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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75698 ***
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+
+ F. M. Dostojewski: Sämtliche Werke
+
+ Unter Mitarbeiterschaft von Dmitri Mereschkowski
+ herausgegeben von Moeller van den Bruck
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+ Übertragen von E. K. Rahsin
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+ Zweite Abteilung: Fünfzehnter Band
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+ F. M. Dostojewski
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+ Helle Nächte
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+ Vier Novellen
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+ R. Piper & Co. Verlag, München, 1920
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+ R. Piper & Co. Verlag, München, 1920
+ Siebentes bis zwölftes Tausend
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+ Copyright 1920 by R. Piper & Co., G. m. b. H.,
+ Verlag in München
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+ Inhalt
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+ Einleitung VII
+ Vorbemerkung XV
+ Helle Nächte 1
+ Das junge Weib 99
+ Ein schwaches Herz 243
+ Ein Roman in neun Briefen 317
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+ Dostojewski, Petersburg und die Schönheit der Stadt
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+Die hellen Nächte sind die Lyrik des Nordens. In ihrem Lichte, in der
+geisternden Unwirklichkeit des finnischen Sumpfes, dort, wo Norden und
+Osten sich treffen, hat Peter seine Stadt gegründet. Und in dem Od
+dieser Stadt hat Dostojewski seine Menschen gesehen, Petersburger
+Menschen, die in dem Widerspruche leben müssen, daß sie als Russen
+wirkliche und als Europäer unwirkliche Menschen sind. Es ist nicht das
+Licht des reinen Nordens, das vom Pol kommt und in der Arktis seine
+harten elektrischen Phänomene empfängt. Es ist nicht das mythische Licht
+der Edda, in dem die Gestirne wie Runen am Himmel stehen und unter dem
+von einem großen Magus das Buch von der Welt aufgeschlagen wurde. Es ist
+auch nicht das Licht jener klaren dualistischen Nacht, in der Kant den
+bestirnten Himmel über ihm und das moralische Gesetz in ihm in Ehrfurcht
+bewundern lernte. Es ist vielmehr die Macht der finnischen Zauberer, die
+Kalews Söhne durchbrachen und in der Wanemuine sang: das Licht einer
+weicheren Helle, in der die Fläche der unendlichen Steppe zwischen
+Kaukasus und Skandinavien gen Norden zurückgeschlagen wurde. Es ist das
+Stadtlicht einer Halbhelle, in der die Menschen unsicher gehen, wie
+Schatten auftauchen, wie Schatten verschwinden, ohne Willen, wie ihn nur
+einmal Peter an dieser Stelle hatte, aber dafür mit einer äußersten
+Verinnerlichung, die Dostojewski hier in einer schrecklichen
+alltäglichen strindbergischen Wirklichkeit aufdeckte.
+
+Der erste Eindruck von Petersburg ist die Häßlichkeit seiner Menschen.
+Die finnische Urbevölkerung scheint in grauen und unscheinbaren
+Verkümmerungen fortzuleben. Die Verbindung zu einer neuen Stadtrasse
+mißlang und in zweihundertjähriger Großstadtinzucht wurde ein
+Bastardgeschlecht erzeugt, das in der Luft feuchter Stuben in naturlosem
+Nebelleben vollends verdarb. Dieser Eindruck wird noch gesteigert durch
+den Gegensatz, daß so viel fade und verdächtige Hübschheit sich
+hineinmischt, Schönheit, die aus polnischer, grusinischer und wer weiß
+welcher orientalischen Rasse stammt und hier auf ihren verweichlichten
+Rest zurückgeführt wurde: Schönheit ganz kleiner spitzer glatter Züge,
+die doppelt widerlich am Manne ist und über die auch der selbstgefällige
+Bart eines Würdenträgers nicht hinwegzutäuschen vermag. Wohl sieht man
+auch Erscheinungen: sieht Rasse zwischen Entrassung. Im Wagen oder
+Schlitten fährt eine glücklichere Gesellschaft vorüber, die in
+russischer Ungebundenheit gepflegteste Westlichkeit nachahmt. Doch die
+Menge ist ohne Bodenständigkeit, haltlos in sich, und auf den Straßen
+sieht man allenthalben diese leidenden Menschen mit dem Ausdruck von
+Krankheit, Verlebtheit, Verbrechen: Menschen, denen man alle Laster
+zutraut, worunter Spitzeltum und Bestechlichkeit, als die amoralischen
+Grundlagen der russischen Gesellschaft wie des russischen Staates im
+Volke, noch die gewöhnlichsten und von beinahe bürgerlicher
+Selbstverständlichkeit sind. Nirgendwo sonst gibt es diese mageren
+rachitischen Gestalten, diese fahlen hektischen Gesichter, verkümmert
+durch Not oder durch Ausschweifung, diese zweideutigen Mienen von
+Winkel- oder Kellermenschen, diesen Zug eines schlechten und doch
+gleichgültigen Gewissens auf einem gestempelten Gesicht. Abgearbeitetes
+und schlechtentlohntes Beamtentum mischt sich mit einer mißverstandenen
+und übertriebenen Halbwelteleganz. Verkommene sind da, von denen man
+nicht weiß, ob es Schwärmer sind, Ideologen in Entsagung, oder
+Zuchthäusler in Scheuheit und Frechheit zugleich. Es ist ein Fluch über
+dieser Stadt: Erbe einer großen Bestimmung auf unsicherem Grunde zu
+sein, in Entwurzelung und Ziellosigkeit, Erbe des petrinischen Irrtums
+und Verhängnisses, daß es in Rußland nie eine petrinische Nachfolge in
+Ebenbürtigkeit geben sollte. Doch immer wieder warf das Land seine
+Menschen in diese Stadt, Bauern, die hier zu Industriearbeitern wurden,
+Popensöhne, die als Nihilisten anfingen, um als Kanzlisten zu enden. Man
+glaubt sie noch herauszukennen, diese Generation der zuletzt
+Angekommenen. Und an einem Soldaten, an einem Dwornik, oder an diesen
+herrlichen Kutschern mit den prallen Pelzröcken, diesen steifen
+ausgestopften breitbärtigen Riesenpuppen, die mit der Würde von Königen
+die Gesellschaft über den Newskij fahren, erkennt man plötzlich, was
+Rasse auch hier ist, großrussische Rasse, tatarische Rasse, volklich,
+eigentümlich, ursprünglich, dort hinten, um Moskau, weit in Rußland.
+
+In dieser belasteten und verdorbenen, dieser unfertigen und doch schon
+frühalten Stadtbevölkerung, die Peter aufeinander angewiesen hatte und
+die seitdem von dem Staate in einer fahrlässigen und doch wieder
+großzügigen Ordnung zusammengehalten wurde, während sie selbst
+vorwiegend durch Betrug mit sich und dem Staate auskam – in ihr
+entdeckte Dostojewski den Menschen. Puschkin und Lermontoff hatten den
+romantischen Helden entdeckt, den byronischen Jüngling mit skeptischen
+und ironischen, aber auch mit heroischen und enthusiastischen Zügen, der
+freilich der Gesellschaft, nicht dem Volke angehörte, und hatten ihn mit
+Gestalten der Nation, der Sphären der Armee und Beamtenschaft, der
+Kleinbürger und Bauern nur umgeben. Dostojewski dagegen entdeckte den
+seelischen Menschen, die Tragödie der Unscheinbarkeit, die im
+Unbemerkten, in einem Mensch-für-sich-sein dahinlebte, und entdeckte,
+daß er voll von rührenden oder erschütternden inneren Werten war. Er tat
+es moralisch, mit einer leisen Beinote des Sozialen, in seinen
+Jugendwerken, von den „Armen Leuten“ bis zu den „Erniedrigten und
+Beleidigten“, und schließlich religiös, nachdem ihn seine sibirische
+Zeit mit den Ausgestoßenen dieser Gesellschaft und dieses Staates
+zusammengebracht und er selbst im Dulden die Erlösung von allen
+russischen und petersburgischen Leiden erlebt hatte, in den
+Heilandgestalten seiner großen Romane. Er tat es wohl auch humoristisch,
+indem er zu der Allmenschlichkeit, mit der er diesen Leiden in Güte
+begegnete, die behäbige oder verdrehte Allzumenschlichkeit fügte, die
+versöhnend in den Menschen selbst lag, oder die er hineinlegte. Und er
+tat es schließlich lyrisch, mit einer Behutsamkeit der tiefen
+Empfindung, aber auch der schwebenden Form, indem er die beseligte und
+beseligende Schönheit offenbar machte, die ihr Leben in der Armut seiner
+Geschicke und in der Häßlichkeit seiner Umgebung von innen erleuchtete.
+Die Menschen selbst wurden schön. Mädchen wurden reizend. Jünglinge
+erhielten, obwohl sie Petersburger blieben, frische Knabenhaftigkeit
+zurück. Und ein paar Alte bekamen die würdige Schönheit von Philemon und
+Baucis. Es war nicht klassische, nicht romantische Schönheit, sondern
+russische und seelische Schönheit, die sich von dem Nerv der Gefühle
+unmittelbar auf die Linie des Körpers übertrug, auf die Farbe des
+Ausdrucks, auf die Liebenswürdigkeit der Gestalt. Es war nicht
+moralische Schönheit im Sinne Kants, der aus der Schönheit eine Tugend
+gemacht hatte, jenes immer etwas umständliche Symbol des Sittlich-Guten,
+das man erst mit dem Verstande erfassen muß, ehe man es am Menschen
+entdecken kann. Es war eine ganz persönliche Schönheit, ohne Umwege,
+ohne Symbolik, in sich selber kniend, eingeboren in Worten und
+Handlungen.
+
+Zugleich entdeckte Dostojewski die Schönheit von Petersburg. Puschkin
+hatte ihr Pathos besungen, die Stadt des ehernen Reiters, die Nadel der
+Admiralität, den Granit der Newakais, die schreckende Nähe der
+Peterpaulsfeste, in deren Kirche die Romanoffs ruhen, der kriegerischen
+Stätte, deren Kanonen alle Ereignisse in der Dynastie und die Taten des
+Heeres donnernd über den Fluß verkündeten. Petersburg war immer schön,
+solange es petrinisch blieb. Aber zwischen Puschkin und Dostojewski lag
+die Entwicklung von der Residenz, die auch in ihren Furchtbarkeiten und
+Geheimnissen noch vornehm war, zu der grauen und grausamen Großstadt, in
+der die Menge die weiten Straßenzüge und hohen Mietshäuser zu füllen
+begann. Nun mußte die weiße Magie der Natur, atmosphärisches Licht und
+vibrierende Stimmung, die Schönheit des Alltags ersetzen, die
+Dostojewski, je länger er in ihr lebte, um so stärker empfand. Er hat
+Petersburg wohl auch mit harten, mit verfluchenden Worten bedacht. Aber
+er hat die Stadt doch immer wieder geliebt, ja die Liebe zu ihr, die
+Tatsache, daß er sie lieben konnte, teilte sich ihr selbst mit, wurde
+durch ihn zur Schönheit an ihr. Es war nicht ihr Stil, den er an ihr so
+liebte. Er scheint ihn gar nicht gekannt, gar nicht bemerkt zu haben.
+Dostojewskis Liebe zu Petersburg war unarchitektonisch, rein sensibel.
+Die majestäthaften Baulichkeiten, die immer der Ruhm der Zaren in dieser
+Stadt bleiben, werden niemals erwähnt, und nichts deutet darauf hin, daß
+er überhaupt wußte, daß Petersburg die Stadt eines großartigen
+Klassizismus und großer Klassizisten, der Sacharoff und Woronichin ist.
+Aber Dostojewski hat dafür jedes einzelne Haus geliebt und geliebkost.
+Er scheint mit allen vertraut und befreundet gewesen zu sein, und mit
+den unscheinbarsten am innigsten. An einer besonders schönen Stelle der
+„Hellen Nächte“ schildert er einmal, ganz in der treuherzigen Weise
+bunter russischer Märchen, wie in einer Straße, durch die ihn sein Weg
+des öfteren führt, jedes einzelne Haus vortritt und ihm sein neuestes
+Schicksal erzählt. Es war mit den Häusern von Petersburg wie mit den
+Menschen bei Dostojewski. Er belebte die Häuser menschlich, gab ihnen
+eine seelische Schönheit, wie es seelische Leidenschaften waren, in
+denen er seine Menschen leben ließ. Man empfindet diese Geistigkeit
+doppelt, wenn einmal, wie es in der Erzählung von dem „jungen Weibe“
+geschah, südliche und sinnliche Schönheit, südliche und sinnliche
+Leidenschaft, wenn Menschen von Südrußland, von der Wolga, vom Schwarzen
+Meere sich in dieses Nebelland und in diese Nebelstadt verirren. Dann
+verbindet sich der Mythe die Kabbala, und der Dithyrambos
+einer dunkleren Romantik klingt in die helle Lyrik dieser
+nordisch-phantastischen Überwirklichkeit. Dann wird Petersburg zu
+Rußland, und auf den Straßen, die zu seiner Hauptstadt führen, ziehen
+seine Völker heran, um sich in dieser einsamen grausamen frierenden
+Schönheit von Petersburg zu verlieren, die sie mit ihrem kalten Lichte
+aufnimmt und die doch eine so innige Schönheit ist, daß ihr Dichter die
+Häuser und die Herzen mit der gleichen Liebe umfangen kann.
+
+ M. v. d. B.
+
+
+
+
+ Vorbemerkung
+
+
+Der Band enthält die drei kürzeren Petersburger Novellen, die
+Dostojewski nach dem großen Erfolge der „Armen Leute“ zu Ende der
+vierziger Jahre geschrieben hat und die in der literarischen Zeitschrift
+„Vaterländische Annalen“ erschienen.
+
+Dem Bande ist eine kleine Halbhumoreske „Ein Roman in neun Briefen“
+hinzugefügt, die in der Zeit der „Hellen Nächte“ mit entstand: als das
+erste Stück Prosa mit komischem Unterton, in dem sich Dostojewski
+versuchte, und das so hinüberleiten mag zu seiner nächsten größeren
+Arbeit, dem Humoreskenroman „Das Gut Stepantschikowo“, den der folgende
+Band der Ausgabe bringt.
+
+ E. K. R.
+
+
+
+
+ Helle Nächte
+
+
+ Ein empfindsamer Roman
+ aus den Erinnerungen eines Träumers
+
+
+ „... Oder ward er nur erschaffen, um eine kleine
+ Weile lang Deinem Herzen nah zu sein? ...“
+
+ Iwan Turgenjeff.
+
+
+ Die erste Nacht.
+
+Es war eine wundervolle Nacht – eine Nacht, wie wir sie vielleicht nur
+sehen, wenn wir jung sind, mein lieber Leser. Der Himmel war so tief und
+nachthell, daß man sich bei seinem Anblick unwillkürlich fragen mußte,
+ob denn wirklich unter einem solchen Himmel böse und launische Menschen
+leben können? Das ist nun freilich eine Frage, auf die man nur in jungen
+Jahren verfallen kann, nur in sehr jungen sogar, mein lieber Leser! Doch
+möge der Herr sie öfter in Ihrer Seele erwecken! ... Während ich noch in
+dieser Weise an die verschiedensten Menschen dachte, mußte ich mich
+unwillkürlich auch meiner eigenen löblichen Aufführung an diesem Tage
+erinnern. Schon vom Morgen an hatte mich eine wunderliche Stimmung
+bedrückt. Ich hatte die Empfindung, daß ich, der ohnehin Einsame, von
+allen verlassen wurde, daß alle sich von mir zurückzogen. Natürlich hat
+jetzt ein jeder das Recht, mich zu fragen: ja, wer sind denn diese
+„alle“? Lebe ich doch bereits das achte Jahr in Petersburg und habe
+trotzdem noch so gut wie keine einzige Bekanntschaft zu machen
+verstanden. Wozu brauchte ich auch Bekannte? Ich bin sowieso schon mit
+ganz Petersburg bekannt. Eben deshalb schien es mir aber, als ob alle
+mich verließen, als ob sich jetzt ganz Petersburg aufmachte, um in die
+Sommerfrische zu gehen. Mir wurde es fast unheimlich, allein zu bleiben,
+und drei Tage lang strich ich tief bekümmert in der Stadt umher,
+entschieden unfähig zu begreifen, was in mir vorging. Auf dem Newskij,
+im Sommergarten, an den Kais war kein einziges von den Gesichtern zu
+sehen, denen ich tagtäglich zu bestimmter Stunde an derselben Stelle zu
+begegnen pflegte. Die Betreffenden kennen mich natürlich nicht, aber ich
+– ich kenne sie. Ich kenne sie sogar ganz genau: ich habe ihre
+Physiognomien studiert und freue mich, wenn sie froh sind, und fühle
+mich verstimmt, wenn sie betrübt sind. Ja ich kann sogar sagen, daß ich
+einmal fast eine Freundschaft geschlossen hätte: das war mit einem alten
+kleinen Herrn, dem ich jeden Tag, den Gott werden ließ, zur selben
+Stunde an der Fontanka begegnete. Er hatte eine so wichtige,
+nachdenkliche Miene und sein Unterkiefer bewegte sich immer, ganz so als
+kaue er etwas, der linke Arm schlenkerte ein wenig und in der rechten
+Hand hatte er einen langen Knotenstock mit einem goldenen Knopf. Auch er
+hatte mich bemerkt und nahm seitdem innigen Anteil an mir. So bin ich
+überzeugt, daß er, wenn er mich einmal nicht zur gewohnten Stunde an der
+gewohnten Stelle der Fontanka treffen sollte, sich gleichfalls
+entschieden verstimmt fühlen würde. Deshalb fehlte denn auch nicht viel,
+daß wir uns grüßten, namentlich wenn wir beide bei guter Laune waren.
+Vor kurzem noch, als wir uns ganze zwei Tage nicht gesehen hatten und
+dann einander am dritten Tage begegneten, hätten wir schon beinahe an
+die Hüte gegriffen, besannen uns aber zum Glück noch rechtzeitig, ließen
+die Hände sinken und gingen mit sichtlich anteilnehmender
+Zuvorkommenheit aneinander vorüber.
+
+Ich bin auch mit den Häusern bekannt. Wenn ich so gehe, dann ist es, als
+laufe jedes, sobald es mich erblickt, ein paar Schritte aus der Front
+und sehe mich aus allen Fenstern an und sage gewissermaßen: „Guten Tag,
+hier bin ich! und wie geht es Ihnen? Auch ich bin, Gott sei Dank, ganz
+frisch und munter, aber im Mai wird man mir noch ein Stockwerk
+aufsetzen.“ Oder: „Guten Tag! Wie geht’s? Denken Sie sich, ich werde
+morgen neu angestrichen!“ Oder: „Bei mir gab’s Feuer und ich wäre um ein
+Haar niedergebrannt – ich habe mich dabei so erschreckt!“ Und so weiter:
+in dieser Art. Unter ihnen habe ich natürlich meine Lieblinge, sogar
+gute Freunde. Eines von ihnen will sich in diesem Sommer von einem
+Architekten operieren lassen – umbauen, und ähnliches. Werde da
+unbedingt täglich hingehen, damit man mir den Freund nicht etwa
+vollkommen umbringt! Gott behüte ihn davor! ... Doch niemals werde ich
+die Geschichte mit dem einen kleinen allerliebsten hellrosa Häuschen
+vergessen! Es war das solch ein reizendes Häuschen, so freundlich sah es
+mich immer an und so stolz war es auf seine Reize unter den plumpen
+Nachbarn, daß mein Herz jedesmal lachte, wenn ich an ihm vorüberging.
+Plötzlich, in der vorigen Woche, wie ich in die Straße einbiege und nach
+meinem kleinen Liebling hinsehe – höre ich ein jammervolles Wehklagen:
+„Man tüncht mich gelb!“ Diese Barbaren! Diese Bösewichter! Nichts hatten
+sie verschont. Weder die Pfeiler noch die Karniese! Mein kleiner Freund
+war in der Tat gelb wie ein Kanarienvogel. Ich war nahe daran, vor Ärger
+selbst die Gelbsucht zu kriegen, so gallig machte mich der Fall, und bis
+jetzt bin ich noch nicht imstande gewesen, ihn wiederzusehen, meinen
+entstellten armen Kleinen, den die Unbarmherzigen in der Farbe des
+Reichs der Mitte angestrichen haben.
+
+Also folglich – jetzt begreifen Sie wohl, mein verehrter Leser, auf
+welche Weise ich mit ganz Petersburg bekannt bin.
+
+Ich sagte bereits, daß mich volle drei Tage eine seltsame Unruhe quälte,
+bis ich endlich ihre Ursache erriet. Auf der Straße fühlte ich mich
+nicht wohl (der eine war nicht zu sehen, der andere nicht, der dritte
+und vierte auch nicht – „wo mag wohl jener geblieben sein?“) – und auch
+zu Hause fühlte ich mich so anders, daß ich mich selbst kaum
+wiedererkannte. Zwei Abende versuchte ich vergeblich, zu ergründen, was
+mir nun eigentlich in meinen vier Wänden fehlen mochte. Warum fühlte ich
+mich mit einem Male so unbehaglich im Zimmer? Prüfend schaute ich mir
+meine grünen, verräucherten Wände an, musterte die Decke, an der
+Matrjona mit großem Erfolge das Spinngewebe behütete, besah mir meine
+Einrichtung, insbesondere jeden Stuhl, und fragte mich in Gedanken, ob
+nicht hier der Grund liege (denn wenn bei mir auch nur ein Stuhl nicht
+so steht, wie er gestern stand, dann bin ich nicht mehr ich selbst). Ich
+blickte nach dem Fenster – doch alles war umsonst ... mir ward deshalb
+nicht leichter zumute! Ja ich kam sogar auf den Gedanken, Matrjona zu
+rufen und ihr in väterlichem Tone einen gelinden Vorwurf wegen des
+Spinngewebes und der allgemeinen Vernachlässigung zu machen; aber sie
+sah mich nur verwundert an und ging fort, ohne ein Wort zu erwidern, so
+daß das Spinngewebe auch jetzt noch wohlbehalten an der Decke hängt.
+Erst heute morgen erriet ich endlich, um was es sich handelte. Also: sie
+zogen ja alle in die Sommerfrische und ließen mich im Stich! – das
+war’s: sie kniffen aus! Verzeihen Sie das triviale Wort, aber es war mir
+in dem Augenblick nicht um einen klassischen Ausdruck zu tun ... Es
+hatte doch wirklich alles, was in Petersburg lebte, die Stadt bereits
+verlassen, oder verließ sie noch täglich und stündlich. Wenigstens
+verwandelte sich in meinen Augen jeder ältere Herr von solidem Äußeren,
+der sich in eine Droschke setzte, in einen ehrwürdigen Familienvater,
+der nach den alltäglichen Geschäften in der Stadt hinausfuhr, um den
+Rest des Tages im Schoße seiner Familie zu verbringen. Jeder Mensch auf
+der Straße hatte jetzt ein völlig anderes Aussehen, eines, das jedem
+etwa sagen zu wollen schien: „Wir sind ja nur so, sind nur noch kurze
+Zeit hier, in zwei Stunden bereits fahren wir hinaus ins Grüne!“ Oder
+öffnete sich ein Fenster, an dessen Scheiben zuerst schlanke, weiße
+Fingerchen getrommelt, und beugte sich das hübsche Köpfchen eines jungen
+Mädchens hinaus, um den Blumenhändler herbeizurufen, – da stellte ich
+mir vor, daß diese Blumen auch „nur so“ von ihr gekauft wurden und
+durchaus nicht deshalb, um sich an diesem Blumentopf mit den paar
+Knospen und Blüten wie an einem Stück Frühling in der dumpfen Stube zu
+erfreuen, und daß sehr bald alle die Stadt verlassen und auch die Blumen
+mitnehmen würden. Doch damit noch nicht genug, ich machte vielmehr in
+meinem neuen Entdeckerberuf solche Fortschritte, daß ich bald schon
+allein nach dem Äußeren unfehlbar festzustellen vermochte, welchen
+Villenort ein jeder gewählt hatte. Die Bewohner der fashionablen
+Inseln[1] oder der Villen an der Peterhofstraße zeichneten sich durch
+auserlesene Eleganz sowohl im Gang und in jeder Geste, wie in den
+Sommerkostümen und Hüten aus und besaßen prachtvolle Equipagen, in denen
+sie zur Stadt gefahren kamen. Die Einwohner von Pargolowo und dort
+weiter hinaus „imponierten“ einem auf den ersten Blick durch ihre
+vernünftige Gediegenheit, und die von der Krestowskij-Insel durch ihre
+unverwüstlich heitere Gemütsverfassung. Traf es sich, daß ich einer
+langen Prozession von Frachtfuhrleuten begegnete, die, die Leine in der
+Hand, gemächlich einhertrotteten ... neben ihren hochbeladenen
+Lastwagen, auf denen ganze Berge von Tischen, Betten, Stühlen,
+türkischen und nichttürkischen Diwans schaukelten und auf deren Gipfel
+oft noch eine Küchenfee mit etwas verzagten Mienen thronte, oder auch,
+wenn sie sich sicherer fühlte, das herrschaftliche Gut mit Argusaugen
+bewachte, damit nur ja nichts unterwegs verloren ginge, – oder sah ich
+auf der Newa oder der Fontanka ein paar mit Hausgerät beladene Boote
+nach den Inseln oder stromaufwärts nach der Tschornaja-rjetschka ziehen,
+– die Boote wie die Fuhren verzehn-, verhundertfachten sich in meinen
+Augen –: so schien es mir, als mache alle Welt sich auf und ziehe in
+Karawanen hinaus, und als verwandle Petersburg sich in eine Wüste, so
+daß ich mich zu guter Letzt entschieden beschämt und gekränkt fühlte,
+und natürlich auch betrübt, denn nur ich allein hatte keine Möglichkeit
+und wohl auch keinen Grund, in die Sommerfrische hinauszuziehen. Und
+doch war ich bereit, auf jeden Lastwagen zu springen, mit jedem Herrn,
+der sich in eine Droschke setzte, mitzufahren; aber nicht einer von
+ihnen, kein einziger forderte mich dazu auf. Es war, als hätten sie mich
+plötzlich alle vergessen, als wäre ich ihnen allen im Grunde doch
+vollkommen fremd.
+
+Ich spazierte oft und lange umher, so daß ich meiner Gewohnheit gemäß
+wieder einmal vergessen hatte, wo ich eigentlich ging, bis ich mich
+schließlich an der Stadtgrenze fand. Da ward mir im Augenblick fröhlich
+zumute und ich trat hinter den Schlagbaum und ging weiter zwischen den
+besäten Feldern und Wiesen, ohne Müdigkeit zu verspüren, fühlte aber,
+daß mir eine Last von der Seele genommen wurde. Alle, die an mir
+vorüberfuhren, sahen mich so freundlich an, daß es fast wie ein Gruß
+war; alle schienen sie über irgend etwas froh zu sein. Und auch ich
+wurde so froh, wie ich noch nie in meinem Leben gewesen ...
+
+Ganz als befände ich mich plötzlich in Italien – so mächtig wirkte die
+Natur auf mich, den halbkranken Städter, der zwischen den Häusermauern
+fast schon erstickt war.
+
+Es liegt etwas unsagbar Rührendes in unserer Petersburger Natur, wenn
+sie im Frühling erwacht und plötzlich ihre ganze Macht offenbar und alle
+ihre vom Himmel verliehenen Kräfte entfaltet: wenn sie sich mit jungem
+weichem Laub umhüllt und mit bunten Blumen und zarten Blüten schmückt
+... Dann erinnert sie mich unwillkürlich an ein sieches Mädchen, auf das
+man zuweilen mit Bedauern, zuweilen mit einer seltsam mitleidigen Liebe
+blickt oder das man zuweilen auch überhaupt nicht bemerkt, das dann aber
+plötzlich, auf einen Augenblick und ganz unverhofft, nahezu märchenhaft
+schön wird, so schön, daß man bestürzt und berauscht vor ihr steht und
+sich verwundert fragt: welche Macht hat in ihren traurigen, verträumten
+Augen dieses Leuchten erweckt? Was hat das Blut in ihre bleichen
+abgezehrten Wangen getrieben und läßt nun diese zarten Züge tiefe
+Leidenschaft widerspiegeln? Weshalb hebt sich ihre Brust? Was hat so
+plötzlich Kraft, Leben und Schönheit in das Antlitz des armen Mädchens
+gebracht, daß es in süßem Lächeln erglänzt und zu sprühendem Lachen
+fähig wird? Und man sieht sich im Kreise um, man sucht jemand, man
+beginnt zu ahnen, zu erraten ... Doch der Augenblick ist vergänglich und
+vielleicht morgen schon werden wir wieder dem zerstreuten, verträumten
+Blick begegnen, wie früher, und werden wieder das blasse Gesicht
+wahrnehmen und dieselbe Ergebung und Schüchternheit in den Bewegungen
+und sogar so etwas wie Reue, sogar Spuren eines lähmenden Kummers und
+Ärgers über dieses kurze Aufleben ... Und es tut einem leid, daß die
+Schönheit so schnell und unwiderruflich verwelkt ist, daß sie so
+trügerisch und vergeblich vor einem geleuchtet hat – leid, weil man
+nicht einmal Zeit gehabt, sie liebzugewinnen ...
+
+Und doch war meine Nacht noch schöner als der Tag.
+
+Ich kehrte erst spät in die Stadt zurück und es schlug bereits zehn, als
+ich mich meiner Wohnung näherte. Mein Weg führte am Kanal entlang, wo zu
+dieser Stunde gewöhnlich keine lebende Seele zu sehen ist. Freilich lebe
+ich auch in einem sehr stillen entlegenen Stadtteil. Ich ging und sang,
+denn wenn ich glücklich bin, muß ich unbedingt irgend etwas vor mich
+hinsummen, wie eben jeder glückliche Mensch, der weder Freunde noch gute
+Bekannte hat, noch einen Menschen, mit dem er seine frohen Augenblicke
+teilen kann. Da nun, in dieser Nacht, hatte ich plötzlich ein
+überraschendes Abenteuer.
+
+Nicht weit vor mir erblickte ich eine Gestalt in Frauenkleidern: sie
+stand und stützte die Ellbogen auf das Geländer des Kais und sah, wie es
+schien, aufmerksam in das trübe Wasser des Kanals. Sie trug ein
+entzückendes gelbes Hütchen und eine kokette kleine schwarze Mantille.
+„Das ist ein junges Mädchen und sicherlich ist sie brünett,“ dachte ich.
+Sie schien meine Schritte nicht zu hören, denn sie rührte sich nicht,
+als ich langsam mit angehaltenem Atem und laut pochendem Herzen an ihr
+vorüberging. „Sonderbar!“ dachte ich, „jedenfalls muß sie ganz in
+Gedanken versunken sein“ – und plötzlich zuckte ich zusammen und blieb
+wie gebannt stehen: ich hörte dumpfes Schluchzen ... Ja! ich täuschte
+mich nicht: das junge Mädchen weinte – nach einer Weile klang es wieder
+wie ein Aufschluchzen, und dann wieder. Mein Gott! Das Herz krampfte
+sich mir zusammen. Wie befangen ich auch sonst Frauen gegenüber bin,
+diesmal – es waren aber auch so seltsame Umstände! ... Kurz, ich
+entschloß mich im Augenblick, trat auf sie zu und – würde unbedingt
+„Meine Gnädigste!“ gesagt haben, wenn ich nicht gewußt hätte, daß diese
+Anrede in allen russischen Romanen, die die höheren Gesellschaftskreise
+schildern, mindestens tausendmal vorkommt. Das allein hielt mich davon
+ab. Doch während ich noch nach einer passenden Anrede suchte, kam das
+junge Mädchen wieder zu sich, sah sich um, erblickte mich, schlug die
+Augen nieder und huschte an mir vorüber. Ich folgte ihr sogleich, was
+sie jedoch zu fühlen schien, denn sie verließ den Kai, überschritt die
+Straße und ging auf dem anderen Trottoir weiter. Ich wagte nicht, ihr
+dorthin zu folgen. Mein Herz zitterte wie einem gefangenen Vogel. Da kam
+mir ein Zufall zu Hilfe.
+
+Auf jenem Trottoir tauchte plötzlich in der Nähe meiner Unbekannten ein
+Herr auf – ein Herr in zweifellos soliden Jahren, jedoch mit einer
+Gangart, die sich nicht gerade als solid bezeichnen ließ. Er ging
+wankend und stützte sich mitunter an die Häuser. Das junge Mädchen
+schritt indes gesenkten Blicks weiter, ohne sich umzusehen, und so
+schnell, wie es alle jungen Mädchen tun, die nicht wünschen, daß jemand
+sich ihnen nähere und sich erbiete, sie in der Nacht nach Hause zu
+begleiten. Der wankende Herr hätte sie auch niemals eingeholt, wenn er
+nicht mit einer gewissen Schlauheit auf etwas Nichtvorherzusehendes
+verfallen wäre: ohne ein Wort oder einen Anruf, raffte er sich nämlich
+plötzlich auf und lief ihr möglichst leise nach. Sie ging wie der Wind,
+doch der Herr kam ihr schnell näher und holte sie ein – das Mädchen
+schrie auf, und ... ich dankte dem Schicksal für den Rohrstock, den ich
+in meiner Rechten hielt! Im Augenblick war ich auf der anderen Seite, im
+Augenblick begriff auch der Herr, um was es sich handelte, und die
+Vernunft siegte in ihm: er schwieg, trat zurück, und erst als wir fast
+schon außer Hörweite waren, protestierte er in ziemlich energischen
+Ausdrücken gegen meine Handlungsweise. Doch wir hörten ihn kaum.
+
+„Nehmen Sie meinen Arm,“ sagte ich zu der Unbekannten, „dann wird er es
+nicht mehr wagen, Sie zu belästigen.“
+
+Schweigend legte sie ihr Händchen, das von der Aufregung und dem Schreck
+noch zitterte, auf meinen Arm. Oh, du ungerufener Herr! Wie segnete ich
+dich in diesem Augenblick! Ich warf einen schnellen Blick auf meine
+Begleiterin: sie sah reizend aus und war brünett, wie ich es mir gleich
+gedacht hatte. An ihren dunkeln Wimpern glänzten noch Tränen – ob vom
+Schreck oder von dem Kummers, über den sie am Kai geweint, das lasse ich
+dahingestellt. Aber ihre Lippen versuchten schon, zu lächeln. Auch sie
+sah mich heimlich an, errötete, als ich es bemerkte, und senkte den
+Blick.
+
+„Sehen Sie, nun, warum liefen Sie vorhin von mir fort? Wäre ich bei
+Ihnen gewesen, so wäre nichts geschehen ...“
+
+„Aber ich kannte Sie doch nicht! Ich dachte, daß Sie ebenso ...“
+
+„Ja, kennen Sie mich denn jetzt?“
+
+„Ein wenig. Aber – weshalb zittern Sie?“
+
+„Oh, da haben Sie gleich alles erraten!“ versetzte ich entzückt, denn
+ich glaubte aus ihrer Bemerkung entnehmen zu dürfen, daß sie, die so
+schön war, auch klug war. „Wie Sie gleich auf den ersten Blick erkennen,
+mit wem Sie es zu tun haben! Es ist wahr, ich bin Frauen gegenüber
+befangen, und ich leugne auch nicht, daß ich mich im Augenblick erregt
+fühle, ebenso wie Sie vor ein paar Minuten, als jener Herr Sie
+erschreckte ... Auch ich fühle jetzt so etwas wie einen Schreck: die
+ganze Nacht erscheint mir wie ein Traum, mir, der ich es mir niemals
+habe träumen lassen, daß ich jemals in die Lage kommen könnte, mit einem
+jungen Mädchen in dieser Weise zu sprechen.“
+
+„Was? Wirklich?“
+
+„Mein Wort darauf; und wenn mein Arm jetzt bebt, so kommt das nur daher,
+daß er noch nie von einer so reizenden kleinen Hand, wie die Ihrige,
+berührt worden ist. Ich bin jetzt des Umgangs mit Frauen vollständig
+ungewohnt; das heißt, ich will damit nicht etwa sagen, daß ich früher
+einmal einen solchen Umgang gewohnt gewesen bin. Nein, ich lebe von
+jeher allein und für mich ... Ich weiß nicht einmal, wie man mit ihnen
+spricht. Auch jetzt zum Beispiel weiß ich nicht, ob ich Ihnen nicht
+irgendeine Dummheit gesagt habe. Ist das der Fall, so sagen Sie es mir,
+bitte, ganz offen. Ich werde es Ihnen nicht übelnehmen ...“
+
+„Nein, nein, gar nicht, im Gegenteil. Und wenn Sie schon einmal
+verlangen, daß ich aufrichtig sein soll, dann will ich Ihnen sagen, daß
+solche Befangenheit den Frauen sogar sehr gefällt. Und wenn Sie noch
+mehr wissen wollen, dann will ich gleich gestehen, daß sie auch mir
+gefällt, und ich werde Sie nicht früher fortschicken, als bis ich bei
+unserem Hause angelangt bin.“
+
+„Sie sind ja so reizend, daß ich gleich meine ganze Befangenheit
+verliere,“ rief ich entzückt, „und dann – lebt wohl alle meine Chancen!
+...“
+
+„Chancen? Was für Chancen, und wozu? Nein, das gefällt mir nun wieder
+gar nicht!“
+
+„Verzeihung, es war mir auch nur so ... entschlüpft, ganz gegen meinen
+Willen! Aber wie können Sie auch verlangen, daß in einem solchen
+Augenblick nicht der Wunsch erwachen soll ...?“
+
+„Zu gefallen etwa?“
+
+„Nun ja, versteht sich. Aber seien Sie – oh, um Gottes willen, seien Sie
+großmütig! Bedenken Sie, wer ich bin! Ich bin schon sechsundzwanzig
+Jahre alt – und noch habe ich mit keinem Menschen Verkehr gehabt. Wie
+sollte ich da plötzlich nach allen Regeln der Kunst eine Unterhaltung
+anzuknüpfen verstehen? Aber Sie werden mich um so besser begreifen, wenn
+alles offen vor Ihnen liegt ... Ich verstehe nicht zu schweigen, wenn
+das Herz in mir spricht. Nun, gleichviel ... Glauben Sie mir, ich kenne
+keine einzige Frau, keine einzige! Ich habe überhaupt keine
+Bekanntschaft. Ich träume nur jeden Tag, daß ich endlich irgend einmal
+irgendwo doch irgend jemand treffen und kennen lernen werde. Ach, wenn
+Sie wüßten, wie oft ich schon auf diese Weise verliebt gewesen bin ...“
+
+„Aber wie denn das, in wen denn?“
+
+„Ja, in niemand, einfach in ein Ideal, das ich im Traum vor mir sehe.
+Ich ersinne in meinen Träumen gewöhnlich ganze Romane. Oh, Sie kennen
+mich noch nicht! Doch was sage ich! – natürlich habe ich mit zwei oder
+drei Frauen gesprochen, aber was waren denn das für Frauen? Das waren ja
+nur solche Wirtinnen, daß ... Aber ich will Sie lieber fröhlich machen
+und Ihnen etwas erzählen: Ich habe schon mehrmals die Absicht gehabt, so
+ganz ohne weiteres irgendeine Aristokratin auf der Straße anzureden.
+Selbstverständlich, wenn sie allein ist, und ebenso selbstverständlich
+mit aller Ehrerbietung, aber doch mit Bangen, und um ihr dann voll
+Leidenschaft zu sagen, daß ich so allein umkomme, und um sie zu bitten,
+daß sie mich nicht fortjage und daß ich sonst keine Möglichkeit habe,
+auch nur je irgendeine Frau kennen zu lernen. Ich würde ihr sagen, daß
+es sogar die Pflicht jeder Frau sei, die bescheidene Bitte eines so
+unglücklichen Menschen, wie ich einer bin, nicht abzuschlagen. Daß
+schließlich alles, um was ich sie bitte, nichts weiter sei, als daß sie
+mir erlaube, ihr brüderlich zwei Worte sagen zu dürfen, daß sie mir nur
+etwas Teilnahme zeigen und mich nicht gleich im ersten Augenblick
+davonjagen solle, daß sie mir vielmehr aufs Wort glauben und daß sie
+anhören möge, was ich ihr zu sagen wünsche, und sollte sie mich auch
+auslachen, gleichviel! – aber daß sie mir wenigstens etwas Hoffnung
+geben und mir zwei Worte sagen müsse, nur zwei Worte, damit würde ich
+mich zufrieden geben, und sollten wir uns auch nie wiedersehen! ... Aber
+Sie lachen ... Übrigens rede ich ja auch nur deshalb ...“
+
+„Seien Sie mir nicht böse. Ich lache, weil Sie ja Ihr eigener Feind sind
+... wenn Sie es versuchten, so würde es Ihnen schon gelingen, und wäre
+es auch auf der Straße: je einfacher, desto besser. Kein einziges
+Mädchen, wenn sie nur nicht schlecht oder dumm ist oder in dem
+Augenblick gerade sehr geärgert über irgend etwas, würde es übers Herz
+bringen, Sie fortzuschicken, ohne Ihre zwei Worte anzuhören – wenn Sie
+so bescheiden darum bitten ... Doch nein, was sage ich! Natürlich würde
+sie Sie für einen Verrückten halten! Im übrigen habe ich da nach meinem
+Empfinden geurteilt. Ich weiß doch auch ein wenig, wie die Menschen
+sind.“
+
+„Oh, ich danke Ihnen,“ rief ich, „Sie wissen nicht, was Sie mir mit
+Ihrer Antwort gegeben haben!“
+
+„Gut, gut! Aber sagen Sie mir, woran haben Sie es erkannt, daß ich ein
+Mädchen bin, mit dem man ... nun, das Sie für würdig halten ... Ihrer
+Aufmerksamkeit und Freundschaft ... Mit einem Wort, keine Hauswirtin,
+wie Sie sagten ... Warum entschlossen Sie sich, sich gerade mir zu
+nähern?“
+
+„Warum? Warum! Sie waren allein, jener Herr benahm sich so dreist und
+jetzt ist es Nacht: da werden Sie doch zugeben, daß es meine Pflicht war
+...“
+
+„Nein, nein, vorher, dort, auf der anderen Seite, am Kai. Da wollten Sie
+sich mir doch schon nähern?“
+
+„Dort, auf jener Seite? Ich weiß nicht, was ich Ihnen darauf antworten
+soll ... Ich fürchte ... Ja sehen Sie, ich war heute so glücklich: ich
+ging und sang, ich war draußen vor der Stadt ... ich habe mich noch nie
+so glücklich gefühlt. Sie dagegen ... aber vielleicht schien es mir nur
+so ... verzeihen Sie, daß ich Sie daran erinnere – es schien mir, daß
+Sie weinten, und ich ... ich vermochte das nicht mitanzuhören ... es
+preßte mir das Herz zusammen ... Mein Gott, konnte ich Ihnen denn nicht
+helfen? Durfte ich nicht Ihren Kummer teilen? War es denn Sünde, daß ich
+brüderliches Mitleid mit Ihnen empfand? ... Verzeihen Sie, ich sagte
+Mitleid ... Nun gleichviel, mit einem Wort – konnte es Sie denn
+beleidigen, wenn ich da unwillkürlich das Verlangen empfand, mich Ihnen
+zu nähern? ...“
+
+„Schon gut, hören Sie auf, sprechen Sie nicht weiter ...“ unterbrach
+mich das Mädchen. Sie sah verwirrt zu Boden und ich fühlte, wie ihre
+Hand zuckte. „Es ist meine Schuld, daß ich überhaupt davon anfing. Aber
+es freut mich, daß ich mich in Ihnen nicht getäuscht habe ... So, jetzt
+bin ich gleich zu Hause, ich muß hierher in die Querstraße, nur noch
+zwei Schritte ... Leben Sie wohl, und ich danke Ihnen ...“
+
+„Ja, sollen wir uns denn wirklich niemals wiedersehen? ... Soll das denn
+schon das Ende sein?“
+
+„Sehen Sie, wie Sie sind!“ sagte sie lachend, „anfangs wollten Sie nur
+zwei Worte reden, und jetzt! ... Übrigens will ich nichts verschwören
+... Vielleicht werden wir einander noch begegnen ...“
+
+„Ich werde morgen wieder hier sein,“ sagte ich schnell. „Verzeihen Sie,
+ich fordere bereits ...“
+
+„Ja, Sie sind recht ungeduldig ... fast fordern Sie bereits ...“
+
+„Hören Sie, hören Sie!“ unterbrach ich sie, „verzeihen Sie, wenn ich
+Ihnen wieder irgend so etwas sage ... Aber sehen Sie: ich kann nicht
+anders, ich muß morgen hierherkommen. Ich bin ein Träumer, ich kenne so
+wenig wirkliches Leben, und einen solchen Augenblick, wie diesen, erlebe
+ich so selten, daß es mir ganz unmöglich wäre, ihn mir in meinen Träumen
+nicht immer wieder zu vergegenwärtigen. Von Ihnen werde ich jetzt die
+ganze Nacht träumen, die ganze Woche, das ganze Jahr! Ich werde
+unbedingt morgen hierherkommen, gerade hierher, wo wir jetzt stehen, und
+um dieselbe Zeit, und ich werde glücklich sein in der Erinnerung an die
+heutige Begegnung. Schon jetzt ist mir diese Stelle hier lieb. So habe
+ich noch zwei oder drei andere Stellen in Petersburg, die mir lieb sind.
+Ich habe einmal sogar geweint, ganz wie Sie vorhin, als plötzlich eine
+Erinnerung in mir erwachte ... Vielleicht haben Sie heute dort am Kai
+gleichfalls nur deshalb geweint, weil eine Erinnerung über Sie kam ...
+Verzeihen Sie, ich habe wieder davon gesprochen! Sie waren dort
+vielleicht einmal ganz besonders glücklich ...“
+
+„Nun gut,“ sagte das Mädchen plötzlich, „also hören Sie: ich werde
+morgen auch hierherkommen, um zehn Uhr. Ich sehe, daß ich es Ihnen doch
+nicht verwehren kann ... Aber Sie wissen noch nicht, um was es sich
+handelt – ich muß nämlich sowieso unbedingt hierherkommen. Denken Sie
+deshalb nicht, daß ich Ihnen ein Stelldichein gebe. Ich muß vielmehr aus
+einem ganz besonderen Grunde und in meinem eigenen Interesse
+hierherkommen, damit Sie’s wissen. Aber ... nun gut, ich will ganz
+aufrichtig sein: es tut nichts, wenn auch Sie kommen. Erstens könnte es
+wieder eine Unannehmlichkeit geben, wenn ich allein bin, wie heute, aber
+das ist nicht so wichtig ... Nein, kurz, ich würde Sie gern wiedersehen,
+um ... um ein paar Worte mit Ihnen zu sprechen. Nur, sehen Sie, Sie
+werden mich doch jetzt nicht verurteilen? Denken Sie deshalb nicht, daß
+ich so leicht ein Stelldichein gebe ... Ich würde es auch nicht tun,
+wenn nicht ... Nein, das mag noch mein Geheimnis bleiben! Aber zuvor
+eine Bedingung ...“
+
+„Eine Bedingung?! Sagen Sie, sprechen Sie es aus – ich bin mit allem
+einverstanden, bin zu allem bereit!“ rief ich förmlich begeistert. „Ich
+stehe für mich ein – ich werde gehorsam, werde ehrerbietig sein ... Sie
+kennen mich –“
+
+„Gerade deshalb, weil ich Sie kenne, fordere ich Sie auch für morgen
+auf,“ sagte das Mädchen lachend. „Ich kenne Sie bereits ganz genau. Aber
+wie gesagt, kommen Sie nur unter einer Bedingung: seien Sie so gut und
+erfüllen Sie meine Bitte, ja? Sie sehen, ich rede ganz offen: Also: daß
+Sie sich nicht in mich verlieben ... Das darf nicht geschehen, auf
+keinen Fall. Zur Freundschaft bin ich herzlich gern bereit, hier, meine
+Hand darauf ... Aber verlieben, nein, nur das nicht, ich bitte Sie!“
+
+„Ich schwöre Ihnen,“ rief ich und ergriff ihre Hand.
+
+„Schon gut, schwören Sie nicht, ich weiß ja doch, daß Sie fähig sind,
+sich wie Pulver zu entzünden. Verübeln Sie es mir nicht, wenn ich Ihnen
+so etwas sage. Aber wenn Sie wüßten ... Ich habe auch keinen Menschen,
+mit dem ich ein Wort sprechen oder den ich um Rat fragen könnte.
+Natürlich sucht man im allgemeinen seine Ratgeber nicht auf der Straße,
+aber Sie sind eine Ausnahme. Ich kenne Sie schon so gut, als wären wir
+zwanzig Jahre Freunde. Nicht wahr, Sie sind doch kein Ungetreuer, Sie
+werden Ihr Versprechen doch halten? ...“
+
+„Sie werden sehen, Sie werden sehen ... nur freilich, wie ich die
+nächsten vierundzwanzig Stunden überleben soll, das weiß ich nicht!“
+
+„Schlafen Sie so fest wie möglich. Und nun, gute Nacht – und vergessen
+Sie nicht, daß ich Ihnen schon mein Vertrauen geschenkt habe. Aber es
+war so hübsch, was Sie vorhin sagten, und Sie haben recht, man kann
+einander doch wirklich nicht über jedes Gefühl Rechenschaft geben, und
+wenn es auch nur brüderliches Mitgefühl ist! Wissen Sie, das sagten Sie
+so lieb, daß mir sogleich der Gedanke kam, mich Ihnen anzuvertrauen ...“
+
+„Ja, aber worin denn?“
+
+„Morgen sag’ ich’s Ihnen. Bis dahin mag es noch mein Geheimnis bleiben.
+Um so besser für Sie: das Ganze wird so wenigstens wirklich wie ein
+Roman aussehen. Vielleicht werde ich es Ihnen schon morgen sagen,
+vielleicht aber auch morgen noch nicht ... Ich werde mit Ihnen vorher
+noch von anderem sprechen: wir müssen uns erst näher kennen lernen ...“
+
+„Oh, was mich betrifft, so erzähle ich Ihnen morgen meinetwegen alles
+von mir! Aber was ist das nur? Mir kommt es vor, als geschehe ein Wunder
+mit mir ... Wo bin ich, mein Gott?! So sagen Sie doch, sind Sie nun
+wirklich nicht ungehalten darüber, daß Sie mich nicht gleich zu Anfang
+fortgeschickt haben? Es waren nur zwei Minuten: und Sie haben mich für
+immer glücklich gemacht. Ja, glücklich! Wer weiß, vielleicht haben Sie
+mich sogar mit mir selbst versöhnt und alle meine Zweifel aufgehoben ...
+Vielleicht habe ich Augenblicke ... Ach nein, morgen erzähle ich Ihnen
+alles, dann werden Sie alles erfahren, alles ...“
+
+„Gut, abgemacht! Und Sie erzählen zuerst.“
+
+„Einverstanden.“
+
+„Dann also auf Wiedersehen!“
+
+„Auf Wiedersehen!“
+
+Wir trennten uns. Ich lief noch die ganze Nacht umher: ich konnte mich
+nicht entschließen, nach Haus zurückzukehren. Ich war so glücklich ...
+ich dachte nur an dieses Wiedersehen!
+
+
+ Die zweite Nacht.
+
+„Da hätten wir’s also glücklich überlebt!“ sagte sie zum Gruß und
+drückte mir lachend beide Hände.
+
+„Ich bin schon seit zwei Stunden hier. Sie wissen nicht, wie ich den Tag
+verbracht habe.“
+
+„Ich weiß, ich weiß ... Doch zur Sache! Was meinen Sie wohl, weshalb ich
+hergekommen bin? Doch nicht, um solchen Unsinn zu reden, wie gestern!
+Nein, hören Sie mich an: wir müssen hinfort klüger sein. Ich habe mir
+das reiflich überlegt.“
+
+„Warum denn, warum denn klüger? Ich meinerseits bin ja gern dazu bereit:
+nur ist mir sowieso schon in meinem Leben nichts Klügeres geschehen, als
+gestern ...“
+
+„Wirklich? Aber hören Sie – erstens bitte ich Sie, meine Hände nicht so
+zu drücken; und zweitens teile ich Ihnen mit, daß ich heute lange über
+Sie nachgedacht habe.“
+
+„Nun, und? Was war das Ergebnis?“
+
+„Das Ergebnis? Ich kam zu der Einsicht, daß wir von neuem anfangen
+müssen, denn zum Schluß sagte ich mir doch, daß ich Sie ja noch gar
+nicht kenne und daß ich mich gestern recht wie ein Kind, wie ein ganz
+kleines Mädchen benommen habe. Dabei stellte es sich aber heraus, daß an
+allem natürlich nur mein gutes Herz schuld war, das heißt, ich habe zum
+Schluß vor mir selbst ordentlich groß getan, wie das ja zu guter Letzt
+immer geschieht, wenn wir uns über uns selbst Rechenschaft geben. Und
+deshalb, um den Fehler wieder gutzumachen, habe ich mir vorgenommen,
+zunächst alles über Sie ganz genau in Erfahrung zu bringen. Da ich nun
+aber niemand kenne, bei dem ich mich nach Ihnen erkundigen könnte, so
+müssen Sie selbst mir alles erzählen, aber auch alles und ganz
+ausführlich. Nun also: was für ein Mensch sind Sie? Schnell – so fangen
+Sie doch an, erzählen Sie Ihre Geschichte!“
+
+„Geschichte?“ rief ich erschrocken, „meine Geschichte? Aber wer hat
+Ihnen denn gesagt, daß ich eine Geschichte habe? Ich habe keine
+Geschichte ...“
+
+„Ja – Wie haben Sie denn überhaupt gelebt, wenn Sie keine Geschichte
+haben?“ fragte sie lachend.
+
+„Oh, ganz ohne jede Geschichte! Also, ich habe eben gelebt, für mich
+allein, wie man bei uns zu sagen pflegt, eben ganz allein, immer allein,
+vollkommen allein – wissen Sie, was das heißt, ‚allein‘?“
+
+„Aber wie denn: allein? So, daß Sie niemals jemand gesehen haben?“
+
+„O nein, gesehen – das schon. Aber trotzdem war ich immer allein.“
+
+„Ja wie, ich verstehe Sie nicht. Sprechen Sie denn mit keinem Menschen?“
+
+„Strenggenommen – mit keinem einzigen.“
+
+„Aber was sind Sie denn für ein Mensch, erklären Sie mir das doch. Nein!
+Warten Sie, ich errate es schon von selbst: Sie haben ganz sicher auch
+eine Großmutter, genau wie ich. Die meinige ist blind, wissen Sie, und
+nun läßt sie mich ihr Lebtag nicht von sich fort, so daß ich fast schon
+zu sprechen verlernt habe. Als ich ihr nämlich vor zwei Jahren einen
+kleinen Streich spielte und sie einsehen mußte, daß sie kein Mittel
+hatte, solchen Streichen vorzubeugen, da rief sie mich zu sich und
+steckte mein Kleid mit einer Stecknadel an das ihrige – und so sitzen
+wir denn seitdem tagaus tagein nebeneinander. Sie strickt ihren Strumpf,
+obschon sie blind ist; ich muß neben ihr sitzen, nähen oder ihr aus
+einem Buch vorlesen – ... oh, oft kommt es mir selbst ganz sonderbar
+vor, daß ich nun schon zwei Jahre lang in dieser Weise angesteckt bin
+...“
+
+„Mein Gott, das muß allerdings furchtbar sein! Aber ich, ich habe keine
+solche Großmutter.“
+
+„Dann begreife ich nicht, wie Sie immer zu Hause sitzen können?“
+
+„Hören Sie, Sie wollten ja wissen, wer ich bin?“
+
+„Allerdings!“
+
+„Im Ernst?“
+
+„Natürlich!“
+
+„Gut. Ich bin also: ein – Typ.“
+
+„Was? Ein Typ? Was für ein Typ?“ fragte das Mädchen verwundert und
+lachte dann so herzlich, als habe sie ein ganzes Jahr lang nicht
+gelacht. „Aber ich sehe schon, es ist riesig lustig, sich mit Ihnen zu
+unterhalten! Warten Sie: dort ist eine Bank, setzen wir uns! Hier geht
+kein Mensch vorüber, niemand kann uns hören. So, nun fangen Sie an mit
+Ihrer Geschichte! Denn, daß Sie keine haben, glaube ich Ihnen nicht. Sie
+haben eine, Sie wollen sie nur nicht erzählen. Aber zuerst sagen Sie
+mir, was ist ein Typ?“
+
+„Ein Typ? Ein Typ ist ein – Original. Das ist so ein komischer Kauz,“
+erklärte ich, und mußte gleichfalls lachen. „Es gibt nun einmal solche –
+wie soll ich sagen – Charaktere. Sie wissen doch, was ein Träumer ist?“
+
+„Ein Träumer? Natürlich! Ich bin selbst eine Träumerin! Manchmal, wenn
+man so neben Großmutter sitzt – was kommt einem da nicht alles in den
+Sinn! Fängt man erst einmal an, zu träumen, so spinnen sich die Träume
+bald von selbst weiter und da kommt es denn vor, daß ich in der
+Phantasie einfach einen chinesischen Prinzen heirate ... Mitunter ist es
+auch ganz gut – zu träumen. Nein, übrigens, weiß Gott! Namentlich wenn
+man auch noch sein anderes hat, woran man denken kann ...“ schloß das
+Mädchen unvermittelt und diesmal ziemlich ernst.
+
+„Vortrefflich! Wenn Sie einmal einen chinesischen Prinzen geheiratet
+haben, dann werden Sie mich vollkommen verstehen! Also hören Sie ...
+Doch erlauben Sie: ich weiß noch nicht einmal, wie Sie heißen.“
+
+„Endlich! Es fällt Ihnen wirklich früh ein, danach zu fragen!“
+
+„Mein Gott, ja ... Ich dachte gar nicht daran, ich war auch so schon
+glücklich ...“
+
+„Ich heiße – Nasstenka.“
+
+„Nasstenka! Nur Nasstenka?“
+
+„Nur! Ist Ihnen denn das noch zu wenig, Sie Unersättlicher?“
+
+„Zu wenig? Oh, im Gegenteil, es ist viel, sehr viel, Nasstenka, Sie
+gutes kleines Mädchen, Sie, die für mich gleich am ersten Abend zur
+Nasstenka geworden sind!“
+
+„Das meine ich auch. Nun?“
+
+„Nun ja, also, Nasstenka, dann hören Sie mal zu, was für eine komische
+Geschichte das ist.“
+
+Ich setzte mich neben sie, machte eine pedantisch ernste Miene und
+begann, als wäre es eine Vorlesung:
+
+„Es gibt, Nasstenka, wenn Sie das noch nicht wissen, es gibt hier in
+Petersburg recht merkwürdige Winkel. Es ist, als schiene dorthin niemals
+_die_ Sonne, die für alle Petersburger leuchtet, sondern eine andere,
+neue, die gleichsam nur für diese Winkel geschaffen ist, und es ist auch
+ganz so, als schiene sie auf alles andere in der Welt mit einem ganz
+anderen, einem besonderen Licht. In diesen Winkeln, liebe Nasstenka, ist
+es, als rege sich ein ganz anderes Leben, eines, das gar nicht dem
+gleicht, das uns sonst umgibt, sondern eines, das es nur, wie man meinen
+sollte, in einem tausend Meilen fernen Reich geben könnte, nicht aber
+hier bei uns in unserer ernsten, überernsten Zeit. Doch gerade dieses
+Leben ist nur eine Mischung von etwas rein Phantastischem, glühend
+Idealem, und zugleich doch – leider, Nasstenka! – trübe Alltäglichem und
+glatt Gewöhnlichem um nicht zu sagen: bis zur Verzweiflung Gemeinem.“
+
+„Pfui! Großer Gott! Das ist mir mal eine Einleitung! Was werde ich da
+wohl noch zu hören bekommen?“
+
+„Sie werden zu hören bekommen, Nasstenka – mir scheint, ich werde
+niemals müde werden, Sie Nasstenka zu nennen – Sie werden hören, daß in
+diesen Winkeln seltsame Menschen leben – Wesen, die man Träumer nennt.
+Ein Träumer ist – wenn man es genauer erklären soll – kein Mensch,
+sondern, wissen Sie, eher so ein gewisses Geschöpf sächlichen
+Geschlechts. Gewöhnlich lebt der Betreffende irgendwo in einem von aller
+Welt abgeschlossenen Winkel, als wolle er sich sogar vor dem Tageslicht
+verbergen, und wenn er sich einmal in seine Behausung zurückgezogen hat,
+dann wächst er mit ihr zusammen, ungefähr wie eine Schnecke mit ihrem
+Haus, oder er gleicht wenigstens in der Beziehung jenem merkwürdigen
+Tiere, das beides zugleich, nämlich sowohl Tier als auch das Haus des
+Tieres ist und das wir Schildkröte zu nennen pflegen. Was meinen Sie
+aber, weshalb liebt er so seine vier Wände, die unfehlbar hellgrün
+angestrichen, öde, trübselig und in einem nahezu unstatthaften Maße
+verräuchert sind? Weshalb ist dieser komische Mensch, wenn ihn jemand
+von seinen wenigen Bekannten besucht – übrigens endet es immer damit,
+daß auch diese wenigen ihn bald vergessen – weshalb ist er dann immer so
+betreten und verwirrt? Weshalb hat er ein Gesicht, als habe er in seinem
+einsamen Winkel geradezu ein Verbrechen begangen, als habe er Papiere
+gefälscht oder Gedichte fabriziert, um sie an eine Zeitschrift zu
+senden, natürlich mit einem Begleitbrief, in dem er mitteilt, daß der
+Verfasser gestorben sei und daß er es als Freund für seine heilige
+Pflicht halte, des Verstorbenen Werke zu veröffentlichen? Weshalb, sagen
+Sie mir das, Nasstenka, weshalb will das Gespräch zwischen den beiden
+nie so recht vorwärts kommen und weshalb fällt von den Lippen des
+plötzlich hereingeschneiten Freundes, der doch sonst stets zu Scherz und
+Lachen und Gesprächen über das schöne Geschlecht oder über andere
+angenehme Themata aufgelegt ist, kein einziges Scherzwort? Weshalb fühlt
+sich dieser neue Freund bei seinem ersten Besuch – denn ein zweiter
+pflegt in diesem Fall nicht zu folgen – weshalb fühlt auch er sich
+befangen und weshalb wird er trotz seiner Fähigkeit, geistreich zu sein
+– das heißt, vorausgesetzt, daß er sie wirklich besitzt – immer
+einsilbiger beim Anblick der verzweifelten Miene des andern, der sich
+übermenschlich, doch leider vergeblich anstrengt, das Gespräch zu
+beleben und zu zeigen, daß auch er eine Unterhaltung zu führen imstande
+sei und über das schöne Geschlecht zu plaudern? um so wenigstens durch
+seine Bereitwilligkeit zu allem und jedem die Enttäuschung des Gastes zu
+mildern, der nun einmal das Pech hat, dorthin geraten zu sein, wohin er
+nicht gehört! Weshalb greift schließlich der Gast nach seinem Hut und
+empfiehlt sich schnell mit der Entschuldigung, das ihm plötzlich etwas
+überaus Wichtiges eingefallen sei, das nicht den geringsten Aufschub
+dulde? und weshalb befreit er seine Hand so schnell aus der heißen des
+anderen, der mit tiefster Reue im Herzen noch gutzumachen sucht, was
+sich nicht mehr gutmachen läßt? Weshalb lacht dann der fortgehende
+Freund, sobald die Tür sich hinter ihm geschlossen hat, und weshalb
+schwört er sich, nie wieder diesen Sonderling aufzusuchen, obschon der
+im Grunde gar kein so übler Bursche ist? und weshalb kann er seiner
+Phantasie nicht das kleine Vergnügen versagen: den Gesichtsausdruck des
+Sonderlings während der Zeit seines Besuches wenigstens entfernt mit
+demjenigen eines Kätzchens zu vergleichen, das, von unartigen Kindern
+unter heimtückischen Lockungen eingefangen, tüchtig gepeinigt worden und
+das endlich unter den Stuhl in einen dunkeln Winkel geflüchtet ist, um
+sich dort erst einmal das Fell durchzulecken, sein mißhandeltes
+Schwänzchen mit beiden Vorderpfoten zu waschen und zu putzen und dann
+noch lange feindselig auf die Natur der Dinge und das Leben überhaupt
+und ebenso auch auf den Brocken zu blicken, den ihm eine mitleidige
+Küchenseele von den Leckerbissen der herrschaftlichen Tafel zuwirft?“
+
+„Hören Sie,“ unterbrach mich Nasstenka, die die ganze Zeit verwundert
+mit großen Augen und halboffenem Mündchen zugehört hatte, „hören Sie:
+ich begreife ganz und gar nicht, was das alles soll und weshalb Sie
+gerade mich so sonderbare Dinge fragen? Alles, was ich verstehe, ist
+nur, daß Sie diese Geschichte zweifellos selbst erlebt haben.“
+
+„Ganz zweifellos,“ versetzte ich mit ernster Miene.
+
+„Nun, wenn es wahr ist, dann fahren Sie fort,“ sagte Nasstenka, „denn
+jetzt möchte ich sehr gern wissen, wie das endet.“
+
+„Sie wollen wissen, Nasstenka, was er in seinem Winkel denn eigentlich
+tat, unser Held, oder richtiger, ich, denn der Held des Ganzen bin doch
+ich, ich selbst mit meiner eigenen bescheidenen Person. Sie wollen
+wissen, weshalb ich mich durch den unerwarteten Besuch des Bekannten so
+aus dem Gleichgewicht gebracht fühlte und wie ein ertappter Sünder
+errötete, als die Tür sich auftat und weshalb ich den Gast nicht zu
+empfangen verstand und eine so unglückliche Rolle als Hausherr spielte?“
+
+„Nun ja, selbstverständlich will ich das! Aber hören Sie: Sie erzählen
+ja sehr schön, doch ließe sich das alles nicht irgendwie weniger „schön“
+erzählen? Denn sonst reden Sie ja, als hätten Sie ein Buch vor sich, aus
+dem Sie ablesen!“
+
+„Nasstenka!“ versetzte ich mit wichtiger und strenger Stimme, während
+ich mir nur mit Mühe das Lachen verbiß, „liebe Nasstenka, ich weiß, daß
+ich schön erzähle, aber verzeihen Sie, anders verstehe ich nun einmal
+nicht zu erzählen. Jetzt, liebe Nasstenka, jetzt gleiche ich dem Geiste
+des Königs Salomo, der tausend Jahre in einer Truhe unter sieben Siegeln
+gefangen war und nun von allen sieben Siegeln befreit worden ist. Jetzt,
+liebe Nasstenka, wo wir uns nach so langer Trennung wiedergefunden haben
+– denn ich kenne Sie ja schon lange, lange, Nasstenka, weil ich nämlich
+schon lange jemand suche ... worin zugleich der Beweis dafür liegt, daß
+ich gerade Sie gesucht habe und daß es uns vom Schicksal vorbestimmt
+gewesen ist, gerade hier zusammenzutreffen – jetzt haben sich tausend
+Klappen in meinem Kopf geöffnet und ich muß mein Herz in einen Strom von
+Worten ausgießen – oder ich ersticke an ihnen. Deshalb bitte ich Sie,
+mich nicht zu unterbrechen, Nasstenka, und geduldig und ergeben
+zuzuhören: wenn nicht – dann verstumme ich ...“
+
+„Nein, nein, nein! Das sollen Sie nicht! Erzählen Sie! Ich werde kein
+Wort mehr sagen!“
+
+„Ich fahre also fort: es gibt, liebe Freundin Nasstenka, es gibt für
+mich an jedem Tage eine Stunde, die ich ungemein liebe. Das ist die
+Stunde, in der die Geschäfte, Büros und Kanzleien schließen und die
+Menschen alle nach Hause eilen, um zu Mittag zu speisen,[2] sich
+hinzulegen und etwas auszuruhen, und in der die Menschen unterwegs Pläne
+schmieden für den Abend, die Nacht und die ganze übrige freie Zeit, die
+ihnen noch verblieben ist. In dieser Stunde pflegt auch unser Held – Sie
+müssen mir schon erlauben, Nasstenka, von mir in der dritten Person zu
+erzählen, denn in der ersten würde das alles viel zu unbescheiden
+klingen – also, in dieser Stunde pflegt auch unser Held, der gleichfalls
+seine regelmäßige Tagesarbeit hat, mit den anderen Menschen eines Weges
+zu gehen. Ein seltsames Gefühl des Vergnügens spricht aus seinem
+blassen, ein wenig erschlafften Gesicht. Nicht teilnahmlos sieht er auf
+die Abendröte, die am kalten Petersburger Himmel langsam erlischt. Nein,
+ich lüge, wenn ich sage, daß er sie sieht: er sieht überhaupt nicht,
+sondern er schaut, und er schaut gleichsam unbewußt, als wäre er müde
+oder als wären seine Gedanken gleichzeitig mit irgendeinem fernen,
+anderen, eigenartigen Gegenstande beschäftigt, so daß er schon sehr bald
+für seine Umgebung kaum noch einen flüchtigen Blick hat, und auch diesen
+nur bei irgendeinem Zufall, der ihn ablenkt. Er ist beinahe zufrieden,
+denn er hat bis morgen die lästige Arbeit getan, er ist froh wie ein
+Schüler, der von der Schulbank kommt und sich nun wieder seinen
+Lieblingsspielen und Streichen widmen kann. Wenn Sie ihn von der Seite
+beobachten, Nasstenka, werden Sie sogleich bemerken, daß das frohe
+Gefühl auf seine angegriffenen Nerven und auf seine krankhaft überreizte
+Phantasie bereits günstig eingewirkt hat. Seine Gedanken hüllen ihn
+gleichsam ein. Sie glauben, er denke an sein Mittagessen? An den Abend,
+der ihm bevorsteht? Was ist es wohl, was er so scharf ins Auge faßt? Ist
+es etwa jener Herr, der so höflich und doch so pittoresk die Dame grüßt,
+die in prächtiger Kalesche an ihm vorüberfährt? Nein, Nasstenka, was
+gehen ihn alle diese kleinlichen Nebensachen an! Er ist jetzt reich in
+seinem eigenen, seinem ureigensten, besonderen Leben: ganz plötzlich ist
+er reich geworden und der letzte Strahl der erlöschenden Sonne hat nicht
+vergeblich so lebenswarm vor ihm geglüht und in seinem erwärmten Herzen
+eine Fülle von Eindrücken wachgerufen. Jetzt bemerkt er kaum mehr den
+Weg, auf dem ihm noch kurz vorher jede geringste Kleinigkeit auffallen
+konnte. Die Göttin Phantasie hat bereits ihr goldenes Netz um ihn gewebt
+und füllt es nun aus mit den bunten Mustern eines unwillkürlichen und
+wunderlichen Lebens: und vielleicht – wer kann es wissen? – vielleicht
+hat sie ihn von dem massiven Granittrottoir, auf dem er nach Hause geht,
+mit launischer Hand bereits in den siebenten weltfernsten Himmel
+entführt? Wenn Sie jetzt versuchen wollten, ihn plötzlich anzureden und
+ihn zu fragen, wo er sich im Augenblick befinde, durch welche Straßen er
+gegangen – dann würde er ganz entschieden weder das eine noch das andere
+anzugeben vermögen und wahrscheinlich vor Ärger errötend irgend etwas,
+das ihm gerade einfällt, verlegen antworten. Deshalb fährt er auch
+plötzlich so zusammen und blickt sich erschrocken um – nur weil eine
+alte Frau ihn mitten auf dem Trottoir anhält und ihn nach einer Straße
+fragt, die sie nicht zu finden weiß. Mit ärgerlich gerunzelter Stirn
+schreitet er weiter, ohne es zu bemerken, daß von den Vorübergehenden
+mehr als einer bei seinem Anblick lächelt und mancher ihm sogar
+nachschaut, und daß ein kleines Mädchen, das ihm ängstlich ausweicht,
+plötzlich nach Kinderart laut auflacht, da ihren verwundert
+aufgerissenen Augen sein breites traumverlorenes Lächeln und die halben
+Gesten seiner Hände so komisch erscheinen. Doch schon hat dieselbe
+Phantasie in ihrem spielenden Fluge die alte Dame und die neugierig
+Vorübergehenden und das lachende kleine Mädchen und die Bauernkerle, die
+auf ihren Booten Abendrast halten, unten auf der Fontanka – nehmen wir
+an, daß unser Held sich in dem Augenblick an dem Kanalkai befindet –
+schon hat sie alles mutwillig in ihr Netz eingewebt, wie die Spinne die
+Fliegen, und mit der neuen Beute betritt der Sonderling seine Behausung,
+er setzt sich an den Tisch und ißt und beendet die Mahlzeit und kommt
+nicht früher zu sich, als bis Matrjona, seine ewig trübselige wortkarge
+Wirtin, nachdem sie alles vom Tisch abgeräumt, ihm seine Pfeife reicht:
+da erst, wie gesagt, kommt er zu sich und gewahrt mit Verwunderung, daß
+er bereits gegessen hat, ohne daß es ihm zu Bewußtsein gekommen wäre. Es
+dunkelt im Zimmer; in seiner Seele ist es leer und traurig. Ein ganzes
+Reich von Träumen ist rings um ihn eingestürzt – geräuschlos, lautlos,
+spurlos wie eben nur ein Traum vergehen kann, er wüßte nicht einmal mehr
+zu sagen, was er gesehen hat. Aber ein dunkles Empfinden, das in seiner
+Brust sich zu regen beginnt, erweckt allmählich einen neuen Wunsch,
+umschmeichelt verführerisch seine Einbildungskraft und ruft unmerklich
+wieder eine ganze Schar neuer Phantome heran. Stille herrscht in seinem
+kleinen Zimmer: die Einsamkeit und das Nichtstun liebkosen die
+Phantasie, sie glüht leise auf, eine leise Bewegung hebt in ihr an, wie
+ein leises Wallen, ähnlich dem Wasser in der Kaffeemaschine der alten
+Matrjona, die nebenan in der Küche ruhig wirtschaftet und sich ihren
+Köchinnenkaffee braut: wie lange noch und es beginnt zu brodeln ... Da
+fällt auch schon das Buch, das mein Träumer zwecklos und unbesehen aus
+der Reihe herausgegriffen hat, aus seiner Hand, noch bevor er bis zur
+dritten Seite gelesen. Die Einbildungskraft ist wieder erwacht: und
+plötzlich ist eine neue Welt, ein neues bezauberndes Leben um ihn herum
+entstanden. Ein neuer Traum – neues Glück! neues, verfeinertes, süßes
+Gift! Oh, was liegt ihm an unserem wirklichen Leben! Nach seiner
+allerdings sehr einseitigen Auffassung leben wir anderen, Nasstenka, ein
+Leben, das langsam ist, träge und schlaff. In seinen Augen sind wir alle
+so unzufrieden mit unserem Schicksal und quälen uns so sehr mit unserem
+Dasein! Und es ist ja auch wahr, sehen Sie nur, wie auf den ersten Blick
+alles zwischen uns aussieht, wie kalt, düster, unfreundlich, als wäre
+alles böse, feindselig ... Die Armen! denkt mein Träumer. Und es ist
+kein Wunder, daß er so denkt! Sie sehen nicht diese Zauberbilder, die so
+berückend, so verschwenderisch, so uferlos breit aus dem Nichts vor ihm
+erstehen, Bilder, auf deren Vordergrunde die erste Person, versteht
+sich, er selbst ist, er, unser Träumer mit seinem teuren Ich. Sie sehen
+nicht, was für Abenteuer, was für eine unabsehbare Reihe von
+Geschehnissen er erlebt! Sie fragen: Wovon er denn träumt? Wozu das
+Fragen? – doch einfach von allem, von allem ... vom Schicksal eines
+Dichters, der anfangs nicht anerkannt wird, dann aber überall
+Begeisterung erweckt; von seiner Freundschaft mit E. Th. A. Hoffmann,
+der Bartholomäusnacht, Diana Vernon, einer heroischen Rolle bei der
+Einnahme der Stadt Kasan durch den Zaren Iwan Wassiljewitsch, von einer
+Bühnengröße, einer Sängerin, von Johannes Huß vor dem Konzil, von der
+Auferstehung der Toten in „Robert der Teufel“ – kennen Sie die Musik?
+sie duftet nach dem Friedhof – von Minna und Anderem, von der Schlacht
+an der Beresina, vom Vortrag eines Gedichts bei der Gräfin W. D., von
+Danton, Kleopatra ei suoi amanti, einem Häuschen in Kolomna, vom eigenen
+Winkel in Petersburg, in dem neben ihm ein liebes Geschöpf sitzt, das
+mit offenem Mündchen und großen Augen an einem Winterabend ihm zuhört –
+genau so, wie Sie mir jetzt zuhören, mein junges Täubchen ... Nein,
+Nasstenka, was ist ihm, dem leidenschaftlichen Nichtstuer, was ist ihm
+jenes irdische Leben, das wir, Nasstenka, so gern einmal leben möchten?
+Er hält es für ein armes, ein armseliges Leben, das Mitleid verdient,
+und ahnt nicht, daß auch für ihn vielleicht einmal die Stunde schlagen
+wird, wo er für einen Tag dieses wirklichen Lebens gerne alle seine
+phantastischen Jahre hingeben würde, und nicht für einen frohen Tag,
+nicht für einen Tag des Glücks hingeben, nein, er wird nicht einmal
+wählen dürfen in dieser Stunde der Trauer und Reue und des unabwendbaren
+Wehs. Doch vorläufig ist diese furchtbare Zeit noch nicht angebrochen –
+er wünscht nichts, weil er über allen Wünschen steht, weil er ja alles
+hat, weil er schon übersättigt und selbst der Künstler seines Lebens
+ist, das er sich zu jeder Zeit nach eigenem Wunsch gestalten kann. Und
+so leicht, so natürlich ersteht diese phantastische Märchenwelt! als
+wären das alles gar nicht bloße Hirngespinste! Wirklich, man ist oft zu
+glauben versucht, daß dieses ganze Leben nicht eine Schöpfung des
+Gefühls, nicht eine wesenlose Luftspiegelung und trügerische Einbildung,
+sondern wahrhaftig Wirklichkeit, etwas wirklich Seiendes, ein greifbar
+Vorhandenes sei! Weshalb, sagen Sie mir das, Nasstenka, weshalb hält man
+in solchen Augenblicken des unwirklichen Erlebens oft den Atem an?
+Weshalb – woher kommt es, daß, wie durch eine unerforschliche
+Zaubermacht, der Puls schneller schlägt, daß Tränen den Augen
+entströmen, daß die bleichen Wangen des Träumers zu glühen anfangen und
+sein ganzes Sein von überwältigender Lust erfüllt wird? Weshalb vergehen
+ganze Nächte, die er in unerschöpflicher Freude und beseligendem Glück
+schlaflos verbringt, wie ein einziger kurzer Augenblick? Und wenn die
+Morgenröte rosig durch die Fensterscheiben schimmert und die erste
+Dämmerung mit ihrem ungewissen phantastischen Licht in das trübselige
+Zimmer schleicht, und unser Träumer sich ermüdet und erschöpft auf das
+Bett wirft, und einschlummert – weshalb hat er dann ein Gefühl, als
+vergehe er vor Entzücken mit seinem ganzen krankhaft erschütterten
+Geiste, und das mit einem so peinvoll süßen Schmerz im Herzen? Ja,
+Nasstenka, so täuscht man sich und glaubt als Fremder unwillkürlich, daß
+eine wirkliche, eine körperliche Leidenschaft unsere Seele errege!
+Unwillkürlich glaubt man, daß in unseren körperlosen Träumen etwas
+Lebendiges, Greifbares sei! Und was ist das doch für ein Betrug! Da ist
+zum Beispiel die Liebe mit ihrer ganzen unerschöpfbaren Freude und ihrer
+nimmermüden Pein in des Träumers Brust erwacht ... Ein Blick auf ihn
+genügt, um einen jeden von der Echtheit des Gefühls zu überzeugen.
+Werden Sie es da glauben, liebe Nasstenka, wenn Sie ihn so sehen, daß er
+diejenige, die er in seinen verzückten Träumen so rasend liebt, in
+Wirklichkeit niemals gekannt hat? Aber hat er sie denn nun auch
+_wirklich_ nur, _nur_ in berückenden Phantasiebildern gesehen? Und hat
+er diese Leidenschaft wirklich _nur_ – geträumt? Sind sie denn wirklich
+nicht durch Jahre ihres Lebens Hand in Hand gegangen – zu zweien, ohne
+sich um die Welt zu kümmern, das eigene Leben mit dem des anderen
+vereint? War sie denn wirklich nicht zu später Stunde, als er Abschied
+von ihr nahm, weinend an seine Brust gesunken, ohne auf den Sturm zu
+achten, der unter dem rauhen Himmel tobte, ohne den Wind zu spüren, der
+die Tränen an ihren schwarzen Wimpern trocknete? War das denn wirklich
+alles nur ein Traum im Wachen gewesen – auch der verwilderte einsame
+Garten mit den grasbedeckten moosigen Wegen, auf denen sie so oft zu
+zweien wandelten und Hoffnungen aufbauten und sich sehnten und einander
+liebten, einander so liebten, ‚so bang und süß‘, wie es im alten Liede
+heißt? Und dieses alte, verwitterte Herrenhaus, in dem sie so lange
+einsam und traurig leben mußte, mit dem alten finsteren Mann, der, ewig
+schweigsam und verdrossen, die Liebenden wie ein Schreckgespenst
+ängstete, sie, die ohnehin schon wie scheue Kinder ihre Liebe
+voreinander verbargen? Wie quälten sie sich, wie fürchteten sie sich,
+wie schuldlos und rein war ihre Liebe und wie – das versteht sich von
+selbst, Nasstenka – wie böse waren die Menschen! Und, mein Gott, hat er
+sie denn später wirklich nicht, fern von der Heimat, unter einem fremden
+südlichen Himmel, in einem Palazzo – unbedingt in einem Palazzo – in
+einer wundervollen ewigen Stadt bei rauschender Musik im Ballsaal
+wiedergesehen? Sind sie dann nicht auf den Balkon hinausgetreten, den
+Myrten und Rosen umrankten, und hat sie dort nicht ihre Maske abgenommen
+und ihm zugeflüstert: ‚Ich bin frei!‘ – und hat er sie da nicht in seine
+Arme geschlossen, wie toll vor Entzücken, und haben sie sich nicht
+wirklich aneinander geschmiegt und im Augenblick alles Leid vergessen
+und die Trennung und alle Qualen und das düstere Haus und den alten
+Grafen, den verwilderten Garten in der fernen Heimat und die Bank, auf
+der sie ihm den letzten leidenschaftlichen Kuß gegeben, um sich dann aus
+seinen Armen zu reißen ... Oh, Sie werden doch zugeben, Nasstenka, daß
+es da nur natürlich ist, wenn man zusammenfährt und wie ein ertappter
+Schüler verwirrt errötet, als hätte man soeben einen aus dem
+Nachbargarten gestohlenen Apfel in die Tasche gesteckt, wenn plötzlich
+die Zimmertür aufgestoßen wird und irgendein langer, gesunder Bursche,
+so ein guter, immer fröhlicher Junge, über die Schwelle tritt und mit
+lachendem Gruß ausruft, als wäre nichts geschehen: ‚Freund, ich komme
+soeben aus Pawlowsk!‘ Mein Gott! Der alte Graf war gestorben und sie war
+frei! Unfaßbares Glück brach für uns an. Das sagte und brachte man uns
+aus Pawlowsk!“
+
+Ich hielt inne, da meine leidenschaftliche Rede zu Ende war. Ich weiß
+noch, daß ich schreckliche Lust hatte, laut, schallend aufzulachen,
+gleichsam irgend etwas aus mir herauszulachen, denn ich fühlte, daß in
+der Tat so ein feindliches Teufelchen sich bereits in mir zu regen
+begann und mir schon im Halse saß, und daß es mir im Kinn und in den
+Augenlidern zuckte ...
+
+Natürlich erwartete ich nichts anderes, als daß Nasstenka, die mich mit
+ihren klugen Augen groß ansah, nun in unbändig lustiges Kinderlachen
+ausbrechen würde, und ich bereute schon, daß ich so weit gegangen war
+und etwas erzählt hatte, das ich lange mit mir herumgetragen und deshalb
+wie aus einem Buch ablesend erzählen konnte. Ich hatte mich seit Jahr
+und Tag darauf vorbereitet, einmal vor mich selbst wie vor einen Richter
+zu treten und über mich ein Urteil zu fällen: und da hatte ich mich nun
+wirklich einmal nicht zu bezwingen vermocht und dieses Urteil
+gesprochen, jedoch, offen gestanden, ohne zu erwarten, daß ich
+Verständnis finden würde. Aber zu meiner Verwunderung schwieg sie eine
+Weile, dann drückte sie mir leise die Hand und fragte mit einer seltsam
+zartfühlenden Teilnahme:
+
+„Haben Sie wirklich Ihr ganzes Leben so verbracht?“
+
+„Mein ganzes Leben, Nasstenka,“ antwortete ich, „solange ich auf der
+Welt bin, und ich glaube, so werde ich es auch beenden.“
+
+„Nein, das geht nicht, das darf nicht geschehen,“ protestierte sie,
+sichtlich beunruhigt, „und das geschieht auch nicht! Dann wäre es ja
+ebensogut möglich, daß auch ich mein ganzes Leben bei meiner Großmutter
+verbringen muß! Hören Sie, wissen Sie auch, daß es gar nicht gut ist, so
+zu leben?“
+
+„Ich weiß es, Nasstenka, gewiß weiß ich es!“ rief ich, ohne meine
+Gefühle noch länger zu unterdrücken.
+
+„Und jetzt weiß ich auch besser als je zuvor, daß ich alle meine besten
+Jahre verloren habe! Ich weiß es, und diese Erkenntnis schmerzt mich
+mehr als je, denn Gott selbst hat Sie, mein guter Engel, mir geschickt,
+um mir das zu sagen und zu beweisen. Jetzt, wo ich neben Ihnen sitze und
+mit Ihnen rede, mutet es mich schon wunderbar an, an meine Zukunft zu
+denken, denn in dem Leben, das noch vor, mir liegt – sehe ich wieder
+Einsamkeit, wieder nur dieses muffige, modernde, nutzlose Leben. Und was
+werde ich dann noch träumen können, das schöner ist als das Leben,
+nachdem ich doch in der Wirklichkeit hier neben Ihnen so glücklich
+gewesen bin! Oh, seien Sie dafür gesegnet, Sie liebes Mädchen, daß Sie
+mich nicht gleich nach dem ersten Wort zurückgestoßen haben und ich
+jetzt doch schon sagen kann, daß ich wenigstens zwei Abende in meinem
+Leben gelebt habe!“
+
+„Ach nein, nein!“ rief Nasstenka und Tränen glänzten in ihren Augen.
+„Nein, so soll es nicht kommen! Wir werden nicht so auseinandergehen!
+Was sind zwei Abende!“
+
+„Ach, Nasstenka, Nasstenka! Wissen Sie denn überhaupt, daß Sie mich für
+lange Zeit mit mir selbst versöhnt haben? Wissen Sie, daß ich jetzt
+nicht mehr so Schlechtes denken werde, wie in manchen früheren Stunden?
+Wissen Sie, daß ich mich vielleicht nicht mehr darüber grämen werde,
+Verbrechen und Sünde in meinem Leben begangen zu haben, denn ein solches
+Leben ist Verbrechen und Sünde! Und denken Sie nicht, daß ich irgendwie
+übertrieben habe, um Gottes willen glauben Sie das nicht, Nasstenka! Es
+kommen Augenblicke, in denen ich solch eine Seelenangst empfinde, solch
+einen Gram ... In diesen Augenblicken will es mir scheinen – und ich
+fange schon an, daran zu glauben –, daß ich niemals mehr fähig sein
+werde, ein wirkliches Leben zu beginnen, denn ich habe schon oft die
+Empfindung gehabt, als hätte ich jedes Gefühl verloren, und jede
+Aufnahmefähigkeit der Sinne in allem, was Wirklichkeit, was wirkliches
+Leben ist! weil ich mich schließlich selbst verflucht habe! weil meinen
+phantastischen Nächten schon Augenblicke der Ernüchterung folgen, die so
+furchtbar sind! Und währenddessen hört man, wie rings um einen die
+Menschenmassen lärmend im Lebensstrudel sich drehen, man hört und sieht,
+wie Menschen leben – wirklich leben, in der Wirklichkeit und im Wachen
+leben, und man sieht, daß ihr Leben nicht nach ihrer Willkür entsteht,
+daß ihr Leben nicht wie ein Traum verflattert, daß ihr Leben sich ewig
+erneut und ewig jung ist und keine Stunde der anderen gleicht, während
+die schreckhafte Phantasie, diese unsere Einbildungskraft, so trostlos
+und verzagt und bis zur Gemeinheit einförmig ist, eine Sklavin des
+Schattens, der bloßen Idee, eine Sklavin der ersten besten Wolke, die
+plötzlich die Sonne verdeckt und in wehem Leid das Herz zusammenpreßt,
+das echte Petersburger Herz, dem seine Sonne so teuer ist! Und erst im
+Leiden, was für eine Einbildung! Man fühlt, daß sie endlich doch müde
+wird und sich in der ewigen Anspannung erschöpft, diese scheinbar
+_unerschöpfliche_ Phantasie, denn man wird reifer und männlicher und
+wächst über seine früheren Ideale hinaus: sie stürzen ein und es bleibt
+nur Staub und Schutt von ihnen übrig. Und wenn es dann kein anderes
+Leben gibt, muß man aus demselben Schutt die Bruchstücke zusammenlesen
+und aus ihnen sich das neue Leben aufbauen. Und dabei verlangt und sehnt
+sich die Seele doch nach etwas ganz anderem! Und vergeblich wühlt der
+Träumer wie in einem Aschenhaufen in seinen alten Träumen und sucht in
+der Asche nach einem, wenn auch noch so kleinen Fünkchen, um es
+anzublasen und um mit dem von neuem angefachten Feuer das kaltgewordene
+Herz zu erwärmen und alles in ihm wieder zu erwecken, was ihm einst so
+lieb war, was die Seele rührte und das Blut in Wallung brachte, was den
+Augen Tränen entströmen ließ und eine so herrliche Täuschung war! Wissen
+Sie auch, Nasstenka, wie weit ich damit schon gekommen bin? Wissen Sie,
+daß ich bereits das Jubiläum meiner Empfindungen zu feiern gezwungen
+bin, Gedenktage dessen, was früher so schön war und dabei in
+Wirklichkeit doch nie gewesen ist – denn diese Jahres- und Gedenktage
+gelten alle denselben wesenlosen törichten Träumereien – und daß ich das
+tun muß, weil selbst diesen törichten Träumen nicht mehr neue folgen,
+die sie verdrängen würden: denn auch Träume müssen verdrängt werden! Von
+selbst hören sie nicht auf und so überleben sie sich nur. Wissen Sie,
+ich suche jetzt mit Vorliebe zu bestimmten Stunden jene Stellen auf, an
+denen ich einmal glücklich gewesen bin, in meiner Art glücklich, und
+dort versuche ich dann, das Gegenwärtige in der Phantasie nach dem
+unwiederbringlich Vergangenen zu gestalten oder das Vergangene mir zu
+vergegenwärtigen: und so irre ich oft wie ein Schatten ziellos und
+zwecklos in den Petersburger Winkelgassen umher. Und was für
+Erinnerungen das dann sind! Da erinnere ich mich zum Beispiel, daß ich
+hier genau vor einem Jahr gerade in derselben Stunde auf demselben
+Trottoir gegangen bin, ebenso einsam und mutlos traurig umherirrend, wie
+jetzt! Und man erinnert sich, daß auch die Gedanken damals ebenso
+traurig waren, und wenn es früher auch nicht besser war, so ist es einem
+doch, als sei es irgendwie besser gewesen, als habe man ruhiger gelebt,
+und man meint, daß es nicht dieses dunkle Grübeln gegeben habe, daß
+einen jetzt verfolgt ... daß ich nicht diese Gewissensbisse gekannt, die
+so peinvoll und unermüdlich quälen und mir weder am Tage noch in der
+Nacht Ruhe und Frieden gönnen! Und man fragt sich: wo sind denn deine
+Träume geblieben? Und schüttelt den Kopf und murmelt: wie schnell die
+Jahre vergehen! Und wieder fragt man sich: was hast du mit deinen Jahren
+angefangen? Wo hast du deine beste Zeit begraben? Hast du überhaupt
+gelebt? oder nicht? Sieh, sagt man zu sich selbst, sieh, wie kalt es in
+der Welt wird. Es werden noch einige Jahre vergehen und dann kommt die
+grämliche Einsamkeit, kommt mit der Krücke das zitterige Alter und
+bringt dir Kummer und Leid. Verbleichen wird deine phantastische Welt,
+verwelken und sterben werden deine Träume und wie das gelbe Laub von den
+Bäumen, so werden sie von dir abfallen ... O Nasstenka! Wie wird es dann
+so öde sein, allein zu bleiben, ganz allein, und nicht einmal etwas zu
+haben, worum man trauern könnte – nichts, gar nichts ... Denn alles, was
+man verloren hat, alles das war doch nichts, war eine Null, eine reine
+Null, war ja nichts als ein Träumen!“
+
+„Nun aber hören Sie auf, rühren Sie mich nicht noch mehr!“ rief
+Nasstenka und wischte das dumme Tränchen fort, das ihr über die Wange
+rollte. „Jetzt hat das ein Ende! Wir werden nun nicht mehr allein sein,
+denn was mit mir auch geschehen sollte, wir werden doch immer Freunde
+bleiben. Hören Sie. Ich bin ein einfaches Mädchen, ich habe wenig
+gelernt, obschon die Großmutter mir von einem Lehrer Unterricht erteilen
+ließ, aber glauben Sie mir, ich verstehe Sie sehr gut, denn alles, was
+Sie mir da erzählt haben, habe ich selbst erlebt, wenn ich neben
+Großmutter angesteckt saß. Natürlich hätte ich das nicht so gut zu
+erzählen verstanden, wie Sie, ich habe das nicht gelernt,“ fügte sie
+etwas kleinlaut hinzu, da meine pathetische Rede ihr offenbar einen
+gewissen Respekt eingeflößt hatte, „aber ich bin sehr froh, daß Sie mir
+alles mitgeteilt haben. Jetzt kenne ich Sie, kenne Sie durch und durch.
+Und wissen Sie was? Ich will Ihnen nun auch meine Geschichte erzählen,
+alles, bis aufs Letzte, Sie aber müssen mir dann einen Rat geben. Sie
+sind ein sehr kluger Mann, ich weiß es, aber werden Sie mir nun
+versprechen, daß Sie mir nachher auch wirklich Ihren Rat geben?“
+
+„Ach, Nasstenka,“ antwortete ich, „ich bin zwar noch nie ein Ratgeber
+gewesen, und nun gar ein kluger, wie Sie es von mir verlangen, aber ich
+sehe jetzt, daß es, wenn wir immer so leben würden, sogar sehr klug wäre
+und daß der eine dem anderen unzählige kluge Ratschläge erteilen könnte.
+Nun also, meine reizende Nasstenka, was für einen Rat brauchen Sie?
+Sagen Sie es mir ohne Umschweife. Ich bin jetzt so heiter, so glücklich,
+so mutvoll, daß ich wahrscheinlich nicht auf den Mund gefallen sein
+werde, wie man zu sagen pflegt.“
+
+„Nein, nein!“ fiel mir Nasstenka schnell ins Wort. „Ich brauche keinen
+klugen Rat, sondern einen von Herzen kommenden, einen aufrichtig
+brüderlichen, einen, der so ist, wissen Sie, als hätten Sie mich schon
+ein Leben lang lieb!“
+
+„Gut, Nasstenka, abgemacht!“ rief ich. „Aber wenn ich Sie auch schon
+ganze zwanzig Jahre geliebt hätte, ich könnte Sie deshalb doch nicht
+inniger lieben, als ich es jetzt tue!“
+
+„Geben Sie mir Ihre Hand!“ sagte Nasstenka.
+
+„Hier haben Sie sie!“
+
+„Also schön, dann lassen Sie uns jetzt meine Geschichte beginnen.“
+
+
+ Nasstenkas Geschichte.
+
+„Die eine Hälfte meiner Geschichte kennen Sie bereits, das heißt, Sie
+wissen, daß ich eine alte Großmutter habe ...“
+
+„Wenn die zweite Hälfte nicht länger ist als diese ...“ wandte ich
+lachend ein.
+
+„Schweigen Sie und hören Sie mir zu. Ganz zuerst eine Abmachung: Sie
+dürfen mich nicht unterbrechen, sonst machen Sie mich schließlich noch
+verwirrt. Also, hören Sie jetzt artig zu.
+
+„Ich habe eine alte Großmutter. Zu der kam ich schon als ganz kleines
+Mädchen, denn meine Eltern starben früh. Ich nehme an, daß Großmutter
+einmal reicher war, denn sie spricht immer von den früheren besseren
+Tagen. Sie selbst hat mich denn auch Französisch gelehrt. Später nahm
+sie einen Lehrer. Als ich fünfzehn Jahre alt war – jetzt bin ich
+siebzehn – hörte der Unterricht auf. Damals war es also, daß ich ihr
+meinen Streich spielte. Was ich nun eigentlich verbrach, das werde ich
+Ihnen nicht sagen; genug, daß es durchaus kein schlimmer Streich war.
+Immerhin hatte er zur Folge, daß Großmutter mich eines Morgens zu sich
+rief und sagte, sie könne mich, da sie blind sei, nicht beaufsichtigen,
+und damit nahm sie dann eine Stecknadel und steckte mein Kleid an das
+ihrige und erklärte mir, daß wir so unser Leben verbringen würden, wenn
+ich mich nicht besserte. In der ersten Zeit war mir jede Möglichkeit
+genommen, mich freizumachem: was ich auch tat, arbeiten und lesen und
+lernen – alles mußte ich an Großmutters Seite tun. Einmal versuchte ich
+es mit einer List und beredete Fjokla, sich auf meinen Platz zu setzen.
+Fjokla ist unsere Magd, und die ist taub. Sie setzte sich also auf
+meinen Platz, als Großmutter in ihrem Stuhl eingeschlummert war, und ich
+lief schnell in die Nachbarschaft zu einer Freundin. Das ging aber
+schlecht aus. Großmutter wachte auf, bevor ich zurück war, und fragte
+irgend etwas, natürlich im Glauben, daß ich neben ihr säße, denn sie ist
+ja blind. Fjokla aber, die Großmutter wohl sprechen sah, konnte sie
+nicht verstehen, da sie doch nichts hört; also denkt und denkt sie, was
+sie wohl tun soll, steckt dann schnell die Stecknadel ab und kommt mir
+nachgelaufen ...“
+
+Nasstenka begann zu lachen. Natürlich lachte ich auch. Doch wurde sie
+gleich wieder ernst.
+
+„Hören Sie, nein, lachen Sie nicht über Großmutter. Ich lache nur
+deshalb, weil es so komisch war ... Was soll man denn machen, wenn
+Großmutter wirklich so ist. Trotz allem habe ich sie doch lieb. Nun ja,
+mich erwartete aber doch eine schöne Strafpredigt: ich mußte mich sofort
+wieder hinsetzen und wurde von neuem angesteckt und dann: o Gott – nicht
+rühren durfte ich mich!
+
+„Nun also – ja, da habe ich noch zu sagen vergessen, daß wir, oder
+vielmehr, daß Großmutter ein kleines Haus besitzt. Es ist ein
+Holzhäuschen mit nur drei Fenstern in der Front, ein ganz kleines und
+ebenso alt wie Großmama. Oben aber ist noch ein Zimmer; und in dieses
+Zimmer zog ein neuer Mieter ein ...“
+
+„Dann hatten Sie also auch früher schon einen Mieter?“ fragte ich
+beiläufig.
+
+„Nun, natürlich doch,“ versetzte Nasstenka, „und zwar verstand der
+besser zu schweigen, als Sie. Allerdings konnte er kaum noch die Zunge
+bewegen. Es war das nämlich ein altes Männlein, harthörig, hager, stumm,
+blind, lahm, so daß er selbst es schließlich nicht länger aushielt in
+der Welt und starb. Da ward das Zimmer frei und wir mußten uns nach
+einem neuen Mieter umsehen, denn die Miete für das Zimmer und
+Großmutters Pension sind fast unser ganzes Einkommen. Der neue Mieter
+war aber ein junger Mensch und kein Petersburger. Da er von der Miete
+nichts abzuhandeln versuchte, nahm ihn Großmutter, als er aber gegangen
+war, fragte sie mich: ‚Nasstenka, ist der Mieter jung oder alt?‘ Lügen
+wollte ich nicht und so sagte ich: ‚Ganz jung ist er gerade nicht,
+Großmama, aber er ist auch kein alter Mann.‘
+
+„‚Und wie sieht er aus? Hat er ein angenehmes Äußere?‘ fragte sie
+weiter.
+
+„Ich wollte wieder nicht lügen. ‚Ja, Großmutter,‘ sagte ich, ‚er hat ein
+angenehmes Äußere.‘ Großmutter aber seufzte: ‚Ach, du meine Güte! Das
+wird dann wohl eine von Gott gesandte Prüfung sein! Ich sage dir das
+deshalb, mein Enkelkind, damit du ihn dir nicht zu oft ansiehst. Das ist
+mir jetzt mal eine Zeit! Solch ein armer Zimmermieter und dabei ein
+angenehmes Äußere! Das war in der alten Zeit ganz anders!‘
+
+„Großmutter spricht nämlich immer von der alten Zeit. Jünger war sie in
+der alten Zeit und die Sonne schien wärmer in der alten Zeit und die
+Sahne wurde nicht so schnell sauer in der alten Zeit – alles war in der
+alten Zeit besser! Da saß ich denn und schwieg, dachte aber bei mir:
+weshalb bringt denn Großmutter mich selbst darauf, indem sie fragt, ob
+er gut aussieht und jung ist? Aber das war nur so ein flüchtiger
+Gedanke, ich begann wieder die Maschen zu zählen und strickte weiter,
+und darüber vergaß ich dann alles.
+
+„Eines Morgens aber – tritt plötzlich der Mieter bei uns ein: er wolle
+sich erkundigen, wo die neue Tapete bliebe, die man ihm für das Zimmer
+versprochen habe. Ein Wort gab das andere. Großmutter ist doch
+geschwätzig, und da sagt sie denn zu mir: ‚Geh, Nasstenka, in mein
+Schlafzimmer und hole das Rechenbrett.‘ Ich sprang sogleich auf, das
+Blut schoß mir ins Gesicht, ich weiß nicht, weshalb – dabei aber vergaß
+ich ganz, daß ich angesteckt war; statt nun die Nadel heimlich
+abzustecken, damit der Mieter sie nicht sähe, riß ich so, daß
+Großmutters ganzer Sessel in die Höhe ruckte. Als ich aber sah, daß der
+Mieter jetzt alles begriff, wurde ich noch viel röter und blieb wie
+gelähmt stehen: und plötzlich brach ich in Tränen aus – so schämte ich
+mich und so bitter war es, daß ich in die Erde hätte versinken mögen!
+Großmutter aber ruft mir zu: ‚Was stehst du denn, geh doch!‘ Ich aber
+weinte nur noch mehr ... Da erriet der Mieter, daß ich mich vor ihm
+schämte, und verabschiedete sich und ging schnell fort!
+
+„Seit jenem Vormittag stand mir, sobald ich nur ein Geräusch im Flur
+hörte, gleich das Herz still. ‚Vielleicht ist es der Mieter, der zu uns
+kommt,‘ dachte ich und steckte schnell auf alle Fälle die Nadel ab,
+heimlich, damit Großmutter es nicht merkte. Nur war es niemals er, – er
+kam nicht. So vergingen zwei Wochen. Da ließ er uns eines Tages durch
+Fjokla sagen, daß er viele Bücher habe; und gute Bücher, und ob da nicht
+Großmutter sich von mir vorlesen lassen wolle, um eine kleine
+Zerstreuung zu haben? Großmutter nahm das Anerbieten mit Dank an, nur
+fragte sie mich immer wieder, ob es auch wirklich anständige Bücher
+wären, ‚denn wenn sie unmoralisch sind,‘ sagte sie, ‚dann darfst du sie
+unter keinen Umständen lesen, Nasstenka, du würdest nur Schlechtes aus
+ihnen lernen.‘
+
+„‚Was würde ich denn lernen, Großmama?‘ fragte ich, ‚was steht denn in
+schlechten Büchern geschrieben?‘
+
+„‚Ja, mein Kind, da wird erzählt, wie junge Männer sittsame Mädchen
+verführen, wie sie sie unter dem Vorwand, sie heiraten zu wollen, aus
+dem Elternhause entführen und dann ihrem Schicksal überlassen, und wie
+die unglücklichen Mädchen zuletzt elend umkommen und zugrunde gehen.
+Ich,‘ sagte Großmutter, ‚ich habe viele solcher Bücher gelesen und
+alles,‘ sagte sie, ‚ist so herrlich geschildert, daß man die ganze Nacht
+heimlich in ihnen liest. Und deshalb, Nasstenka,‘ sagte sie, ‚sieh zu,
+daß du solche Bücher nicht liest. Was für Bücher sind es denn, die er
+uns geschickt hat?‘
+
+„‚Es sind Romane von Walter Scott, Großmutter,‘ sagte ich.
+
+„‚Ah, Romane von Walter Scott! Aber sieh vorsichtshalber nach, ob nicht
+irgendwelche Spitzbübereien darin stecken. Vielleicht hat er einen
+Liebesbrief oder ein Zettelchen hineingelegt.‘
+
+„‚Nein,‘ sagte ich, ‚es ist kein Zettelchen drin, Großmutter.‘
+
+„‚Sieh mal ordentlich nach, auch unter dem Umschlagrücken; zuweilen
+stecken sie es dorthin, die Spitzbuben!‘
+
+„‚Nein, Großmutter,‘ sagte ich, ‚auch unter dem Umschlagrücken ist
+nichts.‘
+
+„‚Nun, Vorsicht kann nie schaden!‘ war ihre Antwort.
+
+„Und so fingen wir denn an, Walter Scott zu lesen, und in etwa einem
+Monat waren wir fast schon mit der Hälfte der Bücher fertig. Dann
+schickte er uns wieder neue Bücher, auch Puschkin war darunter, so daß
+ich ohne Bücher bald gar nicht mehr sein konnte und darüber ganz vergaß,
+wie früher darüber zu sinnen, wie ich wohl einen chinesischen Prinzen
+heiraten könnte.
+
+„So standen die Dinge, als der Zufall es einmal fügte, daß ich unserem
+Mieter auf der Treppe begegnete. Ich mußte für Großmutter etwas holen.
+Er blieb stehen, ich errötete – und er errötete gleichfalls; aber da
+lachte er auch schon und begrüßte mich und erkundigte sich nach
+Großmutters Befinden. Darauf fragte er, ob ich die Bücher schon gelesen
+hätte. Ich sagte: ‚Ja, ich habe sie gelesen.‘ – ‚Was hat Ihnen denn am
+besten gefallen?‘ fragte er weiter. Ich sagte: ‚Ivanhoe und Puschkin
+haben mir am besten gefallen.‘ Und damit war unser Gespräch für diesmal
+beendet.
+
+„Nach einer Woche begegnete ich ihm wieder auf der Treppe. Nur hatte
+mich an dem Tage nicht Großmutter geschickt, ich hatte vielmehr selbst
+etwas nötig. Es war nach zwei Uhr und um diese Zeit kam unser Mieter
+nach Hause, das wußte ich. ‚Guten Tag!‘ sagte er. ‚Guten Tag!‘ erwiderte
+ich.
+
+„‚Ist es Ihnen nicht langweilig, den ganzen Tag bei der Großmutter zu
+sitzen?‘ fragte er.
+
+„Wie er das fragte, da – ich weiß nicht, weshalb – errötete ich wieder
+und ich schämte mich und seine Worte kränkten mich – wohl deshalb, weil
+nun schon andere mich nach meiner Lebensweise bei Großmutter zu fragen
+begannen. Ich wollte fortgehen, ohne ihm zu antworten, aber ich hatte
+keine Kraft zum Gehen.
+
+„‚Sie sind ein gutes Mädchen,‘ sagte er darauf. ‚Entschuldigen Sie,
+bitte, daß ich so zu Ihnen spreche, aber, ich versichere Ihnen, ich
+wünsche Ihnen vielleicht mehr Gutes, als Ihre Großmutter es zu tun
+scheint. Haben Sie keine Freundinnen, die Sie besuchen könnten?‘
+
+„Ich sagte, ich hätte jetzt keine, denn Maschenka, meine einzige
+Freundin, wäre nach Pskow gereist.
+
+„‚Wollen Sie nicht einmal mit mir ins Theater fahren?‘ fragte er mich
+darauf.
+
+„‚Ins Theater?‘ fragte ich, ‚aber was soll denn Großmutter –?‘
+
+„‚Nun,‘ meinte er, ‚Sie brauchen es ihr ja nicht zu sagen, – kommen Sie
+heimlich ...‘
+
+„‚Nein,‘ sagte ich, ‚ich will Großmutter nicht betrügen. Guten Tag!‘
+
+„Er grüßte nur, sagte aber nichts. Am Nachmittag, wir hatten gerade erst
+gespeist, kam er plötzlich zu uns. Er setzte sich, unterhielt sich mit
+Großmutter, erkundigte sich, ob sie nicht zuweilen auch ausfahre, ob sie
+Bekannte habe – plötzlich aber sagte er: ‚Ich habe für heute eine Loge
+genommen, im Opernhaus; der Barbier von Sevilla wird gegeben, aber meine
+Bekannten, mit denen ich die Vorstellung besuchen wollte, sind plötzlich
+verhindert, und da sitze ich nun mit meinem Billett.‘
+
+„‚Der Barbier von Sevilla!‘ rief Großmutter, ‚ist das etwa derselbe
+Barbier, den man in der alten Zeit gab?‘
+
+„‚Ja,‘ sagte er, ‚es ist derselbe Barbier,‘ und dabei sah er mich an.
+Ich aber hatte schon alles begriffen und errötete und mein Herz hüpfte
+in Erwartung!
+
+„‚Aber den kenne ich ja!‘ rief Großmutter, ‚wie sollte ich den nicht
+kennen! Ich habe doch in meiner Jugend auf der Hausbühne die Rosine
+gespielt!‘
+
+„‚Würden Sie dann nicht heute abend die Oper einmal wieder hören
+wollen?‘ fragte er. ‚So fände auch mein Billett noch eine Verwendung,
+sonst hätte ich es unnütz gekauft.‘
+
+„‚Nun, meinetwegen, fahren wir,‘ sagte Großmutter, ‚weshalb sollten wir
+nicht?! Meine Nasstenka ist ja auch noch niemals im Theater gewesen.‘
+
+„Mein Gott, war das eine Freude! Wir kleideten uns an und dann fuhren
+wir. Großmutter ist zwar blind, aber sie wollte doch wenigstens die
+Musik hören: und dann, wissen Sie, sie ist eine gute alte Frau: sie
+wollte hauptsächlich mir das Vergnügen gönnen, denn ohne seine
+Aufforderung wären wir wohl niemals in die Oper gekommen. Wie der
+Eindruck war, den der Barbier von Sevilla auf mich machte – nun, das
+brauche ich Ihnen wohl nicht zu sagen, das können Sie sich schon ohnehin
+denken. Den ganzen Abend sah er mich mit so guten Augen an und sprach so
+freundlich zu mir: und ich erriet gleich, daß er mich auf der Treppe nur
+hatte prüfen wollen, als er mich aufforderte, allein mit ihm ins Theater
+zu fahren. Da freute ich mich denn, daß ich ihm so geantwortet hatte!
+Und als ich zu Bett ging, war ich so stolz, so froh und mein Herz schlug
+so stark, daß ich sogar ein wenig fieberte, und die ganze Nacht träumte
+mir vom Barbier von Sevilla.
+
+„Ich dachte natürlich, unser Mieter werde jetzt öfter zu uns kommen –
+aber da täuschte ich mich. Er kam fast gar nicht mehr. Nur so, etwa
+einmal im Monat sprach er vor, und auch das nur, um uns aufzufordern,
+mit ihm ins Theater zu fahren. Zweimal fuhren wir auch noch – nur wollte
+mir diese Art gar nicht gefallen. Ich sah ein, daß ich ihm einfach nur
+leid tat, weil ich bei Großmutter tagaus tagein angesteckt sitzen mußte:
+weiter war es nichts. Und je länger sich das so fortsetzte, um so mehr
+kam es über mich: ich saß und versuchte zu lesen und zu arbeiten, aber
+ich konnte weder sitzen, noch lesen, noch arbeiten. Zuweilen lachte ich
+und stellte irgend etwas an, worüber Großmutter sich ärgern mußte. Dann
+wieder war ich den Tränen nahe oder weinte auch wohl wirklich. Zu guter
+Letzt wurde ich fast krank. Die Opernsaison war zu Ende und unser Mieter
+hörte nun ganz auf, zu uns zu kommen. Wenn wir einander aber begegneten
+– immer auf der Treppe, natürlich – da grüßte er nur so ernst und
+schweigend und ging an mir vorüber, als wolle er überhaupt nicht mit mir
+sprechen. Und wenn er schon längst oben war, stand ich immer noch auf
+der Treppe, rot wie eine Kirsche, denn das Blut stieg mir sofort ins
+Gesicht, sobald ich ihn nur erblickte.
+
+„Meine Geschichte ist gleich zu Ende. Gerade vor einem Jahr, im Mai, kam
+unser Mieter nach langer Zeit wieder einmal zu uns und sagte der
+Großmutter, daß er seine Geschäfte hier erledigt habe und wieder auf ein
+Jahr nach Moskau fahren müsse. Wie ich das hörte, erbleichte ich und
+sank auf einen Stuhl – ich glaubte, vergehen zu müssen. Großmutter
+merkte nichts davon, er aber verabschiedete sich kurz und ging.
+
+„Was sollte ich tun? Ich dachte und dachte und marterte mein Gehirn und
+grämte mich, bis ich endlich doch einen Entschluß faßte. Morgen fährt
+er, dachte ich, und so beschloß ich, noch an demselben Abend, sobald
+Großmutter eingeschlafen wäre, meinen Vorsatz auszuführen. So geschah es
+auch. Ich band, was ich an Kleidern und Wäsche nötig hatte, in ein
+Bündel, und mit dem Bündel in der Hand, mehr tot als lebendig, ging ich
+nach oben zu unserem Mieter. Ich glaube, ich brauchte eine volle Stunde,
+um die Treppe hinaufzusteigen. Als ich aber die Tür zu seinem Zimmer
+öffnete, da sprang er auf und sah mich an, als hielte er mich für ein
+Gespenst. Doch das dauerte nur einen Augenblick. Dann griff er nach dem
+Wasserglase und stand auch schon neben mir und gab mir zu trinken, denn
+ich hielt mich kaum auf den Füßen. Mein Herz schlug so, daß es mir im
+Kopf weh tat und meine Sinne sich verwirrten. Als ich aber wieder zu mir
+kam, tat ich nichts weiter, als daß ich mein Bündel auf sein Bett legte,
+mich daneben setzte, das Gesicht mit den Händen bedeckte und in eine
+Flut von Tränen ausbrach. Ich glaube, da begriff er im Augenblick alles,
+denn er stand vor mir und war bleich und sah mich so traurig an, daß es
+mir das Herz zerriß.
+
+„‚Hören Sie,‘ begann er, ‚hören Sie, Nasstenka, ich kann nicht! Ich bin
+ganz arm, ich habe vorläufig noch nichts, nicht einmal eine Stellung:
+wie sollten wir denn leben, wenn ich Sie heiratete?‘
+
+„Wir sprachen lange. Schließlich war ich ganz fassungslos und sagte, ich
+könne nicht länger bei Großmutter bleiben, ich würde von ihr fortlaufen
+und ich wolle nicht, daß man mich mit einer Stecknadel anstecke: sobald
+er nur einwillige, wollte ich mit ihm nach Moskau gehen, da ich ohne ihn
+nicht mehr leben könne. Scham und Liebe und Stolz – alles brach da
+zugleich aus mir hervor: und fast wie in einem Weinkrampf sank ich aufs
+Bett. Ich fürchtete mich so vor einer Zurückweisung!
+
+„Er schwieg eine Weile, dann stand er auf, trat zu mir und ergriff meine
+Hand.
+
+„‚Hören Sie, meine gute, meine liebe Nasstenka!‘ begann er, und seine
+Stimme bebte vor Tränen, ‚hören Sie mich an. Ich schwöre Ihnen, wenn ich
+jemals in der Lage sein werde, zu heiraten, so sollen Sie mein Glück
+ausmachen. Ich versichere Ihnen, nur Sie allein könnten es. Doch hören
+Sie weiter: ich fahre jetzt nach Moskau und werde dort ein Jahr bleiben.
+Ich hoffe, mir in dieser Zeit ein Auskommen zu schaffen. Wenn ich dann,
+nach einem Jahr, zurückkehre und Sie mich noch liebhaben, so werden wir
+glücklich sein, das schwöre ich Ihnen. Jetzt jedoch ist es unmöglich,
+ich besitze nichts und ich habe kein Recht, auch nur irgend etwas zu
+versprechen. Sollte ich aber in einem Jahr noch nicht so weit sein, so
+werden wir noch etwas länger warten müssen, einmal aber werden wir unser
+Ziel erreichen – natürlich nur dann, wenn Sie nicht einem andern den
+Vorzug geben, denn binden will ich Sie mit keinem Wort, das kann ich
+nicht und darf ich nicht.‘
+
+„So sprach er damals zu mir und am nächsten Tage fuhr er fort. Vorher
+aber sprachen wir uns noch aus und beschlossen, der Großmutter nichts zu
+sagen. Er wollte es so. Nun, und ... meine Geschichte ist fast zu Ende.
+Es ist jetzt genau ein Jahr vergangen. Er ist zurückgekehrt, er ist
+schon ganze drei Tage hier und ... und ...“
+
+„Und – was?“ fragte ich gespannt.
+
+„... Und ist bis jetzt noch nicht gekommen!“ schloß Nasstenka, indem sie
+sich mit aller Gewalt zusammennahm, „kein Wort von ihm, kein Brief ...“
+
+Sie stockte, schwieg ein wenig, senkte den Kopf und plötzlich brach sie,
+die Hände vor das Gesicht schlagend, in Tränen aus und weinte so
+verzweifelt, daß es mir das Herz zerriß.
+
+Eine solche Lösung hatte ich nicht erwartet.
+
+„Nasstenka!“ sagte ich mit aller Güte und Teilnahme in der Stimme.
+„Nasstenka, um Gottes willen, so weinen Sie doch nicht so! Woher wissen
+Sie es denn? Vielleicht ist er noch gar nicht hier ...“
+
+„Doch, doch, er ist hier!“ bestätigte sie eifrig, „ich weiß es. Wir
+trafen damals noch eine Verabredung, an jenem Abend vor seiner Abreise –
+als wir uns ausgesprochen und uns alles gesagt hatten, was ich Ihnen
+soeben erzählt habe, da kamen wir hierher und spazierten hier auf und
+ab. Es war zehn Uhr und wir saßen auf dieser Bank. Ich weinte nicht
+mehr, es war mir so süß, zu hören, was er zu mir sprach ... Er sagte, er
+werde sogleich nach seiner Ankunft zu uns kommen, und wenn ich mich dann
+nicht von ihm lossagte, würden wir alles der Großmutter mitteilen. Jetzt
+aber ist er zurückgekehrt, ich weiß es, und zu uns ist er nicht
+gekommen, _nicht_ gekommen!“
+
+Und wieder brach sie in Tränen aus.
+
+„Mein Gott! Kann man Ihnen denn nicht irgendwie helfen?“ rief ich und
+sprang in meiner Ratlosigkeit von der Bank auf. „Sagen Sie, Nasstenka,
+könnte ich nicht zu ihm gehen und mit ihm sprechen?“
+
+„Ginge denn das?“ fragte sie, plötzlich aufschauend.
+
+„Nein, eigentlich nicht, natürlich nicht! ... Aber hören Sie: schreiben
+Sie ihm einen Brief.“
+
+„Nein, das ist unmöglich, das geht erst recht nicht!“ versetzte sie
+schnell, senkte jedoch das Köpfchen und sah mich nicht an.
+
+„Weshalb denn nicht? Weshalb sollte es unmöglich sein?“ fuhr ich fort,
+denn mein Plan begann mir zu gefallen. „Die Frage ist nur: was für einen
+Brief! Zwischen Brief und Brief ist ein Unterschied und ... Ach,
+Nasstenka, vertrauen Sie mir doch! Ich will Ihnen keinen schlechten Rat
+geben. Es läßt sich das wirklich machen, glauben Sie mir! Sie haben doch
+den ersten Schritt getan – weshalb wollen Sie denn jetzt nicht ...“
+
+„Nein, nein, es geht nicht, es geht wirklich nicht! Damals habe ich mich
+schon fast – aufgedrängt ...“
+
+„Ach, Sie Kind!“ unterbrach ich sie, ohne mein Lächeln zu verbergen,
+„nein, da irren Sie sich. Und schließlich haben Sie dazu das volle
+Recht, da er Ihnen sein Wort gegeben hat. Übrigens scheint er auch, wie
+ich aus allem ersehe, ein durch und durch anständiger Mensch zu sein,“
+fuhr ich fort und ließ mich von der Logik meiner Folgerungen und
+Schlüsse mehr und mehr gefangennehmen. „Wie hat er denn an Ihnen
+gehandelt? Er hat sich durch sein Versprechen gebunden. Er hat gesagt,
+daß er nur Sie heiraten werde, sobald er erst einmal so weit sein würde;
+Ihnen dagegen hat er volle Freiheit gelassen, so daß Sie, wenn Sie
+wollen, jeden Augenblick sich von ihm lossagen können ... Folglich
+dürfen Sie jetzt ruhig den ersten Schritt tun, denn er hat Ihnen in
+allem das Vorrecht überlassen – ganz gleich, ob es sich nun um die
+Rückgabe des bindenden Wortes handelt, oder um etwas anderes ...“
+
+„Sagen Sie – wie würden Sie an meiner Stelle schreiben?“
+
+„Was?“
+
+„Nun, diesen Brief an ihn.“
+
+„Ich? – Oh, ganz einfach: ‚Sehr geehrter Herr ...‘“
+
+„Muß man unbedingt so anfangen?“
+
+„Unbedingt. Übrigens, haben Sie etwas dagegen einzuwenden? Ich denke
+...“
+
+„Nein, nein, schon gut! Weiter!“
+
+„Also: ‚Sehr geehrter Herr! Entschuldigen Sie, daß ich ...‘ Übrigens
+nein, Entschuldigungen sind überflüssig. Hier erklärt ja schon die
+Tatsache alles. Also einfach: ‚Ich schreibe Ihnen. Verzeihen Sie meine
+Ungeduld, aber ich war ein ganzes Jahr lang so glücklich, da ich immer
+in meiner Hoffnung lebte – woher sollte ich jetzt wohl die Geduld
+nehmen, auch nur einen Tag der Ungewißheit zu ertragen? Jetzt, wo Sie
+schon zurückgekehrt sind und mich doch noch nicht aufgesucht haben, muß
+ich annehmen, daß Sie Ihre Absicht inzwischen aufgegeben haben. In dem
+Fall soll dieser Brief Ihnen nur sagen, daß ich nicht klage und Ihnen
+keinen Vorwurf mache. Wie sollte ich auch, denn es ist doch nicht Ihre
+Schuld, wenn ich Ihr Herz nur für eine kurze Zeit zu fesseln vermocht
+habe. Dann ist es eben mein Schicksal ... Sie sind ein vornehm denkender
+Mensch und Sie werden über meine ungeschickten Zeilen weder lächeln noch
+sich ärgern. Aber trotzdem – vergessen Sie nicht, daß ein armes Mädchen
+an Sie schreibt, daß sie ganz allein ist und keinen Menschen hat, dem
+sie sich anvertrauen und der ihr Rat erteilen könnte, und daß sie auch
+nie verstanden hat, ihr Herz zu bezwingen. Doch seien Sie mir nicht
+böse, wenn es unrecht von mir gewesen sein sollte, auch nur für einen
+Augenblick in meiner Seele Zweifel gehegt zu haben. Ich weiß, daß Sie
+nicht einmal in Gedanken diejenige zu kränken vermögen, die Sie so
+geliebt hat und noch liebt.‘“
+
+„Ja, ja! So habe ich es mir auch schon gedacht!“ rief Nasstenka und ihre
+Augen glänzten vor Freude. „Oh, Sie haben mich von allen meinen
+Ungewißheiten erlöst! Gott selbst hat Sie mir gesandt! Ich danke Ihnen,
+ich danke Ihnen!“
+
+„Wofür? Dafür, daß Gott mich zu Ihnen gesandt hat?“ fragte ich und
+betrachtete entzückt ihr freudestrahlendes Gesichtchen.
+
+„Ja, meinetwegen dafür!“
+
+„Ach, Nasstenka! Wir sind doch wirklich manchen Menschen nur dafür
+dankbar, daß sie mit uns leben oder überhaupt nur leben. Ich zum
+Beispiel bin Ihnen ganz unendlich dankbar dafür, daß Sie mir begegnet
+sind und daß ich nun mein Leben lang an Sie werde denken können.“
+
+„Nun, schon gut, genug! Aber jetzt – Sie wissen ja noch gar nicht alles
+– also hören Sie: Damals verabredeten wir, daß er sogleich nach seiner
+Rückkehr mir eine Nachricht zukommen lassen solle, und zwar durch meine
+Bekannten: gute, einfache Leute, die von all dem nichts wissen; falls er
+aber nicht schreiben könne, da sich in einem Brief doch oft nicht alles
+sagen läßt, so sollte er gleich am ersten Tage um Punkt zehn Uhr abends
+hierher kommen, wo wir uns dann treffen wollten. Daß er in Petersburg
+bereits angekommen ist, das weiß ich; aber jetzt ist er bereits seit
+drei Tagen hier und bis jetzt habe ich weder einen Brief von ihm
+erhalten, noch ist er selbst gekommen. Am Tage ist es mir nicht möglich,
+unbemerkt von Großmutter fortzugehen. Deshalb – oh, seien Sie so gut und
+geben Sie jenen Leuten, von denen ich sprach, meinen Brief – sie werden
+ihn weiterbefördern. Wenn aber eine Antwort von ihm eintrifft, so
+bringen Sie sie mir um zehn Uhr abends hierher – ja?“
+
+„Aber der Brief, der Brief! Zuerst muß doch der Brief noch geschrieben
+werden! Sonst kann ich das allenfalls erst übermorgen besorgen.“
+
+„Der Brief ...“ Nasstenka sah etwas verwirrt zu Boden, „der Brief ... ja
+aber ...“
+
+Sie stockte und sprach nicht zu Ende, wandte das Gesichtchen, das wie
+eine Rose erglühte, von mir fort, und plötzlich fühlte ich in meiner
+Hand einen Brief – einen geschlossenen und natürlich nicht erst ganz vor
+kurzem geschriebenen Brief. Und zugleich – der Schalk rief eine
+Erinnerung in mir wach – klang mir plötzlich eine reizende graziöse
+Melodie im Ohr und –
+
+„Ro–osi–ina!“ sang ich.
+
+„Oh! ‚Ro–o–osi–i–ina!‘“ sangen wir beide, und ich war nahe daran, sie
+vor lauter Wonne in meine Arme zu schließen, während sie noch heftiger
+errötete und durch Tränen lachte, die wie Tautropfen silbern an ihren
+Wimpern glänzten.
+
+„Nun, genug, genug! Jetzt leben Sie wohl!“ sagte sie schnell. „Den Brief
+haben Sie, und auf dem Umschlag steht die Adresse, dort geben Sie ihn
+ab. Leben Sie wohl! Auf Wiedersehen: morgen!“
+
+Sie drückte mir fest beide Hände, nickte mir noch einmal zu und huschte
+wie ein Schatten in ihre kleine Querstraße. Ich stand noch lange auf
+demselben Fleck und sah ihr nach.
+
+„Auf Wiedersehen: morgen! Morgen!“ fuhr es mir durch den Sinn, als sie
+meinen Blicken entschwunden war.
+
+
+ Die dritte Nacht.
+
+Heute war ein trauriger regnerischer Tag, so grau und trüb und lichtlos
+– ganz wie das Alter, das mir bevorstand. Und jetzt bedrücken mich so
+seltsame Gedanken, so dunkle Empfindungen, und Probleme, die mir selbst
+noch völlig unklar sind, drängen sich in meine Gedanken – und dabei habe
+ich doch weder die Kraft noch den Wunsch, sie zu lösen. Nun, das ist
+auch eigentlich nicht meine Sache!
+
+Heute haben wir uns nicht gesehen. Als wir gestern Abschied nahmen,
+zogen schon dunkle Wolken auf und Nebel erhob sich. Ich sagte noch:
+„Morgen werden wir einen trüben Tag haben“. Sie antwortete darauf nichts
+– was hätte sie auch antworten sollen? Für sie war dieser Tag hell und
+klar und kein Wölkchen würde auf ihr Glück einen Schatten werfen.
+
+„Wenn es regnet, werden wir uns nicht sehen,“ sagte sie endlich, „dann
+komme ich nicht.“
+
+Ich dachte, sie werde den Regen heute gar nicht bemerkt haben, aber sie
+kam doch nicht.
+
+Gestern sahen wir uns zum drittenmal – es war unsere dritte helle Nacht
+...
+
+Indessen – wie doch Freude und Glück einen Menschen schön machen! Wie
+atmet im Herzen die Liebe! Es ist, als wolle man sein ganzes Herz in ein
+anderes Herz überströmen lassen, man will, daß alles froh sei! daß alles
+lache! Und wie ansteckend ist diese Freude! Gestern war in ihren Worten
+soviel Zärtlichkeit und in ihrem Herzen soviel Güte zu mir ... Wie
+aufmerksam sie war, wie nett, wie freundlich und lieb! wie sie mich
+ermunterte und mein Herz erquickte! Oh, wieviel süße Schelmerei vor
+lauter Glück! Und ich ... Ich nahm alles für bare Münze und dachte, daß
+sie ...
+
+Mein Gott, wie konnte ich nur so etwas denken? Wie konnte ich so blind
+sein, wo ich doch wußte, daß alles schon einem anderen gehörte und wo
+ich mir doch hätte sagen müssen, daß all ihre Zärtlichkeit und Liebe ...
+ja, ihre Liebe zu mir – nichts anderes war, als ein Ausdruck ihrer
+Freude über das bevorstehende Wiedersehen mit ihm und ihr Wunsch, an
+diesem Glücke auch mich teilnehmen zu lassen, oder es einfach auf mich
+zu übertragen? ... Als er aber nicht kam und wir vergeblich warteten, da
+ward sie doch traurig und bekümmert und verzagt. Ihre Bewegungen und
+ihre Worte waren nicht mehr so leicht und gleichsam beflügelt, nicht
+mehr so ausgelassen lustig. Doch sonderbarerweise verdoppelte sie dann
+ihre Aufmerksamkeit und Freundlichkeit gegen mich, und es war mir, als
+wolle sie alles, was sie für sich wünschte und worum sie bangte, weil es
+vielleicht für sie nie in Erfüllung gehen würde, unwillkürlich
+wenigstens mir schenken. Und zitternd für ihr eigenes Glück, voll Angst
+und Sehnsucht begriff sie endlich, daß auch ich liebte, daß ich _sie_
+liebte, und etwas wie Mitleid mit meiner armen Liebe ergriff sie. Denn
+wenn wir selbst unglücklich sind, dann können wir das Unglück anderer
+besser nachfühlen, und das Gefühl zerstreut sich nicht so, sondern
+sammelt sich ...
+
+Ich kam zu ihr mit vollem Herzen, nachdem ich die Stunde des
+Wiedersehens kaum hatte erwarten können. Ich ahnte aber noch nicht, was
+ich in dieser Stunde empfinden würde, und ebensowenig sah ich voraus,
+wie anders alles enden sollte. Sie strahlte vor Freude, denn sie
+erwartete die Antwort. Und die Antwort, die sollte er selbst bringen ...
+daß er auf ihren Ruf unverzüglich zu ihr eilen würde – davon war sie
+fest überzeugt. Sie war schon eine ganze Stunde vor mir zur Stelle.
+Anfangs lachte sie über alles, fast über jedes Wort, das ich sprach. Ich
+wollte weitersprechen, doch plötzlich – schwieg ich.
+
+„Wissen Sie, weshalb ich so froh bin?“ fragte sie, „– und mich so freue,
+Sie zu sehen? – weshalb ich Sie heute so liebe?“
+
+„Nun?“ fragte ich und mein Herz bebte.
+
+„Ich liebe Sie, weil Sie sich nicht in mich verliebt haben. Ein anderer
+zum Beispiel hätte doch an Ihrer Stelle angefangen, mich zu beunruhigen
+und zu belästigen und hätte geseufzt und den Kranken gespielt, Sie aber
+sind so nett und lieb!“
+
+Und sie drückte meine Hand so fest, daß ich fast aufgeschrien hätte. Und
+dann lachte sie wieder.
+
+„Mein Gott! was sind Sie doch für ein Freund!“ fuhr sie nach einer Weile
+sehr ernst fort. „Ich glaube wirklich, daß Gott selbst Sie mir gesandt
+hat. Was würde wohl aus mir werden, wenn Sie jetzt nicht bei mir wären?
+Wie uneigennützig Sie sind! und mit wieviel Güte Sie mich lieben! Wenn
+ich verheiratet bin, werden wir gute Freunde sein – wie Brüder. Ich
+werde Sie fast ebenso lieben, wie ihn ...“
+
+Das tat mir weh und im Augenblick empfand ich schmerzvolle Trauer, doch
+zugleich regte sich auch so etwas wie ein Lachen in meiner Seele.
+
+„Sie sind unruhig,“ sagte ich, „die Angst sitzt Ihnen im Herzen, denn
+Sie fürchten innerlich doch, daß er nicht kommen wird.“
+
+„Gott mit Ihnen! – wäre ich weniger glücklich, so würden Ihr Unglaube
+und Ihre Vorwürfe mich wahrscheinlich zum Weinen bringen. Übrigens haben
+Sie mich auf einen Gedanken gebracht, über den ich noch lange grübeln
+kann. Doch das werde ich nachher tun; jetzt aber will ich Ihnen
+gestehen, daß Sie die Wahrheit erraten haben. Ja! Ich bin irgendwie
+nicht – ich selbst. Ich bin in der Tat eigentlich nichts als Erwartung
+und fühle und höre und nehme alles nur so von ungefähr ... Doch genug
+davon, reden wir nicht mehr von Gefühlen ...“
+
+Da plötzlich hörten wir Schritte und aus der Dunkelheit kam uns ein
+Fußgänger entgegen. Wir zuckten beide zusammen, sie hatte fast
+aufgeschrien. Ich zog meinen Arm zurück, auf dem ihre Hand lag, und
+machte eine Wendung, um unauffällig fortzugehen. Doch wir täuschten uns:
+es war ein Fremder, der ruhig vorüberging.
+
+„Was fürchten Sie? Weshalb zogen Sie Ihren Arm zurück?“ fragte sie,
+indem sie wieder meinen Arm nahm. „Was ist denn dabei? Wir werden ihm
+Arm in Arm entgegengehen. Ich will, daß er sieht, wie wir einander
+lieben.“
+
+„Wie wir einander lieben!“ rief ich.
+
+– „Oh, Nasstenka, Nasstenka!“ dachte ich im stillen, „wie viel du mit
+diesem Wort gesagt hast! Bei solcher Liebe, Nasstenka, kann das Herz
+wohl erfrieren ... und die Seele ist dann tottraurig ... Deine Hand ist
+kühl, Nasstenka, meine aber ist heiß wie Feuer. Wie blind du bist,
+Nasstenka! ... Oh! wie unerträglich kann doch ein glücklicher Mensch
+zuweilen sein! Aber dir böse sein: das könnte ich doch nicht! ...“
+
+Schließlich war mein Herz so voll von alledem, daß ich sprechen mußte,
+ob ich wollte oder nicht.
+
+„Hören Sie, Nasstenka!“ rief ich, „wissen Sie, was heute den ganzen Tag
+mit mir gewesen ist?“
+
+„Nun, was, was denn? Erzählen Sie schnell! Warum haben Sie denn bis
+jetzt geschwiegen!“
+
+„Erstens, Nasstenka, als ich alle Ihre Aufträge erfüllt, den Brief bei
+Ihren guten Leuten abgegeben hatte, da ... da ging ich nach Hause und
+legte mich schlafen ...“
+
+„Und das war alles?“ unterbrach sie mich lachend.
+
+„Ja, fast alles,“ versetzte ich, mich schnell zusammennehmend, denn die
+dummen Tränen wollten mir mit Gewalt in die Augen treten. „Ich erwachte
+erst eine Stunde vor dem von uns verabredeten Wiedersehen, aber es war
+mir, als hätte ich gar nicht geschlafen. Ich weiß nicht, was mit mir
+war. Und als ich herkam, da war es, als käme ich nur, um Ihnen das alles
+zu erzählen. Es war, als sei die Zeit für mich stehengeblieben, als
+müßte eine Empfindung, ein einziges Gefühl von nun an ewig mich
+beherrschen, als müßte ein Augenblick eine ganze Ewigkeit währen und als
+sei das ganze Leben in mir stehen geblieben ... Als ich erwachte, da war
+es mir, als erinnerte ich mich eines musikalischen Motivs, das ich
+einmal vor langer Zeit gehört und inzwischen vergessen haben mochte. Und
+es schien mir, als habe es sich schon mein Leben lang aus meiner Seele
+hervordrängen wollen, und jetzt erst ...“
+
+„Ach, mein Gott!“ unterbrach mich Nasstenka, „wie kommt denn das? Ich
+begreife kein Wort.“
+
+„Ach, Nasstenka! Ich wollte Ihnen diesen seltsamen Eindruck irgendwie
+wiedergeben ...“ begann ich mit trauriger Stimme, in der sich aber doch
+noch Hoffnung verbarg, wenn auch nur eine ganz entfernte.
+
+„Schon gut, hören Sie auf, schon gut, schon gut!“ sagte sie schnell – in
+einem Augenblick hatte sie alles erraten, die Schelmin!
+
+Sie ward sehr gesprächig und lustig und sogar unartig. Sie nahm meinen
+Arm, lachte, erzählte, wollte unbedingt, daß auch ich zu lachen anfinge,
+und jedes verwirrte Wort von mir rief bei ihr ein helles und übermütiges
+Lachen hervor ... Ich fing an, mich zu ärgern, und plötzlich begann sie
+zu kokettieren.
+
+„Hören Sie mal,“ hub sie an, „ein wenig ärgert es mich doch, daß Sie
+sich gar nicht in mich verliebt haben. Da werde einer jetzt klug aus den
+Menschen! Immerhin, mein unbezwingbarer Herr, müssen Sie doch wenigstens
+das anerkennen, daß ich so harmlos und offenherzig bin. Ich sage Ihnen
+alles, alles, gleichviel was für eine Dummheit mir gerade durch den Kopf
+fährt.“
+
+„Da! Hören Sie? Es schlägt elf,“ sagte ich, als fernher der erste
+gemessene Schlag der Turmuhr erklang.
+
+Sie blieb stehen, ihr Lachen war verstummt, sie zählte jeden Schlag.
+
+„Ja, elf,“ sagte sie endlich etwas zaghaft und unschlüssig.
+
+Ich bereute sogleich, daß ich sie unterbrochen und die Schläge hatte
+zählen lassen. Und ich verwünschte mich ob der Bosheit, die mich
+angewandelt. Es tat mir leid um sie, und ich wußte nicht, wie ich mein
+Vergehen gutmachen sollte. Ich versuchte, sie zu trösten und Gründe für
+sein Fernbleiben zu suchen. Ich führte verschiedene Beispiele an, bewies
+und folgerte: und wirklich ließ sich niemand leichter überzeugen, als
+sie in diesem Augenblick, wie ja wohl ein jeder unter solchen Umständen
+mit Freuden jeden Trost anhören und selbst noch für den Schatten einer
+Rechtfertigung dem anderen dankbar sein würde.
+
+„Ja, und überhaupt,“ fuhr ich fort, indem ich mich immer mehr für ihn
+einsetzte, und dabei selbst sehr eingenommen von der Klarheit meiner
+Beweise war, „er konnte ja heute noch gar nicht kommen. Sie haben Ihre
+Erwartung und Unruhe auch auf mich übertragen, Nasstenka, so daß auch
+ich die Zeitschätzung ganz vergaß ... Bedenken Sie doch nur: er hat ja
+kaum erst den Brief erhalten können! Nehmen wir jetzt an, daß er
+verhindert ist, persönlich zu erscheinen, und daß er schreiben wird –
+dann können Sie den Brief doch gar nicht früher bekommen, als morgen.
+Ich werde in aller Frühe hingehen und Sie dann sogleich benachrichtigen.
+Und überdies können wir ja noch tausend andere Wahrscheinlichkeiten
+annehmen – sagen wir zum Beispiel: er ist nicht zu Hause gewesen, als
+der Brief kam, und er hat ihn vielleicht bis jetzt noch nicht gelesen.
+Es ist doch alles möglich.“
+
+„Ja, ja!“ pflichtete mir Nasstenka schnell bei, „ich habe daran gar
+nicht gedacht, natürlich ist alles möglich,“ bestätigte sie mit
+bereitwillig nachgiebiger Stimme, aus der aber doch, wie eine ärgerliche
+kleine Dissonanz, ein anderer ferner Gedanke herauszuhören war.
+
+„Dann bleibt es dabei und wir machen es so: Sie gehen morgen möglichst
+früh zu jenen guten Leuten, und wenn Sie dort etwas erhalten, so
+benachrichtigen Sie mich unverzüglich. Sie wissen doch, wo ich wohne?“
+Und sie nannte mir ihre Adresse.
+
+Dann wurde sie mit einemmale so zärtlich zu mir, und dabei schien sie
+doch eine gewisse Schüchternheit anzuwandeln ... Scheinbar hörte sie mir
+auch aufmerksam zu ... als ich mich aber mit einer Frage an sie wandte,
+da schwieg sie und kehrte verwirrt das Köpfchen von mir fort. Ich beugte
+mich ein wenig vor, um ihr ins Gesicht zu sehen – und wahrhaftig: so
+war’s: sie weinte.
+
+„Nun, nun! Ist’s möglich? Ach, was für ein Kind Sie sind! Was für ein
+kleines unvernünftiges Kind! ... Hören Sie doch auf! ... Worüber weinen
+Sie denn?“
+
+Sie versuchte, zu lächeln und sich zu beherrschen, aber ihr Gesicht
+zuckte und ihre Brust wogte immer noch.
+
+„Ich habe nur über Sie nachgedacht,“ sagte sie nach längerem Schweigen.
+„Sie sind so gut, daß ich von Stein sein müßte, wenn ich das nicht
+herausfühlte. Wissen Sie, was mir soeben in den Sinn kam? Ich verglich
+Sie beide. Warum ist er – nicht Sie? Warum ist er nicht so wie Sie? Er
+ist schlechter, als Sie und doch liebe ich ihn mehr, als ich Sie liebe.“
+
+Ich antwortete nichts. Sie aber wartete, wie es schien, auf eine
+Bemerkung von mir.
+
+„Selbstverständlich ist es möglich, daß ich ihn vielleicht nicht ganz
+verstehe, und ich kenne ihn ja auch noch gar nicht so gut. Aber wissen
+Sie, es ist mir, als hätte ich ihn immer ein wenig gefürchtet. Er war
+immer so ernst und so ... wie stolz. Natürlich, ich weiß ja, das war nur
+der äußere Schein. In seinem Herzen ist sogar noch mehr Zärtlichkeit,
+als in meinem ... Ich weiß noch, wie er mich damals ansah – wissen Sie,
+als ich mit meinem Bündel zu ihm kam ... Aber doch ist es so, als
+stellte ich ihn irgendwie gar zu hoch, und das ist dann doch wieder so,
+als wären wir einander nicht gleich, nicht ebenbürtig?“
+
+„Nein, Nasstenka,“ sagte ich, „das bedeutet nur, daß Sie ihn mehr als
+alles andere in der Welt lieben, und sogar viel mehr als sich selbst.“
+
+„Ja, nun gut, mag das so sein,“ entgegnete Nasstenka naiv, „aber wissen
+Sie, was mir jetzt wieder in den Sinn gekommen ist? Nur werde ich jetzt
+nicht mehr von ihm sprechen, sondern im allgemeinen – ich habe darüber
+eigentlich schon lange nachgedacht. Hören Sie also und sagen Sie mir:
+warum sind wir nicht alle wie Brüder zueinander? Warum kommt es einem
+selbst beim besten Menschen immer vor, als verberge er etwas vor dem
+anderen und verschweige es ihm? Warum sagt nicht ein jeder ganz offen,
+was er gerade auf dem Herzen hat, wenn man weiß, daß man seine Worte
+nicht in den Wind spricht? Jetzt schaut ein jeder drein, als sei er viel
+kälter und schroffer, als er es in Wirklichkeit ist, und es ist fast,
+als fürchteten die Menschen, sich etwas zu vergeben, wenn sie ihre
+Gefühle ohne weiteres voreinander äußerten ...“
+
+„Ach, Nasstenka! Sie haben gewiß recht, aber das geschieht doch aus sehr
+verschiedenen Gründen,“ versetzte ich, während ich mich gerade in diesem
+Augenblick mehr denn je zusammennahm und meine innersten Gefühle
+verbarg.
+
+„Nein, nein!“ widersprach sie mir mit tiefer Überzeugung. „Sie zum
+Beispiel sind nicht so wie die anderen! Ich ... verzeihen Sie, ich weiß
+nicht, wie ich Ihnen das erklären soll, was ich empfinde, aber es
+scheint mir, daß Sie ... zum Beispiel jetzt, gerade jetzt ... ja, es
+scheint mir, daß Sie mir ein Opfer bringen,“ sagte sie fast zaghaft und
+ihr Blick streifte mich dabei flüchtig. „Verzeihen Sie mir, daß ich so
+zu Ihnen spreche. Ich bin ein einfaches Mädchen und habe noch wenig
+gesehen im Leben, und wirklich: ich verstehe mich oft gar nicht richtig
+auszudrücken,“ fügte sie mit einer Stimme hinzu, die von einem
+verborgenen Gefühl zitterte, während sie sich zu einem Lächeln zwang,
+„aber ich wollte Ihnen doch sagen, daß ich Ihnen dankbar bin und daß ich
+dies selbst weiß und empfinde ... Oh, möge Gott Sie dafür glücklich
+machen! Das aber, was Sie mir damals von Ihrem Träumer erzählten, das
+ist ja gar nicht wahr! – ich meine: das hat doch nichts mit Ihnen zu
+tun! Sie werden gesund werden, und überhaupt – Sie sind doch ein ganz
+anderer Mensch, als wie Sie sich selbst geschildert haben. Sollten Sie
+aber einmal lieben, dann gebe Gott Ihnen alles Glück! Derjenigen aber,
+die Sie lieben, brauche ich nichts mehr zu wünschen, denn mit Ihnen wird
+sie ohnehin glücklich sein! Ich weiß es, ich bin selbst ein Weib, und
+darum können Sie mir glauben, wenn ich es Ihnen sage ...“
+
+Sie verstummte und wir tauschten einen herzlichen Händedruck. Auch ich
+war zu erregt, um noch sprechen zu können. Wir schwiegen beide.
+
+„Ja, heute wird er nicht mehr kommen,“ sagte sie endlich und hob den
+Kopf. „Es ist zu spät ...“
+
+„Er wird morgen kommen,“ sagte ich in festem, überzeugtem Tone.
+
+„Ja,“ sagte sie munter, „ich sehe es jetzt selbst ein, daß es heute noch
+zu früh war, und daß er erst morgen kommen wird. Nun, dann also auf
+Wiedersehen: morgen! Wenn es regnet, werde ich vielleicht nicht kommen.
+Aber übermorgen – übermorgen werde ich bestimmt kommen, und Sie – kommen
+Sie gleichfalls unbedingt. Ich will Sie sehen, ich werde Ihnen dann
+alles erzählen.“
+
+Und als wir uns verabschiedeten, reichte sie mir die Hand und sagte,
+indem sie mir mit klarem Blick in die Augen sah:
+
+„Von nun an werden wir doch immer beisammen bleiben, nicht wahr?“
+
+Oh! Nasstenka, Nasstenka! Wenn du wüßtest, wie einsam ich jetzt bin!
+
+Als es aber am anderen Abend neun schlug, da hielt ich es in meinem
+Zimmer nicht mehr aus: ich kleidete mich an und ging trotz des
+Regenwetters. Ich war dort und saß auf der Bank. Nach einer Weile stand
+ich auf und ging in ihre Gasse, dann aber schämte ich mich und zwei
+Schritte vor ihrem Hause kehrte ich wieder um, ohne nach ihren Fenstern
+hinaufgesehen zu haben. Ich kam in einer Stimmung nach Hause, wie ich
+sie bisher noch nie erlebt hatte. Wie feucht, wie öde, wie langweilig!
+Wäre das Wetter schön, sagte ich mir, dann würde ich die ganze Nacht
+lang dort umhergehen ...
+
+Doch bis morgen, bis morgen! Morgen wird sie mir alles erzählen.
+
+Immerhin mußte ich mir sagen, daß er auf ihren Brief nicht geantwortet
+hatte: wenigstens heute nicht. Doch übrigens, so ist es ja auch ganz in
+der Ordnung. Was sollte er auch schreiben? – Er wird ja selbst kommen
+...
+
+
+ Die vierte Nacht.
+
+Mein Gott, daß es so enden würde, so!
+
+Ich kam um neun Uhr. Sie war bereits da. Ich erblickte sie schon von
+weitem: sie stand wie damals, als ich sie zum ersten Male sah, damals,
+am Kai, und stützte sich auf das Geländer und hörte nicht, wie ich mich
+ihr näherte.
+
+„Nasstenka!“ rief ich sie an, kaum fähig, meine Erregung zu bezwingen.
+
+Sie fuhr zusammen und wandte sich schnell nach mir um.
+
+„Nun,“ sagte sie, „nun? Schneller!“
+
+Ich sah sie verständnislos an.
+
+„Geben Sie mir den Brief! Sie haben doch den Brief gebracht?!“ Ihre Hand
+griff nach dem Geländer.
+
+„Nein, ich habe keinen Brief,“ sagte ich langsam. „Ist er denn noch
+nicht hier gewesen?“
+
+Sie ward unheimlich blaß und sah mich lange starr an. Ich hatte ihre
+letzte Hoffnung vernichtet.
+
+„Gott mit ihm!“ sagte sie endlich mit stockender Stimme und zuckenden
+Lippen. „Gott mit ihm, wenn er mich so verläßt ...“
+
+Sie schlug die Augen nieder – wollte dann zu mir aufsehen, vermochte es
+aber nicht. Eine Weile stand sie noch und meisterte ihre Erregung, dann
+wandte sie sich plötzlich fort, stützte die Ellenbogen auf das Geländer
+und brach in Tränen aus.
+
+„Beruhigen Sie sich! Beruhigen Sie sich!“ suchte ich sie zu trösten,
+doch hatte ich beim Anblick ihres Kummers nicht mehr die Kraft,
+fortzufahren – und was sollte ich ihr denn auch sagen?
+
+„Suchen Sie nicht mich zu trösten,“ sagte sie weinend, „reden Sie nicht
+von ihm, sagen Sie nicht, daß er noch kommen wird, und es nicht wahr
+sei, daß er mich so grausam verlassen habe, so unmenschlich grausam, wie
+er es getan! Und warum, warum? Sollte denn wirklich etwas Schlechtes in
+meinem Brief gewesen sein, in diesem unseligen Brief? ...“
+
+Erneutes Schluchzen erstickte ihre Stimme. Ich glaubte, mein Herz müsse
+brechen vor Mitleid.
+
+„Oh, wie unmenschlich grausam das ist!“ begann sie wieder.
+
+„Und keine Zeile, kein Wort! Wenn er doch wenigstens geantwortet hätte,
+geschrieben, daß er mich nicht brauche, daß er mich nicht wolle! Aber so
+– nicht eine Zeile, nicht ein Wort in den ganzen drei Tagen! Wie leicht
+es ihm fällt, mich zu kränken, ein armes schutzloses Mädchen zu
+verletzen, dessen einzige Schuld nur darin besteht, ihn zu lieben! Oh,
+was ich in diesen drei Tagen durchgemacht habe! Mein Gott! Mein Gott!
+Wenn ich denke, daß ich das erstemal ungerufen, ungebeten zu ihm
+gegangen bin, daß ich mich vor ihm erniedrigt habe, geweint, daß ich ihn
+um ein wenig, nur ein wenig Liebe gebeten ... Und jetzt das! ... Nein,
+wissen Sie,“ – sie wandte sich mir wieder zu und ihre dunklen Augen
+sprühten – „es ist ja nicht möglich! Es _kann_ doch nicht so sein! Das
+ist doch unmenschlich! Entweder habe ich mich getäuscht – oder Sie!
+Vielleicht hat er den Brief gar nicht erhalten? Vielleicht weiß er bis
+jetzt noch nichts von ihm? Anders ist es doch nicht möglich, urteilen
+Sie doch selbst, sagen Sie mir, um Gottes willen, erklären Sie mir – ich
+kann es nicht begreifen – wie kann man einen Menschen so barbarisch roh
+behandeln, wie er mich behandelt hat! Kein einziges Wort auf meinen
+Brief! Selbst mit dem unwürdigsten Menschen geht man doch mitleidiger
+um! Oder – oder sollte ihm jemand etwas über mich erzählt haben?“ wandte
+sie sich plötzlich an mich. „Wie? was meinen Sie?“
+
+„Wissen Sie was, Nasstenka: ich werde morgen zu ihm gehen, in Ihrem
+Namen.“
+
+„Und?“
+
+„Und ich werde ihn einfach fragen und ihm alles erzählen.“
+
+„Und dann?“
+
+„Und Sie schreiben ihm einen Brief. Sagen Sie nicht nein, Nasstenka,
+sagen Sie nicht nein! Ich werde ihn zwingen, Ihre Handlungsweise zu
+achten, er soll alles erfahren, und wenn er ...“
+
+„Nein, mein Freund, nein!“ fiel sie mir ins Wort. „Lassen Sie es gut
+sein. Von mir wird er weiter kein Wort hören, kein Wort. Ich kenne ihn
+nicht mehr, ich liebe ihn nicht mehr, ich werde ihn ... ver ... ges ...
+sen ...“
+
+Sie sprach nicht weiter.
+
+„Beruhigen Sie sich, beruhigen Sie sich! Setzen Sie sich hier auf die
+Bank, Nasstenka,“ redete ich ihr zu und führte sie ein paar Schritte
+weiter, auf die Bank zu ...
+
+„Ich bin ja ruhig. Schon gut. Das ist nun einmal so. Diese Tränen – die
+werden schon versiegen! Was glauben Sie denn – daß ich mich umbringen
+werde, mich etwa ertränken werde? ...“
+
+Mein Herz war zum Zerspringen voll. Ich wollte sprechen, aber ich konnte
+nicht.
+
+„Hören Sie!“ fuhr sie fort und sie ergriff meine Hand. „Sagen Sie: Sie
+würden doch nicht so gehandelt haben? Sie würden doch nicht dem Mädchen,
+das selbst zu Ihnen gekommen ist, weil es sein schwaches dummes Herz
+nicht zu meistern verstand – mit einem Hohnlachen antworten? Sie würden
+sie doch sicherlich geschont haben? Sie würden sich doch sagen, daß sie
+allein stand? daß sie vom Leben noch nichts wußte und daß sie sich nicht
+in acht zu nehmen und vor der Liebe zu Ihnen zu bewahren verstand, und
+daß das Ganze nicht ihre Schuld ist ... daß sie nichts getan hat ... O
+mein Gott! mein Gott!“
+
+„Nasstenka!“ rief ich, unfähig, meine Erregung noch langer
+zurückzuhalten, „Nasstenka, Sie martern mich! Sie zerreißen mein Herz,
+Sie töten mich, Nasstenka! Ich kann nicht länger schweigen! Ich muß
+endlich sprechen, muß es aussprechen, was hier aus meinem Herzen heraus
+muß.“
+
+Während ich das sagte, erhob ich mich von der Bank. Sie nahm meine Hand
+und sah mich verwundert an.
+
+„Was ist mit Ihnen?“ fragte sie schließlich.
+
+„Lassen Sie mich alles sagen, Nasstenka!“ bat ich entschlossen.
+„Erschrecken Sie nicht, Nasstenka, was ich Ihnen jetzt sagen werde, ist
+alles Unsinn, ist unmöglich und dumm! Ich weiß, daß es sich niemals
+verwirklichen wird, aber ich kann nicht länger schweigen – bei allem,
+was Sie jetzt leiden, beschwöre ich Sie und bitte ich Sie, mir im voraus
+zu verzeihen! ...“
+
+„Aber was, was ist es denn?“ Sie hatte schon aufgehört, zu weinen, und
+sah mich unverwandt an. In ihren erstaunten Augen lag eine seltsame
+Neugier. „Was haben Sie nur?!“
+
+„Es ist ja unmöglich, Nasstenka, ich weiß es, aber ich – ich liebe Sie,
+Nasstenka! Das ist es! So, jetzt ist alles gesagt! ... Jetzt wissen Sie,
+ob Sie so zu mir sprechen dürfen, wie Sie es soeben taten, und auch, ob
+Sie das anhören dürfen, was ich Ihnen noch sagen will ...“
+
+„Ja was ... was denn? ... Was ist denn dabei? Ich weiß es doch schon
+lange, daß Sie mich lieben, es schien mir nur immer, daß Sie mich bloß –
+so ... einfach irgendwie – liebhätten ... Ach Gott!“
+
+„Anfangs war es auch einfach so, Nasstenka, jetzt aber, jetzt! ... mit
+mir ist es ebenso wie mit Ihnen, als Sie damals mit Ihrem Bündelchen zu
+ihm gingen. Nein, ich bin noch schlimmer daran, als Sie, Nasstenka, denn
+er liebte damals niemand. Sie aber lieben ...“
+
+„Was sagen Sie mir da! Ich ... ich verstehe Sie nicht. Aber, hören Sie,
+warum denn das ... oder, nein, wozu denn das alles, und so plötzlich ...
+Gott! Was für Dummheiten ich rede! Aber Sie ...“
+
+Nasstenka geriet vollends in Verwirrung, ihre Wangen färbten sich
+purpurn und sie sah zu Boden.
+
+„Was soll ich denn tun, Nasstenka, was soll ich denn? Ich bin schuld,
+ich habe da irgend etwas mißbraucht ... Oder nein! nein, Nasstenka, ich
+habe keine Schuld, Nasstenka. Ich fühle das, ich spüre es, denn mein
+Herz sagt mir, daß ich kein Unrecht tue, ich kann Sie doch damit nicht
+kränken oder gar beleidigen! Ich war Ihr Freund; nun, und auch jetzt bin
+ich Ihr Freund – ich habe nichts verraten und habe keine Treulosigkeit
+begangen. Da sehen Sie, da rollen mir die Tränen über die Wangen,
+Nasstenka. Mögen sie rollen, mögen sie – sie stören niemanden. Von
+selbst werden sie wieder versiegen, Nasstenka ...“
+
+„Aber so setzen Sie sich doch, setzen Sie sich!“ Und sie wollte mich
+förmlich zwingen, mich hinzusetzen. „Ach, mein Gott!“
+
+„Nein, Nasstenka, ich will nicht sitzen. Ich kann jetzt nicht mehr lange
+bleiben und Sie werden mich auch nicht wiedersehen: ich werde Ihnen
+alles sagen – und dann gehe ich. Sie hätten es nie erfahren, daß ich Sie
+liebe. Ich hätte mein Geheimnis zu bewahren gewußt und hätte nicht
+angefangen, Sie jetzt in dieser Stunde mit mir und meinem Eigennutz zu
+quälen. Nein! Aber ich – ich habe es doch nicht ausgehalten! Sie fingen
+an, davon zu sprechen, Sie sind schuld, Sie sind an allem schuld, ich
+aber bin unschuldig. Sie können mich nicht so von sich stoßen ...“
+
+„Aber nein, nein, ich schicke Sie ja gar nicht fort, nein!“ beteuerte
+Nasstenka, und sie gab sich die größte Mühe, ihre Verwirrung zu
+verbergen.
+
+„Nicht? wirklich nicht? Und ich wollte schon von Ihnen fortlaufen. Ich
+werde auch fortgehen, nur muß ich vorher alles sagen, denn als Sie hier
+sprachen, als Sie hier weinten und vor mir standen mit Ihrer Qual, und
+das, weil ... nun, weil – ich werde es aussprechen, Nasstenka –, weil
+man Sie verschmäht, da fühlte ich, daß in meinem Herzen soviel Liebe für
+Sie ist, Nasstenka, soviel Liebe! ... Und es tat mir so bitter weh, daß
+ich Ihnen mit dieser Liebe nicht helfen konnte, daß mir das Herz darüber
+schier brechen wollte, und ich, ich ... konnte nicht mehr schweigen, ich
+mußte sprechen, Nasstenka, ich _mußte_ sprechen! ...“
+
+„Ja, ja! schon gut! Sprechen Sie nur, sprechen Sie ruhig so zu mir!“
+sagte Nasstenka plötzlich mit einer unerklärbaren Bewegung. „Es wird Sie
+vielleicht in Erstaunen setzen, daß ich Ihnen das sage, aber ...
+sprechen Sie nur! Ich werde es Ihnen nachher erklären. Ich werde Ihnen
+alles erzählen!“
+
+„Ich tue Ihnen leid, Nasstenka, Sie haben einfach nur Mitleid mit mir,
+Kind! Nun! Was verloren ist, ist verloren. Was man gesagt hat, läßt sich
+nicht zurücknehmen. Nicht wahr? Nun also, Sie wissen jetzt alles. Dies
+wäre unser Ausgangspunkt. Nun gut: so weit wäre alles erledigt, jetzt
+hören Sie weiter. Als Sie hier saßen und weinten, da dachte ich bei mir,
+– ach, bitte, Nasstenka, lassen Sie mich sagen, was ich dachte! – ich
+dachte, daß Sie ... daß Sie da irgendwie ... nun, mit einem Wort: daß
+Sie auf irgendeine Weise aufgehört hätten, ihn zu lieben. Dann – das
+habe ich auch gestern schon gedacht, Nasstenka, und auch vorgestern
+schon – dann würde ich es unbedingt so gemacht haben, daß Sie mich
+liebgewonnen hätten. Sie sagten doch, Sie selbst haben es doch gesagt,
+daß Sie mich fast schon liebhätten. Nun, und – was nun weiter? Ja, das
+ist nun fast alles, was ich sagen wollte. Zu sagen bliebe nur noch, was
+dann wäre, wenn Sie mich nun wirklich liebgewönnen: nur das! Also hören
+Sie, meine Freundin – denn meine Freundin sind Sie deshalb doch nach wie
+vor –: ich bin natürlich nur ein einfacher Mensch, bin arm und gering,
+doch handelt es sich ja nicht darum – ich weiß nicht, ich rede immer von
+ganz anderen Dingen, aber das kommt nur von der Verwirrung, Nasstenka –,
+nur würde ich Sie so lieben, Nasstenka, so lieben, daß Sie, auch wenn
+Sie ihn, den ich nicht kenne, immer noch weiter lieben sollten, doch nie
+merken würden, daß meine Liebe Ihnen irgendwie lästig wäre. Sie würden
+bloß spüren, würden bloß in jeder Minute fühlen, daß neben Ihnen ein
+dankbares, oh, so dankbares Herz schlägt, ein heißes Herz, das für Sie
+... Ach, Nasstenka, Nasstenka! Was haben Sie aus mir gemacht!!!“
+
+„Aber so weinen Sie doch nicht, ich will nicht, daß Sie weinen!“ sagte
+Nasstenka und stand schnell von der Bank auf. „Gehen wir, kommen Sie,
+weinen Sie nicht, so weinen Sie doch nicht!“ Und sie wischte mit ihrem
+Tüchlein über meine Wangen. „So, gehen wir jetzt. Ich werde Ihnen
+vielleicht etwas sagen ... Wenn er mich schon verlassen und vergessen
+hat, so ... obschon ich ihn noch liebe – ich kann Ihnen das nicht
+verheimlichen und will Sie nicht täuschen – aber hören Sie, und dann
+antworten Sie mir. Wenn ich zum Beispiel Sie liebgewönne, das heißt,
+wenn ich nur ... Oh, mein Freund, mein guter Freund! wenn ich bedenke,
+wie ich Sie gekränkt und wie weh ich Ihnen getan haben muß, als ich Sie
+dafür lobte, daß Sie sich nicht in mich verliebt hätten! O Gott! Ja wie
+konnte ich nur das nicht voraussehen, wie konnte ich nur so dumm sein,
+wie ... aber ... Nun ... nun gut, ich habe mich entschlossen, und ich
+werde Ihnen alles sagen ...“
+
+„Hören Sie, Nasstenka, wissen Sie was? Ich werde jetzt fortgehen von
+Ihnen, das wird das beste sein. Ich sehe doch, ich quäle Sie nur. Da
+machen Sie sich jetzt Gewissensbisse, weil Sie sich über mich lustig
+gemacht haben, ich will aber nicht, daß Sie außer Ihrem Leid ... Ich bin
+natürlich schuld daran, Nasstenka, also – leben Sie wohl!“
+
+„Nein, bleiben Sie, hören Sie mich zuerst an: können Sie warten?“
+
+„Warten? Worauf warten?“
+
+„Ich liebe ihn; aber das wird vergehen, das muß vergehen, das kann gar
+nicht – nicht vergehen; es vergeht schon, ich fühle es schon jetzt ...
+Wer weiß, vielleicht wird es noch heute ganz vergehen, denn ich hasse
+ihn, weil er sich über mich lustig gemacht hat, während Sie hier mit mir
+geweint haben ... und Sie, Sie hätten mich auch nicht so verstoßen, wie
+er es getan, denn Sie lieben wirklich, er aber hat mich überhaupt nicht
+geliebt, – und dann weil ich Sie ... schließlich selbst liebe ... Ja,
+liebe! so liebe, wie Sie mich lieben. Ich habe es Ihnen doch schon
+einmal gesagt, Sie haben es schon gehört, – ich liebe Sie, weil Sie
+besser sind, als er, weil Sie anständiger sind, als er, weil ... weil er
+...“
+
+Ihre Stimme versagte vor Erregung, sie legte ihren Kopf an meine
+Schulter, beugte ihn aber immer mehr, bis er an meiner Brust lag: und
+dann begann sie bitterlich zu weinen. Ich tröstete, ich streichelte sie,
+ich redete ihr zu, aber sie vermochte sich nicht zu beherrschen; sie
+drückte meine Hand und stammelte unter Schluchzen: „Warten Sie, warten
+Sie noch ein wenig. Es wird gleich vergehen ... ich höre ja schon auf
+... Ich will Ihnen nur sagen ... denken Sie nicht, daß diese Tränen ...
+das ist nur so – von der Schwäche, warten Sie, bis es vergeht ...“
+
+Endlich versiegten die Tränen, sie richtete sich auf, wischte noch die
+letzten Tränenspuren von den Wangen und wir gingen. Ich wollte sprechen,
+aber sie bat mich immer wieder, ihr noch ein wenig Zeit zum Nachdenken
+zu lassen. So schwiegen wir denn ... Endlich nahm sie sich zusammen und
+begann:
+
+„Also hören Sie,“ sagte sie mit schwacher und unsicherer Stimme, aus der
+aber plötzlich ein eigenes Gefühl klang und mein Herz so traf, daß es
+wie in einem süßen Schmerz erzitterte. „Denken Sie nicht, daß ich
+unbeständig und leichtsinnig sei, oder daß ich so schnell und leicht
+vergessen könne und untreu werde ... Ich habe ihn ein ganzes Jahr
+geliebt und ich schwöre bei Gott, daß ich niemals, niemals auch nur mit
+einem Gedanken ihm untreu gewesen bin. Er aber hat das mißachtet: er hat
+sich mit mir nur einen Scherz erlaubt – Gott mit ihm! Aber es hat mich
+doch verletzt und mein Herz gekränkt. Ich ... ich liebe ihn nicht mehr,
+denn ich kann nur das lieben, was gütig ist, großmütig, was mich
+versteht und was anständig ist; denn ich selbst bin so, er aber ist
+meiner unwürdig, – nun, noch einmal, Gott mit ihm! Es ist besser so, als
+wenn ich später erfahren hätte, wie er eigentlich ist ... Also – jetzt
+hat das ein Ende! Und wer weiß, mein guter Freund,“ fuhr sie fort, indem
+sie mir die Hand drückte, „wer weiß, vielleicht war meine ganze Liebe
+nur eine Gefühlstäuschung oder nur Einbildung, vielleicht begann das
+alles mit ihm nur aus Unart, weil ich dieses eintönige Leben führte und
+ewig an Großmutters Kleid angesteckt war? Vielleicht ist es mir
+bestimmt, einen ganz anderen zu lieben, einen, der mehr Mitleid mit mir
+hat und ... und ... Nun, lassen wir das, reden wir nicht mehr davon,“
+unterbrach sich Nasstenka stockend und atemlos vor Erregung, „ich wollte
+Ihnen nur sagen ... ich wollte Ihnen sagen, wenn Sie, obwohl ich ihn
+liebe – nein, geliebt habe, – wenn Sie mir trotzdem sagen ... Ich meine,
+wenn Sie fühlen und glauben ... Ihre Liebe sei so groß, daß sie die
+frühere aus meinem Herzen verdrängen könnte ... wenn Sie soviel Mitleid
+mit mir haben und mich jetzt nicht allein meinem Schicksal überlassen
+wollen, ohne Trost und Hoffnung, wenn Sie mich vielmehr immer so lieben
+wollen, wie Sie mich jetzt lieben, so – schwöre ich Ihnen, daß meine
+Dankbarkeit ... daß meine Liebe Ihrer Liebe wert sein wird ... Wollen
+Sie daraufhin meine Hand nehmen?“
+
+„Nasstenka!!“ Ich glaube, Jauchzen und Tränen erstickten meine Stimme.
+„Nasstenka! ... Oh, Nasstenka! ...“
+
+„Schon gut, schon gut! Nun lassen Sie es genug sein!“ sagte sie schnell,
+in augenscheinlicher Hast, und sich nur mit Mühe beherrschend. „Jetzt
+ist alles gesagt, nicht wahr? Ja? Nun, und Sie sind jetzt glücklich und
+ich bin glücklich, also wollen wir weiter kein Wort mehr davon sprechen!
+Warten Sie ... schnell, erbarmen Sie sich – sprechen Sie von irgend
+etwas anderem, um Gottes willen! ...“
+
+„Ja, Nasstenka, ja! Genug davon, ich bin jetzt glücklich, ich ... Gut,
+Nasstenka, gut, sprechen wir von etwas anderem, schnell, schnell! ja!
+Ich bin bereit.“
+
+Und wir wußten beide nicht, wovon wir sprechen sollten, wir lachten und
+weinten und sprachen tausend Worte ohne Gedanken und Zusammenhang. Bald
+gingen wir auf dem Trottoir auf und ab, bald über die Straße hinüber und
+blieben stehen, bald kehrten wir wieder um und gingen zum Kai: wir waren
+wie die Kinder ...
+
+„Ich lebe allein, Nasstenka,“ sagte ich einmal, „aber ... Nun, ich bin,
+versteht sich, Sie wissen es ja, Nasstenka, ich bin arm, ich bekomme
+jährlich nur tausendzweihundert Rubel, aber das macht ja nichts ...“
+
+„Natürlich nicht, und Großmutter hat ihre Pension, so braucht sie von
+uns nichts. Wir müssen doch Großmutter zu uns nehmen.“
+
+„Natürlich, die Großmutter müssen wir zu uns nehmen ... Aber meine
+Matrjona ...“
+
+„Ach ja, und wir haben ja auch noch Fjokla!“
+
+„Matrjona ist eine gute Seele, nur einen Fehler hat sie: sie hat nämlich
+gar kein Vorstellungsvermögen, Nasstenka, gar keines, Nasstenka, sie
+begreift nur, was sie aus Erfahrung kennt. Aber auch das schadet nichts
+...“
+
+„Natürlich nicht, die können beide zusammen leben. Nur müssen Sie schon
+morgen zu uns kommen.“
+
+„Wie das? Zu Ihnen? Gut, ich bin bereit ...“
+
+„Sie mieten einfach bei uns. Wir haben doch oben noch ein Zimmer: das
+steht jetzt leer. Wir hatten eine Mieterin, eine alte Frau, eine Adlige,
+aber sie ist ausgezogen und abgereist, und Großmama will nun, das weiß
+ich, einen jungen Mann zum Mieter haben. Ich fragte sie: ‚Warum denn
+gerade einen jungen Mann?‘ Darauf sagte sie: ‚Es ist doch immer besser,
+man ist auch sicherer, und ich bin schon alt. Du brauchst deshalb nicht
+zu glauben, Nasstenka, daß ich dich mit ihm verheiraten will.‘ Da wußte
+ich denn, daß sie es gerade deshalb will ...“
+
+„Ach, Nasstenka! ...“
+
+Und wir lachten beide.
+
+„Nun, genug, hören Sie auf. Aber wo wohnen Sie denn? Ich habe ganz
+vergessen, zu fragen.“
+
+„Dort, in der Nähe der ... Brücke, im Hause eines gewissen Barannikoff.“
+
+„Das ist so ein großes Haus, nicht?“
+
+„Ja, ein großes Haus.“
+
+„Ach, das kenne ich, das ist ein schönes Haus. Nur, wissen Sie, ziehen
+Sie aus und kommen Sie recht bald zu uns ...“
+
+„Morgen, Nasstenka, gleich morgen! Ich schulde dort wohl noch ein wenig
+für die Wohnung, aber das schadet nichts ... Ich bekomme bald mein
+Gehalt ...“
+
+„Wissen Sie, ich werde Stunden geben, um auch zu verdienen; ich werde
+noch dazulernen, was mir fehlt, und dann kann ich Unterricht geben ...“
+
+„Natürlich, das wird vortrefflich gehen ... und ich werde bald Zulage
+erhalten, Nasstenka ...“
+
+„Dann werden Sie also schon morgen unser Mieter sein!“
+
+„Ja, und dann fahren wir in die Oper und hören den Barbier von Sevilla,
+denn der wird bald wieder gegeben werden.“
+
+„Ja, fahren wir!“ sagte Nasstenka lachend, „oder nein, lieber nicht zum
+Barbier von Sevilla, sondern wenn etwas anderes gegeben wird ...“
+
+„Gut, also zu einer anderen Aufführung. Natürlich, das wird auch viel
+besser sein, ich dachte im Augenblick nicht daran ...“
+
+Und wir sprachen und gingen: alles war wie ein Rausch – als hielte uns
+ein Nebel umfangen und als wüßten wir selbst nicht, was mit uns geschah.
+Bald blieben wir stehen und sprachen lange Zeit stehend auf einem Fleck,
+bald gingen wir wieder und gingen Gott weiß wie weit, ohne es zu
+bemerken, immer unter Lachen und Weinen ... Bald wollte Nasstenka
+plötzlich unbedingt nach Haus und ich wagte nicht, sie zurückzuhalten
+und wir machten uns schon auf den Weg; nach einer Viertelstunde aber
+bemerkten wir plötzlich, daß wir wieder auf unserer Bank am Kai
+angelangt waren. Bald seufzte sie tief auf und ein Tränchen rollte über
+ihre Wange – ich sah sie erschrocken und verzagt an ... Da drückte sie
+mir schon von neuem die Hand und wir gingen abermals und sprachen weiter
+...
+
+„Aber jetzt ist es Zeit, jetzt ist es wirklich Zeit, daß ich nach Hause
+gehe! Ich glaube, es ist schon sehr spät,“ sagte Nasstenka endlich
+entschlossen, „wir dürfen nicht gar zu kindisch sein!“
+
+„Ja, Nasstenka, aber schlafen werde ich heute doch nicht mehr. Ich gehe
+überhaupt nicht nach Hause.“
+
+„Ich werde, glaube ich, auch nicht einschlafen. Aber Sie müssen mich
+noch begleiten ...“
+
+„Selbstverständlich!“
+
+„Doch diesmal drehen wir nicht mehr um, hören Sie?“
+
+„Nein, diesmal nicht ...“
+
+„Ehrenwort? ... Denn einmal muß man doch wirklich nach Hause gehen!“
+
+„Also: mein Ehrenwort, diesmal wird es ernst,“ sagte ich lachend ...
+
+„Nun, gehen wir!“
+
+„Gehen wir.“
+
+„Sehen Sie den Himmel, Nasstenka, schauen Sie hinauf! Morgen werden wir
+einen wundervollen Tag haben ... Wie blau der Himmel ist, und sehen Sie
+nur den Mond! Diese kleine gelbe Wolke wird ihn gleich verdecken ...
+sehen Sie, sehen Sie! ... Nein, sie gleitet am Rande vorüber ... Sehen
+Sie doch, sehen Sie! ...“
+
+Doch Nasstenka sah weder die Wolke, noch den Himmel – sie stand wie
+erstarrt neben mir und dann schmiegte sie sich plötzlich mit einer
+seltsamen Verzagtheit an mich, immer fester, als suche sie Schutz, und
+ihre Hand erzitterte in meiner Hand. Ich sah sie an ... noch schwerer
+stützte sie sich auf mich.
+
+In diesem Augenblick ging ein junger Mann an uns vorüber – er sah uns
+scharf an, zögerte, blieb stehen und ging ein paar Schritte weiter. Mein
+Herz erbebte ...
+
+„Nasstenka, wer ist das?“ fragte ich leise.
+
+„Das ist _er_!“ flüsterte sie und klammerte sich zitternd an meinen Arm.
+Ich hielt mich kaum auf den Füßen.
+
+„Nasstenka! Nasstenka! Bist du es?“ erscholl es da plötzlich hinter uns
+und zugleich trat der junge Mann wieder ein paar Schritte näher ...
+
+Mein Gott, was klang aus diesem Ruf! Wie sie zusammenfuhr! Wie sie sich
+von mir losriß und ihm entgegeneilte! ... Ich stand und sah zu ihm
+hinüber, stand und sah ... Doch kaum hatte sie ihm die Hand gereicht,
+kaum hatte er sie in seine Arme geschlossen, da befreite sie sich schon
+von ihm und ehe ich mich dessen versah, stand sie wieder vor mir,
+umschlang mit beiden Armen fest meinen Hals und drückte mir einen heißen
+Kuß auf die Lippen. Dann, ohne mir ein Wort zu sagen, lief sie zu ihm
+zurück, erfaßte seine Hände und zog ihn fort.
+
+Lange stand ich und sah ihnen nach ... bald waren sie meinen Blicken
+entschwunden.
+
+
+ Der Morgen.
+
+Meine Nächte endeten mit einem Morgen. Der Tag war unfreundlich: es
+regnete und die Tropfen schlugen in eintöniger Wehmut an meine
+Fensterscheiben; im Zimmer war es düster, wie gewöhnlich an Regentagen,
+und draußen trübe. Mein Kopf schmerzte, mich schwindelte und das Fieber
+einer Erkältung schlich durch meine Glieder.
+
+„Ein Brief, Herr, durch die Stadtpost, der Postbote hat ihn gebracht,“
+sagte Matrjona.
+
+„Ein Brief! Von wem?“
+
+„Ja, das kann ich Ihnen nicht sagen, Herr, sehen Sie nach, vielleicht
+steht es drin, von wem er ist.“
+
+Ich erbrach das Siegel. Der Brief war von ihr.
+
+ „Oh, verzeihen Sie, verzeihen Sie mir!“ schrieb mir Nasstenka. „Auf
+ den Knien bitte ich Sie, mir nicht böse zu sein! Ich habe Sie wie
+ mich selbst getäuscht. Es war ein Traum, eine Täuschung ... Der
+ Gedanke an Sie macht mich jetzt krank vor Qual. Verzeihen Sie, oh,
+ verzeihen Sie mir! ...
+
+ Beschuldigen Sie mich nicht, denn was ich für Sie empfand, empfinde
+ ich auch jetzt noch: ich sagte Ihnen, ich würde Sie lieben, und ich
+ liebe Sie auch jetzt, ja ich empfinde für Sie jetzt noch viel mehr,
+ als Liebe. Gott, wenn ich Sie doch beide zugleich lieben könnte! Oh,
+ wenn Sie und er doch ein Mensch wären!
+
+ Gott sieht und weiß, was ich alles für Sie tun würde! Ich weiß, daß
+ Sie nun schwer zu tragen haben und daß Sie traurig sind. Ich habe
+ Sie gekränkt und habe Ihnen weh getan, aber Sie wissen doch – wenn
+ man liebt, gedenkt man der Kränkung nicht lange. Sie aber lieben
+ mich!
+
+ Ich danke Ihnen! Ja! Ich danke Ihnen für diese Liebe. Denn in meiner
+ Erinnerung wird sie mich durchs ganze Leben begleiten wie ein süßer
+ Traum, den man auch nach dem Erwachen nimmer vergessen kann. Nein,
+ nie werde ich vergessen, wie Sie mir so brüderlich Ihr Herz
+ offenbarten und in Ihrer Güte für Ihr ganzes Herz mein krankes,
+ verwundetes annahmen, um es mit Zartheit und Liebe zu pflegen und
+ wieder gesund zu machen ... Wenn Sie mir verzeihen, wird die
+ Erinnerung an Sie sich verklären durch das Gefühl ewiger
+ Dankbarkeit, die in meiner Seele niemals erlöschen kann. Und diese
+ Erinnerung werde ich heilig halten und nie vergessen, denn mein Herz
+ ist treu. Es ist auch gestern nur zu dem zurückgekehrt, dem es von
+ jeher gehörte.
+
+ Wir werden uns wiedersehen, Sie werden zu uns kommen, Sie werden uns
+ nicht verlassen, werden ewig unser Freund sein und mein Bruder ...
+ Und wenn wir uns wiedersehen, dann geben Sie mir Ihre Hand – ja? Sie
+ werden Sie mir entgegenstrecken, wenn Sie mir verziehen haben, nicht
+ wahr? Sie lieben mich doch unverändert?
+
+ Ja, lieben Sie mich, verlassen Sie mich nicht, denn jetzt liebe ich
+ Sie so tief, weil ich Ihrer Liebe würdig sein will, weil ich sie
+ verdienen will ... mein lieber Freund! In der nächsten Woche wird
+ unsere Hochzeit sein. Er ist voll Liebe zu mir zurückgekehrt, er hat
+ mich niemals vergessen ... Seien Sie nicht böse, daß ich von ihm
+ geschrieben habe. Aber ich will mit ihm zu Ihnen kommen, und Sie
+ werden ihn auch liebgewinnen, nicht wahr?
+
+ So verzeihen Sie mir denn und vergessen Sie mich nicht und behalten
+ Sie lieb Ihre
+
+ Nasstenka.“
+
+Lange las ich diesen Brief, las ihn immer wieder, und Tränen traten mir
+in die Augen; schließlich entfiel er meiner Hand und ich vergrub mein
+Gesicht in den Händen.
+
+„Nun, Herr, sehen Sie denn gar nichts,“ hörte ich nach einer Weile
+Matrjonas Stimme.
+
+„Was, Alte?“
+
+„Nu, ich hab’ doch das Spinngewebe von überall runtergeholt, können
+jetzt heiraten, wenn Sie wollen, können Gäste einladen, wenn’s Ihnen
+einfällt, mir soll’s recht sein ...“
+
+Ich sah sie an. Sie ist eine rüstige, noch _junge_ Alte, aber ich weiß
+nicht, weshalb ich sie plötzlich mit erloschenem Blick, mit tiefen
+Runzeln im Gesicht, alt und schwächlich vor mir zu sehen glaubte ... Ich
+weiß nicht, weshalb es mir plötzlich schien, daß auch mein Zimmer um
+ebensoviel Jahre älter geworden sei wie sie. Die Farbe der Wände sah ich
+verblichen, an der Zimmerdecke sah ich noch mehr Spinngewebe, als sich
+bisher dort angesammelt hatten. Ich weiß nicht, weshalb es mir, als ich
+durch das Fenster hinausblickte, schien, als ob das Haus gegenüber
+gleichfalls gealtert sei, trübseliger und baufälliger geworden, die
+Stukkatur von den Säulen abgebröckelt, die Karniese rissig und
+geschwärzt und die hellbraunen Wände fleckig und schmutzig.
+
+Vielleicht war der Sonnenstrahl daran schuld, der plötzlich durch die
+Wolken brach, um sich gleich wieder hinter einer noch dunkleren
+Regenwolke zu verstecken, so daß alles noch trüber, düsterer wurde ...
+Oder hatten meine Augen in meine Zukunft geschaut und etwas Ödes,
+Trauriges in ihr erblickt, etwa mich selbst, wie ich jetzt bin, nur um
+fünfzehn Jahre älter, in demselben Zimmer, ebenso einsam, mit derselben
+Matrjona, die in all den Jahren doch um nichts klüger geworden ist ...?
+
+Aber die Kränkung nicht verzeihen, Nasstenka, dein helles seliges Glück
+mit dunkeln Wolken trüben, dir Vorwürfe machen, damit dein Herz sich
+quäle und gräme und kummervoll poche, während es doch nichts soll als
+jauchzen vor Seligkeit, oder auch nur ein Blatt der zarten Blüten, die
+du zur Trauung mit ihm in deine braunen Locken flichst, mit rauher Hand
+berühren ... o nein, Nasstenka, das werde ich nie, nie! Möge dein Leben
+Glück sein und so hell und lieb, wie dein süßes Lächeln, und sei
+gesegnet für den Augenblick der Seligkeit und des Glücks, den du einem
+anderen einsamen, dankbaren Herzen gegeben hast!
+
+Mein Gott! Einen ganzen Augenblick der Seligkeit! Ja, ist dann das nicht
+genug für ein ganzes Menschenleben? ...
+
+
+
+
+ Das junge Weib
+
+
+ I.
+
+Ordynoff mußte sich eine neue Wohnung suchen, so ungern er es auch tat.
+Die Frau, bei der er bis dahin als Zimmermieter gelebt, eine arme
+bejahrte Beamtenwitwe, hatte sich durch unvorhergesehene Verhältnisse
+gezwungen gesehen, Petersburg zu verlassen, um in eine öde Provinz zu
+ihren Verwandten zu reisen, und zwar ganz plötzlich, noch vor Ablauf
+ihres Mietskontraktes. Der junge Mann, der das Recht hatte, bis zum
+Ersten des nächsten Monats in der Wohnung zu bleiben, dachte mit
+Bedauern an sein stilles Leben in den gewohnten vier Wänden und empfand
+ein ausgesprochenes Unbehagen bei dem Gedanken, dieses ihm lieb
+gewordene Zimmer nun verlassen zu müssen. Er war arm, die Wohnung
+übrigens für seine Verhältnisse ziemlich teuer: so nahm er denn schon am
+Tage nach der Abreise der Witwe kurz entschlossen seine Mütze und ging,
+um die Petersburger Straßen zu durchwandern, und dabei Ausschau zu
+halten nach Mietszetteln, die an den Haustüren angeschlagen waren,
+namentlich nach solchen an älteren und schlechteren Häusern und
+Mietskasernen, in denen er am ehesten Aussicht hatte, bei irgendwelchen
+armen Leuten ein Zimmer für sich zu finden.
+
+Er suchte schon lange und war mit seinen Gedanken anfangs auch
+gewissenhaft bei der Sache, doch nach und nach wurde seine
+Aufmerksamkeit von ganz anderen, ihm bis dahin völlig unbekannten
+Empfindungen abgelenkt. Er begann um sich zu blicken – zunächst nur
+flüchtig, wie aus Zerstreutheit, ohne sich etwas Bestimmtes dabei zu
+denken, bald jedoch aufmerksamer und schließlich mit ausgesprochener
+Neugier. Die vielen Menschen um ihn her, das ganze bewegte, rastlose,
+lärmende Straßenleben, all das Neue, das ihm dort begegnete, die
+ungewohnte Umgebung – dieses ganze kleinliche Leben und alltägliche
+Hasten nach Erwerb, das dem im tätigen Leben stehenden, stets
+beschäftigten Petersburger schon so zuwider ist, daß er bis an sein
+Lebensende stets nach Mitteln und Wegen sucht, um sich einmal irgendwo
+in ein warmes Nest zurückzuziehen, sich mit sich abzufinden und
+zufrieden geben zu können – diese ganze schale Prosa und Langeweile
+erweckte jetzt im Gegenteil in Ordynoff eine seltsam still-frohe, helle
+Empfindung. Seine bleichen Wangen röteten sich leicht, in seine Augen
+trat der Glanz einer neuen Hoffnung, und fast gierig begann er, die
+kalte, frische Luft einzuatmen. Es wurde ihm so wundervoll leicht
+zumute.
+
+Er hatte von jeher ein stilles, vollkommen einsames Leben geführt. Vor
+etwa drei Jahren, nachdem er sein Examen bestanden und in gewissem Sinne
+ein freier Mensch geworden war, hatte er eines Tages einen alten kleinen
+Herrn aufgesucht, den er bis dahin nur vom Hörensagen gekannt, und hatte
+lange gewartet, bis der galonierte Kammerdiener ihm die Ehre antat, ihn
+zum zweitenmal bei seinem Herrn zu melden. Dann trat Ordynoff in einen
+hohen, dämmerigen, öden Saal, einen jener langweiligen großen Räume, wie
+sie sich noch in einzelnen herrschaftlichen Häusern aus früherer Zeit
+erhalten haben, und erblickte in ihm einen silberhaarigen, mit Orden
+über und über behängten Greis, der seines Vaters ehemaliger Freund und
+Kollege im Staatsdienst gewesen war und der für ihn, den Sohn, die
+Vormundschaft übernommen hatte. Der Alte händigte ihm ein, was ihm noch
+zukam. Die Summe war nicht groß: der Rest einer einst wegen Schulden
+unter den Hammer gekommenen und noch von den Ureltern stammenden
+Erbschaft. Ordynoff nahm das Päckchen gleichgültig in Empfang,
+verabschiedete sich für immer und trat wieder auf die Straße. Es war ein
+Herbstabend, kalt und düster; der junge Mann war nachdenklich und eine
+seltsame, eigentlich ihm selbst unbewußte Traurigkeit überkam ihn. Seine
+Augen brannten; er fühlte, daß ihn fieberte und daß er sich erkältet
+hatte. Unterwegs rechnete er nach, daß er mit seinen Mitteln etwa zwei
+bis drei Jahre auskommen konnte, und wenn er hungerte, vielleicht sogar
+vier. Es dunkelte bereits, ein feiner Regen sprühte nieder und erfüllte
+die Luft mit einer Feuchtigkeit, die bis ins Mark drang. Er mietete im
+ersten besten Hause ein kleines Zimmer – eben bei jener armen
+Beamtenwitwe, die ihn jetzt im Stich gelassen hatte – und in einer
+Stunde war er auch schon eingezogen. Dort lebte er dann wie ein
+Einsiedler, ganz, als hätte er sich von aller Welt losgesagt. So kam es,
+daß er in zwei Jahren vollkommen weltfremd geworden war.
+
+Er wurde es, ohne es selbst zu merken; und vorläufig kam es ihm auch gar
+nicht zu Bewußtsein, daß es noch ein anderes Leben gab – ein
+rauschendes, lautes, wogendes, ewig wechselndes, ewig rufendes Leben,
+eines, das früher oder später doch nicht zu umgehen war. Natürlich wußte
+er, daß es ein solches Leben gab – wie hätte er das schließlich nicht
+wissen sollen! – aber er kannte es nicht und suchte es niemals auf.
+Schon von Kindheit an hatte er einsam gelebt; doch jetzt, nachdem er
+herangewachsen, hatte diese Einsamkeit ihre eigene, besondere Gestalt
+angenommen. Ihn verzehrte eine Leidenschaft, eine von jenen tiefen,
+unersättlichen Leidenschaften, die das ganze Leben eines Menschen
+erschöpfen, und die solchen Wesen, wie Ordynoff war, keinen auch noch so
+geringen Platz in der Sphäre des anderen Lebens gewähren. Diese seine
+Leidenschaft war – die Wissenschaft. Zunächst verzehrte sie seine
+Jugend, nahm ihm langsam mit ihrem berauschenden Gift den Schlaf und
+seine Seelenruhe, nahm ihm die gesunde Nahrung und die frische Luft, die
+niemals Gelegenheit hatte, in seine dumpfe Stube einzudringen: doch
+Ordynoff gewahrte alles das gar nicht in seinem Rausche, und wollte es
+auch nicht gewahren. Er war jung und vorläufig verlangte er nach nichts
+anderem. Die Leidenschaft machte ihn der äußeren Welt gegenüber völlig
+zum Kinde und für immer unfähig, gewisse gute Leute zum Platzmachen zu
+veranlassen, wenn das einmal erforderlich sein sollte, um für sich
+selbst ein Unterkommen zwischen ihnen zu verschaffen. Die Wissenschaft
+ist für manch einen ein Kapital, das er fest in Händen hat; die
+Leidenschaft Ordynoffs dagegen war wie eine gegen ihn selbst gerichtete
+Waffe.
+
+Es lebte in ihm mehr ein unbewußter Trieb, zu lernen, zu ergründen und
+Wissen in sich aufzunehmen, als daß es ganz bestimmte Gründe und
+Schlußfolgerungen waren, die ihn dazu veranlaßten, – und so war es bei
+ihm mit allem, gleichviel womit er sich nun beschäftigte, selbst mit den
+kleinsten Dingen. Schon als Kind hielt man ihn für einen Sonderling, da
+er seinen Kameraden so durchaus unähnlich war. Seine Eltern hatte er
+früh verloren, er erinnerte sich ihrer überhaupt nicht mehr; von den
+Kameraden aber mußte er wegen seines seltsamen menschenscheuen Wesens
+gar manche kindlichen Angriffe und Roheiten ertragen, was ihn dann erst
+recht menschenscheu und verschlossen machte. Doch seinen einsamen
+Beschäftigungen lag niemals, auch jetzt nicht, ein Plan oder gar ein
+System zugrunde: statt dessen leitete ihn einzig und allein die
+Begeisterung für die Idee, der Drang, das Fieber des Künstlers. Er schuf
+sich eine eigene Anschauung der Dinge; sie entwickelte und formte sich
+in ihm im Laufe von Jahren und in seiner Seele erstand allmählich,
+vorläufig noch dunkel und unklar, aber dabei doch schon wundervoll
+beseligend, seine neue Idee, die in einer ebenso neuen, gleichsam
+erleuchtenden Form Gestalt gewinnen sollte; und indem sie in dieser
+Gestalt aus ihm hervordrängte, peinigte, quälte, zerriß sie seine Seele.
+Noch fühlte er bloß schüchtern ihre Originalität, ihre Selbständigkeit
+und Richtigkeit, die ihm wie eine Offenbarung der Wahrheit erschien: mit
+allen seinen Kräften spürte er, daß es ihn zu der Schöpfung hindrängte,
+die sich vorerst freilich noch in ihm bildete, denn der Zeitpunkt der
+Gestaltung selbst war ja noch weit, vielleicht sehr weit entfernt, und
+vielleicht war diese Gestaltung überhaupt ganz unmöglich!
+
+Jetzt ging er also durch die Straßen wie ein weltfremder Einsiedler, der
+plötzlich aus seiner stummen Einöde in eine laut lärmende Stadt geraten
+ist. Alles erschien ihm neu und seltsam. Er war aber dieser Welt, die
+hier rings um ihn wogte und rauschte, so fremd geworden, daß er nicht
+einmal daran dachte, sich über seine sonderbaren Empfindungen zu
+wundern. Es war vielmehr, als bemerke er seine Weltfremdheit selbst gar
+nicht; im Gegenteil, es bemächtigte sich seiner sogar eine ganz
+eigenartig berauschende Empfindung der Freude, ähnlich dem Gefühl, wie
+es ein Hungriger empfindet, wenn man ihm nach langem Fasten wieder zu
+essen und zu trinken gibt – obschon es natürlich seltsam erscheinen muß,
+daß eine so geringfügige Änderung in der äußeren Lebenslage, wie ein
+Wohnungswechsel, einen Petersburger, und wäre er selbst ein Ordynoff,
+noch derart aus dem Geleise bringen konnte. Freilich ist zu
+berücksichtigen, daß er all diese Jahre hindurch fast nur in seinem
+Zimmer verbracht hatte, und jedenfalls niemals aus einem solchen oder
+ähnlichen Grunde wie heute, der unbedingte Aufmerksamkeit für die
+Umgebung erheischte, durch die Straßen der Stadt gegangen war.
+
+Er fand aber mehr und mehr Gefallen daran, in dieser Weise durch die
+Straßen zu schlendern. Alles sah er an, auf alles horchte er hin.
+
+Doch auch jetzt las er, seiner Art getreu, zwischen den Bildern, die
+sein Auge sah, wie in einem Buch zwischen den Zeilen. Alles machte
+seinen besonderen Eindruck auf ihn und kein Eindruck entging ihm; mit
+denkendem Blick sah er sich die Menschengesichter an, schaute er sich
+hinein in die Physiognomie der ganzen Umgebung, horchte er auf das
+Gesumm und Gerede und den Volkston, der bisweilen an sein Ohr schlug, –
+ganz als hätte er die Schlüsse, zu denen er in der Stille einsamer
+Nächte gekommen war, jetzt an allem, worauf er stieß, auf ihre
+Richtigkeit hin prüfen wollen. Und manche Kleinigkeit, die andere sonst
+wohl übersehen, fiel ihm auf und erweckte in ihm einen neuen Gedanken,
+und zum erstenmal im Leben ärgerte er sich darüber, daß er sich so lange
+in seiner Zelle lebendig begraben hatte. Hier geschah alles viel
+schneller: sein Pulsschlag war voll und belebt, sein Verstand, der
+bedrückenden Einsamkeit entrückt, in der seine Tätigkeit fast schon mehr
+ein bloßes Reagieren auf den angespannten und begeisterten Willen zur
+Arbeit geworden war, arbeitete jetzt ganz von selbst, schnell, und doch
+ruhig, sicher und kühn. Und überdies empfand er fast unbewußt das
+Verlangen, auch sich selbst hineinzuzwängen in dieses für ihn fremde
+Leben, das er bisher nicht gekannt, oder das er doch nur, richtiger
+gesagt, mit dem Instinkt des Künstlers geahnt hatte. Unwillkürlich
+begann sein Herz schneller zu schlagen, fast wie in einer Art
+Liebessehnsucht und glühenden Mitempfindens. Immer forschender sah er
+die Menschen an, die an ihm vorübergingen: sie waren ihm aber alle fremd
+und alle mit ihren eigenen Sorgen und Gedanken beschäftigt ... Da
+schwand allmählich auch Ordynoffs Sorglosigkeit: die Wirklichkeit trat
+näher an ihn heran, schon empfand er sie als lastenden Druck, und dann
+kam es über ihn wie das seltsam unwillkürliche Grauen einer großen
+Ehrfurcht.
+
+Er wurde müde unter der auf ihn eindringenden Flut der neuen Eindrücke,
+wie ein Kranker, der freudig zum erstenmal aufgestanden ist, doch bald
+erschöpft vom Licht und Glanz, betäubt und schwindlig von den lauten
+bunten Bildern des rastlosen Lebens und den wechselnden Eindrücken die
+Augen schließt und niedersinkt. Bang und traurig ward ihm zumute. Er
+fing an, für sich zu fürchten, für seine ganze Tätigkeit und sogar für
+die Zukunft.
+
+Ein neuer Gedanke raubte ihm die Ruhe: es kam ihm plötzlich in den Sinn,
+daß er ja doch sein ganzes Leben lang allein gewesen war, daß es keinen
+einzigen Menschen gab, der ihn liebhatte, und daß auch er niemals
+Gelegenheit gehabt, jemanden zu lieben. Einige der Vorübergehenden, mit
+denen er unter irgendeinen Vorwande ein Gespräch anzuknüpfen versuchte,
+sahen ihn verwundert und recht sonderbar an. Es schien ihm, daß sie ihn
+für einen Verrückten oder zum mindesten für irgendeinen Sonderling
+hielten – was er ja übrigens auch war. Er erinnerte sich, daß ihm
+eigentlich schon von Kindheit an alle ausgewichen waren und in seiner
+Gesellschaft sich unbehaglich gefühlt hatten, hauptsächlich wohl seines
+nachdenklichen und eigensinnigen Charakters wegen. Er wußte, daß das
+tiefe Mitempfinden, zu dem er wohl fähig war, doch niemals ein Gefühl
+der seelischen Gleichheit zwischen ihm und den anderen, oder auch dem
+einzelnen, dem sein Mitempfinden galt, aufkommen ließ, weshalb es von
+allen, eben von ihrem Gefühl aus, abgelehnt wurde: und das hatte ihn
+denn schon als Kind unter seinen Spielgefährten gequält. Jetzt fiel es
+ihm wieder ein und er sagte sich, daß ihn ja tatsächlich schon von jeher
+und zu jeder Zeit alle Menschen gemieden, und daß man sich niemals um
+seine Einsamkeit gekümmert hatte.
+
+In Gedanken versunken war er weitergegangen, ohne auf den Weg zu achten,
+bis er schließlich merkte, daß er sich in einem vom Zentrum weit
+entfernten Stadtteil befand. In einem billigen und menschenleeren
+Speisehaus ließ er sich etwas zu essen geben und machte sich dann wieder
+auf den Weg. Von neuem streifte er umher, ging durch viele Straßen, über
+Plätze, an grauen und gelben Zäunen entlang. Dann kamen graue
+windschiefe Häuschen, dann wieder riesenhafte Gebäude großer Fabriken,
+rot, rauchgeschwärzt, unförmig mit ragenden Schloten. Dabei war die
+Umgebung rings doch wie ausgestorben, so verlassen, öde, düster und
+feindselig – wenigstens machte sie auf Ordynoff diesen Eindruck. Es
+wurde Abend. Aus einer langen Gasse kam er auf einen freien Platz, an
+dem eine Pfarrkirche lag.
+
+In seiner Zerstreutheit ging er hinein. Der Gottesdienst war beendet und
+die Kirche schon ganz leer; nur zwei alte Weiber knieten noch nahe beim
+Eingang. Der Kirchendiener, ein altes Männlein mit silbergrauem Haar,
+löschte die Lichter. Die Strahlen der Abendsonne ergossen sich von oben
+durch ein schmales Fenster der Kuppel in einem Lichtstrom durch das
+Innere der Kirche bis zu einem der Nebenaltäre, den sie mit flimmerndem
+Glanz umwoben. Die Sonne sank und das Licht wurde immer schwächer, doch
+je mehr die tiefe Dämmerung unter den Gewölben dunkelte, um so
+leuchtender erglänzten an manchen Stellen die vergoldeten
+Heiligenbilder, vor denen die kleinen Flammen der Wachskerzen und
+Öllämpchen zuckend brannten. Ordynoff hatte sich in einer Anwandlung
+tiefer Schwermut, die wie ein bis dahin unterdrücktes Gefühl plötzlich
+aus der Vergessenheit hervorbrach und ihn nun überflutete, in der
+dunkelsten Ecke an die Mauer gelehnt und vergaß dort für einen
+Augenblick sich und alles um ihn her. Da vernahm er den dumpfen Schall
+von Schritten, die sich gemessen vom Eingang her näherten. Er sah auf
+und wandte den Kopf, kaum aber hatte er die beiden Eingetretenen
+erblickt, da bemächtigte sich seiner eine ganz unerklärliche Neugier. Es
+waren ein alter Mann und ein junges Weib. Der Alte war hoch von Wuchs,
+noch stramm und rüstig, aber hager und krankhaft bleich. Seinem Äußeren
+nach konnte man ihn für einen aus weiter Ferne angereisten Kaufmann
+halten. Er trug einen langen, schwarzen, mit Pelz gefütterten Mantel
+lose über die Schultern geworfen – offenbar ein Sonntagskleidungsstück –
+darunter einen gleichfalls langen, von oben bis unten zugeknöpften
+russischen Leibrock, wie er in alten Zeiten mit zur Nationaltracht
+gehörte. Um den Hals war nachlässig ein grellrotes Tuch geschlungen. In
+der Hand hatte er eine Pelzmütze. Ein langer schmaler, halb schon
+ergrauter Bart fiel auf seine Brust und unter den überhängenden
+buschigen Brauen glühte ein feuriger, fieberhaft erregter, dabei
+hochmütiger und scharfer Blick. Das junge Weib, das etwa zwanzig Jahre
+alt sein mochte, war bezaubernd schön. Sie trug einen hellblauen, mit
+kostbarem Fell verbrämten kleinen Pelz und um den Kopf ein weißes
+Atlastuch, das unter dem Kinn zu einem Knoten geschlungen war. Sie ging
+mit gesenktem Blick, und eine sinnende Hoheit, die seltsam ergreifend
+aus ihrer ganzen Erscheinung sprach, spiegelte sich in den zarten Linien
+ihrer kindlich reinen und frommen Züge wie in trauriger Verklärung
+wieder. Es war etwas Sonderbares an diesem unerwarteten Paar.
+
+Unter der mittleren Kuppel blieb der Alte stehen und verneigte sich nach
+allen vier Seiten, obschon die Kirche ganz leer war; dasselbe tat auch
+seine Begleiterin. Dann nahm er sie bei der Hand und führte sie zum
+großen Heiligenbilde der Mutter Gottes, der die Kirche geweiht war, und
+dessen mit Edelsteinen besetzte goldene Bekleidung und reiche Einfassung
+durch den Flammenschein der vielen Wachskerzen in blendendem Glanz
+erstrahlte. Der Kirchendiener, der sich noch hier und da etwas zu
+schaffen machte, grüßte den Alten mit Ehrerbietung; dieser erwiderte den
+Gruß jedoch nur mit einem kurzen Kopfnicken. Vor dem Heiligenbilde warf
+sich das junge Weib auf die Knie nieder und berührte mit der Stirn den
+Fußboden. Der Alte nahm das Ende des Schleiers, der am Fußgestell des
+Bildes hing, und breitete ihn über ihren Kopf. Dann vernahm man dumpfes
+Schluchzen in der Kirche.
+
+Ordynoff war betroffen durch die Feierlichkeit der Szene, die sich vor
+seinen Augen abspielte, und erwartete mit Ungeduld die Beendigung ihres
+Gebets. Nach einer Weile erhob sie den Kopf und wieder fiel heller
+Lichtschein auf ihr entzückendes Gesicht. Ordynoff zuckte zusammen und
+trat unwillkürlich einen Schritt vor. Sie hatte ihre Hand bereits dem
+Alten gereicht und beide verließen langsam die Kirche. Tränen standen in
+ihren dunkelblauen Augen und als sie die Lider mit den langen dunklen
+Wimpern senkte, rollten diese Tränen über ihre zarten, bleichen Wangen.
+Auf ihren Lippen erschien flüchtig ein Lächeln, aber es verwischte in
+ihrem Antlitz doch nicht die Spuren einer fast kindlichen Angst und
+eines gleichsam mystischen Grauens. Zaghaft schmiegte sie sich an den
+Alten, und man sah, daß sie vor Erregung zitterte.
+
+Betroffen und im Grunde doch von einem ungeahnt süßen Gefühl, das wie
+ein Wille war, dazu getrieben, ging Ordynoff den beiden nach – und unter
+dem Rundbogen vor dem Portal überholte er sie. Der Alte sah ihn
+feindselig und streng an; auch sie sah nach ihm hin, jedoch so
+teilnahmslos und zerstreut, daß man ihr anmerkte, wie ein einziger und
+ganz anderer, fernliegender Gedanke sie beschäftigte. Ordynoff folgte
+ihnen in einiger Entfernung, ohne eigentlich selbst zu wissen, weshalb
+er es tat. Es war schon dunkel geworden.
+
+Der Alte und das junge Weib gingen in eine lange, breite, schmutzige
+Straße, die geradeaus zur Stadtgrenze führte – eine Straße der Buden,
+billigen Herbergen und Einkehrhöfe, in der die verschiedensten
+Kleinhändler ihre Läden hatten; dann bogen sie in eine schmale lange
+Sackgasse ein, die zwischen langen Zäunen zu einer großen vierstöckigen
+Mietskaserne führte, durch deren Höfe man aber wieder auf eine andere,
+gleichfalls große und belebte Straße gelangen konnte. Sie näherten sich
+bereits dem Hause. Plötzlich wandte sich der Alte zurück und sein Blick
+maß unwillig den jungen Mann, der ihnen so beharrlich folgte. Ordynoff
+blieb wie gebannt stehen; sein Tun erschien ihm selbst plötzlich sehr
+sonderbar. Da sah sich der Alte noch einmal nach ihm um, als wolle er
+sich überzeugen, ob sein drohender Blick die Wirkung nicht verfehlt
+habe; dann traten sie beide, er und das junge Weib, durch die schmale
+Fußpforte in den Hof des Hauses. Ordynoff kehrte um.
+
+Er befand sich in der unangenehmsten Stimmung und ärgerte sich über sich
+selbst: ganz umsonst hatte er einen Tag verloren, umsonst hatte er sich
+ermüdet und überdies noch diesen sowieso schon mißlungenen Tag mit einer
+großen Dummheit gekrönt, indem er eine ganz gewöhnliche Begegnung für
+eine Gott weiß wie besondere Begebenheit gehalten!
+
+Am Vormittage hatte er sich noch darüber geärgert, daß er so weltfremd
+und menschenscheu geworden war. Und doch war es nur sein Instinkt
+gewesen, der ihn veranlaßt hatte, alles zu fliehen, was ihn in seinem
+äußeren und dadurch vielleicht auch in seinem inneren Leben, das nun
+einmal ganz seiner Idee gehörte, hätte zerstreuen, beeinflussen und
+erschüttern können. Jetzt wenigstens gedachte er mit Wehmut und einer
+gewissen Reue seines ungestörten Winkels; dann erfaßte ihn eine seltsame
+Traurigkeit und Sorge befiel ihn beim Gedanken an seinen künftigen
+Verbleib: wo er ein neues Unterkommen finden könne und wie lange er wohl
+noch ein solches werde suchen müssen. Dabei aber verstimmte es ihn
+wieder am meisten, daß ihn solche Nichtigkeiten überhaupt so
+beschäftigen konnten. Ermüdet und unfähig, zwei Gedanken
+aneinanderzureihen, langte er endlich – es war mittlerweile schon
+ziemlich spät geworden – wieder bei seiner alten Wohnung an, und erst
+als er ins Haus trat, kam es ihm plötzlich zum Bewußtsein, daß er fast
+daran vorübergegangen wäre, ohne es zu bemerken, noch zu erkennen.
+Verwundert über seine Zerstreutheit schüttelte er den Kopf, schrieb sie
+aber doch nur seiner Müdigkeit zu und trat, im letzten Stockwerk unter
+dem Dach angelangt, in sein kleines Zimmer. Er zündete ein Licht an,
+setzte sich und brütete gedankenverloren vor sich hin. Da stand
+plötzlich wieder das Bild des weinenden jungen Weibes greifbar deutlich
+vor seiner Seele. Und so glühend heiß, so tief und stark war der
+Eindruck, so voll Liebe hatte sein Geist diese sanften und frommen Züge
+in sich aufgenommen und gab seine Phantasie sie ihm jetzt wieder, diese
+Züge, aus denen mystische Rührung und Grauen, kindliche Demut und
+hingebender Glaube sprachen, daß seine Augen sich verdunkelten und
+gleichsam Feuer seine Glieder durchströmte. Doch die Erscheinung
+zerrann. Dem Rausch folgte dumpfes Grübeln, dann Ärger und schließlich
+eine gewisse ohnmächtige Wut. Ohne sich auszukleiden, wickelte er sich
+in die Decke und warf sich auf sein hartes Lager ...
+
+Ordynoff erwachte am anderen Morgen ziemlich spät und in unruhiger und
+niedergedrückter Stimmung. Er mußte sich nahezu Gewalt antun, um nur an
+seine nächstliegenden Sorgen zu denken. Als er sich dann wieder auf den
+Weg machte, schlug er die entgegengesetzte Richtung ein, um nur ja nicht
+den Weg zu gehen, den er tags zuvor gegangen war. Endlich fand er bei
+einem armen Deutschen, Spieß mit Namen, der mit seiner Tochter Tinchen
+eine Giebelstube bewohnte, ein Stübchen für seine Ansprüche. Spieß
+entfernte sogleich, nachdem er das Handgeld erhalten, den Mietszettel,
+fand Ordynoffs Liebe zur Wissenschaft, um derentwillen er ganz ungestört
+zu leben wünschte, sehr, sehr lobenswert und versprach zum Schluß, sich
+seiner recht annehmen zu wollen. Ordynoff erklärte, daß er gegen Abend
+einziehen werde. Als das erledigt war, wollte er sich wieder nach Haus
+begeben, änderte aber unterwegs seine Absicht und schlug einen anderen
+Weg ein: im Augenblick wurde auch seine Stimmung besser, obschon er
+innerlich selbst über sich lächeln mußte. Der Weg erschien ihm diesmal
+in seiner Ungeduld ungeheuer weit, wenigstens bedeutend weiter, als er
+gedacht. Endlich erreichte er die Kirche, in der er am vergangenen Abend
+gewesen war. Es wurde gerade die Messe gelesen. Er suchte sich einen
+Platz, von dem aus er fast alle Betenden sehen konnte: doch die, die er
+suchte, waren nicht darunter. Mit gerötetem Antlitz verließ er nach
+langem vergeblichem Warten die Kirche. Hartnäckig bemühte er sich, ein
+gewisses ungewolltes Gefühl in sich zu ersticken und zwang sich mit
+aller Gewalt, seine Gedanken nach seinem Willen zu lenken. Er wollte an
+ganz gewöhnliche Dinge denken, und da fiel ihm denn ein, daß es ja Zeit
+zum Mittagessen sei – und da er Hunger verspürte, ging er in dasselbe
+Speisehaus, in dem er tags zuvor eine Kleinigkeit genossen hatte. Dann
+streifte er wieder umher, ging durch unbekannte, aber belebte Straßen
+und dann wieder durch menschenleere Gassen, bis er sich schließlich in
+einer Gegend jenseits der Stadtgrenze fand, wo sich weit das herbstlich
+fahl gewordene Feld hinzog. Er wäre unversehens noch weiter gegangen,
+wenn ihn nicht die Stelle ringsum mit einem neuen, lange nicht mehr
+empfundenen Eindruck aus seiner Gedankenversunkenheit geweckt hätte. Es
+war ein trockener kalter Tag, wie sie nicht selten sind im Petersburger
+Oktober. Nicht allzu fern war eine Hütte zu sehen, und neben ihr zwei
+Heuschober. Ein kleines verhungertes Bauernpferd, dessen Rippen man fast
+zählen konnte, stand mit gesenktem Kopf und hängenden Lefzen, als dachte
+es über irgend etwas nach, abgeschirrt neben einer zweiräderigen
+Tarataika. Ein gewöhnlicher Hofhund, der in der Nähe eines zerbrochenen
+Wagenrades einen Knochen benagte, begann zu knurren, und ein etwa
+dreijähriger Bengel, der mit nichts weiter als einem Hemdchen bekleidet
+war, kratzte sich seinen weißblonden Lockenkopf und starrte verwundert
+den einsamen Städter an. Hinter der Hütte dehnten sich Gemüseplätze und
+Felder aus. Am Horizont zogen sich Streifen dunkler Wälder hin und
+drüber war der Himmel klar und blau. Von der anderen Seite aber zogen
+langsam trübe Schneewolken auf, die vereinzelte Wölkchen vor sich
+herschoben, als trieben sie eine Schar schwebender Zugvögel lautlos,
+ohne einen Schrei, ohne einen Flügelschlag, hoch oben am Himmel vorüber.
+Es war so ruhig und gleichsam feierlich schwermütig, alles erfüllt von
+einer verborgenen, atembeklemmenden Erwartung ... Ordynoff ging weiter
+und weiter, doch die Öde bedrückte ihn nur noch mehr. Er kehrte wieder
+um und ging zurück nach der Stadt, von wo jetzt fernes Kirchengeläut,
+das zum Abendgottesdienst rief, zu ihm drang. Er beschleunigte seine
+Schritte, und nach kurzer Zeit betrat er wieder die Kirche, die ihm seit
+dem gestrigen Tage so vertraut war.
+
+Die junge Unbekannte war schon da.
+
+Sie kniete nicht weit vom Eingang unter vielen anderen Betenden.
+Ordynoff drängte sich durch das eng beieinander stehende Volk, durch die
+Schar von Bettlern, alten zerlumpten Weibern, Kranken und Krüppeln, die
+alle bei der Kirchentür auf Almosen warteten, und kniete dicht neben ihr
+nieder. Seine Kleider berührten die ihrigen, er hörte ihr erregtes Atmen
+und das inbrünstig betende Flüstern ihrer Lippen. Wieder war ihr Antlitz
+von einem Gefühl hingebenden Glaubens durchgeistigt und wieder rannen
+Tränen aus ihren Augen und versiegten auf ihren glühenden Wangen, als
+hätten sie ein furchtbares Verbrechen von ihrer Seele abzuwaschen. An
+der Stelle, wo sie beide knieten, war es so gut wie ganz dunkel, nur hin
+und wieder, wenn die Flamme im Lämpchen vor dem nächsten Heiligenbilde
+im Winde aufflackerte, der durch eine geöffnete Zugklappe des schmalen
+Fensters strich, huschte zitternder Lichtschein über ihr Gesicht und
+jeder Zug desselben schnitt sich in das Gedächtnis des jungen Mannes
+ein, umflorte seinen Blick und bohrte sich unter unerträglicher Pein in
+sein Herz. Nur lag in der Qual zugleich auch eine trunkene Wonne, eine
+rasende Lust. Doch zuletzt ging dieser Zustand über seine Kraft. Er
+vermochte es nicht länger auszuhalten. Seine Brust erbebte vor Schmerz,
+und es war ihm, als verginge etwas in ihm vor unsagbar süßem
+Sehnsuchtsweh – ein tiefes Schluchzen erschütterte ihn plötzlich und er
+beugte seine heiße Stirn auf die kalten Fliesen der Kirche. Er fühlte
+nichts als den Schmerz in seinem Herzen, das in süßer Qual vergehen zu
+wollen schien.
+
+Es wäre schwer zu sagen, was diese seine aufs äußerste gesteigerte
+Eindrucksfähigkeit bewirkt hatte: ob sie unaufhaltsam, wie sie
+durchbrach, auf das qualvoll bedrückende, erlösungslose Schweigen der
+langen schlaflosen Nächte zurückzuführen war, als eine Folge des oft
+durchlebten Zustandes, in dem ein unbewußter Drang, eine unklare
+Sehnsucht und das herrisch ungeduldige, ringende Streben seines Geistes
+ihm das Herz mit einer unausgesprochenen Qual so überfüllt hatten, daß
+es nun an einem Punkt angelangt war, an dem es ihn unfehlbar zerrissen
+hätte, wenn es nicht eine Erlösung in ebendiesem Ausbruch gefunden. Oder
+war einfach nur die Zeit des Ausbruches gekommen, wie alles einmal
+kommt, was im natürlichen Verlauf der Dinge kommen muß – wie an einem
+drückend schwülen Sommertage der Himmel plötzlich dunkel wird und ein
+Gewitterregen unter Donner und Blitz zur Erde niederrauscht, um alles,
+was in der Sonnenglut zu vergehen droht, von Hitze und Durst zu erlösen,
+um in klaren Regentropfen an smaragdenen Zweigen hängen zu bleiben, das
+Gras niederzudrücken und die zarten Blumenkelche zur Erde zu biegen, auf
+daß dann bei den ersten Sonnenstrahlen alles sich wieder erhebe, um wie
+befreit von neuem zur Sonne zu streben und sieghaft seinen köstlichen
+frischen Duft zum Himmel emporzusenden in der Freude über das erneute
+Leben. Dieselbe berauschende Lebenswonne, die nach dem Gewitter die
+ganze Natur zu empfinden scheint, jedes Blatt, das noch feucht vom Regen
+glänzt, jeder Blütenkelch, der unter der Last der Tropfen sich geneigt
+hat und nun sich wieder zur Sonne aufrichtet – dasselbe Gefühl hatte
+auch Ordynoff ... Nur hätte er selbst nicht zu sagen vermocht, was mit
+ihm geschah: so wenig, so gar nicht war er sich seiner selbst bewußt.
+
+Deshalb bemerkte er auch nicht, wie der Gottesdienst zu Ende ging, und
+kam erst zu sich, als er, seiner Unbekannten folgend, sich abermals
+durch die Volksmenge drängte. Sie wurden immer wieder durch das
+hinausströmende Volk aufgehalten: dabei aber hatte sie ihn dann, beim
+Stehenbleiben und Warten, zum erstenmal bemerkt, hatte sich mit merklich
+wachsender Verwunderung wieder und wieder nach ihm umgesehen, und
+plötzlich, als seine Augen ihrem erstaunten hellen Blick begegneten, war
+sie errötet – ganz plötzlich wie in einem jähen Begreifen, das ihr die
+Glut ins Gesicht trieb. In demselben Augenblick aber tauchte auch schon
+die hohe Gestalt des Alten im Gedränge vor ihnen auf: und er nahm sie
+wortlos bei der Hand. Und wieder traf der Blick des Alten Ordynoff mit
+einem so gehässigen, boshaft spöttischen Ausdruck, daß Ordynoffs Herz
+plötzlich von einer ganz seltsamen rasenden Wut erfaßt wurde. In der
+Dunkelheit verlor er sie bald aus den Augen: er drängte sich erschrocken
+weiter durch die Menge, machte sich rücksichtslos Platz und trat aus der
+Kirche. Die Abendluft berührte ihn kalt, aber sie erfrischte ihn nicht:
+sie benahm ihm den Atem, beengte seine Brust und sein Herz begann
+langsam und stark zu schlagen, mit einer Wucht, als wolle es seine Brust
+zersprengen. Er suchte sie lange, mußte es aber dann doch aufgeben, da
+er sie nirgends mehr finden konnte: sie waren weder auf der Straße noch
+in der Sackgasse zu sehen. Doch zugleich entstand in ihm bereits ein
+Gedanke, der sich alsbald zu einem jener Pläne entwickelte, die zwar in
+der Regel mehr oder weniger wahnwitzig zu sein pflegen, deren Ausführung
+aber in solchen Fällen fast immer glänzend gelingt – ganz abgesehen
+davon, daß gerade diese unsinnigen Pläne am ehesten in die Tat umgesetzt
+werden, vernünftigere dagegen sehr oft nur Pläne bleiben.
+
+Ordynoff begab sich am nächsten Morgen gegen acht Uhr zu jenem Hause,
+trat von der Gasse aus durch das Tor und befand sich auf einem schmalen,
+schmutzigen Hinterhof. Der Hausknecht, der dort mit einem Spaten
+hantierte, sah von seiner Arbeit auf, stützte sich auf den Spatenstiel,
+musterte Ordynoff vom Kopf bis zu den Füßen und fragte schließlich, was
+er hier wünsche.
+
+Dieser Hausknecht war ein noch junger Bursche von etwa fünfundzwanzig
+Jahren, dabei von eigentümlich altväterischem Aussehen, klein, mit
+runzligem Gesicht und von offenbar tatarischer Abstammung.
+
+„Ich suche ein Zimmer,“ sagte Ordynoff ungeduldig.
+
+„Was für eins denn?“ fragte der Kerl spöttisch und sah ihn mit einer
+Miene an, als wisse er bereits um sein ganzes Vorhaben.
+
+„Ich will hier ein Zimmer mieten.“
+
+„Im Vorderhaus gibt’s keins,“ versetzte der Tatar etwas rätselhaft.
+
+„Aber hier?“
+
+„Hier auch nicht.“ Und damit wandte er sich wieder seiner Arbeit zu.
+
+„Vielleicht gibt es doch einen Mieter, der mir eins abtreten würde?“
+fragte Ordynoff und drückte dem Hausknecht ein Trinkgeld in die Hand.
+
+Der Tatar sah ihn an, steckte das Geld in die Tasche und machte sich
+dann wieder etwas mit seinem Spaten zu schaffen – erst nach einigem
+Schweigen erklärte er nochmals: „Nein, hier gibt’s keins.“ Der junge
+Mann hörte ihn aber nicht mehr: er ging bereits auf den halbverfaulten
+schwankenden Brettern, die über eine Pfütze führten, zum einzigen
+Eingang des Hinterhauses, zu einer Treppe, die ebenso schmutzig war, wie
+das ganze Haus schmutzig aussah, und deren unterste Stufe in einer
+zweiten Pfütze halbwegs versank. Unten, neben dem Eingang, wohnte ein
+armer Sargmacher, an dessen Werkstätte Ordynoff ohne zu fragen
+vorüberging, um auf der halbzerbrochenen gewundenen Treppe
+hinaufzusteigen. Im oberen Stockwerk angelangt, fand er, mehr tastend
+als sehend, eine schwere Tür, die einst mit Bastmatten beschlagen
+gewesen war, von denen jetzt jedoch nur noch wenig mehr als einzelne
+Stücke an ihr hafteten. Er drückte auf die Klinke und öffnete die Tür.
+Er hatte sich nicht geirrt. Vor ihm stand der Alte, den er in der Kirche
+gesehen, und blickte ihn mit äußerster Verwunderung starr an.
+
+„Was willst du?“ stieß er halblaut mit rauher Stimme hervor.
+
+„Haben Sie ein Zimmer zu vermieten?“ fragte Ordynoff, ohne eigentlich
+selbst zu wissen, was er sagte oder sagen wollte. Hinter dem Alten hatte
+er seine Unbekannte erblickt.
+
+Der Alte sagte nichts, er bemühte sich nur, die Tür zu schließen, um
+Ordynoff auf diese Weise hinauszudrängen.
+
+„Ja doch! – wir haben ein Zimmer!“ sagte da plötzlich das junge Weib mit
+freundlicher Stimme.
+
+Der Alte wandte sich nach ihr um.
+
+„Ich brauche nicht viel mehr als einen Winkel,“ sagte Ordynoff, indem er
+schnell eintrat und sich an das junge Weib wandte.
+
+Doch das Wort erstarb ihm auf den Lippen: etwas Seltsames spielte sich
+plötzlich vor seinen Augen ab, eine stumme und doch beredte Szene. Der
+Alte war so leichenblaß geworden, als würde er im Augenblick ohnmächtig
+zusammenbrechen, und sah mit einem bleischweren, unbeweglichen,
+durchdringenden Blick das junge Weib an. Auch sie erblaßte zunächst,
+dann aber stieg ihr mit einem Male jäh das Blut ins Gesicht und in ihren
+Augen blitzte etwas Seltsames auf. Ohne ein weiteres Wort führte sie
+Ordynoff in das Nebenzimmer.
+
+Die ganze Wohnung bestand aus einem einzigen, allerdings recht großen
+Zimmer, das durch zwei Scheidewände in drei Räume geteilt war. Aus dem
+ziemlich dunklen und schmalen Vorzimmer, in das man vom Flur aus trat,
+führte geradeaus eine Tür offenbar in das Schlafzimmer. Rechts von
+dieser führte eine andere Tür nach dem Zimmer, das vermietet werden
+sollte. Es war das ein schmaler, enger Raum, der durch die Scheidewand
+gewissermaßen an die zwei niedrigen Fenster angedrückt erschien.
+Überdies war er noch vollgepackt mit den verschiedensten Sachen, die nun
+einmal zu einem Haushalt gehören. Es war ärmlich und eng, aber doch nach
+Möglichkeit sauber. Die Einrichtung bestand aus einem einfachen
+ungestrichenen Tisch, zwei ebenso einfachen Stühlen und zwei
+Bettladen, die eine an der Scheidewand, die andere an der der Tür
+gegenüberliegenden Wand. Ein großes altertümliches Heiligenbild mit
+einer vergoldeten Strahlenkrone stand in der Ecke auf einem Winkelbrett
+und vor ihm brannte das Öllämpchen. Ein mächtiger russischer Ofen, an
+den sich die Scheidewand anschloß, stand zur Hälfte in diesem Zimmer,
+zur Hälfte im Vorzimmer. Eigentlich bedurfte es keiner Versicherung, daß
+diese Wohnung für drei erwachsene Menschen zu eng war.
+
+Sie begannen, das Notwendige zu besprechen, sprachen aber so verwirrt
+und zusammenhanglos, daß sie einander kaum verstanden. Ordynoff, der
+zwei Schritte von ihr entfernt stand, glaubte ihr Herz pochen zu hören:
+er sah, daß sie vor Erregung und anscheinend auch vor Angst zitterte.
+Schließlich verständigten sie sich doch irgendwie und die Sache ward
+abgeschlossen. Der junge Mann erklärte, daß er sogleich einziehen wolle,
+und blickte sich unwillkürlich nach dem Alten um. Der war zwar immer
+noch bleich, aber auf seinen Lippen lag bereits ein stilles, sogar
+nachdenkliches Lächeln, das jedoch schnell verschwand, als er Ordynoffs
+Blick begegnete: sofort runzelte er wieder finster die Stirn.
+
+„Hast du einen Paß?“ fragte er plötzlich mit lauter, rascher Stimme,
+indem er gleichzeitig schon die Tür zum Flur öffnete.
+
+Ordynoff bejahte die Frage, die ihn etwas stutzig machte.
+
+„Wer bist du?“
+
+„Wassilij Ordynoff. Habe keine Anstellung. Lebe ganz für mich,“
+antwortete er, ebenso kurz angebunden, wie der Alte in seiner rauhen
+Art.
+
+„Ich gleichfalls,“ versetzte der Alte. „Ich bin Ilja Murin, Kleinbürger.
+Genügt dir das? – Gut, dann geh!“ ...
+
+Innerhalb zweier Stunden war Ordynoff eingezogen, eigentlich selbst
+nicht weniger darüber verwundert, als es Herr Spieß und seine Tochter
+Tinchen waren, die nach vergeblichem Warten zu der Überzeugung kamen,
+daß der verschwundene Mieter sie nur habe betrügen wollen. Ordynoff
+freilich begriff selbst nicht, wie das alles so gekommen war, aber im
+Grunde wollte er es auch gar nicht begreifen.
+
+
+ II.
+
+Sein Herz pochte so stark, daß er vor den Augen grüne Punkte tanzen sah,
+und hin und wieder erfaßte ihn ein Schwindel. Der Kopf tat ihm weh.
+Mechanisch machte er sich daran, sein geringes Hab und Gut auszupacken,
+entnahm einem Bündel, das seine Wäsche enthielt, das Notwendigste,
+schloß den Bücherkasten auf und begann die Bände und Schriften auf dem
+Tische zu ordnen. Bald aber entfiel auch diese Arbeit seinen Händen. Was
+er tun mochte – immer wieder erschien vor ihm das Bild des jungen
+Weibes, das vom ersten Augenblick an sein Herz mit so unlösbaren Banden
+gleichsam umkrampft hatte, – und so viel Glück war plötzlich in sein
+armes Leben geflutet, daß seine Gedanken wie in einem Rausch untergingen
+und sein Geist ganz wirr ward und er selbst nicht mehr wußte, was er
+wollte. Er nahm seinen Paß, um ihn dem Alten, dessen Mieter er nun
+geworden war, einzuhändigen – natürlich in der Hoffnung, bei der
+Gelegenheit sie zu sehen. Murin öffnete aber die Tür nur ein wenig, nahm
+den Paß in Empfang, nickte bloß und sagte „Gott mit dir!“, worauf er die
+Tür wieder schloß. Ein unangenehmes Gefühl überkam Ordynoff. Es wurde
+ihm, ohne daß er wußte warum, so schwer, diesen Alten anzusehen. In
+seinem Blick lag stets so etwas wie Verachtung und Bosheit. Doch der
+unangenehme Eindruck verwischte sich bald. Er lebte ja schon den dritten
+Tag wie in einem Wirbel, im Vergleich zu seinem früheren stillen Leben.
+Nur denken konnte er jetzt nicht, ja, er fürchtete sich förmlich davor.
+Alles hatte sich für ihn plötzlich verändert: er hatte die dunkle
+Empfindung, als sei sein Leben in zwei Hälften gebrochen und von seinen
+Gedanken galt kein einziger mehr der ersten Hälfte. Er empfand nur den
+einen Trieb, nur die eine Erwartung ...
+
+Ohne zu wissen, wie er das Benehmen des Alten deuten sollte, kehrte er
+in sein Zimmer zurück. Beim Ofen, in dem das Essen kochte, machte sich
+ein kleines, vor Alter krummes Weib zu schaffen. Sie war so schmutzig
+und zerlumpt gekleidet, daß man sie nur mit Widerwillen ansehen mochte.
+Dabei schien sie eine unglaublich böse Person zu sein. Das war die
+Dienstmagd. Ordynoff, der sie etwas vor sich hinbrummen hörte und ihren
+zahnlosen Unterkiefer sich bewegen sah, redete sie an, erhielt aber
+keine Antwort: es war, als schwiege sie vor lauter Bosheit. Endlich kam
+die Mittagsstunde. Die Alte nahm das Essen aus dem Ofen – Kohlsuppe,
+Pasteten und Rindfleisch – und brachte es in das andere Zimmer. Dasselbe
+Essen brachte sie auch Ordynoff. Nach dem Mittagessen trat in der
+Wohnung Totenstille ein.
+
+Ordynoff nahm ein Buch zur Hand, las Satz für Satz und ganze Seiten,
+wobei er sich bemühte, den Sinn des Gelesenen zu erfassen, der ihm aber
+selbst dann unklar blieb, wenn er das Gelesene nochmals las. Bald schon
+warf er das Buch beiseite und schickte sich an, seine Habseligkeiten
+noch weiter zu ordnen. Nur dauerte auch das nicht lange. Ungeduldig nahm
+er schließlich seine Mütze, seinen Mantel und ging auf die Straße. Ohne
+auf den Weg zu achten, ging er weiter und gab sich die größte Mühe,
+seine Gedanken zu sammeln und wenigstens etwas über seine neue Lage
+nachzudenken. Doch diese Willensanspannung wurde ihm förmlich zu einer
+Qual – als müsse er sich selbst foltern. Offenbar hatte er sich
+erkältet: bald erfaßte ihn ein Schüttelfrost, bald glühte er im Fieber
+und zuweilen begann sein Herz so stürmisch zu schlagen, daß er sich an
+eine Wand lehnen mußte. „Nein, lieber tot ... lieber tot sein,“
+murmelten seine fieberheißen Lippen, ohne daß er es selbst recht wußte.
+So irrte er noch lange in den Straßen umher – bis er schließlich durch
+eine starke Empfindung von Kälte und Feuchtigkeit zum erstenmal
+bemerkte, daß es ja in Strömen regnete. Da besann er sich und kehrte
+zurück. Kurz bevor er das Haus erreichte, erblickte er den Hausknecht,
+der ihn, wie ihm schien, schon eine Weile stillstehend mit Neugier
+beobachtet hatte, seinen Weg nach Hause aber sogleich wieder fortsetzte,
+als er sich bemerkt sah.
+
+Ordynoff erreichte ihn mit ein paar Schritten.
+
+„Guten Tag. Übrigens, wie heißt du?“
+
+„Hausknecht heiß’ ich,“ antwortete der Tatar grinsend.
+
+„Bist du schon lange hier Hausknecht?“
+
+„Das will ich meinen.“
+
+„Mein Wirt, der Murin, bei dem ich zur Miete wohne, ist doch
+Kleinbürger?“
+
+„Das wird er wohl sein, wenn er’s gesagt hat.“
+
+„Was treibt er denn eigentlich?“
+
+„Treibt? – Er lebt. Ist krank, betet. Weiter nichts.“
+
+„Ist das seine Frau?“
+
+„Welche Frau?“
+
+„Die bei ihm lebt?“
+
+„Das wird sie wohl sein, wenn er’s gesagt hat. Leb wohl, Herr.“
+
+Der Tatar berührte den Mützenschirm und trat in seinen Schlupfwinkel
+unter dem Torbogen.
+
+Ordynoff stieg die Treppe hinauf zu seinem Zimmer. Die Alte öffnete ihm
+zaudernd die Tür, wobei sie wieder etwas vor sich hinbrummte, klinkte
+die Tür hinter ihm ein und kroch langsam zurück auf den Ofen, auf dem
+sie den größten Teil ihres Lebens zuzubringen schien. Es dunkelte
+bereits. Ordynoff wollte sich von seinen Wirtsleuten Streichhölzer
+holen, doch die Tür zu ihrem Zimmer war verschlossen. Er rief die Alte
+an, die sich etwas aufgerichtet hatte und, auf den Ellbogen gestützt,
+vom Ofen herab ihn anglotzte, als dächte sie darüber nach, was er wohl
+dort an der verschlossenen Tür zu suchen habe. Schweigend warf sie ihm
+eine Streichholzschachtel zu. In sein Zimmer zurückgekehrt, nahm er
+wieder seine Bücher vor. Allmählich wurde ihm immer sonderbarer zumut
+und obschon er selbst nicht begriff, was in ihm vorging, setzte er sich
+auf die Bettlade, zu der er sich eigentümlich hingezogen fühlte. Und
+dann war ihm, als schliefe er ein. Mehrmals kam er wieder zu sich und
+erriet – es war ein Erraten und sich Merken in einem Zustande des
+Halbbewußtseins –, daß es gar kein Schlaf war, sondern nur eine
+krankhafte, qualvolle Benommenheit. Einmal hörte er, wie an die Tür
+gepocht und wie die Tür geöffnet wurde, und er sagte sich, daß es wohl
+die Wirtsleute waren, die von der Abendmesse zurückkehrten. Bei der
+Gelegenheit fiel ihm ein, daß er zu ihnen gehen mußte, um etwas zu
+holen. Er erhob sich denn auch und ging zu ihnen – d. h. es schien ihm,
+daß er sich erhob und ging – doch plötzlich stolperte er und fiel auf
+einen Haufen Holz, den die Alte mitten im Zimmer hingeworfen hatte. Von
+da an wußte er nichts mehr, und als er die Augen, wie ihm deuchte, nach
+langer, langer Zeit öffnete, gewahrte er mit Verwunderung, daß er noch
+auf derselben Lade lag, in den Kleidern, so wie er war, und daß ein
+berückend schönes junges Weib in zärtlicher Sorge sich über ihn beugte,
+mit einem stillen und mütterlichen Ausdruck im Blick. Er fühlte, wie ihm
+ein Kissen unter den Kopf geschoben wurde und wie man ihn mit etwas
+Warmem zudeckte, und wie eine zarte Hand sich auf seine heiße Stirn
+legte. Er wollte danken, wollte diese Hand fassen, sie an seine heißen
+trockenen Lippen führen, mit Tränen benetzen und küssen, eine ganze
+Ewigkeit lang küssen. Er wollte so vieles sagen, aber was – das wußte er
+selbst nicht! Oh, sterben hätte er mögen, vergehen in diesem Augenblick!
+Doch seine Arme waren schwer wie Blei und ließen sich nicht bewegen. Es
+war ihm, als sei er stumm geworden und könne deshalb nicht sprechen, und
+daher fühlte er nur, wie sein Blut so durch alle Adern jagte, daß er
+glaubte, emporgehoben zu werden. Jemand gab ihm Wasser zu trinken ...
+Dann sank er wieder in tiefe Bewußtlosigkeit.
+
+Am anderen Morgen erwachte er gegen acht Uhr. Die Sonne schien in
+goldenen Strahlenbündeln durch das grünliche billige Glas der
+Fensterscheiben. Ein wundervolles Gefühl durchströmte alle Glieder des
+Kranken. Er war ruhig und still – war unsagbar glücklich. Er hatte die
+Empfindung, als sei jemand soeben an seinem Bette gewesen, ganz nah an
+seinem Kopfkissen. Und während er vollends zu sich kam, dachte er daran,
+sich nach diesem Menschen im Zimmer umzusehen, um seinen neuen Freund zu
+entdecken und zum erstenmal im Leben zu ihm zu sagen: „Guten Morgen,
+habe Dank, mein Guter!“
+
+„Wie lange du schläfst?“ sagte da zärtlich eine Frauenstimme. Ordynoff
+sah sich um, jemand trat an sein Bett, und über ihn neigte sich mit
+einem freundlichen hellen Lächeln das Gesicht seiner schönen jungen
+Wirtin.
+
+„Wie krank du warst,“ fuhr sie fort, „aber nun laß es genug sein; wozu
+beraubst du dich der Freiheit! Die ist süßer als Brot, schöner als die
+liebe Sonne. Steh auf, mein Täubchen, steh auf!“
+
+Ordynoff ergriff ihre Hand und drückte sie krampfhaft. Er glaubte, noch
+zu träumen.
+
+„Warte, ich habe dir Tee gemacht. Willst du Tee? Trink ihn, es wird dir
+davon besser werden. Ich bin selbst krank gewesen und weiß, wie das
+ist.“
+
+„Ja, gib mir zu trinken,“ sagte Ordynoff mit noch matter Stimme und
+versuchte, aufzustehen, was ihm auch gelang. Er fühlte sich zwar noch
+recht schwach, wie zerschlagen, und ein Kältegefühl im Rücken ließ ihn
+erschauern. In seinem Herzen aber hatte er ein Gefühl, als werde er von
+den Sonnenstrahlen erwärmt und mit einer hellen, feiertäglichen Freude
+erfüllt. Er fühlte das Unsichtbare: daß für ihn ein neues, starkes Leben
+anbrach. Einen Augenblick war ihm, als erfasse ihn ein leichter
+Schwindel.
+
+„Du heißt doch Wassilij?“ fragte sie. „Oder habe ich mich verhört? Hat
+dich mein Herr nicht gestern so genannt?“
+
+„Ja, Wassilij. Und wie heißt du?“ fragte Ordynoff, indem er sich ihr
+näherte, obschon er sich kaum auf den Füßen hielt. Plötzlich wankte er.
+Sie ergriff seine Hände und lachte.
+
+„Ich? – Katherina!“ Und sie sah ihn mit ihren strahlenden, blauen Augen
+an. Beide hielten sie sich an den Händen.
+
+„Du willst mir etwas sagen?“ fragte sie endlich.
+
+„Ich weiß nicht ...“ Ihm war, als trübe sich sein Blick.
+
+„Wie sonderbar du bist! Laß gut sein, du, mein Lieber, gräme dich nicht,
+sei nicht traurig – komm, setze dich hierher, hier scheint die Sonne,
+die wird dich erwärmen. So, nun sei ganz ruhig! Komme mir nicht nach,“
+fügte sie hinzu, als sie sah, daß der junge Mann eine Bewegung machte,
+als wolle er sie zurückhalten – „ich werde gleich wieder bei dir sein,
+da wirst du mich sehen können, soviel du nur willst!“
+
+Sie kam denn auch sogleich wieder, brachte ihm den Tee, den sie auf den
+Tisch stellte, und setzte sich ihm gegenüber.
+
+„Da, nun trinke! – Wie, schmerzt dir der Kopf noch?“
+
+„Nein, jetzt schmerzt er nicht mehr,“ sagte Ordynoff, „oder ich weiß
+nicht, vielleicht schmerzt er auch ... ich will nicht ... schon gut,
+schon gut! ... Ich weiß nicht, was mit mir ist ...“ stieß er unter
+Herzklopfen hervor, und er suchte ihre Hand. „Bleibe hier, geh nicht
+fort von mir, gib ... gib mir wieder deine Hand ... Vor meinen Augen
+dunkelt es ... In dir sehe ich meine Sonne,“ sagte er, als risse er
+jedes Wort aus seinem Herzen, und es war doch, als empfinde er schon
+Seligkeit, wenn er zu ihr nur sprechen konnte. Heiß stieg es in ihm auf
+und schnürte ihm die Kehle zusammen – bis die Spannung sich plötzlich in
+einem dumpfen, erschütternden Schluchzen entlud.
+
+„Du Armer! Du hast wohl noch nie mit guten Menschen gelebt? Bist ganz
+allein und einsam in der Welt? Hast du gar keine Verwandten?“
+
+„Niemand, ich bin ganz allein ... laß, was tut das! Mir ist jetzt besser
+... so ... wohl!“ Es war, als phantasiere er. Das Zimmer schien sich um
+ihn zu drehen.
+
+„Auch ich habe jahrelang keine Menschen gesehn ... Du siehst mich so an
+...“ sagte sie plötzlich nach minutenlangem Schweigen und stockte ...
+
+„Was ... wie denn?“
+
+„So, als wärmten dich meine Augen! Weißt du, wenn man jemand so liebt
+... Ich habe dich doch schon bei deinen ersten Worten in mein Herz
+geschlossen. Wenn du krank werden solltest, werde ich dich pflegen. Aber
+du darfst nicht wieder krank werden, nein! Wenn du aber wieder ganz
+gesund bist, dann wollen wir wie Bruder und Schwester leben, ja? Willst
+du? Es ist doch schwer, eine Schwester zu finden, wenn Gott einem keine
+Geschwister gegeben hat.“
+
+„Wer bist du? Woher kommst du?“ stammelte Ordynoff mit matter Stimme.
+
+„Oh, nicht hier ist meine Heimat ... aber was geht dich das an? Weißt
+du, die Leute erzählen, wie zwölf Brüder in einem dunklen Walde lebten
+und wie in dem Walde ein schönes Mädchen sich verirrte. Und sie kam zu
+den zwölf Brüdern und machte Ordnung im Hause, und säuberte alles, und
+was sie tat, tat sie mit Liebe. Als nun die Brüder zurückkehrten, sahen
+sie, daß ein Schwesterchen den Tag über bei ihnen gewesen war, und sie
+riefen sie und baten sie, doch bei ihnen zu bleiben. Und da kam sie denn
+auch und blieb bei ihnen. Und die Brüder nannten sie ihr Schwesterchen
+und ließen ihr alle Freiheit und allen gehörte sie gleich an. Kennst du
+das Märchen?“
+
+„Ich kenne es,“ sagte Ordynoff leise.
+
+„Schön ist es doch zu leben. Sag, bist du froh, daß du lebst?“
+
+„Ja – ja! eine Ewigkeit leben ... lange leben!“ phantasierte Ordynoff.
+
+„Ich weiß nicht,“ meinte Katherina nachdenklich, „ich würde doch auch
+den Tod nicht missen wollen. Ob es gut ist, zu leben? – ja, zu lieben,
+und gute Menschen liebzuhaben, ja ... Sieh, da bist du aber wieder
+bleich geworden ...“
+
+„Ja, mich schwindelt ...“
+
+„Wart, ich bringe dir meine Kissen und Decken, und werde dir das Bett
+schön aufmachen. Dann wird dir von mir träumen und das Übel wird von dir
+weichen. Unsere Alte ist auch krank ...“
+
+Und schon während sie sprach, machte sie das Bett zurecht, wobei sie ab
+und zu über die Schulter nach Ordynoff hinüberblickte.
+
+„Wie viele Bücher du hast!“ sagte sie, als sie nach beendeter Arbeit den
+Koffer ein wenig abrückte.
+
+Dann brachte sie die Decken und trat zu ihm, stützte ihn mit dem rechten
+Arm und führte ihn zum Bett, auf dem sie ihm die Kissen zurechtrückte,
+um ihn dann zuzudecken.
+
+„Man sagt, Bücher verdürben die Menschen,“ fuhr sie fort und schüttelte
+nachdenklich den Kopf. „Liest du gern in Büchern?“
+
+„Ja,“ antwortete Ordynoff, selbst im Zweifel darüber, ob er schlief oder
+wachte. Und wie um sich zu versichern, daß es kein Traum war, suchte er
+Katherinas Hand und preßte sie in der seinen.
+
+„Mein Herr hat viele Bücher: solche!“ – sie beschrieb mit der Linken ein
+großes Format – „er sagt, es seien heilige Bücher. Und er liest mir aus
+ihnen immer vor. Ich werde sie dir später zeigen. Soll ich dir erzählen,
+was er mir aus ihnen vorliest?“
+
+„Erzähle,“ flüsterte Ordynoff, ohne den Blick von ihr losreißen zu
+können.
+
+„Betest du gern?“ fragte sie wieder nach kurzem Schweigen. „Weißt du
+was? – ich fürchte, ich fürchte immer ...“
+
+Sie sprach es nicht aus, und wie es schien, dachte sie über irgend etwas
+nach.
+
+Ordynoff führte ihre Hand an seine Lippen.
+
+„Was küßt du meine Hand?“ Ihre Wangen erröteten leicht. Und dann lachte
+sie: „Ach nun, da! – küsse sie nur!“ und sie hielt ihm beide Hände hin.
+Dann befreite sie die eine Hand und legte sie auf seine heiße Stirn, und
+plötzlich – streichelte sie ihn und dann glättete sie sein Haar, und
+dabei errötete sie immer mehr. Endlich kniete sie neben seinem Bett
+nieder und lehnte ihre Wange an seine Wange: er spürte den feuchtwarmen
+Hauch ihres Atems ... Plötzlich fühlte Ordynoff, daß heiße Tränen über
+seine Wange rollten – sie weinte. Er wollte etwas sagen, denken, wurde
+aber immer schwächer, immer schwächer ... er konnte kein Glied mehr
+rühren. Da stieß jemand an die Tür und die Klinke klapperte. Ordynoff
+hörte nur noch, wie der Alte, sein Wirt, eintrat. Und darauf fühlte er,
+wie Katherina sich erhob, übrigens ganz langsam, ohne jeden Schreck,
+fühlte, wie sie beim Weggehen das Zeichen des Kreuzes über ihm machte.
+Er lag mit geschlossenen Augen. Plötzlich brannte ein heißer langer Kuß
+auf seinen Lippen: der fuhr ihm wie ein Dolchstoß ins Herz. Er wollte
+aufschreien, verlor aber die Besinnung ...
+
+Damit begann für ihn ein sonderbarer Zustand, ein Traumleben, wie es nur
+Krankheit und Fieber verursachen können. Es kamen Augenblicke, in denen
+es ihm in einer Art unklaren Bewußtseins schien, daß er verurteilt sei,
+in einem langen, endlosen Traum voll seltsamer Aufregungen, Kämpfe und
+Leiden zu leben. Empört und entsetzt suchte er sich aufzulehnen gegen
+dieses Fatum, das ihn knechten wollte, doch im Augenblick des heißesten,
+verzweiflungsvollsten Kampfes fühlte er, wie ihn plötzlich eine andere
+feindliche Kraft überfiel und niederrang, und dabei empfand er mit jeder
+Fiber, wie er von neuem die Besinnung verlor und wie wieder
+undurchdringliches, bodenloses Dunkel sich vor ihm auftat, und er
+glaubte sogar selbst den Schrei der Qual und Verzweiflung zu hören, mit
+dem er in diesen offenen Schlund versank. Dann aber kamen wieder andere
+Augenblicke eines kaum zu ertragenden, überwältigenden Glücks, wie man
+es nur selten empfindet: Augenblicke, in denen die Lebenskraft im ganzen
+Menschen sich krankhaft steigert und der Mensch sich wie in einer
+höheren Sphäre befindet, wo alles Vergangene sich klärt und in allem
+Zusammenhang offenbart, wo die kurze Gegenwart mit ihrem Licht ein
+klingendes, tönendes Triumph- und Freudengefühl auslöst und die
+unbekannte Zukunft wie ein Traum im Wachen vor einem liegt, und man
+nicht weiß, woher sich unsagbare Hoffnung wie erquickender Tau auf die
+Seele legt, und aufschreien möchte vor lauter Seligkeit, während man
+doch fühlt, wie schwach und hilflos das Fleisch vor dieser Wucht der
+Eindrücke ist, und der Lebensfaden, der ins Vergangene zurückreicht,
+zerreißt und das neue Leben wie ein Leben nach einer Auferstehung vor
+uns erscheint ... Dann schwand ihm wieder das Bewußtsein und eine Art
+Halbschlaf umfing ihn, in dem er alles, was er in den letzten Tagen
+erlebt hatte, nochmals durchlebte und das Gesehene, verschwommenen
+Nebelbildern gleich, in wirrer, hastend drängender Folge an seinem
+geistigen Auge vorüberzog. Es erschien ihm dabei in diesen Visionen
+alles ganz anders, seltsam und rätselhaft. Dann wieder vergaß er alles
+jüngst Geschehene und wunderte sich, daß er nicht mehr in seiner
+früheren Wohnung bei seiner alten Wirtin war. Er konnte es sich nicht
+erklären, warum die alte gute Frau zu seinem Ofen kam, in dem noch die
+letzten Kohlen glühten – er glaubte noch den schwachen, zitternden
+Widerschein der verlöschenden Glut an der Wand zu sehen – und warum sie
+nicht, bevor sie die Ofentür schloß, ihre hageren alten Hände am
+Feuerschein wärmte, wie sie es sonst immer getan, stets nach alter Leute
+Art vor sich hinmurmelnd, ab und zu mit einem Blick nach ihrem
+sonderbaren Pensionär, den sie für mindestens „nicht ganz richtig“
+hielt: von diesem ewigen Sitzen „hinter den Büchern“, wie sie meinte.
+Dann wieder fiel es ihm ein, daß er ja umgezogen war, aus welchem Grunde
+konnte er sich freilich nicht mehr entsinnen, obschon sein ganzer Geist
+ausströmen wollte in einen ewigen, ununterbrochen empfundenen,
+unbezähmbaren Drang ... Doch wohin, wozu es ihn drängte, was die Ursache
+solcher Qual war, und wer diesen unerträglichen Feuerbrand, der sein
+Blut zu verzehren schien, in seine Adern geschleudert – das wußte er
+wieder nicht und konnte sich auch nicht darauf besinnen. Oft griff er
+gierig nach einem Schatten, oft glaubte er, leichte Schritte in seinem
+Zimmer zu vernehmen, Schritte, die sich seinem Lager näherten, und eine
+süße, weiche Stimme zärtliche Worte flüstern zu hören; ihm war, als
+spüre er feuchtwarmen Atem wie einen Hauch über sein Gesicht gleiten,
+und ein herrliches Gefühl der Liebe erschütterte ihn tief im Innersten,
+daß seine Seele erbebte. Und heiße Tränen fielen auf seine glühenden
+Wangen und plötzlich drückte sich weich und verlangend ein Kuß auf seine
+Lippen: da war es, als verginge sein Leben vor brennender
+unauslöschlicher Pein: es schien ihm, als stehe das ganze Sein, die
+ganze Welt still, als stürbe sie für Jahrhunderte rings um ihn, und über
+alles sinke lange, tausendjährige Nacht ...
+
+Dann war es ihm wieder, als erlebe er nochmals die sorglosen Jahre
+seiner ersten Kindheit, ja er glaubte sogar, das Landhaus zu sehen, in
+dem er geboren war, und die saftigen Wiesen und Auen, auf denen er als
+kleiner Junge umhergelaufen und vielleicht Blumen gepflückt hatte.
+Wenigstens glaubte er, alles dies zu sehen, – bis er plötzlich eine
+Gestalt auftauchen sah, deren Anblick ihn mit einem mehr als kindlichen
+Entsetzen erfüllte und das erste schleichende Gift von Leid und Qual und
+Tränen in sein Leben brachte. Es war ihm, als habe der fremde Alte sein
+ganzes zukünftiges Leben in seiner Macht, doch vermochte er trotz seines
+Entsetzens nicht, den Blick von ihm abzuwenden, und der Alte folgte ihm
+überall hin: er lauerte hinter jedem Baum und Strauch hervor, nickte ihm
+grinsend zu und spottete seiner und neckte ihn und verwandelte sich in
+jedes Spielzeug und saß plötzlich wie ein Gnomenkopf auf dem Halse
+seines Steckenpferdchens und wandte sich grinsend und Gesichter
+schneidend immer wieder nach ihm um. Und in der Schule saß er zwischen
+den Schülern, oder versteckte sich unter der Bank. Oder der Deckel eines
+seiner Bücher hob sich um Fingerbreite und aus dem Dunkel unter dem
+Deckel sahen ihn die boshaften Augen heimtückisch an. Schlief er, so
+setzte sich der scheußliche Geist an sein Bett und verscheuchte die
+süßen Kinderträume und erzählte flüsternd nächtelang ein wundersames
+Märchen, von dem er zwar nichts verstand, so angestrengt er auch
+lauschen mochte, das aber nichtsdestoweniger sein Kinderherz mit Grauen
+und einer nicht mehr kindlichen Leidenschaft peinigte. Und der böse Alte
+erzählte flüsternd weiter, bis eine dumpfe Betäubung seine Sinne lähmte
+und er schließlich wieder ohnmächtig wurde. Und dann, mit einem Male,
+war es ihm, als erwache er, und wieder begann ein seltsames
+Zusammenspiel von halbem Bewußtsein und halbem Traum: er erwachte als
+erwachsener Mensch, und Bilder des jüngst Erlebten umgaukelten ihn. Er
+wußte, wo er sich im Augenblick befand, wußte, daß er einsam und
+weltfremd war, einsam unter fremden, verdächtigen Leuten, die – hier
+begann wieder ein Traum – in sein Zimmer schlichen und in den dunklen
+Winkeln flüsterten und der alten Frau zunickten, die wieder am Ofen
+hockte und ihre hageren alten Hände am Feuer wärmte und ihnen
+gleichfalls zunickend auf das Bett wies, in dem er lag. Er fühlte sich
+verwirrt, erregt: er wollte wissen, wer diese Leute waren, was sie hier
+wollten und warum er sich selbst in diesem Zimmer befand, und da kam es
+denn wie ein Begreifen über ihn, daß er in so etwas wie eine Räuberhöhle
+geraten sei, verlockt durch irgendeine ihm bis dahin unbekannte,
+zwingende Macht, ohne sich vorher die Hausbewohner und namentlich seine
+Wirtsleute näher anzusehen. Die Ungewißheit peinigte ihn und sein
+Argwohn wuchs – und da begann wieder in der nächtlichen Dunkelheit das
+flüsternd erzählte Märchen, doch nicht der heimtückische Alte erzählte
+es jetzt, sondern eine kleine fremde Greisin, die es, vor dem Ofen
+hockend, im zitternden Feuerschein der erlöschenden Glut leise, leise
+vor sich hinflüsterte, während ihr alter Kopf mit dem Silberhaar dazu
+nickte. Aber schon stiegen neue Schreckbilder vor ihm auf: das
+geflüsterte Märchen, das er kaum hörte und noch weniger verstand, wurde
+zu Gestalten und Gesichtern, und er gewahrte mit Schrecken, daß alles,
+was er je in seinem Leben erlebt hatte, selbst alle seine Gedanken und
+Träume und was er in Büchern gelesen und vieles, was er schon längst
+vergessen hatte – daß alles wieder lebendig wurde, in riesenhaften
+Gebilden sich vor ihm erhob, durcheinanderschob, ihn umringte, umtanzte:
+vor seinen Augen taten sich Zaubergärten auf, er sah ganze Städte
+erstehen und wieder einstürzen, er sah unübersehbare Friedhöfe, deren
+Gräber sich auftaten und ihre Leichen zu ihm entsandten, und die Leichen
+lebten – er sah ganze Rassen und Völker kommen, wachsen und vor seinen
+Augen aussterben, und er sah schließlich jeden seiner Gedanken, kaum daß
+er ihn zu denken begann, schon in leibhaftig greifbarer Form vor seinen
+Augen sich verwirklichen – sein Denken war nicht mehr rein geistige
+Vorstellung und Verbindung von Begriffen, sondern Schöpfung, Schöpfung
+ganzer Welten, Schöpfung ganzer Scharen von Wesen – und er sah sich
+selbst gleich einem Stäubchen getragen in diesem unendlichen
+unbegrenzten Weltall, aus dem es kein Entrinnen gab, keine Flucht an
+irgendeiner Grenze. Und er überschaute alles und sah, wie dieses ganze
+Leben durch seine empörende Tyrannei ihn bedrückte und knechtete und mit
+ewiger, unendlicher Ironie verfolgte. Er fühlte, wie er starb und in
+Staub und Asche zerfiel, ohne Auferstehung, auf ewig starb; er wollte
+fliehen – aber es gab keinen Winkel im ganzen All, wo er sich hätte
+verbergen können. Da packte ihn die Wut der Verzweiflung, er riß alle
+seine Kräfte zusammen, mit einem wahnsinnigen Schrei, wie ihm schien,
+und – erwachte.
+
+Sein ganzer Körper war mit kaltem Schweiß bedeckt. Im Zimmer herrschte
+Totenstille: es war tiefe Nacht. Und doch war ihm, als vernehme er immer
+noch irgendwoher die Erzählung des ihm unverständlichen wundersamen
+Märchens, als erzähle eine heisere Stimme etwas ihm scheinbar Bekanntes:
+von dunklen Wäldern und tollkühnen Räubern, von dem verwegenen Häuptling
+einer Bande, ganz als wäre von Stenka Rasin selbst, dem Kosakenhelden,
+die Rede, und dann von heiteren Kumpanen und sorglosen Vagabunden, und
+von einer jungen Schönheit und von dem Mütterchen Wolga. War das nicht
+ein Märchen? Hörte er es nicht im Wachen? Wohl eine ganze Stunde lag er
+mit offenen Augen in peinvoller Erstarrung, ohne ein Glied zu rühren.
+Endlich versuchte er, sich vorsichtig aufzurichten, und mit Freude
+merkte er, daß die grausame Folter seine Kraft nicht ganz gebrochen
+hatte. Das Fieber mit seinen Visionen war gewichen, jetzt begann für ihn
+wieder die Wirklichkeit. Er gewahrte, daß er noch so angekleidet war,
+wie während seines Gesprächs mit Katherina: es konnte folglich noch
+nicht gar so lange her sein, daß sie ihn verlassen hatte. Eine jähe
+Entschlossenheit durchströmte ihn und stählte seine Kraft. Wie er die
+dünne Scheidewand betastete, stieß seine Hand an einen großen Nagel, den
+man dort zu irgendeinem Zweck eingeschlagen hatte. Er erfaßte ihn und
+richtete sich auf, wobei er eine feine Spalte zwischen den dünnen
+Brettern der Scheidewand entdeckte, durch die ein kaum bemerkbarer
+Lichtschein in sein Zimmer drang. Er legte das Auge an die Öffnung und
+hielt den Atem an.
+
+In der einen Ecke des anderen Zimmers stand ein Bett, davor ein Tisch,
+über den ein bucharischer Teppich gebreitet lag und der mit großen alten
+Büchern in Einbänden, die an alte Kirchenbücher oder sonst welche
+heiligen Schriften erinnerten, beladen war. In der Ecke hing ein ebenso
+altertümliches Heiligenbild wie dasjenige in Ordynoffs Zimmer, und vor
+dem Bilde brannte gleichfalls ein Lämpchen. Auf dem Bett lag Murin, mit
+einer Pelzdecke bedeckt, sichtlich entkräftet und krank und bleich wie
+ein Leintuch. Auf seinen Knien lag ein aufgeschlagenes Buch. Dicht am
+Bett saß auf einer kleinen Bank Katherina; mit den Armen umschlang sie
+den Alten und schmiegte sich an seine Brust. Sie sah ihn mit
+aufmerksamen, kindlich verwunderten Augen an und schien mit
+unersättlicher Neugier fast bebend vor Erwartung seiner Erzählung zu
+lauschen. Hin und wieder hob sich die Stimme des Erzählers und dann trat
+Leben in sein blasses Gesicht: in seinen Augen blitzte es auf, er zog
+die Brauen zusammen, sein Mund zuckte und Katherina schien zu erbleichen
+vor Angst und Aufregung. Dann wieder glitt es wie ein Lächeln über das
+Antlitz des Alten, und Katherina begann leise zu lachen. Plötzlich
+standen Tränen in ihren Augen: und da streichelte der Alte zärtlich über
+ihr Köpfchen, wie man ein kleines Kind streichelt, und sie umschlang ihn
+fester mit ihren weißen Armen und schmiegte sich noch liebender an seine
+Brust.
+
+Anfangs dachte Ordynoff, es sei noch ein Traum, ja, er war sogar
+überzeugt davon. Dennoch stieg ihm das Blut zu Kopf und in den Schläfen
+hämmerte es schmerzhaft, als wolle es die Adern sprengen. Er ließ den
+Nagel los, erhob sich vom Bett und ging leise, wankend und tastend, wie
+ein Schlafwandelnder durch sein Zimmer, ohne selbst zu wissen, was er
+tat, getrieben von dem Feuerbrand in seinem Blut – und so näherte er
+sich der Tür zu dem Zimmer der anderen und stieß sie mit aller Kraft
+auf: der verrostete Riegel brach, die Tür flog auf und unter Lärm und
+Gepolter trat er einen Schritt über die Schwelle in das Schlafzimmer
+seiner Wirtsleute. Er sah, wie Katherina entsetzt emporschnellte und wie
+die Augen des Alten unter den zornig zusammengezogenen Brauen funkelten
+und wie furchtbarer Jähzorn sein ganzes Gesicht entstellte. Er sah, wie
+der Alte, ohne die Augen von ihm abzuwenden, mit irrender Hand nach der
+Flinte tastete, die an der Wand hing, wie es in der Mündung aufblitzte,
+die die unsichere Hand des Ergrimmten gerade auf seine Brust richtete –
+ein Schuß tönte, und gleich darauf ein wilder, fast unmenschlicher
+Schrei ...
+
+Als der Rauch sich verflüchtigt hatte, bot sich Ordynoff ein
+entsetzlicher Anblick. Zitternd beugte er sich über den Alten. Murin lag
+in Krämpfen auf der Diele, Schaum vor dem Munde, das zuckende Gesicht,
+in dem von den Augen nur das Weiße zu sehen war, völlig entstellt.
+Ordynoff erriet, daß den Unglücklichen ein schwerer Anfall betroffen
+hatte. Zusammen mit Katherina kniete er bei ihm nieder, um ihm zu helfen
+...
+
+
+ III.
+
+Die ganze Nacht verbrachten sie in Aufregung bei dem Kranken. Am anderen
+Tage ging Ordynoff trotz der eigenen noch nicht überstandenen Krankheit
+schon frühmorgens hinaus. Auf dem Hofe traf er wieder den Hausknecht.
+Diesmal grüßte der Tatar schon von weitem und blickte ihn neugierig an,
+schien sich aber plötzlich zu besinnen und machte sich an seinem Besen
+etwas zu schaffen – schielte aber doch heimlich nach Ordynoff hinüber,
+der sich langsam näherte.
+
+„Nun, hast du in der Nacht nichts gehört?“ fragte ihn Ordynoff.
+
+„Hab’ wohl gehört.“
+
+„Was ist das für ein Mensch? Wer ist er überhaupt?“
+
+„Hast selber gemietet, mußt selber wissen. Nicht meine Sache.“
+
+„Zum Teufel, Bursche, sprich, wenn ich dich frage!“ rief Ordynoff wütend
+in einer krankhaften Gereiztheit, die ihm an sich selbst ganz neu war.
+
+„Was denn? Ist doch nicht meine Schuld. Deine eigene Schuld – hast
+Menschen erschreckt. Unten wohnt der Sargmacher, der hört sonstig
+nichts, aber heut hat er doch gehört, und seine Alte ist sonstig taub
+auf beiden Ohren, hat’s aber auch gehört, und auf dem anderen Hof, was
+schon weit genug ist, hat man’s auch gehört – da siehst du! Ich werde
+auf die Polizei gehen.“
+
+„Nicht nötig, ich gehe bereits,“ sagte Ordynoff und wandte sich zur
+Pforte.
+
+„Meinetwegen – hast selber gemietet ... Herr, Herr, wart!“ Ordynoff sah
+sich um; der Hausknecht berührte höflich die Mütze.
+
+„Nun?“
+
+„Wenn du gehst, geh ich zum Hauswirt.“
+
+„Und?“
+
+„Zieh lieber aus.“
+
+„Du bist dumm,“ versetzte Ordynoff und wandte sich von neuem zum Gehen.
+
+„Herr, Herr, wart doch!“ Der Hausknecht berührte wieder die Mütze und
+grinste halb verlegen: „Herr, ich möchte was raten: halt lieber dein
+Herz fest. Wozu armen Mensch verfolgen? Weißt doch – das ist Sünde. Gott
+sagt auch, das soll man nicht – weißt doch selber!“
+
+„Nun höre mal – hier, nimm dies. Und nun sage mir: wer ist er?“
+
+„Wer er ist?“
+
+„Ja.“
+
+„Ich sag’ auch ohne Geld.“
+
+Hier griff er wieder nach dem Besen, fegte ein-, zweimal, sah dann
+wieder auf und blickte Ordynoff mit wichtiger Miene musternd an.
+
+„Du bist ein guter Herr. Willst du nicht mit guten Menschen leben, dann
+nicht, ganz nach deinem Belieben. Da hast du gehört, was ich meine.“
+
+Hieran blickte ihn der Tatar noch ausdrucksvoller an, schien aber, als
+er Ordynoffs Gleichgültigkeit bemerkte, gekränkt zu sein und machte sich
+wieder mit seinem Besen zu schaffen. Endlich tat er, als habe er die
+Arbeit beendet, näherte sich mit geheimnisvoller Miene Ordynoff, machte
+eine eigentümliche Geste, deren Bedeutung Ordynoff jedoch gleichfalls
+unverständlich blieb, und flüsterte:
+
+„Er ist – verstehst du!“
+
+„Was?“
+
+„Verstand ist fort.“
+
+„Wieso?“
+
+„Wenn ich dir sage! Ich weiß, was ich weiß!“ fuhr er in noch
+geheimnisvollerem Tone fort. „Er ist krank. Er hatte eine Barke, solche
+große, weißt du, und noch eine und noch eine dritte und vierte, die
+fuhren alle auf der Wolga, ich bin selber von der Wolga, und dann hatte
+er noch eine Fabrik und die brannte nieder und so kam denn das!“
+
+„Er ist also verrückt?“
+
+„Nein doch, nein! Gar nichts von verrückt! Er ist ein kluger Kopf. Alles
+weiß er, viele Bücher hat er gelesen und dann anderen die Wahrheit
+gesagt! So – kam jemand: zwei Rubel, drei Rubel, vierzig Rubel, wie
+gerade ein jeder gibt – er schlägt das Buch auf und sagt dir alles, so
+und so, die ganze Wahrheit! Aber zuerst Geld auf den Tisch, ohne Geld –
+kein Wort!“
+
+Und der Tatar lachte vor lauter Gefallen an der Taktik Murins.
+
+„Er hat geweissagt, die Zukunft prophezeit?“
+
+„M–hm!“ Der Hausknecht nickte zur Bestätigung wichtig mit dem Kopf.
+„Immer was wahr ist! Er betet zu Gott, betet viel. Aber das – versteh! –
+kommt so zuweilen über ihn,“ fügte der Tatar wieder mit seiner
+rätselhaften Geste hinzu.
+
+In dem Augenblick rief jemand vom anderen Hof nach dem Hausknecht und
+gleich darauf erschien ein kleiner gebeugter alter Mann in einem Pelz.
+Er ging hüstelnd und, wie es schien, irgend etwas in seinen grauen
+spärlichen Bart murmelnd, mit schleppenden Schritten vorsichtig und
+langsam über den Hof, als fürchte er, jeden Augenblick auszugleiten. Man
+konnte glauben, es sei ein vor Altersschwäche kindisch gewordener Greis.
+
+„Der Hauswirt! Der Hauswirt!“ flüsterte hastig der Tatar, nickte
+Ordynoff flüchtig zu und lief, die Mütze vom Kopf reißend, diensteifrig
+zu dem Alten, dessen Gesicht Ordynoff bekannt schien, wenigstens mußte
+er ihm unlängst irgendwo schon begegnet sein. Er überlegte noch, daß das
+schließlich nicht weiter erstaunlich war, und verließ den Hof. Der
+Hausknecht aber schien ihm jetzt ein geriebener Betrüger zu sein.
+
+„Der Kerl hat mich ja einfach dumm machen wollen!“ dachte er. „Gott
+weiß, was noch dahintersteckt.“
+
+Damit trat er auf die Straße. Doch neue Eindrücke lenkten ihn bald von
+den unangenehmen Gedanken ab. Übrigens waren diese Eindrücke auch nicht
+angenehmer Art: Der Tag war grau und kalt und es schneite ein wenig. Er
+fühlte, wie ihn wieder Kälteschauer durchrieselten. Es war ihm, als
+beginne die Erde unter ihm zu schaukeln. Da vernahm er plötzlich eine
+bekannte Stimme, die ihm in übertrieben freundlichem Tone einen guten
+Morgen wünschte.
+
+„Jaroslaw Iljitsch!“ sagte Ordynoff.
+
+Vor ihm stand ein gesund aussehender rotwangiger Herr von etwa – dem
+Aussehen nach – dreißig Jahren, nicht groß, mit grauen, blanken Äuglein,
+das ganze Gesicht ein einziges Lächeln, und gekleidet – nun, wie ein
+Jaroslaw Iljitsch immer gekleidet ist. Und mit diesem Lächeln streckte
+er ihm verbindlich die Hand entgegen. Ordynoff hatte vor genau einem
+Jahre seine Bekanntschaft gemacht, und zwar ganz zufällig, fast auf der
+Straße. Was zu dieser Bekanntschaft, abgesehen vom Zufall, in erster
+Linie beigetragen, war die besondere Vorliebe Jaroslaw Iljitschs, mit
+berühmten und angesehenen Leuten, namentlich mit literarisch gebildeten,
+mit bekannten Schriftstellern oder doch wenigstens vielversprechenden
+Talenten bekannt zu sein. Obschon dieser Jaroslaw Iljitsch nur eine sehr
+süßliche Stimme besaß, so wußte er ihr doch in der Unterhaltung, selbst
+mit den aufrichtigsten Freunden, einen ungewöhnlich selbstsicheren,
+jovialen und sonoren Ton zu verleihen, der etwas förmlich Imponierendes
+hatte – ganz als sei er nun einmal auf Grund einer gewissen
+Überlegenheit von vornherein zu disponieren gewohnt, und zwar gleich in
+einer Weise, als dulde er überhaupt keinen Widerspruch.
+
+„Wie kommen Sie denn hierher? in diese Gegend?“ rief Jaroslaw Iljitsch
+mit dem lebhaftesten Ausdruck herzlicher Freude über das unverhoffte
+Wiedersehen.
+
+„Ich wohne hier.“
+
+„Seit wann denn?“ Die Stimme Jaroslaw Iljitschs klang sogleich um einen
+Ton oder ein paar Töne höher, denn er war wirklich überrascht und vergaß
+daher sozusagen seinen anderen Ton. „Und ich hab’s nicht mal gewußt!
+Dann bin ich ja so gut wie Ihr Nachbar! Ich wohne nämlich auch hier,
+sogar in nächster Nähe. Schon über einen Monat bin ich aus dem
+Rjäsanschen Gouvernement zurückgekehrt. Na, es freut mich, daß ich Sie
+doch mal eingefangen habe, bester Freund!“ Und Jaroslaw Iljitsch lachte
+sein gutmütiges Lachen. „Ssergejeff!“ rief er, plötzlich sich
+zurückwendend, in aufgeräumtester Stimmung. „Erwarte mich bei Tarassoff,
+aber daß sie dort ohne mich keinen Sack anrühren! Und dem
+Olssufjeffschen Hausknecht gib einen Rüffel und sag ihm, daß er sich
+sofort nach dem Geschäft begeben soll. In einer Stunde bin ich da ...“
+
+Und nachdem er diesen Auftrag einem anderen zugerufen, faßte er gut
+gelaunt Ordynoff unter den Arm und führte ihn zum nächsten Gasthaus.
+
+„So, das wäre erledigt. Aber jetzt lassen Sie uns nach der langen
+Trennung gemütlich ein paar Worte miteinander reden. Nun, sagen Sie
+zunächst, wie steht es mit Ihrer Arbeit?“ erkundigte er sich fast
+ehrfürchtig und mit gesenkter Stimme, wie eben ein teilnehmender
+eingeweihter Freund es tut.
+
+„Ja ... was soll ich Ihnen sagen ... nicht anders, als früher,“
+antwortete Ordynoff etwas zerstreut, da er gerade einem ganz anderen
+Gedanken nachhing.
+
+„Das ist edel von Ihnen, Wassilij Michailowitsch, sehen Sie, so etwas
+erkenne ich an! Das nenne ich, sein Leben einer höheren Idee weihen!“
+Hier drückte Jaroslaw Iljitsch Ordynoff kräftig die Hand. „Gott gebe
+Ihnen Erfolg auf Ihrem Gebiet ... Himmel! bin ich froh, daß ich Sie
+getroffen habe! Doch mal ein andrer Mensch, als so der tagtägliche
+Durchschnitt! Wie oft hab’ ich dort an Sie gedacht und mich im stillen
+gefragt, wo er wohl jetzt sein mag, unser genialer, geistreicher
+Wassilij Michailowitsch!“
+
+Jaroslaw Iljitsch verlangte ein besonderes Zimmer für sich und seinen
+Gast, bestellte einen Imbiß, Schnäpse, und was so dazu gehört.
+
+„Ich habe inzwischen recht viel gelesen,“ fuhr er mit einschmeichelndem
+Blick und in bescheidenem Tone fort. „Zunächst einmal den ganzen
+Puschkin ...“
+
+Ordynoff sah ihn zerstreut an.
+
+„Ja, in der Tat, das muß man ihm lassen: die Schilderung der
+menschlichen Leidenschaft ist allerdings ganz bewundernswert bei ihm.
+Doch zunächst erlauben Sie mir, Ihnen meinen Dank auszudrücken. Sie
+haben so viel für mich getan, eben durch die Klarlegung einer richtigen
+Denkart, Ihrer eigenen Weltanschauung, sozusagen ...“
+
+„Aber ich bitte Sie! ...“
+
+„Nein! – erlauben Sie: keine Widerrede! Ich liebe es nun einmal, jedem
+Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Und ich bin stolz darauf, daß
+wenigstens dieses Gefühl – eben das für die Gerechtigkeit – in mir nicht
+eingeschlummert ist.“
+
+„Ich bitte Sie, dann sind Sie gegen sich selbst ungerecht, und ich wüßte
+wirklich nicht ...“
+
+„Nein, im Gegenteil, durchaus gerecht,“ widersprach Jaroslaw Iljitsch
+mit ungewöhnlichem Eifer. „Was bin ich denn im Vergleich mit Ihnen?
+Nicht wahr?“
+
+„Ach, Gott ...“
+
+„O ja ...“
+
+Kurzes Schweigen folgte.
+
+„Als ich aber Ihrem Rat nachkam, habe ich zugleich eine Menge schlechter
+Beziehungen aufgegeben, und damit auch, versteht sich, viele schlechte
+Gewohnheiten,“ hub nach einem Weilchen Jaroslaw Iljitsch wieder in
+demselben Tone an. „In meiner freien Zeit nach dem Dienst sitze ich
+jetzt größtenteils zu Hause, lese abends irgendein nützliches Buch und
+... ich habe wirklich nur den einen Wunsch, Wassilij Michailowitsch,
+meinem Vaterlande zu dienen, d. h. soviel eben in meinen Kräften steht
+...“
+
+„Das würde bei Ihren Möglichkeiten nicht wenig sein.“
+
+„Meinen Sie? ... Weiß Gott, Sie legen einem immer Balsam auf die Wunden,
+mein edler junger Freund!“
+
+Jaroslaw Iljitsch reichte Ordynoff ungestüm die Hand und dankte mit
+einem kräftigen Druck.
+
+„Sie trinken nicht?“ fragte er dann, nachdem sich seine Erregung etwas
+gelegt.
+
+„Ich kann nicht, ich bin krank.“
+
+„Krank? Was Sie sagen? Nein, wirklich – in der Tat? Schon lange? – und
+wie, wo haben Sie sich denn das zugezogen? Wollen Sie, ich werde sofort
+– – welcher Arzt behandelt Sie? Ich werde sogleich meinen Arzt
+benachrichtigen, ich eile selbst zu ihm hin. Er ist überaus geschickt,
+glauben Sie mir!“
+
+Und Jaroslaw Iljitsch wollte bereits nach seinem Hut greifen.
+
+„Nein, danke, nicht nötig! Ich lasse mich überhaupt nicht behandeln und
+liebe Ärzte nicht ...“
+
+„Was Sie sagen? Aber das geht doch nicht so! Wirklich: er ist überaus
+geschickt!“ beteuerte Jaroslaw Iljitsch überzeugt. „Vor kurzem noch –
+nein, das muß ich Ihnen doch erzählen! – Vor kurzem, ich war gerade bei
+ihm, kam ein armer Schlosser zu ihm. ‚Ich habe mir hier,‘ sagt er, ‚die
+Hand mit meinem Werkzeug beschädigt. Bitte, Herr Doktor, machen Sie mir
+meine Hand wieder gesund ...‘ Nun, Ssemjon Pafnutjitsch sah, daß dem
+Armen der Brand drohte und traf sofort seine Vorbereitungen zur
+Amputation. Er amputierte in meiner Gegenwart. Aber das tat er so, sage
+ich Ihnen, mit solch einer Eleg... das heißt in einer so entzückenden
+Weise, daß es, ich muß gestehen – wenn nicht das Mitleid mit dem
+leidenden Menschen es verhindert hätte – einfach ein Vergnügen gewesen
+wäre, zuzusehen! – ich meine so der Wissenschaft halber. Aber, wie
+gesagt, wann und wo haben Sie sich denn Ihre Krankheit geholt?“
+
+„Beim Umzug in meine neue Wohnung ... Ich bin soeben erst aufgestanden.“
+
+„Ja, Sie sehen auch noch recht angegriffen aus. Sie hätten eigentlich
+nicht gleich so hinausgehen sollen. Also dann leben Sie nicht mehr dort,
+wo Sie früher wohnten? Aber was hat Sie denn zum Umziehen veranlaßt?“
+
+„Meine alte Wirtin verließ Petersburg.“
+
+„Domna Ssawischna? Ist’s möglich? ... Solch eine gute alte Frau! Sie
+wissen doch? – ich empfand für sie wirklich fast so etwas wie –
+Sohnesgefühle. Es war so etwas ... etwas wie aus Urgroßväterzeiten in
+ihrem halb schon begrabenen Leben. Und wenn man sie so ansah, schien es
+einem fast, als habe man die guten alten Zeiten selber noch leibhaftig
+vor sich ... Das heißt, ich meine so jene gewisse ... eben so eine
+gewisse Poesie – Sie verstehen schon, was ich sagen will! ...“ schloß
+Jaroslaw Iljitsch etwas konfus und errötete vor Verlegenheit allmählich
+bis über die Ohren.
+
+„Ja, sie war eine gute alte Frau.“
+
+„Aber erlauben Sie, zu fragen, wo haben Sie sich denn jetzt
+eingemietet?“
+
+„Nicht weit von hier, im Hause eines Koschmaroff.“
+
+„Ah! den kenne ich. Ein prächtiger Alter! Wir sind sogar sehr gut
+miteinander bekannt, kann ich sagen, – wirklich, ein netter alter Mann!“
+
+Jaroslaw Iljitsch war es sichtlich sehr angenehm, von diesem netten
+alten Mann reden und von sich sagen zu können, daß er mit ihm gut
+bekannt sei. Er bestellte noch ein Schnäpschen und begann zu rauchen.
+
+„Haben Sie Ihre eigene Wohnung?“
+
+„Nein, ich lebe wieder bei einem Vermieter.“
+
+„Bei wem denn? Vielleicht kenne ich ihn gleichfalls.“
+
+„Bei Murin, einem Kleinbürger. Ein alter Mann, groß von Wuchs ...“
+
+„Murin ... Murin ... warten Sie mal: auf dem hinteren Hof, über dem
+Sargmacher?“
+
+„Ja.“
+
+„Hm ... und haben Sie es dort ruhig?“
+
+„Ich bin erst vor kurzem eingezogen.“
+
+„Hm ... ich meinte nur, hm ... übrigens, ist Ihnen noch nichts
+Besonderes aufgefallen?“
+
+„In welchem Sinne? Wie meinen Sie das?“
+
+„Ich will ja nichts gesagt haben ... ich bin ja überzeugt, daß Sie es
+bei ihm gut haben werden, wenn Sie mit Ihrem Zimmer zufrieden sind ...
+Ich meinte es durchaus nicht in diesem Sinne. Das will ich
+vorausgeschickt haben. Aber – da ich eben Ihren Charakter kenne ... Ja,
+wie finden Sie denn eigentlich den Alten?“
+
+„Er ist, glaube ich, ein sehr kranker Mensch.“
+
+„Ja, er ist sehr leidend ... Aber haben Sie sonst nichts ...? so was, hm
+... Besonderes an ihm bemerkt? Haben Sie mit ihm gesprochen?“
+
+„Nur sehr wenig. Er scheint menschenscheu und wohl auch boshaft zu
+sein.“
+
+„Hm ...“ Jaroslaw Iljitsch sann nach.
+
+„Ein unglücklicher Mensch!“ sagte er schließlich nach längerem
+Schweigen.
+
+„Er?“
+
+„Ja ... Ein unglücklicher und dabei unglaublich seltsamer und
+ungewöhnlicher Mensch. Übrigens, wenn er Sie sonst nicht belästigt ...
+Verzeihen Sie, daß ich überhaupt Ihre Aufmerksamkeit auf ihn gelenkt
+habe, aber es interessiert mich gewissermaßen selbst ...“
+
+„Ja, da haben Sie nun auch mein Interesse erweckt ... Ich würde jetzt
+sehr gern Näheres über ihn erfahren, da ich nun einmal bei ihm wohne –“
+
+„Tja, sehen Sie mal, ich weiß nur so ... dies und das. Man sagt, der
+Mensch sei früher sehr reich gewesen. Er war Kaufmann, wie Sie
+wahrscheinlich bereits gehört haben. Dann aber traf ihn mancherlei
+Unglück und er verarmte. Bei einem Sturm waren mehrere seiner großen
+Wolgabarken zerschellt und mit der ganzen Fracht untergegangen. Ferner
+hat er eine große Fabrik besessen, deren Leitung, wenn ich nicht irre,
+einem Verwandten anvertraut war, und diese Fabrik brannte nieder, wobei
+der Verwandte in den Flammen umgekommen sein soll. Das war natürlich ein
+schrecklicher Verlust, wie Sie sich denken können. So soll denn auch
+Murin, wie man erzählt, nach der Katastrophe in einer solchen Stimmung
+gewesen sein, daß man schon für seinen Verstand zu fürchten begann. Und
+in der Tat hat er sich auch im Streit mit einem anderen Kaufmann, einem
+gleichfalls reichen Barkenbesitzer, so sonderbar benommen, daß man sich
+den Vorfall schließlich nicht anders hat erklären können, als eben mit
+einer gewissen Geistesstörung, was ich denn auch gelten lassen will. Ich
+habe noch manches andere gehört, was für diese Auffassung gleichfalls
+sprechen könnte. Dann ist da noch etwas vorgefallen, – etwas, wofür es
+eigentlich keine Erklärung mehr gibt, es sei denn, daß man es einfach
+als Schicksal auffaßt.“
+
+„Und das war?“ forschte Ordynoff.
+
+„Man sagt, daß er, vermutlich in einem Augenblick des Wahnsinns, einen
+jungen Kaufmann, den er bis dahin sogar liebgehabt, umgebracht habe.
+Nach begangener Tat aber, als er wieder zur Besinnung gekommen, sei er
+darüber so verzweifelt gewesen, daß er sich das Leben habe nehmen
+wollen. Wenigstens erzählt man so. Wie dann die Sache verlaufen ist, das
+weiß ich nicht genau, eines aber steht fest: daß er nämlich während der
+ganzen folgenden Jahre Buße getan hat ... Aber was ist mit Ihnen,
+Wassilij Michailowitsch? – strengt meine Erzählung Sie an?“
+
+„Oh, nein, bitte, fahren Sie nur fort ... Sie sagen, er habe Buße getan,
+aber vielleicht nicht er allein?“
+
+„Das weiß ich nicht. Wenigstens ist außer ihm niemand in diese
+Angelegenheit verwickelt gewesen. Übrigens habe ich nichts Näheres
+darüber gehört. Ich weiß nur ...“
+
+„Nun?“
+
+„Ich weiß nur – das heißt, ich habe eigentlich nichts Besonderes
+hinzuzufügen ... ich will nur sagen, wenn Ihnen mal etwas
+Außergewöhnliches auffallen sollte, dann müssen Sie sich eben sagen, daß
+das einfach die Folgen der verschiedenen Schicksalsschläge sind, die ihn
+einer nach dem anderen betroffen haben.“
+
+„Er scheint recht gottesfürchtig zu sein. Vielleicht ist er nur
+scheinheilig?“
+
+„Das glaube ich nicht, Wassilij Michailowitsch. Er hat so viel gelitten.
+Mir scheint er vielmehr ein Mensch mit reinem Herzen zu sein.“
+
+„Aber jetzt ist er doch nicht mehr wahnsinnig? Den Eindruck macht er
+wenigstens nicht.“
+
+„O nein, nein! Dessen kann ich Sie versichern. Er ist jetzt zweifellos
+wieder im vollen Besitz aller seiner Verstandeskräfte. Nur daß er, wie
+Sie ganz richtig bemerkten, sehr gottesfürchtig und wohl auch ziemlich
+wortkarg ist. Aber im allgemeinen, wie gesagt, ist er sogar ein sehr
+kluger Mensch. Spricht gewandt, sicher ... und ist, wissen Sie,
+überhaupt ein findiger Kopf. Seinem Gesicht sieht man übrigens auch
+jetzt noch sein stürmisches Leben an. Das pflegt ja gewöhnlich seine
+Spuren zu hinterlassen. Wie gesagt, ein seltsamer Mensch, und ungeheuer
+belesen!“
+
+„Er liest aber, wie mir scheint, nur religiöse Bücher?“
+
+„Ja, er ist Mystiker.“
+
+„Was?“
+
+„Ein Mystiker. Aber das ganz unter uns gesagt. Ich will Ihnen auch noch
+verraten – aber als Geheimnis, das zwischen uns bleiben muß –, daß er
+eine Zeitlang unter strengster Aufsicht stand. Dieser Mensch hatte
+nämlich einen großen Einfluß auf alle, die zu ihm kamen.“
+
+„Inwiefern das?“
+
+„Es klingt zwar kaum glaublich, aber ... Sehen Sie, damals lebte er noch
+nicht in diesem Stadtviertel. Er hatte schon einen gewissen Ruf, und
+eines Tages fuhr Alexander Ignatjewitsch – erblicher Ehrenbürger, ein
+angesehener, allgemein geachteter Mann – fuhr also eines Tages mit einem
+Leutnant zu ihm, natürlich nur aus Neugier. Sie kommen zu ihm, werden
+empfangen, und der sonderbare Mensch sieht sie an. Er begann wie
+gewöhnlich damit, daß er sich die Gesichter der Leute genau und prüfend
+ansah, ehe er dareinwilligte, sich mit den Betreffenden überhaupt
+einzulassen. Gefielen sie ihm nicht, so schickte er sie hinaus, und
+zwar, wie man sagt, oft in einer sehr unhöflichen Weise. Er fragte also
+auch diese, was sie wünschten? Alexander Ignatjewitsch antwortete ihm
+darauf, das könne ihm ja seine Gabe und Menschenkenntnis von selbst
+sagen. ‚Dann bitte, ins andere Zimmer,‘ antwortete er, indem er sich an
+denjenigen wandte, der von beiden allein ein Anliegen an ihn hatte.
+Alexander Ignatjewitsch erzählt nun zwar nicht, was er dort im anderen
+Zimmer gehört oder erlebt hat – als er aber wieder herausgekommen ist,
+da soll er weiß wie Kreide gewesen sein. Dasselbe weiß man auch von
+einer Dame der Petersburger Gesellschaft zu berichten: auch sie soll ihn
+kreideweiß und in Tränen aufgelöst verlassen haben.“
+
+„Sonderbar. Aber jetzt beschäftigt er sich doch nicht mehr damit?“
+
+„Es ist ihm strengstens untersagt. Übrigens gibt es noch andere
+Vorfälle. Ein junger Fähnrich zum Beispiel, der Sproß und die Hoffnung
+einer vornehmen Familie, hat es sich einmal erlaubt, über ihn zu
+lächeln. ‚Was lachst du?‘ – Mit diesen Worten soll sich der Alte
+geärgert zu ihm gewandt haben. ‚In drei Tagen wirst du das sein!‘ Und
+dabei kreuzte er seine Arme so über der Brust, wie man sie den Leichen
+im Sarge über der Brust zu kreuzen pflegt.“
+
+„Nun, und?“
+
+„Tja, ich wage nicht, daran zu glauben, aber man sagt, die Prophezeiung
+sei tatsächlich eingetroffen. Er hat die Gabe, Wassilij Michailowitsch
+... Sie beliebten zu lächeln während meiner treuherzigen Erzählung. Ich
+weiß, Sie sind mir, was Aufklärung betrifft, weit voraus. Aber ich
+glaube nun einmal an ihn. Er ist kein Scharlatan. Übrigens erwähnt auch
+Puschkin etwas Ähnliches in seinen Werken.“
+
+„Hm! Ich will Ihnen nicht widersprechen. Aber, Sie sagten, glaube ich,
+daß er nicht allein lebe?“
+
+„Das weiß ich nicht ... Ach so, ja, ich glaube, seine Tochter lebt bei
+ihm.“
+
+„Seine Tochter?“
+
+„Ja, – oder nein: seine Frau, glaube ich. Ich weiß nur, daß es irgendein
+Frauenzimmer ist. Hab’ sie nur flüchtig vom Rücken gesehen und nicht
+weiter beachtet.“
+
+„Hm! Sonderbar ...“
+
+Der junge Mann verfiel in Nachdenken. Jaroslaw Iljitsch dagegen in
+angenehme Beschaulichkeit. Das Wiedersehen mit Ordynoff hatte ihn
+erfreut und fast gerührt, überdies war er sehr mit sich selbst
+zufrieden, da er eine so anregende Geschichte hatte erzählen können. Er
+saß, betrachtete Ordynoff und rauchte dazu. Plötzlich sprang er
+erschrocken auf.
+
+„Mein Gott, da ist schon eine ganze Stunde vergangen und ich denke nicht
+mal daran! Bester, teuerster Wassilij Michailowitsch, ich danke dem
+Schicksal, daß es uns zusammengeführt hat, aber jetzt – jetzt muß ich
+eilen! Ist es erlaubt, Sie einmal in Ihrem Gelehrtenheim aufzusuchen?“
+
+„Warum nicht, bitte, es wird mich sehr freuen. Vielleicht spreche ich
+auch einmal bei Ihnen vor, wenn ich Zeit finde ... ich weiß noch nicht
+...“
+
+„Was Sie sagen? – Wollen Sie wirklich? Damit würden Sie mich unendlich
+erfreuen! Sie glauben nicht, wie sehr es mich ehren würde!“
+
+Sie verließen das Gasthaus. Als sie auf die Straße hinaustraten, stürzte
+ihnen Ssergejeff entgegen und meldete, daß William Jemeljanowitsch
+sogleich vorüberfahren werde – und sie erblickten auch tatsächlich ein
+Paar hellgelber Pferde und ein elegantes Wägelchen im Hintergrunde der
+Straße. Jaroslaw Iljitsch drückte die Hand seines „besten“ Freundes,
+ganz als gelte es, sie zu zerdrücken, griff an den Hut und eilte dem
+Gefährt des Würdenträgers entgegen, wobei er sich unterwegs noch zweimal
+nach Ordynoff umsah und ihm zum Abschied wiederholt zunickte.
+
+Ordynoff empfand eine solche Müdigkeit in allen Gliedern, daß er kaum
+die Füße zu bewegen vermochte. Mit Mühe schleppte er sich nach Hause. An
+der Pforte traf er wieder den Hausknecht, der aus der Ferne aufmerksam
+seinen Abschied von Jaroslaw Iljitsch beobachtet hatte und nun sehr
+zuvorkommend tat. Doch Ordynoff ging ohne ein Wort an ihm vorüber. In
+der Tür stieß er mit einer kleinen grauen Gestalt zusammen, die
+gesenkten Blickes gerade aus Murins Wohnung trat.
+
+„Herrgott, vergib mir meine Sünden!“ flüsterte das Kerlchen, indem es
+entsetzt zur Seite sprang.
+
+„Verzeihen Sie, habe ich Sie verletzt?“
+
+„N–nein, danke untertänigst für die Aufmerksamkeit ... O Herrgott,
+Herrgott!“
+
+Und das kleine Männlein stieg murmelnd, sich räuspernd und fromme
+Sprüche flüsternd, mit äußerster Vorsicht die Treppe hinunter. Es war
+das der Hauswirt: derselbe, dem gegenüber der Tatar sich so überaus
+dienstfertig gezeigt hatte. Und jetzt erinnerte sich Ordynoff, daß er
+dieses gebrechliche Männlein bei Murin bereits an dem Tage gesehen
+hatte, als er einzog.
+
+Er fühlte, daß die letzten Erlebnisse seine Nerven erschüttert und
+überreizt hatten; wußte auch, daß seine Phantasie und Empfindsamkeit
+aufs äußerste erregt waren, und er nahm sich daher vor, sich vor allem
+selbst nicht zu trauen. Allmählich verfiel er wieder in einen Zustand
+völliger Regungslosigkeit, der ihn wie ein Gefühl bleierner Schwere
+gefangen hielt und seine Brust wie mit einer Zentnerlast bedrückte,
+unter der sich sein Herz in dumpfer Sehnsucht quälte. Seine ganze Seele
+war voll von lautlosen, unversiegbaren Tränen ...
+
+Er sank wieder auf das Bett, das sie für ihn zurechtgemacht hatte, und
+begann von neuem zu lauschen. Deutlich unterschied er das Atmen zweier
+Menschen im Nebenzimmer, das eine war schwer, krankhaft, ungleichmäßig,
+das andere sanft, oft gar nicht vernehmbar, auch unregelmäßig, doch wie
+von innerer Erregung beherrscht: als schlage dort ein Herz in dem
+gleichen Verlangen, in der gleichen Leidenschaft. Hin und wieder hörte
+er ihre leisen, weichen Schritte und das Geräusch ihrer Kleider, und
+jede Bewegung ihrer Füße erweckte in seiner Brust einen dumpfen,
+qualvollen und doch süßen Schmerz. Endlich schien es ihm, als höre er
+ein leises Schluchzen und dann ein inbrünstiges Gebet. Da wußte er, daß
+sie vor dem Heiligenbilde auf den Knien lag und in Verzweiflung die
+Hände rang ... Wer war sie? Für wen betete sie? Welch eine
+verzweiflungsvolle Leidenschaft marterte ihr Herz? Weshalb quälte es
+sich und grämte es sich und ergoß es sich in so heißen und
+hoffnungslosen Tränen?
+
+Er begann, alles, was sie zu ihm gesprochen, sich ins Gedächtnis
+zurückzurufen, jedes Wort, das noch wie Musik in seinen Ohren klang, und
+auf jede Erinnerung, auf jeden Ausdruck, den er in Gedanken andächtig
+wiederholte, antwortete sein Herz mit einem dumpfen schweren Schlage ...
+Einen Augenblick schien es ihm, als sehe er das alles nur im Traum. Doch
+in demselben Augenblick erbebte auch schon sein ganzes Wesen bis ins
+Mark, daß er zu vergehen glaubte vor Schmerz und Sehnsucht, als er in
+der Erinnerung nun wieder ihren heißen Atem, ihre weiche Wange und ihren
+glühenden Kuß zu spüren meinte. Er schloß die Augen und verlor sich in
+seligen Gefühlen. Irgendwo schlug eine Uhr. Es wurde spät. Die Dämmerung
+sank.
+
+Plötzlich war ihm, als neige sie sich wieder über ihn und sehe ihn an
+mit ihren wundersamen, klaren Augen, die feucht schimmerten von
+glänzenden Tränen und einem hellen Glück, so still und rein, wie der
+hohe unendliche Himmel an einem heißen Sommertage. Und aus ihrem Antlitz
+sprach eine so feierliche Stille und ihr Lächeln war eine solche
+Verheißung von unendlicher Seligkeit, war so voll Mitleid und
+Barmherzigkeit, und so voll kindlicher, vertrauensseliger Hingebung
+schmiegte sie sich an seine Schulter, daß ein Stöhnen sich seiner
+entkräfteten Brust entrang vor lauter Glück. Es war, als wolle sie ihm
+etwas sagen, etwas ihm anvertrauen. Wieder glaubte er, den Klang einer
+Stimme zu vernehmen, der sein Herz durchbohrte. Gierig atmete er die
+Luft ein, die ihr naher Atem erwärmte und gleichsam mit einer
+elektrischen Spannung für ihn erfüllte. In Sehnsucht streckte er die
+Arme aus, schöpfte tief Atem und schlug die Augen auf ... Sie stand vor
+ihm, über ihn gebeugt, bleich wie nach einem großen Schreck, am ganzen
+Körper vor Aufregung zitternd. Sie sprach etwas zu ihm, sie flehte und
+rang die Hände. Er umschlang sie mit seinen Armen, sie sank zitternd an
+seine Brust ...
+
+
+ IV.
+
+„Was hast du? Was ist dir geschehen?“ fragte Ordynoff, plötzlich
+erwacht, sie immer noch in starker und heißer Umarmung an sich pressend.
+„Was fehlt dir, Katherina? Was ist dir zugestoßen, mein Lieb?“
+
+Sie weinte leise und verbarg ihr glühendes Gesicht an seiner Brust.
+Lange Zeit vermochte sie nichts zu sprechen. Ihr ganzer Körper zitterte,
+wie nach einem großen Schreck.
+
+„Ich weiß nicht, ich weiß es nicht,“ brachte sie endlich kaum vernehmbar
+hervor, als stehe ihr das Herz still vor Angst, „ich weiß auch nicht,
+wie ich zu dir gekommen bin ...“ Und sie schmiegte sich noch fester an
+ihn, und in einem unbezwingbaren, krankhaften Gefühl küßte sie seine
+Schulter, seinen Arm, seine Brust. Endlich, wie in Verzweiflung, preßte
+sie die Hände vor das Gesicht und sank in die Kniee. Als aber Ordynoff
+sie in einem unsagbaren Gefühl von Beklemmung emporhob und sie neben
+sich niedersetzen ließ, da errötete sie heiß vor Scham und ihre Augen
+baten wie um Gnade, und das Lächeln, das sie auf ihre Lippen zwang,
+verriet, daß sie kaum zu versuchen wagte, die unbezwingbare Macht der
+neuen Empfindung zu brechen, denn der Versuch wäre ja doch fruchtlos
+gewesen. Plötzlich schien wieder etwas sie zu erschrecken: mißtrauisch
+schob sie ihn mit der Hand zurück, sah ihn kaum mehr an und antwortete
+gesenkten Blickes nur angstvoll und leise auf seine sich überstürzenden
+Fragen. –
+
+„Hat dich vielleicht ein böser Traum geängstigt? Oder ist dir sonst
+etwas Böses zugestoßen? Sag doch! Oder hat er dich erschreckt? ... Er
+fiebert und phantasiert ... Vielleicht hat er im Fieber etwas
+gesprochen, was du nicht hättest hören sollen? ... Du hast etwas
+Furchtbares gehört? Ja? Oder war es nur ein Traum?“
+
+„Nein ... ich schlief ja gar nicht,“ antwortete Katherina, mit Mühe ihre
+Aufregung niederringend. „Ich fand keinen Schlaf. Er aber schwieg, nur
+einmal rief er mich. Ich trat an sein Bett, sprach zu ihm, rief ihn –
+ich ängstigte mich so! – aber er hörte mich nicht und wachte nicht auf.
+Er ist sehr schwer krank, möge der liebe Gott ihm helfen! Da senkte sich
+wieder der Gram in mein Herz, bitterer Gram, und ich betete, betete! Und
+da, sieh, da kam das über mich ...“
+
+„Beruhige dich, Katherina, sei ruhig, mein Lieb, sei ruhig! Wir haben
+dich gestern erschreckt ...“
+
+„Nein, ich erschrak ja gar nicht!“ ...
+
+„Was ist es denn? Ist dir denn das auch früher schon geschehen?“
+
+„Ja, auch früher schon!“ Und sie erbebte und schmiegte sich wieder wie
+ein geängstigtes Kind an ihn. „Sieh, ich bin doch nicht umsonst zu dir
+gekommen,“ sagte sie, ihr Weinen unterbrechend, und dankbar drückte sie
+ihm die Hände, „und nicht umsonst wurde es mir so schwer, allein zu
+sein! Also nicht mehr weinen, weine auch du nicht, wozu solltest du um
+fremdes Leid Tränen vergießen! Spare sie für trübe Tage, wenn es dir in
+der Einsamkeit schwer wird und du keinen Menschen bei dir hast! ...
+Höre, hattest du eine Geliebte?“
+
+„Nein ... vor dir – keine ...“
+
+„Vor mir? ... Du nennst mich deine Geliebte?“
+
+Sie sah ihn plötzlich mit Verwunderung an, wollte etwas sagen, schwieg
+aber und senkte den Blick. Leise stieg ihr die Röte ins Gesicht, das
+plötzlich wie in Flammenglut getaucht stand. Leuchtender, durch die
+vergossenen Tränen glänzten ihre Augen und eine Frage schien auf ihren
+Lippen zu schweben. Mit verschämter Schelmerei blickte sie ein-, zweimal
+zu ihm auf, dann senkte sie plötzlich wieder den Kopf.
+
+„Nein, ich kann nicht deine erste Liebe sein,“ sagte sie, und „nein,
+nein,“ wiederholte sie nachdenklich mit leisem Kopfschütteln, und
+allmählich erschien wieder ein stilles Lächeln auf ihren Lippen, „nein,
+mein Lieber,“ fuhr sie fort, „ich werde nicht deine Geliebte sein!“
+
+Und sie sah ihn an, aber da sprach plötzlich so viel Weh aus ihrem
+Gesicht, eine so hoffnungslose Trauer, und so überraschend brach aus
+ihrem Innersten Verzweiflung hervor, daß Ordynoff ein unbegreifliches
+krankhaftes Gefühl des Mitleids mit ihrem ihm unbekannten Leid erfaßte:
+und er sah sie an, wie einer, dessen Mitleid ihm selbst zur noch
+größeren Qual wird.
+
+„Höre, was ich dir sagen werde,“ sagte sie mit einer Stimme, die ihm ins
+Herz schnitt, und sie nahm seine Hände und drückte sie, wie um
+aufsteigende Tränen zu ersticken. „Höre mich an, Lieber, und vergiß es
+nicht, was ich dir sage: bezähme du dein Herz und liebe mich nicht so,
+wie du mich jetzt liebst. Es wird dir dann leichter sein, du wirst dich
+vor einem argen Feinde bewahren und eine liebe Schwester gewinnen. Ich
+werde zu dir kommen, wenn du willst, werde dich liebkosen und es mir
+doch nicht zur Schande werden lassen, daß ich dich kennen gelernt habe.
+War ich doch auch Tag und Nacht bei dir, als du das böse Fieber hattest!
+Nimm mich als Schwester! Wir sind doch nicht umsonst einander gut und
+nicht umsonst hab’ ich unter Tränen für dich zur Gottesmutter gebetet!
+Eine andere wirst du nicht finden. Suche auf dem ganzen Erdenrund,
+durchsuche den Himmel – nein, glaube mir, du wirst keine zweite finden,
+die dir eine solche Geliebte sein wird, wie ich, wenn es Liebe ist, um
+was dein Herz bittet. Oh, glühend werde ich dich lieben, werde dich ewig
+so lieben wie jetzt, und werde dich deshalb lieben, weil deine Seele so
+rein ist, so hell, so ... so durchsichtig! – ich werde dich lieben, weil
+ich, als ich dich zum ersten Male sah, sogleich fühlte, daß du meines
+Hauses Gast bist, ein erwünschter, ein ersehnter Gast, und uns nicht
+ohne Grund um Aufnahme batest. Ich werde dich lieben, weil deine Augen
+lieben, wenn du einen ansiehst, und von deinem Herzen künden. Und wenn
+sie etwas sagen, dann weiß ich gleich alles, was in dir ist, und dafür
+möchte man dann das Leben hingeben, um dieser deiner Liebe willen,
+möchte alle Freiheit dem eigenen Willen nehmen, denn es ist süß,
+desjenigen Sklavin zu sein, dessen Herz man gefunden hat ... Aber _mein_
+Leben, das gehört ja nicht mir, das ist schon fremdes Eigentum, und der
+Wille ist gebunden! Doch die Schwester nimm und sei mir ein Bruder und
+hilf mir mit deinem Herzen, wenn wieder das Schlimme mich anficht. Nur
+sorge du selbst, daß ich mich nicht zu schämen brauche, zu dir zu kommen
+und die lange Nacht wie jetzt bei dir zu bleiben. Hörst du mich? Hat
+auch dein Herz es gehört? Hast du auch alles verstanden, was ich dir
+sagte? ...“ Sie wollte noch etwas hinzufügen, sah zu ihm auf und legte
+die Hand auf seine Schulter, doch da war es, als verließe sie alle
+Kraft, aufschluchzend sank sie an seine Brust und in einem Weinkrampf
+tobte ihre Leidenschaft sich aus. Ihre Brust wogte, ihr Gesicht brannte
+wie in Glut.
+
+„Mein Leben!“ stammelte Ordynoff, dem die Erregung die Augen umflorte
+und den Atem benahm. „Meine Wonne ... du!“ flüsterte er, ohne zu wissen,
+was er sagte, ohne die Worte, ohne sich selbst zu begreifen, zitternd
+vor Furcht, mit einem Hauch den ganzen Zauber zu zerstören, den ganzen
+Sinnenrausch, und damit alles, was mit ihm geschah und um ihn war und
+was er eher für Unwirklichkeit als für Wirklichkeit hielt: so entrückt
+fühlte er sich! „Ich weiß nicht, ich verstehe dich nicht, ich habe
+vergessen, was du mir sagtest, alle Vernunft ist in mir erloschen – nur
+das Herz fühle ich ... meine Königin du!“ ...
+
+Seine Stimme versagte vor Aufregung. Sie schmiegte sich immer fester,
+immer wärmer, glühender an ihn. Da erhob er sich taumelnd und, unfähig,
+sich noch länger zu bezwingen, wie entkräftet vor Seligkeit, sank er in
+die Knie vor ihr. Eine Erschütterung wie ein Schluchzen brach endlich
+schmerzhaft aus seiner Brust hervor und durchrieselte seinen ganzen
+Körper – und von der Fülle der noch nie empfundenen Verzückung bebte
+seine Stimme, die tief aus seinem Innersten hervordrang, wie der Ton
+einer Saite, die man in Schwingung gebracht.
+
+„Wer bist du, wer warst du? Woher kommst du? Aus welchem Himmel bist du
+zu mir herabgestiegen? Es ist ja alles wie ein Traum, ich kann noch
+nicht glauben, daß du wirklich bist! Schilt mich nicht ... laß mich
+sprechen, laß mich alles dir sagen, alles! ... Ich habe schon lange
+einmal sprechen wollen ... wer bist du, meine Freude, sag? Wie hast du
+mein Herz gefunden? Erzähle mir, bist du schon lange meine Schwester?
+... Wo warst du bisher, erzähl mir von dir, – erzähl mir, wo hast du
+früher gelebt, was hast du dort geliebt? Erzähle mir alles, ich will
+alles von dir wissen! Wo ist deine Heimat? Ist der Himmel dort wie bei
+uns? Wer war dir dort nahe, wer hat dich vor mir geliebt? Zu wem hat
+dich zuerst dein Herz gedrängt? ... Hast du deine Mutter gekannt und hat
+sie dich als Kind geliebkost und gepflegt oder bist du wie ich unter
+Fremden aufgewachsen? Sage mir, bist du immer so gewesen? Erzähl mir von
+deinen Träumen und Wünschen und was von ihnen in Erfüllung gegangen ist
+und was nicht – erzähle mir alles! ... Wer war der erste, den dein
+Mädchenherz liebgewann und wofür hast du es ihm hingegeben? Sage mir,
+was soll _ich_ dafür geben, was muß _ich_ dir geben ... für – dich?! ...
+Sag mir, mein Lieb, meine Sonne, mein Schwesterchen, sag mir, womit kann
+ich mir dein Herz verdienen?“
+
+Seine Stimme versagte und er preßte den Kopf in ihren Schoß. Als er aber
+aufblickte, überlief es ihn vor Schreck: Katherina saß totenblaß und
+regungslos auf dem Bett, ihre Augen starrten mit leerem Blick über ihn
+hinweg in die Luft, nur ihre Lippen zitterten in stummem, unsagbarem
+Schmerz. Langsam erhob sie sich, wankte zwei Schritte vom Bett und fiel
+vor dem alten Heiligenbilde nieder ... sinnlose, unverständliche Worte
+entrangen sich stoßweise ihrer Brust. Sie schien ohnmächtig zu werden.
+Ordynoff hob sie auf, trug sie auf sein Bett und stand in atemloser
+Angst über sie gebeugt. Nach einer Weile schlug sie die Augen auf,
+bewegte sich, wie um sich auf den Ellbogen zu stützen, sah sich mit
+irrem Blick im Zimmer um, sah zu ihm auf und tastete nach seiner Hand.
+Sie zog ihn näher zu sich, ihre Lippen bewegten sich, als wollte sie
+etwas sagen, aber sie konnte nichts hervorbringen. Endlich brach sie in
+einen Strom von Tränen aus.
+
+Sie stammelte ein paar Worte, aber das Schluchzen zerriß dieselben und
+erstickte ihre Stimme. Als sie dann wieder den Kopf hob, sah sie mit
+solch einer Verzweiflung Ordynoff an, daß er, der sie nicht verstand,
+sich näher über sie beugte, um keinen Laut aus ihrem Munde zu verlieren.
+Endlich hörte er sie deutlich flüstern:
+
+„Ich bin verdorben, man hat mich verdorben, ich bin verloren!“
+
+Ordynoff erhob jäh den Kopf und sah sie voll Bestürzung an. Ein
+gemeiner, scheußlicher Gedanke durchzuckte ihn. Und Katherina sah dieses
+plötzliche schmerzliche Zusammenzucken seines Gesichtes.
+
+„Ja! Verdorben!“ stieß sie hervor, „ein böser Mensch hat mich verführt,
+– _er_, _er_ ist mein Verderber! ... Ich habe ihm meine Seele verkauft
+... Warum, oh, warum hast du von der Mutter gesprochen! Wozu brauchtest
+du mich daran zu erinnern: Gott möge dir ... möge dir verzeihen! ...“
+
+Und sie weinte still vor sich hin. Ordynoffs Herz schlug so todesweh,
+daß er vor Schmerz hätte aufschreien mögen.
+
+„Er sagt,“ flüsterte sie geheimnisvoll, mit zurückgehaltenem Atem, „er
+sagt, wenn er stirbt, wird er kommen und meine sündige Seele holen ...
+Ich gehöre ihm, ich hab’ ihm meine sündige Seele verkauft ... Und jetzt
+quält er mich und liest mir aus seinen Büchern vor ... Dort, sieh, das
+ist sein Buch! Dort! Er sagt, ich habe eine Todsünde begangen ... Sieh,
+da liegt sein Buch, sieh ...“
+
+Und sie wies mit Grauen auf einen großen Band. Ordynoff hatte nicht
+bemerkt, wie der in sein Zimmer geraten war. Er nahm ihn mechanisch – es
+war eines von jenen mit reichem Bilderschmuck ausgestatteten Büchern der
+Altgläubigen, wie er sie früher einmal gelegentlich gesehen hatte. Doch
+war er unfähig, seine Aufmerksamkeit auf irgend etwas zu lenken.
+
+Sacht umfing er sie und redete ihr beruhigend zu.
+
+„Denk nicht daran, laß das jetzt ... Man hat dich geängstigt und
+erschreckt ... ich bin ja bei dir ... Ruhe dich bei mir aus, mein Lieb,
+mein Licht!“
+
+„Du weißt noch nichts! nichts!“ Sie umklammerte wieder seine Hände. „Ich
+bin ja immer so! ... Immer fürchte ich mich ... Aber du, nein, du quäle
+mich nicht, quäle mich nicht! ...“
+
+„Ich gehe dann zu ihm,“ fuhr sie nach einer Weile fort. „Manchmal
+bespricht er mich einfach mit seinen eigenen Worten, ein anderes Mal
+nimmt er sein Buch, das größte, und liest mir vor – liest so drohende
+und strenge Worte! – ich weiß nicht, was es ist, und ich verstehe auch
+nicht jedes Wort, aber mich überkommt dann solch eine Angst, und wenn
+ich auf seine Stimme horche, ist es mir, als spräche das gar nicht er,
+sondern ein anderer, kein guter, sondern einer, den nichts erweicht und
+der so unerbittlich ist, daß es mir das Herz zermalmt und die Qual noch
+größer wird, als zu Anfang mein Gram war!“
+
+„Geh nicht mehr zu ihm! Warum gehst du zu ihm?“ sagte Ordynoff, ohne
+sich dessen recht bewußt zu sein, was er sprach.
+
+„Warum bin ich zu dir gekommen? Frag mich – ich weiß es nicht ... Er
+aber sagt mir immer: bete, bete, bete! Zuweilen stehe ich in dunkler
+Nacht auf und bete lange –, stundenlang. Oft übermannt mich der Schlaf,
+aber die Angst weckt mich wieder, immer wieder, und dann kommt es mir
+vor, daß ringsum ein dunkles Gewitter aufsteigt, daß mir Schlimmes
+droht, daß die Bösen mich zu Tode quälen und zerreißen werden, daß ich
+keines Menschen Hilfe zu erflehen vermag und mich niemand vor dem
+Furchtbaren retten kann. Meine Seele will sich selbst verzehren, und es
+ist, als wolle sich mein ganzer Körper in Tränen auflösen ... Dann fange
+ich wieder an, zu beten, und bete und bete, bis die Gottesmutter
+liebevoller auf mich herabschaut. Dann erst stehe ich auf und gehe
+halbtot wieder zu Bett, manchmal aber schlafe ich auch so vor dem
+Heiligenbilde kniend ein. Da kommt es denn vor, daß er erwacht und mich
+ruft ... und dann liebkost und tröstet und beruhigt er mich ... und dann
+wird mir wohl viel leichter. Ja, gleichviel was für ein Unglück auch
+noch käme, bei ihm fürchte ich mich nicht mehr. Er ist mächtig! Groß ist
+sein Wort!“
+
+„Aber was, was ist denn dein Unglück?!“ ... fragte Ordynoff zitternd,
+mit Verzweiflung im Herzen.
+
+Katherina erbleichte. Sie sah ihn wie eine zum Tode Verurteilte an, der
+man die letzte Hoffnung auf Gnade nimmt.
+
+„Ich ... ich bin verflucht, ich bin eine Seelenmörderin, meine Mutter
+hat mich verflucht! Ich habe meine eigene Mutter umgebracht!“ ...
+
+Ordynoff umschlang sie wortlos. Bebend schmiegte sie sich an ihn. Er
+fühlte, wie ein Zittern ihren Körper durchlief, als wolle sich ihre
+Seele diesem Körper entringen.
+
+„Ich habe sie unter die feuchte Erde gebracht,“ sagte sie, ganz
+beherrscht von der Erinnerung und ihrer Aufregung – und sie schien das
+unwiderruflich Geschehene, unwiederbringlich Vergangene in diesen
+Augenblicken noch einmal zu erleben. „Ich wollte es schon lange sagen,
+aber er verbot es mir immer, bald mit Bitten, bald mit Vorwürfen und
+zornigen Worten. Zuweilen freilich beginnt er selbst, mich daran zu
+erinnern, als wäre er mein Feind und Widersacher. Mir aber kommt alles
+das – so auch heute nacht – wie stets und immer gegenwärtig vor ...
+Höre, höre mich! Das ist schon lange, sehr lange her, ich weiß nicht
+einmal mehr, wann es war, und doch steht es vor mir, als wäre es gestern
+gewesen, wie ein Traum der letzten Nacht, der bis zum Morgen mein Herz
+bedrückt hat. Der Gram macht die Zeit noch einmal so lang. Setze dich,
+setze dich hierher, ich werde dir mein ganzes Leid erzählen – verfluche
+mich, die ich schon verflucht bin ... Ich will dir mein ganzes Leben
+anvertrauen ...“
+
+Ordynoff wollte sie aufhalten, wollte sie am Sprechen verhindern, doch
+sie faltete die Hände, wie um ihn bei seiner Liebe anzuflehen, ihr doch
+Gehör zu schenken, und dann fuhr sie in noch größerer Erregung fort.
+Ihre Erzählung war wirr und sprunghaft, ihre Stimme verriet den Sturm,
+der in ihrer Seele tobte, aber trotzdem verstand Ordynoff alles, denn
+ihr Leben war für ihn zu seinem eigenen Leben geworden, ihr Leid auch
+sein Leid. Er glaubte wieder seinen Feind vor sich zu sehen. Der Feind
+wuchs vor ihm auf mit jedem ihrer Worte und ward immer greifbarer, und
+es war ihm, als presse er mit ungeheurer Kraft sein Herz zusammen und
+spotte obendrein mit höhnischen Schimpfworten seiner Wut. Sein Blut
+begann zu sieden, drängte sich heiß in seine Gedanken und brachte sie in
+Verwirrung. Da war es ihm denn, als stehe der boshafte Alte aus seinem
+Traum plötzlich auf (Ordynoff war davon überzeugt) und stände leibhaftig
+vor ihm.
+
+„Es war eine Nacht wie heute,“ begann Katherina, „nur viel dunkler und
+grausiger, und der Wind heulte durch unseren Wald, wie ich es noch nie
+gehört hatte ... begann schon in jener Nacht mein Verderben? ... Die
+Eiche vor unseren Fenstern brach. Ich weiß noch, der alte Bettler, der
+immer zu uns kam – er war schon ein ganz, ganz alter Mann – erzählte,
+daß er sich dieser Eiche noch aus seiner Kindheit erinnere: damals sei
+sie schon ebenso groß gewesen, wie dann, als der Sturm sie brach. In
+derselben Nacht – wie heute entsinne ich mich dessen noch! – wurden
+Vaters Barken auf dem Fluß von diesem Sturm zertrümmert, und als die
+Fischer zu uns gelaufen kamen – wir wohnten bei der Fabrik – da fuhr der
+Vater gleich selbst zum Fluß, obschon er krank war. Wir blieben allein,
+Mutter und ich. Wir saßen beide im Zimmer, ich schlummerte, Mutter aber
+war so traurig und weinte still ... und ich wußte, warum sie weinte. Sie
+war erst vor kurzem vom Krankenbett aufgestanden, war noch ganz blaß und
+sagte mir immer, ich solle ihr das Totenhemd nähen ... Plötzlich, um
+Mitternacht, höre ich: jemand klopft draußen an die Pforte. Ich sprang
+auf, alles Blut strömte mir zum Herzen – die Mutter schrie auf vor
+Schreck ... Ich sah nicht nach ihr hin, ich fürchtete mich, aber ich
+nahm die Laterne und ging selbst hinaus, um zu öffnen ... Das war er!
+Mir wurde bange, denn ich bangte mich immer, wenn er kam, und das schon
+von Kindheit an, soweit meine Erinnerung zurückreicht, seitdem ich
+überhaupt denken kann! Damals hatte er noch kein graues Haar: sein Bart
+war dunkel und sein Blick brannte wie Feuer. Bis dahin hatte er mich
+noch kein einziges Mal freundlich angesehen. Er fragte: ‚Ist die Mutter
+zu Hause?‘ Ich schloß die Pforte und sagte, daß der Vater nicht zu Hause
+sei. Er sagte darauf nur: ‚Ich weiß,‘ und plötzlich sah er mich an, so
+an ... zum ersten Male sah er so auf mich. Ich wandte mich zum Gehen, er
+aber stand immer noch. ‚Warum kommst du nicht herein?‘ – ‚Ich überlege,‘
+sagte er. Langsam folgte er mir – als wir aber eintraten, fragte er
+plötzlich leise: ‚Warum sagtest du mir, daß der Vater nicht zu Hause
+sei, als ich nach deiner Mutter fragte?‘ Ich schwieg ... Die Mutter
+erstarrte, als sie ihn sah – und wollte dann zu ihm stürzen ... Er aber
+schenkte ihr kaum einen Blick – ich sah alles. Er war ganz naß und
+durchfroren – woher er kam und wo er sich aufhielt, das haben Mutter und
+ich nie gewußt. Damals hatten wir ihn schon ganze neun Wochen nicht
+gesehen ... Die Mütze warf er nun auf den Tisch, die Fausthandschuhe
+streifte er ab – neigte sich aber nicht vor den Heiligenbildern, bot
+keinen Gruß der Hausfrau – sondern setzte sich ans Feuer ...“
+
+Katherina stützte den Kopf in die Hand, als bedrücke und quäle sie
+etwas, doch schon bald erhob sie ihn wieder und fuhr fort:
+
+„Er fing an, mit der Mutter tatarisch zu sprechen. Ich verstand kein
+Wort. Früher hatte man mich immer fortgeschickt, wenn er kam; damals
+aber wagte die Mutter nicht, ihrem eigenen Kinde ein Wort zu sagen. Der
+Böse kaufte meine Seele, ich aber sah die Mutter an, als wäre ich stolz
+darauf. Ich merkte, daß sie von mir sprachen. Mutter begann zu weinen.
+Ich sah, wie seine Hand wieder an seinen Dolch fuhr – in der letzten
+Zeit hatte ich schon mehrmals seine Hand nach dem Dolch, den er vorn im
+Gürtel trug, greifen sehen, wenn er mit der Mutter sprach. Ich stand auf
+und griff nach seinem Gürtel, um ihm den Dolch zu entreißen. Er aber
+knirschte vor Wut und wollte mich fortstoßen – stieß mich auch vor die
+Brust, doch ich ließ nicht los. Ich dachte, jetzt sterbe ich auf der
+Stelle; es wurde mir dunkel vor den Augen und ich brach lautlos
+zusammen, aber ich schrie nicht auf. Und da sah ich, obschon mir fast
+die Sinne schwanden, – wie er seinen Gürtel abnahm und den Ärmel an der
+Hand aufstreifte, mit der er mich gestoßen, und den kaukasischen Dolch
+aus der Scheide zog und ihn mir reichte: ‚Da, schneide sie ab, die Hand,
+räche an ihr, was sie dir tat; ich aber, du Stolze, werde mich dafür
+tief bis zur Erde vor dir verneigen.‘ Ich legte den Dolch beiseite. Mein
+Herz begann dumpf zu schlagen, aber ich sah nicht nach ihm hin. Ich weiß
+noch, ich lächelte, sagte aber kein Wort und sah nur der Mutter in die
+traurigen Augen, und sah sie zornig an, während zugleich ein schlechtes
+Lächeln auf meinen Lippen blieb. Und die Mutter saß ganz bleich und
+totenstill ...“
+
+Ordynoff lauschte mit unendlicher Spannung jedem Wort ihrer Erzählung.
+Doch allmählich legte sich ihre Erregung und ihre Rede wurde ruhiger.
+Die Erinnerung überwältigte das arme junge Weib und löste ihren Gram in
+ein Gefühl auf, das weit hinaus über das ganze uferlose Meer ihrer Sinne
+reichte.
+
+„Er nahm die Mütze, ohne zu grüßen. Und ich nahm wieder die Laterne, um
+ihn hinauszugeleiten, indem ich der Mutter zuvorkam, die, obwohl sie
+noch krank war, doch aufstehen und ihm das Geleit geben wollte. Wir
+kamen zur Pforte, ich öffnete sie ihm, verscheuchte die Hunde, schwieg
+aber. Er blieb stehen und plötzlich nimmt er die Mütze ab und grüßt mich
+mit einem Gruß bis zur Erde. Zugleich sehe ich, wie er die Hand in den
+Mantel schiebt und aus der Brusttasche ein kleines, mit rotem
+Saffianleder überzogenes Kästchen hervorholt und es öffnet. Ich sehe
+hin: es sind echte Perlen. Sie sollten für mich sein. ‚Ich habe,‘ sagte
+er, ‚im Städtchen eine Schöne, der wollte ich zum Gruß diese Perlen
+bringen, doch nun habe ich sie nicht ihr gebracht: nimm sie, schönes
+Mädchen, schmücke mit ihnen deine Schönheit oder zertritt sie mit dem
+Fuß, wie du willst, aber nimm sie.‘ Ich nahm sie, aber zertreten wollte
+ich sie nicht – das wäre zuviel Ehre gewesen. So nahm ich sie tückisch
+und sagte kein Wort. Ich kehrte zurück in das Zimmer und legte sie vor
+der Mutter auf den Tisch – dazu hatte ich sie genommen! Sie schwieg
+lange Zeit und war wie ein Handtuch so bleich, und, es war, als hatte
+sie Furcht, mit mir zu sprechen. ‚Was bedeutet das, Katjä?‘ fragte sie
+endlich. Ich aber sagte: ‚Dir, Mutter, hat es der Kaufmann gebracht,
+mehr weiß ich davon nicht.‘ Und ich sah, wie ihr die Tränen über die
+Wangen herabrollten und wie das Atmen ihr schwer wurde. ‚Nicht mir,
+böses Töchterchen, nicht mir!‘ Ich weiß noch, so weh sprach sie die
+Worte, so weh, als sei ihre ganze Seele voll Tränen. Und ich sah auf –
+ich wollte mich zu ihren Füßen niederwerfen, aber statt dessen sagte
+ich, was mir der böse Geist plötzlich eingab: ‚Nun, wenn nicht dir, dann
+wohl dem Vater. Wenn er zurückkehrt, werde ich sie ihm geben und ihm
+sagen, daß Kaufleute hier waren und ihre Ware vergessen haben ...‘ Da
+brach sie in Tränen aus und weinte bitterlich ... ‚Das werde ich selbst
+tun, werde dem Vater sagen, was für Kaufleute hier waren und nach was
+für einer Ware sie fragten ... Ich werde es ihm schon sagen, wessen
+Tochter du bist, du Gottlose! Du bist nicht mehr meine Tochter, du bist
+eine arglistige Schlange! Als mein Kind verfluche ich dich!‘ Ich schwieg
+und keine Träne trat mir ins Auge ... Ach! es war alles wie erstorben in
+mir ... Ich ging hinauf in mein Mädchenzimmer und die ganze Nacht
+horchte ich auf den Sturm und zusammen mit dem Sturm, das fühlte ich,
+immer lauschend, entstanden in mir meine Gedanken.
+
+„Fünf Tage vergingen. Dann kehrte gegen Abend der Vater heim, düster und
+böse, denn unterwegs hatte ihn die Krankheit noch mehr mitgenommen. Ich
+sah, den einen Arm trug er in der Binde – da erriet ich, daß der Feind
+seinen Weg gekreuzt hatte. Und der Feind hatte ihn krank gemacht. Und
+ich wußte auch, wer sein Feind war: Ich wußte alles! ... Mit der Mutter
+sprach er kein Wort, nach mir fragte er nicht, die Leute ließ er alle
+zusammenrufen und befahl, die Fabrik stillstehen zu lassen und das Haus
+vor Fremden zu hüten. Da ahnte mein Herz, daß in unserem Hause etwas
+nicht gut war. So wachten wir denn. Die Nacht verging langsam, wieder
+stürmte es draußen im Dunkeln und meine Seele wurde von Erregung
+geschüttelt. Ich öffnete das Fenster – mein Gesicht glühte, meine Augen
+weinten und mein Herz konnte keine Ruhe finden. Wie Feuer brannte es in
+mir! So – hinaus hätte ich mögen, hinaus aus dem drückenden Zimmer, und
+weit weg, bis ans Ende der Welt, wo die Blitze und Stürme entstehen, wo
+das Unwetter geboren wird! Meine Mädchenbrust bebte und zitterte ...
+plötzlich, es war schon spät – ich erwachte wie aus leichtem Schlummer
+... oder hatte sich ein Nebel auf meine Seele gesenkt und mich verwirrt?
+– plötzlich höre ich, wie ans Fenster gepocht wird: ‚Mach auf!‘ – und
+ich sehe, ein Mensch ist an einem Strick heraufgeklettert. Ich ahnte
+sogleich, wer der späte Gast war, öffnete das Fenster und ließ ihn in
+mein einsames Zimmer. Das war _er_! Die Mütze nahm er nicht ab, setzte
+sich auf die Truhe, und sein Atem ging keuchend, als sei eine Meute von
+Verfolgern hinter ihm her gewesen. Ich stand und wußte, daß ich bleich
+war. ‚Ist der Vater zu Hause?‘ fragte er. – ‚Ja.‘ – ‚Und die Mutter
+auch?‘ – ‚Auch die Mutter,‘ sagte ich. ‚Dann sei jetzt ein Weilchen
+still ... Hörst du nichts?‘ – ‚Ich höre.‘ – ‚Was?‘ – ‚Ein Pfeifen unter
+dem Fenster!‘ – ‚Nun, willst du jetzt, schönes Mädchen, den Feind um
+seinen Kopf bringen? Willst du den Vater rufen und mich dem Verderben
+preisgeben? Deinem Mädchenwillen füge ich mich: was du willst, das
+geschehe! Hier hast du einen Strick, binde mich, wenn dein Herz dir
+befiehlt, für deine Mädchenehre einzustehen.‘ – Ich schwieg. – ‚Nun?
+Sprich doch, meine Schöne!‘ – ‚Was willst du?‘ fragte ich. – ‚Was ich
+will? Von meiner alten Liebe Abschied nehmen und einer neuen, einer
+jungen Liebe – dir, mein schönes Mädchen, meine Seele verpfänden ...‘
+Ich lachte auf. Ich weiß selbst nicht, wie seine freche Rede mein Herz
+berühren konnte. ‚So laß mich jetzt, schönes Mädchen, nach unten gehen,
+mein Herz prüfen und dem Vater und der Mutter meinen Gruß entbieten,‘
+sagte er und stand auf. Ich zitterte so, daß mir die Zähne
+aufeinanderschlugen, und ich mein Herz wie glühendes Eisen in der Brust
+fühlte. Und ich ging, öffnete ihm die Tür. Doch wie er schon über die
+Schwelle trat, nahm ich alle meine Kraft zusammen und stieß noch hervor:
+‚Da hast du dein Geschmeide, und wage es nicht wieder, mir Geschenke zu
+bringen!‘ – und ich warf ihm das rote Kästchen mit den Perlen nach.“
+
+Katherina hielt inne, um Atem zu schöpfen. Sie wechselte, wie schon oft
+während ihrer Erzählung, wieder die Farbe: ihre blauen Augen waren
+dunkel und glänzten seltsam. Plötzlich aber erblaßte sie von neuem und
+ihre Stimme senkte sich und bebte wie in verhaltener Trauer.
+
+„Ich blieb allein,“ fuhr sie fort, „und es war mir, als habe mich ein
+Wirbelsturm erfaßt. Plötzlich höre ich rufen, schreien, höre wie über
+den Hof die Leute laufen, höre: ‚Die Fabrik brennt!‘ Ich rührte mich
+nicht, ich hörte nur, wie alle aus dem Hause liefen; ich selbst blieb
+allein mit der Mutter. Ich wußte, daß sie mit dem Tode rang, seit drei
+Tagen lag sie schon im Sterben, ich, ihre verfluchte Tochter, ich wußte
+es! ... Plötzlich tönte ein Schrei unter meinem Zimmer, nur ein ganz
+schwacher, leiser Schrei, der so klang, wie ein Kind aufschreit, wenn es
+im Traum erschrickt, und dann war wieder alles still ... Ich löschte das
+Licht aus – es überlief mich kalt in der Dunkelheit, ich bedeckte das
+Gesicht mit den Händen, ich fürchtete mich, mich umzusehen. Dann drang
+plötzlich wieder Stimmengewirr zu mir, lauter und lauter – von der
+Fabrik her kamen Menschen gelaufen. Ich beugte mich weit zum Fenster
+hinaus – und ich sah: da brachten sie den Vater, tot, und ich hörte
+noch, wie man sagte: ‚Von der Treppe fiel er, von der Treppe ... gerade
+in den siedenden Kessel – der Teufel muß ihn hinuntergestoßen haben!‘
+Ich sank auf mein Bett; kein Glied rührte sich, aber ich wartete, doch
+wußte ich selbst nicht, auf was und auf wen ich wartete. Furchtbar war
+diese Stunde. Ich weiß nicht, wie lange ich so saß. Ich weiß nur, daß
+ich schließlich ein Gefühl hatte, als drehe sich alles rund um mich. Im
+Kopf empfand ich einen dumpfen Druck und der Rauch biß mir in die Augen.
+Und es freute mich, daß mir das Ende nahte. Da berührte plötzlich jemand
+meine Schultern und hob mich auf. Ich schlug die Augen auf und sah, so
+gut ich sehen konnte: _er_ war es – und ganz versengt waren seine
+Kleider und heiß, ich glaube, sie schwelten noch und rochen nach Rauch.
+
+„‚Ich bin gekommen, um dich zu holen, schönes Mädchen,‘ sagte er. ‚Führe
+du mich aus dem Verderben, wie du mich ins Verderben hineingeführt hast.
+Meine Seele habe ich heut für dich geopfert. Allein aber kann ich für
+die Sünde dieser verwünschten Nacht nicht Vergebung erflehen – es sei
+denn, daß wir zwei gemeinsam beten und bitten!‘ Und er lachte dann, der
+Böse! ‚Nun weise den Weg,‘ sagte er, ‚wie man von hier fortkommt, ohne
+gesehen zu werden!‘ Ich nahm ihn bei der Hand und führte ihn. Wir
+stiegen die Treppe hinunter, gingen leise durch den Korridor, ich schloß
+die Tür der Vorratskammer auf – die Schlüssel trug ich bei mir – und
+wies auf das Fenster. Dort lag der Garten. Da ergriff er mich, hob mich
+auf seinen starken Arm und schwang sich mit mir aus dem Fenster. Hand in
+Hand liefen wir weiter, lange liefen wir. Dann stand endlich der dichte
+dunkle Wald vor uns. Er blieb stehen und horchte. ‚Sie verfolgen uns,
+Katjä! Die Verfolger sind uns auf den Fersen, schönes Mädchen, aber
+nicht in dieser Stunde ist es uns bestimmt, unser Leben zu lassen! Küsse
+mich, schönes Mädchen, verheiße mir Liebe und ewiges Glück!‘ – ‚Wovon
+sind deine Hände blutig?‘ fragte ich. – ‚Sind meine Hände blutig, mein
+Lieb? Ich habe eure Hunde gemetzelt. Sie bellten zu laut für den späten
+Gast. Komm!‘ Und wir liefen weiter. Da sahen wir auf dem Waldweg meines
+Vaters Reitpferd, das hatte die Zügel zerrissen und war aus dem Stall
+gelaufen: es hatte nicht mit verbrennen wollen! ‚Das schickt uns Gottes
+Hilfe!‘ sagte er, ‚ich hebe dich, Katjä, aufs Pferd!‘ Ich schwieg. ‚Oder
+willst du nicht? Ich bin doch kein Unchrist, kein böser Geist, da sieh,
+ich bekreuzige mich, wenn du willst,‘ und er schlug auch wirklich das
+Kreuz. Dann schwang er sich aufs Pferd, hob mich zu sich hinauf und ich
+drückte mich an ihn und vergaß an seiner Brust alles um mich her, und es
+war ganz so, als hielte mich nur ein Traum umfangen. Als ich aber aus
+diesem Traum erwachte, da sah ich, daß wir an einem breiten, breiten
+Fluß waren. Er stieg ab, hob mich vom Pferde und ging zum Schilf: dort
+hatte er seinen Nachen versteckt. Zum Abschied klopfte er dem Tier noch
+den Hals: ‚Nun leb wohl, alter Freund!‘ sagte er, ‚geh, such dir einen
+neuen Herrn, die alten haben dich alle verlassen.‘ Das ging mir so nah!
+Ich schlang meine Arme um den Hals des Tieres und preßte das Gesicht an
+sein glattes Fell und küßte es. Dann stiegen wir in den Nachen, er nahm
+die Ruder und bald lag das Ufer weit hinter uns. Und sobald das Ufer
+nicht mehr zu sehen war, zog er die Ruder ein und schaute sich rings um
+auf dem Wasser. Und während er noch so schaute, murmelte er:
+
+„‚Grüße dich, Mütterchen, du freier Strom, bist manches Gottesmenschen
+Ernährerin und mir meine Beschützerin! Hast du mein Gut auch bewahrt,
+meine Waren sanft getragen?‘ Ich schwieg und hatte den Blick gesenkt,
+denn mein Antlitz brannte vor Scham. ‚Hättest du doch lieber alles
+genommen, du stürmische, unersättliche,‘ murmelte er weiter, ‚und
+würdest mir nun dafür versprechen, meine schönste, vielkostbare Perle zu
+hüten und zu wiegen! Sag mir doch nur ein Wort, Mädchen, was bist du so
+stumm? – strahle Wärme, sei Sonne und verscheuche das Dunkel der Nacht!‘
+Und er sagte es und lachte selbst dazu! Sein Herz brannte nach mir, ich
+fühlte es, aber doch wollte ich, in meiner Scham, das nicht dulden. Ich
+wollte etwas sagen, aber ich wußte nicht, wie ich es sagen sollte, und
+so sagte ich nichts. ‚Nun, wohlan, wie du willst!‘ sagte dafür er zu
+meinem scheuen Schweigen, sagte es wie mit Trauer, und war sehr
+niedergeschlagen. ‚Mit Gewalt läßt sich Liebe doch nicht erzwingen. Gott
+mit dir, du Hochmütige! Da sieht man, daß dein Haß gegen mich groß ist!
+Bin ich deinen blauen Augen so wenig liebwert erschienen, meine Taube?‘
+Ich hörte es und Haß kam über mich, Haß aus Liebe; doch bezwang ich mein
+Herz und sagte: ‚Liebwert oder nicht liebwert, wie kann ich das wissen,
+wohl aber eine andere Törichte, Schamlose, die ihr reines
+Mädchenstübchen in dunkler Nacht entweiht, die ihre Seele für eine
+Todsünde verkauft und die ihr unkluges Herz nicht bezwungen hat. Das
+wissen vielleicht nur meine heißen Tränen und das sollte auch der noch
+wissen, der wie ein Verbrecher auf das Leid, das er verursacht,
+obendrein stolz ist und über ein Mädchenherz sich lustig macht!‘ Ich
+sagte es, vermochte dann aber nicht länger an mich zu halten und brach
+in Tränen aus ... Er schwieg, und sah mich nur an, daß ich wie ein Blatt
+erzitterte. ‚So höre denn, Mädchen,‘ sagte er dann, und seine Augen
+brannten auf mir, ‚es sind keine leeren Worte, die ich dir sage, sondern
+es ist ein großes Wort, das ich dir jetzt gebe: solange du mir Glück
+schenken wirst, so lange werde ich dir ein milder Herr sein, wenn du
+mich aber einmal nicht mehr liebhast, – so mache keine unnützen Worte,
+sage nichts, bemühe dich nicht: nur ein Zucken deiner Zobelbrauen, ein
+Blick aus deinem dunklen Auge, eine Bewegung deines kleinen Fingers laß
+genug sein und ich gebe deine Liebe frei und schenke dir deine goldene
+Freiheit zurück. Nur wird das zu derselben Stunde, du wunderbar Stolze,
+mein Leben enden und mir den Tod bringen.‘ Da lächelten alle meine Sinne
+zu seinen Worten ...“
+
+In tiefer Erregung hielt Katherina in ihrer Erzählung inne. Sie holte
+schwer Atem, lächelte sinnend vor sich hin und wollte fortfahren, doch
+da begegneten ihre glänzenden Augen Ordynoffs fieberglühendem Blick, der
+wie gebannt an ihrem Antlitz hing. Sie zuckte zusammen, wollte etwas
+sagen, aber nur das Blut stieg ihr wieder ins Gesicht ... Und nun – wie
+fassungslos hob sie die Hände, umklammerte ihren Kopf und warf sich mit
+dem Gesicht auf das Kissen. – Alles erbebte in Ordynoff! Ein qualvolles
+Gefühl, eine Erregung, über die er sich keine Rechenschaft zu geben
+vermochte und die unerträglich war, ergoß sich wie ein Gift durch alle
+seine Adern und wuchs, und wuchs: ein wilder und doch gefesselter Trieb,
+eine gierig verlangende, nicht zu ertragende Leidenschaft verschlang
+sein ganzes Denken und tobte durch alle seine Gefühle. Gleichzeitig aber
+begann eine unendliche, uferlose Trauer immer lastender sein Herz zu
+bedrücken. Mehr als einmal hatte er, während Katherina erzählte,
+aufschreien und ihr zurufen wollen, daß sie doch schweigen solle. Er
+wollte sich ihr schon zu Füßen werfen und sie unter Tränen anflehen, ihm
+seine früheren Liebesqualen, sein erstes, ihm selbst noch
+unverständliches reines Verlangen wiederzugeben, und er sehnte sich
+förmlich zurück nach den Tränen, die nun schon lange versiegt waren.
+Sein Herz verging vor Sehnsucht und es war ihm, als sei es
+blutüberströmt und schließe alle Tränen in sich ein, die seine Seele
+nicht mehr erlösen wollten. Er begriff kaum, was Katherina ihm erzählte,
+und das Gefühl, das das arme junge Weib in ihm erregte, machte seine
+Liebe irre und scheu. In diesem Augenblick verfluchte er seine
+Leidenschaft: sie drohte, ihn zu ersticken, sie marterte ihn und es war
+ihm, als fließe nicht Blut, sondern siedendes Blei durch seine Glieder.
+
+„Ach, nicht das ist mein Elend, was ich dir bis jetzt erzählt habe!“
+sagte Katherina, sich wie nach einem plötzlichen Entschluß aufrichtend,
+„nicht das, nicht das!“ stieß sie mit einer Stimme hervor, in der ein
+neues, sie überwältigendes Gefühl zitterte und in der die ganze Qual
+ihrer Seele lag, die sich zu zerreißen schien. „Mein Leid und mein
+Jammer ist etwas ganz anderes! Was ist mir die Mutter, wenn ich auch auf
+der ganzen Welt keine zweite leibliche Mutter mehr finden kann! Was
+liegt mir daran, daß sie mich in einer bitteren Stunde verflucht hat!
+Was liegt mir an meinem früheren sonnigen Leben, an meinem warmen
+Stübchen und meiner Mädchenfreiheit! und was liegt daran, daß ich mich
+dem Bösen verkauft und meine Seele dem Verderben hingegeben habe, daß
+ich für das kurze Glück ewige Schuld trage! Ach, nein, das ist es nicht,
+obschon darin mein Verderben liegt! Aber bitter ist mir dies und es
+zerreißt mein Herz, daß ich seine Sklavin geworden bin, daß meine
+Entehrung und Schande mir Schamlosen lieb sind, daß das gierige Herz
+sich daran freut, seiner Schmach zu gedenken, als wäre sie eine Lust und
+ein Glück – das, nur das ist mein Elend, daß keine Kraft zur Empörung in
+ihm ist und kein Zorn über die ihm angetane Schmach! ...“
+
+Der Herzschlag stockte in der Brust des armen Weibes und ein
+krampfhaftes Aufschluchzen erstickte ihre Worte. Ihr Atem strich heiß
+über ihre brennenden Lippen, ihre Brust hob und senkte sich und ihre
+Augen blitzten in wildem Zorn. Ihr ganzes Gesicht war dabei in diesem
+Augenblick so bezaubernd, es sprach solch eine Flut von Gefühl und
+Leidenschaft aus ihm und jeder Zug, jede Linie ihres Antlitzes bebte in
+einer so berauschenden Schönheit, daß alles feindliche Empfinden, das in
+Ordynoffs Brust aufstieg, sofort wieder verschwand. Sein Herz drängte zu
+ihr hin, wollte sich an ihr zitterndes Herz drücken und voll
+Leidenschaft in sinnlosem Rausch gemeinsam mit ihr in den Wellen
+desselben Sturmes untertauchen, in demselben Ausbruch unbeschreiblicher
+Raserei, gemeinsam mit ihr vergehen und, wenn es sein mußte, mit ihr
+sterben. Katherina begegnete dem flimmernden Blick Ordynoffs und
+lächelte, daß eine doppelte Flammenglut sein Herz durchloderte. Er wußte
+nicht mehr, was mit ihm geschah.
+
+„Hab Erbarmen mit mir, hab Gnade!“ flüsterte er ihr mit verhaltener
+Stimme zu und beugte sich zu ihr nieder, so nah, so nah, daß sein Atem
+mit dem ihren zusammenströmte, während er ihr zugleich in die Augen sah.
+„Du richtest mich zugrunde! Ich weiß von deinem Leid nichts, meine Seele
+ist verwirrt ... Was geht es mich an, worüber dein Herz weint! Sage, was
+du verlangst ... ich werde es tun. So komm, laß, töte mich nicht, bring
+mich nicht um! ...“
+
+Regungslos sah ihn Katherina an. Die Tränen waren versiegt auf ihren
+heißen Wangen. Sie wollte ihn unterbrechen, wollte seine Hand erfassen,
+wollte selbst etwas sagen und fand doch kein Wort. Ein seltsames Lächeln
+erschien langsam auf ihren Lippen, ja fast war es, als wolle ein Lachen
+hervorbrechen ...
+
+„So habe ich dir wohl noch nicht alles erzählt,“ sagte sie endlich mit
+stockender Stimme. „Höre weiter ... wirst du auch mir zuhören, du heißes
+Herz? Höre, was deine Schwester dir erzählt. Du hast noch wenig von
+ihrem Leid erfahren! Ich wollte dir erzählen, wie ich mit ihm ein Jahr
+verlebte, doch wozu ... Als aber dies Jahr vergangen war, da zog er mit
+seinen Freunden stromabwärts und ich blieb bei seiner Pflegemutter am
+Landungsort. Ich wollte dort bis zu seiner Rückkehr verweilen. Ich
+wartete einen Monat, wartete noch einen – da begegnete mir im Städtchen
+ein junger Kaufmann, und wie ich ihn erblickte, erinnerte ich mich
+meiner früheren goldenen Jahre. ‚Schwesterchen, liebes Schwesterchen!‘
+sagte er, als er mich erkannte, ‚ich bin Aljoscha, dein Spielkamerad:
+die Alten verlobten uns als Kinder – weißt du noch? Hast du mich
+vergessen? Erinnere dich, ich bin aus demselben Ort wie du ...‘ – ‚Was
+sagt man dort von mir?‘ fragte ich. ‚Man sagt, du seist fortgegangen,
+habest deine Mädchenehre vergessen und dich einem Räuber, einem
+Seelenverderber hingegeben,‘ antwortete mir Aljoscha lachend. ‚Und was
+sagtest du von mir, Aljoscha?‘ ‚Vieles wollte ich dir sagen, als ich
+hierherkam,‘ – und sein Herz verwirrte sich – ‚vieles wollte ich dir
+sagen, aber jetzt, wo ich dich sehe, habe ich alles vergessen ...
+verdorben hast du mich!‘ sagte er leise. ‚So sei es denn, nimm auch
+meine Seele, und solltest du mein Herz auch verspotten und über meine
+Liebe lachen, du Schöne! ... Ich bin allein, habe mein Erbe und bin mein
+eigener Herr, und meine Seele ist mein, habe sie keinem verkauft, wie
+eine andere es getan, die ihr Gewissen begraben hat, und nicht zu kaufen
+brauchst du sie, umsonst gebe ich sie dir, denn verdienen läßt sie sich
+ja nicht, wie man sieht!‘ Ich lachte, und nicht ein- oder nur zweimal
+hat er mir das gesagt – einen ganzen Monat lebte er dort, ließ alles
+andere liegen, vergaß die Waren, entließ seine Leute, lebte dort ganz
+allein. Da tat er mir schließlich leid und ich sagte eines Morgens zu
+ihm: ‚Erwarte mich, Aljoscha, wenn die Nacht dunkelt, unten am
+Landungsplatz; laß uns dann zu dir fahren! Ich bin meines schalen Lebens
+hier überdrüssig!‘ Die Nacht kam, ich schnürte mein Bündelchen, und
+meine Seele begann sich zu sehnen und sie spielte mit meinen Gedanken.
+Da sehe ich – mein Herr tritt ein, ganz unerwartet, unverhofft! – ‚Sei
+gegrüßt,‘ sagte er. ‚Komm. Auf dem Fluß wird es heute Sturm geben, die
+Zeit drängt.‘ Ich folgte ihm; wir kamen an den Fluß, aber bis zu den
+Unsrigen war es weit. Da sehen wir – ein Boot hat angelegt und in ihm
+sitzt ein bekannter Ruderer, der jemand zu erwarten scheint. ‚Guten
+Abend, Aljoscha, Gott helfe dir!‘ sagt mein Herr. ‚Was, – hast dich
+verspätet oder willst du noch zu deinen Schiffen? Nimm uns mit, sei so
+gut und bringe uns zu den Unsrigen. Mein Boot ist nicht hier und ich
+kann nicht schwimmen.‘ – ‚Steige ein,‘ sagte Aljoscha, und mein ganzes
+Herz erbebte, als ich seine Stimme vernahm. ‚Setzt euch, der Wind ist
+für alle und in meinem Boot ist auch für euch noch ein Platz.‘ Wir
+stiegen ins Boot. Die Nacht war dunkel, die Sterne hatten sich
+versteckt, der Wind heulte und die Wellen wuchsen, vom Ufer aber waren
+wir bald schon über eine Werst weit entfernt. Wir schwiegen alle.
+
+„‚Sturm!‘ sagte endlich mein Herr. ‚Der bringt diesmal nichts Gutes!
+Einen solchen wie heut nacht habe ich auf dem Fluß noch niemals erlebt.
+Wir sind zu schwer für das Boot! Drei Menschen kann es bei diesem Sturm
+nicht tragen!‘ – ‚Ja, du hast recht, drei kann es nicht tragen, da ist
+einer von uns zu viel,‘ sagte Aljoscha, und in seiner Stimme klang ein
+verhaltenes Beben. ‚Nun was, Aljoscha?‘ sagte er, ‚ich kannte dich schon
+als kleines Kind, hab mit deinem seligen Vater Bruderschaft getrunken,
+haben uns Salz und Brot gegenseitig gebracht – nun sage mir, Aljoscha,
+könntest du ohne Boot von hier aus ans Ufer gelangen ... würdest du
+untergehen und dein Leben verlieren? – oder würdest du zur Not das Ufer
+erreichen?‘ – ‚Nein,‘ sagte Aljoscha, ‚ich würde es nicht erreichen.‘ –
+‚Aber wer weiß, vielleicht ist die Stunde dir hold und du könntest es
+doch?‘ – ‚Nein, bei dem stürmischen Fluß kann ich es nicht wagen, ich
+fände meinen Tod in den Wellen.‘ – ‚So höre jetzt, Katherinuschka, meine
+schönste vielkostbare Perle!‘ wandte er sich da an mich. ‚Ich erinnere
+mich einer ähnlichen Nacht, doch wogte da nicht die Welle, die Sterne
+glänzten hell und der Mond schien ... Ich will dich nur so, ganz
+harmlos, fragen, ob du sie nicht vergessen hast?‘ – ‚Nein,‘ sagte ich.
+‚Und wenn du sie nicht vergessen hast, dann wirst du dich wohl auch noch
+erinnern, wie ein Verwegener ein schönes Mädchen lehrte, ihre Freiheit
+zurückzugewinnen, wenn ihr jemand nicht mehr liebwert erscheint – was?‘
+– ‚Auch das habe ich nicht vergessen,‘ sage ich, mehr tot als lebendig.
+– ‚Ah! hast also nichts vergessen! Nun sieh – für das Boot sind drei zu
+schwer. Sollte da nicht jemandes Stunde gekommen sein? Sag, meine Liebe,
+sprich es aus, dein Wort, meine Taube, du Süße ...‘
+
+„Ich habe damals das Wort nicht gesagt!“ flüsterte Katherina erbleichend
+... Sie beendigte die Erzählung nicht.
+
+„Katherina!“ ertönte eine heisere dumpfe Stimme, Ordynoff fuhr zusammen.
+In der Tür stand Murin. Er stand regungslos, in die Pelzdecke gehüllt,
+stand totenbleich und sah sie mit starrem, fast irrsinnigem Blick an.
+Katherina erblaßte und auch ihr Blick hing starr, wie gebannt an ihm.
+
+„Komm zu mir, Katherina!“ flüsterte der Kranke kaum vernehmbar und
+verließ das Zimmer. Katherina sah aber immer noch starr auf die Tür, als
+stehe er noch dort. Plötzlich jedoch stieg das Blut heiß in ihre
+bleichen Wangen und sie erhob sich langsam vom Bett. Ordynoff entsann
+sich der ersten Begegnung.
+
+„Also auf morgen denn, mein Herz!“ sagte sie, und es klang wie ein
+seltsames leises Auflachen. „Also auf morgen. Vergiß aber nicht, wo ich
+stehen geblieben bin: ‚Wähle einen von beiden: wer ist dir lieb und wer
+nicht lieb von ihnen, du Schöne!‘ Wirst’s nicht vergessen? wirst eine
+Nacht dich gedulden?“ fragte sie, indem sie die Hände auf seine
+Schultern legte und zärtlich auf ihn herabsah.
+
+„Katherina, geh nicht zu ihm, tu’s nicht! Er ist wahnsinnig, siehst du’s
+denn nicht!“ flüsterte Ordynoff, zitternd für sie.
+
+„Katherina!“ rief Murins Stimme hinter der Wand.
+
+„Warum nicht? Er wird mich ermorden, meinst du?“ fragte Katherina
+lachend. „Gute Nacht, mein Geliebter, mein lieber Bruder!“ sagte sie,
+zärtlich seinen Kopf an ihre Brust drückend, während plötzlich Tränen
+aus ihren Augen brachen. „Das sind die letzten Tränen. Verschlafe dein
+Leid, mein Geliebter, sollst morgen zur Freude erwachen!“ Und sie küßte
+ihn leidenschaftlich.
+
+„Katherina, Katherina!“ flehte Ordynoff, und wollte vor ihr niederknien,
+um sie zurückzuhalten, „Katherina!“
+
+Sie wandte sich noch einmal nach ihm um, nickte ihm lächelnd zu und
+verließ das Zimmer. Ordynoff hörte, wie sie bei Murin eintrat. Er hielt
+den Atem an und lauschte, doch kein Laut war zu vernehmen. Der Alte
+schwieg oder war vielleicht wieder bewußtlos ... Er wollte zu ihr gehen,
+doch seine Füße versagten ... Er verlor alle Kraft und sank erschöpft
+auf das Bett zurück ...
+
+
+ V.
+
+Als er wieder zu sich kam, vermochte er zunächst gar nicht
+festzustellen: War es erste Morgen- oder späte Abenddämmerung? Das
+Zimmer lag fast vollständig im Dunkel. Das Lämpchen vor dem
+Heiligenbilde mußte erloschen sein. Er wußte nicht, wie lange er
+geschlafen hatte, er fühlte nur, daß sein Schlaf krankhaft gewesen war.
+Als er zu sich kam, strich er sich unwillkürlich mit der Hand über das
+Gesicht, als wolle er einen Traum und nächtliche Visionen verscheuchen.
+Doch als er aufzustehen versuchte, fühlte er sich am ganzen Körper wie
+zerschlagen und seine erschöpften Glieder versagten den Dienst. Sein
+Kopf schmerzte, ihm schwindelte, und Frostschauer überliefen seinen
+Körper, denen dann wieder glühende Fieberwellen folgten. Mit dem
+Bewußtsein kehrte auch die Erinnerung zurück und sein Herz krampfte sich
+zusammen und erzitterte, als er in einer Sekunde die ganze letzte Nacht
+wiedererlebte. Sein Herz schlug bei der Erinnerung so stark, und seine
+Empfindungen waren so heiß und unmittelbar, als wären nicht eine Nacht,
+nicht lange Stunden vergangen, seit Katherina ihn verlassen, sondern
+kaum eine Minute. Er fühlte, daß seine Augen noch von den Tränen
+brannten – oder waren es neue Tränen seiner heißen Seele? Und doch – wie
+ein Wunder schien ihm alles – in seinen Qualen lag für ihn eine Süße und
+Lust, obschon er gleichzeitig mit jedem Nerv seines Körpers fühlte, daß
+er eine solche Vergewaltigung ein zweites Mal nicht mehr ertragen würde.
+Es kam ein Augenblick, wo er fast den Tod fühlte und bereit war, ihn wie
+einen lichten Gast zu empfangen, der in weiblicher Gestalt ihm nahte:
+bis zu einer solchen Spannung war seine Empfindungsfähigkeit gesteigert,
+mit solch einer stürmischen und machtvollen Allgewalt wogte jetzt, nach
+dem Erwachen, seine Leidenschaft von neuem auf, und solch ein Entzücken,
+solch eine Begeisterung erfüllte seine Seele, daß sein Leben, bis in
+schwindelnde Höhen gesteigert, gleichsam im Begriff war,
+zusammenzubrechen und niederzustürzen, sofort zu verwesen und auf ewig
+zu vergehen ... Fast in demselben Augenblick, als wär’s eine Antwort auf
+seinen Schmerz, auf das Zittern seines Herzens, erklang eine Stimme, die
+ihm so bekannt schien, wie das innere Klingen und Tönen, das die
+Menschenseele in Stunden der Freude, in Stunden großen Glückes über ihr
+Dasein empfindet – es war die weiche, volltönende Stimme Katherinas.
+Ganz nah, fast wie am Kopfende seines Bettes begann ein Lied, zu Anfang
+leise und schwermütig. Dann hob sich die Stimme und senkte sich wieder,
+wie in leisem Verhallen, als vergehe sie und wiege dabei doch noch
+zärtlich die unruhvolle Qual des eigenen unterdrückten Verlangens, das
+in ihrem sich sehnenden Herzen für ewig gefangen war. Bald wieder
+schwang sie sich hoch empor und ergoß sich zitternd und glühend von
+einer Leidenschaft, die sich nicht länger zurückhalten ließ, in ein
+ganzes Meer von Entzücken, in ein Meer von zaubermächtigen, uferlosen
+Tönen, so selig, wie der erste selige Augenblick der Liebe. Ordynoff
+vernahm auch Worte: sie waren der rührend schlichte, zu Herzen gehende
+Ausdruck eines reinen, ruhigen, weil selbstverständlichen und klaren
+Gefühls – der Form nach alte, schon längst verklungene Worte, wie der
+Volksmund sie in früheren Zeiten gedichtet. Doch Ordynoff dachte nicht
+an ihren Sinn, er vergaß sie, er hörte nur die Töne, und aus den
+treuherzigen naiven Strophen des alten Liedes sprachen zu ihm ganz, ganz
+andere Worte – Worte, in denen dieselbe Sehnsucht zitterte, die seine
+eigene Brust erfüllte, Worte, die wie ein Widerhall der geheimsten und
+tiefsten, ihm selbst noch halb unverständlichen Regungen seiner
+Leidenschaft waren und die nun, da sie im Liede zu ihm drangen, ihm
+verrieten, wie sehr auch sie um dieselben wußte. Er glaubte, den letzten
+bangen Laut eines vor Liebe vergehenden Lebens zu hören, dann wieder die
+aufjauchzende Freude eines Willens, der seine Ketten gesprengt und licht
+und frei ins unermeßliche Meer unversehrbarer Seligkeit strebte; dann
+wieder war es ihm, als hörte er das erste zitternde Liebesgeständnis,
+unter Erröten und Tränen in heimlichem zagen Flüstern von Mädchenlippen,
+noch mit dem ganzen Duft süßer Scham; dann wieder stieg gleichsam der
+Wunsch einer Bacchantin auf, die stolz und froh ob ihrer Macht,
+unverhüllt, des Geheimnisses bar, mit sprühendem Lachen und trunken
+schweifendem Blick im Kreise sich umschaut ...
+
+Ordynoff hielt es nicht aus bis zum Ende des Liedes und erhob sich vom
+Bett. Das Lied verstummte sogleich.
+
+„Der gute Morgen und der gute Tag sind vorbei, mein Ersehnter!“ sagte
+Katherinas Stimme hinter der Wand, „also sage ich jetzt guten Abend zu
+dir! Steh auf, komm zu uns, erwache zu heller Freude: wir erwarten dich,
+ich und mein Herr, beides gute Leute und dir ergeben. Lösche mit Liebe
+den Haß, wenn das Herz uns die Kränkung noch nachträgt. Sage ein
+freundliches Wort! ...“
+
+Ordynoff verließ bereits sein Zimmer, wußte aber eigentlich selbst kaum,
+daß er zu ihnen ging. Vor ihm öffnete sich die Tür und er sah und
+schaute und war wie geblendet von dem goldenen Lächeln der Wundersamen,
+die vor ihm stand. Er hörte und sah nichts und niemanden außer ihr. Im
+Augenblick war ihre Lichtgestalt der Inbegriff seines ganzen Lebens,
+seiner ganzen Freude.
+
+„Zwei Sonnenröten sind schon vergangen, seit wir Abschied nahmen,“ sagte
+sie, und sie streckte ihm die Hände entgegen, „da sieh durch das
+Fenster, auch die zweite ist schon erloschen. Sie waren ähnlich dem
+Erröten eines schönen Mädchens,“ fuhr sie lachend fort, „die erste
+Morgenröte war wie die Glut, mit der das Mädchen zum erstenmal das Herz
+in der Brust schlagen fühlt; und die zweite wie wenn die Schöne ihre
+Scheu vergißt und das Blut feurig ins Antlitz steigen spürt. ... Tritt
+ein, tritt ein in unser Haus, du Junger! Was stehst du noch auf der
+Schwelle? Ehre werde dir zuteil und Liebe und als erstes ein Gruß vom
+Hausherrn!“
+
+Und mit hellem Lachen erfaßte sie Ordynoffs Hand und führte ihn ins
+Zimmer. Befangenheit überkam sein Herz. Das ganze Feuer, das in seinem
+Inneren flammte, war wie im Augenblick erloschen, doch nur für einen
+Augenblick. Verwirrt senkte er das Auge, um sie nicht anzusehen. Er
+fühlte, sie war von so bezaubernder Schönheit, daß er ihren heißen Blick
+nicht würde ertragen können. Nein, so hatte er sie noch nie gesehen! Zum
+erstenmal sah er Freude und den Zauber des Lachens in ihrem Gesicht, und
+ihre dunklen Wimpern glänzten nun nicht mehr von vergossenen Tränen.
+Seine Hand lag bebend in ihren Händen. Hätte er den Blick erhoben, so
+würde er gesehen haben, daß Katherinas strahlende Augen mit
+triumphierendem Lächeln an seinen Mienen hingen, in denen sich deutlich
+Verwirrung und Leidenschaft widerspiegelten.
+
+„Stehe auf, Alter!“ sagte sie endlich, als käme sie selbst erst und mit
+einem Male zur Besinnung, „sage dem Gast ein freundliches Wort zum Gruß.
+Er ist unser Gast und mir so gut wie ein leiblicher Bruder! Stehe auf,
+stolzer Alter, sei nicht hochmütig, steh auf, entbiete ihm einen Gruß,
+fasse seine weiße Hand, bitte ihn an den Tisch!“
+
+Ordynoff sah auf, und es war ihm, als käme er jetzt erst zu sich: er
+hatte Murin ganz vergessen, an seine Anwesenheit gar nicht gedacht. Die
+Augen des Alten, die wie in Todesahnen erloschen schienen, sahen ihn
+unbeweglich an, und mit einem stechenden Schmerzgefühl erinnerte sich
+Ordynoff jenes Blickes, der ihn das letztemal unter den buschigen
+überhängenden Brauen hervor getroffen hatte, und diese Brauen waren auch
+jetzt wieder wie in Qual und Grimm zusammengezogen. Ein leichtes
+Schwindelgefühl erfaßte ihn. Er sah sich um: und da erst kam ihm klar
+zum Bewußtsein, wo er sich eigentlich befand. Murin lag noch immer auf
+dem Bett, war jedoch fast vollständig angekleidet und es machte den
+Eindruck, als sei er bereits am Morgen aufgestanden und tagsüber
+ausgegangen. Um den Hals trug er wieder ein rotes Tuch, die Füße staken
+in Hausschuhen. Die Krankheit war offenbar überstanden, nur sein Gesicht
+war noch auffallend blaß und fast gelb. Katherina stand neben dem Bett,
+stützte sich mit der Hand auf den Tisch und sah aufmerksam von dem einen
+zum anderen: doch das freundliche Lächeln schwand nicht aus ihrem
+Gesicht. Es schien beinahe, als geschehe alles auf einen Wink von ihr.
+
+„Ja! Das bist du,“ sagte Murin, indem er sich langsam erhob und auf das
+Bett setzte. „Du bist mein Mieter. Ich bin schuldig vor dir, Herr, habe
+gesündigt und dich, ohne es zu wollen, erschreckt – gestern, mit der
+Flinte. Wer konnt’s denn wissen, daß dich auch mitunter Krankheit
+heimsucht! Bei mir aber kommt das vor,“ fügte er mit rauher, von der
+Krankheit noch heiserer Stimme hinzu. Seine Stirn runzelte sich und
+unwillkürlich wandte er den Blick von Ordynoff ab. „Unglück pflegt sich
+nicht vorher anzumelden, wenn es kommt, schleicht es sich wie ein Dieb
+heran und ist da! Auch ihr hab’ ich vor kurzem beinahe das Messer in die
+Brust gestoßen ...“ brummte er, mit dem Kopf nach Katherina weisend.
+„Ich bin ein kranker Mensch, habe zuweilen meine Anfälle – nun, was ist
+da noch viel zu erklären, das mag dir genügen! Setz dich – wirst mein
+Gast sein.“
+
+Ordynoff sah ihn immer noch unverwandt an.
+
+„Setz dich, so setz dich doch!“ rief der Alte ungeduldig, „wenn’s ihr
+nun mal Freude macht! ... Hm! Da seid ihr nun also sozusagen
+Geschwister, seht doch mal an! Habt euch ja lieb, recht wie ein
+Liebespaar!“
+
+Ordynoff setzte sich.
+
+„Sieh doch, was du da für eine Schwester hast,“ fuhr der Alte lustig
+fort, und er lachte, daß man alle seine ausnahmslos noch weißen, schönen
+Zähne sehen konnte. „So tut doch zärtlich, meine Lieben! Hast du nicht
+eine schöne Schwester, Herr? Sprich doch, antworte! Da, sieh sie doch
+an, sieh, wie ihre Wangen glühen. So sage doch, daß sie eine Schönheit
+ist, rühme doch vor der ganzen Welt ihre Schönheit! Zeige, wie sehr dein
+Herz nach ihr verlangt!“
+
+Ordynoff runzelte die Stirn und sah den Alten an. Der zuckte zusammen
+unter seinem Blick. In Ordynoffs Brust stieg eine blinde Wut auf. Mit
+geradezu tierischem Instinkt fühlte er, daß er seinen Todfeind vor sich
+hatte. Er begriff selbst nicht, was mit ihm geschah. Er vermochte nicht
+mehr zu denken –
+
+„Sieh mich nicht an!“ erklang da Katherinas Stimme hinter ihm. Ordynoff
+blickte sich um.
+
+„Sieh mich nicht an, sage ich dir, wenn der Böse dich zu Bösem verleitet
+– hab Mitleid mit deiner Liebsten,“ sagte Katherina lachend, und
+plötzlich legte sie ihm hinterrücks die Hände auf die Augen, – zog sie
+aber sogleich wieder zurück und bedeckte mit ihnen ihr eigenes Gesicht.
+Doch die flammende Röte leuchtete gleichsam durch ihre Finger: sie ließ
+die Hände sinken und mühte sich, offen und furchtlos den Blicken der
+beiden Männer standzuhalten. Die aber sahen sie beide nur schweigend an
+– Ordynoff mit einer gewissen verwunderten Liebe, die sein Herz zum
+erstenmal zu der Schönheit eines Weibes empfand, der Alte dagegen
+aufmerksam, forschend und kalt. Sein bleiches Gesicht verriet nicht das
+geringste, nur seine Lippen waren blaß und bebten leise.
+
+Katherina war gleichfalls ernst geworden, trat an den Tisch und begann,
+die Bücher, Papiere, das Tintenfaß und alles übrige abzuräumen. Sie
+atmete schnell und ungleichmäßig. Von Zeit zu Zeit holte sie tief Atem,
+als sei’s ihr im unruhig schlagenden Herz eng und schwer. Schwer, wie
+die Woge am Ufer, senkte sich und hob sich von neuem ihre Brust. Sie sah
+nicht auf, und die dunkeln langen Wimpern glänzten seidig über ihren
+zarten Wangen ...
+
+„Meine Königin!“ flüsterte Ordynoff. Er besann sich aber sofort, denn er
+fühlte den Blick des Alten auf sich ruhen. Wie ein Blitz, in einem Nu
+war dieser Blick aufgeflammt, gierig, bohrend, gehässig, feindlich, mit
+kalter Verachtung. Ordynoff erhob sich, aber eine unsichtbare Macht
+schien seine Füße gefesselt zu haben. Er setzte sich wieder. Und er
+drückte seine eigene Hand, als traue er nicht der Wirklichkeit, die ja
+vielleicht nur ein Traum sein konnte. Es war ihm, als ob ein Alb ihn
+bedrücke und als ob seine Augen in peinvollem und krankhaftem Dämmer
+geschlossen lagen. Doch sonderbar! Er wollte nicht erwachen!
+
+Katherina nahm den Teppich vom Tisch, öffnete eine Truhe, der sie ein
+kostbares Tischtuch entnahm, das reich mit Stickereien in Seide und
+Goldfäden verziert war, und breitete es über den Tisch; dann holte sie
+aus dem Schrank eine altertümliche, aus schwerem Silber gearbeitete
+Kanne, an der nach alter Art die silbernen Becher hingen – stellte sie
+mitten auf den Tisch und nahm drei Becher von den Häkchen: einen für den
+Hausherrn, einen für den Gast und einen für sich selbst. Mit ernstem,
+fast nachdenklichem Blick sah sie auf den Alten, dann auf den Gast.
+
+„Wer ist nun von uns einem anderen lieb oder nicht lieb?“ fragte sie.
+„Wer niemandem lieb ist, der soll mir lieb sein und wird mit mir aus
+einem Becher trinken. Mir aber ist jeder von euch lieb, lieb, wie ein
+Nahestehender: deshalb laßt uns auf die Liebe und die Eintracht
+trinken!“
+
+„Trinken und die schwarzen Gedanken im Wein ertränken!“ sagte der Alte
+mit veränderter Stimme. „Schenke ein, Katherina!“
+
+„Und dir auch?“ fragte Katherina, indem sie Ordynoff ansah.
+
+Der schob schweigend seinen Becher hin.
+
+„Wartet!“ rief plötzlich der Alte und erhob sein Glas. „Hat jemand von
+uns etwas Besonderes auf dem Herzen, so möge es nach seinem Wunsch in
+Erfüllung gehen!“
+
+Sie stießen an und tranken.
+
+„Nun laß uns beide trinken,“ sagte Katherina, sich an den Alten wendend,
+„trinken wir, wenn dein Herz mir gut ist! Trinken wir auf das erlebte
+Glück, laß uns die vergangenen Jahre grüßen! Aus dem Herzen, dem Glück
+in Liebe ein Gruß! So laß dir doch einschenken, Alter, wenn dein Herz
+noch immer für mich glüht!“
+
+„Dein Wein ist stark, mein Täubchen, du selbst aber hast nur die Lippen
+benetzt!“ sagte der Alte lachend und hielt seinen Becher hin.
+
+„Ich werde dir jetzt einschenken, du aber trinke den Wein bis zur Neige!
+... Wozu leben, Alterchen, und ewig schwere Gedanken mit sich
+herumtragen! Das bedrückt nur das Herz. Gedanken kommen vom Kummer und
+Gedanken schaffen Kummer, im Glück da lebt man ohne Gedanken! Trink,
+Alter! Ertränke deine Gedanken!“
+
+„Da muß ja in dir viel Kummer sich angesammelt haben, wenn du dich
+plötzlich so gegen ihn wappnen willst! Möchtest wohl mit einemmal allem
+ein Ende machen, meine weiße Taube? Ich trinke auf dein Wohl, Katjä!
+Aber du, hast auch du einen Kummer, Herr, wenn du erlaubst, zu fragen?“
+
+„Was ich habe, das habe ich für mich,“ murmelte Ordynoff, ohne seine
+Augen von Katherina abzuwenden.
+
+„Hast du gehört, Alterchen? Ich habe mich selbst lange nicht gekannt und
+an nichts zurückgedacht, da kam aber eine Stunde und ich erkannte alles
+und erinnerte mich an alles: da hab’ ich alles Vergangene mit
+unersättlicher Gier in der Seele nochmals erlebt.“
+
+„Ja, es ist bitter, wenn man durch Vergangenes sich wieder
+durchzuarbeiten anfängt,“ bemerkte der Alte nachdenklich. „Was vergangen
+ist, ist wie getrunkener Wein! Was ist vergangenes Glück? Hat man einen
+Rock abgetragen, dann fort mit ihm ...“
+
+„Dann ist ein neuer nötig!“ fiel ihm Katherina ins Wort, mit etwas
+erzwungenem Lachen, während zwei große Tränen an ihren Wimpern
+erglänzten. „Da sieht man, ein Menschenalter kann nicht in einem
+Augenblick vergehen, und ein Mädchenherz hat ein zähes Leben: das ist
+nicht so leicht erschöpft! Hast du’s erfahren, Alter? Sieh, da habe ich
+eine Träne in deinem Becher begraben!“
+
+„War es denn viel Glück, für das du dein Leid verkauftest?“ fragte
+Ordynoff und seine Stimme zitterte vor Erregung.
+
+„Du hast wohl, Herr, viel eigenes zu verkaufen,“ versetzte der Alte,
+„daß du dich ungebeten vordrängst.“ Und er lachte lautlos und boshaft
+und sah dabei Ordynoff frech an.
+
+„Wofür ich es verkaufte, das war auch danach,“ antwortete Katherina mit
+einer Stimme, aus der eine gewisse Unzufriedenheit und Gekränktheit zu
+klingen schien. „Dem einen scheint es viel, dem anderen wenig. Der eine
+will alles hingeben, es wird ihm aber nichts dafür geboten; der andere
+verheißt nichts, und doch folgt ihm das Herz gehorsam. Du aber, mach
+deshalb niemandem einen Vorwurf.“ Sie wandte das Gesicht nach ihm hin
+und sah ihn traurig an. „Der eine ist so ein Mensch, der andere ein
+anderer – weiß man’s denn selbst, weshalb die Seele gerade zu dem einen
+drängt! Fülle deinen Becher, Alter! Trinke auf das Glück deiner lieben
+Tochter, deiner gehorsamen Sklavin, wie einst, als sie dich erst noch
+lieben lernte. Nun, erhebe den Becher!“
+
+„Wohlan! So schenke auch dir ein!“
+
+„Warte, Alter! Trink noch nicht, laß mich zuvor noch ein Wort sagen!
+...“
+
+Katherina stützte die Ellbogen auf den Tisch und sah regungslos mit
+glänzendem, leidenschaftlichem Blick dem Alten in die Augen. Eine
+eigentümliche Entschlossenheit lag plötzlich in diesem Blick. Doch alle
+ihre Bewegungen waren sicher, ihre Gesten kurz, unerwartet, schnell. Es
+war, als sei Feuer in ihr und wunderbar nahm sich das aus. Ihre
+Schönheit schien mit ihrer Erregung, mit ihrer Spannung zu wachsen. Sie
+lächelte und wie Perlen erglänzten ihre gleichmäßigen Zähne zwischen den
+Lippen. Ihr Atem war kurz und unterbrochen durch die Erregung. Ihre
+feinen Nasenflügel bebten. Der eine ihrer schimmernden Zöpfe, die sie
+zweimal um den Kopf geschlungen trug, hatte sich gelöst und gesenkt und
+bedeckte das linke Ohr und einen Teil der heißen Wange. Ihre Schläfen
+glänzten feucht.
+
+„Sage mir wahr, Alter! Sag mir wahr, mein Guter, sag, bevor du deinen
+Verstand vertrinkst! Hier hast du meine weiße Hand! Nennen dich doch die
+Leute bei uns nicht umsonst einen Zauberer. Du hast aus Büchern gelernt
+und kennst jede schwarze Wissenschaft! So sieh dir jetzt die Linien
+meiner Hand an, Alterchen, und verkünde mir mein ganzes unseliges Los!
+Nur sieh zu, daß du die Wahrheit sagst! ... Nun, sage mir, wie du es
+weißt und meinst – wird dein Töchterchen glücklich sein oder verzeihst
+du ihr nicht und rufst ihr durch deine Zauberstücke herbes Leid auf den
+Weg? Sage, wird der Winkel warm sein, in dem ich mich einnisten werde,
+oder soll ich, wie ein Zugvogel, mein Leben lang gleich einer Waise bei
+guten Leuten Unterkunft suchen? Sage, wer ist mein Feind und hegt Arges
+gegen mich im Sinn? – und wer ist mein Freund und hat für mich nur Liebe
+im Herzen? Sage, wird mein junges heißes Herz sein Lebtag einsam bleiben
+und vor der Zeit verstummen, oder wird es ein anderes Herz finden, das
+ihm gleich ist, und im gleichen Pulsschlag der Freude mit ihm schlagen
+... bis zu neuem Leid! Und sage mir, Alterchen, wenn du schon einmal
+wahrsagst, wo, unter welchem blauen Himmel, hinter welchen fernen Meeren
+und Wäldern mein heller Falke denn lebt, sag mir, wo, und ob er auch mit
+scharfem Auge nach seinem Falkenweibchen Ausschau hält, und ob er auch
+in Liebe wartet, ob er es auch heiß lieben oder ob er die Liebe bald
+verlernen und mich betrügen, oder ob er mich nicht betrügen und mir treu
+bleiben wird? Und dann sprich auch schon das Letzte und Allerletzte aus,
+Alter: sag, ist es uns beiden bestimmt, lang noch gemeinsam die Zeit zu
+verbringen, hier im armseligen Winkel zu sitzen, dunkle Bücher zu lesen?
+Oder wann werde ich von dir Abschied nehmen, mich tief vor dir neigen
+und dir für deine Gastfreundschaft danken, und dafür daß du mir Speise
+und Trank gegeben und mir Märchen erzählt hast? ... Aber sieh zu, daß du
+mir die Wahrheit sagst, lüge nicht! Die Zeit ist gekommen, jetzt steh
+für dich ein!“
+
+Ihre Erregung war mit jedem weiteren Wunsche gewachsen, bis ihre Stimme
+bei den letzten Worten die Gewalt über sich verlor, als risse ein
+Wirbelsturm ihr Herz mit sich fort. Ihre Augen blitzten und ihre Lippen
+schienen leise zu beben. Und doch hatte aus ihrer Stimme zugleich ein
+boshafter Spott geklungen – wie eine Schlange wand er sich versteckt
+durch ihre Worte – und es war, als habe ein Schluchzen in ihrem Spott
+geklungen, der doch voll Lachen sein sollte. Sie hatte sich über den
+Tisch zu dem Alten gebeugt und sah ihm mit forschender Neugier in seine
+umflorten Augen. Ordynoff hörte, als sie verstummte, wie ihr Herz
+plötzlich heftig zu klopfen begann; er sah sie an und wollte aufjauchzen
+vor Entzücken, und war schon im Begriff, sich von der Bank zu erheben.
+Da traf ihn ein flüchtiger, kurzer Blick des Alten und wie gebannt, wie
+gelähmt blieb er auf seinem Platz: es war eine seltsame Mischung von
+Verachtung, Spott, ungeduldiger, ärgerlicher Unruhe und zugleich
+boshafter, arglistiger Neugier, die aus diesem flüchtigen jähen Blick
+aufblitzte, aus diesem Blick, unter dem Ordynoff jedesmal zusammenfuhr
+und der sein Herz stets mit Haß und ohnmächtiger Wut erfüllte.
+
+Nachdenklich und mit einer eigentümlichen traurigen Neugier betrachtete
+der Alte seine Katherina. Sie hatte sein Herz getroffen, durchbohrt, das
+Wort war jetzt von ihr ausgesprochen – und doch hatte er nicht einmal
+mit einer Wimper gezuckt. Er lächelte nur, als sie verstummt war.
+
+„Willst viel auf einmal erfahren, mein flügge gewordenes, mein
+flugbereites Vögelchen! Fülle mir schnell noch den tiefen Becher; und
+dann laß uns trinken: zuerst auf die Entzweiung und auf den guten
+Willen; sonst verderbe ich noch durch irgend jemandes bösen unsauberen
+Blick meinen Wunsch. Der Teufel ist stark! Wie weit ist’s denn bis zur
+Sünde!“
+
+Er hob seinen Becher und leerte ihn. Je mehr er trank, um so bleicher
+wurde er. Seine Augen röteten sich und glühten wie Kohlen. Es war
+augenscheinlich, daß ihr fieberhafter Glanz und die plötzliche
+Totenblässe die Vorläufer eines baldigen neuen Anfalls waren. Der Wein
+aber war schwer und feurig. Auch Ordynoff fühlte von dem einen Becher,
+den er geleert, seinen Blick heiß und unsicher werden: sein durch das
+Fieber erregtes Blut konnte nicht lange dem Geist des Weines widerstehen
+und überstürmte sein Herz, quälte und verwirrte seinen Verstand. Seine
+Unruhe wuchs mit jeder Minute. Und er schenkte sich noch von dem
+schweren Wein in den Becher und trank einen Schluck, ohne selbst zu
+wissen, was er tat oder wie er gegen seine wachsende Erregung ankämpfen
+sollte, und das Blut jagte noch stürmischer durch seine Adern. Er war
+wie von einem Fiebertraum fortgerissen und vermochte kaum noch, trotz
+krampfhaftester Anspannung seiner ganzen Aufmerksamkeit, zu verfolgen,
+was zwischen dem Alten und Katherina vorging.
+
+Der Alte klopfte laut mit dem Becher auf den Tisch.
+
+„Schenk ein, Katherina!“ rief er, „schenk ein, böses Töchterchen, schenk
+ein, bis ich trunken bin! Beseitige den Alten, es ist auch genug für
+ihn! So ist’s recht, schenk ein, meine Schöne, ganz voll – so! Nun laß
+uns beide trinken! Warum hast du denn so wenig getrunken? Oder habe ich
+es nicht gesehen ...?“
+
+Katherina entgegnete ihm etwas, doch Ordynoff begriff die Worte kaum,
+und der Alte ließ sie nicht zu Ende sprechen: er ergriff ihre Hand, als
+habe er nicht mehr die Kraft, all das zurückzuhalten, was seine Brust
+einschloß. Sein Gesicht war bleich und sein Blick umflorte sich bald,
+bald flammte er auf und dann brannte in ihm ein unheimliches Feuer.
+Seine farblosen Lippen zuckten und mit ungleichmäßiger, schwankender
+Stimme, aus der hin und wieder eine seltsame Begeisterung klang, sagte
+er zu ihr:
+
+„Gib dein Händchen, du Schöne! Ich werde dir wahrsagen, werde dir die
+ganze Wahrheit sagen. Ich bin wirklich ein Zauberer, da hast du dich
+nicht geirrt, Katherina! Dein goldenes Herz hat erraten, daß ich sein
+einziger Wahrsager bin und ihm die Wahrheit nicht verheimlichen werde,
+diesem schlichten, diesem unschlauen Herzen! Nur eines hast du nicht
+erkannt: nicht ich, der Zauberer, kann dich vernünftig machen! Vernunft
+ist keine Richtschnur für ein Mädchen, und wenn man ihm auch die ganze
+Wahrheit sagt, so ist es doch, als habe es nichts erfahren und
+begriffen! Ihr eigner Kopf – ist eine listige Schlange, wenn auch das
+Herz von Tränen überfließt! Jeden Weg findet sie selbst, zwischen
+Gefahren versteht sie kriechend sich durchzuschlängeln und ihren
+schlauen Willen zu erreichen! Manchmal erreicht sie auch wohl mit dem
+Verstande was sie will, wenn aber nicht – dann berückt sie mit ihrer
+Schönheit, und verwirrt mit ihrem dunklen Auge! Schönheit bricht die
+Kraft, und wenn das Herz auch von Eisen ist – sie zerspellt es mit ihrer
+Macht! Ob auch Leid und Sorge deiner harrt? Schwer ist Menschenleid!
+Doch nicht schwache Herzen werden von ihm heimgesucht. Das Unglück sucht
+sich, wenn es kommt, ein starkes Herz zum Wohnsitz aus, aus dem dann im
+stillen, aller Welt verborgen, manch blutige Träne rinnt, bösen Leuten
+ein Schaustück. Dein Leid aber, Mädchen, ist wie die Spur im Sande, die
+der Regen verwischt, die Sonne trocknet und der frische Wind verweht!
+Laß mich dir noch mehr sagen, dir wahrsagen: wer dich lieben wird, zu
+dem wirst du als Sklavin gehen, wirst selbst deinen Willen und deine
+Freiheit binden und ihm hingeben als Pfand und auch nie mehr
+zurückverlangen; wirst es nicht verstehen, zur rechten Zeit deine Liebe
+zu vergessen; ein Körnchen legst du hin und dein Verderber läßt es zur
+vollen Ähre wachsen und behält alles! Mein zärtliches Kind, mein
+Goldköpfchen, hast in meinem Wein dein Tränenperlchen begraben und dann
+doch nicht widerstanden und darüber gleich hundert andere vergossen,
+hast ein schönes Wort gesagt, dich an ihm berauscht und auf dein Leid
+gepocht. Doch ob deines Tränchens, des himmlischen Tautropfens, wirst du
+dich nicht zu grämen, wirst nicht zu trauern brauchen! Es wird dir in
+Überfluß wiedergegeben, und mit Wucherzinsen, dein Tränenperlchen, warte
+nur, in langer Nacht, in trauriger Nacht, wenn böser Kummer an deinem
+Herzen nagen wird und ein arger Gedanke – dann wird auf dein heißes
+Herz, für dies selbe Tränchen, eines anderen Träne fallen, eine blutige,
+nicht warme oder heiße, sondern eine glühende, wie von flüssigem Erz,
+und die wird dir deine weiße Brust blutig brennen, und bis zum Morgen,
+dem trüben, düsteren, wie er an Regentagen graut, wirst du dich auf
+deiner Lagerstätte wälzen und aus der frischen Wunde wirst du purpurnes
+Blut vergießen und nimmer wird dir diese Wunde bis zum vollen Morgen
+verheilen! Schenke mir noch ein, Katherina, schenke mir ein, meine
+Taube, für den klugen Rat! – weiter aber, denke ich, sind keine Worte
+mehr vonnöten ...“
+
+Seine Stimme sank und bebte: es war, als wolle ein Schluchzen aus seiner
+Brust hervorbrechen ... Er schenkte sich selbst den Wein ein und stürzte
+ihn gierig hinab; dann klopfte er wieder mit dem Becher auf den Tisch.
+Sein trüber Blick flammte noch einmal auf.
+
+„Ach! Lebe, wie es sich leben läßt!“ rief er, „was vorüber ist, ist
+vorüber! Schenk mir ein, schenk mir noch einmal ein, noch einmal, und
+ganz voll, bis zum Rande, damit der Wein den wilden Kopf von den
+Schultern nimmt und die Seele in ihm ertränkt! Schläfere mich ein für
+die lange Nacht, der kein Morgen folgt, auf daß das Gedächtnis mir
+völlig schwinde! Getrunkener Wein ist wie verlebtes Leben! Da muß doch
+dem Kaufmann die Ware liegen geblieben sein, wenn er sie umsonst aus der
+Hand gibt! Würde er sie doch sonst nicht aus freiem Willen unter dem
+Preise hingeben, würde auch der Feinde Blut vergießen, auch unschuldig
+Blut würde fließen und auf den Kauf würde jener Käufer obendrein noch
+seine verlorene Seele hergeben müssen! Schenk ein, schenk mir noch ein,
+Katherina!“
+
+Doch seine Hand, die den silbernen Becher hielt, schien plötzlich wie im
+Krampf zu erstarren und rührte sich nicht mehr. Er atmete schwer und
+mühsam, sein Kopf sank unwillkürlich auf die Brust. Noch einmal richtete
+er den Blick starr auf Ordynoff, als wolle er ihn zum letztenmal
+durchbohren, aber auch dieser Blick erlosch endlich und seine Lider
+senkten sich, als wären sie bleischwer. Tödliche Blässe breitete sich
+über sein Antlitz ... Ein paarmal zuckten noch seine Lippen und bewegten
+sich, als wollten sie etwas sagen – und plötzlich glänzte eine große
+heiße Träne an seinen Wimpern, hing, löste sich und rollte langsam über
+seine bleiche Wange herab ... Ordynoff hatte nicht mehr die Kraft, noch
+länger dies alles zu ertragen. Er erhob sich, trat schwankend einen
+Schritt vor, näherte sich Katherina und faßte sie am Arme; sie aber
+hatte nicht einmal einen Blick für ihn, und tat, als bemerke sie ihn
+überhaupt nicht ...
+
+Es war, als verließe sie gleichfalls die Besinnung, als hielte ein
+besonderer Gedanke sie in seinem Bann oder als sei sie von einem
+einzigen starren Gedanken erfüllt. Sie sank an die Brust des schlafenden
+Alten, schlang ihren weißen Arm um seinen Hals und sah ihn regungslos
+an, als könne sie den Blick nicht losreißen von ihm. Sie fühlte es wohl
+gar nicht, als Ordynoff ihren Arm erfaßte. Erst nach einer Weile hob sie
+den Kopf und wandte das Gesicht ihm zu und sah ihn mit einem langen
+durchdringenden Blick an. Und dann rang sich, als begreife sie endlich,
+ein schweres, verwundertes Lächeln gleichsam mühselig, wie mit Schmerz
+aus ihrem Innersten hervor und erschien auf ihren Lippen ...
+
+„Geh, geh fort,“ flüsterte sie, „du bist betrunken und böse! Du bist mir
+ein schlechter Gast!“ Und sie wandte sich wieder dem Alten zu und wieder
+hing ihr Blick wie gebannt an seinen Zügen.
+
+Sie schien jeden Atemzug des Schlafenden zu bewachen, schien seinen
+Schlaf mit ihrem Blick liebkosen zu wollen. Ja, sie schien sogar ihren
+eigenen Atem zurückzuhalten, als wage sie kaum, ihr Herz schlagen zu
+lassen. In ihrem Gesicht, in ihrem ganzen Wesen lag eine solche
+Liebesverzückung, daß Ordynoff plötzlich von Verzweiflung, Wut, Zorn und
+rasendem Haß übermannt wurde ...
+
+„Katherina! Katherina!“ rief er, wie mit Klammern ihren Arm umspannend.
+
+Schmerz sprach aus ihrem Gesicht: sie erhob wieder den Kopf und sah ihn
+an, doch diesmal mit solch einem Spott und solch schamloser Verachtung,
+daß er sie anstarrte, ohne fassen zu können, was er sah. Sie wies auf
+den schlafenden Alten und sah – als wäre der ganze Hohn seines Feindes
+in ihre Augen übergegangen – sah mit einem Blick zu Ordynoff auf, unter
+dem in seinem Inneren irgend etwas mit schneidendem Schmerz zerriß und
+von dem es ihn mit Eiseskälte überlief.
+
+„Was? er wird mich ermorden, meinst du?“ stieß Ordynoff hervor, außer
+sich vor Wut.
+
+Und als hätte ihm ein Dämon etwas ins Ohr geflüstert – begriff er sie
+plötzlich ... und sein ganzes Herz lachte gellend dazu.
+
+„So werde ich dich denn kaufen, du Schöne, von deinem Kaufmann, wenn du
+meine Seele verlangst! Sei ruhig, nicht er wird morden! ...“
+
+Das starre Lachen, das nicht aus ihrem Gesicht wich, wurde ihm
+fürchterlich. Der grenzenlose Hohn ihres Spottlächelns marterte ihm das
+Herz. Er wußte nicht mehr, was in ihm vorging, und was er fast
+mechanisch tat: er stützte sich an die Wand und nahm von einem Nagel
+einen altertümlichen kostbaren Dolch. Ein Ausdruck wie Verwunderung
+glitt über Katherinas Züge; zugleich jedoch trat der Ausdruck von Haß
+und Verachtung mit solcher Stärke in ihre Augen, daß er alles andere
+darüber vergessen ließ. Ordynoff sah sie an und ihm schwindelte ... Es
+war ihm, als zerre jemand an seiner Hand, die sich zu einer unsinnigen
+Tat erheben wollte, und als sei ein fremder Trieb in ihr. Er zog das
+Messer aus der Scheide ... Katherina folgte regungslos, wie in atemloser
+Spannung, seiner Bewegung ...
+
+Er sah auf den Alten ...
+
+Da schien es ihm plötzlich, als ob ein Augenlid des Alten sich langsam
+hebe und als ob durch die Wimpern, lauernd, ein Auge ihn lächelnd
+ansehe. Ihre Blicke begegneten einander, Auge ruhte in Auge. Minutenlang
+sah Ordynoff ihn an, ohne zu zucken ... Plötzlich aber schien es ihm,
+daß das ganze Gesicht des Alten lache und ein teuflisches Gelächter, das
+ihn eisig überlief und erstarren machte, im Zimmer erschallte. Ein
+scheußlicher nachtschwarzer Gedanke kroch wie eine Schlange durch sein
+Gehirn. Er erzitterte: das Messer entfiel seiner Hand und klirrte auf
+die Diele. Katherina schrie auf, wie aus einem Traume erwachend, wie
+nach einem furchtbaren Alb, und doch noch im Bann des Schreckbildes ...
+Der Alte erhob sich langsam, mit bleichem Gesicht, und stieß voll
+Ingrimm mit dem Fuß das Messer in die Ecke des Zimmers. Katherina stand
+totenblaß neben dem Bett und rührte sich nicht. Ihre Augen schlossen
+sich; ein dumpfer, unerträglicher Schmerz drückte sich in ihren Zügen
+aus; sie bedeckte das Gesicht mit den Händen und mit einem
+erschütternden Aufschrei warf sie sich dem Alten zu Füßen ...
+
+„Aljoscha! Aljoscha!“ rang es sich in äußerster Verzweiflung aus ihrer
+Seele.
+
+Der Alte umfing sie mit seinen mächtigen Armen und erdrückte sie fast an
+seiner Brust. Als sie aber ihren Kopf so an ihn schmiegte, da lachte
+jeder Zug, jede Runzel im Gesicht des Alten ein so schamloses,
+entblößtes nacktes Lachen, daß Ordynoff nur fühlte, wie kaltes Entsetzen
+ihn ergriff. Betrug, Berechnung, eifersüchtige Tyrannei und
+Vergewaltigung dieses armen, dieses zerrissenen Herzens – das war es,
+was er an dem schamlosen Lachen begriff.
+
+„Wahnsinnige!“ flüsterte er erschauernd, von Entsetzen geschüttelt, und
+stürzte hinaus.
+
+
+ VI.
+
+Als Ordynoff am nächsten Morgen, noch blaß und erregt von dem Erlebnis
+der Nacht, gegen acht Uhr bei Jaroslaw Iljitsch eintrat – zu dem er
+übrigens aus einem ihm selbst völlig unklaren Grunde gegangen war –
+blieb er starr vor Überraschung auf der Schwelle stehen: denn im Zimmer
+erblickte er – Murin. Der Alte war noch bleicher als Ordynoff und schien
+sich vor Krankheit kaum auf den Füßen halten zu können, weigerte sich
+jedoch, trotz aller Aufforderungen Jaroslaw Iljitschs, der über den
+Besuch offenbar sehr erfreut war, auf einem Stuhl Platz zu nehmen. Als
+Jaroslaw Iljitsch Ordynoff erblickte, entfuhr ihm ein Ausruf freudiger
+Überraschung, doch schon im nächsten Augenblick wich seine Freude einer
+recht merkbaren Verwirrung, die ihn ganz plötzlich überkam, so daß er
+mitten auf dem Wege zum nächsten Stuhl, den er wohl Ordynoff hatte
+anbieten wollen, ratlos stehen blieb. Man sah es ihm an, daß er nicht
+wußte, was er sagen oder tun sollte und daß er es zugleich als unpassend
+empfand, in dieser schwierigen Lage seine türkische Pfeife weiter zu
+rauchen. Trotzdem aber – so groß war seine Verwirrung – zog er in vollen
+Zügen den Rauch aus seinem Pfeifenrohr und zwar noch viel häufiger und
+heftiger, als es sonst seine Art war. Inzwischen trat Ordynoff ins
+Zimmer. Er warf einen flüchtigen Blick auf Murin und bemerkte in dessen
+Gesicht etwas Ähnliches wie das boshafte Lächeln vom letzten Abend, das
+Ordynoff auch jetzt wieder erbeben machte vor Wut und Empörung. Übrigens
+verschwand alles Feindliche sofort aus Murins Zügen und sein Gesicht
+nahm den Ausdruck vollständiger Verschlossenheit und Gelassenheit an.
+Langsam machte er eine sehr tiefe Verbeugung vor seinem Mieter ... Diese
+kurze Szene hatte indes das Gute, daß sie Ordynoff vollends zur
+Besinnung brachte. Er sah Jaroslaw Iljitsch mit scharfem Blick
+aufmerksam an, wie um aus dessen Antlitz sich Aufschluß über den
+Sachverhalt zu verschaffen. Jaroslaw Iljitsch freilich schien dieser
+forschende Blick äußerst peinlich zu sein.
+
+„Aber ich bitte Sie, treten Sie doch näher, teuerster Wassilij
+Michailowitsch,“ brachte er endlich verwirrt hervor, „ich bitte Sie
+dringend, beehren Sie mich mit Ihrem Besuch ... Geben Sie diesen meinen
+einfachen Sachen hier ... die Weihe, indem Sie ihnen, wie gesagt, die
+Ehre antun ... wie gesagt ...“
+
+Jaroslaw Iljitsch geriet mit seinen Gedanken und Worten in einige
+Unordnung, verlor den Faden, wurde bis über die Ohren rot vor Verwirrung
+und auch vor Ärger darüber, daß die schöne Phrase mißlungen war und daß
+er sie somit umsonst ausgespielt, sie für immer verdorben hatte. Mit
+Gepolter rückte er deshalb einen Stuhl bis mitten ins Zimmer.
+
+„Ich werde Sie nicht lange aufhalten, Jaroslaw Iljitsch, ich wollte nur
+...“
+
+„Aber ich bitte Sie! Sie und mich aufhalten – Wassilij Michailowitsch!
+... Doch – nicht wahr – ein Glas Tee? He! Bedienung! ... Und Sie,
+versteht sich, werden doch auch nicht ein Glas ablehnen!“
+
+Murin nickte nur mit dem Kopf, wodurch er wohl zu verstehen gab, daß er
+das Angebot ganz selbstverständlich fand.
+
+Jaroslaw Iljitsch schnauzte zunächst den eingetretenen Diener wegen
+seiner angeblichen Saumseligkeit an und bestellte dann in strengem Tone
+noch drei Glas Tee, worauf er sich auf den nächsten Stuhl neben Ordynoff
+niederließ. Nachdem er sich gesetzt, drehte er den Kopf wie eine
+Pappkatze bald nach rechts, bald nach links, sah von Murin zu Ordynoff
+und von Ordynoff zu Murin. Seine Lage war keineswegs angenehm. Offenbar
+wollte er etwas sagen, etwas vielleicht äußerst Kitzliges, wenigstens
+für den einen Teil; doch ungeachtet aller seiner Gedankenanstrengungen
+brachte er nichts über die Lippen ... Ordynoff schien auch nicht recht
+zu wissen, was er sagen, und noch viel weniger, was er denken sollte. Es
+gab einen Augenblick, wo sie plötzlich beide zugleich anfangen wollten.
+... Währenddessen hatte der schweigsame Murin Zeit, sie aufmerksam zu
+beobachten und in sein Gesicht wieder den Ausdruck der Ruhe zu bringen
+...
+
+„Ich bin gekommen, um Ihnen mitzuteilen,“ begann plötzlich Ordynoff,
+„daß ich mich infolge eines unangenehmen Zwischenfalls gezwungen sehe,
+meine Wohnung zu verlassen, und ...“
+
+„Ja denken Sie sich!“ unterbrach ihn Jaroslaw Iljitsch. „Ich war, offen
+gestanden, baff, als mir dieser ehrenwerte Mann hier von Ihrem Entschluß
+Mitteilung machte. Aber ...“
+
+„Wie, _er_ hat es Ihnen bereits mitgeteilt?“ fragte Ordynoff verwundert,
+und blickte auf Murin.
+
+Dieser strich sich über den Bart und lächelte vor sich hin.
+
+„Ja, was sagen Sie dazu!“ fuhr Jaroslaw Iljitsch fort. „Übrigens – oder
+habe ich da vielleicht was mißverstanden? Jedenfalls muß ich sagen, daß
+– ich versichere Sie bei meiner Ehre! – daß in seinen Worten auch nicht
+der Schatten einer Sie kränkenden Äußerung enthalten gewesen ist ...“
+
+Und Jaroslaw Iljitsch errötete hierbei und vermochte nur mit Mühe seine
+Erregung niederzuhalten. Murin, der sich an der Verwirrung Jaroslaw
+Iljitschs und seines Gastes inzwischen genugsam ergötzt zu haben schien,
+hielt es nun wohl für angemessen, auch mit der Sprache herauszurücken,
+und trat einen Schritt vor.
+
+„Ich habe dieserhalb, Euer Wohlgeboren,“ begann er langsam, sich nach
+Bauernart vor Ordynoff verneigend, „Eure Wohlgeboren zu belästigen
+gewagt. Es ist nun mal so, Herr, es kommt schon so heraus – Sie wissen
+doch selber: wir – wollte sagen ich und meine Hausfrau – wir wären ja
+mehr als froh und würden auch kein Wort dawider reden ... Aber – was
+soll man da viel sagen – was hab’ ich denn für eine Wohnung, das wissen
+und sehen Sie doch selbst, Herr! Und was haben wir denn überhaupt – grad
+nur so viel, daß man satt wird, wofür wir denn auch genugsam dem
+Schöpfer danken und zu ihm beten, und ihn bitten, er möge uns seine
+Gnade auch fernerhin in diesem Maße zuteil werden lassen. Aber sonst,
+Herr, Sie sehen doch selbst, wie’s ist, was soll man da viel reden?“ Und
+Murin wischte sich nach echter Bauernart mit dem Ärmel ruhig den Bart.
+
+Ordynoff fühlte nur, wie ihn Ekel erfaßte.
+
+„Ja, es ist wahr, ich habe Ihnen auch schon von ihm erzählt: er ist
+krank, tatsächlich, ^ce malheur^ ... das heißt, Verzeihung, ich wollte
+... ich beherrsche die französische Sprache nicht vollkommen, aber wie
+gesagt ...“
+
+„Ja, wie ...“
+
+„Ja eben, wie gesagt ... das heißt ...“
+
+Ordynoff und Jaroslaw Iljitsch machten sich gegenseitig so etwas wie
+eine halbe Verbeugung, natürlich ohne sich deshalb von den Stühlen zu
+erheben, und Jaroslaw Iljitsch suchte das entstandene kleine
+Mißverständnis mit einem entschuldigenden Lachen zu verwischen, fuhr
+jedoch sogleich wieder fort:
+
+„Übrigens habe ich mich soeben ausführlich bei ihm erkundigt, und wie er
+mir erklärte – und ich glaube ihm, da ich ihn als Ehrenmann kenne, aufs
+Wort! – daß die Krankheit jenes ... jungen Weibes ...“
+
+Hier sah der gewissenhafte Jaroslaw Iljitsch – vermutlich um einen
+kleinen Zweifel zu beseitigen, der sich wieder auf Murins Gesicht
+gezeigt hatte, mit fragendem Blick zu ihm auf.
+
+„Nun ja, unserer Hausfrau ...“
+
+Der zartfühlende Jaroslaw Iljitsch begnügte sich sogleich mit der ihm
+zuteil gewordenen Erklärung und fuhr schnell fort:
+
+„... Ihrer Hausfrau – das heißt, jetzt ist sie es ja nicht mehr, aber
+sie war es – also Ihrer ... das heißt, pardon, ich weiß nicht ... nun
+ja! Sehen Sie, sie ist eben krank und dem müssen Sie Rechnung tragen.
+Sie sagt, sie störe Sie ... in Ihrer Beschäftigung, und auch er ... Sie
+haben mir nämlich einen wichtigen Zwischenfall verschwiegen, Wassilij
+Michailowitsch!“
+
+„Welch einen?“
+
+„Ja – das mit der Flinte,“ sagte in der schonendsten Weise flüsternd
+Jaroslaw Iljitsch, wobei nur ein verschwindender Bruchteil, höchstens
+ein Milliontel eines Vorwurfs aus dem zart-freundschaftlichen Tonfall
+seiner Tenorstimme herauszuhören war.
+
+„Aber,“ fügte er schnell hinzu, „jetzt, wo ich alles weiß – er hat mir
+nämlich den ganzen Vorgang erzählt – kann ich Ihnen nur sagen, daß es
+von Ihnen höchst anständig und anerkennenswert war, ihm seine unbedachte
+Tat zu verzeihen. Ich schwöre Ihnen, ich sah Tränen in seinen Augen, als
+er davon sprach! ...“
+
+Jaroslaw Iljitsch errötete wieder ein wenig; seine Augen glänzten und er
+rückte zufrieden seinen Stuhl und sich selbst etwas von der alten
+Stelle.
+
+„Ich, wollte sagen, wir, Herr, Euer Wohlgeboren, will sagen ich und
+meine Hausfrau, wie beten wir für Euch zu Gott,“ begann wieder Murin,
+sich an Ordynoff wendend – während Jaroslaw Iljitsch noch wie gewöhnlich
+seine Erregung niederkämpfte – und er sah ihn dabei unverwandt an, „aber
+Ihr wißt doch selbst, Herr, sie ist ein krankes, dummes Weib; und mich
+wollen die Füße auch nicht so recht mehr tragen ...“
+
+„Aber ich bitte Sie,“ unterbrach ihn Ordynoff ungeduldig, „ich bin ja
+bereit, meinetwegen sofort! ...“
+
+„Nein, Herr, will sagen, wir wären ja mit Verlaub, mit Euer Wohlgeboren
+mehr als zufrieden.“ (Murin verbeugte sich wieder äußerst tief.) „Ich,
+Herr, ich rede nicht davon; ich wollte nur ein Wort noch sagen – sie ist
+doch, Herr, fast verwandt mit mir, wenn auch nicht nah, sondern nur so
+wie man beispielsweise zu sagen pflegt, etwa durch sieben Scheffel
+Erbsen, will sagen, Euer Wohlgeboren mögen uns unsere einfache
+Ausdrucksweise zugute halten, wir sind niedrige Leute – aber sie ist ja
+schon von Kindheit an so! Eigenwillig, im Walde aufgewachsen, nur unter
+den Barkenknechten und Fabrikarbeitern. Und da brannte dann noch das
+Haus nieder; und ihre Mutter, Herr, verbrannte; und auch der Vater
+verbrannte – aber sie selbst, Herr, erzählt das doch Gott weiß wie ...
+Ich will ihr nur nicht widersprechen, aber in Moskau haben die größten
+Ärzte sie untersucht, ein ganzes Kon... Konsilium, wie sie sagen ...
+doch nichts war zu machen, Herr, sie ist ganz unheilbar, das ist es! Ich
+allein bin ihr noch geblieben, und so lebt sie denn bei mir ... will
+sagen, so leben wir denn beide, beten zu Gott und hoffen auf seine
+Allmacht; sonst aber – mag sie reden, was sie will, ich widerspreche ihr
+schon gar nicht mehr ...“
+
+Ordynoff erbleichte. Jaroslaw Iljitsch sah wieder bald den einen, bald
+den anderen an.
+
+„Aber ich wollte nicht davon reden, Herr ... nein!“ fuhr Murin fort und
+schüttelte ernst das Haupt. „Sie ist nun einmal so, will sagen, von so
+heißblütigem Schlage, das Köpfchen stürmisch, liebevoll und
+liebebedürftig, ist wie’n Wirbelwind, hat alleweil Verlangen nach einem
+lieben Freunde, will immer – wenn ich mit Verlaub Euer Gnaden so sagen
+darf –, daß man ihrem Herzen einen Geliebten gebe; das ist eben ihre
+Verrücktheit. So erzähle ich ihr denn Märchen, um sie abzulenken und zu
+zerstreuen. Das ist nun mal so. Aber ich hab’ ja doch, Herr, gesehen,
+wie sie – verzeiht schon, Herr, mein dummes Wort,“ entschuldigte Murin
+sich mit einer Verbeugung und indem er wieder mit dem Ärmel den Bart vom
+Munde nach links und rechts wischte, „wie sie beispielsweise mit Euer
+Gnaden näher bekannt geworden ist, will sagen, um beispielsweise zu
+reden, daß Sie, halten zu Gnaden, beispielsweise bezüglich der Liebe
+sich ihr zu nähern wünschten ...“
+
+Jaroslaw Iljitsch wurde feuerrot und blickte vorwurfsvoll auf Murin.
+Ordynoff bezwang sich so weit, daß er äußerlich ruhig auf seinem Stuhl
+sitzen blieb.
+
+„Nein ... will sagen, ich, Herr, ich wollte nicht davon reden ... ich
+bin, halten zu Gnaden, nur ein einfacher Bauer, Herr ... wir sind
+niedrige Leute, sind unwissend und ungebildet, Herr, sind Eure Diener.“
+Er machte wieder eine tiefe Verbeugung. „Und wie werden wir, ich und
+mein Weib, für Euer Gnaden beten! ... Worüber hätten wir auch zu klagen?
+– wenn man nur immer satt wird und gesund bleibt, dann ist man schon
+zufrieden. Aber was soll ich denn, Herr, tun? – soll ich freiwillig den
+Kopf in die Schlinge stecken! Ihr wißt doch, Herr, das ist eine
+Lebensfrage, habt Mitleid mit uns, das würde ja sein wie mit einem
+Liebhaber! ... Halten zu Gnaden, Herr, mein grobes Wort ... bin ein
+Bauer und Ihr seid ein Herr ... Aber Euer Gnaden sind eben ein junger,
+stolzer, heißer Mensch, sie aber, Herr, Ihr wißt doch selbst, ist noch
+ein Kind, jung und unvernünftig – wie weit ist es denn da mit ihr bis
+zur Sünde! Sie ist ja gewiß ein frisches, rosiges, liebes Weib, und mich
+Alten plagt immer die Krankheit. Nun was? Wie man sieht, muß der Teufel
+Euer Gnaden schon arg umgarnt haben! Ich zerstreue sie schon immer mit
+Märchen und ähnlichen Geschichten, zerstreue sie wirklich! ... Und wie
+wir für Euer Gnaden beten würden! will sagen, wirklich von
+Herzensgrunde! ... Und was finden denn Euer Gnaden an ihr? Wenn sie auch
+schön ist, sie bleibt doch eine Bäuerin, ein einfaches Weib, das zu mir,
+dem einfachen Bauern paßt! Euch aber, Herr, steht es doch nicht an, sich
+mit Bäuerinnen abzugeben! Und wie wir doch für Euer Gnaden beten werden,
+wirklich von Herzensgrunde! ...“
+
+Und Murin neigte sich von neuem tief, tief und blieb lange in dieser
+untertänigst ergebenen Stellung, während er zugleich unausgesetzt mit
+dem Ärmel den Bart vom Munde zu den Seiten strich. Jaroslaw Iljitsch
+wußte kaum noch, wo er sich lassen sollte.
+
+„Ja ... tja, der gute Mann,“ begann er, nur so, um etwas zu sagen,
+„erzählte mir da auch so einiges ... wie gesagt, es scheint eben doch
+nicht so weiter zu gehen. Nur, bitte, denken Sie deshalb nicht, bester
+Wassilij Michailowitsch, daß ich mir da ... vielleicht irgendwelche
+Gedanken zu machen erlaube! ... Wie gesagt,“ unterbrach er sich schnell,
+„ich hörte, Sie seien noch immer krank?“ fragte er teilnehmend und sah
+Ordynoff vor lauter Verlegenheit mit förmlich bittendem Blick an.
+
+„Wie viel bin ich Ihnen schuldig?“ fragte Ordynoff schnell, sich an
+Murin wendend.
+
+„Wie denn, Herr! Wir sind doch keine Räuber! Euer Gnaden werden uns doch
+nicht beleidigen wollen! Nein, Herr, Euer Wohlgeboren sollten sich
+schämen, – wodurch haben wir denn Euer Gnaden gekränkt? Ich bitte!“
+
+„Aber ... einstweilen – erlauben Sie mal, mein Freund: so geht das doch
+auch nicht! Er war immerhin Ihr Mieter – ja, fühlen Sie denn nicht, daß
+umgekehrt Sie ihn durch Ihre Weigerung, eine Entschädigung dafür
+anzunehmen, empfindlich kränken, ja gewissermaßen sogar beleidigen?“
+legte sich Jaroslaw Iljitsch ins Mittel, da er es für seine Pflicht
+hielt, Murin die peinliche Seite seiner Handlungsweise zu Bewußtsein zu
+bringen.
+
+„Aber ich bitte, Herr! Wie kommen Euer Wohlgeboren nur darauf? Erbarmen
+Sie sich! Inwiefern sind wir denn Eurer Ehre zu nahe getreten? Haben uns
+doch redlich und weidlich bemüht, alles zu tun, was in unseren Kräften
+steht! Laßt es gut sein, Herr, Gott verzeihe Euch! Sind wir denn Heiden
+oder Wegelagerer? Wir hätten ja nichts dawider, mag er bei uns leben,
+unser einfaches Essen mit uns teilen und es zur Gesundheit verzehren, –
+mag er, mag er – wir würden ja nichts dawider sagen und ... kein Wort
+reden; aber da hat nun der Teufel seine Hand im Spiel, ich bin ein
+kranker Mensch und auch sie ist ein krankes Weib – was soll man da tun!
+Es ist niemand zum Bedienen da, sonst aber wären wir ja von Herzen froh.
+Und wie wir doch für Euer Gnaden, Herr, beten werden, will sagen, wie
+inbrünstig beten!“
+
+Murin neigte sich wieder tief vor Ordynoff. Jaroslaw Iljitsch war vor
+lauter Anteilnahme geradezu gerührt und wandte seinen Blick fast stolz
+Ordynoff zu.
+
+„Was sagen Sie dazu, ist das nicht ein edler Zug!“ rief er begeistert
+aus. „Ist es nicht ein heiliges Gefühl der Gastfreundschaft, das in
+unserem russischen Volke schlummert!“
+
+Ordynoff sah ihn wild an und maß ihn vom Kopf bis zu den Füßen mit einem
+Blick, in dem fast Entsetzen sich ausdrückte.
+
+„Ja, so ist es wirklich, Herr, Gastfreundschaft ist uns heilig, und
+wie!“ bestätigte Murin, und wieder wischte der Ärmel den Bart vom Munde
+nach links und rechts, „und da kommt mir soeben ein Gedanke: der Herr
+war bei uns eben nur zu Gast, bei Gott, nur zu Gaste,“ fuhr er fort,
+indem er sich Ordynoff näherte, „und es wäre ja alles gut, Herr, – nun,
+beispielsweise einen Tag, sagen wir, noch einen – ich würde ja wirklich
+nichts dawider haben. Aber die Sünde verführt, und meine Hausfrau ist
+nun einmal nicht ganz gesund. Ja, wenn sie nicht wäre! – will sagen,
+wenn ich beispielsweise allein leben würde! – oh, wie würde ich da Euer
+Gnaden dienen und alles zu Gefallen tun! – will sagen, das steht ja ganz
+außer Frage! Wen sollten wir denn achten, wenn nicht Euer Gnaden? Und
+ich würde Euch schon gesund machen, Herr, wirklich, ich kenne ein Mittel
+... Nur zu Gaste seid Ihr bei uns gewesen, Herr, bei Gott, da habt Ihr
+mein Wort darauf, wirklich nur zu Gaste! ...“
+
+„Nein in der Tat, gibt es nicht ein solches Mittel?“ bemerkte Jaroslaw
+Iljitsch ... brach aber kurz ab und wandte sich schleunigst zur Seite.
+
+Ordynoff hatte ihm entschieden unrecht getan, als er ihn mit so wilder
+Verwunderung maß.
+
+Jaroslaw Iljitsch war natürlich einer der ehrlichsten und anständigsten
+Menschen, doch jetzt, wo er endlich alles begriffen hatte, war seine
+Lage allerdings eine äußerst schwierige. Er wollte, wie man so sagt,
+einfach bersten vor Lachen! Wäre er mit Ordynoff allein gewesen, so
+hätte er sich selbstverständlich (zwei so gute Freunde unter sich!)
+nicht bezwungen und sich rückhaltlos dem Ausbruch seiner Heiterkeit
+hingegeben. Jedenfalls hätte er, eben wie ein im Grunde anständiger
+Kerl, voll Mitempfinden Ordynoff die Hand gedrückt, hätte ihm aufrichtig
+und wahrheitsgemäß versichert, daß er ihn nun noch doppelt achte und es
+unter allen Umständen verzeihlich finde, daß usw. ... Jugend bliebe eben
+Jugend. Doch in Murins Gegenwart war das natürlich ausgeschlossen: und
+so befand er sich denn in einer so peinlichen Lage, daß er nicht wußte,
+wohin er mit sich sollte ...
+
+„Ein Mittel, will sagen, ein Heilmittel,“ versetzte Murin, dessen ganzes
+Gesicht nach dem ungeschickten Zwischenruf Jaroslaw Iljitschs ins Zucken
+geriet.
+
+„Ich, Herr, ich würde in meiner Dummheit, das heißt, bei meinem
+bäuerischen Unverstand, nur das sagen,“ fuhr er fort, wieder einen
+Schritt näher tretend: „Bücher, Herr, habt Ihr arg viel gelesen; ich
+sage auch: klug seid Ihr sehr, seid sogar arg klug geworden und Euer
+Verstand ist arg gewachsen; aber nun, wie man bei uns Bauern zu sagen
+pflegt, nun ist der Verstand da angelangt, wo er stille steht ...“
+
+„Genug! hören Sie auf!“ unterbrach ihn Jaroslaw Iljitsch in strengem
+Ton.
+
+„Ich gehe,“ sagte Ordynoff. „Ich danke Ihnen, Jaroslaw Iljitsch. Gewiß,
+gewiß, ich werde Sie besuchen, nächstens,“ versprach er noch schnell,
+der Aufforderung zuvorkommend, da sie schon in der Gebärde lag, mit der
+ihn Jaroslaw Iljitsch zurückzuhalten suchte. „Leben Sie wohl ...“
+
+Ordynoff hörte nichts mehr. Halb wahnsinnig verließ er das Zimmer.
+
+Er war wie zerschlagen und alles Denken war in ihm erstarrt. Er hatte
+eigentlich nur die dumpfe Empfindung seiner Krankheit, doch zugleich
+erfaßte ihn eine kalte Verzweiflung, die ihn den einen, kaum bewußt
+gefühlten Schmerz in der Brust vergessen ließ. Er dachte an den Tod,
+dachte, daß es das beste wäre, jetzt schnell zu sterben. Seine Füße
+versagten ihm den Dienst und er setzte sich auf eine Bank an einem Zaun,
+ohne den Vorübergehenden irgendwelche Beachtung zu schenken: allen den
+Leuten, die sich nach und nach um ihn zu versammeln begannen, ihn teils
+neugierig und mitleidig betrachteten, teils Fragen an ihn stellten und
+sich besorgt ereiferten. Da vernahm er plötzlich durch das Stimmengewirr
+Murins Stimme, die ihn wie aus einem Traum schreckte, und er sah auf.
+Der Alte stand neben ihm: sein bleiches Gesicht war ernst und
+nachdenklich. Das war ein ganz anderer Mensch, als der, der sich bei
+Jaroslaw Iljitsch in so frecher Weise über ihn lustig gemacht hatte.
+Ordynoff erhob sich und Murin faßte ihn am Arm und führte ihn aus der
+Menge.
+
+„Du mußt noch deine Habseligkeiten mitnehmen,“ sagte er, indem er
+Ordynoff flüchtig von der Seite ansah und seinen Arm wieder freigab.
+„Sei nicht traurig, Herr!“ versuchte er ihn zu ermuntern. „Du bist jung,
+wozu da trauern! ...“
+
+Ordynoff schwieg.
+
+„Bist gekränkt, Herr? Ärgerst dich also ... aber worüber denn? Jeder
+verteidigt sein Gut!“
+
+„Ich kenne Sie nicht,“ stieß Ordynoff hervor, „und Ihre Geheimnisse
+gehen mich nichts an. Aber sie, sie!“ rief er, und Tränen entströmten
+seinen Augen und rollten über seine Wangen, doch der Wind trocknete sie
+schnell ... Ordynoff hob die Hand, wie um sie fortzuwischen. – Aber
+seine Geste, sein Blick, die unwillkürliche Bewegung seiner bebenden
+bläulichen Lippen – alles schien darauf hinzudeuten, daß sein Geist
+nicht lange mehr widerstandsfähig war und er dem Wahnsinn verfallen sein
+mochte.
+
+„Ich habe dir doch schon erklärt,“ sagte Murin, die Brauen
+zusammenziehend, „sie ist eine Halbirrsinnige! Wodurch und wie sie
+irrsinnig wurde ... wozu brauchst du das zu wissen? Mir ist sie auch so
+– das, was sie mir ist! Ich habe sie liebgewonnen mehr als mein Leben
+und werde sie niemand abtreten. Begreifst du jetzt!“
+
+In Ordynoffs Augen flammte es auf.
+
+„Aber warum,“ stieß er hervor, „warum ist mir denn nun, als hätte ich
+mein Leben verloren? Warum schmerzt denn _mein_ Herz? Warum mußte ich
+Katherina kennen lernen?“
+
+„Warum?“ wiederholte Murin mit kurzem Auflachen, ward aber sogleich
+ernst und nachdenklich. „Ja, warum – das weiß ich auch nicht,“ murmelte
+er endlich. „Weibersinn ist schließlich kein Meeresgrund, erforschen
+kann man ihn schon, aber! ... Was sie wollen, das muß man ihnen geben –
+ob sie’s mit List, Beharrlichkeit oder Zähheit verlangen – aber geben
+muß man’s ihnen, als hätte man es nur aus der Tasche zu nehmen und
+hinzulegen. Da ist es denn wohl wahr, Herr, daß sie mit Ihnen von mir
+weggehen wollte,“ fuhr er nachdenklich fort. „Sie verschmähte den Alten,
+nachdem sie mit ihm alles erlebt, was man erleben kann! Da müssen Sie
+ihr anfangs arg in die Augen gestochen haben! Oder war’s nur so – ob
+Sie, ob ein anderer ... Ich verbiete ihr ja nichts, lasse ihr in allem
+ihren Willen. Und sollte sie Vogelmilch verlangen – ich verschaffe ihr
+auch Vogelmilch, werde selbst den Vogel erschaffen, wenn es einen
+solchen noch nicht gibt! Eitel ist sie! Nach Freiheit strebt sie und
+dabei weiß sie selbst nicht, was das Herz will. Und da hat es sich denn
+jetzt herausgestellt, daß es am besten doch wieder beim alten bleibt!
+Ach, Herr! Jung bist du, noch arg jung! Dein Herz ist heiß wie das Herz
+eines jungen Mädchens, das sich noch mit dem Ärmel die Tränen trocknet,
+wenn es sich vom Liebsten verlassen sieht. Höre, Herr, was ich dir sage:
+ein schwacher Mensch kann sich allein nicht halten! Gib ihm alles, was
+du willst – er wird dir freiwillig alles wieder zurückgeben, und wenn du
+ihm auch das halbe Erdreich schenkst und sagst: ‚Nimm und herrsche!‘ –
+was meinst du, was er tut? – in den Stiebel kriecht er und versteckt
+sich, so klein macht er sich! Und so ist es auch mit dem freien Willen:
+gibst du ihn ihm, dem schwachen Menschen, so wird er ihn selbst binden
+und ihn dir zurückgeben. Dummen Herzen nützt Freiheit nichts. Sie wissen
+damit nichts anzufangen. Ich sage dir das nur so – bist noch arg jung!
+Sonst aber – was gehst du mich an? Gekommen, gegangen – ob du oder ein
+anderer: bleibt sich gleich. Ich hab’s ja schon von Anfang an gewußt,
+wie es kommen würde. Sich widersetzen, das hilft da nichts. Kein Wort
+darf man dawider sprechen, wenn man sein Glück bewahren will. Es ist
+doch, Herr,“ fuhr Murin fort, in seiner Art zu philosophieren,
+„gewöhnlich alles nur so ... gesagt: bis zum Ausführen hat’s noch eine
+gute Weile. Aber schließlich – was kann nicht vorkommen? Im Zorn ist
+auch das Messer zur Hand, oder wenn nicht, dann geht es auch unbewaffnet
+mit den Zähnen dem Feinde an die Gurgel! Wird dir aber offen das Messer
+angeboten und dein Feind entblößt vor dir seine breite Brust – da wirst
+du wohl zurücktreten!“
+
+Sie traten auf den Hof. Der Tatar, der sie schon von weitem hatte kommen
+sehen, nahm vor ihnen die Mütze ab und betrachtete Ordynoff mit listiger
+Neugier.
+
+„Wo ist deine Mutter? Zu Haus?“ wandte sich Murin barsch an ihn.
+
+„Zu Haus.“
+
+„Sag ihr, daß sie seine Sachen herunterschleppen soll. Und auch du,
+marsch! rühr dich!“
+
+Sie stiegen die Treppe hinauf. Die Alte, die bei Murin diente und die,
+was Ordynoff noch nicht gewußt hatte, die Mutter des Hausknechtes war,
+trug seine Habseligkeiten brummend zusammen und band sie in ein großes
+Bündel.
+
+„Warte; ich bringe dir noch etwas, was dir gehört ...“
+
+Murin ging in sein Zimmer, kam aber sogleich wieder zurück und händigte
+Ordynoff ein mit Seide und Perlen reich gesticktes Kissen ein, dasselbe,
+das Katherina ihm unter den Kopf gelegt hatte, als er krank wurde.
+
+„Das schickt sie dir,“ sagte er. „Jetzt gehe mit Gott, aber sieh zu, daß
+du auf dich acht gibst,“ fügte er halblaut in väterlichem Tone hinzu,
+„sonst kann es schlimm werden.“
+
+Augenscheinlich wollte er ihm beim Abschied nicht weh tun. Als aber
+Ordynoff bereits aus der Tür trat und er den letzten Blick auf ihn warf,
+da war es doch wie ein Aufflammen unendlicher Bosheit, das sich in
+seinem Blick verriet. Fast wie mit Ekel schloß Murin hinter ihm die Tür.
+
+Zwei Stunden darauf zog Ordynoff zu Spieß, dem Deutschen. Tinchen schlug
+die Hände zusammen und rief „Mein Gott und Vater!“ als sie ihn erkannte.
+Das erste war, daß sie sich nach seiner Gesundheit erkundigte, und als
+sie erfuhr, daß er krank war, schickte sie sich sogleich an, ihn zu
+kurieren.
+
+Der alte Spieß erzählte ihm darauf mit Selbstzufriedenheit, daß er
+gerade im Begriff gewesen sei, den Mietszettel wieder unten am Haustor
+auszuhängen, da dies genau der letzte Tag sei, an dem seine Anzahlung
+der Miete ablaufe. Natürlich konnte der Alte nicht umhin, bei der
+Gelegenheit ein Wörtchen über den deutschen Ordnungssinn im allgemeinen
+wie im besonderen einzuflechten und desgleichen auch die bekannte
+deutsche Ehrlichkeit rühmend hervorzuheben. Am selben Tage erkrankte
+Ordynoff ernstlich und erst nach vollen drei Monaten konnte er das Bett
+verlassen.
+
+Seine Genesung machte nur sehr langsame Fortschritte. Das Leben bei den
+Deutschen verging einförmig, ruhig, still. Der Alte schien im Grunde ein
+Gemütsmensch zu sein, ohne besondere Eigenheiten, und das nette Tinchen
+war, natürlich innerhalb der Gebote der Sittsamkeit, alles, was man nur
+wünschen konnte. Und doch erschien das Leben Ordynoff so öde und
+farblos, als hätte es für ihn auf ewig alles Licht und alle Farben
+verloren. Er versank in grübelndes Sinnen und wurde reizbar; er war
+gleichsam preisgegeben den Eindrücken, die er empfing und er empfand sie
+mit krankhafter Nachdrücklichkeit. So kam es, daß er in einen Zustand
+verfiel, der an Hypochondrie gemahnte und schließlich sein Empfinden
+gegen äußere Eindrücke völlig abstumpfte. Oft rührte er wochenlang kein
+Buch an. Die Zukunft war für ihn aussichtslos, sein Geld ging auf die
+Neige und er ließ schon im voraus die Arme sinken; ja er dachte nicht
+einmal an die Zukunft. Manchmal kam wohl seine frühere Liebe zur
+Wissenschaft über ihn, das frühere Fieber, das ihn zum Schaffen gedrängt
+hatte, und die Gedanken und Gestalten, die einst in seinem Geist
+entstanden waren, erstanden jetzt wieder aus der Vergangenheit und
+stellten sich förmlich greifbar vor ihm auf ... doch sie bedrückten ihn
+jetzt nur und lähmten seine Energie. Seine Gedanken wurden nicht zu
+Taten. Die Kraft zur Schöpfung war ausgeschaltet und so schien das
+Schaffen wie stehen geblieben. Es war, als erständen alle diese Ideen
+jetzt nur noch deshalb wie Giganten in seinem Geiste, um über seine,
+ihres Schöpfers, Kraftlosigkeit zu spotten. Unwillkürlich kam es ihm in
+einer traurigen Stunde in den Sinn, sich mit jenem vorwitzigen
+Zauberlehrling zu vergleichen, der, nachdem er von seinem Meister den
+Zauberspruch erlauscht, dem Besen befiehlt, das Wasser herbeizutragen,
+und der dann schließlich in diesem Wasser ertrinkt, weil er vergessen
+hat, wie man ihm Einhalt gebietet. Vielleicht, wer weiß, wäre von ihm
+eine große, selbständige, neue Idee in die Welt gesetzt worden.
+Vielleicht war es ihm bestimmt gewesen, ein Großer in seiner
+Wissenschaft zu werden. Wenigstens hatte er früher selbst so etwas
+geglaubt. Ein aufrichtiger Glaube aber ist schon eine Bürgschaft für die
+Zukunft. Jetzt jedoch lachte er über diesen seinen blinden Glauben und –
+kam keinen Schritt vorwärts. Ein halbes Jahr vorher war das anders
+gewesen: da hatte er in klaren Zügen eine Skizze zu einem Werk
+entworfen, in dem er seine Anschauungen festlegen wollte, und auf dieses
+Werk hatte er, jung wie er war, die größten, auch die größten
+materiellen Hoffnungen aufgebaut. Das Werk war ein Buch über
+Kirchengeschichte und Worte tiefster glühendster Überzeugung
+entströmten, während er an ihm schrieb, seiner Feder. Jetzt nahm er
+diesen Plan wieder vor, las ihn durch, änderte, dachte über ihn nach,
+las und suchte in den verschiedensten Büchern, und schließlich verwarf
+er seine Idee – verwarf sie, ohne sie durch eine andere zu ersetzen.
+Dafür begann so etwas wie Mystik, ja sogar so etwas wie ein Glaube an
+Prädestination und ein Ahnen der letzten Geheimnisse dieser Welt sich
+mehr und mehr in seine Seele einzudrängen. Der Unglückliche litt unter
+seinen unendlichen Qualen und wandte sich schließlich Gott zu, um bei
+ihm Erlösung zu finden. Die Aufwärterin der Deutschen, eine alte
+gottesfürchtige Russin, erzählte mit Wohlgefallen, wie ihr stiller
+Mieter in der Kirche bete und wie er zuweilen stundenlang regungslos auf
+den Knien liege, die Stirn auf die Fliesen gebeugt ...
+
+Er hatte zu keinem Menschen ein Wort von seinem Erlebnis gesagt.
+Zuweilen aber, namentlich in der Dämmerung, wenn die Kirchenglocken
+läuteten und zur Abendandacht riefen und ihr Klang in ihm wieder die
+Erinnerung an jenen Augenblick erweckte ... als zum erstenmal jenes
+Gefühl über ihn kam, das er noch nie empfunden und das ihn erzittern
+ließ, während er, neben ihr kniend, alles andere um sich her vergaß und
+nur ihr Herz pochen hörte ... und wie da plötzlich diese lichte Hoffnung
+mit einemmal sein einsames Leben durchstrahlt hatte und er vor lauter
+Freude und Entzücken in Tränen ausgebrochen war – wenn er das alles
+jetzt nochmals durchlebte, dann war es ihm, als risse ihn ein Sturm mit
+sich fort, ein Sturm, der sich aus seiner eigenen, für immer verwundeten
+Seele erhob; dann erzitterte er und die Qual der Liebe brannte wieder
+wie sengendes Feuer in seiner Brust; dann tat ihm das Herz vor Leid und
+Leidenschaft zum Zerspringen weh und mit der Trauer wuchs seine Liebe,
+wurde noch immer größer und tiefer. Oft saß er so, stundenlang, vergaß
+sich selbst und sein ganzes alltägliches Leben, vergaß alles in der Welt
+und saß stundenlang auf einem Fleck, einsam, traurig – stützte dann wohl
+die Ellbogen auf die Knie und bedeckte das Gesicht mit den Händen, bis
+ihm die Tränen durch die Finger rannen und er hoffnungslos müde den Kopf
+schüttelte, während seine Lippen leise flüsterten: „Katherina! Du Süße!
+Meine Taube du! Mein Schwesterchen! ...“
+
+Nach und nach jedoch begann eine häßliche Überzeugung sich immer mehr in
+ihm festzusetzen, ja sie verfolgte ihn geradezu und peinigte ihn und
+stand doch mit jedem Tage unabweisbarer vor ihm, bis sie aus einem
+bloßen Verdacht zur Wahrscheinlichkeit und zu guter Letzt zur Gewißheit
+und Überzeugung für ihn wurde. Es schien ihm – und wie gesagt, zuletzt
+glaubte er selbst fest daran – es schien ihm, daß Katherinas Geist und
+Vernunft keineswegs gelitten hatten, daß aber Murin seinerseits auch
+nicht so unrecht hatte, wenn er sie ein „schwaches Herz“ nannte. Es
+schien ihm, daß irgendein verbrecherisches Geheimnis sie mit dem Alten
+verband, daß aber das Verbrechen selbst Katherina gar nicht recht zu
+Bewußtsein gekommen, eben wegen ihres reinen Herzens, und daß sie so in
+seine Gewalt geraten war. Wer waren sie? – er wußte es nicht. Aber ihn
+verfolgte die Vorstellung einer erbarmungslosen, eifersüchtigen
+Tyrannei, die der Alte mit der Beherrschung des armen schutzlosen
+Geschöpfs ausübte, und sein Herz erbebte in ohnmächtiger Empörung. Es
+schien ihm, daß der Alte, als ihr vielleicht einmal so etwas wie eine
+Ahnung des ganzen Zusammenhangs aufgegangen war, ihr dann arglistig das
+„Verbrechen“ vorgehalten hatte, ihre Schuld und ihren Fall, um dann
+listig das arme „_schwache_“ Herz zu quälen und den Tatbestand in
+schlauer Weise zu verdrehen, wobei er mit Absicht ihre Blindheit da, wo
+es ihm ratsam erschien, noch verstärkt und andererseits die Neigungen
+ihres heißen, verwirrten, unerfahrenen Herzens begünstigt haben mochte,
+bis er ihr auf diese Weise allmählich die Flügel gestutzt und die einst
+freie unabhängige Seele so weit gebracht, daß sie schließlich weder zu
+einer Selbstbefreiung durch eine Rettung ins wirkliche Leben, noch zu
+überhaupt einer Auflehnung gegen seine schlaue Gewaltherrschaft fähig
+war ...
+
+Mit der Zeit wurde Ordynoff noch menschenscheuer, als früher, seine
+Deutschen hinderten ihn daran nicht im geringsten, was um der
+Gerechtigkeit willen nicht verschwiegen sei. Ab und zu aber machte er
+sich doch auf und ging hinaus, um dann lange ziellos durch die Straßen
+zu wandern. Es geschah das vornehmlich in der Dämmerstunde und dazu
+suchte er sich dann öde und entlegene Stadtteile auf, wo selten ein
+Mensch zu sehen war. An einem regnerischen Vorfrühlingsabend begegnete
+er in einer dieser Gassen Jaroslaw Iljitsch.
+
+Der war inzwischen merklich magerer geworden, seine freundlichen Augen
+hatten ihren Glanz verloren und der ganze Mensch machte den Eindruck,
+als habe das Leben ihn enttäuscht. Er hatte es gerade sehr eilig und
+eine Angelegenheit vor, die angeblich keinen Aufschub duldete – war
+dabei durchnäßt und angeschmutzt, und an seiner sonst sehr anständigen,
+jetzt jedoch von der Witterung etwas blau angelaufenen Nase hing in
+beinahe phantastischer Weise ein Regentropfen. Außerdem trug er einen
+Backenbart, während er früher nur einen Schnurrbart gehabt hatte.
+
+Dieser Backenbart und der Umstand, daß Jaroslaw Iljitsch im ersten
+Augenblick fast tat, als wolle er seinem alten Bekannten ausweichen,
+frappierten Ordynoff ... Und sonderbar! gewissermaßen schmerzte ihn das
+sogar und kränkte sein Herz, das doch bis dahin noch niemals des
+Mitleids anderer Menschen bedurft hatte. Der frühere Jaroslaw Iljitsch
+war ihm lieber gewesen, dieser gutmütige, dieser naive und –
+entschließen wir uns, es endlich offen auszusprechen – dieser etwas
+dumme Jaroslaw Iljitsch, der so gar keine Ansprüche machte auf
+Enttäuschungen oder Bereicherungen. Es ist doch unangenehm, entschieden
+unangenehm, wenn ein _dummer_ Mensch, den man einst vielleicht gerade
+wegen seiner Dummheit gern gehabt hat, _plötzlich klüger wird_! Übrigens
+verschwand das Mißtrauen, mit dem er im ersten Augenblick Ordynoff
+ansah, fast noch schneller, als dieser es wahrnehmen konnte.
+
+Doch ungeachtet dieser Veränderung hatte er seine alten Gewohnheiten
+keineswegs aufgegeben, wie ja bekanntlich fast jeder Mensch seine
+Gewohnheiten ins Grab mitzunehmen pflegt: und so begann er denn auch
+jetzt wieder ganz im Tone des besten Freundes die Unterhaltung. Zunächst
+bemerkte er, daß er viel zu tun habe, dann, daß sie sich lange nicht
+gesehen. Darauf nahm aber seine Rede plötzlich eine ganz andere und
+jedenfalls ganz neue Wendung. Er begann von der Verlogenheit der
+Menschen im allgemeinen zu sprechen, von der Vergänglichkeit der
+irdischen Güter sowie von der irdischen Nichtigkeit überhaupt, die nur
+eine einzige Sorge kenne ... versäumte auch nicht, so ganz beiläufig
+Puschkin zu erwähnen, jedoch in fast herablassendem Tone, und sprach
+ferner von seinen guten Bekannten sogar mit einem gewissen Zynismus,
+worauf er zum Schluß sich noch ein paar Andeutungen über die Falschheit
+derjenigen erlaubte, die sich öffentlich Freunde nennen, während es in
+Wirklichkeit, solange die Welt stehe, überhaupt noch keine echte
+Freundschaft gegeben habe. Mit einem Wort, Jaroslaw Iljitsch war _doch_
+klüger geworden!
+
+Ordynoff widersprach ihm nicht, aber eine unsagbare, qualvolle
+Traurigkeit bemächtigte sich seiner: es war ihm, als habe er soeben
+seinen besten Freund begraben!
+
+„Ach! Stellen Sie sich vor, da hätte ich es beinahe zu erzählen
+vergessen!“ unterbrach sich plötzlich Jaroslaw Iljitsch, als fiele ihm
+etwas ungeheuer Wichtiges ein. „Ich habe eine Neuigkeit! Erinnern Sie
+sich noch jenes Hauses, wo Sie mal kurze Zeit wohnten?“
+
+Ordynoff zuckte zusammen und erbleichte.
+
+„Können Sie sich denken, in diesem Hause hat man vor kurzem eine ganze
+Räuberbande entdeckt! – das heißt, verstehen Sie: eine ganze Bande!
+Schmuggler, Diebe, Spitzbuben der schlimmsten Art und weiß der Teufel
+was noch alles! Mehrere sind schon hinter Schloß und Riegel, den andern
+ist man erst noch auf der Spur. Die strengsten Weisungen sind erlassen!
+Und denken Sie sich weiter: – Sie erinnern sich doch wohl noch des
+Hausbesitzers? – so’n kleines Männchen, gottesfürchtig, dem Anscheine
+nach ein ehrwürdiger, durch und durch anständiger, alter Mann ...“
+
+„Nun?“
+
+„Tja – da urteilen Sie jetzt über die Menschheit! Gerade der ist das
+Haupt der Bande gewesen, der Anführer! Was sagen Sie dazu? Ist das nicht
+haarsträubend!“
+
+Jaroslaw Iljitsch sprach mit Leidenschaft und verurteilte mit dem einen
+Sünder sogleich die ganze Welt, denn so ein Jaroslaw Iljitsch kann eben
+nicht anders, als nach einem Ding alle Dinge beurteilen, das liegt nun
+mal in seinem Charakter.
+
+„Und jene? ... Und Murin?“ stieß Ordynoff atemlos hervor.
+
+„Murin? Ach so – der! Nein, Murin war ein ehrwürdiger Alter ... Aber ...
+erlauben Sie mal! ... erlauben Sie mal! ... Sie werfen da ein neues
+Licht auf die Affäre ...“
+
+„Wie denn? Gehörte er nicht auch zur Bande?“
+
+Ordynoffs Herz schlug laut gegen seine Brust – er verging vor Spannung.
+
+„Übrigens ... nein, wie denn das ... wie kommen Sie darauf?“ Jaroslaw
+Iljitsch richtete seine bleiernen Augen mit unbeweglichem Blick auf
+Ordynoff – ein Zeichen, daß er überlegte.
+
+„Murin kann nicht darunter gewesen sein. Er hat schon drei Wochen vorher
+mit der Frau Petersburg verlassen – ist in seine Heimat zurückgekehrt
+... Ich erfuhr es vom Hausknecht ... jenem Tatarenfrechling, erinnern
+Sie sich?“
+
+
+
+
+ Ein schwaches Herz
+
+
+ In ihrer Wohnung im vierten Stock unter dem Dach lebten zwei
+ junge Beamte, Arkadij Iwanowitsch Nefedewitsch und Wassjä
+ Schumkoff.
+
+Ich müßte nun eigentlich den Leser darüber aufklären, warum ich den
+einen Helden meiner Erzählung bei vollem Namen, den anderen dagegen nur
+bei seinem Rufnamen genannt habe, sonst könnte man dieses Verfahren
+leicht für unangebracht oder für allzu vertraulich halten. Das aber
+setzte wieder voraus, daß ich das Alter, den Rang und Beruf der
+handelnden Personen genau feststellte. Doch weil die meisten
+Schriftsteller mit einer derartigen Einleitung beginnen, so habe ich mir
+vorgenommen, die Erzählung sofort mit der Handlung anfangen zu lassen –
+nur, um nicht in die abgeschmackte Art der anderen zu verfallen oder wie
+einige behaupten werden, aus Eigendünkel und Einbildung.
+
+So schließe ich denn meine Einleitung und beginne.
+
+Um sechs Uhr am Vorabend des neuen Jahres kehrte Schumkoff nach Hause
+zurück. Arkadij Iwanowitsch, der auf seinem Bett lag, erwachte und
+blinzelte verstohlen den Freund an. Er bemerkte, daß dieser seinen
+besten Anzug trug und ein blitzblankes Vorhemd anhatte. Das setzte ihn
+natürlich in Erstaunen. Was beabsichtigte er wohl damit? Woher kam er?
+Obendrein hatte er heute nicht zu Hause gespeist!
+
+Schumkoff zündete unterdessen Licht an und Arkadij Iwanowitsch erriet
+sofort, daß sein Freund ihn durch ein scheinbar unbeabsichtigtes
+Geräusch wecken wollte. Und so geschah es denn auch: Wassjä hustete
+zweimal, ging mehrmals im Zimmer auf und ab, und ließ ganz zufällig
+seine Pfeife aus der Hand fallen, als er sie in der Ecke am Ofen
+ausklopfte. Arkadij Iwanowitsch mußte lachen.
+
+„Nun ist’s aber genug, du Schlauberger!“ sagte er.
+
+„Arkascha, du schläfst nicht?“
+
+„Ja, weißt du: Genau kann ich’s dir nicht sagen; doch scheint es mir,
+daß ich nicht schlafe.“
+
+„Ach, Arkascha! Guten Tag, mein Lieber! nun Bruderherz ... Du weißt
+nicht, was ich dir zu sagen habe!“
+
+„Natürlich weiß ich’s nicht! Doch komm mal ein bißchen her zu mir!“
+
+Wassjä kam sofort herbei, ganz als hätte er nur darauf gewartet, und
+ohne von den Absichten Arkadij Iwanowitschs auch nur etwas zu ahnen.
+Dieser ergriff ihn bei der Hand, drehte ihn geschickt um, drückte ihn
+rückwärts aufs Bett und begann ihn, wie man sagt, „zu würgen“, was ihm,
+dem immer fröhlichen Arkadij Iwanowitsch, ein ungeheueres Vergnügen zu
+machen schien.
+
+„Hereingefallen!“ rief er, „hereingefallen!“
+
+„Arkascha, Arkascha, was tust du mit mir? Laß los, um Gottes willen, laß
+los, ich verderbe mir meinen Anzug!“
+
+„Das tut nichts: warum hast du auch deinen guten Anzug an? Sei ein
+andermal nicht so unvorsichtig und gib dich nicht selbst in meine Hände!
+Sprich, wo warst du, wo hast du gespeist?“
+
+„Arkascha, um Gottes willen, laß mich los!“
+
+„Wo hast du gespeist?“
+
+„Ja, das wollte ich dir doch gerade erzählen!“
+
+„Also erzähle!“
+
+„Schön, aber laß mich erst los!“
+
+„Nein, ich lass’ dich nicht los, bevor du nicht erzählt hast!“
+
+„Arkascha, Arkascha! Ja, verstehst du denn nicht, daß es so unmöglich
+ist, ganz unmöglich!“ stöhnte der schwache Wassjä und versuchte
+vergeblich sich aus den kräftigen Armen seines Freundes zu befreien, „es
+gibt doch gewisse Angelegenheiten, die ...“
+
+„Was für Angelegenheiten?“
+
+„Nun ja, Angelegenheiten, die, wenn man in solcher Lage von ihnen zu
+reden beginnt, allen Ernst verlieren. Es ist mir ganz unmöglich ... es
+würde nur lächerlich wirken und – die Sache ist doch durchaus nicht
+lächerlich, sondern sogar sehr ernst!“
+
+„Auch noch ernst! Was du dir nicht ausgedacht hast! Du, erzähle mir
+lieber etwas, worüber ich lachen kann ... Etwas Ernstes, nein etwas
+Ernstes will ich jetzt nicht hören. Was bist du mir für ein Freund?
+Bitte, sage mir doch, was bist du für ein Freund!?“
+
+„Arkascha, bei Gott, ich kann nicht!“
+
+„Und ich will nichts davon wissen ...“
+
+„Höre, Arkascha!“ begann Wassjä, der quer über dem Bett lag und sich mit
+aller Gewalt mühte, seinen Worten Nachdruck zu geben. „Arkascha,
+meinetwegen sag’ ich’s – nur ...“
+
+„Nun, was denn ...“
+
+„Ich habe – mich verlobt!“
+
+Arkadij Iwanowitsch nahm schweigend und ohne ein Wort zu verlieren,
+Wassjä wie ein kleines Kind auf seine Arme, ungeachtet dessen, daß
+Wassjä durchaus nicht so klein war, sondern recht lang, wenn auch sehr
+mager, und trug ihn von einer Ecke des Zimmers in die andere, ganz als
+wiege er ein Kind.
+
+„Und ich werde dich Bräutigam einwickeln wie einen Säugling,“ gab er zur
+Antwort. Doch als er bemerkte, daß Wassjä regungslos und ohne ein Wort
+zu sagen in seinen Armen lag, besann er sich und begriff, daß er in
+seinem Scherz offenbar zu weit gegangen war: er stellte ihn daher mitten
+ins Zimmer hin und streichelte ihm auf die freundschaftlichste Weise die
+Backe.
+
+„Wassjä, du bist doch nicht böse?“
+
+„Arkascha, höre ...“
+
+„Wohl zum neuen Jahr?“
+
+„Bös bin ich nicht – doch, warum bist du so ein Kraftrüpel, so ein
+Unmensch? Wie oft habe ich dir nicht gesagt: Arkascha, bei Gott, das ist
+nicht sehr witzig, durchaus nicht sehr witzig!“
+
+„Nun sei nur nicht gleich böse!“
+
+„Böse? ... Auf wen bin ich denn jemals böse! Aber gekränkt hast du mich
+doch, verstehst du das!“
+
+„Wodurch denn gekränkt, auf welche Weise?“
+
+„Ich bin zu dir gekommen, wie zu einem Freunde, mit voller Seele und um
+dir mein Herz auszuschütten, um dir mein Glück mitzuteilen ...“
+
+„Ja, was für ein Glück denn? Warum hast du mir das nicht gleich gesagt?“
+
+„Nun, ich heirate doch!“ antwortete geärgert Wassjä, denn er war
+wirklich gekränkt.
+
+„Du! Du heiratest! Ist das wahr?“ brüllte aus voller Kehle Arkascha.
+„Nein, nein ... was soll denn das? Und dabei vergießt er Tränen! ...
+Wassjä, du mein Wassjuk, mein Söhnchen, höre auf! Es ist also wirklich
+wahr?“ Und Arkadij Iwanowitsch umarmte ihn immer wieder von neuem.
+
+„Nun, also verstehst du jetzt, was soeben in mir vorging?“ sagte Wassjä.
+„Du bist doch sonst gut zu mir, du bist doch mein Freund, ich weiß es.
+Ich kam zu dir voll Freude und Begeisterung und plötzlich mußte ich nun
+diese ganze Freude und diese ganze Begeisterung quer über dem Bette
+liegend, würdelos ... Du begreifst doch, Arkascha,“ fuhr Wassjä
+halblachend fort, „in einer so komischen Lage, in der ich in gewisser
+Hinsicht und in diesem Augenblick nicht einmal mir selbst angehörte ...
+Ich wollte doch diese Herzensangelegenheit nicht so erniedrigen ... Es
+fehlt nur noch, daß du mich gefragt hättest, wie sie heißt? Ich schwöre
+dir, ich hätte mir eher das Leben genommen, als dir in diesem Augenblick
+ihren Namen gesagt!“
+
+„Aber, Wassjä, warum hast du mir denn das nicht gleich gesagt! Ich hätte
+ja sofort aufgehört mit dem Ulk!“ rief Arkadij Iwanowitsch in
+aufrichtiger Verzweiflung.
+
+„Schon gut, schon gut! Ich sage ja nur so ... Du weißt doch ... nur –
+weil ich ein so gutes Herz habe. Es ärgert mich ja bloß, daß ich es dir
+nicht so sagen konnte, wie ich’s wollte! Ich wollte dir doch eine Freude
+bereiten, dir alles schön und feierlich mitteilen, dich in alles
+einweihen ... Wirklich, Arkascha, ich liebe dich doch so sehr, daß ich,
+wenn du nicht wärest, so scheint es mir, überhaupt nicht heiraten würde,
+ja, vielleicht gar nicht auf der Welt sein möchte!“
+
+Arkadij Iwanowitsch, der äußerst gefühlvoll war, weinte und lachte
+zugleich, als er das hörte. Wassjä gleichfalls. Beide umarmten sich
+immer wieder von neuem und vergaßen alles Gegenwärtige.
+
+„Wie ist denn das nur, ja, wie ist denn das nur gekommen? Erzähle mir
+doch alles, Wassjä! Ich bin, mein Lieber, entschuldige, ich bin
+erschüttert, ganz und gar erschüttert, als hätte der Blitz mich
+getroffen, bei Gott! Doch nein, mein Lieber, nein, du hast dir ganz
+einfach was ausgedacht. Bei Gott, du lügst!“ brüllte Arkadij Iwanowitsch
+und blickte wirklich ganz mißtrauisch Wassjä an, aber als er auf dessen
+Gesicht nun wirklich die leuchtende Bestätigung seiner unumstößlichen
+Absicht, so schnell als möglich zu heiraten, bemerkte, warf er sich aufs
+Bett und begann sich vor lauter Entzücken so in ihm herumzuwälzen, daß
+die Wände zitterten.
+
+„Wassjä, setz dich hierher zu mir!“ rief er, endlich sich im Bett
+aufrichtend.
+
+„Ich, Bruderherz, ich weiß wirklich nicht – wie und womit beginnen!“
+
+Beide sahen in freudiger Erregung einander an.
+
+„Wer ist sie, Wassjä?“
+
+„Eine Artemjewa! ...“ stieß Wassjä mit vor Glück zitternder und noch
+ganz schwacher Stimme hervor.
+
+„Nein, wirklich?“
+
+„Nun, ich habe dir doch schon über sie die Ohren vollgeredet! Du
+bemerktest nur von alledem nichts! Und so schwieg ich denn ganz! Ach,
+Arkascha, was es mich kostete, dir gegenüber das alles zu verbergen! –
+doch ich fürchtete mich, fürchtete mich zu reden! Ich dachte, es könnte
+am Ende alles auseinandergehen, und ich war doch so verliebt, Arkascha!
+Mein Gott, mein Gott! Weißt du, was das für Geschichten waren,“ begann
+er, und brach sogleich wieder vor Erregung ab, „sie war doch vor einem
+Jahr bereits einmal verlobt, er aber wurde plötzlich irgendwohin
+wegversetzt, ich kannte ihn auch – so einer, nun, Gott mit ihm! Er hat
+dann nichts mehr von sich hören lassen und war schließlich für sie
+verschollen. Sie wartete und wartete und wußte nicht, was das bedeuten
+sollte? ... Plötzlich, vor vier Wochen, kehrte er zurück – bereits
+verheiratet, und ohne sich bei ihnen auch nur sehen zu lassen. War das
+nicht roh? Gemein? Niemand war da, der für sie eintrat. Sie weinte und
+weinte, die Arme, und so verliebte ich mich denn in sie ... ja, ich war
+eigentlich schon lange, eigentlich schon immer in sie verliebt! Ich
+tröstete sie und ging wieder und wieder zu ihr. Nun, und da weiß ich
+denn selbst nicht, wie alles gekommen ist! Auch sie hatte mich recht
+liebgewonnen: und in der vorigen Woche, da hielt ich es nicht mehr aus,
+da mußte ich weinen, ich schluchzte und sagte ihr alles, sagte ihr, daß
+ich sie liebe – kurz, alles! ... ‚Ich würde Sie wohl auch lieben,
+Wassilij Petrowitsch,‘ sagte sie, ‚ich bin aber ein armes Mädchen, darum
+spotten Sie meiner nicht – ich wage es überhaupt nicht mehr, jemanden zu
+lieben.‘ Nun, mein Freund, verstehst du, verstehst du mich?! ... Da
+haben wir uns denn gegenseitig das Wort gegeben. Und ich habe überlegt,
+wie ich es der Mutter mitteilen wollte? Lisenka sagte, es sei sehr
+schwierig, ich möchte noch ein wenig warten: sie fürchtete sich, es
+selbst zu tun; ‚Mutter wird mich Ihnen jetzt noch nicht geben wollen,‘
+meinte sie und weinte dazu. Ich sagte ihr weiter nichts. Heute habe ich
+es nun der Alten gestanden. Lisa kniete vor ihr nieder und ich auch ...
+Nun, und sie – segnete uns. Arkascha, Arkascha! mein Lieber! Wir wollen
+alle zusammen leben! Nein! Ich werde mich von dir um nichts in der Welt
+trennen!“
+
+„Wassjä, wenn ich dich so ansehe, so kann ich es nicht glauben, bei
+Gott, ich schwöre es dir, ich kann es nicht glauben. Wirklich, es
+scheint mir immer ... Höre, wie kannst du dich denn verheiraten? und wie
+habe ich die ganze Zeit über von nichts wissen können, sag! Jetzt, mein
+Wassjä, kann ich dir auch gestehen, daß ich selbst zu heiraten gedachte:
+da du es aber bereits für mich tust, so ist das ja ganz gleich! ...
+Werde also glücklich, mein Lieber! ...“
+
+„Ach, du, wie mir jetzt leicht und wohl zumut ist ...“ sagte Wassjä und
+ging vor Erregung im Zimmer auf und ab. „Nicht wahr, nicht wahr, du
+fühlst es doch auch? Wir werden arm sein, freilich, aber glücklich – und
+das ist kein Hirngespinst. Unser Glück wird kein papierenes sein, wie es
+in den Büchern steht, sondern wir werden in Wirklichkeit glücklich sein!
+...“
+
+„Wassjä, aber Wassjä, höre!“
+
+„Was denn?“ sagte Wassjä und blieb vor Arkadij Iwanowitsch stehen.
+
+„Mir kam nur der Gedanke – wirklich, ich fürchte mich eigentlich, ihn
+auszusprechen ... Verzeih mir und nimm mir meine Bedenken! Wovon wirst
+du leben? Ich bin ja, weißt du, außer mir vor Freude, daß du heiratest,
+kann mich vor Freude kaum lassen, doch – die Frage bleibt: wovon wirst
+du leben?“
+
+„Ach, mein Gott, wie du auch bist, Arkascha!“ sagte Wassjä und sah mit
+tiefer Verwunderung Nefedewitsch an. „Was fällt dir denn ein? Sogar die
+Alte dachte kaum zwei Minuten lang nach, als ich ihr alles das klar
+machte. Frage sie doch, wovon _sie_ gelebt haben? Fünfhundert Rubel im
+Jahr! für drei! so viel beträgt die ganze Pension, mit der sie auskommen
+müssen! Davon lebt sie, die Alte und ein kleiner Bruder, für den noch
+die Schule bezahlt werden muß – siehst du, so lebt man eben! Wir beide
+aber, du und ich, wir sind wahre Kapitalisten, denn ich habe manches
+Jahr, wenn es gut ging, ganze siebenhundert verdient!“
+
+„Höre, Wassjä, verzeih mir: ich denke, bei Gott, nur daran, wie das
+alles zu machen geht – aber welche siebenhundert sollen das gewesen
+sein? Nur dreihundert ...“
+
+„Dreihundert! ... Und Juljan Mastakowitsch? Den hast du ganz vergessen!“
+
+„Juljan Mastakowitsch! Das ist eine Sache, die nicht ganz stimmt, mein
+Lieber: das sind nicht dreihundert Rubel feststehenden Gehaltes, von
+denen einem ein jeder einzelne Rubel sicher ist. Juljan Mastakowitsch
+ist freilich ein großmütiger und großzügiger Mensch, ich verehre ihn und
+verstehe es, daß er so hoch gestiegen ist, und, bei Gott, ich liebe ihn,
+weil er dir zugetan ist und dir eine Arbeit bezahlt, für die er sonst
+nichts zu bezahlen, sondern einfach nur einen Beamten zu beauftragen
+brauchte – aber sage doch selbst, Wassjä! ... Höre mich an, Wassjä, ich
+rede doch keinen Unsinn; ich weiß auch, daß es in ganz Petersburg eine
+solche Handschrift wie die deine nicht wieder gibt, und ich bin gern
+bereit, das Beste anzunehmen,“ schloß, nicht ohne Wärme, Nefedewitsch,
+„aber wie, wenn du ihm plötzlich – Gott bewahre dich davor! doch nicht
+mehr so gefallen und ihn zufriedenstellen solltest und wenn er mit einem
+Male die Verbindung mit dir abbräche und einen anderen nähme! ... wer
+weiß, was im Leben nicht alles kommen kann. Dann ist Juljan
+Mastakowitsch für dich nichts mehr, dann ist er bloß – gewesen, Wassjä
+...“
+
+„Höre, Arkascha, ebenso kann sofort über uns die Decke einbrechen ...“
+
+„Nun, freilich, freilich ... Ich will ja auch nichts ...“
+
+„Nein, höre mich an: warum soll er mich denn verabschieden ... Nein,
+wirklich, höre mich doch nur an! Ich erledige ja alles pünktlich und
+peinlich: und er ist so gut zu mir, er hat mir doch, Arkascha, er hat
+mir doch heute noch fünfzig Rubel gegeben!“
+
+„Ist’s möglich, Wassjä? eine Zulage?“
+
+„Was, Zulage? Nein, so: einfach aus seiner Tasche. Er sagte: wie, mein
+Lieber, du hast bereits den fünften Monat kein Geld mehr erhalten. Wenn
+du welches brauchst, nimm es: denn ich bin, sagte er, mit dir sehr
+zufrieden ... bei Gott! Du arbeitest doch nicht umsonst für mich, sagte
+er, wirklich! Das hat er gesagt. Mir rollten die Tränen über die Backen,
+Arkascha. Großer Gott!“
+
+„Höre, Wassjä, hast du denn die neue Abschrift fertiggestellt? ...“
+
+„Nein ... noch nicht.“
+
+„Wassinjka! Mein Lieber! Was hast du denn getan?“
+
+„Höre, Arkadij, das tut doch nichts, ich habe noch zwei volle Tage Zeit
+bis zum Termin ...“
+
+„Wie, hast du denn noch gar nicht angefangen?“
+
+„Na ja, na ja! Du siehst mich ja mit einem Ausdruck an, daß sich mein
+ganzes Innere umdreht! Nun, was ist denn dabei? Du kannst einem so den
+Mut nehmen und schreist immer gleich: a–a–a!!! Überleg es dir doch: was
+ist denn dabei? Ich werde damit schon fertig werden, bei Gott, das werde
+ich ...“
+
+„Aber wenn du es nun nicht wirst!“ rief Arkadij und sprang auf. „Gerade
+jetzt, da er dir heute eine Belohnung gegeben hat! Und obendrein willst
+du heiraten ... Oh, oh, oh! ...“
+
+„Das hat nichts zu sagen, gar nichts,“ schrie fast verzweifelt
+Schumkoff, „ich werde mich sofort hinsetzen, noch in dieser Minute werde
+ich mich hinsetzen – das tut gar nichts!“
+
+„Wie hast du es denn nur so vernachlässigen können, Wassjutka!“
+
+„Ach, Arkascha! Konnte ich denn hier so ruhig still sitzen! Mein Zustand
+war doch so, daß ich kaum in der Kanzlei arbeiten konnte ... Ach! Ach!
+Heute werde ich die Nacht durcharbeiten, morgen wieder die Nacht
+durcharbeiten und übermorgen auch noch und dann – wird’s fertig sein!
+...“
+
+„Ist noch viel übriggeblieben?“
+
+„Störe mich nicht, um Gottes willen, störe mich nicht! schweige mir
+davon!“
+
+Arkadij Iwanowitsch ging leise auf den Fußspitzen zu seinem Bett, und
+setzte sich hin, darauf wollte er plötzlich wieder aufstehen, sagte sich
+aber sofort, daß er seinen Freund nicht stören dürfe und blieb sitzen:
+offenbar hatte ihn die Mitteilung so aufgeregt, daß er noch nicht mit
+sich zur Ruhe kommen konnte. Er blickte auf Schumkoff, der sah ihn an,
+lächelte und drohte ihm mit dem Finger. Darauf runzelte Schumkoff ganz
+furchtbar die Brauen, als läge darin die eigentliche Kraft und der
+gewünschte Erfolg seiner Arbeit, und richtete seine Augen dann wieder
+aufs Papier.
+
+Es schien, daß auch er seine Erregung noch nicht überwunden hatte, er
+wechselte beständig seine Feder, rückte auf dem Stuhle hin und her, nahm
+sich zusammen, um wieder von neuem zu beginnen, doch seine Hand zitterte
+und versagte offenbar den Dienst.
+
+„Arkascha! Ich habe ihnen auch von dir erzählt!“ rief er plötzlich, als
+wäre es ihm soeben eingefallen.
+
+„Ja?“ rief Arkascha, „und ich wollte dich vorhin schon darüber fragen,
+nun?“
+
+„Nun! Ach, ich werde dir später alles erzählen. Sieh, bei Gott, jetzt
+habe ich selbst zu sprechen angefangen und ich wollte es doch nicht tun,
+bevor ich nicht wenigstens vier Blätter fertig gemacht. Mir fiel es aber
+plötzlich ein, das von dir und von ihnen! Ich kann auch, mein Lieber –
+ich kann gar nicht ordentlich schreiben: immer muß ich an euch denken
+...“ Und Wassjä lächelte.
+
+Es trat Schweigen ein.
+
+„Pfui! Was für eine schlechte Feder!“ rief Schumkoff, schlug im Ärger
+auf den Tisch und nahm wieder eine andere.
+
+„Wassjä! Höre! Nur ein Wort ...“
+
+„Nun, aber schnell, zum letztenmal.“
+
+„Hast du noch viel zu schreiben?“
+
+„Ach, mein Lieber! ...“ Wassjä runzelte die Stirn, als gebe es keine
+schrecklichere und tötendere Frage auf der Welt, als diese. „Viel,
+furchtbar viel!“ antwortete er dann.
+
+„Weißt du, ich habe eine Idee ...“
+
+„Was für eine?“
+
+„Nein, nein, schreibe nur.“
+
+„Nun, was für eine? Sag doch!“
+
+„Es ist bereits sieben Uhr, Wassjä!“
+
+Dabei lächelte Nefedewitsch schelmisch und blinzelte Wassjä zu, wenn
+auch nur ganz schüchtern, da er nicht wußte, wie dieser es aufnehmen
+würde.
+
+„Nun, was denn?“ sagte Wassjä und schien wirklich mit dem Schreiben
+aufhören zu wollen. Er sah ihm gerade in die Augen und war ganz bleich
+vor Erwartung.
+
+„Weißt du, was?“
+
+„Um Gottes willen, was denn?“
+
+„Weißt du, du bist so erregt und wirst doch nicht viel arbeiten können
+... Warte, warte, warte, ich sehe, ich sehe – so höre doch!“ beeilte
+sich Nefedewitsch und sprang, von seinem Gedanken gefaßt, vom Bett auf,
+um mit allen Kräften einer Erwiderung Wassjäs zuvorzukommen, „es ist vor
+allem nötig, daß du dich beruhigst und wieder von neuem Kräfte sammelst,
+ist’s nicht so?“
+
+„Arkascha! Arkascha!“ rief Wassjä aus und sprang vom Stuhl, „ich werde
+die ganze Nacht aufbleiben und schreiben, bei Gott, das tu’ ich!“
+
+„Nun ja, jawohl! doch gegen Morgen wirst du einschlafen ...“
+
+„Ich werde nicht einschlafen, um nichts in der Welt ...“
+
+„Nein, das geht, das geht nicht! Natürlich wirst du um fünf Uhr
+einschlafen! Und um acht Uhr werde ich dich wieder wecken. Morgen ist
+ein Feiertag, da kannst du dich hinsetzen und den ganzen Tag über
+schreiben ... Dann noch eine Nacht und – ist denn noch so viel
+übriggeblieben?“
+
+„Da! sieh!“
+
+Wassjä zeigte ihm zitternd vor Erwartung und Erregung das Heft: „Da!
+sieh!“
+
+„Höre, Bruder, das ist nicht viel ...“
+
+„Ja, mein Lieber, aber – es ist noch etwas,“ sagte Wassjä und sah dabei
+schüchtern, fragend Nefedewitsch an, als würde von dessen Entschluß
+alles abhängen: ob sie gingen oder nicht gingen?
+
+„Wieviel?“
+
+„– Zwei Bogen ...“
+
+„Nun, ich glaube, damit wirst du auch fertig, bei Gott, du wirst
+fertig!“
+
+„Arkascha!“
+
+„Höre, Wassjä! Jetzt zum neuen Jahr sind doch alle in der Familie
+versammelt und nur wir beide sollten – so ohne Häuslichkeit und ganz
+verwaist ... Ach! Wassinjka!“
+
+Nefedewitsch umarmte Wassjä und drückte ihn an seine Brust.
+
+„Abgemacht, Arkadij!“
+
+„Wassjuk, ich wollte dir nur noch eines sagen. Siehst du, Wassjuk, mein
+Junge! Höre! Höre mich an!“
+
+Arkadij hielt den Mund weit aufgesperrt, als könne er vor Begeisterung
+nicht mehr sprechen. Wassjä, der sich noch immer mit den Händen an
+Arkadijs mächtigen Schultern hielt, sah ihm gespannt in die Augen und
+bewegte seine Lippen, ganz als wollte er für ihn sprechen ...
+
+„Nun!“ sagte er endlich.
+
+„Stelle mich ihnen heute vor!“
+
+„Arkadij! Ja: gehen wir hin! Trinken wir Tee bei ihnen! Aber weißt du
+was? Das neue Jahr freilich wollen wir nicht abwarten, wir wollen früher
+nach Haus kommen,“ rief Wassjä noch immer in aufrichtiger Begeisterung.
+
+„Das heißt also: zwei Stunden, nicht mehr und nicht weniger! ...“
+
+„Und dann – Trennung, bis ich meine Sache fertig habe! ...“
+
+„Wassjuk! ...“
+
+„Arkadij! ...“
+
+In drei Minuten war Arkadij im Galaanzug. Wassjä brauchte sich nur etwas
+abzubürsten, da er sich mit solchem Eifer an die Arbeit gemacht hatte,
+daß er nicht einmal seinen Rock ausgezogen.
+
+Sie beeilten sich, auf die Straße zu kommen, der eine noch freudiger als
+der andere. Der Weg ging auf die Petersburger Seite[3] nach Kolomna[4].
+Arkadij Iwanowitsch schritt weit und kräftig aus, schon an seinem Gang
+konnte man seine Freude über das Glück Wassjäs erkennen. Wassjäs Gang
+war trippelnder, doch verlor er deshalb nichts von seiner Würde. Im
+Gegenteil, Arkadij Iwanowitsch hatte noch nie einen so vorteilhaften
+Eindruck von ihm gehabt. Er empfand, wie sie so gingen, fast eine
+gewisse Hochachtung vor ihm, und ein körperlicher Fehler Wassjäs, von
+dem der Leser bis jetzt noch nichts erfahren (Wassjä war nämlich ein
+wenig schief gewachsen) und der im Herzen Arkadij Iwanowitschs immer ein
+tiefes Mitgefühl für ihn erweckt hatte, trug zu einem nur noch größeren,
+nur noch innigeren Gefühl für seinen Freund bei. Arkadij Iwanowitsch
+hatte vor Freude weinen können, doch er beherrschte sich.
+
+„Wohin, wohin, Wassjä? Hier ist es doch näher!“ rief er, als er sah, daß
+Wassjä in den Wosnessenskij-Prospekt abbiegen wollte.
+
+„Komm nur, Arkascha, komm ...“
+
+„Wirklich, es ist näher, Wassjä.“
+
+„Arkascha, weißt du?“ begann Wassjä geheimnisvoll und mit vor Seligkeit
+flüsternder Stimme, „weißt du? Ich möchte nämlich Lisenka ein Geschenk
+mitbringen ...“
+
+„Was für eines?“
+
+„Hier, mein Lieber – an der Ecke – wohnt Mme. Leroux ... ein
+wundervoller Laden!“
+
+„Was denn –“
+
+„Ein Hütchen, mein Lieber, ein Hütchen. Heute morgen habe ich ein
+reizendes Hütchen gesehen: ich fragte nach der Fasson, und man sagte
+mir, Manon Lescaut heiße das Wunder! Die Bänder sind kirschfarben, und
+wenn das Hütchen nicht zu teuer ist ... Arkascha, und schließlich, wenn
+es auch teuer ist! ...“
+
+„Du übertriffst wahrhaftig noch alle Poeten, Wassjä! Gehen wir also!
+...“
+
+Sie gingen und waren in zwei Minuten im Laden. Hier wurden sie von einer
+schwarzäugigen und lockenhaarigen älteren Französin empfangen, die
+sofort, beim ersten Blick auf ihre Käufer, ebenso lustig und glücklich
+zu werden schien, wie diese selbst waren, sogar noch lustiger und noch
+glücklicher, wenn das möglich gewesen wäre. Wassjä war bereit, Madame
+Leroux vor Entzücken sofort abzuküssen ...
+
+„Arkascha!“ flüsterte er diesem zu, als er mit seinem Blick all das
+Schöne und Hohe überflog, das an Holzständern auf dem großen Tisch des
+Geschäfts ausgestellt war. „Welche Wunder! Wie ist denn das? Dies hier
+zum Beispiel, dieses Bonbon hier, siehst du?“ Wassjä wies auf ein
+kleines, reizendes Hütchen, doch nicht auf dasjenige, welches er kaufen
+wollte, denn schon von weitem hatte dieses andere, am entgegengesetzten
+Ende, seine Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Er starrte es so an, als
+wäre zu befürchten, daß es von jemandem gestohlen werden könnte oder als
+ob das Hütchen selbst, nur damit Wassjä es nicht bekommen sollte, in die
+Luft fliegen könnte.
+
+„Dieses hier,“ sagte Arkadij Iwanowitsch und wies auf ein anderes
+Hütchen, „dieses hier ist meiner Meinung nach noch schöner.“
+
+„Nun, Arkascha! Das legt dir Ehre ein: ich muß dir sagen, daß ich vor
+deinem Geschmack Achtung bekomme,“ bemerkte Wassjä, der scheinbar aus
+Liebe zu Arkascha auf dessen Geschmack einging. „Dein Hütchen ist
+wirklich reizend, aber sieh einmal her!“
+
+„Welches ist schöner?“
+
+„Sieh mal her!“
+
+„Dieses?“ sagte etwas zögernd Arkadij.
+
+Doch als Wassjä, der nicht fähig war, länger an sich zu halten, das
+Hütchen vom Holzgestell herunterholte, von dem es scheinbar selbst
+herunterfliegen wollte, als freute es sich – nach so langer Erwartung,
+in der seine Bänderchen, Rüschchen und Spitzen steif hatten dastehen
+müssen – über den guten Käufer: da entriß sich der mächtigen Brust
+Arkadij Iwanowitschs ein Schrei des Entzückens. Sogar Madame Leroux, die
+die ganze Zeit über ihre Würde gewahrt und während ihrer Auswahl zu
+allen Fragen des Geschmacks herablassend geschwiegen hatte, belohnte
+jetzt Wassjä mit einem begütigenden Lächeln und dieses Lächeln schien zu
+sagen: ja! Sie haben es getroffen, Sie sind des Glückes würdig, das Sie
+erwartet.
+
+„So hat es in seiner Einsamkeit kokettiert und kokettiert!“ rief Wassjä
+aus, der seine ganze Zärtlichkeit auf das reizende Hütchen übertrug,
+„hat sich mit Absicht versteckt, der Schelm!“ Und er küßte es, das
+heißt, er küßte die Luft, die es umgab, denn er fürchtete sich, an seine
+Kostbarkeit auch nur zu rühren.
+
+„So versteckt sich das wahre Verdienst,“ fügte Arkadij in seinem
+Entzücken hinzu, um mit dieser Phrase, die er am Morgen in einer Zeitung
+gelesen hatte, Humor in die Sache zu bringen. „Nun, Wassjä, wie steht es
+denn?“
+
+„Vivat, Arkascha! Du spielst wohl heute den Geistreichen, um Furore zu
+machen, wie sich die Damen ausdrücken – nicht wahr, Madame Leroux, nicht
+wahr!“
+
+„Was wünschen Sie?“
+
+„Nicht wahr, meine liebe Madame Leroux!“
+
+Madame Leroux blickte gütig lächelnd Arkadij Iwanowitsch an.
+
+„Sie glauben nicht, wie ich Sie in diesem Augenblick vergöttere ...
+Erlauben Sie, daß ich Sie umarme ...“ Und Wassjä küßte wirklich die
+Ladenmadame.
+
+Es gehörte Würde dazu, um sich in diesem Augenblick solch einem
+Heißsporn gegenüber nichts zu vergeben. Und vor allem: eine angeborene
+Liebenswürdigkeit und diese natürliche Grazie, mit der Madame Leroux die
+Begeisterung Wassjäs aufnahm, entschuldigte ihn, und sie verstand es,
+sich mit liebenswürdigem Geschick in die Situation zu finden! Es war ja
+auch überhaupt unmöglich, Wassjä im Ernste böse zu sein!
+
+„Madame Leroux, welches ist der Preis?“
+
+„Fünf Rubel,“ antwortete sie und rechtfertigte ihre Forderung mit einem
+neuen Lächeln.
+
+„Und dieser Hut hier, Madame Leroux,“ fragte Arkadij Iwanowitsch und
+wies auf den von ihm gewählten.
+
+„Dieser: acht Rubel.“
+
+„Aber erlauben Sie, erlauben Sie! Nun müssen Sie selbst entscheiden,
+Madame Leroux, welcher ist schöner, welcher niedlicher, welcher von den
+beiden würde Sie kleiden?“
+
+„Dieser hier ist reicher, doch der, den Sie gewählt haben – ^il est plus
+coquet^.“
+
+„Also, nehmen wir ihn!“
+
+Madame Leroux legte ihn in einen Bogen feinen, dünnen Seidenpapiers und
+steckte es mit kleinen Stecknadeln fest. Das Papier aber, mit dem Hut,
+schien jetzt beinahe noch leichter zu sein als früher, ohne Hut. Wassjä
+nahm das Paket und wagte kaum zu atmen, er verabschiedete sich von
+Madame Leroux, sagte ihr noch etwas Liebenswürdiges und verließ den
+Laden.
+
+„Ich bin ein Lebemann, Arkascha, ein geborener Lebemann!“ rief Wassjä
+draußen lachend aus. Das Lachen ging aber gleich darauf in einen kaum
+hörbaren nervösen feinen Ton über, den ein Lächeln begleitete – und
+Wassjä selbst wich allen Vorübergehenden ängstlich aus, als ob er sie
+mit einem Male im Verdacht hätte, der Versuchung, sein kostbares Hütchen
+zu zerknüllen, nicht widerstehen zu können.
+
+„Höre, Arkadij, höre!“ begann er einen Augenblick später und etwas
+Feierliches, etwas unendlich Seliges lag in seiner Stimme. „Arkadij, ich
+bin so glücklich, ich bin so glücklich!“
+
+„Wassinjka! Und wie ich glücklich bin, mein Liebling!“
+
+„Nein, Arkascha, nein, deine Liebe zu mir ist grenzenlos, ich weiß es.
+Doch du kannst nicht den zehnten Teil von dem empfinden, was ich in
+diesem Augenblick fühle. Mein Herz ist so voll, so übervoll!! Arkascha!
+Ich bin ja meines Glückes gar nicht würdig! Ich weiß es, ich fühle es
+selbst. Womit habe ich es verdient,“ rief er mit einer Stimme aus, die
+voll war von verhaltenem Schluchzen, „was habe ich denn je Gutes getan,
+sage nur. Sieh doch, wieviel Menschen es gibt, wieviel Tränen, wieviel
+Kummer, wieviel Alltag ohne Feiertag! Und ich! Mich liebt ein solches
+Mädchen, mich ... Du wirst sie ja selbst sehen, wirst selbst ihr edles
+Herz erkennen. Ich komme aus niedrigem Stande, doch habe ich eine
+Stellung und ein festes Gehalt. Ich bin mit einem Gebrechen auf die Welt
+gekommen, bin schief gewachsen. Sie aber liebt mich, so wie ich bin.
+Juljan Mastakowitsch war heute so zärtlich, so aufmerksam, so höflich zu
+mir. Er spricht sonst selten mit mir – doch: ‚Nun, Wassjä,‘ sagte er
+heute (bei Gott, Wassjä nannte er mich) ‚wirst du in den Feiertagen auch
+durchgehen, wie?‘ Dabei lachte er. ‚Nein,‘ sagte ich zuerst, ‚Euer
+Exzellenz, ich habe zu tun.‘ Doch dann nahm ich mich zusammen und sagte:
+‚Vielleicht werde ich mich auch mal amüsieren, Exzellenz!‘ – bei Gott,
+das sagte ich. Da gab er mir denn das Geld und sprach noch ein paar
+Worte mit mir. – Ich, Bruder, ich weinte beinah, die Tränen stürzten mir
+aus den Augen und er, er schien auch gerührt zu sein, klopfte mir auf
+die Schulter und sagte: ‚Fühle immer so, Wassjä, wie du jetzt fühlst‘
+...“
+
+Wassjä verstummte auf einen Augenblick.
+
+„Und nicht genug,“ fuhr Wassjä fort. „Ich habe es dir gegenüber noch nie
+ausgesprochen, Arkadij ... Arkadij! Du hast mir deine Freundschaft
+geschenkt, ohne dich wäre ich nicht auf der Welt, – nein, nein, sage
+nichts, Arkascha! Laß mich dir deine Hand drücken, gib, ich will dir
+danken!“ ... Wassjä konnte seinen Satz wieder nicht beenden.
+
+Arkadij Iwanowitsch wollte schon Wassjä um den Hals fallen, doch
+überschritten sie gerade die Straße, und so hörten sie denn plötzlich,
+dicht hinter ihren Ohren den einschneidenden Ruf eines Kutschers: ‚Heda!
+Achtung!‘ und beide, erregt und erschrocken wie sie waren, liefen so
+schnell als nur möglich aufs Trottoir. Arkadij Iwanowitsch war
+eigentlich froh über diesen Zwischenfall. Den Überschuß an Dankbarkeit
+bei Wassjä erklärte er sich als einen Ausfluß des Augenblicks. Ihm war
+er peinlich, weil er meinte, daß er Wassjä bis jetzt noch gar nichts
+Gutes getan! Er schämte sich sogar vor sich selbst, weil Wassjä ihm für
+das Wenige so dankte! Doch, ein ganzes Leben stand ihm noch bevor – und
+Arkadij Iwanowitsch atmete frei mit einem großen Vorsatze auf ...
+
+Man hatte es schon aufgegeben, sie zu erwarten! Ein Beweis: daß sie
+bereits beim Tee saßen! Und wirklich, manchmal ist ein älterer Mensch
+ahnungsvoller als die liebe Jugend. Lisenka hatte in allem Ernst
+behauptet, daß er nicht kommen werde, nicht kommen werde. „Mamenka! mein
+Herz fühlt es, daß er nicht kommen wird!“ aber Mamenka hatte im
+Gegenteil behauptet, ihr Herz fühle ganz genau, daß Wassjä keine Ruhe
+finden und deshalb ganz sicher gelaufen kommen würde, zumal er am
+Vorabend des neuen Jahres doch keinen Dienst mehr hatte! Als nun Lisenka
+die Tür öffnete, traute sie ihren Augen nicht: sie errötete über und
+über und ihr Herz schlug so heftig, wie bei einem gefangenen Vögelchen.
+Ja, sie war rot wie eine Kirsche, der sie überhaupt ähnlich sah.
+
+„Mein Gott, welche Überraschung!“ Ein freudiges „Ach!“ kam über ihre
+Lippen. „Du Schelm, du Betrüger, du mein Lieber du!“ rief sie aus und
+fiel Wassjä um den Hals. Doch man stelle sich ihre Verwunderung vor,
+ihre plötzliche Verlegenheit: denn genau hinter Wassjä, als wollte er
+sich hinter ihm verstecken, stand, verwirrt wie er war, Arkadij
+Iwanowitsch. Aber Arkadij Iwanowitsch verstand es nicht, mit Frauen
+umzugehen: er war sogar sehr ungeschickt ... Einmal passierte es ihm,
+daß ... Doch davon ein andermal. Indessen, man versetze sich in seine
+Lage! Es ist nichts Lächerliches dabei: er stand im Vorzimmer, in
+Gummischuhen, im Mantel und in einer Mütze mit Ohrenklappen, um den Hals
+einen schrecklichen gelben Schal, der zum Überfluß hinten im Nacken dick
+geknotet und gebunden war, – dieser Knoten mußte nun gelöst und der
+Schal abgenommen werden, damit er selbst einen vorteilhaften Eindruck
+machen konnte ... denn es gibt nun einmal keinen Menschen, der nicht
+wünschte, einen vorteilhaften Eindruck zu machen! Und dieser Wassjä,
+dieser unerträgliche, unausstehliche, obgleich sonst so liebe, gute
+Wassjä, war jetzt ein ganz erbarmungsloser Wassjä! Schreien mußte er:
+
+„Lisenka, hier stelle ich dir Arkadij vor! Wer das ist? Mein bester
+Freund, umarme ihn, küsse ihn, Lisenka, küsse ihn im voraus, wenn du ihn
+einmal kennst, wirst du ihn immer küssen ...“ Nun, was blieb da wohl dem
+armen Arkadij Iwanowitsch übrig? Er stand noch immer und versuchte
+seinen Schal aufzuknoten! Nein: diese Begeisterung Wassjäs war doch
+manchmal wirklich unangebracht und ganz gewissenlos! Freilich, freilich,
+sie bewies sein gutes Herz, aber ... immerhin – es war doch zu peinlich!
+
+Endlich traten sie beide ins Zimmer ... Die Alte war unsagbar glücklich,
+die Bekanntschaft Arkadij Iwanowitschs zu machen: sie hätte so viel von
+ihm gehört, sie ... Doch sie beendete ihre Phrase nicht. Ein freudiges
+„Ach!“ durchtönte das Zimmer und unterbrach sie. Mein Gott! Lisenka
+stand vor dem enthüllten Hütchen, hielt naiv beide Hände gefaltet, und
+lächelte, lächelte ... Mein Gott, warum gab es bei Madame Leroux nicht
+noch ein viel, viel schöneres Hütchen!
+
+Ach, aber wo konnte man wohl ein noch schöneres finden?! Ich spreche im
+Ernst! Mich bringt schließlich diese Undankbarkeit Verliebter wirklich
+zur Verzweiflung. Möchten die beiden doch endlich einsehen, daß es gar
+nichts Schöneres geben kann, als dieses Bonbon von Hütchen! Möchten sie
+einsehen – doch meine Verzweiflung war umsonst: sie sind bereits wieder
+alle mit mir einverstanden, es war ein Irrtum und weiter nichts! Ich bin
+bereit, ihnen zu vergeben. Meine Leser aber werden entschuldigen, wenn
+ich immer noch von dem Hütchen spreche: Ganz leicht und durchsichtig aus
+Tüll war es, mit breiten kirschroten Bändern und mit Spitzen bedeckt.
+Unter dem Tüll und den Rüschen hervor hingen hinten auf den Hals zwei
+Bänder herab ... Man mußte es ein wenig in den Nacken setzen. Und nun,
+nach alledem sehen Sie hin, ich bitte Sie! Sie aber scheinen nicht sehen
+zu wollen! ... Sie sehen zur Seite. Sehen, wie zwei Tränen gleich Perlen
+in den langen schwarzen Augenwimpern hängen und dort einen Augenblick
+erzittern und auf diesen Tüll niederfallen, der dünn wie Luft ist, auf
+diesen Tüll, aus dem das Kunstwerk Madame Lerouxs bestand ... Ich aber
+ärgere mich: denn nicht dem Hütchen galten diese beiden Tränen! ...
+Nein! eine solche Sache muß man ganz kaltblütig aufnehmen, nur dann kann
+man sie wirklich schätzen!
+
+Man setzte sich. Wassjä setzte sich mit Lisenka zusammen und die Alte
+mit Arkadij Iwanowitsch. Man begann ein Gespräch und Arkadij Iwanowitsch
+behauptete sich durchaus. Mit Freuden lasse ich ihm Gerechtigkeit
+widerfahren. Es war das eigentlich von ihm nicht zu erwarten. Nach ein
+paar Worten über Wassjä verstand er es vorzüglich, von Juljan
+Mastakowitsch, Wassjäs Wohltäter, zu erzählen. Und so klug, so
+verständig sprach er, daß das Gespräch eine ganze Stunde lang nicht ins
+Stocken geriet. Man müßte es gehört haben, mit welchem Takt Arkadij
+Iwanowitsch einige Sonderheiten Juljan Mastakowitschs berührte, die eine
+mittelbare oder unmittelbare Beziehung zu Wassjä hatten. Dafür war die
+Alte auch ganz entzückt, aufrichtig entzückt von ihm: sie selbst gestand
+es Wassjä. Ausdrücklich rief sie ihn zu sich, um ihm zu sagen, daß sein
+Freund ein prächtiger, liebenswürdiger junger Mensch sei, und was die
+Hauptsache, so ein ernster, gesetzter junger Mann. Wassjä hätte am
+liebsten laut aufgelacht vor Vergnügen. Er dachte daran, wie der
+gesetzte Arkascha ihn noch vor einer Viertelstunde aufs Bett geworfen
+hatte! Darauf machte die Alte Wassjä ein Zeichen, leise und unbemerkt
+ins andere Zimmer zu kommen. Und dort handelte sie nun allerdings
+Lisenka gegenüber nicht richtig: sie zeigte nämlich Wassjä das Geschenk,
+das Lisenka ihm zum neuen Jahr machen wollte. Es war eine Brieftasche
+mit einer goldgestickten, wundervollen Zeichnung: auf der einen Seite
+war ein rennender Hirsch dargestellt, so natürlich, so ähnlich, so
+vorzüglich erfaßt. Auf der anderen Seite befand sich das Bild eines
+berühmten Generals, ebenso vorzüglich, ebenso ähnlich und naturgetreu.
+Ich kann es gar nicht schildern, dieses helle Entzücken Wassjäs.
+
+Unterdessen war in dem anderen Zimmer die Zeit nicht ungenutzt
+verstrichen. Lisenka war zu Arkadij Iwanowitsch getreten, hatte ihm die
+Hand gereicht und ihm gedankt – und Arkadij Iwanowitsch hatte sofort
+begriffen, daß es sich um den teuren Wassjä handelte. Lisenka war tief
+bewegt: sie habe erfahren, sagte sie, daß Arkadij ein so treuer Freund
+ihres Verlobten sei, daß er ihn liebe und über ihn wache und ihn auf
+jeden Schritt mit seinen Ratschlägen unterstütze, so daß sie, Lisenka,
+es nicht unterlassen könne, ihm zu danken, und daß sie hoffe, Arkadij
+Iwanowitsch würde auch sie lieb haben, und wär’s auch nur halb so wie
+den Wassjä. Darauf fragte sie ihn, ob Wassjä auch seine Gesundheit in
+acht nehme, sprach von der Heftigkeit seines Charakters und über sein
+Unvermögen dem praktischen Leben gegenüber, sowie über seinen Mangel an
+Menschenkenntnis. Sie sagte weiter, daß sie auf ihn aufpassen und ihn
+vor allem bewahren würde, und daß sie hoffe, auch Arkadij Iwanowitsch
+werde sie nicht verlassen und bei ihnen bleiben.
+
+„Wir werden alle drei zusammenbleiben und wie ein einziger Mensch sein!“
+rief sie in naiver Begeisterung aus.
+
+Doch die Zeit rückte vor und man mußte aufbrechen. Selbstverständlich
+versuchte man, die Gäste zurückzuhalten, doch Wassjä erklärte kurz und
+bündig, daß es nicht möglich sei, zu bleiben, und Arkadij Iwanowitsch
+bestätigte es. Man fragte natürlich: warum? und so erfuhren sie denn,
+daß es sich um eine Arbeit für Juljan Mastakowitsch handelte, eine sehr
+eilige, notwendige, unangenehme, die bis übermorgen früh fertiggestellt
+werden mußte, und daß sie noch sehr im Rückstande wäre. Das Mamachen
+seufzte, als sie das hörte, Lisenka aber erschrak sehr und trieb sogar
+selbst Wassjä zur Eile an. Der letzte Kuß verlor dabei nicht an Wert, er
+war kürzer, eiliger, aber um so heißer und heftiger. Endlich trennte man
+sich und die beiden Freunde gingen zusammen nach Haus.
+
+Sofort, kaum daß sie auf der Straße waren, tauschten sie untereinander
+ihre Eindrücke aus. Ja, und es mußte wohl so sein, daß Arkadij
+Iwanowitsch sich sterblich in Lisenka verliebt hatte! Wem aber war das
+leichter verständlich, als dem glücklichen Wassjä? Arkadij Iwanowitsch
+gestand Wassjä sofort alles ein. Wassjä lachte und freute sich sehr
+darüber, und bemerkte, daß sie jetzt noch innigere Freunde sein würden,
+als ehedem. „Du hast mich sofort verstanden, Wassjä,“ sagte Arkadij
+Iwanowitsch, „so ist’s! Ich liebe sie, wie ich dich liebe, sie wird mein
+Schutzengel sein, ganz wie sie für dich einer ist und euer Glück wird
+auch auf mich übergehen und auch mich erwärmen. Sie wird auch meine
+Hausfrau sein, in ihre Hände lege auch ich mein Glück: möge sie für mich
+sorgen, wie sie es für dich tut. Ja, Freundschaft zu dir – Freundschaft
+auch zu ihr. Ihr beide werdet für mich ganz unzertrennlich sein, nur daß
+ihr eben statt ein Wesen, das du früher für mich warst, zwei Wesen sein
+werdet ...“
+
+Arkadij verstummte im Übermaß seiner Gefühle. Wassjä war durch seine
+Worte bis in die Tiefe seiner Seele erschüttert. Niemals hatte er solche
+Worte von Arkadij erwartet! Arkadij Iwanowitsch verstand es sonst nicht,
+sich auszudrücken, auch liebte er durchaus nicht zu schwärmen, und doch
+hatte er soeben die allerüberschwenglichsten Gedanken geäußert. „Wie
+werde ich für euch beide sorgen, wie euch verwöhnen,“ begann er jetzt
+von neuem. „Erstens, Wassjä, werde ich der Taufpate aller deiner Kinder
+sein, aller, ohne Ausnahme, und zweitens, Wassjä, muß man auch an die
+Zukunft denken. Man muß eine Wohnung mieten, Möbel kaufen, so viel, daß
+jeder von uns sein Zimmer hat. Weißt du, Wassjä, ich werde bereits
+morgen ausgehen und die Wohnungszettel studieren. Drei ... nein, zwei
+Zimmer, mehr haben wir nicht nötig. Ich glaube jetzt selbst, Wassjä, daß
+ich da heute Unsinn gesprochen habe, das Geld wird gewiß reichen. Warum
+denn auch nicht? Als ich ihr heute in die Augen sah, wußte ich sofort,
+daß es reicht! Alles für sie! Oh, wie werden wir arbeiten! Jetzt,
+Wassjä, kann man es wagen und fünfundzwanzig Rubel für die Wohnung
+zahlen. Gute Zimmer, mein Lieber, müssen es sein ... in guten Zimmern
+ist der Mensch fröhlich und hat heitere Gedanken! Und zweitens, Lisenka
+wird unser gemeinsamer Kassierer sein: nicht eine Kopeke wird unnütz
+verausgabt! Ich sollte künftig noch einmal in eine Kneipe gehen? Ja, für
+wen hältst du mich denn eigentlich?! Um nichts in der Welt! Man wird uns
+Zulage geben, uns Geschenke machen, wenn wir fleißig arbeiten! Und wie
+werden wir arbeiten, wie Büffel werden wir die Akten pflügen! ... Stelle
+dir nur vor ... (und die Stimme Arkadij Iwanowitschs wurde ganz schwach
+vor Seligkeit) – wenn plötzlich so fünfundzwanzig bis dreißig Rubel ins
+Haus kämen ... Nun, dann werden wir ihr Hütchen kaufen, einen Schal,
+neue Strümpfchen! Mir aber muß sie dafür durchaus ein Halstuch häkeln:
+sieh nur, wie schlecht das meine ist: gelb und abgetragen – hatte es zu
+meinem Unglück heute umgelegt! Ja, und du, Wassjä, bist auch gut:
+stellst mich gerade in dem Augenblick vor, wie ich noch mit dem Halstuch
+dastehe ... Doch, nicht darum handelt es sich! Ich, siehst du: ich werde
+für das Silber sorgen! Ich bin doch verpflichtet, euch ein Geschenk zu
+machen – meine Ehre verlangt es, und auch meine Eigenliebe! ... Meine
+Jahreszulage wird doch dazu reichen: hoffentlich wird man sie mir bald
+geben? Fürchte nichts, mein Lieber, ich werde euch echte silberne Löffel
+kaufen und gute Messer – die nicht aus Silber zu sein brauchen, doch
+ausgezeichnete Messer sein werden, und eine Weste werde ich kaufen, das
+heißt, eine Weste für mich: denn ich werde doch Trauzeuge sein! Du aber
+nimm dich mal jetzt zusammen, ich werde schon auf dich aufpassen,
+Bruder; heute und morgen, die ganze Nacht werde ich mit dem Stock hinter
+deinem Stuhl stehen, beende die Arbeit, Bruder beende sie schnell! Nun,
+und dann gehen wir beide zum Abend wieder hin, und wir werden glücklich
+sein ... werden Lotto spielen! ... Werden die Abende zusammen verbringen
+– hei, wird das schön werden! Pfui, Teufel! Wie ärgerlich, daß ich dir
+nicht helfen kann. Ich würde am liebsten alles, alles für dich
+abschreiben ... Warum haben wir nicht dieselbe Handschrift?“
+
+„Ja!“ antwortete Wassjä. „Ja! Ich muß mich beeilen. Ich glaube, es wird
+jetzt elf Uhr sein – wir müssen uns beeilen ... An die Arbeit!“ Und
+Wassjä, der die ganze Zeit lächelnd zugehört und bin und wieder versucht
+hatte, durch irgendeine Bemerkung seine freundschaftlichen Gefühle zu
+Arkadij auszudrücken, kurz, der bis dahin mit Leib und Seele dabei
+gewesen war, verstummte plötzlich, wurde unruhig und schweigsam und fing
+beinah an zu laufen. Offenbar hatte irgendein schwerer Gedanke plötzlich
+seinen allzu heißen Kopf abgekühlt!
+
+Auch Arkadij Iwanowitsch wurde unruhig: auf seine dringlichen Fragen
+erhielt er kaum eine Antwort von Wassjä, dessen Ausrufe anderseits gar
+nicht mehr zur Sache gehörten.
+
+„Ja, was fehlt dir denn, Wassjä?“ rief Arkadij endlich aus, als jener
+seine Schritte so beschleunigte, daß er ihm kaum zu folgen vermochte.
+„Bist du wirklich so in Sorge? ...“
+
+„Ach, mein Lieber, wir haben genug geredet!“ antwortete ihm Wassjä
+ärgerlich.
+
+„Verzweifle doch nicht, Wassjä,“ unterbrach ihn Arkadij, „ich habe es
+doch schon erlebt, daß du in einer kürzeren Frist noch viel mehr
+abgeschrieben hast ... Was willst du denn! Du bist doch so geschickt! Im
+äußersten Falle kannst du einfach etwas flüssiger schreiben: deine
+Abschrift braucht doch nicht wie gestochen zu sein. Du wirst’s schon
+schaffen! ... Wenn du dich jetzt aufregst, so wirst du nur zerstreut
+sein und die Arbeit wird dir schwer fallen ...“
+
+Wassjä antwortete nichts oder murmelte nur etwas vor sich hin, und beide
+liefen voll Unruhe nach Haus.
+
+Wassjä setzte sich sofort an die Arbeit. Arkadij Iwanowitsch verhielt
+sich ganz ruhig, er entkleidete sich vorsichtig und legte sich aufs
+Bett, ohne Wassjä aus den Augen zu lassen ... Angst überkam ihn ... „Was
+ist das nur mit ihm?“ dachte er bei sich, als er Wassjäs bleiches
+Gesicht mit den glänzenden Augen darin erblickte – diese Unruhe in all
+seinen Bewegungen – dies Zittern seiner Hand ... Verdammt, wirklich
+verdammt! Sollte ich ihm nicht raten, sich lieber zwei Stunden
+hinzulegen: vielleicht kann er seine Aufregung ausschlafen.“
+
+Wassjä hatte gerade eine Seite beendet, er sah auf und sein Blick traf
+zufällig Arkadij. Doch sofort schlug er die Augen nieder und griff
+wieder zur Feder.
+
+„Höre, Wassjä,“ begann plötzlich Arkadij Iwanowitsch, „wäre es nicht
+wirklich besser, wenn du dich ein wenig schlafen legtest! Sieh, du bist
+wie im Fieber ...“
+
+Wassjä sah geärgert, sogar wütend zu Arkadij hinüber und antwortete
+nichts.
+
+„Höre, Wassjä, was machst du mit dir? ...“ Wassjä schien sich zu
+besinnen.
+
+„Sollte ich nicht Tee trinken, Arkascha?“ sagte er plötzlich.
+
+„Wie das? Warum?“
+
+„Tee gibt Kraft. Schlafen will ich nicht und werde ich auch nicht! Ich
+werde schreiben. Beim Teetrinken würde ich mich aber erholen, und ein
+Augenblick der Ermüdung wäre leichter zu überwinden.“
+
+„Famos, Bruder Wassjä, famos! So gefällst du mir: ich selbst wollte dir
+schon den Vorschlag machen. Ich wundere mich nur, daß ich nicht früher
+darauf verfiel. Und – weißt du was? Mawra wird nicht aufstehen, um
+nichts in der Welt wird sie aufstehen ...“
+
+„Ja! Das stimmt!“
+
+„Ach, Unsinn, das tut auch nichts!“ rief Arkadij Iwanowitsch und sprang
+barfuß aus dem Bett. „Ich selbst werde den Ssamowar aufstellen ...“
+
+Arkadij Iwanowitsch lief in die Küche und mühte sich um den Ssamowar;
+Wassjä schrieb unterdessen weiter. Dann kleidete sich Arkadij
+Iwanowitsch an, um in eine Bäckerei zu gehen, damit Wassjä sich zur
+Nacht stärken könnte. In einer Viertelstunde stand der Ssamowar auf dem
+Tisch. Sie tranken den Tee, aber zu einem Gespräch kam es nicht mehr.
+Wassjä war immer noch sehr zerstreut.
+
+„Ja, was ich sagen wollte,“ sagte er endlich, sich besinnend, „morgen
+muß man gehen und gratulieren.“
+
+„Das hast du doch nicht nötig.“
+
+„Nein, mein Lieber, das muß sein,“ sagte Wassjä ...
+
+„Ich werde dich bei allen einschreiben. Wozu willst du gehen? Du,
+arbeite morgen! Heute arbeite noch bis fünf Uhr, wie ich’s dir gesagt
+habe, und dann lege dich schlafen. Denn sonst, wie wirst du morgen sonst
+aussehen? Ich würde dich um Punkt acht Uhr wecken ...“
+
+„Ja, geht es denn an, daß du statt meiner mich überall einschreibst?“
+fragte Wassjä halb und halb mit dem Vorschlage einverstanden.
+
+„Ja, warum denn nicht? So machen es doch alle!“
+
+„Ich fürchte eigentlich ...“
+
+„Was denn, was?“
+
+„Bei den andern, weißt du, tut es nichts, aber bei Juljan Mastakowitsch
+– er ist doch mein Wohltäter, Arkascha, und wenn er bemerkt, daß eine
+fremde Hand ...“
+
+„Bemerkt! Wie töricht du bist, Wassjuk! Wie kann er denn das bemerken?
+... Ich kann doch deinen Namen so gut kopieren und dieselbe Schleife
+dranmachen, bei Gott, du weißt doch. Wirklich, was soll er denn da
+bemerken?“
+
+Wassjä antwortete nichts und beeilte sich, sein Glas zu leeren ...
+Darauf schüttelte er zweifelnd den Kopf.
+
+„Wassjä, mein Junge! Ach, wenn es uns doch nur gelingen würde! Wassjä,
+was fehlt dir denn? Du machst mir Angst! Weißt du, ich werde mich nicht
+hinlegen, Wassjä, ich werde nicht einschlafen. Zeige mir doch, ob du
+noch viel zu schreiben hast?“
+
+Wassjä blickte Arkadij Iwanowitsch so an, daß diesem das Herz weh tat
+und er kein Wort mehr herausbrachte.
+
+„Wassjä! Was ist mit dir? Was hast du? Warum siehst du mich so an?“
+
+„Arkadij, ich, weißt du, ich werde morgen doch selbst gehen und Juljan
+Mastakowitsch gratulieren.“
+
+„Nun, so gehe doch!“ sagte Arkadij und sah ihn mit großen Augen in
+qualvoller Erwartung an.
+
+„Höre, Wassjä, schreibe doch schneller, ich werde dir doch nichts
+Schlechtes raten, bei Gott, das tue ich nicht. Wie oft hat dir nicht
+Juljan Mastakowitsch selbst schon gesagt, daß ihm an deiner Handschrift
+am meisten die Leichtigkeit gefällt! Nur Skoroplechin liebt es, wenn die
+Schrift wie gemalt ist und wie eine Schönschreibevorlage aussieht, um
+sich das Papier dann unrechtmäßigerweise anzueignen und seinen Kindern
+mit nach Hause zu bringen – denn eine Vorlage für sie kann sich der
+Schafskopf wohl nicht kaufen! Aber Juljan Mastakowitsch verlangt immer
+nur: flüssig, flüssig, flüssig! Doch was hast du nur, Wassjä, ich weiß
+wirklich nicht, was ich dir noch sagen soll ... Ich fürchte mich fast
+... Mit deiner Verzweiflung bringst du mich noch um!“
+
+„Nichts, nichts!“ sagte Wassjä und fiel erschöpft auf seinen Stuhl
+zurück. Arkadij erschrak.
+
+„Willst du Wasser, Wassjä? – Wassjä!“
+
+„Laß nur, laß,“ sagte Wassjä, und drückte ihm die Hand. „Mir fehlt
+nichts, mir ist nur etwas traurig zumut, Arkadij. Ich kann es eigentlich
+selbst nicht sagen, warum. Höre, rede lieber von etwas anderem, erinnere
+mich nicht daran ...“
+
+„Beruhige dich, um Gottes willen, beruhige dich doch, Wassjä. Du wirst’s
+schon beenden, bei Gott, wirst’s schon beenden! Und wenn nicht, – nun,
+was wäre denn dabei für ein Unglück? Tust ja, als wäre das ein wahres
+Verbrechen!“
+
+„Arkadij,“ sagte Wassjä, seinen Freund so bedeutungsvoll ansehend, daß
+dieser wieder erschrak, denn noch nie hatte er Wassjä so tief innerlich
+aufgeregt gesehen. „Wenn ich allein gewesen wäre, wie früher ... Nein!
+Nicht das meine ich! Ich möchte es dir immer sagen, dir anvertrauen, wie
+einem Freunde ... Übrigens, wozu dich beunruhigen? ... Siehst du,
+Arkadij, den einen ist viel gegeben, andere verrichten nur Kleines, wie
+ich. Nun, wenn man von dir zum Beispiel Dankbarkeit und Anerkennung
+verlangte – und dir wäre es nicht möglich ...?“
+
+„Wassjä! Ich kann dich wahrhaftig nicht verstehen!“
+
+„Ich bin niemals undankbar gewesen,“ fuhr Wassjä fort, als spräche er zu
+sich selbst. „Wenn ich nun aber nicht imstande bin, alles auszudrücken,
+was ich fühle, so ist es, als ob ... so hat es doch den Anschein,
+Arkadij, als wäre ich tatsächlich undankbar, und das bringt mich einfach
+um!“
+
+„Was sagst du da, was! Besteht denn wirklich darin deine ganze
+Dankbarkeit, daß du genau zum Termin fertig geworden bist? Denke doch
+nach, Wassjä, was du da sagst! Wäre das wirklich die ganze Dankbarkeit?“
+
+Wassjä verstummte und sah seinen Freund mit großen Augen an, als hätte
+dieser unerwartete Einwand alle Bedenken genommen. Er lächelte sogar,
+nahm aber sofort wieder eine nachdenkliche Miene an. Arkadij faßte
+dieses Lächeln als das Ende aller Schrecken auf, die Lebhaftigkeit aber,
+die wieder über Wassjä kam, als einen Entschluß zu etwas Besserem, und
+freute sich bereits sehr.
+
+„Nun, Arkascha, du legst dich jetzt schlafen,“ sagte Wassjä. „Sieh nur,
+daß ich nicht einschlafe, das wäre ein Unglück. Ich mache mich also
+jetzt an die Arbeit ... Arkascha!“
+
+„Was?“
+
+„Nein, nichts, ich wollte nur ...“
+
+Wassjä setzte sich hin, schwieg und schrieb. Arkadij legte sich
+schlafen. Weder der eine noch der andere hatte ihren Besuch vom
+Nachmittag erwähnt. Vielleicht fühlten sich alle beide ein wenig
+schuldig, die Zeit vergeudet zu haben. Arkadij Iwanowitsch war bald
+eingeschlafen – in Sorgen über Wassjä. Zu seiner Verwunderung erwachte
+er genau um acht Uhr morgens. Wassjä war auf seinem Stuhl gleichfalls
+eingeschlafen, die Feder in der Hand, bleich und übermüdet. Das Licht
+war niedergebrannt. In der Küche machte sich Mawra am Ssamowar zu
+schaffen.
+
+„Wassjä, Wassjä!“ rief Arkadij erschrocken aus. „Wann bist du
+eingeschlafen?“
+
+Wassjä riß die Augen auf und sprang vom Stuhl.
+
+„Ach!“ sagte er, „ich bin nur so eingeschlafen! ...“
+
+Er sah sofort nach seinen Papieren, nichts war ihnen geschehen, alles
+war in Ordnung; kein Tintenfleck, kein Talgfleck, vom Licht war nichts
+heruntergetröpfelt.
+
+„Ich glaube, ich schlief um sechs Uhr ein,“ sagte Wassjä. „Wie kalt es
+in der Nacht ist! Trinken wir einen Tee und dann werde ich wieder ...“
+
+„Bist du ruhig geworden?“
+
+„Ja, ja, mir fehlt nichts!“
+
+„Prost Neujahr, Wassjä.“
+
+„Prost Neujahr, mein Lieber, prost Neujahr, wünsche dir gleichfalls
+alles Gute, mein Lieber.“
+
+Sie umarmten sich. Wassjäs Lippen zitterten und seine Augen schwammen in
+Tränen. Arkadij Iwanowitsch schwieg: ihm war bitter zumut. Beide tranken
+sie eilig den Tee ...
+
+„Arkadij! Ich habe beschlossen, selbst zu Juljan Mastakowitsch zu gehen
+...“
+
+„Aber er wird es ja doch nicht bemerken ...“
+
+„Mich quält sonst das Gewissen, mein Lieber.“
+
+„Du sitzt doch hier seinetwegen, seinetwegen quälst du dich ... Genug,
+Wassjä! ... Und ich, weißt du, mein Lieber, werde auch dahin gehen ...“
+
+„Wohin?“ fragte Wassjä.
+
+„Zu Artemjeffs, um auch ihnen zu gratulieren, auch für dich mit!“
+
+„Schön, mein Lieber, schön! Nun! So werde ich also hier bleiben: ja, ich
+sehe, das hast du dir trefflich ausgedacht. Ich werde also hier bleiben
+und arbeiten und nicht feiertagsmäßig die Zeit verbringen! Warte nur
+noch ein wenig, ich werde gleich einen Brief schreiben.“
+
+„Schreibe nur, schreibe, es hat ja noch Zeit. Ich werde mich erst
+waschen, rasieren und den Rock reinbürsten.“
+
+„Wassjä, mein Bruder, weißt du, wir werden beide glücklich und zufrieden
+sein! Umarme mich, Wassjä!“
+
+„Ach, wenn du das meinst, Bruder! ...“
+
+„Wohnt hier der Herr Beamte Schumkoff?“ ertönte in diesem Augenblick ein
+Kinderstimmchen auf der Treppe.
+
+„Hier, mein Kleiner, hier,“ antwortete Mawra und ließ den kleinen Gast
+eintreten.
+
+„Wer ist da? Wer, wer?“ rief Wassjä, sprang vom Stuhl auf und stürzte
+ins Vorzimmer. „Petinka, du? ...“
+
+„Guten Tag, habe die Ehre Ihnen zum neuen Jahre zu gratulieren, Wassilij
+Petrowitsch,“ sagte ein reizender schwarzlockiger Bengel von etwa zehn
+Jahren, „die Schwester läßt Sie schön grüßen, Mama auch, und die
+Schwester hat mir befohlen, Sie von ihr zu küssen ...“
+
+Wassjä hob den kleinen Gesandten mit beiden Armen in die Luft und
+drückte einen langen leidenschaftlichen Kuß auf seine Lippen, die ganz
+Lisenkas Lippen ähnlich waren.
+
+„Küsse ihn auch, Arkadij!“ wandte er sich an diesen und übergab ihm
+Petjä – und Petjä ging, ohne die Erde zu berühren, in die mächtige und
+heftige Umarmung Arkadij Iwanowitschs über.
+
+„Mein Kleiner, willst du Tee?“
+
+„Danke bestens. Wir haben bereits Tee getrunken! Heute sind wir früh
+aufgestanden. Die Unsrigen gingen zur Frühmesse. Die Schwester hat mich
+zwei Stunden lang angezogen, mich gewaschen und gekämmt und mir die
+Hosen genäht, die ich gestern abend, als ich mit Ssascha auf der Straße
+spielte, zerrissen hatte: wir spielten nämlich Schneeball zusammen, und
+da ...“
+
+„Nu – nu – nu – nu!“
+
+„Jawohl, die ganze Zeit hat sie mich aufgeputzt, mich zurechtgestutzt
+und dann mich abgeküßt: ‚gehe zu Wassjä, gratuliere ihm und frage ihn,
+ob er ruhig die Nacht verbracht hat, und noch ...‘ und ich sollte noch
+etwas fragen, ja! Ob die Sache schon beendet wäre, von der Sie gestern
+gesprochen ... gestern ... Ach, ich habe ja alles aufgeschrieben,“ sagte
+der Kleine, zog ein Blättchen aus der Tasche, – „ja, und ob Sie
+aufgeregt wären?“
+
+„Ich werde fertig! Ich werde! Sag’s ihr, daß ich fertig werde, mein
+Ehrenwort drauf!“
+
+„Ja und noch etwas ... Ach! Ich hab’s vergessen: die Schwester hat auch
+einen Brief und ein Geschenk geschickt, ja, und ich hätte es fast
+vergessen! ...“
+
+„Mein Gott! ... Wo denn, mein Kind, wo? Da ist’s!? – ah! Sieh doch, mein
+Lieber, sieh, was sie mir schreibt, die Liebe, Gute! Weißt du, gestern
+habe ich bei ihr eine Brieftasche für mich gesehen: leider ist sie nicht
+fertig geworden, so schickt sie mir heute eine ihrer schwarzen Locken,
+die Brieftasche wird mir deshalb jedoch nicht verloren gehen. Sieh,
+Bruder, sieh nur!“
+
+Und der aufgeregte Wassjä zeigte Arkadij Iwanowitsch eine schwarze
+Locke, küßte sie leidenschaftlich und legte sie dann in die
+Seitentasche, nahe dem Herzen.
+
+„Wassjä! Ich werde dir für diese Locke ein Medaillon kaufen!“ sagte
+schließlich Arkadij Iwanowitsch.
+
+„Und heute haben wir einen Kalbsbraten und morgen Kalbshirn. Mama will
+auch noch Kuchen backen ... Und wir werden nicht wieder Haferbrei
+essen,“ sagte der Knabe, und schloß seine Erzählung.
+
+„Nein, was das für ein netter Kerl ist!“ meinte Arkadij Iwanowitsch.
+„Wassjä, du bist der glücklichste Sterbliche!“
+
+Der Kleine trank seinen Tee, erhielt ein Briefchen, tausend Küsse und
+machte sich dann, frisch und fröhlich wie er gekommen war, auf den
+Heimweg.
+
+„Nun, mein Lieber,“ meinte hocherfreut Arkadij Iwanowitsch, „siehst du,
+wie gut alles ist, siehst du! Alles wendet sich zum besseren, verzage
+nicht und klage nicht! Immer voran, Wassjä, mache Schluß mit dem
+Trübsinn! In zwei Stunden bin ich wieder zu Haus: zuerst fahre ich zu
+ihnen, dann zu Juljan Mastakowitsch.“
+
+„Nun, lebe wohl, Lieber, lebe wohl ... Ach, wenn es so ist! ... Nun gut,
+gut, mache, daß du wegkommst,“ sagte Wassjä, „ich, mein Lieber, werde
+dann also bestimmt _nicht_ zu Juljan Mastakowitsch gehen.“
+
+„Lebe wohl!“
+
+„Wart, mein Lieber, wart: sage ihr ... Nun, alles was du willst – küsse
+sie von mir ... Du erzählst mir dann alles später, mein Lieber, alles
+...“
+
+„Nun, natürlich: jetzt wirst du ja wieder der alte! Seit gestern abend
+warst du noch gar nicht recht zu dir gekommen, hattest dich von all den
+Eindrücken noch gar nicht erholt. Nun aber Schluß! Kopf hoch, mein
+lieber Wassjä! Lebe wohl, lebe wohl!“
+
+Endlich trennten sich die Freunde. Den ganzen Morgen über war Arkadij
+Iwanowitsch zerstreut und dachte nur an Wassjä. Er kannte dessen
+schwache und leicht erregbare Natur. Das Glück hatte ihn offenbar so
+erschüttert: jawohl, das war es, das Glück! Ich habe mich nicht
+getäuscht! sagte Arkadij zu sich selbst. Mein Gott! Er hat mir aber
+einen Schrecken eingejagt! Und woraus er nicht eine Tragödie macht! Was
+für ein Hitzkopf er ist! Wirklich, man muß ihm helfen! Jawohl: helfen!
+
+Bei Juljan Mastakowitsch erschien Arkadij erst um elf Uhr, um in der
+Portiersloge seinen bescheidenen Namen der endlosen Reihe hoher
+Persönlichkeiten hinzuzufügen, die auf einem bereits vollgekritzelten
+weißen Bogen ihre Namen eingetragen hatten. Doch wie groß war seine
+Verwunderung, als unmittelbar vor seinem Namen die Unterschrift Wassjä
+Schumkoffs auftauchte! Nun – was ist denn mit ihm geschehen? dachte er
+erschrocken. Und Arkadij Iwanowitsch, der gerade vorher soviel Hoffnung
+geschöpft hatte, ging ganz bestürzt von dannen. Bereitete sich in der
+Tat ein Unglück vor? Was hieß das? Was sollte daraus werden!?
+
+In Kolomna erschien er mit düsteren Gedanken und war anfangs sehr
+zerstreut. Erst als er mit Lisenka gesprochen hatte, kam er zur
+Besinnung und ging dann mit Tränen in den Augen fort: er war Wassjäs
+wegen wirklich in heller Angst. Er lief so schnell wie möglich nach
+Haus. Gerade an der Newa stieß er mit Schumkoff zusammen. Der lief
+gleichfalls mehr als er ging.
+
+„Wohin?“ rief Arkadij Iwanowitsch.
+
+Wassjä stutzte wie ein ertappter Verbrecher.
+
+„Ich, mein Lieber, ich gehe nur so ... ich wollte nur ein wenig
+spazieren ...“
+
+„Du hast es nicht ausgehalten, du willst nach Kolomna gehen? Ach,
+Wassjä, Wassjä! Warum bist du nur zu Juljan Mastakowitsch gegangen?“
+
+Wassjä antwortete ihm nichts darauf, er winkte nur mit der Hand und
+sagte dann:
+
+„Arkadij! Ich weiß nicht, was mit mir vorgeht! Ich ...“
+
+„Schon gut, Wassjä, schon gut! Ich weiß doch, wie das ist. Beruhige dich
+doch nur! Du bist seit gestern unruhig und aufgeregt! Es ist ja auch
+kein Wunder! Alle lieben dich, alle leben für dich, mit deiner Arbeit
+geht’s vorwärts, bald wirst du sie beendet haben, das wirst du bestimmt,
+ich weiß es: du bildest dir da nur so etwas ein, hast da irgendeine
+Angst ...“
+
+„Nein, durchaus nicht, durchaus nicht ...“
+
+„Erinnere dich doch, Wassjä, erinnere dich doch, wie es mit dir war,
+weißt du noch, als du befördert wurdest, du wußtest dich auch nicht vor
+Glück und vor Dankbarkeit zu lassen, verdoppeltest deinen Eifer und eine
+Woche lang verdarbst du doch nur die Arbeit! Dasselbe geschieht jetzt
+wieder mit dir ...“
+
+„Ja, ja, Arkadij – doch ist das jetzt etwas ganz anderes, durchaus etwas
+anderes ...“
+
+„Wieso denn, etwas anderes: ich bitte dich! Die Sache ist ganz sicher
+nicht so eilig, du aber quälst dich dermaßen ...“
+
+„Nein, nein, ich bin nur so ... Nun, gehen wir!“
+
+„Wie, so willst du nach Haus und nicht zu ihnen?“
+
+„Nein, mein Lieber, mit diesem Gesicht kann ich dort nicht erscheinen
+... Ich habe mich bedacht. Ich konnte es nur ohne dich so allein zu
+Hause nicht aushalten. Jetzt, da du wieder bei mir bist, werde ich mich
+hinsetzen und weiter schreiben. Gehen wir!“
+
+Sie gingen und schwiegen eine Zeitlang. Wassjä hatte es jetzt wieder
+sehr eilig.
+
+„Warum erkundigst du dich gar nicht nach ihnen?“ fragte Arkadij
+Iwanowitsch.
+
+„Ach, ja! Nun, Arkaschenka, wie steht’s?“
+
+„Wassjä, man erkennt dich gar nicht wieder!“
+
+„Nun, tut nichts, tut nichts. Erzähle mir nur alles, Arkascha!“ bat
+Wassjä mit flehender Stimme, als wolle er jeder weiteren Erklärung
+ausweichen. Arkadij Iwanowitsch seufzte tief auf: er wußte mit Wassjä
+gar nichts mehr anzufangen.
+
+Die Nachrichten von den Kolomnaschen belebten jedoch Wassjä wieder. Er
+sprach sogar sehr lebhaft von ihnen. Sie speisten beide zu Mittag. Die
+Alte hatte die Taschen Arkadij Iwanowitschs mit Kuchen vollgestopft und
+die Freunde waren lustig und guter Dinge, während sie sie aßen. Nach
+Tisch wollte Wassjä sich hinlegen, um dann die Nacht durcharbeiten zu
+können. Und so geschah es denn auch. Am Morgen hatte jemand Arkadij
+Iwanowitsch zum Tee aufgefordert, eine Einladung, die abzuschlagen nicht
+gut anging. Die Freunde trennten sich infolgedessen. Arkadij versprach,
+so früh als es eben nur anging, zurückzukommen, wenn möglich schon um
+acht Uhr. Diese drei Stunden Trennung kamen ihm selbst wie drei Jahre
+vor. Endlich machte er sich auf, um zu Wassjä zurückzukehren. Als er ins
+Zimmer trat, sah er, daß es dunkel war. Wassjä war nicht zu Haus. Er
+fragte Mawra. Mawra sagte, daß Wassjä die ganze Zeit geschrieben habe,
+darauf im Zimmer auf und ab gegangen sei, und schließlich vor einer
+Stunde ungefähr hinausgelaufen wäre – mit der Bemerkung, er käme in
+einer halben Stunde wieder: ‚wenn aber Arkadij Iwanowitsch inzwischen
+kommt, so sage du ihm,‘ schloß Mawra die Erzählung, ‚daß ich nur ein
+wenig spazierengegangen bin,‘ das aber habe er ihr drei- bis viermal
+ausdrücklich anbefohlen.
+
+„Er ist sicher bei Artemjeffs!“ dachte Arkadij Iwanowitsch und
+schüttelte den Kopf.
+
+Im nächsten Augenblick sprang er auf: er hatte eine neue Hoffnung. „Er
+ist wohl gar fertig geworden,“ dachte er, „ja: das wird es sein; und er
+hat es nicht länger ausgehalten und ist zu ihnen gelaufen. Übrigens,
+nein! Dann hätte er doch auf mich gewartet ... Sehen wir, wie es mit
+seiner Arbeit steht –“.
+
+Er zündete das Licht an und begab sich an Wassjäs Schreibtisch: die
+Arbeit ging offenbar gut vonstatten und schien sich ihrem Ende zu
+nähern. Arkadij Iwanowitsch wollte sich noch näher davon überzeugen, als
+plötzlich Wassjä eintrat ...
+
+„Ah! Du hier?“ rief er aus und schrak zusammen.
+
+Arkadij Iwanowitsch schwieg. Er fürchtete sich, an Wassjä irgendeine
+Frage zu stellen. Der schlug die Augen nieder und begann schweigend
+seine Papiere zu ordnen. Schließlich begegneten sich beider Augen.
+Wassjäs Blick war flehend und gebrochen. Arkadij schrak zurück, als er
+ihn traf.
+
+„Wassjä, mein Lieber, was ist das mit dir? Was hast du?“ rief er aus,
+stürzte sich auf Wassjä und nahm ihn in seine Arme, „erkläre mir doch,
+ich verstehe nichts von deiner Traurigkeit, was hast du, mein armer
+Märtyrer? Sage mir doch alles, ohne Umschweife. Es kann doch nicht sein,
+daß dieses eine ...“
+
+Wassjä preßte sich ungestüm an ihn. Sprechen konnte er nicht. Der Atem
+ging ihm aus.
+
+„Schon gut, Wassjä, schon gut! Wenn du nicht fertig wirst, was ist denn
+dabei? Ich verstehe dich gar nicht, sag doch, was quält dich so? Siehst
+du, ich bin doch bereit, für dich alles ... Ach, mein Gott, mein Gott!“
+sagte er, im Zimmer auf und ab gehend, während er nach allem griff, was
+ihm in die Hände kam, als suchte er ein Mittel, eine Hilfe für Wassjä.
+„Ich selbst werde morgen anstatt deiner zu Juljan Mastakowitsch gehen,
+werde ihn bitten, ihn anflehn, daß er dir noch einen Tag Frist gebe. Ich
+werde ihm alles auseinandersetzen, alles, alles, wenn es dich so quält
+...“
+
+„Gott bewahre mich davor!“ rief Wassjä aus und wurde weiß wie die Wand.
+Er konnte sich kaum auf den Füßen halten.
+
+„Wassjä, Wassjä!“
+
+Wassjä kam wieder zu sich. Seine Lippen zitterten; er wollte etwas
+sagen, konnte aber nur schweigend Arkadij die Hand drücken. Seine Hand
+war kalt. Arkadij stand vor ihm in quälender Erwartung. Wassjä sah ihn
+wieder an.
+
+„Wassjä! Gott mir dir, Wassjä! Du zerreißt mir das Herz, mein Freund,
+mein Lieber.“
+
+Ströme von Tränen stürzten aus Wassjäs Augen: er warf sich an die Brust
+seines Freundes.
+
+„Ich habe dich betrogen, Arkadij!“ schluchzte er laut auf, „ich habe
+dich betrogen: vergib mir, vergib! Ich habe dich hintergangen ...“
+
+„Wieso, Wassjä! Was heißt das?“ fragte Arkadij, außer sich vor Angst und
+Schrecken.
+
+„Da! ...“
+
+Und Wassjä warf mit einer verzweifelten Geste aus einem Kasten sechs
+dicke Hefte auf den Tisch, die genau so aussahen wie jenes, das er
+abschrieb.
+
+„Was soll das?“
+
+„Da, das Ganze müßte ich bis übermorgen fertigstellen. Ich habe nicht
+einmal ein Viertel davon!“
+
+„Frage nicht, frage nicht, wie das kommen konnte!“ fuhr Wassjä fort, um
+selbst alles zu erzählen, was ihn so gequält hatte. „Arkadij, lieber
+Freund! Ich weiß selbst nicht, was mit mir geschehen war. Ich bin erst
+jetzt wie aus einem Traum erwacht. Ich habe drei ganze Wochen verloren.
+Ich bin ... immer ... zu ihr gegangen ... Mein Herz sehnte sich ... ich
+quälte mich ... mit der Ungewißheit ... und ich konnte, ich konnte nicht
+arbeiten. Ich dachte auch nicht einmal daran. Jetzt erst, wo das Glück
+wirklich für mich begonnen hat, – da bin ich aufgewacht.“
+
+„Wassjä!“ begann Arkadij Iwanowitsch entschlossen, „Wassjä, ich werde
+dich retten! Ich begreife alles. Diese Sache ist kein Spaß. Ich muß dir
+helfen! Höre, höre mich an: ich gehe morgen zu Juljan Mastakowitsch ...
+Schüttle nicht den Kopf, nein, höre nur! Ich werde ihm alles erzählen,
+wie es gewesen ist, erlaube mir, daß ich es tue ... Ich werde ihm
+erklären ... ich werde alles wagen! Ich werde ihm deine Lage schildern,
+werde ihm erzählen, wie du dich quälst.“
+
+„Wenn du dir nur sagen wolltest, daß du mich damit einfach vernichtest?“
+erwiderte Wassjä, ganz starr vor Schreck.
+
+Arkadij Iwanowitsch wurde blaß, doch er beherrschte sich und fing an zu
+lachen.
+
+„Aber was denn, Wassjä! Was denn! So höre doch! Ich sehe ja, daß ich
+dich damit nur aufrege. Aber ich verstehe dich doch, ich weiß doch, was
+in dir vorgeht. Wir leben doch schon fünf Jahre miteinander, und schwach
+bist du, unverzeihlich schwach. Auch Lisaweta Michailowna hat es bereits
+bemerkt. Außerdem bist du ein Schwärmer, und das ist auch nicht gut: man
+kann da plötzlich ins Bodenlose fallen, mein Bruder! Höre mich an, ich
+weiß doch, was du möchtest! Du möchtest, daß Juljan Mastakowitsch außer
+sich vor Freude wäre: darüber, daß du heiratest – und womöglich sollte
+er einen Ball für dich geben ... Halt, halt! Du runzelst die Brauen.
+Siehst du, schon wegen dieser kleinen Bemerkung von mir bist du
+beleidigt, für Juljan Mastakowitsch beleidigt! Lassen wir ihn also
+beiseite. Ich verehre ihn nicht weniger als du. Du wirst mir aber doch
+nicht abstreiten und mir nicht zu denken verbieten, daß du nicht
+wünschtest – nun sagen wir: es gäbe keinen einzigen Unglücklichen auf
+der Erde, bloß weil du heiratest ... Gib es doch zu, mein Lieber, daß du
+nichts dagegen hättest, wenn ich, dein bester Freund, plötzlich in den
+Besitz von hunderttausend Rubel Kapital käme: und daß alle Feinde der
+Welt sich versöhnten, sich mitten auf der Straße vor Freude in die Arme
+fielen und, wenn möglich, hierher zu dir zu Gaste kämen! Lieber Freund,
+ich scherze nicht, es ist so! Ich habe dich schon längst erkannt. Weil
+du dich glücklich fühlst, willst du, daß sich alle glücklich fühlen
+sollen. Es fällt dir schwer, allein glücklich zu sein! Darum möchtest du
+mit aller Gewalt dich deines Glückes würdig erweisen und zur Beruhigung
+deines Gewissens sofort eine große Tat vollbringen! Nun, ich verstehe,
+wie du dich quälen mußt, daß gerade dort, wo du dein Können zeigen
+möchtest ... nun, sagen wir, daß dort deine Dankbarkeit, wie du dich
+ausdrückst, plötzlich versagt! Der Gedanke ist dir sehr peinlich, daß
+Juljan Mastakowitsch sich ärgern wird, wenn er erfährt, daß du in diesem
+Falle die Hoffnungen getäuscht hast, die er auf dich gesetzt. Dir ist es
+schmerzlich, daran zu denken, daß du Vorwürfe von dem hören wirst, den
+du für deinen Wohltäter hältst – und das gerade jetzt! Jetzt, da dein
+Herz voll Freude ist und da du nicht weißt, an wem du deine Dankbarkeit
+auslassen sollst! ... Ist es nicht so? nicht wahr, es ist so!“
+
+Mit zitternder Stimme schloß Arkadij Iwanowitsch seine Rede, er schwieg
+und schöpfte tief Atem.
+
+Wassjä blickte voll Liebe auf seinen Freund. Auf seinen Lippen lag ein
+Lächeln.
+
+In Erwartung einer Hoffnung belebte sich sogar sein Gesicht.
+
+„Also, höre mich an,“ begann von neuem Arkadij, auch seinerseits wieder
+von Hoffnung belebt, „so ist es denn nicht nötig, daß Juljan
+Mastakowitsch seine Zuneigung zu dir einbüßt. Ist es nicht so, mein
+Lieber? Hier liegt doch die Frage? Wenn dem aber so ist, dann werde
+ich,“ sagte Arkadij vom Stuhl aufspringend, „dann werde ich mich für
+dich opfern. Ich werde morgen zu Juljan Mastakowitsch gehen ...
+Widersprich mir nicht! Du, Wassjä, machst ja dein Versäumnis zu einem
+Verbrechen! Er aber, Juljan Mastakowitsch, ist großmütig und mildtätig,
+und denkt nicht so wie du! Er, Bruder Wassjä, wird uns anhören und aus
+dem Unglück helfen. Jawohl. Nun! Hast du dich beruhigt?“
+
+Wassjä drückte mit Tränen in den Augen Arkadijs Hand.
+
+„Schon gut, Arkadij, schon gut,“ sagte er, „die Sache ist bereits
+beschlossen. Ich habe meine Sache nicht gemacht: gut! Nicht gemacht ist
+– nicht gemacht. Du aber brauchst deshalb nicht hinzugehen: ich selbst
+werde hingehen und ihm alles erzählen. Ich habe mich jetzt beruhigt, ich
+bin vollständig gefaßt. Doch du, nein, du sollst nicht gehen ... So höre
+doch ...“
+
+„Wassjä, mein Lieber!“ rief Arkadij Iwanowitsch freudig aus, „meine
+Worte haben auf dich gewirkt: wie freue ich mich, daß du dich besonnen
+hast und dich zusammennehmen willst. Wie es mit deiner Sache auch stehen
+mag, was auch geschehen wird – ich bin bei dir, vergiß das nicht! Ich
+sehe, du willst nicht, daß ich mit Juljan Mastakowitsch darüber spreche
+– gut: ich werde nichts sagen, nichts, du selbst wirst es tun. Siehst
+du: du gehst morgen hin ... Oder nein, du wirst nicht hingehen, du wirst
+hier bleiben und schreiben, verstehst du? Ich werde aber doch
+herumhören, wie es mit der Sache steht, ob sie sehr eilig ist oder
+nicht, ob sie zum Termin fertig sein muß oder nicht, und wenn du den
+Termin versäumst, was daraus entspringen kann? Dann werde ich zu dir
+kommen und dir berichten. Siehst du, siehst du! Da haben wir schon eine
+Hoffnung; nun, stelle dir vor, daß die Sache keine Eile hat! Wie viel
+ist dann gewonnen! Juljan Mastakowitsch kann sie vielleicht überhaupt
+vergessen haben – und dann ist ja sowieso alles gerettet!“
+
+Wassjä schüttelte bedenklich mit dem Kopf. Doch wandte er seinen
+dankbaren Blick nicht von dem Gesicht seines Freundes.
+
+„Schon gut, schon gut! Ich fühle mich so schwach und bin so müde,“ sagte
+er dann seufzend, „ich möchte selbst nicht mehr daran denken. Sprechen
+wir von etwas anderem! Ich, siehst du, ich werde auch jetzt nicht mehr
+schreiben, ich werde nur noch die Seite beenden – bis zum Absatz. Höre
+... Ich wollte dich schon längst fragen: wie kommt’s, daß du mich so gut
+kennst?“
+
+Tränen tropften aus seinen Augen auf die Hand Arkadijs.
+
+„Wenn du wüßtest, Wassjä, wie sehr ich dich liebhabe, so würdest du
+nicht danach fragen!“
+
+„Ja, ja, Arkadij, ich weiß es nicht ... denn ich kann nicht verstehen,
+für was du mich so liebhast! Ja, Arkadij, du mußt wissen, daß deine
+Liebe mich geradezu erdrückt. Wie oft, wenn ich mich schlafen legte,
+habe ich an dich gedacht (denn ich denke immer an dich, bevor ich
+einschlafe) und mein Herz zitterte so heftig, so sehr ... so sehr ...
+Weil du mich so gern hast, und ich mein Herz nicht erleichtern und dir
+mit nichts danken konnte ...“
+
+„Siehst du, Wassjä, siehst du, so bist du! ... Wie du dich wieder
+aufregst,“ sagte Arkadij, dem das Herz weh tat, wenn er an die gestrige
+Szene auf der Straße dachte.
+
+„Schon gut. Du willst, daß ich mich beruhige und doch war ich noch
+niemals so ruhig und glücklich wie eben! Weißt du was? ... Höre, ich
+möchte dir gern etwas sagen, aber ich fürchte, dich zu kränken ... du
+bist immer gleich so gekränkt und schreist dann auf mich ein: ich aber
+bin dann so erschrocken ... Sieh, wie ich jetzt zittere, ich weiß gar
+nicht warum ... Höre, was ich dir sagen will. Ich glaube, ich habe mich
+früher selbst nicht gekannt – ja! Und die anderen habe ich erst gestern
+kennen gelernt. Ich, Bruder, ich verstand nicht, alles richtig zu
+schätzen. Das Herz in mir war verhärtet. Höre, wie ist das nur möglich,
+daß ich niemandem, niemandem auf der Welt etwas Gutes getan habe, weil
+ich es eben nicht tun konnte – sogar mein Äußeres ist unglücklich ...
+Alle aber haben mir Gutes erwiesen! Du als der erste: sehe ich’s denn
+nicht?! Ich habe nur immer geschwiegen, geschwiegen!“
+
+„Wassjä, höre auf!“
+
+„Nun, was denn, was denn, Arkascha! ... Ich habe doch nichts ...“
+unterbrach sich Wassjä, der vor Tränen kaum sprechen konnte. „Ich habe
+dir gestern von Juljan Mastakowitsch erzählt. Du weißt doch selbst, wie
+streng er sonst ist, und wie rauh. Du selbst hast manche Bemerkung von
+ihm einstecken müssen, mit mir aber hat er gestern gescherzt und mir
+sein gutes Herz gezeigt, das er allen anderen gegenüber verbirgt ...“
+
+„Nun, Wassjä? Das zeigt doch nur, daß du dessen würdig bist.“
+
+„Ach, Arkascha! Wie gern, wie gern würde ich dies Ganze erledigt haben!
+... Ich vernichte ja mein Glück damit! Ich habe so ein Vorgefühl! Nein,
+nicht dadurch,“ unterbrach sich Wassjä, als er bemerkte, daß Arkadij
+nach dem dicken Papierstoß auf dem Tisch schielte, „das hat nichts zu
+sagen, das ist beschriebenes Papier, Unsinn! Diese Sache ist erledigt
+... Ich, Arkascha, ich war heute bei ihnen ... Ich bin nicht
+hineingegangen. – Es war mir zu schwer zumut! Ich stand nur an der Tür.
+Sie spielte auf dem Klaviers, ich hörte es draußen. Siehst du, Arkadij,“
+sagte er mit leiser Stimme, „ich wagte nicht einzutreten ...“
+
+„Höre, Wassjä, was fehlt dir? Du siehst mich so seltsam an?“
+
+„Nein, nichts! Mir ist nicht ganz wohl, meine Kniee zittern, das kommt
+daher, weil ich die Nacht über auf war! Ein Schleier liegt mir vor den
+Augen. Und hier, hier ...“
+
+Er wies auf sein Herz und zugleich sank er auch schon ohnmächtig
+zusammen.
+
+Als er wieder zu sich kam, wollte Arkadij strenge Maßregeln ergreifen.
+Er wollte ihn mit Gewalt ins Bett legen. Wassjä willigte aber nicht ein,
+Arkadij konnte reden, was er wollte. Er weinte, rang die Hände, wollte
+mit aller Gewalt weiterschreiben und seine Seite beenden. Um ihn nicht
+unnötig aufzuregen, ließ ihn Arkadij schließlich zu seinen Papieren.
+
+„Siehst du,“ sagte Wassjä, sich auf seinen Platz setzend, „ich habe eine
+Idee, eine Hoffnung. Siehst du: ich werde ihm übermorgen nicht alles
+bringen. Von dem Rest sage ich ihm, daß es verbrannt ist oder verloren
+gegangen ... kurz ... – Nein, ich kann nicht lügen. Ich werde ihm lieber
+alles erklären, werde sagen, wie es gekommen ist, daß ich einfach nicht
+konnte. Ich werde ihm von meiner Liebe erzählen: er hat ja selbst erst
+vor kurzem geheiratet, er wird mich verstehen! Ich werde alles das,
+versteht sich, ihm bescheiden und demütig mitteilen, er wird meine
+Tränen sehen, sie werden ihn rühren ...“
+
+„Ja, das ist klug von dir, gehe, gehe zu ihm, erkläre dich ihm ...
+Tränen sind dazu nicht nötig! Warum denn Tränen? Aber weißt du, Wassjä,
+du hast mir einen tüchtigen Schrecken eingejagt.“
+
+„Schön, ich werde also gehen, ich werde also gehen. Jetzt aber laß mich
+schreiben, laß mich, Arkascha. Ich störe niemanden, laß auch du mich
+ruhig schreiben!“
+
+Arkadij warf sich aufs Bett. Er traute Wassjä nicht, er traute ihm
+wirklich nicht. Wassjä war zu allem fähig. Doch um Entschuldigung
+bitten, warum!? Die Sache lag ja gar nicht so. Die Sache war doch die,
+daß Wassjä tatsächlich seine Pflicht nicht erfüllt hatte, daß er vor
+sich selbst schuldig war und seinem Schicksal gegenüber ein schlechtes
+Gewissen hatte, daß Wassjä sich niedergedrückt und seines Glückes nicht
+würdig fühlte und daß er schließlich sich einen Vorwand suchte und seit
+dem gestrigen Tage, erschüttert durch die Plötzlichkeit aller
+Geschehnisse, wie er war, noch nicht recht zu sich kommen konnte: ja: so
+war es! sagte sich Arkadij Iwanowitsch. Deshalb muß man ihn retten, muß
+ihn mit sich selbst aussöhnen! Und Arkadij dachte noch lange nach und
+beschloß, unverzüglich zu Juljan Mastakowitsch zu gehen, wenn möglich
+schon morgen, und ihm alles zu erzählen.
+
+Wassjä saß und schrieb. Der gequälte Arkadij Iwanowitsch legte sich von
+neuem auf sein Bett, um noch weiter über die Sache nachzudenken, schlief
+ein und erwachte erst beim Morgengrauen.
+
+„Ach, Teufel! Wieder!“ rief er aus, als er Wassjä erblickte; der saß und
+schrieb.
+
+Arkadij stürzte zu ihm, umarmte ihn und brachte ihn mit aller Gewalt auf
+sein Bett. Wassjä lächelte nur: seine Augen fielen ihm vor Müdigkeit zu.
+Er konnte kaum sprechen.
+
+„Ich wollte mich selbst hinlegen,“ sagte er. „Weißt du, Arkadij, ich
+habe die Idee, daß ich’s doch noch beenden werde. Ich habe schneller,
+immer schneller geschrieben. Doch noch länger zu sitzen – dazu bin ich
+unfähig ... wecke mich um acht Uhr ...“
+
+Er konnte nicht mehr weiter und schlief wie ein Toter ein.
+
+„Mawra!“ wandte sich flüsternd Arkadij Iwanowitsch an die Magd, die
+gerade den Tee hereinbrachte, „er bat mich, ihn nach einer Stunde zu
+wecken. Das darf aber unter keiner Bedingung geschehen! Er soll
+womöglich zehn Stunden hintereinander schlafen, verstehst du?“
+
+„Verstehe, Herr, verstehe.“
+
+„Das Mittagessen brauchst du nicht zu bereiten, nicht das Holz
+hereinzuschleppen, überhaupt darfst du nicht lärmen, sieh dich vor! Wenn
+er nach mir fragen sollte, so sage ihm, ich sei in den Dienst gegangen,
+verstehst du?“
+
+„Ich verstehe, Herr, verstehe, möge er sich ausruhen nach Belieben, was
+geht’s mich an! Ich freue mich über den Schlaf meines Herrn und bemühe
+mich, über ihn zu wachen. Was aber die zerschlagene Tasse anbelangt,
+wegen der Sie mir Vorwürfe machten – das war gar nicht ich, das war die
+Katze, die sie zerschlagen hat, ich werde es ihr noch zeigen!“
+
+„Tss, sei still!“
+
+Arkadij Iwanowitsch führte Mawra in die Küche, verlangte von ihr den
+Schlüssel und schloß sie dort ein. Darauf begab er sich in den Dienst.
+Auf dem Wege überlegte er sich’s, wie er sich bei Juljan Mastakowitsch
+melden lassen sollte und ob es nicht vielleicht anmaßend sei, es zu tun?
+Im Büro erschien er sehr schüchtern, fast zaghaft erkundigte er sich, ob
+Seine Exzellenz da sei; man antwortete ihm, nein, und Exzellenz würden
+heute wohl überhaupt nicht kommen. Arkadij Iwanowitsch wollte im ersten
+Augenblick zu ihm in die Wohnung gehen, doch fiel es ihm noch zur
+rechten Zeit ein, daß ja Juljan Mastakowitsch, wenn er hier nicht
+erschienen war, dann ganz bestimmt zu Hause dringend beschäftigt sein
+mußte. Er blieb also im Büro. Die Stunden schienen ihm unendlich lang zu
+sein. Unterderhand erkundigte er sich nach der Abschrift, mit der
+Schumkoff beauftragt worden war. Doch niemand wußte etwas von der
+Angelegenheit. Man wußte nur, daß Juljan Mastakowitsch ihn mit
+besonderen Aufträgen beschäftigte, mit was für welchen aber – das wußte
+niemand zu sagen. Schließlich schlug es drei Uhr und Arkadij Iwanowitsch
+stürzte nach Haus. Auf der Treppe des Dienstgebäudes redete ihn ein
+Schreiber an und sagte, daß Wassilij Petrowitsch Schumkoff um ein Uhr
+dagewesen sei und gefragt habe, ob er, Arkadij, da sei, und ferner, ob
+Juljan Mastakowitsch dagewesen wäre. Als Arkadij Iwanowitsch das hörte,
+nahm er eine Droschke und fuhr außer sich vor Angst und Schrecken nach
+Hause.
+
+Schumkoff war zu Hause. Er ging erregt im Zimmer auf und ab. Als er
+Arkadij Iwanowitsch erblickte, nahm er sich sofort zusammen und beeilte
+sich sichtlich, seine Erregung zu verbergen. Er setzte sich schweigend
+an die Arbeit. Offenbar wollte er den Fragen seines Freundes ausweichen.
+Fast schien er sich durch ihn belästigt zu fühlen und die Absicht zu
+haben, von seinen Entschlüssen jetzt nichts mehr verlauten zu lassen, da
+er sich, wie er wohl denken mochte, auf die Freundschaft des anderen ja
+doch nicht verlassen konnte. Arkadij fühlte das wohl und sein Herz
+krampfte sich zusammen. Er setzte sich aufs Bett und schlug ein Buch
+auf, das einzige, welches in seinem Besitz war – wandte aber keinen
+Blick von dem armen Wassjä. Wassjä schwieg hartnäckig, schrieb und
+blickte nicht auf. So vergingen einige Stunden und Arkadijs Qualen
+stiegen aufs höchste. Schließlich, gegen elf Uhr abends, erhob Wassjä
+seinen Kopf und sah mit stumpfem, unbeweglichem Blick Arkadij an.
+Arkadij wartete schweigend. Es vergingen zwei bis drei Minuten! Wassjä
+schwieg immer noch. „Wassjä!“ rief Arkadij endlich. Doch Wassjä gab
+keine Antwort. „Wassjä!“ wiederholte er und sprang vom Bett auf.
+„Wassjä, was fehlt dir? Was hast du?“ rief er aus und lief zu ihm hin.
+Wassjä hob den Kopf und sah ihn mit demselben stumpfen und unbeweglichen
+Ausdruck an. „Er hat einen Krampf!“ dachte Arkadij, und dabei überlief
+ihn ein Schauer. Er griff nach der Karaffe mit Wasser und goß Wassjä das
+Wasser über den Kopf, befeuchtete seine Schläfen, rieb ihm die Hände,
+und richtig, Wassjä kam wieder zu sich. „Wassjä, Wassjä!“ Arkadij brach
+in Tränen aus: er konnte sich nicht mehr beherrschen. „Wassjä, richte
+dich doch nicht zugrunde, besinne dich doch, Wassjä! ...“ Er verstummte
+und nahm Wassjä in seine Arme. Ein sonderbarer Ausdruck lag auf Wassjäs
+Gesicht: er rieb sich die Stirn und griff nach seinem Kopf, als fürchte
+er, daß er ihm zerspränge ...
+
+„Ich weiß nicht, was mit mir ist!“ sagte er endlich, „ich glaube ...
+Aber beunruhige dich nicht, Arkadij, beunruhige dich nicht, es ist alles
+gut!“ fügte er, ihn mit traurigen Augen ansehend, hinzu. „Laß gut sein,
+laß gut sein!“
+
+„Du – du beruhigst noch mich!“ rief Arkadij, dessen Herz in Stücke
+zerriß. „Wassjä,“ sagte er dann, „lege dich endlich zu Bett, schlaf ein
+wenig, was meinst du? Quäle dich doch nicht umsonst! Besser, du setzt
+dich nachher wieder an die Arbeit!“
+
+„Schon gut, schon gut!“ wiederholte Wassjä, „ja: Ich werde mich
+hinlegen: schon gut; ja! Siehst du, ich wollte es nämlich beenden, aber
+jetzt habe ich mich doch bedacht ... ja ...“
+
+Und Arkadij schleppte ihn zu Bett.
+
+„Höre, Wassjä,“ sagte er entschlossen, „mit dieser Sache muß ein Ende
+gemacht werden! Sage mir, was hast du dir gedacht?“
+
+„Ach!“ sagte Wassjä, winkte mit der Hand schwach ab und wandte seinen
+Kopf auf die andere Seite.
+
+„Schön, Wassjä, schön! Entschließe dich, ich will nicht zu deinem Mörder
+werden, ich kann nicht länger schweigen! Du wirst nicht eher
+einschlafen, bis du dich nicht zu etwas Bestimmtem entschlossen haben
+wirst, ich weiß es.“
+
+„Wie du willst, wie du willst,“ wiederholte rätselhaft Wassjä.
+
+„Er ergibt sich,“ dachte Arkadij Iwanowitsch.
+
+„Folge mir doch, Wassjä,“ sagte er, „denke daran, was ich dir gesagt
+habe: ich kann dich ja retten; morgen – morgen werde ich dein Schicksal
+entscheiden! Was sage ich: Schicksal!? Du hast mich so bange gemacht,
+Wassjä, daß ich schon anfange, deine Worte zu wiederholen. Was für ein
+Schicksal! Das ist ja Unsinn! Du willst nicht die Liebe und Zuneigung
+Juljan Mastakowitschs verlieren, ja! Und du wirst sie auch nicht
+verlieren, du wirst sehen ... Ich ...“
+
+Arkadij Iwanowitsch hätte noch weiter gesprochen, aber Wassjä unterbrach
+ihn. Er richtete sich auf, umschlang schweigend mit beiden Händen
+Arkadij Iwanowitsch und küßte ihn.
+
+„Schon gut!“ sagte er mit schwacher Stimme, „schon gut! Genug davon!“
+
+Und wieder kehrte er seinen Kopf weg zur Wand.
+
+„Mein Gott!“ dachte Arkadij. „Mein Gott! Was ist mit ihm? Er ist ganz
+und gar von Sinnen: was mag er vorhaben? Er wird sich ja zugrunde
+richten!“
+
+Arkadij sah voll Verzweiflung auf ihn.
+
+„Wenn er doch wirklich krank werden würde,“ dachte Arkadij, „das wäre
+vielleicht noch das Beste. Durch die Krankheit würde er dann aller
+Sorgen enthoben sein und man würde die Sache auf eine ganz
+ausgezeichnete Weise beilegen können. Doch was sage ich? Ach, du mein
+großer Gott ...“
+
+Inzwischen schien Wassjä eingeschlafen zu sein. Arkadij Iwanowitsch
+freute sich über das gute Zeichen, wie er es auslegte, und beschloß bei
+sich, die ganze Nacht an Wassjäs Bett zu bleiben. Doch Wassjä schien
+nicht zur Ruhe zu kommen, er bewegte sich alle Augenblick, warf sich im
+Bett herum und öffnete von Zeit zu Zeit die Augen. Schließlich aber nahm
+die Müdigkeit doch überhand und er schlief ein wie ein Toter. Es war
+gegen zwei Uhr morgens, als Arkadij Iwanowitsch, mit den Ellenbogen auf
+den Tisch gestützt, auf seinem Stuhl ebenfalls einschlief.
+
+Er hatte einen sehr unruhigen und sonderbaren Traum. Ihm war es, als
+wache er, während Wassjä noch immer auf dem Bett lag. Doch
+sonderbarerweise war das nur eine Verstellung von Wassjä, er hinterging
+Arkadij, stand vom Bett auf und setzte sich an den Schreibtisch. Schmerz
+ergriff Arkadij, er war tief traurig und konnte es kaum ertragen, als er
+so sehen mußte, wie Wassjä ihn hinterging. Er wollte nach ihm greifen,
+ihn rufen und aufs Bett zurücktragen. Wassjä schrie aber laut auf und
+als Arkadij zusah, hielt er nur seine Leiche im Arm. Kalter Schweiß trat
+ihm auf die Stirn, sein Herz klopfte heftig. Er erwachte und öffnete die
+Augen. Wassjä saß vor ihm am Tisch und – schrieb.
+
+Arkadij wollte seinen Augen nicht trauen und blickte aufs Bett: aber
+nein, da war Wassjä nicht! Arkadij sprang auf, noch ganz unter dem
+Eindruck seines Traumes. Wassjä aber rührte sich nicht. Er schrieb immer
+weiter. Voll Entsetzen bemerkte plötzlich Arkadij, daß Wassjä immer nur
+mit der trockenen Feder übers Papier fuhr, die weißen Seiten umblätterte
+und sich eilte und eilte, ganz, als wäre er emsig an seiner Arbeit!
+„Nein, das da ist kein Krampf!“ dachte Arkadij Iwanowitsch und
+erzitterte am ganzen Körper. „Wassjä, Wassjä! Antworte mir doch!“ rief
+er und packte ihn an der Schulter. Doch Wassjä schwieg und fuhr fort,
+mit trockener Feder auf dem Papier weiter zu schreiben.
+
+„Endlich, endlich schreibt meine Feder so schnell, wie ich will,“ sagte
+er und blickte Arkadij an.
+
+Arkadij ergriff seine Hand und entriß ihm die Feder.
+
+Ein Stöhnen kam aus Wassjäs Brust. Er ließ die Arme sinken und sah
+Arkadij an, dann griff er sich mit einem quälenden, traurigen Ausdruck
+an die Stirn, als wollte er einen schweren eisernen Ring entfernen, der
+dort lag und ließ dann leise, wie in Nachdenken versunken, seinen Kopf
+auf die Brust fallen.
+
+„Wassjä, Wassjä!“ rief Arkadij Iwanowitsch verzweifelt. „Wassjä!“
+
+Nach einiger Zeit sah Wassjä ihn an. Tränen standen in seinen großen
+blauen Augen und das bleiche Gesicht drückte eine unendliche Qual aus
+... Er flüsterte etwas.
+
+„Was, was sagst du?“ rief Arkadij und beugte sich zu ihm.
+
+„Warum nur ich, warum nur ich?“ flüsterte Wassjä, „warum? Was habe ich
+denn getan?“
+
+„Wassjä! Was ist dir! wen fürchtest du, Wassjä? Sprich!“ rief Arkadij
+und rang die Hände in Verzweiflung.
+
+„Warum will man denn mich zu den Soldaten geben?“ flüsterte Wassjä
+weiter und sah fragend in die Augen seines Freundes, „warum mich? Was
+habe ich denn getan!“
+
+Arkadij schauderte vor Entsetzen: er wollte, er konnte es nicht glauben.
+Wie gebrochen stand er da.
+
+Im nächsten Augenblick faßte er sich wieder: „Das ist nur so, das ist
+vorübergehend!“ sagte er zu sich, bleich mit blauen, zitternden Lippen
+und kleidete sich an. Er wollte sofort zu einem Doktor laufen. Plötzlich
+rief ihn Wassjä. Arkadij stürzte zu ihm und umarmte ihn besorgt, wie
+eine Mutter ihr Kind ...
+
+„Arkadij, Arkadij, sage es niemandem! Hörst du! Mein Unglück will ich
+allein tragen ...“
+
+„Was hast du? Was hast du? besinne dich doch, Wassjä, besinne dich
+doch!“
+
+Wassjä seufzte und leise Tränen liefen über seine Wangen.
+
+„Warum sie vernichten? Was hat sie denn für eine Schuld daran? ...“
+murmelte er gequält und herzzerreißend. „Meine Sünde ist es, meine
+Sünde! ...“
+
+Er schwieg einen Augenblick.
+
+„Lebe wohl, meine Geliebte! Lebe wohl, meine Geliebte!“ flüsterte er und
+wiegte seinen armen Kopf. Arkadij zuckte zusammen, raffte sich dann auf
+und wollte zum Doktor ... „Gehen wir! Es ist Zeit!“ rief Wassjä, der die
+Bewegung Arkadijs bemerkt hatte. „Gehen wir, Bruder, gehen wir! ich bin
+bereit! Du wirst mich begleiten.“ Er verstummte und sah Arkadij
+vernichtet und zugleich mißtrauisch an.
+
+„Wassjä, komme mir nicht nach, um Gottes willen! Erwarte mich hier. Ich
+werde sofort, sofort zu dir zurückkehren,“ sagte Arkadij Iwanowitsch,
+der selbst den Kopf verloren hatte. Und er griff nach seiner Mütze, um
+nach dem Doktor zu laufen. Wassjä setzte sich wieder hin, er war still
+und gehorsam, nur in seinen Augen blitzte eine verzweifelte
+Entschlossenheit. Arkadij kehrte noch einmal zurück, ergriff vom Tisch
+das Federmesser, sah noch zum letztenmal nach dem Armen und lief zur
+Wohnung hinaus.
+
+Es war acht Uhr morgens. Das Licht hatte bereits die Dämmerung im Zimmer
+verdrängt.
+
+Er fand niemanden. Er lief eine ganze Stunde umher. Alle Ärzte, deren
+Adressen er von den Hausverwaltern erfuhr, bei denen er sich erkundigte,
+ob nicht ein Doktor im Hause wohne, waren bereits ausgefahren: in ihre
+Praxis oder in ihren privaten Angelegenheiten. Nur einen traf er
+schließlich zu Hause. Dieser fragte lange und umständlich seinen Diener,
+der Arkadij anmeldete: wer und woher der Herr sei, aus welchem Grunde er
+käme und aus welchen Verhältnissen der frühe Besucher zu sein scheine –
+bis er dann schließlich doch zu dem Entschluß kam, daß es ihm nicht
+möglich sei, ihn zu empfangen, da er viel zu tun habe und nicht
+ausfahren könne, und daher Arkadij sagen ließ, diese Art von Kranken
+müsse man in ein Krankenhaus bringen.
+
+Da ließ der verzweifelte und erschütterte Arkadij, der ein solches
+Ergebnis denn doch nicht erwartet hatte, alles stehen und liegen, wie es
+war, alle Ärzte, die es auf der Welt gab, und begab sich nach Haus, in
+höchster Angst um Wassjä. Er lief in die Wohnung. Mawra wischte gerade
+den Fußboden auf, ganz, als wäre nichts geschehen und brach kleine
+Hölzchen entzwei, um den Ofen anzuzünden. Er stürzte ins Zimmer: aber
+Wassjä war nicht da!
+
+„Wohin? Wohin nur? Wohin mag der Unglückliche gelaufen sein?“ fragte
+sich Arkadij im höchsten Schreck. Und er fing an, Mawra auszufragen. Die
+aber wußte nichts, hatte Wassjä weder gehört noch gesehen. „Gott sei ihm
+gnädig!“ sagte Arkadij und lief zu den Kolomnaschen.
+
+Jawohl: dort, nur dort konnte er sein!
+
+Es war bereits zehn Uhr, als er bei ihnen ankam. Aber auch Lisenka und
+ihre Mutter hatten nichts gehört, nichts gesehen. Arkadij stand ganz
+verstört vor ihnen und fragte immer nur, wo Wassjä sei. Die Alte trugen
+ihre Füße nicht mehr, und sie fiel auf den Diwan hin. Lisenka, die am
+ganzen Körper zitterte, begann ihn über das Geschehene auszufragen. Doch
+– was sollte er ihr sagen? Arkadij Iwanowitsch versuchte, sich so
+schnell als möglich von ihnen loszumachen, er dachte sich irgendeine
+Ausrede aus, die ihm natürlich nicht geglaubt wurde, lief davon und ließ
+sie erschüttert und in Sorgen um Wassjä zurück. Er begab sich in sein
+Büro, um die Nachricht zu überbringen und darauf hinzuwirken, daß man so
+schnell als möglich Maßregeln ergriff. Unterwegs kam ihm der Gedanke,
+daß Wassjä ja zu Juljan Mastakowitsch gegangen sein könne. Das war wohl
+auch am ehesten anzunehmen! Arkadij hatte bereits vorher, noch bevor er
+zu den Kolomnaschen gegangen war, an diese Möglichkeit gedacht. Als er
+am Hause der Exzellenz vorübergefahren war, hatte er schon anhalten
+lassen wollen, aber er hatte dann doch wieder dem Kutscher befohlen,
+weiterzufahren. Er wollte lieber erst im Büro nach Wassjä fragen und
+erst dann, wenn er dort nicht sein sollte, sich zu Seiner Exzellenz
+begeben, und wär’s auch nur, um Bericht zu erstatten. Irgend jemand
+mußte es doch tun!
+
+Kaum war er in den Vorraum eingetreten, als ihn auch schon einige
+jüngere Kollegen umringten, die alle im gleichen Rang mit ihm standen,
+und ihn fragten, was mit Wassjä geschehen sei? Und alle sprachen sie
+davon, daß Wassjä den Verstand verloren habe und sich einbilde, er müsse
+zu den Soldaten, weil er sich ein Versäumnis im Dienst habe zuschulden
+kommen lassen. Arkadij Iwanowitsch antwortete auf die Fragen, die auf
+ihn einstürmten, oder besser gesagt, er antwortete niemandem etwas
+Rechtes, und beeilte sich nur so schnell wie möglich in die inneren
+Gemächer zu kommen. Auf dem Wege dorthin erfuhr er, daß Wassjä im
+Kabinett Juljan Mastakowitschs sei, und daß sich die meisten der
+Vorgesetzten gleichfalls dorthin begeben hatten. Vor der Tür wurde er
+zurückgehalten. Einer von den höheren Beamten fragte ihn, was er
+wünsche? Doch ohne den Herrn recht zu erkennen, sagte er irgend etwas
+über Wassjä und ging geradeaus auf das Kabinett zu. Er war noch draußen,
+als er schon die Stimme Juljan Mastakowitschs hörte.
+
+„Wohin wollen Sie?“ fragte ihn wieder jemand.
+
+Arkadij Iwanowitsch verlor fast den Mut und wäre beinahe schon umgekehrt
+– als er gerade durch die geöffnete Tür seinen armen Freund Wassjä
+erblickte. Und nun zwängte er sich durch die Tür in das Zimmer hinein.
+Dort herrschte große Aufregung und Verwirrung. Juljan Mastakowitsch
+schien sehr aufgeregt zu sein. Um ihn herum standen alle die höheren
+Beamten, sprachen hin und her und wußten nicht, wozu sie sich
+entschließen sollten. Weiter abseits stand Wassjä. In der Brust Arkadijs
+erstarb alles, wie er ihn so stehen sah. Wassjä stand da: bleich, mit
+erhobenem Kopfe, die Hände stramm an der Hosennaht, ganz als wäre er
+wirklich ein Rekrut und stände vor seinen Vorgesetzten. Er blickte starr
+Juljan Mastakowitsch in die Augen. Arkadij wurde natürlich sofort
+bemerkt, und da einige wußten, daß er Wassjäs Freund und Stubengenosse
+war, so meldete man dies sofort Seiner Exzellenz. Man führte Arkadij
+vor. Er wollte die ihm gestellten Fragen beantworten, aber als er auf
+Juljan Mastakowitsch sah und auf dessen Gesicht Trauer und Mitleiden
+erblickte, da schluchzte er laut auf wie ein Kind. Er tat noch mehr: er
+ergriff die Hand Seiner Exzellenz und drückte sie an seine Augen und
+benetzte sie mit seinen Tränen, so daß Seine Exzellenz genötigt war, sie
+ihm zu entziehen. Er winkte mit der Hand ab und sagte nur: „Schon gut,
+lieber Mensch, ich sehe, daß du ein gutes Herz hast.“ Arkadij schluchzte
+und warf den Umstehenden flehende Blicke zu. Ihm kam es so vor, als
+wären sie alle Brüder seines armen Wassjä, die ebenso um ihn trauerten,
+wie er selbst. „Wie – ja wie ist denn das mit ihm geschehen?“ fragte
+Juljan Mastakowitsch. „Weshalb hat er seinen Verstand verloren?“
+
+„Aus Dan–Dan–Dankbarkeit!“ konnte Arkadij Iwanowitsch kaum antworten.
+
+Diese Antwort setzte alle in Verwunderung: allen schien sie sonderbar
+und unverständlich: wie konnte wohl ein Mensch aus Dankbarkeit den
+Verstand verlieren? Arkadij versuchte es zu erklären, so gut er’s
+konnte.
+
+„Gott, wie traurig!“ rief Juljan Mastakowitsch aus, „und dabei hatte die
+Arbeit, mit der ich ihn beauftragt, durchaus keine Eile. Wegen nichts
+hat sich der Mensch zugrunde gerichtet! ...“ Juljan Mastakowitsch wandte
+sich dann von neuem an Arkadij Iwanowitsch und fragte ihn noch weiter
+aus: „er bittet,“ sagte er und wies auf Wassjä, „daß man es nicht ‚Ihr‘,
+wohl irgendeinem jungen Mädchen, sagen möge – ist es seine Braut?“
+
+Arkadij erzählte. In der Zwischenzeit bemühte sich Wassjä ersichtlich,
+über irgend etwas nachzudenken: mit der größten Anstrengung versuchte
+er, sich irgendeiner sehr wichtigen und nötigen Sache zu erinnern, von
+der er wohl glaubte, daß sie ihm im Augenblicke sehr zustatten käme. Mit
+fragenden und zugleich gequälten Blicken sah er seine Umgebung an, als
+hoffte er, andere würden sich vielleicht der Sache erinnern, die er
+vergessen hatte. Er richtete seine Augen auf Arkadij – und plötzlich
+flammte in seinen Augen eine Hoffnung auf. Er trat mit dem einen Fuß
+einen Schritt vor, ging dann noch drei Schritte weiter und schlug
+schließlich so stramm, wie es ihm möglich war, mit dem rechten Bein ans
+linke: so, wie es die Soldaten tun, wenn sie von einem Offizier gerufen
+und angesprochen werden. Alle warteten gespannt, was nun geschehen
+würde.
+
+„Ich habe einen körperlichen Fehler, Eure Exzellenz, ich bin schwach und
+klein von Wuchs, und tauge nicht zum Dienst,“ stieß er endlich
+abgebrochen hervor.
+
+Alle, die im Zimmer waren, fühlten wohl, wie sich ihnen in diesem
+Augenblick das Herz zusammenzog. Juljan Mastakowitsch war erschüttert,
+obgleich er sonst keinen allzu weichen Charakter hatte. „Führt ihn
+fort,“ sagte er und winkte mit der Hand ab.
+
+„Meine Stirn!“ sagte Wassjä halblaut vor sich hin, drehte sich linksum
+und ging aus dem Zimmer. Alle, die an seinem Schicksal Anteil nahmen,
+stürzten ihm nach. Auch Arkadij drängte sich mit ihnen hinaus. Man mußte
+noch auf den Wagen warten, der Wassjä ins Krankenhaus bringen sollte.
+Man führte ihn deshalb so lange in den Vorraum. Hier saß er schweigend
+da, offenbar in großen Sorgen. Wen er wiedererkannte, dem nickte er mit
+dem Kopfe zu, als wollte er sich von ihm verabschieden. Jeden Augenblick
+sah er nach der Tür und schien sich darauf vorzubereiten, daß man
+„jetzt“ sagte. Um ihn herum hatte sich ein enger Kreis gebildet: alle
+redeten sie und schüttelten mit den Köpfen. Viele wunderten sich über
+die Geschichte, die nun bekannt geworden war; die einen redeten voll
+Eifer darüber; andere wiederum bemitleideten Wassjä und lobten ihn, weil
+er ein so bescheidener, stiller junger Mann gewesen sei, und so viel
+versprochen hätte: man erzählte sich, wie strebsam er gewesen, wie
+wissensdurstig und lernbegierig. „Mit eigenen Kräften hat er sich aus
+niederem Stande emporgearbeitet!“ bemerkte irgend jemand. Mit Rührung
+sprach man auch von seiner Anhänglichkeit an die Exzellenz. Einige
+konnten sich nicht erklären, wie Wassjä sich nur in den Kopf gesetzt und
+darüber den Verstand verloren hatte, daß man ihn zu den Soldaten geben
+würde, wenn er seine Arbeit nicht beendete. Man erzählte sich, daß der
+Arme vor nicht langer Zeit noch ein Leibeigener gewesen sei und es nur
+Juljan Mastakowitsch, der in ihm Talent, Gehorsam und eine seltene
+Bescheidenheit entdeckt, zu verdanken hatte, daß er eine Anstellung
+erhielt. Kurz, es gab viele solcher Meinungen und Gespräche. Besonders
+bemerkbar durch seine Aufregung machte sich ein Kollege von Wassjä, ein
+Männchen von sehr kleinem Wuchs in den Dreißigern. Er war weiß wie ein
+Tuch, zitterte am ganzen Körper und lächelte so sonderbar, vielleicht,
+weil eine jede Skandalszene und ein jedes schreckliche Erlebnis die
+Zuschauer erschreckt und doch zugleich auch unterhält, fast erfreut.
+Dieser hier lief um den kleinen Kreis herum, der sich um Schumkoff
+gebildet hatte, und da er, wie gesagt, klein von Wuchs war, so stellte
+er sich auf die Zehenspitzen und faßte jeden am Rockknopf, dem gegenüber
+er sich das erlauben konnte, und versicherte allen, daß er wisse, woher
+das alles gekommen und daß es ein klarer, aber schwerer Fall sei, den
+man nicht so einfach behandeln könne: er erhob sich dann wieder auf die
+Fußspitzen und flüsterte seinem Zuhörer etwas ins Ohr, nickte mehrmals
+heftig mit dem Kopfe und lief wieder weiter. Schließlich nahm die Szene
+ein Ende. Ein Wärter und ein Arzt aus der Irrenanstalt erschienen. Sie
+gingen auf Wassjä zu und sagten ihm, daß er mit ihnen fahren müsse.
+Wassjä sprang sofort auf, sah sich eifrig und doch gleichzeitig fragend
+im Kreise um und folgte ihnen. Plötzlich schien er jemanden mit den
+Augen zu suchen! „Wassjä, Wassjä!“ rief schluchzend Arkadij Iwanowitsch.
+Wassjä blieb stehen und Arkadij näherte sich ihm. Sie umarmten sich
+beide zum letztenmal, und wollten von einander nicht lassen. Es war
+schrecklich anzusehen. Welch ein Schicksal preßte ihnen die Tränen aus
+den Augen! Worüber weinten sie beide? Wo lag das Unglück? Warum
+verstanden sie einander nicht mehr?
+
+„Da, da, nimm! Verwahre es!“ sagte Schumkoff und drückte Arkadij ein
+Stückchen Papier in die Hand. „Sie würden es mir fortnehmen. Bringe es
+mir später; bring es mir! hörst du; verwahre es gut“ ... Wassjä durfte
+nicht weiter sprechen. Man rief ihn. Er lief eilig die Treppe hinab und
+nickte allen mit dem Kopfe zum Abschied zu. Verzweiflung lag auf seinem
+Gesicht. Man setzte ihn in einen geschlossenen Wagen. Die Pferde zogen
+an und fort ging es. Arkadij öffnete das Stück Papier: Lisas schwarze
+Locke lag darin. Was mochte in Wassjä vorgegangen sein, als er sich von
+ihr trennte. Heiße Tränen stiegen Arkadij in die Augen: „Ach, arme
+Lisa!“
+
+Nach Schluß des Büros ging er zu den Kolomnaschen. Ich kann nicht
+erzählen, was dort geschah! Sogar Petjä, der kleine Petjä, der doch noch
+nicht begreifen konnte, was mit dem guten Wassjä geschehen war, ging in
+die Ecke, bedeckte sein Gesicht mit den kleinen Händchen und schluchzte,
+als ob ihm sein Kinderherz brechen wollte. Es wurde Abend, als Arkadij
+nach Hause zurückkehrte. Als er über die Newa ging, blieb er einen
+Augenblick stehen und sah mit durchdringendem Blick über den Fluß in die
+rauchige, kaltneblige Ferne, die gerötet war von der letzten, blutig
+purpurnen Abendsonne.
+
+Die Nacht senkte sich über die Stadt und die ganze unübersehbare tote
+Schneefläche der Newa glänzte, vom letzten Strahl der Sonne beschienen,
+in unendlichen Myriaden von diamantenen Funken. Es war eine Kälte von
+zwanzig Grad. Steifer Dunst ballte sich um die vielen jagenden Pferde
+und laufenden Menschen. Die Luft erzitterte beim geringsten Laut, und
+wie Riesen erhoben sich zu beiden Seiten der Ufer in den kalten Himmel
+die Rauchsäulen der Häuser, schoben sich und schichteten sich
+übereinander, während sie aufstiegen, und es war, als ob neue Gebilde
+und Gebäude über der alten eine neue Stadt in den Wolken bildeten ...
+als ob sich diese ganze Welt, mit all ihren Bewohnern, den starken und
+den schwachen, mit ihren Behausungen der Armen und den Palästen der
+Reichen und Mächtigen der Erde in dieser Dämmerstunde in einen
+phantastischen Traum verwandelte, der aus dem Dunst zu dem dunkelblauen
+Himmel aufstieg, um sich in ihm aufzulösen und im Wesenlosen zu vergehen
+... Ein sonderbares Gefühl überkam den verwaisten Freund des armen
+Wassjä. Er schrak zusammen, und plötzlich strömte, durch ein mächtiges,
+ihm bis jetzt ganz ungeahntes Gefühl, eine heiße Blutwelle in sein Herz.
+Er begriff mit einem Male den Sinn des ganzen Geschehnisses, begriff,
+warum Wassjä sein Glück nicht tragen konnte und seinen Verstand verloren
+hatte. Seine Lippen zitterten, seine Augen glänzten, er erbleichte vor
+dem Neuen, das in ihm erstand ...
+
+Seit der Zeit war Arkadij finster und verschlossen und hatte ganz seine
+frühere Fröhlichkeit verloren. Seine Wohnung wurde ihm unerträglich – er
+nahm sich eine andere. Nach zwei Jahren begegnete er ganz zufällig
+Lisenka in der Kirche. Sie war verheiratet: ihr folgte eine Amme mit
+einem Kinde auf dem Arm. Sie begrüßten einander und vermieden es lange
+Zeit, von der Vergangenheit auch nur zu sprechen. Lisa erzählte, daß sie
+glücklich und auch nicht mehr so arm sei wie früher, daß ihr Mann ein
+guter Mensch wäre und sie liebhabe ... Doch plötzlich, mitten in ihrer
+Rede, stockte sie, ihre Augen füllten sich mit Tränen, sie wandte sich
+ab und senkte ihren Kopf über ein Betpult, um vor den Menschen ihre
+Trauer zu verbergen.
+
+
+
+
+ Ein Roman in neun Briefen
+
+
+ I.
+
+(Pjotr Iwanowitsch an Iwan Petrowitsch.)
+
+Hochverehrter Iwan Petrowitsch, teuerster Freund!
+
+Es ist nun schon glücklich der dritte Tag, daß ich, man kann wohl sagen,
+regelrecht Jagd auf Sie mache, mein Bester, zumal ich Sie in einer
+höchst, höchst dringlichen Angelegenheit sprechen muß, während Sie
+leider für mich unauffindbar sind. Als wir gestern bei Ssemjon
+Alexejewitsch waren, erlaubte sich meine Frau einen kleinen Scherz auf
+Ihre Rechnung, indem sie bemerkte, daß Sie und Tatjana Petrowna
+eigentlich erstaunlich wenig Sinn für Häuslichkeit an den Tag legten:
+und es ist ja wahr, noch sind Sie keine drei Monate verheiratet, und
+schon hält es schwer, Sie einmal zu Hause anzutreffen. Wir haben alle
+herzlich darüber gelacht – natürlich nur auf Grund unserer aufrichtigen
+Zuneigung zu Ihnen. Doch ganz abgesehen von allen Scherzen, mein
+Teuerster, bin ich durch Sie in eine arge Hetze geraten. Ssemjon
+Alexejewitsch meinte, Sie würden vielleicht im Klub der „Vereinigten
+Gesellschaft“ auf dem Balle zu finden sein. Ich ließ daraufhin meine
+Frau bei der Gattin Ssemjon Alexejewitschs zurück und eilte selber nach
+dem Klub. Stellen Sie sich nun die Lage vor, in der ich mich befand: ich
+war auf dem Ball – allein – ohne Frau! Iwan Andrejewitsch, mit dem ich
+unten im Vestibül zusammentraf, zog natürlich sogleich (der Schuft!)
+bloß aus dem einen Umstande, daß ich, wie gesagt, allein eintrat,
+besondere Schlüsse auf die Art meiner Vorliebe fürs Tanzvergnügen, hakte
+sich daher ohne weiteres in meinen Arm und wollte mich schon mit Gewalt
+in den Tanzsaal schleppen, obschon sich seine flotte Seele, wie er
+vorausschickte, in der „Vereinigten Gesellschaft“ herzlich beengt fühlte
+und die diversen Patschuli- und Resedadüfte ihm bereits Kopfweh
+verursacht hätten. Doch weder fand ich Sie, noch Tatjana Petrowna. Dafür
+versicherte mir Iwan Andrejewitsch, und er schwor förmlich darauf, daß
+ich Sie unfehlbar im Alexandertheater antreffen werde, da man an dem
+Abend gerade Gribojedoffs Meisterstück[5] spiele.
+
+Ich eile hin: auch dort sind Sie nicht zu entdecken! Heute morgen dachte
+ich, Sie bei Tschistoganoff zu finden – trügerische Hoffnung!
+Tschistoganoff schickt mich zu Perepalkins – gleichfalls vergeblich. Mit
+einem Wort, ich fühle mich jetzt völlig, aber völlig abgehetzt, was Sie
+nach obiger Schilderung meiner Irrfahrten gewiß begreiflich finden
+werden: Sie können sich doch vorstellen, wie viel ich gelaufen bin!
+Jetzt habe ich zur Feder gegriffen – es bleibt mir eben nichts anderes
+übrig! Nur ist die Sache nicht zu schriftlicher Erledigung geeignet (Sie
+verstehen mich?). Besser wäre es, unter vier Augen ... Na, jedenfalls
+muß ich Sie unbedingt und zwar so bald wie möglich sprechen, und deshalb
+fordere ich Sie auf, heute mit Tatjana Petrowna zum Tee und Abendbrot zu
+uns zu kommen. Meine Frau wird sich über Ihren Besuch unendlich freuen.
+Wirklich, Sie werden mich damit, wie man zu sagen pflegt, bis zu meinem
+Lebensende verpflichten. Übrigens, mein Teuerster – da ich schon einmal
+zu schreiben begonnen habe, so sei’s denn auch geschrieben – ich sehe
+mich gezwungen, Sie schon jetzt etwas ins Gebet zu nehmen, jawohl
+teuerster Freund, sehe mich gezwungen, Ihnen eine anscheinend ganz
+unschuldige kleine Machenschaft vorzuwerfen, als deren äußerst boshaft
+ausgewähltes Opfer ich mich selbst betrachten muß ... Sie verkappter
+Bösewicht, Sie gewissenloser Mensch! Da führen Sie vor etwa einem Monat
+einen Ihrer Bekannten bei mir ein, nämlich Jewgenij Nikolajewitsch,
+versehen ihn mit Ihrer freundschaftlichen, das heißt für mich somit
+heiligsten Empfehlung, weshalb ich mich aufrichtig über die neue
+Bekanntschaft freue, den jungen Menschen mit offenen Armen empfange und
+dabei ahnungslos den Kopf in die Schlinge stecke. Das heißt, eine
+Schlinge ist es nun, genau genommen, gerade nicht. Immerhin haben Sie
+mir da, wie man zu sagen pflegt, eine böse Suppe eingebrockt. Von
+näheren Erklärungen will ich vorläufig Abstand nehmen – die Zeit drängt;
+und brieflich, wissen Sie, ist es auch nicht immer leicht, das richtige
+Wort zu finden. Infolgedessen geht denn meine inständige Bitte an Sie
+dahin, mein schadenfroher Freund und Kollege, daß ich Sie sozusagen um
+Ihre Meinung darüber bitte, ob es sich nicht irgendwie machen ließe –
+natürlich in aller Diskretion und Höflichkeit – daß man Ihrem jungen
+Mann unmißverständlich – doch natürlich ohne ihm zu nahe zu treten –
+unter vier Augen oder gar ganz heimlich – ungefähr und andeutungsweise
+zu verstehen gäbe, daß es in der Residenz noch viele andere Häuser außer
+dem meinigen gibt? Ich kann nicht mehr, mein Bester! Meine Kraft ist zu
+Ende! „Falle zu Füßen!“ wie unser polnischer Freund Ssimonewitsch sagt.
+Wenn wir uns sehen, erzähle ich Ihnen alles. Ich will damit nicht etwa
+gesagt haben, daß der junge Mann kein einnehmendes Wesen habe, oder daß,
+sagen wir, irgendwelche seiner sonstigen Eigenschaften abstoßend seien.
+Im Gegenteil, er ist sogar in jeder Beziehung ein sehr netter und
+liebenswürdiger Mensch. Doch – nun, gedulden Sie sich noch ein Weilchen,
+bis wir unter uns sind. Inzwischen aber, wenn Sie ihn vorher sehen
+sollten, dann geben Sie ihm um Christi willen einen Wink, Verehrtester.
+Ich würde es ja selbst tun, aber Sie wissen doch, wie ich bin: ich
+bringe es nicht fertig – da ist nun einmal nichts zu machen. Sie haben
+ihn doch nun einmal eingeführt und uns empfohlen. Übrigens werden wir
+uns ja heute abend zur Genüge aussprechen können. Daher vorläufig: auf
+Wiedersehen!
+
+Verbleibe usw.
+
+P. S. Mein Kleiner ist schon seit einer Woche nicht ganz gesund und mit
+jedem Tage wird es schlimmer. Es sind die Zähnchen: die fangen jetzt an,
+durchzubrechen. Meine Frau muß sich daher viel mit ihm abgeben und ist
+recht mitgenommen, die Arme. Kommen Sie unbedingt. Sie werden uns
+aufrichtig erfreuen, werter Freund.
+
+
+ II.
+
+(Iwan Petrowitsch an Pjotr Iwanowitsch.)
+
+Sehr geehrter Pjotr Iwanytsch!
+
+Erhalte gestern Ihren Brief, lese ihn und staune! Sie suchen mich Gott
+weiß wo und bei wem, während ich einfach zu Hause bin. Bis zehn Uhr
+wartete ich auf Iwan Iwanytsch Tolokonoff, der aber nicht kam. Nach
+Empfang Ihres Schreibens rief ich sogleich meine Frau – wir kleiden uns
+an, ich nehme eine Droschke, scheue nicht die Ausgabe – und erscheinen
+bei Ihnen gegen halb sieben. Sie aber – sind nicht zu Hause: wir werden
+von Ihrer Frau empfangen. Ich warte bis halb elf. Länger kann ich nicht.
+Nehme meine Frau, bezahle wieder eine Droschke, bringe meine Frau nach
+Haus und begebe mich darauf allein zu Perepalkins, in der Hoffnung, Sie
+vielleicht dort anzutreffen, sehe mich aber in meiner Annahme wieder
+enttäuscht. Komme nach Haus gefahren, schlafe die ganze Nacht nicht,
+rege mich auf, fahre am Morgen wieder dreimal zu Ihnen, um neun, um zehn
+und um elf, stürze mich dreimal in Ausgaben, fahre hin und her, und
+wieder lassen Sie mich mit einer langen Nase abziehen.
+
+Als ich Ihren Brief las, wunderte ich mich nicht wenig. Sie schreiben
+von Jewgenij Nikolajewitsch, bitten ihm eine Andeutung zukommen zu
+lassen, erwähnen aber mit keiner Silbe, weshalb und warum. Vorsicht ist
+ja freilich ganz lobenswert, aber mein Papier ist schließlich ebensoviel
+wert, wie Ihres, von mir aber weiß ich wenigstens, daß ich wichtige
+Papiere nicht meiner Frau zu Papilloten gebe. Ich begreife nicht, um es
+endlich auszusprechen, in welchem Sinne Sie mir eigentlich dies alles zu
+schreiben beliebt haben. Und überdies, da nun einmal die Rede davon ist:
+weshalb ziehen Sie denn mich in diese ganze Angelegenheit hinein? Ich
+habe keine Lust, meine Nase in alles und jedes hineinzustecken. Sie
+können ihm doch ebensogut selbst eine Absage geben! Ich sehe vorläufig
+nur das eine: daß ich mich mit Ihnen deutlicher auseinandersetzen muß.
+Inzwischen aber vergeht die Zeit. Ich muß mich sehr einschränken und
+weiß nicht, was ich tun soll, wenn Sie gewisse Bedingungen nebst Ihrem
+Versprechen nicht aufrechterhalten. Die Reise läßt sich nicht
+aufschieben, und Reisen kostet Geld. Außerdem quält einen noch die Frau,
+die mit aller Gewalt einen Samtmantel nach der neuesten Mode haben will.
+Was jedoch Jewgenij Nikolajewitsch betrifft, so beeile ich mich, Ihnen
+folgendes zu bemerken: habe gestern, ohne viel Zeit zu verlieren, gleich
+nochmals Erkundigungen über ihn eingezogen, als ich bei Pawel
+Ssemjonytsch Perepalkin auf Sie wartete. Er besitzt rund 500 Seelen im
+Jaroslawschen Gouvernement, und von der Großmutter hat er Aussicht, noch
+ein Gut in der Nähe von Moskau mit 300 Seelen zu erben. Wieviel er an
+barem Gelde besitzt, weiß ich nicht, denke aber, daß Sie hierüber selber
+besser Bescheid wissen dürften. Bitte Sie ferner, mir endgültig Ort und
+Zeit eines Zusammentreffens anzugeben. Sie schreiben, Iwan Andrejewitsch
+habe Ihnen gesagt, daß ich mit meiner Frau im Alexandertheater
+anzutreffen sei. Darauf kann ich nur erwidern, daß es Iwan Andrejewitsch
+nicht sehr auf die Wahrheit anzukommen scheint und man ihm und seinen
+Worten um so weniger Glauben schenken darf, als er noch vor nicht länger
+als drei Tagen seine eigene Großmutter um achthundert Rubel betrogen
+hat.
+
+Habe die Ehre usw.
+
+P. S. Meine Frau ist in anderen Umständen, außerdem ist sie schreckhaft
+und zeitweilig zur Melancholie geneigt. In den Theatern aber wird auf
+der Bühne zuweilen geschossen, oder künstlich, mit allerlei Maschinen,
+Donner erzeugt. Und deshalb, um meine Frau nicht der Gefahr des
+Erschreckens auszusetzen, besuche ich mit ihr keine Theater. Auch bin
+ich selbst kein großer Liebhaber theatralischer Aufführungen.
+
+
+ III.
+
+(Pjotr Iwanowitsch an Iwan Petrowitsch.)
+
+Teuerster Iwan Petrowitsch, bester Freund!
+
+Verzeihen Sie, verzeihen Sie, ich bitte Sie tausendmal um Vergebung,
+doch will ich mich ungesäumt rechtfertigen, soweit ich es kann.
+
+Gestern, kurz vor sechs Uhr, gerade als wir in aufrichtigem Mitleid
+Ihrer gedachten, erschien ein Abgesandter von meinem Onkel Stepan
+Alexejewitsch, mit der Nachricht, daß es mit der Tante schlimm stehe. Um
+meine Frau nicht aufzuregen, sagte ich ihr kein Wort davon und fuhr
+unter dem Vorwande, etwas Unaufschiebbares vorzuhaben, zu meiner Tante.
+Mit dieser stand es in der Tat schlimm genug: kurz vor fünf hatte sie
+wieder einen Schlaganfall gehabt, den dritten im Laufe der letzten zwei
+Jahre. Karl Fedorytsch, ihr Hausarzt, erklärte, daß sie vielleicht nicht
+einmal diese Nacht überleben werde. Stellen Sie sich also meine Lage
+vor, verehrtester Freund! Die ganze Nacht auf den Beinen, Laufereien
+über Laufereien und obendrein noch Sorgen! Erst gegen Morgen streckte
+ich mich, völlig erschöpft, und zwar sowohl psychisch als physisch, bei
+meinem Onkel ein wenig auf dem Diwan aus, vergaß aber, vorher zu sagen,
+daß man mich rechtzeitig wecken solle, und erwachte erst um halb zwölf.
+Der Tante ging es besser. So fuhr ich denn nach Haus: meine Frau – nun,
+Sie können sich denken: die arme Seele hatte die ganze Nacht in der
+Ungewißheit über meinen Verbleib in begreiflicher Aufregung schlaflos
+zugebracht. Ich nahm ein paar Bissen, küßte das Kind, beruhigte meine
+Frau und begab mich zu Ihnen. Sie waren nicht zu Hause. Statt Ihrer traf
+ich bei Ihnen Jewgenij Nikolajewitsch an. Dann kam ich nach Haus zurück
+und jetzt sitze ich und schreibe an Sie. Murren Sie nicht und ärgern Sie
+sich nicht über mich, mein bester Freund! Schlagen Sie, fällen Sie mir
+meinetwegen das schuldige Haupt von den Schultern, nur entziehen Sie mir
+nicht Ihre Freundschaft. Von Ihrer Frau erfuhr ich, daß Sie am Abend bei
+Sslawjänoffs sein werden. Werde unbedingt auch hinkommen. Ich erwarte
+Sie mit größter Ungeduld.
+
+Inzwischen verbleibe ich usw.
+
+P. S. Unser Kleiner bringt uns fast zur Verzweiflung! Karl Fedorytsch
+hat ihm ein Abführmittelchen verordnet. Er fiebert, weint, gestern hat
+er niemand erkannt. Heute erkennt er uns zum Glück und stammelt wieder
+„Papa“, „Mama“ und schreit sein „Bu–ah“. Meine Frau ist in Tränen.
+
+
+ IV.
+
+(Iwan Petrowitsch an Pjotr Iwanowitsch.)
+
+Sehr geehrter Pjotr Iwanytsch!
+
+Schreibe an Sie bei Ihnen, in Ihrem Zimmer, an Ihrem eigenen
+Schreibtisch; bevor ich jedoch die Feder ergriff, habe ich gute
+zweieinhalb Stunden auf Sie gewartet. Jetzt erlauben Sie mir aber,
+Ihnen, Pjotr Iwanytsch, in betreff dieser ganzen garstigen Angelegenheit
+einmal rückhaltlos meine Meinung zu sagen.
+
+Aus Ihrem letzten Schreiben schloß ich, daß man Sie bei Sslawjänoffs
+erwartete und daß Sie mich quasi hinbestellten: ich erscheine also,
+warte geschlagene fünf Stunden, doch wer nicht kommt – sind Sie. Wie,
+soll ich mich zum Narren machen lassen? um fremde Menschen zu erheitern?
+oder was verlangen Sie von mir? Erlauben Sie, mein Herr ...
+
+Doch weiter: ich komme zu Ihnen am frühen Morgen, in der Annahme, Sie
+noch in Ihren vier Pfählen anzutreffen, und ahme also nicht gewisse und
+gelinde ausgedrückt irreführende Leute nach, die ihre Bekannten Gott
+weiß wo und in welchen Lokalen suchen, während man sie zu jeder
+anständig gewählten Tageszeit in ihrem Heim finden kann. Doch ich hatte
+nicht das Vergnügen, Sie in Ihrem Hause anzutreffen. Ich weiß nicht, was
+mich noch immer abhält, Ihnen unumwunden die Wahrheit zu sagen. Ich
+begnüge mich also mit der Bemerkung, daß Sie gerade kein Mann von Wort
+zu sein scheinen und daß Sie Ihr Versprechen jetzt wohl zurückziehen und
+gewisse Verabredungen und Bedingungen anscheinend verleugnen wollen.
+Nach Erwägung Ihres ganzen Verhaltens mir gegenüber, kann ich Ihnen nur
+gestehen, daß ich mich über Ihre Schlauheit entschieden wundern muß.
+Denn jetzt ist es mir vollkommen klar, daß Sie diese häßliche Absicht
+schon seit langer Zeit hegen. Für die Richtigkeit meiner Annahme dürfte
+als bester Beweis die Tatsache sprechen, daß Sie sich noch in der
+vorigen Woche in einer nahezu unstatthaften Weise jenes von Ihnen an
+mich gerichteten Briefes bemächtigt haben, in dem Sie selbst – zwar
+ziemlich dunkel und versteckt – die Bedingungen einer gewissen, Ihnen
+wohl noch erinnerlichen Abmachung schwarz auf weiß niedergeschrieben
+haben. Sie fürchten also Dokumente, vernichten sie und wollen mich an
+der Nase herumführen, wie’s scheint. Das aber werde ich nicht zulassen,
+denn bisher hat mich noch niemand für einen Narren gehalten, vielmehr
+hat ein jeder nur Gutes über mich geäußert. Jetzt sind mir die Augen
+geöffnet. Sie wollen mich irreführen, wollen mir mit Ihren Andeutungen
+in betreff Jewgenij Nikolajewitschs Sand in die Augen streuen, und
+während ich nach Ihrem mir bis jetzt noch unverständlichen Brief vom
+Siebenten dieses Monats eine Aussprache mit Ihnen suche, lassen Sie mich
+bald hierhin, bald dorthin zu einem Stelldichein laufen, zu dem Sie
+selbst gar nicht erscheinen: ja ganz augenscheinlich suchen Sie sich vor
+mir absichtlich zu verbergen. Sie denken wohl, mein Herr, daß ich
+unfähig sei, Ihre Ränke zu durchschauen? Sie versprechen mir alles
+mögliche für meine Ihnen sehr gut bekannten Dienstleistungen,
+versprechen Empfehlungen an verschiedene Personen usw., indessen
+verstehen Sie aber in einer mir selbst rätselhaften Art und Weise es so
+einzurichten, daß Sie sich sogar mit dem Anschein einer gewissen
+Berechtigung noch Geld von mir leihen und zwar in beträchtlicher Höhe
+und ohne irgendwelche Sicherheiten Ihrerseits, also einzig auf
+geheuchelte Freundschaft hin, wie dies noch in der jüngstvergangenen
+Woche geschehen ist. Jetzt jedoch, nachdem Sie das Geld erhalten haben,
+verbergen Sie sich vor mir und scheinen überdies von jenem Dienst nichts
+mehr wissen zu wollen, den ich Ihnen erwiesen, indem ich Sie mit
+Jewgenij Nikolajewitsch bekannt machte. Vielleicht rechnen Sie auf meine
+baldige Reise nach Ssimbirsk und hoffen, daß es vorher nicht zur
+Abrechnung zwischen uns kommen werde. Doch wenn das der Fall ist, dann
+erkläre ich Ihnen hiermit feierlichst und bekräftige es mit meinem
+Ehrenwort, daß ich, wenn es darauf hinausläuft, bereit bin, meinetwegen
+noch ganze zwei Monate in Petersburg zu verbleiben, daß ich mein Ziel
+aber erreichen und Sie schon aufzufinden wissen werde. Auch ich verstehe
+mitunter, einem Menschen zum Trotz etwas durchzusetzen. Zum Schluß
+jedoch erkläre ich Ihnen, daß ich, wenn Sie mir nicht heute noch
+befriedigende Erklärungen geben – zunächst schriftlich, nachher
+mündlich, unter vier Augen – und wenn Sie mir in Ihrem Brief nicht alle
+die Hauptbedingungen, die zwischen uns vereinbart wurden, schwarz auf
+weiß bestätigen und mir endlich nicht länger Ihre Hintergedanken
+bezüglich Jewgenij Nikolajewitschs vorenthalten: daß ich mich dann
+gezwungen sehe, Maßregeln zu ergreifen, die Ihnen gewiß sehr unangenehm
+und auch mir nichts weniger als angenehm sein werden.
+
+Gestatten Sie, daß ich verbleibe usw.
+
+
+ V.
+
+(Pjotr Iwanowitsch an Iwan Petrowitsch.)
+
+ 11. November.
+
+Mein bester, verehrtester Freund Iwan Petrowitsch!
+
+Ihr Brief hat mich in tiefster Seele betrübt. Und Sie, der Sie mein
+bester, doch leider nur zu leicht ungerechter Freund sind, Sie schämen
+sich nicht, mir, der ich Ihnen doch von allen am meisten zugetan bin, so
+etwas zu schreiben – so übereilt zu urteilen, das Ganze nicht einmal zu
+erklären und mich dann mit so beleidigendem Argwohn zu kränken?
+
+Doch ich beeile mich, Ihnen Rede zu stehen und Ihre Anschuldigungen von
+mir zu weisen.
+
+Sie, Iwan Petrowitsch, haben mich gestern nur deshalb nicht dort
+angetroffen, weil ich ganz plötzlich und unvorhergesehenermaßen an ein
+Sterbelager gerufen wurde. Meine Tante Jewfimija Nikolajewna ist nämlich
+gestern um elf Uhr nachts sanft entschlafen. Zum Anordner der sämtlichen
+traurigen Obliegenheiten wurde ich durch einstimmigen Beschluß meiner
+Verwandten gewählt. Da gab es denn für mich so viel zu tun, daß ich Sie
+heute unmöglich treffen, ja nicht einmal ein paar Zeilen an Sie
+schreiben konnte. So tut mir das Mißverständnis, zu dem es zwischen uns
+gekommen ist, in der Seele leid. Meine Bemerkung über Jewgenij
+Nikolajewitsch, die von mir scherzhaft und mehr so nebenbei geäußert
+war, haben Sie ganz falsch verstanden und der Geschichte einen mich tief
+kränkenden Sinn untergeschoben. Sie kommen auch auf das Geld zu sprechen
+und verbergen nicht Ihre Befürchtungen. Was diese letzteren betrifft, so
+bin ich bereit, allen Ihren Wünschen und Forderungen nachzukommen, doch
+möchte ich Sie heute nur kurz daran erinnern, daß das Geld, die 350
+Rubel, von mir in der vorigen Woche ausdrücklich nur unter gewissen
+Bedingungen von Ihnen genommen worden sind, und zwar nicht als Darlehn!
+In diesem Falle hätten Sie von mir unbedingt einen Wechsel oder eine
+Quittung erhalten. Zu einer Erörterung der weiteren von Ihnen
+angeführten Punkte will ich mich nicht herablassen. Ich sehe, daß alles
+nur auf einem Mißverständnis Ihrerseits beruht, erkenne darin Ihre
+gewohnte Übereiltheit in der Beurteilung menschlicher Verhältnisse, Ihre
+Hitzigkeit und rücksichtslose Offenheit. Ich weiß jedoch, daß Ihr
+Gerechtigkeitssinn und Ihr ehrlicher Charakter nicht lange bei solchem
+Mißtrauen verbleiben und Sie mir noch einmal als erster die Hand zur
+Versöhnung reichen werden. Sie sind in einem Irrtum befangen, Iwan
+Petrowitsch, in einem sehr großen Irrtum!
+
+Doch ungeachtet dessen, daß Ihr Brief mich tief verletzt hat, wäre ich
+als erster bereit, heute noch mit meiner Entschuldigung zu Ihnen zu
+kommen, nur habe ich leider so viel zu tun – heute sogar noch mehr als
+gestern – daß ich schon halbtot bin und mich kaum noch auf den Füßen zu
+halten vermag. Zur Vollendung meines Unglücks hat sich nun auch noch
+meine Frau zu Bett legen müssen: ich befürchte eine ernste Krankheit.
+Was den Kleinen betrifft, so geht es ihm jetzt Gott sei Dank etwas
+besser. Doch ich schließe ... Die Geschäfte wollen erledigt sein und ich
+habe ihrer mehr als einen ganzen Berg!
+
+Verbleibe, teuerster Freund,
+
+ Ihr usw.
+
+
+ VI.
+
+(Iwan Petrowitsch an Pjotr Iwanowitsch.)
+
+ 14. November.
+
+Sehr geehrter Herr!
+
+Drei Tage habe ich gewartet; habe mich bemüht, sie nützlich zu
+verbringen – indem ich, eingedenk der Regel, daß Höflichkeit und Anstand
+die erste Zierde eines jeden Menschen sind, Sie nach meinem letzten
+Schreiben vom Zehnten dieses Monats weder mit einem Wort noch einer Tat
+an mich erinnerte, einesteils um Ihnen Zeit zu geben, ungestört Ihrer
+Christenpflicht der Tante gegenüber nachzukommen, anderenteils auch
+deshalb, weil ich zu gewissen Erwägungen und Ermittelungen in der
+bewußten Angelegenheit selbst der Zeit bedurfte. Jetzt jedoch will ich
+nicht mehr zögern, mich endgültig und entschieden mit Ihnen
+auszusprechen.
+
+Ich gestehe Ihnen offen, daß ich beim Lesen Ihrer zwei ersten Briefe
+allen Ernstes der Meinung war, Sie hätten wirklich nicht begriffen, was
+ich wollte; es war dies denn auch hauptsächlich der Grund, weshalb ich
+Sie unbedingt zu treffen und unter vier Augen zu sprechen wünschte,
+weshalb ich die Angelegenheit nicht dem Papier anzuvertrauen wagte und
+mir selbst die Möglichkeit einer Unklarheit in meiner schriftlichen
+Ausdrucksweise vorhielt. Wie Sie wissen, habe ich keine besondere
+Erziehung genossen und habe mir auch keine feinen Manieren aneignen
+können; hohles Geckentum aber ist mir fremd, denn die bittere Erfahrung
+hat mich gelehrt, wie trügerisch oft das Äußere sein kann, sowie, daß
+unter Blumen sich nicht selten Schlangen verbergen. Doch Sie haben mich
+verstanden; geantwortet aber hatten Sie mir nur deshalb nicht so, wie es
+sich gehörte, weil Sie in der Falschheit Ihrer Seele schon von Anfang an
+bei sich beschlossen, Ihr Ehrenwort zu brechen und damit auch das
+zwischen uns bestehende Freundschaftsverhältnis zu lösen. Der Beweis
+hierfür ist Ihr schändliches Benehmen mir gegenüber, ein Benehmen, das
+mir und meinen Interessen geradezu verderblich ist – was ich von Ihnen
+nie erwartet hätte und woran ich bis zu diesem Augenblick nicht habe
+glauben wollen, denn bestrickt, wie ich von Anfang unserer Bekanntschaft
+an durch Ihre guten Manieren war, durch Ihre feinen Umgangsformen, durch
+Ihre Sachkenntnis und nicht zuletzt auch durch die Vorteile, die mir aus
+Ihrer Bekanntschaft erwachsen konnten, nahm ich an, daß ich in Ihnen
+einen aufrichtigen Freund, einen echten Kameraden gefunden hatte, der
+mir wirkliches Wohlwollen entgegenbrachte. Jetzt jedoch habe ich
+erkennen müssen, daß es Menschen gibt, die unter einem trügerischen,
+glänzenden Äußeren in ihrem Herzen Gift verbergen, die ihren Verstand zu
+nichts anderem benutzen, als zum Ränkeschmieden wider ihren Nächsten und
+zu häßlichem, hinterlistigem Betruge, und die es deshalb stets umgehen,
+ihre Worte schwarz auf weiß zu geben und dabei ihre Stilgewandtheit
+nicht zu Nutz und Frommen ihrer Freunde und ihres Vaterlandes
+gebrauchen, sondern einzig zur Einschläferung und Umgarnung der Vernunft
+derjenigen, die sich auf Unternehmungen und Vereinbarungen mit Ihnen
+eingelassen haben. Ihre Falschheit mir gegenüber geht nur zu deutlich
+aus folgendem hervor.
+
+Erstens: als ich in meinem Brief klar und unmißverständlich Ihnen, mein
+sehr verehrter Herr, die Lage schilderte, in der ich mich befand, und
+gleichzeitig – in meinem ersten Brief – die Frage an Sie stellte, was
+Sie mit einzelnen Ausdrücken und angedeuteten Absichten, vornehmlich in
+bezug auf Jewgenij Nikolajewitsch, gesagt haben wollten, da verstanden
+Sie es, das Wesentliche mit Stillschweigen zu übergehen und sich,
+nachdem Sie in mir Zweifel und Argwohn geweckt, ruhig wieder aus der
+Affäre zu ziehen. Darauf, d. h. nachdem Sie so etwas mit mir in Szene
+gesetzt hatten, was sich nicht einmal mit einem anständigen Wort
+bezeichnen läßt, schrieben Sie an mich und beklagten sich in wehleidigem
+Tone über mich bei mir selbst! Wie wünschen Sie wohl, daß man das nennen
+soll, mein Herr? Sodann, als mir jeder Augenblick teuer war und Sie mich
+im ganzen Weichbilde der Haupt- und Residenzstadt auf der Suche nach
+Ihnen umherlaufen ließen, schrieben Sie mir unter der Maske der
+Freundschaft Briefe, in denen Sie absichtlich mit keiner Silbe die
+Hauptsache berührten, sondern sich statt dessen ausschließlich in
+Nebensächlichkeiten ergingen: Sie schrieben mir von Ihrer, von mir
+allerdings unter allen Umständen sehr geachteten Gemahlin und teilten
+mir mit, daß der Arzt Ihrem Kleinen ein Abführmittelchen verordnet habe
+und daß bei ihm das erste Zähnchen durchgebrochen sei. Von allen diesen
+Dingen schrieben Sie in jedem Ihrer Briefe mit einer Regelmäßigkeit, die
+für mich geradezu kränkend war. Natürlich, ich will gern zugeben, daß
+die Qualen des eigenen Kindes jedes Vaterherz bedrücken können, doch
+wozu davon gerade dann reden, wenn es sich um ganz Anderes, Wichtigeres,
+Notwendigeres handelt? Ich schwieg und geduldete mich – so schwer es mir
+auch fiel. Jetzt aber, wo die Zeit Ihrer Inanspruchnahme durch den
+Todesfall Ihrer Tante verstrichen ist, glaube ich, es mir selbst
+schuldig zu sein, die Auseinandersetzung nun endlich und zwar
+unverzüglich herbeizuführen. Ferner haben Sie mir durch trügerische
+Angaben von Orten, an denen ich Sie sollte treffen können, und an denen
+ich Sie doch niemals traf, offenbar die Rolle Ihres Narren oder
+Spaßmachers aufzwingen wollen, der zu sein ich nicht die geringste Lust
+verspüre. Darauf, nachdem Sie mich noch vorher zu sich eingeladen und
+selbstverständlich vergeblich auf sich hatten warten lassen, teilten Sie
+mir mit, daß Sie zu Ihrer leidenden Tante abberufen worden seien, die um
+Punkt fünf Uhr nachmittags einen Schlaganfall gehabt habe, womit Sie
+anscheinend peinlich gewissenhaft den wahren Sachverhalt klarlegten. Zum
+Glück jedoch habe ich, sehr geehrter Herr, im Laufe dieser drei Tage
+Zeit gehabt, Erkundigungen einzuziehen, wodurch ich erfahren habe, daß
+Ihre Tante bereits am Abend des Siebenten, kurz vor Mitternacht, von
+einem Schlagfluß betroffen worden ist. Daraus ersehe ich, daß Sie sogar
+die Heiligkeit Ihrer verwandtschaftlichen Beziehungen gemißbraucht
+haben, um andere Menschen zu betrügen. Endlich schreiben Sie in Ihrem
+letzten Brief vom Tode dieser Ihrer Tante, die nach Ihrer Angabe gerade
+zu der Stunde entschlafen sein soll, in der ich mich zwecks bewußter
+Unterredung auf Ihre eigene Aufforderung hin bei Ihnen einfinden sollte
+und mich in der Tat auch einfand. Doch hier übersteigt die
+Schändlichkeit Ihrer Berechnungen und Erfindungen jede Glaubwürdigkeit,
+denn, wie es mir, dank einem glücklichen Zufall, aus der sichersten
+Quelle zu erfahren gelungen ist, ist Ihre Frau Tante erst runde
+vierundzwanzig Stunden _nach_ der von Ihnen so gottlos angegebenen
+Sterbestunde um elf Uhr nachts entschlafen, nämlich den _elften_
+November, und nicht den _zehnten_!
+
+Ich käme schwerlich zu einem Ende, wenn ich noch alle anderen Beweise
+aufzählen wollte, die mir Ihre Falschheit offenbart haben. Doch für
+jeden unparteiischen Beurteiler dürfte allein schon dieser eine Zug
+genügen, daß Sie mich in jedem Ihrer Briefe ihren „aufrichtigen Freund“
+nennen und mir alle möglichen Liebenswürdigkeiten sagen, was Sie meines
+Erachtens zu keinem anderen Zweck getan haben, als um mein Gewissen wie
+meine Vorsicht einzuschläfern.
+
+Ich komme jetzt zu Ihrem Hauptbetrug und Treubruch, der in folgenden
+Punkten besteht: in Ihrem, in letzter Zeit unausgesetzt beobachteten
+Stillschweigen über alles das, was unsere gemeinsamen Interessen
+betrifft; ferner in der sträflichen Entwendung jenes Briefes, in dem Sie
+– allerdings nur andeutungsweise und mir nicht ganz verständlich –
+unseren beiderseitigen Vertrag nebst allen einzelnen Bedingungen
+auseinandergesetzt hatten; drittens in der Tatsache, daß Sie mich in
+einer nahezu barbarisch vergewaltigenden Weise um 350 Rubel anpumpten,
+ohne jede Quittung oder sonstige Bestätigung, also nur auf Grund meiner
+Eigenschaft als Ihr Kompagnon, sozusagen; und schließlich in Ihrer
+schändlichen Verleumdung unseres gemeinsamen Bekannten Jewgenij
+Nikolajewitsch.
+
+Es ist mir jetzt auch vollkommen klar, was Sie mit der letztgenannten
+Verleumdung eigentlich bezweckten: nämlich mir zu beweisen, daß von dem
+Betreffenden, wie von einem – mit Verlaub zu sagen – Ziegenbock weder
+Milch noch Wolle zu gewinnen sei; d. h. daß man von ihm gar keinen
+Nutzen habe und daß er selber weder dies noch das, weder Fisch noch
+Fleisch sei, was Sie ihm in Ihrem Brief vom Sechsten dieses Monats
+deutlich als ein Gebrechen anrechnen. Ich aber kenne Jewgenij
+Nikolajewitsch als bescheidenen und gesitteten jungen Mann: und gerade
+das ist es, womit er einen für sich einnehmen, sich in der Gesellschaft
+Achtung gewinnen und es in seiner Laufbahn noch einmal zu etwas bringen
+kann. Auch ist es mir nicht unbekannt geblieben, daß Sie im Verlaufe von
+ganzen zwei Wochen jeden Abend beim Hasardspiel mit ihm mindestens
+mehrere Zehnrubelscheine, wenn nicht gar Hunderter, in Ihre Tasche
+geschoben und somit auf diese Weise Jewgenij Nikolajewitsch mörderlich
+gerupft haben. Jetzt aber scheint das alles von Ihnen vergessen zu sein
+und anstatt mir für das, was ich durch Sie ausgestanden habe, zu danken,
+eignen Sie sich auf Nimmerwiedersehen auch noch mein Geld an, indem Sie
+mich vorher durch den Antrag, Ihr Kompagnon zu werden, und durch die
+Aussicht auf verschiedene Vorteile, die mir dadurch erwachsen würden,
+zur Hergabe einer beträchtlichen Summe verlocken. Jawohl: nachdem Sie
+sich in so gesetzwidriger Weise von mir und Jewgenij Nikolajewitsch Geld
+angeeignet haben, vergessen Sie jeden Dank, den Sie mir schuldig sind,
+und gehen bis zur Verleumdung desjenigen, den ich allein durch meine
+Empfehlungen in Ihrem Hause eingeführt habe. Sie selbst dagegen fahren,
+nach den Aussagen Ihrer Freunde, bis auf den heutigen Tag fort, mit
+Jewgenij Nikolajewitsch ein Herz und eine Seele zu sein, ja, im
+Überschwang der Gefühle küssen Sie ihn womöglich und stellen ihn aller
+Welt als Ihren besten Freund vor, obschon es, wie ich hinzusetzen
+möchte, so leicht keinen einzigen Dummen geben wird, der nicht sofort
+und ganz genau erriete, auf was alle Ihre Absichten eigentlich
+hinauslaufen und was Ihre Freundschaftsbeteuerungen in Wirklichkeit wert
+sind. Ich wenigstens sage es offen, daß sie nichts als Lug und Trug
+bedeuten, Falschheit und Hohn auf alle Anstandsbegriffe und
+Menschenrechte, daß sie eine Schmähung Gottes sind und der Inbegriff
+aller Lasterhaftigkeit. Als Beispiel und Beleg hierfür nenne ich mich
+selbst! d. h. ich wollte sagen, die Erfahrungen, die ich mit Ihnen
+gemacht habe. – Wann habe ich Sie je beleidigt oder Ihnen sonst ein
+Unrecht angetan, daß Sie mich auf eine so tückische Art zu behandeln
+wagen?
+
+Ich schließe meinen Brief. Was ich zu sagen hatte, habe ich gesagt.
+Jetzt füge ich nur noch einen Satz hinzu: wenn Sie, mein Herr, nicht in
+der kürzesten Frist nach Empfang dieses Briefes mir, erstens,
+ungeschmälert den ganzen Ihnen von mir geliehenen Betrag, in Summa 350
+Rubel, zurückerstatten, und zweitens alle mir Ihrem Versprechen gemäß
+zustehenden Beträge auszahlen, so werde ich Mittel und Wege zu finden
+wissen, Sie dazu zu zwingen, wenn es sein muß, sogar durch öffentliche
+Anklage; denn ausdrücklich nicht unerwähnt möchte ich lassen, daß mir
+der Schutz der Gesetze zu Gebote steht; und zum Schluß möchte ich Ihnen
+noch mitteilen, daß ich gewisse Papiere und damit Beweise in Händen
+habe, die, sobald sie nicht mehr im Besitz Ihres ergebensten Dieners
+verbleiben, Sie und Ihren Namen in den Augen der ganzen Welt doch recht
+tief in den Schmutz herabziehen könnten.
+
+Gestatten Sie usw.
+
+
+ VII.
+
+(Pjotr Iwanowitsch an Iwan Petrowitsch.)
+
+ 15. November.
+
+Iwan Petrowitsch!
+
+Nach Empfang Ihres bäuerischen und zugleich mehr als seltsamen
+Sendschreibens, wollte ich dasselbe im ersten Augenblick einfach
+zerreißen und fortwerfen – habe es aber einstweilen doch als Rarität
+aufbewahrt. Im übrigen tun mir unsere Mißverständnisse und
+Unannehmlichkeiten von Herzen leid. Eigentlich war es meine Absicht,
+Ihnen überhaupt nicht zu antworten. Aber die Notwendigkeit zwingt mich
+dazu – eben die Notwendigkeit, Ihnen hierdurch mitzuteilen, daß es mir
+ganz entschieden nichts weniger als angenehm sein würde, Sie jemals
+wieder in meinem Hause zu sehen; das gleiche gilt von meiner Frau: ihre
+Gesundheit ist nicht ganz auf der Höhe und der Geruch von
+Schmierstiefeln ist ihr schädlich. Anbei retourniert sie Ihrer Frau
+Gemahlin mit bestem Dank ein Buch, den „Don Quijote“, der bei uns
+liegengeblieben war. Was aber Ihre Galoschen betrifft, die Sie angeblich
+bei Ihrer letzten Anwesenheit in unserem Hause vergessen haben wollen,
+so muß ich Ihnen zu meinem Bedauern mitteilen, daß man sie bisher
+nirgends gefunden hat. Inzwischen werden sie noch gesucht. Sollten sie
+jedoch nicht zu finden sein, so werde ich Ihnen neue kaufen.
+
+Im übrigen habe ich die Ehre usw.
+
+
+ VIII.
+
+(Am 16. November erhält Pjotr Iwanowitsch durch die Stadtpost zwei
+Briefe. Er erbricht den ersten und entnimmt dem Kuvert ein zierlich
+zusammengefaltetes blaßrosa Blättchen. Die Handschrift ist die seiner
+Frau. Gerichtet ist es an Jewgenij Nikolajewitsch, geschrieben den 2.
+November. Im Kuvert befindet sich sonst nichts. Pjotr Iwanowitsch
+liest:)
+
+Lieber Eugène! Gestern war es völlig unmöglich. Mein Mann war den ganzen
+Abend zu Haus. Komm aber morgen unbedingt um Punkt elf. Um halb elf
+fährt mein Mann nach Zarskoje und wird erst um ein Uhr zurückkehren. Ich
+habe mich die ganze Nacht geärgert. Danke für die Zusendung der
+Nachrichten. Welch ein Haufen Papier! Hat sie das wirklich alles selbst
+geschrieben? Übrigens, der Stil geht an. Noch einmal: Hab Dank. Ich
+sehe, daß du mich liebst. Sei mir nicht böse wegen gestern und komm
+morgen unbedingt! A.
+
+(Pjotr Iwanowitsch erbricht den zweiten Brief.)
+
+Pjotr Iwanytsch!
+
+Mein Fuß hätte ohnehin niemals mehr Ihre Schwelle überschritten: Sie
+haben ganz überflüssigerweise Ihr Papier verschmiert.
+
+In der nächsten Woche verreise ich nach Ssimbirsk, doch als
+unschätzbarer und bester Freund verbleibt Ihnen: Jewgenij
+Nikolajewitsch. Wünsche angenehmen Zeitvertreib. Wegen der Galoschen
+bitte ich, sich nicht zu beunruhigen.
+
+
+ IX.
+
+(Am 17. November erhält Iwan Petrowitsch durch die Stadtpost gleichfalls
+zwei Briefe. Er erbricht den ersten und entnimmt ihm einen eilig und
+flüchtig beschriebenen Zettel. Die Handschrift ist die seiner Frau.
+Adressiert ist er an Jewgenij Nikolajewitsch, geschrieben den 4. August.
+Außer dem Zettel enthält das Kuvert nichts weiter. Iwan Petrowitsch
+liest:)
+
+Leben Sie wohl, leben Sie wohl, Jewgenij Nikolajewitsch! Möge Gott Ihnen
+auch dieses Gute vergelten. Werden Sie glücklich, das Los, das mir
+zufällt, ist grausam, grauenhaft! Es war Ihr Wille. Wäre Tantchen nicht
+gewesen, ich hätte mich Ihnen nicht so anvertraut. Lachen Sie nicht über
+mich, und auch nicht über Tantchen. Morgen werden wir getraut. Tantchen
+ist froh, daß sich ein guter Mensch gefunden hat, der mich ohne Mitgift
+nimmt. Heute hab’ ich ihn mir zum erstenmal aufmerksam angesehen. Er
+ist, glaube ich, ein guter Kerl. Man läßt mir keine Zeit. Leben Sie
+wohl, leben Sie wohl ... Mein Liebling Sie!! Denken Sie manchmal auch an
+mich, ich – ich werde Sie nie vergessen. Leben Sie wohl! Ich
+unterschreibe diesen letzten Brief wie meinen ersten ... wissen Sie
+noch?
+
+ Tatjana.
+
+(Im zweiten Brief steht folgendes:)
+
+Iwan Petrowitsch!
+
+Morgen erhalten Sie neue Galoschen. Ich bin nicht gewohnt, fremdes
+Eigentum aus fremden Taschen hervorzuholen, und ebensowenig ist es meine
+Art, allerlei Fetzen auf den Straßen aufzusammeln.
+
+Jewgenij Nikolajewitsch wird in den nächsten Tagen nach Ssimbirsk
+reisen, im Auftrage seines Großvaters, für den er dort einiges erledigen
+soll, und da hat er mich denn gebeten, ihm zu einem Reisegefährten zu
+verhelfen. Wollen Sie nicht?
+
+
+
+
+ Fußnoten
+
+
+[1] Bei Petersburg. E. K. R.
+
+[2] Der Petersburger nimmt seine Hauptmahlzeit um 6 bezw. 7 Uhr
+nachmittags ein. E. K. R.
+
+[3] Stadtteil von Petersburg.
+
+[4] Vorort von Petersburg. E. K. R.
+
+[5] „Verstand schafft Leiden“. E. K. R.
+
+
+ Anmerkungen zur Transkription
+
+Die „Sämtlichen Werke“ erschienen in der hier verwendeten ursprünglichen
+Fassung der Übersetzung von E. K. Rahsin in mehreren Auflagen und
+Ausgaben 1906–1922 im Piper-Verlag. Dieses Buch wurde transkribiert
+nach:
+
+ F. M. Dostojewski: Sämtliche Werke.
+ Zweite Abteilung: Fünfzehnter Band
+ R. Piper & Co. Verlag, München, 1920.
+ Siebentes bis zwölftes Tausend
+
+Die Anordnung der Titelinformationen wurde innerhalb der „Sämtlichen
+Werke“ vereinheitlicht und entspricht nicht der Anordnung in den
+ursprünglichen Ausgaben. Alle editionsspezifischen Angaben wie Jahr,
+Copyright, Auflage usw. sind aber erhalten und wurden gesammelt direkt
+nach der Titelseite eingefügt.
+
+Fußnoten wurden am Ende des Buches gesammelt.
+
+Zu den Anführungszeichen: Gespräche wurden in doppelte Anführungszeichen
+(„“) eingeschlossen. Die Wiedergabe von Äußerungen anderer innerhalb von
+Gesprächen wurde in einfache Anführungszeichen (‚‘) eingeschlossen.
+
+Besonderheiten der Transliteration russischer Begriffe und Namen: Der
+Buchstabe „ä“ (oder auch „jä“) steht für den kyrillischen Buchstaben
+„ja“. Die Schreibweise häufig vorkommender Namen wurde vereinheitlicht
+(nicht verwendete Varianten in Klammern):
+
+ Newskij (Newski)
+ Petjä (Petja)
+ Ssergejeff (Sergejeff)
+
+Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere
+Änderungen sind hier aufgeführt (vorher/nachher):
+
+ [S. 246]:
+ ... ihn rückwärts auf Bett und begann ihn, wie man ...
+ ... ihn rückwärts aufs Bett und begann ihn, wie man ...
+
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75698 ***