menschen einander genau sehen und beachten würden, wenn Alle +Augen hätten, dann könnte nur ein eisernes Herz das ganze Entsetzen, die +ganze Rätselhaftigkeit des Lebens ertragen. Oder am Ende wäre das +eiserne Herz gar nicht nötig, wenn die Menschen einander sehen würden! + +Jenja verließ Moskau und lebte einige Zeit auf dem Lande, in der Familie +eines ihrem Vater befreundeten Arztes. Ihr Vater, der jetzt nicht nur +Trauer in ihrem Gesicht bemerkt hatte und unruhig geworden war, erklärte +sich ihr Aussehen mit Uebermüdung und redete Jenja zu, sich auf dem +Lande zu erholen. Folgendes geschah nun während ihres Landaufenthaltes: +Am Dienstag in der Karwoche reiste sie von da ab, aber nicht nach Hause +zum Osterfest, wie man annahm, sondern sie begab sich in den Wald und +betete dort drei Tage und drei Nächte mit der ganzen Glut des +Entsetzens, der Scham und der Qual eines sich selbst verurteilenden +Herzens, und flehte nur um eins: um Strafe, – daß ihr eine Strafe +angezeigt und eine Buße auferlegt werde. Am Karfreitag aber erschien sie +in der Kirche zur Zeremonie des Grabtuches, ganz nackt, mit einem +Rasiermesser in der Hand. Als das Grabtuch hinausgetragen wurde, folgte +sie ihm – alle wichen vor ihr zurück, wie vor dem Grabtuch selbst. Sie +stand ganz nackt da, mit dem Rasiermesser in der Hand: „Im Namen des +Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes!“ rief sie aus. Jemand +erwiderte „Amen“. Da erhob sie das Messer und schnitt sich Kreuze hinein +in die Stirn, in die Schultern, in die Arme, in die Brust, und ihr Blut +ergoß sich auf das Grabtuch. + +Ein ganzes Jahr oder noch länger lag Jenja im Krankenhaus, wohin man sie +bewußtlos aus der Kirche gebracht hatte. Von den Kreuzen waren keine +deutlichen Male zurückgeblieben, nur eine schwache Narbe auf der Stirn, +aber auch diese war unter dem Haar nicht zu sehen. Und als man fand, daß +sie sich genügend erholt hatte, schickte man sie zu ihrem Vater zurück. + +Hatte sie sich nun beruhigt? Nein. Aber sie betete nicht mehr um Strafe. +Tief in ihrem Innern war es still geworden. Mag sein, daß man durch +irgendwelche Heilmittel auf sie gewirkt hatte, oder daß sie, sich +erholend und gesundend, nicht mehr so fein in sich hineinhorchen konnte, +um zu vernehmen, was in der Tiefe redete. Aber bald sollte sie es doch +vernehmen, und ganz unerwartet. + +Zu ihrem Vater kam häufig der Buchführer der Plotnikowschen Fabrik, +Alexej Iwanowitsch Marakulin. Jenja gefiel ihm sehr, und er erklärte +sich bald. Da vernahm sie plötzlich, was in der Tiefe sprach. + +Niemand wußte bis dahin, wofür sie eine Strafe für sich herabgefleht +hatte, kein Mensch ahnte etwas von den drei qualvollen Jahren und von +dem vierten Jahr ihrer Buße. Nicht einmal dem Priester in der Beichte +hatte sie etwas verraten: sie sprach es in Gedanken unter dem +Epitrachelion, wenn der Priester über ihr gebeugt die Vergebung las. Sie +konnte sich nicht entschließen, ihm etwas zu sagen: es hätte ihm +vielleicht nicht genügt zu erfahren, was sie getan; er hätte sie +jederzeit über die Personen ausfragen können, die mit ihr verkehrt +hatten. Vielleicht hätte er auch angesichts ihres Entsetzens, ihrer +Scham und ihrer Qual, um ihr einen weltlichen Trost zu verschaffen, zu +erfahren gewünscht, wie sich alles zugetragen hatte, und dann gar, über +die Umstände unterrichtet, jene Personen verurteilt und sie selbst von +aller Sünde freigesprochen! Sie aber beschuldigte niemand als sich +selbst, ihr eigenes blendendes und betäubendes Wesen. Außerdem hätte der +Geistliche jene Menschen auch denunzieren können. Jetzt aber wollte sie +es dem Menschen offenbaren, der sie liebte. Sie mußte _alles_ sagen – so +sprach es in ihrem Innern – sie mußte diesem Menschen alles sagen. + +Und sie erzählte ihm alles, rückhaltlos. Er hörte milde zu und weinte; – +er liebte sie. Ohne daß er im Innern glaubte, daß es sich nie +wiederholen würde, daß die Geschehnisse dieser drei Jahre nicht +wiederkehren könnten, wollte er es doch glauben, denn er liebte sie. + +Ihr ganzes weiteres Leben widmete Jenja ausschließlich ihren Kindern. +Gleich im ersten Jahr ihres neuen Lebens war es, als wäre sie plötzlich +alt geworden, aber es war nicht Alter, sondern jenes Entsetzen, jene +Scham und Qual, die jetzt auf ihrem Gesicht, wie einst die Trauer, +sichtbar wurden und es alt machten. Und ihre Augen, die oft wie +aufgescheucht waren und die Hände stets wie im Gebet gefaltet, als +flehten sie, sie zu schonen und nicht anzurühren, – dies blieb ihr eigen +bis an ihr Lebensende. Im Sarg lag sie mit dem Kreuz auf der Stirn: +unter der Stirnbinde war es jetzt deutlich zu sehen. + +Marakulin war damals zehn Jahre alt, aber er konnte sich noch genau an +dieses Kreuz erinnern, an das auf der wachsgelben Stirn unter der weißen +Binde sichtbare Kreuz. Und auch jetzt auf der Fahrt nach Moskau dachte +er daran, und die Erinnerung an das Kreuz der Mutter war in ihm +irgendwie fest und unlösbar mit seinem eigenen goldnen Taufkreuz +verbunden, das ihm vor Weihnachten abhanden gekommen war. + +Und Trauer überflutete ihn. + + * * * * * + +Marakulin reiste nach Moskau auf den dringenden Ruf Plotnikows: + +Pawel Plotnikow war mit Marakulin zur Schule gegangen, war aber um zwei +Klassen jünger. Als Marakulin ihn zum erstenmal sah, gefiel er ihm sehr: +es war ein gesunder Knabe, von einer wie Milch und Blut zarten Haut, so +daß man Lust bekam, ihn zu streicheln und mit ihm zu scherzen, um ihn +lachen zu machen. Im ersten Schuljahr hatte Pawel Plotnikow oft +Halsschmerzen, und das weiße Tuch um den Hals machte ihn noch +liebenswerter. Marakulin sprach und scherzte oft überaus freundlich mit +ihm, Plotnikow aber zeigte eine gewisse Scheu. Erst im nächsten Jahr +wurden sie durch einen Zufall einander näher gebracht: Marakulin sang im +Chor mit, und auch Plotnikow wurde in den Chor aufgenommen, ebenfalls +für die Altstimme. Bei den Gesangproben stand Plotnikow neben Marakulin, +und allmählich verlor er seine Scheu vor ihm und schloß sich jetzt enger +an Marakulin an, welcher für ihn alles tat, was er nur konnte: er löste +schwierige Aufgaben, machte die Uebersetzungen für ihn. Diese rührende +und zärtliche Freundschaft dauerte ein Jahr. Darauf war Plotnikow nach +den Sommerferien auf einmal so erwachsen, und es war nichts mehr in ihm +von dem Jung-Katzen- oder Hundeartigen, das Marakulin so gereizt hatte, +ihn wie ein kleines Tier zu streicheln. Marakulin gab sich nun weniger +mit ihm ab, unterhielt sich nicht so freundlich mit ihm wie früher, fuhr +aber im übrigen fort, alles für ihn zu tun, was er nur konnte. Denn +Plotnikow wandte sich oft an ihn, wie an einen ältern, der alles weiß, +was er selbst niemals wissen könnte. + +Plotnikow kam in der Schule nicht vorwärts. In der fünften Klasse blieb +er sitzen und wurde aus der Schule genommen. Er war der einzige Sohn +seiner Eltern, dazu der jüngste einer ganzen Reihe von Schwestern, und +wurde fürs Geschäft gebraucht. Das Plotnikowsche Geschäft war in der +ganzen Taganka[8], ja, in ganz Rußland bekannt. Zu jener Zeit war +Plotnikow bereits so dick und groß geworden, daß man bei seinem Anblick +sich schwer den kleinen Buben Pascha mit dem weißen Tuch vorstellen +konnte, jenen wie kuhwarme Milch frischen Pascha, den man gern +streicheln mochte, um ihn lächeln zu machen. Man hätte wohl annehmen +sollen, daß jetzt jede Beziehung zwischen den beiden Knaben aufhören +müßte, aber dem war nicht so. Plotnikow kam manchmal zu Marakulin, um +sich ein Buch zu holen: er bat stets um irgendein Buch zum Lesen, und so +schüchtern, als hätte er Angst. Marakulin gab ihm dann ein Buch, worauf +er sich längere Zeit nicht sehen ließ. Dann konnte er wieder ganz +unerwartet erscheinen, meist zu einer unpassenden Stunde, am frühen +Morgen, und oft in so erregtem Zustand, daß es den Eindruck machte, er +hätte, nachdem er am vorherigen Abend in einem Bierlokal der Taganka +angefangen, die Nacht bis zum Morgen im Restaurant „Ssaratow“ und bei +Jar durchgekneipt, sich morgens in einer Fünfkopeken-Badeanstalt +gewaschen und wäre von da aus direkt zu Marakulin gekommen, – es fehlte +nur der Birkenbesen. Es war in der Tat auch so. Schüchtern gab er das +Buch zurück, brachte ebenso schüchtern vor, daß er es nicht habe +bewältigen können und ein einfacheres haben möchte. Marakulin gab ihm +ein einfacheres Buch, und Plotnikow verschwand wieder für längere Zeit. + +In den letzten Schulklassen gab es damals eine zusammengelaufene Bande, +die ungefähr das gleiche miteinander verband, was Marakulin späterhin +mit Glotow verbunden hatte. Es waren einige Tollköpfe mit einem Gefolge +von Nachahmern und sonst Burschen, die sich austoben wollten und aus +denen später die tüchtigsten Geschäftsleute und die unbedeutendsten +Kommis wurden. Mancher von ihnen ergab sich nachher dem Trunk und endete +auf der Ssiworotka. Die Mitglieder dieser Bande waren Stammgäste in +einem Bierlokal an der Taganka, auf den Moskauer Boulevards, an den +Sonntagen im Sommer auch in Kuskowo, denn die Bewohner der Taganka und +der Rogoschskaja ziehen im Sommer nach Kuskowo hinaus. Zu dieser Bande +gehörte auch Marakulin. Zuweilen schloß sich ihr auch Plotnikow an. + +Plotnikow, der bis zur Besinnungslosigkeit trank, ließ sich einmal in +einem sehr leichten Anzug – noch leichter angezogene werden auf die +Wache gebracht – auf dem Taganskij-Platz in einen Kampf mit Pferden ein. +Wüst und Beschwichtigungen unzugänglich, betrunken bis zum äußersten, +konnte er die tollsten Sachen anstellen, ganz wahllos, wie es ihm gerade +einfiel, und ließ sich dabei von niemand und von nichts stören. Das war +bekannt. Nur für Marakulin machte er eine Ausnahme. In den äußersten +Fällen konnte einzig Marakulin den wilden, unantastbaren Plotnikow +beschwichtigen und sogar zur Einsicht bringen. + +Pawel Plotnikow glich in der Unerschütterlichkeit und unbeschränkten +Willkür, zum eignen Spaß die tollsten Streiche auszuführen, ganz seinem +Vater Wassilij Pawlowitsch. Wassilij Pawlowitsch Plotnikow aber war in +dieser Beziehung der erste auf der Taganka, und seine „Tätigkeit“ wirkte +ansteckend: er hatte nicht wenig Nachahmer. Nur daß Wassilij +Pawlowitsch, der keine einzige, geschweige denn fünf Klassen absolviert +hatte, im Gegensatz zu seinem Sohn niemals wüst wurde und auf den +Plätzen weder mit Menschen noch mit Pferden sich in Kämpfe einließ. Er +war still und sanft; Branntwein kam nie über seine Lippen. Noch in den +letzten Jahren seines Lebens, als Wassilij Pawlowitsch schon alt war, +seine Erfindungsgabe ihn verlassen hatte und er selbst sich wohl bewußt +war, nicht mehr recht auf der Höhe zu sein, kam er auf den Gedanken, zum +Zeitvertreib die Schutzleute zum Trunk zu verführen – er wollte die +ganze Polizei buchstäblich kopfstehen machen. Und er führte diese +Absicht mit der größten Meisterschaft aus, sein Ziel mit allen Mitteln +verfolgend: konnte er es selbst nicht tun, so mußten es seine Leute auf +Befehl ausführen. Als Lockmittel diente ein Wagen, ein ganz gewöhnlicher +alter Wagen, an dem nichts Besonderes war, nicht einmal ein Wappen; denn +den Bewohnern der Taganka kommen Wappen ihrem Stande nach nicht zu. Am +Morgen setzte sich also Wassilij Pawlowitsch ans Fenster und fing einen +Schutzmann ab, der um diese Zeit zum Polizeirevier zu gehen pflegte. Der +Schutzmann wurde dann ins Haus gerufen, irgendeiner Angelegenheit wegen, +die es natürlich gar nicht gab, denn man hütete sich sonst mit der +Polizei zu tun zu haben, aber eine Kleinigkeit, die zum Vorwand dienen +konnte, gab es doch immer. Dabei schlug Wassilij Pawlowitsch dem +Schutzmann vor, sich den Wagen anzusehen, und sein Vorschlag klang mehr +wie eine Bitte. Der geschmeichelte Schutzmann folgte ihm in den +Schuppen, wo schon alles für den Spaß notwendige vorbereitet war. Der +Schutzmann wurde erst herausgelassen, wenn er sternhagelvoll nicht mehr +auf den Beinen stehen konnte. Am nächsten Tag wiederholte sich die +Geschichte und allmählich kam es so weit, daß der Schutzmann alle Würde +beiseite ließ und am Morgen von selbst in den Schuppen kam, um sich den +Wagen anzusehen. Natürlich wurde er bald aus dem Dienst entlassen, an +seine Stelle trat ein andrer, und mit diesem begann die Wagengeschichte +von neuem. Der Ruhm Wassilij Pawlowitschs ließ den Fischhändler +Barabochin nicht schlafen, und seinem Vorbilde nacheifernd verführte er +die Popen zum Trunk. Als Lockmittel diente ihm ein ganz gewöhnlicher +Fischbehälter; nicht etwa, daß sich darin irgendwelche ausgefallenen +fabelhaften ausländischen Fische mit schwer auszusprechenden Namen +befunden hätten, sondern es war ein Behälter mit ganz gewöhnlichen +Sterleten ... Der Wagen sowohl wie der Fischbehälter arbeiteten ziemlich +lange Zeit mit unerhörtem Erfolg, bis ihre Inhaber des Spaßes +überdrüssig wurden. So war Wassilij Pawlowitsch beschaffen, und er ließ +in seinem Sohne Pawel einen Erben zurück, der seiner würdig war. +Zusammen mit dem Wagen hatte Plotnikow von seinem Vater auch sonst noch +allerlei Einfälle zum Zeitvertreib geerbt und hatte dieses Pfund nicht +vergraben, sondern weiter damit gewuchert. Es mochte ihm was immer +einfallen, so beruhigte er sich nicht, bis er es ausgeführt hatte; es +fiel ihm aber manches ein, wovor einem Angst werden konnte. Aber nie +hätte er sich etwas erlaubt, das geeignet gewesen wäre, Marakulin zu +verletzen – Marakulin war eben eine Ausnahme. Und auch das wußten alle. + +Dreimal hatte Plotnikow Marakulin seine warme, freundschaftliche +Teilnahme bewiesen: einmal, indem er ihn beschützte, das zweitemal, +indem er ihn einrichtete, und das dritte, indem er ihn befreite. Das +Beschützen bestand darin, daß Plotnikow Marakulin von Strakunow +befreite, indem er Strakunow vor allem Volk und unter Begleitung guter +Lehren tüchtig verprügelte. Auf der Taganka trieb sich damals nämlich +ein gewisser Ssaschka Strakunow herum, ein Durchschlüpfer: der Teufel +mochte wissen, wovon er lebte, er war eben nicht wählerisch. Es gelang +ihm, sich in die Bande, die sich in Kuskowo herumtrieb, einzuschleichen +und Marakulin zu gefallen. Gott weiß wodurch, denn Marakulin selbst +hätte nicht sagen können, was ihn an Strakunow so sehr anzog. Er stammte +wohl von Zigeunern ab und schnitt beständig Grimassen, sonst war an ihm +nichts Hervorragendes. Dieser Bursche plünderte Marakulin förmlich aus, +und alles Geld, das dieser durch Stundengeben verdiente, machte er sich +zur Beute. So ging es einen Monat lang. Als Plotnikow dies erfuhr, +zögerte er nicht lange und beschützte Marakulin. + +Ferner: gleich nach Absolvierung der Schule, fast unmittelbar nach dem +Examen, kaum daß er eine Woche die Freiheit genossen hatte, trat +Marakulin bereits in das Bureau an der Kusnetzkajabrücke ein – und das +war Plotnikows Werk. + +Die Sommerabende wurden damals auf den Boulevards verbracht. Einmal +lernte Marakulin bei der Donnerstagsmusik in Tschistije-Prudy ein +Mädchen namens Polja kennen. Polja, die erst in der Dämmerung auf dem +Boulevard zu erscheinen pflegte, wohnte auf der Rogoschka, in der +Bahnhofstraße. In Tschistije-Prudy war sie als Polja bekannt, aber +Dunajew, der Marakulin mit ihr bekanntgemacht hatte, nannte sie Dunja, +auch von Poljanskij wurde sie so genannt. Dunajew und Poljanskij waren +seine Schulkollegen, und da sie beide ebenfalls auf der Taganka wohnten, +gehörten sie mit zu der Bande. Bald wurde Polja auch für Marakulin zur +Dunja. Diese nähere Bekanntschaft kam nicht zustande, weil Marakulin sie +so sehr ersehnt hatte, nein, der Grund war ein ganz anderer – purer +Blödsinn. Zu Ostern nämlich hatte Marakulin Poljanskij besucht und war +in einem gewöhnlichen Gespräch über die Schulkameraden – es war kurz vor +den Schlußprüfungen – mit Poljanskij in einen Streit über Dunajew +geraten. „Du bist in Dunajew einfach verliebt,“ bemerkte Poljanskij +eigentümlich lächelnd, „er sieht wie ein junges Mädchen aus, deshalb +nimmst du ihn so in Schutz.“ Marakulin wurde ganz rot und sehr verlegen, +weil Poljanskij so lächelte und weil er selbst sich rot werden fühlte: +sollte er in der Tat Dunajew deshalb verteidigt haben, weil dieser einem +jungen Mädchen glich? – Damit fing es an. Dieser wie ein junges Mädchen +aussehende Dunajew, der auf den Boulevards zu Hause war, bot Marakulin +an, – sei es als Zeichen seines kameradschaftlichen Dankes, oder +„überhaupt so“ – in solchen Angelegenheiten spielt dieses „überhaupt so“ +eine wichtige Rolle – ihn mit Polja bekanntzumachen. Marakulin, der +Poljanskijs Worte und vor allem die Art, wie er gelächelt hatte, nicht +vergessen konnte, stürzte sich auf diese Bekanntschaft: jetzt würde +Poljanskij nicht mehr so lächeln. Ein richtiger Knabenunsinn wurde so +zum Anlaß! An einem der Donnerstagabende in Tschistije-Prudy kam die +Bekanntschaft zustande. Marakulin gefiel dem Mädchen auf den ersten +Blick. Gleich in den ersten Tagen, nachdem sie ihn kennen gelernt hatte, +sprach sie es vor Dunajew und Poljanskij ganz geradezu aus. Und als sie +einmal nachts im Bahnhofgäßchen Marakulin aus ihrem Zimmer +hinunterbegleitete, lief sie flink die Treppe voraus, um die Tür +aufzuschließen, versperrte Marakulin den Weg, umarmte ihn fest – ihre +Arme wurden dabei plötzlich ganz kindlich-zart – und steckte ihm ein +Tuch, in dem die Anfangsbuchstaben seines Namens in Kreuzstich +eingestickt waren, ein seidenes, duftendes Tüchlein, in die Tasche. Es +duftete aber nicht nach dem Parfüm, das sie sonst brauchte, wenn sie in +der Dämmerung auf den Boulevard ging, sondern nach einem anderen. Seit +jener Nacht aber trieb es ihn immer mehr von ihr fort, und je mehr sich +Dunja an ihn hing, desto mehr entfernte es ihn von ihr. Gegen Ende des +Sommers wurde ihm ihre Betulichkeit und ihr Auflauern ganz unerträglich: +er konnte sich nirgends mehr vor ihr verstecken. Sie hatte sich vom +Boulevardleben zurückgezogen, putzte sich nur für ihn, parfümierte sich +für ihn mit jenem anderen Parfüm. Dies war für sie ein Opfer: denn es +ist für eine, die von der Straße lebt, ganz unmöglich, Geld für Putz +auszugeben, wenn sie nichts verdient. Und sie hätte auch jetzt noch, so +wie sie war, vorwärts kommen können, wenn sie gewollt hätte: es war +etwas Ungewöhnliches an ihr. Ihre Boulevardfreundinnen behaupteten es, +auch Dunajew und Poljanskij waren dieser Meinung. Auch Marakulin wußte +es – ihre Arme waren damals in der Nacht plötzlich so kindlich-zart +geworden – doch was sollte er tun? Ihr Tuch, das er nie aus der Tasche +nahm und das er gewiß vergessen hätte, wenn er es nicht immerzu hätte +fühlen müssen, dieses Tuch mit seinen in Kreuzstich gestickten +Anfangsbuchstaben, das kleine seidne Tüchlein, zog ihn wie etwas +Schweres hinunter, als wäre es aus Blei und nicht aus Seide, und es +blieb ihm nichts übrig, als entweder es zu verbrennen oder in den +Moskaufluß zu werfen. Er warf es in die Moskau. – Es war Ende August, an +einem der letzten Kuskowschen Feste: die Bewohner der Taganka und der +Rogoschskaja waren im Begriff heimzukehren, – es war der letzte +Sonntagabend, kalt und klar gestirnt. Das Theater war bereits aus und +der Bahnhof voller Menschen. Auf dem Perron spazierte Dunja. Da trat +Marakulin auf sie zu und überschüttete sie mit der ganzen in ihm +aufgesammelten, lange zurückgehaltenen und jetzt plötzlich aufkochenden +Wut, ohne eine Erwiderung abzuwarten, ohne ihr nur Zeit zum Erwidern zu +lassen. Auf einmal brach er ab und ließ sie stehen. Er glaubte jetzt +alles ausgerichtet zu haben: jetzt war er sie los, war er mit ihr +fertig. Und mehr wollte er ja nicht! Zu Dunja gesellte sich darauf +Poljanskij und ging mit ihr auf dem Perron auf und ab. Als sie an +Marakulin vorbeikamen, flüsterte Poljanskij ihm etwas zu, aber so leise, +daß er die Worte nicht verstehen konnte, nur das Lächeln bemerkte er, +das gleiche Lächeln, wie damals zu Ostern. Als dann Marakulin die beiden +von ferne – am anderen Ende des Perrons – wieder erblickte, empfand er +einen brennenden Vorwurf. Je näher sie kamen, desto brennender wurde der +Vorwurf und die Scham in ihm. Und als sie wieder ganz nah an ihm +vorüberging – er stand ganz allein und für sich – und er sie von +Angesicht zu Angesicht sah – da konnte er dies brennende Gefühl des +Vorwurfs und der Scham nicht mehr ertragen: er warf sich ihr zu Füßen +und verneigte sich tief bis zur Erde. Da geschah lautlos offenbar etwas +Unheimliches: denn die Menge stob plötzlich nach allen Richtungen +auseinander. In dem Moment nämlich, da sich Marakulin verneigte, fuhr +der Zug ein, der Bahnhof erdröhnte, der Wind pfiff, – und als er sich +erhob, sah er, daß ein Polizist, vielleicht war es auch ein +Polizeileutnant, Dunja beim Arm fortschleppte. Marakulin begann zu +zittern, begriff nichts, und einzig das scharfe Pfeifen des Windes in +den Ohren, versetzte er dem Polizeileutnant einen Schlag. Es war aber +so, daß der Reviervorsteher Dunja gar nicht arretieren wollte, vielmehr +konnte er sie gerade noch zurückreißen, bevor der Zug sie erfaßte und +zermalmt hätte. Dies erfuhr Marakulin aber, als es schon zu spät war. Am +nächsten Abend erschien Plotnikow plötzlich im Polizeirevier auf der +Taganka, wohin Marakulin aus Kuskowo gebracht worden war, und teilte ihm +schüchtern mit: man würde ihn morgen früh freilassen. In der Tat wurde +Marakulin am nächsten Morgen ohne weitere Folgen entlassen. So hatte ihn +Plotnikow damals aus dem Gefängnis befreit. Das war auch Marakulins +letztes Zusammentreffen mit ihm gewesen. + +Alle diese Moskauer Erlebnisse stiegen bis ins kleinste in seiner +Erinnerung auf und ließen Marakulin die ganze Nacht nicht schlafen. Erst +ganz nah vor Moskau schlummerte er ein und hatte einen seltsamen Traum. + +Er träumte, Pawel Plotnikow trete zu ihm und spreche schüchtern: + +– Das beste, rationellste und psychologischste für dein Leben wäre, dir +den Kopf abzuschneiden. + +Marakulin aber antwortete: + +– Wie soll ich dann ohne Kopf leben, es ist ja schrecklich ohne Kopf! + +– Was ist aber zu machen! – erwiderte Plotnikow und redete ihm zu: es +würde gar nicht weh tun und ihm höchstens seltsam und sonderbar +vorkommen. Und obwohl er ihm auf seine Art schüchtern zuredete, so ließ +er doch keinen Widerspruch gelten. + +– Nun, so schneide ab! – willigte Marakulin ein. + +Da nahm Plotnikow ein Rasiermesser und machte sich ans Abschneiden. Es +tat wirklich nicht weh, und bald hing der Kopf nur noch wie an einem +Faden nach hinten. + +– Noch eine kleine entscheidende Bewegung und der Kopf ist abgeschnitten +– sagte Plotnikow und arbeitete mit dem Rasiermesser. + +Und der Kopf fällt zu Boden. + +Aber auch ohne Kopf sieht Marakulin alles: er sieht, wie der Kopf +herunterfällt, auf dem Fußboden rollt und verschwindet, und gleichzeitig +schießt aus dem Hals das Blut in einem großen Strahl in die Höhe bis zur +Decke – dickes, kirschrotes Blut. Der ganze Boden ist überflutet, und +auch er ist ganz mit Blut bedeckt. Dann wird die kirschrote Blutfontäne +schwächer, immer schwächer, und bald spritzt das Blut nicht mehr, es +versiegt, und nur ein kleines Bächlein rinnt über die Weste zu Boden. +Marakulin tritt zum Spiegel: seltsam und sonderbar kommt er sich ohne +Kopf vor, – es ragt nur noch der blutige Hals. + +– Wie soll ich nun ohne Kopf leben? – Er spuckte aus und erwachte. + +Der Traum war ahnungsvoll: seltsam und sonderbar war auch, was dann +geschah. + +Bei Plotnikow wurde Marakulin schon erwartet. Der alte Arbeiter Fomitsch +führte ihn gleich zu seinem Herrn ins Arbeitszimmer. Das Zimmer war in +zwei Hälften geteilt. In der einen Abteilung befanden sich Kopien nach +Nesterowschen Heiligenbildern, in der anderen zwei Käfige mit Affen. +Zwischen dem heiligen Rußland und den Affen saß Plotnikow vom Delirium +des Säufers übermannt. Er war ganz mit Honig beschmiert und von der +quälenden Trauer eines Einsiedlers umdüstert. Auf dem Tisch standen +geleerte Flaschen herum, ebenso unter dem heiligen Rußland und vor dem +Affenkäfig. + +Er habe keinen Kopf mehr, klagte Plotnikow, sein Mund sei ihm im Rücken, +die Augen in den Schultern. In den Weihnachtstagen habe er sich auf den +Honig gestürzt und ihn samt den Waben verzehrt. Er habe zuviel davon +gegessen und infolgedessen hätten sich Bienen in ihm eingenistet, ein +ganzer Bienenstock. Jetzt sei er ein Bienenstock und fürchte sich sehr, +– Alle seien ja auf das Süße so erpicht – er fürchte, daß man alle seine +Bienen umbringen, den Bienenstock zerstören und ihn auffressen würde! Im +Sommer aber, sobald die erste Fliege auftauchen werde, wolle er sich mit +der Ausbeutung der Fliege als einer motorischen Kraft befassen. Er werde +ganz Rußland in Abteilungen einteilen, mit je einem Fliegenstatthalter +in jeder Provinz. Die Statthalter, mit der Vollmacht von +Generalgouverneuren ausgerüstet, werden die Fliegenlese überwachen und +sie in automatischer Packung in ganz besonders gepanzerten Automobilen +von allen Ecken Rußlands gradewegs nach Moskau, nach der Taganka +befördern. Die russische Fliege werde den Dampf und die Elektrizität +besiegen, Rußland werde England und Amerika zu Staub zermalmen. Er habe +keinen Kopf, sein Mund sei im Rücken, die Augen in den Schultern. Er sei +ein Bienenstock. Die russische Sprache verstehe er nicht und könne auch +nicht Russisch sprechen. + +– Ich brauche deinen Elephanten nicht! – schrie Plotnikow, indem er +Marakulin mit seinen betrunkenen Augen von oben bis unten hochmütig +ansah, und schimpfte in so echt russischen Wendungen, ließ solche Blasen +steigen, daß ihm vor der Klangfülle und Kernigkeit der Muttersprache die +Augen aus den Höhlen traten. + +Marakulin stand zwischen dem heiligen Rußland und den Affen und begriff +nichts: weder das von dem sonderbaren russischen Fliegenmotor, noch vom +Bienenstock und Elephanten, und es war ihm seltsam und sonderbar zumute. +Sein Schweigen aber begann Plotnikow offenbar zu reizen. Er war nicht +mehr in dem reuig-traurigen Zustand eines Einsiedlers, sondern er +schnaubte. + +Die russische Sprache verstehe er nicht und Russisch könne er nicht +sprechen. Mit Hilfe der arktischen Flotte werde Rußland, nachdem es +Europa zermalmt, über Lappland zum Pol ziehen und nicht bloß den Pol +erobern, wo die Fische mit angebratenen Schwänzen leben, sondern alles, +was sich hinter dem Pol befindet, den unbekannten Wohnsitz von Gog und +Magog – und dieses unbekannte Gog und Magog werde Landia genannt werden, +das heißt: das Land. Von dort aus, von dieser hinterpolaren Landia aus, +werde Rußland, das heißt er, Pawel Plotnikow, die unentgeltliche, +allrussische Fliegenkraft als Motor benutzend, die Erdkugel automatisch +regieren und sie nach Gutdünken bald rechts, bald links rotieren lassen, +sie bald aufhalten und bald wieder in Bewegung setzen. + +– Du Schuft! – rief Plotnikow plötzlich, – deine Elephanten sind +zerdrückt, ich sage dir, ich kaufe keine zerdrückten Elephanten! + +Er ergriff eine Flasche vom Tisch, erhob sich, rot, zerzaust, mit Honig +beschmiert, den Mund wie einen Rachen weit aufgesperrt und holte zielend +mit der Flasche aus. + +Marakulin stand zwischen dem heiligen Rußland und den Affen. Er begriff +nichts, weder das von der arktischen Flotte, noch von Gog und Magog, +noch von der Landia und vom Rotierenlassen der Erdkugel nach Belieben, – +und es war ihm seltsam und sonderbar zumute. + +Plötzlich aber glitt die Flasche fast schüchtern zu Boden, und ein +rasender tierischer Schrei, erschütternder als jeder Hilferuf, ertönte +so gewaltig, daß die Wände fast barsten, das heilige Rußland zu wanken +begann und die Affen in ihren Käfigen zurückscheuten. Es stöhnte in den +Winkeln des Raumes und dröhnte durchs ganze Haus: + +Plotnikow, der sich in seiner bösen Trinkerperiode befand, ohne Kopf, +mit dem Mund auf dem Rücken und den Augen in den Schultern, Plotnikow, +der Bienenstock, der kein Wort Russisch verstand und nicht Russisch +sprach – hatte Marakulin plötzlich erkannt. + +– Petruscha, Schuft aller Schufte! – schrie er. Er blieb stecken, drehte +den Kopf wie einen Rüssel, stampfte vor Marakulin hin und her und +spreizte die behaarten Hände wie Fangarme; dabei rüttelte und schüttelte +es ihn, wie ein arktisches Panzerschiff: – Petruschka, du Schuft! – + +Er wankte zum Sofa, schlug mit seinem bepanzerten, Gog und Magog +ähnlichen urtümlichen Plotnikowschen Körper auf den Boden zwischen dem +heiligen Rußland und den Affen hin und begann wie ein Bienenstock zu +dröhnen. + +Zwei junge Männer, die an der Tür Wache hielten, faßten Marakulin unter +die Arme und trugen ihn wie eine kostbare Truhe aus dem Arbeitszimmer in +den Salon. Ihm entgegen kam auf einen Stock gestützt eine magere alte +Frau, die Mutter Plotnikows, Eudokia Andrejewna in eigener Person. + +– Du hast ihn gesund gemacht! – Die Alte konnte vor Erregung kaum +sprechen, und nachdem sie auf altrussische Art ein großes Kreuz +geschlagen, ließ sie den Stock fallen und verneigte sich vor Marakulin +tief bis zur Erde. Einige dunkelgekleidete alte Frauen stürzten aus den +Ecken hinzu, um ihr zu helfen, aber sie wollte nicht aufstehen. Erst +Marakulin gelang es, die Alte zu beruhigen. + +Achtundvierzig Stunden schlief Plotnikow, wie ein Bienenstock dröhnend. +Es herrschte eine Stille, als wäre außer ihm, außer dem Bienenstock +keine lebendige Seele im Hause. Diese ganzen zwei Tage ließ man +Marakulin nicht aus dem Hause: er wurde gepflegt, gefüttert, aber seine +Tür wurde verschlossen gehalten. + +Man unterhielt sich über den unseligen Pascha[9], über sein Unglück: er +habe sich mit Honig beschmiert und seitdem aufgehört, die Menschen zu +erkennen, selbst seine Mutter hielt er für einen gehörnten Elephanten, +für ein zerdrücktes Tier, und habe Fomitsch befohlen, sie zu erschießen. +Er habe dann in seinem unglückseligen Delirium jammervoll nach Marakulin +gerufen, so jammervoll, wie eine Katze, der man die Jungen entrissen. + +– Da erinnerte ich mich – erzählte Eudokia Andrejewna, – daß Pascha, als +er anfing, sich ans Geschäft zu gewöhnen, oftmals ein Buch mitbrachte. +Bei Petruscha, bei Peter Alexejewitsch war er, hieß es, und habe das +Glück mitgebracht. Er glaubt an dich von Kindheit an. Und so dachte ich: +der einzige Retter vor seiner grausamen Krankheit und vor seinem Unglück +kannst du nur ihm sein. Wir baten den Priester von Woskressenje[10], den +Vater Ssemjon, ihn mit Weihwasser zu besprengen, er ließ ihn aber nicht +an sich heran und nannte ihn ein zerdrücktes Tier. Dann wollten wir ihn +nach Chapilowka zum Bruder Iwanuschka bringen, er wollte aber nichts +hören. Dem Arzt Nikolai Fjodrowitsch sei es gedankt. Er hat uns auf den +Gedanken gebracht, dich kommen zu lassen. Du, Lieber, hast ihn geheilt! +– und die Alte bekreuzigte sich auf altrussische Art mit einem großen +Kreuz und verneigte sich tief. + +– Durch die Einwirkung des Unreinen, – wie eine grimmige Bestie! – +flüsterten die dunklen Alten in den Ecken. + +Und Eudokia Andrejewna schlug Kreuze und verneigte sich tief. + +Am dritten Tag erwachte Plotnikow, fuhr, als wäre nichts vorgefallen, in +die Stadt und kehrte erst am Abend wohlbehalten wieder heim. Am Abend +schleifte er Marakulin mit sich ins Wirtshaus zu Lawrow. + +Sie saßen wieder wie einst im linken Saal in einer Ecke, und wie einst +spielte der Musikautomat. Plotnikow kramte Erinnerungen aus: +Erinnerungen an die Schule, an die Lehrer, an Tschistije-Prudy und +Kuskowo. Er erinnerte sich sogar an eine besondre Lawrowsche Suppe, die +Marakulin damals so gern gegessen haben sollte. Der Musikautomat machte +traurig: doch nicht daß man Lust bekam, das Vergangene zurückzurufen – +die Vergangenheit lag ja hier vor einem wie auf der flachen Hand – +sondern es war unverständlich, wozu es einmal gewesen war, es sei denn +dazu, daß man sich einmal daran erinnerte. Und in die geheimsten Winkel +seines Lebens hineinschauend, erkannte Marakulin, daß es sich eigentlich +in nichts verändert hatte, daß er damals bei der besondren Lawrowschen +Suppe dasselbe gedacht und gefühlt hatte wie jetzt, nur unklar und nicht +ausgesprochen, mit einem flüchtigen, zufälligen Aufflackern von +Klarheit. Uebrigens, verändern sich denn die Menschen überhaupt? – + +Sie saßen wie einst im linken Saal in einer Ecke, und wie einst spielte +der Musikautomat. + +– Mit deinem Arkadij Pawlowitsch – sagte Plotnikow, – mit dem +Reviervorsteher, – du hast ihn damals sehr zu Unrecht gekränkt, +Petruscha – habe ich da ... – Plotnikow zeigte in die Richtung der +Separés und schlug sich seufzend auf die Tasche, – Fünfhundert Rubel +verlangte er für den Vergleich, und alles wegen deiner Fenja ... + +– Dunja – verbesserte Marakulin. + +– Dunja, Fenja, einerlei, – komm mit zu Arkadij Pawlowitsch, Freund, er +wird sich sehr freuen! Er hat, weißt du, für den Moskauer Aufstand ein +Kreuz bekommen, wirklich, und ist auf die Twerskaja versetzt worden – er +wird sich sehr freuen! Und weißt du was noch, Petruscha – Plotnikow +neigte sich zu ihm und sprach ganz leise – ich glaube an dich, wie an +den lieben Gott, und wenn in den Geschäften etwas nicht glatt geht, so +brauche ich nur an dich zu denken, deinen Namen laut auszusprechen, und +sieh, alles geht nach Wunsch. Ich denke darum, wenn mein Ende einst naht +und ich sterben muß, dann werde ich dich rufen, du wirst kommen und +meinen Tod aufhalten. Ich werde wie eine grindige Katze miauen, du aber +wirst mich wieder zum Menschen machen. So denke ich von dir, Petruscha! + +Sie saßen wie einst im linken Saal, und wie einst spielte der +Musikautomat. + +Doch sonderbar: während Plotnikow sich an alles von früher her +erinnerte, selbst an die besondre Lawrowsche Suppe, die Marakulin gern +gegessen haben sollte, und während er seinen Glauben an ihn bekannte, +war er gar nicht neugierig und fragte auch nicht mit einem Wort, wie es +Marakulin jetzt gehe; und noch sonderbarer war dies, daß Plotnikow, ohne +die Augen von Marakulin abzuwenden, einen ganz anderen zu sehen schien, +nicht Marakulin, sondern Gott weiß wen! Vielleicht sah er in der Tat in +ihm jemand, den man nicht nach seinen Angelegenheiten ausfragen kann. +Man fragt doch die Iwerskaja Mutter Gottes[11] nicht nach ihren +Geschäften! – Und es war Marakulin sonderbar und seltsam zumute. + +Noch einen Tag blieb Marakulin bei Plotnikow. Plotnikow führte ihn nach +der Iljinka in den Speicher, dann in das Twersche Polizeirevier zu +Arkadij Pawlowitsch; er war zu Plotnikows großem Bedauern nicht +anwesend. Abends brachte er Marakulin zur Bahn. Und beim Abschied +wiederholte er, daß er an ihn wie an den lieben Gott glaube, und wenn er +einst im Sterben ihn erblicken werde, so werde er sich vom Krankenlager +erheben, wie eine grindige Katze miauen und sich wieder in einen +Menschen verwandeln. + +Erst nachts unterwegs fragte sich Marakulin plötzlich, ob er seinen +Aufenthalt in Moskau nicht geträumt hätte. + +Das Alles war so sonderbar und seltsam: daß Plotnikow an ihn wie an den +lieben Gott glaubte, daß er sich nach der Iljinka in den Speicher +schleifen ließ, ja sogar zum Reviervorsteher Arkadij Pawlowitsch, – aber +nach Kalitnikowo auf den Friedhof zu gehen, hatte er vergessen. Und er +hätte doch unbedingt hingehen müssen, einen Augenblick am Grabe seiner +Eltern verweilen, es nur ansehen, – nur ansehen und Abschied nehmen! + +Und ein Gefühl von Gram überflutete ihn. + + + + + Sechstes Kapitel + + +Den ganzen Tag von Morgen bis zum Abend lief Wera Nikolajewna herum, um +zu massieren, die Abende verbrachte sie über ihren Lehrbüchern: sie +bereitete sich zum Abiturientenexamen vor, weil sie um jeden Preis in +das medizinische Institut eintreten wollte. Wera Nikolajewna wurde von +Anna Stepanowna unterrichtet, deren Angelegenheiten im Lednjowschen +Mustergymnasium übrigens nicht zum besten standen. + +Die Vorsteherin Lednjowa zahlte ihr vorläufig mit Aussicht auf die +geheimnisvollen Equipierungsgelder den Gehalt aus eigener Tasche, und +sie begleitete diesen üppigen Vorschuß jedesmal mit ihren beliebten +Erörterungen über gute Taten, über den Verfall der Moral überhaupt und +über ihre eigene Opferwilligkeit – man denke: in ihrem eignen Gymnasium +gab sie den Unterricht umsonst! – + +Nach Anna Stepanownas Erzählungen war in diesem Gymnasium die Hölle los. +Es herrschte ein musterhafter Wirrwarr in dem musterhaften Gymnasium. +Nicht weil da etwa lauter ungezogene Kinder beisammen gewesen wären, +nicht an ihrer Ausgelassenheit lag es, sondern weil man die Schülerinnen +als Einnahmequellen warm halten mußte, und diese Behandlung von den +Kindern ganz richtig eingeschätzt wurde. Natürlich wurden nie Verweise +erteilt, und die Noten mußten so ausfallen, daß die Eltern nicht auf den +Gedanken kommen sollten, ihre Töchter in eine andre Schule zu geben. Die +Lednjowa gab selbst Unterricht und liebte es auch, den Stunden andrer +beizuwohnen und durch allerlei Fragen ihre unbezahlten Lehrer zu +kontrollieren. Es wurde überhaupt nach keinem Programm unterrichtet, +auch nicht nach den Lehrbüchern, die das Unterrichtsministerium +begutachtet und bestimmt. So zum Beispiel waren in der großen +französischen Revolution nicht etwa Robespierre und Marat die Führer, +wie man gewöhnlich lehrt – was bedeutet auch so ein Robespierre oder +Marat! – der Hauptführer war Hugo Capet, der für sein Verbrechen gegen +König Louis zugrunde ging. + +Der musterhafte Wirrwarr im musterhaften Gymnasium wurde durch eine +musterhafte Enge und Kälte vervollständigt. Es herrschte darin eine +echte Januarkälte. Die Oefen wurden niemals geheizt, und zwar nicht nur +nicht in den Klassenzimmern – denn so verlangt es das letzte Wort der +Hygiene –, sondern auch nicht im Lehrerzimmer. Es ist wahr, daß die +Kinder nicht sehr darunter litten: sie tanzten, sprangen, tobten herum, +und das Gymnasium war ein wahres Sodom an Lärm. Für die Lehrer war es +weniger bequem, daran teilzunehmen: leise kann man nicht Lärm machen und +laut schickt es sich nicht. Auf alle Vorstellungen hatte die Lednjowa +nur eine Antwort: + +– Was fällt Ihnen ein? Sie sollten sich erst das Karrassewsche +Gymnasium, oder das Spaßesche ansehen, dort ist es wirklich kalt! + +Diese Antwort der Lednjowa versetzte Anna Stepanowna aus Petersburg in +ihr Purchowez zurück und erinnerte sie an den Inspektor der +Volksschulen, an den berühmten Obraßzow. + +Dieser berühmte Mann aber war nicht mehr und nicht minder als der +leibliche Bruder der Vorsteherin Lednjowa. + +Rakow, der Historiker, sprach mit großem Respekt von ihm. Nach Rakow, +wäre Obraßzows Name, hätte dieser in der „antiken Geschichte“ gelebt, +unbedingt unter den berühmten Aussprüchen im Tempel zu Delphi +eingegraben worden, und sein Kopf hätte den Giebel des athenischen +Parthenon geschmückt. Und Rakow, der Historiker, irrte sich nie. + +Als einmal ein Lehrer sich bei Obraßzow beklagte, daß es in der Schule +naß und kalt sei, nur sechs Grad, da lautete Obraßzows, einer Lednjowa +würdige Antwort folgendermaßen: + +– Ich bitte Sie, sechs Grad, das ist ja doch ein wahrer Segen. Im +Pokidoschenschen Gouvernement aber, da kam ich einmal, als ich noch +Inspektor dort war, in eine Schule: die Kinder saßen in Schafpelzen, der +Lehrer im Pelz und in Gummischuhen. Ich sitze ein Weilchen da, bin ganz +durchfroren. Ich will eine Notiz über meinen Besuch machen, doch die +Tinte ist eingefroren. Der Lehrer blies in das Tintenfaß, blies und +wärmte es, es nützte aber nichts, und ich mußte ohne Notiz abreisen. +Eine solche Kälte war da! Bei Ihnen aber ist ein wahrer Segen! – Und als +ein andrer Lehrer sich einmal über die Enge in der Schule beklagte, da +blieb ihm Obraßzow auch die Antwort nicht schuldig: + +– Ich bitte Sie – rief er, – Sie haben keine Ahnung von wirklicher Enge. +Im Pokidoschenschen Gouvernement, da kam ich einmal, als ich dort noch +Inspektor war, in eine Pfarrschule: es war auch zugleich das Armenhaus. +Im selben Zimmer die Betten der Armenhäuslerinnen, eine Gans schnattert +in einem Korb auf den Eiern, ein Kalb blökt, und gleich daneben die +Kinderchen auf fünf Bänken, – kein Platz, um auch nur einen Schritt zu +machen, und die Luft so, daß mir der Atem verging. So eng ist es +manchmal, hier aber ist ein wahrer Segen! – Dem Lehrer aber, der von +einer Masse Frösche meldete, die sogar unter die Bettdecke krochen, gab +Obraßzow einen wahrhaft delphischen Verweis, der es gebieterisch +verlangt, Purchowez oder Pokidosch in Rakows Geschichte des Altertums +aufzunehmen. + +– Es kann hier von einer Masse gar nicht die Rede sein – rief Obraßzow – +ein Dutzend höchstens hüpft da herum, gleich kommen Sie und nennen das +eine Masse! Sie haben eben nie eine Masse gesehen! Im Pokidoschenschen +Gouvernement, da kam ich einmal, als ich noch Inspektor dort war, in +eine Schule, da wimmelte es an der Decke buchstäblich von Schwaben. Wenn +man die Tür zuschlug, da regneten sie nur so herunter! Das nenne ich +eine Masse. Als ich nach Hause kam und mich auszukleiden begann, da +wimmelten die Schwaben nur so auf mir herum. Meine Frau bekam Angst und +stieß mich sofort in den Frost hinaus, und ich mußte mich draußen +ausziehen. Aber bei Ihnen hier ist ja ein wahrer Segen! + +Ja, Rakow der Historiker hatte recht, wie immer. + +Doch wenn man den Namen des berühmten Purchowezschen Inspektors unter +den berühmten Aussprüchen im Tempel von Delphi hätte eingraben müssen, +so müßte man die Vorsteherin Lednjowa, welche die große Kunst besaß, +keinen Heller aus ihrer eigenen Tasche auszugeben und die nicht nur ihre +ausgehungerten Lehrer, sondern sogar das Ministerium naszuführen +verstand, – noch großartiger ehren! + +Der Winter ging zur Neige. Zugleich mit dem Schnee schmolz der große +schwarze Berg auf dem belgischen Hof zusammen. Der Frühling kam, Ostern +kam. + +Freudlos wurde das Osterfest empfangen, so wie das Weihnachtsfest +freudlos vergangen war. Wassilij Alexandrowitsch der Clown hatte das +Krankenhaus verlassen. Seine Ferse war geheilt, dennoch war seine Kunst +unwiderruflich verloren. An der Ferse war etwas nicht richtig, er hatte +gleichsam keine Ferse mehr: er konnte nur bis zur Ecke der Gorochowaja +gehen, bis zum Zeitungsausträger und zurück, nicht weiter. Wera +Nikolajewna riet der Arzt, statt das Abiturientenexamen zu machen, keine +Zeit zu verlieren und nach Abas-Tuman[12] zu reisen: an ihrer Lunge war +etwas sehr nicht in Ordnung – es war etwas wie ein Geräusch oder ein +Zischen. Anna Stepanowna fiel bei der musterhaften Lednjowschen Ordnung +einfach um vor Müdigkeit – und lächelte. Sie lächelte stets ihr krankes, +erschreckendes Lächeln. + +Zu Ostern ereignete sich auf dem Burkowschen Hof alles, was jahraus, +jahrein an den hohen Feiertagen sich zu ereignen pflegte, seitdem das +Haus an der Fontanka stand: Unfälle, Begebenheiten, Skandale, +Schlägereien, Prügeleien, Hilferufe, Polizeiwache – doch alles in sehr +gesteigertem Maße und viel lauter als gewöhnlich. + +Bei der Hebamme Lebedjowa ereignete sich wieder ein Diebstahl, diesmal +aber wurde ihr kein Pelzmantel gestohlen, sondern zweiunddreißig Rubel, +die sie sich für einen neuen Pelz zusammengespart hatte. Das Geld lag in +einem Strumpf in einer geschlossenen Kommode; der Strumpf fand sich, +doch das Geld war spurlos verschwunden, als wäre es im Ofen verbrannt +worden. Man beschuldigte wieder den Portier Nikanor, er hätte nicht +genügend aufgepaßt, doch wie sollte er aufpassen: den ganzen Tag ist er +auf den Beinen und bei Nacht das Geklingel, und so das ganze Jahr +hindurch! Natürlich war es ein schlauer Dieb, einer von den Hausgenossen +– aber es war nichts zu machen. Der Bäcker Jarigin aus der Burkowschen +Bäckerei legte sich, nachdem er den ganzen ersten Feiertag gesoffen +hatte, abends auf ein Brett schlafen, das über dem Backtrog lag. In der +Nacht hatte er sich wohl ungeschickt umgedreht und fiel in den Teig. Im +Laufe der Nacht hat es ihn eingesaugt, und als man es am Morgen gewahr +wurde, da war es zu spät, nur die Beine ragten noch aus dem Teig. Ein +guter Bäcker war der Jarigin! Stanislaus der Kontorist und Kasimir der +Monteur wollten sich amüsieren und machten zum Spaß Jerkin den +Paßaufseher betrunken. Jerkin aber, der sein Neujahrsgelübde, nicht zu +trinken, das er dem Bruder im Hafen abgelegt, bis nun streng befolgt +hatte, wurde infolge der strengen Enthaltsamkeit nach einem Glas +Pfefferbranntwein toll und begann zu raufen. Das geschah am hellichten +Tage im Hof, während in den „Winkeln“ die Mädchen in den schwarzen +Kopftüchern und die Nonnen, die Almosensammlerinnen in Schaftstiefeln, +für Gorbatschow „Christ ist auferstanden“ sangen. Kasimir entkam, +Stanislaus aber fiel herein: Jerkin nahm ihn auf die Arme, warf ihn zu +Boden, preßte ihn, drückte ihn mit dem Knie und biß ihm die Nase ab. Der +rote Hund des Gouverneurs, der gerade auf dem Hofe war, fraß Stanislaus’ +Nase auf. Burkow selbst, der ehemalige Gouverneur, der Selbstvertilger, +vergaß am ersten Ostertag, als er aus einer vornehmen Gesellschaft nach +Hause fuhr, ein Osterei im Wagen, und als er am anderen Morgen den +Verlust bemerkte, meldete er es der Polizei und forderte die +Feststellung des Kutschers, der sich dies offenbar außergewöhnliche Ei +angeeignet hatte; – was man in allen Petersburger Zeitungen am dritten +Tag lesen konnte. Ebenfalls am dritten Tag verurteilten die Kinder im +Hof, Kriegsrecht spielend, Wanjuschka, den Sohn des Portiers Nikanor zur +Todesstrafe durch den Strang und vollzogen das Urteil: sie schleppten +den Knaben in die Wagenremise und hingen ihn vermittelst einer +Pferdeleine auf. Kaum, daß man ihn wieder ins Leben rufen konnte: es war +ein schwächlicher Bub. Er war schon ganz blau und wäre beinahe erstickt. +Schließlich beging das Ehepaar Oschurkow ganz unerwartet Selbstmord. +Niemand im Hof konnte begreifen, weshalb sie es getan hatten. Sie hatten +ja eine Wohnung von zehn Zimmern, alle zehn Zimmer voll von Nippes, und +ein Aquarium mit Goldfischchen. „Es war eine feine Gesellschaft!“ +wiederholten die Dienstmädchen einstimmig, jene Köchinnen und +Hausmädchen, die wegen eben dieser Nippes nie lange bei Oschurkows +aushalten konnten. + +Kurz nach Ostern, in der Thomaswoche, kam einmal Sergej Alexandrowitsch, +der mit dem Theater einen Vertrag über eine Gastspielreise ins Ausland +geschlossen hatte, zu Marakulin zum Tee. Es kamen auch Wera Nikolajewna +und Anna Stepanowna, und auch Wassilij Alexandrowitsch der Clown, auf +ein Stöckchen gestützt. Es war die Rede von der Damaskinschen +Gastspielreise ins Ausland; Sergej Alexandrowitsch sah in ihr fast so +etwas wie Rußlands Rettung. Er meinte: Rußland, das unter all den +Rakows, Lestschows, Obraßzows, Lednjowas, Burkows, Gorbatschows und +Kabakows erstickte, dieses Rußland werde sich zum erstenmal mit seiner +Kunst der Stadt der großen Männer, dem Herzen Europas – Paris, zeigen +und es besiegen. + +– In der Tat, – rief Sergej Alexandrowitsch, indem er sich wie auf dem +Theater reckte, – laßt uns doch alle hinfahren! Alle müssen wir ins +Ausland, wenn auch nur für einen Monat, für eine Woche, gleichviel, nur +um einen Blick zu tun, und um uns von dieser ganzen Burkowerei zu +erholen. Auch du, Wassilij, auch dich schleppen wir mit! Und auch Sie, +Wera Nikolajewna, denken Sie nicht mehr an Ihr Abas-Tuman! + +– Wo nehmen wir das Geld zur Reise? fragte Anna Stepanowna und lächelte. + +– Wie? wieso Geld? + +– Wie kommen wir ins Ausland? – bemerkte Wera Nikolajewna. + +– Du hast dich verstiegen, Bruder, mit deinem Paris, meine ich! + +– Ich werde das Geld schaffen – rief Marakulin, der sich plötzlich an +Plotnikow erinnerte, – ich werde uns tausend Rubel verschaffen! – +Marakulin sagte es so fest und überzeugt, daß es alle mit Glauben +erfüllte, und man sprach nicht mehr vom Gelde. + +So wurde der Beschluß gefaßt: Alle reisen ins Ausland, nach der Stadt +der großen Männer, ins Herz Europas – nach Paris. Sie bekamen ganz heiße +Köpfe und schmiedeten allerlei Pläne. Die Einzelheiten dieser Pläne +wurden mit solcher Begeisterung und mit solchem Glauben ausgemalt, als +wäre in der Tat Rußlands Rettung, – ihre Rettung mit dieser Reise +verbunden, und sie brauchten bloß die Grenze zu überschreiten, damit die +Rettung sich vollziehe. + +Dort, in Paris wird Anna Stepanowna ihren Platz auf Erden finden, ihre +Seele wird sich aufrichten, und sie wird anders lächeln können. Dort, in +Paris wird Wera Nikolajewna sich erholen und ihr Abiturientenexamen +machen. Dort, in Paris wird Wassilij Alexandrowitsch wieder das Trapez +besteigen und seine Künste zeigen können. Dort, in Paris wird, während +Sergej Alexandrowitsch tanzend das Herz Europas besiegt, auch Marakulin +seine verlorene Freude wiederfinden. + +Man müßte Werotschka finden – dachte Marakulin plötzlich, und er sagte: +wir müssen auch Werotschka mitnehmen, damit sie dort in Paris zu sich +kommt. Entweder sie wird dort eine große Schauspielerin und rächt sich +so an Anissim Wakujew, oder noch besser: mag dort Ruhe über sie kommen +und der Friede Gottes, daß die Rache in ihr still wird, und sie verzeiht +ihm. + +Als er dies sagte, waren alle einverstanden, daß man auch Werotschka +mitnehmen müsse. – Ich bin Werotschka begegnet – erzählte Wera +Nikolajewna, – Sie waren damals in Moskau. Ich gehe einmal abends durch +die Gorochowaja nach Hause, da kommt sie mir entgegengelaufen. Es war +kalt, der Sturm pfiff, und sie lief in einem Sommerjäckchen herum, ein +weißes Tuch um den Kopf. „Werotschka!“ rufe ich. Sie blieb stehen, sah +mich an, aber so sonderbar. Sie zitterte am ganzen Leibe. „Werotschka,“ +sage ich, „kommen Sie Tee trinken, kommen Sie zu uns Tee trinken!“ Sie +aber richtet ihr Kopftuch, zittert am ganzen Leibe und schüttelt den +Kopf. Es war auf der Ssemjonowschen Brücke, – eine furchtbare Kälte, der +Sturm pfiff ... + +Noch am selben Abend wurde der Brief an Plotnikow geschrieben, und am +nächsten Morgen eingeschrieben nach Moskau abgeschickt. Marakulin +glaubte so fest, daß das Geld kommen würde, er glaubte so fest an die +tausend Rubel von Plotnikow, wie Plotnikow selbst an Marakulin glaubte. + +Inzwischen begab sich Adonja Iwoilowna auf ihre Pilgerfahrt. Sie zog +nach Jerusalem, wo der Weihrauch nie verduftet und wo die Kerzen +brennen, die nie verlöschen. Dort wird sie im Jordanfluß baden und sich +mit Wermut abtrocknen, damit all ihr Gram wie Tannenrinde von ihr +abfalle, all ihr Kummer und ihre Tränen. Dann wird sie Paraschas Schiffe +verstehen, und die Erde am Grabe ihres Mannes auf dem Smolenskischen +Kirchhof wird nicht mehr abbröckeln. + +An den Abenden war Akumowna frei und legte Karten. Sie zeigten für jeden +eine große Veränderung an und einen Weg, und für Marakulin außerdem noch +Gras und Tannen, wie damals vor seiner Reise nach Moskau, nur daß die +Tannen jetzt nicht mehr am Rande, sondern ganz nahe bei ihm lagen. Bei +Wera Nikolajewna lagen sie am Rande. + +– Ein fröhlicher Weg! – flüsterte Akumowna. + +– Wir fahren nach Paris, Akumowna, ins Herz Europas! + +– Wollen wir nicht auch Akumowna mitnehmen? Ist Akumowna einverstanden, +mit uns nach Paris zu gehen? – fragte Sergej Alexandrowitsch zwinkernd. + +– Gewiß. Ich komme mit. Neun Jahre habe ich keine Luft geatmet. Da werde +ich aufatmen. + +Akumowna ließ sich nicht lange bitten, denn sie wäre bereit gewesen, +Sergej Alexandrowitsch nicht nur nach Paris, sondern sogar bis ans Ende +der Welt zu Fuß zu folgen. + +– Ausgezeichnet! Wir lassen also die Sklavin Kusjmowna hier, um die +Wohnung zu hüten, und adieu Rußland! Man muß alles von sich abschütteln! +– Und vor Ueberschwang der Gefühle und Hoffnungen auf den Erfolg +Rußlands, oder auf seinen eigenen Sieg im Herzen Europas, begann Sergej +Alexandrowitsch mit den Füßen zu flattern, wie ein Hahn mit den Flügeln. + +– Man soll dann schon auch Weruschka mitnehmen. Die wird hier zugrunde +gehen, die Unverschämte! – sprach Akumowna, an ihre Wera denkend, die +auf dem Burkowschen Hof längst zugrunde gegangen war. + +– Auch deine Weruschka nehmen wir mit, Alle werden wir im Auslande sein! + +Akumowna legte liebevoll Karten für Sergej Alexandrowitsch. + +– Unser Priester in Turij-Rog – erinnerte sich Akumowna plötzlich, – er +war ein guter Mann, ein großer Büßer, der Vater Arsenij! Vor seinem Tode +erhob er sich und fragte: „Sind die Pferde bereit?“ – „Was für Pferde, +ehrwürdiger Vater?“ – „Ich habe ja eben ein Paar getraut, man ladet mich +zur Hochzeit ins Ausland!“ sagte er und starb. + +– Ein Pope stirbt wie ein Pope! – sagte Sergej Alexandrowitsch lächelnd +und verfolgte weiter die Karten. + +Marakulin aber fühlte plötzlich, wie es in seinem Innern zuckte, als +würde etwas in ihm brechen, doch die Hoffnung rüttelte und richtete ihn +wieder auf. Alle seine Hoffnungen waren jetzt auf Plotnikow gerichtet, +und er konnte an nichts andres denken. Die Hoffnungen waren Mächte. + +Der Mai kam. Auf dem belgischen Hof erhoben sich die weißen Zelte, +Ziegelsteine und Sand wurden angefahren, und die Instandsetzung des +Hauses begann. Abends erklang schluchzend die Balalaika, – von dieser +armseligen nichtrussischen Habe gab es viel auf dem Burkowschen Hof – +und aus den Fenstern reckten sich die während des Winters zerzausten, +ausgehungerten Köpfe, in der Hoffnung, sich in der Maisonne etwas zu +erwärmen. + +Von Plotnikow aber kam noch immer keine Antwort. In Marakulins Herz +schlich sich eine unheimliche Unruhe; er fürchtete, es sich selbst zu +gestehen und sprach zu niemand davon. Die Antwort wird kommen, sie muß +kommen! Sie müssen und sie werden im Ausland sein, in der Stadt der +großen Männer, im Herzen Europas, in Paris! + +Dort, in Paris wird Anna Stepanowna ihren Platz auf Erden finden, ihre +Seele wird sich aufrichten, und sie wird anders lächeln können; dort, in +Paris wird Wera Nikolajewna sich erholen und ihr Abiturientenexamen +machen; dort in Paris wird Wassilij Alexandrowitsch wieder das Trapez +besteigen und seine Künste zeigen, und dort in Paris wird auch +Marakulin, während Sergej Alexandrowitsch im Tanz das Herz Europas +besiegen wird, seine verlorene Freude wiederfinden. Er wird Werotschka +finden, und in Paris wird Werotschka eine große Schauspielerin werden, +Gottes Friede wird über sie kommen. Dort, in Paris wird von Akumowna, +die als rollender Stein bis nach Paris gelangt sein wird, der väterliche +Fluch weichen, sie wird Luft atmen, die sie neun Jahre nicht geatmet +hat, und sie wird es nicht mehr nötig haben, bis zum Kaiser +vorzudringen, oder Aufguß von Pferdemist zu trinken. Dort, in Paris wird +ihre Wera nicht zugrunde gehen, die auf dem Burkowschen Hof schon längst +zugrunde gegangen war. + +Der Glaube besiegte jeden Zweifel, zerstreute durch seine Kraft und +Festigkeit jedwede Unruhe. Marakulin glaubte an die Plotnikowschen +Tausend, wie Plotnikow an ihn selbst. Eine Woche nur blieb noch bis zu +Sergej Alexandrowitschs Abreise ins Ausland. Es wurde beschlossen, daß +er mit seinem Theater vorausfahren und von dort, aus Paris, schreiben +sollte. Inzwischen wird das Geld angekommen sein, und dann wird fast der +ganze Burkowsche Hof von der Fontanka geradeaus nach Paris aufbrechen. + +Doch diese Woche, voll von Unruhe, Erwartung und Schwanken zwischen +Glaube und Zweifel, zwischen Hoffnung und Hoffnungslosigkeit, bestimmte +von selbst alles auf ihre Weise. + +Im Gymnasium bei Anna Stepanowna waren die Prüfungen vorüber, und +offenbar waren jetzt endlich die geheimnisvollen Equipierungs-, +Wohnungs- oder Reisegelder – jeder nannte sie anders – angekommen. Und +da diese Gelder dort nur einmal ausgezahlt wurden, wurde Anna Stepanowna +natürlich von der Lednjowa gekündigt. Für Anna Stepanowna, meinte die +Vorsteherin, sei es zu schwer am Gymnasium, sie sei auch nicht ganz ohne +Tadel, sie trage zum Beispiel eine halsfreie Bluse, das schicke sich +nicht; auch lächle sie so eigentümlich, – dieses Lächeln mache Seine +Ehrwürden, den Religionslehrer Aristowulow verwirrt, das schicke sich +auch nicht; man könnte ja sagen: im Lednjowschen Mustergymnasium werde +Seine Hochwürden durch eine Lehrerin verdorben, und das wäre schon ganz +fatal! – Mit einem Wort: wenn der Mensch die Absicht hat, zu irgendeinem +ihm notwendig erscheinenden Zwecke einen anderen zu beschmutzen, so gibt +er sich Mühe, – dazu ist er ja ein Mensch. Selbstverständlich ertranken +die halsfreie Bluse und der Priester Aristowulow, der von Anna +Stepanowna verdorben wurde, in den beliebten Betrachtungen der Lednjowa +über gute Taten überhaupt, über den Verfall der Moral und über die +Sittenverderbnis, über die junge Sache, die man fördern und über die +Opfer, die man ihr bringen müsse: sie, die Lednjowa selbst, gebe in +ihrem eigenen Gymnasium Unterricht umsonst, außerdem ernähre sie zwanzig +Lehrer! Ganz Petersburg kenne sie sehr gut, sie, die Vorsteherin +Lednjowa, und die Generalin Cholmogorowa selbst sei ihre Freundin. + +So einfach war das Ende bei Anna Stepanowna, sehr einfach. Und sie ging +lächelnd – mit jenem Lächeln, das in der Seele weh tat – ihren Weg, der +sie von Leschtschow zu der Lednjowa führte, und von der Lednjowa zur +Petrowa, zu irgendeiner Seelenschwester der Lednjowa führen wird, bis +sie endlich aufhören wird zu lächeln. + +Endlich kam die so lange, so ungeduldig, so viel erwartete Antwort von +Plotnikow: Plotnikow ließ Marakulin durch die Bank fünfundzwanzig Rubel +anweisen. So reiste denn Sergej Alexandrowitsch allein mit dem Theater +ins Ausland, nach Paris, um mit der russischen Kunst das Herz Europas zu +besiegen. Vor der Abreise mietete er eine Sommerwohnung in Finnland und +überredete Wera Nikolajewna und Anna Stepanowna zusammen mit Wassilij +Alexandrowitsch, der noch immer sorgsamer Pflege bedurfte, und damit er +sich ohne Ferse und mit seinem Stöckchen nicht zu sehr langweilte, +hinauszuziehen. Mit der Sklavin Kusjmowna an der Spitze zogen sie also +statt nach Paris nach Tur-Kilja: Wera Nikolajewna, Anna Stepanowna und +Wassilij Alexandrowitsch, der Clown. Nur Marakulin und Akumowna blieben +zurück, um auf dem Burkowschen Hof zu übersommern. + +– Ich werde zum Kaiser gehen: die Hände so, wie im Sterben, und werde +alles sagen. Ich werde zum Kaiser gehen, nackt, splitternackt; die Hände +so, wie im Sterben, und werde ihm alles erzählen. + +Aber Marakulin erwiderte Akumowna nichts mehr, nicht einmal mit ihren +eigenen Worten, die ihr Wahlspruch, ihr Sterbegebet – die Sühne und der +Lohn für alle Taten waren: Man darf niemand beschuldigen! – Alles war in +ihm still und taub geworden. + + * * * * * + +Der eine muß verraten, um durch den Verrat seine Seele aufzuschließen +und in der Welt er selbst zu sein, der andere muß töten, um durch den +Mord seine Seele zu finden und wenigstens als er selbst zu sterben. +Marakulin aber mußte offenbar eine Quittung ausfertigen – aber nicht an +die Person, der sie zukam –, um seine Seele zu erschließen und in der +Welt nicht ein beliebiger Marakulin zu sein, sondern als dieser Peter +Alexejewitsch Marakulin, der er war, sehen, hören und fühlen. + +Aber er ertrug es nicht, dieses Leben für nichts: nur sehen, nur hören, +nur fühlen, und flehte um Ruhe. Da erfand er die Generalin – die +unsterbliche, sünden- und schmerzenlose Laus, erdachte er ihr +königliches Recht, in der Hoffnung, dadurch seine verlorene große Freude +wiederzugewinnen. Schon begannen auf seinem glatten, geraden, +hoffnungslosen Weg, wo der letzte Schatten, die letzte Spur der Hoffnung +sich verlor, jene leisen und wie die Raupen haftenden, bösen, dunklen +Mächte der herannahenden Verzweiflung zu arbeiten, das feste Mark und +die Wurzel seines Lebens anzunagen und ihn vom Leben abzulösen. + +Vom Morgen bis zum Abend lief Marakulin in Petersburg herum, jagte von +einem Ende zum anderen, von Schlagbaum zu Schlagbaum, von Viertel zu +Viertel, – er lief herum wie eine Maus in der Falle. In seiner Tasche +lag der neue Plotnikowsche Schein, die fünfundzwanzig Rubel, wie einst +Dunjas neues seidenes Taschentuch mit den in Kreuzstich eingestickten +Anfangsbuchstaben seines Namens, und er vergaß den Schein wie er einst +Dunjas seidenes parfümiertes Tuch vergessen hatte. + +Und dennoch, welch zähes Leben steckt doch im Menschen! Hin- und +hergeworfen, geschlagen läuft er wie ein geschlachteter Hahn auch ohne +Kopf herum, als wollte er auch ohne Kopf nach Körnern suchen, und bläht +sich noch auf! Marakulin fand nämlich eine Beschäftigung, er fand etwas, +um sich Luft zu machen; er machte eine Entdeckung, die in ihrer +Tragweite dem betrunkenen Plotnikowschen Projekt, die Fliege als Motor +auszubeuten, wahrlich in nichts nachstand: + +Man braucht bloß auf die Straße hinauszugehen, um ganz unabhängig vom +eigenen Willen unter die Herrschaft eines besonderen Gesetzes der Straße +zu geraten, und deine Art aufzutreten und deine Haltung hängt nicht mehr +von dir ab, sondern von der Welle oder vom Strom, in den du geraten +bist. Gerätst du in die eine Welle, dann ist dir so, als machten sich +alle über dich lustig, als schnitten dir alle Grimassen, die Frauen +kichern, die Männer schieben ihre Lippen vor und spitzen sie wie zum +Pfeifen. Da kommt eine andre Welle herangerollt, und das Bild ist +plötzlich verändert: die Männer haben bestialische, düstre, drohende +Gesichter, man begegnet selten einer Frau, und wenn eine vorübergeht, so +ist sie ganz allein; sie geht und lacht, sieht niemand, als wäre sie +blind, und lacht zu sich selbst. Wieder eine neue breite Welle: – lauter +Frauen – und es ist einem, als gäbe es keine böseren Augen, kein böseres +Lächeln; sie betrachten einander, sie stechen mit den Augen und lächeln, +als wollten sie mit ihrem Lächeln einander verbrühen, die bösen Weiber. +Da rollt noch eine Welle heran: Menschen, gewöhnliche Menschen, – sie +gehen dicht zusammen gedrängt und sind munter. Aber man sieht keine +Kinder unter ihnen, nur ausgemergelte, verkrüppelte Zwerge mit schlaff +wie Peitschen herabhängenden Armen und riesengroßen, nach vorn gebeugten +Köpfen. Und so noch viele verschiedene Wellen. Es gibt auch +zurückflutende Wellen. Gerätst du da hinein, so treibt es dich vom +großen Strom ab, und alles jagt an einem vorbei: alte Männer, Kinder, +alte Frauen, Straßenbahnwagen und Automobile. + +Als Marakulin diese Entdeckung gemacht hatte, stürzte er sich auf sie +mit der gleichen Hartnäckigkeit, wie einst über den Bericht an den +Direktor. Er war ja jetzt eigentlich wie tot, man hatte ihn ja bereits +begraben. Er erinnerte sich an die Worte, die der Kassierer Alexander +Iwanowitsch Glotow damals im Theater zu ihm gesprochen hatte: „Und wir +haben dich schon längst begraben, weißt du, Petruscha!“ Ja, seit langem +hatte man ihn begraben, und er konnte wie ein Toter, wie eine Leiche, +wie einer aus dem Jenseits leicht, unauffällig und unparteiisch die +Diesseitigen, die Lebenden beobachten. Und jetzt wollte er seine +Entdeckung überprüfen. + +Doch wozu sie prüfen, was für einen Sinn das haben sollte, wer diese +Entdeckung brauchte, welchem Toten, welcher Leiche, welchem Gespenst aus +dem Jenseits, oder welchem Lebenden zum Spaß oder zu Nutzen sie dienen +sollte? – das fragte er sich nicht, das ging ihn nichts an; – in ihm war +alles stumm und taub geworden – es war eben zwecklos und nichts mehr als +das Sichaufblähen des geköpften Hahns. + +Doch auch darin irrte er sich. Er hatte keine Zeit mehr zum Prüfen. + +Eines Nachts, als er auf dem Newsky ging, traf Marakulin Werotschka. Es +war so: an dem Wartturm des Magistrates wurde Razzia gemacht, und wie +immer in solchen Fällen, liefen auf dem Newsky etwa hundert sinnlos +herausgeputzte Weiber herum, die sich auf die Passanten stürzten und sie +anflehten, sie ein kleines Stückchen zu begleiten. Unter diesen Weibern +fiel ihm eine auf, die ebenso besinnungslos wie die anderen, vom +Bürgersteig auf den Damm und vom Damm auf den Bürgersteig sprang. Sie +war ganz schwarz gekleidet. Als sie am Schutzmann glücklich vorüber war, +lief sie zur Anitschkowschen Brücke. In dieser einsamen Dunklen – alles +war schwarz an ihr: das Kleid, der Hut, die Handschuhe – erkannte er +Werotschka. Da erinnerte er sich an den neuen Plotnikowschen +Fünfundzwanzigrubelschein, befühlte ihn in der Tasche – er war jetzt +kein Bettler mehr – und stürzte ihr nach. Aber an der Anitschkowschen +Brücke mischte sich Werotschka unter die Menge und verschwand ihm aus +den Augen. + +– Werotschka! – rief er, indem er sich bald nach der Fontanka und bald +nach dem Newsky umsah, – Werotschka! – und etwas Schwarzes, Kaltes wand +sich wie eine Schlange um sein Herz. + +Am nächsten Morgen war das erste, was in ihm als Gedanke und Entschluß +erwachte, der feste Vorsatz, schon am frühen Abend auf den Newsky zu +gehen und Werotschka aufzulauern. Den ganzen Tag blieb er zu Hause. Es +war Donnerstag vor Pfingsten, und Akumowna hatte heute vor, besonders +ausgiebig Karten zu legen: nach ihr war das ein günstiger Tag zum +Wahrsagen, auch Träume in dieser Nacht geträumt, sollten die Wahrheit +künden. + +Auf den Burkowschen Hof kamen wandernde Musikanten: eine Harmonika und +ein Tamburin. + +Die Harmonika spielte ein Handwerker, wohl irgendein Schlosser oder +Wasserleitungsarbeiter, ein großgewachsener dunkler Mann, das Tamburin +schlug ein kleines Mädchen in einer Matrosenbluse und Matrosenmütze; sie +war etwa zwölf Jahre alt, man konnte es genau nicht feststellen. Das +kleine Mädchen hatte nur ein Bein. Sie stützte sich auf einen Stock und +hielt das Tamburin auf dem gebogenen Knie. + +Das kleine Mädchen sang zur Harmonika. + +Sie sang ein Lied, wie es in Fabriken gesungen wird, mit fremden Versen +durcheinandergemengt, wie: „Ich werde auf den Grund des Meeres tauchen, +ich werde fliehen zu den Wolken hinan,“ sie sang aus Zigeunerliedern von +Troikas und von feurigen Augen und gefühlvollen Tränlein. Plötzlich +brach auch eine uralte Weise durch. Sie sprach rein und deutlich aus, so +daß man jedes Wort verstehen konnte. Aber nicht am Wort lag es. Mit +einem vollen tiefen Alt sang das kleine Mädchen und schlug das Tamburin +dazu. Von der Weite der Steppe und der Unermeßlichkeit des Meeres war +das Lied getränkt. Und das Tamburin schlug, wie das Herz schlägt. + +Die Musikanten wurden von den Kindern umringt; sie ließen ihre wilden +Spiele und ihre wilden Arbeiten, sie standen still herum und wandten +kein Auge ab von dem einbeinigen kleinen Mädchen, wie einst von der +Katze Murka, die sich vor Schmerz auf den Steinen gewälzt hatte. Und das +Mädchen sang. Der Perser, der Masseur aus der Badeanstalt – er hielt +sich stets in der Nähe der Kinder auf – der schwarze Perser hockte sich +ebenfalls hin und rollte seine Augäpfel. Und das Mädchen sang. Mit einem +vollen tiefen Alt sang das kleine Mädchen und schlug das Tamburin im +Takt zu. Von der Weite der Steppe und der Unermeßlichkeit des Meeres war +das Lied getränkt. Und das Tamburin schlug, wie das Herz schlägt. + +Die Kinder rückten immer näher zu dem einbeinigen Mädchen, als wollten +sie es nicht von sich lassen. Nun verdeckten sie es ganz, so daß man es +nicht mehr sehen konnte, und es schien, es singe die Erde und die +Steppe, das Meer – die Weite und Unermeßlichkeit, das Herz der Erde. Und +man fürchtete, daß das Lied bald zu Ende sein und das Mädchen zu singen +aufhören und fortgehen würde. Man wollte nicht, daß sie fortgehe. + +Aber der Gesang war zu Ende. Es spielte nur noch die Harmonika allein. +Das kleine Mädchen humpelte, auf den Stock gestützt, über den Kies und +schien sich mit dem hingehaltenen Tamburin im Hof zu drehen und sah ohne +Lächeln mit ihrem offenen, reinen Gesicht nach oben zu den Fenstern +hinauf, wie die Katze Murka zu den Fenstern hinaufgesehen hatte, als sie +sich vor Schmerz auf den Steinen wälzte. + +Akumowna begann so seltsam kindlich und bitter zu weinen, sicher weil +sie an ihren Fluch: „Wie ein rollender Stein um die weite Welt“ dachte. + +Marakulin stürzte auf die Straße und holte die Musikanten, die schon vor +dem Tor waren, ein. + +– Wie heißt du, kleines Mädchen? – fragte er, ihre Hand berührend. + +– Marja – antwortete das Mädchen, indem sie, ohne zu lächeln, ihm ihr +offenes, reines Gesicht zuwandte. + +Auch der Harmonikaspieler blieb stehen, zog seine Mütze. Es war wohl der +Vater. Er war von dunkler Farbe und rauh. + +Marakulin nahm Plotnikows neuen zerknüllten Schein, steckte ihn dem +kleinen Mädchen in die Hand und ging fort, ohne sich umzusehen. Und als +wollte es ihn einholen, so strömte das breite Lied. Von der Weite der +Steppe und von der Unermeßlichkeit des Meeres war das Lied getränkt. Und +das Tamburin schlug, wie das Herz schlägt. + +Er ging seinen glatten, geraden Weg nach dem Newsky. Schon sank die +Nacht herab. Dort auf dem Newsky wollte er auf Werotschka warten. Die +ganze Nacht wird er auf sie lauern. Und er wird sich nicht irren. Es war +ja eine weiße Nacht – die weiße Nacht trügt nicht. + +Die weiße Nacht trügt nicht: ein Mädchen ganz in Schwarz stieß ihn an +und lief, das Kleid raffend, in der Richtung der Anitschkowbrücke. Alles +an ihr war dunkel, das Kleid, der Hut, die Handschuhe – er erkannte +Werotschka und stürzte ihr nach. Aber an der Anitschkowbrücke mischte +sich Werotschka unter andere Frauen – sie war nicht allein in Schwarz. + +– Werotschka, Werotschka! – rief er, jeder Dunklen in die Augen +schauend. Es waren aber ihrer nicht zwei, nicht drei, es waren ihrer +eine ganze Menge. Und alle wichen ihm aus, sammelten sich und schlichen +wieder an ihn heran, leise und unmerklich, dunkel und still. Und etwas +Dunkles und Kaltes umwand wie eine Schlange sein Herz. + +Und nachts, in der Donnerstagnacht vor Pfingsten, träumte Marakulin, als +säße er am Tisch beim Samowar in einem großen vollgestellten Zimmer, und +alles war hingeworfen und zerstreut, wie nach einer Vorbereitung zur +Reise, und lauter unbekannte Menschen waren im Zimmer, alle so müde und +niedergeschlagen. Und neben ihm saß – er wurde es mit Ekel gewahr – eine +stülpnasige Frau mit großen Zähnen und nackt, und mit ihr noch jemand in +dunklen Kleidern. Sie beugten sich über dem Gerümpel und ordneten die +Lumpen. Verdrossen nahm er ein Glas und zielte nach dem leeren, nackten +Schädel. + +Sie aber, die stülpnasige Nackte mit den großen Zähnen, erhob sich und +wandte sich zur Tür. + +– Am Sabbat – sie klapperte mit den Zähnen und lachte – vergiß nicht, +Akumowna ein Pfund zu geben – sie klapperte mit den Zähnen und lachte, – +und die Mutter wird in Weiß sein – sie lachte und zeigte ihre großen +Zähne. + +– Was für ein Pfund? Graupen etwa? – begann er erbittert zu streiten, +als stritte er um sein letztes Recht, sich keinem Termin, keinem Sabbat +zu fügen – ach was, red’ keine Dummheiten! oder ein Pfund Sterling, ja? + +– Am Sabbat – lachte die stülpnasige Nackte mit den großen Zähnen, und +schon klapperte sie, ohne sich umzusehen, die Steintreppe hinunter auf +den Hof. + +Im Hof aber – es war ja Burkows Hof – strömten alle Einwohner aus allen +Wohnungen, aus dem Seitenflügel und aus den Gorbatschowschen Winkeln +zusammen: alle sieben Hausmeister – der erste Hausmeister Michail +Pawlowitsch und Antonina Ignatjewna, seine Gemahlin, der Paßaufseher +Jerkin, Stanislaus der Kontorist mit der abgebissenen Nase, und Kasimir +der Monteur, der Portier Nikanor und Wanjuschka, Nikanors Bub, den die +kleinen Kinder zum Tode durch den Strang verurteilt hatten, und die +kleinen Kinder, die ihn verurteilt hatten, und der Perser, der Masseur +aus der Badeanstalt, und das kleine Mädchen, das einst Murka Milch +gebracht hatte, und die Schuster, Bäcker, Bademeister, Friseure, +Schneiderinnen, Weißnäherinnen, eine Schwester aus dem Obuchowschen +Krankenhaus, Kondukteure, Maschinisten, Kürschner, Schirmmacher, +Bürstenmacher, Wasserleitungsschlosser, Setzer und allerlei Mechaniker +und elektrische Arbeiter mir ihren Familien, allerlei „Fräulein“ von der +Gorochowaja und vom Sagorodny-Prospekt, Nähmädchen, Mädchen aus der +Teestube, und elegante junge Leute aus den Badeanstalten, die die +Petersburger Damen auf Wunsch bedienen, und die Alte, die an der +Badeanstalt Sonnenblumensamen und allerlei Kram feilbietet, +stellungslose Köchinnen, Maler, Tischler, fliegende Händler – mit einem +Wort: der ganze Burkowsche Hof – ganz Petersburg. + +Und alle sehen nach oben zum Fenster hinauf, wie Murka hinaufgesehen +hatte, als sie vor Schmerz sich auf den Steinen wälzte, wie die +wandernde Sängerin hinaufgesehen, als sie sich im Hof auf ihrem einen +Bein herumdrehte, mit dem Tamburin in der Hand. + +– Was hat sie gesagt? – fragt jemand Marakulin. + +Und Marakulin steht am Fenster, wie der Starez Kabakow, der durch Gebete +die Stimme des Himmels befragt, – so steht er vor dem Volk. + +– Einer von uns wird sterben! – sagt Marakulin. + +Und zur Antwort flüstert der ganze Burkowsche Hof in Todesbangen: + +– Bin ich’s, Herr? – Bin ich’s, Herr? + +Und hoch oben, viel höher als die vier belgischen Ziegelschlote mit den +Blitzableitern, schweben wie grüne Vögel grüne Aeroplane und verdecken +mit ihren riesengroßen grünen Flügeln den Himmel. + +– Bin ich’s, Herr? – Bin ich’s Herr? – flüstert der Burkowsche Hof in +Todesbangen. + +Und schon geht Marakulin nach Hause, nach der Fontanka, und seltsam! er +hört, wie man in der Auferstehungskirche auf der Taganka[13] zur +Abendmesse läutet. Er geht nicht den herrschaftlichen Eingang hinauf, +sondern durch die Küche. Er macht die Tür auf, und in der Küche sitzt am +Herd eine Frau, Akumowna ähnlich, und doch nicht Akumowna, ganz in Weiß. +Er erinnert sich an die Worte der Stülpnasigen, Nackten, mit den großen +Zähnen: „Die Mutter wird ganz in Weiß sein“, und stürzt ins Zimmer. + +Auch dieses Zimmer ist vollgestellt, und Sachen sind da verstreut und +hingeworfen, wie nach einer Vorbereitung zur Reise, nur sind die +Unbekannten nicht mehr da, keine Seele ist im Zimmer, nur seine Mutter +sitzt, seine Mutter allein, mit dem Kreuz auf der Stirn. + +– Sie ist schon gekommen, sie sitzt hier – sagt die Mutter. Sie spricht +von jener, die in der Küche vor dem Herd ganz in Weiß sitzt, und beginnt +zu weinen. + +Voll Verzweiflung und Todesbangen erwachte Marakulin. Es war Freitag. +Und von dem düsteren Gedanken getroffen, daß seine Frist der Samstag +sei, daß nur ein Tag ihm geblieben sei, wurde er eisstarr. Er wollte es +nicht glauben und glaubte es doch, und weil er glaubte, verurteilte er +sich selbst zum Tode. + +Der Mensch wird geboren und ist bereits verurteilt; Alle sind von Geburt +an verurteilt, und dennoch lebt man, verurteilt und das Todesurteil +vergessend, weil man die Stunde nicht kennt. Aber wenn einem der Tag +gesagt wird, wenn die Zeit abgemessen, die Frist bestimmt und der Sabbat +verkündigt ist – das geht über die Kraft, die Gott dem Menschen +verliehen, dem Menschen, den er mit dem Leben beschenkt, zum Tode +verurteilt und dem er die Todesstunde verheimlicht hat. + +Als Marakulin an die Wahrheit seines Traumes glauben mußte, da fühlte +er, daß er es nicht aushalten würde, den Sabbat abzuwarten, und seit dem +Morgen in Verzweiflung, in Todesbangen durch die Straßen schweifend, +harrte er der Nacht. Er wollte nur eins noch: Werotschka sehen, ihr +alles erzählen und von ihr Abschied nehmen. + +Und auf seinem glatten, geraden, hoffnungslosen Weg, wo der letzte +Schatten und die letzte Spur der Hoffnung sich verlor, zernagten jene +leisen, wie Raupen haftenden, bösen, dunklen Mächte der herangenahten +Verzweiflung die letzten Fasern seiner einst so festen Lebenswurzel. + +Es ward ihm schwer, sich vom Leben loszureißen. + +Vielleicht aber war der Traum nur ein Traum, und in Wirklichkeit würde +etwas anderes kommen? Warum mußte er dem Traum glauben? War das nicht +töricht? Wer weiß, wohin das führt! Es pflegt ja auch sonst so zu sein! +Vor dem Tode träumt man nicht nur etwas Belangloses: daß man einen +Stiefel verliert, oder sonst einen Gegenstand, oder daß man im Begriff +ist, ins Ausland zu reisen ... + +Da erinnerte sich Marakulin an die geplante Auslandsreise, an seinen +paradiesischen Traum von Paris, und fuhr auf. + +Er stand an einem Bretterzaun, der ganz mit Anzeigen bedeckt war, und +konnte nicht erkennen, in welcher Straße er sich befand. Ueber den +Bäumen ragte die Turmspitze des Ingenieurschlosses, als er aber längs +des Zaunes und, wie ihm schien, geradeaus in der Richtung der Turmspitze +sich in Bewegung setzte, verschwand sie plötzlich. Er wagte nicht +weiterzugeben, als harrte eben dort seiner sein Sabbat, seine letzte +Frist, seine Stunde. Er kehrte um und hatte die Spitze wieder vor sich. +Er schritt also tapfer längs des Zaunes in die entgegengesetzte +Richtung, die Spitze blieb lange vor seinen Augen, verschwand aber dann +ebenso wie das erstemal ganz plötzlich. Und er wagte nicht +weiterzugehen, als harrte eben dort seiner sein Sabbat, seine letzte +Frist, seine Stunde. Und so ging er am Zaun entlang, hin und zurück, die +Spitze des Ingenieurschlosses immer im Auge, bis zu einer Grenze, die er +sich selbst bestimmte, voll Verzweiflung und Todesbangen. + +Es war das Ungemach, das ihn so führte, das Unglück jagte ihn von Straße +zu Straße, von Gäßchen zu Gäßchen, blendete ihm die Augen und verwirrte +ihn; es war sein Schicksal, dem man sich nicht widersetzen und nicht +entrinnen kann. + +Das tödliche Bangen und die Last der Verzweiflung erschöpften ihn +endlich. Die letzte Frist, die Stunde waren vergessen, sein Kopf sank +herab, und die noch gehorchenden Beine brachten ihn auf den Weg. Er ging +durch die Ingeniernaja und wollte gerade die Straße zum Michailowschen +Palast überschreiten. + +Da klammerte sich ein altes, zerlumptes, zusammengeschrumpftes, +triefäugiges Weiblein fest an seine Hand, damit er ihm über die Straße +helfe. Und obwohl es so klein war – nichts als ein Häuflein Knochen – so +erschien es ihm, wie es mit seinen knöchernen Fingern so fest an ihm +hing, als hätte es überhaupt keine Beine, so schwer, daß er mit Mühe die +Schienen erreichte. Und während er die Schienen überschritt, wurde die +Alte noch schwerer, und es war ein Wunder, daß er nicht unter den Wagen +geriet: der sausende, ununterbrochen klingelnde Wagen flog so hart an +ihm vorbei, daß ihm ganz heiß wurde. + +Marakulin ließ die Alte stehen und begann zu laufen. Abwechselnd +flammendheiß und eiskalt lief er in der Richtung des Narva-Tores. Er +floh vor der knöchernen Alten, er floh vor seiner letzten Frist, und +gerade auf das Narva-Tor zu, unter den Bogen: dort war keine knöcherne +Alte und wird nie eine sein, dort wird er seine letzte Frist, seine +Stunde, seinen Sabbat vergessen. + +Aber als er die Gorochowaja erreichte, ging er nicht die Ssadowaja +entlang, sondern bog in die Fontanka ein. + +Auf der Fontanka, im Seitengäßchen, in der Nähe des Burkowschen Hauses, +wurde ein junges Mädchen – offenbar eine Revolutionärin – von der +Polizei verfolgt. Die Schutzleute hatten das Gäßchen umzingelt und man +konnte nicht passieren. Marakulin blieb stehen. + +Die Jagd dauerte ziemlich lange, endlich wurde das Mädchen von einigen +Männern in Zivil, Spitzeln offenbar, dicht umringt und zu einer Droschke +geführt. Die Revolutionärin erinnerte ihn durch etwas an die +Wandersängerin von gestern, an das kleine Mädchen. Vielleicht erinnerte +ihn an Maria ihr offenes, reines Gesicht, das aber frisch und rosig war. +Sie war schlank. Die Haarnadeln waren ihr herausgefallen, der Strohhut +saß schief und das volle blonde Haar war aufgelöst. Der Reviervorsteher +setzte sich zu ihr in den Wagen und man führte sie ab. + +„Maria Alexandrowna,“ – dachte Marakulin, „so ist Maria Alexandrowna, +die sich selbst zum Opfer auserkor, und bereit ist, noch einmal für die +Menschheit zu sterben!“ Er ging weiter, am Burkowschen Hof vorbei, die +Fontanka entlang. + +An der Ismailowschen Brücke, drei Schritte von der Bierwirtschaft, holte +er eine Dame ein. Sie war nicht mehr jung und schon ganz grau, aber +kräftig und gesund, ging sie im gleichmäßigen Schritt, als spazierte sie +nur der Motion wegen. Als aber Marakulin sie überholen wollte, beugte +sie sich etwas vor und begann ganz unsinnig zu laufen. In diesem +Augenblick knallte aus dem Wirtshaus ein Schuß und ein zweiter, +Hilferufe ertönten – und auf dem Bürgersteig lag mit durchschossenem +Rücken, das Gesicht an die Steine gepreßt, die Dame – die gesunde, +kräftige, alte Frau, und neben ihr, noch rauchend, der versengte +Klappstuhl. + +„Da hast du die Unsterbliche!“ dachte Marakulin, als er in der +Ermordeten seine unglückselige Generalin erkannte, dieses auserwählte +Gefäß, die Laus, die er mit dem königlichen Recht beschenkt hatte, in +jener grausamen Burkowschen Nacht. + +Nun war ihr das königliche Recht vom blinden Zufall geraubt, und auch +der Klappstuhl hatte ihr nicht geholfen. + +Von der Fontanka und den Seitengäßchen strömte eine Menschenmenge +herbei. Alle starrten mit Neugierde, mit Schrecken und mit jener +besonderen Schadenfreude, mit der lebendige Augen in tote blicken, in +das Gesicht der Toten. Sie aber, die Unsterbliche, Sündenlose, +Kummerlose, lag da unbeweglich, mit ihrem durchbohrten Rücken, hilflos, +leblos, unselig. + +– Das ist eine von unseren Burkowschen, die Generalin Cholmogorowa! – +erklärte Marakulin dem herbeigeeilten Schutzmann. + +Man trug die Generalin fort. Der weiße Schleier auf ihrem Hut war +aufgegangen und schleifte flatternd nach wie Spinnweb. Marakulin schritt +der Menge voraus, hinter dem Klappstuhl. + +Und wieder ging er an seiner Wohnung vorbei in die Gorochowaja, und von +da weiter bis zum Admiralitätspalast und wiederholte immer wieder vor +sich ganz stumpf: „Da hast du die Unsterbliche! Da hast du +Unsterblichkeit!“ + +Im Alexandergarten setzte er sich erst auf eine Bank, plötzlich aber +sprang er wie gestochen auf und ging weiter. Vor dem Denkmal Peters des +Großen blieb er stehen. + +– Peter Alexejewitsch – sagte er, zum Denkmal gewandt, – Eure +kaiserliche Majestät! Das russische Volk trinkt Aufguß von Pferdemist +und gewinnt das Herz Europas für anderthalb Rubel mit Gurken. Mehr habe +ich nicht zu sagen! – Er zog den Hut, grüßte und ging weiter, +den Englischen Kai entlang, über die Nikolaibrücke auf die +Wassiljewskiinsel. + +Auf dem kleinen Boulevard zwischen der Siebenten und der Sechsten Linie, +hinter dem Ssredny-Prospekt versperrte ihm eine Menschenansammlung den +Weg. Die Menge stand schweigsam, ohne ein Wort zu sprechen, und es war +ungewöhnlich still. Unter einem Baum saß eine alte Frau, ihr von +schweren weißen Flechten umwickelter Kopf zitterte. Sie sah starr vor +sich hin. Nicht Tränen, sondern Blut floß ihr die Wangen herab, in +stillen Bächlein aus den demütig stillen Augen. + +„Sie hat umsonst gewartet“, dachte Marakulin, „sie hat es nicht erlebt. +Sie hat das gottgefällige Werk nicht vollbracht, sie hat ihr Glück +niemand überliefert, die Unglückselige!“ – Und er verspürte plötzlich +einen schrecklichen Durst, als hätten ihn diese stillen, blutigen Tränen +versengt. + +Nicht weit vom Kleinen Prospekt auf der Siebenten Linie befand sich +neben einem großen Gebäude in einem kleinen einstöckigen Häuschen eine +Schankwirtschaft. Marakulin fand noch ein letztes vergessenes +Zehnkopekenstück in der Tasche und ging hinein: der Durst quälte ihn +unerträglich. + +Er setzte sich an ein schmutziges, nasses Tischchen, mit dem Gesicht zum +Fenster und nahm ganz mechanisch eine Zeitung zur Hand, nicht um zu +lesen. + +– Einen Hungrigen kann man satt machen, einen Armen kann man reich +machen – er vernahm eine bekannte Stimme und bekannte Worte, – aber +sobald du verliebt bist und dein Gegenstand erweist dir keine +Gegenseitigkeit, da kannst du meinetwegen platzen, es gibt keine Hilfe! + +„An Murkas Tage war es, der unruhige alte Gwosdjow, der sagte es!“ +erinnerte sich Marakulin, legte die Zeitung weg und trank das lauwarme +Bier. + +– Sie scherzen immer, Alexander Iwanowitsch, – – ich habe neulich eine +Maus aufgegessen, Alexander Iwanowitsch, – auf dem Hof des Athosklosters +– für fünf Rubel. Ich habe mit der heiligen Brüderschaft gewettet. „Ißt +du die Maus auf, Gwosdjow,“ sagten sie, „dann ist der Fünfer dein, wenn +nicht, mußt du uns bezahlen!“ Schön. Sie fingen gleich ein Mäuslein, im +Klosterhof gibt es viele. Es war eine graue, junge. Ich zog dem Mäuslein +die Haut ab, röstete es an den Seiten ein wenig an, wegen des +Wohlgeschmacks, zerschnitt es in Scheibchen, salzte es, sprach den Segen +und aß es auf. Und aß das Mäuslein auf. Ich nahm die fünf Rubel und +wollte mich vor Lachen ausschütten. Ich sagte: „Und ihr seid mir noch +Athonische, hehe ... fünf Rubel für ein junges Mäuslein; ich hab’ ja bei +Prokopij dem Gerechten so eine Ratte und dazu ohne Salz für einen Rubel +gegessen!“ Wenn man sich nur durchfrettet, Alexander Iwanowitsch! + +Und als Antwort auf Gwosdjows Worte erklang eine gerührte Stimme: + +– Euretwegen geh’ ich zugrunde, ihr lieben Aeuglein! + +– Ich selbst bin auch auf Weiber lecker, Alexander Iwanowitsch! + +Gleich darauf fiel etwas schwer auf den klebrigen Boden, begann zu +strampeln und bitter zu weinen, so bitter, wie nur Kinder weinen, so +bitter, wie Akumowna weinte, als sie durch Marjas Gesang an alle ihre +Erlebnisse erinnert wurde. + +Nachdem er das laue Bier, das seinen Durst noch gesteigert, ausgetrunken +hatte, ging Marakulin hinaus. + +Er ging seinen glatten geraden Weg auf den Newsky. Die Nacht sank +bereits herab. Dort auf dem Newsky wollte er auf Werotschka warten. Dort +wollte er ihr die ganze Nacht auflauern. Er wird sie sehen, ihr alles +erzählen, von ihr Abschied nehmen. Und er wird sich nicht irren. Es ist +ja eine weiße Nacht – die weiße Nacht trügt nicht. + +Die weiße Nacht trügt nicht: Werotschka erschien auch bald. Er erkannte +sie an ihrem schwarzen Kleide. Aber er erstarrte vor Entsetzen: alle +Frauen waren ausnahmslos in Schwarz – alles an ihnen war schwarz, die +Kleider, die Hüte, die Handschuhe. Sie wichen nicht mehr aus, sie gingen +sicher und stolz am Polizisten in der weißen Sommeruniform vorbei, sie +umsegelten den Polizisten in Weiß wie in einem altertümlichen +feierlichen Tanz, von der Snamenje-Kirche zur Admiralität und von der +Admiralität zur Snamenje-Kirche. + +– Werotschka – rief er, – Werotschka! – Er sah einer jeden in die Augen, +ohne eine auszulassen, und etwas Kaltes und Dunkles ringelte sich wie +eine Schlange um sein Herz. Es war die Verzweiflung, die sich um sein +Herz ringelte. + +Schon schritt der Tod auf verschlungenen Seitenpfaden seiner Schwelle +zu. + +Die ganze Nacht streifte er herum, voll Verzweiflung und Todesbangen, +sah jeder Frau in die Augen, ohne auch nur eine zu übersehen, blieb +zuweilen auf der Anitschkowbrücke stehen und ließ sie Alle an sich +vorbeipassieren. Sie umsegelten ihn, wie den Schutzmann in Weiß, sie +schritten sicher und stolz, wie in einem altertümlichen feierlichen Tanz +von der Snamenje-Kirche bis zur Admiralität, und von der Admiralität bis +zur Snamenje-Kirche. + +Und als die Sonne aufging und all die schwarzen Gestalten irgendwo +verschwanden und keine einzige mehr blieb – niemand war mehr auf dem +Newsky außer den Schutzleuten in Weiß – da wandte sich Marakulin durch +die Litejnaja zum finnländischen Bahnhof. + +Er beschloß ganz plötzlich, – vielmehr es beschloß in ihm von selbst – +nach Tur-Kila in die Sommerfrische zu Wassilij Iwanowitsch zu fahren, zu +Wera Nikolajewna und Anna Stepanowna. Sie haben ihm ja schon oft +geholfen, sie werden ihm auch jetzt helfen, sie werden ihm Milch geben, +– er hat Hunger – er ist ja nur zwölf Jahre alt! – sie werden ihm Milch +geben ... + +Es war der Sonnabend vor Pfingsten und auf der Litejnaja wurden die +Pfingstbäumchen angefahren: lockige grüne Wagen zogen durch die Straße, +voll von grünen jungen Birken. + +Auf dem finnländischen Bahnhof verkehrten noch keine Züge. Er mußte +warten, aber er wollte nicht auf dem Bahnhof warten. Marakulin ging erst +über die Schwellen der Schienen, aber nachdem er ein Weilchen gegangen +war, verließ er die Schienen, setzte sich an den Rand eines Grabens und +schlief ein. Er schlief so fest, wie Plotnikow die zwei Tage nach jenem +schlimmen Delirium-Anfall geschlafen hatte. + +Als er erwachte, war es Abend, der Sonnabend ging zur Neige. Und wieder +jäh von dem düsteren Gedanken getroffen, daß sein Ende der Sabbat sei, +wurde er eiskalt. Er wollte an seinen Traum nicht glauben und glaubte +doch, und indem er glaubte, verurteilte er sich selbst zum Tode. + +Der Mensch kommt zur Welt und ist bereits verurteilt; Alle sind von +Geburt an verurteilt, und dennoch lebt man, verurteilt und das +Todesurteil vergessend, weil man die Stunde nicht kennt. Aber wenn der +Tag einem gesagt wird, wenn die Zeit abgemessen, die letzte Frist +bestimmt und der Sabbat verkündigt ist, – das geht über die Kraft, die +Gott dem Menschen verliehen, dem Menschen, den er mit dem Leben +beschenkt, zum Tode verurteilt, dem er aber die Todesstunde verheimlicht +hat. + +Der Sabbat war gekommen, der Sabbat ging zur Neige, seine letzte Frist, +seine letzte Stunde nahte. + +Und auf seinem glatten, geraden, hoffnungslosen Weg, wo der letzte +Schatten und die letzte Spur der Hoffnung sich verlor, zernagten jene +leisen, wie Raupen haftenden, bösen, dunklen Mächte der herangenahten +Verzweiflung die letzten Fasern seiner einst so festen Lebenswurzel. + +Es war ihm schwer, sich vom Leben loszureißen. + +Oder vielleicht war der Traum nur ein Traum und in Wirklichkeit würde +etwas anderes kommen? Warum mußte er dem Traum glauben? War das nicht +töricht? Wer weiß, wohin das führte? + +Warum hatte er bloß Akumowna diesen düsteren Traum nicht erzählt, +Akumowna konnte ihn vielleicht deuten, sie, die Göttliche wüßte zu +sagen, ob er wahr sei oder nicht. + +Marakulin stürzte erregt zur Trambahn und stieg in einen Wagen. Da +erinnerte er sich, daß er sein letztes Zehnkopekenstück in der +Wirtschaft ausgegeben und sprang ab und lief zu Fuß nach der Fontanka, +die Elektrische fast überholend. + +Er erreichte die Fontanka und das Burkowsche Haus, aber es wurde ihm +nicht leicht, in die Wohnung zu gelangen. Es schien ihm, als hätte er +mindestens eine halbe Stunde geklingelt, aber niemand öffnete und keine +Stimme ließ sich vernehmen. Er hörte zu klingeln auf und begann an die +Tür zu klopfen, aber auch auf das Klopfen erwiderte niemand. Es blieb +still in der Wohnung, nur der Wind pfiff durch die Türspalte, – offenbar +standen die Ofenklappen auf – der Wind pfiff unheimlich. + +Noch einmal klingelte Marakulin, klopfte noch einmal, wartete und ging +dann in die Portierloge. Aber auch Nikanor war nicht da. Er war in +irgendeinen Kramladen gegangen; Wanjuschka aber, Nikanors Sohn, wußte +nur zu sagen: er habe Akumowna am Morgen gesehen, seitdem sei er nicht +mehr bei ihr oben gewesen; Akumowna sei zu Hause. Dabei lachte er über +irgend etwas. + +Wenn sie aber zu Hause war, warum hörte sie nicht das Klopfen und +öffnete die Tür nicht? Er hatte ja mindestens eine halbe Stunde +geklingelt und nicht weniger lange geklopft. – War die Alte etwa tot? + +Er ging in das Seitengäßchen, trat ins Haustor und stieg die +Hintertreppe hinauf. Aber seltsam: – während er hinaufstieg, glaubte er +plötzlich in der Auferstehungskirche auf der Taganka[14] zur Abendmesse +läuten zu hören, und sein Herz begann voll Unruhe rasch zu pochen. + +Die Tür in die Küche war nicht verschlossen. Akumowna saß am Herd, ihr +Kopf war mit einem weißen Tuch umwickelt – mit einem weißen Tuch. Er +erinnerte sich an die nächtlichen Worte aus seinem Traum in der +Donnerstagnacht: „Die Mutter wird in Weiß sein.“ Vor Akumowna lagen auf +einem Tellerchen zwei Eier, das dritte aß sie grade. „Das Pfund!“ flog +es Marakulin durch den Sinn, „– das ist das Pfund!“ + +Akumowna lächelte nicht, und ihre Augen waren fremd und hervorquellend. +Nicht Akumowna saß am Herd, nein, nur eine, die Akumowna ähnlich sah. +Und Entsetzen übermannte Marakulin. + +– Guter, gnädiger Herr! – Akumowna erhob sich plötzlich von ihrem Platz +und sprach die Worte mit einer heiseren, betrunkenen Stimme, die der +Stimme Akumownas nur von ferne glich. + +Marakulins Kräfte waren zu Ende, er klammerte sich an den Türpfosten und +begann zu stöhnen. + +– Lieber gnädiger Herr, Gott behüte Sie, gnädiger Herr, Peter +Alexejewitsch! Gleich bereite ich den Samowar, im Augenblick! – Jetzt +wurde sie auf ihre gewöhnliche Art geschäftig, legte das Ei fort, +ergriff den blanken Samowar und begann mit dem Blechrohr zu klappern. + +Marakulin ließ sich auf Akumownas Bank nieder, konnte aber nichts sagen; +die Kehle war ihm zugeschnürt und seine Lippen bebten. + +– Lieber gnädiger Herr, – Akumowna machte sich mit dem Samowar zu +schaffen, – mit mir ist was passiert, ich wäre fast gestorben, aber Gott +hat sich meiner erbarmt! + +In der Tat, mit Akumowna hatte sich etwas ereignet, und wie sie dabei +heil geblieben, war das reinste Wunder – Gott hatte sich ihrer erbarmt. +Darum hatte sie weder das Klingeln noch das Klopfen gehört. Ja, es sei +noch ein Glück, daß sie Marakulin überhaupt erkennen konnte und noch so +viel Stimme hatte, um ein Wort hervorzubringen. Die Eier aber esse sie, +um wieder zu Stimme zu kommen, und wenn auch heiser, so doch sprechen zu +können und nicht wie eine Kuh zu muhen; – man könne auch das noch +erleben. + +Akumowna war nämlich am Morgen auf den Boden hinaufgestiegen. Sie wollte +die Wäsche, die dort hing, abnehmen, um sie noch vor der Abendmesse zu +Pfingsten fertig zu plätten. Aber irgend jemand hatte sich wohl den Spaß +gemacht, sie dort einzuschließen. Sie hatte zu schreien begonnen und +schrie wohl ziemlich lange, aber niemand hörte sie. Es war ja kein +Mensch in den Wohnungen, da sich alle in der Sommerfrische befanden, und +keine Köchin, kein Hausmädchen hatte etwas auf dem Boden zu tun. +Akumowna wußte, daß es nutzlos war, rief aber doch. Was sollte sie wohl +anderes tun? Und wie sollte sie nicht schreien? Sollte sie auf dem Boden +bleiben – wie lange? bis zum Herbst? bis die Leute aus der Sommerfrische +zurückkehren würden? oder bis sich jener ihrer erbarmt, der sie +eingeschlossen hatte? konnte man sich darauf verlassen? Man konnte sie +ja inzwischen vergessen haben! Konnte man es wissen? Und auf dem Boden +bleiben konnte sie doch auf keinen Fall! Sie war schon ganz heiser vom +Schreien. Und so kroch sie im Dunkeln herum, um das vernagelte Fenster +zu finden: sie hatte sich erinnert, daß da ganz unten am Dach ein +Fenster war. Sie tappte um sich herum und fand schließlich eine Spalte, +fand das mit Brettern vernagelte Fenster. Sie krallte sich in ein Brett, +um es abzureißen, aber es saß zu fest, und wie sehr sie sich anstrengte, +gelang es ihr nicht, die Oeffnung zu erweitern. Die Spalte aber war so +klein, daß kaum eine Maus hätte durchschlüpfen können. Sie hing sich +daran mit aller Kraft, riß mit beiden Händen – endlich gab es nach. Gott +sei Dank, freies Licht! Sie bekreuzigte sich und stieg auf das Dach +hinaus. In der Verwirrung aber wandte sie sich nach der herrschaftlichen +Seite, nach den Kasernen zu. Sie kroch auf allen Vieren, aus Angst, +auszurutschen, und schrie. So kam sie bis zum Schornstein, richtete sich +am Schornstein auf, zog die Stiefel aus und warf sie auf die Straße. Die +Kinder aber fingen die Stiefel auf und trugen sie davon. Sie stand +barfuß, hielt sich am Schornstein fest und schrie. Und da sie dachte, +daß niemand ihr bloßes Geschrei beachten würde, so schrie sie: der +gnädige Herr sei nach Hause gekommen, klingle und sie könne nicht +öffnen. Auf der Fontanka aber ist es so laut, die Dampfpfeifen, die +Automobilhupen übertönen jedes Geschrei. Da sie barfuß nicht mehr +auszugleiten fürchtete, entfernte sie sich vom Schornstein, ging auf dem +Dach hin und her und schrie immer wieder: der gnädige Herr sei nach +Hause gekommen, klingle und sie könne nicht öffnen. Auf dem Nachbardach +arbeiteten Maler, die hörten es. „Was schreist du, Frauchen,“ riefen +sie, „spring zu uns herüber,“ und lachten. Wie aber sollte sie +hinübergelangen, wenn sie ihr keine Leiter reichten – sie hatten alle +ihre Leitern selbst nötig – sie war doch keine Katze! Aber der erste +Schreck war nun vorüber, und nachdem sie erst eine menschliche Stimme +vernommen, erholte sie sich etwas und kam auf den Gedanken, auf die +andre Seite hinüberzugehen, auf die Rückseite des Hauses, um dort an der +Regenrinne entlang in den Hof hinunterzugleiten. Denn sich an der Rinne +hinaufzuziehen, meinte Akumowna, sei schwer, die Hände könnten +ohnmächtig werden, aber hinabzugleiten sei leicht: wenn das Rohr nur +nicht aus den Händen entweicht, glitt man bequem hinab. In dieser +Erwägung begab sie sich auf die Rückseite des Hauses und geradeaus zur +Wasserrinne; – sie war nicht schwindlig. Schon hatte sie mit beiden +Händen die Bekrönung erfaßt und die Füße herabgelassen, um die Rinne zu +umklammern, da schrie Nikanor von unten: „Halt, Frauchen, kriech nicht, +ich werde dir aufmachen!“ und lachte. Sie mußte nun über das ganze Dach +zurück und sich durch das Fenster auf den Boden hinunterlassen. + +– Sechs Stunden habe ich mich so gequält, lieber gnädiger Herr, bin +beinahe gestorben, aber Gott hat mich gerettet, hat sich meiner erbarmt! +– schloß Akumowna. + +Inzwischen begann das Wasser im Samowar zu sieden, der rote +Jurawljowsche Sänger schnaubte und schickte sich zu seinem Abendgesang +an. Marakulin, der sich während der Erzählung Akumownas etwas erholt +hatte, ging in sein Zimmer. + +Vielleicht war es möglich, daß sein düsterer Traum sich gar nicht auf +ihn, sondern auf Akumowna bezog? – Oder sollte es doch nicht möglich +sein, da man nicht für andre träumt? – Warum sollte man aber nicht auch +für andre träumen können! + +Aber der Tag war noch nicht zu Ende, die Nacht kam, es kamen die letzten +Stunden; es nahte die Stunde, da es galt, Rede und Antwort zu stehen, +Rechenschaft zu geben und zu fordern. + +Akumowna brachte den Samowar, aß in der Küche ihre Eier, um ihre Stimme +zu heilen, und kam wieder zu Marakulin herein, nach ihrer Gewohnheit mit +den Karten in der Hand. Marakulin aber lehnte ab: er wolle keine Karten +gelegt haben, er wolle ihr lieber seinen Traum erzählen, nur möge sie +ihm die reine Wahrheit darüber sagen. + +Und er erzählte ihr ausführlich seinen düsteren Traum, alles genau +hintereinander – er erinnerte sich ganz deutlich an jede Einzelheit. Er +erzählte von der Stülpnasigen, Nackten, mit den großen Zähnen, und wie +sie ihm eine Frist gesetzt hatte: den Sabbat, und von der Mutter mit dem +Kreuz auf der Stirn, und wie die Mutter geweint hatte. + +– Was bedeutet dieser Traum, Akumowna? + +Akumowna schwieg, lächelte und sah eigentümlich idiotisch zur Seite. + +Und plötzlich wieder von dem schwarzen Gedanken getroffen, daß seine +Frist der Sabbat sei, wurde Marakulin eiskalt. + +– Also ist alles wahr – dachte er, – denn warum schweigt Akumowna? – +Also ist alles wahr, und in einigen Minuten würde seine Frist vollendet +sein, seine Stunde schlagen, sein Ende? + +Der Mensch kommt zur Welt und ist bereits verurteilt; Alle sind von +Geburt an verurteilt, und dennoch lebt man, verurteilt und das +Todesurteil vergessend, weil man die Stunde nicht kennt. Aber wenn der +Tag einem gesagt wird, wenn die Zeit abgemessen, die letzte Frist +bestimmt und der Sabbat verkündigt ist, – das geht über die Kraft, die +Gott dem Menschen verliehen, dem Menschen, den er mit dem Leben +beschenkt, zum Tode verurteilt, dem er aber die Todesstunde verheimlicht +hat. + +– Akumowna, ist es wahr, oder nicht wahr? + +– Ich bin ein unwissender Mensch, ich weiß nichts – erwiderte Akumowna, +lächelte und sah eigentümlich idiotisch zur Seite. + +Da schnarrte die Uhr in der Küche und begann langsam zu schlagen, einen +Schlag nach dem andern. Es schlug Zwölf. Der Sabbat war zu Ende, und der +Sonntag begann. + +– Akumowna, hat es Zwölf geschlagen? – fragte Marakulin unsicher. + +– Zwölf, gnädiger Herr, Schlag Zwölf! + +– Es ist also schon Sonntag? + +– Ja, Sonntag, der heilige Sonntag, gnädiger Herr. Schlafen Sie wohl, +Gott sei mit Ihnen! – Akumowna ließ den singenden Jurawljowschen Samowar +stehen und ging in die Küche schlafen. + +Doch Marakulin konnte nicht schlafen. Er wartete ab, bis Akumowna ruhig +wurde, deckte den Samowar zu, dann nahm er ein Kissen, legte es aufs +Fensterbrett, wie es die Burkowschen Mieter, die in Petersburg +übersommern, machen, und lehnte sich hinaus. Nein, er wollte nicht +schlafen, die ganze Nacht nicht: der Sabbat war zu Ende, der Sonntag +hatte begonnen! + +Es war leer ringsum, kein Mensch im Hof, kein Mensch in den Fenstern, +nur er allein. Und plötzlich erblickte er auf dem Kehricht- und +Ziegelhaufen, längs der Kästen und Stände, von der Müllgrube bis zum +Abgußloch und weiter bis zu den Remisen, überall junge grüne Birken +stehen. Der ganze Burkowsche Hof war mit Birken bedeckt, und die jungen +Blättchen leuchteten so grün. Er fühlte, wie seine verlorene große +Freude in ihm emporstieg und ihn überströmte: wie ein Quell schoß ihm +unter dem Herzen diese große heiße Freude hervor – und wuchs, füllte das +Herz und überflutete heiß die ganze Brust. Er sah nichts anderes mehr +als diese Birken, und unter den Birken wandelte, selbst wie eine junge +Birke schlank, seine Weruschka – Werotschka – Wera. Ihre Hände schienen +mit den Blättern verwoben, und sie wandelte von Blättchen zu Blättchen +nach der Remise zu, so leicht, als schwebte sie in der Luft, und es war, +als wenn die Erde unter ihr verschwände. Da schwang sein Herz sich auf, +überwallend, es riß ihn in die Höhe, er streckte die Arme aus – und das +Gleichgewicht verlierend, stürzte Marakulin mitsamt dem Kissen in die +Tiefe. + +Und im Sturze hörte er, wie durch ein Rohr aus einem tiefen +Brunnenschacht, eine Stimme rufen: + +– Die Zeiten sind reif, die Sündenschale ist voll, die Strafe naht! – +Ah, so steht es mit uns! Lieg du nun da. – Wieder einer weniger. – Du +stehst nicht mehr auf – Dreckkopf! + +Marakulin lag mit zerschmettertem Schädel in einer Blutlache auf den +Steinen des Burkowschen Hofes. + + + Druck von Mänicke und Jahn in Rudolstadt. + + + + + Fußnoten + + +[1] Ein großes Petersburger Kloster. + +[2] Eine Industriestadt in Großrußland. + +[3] Klon bedeutet auf russisch etwa, die Neigung sich zu beugen. + +[4] Wundertätige Mönche, Heilige. + +[5] Vom Weißen Meer. + +[6] Berühmtes Moskauer Muttergottesbild. + +[7] Populäres Physik-Lehrbuch. + +[8] Ein Stadtviertel in Moskau. + +[9] Diminutiv von Pawel. + +[10] Kirche an der Taganka in Moskau. + +[11] Ein berühmtes Muttergottesbild in Moskau. + +[12] Ort in der Krim. + +[13] In Moskau. + +[14] In Moskau. + + + Anmerkungen zur Transkription + +Fußnoten wurden am Ende des Buches gesammelt. + +Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere +Änderungen sind hier aufgeführt (vorher/nachher): + + [S. 102]: + ... Geschenk, und er schenkte er ihr dagegen hundert ... + ... Geschenk, und er schenkte ihr dagegen hundert ... + + [S. 200]: + ... den Kalitnikowschen Kirchhof befanden sich ... + ... dem Kalitnikowschen Kirchhof befanden sich ... + + [S. 254]: + ... beklagte, daß in der Schule naß und kalt ... + ... beklagte, daß es in der Schule naß und kalt ... + + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75679 *** |
