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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75679 ***
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+ Remisow / Die Schwestern im Kreuz
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+ Alexej Remisow
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+ Die Schwestern im Kreuz
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+ Erzählung
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+ 1913
+ München und Leipzig bei Georg Müller
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+ Copyright 1912 by Georg Müller München
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+ Autorisierte Uebersetzung von Fega Frisch
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+ Einleitung
+ von Professor Eugen Anitschkow
+ (St. Petersburg)
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+
+Alexej Remisow ist im Herzen Rußlands, in Moskau, geboren. Dort sind
+vierzig mal vierzig Kirchen; täglich dröhnen dort zur Früh- und
+Abendmesse die Glocken, die großen und feierlichen in den Klöstern und
+Kathedralen, die Zarenglocken des Kreml; es antworten ihnen mit allen
+ihren Glocken die kleinen und niedrigen Glockentürme in den uralten
+Pfarrkirchen. Gar viele Pfarrkirchen hat Moskau; um sie herum schlängeln
+sich die Straßen und Gäßchen, in ihnen lebt der Moskauer Handelsstand
+sein eigenes urwüchsiges Leben. Alle Fasten werden streng eingehalten;
+an den Feiertagen ziehen die Priester mit dem ganzen Klerus aus einem
+Haus ins andere, um die festlichen Tafeln zu segnen; dort werden bis
+heute die Märtyrer- und Heiligenlegenden in der uralten Schrift gelesen,
+dunkle und vertraute Mitteilungen über Gottesmänner und große Märtyrer.
+Mancher ist sauber gekleidet und sieht ganz europäisch aus: ein
+gestärktes Vorhemd und eine Krawatte nach der letzten Pariser Mode –
+doch beginnt er sich auszuziehen, so entdeckt man ein kattunenes
+russisches Hemd darunter und einen geweihten Gürtel mit eingewebten
+Gebeten. Voll Inbrunst kniet der moderne Stutzer vor dem Familienschrein
+mit den Heiligenbildern. Der unter der neumodischen Wäsche verborgene
+geweihte Gürtel schützt vor Uebel. Der alte Glaube ist fest in ihm, und
+der uralte Kaufmannsstand in Moskau lebt nach der Väter Art.
+
+Einst wurde er von dem Advokatensohn Ostrowskij auf die Bühne gebracht.
+Seitdem war es Mode, sich über die rührseligen Mitjas, die gutmütigen
+Andrej Bruskows, die durchtriebenen Podchaljusins, über die dünkelhaften
+Väter: Tit Tititsch und Torzows zu amüsieren. Das „finstere Reich“
+nannte die Kritik den Moskauer Kaufmannsstand. Diese eigenartige Welt
+blieb ganz abseits von den großen Wegen der russischen Literatur. Um die
+Mitte des vergangenen Jahrhunderts war die Literatur vorwiegend
+ländlich, Gutsbesitzer- und Bauernliteratur. Die Stadt schämte sich
+gleichsam ihrer selbst. Was in ihr geschah, besonders unter der
+Handelsbevölkerung in den alten Kirchspielen, das wußte man nicht, das
+wollte man nicht wissen. Und wenn in der Literatur auch einige
+Sprößlinge aus dieser Welt auftraten, so waren sie bemüht, möglichst
+rasch zu vergessen, zu verschweigen und tief im Herzen alles zu
+verbergen, was sie von dorther aus dem „finstern Reich“ in die
+Helligkeit der volkstümlichen Bildung, auf welche die fortschrittlich
+Gebildeten so stolz waren, mitbrachten.
+
+Erst seit kurzem sind die stillen Kirchspiele auf den sieben Hügeln des
+russischen Rom, des Mütterchens Moskau, gleichsam erwacht. Die neue
+Kunst, die sozialdemokratischen Tendenzen, die Beziehungen zu
+westeuropäischen Firmen, die Errungenschaften der Technik, die
+Verfeinerungen in den Anschauungen, alles das ist bis in die dunkelsten
+Winkel gedrungen. Und von da kam zu uns der Neueste: ein Erneuerer der
+Kunst, ein Prophet von morgen, der dennoch nichts von gestern vergessen
+hat: Alexej Remisow.
+
+Sein Leben verläuft äußerlich wie das vieler gebildeter Russen der
+letzten Zeit. Im Jahre 1877 geboren, hat er seine Bildung in einem
+Handelsgymnasium und später auf der Universität empfangen; er hat
+Nationalökonomie und deutsche Philosophie studiert, den Marxismus und
+die Bewegung „Zurück zu Kant“ mitgemacht, in den Seminarien Aufsätze
+über wirtschaftliche Fragen und über Statistik geschrieben,
+Arbeiterzirkel gegründet, und war infolgedessen erst in die milde
+Verbannung eines großrussischen Gouvernements, dann ins Gefängnis
+geraten, hat mit einem ganzen Haufen revolutionärer russischer
+Intelligenz die Strapazen und Mühsale des Etappenlebens mitgemacht, hat
+so manches Jahr im fernen Norden, wo oft im Juni noch Schnee genug
+fällt, daß man Schlitten fahren kann und wo das Nordlicht in seiner
+kalten Schönheit leuchtet, verbracht. Er hat dies alles erduldet, sein
+Herz zermartert, eine Menge Bücher studiert und kam zu uns nach
+Petersburg als ein fertiger Schriftsteller zurück, als ein
+symbolistischer Schriftsteller und Stilist von neuester Prägung.
+
+Wichtig aber ist, daß er seine uralte Moskauer Seele bewahrt hat; in
+seiner Seele dröhnen die vierzig mal vierzig Kirchenglocken weiter und
+er liebt noch immer die Legenden und Sagen von den Gottesmännern,
+Heiligen und Märtyrern, von den von Gottes Gnade erleuchteten
+Buhlerinnen, vom tapferen Georg, von allerlei märchenhaften
+Seltsamkeiten: von Totenfeiern, Teufeln, Zauberern und Hexen. Alles was
+die Philologen, die sich mit alter Literatur befassen, studieren und was
+die Engländer Folklore nennen: Märchen, Runen, Volkslieder und Riten,
+Volksglauben und Apokryphen – dies alles pflegt er mit dem Talent eines
+modernen Dichters, und sein Stil ist eigenartig, seltsam und prächtig,
+so verfeinert und reich, als hätte sich ihm die ganze geistige
+Schatzkammer des tausendjährigen heiligen Rußland aufgetan, zum Dank für
+seine Liebe zu den vertrauten Kirchspielen aller sieben Hügel des
+Mütterchens Moskau.
+
+Remisows erster großer Roman „Der Teich“ zeigt noch den jungen Schmerz
+einer Seele, vor der sich eben erst das Böse des Lebenskampfes
+erschlossen hat. Woher kommt das Böse? Es wird schon in der ganz naiven
+kindlichen Seele geboren. Die rationalistischen Theorien aus den Büchern
+tragen zur Lösung dieses schicksalsmäßigen Rätsels nichts bei – im
+Gegenteil! – vielleicht muß man also nach rückwärts, in den uralten von
+den Ahnen ererbten Sagen vom bösen Geist, in dem sagenhaften Teufel und
+Spötter die Antwort suchen? – Remisows von den Fragen unserer Zeit
+durchdrungener Geist vertiefte sich in das Studium alter Sagen und
+Legenden, und eins an das andere reihten sich etwas wie Märchen oder
+moderne Apokryphen und bildeten eine Art neues pratum spirituale, das
+mit seiner Buntheit alle seine größeren Werke gleichsam einrahmt.
+
+„Der Teich“ kann nur im Licht dieser apokryphischen Skizzen ganz
+verstanden werden. Der Grundgedanke dieses Werkes ist noch nicht ganz
+klar herausgearbeitet; die einzelnen Episoden wirken zwar an sich
+erschütternd, doch fehlt noch das Allgemeine. Dies Allgemeine erscheint
+klar auf eine neue Weise in einer objektiveren Form, losgelöst von den
+tragischen poesieumwehten Erinnerungen im zweiten Roman „Die Uhren“.
+Hier handelt es sich nicht mehr um die Chronik eines Moskauer
+Handelshauses in einem der Moskauer Kirchspiele, in den „Uhren“ wollte
+der Autor das Geheimnis der ganzen Stadt in all seiner Vielgestaltigkeit
+auffangen, und die Frage nach dem Bösen hat eine größere Bestimmtheit
+erhalten. Dennoch ist es auch hier schwer, den heimlichen Gedanken des
+Autors herauszufinden und seine Symbole zu begreifen, die geheimnisvoll
+sind wie uralte Runen. Erst später in den nachfolgenden Erzählungen sind
+endlich die Schwierigkeiten überwunden, eine Klarheit ist erreicht und
+im Herzen ist das ausgesprochen, was so lange nach außen drängte, aber
+keine entsprechenden Bilder und Symbole fand. Ja, das Böse ist
+schicksalsmäßig, es ist notwendig, es hat keinen Sinn, Idyllen zu
+schreiben, man muß das Böse erkennen und verstehen, diese irdische
+Hölle, die irdischen Leidenschaften.
+
+Schwierig waren seine Romane „Der Teich“ und „Die Uhren“. Schwierig sind
+auch jetzt in den „Schwestern im Kreuze“ und im „Unbezähmbaren armen
+Teufel“ die Betrachtungen über die schicksalsmäßige und offenbar
+notwendige Schuld. Im „Unbezähmbaren armen Teufel“ ist diese Theorie
+schon anschaulich und entschieden durchgeführt. In den „Schwestern im
+Kreuze“ ist alles auf ihr aufgebaut. Marakulin denkt: „Der eine muß
+verraten, um durch den Verrat seine Seele aufzuschließen und in der Welt
+er selbst zu sein; der andere muß töten, um durch den Mord seine Seele
+aufzuschließen und wenigstens als er selbst zu sterben; er aber mußte
+offenbar eine Quittung ausfertigen – aber nicht der Person, der sie
+zukam –, um seine Seele zu erschließen und in der Welt zu sein, und zwar
+nicht mehr als irgendein beliebiger Marakulin, sondern als dieser Peter
+Alexejewitsch Marakulin, der er war, sehen, hören und fühlen.“
+
+Doch muß man sich fragen: Findet denn die Persönlichkeit sich selbst nur
+in einem Verbrechen? Das scheint nicht glaubhaft. Natürlich nicht. Aber
+gerade dieser Gedanke in seinem Rohzustand sozusagen führt uns zum
+Verständnis einer der wichtigsten Fragen der Gegenwart. Darum lockte es
+den Symbolisten Remisow, den Fall aller Einwohner des Burkowschen Hauses
+zu schildern, weil dieses Symbol unseres zeitgenössischen russischen
+Alltags sich durch alle traurigen Fälle der letzten Jahre aufgeschlossen
+hatte.
+
+Remisow versucht jetzt, seine Symbole zu deuten. „Die Katze miaute,
+Murka miaute. Und plötzlich sah Marakulin so klar, wie noch nie zuvor,
+daß Murka stets gemiaut hat, nicht nur gestern, sondern alle die fünf
+Jahre hier an der Fontanka auf dem Burkowschen Hof; er hatte es nur
+nicht bemerkt, und nicht nur hier auf dem Burkowschen Hof an der
+Fontanka, sondern auch auf dem Newsky und in Moskau an der Taganka – bei
+der Auferstehungskirche –, an der Taganka, wo er geboren war, überall,
+wo etwas lebt. So klar sah er es, so deutlich sprach es in ihm, daß er
+sich vor diesem Miauen, vor dieser Murka nirgends hätte verstecken
+können. Und er fühlte es, daß Murka nicht dort unten im Hofe miaute,
+sondern hier ...“ Das stöhnende Burkowsche Haus ist ganz Rußland, das
+heilige Rußland, und zwar das ganz gewöhnliche, alltägliche. Es ist
+schuldig geworden, es hat sich unvermögend erwiesen, es hat mehr
+versprochen, als es gehalten hat. Hier hat es sich eben gezeigt, so wie
+es wirklich war und nicht wie es nach den Programmen geschienen hat. Man
+muß sich von allen Theorien lossagen, um es so zu sehen. Noch wichtiger
+ist der Mut, es gegen alle Programme und Theorien auszusprechen. Dies
+ist Remisows Stärke: sein Held ist eine wirkliche Individualität. Er ist
+nicht aus Theorien geboren und nicht verstandesmäßig gesehen. Marakulin
+lebt sein eigenes Leben, er ist ein durchschnittlicher Mensch, aber eben
+von diesem Eigenen geht der Symbolismus zum Allgemeinen. Auch Marakulin
+ist symbolisch. Waren wir nicht alle noch vor kurzem ebenso offenherzig
+und vertrauensselig, als hätten wir keine Lehren der Geschichte vor
+Augen? Damit haben wir Schuld auf uns geladen. Das Leben ist bei uns
+erstarrt. Jetzt haben wir Zeit, uns umzusehen.
+
+Lange und hartnäckig hat sich Remisow mit den Fragen des Glaubens
+befaßt, mit den Altertümern, mit der Volkspoesie, mit Sagen, aus denen
+das uralte heilige Rußland sich Pein und Belehrung schöpfte. Man
+verstand ihn nicht und hielt der unverstandenen Kunst Remisows den
+Realismus entgegen. Es schien, daß sein Stilisieren kein Ende nehmen
+wollte in diesem ganzen Strom von Skizzen, in denen er vor allem seine
+Meisterschaft zeigte. Aber diese Skizzen Remisows waren nur seine
+Lehrlingsarbeit.
+
+Wer ihn gut kannte, der konnte nicht daran zweifeln, denn dieses
+Stilisieren beschränkte sich nicht auf die Form. Es führte in das wahre
+Verständnis dessen ein, was einst Volksseele genannt wurde. Denn die
+Volksseele läßt sich nicht in Kategorien pressen, welche die politischen
+Parteien für sie aufstellen, weder in die der volkstümlichen rechten
+oder linken Partei, noch in die Kategorien derer, die der ganzen
+Menschheit Heil versprechen. Das Geheimnis der Volksseele blieb
+verschlossen; jetzt sehen wir es endlich klar ein. Im „Unbezähmbaren
+armen Teufel“ ist die verwirrte moderne Seele, die Seele eines Trödlers
+geschildert. Plötzlich hat sich alles das aus der Vergessenheit erhoben,
+was man ein für allemal hinter sich zu haben glaubte. Dieses Alte in der
+jetzt ohnedies schon konventionellen Gestalt des Trödlers zeigt sich
+auch mitten in Petersburg, es klafft aus der Tiefe des Burkowschen Hofes
+wie aus der Unterwelt, und man fühlt: dies ist wahr! Paradox ist
+vielleicht nur die Gestalt der Hörerin der Hebammenkurse, welche alte
+Weisen singt. Hier hat die Phantasie Remisows sich hinreißen lassen, die
+gewöhnt ist, auch im Neuesten etwas Altertümliches herauszufinden. Aber
+da haben wir Akumowna; das Schicksal hat sie in die Stadt getrieben, das
+Schicksal jagt ganz Rußland wenn nicht in die verderblichen Gegenden
+Sibiriens, so doch in die Städte, wo das Neue geschaffen wird, neuer
+Glaube und neue Forderungen an das Leben. Aber das Alte stirbt noch
+lange, lange nicht aus, es bewahrt sich länger, als wir glauben. Daher
+die Vermengung und das Zusammenfließen des Alten mit dem Neuen. Die
+Bewegung ins Volk suchte lange den Traum vom freien Grundbesitz zu
+verwirklichen. Der Bauer hörte dem Sozialismus zu und verstand, daß die
+Rede von freiem Grundbesitz war. Akumownas Märchen und Lisaweta
+Iwanownas Geheimnis flossen zusammen mit den Lehren der Verbannten Maria
+Alexandrowna. Dieses Ineinanderfließen zu schildern, ist eine der
+vornehmsten künstlerischen Aufgaben, die sich Remisow stellt.
+
+Zu den besten Episoden der Erzählung gehören die Szenen, in denen von
+der Reise ins Ausland geträumt wird. Darin liegt auch ein geheimer
+Herzenswunsch verborgen: vom Lande strebt man in die Stadt, aus der
+Stadt aber, aus allen Burkowschen Häusern, in denen sich das aufgewühlte
+heilige Rußland quält, drängen die Träume, Wünsche und Hoffnungen dahin,
+nach dem fernen fremden und seit uralten Zeiten vertrauten Westen. Und
+es genügt nur zu denken, daß bald, bald eine Möglichkeit eintreten
+könnte, hinzureisen, sich innerlich auszuruhen und das Martyrium des
+heimatlichen Schmerzes für eine Weile zu vergessen, dann wird es einem
+leicht zumute und die Freude leuchtet auf. Kommt von dort, aus der
+Heimat unserer allerbegehrtesten Ideale – ich brauche absichtlich ein
+Fremdwort – eine erfrischende Welle über uns, Verjüngung, Geist der
+sozialen Freiheit, so vergessen wir ganz das Burkowsche Haus und Murkas
+schmerzliches Miauen, das Weinen und Stöhnen des Volkes. Unsere Augen
+leuchten und wir atmen freier.
+
+Das Weiseste, was Remisow in seinen „Schwestern im Kreuz“ gesagt hat,
+ist seine Theorie vom königlichen Recht. Gleich Raskolnikow zermartert
+Marakulin in einem Ausbruch von Verzweiflung sein Gehirn mit der Frage
+nach der Vertilgung der menschlichen „Laus“. Wie Raskolnikow sieht
+Marakulin ebenfalls das ganze Uebel in einer jämmerlichen alten Frau,
+und es dünkt ihn, daß man nur wagen, die konventionelle Angst vor dem
+Verbrechen nur überwinden müßte, um das Uebel zu vernichten. Nur ist die
+menschliche „Laus“, welche Marakulin sieht, keine Pfandverleiherin, sie
+tut niemand etwas Böses. „Sie hat nichts in ihrem Leben zu bereuen; sie
+hat weder getötet noch gestohlen und wird weder töten noch stehlen, denn
+sie tut nichts als sich ernähren, sie trinkt und ißt, sie verdaut und
+härtet sich ab.“ Was bedeutet das? Remisow schildert die Raskolnikowsche
+„Laus“ in der Gestalt einer Generalin, die von ihren Renten lebt.
+Eintönig und sinnlos vergeht ihre Zeit. Sie braucht niemand und niemand
+braucht sie. „Die Generalin rührt mit keinem Finger, tut rein nichts und
+erreicht alles: sie härtet sich ganz sichtbar und zweifellos ab, und
+ihrem Leben ist kein Ende abzusehen – der Chiromant hat sich nicht
+geirrt – sie ist vielleicht schon unsterblich!“ Ein Leben ohne Arbeit,
+das heißt ohne Verbrechen und ohne Heldentaten – denn jede Tat ist
+entweder ein Verbrechen oder eine Heldentat – ein solches Leben beruht,
+Remisows Meinung nach, nicht auf einem einfachen Recht, sondern auf
+einem königlichen Recht. So würden wir alle, wenn wir die Utopie vom
+allgemeinen Wohlergehen verwirklicht hätten, das kummerlose, sündenlose,
+unsterbliche Lauseleben der Generalin genießen.
+
+Rechtschaffener aber ist das heilige Martyrium des Lebens, mit seinen
+Abstürzen, Ausbrüchen von Hoffnung, Kämpfen und zäher, qualvoller
+Erwartung.
+
+St. Petersburg 1912.
+
+
+
+
+ Erstes Kapitel
+
+
+Marakulin war mit Glotow befreundet; durchaus nicht etwa, weil der
+Dienst sie eng miteinander verband und einer ohne den anderen nicht
+hätte auskommen können: Peter Alexejewitsch gab die Quittungen aus,
+Alexander Iwanowitsch war der Kassierer. Man weiß ja, wie die Ordnung
+ist: Marakulin brauchte nur mit Tinte zu schreiben und Glotow zahlte
+genau so viel in Gold aus. Dabei waren sie so verschieden und einander
+so unähnlich: der eine schmalbrüstig, der Schnurrbart dünn wie ein
+Faden, der andere breitschultrig und der Schnurrbart wie bei einem
+Kater; der eine blickte von innen heraus, der andere strahlte. Dennoch
+waren sie Freunde, ein Herz und eine Seele.
+
+Denn sie hatten beide ein gemeinsames Merkmal, oder eine Eigenschaft,
+und zwar eine grundlegende; etwas, das nicht zu verbergen ist: es würde
+unter den Augenlidern des Schlafenden hervorblinken, gleichviel, ob es
+sich in der Pupille versteckt oder aus der Pupille sich über den
+Augapfel verbreitet: beide nämlich hatten eine Art von Fühler oder
+Rüsselchen. Nicht nur daß dieser Fühler sich ans Leben klammerte,
+vielmehr sog er alles Lebendige in sich auf, alles, was ringsum lebte
+und wob, bis auf den Grashalm, der atmet, bis auf das Steinchen, das
+wächst, und er sog das alles so gierig und fröhlich in sich auf, so
+ansteckend fröhlich. Das war es.
+
+Wer es bemerken wollte, konnte es sehen, wer es nicht sah, der fühlte
+es, und wer es nicht fühlte, der erriet es.
+
+Dazu kam, daß sie gleich jung waren – beide waren an die Dreißig oder
+etwas drüber – und der Erfolg – dem einen sowohl wie dem anderen gelang
+alles – und die Kraft – keiner von ihnen war jemals krank oder klagte
+auch nur über Zahnweh. Sie waren auch von keinerlei Banden gefesselt,
+weder von gesetzlichen, noch von ungesetzlichen, sie waren wie in der
+Steppe, allein, und die Steppe dehnte sich vor ihnen in ihrer ganzen
+Weite und Macht, frei, ungebunden, unermeßlich – dein.
+
+Vor drei Jahren etwa hatte Glotow seine rechtmäßige Gattin aus dem
+dritten Stockwerk auf das Pflaster hinabgestürzt, und die Aermste brach
+sich dabei das Genick; vielleicht aber war es nicht vor drei Jahren, es
+kann schon vor ganzen vier gewesen sein. Uebrigens ist das unwesentlich,
+– es handelt sich ja gar nicht um Glotow, sondern um Peter Alexejewitsch
+Marakulin.
+
+Marakulin, welcher seine Kollegen mit Fröhlichkeit und Sorglosigkeit
+ansteckte, gestand einmal, daß er, obschon dreißig Jahre alt, sich für
+nicht mehr und nicht weniger als zwölfjährig hielte, er wüßte selbst
+nicht warum, und er führte dafür Gründe an: so oft er mit jemand
+zusammenkäme, oder sich in ein Gespräch einließe, hätte er das Gefühl,
+als wären die anderen alle älter – alt, und er wäre der jüngste – ganz
+jung noch, zwölfjährig. Und ferner gestand Marakulin, daß er sich den
+anderen Menschen gar nicht ähnlich – nicht ein bißchen ähnlich fühle,
+wenigstens nicht jenen richtiggehenden Menschen, wie man sie gewöhnlich
+im Theater, in Gesellschaften oder in den Klubs beobachtet, während sie
+eintreten oder fortgehen, sich unterhalten oder schweigen, sich ärgern
+oder zufrieden sind – und daß alles an ihm, von der Nase bis zur kleinen
+Zeh wahrscheinlich nicht auf dem richtigen Fleck säße – so schiene es
+ihm wenigstens. Und weiter gestand Marakulin, daß er nie denke; er hätte
+einfach gar nicht die Empfindung, daß er denke; wenn er durch die
+Straßen gehe, so geschehe dies eben nur so mit den Beinen, und wenn er
+mit jemand bekannt werde, dann fände er an seinem neuen Bekannten weder
+Unterschiedsmerkmale noch Besonderheiten, nicht im Gesicht noch in den
+Bewegungen: er fühle nur unklar, daß der eine ihn anziehe und der andre
+abstoße, einer weniger, ein anderer mehr, und ein dritter sei ihm ganz
+gleichgültig; häufiger aber herrsche doch das Gefühl der Nähe und das
+Vertrauen in das Wohlwollen des anderen vor. Und weiter gestand
+Marakulin, daß ihn, seitdem er Bücher lese und mit Menschen
+zusammenkomme, die entgegengesetzten Meinungen nie abschreckten. Er sei
+vielmehr bereit, jedermann zuzustimmen, weil er jeden in seiner Weise
+für berechtigt hielte, und diskutiere nie; wenn er sich aber einmal
+selbst verstiege oder zu Auseinandersetzungen aufreize, so geschehe es
+aus ganz indiskutabeln Gründen, deren er sich jedesmal genau bewußt sei,
+obwohl er sie nicht verrate – gebe es doch genug solcher indiskutabler
+und doch alltäglicher Gründe! – Und weiter gestand Marakulin, daß er nie
+in seinem Leben geweint habe, ein einziges Mal ausgenommen, als seine
+alte Kinderfrau ihn verließ, an ihrem letzten Tag: damals wäre er, in
+der Rumpelkammer versteckt, an seinen ersten und letzten Tränen fast
+erstickt. Noch eine verrückte Eigenschaft hatte er, über die man sich
+lustig zu machen pflegte: wenn ihm irgendein Einfall in den Sinn kam, so
+stürzte er sich auf ihn mit einer solchen Hartnäckigkeit, als läge in
+ihm der Sinn seines Lebens, oder des Lebens überhaupt – aus
+Kleinigkeiten machte er wichtige Dinge. Zu den Feiertagen, zum Beispiel,
+wurde dem Direktor gewöhnlich ein Bericht überreicht. Dieser Bericht
+wurde stets mit der Maschine geschrieben, ihm aber konnte es einfallen,
+ihn mit der Hand abzuschreiben; und obwohl es mit der Maschine viel
+schneller, leichter und einfacher zu machen ging, – es gab auch
+vorgedruckte Formulare zu diesem Zweck – so ließ er es sich durchaus
+nicht nehmen und malte Tag und Nacht beharrlich und sorgfältig einen
+Buchstaben nach dem andern und reihte die Zeilen aneinander, als wären
+sie Perlen, und schrieb den Bericht so oft ab, bis er so war, daß er
+ausgestellt werden konnte, – so war er geschrieben! – denn Marakulin war
+wegen seiner Schrift berühmt. Am nächsten Tage schon wird so ein Bericht
+irgendwohin verlegt, man schenkt ihm keine besondere Aufmerksamkeit, man
+verlangt ihn nicht so, und eine Menge Zeit und Arbeit sind sinnlos
+verschwendet worden! Ein verrückter Kerl, und wie beharrlich in seiner
+Verrücktheit! Und weiter pflegte Marakulin noch etwas Seltsames zu
+erzählen – von einer ihm eigenen, durch nichts erklärbaren
+ungewöhnlichen Freude, die er ganz unerwartet empfinden konnte:
+manchmal, wenn er am Morgen ins Bureau lief, begann ihm plötzlich das
+Herz in der Brust zu flattern und er fühlte eine ungewöhnliche Freude.
+Und diese seine Freude umfing ihn so ganz und sie war so groß, daß ihm
+schien, er könnte sie jetzt warm aus der Brust herausnehmen und jeden
+mit ihr beschenken – es würde für Alle reichen; wie ein Vögelchen wollte
+er sie in beide Hände nehmen, damit ihm dies Paradiesvöglein nicht
+davonfliege, darauf hauchen, daß es nicht friere und es so den Newsky
+entlang tragen: mögen sie alle sehen, ihre Wärme einatmen, ihr Licht
+fühlen, – das stille Licht und die Wärme, die das Herz vor Freude atmet
+und ausstrahlt.
+
+Natürlich ist es schwer, sich selbst zu beurteilen, und mit
+Geständnissen kommt man auch nicht weit: ob das alles stimmte oder nicht
+– wer kann es wissen? – Aber eine Liebe zum Leben, ein Instinkt zum
+Leben, die Heiterkeit des Gemütes – das war in ihm in der Tat.
+
+Wenn man Marakulin zuhörte oder sah, wie er an Menschen heranzutreten
+pflegte, wer sein Lächeln und seinen Blick kannte, dem konnte manchmal
+der Gedanke kommen, daß so einer wie er, jederzeit imstande wäre, zu
+einer Bestie in den Käfig zu treten und, ohne mit der Wimper zu zucken,
+ohne zu überlegen, die Hand auszustrecken, um das sich sträubende wilde
+Haar des grimmigen Tieres zu streicheln – und das Tier würde nicht
+beißen.
+
+Und wie konnte es Marakulin betrüben, wenn es sich zuweilen, plötzlich
+herausstellte, daß auch er, wie jeder andere, gehaßt wurde, daß auch er
+seine Mißgönner hatte, daß auch er für jemand ein Balken im Auge sein
+konnte! Denn man konnte ja mit ihm machen, was man wollte. Und wenn er
+es dennoch zustande gebracht hatte, das dreißigste Jahr zu erleben, und
+mit Erfolg, so war es das reinste Wunder – eine unwahrscheinliche Sache.
+Meistens aber wurde Peter Alexejewitsch geliebt, nicht etwa besonders
+oder gar zu sehr, aber es war gar kein Grund, ihn nicht zu lieben –
+brachte er doch Heiterkeit und Lachen mit, dazu kein gewöhnliches
+Lachen, sondern ein trunkenes, marakulinsches – warum sollte man ihn da
+hassen? Und dennoch nahm das alles kein sehr gutes Ende – Peter
+Marakulin endete schlimm.
+
+Das kam so: Marakulin erwartete zu Ostern Beförderung und eine
+Gratifikation – in den großen Geschäftshäusern ist es zu den Feiertagen
+so üblich –; statt dessen aber wurde er aus dem Dienst gejagt. Es
+geschah folgendermaßen: Fünf Jahre hatte Peter Alexejewitsch gedient,
+fünf Jahre die Quittungsbücher geführt, und alles befand sich in bester
+Ordnung, – Marakulin wurde sogar wegen seiner Ordnungsliebe und
+Genauigkeit scherzweise „Der Deutsche“ genannt – als aber die Direktoren
+vor den Feiertagen revidierten und zu vergleichen und zu rechnen
+begannen, da trat eben die Verlegenheit ein: es stimmte etwas nicht, es
+fehlte etwas – vielleicht nur eine wirkliche Bagatelle, – das Geschäft
+aber war groß, und solche Kleinigkeiten konnten Verwirrungen
+verursachen. So nahm man ihm denn die Bücher ab und entließ ihn.
+
+Erst glaubte Marakulin nicht daran, er wollte es einfach nicht glauben,
+und dachte, man triebe nur Scherz mit ihm, einen Jux zum allgemeinen
+Ergötzen einfach, um vor dem Fest die Fröhlichkeit zu erhöhen; er lachte
+dazu und begann seine Auseinandersetzung auch nicht ohne Witz:
+
+– Gestatten Sie dem Dieb Soundso, dem Räuber und Wegelagerer, den
+Diebstahl aufzuklären ...
+
+– Wie?
+
+– Ha – ha ... Und er war es, der zuerst lachte.
+
+Und in einem aufklärenden Brief an eine wichtige und einflußreiche
+Persönlichkeit, an den Direktor, unterschrieb er nicht einfach Peter
+Marakulin, sondern „Der Dieb und Expropriateur Peter Marakulin“.
+
+„Der Dieb und Expropriateur Peter Marakulin.“
+
+– Wie?
+
+– Ha – ha ... Und er war es wieder, der zuerst lachte.
+
+Aber der Scherz gelang diesmal offenbar vorbei, er wirkte gar nicht
+spaßhaft, oder wenn er auch so wirken hätte können, so nahm man das gar
+nicht wahr, und niemand lachte, – im Gegenteil. Und am komischsten war
+die Antwort eines jungen Buchhalters, – dieser Buchhalter war ein
+kleiner stiller Mensch, der nicht einmal eine Fliege zu kränken imstande
+war, so still war er.
+
+Dieser Awerjanow nun sagte: Ich möchte bis zur Aufklärung Ihres
+Mißverständnisses mit meiner Antwort abwarten.
+
+Hier wurde Peter Alexejewitsch ernst:
+
+– Was für ein Mißverständnis! Es kann ja gar keinen Irrtum geben!
+
+– Wie?
+
+– Der Irrtum, meine ich ... ich irre mich nicht, ich bin ein „Deutscher“
+... Wo ist denn der Irrtum?
+
+Und jetzt mußte er es glauben. Er mußte ja glauben! Die wilde Bestie ist
+offenbar doch nicht so einfach, sie unterwirft sich nicht so leicht, sie
+läßt nicht so ohne weiteres ihr sich sträubendes Fell streicheln. Hände
+weg! Die Bestie beißt dir noch die Finger ab! Ist es nicht so? – Oder
+hat es mit der Bestie gar nichts auf sich und der Fluch besteht gar
+nicht darin, daß der Mensch für den Menschen eine Bestie ist und eine
+grimmige dazu, sondern darin, daß der Mensch für den Menschen ein Klotz
+ist: man mag ihn noch so anflehen, er hört es nicht; man mag ihn noch so
+anrufen, er antwortet nicht; man mag sich den Kopf einstoßen, indem man
+vor ihm mit der Stirn auf den Boden schlägt, er rührt sich nicht; er
+bleibt so stehen, wie er hingestellt wurde, bis er umfällt oder bis du
+umfällst. Ist es nicht so?
+
+Etwas Derartiges flog damals Marakulin durch den Sinn, und zum erstenmal
+dachte es in ihm und sprach sich deutlich aus: Der Mensch ist für den
+Menschen ein Klotz.
+
+Er lief da hin, klopfte dort an: überall war geschlossen, überall war
+zu: er wurde nicht empfangen. Und wenn er empfangen wurde, so ließ man
+ihn nicht sprechen, gar nicht zu Worte kommen. Dann begann man ihm die
+Tür vor der Nase zuzuschlagen: keine Zeit! oder: laß, bitte, in Frieden!
+oder: wir haben an was anderes zu denken! – Bald gab die Dienerschaft
+nicht einmal Antwort mehr hinter der Vorlegekette: es war ihnen
+untersagt; außerdem war er allen schon zu lästig geworden.
+
+Marakulin hatte keine Zuflucht mehr: er war wie in der Steppe, allein,
+und die Steppe lag vor ihm, ausgebrannt, schwarz, endlos – fremd. Nach
+allen vier Richtungen gleich unabsehbar. Erst hatte er alles, jetzt
+hatte er nichts.
+
+Und das alles wegen einer Bagatelle – wegen eines blinden Zufalls. Es
+ging freilich ein Gerücht um, die ganze Sache sei von Alexander
+Iwanowitsch angezettelt, sei ein Werk seiner Hände, – Glotow habe seinen
+Freund hineingelegt und sich selbst aufs Trockene gebracht. Andererseits
+aber wußte man, daß Marakulin selbst bereit war, sei es aus Herzensgüte
+oder aus einer sonstigen Eigenschaft, etwa aus übermäßiger
+Vertrauensseligkeit und Einbildungskraft – er kam mit den Menschen gern
+gut aus – ja, daß er selbst nichts dagegen hatte, eine Quittung,
+provisorisch natürlich, einer Person auszuhändigen, die mit einer
+Zahlung nichts zu tun hatte; auf besondere Bitten hin oder mit Rücksicht
+auf die Verlegenheit eines Kollegen – vielleicht eben dieses Alexander
+Iwanowitsch! Denn man konnte mit Marakulin machen, was man wollte.
+
+Er aber, durch einen blinden Zufall aus seiner Bahn geschleudert, ohne
+Arbeit, allein, Tage und Nächte denkend, für sich allein denkend – es
+waren eben andere Zeiten, jene Zeiten waren vorbei; jetzt hatte auch er,
+wie die richtigen Menschen, zu denken angefangen – er selbst aber
+entschied und sprach sich selbst das Urteil: er erkannte sich nicht
+schuldig und sprach sich von Diebstahl frei. Und indem er sich in seiner
+fieberhaften Aufregung seine Daseinsberechtigung bewies, tat er es wie
+früher mit Lachen und mit Freude, auf die marakulinsche Art: er biß sich
+in diesen Klotz fest, in die Vorstellung, zu der sein Denken ihn
+geführt, daß der Mensch für den Menschen ein Klotz sei, und begann zu
+bohren. Er wollte um jeden Preis ergründen, wer das alles brauchte und
+wozu: zum Vergnügen welchen Klotzes all die andern Klötze hingestellt
+seien! Er wollte es nur ergründen, um sich bestimmt sagen zu können, ob
+er selber noch länger als Klotz dastehen sollte, so wie es irgend jemand
+beliebt hatte, ihn hinzustellen, oder ob er, ohne abzuwarten, bis es
+jemand belieben würde, ihn umzustoßen, sich selber hinstrecken sollte,
+freiwillig, ohne jemand zu fragen. Freilich läßt sich dergleichen nicht
+auf einmal beantworten, urteilt selbst, und wer könnte es auch? Es sei
+denn der Chiromant von der Kusnetschnybrücke, welcher eine Hose
+gestohlen und nach den Linien der Hand einen anderen beschuldigte,
+seinen Nachbar im Asyl nämlich, ebenfalls von der Kusnetschnybrücke.
+
+Aber offenbar geht das nicht, ohne daß man sich an jemand rächt; es ist
+schon so, wenn man erst anfängt, seine Daseinsberechtigung zu erweisen!
+Und auch das ist es nicht, daß der Mensch für den Menschen eine Bestie
+ist, und nicht, daß der Mensch für den Menschen ein Klotz ist; die Sache
+ist einfacher: wenn das Unglück über einen kommt, dann heißt es: dulde,
+und dulden mußt du darum, weil es einerlei ist, ob du mit den
+Hinterbeinen ausschlägst oder beißest, – denn alles ist nutzlos, es läßt
+dich nicht los, bis seine Zeit um ist. Ist es nicht so? Etwas Derartiges
+flog damals Marakulin durch den Sinn und sprach deutlich zu ihm: Dulde.
+
+Den ganzen Sommer trieb er sich ohne Arbeit herum. Alles, was er in den
+fünf Petersburger Quittungsjahren erworben hatte, ging jetzt in die
+Leihhäuser, in das Residenzpfandhaus oder in das städtische, auf dem
+Wladimirsky-Prospekt. Bald besaß er nichts mehr; die Pfandscheine hatte
+er auch an einen Uhrmacher in der Gorochowaja verklopft, und was ihm
+noch übrig blieb, war so vertragen und zerrissen, daß nicht einmal der
+Tartar es gekauft hätte. Er war abgerissen und schäbig; sein einziger
+Gummikragen war ganz zerwaschen, nur das Kreuz am Hals war noch ganz und
+das Amulett, das er sich übrigens längst nicht mehr umzuhängen pflegte;
+er hatte es an die Wand gehängt zur Erinnerung. Und er begann, sich zu
+schämen – früher hatte er nie etwas Derartiges gefühlt. Er wagte es
+nicht mehr zu bitten. Zum Glück konnte er auch niemand bitten: wie vor
+einem Cholerakranken waren alle Freunde davongelaufen und hielten sich
+vor ihm versteckt. Und er empfand Angst vor Allen, vor Bekannten und
+Unbekannten. Er schämte und fürchtete sich, durch die Straßen zu gehen;
+es war ihm, als wüßten alle etwas von ihm, das er nicht den Mut hätte,
+sich selber zu gestehen, geschweige den Menschen zu sagen. Die Passanten
+in den Straßen stießen ihn. Sogar die Hunde, auch die bellten ihn an und
+schnappten nach seinen Beinen. Er war eben ein verlorener Mensch.
+
+Nun ja, ein verlorener, rechtloser – da heißt es eben: dulde, dulde und
+vergiß ... Bricht das Unglück über dich herein, dann vergiß, daß es
+Menschen auf der Welt gibt; die Menschen werden dir nicht helfen, und
+wenn sie es wollten, gleichviel, das Unglück wird ihre Taten zunichte
+machen, es wird sie auseinanderjagen und einschüchtern; darum vergiß die
+Menschen. Ist es nicht so?
+
+Und etwas Derartiges flog damals Marakulin durch den Sinn und sprach
+deutlich zu ihm: Vergiß.
+
+Bald fanden sich dennoch Menschen. Es erschien aber nicht etwa so ein
+Awerjanow oder sein Gehilfe Tschekurow – die Peitsche der Gemeinheit,
+wie der ehrliche Tschekurow sich selbst nannte, – nein, es waren lauter
+solche, an die Marakulin niemals vorher gedacht hatte: kleine,
+verdächtige Beamte, die aus allen möglichen Aemtern fortgejagt waren,
+und solche, die von einer Stellung zur anderen wanderten – Anwärter auf
+den Laufpaß, Zugrundegegangene und Zugrundegehende, Betrogene und
+Vielgeprüfte, die in anständige Häuser nicht kommen dürfen und denen die
+Hand zu reichen für unpassend und unmöglich gilt, und endlich solche,
+die einen sehr bezeichnenden Spitznamen haben – ihren eigenen Namen und
+den Zunamen von Dieben, Schurken, Schuften: bekannte, halbbekannte und
+ihm völlig unbekannte Gauner kamen zu Marakulin, um ihr Mitgefühl zu
+bezeigen; sie waren es auch, die ihm fürs erste Arbeit fanden, wenn auch
+keine sichere, nur so, um sich durchzufretten.
+
+Marakulin hatte vorher eine Wohnung auf der Fontanka, an der
+Obuchowskybrücke; sie war klein, aber doch seine eigene, jetzt mußte er
+die Wohnung aufgeben und in ein Zimmer ziehen. Das Zimmer fand sich auf
+derselben Treppe, drei Stockwerke höher. Im ganzen hatte sich Marakulins
+Leben bis dahin ganz leidlich gestaltet, wenn auch verworren und
+ungeordnet. Er hatte zwar schon früher einmal Zeiten gehabt, da er nicht
+besonders gut lebte, freilich war das noch vor seiner warmen Stellung,
+in den Anfängen seiner Laufbahn, da man sich aus so etwas gar nichts
+macht. Jetzt aber war es anders: es fiel ihm schwer, sich
+einzuschränken, um so mehr, als er keine Hoffnung auf Verbesserung hatte
+und der Gaunerverdienst nicht übermäßig war; er reichte gerade, um sich
+durchzufretten. Aber wozu sich durchfretten? Wozu leiden, leiden, wozu
+vergessen, vergessen und dulden? Er wollte durchaus wissen, wer das
+alles brauchte und wozu, zum Vergnügen welchen Diebes, welches Schurken
+oder Schuften – welchen Gauners das nötig war? Und er wollte es wissen,
+nur um sich klar zu sagen, ob es sich noch lohnte, das alles in die
+Länge zu ziehen – zu dulden, nur um sich durchzufretten?
+
+Freilich läßt sich dergleichen nicht auf einmal beantworten, urteilt
+selbst, und wer könnte es auch? – Es sei denn der Chiromant von der
+Kusnetschnybrücke, welcher eine Hose gestohlen und nach den Linien der
+Hand einen anderen beschuldigte, seinen Nachbar im Asyl nämlich,
+ebenfalls von der Kusnetschnybrücke.
+
+Aber offenbar geht das nicht, ohne daß man sich an jemand rächt; es ist
+schon so, wenn man erst anfängt, seine Daseinsberechtigung zu erweisen!
+Es kommt offenbar gar nicht darauf an, daß man duldet und auch nicht,
+daß man vergißt; die Sache ist viel einfacher: Denke nicht. – Ist es
+nicht so?
+
+Und etwas Derartiges flog damals Marakulin durch den Sinn und sprach
+ganz deutlich zu ihm: Denke nicht.
+
+Er sollte nicht denken, jetzt? Gerade jetzt, durch einen blinden Zufall
+aus seiner Bahn geschleudert, allein, ohne Arbeit? Jetzt begann er erst
+recht zu denken – jene Zeit, als er noch nicht dachte, war vorbei, und
+wird nie wiederkehren.
+
+Und der Kreis schloß sich in ihm: er wußte, daß es nutzlos war zu
+denken, daß er nicht denken durfte, daß man nichts beweisen kann, und
+konnte doch nicht umhin zu denken, konnte doch nicht umhin zu beweisen,
+er mußte denken bis es schmerzte; die Gedanken jagten sich unaufhörlich
+wie im Fieber.
+
+Seine Wohnung wurde Marakulin glücklich los, ohne daß man ihn aufs
+Polizeirevier geschleift oder gepfändet hätte – er hatte nichts, und die
+Seele kann man einem doch nicht wegnehmen. Nur daß Michail Pawlowitsch
+ihm die Hand nicht gereicht hatte, – der Oberhausmeister Michail
+Pawlowitsch pflegte den mittleren Mietern, die er achtete, die Hand zu
+reichen.
+
+Der letzte Tag am alten Herd verlief für Marakulin sehr denkwürdig. Am
+Morgen geschah ein Unfall im Hof: eine Katze war verunglückt – eine
+weiße, glatte Katze mit grauem Schnurrbart. Möglich, daß sie auch gar
+nicht verunglückt war und gar nicht gedacht hatte, vom Dach des fünften
+Stockwerks herabzustürzen, sondern sie mochte vielleicht zufällig etwas
+verschluckt haben: einen Nagel oder eine Glasscherbe. Es kann auch sein,
+daß jemand ihr absichtlich, zum Spaß, ein Nägelchen oder einen Splitter
+zu fressen gegeben hatte, – es gibt nämlich solche Liebhaber. Sie quälte
+sich sehr und litt: bald warf sie sich auf den Rücken und wälzte sich
+auf den Steinen, bald drehte sie sich auf den Bauch herum, streckte die
+Vorderpfoten aus, hob die Schnauze in die Höhe, als wollte sie in die
+Fenster hineinsehen, und miaute.
+
+Die kleinen Kinder umstanden die Katze, sie ließen ihre wilden Spiele
+und wilden Arbeiten im Stich und hockten sich um sie herum. Sie waren
+still geworden und konnten sich von der Katze nicht losreißen; sie aber
+miaute. Der Perser, der schwarze Masseur aus der Badeanstalt, hockte
+sich auch hin, rollte mit den Augäpfeln sie aber miaute.
+
+Ein rauchfarbener Kater sprang aus der Remise hervor, ging forsch quer
+durch den Hof, über die Bretter und über den Kies geradeaus auf die
+Katze zu, aber drei Schritt von ihr blieb er stehen, sträubte sein Fell
+und zog mit hochgehobenem Schweif ab. Ein kleines Mädchen besann sich
+und lief um Milch; sie brachte eine Scherbe voll und stellte sie der
+Katze unter die Nase; die Katze aber sah gar nicht hin und miaute. – Die
+Katze ist verrückt! – sagte ein Erwachsener, der ebenso wie Marakulin
+aus dem Fenster zuschaute.
+
+– Das ist unsere Katze Murka! – verbesserte ihn das kleine Mädchen, das
+um Milch gelaufen war; ihr Gesicht glühte und in ihrer Stimme klang
+etwas wie Gekränktheit und Ungeduld.
+
+Und alle schienen auf eins zu warten: auf das Ende. Marakulin wich nicht
+vom Fenster, er konnte sich nicht losreißen, auch er wartete auf das
+Ende. Und er würde so, ohne sich zu rühren, auch bis zum Abend
+dagestanden sein, wenn er nicht plötzlich gefühlt hätte, daß hinter
+seinem Rücken jemand da war und von einem Fuß auf den anderen trat.
+Marakulin pflegte die Türen schon längst nicht mehr abzuschließen, es
+war also jemand hereingekommen! In der Tat: ein alter Mann stand vor
+ihm, von einem Fuß auf den anderen tretend – ein zerzauster langer alter
+Mann, unter dem Mantel schlotterten die Hosen um seine Beine, als wären
+es keine Beine, sondern bloß Knochen. In der Hand zerknüllte er seine
+Mütze und noch etwas – ein Kuvert, ja ein Kuvert. Diesen alten Mann
+hatte er früher nie gesehen, natürlich! – was wollte er?
+
+– Was wünschen Sie?
+
+– Ich komme zu Euer Gnaden, Peter Alexejewitsch, ich komme von Alexander
+Iwanowitsch.
+
+– Von Alexander Iwanowitsch?
+
+– Von ihm persönlich. Sie vergaßen die Tür zu schließen, so bin ich da,
+– zu klingeln hab’ ich gefürchtet, verzeihen Sie, – der Alte kaute mit
+den Lippen und zupfte an seiner Mütze.
+
+In früheren Zeiten kamen manchmal allerlei Leute von Glotow – sie
+brauchten im Kontor zuweilen Aushilfe für den Abenddienst – aber wie
+konnte es Glotow einfallen, jetzt jemand zu ihm zu schicken, da Glotow
+doch wußte, daß er stellungslos war und nur einen Sechser in der Tasche
+hatte!
+
+– Ich kann nichts für Sie tun, Sie brauchen doch Geld ...
+
+Der Alte wurde geschäftig und zog ein zerdrücktes Blatt Papier aus dem
+Kuvert, das ungleichmäßig mit großen Buchstaben beschrieben war.
+
+– Ich habe eine Bittschrift an Euer Gnaden verfaßt, ich geniere mich zu
+bitten, und so habe ich diese Bittschrift verfaßt, – der Alte schob ihm
+das Papier zu und lächelte ununterbrochen, ein Lächeln, das so war, als
+miaute die Katze Murka.
+
+Marakulin steckte dem Alten seinen letzten Sechser zu, setzte sich an
+den Tisch und wartete nur, wann der Alte fortgehen und wann es ein Ende
+nehmen würde.
+
+Der Alte ging nicht, er preßte in der einen Faust den Sechser und die
+Mütze und in der anderen das zerknüllte, ungleichmäßig mit großen
+Buchstaben beschriebene Papier. Seine Hände zitterten und die Mütze fiel
+zu Boden.
+
+– Was macht Alexander Iwanowitsch, wie geht es ihm? – fragte Marakulin
+und fühlte dabei, wie alles in ihm zitterte und daß er es bald nicht
+mehr aushalten würde, nicht aufzustehen und den Alten hinauszujagen.
+
+Der Alte streckte vogelartig lang seinen Hals aus und sperrte den Mund
+auf wie einen Schnabel.
+
+– Heute ausgezeichnet, – er bewegte wie erfreut den Kopf, – er ist sehr
+gut angezogen, wie ein Oberhausmeister, ein Rock, Lackstiefel, – wie ein
+Oberhausmeister. – Geh, Gwosdjow, gradeaus zu Peter Alexejewitsch in die
+Fontanka! – So geruhte er zu mir zu sagen. Wie ein Oberhausmeister. Ich
+war bei ihm in Zarskoje in seiner Sommerwohnung, er scherzt immer: er
+ist verliebt – sagt er – verliebt in eine Madame. Er scherzt immer:
+Einen Hungrigen – sagt er – kann man satt machen, einen Armen kann man
+reich machen, aber bist du verliebt und dein Gegenstand erweist dir
+keine Gegenseitigkeit, so kannst du dich zerreißen, es gibt keine Hilfe.
+– Ich verstehe es nicht, er scherzt nur immer. Einen Paletot hat er mir
+von seinen eigenen Schultern geschenkt, und diese da Awerjanow der
+Buchhalter; seine eigenen; sie sind mir etwas zu weit. Bist du keusch,
+Gwosdjow? – sagt er. Nehmen Sie es mir nicht übel, Alexander
+Iwanowitsch, ich bin ein Liebhaber von Weibern. Ja, er scherzt immer.
+
+Ohne aufzuhören und alles durcheinanderbringend redete der Alte, setzte
+sich aber nicht, öffnete nicht die Faust und hob auch die Mütze nicht
+vom Boden auf.
+
+Ein ruheloser Alter war das, ach wie ruhelos! Er hatte bei den
+Schachowskojs in Petersburg als Stallknecht gedient, es war eine gute
+Stellung, aber einmal wurde ein Pferd scheu und stieß ihn in die Brust,
+da ging er ins Kloster. Seitdem zog er herum, aus einem Kloster in das
+andere – er war eine ruhelose Natur: sowie er anfing sich irgendwo zu
+gewöhnen, da lief er fort. Vor einem Monat war er aus dem
+Tschermenetzkischen Kloster davongelaufen.
+
+– Da hat sich ein Bekannter meiner erbarmt. In der Seleninaja hat er ein
+Zimmer, ein kleines Zimmerchen. Er selbst, dieser Korjakin, ist
+verheiratet, hat eine Frau und ein kleines Kind, ein Mädchen, aber er
+hat sich meiner erbarmt, und wir wohnten alle zusammen. Aber zum Fest
+der heiligen Olga kam das älteste Töchterchen zu ihnen nach Petersburg
+zu Besuch, so wurde es zu eng, auch ist es unschicklich: eine Jungfrau.
+So zog ich auf den Obwodnij, hab’ da einen Winkel gemietet für
+anderthalb Rubel, mit Gurken – ein schöner Winkel im Korridor. Ich
+möchte mich gern mit Handel befassen, um mich nur irgendwie
+durchzufretten ...
+
+Verworren und ohne aufzuhören redete der Alte, die Worte flossen
+ineinander und zischten, – ein ruheloser Alter. Marakulins Augen
+verschleierten sich, seine Lider wurden schwer, er sah nichts mehr, vor
+seinen Augen bewegten sich nur die Hosen des Alten, die allzuweiten, von
+Awerjanow, die nicht um Beine, sondern um Knochen zu schlottern
+schienen.
+
+– Ich bin Liebhaber von Weibern ... anderthalb Rubel mit Gurken ... nur
+um mich irgendwie durchzufretten ...
+
+Marakulin sprang vom Stuhl auf.
+
+– Wozu, sagen Sie mir endlich, wozu wollen Sie sich durchfretten? – rief
+er.
+
+Aber er befand sich allein im Zimmer, es war niemand mehr drin.
+
+Die Katze miaute, Murka miaute. Er war allein im Zimmer; er war mitten
+im Gespräch eingeschlafen, der Alte hatte es offenbar bemerkt und sich
+mit seinem letzten Fünfkopekenstück davongeschlichen, genau so, wie er
+vorher unbemerkt eingetreten war. Auch die Mütze lag nicht mehr auf dem
+Boden. Die Katze miaute, Murka miaute.
+
+Und plötzlich sah Marakulin so klar, wie noch nie zuvor, daß Murka stets
+gemiaut hat, und nicht nur gestern, sondern alle die fünf Jahre hier an
+der Fontanka auf dem Burkowschen Hof; er hatte es nur nicht bemerkt, und
+nicht nur hier auf dem Burkowschen Hof an der Fontanka, sondern auch auf
+dem Newsky und in Moskau an der Taganka – bei der Auferstehungskirche –,
+an der Taganka, wo er geboren war, – überall, wo etwas lebt. So klar sah
+er es, so deutlich sprach es in ihm, daß er sich vor diesem Miauen, vor
+dieser Murka nirgends hätte verstecken können. Und er fühlte es, daß
+Murka nicht dort unten im Hof miaute, sondern hier ...
+
+– Gebt Luft! – miaute Murka, als könnte sie sprechen: – gebt Luft! – und
+sie wälzte sich auf den Steinen, zu den Fenstern hinaufflehend.
+
+Eng, immer enger hockten sich die Kinder um sie herum, sie vergaßen ihre
+wilden Spiele und ihre wilden Beschäftigungen, sie horchten; auch die
+Scherbe mit der Milch stand noch unberührt da, und der Perser, der
+schwarze Masseur aus der Badeanstalt ging nicht fort und rollte mit den
+Augäpfeln.
+
+Erst spät am Abend bezog Marakulin in der fünften Etage sein neues
+Zimmer, wo früher die Waschküche war. In der Wohnung war niemand, außer
+der Köchin Akumowna; die Wirtin Adonja Iwoilowna war von der Reise noch
+nicht zurück, – Adonja Iwoilowna pflegte im Sommer zu pilgern und die
+Wohnung Akumownas Aufsicht zu überlassen. Die anderen zwei Zimmer waren
+unvermietet.
+
+Die erste Nacht in der neuen Wohnung träumte Marakulin, er sitze in
+einem Lustgarten außerhalb der Stadt an einem Tischchen gegenüber der
+Estrade – der Garten erinnerte an den Garten des Aquariums – und rings
+um ihn lauter unbekannte Menschen: ihre Gesichter waren böse und
+unruhig, und sie gingen herum und brummten und flüsterten miteinander.
+Er verstand, daß ihr Brummen und Flüstern sich auf ihn bezog. Sie hatten
+nichts Gutes im Sinn, gewiß nichts Gutes! Es wurde ihm Angst, sie aber
+kamen immer näher, und bald flüsterten sie nicht mehr miteinander,
+sondern winkten einander mit den Augen zu, verstanden einander und
+zeigten auf ihn. Und schon gab es keinen Zweifel mehr: – er darf nicht
+länger dableiben, sie würden ihn sonst totschlagen. Er erhebt sich und
+will ganz unbemerkt zum Ausgang gelangen, – sie aber sind hinterher. So
+ist es, sie wollen ihn totschlagen! Sie werden ihn totschlagen,
+erwürgen; wohin fliehen, wo sich verstecken? O Gott, wenn doch ein
+Mensch wenigstens da wäre, ein Mensch! Und sie verfolgen ihn, sind ihm
+schon auf den Fersen, jetzt holen sie ihn ein. Er stürzt in eine Grotte,
+fällt mit dem Gesicht auf die Steine. Und plötzlich läßt sich ein Vogel
+wie ein Stein auf ihn nieder, auf den Rücken, kein Adler, sondern ein
+Habicht, der Hühner raubt. Er preßt ihn hart zwischen den Klauen,
+zerdrückt ihn, wie er sonst die Hühner zermalmt. – Dieb, Dieb, Dieb –
+klopft sein Schnabel. Und ihm wird schwer, so schwer, – es ist kein
+Zweifel mehr für ihn: er wird sich nie mehr erheben können, nie mehr
+sich aufrichten, – und es ist ihm schwer; Bitternis ist in ihm und
+Todesbangen.
+
+– Ein böser Traum – sagte Akumowna, als Marakulin ihr am Morgen von den
+nächtlichen Menschen und vom Habichtvogel erzählte, – man hat ihn nur
+vor einer Krankheit. Sie werden ganz bestimmt krank werden.
+
+Die Krankheit aber hatte sich seiner schon bemächtigt, er war ganz
+zerbrochen, ganz aufgelöst, der Kopf hing ihm herab, er war krank: am
+Morgen vermochte er kaum ein Glas Tee auszutrinken und der Bissen blieb
+ihm im Munde stecken. Draußen war eine Hochsommerhitze und ihn
+schüttelte der Frost wie im Januar.
+
+Die göttliche Akumowna – im Burkowschen Hof wurde Akumowna die göttliche
+genannt –, die gute Seele, brachte Marakulin zu Bett, gab ihm Himbeertee
+zu trinken und legte ihm Senfpflaster auf; sie pflegte ihn Tag und
+Nacht, und pflegte ihn gesund. Die Krankheit ließ ihn los und verließ
+ihn. Doch hatte er an die zwei Wochen gelegen.
+
+Das erste, was er empfand, als er nach der Krankheit die Hausschwelle
+überschritt und sich auf der Straße befand, war – daß er jetzt alles zu
+sehen und zu hören anfing. Und er fühlte, wie sein Herz sich auftat und
+seine Seele lebte.
+
+Der eine muß verraten, um durch den Verrat seine Seele aufzuschließen
+und in der Welt er selbst zu sein; der andre muß töten, um durch den
+Mord seine Seele aufzuschließen und wenigstens als er selbst zu sterben;
+er aber mußte offenbar eine Quittung ausfertigen – aber nicht der
+Person, der sie zukam, – um seine Seele zu erschließen und in der Welt
+zu sein, und zwar nicht mehr als irgendein beliebiger Marakulin, sondern
+als dieser Peter Alexejewitsch Marakulin, der er war, sehen, hören und
+fühlen.
+
+So sprach es in Marakulin am ersten Tag seiner Genesung, so fand er ein
+Schlupfloch, um wieder in die Welt hineinzuschlüpfen, so bewies er sich
+sein Recht zum Dasein: nur sehen, nur hören, nur fühlen.
+
+Er hatte keine Angst mehr vor den Menschen, sie schreckten ihn nicht
+mehr. Und es war ihm jetzt eigentlich ganz gleichgültig, ob er ein Dieb
+war oder nicht. Er fürchtete sich auch vor gar keinem Unglück mehr. Und
+wenn, dachte er, noch tausendmal soviel Ungemach ihn heimsuchen sollte,
+so war er zu allem bereit, mit allem einverstanden, alles wollte er
+hinnehmen und erdulden und in jeglicher Schmach leben, in jeglicher
+Erniedrigung, alles sehend, alles hörend, alles fühlend. – Warum? Das
+wußte er selber nicht, nur, daß er leben wollte.
+
+Geschah dies dem Ungemach und dem einäugigen Bösen zum Trotz, dem
+überall ein Fest gerichtet ist, wo man sich grämt und weint – er hat
+nämlich das Ungemach ausgehungert und läßt es hungrig um die Erde
+streifen, und er selbst, der Einäugige, blickt mit seinem unterlaufenen
+Auge scheel aus den Wolken von der Höhe des Himmels herab, wie die Erde
+vor Kummer, Gram, Not, Trauer, Leid, Bosheit und Haß sich wälzt und wie
+Murka klagt, und duldet es vielleicht nur bis zu einer gewissen Zeit,
+oder betrachtet er es mit Wohlgefallen –?
+
+Oder geschah es dem Kummer und seinem Hohn zum Trotz, dem mageren,
+dünnen, zusammengeschrumpften, von Weiden umgürteten, mit Bast
+umwickelten, – diesem, wie der alte Gwosdjow, zerzausten Kummer, mit
+seinen geheuchelten Tränen, die er vergießt, wenn er einen in die Grube
+hinabstößt und dazu „Ecce homo!“ ruft? Oder erkannte er in Murkas
+Miauen, in Murkas Bestimmung zu klagen, eine höhere Gerechtigkeit, eine
+Strafe für Murkas Erbsünde, die nicht gesühnt, nicht vertuscht werden
+kann, wenn sie vielleicht auch ganz geringfügig ist, weil geschrieben
+steht: Wer das ganze Gesetz befolgt und nur eins übertritt, der ist im
+ganzen schuldig! und er ergab sich drein mit Furcht und Beben, nachdem
+er erkannt hat, daß sein Recht eben in der Rechtlosigkeit von Uranbeginn
+bestand? – Oder war es seine Liebe zum Leben, sein Instinkt zum Leben,
+die Heiterkeit des Gemüts – das Mark und die Wurzel seines Lebens, die
+ihm Recht sprachen, als eingeborene Kräfte seiner Seele, und ihm die
+Fähigkeit verliehen, sich zu finden, sich zu fügen und anzupassen, ohne
+Worte, ohne Beweise? Oder wird er jetzt einfach nur leben, niemand zum
+Trotz, niemand zu Leide, weder aus Erkenntnis, noch dank seiner
+besonderen seelischen Eigenschaften, sondern einfach so – zu gar keinem
+Zweck, ebenso wie er früher zu keinem Zweck für den Direktor vor den
+Feiertagen die Berichte abgeschrieben hatte, Tag und Nacht beharrlich
+einen Buchstaben nach dem anderen malend, die Zeilen wie Perlen
+aneinanderreihend? – Ist es nicht so?
+
+Etwas Derartiges flog damals Marakulin durch den Sinn und sprach
+deutlich in ihm: Zu keinem Zweck – zu gar keinem Zweck, aber du wirst
+dennoch leben und nur sehen, nur hören, nur fühlen.
+
+
+
+
+ Zweites Kapitel
+
+
+Das Burkowsche Haus stößt an keine fremde Mauer. Ihm seitlich gegenüber
+liegt das Obuchowsche Krankenhaus. Zwischen dem Haus und dem Krankenhaus
+befinden sich zwei Höfe: Burkows Hof und der Hof der Belgischen
+Gesellschaft. Die Fabrik der Gesellschaft liegt rechts, – sie hat vier
+Ziegelschlote mit Blitzableitern; sie qualmen den ganzen Tag und
+erfüllen die Fensterrahmen mit schwarzem Ruß. Ueber diesen Ruß beklagt
+sich Akumowna so oft sie vor den Feiertagen die Zimmer reinigt, aber sie
+schreibt die Schuld daran nicht den belgischen Schloten zu, sondern der
+riesigen elektrischen Milchglaskugel, die den ganzen belgischen Hof
+beleuchtet.
+
+Der Mond blickt manchmal in die Fenster hinein, die Sonne aber ist nie
+zu sehen, nur im Hochsommer glüht Marakulins Zimmer wie eine heiße
+Pfanne: die Strahlen dringen herein zusammen mit dem Staub und jenem
+lästigen Hämmern von Eisen gegen Stein, das dem sich erneuernden und
+aufputzenden Petersburg im Sommer eigen ist. Auch die Sterne sind hier
+wenig zu sehen, mit Ausnahme des Abendsterns, und auch dieser ist nur im
+Frühjahr sichtbar, in später, nicht sehr dunkler Mitternacht; dafür aber
+glänzt das Licht im Obuchowschen Krankenhaus wie ein Stern.
+
+Wenn im Hof der Belgischen Gesellschaft schwarze Männer erscheinen und
+wie Zuchthäusler einen schwarzen Karten mit Steinkohle nach dem andern
+von der Fontanka hereinfahren, und der Hof sich im Laufe der Tage in
+einen schwarzen Berg verwandelt, dann bedeutet es, daß der Sommer
+vorüber ist und daß der Winter, der Herbst naht. Wenn aber der Berg
+abzunehmen beginnt und wie Schnee schmelzend zergeht, wenn die schwarzen
+Männer wieder mit schwarzen Karren erscheinen und klirrend die letzten
+Stücke wegfahren; wenn in dem mit grauem Sandbestreuten Hof weiße Zelte
+sich erheben, kurzgeschorene, erdfahle Menschen in grauen
+Krankenhauskitteln herumzuschleichen beginnen und die roten Kreuze der
+Schwestern leuchten, dann bedeutet es, daß der Winter vorüber ist und
+daß der Sommer – der Frühling da ist.
+
+Burkows Haus ist wie Petersburg selbst.
+
+Der herrschaftliche Teil des Hauses liegt nach der Seitengasse mit der
+Kaserne – in ihm sind lauter teure Wohnungen. Hier wohnt der Eigentümer
+Burkow selbst – ein ehemaliger Gouverneur: seine Uniform strahlt wie
+elektrisches Licht und sein Vorzimmer ist voller Epauletten und blanker
+Knöpfe. Eine Etage höher wohnt der Rechtsanwalt Amsterdamskij – er nimmt
+zwei Wohnungen ein. Noch höher wohnen Oschurkows – ein Ehepaar nur – in
+zehn Zimmern; alle zehn Zimmer sind voll von Nippes, auch ein Aquarium
+mit Goldfischchen haben sie; die Dienstboten wechseln jeden Tag. Der
+Nachbar der Oschurkows ist ein Deutscher, der Doktor der Medizin
+Wittenstaube, der alle Krankheiten mit Röntgenstrahlen heilt. Ueber
+Oschurkows und Wittenstaube wohnt die Generalin Cholmogorowa, oder die
+Laus, wie sie im Hof genannt wird. Ueber der Generalin wohnt niemand;
+unter Burkow befindet sich noch ein Kontor und an der Ecke eine
+Bäckerei.
+
+Burkow selbst wurde nie von jemand gesehen. Es gingen seltsame Gerüchte
+um von seiner eigenartigen Selbstvernichtung: während er Gouverneur in
+Purchowez war und dort den Aufruhr unterdrückte, soll er dermaßen außer
+sich geraten sein, daß er unter anderen Akten auch eine von ihm selbst
+verfaßte Meldung an das Ministerium über seine eigene völlige
+Unfähigkeit unterschrieb, worauf er glücklich, aber ihm völlig
+überraschend nach Petersburg berufen wurde, wo er seinen Abschied
+erhielt.
+
+Die Generalin Cholmogorowa dagegen konnte ein jeder sehen, und alle
+wußten, daß allein die Zinsen ihres Kapitals bis zu ihrem Tode reichten,
+und leben könnte sie noch ein halbes Jahrhundert: kräftig und lebhaft
+würde sie alle überleben, oder wie der Chiromant sich ausdrückte: es ist
+ihrem Leben kein Ende abzusehen! Man wußte auch von der Generalin, daß
+sie jeden Dienstag ins Dampfbad gehe und so abgehärtet sei, daß sie
+überhaupt nicht altere, sondern immer im gleichen Zustand verharre.
+Weiter wußte man, Gott weiß woher, daß sie nichts in ihrem Leben zu
+bereuen habe; sie hat weder getötet noch gestohlen, und wird weder töten
+noch stehlen, denn sie tut nichts, als sich ernähren – sie trinkt und
+ißt – sie verdaut und härtet sich ab. Sonst nichts. Endlich wußte man,
+daß sie das Haus nie anders als mit einem Klappstuhl verlasse; diesen
+nehme sie als eine Art Waffe mit, falls sie überfallen werden sollte, –
+und so kann man sie mit dem Stuhl täglich auf der Fontanka der Motion
+wegen promenierend antreffen, an Samstagen und Sonntagen, vor den Festen
+und an den Festtagen selbst dagegen auf dem Sagorodny-Prospekt, wo sie
+entweder zur Kirche geht oder aus der Kirche kommt.
+
+Jeden Mittag Schlag Zwölf erscheint auf dem Hof das Burkowsche
+Hausmädchen Susanna, das schon mehr wie ein Fräulein aussieht – wie eine
+Stenotypistin aus irgendeinem Bureau – und führt den schönen Hund des
+Gouverneurs, den rothaarigen Revisor über den Hof spazieren, wobei sie
+kaum die lästige Stahlkette festhält. Jeden Mittwoch werden die Teppiche
+in den Hof hinuntergebracht und vor den Feiertagen auch die
+Polstermöbel, und die Teppichklopfer bearbeiten sie und klopfen so
+eifrig und mit solchem Gedonner, daß es sich anhört, als würde auf der
+Newa aus Kanonen geschossen; das bedeutet: ein Attentat oder eine
+Ueberschwemmung. Alle diese Teppiche und Möbel stammen aus dem
+herrschaftlichen Teil des Hauses – aus den reichen Wohnungen der
+Burkows, Amsterdamskijs, Oschurkows, Wittenstaubes und der Generalin
+Cholmogorowa.
+
+Im Hinterhaus sind lauter kleine Wohnungen, und die Einwohner sind
+mittlere, zumeist aber kleine Leute. Hier befinden sich Schuster und
+Schneider, Bäcker, Bademeister, Friseure, eine Waschanstalt, zwei
+Weißnäherinnen, drei Schneiderinnen, eine Krankenschwester aus dem
+Obuchowschen Krankenhaus, Kondukteure, Maschinisten, Kürschner,
+Schirmmacher, Bürstenmacher, Buchhalter, Wasserleitungsarbeiter, Setzer
+und allerlei Mechaniker, Techniker und elektrische Monteure mit ihren
+Familien und ihren Lumpen, Flaschen, Gläsern und Schwaben; hier sind
+auch allerlei Fräuleins von der Gorochowaja und vom Sagorodny-Prospekt,
+Nähmamsells, Mädchen aus den Teestuben und elegante junge Leute aus den
+Badeanstalten, die die Petersburger Damen auf Wunsch bedienen; hier
+befinden sich auch „die Winkel“.
+
+Der Inhaber der Winkel, der Händler Gorbatschow, der Schweigsame – so
+wurde er im ganzen Hof genannt – ein stämmiger, haariger, angegrauter,
+betfrommer Mann, der allsonnabendlich alle seine dreißig Winkel mit
+Weihrauch ausräuchert, besitzt auf dem Marsfeld drei Stände. Zu den
+Feiertagen tummeln sich bei Gorbatschow Mädchen in schwarzen Tüchern und
+Nonnen-Geldsammlerinnen in Schaftstiefeln, und zu Ostern legen alle
+diese Töchter des Gesanges lustig und keck: Christ ist auferstanden! bei
+ihm los. Gorbatschow ist allen bekannt und wenig beliebt; er kann Kinder
+nicht ausstehen. Die Generalin Cholmogorowa kann, wie man sagt,
+ebenfalls Kinder nicht ausstehen, aber sie selbst hat nie welche gehabt;
+Gorbatschow dagegen hatte ein Töchterchen gehabt, das er aber so lange
+in einer leeren Kammer voller Ratten eingesperrt hielt und so lange
+mißhandelte, bis er es ins Jenseits befördert hatte. Die kleinen Kinder
+ärgern Gorbatschow, geben ihm allerlei Spitznamen, verfolgen ihn in
+wilden Scharen, spotten über seinen Weihrauch und über seine mit
+Pferdehaaren bewachsene Nase, und davon ertönt der Hof von so kräftigen,
+geflügelten Worten, von einer so auserlesenen saftigen russischen
+Sprache, wie man sie kaum im Gefängnis zu hören bekommt; und das
+Gefängnis ist doch sozusagen ihre Akademie.
+
+– Die Zeiten sind reif, die Sündenschale ist voll, die Strafe ist nah,
+ich werde euch alle, ihr Lumpen, auf einem Stricklein aufhängen! –
+brummt der gekränkte, von den Kindern gequälte alte Schweiger und
+schnuppert mit seiner von Pferdehaaren bewachsenen Gorbatschowschen
+Nase, während er an den Sonnabenden alle seine dreißig Winkel
+beweihräuchert, böse und bitter das Göttliche mit dem Ungebührlichen
+durcheinandermengend.
+
+Die Gorbatschowschen Winkel sind allbekannt. Hier wohnt die Alte, die an
+der Badeanstalt Sonnenblumen- und Kürbissamen, Johannisbrot,
+Zuckerplätzchen in rosa Papierchen mit Fransen, Heringe und eingelegte
+Birnen feilbietet; stellenlose Köchinnen wohnen hier und sonst allerlei
+Volk, von der Art des ruhelosen alten Gwosdjow: ein Maler, ein Tischler
+und allerlei fliegende Händler.
+
+Die Stände der Händler, ihre Kästen, befinden sich an der hölzernen
+Ueberwölbung der Müllgrube und auf dem Müllkasten andererseits. Am
+frühen Morgen, wenn die Hausmeister den Hof säubern und fegen, da kocht
+es bei den Händlern vor Arbeit auf den Ständen: die Aepfel, Apfelsinen,
+getrocknete Aprikosen, Pflaumen, Datteln und andere Süßigkeiten und
+Näschereien, alles wird vorsichtig immer wieder verlockend
+zurechtgelegt, aufgefrischt und erneuert. Dann wird es an der Fontanka
+herumgetragen und sieht so verlockend, so schmackhaft aus, daß es über
+die Kraft geht, sich zu versagen, wenigstens etwas davon zum Tee zu
+kaufen: eine Dattel oder eine Tafel Schokolade, die nach Mistpilzen
+riecht.
+
+Und so wie die Gorbatschowschen Winkel nie leer stehen, so sind auch die
+Stände dieser Händler, ihre Kästen stets voll von den verlockendsten
+Süßigkeiten und Näschereien.
+
+Neben den Winkeln befindet sich die Hausmeisterwohnung. Es sind ihrer
+sieben Hausmeister. Alle sehen sie so gesund aus, und alle sind sie
+irgendwie krank; – wenn sich zum Spaß wenigstens ein gesunder unter
+ihnen fände! Der Beruf eines Hausmeisters ist auch gar nicht so einfach:
+er muß aufpassen und Holz tragen und Leute auf die Wache schleppen, –
+und alles muß flink geschehen. Ihr einziger Vorteil ist der Verkauf von
+Brennholz. Nur der herrschaftliche Teil des Hauses bezieht das Holz vom
+Wirt; im Hinterhaus aber wohnen nur kleine Leute, die ihr Holz selber
+kaufen, und deshalb treiben durchweg alle sieben Hausmeister einen
+schwunghaften Handel mit Holz.
+
+Ueber der Portierloge wohnt der Oberhausmeister Michail Pawlowitsch, der
+seiner Stattlichkeit nach besser in die Newskaja Lawra[1] passen würde –
+auch in diesem Kloster würde er nicht zu den letzten zählen; – als
+Feiertagsgeschenk nimmt er nicht weniger als einen Rubel an. Ueber
+Michail Pawlowitsch wohnen der Paßaufseher Jerkin und der Kontorist
+Stanislaus.
+
+Jerkin ist im ganzen Burkowschen Hof in Beziehung auf Trinken als der
+erste bekannt. Und in den Feiertagen kann es vorkommen, daß er, nachdem
+er die fünfte Etage erklettert, an einer Tür geklingelt und mit Mühe
+hervorgestammelt hat, er sei um seinen Feiertagsobolus gekommen, wie tot
+auf dem Platz liegen bleibt. Einmal, war es Weihnachten oder Ostern, da
+war er die ganze Treppe hinuntergekollert, von Stufe zu Stufe – „er
+liebt mich, er liebt mich nicht“ – und hatte sich dermaßen an den
+Fliesen zerschunden, daß man ihn kaum erkennen konnte. Nach Neujahr, am
+Tage der heiligen drei Könige, brachte ihn Antonina Ignatjewna, Michail
+Pawlowitschs Gattin, eine gottesfürchtige Frau, zum Mönch am Hafen, um
+ihn wieder auf den guten Weg zu bekehren. Er ließ sich auch bekehren: er
+legte vor dem Bruder ein Gelübde ab, – schriftlich – daß er ein ganzes
+Jahr nicht mehr trinken würde, bis zum nächsten Neujahr. Jerkin handelt
+mit Marken aus dem Krankenhaus, und diese Marken, meist im Werte eines
+Rubels, sind für ihn dasselbe, was das Holz für einen Burkowschen
+Hausmeister ist.
+
+Jerkins Hausgenosse, der Kontorist Stanislaus, ist ebenso wie sein
+Freund, der Monteur Kasimir, von jeher dadurch bekannt, daß er sich
+nachts auf allen Treppen herumtreibt und daß keine Köchin, kein
+Hausmädchen ihm widerstehen kann; ein solcher Fall soll noch nicht
+vorgekommen sein, und kein Gardesoldat kommt ihm darin gleich.
+
+Hochzeiten, Leichenbegängnisse, Unfälle, Begebenheiten, Skandale,
+Raufereien, Schlägereien, Hilferufe und Polizeiwache – bald ist es, als
+schreie ein Mensch, bald, als miaue eine Katze oder als würde jemand
+gewürgt. Und so jeden Tag.
+
+Burkows Haus ist eine richtige Wjasma[2].
+
+Die Wohnung Adonja Iwoilowna Jurawljowas, der Wirtin Marakulins, ist im
+Hinterhaus gelegen und trägt die Nummer neunundsiebzig.
+
+Auf Nummer achtundsiebzig wohnt die Hebamme Lebedjowa. Bei der Hebamme
+wurde am Advent ein Pelzmantel gestohlen, und der Dieb war nicht zu
+finden, als wäre der Pelz im Ofen verbrannt. Man warf dem Schweizer
+Nikanor vor, daß er nicht aufgepaßt hätte, – aber wie konnte er
+aufpassen, wenn er den ganzen Tag auf den Beinen sein muß und nachts
+herausgeklingelt wird, und so das ganze Jahr hindurch! Natürlich war es
+ein schlauer Dieb, ein Hausgenosse, – aber es war nichts zu machen.
+
+Auf Nummer siebenundsiebzig wohnten eine Zeitlang zwei Studenten –
+Scheweljow und Chabarow. Dem Aussehen nach waren sie wohlhabend; sie
+waren elegant gekleidet und hatten die Miete für einen Monat
+vorausbezahlt. Sie lebten zurückgezogen, niemand pflegte zu ihnen zu
+kommen, es gab nie Lärm bei ihnen und sie hatten auch keine eigene
+Bedienung. Gewöhnlich fuhren sie schon am Morgen fort und kamen erst
+spät abends heim. Sie befaßten sich damit, Geld für ihre armen Kollegen
+zu sammeln; so sagten sie bei ihren Besuchen in den Vorder- und
+Hinterwohnungen des Burkowschen Hauses. Nur durch eins störten sie: sie
+sangen sehr oft in der Nacht, wenn auch nicht laut, so doch vernehmlich
+Totenmessen. Diese nächtlichen Totengesänge verursachten den Nachbarn
+wenn nicht Schrecken, so doch einige Erregung. Aber was geschah? Nach
+einem Monat stellte sich heraus, daß sie gar keine Studenten waren, auch
+nicht Scheweljow und Chabarow hießen, sondern Schibanow und Kotschenkow
+– Diebe vom reinsten Wasser, und ihre Wohnung war, als wäre sie gar
+nicht bewohnt, leer, nicht einmal ein zerbrochener Stuhl war drin –
+nichts, nur ein Kerzenstumpf in einer Bierflasche und ein Messinghahn.
+Und da sie nicht wenig auf dem Kerbholz hatten, wurden sie verhaftet.
+
+An Stelle der Studenten quartierten sich auf Nummer siebenundsiebzig
+zwei Artisten, die beiden Brüder Damaskin ein: Sergej Alexandrowitsch
+vom Ballett – er hatte in zwölf Sprachen Examen gemacht und alle Gesetze
+ausstudiert, wie man im Hof sagte, – und Wassilij Alexandrowitsch, ein
+Zirkusclown oder der Klon[3], wie es in der Burkowschen Sprache hieß: er
+spie Feuer und fürchtete nichts und ist schon im Luftballon geflogen.
+Die neuen Mieter wurden vom Oberhausmeister Michail Pawlowitsch die
+Artisten genannt, und er war von einem ungewöhnlichen und ihm selbst
+rätselhaften Respekt vor den Brüdern Damaskin durchdrungen, wie vor
+einem Mönch aus dem Hafen.
+
+Wassilij Alexandrowitsch, der Clown, sieht wie eine Teetasse aus, Sergej
+Alexandrowitsch ist schlank und sauber, wie ein sechzehnjähriges
+Fräulein; er berührt die Erde kaum beim Gehen und hält sich steil, wie
+ein dreijähriges Kind; – er geht schnell, seine Schuhchen scheinen keine
+Absätze zu haben, und jeden Augenblick kontrolliert er sozusagen seine
+Füße gymnastisch: er beginnt mit den Füßen zu flattern, wie ein Hahn mit
+den Flügeln. Wassilij Alexandrowitsch ist nur im Zirkus beschäftigt und
+hat jeden Abend Vorstellung, wie das so ist, Sergej Alexandrowitsch
+dagegen tanzt im Theater und gibt Stunden bei sich zu Hause und außer
+dem Hause.
+
+Die Artisten verdienten gut, streuten das Geld aber um sich wie Späne –
+Sergej Alexandrowitsch spielte Karten und verlor stets – sie kamen aus
+den Schulden nicht heraus, und manchmal ging’s ihnen an den Kragen.
+
+Sie beide waren nicht älter als Marakulin. Sergej Alexandrowitsch war
+verheiratet, aber seine Frau hatte ihn verlassen. Und obgleich er sie
+versicherte, daß die Liebe nur einmal komme – es gebe nur eine Liebe auf
+der Welt – und, wenn er seinen Schülerinnen den Hof mache, dies eben nur
+zu den Pflichten seines Berufes gehöre, und wenn er mit einer Schönen
+spreche, so spreche er mit ihr nur, wie mit einem Menschen, ohne daß
+sein Herz dabei beteiligt sei, so war seine Frau doch von ihm
+fortgegangen. Sergej Alexandrowitsch ist sauber, Wassilij
+Alexandrowitsch das Gegenteil: er braucht jeden Tag ein Fräulein, er
+kann sonst nicht leben; er ist dabei nicht wählerisch und fürchtet sich
+vor nichts, dafür aber besucht er, wenn auch nicht oft, die Kirche.
+Sergej Alexandrowitsch dagegen ist sogar Ostern zu Hause geblieben. Und
+als Sergej Alexandrowitsch einmal Zahnweh bekam und beschlossen hatte,
+er müsse sterben, dachte er gar nicht daran, einen Priester rufen zu
+lassen, vielmehr warnte er die Sklavin – so nannten die Artisten ihre
+Köchin Kusjmowna – und zwar aufs strengste davor: – Wenn du mir einen
+Popen holst – rief er in seiner Zahnwehraserei – werfe ich das Aas die
+Treppe hinab! –
+
+Und er hätt’ es auch gewiß getan: Sergej Alexandrowitsch war ein großer
+Philosoph.
+
+Marakulin stand mit der Hebamme Lebedjowa nur auf dem Grüßfuß – sie
+mißfiel ihm: sie sah nur auf die Tasche, war unterwürfig und verstand es
+mit zwei Stimmen zu sprechen: mit der einen zu denen mit den vollen
+Taschen und mit der anderen zu denen, die nichts hatten. Bald hörte die
+Hebamme auf, Marakulins Gruß zu erwidern, und auch er tat, als bemerkte
+er sie nicht mehr. Mit den Studenten war Marakulin nicht näher bekannt
+gewesen und nur manchmal an der Treppe mit ihnen zusammengestoßen: er
+stieg gerade hinauf, als sie herunterliefen; nachts aber war er ein
+aufmerksamer Hörer der studentischen Totengesänge. Auf den ersten
+Eindruck gefielen ihm diese Kerle: sie waren so tüchtig und
+lebenslustig. Mit den Artisten aber hatte er sich angefreundet und
+besuchte sie: er kam zu ihnen ab und zu abends zum Tee.
+
+Die Artisten waren geistlicher Herkunft und von seminaristischer
+Bildung; sie waren beide ein paar fidele Hühner, nicht kopfhängerisch –
+sie sparten kein Streichholz beim Zigarettenrauchen! – Wassilij
+Alexandrowitsch, der Clown, war nicht sehr gesprächig, aber einem
+Gespräch nicht hinderlich; er war gutmütig und lachte viel, häufig auch,
+wo es gar keinen Anlaß zum Lachen gab, offenbar nach seiner eigenen
+Clownlinie. Sergej Alexandrowitsch dagegen unterhielt sich gern. Er war
+auch ein Bücherfreund und las nicht nur humoristische illustrierte
+Zeitschriften wie etwa „das Petersburger Satirikon,“ nicht nur den
+berühmten „Andrej, den Schwergeprüften,“ oder „Elsa von Gabron,“ oder
+„die schrecklichen Geheimnisse des unterirdischen Gewölbes,“ oder „die
+schrecklichen Abenteuer des Räuberhauptmanns die schwarze Hand,“ oder
+„die Liebesrendezvous von Beritzky,“ „die Entführung Ludmillas durch den
+Waldräuber Alexander“ – die Lieblingslektüre des Clowns –, nein, er las
+die neuesten, sensationellen Bücher, die überall in den Schaufenstern zu
+sehen sind: bei Ssuworin, bei Wolf, bei Mitjurnikow auf dem Newsky, im
+Gostiny Dwor, auf der Litejnaja und sogar auf der Gorochowaja, in der
+einzigen Buchhandlung dieser Straße. Und beim Tee pflegte Sergej
+Alexandrowitsch auf alle totengräberischen, tendenziösen Betrachtungen
+Marakulins mit eigenen ausgedehnten Betrachtungen über das Schicksal und
+das Los verschiedener Länder, Völker und des Menschen überhaupt zu
+erwidern und schloß gewöhnlich mit der kurzen Bemerkung:
+
+– Man muß alles von sich abschütteln! – dabei flatterte er mit den Füßen
+wie ein Hahn mit den Flügeln.
+
+Sergej Alexandrowitsch ist ein großer Künstler.
+
+Die Wirtin Marakulins Adonja Iwoilowna Jurawljowa – eine nicht mehr
+junge, dicke und sehr gute Frau, ist seit fünfzehn Jahren Witwe, seitdem
+ihr Mann infolge einer Krebskrankheit den Hungertod starb. Er wurde auf
+dem Smolensky-Kirchhof begraben. Sie selbst ist keine geborene
+Petersburgerin, sie stammt von der Meeresküste, vom Weißen Meer. Ihr
+Mann besaß ein Geschäft auf der Ssadowaja, einen Schnittwarenladen –
+Baumwolle und Zwirn – jetzt hat sie es verpachtet. Sie hat keine Kinder
+und die Verwandten von seiten ihres Mannes sind auch kinderlos, nur ein
+Neffe ist da. Der Neffe pflegt an den Feiertagen zu Weihnachten und
+Ostern zu kommen, um ihr zum Fest zu gratulieren, ebenso an ihrem
+Namens- und Geburtstag. Sie ist reich – hat viel Geld und weiß nichts
+damit anzufangen; sie grämt sich sehr, daß sie keine Kinder hat und
+seufzend klagt sie über das ihr von Gott bestimmte kinderlose Leben.
+
+Adonja Iwoilowna bewohnt das äußerste Zimmer; gleich am Eingang rechts
+liegt ihr Zimmer. Den ganzen Tag sitzt sie zu Hause; auf die Straße geht
+sie nicht – es ist ihr beschwerlich, die Treppen hinunterzusteigen –,
+der eine Fuß schleppt etwas nach, und beim Hinaufsteigen vergeht ihr der
+Atem; auch hat sie Angst vor der Elektrischen. Es bleibt ihr nur eine
+Zerstreuung: in die Küche zu Akumowna zu spazieren und mit ihr vom Essen
+zu sprechen.
+
+Adonja Iwoilowna ißt gern.
+
+Die Zimmer liegen alle in einer Reihe. Das zunächst an der Küche
+gelegene ist das Marakulins, und Peter Alexejewitsch kann am Morgen
+schon hören, wie sie das Mittagsessen bespricht. Adonja Iwoilowna ißt
+besonders gern Fische. Und sie belehrt Akumowna über den Sterlet, über
+die Zubereitung einer Sterletsuppe, von einem wahrhaft die Seele aus dem
+Leibe schmeichelnden Geschmack.
+
+– Zuerst mußt du, Uljanuschka – spricht sie zu Akumowna mit einer
+Stimme, als schlucke sie Tränen – zuerst mußt du die Barsche bis zur
+Erschöpfung kochen, dann tu’ den Sterlet hinein, das gibt eine
+schmackhafte Suppe.
+
+Und in der Tat wurde da eine schmackhafte Fischsuppe gekocht; ein die
+Seele aus dem Leibe schmeichelnder, süßer, fetter Sterletgeruch erfüllte
+die Küche und alle vier Zimmer, und Marakulin konnte es kaum aushalten,
+kaum den glücklichen, seligen Augenblick erwarten, bis er in die
+Garküche auf den Sabalkansky gehen konnte.
+
+Adonja Iwoilowna versteht sich aufs Essen.
+
+Den ganzen Winter sitzt sie fest, sie ist seßhaft und wird wegen ihrer
+Seßhaftigkeit im ganzen Hof nicht anders als die Schmiede genannt; aber
+kaum, daß der Frühling beginnt, ist sie nicht mehr in Petersburg: den
+ganzen Sommer zieht sie von Ort zu Ort, zu allen heiligen Stätten
+pilgernd.
+
+Adonja Iwoilowna liebt die Einfältigen und Narren, die Starzy[4], Brüder
+und Propheten. Sie war bei dem rasenden Starez in der Nähe von
+Kischinew, hatte seine schrecklichen Schilderungen des Jüngsten Gerichts
+und der Qualen der Sünder gehört; – sie waren so entsetzlich, daß die
+Pilger wie von Sinnen davongingen und tobsüchtig wurden; manche starben
+auf der Stelle vor Angst vor den Höllenqualen – so entsetzlich waren
+diese Schilderungen. Sie war auch schon im Ural bei Makarij: – dieser
+Starez wohnt auf einem Geflügelhof, pflegt das Geflügel, spricht mit dem
+Geflügel, und ihm gehorcht alles Vieh: wenn sich der Starez bei
+Sonnenuntergang zum Beten hinstellt, so stellt sich auch das ganze Vieh
+hin, wendet die gehörnten, bärtigen Köpfe nach der Richtung, wohin der
+Starez betet und steht und rührt sich nicht; es erklingt kein Glöcklein,
+es klirrt keine Schelle. Sie war auch in Werchoturje bei Fedotuschka
+Kabakow, der durch Gebete die Stimme des Himmels herabruft; sie war auch
+bei jenem Starez, der durch seine Berührung engelhafte Reinheit schenkt
+und in den paradiesischen Zustand versetzt; sie war auch bei dem
+Kitajewschen Propheten: dieser Heilige läßt die Frommen an seiner Zunge
+saugen – er steckt seine Zunge heraus, man saugt an ihr und ist
+geheiligt – die Gnade hat sich auf einen herabgesenkt. Noch bei vielen
+anderen heiligen Männern war sie in ihrem Leben gewesen:
+im Heiligengeistkloster, wo der Starez die bösen Geister
+vertreibt, indem er durch den Beischlaf das Fleisch abtötet; beim
+Bossoj-Iwanowskij-Starez, beim Starez Damian und bei Phoka Skopinskij,
+der sich selbst auf dem Scheiterhaufen verbrannt hatte.
+
+Adonja Iwoilowna liebt die Armen im Geist, die Narren, die Starzy,
+Brüder und Propheten. Sie möchte ihr Leben lang ihren unverständlichen
+Gesprächen, ihren Parabeln und Sprüchen lauschen, sie möchte in ihren
+Zellen beten, wo die Oellampen sich von selbst entzünden, wie die Kerzen
+Jerusalems. Sie hat nur einen Kummer: sie sprechen nicht mit ihr, –
+einzig ihr allein hat noch niemand von diesen Heiligen etwas gesagt! Ob
+sie nun zu alt an Jahren ist, oder ob sie vor Rührung die prophetischen
+Worte nicht hört, oder ist es ihr vielleicht nicht gegeben zu hören –?
+Nur die heilige Schwester Parascha hatte ihr einmal gesagt:
+
+– Schiffe werden gehen, viele Schiffe – weit!
+
+Und im Winter in ihrer schwülen Stube auf der Fontanka sitzend,
+wiederholt Adonja Iwoilowna sehr oft:
+
+– Schiffe, Schiffe! – und kann diese Worte nicht begreifen, und die
+Tränen rollen ihr wie die Erbsen die Wangen herab.
+
+Adonja Iwoilownas Aehnlichkeit mit einer Seerobbe ist erstaunlich – eine
+echte murmanische[5] Seerobbe.
+
+Adonja Iwoilowna liebt die Armen im Geiste, die Narren, die Starzy,
+Brüder und Propheten, aber sie hat noch eine andre Leidenschaft und eine
+ebenso unbezwingliche: das Meer, das Meer – sie liebt das Meer. Alle
+russischen Meere hat sie befahren, sie ist auf dem Murman, auf dem
+Eismeer geschwommen, wo der Wal lebt, und hat auch das Mittelmeer
+gesehen.
+
+Und im Winter allein in ihrer schwülen Stube auf der Fontanka sitzend
+denkt sie oft an das Weiße Meer, ihre Heimat, und an das warme Schwarze
+Meer und an das smaragdgrüne Mittelmeer, und bei dem Gedanken an das
+Meer wiederholt sie Paraschas einzige prophetische Worte:
+
+– Schiffe, Schiffe! – und sie kann es nicht verstehen und Tränen rollen
+ihr wie Erbsen die Wangen herab.
+
+Nachts quälen Adonja Iwoilowna Träume. Sie träumt bunte Träume: sie
+träumt von der Heimat, von den heimatlichen Flüssen, dem Onegafluß, dem
+Dwinafluß, dem Pinegafluß, den Meshafluß, den Petschorafluß, vom
+schweren Brokat altrussischer Gewänder, von weißen Perlen und rosa
+Perlen aus Lappland, von Walfischen, Seerobben, Lappen, Samojeden, von
+Märchen und alten Weisen, von langen Winternächten und von der
+Mitternachtssonne, vom Kloster Ssolowski und vom Reigen. Sie träumt von
+cholmogorischen ungehörnten Kühen, einer ganzen Herde; – und diese Kühe
+haben menschliche Augen, sie schmiegen sich alle mit dem Rücken an sie,
+dann tritt eine vor, reicht ihr einen Fuß wie eine Hand und sagt:
+„Adonja Iwoilowna, lehre mich sprechen.“ Nach ihr tritt eine andre vor,
+und so eine Kuh nach der anderen, jede reicht ihr einen Fuß wie die
+Hand, und alle haben sie die gleiche Bitte: „Adonja Iwoilowna, lehre
+mich sprechen!“ Sie träumt von Skorpio-Chamäleonen; – alle sind sie im
+Frack, sitzen an den Wänden und wedeln mit den Schwänzen, die bald
+smaragdgrün sind und bald purpurn, wie eiskaltes Abendrot. Sie sehen sie
+alle nur an, und bald sind alle Wände voll von Skorpio-Chamäleonen,
+überall sind sie: auf den Heiligenbildern und hinter den
+Heiligenbildern, und ein Schweif, wie aus tausend kleinen Schweifen
+zusammengesetzt, winkt ihr zu und lockt sie, bald smaragdgrün und bald
+purpurn, wie eiskaltes Abendrot. Und manchmal träumt sie auch baren
+Unsinn: als esse sie einen Käsekuchen, und so viel sie auch essen mag,
+sie wird nicht satt und der Käsekuchen nimmt nicht ab.
+
+Jeden Tag deutet Akumowna die Träume, und abends beim Tee legt sie
+Karten. Akumowna kann wahrsagen aus den Weidenkätzchen, aus den
+Wagenkerzen und zur Winterzeit aus den Frostblumen auf den Fenstern;
+doch am genauesten kann sie aus den Karten wahrsagen.
+
+Herbstabend. Draußen rieselt ein Petersburger Regen. Aus den Dachrinnen
+schlägt dumpf, wie ein Hund aufheulend, das Wasser auf die Steine. Die
+belgische Bogenlampe leuchtet wie der Mond durch das Gewoge von Nebel
+und Rauch. Im Fenster des Obuchowschen Krankenhauses blinkt nur ein
+Licht.
+
+Im äußersten Zimmer bei Adonja Iwoilowna singt der Samowar – er geht
+nicht aus, er ist voll und kochend heiß, der Dampf wallt nur so – der
+Sänger summt sein Lied. Der Samowar singt, daß man es durch alle Zimmer
+hört.
+
+Akumowna ist nicht in der Küche. Akumowna ist mit den Karten bei Adonja
+Iwoilowna. Akumowna legt Karten. Der Samowar ist im Erlöschen, sein
+Gesumme ist leiser und Akumownas Stimme tönt dumpfer:
+
+– Fürs Haus. Fürs Herz. Was sein wird. Wie es endet. Wie es sich
+beruhigt. Sagt die volle Wahrheit, reinen Herzens. Was kommt, wird auch
+zutreffen.
+
+Es kommen aber lauter unreine, lauter unerfreuliche und dunkle Karten.
+
+Adonja Iwoilowna weint. Wie sollte sie auch nicht weinen! Ihren Mann
+hatte man auf dem Smolensky-Kirchhof bestattet und sie wollte ihn doch
+in der Newskaja Lawra haben: die Verwandten hatten darauf bestanden,
+hatten nicht auf sie geachtet. Er war zu Allen gut gewesen, hatte viel
+geholfen, aber sie liebten ihn nicht. Nur sie allein hatte ihn geliebt
+und auf sie hatte man nicht gehört. Auf dem Kirchhof geht nun die Erde
+unter ihm weg, die Erde bröckelt ab.
+
+Und wieder ertönt Akumownas Stimme, noch dumpfer.
+
+– Fürs Haus. Fürs Herz. Wie es endet. Was sein wird. Wie es sich
+beruhigt. Sagt die volle Wahrheit reinen Herzens. Was sein wird, wird
+auch zutreffen.
+
+Doch es kommen wieder dieselben Karten. Und wieder dieselben Träume;
+Adonja Iwoilowna weint: nur sie allein hatte ihn geliebt, aber man hatte
+nicht auf sie gehört, und jetzt geht die Erde unter ihm weg, die Erde
+bröckelt ab.
+
+– Man darf niemand beschuldigen! – sagte Akumowna plötzlich.
+
+Herbstabend. Draußen rieselt ein Petersburger Regen. Aus den Rinnen
+schlägt das Wasser, wie ein Hund aufheulend auf die Steine. Die
+belgische Bogenlampe leuchtet wie der Mond durch das Gewoge von Nebel
+und Rauch. Im Fenster des Obuchowschen Krankenhauses schimmert nur ein
+einziges Lichtlein.
+
+Im äußersten Zimmer, in der schwülen Stube bei Adonja Iwoilowna brennen
+drei ewige Oellämpchen. Adonja Iwoilowna betet lange. Auch in der Küche,
+in der vom unverwüstlichen Sterletgeruch und vom Geruch getrockneter
+Pilze gesättigten Küche, brennen drei Oellämpchen. Akumowna betet lange.
+
+– Schiffe, Schiffe! – ertönt des Nachts eine Stimme inmitten des
+weinerlichen Schnarchens.
+
+Und am anderen Ende der Wohnung antwortet ihr dumpf eine andere:
+
+– Man kann niemand beschuldigen! –
+
+Und eine dritte Stimme, die durch die Wand aus dem Zimmer der Artisten
+hereindringt, sagt:
+
+– Man muß alles von sich abschütteln.
+
+Marakulin fährt dabei auf, kauert sich zusammen, ganz verstummt und
+bedrückt horcht er und wiederholt sich vergebens immer dasselbe; trotzig
+wie er ist, kann er nicht mehr nicht denken, er kann nicht auf seine
+Gedanken nicht hören, und der Friede flieht ihn.
+
+Die göttliche Akumowna ist laut ihrem Paß eine Jungfrau von
+zweiunddreißig Jahren, aber laut ihren eigenen Versicherungen – es war
+übrigens auch ohne ihre Versicherungen einleuchtend – war sie nicht
+zweiunddreißig, sondern sicher fünfzig. Sie ist aus Pskow gebürtig oder
+eine Pskowitanerin, wie die Artisten sie zu nennen pflegen, zu denen sie
+ebenfalls manchmal hinläuft, um Karten zu legen; für Sergej
+Alexandrowitsch wäre sie sogar bereit, den ganzen Tag Karten zu legen,
+außerdem ist die Sklavin Kusjmowna, welche halb an eine Flunder, halb an
+ein gefrorenes Huhn von der Sennaja erinnert, so etwas wie ihre
+Gevatterin.
+
+Akumowna ist klein und schwarz, ihr Gesicht ist sehr dunkel, – ein
+Käfer! Sie lächelt und blickt so eigentümlich, idiotisch, nicht
+gradeaus, sondern von der Seite, mit etwas geneigtem Kopf. Sie ist sanft
+und wird nie böse. Und flink ist sie, aber sie läuft nicht, sondern sie
+dreht sich auf demselben Fleck herum und es sieht nur so aus, als liefe
+sie. Und geschickt ist sie, man würde glauben, sie mache alles sofort;
+wenn es aber vorkommt, daß man sie irgendwohin rasch schicken muß, dann
+ist’s aus, dann kann man lange warten! Es ist ja auch die fünfte Etage
+und ihre Beine sind schon alt. Das Hinunterlaufen geht noch, aber beim
+Hinaufsteigen der Treppe – da bleibt sie stecken. Die Füße möchten schon
+laufen, und Akumowna wäre froh, möglichst schnell zurück zu sein, aber
+sie hat eben keine Kraft mehr, und sie dreht sich nur auf demselben
+Fleck.
+
+Den Tag und die Nacht verbringt Akumowna ebenso wie Adonja Iwoilowna.
+Sie träumt allerlei Träume: sie sieht Feuersbrünste – das Haus brennt ab
+– und Räuber – die Räuber jagen und verfolgen sie – und einen nackten
+Mann – der Nackte steht an einem Ufer und wäscht sich mit Seife – und
+ein fleckiges Reptil – das Reptil beißt sie; – und Beeren ißt sie im
+Traum – Preißelbeeren, die Büschel so groß wie ein Hammelschwanz. Aber
+am häufigsten – sehr häufig fliegt sie im Traum: sie fliegt immer nach
+einem und demselben Ort, zu Ostaschkow in Nils Einsiedelei, zum
+ehrwürdigen Nilus Stolbenskij.
+
+– Ich mache einen Sprung und fliege – erzählt Akumowna, – ich steige auf
+und greife aus mit den Händen, wie auf dem Wasser, und es wird mir so
+leicht und ich fliege vorwärts wie ein Vogel.
+
+Schon vor langer Zeit hatte Akumowna ein Gelübde getan, zum ehrwürdigen
+Nilus zu pilgern, und bis jetzt hat sie dieses Gelübde noch nicht
+erfüllt; sie war noch nicht ein einziges Mal da, deshalb fliegt sie oft,
+sehr oft zu Ostaschkow.
+
+Im Hof wird Akumowna geliebt: die göttliche Akumowna. Und immer treiben
+sich Scharen von Kindern bei ihr in der Küche herum, sie versteht und
+liebt es mit den Kindern zu spielen und zu scherzen. Sie besucht alle;
+wenn sie Geld hat, gibt sie es – und man nimmt es von ihr, um es ihr nie
+zurückzugeben – in allen Winkeln ist sie willkommen. Und nur eins
+fürchtet sie: wenn auf dem Hof eine Schlägerei angeht.
+
+Sergej Alexandrowitsch Damaskin hat alle Gesetze ausstudiert, – er ist
+ein Artist. Akumowna aber ist ein Mensch, der weiß, was im Jenseits
+geschieht. So sagt man im Burkowschen Hof.
+
+Akumowna war schon im Jenseits, – sie war dort den Passionsweg gegangen.
+
+Dort in jener Welt wurde ihr alles gezeigt, nur weiß sie nicht, wer der
+Mensch war, der sie geführt.
+
+– Ich trat in ein Gebäude – so erzählt Akumowna ihren Passionsweg, – in
+einen Saal: der Fußboden war morsch, die Dielen eingefallen, die Erde
+unter ihnen war Schutt und auf dem Boden lagen Fische, stinkende,
+abscheuliche Fische verschiedener Art, Fleisch, Schädel; lauter
+schlechtes Zeug lag da herum und bis auf die Knochen verweste Menschen –
+einzelne menschliche Glieder, verweste Tiere, alles verfault und
+abscheulich.
+
+Und sie wurde durch dieses Gemach geführt und es wurde ihr alles
+gezeigt! Das Gemach war lang, unabsehbar, und breit, und dennoch war ihr
+so eng. Vor ihnen waren Menschen, viele Menschen, hinter ihnen ebenfalls
+viele Menschen, ringsum und überall gingen und standen Menschen. Und in
+den Winkeln befanden sich Menschen, aber keine richtigen Menschen – das
+nimmt sie so an; – auch solcher gab es viele.
+
+– Ich habe mich so gequält, ein Gebet gesprochen, sie antworteten aber
+nicht – sie hatten Schwänze und Beine wie Kühe und Krallen wie Hunde. –
+Laßt mich heraus! – flehte ich.
+
+Einer aber sagte: – Nein, sie muß noch etwas sehen! – Und darauf ein
+andrer: – Warten wir, sie muß alles sehen, – und sie führten mich
+weiter.
+
+Und sie führten sie durch das Gemach und zeigten ihr alles. Es lag da
+nur Schlechtes und Vermodertes herum, lauter Aas, alles verwest und
+abscheulich, tote Menschen, tote Tiere, Gebein, Schädel, Kehricht.
+
+– Wenn Gott mich wenigstens die heiligen Sakramente empfangen lassen
+wollte! – dachte ich, – da könnte ich dieser Unzucht entrinnen. Und ich
+wiederholte bei mir: – Herrgott, laß mich das Abendmahl nehmen, ich bin
+schon zu Tode gequält! – Und da sehe ich, wir sind schon draußen.
+
+Draußen wurde sie auf einen Berg geführt, und auf dem Berg standen drei
+Personen, alle in hellen Mänteln und die Gesichter mit etwas Hellem
+verhüllt; sie nahmen das Abendmahl. Nur daß statt des Kelches ein
+Spülnapf war und der Löffel fehlte; so nahmen sie das Abendmahl. Und
+viel Volk war da, und alle traten hinzu, alle nahmen das Abendmahl.
+
+Und auch sie wurde hingeführt. Sie wollte sich bekreuzigen, aber es war
+ihr schwer, als würde sie gehindert.
+
+Er selbst reicht mir eigenhändig die Oblate, aber nicht befeuchtet,
+sondern trocken. Und ich kann ihre Hostie nicht hinunterschlucken, sie
+bleibt mir im Halse stecken, ich ersticke fast. – Herrgott! Herrgott!
+Euch Heilige und Engel Gottes bitte ich, genug schon mich zu quälen! –
+Sie aber lachen. Der eine sagt: „Warte nur, wirst noch weiter gehen.“
+Und nach ihm der andre: „Ja, wir müssen sie noch weiter führen!“ – Sie
+lachen – ihre Schwänze und Beine sind wie bei Kühen, die Krallen wie bei
+Hunden. Und wieder beginnen sie mich zu führen.
+
+Sie führten sie den Berg hinunter zum See. An ihnen vorbei strömt das
+Volk in großen Scharen, wie auf dem Newsky – sie eilen, überholen
+einander, laufen, laufen und schleifen ihre langen Schwänze nach. Alle
+laufen sie vom Berg zum See, und am See verwandeln sie sich in Tauben –
+einer Riesenwolke gleicht diese Taubenschar.
+
+– Die Tauben ließen sich am Wasser nieder und begannen zu trinken, und
+ich sagte: „Gehen wir auch hin?“ „Ja,“ wurde mir die Antwort, „wir gehen
+auch hin.“ Einer aber sagte: „Nun ist es bald mit euch zu Ende.“ Schon
+nähern wir uns immer mehr dem See. Ich räuspere mich, noch immer kann
+ich die Hostie nicht herunterschlucken! Herrgott, bitte ich, genug schon
+mich zu quälen. Um mich herum tummeln sich Kinder und ich stürze zu den
+Kindern, ob sie mich nicht retten wollen: „Schütz mich doch, mein
+Schutzengel, schützt mich doch, seid mir gnädig!“ Nun ist der ganze See
+mit Tauben bedeckt, das Wasser ist trübe und schmutzig. Ich steige bis
+an die Knie ins Wasser. „Jetzt ist dein Ende nah“ vernahm ich eine
+Stimme, und der, welcher mich geführt hatte, war fort und verschwunden.
+
+So war Akumowna im Jenseits gewesen, so war ihr Passionsweg.
+
+Zum Glück hat sie ein gesundes Herz, über ihren Leib klagt Akumowna oft.
+Denn sie hat nicht wenig Schweres erlebt – sie war gehörig unter der
+Fuchtel.
+
+Akumownas Vater war wohlhabend und stand in gutem Ruf. Sie war noch
+nicht zehn Jahre alt, da starb ihre Mutter. Sie hatte sieben Brüder,
+alle älter als sie. Sie war ein gesundes Mädchen. Zwar hatte sie als
+kleines Kind einen Unfall: sie schlief in der Hängewiege und die älteren
+Geschwister wiegten sie, da rissen die Stricke, die Wiege flog auf die
+Erde und mit ihr das Kind. Es schrie Tag und Nacht und ließ sich nicht
+einmal mit der Brust beruhigen, dann wurde es besser und es erholte sich
+ganz. Sie war ein kluges Kind. Vor dem Tode hatte ihr die Mutter fünfzig
+Rubel übergeben, in Leinewand eingewickelt. Niemand wußte etwas vom
+Gelde, nur der Vater allein. Und wenn der Vater es brauchte, da wickelte
+sie so viel er benötigte aus der Leinwand heraus und gab es ihm. Später
+gab er’s ihr wieder zurück, sie wickelte es wieder ein und verriet
+niemand etwas davon. Auch ihre Schwägerin wußte nichts davon. Der Vater
+lebte mit seiner Schwiegertochter. Die Schwiegertochter liebte sie
+nicht. Beim Mittagessen nahm sie sie bei der Hand und zerrte sie vom
+Tisch. Sie quälte das kleine Mädchen sehr. Der Vater lebte mit der
+Schwiegertochter. Einmal kam ein Vetter; der Vater hatte längst
+versprochen, ihm Geld zu leihen, jetzt war er gekommen, um es zu holen.
+Aber der Vater wurde böse und wollte ihm keines geben. Wassilij aber
+brauchte das Geld sehr, außerdem kränkte es ihn: warum hatte er es erst
+versprochen! Er weinte und ging fort. Das Mädelchen hörte es – sie war
+so gut und nicht glücklich – sie holte Wassilij ein und bot ihm von
+ihrem Geld an, das in der Leinwand eingewickelt war, aber er sollte ihr
+versprechen, es ihr bald zurückzugeben. Er war natürlich froh: „Möge
+mein Haus verbrennen, mag ich meine Kinder nicht wiedersehen,“ schwor
+er. Und sie gab ihm das Geld – genau so viel, Heller bei Heller, wie ihr
+Vater ihm versprochen hatte. Aber als die Zeit kam, gab er’s ihr nicht
+zurück. Er habe eben kein Geld, hieß es, sie müsse warten. Sie hätte
+auch gewartet, auch war es ihr gar nicht um das Geld zu tun, aber was
+sollte sie dem Vater sagen, wenn er danach fragte! Und grade mußte es
+kommen, daß der Vater krank wurde: er hatte Bier getrunken, da wurden
+seine Füße blau und es ging ihm schlecht. Das ganze Dorf wurde
+zusammengerufen. Auch Wassilij kam, der Vetter. Alle setzten sich um ihn
+herum und saßen. Da sagte der Vater zum Mädchen, sie solle die Leinwand
+bringen, worin das Geld war. Sie erschrak, wußte nicht was zu sagen und
+redete sich heraus: Sie habe den Schlüssel verloren. Verloren? – Schön.
+Die Schwägerin nahm eine Axt, ging in den Speicher, brach den Koffer auf
+und holte die Leinwand. Man zählte das Geld und es fehlten zwanzig
+Rubel. Der Vater sagte zum Mädchen: – Wo ist das Geld? – Sie schwieg.
+Und nochmals: Wo ist das Geld? – Sie aber schwieg wieder. Und als es
+ganz schlimm mit ihm wurde, begann er die Kinder zu segnen. Er segnete
+erst seine Söhne, ihre älteren Brüder, dann kam die Reihe an sie. Sie
+fing an zu weinen und bat Wassilij leise, er möchte doch das vom Gelde
+sagen – aber Wassilij der Räuber erwiderte: – Ich weiß von nichts, ich
+habe dein Geld nicht genommen! – als hätte er in der Tat nie Geld von
+ihr genommen. Sie weinte nicht mehr; – wenn es einem gar schlimm zumute
+ist, da weint man nicht, sie sah nur den Vater an, sie sah ihn nur an.
+Der Vater sagte zu ihr: – Ich segne dich – er hielt inne und überlegte:
+– sei wie ein rollender Stein um die weite Welt! – dann knirschte er mit
+den Zähnen und verschied.
+
+„Wie ein rollender Stein um die weite Welt!“ So lautete der Segen ihres
+Vaters, den Akumowna empfing und der sie offenbar, wie Akumowna annahm,
+zum Herumirren in der weiten Welt bestimmte.
+
+Sie hielt es darauf keine sechs Wochen mehr zu Hause aus, und lebte dann
+in einem Gemüsegarten. Zu Lebzeiten des Vaters, ob es schlecht oder gut
+ging, hieß es dulden; als aber der Vater starb, da ward die Schwägerin
+grimmiger als eine Bestie, sie verfolgte sie und fraß sie auf. Am
+sechsten Tag nach dem Froltage nahm die Herrin von Turij-Rog, Frau
+Bujanowa die Akumowna zu sich aufs Gut, ins Haus. Das Bujanowsche Gut
+Turij-Rog lag sechs Werst von Ssosna-Gora entfernt.
+
+Auf dem Gut hatte sie es sehr schön. Die Herrin Bujanowa gewann sie
+lieb. Sie war nur ein wenig älter als Akumowna: Akumowna war damals
+dreizehn, die Herrin sechzehn Jahre alt. Herr Bujanow selbst war nicht
+mehr jung und hätte gut der Großvater der beiden sein können. Er reiste
+oft in Geschäften in die Stadt und war auch zu Hause viel beschäftigt:
+er besaß viel Land, viel Wald und See, – er war ein tüchtiger Wirt und
+liebte sein Gut: der Hanf in Turij-Rog stand so dicht, daß ein Mensch
+nicht durch konnte, und die Hühner weideten auf den Feldern wie Schafe!
+Die Herrin aber war immer allein mit Akumowna, wie mit einem lieben
+Schwesterchen. Sie nahm sie überall mit, ins Feld, in den Wald, in das
+junge Gehölz, um Pilze und in den dunkeln Wald, um Beeren zu suchen. Im
+dunkeln Wald, in den Lichtungen, in der Sonne da stehen die Beeren so
+rot, daß es eine Freude ist, sie zu pflücken. Sie pflückten Nüsse,
+sammelten Eicheln zum Kaffee, oder die Herrin legte sich unter eine
+Kiefer und schickte Akumowna Blumen zu holen. Akumowna kehrte dann mit
+Blumen zurück – mit vielen verschiedenen blauen Blumen – und wand einen
+Kranz, die Herrin aber lag unter der Kiefer und weinte. Akumowna
+schmückte sie mit den blauen Blumen – und küßte sie halbtot; – sie
+selbst war schwarz, mit blanken, lustigen Augen, ein rotes Band im Zopf
+– ein Käfer.
+
+So verbrachte Akumowna ein Jahr unzertrennlich von der Herrin: sie wurde
+zu allem angeleitet, lernte Plätten und Waschen. Vor Mariä Schutz und
+Fürbitte fuhr der Herr in die Stadt und wurde da krank. Dem Herrn
+geschah dies oft: man behauptete, daß _sie_ ihn quälten: – der Wald hat
+seinen Herrn und das Wasser seinen, die Wald- und Wasserbeherrscher. Der
+Wald in Turij-Rog war früher dicht und undurchdringlich, ein Käfer
+konnte kaum durchfliegen; Bujanow hatte den Wald gelichtet. Zu den Seen
+konnte man früher nicht gelangen, er aber hatte Wege gebaut und die Seen
+gereinigt. Ihnen aber ist so etwas nicht recht. Und von Zeit zu Zeit
+kamen sie zu ihm und machten ihm Vorwürfe, daß er sie umgebracht hatte.
+Dies eben war seine Krankheit. So sagten die Menschen. Man
+benachrichtigte die Herrin in Turij-Rog, sie machte sich auf und fuhr zu
+ihm.
+
+– Die gnädige Frau befahl mir, auf das Schönchen acht zu geben, –
+erzählte Akumowna, – jede Nacht nach der Kuh zu sehen. Es gab da viele
+Kühe, aber das Schönchen war ihre Lieblingskuh. Das Schönchen sollte
+kalben. Damit fing’s an. Im Dorf war grade eine Hochzeit und ich bat um
+Erlaubnis hinzugehen. Ich versprach um Zwölf heimzukommen, vergaffte
+mich und kam erst um Zwei. Inzwischen hatte das Schönchen um Zwölf
+gekalbt und das Kalb mit einem Fußtritt erschlagen. „Eins von uns bleibt
+am Leben, entweder du oder ich!“ sagte der Aufseher des Viehhofs, –
+entweder ich werde davongejagt oder er. Und so gehe ich zum jungen Herrn
+– der Bruder der gnädigen Frau war bei uns damals Verwalter – und
+fürchte mich hineinzugehen: ich versuche die Tür aufzumachen und laufe
+zurück. „Was hast du, Käfer?“ Er hatte mich also kommen gehört.
+„Verzeihen Sie, gnädiger Herr, verzeihen Sie, ein Unglück ist passiert!“
+„Komm her!“ Er ließ mich eintreten. Ich werfe mich auf die Knie, erzähle
+ihm auf den Knien alles und weine. „Hinaus! Pack deine Sachen!“ Und jagt
+mich hinaus. Ich ging zu mir aufs Zimmer – meine kleine Kammer lag
+hinter dem Speisezimmer – und wußte gar nicht, was für Sachen zu packen,
+denn ich hatte keine, ich weinte nur. Und so weinte ich die ganze Nacht.
+Am nächsten Morgen kommt der Herr. „Hast du schon eingepackt?“ Ich fange
+wieder an. „Verzeihen Sie, gnädiger Herr, ich bekenne meine Schuld!“
+„Schweig, wag es nicht zu weinen, – ruft er – sonst laß ich dich
+aufhängen“ und ging fort. Ich denke mir, aufhängen läßt er mich doch
+nicht, er will mir nur Angst machen, und dennoch fürchte ich, und mir
+ist so bange. Es war Samstag, das Bad wurde geheizt. Ich scheuerte die
+Schwitzbank, stellte Bier hin und wollte eben gehen, da kommt der
+gnädige Herr. Ich will zur Tür hinaus. „Halt, hast du schon deine Sachen
+gepackt?“ Ich wiederhole das meinige: „Verzeihen Sie mir, gnädiger Herr,
+ich bekenne meine Schuld, jagen Sie mich nicht fort!“ – Er überlegt und
+sagt zu mir: „Wenn du einwilligst mit mir zu leben, dann bleibe hier,
+brauchst dann nicht fortzugehen!“ Und stieß mich hinaus. Ich wollte aber
+nicht fortgehen, wollte nicht von meiner gnädigen Frau verstoßen werden,
+und wohin sollte ich auch gehen? – wieder zum Bruder, zur Schwägerin?
+Und so gehe ich herum und weine. Der Viehhofaufseher wiederholt aber
+nur: „Eins von uns bleibt am Leben, du oder ich!“ Entweder er wird
+fortgejagt oder ich. Wäre die gnädige Frau nur zu Hause gewesen, aber
+sie kam immer noch nicht. Es wurde wieder Samstag. Wieder wurde das Bad
+geheizt. Ich scheuerte die Schwitzbank, stellte Bier hin und wollte mich
+beeilen, vor dem gnädigen Herrn fortzugehen, mir war so bange, ich
+fürchtete mich. Er trat aber schon ein. „Bist du nun einverstanden?“ –
+„Ja.“ – Natürlich, ich war ein dummes Mädchen, hab’ nichts verstanden.
+„Geh, zieh dich aus, ich will dich ansehen.“ Ich zog mich aus. Am
+nächsten Tag fuhr der gnädige Herr in die Stadt – er hatte mich noch
+nicht angerührt – und brachte mir ein seidenes Tuch und ein Band ins
+Haar mit. Ich erzählte es der Kinderfrau, – eine alte, ganz alte
+Kinderfrau war da im Hause. „Das macht nichts,“ sagte die Kinderfrau,
+„verlange du aber fünfhundert Rubel auf ein Büchlein, zur
+Sicherstellung!“ Ich konnte nicht verstehen, was für ein Büchlein sie
+meinte. Ich war eben ein kleines dummes Mädchen und verstand nichts. Am
+Abend ruft mich die Kinderfrau: „Wenn du dem gnädigen Herrn den Samowar
+hineinbringst, dann geh nicht fort!“ Das Zimmer des gnädigen Herrn lag
+neben dem Speisezimmer. Ich nahm das seidene Tuch um, flocht mir das
+Band ins Haar, brachte den Samowar und setzte mich an den Tisch, – und
+es schüttelte mich nur so.
+
+Die Schande und die Schmach! – Akumowna schämte sich sehr, sie wollte
+sich erhängen: ihre Herrin war zurückgekehrt, ihre Herrin – und Akumowna
+ging so herum. Die Herrin beruhigte sie, versprach ihr das Kind zu
+erziehen, verzieh ihr das mit dem Schönchen und verwies sie nicht von
+sich. Akumowna brachte einen Knaben zur Welt, bald darauf bekam auch die
+Herrin einen Knaben. Die Kinder wurden zusammen erzogen, sie hatten eine
+Kinderfrau, und wurden später auch gemeinsam unterrichtet. Mit neun
+Jahren wurden beide nach Petersburg gebracht. Der Bruder der gnädigen
+Frau adoptierte Akumownas Sohn. Sie kamen nur zu den Sommerferien, zu
+Weihnachten und zu Ostern heim. Im gleichen Jahr beendigten sie beide
+ihr Studium und wurden Offiziere. Da blieben sie kurze Zeit auf dem Gut
+und fuhren bald nach Petersburg zurück. Als Akumownas Sohn klein war, da
+war er sanft und zärtlich, später aber als er groß wurde, begann
+Akumowna sich vor ihm zu fürchten: wenn er sie ansah, hätte sie sich
+verkriechen mögen, sie hätte nicht gewagt ein Wort zu ihm zu sprechen.
+
+Die Zeit aber wartet nicht, die Zeit nimmt das ihrige! Der alte Herr
+starb – _sie_ hatten ihn erwürgt: der Wald hat seinen Herrn und das
+Wasser hat seinen Herrn, Wald- und Wasserherren, so sagt man. Und nach
+dem Tod des alten Herrn stieß auch dem Bruder der Herrin ein Unglück zu:
+an einem Kirchenfest ihres Sprengels wurden sieben Menschen auf der
+Hauptstraße ermordet; man begann zu untersuchen und der Weg führte
+gradeaus nach Turij-Rog in den Hof, und so wurde er wegen
+Mitwisserschaft eingesperrt. Ein Jahr blieb er im Gefängnis, und als er
+wieder frei wurde und sich zu einer Reise ins Ausland rüstete, starb er.
+Akumowna hatte den gnädigen Herrn nicht gesehen, als er im Sterben lag,
+sie hatte ihn nur gesehen, als er aus dem Gefängnis kam. Sie hätte ihn
+nicht erkannt: er war schwarz, wie die Erde. Man sagte, seine Lungen
+hätten sich abgelöst.
+
+Akumowna blieb wieder allein mit der Herrin zurück, wie einst. Sie
+gingen wie einst wieder ins Feld und in den Wald. Akumowna sammelte
+Blumen für ihre Herrin, allerlei blaue Blumen, und wand ihr einen Kranz;
+die Herrin lag wieder unter einer Kiefer, nur weinte sie nicht mehr, sie
+schlief; – sie trank jetzt, schon längst hatte sie sich ans Trinken
+gewöhnt: sie nahm einen Schluck, aß eine Pfefferminzpastille dazu und
+schlief ein.
+
+Der gnädige Herr, der Bruder der Herrin, starb im Frühling, und im
+Herbst wurde Akumownas Sohn aus Petersburg nach Turij-Rog gebracht. Er
+hatte gebeten, daß man ihn vor dem Tode nach Turij-Rog bringe: er war
+schwindsüchtig. Er wurde auf dem Gut bestattet, auf dem Turij-Rogschen
+Kirchhof. Seine Uniform und seine Mütze bekam Akumowna. Und das Jahr war
+noch nicht um, da starb die Herrin. An ihrem Todestage sah sie im Traum
+den alten Herrn mit einem weißen Hund kommen ... Und auch die Herrin
+wurde bestattet.
+
+Turij-Rog war nun vereinsamt. Akumowna war allein auf dem Gut. Der junge
+Herr wollte sie nicht mehr behalten und entließ sie nach der Beerdigung.
+Und so war sie ganz allein. Sie weinte aber nicht, – wenn es einem gar
+zu schlimm ist, dann weint man nicht.
+
+Zum letzten Mal ging sie ins Feld, in den dunkeln Wald und in das junge
+Gehölz, saß zum letzten Male im Wald auf dem Abhang, wo die Sonne am
+stärksten brennt und wo die Beeren so rot stehen, und unter der Kiefer,
+wo ihre Herrin zu liegen pflegte, verneigte sich tief vor dem jungen
+Wald, vor dem Feld – vor dem alten dunkeln Wald und vor der Kiefer, und
+ging. Sie ging die Hauptstraße aus Turij-Rog an Ssosna-Gora vorbei,
+vorbei am Bruder und an der Schwägerin, an Wassilijs Haus, am Kirchhof,
+an den Grabkreuzen des Vaters und der Mutter, immer gradeaus von
+Turij-Rog, immer gradeaus die Hauptstraße lang, wie ein rollender Stein
+um die weite Welt.
+
+Und manches Jahr dehnte sich der Weg von Turij-Rog nach Petersburg. Bis
+sie Petersburg erreichte, ging sie oft hinter dem Pflug und mit der
+Sense, oder mußte wie eine Zigeunerin in den Hohlwegen herumlungern.
+
+Neun Jahre lebt nun Akumowna in Petersburg. Die Uniform und die Mütze
+wurden ihr noch auf dem Weg von Turij-Rog nach Petersburg gestohlen, und
+nur ein Andenken ist ihr geblieben: ein Paar warme Schuhe und ein Paar
+Gummischuhe hängen mit Naphtalin bestreut in einem Karton an der Decke
+ihrer Küche.
+
+– Ich sehe diese Sachen an, als wenn er es selbst wäre! – sagt Akumowna,
+wenn sie an den Feiertagen den Karton öffnet.
+
+Neun Jahre wohnt nun Akumowna auf der Fontanka im Hinterhaus des
+Burkowschen Hofes, Sommer und Winter, und weiter als auf die Sennaja
+oder bis zum Fischteich ist sie noch nicht gekommen, und sie sehnt sich
+nach freier Luft.
+
+– Wenigstens etwas Luft atmen! – sagt sie manchmal und lächelt und
+blickt idiotisch von der Seite – die sanfte, göttliche, verwaiste,
+unglückliche Akumowna.
+
+
+
+
+ Drittes Kapitel
+
+
+Die Zimmer, die im Herbst leergestanden hatten, wurden zu Anfang des
+Winters vermietet, und Marakulin hatte nun zwei neue Nachbarinnen: Wera
+Nikolajewna Klikatschowa, Hörerin der Nadeschdinschen Kurse, und Wera
+Iwanowna Wechorjowa, Schülerin der Theaterschule.
+
+Wera Nikolajewna war sehr mager, so mager, daß man Angst um sie bekommen
+konnte, besonders nachdem sie die Nacht über den Büchern verbracht
+hatte. Wie ein solcher Mensch bloß leben kann: nicht ein Blutstropfen
+war in ihrem Gesicht, und ihre Augen waren jene verlorenen Augen des
+herumschweifenden heiligen Rußland.
+
+Sie hatte mit ihrer Mutter in der Provinz gelebt, in der alten
+Kreisstadt Kostrinsk. Sie hatten ein eignes Häuschen, das Häuschen aber
+brannte ab, und sie verloren dabei alle ihre Habseligkeiten. Man hätte
+sie retten können, wenigstens ein Teil konnte gerettet werden, aber die
+Mutter, die alte Klikatschowa stellte sich mit dem Heiligenbild den
+Flammen gegenüber und ließ nichts wegtragen, – alles verbrannte. Wenn
+man dem Feuer erlaubt, alles aufzufressen, ohne sich zu widersetzen,
+dann ersetzt es alles hundertfach, – so glaubte die Alte. Zwar hatte sie
+vorher schon eine Erscheinung gehabt, ein Zeichen hatte ihr den Brand
+verkündet: eine Woche früher hatte der Tisch und die Heiligenbilder
+unheimlich geknistert, doch die Alte besann sich erst darauf, als alles
+schon verbrannt war. Nach dem Brande wohnten sie in einem alten
+Badehäuschen. Wera Nikolajewna absolvierte die Kostrinskische
+Gemeindeschule und wäre in ihrem alten Badehäuschen sitzen geblieben,
+wenn nicht eine Verbannte aus Petersburg hingekommen wäre, die sie zu
+unterrichten begann und zur Aufnahme in die vierte Gymnasialklasse
+vorbereitete. Wera Nikolajewna reiste in die Gouvernementstadt, machte
+da das Examen und blieb dort drei Jahre in der Heilgehilfenschule am
+Gouvernementkrankenhaus. Darauf ging sie nach Petersburg, wo sie jetzt
+im Begriff war, die Nadeschdinschen Kurse zu absolvieren.
+
+Das Lernen fiel ihr nicht leicht, – bis zum Weinen schwer war ihr das
+Lernen. Aber sie wollte es nicht aufgeben, sie war von einem
+unheimlichen Fleiß. Nach Absolvierung der Nadeschdinschen Kurse
+beabsichtigte sie, das Abiturientenexamen zu machen, um in das
+medizinische Institut aufgenommen zu werden.
+
+Voller Sorgen, von den Lehrbüchern und von Arbeit erfüllt – sie mußte
+als Masseuse ihren Lebensunterhalt verdienen – saß sie nie mit im Schoß
+müßig gefaltenen Händen, und es war schwer, ein Wort aus ihr
+herauszubringen; sie erzählte selten und war nicht gesprächig. Sie
+erwähnte nur zuweilen ihre Mutter und jene Verbannte, Maria
+Alexandrowna, die sie unterrichtet und in ihr die Lust zum Lernen
+erweckt hatte, – nur von diesen beiden sprach sie.
+
+Wera Nikolajewnas Mutter, Lisaweta Iwanowna, lebte seit ihrer Kindheit
+in dem kleinen, weißen, verlassenen, alten Städtchen mit den fünfzehn
+weißen Kirchen. Kostrinsk ist eine alte Stadt am Ufer des Flusses
+Ustjuschina, – und in Beziehung auf das Trauergeläute der Glocken eine
+erste Stadt, eine Klagestadt. Alte Leute können sich noch erinnern, wie
+Lisaweta Iwanowna jung war, eine lustige Reigenführerin,
+Märchenerzählerin und Sängerin uralter Weisen. Sie erinnern sich noch,
+wie sie im Dom getraut wurde und wie der Priester, der doch Braut und
+Bräutigam kannte, sich fortwährend irrte und die Namen verwechselte, und
+wie Jutschicha, eine alte Waschfrau, dazu traurig den Kopf schüttelte,
+weil sie in ihrer ahnenden Seele wußte, daß das junge Paar nicht lange
+zusammenbleiben wird: ein Dritter stand zwischen ihnen unter dem
+Baldachin. Die Alte wußte es, aber sie schwieg.
+
+Und diese Jutschicha war auch dabei, als Lisaweta Iwanownas Mann starb,
+und dabei, als das Haus brannte. Sie war es auch, die ihr beigebracht
+hatte, nichts hinauszutragen und alles dem Feuer zu überlassen. Und
+nicht das allein bloß hatte sie sie gelehrt, sondern all ihr nicht
+einfaches, ahnungsvolles Wissen. Denn Jutschicha wußte viel, ja,
+vielleicht alles, was dem Menschen zugestanden ist. So sagte man in
+Kostrinsk. Und sie stieg ruhig ins Grab, weil sie in der Welt einen
+andern Menschen an ihrer Statt zurücklassen konnte. Lisaweta Iwanowna
+würde für sie besonders zu Gott beten, weil ihr die Alte alles
+überliefert und für sie mehr getan hatte, als Vater und Mutter tun
+könnten, so viel, daß es wohl keinem Menschen gegeben ist, mehr zu tun.
+So urteilte man in Kostrinsk.
+
+Zehn Jahre waren nach Jutschichas Tod und nach dem Brand des Hauses
+vergangen. Noch immer im alten Badehäuschen lebend, träumte Lisaweta
+Iwanowna davon, sich ein neues stattliches Haus zu bauen, ähnlich wie
+das verbrannte. Jeden Sommer ließ sie Bauholz aus dem Wald in ihrem
+Gemüsegarten aufstapeln. Sie war auch schon beim Vater Johann von
+Kronstadt gewesen, um seinen Segen zu erbitten und brachte ihm ein altes
+Heiligenbild im Stroganowschen Stil zum Geschenk, und er schenkte ihr
+dagegen hundert Rubel für den Anfang. Wie oft schon hatte sie sich von
+Verbannten einen Plan zeichnen lassen und ihn scharfsichtig genau
+geprüft und untersucht: ob die Speisekammer oder die Rumpelkammer nicht
+vergessen worden sei, ob auch alles genau so wäre, wie im alten
+verbrannten Hause. Aber ein neues, stattliches baute sie doch nicht. Das
+Bauholz verfaulte im Gemüsegarten, der Plan wurde sorgfältig in einem
+Kästchen aufbewahrt und die hundert Rubel, das Geschenk des Priesters
+hatten auf der Rückfahrt nicht einmal Moskau erreicht. Sie hatte nie in
+ihrem Leben soviel Geld beisammen gehabt – ihr Mann war ein kleiner
+Beamter in Kostrinsk gewesen und mußte mit Kopeken rechnen – und des
+ehrwürdigen Vaters regenbogenfarbener Schein verflüchtigte sich im
+Handumdrehen: sie brachte allerlei Nippes, Schächtelchen und Schachteln,
+nötige und unnötige, zerbrochene und ganze, als Geschenke aus Kronstadt
+mit, und jeder Gegenstand, jedes Schächtelchen hatte seine Bestimmung;
+das größte Paket aber sollte seine Bestimmung nach näherer Erwägung
+erhalten, und für diese „nähere Erwägung“ war fast ein halbes hundert
+Rubel daraufgegangen. Wie sollte man da ein Haus bauen!
+
+Lisaweta Iwanowna ist gebückt, zahnlos, ihre schweren weißen Flechten
+umwickeln den ganzen Kopf, und die blauen Augen sind noch heller
+geworden und leuchten. Sie hat vieles in dieser Welt gesehen, obwohl die
+ganze Welt für sie die kleine weiße verlassene alte Stadt mit den
+fünfzehn weißen Kirchen war, und alle ihre Tage waren besungen vom
+Trauergeläute. Kostrinsk ist eine alte Stadt am Fluß Ustjuschina und dem
+Trauergeläute der Glocken nach eine erste Stadt, eine Klagestadt. Viele
+Menschen hat Lisaweta Iwanowna schon zu Grabe geleitet; sie besucht ihre
+Gräber und am Ostersonntag trägt sie rote Eier hin, um den Toten den
+Gruß: „Christ ist erstanden“ zu entbieten; denn es ist viel wichtiger,
+den Toten diesen Gruß zu bringen als den Lebenden, so glaubte die Alte.
+So lebte sie in ihrem Badehäuschen, wie in einem richtigen Haus dahin
+und genoß den Anblick der Sonne, wenn sie hinter dem Kirchturm
+unterging, und das Kreuz vergoldete, freute sich, wenn man zum erstenmal
+Schlitten fuhr, oder wenn die Kinder im Frühjahr auf den Brettern sich
+schaukelten, und wartete nur auf den Menschen, dem sie all das Wissen,
+das ihr die alte Waschfrau Jutschicha überliefert hatte, weiter
+überliefern könnte. Und der Mensch, dem sie es überliefern würde, wird
+ebenso glücklich werden wie sie selbst; denn es gebe kein größeres Glück
+als das ihre, – so dachte die Alte. Ihr Glück aber bestand darin, daß
+sie durch ihr nicht einfaches, ahnungsvolles, gleichviel ob
+eingebildetes oder tatsächliches Wissen erkannt hat, wie man leben muß.
+Sie lebte nicht für sich und nicht für die anderen, und wenn sie etwas
+tat, so dachte sie weder an sich noch an die Einwohner von Kostrinsk,
+sondern sie bereitete sich fürs andere Leben vor, fürs Jenseits, und
+dachte bei ihren Handlungen nur an das andre Leben und an das Jenseits;
+deswegen war ihr selbst wohl, und deswegen tat sie den anderen wohl.
+
+Lisaweta Iwanowna war für Kostrinsk dasselbe, was irgendein Bruder im
+Hafen für die arme Petersburger Bevölkerung.
+
+Da kam nach Kostrinsk eine Verbannte aus Petersburg, Maria Alexandrowna.
+Um sich die Tage abzukürzen und auf irgendeine Weise die Zeit zu
+vertreiben, die in der Unfreiheit sich so ausdehnende Zeit, begann sie
+Wera Nikolajewna zu unterrichten. Wera Nikolajewna gefiel ihr, und sie
+kam oft zu Klikatschows. Auch Lisaweta Iwanowna interessierte sie und
+sie fragte die Alte aus, wie sie denkt, daß man leben und wofür man
+leben müsse, wie man vergessen könnte, was nicht zu vergessen ist, und
+was man tun müsse, daß man keine Angst hätte und nicht begehre, was man
+nicht nehmen darf, – Alles das fragte sie die Alte. Und aus diesen
+Fragen erkannte die Alte und ihr Herz flüsterte ihr zu, daß diese
+Verbannte eben der Mensch war, dem sie ihr nicht einfaches ahnungsvolles
+Wissen überliefern und ihn glücklich machen müßte.
+
+Ein Jahr lang lebte Maria Alexandrowna in Unfreiheit in dieser kleinen,
+weißen, verlassenen, alten Stadt. Zu Ostern kam sie zu Klikatschows, um
+am geweihten Mahl teilzunehmen; – zu Ostern aber ist für den Wissenden
+alles besonders sichtbar und klar. Und so erblickte Lisaweta Iwanowna
+bei ihrem Liebling, bei ihrer Auserwählten auf der Stirn zwischen den
+Augenbrauen das Zeichen des Todes. Und sie wollte erst nicht glauben,
+als sie dieses Geheimnis erkannte. Aber schon in der Osterwoche war
+Maria Alexandrowna nicht mehr in Kostrinsk, sie war ganz spurlos
+verschwunden.
+
+Vieles hatte Lisaweta Iwanowna gesehen: sie hatte ihren Mann begraben,
+hatte auch viel fremden Kummer mit angesehen – wo gibt es ihn nicht! –
+aber niemals hatte sie so viel geseufzt, wie damals, als der Morgen kam,
+der Tag verstrich und es Abend wurde und Nacht, und ihre Auserwählte,
+ihr Liebling, die dem Tod Geweihte verschwunden blieb. Sie, die
+Glückliche, hatte dank ihrem nicht einfachen, ahnungsvollen, gleichviel
+ob eingebildeten oder tatsächlichen Wissen erkannt, wie man leben muß,
+aber sie hat die ihr bestimmte göttliche Tat nicht vollbracht, sie hat
+ihr Wissen nicht überliefert, und wenn Maria Alexandrowna nicht
+zurückkehrte, müßte sie als Unglückliche sterben. Und die Alte wartet;
+ihr von schweren weißen Flechten umwundener Kopf wackelt, sie betet
+leise, sanft und demütig, und über ihr läuten die Glocken ihr
+Trauergeläute und besingen sie. Kostrinsk ist eine alte Stadt am Fluß
+Ustjuschina und dem Trauergeläut nach eine erste Stadt, eine Klagestadt.
+
+– Wohin ist denn Maria Alexandrowna verschwunden? – fragte einmal
+Marakulin.
+
+Aber Wera Nikolajewna sagte nichts, nur ihre verlorenen Augen, die Augen
+des herumschweifenden heiligen Rußland lohten auf wie zwei
+Scheiterhaufen, und sie weinte nicht, sondern schrie die ganze Nacht,
+als hätte man ihr die Kehle zugeschnürt und die Schlinge sehr eng
+zusammengezogen.
+
+Marakulin konnte diese Nacht auch nicht einschlafen. Er horchte, er
+verstand, und es war ihm unheimlich zumute.
+
+– Dem Gorbatschow aber, – dachte er, – werden seine Nonnen und
+Jungfrauen in schwarzen Kopftüchern bis in die Ewigkeit hinein „Christ
+ist auferstanden“ zu Ostern singen.
+
+Dieser Gedanke wiederholte sich in ihm und zog durch ihn schleppend und
+zäh und drückte sich in Worten aus. Als er aber erschöpft war, überkam
+ihn eine Unruhe: er vergaß Gorbatschow, Maria Alexandrowna und Lisaweta
+Iwanowna, nur eins wollte er erkennen: was man wegräumen müßte, um seine
+Ruhe wiederzufinden.
+
+Da erinnerte er sich plötzlich an die Generalin Cholmogorowa, wie sie
+satt und gesund, so zufrieden und sieghaft herumgeht, diese Laus, die
+nichts zu bereuen hat und nur der Motion wegen herumgeht, wie sie mit
+ihrem Klappstuhl auf der Fontanka herumspaziert oder auf dem
+Sagorodny-Prospekt aus der Kirche zurückkommt, – und es war, als wenn
+modriges Spinnweb sich ihr nachziehen würde, wie es in den Winkeln
+ungelüfteter Rattenkammern hängt, oder zwischen dem Fußboden und
+unverschiebbaren schweren Kästen, – dieses Spinnweb zieht sich ihr nach
+und dringt einem gradezu in den Mund – es ist um sich ins Wasser zu
+werfen!
+
+Schon lange hatte er das bemerkt, aber erst jetzt erkannte er es. Und er
+überlegte die ganze Nacht bis zum Morgen ingrimmig, wie man die
+Generalin möglichst geschickt beseitigen könnte, so daß nicht einmal
+eine nasse Spur von ihr zurückbliebe; denn er konnte nicht leben, ohne
+daß sie beseitigt wäre, es fehlte ihm die Luft zum Atmen, sie ließ ihn
+nicht atmen mit ihrem modrigen Spinnweb. – Es läßt einen nicht frei
+aufatmen, dachte er, man hat keinen Schlaf, keine Geduld, keine Ruhe.
+
+Hätte Marakulin im Moment der Verzweiflung die Generalin ermordet, und
+wäre am Morgen vor Gericht gestellt worden, so hätte er zu seiner
+Rechtfertigung sagen können, daß nicht er gemordet hat, sondern die
+grausame Burkowsche Nacht.
+
+Und Wera Nikolajewna weinte nicht, sondern schrie die ganze Nacht bis
+zum Morgen, als hätte man ihr die Kehle zugeschnürt und die Schlinge
+sehr eng zusammengezogen.
+
+Es waren jetzt grausame Nächte für Marakulin. Wo blieb seine
+Bereitwilligkeit, alles zu ertragen, nur um zu sehen, nur um zu hören,
+nur um zu fühlen? Immer derselbe Gedanke an die Generalin ging ihm nicht
+aus dem Sinn, die unglückliche Generalin war ihm im Halse stecken
+geblieben! – Ein verrückter Mensch und in seiner Verrücktheit
+beharrlich.
+
+Als er einmal am Morgen in der Zeitung von einem Arzt las, der des
+Giftmordes beschuldigt wurde, versteckte er die Zeitung unter sein
+Kissen und las am Abend vor dem Einschlafen wieder die Stelle.
+
+– Wohltäter der Menschheit, Doktor – flüsterte er im Dunkeln, – du magst
+wohl nicht eine Laus nur ins Jenseits befördert haben und vielleicht
+wirst du ... noch jemand befördern!
+
+Und angesichts der allgemeinen Entrüstung der Zeitungen sprach er zu
+sich ganz trunken:
+
+– Das sind Schwestern meiner Generalin, die für diese vom Doktor
+vergiftete Laus so einmütig eintreten.
+
+Er stand mitten in der Nacht auf, zündete eine Kerze an, las nochmals
+die Zeitung und versteckte sie unter dem Kopfkissen. Darauf legte er
+sich wieder hin und flüsterte im Dunkeln und dachte bis zum Morgen. Und
+er übertrug seine eigene Burkowsche Verzweiflung auf die ganze
+Menschheit, deren Wohltäter vielleicht dieser giftmischerische Arzt
+werden könnte, der eine Laus nach der anderen ins Jenseits befördert und
+die Luft reinigt, damit man atmen kann: denn sonst hätte er keine Luft
+zum Atmen, keinen Schlaf, keine Geduld, keine Ruhe. Ein verrückter
+Mensch war er und in seiner Verrücktheit beharrlich.
+
+Eine Woche oder länger lebte Marakulin in einer Art Raserei und
+erreichte, wie es ihm schien, den Punkt. Und als er den Punkt erreicht
+hatte, fand er einen Schlupfweg, um wieder in die Welt zu gelangen, er
+fand sein Recht in der Welt zu sein, welches seit dem Herbst schon
+schwankte, oder richtiger, nicht bloß schwankte, sondern ihm abhanden
+gekommen war, zusammen mit dem Schlaf, mit der Geduld, mit der Ruhe.
+
+Gorbatschow hatte, so dachte Marakulin, nach all seinen Umtrieben und
+Klügeleien erkannt, wie er leben muß: er wollte seine Seele erlösen, und
+deshalb räucherte er seine Winkel mit Weihrauch, alles übrige aber: ob
+man die Kinder alle auf einen Strick aufhängen oder sie mit Bonbons in
+rosa Papierchen füttern müßte – das betrachtete er als unwesentlich für
+die Erlösung seiner Seele. Maria Alexandrowna hatte ebenfalls nach allen
+ihren Fragen erkannt und begriffen, wie sie leben mußte: nicht daß sie
+die Gefahr besonders liebte und ein Leben, neben dem der Tod einherging
+– nein, sie wollte verderben, ihre Seele für andre hingeben, sie hatte
+sich zum Opfer auserkoren für ein Gesetz und eine Wahrheit, von deren
+Herrschaft das Glück der Menschen abhängt, und sie hatte gewiß getötet,
+oder einen Totschlag vorbereitet, oder war bei irgendeinem Attentat
+gegen eine Person, die ihrer Meinung nach dem Gesetz und dem Recht
+schadete, behilflich gewesen. Lisaweta Iwanowna hat durch ihr nicht
+einfaches, ahnungsvolles, gleichviel ob eingebildetes oder tatsächliches
+Wissen erkannt und begriffen, wie sie leben muß: sie denkt weder an
+sich, noch an die anderen, sondern sie denkt an das Jenseits und an das
+jenseitige Leben, und indem sie sich für das Jenseits und für das
+jenseitige Leben vorbereitet, handelt sie dementsprechend. Aber mit
+Weihrauch räuchern und dabei sich gegen die Kinder wehren, ebenso wie
+ein Attentat vorbereiten oder sich für das jenseitige Leben vorbereiten
+– das alles ist Tat, Aktion, Arbeit, und setzt zu seiner Verwirklichung
+eine Menge wichtiger Entschlüsse voraus. Vor allem muß man wissen,
+gleichviel ob vor seinem Gewissen oder aus Verantwortung vor der
+Vergangenheit und ihren Werken, muß man sich selbst antworten können,
+daß man seine Seele erlösen, oder daß man seine Seele verderben soll –
+oder daß man sich für das jenseitige Leben vorbereiten soll, und es sich
+fest vornehmen im Namen eines Unwiderruflichen. Die Generalin dagegen
+rührt keinen Finger, tut nichts – man kann doch das Besuchen des
+Dampfbades nicht eine Tat nennen! – erreicht aber alles, und wie
+glänzend! Der Erfolg ihrer Abhärtung ist handgreiflich und ganz
+zweifellos, so daß ihrem Leben kein Ende abzusehen ist – der Chiromant
+hat sich in diesem Falle nicht geirrt, und sie ist vielleicht schon
+unsterblich. Dabei sucht sie weder ihre Seele zu erlösen, noch zu
+verderben – denn verderben ist dasselbe wie erlösen – und sie gedeiht,
+indem sie auf jede Erlösung verzichtet und nichts und niemand etwas
+schuldet. Und hat Gorbatschow, welcher weiß, wie man leben muß, ein
+Daseinsrecht, und haben Maria Alexandrowna und Lisaweta Iwanowna, die
+ebenfalls wissen, wie man leben muß, ebenfalls ein Daseinsrecht, so hat
+die Generalin, wie ein Kelch der Auserwähltheit, nicht nur ein einfaches
+Recht, sondern ein königliches!
+
+– Und jetzt ist zu überlegen und sehr genau zu überlegen, – räsonierte
+Marakulin, als er den springenden Punkt, wie ihm schien, erreichte, – um
+einen entscheidenden Schluß zu ziehen, ein für allemal: wie würde die
+Menschheit handeln, wenn, sagen wir, wenn alle Großmächte, ein Bündnis
+aller Mächte der Welt, mit England an der Spitze, ihren Untertanen, der
+ganzen Menschheit, durch die Parlamente und Reichstage in besonderen
+Manifesten dieses sorgenlose Lauseleben, das sündenlose und unsterbliche
+Leben der Generalin anbieten würden? – Gesetzt, so etwas wäre möglich,
+sei es durch eine wirkliche Erfindung – wenn etwa der gelehrte Deutsche
+Wittenstaube es mit Hilfe seiner Röntgenstrahlen herausgefunden hätte;
+oder durch einen Betrug – oder wenn etwa einer unserer gewesenen
+Gouverneure wie Burkow der Selbstvertilger – wie viele solcher Vertilger
+gibt es in Rußland, die fanatisch ihre außergewöhnlichen Fähigkeiten
+gegen sich selbst richten! – also, wenn so ein Burkow einen Trick
+erfunden hätte, meinetwegen einen vorübergehenden Betrug, aber natürlich
+so, daß alles glatt ginge; oder durch ein freches Wagnis, wenn etwa ein
+lichtspendender, hochheiliger Starez Kabakow, nachdem er ein Grammophon
+in seinen Keller eingemauert, sich durch eine Himmelsstimme der Welt als
+Hirte und Richter offenbaren ließe – als der Erlöser von Murkas Erbsünde
+– und ein neues, nicht von Menschenhand geschaffenes Zion aufgebaut
+hätte, voll Frieden und Gnade, schnell, einfach und billig, – wie würde
+sich die Menschheit dazu verhalten, wie würde sie darauf reagieren? Ich
+denke – fuhr Marakulin fort zu räsonieren, als er mit Marakulinscher
+Hartnäckigkeit bis zu seinem springenden Punkt vorgedrungen war – alle
+Untertanen würden ohne alle überflüssigen Worte und Zeremonien, das Soll
+und Nichtsoll und jeden Gedanken an Erlösung vergessend, ganz leise,
+ohne die Hüte oder sonst den Rang bezeichnenden Kopfputz abzunehmen, die
+Hosen ausziehen und auf den mutigen, freien, stolzen, heiligen Anruf,
+sich bekreuzigend, in einen gigantischen mit Pferdehaaren bedeckten,
+vielleicht bei uns in der belgischen Fabrik hergestellten Kopf,
+hineinschlüpfen. Sie würden in dieses neue, nicht von Menschenhand
+erschaffene Kabakowsche Zion voll Frieden und Gnade hineinstürzen, um
+ein neues Lauseleben, ein schmerzloses, sündenloses, unsterbliches, und
+vor allem ruhiges Leben anzufangen: ernähre dich, verdaue und härte dich
+ab! Ein Klappstühlchen könnte man sich noch immer anschaffen; vielleicht
+wäre es sogar möglich, unter diesen allgemeingültigen und deshalb
+zwingenden, freiwillig angenommenen Bedingungen, da bei jedem am Hals
+ein Kuhglöcklein läuten würde, damit man, sorglos weidend, nicht
+verloren gehe, sich auch ohne Klappstühlchen auf der Fontanka Motion zu
+machen, oder auf dem Sagorodny in die Kirche zu gehen. Und es ist
+anzunehmen, daß jeder Vernünftige und Gute so handeln würde – denn wer
+ist sein eigener Feind? – und er würde nach dem Gesetz richtig, weise
+und menschlich handeln: denn in der Tat, wer hätte Lust sich zu quälen,
+zu ersticken ohne Schlaf, ohne Geduld, ohne Ruhe!
+
+Als Marakulin einst in seiner Kindheit Gardist bei der Kavallerie werden
+wollte, betete er, Gott möge ihm helfen, ein Gardekavallerist zu werden,
+und als er Räuber werden wollte, betete er mit denselben Worten, nur daß
+der Gardekavallerist durch den Räuber ersetzt wurde, und ebenso betete
+er, als er Kalligraphielehrer zu werden wünschte. Das waren seine
+Hauptgebete für sich in Moskau auf der Taganka, denn um ein gutes
+Zeugnis hatte er nie gebetet. Später pflegte er beim gewohnheitsmäßigen
+Beten, während er morgens beim Erwachen und nachts beim Einschlafen
+„Gott sei mir gnädig“ aufsagte, von Gott nichts mehr zu verlangen. Dann
+hatte er auch dies: „Gott sei mir gnädig“ vergessen. Jetzt aber, als er,
+wie ihm schien, in seinen Betrachtungen bis zu jenem springenden Punkt
+angelangt war und das königliche Recht entdeckt hatte und dieses
+königliche Recht auf der Welt zu sein auch für sich begehrte, warf er
+sich nachts inbrünstig auf die Erde und betete in der Raserei, die Stirn
+gegen den Boden schlagend:
+
+– Herrgott! – flehte er – gewähre mir für einen Augenblick nur dieses
+wahre Lauseleben, mach mich deiner Gnade teilhaftig, Herrgott, laß mich
+nur für einen Augenblick aufatmen, dann mag dein Wille geschehen!
+
+Und hätte sich Marakulin in seiner Verzweiflung, während er mit der
+Stirn gegen den Fußboden schlug, den Schädel gespalten, und man hätte
+ihn am nächsten Morgen dafür zur Verantwortung gezogen, so hätte er, zur
+Besinnung gekommen, nur eins zu seiner Rechtfertigung sagen können, daß
+nicht er sich getötet, sondern die grausame Burkowsche Nacht.
+
+Hier muß noch gesagt werden, daß seine Geschäfte, die auch sonst nicht
+besonders waren, zu Weihnachten überhaupt stillstanden. Er fand gar
+keine Arbeit mehr; ein Entehrter findet sehr schwer Arbeit, besonders
+wenn auf die Frage: „Womit beschäftigen Sie sich sonst?“ der wirkliche
+Grund der Untätigkeit nicht verheimlicht wird. Marakulin verheimlichte
+ihn auch nicht, und erzählte naiv wie ein zwölfjähriges Kind von seinen
+Streichen, von seinen Quittungsbüchern und wie er wegen jener Quittung
+herausgeflogen war.
+
+Seine Lage war schlimm. Die Artisten Damaskin halfen ihm aus, und ohne
+Sergej Alexandrowitsch, Wassilij Alexandrowitsch und Wera Nikolajewna
+wäre ihm nichts übrig geblieben, als eine Bittschrift zu verfassen,
+gleich dem ruhelosen alten Gwosdjow, der damals an Murkas Tag bei ihm
+erschienen war, am letzten Tag in seiner eigenen Wohnung.
+
+Und am Ende wird man sie doch verfassen müssen, denn das königliche
+Recht, dieses nächtliche königliche Recht, wird einem offenbar nicht so
+leicht gewährt, und wenn man keine Renten hat, die bis ans Lebensende
+reichen, da ist es vielleicht besser, Gott gar nicht zu beunruhigen: man
+erreicht ja doch nichts.
+
+Zu Weihnachten gab es bei den Artisten einen Weihnachtsbaum, und alle
+Mieter Adonja Iwoilownas waren eingeladen. Es war da eine Menge Leute,
+gewiß lauter Artisten. Sergej Alexandrowitsch war sehr geschäftig und
+reichte den Gästen Aschenschalen, damit die Zigarettenstummel nicht auf
+den Boden geworfen werden, und Wassilij Alexandrowitsch ging so aus sich
+heraus, ließ solche Raketen steigen, daß alle vor Lachen beinahe
+umkamen. Im Kartenspiel verloren die Brüder das Letzte. In der
+Gesellschaft taute auch Wera Nikolajewna auf und sang ihre
+Kostrinskischen uralten Weisen, wie sie sie von ihrer Mutter Lisaweta
+Iwanowna gelernt hatte.
+
+Und seitdem, seit jenem Damaskinschen Weihnachtsabend, sang Wera
+Nikolajewna an den Abenden der Weihnachtswoche allein in ihrem Zimmer,
+zuweilen von den Lehrbüchern sich losreißend, mit halblauter Stimme vor
+sich hin. Sie sang auf altertümliche Art, und in ihren Weisen atmete das
+uralte Rußland.
+
+Gewöhnlich begann sie mit dem Gesang von den sieben wilden Stieren und
+von ihrer Mutter, der Stierin; wie die sieben goldgehörnten wilden
+Stiere am Gestade des blauen Meeres wanderten, wie sie über das blaue
+Meer schwammen und auf der berühmten Insel Bujan landeten, wo sie ihrer
+Mutter, der Stierin, begegneten. Und die Stiere erzählten ihr, wie sie
+an Kiew vorbeikamen und an der Auferstehungskirche, und was sie da für
+ein Wunder gesehen hatten: aus der Kirche kam eine Jungfrau, sie trug
+auf dem Kopf ein goldnes Buch, trat bis zum Gürtel in den Newafluß,
+legte das Buch auf einen weißen, heißen Stein, las im Buch und weinte.
+Und die Stierin deutet den Stieren dies übergroße Wunder: die Jungfrau
+war die Mutter Gottes und sie las ein goldnes Buch – das Evangelium, und
+sie weinte, weil sie Ungemach über Kiew heraufkommen sah, Ungemach über
+das ganze heilige Rußland.
+
+Und nach den Stieren erhob sich in seiner ganzen reckenhaften Größe der
+Riese Ilja Muromez; wie der Recke am Grabe des Swjatogor den
+reckenhaften Geist einatmet – den dritten, weißen Grabesschaum, – und es
+treibt ihn und es hebt ihn, er weiß nicht, wo er mit seiner Kraft hin
+soll. Dann folgte die Nachtschwalbe, die Aebtissin, die blonde Füchsin;
+vierzig schwarze Jungfrauen folgen ihr wie die Dohlen, und schon donnert
+und poltert der schreckliche Alte, Igrimistsche-Kologrenistsche. Er
+tritt aus dem Bogoljubowschen Kloster aus, er will seine Seele retten,
+sie ins Paradies bringen und schleppt in einem Sack weißen Kohl,
+bitteren Rettich, rote Rüben – und ein schwarzlockiges Mägdelein.
+
+Und wieder schwimmen auf dem blauen Meere die goldgehörnten Stiere,
+begegnen ihrer Mutter, der Stierin, und erzählen ihr das übergroße
+Wunder. Die Stierin deutet ihnen das Wunder: die Jungfrau ist die Mutter
+Gottes, und lesen tut sie ein goldenes Buch, das Evangelium, und sie
+weint, weil sie ein Ungemach über Kiew ahnt, Ungemach über das ganze
+heilige Rußland.
+
+Wera Nikolajewna sang auch die Räuberweise, von dem Scnurrbart, dem
+Teufelskerl; sie sang von Gauklern und von lustigen Leuten ...
+
+ Leise spielt, ihr Spielmänner,
+ Leise spielt, ihr Lustigen,
+ Mir tut der Kopf so weh,
+ Mir ist mein Herz so schwer ...
+
+In der Küche betet Akumowna vor den drei ewigen Lampen; sie betet für
+ihre Herrin, für den Bruder der Herrin, für ihren eigenen Sohn. Im
+hintersten Zimmer betet vor den drei ewigen Lampen Adonja Iwoilowna; sie
+denkt an Paraschas Schiffe und weint, weil sie es nicht versteht.
+
+Mit Wera Nikolajewna schien etwas vorzugehen: sie sang viel und war
+nicht mehr so fleißig.
+
+– Bei Gott, Sie sind in Sergej Alexandrowitsch verliebt –, sagte einmal
+Werotschka Wechorjowa plötzlich in Wera Nikolajewnas Zimmer eintretend,
+und sah sie schelmisch, herausfordernd und boshaft an.
+
+Und die sonst so Blasse flammte plötzlich auf und wurde still – kein
+Wort. Und auch ihm wird sie kein Wort sagen, sie wird eher sterben, als
+etwas sagen – es gibt Solche. Und darum klang in ihren alten Weisen, in
+denen das uralte Russland atmete, eine so dumpfe beklommene Sehnsucht.
+
+Werotschka – so wurde vom ersten Tage an Wera Iwanowna Wechorjowa
+genannt –, welche Akumowna auch die Unverschämte nannte, nicht etwa als
+Schimpfwort, sondern als Kosename – Werotschka verbrachte selten einen
+Abend zu Hause. Am Tage war sie in der Schule, dann kam sie für ein
+Stündchen nach Hause und bald darauf lief sie irgendwohin, ins Theater.
+Wenn sie nichts vorhatte, dann saß sie bei den Damaskins. Sergej
+Alexandrowitsch unterrichtete sie in allerlei Tänzen. Sie war biegsam,
+schlank und leicht, wie ein Federchen, und wenn beide miteinander
+tanzten, so schien es, als hätten sie Flügel wie Vögel. Die Zeit verging
+ihnen lustig.
+
+Einmal fand sie Marakulin beim Tanzen, und seitdem kam er öfters zu den
+Nachbarn, und daß Werotschka dort war und tanzte, das tat ihm wohl. Wera
+Nikolajewna aber kam seit Weihnachten nicht mehr zu Damaskins; sie fand
+stets eine Ausrede und saß allein, in ihre Lehrbücher vertieft, oder
+hatte Wache im Krankenhaus.
+
+Werotschka gefiel Marakulin. Sie tanzte schön und las gut vor – mit
+einem schönen Organ. Im Süden geboren, war sie in Moskau erzogen worden,
+und in ihrer Sprache war weder das lästige südliche Zwitschern, noch die
+nordische Kälte – die gebändigte Freiheit, dafür aber Festigkeit und
+jene besondere Moskauer Lieblichkeit. Nach dem Tanzen bat sie gewöhnlich
+Sergej Alexandrowitsch, der Verse liebte, etwas vorzulesen. Und
+Onjergins Brief: „Ich weiß voraus, beleidigen wird Sie des traurigen
+Geheimnisses Erklärung ...“ mußte sie ihm einigemal wiederholen.
+
+Was Marakulin auffiel und ihn am Anfang von Werotschka abgestoßen hatte,
+war ihr äußerst starkes Selbstgefühl, eine maßlose Selbstüberhebung und
+Prahlerei, die marktschreierisch wirkte. Man mußte sich für sie schämen.
+Und jeden Widerspruch faßte sie als Beleidigung auf. Sie konnte sich
+dermaßen versteigen bis zu einer Höhe, wo alle Worte einander gleichen
+und nur einen Sinn haben: – es war nicht der sehnsüchtige Ruf eines
+Hoffenden, sondern eine Herausforderung, ein unheimlicher Schrei nach
+dem Recht, die himmlischen Scharen kurz und klein zu schlagen, wenn es
+nur eine Himmelsleiter gäbe, wie es in der alten Weise heißt, – oder die
+Erde auf den Kopf zu stellen, wenn man nur einen Griff zu fassen
+kriegte! – Dabei hört ein so Verstiegener, ein so unheimlich nach seinem
+Recht Schreiender ja niemals seinen eigenen Schrei. Und Werotschka tat
+einem leid.
+
+Sie behauptete, sie sei eine große Schauspielerin, sie brauche bei
+niemand zu lernen, vielmehr müßten alle bei ihr lernen. Und wenn sie
+dennoch in diese dumme Schule eingetreten sei, so wäre es nur geschehen,
+um sich den Weg zu bahnen. Ohne das komme man eben nicht vorwärts. Und
+sie werde sich ihren Weg schon bahnen, sie werde ihren Schatz heben,
+dann würden alle sehen ...
+
+– Und dann werden alle sehen – Werotschka zerriß sich fast vor Schreien,
+– Vielen wird es leid tun, aber zu spät! – Und die Namen der
+Berühmtheiten aufzählend, als wollte sie sie mit sich vergleichen,
+lächelte Werotschka halb verächtlich, halb mitleidig, – Ihr werdet mich
+noch sehen! – und ihre Augen flammten begeistert auf und loderten in
+brennendem Haß, – ich werde zeigen, wer ich bin, der ganzen Welt, –
+mögen sie dann sehen ...
+
+„Aber wer sind denn diese sie?“ fragte sich Marakulin nicht einmal, je
+öfter er über Werotschka nachdachte. Werotschka erzählte gern von sich,
+aber auf allerlei Art, und es war nicht herauszubringen, was daran echte
+Wahrheit war und was bloß so Wahrheit.
+
+Ihr Vater war gestorben, als sie noch klein war. Er war Offizier. Aus
+Wosnessensk im Chersonschen Gouvernement, wo sein Regiment stand,
+übersiedelte die Mutter nach Moskau; hier wurde sie Haushälterin bei
+einem alten General, einem Verwandten ihres Mannes. Werotschka wurde im
+Institut erzogen, doch bevor sie es noch absolviert hatte, starb ihre
+Mutter. Zum General pflegte ein reicher Fabrikant, Wakujew mit Namen, zu
+kommen – ein nicht mehr junger, aber schöner gesunder Mann – wie man in
+Moskau von ihm sagte. Er hatte einträgliche Geschäfte mit dem General.
+Anissim Nikititsch begann Werotschka den Hof zu machen und gefiel ihr
+auch. Und so kam es, daß Werotschka mit der Zustimmung des Generals zu
+Wakujew zog. Wakujew besaß auf dem Arbat ein altes herrschaftliches
+Einfamilienhaus. Seine Frau war tot, seine Kinder versorgt; nur drei
+schon ziemlich bejahrte Fräulein, seine Nichten, die er nach dem Tode
+seines ruinierten Bruders ins Haus genommen, führten ihm die Wirtschaft.
+Ein Jahr blieb Werotschka bei Wakujew, und es ist anzunehmen, daß er
+ihrer im Laufe dieses Jahres überdrüssig wurde; ferner ist anzunehmen,
+daß ihr Leben auf dem Arbat nicht besonders heiter war. Anissim liebte,
+wie sie selbst erzählte, Abwechslung, Zerstreuung, und es wurde ihm
+alles nachgesehen. Anissim war es auch, der sie in Petersburg studieren
+ließ und ihr fünfunddreißig Rubel monatlich schickte; von diesem Geld
+lebte sie.
+
+„Ist es dieser Anissim und seine drei Nichten, die ihr so zugesetzt
+haben, sind sie es, diese _sie_, die dann sehen werden?“ fragte sich
+Marakulin nicht einmal, als er jetzt immer häufiger über Werotschka
+nachdachte.
+
+Eines Tages, es war in der Theodorwoche, ganz am Anfang des Frühlings,
+da kam Werotschka so lustig und aufgeräumt nach Hause, daß sie die
+Hausgenossen beinahe überrannte. Selbst die sonst weinerliche und
+unbewegliche Adonja Iwoilowna vergaß ihre Tränen, und begann mit noch
+tränenfeuchten Augen herumzuwirtschaften, als wäre Werotschka ihre
+Tochter, die jetzt so lustig und aufgeräumt heimgekommen. Akumowna
+drehte sich ebenfalls flinker herum, als wäre es ein Feiertag, und sah
+ihre „Unverschämte“ besonders zärtlich an.
+
+Der Tag war sonnig, der Frühling, die Wärme lockte, im belgischen Hof
+schmolz der Schnee zusammen mit dem Steinkohlenberg dahin. Aus den vier
+Ziegelschloten stieg gleichmäßig der Rauch in die Höhe, die Burkowschen
+Fenster vermeidend, und der Burkowsche Hof war voll von Kindern; sogar
+die Säuglinge waren mit ihren Ammen draußen.
+
+Anissim Nikititsch Wakujew war in eigener Person nach Petersburg
+gekommen, und Werotschka war ihm auf dem Newsky begegnet – das war es:
+daher die Freude und diese ungewöhnliche Ausgelassenheit.
+
+Diese Nacht schlief Werotschka nicht zu Hause. Und als sie am Morgen
+wiederkam, machte sie sich sofort daran, ihr Zimmer aufzuräumen. Wieviel
+Erfindungsgeist zeigte sie dabei, sie, die sonst doch – ganz anders als
+Wera Nikolajewna – so zerfahren und unordentlich war! Jetzt blies sie
+jedes Stäubchen fort, legte Papier unter den wackelnden Tisch, damit er
+fester stand und brachte die Haarnadeln in eine Schachtel unter. Und
+wieviel Lauferei gab es und welche Geschäftigkeit entwickelte sie –
+sogar einen Blumentopf hatte sie irgendwo erstanden, wie zu Pfingsten.
+Sie erwartete einen Gast, Anissim Nikititsch Wakujew selbst. Und der Tag
+war ebenfalls sonnig, es lockte der Frühling, die Wärme.
+
+Der Tag verstrich langsam, es kam der Abend, ein unruhiger Abend, und
+als dann in der Wohnung die Klingel anschlug, da hielt die ganze
+Wohnung, alle vier Zimmer und die Küche, den Atem an, und Marakulin
+wollte sogar die Lampe auslöschen, aber die Lampe erlosch von selbst,
+ohne zu fragen, als hätte sie ein krachender Donner, ein moskauischer
+Donner getroffen.
+
+Es war ein Student, ein Techniker, der auf der Suche nach seinem
+Bekannten an die falsche Tür geraten war. Und Akumowna hatte noch lange
+mit ihm zu schaffen, da er sich auf keine Weise dabei beruhigen konnte,
+daß es hier keinen Ljubimow gab und nie gegeben hatte.
+
+– Es kann nicht sein – sperrte sich wichtigtuerisch der Student, – das
+ist Willkür!
+
+Der Student wurde mit Mühe und Not fortgeschickt; der betrunkene Student
+verzog sich endlich wie Rauch, aber nun konnte man niemand mehr
+erwarten.
+
+Werotschka ging in ihrem Zimmer auf und ab, unermüdlich und nicht wie
+mit ihren eigenen Schritten. Ihre Schritte waren fest und krallig und
+ihre „unverschämten“ Augen wie zwei scharfe Klingen. Es war einem
+unheimlich.
+
+Vom sonnigen Frühlingstag aufgescheucht, ließ sich Adonja Iwoilowna beim
+abendlichen Samowar von Akumowna über ihre sommerliche Pilgerfahrt
+wahrsagen: es war schon Zeit für sie, sich auf den Weg zu machen, der
+Frühling war schon da.
+
+– Jedes Stengelchen verflicht sich mit einem Stengelchen – tönte
+Akumownas gerührte Stimme, – jedes Zweiglein mit einem Zweiglein.
+
+Und Wera Nikolajewna, die mit ihren Arbeiten fertig war, sang leise ihre
+geliebten alten Weisen, und in ihren Liedern atmete das uralte Rußland
+und eine dumpfe beklommene Sehnsucht:
+
+ Leise spielt, ihr Spielmänner,
+ Leise spielt, ihr Lustigen,
+ Mir ist mein Kopf so weh,
+ Mir ist mein Herz so schwer ...
+
+Und plötzlich wurde sie still. Kein Wort mehr. Sie wird auch ihm nichts
+sagen, sie wird eher sterben als etwas sagen.
+
+– Jedes Zweiglein mit einem Zweiglein, jedes Blättchen mit einem
+Blättchen – tönte Akumownas gerührte Stimme, – der Frühling ist da.
+
+Und es wurde immer bedrückender. Denn Adonja Iwoilowna begann zu weinen,
+und noch lauter als sonst; sie erinnerte sich gewiß an ihren Mann, und
+daß die Erde an dem Friedhof unter ihm weggeht und von seinem Grabe
+abbröckelt.
+
+Werotschka ging im Zimmer auf und ab, unermüdlich und nicht wie mit
+ihren eignen Schritten. Ihre Schritte waren fest und krallig und ihre
+„unverschämten“ Augen wie zwei scharfe Klingen. Es war einem unheimlich.
+
+Doch der Sänger, der Samowar, erlosch, die Tränen waren ausgeweint und
+die Schritte verstummt. Alles schlief im Haus und im Hof, die Hupen der
+Automobile tönten nicht mehr von der Fontanka herüber, im Obuchowschen
+Krankenhaus blinkte das Licht schon auf nächtliche Weise wie ein Stern,
+und über den belgischen Ziegelschloten ging ein Stern an und sah in die
+Fenster hinein, so ein großer Frühlings-Abendstern – die Stunde der
+Nacht war da. Und Marakulin war es, als klopfte jemand – ein seltsames
+Klopfen. Er horchte auf und erkannte: das Klopfen kam aus Werotschkas
+Zimmer. Und nun verstand er, daß Werotschka allein in ihrem Zimmer nicht
+eingeschlafen war und nicht einschlafen würde, und daß sie mit dem Kopf
+gegen die Wand schlug, ohne Tränen, ohne Klage, mit weit aufgerissenen
+trockenen Augen: wenn es gar zu schlimm ist, dann weint man nicht.
+
+Und all sein Gefühl, seine ganze Erbitterung, seine ganze Verzweiflung,
+die für eine Weile sich gelegt hatte, loderte hell auf und ergoß sich
+wieder auf seine auserkorene, verhaßte Generalin. Fiebernd wie im
+widerlichsten Rausch und zähneknirschend malte er sich aus, wie diese
+unglückselige Generalin, diese kerngesunde, unsterbliche, sündenlose,
+kummerlose Laus – dieser Kelch der Auserwähltheit – süß schlafe. Und er
+mußte es jemand sagen, einerlei wem, aber sofort, solange das Herz noch
+nicht gesprungen war.
+
+Und fast erstickend sprang er ans Fenster und schrie aus Leibeskräften
+hinaus:
+
+– Ihr rechtgläubigen Christen, die Laus schläft, so helft doch!
+
+Und als er es hinausgeschrien hatte, da fühlte er, wie seine einstige
+ungewöhnliche Freude langsam in ihm hochsteigt, hinaufbrandet und bald
+sein Herz überfluten und die Brust überfüllen werde.
+
+– Was brüllst du so? – schrie ihn eine knarrende Stimme an, und aus den
+Winkeln zeigte sich Gorbatschows haarige Nase.
+
+Das Klopfen aber dauerte fort. Das war Werotschka, allein in ihrem
+Zimmer – sie war nicht eingeschlafen und wird nicht einschlafen – sie
+schlug mit dem Kopf gegen die Wand, ohne Tränen, ohne Klage, mit
+weitaufgerissenen trockenen Augen: wenn es gar zu schlimm ist, dann
+weint man nicht.
+
+Grausame Augenblicke, Herumtreiben ohne Arbeit und Erschöpfung
+beschlossen das erste Burkowsche Jahr Marakulins.
+
+Als erste machte sich Adonja Iwoilowna auf die Reise: sie fuhr nach
+Kaschin zu der ehrwürdigen Anna von Kaschin, und aus Kaschin auf den
+Murman in das Petschenegische Kloster zum ehrwürdigen Tryphon. Nach
+Adonja Iwoilowna verreiste Wera Nikolajewna, nachdem sie ihre Prüfungen
+abgelegt, bis zum Herbst zu ihrer Mutter, in ihr kleines weißes
+Städtchen mit den fünfzehn weißen Kirchen, in die alte vergessene Stadt
+Kostrinsk. Sie sah zum Umblasen schwach aus. Als letzte reiste
+Werotschka. Sie hatte sich zu gar keiner Prüfung gemeldet und ihre
+Theaterschule aufgegeben, da sie offenbar ein anderes sicheres Mittel
+gefunden, „sich den Weg zu bahnen“, – sie sagte aber nicht was für eins.
+
+Sie sagte nur:
+
+– Im nächsten Jahr werdet ihr sehen, ich werde ganz Rußland zeigen, wer
+ich bin!
+
+Marakulin brachte sie zum Nikolajewschen Bahnhof: Werotschka reiste über
+Moskau irgendwohin nach der Krim. Nach dem ersten Glockenzeichen fühlte
+er es besonders stark, wie bitter es ihm war, daß Werotschka nicht mehr
+da sein wird und stand schweigend vor dem Wagen. Sie aber streckte sich
+so sonderbar, indem sie die Vorübergehenden ungeduldig ansah und die
+Blicke auf sich zog, schlank, biegsam und leicht.
+
+Plötzlich lächelte Marakulin zum erstenmal in seiner ganzen Burkowschen
+Zeit, ohne zu wissen weshalb und warum, – er lächelte einfach. Und sie
+mußte es sicher bemerkt haben, denn es war so ungewöhnlich und
+unerwartet!
+
+– Weinen müßte man um mich! – sagte sie theatralisch und kniff die Augen
+zusammen, halb mit Bedauern, halb mit Ekel, und während sie ihm mit dem
+Schirm auf die Hand schlug, sagte sie ganz ernst, übertrieben ernst, mit
+einer Falte auf der Stirn: – Ich bin eine große Schauspielerin!
+
+Er glaubte es damals gern und von ganzem Herzen, daß Werotschka eine
+große Schauspielerin sei und daß sie sich im nächsten Jahr wirklich
+auszeichnen würde in ganz Rußland und daß ihr Name bald in ganz Europa,
+in der ganzen Welt berühmt sein werde.
+
+Als er vom Bahnhof zu sich nach der Fontanka kam und sich mit Akumowna
+allein fand, da fühlte Marakulin, wie ihm das Leben jetzt zuwider war
+und daß er nicht so leben konnte.
+
+Der eine muß verraten, um durch den Verrat seine Seele aufzutun und in
+der Welt er selbst zu sein, der andre muß töten, um durch den Mord seine
+Seele aufzutun und wenigstens als er selbst zu sterben, er aber mußte
+offenbar eine Quittung ausfertigen, aber nicht der Person, der sie
+zukam, um seine Seele aufzutun und in der Welt zu sein, und zwar nicht
+mehr als irgendein Marakulin, sondern als Peter Alexejewitsch Marakulin:
+sehen, hören, fühlen.
+
+Aber er war nicht mehr damit einverstanden, weil er es nicht mehr
+ertrug; er wollte nicht mehr so dahinleben ohne einen Zweck, nur um zu
+sehen, zu hören und zu fühlen, – und auch das Leben einer Laus, das
+unsterbliche, sündenlose, kummerlose Leben, das königliche Recht, jenen
+Tropfen Wasser, den die sündige Seele im Jenseits sucht, wünschte er
+nicht mehr. Er will leben und wird es, aber um nur noch einmal
+wenigstens jene ungewöhnliche Freude zu fühlen, die er in seiner
+Kindheit kannte und die er nicht mehr kennt, die nur das eine Mal in ihm
+hochgestiegen war, in jener Frühlingsnacht, als Anissim zu Werotschka
+nicht kam, in jener Frühlingsnacht, als jedes Stenglein sich mit einem
+Stenglein verflocht, jedes Zweiglein mit einem Zweiglein, jedes
+Blättchen mit einem Blättchen. Und wie klebrige junge Blättchen waren
+ihm in der Erinnerung die Frühlingsworte der von der Sonne gerührten
+Akumowna.
+
+Und es war ihm so bitter, noch bitterer als an jenem Abend, weil
+Werotschka nicht mehr da war; als wenn seine ganze ungewöhnliche Freude
+– der Quell seines Lebens nur in ihr sich bergen würde.
+
+
+
+
+ Viertes Kapitel
+
+
+Wera! Weruschka! Werotschka!
+
+Marakulin, der gerade damit beschäftigt war, eine lustige altertümliche
+russische Erzählung in Halbfraktur abzuschreiben, eine Arbeit, über der
+er vom Morgen bis in die Nacht hinein saß – ein seltener und
+einträglicher Auftrag, der wie erfrischende paradiesische Manna auf ihn
+herabgefallen war. – Marakulin fuhr auf, so daß er den Schnörkel am
+Anfangsbuchstaben W nicht zu Ende brachte.
+
+Von der Treppe her aber tönte immer beharrlicher der bekannte Name:
+
+– Wera! Weruschka! Werotschka!
+
+– Wen rufen Sie da, Akumowna?
+
+Marakulin konnte es nicht aushalten und sah in die Küche hinein.
+
+– Wera! – sagte Akumowna, ohne sich umzuwenden, – ach, die Unverschämte!
+– und sie stampfte die Treppe hinunter in den Hof.
+
+Es war spät – etwa elf Uhr. Schon verbreitete sich der windige
+Sonnenuntergang staubig hinter dem Obuchowschen Krankenhaus, und
+zusammen mit der kurzen Nacht krochen aus den sumpfigen Vorstädten die
+Nebel herauf; aber auf dem mit Kehricht, Schutt und Ziegeln bedeckten
+Hof lärmten noch immer die Kinder, und klagend klimperte die Balalaika –
+von dieser nicht russischen, armseligen Habe gab es reichlich auf dem
+Burkowschen Hof – und in den Fenstern, auf Kissen gestützt, steckten
+zerzauste, von der steinernen Petersburger Glut zermarterte Köpfe, in
+der Hoffnung, etwas Kühle zu schöpfen.
+
+Die Tusche vertrocknete auf der Feder, die Buchstaben wollten nicht
+werden, und Marakulin schien es, daß Akumowna nicht wiederkommen, daß
+sie mit ihrer geheimnisvollen Wera irgendwo im Burkowschen Schutt
+untergehen würde. Und als in der Küche wieder Stampfen vernehmbar wurde,
+und nicht Akumowna, sondern noch eine zweite Stimme, halb kindlich und
+halb mädchenhaft rasch zu sprechen begann, bald in fröhliches Lachen,
+bald in ein schmerzliches Klagen übergehend, da zog er wie erleichtert
+wieder den Vorhang zu und begann weiterzuarbeiten.
+
+Die Abschrift war für Marakulin sehr wichtig, und er wollte sie
+unbedingt heute fertigmachen, da er fast zwei Monate schon über ihr saß.
+Diese seltene Arbeitsgelegenheit hatte ihm Sergej Alexandrowitsch vor
+der Abreise in sein Sommergastspiel verschafft. Marakulin hatte ganze
+fünfzig Rubel dafür zu bekommen und seine Verhältnisse sollten sich
+dadurch ganz bedeutend verbessern.
+
+– Wer wohnt denn bei Ihnen in der Küche? – fragte Marakulin am nächsten
+Abend, als Akumowna ihm den roten blitzenden Sänger, den Samowar
+hereinbrachte.
+
+– Weruschka – antwortete Akumowna und lächelte und blickte so
+eigentümlich idiotisch von der Seite, – Weruschka, die Wundertätige.
+
+Und die Spülschale brachte schon nicht Akumowna herein – sie blieb in
+der Tür stehen –, sondern es brachte sie die „wundertätige“ Weruschka.
+
+Es war ein kleines Mädchen – ein Backfisch von fünfzehn Jahren, wie
+ihrer so viele auf dem Burkowschen Hof als Kindermädchen dienen, und
+doch schon völlig wie ein junges Mädchen entwickelt. Als er sie aber
+aufmerksamer ansah, fand Marakulin in ihren Augen etwas ihm sehr
+Bekanntes und ungewöhnlich Verwandtes, er konnte es nur nicht benennen
+und vermochte sich nicht zu erinnern, wo er Derartiges schon gesehen:
+ein Feuer, – nein, noch etwas anderes, das man auf keinen Fall verbergen
+kann, denn es würde selbst beim Schlafenden unter den Lidern
+hervorblinken.
+
+– Sie heißen Wera?
+
+– Werutschka ... Werotschka – antwortete das Kind verwirrt, leise und
+mürrisch und trat zurück, als hätte es etwas verlegen gemacht.
+
+– Werotschka gar, so! – rief Marakulin entzückt, das Kind betrachtend
+und erhob sich plötzlich.
+
+Doch das Mädchen zog sich hinter Akumowna in den Korridor zurück und
+machte sich hörbar in der Küche zu schaffen. Oder war es sein Herz, das
+so hörbar klopfte, Gott weiß warum?
+
+– Gnädiger Herr, ich möchte Sie bitten, gnädiger Herr, rühren Sie sie
+nicht an!
+
+– Was fällt Ihnen ein, Akumowna, Gott schütze Sie!
+
+Aber wie ertappt ließ er sich auf seinen Stuhl fallen.
+
+– Ich fürchte Wassilij Alexandrowitsch – fuhr Akumowna fort, – mir ist
+Angst, wenn er aus der Sommerfrische zurückkommt. Er muß ja immerzu eine
+haben, der Unbezähmbare. Sobald es Nacht wird, kriechen auch die hier
+auf der Treppe herum und kratzen an der Tür, die Herumtreiber!
+
+Nachdem sie es von der Straße aufgelesen hatte, behütete Akumowna das
+kleine Mädchen eifersüchtig vor den Burkowschen Herumtreibern, vor
+Stanislaus dem Kontoristen und vor Kasimir, dem Monteur; sie schloß oft
+die Küche noch bei Tageslicht ab und bettete die Kleine
+sicherheitshalber auf ihr eignes Bett unter den drei Oellämpchen. Und
+wundertätig nannte sie Wera darum, weil ein Wunder an ihr geschehen war.
+
+– Sie ist eine Wundertätige – pflegte Akumowna zu sagen, – bis zum
+fünften Jahre war sie ohne Zunge, sie sprach nicht, man hat sie dem
+Doktor Nikolai Franzewitsch gezeigt, vergebens; zu der Schmerzensreichen
+hat die Mutter sie gebracht, auch wurde ihr geraten, barfuß zu
+Matrionuschka zu pilgern – nichts hat genützt. Aber am dunkeln Freitag
+gingen sie in die Pulverfabriken, – am Iljinischnen-Freitag ist da eine
+Prozession, zwölf große Heiligenbilder werden da herumgetragen und fast
+tausend kleinere. Als die Messe zu Ende war und sie nach Hause gehen
+wollten, da verlangte das Kind plötzlich zu trinken: „Mama – sprach sie
+– gib mir zu trinken!“ Seitdem spricht sie.
+
+Weras Vater war Buchhändler: er handelte mit Büchern, Haken, Knöpfen und
+allerlei Kleinkram. Ihre kränkliche Mutter ging als Tagelöhnerin
+Fußboden scheuern und reinmachen. Sie wohnten im Kusnetschnygäßchen, in
+den „Winkeln“, wo der Chiromant wohnt – die Fenster dort sind von
+venezianischer Art und unheimlich. Als Wera etwas größer wurde, gab man
+sie zu einer Goldstickerin in die Lehre, ein Jahr blieb sie da, aber sie
+taugte nicht dazu, da ihre Augen krank wurden; so wurde sie
+Kindermädchen. Da passierte es, daß ihr Vater mit seinem Stand über den
+Wladimirsky vor einem Schutzmann floh; an den fünf „Winkeln“ bei der
+Kreuzung geriet er unter die Elektrische und wurde zermalmt. Zur
+gleichen Zeit wurde Wera gekündigt. Es ging ihnen damals sehr schlecht.
+Und so kam die Mutter auf den Gedanken, sie zum Onkel zu schicken,
+welcher auf dem Murinsky-Prospekt in Lesnoj als Hausmeister lebte,
+vielleicht, daß er für sie eine Stellung finden würde. Die Kleine ging
+fort, erreichte Lesnoj erst am Abend, und unterwegs, während sie das
+Haus suchte, blieb sie vor einem Gasthaus stehen, um die Musik zu hören.
+Sie stand da und hörte zu, ihre Augen glühten, der Mund war weit
+aufgesperrt, da kam aus dem Gasthaus ein Herr, der eine Gnädige
+untergefaßt hielt und sah Wera sehr freundlich an. Er blieb ebenfalls
+stehen und fragte sie freundlich aus. Sie erzählte ihm alles, auch wie
+sie stehengeblieben war, um die Musik zu hören. Und sieh da, welch
+glücklicher Zufall: die Herrschaften brauchten gerade gleich ein
+Kindermädchen und ihre Bedingungen waren günstig. Wera war erfreut und
+willigte ein. Sie nahmen eine Droschke und brachten sie zu sich nach
+Hause – sie wohnten auch gar nicht weit. Welch ein glücklicher Zufall! –
+Es war schon spät, es dämmerte, und als sie zu Hause anlangten, gingen
+sie sofort zu Tisch und ließen auch Wera neben sich Platz nehmen. Und
+als sie sich satt gegessen hatte, da führte sie der Herr in ein Zimmer,
+das im Korridor gegenüber lag. Nachts kam er wieder. Sie wollte
+schreien, aber er verschloß ihr den Mund mit den Händen. So fing es an.
+Als Wera zu sich kam, war es bereits Tag. Sie trat aus dem Zimmer und
+streifte im Korridor herum, um den gnädigen Herrn und die gnädige Frau
+zu suchen und geriet in das Büfettzimmer: sie hatte also in einem
+Gasthaus übernachtet. Sie fragte den Büfettier, wo der gnädige Herr und
+die gnädige Frau seien? Der Büfettier lachte: es gäbe weder einen
+gnädigen Herrn noch eine gnädige Frau; wenn sie aber gewillt sei, könne
+sie auch bei ihm als Kindermädchen bleiben. Das war eine schlimme Lage!
+Wenn sie nicht einwilligte, hatte sie Angst zur Mutter zurückzukehren,
+doch wie, wenn der Büfettier, wie der Herr von gestern, ihr ebenfalls
+den Mund mit den Fäusten stopfen würde! ... Das eine war schrecklich,
+das andere war ebenfalls schrecklich, und ein drittes gab es nicht. So
+blieb sie beim Büfettier als Kindermädchen. Es waren viele Kinder und
+sie konnte kaum mit der Arbeit fertig werden. Es verging eine Woche.
+Nach einer Woche aber, kaum, daß sie sich etwas eingelebt hatte,
+quartierte sie der Büfettier in ein besonderes Zimmer ein, damit sie von
+den Kindern getrennt schlafe – es waren eben viele Kinder – es würde
+bequemer und ruhiger für sie sein. Und wieder begann es: erst der Wirt
+selbst, der Büfettier, nach ihm der Reviervorsteher. Sobald die Nacht
+kam, erschien jemand – man brachte ihr im Laufe der Nacht fünf Männer.
+Man ließ sie nicht mehr aus dem Zimmer, die Kinder sah sie auch nicht
+wieder; es war bereits ein neues Kindermädchen da. Sie weinte, aber was
+half es, man lachte sie nur aus. Nur durch ein Wunder entkam sie aus
+diesem Zimmer und dem Büfettier. Ein glücklicher Zufall kam ihr zu
+Hilfe: ein Brand! Im Gasthaus war Feuer ausgebrochen. Sonst wäre sie
+zugrunde gegangen. Im Trubel sprang sie aus ihrem Zimmerchen und begann
+zu laufen. Sie kam an die Kusnetschnybrücke gelaufen, in die Winkel, wo
+der Chiromant wohnt, die Mutter aber war nicht mehr da: sie war an der
+Cholera gestorben. Das war eine schlimme Lage: es wäre ihr schließlich
+nichts anderes übriggeblieben, als zum Büfettier ins Zimmerchen
+zurückzukehren. Aber die Hausmeisterin hatte Mitleid mit ihr – sie
+pflegte ebenso wie Antonina Ignatjewna, die Gattin des Oberhausmeisters,
+in den Hafen von Kronstadt zum „Bruder“ zu pilgern – sie war barmherzig
+und mit Antonina Ignatjewna bekannt. So schickte sie das Mädchen zu ihr
+ins Burkowsche Haus, ob sich da für das Kind vielleicht eine Stellung
+fände. Aber Wera geriet statt zu Antonina Ignatjewna zu Akumowna.
+
+– Sie ist eine Wundertätige – pflegte Akumowna zu sagen, – nur eins ist
+schrecklich – diese Herumtreiber; sobald es Nacht wird, da kriechen sie
+herum und rütteln an der Tür, – es wird einem ganz Angst! –
+
+Der Sommer dehnte sich endlos, quälend, eintönig. Es war heiß und fast
+in ganz Petersburg waren die Straßen gesperrt: das Pflaster wurde
+ausgebessert, wie immer im Sommer; es war nirgends ein Durchgang,
+nirgends eine Durchfahrt, und es herrschte eine große Schwüle.
+
+Am Abend beim Samowar legte Akumowna Karten für Marakulin, wie sie es im
+Winter für Adonja Iwoilowna tat. Sie wahrsagte viel und ausgiebig, nicht
+nur für den Treffkönig oder Kreuzkönig, wie ihn Akumowna nannte und der
+Marakulins Karte war, sondern auch für andere Könige und Damen – für die
+Kreuz-, Coeur-, Karo- und Pik-Dame, als für alle die Personen, die ihm
+in den Karten zulagen, um auch ihr Schicksal zu erfahren und dadurch
+besser zu erforschen, wer sie seien und was sie vorhaben.
+
+Die Karten logen nicht. Das gleiche Orakel kehrte immer wieder und
+brachte meist etwas unsinnig Bedeutungsloses: ein wenig Langweile, ein
+wenig Geld, ein wenig Veränderung, ein wenig Tränen, Verdruß, eine junge
+Person, ein eigenes Haus, ein eigener Gegenstand, ein vornehmer,
+einflußreicher Herr mit einem Schriftstück, eine behördliche Anstalt,
+Langweile der jungen Person, eine kleine Unannehmlichkeit, eigene
+Sorgen, Gespräch mit sich selbst. Und das letzte war stets das Gespräch
+mit sich selbst.
+
+Wenn Akumowna zum letztenmal die Karten ausbreitete, pflegte sie zu
+flüstern: – Fürs Haus. Fürs Herz. Was sein wird. Wie es enden wird.
+Womit es beruhigen wird. Womit überraschen. Sagt die ganze Wahrheit
+reinen Herzens. Was sein muß, wird sich erfüllen.
+
+Und auch zum letztenmal kam das gleiche – dieselben Karten: unsinnig
+bedeutungsloses Zeug und das Gespräch mit sich selbst.
+
+Die Karten logen nicht. Nur zuweilen wurden sie offenbar selbst der
+Sache überdrüssig und ärgerten sich: dann waren sie bissig, zeigten
+große Veränderungen an oder einen weiten Weg, viel Geld und Erfüllung
+aller Wünsche.
+
+Beim Kartenlegen erinnerte sich Akumowna oft an ihre Herrin, an den
+alten Herrn, an den Bruder der Herrin und an ihren eigenen Sohn, was für
+Träume sie alle geträumt hatten, welche Ereignisse nach ihnen eintraten
+und was jeder Traum bedeutete.
+
+– Unser Priester in Turij-Rog – er war ein guter Mann, ein großer Büßer,
+der Vater Arsenij – erzählte Akumowna aus ihren Erinnerungen – vor
+seinem Tode erhob er sich und fragte: „Sind die Pferde bereit!“ – Was
+für Pferde, ehrwürdiger Vater? – „Ich habe ja eben ein Paar getraut, man
+ladet mich zur Hochzeit ins Ausland!“ Und starb. – Sechs Tage, bevor der
+alte Herr sterben mußte, sah meine gnädige Frau, daß sie einen Stiefel
+vom Fuß verloren hatte. Und vor dem Tode der gnädigen Frau träumte ich,
+ich sitze vor einem Ofen, den Ofen habe ich eingeheizt, das Holz brennt
+hell, die Scheite verkohlen schon. Ich zerschnitt Speck, tat ihn in
+einen Topf und stellte den Topf in den Ofen, aber kaum, daß ich ihn
+hineinstelle, da zerfällt der Topf in zwei Hälften, die Glut prasselt
+und ein Qualm erhebt sich ... Mein Vater gab mir keinen Segen. Und so
+kam es auch! Wie ein rollender Stein um die weite Welt.
+
+– Wie geht es Ihrem Bruder und Ihrer Schwägerin?
+
+– Sie plagen sich auch, haben weder Wald noch Holz noch Weide. Und ihre
+jüngere Tochter Fedossja, meine Nichte, ging nach Turij-Rog als
+Taglöhnerin zur Feldarbeit; sie gefiel dem gnädigen Herrn, dem jungen
+Bujanow, er ist ein toller Kerl. Er nahm sie für einen Monat zu sich in
+Dienst. Als der Monat zu Ende war, behielt er sie noch für einen Monat,
+dann für den ganzen Winter. Mein Bruder verstand wohl alles, sagte aber
+zur Schwägerin nichts. Sie hatten keinen Wald, kein Holz, keine Weide;
+vom gnädigen Herrn aber kam Holz und Geld, es war vorteilhaft. So
+verlebte Fedossja dort den ganzen Winter. Im Frühjahr aber reiste der
+gnädige Herr in die Stadt und verheiratete sich dort. Da kehrte Fedossja
+wieder heim zum Vater, und alle wußten es bereits; es war auch schon zu
+sehen. Ihre Brüder machten ihr Vorwürfe, daß sie so eine war, daß ihr so
+etwas geschehen konnte. Wie die Raben haben sie auf sie eingehackt, sie
+hielt es nicht aus; zehn Tage vor Pokrow starb sie. Sie war gerade
+zwanzig Jahre alt geworden, – so jung noch. Und Wassilij, dem Vetter,
+sind in der Butterwoche die Füße erfroren ...
+
+Während sie sich an Turij-Rog und Ssosna-Gora erinnerte, konnte Akumowna
+ab und zu einen Ausspruch tun, von so echt Turij-Rogischer Art, daß man
+sich wundern mußte, wie es ihr hier auf dem Burkowschen Hof in den Kopf
+konnte.
+
+– Jetzt – konnte sie sagen – ist das Korn schon reif, gelobt sei Gott! –
+sie bekreuzigte sich. – Regen wäre jetzt nicht gut.
+
+Wera gewöhnte sich an Marakulin und hatte keine Scheu mehr vor ihm. Auch
+er hatte sich an sie gewöhnt, und es tat ihm wohl, wenn sie sein Zimmer
+betrat. Voran schritt dann Akumowna mit dem Samowar und ihr folgte Wera
+mit der Spülschale.
+
+„Aus der Spülschale reichen die Teufel im Jenseits den Teufeln und
+Sündern das Abendmahl!“ Marakulin erinnerte sich einmal an Akumownas
+Vision aus ihrem Passionsweg und lächelte zum erstenmal seit Werotschkas
+Abreise.
+
+Und als hätte sie seine Gedanken erraten, erwiderte ihm Wera mit einem
+Lächeln. Und noch lange sah er dieses halbkindliche, halbmädchenhafte
+Lächeln vor sich.
+
+Wie leer erschien es ihm im Hause, als Wera, die eine Stellung gefunden,
+aus Akumownas Küche in die vierte Etage desselben Burkowschen Hofes
+verzogen war, in den Flügel, wie der nicht herrschaftliche an der
+belgischen Fabrik belegene Teil des Hauses genannt wurde.
+
+Akumowna begann jetzt öfters fortzubleiben. Sie ging, um nach ihrer
+„Wundertätigen“, nach ihrem Flämmchen, nach ihrer Wera zu sehen. Sie
+lehrte sie gewiß Zimmer aufräumen, Feuer aus Birkenholz anmachen und
+dergleichen mehr. Marakulin blieb allein, es schien ihm ganz öde.
+
+Ein Herr aus dem Flügel hatte folgende Gewohnheit: sobald es Abend
+wurde, steckte er seinen Kopf aus dem Fenster, das Gesicht zu Marakulin
+gewandt und pfiff. Daß der Herr kein Auge von ihm wandte – Marakulin
+hatte sich überzeugt, daß es ihm galt, – und daß das Pfeifen nicht
+aufhörte, brachte ihn zur Raserei, und ob er wollte oder nicht, er mußte
+den Vorhang zuziehen und in der Schwüle sitzen bleiben.
+
+Es war öde um ihn und die Wut machte ihn fast ersticken.
+
+Am Morgen beim Zeitungslesen suchte er mit einer Art Ungeduld alle
+Berichte über Morde, Brande, Katastrophen, Ueberschwemmungen,
+Wolkenbrüche und Erdbeben und las sie mit großer Schadenfreude, indem er
+sich einbildete, man könne den Menschen mit Furcht besiegen, ihn
+erschüttern, sein Gehirn und seine Seele umstülpen; dann würde
+vielleicht dieses abendliche selbstzufriedene, freche Pfeifen an seinem
+Ohr ein Ende nehmen.
+
+In Weras neuer Stellung ging aber nicht alles glatt: es war doch wohl
+nicht leicht, sie vor den Herumtreibern zu schützen; auch mochte sie
+selbst schwer zu bewachen sein, die Unverschämte.
+
+Wenn sie das Kartenlegen unterbrach und von Wera anfing, sagte Akumowna
+jedesmal unter Tränen:
+
+– Ich werde zum Kaiser gehen – die Hände so, wie im Sterben, – und werde
+alles erzählen.
+
+– Man wird Sie nicht zulassen.
+
+Nackt geh’ ich hin, splitternackt – die Hände so, wie im Sterben. –
+Alles werde ich erzählen.
+
+– Auch splitternackt wird man Sie nicht zulassen.
+
+Aber sie blieb dabei: sie glaubte, der Kaiser würde sie in Schutz nehmen
+und die Kleine nicht zugrunde gehen lassen. Beharrlich blieb sie dabei,
+dann wurde sie auf einmal still und gab nach. Und Marakulin hörte, wie
+sie ihren Wahlspruch, ihr Sterbegebet flüsterte: – die Sühne und den
+Lohn für alle Taten!
+
+– Man darf niemand beschuldigen.
+
+– Wer ist aber schuldig, Akumowna?
+
+– Ich bin ein unwissender Mensch, ich weiß nichts – antwortete Akumowna
+und lächelte und sah idiotisch zur Seite.
+
+Der Sommer dehnte sich endlos, quälend, eintönig.
+
+Marakulin wartete auf die Feiertage: wie immer sie waren, es waren doch
+Feiertage!
+
+ * * * * *
+
+Als erster kam Wassilij Alexandrowitsch, der Clown zurück. Er trat zwar
+auch im Sommer in Petersburg auf, wohnte aber in der Sommerfrische in
+Schuwalowo und kam in die Stadtwohnung nur ab und zu, um nachzusehen.
+Auch die Sklavin Kusjmowna war bei ihm in Schuwalowo. Nach Wassilij
+Alexandrowitsch erschien nach absolvierter Gastspielreise Sergej
+Alexandrowitsch und brachte aus den warmen Ländern, oder aus jenen
+Gegenden, wo man mit Ochsen fährt, wie Akumowna sagte, hundert Gläschen
+mit Honig mit; – er war eben ein wirtschaftlicher Mensch. Bald nach
+Sergej Alexandrowitsch kam auch Wera Nikolajewna zurück, mit
+eingemachten nordischen Himbeeren aus ihrem kleinen weißen verlassenen
+Städtchen mit den fünfzehn weißen Kirchen, von ihrer Mutter aus
+Kostrinsk. Nach Wera Nikolajewna erschien Adonja Iwoilowna selbst.
+
+Alle waren zurückgekehrt, nur Werotschka fehlte. Es kamen auch keine
+Nachrichten von ihr. Und bereits im September wurde Werotschkas Zimmer
+mit Hilfe eines grünen Zettels, der beim Portier Nikanor ausgehängt war,
+vermietet.
+
+Die neue Nachbarin Marakulins hieß Anna Stepanowna Schianowa, nach ihrem
+Manne Lestschowa genannt, und war eine Lehrerin aus Purchowez.
+
+Purchowez ist eine alte Stadt am Fluß Smugra, und in Beziehung auf
+Nachtigallengesang eine erste Stadt – eine Nachtigallstadt. Es waren in
+Purchowez im Mädchengymnasium, wo Anna Stepanowna unterrichtet hatte,
+zwei Lehrer, zwei Berühmtheiten: der Lehrer für Geschichte: Rakow, und
+der für Literatur: Lestschow. Sie waren Freunde und beide – nach ihrer
+eigenen Definition – Menschen von Bestrebungen. Das Schicksal Anna
+Stepanownas war mit dem Schicksal Lestschows eng verbunden; Lestschow
+aber und Rakow waren wie zwei Hälften und nach der Uebereinstimmung von
+Gemüt und Gesinnung – ein Ganzes. Nur war Rakow etwas älter. Sie wohnten
+beide bei derselben Wirtin, sie lebten eingeschränkt, nüchtern, einsam.
+Ihre Wirtin Pawlina Polikarpowna, obschon nicht mehr sechzehnjährig, so
+doch munter und fest, hatte in längst verflossenen Zeiten als Köchin
+beim Gouvernementsrat Gerassimow gedient; und Gerassimow hatte sie vor
+seinem Tode „in allem eingeschränkt“, wie Pawlina Polikarpowna sich
+auszudrücken pflegte, das heißt: er hatte sie versorgt und ihr für ihren
+musterhaften Dienst ein teures Lotterielos geschenkt. Pawlina
+Polikarpowna kaufte sich ein Häuschen und lebte vom Vermieten.
+
+Als Rakow von diesem Gerassimowschen Lotterielos erfuhr, konnte er es
+als gewissenhafter Historiker nicht unterlassen, dessen Nummer in sein
+Notizbuch einzutragen und verfolgte wachsam die Ziehungen in den
+Zeitungen. Pawlina Polikarpowna behandelte er respektvoll, streng und
+freundlich. Und so vergingen die Jahre, still, einsam und
+erwartungsvoll.
+
+Pawlina Polikarpowna war zwar nicht mehr sechzehnjährig, doch hatte sie
+manchmal ihre bestimmten Gedanken, und zuweilen weinte sie, einfach so,
+ohne jeden Grund. Besonders im Frühling, wenn die Sonne zu brennen
+begann, die Hühner zu legen anfingen, die Gärten ergrünten und die
+Nächte warm, schwül und sehnsuchtsweckend waren, wenn die Nachtigall
+schlug und selbst Rakow auf der Gitarre wie auf einer Harfe spielte und
+dazu wie eine Nachtigall sang: „Auf den blauen Wogen des Ozeans, kaum
+daß die Sterne am Himmel erglühen, treibt ein einsames Schifflein“ –
+dann konnte kein Herz es länger ertragen, und Pawlina Polikarpownas Herz
+sank dahin.
+
+Purchowez ist eine alte Stadt am Fluß Smugra, und in Beziehung auf
+Nachtigallengesang eine erste Stadt, eine Nachtigallstadt!
+
+Eines Morgens, als Rakow die „Purchowezschen Gouvernementsnachrichten“
+durchflog, begann er plötzlich laut zu lachen, so laut, wie ein Mensch
+nur vor Freude lachen kann, wenn ihm zumute ist, als reiche die eigne
+Kehle nicht aus. Und wie sollte er auch nicht lachen? Das Gerassimowsche
+Los hatte gewonnen, und zwar keine Kleinigkeit, sondern die ganzen
+Zweimalhunderttausend! Er besann sich aber rechtzeitig, steckte die
+Zeitung in die Tasche, hustete absichtlich laut und begab sich mit dem
+Geheimnis von Pawlinas Glück ins Gymnasium, als wäre nichts vorgefallen.
+
+Nachdem er mit Mühe seine Stunden gegeben hatte, wurde Rakow vor
+Aufregung noch am selben Abend krank, und Pawlina Polikarpowna mußte die
+ganze Nacht den Kranken pflegen. Am nächsten Morgen ging es ihm auch
+nicht besser, und so die ganze Woche. Eine Woche lang pflegte ihn
+Pawlina Polikarpowna, und um Fastnacht hielten sie Hochzeit. Sofort nach
+der Trauung, als die Neuvermählten allein blieben, lautete die erste
+indiskrete, aber durchaus berechtigte Frage des jungen Ehemannes: „Wo
+ist das Los?“ – „Was für ein Los?“ – „Was für eins? Das Gerassimowsche!“
+Das Gerassimowsche Los aber war längst verkauft; es war nicht mehr da.
+
+Um Fastnacht, fast am gleichen Tage, heiratete auch Lestschow Anna
+Stepanowna Schianowa. Die Schianows waren einst die reichsten Leute in
+Purchowez, aber Anna Stepanownas Vater hatte das ganze Vermögen
+verspielt, und so mußte die Familie nach großer Ueppigkeit in Armut
+weiterleben. Dann starb der Vater, es starb auch die Mutter. Anna
+Stepanowna war bereits mehr als zwanzig Jahre alt, und obwohl in ihrem
+Gesicht nichts Abstoßendes war, nichts, was man häßlich oder entstellend
+nennen konnte, im Gegenteil, – so gefiel sie dennoch niemand besonders
+und wurde überhaupt nicht begehrt. Sie gehörte nicht zu den
+Heiratskandidatinnen von Purchowez, hielt sich auch selbst nicht dafür,
+und hatte sich bereits damit abgefunden, allein und ledig zu bleiben,
+oder vielmehr, sie hatte sich nicht damit abgefunden, – man kann sich
+damit nicht abfinden, – sondern sie redete sich das eben ein. Eines
+schönen Tages aber fiel ihr die Erbschaft von einer Tante zu, von der
+sie nie etwas gehört hatte, und zwar eine nicht geringe Erbschaft: etwa
+Fünfzigtausend. Natürlich wurde es im Gymnasium, an dem sie
+unterrichtete, bald bekannt, – war sie doch selbst die erste, die es
+erzählte, – und so erfuhr es auch Lestschow. Sofort ging er ans Werk: er
+begann, Anna Stepanownas Spuren zu folgen, wurde mit einem Male sehr
+unglücklich, beklagte sich, jammerte, erfand allerlei Verfolgungen
+seiner Person, ersann sich Feinde; auf einmal brachen auch sämtliche
+Krankheiten bei ihm aus, und lauter unheilbare, so daß er im Begriff
+war, Selbstmord zu begehen. Und die verzweifelte Liebe sang aus ihm wie
+eine Nachtigall, ja, er übertraf die Nachtigall ...
+
+Purchowez ist eine uralte Stadt am Fluß Smugra, und in Beziehung auf
+Nachtigallengesang eine erste Stadt – eine Nachtigallstadt. So heiratete
+Lestschow Anna Stepanowna, nahm ihr die Erbschaft der Tante ab, die
+ganzen Fünfzigtausend und wies ihr die Tür: „Ich brauche dich nicht,“
+sagte er, „ich brauche dein Geld.“
+
+Wera Nikolajewna mußte man bedauern; um Werotschka hatte man Angst, aber
+Anna Stepanowna tat einem weh. Sie lächelte so, daß es in die Seele
+hinein weh tat.
+
+Wera Nikolajewna wollte studieren. Warum? Weil es ihr Maria Alexandrowna
+so geraten hatte, an die sie glaubte wie an die Iwerskaja Mutter
+Gottes[6]. Und sie wird studieren, solange ihre Kräfte reichen, und
+eines Tages wird sie vielleicht über der Physik von Krajewitsch[7] die
+Seele aushauchen.
+
+Werotschka wollte eine große Schauspielerin werden, berühmt in ganz
+Rußland, in ganz Europa, in der ganzen Welt – und sie wollte das, um
+sich an Anissim zu rächen: nur damit Anissim Nikititsch Wakujew, dem
+alles gelingt und dem man alles durchgehen läßt, nur einen Augenblick
+lang es bedauern und bereuen solle, daß er sie um andere, die ihn
+liebten oder sich ihm verkauften, verlassen hatte. Und so bahnte sie
+sich jetzt den Weg mit ihrem sicheren, erprobten Mittel, und wird sich
+ihn weiterbahnen, solange ihre Kräfte reichen.
+
+Was aber wollte Anna Stepanowna? Sie war allein geblieben und ohne
+Mittel, aber das war es nicht: sie hatte ja auch früher allein und ohne
+Geld gelebt. Hier war es etwas anderes, etwas Seelisches: sie hatte mit
+der ganzen Seele geglaubt, daß man sie liebte und hatte wieder geliebt.
+Was wollte sie nun? Was konnte sie wollen! Das, was ein Mensch will,
+dessen Seele beschmutzt, dessen Seele vergewaltigt worden ist.
+
+Und während Marakulin Anna Stepanowna näher betrachtete, überzeugte er
+sich immer mehr, daß sie auf der Welt nichts zu tun hatte. Und weil sie
+so lächelte, tat es ihm weh bis in die Seele hinein.
+
+Es begann ein böser Herbst; es ging ihnen allen schlecht. Nach dem
+Kirchenfest der Kreuzeserhöhung geschah es, daß Wassilij
+Alexandrowitsch, der Clown, als er im Zirkus auf dem Trapez in der Luft
+sich schwang, herabstürzte und verunglückte; er verletzte sich – wie man
+auf dem Burkowschen Hof sagte – die Wirbelsäule und den „Stamm der
+Beine“. Es stand um ihn nach diesem Sturz aus den Lüften so schlecht,
+daß er sogar einen Priester holen ließ, um die heiligen Sakramente zu
+empfangen. Der Arzt aber meinte, er würde sechs Monate liegen und sich
+einer schweren Operation unterziehen müssen.
+
+– Sie werden ihm von der Ferse ein Stück abschneiden und das Fleisch
+öffnen – bedauerte Akumowna, – sie werden den Knochen mit einem Bohrer
+wegbohren, beide Fersen abschneiden. Hätte er aber einen Aufguß von
+Pferdemist getrunken, so wäre alles fort, wie mit der Hand ...
+
+Marakulin hatte seit jenem Glückszufall im Sommer keine Arbeit mehr
+gefunden. An allen Orten und Anstalten, an die er sich wandte, wurde
+höchstens seine Adresse notiert, und bekanntlich hat man nichts mehr zu
+erwarten, wenn die Adresse notiert wird. Um diese Zeit fand gerade in
+Petersburg eine Hundezählung statt. Eine Woche lang ging er auf den
+Burkowschen und belgischen Höfen herum, zählte die Hunde und lernte
+dabei einen Studenten Lichowidow kennen, der, so wie er, Hundezähler
+war. Der Student Lichowidow, ebenfalls ein Mensch in den letzten Zügen,
+verstand es jedoch schließlich, sich noch irgendwelche Hundearbeiten zu
+verschaffen, und auch für Marakulin fiel dabei etwas ab. Es begann ihm
+schon etwas besser zu gehen, da mußte Lichowidow ein kleines Malheur
+passieren: er arbeitete damals in irgendeinem Bureau und trat eines
+späten Abends nach seinem Dienst auf die Straße, als ihm sein
+Vorgesetzter, der Bureauchef – gut angezogen, im Pelz, mit einem
+kostbaren Kragen – entgegenkam. „Was meinen Sie, Herr Lichowidow, was
+wäre jetzt besser, Tee oder Kaffee zu trinken?“ Lichowidow aber hatte
+seit dem Morgen nichts gegessen, er war hungrig wie ein Hund, auch hatte
+ihn gerade der Petersburger Wind angeblasen, seine Zähne klapperten nur
+so. Er sah den Chef an, als überlegte er, was jetzt besser wäre, Tee
+oder Kaffee zu trinken und haute ihm eine in die Fresse. Seitdem war
+Lichowidow verschwunden, und Marakulins Mühle stand still.
+
+Dem guten Jäger läuft das Wild in’s Garn. Nach langem Suchen fand Anna
+Stepanowna eine Anstellung in einem Privatgymnasium. Es war ein
+Mustergymnasium und seine Vorsteherin Lednjowa war eine Frau von
+Bestrebungen. Sie verstand die große Kunst, zu wirtschaften, ohne einen
+Heller aus eigener Tasche auszugeben, und sie tat es sehr einfach und
+gleichzeitig ziemlich verzwickt: sie verschleierte ihre Manipulationen
+mit einem echten Petersburger Nebel. Man sagte, sie bezahle die Lehrer
+aus geheimnisvollen Equipierungsgeldern, die ihr gar nicht gehörten, und
+daß die Lehrer im Lednjowschen Gymnasium jedes Jahr wechselten. Rakow
+und Lestschow waren, was Bestrebungen betrifft, im Vergleich mit der
+Lednjowa die reinen Waisenknaben, so wie der schönste Gardesoldat in
+Beziehung auf Köchinnen gegen Kasimir den Monteur und Stanislaus den
+Kontoristen gar nicht in Betracht kommt.
+
+Zwei Monate bekam Anna Stepanowna keinen Gehalt: die Zahlung wurde unter
+allerlei Vorwänden hinausgeschoben. Erst im dritten Monat wurde er ihr
+ausgezahlt, aber selbstverständlich nicht als gewöhnlicher Gehalt,
+sondern als eine Anleihe aus eben jenen geheimnisvollen
+Equipierungsgeldern. Als sie das Geld bekam, lud sie Marakulin und Wera
+Nikolajewna zum Besuch des Marijinschen Theaters ein, zu einer
+Opernvorstellung. Die Billetts kosteten nicht wenig, dafür waren es gute
+Plätze; es war alles gut zu sehen und zu hören.
+
+An diesem Abend begegnete Marakulin im Theater Werotschka. Wie oft hatte
+er im Sommer und im Herbst an sie gedacht und im Meldeamt nach ihrer
+Adresse geforscht – immer wieder aber hieß es: verreist. Jetzt traf er
+sie. Im ersten Augenblick erschrak er, dann verwandelte sich sein
+Schreck in Unruhe: Werotschka war nicht allein; mit Werotschka ging
+Glotow, der Kassierer, Alexander Iwanowitsch, Marakulins ehemaliger
+Freund.
+
+Werotschka hatte sich gar nicht verändert. Verändern sich denn die
+Menschen überhaupt? Werotschka erkannte ihn gleich, Glotow aber nicht,
+oder er tat so, absichtlich, aus wohlerwogenen und unwiderleglichen
+Gründen.
+
+– Das ist aber eine Ueberraschung, denn wir haben dich längst begraben,
+weißt du, Petruscha! – sagte er.
+
+Und als Werotschka erfuhr, daß Wera Nikolajewna ebenfalls im Theater
+sei, ging sie sie aufsuchen und kam nicht wieder.
+
+Glotow führte Marakulin ins Theaterrestaurant.
+
+– Woher kennst du sie? – fragte Glotow seinen Freund.
+
+– Wir haben einen Winter lang bei derselben Wirtin gewohnt – erwiderte
+Marakulin.
+
+– Du kennst sie also gut?
+
+– Wie man es nimmt.
+
+Und plötzlich verwandelte die Wut ihre Gesichter. Sie verstanden
+einander nur zu gut. Sie hatten sich nichts mehr zu sagen. Aber es war
+peinlich, so auseinanderzugehen, und auch das Schweigen war peinlich.
+
+Glotow schlug vor, etwas zu trinken. Marakulin dankte. Und so traten sie
+aus dem Restaurant, gingen Schulter an Schulter nebeneinander und
+suchten Werotschka. Marakulin schwieg. Glotow aber wiederholte mit einer
+Art Vergnügen und als hätte er es einstudiert, immer dasselbe:
+
+– Das ist aber eine Ueberraschung! Denn wir haben dich ja längst
+begraben, Petruscha, weißt du!
+
+Marakulin traf Werotschka auch in der nächsten Pause nicht: sie hatte
+Wera Nikolajewna versprochen, sie noch zu treffen und kam nicht. Er sah
+sie an dem Abend nicht wieder.
+
+Nach dem Theater ging Marakulin mit Wera Nikolajewna und mit Anna
+Stepanowna in ein Café auf dem Newsky.
+
+Die Begegnung mit Werotschka und mit Glotow, und daß er sie zusammen
+getroffen, das Theater, das Café, alles wühlte Marakulin auf, und was
+dort im Theaterrestaurant verborgen in ihm brodelte, als er neben Glotow
+stand, sammelte sich jetzt zu brennender Verzweiflung. Und gemartert
+fühlte er: wenn jetzt dieser Glotow, sein Bruder oder sein Verwandter,
+einer, der Werotschka kennt und den auch Werotschka gut kennt, aufstehen
+und ihm, Marakulin, eine herunterhauen würde, wie der Student Lichowidow
+dem Bureauchef, so würde er, Marakulin, ihm zum Dank dafür die Füße
+küssen und ihm noch seinen Nacken hinhalten, daß er nach Herzenslust
+dreinhaue, oder ihm die Zähne einschlage, daß die Kiefer knacken. Und in
+seinem grausamen Martyrium das ganze Brennen des freiwillig auf sich
+genommenen Schmerzes fühlend, erinnerte er sich an seine geliebte,
+verhaßte, unglückselige Generalin, und es verging ihm die Lust an seinem
+Leid – er wollte keine Ohrfeigen, keine Faustschläge, keine Fußtritte,
+weder von diesem gestutzten Schnurrbart, der so selbstgefällig mit
+diesem andern widerlichen Glattgesicht plauderte, noch von jenem roten,
+nach oben gekräuselten Schnurrbart, der auch vielleicht Werotschka kennt
+und den Werotschka sehr gut kennt. Nein, in seiner Verzweiflung dachte
+er jetzt, wie gut es wäre, die Generalin mit kochendem Wasser zu
+übergießen, sie ein wenig nur zu verbrühen. Mit welcher Wut würde sie
+sich auf alle stürzen und beißen, – alle zerbeißen!
+
+– Warum heißt Werotschka nicht mehr Wechorjowa, sondern Rogowa?
+
+– Weil sie keine Generalin ist – antwortete Marakulin.
+
+– Was für eine Generalin?
+
+Wera Nikolajewna verstand nichts und sah bald ihn, bald Anna Stepanowna
+an, welche lächelte und deren Lächeln bis in die Seele hinein weh tat.
+
+Marakulin hätte jetzt aufstehen und der einen die Augen ausstechen mögen
+– diese verlorenen Augen des vagabundierenden heiligen Rußland, des
+verschüchterten, freiwillig bettelnden, von Armut, wie von einem
+geweihten Gürtel umgürteten, alles ertragenden, demütigen, geduldigen
+Rußland, das sich nicht einmal einen Sarg zusammenzuzimmern vermag,
+höchstens einen Scheiterhaufen zusammenbringen und sich darauf
+verbrennen! Die andre aber hätte er ersticken mögen, damit sie aufhörte
+zu lächeln, damit es dieses Lächeln nicht mehr gäbe, aus dem mit frecher
+Schamlosigkeit eine beschmutzte, vergewaltigte Seele jedem in die Augen
+sticht: sie braucht nicht zu leben, sie hat hier nichts zu tun, es ist
+kein Platz für sie auf der Erde!
+
+Oder war für ihn selbst kein Platz mehr auf der Erde?
+
+– Und was meinen Sie, Wera Nikolajewna? – fragte er.
+
+– Werotschka gab mir ihre Adresse und bat mich, nicht nach Wechorjowa,
+sondern nach Rogowa zu fragen – antwortete Wera Nikolajewna.
+
+Marakulin schloß die Augen. Er empfand plötzlich eine äußerste Müdigkeit
+und Erschöpfung, eine so vollkommene Gleichgültigkeit, daß er sich nicht
+gerührt und nicht einmal sich umgesehen haben würde, wenn das Café in
+Brand geraten oder die Decke herabgestürzt wäre.
+
+Als Wera Nikolajewna und Anna Stepanowna bemerkten, wie verstimmt er
+war, wollten sie ihn nicht beunruhigen, und um seiner Seele nicht lästig
+zu sein, unterhielten sie sich leise miteinander.
+
+Wera Nikolajewna erzählte von einer Krankenschwester:
+
+– Man brachte ins Krankenhaus ein Kindchen: es war verbrüht. Um die
+Operation zu machen, brauchte man Haut, und wo sollte man sie hernehmen?
+Vom Kindchen selbst? – das hätte es nicht ausgehalten, es war zu
+schwach. So bot sich die Schwester dazu an, und man schnitt ihr so viel
+Haut aus, als man brauchte.
+
+– Und wie ist es verlaufen?
+
+– Gott sei Dank, beide leben.
+
+Anna Stepanowna bekreuzigte sich lächelnd:
+
+– Gott sei Dank!
+
+Marakulin erhob sich, und sie gingen nach der Fontanka zurück.
+
+ * * * * *
+
+Werotschka bewohnte eine kleine möblierte Wohnung an der Mojka, die sie
+nur mit ihrer Wirtin teilte. Die Zimmer waren mit allerlei Sofachen und
+Tischchen vollgepfropft und mit Sächelchen angefüllt, wie sie wohl auch
+das Ehepaar Oschurkow in seinen zehn Zimmern haben mochte. Die
+kanariengelbe Farbe war in der Wohnung vorherrschend: gelbe Kissen,
+gelbe Wandschirme, – alles hier war gelb.
+
+Marakulin, der Werotschka endlich gefunden hatte, begriff schon im
+Vorzimmer, daß Werotschka hier nicht aus eigener Wahl wohnte, sondern
+daß sie in diese möblierte gelbe Wohnung von jemand einquartiert worden
+war.
+
+Er fand sie zu Hause und freute sich sehr über sein Glück: sie war
+allein, sie kamen einfach und leicht ins Gespräch. Wie immer, redete sie
+erst äußerst herausfordernd, und ihre Erzählung war von solcher Art, daß
+man aus ihr nicht klug werden konnte, ob es echte Wahrheit war oder bloß
+so eine Wahrheit. Sie habe ihren Namen geändert, weil sie jetzt beim
+Theater sei; sie sei bei einer kleinen Bühne engagiert, in einem
+Petersburger Café chantant.
+
+– Ich tanze dort – erzählte sie – kommen Sie einmal hin, um mich zu
+sehen.
+
+Doch abgesehen vom Theater und vom Tanzen stand es mit ihr so, daß
+Anissim Wakujew ihr kein Geld mehr schickte. Statt seiner war jetzt ein
+vornehmer alter Herr ihr Gönner. Er hatte ihr diese Wohnung gemietet und
+seinetwegen hatte sie den Familiennamen geändert, – oder richtiger: sie
+mußte einen andern Familiennamen annehmen. Warjaginskij war eine
+einflußreiche Persönlichkeit und verkehrte bei Hofe.
+
+– Er ist ein ganz altes Kerlchen. Mit dem linken Auge sieht er immer
+eine Maus; wenn er es zukneift, dann verschwindet die Maus, macht er es
+aber auf, dann ist die Maus wieder da, ein graues, ganz kleines
+Mäuschen.
+
+Anissim schicke ihr längst kein Geld mehr, sie aber brauche Geld. Sie
+müsse es soweit bringen, daß der alte Warjaginskij auf ihren Namen ein
+Kapital deponiere, dann ...
+
+– Dann werde ich zeigen, wer ich bin – der ganzen Welt, – dann sollen
+sie sehen!
+
+Ja, sie werde sich schon erweisen, ihr Name werde in ganz Rußland
+berühmt sein, in ganz Europa, in der ganzen Welt! Sie habe ihren Weg
+durch den Scheiterhaufen gewählt; denn auf dem gewöhnlichen Wege gelange
+man nirgends hin; man komme auf andre Weise nicht vorwärts; ohne Geld
+lasse man einen nirgends hin; man werde zerrieben, und wäre man der
+Teufel selbst! Man müsse lügen können und Geld haben – Lügen und Geld
+haben, das sei notwendig. Sie hätte ja auch versucht, auf die
+gewöhnliche Weise durchzukommen – sie kenne es gut! Sie könne ja
+schließlich nicht Waschfrau werden – oder sollte sie in der Tat
+Waschfrau werden? Sie sei durchaus nicht damit einverstanden, im
+Kusnetschnygäßchen zusammen mit dem Chiromanten oder in den
+Gorbatschowschen „Winkeln“ zu wohnen. Wenn der Alte aber erst ein
+Kapital auf ihren Namen deponiert und sie viel Geld haben würde, dann
+... ja dann ...
+
+– Für Geld kann man alles kaufen! – schrie Werotschka mit ihrem
+unheimlichen Schrei. Es war nicht der sehnsüchtige Ruf eines Hoffenden,
+sondern eine Herausforderung, ein Schrei nach dem Recht, die ganzen
+himmlischen Heerscharen kurz und klein zu schlagen, wäre nur eine Leiter
+bei der Hand – wie es in einer alten Weise heißt – oder die Erde aus den
+Angeln zu heben, bekäme man nur einen Griff zu fassen! – Es war eine
+Herausforderung, ein Schrei der Verzweiflung auf ihrem Weg durch den
+Scheiterhaufen.
+
+– Ich bin eine Dirne und bleibe eine Dirne. Aber im nächsten Jahre werde
+ich mich zeigen. Sie werden mich dann sehen. Jawohl, auch Wera
+Nikolajewna würde kein Geld ausschlagen, und auch diese Ihre Andre, mit
+dem kläglichen Lächeln, würde es annehmen! Es gibt ihnen bloß niemand
+etwas, mir aber gibt jeder, ich verstehe zu lügen und werde mein Ziel
+erreichen!
+
+Sie begann hastig ihre Toiletten zu zeigen, riß alle Schubfächer auf und
+öffnete den Kleiderschrank; Kleider und Wäschestücke flogen haufenweise
+zu Marakulin hin, und ein bunter Berg von Seide und Spitzen türmte sich
+zwischen den gelben Sofas, wie der schwarze Berg auf dem belgischen Hof.
+
+– Und alles das ist mein – schrie sie, – sehen Sie, es sind Geschenke,
+alles gehört mir!
+
+Marakulin erhob sich, er wollte sie zurückhalten, aber es war unmöglich;
+er setzte sich wieder auf das gelbe Sofa. Werotschka aber war in Raserei
+geraten, sie zerknüllte und zerfetzte die Sachen und warf sie um sich
+her. Und als die Kommoden entleert und alle Schubfächer von unterst zu
+oberst gekehrt waren, begann sie die Nippes abzuräumen, zerschlug alles
+und warf es auf einen Haufen.
+
+– Und alles das gehört mir, lauter Geschenke! – schrie sie mit dem
+letzten Aufwand ihrer Stimme, fast schon ohne Stimme. Einen Augenblick
+stieg in Marakulin der heftige Wunsch auf, ein Streichholz anzuzünden
+und alles in Brand zu stecken, alles zu vernichten, den ganzen Haufen,
+den Berg, die gelben Kanapees, gelben Wandschirme, gelben Lampenschirme,
+gelben Kissen – alle diese Geschenke!
+
+Werotschka riß von der Etagere eine kleine bronzene Schildkröte herab
+und reichte sie ihm, offenbar in der Absicht, sie ihm zu schenken.
+
+– Man kann nur schenk–, man kann nur schenk–, man kann nur schenk– –
+stieß Marakulin hervor, als wollte er mit den Worten dreinschlagen, und
+sah Werotschka fest an, aber der Atem verging ihm, bevor er das Wort zu
+Ende brachte. Seine Schultern zitterten plötzlich.
+
+Ja, sie wisse es selbst. Hier sei nichts, was ihr gehöre. Und fremde
+Sachen dürfe man nicht verschenken. Geschenke verschenke man zwar nicht,
+doch dürfte man es tun; hier aber gehöre ihr nichts, es seien nicht
+Geschenke, es seien lauter fremde Sachen. Fremde Sachen aber dürfe man
+nicht verschenken. Eigentümer sei hier der alte Warjaginskij, der Mäuse
+sieht, und Glotow der Kassierer, und sonst jeder, der Geld hat und Geld
+ausgeben kann – und je mehr einer Geld gebe, desto wichtiger sei er.
+Alles an ihr sei beschmutzt, alles abgegriffen, sie könne Wera
+Nikolajewna nicht einmal einen Kuß geben, sie habe nichts mehr zu geben,
+alles sei eingesetzt, alles bespuckt.
+
+– Und Sie, Petruscha, Sie möchten wohl auch? – fragte sie plötzlich voll
+Bosheit, – ja, wollen Sie? – nicht?
+
+Marakulin erhob sich.
+
+– Da – Werotschka zeigte ihm die Zunge – nichts kriegen Sie, Sie
+Bettler! Bettler empfange ich nicht, verstehen Sie! – und ihre
+unverschämten Augen blitzten auf wie zwei scharfe Klingen und ihr
+aufgelöstes Haar brannte wie Feuer.
+
+Ohne die Straßen zu unterscheiden ging Marakulin wohin ihn seine Füße
+trugen. Es war im Dezember und Tauwetter. Ein warmer Wind wehte, die
+Laternen sahen aus wie vom Himmel herabgestiegene Sterne und Monde und
+schienen im Nebel aufgehängt. Beim Hinaustreten aus der Podjatscheskaja
+auf die Ssadowaja blieb er plötzlich stehen: vor dem Tor des Spaßeschen
+Polizeireviers, da, wo die Glocke hängt, stand ein Feuerwehrmann in
+einem riesigen Messinghelm, ein wirklicher Feuerwehrmann, aber
+überlebensgroß, und sein Messinghelm reichte über die Torwölbung hinauf.
+
+Marakulin begann vor Entsetzen zu laufen. Etwas stieg ihm die Kehle
+hinauf und preßte sie zusammen. Und erst als er zu Hause war, allein in
+seinem Zimmer im Burkowschen Hof, fühlte er, daß er weinte, so wie er
+nur einmal im Leben geweint hatte, als seine Kinderfrau ihn verlassen.
+
+Nachts träumte er, er läge auf dem Burkowschen Hof. Der Hof aber war
+größer als in Wirklichkeit, und obwohl er an den Seiten von den Häusern
+zusammengedrückt war, so lagen doch die Stände und Kästen der fliegenden
+Händler viel weiter als sonst, und die Wagenremise, die Müllgrube und
+der Abguß waren viel entfernter. Es waren unter den Fenstern viel mehr
+Ziegelsteine, Schutt und Kehricht angehäuft. Er lag nicht allein auf dem
+Hof, neben ihm lagen die Mieter aus dem Vorderhaus und aus dem
+Hinterhaus, aus den Seitenflügeln, aus den Gorbatschowschen „Winkeln“.
+Und obwohl er viele von ihnen nicht kannte, so erriet er doch, wer sie
+waren, und irrte sich bestimmt nicht darin, daß dieser Herr und diese
+Dame Herr und Frau Oschurkow waren, die zehn Zimmer und allerlei Nippes,
+die die Wohnung ganz ausfüllten, und ein Aquarium mit Goldfischchen
+hatten. Und dieser da, der Bewegliche im Zylinder, war der Rechtsanwalt
+Amsterdamskij, ein lustiger Kerl, – er verstand es, Prozesse gut zu
+führen; die Portiers im Senat warteten auf ihn, wie auf das Osterfest.
+Und Burkow selbst, der frühere Gouverneur, der Selbstvertilger, lag da,
+aber man sah nur seine Uniform. Neben der Uniform lag der älteste
+Hausmeister Michail Pawlowitsch mit seiner Gemahlin, der
+gottesfürchtigen Antonina Ignatjewa, und der Händler Gorbatschow mit
+einem kleinen Mädchen – mit seiner Tochter, der er einst in der
+Rattenkammer die Fingerchen zerbrochen, und Wera mit Akumowna,
+Stanislaus der Kontorist und Kasimir der Monteur, Adonja Iwoilowna und
+die Artisten Damaskin, Sergej Alexandrowitsch und Wassilij
+Alexandrowitsch, Wera Nikolajewna und Anna Stepanowna, die Hebamme
+Lebedjowa in ihren Pelz eingewickelt, den man ihr um Weihnachten
+gestohlen hatte, und der Portier Nikanor; auch lagen hier die Studenten,
+welche nachts Totenmessen sangen, in neuen studentischen Uniformen und
+mit ihrem Messinghahn, dann alle sieben Hausmeister und der Paßaufseher
+Jerkin – die Hausmeister mit Holz und Jerkin mit Krankenhausmarken, jede
+Marke ein Rubel, Gesicht und Hände ganz mit Marken beklebt. Kleine
+Kinder lagen in Haufen, der Perser – der Masseur aus der Badeanstalt und
+jenes kleine Mädchen, welches Murka damals Milch gebracht hatte, mit der
+Scherbe; es lagen da alle Schuster, Bäcker, Bader, Friseure,
+Schneiderinnen, Weißnäherinnen, eine Krankenschwester aus dem
+Obuchowschen Krankenhaus, Kondukteure, Maschinisten, Kürschner, Schirm-
+und Bürstenmacher, Kommis, Wasserleitungsmonteure, Setzer und allerlei
+Mechaniker, Techniker und elektrische Meister mitsamt ihren Familien und
+ihrem Gerümpel, mit Gläsern, Flaschen und Schwaben, und allerlei
+Fräuleins von der Gorochowaja und vom Sagorodny, kleine Nähmädchen,
+Mädchen aus den Teestuben und elegante junge Leute aus der Badeanstalt,
+die die Petersburger Damen auf Wunsch bedienen, die alte Frau, welche
+Sonnenblumensamen und sonst allerlei Kram feilbietet, stellenlose
+Köchinnen, Maler und Schreiner, fliegende Händler mit Datteln und
+Zuckerwerk, das nach Mistpilzen riecht, – mit einem Wort: der ganze
+Burkowsche Hof, ganz Petersburg. Und nachdem Marakulin alle diese
+Burkowschen Gestalten feststellte, erblickte er auch noch andre: seine
+Mutter, seinen Vater, seine Schwestern, den alten Gwosdjow, den
+Buchhalter Awerjanow, Tschekurow, Lisaweta Iwanowna und Maria
+Alexandrowna, Rakow mit dem Lotterielos von Zweihunderttausend,
+Lestschow, Pawlina Polikarpowna und alle Idioten, Geistesarmen, Eremiten
+und heiligen Brüder, allerhand Belgier und Deutsche, die Deutschen um
+den Doktor Wittenstaube zusammengedrängt, der alle Krankheiten mit
+Röntgenstrahlen heilt, – überhaupt das ganze vagabundierende Rußland.
+
+Da lagen sie alle auf dem Burkowschen Hof, wie auf einem Totenfeld, nur
+war es nicht trocknes Gebein, sondern es waren lebendige Menschen, und
+in jedem lebte und schlug ein Herz. Und Tiere lagen da zusammen mit den
+Menschen: der schöne rothaarige Hund des Gouverneurs, Revisor, an der
+lästigen Stahlkette hob zuweilen seine kluge Schnauze, und Murka lag
+auch daneben, von einem rauchfarbenen Kater belegt. Neben Marakulin aber
+lag die Generalin Cholmogorowa, die Laus, und die elektrischen Lampen
+brannten wie vom Himmel herabgestiegene Sterne und Monde tief im Nebel
+über dem Burkowschen Hof.
+
+– Die Zeiten sind reif, die Sündenschale ist übervoll, die Strafe ist
+nah! – sang Gorbatschow im Halbschlaf, die Worte durch die mit
+Pferdehaaren bewachsene Nase dehnend.
+
+Da klirrte etwas wie ein Säbel, und aus einem Schrank trat ein
+Feuerwehrmann, überlebensgroß, in einem riesigen messingnen Helm, und
+begann zu schreiten, mit den Stiefeln polternd. Und rasch über die
+Maler, Schlosser und fliegende Händler hinwegschreitend, nahte er
+Marakulin und blieb vor ihm stehen.
+
+Es war ein ganz gewöhnlicher Feuerwehrmann mit einem roten Gesicht.
+
+Da fühlte Marakulin, wie es ihm so schwer wurde, daß er weder einen Fuß
+noch eine Hand rühren konnte, und er wußte, daß er nicht mehr lange
+leben werde und daß ihm nur noch die Freiheit zu reden übriggeblieben
+war. Er fühlte auch, daß es Allen – dem ganzen Totenfeld – ebenso schwer
+war; sie konnten weder einen Fuß noch eine Hand rühren und hatten nur
+noch die Freiheit zu reden; und während er seine letzten Augenblicke
+nahen fühlte, hörte er die Automobile auf der Fontanka tuten.
+
+Ueber ihm aber stand unbeweglich der Feuerwehrmann. Es war ein ganz
+gewöhnlicher Feuerwehrmann mit einem roten Gesicht.
+
+Erst wollte Marakulin es wagen, gleich jenem Starez Kabakow, der durch
+Gebete die Stimme des Himmels befragte, den Feuerwehrmann für Alle, für
+die ganze Welt auszufragen, aber er hatte nicht den Mut, wie Kabakow für
+Alle, für die ganze Welt, für das ganze Totenfeld zu fragen, sondern er
+fragte nur für sich.
+
+– Wird es mir gut ergehen?
+
+– Warte – sagte der Feuerwehrmann.
+
+– Gut? – fragte Marakulin nochmals mit stockendem Atem, und hörte dabei,
+wie auf der Fontanka die Automobile tuteten.
+
+Und der Feuerwehrmann antwortete ihm, jedoch sehr kleinlaut, kaum daß er
+das Wort zu Ende sprach:
+
+– G–u–t.
+
+
+
+
+ Fünftes Kapitel
+
+
+Vor Weihnachten zerbrach Marakulin sein Kreuz.
+
+Anna Stepanowna nahm es mit, um es reparieren zu lassen, ging aber aus
+dem Gymnasium erst auf den Gostinij-Markt. Dort wurde ihr das
+Portemonnaie gestohlen und mit ihm auch Marakulins Kreuz, sein kleines
+goldenes Taufkreuz.
+
+In den Weihnachtstagen wahrsagte Akumowna wieder aus den Karten, und
+Marakulin schien es, daß die Karten jetzt ganz erbost seien und ihn mit
+ihrem schonungslosen „reinen Herzen“ verspotteten. Sie orakelten: ein
+fröhlicher Weg; ein wohlgeborener einflußreicher Herr; viel Geld; wenn
+Sie heute keinen Brief bekommen, so bekommen Sie ihn morgen; er trinkt
+ein wenig, – und in den Ecken Gras und Tannen.
+
+Aber die Karten logen diesmal nicht. Sei es, daß Akumowna es mit ihrem
+Wahrsagen heraufbeschworen hatte, oder, daß es ihm sonst bestimmt war –
+Marakulin mußte in der Tat bald nach dem Tag der hl. Tatjana und ganz
+unerwartet nach Moskau verreisen.
+
+Marakulin war ein Moskauer. In Moskau geboren und aufgewachsen, war er
+auch dort zur Schule gegangen. Nur die fünf Jahre vor seinem
+Petersburger Aufenthalt hatte er in der Provinz verlebt und in
+Geschäften auch solche Städte wie Kostrinsk und Purchowez besucht. Er
+hatte in Moskau in einer Privatrealschule in der Handelsabteilung
+studiert. Kaum daß er in die Schule eintrat, starb seine Mutter, und
+bevor er die Schule verließ, verlor er den Vater. Die letzten Schuljahre
+waren sehr schwierig, er mußte selbst für sich sorgen. Er hatte zwei
+Schwestern, beide älter als er und beide verheiratet. Als er noch in
+Moskau lebte, besuchte er die Schwestern, erst oft, dann seltener,
+endlich ganz selten. Als er klein war hatten sie ihn sehr gern gehabt
+und ihn verwöhnt. Er wußte es noch genau, sie aber hatten es vergessen.
+Als er in der Provinz wohnte, schrieb er den Schwestern im Anfang oft,
+dann seltener, dann ganz selten und nur noch Gratulationsbriefe, dann
+hörte er überhaupt auf zu schreiben. Sie waren es, die zuerst den
+Briefwechsel abbrachen. Und seit er in Petersburg lebte, hatte er sich
+an den Gedanken gewöhnt, daß er in Moskau niemand hatte. Nur auf dem
+Kalitnikowschen Kirchhof befanden sich zwei Gräber, zwei Kreuze: das
+Kreuz des Vaters und das Kreuz der Mutter.
+
+Sein Vater war der älteste Buchführer bei Plotnikow gewesen. Plotnikows
+Fabrik befand sich auf der Taganka, das Engrosgeschäft auf der Iljinka.
+Der Vater war ein Mann der Arbeit, der sich mit Energie seinen Weg
+bahnte. Seine Mutter war anders; sie war ein Mensch von besonderer Art.
+
+Jewgenja Alexandrowna – so hieß sie – war aufrichtig, einfach und
+herzlich. Ihre Aufrichtigkeit kannten alle; ihr Vater kannte sie und
+alle, die im Hause verkehrten kannten sie. Man klatschte in ihrer
+Gegenwart nicht über Bekannte, man schärfte nicht unnütz die Zungen –
+man sagte nichts, was man den andern nicht ins Gesicht hätte sagen
+können. Die Gepflogenheit, zwei Meinungen über jemand oder über etwas zu
+haben: eine Meinung sozusagen für’s Haus, welche nur im engen
+Familienkreis ausgesprochen wird, und eine andere für die Straße, welche
+vor Fremden geäußert wird, wenn es nützlich erscheint, – diese üblichen
+Formen des Umgangs waren ihr fremd. Es fehlte ihr der praktische Sinn.
+Daraus konnte oft ein kleiner Skandal, zumindest eine Verlegenheit
+entstehen, und ihr Vater mußte sie häufig davor warnen. Dieser
+praktische Sinn, der zwei Meinungen kennt, dieser einfältige und oft
+niederträchtige Selbstschutz ist keine Weisheit. In der echten Weisheit,
+die nicht nur zwei, sondern zwanzigmal zwei Meinungen kennt, ist Wissen
+und Schonung. Diese höhere Weisheit konnte sie natürlich noch nicht
+haben, aber sie besaß jene, die aus dem Instinkt stammt und die das Herz
+begreift. Es fehlte ihr dagegen völlig an jener Schlampigkeit des
+Herzens, an der Gewöhnlichkeit der Seele, die wie grobe Geradlinigkeit
+aussieht. Alles berührte und quälte sie; sie hatte keine
+Gleichgültigkeit in sich, im Gegenteil: ungewöhnlich barmherzig und
+mitfühlend, war sie bereit, jedem zu helfen. Kaum aus der Schule,
+verliebte sie sich in einen Studenten, in den Hauslehrer ihres Bruders,
+und wie zu Gott sah sie zu ihrem Studenten auf. Der Student aber – sagte
+nichts, und als ein ernsthafter Student, der er war, lächelte er nur,
+lächelte und dankte. Jenjas Vater – Marakulins Großvater – war Arzt, und
+als Fabrikarzt bei Plotnikow angestellt, nahm er das junge Mädchen oft
+in die Fabrik mit. Bei Plotnikow war aber auch ein junger Techniker
+namens Ziganow. Dieser machte sich mit den Fabrikarbeitern zu schaffen,
+veranstaltete Vorlesungen und Theatervorstellungen für sie, und soll
+auch, wie die Wissenden behaupteten, einen Streik angezettelt haben. Die
+Fabrikarbeiter liebten Ziganow und gehorchten ihm. Jenja, der das Leben
+in der Fabrik, das sie allmählich kennen lernte, die Seele verwundete,
+bot Ziganow ihre Mithilfe an. Sie verbrachte viel Zeit mit dem Techniker
+und arbeitete mit, so weit ihre Kräfte reichten. Und wenn eine Sache
+gelang, – mit welcher Freude erzählte sie von ihrem Erfolg dem
+Hauslehrer ihres Bruders, ihrem Studenten, zu dem sie wie zu Gott
+aufsah! Der Student aber – sagte nichts, und als ein ernsthafter
+Student, der er war, lächelte er nur, lächelte und dankte. So traf es
+sich auch einmal, daß Jenja bei Ziganow in der Wohnung war. Sie half ihm
+Lektüre für die Fabrikarbeiter zusammenstellen; es waren Broschüren. Sie
+war sehr eifrig dabei, sie brannte darauf, daß die Broschüren bald
+gelesen werden, denn sie glaubte, daß in ihnen die Wahrheit stand und
+ein Ausweg aus dem erbärmlichen Leben, das ihr die Seele verwundete. Sie
+brannte vor Eifer – es war ja das erstemal. Ziganow arbeitete am selben
+Tisch mit ihr und wich nicht von ihrer Seite; auch er wollte die Arbeit
+möglichst rasch erledigen, denn die Sache war gefährlich! Als dann alles
+fertig war, die Broschüren geordnet, ausgesucht und verteilt, und sie,
+befriedigt, freudig erregt und davon träumend, wie sie alles dem
+Studenten, ihrem Abgott erzählen würde – (er hatte wohl jetzt die
+Lektion mit ihrem Bruder beendigt, saß vielleicht mit ihrem Vater im
+Eßzimmer beim Tee und spielte mit ihm Schach) – gerade im Begriff war,
+nach Hause zu gehen, – da fiel Ziganow über sie her und warf sie zu
+Boden ...
+
+An diesem Abend, als sie nach Hause zurückkehrte und den Studenten, wie
+sie erwartet hatte, im Eßzimmer beim Tee mit ihrem Vater Schach spielend
+fand, – sagte sie nichts; weder dem Vater, noch dem Studenten. Sie
+verriet nicht mit der leisesten Andeutung, was eben zwischen ihr und
+Ziganow vorgefallen war, sie verriet mit keiner Silbe das Entsetzen, das
+sie erfüllte.
+
+Entsetzen und Scham besiegten all ihre Wahrhaftigkeit und zwangen sie,
+das Schreckliche zu verheimlichen. Sie schwieg, und obwohl sie, die sich
+nicht verstellen konnte, sich so gab, wie sie war, bemerkte dennoch
+niemand etwas, nur dem Vater fiel eine Trauer in ihrem Gesicht auf, die
+früher nicht in ihm war. Erst viele Jahre später sah es auch manch
+andrer, sprach aber nicht darüber. Denn diejenigen, die sie oft sahen,
+mochten sie dann vielleicht zum erstenmal aufmerksam angesehen haben und
+konnten deshalb nicht feststellen, ob diese Trauer in ihrem Gesicht
+schon immer dagewesen und von ihnen nur nicht bemerkt worden war, oder
+ob tatsächlich eine Veränderung in ihm stattgefunden hatte.
+
+Wohl war diese Trauer schon immer in ihr, seit ihrer Geburt vielleicht,
+vielleicht war sie zusammen mit ihr zur Welt gekommen, hatte sich all
+die siebzehn Jahre in ihrer Seele verborgen gehalten und trat erst an
+jenem Abend hervor, an dem Jenja bei Ziganow die Broschüren ordnete und
+glücklich, freudig erregt daran dachte, wie sie ihrem Studenten, ihrem
+Abgott von ihrer Freude erzählen würde; – damals mochte das Entsetzen
+die eingeborene Trauer hervorgeholt und über ihr Gesicht gebreitet
+haben.
+
+War es nur Trauer, was ihr Gesicht verriet, als sie sich auf dem Boden
+wälzte und vor tierischem Schmerz, vor Ekel und Entsetzen geschrien
+haben würde, wenn sie ihre Schreie nicht hätte unterdrücken müssen? War
+nur Trauer in ihrem Gesicht, da sie schweigend und doch unverstellt sich
+quälte?
+
+Wenn die Menschen einander genau sehen und beobachten würden, wenn Alle
+Augen hätten, dann könnte nur ein eisernes Herz das ganze Entsetzen, die
+ganze Rätselhaftigkeit des Lebens ertragen. Oder am Ende wäre, wenn die
+Menschen einander sehen würden, das eiserne Herz gar nicht nötig?
+
+Wie war das alles so gekommen, und weshalb? Und wie erklärte Jenja es
+sich selber?
+
+An jenem Abend war Ziganow geblendet, – einen andern Grund gab es nicht
+– es war nicht vorgefaßte Absicht, er war einfach geblendet. Und hätte
+er auch sieben Augen gehabt, wer weiß, ob er nicht an allen sieben Augen
+geblendet worden wäre vor ihren beiden, mit denen sie so freudig
+dreinblickte, bereit, im nächsten Augenblick von ihrer Freude dem
+Studenten, ihrem Abgott zu erzählen: ihre Freude war so gewaltig; es war
+ja das erstemal, die Sache war gefährlich und sie glaubte die Erlösung
+gefunden zu haben aus dem erbärmlichen Leben, das ihre Seele verwundete.
+
+So erklärte Jenja das, was vorgefallen, indem sie niemand beschuldigte,
+außer sich selbst.
+
+Ob es so war oder nicht, ob er tatsächlich geblendet war oder nicht, ob
+er dem Zwang nicht widerstehen konnte, sich auf sie zu stürzen, oder ob
+er sich hätte zurückhalten müssen – einerlei: am Ende wäre es auch einem
+andern so ergangen wie Ziganow, der sich mit einer gefährlichen Sache
+befaßte, die heimlich und verborgen getan werden mußte, und der vor
+lauter geschäftigem Mißtrauen seine Augen verloren hatte? Jedenfalls
+aber hatte er seine Augen verloren, gleichviel warum: denn hätte er
+sehen können, so wäre das nicht geschehen, was weiter geschah. Es kam
+aber, daß jedesmal, wenn Jenja bei ihm war, um Broschüren zu ordnen,
+oder in ähnlichen Angelegenheiten, sich jener gefährliche und freudig
+erregte Abend wiederholte. Sie flehte ihn an, sie zu schonen, sie nicht
+anzurühren, aber er wollte nichts hören, weil er taub und blind war. Und
+so verging ein ganzes Jahr.
+
+Als dann Ziganow aus der Plotnikowschen Fabrik verschwunden war – manche
+behaupteten, er wäre nach Sibirien verbannt worden, andre dagegen, daß
+er jenseits der Trechgornaja-Maut in einer Fabrik eine gutbezahlte
+Stellung angenommen hatte, wieder andre, daß er der Welt so etwas wie
+ein „neues Zion“ verkündete – mit einem Wort, als Ziganow nicht mehr da
+war, und Jenja aufatmen konnte, da widerfuhr ihr das gleiche, nur daß
+diesmal an Ziganows Stelle ihr eigener Bruder, der Kadett war. Sie bat
+ihren Bruder, flehte ihn an, sie zu schonen, sie nicht anzurühren, er
+aber wollte nichts hören, und darum nicht, weil er in diesem Augenblick
+taub und blind war.
+
+Ja, auch er war in diesem Augenblick geblendet, und nur, weil in ihr
+selbst etwas Sinnberaubendes, Blendendes war; denn sonst hatte doch
+dieser Bruderabend nichts gemeinsames mit jenem Ziganowschen, jenem
+gefährlichen und freudig erregten Abend.
+
+So erklärte sich Jenja alles, was vorgefallen, indem sie niemand als
+sich selbst beschuldigte.
+
+Ob es nun so war oder nicht, ob der Bruder ebenfalls geblendet war oder
+nicht – jedenfalls ist es klar, daß er, ohne sich mit gefährlichen
+Dingen zu befassen, wie Ziganow und nicht wie dieser durch die
+Heimlichkeit und die Gefahr der Arbeit in gemeinsame Erregung mit der
+Schwester gedrängt, – im Gegenteil: er hatte einen offenen Weg vor sich,
+frei von jedem Spähen und Horchen – jedenfalls ist es klar, daß er, wie
+so viele Menschen von Beruf oder Handwerk, von Meisterschaft oder
+Leidenschaft, sich eben durch keinen besonderen Scharfblick
+auszeichnete. Nein, er zeichnete sich nicht durch besonderen Scharfblick
+aus, denn hätte er etwas gesehen, so wäre nicht geschehen, was weiter
+geschah. Es kam aber, daß sich jedesmal, wenn er sie allein fand, das
+wiederholte, was an jenem Schwesterabend geschah. So verging wieder ein
+Jahr.
+
+Als der Bruder dann von Moskau abgereist war und sie, allein geblieben,
+aufzuatmen hoffte, da wurde der Bruder von dem Gehilfen ihres Vaters,
+von einem jungen Arzt ersetzt, so wie einst der Bruder Ziganow abgelöst
+hatte. Und nach dem Arzt kam noch einer und wieder einer; alle traten
+sie kühn an sie heran und taten mit ihr, was sie wollten.
+
+Sie taten es aber nicht deshalb, weil sie es freiwillig gewährte, nein,
+sie taten nur das, wozu es sie, die Geblendeten, trieb.
+
+So erklärte sich Jenja alles, indem sie niemand als sich selbst
+beschuldigte.
+
+Ob es so war oder nicht, ob sie wirklich geblendet waren oder nicht, ob
+es sie trieb, oder ob sie sich selbst über sie warfen, jedenfalls
+beschuldigte sie keinen von ihnen, nur sich selbst: dies etwas in ihrem
+Wesen, das blendete und betäubte.
+
+Sie schwieg – ganze drei Jahre schwieg sie. Sie machte nie eine
+Andeutung, verriet sich mit keinem Wort. In ihr aber war Entsetzen,
+Scham und Qual. Sie wurde geliebt, hatte viele Freundinnen, und wußte,
+wie sehr man sie liebte und wie gut man von ihr dachte; und trotz aller
+Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit, die in ihr war, vermochte sie es
+nicht, ihnen zu sagen, wie sehr sie sich irrten: daß sie nicht so war,
+wie sie von ihr dachten. Hätten sie die Wahrheit gewußt, dann würden sie
+sich von ihr losgesagt haben, so aber stahl sie ihre Liebe dadurch, daß
+sie die Wahrheit verheimlichte.
+
+Die Menschen traten kühn an sie heran und taten mit ihr was sie wollten,
+sie aber konnte sich nicht wehren und gab, erfüllt von tierischem Ekel
+und Schmerz, nach. Und dafür, daß sie nachgab, daß sie trotz Ekel und
+Schmerz nachgab und nachgeben mußte, für dies blendende und betäubende
+Wesen in ihr, das die Menschen trieb, sich über sie zu werfen, reichte
+eine von Menschen verhängte Strafe nicht aus. Es wäre ihr ja ein
+leichtes gewesen, ein Ende mit sich zu machen, aber das hätte ihr nicht
+genügt. Auch wenn man sie gefoltert und gemartert, wenn man sie zu Tode
+gefoltert hätte, was hätte ihr das genützt? Für sie war eine von
+Menschen bestimmte Strafe zu gering, sie mußte sich selbst ihr Urteil
+sprechen und sich selbst hinrichten. Aber wie sich strafen, wie sich
+hinrichten? In den drei Jahren des Entsetzens, der Scham und der Qual
+hatte sie sich in den schlaflosen Nächten die Haare gerauft, hatte mit
+dem Kopf gegen die Eisenstäbe ihres Bettes, – ihres schmalen
+Mädchenbettes – geschlagen, aber was war damit erreicht? Nichts, gar
+nichts! Wer sollte ihr die Strafe diktieren und wie sollte sie sie
+vollziehen?
+
+Wenn die Menschen einander genau sehen und beachten würden, wenn Alle
+Augen hätten, dann könnte nur ein eisernes Herz das ganze Entsetzen, die
+ganze Rätselhaftigkeit des Lebens ertragen. Oder am Ende wäre das
+eiserne Herz gar nicht nötig, wenn die Menschen einander sehen würden!
+
+Jenja verließ Moskau und lebte einige Zeit auf dem Lande, in der Familie
+eines ihrem Vater befreundeten Arztes. Ihr Vater, der jetzt nicht nur
+Trauer in ihrem Gesicht bemerkt hatte und unruhig geworden war, erklärte
+sich ihr Aussehen mit Uebermüdung und redete Jenja zu, sich auf dem
+Lande zu erholen. Folgendes geschah nun während ihres Landaufenthaltes:
+Am Dienstag in der Karwoche reiste sie von da ab, aber nicht nach Hause
+zum Osterfest, wie man annahm, sondern sie begab sich in den Wald und
+betete dort drei Tage und drei Nächte mit der ganzen Glut des
+Entsetzens, der Scham und der Qual eines sich selbst verurteilenden
+Herzens, und flehte nur um eins: um Strafe, – daß ihr eine Strafe
+angezeigt und eine Buße auferlegt werde. Am Karfreitag aber erschien sie
+in der Kirche zur Zeremonie des Grabtuches, ganz nackt, mit einem
+Rasiermesser in der Hand. Als das Grabtuch hinausgetragen wurde, folgte
+sie ihm – alle wichen vor ihr zurück, wie vor dem Grabtuch selbst. Sie
+stand ganz nackt da, mit dem Rasiermesser in der Hand: „Im Namen des
+Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes!“ rief sie aus. Jemand
+erwiderte „Amen“. Da erhob sie das Messer und schnitt sich Kreuze hinein
+in die Stirn, in die Schultern, in die Arme, in die Brust, und ihr Blut
+ergoß sich auf das Grabtuch.
+
+Ein ganzes Jahr oder noch länger lag Jenja im Krankenhaus, wohin man sie
+bewußtlos aus der Kirche gebracht hatte. Von den Kreuzen waren keine
+deutlichen Male zurückgeblieben, nur eine schwache Narbe auf der Stirn,
+aber auch diese war unter dem Haar nicht zu sehen. Und als man fand, daß
+sie sich genügend erholt hatte, schickte man sie zu ihrem Vater zurück.
+
+Hatte sie sich nun beruhigt? Nein. Aber sie betete nicht mehr um Strafe.
+Tief in ihrem Innern war es still geworden. Mag sein, daß man durch
+irgendwelche Heilmittel auf sie gewirkt hatte, oder daß sie, sich
+erholend und gesundend, nicht mehr so fein in sich hineinhorchen konnte,
+um zu vernehmen, was in der Tiefe redete. Aber bald sollte sie es doch
+vernehmen, und ganz unerwartet.
+
+Zu ihrem Vater kam häufig der Buchführer der Plotnikowschen Fabrik,
+Alexej Iwanowitsch Marakulin. Jenja gefiel ihm sehr, und er erklärte
+sich bald. Da vernahm sie plötzlich, was in der Tiefe sprach.
+
+Niemand wußte bis dahin, wofür sie eine Strafe für sich herabgefleht
+hatte, kein Mensch ahnte etwas von den drei qualvollen Jahren und von
+dem vierten Jahr ihrer Buße. Nicht einmal dem Priester in der Beichte
+hatte sie etwas verraten: sie sprach es in Gedanken unter dem
+Epitrachelion, wenn der Priester über ihr gebeugt die Vergebung las. Sie
+konnte sich nicht entschließen, ihm etwas zu sagen: es hätte ihm
+vielleicht nicht genügt zu erfahren, was sie getan; er hätte sie
+jederzeit über die Personen ausfragen können, die mit ihr verkehrt
+hatten. Vielleicht hätte er auch angesichts ihres Entsetzens, ihrer
+Scham und ihrer Qual, um ihr einen weltlichen Trost zu verschaffen, zu
+erfahren gewünscht, wie sich alles zugetragen hatte, und dann gar, über
+die Umstände unterrichtet, jene Personen verurteilt und sie selbst von
+aller Sünde freigesprochen! Sie aber beschuldigte niemand als sich
+selbst, ihr eigenes blendendes und betäubendes Wesen. Außerdem hätte der
+Geistliche jene Menschen auch denunzieren können. Jetzt aber wollte sie
+es dem Menschen offenbaren, der sie liebte. Sie mußte _alles_ sagen – so
+sprach es in ihrem Innern – sie mußte diesem Menschen alles sagen.
+
+Und sie erzählte ihm alles, rückhaltlos. Er hörte milde zu und weinte; –
+er liebte sie. Ohne daß er im Innern glaubte, daß es sich nie
+wiederholen würde, daß die Geschehnisse dieser drei Jahre nicht
+wiederkehren könnten, wollte er es doch glauben, denn er liebte sie.
+
+Ihr ganzes weiteres Leben widmete Jenja ausschließlich ihren Kindern.
+Gleich im ersten Jahr ihres neuen Lebens war es, als wäre sie plötzlich
+alt geworden, aber es war nicht Alter, sondern jenes Entsetzen, jene
+Scham und Qual, die jetzt auf ihrem Gesicht, wie einst die Trauer,
+sichtbar wurden und es alt machten. Und ihre Augen, die oft wie
+aufgescheucht waren und die Hände stets wie im Gebet gefaltet, als
+flehten sie, sie zu schonen und nicht anzurühren, – dies blieb ihr eigen
+bis an ihr Lebensende. Im Sarg lag sie mit dem Kreuz auf der Stirn:
+unter der Stirnbinde war es jetzt deutlich zu sehen.
+
+Marakulin war damals zehn Jahre alt, aber er konnte sich noch genau an
+dieses Kreuz erinnern, an das auf der wachsgelben Stirn unter der weißen
+Binde sichtbare Kreuz. Und auch jetzt auf der Fahrt nach Moskau dachte
+er daran, und die Erinnerung an das Kreuz der Mutter war in ihm
+irgendwie fest und unlösbar mit seinem eigenen goldnen Taufkreuz
+verbunden, das ihm vor Weihnachten abhanden gekommen war.
+
+Und Trauer überflutete ihn.
+
+ * * * * *
+
+Marakulin reiste nach Moskau auf den dringenden Ruf Plotnikows:
+
+Pawel Plotnikow war mit Marakulin zur Schule gegangen, war aber um zwei
+Klassen jünger. Als Marakulin ihn zum erstenmal sah, gefiel er ihm sehr:
+es war ein gesunder Knabe, von einer wie Milch und Blut zarten Haut, so
+daß man Lust bekam, ihn zu streicheln und mit ihm zu scherzen, um ihn
+lachen zu machen. Im ersten Schuljahr hatte Pawel Plotnikow oft
+Halsschmerzen, und das weiße Tuch um den Hals machte ihn noch
+liebenswerter. Marakulin sprach und scherzte oft überaus freundlich mit
+ihm, Plotnikow aber zeigte eine gewisse Scheu. Erst im nächsten Jahr
+wurden sie durch einen Zufall einander näher gebracht: Marakulin sang im
+Chor mit, und auch Plotnikow wurde in den Chor aufgenommen, ebenfalls
+für die Altstimme. Bei den Gesangproben stand Plotnikow neben Marakulin,
+und allmählich verlor er seine Scheu vor ihm und schloß sich jetzt enger
+an Marakulin an, welcher für ihn alles tat, was er nur konnte: er löste
+schwierige Aufgaben, machte die Uebersetzungen für ihn. Diese rührende
+und zärtliche Freundschaft dauerte ein Jahr. Darauf war Plotnikow nach
+den Sommerferien auf einmal so erwachsen, und es war nichts mehr in ihm
+von dem Jung-Katzen- oder Hundeartigen, das Marakulin so gereizt hatte,
+ihn wie ein kleines Tier zu streicheln. Marakulin gab sich nun weniger
+mit ihm ab, unterhielt sich nicht so freundlich mit ihm wie früher, fuhr
+aber im übrigen fort, alles für ihn zu tun, was er nur konnte. Denn
+Plotnikow wandte sich oft an ihn, wie an einen ältern, der alles weiß,
+was er selbst niemals wissen könnte.
+
+Plotnikow kam in der Schule nicht vorwärts. In der fünften Klasse blieb
+er sitzen und wurde aus der Schule genommen. Er war der einzige Sohn
+seiner Eltern, dazu der jüngste einer ganzen Reihe von Schwestern, und
+wurde fürs Geschäft gebraucht. Das Plotnikowsche Geschäft war in der
+ganzen Taganka[8], ja, in ganz Rußland bekannt. Zu jener Zeit war
+Plotnikow bereits so dick und groß geworden, daß man bei seinem Anblick
+sich schwer den kleinen Buben Pascha mit dem weißen Tuch vorstellen
+konnte, jenen wie kuhwarme Milch frischen Pascha, den man gern
+streicheln mochte, um ihn lächeln zu machen. Man hätte wohl annehmen
+sollen, daß jetzt jede Beziehung zwischen den beiden Knaben aufhören
+müßte, aber dem war nicht so. Plotnikow kam manchmal zu Marakulin, um
+sich ein Buch zu holen: er bat stets um irgendein Buch zum Lesen, und so
+schüchtern, als hätte er Angst. Marakulin gab ihm dann ein Buch, worauf
+er sich längere Zeit nicht sehen ließ. Dann konnte er wieder ganz
+unerwartet erscheinen, meist zu einer unpassenden Stunde, am frühen
+Morgen, und oft in so erregtem Zustand, daß es den Eindruck machte, er
+hätte, nachdem er am vorherigen Abend in einem Bierlokal der Taganka
+angefangen, die Nacht bis zum Morgen im Restaurant „Ssaratow“ und bei
+Jar durchgekneipt, sich morgens in einer Fünfkopeken-Badeanstalt
+gewaschen und wäre von da aus direkt zu Marakulin gekommen, – es fehlte
+nur der Birkenbesen. Es war in der Tat auch so. Schüchtern gab er das
+Buch zurück, brachte ebenso schüchtern vor, daß er es nicht habe
+bewältigen können und ein einfacheres haben möchte. Marakulin gab ihm
+ein einfacheres Buch, und Plotnikow verschwand wieder für längere Zeit.
+
+In den letzten Schulklassen gab es damals eine zusammengelaufene Bande,
+die ungefähr das gleiche miteinander verband, was Marakulin späterhin
+mit Glotow verbunden hatte. Es waren einige Tollköpfe mit einem Gefolge
+von Nachahmern und sonst Burschen, die sich austoben wollten und aus
+denen später die tüchtigsten Geschäftsleute und die unbedeutendsten
+Kommis wurden. Mancher von ihnen ergab sich nachher dem Trunk und endete
+auf der Ssiworotka. Die Mitglieder dieser Bande waren Stammgäste in
+einem Bierlokal an der Taganka, auf den Moskauer Boulevards, an den
+Sonntagen im Sommer auch in Kuskowo, denn die Bewohner der Taganka und
+der Rogoschskaja ziehen im Sommer nach Kuskowo hinaus. Zu dieser Bande
+gehörte auch Marakulin. Zuweilen schloß sich ihr auch Plotnikow an.
+
+Plotnikow, der bis zur Besinnungslosigkeit trank, ließ sich einmal in
+einem sehr leichten Anzug – noch leichter angezogene werden auf die
+Wache gebracht – auf dem Taganskij-Platz in einen Kampf mit Pferden ein.
+Wüst und Beschwichtigungen unzugänglich, betrunken bis zum äußersten,
+konnte er die tollsten Sachen anstellen, ganz wahllos, wie es ihm gerade
+einfiel, und ließ sich dabei von niemand und von nichts stören. Das war
+bekannt. Nur für Marakulin machte er eine Ausnahme. In den äußersten
+Fällen konnte einzig Marakulin den wilden, unantastbaren Plotnikow
+beschwichtigen und sogar zur Einsicht bringen.
+
+Pawel Plotnikow glich in der Unerschütterlichkeit und unbeschränkten
+Willkür, zum eignen Spaß die tollsten Streiche auszuführen, ganz seinem
+Vater Wassilij Pawlowitsch. Wassilij Pawlowitsch Plotnikow aber war in
+dieser Beziehung der erste auf der Taganka, und seine „Tätigkeit“ wirkte
+ansteckend: er hatte nicht wenig Nachahmer. Nur daß Wassilij
+Pawlowitsch, der keine einzige, geschweige denn fünf Klassen absolviert
+hatte, im Gegensatz zu seinem Sohn niemals wüst wurde und auf den
+Plätzen weder mit Menschen noch mit Pferden sich in Kämpfe einließ. Er
+war still und sanft; Branntwein kam nie über seine Lippen. Noch in den
+letzten Jahren seines Lebens, als Wassilij Pawlowitsch schon alt war,
+seine Erfindungsgabe ihn verlassen hatte und er selbst sich wohl bewußt
+war, nicht mehr recht auf der Höhe zu sein, kam er auf den Gedanken, zum
+Zeitvertreib die Schutzleute zum Trunk zu verführen – er wollte die
+ganze Polizei buchstäblich kopfstehen machen. Und er führte diese
+Absicht mit der größten Meisterschaft aus, sein Ziel mit allen Mitteln
+verfolgend: konnte er es selbst nicht tun, so mußten es seine Leute auf
+Befehl ausführen. Als Lockmittel diente ein Wagen, ein ganz gewöhnlicher
+alter Wagen, an dem nichts Besonderes war, nicht einmal ein Wappen; denn
+den Bewohnern der Taganka kommen Wappen ihrem Stande nach nicht zu. Am
+Morgen setzte sich also Wassilij Pawlowitsch ans Fenster und fing einen
+Schutzmann ab, der um diese Zeit zum Polizeirevier zu gehen pflegte. Der
+Schutzmann wurde dann ins Haus gerufen, irgendeiner Angelegenheit wegen,
+die es natürlich gar nicht gab, denn man hütete sich sonst mit der
+Polizei zu tun zu haben, aber eine Kleinigkeit, die zum Vorwand dienen
+konnte, gab es doch immer. Dabei schlug Wassilij Pawlowitsch dem
+Schutzmann vor, sich den Wagen anzusehen, und sein Vorschlag klang mehr
+wie eine Bitte. Der geschmeichelte Schutzmann folgte ihm in den
+Schuppen, wo schon alles für den Spaß notwendige vorbereitet war. Der
+Schutzmann wurde erst herausgelassen, wenn er sternhagelvoll nicht mehr
+auf den Beinen stehen konnte. Am nächsten Tag wiederholte sich die
+Geschichte und allmählich kam es so weit, daß der Schutzmann alle Würde
+beiseite ließ und am Morgen von selbst in den Schuppen kam, um sich den
+Wagen anzusehen. Natürlich wurde er bald aus dem Dienst entlassen, an
+seine Stelle trat ein andrer, und mit diesem begann die Wagengeschichte
+von neuem. Der Ruhm Wassilij Pawlowitschs ließ den Fischhändler
+Barabochin nicht schlafen, und seinem Vorbilde nacheifernd verführte er
+die Popen zum Trunk. Als Lockmittel diente ihm ein ganz gewöhnlicher
+Fischbehälter; nicht etwa, daß sich darin irgendwelche ausgefallenen
+fabelhaften ausländischen Fische mit schwer auszusprechenden Namen
+befunden hätten, sondern es war ein Behälter mit ganz gewöhnlichen
+Sterleten ... Der Wagen sowohl wie der Fischbehälter arbeiteten ziemlich
+lange Zeit mit unerhörtem Erfolg, bis ihre Inhaber des Spaßes
+überdrüssig wurden. So war Wassilij Pawlowitsch beschaffen, und er ließ
+in seinem Sohne Pawel einen Erben zurück, der seiner würdig war.
+Zusammen mit dem Wagen hatte Plotnikow von seinem Vater auch sonst noch
+allerlei Einfälle zum Zeitvertreib geerbt und hatte dieses Pfund nicht
+vergraben, sondern weiter damit gewuchert. Es mochte ihm was immer
+einfallen, so beruhigte er sich nicht, bis er es ausgeführt hatte; es
+fiel ihm aber manches ein, wovor einem Angst werden konnte. Aber nie
+hätte er sich etwas erlaubt, das geeignet gewesen wäre, Marakulin zu
+verletzen – Marakulin war eben eine Ausnahme. Und auch das wußten alle.
+
+Dreimal hatte Plotnikow Marakulin seine warme, freundschaftliche
+Teilnahme bewiesen: einmal, indem er ihn beschützte, das zweitemal,
+indem er ihn einrichtete, und das dritte, indem er ihn befreite. Das
+Beschützen bestand darin, daß Plotnikow Marakulin von Strakunow
+befreite, indem er Strakunow vor allem Volk und unter Begleitung guter
+Lehren tüchtig verprügelte. Auf der Taganka trieb sich damals nämlich
+ein gewisser Ssaschka Strakunow herum, ein Durchschlüpfer: der Teufel
+mochte wissen, wovon er lebte, er war eben nicht wählerisch. Es gelang
+ihm, sich in die Bande, die sich in Kuskowo herumtrieb, einzuschleichen
+und Marakulin zu gefallen. Gott weiß wodurch, denn Marakulin selbst
+hätte nicht sagen können, was ihn an Strakunow so sehr anzog. Er stammte
+wohl von Zigeunern ab und schnitt beständig Grimassen, sonst war an ihm
+nichts Hervorragendes. Dieser Bursche plünderte Marakulin förmlich aus,
+und alles Geld, das dieser durch Stundengeben verdiente, machte er sich
+zur Beute. So ging es einen Monat lang. Als Plotnikow dies erfuhr,
+zögerte er nicht lange und beschützte Marakulin.
+
+Ferner: gleich nach Absolvierung der Schule, fast unmittelbar nach dem
+Examen, kaum daß er eine Woche die Freiheit genossen hatte, trat
+Marakulin bereits in das Bureau an der Kusnetzkajabrücke ein – und das
+war Plotnikows Werk.
+
+Die Sommerabende wurden damals auf den Boulevards verbracht. Einmal
+lernte Marakulin bei der Donnerstagsmusik in Tschistije-Prudy ein
+Mädchen namens Polja kennen. Polja, die erst in der Dämmerung auf dem
+Boulevard zu erscheinen pflegte, wohnte auf der Rogoschka, in der
+Bahnhofstraße. In Tschistije-Prudy war sie als Polja bekannt, aber
+Dunajew, der Marakulin mit ihr bekanntgemacht hatte, nannte sie Dunja,
+auch von Poljanskij wurde sie so genannt. Dunajew und Poljanskij waren
+seine Schulkollegen, und da sie beide ebenfalls auf der Taganka wohnten,
+gehörten sie mit zu der Bande. Bald wurde Polja auch für Marakulin zur
+Dunja. Diese nähere Bekanntschaft kam nicht zustande, weil Marakulin sie
+so sehr ersehnt hatte, nein, der Grund war ein ganz anderer – purer
+Blödsinn. Zu Ostern nämlich hatte Marakulin Poljanskij besucht und war
+in einem gewöhnlichen Gespräch über die Schulkameraden – es war kurz vor
+den Schlußprüfungen – mit Poljanskij in einen Streit über Dunajew
+geraten. „Du bist in Dunajew einfach verliebt,“ bemerkte Poljanskij
+eigentümlich lächelnd, „er sieht wie ein junges Mädchen aus, deshalb
+nimmst du ihn so in Schutz.“ Marakulin wurde ganz rot und sehr verlegen,
+weil Poljanskij so lächelte und weil er selbst sich rot werden fühlte:
+sollte er in der Tat Dunajew deshalb verteidigt haben, weil dieser einem
+jungen Mädchen glich? – Damit fing es an. Dieser wie ein junges Mädchen
+aussehende Dunajew, der auf den Boulevards zu Hause war, bot Marakulin
+an, – sei es als Zeichen seines kameradschaftlichen Dankes, oder
+„überhaupt so“ – in solchen Angelegenheiten spielt dieses „überhaupt so“
+eine wichtige Rolle – ihn mit Polja bekanntzumachen. Marakulin, der
+Poljanskijs Worte und vor allem die Art, wie er gelächelt hatte, nicht
+vergessen konnte, stürzte sich auf diese Bekanntschaft: jetzt würde
+Poljanskij nicht mehr so lächeln. Ein richtiger Knabenunsinn wurde so
+zum Anlaß! An einem der Donnerstagabende in Tschistije-Prudy kam die
+Bekanntschaft zustande. Marakulin gefiel dem Mädchen auf den ersten
+Blick. Gleich in den ersten Tagen, nachdem sie ihn kennen gelernt hatte,
+sprach sie es vor Dunajew und Poljanskij ganz geradezu aus. Und als sie
+einmal nachts im Bahnhofgäßchen Marakulin aus ihrem Zimmer
+hinunterbegleitete, lief sie flink die Treppe voraus, um die Tür
+aufzuschließen, versperrte Marakulin den Weg, umarmte ihn fest – ihre
+Arme wurden dabei plötzlich ganz kindlich-zart – und steckte ihm ein
+Tuch, in dem die Anfangsbuchstaben seines Namens in Kreuzstich
+eingestickt waren, ein seidenes, duftendes Tüchlein, in die Tasche. Es
+duftete aber nicht nach dem Parfüm, das sie sonst brauchte, wenn sie in
+der Dämmerung auf den Boulevard ging, sondern nach einem anderen. Seit
+jener Nacht aber trieb es ihn immer mehr von ihr fort, und je mehr sich
+Dunja an ihn hing, desto mehr entfernte es ihn von ihr. Gegen Ende des
+Sommers wurde ihm ihre Betulichkeit und ihr Auflauern ganz unerträglich:
+er konnte sich nirgends mehr vor ihr verstecken. Sie hatte sich vom
+Boulevardleben zurückgezogen, putzte sich nur für ihn, parfümierte sich
+für ihn mit jenem anderen Parfüm. Dies war für sie ein Opfer: denn es
+ist für eine, die von der Straße lebt, ganz unmöglich, Geld für Putz
+auszugeben, wenn sie nichts verdient. Und sie hätte auch jetzt noch, so
+wie sie war, vorwärts kommen können, wenn sie gewollt hätte: es war
+etwas Ungewöhnliches an ihr. Ihre Boulevardfreundinnen behaupteten es,
+auch Dunajew und Poljanskij waren dieser Meinung. Auch Marakulin wußte
+es – ihre Arme waren damals in der Nacht plötzlich so kindlich-zart
+geworden – doch was sollte er tun? Ihr Tuch, das er nie aus der Tasche
+nahm und das er gewiß vergessen hätte, wenn er es nicht immerzu hätte
+fühlen müssen, dieses Tuch mit seinen in Kreuzstich gestickten
+Anfangsbuchstaben, das kleine seidne Tüchlein, zog ihn wie etwas
+Schweres hinunter, als wäre es aus Blei und nicht aus Seide, und es
+blieb ihm nichts übrig, als entweder es zu verbrennen oder in den
+Moskaufluß zu werfen. Er warf es in die Moskau. – Es war Ende August, an
+einem der letzten Kuskowschen Feste: die Bewohner der Taganka und der
+Rogoschskaja waren im Begriff heimzukehren, – es war der letzte
+Sonntagabend, kalt und klar gestirnt. Das Theater war bereits aus und
+der Bahnhof voller Menschen. Auf dem Perron spazierte Dunja. Da trat
+Marakulin auf sie zu und überschüttete sie mit der ganzen in ihm
+aufgesammelten, lange zurückgehaltenen und jetzt plötzlich aufkochenden
+Wut, ohne eine Erwiderung abzuwarten, ohne ihr nur Zeit zum Erwidern zu
+lassen. Auf einmal brach er ab und ließ sie stehen. Er glaubte jetzt
+alles ausgerichtet zu haben: jetzt war er sie los, war er mit ihr
+fertig. Und mehr wollte er ja nicht! Zu Dunja gesellte sich darauf
+Poljanskij und ging mit ihr auf dem Perron auf und ab. Als sie an
+Marakulin vorbeikamen, flüsterte Poljanskij ihm etwas zu, aber so leise,
+daß er die Worte nicht verstehen konnte, nur das Lächeln bemerkte er,
+das gleiche Lächeln, wie damals zu Ostern. Als dann Marakulin die beiden
+von ferne – am anderen Ende des Perrons – wieder erblickte, empfand er
+einen brennenden Vorwurf. Je näher sie kamen, desto brennender wurde der
+Vorwurf und die Scham in ihm. Und als sie wieder ganz nah an ihm
+vorüberging – er stand ganz allein und für sich – und er sie von
+Angesicht zu Angesicht sah – da konnte er dies brennende Gefühl des
+Vorwurfs und der Scham nicht mehr ertragen: er warf sich ihr zu Füßen
+und verneigte sich tief bis zur Erde. Da geschah lautlos offenbar etwas
+Unheimliches: denn die Menge stob plötzlich nach allen Richtungen
+auseinander. In dem Moment nämlich, da sich Marakulin verneigte, fuhr
+der Zug ein, der Bahnhof erdröhnte, der Wind pfiff, – und als er sich
+erhob, sah er, daß ein Polizist, vielleicht war es auch ein
+Polizeileutnant, Dunja beim Arm fortschleppte. Marakulin begann zu
+zittern, begriff nichts, und einzig das scharfe Pfeifen des Windes in
+den Ohren, versetzte er dem Polizeileutnant einen Schlag. Es war aber
+so, daß der Reviervorsteher Dunja gar nicht arretieren wollte, vielmehr
+konnte er sie gerade noch zurückreißen, bevor der Zug sie erfaßte und
+zermalmt hätte. Dies erfuhr Marakulin aber, als es schon zu spät war. Am
+nächsten Abend erschien Plotnikow plötzlich im Polizeirevier auf der
+Taganka, wohin Marakulin aus Kuskowo gebracht worden war, und teilte ihm
+schüchtern mit: man würde ihn morgen früh freilassen. In der Tat wurde
+Marakulin am nächsten Morgen ohne weitere Folgen entlassen. So hatte ihn
+Plotnikow damals aus dem Gefängnis befreit. Das war auch Marakulins
+letztes Zusammentreffen mit ihm gewesen.
+
+Alle diese Moskauer Erlebnisse stiegen bis ins kleinste in seiner
+Erinnerung auf und ließen Marakulin die ganze Nacht nicht schlafen. Erst
+ganz nah vor Moskau schlummerte er ein und hatte einen seltsamen Traum.
+
+Er träumte, Pawel Plotnikow trete zu ihm und spreche schüchtern:
+
+– Das beste, rationellste und psychologischste für dein Leben wäre, dir
+den Kopf abzuschneiden.
+
+Marakulin aber antwortete:
+
+– Wie soll ich dann ohne Kopf leben, es ist ja schrecklich ohne Kopf!
+
+– Was ist aber zu machen! – erwiderte Plotnikow und redete ihm zu: es
+würde gar nicht weh tun und ihm höchstens seltsam und sonderbar
+vorkommen. Und obwohl er ihm auf seine Art schüchtern zuredete, so ließ
+er doch keinen Widerspruch gelten.
+
+– Nun, so schneide ab! – willigte Marakulin ein.
+
+Da nahm Plotnikow ein Rasiermesser und machte sich ans Abschneiden. Es
+tat wirklich nicht weh, und bald hing der Kopf nur noch wie an einem
+Faden nach hinten.
+
+– Noch eine kleine entscheidende Bewegung und der Kopf ist abgeschnitten
+– sagte Plotnikow und arbeitete mit dem Rasiermesser.
+
+Und der Kopf fällt zu Boden.
+
+Aber auch ohne Kopf sieht Marakulin alles: er sieht, wie der Kopf
+herunterfällt, auf dem Fußboden rollt und verschwindet, und gleichzeitig
+schießt aus dem Hals das Blut in einem großen Strahl in die Höhe bis zur
+Decke – dickes, kirschrotes Blut. Der ganze Boden ist überflutet, und
+auch er ist ganz mit Blut bedeckt. Dann wird die kirschrote Blutfontäne
+schwächer, immer schwächer, und bald spritzt das Blut nicht mehr, es
+versiegt, und nur ein kleines Bächlein rinnt über die Weste zu Boden.
+Marakulin tritt zum Spiegel: seltsam und sonderbar kommt er sich ohne
+Kopf vor, – es ragt nur noch der blutige Hals.
+
+– Wie soll ich nun ohne Kopf leben? – Er spuckte aus und erwachte.
+
+Der Traum war ahnungsvoll: seltsam und sonderbar war auch, was dann
+geschah.
+
+Bei Plotnikow wurde Marakulin schon erwartet. Der alte Arbeiter Fomitsch
+führte ihn gleich zu seinem Herrn ins Arbeitszimmer. Das Zimmer war in
+zwei Hälften geteilt. In der einen Abteilung befanden sich Kopien nach
+Nesterowschen Heiligenbildern, in der anderen zwei Käfige mit Affen.
+Zwischen dem heiligen Rußland und den Affen saß Plotnikow vom Delirium
+des Säufers übermannt. Er war ganz mit Honig beschmiert und von der
+quälenden Trauer eines Einsiedlers umdüstert. Auf dem Tisch standen
+geleerte Flaschen herum, ebenso unter dem heiligen Rußland und vor dem
+Affenkäfig.
+
+Er habe keinen Kopf mehr, klagte Plotnikow, sein Mund sei ihm im Rücken,
+die Augen in den Schultern. In den Weihnachtstagen habe er sich auf den
+Honig gestürzt und ihn samt den Waben verzehrt. Er habe zuviel davon
+gegessen und infolgedessen hätten sich Bienen in ihm eingenistet, ein
+ganzer Bienenstock. Jetzt sei er ein Bienenstock und fürchte sich sehr,
+– Alle seien ja auf das Süße so erpicht – er fürchte, daß man alle seine
+Bienen umbringen, den Bienenstock zerstören und ihn auffressen würde! Im
+Sommer aber, sobald die erste Fliege auftauchen werde, wolle er sich mit
+der Ausbeutung der Fliege als einer motorischen Kraft befassen. Er werde
+ganz Rußland in Abteilungen einteilen, mit je einem Fliegenstatthalter
+in jeder Provinz. Die Statthalter, mit der Vollmacht von
+Generalgouverneuren ausgerüstet, werden die Fliegenlese überwachen und
+sie in automatischer Packung in ganz besonders gepanzerten Automobilen
+von allen Ecken Rußlands gradewegs nach Moskau, nach der Taganka
+befördern. Die russische Fliege werde den Dampf und die Elektrizität
+besiegen, Rußland werde England und Amerika zu Staub zermalmen. Er habe
+keinen Kopf, sein Mund sei im Rücken, die Augen in den Schultern. Er sei
+ein Bienenstock. Die russische Sprache verstehe er nicht und könne auch
+nicht Russisch sprechen.
+
+– Ich brauche deinen Elephanten nicht! – schrie Plotnikow, indem er
+Marakulin mit seinen betrunkenen Augen von oben bis unten hochmütig
+ansah, und schimpfte in so echt russischen Wendungen, ließ solche Blasen
+steigen, daß ihm vor der Klangfülle und Kernigkeit der Muttersprache die
+Augen aus den Höhlen traten.
+
+Marakulin stand zwischen dem heiligen Rußland und den Affen und begriff
+nichts: weder das von dem sonderbaren russischen Fliegenmotor, noch vom
+Bienenstock und Elephanten, und es war ihm seltsam und sonderbar zumute.
+Sein Schweigen aber begann Plotnikow offenbar zu reizen. Er war nicht
+mehr in dem reuig-traurigen Zustand eines Einsiedlers, sondern er
+schnaubte.
+
+Die russische Sprache verstehe er nicht und Russisch könne er nicht
+sprechen. Mit Hilfe der arktischen Flotte werde Rußland, nachdem es
+Europa zermalmt, über Lappland zum Pol ziehen und nicht bloß den Pol
+erobern, wo die Fische mit angebratenen Schwänzen leben, sondern alles,
+was sich hinter dem Pol befindet, den unbekannten Wohnsitz von Gog und
+Magog – und dieses unbekannte Gog und Magog werde Landia genannt werden,
+das heißt: das Land. Von dort aus, von dieser hinterpolaren Landia aus,
+werde Rußland, das heißt er, Pawel Plotnikow, die unentgeltliche,
+allrussische Fliegenkraft als Motor benutzend, die Erdkugel automatisch
+regieren und sie nach Gutdünken bald rechts, bald links rotieren lassen,
+sie bald aufhalten und bald wieder in Bewegung setzen.
+
+– Du Schuft! – rief Plotnikow plötzlich, – deine Elephanten sind
+zerdrückt, ich sage dir, ich kaufe keine zerdrückten Elephanten!
+
+Er ergriff eine Flasche vom Tisch, erhob sich, rot, zerzaust, mit Honig
+beschmiert, den Mund wie einen Rachen weit aufgesperrt und holte zielend
+mit der Flasche aus.
+
+Marakulin stand zwischen dem heiligen Rußland und den Affen. Er begriff
+nichts, weder das von der arktischen Flotte, noch von Gog und Magog,
+noch von der Landia und vom Rotierenlassen der Erdkugel nach Belieben, –
+und es war ihm seltsam und sonderbar zumute.
+
+Plötzlich aber glitt die Flasche fast schüchtern zu Boden, und ein
+rasender tierischer Schrei, erschütternder als jeder Hilferuf, ertönte
+so gewaltig, daß die Wände fast barsten, das heilige Rußland zu wanken
+begann und die Affen in ihren Käfigen zurückscheuten. Es stöhnte in den
+Winkeln des Raumes und dröhnte durchs ganze Haus:
+
+Plotnikow, der sich in seiner bösen Trinkerperiode befand, ohne Kopf,
+mit dem Mund auf dem Rücken und den Augen in den Schultern, Plotnikow,
+der Bienenstock, der kein Wort Russisch verstand und nicht Russisch
+sprach – hatte Marakulin plötzlich erkannt.
+
+– Petruscha, Schuft aller Schufte! – schrie er. Er blieb stecken, drehte
+den Kopf wie einen Rüssel, stampfte vor Marakulin hin und her und
+spreizte die behaarten Hände wie Fangarme; dabei rüttelte und schüttelte
+es ihn, wie ein arktisches Panzerschiff: – Petruschka, du Schuft! –
+
+Er wankte zum Sofa, schlug mit seinem bepanzerten, Gog und Magog
+ähnlichen urtümlichen Plotnikowschen Körper auf den Boden zwischen dem
+heiligen Rußland und den Affen hin und begann wie ein Bienenstock zu
+dröhnen.
+
+Zwei junge Männer, die an der Tür Wache hielten, faßten Marakulin unter
+die Arme und trugen ihn wie eine kostbare Truhe aus dem Arbeitszimmer in
+den Salon. Ihm entgegen kam auf einen Stock gestützt eine magere alte
+Frau, die Mutter Plotnikows, Eudokia Andrejewna in eigener Person.
+
+– Du hast ihn gesund gemacht! – Die Alte konnte vor Erregung kaum
+sprechen, und nachdem sie auf altrussische Art ein großes Kreuz
+geschlagen, ließ sie den Stock fallen und verneigte sich vor Marakulin
+tief bis zur Erde. Einige dunkelgekleidete alte Frauen stürzten aus den
+Ecken hinzu, um ihr zu helfen, aber sie wollte nicht aufstehen. Erst
+Marakulin gelang es, die Alte zu beruhigen.
+
+Achtundvierzig Stunden schlief Plotnikow, wie ein Bienenstock dröhnend.
+Es herrschte eine Stille, als wäre außer ihm, außer dem Bienenstock
+keine lebendige Seele im Hause. Diese ganzen zwei Tage ließ man
+Marakulin nicht aus dem Hause: er wurde gepflegt, gefüttert, aber seine
+Tür wurde verschlossen gehalten.
+
+Man unterhielt sich über den unseligen Pascha[9], über sein Unglück: er
+habe sich mit Honig beschmiert und seitdem aufgehört, die Menschen zu
+erkennen, selbst seine Mutter hielt er für einen gehörnten Elephanten,
+für ein zerdrücktes Tier, und habe Fomitsch befohlen, sie zu erschießen.
+Er habe dann in seinem unglückseligen Delirium jammervoll nach Marakulin
+gerufen, so jammervoll, wie eine Katze, der man die Jungen entrissen.
+
+– Da erinnerte ich mich – erzählte Eudokia Andrejewna, – daß Pascha, als
+er anfing, sich ans Geschäft zu gewöhnen, oftmals ein Buch mitbrachte.
+Bei Petruscha, bei Peter Alexejewitsch war er, hieß es, und habe das
+Glück mitgebracht. Er glaubt an dich von Kindheit an. Und so dachte ich:
+der einzige Retter vor seiner grausamen Krankheit und vor seinem Unglück
+kannst du nur ihm sein. Wir baten den Priester von Woskressenje[10], den
+Vater Ssemjon, ihn mit Weihwasser zu besprengen, er ließ ihn aber nicht
+an sich heran und nannte ihn ein zerdrücktes Tier. Dann wollten wir ihn
+nach Chapilowka zum Bruder Iwanuschka bringen, er wollte aber nichts
+hören. Dem Arzt Nikolai Fjodrowitsch sei es gedankt. Er hat uns auf den
+Gedanken gebracht, dich kommen zu lassen. Du, Lieber, hast ihn geheilt!
+– und die Alte bekreuzigte sich auf altrussische Art mit einem großen
+Kreuz und verneigte sich tief.
+
+– Durch die Einwirkung des Unreinen, – wie eine grimmige Bestie! –
+flüsterten die dunklen Alten in den Ecken.
+
+Und Eudokia Andrejewna schlug Kreuze und verneigte sich tief.
+
+Am dritten Tag erwachte Plotnikow, fuhr, als wäre nichts vorgefallen, in
+die Stadt und kehrte erst am Abend wohlbehalten wieder heim. Am Abend
+schleifte er Marakulin mit sich ins Wirtshaus zu Lawrow.
+
+Sie saßen wieder wie einst im linken Saal in einer Ecke, und wie einst
+spielte der Musikautomat. Plotnikow kramte Erinnerungen aus:
+Erinnerungen an die Schule, an die Lehrer, an Tschistije-Prudy und
+Kuskowo. Er erinnerte sich sogar an eine besondre Lawrowsche Suppe, die
+Marakulin damals so gern gegessen haben sollte. Der Musikautomat machte
+traurig: doch nicht daß man Lust bekam, das Vergangene zurückzurufen –
+die Vergangenheit lag ja hier vor einem wie auf der flachen Hand –
+sondern es war unverständlich, wozu es einmal gewesen war, es sei denn
+dazu, daß man sich einmal daran erinnerte. Und in die geheimsten Winkel
+seines Lebens hineinschauend, erkannte Marakulin, daß es sich eigentlich
+in nichts verändert hatte, daß er damals bei der besondren Lawrowschen
+Suppe dasselbe gedacht und gefühlt hatte wie jetzt, nur unklar und nicht
+ausgesprochen, mit einem flüchtigen, zufälligen Aufflackern von
+Klarheit. Uebrigens, verändern sich denn die Menschen überhaupt? –
+
+Sie saßen wie einst im linken Saal in einer Ecke, und wie einst spielte
+der Musikautomat.
+
+– Mit deinem Arkadij Pawlowitsch – sagte Plotnikow, – mit dem
+Reviervorsteher, – du hast ihn damals sehr zu Unrecht gekränkt,
+Petruscha – habe ich da ... – Plotnikow zeigte in die Richtung der
+Separés und schlug sich seufzend auf die Tasche, – Fünfhundert Rubel
+verlangte er für den Vergleich, und alles wegen deiner Fenja ...
+
+– Dunja – verbesserte Marakulin.
+
+– Dunja, Fenja, einerlei, – komm mit zu Arkadij Pawlowitsch, Freund, er
+wird sich sehr freuen! Er hat, weißt du, für den Moskauer Aufstand ein
+Kreuz bekommen, wirklich, und ist auf die Twerskaja versetzt worden – er
+wird sich sehr freuen! Und weißt du was noch, Petruscha – Plotnikow
+neigte sich zu ihm und sprach ganz leise – ich glaube an dich, wie an
+den lieben Gott, und wenn in den Geschäften etwas nicht glatt geht, so
+brauche ich nur an dich zu denken, deinen Namen laut auszusprechen, und
+sieh, alles geht nach Wunsch. Ich denke darum, wenn mein Ende einst naht
+und ich sterben muß, dann werde ich dich rufen, du wirst kommen und
+meinen Tod aufhalten. Ich werde wie eine grindige Katze miauen, du aber
+wirst mich wieder zum Menschen machen. So denke ich von dir, Petruscha!
+
+Sie saßen wie einst im linken Saal, und wie einst spielte der
+Musikautomat.
+
+Doch sonderbar: während Plotnikow sich an alles von früher her
+erinnerte, selbst an die besondre Lawrowsche Suppe, die Marakulin gern
+gegessen haben sollte, und während er seinen Glauben an ihn bekannte,
+war er gar nicht neugierig und fragte auch nicht mit einem Wort, wie es
+Marakulin jetzt gehe; und noch sonderbarer war dies, daß Plotnikow, ohne
+die Augen von Marakulin abzuwenden, einen ganz anderen zu sehen schien,
+nicht Marakulin, sondern Gott weiß wen! Vielleicht sah er in der Tat in
+ihm jemand, den man nicht nach seinen Angelegenheiten ausfragen kann.
+Man fragt doch die Iwerskaja Mutter Gottes[11] nicht nach ihren
+Geschäften! – Und es war Marakulin sonderbar und seltsam zumute.
+
+Noch einen Tag blieb Marakulin bei Plotnikow. Plotnikow führte ihn nach
+der Iljinka in den Speicher, dann in das Twersche Polizeirevier zu
+Arkadij Pawlowitsch; er war zu Plotnikows großem Bedauern nicht
+anwesend. Abends brachte er Marakulin zur Bahn. Und beim Abschied
+wiederholte er, daß er an ihn wie an den lieben Gott glaube, und wenn er
+einst im Sterben ihn erblicken werde, so werde er sich vom Krankenlager
+erheben, wie eine grindige Katze miauen und sich wieder in einen
+Menschen verwandeln.
+
+Erst nachts unterwegs fragte sich Marakulin plötzlich, ob er seinen
+Aufenthalt in Moskau nicht geträumt hätte.
+
+Das Alles war so sonderbar und seltsam: daß Plotnikow an ihn wie an den
+lieben Gott glaubte, daß er sich nach der Iljinka in den Speicher
+schleifen ließ, ja sogar zum Reviervorsteher Arkadij Pawlowitsch, – aber
+nach Kalitnikowo auf den Friedhof zu gehen, hatte er vergessen. Und er
+hätte doch unbedingt hingehen müssen, einen Augenblick am Grabe seiner
+Eltern verweilen, es nur ansehen, – nur ansehen und Abschied nehmen!
+
+Und ein Gefühl von Gram überflutete ihn.
+
+
+
+
+ Sechstes Kapitel
+
+
+Den ganzen Tag von Morgen bis zum Abend lief Wera Nikolajewna herum, um
+zu massieren, die Abende verbrachte sie über ihren Lehrbüchern: sie
+bereitete sich zum Abiturientenexamen vor, weil sie um jeden Preis in
+das medizinische Institut eintreten wollte. Wera Nikolajewna wurde von
+Anna Stepanowna unterrichtet, deren Angelegenheiten im Lednjowschen
+Mustergymnasium übrigens nicht zum besten standen.
+
+Die Vorsteherin Lednjowa zahlte ihr vorläufig mit Aussicht auf die
+geheimnisvollen Equipierungsgelder den Gehalt aus eigener Tasche, und
+sie begleitete diesen üppigen Vorschuß jedesmal mit ihren beliebten
+Erörterungen über gute Taten, über den Verfall der Moral überhaupt und
+über ihre eigene Opferwilligkeit – man denke: in ihrem eignen Gymnasium
+gab sie den Unterricht umsonst! –
+
+Nach Anna Stepanownas Erzählungen war in diesem Gymnasium die Hölle los.
+Es herrschte ein musterhafter Wirrwarr in dem musterhaften Gymnasium.
+Nicht weil da etwa lauter ungezogene Kinder beisammen gewesen wären,
+nicht an ihrer Ausgelassenheit lag es, sondern weil man die Schülerinnen
+als Einnahmequellen warm halten mußte, und diese Behandlung von den
+Kindern ganz richtig eingeschätzt wurde. Natürlich wurden nie Verweise
+erteilt, und die Noten mußten so ausfallen, daß die Eltern nicht auf den
+Gedanken kommen sollten, ihre Töchter in eine andre Schule zu geben. Die
+Lednjowa gab selbst Unterricht und liebte es auch, den Stunden andrer
+beizuwohnen und durch allerlei Fragen ihre unbezahlten Lehrer zu
+kontrollieren. Es wurde überhaupt nach keinem Programm unterrichtet,
+auch nicht nach den Lehrbüchern, die das Unterrichtsministerium
+begutachtet und bestimmt. So zum Beispiel waren in der großen
+französischen Revolution nicht etwa Robespierre und Marat die Führer,
+wie man gewöhnlich lehrt – was bedeutet auch so ein Robespierre oder
+Marat! – der Hauptführer war Hugo Capet, der für sein Verbrechen gegen
+König Louis zugrunde ging.
+
+Der musterhafte Wirrwarr im musterhaften Gymnasium wurde durch eine
+musterhafte Enge und Kälte vervollständigt. Es herrschte darin eine
+echte Januarkälte. Die Oefen wurden niemals geheizt, und zwar nicht nur
+nicht in den Klassenzimmern – denn so verlangt es das letzte Wort der
+Hygiene –, sondern auch nicht im Lehrerzimmer. Es ist wahr, daß die
+Kinder nicht sehr darunter litten: sie tanzten, sprangen, tobten herum,
+und das Gymnasium war ein wahres Sodom an Lärm. Für die Lehrer war es
+weniger bequem, daran teilzunehmen: leise kann man nicht Lärm machen und
+laut schickt es sich nicht. Auf alle Vorstellungen hatte die Lednjowa
+nur eine Antwort:
+
+– Was fällt Ihnen ein? Sie sollten sich erst das Karrassewsche
+Gymnasium, oder das Spaßesche ansehen, dort ist es wirklich kalt!
+
+Diese Antwort der Lednjowa versetzte Anna Stepanowna aus Petersburg in
+ihr Purchowez zurück und erinnerte sie an den Inspektor der
+Volksschulen, an den berühmten Obraßzow.
+
+Dieser berühmte Mann aber war nicht mehr und nicht minder als der
+leibliche Bruder der Vorsteherin Lednjowa.
+
+Rakow, der Historiker, sprach mit großem Respekt von ihm. Nach Rakow,
+wäre Obraßzows Name, hätte dieser in der „antiken Geschichte“ gelebt,
+unbedingt unter den berühmten Aussprüchen im Tempel zu Delphi
+eingegraben worden, und sein Kopf hätte den Giebel des athenischen
+Parthenon geschmückt. Und Rakow, der Historiker, irrte sich nie.
+
+Als einmal ein Lehrer sich bei Obraßzow beklagte, daß es in der Schule
+naß und kalt sei, nur sechs Grad, da lautete Obraßzows, einer Lednjowa
+würdige Antwort folgendermaßen:
+
+– Ich bitte Sie, sechs Grad, das ist ja doch ein wahrer Segen. Im
+Pokidoschenschen Gouvernement aber, da kam ich einmal, als ich noch
+Inspektor dort war, in eine Schule: die Kinder saßen in Schafpelzen, der
+Lehrer im Pelz und in Gummischuhen. Ich sitze ein Weilchen da, bin ganz
+durchfroren. Ich will eine Notiz über meinen Besuch machen, doch die
+Tinte ist eingefroren. Der Lehrer blies in das Tintenfaß, blies und
+wärmte es, es nützte aber nichts, und ich mußte ohne Notiz abreisen.
+Eine solche Kälte war da! Bei Ihnen aber ist ein wahrer Segen! – Und als
+ein andrer Lehrer sich einmal über die Enge in der Schule beklagte, da
+blieb ihm Obraßzow auch die Antwort nicht schuldig:
+
+– Ich bitte Sie – rief er, – Sie haben keine Ahnung von wirklicher Enge.
+Im Pokidoschenschen Gouvernement, da kam ich einmal, als ich dort noch
+Inspektor war, in eine Pfarrschule: es war auch zugleich das Armenhaus.
+Im selben Zimmer die Betten der Armenhäuslerinnen, eine Gans schnattert
+in einem Korb auf den Eiern, ein Kalb blökt, und gleich daneben die
+Kinderchen auf fünf Bänken, – kein Platz, um auch nur einen Schritt zu
+machen, und die Luft so, daß mir der Atem verging. So eng ist es
+manchmal, hier aber ist ein wahrer Segen! – Dem Lehrer aber, der von
+einer Masse Frösche meldete, die sogar unter die Bettdecke krochen, gab
+Obraßzow einen wahrhaft delphischen Verweis, der es gebieterisch
+verlangt, Purchowez oder Pokidosch in Rakows Geschichte des Altertums
+aufzunehmen.
+
+– Es kann hier von einer Masse gar nicht die Rede sein – rief Obraßzow –
+ein Dutzend höchstens hüpft da herum, gleich kommen Sie und nennen das
+eine Masse! Sie haben eben nie eine Masse gesehen! Im Pokidoschenschen
+Gouvernement, da kam ich einmal, als ich noch Inspektor dort war, in
+eine Schule, da wimmelte es an der Decke buchstäblich von Schwaben. Wenn
+man die Tür zuschlug, da regneten sie nur so herunter! Das nenne ich
+eine Masse. Als ich nach Hause kam und mich auszukleiden begann, da
+wimmelten die Schwaben nur so auf mir herum. Meine Frau bekam Angst und
+stieß mich sofort in den Frost hinaus, und ich mußte mich draußen
+ausziehen. Aber bei Ihnen hier ist ja ein wahrer Segen!
+
+Ja, Rakow der Historiker hatte recht, wie immer.
+
+Doch wenn man den Namen des berühmten Purchowezschen Inspektors unter
+den berühmten Aussprüchen im Tempel von Delphi hätte eingraben müssen,
+so müßte man die Vorsteherin Lednjowa, welche die große Kunst besaß,
+keinen Heller aus ihrer eigenen Tasche auszugeben und die nicht nur ihre
+ausgehungerten Lehrer, sondern sogar das Ministerium naszuführen
+verstand, – noch großartiger ehren!
+
+Der Winter ging zur Neige. Zugleich mit dem Schnee schmolz der große
+schwarze Berg auf dem belgischen Hof zusammen. Der Frühling kam, Ostern
+kam.
+
+Freudlos wurde das Osterfest empfangen, so wie das Weihnachtsfest
+freudlos vergangen war. Wassilij Alexandrowitsch der Clown hatte das
+Krankenhaus verlassen. Seine Ferse war geheilt, dennoch war seine Kunst
+unwiderruflich verloren. An der Ferse war etwas nicht richtig, er hatte
+gleichsam keine Ferse mehr: er konnte nur bis zur Ecke der Gorochowaja
+gehen, bis zum Zeitungsausträger und zurück, nicht weiter. Wera
+Nikolajewna riet der Arzt, statt das Abiturientenexamen zu machen, keine
+Zeit zu verlieren und nach Abas-Tuman[12] zu reisen: an ihrer Lunge war
+etwas sehr nicht in Ordnung – es war etwas wie ein Geräusch oder ein
+Zischen. Anna Stepanowna fiel bei der musterhaften Lednjowschen Ordnung
+einfach um vor Müdigkeit – und lächelte. Sie lächelte stets ihr krankes,
+erschreckendes Lächeln.
+
+Zu Ostern ereignete sich auf dem Burkowschen Hof alles, was jahraus,
+jahrein an den hohen Feiertagen sich zu ereignen pflegte, seitdem das
+Haus an der Fontanka stand: Unfälle, Begebenheiten, Skandale,
+Schlägereien, Prügeleien, Hilferufe, Polizeiwache – doch alles in sehr
+gesteigertem Maße und viel lauter als gewöhnlich.
+
+Bei der Hebamme Lebedjowa ereignete sich wieder ein Diebstahl, diesmal
+aber wurde ihr kein Pelzmantel gestohlen, sondern zweiunddreißig Rubel,
+die sie sich für einen neuen Pelz zusammengespart hatte. Das Geld lag in
+einem Strumpf in einer geschlossenen Kommode; der Strumpf fand sich,
+doch das Geld war spurlos verschwunden, als wäre es im Ofen verbrannt
+worden. Man beschuldigte wieder den Portier Nikanor, er hätte nicht
+genügend aufgepaßt, doch wie sollte er aufpassen: den ganzen Tag ist er
+auf den Beinen und bei Nacht das Geklingel, und so das ganze Jahr
+hindurch! Natürlich war es ein schlauer Dieb, einer von den Hausgenossen
+– aber es war nichts zu machen. Der Bäcker Jarigin aus der Burkowschen
+Bäckerei legte sich, nachdem er den ganzen ersten Feiertag gesoffen
+hatte, abends auf ein Brett schlafen, das über dem Backtrog lag. In der
+Nacht hatte er sich wohl ungeschickt umgedreht und fiel in den Teig. Im
+Laufe der Nacht hat es ihn eingesaugt, und als man es am Morgen gewahr
+wurde, da war es zu spät, nur die Beine ragten noch aus dem Teig. Ein
+guter Bäcker war der Jarigin! Stanislaus der Kontorist und Kasimir der
+Monteur wollten sich amüsieren und machten zum Spaß Jerkin den
+Paßaufseher betrunken. Jerkin aber, der sein Neujahrsgelübde, nicht zu
+trinken, das er dem Bruder im Hafen abgelegt, bis nun streng befolgt
+hatte, wurde infolge der strengen Enthaltsamkeit nach einem Glas
+Pfefferbranntwein toll und begann zu raufen. Das geschah am hellichten
+Tage im Hof, während in den „Winkeln“ die Mädchen in den schwarzen
+Kopftüchern und die Nonnen, die Almosensammlerinnen in Schaftstiefeln,
+für Gorbatschow „Christ ist auferstanden“ sangen. Kasimir entkam,
+Stanislaus aber fiel herein: Jerkin nahm ihn auf die Arme, warf ihn zu
+Boden, preßte ihn, drückte ihn mit dem Knie und biß ihm die Nase ab. Der
+rote Hund des Gouverneurs, der gerade auf dem Hofe war, fraß Stanislaus’
+Nase auf. Burkow selbst, der ehemalige Gouverneur, der Selbstvertilger,
+vergaß am ersten Ostertag, als er aus einer vornehmen Gesellschaft nach
+Hause fuhr, ein Osterei im Wagen, und als er am anderen Morgen den
+Verlust bemerkte, meldete er es der Polizei und forderte die
+Feststellung des Kutschers, der sich dies offenbar außergewöhnliche Ei
+angeeignet hatte; – was man in allen Petersburger Zeitungen am dritten
+Tag lesen konnte. Ebenfalls am dritten Tag verurteilten die Kinder im
+Hof, Kriegsrecht spielend, Wanjuschka, den Sohn des Portiers Nikanor zur
+Todesstrafe durch den Strang und vollzogen das Urteil: sie schleppten
+den Knaben in die Wagenremise und hingen ihn vermittelst einer
+Pferdeleine auf. Kaum, daß man ihn wieder ins Leben rufen konnte: es war
+ein schwächlicher Bub. Er war schon ganz blau und wäre beinahe erstickt.
+Schließlich beging das Ehepaar Oschurkow ganz unerwartet Selbstmord.
+Niemand im Hof konnte begreifen, weshalb sie es getan hatten. Sie hatten
+ja eine Wohnung von zehn Zimmern, alle zehn Zimmer voll von Nippes, und
+ein Aquarium mit Goldfischchen. „Es war eine feine Gesellschaft!“
+wiederholten die Dienstmädchen einstimmig, jene Köchinnen und
+Hausmädchen, die wegen eben dieser Nippes nie lange bei Oschurkows
+aushalten konnten.
+
+Kurz nach Ostern, in der Thomaswoche, kam einmal Sergej Alexandrowitsch,
+der mit dem Theater einen Vertrag über eine Gastspielreise ins Ausland
+geschlossen hatte, zu Marakulin zum Tee. Es kamen auch Wera Nikolajewna
+und Anna Stepanowna, und auch Wassilij Alexandrowitsch der Clown, auf
+ein Stöckchen gestützt. Es war die Rede von der Damaskinschen
+Gastspielreise ins Ausland; Sergej Alexandrowitsch sah in ihr fast so
+etwas wie Rußlands Rettung. Er meinte: Rußland, das unter all den
+Rakows, Lestschows, Obraßzows, Lednjowas, Burkows, Gorbatschows und
+Kabakows erstickte, dieses Rußland werde sich zum erstenmal mit seiner
+Kunst der Stadt der großen Männer, dem Herzen Europas – Paris, zeigen
+und es besiegen.
+
+– In der Tat, – rief Sergej Alexandrowitsch, indem er sich wie auf dem
+Theater reckte, – laßt uns doch alle hinfahren! Alle müssen wir ins
+Ausland, wenn auch nur für einen Monat, für eine Woche, gleichviel, nur
+um einen Blick zu tun, und um uns von dieser ganzen Burkowerei zu
+erholen. Auch du, Wassilij, auch dich schleppen wir mit! Und auch Sie,
+Wera Nikolajewna, denken Sie nicht mehr an Ihr Abas-Tuman!
+
+– Wo nehmen wir das Geld zur Reise? fragte Anna Stepanowna und lächelte.
+
+– Wie? wieso Geld?
+
+– Wie kommen wir ins Ausland? – bemerkte Wera Nikolajewna.
+
+– Du hast dich verstiegen, Bruder, mit deinem Paris, meine ich!
+
+– Ich werde das Geld schaffen – rief Marakulin, der sich plötzlich an
+Plotnikow erinnerte, – ich werde uns tausend Rubel verschaffen! –
+Marakulin sagte es so fest und überzeugt, daß es alle mit Glauben
+erfüllte, und man sprach nicht mehr vom Gelde.
+
+So wurde der Beschluß gefaßt: Alle reisen ins Ausland, nach der Stadt
+der großen Männer, ins Herz Europas – nach Paris. Sie bekamen ganz heiße
+Köpfe und schmiedeten allerlei Pläne. Die Einzelheiten dieser Pläne
+wurden mit solcher Begeisterung und mit solchem Glauben ausgemalt, als
+wäre in der Tat Rußlands Rettung, – ihre Rettung mit dieser Reise
+verbunden, und sie brauchten bloß die Grenze zu überschreiten, damit die
+Rettung sich vollziehe.
+
+Dort, in Paris wird Anna Stepanowna ihren Platz auf Erden finden, ihre
+Seele wird sich aufrichten, und sie wird anders lächeln können. Dort, in
+Paris wird Wera Nikolajewna sich erholen und ihr Abiturientenexamen
+machen. Dort, in Paris wird Wassilij Alexandrowitsch wieder das Trapez
+besteigen und seine Künste zeigen können. Dort, in Paris wird, während
+Sergej Alexandrowitsch tanzend das Herz Europas besiegt, auch Marakulin
+seine verlorene Freude wiederfinden.
+
+Man müßte Werotschka finden – dachte Marakulin plötzlich, und er sagte:
+wir müssen auch Werotschka mitnehmen, damit sie dort in Paris zu sich
+kommt. Entweder sie wird dort eine große Schauspielerin und rächt sich
+so an Anissim Wakujew, oder noch besser: mag dort Ruhe über sie kommen
+und der Friede Gottes, daß die Rache in ihr still wird, und sie verzeiht
+ihm.
+
+Als er dies sagte, waren alle einverstanden, daß man auch Werotschka
+mitnehmen müsse. – Ich bin Werotschka begegnet – erzählte Wera
+Nikolajewna, – Sie waren damals in Moskau. Ich gehe einmal abends durch
+die Gorochowaja nach Hause, da kommt sie mir entgegengelaufen. Es war
+kalt, der Sturm pfiff, und sie lief in einem Sommerjäckchen herum, ein
+weißes Tuch um den Kopf. „Werotschka!“ rufe ich. Sie blieb stehen, sah
+mich an, aber so sonderbar. Sie zitterte am ganzen Leibe. „Werotschka,“
+sage ich, „kommen Sie Tee trinken, kommen Sie zu uns Tee trinken!“ Sie
+aber richtet ihr Kopftuch, zittert am ganzen Leibe und schüttelt den
+Kopf. Es war auf der Ssemjonowschen Brücke, – eine furchtbare Kälte, der
+Sturm pfiff ...
+
+Noch am selben Abend wurde der Brief an Plotnikow geschrieben, und am
+nächsten Morgen eingeschrieben nach Moskau abgeschickt. Marakulin
+glaubte so fest, daß das Geld kommen würde, er glaubte so fest an die
+tausend Rubel von Plotnikow, wie Plotnikow selbst an Marakulin glaubte.
+
+Inzwischen begab sich Adonja Iwoilowna auf ihre Pilgerfahrt. Sie zog
+nach Jerusalem, wo der Weihrauch nie verduftet und wo die Kerzen
+brennen, die nie verlöschen. Dort wird sie im Jordanfluß baden und sich
+mit Wermut abtrocknen, damit all ihr Gram wie Tannenrinde von ihr
+abfalle, all ihr Kummer und ihre Tränen. Dann wird sie Paraschas Schiffe
+verstehen, und die Erde am Grabe ihres Mannes auf dem Smolenskischen
+Kirchhof wird nicht mehr abbröckeln.
+
+An den Abenden war Akumowna frei und legte Karten. Sie zeigten für jeden
+eine große Veränderung an und einen Weg, und für Marakulin außerdem noch
+Gras und Tannen, wie damals vor seiner Reise nach Moskau, nur daß die
+Tannen jetzt nicht mehr am Rande, sondern ganz nahe bei ihm lagen. Bei
+Wera Nikolajewna lagen sie am Rande.
+
+– Ein fröhlicher Weg! – flüsterte Akumowna.
+
+– Wir fahren nach Paris, Akumowna, ins Herz Europas!
+
+– Wollen wir nicht auch Akumowna mitnehmen? Ist Akumowna einverstanden,
+mit uns nach Paris zu gehen? – fragte Sergej Alexandrowitsch zwinkernd.
+
+– Gewiß. Ich komme mit. Neun Jahre habe ich keine Luft geatmet. Da werde
+ich aufatmen.
+
+Akumowna ließ sich nicht lange bitten, denn sie wäre bereit gewesen,
+Sergej Alexandrowitsch nicht nur nach Paris, sondern sogar bis ans Ende
+der Welt zu Fuß zu folgen.
+
+– Ausgezeichnet! Wir lassen also die Sklavin Kusjmowna hier, um die
+Wohnung zu hüten, und adieu Rußland! Man muß alles von sich abschütteln!
+– Und vor Ueberschwang der Gefühle und Hoffnungen auf den Erfolg
+Rußlands, oder auf seinen eigenen Sieg im Herzen Europas, begann Sergej
+Alexandrowitsch mit den Füßen zu flattern, wie ein Hahn mit den Flügeln.
+
+– Man soll dann schon auch Weruschka mitnehmen. Die wird hier zugrunde
+gehen, die Unverschämte! – sprach Akumowna, an ihre Wera denkend, die
+auf dem Burkowschen Hof längst zugrunde gegangen war.
+
+– Auch deine Weruschka nehmen wir mit, Alle werden wir im Auslande sein!
+
+Akumowna legte liebevoll Karten für Sergej Alexandrowitsch.
+
+– Unser Priester in Turij-Rog – erinnerte sich Akumowna plötzlich, – er
+war ein guter Mann, ein großer Büßer, der Vater Arsenij! Vor seinem Tode
+erhob er sich und fragte: „Sind die Pferde bereit?“ – „Was für Pferde,
+ehrwürdiger Vater?“ – „Ich habe ja eben ein Paar getraut, man ladet mich
+zur Hochzeit ins Ausland!“ sagte er und starb.
+
+– Ein Pope stirbt wie ein Pope! – sagte Sergej Alexandrowitsch lächelnd
+und verfolgte weiter die Karten.
+
+Marakulin aber fühlte plötzlich, wie es in seinem Innern zuckte, als
+würde etwas in ihm brechen, doch die Hoffnung rüttelte und richtete ihn
+wieder auf. Alle seine Hoffnungen waren jetzt auf Plotnikow gerichtet,
+und er konnte an nichts andres denken. Die Hoffnungen waren Mächte.
+
+Der Mai kam. Auf dem belgischen Hof erhoben sich die weißen Zelte,
+Ziegelsteine und Sand wurden angefahren, und die Instandsetzung des
+Hauses begann. Abends erklang schluchzend die Balalaika, – von dieser
+armseligen nichtrussischen Habe gab es viel auf dem Burkowschen Hof –
+und aus den Fenstern reckten sich die während des Winters zerzausten,
+ausgehungerten Köpfe, in der Hoffnung, sich in der Maisonne etwas zu
+erwärmen.
+
+Von Plotnikow aber kam noch immer keine Antwort. In Marakulins Herz
+schlich sich eine unheimliche Unruhe; er fürchtete, es sich selbst zu
+gestehen und sprach zu niemand davon. Die Antwort wird kommen, sie muß
+kommen! Sie müssen und sie werden im Ausland sein, in der Stadt der
+großen Männer, im Herzen Europas, in Paris!
+
+Dort, in Paris wird Anna Stepanowna ihren Platz auf Erden finden, ihre
+Seele wird sich aufrichten, und sie wird anders lächeln können; dort, in
+Paris wird Wera Nikolajewna sich erholen und ihr Abiturientenexamen
+machen; dort in Paris wird Wassilij Alexandrowitsch wieder das Trapez
+besteigen und seine Künste zeigen, und dort in Paris wird auch
+Marakulin, während Sergej Alexandrowitsch im Tanz das Herz Europas
+besiegen wird, seine verlorene Freude wiederfinden. Er wird Werotschka
+finden, und in Paris wird Werotschka eine große Schauspielerin werden,
+Gottes Friede wird über sie kommen. Dort, in Paris wird von Akumowna,
+die als rollender Stein bis nach Paris gelangt sein wird, der väterliche
+Fluch weichen, sie wird Luft atmen, die sie neun Jahre nicht geatmet
+hat, und sie wird es nicht mehr nötig haben, bis zum Kaiser
+vorzudringen, oder Aufguß von Pferdemist zu trinken. Dort, in Paris wird
+ihre Wera nicht zugrunde gehen, die auf dem Burkowschen Hof schon längst
+zugrunde gegangen war.
+
+Der Glaube besiegte jeden Zweifel, zerstreute durch seine Kraft und
+Festigkeit jedwede Unruhe. Marakulin glaubte an die Plotnikowschen
+Tausend, wie Plotnikow an ihn selbst. Eine Woche nur blieb noch bis zu
+Sergej Alexandrowitschs Abreise ins Ausland. Es wurde beschlossen, daß
+er mit seinem Theater vorausfahren und von dort, aus Paris, schreiben
+sollte. Inzwischen wird das Geld angekommen sein, und dann wird fast der
+ganze Burkowsche Hof von der Fontanka geradeaus nach Paris aufbrechen.
+
+Doch diese Woche, voll von Unruhe, Erwartung und Schwanken zwischen
+Glaube und Zweifel, zwischen Hoffnung und Hoffnungslosigkeit, bestimmte
+von selbst alles auf ihre Weise.
+
+Im Gymnasium bei Anna Stepanowna waren die Prüfungen vorüber, und
+offenbar waren jetzt endlich die geheimnisvollen Equipierungs-,
+Wohnungs- oder Reisegelder – jeder nannte sie anders – angekommen. Und
+da diese Gelder dort nur einmal ausgezahlt wurden, wurde Anna Stepanowna
+natürlich von der Lednjowa gekündigt. Für Anna Stepanowna, meinte die
+Vorsteherin, sei es zu schwer am Gymnasium, sie sei auch nicht ganz ohne
+Tadel, sie trage zum Beispiel eine halsfreie Bluse, das schicke sich
+nicht; auch lächle sie so eigentümlich, – dieses Lächeln mache Seine
+Ehrwürden, den Religionslehrer Aristowulow verwirrt, das schicke sich
+auch nicht; man könnte ja sagen: im Lednjowschen Mustergymnasium werde
+Seine Hochwürden durch eine Lehrerin verdorben, und das wäre schon ganz
+fatal! – Mit einem Wort: wenn der Mensch die Absicht hat, zu irgendeinem
+ihm notwendig erscheinenden Zwecke einen anderen zu beschmutzen, so gibt
+er sich Mühe, – dazu ist er ja ein Mensch. Selbstverständlich ertranken
+die halsfreie Bluse und der Priester Aristowulow, der von Anna
+Stepanowna verdorben wurde, in den beliebten Betrachtungen der Lednjowa
+über gute Taten überhaupt, über den Verfall der Moral und über die
+Sittenverderbnis, über die junge Sache, die man fördern und über die
+Opfer, die man ihr bringen müsse: sie, die Lednjowa selbst, gebe in
+ihrem eigenen Gymnasium Unterricht umsonst, außerdem ernähre sie zwanzig
+Lehrer! Ganz Petersburg kenne sie sehr gut, sie, die Vorsteherin
+Lednjowa, und die Generalin Cholmogorowa selbst sei ihre Freundin.
+
+So einfach war das Ende bei Anna Stepanowna, sehr einfach. Und sie ging
+lächelnd – mit jenem Lächeln, das in der Seele weh tat – ihren Weg, der
+sie von Leschtschow zu der Lednjowa führte, und von der Lednjowa zur
+Petrowa, zu irgendeiner Seelenschwester der Lednjowa führen wird, bis
+sie endlich aufhören wird zu lächeln.
+
+Endlich kam die so lange, so ungeduldig, so viel erwartete Antwort von
+Plotnikow: Plotnikow ließ Marakulin durch die Bank fünfundzwanzig Rubel
+anweisen. So reiste denn Sergej Alexandrowitsch allein mit dem Theater
+ins Ausland, nach Paris, um mit der russischen Kunst das Herz Europas zu
+besiegen. Vor der Abreise mietete er eine Sommerwohnung in Finnland und
+überredete Wera Nikolajewna und Anna Stepanowna zusammen mit Wassilij
+Alexandrowitsch, der noch immer sorgsamer Pflege bedurfte, und damit er
+sich ohne Ferse und mit seinem Stöckchen nicht zu sehr langweilte,
+hinauszuziehen. Mit der Sklavin Kusjmowna an der Spitze zogen sie also
+statt nach Paris nach Tur-Kilja: Wera Nikolajewna, Anna Stepanowna und
+Wassilij Alexandrowitsch, der Clown. Nur Marakulin und Akumowna blieben
+zurück, um auf dem Burkowschen Hof zu übersommern.
+
+– Ich werde zum Kaiser gehen: die Hände so, wie im Sterben, und werde
+alles sagen. Ich werde zum Kaiser gehen, nackt, splitternackt; die Hände
+so, wie im Sterben, und werde ihm alles erzählen.
+
+Aber Marakulin erwiderte Akumowna nichts mehr, nicht einmal mit ihren
+eigenen Worten, die ihr Wahlspruch, ihr Sterbegebet – die Sühne und der
+Lohn für alle Taten waren: Man darf niemand beschuldigen! – Alles war in
+ihm still und taub geworden.
+
+ * * * * *
+
+Der eine muß verraten, um durch den Verrat seine Seele aufzuschließen
+und in der Welt er selbst zu sein, der andere muß töten, um durch den
+Mord seine Seele zu finden und wenigstens als er selbst zu sterben.
+Marakulin aber mußte offenbar eine Quittung ausfertigen – aber nicht an
+die Person, der sie zukam –, um seine Seele zu erschließen und in der
+Welt nicht ein beliebiger Marakulin zu sein, sondern als dieser Peter
+Alexejewitsch Marakulin, der er war, sehen, hören und fühlen.
+
+Aber er ertrug es nicht, dieses Leben für nichts: nur sehen, nur hören,
+nur fühlen, und flehte um Ruhe. Da erfand er die Generalin – die
+unsterbliche, sünden- und schmerzenlose Laus, erdachte er ihr
+königliches Recht, in der Hoffnung, dadurch seine verlorene große Freude
+wiederzugewinnen. Schon begannen auf seinem glatten, geraden,
+hoffnungslosen Weg, wo der letzte Schatten, die letzte Spur der Hoffnung
+sich verlor, jene leisen und wie die Raupen haftenden, bösen, dunklen
+Mächte der herannahenden Verzweiflung zu arbeiten, das feste Mark und
+die Wurzel seines Lebens anzunagen und ihn vom Leben abzulösen.
+
+Vom Morgen bis zum Abend lief Marakulin in Petersburg herum, jagte von
+einem Ende zum anderen, von Schlagbaum zu Schlagbaum, von Viertel zu
+Viertel, – er lief herum wie eine Maus in der Falle. In seiner Tasche
+lag der neue Plotnikowsche Schein, die fünfundzwanzig Rubel, wie einst
+Dunjas neues seidenes Taschentuch mit den in Kreuzstich eingestickten
+Anfangsbuchstaben seines Namens, und er vergaß den Schein wie er einst
+Dunjas seidenes parfümiertes Tuch vergessen hatte.
+
+Und dennoch, welch zähes Leben steckt doch im Menschen! Hin- und
+hergeworfen, geschlagen läuft er wie ein geschlachteter Hahn auch ohne
+Kopf herum, als wollte er auch ohne Kopf nach Körnern suchen, und bläht
+sich noch auf! Marakulin fand nämlich eine Beschäftigung, er fand etwas,
+um sich Luft zu machen; er machte eine Entdeckung, die in ihrer
+Tragweite dem betrunkenen Plotnikowschen Projekt, die Fliege als Motor
+auszubeuten, wahrlich in nichts nachstand:
+
+Man braucht bloß auf die Straße hinauszugehen, um ganz unabhängig vom
+eigenen Willen unter die Herrschaft eines besonderen Gesetzes der Straße
+zu geraten, und deine Art aufzutreten und deine Haltung hängt nicht mehr
+von dir ab, sondern von der Welle oder vom Strom, in den du geraten
+bist. Gerätst du in die eine Welle, dann ist dir so, als machten sich
+alle über dich lustig, als schnitten dir alle Grimassen, die Frauen
+kichern, die Männer schieben ihre Lippen vor und spitzen sie wie zum
+Pfeifen. Da kommt eine andre Welle herangerollt, und das Bild ist
+plötzlich verändert: die Männer haben bestialische, düstre, drohende
+Gesichter, man begegnet selten einer Frau, und wenn eine vorübergeht, so
+ist sie ganz allein; sie geht und lacht, sieht niemand, als wäre sie
+blind, und lacht zu sich selbst. Wieder eine neue breite Welle: – lauter
+Frauen – und es ist einem, als gäbe es keine böseren Augen, kein böseres
+Lächeln; sie betrachten einander, sie stechen mit den Augen und lächeln,
+als wollten sie mit ihrem Lächeln einander verbrühen, die bösen Weiber.
+Da rollt noch eine Welle heran: Menschen, gewöhnliche Menschen, – sie
+gehen dicht zusammen gedrängt und sind munter. Aber man sieht keine
+Kinder unter ihnen, nur ausgemergelte, verkrüppelte Zwerge mit schlaff
+wie Peitschen herabhängenden Armen und riesengroßen, nach vorn gebeugten
+Köpfen. Und so noch viele verschiedene Wellen. Es gibt auch
+zurückflutende Wellen. Gerätst du da hinein, so treibt es dich vom
+großen Strom ab, und alles jagt an einem vorbei: alte Männer, Kinder,
+alte Frauen, Straßenbahnwagen und Automobile.
+
+Als Marakulin diese Entdeckung gemacht hatte, stürzte er sich auf sie
+mit der gleichen Hartnäckigkeit, wie einst über den Bericht an den
+Direktor. Er war ja jetzt eigentlich wie tot, man hatte ihn ja bereits
+begraben. Er erinnerte sich an die Worte, die der Kassierer Alexander
+Iwanowitsch Glotow damals im Theater zu ihm gesprochen hatte: „Und wir
+haben dich schon längst begraben, weißt du, Petruscha!“ Ja, seit langem
+hatte man ihn begraben, und er konnte wie ein Toter, wie eine Leiche,
+wie einer aus dem Jenseits leicht, unauffällig und unparteiisch die
+Diesseitigen, die Lebenden beobachten. Und jetzt wollte er seine
+Entdeckung überprüfen.
+
+Doch wozu sie prüfen, was für einen Sinn das haben sollte, wer diese
+Entdeckung brauchte, welchem Toten, welcher Leiche, welchem Gespenst aus
+dem Jenseits, oder welchem Lebenden zum Spaß oder zu Nutzen sie dienen
+sollte? – das fragte er sich nicht, das ging ihn nichts an; – in ihm war
+alles stumm und taub geworden – es war eben zwecklos und nichts mehr als
+das Sichaufblähen des geköpften Hahns.
+
+Doch auch darin irrte er sich. Er hatte keine Zeit mehr zum Prüfen.
+
+Eines Nachts, als er auf dem Newsky ging, traf Marakulin Werotschka. Es
+war so: an dem Wartturm des Magistrates wurde Razzia gemacht, und wie
+immer in solchen Fällen, liefen auf dem Newsky etwa hundert sinnlos
+herausgeputzte Weiber herum, die sich auf die Passanten stürzten und sie
+anflehten, sie ein kleines Stückchen zu begleiten. Unter diesen Weibern
+fiel ihm eine auf, die ebenso besinnungslos wie die anderen, vom
+Bürgersteig auf den Damm und vom Damm auf den Bürgersteig sprang. Sie
+war ganz schwarz gekleidet. Als sie am Schutzmann glücklich vorüber war,
+lief sie zur Anitschkowschen Brücke. In dieser einsamen Dunklen – alles
+war schwarz an ihr: das Kleid, der Hut, die Handschuhe – erkannte er
+Werotschka. Da erinnerte er sich an den neuen Plotnikowschen
+Fünfundzwanzigrubelschein, befühlte ihn in der Tasche – er war jetzt
+kein Bettler mehr – und stürzte ihr nach. Aber an der Anitschkowschen
+Brücke mischte sich Werotschka unter die Menge und verschwand ihm aus
+den Augen.
+
+– Werotschka! – rief er, indem er sich bald nach der Fontanka und bald
+nach dem Newsky umsah, – Werotschka! – und etwas Schwarzes, Kaltes wand
+sich wie eine Schlange um sein Herz.
+
+Am nächsten Morgen war das erste, was in ihm als Gedanke und Entschluß
+erwachte, der feste Vorsatz, schon am frühen Abend auf den Newsky zu
+gehen und Werotschka aufzulauern. Den ganzen Tag blieb er zu Hause. Es
+war Donnerstag vor Pfingsten, und Akumowna hatte heute vor, besonders
+ausgiebig Karten zu legen: nach ihr war das ein günstiger Tag zum
+Wahrsagen, auch Träume in dieser Nacht geträumt, sollten die Wahrheit
+künden.
+
+Auf den Burkowschen Hof kamen wandernde Musikanten: eine Harmonika und
+ein Tamburin.
+
+Die Harmonika spielte ein Handwerker, wohl irgendein Schlosser oder
+Wasserleitungsarbeiter, ein großgewachsener dunkler Mann, das Tamburin
+schlug ein kleines Mädchen in einer Matrosenbluse und Matrosenmütze; sie
+war etwa zwölf Jahre alt, man konnte es genau nicht feststellen. Das
+kleine Mädchen hatte nur ein Bein. Sie stützte sich auf einen Stock und
+hielt das Tamburin auf dem gebogenen Knie.
+
+Das kleine Mädchen sang zur Harmonika.
+
+Sie sang ein Lied, wie es in Fabriken gesungen wird, mit fremden Versen
+durcheinandergemengt, wie: „Ich werde auf den Grund des Meeres tauchen,
+ich werde fliehen zu den Wolken hinan,“ sie sang aus Zigeunerliedern von
+Troikas und von feurigen Augen und gefühlvollen Tränlein. Plötzlich
+brach auch eine uralte Weise durch. Sie sprach rein und deutlich aus, so
+daß man jedes Wort verstehen konnte. Aber nicht am Wort lag es. Mit
+einem vollen tiefen Alt sang das kleine Mädchen und schlug das Tamburin
+dazu. Von der Weite der Steppe und der Unermeßlichkeit des Meeres war
+das Lied getränkt. Und das Tamburin schlug, wie das Herz schlägt.
+
+Die Musikanten wurden von den Kindern umringt; sie ließen ihre wilden
+Spiele und ihre wilden Arbeiten, sie standen still herum und wandten
+kein Auge ab von dem einbeinigen kleinen Mädchen, wie einst von der
+Katze Murka, die sich vor Schmerz auf den Steinen gewälzt hatte. Und das
+Mädchen sang. Der Perser, der Masseur aus der Badeanstalt – er hielt
+sich stets in der Nähe der Kinder auf – der schwarze Perser hockte sich
+ebenfalls hin und rollte seine Augäpfel. Und das Mädchen sang. Mit einem
+vollen tiefen Alt sang das kleine Mädchen und schlug das Tamburin im
+Takt zu. Von der Weite der Steppe und der Unermeßlichkeit des Meeres war
+das Lied getränkt. Und das Tamburin schlug, wie das Herz schlägt.
+
+Die Kinder rückten immer näher zu dem einbeinigen Mädchen, als wollten
+sie es nicht von sich lassen. Nun verdeckten sie es ganz, so daß man es
+nicht mehr sehen konnte, und es schien, es singe die Erde und die
+Steppe, das Meer – die Weite und Unermeßlichkeit, das Herz der Erde. Und
+man fürchtete, daß das Lied bald zu Ende sein und das Mädchen zu singen
+aufhören und fortgehen würde. Man wollte nicht, daß sie fortgehe.
+
+Aber der Gesang war zu Ende. Es spielte nur noch die Harmonika allein.
+Das kleine Mädchen humpelte, auf den Stock gestützt, über den Kies und
+schien sich mit dem hingehaltenen Tamburin im Hof zu drehen und sah ohne
+Lächeln mit ihrem offenen, reinen Gesicht nach oben zu den Fenstern
+hinauf, wie die Katze Murka zu den Fenstern hinaufgesehen hatte, als sie
+sich vor Schmerz auf den Steinen wälzte.
+
+Akumowna begann so seltsam kindlich und bitter zu weinen, sicher weil
+sie an ihren Fluch: „Wie ein rollender Stein um die weite Welt“ dachte.
+
+Marakulin stürzte auf die Straße und holte die Musikanten, die schon vor
+dem Tor waren, ein.
+
+– Wie heißt du, kleines Mädchen? – fragte er, ihre Hand berührend.
+
+– Marja – antwortete das Mädchen, indem sie, ohne zu lächeln, ihm ihr
+offenes, reines Gesicht zuwandte.
+
+Auch der Harmonikaspieler blieb stehen, zog seine Mütze. Es war wohl der
+Vater. Er war von dunkler Farbe und rauh.
+
+Marakulin nahm Plotnikows neuen zerknüllten Schein, steckte ihn dem
+kleinen Mädchen in die Hand und ging fort, ohne sich umzusehen. Und als
+wollte es ihn einholen, so strömte das breite Lied. Von der Weite der
+Steppe und von der Unermeßlichkeit des Meeres war das Lied getränkt. Und
+das Tamburin schlug, wie das Herz schlägt.
+
+Er ging seinen glatten, geraden Weg nach dem Newsky. Schon sank die
+Nacht herab. Dort auf dem Newsky wollte er auf Werotschka warten. Die
+ganze Nacht wird er auf sie lauern. Und er wird sich nicht irren. Es war
+ja eine weiße Nacht – die weiße Nacht trügt nicht.
+
+Die weiße Nacht trügt nicht: ein Mädchen ganz in Schwarz stieß ihn an
+und lief, das Kleid raffend, in der Richtung der Anitschkowbrücke. Alles
+an ihr war dunkel, das Kleid, der Hut, die Handschuhe – er erkannte
+Werotschka und stürzte ihr nach. Aber an der Anitschkowbrücke mischte
+sich Werotschka unter andere Frauen – sie war nicht allein in Schwarz.
+
+– Werotschka, Werotschka! – rief er, jeder Dunklen in die Augen
+schauend. Es waren aber ihrer nicht zwei, nicht drei, es waren ihrer
+eine ganze Menge. Und alle wichen ihm aus, sammelten sich und schlichen
+wieder an ihn heran, leise und unmerklich, dunkel und still. Und etwas
+Dunkles und Kaltes umwand wie eine Schlange sein Herz.
+
+Und nachts, in der Donnerstagnacht vor Pfingsten, träumte Marakulin, als
+säße er am Tisch beim Samowar in einem großen vollgestellten Zimmer, und
+alles war hingeworfen und zerstreut, wie nach einer Vorbereitung zur
+Reise, und lauter unbekannte Menschen waren im Zimmer, alle so müde und
+niedergeschlagen. Und neben ihm saß – er wurde es mit Ekel gewahr – eine
+stülpnasige Frau mit großen Zähnen und nackt, und mit ihr noch jemand in
+dunklen Kleidern. Sie beugten sich über dem Gerümpel und ordneten die
+Lumpen. Verdrossen nahm er ein Glas und zielte nach dem leeren, nackten
+Schädel.
+
+Sie aber, die stülpnasige Nackte mit den großen Zähnen, erhob sich und
+wandte sich zur Tür.
+
+– Am Sabbat – sie klapperte mit den Zähnen und lachte – vergiß nicht,
+Akumowna ein Pfund zu geben – sie klapperte mit den Zähnen und lachte, –
+und die Mutter wird in Weiß sein – sie lachte und zeigte ihre großen
+Zähne.
+
+– Was für ein Pfund? Graupen etwa? – begann er erbittert zu streiten,
+als stritte er um sein letztes Recht, sich keinem Termin, keinem Sabbat
+zu fügen – ach was, red’ keine Dummheiten! oder ein Pfund Sterling, ja?
+
+– Am Sabbat – lachte die stülpnasige Nackte mit den großen Zähnen, und
+schon klapperte sie, ohne sich umzusehen, die Steintreppe hinunter auf
+den Hof.
+
+Im Hof aber – es war ja Burkows Hof – strömten alle Einwohner aus allen
+Wohnungen, aus dem Seitenflügel und aus den Gorbatschowschen Winkeln
+zusammen: alle sieben Hausmeister – der erste Hausmeister Michail
+Pawlowitsch und Antonina Ignatjewna, seine Gemahlin, der Paßaufseher
+Jerkin, Stanislaus der Kontorist mit der abgebissenen Nase, und Kasimir
+der Monteur, der Portier Nikanor und Wanjuschka, Nikanors Bub, den die
+kleinen Kinder zum Tode durch den Strang verurteilt hatten, und die
+kleinen Kinder, die ihn verurteilt hatten, und der Perser, der Masseur
+aus der Badeanstalt, und das kleine Mädchen, das einst Murka Milch
+gebracht hatte, und die Schuster, Bäcker, Bademeister, Friseure,
+Schneiderinnen, Weißnäherinnen, eine Schwester aus dem Obuchowschen
+Krankenhaus, Kondukteure, Maschinisten, Kürschner, Schirmmacher,
+Bürstenmacher, Wasserleitungsschlosser, Setzer und allerlei Mechaniker
+und elektrische Arbeiter mir ihren Familien, allerlei „Fräulein“ von der
+Gorochowaja und vom Sagorodny-Prospekt, Nähmädchen, Mädchen aus der
+Teestube, und elegante junge Leute aus den Badeanstalten, die die
+Petersburger Damen auf Wunsch bedienen, und die Alte, die an der
+Badeanstalt Sonnenblumensamen und allerlei Kram feilbietet,
+stellungslose Köchinnen, Maler, Tischler, fliegende Händler – mit einem
+Wort: der ganze Burkowsche Hof – ganz Petersburg.
+
+Und alle sehen nach oben zum Fenster hinauf, wie Murka hinaufgesehen
+hatte, als sie vor Schmerz sich auf den Steinen wälzte, wie die
+wandernde Sängerin hinaufgesehen, als sie sich im Hof auf ihrem einen
+Bein herumdrehte, mit dem Tamburin in der Hand.
+
+– Was hat sie gesagt? – fragt jemand Marakulin.
+
+Und Marakulin steht am Fenster, wie der Starez Kabakow, der durch Gebete
+die Stimme des Himmels befragt, – so steht er vor dem Volk.
+
+– Einer von uns wird sterben! – sagt Marakulin.
+
+Und zur Antwort flüstert der ganze Burkowsche Hof in Todesbangen:
+
+– Bin ich’s, Herr? – Bin ich’s, Herr?
+
+Und hoch oben, viel höher als die vier belgischen Ziegelschlote mit den
+Blitzableitern, schweben wie grüne Vögel grüne Aeroplane und verdecken
+mit ihren riesengroßen grünen Flügeln den Himmel.
+
+– Bin ich’s, Herr? – Bin ich’s Herr? – flüstert der Burkowsche Hof in
+Todesbangen.
+
+Und schon geht Marakulin nach Hause, nach der Fontanka, und seltsam! er
+hört, wie man in der Auferstehungskirche auf der Taganka[13] zur
+Abendmesse läutet. Er geht nicht den herrschaftlichen Eingang hinauf,
+sondern durch die Küche. Er macht die Tür auf, und in der Küche sitzt am
+Herd eine Frau, Akumowna ähnlich, und doch nicht Akumowna, ganz in Weiß.
+Er erinnert sich an die Worte der Stülpnasigen, Nackten, mit den großen
+Zähnen: „Die Mutter wird ganz in Weiß sein“, und stürzt ins Zimmer.
+
+Auch dieses Zimmer ist vollgestellt, und Sachen sind da verstreut und
+hingeworfen, wie nach einer Vorbereitung zur Reise, nur sind die
+Unbekannten nicht mehr da, keine Seele ist im Zimmer, nur seine Mutter
+sitzt, seine Mutter allein, mit dem Kreuz auf der Stirn.
+
+– Sie ist schon gekommen, sie sitzt hier – sagt die Mutter. Sie spricht
+von jener, die in der Küche vor dem Herd ganz in Weiß sitzt, und beginnt
+zu weinen.
+
+Voll Verzweiflung und Todesbangen erwachte Marakulin. Es war Freitag.
+Und von dem düsteren Gedanken getroffen, daß seine Frist der Samstag
+sei, daß nur ein Tag ihm geblieben sei, wurde er eisstarr. Er wollte es
+nicht glauben und glaubte es doch, und weil er glaubte, verurteilte er
+sich selbst zum Tode.
+
+Der Mensch wird geboren und ist bereits verurteilt; Alle sind von Geburt
+an verurteilt, und dennoch lebt man, verurteilt und das Todesurteil
+vergessend, weil man die Stunde nicht kennt. Aber wenn einem der Tag
+gesagt wird, wenn die Zeit abgemessen, die Frist bestimmt und der Sabbat
+verkündigt ist – das geht über die Kraft, die Gott dem Menschen
+verliehen, dem Menschen, den er mit dem Leben beschenkt, zum Tode
+verurteilt und dem er die Todesstunde verheimlicht hat.
+
+Als Marakulin an die Wahrheit seines Traumes glauben mußte, da fühlte
+er, daß er es nicht aushalten würde, den Sabbat abzuwarten, und seit dem
+Morgen in Verzweiflung, in Todesbangen durch die Straßen schweifend,
+harrte er der Nacht. Er wollte nur eins noch: Werotschka sehen, ihr
+alles erzählen und von ihr Abschied nehmen.
+
+Und auf seinem glatten, geraden, hoffnungslosen Weg, wo der letzte
+Schatten und die letzte Spur der Hoffnung sich verlor, zernagten jene
+leisen, wie Raupen haftenden, bösen, dunklen Mächte der herangenahten
+Verzweiflung die letzten Fasern seiner einst so festen Lebenswurzel.
+
+Es ward ihm schwer, sich vom Leben loszureißen.
+
+Vielleicht aber war der Traum nur ein Traum, und in Wirklichkeit würde
+etwas anderes kommen? Warum mußte er dem Traum glauben? War das nicht
+töricht? Wer weiß, wohin das führt! Es pflegt ja auch sonst so zu sein!
+Vor dem Tode träumt man nicht nur etwas Belangloses: daß man einen
+Stiefel verliert, oder sonst einen Gegenstand, oder daß man im Begriff
+ist, ins Ausland zu reisen ...
+
+Da erinnerte sich Marakulin an die geplante Auslandsreise, an seinen
+paradiesischen Traum von Paris, und fuhr auf.
+
+Er stand an einem Bretterzaun, der ganz mit Anzeigen bedeckt war, und
+konnte nicht erkennen, in welcher Straße er sich befand. Ueber den
+Bäumen ragte die Turmspitze des Ingenieurschlosses, als er aber längs
+des Zaunes und, wie ihm schien, geradeaus in der Richtung der Turmspitze
+sich in Bewegung setzte, verschwand sie plötzlich. Er wagte nicht
+weiterzugeben, als harrte eben dort seiner sein Sabbat, seine letzte
+Frist, seine Stunde. Er kehrte um und hatte die Spitze wieder vor sich.
+Er schritt also tapfer längs des Zaunes in die entgegengesetzte
+Richtung, die Spitze blieb lange vor seinen Augen, verschwand aber dann
+ebenso wie das erstemal ganz plötzlich. Und er wagte nicht
+weiterzugehen, als harrte eben dort seiner sein Sabbat, seine letzte
+Frist, seine Stunde. Und so ging er am Zaun entlang, hin und zurück, die
+Spitze des Ingenieurschlosses immer im Auge, bis zu einer Grenze, die er
+sich selbst bestimmte, voll Verzweiflung und Todesbangen.
+
+Es war das Ungemach, das ihn so führte, das Unglück jagte ihn von Straße
+zu Straße, von Gäßchen zu Gäßchen, blendete ihm die Augen und verwirrte
+ihn; es war sein Schicksal, dem man sich nicht widersetzen und nicht
+entrinnen kann.
+
+Das tödliche Bangen und die Last der Verzweiflung erschöpften ihn
+endlich. Die letzte Frist, die Stunde waren vergessen, sein Kopf sank
+herab, und die noch gehorchenden Beine brachten ihn auf den Weg. Er ging
+durch die Ingeniernaja und wollte gerade die Straße zum Michailowschen
+Palast überschreiten.
+
+Da klammerte sich ein altes, zerlumptes, zusammengeschrumpftes,
+triefäugiges Weiblein fest an seine Hand, damit er ihm über die Straße
+helfe. Und obwohl es so klein war – nichts als ein Häuflein Knochen – so
+erschien es ihm, wie es mit seinen knöchernen Fingern so fest an ihm
+hing, als hätte es überhaupt keine Beine, so schwer, daß er mit Mühe die
+Schienen erreichte. Und während er die Schienen überschritt, wurde die
+Alte noch schwerer, und es war ein Wunder, daß er nicht unter den Wagen
+geriet: der sausende, ununterbrochen klingelnde Wagen flog so hart an
+ihm vorbei, daß ihm ganz heiß wurde.
+
+Marakulin ließ die Alte stehen und begann zu laufen. Abwechselnd
+flammendheiß und eiskalt lief er in der Richtung des Narva-Tores. Er
+floh vor der knöchernen Alten, er floh vor seiner letzten Frist, und
+gerade auf das Narva-Tor zu, unter den Bogen: dort war keine knöcherne
+Alte und wird nie eine sein, dort wird er seine letzte Frist, seine
+Stunde, seinen Sabbat vergessen.
+
+Aber als er die Gorochowaja erreichte, ging er nicht die Ssadowaja
+entlang, sondern bog in die Fontanka ein.
+
+Auf der Fontanka, im Seitengäßchen, in der Nähe des Burkowschen Hauses,
+wurde ein junges Mädchen – offenbar eine Revolutionärin – von der
+Polizei verfolgt. Die Schutzleute hatten das Gäßchen umzingelt und man
+konnte nicht passieren. Marakulin blieb stehen.
+
+Die Jagd dauerte ziemlich lange, endlich wurde das Mädchen von einigen
+Männern in Zivil, Spitzeln offenbar, dicht umringt und zu einer Droschke
+geführt. Die Revolutionärin erinnerte ihn durch etwas an die
+Wandersängerin von gestern, an das kleine Mädchen. Vielleicht erinnerte
+ihn an Maria ihr offenes, reines Gesicht, das aber frisch und rosig war.
+Sie war schlank. Die Haarnadeln waren ihr herausgefallen, der Strohhut
+saß schief und das volle blonde Haar war aufgelöst. Der Reviervorsteher
+setzte sich zu ihr in den Wagen und man führte sie ab.
+
+„Maria Alexandrowna,“ – dachte Marakulin, „so ist Maria Alexandrowna,
+die sich selbst zum Opfer auserkor, und bereit ist, noch einmal für die
+Menschheit zu sterben!“ Er ging weiter, am Burkowschen Hof vorbei, die
+Fontanka entlang.
+
+An der Ismailowschen Brücke, drei Schritte von der Bierwirtschaft, holte
+er eine Dame ein. Sie war nicht mehr jung und schon ganz grau, aber
+kräftig und gesund, ging sie im gleichmäßigen Schritt, als spazierte sie
+nur der Motion wegen. Als aber Marakulin sie überholen wollte, beugte
+sie sich etwas vor und begann ganz unsinnig zu laufen. In diesem
+Augenblick knallte aus dem Wirtshaus ein Schuß und ein zweiter,
+Hilferufe ertönten – und auf dem Bürgersteig lag mit durchschossenem
+Rücken, das Gesicht an die Steine gepreßt, die Dame – die gesunde,
+kräftige, alte Frau, und neben ihr, noch rauchend, der versengte
+Klappstuhl.
+
+„Da hast du die Unsterbliche!“ dachte Marakulin, als er in der
+Ermordeten seine unglückselige Generalin erkannte, dieses auserwählte
+Gefäß, die Laus, die er mit dem königlichen Recht beschenkt hatte, in
+jener grausamen Burkowschen Nacht.
+
+Nun war ihr das königliche Recht vom blinden Zufall geraubt, und auch
+der Klappstuhl hatte ihr nicht geholfen.
+
+Von der Fontanka und den Seitengäßchen strömte eine Menschenmenge
+herbei. Alle starrten mit Neugierde, mit Schrecken und mit jener
+besonderen Schadenfreude, mit der lebendige Augen in tote blicken, in
+das Gesicht der Toten. Sie aber, die Unsterbliche, Sündenlose,
+Kummerlose, lag da unbeweglich, mit ihrem durchbohrten Rücken, hilflos,
+leblos, unselig.
+
+– Das ist eine von unseren Burkowschen, die Generalin Cholmogorowa! –
+erklärte Marakulin dem herbeigeeilten Schutzmann.
+
+Man trug die Generalin fort. Der weiße Schleier auf ihrem Hut war
+aufgegangen und schleifte flatternd nach wie Spinnweb. Marakulin schritt
+der Menge voraus, hinter dem Klappstuhl.
+
+Und wieder ging er an seiner Wohnung vorbei in die Gorochowaja, und von
+da weiter bis zum Admiralitätspalast und wiederholte immer wieder vor
+sich ganz stumpf: „Da hast du die Unsterbliche! Da hast du
+Unsterblichkeit!“
+
+Im Alexandergarten setzte er sich erst auf eine Bank, plötzlich aber
+sprang er wie gestochen auf und ging weiter. Vor dem Denkmal Peters des
+Großen blieb er stehen.
+
+– Peter Alexejewitsch – sagte er, zum Denkmal gewandt, – Eure
+kaiserliche Majestät! Das russische Volk trinkt Aufguß von Pferdemist
+und gewinnt das Herz Europas für anderthalb Rubel mit Gurken. Mehr habe
+ich nicht zu sagen! – Er zog den Hut, grüßte und ging weiter,
+den Englischen Kai entlang, über die Nikolaibrücke auf die
+Wassiljewskiinsel.
+
+Auf dem kleinen Boulevard zwischen der Siebenten und der Sechsten Linie,
+hinter dem Ssredny-Prospekt versperrte ihm eine Menschenansammlung den
+Weg. Die Menge stand schweigsam, ohne ein Wort zu sprechen, und es war
+ungewöhnlich still. Unter einem Baum saß eine alte Frau, ihr von
+schweren weißen Flechten umwickelter Kopf zitterte. Sie sah starr vor
+sich hin. Nicht Tränen, sondern Blut floß ihr die Wangen herab, in
+stillen Bächlein aus den demütig stillen Augen.
+
+„Sie hat umsonst gewartet“, dachte Marakulin, „sie hat es nicht erlebt.
+Sie hat das gottgefällige Werk nicht vollbracht, sie hat ihr Glück
+niemand überliefert, die Unglückselige!“ – Und er verspürte plötzlich
+einen schrecklichen Durst, als hätten ihn diese stillen, blutigen Tränen
+versengt.
+
+Nicht weit vom Kleinen Prospekt auf der Siebenten Linie befand sich
+neben einem großen Gebäude in einem kleinen einstöckigen Häuschen eine
+Schankwirtschaft. Marakulin fand noch ein letztes vergessenes
+Zehnkopekenstück in der Tasche und ging hinein: der Durst quälte ihn
+unerträglich.
+
+Er setzte sich an ein schmutziges, nasses Tischchen, mit dem Gesicht zum
+Fenster und nahm ganz mechanisch eine Zeitung zur Hand, nicht um zu
+lesen.
+
+– Einen Hungrigen kann man satt machen, einen Armen kann man reich
+machen – er vernahm eine bekannte Stimme und bekannte Worte, – aber
+sobald du verliebt bist und dein Gegenstand erweist dir keine
+Gegenseitigkeit, da kannst du meinetwegen platzen, es gibt keine Hilfe!
+
+„An Murkas Tage war es, der unruhige alte Gwosdjow, der sagte es!“
+erinnerte sich Marakulin, legte die Zeitung weg und trank das lauwarme
+Bier.
+
+– Sie scherzen immer, Alexander Iwanowitsch, – – ich habe neulich eine
+Maus aufgegessen, Alexander Iwanowitsch, – auf dem Hof des Athosklosters
+– für fünf Rubel. Ich habe mit der heiligen Brüderschaft gewettet. „Ißt
+du die Maus auf, Gwosdjow,“ sagten sie, „dann ist der Fünfer dein, wenn
+nicht, mußt du uns bezahlen!“ Schön. Sie fingen gleich ein Mäuslein, im
+Klosterhof gibt es viele. Es war eine graue, junge. Ich zog dem Mäuslein
+die Haut ab, röstete es an den Seiten ein wenig an, wegen des
+Wohlgeschmacks, zerschnitt es in Scheibchen, salzte es, sprach den Segen
+und aß es auf. Und aß das Mäuslein auf. Ich nahm die fünf Rubel und
+wollte mich vor Lachen ausschütten. Ich sagte: „Und ihr seid mir noch
+Athonische, hehe ... fünf Rubel für ein junges Mäuslein; ich hab’ ja bei
+Prokopij dem Gerechten so eine Ratte und dazu ohne Salz für einen Rubel
+gegessen!“ Wenn man sich nur durchfrettet, Alexander Iwanowitsch!
+
+Und als Antwort auf Gwosdjows Worte erklang eine gerührte Stimme:
+
+– Euretwegen geh’ ich zugrunde, ihr lieben Aeuglein!
+
+– Ich selbst bin auch auf Weiber lecker, Alexander Iwanowitsch!
+
+Gleich darauf fiel etwas schwer auf den klebrigen Boden, begann zu
+strampeln und bitter zu weinen, so bitter, wie nur Kinder weinen, so
+bitter, wie Akumowna weinte, als sie durch Marjas Gesang an alle ihre
+Erlebnisse erinnert wurde.
+
+Nachdem er das laue Bier, das seinen Durst noch gesteigert, ausgetrunken
+hatte, ging Marakulin hinaus.
+
+Er ging seinen glatten geraden Weg auf den Newsky. Die Nacht sank
+bereits herab. Dort auf dem Newsky wollte er auf Werotschka warten. Dort
+wollte er ihr die ganze Nacht auflauern. Er wird sie sehen, ihr alles
+erzählen, von ihr Abschied nehmen. Und er wird sich nicht irren. Es ist
+ja eine weiße Nacht – die weiße Nacht trügt nicht.
+
+Die weiße Nacht trügt nicht: Werotschka erschien auch bald. Er erkannte
+sie an ihrem schwarzen Kleide. Aber er erstarrte vor Entsetzen: alle
+Frauen waren ausnahmslos in Schwarz – alles an ihnen war schwarz, die
+Kleider, die Hüte, die Handschuhe. Sie wichen nicht mehr aus, sie gingen
+sicher und stolz am Polizisten in der weißen Sommeruniform vorbei, sie
+umsegelten den Polizisten in Weiß wie in einem altertümlichen
+feierlichen Tanz, von der Snamenje-Kirche zur Admiralität und von der
+Admiralität zur Snamenje-Kirche.
+
+– Werotschka – rief er, – Werotschka! – Er sah einer jeden in die Augen,
+ohne eine auszulassen, und etwas Kaltes und Dunkles ringelte sich wie
+eine Schlange um sein Herz. Es war die Verzweiflung, die sich um sein
+Herz ringelte.
+
+Schon schritt der Tod auf verschlungenen Seitenpfaden seiner Schwelle
+zu.
+
+Die ganze Nacht streifte er herum, voll Verzweiflung und Todesbangen,
+sah jeder Frau in die Augen, ohne auch nur eine zu übersehen, blieb
+zuweilen auf der Anitschkowbrücke stehen und ließ sie Alle an sich
+vorbeipassieren. Sie umsegelten ihn, wie den Schutzmann in Weiß, sie
+schritten sicher und stolz, wie in einem altertümlichen feierlichen Tanz
+von der Snamenje-Kirche bis zur Admiralität, und von der Admiralität bis
+zur Snamenje-Kirche.
+
+Und als die Sonne aufging und all die schwarzen Gestalten irgendwo
+verschwanden und keine einzige mehr blieb – niemand war mehr auf dem
+Newsky außer den Schutzleuten in Weiß – da wandte sich Marakulin durch
+die Litejnaja zum finnländischen Bahnhof.
+
+Er beschloß ganz plötzlich, – vielmehr es beschloß in ihm von selbst –
+nach Tur-Kila in die Sommerfrische zu Wassilij Iwanowitsch zu fahren, zu
+Wera Nikolajewna und Anna Stepanowna. Sie haben ihm ja schon oft
+geholfen, sie werden ihm auch jetzt helfen, sie werden ihm Milch geben,
+– er hat Hunger – er ist ja nur zwölf Jahre alt! – sie werden ihm Milch
+geben ...
+
+Es war der Sonnabend vor Pfingsten und auf der Litejnaja wurden die
+Pfingstbäumchen angefahren: lockige grüne Wagen zogen durch die Straße,
+voll von grünen jungen Birken.
+
+Auf dem finnländischen Bahnhof verkehrten noch keine Züge. Er mußte
+warten, aber er wollte nicht auf dem Bahnhof warten. Marakulin ging erst
+über die Schwellen der Schienen, aber nachdem er ein Weilchen gegangen
+war, verließ er die Schienen, setzte sich an den Rand eines Grabens und
+schlief ein. Er schlief so fest, wie Plotnikow die zwei Tage nach jenem
+schlimmen Delirium-Anfall geschlafen hatte.
+
+Als er erwachte, war es Abend, der Sonnabend ging zur Neige. Und wieder
+jäh von dem düsteren Gedanken getroffen, daß sein Ende der Sabbat sei,
+wurde er eiskalt. Er wollte an seinen Traum nicht glauben und glaubte
+doch, und indem er glaubte, verurteilte er sich selbst zum Tode.
+
+Der Mensch kommt zur Welt und ist bereits verurteilt; Alle sind von
+Geburt an verurteilt, und dennoch lebt man, verurteilt und das
+Todesurteil vergessend, weil man die Stunde nicht kennt. Aber wenn der
+Tag einem gesagt wird, wenn die Zeit abgemessen, die letzte Frist
+bestimmt und der Sabbat verkündigt ist, – das geht über die Kraft, die
+Gott dem Menschen verliehen, dem Menschen, den er mit dem Leben
+beschenkt, zum Tode verurteilt, dem er aber die Todesstunde verheimlicht
+hat.
+
+Der Sabbat war gekommen, der Sabbat ging zur Neige, seine letzte Frist,
+seine letzte Stunde nahte.
+
+Und auf seinem glatten, geraden, hoffnungslosen Weg, wo der letzte
+Schatten und die letzte Spur der Hoffnung sich verlor, zernagten jene
+leisen, wie Raupen haftenden, bösen, dunklen Mächte der herangenahten
+Verzweiflung die letzten Fasern seiner einst so festen Lebenswurzel.
+
+Es war ihm schwer, sich vom Leben loszureißen.
+
+Oder vielleicht war der Traum nur ein Traum und in Wirklichkeit würde
+etwas anderes kommen? Warum mußte er dem Traum glauben? War das nicht
+töricht? Wer weiß, wohin das führte?
+
+Warum hatte er bloß Akumowna diesen düsteren Traum nicht erzählt,
+Akumowna konnte ihn vielleicht deuten, sie, die Göttliche wüßte zu
+sagen, ob er wahr sei oder nicht.
+
+Marakulin stürzte erregt zur Trambahn und stieg in einen Wagen. Da
+erinnerte er sich, daß er sein letztes Zehnkopekenstück in der
+Wirtschaft ausgegeben und sprang ab und lief zu Fuß nach der Fontanka,
+die Elektrische fast überholend.
+
+Er erreichte die Fontanka und das Burkowsche Haus, aber es wurde ihm
+nicht leicht, in die Wohnung zu gelangen. Es schien ihm, als hätte er
+mindestens eine halbe Stunde geklingelt, aber niemand öffnete und keine
+Stimme ließ sich vernehmen. Er hörte zu klingeln auf und begann an die
+Tür zu klopfen, aber auch auf das Klopfen erwiderte niemand. Es blieb
+still in der Wohnung, nur der Wind pfiff durch die Türspalte, – offenbar
+standen die Ofenklappen auf – der Wind pfiff unheimlich.
+
+Noch einmal klingelte Marakulin, klopfte noch einmal, wartete und ging
+dann in die Portierloge. Aber auch Nikanor war nicht da. Er war in
+irgendeinen Kramladen gegangen; Wanjuschka aber, Nikanors Sohn, wußte
+nur zu sagen: er habe Akumowna am Morgen gesehen, seitdem sei er nicht
+mehr bei ihr oben gewesen; Akumowna sei zu Hause. Dabei lachte er über
+irgend etwas.
+
+Wenn sie aber zu Hause war, warum hörte sie nicht das Klopfen und
+öffnete die Tür nicht? Er hatte ja mindestens eine halbe Stunde
+geklingelt und nicht weniger lange geklopft. – War die Alte etwa tot?
+
+Er ging in das Seitengäßchen, trat ins Haustor und stieg die
+Hintertreppe hinauf. Aber seltsam: – während er hinaufstieg, glaubte er
+plötzlich in der Auferstehungskirche auf der Taganka[14] zur Abendmesse
+läuten zu hören, und sein Herz begann voll Unruhe rasch zu pochen.
+
+Die Tür in die Küche war nicht verschlossen. Akumowna saß am Herd, ihr
+Kopf war mit einem weißen Tuch umwickelt – mit einem weißen Tuch. Er
+erinnerte sich an die nächtlichen Worte aus seinem Traum in der
+Donnerstagnacht: „Die Mutter wird in Weiß sein.“ Vor Akumowna lagen auf
+einem Tellerchen zwei Eier, das dritte aß sie grade. „Das Pfund!“ flog
+es Marakulin durch den Sinn, „– das ist das Pfund!“
+
+Akumowna lächelte nicht, und ihre Augen waren fremd und hervorquellend.
+Nicht Akumowna saß am Herd, nein, nur eine, die Akumowna ähnlich sah.
+Und Entsetzen übermannte Marakulin.
+
+– Guter, gnädiger Herr! – Akumowna erhob sich plötzlich von ihrem Platz
+und sprach die Worte mit einer heiseren, betrunkenen Stimme, die der
+Stimme Akumownas nur von ferne glich.
+
+Marakulins Kräfte waren zu Ende, er klammerte sich an den Türpfosten und
+begann zu stöhnen.
+
+– Lieber gnädiger Herr, Gott behüte Sie, gnädiger Herr, Peter
+Alexejewitsch! Gleich bereite ich den Samowar, im Augenblick! – Jetzt
+wurde sie auf ihre gewöhnliche Art geschäftig, legte das Ei fort,
+ergriff den blanken Samowar und begann mit dem Blechrohr zu klappern.
+
+Marakulin ließ sich auf Akumownas Bank nieder, konnte aber nichts sagen;
+die Kehle war ihm zugeschnürt und seine Lippen bebten.
+
+– Lieber gnädiger Herr, – Akumowna machte sich mit dem Samowar zu
+schaffen, – mit mir ist was passiert, ich wäre fast gestorben, aber Gott
+hat sich meiner erbarmt!
+
+In der Tat, mit Akumowna hatte sich etwas ereignet, und wie sie dabei
+heil geblieben, war das reinste Wunder – Gott hatte sich ihrer erbarmt.
+Darum hatte sie weder das Klingeln noch das Klopfen gehört. Ja, es sei
+noch ein Glück, daß sie Marakulin überhaupt erkennen konnte und noch so
+viel Stimme hatte, um ein Wort hervorzubringen. Die Eier aber esse sie,
+um wieder zu Stimme zu kommen, und wenn auch heiser, so doch sprechen zu
+können und nicht wie eine Kuh zu muhen; – man könne auch das noch
+erleben.
+
+Akumowna war nämlich am Morgen auf den Boden hinaufgestiegen. Sie wollte
+die Wäsche, die dort hing, abnehmen, um sie noch vor der Abendmesse zu
+Pfingsten fertig zu plätten. Aber irgend jemand hatte sich wohl den Spaß
+gemacht, sie dort einzuschließen. Sie hatte zu schreien begonnen und
+schrie wohl ziemlich lange, aber niemand hörte sie. Es war ja kein
+Mensch in den Wohnungen, da sich alle in der Sommerfrische befanden, und
+keine Köchin, kein Hausmädchen hatte etwas auf dem Boden zu tun.
+Akumowna wußte, daß es nutzlos war, rief aber doch. Was sollte sie wohl
+anderes tun? Und wie sollte sie nicht schreien? Sollte sie auf dem Boden
+bleiben – wie lange? bis zum Herbst? bis die Leute aus der Sommerfrische
+zurückkehren würden? oder bis sich jener ihrer erbarmt, der sie
+eingeschlossen hatte? konnte man sich darauf verlassen? Man konnte sie
+ja inzwischen vergessen haben! Konnte man es wissen? Und auf dem Boden
+bleiben konnte sie doch auf keinen Fall! Sie war schon ganz heiser vom
+Schreien. Und so kroch sie im Dunkeln herum, um das vernagelte Fenster
+zu finden: sie hatte sich erinnert, daß da ganz unten am Dach ein
+Fenster war. Sie tappte um sich herum und fand schließlich eine Spalte,
+fand das mit Brettern vernagelte Fenster. Sie krallte sich in ein Brett,
+um es abzureißen, aber es saß zu fest, und wie sehr sie sich anstrengte,
+gelang es ihr nicht, die Oeffnung zu erweitern. Die Spalte aber war so
+klein, daß kaum eine Maus hätte durchschlüpfen können. Sie hing sich
+daran mit aller Kraft, riß mit beiden Händen – endlich gab es nach. Gott
+sei Dank, freies Licht! Sie bekreuzigte sich und stieg auf das Dach
+hinaus. In der Verwirrung aber wandte sie sich nach der herrschaftlichen
+Seite, nach den Kasernen zu. Sie kroch auf allen Vieren, aus Angst,
+auszurutschen, und schrie. So kam sie bis zum Schornstein, richtete sich
+am Schornstein auf, zog die Stiefel aus und warf sie auf die Straße. Die
+Kinder aber fingen die Stiefel auf und trugen sie davon. Sie stand
+barfuß, hielt sich am Schornstein fest und schrie. Und da sie dachte,
+daß niemand ihr bloßes Geschrei beachten würde, so schrie sie: der
+gnädige Herr sei nach Hause gekommen, klingle und sie könne nicht
+öffnen. Auf der Fontanka aber ist es so laut, die Dampfpfeifen, die
+Automobilhupen übertönen jedes Geschrei. Da sie barfuß nicht mehr
+auszugleiten fürchtete, entfernte sie sich vom Schornstein, ging auf dem
+Dach hin und her und schrie immer wieder: der gnädige Herr sei nach
+Hause gekommen, klingle und sie könne nicht öffnen. Auf dem Nachbardach
+arbeiteten Maler, die hörten es. „Was schreist du, Frauchen,“ riefen
+sie, „spring zu uns herüber,“ und lachten. Wie aber sollte sie
+hinübergelangen, wenn sie ihr keine Leiter reichten – sie hatten alle
+ihre Leitern selbst nötig – sie war doch keine Katze! Aber der erste
+Schreck war nun vorüber, und nachdem sie erst eine menschliche Stimme
+vernommen, erholte sie sich etwas und kam auf den Gedanken, auf die
+andre Seite hinüberzugehen, auf die Rückseite des Hauses, um dort an der
+Regenrinne entlang in den Hof hinunterzugleiten. Denn sich an der Rinne
+hinaufzuziehen, meinte Akumowna, sei schwer, die Hände könnten
+ohnmächtig werden, aber hinabzugleiten sei leicht: wenn das Rohr nur
+nicht aus den Händen entweicht, glitt man bequem hinab. In dieser
+Erwägung begab sie sich auf die Rückseite des Hauses und geradeaus zur
+Wasserrinne; – sie war nicht schwindlig. Schon hatte sie mit beiden
+Händen die Bekrönung erfaßt und die Füße herabgelassen, um die Rinne zu
+umklammern, da schrie Nikanor von unten: „Halt, Frauchen, kriech nicht,
+ich werde dir aufmachen!“ und lachte. Sie mußte nun über das ganze Dach
+zurück und sich durch das Fenster auf den Boden hinunterlassen.
+
+– Sechs Stunden habe ich mich so gequält, lieber gnädiger Herr, bin
+beinahe gestorben, aber Gott hat mich gerettet, hat sich meiner erbarmt!
+– schloß Akumowna.
+
+Inzwischen begann das Wasser im Samowar zu sieden, der rote
+Jurawljowsche Sänger schnaubte und schickte sich zu seinem Abendgesang
+an. Marakulin, der sich während der Erzählung Akumownas etwas erholt
+hatte, ging in sein Zimmer.
+
+Vielleicht war es möglich, daß sein düsterer Traum sich gar nicht auf
+ihn, sondern auf Akumowna bezog? – Oder sollte es doch nicht möglich
+sein, da man nicht für andre träumt? – Warum sollte man aber nicht auch
+für andre träumen können!
+
+Aber der Tag war noch nicht zu Ende, die Nacht kam, es kamen die letzten
+Stunden; es nahte die Stunde, da es galt, Rede und Antwort zu stehen,
+Rechenschaft zu geben und zu fordern.
+
+Akumowna brachte den Samowar, aß in der Küche ihre Eier, um ihre Stimme
+zu heilen, und kam wieder zu Marakulin herein, nach ihrer Gewohnheit mit
+den Karten in der Hand. Marakulin aber lehnte ab: er wolle keine Karten
+gelegt haben, er wolle ihr lieber seinen Traum erzählen, nur möge sie
+ihm die reine Wahrheit darüber sagen.
+
+Und er erzählte ihr ausführlich seinen düsteren Traum, alles genau
+hintereinander – er erinnerte sich ganz deutlich an jede Einzelheit. Er
+erzählte von der Stülpnasigen, Nackten, mit den großen Zähnen, und wie
+sie ihm eine Frist gesetzt hatte: den Sabbat, und von der Mutter mit dem
+Kreuz auf der Stirn, und wie die Mutter geweint hatte.
+
+– Was bedeutet dieser Traum, Akumowna?
+
+Akumowna schwieg, lächelte und sah eigentümlich idiotisch zur Seite.
+
+Und plötzlich wieder von dem schwarzen Gedanken getroffen, daß seine
+Frist der Sabbat sei, wurde Marakulin eiskalt.
+
+– Also ist alles wahr – dachte er, – denn warum schweigt Akumowna? –
+Also ist alles wahr, und in einigen Minuten würde seine Frist vollendet
+sein, seine Stunde schlagen, sein Ende?
+
+Der Mensch kommt zur Welt und ist bereits verurteilt; Alle sind von
+Geburt an verurteilt, und dennoch lebt man, verurteilt und das
+Todesurteil vergessend, weil man die Stunde nicht kennt. Aber wenn der
+Tag einem gesagt wird, wenn die Zeit abgemessen, die letzte Frist
+bestimmt und der Sabbat verkündigt ist, – das geht über die Kraft, die
+Gott dem Menschen verliehen, dem Menschen, den er mit dem Leben
+beschenkt, zum Tode verurteilt, dem er aber die Todesstunde verheimlicht
+hat.
+
+– Akumowna, ist es wahr, oder nicht wahr?
+
+– Ich bin ein unwissender Mensch, ich weiß nichts – erwiderte Akumowna,
+lächelte und sah eigentümlich idiotisch zur Seite.
+
+Da schnarrte die Uhr in der Küche und begann langsam zu schlagen, einen
+Schlag nach dem andern. Es schlug Zwölf. Der Sabbat war zu Ende, und der
+Sonntag begann.
+
+– Akumowna, hat es Zwölf geschlagen? – fragte Marakulin unsicher.
+
+– Zwölf, gnädiger Herr, Schlag Zwölf!
+
+– Es ist also schon Sonntag?
+
+– Ja, Sonntag, der heilige Sonntag, gnädiger Herr. Schlafen Sie wohl,
+Gott sei mit Ihnen! – Akumowna ließ den singenden Jurawljowschen Samowar
+stehen und ging in die Küche schlafen.
+
+Doch Marakulin konnte nicht schlafen. Er wartete ab, bis Akumowna ruhig
+wurde, deckte den Samowar zu, dann nahm er ein Kissen, legte es aufs
+Fensterbrett, wie es die Burkowschen Mieter, die in Petersburg
+übersommern, machen, und lehnte sich hinaus. Nein, er wollte nicht
+schlafen, die ganze Nacht nicht: der Sabbat war zu Ende, der Sonntag
+hatte begonnen!
+
+Es war leer ringsum, kein Mensch im Hof, kein Mensch in den Fenstern,
+nur er allein. Und plötzlich erblickte er auf dem Kehricht- und
+Ziegelhaufen, längs der Kästen und Stände, von der Müllgrube bis zum
+Abgußloch und weiter bis zu den Remisen, überall junge grüne Birken
+stehen. Der ganze Burkowsche Hof war mit Birken bedeckt, und die jungen
+Blättchen leuchteten so grün. Er fühlte, wie seine verlorene große
+Freude in ihm emporstieg und ihn überströmte: wie ein Quell schoß ihm
+unter dem Herzen diese große heiße Freude hervor – und wuchs, füllte das
+Herz und überflutete heiß die ganze Brust. Er sah nichts anderes mehr
+als diese Birken, und unter den Birken wandelte, selbst wie eine junge
+Birke schlank, seine Weruschka – Werotschka – Wera. Ihre Hände schienen
+mit den Blättern verwoben, und sie wandelte von Blättchen zu Blättchen
+nach der Remise zu, so leicht, als schwebte sie in der Luft, und es war,
+als wenn die Erde unter ihr verschwände. Da schwang sein Herz sich auf,
+überwallend, es riß ihn in die Höhe, er streckte die Arme aus – und das
+Gleichgewicht verlierend, stürzte Marakulin mitsamt dem Kissen in die
+Tiefe.
+
+Und im Sturze hörte er, wie durch ein Rohr aus einem tiefen
+Brunnenschacht, eine Stimme rufen:
+
+– Die Zeiten sind reif, die Sündenschale ist voll, die Strafe naht! –
+Ah, so steht es mit uns! Lieg du nun da. – Wieder einer weniger. – Du
+stehst nicht mehr auf – Dreckkopf!
+
+Marakulin lag mit zerschmettertem Schädel in einer Blutlache auf den
+Steinen des Burkowschen Hofes.
+
+
+ Druck von Mänicke und Jahn in Rudolstadt.
+
+
+
+
+ Fußnoten
+
+
+[1] Ein großes Petersburger Kloster.
+
+[2] Eine Industriestadt in Großrußland.
+
+[3] Klon bedeutet auf russisch etwa, die Neigung sich zu beugen.
+
+[4] Wundertätige Mönche, Heilige.
+
+[5] Vom Weißen Meer.
+
+[6] Berühmtes Moskauer Muttergottesbild.
+
+[7] Populäres Physik-Lehrbuch.
+
+[8] Ein Stadtviertel in Moskau.
+
+[9] Diminutiv von Pawel.
+
+[10] Kirche an der Taganka in Moskau.
+
+[11] Ein berühmtes Muttergottesbild in Moskau.
+
+[12] Ort in der Krim.
+
+[13] In Moskau.
+
+[14] In Moskau.
+
+
+ Anmerkungen zur Transkription
+
+Fußnoten wurden am Ende des Buches gesammelt.
+
+Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere
+Änderungen sind hier aufgeführt (vorher/nachher):
+
+ [S. 102]:
+ ... Geschenk, und er schenkte er ihr dagegen hundert ...
+ ... Geschenk, und er schenkte ihr dagegen hundert ...
+
+ [S. 200]:
+ ... den Kalitnikowschen Kirchhof befanden sich ...
+ ... dem Kalitnikowschen Kirchhof befanden sich ...
+
+ [S. 254]:
+ ... beklagte, daß in der Schule naß und kalt ...
+ ... beklagte, daß es in der Schule naß und kalt ...
+
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75679 ***