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diff --git a/75699-0.txt b/75699-0.txt new file mode 100644 index 0000000..85102f0 --- /dev/null +++ b/75699-0.txt @@ -0,0 +1,5284 @@ + +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75699 *** + + + + + + ARABISCHE NÄCHTE + + ERZÄHLUNGEN + AUS + TAUSEND UND EINE NACHT + + MIT 20 FARBIGEN BILDERN + VON + EDMUND DULAC + + [Illustration: Druckerlogo] + + MÜLLER & I. KIEPENHEUER VERLAG · POTSDAM + G. M. B. H. + + + + + [Illustration: Schehersad] + + Gedruckt in der Offizin Haag-Drugulin AG. in Leipzig + + + + + INHALT + + + Seite + Eingang 3 + + Geschichte vom Fischer und dem Geiste 14 + + Geschichte vom versteinerten Prinzen 36 + + Geschichte vom Zauberpferde 51 + + Geschichte vom Prinzen Chodadad 84 + + Geschichte des Prinzen Achmed und der Fee Pari Banu 100 + + Geschichte von Ali Baba und den vierzig Räubern 181 + + Ausgang 234 + + + + + BILDERVERZEICHNIS + + + Geschichte vom Fischer und dem Geiste. + Bild auf Seite: 1, 20, 28, 32 + + Geschichte vom versteinerten Prinzen. + Bild auf Seite: 40 + + Geschichte vom Zauberpferde. + Bild auf Seite: 52, 60, 64, 72, 74, 82 + + Geschichte vom Prinzen Chodadad. + Bild auf Seite: 102, 132 + + Geschichte des Prinzen Achmed und der Fee Pari Banu. + Bild auf Seite: 160 + + Geschichte von Ali Baba und den vierzig Räubern. + Bild auf Seite: 188, 196, 204, 208, 220, 224 + + + + + EINGANG + + +Im Namen Gottes, des Gütigen und Gnädigen, Friede sei mit unserm Herrn +Mohammed, dem höchsten Gesandten Gottes, und über seiner Familie und +seinen Freunden; Friede sei mit ihnen bis zum jüngsten Tage! Die +Geschicke der Früheren seien eine Lehre den Kommenden, damit sie +daraus lernen und in der Vergangenheit fleißig lesen mögen. In diesen +Erzählungen, die »Tausend und eine Nacht« genannt sind, soll euch +Belehrung und Weisung gegeben sein. So nämlich wird von dem berichtet, +was sich ehemals bei den Völkern zugetragen hat: + +Vor langen Zeiten regierte ein König auf den Inseln Indiens und Chinas, +der war reich und hatte viele Diener und Truppen. Seine zwei Söhne +hießen Scheherban und Schahseman. Scheherban war der ältere; Schahseman +herrschte über Samarkand in Persien und regierte zwanzig glückliche +Jahre. Einst nun erfaßte den älteren König innige Sehnsucht nach seinem +jüngeren Bruder; er rief seinen Wesir und befahl ihm, zu Schahseman +zu reisen und ihn mitzubringen. Der jüngere Bruder gehorchte alsbald +der Aufforderung, ließ Kamele und Maultiere rüsten und begab sich +mit stattlichem Gefolge auf den Weg. Seinem Wesir aber übertrug er +die Regierung, solange er abwesend sei. Da geschah es, daß er sich +erinnerte, etwas in seinem Schlosse vergessen zu haben; rasch eilte er +dorthin zurück und überraschte seine Frau in verbotener Liebe zu einem +schwarzen Sklaven. Heiße Wut stieg in ihm empor, er zückte sein Schwert +und erstach beide; darauf reiste er weiter bis vor die Hauptstadt +seines Bruders. Er ließ durch einen Boten seine Ankunft melden, und +Scheherban zog ihm mit Gepränge entgegen, umarmte und begrüßte ihn +voller Freude. Aber die Erinnerung an die Untreue seiner Gemahlin nagte +an der Seele des Königs Schahseman, so daß die Farbe seines Gesichtes +verblich und die Kraft seines Körpers abnahm. Kein Fest vermochte +seinen umdüsterten Sinn zu erheitern. Scheherban meinte, daß die +Sehnsucht nach der Heimat an ihm zehrte und fragte ihn eines Tages voll +Sorge: »Lieber Bruder, ich sehe, daß deine Wangen blaß werden, und daß +ein heimlicher Kummer in deiner Seele wohnt.« Jener entgegnete: »Mich +quält eine innere Krankheit,« und verheimlichte, was bei seiner Abreise +geschehen war. Er ließ seinen Bruder allein zur Jagd reiten und blieb +daheim voll Sorge und Verdruß. + +Es waren aber in dem Schlosse, das Schahseman bewohnte, einige +Fenster, durch die er in den Garten seines Bruders blicken konnte. Da +sah er, wie aus der Türe des Palastes zwanzig Sklaven und Sklavinnen +heraustraten, und in ihrer Mitte schritt die Frau seines Bruders, +die war von wunderbarer Schönheit und herrlichem Wuchse. Sie gingen +zu einem Teiche, dort entkleideten sich die Sklavinnen und setzten +sich zu den Sklaven. Die Königin rief Masud, einen schwarzen Sklaven, +umarmte ihn und koste mit ihm. Und die anderen Sklaven und Sklavinnen +taten desgleichen und verbrachten den Tag mit Küssen und in Liebe. Als +Schahseman das erblickte, sprach er zu sich: »Wahrlich, meinem Bruder +ist Härteres widerfahren als mir.« Sorge und Kümmernis wichen von ihm, +und er aß und trank. + +Als der König Scheherban von der Jagd zurückkehrte und sah, daß sein +Bruder die frühere Kraft und Farbe wiedererlangt hatte und mit Freuden +aß und trank, sprach er zu ihm: »Lieber Bruder, gestern noch warst du +schwach und bleich, und heute sehe ich dich in voller Gesundheit; wie +ist das zugegangen?« Da entgegnete ihm jener: »Wisse, mein Bruder, +als ich mit meinem Gefolge zu dir reisen wollte und schon meine +Hauptstadt verlassen hatte, fiel mir ein, daß ich in meinem Schlosse +etwas vergessen hatte; ich fand meine Frau in vertrautem Umgange bei +einem Sklaven und erschlug sie beide voll Zorn. Weil ich immer dieses +Vorfalles gedenken mußte, wurde ich blaß und schwach; warum ich aber +mein früheres Aussehen wiedergewann, das möchte ich dir verschweigen.« +Als jedoch Scheherban in seinen Bruder drang und mit Bitten nicht +abließ, erzählte ihm jener, was er im Garten gewahrt hatte. Der Sultan +rief voll Zorn und Ingrimm: »Ich will mit meinen eigenen Augen ihre +Sünde sehen!« Schahseman gab ihm folgenden Rat: »Sag ihr, du wolltest +zur Jagd reiten, und verbirg dich dann bei mir, damit du sie heimlich +beobachten kannst.« + +So ließ Scheherban bekannt machen, daß er eine große Reise unternehmen +wolle, und zog mit seinen Truppen zur Stadt hinaus. Im Lager sprach er +zu seinem Pagen: »Laß niemanden zu mir herein«; dann verkleidete er +sich und kehrte heimlich zu seines Bruders Schloß zurück. Dort setzte +er sich ans Fenster und blickte erwartungsvoll in den blühenden Garten +hinaus. Nach einer Weile öffnete sich das Tor, und seine Frau trat mit +den Sklavinnen und Sklaven heraus, und sie taten so, wie ihm Schahseman +erzählte hatte, bis das Nachmittagsgebet gerufen wurde. Als Scheherban +dieses sah, war er fassungslos vor Schmerz und rief: »Mein Bruder, laß +uns gehen; ich mag nichts mehr mit der Regierung zu schaffen haben! Wir +wollen wandern, bis wir jemanden finden, dem es ebenso wie uns ergeht; +wenn wir aber niemanden sehen, so möge uns der Tod von unserer Qual +erlösen!« + +Sie machten sich auf und gingen aus einer versteckten Türe des Palastes +hinaus und reisten viele Tage und Nächte. Eines Tages fanden sie eine +friedliche Ebene; dort rauschten dichtbelaubte Bäume, und eine süße +Quelle rieselte neben dem Meere durchs Gebüsch. Da tranken sie und +ruhten. Plötzlich aber erhob sich ein Toben, und das Meer rauschte, und +eine schwarze Säule wand sich zum Himmel empor, durchfurchte die Wellen +und näherte sich der Ebene. Als die beiden Brüder das sahen, fürchteten +sie sich sehr und erstiegen einen hohen Baum. + +Es kam aber ein Geist unseres Herrn Salomo (Friede sei mit ihm!), +der war sehr lang und hatte einen großen Kopf und eine breite Brust. +Auf seinem Haupte trug er einen Kasten aus Glas, der war mit vier +Schlössern aus Stahl verschlossen. Der Geist setzte sich unter den +Baum, auf den die beiden Brüder geklettert waren, nahm den Kasten +vom Kopfe und öffnete die Schlösser mit vier Schlüsseln. Er zog +aber ein wunderbares Mädchen heraus mit süßem Munde, schönem Busen +und einem Gesichte, das dem Vollmond glich. Der Geist betrachtete +sie liebevoll und sagte: »O Geliebte meiner Seele! Du schönste und +vollkommenste aller Frauen, die ich entführt habe, ehe ein anderer +dich kannte! Laß mich in deinem Schoße schlafen.« Er legte den +Kopf auf ihre Kniee, streckte sich aus und schnarchte alsbald, daß +es klang wie fernes Donnerrollen. Da hob das Mädchen von ungefähr +ihr Haupt empor und erblickte Scheherban mit seinem Bruder auf dem +Baume. Langsam legte sie den Kopf des Geistes auf die Erde und gab +den beiden durch ein Zeichen zu verstehen, sie möchten doch zu ihr +herabsteigen. Jene aber antworteten: »Herrin, entschuldige, wenn wir +nicht kommen.« Da entgegnete sie: »Wenn ihr nicht herabkommt, so wecke +ich den Geist, meinen Gemahl; er soll euch auffressen.« Als sie ihnen +abermals freundlich winkte, kletterten die Brüder zu ihr herunter. +Dann verlangte sie, daß ihr beide zu Willen sein möchten. Die Brüder +aber sagten: »Beim Allmächtigen, verlange das nicht von uns, denn wir +fürchten uns vor dem Geiste.« Sie sprach: »Wenn ihr mir nicht zur +Seite liegt, so schwöre ich, daß ich den Geist aufwecke, damit er euch +töte!« Da taten die Brüder, was sie von ihnen forderte. Sie aber zog +einen Beutel aus ihrem Gewande hervor und entnahm ihm achtundneunzig +Silberringe und sagte: »Wißt ihr, was diese Ringe bedeuten? Sie stammen +von achtundneunzig Männern, die mir willfährig waren. Nun gebt mir auch +eure Ringe, damit ich weiß, daß es hundert Männer waren, mit denen ich +diesen schrecklichen, häßlichen Geist hintergangen habe. Denn er hat +mich in diesen Kasten gesetzt und läßt mich im tiefen Meere wohnen, +damit ich nur ihm gehöre und tugendhaft bleibe. Dieses Scheusal weiß +nicht, daß der Wille der Frauen sich von niemandem bestimmen läßt!« + +Als die beiden Brüder dieses hörten, waren sie sehr verwundert und +riefen: »Es gibt keinen Schutz, außer bei dem erhabenen Gotte! Deshalb +wollen wir bei ihm gegen die List der Frauen Hilfe suchen; denn +wahrlich! nichts kommt ihr gleich!« Das Mädchen aber sprach zu ihnen: +»Gehet eures Weges!« + +Als sie nun weiterschritten, sagte Scheherban: »Sieh, lieber Bruder, +dieses Abenteuer ist noch seltsamer als unseres, denn hier ist ein +Geist, der ein Mädchen in der Hochzeitsnacht raubte und es in einen +gläsernen Kasten eingesperrt hat. Er hat sie mit vier Schlössern +eingeschlossen und in das tobende Meer versenkt, damit er sie dem +Schicksal entreißen könnte, aber sie hat doch hundertmal Verrat geübt. +Wahrhaftig, es gibt keine treuen Frauen! Wir wollen getrost in unser +Königreich zurückgehen und den festen Entschluß fassen, nie mehr +zu heiraten.« Also kehrten sie wieder um und gingen, bis die Nacht +hereindämmerte; am dritten Tage aber trafen sie wieder in ihrer Heimat +ein, traten unter die Zelte, setzten sich auf den königlichen Thron, +und alle Fürsten und Großen des Landes versammelten sich um sie. Der +König befahl nun, daß man in die Stadt zurückziehen möge; er aber begab +sich in sein Schloß, ließ seinen Wesir kommen und befahl ihm, seine +Gemahlin zu töten. Und alsbald brachte der Wesir sie um. Darauf ging +der König zu den Sklavinnen und erschlug sie alle mit seinem Schwerte; +dann ließ er sich andere kommen und schwur, daß er sich jede Nacht eine +andere erwählen wolle und sie am folgenden Morgen hinrichten lassen +würde, denn auf Erden gäbe es kein tugendhaftes Weib mehr. Sein Bruder +Schahseman reiste sogleich ab und kehrte in sein Königreich zurück. — +Sultan Scheherban gebot indessen seinem Wesir, ihm eine Sklavin für +die Nacht zuzuführen; dieser brachte ihm eine der Fürstentöchter. Der +König tat, wie er verheißen, und befahl dem Wesir, ihr am Morgen den +Kopf abzuschlagen. Er gehorchte den Worten seines Herrn und brachte +das Mädchen um. Darauf führte er ihm eine andere Tochter der Großen +des Landes zu, und auch ihr wurde wieder am Morgen der Kopf vom +Rumpfe getrennt. So ging es lange fort, bis es zuletzt keine Mädchen +mehr gab; die Mütter und Väter klagten und weinten, verwünschten +den König und erflehten vom Himmel Rache und Hilfe. Nun hatte der +oberste Wesir, der auf Geheiß des Sultans die Frauen ermorden mußte, +zwei Töchter. Die ältere hieß Schehersad und die jüngere Dinarsad. +Schehersad kannte viele Bücher und besaß ein erstaunliches Gedächtnis; +sie hatte Gedichte auswendig gelernt und wußte Geschichten und Reden +der Könige und Weisen. Eines Tages sagte sie zu ihrem Vater: »Lieber +Vater, ich will dir ein Geheimnis anvertrauen: ich verlange, daß du +mich mit dem Sultan Scheherban verheiratest, denn ich möchte die Welt +von seinen Greueltaten erlösen oder selber sterben, wie die andern +Mädchen.« Als ihr Vater diese Rede hörte, erschrak er sehr und rief: +»Weißt du denn nicht, was der König geschworen hat, du Törin? Wenn +ich dich zu ihm bringe, so wird er dich töten lassen!« Schehersad +entgegnete: »Führe mich zu ihm; mag er mich auch ermorden lassen.« Da +wurde der Vater zornig und rief: »Warum willst du dich so trotzig in +die Gefahr stürzen? Hast du den Verstand verloren? Wer nicht Klugheit +in seinem Handeln walten läßt, der bringt sich ins Unglück, und wer +nicht das Ende seiner Taten bedenkt, hat auf Erden keinen Freund. Das +Sprichwort sagt: ich saß im Wohlbehagen, da hat mir der Übermut nicht +Ruhe gelassen.« Schehersad aber antwortete: »Ich werde meinen Entschluß +nicht ändern; wenn du mich nicht zum Könige führst, werde ich allein zu +ihm gehen und Klage gegen dich erheben, weil du mich einem so großen +Manne verweigerst und ein Mädchen, wie mich, ihm entziehen willst.« + +Der Erzähler berichtet nun, daß der Wesir, nachdem er vergeblich +gedroht und gebeten hatte, sich entschloß und zum Sultan Scheherban +ging, die Erde küßte und zu ihm sagte: »Mein Gebieter, ich werde dir +in der nächsten Nacht meine Tochter zuführen.« Der Sultan erstaunte +sehr und fragte: »Was bedeutet dies? Habe ich nicht bei Dem geschworen, +der den Himmel droben gewölbt hat, daß ich sie morgen umbringen lassen +werde? Und wenn du nicht gehorsam bist, so werde ich dich selbst +ermorden lassen.« Der Wesir antwortete: »O mein König, ich habe ihr +dies alles selbst gesagt und sie inständig beschworen, aber sie hat +mich nicht hören wollen und wünscht nur, diese Nacht bei dir zu +schlafen.« Der Sultan sprach: »So gehe denn, bereite ihre Ankunft vor +und führe sie in dieser Nacht zu mir.« Der Wesir ging in sein Haus +zurück, überbrachte seiner Tochter den Befehl des Herrn und sagte: +»Gott gebe, daß ich keine Sehnsucht nach dir fühle!« Schehersad war +hocherfreut, machte ihre Sachen zurecht und sprach zu ihrer jüngeren +Schwester Dinarsad: »Liebe Schwester, höre meinen Rat. Wenn ich bei +dem Sultan weile, werde ich nach dir schicken; wenn du dann kommst und +siehst, daß sich der Sultan nicht mehr mit mir abgibt, sage zu mir: +liebe Schwester, wenn du nicht schläfst, so erzähle uns doch einige +deiner schönen Geschichten, damit wir dabei die Nacht durchwachen. Das +allein kann meine und der Welt Rettung sein, nur so wird der König von +seinem unseligen Beginnen lassen.« Dinarsad versprach das. — Als die +Nacht hereindunkelte, ging Schehersad zu dem Sultan. Er empfing sie +zärtlich und scherzte mit ihr, sie aber begann zu weinen. Scheherban +fragte: »Warum weinst du?« Sie antwortete: »O König der Zeit, zu Hause +habe ich eine Schwester; laß mich von ihr in dieser Nacht noch Abschied +nehmen.« Da befahl der Sultan, daß man nach Dinarsad schicke. Sie kam +und wartete, bis der Sultan mit ihrer Schwester gekost und ein wenig +geruht hatte, dann stieß sie einen Seufzer aus und sprach: »Wenn du +nicht schläfst, liebe Schwester, so erzähle uns einige von deinen +schönen Geschichten, damit wir dabei die Nacht durchwachen. Wenn der +Tag dämmert, will ich dir dann Lebewohl sagen, denn ich weiß ja nicht, +ob ich dich morgen wiedersehen werde.« Schehersad erbat nun vom Sultan +die Erlaubnis, und als er sie erteilt hatte, freute sie sich gar sehr +und begann: + + + + + DIE GESCHICHTE VOM FISCHER UND DEM GEISTE + + +Man hat mir erzählt, daß vor Zeiten ein Fischer gewesen sei, der schon +hoch bei Jahren war. Er besaß eine Frau und drei Töchter und war so +arm, daß er nicht einmal seine tägliche Nahrung hatte. Viermal am Tage +warf er gewöhnlich seine Netze aus. Einst, als der Mond leuchtete, ging +er zum Dorfe hinaus bis an das Ufer des Flusses, streifte sein Hemd auf +und watete bis zur Hälfte des Körpers in die Flut; dort warf er sein +Netz aus und wartete, bis es untersank. Dann zog er es zu sich heran +und wollte es langsam zusammenfalten, als er bemerkte, daß es durch +etwas gehemmt wurde. Er zog also mit größerer Kraft, aber es gelang ihm +nicht, es näherzubringen; er ging zurück ans Land, kleidete sich aus +und tauchte in den Fluß hinab und bemühte sich so lange, bis er das +Netz endlich ans Ufer brachte. Da fand er zu seinem großen Erstaunen +einen toten Esel darin, der die Maschen des Netzes entzweigerissen +hatte. Der Fischer war sehr traurig, seufzte und sprach: »Es gibt +nur Hilfe und Macht beim allmächtigen Gott! Es geht doch mit dem +Lebensunterhalt recht wunderlich zu.« Und darauf sprach er folgende +Verse: »O du, der in das Düster der Nacht und der Gefahren hinabtaucht, +mühe dich nicht zu sehr, denn der Lebensunterhalt wird nicht durch +Anstrengung gewonnen. Sieh das Meer und den Fischer darin, der seinen +Lebensunterhalt sucht, während die Sterne sich im Dunkel verstecken! +Bis zur Hälfte des Körpers steigt er hinab in die Wellen, und sein +wachsames Auge wendet er nicht ab von seinem Netze. Und wenn sich ein +Fisch in den feindlichen Maschen gefangen, dann ist er zufrieden mit +seiner Nacht. Denn seinen Fisch kauft ihm einer ab, der die Nacht in +Behagen und Wohlleben, nicht in der Kälte verbracht hat. Gepriesen sei +der Herr; er gibt dem einen und versagt dem andern; der eine fängt die +Fische, und der andere ißt sie auf.« + +Als der Fischer diese Worte gesprochen hatte, löste er den Esel aus +seinem Netze, ließ sich auf der Erde nieder und besserte die Maschen +aus. Dann rang er es gehörig aus, watete wieder in den Strom, warf +es aus und wartete, bis es niedersank. Doch als er es wieder an sich +ziehen wollte, spürte er abermals einen starken Widerstand. Er freute +sich sehr, denn er meinte, ein Fisch habe sich gefangen, entkleidete +sich rasch und tauchte unter, um das Netz freizumachen. Mühsam brachte +er es ans Ufer, aber er fand darin nur einen großen Topf mit Schlamm +und Sand. Da weinte er heftig und rief betrübt: »Das ist wahrlich ein +seltsamer Tag; aber ich vertraue auf Gott, der den Himmel erschaffen +hat!« Dann sprach er diese Verse: »Du quälendes Schicksal, laß ab, sei +mitleidig und verschone mich mit deiner Verfolgung! Ich warf mein Netz, +um mir Lebensunterhalt zu suchen; aber jetzt weiß ich, daß er für mich +verloren ist. Das Glück hat sich von mir gewandt, und die Arbeit meiner +Hände ist fruchtlos. So mancher Törichte weilt bei den Gestirnen, und +mancher Weise liegt unten im Staube!« + +Er schleuderte den Topf weit fort, rang das Netz wieder aus, rief +den Namen Gottes, warf es zum dritten Male in die Wogen und wartete +geduldig, bis es untersank. Als er es wieder heraufzog, fand er darin +nur Kiesel, Muscheln und mancherlei Unrat. Da verzweifelte der Fischer, +denn er war müde von der Arbeit und vom Unglück; er dachte daran, daß +seine Frau und seine drei Töchter daheim ohne Nahrung blieben, verbarg +den Kopf in den Händen und sprach folgende Verse: »Du kannst deinen +Lebensunterhalt nicht lösen noch binden; Kunst und Bildung können dir +ihn nicht verschaffen. Wahrlich, Glück und Lebensunterhalt sind nur +Bestimmung; in dem einen Lande waltet Üppigkeit, und Mangel in dem +andern. Das Schicksal wechselt; es wirft einen edlen Menschen nieder +und erhöht einen, der wertlos ist. Nimm mich denn hin, o Tod; denn ist +das Leben nicht abscheulich, wenn die Falken erniedrigt und die Gänse +erhöht werden? Es ist nicht wunderbar, wenn du Armut beim Tugendsamen +und Reichtum bei dem Lasterhaften siehst! Im Buche des Schicksals +gleichen wir alle den Vögeln, die umherflattern und bald hier, bald +dort ein Körnchen auflesen. Mancher Vogel fliegt um die Erde nach +Westen und Osten, und ein anderer findet seine Nahrung, ohne den Flügel +zu rühren.« + +Der Fischer wandte seine Augen zum Himmel empor; die Röte des Morgens +zog schon herauf, der Tag begann zu glänzen. Da rief er: »Du weißt, o +Herr, daß ich nur viermal am Tage meine Netze werfe; schon dreimal tat +ich es, nun will ich es zum letzten Male versuchen. Erweise mir ein +Wunder, großer Gott, wie du es Moses im Meere erwiesen hast!« Darauf +flickte er wieder die Maschen seines Netzes, warf es in den Strom und +wartete, bis es untersank. Als es hängen blieb und er es herausziehen +wollte, vermochte er es nicht, denn es hatte sich am Grunde festgehakt +und war ganz verwirrt. »Nur beim allmächtigen Gott ist Hilfe und +Schutz!« rief der Fischer, zog die Kleider aus und tauchte hinab. +Viel Arbeit kostete es ihm, bis er das Netz freimachen konnte. Als +er wieder damit ans Ufer kam, entdeckte er darin etwas Schweres; mit +großer Mühe löste er es aus dem Gewirr der Maschen und fand, daß es +eine Messingflasche war, die mit dem Siegel unseres Herrn Salomo +verschlossen war. Der Fischer freute sich des Fundes, denn er dachte +bei sich: ich werde sie beim Kupferschmied verkaufen, sie ist gewiß +zwei Malter Weizen wert. Er schüttelte die Flasche und bemerkte, daß +sie gefüllt war. »Ich will doch sehen, was darin ist,« dachte er, »ich +will sie öffnen und dann erst verkaufen.« Er durchstach darauf das Blei +mit seinem Taschenmesser und mühte sich so lange ab, bis die Flasche +geöffnet war; dann führte er sie an den Mund und schüttelte abermals, +doch es kam nichts heraus, worüber der Fischer sehr erstaunte. Mit +einem Male aber stieg aus der Flasche ein Rauch empor, schwebte und +breitete sich über die Erde und nahm zu, bis er die Fläche des Meeres +bedeckte und an die Wolken des Himmels hinaufstieg. Der Fischer war +in großer Verwunderung, als er dies seltsame Schauspiel erblickte. +Kaum war der letzte Rauch der Flasche entquollen, so verdichtete und +sammelte er sich und wurde zu einem Geiste, dessen Füße auf der Erde +standen, und dessen Haupt hoch bis in die Wolken hineinragte. Sein +Kopf glich einem Brunnenloche, seine Vorderzähne waren wie eiserne +Haken, sein Mund wie eine Höhle, seine Nasenlöcher wie Trompeten, sein +Schlund wie eine Gasse, und seine Augen glichen Laternen. Er war ein +ganz abscheulicher Geist; der Himmel bewahre uns davor! Der Fischer +bebte an allen Gliedern, als er ihn erblickte, und seine Zähne schlugen +aufeinander. Da sprach der Geist: »Salomo, du Prophet Gottes! Verzeihe +mir! Nie mehr will ich dir ungehorsam sein, nie mehr deinen Befehlen +entgegen handeln!« + + [Illustration: Der Geist erscheint] + +Der Fischer begriff diese Worte nicht und stammelte: »O Geist, was +sagst du da von Salomo, unserm Herrn, dem großen Propheten Gottes? Ist +er doch schon vor achtzehnhundert Jahren gestorben, und wir leben in +viel späteren Tagen. Künde mir, was dir widerfahren ist. Auf welche +Weise bist du in die Flasche hineingeraten?« Als der Geist diese Worte +vernahm, rief er mit lauter Stimme: »Ich bringe dir gute Nachricht!« +Der Fischer freute sich im stillen und dachte: o glückseliger Tag! +Aber der Geist fuhr fort: »Ich bringe dir die Kunde, daß du sogleich +umgebracht werden mußt.« Da erschrak der Fischer und sprach: »Möge dir +Gottes Gnade und Huld ewiglich ferne bleiben, da du so abscheuliche +Botschaft bringst! Warum willst du mich morden; habe ich dich nicht +errettet und aus den Tiefen des Meeres an das warme Licht des Tages +heraufgezogen?« Der Geist aber entgegnete ihm: »Ich will dir eine Bitte +gewähren,« und der Fischer fragte voll Freuden: »Sag mir, um was ich +dich bitten soll.« Und der Geist sprach: »Du kannst dir eine Todesart +wählen, damit du sterben mögest, wie du es dir selbst bestimmt hast.« +Der Fischer zitterte vor Furcht und fragte: »Was habe ich verbrochen, +daß du meine gute Tat so schmählich belohnen willst?« — »Höre meine +Geschichte,« sagte der Geist und erzählte: + +»Vernimm! Ich bin einer der abtrünnigen und bösen Geister, denn ich +war dem Propheten Gottes, dem großen Salomo, ungehorsam. Er sandte mir +seinen Minister Asaf, den Sohn des Berachja, der zu mir eilte und +das Urteil an mir vollziehen mußte. Er fesselte mich und warf mich in +Ketten und brachte mich mit Gewalt zu Salomo, dem Propheten Gottes. +Der aber erschrak sehr, als er mich erblickte, denn er fürchtete sich +vor meiner Gestalt, und rief Gott um Hilfe an. Er befahl mir, daß ich +ihm gehorchen solle, aber ich weigerte mich seinen Worten; da ließ er +diese Messingflasche bringen und sperrte mich hinein; dann verschloß +er sie mit einem Bleisiegel, darauf er den Namen des erhabenen Gottes +drückte, und hieß einem Geiste, die Flasche tief hinab in das Meer zu +versenken. Als ich zweihundert Jahre so in den Fluten gelegen hatte, +beschloß ich, dem Reichtum zu verschaffen, der mich in den nächsten +zweihundert Jahren aus meiner Gefangenschaft erlösen würde. Aber +die Jahre gingen hin, und keiner kam und erlöste mich. Und abermals +verflossen zweihundert Jahre, und ich beschloß nunmehr, daß ich meinem +Befreier alle Schätze dieser Erde zur Verfügung stellen wollte; aber +wieder verging die Zeit, und es nahte mir kein Erretter. Und abermals +beschloß ich, daß ich den, der in den folgenden zweihundert Jahren mich +erlösen würde, zum Sultan machen, daß ich selbst sein Diener werden +und ihm täglich drei Wünsche erfüllen wollte. Aber auch dieses Mal +befreite mich niemand. Da ergrimmte ich, tobte und wütete und faßte den +Entschluß, denjenigen umzubringen, der von jetzt an mich erretten +würde. Er sollte des gräßlichsten Todes sterben oder selbst wählen, +wie er verscheiden wollte. Kurz darauf hast du mich in deinem Netze +aufgefischt und ans Land gezogen. Künde mir jetzt, auf welche Weise du +sterben willst.« + +Als der Fischer diese Rede des Geistes vernommen hatte, rief er aus: +»Nur Gott gehöre ich an, und nur zu ihm kehre ich zurück! Verflucht +ist mein Schicksal, daß ich dich gerade jetzt erretten mußte! Doch +sei gnädig und erbarme dich meiner, so wird auch Gott Erbarmen mit +dir haben; laß mich am Leben, sonst wird Gott jemanden erwecken, der +auch dich töten soll.« Der Geist aber antwortete: »Vergeblich flehst +du um Gnade; sage mir, wie du sterben willst!« Da wurde der Fischer +sehr traurig, brach in Tränen aus und schluchzte: »O mein Weib! O +meine Kinder! Gott gebe, daß mein Herz stark bleibe um euch!« Und +er bat abermals den Geist, daß er ihm verzeihen möge, weil er ihn +aus dem Meere und aus der Messingflasche erlöst habe. Aber der Geist +beharrte bei seinen Worten und ließ sich nicht durch Bitten erweichen. +»Wahrlich!« rief der Fischer entrüstet, »du willst mir Böses tun, +weil ich gut gegen dich gehandelt habe! Das Sprichwort lügt also +nicht, welches sagt: Es sind ruchlose Menschen, die Gutes mit Bösem +vergelten; wer Gutes tut an einem, der es nicht verdient, dem wird +es wie dem ergehen, der einer Hyäne Obdach gewährt.« Der Geist aber +rief: »Zaudere nicht, denn ich werde dich umbringen, wie ich es dir +versprochen habe.« Der Fischer überlegte eine Weile im stillen und +sagte zu sich selbst: »Ich bin ein Mensch, dieser aber ist nur ein +Geist. Gott gab mir den Verstand, so will ich ihn auch mit meinem +Verstande überlisten.« Und er wandte sich an den Geist und fragte: »Ist +es dein fester Entschluß, daß ich sterben soll?« Und als der Geist +nicht von seinem Willen wich, sagte der Fischer: »Im Namen des höchsten +Gottes, der auf dem Siegel Salomos, des Sohnes Davids, eingedrückt +war, willst du mir die Wahrheit künden, wenn ich dich jetzt um etwas +befrage?« Der Geist erbebte, als er den Namen des gewaltigen Gottes +hörte, und erwiderte: »Frage mich, aber sei kurz!« + +Da fragte der Fischer: »So sage mir im Namen des erhabenen Gottes, +ob du in dieser Flasche eingesperrt warst oder nicht.« Und der Geist +antwortete: »Im Namen des erhabenen Gottes, ich war darin eingesperrt.« +Aber der Fischer rief: »Das lügst du, denn diese Flasche ist so klein, +daß ich sie mit meiner Hand umspannen kann! Wie kann diese Flasche dich +fassen, da sie schon durch deine Füße zersprengt würde?« Der Geist +sprach darauf: »Ich schwöre dir, daß ich darin war! Willst du es nicht +glauben?« — »Nein!« entgegnete der Fischer. Da löste sich der Geist +langsam auf, verflüchtigte sich und wurde wieder zu einem Rauche, der +emporschwebte und sich über dem Meere und dem Lande niederließ. Er zog +sich zusammen und verschwand nach und nach in der Messingflasche, bis +nichts mehr von ihm zu sehen war. Da kam eine Stimme aus der Flasche +heraus: »Glaubst du mir nun, du dummer Fischer, daß ich in der Flasche +bin?« Aber der Fischer langte rasch nach dem Blei, mit dem die Flasche +geschlossen war, und drückte es wieder fest auf die Öffnung. Dann rief +er: »Wähle du jetzt, du dummer Geist, wie du sterben willst, und wie +ich dich wieder ins Wasser schleudern soll! Dann werde ich mir hier +eine Hütte bauen und alle Fischer warnen, die hier ihre Netze auswerfen +wollen, und zu ihnen reden: Hier unten liegt ein schlimmer Geist, +der alle umbringen will, die ihn befreien, und sie nur wählen läßt, +auf welche Weise sie sterben möchten.« Als der Geist nun sah, daß er +wieder eingeschlossen war und nicht mehr entweichen konnte, weil ihn +Salomos Siegel daran hinderte, merkte er wohl, daß ihn der Fischer +überlistet hatte. Da bat er inständig und sagte: »Tue das nicht, +guter Fischer, denn ich habe ja nur Scherz mit dir getrieben.« — »Du +erbärmlichster und schändlichster aller Geister,« rief der Fischer +entrüstet, »du lügst!« Und sogleich rollte er die Flasche wieder an +das Meer, während der Geist ihn anflehte: »Nicht doch, nicht doch!« +Aber der Fischer sagte: »Ja doch! ja doch!« und lachte. Der Geist +wurde sehr kleinlaut und traurig und bat ihn demütig: »Tue das nicht +mit mir, guter Fischer.« Der aber antwortete: »Ich werde dich doch +ins Meer werfen! Da magst du abermals achthundert Jahre darin liegen +bleiben, und nie mehr werde ich dich daraus befreien. Denn ich habe +dich heiß und inständig gebeten, mich leben zu lassen, du aber hast +mich nicht erhört und bist treulos gegen mich gewesen; nun werde ich +Gleiches mit Gleichem vergelten.« Der Geist jammerte und sagte: »Öffne +mir, lieber Fischer, denn ich will dir Reichtümer schenken und dir +viel Gutes erweisen. Befreie mich aus diesem Gefängnis! Die Handlungen +der Menschen sollen immer edler sein, als die eines Geistes. Denn +ein Sprichwort sagt: Du sollst Böses mit Gutem vergelten, und nicht +so handeln wie Imama mit Ateka.« »Was ist es mit Imama und Ateka?« +fragte der Fischer. »Jetzt mag ich es dir nicht erzählen, so lange +ich in dieser engen Flasche sitze,« sagte der Geist, »ich will es +dir erzählen, wenn du mich wieder freiläßt.« Der Fischer antwortete: +»Niemals werde ich dich herauslassen; ich habe dich auch vorhin lange +gebeten, und du wolltest mich dennoch umbringen. Nun werfe ich dich +wieder in das Meer, denn du bist ein boshafter Geist und wolltest Gutes +mit Bösem vergelten. Ich werde aber an der Stelle, wo ich die Flasche +ins Wasser geschleudert habe, ein Haus erbauen und darauf schreiben: +Hier unten liegt ein schlimmer Geist; wer ihn heraufzieht, der wird +von ihm umgebracht. Da kannst du noch fünfmal zweihundert Jahre dort +unten bleiben, du erbärmlichster aller Geister!« Da sagte der Geist: +»Ich bitte dich, laß mich noch einmal aus dieser engen Flasche, denn +ich verspreche dir, daß dir kein Leid geschehen soll. Ich werde dich +reich machen und dir viel Gutes erweisen.« Der Fischer sprach: »Schwöre +mir das beim erhabenen Gotte, damit ich dir glauben kann.« Nach diesen +Worten leistete der Geist einen Eid bei dem Namen dessen, der auf +Salomos Siegel stand, und der Fischer öffnete die Flasche wieder und +befreite den Gefangenen. Abermals quoll ein Rauch empor, aus dem sich +die Gestalt des Geistes sammelte; der aber zertrümmerte die Flasche mit +seinen Füßen, schleuderte sie in die Wellen und flog sodann auf das +Meer hinaus. Da befiel den Fischer große Angst, denn er glaubte, daß +der Tod ihm gewiß sei, und er kniete nieder und rief: »Du hast einen +Eid geschworen, darum darfst du nicht treulos sein, sonst wird dich +Gott bestrafen.« Der Geist lachte und antwortete: »Folge mir, Fischer!« +Mutlos erhob sich der Fischer und folgte ihm, denn er glaubte, daß er +nicht mit dem Leben davon kommen werde. Die beiden wanderten durch die +Wüste einen langen Weg bis zu einem Berge; dort lag, zwischen vier +kleine Hügel geschmiegt, ein wundersamer See. Der Geist blieb stehen +und befahl dem Fischer, daß er hier sein Netz auswerfen möge, denn in +dem Wasser schwammen viele bunte Fische, blaue, weiße, gelbe und rote. +Der Fischer machte große Augen über diesen ungewohnten Anblick und tat, +wie der Geist ihm geheißen. Als er das Netz wieder herauszog, lagen +vier Fische darin, ein weißer, ein blauer, ein roter und ein gelber; +und er freute sich sehr. Der Geist aber sagte: »Nun gehe hin zu deinem +Sultan, er wird dich reich machen; doch beachte meine Worte, und wirf +hier dein Netz nie mehr als einmal am Tage aus. Jetzt aber entschuldige +mich, denn ich muß dich verlassen. So lange lag ich in der Tiefe des +Meeres, daß ich jetzt auf der Erde ganz hilflos bin. Allah sei mit +dir!« Nach dieser Rede stampfte der Geist mit dem Fuße, und alsbald +öffnete sich die Erde und verschlang ihn. + +Der Fischer wanderte vergnügt und zufrieden in die Stadt zurück und +verwunderte sich sehr über das, was er mit dem Geiste erlebt hatte. +Er ging in den Palast des Sultans und brachte ihm die vier bunten +Fische. Als der Sultan sie erblickte, sprach er mit heiterm Gesichte +zu seinem Wesir: »Gehe hin und gib sie der geschickten Köchin, welche +uns der König der Griechen geschenkt hat.« Der Wesir tat, wie ihm +befohlen war, und sagte zu dem Mädchen: »Richte die Fische gut zu, denn +sie sind soeben dem Sultan zum Geschenk gemacht worden.« Der Fischer +erhielt vierhundert Dinare zum Geschenk; damit lief er nach Hause und +war so glücklich, daß er oft auf dem Wege strauchelte und fiel, denn +er meinte, es sei alles nur ein Traum. Es war aber kein Traum, sondern +helle Wirklichkeit, denn er war nun reich und konnte seiner Frau und +seinen drei Töchtern alles kaufen, was sie begehrten. — Soviel weiß +ich bis jetzt von dem Fischer zu erzählen. + +Was aber die Köchin betrifft, so geschah folgendes: Als sie die Fische +wohl gespalten und gereinigt hatte, setzte sie die Pfanne aufs Feuer, +goß Öl hinein und wartete, bis sie heiß war; darauf legte sie die +vier bunten Fische hinein, buk sie, bis sie auf der rechten Seite gar +waren und drehte sie dann um. Da tat sich plötzlich die Mauer auf, und +aus dem Spalt trat ein schönes Mädchen heraus, das war edel von Wuchs +und ohne Makel, hatte ovale Wangen und mit Kohle bemalte Augen. Sie +trug ein Oberkleid von blauem Atlas, auf welchem ägyptische Blumen +abgebildet waren, an ihrem Arme und an den Ohren blitzten große Perlen +und wundervolle Ringe. In der Hand hielt sie ein indisches Rohr, das +steckte sie in die Pfanne und sagte dazu mit sanfter Stimme: »O Fisch, +gedenkst du deines Versprechens?« Als die Köchin das sah und hörte, +fiel sie vor Entsetzen in Ohnmacht. Das fremde Mädchen aber wiederholte +ihre Frage, und die vier Fische erhoben ihre Köpfe und antworteten +mit heller Stimme: »Ja, ja; wenn du wiederkehrst, so kehren auch wir +wieder; wenn du treu bist, so sind auch wir treu; wenn du fliehst, +so siegen wir und sind zufrieden.« Da stürzte das Mädchen die Pfanne +um und ging durch den Mauerspalt zurück, wie sie vorher genaht war, +und die Wand schloß sich wieder hinter ihr. Als die Köchin aus ihrer +Ohnmacht erwachte, fand sie die Fische ganz verbrannt und verkohlt; da +war sie sehr traurig und jammerte und sprach: »O König, dir ist der +Lanzenschaft bei deinem ersten Kriegszuge zerbrochen« (d. h.: dir ist +gleich zu Anfang ein Mißgeschick begegnet). In diesem Augenblicke trat +der Wesir herein und sagte: »Gib mir deine Fische, denn der Sultan +wartet darauf.« Die Köchin begann zu weinen und erzählte, welches +Unglück sich mit den Fischen zugetragen habe. Der Wesir war sehr +verwundert, schickte heimlich zu dem Fischer und ließ ihn holen. »Du +mußt uns sogleich neue Fische besorgen,« sprach er zu ihm, »aber sie +müssen den ersten gleichen, denn sie gefallen uns sehr.« Da machte +sich der Fischer auf und ging, trotz der Weisung des Geistes, an den +See zwischen den vier Hügeln, warf sein Netz aus und fing vier bunte +Fische von ähnlicher Gestalt; damit kehrte er zurück zu dem Wesir. Der +brachte sie der Köchin und sprach: »Nun backe die Fische in meiner +Gegenwart, denn ich will selbst sehen, was du mir erzählt hast.« Die +Köchin spaltete und salzte die Fische und legte sie in die Pfanne. +Aber als sie gebacken waren, tat sich die Wand wieder auf, und das +Mädchen trat in derselben Kleidung in die Küche; sie trug wieder die +indische Rute in der Hand, langte damit in die Pfanne und sagte mit +sanfttönender Stimme: »O Fisch, gedenkst du deines Versprechens?« Die +Fische reckten abermals die Köpfe empor und erwiderten: »Ja, ja, +wenn du wiederkehrst, kehren wir auch wieder; wenn du treu bist, so +sind auch wir treu; wenn du fliehst, so siegen wir und sind zufrieden.« +Als die Fische das gesagt hatten, stieß das Mädchen die Pfanne um und +verschwand durch den Riß in der Wand, die sich wieder hinter ihr schloß. + + [Illustration: Die Pfanne kippt um und der Fisch fällt ins Feuer.] + +Der Wesir blickte der Erscheinung fassungslos nach und sprach: »Das +kann ich meinem Sultan unmöglich verbergen.« Er ging zum Könige und +erzählte ihm, welche wunderbare Begebenheit sich mit den vier Fischen +zugetragen hatte. Der Sultan erstaunte gleichfalls und rief: »Das +will ich mit meinen eigenen Augen sehen!« Er sandte sogleich einen +Boten zum Fischer und ließ ihm sagen, er solle noch einmal vier Fische +besorgen, die so schön und bunt wie die ersten wären, aber er möge +sich damit eilen. Der Fischer ging wieder an den See zwischen den vier +Hügeln, warf sein Netz und fing abermals vier Fische, einen blauen, +einen weißen, einen gelben und einen roten, und brachte sie zu dem +Sultan. Der schenkte ihm wieder vierhundert Dinare und ließ ihn streng +bewachen. Dann befahl der Sultan dem Wesir: »Backe du selbst diese +Fische in meiner Gegenwart.« Als er die Fische gespalten und gesalzt +hatte, goß er Öl in den Tiegel, stellte ihn aufs Feuer und warf dann +die Fische hinein. Kaum aber waren sie gebacken, da öffnete sich die +Wand der Küche, und ein schwarzer Sklave trat daraus hervor, als käme +er aus einem Berge. Der König und der Wesir fürchteten sich sehr, +denn er war sehr groß und breit und trug einen grünen Zweig in der +Hand; damit rührte er an die Pfanne und sprach: »O Fisch, gedenkst du +deines Versprechens?« Die Fische reckten abermals die Köpfe empor und +erwiderten: »Ja, ja, wenn du wiederkehrst, kehren wir auch wieder; wenn +du treu bist, so sind auch wir treu; wenn du fliehst, so siegen wir und +sind zufrieden.« Nach diesen Worten stürzte der schwarze Sklave die +Pfanne um und entfernte sich durch die Wand, die sich sogleich wieder +hinter ihm schloß. Die Fische aber waren verbrannt und verkohlt. Den +Sultan ergriff heimliches Grauen, er erschrak und sagte: »Unmöglich +kann ich mich wieder niederlegen, bevor ich dieses Wunder ergründet +habe; sicherlich hat es eine besondere Bewandtnis mit diesen Fischen.« +Sogleich schickte er wieder zu dem Fischer, ließ ihn holen und sprach +zu ihm: »Sage mir, wo du diese Fische gefangen hast!« Der Fischer +antwortete: »Außerhalb der Stadt liegt ein See zwischen vier Hügeln, +dort habe ich sie mit meinem Netze herausgezogen.« Der Sultan wandte +sich an den Wesir und fragte: »Weißt du etwas von diesem See?« Der +aber antwortete: »Schon dreißig Jahre lang gehe ich auf die Jagd, +durchstreife Ebenen und Gebirge, doch diesen See habe ich noch nie +entdeckt.« Der Sultan sagte zu dem Fischer: »Wie weit geht man nach +diesem See?« — »Zwei Stunden,« erwiderte der Fischer. + +Der Sultan befahl nun einigen Soldaten, ihn zu Pferde zu begleiten, +und machte sich selbst mit dem Wesir auf die Wanderung. Der Fischer +mußte sie führen; er ging gehorsam voran, im stillen aber fluchte er +auf den Geist. Als sie an den vier Hügeln angelangt waren, erblickten +sie den See und in dem durchsichtigen Gewässer die vielen buntfarbigen, +glänzenden Fische. Der Sultan verwunderte sich sehr und sprach: »Dieser +See liegt doch so nahe bei meiner Hauptstadt, und dennoch habe ich ihn +noch niemals gesehen. Sagt mir, Soldaten, ob einer von euch jemals +diesen Ort gekannt hat!« Aber alle Soldaten erwiderten, auch sie hätten +ihn zum ersten Male erblickt. Da schwur der Sultan und rief: »Beim +allmächtigen Gott, der den Himmel gewölbt hat, nicht eher kehre ich in +die Stadt zurück, bis ich weiß, was dieser See und diese bunten Fische +für ein außerordentliches Geheimnis bergen!« Er ließ die Soldaten +absitzen und die Zelte aufschlagen, denn er wollte hier bis zur Nacht +an dem See verweilen. Dann rief er seinen Wesir, der ein sehr kluger +und erfahrener Mann war, und sprach zu ihm, ohne daß die Soldaten es +hörten: »Vernimm, was ich zu tun beabsichtige! Ich will abseits von den +anderen gehen, um zu erfahren, was dies für Fische sind. Lebe wohl. +Sage aber morgen den Truppen und meinen Beamten, ich sei krank, es +könnte niemand bei mir vorgelassen werden. Wohne so lange in meinem +Zelte; ich aber bleibe drei Tage lang fort, nicht länger.« Der Wesir +erwiderte: »Es soll geschehen, wie du befohlen hast.« Der Sultan +umgürtete sich nun mit seinem Schwerte und machte sich ohne Begleitung +auf den Weg. Er ging jenseits der Berge, bis der Morgen zu dämmern +begann. Als die ersten Strahlen der Sonne aufblitzten, erblickte er +in der Ferne etwas Schwarzes; da freute er sich, denn er dachte: +vielleicht wohnt dort jemand, den ich um Auskunft befragen kann. Er +schritt rüstig zu, und als er nahe kam, sah er, daß es ein Schloß war +aus schwarzem, geschliffenem Marmor und mit eisernen Platten belegt; +er erkannte, daß es unter einem glücklichen Sterne gebaut war. Das +Schloß hatte ein Tor, von dem ein Flügel durch den andern geschlossen +war. Der Sultan trat heran und klopfte leise, aber niemand öffnete +ihm. Er klopfte noch einmal etwas stärker, aber wieder vernahm er +keine Antwort und erblickte keinen Menschen. »Ohne Zweifel ist dieses +Schloß ohne Bewohner,« dachte sich der König, ging furchtlos weiter +und rief: »Hier steht ein hungriger Reisender, der weit gewandert ist. +Bewohner dieses Schlosses, habt ihr etwas für ihn zu essen? Der Herr +aller Sklaven wird euch reichlich dafür belohnen.« Er rief diese Worte +zwei- und dreimal, aber wieder hörte er keine Antwort. Da faßte er Mut +und schritt in das Innere des Schlosses hinein, wandte die Augen nach +rechts und links, aber niemand war zu erblicken. Er sah, daß das +Schloß mit seidenen Teppichen und Stoffen geschmückt war, er sah auch +goldene Vorhänge und schöne Polster. Mitten im Saale war ein großer +Raum, an den noch andere Zimmer mit Nischen und Polstern grenzten. Ein +Springbrunnen plätscherte, der war aus vier goldenen Löwen gebildet, +die aus ihren Rachen helles, kühles Wasser spien. In einem goldenen +Netze sangen viele Vögel gar lieblich durch den Saal; sie waren in +den zarten Maschen gefangen und konnten nicht entweichen. Der König +stand und blickte staunend umher, denn niemand war zu finden, den er +fragen konnte. Er setzte sich müde auf ein Polster an der Seite des +Saales und sann auf Rat, als er plötzlich eine klagende Stimme vernahm, +welche voll Wehmut diese Worte sang: »Unseliges Schicksal, warum kennst +du kein Erbarmen und kein Mitleid? Mein Leben schwebt ja zwischen +Gefahr und Qualen. Warum habt ihr kein Mitleid mit einem Großen seines +Volkes, der im Bunde der Liebe erniedrigt wurde, warum erbarmt ihr euch +nicht des Reichsten unter seinem Volke, der arm geworden ist? Ich war +eifersüchtig auf die Luft, die um euch wehte; aber wo das Schicksal +niederfällt, da verdüstert sich das Gesicht. Was frommt dem Schützen +die Kunst, wenn er seinem Feinde entgegentritt, und die Sehne zerreißt, +wenn er den Pfeil abschleudern will? Und wenn sich ganze Scharen um den +Tapfern häufen, wie könnte er der Macht des Schicksals entweichen?« + + [Illustration: Er kam in Sichtweite eines Palastes aus glänzendem + Marmor an.] + +Als der König den Gesang und das heftige Schluchzen vernahm, folgte er +dem Klang der Stimme; er sah einen Vorhang an der Türe eines Zimmers +hängen, raffte ihn zur Seite und erblickte einen Jüngling, der auf +einem Throne saß. Er war sehr schön gewachsen, hatte eine leuchtende +Stirn, frische Locken und rote Wangen, auf denen ein Fleckchen wie +Ambra glänzte, gleich wie der Dichter sagt: »Er war von schönem Wuchse, +durch seine Locken und seine Stirn wandelte die Welt in Licht und +Dunkelheit. Verleugnet nicht das braune Fleckchen auf seiner Wange, +denn auch der Anemone ist es verliehen.« + +Der König trat heran und grüßte den Jüngling; der war in einen +seidenen Mantel mit goldenen Stickereien gekleidet, und auf seinem +Haupte glänzte eine ägyptische Krone. Er blickte traurig vor sich hin +und hatte Tränen im Auge; er dankte für des Königs Gruß und sprach: +»Wahrlich, es genügt nicht, daß ich nur vor dir aufstehe, denn du +verdienst mehr; darum entschuldige mich.« Der Sultan entgegnete: »Ich +komme als dein Gast zu dir, schöner Jüngling, und will dich über eine +seltsame Angelegenheit um Rat fragen. Sage mir, welche Bewandtnis es +mit dem See an den vier Hügeln und den bunten Fischen hat und mit +diesem einsamen Schlosse, in welchem du allein hausest, ohne Diener und +Gefährten, und mit deinem Kummer.« Als der Jüngling diese freundlichen +Worte vernahm, rannen ihm die Tränen über Wangen und Brust, und er +sprach folgende Verse: + +»Wieviel Unglück hat das Schicksal schon bereitet! Das wissen alle, die +von ihm mißhandelt wurden. Magst du auch schlafen — wann schläft das +Auge Gottes? Wer genoß ohn' Unterlaß die Gunst der Zeiten? Wem hat die +Welt ewig gewährt?« + +Und wieder weinte der Jüngling und seufzte; der König aber fragte +mitleidig: »Sage mir, warum vergießest du so heiße Tränen, Jüngling?« +Sprach jener: »Wie sollte ich nicht weinen, da ich der Unglücklichste +der Unglücklichen bin?« Er hob den Saum seines Kleides und ließ den +Sultan sehen, daß er halb Mensch und halb ein schwarzer Marmor war. +Da betrübte sich der König sehr über diesen schrecklichen Anblick. +»Du hast meinen eigenen Kummer noch vermehrt,« sprach er zu dem +Jüngling, »ich war gekommen, um über den See und die bunten Fische +Kunde zu vernehmen, nun muß ich auch nach deiner Geschichte fragen, +Unglücklicher. Es gibt kein Heil und keine Gnade außer bei dem höchsten +Gott. Berichte mir, was du weißt.« Der Jüngling antwortete ihm: »Neige +dein Ohr zu mir, und blicke mich an; denn wahrlich! eine wunderbare +Geschichte hat sich mit mir und mit den Fischen zugetragen. Ich würde +sie einem jeden willig erzählen, damit er daraus Mahnung und Belehrung +schöpfen kann. Vernimm also: + + + + + DIE GESCHICHTE VON DEM VERSTEINERTEN PRINZEN + + +Mein Vater herrschte als König über diese Stadt; er hieß Sultan Mahmud +und regierte siebzig Jahre über die Inseln dieser Berge. Als ihn der +Tod hinweg genommen, folgte ich ihm in der Herrschaft. Ich heiratete +meine Nichte; die liebte mich so sehr, daß sie weder Speise noch Trank +zu sich nehmen wollte, wenn ich nur einen Tag von ihr entfernt war. +Fünf Jahre unserer Ehe waren verflossen, als sie sich eines Tages in +das Bad begab. Ich aber ging in dieses Schloß und schlief hier, an +jenem Orte, wo du jetzt weilst. Ich befahl zwei Sklavinnen, mich zu +salben und zu beräuchern. Die eine saß mir zu Füßen, die andere zu +Häupten. Es geschah nun, daß ich nicht zu schlafen vermochte, denn es +quälte mich eine Übelkeit; meine Augen waren zwar geschlossen, aber +ich vernahm, was um mich vorging. Da hörte ich, wie die eine Sklavin +zu ihrer Gefährtin sagte: »Blicke unsern armen Herrn an, Masuda! Wie +ist er jung und schön, und doch muß er bei unserer verruchten Herrin +weilen.« Die andere entgegnete: »Verflucht seien alle Verräterinnen! +Wirklich, unsere Herrin ist eine Buhlerin, die keine Nacht in ihrem +Schlosse schläft; es ist ein Unglück, daß unser junger König ihr +angetraut ist.« — »Aber unser König ist sehr töricht,« sagte die +erste wieder, »denn er merkt es nicht, wenn er nachts erwacht und sein +Lager neben sich leer findet.« Darauf entgegnete die zweite: »Gott +verfluche unsre Gebieterin, dieses verbuhlte Weib! Sie mischt ihm einen +Schlaftrunk, und dann schläft er wie ein Toter. Und wenn sie morgens +wieder heimkommt, dann hält sie ihm Räucherwerk unter die Nase, damit +er wach wird. Wehe unserm Herrn!« + +Da ich diese Rede meiner beiden Sklavinnen hörte, reckte sich die Wut +in mir auf. Als meine Frau aus dem Bade kam, wartete ich ungeduldig, +daß die Nacht herannahen sollte. Ich aß nur wenig und ging darauf mit +ihr zu Bett. Sie reichte mir wieder einen Becher; ich stellte mich, +als ob ich ihn tränke, aber ich goß ihn heimlich zum offenstehenden +Fenster hinaus. Darauf streckte ich mich auf mein Lager, schloß die +Augen, und heuchelte, daß ich schliefe. Ich hörte jedoch, wie sie mit +verhaltener Stimme sprach: »Möge fester Schlaf dich umfangen! Möchtest +du doch nie mehr erwachen! Wahrlich, deiner Gestalt bin ich satt, +und du wirst mir zum Überdruß.« Durch die halbgeschlossenen Lider +sah ich, wie sie sich erhob, ankleidete und sich ein Schwert umhing; +dann öffnete sie die Türe und verschwand. Sofort stand ich auf und +folgte ihr durch alle Straßen der Stadt bis zu einem Tore; sie ging +vor mir her und blickte nicht zurück. An dem Tore sagte sie einige +mir unverständliche Worte; die Riegel fielen, und die Türe öffnete +sich; sie ging hinaus, und ich folgte ihr, bis sie zu einer kleinen +Hütte aus Ziegelsteinen gelangte, die zwischen einigen Schutthaufen +lag. Ich kletterte sogleich auf das Dach des Hauses, um zu lauschen. +Da sah ich meine Frau mit einem alten schwarzen Sklaven, der ganz in +Lumpen gehüllt war und auf einem Bündel Rohr saß. Sie kniete nieder und +küßte die Erde, der Sklave aber blickte zu ihr empor und sagte: »Warum +säumst du so lange? Unsere schwarzen Vettern waren soeben hier und +haben mit ihren Liebchen gekost und haben getrunken; ich aber rührte +keinen Becher an, weil du nicht bei mir warst.« Meine Frau entgegnete: +»Geliebter meiner Seele! Weißt du denn nicht, teurer Herr, daß ich mit +meinem Vetter vermählt bin? Die Welt ist mir verhaßt, weil ich in sein +Antlitz blicken muß. Wahrhaftig, ich möchte, daß diese Stadt in Trümmer +fiele, ehe die Sonne hinter den Bergen aufsteigt, daß Raben und Eulen +in ihren leeren Mauern herumstrichen und Füchse und Wölfe darin heulten +und hausten! Ich würde die Steine bis ans Ende der Welt hinter den +Berg Kaf schleudern.« Da schrie der Schwarze: »Du Schändliche, bei der +Ehre der Schwarzen schwöre ich, daß du Lügen redest! Von dieser Nacht +an werden wir nicht mehr mit unsern Vettern zusammen sein, ich werde +dich nicht mehr berühren und dich hassen. Denn du hintergehst uns, du +Stinkende, und wir sind nur da für deine schmähliche Begierde!« Als +ich solches sah und vernahm, wankte die Erde vor meinen Blicken, und +mein Blut wurde heiß. — »Mein Geliebter,« hörte ich meine Frau nun +sagen, »warum ergrimmst du denn? Du Licht meiner Augen, wer wird mich +aufnehmen, wenn du mich verstößt? Habe Mitleid mit mir!« Sie klagte +und bat und vergoß Tränen, bis er wieder versöhnt war. Da wurde sie +froh und sprach: »Sage mir, mein Herz, ob du nichts für deine Sklavin +zu essen hast?« Er antwortete: »Gehe zu jenem Becken dort.« Sie legte +einige Kleider ab, deckte darauf das Becken ab und fand darin ein Stück +von einer Maus. Sie aß es und trank sodann aus einem Topfe noch etwas +Bier, wusch ihre Hände und setzte ich zu ihm mitten unter die Lumpen. +Sie schmiegten sich eng aneinander auf dem Bündel Rohr und küßten sich. +Rasch schwang ich mich von dem Dache, rannte in das Haus und ergriff +das Schwert, das meine Frau mitgenommen hatte; denn ich wollte die +beiden umbringen. Zuerst schlug ich den Schwarzen auf den Hals und +glaubte schon, ihn getötet zu haben; aber ich hatte nur die Haut und +die Kehle durchschnitten und nicht die Halsader. Er schrie und sank +schwer zur Erde, so daß ich wähnte, er sei ohne Leben. Meine Frau fiel +vor Entsetzen seitwärts und lag hinter mir. + +Nachdem ich meine Rache ausgeführt hatte, ging ich wieder in die +Stadt zurück und legte mich in das Bett, bis der Morgen in die +Fenster schien. Nicht lange danach kehrte meine Frau zurück; sie trug +Trauerkleider und hatte ihre Haare abgeschnitten. Sie sprach zu mir +mit kummervoller Stimme: »Wisse, mir haben Boten gemeldet, daß meine +Mutter gestorben ist, daß mein Vater im heiligen Kriege getötet wurde +und daß der eine meiner Brüder durch einen Sturz und der andere durch +einen Schlangenbiß umgekommen ist. Wie sollte ich da nicht seufzen und +weinen, mein Vetter? Willst du dich meinem Schmerze widersetzen?« Ich +aber winkte ihr zu gehen und sagte kurz: »Tue, was dir gut dünkt; ich +will dich nicht stören.« + +Meine Frau brachte nun ein volles Jahr in Weinen und in Tränen zu, und +ich hinderte sie nicht an ihrem Schmerze. Nach dieser Zeit trat sie +zu mir und sprach: »Laß mir im Hause eine Grabstätte mit einem Zimmer +bauen; dorthin möchte ich mich zurückziehen und mich meinen Tränen +weihen.« — »Tue, was dir gut dünkt,« sagte ich, »denn ich will dich +nicht hindern.« Alsdann befahl ich, ihr das Trauergebäude zu errichten, +in dessen Mitte eine Kuppel emporragen sollte. Sie aber brachte den +schwarzen Sklaven in dieses Tränenhaus. Er lebte zwar noch, denn seine +Tage waren noch nicht abgelaufen; er konnte auch noch trinken, doch +die Sprache war ihm geschwunden, seitdem ich ihn mit meinem Schwerte +verwundet hatte, und er vermochte nicht mehr, sich aufrecht zu +halten. Meine Frau ging jeden Abend und Morgen zu ihm und brachte ihm +Suppe und Wein und jammerte um den Geliebten. Und wiederum war ein +volles Jahr verflossen, und ich hatte alles geduldig mit angesehen. +Eines Tages folgte ich ihr unbemerkt; sie klagte, seufzte und rief: +»Mein Geliebter! Warum mußte mir das widerfahren? Warum muß ich dich in +einem so traurigen Zustande erblicken? Warum gönnst du mir kein Wort, +du Licht meiner Augen? O rede nur ein einziges Mal zu mir!« Und dann +sagte sie folgende Verse: »Wahrlich, das war der Tag, der alle Wünsche +erfüllte, an dem ich zuerst deine Nähe genoß; ein Tag des Unglücks aber +war der, an dem ich von dir getrennt wurde! Und wenn auch Angst und +Schrecken mich nachts überfielen, so ist deine Nähe mir doch süßer, als +die sicherste Sicherheit. Und wenn ich alle Reichtümer der Welt mein +eigen nennen könnte und lebte gleich den Großen der Erde, so würde es +mir nicht so viel gelten, als der Flügel einer Mücke, wenn mein Auge +dich nicht erblicken kann.« + + [Illustration: Die Königin der Ebenholzinseln.] + +Als ich diese Worte vernommen hatte, trat ich zu ihr und sprach: »Warum +klagst du immer noch? Wahrlich, du hast genug umsonst geseufzt!« Sie +erwiderte mir: »Störe mich nicht in meinem Tun, sonst werde ich dich +umbringen.« Da schwieg ich und ließ sie weiter weinen; und sie trauerte +abermals ein volles Jahr lang. Danach ging ich ihr wieder einmal nach; +ich war aber erzürnt, weil mir ein unangenehmes Ereignis widerfahren +war. Sie stand an der Trauerhöhle, und ich hörte, wie sie wehmütig +sagte: »So soll ich niemals, Geliebter, ein einziges Wort aus deinem +Munde hören? Drei Jahre sind verflossen, und noch immer schweigst du!« +Und dann sprach sie folgende Verse: »O Grab! Sage mir, unbarmherziges +Grab, ob seine blühende Gestalt verblichen ist! Sind seine Reize von +ihm gewichen? Kein Himmel und keine Luft lächeln zu dir hernieder, +und keine Sonne und kein Mond können dir ihre Strahlen ins Dunkel +senden!« Bei diesen Worten übermannte mich die Wut, und ich schrie: +»Soll dein Schmerz denn nie ein Ende finden!« Und dann erwiderte ich +mit folgenden Versen: »O Grab! Ist seine abscheuliche Gestalt endlich +dahingewelkt, unbarmherziges Grab? Ist sein nichtswürdiges Auge endlich +matt geworden? O Grab, du bist ja kein Teich und kein Topf, wie können +Schlamm und Schmutz zu dir hinabdringen?« Bei diesen Worten ergrimmte +sie sehr und rief: »Was tatest du mir an, du Hund! Du hast meinen +Geliebten, das Licht meiner Augen, verwundet und hast mich durch seinen +Tod um seine Jugend betrogen. Schon drei Jahre liegt er hier und ist +weder tot noch lebendig.« Ich aber antwortete und schrie: »Du Dirne! Du +schmutzige Buhlerin du! Ja, ich habe dieses Ungeheuer bestraft!« Ich +zog in rasendem Zorne mein Schwert und drang auf sie ein, um sie zu +töten. Da lachte sie hohnvoll, als sie meine Wut sah, und sagte: »Was +vergangen ist, kommt nicht wieder, bis die Toten auferstehen. Gott gab +mir die Macht über den, der mir Übles getan hat, und über das, was in +meinem Herzen wie ein ewiges Feuer zehrt. Weiche zurück, wie ein Hund!« +Sie reckte sich in die Höhe, murmelte einige Worte, die ich nicht +verstand, und rief: »Durch meines Zaubers Kraft sollst du halb Stein +und halb Mensch werden!« Nun siehst du mich, Herr, so wie ich geworden +bin. Ich kann nicht stehen, nicht sitzen oder schlafen; ich bin nicht +tot bei den Toten und nicht lebendig bei den Lebendigen. Wahrlich, mein +Herz ist voll Klage und Betrübnis! + +Als mich meine Frau so verzaubert hatte, erhob sie sich und verwandelte +die Stadt mit allen Gassen und Marktplätzen und Häusern. Dies hier ist +der verwunschene Ort, wo jetzt deine Zelte mit den Truppen stehen. +Die Bewohner meiner Stadt waren Muselmänner, Juden, Christen und +Feueranbeter. Das abscheuliche Weib verwandelte nun die Muselmänner in +weiße, die Christen in blaue, die Juden in gelbe und die Feueranbeter +in rote Fische, und die Inseln des Königreichs in jene vier Berge, +die sie mit einem See umschloß. Aber damit begnügte sie sich noch +nicht. Jeden Tag kommt sie zu mir, entblößt mich und gibt mir hundert +Streiche, bis das Blut mir von den Schultern rinnt; dann legt sie +ein härenes Kleid um meinen Leib und darüber dieses Prachtgewand. In +meinem Schmerze sage ich dann folgende Verse: Dein Urteil und deinen +Beschluß will ich standhaft tragen, mein Gott! Wenn du an meinem +Unglück Gefallen hast, so will ich es geduldig erleiden. Schmach und +Gewalt hat man mir angetan; aber das Paradies wird mir vielleicht +doppelte Wonne bescheren. Vor deinem Auge kann kein Übeltäter +entfliehen, allmächtiger Gott: befreie mich von der Qual, und beschütze +mich vor meinen Peinigern!« + +Als der Sultan diese Erzählung vernommen hatte, war er gerührt und +sprach zu dem verzauberten Jüngling: »Du hast mir Antwort auf meine +Frage gegeben; mein Kummer und mein Schmerz um dich sind groß. Doch +sage mir vor allem, wo weilt die Schändliche, und wo liegt der +Sklave?« Der Jüngling antwortete: »Der Sklave ist in der Grabhöhle +unter der Kuppel, sie aber hält sich wahrscheinlich in einem der +gegenüberliegenden Säle auf. Jeden Morgen, wenn die Sonne aufgeht, +besucht sie den Sklaven, und wenn sie zurückkommt, gibt sie mir +hundert Streiche. Ob ich auch weine und klage, so kann ich mich doch +nicht rühren, um mich zu verteidigen; denn die eine Hälfte meines +Körpers ist ja aus schwarzem Stein. Und wenn mein Blut über Brust und +Schultern geflossen ist, dann geht sie wieder zu dem verruchten Sklaven +und bringt ihm Suppe und Trank; am Morgen aber kehrt sie zurück und +peinigt mich aufs neue.« Da rief der König, von Mitleid ergriffen: +»Wahrlich, Jüngling, es wird etwas geschehen, wovon man nach langen +Jahren noch erzählen wird.« Dann setzte er sich neben den Weinenden +und plauderte mit ihm bis zur Nacht. — Des Morgens aber machte er +sich auf, zog sein Schwert aus der Scheide und begab sich zu dem +Tränenpalaste. In der Grabstätte brannten viele Lampen und Wachskerzen, +und die Düfte von Weihrauch und lieblichen Ölen wehten ihm entgegen. +Er nahm sein Schwert, ging zu dem Bette des Sklaven und tötete ihn mit +einem kräftigen Streiche; dann schleppte er den Leichnam hinaus und +warf ihn hinab in den Schloßbrunnen. Darauf legte er die Kleider des +Schwarzen an, kroch hinab in die Grabeshöhle und versteckte das blanke +Schwert unter der Decke des Bettes. Nicht lange darauf vernahm er das +Geschrei des Jünglings, denn die Zauberin war zu ihm gekommen, hatte +ihn entkleidet und mit hundert Streichen gezüchtigt. Der Jüngling rief: +»Erbarme dich meiner, liebe Nichte! Wahrlich, ich habe genug gelitten.« +Sie aber entgegnete: »Hast du wohl Mitleid mit meinem Geliebten +gefühlt, Elender?« Als sie ihren Gemahl geprügelt hatte, bis ihm das +Blut von Brust und Armen rann, legte sie ihm ein härenes Kleid um und +zog ihm darüber das Brokatgewand an. Dann nahm sie Wein und Suppe und +ging zu dem Sklaven unter die Kuppel. Sie begann zu jammern und klagte: +»Mein Geliebter, warum versagst du mir deinen Anblick? Verstoße mich +nicht länger, sondern besuche mich wieder, denn dein Anblick allein +verleiht mir Leben! O komme wieder in meine Arme, du meine Sonne, +denn unsere Feinde frohlocken über uns. O Herr, entreiße mich meiner +Pein, denn genug der Tränen hab ich vergossen! Du meine Seele, gib +mir Antwort, und sprich zu mir!« Da rief der König aus der Grabkammer +mit tiefer Stimme und schwerer Zunge, gleich dem Schwarzen: »Ach, +ach! Es gibt kein Heil und keine Hilfe außer bei Gott, der den Himmel +gewölbt hat.« Da die Zauberin ihn sprechen hörte, sank sie vor Freude +in Ohnmacht; als sie wieder bei Besinnung war, sagte sie: »So ist es +wahr, Geliebter: Du hast mit mir gesprochen? Ist es keine Täuschung +der Sinne? O rede weiter!« Der König antwortete: »Du Nichtswürdige! +Du bist nicht wert, daß man zu dir spricht! Denn du peinigst deinen +Gemahl Tag für Tag, so daß er nicht schläft und jammernd um Hilfe +schreit. Er weint und flucht mir und dir, daß sein Geheul durch +die leeren Zimmer gellt. Ich vermag seinen Klageruf nicht mehr mit +anzuhören, denn er raubt mir den Schlaf. Längst wäre ich genesen, wenn +du mich von seinem Geschrei befreit hättest.« Sie antwortete: »Wenn +du befiehlst, geliebter Herr, so will ich ihn erlösen.« Und der König +sprach: »Befreie ihn, damit ich Ruhe finde und wieder mit dir reden +darf.« Da ging die Zauberin rasch hinaus, ergriff eine Schüssel voll +Wasser und raunte einige Worte darüber, bis es zu sieden begann; +darauf bespritzte sie den Jüngling mit dem wallenden Wasser und sprach: +»Bei der Allmacht des lebendigen Gottes! Wenn dir der Schöpfer der +Welt diese Gestalt verliehen oder dich aus Zorn so geschaffen hat, +so verändere dich nicht. Wenn aber die Kraft meines Zaubers dich +verwandelt hat, so nimm durch die Macht des erhabenen Gottes deine +frühere Gestalt wieder an!« + +Alsbald sprang der Jüngling empor, jubelte über seine Befreiung und +rief: »Gelobt sei Gott, der Himmel und Erde gemacht hat!« Die Zauberin +aber zürnte und sagte zu ihm: »Hebe dich hinweg und kehre nie mehr +zurück; denn sobald dich meine Augen wieder erblicken, kostet es dir +das Leben!« Als der Jüngling ihre Worte befolgt und sich entfernt +hatte, ging sie zu dem Grabgewölbe zurück und sprach in die Gruft +hinunter: »Komm doch heraus, mein Geliebter, damit ich mich wieder +deiner schönen Gestalt erfreuen kann; denn ich habe getan, wie du mir +geheißen.« Der König antwortete aus der Gruft mit tiefer Stimme: »Wohl +hast du jetzt einen Ast zur Ruhe gebracht; nun aber bringe auch den +ganzen Stamm zur Ruhe.« — »Sag mir, Herr, wer ist der Stamm?« — »Du +Verruchte!« rief der König, »weißt du nicht, daß es die Bewohner der +Stadt der vier Inseln sind? Zu jeder Mitternacht strecken die Fische +ihre Köpfe aus dem Wasser und rufen um Rache und fluchen mir. Befreie +sie, damit ich gesunden kann; eile dich und kehre schnell zurück! +Dann gib mir die Hand und richte mich empor, denn die Genesung ist mir +nahe.« Als die Zauberin diese Worte vernahm, war sie voll Hoffnung +und Glück und machte sich schleunigst auf den Weg. Sie ging zum See, +schöpfte mit der Hand etwas Wasser heraus und raunte darüber einige +Worte. Da begannen die Fische zu tanzen, denn ihr Zauber war gelöst; +sofort erschien die Stadt wieder, und die Bewohner gingen umher, +plauderten und lachten, kauften und verkauften. Sie aber kehrte rasch +zu dem Grabgewölbe zurück und sprach: »Nun gib mir deine erlauchte +Hand, mein liebes Herz, und erhebe dich!« Der König rief mit einer +Stimme, welche der des Schwarzen glich: »Tritt näher zu mir!« Und als +sie heran kam, sagte er: »Tritt noch näher zu mir, Geliebte.« Als sie +so dicht bei ihm war, daß ihr Gewand ihn berührte, reckte sich der +König empor, spaltete sie in zwei Stücke und ließ sie so geteilt in dem +Gewölbe liegen. Darauf eilte er hinaus zu dem Jüngling, der auf ihn +wartete, ihm die Hand küßte und ihn zu seiner Rettung beglückwünschte. +Der Sultan fragte ihn: »Sage mir, ob du in deiner Stadt bleiben willst +oder mir folgen möchtest?« Der entzauberte Jüngling erwiderte: »Du +großer und guter Herrscher! Du Meister deiner Zeit, weißt du auch, +wie weit meine Stadt von deiner Stadt entfernt liegt?« Der König +blickte ihn verwundert an und erwiderte: »Einen halben Tag bin ich +hierher gereist.« Der Jüngling entgegnete ihm: »Du träumst, o Herr; +denn ein volles Jahr braucht man von deiner Stadt zu meiner. Als du +hierher gingst, war ja die Stadt verzaubert; darum war der Weg so kurz. +— Jetzt aber will ich immer bei dir bleiben und dir folgen.« Der +Sultan war sehr beglückt über diese Worte und sagte: »Preis sei dem +Allmächtigen! Ich will dich zu meinem Sohne und Erben machen, da mir +ein Sohn in meinem Leben versagt worden ist.« Und er umarmte ihn und +küßte ihn unter Tränen. Als sie ins Schloß zurückgingen, verkündete +der Jüngling den Großen seines Reiches, daß er sich hinweg begeben +wolle; und alle Kaufleute und Emire brachten ihm, wessen er zur Reise +bedurfte. Dann machte er sein Gepäck fertig und begleitete den Sultan, +welcher sich gar sehr nach seiner Heimat sehnte, die er vor so langer +Zeit verlassen hatte. Ein ganzes Jahr lang wanderten sie, Tag und +Nacht, und hatten bei sich hundert Ladungen von Geschenken und fünfzig +Sklaven. Sie kehrten wohlbehalten in die Hauptstadt des Königs zurück, +und der Wesir zog mit allen Truppen und allen Bewohnern dem Sultan +entgegen; denn schon war Angst und Trauer gewesen, weil man nicht mehr +hoffte, daß er jemals zurückkehren werde. Alle Häuser der Stadt waren +geschmückt mit seidenen Tüchern und Teppichen, und überall erschollen +Jubellieder; der Wesir aber trat zum Sultan, küßte die Erde vor ihm und +begrüßte ihn aufs treueste. Und alles Volk jauchzte und frohlockte. +Der König erzählte nun, welche Bewandtnis es mit dem See und den +Fischen gehabt habe, und was ihm mit dem Jüngling widerfahren sei; wie +er die elende Zauberin getötet und die Stadt aus ihrem Bann erlöst +hätte. Da neigte sich der Wesir auch vor dem jungen Manne und wünschte +ihm viel Glück zu seiner Befreiung. Der König ließ Freudenfeste feiern +und Geschenke und prächtige Kleider verteilen, denn er war sehr erfreut +über seine Rückkehr. Er befahl, auch den Fischer zu holen, beschenkte +ihn reichlich und fragte ihn, ob er Kinder habe. Als der Fischer sagte, +er besäße drei Töchter, ließ sie der Sultan sofort zu sich kommen. Der +König heiratete eine von ihnen und der Jüngling eine andere. Darauf +machte der Sultan den Fischer zu seinem Schatzmeister; den Wesir aber +schickte er als Sultan in die Stadt der vier Inseln und schenkte ihm +die fünfzig Sklaven, die er mitgebracht hatte. Der König blieb mit +seinem Erben in der Stadt, und beide herrschten noch lange zum Segen +ihres Landes. Der Fischer aber war ein reicher Mann und lebte viele +Jahre in Glück und Frieden. + + + + + DIE GESCHICHTE VON DEM ZAUBERPFERDE + + +In längst vergangenen Tagen lebte ein König in Persien, der hieß Sabur +und war der gewaltigste und mächtigste Herrscher seiner Zeit, denn +er besaß unermeßliche Reichtümer und viele Truppen, die sein Land +beschützten. Sein Herz kannte Güte und Milde, und seine Hand tat sich +den Armen auf und gab viele Almosen. Er war ein Trost der Kranken und +Mühseligen; Verfolgte und Verirrte fanden bei ihm gastliche Unterkunft. +Er war sehr klug und gerecht, er bestrafte die Bösen, zürnte allen, die +unrecht handelten, und die Unterdrückten beschützte er großmütig vor +Gewalt und Missetat. Seine Gattin schenkte ihm drei Mädchen und einen +Sohn, die er von Herzen liebte, denn sie waren edel und wohlgestaltet. + +Der König Sabur feierte in jedem Jahre zwei Feste, die waren Niradj und +Mihrdjan genannt. An diesen hohen Festtagen verteilte er Gaben, ließ +seine Paläste und Gärten öffnen, so daß alle Untertanen freien Zutritt +zu ihm hatten, ihm Geschenke bringen und ihre Anliegen vortragen +konnten. Es geschah aber, daß an einem dieser Festtage drei sehr weise +und gelehrte Männer in seiner Stadt erschienen, um ihm seltene und +kostbare Geschenke zu bringen. Sie kamen aus drei verschiedenen Ländern +und hatten alle verschiedene Sprachen. Der eine war ein Grieche, der +zweite ein Perser und der dritte ein Indier. Dieser trat zuerst vor +den König, beugte die Knie vor ihm, wünschte ihm Glück und Heil und +übergab ihm eine goldene Bildsäule. Sie war ganz mit prachtvollen, +funkelnden Edelsteinen geschmückt und trug in der Hand ein goldenes +Horn. Der König Sabur freute sich sehr darüber, nahm sie in Augenschein +und fragte sodann: »Sage mir, weiser Mann, wozu soll mir dein Geschenk +dienen?« Der Indier erwiderte: »Großer König! Diese Bildsäule hat die +Eigenschaft, daß sie sogleich in das goldene Horn stößt, wenn sich ein +Spion in die Stadt einschleichen will. Alsbald beginnt er zu zittern +und fällt tot zu Boden.« Der König verwunderte sich sehr über diese +Rede und sprach: »Wahrlich, wenn deine Worte wahr sind, so werde ich +dir alle Wünsche gewähren.« Dann kam der Grieche heran, küßte die +Erde und übergab dem König ein Becken aus Silber; in der Mitte saß +ein goldener Pfau, und um ihn herum waren vierundzwanzig Junge. Der +König betrachtete das Geschenk mit Entzücken und fragte: »Sage mir, +wozu mir dieses Kunstwerk dienen soll?« Der Grieche antwortete: »Mein +König, wenn eine Stunde verflossen ist, wird dieser Pfau eines seiner +Jungen aufpicken und dir so die Tageszeit anzeigen. Nach einem Monat +aber wird er immer den Schnabel öffnen, und dann wird darin der Mond +erscheinen.« Als der König dieses Wort vernahm, sagte er: »Wahrlich, +wenn du wahr sprichst, so werde ich dir alle deine Wünsche erfüllen.« +Dann nahte der persische Gelehrte, neigte sich tief und überreichte dem +Könige ein Pferd aus Ebenholz; das war vollkommen ausgerüstet, hatte +Zaum und Steigbügel und einen prächtigen Sattel und war ganz mit Gold +und Edelsteinen geziert. Der König erstaunte sehr und fragte, welches +der Zweck dieses kunstreichen, leblosen Tieres sei. »Mein König,« +erwiderte der persische Weise, »es ist nicht das äußere Ansehen, warum +ich dir dieses Pferd zum Geschenk bringe. Es birgt ein wunderbares +Geheimnis; denn es legt mit seinem Reiter in einem Tage eine Strecke +von einem Jahre zurück; es fliegt durch die Luft an jeden Ort der Erde, +wohin du dich wünschest.« Der König war sehr verwundert über diese +Worte und sprach zu dem Perser: »Beim allmächtigen Gott, der die Welt +und die Menschen geschaffen hat, wenn du die Wahrheit gesprochen hast, +so sei dir jede Bitte gewährt, die du an mich richten wirst.« Darauf +nahm er die drei Weisen gastlich auf und prüfte ihre Gaben. Ein jeder +von ihnen zeigte dem König, daß er wahr geredet hatte. Das Bildnis +stieß in das goldene Horn, der Pfau pickte die Jungen auf, und das +Zauberpferd schwang sich mit dem Perser hoch in die Lüfte und ließ sich +darauf mit großer Leichtigkeit wieder zur Erde herab. Der König war +in äußerster Freude über die seltenen Geschenke und sagte: »Da ihr die +Wahrheit eurer Rede durch die Tat bewiesen und euer Versprechen erfüllt +habt, so will ich euch jetzt gewähren, was ich vordem versprochen habe. +Jeder von euch mag etwas fordern; ich werde es ihm sogleich gewähren.« +Die Weisen aber hatten schon von den drei lieblichen Prinzessinnen +vernommen und sagten daher: »Wenn du mit unseren Geschenken zufrieden +bist, o Herr, und uns eine Bitte gewährst, so möchten wir, daß du uns +deine Töchter zur Frau gibst und uns zu deinen Schwiegersöhnen machst.« +— »Eure Bitte sei erfüllt,« sprach der König und ließ sogleich den +Kadi rufen, damit er den Ehevertrag aufsetze. + + [Illustration: Angesichts einer so arroganten Behauptung brachen alle + Höflinge in lautes Gelächter aus.] + +Hinter einem Vorhange hatten die drei Prinzessinnen gelauscht, denn +sie waren neugierig, die unerhörten Schauspiele mit anzusehen; als +die jüngste von ihnen den Perser erblickte, den sie heiraten sollte, +erschrak sie sehr; denn er war ein hundertjähriger Greis und hatte +viele Runzeln und Falten. Das Haupthaar starrte wie Borsten, aber die +Augenbrauen und der Bart waren ihm ausgefallen. Seine Augen waren rot +und triefend, seine Wangen ganz eingefallen und so gelb wie Leder, und +die Backenknochen traten spitz und scharf hervor. Seine plumpe Nase +sah einer Gurke ähnlich, die Zähne wackelten oder waren ausgefallen, +seine Lippen waren blau und glichen den Kamelnieren, und seine Hände +zitterten beständig. Wahrlich, er war der häßlichste aller Menschen +und von Aussehen wie der Teufel, so daß selbst die Vögel des Himmels +vor seinem Anblick flohen! Die Prinzessin aber war sehr schön und +liebreizend, leichtfüßig wie eine Gazelle, mild wie der Zephir und +sanft und leuchtend gleich dem Mondlichte. Sie tanzte zarter und wiegte +sich leichter wie die Zweige der Büsche im Morgenwinde, und keine +Gazelle glich ihr an Geschmeidigkeit und behendem Spiele der Glieder. +Als das reizende Mädchen den ihr erwählten Bräutigam erspähte, war ihr +Herz sehr bekümmert; sie eilte in ihr Zimmer, zerriß ihre Kleider, +streute sich Asche aufs Haupt, schlug sich Brust und Gesicht und weinte +bittere Tränen. Ihr Bruder aber, der sie vor allen seinen Schwestern +liebte, kehrte soeben von einer Reise zurück. Als nun ihr Klagen bis +in seine Gemächer klang, lief er zu ihr und fragte sie nach dem Grunde +ihres Kummers. Sie aber warf sich ihm in die Arme und rief: »Was habe +ich Schändliches getan, daß mein Vater so mit mir handelt? Ist ihm +das Schloß zu eng geworden, so will ich mich gern von hier entfernen. +Ach, mein Bruder, ich Unglückliche werde dich verlassen; aber es gibt +ja einen allmächtigen Gott, der wird mich führen und mit mir sein!« +Ihr Bruder schüttelte mißmutig den Kopf, denn er konnte die Worte der +Schwester nicht begreifen, und bat sie, ihm deutlicher zu erklären, +warum sie so verzweifelt und traurig sei. Da sagte sie: »Wisse, lieber +Bruder, mein Vater hat mich mit einem alten, lahmen und runzeligen +Zauberer verlobt, der ihm ein Pferd aus Ebenholz geschenkt hat. +Wahrlich, er hat sich überlisten lassen! Ich aber verabscheue diesen +jämmerlichen Alten, denn ich weiß, daß ich nicht seinetwegen zur Welt +gekommen bin.« Ihr Bruder erschrak über das Vorhaben seines Vaters, +sprach ihr Trost zu und eilte sofort zu dem Könige. »Wo ist der alte +Zauberer, mit dem du meine liebe schöne Schwester verlobt hast? Ich +will ihn strafen für seine unverschämte Forderung! Wo ist das Geschenk, +um dessentwillen meine Schwester sich in Gram und Leid verzehren soll? +Wie kannst du so grausam an deinem eigenen Kinde handeln!« Als der +weise Perser diese Rede hörte, ergrimmte er in seiner Seele über die +heftigen Worte des jungen Prinzen. Der König aber sagte: »Besichtige +nur erst das Pferd; wenn du seine Kunst gesehen hast, wirst du gewiß +verstummen und vor Verwunderung fast von Sinnen kommen.« Er ließ das +Geschenk des Persers holen, und der Prinz ging um das Pferd herum +und fand Gefallen daran. Er schwang sich sogleich auf seinen Rücken, +denn er war ein guter Reiter, und stieß ihm den spitzen Sattel in den +Leib. Das Tier aber rührte sich nicht und bewegte sich nicht von der +Stelle. Da sprach der König zu dem Weisen: »Zeige ihm, wie man das +Roß in Bewegung setzen muß, dann wird er sich dir gewiß nicht mehr +widersetzen.« Der Perser, in dessen Seele grimmiger Haß gegen den +Prinzen keimte, wies ihm nun einen Wirbel an der rechten Seite des +Pferdes, dann verließ er ihn. Sofort rieb der junge Prinz den Wirbel, +und alsbald erhob sich das Pferd mit rasender Geschwindigkeit und +flog mit ihm davon, so daß er bald aller Augen entschwunden war. Der +König ängstigte sich um seinen Sohn, und alle, die es sahen, erhoben +ein lautes Geschrei der Verwunderung. Der König fragte den Alten: +»Sage mir, wie der Prinz das Pferd wieder zur Erde lenken kann?« +Der Weise aber entgegnete mit kalter Stimme: »Diese Kunst ist mir +unbekannt, Herr; nicht meine und nicht seine Schuld ist es, wenn du +ihn bis zum jüngsten Tage nicht wiedersiehst. Warum hat er auch aus +unverständigem Hochmute verschmäht, mich um Rat darum zu fragen, auf +welche Weise er wieder zur Erde zurückfliegen kann? Ich selbst war so +bestürzt, als ich ihn plötzlich aufsteigen sah, daß ich den Gebrauch +meiner Sprache verlor und nicht daran dachte, ihm das Geheimnis zu +verraten.« Der König ergrimmte über diese Worte und sprach: »Ich kann +dir nicht mehr trauen; darum soll dein Kopf mir für das Leben meines +Sohnes haften,« und er ließ den Perser peitschen und in ein enges +Gefängnis einschließen. Dann begab sich Sabur in sein Gemach, sorgte +sich und seufzte und war in großer Betrübnis darüber, daß das Fest +so schmachvoll zu Ende gegangen war. Alle Tore des Palastes wurden +geschlossen, und in der ganzen Stadt herrschten Trauer und Klage. Der +König, seine Gemahlin und seine Töchter weinten Tag und Nacht über den +Verlust des geliebten Prinzen. + +Der Prinz aber war unterdessen mit schwindelnder Eile zum Himmel +emporgeführt worden, so daß er nahe der Sonne schwebte und auf der +Erde nichts mehr zu erkennen vermochte. Als er zurückkehren wollte, +drehte er den Wirbel an der rechten Seite nach der verkehrten Richtung, +jedoch das Pferd trug ihn immer höher. Da erschrak er, denn er meinte, +daß er nun seinem gewissen Tode entgegenritte. Er war aber ein +entschlossener und kluger Jüngling; deshalb faßte er Mut, untersuchte +aufmerksam Kopf und Hals des Rosses und entdeckte auf der linken Seite +einen zweiten, kleineren Wirbel, den er sogleich zu drehen begann. +Augenblicklich senkte sich das Tier, und bald konnte er wieder Berge, +Städte und Ströme auf der Erde unterscheiden. Dann rieb er wieder +an dem rechten Hebel und stieg in geringe Höhe hinauf. Als die rote +Sonne hinter den Bergen sank und der Abend dunkelte, kam er in eine +blühende Ebene; dort wiegten sich viel bunte, duftende Blumen, und ein +klarer, silberner Bach murmelte durch das Gras, und Gazellen sprangen +leicht und lustig durch die Wiesen. Bald sah er unter sich eine große +Stadt mit vielen Häusern, festen Türmen und starken Mauern. Auf der +andern Seite der Stadt erhob sich ein prächtiger, stolzer Palast, +um den vierzig bewaffnete Sklaven mit Bogen und Lanzen aufmerksame +Wache hielten. Der Prinz blickte sich um und dachte: »In welches Land +bin ich hier verschlagen worden; werde ich hier Freunde oder Feinde +finden?« Nach einigem Zögern entschloß er sich, die Nacht im Dunkel der +Terrasse zuzubringen, und bemühte sich, sein Pferd nach dem fremden +Schlosse hinzulenken. Es war schon Nacht geworden, als er abstieg, +hungrig und durstig und von Müdigkeit überwältigt. Er tappte durch die +Finsternis und entdeckte endlich eine Treppe an der Terrasse, welche +in das Innere des Schlosses führte. Er stieg die Stufen hinunter und +trat auf einen Platz, der mit weißem Marmor gepflastert und vom Monde +schwach beleuchtet war. Vorsichtig spähte er umher und sah ein Licht, +das aus dem Innern des Schlosses glänzte. Er schritt darauf zu und kam +an eine Türe, vor welcher ein Sklave schnarchte. Der war so groß wie +ein Baum und so breit wie eine steinerne Bank und glich einem Geiste +Solimans. Neben ihm brannte eine kleine Lampe, und an seiner Seite +lag ein Schwert, das funkelte und blitzte wie eine Flamme. Der Prinz +zögerte einige Augenblicke, denn dieser ungewohnte Anblick erschreckte +ihn; dann aber faßte er Mut und sprach: »Allmächtiger Gott, dich flehe +ich um Rettung an! Verleihe mir Kraft, und verschone mich vor allem +Ungemach!« Nach diesen Worten ergriff er ein Tischchen mit steinernen +Pfeilern, das neben dem schlafenden Sklaven stand, schob es zur Seite +und nahm die Decke weg. Da fand er köstliche, duftende Speisen und +Getränke, und er aß und labte sich daran, bis er gesättigt war. Dann +trug er das Tischchen wieder zurück, schlich auf den Zehen zu dem +Schlafenden und zog ihm leise das Schwert aus der Scheide. Langsam und +vorsichtig schritt er weiter und entdeckte abermals eine Tür, welche +durch einen Vorhang verschlossen war. Er zog den leichten Seidenstoff +zur Seite und trat in das Gemach. Darin stand ein Thron aus weißem +Elfenbein, der war mit Rubinen und Smaragden und anderen Edelsteinen +geschmückt; um ihn herum lagerten vier schlafende Sklavinnen. Er +schlich sich näher und sah auf dem Throne ein schlummerndes Mädchen; +in ihr mildes Gesicht fielen die langen, glänzenden Haare, ihre Stirn +leuchtete wie das Mondlicht, und ihre Wangen glichen den Anemonen. +Der Prinz bewunderte ihre Anmut und ihren stolzen Wuchs; zaghaft und +zitternd näherte er sich ihr und küßte sie leise auf die rechte Wange. +Alsbald erwachte das Mädchen, öffnete die hellen Augen und blickte den +Prinzen fragend an. »Wer bist du, Jüngling, und wo kommst du her?« +begann sie mit sanfter Stimme. Er antwortete: »Ich bin dein Geliebter +und dein Sklave; der allmächtige Gott hat mich zu dir, du Schönste, +geführt. Laß mich bei dir bleiben, und weise mich nicht ab!« + + [Illustration: Er sah schwarze Eunuchen schlafend liegen.] + +Die Prinzessin aber war kürzlich von ihrem Vater mit einem der +vornehmsten Männer der Stadt verlobt worden und glaubte nicht anders, +als daß der unbekannte Prinz ihr Bräutigam sei. Sie betrachtete ihn +mit Wohlgefallen, und da er schön war wie der Glanz des Mondes, +so entflammte er alsbald ihr Herz zu heißer Liebe. Sie plauderten +traulich und scherzten miteinander. Plötzlich erwachten jedoch die +vier Sklavinnen und riefen, als sie den fremden Mann neben ihrer +Gebieterin erblickten: »Wer ist dieser Jüngling, der hier bei dir +weilt, o Herrin?« Die Prinzessin erwiderte: »Ich weiß es nicht. Als +ich erwachte, sah ich ihn neben mir stehen. Ohne Zweifel ist er mein +Verlobter.« Die Sklavinnen aber sprachen: »Beim allmächtigen Gott! Wehe +dir! Dein Verlobter kann nicht einmal der Diener dieses Mannes sein!« +und sogleich liefen sie zu dem schnarchenden Sklaven, rüttelten ihn, +daß er erwachte, und riefen: »Beschirmst du das Schloß so schlecht, +daß du nicht siehst, wenn fremde Leute hier eindringen, während wir +ruhen?« Bei diesen Worten sprang der Sklave erschrocken in die Höhe +und griff nach seinem Schwerte; da er es aber nicht fand, stürzte er +voll Angst und Entsetzen hinein zu seiner Herrin. Er sah den Prinzen +bei ihr sitzen, lief auf ihn zu und schrie: »Du Dieb! Wie bist du +hereingekommen, du Betrüger?« Bei diesen Schimpfworten reckte sich +der Prinz empor, packte das Schwert und drang wie ein grimmiger Löwe +auf den Sklaven ein; den aber trieb die Furcht, daß er floh und +zitternd zu dem Könige eilte und ihm das Vorgefallene meldete. Der +König erschrak und zückte in bebender Wut sein Schwert. »Du Hund!« +rief er, »was bringst du mir für schlechte Kunde, du Nichtswürdiger!« +Der Sklave wich zurück und erwiderte mit leiser Stimme: »Habe Mitleid, +hoher Herr! Der Schlaf hatte uns überwältigt; als wir erwachten, +erblickten wir einen vornehmen Mann neben meiner Gebieterin; wir wissen +nicht, woher er kam, und wie er zu uns hereingedrungen ist.« Der +König stürzte mit der Waffe in der Hand zu dem Zimmer seiner Tochter, +und als er hereintrat, sah er den Prinzen in vertrautem Gespräch bei +der Prinzessin sitzen. Da packte ihn sinnloser Zorn; er hob sein +Schwert und wollte den Prinzen erschlagen. Der aber blickte ihm fest +ins Auge, streckte ihm sein Schwert entgegen und sprach: »Weiche +zurück! Bei Gott, dem Allmächtigen! wäre das Haus nicht heilig durch +meinen Eintritt, so würde ich dich zu denen senden, die in der Gruft +deiner Väter schlummern.« Der König rief: »Wer bist du, Elender? Wer +ist dein Vater, du Niedriggeborener, daß du es wagst, meine Tochter +heimtückisch zu überfallen? Ich bin der größte und mächtigste König +der Erde, und du führst eine Sprache, als ob ich dein niedrigster +Sklave wäre. Du Dieb, ich will dich zum Schrecken aller Welt auf die +jammervollste Weise umbringen; das schwöre ich beim erhabenen Gott!« +Der Prinz lächelte und sprach: »Herr, du zeigst eine grobe Art und +einen recht schwachen Verstand! Denn was nützt es dir, wenn du mich +töten läßt? Würde nicht ein Gerede bei allen Leuten umgehen, daß du +einen Jüngling bei deiner Tochter gefunden und niedergeschlagen hast? +Schmach und Spott würden dir folgen, und niemals wärest du vor Schande +sicher. Aber auch wir sind Könige und Söhne von Königen und könnten +dich leicht vom Throne stürzen. Doch Gott bewahre dich vor Unheil! +Kannst du übrigens der Prinzessin einen bessern Mann wünschen? Wisse: +Ich bin Kamr al Akmar, der Sohn des Königs von Persien.« Da fragte +ihn der König etwas sanfter: »Warum bist du nicht zu mir gekommen +und hast um sie angehalten, wie es die Sitte verlangt?« Der Prinz +entgegnete mit ruhiger Stimme: »Was geschehen ist, das ist geschehen! +Aber ich will dir einen günstigen Vorschlag machen. Gebiete allen +deinen Truppen, sich zu versammeln, und ich will ganz allein gegen sie +streiten; wenn ich besiegt werde, so bin ich schuldig, wenn ich sie +aber in die Flucht schlage, so wirst du gewiß meine Würde erkennen und +mir mit Achtung begegnen. Man kann die Menschen nicht wie Korn mähen +und messen.« Der König freute sich im stillen über diese Wendung der +Dinge, denn er war sehr in Verlegenheit gewesen, wie er den Fremden +töten lassen sollte, ohne sich und seiner Tochter Schimpf und Spott +zu bringen. »Dein Vorschlag ist mir angenehm,« antwortete er; und +sobald der Tag begann, versammelte er seine Truppen und ließ sie in +Schlachtordnung aufstellen. Der Prinz trat in glänzenden Waffen aus +dem Schlosse und sprach: »Ich will mein eigenes Roß reiten, bringt +es mir von der Terrasse, wo ich es in dieser Nacht angebunden habe!« +Die Diener führten das Pferd herbei, und der König bewunderte seine +Schönheit und sein künstliches Sattelzeug. Der Prinz stieg auf sein +Roß, und sofort umringten ihn die Truppen und drangen auf ihn ein, um +ihn zu erschlagen. Schnell rieb der Prinz den Wirbel an der rechten +Seite des Pferdes, und augenblicklich stieg es mit ihm in die Luft und +schwebte wie ein leichter Vogel. Der König rannte umher und schrie +in einem fort: »Tötet ihn doch! Erschlagt ihn!« Aber die entsetzten +Soldaten wichen und sagten: »Das ist ein Teufel, beim allmächtigen +Gott! Wie sollen wir ihn ergreifen? Dank sei dem Erhabenen, daß er uns +von diesem Zauberer befreit hat!« Betrübt und beschämt kehrte der König +mit seinen Truppen in das Schloß zurück, er ging sogleich in die Zimmer +der Prinzessin und erzählte ihr, was sich zugetragen hatte. Er schalt +sehr auf den Prinzen und rief: »Dieser Elende! Daß ihn Gott verdammen +möge, den Betrüger, den schändlichen Geist!« Der König wußte freilich +nicht, daß seine Tochter in Liebe für den Prinzen entbrannt war. Als er +ihre Tränen fließen sah, merkte er wohl, daß er sie schlecht getröstet +hatte und verließ sie wieder. Die Prinzessin aber schloß sich ein, +wehklagte und konnte nicht essen und trinken und schlafen. + + [Illustration: Die ganze Zeit über hatte die Prinzessin den Kampf vom + Dach des Palastes aus beobachtet.] + +Indessen durchflog der Prinz Kamr al Akmar die Luft mit seinem Pferde, +bis er wieder in das Land seines Vaters kam. Er ließ sich vor dem +heimatlichen Schlosse nieder und stieg aus dem Sattel. Die Treppe lag +mit grauer Asche bestreut, und überall war ein dumpfes Schweigen. +Verwundert schritt der Prinz durch die Gemächer und fand dort seine +Eltern und seine Schwestern in Trauerkleider gehüllt, bleich, mit +tränengeröteten Augen. Sein Vater erblickte ihn zuerst und fiel mit +einem lauten Schrei in Ohnmacht; als er wieder zur Besinnung kam, +umarmte er seinen Sohn und weinte vor Freude. Die Königin und die +Prinzessinnen eilten auf ihn zu, herzten und küßten ihn und fragten, +wie es ihm ergangen sei. Er berichtete alles auf das genaueste und +vergaß keine Einzelheit. Als er geendet hatte, rief sein Vater: »Es ist +kein Heil und kein Schutz, außer bei dem allmächtigen Gotte! Gepriesen +sei der Herr, der dich mir wiedergab, du Freude meines Herzens!« +Überall in der Stadt war Jubel und Frohlocken; man blies die Trompeten +und schlug die Pauken und legte Freudenkleider an; alle Häuser waren +festlich geschmückt, und die Großen des Reiches kamen und brachten ihre +Glückwünsche dar. Der König aber veranstaltete ein prunkvolles Fest, +ließ alle Gefangenen frei und gab sieben Tage und sieben Nächte lang +Mahlzeiten, bei denen jeder so viel essen konnte, wie er wollte. Als +die Festlichkeiten zu Ende waren und der König mit seinem Sohne bei +Tische saß, befahl er einer Sklavin, daß sie ein Lied zur Laute singen +möchte. Sie griff in die Saiten und sang mit milder, wohltönender +Stimme folgende Verse: »Ich habe dich nicht in der Ferne vergessen! +Denn wie könnte ich noch denken, wenn ich dich vergäße? Die Zeit +vergeht, aber meine Liebe zu dir ist ewig. Mit dir werde ich sterben, +und mit dir werde ich auferstehen.« + +Bei diesen Worten weitete sich das Herz des Prinzen vor Schmerz und +Sehnsucht; Trauer und Wehmut schlichen in seine Seele, und er verließ +seinen Vater heimlich, schwang sich auf das Roß aus Ebenholz, stieg mit +ihm empor und flog, bis er zum Schlosse der Prinzessin gelangte. Er +ließ sich auf der Terrasse herab, stieg dieselbe Treppe hinunter, wie +vormals, und fand den Sklaven, der, wie das erste Mal, schlafend lag +und schnarchte. Vorsichtig schlich er an ihm vorbei und trat hinter den +Vorhang, der die Türe zum Schlafgemach der Prinzessin bedeckte; hier +blieb er stehen und lauschte, denn er hörte, daß sie laut jammerte. Die +Sklavinnen erwachten durch die Klagen ihrer Gebieterin und sprachen zu +ihr: »Warum trauerst du, geliebte Herrin, über einen, der doch deinen +Gram nicht mit dir teilt?« Die Prinzessin antwortete: »Wie seid ihr +unverständig, ihr Mädchen! Wer könnte diesen Mann jemals vergessen?« +Sie brach von neuem in Schluchzen aus und weinte, bis sie darüber +entschlummerte. Der Prinz, der hinter dem Vorhange stand und alles +mit anhörte, war sehr erregt, und sein Herz pochte heftig. Er trat +hastig in das Gemach und ging zu dem Throne, auf welchem die Prinzessin +ausgestreckt lag. Er nahm sie leise bei der Hand und rief ganz heimlich +ihren Namen. Sogleich erwachte sie und schlug die großen Augen auf. +Ein leiser Schrei entfuhr ihr, als sie den ersehnten Prinzen vor sich +stehen sah. Freudig sprang sie empor, warf sich ihm an die Brust, +küßte ihn und rief: »Geliebter, wie glücklich bin ich, daß ich dich +wieder habe!« Der Prinz fragte: »Sage mir, warum weinst du und bist +du so betrübt?« Sie antwortete ihm: »Muß ich nicht klagen und Tränen +vergießen, da ich so lange von dir getrennt war?« Der Prinz sprach: +»Was geschehen mußte, das laß geschehen sein. Freue dich mit mir, daß +ich dich wiedergefunden habe! Jetzt aber befiehl, daß mir Speisen und +Getränke gebracht werden, denn ich bin sehr hungrig und durstig.« Als +er seinen Hunger gestillt hatte, setzte er sich zu ihr, umarmte sie +und plauderte mit ihr bis tief in die Nacht. Der Morgen dämmerte, +und die erste zarte Röte schien durch die Fenster, da erhob er sich, +um Abschied von ihr zu nehmen, ehe der Sklave vor der Tür erwachte. +Die Prinzessin (sie hieß aber Schems ulnahar) fragte ihn verwundert: +»Warum willst du mich schon verlassen? Wohin gehst du?« Der Prinz +entgegnete: »Ich reite mit meinem Pferde zu meinem Vater zurück; aber +ich verspreche dir, daß ich jede Woche einmal zu dir kommen werde, denn +ich habe große Sehnsucht nach dir.« Da umschlang ihn die Prinzessin und +rief: »Warum willst du allein von hinnen reiten? Ich beschwöre dich +beim höchsten Gott, der den Himmel über uns gewölbt hat, nimm mich +mit dir! Laß mich nicht allein zurück, Geliebter, denn die Trennung +nagt an mir, und mein Herz verzehrt sich in Sehnsucht.« Als der Prinz +diese tapferen Worte vernahm, war er hocherfreut und rief: »Ist es dein +fester Wille, daß du mit mir ziehen willst?« Schems ulnahar blickte +ihn vertrauend an und erwiderte: »Überall, wo du bist, da will auch +ich sein, mein Geliebter.« Sie erhob sich eilends und ging zu einer +großen Truhe, welche in einer Nische des Zimmers stand, und entnahm ihr +viel köstliche Gewänder und gleißende Perlen und Edelsteine. Darauf +schlichen die beiden leise hinaus, ohne daß die Sklavinnen erwachten, +und gingen auf die Terrasse, wo schon die ersten Strahlen des Morgens +schimmerten. Sie bestiegen das Pferd aus Ebenholz, und als der Prinz +den Wirbel drehte, erhob es sich sogleich in die Lüfte und flog wie +ein Vogel dahin. Es währte nur kurze Zeit, da sahen sie von fern die +Hauptstadt des Perserkönigs im Sonnenlichte funkeln; der Prinz ritt +darauf zu und ließ das Roß in einem Garten außerhalb der Stadt langsam +nieder, hob die Prinzessin sorglich aus dem Sattel und geleitete sie +in ein Lusthaus. »Warte hier auf mich,« sprach er, »ich will zu meinem +Vater gehen und ihm dein Nahen melden. Denn du sollst mit Jubel und +Ehren empfangen werden, und die Großen des Reiches sollen dir mit allem +Volke entgegeneilen.« Er machte sich eilends auf den Weg, ging in das +väterliche Schloß und erzählte seinen Eltern, was ihm in der Nacht +begegnet war. Der König und die Königin schlossen ihn in ihre Arme, +waren hochbeglückt und befahlen, ein Fest zu rüsten. Da erschollen +Pauken und Trompeten in der Stadt, von allen Häusern wehten bunte +Teppiche und Tücher, und das Volk sang und zog jubelnd hinaus in den +Garten, wo die Prinzessin ihres Geliebten harrte. + +Es begab sich aber, daß der persische Gelehrte, der vom Könige nach +der Rückkehr des Prinzen wieder in Freiheit gesetzt worden war, oft in +jenem Garten spazieren ging, denn er war ein Freund des Gärtners. Er +hatte von weitem mit angesehen, wie Kamr al Akmar mit einer fremden +Jungfrau angekommen war, und näherte sich alsbald dem Lusthause. Dort +fand er ein schönes Mädchen, das war so lieblich wie der Mond, und +neben ihr stand das Pferd aus Ebenholz, welches er dem Könige zum +Geschenk gemacht hatte. Er zürnte aber dem Prinzen noch wegen seiner +heftigen Worte und sprach in seinem Herzen: »Dieser junge Mann hat +ungehörig zu mir geredet und mich ergrimmt; wahrlich, ich will ihm +Gleiches mit Gleichem vergelten und dieses reizende Mädchen sogleich +mit meinem Pferde entführen.« Er näherte sich der Türe und klopfte +bescheiden mit dem Finger an. Die Prinzessin fragte von drinnen: »Bist +du es, mein Geliebter?« Der Perser erwiderte: »Ich bin der Diener und +Sklave deines Herrn; er schickt mich zu dir und läßt dich bitten, mir +zu folgen. Die Herrin, meine Königin, ist schon alt und kann nicht +einen so weiten Weg zurücklegen; darum soll ich dich auf dem Pferde in +die Stadt bringen, denn sie sehnt sich danach, dich in ihre Arme zu +schließen und zu begrüßen.« Die Prinzessin, welche nicht an den Worten +des Persers zweifelte und schon Sehnsucht nach dem Prinzen fühlte, +öffnete die Türe und trat heraus. Als sie aber sah, daß der Bote sehr +alt war und so welke Züge und gelbe Haut hatte, wurde ihr bange, und +sie rief: »Hat die Königin keine angenehmeren Diener als dich? Warum +wählte sie dich alten Weißbart und runzeligen Greis, um mich zu ihr zu +geleiten?« Der Perser ärgerte sich über diese Worte und sagte: »Alle +Sklaven meiner Herrin sind schöner als ich. Ich aber bin ihr ältester +Diener, und sie hat mich aus Eifersucht zum Boten gewählt, denn du bist +jung und sehr schön und gleichst der strahlenden Sonne.« Die Prinzessin +glaubte der List des Alten und schwang sich mit ihm auf das Pferd. Der +Perser, der hinter ihr saß, rieb an dem rechten Wirbel, und sogleich +erhob sich das Tier pfeilgeschwind und schwang sich empor in der +Richtung nach China. + +Indessen ordnete sich vor dem Palaste des Königs der festliche Zug, +welcher die Prinzessin aus dem Lusthause abholen sollte. Der Prinz ritt +in glänzender Rüstung an der Spitze seiner Truppen, und ihm folgten +seine Eltern mit den Wesiren und den Großen des Reiches. Überall +erschollen Jubelgesänge und der Klang der Trompeten und Trommeln. +Als sie nun an dem Garten angekommen waren, stieg der Jüngling vom +Pferde und trat zuerst in das Lusthaus, um seine Geliebte zu holen. +Wie erschrak er, als er das Zimmer leer fand! Er rief, aber niemand +antwortete. Da schlug er sich Gesicht und Brust, stieß tausend +Verwünschungen aus und raufte sich verzweiflungsvoll die Haare. +Zufällig kam der alte Gärtner vorbei und fragte, was hier geschehen +wäre. Der Prinz schrie ihn an: »Du Schuft! Du Elender! Wo ist die +Prinzessin? Sage mir, was du mit ihr begonnen hast, oder ich ziehe mein +Schwert und schlage dir den Kopf vom Rumpfe!« Der Gärtner war sehr +in Angst über den Zorn seines Herrn, und seine Knie wankten. »Mein +Gebieter, ich weiß nicht, von was du redest,« sagte er demütig. »Beim +Barte deines Vaters schwöre ich dir, daß ich nichts gesehen habe. Ich +bin unschuldig: hab Erbarmen mit mir!« — »Wer ist heute in deinen +Garten gekommen?« fragte der Prinz, denn er zweifelte nicht mehr an +der Ehrlichkeit des Gärtners. Dieser antwortete: »Ich habe niemanden +gesehen; nur der persische Weise ging heute unter den Bäumen auf und +nieder.« Da erschrak der Prinz sehr und wußte sofort, daß der Perser +Rache an ihm genommen hatte. Er bebte vor Wut, denn er schämte sich vor +dem Volke. Nach einer Weile ging er zu seinem Vater zurück und sprach +zu ihm: »Ziehe mit deinen Truppen wieder in die Stadt. Wahrlich, Gott +hat ein großes Unglück über mich verhängt, und alles Unrecht findet +seine Strafe! Ich bleibe hier, denn ich will ergründen, was sich +zugetragen hat.« Der König seufzte und sagte: »Fasse Mut, mein Sohn, +und vergiß dein Ungemach. Tröste dich über das, was dir widerfahren +ist! Wähle dir eine andere Prinzessin zur Gemahlin, denn ich will, daß +du glücklich werdest.« Dann zog er mit seinen Truppen wieder in die +Stadt, und alle Freude verwandelte sich in Trauer und Wehklagen. Der +Prinz aber blieb einsam zurück und sann auf Rat und Hilfe. + +Der persische Weise ritt unterdessen mit der geraubten Prinzessin +durch die Lüfte, bis er in China war. Als er eine blühende Ebene unter +sich entdeckte, lenkte er sein Zauberpferd in dieser Richtung und ließ +sich an einer sprudelnden Quelle herab. Er hob die Prinzessin aus dem +Sattel und setzte sich mit ihr zur Rast unter einen schattigen Baum. +Die Prinzessin, welche meinte, daß sie nun bald bei ihrem Geliebten +wäre, fragte erstaunt: »Sage mir, wo ist dein Herr, der Prinz, und +wo sind seine Eltern?« Der persische Weise lachte höhnisch, daß +sein gelbes Gesicht noch häßlicher wurde, und sagte: »Verdammt mögen +sie alle sein, die Betrüger! Jetzt bin ich dein Gebieter. Denn dieses +Pferd habe ich gemacht, und mir gehört es an. Niemals wirst du den +Prinzen wiedersehen; vertraue dich mir an, denn ich werde alle deine +Wünsche erfüllen und werde dir prächtige Gewänder schenken und Gold und +Edelsteine, soviel du verlangst. Ich besitze große Schätze und reiche +Güter; mir dienen hundert Sklaven und hundert Sklavinnen, und ich werde +dir ebenso viele schenken.« Er wollte sie lüstern umarmen, doch sie +stieß ihn entrüstet von sich, barg ihr Gesicht in den Händen und weinte +bitterlich. Der Weise aber streckte sich auf den Boden und schlief +rasch und unbekümmert ein. (Der Himmel möge ihn nie wieder erwecken!) + + [Illustration: Sie saßen am See und trösteten sich mit süßer Liebe.] + +Nun traf es sich aber, daß der Kaiser von China gerade in jener Gegend +eine große Jagd abhielt. Da der Tag sehr heiß war und ihn der Durst +plagte, kam er zu dieser Quelle unter dem Baume, um seinen Gaumen zu +letzen und zu ruhen. Wie erstaunte er, als er ein sanftes, zartes +Mädchen erblickte, und neben ihm ein schwarzes Pferd! Lange stand er +und bewunderte ihre Schönheit und konnte sich nicht satt an ihr sehen. +Da entdeckte er auch den Weisen, der nicht weit davon im Grase lag und +schnarchte. Er stieß ihn mit dem Fuße an, bis der Alte erwachte und +sich gähnend die Augen rieb. »Wer ist dieses liebliche Mädchen, und +warum führst du es mit dir?« fragte der Kaiser. Jener gab mißgelaunt +und kurz zur Antwort: »Es ist meine Frau.« Bei diesen Worten erhob +sich die Prinzessin, und als sie den Fremden erblickte, trat sie auf +ihn zu, küßte die Erde vor ihm und sprach: »Befreie mich von diesem +argen Zauberer! Hab Erbarmen, Herr, und bestrafe ihn, denn er hat mich +überlistet und gestohlen.« Der Kaiser rief seine Diener und befahl +ihnen: »Gebt diesem Alten hundert Streiche, dann bindet ihn und werft +den Schändlichen ins tiefste Gefängnis!« Der Perser winselte und +heulte, aber die Diener taten, wie ihnen gesagt war, und züchtigten +ihn, bis ihm das rote Blut vom Rücken rieselte. + +Der Kaiser von China hob das fremde Mädchen vor sich auf sein Roß und +kehrte mit ihr in seine Hauptstadt zurück. Er fragte sie aber, was das +für ein Pferd sei, das er bei ihr gefunden habe. Sie antwortete ihm: +»Ich weiß es nicht, hoher Herr; es scheint ein wunderbares Tier zu +sein, denn der Alte machte allerlei Kunststücke darauf und flog mit mir +durch die Luft.« Als der König diese seltsame Kunde vernahm, befahl +er seinen Dienern, das Pferd wohl zu hüten und in seine Schatzkammer +zu bringen. »Lasset uns heimreiten!« rief er vergnügt, »denn wir sind +ausgezogen, um wilde Tiere zu erlegen, und haben dafür eine menschliche +Gazelle erjagt.« Sie kehrten im Trabe zu dem Palast des Kaisers +zurück, und der Prinzessin wurden reiche und prächtige Gemächer zum +Aufenthalte angewiesen. Der Kaiser hatte Wohlgefallen an dem Mädchen +gefunden und begab sich noch an demselben Tage zu ihr, um ihr seine +Hand anzutragen. Als die Prinzessin seine Worte hörte, erschrak sie +sehr und stellte sich irrsinnig. Sie schrie allerlei unverständliche +Worte, zerriß ihre Kleider, schwang die Fäuste in der Luft und stampfte +die Erde mit ihren Füßen. Der Sultan entsetzte sich gewaltig bei ihrem +Toben und sandte sogleich zu allen Ärzten und Sterndeutern. Er gab der +Kranken viele Sklavinnen zur Bedienung und ließ sie sorgfältig hüten +und bewachen. + + [Illustration: Viele Monate lang reiste er ahnungslos.] + +Soviel weiß ich jetzt von der Prinzessin zu erzählen. Was aber den +Prinzen Kamr al Akmar betrifft, so irrte er trostlos von Land zu Land, +von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf, und fragte und forschte nach +der Verlorenen. Die Macht des allmächtigen Gottes führte ihn auch +nach China. Nachdem er lange gegangen war, kam er in die Hauptstadt +und wanderte suchend und traurig durch die Straßen. Er ging in alle +öffentlichen Läden und besuchte alle Basare in der Hoffnung, daß er +dort die Vermißte entdecken würde. Vor einem Laden standen einige +Leute, die unterhielten sich eifrig und achteten nicht darauf, als +sich der Fremde zu ihnen gesellte. Der Prinz erlauschte, daß sie von +dem Kaiser sprachen und von einem Mädchen, das man allgemein in der +Stadt bemitleidete. Da mischte sich der Prinz in das Gespräch und +fragte, worüber sie sich so eifrig erregten. Ein alter Mann, der sehr +geschwätzig war, begann sogleich zu erzählen: »Gewiß bist du ein +Fremder, daß du noch nichts von dem gehört hast, was unserm Kaiser +neulich auf der Jagd begegnet ist. An einer Quelle fand er ein schönes +Mädchen mit einem alten Manne und neben ihnen ein hölzernes Pferd. +Der Kaiser fragte den Alten, wer das Mädchen sei, der aber sagte, es +wäre seine Frau. Doch die Jungfrau rief, der böse Zauberer hätte sie +entführt, und bat den Kaiser um Hilfe. Da ließ er den Alten schlagen +und ins Gefängnis sperren und nahm das Mädchen zu sich in das Schloß +und wollte es zu seiner Frau machen. Die Jungfrau aber raste plötzlich +und schrie und zerriß ihre Kleider, denn sie war wahnsinnig geworden. +Alle Ärzte und Sterndeuter sind im Schlosse gewesen, aber keiner wußte +Rat und konnte die Besessene heilen. Der Kaiser trauert, denn er +liebt die Fremde aus tiefer Seele.« — Als der Prinz diese Erzählung +vernommen hatte, jubelte er und rief: »Gepriesen sei der allmächtige +Gott, denn er hat mich den rechten Weg geleitet und mich unerwartet +finden lassen, was ich suchte!« + +Alsbald ging er in einen Laden und kaufte sich Kleider, denn er +hatte beschlossen, nichts unversucht zu lassen, um in das Schloß zu +gelangen. Er färbte seine Augenbrauen und seinen Bart weiß, setzte +sich einen großen Turban auf und hing sich ein weites Gewand mit lang +herabfallenden Ärmeln um. Dann nahm er ein dickes altes Pergamentbuch +unter den Arm und steckte eine Schachtel mit Sand zu sich; in der einen +Hand trug er seinen großen Stock und in der andern einen Rosenkranz. So +durchwanderte er alle Straßen und zählte die Perlen des Rosenkranzes +ab, wie die Astrologen zu tun pflegen. Dabei blickte er zu allen +Fenstern empor und rief beständig: »Friede sei mit euch und mit eurem +Hause!« Als er an das Tor des Palastes kam, meldete er sich bei dem +Pförtner und sagte: »Gehe zu dem Kaiser und künde ihm, daß ein weiser +Sterndeuter aus Persien angekommen sei. Ich habe die Geschichte von +der Sklavin vernommen; zwar erscheint es keck von mir, daß ich noch +einmal den Versuch wage, bei ihr eine Heilung zu bewirken, nachdem so +viele gelehrten Ärzte es mit ihr versucht haben. Aber ich kenne sehr +wirksame und eigentümliche Mittel, die, wie ich hoffe, von Erfolg sein +werden.« Der Pförtner eilte sofort zu dem Kaiser und berichtete, was +ihm der Fremde aufgetragen hatte. Der Prinz wurde vor den Thron des +Herrschers geführt, verneigte sich tief und murmelte allerlei dunkle +und unklare Worte, die keiner der Hofleute verstehen konnte. Der Kaiser +begrüßte ihn und sprach: »Weiser Mann, in meinem Palaste habe ich ein +Mädchen, das rauft sich die Haare und zerreißt die Kleider, denn es +ist von Sinnen. Wenn du es heilen kannst, so darfst du jede Belohnung +erwarten, die du von mir forderst.« Der verkleidete Prinz wurde in +die Gemächer der Prinzessin geleitet und hörte schon von weitem, wie +sie klagte und wehmütige Verse sprach. Er trat schnell in das Zimmer +und sah sie auf dem Boden liegen, ganz entstellt, mit eingefallenen +Wangen und geröteten Augen. Kaum erblickte sie den Fremden, da sprang +sie wie eine Wütende empor, überhäufte ihn mit Schmähungen und suchte +ihn aus dem Zimmer zu drängen. Er aber wehrte ihr und sagte halblaut: +»Schems ulnahar, deine Erlösung ist nahe, denn der allmächtige Gott +hat dein Flehen erhört. Vor dir steht Kamr al Akmar.« Als sie seine +Worte vernahm, blickte sie ihn prüfend an und erkannte unter der +Entstellung die Züge ihres Geliebten. Sie warf sich ihm an die Brust, +küßte ihn und fragte: »Wie bist du zu mir gelangt? Denn ich bin +weit entfernt von der Heimat und von dem Hause deiner Eltern.« Er +entgegnete mit leiser Stimme: »Frage mich jetzt nicht darum; vor der +Türe steht der Oberkämmerer und kann uns hören. Ich will versuchen, +dich durch List zu erretten; wenn aber mein Vorhaben mißglückt, so +kehre ich in meine Heimat zurück und werde Truppen sammeln, um dich +mit Gewalt aus dem Palaste des Kaisers zu entführen.« Er wies ihr an, +wie sie sich zu verhalten habe, eilte zu dem Kaiser und bat ihn, mit +ihm zu der Prinzessin zu gehen. Als Schems ulnahar die Eintretenden +gewahrte, schrie sie, schlug mit den Händen um sich und verdrehte die +Augen. Da ging der Prinz mit würdigen Schritten auf sie zu, murmelte +einige Beschwörungsformeln, blies ihr in die Augen und biß sie in das +linke Ohr. Dann sagte er mit ernster und feierlicher Stimme: »Erhebe +dich, du Unglückliche, gehe zum Kaiser und küsse ihm die Hand!« Das +Mädchen tat, wie ihr der Geliebte geheißen hatte, heuchelte eine +Ohnmacht und warf sich zu Boden. Darauf erhob sie sich, starr wie +eine Schlafwandelnde, ging mit steifen Schritten auf den Kaiser zu, +neigte sich vor ihm und küßte ihm die Hand. »Sei gegrüßt, erhabener +Herr,« sagte sie zu ihm mit leiser Stimme, »welche Ehre widerfährt +mir, daß du deine Sklavin besuchst?« Bei diesen Worten schlug der +Kaiser vor Glück und Überraschung die Hände zusammen, hob die Kniende +empor und strich ihr liebkosend über die wallenden Locken. Dann wandte +er sich an den Sterndeuter und sagte: »Wahrlich, du hast ein Wunder +vollbracht, denn dir ist gelungen, was kein anderer vor dir vermochte! +Nun wünsche dir, was du willst, deine Bitte sei schon im voraus +erhört.« Der Prinz überlegte eine kleine Weile und entgegnete darauf: +»Noch weiß ich nicht, ob das Mädchen endgültig geheilt ist, denn die +Möglichkeit besteht, daß ihre Krankheit von neuem ausbricht. Laß sie +von zwölf Sklavinnen in das Bad tragen, und schmücke sie mit glänzenden +Edelsteinen und blinkendem Geschmeide, damit sie ihren Kummer vergißt +und wieder freudigen Herzens werde. Dann aber soll sie wieder an den +Ort zurückgebracht werden, wo du sie gefunden hast, denn dort ist der +böse Geist in sie gefahren.« + +Der König konnte sich nicht genug über die Worte des vermeintlichen +Sterndeuters verwundern und rief: »O du weiser Mann! Du Gelehrter +und Philosoph! Nie gab es einen geschicktern Arzt, als dich! Denn du +weißt, daß ich das Mädchen außerhalb der Stadt gefunden habe.« Der +Prinz runzelte die Stirn gewichtig und sagte mit bedeutsamer Stimme: +»Mir ist noch mehr bekannt: der Ort, an dem du sie entdeckt hast, +liegt in einer Ebene, wo eine silberkühle Quelle rieselt. Dorthin laß +die Prinzessin führen, damit sie gesunde.« Der Kaiser tat sogleich, +wie ihm der weise Mann befohlen hatte, schmückte die Prinzessin +mit den herrlichsten Kleinodien und befahl, sie unter den Baum zu +tragen, wo er sie mit dem alten Zauberer überrascht hatte. Dann begab +er sich mit Kamr al Akmar und seinen Wesiren an diese Stelle. Der +verkleidete Prinz ließ Räucherwerk bringen, entzündete die Pfannen, +denen ein süßer, dichter Rauch entquoll, wandte die Augen zum Himmel +und rief unverständliche Worte aus. Dann wandte er sich an den Kaiser +und sagte: »Ich weiß jetzt, daß sich der böse Geist, von dem dieses +Mädchen besessen war, im Leibe eines Pferdes verborgen hält, das aus +schwarzem Ebenholz geschnitzt ist. Wir müssen nun das Tier auffinden, +damit ich den bösen Geist vertreiben kann, denn sonst wird er das arme +Mädchen immer wieder peinigen und irreführen.« Da rief der Kaiser voll +Begeisterung: »O du göttlicher Meistert Du Weisester aller Weisen! Dir +ist gegeben, auch das Verborgene zu erkennen. Denn ich sah neben dem +Mädchen und dem alten Zauberer ein Pferd aus Ebenholz stehen; gewiß +ist es das Tier, das du meinst.« Der Kaiser befahl sogleich, das Pferd +herbeizuführen, und der Prinz prüfte es genau, um zu sehen, ob es +noch unbeschädigt sei. Darauf entzündete er wieder die Räucherpfanne, +warf ein Pulver hinein und beschrieb seltsame Zeichen mit den Händen. +Dann gab er dem Kaiser die Büchse mit Sand, die er mitgenommen hatte, +und sagte: »Streuet diesen Sand in die Flammen, sobald ich auf dem +Pferde sitze, denn diesen Geruch liebt es sehr; aber der böse Geist +wird dadurch bezaubert und muß von hinnen fahren.« — Flugs setzte +sich Kamr al Akmar auf das Roß und hob auch die Prinzessin in den +Sattel; er rieb an dem Wirbel, und das Pferd erhob sich und flog in +die Lüfte wie ein Vogel. Der Kaiser traute seinen Augen nicht und rief +seinen Dienern zu: »Haltet ihn fest!« Die aber sagten: »Der Himmel +behüte uns, das ist ein Teufel oder selbst ein böser Geist!« Der +Kaiser starrte den Entfliehenden unverwandt nach, bis das Pferd in +weiter Ferne entschwunden war. Dann tobte er und rief: »Es gibt keine +Hilfe und keine Macht, außer beim allmächtigen Gott! Hat jemals ein +Auge erblickt, daß ein Mensch in den Lüften reiten kann? Wahrlich, +ich bin hintergangen und von einem Zauberer geblendet worden!« Er +kehrte mit seinen Truppen in die Stadt zurück, ließ den alten Perser +aus dem Verließ heraufholen und schrie: »Du Erbärmlicher! Du hast +mich betrogen, denn du verhehltest mir, daß dein hölzernes Pferd eine +wundersame Kraft besaß. Nun hat ein hergelaufener Schwindler mir das +Mädchen geraubt und all die kostbaren Perlen und Edelsteine, mit denen +ich sie geschmückt hatte.« Der Perser warf sich zu Boden, weinte und +rief: »Ich bin es selbst, der dieses kunstvolle Tier erbaut hat! Der +die Jungfrau entführte, heißt Kamr al Akmar und ist der Sohn des +Königs Sabur von Persien; kein anderer kannte das Geheimnis.« Als der +Kaiser diese Worte vernahm, wurde er rot vor Wut, schloß sich in seine +Gemächer und trauerte lange über den Verlust des schönen Mädchens. + + [Illustration: Sie gab den Befehl, ein reichhaltiges Bankett + vorzubereiten.] + +Der Prinz aber durchflog mit seiner Geliebten die Luft, bis er zur +Hauptstadt seines Vaters gelangte. Er stieg jedoch nicht wieder an dem +Lusthause ab, denn er war durch Schaden klug geworden, sondern ließ +sich im Schloßgarten seines Vaters nieder. Der König war hochbeglückt +über die Ankunft der reizenden Prinzessin und verheiratete sie sogleich +mit seinem Sohne. Das ganze Volk freute sich mit ihnen und jubelte, die +Häuser waren geschmückt, und alle Großen des Reiches kamen in den +Palast und begrüßten die Neuvermählten. König Sabur schickte Boten zu +dem Vater der Prinzessin, gab ihnen die prächtigsten Geschenke mit und +bat um seine Einwilligung zu der Verbindung. Sieben Tage und sieben +Nächte lang dauerten die Lustbarkeiten. Das Zauberpferd aber wurde in +der Schatzkammer aufgestellt und sorglich behütet. — Kamr al Akmar +folgte seinem Vater in der Herrschaft und regierte noch lange und +segensvoll über sein Land, bis ihn der Tod hinwegnahm, der auch die +festesten Bande zu lösen vermag. + + + + + DIE GESCHICHTE VON CHODADAD UND SEINEN BRÜDERN + + +In der Stadt Harran herrschte einst ein sehr reicher und mächtiger +König, der seine Untertanen ebenso liebte, wie er von ihnen geliebt +wurde. Er war sehr weise und tugendsam, und nichts fehlte ihm zu +seinem vollkommenen Glücke, als ein Erbe. Er hatte die schönsten und +lieblichsten Frauen in seinem Serail, aber er konnte keine Kinder von +ihnen erhalten. Täglich bat er den Himmel um seine Gnade, denn er +sehnte sich sehr nach einem Sohne. Eines Nachts, als er in sanftem +Schlummer lag, erschien ihm ein Mann, der blickte ihn sanft und +gütig an, wie ein Heiliger, und sprach zu ihm: »Deine Bitte wird +erfüllt; dir ist gewährt, wonach du verlangst. Sobald du erwachst, +erhebe dich, sprich dein Gebet und beuge zweimal die Knie; dann gehe +hinaus in den Garten deines Schlosses, und laß dir vom Gärtner einen +Granatapfel pflücken; iß davon so viele Kerne, als dir beliebt, und +deine Wünsche werden erfüllt werden.« — Als der König die Augen +aufschlug, erinnerte er sich des verheißungsvollen Traumes, stand auf, +verrichtete sein Gebet und dankte dem Himmel inbrünstig für seine +Huld. Dann machte er zwei Kniebeugungen, ging in den Garten, nahm +fünfzig Körner des Granatapfels und aß sie. Er hatte einen Harem von +fünfzig Beischläferinnen, die wurden nun alle guter Hoffnung; eine aber +von ihnen, die Piruza hieß, wurde nicht schwanger. Deshalb verabscheute +der König sie so, daß er sie umzubringen beschloß. »Gewiß ist sie dem +Himmel verhaßt, weil er sie nicht würdig findet, Mutter eines Knaben +zu werden,« sprach er bei sich. Er hatte schon den Befehl gegeben, sie +zu töten, als sein Wesir ihm sagte, Piruza könne wohl in gesegneten +Umständen sein, auch wenn man es nicht deutlich an ihr bemerkte. »So +soll sie am Leben bleiben,« entgegnete der König unwirsch. »Aber ich +mag sie nicht mehr sehen; ich will, daß sie sogleich mein Schloß +verlasse.« Er befolgte den weisen Rat seines Wesirs und schickte Piruza +zu seinem Vetter, dem Prinzen Samer von Samarien, mit einem Briefe, in +welchem er ihn bat, sie wohl zu empfangen und ihm Nachricht zu geben, +falls sie eines Knaben genesen sei. + +Piruza war aber noch nicht lange fort, da erhielt der König von seinem +Vetter, dem Prinzen Samer, ein Schreiben, das ihm die Geburt eines +Sohnes meldete. Der König freute sich sehr darüber und antwortete +folgendermaßen: »Lieber Vetter, da alle meine anderen Frauen hier +ebenfalls einen Prinzen geboren haben, so haben wir jetzt hier eine +so große Menge Kinder, daß ich Dich bitten muß, den Sohn der Piruza +aufzuziehen. Nenne ihn Chodadad, und schicke ihn mir zurück, wenn ich +Dich darum ersuche.« + +Der Fürst Samer sparte nichts, um seinem Neffen eine gute Erziehung +angedeihen zu lassen. Er unterwies ihn im Bogenschießen, gab ihm +Unterricht im Reiten und lehrte ihn alle Künste, die einem Königssohne +zukommen, so daß Chodadad, als er achtzehn Jahre geworden war, mehr +als alle seine Altersgenossen galt. Seine Kraft und sein Mut waren +außerordentlich, dazu war er herrlich von Angesicht und von würdiger +Gestalt. Da der Prinz einen männlichen Mut in sich fühlte, sprach +er eines Tages zu seiner Mutter: »Liebe Mutter, ich beginne mich in +Samarien zu langweilen; darum beurlaube mich und laß mich hinausziehen +auf das Schlachtfeld, wo ich meine Tapferkeit erproben kann, denn ich +weiß, daß ich hier niemals Ruhm ernten werde. Der König von Harran, +mein Vater, hat viele Feinde, die es danach gelüstet, seinen Frieden zu +stören und ihn mit Krieg zu überziehen. Ich wundere mich sehr, daß er +mich nicht zu Hilfe ruft. Denn ich bin kein Kind mehr, und es frommt +mir nicht, meine Kraft und Tapferkeit zu Hause erlahmen zu lassen. +Warum hat er mich nicht schon längst an seinen Hof gezogen? Alle meine +Brüder dürfen an seiner Seite kämpfen und dem Feinde entgegenreiten; +warum soll ich hier mein Leben müßig versitzen?« Piruza antwortete: +»Mein Sohn, die Trennung von dir schmerzt mich sehr; dennoch wünsche +auch ich, daß dein Name überall mit Preis und Ruhm genannt werde. Es +geziemt dir wohl, dich gegen die Feinde deines Vaters auszuzeichnen, +aber du solltest warten, bis er um deine Hilfe ruft.« — »Wahrlich, +liebe Mutter,« sprach Chodadad, »schon zu lange habe ich diese +Verzögerung ertragen! Ich muß meinen Vater von Angesicht sehen, denn +ich brenne vor Verlangen, ihm meine Dienste anzubieten; ich glaube, daß +ich sterben werde, wenn ich nicht zu ihm eile und ihm die Füße küsse. +Als ein Fremdling und ein Unbekannter will ich in sein Heer eintreten, +und er wird ohne Zweifel mein Anerbieten nicht verschmähen. Mit Kraft +und Ausdauer will ich ihm auf allen Feldzügen folgen, damit ich seine +Achtung verdienen und ihm beweisen kann, daß ich wirklich sein Sohn und +seiner würdig bin.« Der Fürst Samer aber verweigerte seine Einwilligung +und wollte nicht dulden, daß Chodadad ohne Befehl des Königs aufbräche; +der aber machte sich eines Tages auf den Weg unter dem Vorwande, er +wolle auf die Jagd reiten. Er schwang sich auf ein weißes Roß, dessen +Zügel und Hufbeschläge von Golde blinkten. Decke und Sattel waren aus +blauem Atlas, mit Edelsteinen geziert und mit köstlichen Perlen. Er +trug einen Säbel mit einem Griffe, der aus einem einzigen Diamanten +bestand, und die Scheide aus Sandelholz war mit Rubinen und Smaragden +eingelegt und haftete an einem edelsteinblitzenden Gürtel. Über seiner +Schulter hing ein Bogen und ein Köcher, der ganz in Silber getrieben +war. In dieser herrlichen Ausrüstung, geleitet von seinen Freunden, +traf er in der Stadt Harran glücklich ein. Es gelang ihm auch bald, +sich dem Könige vorzustellen. Der Sultan war entzückt von der Schönheit +und dem stattlichen Wuchse des jungen Unbekannten und erwiderte gar +gnädig seinen Gruß; vielleicht auch war es die Macht des Blutes, die +sein Herz für diesen Jüngling wärmer schlagen ließ, — jedenfalls rief +er ihn voll Huld an seine Seite und fragte ihn nach Stand und Namen. +Chodadad neigte sich tief zur Erde und sprach: »Hoher Herr, ich bin der +Sohn eines Emirs in Kairo; Reiselust und die Sehnsucht nach fremden +Ländern trieben mich aus meinem Vaterlande; lange bin ich umhergezogen, +bis mir neulich die Kunde wurde, daß deine Nachbarn dich mit Krieg +überziehen wollen; sofort eilte ich an deinen Hof, denn es gelüstet +mich sehr, dir meine Dienste anzubieten und meinen Mut zu beweisen.« +Der König freute sich über diese mutigen und heldenhaften Worte und +ernannte ihn sogleich zu einem Befehlshaber in seinem Heere. + +Der junge Prinz überwachte die Truppen des Königs aufs sorgfältigste +und erwarb sich schnell die Achtung der Hauptleute und die Bewunderung +und Zuneigung der Soldaten, denn er war milde und gütig zu ihnen +und hielt sie alle in Gehorsam und strenger Zucht. Der König war +entzückt, als er sein Heer in so trefflichem Zustand erblickte, und +machte Chodadad zu seinem besondern Günstling; alle Emire und Wesire +und die übrigen Höflinge bewarben sich um sein Wohlwollen und zeigten +ihm, welch hohe Achtung sie ihm, dem Fremdling, entgegenbrachten. +Die anderen Prinzen aber sahen dies nur mit Neid, und ihr Herz +entbrannte in Ärger und Haß, weil sie vor dem Unbekannten an Bedeutung +und Ansehen verloren. Der König dagegen freute sich von Tag zu Tag +mehr über die kluge und einsichtige Rede und den Verstand und Geist +seines Günstlings, so daß er ihn immer um sich haben wollte und +ihm schließlich sogar die Erziehung und Aufsicht über die andern +neunundvierzig Prinzen anvertraute, trotzdem Chodadad im gleichen +Alter wie seine Brüder war. Ihr Haß wuchs durch diese Maßnahme des +Vaters nur um so heftiger, und eines Tages traten sie zusammen und +berieten sich: »Wie ist es möglich, daß unser Vater diesen Fremdling +mehr liebt, als uns, und ihn sogar zu unserm Erzieher einsetzt? Wir +müssen uns seinen Befehlen unterwerfen und dürfen nichts ohne seine +Erlaubnis tun. Wahrlich, dieser Zwang ist unerträglich; wir müssen +trachten, uns von ihm frei zu machen! Laßt uns darüber nachdenken, wie +wir uns dieses unbequemen Hofmeisters auf die beste Art entledigen +können.« Einer von ihnen meinte: »Wollen wir uns nicht vereinigen und +ihn alle zusammen an einem einsamen Orte totschlagen?« Ein anderer +wandte dagegen ein: »Nein! wenn wir ihn erschlügen, würden wir uns +selbst zu Fall bringen, denn wir könnten unser Tun vor dem Könige nicht +geheimhalten; er würde uns mit seinem Haß verfolgen und uns gewiß alle +des Thrones für verlustig erklären. Ich habe einen andern Rat. Laßt uns +zu einer List greifen. Wir wollen darum bitten, auf die Jagd reiten zu +dürfen; wenn wir weit genug vom Palaste entfernt sind, dann wollen wir +in irgendeiner Stadt bleiben und uns dort eine geraume Zeit aufhalten. +Sicherlich wird dann der König über unsre Abwesenheit verwundert sein +und sich grämen; und wenn wir nicht mehr zurückkehren, wird er Argwohn +hegen und die Geduld verlieren und dann unsern Peiniger gewiß fortjagen +oder töten lassen. Dies scheint mir der sicherste Weg zu sein, um den +Verhaßten aus dem Wege zu räumen.« + +Dieser Vorschlag wurde allgemein anerkannt und fand ungeteilten +Beifall. Die Brüder gingen nun zu Chodadad und ersuchten ihn darum, +auf die Jagd ziehen zu dürfen, zugleich versprachen sie, mit +Sonnenuntergang desselben Tages zurückzukommen. Er ging auch in die +Schlinge und gewährte ihnen ihre Bitte. Sie ritten fort, kehrten aber +weder an diesem, noch am nächsten Tage ins Schloß zurück. Drei Tage +waren vergangen, da wurde der König unruhig und fragte Chodadad: »Ich +vermisse die Prinzen sehr; warum zeigt sich keiner vor meinem Throne?« +— »Erhabener Herr,« erwiderte dieser, »sie baten mich darum, auf die +Jagd reiten zu dürfen; aber sie versprachen mir, bald heimzukehren, +und ich bin selbst in Sorge, weil sie ihr Wort nicht gehalten haben.« +Der König war ratlos, und seine Unruhe wuchs. Als auch der folgende +Tag verstrich und die Prinzen nicht erschienen, konnte er seine Wut +kaum zurückhalten und sprach zu Chodadad in hellem Zorne: »Nachlässiger +Fremdling, wie konntest du so verwegen sein und meine Söhne allein zur +Jagd reiten lassen, ohne sie zu begleiten? Wahrlich, du verwaltest das +Ehrenamt schlecht, das ich dir anvertraut habe! Mache dich sogleich +auf und suche sie; wenn du sie aber nicht zurückbringst, so werde ich +dich des schrecklichsten Todes erbleichen lassen!« Bei diesen Worten +erschauderte Chodadad und erschrak sehr; auf der Stelle schwang er +sich auf sein Roß und ritt zur Stadt hinaus, um nach den Verlorenen +zu forschen. Gleich einem Hirten, dessen Herde sich verirrt hat, zog +er von Land zu Land, durchstreifte alle Gefilde und fragte in allen +Dörfern; aber weder in der Wüste, noch in den Städten konnte er eine +Spur von den Prinzen finden. Da wurde er sehr traurig und rief in +heftiger Bekümmernis: »O meine Brüder, wohin seid ihr verschlagen? Hat +euch ein grimmiger Feind erbeutet, oder ist euch ein anderes Unglück +widerfahren? Niemals kann ich an den Hof von Harran zurückkehren, denn +der König wird vor Herzeleid und Verdruß mir seine Gnade gewiß nie +wieder zuwenden.« Er fand keinen Trost darüber und bereute bitterlich, +daß er die Prinzen ohne seine Begleitung hatte auf die Jagd ziehen +lassen. + +Schon lange war er von Feld zu Feld und Wald zu Wald gezogen, als +er an eine sehr große und weite Ebene gelangte, in deren Mitte ein +riesiger Palast aus schwarzem Marmor stand. Langsam und vorsichtig +ritt er darauf zu und erblickte an einem Fenster ein Fräulein von +wunderbarer Schönheit, das mit keinen anderen Reizen, als mit ihrer +eigenen Lieblichkeit geschmückt war; denn ihre Kleider waren zerrissen, +ihre Haare hingen gelöst und verwirrt, und auf ihrem Gesicht lagen +die Züge tiefster Kümmernis und nagender Trauer. Als Chodadad so nahe +herangekommen war, daß er ihre Worte hören konnte, vernahm er folgende +Warnung: »Fliehe vor diesem verhängnisvollen Palaste, Jüngling, sonst +wirst du in die Hände des Ungeheuers fallen, das hier wohnt! Ein +schwarzer Menschenfresser haust in diesen Räumen; er ergreift alle +Leute, welche das Unglück in diese Ebene geschickt hat, und sperrt +sie in finstere, enge Kerker ein und befreit sie nur, wenn er sie +auffressen will.« Chodadad verwunderte sich über diese Rede und rief: +»Sage mir, Herrin, wer du bist und woher du stammst! Wegen mir sei +unbesorgt.« Sie erwiderte: »Ich stamme aus einem edlen Hause und bin +aus Kairo gebürtig; neulich, als ich auf einer Reise nach Bagdad in +diese Ebene kam und an dem Schlosse vorbeizog, begegnete mir der +Abessinier, erschlug alle meine Leute und schleppte mich in diesen +Palast, wo er mich jetzt in Gewahrsam hält. Ich fürchte den Tod nicht, +aber ein gräßliches Unglück steht mir noch bevor; denn dieses Scheusal +verlangt von mir, daß ich mich seinen unreinen Liebkosungen ergeben +soll! Wenn ich mich ihm morgen nicht willfährig zeige und mich seinen +rohen Lüsten nicht ausliefere, wird er mich schänden und mir Gewalt +antun. Eile von hinnen und rette dich, ehe der Schwarze zurückkommt! Er +ist vorhin ausgegangen, um einige Wanderer zu verfolgen und wird bald +heimkehren. Du darfst keine Zeit verlieren, denn das Ungeheuer sieht +weit und breit, wer durch die Ebene zieht, und wird dich gewiß fangen +und in eine dunkle Zelle werfen.« + +Kaum hatte die Jungfrau diese Worte gesprochen, als der Abessinier +erschien; er war riesengroß und hatte furchtbare Züge, ritt auf einem +mächtigen tatarischen Pferde und trug ein breites, langes Schwert, das +niemand schwingen konnte, außer ihm. Der Prinz Chodadad entsetzte sich +gewaltig über diese Erscheinung, und sein Herz krampfte sich zusammen; +er betete leise und empfahl sich dem Schutze Gottes. Dann zog er sein +Schwert und erwartete mutig und unerschrocken den Abessinier, welcher +seinen Gegner für so schwach hielt, daß er ihm zurief, er möge sich +ohne Widerrede ergeben, denn er wolle ihn lebendig fangen. Chodadad +aber war entschlossen, um sein Leben zu kämpfen, sprengte auf ihn zu, +packte seine Klinge und versetzte dem Schwarzen einen so kraftvollen +Hieb in das Knie, daß er ein lautes Geschrei erhob und vor Wut +schäumte, so daß die ganze Ebene von seinem Geheul erscholl. Rasend vor +Schmerz, erhob sich der Schwarze in seinen Steigbügeln und ließ sein +Schwert herabsausen, um Chodadad mit einem einzigen Streiche zu Boden +zu schlagen. + +Der Prinz wäre wie Gurke gespalten worden, wenn er nicht seine +Geschicklichkeit gezeigt hätte; aber mit einer gewandten Schwenkung +seines Rosses wich er dem Hiebe aus und versetzte selbst dem Mohren +einen zweiten Streich von solcher Gewalt, daß er ihm die rechte Hand +abhieb, die den Schwertgriff gepackt hielt. Die Klinge fiel zugleich +mit der Faust zu Boden, und der Schwarze war von der Heftigkeit des +Schlages so erschüttert, daß er das Gleichgewicht verlor und aus dem +Sattel sank, so daß die Erde weithin von dem Anprall erdröhnte. Behende +schwang sich der Prinz von seinem Pferde, trennte den Kopf des Feindes +vom Rumpfe und warf ihn in großem Bogen über das Feld. Das Fräulein +hatte aus dem Fenster dem furchtbaren Kampfe zugeschaut und fortwährend +innige Gebete für den tapfern Jüngling zum Himmel emporgeschickt; +als sie den Fall des Ungetüms erblickte, schrie sie laut auf vor +Überraschung und Entzücken und rief dem Prinzen zu: »Preis und Ehre +sei dem allmächtigen Gott, der dir die Kraft und den Mut verliehen +hat, dieses Ungeheuer zu vernichten: Wahrlich, nur bei Allah ist +Schutz und Hilfe! Nun aber gehe hin zu dem Abessinier, und nimm die +Schlüssel zum Palaste, die er bei sich trägt; öffne das Tor und befreie +mich aus meinem Kerker!« Chodadad folgte ihren Worten und fand die +Schlüssel am Gürtel des Erschlagenen, dann öffnete er die Pforte und +trat in einen großen Saal, wo er das Fräulein antraf, daß ihm voll +Jubel entgegeneilte. Sie wollte sich ihm aus Dankbarkeit zu Füßen +werfen, doch er hinderte sie daran. Sie pries ihn wegen seines Mutes +und erhob ihn über alle Helden der Erde; er aber erwiderte ihren Gruß +und ihre Höflichkeit, denn er sah, daß sie in der Nähe noch reizender +und liebenswürdiger war, als von ferne. Darum freute sich der Prinz +ebensosehr über ihre Befreiung, als darüber, daß er sich dem schönen +Mädchen hatte gefällig erweisen können; er setzte sich zu ihr, rastete +und plauderte mit ihr. + +Plötzlich vernahm Chodadad Schreien und Jammern und Stöhnen und fragte +das Mädchen erstaunt und erschrocken: »Woher kommen diese kläglichen +Töne, die an mein Ohr dringen?« Sie deutete mit dem Finger auf eine +niedrige Pforte in der Ecke des Hofes und sagte: »Mein Prinz, von +dorther klingt das Geschrei. Dort härmen sich viele Elende in ihrem +Kerker, die das Unglück in die Klauen dieses Ungeheuers fallen ließ; +der Schwarze fesselte sie und warf sie ins Gefängnis, damit er jeden +Tag einen von ihnen braten und fressen könnte.« Der Prinz freute sich +über diese Kunde, und seine Augen leuchteten. »Wie glücklich bin ich,« +rief er aus, »daß ich diesen Unglücklichen das Leben wiedergeben kann! +Komm, Herrin, und zeige mir den Weg zu ihren Zellen; du wirst gewiß +meine Freude teilen, da du selbst dem Unheil entronnen bist, das dir +täglich drohte.« Sie näherten sich zusammen den Kerkertüren, und immer +lauter wurde das Kreischen und Weinen der Gefangenen, so daß Chodadad +erschauderte. Eilends stieß er einen der Schlüssel in das Schloß, aber +er hatte nicht den rechten gefaßt und mußte einen andern nehmen; mit +dem öffnete er hastig das Tor. Da die Unglücklichen das Rasseln der +Schlüssel vernahmen, glaubten sie, daß der Mohr zu ihnen herabsteige, +um ihnen wie gewöhnlich Speise zu bringen und sich einen von ihnen zur +Nachtmahlzeit auszusuchen; jeder fürchtete, daß die Reihe an ihn käme, +und so wuchs das Gestöhn und Geschrei, daß es klang, als ob aus dem +Mittelpunkte der Erde unaufhörlich Seufzer und Klagelaute herauftönten. + +Als der Prinz die Türe geöffnet hatte, fand er eine sehr steile und +tiefe Treppe, auf welcher er in eine finstere und feuchte Höhle +hinabklomm; darin waren mehr als hundert Menschen mit gefesselten +Gliedern an Pfähle festgebunden; durch ein kleines rundes Loch schien +das spärliche Licht des Tages herein. Er rief ihnen zu: »Ihr armen +Unglücklichen, fürchtet euch nicht mehr, denn ich habe das Ungeheuer +erschlagen; preiset mit mir den erhabenen Allah, der euch durch meinen +Arm erlöst hat! Ich komme, um euch die Fesseln abzunehmen und euch die +Freiheit wiederzugeben.« Als die Gefangenen diese frohe Kunde hörten, +erhoben sie vor Seligkeit und Entzücken ein lautes Geschrei. Chodadad +und das Mädchen begannen nun, die Eingesperrten loszubinden, so daß +sie bald alle ihrer Fesseln ledig waren. Sie küßten Chodadad die +Füße, dankten ihm und stiegen mit ihm aus der tiefen Grube ans Licht +herauf. Wie verwunderte sich Chodadad, als sie in den besonnten Hof +traten und er unter den Gefangenen auch seine Brüder erkannte, die zu +finden er so lange umhergeirrt war! Rief Chodadad: »Ruhm und Preis sei +dem Herrn, daß ihr mir wiedergegeben seid! Täuschen mich meine Augen +nicht? Seid ihr es, liebe Prinzen? Der König, euer Vater, trauert sehr +und härmt sich über euer Ausbleiben; wie froh bin ich, daß ich euch +meinem edlen Herrn zurückführen kann!« Die neunundvierzig Prinzen +umarmten ihren Erretter und dankten ihm im Übermaße des Glückes; dann +erzählten sie ihm, auf welche Weise sie in die Gewalt des grausamen +Abessiniers gefallen waren. Chodadad bereitete allen Gefangenen ein +Gastmahl, dann durchforschte er mit ihnen den Palast und entdeckte +untermeßliche Schätze: chinesische Seidenstoffe, Atlas, Brokat, Gold +und Silber und unzählige Warenstücke, welche der Mohr den Karawanen +nach und nach geraubt hatte. Der Prinz forderte nun einen jeden auf, +sein Eigentum zu suchen und wieder an sich zu nehmen, und was noch +übrigblieb, das verteilte er zu gleichen Teilen unter sie alle. Dann +sagte er zu ihnen: »Wie aber wollt ihr eure Ballen fortbringen, da wir +hier in der Wüste sind und keine Lasttiere finden?« Sie antworteten: +»Herr, der Abessinier hat uns mitsamt unseren Waren auch unsere Kamele +geraubt; sicherlich stehen sie noch in den Ställen dieses Schlosses.« +Sie begaben sich in die Stallungen und fanden nicht nur die Kamele der +Kaufleute, sondern auch die neunundvierzig Pferde der Prinzen, die dort +angebunden waren. In den Ställen hockten aber auch viele abessinische +Sklaven; als sie sahen, daß die Gefangenen alle befreit waren, wußten +sie, daß ihr Herr tot war und flohen vor Schrecken auf geheimen Wegen +hinaus in den Wald; und keiner dachte daran, sie zu verfolgen. Die +Kaufleute packten ihre Waren voll Freude auf die Rücken der Kamele, +dankten dem Prinzen nochmals, wünschten ihm Glück und Segen und machten +sich alsbald auf den Heimweg. Lange blickte ihnen Chodadad in Gedanken +versunken nach, bis sie fern in der flimmernden Wüste verschwunden +waren; dann wandte er sich an das Fräulein und sprach zu ihr: »Edle +und schöne Dame, sag mir, woher du kamst, als der Abessinier dich +überfiel, und wohin du jetzt zu reisen gedenkst. Ich will dich wieder +in deine Heimat führen, und ohne Zweifel werden alle diese Prinzen dir +gern das Geleit geben.« + +»Mein Retter,« entgegnete das Fräulein, »ich stamme aus einem fernen +Lande, ich lebe in Ägypten, und der Weg ist so weit, daß ich dein +Anerbieten abweisen muß, um deine Großmut nicht länger zu mißbrauchen. +Vorhin sagte ich dir, ich sei ein Mädchen aus Kairo; aber da du mir das +Leben gerettet und mir so viel Edles erwiesen hast, wäre es undankbar +und stünde es mir übel an, wenn ich dir meine Geschichte länger +verhehlen wollte. Ich bin die Tochter eines weitbekannten Königs, der +über Said regiert; ein Räuber bemächtigte sich seines Thrones und +nahm ihm das Leben; da entfloh ich, um meine Ehre zu retten.« Nach +diesen Worten baten Chodadad und seine Brüder die Prinzessin, ihnen +ihre Geschichte zu erzählen und was ihr widerfahren sei, und sprachen +zu ihr: »Wir werden alles aufbieten, damit du hinfort in Glück und +Wohlstand leben kannst, denn wir wollen dich schützen und dir dein +Reich wieder gewinnen helfen.« Als sie sah, daß sie die Neugierde der +Brüder befriedigen mußte, begann sie mit folgenden Worten: + + + + + GESCHICHTE DES PRINZEN ACHMED UND DER FEE PARI BANU + + +Es war einmal ein Sultan, welcher nach einer vieljährigen friedlichen +Regierung im Alter die Freude hatte, zu sehen, daß seine drei Prinzen, +als würdige Nachahmer seiner Tugenden, nebst einer Prinzessin, die +seine Nichte war, die Zierde seines Hofes ausmachten. Der älteste von +diesen Prinzen hieß Hussain, der zweite Aly, der jüngste Achmed und +seine Nichte Nurunnihar. + +Die Prinzessin Nurunnihar war die Tochter des jüngsten Bruders des +Sultans, der schon wenige Jahre nach seiner Vermählung gestorben +war und sie als zarte Waise zurückgelassen hatte. Mit einer +unvergleichlichen Schönheit und mit allen Vollkommenheiten des Körpers +verband die Prinzessin einen ebenso außerordentlichen Verstand, und +ihre fleckenlose Tugend zeichnete sie unter allen Prinzessinnen ihrer +Zeit aus. + +Der Sultan, als Oheim der Prinzessin, der sich schon längst vorgenommen +hatte, sie, wenn sie mannbar geworden sein würde, zu verheiraten und +durch ihre Vermählung ein Verwandtschaftsbündnis mit irgendeinem +benachbarten Fürsten anzuknüpfen, dachte jetzt um so ernsthafter daran, +da er bemerkte, daß seine drei Prinzen dieselbe leidenschaftlich +liebten. Er betrübte sich darüber außerordentlich, nicht sowohl +deswegen, weil ihre Zuneigung ihn hinderte, die beabsichtigte +Verbindung zu schließen, als vielmehr wegen der Schwierigkeit, sie alle +drei über diesen Punkt zu einigen und die beiden jüngeren wenigstens +zu veranlassen, die Prinzessin dem ältesten zu überlassen. Er sprach +mit jedem von ihnen besonders, und machte ihnen die Unmöglichkeit klar, +daß eine einzige Prinzessin drei Männer auf einmal heiraten könne, und +zugleich, welche Uneinigkeit daraus entstehen würde, wenn sie alle +drei bei ihrer Leidenschaft beharrten. Er bot alles auf, um sie zu +bewegen, daß sie entweder der Prinzessin die entscheidende Wahl unter +ihnen dreien überlassen oder selber von ihren Ansprüchen abstehen, an +eine andere Wahl denken und sie mit einem auswärtigen Prinzen vermählen +lassen sollten. Doch als er bei ihnen auf eine unüberwindliche +Hartnäckigkeit stieß, ließ er sich alle drei kommen und richtete die +folgenden Worte an sie: + +»Meine Kinder, da es mir nicht gelungen ist, euch zu eurem Glück und +zu eurer Ruhe dahin zu vermögen, daß ihr euch nicht weiter um die Hand +meiner Nichte bewerben möchtet, und ich von meinem väterlichen Ansehen +nicht Gebrauch machen und sie einem von euch geben will, so glaube ich +ein Mittel gefunden zu haben, um euch alle zufrieden zu stellen und +die Einigkeit unter euch zu erhalten, sofern ihr anders auf mich hören +und das, was ich euch sagen werde, tun wollt. Ich finde es nämlich am +passendsten, daß ihr alle drei, doch jeder anderswohin, eine Reise +macht, so daß ihr euch durchaus nicht treffen oder begegnen könnt, +und da ihr wißt, wie neugierig ich auf alles bin, was in seiner Art +selten und einzig ist, so verspreche ich die Prinzessin demjenigen zur +Gemahlin zu geben, der mir die außerordentlichste Seltenheit mitbringen +wird. Ihr sollt dann selber über die Vorzüglichkeit der von euch +mitgebrachten Sachen entscheiden und euch selbst euer Urteil sprechen, +indem ihr den Vorzug demjenigen unter euch gebet, der ihn verdient. Zu +den Reisekosten und zu dem Ankauf von Seltenheiten, die ihr euch zu +verschaffen suchen werdet, will ich jedem von euch eine eurem Stand +angemessene Summe mitgeben. Indes, ihr dürft sie nicht auf Reisegefolge +oder Reisegepäck verwenden, weil ihr dadurch verraten würdet, wer ihr +seid und dadurch jede Freiheit einbüßen würdet, deren ihr nicht bloß +zur Ausführung dieses Planes, sondern auch sonst noch bedürft, um alles +das, was eurer Aufmerksamkeit wert ist, beobachten zu können.« + + [Illustration: Piruza, die Schönste und Ehrenhafteste von allen.] + +Da die Prinzen sich stets den Wünschen des Vaters willig gefügt +hatten, und da überhaupt ein jeder von ihnen hoffte, das Glück werde +ihm günstig sein und ihm den Besitz der Prinzessin Nurunnihar +verschaffen, so antworteten sie ihm, daß sie ihm zu gehorchen bereit +wären. Ohne Verzug ließ ihnen nun der Sultan die versprochene Summe +auszahlen, und noch denselben Tag gaben sie ihre Befehle zu den +Vorbereitungen zur Reise, ja sie nahmen sogar von ihrem Vater, dem +Sultan, Abschied, um den folgenden Tag ganz früh schon abreisen zu +können. Sie zogen alle drei, mit allem Nötigen wohl versehen und +ausgerüstet und als Kaufleute verkleidet, zu einem und demselben Tore +der Stadt hinaus, jeder bloß von einem einzigen vertrauten Diener in +Sklavenkleidern begleitet. So gelangten sie miteinander bis zur ersten +Nachtherberge, wo der Weg sich in dreifacher Richtung teilt und wo sich +jeder einen Weg zur Fortsetzung seiner Reise wählen konnte. Als sie +hier miteinander die Abendmahlzeit verzehrten, verabredeten sie sich +untereinander, daß ihre Reise gerade ein Jahr dauern sollte, und sie +bestellten sich nach Ablauf dieser Frist wieder in dieselbe Herberge, +mit der Bedingung, daß, wer zuerst da einträfe, auf den andern, und +beide dann auf den dritten warten sollten, so daß sie alle drei, so wie +sie miteinander zugleich von ihrem Vater Abschied genommen, auch bei +ihrer Rückkehr sich ihm alle zusammen wieder vorstellen könnten. Den +folgenden Morgen stiegen sie bei Tagesanbruch zu Pferde, und nachdem +sie sich umarmt und einander glückliche Reise gewünscht hatten, schlug +jeder von ihnen einen von den drei Wegen ein. + +Der Prinz Hussain, der älteste von den drei Brüdern, welcher viel von +der Größe, der Macht, dem Reichtum und dem Glanze des Königreichs +Bisnagar hatte erzählen hören, nahm seine Richtung nach dem indischen +Meere. Nach einer Reise von etwa drei Monaten, auf der er sich an +verschiedene Karawanen anschloß und bald öde Wüsten und Gebirge, bald +sehr bevölkerte, angebaute und fruchtbare Länder durchzog, gelangte +er endlich nach Bisnagar, welches die Hauptstadt des gleichnamigen +Königreichs und zugleich der Sitz der Könige dieses Landes ist. Er +kehrte in einen Chan ein, in welchem die fremden Kaufleute abzusteigen +pflegten, und da er hörte, daß es hauptsächlich vier Orte in der Stadt +gäbe, wo die Kaufleute und Verkäufer aller Arten von Handelswaren +ihre Läden hatten, begab er sich gleich am folgenden Tage nach einem +dieser Plätze. In der Mitte desselben lag das Schloß oder vielmehr der +königliche Palast, welcher einen großen Raum einnahm und gleichsam den +Mittelpunkt der Stadt bildete, die drei Ringmauern hatte und deren Tore +zwei volle Stunden Weges weit voneinander entfernt waren. + +Der Prinz Hussain konnte das Stadtviertel, in dem er sich befand, nicht +ohne Verwunderung betrachten. Es war sehr geräumig, und von mehreren +Straßen durchschnitten, welche gegen die Sonnenglut oben überwölbt +und doch alle sehr hell waren. Die Kaufläden waren alle gleich groß +und von ein und derselben Form, und die Läden derjenigen Kaufleute, +welche dieselben Waren verkauften, waren nicht zerstreut, sondern in +ein und derselben Straße beisammen, und ebenso war es mit den Buden der +Handwerker. + +Die Menge der Läden, welche mit derselben Gattung von Waren angefüllt +waren, wie z. B. mit den feinsten indischen Schleiertüchern, mit +buntgemalten Linnentüchern, welche in den lebhaftesten Farben ganze +Landschaften, Menschen, Bäume und Blumen darstellten, mit Brokat +und Seidenstoffen aus Persien, China und andern Orten, ferner mit +japanischem Porzellan oder Fußteppichen von allen Gattungen und von +jeder Größe, überraschte ihn so sehr, daß er nicht wußte, ob er seinen +eignen Augen trauen dürfte. Doch als er zu den Läden der Goldschmiede +und Juweliere kam — beide Gewerbe wurden nämlich von einer und +derselben Klasse von Kaufleuten betrieben —, war er beim Anblick der +ungeheuren Menge trefflicher Gold- und Silberarbeiten ganz außer sich +und wie geblendet von dem Glanze der Perlen, der Diamanten, Smaragde, +Rubine, Saphire und anderer Edelsteine, die hier in Fülle zum Verkauf +ausgeboten wurden. Wenn er nun schon über so viele, an einem einzigen +Orte aufgehäufte Reichtümer verwundert war, so mußte er sich noch +mehr über den Reichtum des Königreichs im allgemeinen wundern, als er +bemerkte, daß — mit Ausnahme der Brahmanen und der Tempeldiener, +die es zu ihrem Berufe machten, fern von den Eitelkeiten der Welt +zurückgezogen zu leben — es im ganzen Reiche nicht leicht einen Inder +oder eine Inderin gab, die nicht Hals- und Armbänder, Schmuck an den +Schenkeln und Füßen von Perlen und Edelsteinen gehabt hätten, die um so +glänzender erschienen, als die Hautfarbe der sämtlichen Einwohner so +schwarz war, daß sie den Glanz derselben bedeutend hob. + +Nachdem Prinz Hussain das ganze Stadtviertel von Straße zu Straße +durchkreuzt und den Kopf ganz voll von den Reichtümern hatte, die +sich seinen Augen darboten, empfand er endlich das Bedürfnis, etwas +auszuruhen. Er sagte dies einem Kaufmann und dieser lud ihn sehr +höflich ein, in seinen Laden einzutreten und sich zu setzen, was er +denn auch annahm. Er hatte noch nicht lange dagesessen, als er einen +Ausrufer vorübergehen sah, mit einem Teppich von etwa sechs Fuß ins +Geviert, den er zu einem Preise von dreißig Beuteln ausbot. Er rief +den Ausrufer heran und wünschte den Teppich zu sehen, der ihm nicht +bloß wegen seiner Kleinheit, sondern auch in Hinsicht auf die Güte +viel zu teuer ausgeboten zu werden schien. Als er den Teppich genug +besichtigt hatte, sagte er zu dem Ausrufer, daß er nicht begreife, wie +ein so kleiner und so unscheinbarer Fußteppich zu einem so hohen Preise +feilgeboten werden könne. + +Der Ausrufer, welcher den Prinzen für einen Kaufmann hielt, antwortete +ihm: + +»Gnädiger Herr, wenn Euch dieser Preis schon so übermäßig hoch +vorkommt, wie werdet Ihr Euch erst wundern, wenn ich Euch sage, daß ich +Befehl habe, ihn bis zu vierzig Beuteln zu steigern und ihn bloß für +diesen Preis, und zwar in barem Gelde abzulassen.« + +»So muß er,« erwiderte der Prinz, »diesen Preis um irgend einer +Eigenschaft willen wert sein, die mir unbekannt ist.« + +»Ihr habt es erraten, edler Herr,« antwortete der Ausrufer, »und Ihr +werdet mir gewiß zugeben, daß der Preis nicht zu hoch ist, wenn Ihr +erst wißt, daß, wenn man sich auf diesen Teppich setzt, man sich auf +ihm überall hin versetzen kann, wohin man sich wünscht, und daß man +augenblicklich da ist, ohne daß einem irgendein Hindernis unterwegs +zustoßen kann.« + +Diese Äußerungen des Ausrufers bewirkten, daß der Prinz von Indien, +mit Rücksicht darauf, daß der Hauptzweck seiner Reise ja doch nur der +sei, seinem Vater, dem Sultan, irgendeine Seltenheit mitzubringen, der +Meinung wurde, er könne nicht leicht einer Sache habhaft werden, die +dem Sultan mehr Freude zu machen imstande wäre. + +»Wenn der Teppich,« sagte er zu dem Ausrufer, »wirklich die Eigenschaft +hätte, die du ihm beilegst, so würde ich den dafür verlangten Preis von +vierzig Beuteln nicht zu hoch finden, ja, ich könnte mich wohl selbst +entschließen, auf diesen Preis einzugehen und außerdem dir noch ein +Geschenk zu machen, womit du gewiß zufrieden sein würdest.« + +»Gnädiger Herr,« erwiderte der Ausrufer, »ich habe Euch die Wahrheit +gesagt, und es wird mir leicht sein, Euch davon zu überzeugen, wenn Ihr +erst den Handel für vierzig Beutel eingegangen seid, mit der Bedingung, +daß ich Euch zuvor einen Versuch der Art machen lasse. Da Ihr nun die +vierzig Beutel nicht hier habt, und ich Euch doch, um sie in Empfang +zu nehmen, erst nach dem Chan begleiten müßte, wo Ihr als Fremder +eingekehrt seid, so wollen wir mit Erlaubnis des Besitzers in diesen +Laden treten. Dort werde ich den Teppich ausbreiten, und wenn wir uns +beide darauf gesetzt haben und Ihr den Wunsch geäußert haben werdet, +mit mir nach Eurem Zimmer in dem Chan versetzt zu sein und es nicht +auf der Stelle in Erfüllung geht, so soll der Handel ungültig und Ihr +zu nichts verpflichtet sein. Was das Geschenk betrifft, so werde ich +es — da meine Mühe mir ja von dem Verkäufer bezahlt werden muß — als +eine Gnade betrachten, die ihr mir erzeigt, und für die ich Euch stets +verpflichtet sein werde.« + +Der Prinz ging im Vertrauen auf die Redlichkeit des Ausrufers auf +diesen Vorschlag ein. Er schloß den Kauf unter der erwähnten Bedingung +ab und trat mit Erlaubnis des Kaufmanns in den Laden ein. Der Ausrufer +breitete den Teppich aus, beide setzten sich darauf, und kaum hatte +der Prinz den Wunsch, in das Zimmer seines Chans versetzt zu werden, +geäußert, so befanden sie sich auch schon dort, und zwar in derselben +Lage. Da er weiter keine Versicherung für die Kraft des Teppichs mehr +bedurfte, zahlte er dem Ausrufer die Summe von vierzig Beuteln in +Gold aus und fügte noch für ihn besonders ein Geschenk von zwanzig +Goldstücken hinzu. + +So war denn nun der Prinz Hussain Besitzer des Teppichs und hatte die +Freude, gleich bei seiner Ankunft in Bisnagar ein so seltnes Stück an +sich gebracht zu haben, das, wie er nicht zweifelte, ihm den Besitz +der Prinzessin Nurunnihar verschaffen mußte. In der Tat hielt er es +für unmöglich, daß seine beiden jüngeren Brüder etwas von ihrer Reise +mitbringen könnten, daß mit demjenigen verglichen werden könnte, was er +so glücklich gewesen war, zu finden. Er hätte sich jetzt nicht länger +in Bisnagar aufzuhalten brauchen, denn der Teppich ermöglichte es ihm, +sich in einem Augenblick nach dem verabredeten Zusammenkunftsort zu +versetzen. Allein da er dann so lange hätte warten müssen, bechloß er, +da er neugierig war, noch einige Monate zu bleiben, um den König von +Bisnagar und seinem Hofe, sowie seine Streitkräfte, Gesetze, Sitten, +die Religion und die Verfassung des Reichs kennen zu lernen. + +Das tat er denn auch und er sah so viele merkwürdige Dinge, daß er +sich wohl bis zum Ablauf des Jahres hätte angenehm zerstreuen können, +nach welchem er sich, der Verabredung gemäß, wieder mit seinen +Brüdern zusammenfinden wollte; allein, da er auch durch das, was er +gesehen, völlig befriedigt und beständig mit dem Gegenstand seiner +Liebe beschäftigt war, dünkte ihm, sein Gemüt werde ruhiger und er +selber zugleich seinem Glücke näher sein, wenn er durch eine geringere +Ferne von ihr getrennt wäre. Nachdem er daher dem Wirte des Chans +den Mietzins für das Zimmer, welches er innegehabt, bezahlt und ihm +die Stunde bezeichnet hatte, wo er sich den Schlüssel seines Zimmers +abholen könne, ging er, ohne ihm weiter zu sagen, wie er abreisen +würde, in sein Gemach, machte die Tür hinter sich zu, ließ aber den +Schlüssel darin stecken. Hier breitete er den Teppich aus und setzte +sich mit seinem vertrauten Diener darauf. Sodann sammelte er seine +Gedanken, und kaum hatte er recht ernstlich gewünscht, daß er doch +in der Herberge sein möchte, wo seine Brüder mit ihm zusammentreffen +sollten, als er auch schon da war. Er kehrte dort ein, indem er sich +für einen reisenden Kaufmann ausgab, und erwartete die andern. + +Der jüngere Bruder Hussains, Prinz Aly, welcher sich eine Reise nach +Persien vorgenommen hatte, war mit einer Karawane, an die er sich +schon am dritten Tage nach der Trennung von seinen beiden Brüdern +angeschlossen, dahin abgegangen. Nach einer Reise von beinahe vier +Monaten kam er endlich nach Schiras, welches damals die Hauptstadt +des persischen Reiches war. Da er unterwegs mit einer kleinen Anzahl +von Kaufleuten Bekanntschaft und Freundschaft geschlossen hatte, doch +ohne sich ihnen weiter zu erkennen zu geben, nahm er seine Wohnung in +demselben Chan mit ihnen. + +Den folgenden Tag, während die anderen Kaufleute ihre Warenballen +öffneten, zog der Prinz Aly andere Kleider an und ließ sich nach +dem Orte führen, wo Edelsteine, Gold- und Silberarbeiten, Brokat, +Seidenstoffe, feine Schleiertücher und andere seltene und kostbare +Waren zu verkaufen waren. Dieser Ort, der sehr geräumig und sehr +dauerhaft angelegt war, war oben überwölbt, und das Gewölbe wurde +von dicken Pfeilern getragen; die Buden aber waren teils um diese +herum, teils an den Mauern entlang, sowohl von innen, als von außen +angelegt. Der Ort selbst war in Schiras allgemein unter dem Namen +Besastan bekannt. Gleich anfangs durchstreifte der Prinz Aly den +Besastan in die Länge und die Breite und nach allen Seiten und schloß +voll Verwunderung aus der erstaunlichen Menge kostbarer Waren, die er +ausgelegt sah, auf die Reichtümer, die da beisammen sein möchten. Unter +allen Ausrufern, welche da kamen und gingen und die verschiedensten +Sachen zum Kauf ausboten, sah er zu seinem Erstaunen auch einen, der +ein elfenbeinernes Rohr in der Hand hielt, das etwa einen Fuß lang und +von der Dicke eines Daumens war, welches er um einen Preis von dreißig +Beuteln ausrief. Anfangs glaubte der Prinz, der Ausrufer sei nicht +recht bei Verstande. Um sich darüber Auskunft zu verschaffen, trat er +in den Laden eines Kaufmanns und sagte zu diesem, indem er auf den +Ausrufer hindeutete: + +»Herr, sagt mir doch, ich bitte Euch, ob ich mich täusche. Ist jener +Mann, der ein kleines elfenbeinernes Rohr zu einem Preise von dreißig +Beuteln ausbietet, wohl bei völligem Verstande?« + +»Herr,« erwiderte der Kaufmann, »wenn er nicht etwa seit gestern seinen +Verstand verloren hat, so kann ich Euch nur sagen, daß er der klügste +unter allen unseren hiesigen Ausrufern ist und zugleich am meisten +gesucht ist, wenn man Sachen verkaufen will, weil man zu ihm am meisten +Zutrauen hat. Was indes jenes Rohr betrifft, das er zu einem Preise von +dreißig Beuteln ausruft, so muß es wohl aus irgendeinem Grunde, den +wir nicht wissen, soviel und vielleicht noch mehr wert sein. Er wird +augenblicklich wieder hier vorbeikommen, wir wollen ihn dann anrufen, +und Ihr mögt Euch selber über die Sache unterrichten. Unterdes könnt +Ihr Euch ja auf mein Sofa hier setzen und etwas ausruhen.« + +Prinz Aly lehnte das höfliche Anerbieten des Kaufmanns nicht ab, und +kaum hatte er eine Weile dagesessen, als der Ausrufer schon wieder +vorbeiging. Der Kaufmann rief ihn beim Namen, und jener trat herein. +Hierauf sagte er zu ihm, indem er auf den Prinzen hinwies: + +»Gebt einmal diesem Herrn da Antwort, der mich fragt, ob Ihr wohl bei +Verstande wärt, daß Ihr ein elfenbeinernes Rohr, daß so wenig Wert zu +haben scheint, für dreißig Beutel ausbietet. Ich würde mich selbst +wundern, wenn ich nicht wüßte, daß Ihr ein verständiger Mann seid.« + +Der Ausrufer wandte sich jetzt zu dem Prinzen und sagte zu ihm: »Herr, +Ihr seid nicht der einzige, der mich wegen dieses Rohres für einen +Toren ansieht; doch Ihr mögt selber urteilen, ob ich einer bin, wenn +ich Euch die Eigenschaft desselben gesagt haben werde. Ich hoffe, daß +Ihr dann ein ebenso hohes Gebot darauf tun werdet, wie diejenigen, +denen ich es bisher gezeigt und die eine ebenso üble Meinung von mir +hatten als Ihr.« + +»Zuerst,« fuhr der Ausrufer fort, indem er dem Prinzen das Rohr +überreichte, »müßt Ihr wissen, daß dieses Rohr an jedem Ende ein Glas +hat, und daß, wenn man durch eines dieser Gläser sieht, man sogleich +alles erblickt, was man irgend zu sehen wünscht.« + +»Ich bin bereit, Euch eine feierliche Genugtuung zu geben,« erwiderte +der Prinz Aly, »wenn Ihr mir die Wahrheit dessen, was Ihr behauptet, +beweisen könnt.« Und da er das Rohr in der Hand hatte, besah er +sich die beiden Gläser und fuhr dann fort: »Zeigt mir doch, wo ich +hineinsehen muß, um mir darüber Aufklärung zu verschaffen.« + +Der Ausrufer zeigte es ihm. Der Prinz sah hinein, und als er +seinen Vater und Nurunnihar zu sehen wünschte, sah er die beiden +augenblicklich in der vollkommensten Gesundheit auf dem Dache des +Schlosses sitzen. + +Es bedurfte keiner Probe weiter, um den Prinzen zu überzeugen, daß +dieses Rohr die kostbarste Sache wäre, die in der Stadt Schiras, ja in +der ganzen Welt damals existierte, und er glaubte, daß wenn er diese +zu kaufen unterließe, so würde er nie mehr, weder zu Schiras, wenn er +auch zehn Jahre dabliebe, noch auch anderswo eine Seltenheit der Art +antreffen, die er von seiner Reise mitbringen könnte. Er sagte daher zu +dem Ausrufer: + +»Ich nehme meine unvernünftige Ansicht, die ich von Eurem Verstande +gehabt habe, gern zurück. Da es mir leid tun würde, wenn ein anderer +als ich das Rohr kaufte, so sagt mir aufs genaueste den Preis, den der +Verkäufer dafür haben will. Ohne Euch mit Hin- und Hergehen zu ermüden, +dürft Ihr dann nur mit mir kommen, und ich werde Euch die Summe bar +auszahlen.« + +Der Ausrufer versicherte ihm mit einem Schwur, ihm sei befohlen, +es durchaus für vierzig Beutel zu verkaufen, und wenn er daran +zweifele, so wolle er ihn zu dem Verkäufer selber führen. Der Prinz +glaubte seinem Wort, nahm ihn mit sich nach Hause, und als sie in +seiner Wohnung in dem Chan angelangt waren, zahlte er ihm die vierzig +Beutel in den schönsten Goldstücken aus und wurde so Besitzer des +elfenbeinernen Rohres. + +Als der Prinz Aly diesen Kauf gemacht hatte, freute er sich um so mehr +darüber, als er glaubte, daß seine zwei anderen Brüder gewiß nichts +so Seltnes und Bewunderungswürdiges angetroffen haben würden, und +daß folglich die Prinzessin Nurunnihar der Lohn für die Beschwerden +seiner Reise sein werde. Er dachte jetzt bloß noch daran, unerkannt den +Hof von Persien und die Merkwürdigkeiten der Stadt Schiras und ihrer +Umgegend kennen zu lernen, bis die Karawane, mit welcher er gekommen +war, wieder ihren Rückweg nach Indien antreten würde. Er hatte seine +Neugierde vollkommen befriedigt, als die Karawane Anstalten zur Abreise +machte. Der Prinz schloß sich an sie an und machte sich mit ihr auf den +Weg. Kein Unfall störte oder unterbrach die Reise, und ohne weitere +Unbequemlichkeit, außer den gewöhnlichen Beschwerden des Weges, kam +er glücklich an dem bestimmten Ort an, wo der Prinz Hussain bereits +eingetroffen war. Prinz Aly fand ihn schon vor und wartete mit ihm +daselbst auf den Prinzen Achmed. + +Prinz Achmed hatte unterdessen seinen Weg nach Samarkand genommen, und +gleich am folgenden Tage nach seiner Ankunft hatte er es wie seine +beiden Brüder gemacht und war nach dem Besastan gegangen. Kaum war er +eingetreten, als ein Ausrufer zu ihm trat, mit einem künstlichen Apfel +in der Hand, den er zum Preise von fünfunddreißig Beuteln ausrief. Er +hielt den Ausrufer an und sagte zu ihm: + +»Zeigt mir diesen Apfel und sagt mir, welche außerordentliche Kraft +oder Eigenschaft er wohl hat, daß Ihr ihn zu einem so hohen Preise +ausbietet?« + +Der Ausrufer gab ihm den Apfel in die Hand, damit er ihn in Augenschein +nehmen möchte, und sagte dann zu ihm: + +»Herr, dieser Apfel, wenn man ihn bloß äußerlich betrachtet, ist +wirklich etwas sehr Unbedeutendes, doch wenn man die Eigenschaften und +Kräfte desselben in Erwägung zieht, so muß man sagen, daß er eigentlich +unschätzbar ist. Es gibt keinen Kranken, er mag mit einer tödlichen +Krankheit behaftet sein, mit welcher er nur immer will, mit anhaltendem +Fieber, mit rotem Friesel, Seitenstechen, Pest und anderen Krankheiten +der Art, der nicht, und läge er auch schon im Sterben, durch den Apfel +geheilt würde. Er erhält seine Gesundheit so vollständig wieder, als +wäre er niemals krank gewesen, und das auf die leichteste Art von der +Welt, nämlich durch das bloße Riechen daran.« + +»Wenn man Euch glauben darf,« erwiderte der Prinz Achmed, »so ist das +freilich ein Apfel von wunderbarer Kraft, ja man kann sagen, er ist +unschätzbar; allein, wodurch kann denn ein rechtlicher Mann wie ich, +der ihn gern kaufen möchte, sich überzeugen, daß bei Eurer Lobpreisung +des Apfels keine Verstellung oder Übertreibung stattfindet?« + +»Herr,« erwiderte der Ausrufer, »die Sache ist in der ganzen Stadt +Samarkand bekannt und bewährt, und ohne erst weit zu gehen, könnt Ihr +ja alle hier versammelten Kaufleute befragen und zusehen, was sie Euch +sagen werden. Ihr werdet darunter mehrere finden, die, wie sie es Euch +selber versichern werden, heute nicht mehr am Leben sein würden, wenn +sie nicht dieses treffliche Mittel gebraucht hätten. Es ist die Frucht +der Studien und Nachtwachen eines sehr berühmten Philosophen dieser +Stadt, der sich sein ganzes Leben hindurch auf die Erforschung der +Kräfte der Pflanzen und Mineralien gelegt hatte und endlich auf den +Punkt gelangt war, daraus diese zusammengesetzte Masse zu bereiten, die +Ihr hier seht, und mit der er in dieser Stadt so erstaunliche Kuren +bewirkt hat daß sein Andenken hier nie in Vergessenheit kommen wird. +Vor kurzem raffte ihn der Tod so plötzlich hin, daß er selber nicht +mehr so viel Zeit hatte, um von seinem Universalmittel Gebrauch zu +machen, und seine Witwe, welcher er nur ein sehr geringes Vermögen und +eine große Anzahl unerzogener Kinder hinterlassen, hat sich endlich +entschlossen, diesen Apfel verkaufen zu lassen, um sich und ihre +Familie etwas bequemer einrichten zu können.« + +Während der Ausrufer ihn von den Eigenschaften des künstlichen Apfels +unterrichtete, blieben mehrere Personen stehen und umringten sie. +Die meisten bestätigten das Gute, das er von demselben erzählte, und +einer derselben sagte, er habe einen Freund, der so gefährlich krank +sei, daß man an seinem Aufkommen zweifle. Dies bot eine sehr bequeme +Gelegenheit, um einen Versuch damit zu machen, und Prinz Achmed nahm +das Wort und sagte zu dem Ausrufer, er wolle ihm vierzig Beutel dafür +geben, wenn der Kranke durch das bloße Riechen daran geheilt würde. + +Der Ausrufer, welcher Befehl hatte, ihn um diesen Preis zu verkaufen, +sagte zu dem Prinzen: + +»Herr, wir wollen diesen Versuch machen, und der Apfel ist somit Euer, +denn es ist gar kein Zweifel, daß er nicht diesmal ebensogut seine +Wirkung tun sollte, als die früheren Male, wo man so oft Kranke, die +schon aufgegeben waren, durch ihn wieder von den Pforten des Todes +zurückrief.« + +Der Versuch glückte, und der Prinz erwartete nun, nachdem er die +vierzig Beutel dem Ausrufer, der ihm den künstlichen Apfel überließ, +bar ausgezahlt hatte, mit Ungeduld den Abgang der ersten besten +Karawane, um nach Indien zurückzukehren. Er benutzte die Zwischenzeit +unterdes, um in Samarkand und dessen Umgebung alles zu besehen, +was irgend seine Neugierde reizte, besonders das Tal Sogd, welches +von dem gleichnamigen Flusse seinen Namen hat, und das die Araber +wegen der Schönheit seiner Gefilde und seiner Gärten und Paläste, +sowie auch wegen seines Überflusses an Früchten aller Art und wegen +der Annehmlichkeiten, welche man da während der schönen Jahreszeit +genießt, für eines der vier Paradiese der Welt halten. Dann reiste er +ab, und ungeachtet der Unbequemlichkeiten, die bei einer langen Reise +unvermeidlich sind, gelangte er dennoch bei vollkommener Gesundheit in +der Herberge an, wo die Prinzen Hussain und Aly ihn erwarteten. + +Prinz Aly, welcher etwas früher als Prinz Achmed dort eingetroffen war, +hatte den Prinzen Hussain, welcher zuerst angekommen war, gefragt, wie +lange er schon da sei. Und als er erfuhr, daß es fast schon drei Monate +her wäre, hatte er zu ihm gesagt: »Du mußt also wohl nicht weit gewesen +sein.« + +»Ich will jetzt,« erwiderte Prinz Hussain, »von dem Orte, wo ich +gewesen bin, weiter nichts sagen; allein ich kann dir versichern, daß +ich mehr als drei Monate gebraucht habe, um hinzukommen.« + +»Wenn das der Fall ist,« sagte darauf der Prinz Aly, »so mußt du dich +sehr kurze Zeit da aufgehalten haben.« + +»Mein Bruder,« antwortete ihm der Prinz Hussain, »du täuschest dich. +Mein Aufenthalt daselbst währte länger als vier bis fünf Monate, und es +hing bloß von mir ab, ihn noch zu verlängern.« + +»Wofern du nicht etwa zurückgeflogen bist,« erwiderte darauf Prinz Aly, +»begreife ich nicht, wie es schon drei Monate her sein kann, daß du +hier bist, wie du mich überreden willst.« + +»Ich habe dir die Wahrheit gesagt,« fuhr der Prinz Hussain fort, »und +das Rätsel werde ich dir erst bei Ankunft unseres Bruders Achmed lösen, +wo ich dir sogleich sagen werde, welche Seltenheit ich von meiner +Reise mitgebracht habe. Was dich betrifft, so weiß ich nicht, was du +mitgebracht hast, aber es mag wohl eben nichts Bedeutendes sein; ich +sehe nicht, daß dein Reisegepäck ansehnlicher und größer geworden wäre.« + +»Und was dich betrifft,« erwiderte der Prinz Aly, »so kommt es mir +vor, daß, wenn ich den unscheinbaren Teppich ausnehme, womit dein Sofa +überdeckt ist, ich deinen Spott durch einen gleichen erwidern könnte. +Indes, da du, wie es scheint, aus der mitgebrachten Seltenheit ein +Geheimnis machen willst, so wirst du es mir nicht übelnehmen, wenn ich +es ebenso in Hinsicht auf die meinige mache.« + +Der Prinz antwortete: »Ich setze die Seltenheit, welche ich +mitgebracht, so weit über jede andere, von welcher Art sie auch sein +mag, daß ich sie dir ohne Schwierigkeiten zeigen und dich durch eine +nähere Angabe ihres Wertes leicht dahin bringen würde, mit mir +übereinzustimmen, ohne zu fürchten, daß die, welche du vielleicht +mitgebracht, ihr vorgezogen werden könnte. Doch es ist am passendsten, +daß wir erst die Ankunft unseres Bruders Achmed abwarten; dann können +wir mit mehr Rücksicht und Anstand uns einander das Glück mitteilen, +das uns zuteil geworden ist.« + +Prinz Aly wollte sich mit dem Prinzen Hussain nicht weiter wegen des +Vorzugs der von ihm mitgebrachten Seltenheit in Streit einlassen, +und so verabredete er mit ihm, mit dem Vorzeigen bis zur Ankunft des +Prinzen Achmed zu warten. + +Als der Prinz Achmed bei seinen beiden Brüdern wieder eingetroffen +war und sie sich einander zärtlich umarmt und sich zu dem glücklichen +Wiedersehen an diesem Orte Glück gewünscht hatten, nahm Prinz Hussain +als der älteste das Wort und sagte: + +»Meine Brüder, wir werden noch Zeit genug übrig haben, um uns von den +einzelnen Umständen unserer gegenseitigen Reisen zu unterhalten. Für +jetzt wollen wir davon reden, was uns zu wissen am wichtigsten ist, +und wollen uns nicht verhehlen, was wir mitgebracht. Und indem wir +es uns gegenseitig vorzeigen, wollen wir im voraus jedem sein Recht +widerfahren lassen und zusehen, welchem von uns wohl der Sultan, unser +Vater, den Vorzug erteilen könnte.« + +»Um euch mit gutem Beispiel voranzugehen,« fuhr Prinz Hussain fort, +»will ich euch nur sagen, daß die Seltenheit, die ich von meiner Reise +in das Königreich Bisnagar mitgebracht, in dem Teppich besteht, worauf +ich sitze. Es ist freilich ein sehr gewöhnlicher und unscheinbarer, wie +ihr seht; doch wenn ich euch seine Eigenschaft auseinandergesetzt habe, +werdet ihr euch um so mehr wundern, da ihr wohl nie von etwas Ähnlichem +der Art gehört habt, wie ihr selbst eingestehen werdet. Wenn man sich, +wie wir jetzt, darauf setzt und an irgendeinen Ort hin versetzt zu +werden wünscht, wie entfernt er auch sein mag, so ist man fast in +einem Augenblicke da. Ich habe es selber versucht, ehe ich die vierzig +Beutel, die er mich kostet, bezahlte, und habe es nicht bereut. Als ich +meine Neugierde am Hofe und im ganzen Königreiche Bisnagar befriedigt +hatte und heimkehren wollte, bediente ich mich keines Fahrzeugs weiter +als dieses Wunderteppichs, um sowohl mich hierher zurückzubringen, +als auch meinen Reisegefährten, der euch sagen wird, wieviel Zeit ich +gebraucht habe, um hierher zu gelangen. Ich werde euch beiden, sobald +ihr es nur haben wollt, eine Probe davon zeigen. Ich erwarte nun, daß +ihr mir sagt, ob das, was ihr mitgebracht habt, mit meinem Teppich +irgendwie verglichen werden kann.« + +Prinz Hussain hörte mit diesen Worten auf, seinen Teppich anzupreisen, +und Prinz Aly nahm das Wort und sprach: + +»Mein Bruder, man muß gestehen, daß dein Teppich eines der +wunderbarsten Dinge ist, die man sich nur denken kann, wenn er +wirklich, wie ich nicht zweifle, die Eigenschaft besitzt, die du von +ihm ausgesagt hast. Indes, du wirst zugeben, daß es noch andere Dinge +geben kann, die, wenn auch nicht noch mehr, doch wenigstens ebenso +wunderbar in ihrer Art sind, und um dich zu dieser Ansicht zu bekehren, +— fuhr er fort, — so ist zum Beispiel dies elfenbeinerne Rohr hier, +so gut wie dein Teppich, eine Seltenheit, die alle Aufmerksamkeit +verdient. Ich habe sie minder teuer gekauft, als du deinen Teppich, +und ich bin mit meinem Kauf nicht minder zufrieden, als du mit dem +deinigen. Wenn man nämlich in das eine Ende hineinsieht, so erblickt +man alles, was man nur irgend wünscht. Du darfst mir nicht auf mein +bloßes Wort glauben,« fügte der Prinz Aly hinzu, indem er ihm das Rohr +überreichte, »hier ist es, siehe zu, ob ich dir bloß etwas vorspiegele +oder nicht.« + +Der Prinz Hussain nahm das elfenbeinerne Rohr aus der Hand des Prinzen +Aly, hielt es mit dem von ihm bezeichneten Ende ans Auge und wünschte +die Prinzessin Nurunnihar zu sehen und zu erfahren, wie sie sich +befinde. Der Prinz Aly und der Prinz Achmed, welche die Augen auf +ihn geheftet hatten, gerieten in das äußerste Erstaunen, als sie ihn +plötzlich die Farbe verändern sahen, und zwar auf eine Weise, die die +höchste Bestürzung und eine große Betrübnis verriet. Der Prinz Hussain +ließ ihnen nicht erst Zeit, um ihn nach der Ursache dieser Erscheinung +zu fragen, sondern rief aus: + +»Brüder, es ist umsonst, daß wir alle drei eine so beschwerliche +Reise unternommen haben, in der Hoffnung, durch den Besitz der +reizenden Nurunnihar dafür belohnt zu werden; sie wird binnen wenigen +Augenblicken nicht mehr am Leben sein. Ich sah sie eben in ihrem +Bette, umgeben von ihren Frauen und Verschnittenen, die alle in Tränen +schwammen und jeden Augenblick zu erwarten schienen, daß sie den Geist +aufgeben würde. Da nehmt und seht sie selber in diesem traurigen +Zustande und vereinigt eure Tränen mit den meinigen.« + +Der Prinz Aly nahm das elfenbeinerne Rohr aus der Hand des Prinzen +Hussain, sah hinein und gab es, nachdem er zu seinem tiefen Schmerz +dasselbe erblickt hatte, an den Prinzen Achmed weiter, damit dieser +ebenfalls ein so trauriges und betrübendes Schauspiel, das sie alle +drei gleich nahe anging, betrachten möchte. + +Als der Prinz Achmed das elfenbeinerne Rohr aus den Händen des Prinzen +Aly empfangen und beim Hineinsehen ebenfalls die Prinzessin Nurunnihar +dem Tode nahe erblickt hatte, nahm er das Wort und sagte zu den beiden +anderen Prinzen: + +»Brüder, die Prinzessin Nurunnihar, welche der gemeinsame Gegenstand +unserer Wünsche ist, befindet sich wirklich in einem höchst +beunruhigenden Zustande, indes, wie es mir scheint, ist es wohl +noch möglich, wenn wir nur keine Zeit verlieren, den Tod von ihr +fernzuhalten.« + +Zugleich zog der Prinz Achmed aus seinem Busen den künstlichen Apfel, +den er sich gekauft hatte, zeigte ihn seinen Brüdern und sagte: + +»Der Apfel, den ihr hier seht, hat mich nicht weniger gekostet als der +Teppich und das elfenbeinerne Rohr, das ein jeder von euch von seiner +Reise mitgebracht hat. Um euch nicht länger in gespannter Erwartung zu +halten, sage ich euch hiermit, er hat die Kraft, daß jeder Kranke, und +läge er auch schon in den letzten Zügen, durch das bloße Daranriechen +seine Gesundheit auf der Stelle wiedererlangt. Der Versuch, den ich +selber damit angestellt, läßt mich nicht daran zweifeln, und ich kann +euch selber die Wirkung desselben an der Prinzessin Nurunnihar zeigen, +wenn wir die nötige Eile anwenden, um ihr zu helfen.« + +»Wenn dies der Fall ist,« sagte hierauf Prinz Hussain, »können wir +nicht schneller dahin kommen, als wenn wir uns vermittelst meines +Teppichs augenblicklich in das Zimmer der Prinzessin hinversetzen. Laßt +uns keine Zeit verlieren, kommt und setzt euch mit mir hierher, er ist +groß genug, um uns alle drei ohne Unbequemlichkeit aufzunehmen; doch +vor allen Dingen muß jeder von uns seinem Diener anempfehlen, daß er +mit den andern sogleich abreise und uns dort im Palaste aufsuche.« + +Als dieser Befehl gegeben worden war, setzten sich die Prinzen Aly und +Achmed nebst dem Prinzen Hussain auf den Teppich, und da sie alle drei +dasselbe Interesse hatten, wünschten sie sich alle drei, in das Zimmer +der Prinzessin Nurunnihar versetzt zu werden. Ihr Wunsch ward erfüllt, +und sie wurden so schnell dahingebracht, daß sie es nicht eher merkten, +als bis sie an dem erwünschten Ort angelangt waren. + +Die unerwartete Erscheinung der drei Prinzen erschreckte die drei +Frauen und die Verschnittenen der Prinzessin, welche nicht begreifen +konnten, durch welche Zauberei auf einmal drei Männer in ihrer Mitte +erschienen. Sie erkannten sie sogar anfangs nicht einmal, und die +Verschnittenen waren schon im Begriff, auf sie loszustürzen, als auf +Leute, die sich an einen Ort eingedrängt hatten, wohin sie nicht +gehörten; allein sie kamen sehr bald von ihrem Irrtum zurück und +erkannten die Prinzen. + +Kaum sah sich Prinz Achmed in dem Zimmer der sterbenden Nurunnihar, +als er nebst seinen Brüdern von dem Teppich aufstand, sich ihrem Bette +näherte und ihr den Wunderapfel vor die Nase hielt. Einige Augenblicke +später schlug die Prinzessin die Augen auf, wandte den Kopf nach beiden +Seiten, sah die Umstehenden an, setzte sich dann aufrecht und verlangte +angekleidet zu werden, und zwar mit derselben Unbefangenheit, als ob +sie bloß von einem langen Schlaf erwache. + +Während sich die Prinzessin ankleidete, gingen die Prinzen von ihr +aus zu ihrem Vater, um sich ihm zu Füßen zu werfen und ihm ihre +Ehrerbietung zu bezeigen. Als sie vor ihm erschienen, fanden sie, +daß der Oberaufseher der Verschnittenen der Prinzessin ihnen bereits +zuvorgekommen war und ihm ihre unvermutete Ankunft und die durch +sie erfolgte vollständige Heilung der Prinzessin gemeldet hatte. +Der Sultan umarmte sie um so freudiger, da er in dem Augenblick, wo +er sie wiedersah, auch zugleich erfuhr, daß seine Nichte, die er +wie seine eigne Tochter liebte, nachdem sie von den Ärzten bereits +aufgegeben worden, auf eine so wunderbare Weise ihre Gesundheit +wiedererhalten habe. Nach den Begrüßungen zeigte ihm jeder der Prinzen +die mitgebrachte Seltenheit vor: der Prinz Hussain seinen Teppich, der +Prinz Aly das elfenbeinerne Rohr und der Prinz Achmed den künstlichen +Apfel. Nachdem jeder das Seinige gepriesen, händigten sie ihm der Reihe +nach alle drei Stücke ein und baten ihn, zu entscheiden, welchem von +den drei Stücken er den Vorzug erteile und welchem von ihnen er, seinem +Versprechen gemäß, die Prinzessin Nurunnihar zur Gemahlin gebe. + +Nachdem der Sultan von Indien wohlwollend alles, was ihm jeder der +Prinzen zum Lobe der von ihm mitgebrachten Seltenheit gesagt hatte, +angehört und sich nach allem, was bei der Heilung der Prinzessin +Nurunnihar vorgegangen, erkundigt hatte, schwieg er eine Weile still, +als überlegte er, was er ihnen antworten solle. Endlich unterbrach er +dieses Schweigen und hielt folgende sehr weise Rede an sie: + +»Meine Kinder, ich würde sehr gern einen unter euch nennen, wenn ich +es mit voller Gerechtigkeit tun könnte; allein überlegt selber, ob ich +es kann. Dir, o Achmed, und deinem künstlichen Apfel verdankt freilich +meine Nichte ihre Heilung; aber ich frage dich selber, würdest du +sie haben bewirken können, wenn nicht zuvor das elfenbeinerne Rohr +Alys dir Gelegenheit gegeben hätte, die Gefahr kennen zu lernen, +in der sie schwebte, und wenn nicht der Teppich Hussains dir seine +Dienste geleistet hätte, um ihr schnell zu Hilfe eilen zu können? Dein +elfenbeinernes Rohr, o Aly, hat wiederum dazu gedient, dir und deinen +Brüdern zu zeigen, daß ihr auf dem Punkte standet, die Prinzessin zu +verlieren. Doch mußt du auch gestehen, daß dir deine Kenntnis für +die Erreichung deines Zwecks nichts genützt hätte, wenn nicht der +Teppich und der künstliche Apfel gewesen wären. Und was dich, Hussain, +betrifft, würde die Prinzessin sehr undankbar sein, wenn sie dir nicht +wegen des Teppichs, der zur Bewirkung ihrer Wiederherstellung so nötig +gewesen, vielen Dank wissen sollte; allein bedenke selbst, daß er dir +hierzu von gar keinem Nutzen gewesen sein würde, wenn du nicht durch +das elfenbeinerne Rohr Alys ihre Krankheit erfahren und Achmed nicht +seinen Wunderapfel zu ihrer Heilung angewendet hätte. Da nun also +weder der Teppich, noch das elfenbeinerne Rohr, noch der künstliche +Apfel irgend einem von euch einen Vorzug vor dem andern geben, sondern +vielmehr euch alle einander gleichstellen, und da ich die Prinzessin +Nurunnihar doch nur einem einzigen geben kann, so seht ihr selber, daß +die einzige Frucht, die ihr von euren Reisen geerntet habt, in dem +Ruhm besteht, daß ihr alle auf gleiche Weise zur Herstellung ihrer +Gesundheit beigetragen habt.« + +»Wenn dies nun so ist,« fuhr der Sultan fort, »so seht ihr zugleich +ein, daß ich zu einem andern Mittel meine Zuflucht nehmen muß, um +mich über die Wahl, die ich unter euch treffen soll, bestimmt zu +entscheiden. Geht und nehmt ein jeder einen Bogen und einen Pfeil, und +begebt euch aus der Stadt hinaus auf die große Ebene, wo die Pferde +zugeritten werden; ich werde mich auch dahin begeben, und ich erkläre, +daß ich die Prinzessin Nurunnihar demjenigen zur Gemahlin geben werde, +welcher am weitesten schießen wird.« + +Die drei Prinzen wußten gegen diese Entscheidung des Sultans nichts +einzuwenden. Als sie sich von ihm entfernt hatten, verschaffte man +jedem von ihnen einen Bogen und einen Pfeil, und dann gingen sie, von +einer unzähligen Menge Volk begleitet, auf die Ebene hinaus, wo die +Pferde zugeritten wurden. + +Der Sultan ließ nicht lange auf sich warten. Sobald er angekommen war, +nahm Prinz Hussain, als der älteste, Pfeil und Bogen und schoß zuerst. +Darauf schoß Prinz Aly, und man sah seinen Pfeil viel weiter fliegen +und niederfallen als den des Prinzen Hussain. Der Prinz Achmed schoß +zuletzt. Aber man verlor seinen Pfeil aus dem Gesicht, und niemand sah +ihn niederfallen. Man eilte hin, man suchte, allein wieviel Sorgfalt +alle und auch der Prinz Achmed selber anwandten, es war nicht möglich, +den Pfeil weder in der Nähe, noch in der Ferne aufzufinden. Obwohl man +glauben mußte, daß er am weitesten geschossen und folglich verdient +habe, daß ihm die Hand der Prinzessin Nurunnihar zugesprochen würde, +so war dennoch, um die Sache augenscheinlich und gewiß zu machen, die +Auffindung des Pfeiles erforderlich, und der Sultan unterließ daher +nicht, ungeachtet aller Gegenvorstellungen Achmeds, sich zugunsten +seines Bruders Aly zu entscheiden. Er gab nun sogleich Befehl, daß zu +der Hochzeitsfeier die nötigen Anstalten getroffen würden, und wenige +Tage darauf ward die Hochzeit mit vielem Glanze gefeiert. + +Der Prinz Hussain beehrte das Fest nicht mit seiner Gegenwart. Er +empfand im Gegenteil ein so tiefes Mißfallen darüber, daß er den Hof +verließ und auf sein Recht der Thronfolge Verzicht leistend, hinging +und Derwisch wurde und sich zu einem sehr berühmten Scheich in die +Lehre gab, der wegen seines musterhaften Lebenswandels in hohem Ansehen +stand und in einer anmutigen Einöde seine und seiner Schüler Wohnungen +aufgeschlagen hatte. + +Der Prinz Achmed war aus denselben Gründen wie Hussain ebenfalls bei +der Hochzeit des Prinzen und der Prinzessin Nurunnihar nicht zugegen; +doch er entsagte deshalb nicht der Welt wie jener. Da er gar nicht +begreifen konnte, wie der von ihm abgeschossene Pfeil sozusagen +unsichtbar geworden sei, entfernte er sich von seinen Leuten, und +mit dem Entschlüsse, ihn so eifrig zu suchen, daß er sich nichts +vorzuwerfen habe, begab er sich an den Ort, wo die Pfeile der Prinzen +Hussain und Aly von der Erde aufgehoben worden waren. Von da ging er in +gerader Richtung vorwärts, immer rechts und links blickend. Und ohne zu +finden, was er suchte, war er endlich so weit gekommen, daß er seine +Mühe für ganz vergeblich hielt. Indes, gleichsam wider seinen Willen +weiter fortgezogen, verfolgte er dennoch seinen Weg immer weiter, +bis er zu sehr hohen Felsen kam, bei denen er offenbar seitwärts +ablenken mußte, wenn er noch weitergehen wollte. Diese Felsen waren +außerordentlich steil und lagen in einer öden und unfruchtbaren Gegend, +etwa vier Stunden von da entfernt, wo er ausgegangen war. + +Als der Prinz Achmed sich diesen Felsen näherte, bemerkte er einen +Pfeil, hob ihn auf, betrachtete ihn und sah zu seiner großen +Verwunderung, daß es der von ihm abgeschossene war. + +»Er ist es wirklich,« sprach er bei sich selbst, »aber weder ich, noch +ein Sterblicher auf der ganzen Welt kann die Kraft haben, einen Pfeil +so weit zu schießen.« + +Da er ihn auf der Erde liegend und nicht mit der Spitze darin fest +steckend gefunden hatte, schloß er, daß er an den Felsen geflogen und +von da zurückgeprallt sei. + +»Es steckt hinter dieser seltsamen Sache,« dachte er bei sich selbst, +»irgend ein Geheimnis.« + +Da die äußere Form der Felsen vorspringende Spitzen und auch tief sich +hineinziehende Schluchten hatte, trat der Prinz unter solchen Gedanken +in eine der Vertiefungen hinein, und während er dort seine Augen von +einem Winkel zum andern gehen ließ, zeigte sich ihm eine eiserne Tür, +an welcher aber kein Schloß zu sehen war. Er fürchtete, sie würde wohl +verschlossen sein, doch als er daran stieß, öffnete sie sich nach innen +zu, und er erblickte einen sanft abschüssigen Weg ohne Stufen, den +er sofort mit dem Pfeile in der Hand hinabstieg. Er glaubte hier in +tiefe Finsternis zu geraten; allein an die Stelle des entschwindenden +Tageslichtes trat ein anderes ganz verschiedenes Licht. Nach fünfzig +bis sechzig Schritten gelangte er auf einen geräumigen Platz, auf +welchem er einen prachtvollen Palast erblickte, dessen Wunderbau zu +bewundern er aber nicht Zeit hatte. Denn in demselben Augenblick trat +eine Frau von majestätischem Anstand und Wesen und von einer Schönheit, +die durch den reichen Anzug und durch den Edelsteinschmuck, den sie +trug, nicht noch mehr gehoben zu werden vermochte, unter die Vorhalle, +begleitet von einer Anzahl von Frauen, unter denen aber die Gebieterin +leicht zu unterscheiden war. + + [Illustration: Die Dame kam ihm entgegen.] + +Sobald der Prinz Achmed die schöne Frau bemerkt hatte, beschleunigte +er seine Schritte, um ihr seine Ehrerbietung zu bezeigen; doch die +schöne Frau, welche ihn kommen sah, kam ihm ihrerseits durch die Anrede +entgegen: »Prinz Achmed, tretet näher, Ihr seid hier willkommen.« + +Die Überraschung des Prinzen war nicht gering. Er warf sich zu den +Füßen der schönen Frau und redete sie auf folgende Weise an: + +»Gnädige Frau, darf ich wohl so dreist sein, Euch zu fragen, welch +seltsamem Zufall ich es verdanke, daß ich Euch nicht unbekannt bin, +Euch, die Ihr zwar in unserer Nachbarschaft wohnt, doch ohne daß ich +jemals bis zu diesem Augenblick etwas davon erfahren hätte?« + +»Prinz,« erwiderte die schöne Frau, »laßt uns in den Saal treten, dort +werde ich mit größerer Bequemlichkeit für mich und Euch Eure Frage +beantworten können.« + +Mit diesen Worten führte die Dame den Prinzen in den Saal hinein. Der +wundervolle Bau desselben, das Gold und das Himmelblau, womit das +kuppelförmige Gewölbe geschmückt war, und der unschätzbare Reichtum +des Geräts erschienen ihm als etwas so ganz Neues, daß er seine +Verwunderung darüber an den Tag legte und ausrief: er habe noch nie +etwas der Art gesehen, und er glaube nicht, daß man in der Welt irgend +etwas sehen könne, was diesem hier gleichkäme. + +»Gleichwohl versichere ich Euch,« erwiderte die schöne Frau, »daß dies +das unbedeutendste Zimmer meines Palastes ist, und Ihr werdet meiner +Ansicht beistimmen, wenn ich Euch erst die übrigen alle gezeigt haben +werde.« + +Sie stieg einige Stufen empor und setzte sich auf ein Sofa, und als der +Prinz auf ihre Bitten neben ihr Platz genommen hatte, sagte sie zu ihm: + +»Prinz, Ihr seid, wie Ihr sagt, darüber erstaunt, daß ich Euch kenne, +ohne daß Ihr mich kennt; doch Eure Verwunderung wird nachlassen, wenn +Ihr erst wissen werdet, wer ich bin. Euch wird ohne Zweifel nicht +unbekannt sein, daß die Welt ebensowohl von Geistern, als von Menschen +bewohnt wird. Ich bin die Tochter eines dieser Geister, und zwar eines +der mächtigsten und ausgezeichnetsten, und mein Name ist Pari Banu. +So wirst du dich denn also nicht mehr wundern, daß ich dich, deinen +Vater, den Sultan, und deine beiden Brüder kenne. Ich weiß sogar von +deiner Liebe und von deiner Reise, deren einzelne Umstände ich dir alle +hier wiedererzählen könnte, weil ich es eben war, die zu Samarkand den +künstlichen Apfel, den du gekauft hast, zum Verkauf ausbieten ließ, +so wie zu Bisnagar den Teppich, den der Prinz Hussain bekommen hat, +und endlich zu Schiras das elfenbeinerne Rohr, welches der Prinz Aly +von da mitgebracht hat. Dies mag hinreichend sein, um dir begreiflich +zu machen, daß nichts von alledem, was dich betrifft, mir unbekannt +ist. Ich will nur dies eine hinzufügen, daß du mir ein glücklicheres +Los zu verdienen schienest, als das war, die Prinzessin Nurunnihar zu +besitzen, und da ich zugegen war, als du den Pfeil, den du da in der +Hand hast, abschossest, und voraussah, daß er nicht einmal so weit als +der des Prinzen Hussain fliegen würde, faßte ich ihn in der Luft und +gab ihm den erforderlichen Schwung, so daß er an die Felsen anprallen +mußte, neben denen du ihn gefunden hast. Es wird nun bloß von dir +abhängen, die Gelegenheit, die sich dir jetzt bietet, zu benutzen, um +noch glücklicher zu werden.« + +Prinz Achmed erriet sehr leicht, welches Glück hier gemeint sei. Er +überlegte, daß die Prinzessin Nurunnihar nicht mehr die Seine werden +könne und daß die Fee Pari Banu an Schönheit, Anmut und Reiz, sowie +durch einen überwiegenden Verstand und durch ihre unermeßlichen +Reichtümer, soweit er nämlich aus der Pracht des Palastes auf diese +schließen konnte, jene unendlich weit überträfe. Er segnete den +Augenblick, wo ihm der Gedanke eingekommen war, noch einmal den +abgeschossenen Pfeil zu suchen, indem er sich ganz der Neigung hingab, +die ihn nach dem neuen Gegenstände seines Herzens hinzog. + +Er näherte sich ihr, um ihr den Saum ihres Gewandes zu küssen. Sie ließ +ihm indes nicht Zeit, dies zu tun, sondern reichte ihm ihre Hand, die +er küßte, und indem sie die seinige festhielt und sie drückte, sagte +sie zu ihm: + +»Prinz Achmed, gebt Ihr mir nicht Euer Wort, wie ich Euch das meinige +gebe?« + +»Ach, gnädige Frau,« erwiderte der Prinz voll freudigem Entzücken, »was +könnte ich wohl Besseres und Freudigeres tun? Ja, meine Sultanin, meine +Königin, ich gebe es Euch nebst meinem Herzen, ohne Rückhalt!« + +»Wenn das ist,« antwortete die Fee, »so seid Ihr mein Gemahl und ich +bin Eure Gemahlin. Die Ehen werden bei uns Feen ohne weitere Zeremonien +geschlossen, sind aber weit fester und unauflöslicher, als die der +Menschen, ungeachtet letztere mehr Förmlichkeiten dabei anwenden. +Jetzt — fuhr sie fort — während man für heute abend die Anstalten +zu unserem Hochzeitsmahle trifft, wird man Euch, da Ihr offenbar +heute noch nichts zu Euch genommen habt, vorerst einen leichten Imbiß +vorsetzen, dann werde ich Euch die Zimmer meines Palastes zeigen, und +Ihr mögt dann selbst entscheiden, ob es nicht wahr ist, was ich Euch +sagte, daß nämlich dieser Saal gerade das schlechteste Zimmer darunter +ist.« + +Einige von den Frauen der Fee, die sich bei ihr im Saale befanden, +hatten kaum ihren Wunsch vernommen, als sie auch schon hinausgingen und +bald darauf einige Speisen und trefflichen Wein hereinbrachten. + +Als der Prinz Achmed zur Genüge gegessen und getrunken hatte, führte +ihn die Fee Pari Banu aus einem Zimmer in das andere, und er sah darin +Diamanten, Rubine, Smaragde und alle Arten der feinsten Edelsteine im +Verein mit Perlen, Achat, Jaspis, Porphyr und dem kostbarsten Marmor +von allen Gattungen angebracht, ganz von dem Zimmergerät zu schweigen, +welches alles von einem unschätzbaren Reichtum war. Alles war in so +erstaunlichem Überfluß angebracht, daß er, weit entfernt, je etwas +gesehen zu haben, was dieser Pracht auch nur nahe gekommen wäre, +vielmehr eingestand, daß es nichts der Art auf der ganzen Welt geben +könne. + +»Prinz,« sagte hierauf die Fee, »wenn Ihr schon meinen Palast so sehr +bewundert, der wirklich sehr schön ist, was würdet Ihr erst zu den +Palästen unserer Geisterfürsten sagen, die von ganz anderer Pracht +und Schönheit sind? Ich könnte Euch auch noch meinen Garten bewundern +lassen, allein — fuhr sie fort — das mag lieber ein andermal +geschehen. Die Nacht kommt schon, und es ist Zeit, daß wir uns zur +Tafel setzen.« + +Der Saal, in den die Fee den Prinzen führte, wo die Tafel gedeckt war, +war das letzte Zimmer des Palastes und zugleich das einzige, was der +Prinz noch nicht gesehen hatte; es stand indes hinter keinem derjenigen +zurück, die er bereits in Augenschein genommen hatte. Beim Hereintreten +bewunderte er den Lichtglanz unzähliger, von Ambra duftender +Wachskerzen, deren Menge, anstatt zu verwirren, vielmehr so symmetrisch +aufgestellt war, daß man sie mit Vergnügen ansah. Ebenso bewunderte er +einen großen Schenktisch, besetzt mit goldenen Gefäßen, welche durch +ihre kunstreiche Arbeit einen noch weit höheren Wert hatten als durch +ihren Stoff; ferner mehrere Chöre der schönsten und reichgekleidetsten +Mädchen, welche ein Konzert, aus Gesang und harmonischen Instrumenten +bestehend, begannen, so schön, als er es nur je in seinem Leben gehört. +Sie setzten sich zu Tische. Da Pari Banu sich ganz besonders bemühte, +dem Prinzen Achmed die wohlschmeckendsten Speisen vorzulegen, und +sie ihm jedesmal wenn sie ihn zum Zulangen aufforderte, mit Namen +nannte, da ferner der Prinz noch nie etwas von denselben gehört hatte +und sie ganz ausgesucht wohlschmeckend fand, lobte er dieselben +außerordentlich und rief aus, daß dies treffliche Mahl, womit sie ihn +bewirte, alle Mahlzeiten der Menschen weit überträfe. Auch war er ganz +entzückt über die Vortrefflichkeit des Weines, welcher aufgetragen +wurde, und wovon er und die Fee erst beim Nachtisch, der aus Früchten, +Kuchen und anderem dazu passendem Imbiß bestand, zu trinken anfingen. + +Nach dem Nachtisch standen die Fee Pari Banu und der Prinz Achmed +von der Tafel auf, die sogleich weggetragen wurde, und setzten sich +bequem auf das Sofa, indem sie den Rücken an Polster von Seidenstoff +lehnten, die mit großem, vielfarbigem Blumenwerk, alles von der +feinsten Stickerei, bedeckt waren. Sogleich trat nun eine große Anzahl +von Geistern und Feen in den Saal und begannen einen herrlichen Tanz, +welcher so lange dauerte, bis die Fee und der Prinz Achmed aufstanden. + +An das Hochzeitsfest schloß sich eine lange Reihe festlicher Tage, +in die die Fee Pari Banu die größte Mannigfaltigkeit zu bringen +wußte, durch neue Speisen und Gerichte bei den Mahlzeiten, durch neue +Konzerte, neue Tänze, neue Schauspiele und neue Ergötzlichkeiten, die +alle so außerordentlich waren, daß der Prinz Achmed während seines +ganzen Lebens unter den Menschen, und hätte es auch tausend Jahre +gedauert, sich dergleichen nicht hätte erdenken können. + +Nach Verlauf von sechs Monaten fühlte endlich Prinz Achmed, welcher +stets seinen Vater geliebt und verehrt hatte, ein heftiges Verlangen, +ihn zu besuchen, und bat die Fee, ihm das zu erlauben. Pari Banu aber +fürchtete, er wollte sie verlassen und antwortete: + +»Mit was habe ich denn Euer Mißfallen erregt, daß Ihr Euch gedrungen +fühlt, mich um diese Erlaubnis zu bitten? Sollte es möglich sein, +daß Ihr Euer mir gegebenes Wort vergessen hättet und mich nicht mehr +liebtet, die ich Euch doch so zärtlich liebe?« + +»Meine Königin,« erwiderte der Prinz Achmed, »ich tat meine Bitte +nicht, um Euch zu kränken, sondern bloß aus Ehrfurcht für meinen Vater, +den Sultan, den ich gern von seiner Betrübnis zu befreien wünsche, in +die ich ihn durch eine so lange Abwesenheit unfehlbar versetzt habe; +denn ich habe Grund zu vermuten, daß er mich für tot hält. Da ihr indes +nicht erlaubt, daß ich hingehe, so will ich tun, was Ihr wollt.« + +Prinz Achmed, der sich nicht verstellte und sie wirklich liebte, drang +nicht weiter in sie, und die Fee zeigte ihm, wie sehr sie über seine +Nachgiebigkeit erfreut war. + +Übrigens verhielt es sich wirklich so, wie Prinz Achmed vermutet +hatte. Der Sultan von Indien war mitten unter den Lustbarkeiten bei +der Hochzeit des Prinzen Aly und der Prinzessin Nurunnihar durch die +Entfernung seiner beiden Söhne tief betrübt worden. Es dauerte nicht +lange, so erfuhr er den Entschluß, den der Prinz Hussain gefaßt +hatte, die Welt zu verlassen, und auch den Ort, den er sich zu seinem +künftigen Aufenthalte gewählt hatte. Als ein guter Vater, der einen +Teil seines Glückes darin sieht, seine Kinder um sich zu haben, hätte +er es freilich lieber gesehen, wenn er bei ihm geblieben wäre. Indes +aus Liebe zu seinen Kindern ertrug er seine Abwesenheit mit Geduld. +Er wandte alle Sorgfalt an, um Nachricht von dem Prinzen Achmed zu +erhalten; doch alle Mühe hatte nicht den gehofften Erfolg, und sein +Kummer wurde, anstatt abzunehmen, nur noch größer. Oft besprach er sich +darüber mit seinem Großwesir. + +»Wesir,« sprach er einst zu ihm, »du weißt, daß Achmed derjenige +unter meinen Söhnen ist, den ich immer am zärtlichsten geliebt habe, +und du weißt, welche Mittel und Wege ich eingeschlagen habe, um ihn +wiederzufinden, doch stets ohne Erfolg. Der Schmerz, den ich darüber +empfinde, ist so lebhaft, daß ich ihm am Ende erliegen werde. Wenn dir +nur irgend etwas an der Erhaltung meiner Gesundheit liegt, so beschwöre +ich dich, daß du mich mit deinem Beistand und deinem Rat unterstützt.« + +Der Großwesir sann auf Mittel, um ihm etwas Beruhigung zu verschaffen, +und da fiel ihm eine Zauberin ein, von weicher man Wunderdinge erzählte. + +Er schlug ihm vor, diese kommen zu lassen und zu befragen, und der +Sultan erlaubte es. Der Großwesir ließ sie also aufsuchen und führte +sie selbst bei ihm ein. + +Der Sultan sagte zu der Zauberin: »Die Betrübnis, in der ich mich seit +der Hochzeit meines Sohnes Aly mit der Prinzessin Nurunnihar wegen der +Abwesenheit des Prinzen Achmed befinde, ist so allgemein bekannt, daß +du ohne Zweifel darum wissen wirst. Kannst du mir nun nicht vermöge +deiner Kunst und Geschicklichkeit sagen, was aus ihm geworden ist? +Ist er noch am Leben? Was macht er? Darf ich hoffen, ihn noch einmal +wiederzusehen?« + +Die Zauberin antwortete: »Herr, welche Geschicklichkeit ich auch immer +besitzen mag, so ist es mir doch nicht möglich, sofort der Anfrage +Eurer Majestät zu genügen; doch wenn Ihr mir bis morgen Zeit lassen +wollt, so werde ich Euch Bescheid geben können.« + +Der Sultan gestattete ihr diesen Aufschub und entließ sie mit dem +Versprechen, sie gut zu belohnen. + +Die Zauberin kam den folgenden Tag wieder, und der Großwesir stellte +sie wiederum vor. Sie sagte zu dem Sultan: + +»Herr, ich habe nichts weiter ermitteln können, als daß der Prinz +Achmed nicht tot ist. Dies ist ganz gewiß, und Ihr könnt Euch darauf +verlassen. Wo er sein mag, habe ich jedoch nicht entdecken können.« + +Der Sultan von Indien war genötigt, sich mit dieser Antwort zu +begnügen, die ihn wegen des Schicksals des Prinzen fast in derselben +Ungewißheit ließ, als er zuvor war. + +Um wieder auf den Prinzen Achmed zurückzukommen, so unterhielt sich +dieser oft mit der Fee Pari Banu über seinen Vater, den Sultan, doch +äußerte er nie den Wunsch, diesen wiederzusehen, und aus dieser +Absichtlichkeit erriet die Fee seine innere Gesinnung. Da sie nun seine +Zurückhaltung und seine Furcht, nach jener abschlägigen Antwort noch +einmal ihr Mißfallen zu erregen, bemerkte, wußte sie, daß seine Liebe +zu ihr aufrichtig sei, und so beschloß sie, ihm das zu bewilligen, was +er so sehnlich wünschte. Sie sagte daher eines Tages zu ihm: + +»Prinz, die Erlaubnis, um die Ihr mich batet, daß Ihr nämlich Euren +Vater besuchen wolltet, hatte mir die Besorgnis eingeflößt, daß +dies bloß ein Vorwand sei, um mich zu verlassen; es war der einzige +Beweggrund, warum ich Euch Eure Bitte abschlug. Doch heute bin ich +anderer Ansicht geworden und gewähre Euch diese Erlaubnis, doch nur +unter der Bedingung, daß Ihr mir zuvor schwört, daß Ihr sehr bald +wieder zurückkehren werdet.« + +Der Prinz Achmed wollte sich der Fee zu Füßen werfen, um ihr deutlicher +an den Tag zu legen, wie sehr er von Dankbarkeit gegen sie durchdrungen +sei, allein die Fee hinderte ihn daran. + +»Prinz,« sagte sie zu ihm, »Ihr könnt abreisen, sobald es Euch beliebt; +aber erwähnt gegen Euren Vater nichts von unserer Verbindung, von +meinem Stande, oder von dem Orte, wo Ihr Euch niedergelassen habt. +Bittet ihn, daß er sich mit der Nachricht begnüge, daß Ihr Euch nichts +weiter wünscht, und daß der einzige Grund Eurer Reise zu ihm bloß +der gewesen, daß Ihr ihm seine Besorgnis über Euer Schicksal nehmen +wolltet.« + +Dann gab sie ihm zu seiner Begleitung zwanzig wohlgerüstete und +stattliche Reiter. Als alles bereit war, nahm der Prinz Achmed von +der Fee Abschied, indem er sie umarmte. Man führte ihm das Pferd vor, +welches sie für ihn hatte in Bereitschaft halten lassen: dies war nicht +bloß reich angeschirrt, sondern auch sehr schön und von einem noch +höheren Wert als irgendeines in dem Marstall des Sultans von Indien. Er +bestieg es mit vielem Anstande, winkte ihr sein letztes Lebewohl zu, +und sprengte von dannen. + +Da der Weg nach der Hauptstadt nicht weit war, langte Prinz Achmed +binnen kurzer Zeit dort an. Sobald er in die Stadt einritt, empfing +ihn das Volk, voll Freude über sein Wiedererscheinen, mit lautem +Beifallruf, und ein großer Teil begleitete ihn bis an die Zimmer des +Sultans. Der Sultan empfing und umarmte ihn voll Freude, beklagte sich +gleichwohl aber über die Betrübnis, in die ihn seine lange Abwesenheit +versenkt habe. + +»Herr,« erwiderte der Prinz Achmed, »es liegt hier ein Geheimnis vor, +und ich bitte Euch, es nicht ungnädig aufzunehmen, wenn ich darüber +stillschweige. Ich bin glücklich und mit meinem Glücke zufrieden. Da in +meinem Glücke nichts war, was mich beunruhigen und dasselbe zu stören +vermochte, als der Gedanke an den Kummer, den Eure Majestät über mein +Verschwinden haben mußte, so hielt ich es für meine Pflicht, Euch +denselben zu benehmen. Dies ist der einzige Grund, warum ich komme. Die +einzige Gnade, die ich mir für die Zukunft von Eurer Majestät erbitte, +besteht darin, daß Ihr mir erlaubt, von Zeit zu Zeit hierher zu kommen, +um Euch meine Ehrerbietung zu bezeigen und mich nach Eurem Befinden zu +erkundigen.« + +»Mein Sohn,« antwortete der Sultan von Indien, »ich kann dir diese +Erlaubnis nicht verweigern, doch würde ich es weit lieber gesehen +haben, wenn du dich hättest entschließen können, hier in meiner Nähe zu +bleiben. Indes sage mir wenigstens, wo ich von dir Nachricht erhalten +kann, wenn du mir selber keine zukommen lässest, oder wenn deine +Gegenwart einmal nötig sein sollte.« + +»Herr,« erwiderte der Prinz Achmed, »das, wonach Eure Majestät mich +fragt, gehört mit zu dem erwähnten Geheimnis, und ich bitte Euch daher, +mir zu gestatten, daß ich über diesen Punkt schweige.« + +Der Prinz Achmed blieb am Hofe seines Vaters nicht länger als drei +Tage, und schon am vierten reiste er sehr früh wieder ab. + +Einen Monat nach der Rückkehr des Prinzen bemerkte die Fee Pari Banu, +daß, seitdem der Prinz ihr von seiner Reise Bericht erstattet, er nie +mehr mit ihr über den Sultan gesprochen hatte, was er früher doch so +oft getan hatte, gerade als ob er nicht mehr auf der Welt wäre. Sie +mutmaßte, daß er bloß aus Achtung gegen sie dies vermiede, und nahm +daher eines Tages Gelegenheit, folgendes zu ihm zu sagen: + +»Prinz, sagt mir doch, habt Ihr Euren Vater, den Sultan, denn so ganz +vergessen?« + +»Verehrte Frau,« erwiderte der Prinz Achmed, »ich fühle mich einer +solchen Vergeßlichkeit nicht fähig, indes ich wollte lieber diesen +Euren Vorwurf unverdient ertragen, als mich einer abschlägigen Antwort +aussetzen, wenn ich Euch gegenüber eine Sehnsucht nach etwas blicken +ließe, was Euch irgendwie hätte in Unruhe versetzen können.« + +»Prinz,« sagte die Fee zu ihm, »ich will nicht, daß Ihr länger diese +Rücksicht gegen mich nehmt, und so dächte ich, da Ihr Euren Vater seit +einem Monate nicht gesehen, Ihr ließet keine längere Frist verstreichen +und stattet ihm den schuldigen Besuch ab. Fangt also morgen damit an, +und fahrt so von Monat zu Monat fort, ohne daß Ihr mir deshalb jedesmal +etwas sagt oder von mir eine Äußerung erwartet.« + +Prinz Achmed reiste schon den folgenden Tag mit demselben Gefolge +ab, das aber weit prächtiger ausgerüstet und gekleidet war, als das +erstemal. Er wurde von dem Sultan wieder ebenso freudig empfangen. +So setzte er denn seine Besuche mehrere Monate lang fort, und immer +erschien er in einem reicheren und glänzenderen Aufzuge. + +Endlich wußten einige Wesire die Freiheit, die ihnen gestattete mit +dem Sultan zu reden, dazu zu mißbrauchen, daß sie in ihm Argwohn gegen +den Prinzen weckten. Sie stellten ihm vor, die Klugheit erfordere es, +zu wissen, wo der Prinz seinen eigentlichen Aufenthalt habe, und wovon +er seinen großen Aufwand bestreite, dann fuhren sie fort und sagten: +»Habt Ihr recht bemerkt, daß jedesmal, wenn er ankommt, er und seine +Leute ganz frisch und munter und ihre Kleider, die Decken der Pferde +und der übrige Schmuck so blank aussehen, als wären sie soeben erst +neu gemacht? Sogar ihre Pferde sind nicht müder, als kämen sie nur von +einem Spazierritt. Dies sind alles Beweise, daß sich der Aufenthaltsort +des Prinzen in der Nähe befindet, und wir glauben unsere Pflicht zu +verletzen, wenn wir Euch dies nicht untertänigst vorstellten, damit Ihr +zu Eurer eigenen Erhaltung und zum Wohl Eures Reichs die erforderliche +Rücksicht darauf nehmen könnt.« + +Der Sultan geriet durch die Reden der Günstlinge in einige Unruhe +und beschloß, die Schritte des Prinzen Achmed beobachten zu lassen, +doch ohne seinem Großwesir das mindeste davon zu sagen. Er ließ die +Zauberin zu sich kommen und sagte zu ihr: + +»Du hast mir die Wahrheit gesagt, als du mir versichertest, daß mein +Sohn Achmed nicht tot sei, und ich danke dir dafür; allein du mußt mir +noch einen Gefallen tun. Seitdem ich ihn nämlich wiedergefunden habe +und er wieder jeden Monat einmal an meinen Hof kommt, habe ich noch +nicht von ihm erfahren können, an welchem Ort er seine Wohnung hat. +Du weißt, daß er jetzt eben hier ist, und da er von hier immer wieder +abzureisen pflegt, ohne von mir oder irgendeinem an meinem Hof Abschied +zu nehmen, so verliere keine Zeit, begib dich noch heute auf den Weg +und beobachte ihn so gut, daß du erfährst, wo er jedesmal hingeht, und +mir darüber Antwort bringen kannst.« + +Die Zauberin entfernte sich aus dem Palast des Sultans, und da sie +erfahren hatte, an welchem Orte der Prinz Achmed seinen Pfeil gefunden +hatte, begab sie sich augenblicklich dahin und versteckte sich bei den +Felsen. + +Den folgenden Tag reiste der Prinz Achmed mit Anbruch des Morgens ab, +ohne daß er vom Sultan oder von einem anderen Manne des Hofes Abschied +nahm, wie er dies gewöhnlich tat. Die Zauberin sah ihn kommen und +begleitete ihn mit den Augen so weit, bis sie ihn und sein Gefolge aus +dem Gesicht verlor. + +Da die Felsen wegen ihrer Steilheit jedem Sterblichen unzugänglich +waren, schloß die Zauberin, eines von beiden könne hier nur der +Fall sein, nämlich daß der Prinz sich hier entweder in eine Höhle +zurückzöge, oder an einen unterirdischen Ort, wo Feen und Geister +wohnten. Sobald sie nun vermuten konnte, daß der Prinz und seine +Leute verschwunden und in die Höhle oder in das unterirdische Gemach +hineingegangen sein müßten, kam sie aus ihrem Versteck hervor und ging +geraden Weges auf die Schlucht los, wo sie dieselben hatte hineintreten +sehen. Sie ging in diese hinein, schritt bis dahin, wo dieselbe in +allerlei Krümmungen endigte, sah sich nach allen Seiten um und ging +mehrere Male auf und ab. Allein ungeachtet aller Sorgfalt bemerkte +sie doch weder eine Höhlenöffnung, noch die eiserne Tür, welche +früher den Nachforschungen des Prinzen Achmed nicht entgangen war — +und zwar darum, weil diese Tür nur für Männer, und zwar nur für die, +deren Gegenwart der Fee Pari Banu angenehm war, aber nicht für Frauen +sichtbar war. + +Die Zauberin ging also wieder zurück, um dem Sultan Antwort zu bringen, +und nachdem sie diesem über alle ihre Schritte Bericht abgestattet +hatte, fügte sie hinzu: + +»Herr, ich will Euch gegenwärtig noch nicht sagen, was ich denke, +sondern ich will Euch lieber eine so klare Kenntnis von der Sache +verschaffen, daß Ihr nicht mehr zweifeln könnt. Um dies bewirken zu +können, erbitte ich mir bloß Zeit und Geduld, nebst der Erlaubnis, daß +Ihr mich handeln laßt, ohne nach den Mitteln zu fragen, deren ich mich +hierzu bedienen muß.« + +Der Sultan sagte zu ihr: »Ganz nach deinem Belieben! Geh und handle +so, wie du es für angemessen findest, ich werde die Erfüllung deiner +Versprechungen ruhig abwarten.« + +Da der Prinz Achmed, seitdem er von der Fee Pari Banu die Erlaubnis +erhalten hatte, dem Sultan von Indien seine Aufwartung zu machen, nicht +unterlassen hatte, dies regelmäßig alle Monate einmal zu tun, wartete +die Zauberin, bis der laufende Monat zu Ende ging. Ein oder zwei Tage +vor dem Ende desselben begab sie sich an den Fuß der Felsen, und zwar +an die Stelle, wo ihr der Prinz mit seinen Leuten aus dem Gesicht +verschwunden war, und wartete da, um den Plan, den sie entworfen hatte, +auszuführen. + +Schon am folgenden Tage ritt Prinz Achmed, wie gewöhnlich, aus der +eisernen Tür heraus, und zwar mit dem Gefolge, das ihn immer zu +begleiten pflegte; er kam dicht an der Zauberin vorbei, die er nicht +für das erkannte, was sie war. Da er bemerkte, daß sie den Kopf auf den +Felsen gelegt hatte und wie eine schwer Leidende jammerte, bewog ihn +das Mitleid, seitwärts abzulenken, um sich ihr zu nähern und sie zu +fragen, was ihr denn fehle und was er zu ihrer Linderung tun könne. + +Die arglistige Zauberin sah den Prinzen, ohne den Kopf emporzuheben, +mit einer Miene an, die sein schon gewecktes Mitleid noch vermehrte. +Sie antwortete ihm in abgebrochenen Worten, und als könnte sie kaum +atmen, sie sei von Hause weggegangen, um nach der Stadt zu gehen. +Unterwegs sei sie von einem heftigen Fieber befallen worden, die Kräfte +seien ihr geschwunden, und sie sei genötigt gewesen, auszuruhen und in +dieser unbewohnten Gegend, ohne Aussicht auf menschlichen Beistand, in +der Lage zu bleiben, in der er sie gefunden. + +»Gute Frau,« erwiderte der Prinz Achmed, »Ihr seid nicht so weit von +aller menschlichen Hilfe entfernt, als Ihr denkt; ich bin bereit, Euch +an einen Ort zu bringen, wo Ihr nicht bloß alle mögliche Pflege finden, +sondern auch bald geheilt werden sollt. Ihr dürft bloß aufstehen und +zugeben, daß einer von meinen Leuten Euch hinter sich aufs Pferd nimmt.« + +Bei diesen Worten des Prinzen Achmed stellte sich die Zauberin, als +suche sie sich mit vieler Mühe aufzurichten. In demselben Augenblick +stiegen zwei von den Reitern ab, halfen ihr auf die Beine und setzten +sie hinter einen anderen Reiter aufs Pferd. Während sie sich wieder +aufsetzten, sprengte der Prinz an der Spitze seiner Reiterschar den Weg +wieder zurück und kam bald an die eiserne Tür, welche ihm durch einen +vorausgeeilten Reiter geöffnet worden war. Der Prinz ritt hinein, und +als er in den Hof des Feenpalastes gelangt war, ließ er, ohne selber +abzusteigen, durch einen seiner Reiter der Fee melden, daß er sie zu +sprechen wünsche. + +Die Fee Pari Banu eilte um so schneller herbei, als sie nicht begreifen +konnte, was den Prinzen Achmed sobald wieder zur Umkehr veranlaßt haben +könnte. Ohne ihr Zeit zu lassen, nach dem Grunde zu fragen, sagte der +Prinz zu ihr, indem er auf die Zauberin wies, die zwei seiner Leute vom +Pferde herabgehoben hatten und nun unter den Armen geführt brachten: + +»Meine Prinzessin, ich bitte Euch, dieser Frau dasselbe Mitleid zu +schenken, das ich ihr geschenkt habe. Ich habe sie in dem Zustande, +in dem Ihr sie seht, unterwegs getroffen und habe ihr den Beistand +versprochen, dessen sie bedarf.« + +Die Fee Pari Banu, die während der Rede des Prinzen ihre Augen auf die +angebliche Kranke geheftet hatte, befahl zweien ihrer Frauen, die ihr +gefolgt waren, sie aus den Händen der Reiter zu übernehmen, sie in ein +Zimmer des Palastes zu führen und für sie ganz ebenso zu sorgen, als ob +sie es selber wäre. + +Während die beiden Frauen den empfangenen Befehl vollzogen, näherte +sich die Fee Pari Banu dem Prinzen Achmed und sagte mit niedergesenkten +Augen zu ihm: + +»Prinz, ich lobe Euer Mitleid; es ist Euer und Eures Standes würdig, +und ich freue mich, Eurer guten Absicht entsprechen zu können: allein +erlaubt mir, Euch zu sagen, daß ich sehr fürchte, diese gute Absicht +werde uns übel belohnt werden. Es scheint mir nämlich nicht, daß diese +Frau so krank ist, als sie vorgibt, und ich müßte mich sehr täuschen, +wenn sie nicht ausdrücklich dazu hergekommen ist, Euch großes Unheil zu +bringen. Indes laßt Euch das nicht kümmern. Was man auch immer gegen +Euch anzetteln mag, Ihr könnt versichert sein, daß ich Euch aus allen +Schlingen, die man Euch irgend legen mag, befreien werde. Geht daher +und setzt Eure Reise fort.« + +Diese Äußerungen der Fee beunruhigten den Prinzen weiter nicht und er +antwortete: + +»Meine Prinzessin, da ich mich nicht erinnern kann, jemandem etwas +zuleide getan zu haben, und da ich auch gegen niemanden etwas Böses +vorhabe, so glaube ich nicht, daß irgend jemand dergleichen mir +zuzufügen gedenkt. Wie dem aber auch sein mag, ich werde nicht +aufhören, Gutes zu tun, so oft sich mir die Gelegenheit dazu bieten +wird.« + +Hierauf nahm er Abschied von der Fee und setzte seine Reise weiter +fort. Nach wenigen Stunden langte er am Hofe des Sultans an, der ihn +fast so wie sonst empfing, indem er sich soviel als möglich zwang, +um weder seine Unruhe, noch den Argwohn merken zu lassen, den die +Äußerungen der beiden Günstlinge in ihm geweckt hatten. + +Unterdes hatten die beiden Frauen, denen die Fee Pari Banu die +Sorge für die Zauberin aufgetragen, diese in ein sehr schönes und +reichgeschmücktes Zimmer geführt. Zuerst betteten sie sie auf ein +Sofa; dann machten sie ihr eine Lagerstatt zurecht, deren Kissen aus +Atlas waren, die Stickereien aus Seide trugen; das Bettuch war von +der feinsten Leinwand und die Oberdecke von Goldstoff. Als sie ihr +nun ins Bett geholfen hatten — denn die Zauberin tat, als ob ihr +Fieberanfall sie so quäle, daß sie sich selber nicht helfen könne —, +ging eine von den Frauen hinaus und kam bald darauf mit einem sehr +feinen Porzellangefäß in der Hand zurück, welches mit einer Flüssigkeit +angefüllt war. Sie reichte es der Zauberin, während die andere Frau ihr +half, sich im Bette aufzusetzen, und sagte zu ihr: + +»Da, nehmt die Flüssigkeit, es ist Wasser aus der Löwenquelle, ein +Universalmittel gegen jede Art von Fieber. Ihr werdet binnen einer +Stunde die Wirkung davor, empfinden.« + +Um noch kränker zu erscheinen, ließ sich die Zauberin lange bitten und +tat, als hätte sie eine unüberwindliche Abneigung gegen diesen Trank. +Endlich nahm sie das Porzellangefäß und schluckte die Flüssigkeit +hinunter, während sie den Kopf schüttelte, als ob sie sich große +Gewalt antäte. Als sie sich wieder gelegt hatte, deckten die beiden +Frauen sie gut zu, und die, welche den Trank gebracht hatte, sagte zu +ihr: + +»Bleibt jetzt ganz ruhig und schlaft, wenn Ihr Lust habt. Wir wollen +Euch jetzt verlassen und hoffen, Euch bei unserer Wiederkehr nach einer +Stunde vollkommen genesen zu finden.« + +Die Zauberin, die nicht darum gekommen war, um hier lange die Kranke +zu spielen, sondern bloß um den Aufenthalt des Prinzen Achmed +auszuspähen, hätte jetzt gern erklärt, daß der Trank seine Wirkung +getan habe, so groß war ihr Verlangen, zurückzukehren und den Sultan +von dem glücklichen Gelingen des Auftrags, den er ihr gegeben, zu +benachrichtigen; indes, da man ihr nicht gesagt hatte, daß der Trank +auf der Stelle wirke, mußte sie wider ihren Willen die Rückkehr der +Frauen abwarten. + +Die beiden Frauen kamen nach Verlauf der angegebenen Zeit wieder und +fanden die Zauberin aufgestanden und angekleidet auf dem Sofa. Bei +ihrem Eintritt stand sie sogleich auf und rief: + +»O der bewunderungswürdige Trank! Er hat weit schneller gewirkt, als +ihr mir sagtet, und ich erwarte euch schon seit einer Weile voll +Ungeduld, um euch zu bitten, mich doch zu eurer mildtätigen Gebieterin +zu führen, damit ich ihr für ihre Güte meinen Dank abstatte.« + +Die beiden Frauen, welche ebenfalls Feen waren, freuten sich mit ihr +über die Wiederherstellung ihrer Gesundheit und führten sie durch +mehrere Zimmer, die alle weit prächtiger waren als das, woraus sie eben +kam, in den prachtvollsten und reichgeschmücktesten Saal des ganzen +Palastes. + +Pari Banu saß in diesem Saal auf einem Thron von gediegenem Golde, +der mit Diamanten, Rubinen und Perlen von ungewöhnlicher Größe reich +verziert war und neben dem rechts und links eine große Anzahl von Feen +stand, die alle reich gekleidet waren und einen entzückenden Anblick +boten. Durch solchen Glanz und solche Majestät ward die Zauberin nicht +nur ganz geblendet, sondern sie ward auch so verwirrt, daß sie, nachdem +sie sich vor dem Throne niedergeworfen, nicht einmal den Mund zu öffnen +vermochte, um der Fee ihren Dank abzustatten. Pari Banu ersparte ihr +diese Mühe und sagte zu ihr: + +»Gute Frau, ich will Euch nicht länger zurückhalten; doch es wird Euch +nicht unlieb sein, zuvor meinen Palast zu besehen. Gehet mit meinen +Frauen, sie werden Euch begleiten und Euch denselben zeigen.« + +Die Zauberin, welche noch immer ganz verwirrt war, verneigte sich +nochmals mit der Stirn bis auf den Teppich herab, welcher die +Stufen des Thrones bedeckte, und nahm Abschied. Sie vermochte kein +einziges Wort vorzubringen, und ließ sich von den beiden Feen, die +sie begleiteten, herumführen. Sie sah nun zu ihrem Erstaunen und +unter beständigen Ausrufen der Verwunderung dieselben Reichtümer und +dieselbe Pracht, welche die Fee Pari Banu dem Prinzen Achmed, als er +das erstemal vor ihr erschien, hatte zeigen lassen. Was ihr aber die +größte Bewunderung einflößte, war, daß die Feen, nachdem sie das ganze +Innere des Palastes in Augenschein genommen, ihr sagten, daß alles +das, was sie soeben bewundert habe, nur eine Probe von der Größe und +Macht ihrer Gebieterin sei, und daß sie in ihrem Bereich noch andere +unzählige Paläste habe, die alle von verschiedener Form und Bauart, +doch nicht minder stattlich und prächtig wären. Indem sie sich mit ihr +unterhielten, führten sie sie bis zur eisernen Tür, durch welche der +Prinz Achmed sie eingeführt hatte, öffneten dieselbe und wünschten +ihr, nachdem sie von ihnen Abschied genommen und gedankt hatte, eine +glückliche Reise. + +Als die Zauberin einige Schritte weit gegangen war, drehte sie sich um, +um sich die Tür zu merken, doch sie suchte dieselbe vergebens; sie war +bereits wieder für sie unsichtbar geworden. Sie begab sich nun also +ganz zufrieden zum Sultan zurück. Der Sultan ließ sie vor sich kommen, +und da er sie mit einem sehr traurigen Gesicht erscheinen sah, mutmaßte +er, die Sache sei ihr nicht gelungen, und sagte zu ihr: + +»Deinem Aussehen nach schließe ich, daß deine Reise fruchtlos gewesen +und daß du mir die Aufklärung nicht mitbringst, die ich von deinem +Diensteifer erwartete.« + +»Herr,« erwiderte die Zauberin »der traurige Zug, den Ihr vielleicht in +meinem Gesichte bemerkt, rührt aus einer anderen Quelle als daher, daß +mir meine Aufgabe nicht gelungen wäre. Welches die eigentliche Ursache +ist, sage ich Euch nicht; der Bericht, den ich Euch abstatten werde, +wird Euch alles erklären.« + +Nun erzählte die Zauberin dem Sultan alles, was sie gesehen, und +schilderte ihm besonders die Majestät der Fee, die auf einem +von Edelsteinen blitzenden Throne gesessen, deren Wert leicht +die Reichtümer ganz Indiens übersteige, und endlich die übrigen +unermeßlichen und unschätzbaren Reichtümer, welche in dem großen Palast +enthalten wären. + +Hier beendete die Zauberin ihren Bericht und fuhr dann fort: + +»Herr, was denkt nun Euer Majestät von diesen unerhörten Reichtümern +der Fee? Vielleicht werdet Ihr sagen, Ihr freut Euch über das hohe +Glück des Prinzen Achmed, der dieselben mit der Fee gemeinschaftlich +genießt. Ich will gern glauben, daß der Prinz Achmed vermöge seiner +guten Gemütsart nicht fähig ist, etwas gegen Euer Majestät zu +unternehmen, allein wer kann dafür Zeuge sein, daß nicht die Fee durch +ihre Reize, ihre Liebkosungen und durch die Gewalt, die sie bereits +über ihren Gemahl erlangt hat, ihm den verderblichen Plan eingibt, +Euer Majestät zu verdrängen und sich der Krone Indiens zu bemächtigen?« + +Wie sehr auch der Sultan von dem guten Gemüt seines Sohnes überzeugt +war, regten ihn dennoch die Äußerungen der Zauberin sehr auf. + +Als man dem Sultan die Ankunft der Zauberin gemeldet hatte, unterhielt +er sich gerade mit denselben Günstlingen, die ihm bereits früher +Argwohn gegen den Prinzen Achmed eingeflößt hatten. Er gebot nun der +Zauberin, ihm zu folgen, begab sich zu den beiden Günstlingen und +teilte diesen mit, was er soeben vernommen. + +Einer von den beiden Günstlingen nahm das Wort und antwortete: + +»Herr, da Euer Majestät denjenigen kennt, welcher dies Unglück zustande +bringen konnte, da er mitten an Eurem Hofe lebt und in Euren Händen +ist, so solltet Ihr ihn ungesäumt verhaften und in einen engen Kerker +werfen lassen.« Die übrigen Günstlinge gaben dieser Ansicht einstimmig +ihren Beifall. + +Die Zauberin fand indes diesen Ratschlag zu gewaltsam; sie bat den +Sultan um Erlaubnis zu reden, und als sie dieselbe erhalten, sagte sie +folgendes zu ihm: + +»Herr, bei Verhaftung des Prinzen müßte man auch zugleich seine +Begleiter mit verhaften, die aber nicht Menschen, sondern Geister +sind. Wird es aber leicht sein, sich dieser zu bemächtigen? Würden +sie sich nicht auf der Stelle unsichtbar machen und augenblicklich +die Fee von der ihrem Gemahl angetanen Beleidigung unterrichten, +die diese Schmach nicht ungerächt lassen würde? Wäre es daher nicht +angebrachter, wenn der Sultan sich durch ein anderes Mittel gegen +die bösen Anschläge, die der Prinz Achmed etwa haben mag, sicher +stellen könnte? Da die Geister und die Feen Dinge vermögen, welche +weit alle menschliche Kraft übersteigen, so könnte Seine Majestät den +Prinzen Achmed ja bei seiner Ehre fassen und ihn verpflichten, ihm +durch Vermittelung der Fee gewisse Vorteile zu verschaffen, unter dem +Vorwande, daß er, der Sultan, davon großen Nutzen haben und ihm dafür +stets dankbar sein würde. Zum Beispiel, so oft Euer Majestät zu Felde +ziehen will, seid Ihr genötigt, einen ungeheuren Aufwand zu machen, +nicht bloß an Pavillons und Zelten für Euch und Euer Heer, sondern +auch an Kamelen, Mauleseln und andern Lasttieren, um dieses ganze +Gerät fortzubringen. Könntet Ihr ihn nun nicht verpflichten, daß er +Euch einen Pavillon verschaffte, der in der Hand Platz hätte, unter +dem aber Euer ganzes Heer Obdach finden könnte? Wenn der Prinz diesen +Pavillon herbeischaffen sollte, so bleiben Euch immer noch so viele +andere Forderungen an ihn zu stellen übrig, daß er am Ende dennoch der +Unmöglichkeit der Ausführung wird unterliegen müssen. So wird er sich +dann aus Scham nicht mehr sehen lassen und gezwungen sein, sein Leben +bei der Fee, fern vom Verkehr mit der Welt, hinzubringen, und so +wird dann Euer Majestät nichts mehr von seinen Anschlägen zu befürchten +haben.« + + [Illustration: Sie rief: »O elender Mensch, was ist das für eine + traurige Wache, die du da aufbewahrst.«] + +Als die Zauberin ausgeredet hatte, frug der Sultan seine Günstlinge, ob +sie ihm etwas Besseres vorzuschlagen wüßten, und da sie stillschwiegen, +so beschloß er, den Rat der Zauberin zu befolgen. + +Als der Prinz Achmed am folgenden Tag vor seinem Vater erschien und +neben ihm Platz genommen hatte, ließ sich dieser durch seine Gegenwart +nicht abhalten, sein Gespräch über allerlei gleichgültige Gegenstände +noch eine Weile fortzusetzen. Dann erst wandte er sich zum Prinzen +Achmed und sagte zu ihm: + +»Mein Sohn, als du erschienst und mich von der tiefen Traurigkeit, in +die mich deine lange Abwesenheit versenkt hatte, befreitest, machtest +du mir ein Geheimnis aus dem Orte, den du dir zum Aufenthalt gewählt +hattest, und in der ersten Freude, dich wiederzusehen, wollte ich nicht +weiter in dein Geheimnis eindringen. Ich kenne jetzt dein Glück, freue +mich dessen und billige deine Wahl, daß du eine Fee geheiratet, die so +liebenswürdig, so reich und mächtig ist. Dem hohen Range eingedenk, zu +welchem du jetzt erhoben bist, bitte ich dich, daß du deinen ganzen +Einfluß, den du bei deiner Fee haben magst, aufbietest, um mir in +Fällen der Not ihren Beistand zu verschaffen und du wirst mir erlauben, +daß ich diesen deinen Einfluß noch heute auf die Probe stelle. Du +weißt, mit welchen ungeheuren Kosten meine Heerführer, Offiziere und +ich selber, so oft ich in Kriegszeiten ins Feld zu ziehen genötigt +bin, Pavillons und Zelte, sowie auch Kamele und andere Lasttiere zum +Fortbringen derselben, anschaffen müssen. Deshalb bitte ich dich, mir +von deiner Fee einen Pavillon zu verschaffen, der gerade in einer Hand +Platz hat, und unter welchem dennoch mein ganzes Heer Obdach finden +kann.« + +Der Prinz Achmed hatte sich dessen gar nicht versehen, daß sein Vater +von ihm eine Sache verlangen würde, die ihm gleich von vornherein sehr +schwierig, wenn nicht gar unmöglich schien. Er war daher wegen der +Antwort, die er jetzt geben sollte, in nicht geringer Verlegenheit. + +»Herr,« erwiderte er endlich, »ich bin Gemahl der Fee, von der man Euch +gesagt hat, ich liebe sie, und bin überzeugt, daß sie mich ebenfalls +liebt; doch was meinen Einfluß bei ihr anbetrifft, wie Euer Majestät +anzunehmen scheint, so weiß ich davon nichts zu sagen. Ich habe +diesen nicht nur niemals versucht, sondern noch nicht einmal daran +gedacht, ihn zu versuchen. Indes der Wunsch eines Vaters ist Befehl +für einen Sohn. Obwohl höchst ungern und nur mit unbeschreiblichem +Widerwillen, werde ich dennoch nicht unterlassen, meiner Gemahlin die +Bitte, die Euer Majestät hat, vorzutragen. Indes ich kann Euch nicht +versprechen, daß sie mir wirklich erfüllt werden wird, und sollte ich +daher aufhören, vor Euch zu erscheinen und Euch meine Ehrerbietung zu +beweisen, so wird dies ein Zeichen sein, daß ich nichts ausgerichtet +habe, und ich bitte daher im voraus, daß Ihr es mir verzeihen möget.« + +Der Sultan von Indien antwortete dem Prinzen: + +»Mein Sohn, ich sehe schon, daß du die Gewalt nicht kennst, die ein +Mann über seine Frau hat. Die deinige würde beweisen, daß sie dich +wenig liebt, wenn sie dir bei der Macht, die sie als Fee hat, eine so +geringfügige Sache abschlagen wollte. Geh, bitte sie nur, und du wirst +sehen, daß die Fee dich weit mehr liebt, als du es glaubst.« + +Der Prinz reiste voll Verdruß zwei Tage früher ab, als er sonst zu tun +pflegte. Sobald er zu Hause angekommen war, frug ihn die Fee, welche +ihn bisher immer mit heiterem Angesicht hatte kommen sehen, nach der +Ursache der Veränderung, die sie an ihm bemerkte. Der Prinz sträubte +sich lange dagegen, indem er ihr versicherte, es sei weiter nichts; +allein je mehr er sich sträubte, desto mehr drang sie in ihn. Endlich +vermochte er nicht länger den inständigen Bitten der Fee zu widerstehen +und sagte also zu ihr: + +»Meine Gemahlin, Gott verlängere das Leben des Sultans, meines Vaters, +und segne ihn bis an das Ende seiner Tage! Ich verließ ihn vollkommen +frisch und gesund. Dies ist es also nicht, was mir die Bekümmernis +veranlaßt, die Ihr an mir wahrgenommen habt, sondern der Sultan selber +ist die Ursache davon. Erstlich, meine Gemahlin, wisset Ihr, wie +sorgfältig ich ihm mein Glück zu verhehlen gesucht habe; gleichwohl hat +er alles erfahren.« + +Bei diesen Worten unterbrach die Fee Pari Banu den Prinzen Achmed und +sagte zu ihm: + +»Erinnert Euch an das, was ich Euch in betreff der Frau vorausgesagt +habe, die sich krank stellte und mit welcher Ihr so großes Mitleid +hattet; diese ist es, die dem Sultan, Eurem Vater, alles berichtet hat, +was Ihr ihm verhehlt. Indes erzählt nur weiter.« + +»Meine Gemahlin,« fuhr der Prinz Achmed fort, »Ihr werdet bemerkt +haben, daß ich bis zu diesem Augenblick nie eine Gunstbezeigung von +Euch verlangt habe. Was könnte ich auch bei dem Besitz einer so +liebenswürdigen Gemahlin noch weiter wünschen? Es war mir keineswegs +unbekannt, wie groß Eure Macht sei, allein ich hatte es mir zur Pflicht +gemacht, dieselbe nie auf die Probe zu stellen. Bedenkt also, ich +beschwöre Euch darum, daß nicht ich es bin, sondern mein Vater, der +Sultan, der die unbescheidene Bitte an Euch tut, ihm einen Pavillon zu +verschaffen, der ihn, seinen ganzen Hof, und sein ganzes Heer, so oft +er im Felde ist, gegen das Ungemach der Witterung schützt, aber dabei +in der Hand Platz hat.« + +»Prinz,« erwiderte die Fee lächelnd, »es tut mir leid, daß eine solche +Kleinigkeit Euch so viel Unruhe und Herzenspein verursacht hat.« + +Nach diesen Worten befahl sie, ihre Schatzmeisterin zu rufen. Die +Schatzmeisterin kam, und die Fee sagte zu ihr: + +»Nurdschihan« — so hieß nämlich die Schatzmeisterin — »bringe mir den +größten Pavillon, der in meinem Schatze ist.« + +Nurdschihan kam binnen wenigen Augenblicken wieder und brachte einen +Pavillon, der nicht bloß in der Hand Platz hatte, sondern den man +sogar in der Handfest verschließen konnte; sie überreichte ihn ihrer +Gebieterin, die ihn nahm und dem Prinzen Achmed einhändigte, damit er +ihn besehen möchte. + +Als der Prinz Achmed hörte, daß die Fee Pari Banu einen Pavillon holen +ließ, und zwar den größten Pavillon aus ihrem Schatze, glaubte er, daß +sie seiner spotten wolle, und die Spuren seines Befremdens verrieten +sich in seinen Mienen und Gebärden. Pari Banu, die es bemerkte, lachte +laut auf und rief: + +»Wie, Prinz, Ihr glaubt also, daß ich Euch bloß verspotten wolle? Ihr +werdet bald sehen, daß ich keine Spötterin bin. Nurdschihan,« sagte sie +zu ihrer Schatzmeisterin, indem sie den Pavillon aus den Händen des +Prinzen nahm und ihn ihr wiedergab, »geh und spanne ihn aus, damit der +Prinz sehen kann, ob sein Vater, der Sultan, ihn so groß finden wird, +als er ihn verlangt hat.« + +Die Schatzmeisterin ging aus dem Palaste und entfernte sich so weit, +daß beim Ausspannen das eine Ende desselben gerade bis an den Palast +reichte. Als sie dies nun getan, fand ihn der Prinz Achmed so groß, daß +zwei Heere, wenn sie auch ebenso zahlreich wären als das des Sultans +von Indien, darunter Platz gehabt hätten. + +»Meine Prinzessin,« sagte er jetzt zu Pari Banu, »ich bitte Euch +tausendmal um Verzeihung wegen meines Unglaubens; nach dem, was ich +jetzt gesehen, glaube ich, daß unter allem, was Ihr irgend unternehmen +möget, nichts ist, was Euch unerreichbar wäre.« + +»Ihr seht,« erwiderte die Fee, »daß der Pavillon größer als nötig ist; +jedoch Ihr werdet bemerken, er hat die Eigenschaft, daß er größer oder +kleiner wird, je nach dem Maße dessen, was darunter Platz finden soll, +ohne daß man dabei irgendwie Hand anzulegen braucht.« + +Die Schatzmeisterin legte den Pavillon wieder zusammen, brachte ihn +in seine vorige Lage und gab ihn dann in die Hände des Prinzen. Der +Prinz Achmed nahm ihn, und schon den folgenden Tag setzte er sich, ohne +länger zu zögern, zu Pferde und eilte in Begleitung seines gewöhnlichen +Gefolges von dannen, um ihn dem Sultan, seinem Vater, zu überreichen. + +Der Sultan, welcher geglaubt hatte, ein Pavillon, wie er ihn verlangt +hatte, könne gar nicht gefunden werden, war über die schnelle +Wiederkehr seines Sohnes nicht wenig erstaunt. Er empfing den Pavillon, +und nachdem er die Kleinheit desselben bewundert hatte, geriet er in +Erstaunen, als er ihn in der Ebene errichten ließ und sah, daß zwei +Heere, so groß als das seinige, darunter reichlich Platz hatten. + +Dem äußern Scheine nach bezeigte der Sultan von Indien dem Prinzen +seine Dankbarkeit, indem er ihn bat, der Fee Pari Banu in seinem +Namen dafür herzlich zu danken. Und um ihm zu zeigen, wie hoch er es +schätzte, befahl er, es in seiner Schatzkammer sorgfältig aufzuheben. +Allein in seinem Herzen faßte er eine weit ärgere Eifersucht, als ihm +seine Schmeichler und die Zauberin zuvor eingeflößt hatten, indem er +überlegte, daß sein Sohn mit Hilfe der Fee Dinge ausführen könnte, +die weit über die Grenzen seiner eigenen Macht und seines Vermögens +hinausgingen. Dies veranlaßte ihn, alles zu versuchen, um ihn zugrunde +zu richten. Er fragte deshalb die Zauberin um Rat, und diese riet ihm, +den Prinzen aufzufordern, daß er ihm Wasser aus der Löwenquelle bringen +solle. + +Als der Sultan am Abend, wie gewöhnlich, seine Hofleute um sich +versammelt hatte und der Prinz Achmed sich ebenfalls zugegen befand, +redete er diesen mit folgenden Worten an: + +»Mein Sohn, ich habe dir schon gesagt, zu welchem Dank ich mich dir +wegen des Pavillons verpflichtet fühle; du mußt mir zuliebe noch +etwas anderes tun, das mir nicht minder angenehm sein wird. Ich höre +nämlich, daß deine Gemahlin, die Fee, sich eines gewissen Wassers aus +der Löwenquelle bedient, welches alle Arten von Fieber heilt; da ich +nun vollkommen überzeugt bin, daß meine Gesundheit dir sehr teuer +ist, rechne ich mit Gewißheit darauf, daß du dir von ihr ein Gefäß +voll solchen Wassers erbitten und es mir dann bringen wirst, als ein +Universalmittel, das mir jeden Augenblick gute Dienste tun kann. +Erzeige mir also auch noch diesen wichtigen Dienst und setze dadurch +deiner kindlichen Liebe zu mir die Krone auf.« + +Der Prinz Achmed, welcher geglaubt hatte, der Sultan, sein Vater, +werde sich mit dem Besitz eines so einzigen und brauchbaren Pavillons +begnügen und ihm nicht einen neuen Auftrag aufbürden, war bei dieser +zweiten Aufforderung ganz verwirrt, ungeachtet ihm die Fee versichert +hatte, sie werde ihm alles gewähren, was irgend in ihrer Macht stände. +Nach einem Stillschweigen von einigen Augenblicken erwiderte er: + +»Herr, ich bitte Euer Majestät versichert zu sein, daß ich alles +zu tun bereit bin, um Euch alles zu verschaffen, was irgendwie zur +Verlängerung Eures Lebens beitragen kann; indes ich wünschte bloß, +daß es ohne die Vermittlung meiner Gemahlin geschehen könnte. Aus +diesem Grunde wage ich denn auch nicht, Euer Majestät zu versprechen, +daß ich dies Wasser bringen werde. Alles, was ich tun kann, ist, +Euch zu versichern, daß ich darum bitten werde, obwohl mit demselben +Widerwillen wie damals, als ich um den Pavillon bat.« + +Als der Prinz Achmed den folgenden Tag zu der Fee Pari Banu +zurückgekehrt war, stattete er ihr einen aufrichtigen und treuen +Bericht von alledem ab, was am Hofe seines Vaters bei Überreichung +des Pavillons vorgegangen war, den der Sultan mit vielem Dank für sie +angenommen hatte. Er unterließ nicht, ihr die neue Bitte, die er in +seinem Namen ihr zu machen beauftragt war, vorzutragen, und schloß mit +den Worten: + +»Meine Prinzessin, ich teile Euch dies bloß als einfachen Bericht über +das mit, was zwischen meinem Vater und mir vorgefallen; im übrigen +steht es ganz in Eurem Belieben, seinen Wunsch zu erfüllen oder nicht, +ich werde mich gar nicht darein mischen, sondern will bloß das, was Ihr +wollt.« + +»Nein, nein,« erwiderte die Fee Pari Banu, »es ist mir sehr lieb, wenn +der Sultan von Indien erfährt, daß Ihr mir nicht gleichgültig seid. +Ich will seinen Wunsch befriedigen, und welche Ratschläge ihm auch +immer die Zauberin eingeben mag — denn ich sehe wohl, daß er nur auf +sie hört —, wir wollen ihm gegenüber stets auf der Hut sein. Es liegt +in seiner diesmaligen Forderung etwas Boshaftes, wie Ihr aus meinem +Bericht bald ersehen werdet. Die Löwenquelle befindet sich nämlich +mitten in dem Hofe eines großen Schlosses, dessen Eingang von vier +ungeheuren Löwen bewacht wird, von denen immer zwei schlafen, während +die andern wachen. Indes, das darf Euch nicht in Schrecken setzen. Ich +werde Euch ein Mittel an die Hand geben, vermöge dessen Ihr ohne Gefahr +mitten durch sie hindurchgehen könnt.« + +Die Fee Pari Banu war gerade mit Nähen beschäftigt, und da sie in +ihrer Nähe mehrere Zwirnknäuel liegen hatte, nahm sie eines davon, +überreichte es dem Prinzen Achmed und sagte: + +»Zuerst nehmt dieses Knäuel; ich werde Euch bald den Gebrauch lehren, +den Ihr davon machen könnt. Zweitens, laßt Euch zwei Pferde anschirren, +eines, um selber darauf zu reiten, das andere, um es neben Euch her +als Handpferd zu führen, beladen mit einem in vier Teile zerhackten +Hammel, der heute noch geschlachtet werden muß. Drittens verseht +Euch mit einem Gefäß, das ich Euch geben lasse, damit Ihr es morgen +dort voll Wasser schöpfen könnt. Ganz früh setzt Euch dann zu Pferde +und führt das andere Pferd am Zügel nebenher, und sobald Ihr aus der +eisernen Tür hinaus seid, werft das Zwirnknäuel vor Euch her; dies wird +dann anfangen zu rollen und so immer fort rollen bis an das Tor des +Schlosses. Folgt demselben bis dahin nach, und wenn es stillsteht und +das Tor sich öffnet, werdet Ihr die vier Löwen erblicken. Die beiden +wachenden werden durch ihr Gebrüll die beiden andern schlafenden +sogleich wecken. Fürchtet Euch indes nicht, sondern werft einem jeden +ein Hammelviertel hin, ohne vom Pferde abzusteigen. Ist dies geschehen, +so spornt ohne Zeitverlust Euer Pferd und reitet im gestreckten Galopp +zur Quelle hin, füllt dann Euer Gefäß, ohne abzusteigen, und eilt dann +mit derselben Schnelligkeit wieder zurück. Die Löwen werden noch mit +Fressen beschäftigt sein und Euch einen freien Rückweg gestatten.« + +Der Prinz Achmed reiste am folgenden Morgen um die Stunde, welche die +Fee Pari Banu ihm bestimmt hatte, ab und vollzog pünktlich, was sie ihm +vorgeschrieben hatte. Er kam an dem Tore des Schlosses an, verteilte +die Hammelviertel unter die vier Löwen, und nachdem er unerschrocken +durch sie hindurchgeritten war, drang er bis zu der Quelle vor und +schöpfte das Wasser ein. Sowie er das Gefäß gefüllt hatte, wandte +er um und gelangte wohlbehalten und gesund wieder aus dem Schlosse +hinaus. Als er etwas davon entfernt war, sah er sich um und erblickte +zwei Löwen, die gerade auf ihn losstürzten. Ohne zu erschrecken zog er +seinen Säbel und setzte sich zur Wehr. Doch da er unterwegs bemerkte, +daß der eine in einiger Entfernung seitwärts ablenkte und mit Kopf und +Schweif zu verstehen gab, daß er nicht komme, um ihm etwas zuleide zu +tun, sondern bloß, um vor ihm herzulaufen, und daß der andere ihm +folgen würde, steckte er seinen Säbel wieder ein und setzte so seinen +Weg bis nach der Hauptstadt von Indien fort, wo er in Begleitung +der beiden Löwen ankam, die ihn nicht verließen, bis an die Tür des +Palastes des Sultans. Dort ließen sie ihn hineingehen und kehrten +sodann denselben Weg wieder zurück, den sie gekommen waren, zum großen +Entsetzen des Volkes und aller derer, die sie erblickten. + +Mehrere Palastbeamte, welche sogleich erschienen, um dem Prinzen +Achmed vom Pferde herabzuhelfen, begleiteten ihn bis an das Zimmer des +Sultans, wo dieser sich eben mit seinen Günstlingen unterhielt. Hier +näherte er sich dem Throne, setzte das Gefäß zu den Füßen des Sultans, +küßte den reichen Teppich, welcher die Stufen desselben bedeckte, stand +dann wieder auf und sagte: + +»Herr, hier ist das heilsame Wasser, welches Euer Majestät in der +Sammlung von Kostbarkeiten und Seltenheiten zu besitzen wünschte, die +eine Zierde Eurer Schatzkammer sind. Ich wünsche Euch übrigens eine +vollkommene Gesundheit, daß Ihr niemals davon Gebrauch zu machen nötig +habt.« + +Als der Prinz seine Anrede beendet hatte, ließ der Sultan ihn zu seiner +Rechten Platz nehmen und sagte dann zu ihm: + +»Mein Sohn, ich bin dir für dein Geschenk großen Dank schuldig, da du +dich mir zuliebe in so große Gefahr begeben hast. Tue mir jetzt den +Gefallen, mir zu sagen, durch welche Geschicklichkeit oder durch welche +unglaubliche Kraft du dich dagegen sichergestellt hast?« + +Der Prinz erzählte ihm nun alles, und als er geendet hatte, stand der +Sultan, der ihn mit den größten Freudenbezeigungen, doch innerlich mit +derselben, ja mit noch größerer Eifersucht angehört hatte, von seinem +Sitze auf und zog sich in das Innere seines Palastes zurück, wo die +Zauberin, nach welcher er sogleich geschickt hatte, vor ihn geführt +wurde. + +Die Zauberin hatte bereits ein — wie sie meinte — unfehlbares Mittel +ausgedacht. Sie teilte dies Mittel dem Sultan mit, und der Sultan +zeigte es dem Prinzen Achmed mit folgenden Worten an: + +»Mein Sohn, ich habe nur noch eine einzige Bitte an dich, nach dieser +will ich dann nichts mehr, weder von deinem Gehorsam, noch von deiner +Gemahlin, der Fee, verlangen; diese Bitte besteht darin, daß du mir +einen Mann herbeischaffst, der nicht über anderthalb Fuß hoch ist, +einen Bart von dreißig Fuß Länge hat, und der auf der Schulter eine +fünfhundert Pfund schwere Eisenstange trägt, die ihm als Stab dient, +und welcher reden kann.« + +Prinz Achmed, welcher nicht glauben konnte, daß es auf der Welt einen +Menschen gäbe, der so wäre, wie sein Vater ihn verlangte, wollte sich +entschuldigen, doch der Sultan blieb bei seiner Forderung, mit der +Begründung, daß die Fee noch weit unglaublichere Dinge vermöge. + +Den folgenden Tag, als der Prinz in das unterirdische Reich der Fee +zurückgekehrt war, teilte er derselben das neue Begehren seines Vaters +mit. + +»Mein Prinz,« erwiderte die Fee, »dieser Mann ist mein Bruder Schaïbar, +welcher, obwohl er mit mir denselben Vater hat, anstatt mir zu +ähneln, von einer sehr heftigen Gemütsart ist, daß nichts imstande +ist, ihn zurückzuhalten, daß er nicht sogleich blutige Beweise seines +Rachegefühls gibt, wofern man ihm mißfällt oder ihn beleidigt. Übrigens +ist er der beste Mensch von der Welt und stets bereit, gefällig zu +sein, wo und wie man es irgend wünscht. Er ist ganz so gestaltet, wie +der Sultan, Euer Vater, ihn beschrieben hat, und trägt keine anderen +Waffen als die fünfhundert Pfund schwere Eisenstange, ohne die er +niemals ausgeht. Ich werde ihn gleich kommen lassen, und Ihr mögt dann +selbst urteilen, ob ich wahr gesprochen habe. Doch vor allen Dingen +bereitet Euch vor, daß Ihr nicht vor seiner seltsamen Figur erschreckt.« + +Die Fee ließ sich in die Vorhalle ihres Palastes ein goldenes +Räucherpfännchen mit glühenden Kohlen und eine Kapsel von demselben +Metall bringen. Aus der Kapsel nahm sie wohlriechendes Räucherwerk, +und als sie es in die Räucherpfanne geworfen, stieg ein dicker Rauch +daraus empor. + +Einige Augenblicke nach diesem Verfahren sagte die Fee zu dem Prinzen +Achmed: »Mein Prinz, da kommt mein Bruder, seht Ihr ihn?« + +Der Prinz sah hin und erblickte Schaïbar, welcher nicht mehr als +anderthalb Fuß hoch war und mit seiner fünfhundert Pfund schweren +Eisenstange und seinem stattlichen, dreißig Fuß langen Barte, der +sich nach vorn zu aufstützte, feierlich einhergeschritten kam. Sein +verhältnismäßig dicker Knebelbart war bis zu den Ohren aufgestülpt und +bedeckte ihm fast das ganze Gesicht; seine Schweinsohren steckten tief +im Kopfe, der ungeheuer dick und mit einer nach oben spitz zulaufenden +Mütze bedeckt war; außerdem war er vorn und hinten bucklig. + +Hätte der Prinz es nicht vorher erfahren, daß Schaïbar der Bruder der +Fee Pari Banu sei, hätte er ihn nicht ohne das größte Entsetzen ansehen +können. Doch durch diese Nachricht beruhigt, erwartete er ihn festen +Fußes mit der Fee und empfing ihn, ohne eine Spur von Schwäche blicken +zu lassen. + +Schaïbar, der beim Näherkommen den Prinzen mit einem Blicke ansah, der +ihm das Herz im Leibe hätte in Eis verwandeln können, frug die Fee +sofort, wer der Mann da sei? + +»Lieber Bruder,« erwiderte sie, »es ist mein Gemahl, sein Name ist +Achmed, und er ist der Sohn des Sultans von Indien. Der Grund, warum +ich dich nicht zu meiner Hochzeit eingeladen habe, war der, daß ich +dich nicht von deinem Kriegszuge abhalten wollte, den du damals +vorhattest, und von dem du, wie ich mit vielem Vergnügen höre, jetzt +so siegreich zurückgekehrt bist. Bloß um seinetwillen bin ich so frei +gewesen, dich rufen zu lassen.« + +Bei diesen Worten sagte Schaïbar, indem er den Prinzen Achmed mit einem +freundlichen Blicke ansah, der indes sein stolzes und wildes Aussehen +nicht im geringsten milderte: + +»Liebe Schwester, kann ich ihm mit irgend etwas dienen? Er darf es bloß +sagen.« + +»Der Sultan, sein Vater,« erwiderte Pari Banu, »ist neugierig, dich zu +sehen; ich bitte dich also um die Gefälligkeit, dich von ihm hinführen +zu lassen.« + +»Er darf bloß vorangehen,« antwortete Schaïbar, »ich bin bereit ihm zu +folgen.« + +»Lieber Bruder,« erwiderte Pari Banu, »es ist wohl schon zu spät, +um noch heute diese Reise zu unternehmen, du wirst sie also wohl +gefälligst auf morgen früh verschieben. Indes, da es gut ist, daß du +von dem unterrichtet wirst, was zwischen dem Sultan von Indien und dem +Prinzen Achmed seit unserer Verheiratung vorgefallen, so werde ich dich +diesen Abend davon unterhalten.« + +Am folgenden Morgen brach Schaïbar, von allem, was ihm zu wissen nötig +war, unterrichtet, sehr zeitig auf, begleitet von dem Prinzen Achmed, +der ihn dem Sultan vorstellen sollte. Sie erreichten die Hauptstadt, +und sobald Schaïbar sich am Tore zeigte, wurden alle die ihn sahen, +beim Anblick eines so scheußlichen Menschen von Entsetzen ergriffen, +und versteckten sich teils in Buden und Häusern, deren Türen sie +hinter sich zuschließen ließen, teils ergriffen sie die Flucht und +teilten allen, denen sie begegneten, dasselbe Entsetzen mit, die dann +sogleich umkehrten, ohne sich weiter umzusehen. Je weiter Schaïbar und +Prinz Achmed mit abgemessenen Schritten vorwärts kamen, je öder und +menschenleerer fanden sie alle Straßen und öffentlichen Plätze bis +zum Palaste des Sultans. Dort aber ergriffen die Pförtner, anstatt +Vorkehrungen zu treffen, daß Schaïbar nicht hereinkäme, nach allen +Seiten hin die Flucht und ließen das Tor offen stehen. Der Prinz und +Schaïbar gelangten ohne Hindernis bis an den Saal der Ratsversammlung, +wo der Sultan auf seinem Throne sitzend jedem Gehör gab, und da auch +die Türsteher beim Erscheinen Schaïbars ihren Posten im Stich ließen, +traten sie ungehindert hinein. + +Schaïbar näherte sich stolz und mit erhobenem Kopfe dem Throne, und +ohne erst zu warten, bis Prinz Achmed ihn vorstellte, redete er den +Sultan von Indien mit folgenden Worten an: »Du hast mich zu sehen +verlangt; hier bin ich. Was willst du von mir?« + +Der Sultan hielt sich, anstatt zu antworten, die Hände vor die Augen, +und wandte das Gesicht seitwärts, um eine so fürchterliche Gestalt +nicht ansehen zu müssen. Schaïbar, voll Unwillen darüber, daß man +ihn erst herbemüht habe, und ihn nun auf eine so unhöfliche und +beleidigende Weise empfing, hob seine Eisenstange empor, und mit den +Worten: »So rede doch!« ließ er sie ihm auf den Kopf herabfallen, und +schlug ihn tot, ehe noch der Prinz Achmed daran denken konnte, für +ihn um Gnade zu bitten. Er vermochte nichts weiter zu tun, als zu +verhindern, daß er nicht auch den Großwesir totschlug, der nicht weit +von der Rechten des Sultans entfernt war, indem er ihm vorstellte, daß +er mit den guten Ratschlägen, welche derselbe seinem Vater gegeben, +nicht anders als zufrieden sein könne. + +»Diese beiden also sind es,« sagte Schaïbar, »die ihm immer so +schlechte Anschläge eingegeben.« + +Mit diesen Worten schlug er die andern Wesire zur Linken und Rechten +tot, die sämtlich Günstlinge und Schmeichler des Sultans und Feinde +des Prinzen Achmed waren. So viel Schläge, so viel Leichen gab es, und +nur diejenigen entkamen, deren Schrecken nicht so groß war, daß er sie +regungslos gemacht und sie gehindert hätte, ihr Heil in der Flucht zu +suchen. + +Als das schreckliche Gemetzel zu Ende war, ging Schaïbar aus dem +Versammlungssaale heraus, und als er mit seiner Eisenstange auf der +Schulter mitten in den Hof gekommen war, sah er den Großwesir an, der +den Prinzen Achmed, seinen Lebensretter, begleitete und sagte: + +»Ich weiß, daß es hier auch noch eine Zauberin gibt, die eine weit +ärgere Feindin des Prinzen, meines Schwagers, ist als die unwürdigen +Günstlinge, die ich soeben bestraft habe. Ich will, daß man diese +Zauberin vor mich führe.« + +Der Großwesir ließ sie holen, und man brachte sie geführt. Schaïbar +schlug sie mit der Eisenstange und sagte: + +»Ich will dich lehren, verderbliche Ratschläge zu geben und die Kranke +zu spielen.« Die Zauberin blieb auf der Stelle tot. + +»Aber das ist noch nicht genug,« fügte Schaïbar hinzu, »sondern ich +werde jetzt auch noch die ganze Stadt totschlagen, wenn sie nicht +augenblicklich den Prinzen Achmed, meinen Schwager, für den Sultan von +Indien anerkennt.« + +Sogleich ließen alle, die zugegen waren und diesen Urteilsspruch +vernahmen, die Luft von dem lauten Ausruf ertönen: »Es lebe der Sultan +Achmed!« + +In kurzer Zeit hallte die ganze Stadt von diesem Ruf und Ausruf wieder. +Schaïbar ließ ihm das Kleid des Sultans von Indien anlegen und setzte +ihn feierlich auf den Thron, und nachdem er ihm hatte huldigen lassen, +ging er und holte seine Schwester Pari Banu, führte sie mit großem Pomp +ein und ließ sie ebenfalls für die Sultanin von Indien erklären. + +Was den Prinzen Aly und die Prinzessin Nurunnihar betrifft, die an +der Verschwörung gegen den Prinzen Achmed, die soeben gesühnt worden, +keinen Teil, ja nicht einmal die geringste Kenntnis davon gehabt +hatten, wies ihnen der Prinz Achmed ein bedeutendes Jahresgehalt +nebst einer Hauptstadt an, um darin ihre Lebenstage zuzubringen. Auch +schickte er einen seiner Diener an seinen älteren Bruder, den Prinzen +Hussain, ab, um ihm die eingetretene Veränderung anzuzeigen und ihm das +Anerbieten zu machen, er möge sich im ganzen Reiche irgendeine Provinz +nach Belieben auswählen, um sie als sein Eigentum in Besitz zu nehmen. +Doch der Prinz Hussain fühlte sich in seiner Einsamkeit so glücklich, +daß er den Abgesandten auftrug, seinem jüngeren Bruder, dem Sultan, +in seinem Namen herzlich für die Gefälligkeit zu danken, die er ihm +zugedacht, ihn seiner Unterwürfigkeit zu versichern und ihm anzuzeigen, +daß er sich die einzige Gnade ausbäte, ihm zu erlauben, daß er hinfort +in seiner selbstgewählten Zurückgezogenheit verbleiben könne. + + + + + DIE GESCHICHTE VON ALI BABA UND DEN VIERZIG RÄUBERN, + DIE DURCH EINE SKLAVIN UMS LEBEN KAMEN + + +In alten Zeiten lebten in einer Stadt Persiens zwei Brüder; der eine +hieß Casim und der andere Ali Baba. Ihr Vater hatte ihnen nur wenig +Vermögen hinterlassen, und da sie es zu gleichen Hälften untereinander +geteilt hatten, so sollte man meinen, daß ihre äußere Lage ziemlich +gleich gewesen sein müßte; aber der Zufall fügte es anders. Casim +heiratete die Tochter eines Kaufmanns, die nach dem Tode ihres Vaters +einen Laden mit vielen Waren erbte, ein wohlgefülltes Lager und viele +seltene Teppiche und Tücher; daher gehörte Casim bald zu den reichsten +Leuten in der ganzen Stadt. Ali Baba aber nahm eine Frau, die sehr +arm war, so daß er sehr dürftig in einer engen Hütte lebte und seinen +Lebensunterhalt damit verdienen mußte, in einem nahen Walde Bäume zu +fällen, die er auf drei Esel lud und in der Stadt zum Verkaufe ausbot. + +Eines Tages war Ali Baba wieder im Walde und hatte soviele Äste +gebrochen, daß er die Esel, sein einziges Besitztum, damit voll laden +konnte — da erblickte er auf einmal in der Ferne eine mächtige +Staubwolke, die hoch emporwirbelte und sich ihm näherte. Er sah +aufmerksam und genau nach ihr hin und entdeckte bald, daß es eine +Reiterschar war, die rasch und scharf auf ihn zukam. Da Ali Baba +fürchtete, die Reiter könnten etwa Räuber sein, die ihn ermorden +wollten, trieb er seine Esel in ein Gebüsch, um sie ihrem Schicksale zu +überlassen, und erkletterte darauf einen starken, alten Baum, dessen +Äste so dichtes Laub trugen, daß er sich bequem darin zu verstecken +vermochte. So sah er alles, was unter ihm vorging, während ihn keiner +von unten erspähen konnte. Der Baum aber stand an einem schroffen +Felsen, der seine Äste überragte und so groß war, daß man ihn auf +keiner Seite zu ersteigen vermochte. + +Die Reiter, junge und stattliche Männer, die wohlbewaffnet waren, +führten ihre Pferde dicht unter den Felsen und saßen dort ab. Ali +Baba zählte, daß es ihrer vierzig waren und erkannte aus ihren +Gesichtern und ihrem Gebaren, daß es wirklich Räuber waren, die hier +wahrscheinlich ihre Beute in Sicherheit bringen wollten. Jeder von +ihnen schirrte sein Roß ab, band es an einen Baum und warf ihm einen +Sack voll Gerste vor. Dann nahmen sie ihre Reisetaschen ab, und Ali +Baba sah, daß sie schwer von Gold und Silber waren. Der kräftigste und +stattlichste von ihnen, der ihr Hauptmann zu sein schien, legte seine +Satteltasche auf die Schulter, näherte sich dem Felsen, der dicht an +dem Baume stand, auf den Ali Baba hinaufgeklettert war, bahnte sich +den Weg durch Sträucher und Dornen und sprach die wundersamen Worte: +»Sesam, öffne dich!« Sofort tat sich eine große Türe auf, durch welche +alle Räuber in den Felsen hineingingen; der Hauptmann trat zuletzt +ein, und das Tor schloß sich hinter ihm von selbst. Lange Zeit blieb +die Bande in der Höhle, und Ali Baba mußte notgedrungen oben auf dem +Baume hocken und warten; denn er hatte Angst, hinabzuspringen, weil +vielleicht gerade einige der Räuber zurückkehren, ihn fangen und töten +könnten. Seine Gedanken gingen schließlich so weit, daß er beschloß, +sich eines der Pferde zu bemächtigen, seine Esel vor sich her zu +treiben und so rasch wie möglich nach Hause zu reiten — da öffnete +sich das Tor wieder, der Hauptmann trat heraus, zählte seine Leute, +die er an sich vorbeiziehen ließ, und sprach zuletzt die Zauberworte: +»Sesam, schließe dich!« worauf sich die Tür wieder von selber zutat. +Dann nahm jeder sein Pferd, zäumte es, band die leere Satteltasche +darauf, und alsbald ritten sie hastig denselben Weg zurück, auf dem sie +gekommen waren. + +Ali Baba wagte noch nicht, von seinem Aste herabzusteigen, bis sie +alle seinen Blicken entschwunden waren. »Einer von ihnen könnte etwas +vergessen haben,« dachte er, »dann wird er zurückkehren, mich hier +entdecken, und ich wäre trotzdem verloren.« Dann aber ließ er sich auf +den Boden herab, blickte um sich, und als er alles leer fand, sagte er +zu sich: »Ich habe mir die Worte wohl gemerkt, die der Räuberhauptmann +vorhin gesprochen hat, und will sehen, ob sie bei mir dieselbe +Wirkung haben und ob sich auf meinen Befehl ebenfalls das Tor öffnen +und schließen wird.« Er kroch also durch das Gebüsch, entdeckte die +verborgene Türe, stellte sich davor und rief mit lauter Stimme: »Sesam, +öffne dich!« Kaum hatte er diese Worte gesprochen, da sprang die Türe +angelweit auf, und er konnte eintreten. Wie erstaunte er, als er statt +einer finstern und engen Höhle eine weite und geräumige Wölbung fand, +die so hoch wie ein Mensch war und von oben durch runde Fenster in +der Decke erleuchtet wurde. Da sah er viele Warenballen und köstliche +Seidenstoffe, Brokat, bunte Teppiche und viel Mundvorrat. Besonders +aber verwunderte er sich über eine unermeßliche Menge von Gold und +Silber, das teils auf dem Boden in Haufen aufgeschüttet, teils in +ledernen Beuteln und Säcken wohlverwahrt lag. Als er diese unzählbaren +Schätze erblickte, erkannte Ali Baba sofort, daß diese Höhle nicht erst +seit ein paar Jahren, sondern schon seit Jahrhunderten den Dieben als +Zufluchtsort und als Speicher für ihren Raub gedient haben mußte. Er +ging mutig vorwärts, und sofort schloß sich die Türe hinter ihm; doch +er fürchtete sich nicht, denn er hatte das Zauberwort nicht vergessen +und wußte, wie er sich wieder ins Freie retten konnte. Der Teppiche +und Silbermünzen achtete er wenig, sondern machte sich sofort an die +Beutel, in denen das gemünzte Gold lag. Er nahm so viele, als er tragen +und seinen drei Eseln glaubte aufladen zu können. Er trieb sie wieder +zusammen, packte ihnen die Säcke auf und legte Holz und Reisig darüber, +um seinen Raub gut zu verbergen. Dann stellte er sich vor die Türe, +rief: »Sesam, schließe dich!« und alsbald schloß sich der Felsen wieder +von selbst; denn jedesmal, wenn einer die Höhle betrat, ging die Türe +von selber zu, wenn er aber hinausging, blieb sie so lange offen, bis +das Zauberwort gesprochen war. + +Ali Baba trieb seine Esel schnell in die Stadt zurück, und als er vor +seinem Hause anlangte, führte er sie in den kleinen Hof hinein. Er +schloß die Türe sorgfältig hinter sich zu, lud dann das Reisig ab, mit +dem er seinen Schatz verdeckt hatte, nahm die Säcke herunter, trug +sie ins Haus und legte sie vor seinem Weibe auf den Tisch. Seine Frau +betrachtete die Beutel, wog sie in der Hand, und als sie fühlte, daß +Münzen darin waren, glaubte sie, Ali Baba habe das Geld geraubt. Sie +schalt ihn aus und rief: »Du solltest nicht so gottlos und sündhaft +handeln!« Ihr Mann aber unterbrach sie und sagte: »Tadele mich nicht, +liebes Weib, und sei außer Sorge; ich bin kein Räuber, aber ich habe +dieses Geld Räubern abgenommen. Freue dich über unser Glück, und +höre, was mir begegnet ist.« Er schüttete die Säcke aus und legte das +Gold auf einen Haufen zusammen, so daß seine Frau von dem Glanze ganz +geblendet wurde; dann erzählte er ihr sein Abenteuer von Anfang bis zu +Ende und befahl ihr besonders, die Sache wohl geheimzuhalten. Die Frau +aber, die vor Freude und Erstaunen wie verwirrt war, begann den ganzen +Geldhaufen, Stück für Stück, zu mustern. Ali Baba wurde ungeduldig und +rief: »Törichtes Weib, was fällt dir ein? Du kannst ja eine Woche lang +diese Münzen wenden und zählen! Ich will lieber hinausgehen und ein +Loch graben, damit wir unsern Schatz darin verstecken können; laß uns +nicht zaudern und warten.« Antwortete das Weib: »Du hast recht; doch +möchte ich gern wissen, wieviel dieser Schatz wert ist. Darum will ich +bei einer Nachbarin ein Maß borgen und ihn damit messen.« — »Liebe +Frau,« entgegnete Ali Baba, »ich rate dir, davon abzulassen. Tue aber, +was du willst, doch achte darauf, daß du das Geheimnis gut bewahrst und +verschwiegen hältst.« + +Sofort eilte sie zu ihrem Schwager Casim, der in der Nähe wohnte. +Er war nicht daheim und darum bat sie sein Weib, ihr auf kurze Zeit +ein Maß zu borgen. Die Schwägerin fragte: »Willst du ein großes +oder ein kleines?« und sie entgegnete: »Gib mir ein kleines.« Die +Schwägerin sagte: »Ich will dir gern den Gefallen erweisen; warte +einen Augenblick, damit ich das verlangte holen kann.« Mit diesen +Worten ging Casims Frau hinaus, holte das Maß und bestrich den Boden +heimlich mit etwas Teig und Wachs, denn sie kannte Ali Babas Armut und +war begierig zu erfahren, was seine Frau in dem Gefäße messen wollte. +Dann brachte sie das Maß und entschuldigte sich, daß sie solange +ausgeblieben wäre, sie habe es aber nicht sogleich finden können. Ali +Babas Frau dankte und ging nichtsahnend nach Hause, stellte das Maß +auf den Tisch und begann, es mit dem Golde zu füllen und dann auf +dem Fußboden auszuleeren. Als sie damit fertig war, freute sie sich +sehr über ihren großen Schatz, trug die Münzen hinaus in den Garten +und verbarg sie in der Grube, die ihr Mann soeben vollendet hatte. +Während er das Geld sorgfältig mit Erde bedeckte, trug seine Frau +ihrer Schwägerin das Gefäß zurück, ohne zu merken, daß außen am Boden +ein Goldstück kleben geblieben war. »Liebe Schwägerin,« sagte sie, +»hier gebe ich dir dein Maß zurück; ich bin dir sehr dankbar dafür und +hoffe, daß ich es nicht zu lange behalten habe.« Sofort betrachtete +Casims Frau das Maß und untersuchte es genau; wie erstaunte sie, als +sie am Boden das Geldstück entdeckte! Neid und Wut erfüllten ihr Herz, +und sie sprach zu sich selber: »Wie geht das zu? Ohne Zweifel hat Ali +Baba Gold gemessen; aber woher mag er es genommen haben?« Sie konnte +kaum die Zeit erwarten, bis Casim zurückkehrte, der tagsüber in seinem +Laden war und erst abends wieder nach Hause kam. Kaum war er ins +Zimmer getreten, da lief ihm seine Frau entgegen, zog ihn sogleich am +Arme herein, stellte sich vor ihn hin und sagte mit zornfunkelnden +Augen: »Du glaubst, ein wohlhabender Mann zu sein; aber du irrst dich, +denn Ali Baba, dein Bruder, ist tausendmal reicher als du! Er hat eine +solche Menge Geldes, daß er es nicht mehr zählen kann, sondern messen +muß.« Casim war sehr erstaunt über diese Nachricht und bat um genauern +Bescheid; sie erzählte ihm nun, wie sie Ali Babas Frau hintergangen +habe und zeigte ihm das Goldstück, das am Boden haften geblieben und so +alt war, daß es die Inschrift und das Bild eines Königs trug, der ihnen +völlig unbekannt war. + + [Illustration: Sobald er hereinkam, begann sie, ihn zu verspotten.] + +Casim wurde von Neid und Habgier ergriffen und konnte die ganze Nacht +keinen Schlaf finden; andern Tages aber, schon früh am Morgen, machte +er sich auf und ging zu seinem Bruder, den er seit langer Zeit weder +gesehen, noch gesprochen hatte; denn Casim war stolz und hochmütig +geworden, seitdem er die reiche Frau geheiratet hatte. Er sagte: »Höre, +Ali Baba, du spielst den Notleidenden und Bedürftigen und gibst dir +den Anschein, ein Bettler zu sein; aber in Wahrheit bist du so reich, +daß du dein Gold in Maßen messen mußt.« Ali Baba tat sehr verwundert +und sagte: »Ich weiß nicht, was du meinst; sprich deutlicher, denn +ich verstehe dich nicht.« Da wurde Casim zornig und sagte mit +wütender Stimme: »Glaubst du, mich täuschen zu können? Sieh hier das +Goldstück, das meine Frau an dem Maße gefunden hat; wieviel hast du +davon?« Bei diesen Worten erschrak Ali Baba, denn er sah ein, daß +durch den Starrsinn seiner Frau Casim und sein Weib bereits um sein +Geheimnis wußten; da nun der Fehler nicht wieder gutzumachen war und +er Verdruß und Unheil fürchtete, erzählte Ali Baba seinem Bruder die +ganze Geschichte, wie er durch Zufall den Schlupfwinkel der Banditen +und den Schatz darin entdeckt habe; er war sogar bereit, sein Gold zu +teilen, wenn Casim nur nichts verlauten lassen und das Geheimnis gut +hüten wollte. »Ich muß alles wissen,« sagte Casim trotzig, »beschreibe +mir den Ort genau, wo der Schatz verborgen liegt, und nenne mir das +Zauberwort, das ich sprechen muß; wenn du mir aber nicht alles der +Wahrheit gemäß gestehst, so werde ich dich beim Richter anzeigen. Dann +wirst du deines Schatzes verlustig gehen und Schande auf dich laden; +und ich werde für meine Anzeige eine gute Belohnung erhalten.« Ali Baba +fürchtete sich keineswegs vor der frechen Rede seines Bruders, aber aus +Gutmütigkeit erzählte er ihm alles, was er verlangte, und nannte ihm +auch die Zauberformel, durch die er in den Felsen hinein und wieder +hinaus gelangen konnte. + +Kaum hatte Casim alles erfahren, so eilte er nach Hause, denn er wollte +seinem Bruder zuvorkommen und den herrlichen Schatz für sich allein +behalten. Als die ersten Strahlen des Morgens leuchteten, brach er +auf und trieb zehn Maulesel vor sich her, die er mit großen Kisten +bepackt hatte; denn er gedachte, so viel von dem Golde nach Hause zu +schleppen, als ihm irgend möglich war, und vielleicht noch einmal zu +der Höhle zu gehen, um auch das Übrige mitzunehmen. Er wählte den Weg, +den Ali Baba ihm angewiesen hatte, und gelangte bald an den Felsen; +er erkannte ihn an dem Baume, in dem Ali Baba sich vor den Räubern +versteckt hatte. Sogleich entdeckte er auch die Türe und rief mit +freudiger Stimme: »Sesam, öffne dich!« Alsbald sprang das Tor weit +auf, er trat ein in die Grotte und sah in hellem Erstaunen, daß weit +mehr Juwelen und Reichtümer darin angehäuft waren, als er vermutet +hatte. Kaum hatte er die Höhle betreten, als sich der Felsen von selbst +hinter ihm schloß. Sprachlos wanderte er umher; bestaunte und betastete +die unermeßlichen Schätze, die er gern den ganzen Tag lang bewundert +hätte, wenn ihm nicht eingefallen wäre, daß seine zehn Maultiere mit +den Kisten warteten, um die gefüllten Beutel nach Hause zu tragen. Er +nahm also so viele Säcke, als er schleppen konnte, und ging damit auf +den Eingang zu, um sie draußen den Eseln aufzubürden; aber über allem +Staunen und Erraffen war ihm gerade das entfallen, was für ihn am +bedeutungsvollsten war; er hatte das Zauberwort vergessen, und rief: +»Gerste, öffne dich!« Aber wie bestürzt und erschrocken war er, als +die Türe seinem Rufe nicht gehorchte, sondern verschlossen blieb! In +seiner Angst rief er alle Getreidenamen, die ihm gerade einfielen, nur +nicht den richtigen, der seinem Gedächtnis entschwunden war — aber die +Höhle blieb nach wie vor verschlossen. Bestürzung und Angst beschlichen +wachsend seine Seele, und je mehr er rief und schrie, desto verwirrter +und ratloser wurde er; das Wort »Sesam« war seiner Erinnerung +so entschlüpft, als hätte er es niemals nennen hören. Er rannte +verzweiflungsvoll in der Höhle auf und nieder, nach vorn und zurück, +und warf die Säcke zornig auf die Erde, denn all die Schätze, die ihn +vorher mit Gier und neidischer Freude erfüllt hatten, waren jetzt +nutzlos und bereiteten ihm Schmerz und Furcht. Hoffnungslos setzte er +sich auf eine der Kisten, die mit wertvollen Teppichen vollgepackt war, +raufte sich die Haare und versank in tiefes, dumpfes Brüten. So wollen +wir Casim verlassen, denn unseres Mitleids ist er nicht würdig. + +Gegen Mittag kamen die Räuber durch den Wald auf den Felsen zugeritten +und erblickten schon von ferne die mit Kisten bepackten Maulesel, +die ungefesselt im Walde grasten und weideten. Bestürzt über diesen +Anblick sprengten die Räuber näher, trieben die Tiere auseinander +und achteten ihrer nicht weiter, denn ihre erste Sorge war, den +Besitzer aufzufinden. Sie schlichen sich also um den Felsen herum und +suchten alle Gebüsche ab, spähten auf alle Bäume, aber vergebens. Der +Hauptmann schwang sich vom Pferde, zog den Säbel, trat auf die Türe +zu und sprach das Zauberwort. — Casim hatte von drinnen das Getrappel +und Stampfen der Pferde gehört und ahnte, daß es die Banditen seien, +welche neue Beute bringen wollten. In seiner Angst stellte er sich +dicht vor die Türe, denn er hatte beschlossen, den letzten Versuch zu +seiner Rettung zu wagen, ehe er dem sichern Tode anheimfiele. Als sich +der Felsen auftat, stürzte er hastig hinaus und prallte so ungestüm +gegen den Hauptmann, daß er ihn heftig zu Boden warf. Aber sofort +ergriffen ihn die übrigen Räuber, packten ihn, warfen ihn nieder und +schlugen ihm auf der Stelle mit dem Säbel den Kopf entzwei. Dann +stürmten sie in die Höhle hinein und fanden die Säcke, die Casim am +Tore hingeworfen hatte; sie legten alles wieder an die vorige Stelle +zurück, achteten aber nicht darauf, daß noch andere Beutel fehlten, +die Ali Baba vorher weggetragen hatte, denn sie waren sehr bestürzt +und verwundert. Sie dachten nun darüber nach, wie der Fremde wohl in +die Höhle gekommen wäre; durch die Fenster an der oberen Wand, durch +welche das Licht des Tages schimmerte, hatte er unmöglich einsteigen +können, denn der Felsen war zu glatt und hoch; sie verstanden aber auch +nicht, wie Casim durch das Tor hatte hereinkommen können, denn nur sie +allein kannten die Zauberformel, um es zu öffnen. Sie wußten ja nicht, +daß Ali Baba sie auf dem Baume belauscht hatte. Um aber künftighin vor +Spähern sicher zu sein, vierteilten sie den Leichnam Casims und hingen +die Stücke zu beiden Seiten des Tores auf, zwei zur rechten, zwei zur +linken, damit ein jeder abgeschreckt und gewarnt würde, der etwa in +die Grotte einzudringen wagte. Sie kamen überein, nicht eher an diesen +Ort zurückzukommen, bis sich der Leichengeruch verflüchtigt hätte, +schlossen das Tor wieder, bestiegen ihre Rosse und ritten durch den +Wald der Straße zu, um neue Karawanen abzufangen und auszuplündern. + +Als nun die dunkle Nacht kam und Casim nicht nach Hause zurückkehrte, +ängstigte sich sein Weib und wurde unruhig. Sie lief zu Ali Baba und +sagte: »Weißt du, lieber Schwager, wohin dein Bruder gegangen ist? Es +ist bereits finster, und er ist noch nicht wieder daheim; ich fürchte +sehr, daß ihm draußen im Walde irgendein Unglück widerfahren ist.« Ali +Baba war an diesem Tage nicht fortgegangen, weil er erriet, daß sein +neidischer Bruder schleunigst die Höhle aufsuchen würde; er vermutete +wohl, daß Casim irgendein Unheil zugestoßen sei, blieb aber äußerlich +heiter und ruhig, tröstete seine Schwägerin, so gut er es vermochte, +und sagte ihr, daß ihr Mann vielleicht mit Absicht erst spät und auf +Umwegen in die Stadt zurückkehre, um seinen Raub geheimzuhalten. +Casims Frau ging nach Hause zurück und wartete, bis die Mitternacht +verstrichen war; aber ihre Sorge und Angst wuchsen, da der Vermißte +noch immer ausblieb; sie wagte nicht zu schreien und laut zu weinen, +damit nicht eine der Nachbarinnen ihr Geheimnis erführe. Sie bereute +sehr ihren Neid und ihre Neugierde und verwünschte ihre Eifersucht, die +sie dazu getrieben hatte, sich in fremde Angelegenheiten zu mischen. +Als der Tag anbrach, lief sie zu Ali Baba und bat ihn unter heißen +Tränen, seinen Bruder im Walde zu suchen. + +Mit drei Mauleseln machte sich Ali Baba auf den Weg und ging hinaus +in den Wald, nachdem er seiner Schwägerin zugeredet und sie mit +freundlichen Worten besänftigt hatte. Als er nun zu dem Felsen kam, +staunte er sehr darüber, als er die frischen roten Blutspuren am +Eingang entdeckte, und ahnte sofort Unheil. Er blickte um sich, aber +auch die Maultiere des Bruders waren nirgends zu sehen. Er trat nun +vor die Türe, sprach die Zauberformel und ging hinein. Wie erschrak er +aber, als er in der Höhle den gevierteilten Leichnam seines Bruders +hängen sah, zwei Teile zur rechten und zwei zur linken! Vor Staunen und +Schmerz blieb er lange reglos stehen; dann aber beschloß er, seinem +Bruder die letzten Ehren zu erweisen, nahm aus den Warenballen einige +kostbare Tücher, hüllte die vier Teile seines Bruders hinein und lud +alles einem seiner Tiere auf. Darüber aber legte er Reisig und Holz, +damit niemand Argwohn schöpfen sollte. Dann bepackte er die beiden +anderen Esel mit Goldsäcken, die er ebenfalls unter Reisig versteckte, +schloß das Tor wieder mit der Zauberformel und zog ohne Umstände nach +Hause zurück. Als er mit Anbruch der Nacht die Stadt erreichte, übergab +er die zwei mit Gold beladenen Esel seinem Weibe und befahl ihr, den +Schatz schleunigst zu vergraben. Mit dem andern Tiere aber, auf welchem +Casims Leiche lag, ging er zu dem Hause seiner Schwägerin. Er klopfte +vorsichtig an das Tor, und alsbald öffnete ihm Casims Sklavin Morgiana, +ein kluges und verständiges Mädchen; sie schob leise den Riegel +zurück, führte Ali Baba in den Hof und lud das Holz ab, nebst den +eingehüllten Leichenteilen. Dann sprach Ali Baba leise zu ihr: »Höre, +Morgiana, was ich dir jetzt sage. In diesen beiden Teppichen liegt der +Leichnam deines Herrn; wir müssen sogleich die Bräuche zur Beerdigung +vollziehen, als ob er eines natürlichen Todes gestorben wäre. Vor allem +aber sei verschwiegen, denn das Geheimnis ist sehr wichtig und könnte +deiner Herrin Unglück zuziehen. Jetzt führe mich hinein, damit ich +mit deiner Gebieterin reden kann.« Ali Baba trat in das Gemach seiner +Schwägerin, die ihm verstört und ungeduldig entgegenkam. »Gewiß bringst +du mir schlechte Nachrichten von meinem Manne,« rief sie, »denn dein +Gesicht ist umdüstert und kündet mir nichts Gutes.« Ali Baba erwiderte: +»Nicht eher kann ich dir etwas erzählen, als bis du mir gelobst, kein +Wort laut werden zu lassen über das, was nun einmal geschehen ist; für +dich und für mich geziemt es sich gleichermaßen, Verschwiegenheit zu +bewahren.« Bei diesen Worten weinte die Schwägerin und versetzte: »Nun +weiß ich, daß mein Gatte nicht mehr unter den Lebenden weilt; aber ich +erkenne, daß Verschwiegenheit nötig ist und gebe dir das Versprechen, +das du von mir forderst.« Hierauf erzählte Ali Baba, was sich mit Casim +zugetragen hatte und fügte noch hinzu: »Was Allah bestimmt hat, müssen +wir ruhig hinnehmen. Hab' Geduld, und betrübe dich nicht allzusehr, +denn das Unglück ist unabänderlich! Wenn du aber deinen Gatten nach +Gebühr betrauert hast, so will ich dich gern zum Weibe nehmen, wenn dir +das einen Trost geben kann; du brauchst nicht zu fürchten, daß meine +erste Gattin dich durch Eifersucht quälen wird, denn sie ist freundlich +und wird dir gewiß mit Zärtlichkeit entgegenkommen. Vor allem aber +müssen wir jetzt darauf halten, daß die Leiche meines Bruders verbrannt +werde, als ob er eines natürlichen Todes gestorben wäre; überlaß nur +alles deiner Sklavin Morgiana, ich werde mit ihr beraten, was zu tun +ist.« Casims Witwe war gern bereit, auf Ali Babas Vorschlag einzugehen, +denn außer dem Vermögen, das sie von ihrem ersten Mann ererbte, erhielt +sie ja noch einen sehr reichen Mann; sie trocknete ihre Augen, tröstete +sich rasch und entließ ihren Schwager mit der Versicherung, daß sie +sein Anerbieten nicht ausschlagen würde. Der aber setzte sich auf +seinen Esel und ritt gemächlich seiner Wohnung zu. + +[Illustration: Mustapha zweifelte stark an seiner Fähigkeit, sich keine + Fragen zu stellen.] + +Als Ali Baba das Haus verlassen hatte, eilte Morgiana hinüber in den +Laden eines Apothekers; sie klopfte bei ihm an und verlangte eine +gewisse Arzenei, die man bei den gefährlichsten Krankheiten anwendete. +Er gab ihr, was sie verlangte, und fragte sie: »Wer ist denn im Hause +deines Herrn so krank, daß ihr dieses seltenen Heilmittels bedürft?« +Sie erwiderte mit betrübter Stimme: »Ach, ach, mein armer Herr Casim +selbst liegt danieder! Er ißt und trinkt nichts und spricht seit +einigen Tagen kein Wort mehr, so daß wir fürchten, daß es mit ihm zu +Ende geht.« Damit nahm sie die Arzenei, die dem toten Casim nichts +mehr nützen konnte, und ging. Am nächsten Morgen trat Morgiana wieder +bei dem Kräuterhändler ein, weinte und seufzte sehr und verlangte +einen noch kräftigem Saft, den man den Kranken nur in der letzten Not +einzugeben pflegte, damit der Sterbende schmerzlos entschlafen sollte. +»Ach, ach!« rief sie, »mein armer Herr, mein guter Herr! Er wird gewiß +nicht mehr die Kraft haben, die Arzenei zu trinken, und ich fürchte, +sie wird ebensowenig nützen, wie die gestrige.« Den ganzen Tag über +gingen Ali Baba und seine Frau mit betrübten und klagenden Gesichtern +umher und warteten schon darauf, daß das Jammern der Schwägerin +und ihrer Sklavin ihnen das Zeichen geben sollte, Casims Begräbnis +ehrenvoll und feierlich zu begehen. + +Am Morgen des zweiten Tages lief Morgiana zu der Bude eines alten +Schusters, der seinen Laden stets sehr früh, vor den anderen öffnete, +grüßte ihn freundlich und drückte ihm ein Geldstück in die Hand. Der +Schuhflicker, der in der ganzen Stadt Baba Mustapha genannt wurde, +war ein fröhlicher und lustiger Geselle, wendete die Münze hin und +her, weil es noch etwas dämmerig war, und sagte dann: »Schönen Dank, +mein Fräulein! Das ist ja ein gutes Handgeld! Was steht zu Diensten?« +Morgiana sagte: »Lieber Baba Mustapha, mache dich auf und folge mir; +nimm auch alles Handwerkszeug mit, das du zum Flicken brauchst. Du mußt +dir aber die Augen verbinden lassen, bis wir an dem Orte angekommen +sind, wohin ich dich jetzt führen werde.« — »Ach nein, lieber nicht,« +wehrte Baba Mustapha ab, »gewiß forderst du etwas, was gegen das Gesetz +oder gegen mein Gewissen verstößt! Laß mich lieber hier in meinem +Laden bleiben.« Morgiana gab ihm ein zweites Goldstück, beruhigte ihn +und sagte: »Wie kannst du so etwas von mir glauben? Ich werde nichts +verlangen, was du nicht in allen Ehren vollbringen dürftest. Hab' +keine Angst und folge mir getrost.« Baba Mustapha weigerte sich noch +ein wenig, dann aber ließ er sich ein Tuch um die Augen binden, nahm +Morgianas Hand und ließ sich von ihr bis zu dem Hause Casims führen; +als sie in dem Zimmer angelangt waren, in welchem der Leichnam lag, +nahm ihm Morgiana die Binde von der Stirn und sagte: »Baba Mustapha, du +sollst die vier Stücke dieses Toten zusammennähen; eile dich mit der +Arbeit; wenn du dein Werk getan hast, werde ich dir noch ein Goldstück +geben.« Baba Mustapha tat, wie sie ihm gesagt hatte, und als er fertig +war, bekam er die versprochene Münze. Dann ließ er sich wieder die +Augen verbinden und eine Strecke Weges begleiten. Als ihm Morgiana das +Tuch abgenommen hatte, hieß sie ihn nach Hause gehen und verfolgte ihn +mit ihren Augen, bis er verschwunden war; denn sie fürchtete, er könnte +etwa umwenden und ihr heimlich nachgehen. + +Als Morgiana nach Hause zurückkam, bereitete sie warmes Wasser, um +den Leichnam zu waschen, und Ali Baba, der zu gleicher Zeit mit ihr +eingetreten war, half ihr dabei, salbte und beräucherte ihn und hüllte +ihn dann in das Leichentuch. Bald kam auch der Schreiner und brachte +den Sarg, den Morgiana an der Türe abnahm; sie legten den Leichnam +hinein und stellten ihn feierlich in dem Zimmer auf. Dann gingen sie +in die Moschee und meldeten, daß alles zum Begräbnis fertig wäre. Sie +sagten, daß die Leiche bereits gewaschen sei und die Dienste der dazu +bestimmten Leute also unnötig wären. Kurze Zeit darauf kam der Imam +mit seinen Dienern, vier Nachbarn hoben den Sarg auf die Schultern +und trugen ihn hinter dem Imam und den übrigen Trauernden, indem sie +fortwährend Gebete sprachen, bis sie an den Begräbnisplatz kamen. +Morgiana ging barhäuptig, jammernd und weinend vor dem Sarge, schlug +sich die Brust und raufte sich die Haare. Ali Baba und die Nachbarn, +die von Zeit zu Zeit die Sargträger ablösten, schritten hinter ihr her. +Casims Frau war zu Hause geblieben und erhob mit den Nachbarinnen ein +großes Wehegeschrei, so daß das ganze Stadtviertel von ihren Klagen +widerhallte. So blieb Casims Tod verborgen, und niemand, außer Ali +Baba, dessen Frau, Morgiana und Casims Witwe, wußte etwas von dem +Geheimnis. — Wenige Tage nach dem Begräbnis brachte Ali Baba seinen +Hausrat und das Geld, welches er aus der Räuberhöhle gestohlen hatte, +zur Nachtzeit in das Haus von Casims Witwe, wo er fortan zu leben +gedachte. Damit vollzog er seine öffentliche Vermählung mit der Witwe +seines Bruders, über die niemand irgendwelche Verwunderung oder Argwohn +hegte. Casims Laden aber mußte Ali Babas Sohn übernehmen, der bei einem +reichen Kaufmann in die Lehre gegangen war und sich ein tüchtiges +Wissen angeeignet hatte; er sollte den Handel weiterhin betreiben +und später, wenn er seine Geschäfte gut und erfolgreich führte, eine +vermögende Frau erhalten. — + +Was nun die vierzig Räuber anbetrifft, so kehrten sie nach einer +bestimmten Frist wieder in die Höhle zurück und waren höchst +verwundert, als sie keine Spur mehr von Casims Leiche fanden und auch +bemerkten, daß eine Menge von den schweren Goldsäcken fortgetragen +worden war. Sie sagten untereinander: »Wehe, wir sind verraten! Wir +müssen jetzt die Sache genau untersuchen und auf der Hut sein, sonst +werden wir allmählich den ganzen Schatz verlieren, den unsere Väter und +wir selbst in vielen Jahren, unter so großen Gefahren und Beschwerden, +hier angesammelt haben.« Der Hauptmann sprach: »Sicherlich wußte der +Dieb, den wir in der Höhle erschlugen, das Zauberwort, durch das sich +die Türe auftut, aber noch ein anderer muß Kenntnis davon haben, denn +wer sollte sonst den Leichnam des Ermordeten weggetragen haben? Auch +sind viele Beutel fortgeschleppt worden, so daß unsere Reichtümer +sehr zusammengeschmolzen sind. Wir haben den ersten Dieb gefangen und +getötet, nun wollen wir überlegen, wie wir auch den andern finden und +aus dem Wege räumen können. Sagt mir euere Meinung, Kameraden, und +beratet mit mir.« Einer von ihnen sagte: »Du hast recht, Hauptmann; +unser erstes Streben muß dahin gehen, den Dieb ausfindig zu machen; +laß uns alle Kräfte daran setzen, seiner habhaft zu werden.« — »Klug +hast du geredet,« versetzte der Hauptmann, »nun aber höret folgenden +Vorschlag, meine wackeren Leute! Einer von euch muß sich verkleiden und +in der Tracht eines fremden Reisenden in die Stadt begeben, um in allen +Straßen zu forschen, ob nicht kürzlich einer der Städter gestorben ist, +und wo er gewohnt hat. Ein tapferer und unternehmungslustiger Mann soll +sich sofort dem Wagnis unterziehen, denn es ist wichtig für uns, daß +wir nicht in dem Lande verraten werden, in dem wir so lange unsern +Unterschlupf hatten. Damit aber derjenige, der die Sendung übernimmt, +keine falsche Kunde bringt, die uns etwa Unheil und Verderben zufügen +kann, so soll über ihn die Todesstrafe verhängt werden, wenn er unserer +Sache untreu wird und Verrat übt.« Sofort meldete sich einer der +Räuber und sagte: »Laß mich in die Stadt ziehen und auf Kundschaft +ausgehen! Wenn es mir nicht gelingt, etwas zu erforschen, so sei mein +Leben verwirkt; aber ihr seht dann doch, daß ich tapfer und guten +Willens war.« Der Hauptmann und seine Kameraden lobten ihn sehr und +freuten sich über seinen Wagemut; dann halfen sie, ihren Kameraden zu +verkleiden, so daß ihn auch sein bester Freund nicht wiedererkennen +konnte. + +Der Räuber zog aus und kam gerade in die Stadt, als der Tag zu dämmern +begann. Er begab sich sogleich auf den Marktplatz, wo noch alle Läden +geschlossen waren, außer dem des Baba Mustapha. Der Schuster saß auf +seinem Schemel, mit dem Pfriemen in der Hand, und wollte eben seine +Arbeit beginnen. Der Räuber bot ihm einen Gutenmorgen, trat näher und +sagte freundlich zu ihm: »Du bist sehr alt und fängst doch schon so +zeitig dein Geschäft an. Unmöglich kannst du gut sehen, da es noch +graue Frühdämmerung ist.« Der Schuhflicker antwortete: »Ich merke, daß +du nicht aus der Stadt stammst, denn du kennst mich nicht. Zwar bin +ich schon sehr betagt, aber meine Augen blicken noch scharf. Was sagst +du dazu, daß ich vor nicht langer Zeit eine Leiche zusammengeflickt +habe, und zwar in einem Zimmer, das noch dunkler war, als dieser +Morgen?« Der Räuber freute sich sehr, als er diese Worte hörte, weil +er ahnte, daß er sogleich den richtigen Mann gefunden hatte; deshalb +wollte er ihn noch ein wenig ausfragen und sagte: »Du darfst nicht +so mit mir scherzen, lieber Freund! Warum solltest du denn eine +Leiche zusammennähen? Gewiß hast du dich versprochen und meintest das +Leichentuch, in das sie eingewickelt wurde.« Baba Mustapha lachte +verschmitzt und sagte obenhin: »Laß mich nur zufrieden; ich weiß +sehr gut, was ich meine. Ich sehe, du möchtest mich gern mit Fragen +beschwatzen, aber ich werde dir nichts erzählen.« Der Räuber, dem viel +darauf ankam, genauere Auskunft zu erhalten, zog ein Goldstück aus der +Tasche und drückte es Mustapha in die Hand. »Es liegt mir fern, deine +Geheimnisse auszuspüren,« sagte er, »obschon du glauben kannst, daß +mein Herz und mein Mund sehr verschwiegen sind, wie es sich für einen +Mann geziemt. Nur das eine möchte ich gerne wissen, und du wirst mir +die Antwort gewiß nicht verweigern: wo ist das Haus, in welchem du den +Leichnam genäht hast? Kannst du es mir zeigen und mich dorthin führen?« +Baba Mustapha zauderte und steckte das Goldstück nicht in die Tasche, +sondern wollte es dem Räuber wiedergeben; er entgegnete: »Was nützt +mir die Belohnung, wenn ich dir keinen Dienst erweisen kann? Es steht +gar nicht in meiner Macht, deinen Wunsch zu erfüllen. Eine Sklavin +führte mich an eine bestimmte Stelle und verband mir da die Augen; von +dort brachte sie mich in jenes Haus und in das dunkle Zimmer; und als +ich meine Arbeit vollendet hatte, legte sie mir wieder das Tuch um die +Augen und führte mich an denselben Ort zurück, wo sie mich abgeholt +hatte. Du siehst also selbst, daß ich dir das Haus nicht weisen kann; +darum nimm hier dein Geldstück wieder.« Der Räuber entgegnete: »Wenn du +auch das Haus nicht kennst, so erinnerst du dich vielleicht des Weges, +den dich die Sklavin geführt hat. Bitte folge mir bis zu der Stelle, +wo sie dir die Augen verband; dann werde ich dich dieselben Gassen und +Querstraßen leiten, und vielleicht weißt du noch, welche du damals +gegangen bist. Damit du aber deine Arbeit im Laden nicht unnütz liegen +läßt, gebe ich dir hiermit ein weiteres Goldstück.« Baba Mustapha nahm +die zweite Münze, wog sie lange in der Hand, besah sie aufmerksam und +überlegte, was er tun sollte. Dann steckte er sie zufrieden in seinen +Beutel, erhob sich und folgte dem Räuber, indem er sagte: »Zwar kann +ich dir nicht versprechen, deinen Wunsch zu erfüllen; aber ich werde +mich anstrengen und mich besinnen.« Er verschloß seinen Laden nicht +erst, weil er darin nichts Wertvolles liegen hatte, und führte den +erfreuten Räuber an jenen Ort, wo ihm die Sklavin damals die Augen +verbunden hatte. Als sie dort angelangt waren, legte ihm der Räuber ein +Tuch um die Stirn und ließ sich von dem Schuster führen, indem er ihn +an der Hand hielt und allen seinen Schritten folgte. Baba Mustapha ging +vorsichtig und berechnend die Straße entlang; plötzlich machte er halt +und sagte: »Ich glaube, daß wir hier vor dem richtigen Gebäude stehen.« +Der Räuber zog sofort ein Stück weißer Kreide hervor und machte ein +Zeichen an die Haustüre, um sie wiederzuerkennen, dann nahm er Baba +Mustapha das Tuch von den Augen und fragte, wem das Haus gehöre. Der +Schuhflicker entgegnete: »Ich kenne mich in diesem Stadtviertel nicht +aus, denn ich wohne nicht hier, darum kann ich dir keine Antwort +geben.« Der Räuber sah, daß er nichts weiter in Erfahrung bringen +konnte, dankte Baba Mustapha für seine Freundlichkeit und schickte ihn +wieder in den Laden. Dann machte er sich eilends auf und kehrte in den +Wald zurück, wo seine Kameraden auf ihn warteten. + + [Illustration: Indem er sich verkleidete, verwandelte er sich.] + +Nicht lange danach trat Morgiana aus dem Hause, um eine Besorgung zu +machen; als sie zurückkam, erblickte sie das Zeichen, das der Räuber +mit weißer Kreide an der Türe angemerkt hatte. Sie blieb verwundert +stehen und betrachtete es gedankenvoll. »Was bedeutet das?« fragte sie +sich selbst. »Gewiß will jemand meinem Herrn einen Streich spielen. +Oder sollte ein Mißgünstiger oder Neider irgend etwas im Schilde +führen? Auf jeden Fall ist es gut, wenn man vorsichtig ist.« Mit diesen +Worten nahm sie ebenfalls ein Stück Kreide und bemalte die Türen der +Nachbarhäuser, die fast ebenso aussahen, mit demselben Zeichen und an +derselben Stelle; dann ging sie wieder an ihre Arbeit, ohne ihrem Herrn +oder ihrer Herrin irgend etwas von dem Vorgefallenen mitzuteilen. + +Indessen war der Räuber im Walde angelangt und kehrte vergnügt zu +seinen Kameraden zurück. Er erzählte ihnen sein Abenteuer und den +guten Verlauf seiner Reise und freute sich über das Glück, daß er +sogleich den richtigen Mann gefunden hatte, von dem er das Nötige +erfahren konnte. Der Hauptmann war voll Lobes und sagte zu seinen +Leuten: »Wir wollen jetzt ohne Säumen und unbemerkt nach der Stadt +aufbrechen. Bewaffnet euch gut, und laßt Vorsicht walten! Während +ich mit unserm Kameraden, der uns eben jetzt so erfolgreiche Kunde +gebracht hat, zu dem Hause gehe, das er ausgekundschaftet hat, sollt +ihr von verschiedenen Seiten aus auf dem Marktplatze zusammenkommen, +wo ich euch dann alles weitere mitteilen werde.« Diese Worte fanden +allgemeinen Anklang. Zwei und zwei zogen die Räuber in die Stadt, ohne +irgendwie Verdacht zu erregen, da sie auf der Hut waren und getrennt +voneinander gingen. Zuletzt kam der Hauptmann mit seinem Führer und +ließ sich sogleich zu Ali Babas Haus geleiten. Hier wies ihm der +Räuber das Zeichen am Tore, sie musterten das Haus unauffällig, aber +genau, und gingen dann ruhig weiter, als ob sie, wie Fremde, zufällig +diese Straße durchwanderten. Da bemerkte der Hauptmann, daß auch +die folgenden Türen dasselbe Zeichen an derselben Stelle trugen und +sprach entrüstet und barsch zu dem Führer: »Nun sage mir, du Schuft, +welches das richtige Haus ist!« Der Räuber geriet in Verwirrung und +Verlegenheit und wußte keine Antwort. Er fluchte heftig und rief: +»Wahrlich, ich habe nur eine einzige Türe bezeichnet und verstehe +nicht, woher die übrigen Kreidestriche stammen. Nun aber kann ich +nicht mehr mit Sicherheit angeben, welches Haus ich anmerkte, denn ich +habe es nicht genau betrachtet.« Sie gingen also unverrichteter Sache +zum Marktplatze zurück, und dort sagte der Hauptmann zu einem seiner +Leute: »Sage den übrigen, daß unser Weg erfolglos war, und daß sie +alle wieder nach dem Sammelpunkte im Walde zurückkehren sollen.« Er +selbst folgte ihnen und ging zu der Felsenhöhle, wo er die Räuberbande +beisammen traf. Sie hielten Gericht über den ungeschickten Führer und +erkannten ihn einstimmig für des Todes schuldig; ohne Widerrede und +Furcht hielt der Unglückliche seinen Hals hin und ließ sich den Kopf +abschlagen. Dann trat ein anderer aus der Bande auf und sagte, er +würde es besser machen; man solle ihm die Ehre erweisen und ihn das +Haus suchen lassen. Man war es zufrieden und schickte ihn ans Werk. +Auch er traf Baba Mustapha auf dem Markte, schenkte ihm Goldstücke und +ließ sich von ihm zu Casims Hause geleiten, wo er die Türe an einer +verborgenen Stelle mit roter Kreide zeichnete, um sie von den anderen +weißgezeichneten unterscheiden zu können. Aber wieder sah Morgiana +das rote Zeichen, als sie aus dem Hause ging, und bemalte sofort die +übrigen Türen ebenfalls mit Rötel, da sie noch stärkern Verdacht hegte. + + [Illustration: »Herr,« sagte er, »ich habe mein Öl von einer weiten + Strecke mitgebracht, um es morgen zu verkaufen.«] + +Der Räuber kehrte fröhlich und zufrieden in den Wald zurück, erzählte, +wie schlau er zu Werke gegangen sei und forderte den Hauptmann auf, +sogleich mit ihm in die Stadt zu gehen. Vorsichtig und in derselben +Ordnung, wie am vorigen Tage, begaben sie sich auf den Weg, und +der Hauptmann wanderte mit seinem Führer zu Ali Babas Wohnung. +Aber hier bemerkten sie mit Erschrecken und Staunen, daß auch die +Nachbartüren mit Rötelstrichen versehen waren, und so mußten sie +enttäuscht und bestürzt wieder den Rückweg antreten. Der törichte +Spion wurde gleichfalls enthauptet, wie der erste. Der Hauptmann war +bekümmert darüber, daß er nun schon zwei seiner tapferen Leute hatte +hingeben müssen und fürchtete, daß auch noch andere ihm verloren +gehen könnten, denn sie waren mehr für Angriff und Raub geeignet, +als zu geschickten und listigen Unternehmungen. Er beschloß daher, +selbst auf Kundschaft zu gehen, bestach gleichfalls den Schuster +Baba Mustapha und ließ sich von ihm zu Ali Babas Behausung führen. Er +vermied es aber, irgendein äußeres Zeichen anzubringen, sondern ging +verschiedene Male an dem Hause vorüber und betrachtete es so genau, +daß es sich seinem Gedächtnis unverlierbar einprägte. Dann kehrte er +wieder in den Wald zurück und sagte, als er in der Felsengrotte war +und die Bande um sich versammelt sah: »Jetzt werden wir sicherlich +das Haus wiederfinden, denn ich habe es mir genau gemerkt; es wird +uns gewiß nicht mehr schwer fallen, den Dieb zu finden. Nun hört, was +ich mir überlegt habe! Vor allem darf niemand etwas von unserer Höhle +und dem Schatze erfahren, denn sonst würden wir uns ins Verderben +stürzen. Gehet hin in die umliegenden Dörfer und kauft dort neunzehn +Maulesel, nebst achtunddreißig großen ledernen Ölschläuchen, von +denen der eine gefüllt, die anderen aber leer sein müssen, und bringt +alles hierher; dann soll jeder von euch, wohl bewaffnet, in einen +Schlauch hineinkriechen, und so werde ich euch unbemerkt in die Stadt +hineinbringen; das andere überlaßt mir.« In kurzer Zeit hatten die +Räuber alles beisammen. Nachdem sie in die Schläuche hineingekrochen +waren und sich durch eine kleine Ritze, die sie auftrennten, Luft +verschafft hatten, nahm der Hauptmann Öl aus dem vollen Schlauche +und befeuchtete die übrigen Schläuche damit, um die Täuschung besser +zu vollenden. Dann lud er alle Schläuche, in denen je einer von den +Räubern stak, sowie den mit Öl gefüllten auf die Maulesel und zog, +als Händler verkleidet, in der Abenddämmerung nach der Stadt. Er nahm +sogleich seinen Weg zu Ali Babas Haus, denn er hatte die Absicht, bei +ihm anzufragen, ob er ihm und seinen Maultieren ein Nachtquartier +gönnen wollte. Ali Baba saß behaglich vor der Türe, denn er hatte +soeben sein Abendessen eingenommen und wollte noch ein wenig frische +Luft atmen. Der Räuber grüßte ihn, hielt die Maultiere an und sprach: +»Herr, ich komme von weit her und möchte morgen mein Öl, das du hier +siehst, auf dem Markte zum Verkaufe ausbieten. Ich bin leider etwas +zu spät in die Stadt gekommen und weiß nicht, wo ich zur Nacht ein +Unterkommen finden kann. Habe Mitleid und nimm mich für diese Nacht +in deinem Hause auf; ich will dir nicht lästig fallen.« Ali Baba +hatte zwar den Banditen damals im Walde, als er auf dem Baume saß, +gesehen und auch seine Stimme gehört, aber infolge der Verkleidung +konnte er in dem Ölhändler den Räuberhauptmann nicht wiedererkennen; +er sagte also: »Tritt ein, Fremder, und sei mir willkommen; du magst +hier nächtigen.« Und er führte den Händler mit seinen Mauleseln in den +Hof. Dort ließ er die Tiere von seinem Sklaven anbinden und mit Heu +und Gerste füttern; er selbst ging in die Küche zu Morgiana und sagte +zu ihr: »Bereite schnell für unsern Gast, der soeben angekommen ist, +ein gutes Nachtmahl, und richte in einem der Zimmer ein Bett für ihn +her.« Dann begab er sich wieder in den Hof und in den Stall, wo der +Hauptmann seine Esel abgeladen hatte. »Du darfst nicht unter freiem +Himmel schlafen, Fremder,« sagte er. »Komm mit herein in meinen Saal, +damit ich dich würdig als meinen Besuch aufnehmen kann.« Der Räuber +weigerte sich, denn er wollte lieber im Hofe bleiben, um sein Vorhaben +desto besser und ungestörter ausführen zu können; aber auf die Bitten +des Hausherrn, denen er nicht länger widerstehen konnte, folgte er ihm +in das Haus. Dort unterhielt ihn Ali Baba aufs beste und ließ ihm ein +leckeres Abendessen auftragen; er leistete ihm so lange Gesellschaft, +bis er sein Mahl beendet hatte; dann stand er auf und sagte: »Ich muß +dich leider jetzt verlassen; wenn du etwas brauchst, so rufe nur, es +soll dir alles im Hause zu Diensten sein.« Darauf ging er hinaus zu +Morgiana und sprach: »Sorge auch weiterhin für unsern Gast, daß es ihm +an nichts fehle. Morgen früh, vergiß es nicht, will ich ins Bad gehen; +lege die Tücher zurecht, und gib sie meinem Sklaven Abdallah; ferner +bereite mir eine gute, kräftige Fleischbrühe, damit ich sie trinken +kann, wenn ich wieder nach Hause komme.« Nach diesen Worten begab sich +Ali Baba auf sein Zimmer und legte sich ins Bett. + +Der Räuberhauptmann war indessen in den Hof hinausgetreten, um im +Stalle nachzusehen, ob seine Maultiere Futter und Wasser erhalten +hätten. Er flüsterte seinen Leuten, die in den Schläuchen staken, +heimlich und vorsichtig zu: »Wenn ich um Mitternacht aus meinem Zimmer +kleine Steine herabwerfe, so schneidet mit euren scharfen Messern den +ledernen Schlauch von oben bis unten auseinander, und kriecht sofort +heraus. Ich werde dann augenblicklich zu euch kommen.« Leise ging er in +das Haus zurück, und als er an der Küche vorüberkam, ergriff Morgiana +das Licht, führte ihn in seine Kammer und fragte ihn, ob er noch irgend +etwas brauche, dann solle er nur seine Wünsche äußern. Der fremde +Händler aber dankte, löschte das Licht und legte sich angekleidet auf +das Bett, um ein wenig zu ruhen. + +Morgiana ging nun an den Schrank und legte die weißen Badetücher +zurecht, die sie dem Sklaven Abdallah übergab; dann stellte sie den +Topf aufs Feuer, um die Fleischbrühe zu bereiten. Während sie nun damit +beschäftigt war, verlosch plötzlich ihre Lampe, und die Magd bemerkte +mit Schrecken, daß keine Lichter mehr bereit standen und auch alles Öl +verbraucht war, das sie vorrätig hatte. Sie war ratlos und wußte sich +nicht zu helfen; Abdallah bemerkte ihre Verlegenheit und Bestürzung +und sagte: »Warum trauerst du? Gehe doch in den Hof und hole dir aus +einem der vielen Schläuche etwas Öl; der fremde Händler wird dich gewiß +nicht darum schelten, zumal er die Gastfreundschaft unseres Herrn +genießt.« Morgiana dankte für den guten Rat, und während Abdallah +sich behaglich niederlegte, um zu schlafen, weil er in der Frühe Ali +Baba ins Bad begleiten mußte, nahm sie die Ölkanne und ging damit in +den Hof. Als sie nun zu dem ersten Schlauche kam, fragte der Mann, der +darin verborgen war, mit Flüsterstimme: »Ist es jetzt Zeit, Hauptmann?« +Der Räuber hatte sehr leise gesprochen, aber Morgiana hatte trotzdem +seine Worte verstanden, stutzte und wunderte sich um so mehr, weil sie +sich jetzt erinnerte, daß der Händler vorher alle Schläuche geöffnet +hatte, damit seine Leute, welche kaum Atem schöpfen konnten, etwas +frische Luft genießen sollten. Die Sklavin war zwar sehr erschrocken, +als sie statt des Öls einen Mann in dem Schlauche fand, aber sie +bezwang sich und vermied es sorglich, Lärm zu schlagen. Sie war kühn +und wußte sogleich, daß eine Gefahr für Ali Baba und seine Familie +im Anzuge wäre, und daß sie schnell und sicher handeln müsse. Ohne +irgendwie zu zittern oder zu zaudern, antwortete sie mit tiefer Stimme, +indem sie die des Räuberhauptmanns nachahmte: »Die Zeit ist noch nicht +gekommen; aber bald.« Dann ging sie auch zu den anderen Schläuchen und +überall, wo dieselbe Frage erscholl, gab sie dieselbe Antwort, bis +sie zu dem letzten Schlauche kam, der mit Öl gefüllt war. Dort goß +sie schnell ihren Krug voll und ging damit in die Küche zurück, wo +sie die Lampe wieder putzte und entzündete. Sie sprach aber zu sich +selbst: »Wahrlich, das ist kein Händler, sondern der Räuberhauptmann +mit seinen siebenunddreißig Gesellen, die wir beherbergen; der Himmel +schütze und bewahre uns vor Unheil!« Dann nahm sie einen großen Kessel, +setzte ihn auf den Herd und füllte ihn mit Öl aus dem Schlauche; sie +schürte das Feuer zu einer gewaltigen Flamme auf, indem sie immer neues +Holz aufhäufte, bis das Öl kochte und wallte. Rasch ergriff sie den +Kessel, ging damit in den Hof hinaus und schüttete das siedende Öl +in jeden Schlauch, so daß die Räuber, die nicht entfliehen konnten, +verbrüht und erstickt wurden. + +Nachdem Morgiana diese Tat geräuschlos vollbracht hatte, kehrte sie +in die Küche zurück, verschloß die Türe, löschte das Feuer, bis nur +noch eine kleine Flamme brannte, und kochte die Fleischbrühe für Ali +Baba. Dann blies sie ihre Lampe aus und setzte sich ans dunkle Fenster, +denn sie wollte alles beobachten, was vor sich ging. Nicht lange +darauf erwachte der Räuberhauptmann, stand auf und blickte in den Hof +hinunter, der nachtschwarz und still vor ihm lag. Kein Licht war zu +sehen. Sofort warf er kleine Steine hinab, um das verabredete Zeichen +zu geben; an dem Schalle merkte er, daß einige die Schläuche trafen, +und er horchte begierig; aber nichts regte sich, kein Ton war zu hören. +Zum zweiten und dritten Male schleuderte er die Steinchen auf die +Schläuche, doch abermals blieb alles stumm, und kein Laut antwortete +ihm. Erstaunt und bestürzt ging er möglichst leise in den Hof hinaus +und trat an den ersten Schlauch; ein übler Geruch von kochendem Öl +und verbranntem Fleische quoll ihm entgegen, und auch alle übrigen +Schläuche waren sehr heiß und in dem gleichen Zustande. Als er aber den +vollen Ölschlauch leer fand, wußte er, was geschehen war, verzweifelte, +kletterte über die Mauer in einen Garten und entfloh, so schnell er +vermochte. + +Morgiana hatte alles vom Fenster mitangesehen, und als es still +geworden war und der Hauptmann nicht zurückkehrte, wußte sie, daß er +über die Mauer gestiegen war und die Flucht ergriffen hatte, denn die +Haustüre war doppelt verschlossen. Beruhigt legte sich die wackere +Sklavin nieder und schlief sogleich heiter und zufrieden ein. Am +nächsten Morgen ging Ali Baba mit seinem Sklaven Abdallah in das +Bad, ohne irgendwelche Kenntnis von dem gräßlichen Abenteuer, denn +Morgiana hatte weder ihm, noch Abdallah etwas erzählt, weil sie ihren +Herrn nicht stören und beunruhigen wollte. Die Sonne stand schon +hoch und strahlend am Himmel, als Ali Baba wieder nach Hause kam und +die Ölschläuche noch im Stalle stehen sah; er wunderte sich, daß der +Händler noch nicht mit seinen Maultieren auf den Markt gegangen war, +und fragte Morgiana darum, die nichts im Hofe verändert hatte, damit +ihr Herr um so deutlicher sehen könnte, aus welcher Gefahr sie ihn +gerettet hatte. Sie sagte: »Der allmächtige Gott erhalte dich und dein +Haus noch lange in Frieden und Sicherheit! Was du von mir zu wissen +verlangst, wirst du am besten aus eigener Anschauung erfahren; darum +folge mir, und gehe mit mir in den Hof hinaus!« Die Sklavin führte +ihn an die Ölschläuche, verschloß aber vorher die Türe sorgfältig und +sagte dann: »Sieh einmal in diesen Schlauch hinein, gewiß hast du noch +niemals derartiges Öl erblickt.« Ali Baba tat, wie sie gebeten hatte, +und als er in dem Schlauche einen Mann entdeckte, entsetzte er sich +sehr, sprang zurück und schrie laut auf, als ob er auf eine giftige +Schlange getreten hätte. Morgiana sprach: »Ängstige dich nicht; dieser +Mann wird dir kein Leid zufügen, denn er ist tot; er hat keine Kraft +mehr, etwas Böses zu tun.« Rief Ali Baba: »O Morgiana, sage mir, +welchem Unheil wir entgangen sind! Beim allmächtigen Gott, ich staune +und zittere vor Überraschung!« Morgiana versetzte: »Sprich nicht so +laut, Herr, damit die Nachbarn nichts hören und unser Geheimnis nicht +etwa erfahren. Jetzt aber betrachte dir auch alle übrigen Schläuche.« +Ali Baba prüfte sie der Reihe nach, untersuchte sie und fand in jedem +einen toten und verbrühten Mann. Ratlos blieb er vor Morgiana stehen, +betrachtete bald sie, bald die Schläuche mit weit geöffneten Augen und +wußte nichts zu sagen, so groß war seine Verwunderung. Als er sich +ein wenig erholt hatte, fragte er: »Sage mir doch vor allem, wo der +Ölhändler geblieben ist.« — »Dieser Händler,« erwiderte Morgiana, +»war kein Kaufmann, — ebensowenig wie ich eine Händlerin bin. Ich +will dir jetzt alles erzählen, was sich zugetragen hat und wer jener +Nichtswürdige war. Vorerst aber geh hinein in dein Zimmer, denn du +kommst eben aus dem Bade, und trinke deine Fleischbrühe; so erfordert +es deine teuere Gesundheit.« + +Ali Baba begab sich hinein, und Morgiana holte die Fleischbrühe und +setzte sie ihm vor. Ali Baba war sehr ungeduldig, und während er +trank, sagte er: »Erzähle mir nur die wunderbare Begebenheit sehr +ausführlich, denn ich bin unruhig, bevor ich nicht alles erfahren +habe.« Morgiana begann zu erzählen und sagte: »Wie du befohlen +hattest, legte ich gestern die Badetücher zurecht und übergab sie dem +Sklaven Abdallah. Dann bereitete ich deine Fleischbrühe, aber die +Lampe erlosch plötzlich, weil das Öl zu Ende gegangen war. Abdallah +riet mir, neuen Vorrat aus den Schläuchen des Händlers zu holen, und +sein Rat dünkte mich gut. Als ich zu dem ersten Schlauche trat, hörte +ich eine Stimme darin fragen: ›Ist es jetzt Zeit?‹ Ich durchschaute +sofort die List des fremden Kaufmanns und antwortete, indem ich seine +Stimme nachahmte: ›Die Zeit ist noch nicht gekommen; aber bald.‹ Und +so ging ich von einem Schlauche zum andern, und auf jede Frage gab ich +dieselbe Antwort. Als ich meine Lampe aus dem letzten Schlauche wieder +gefüllt hatte, kehrte ich rasch in die Küche zurück, nahm den größten +Kessel und goß ihn voll Öl. Dann machte ich es kochend und siedend +über dem Feuer und schüttete davon in jeden Schlauch, in dem ein Räuber +versteckt war, so daß sie alle verbrüht und getötet wurden. Nicht lange +danach gab der Hauptmann das verabredete Zeichen; aber als ihm niemand +antwortete, ging er selbst hinunter und entdeckte zu seiner Bestürzung, +was geschehen war. Er muß über den Gartenzaun gestiegen sein, denn ich +habe ihn nicht wiedergesehen, und ganz gewiß ist er vor Verzweifelung +entflohen. — Ich will dir nun noch etwas anderes mitteilen; denn ich +habe vor einigen Tagen eine sehr seltsame Entdeckung gemacht, die in +mir einen Verdacht erregt hat. Ich bemerkte nämlich an der Haustüre +ein Zeichen mit weißer Kreide und tags darauf ein rotes. Ich wußte +zwar nicht, zu welchem Zwecke sie angebracht waren, aber aus Vorsicht +bemalte ich unsere Nachbarhäuser ebenso. Ich glaube, wenn du alles +genau überdenkst, wirst du selbst einsehen, daß es sich um die Räuber +aus dem Walde handelt, von denen jedoch zwei nicht mehr unter ihnen +weilen; warum, weiß ich nicht. Jedenfalls sind höchstens noch drei von +ihnen am Leben; du mußt also sehr sorglich und vorsichtig sein, denn +du weißt nun, daß sie dir nach dem Leben trachten. Glaube mir, daß ich +alles daransetzen werde, um dich vor Unglück und Schaden zu bewahren, +wie es einer ergebenen und getreuen Sklavin zukommt. Dies, Herr, ist +die Geschichte, nach der du mich gefragt hast.« + +Über diese Worte war Ali Baba hocherfreut und rief: »Wie dankbar +bin ich dir, Morgiana, denn du hast mir einen sehr wichtigen Dienst +erwiesen! Du hast mich vor Gefahr und Tod bewahrt; darum will ich dir +die Freiheit schenken und dir Gutes tun, soviel ich immer vermag. Preis +und Lob sei Gott, dem Erhabenen, daß er mich so glücklich aus der Hand +der vierzig Räuber befreit hat! Möge er mich auch ferner behüten und +vor ihren Nachstellungen schützen, denn wahrlich, sie sind Schurken +und müssen von der Erde getilgt werden! Jetzt aber geziemt es uns vor +allem, die Leichen der Nichtswürdigen zu begraben, damit niemand unser +Geheimnis erfahren und uns in das Gerede der Leute bringen kann.« +Nach diesen Worten ging Ali Baba mit seinem Sklaven hinaus in seinen +großen Garten, der von hohen und alten Bäumen umzäunt war; unter einem +dieser Bäume schaufelten sie eine breite und tiefe Grube; da der Boden +sehr locker und frisch war, hatten sie in kurzer Zeit ihr Geschäft +beendigt. Dann nahmen sie die Leichen aus den Ölschläuchen heraus, +entkleideten sie ihrer Waffen und schleppten sie an das Ende des +Gartens; dort warfen sie die Toten, einen nach dem andern, in das Grab +hinein, schütteten die Gartenerde über sie hin und machten darauf den +Boden wieder eben und sauber, wie zuvor. Die wertvollen Waffen und die +Lederschläuche verbargen sie sorgfältig; die Maulesel aber ließ Ali +Baba an verschiedenen Tagen auf den Markt bringen und durch Abdallah +verkaufen. So blieb alles aufs beste verborgen, und niemand erfuhr, daß +Ali Baba so plötzlich zu einem unermeßlichen Reichtume gekommen war. + +Der Hauptmann war inzwischen in den Wald zurückgekehrt; in seinem +Herzen nagten Wut und Ärger, weil seine Unternehmung, auf deren +glücklichen Ausgang er so feste Hoffnungen gesetzt hatte, ein so +trauriges und schmähliches Ende genommen hatte. Sein Geist war +umdüstert; in tiefen und schwermütigen Gedanken wanderte er einsam +durch den Wald, bis er wieder zu der verlassenen Höhle kam. Da wartete +keiner der Gefährten mehr auf ihn, und er mußte bekümmert und verstört +einen Unterschlupf in dem Zauberfelsen suchen. Er rief: »Ihr treuen +Gefährten, ihr wackeren Kameraden und Genossen meiner Raubzüge, wo +seid ihr? Nun muß ich ohne euch auf Abenteuer ziehen, und mit euch +ist ein Teil meiner Kraft und Freudigkeit gewichen, als hätte einer +meiner Feinde mir den rechten Arm vom Leibe geschlagen! Nicht war es +euch vergönnt, in hitzigem Streite und mit dem Schwerte in der Faust +als mutige Männer zu sterben; ein klägliches und unwürdiges Geschick +hat euch hinweggenommen. Nie mehr werde ich eine Schar so tüchtiger +und tapferer Leute um mich sehen! Und euer Tod ist nicht mein einziger +Kummer: der elende Dieb hat mir auch die köstlichsten meiner Schätze +gestohlen, ohne die ich machtlos bin und nichts unternehmen kann. Aber +ich will euch rächen und allein ausführen, was euch versagt war; ich +will den Schatz zurückgewinnen und den Nichtswürdigen töten, der ihn +uns entwendet hat!« Nach diesen Worten legte sich der Hauptmann zur +Ruhe und sank bald darauf in tiefen Schlaf; denn die Klagen hatten +seinen Schmerz gelindert und sein bedrängtes Herz erleichtert. + + [Illustration: Sie goss nacheinander in jedes Gefäß eine ausreichende + Menge des kochenden Öls, um den Insassen zu Tode zu verbrühen.] + +Als die Morgenröte zwischen den alten Bäumen des Waldes schimmerte, +erhob sich der Hauptmann und legte ein prunkvolles Gewand an; dann +begab er sich in die Stadt und suchte Wohnung in einer Karawanserei, +da er erwartete, irgend etwas Bestimmtes von dem Morde in Ali Babas +Hause zu vernehmen. Er fragte also den Besitzer des Chans, welche +Neuigkeiten sich jüngst in der Stadt zugetragen hätten, und der Wirt +erzählte ihm die verschiedensten Dinge, die er gehört und gesehen +hatte; aber von dem, was der Hauptmann am sehnlichsten zu wissen +wünschte, konnte er nichts in Erfahrung bringen. Er ersah daraus, daß +Ali Baba sehr vorsichtig zu Werke gegangen war, weil er vermutlich +den Reichtum, den er in so kurzer Zeit erworben hatte, geheimzuhalten +wünschte, um keinen Verdacht damit zu erwecken. Der Hauptmann beschloß +also, alles daranzusetzen, um den Verhaßten sobald wie möglich aus dem +Wege zu räumen. Er ritt zu verschiedenen Malen in den Wald, wo er aus +der Höhle bunte Teppiche, schimmernde Seidenstoffe und feine Schleier +holte, und als er die Ballen beisammen hatte, mietete er sich einen +Laden, der ihm günstig erschien, brachte seine Waren dorthin und bezog +ihn ungesäumt. So begann er, das Gewerbe eines Kaufmanns zu betreiben, +um seine List möglichst schnell und geschickt ausführen zu können. +Er nahm den Namen Chogia Husein an und stattete seinen Nachbarn der +Sitte gemäß alsbald einen Besuch ab; seine übertriebene Gefälligkeit +und seine höflichen Sitten verschafften ihm bald ihre Freundschaft und +Achtung. + +Gegenüber dem Laden des Hauptmanns lag der des verstorbenen Casim, +wo jetzt Ali Babas Sohn seine Geschäfte trieb. Der war über die +Freundlichkeit und Huld des neuen Ankömmlings sehr erfreut und +unterhielt sich lange mit ihm, denn es ließ sich angenehm mit ihm +plaudern. Wenige Tage darauf besuchte Ali Baba seinen Sohn und traf ihn +in dem Laden des Chogia Husein; der Hauptmann erkannte seinen Feind +sofort wieder und fragte den Jüngling, als sein Vater wieder nach Hause +gegangen war: »Sage mir doch, lieber Freund, wer dieser Mann gewesen +ist?« Jener antwortete: »Er ist Ali Baba, mein Vater, und er besucht +mich von Zeit zu Zeit in meinem Laden.« Da erwies ihm der Hauptmann +noch größere Gefälligkeiten, beschenkte ihn reichlich, überhäufte ihn +mit Gunst und lud ihn oft an seine Tafel, wo er ihm erlesene Gerichte +vorsetzen ließ. + +Der Jüngling überlegte sich nun, daß er die Höflichkeiten seines +Nachbars erwidern müsse; aber er bewohnte nur ein enges und kleines +Haus und war nicht vornehm genug eingerichtet, um Chogia Husein auf +würdige Weise bewirten zu können. »Es schickt sich wohl, daß ich meinen +Nachbar einmal zum Nachtmahl einlade,« sagte er zu seinem Vater. Jener +erwiderte: »Mein Sohn, es ist recht, wenn du deinem Freunde vergelten +willst, was er dir Gutes erwiesen hat. Morgen ist Freitag, da magst du +deinen Laden schließen, wie es alle großen Kaufleute tun; führe Chogia +Husein am Nachmittage in der Stadt spazieren und zeige ihm alles, +was er zu sehen wünscht; richte es aber so ein, daß du ihn auf dem +Rückwege unversehens zu meinem Hause bringst. Bitte ihn dann, bei uns +einzutreten, denn ich möchte, daß wir eine förmliche Einladung umgehen. +Ich werde Morgiana Befehl geben, ein gutes Abendessen herzurichten und +alles bereitzuhalten, was unsern Gast ergötzen kann.« Am kommenden +Tage, dem Freitag, unternahmen also Ali Babas Sohn und Chogia Husein +einen Spaziergang durch die Stadt und betrachteten alle Paläste und +prangenden Gärten; auf dem Rückwege aber gingen sie durch die Straße, +wo Ali Baba wohnte, und ab sie vor der Haustüre anlangten, blieb der +Jüngling stehen, pochte an und sagte zu seinem Gefährten: »Hier ist +das Haus meines Vaters, lieber Freund; ich habe ihm schon viel von +deiner Liebenswürdigkeit und Güte erzählen müssen, und er wünscht +sehr, deine Bekanntschaft zu machen. Erweise mir nun die Ehre, hier +einzutreten und ihm einen Besuch abzustatten; du würdest damit meinem +Vater eine große Gefälligkeit erzeigen.« Der Hauptmann freute sich +im Innern sehr, daß er endlich zum Ziele seiner Wünsche gelangt war +und Zutritt in das Haus seines Feindes erhalten hatte, wo er ihn ohne +allzu großes Aufsehen beiseite schaffen konnte; dennoch zögerte er +eine Weile, suchte allerlei Entschuldigungen hervor und stellte sich +so, als wollte er weitergehen. Da aber öffnete ein Sklave das Tor, +der Jüngling ergriff seinen Gast bei der Hand und führte ihn höflich +und artig ins Haus, so daß er nicht weiter widerstreben konnte. Ali +Baba empfing ihn mit Ehrfurcht und Freundlichkeit, dankte ihm für die +Ehre seines Besuches, wünschte ihm Glück und Wohlergehen und sagte +dann: »Wir sind dir sehr verpflichtet, weil du meinem Sohne so viel +Aufmerksamkeit und Güte erwiesen und ihm aus den Schätzen deiner +Erfahrung mitgeteilt hast.« Der Fremde erwiderte Ali Babas Gruß und +Höflichkeit und sagte: »Zwar schmückt deinen Sohn noch nicht die +Weisheit der Greise, da er noch jung an Jahren ist; aber sein Verstand +ist schnell und gesund, so daß ich mein Wohlgefallen an ihm gefunden +habe.« So plauderten sie noch eine Weile heiter und ungezwungen +über mancherlei Dinge, dann aber erhob sich Chogia Husein, um sich zu +verabschieden. Ali Baba hielt ihn jedoch sanft und bittend zurück und +ließ ihn nicht gehen; er sagte: »Wohin willst du ziehen, mein Freund? +Ich wollte dich bitten, das Nachtmahl bei mir einzunehmen; erweise uns +die Gunst und speise an unserer Tafel. Zwar wird das Essen nicht so +glänzend und lecker sein, als du es gewohnt bist; aber ich denke, du +wirst es dennoch annehmen, da ich es dir mit dankbarem Herzen anbiete.« +— »Herr,« erwiderte Chogia Husein, »ich bin dir sehr verpflichtet für +dein höfliches Anerbieten und bin vollkommen von deiner huldvollen +Gesinnung überzeugt; glaube mir, daß ich mit Vergnügen deiner Einladung +folgen würde und daß ich sie nicht aus Mißachtung oder Unhöflichkeit +ausschlage, aber ein besonderer Umstand zwingt mich dazu, nach Hause +zurückzukehren.« Erwiderte Ali Baba: »Sage mir, Herr, was für ein Grund +das sein mag?« Der Kaufmann entgegnete: »Ich will es dir mitteilen; +ich darf nämlich kein Fleisch und keinerlei Fische essen, die mit Salz +bereitet sind; gewiß würde ich dir bei Tisch nur Unannehmlichkeiten +bereiten.« — »Wenn dies allein der Grund ist,« sagte Ali Baba und bat +noch dringender, »so sollst du uns nicht der Ehre deiner Gesellschaft +berauben. An unserm Brote, das du bei uns essen wirst, ist niemals +Salz, und was den Fisch und das Fleisch betrifft, so werde ich der +Köchin Befehl geben, bei ihrer Zubereitung ebenfalls kein Salz zu +gebrauchen. Entschuldige mich einen Augenblick, denn ich will der +Köchin selbst Bescheid bringen; ich kehre im Augenblick zu dir zurück.« +Sogleich begab sich Ali Baba in die Küche zu Morgiana und gebot ihr, +in keine der Schüsseln, die sie heute auftragen würde, Salz zu tun und +außerdem noch einige Gerichte zu bereiten, die ebenfalls ungesalzen +wären. Morgiana erstaunte höchlich über diesen neuen Befehl und war +sehr unzufrieden darüber; mit verdrossenem Gesicht wandte sie sich +um und fragte ihren Herrn: »Wer ist denn dieser seltsame Mann, der +alle Speisen ungesalzen haben will? Das Essen wird verderben, wenn +ich es nicht sogleich auftragen kann.« — »Sei nicht böse, Morgiana,« +besänftigte sie Ali Baba, »sondern tu nur nach meinem Geheiß. Ein +redlicher, wackerer Mann ist bei uns eingekehrt.« Morgiana befolgte, +was Ali Baba gesagt hatte; aber sie war widerwillig und wunderte sich +im stillen; auch plagte sie die Neugierde, den Mann zu sehen, der so +wunderliche Forderungen stellte. Als das Essen bereitet war, half sie +dem Sklaven Abdallah, der soeben den Tisch gedeckt hatte, die Speisen +hineinzubringen. Sie betrachtete Chogia Husein mit scharfen und +mißtrauischen Blicken und erkannte sofort, wer er war, trotz seiner +Verkleidung; zudem bemerkte sie, als sie ihn aufmerksam von der Seite +musterte, daß er einen Dolch unter seinem Gewande verborgen hatte. +»Nun weiß ich,« sprach sie entrüstet in ihrem Herzen, »warum dieser +Gottlose kein Salz mit meinem Herrn essen mag: er ist sein Todfeind und +trachtet ihm nach dem Leben, darum verschmäht er das Sinnbild der Treue +und Unverletzlichkeit. Aber ich will ihm zuvorkommen und ihn auf immer +daran hindern, meinem Herrn ein Böses zuzufügen.« + + [Illustration: Als Morgiana die ganze Zeit auf der Hut gewesen war.] + +Nachdem Morgiana alle Speisen hineingebracht hatte, ging sie wieder +in die Küche zurück und überlegte, während die Herren aßen, wie sie +ihren Plan am besten und sichersten ausführen könnte. Während sie noch +nachdachte, kam Abdallah herein und meldete, daß Ali Baba befohlen +habe, den Nachtisch zu reichen. Der Sklave räumte den Tisch ab, und +Morgiana trug frische und getrocknete Früchte auf, stellte sie auf ein +kleines Tischchen, zugleich mit einer Flasche Wein und drei Schalen +und ging dann mit Abdallah hinaus, um die Schmausenden nicht etwa beim +vertraulichen Gespräche zu belästigen; sie stellte sich so, als wollte +auch sie nun ihr Nachtmahl einnehmen. + +Da freute sich Chogia Husein, oder vielmehr der Räuberhauptmann, denn +er glaubte, daß endlich der günstige Augenblick nahe sei, und sprach +bei sich selbst: »Jetzt ist die Luft frei, und ich kann Rache nehmen! +Ich will die beiden betrunken machen und dem Dieb mein Messer in die +Brust stoßen; seinen Sohn will ich gern verschonen, wenn er sich nicht +widersetzt oder Lärm schlägt. Ich muß aber warten, bis die Köchin und +der Sklave ihr Abendbrot gegessen und sich zur Ruhe begeben haben. Ich +werde wie das erstemal über die Mauer steigen und in den Nachbargarten +entfliehen.« + +Morgiana, welche die Absicht des falschen Kaufmanns mit klugem Sinne +durchschaut hatte, war darauf bedacht, ihm keinen Vorteil zu gewähren +und ihn sobald wie möglich an der Ausführung seines arglistigen +Planes zu hindern. Sie legte rasch ein reizendes Kleid an, wie es die +Tänzerinnen zu tragen pflegen, schmückte sich mit einem schillernden +Kopfputze und umgürtete sich mit einem golddurchwirkten Gürtel, in +welchem sie einen Dolch befestigte, dessen Scheide mit herrlichen +Edelsteinen geschmückt war; ihr Gesicht verhüllte sie mit einem +fließenden Schleier. Als sie sich so verkleidet hatte, sprach sie zu +dem Sklaven Abdallah: »Geh und hole deine Schellentrommel, und laß +uns vor unseren Gästen tanzen und ein fröhliches Spiel aufführen, +damit wir sie nach Gebühr erheitern.« Der Sklave tat, wie sie befohlen +hatte, spielte die Schellentrommel und ging so vor Morgiana her in +den Saal hinein. Morgiana verneigte sich tief und mit Anmut und erbat +sich die Erlaubnis, zu tanzen und zu singen. »Unterhaltet nur unsern +werten Gast,« sagte Ali Baba lächelnd, und zu dem Kaufmanne gewandt, +fuhr er fort: »Glaube nicht, mein Freund, daß dieses Vergnügen mir +große Unkosten bereitet; du siehst, es ist niemand anders als meine +Köchin und der Sklave, die uns oft ihre Tänze zum besten geben. Ich +hoffe, auch du wirst dich ein wenig durch die beiden belustigen +lassen.« Chogia Husein war über diesen Zwischenfall sehr verstimmt, +denn er glaubte, daß ihm der günstige Augenblick nun entglitten sei; er +verwünschte die beiden Tänzer, stellte sich aber so, als wäre er sehr +erfreut über diese unerwartete Unterhaltung und sagte: »Ich bin dir +sehr dankbar für deine Überraschung; was dir Vergnügen bereitet, lieber +Gastgeber, das will ich nicht verschmähen, denn auch ich werde gewiß +viel Vergnügen daran finden.« + +Sofort begann Abdallah aufs neue die Schellentrommel zu schlagen +und ein frisches Lied zu singen. Morgiana erhob sich und fing an zu +tanzen; sie wiegte sich und beugte sich, hüpfte vorwärts und zurück +in zierlichsten Schritten, bewegte sich heiter und ungezwungen und +erntete bei allen Anwesenden besondern Beifall. Nur der falsche +Kaufmann beachtete ihre Kunst sehr wenig und blickte oft verdrossen +und enttäuscht vor sich hin. Nachdem Morgiana verschiedene schwierige +Stellungen ausgeführt hatte, zog sie plötzlich den Dolch aus dem +Gürtel, schwang ihn in der Hand und begann einen neuen Tanz, der den +drei Zuschauern am meisten gefiel. Sie bildete die verschiedensten +und kühnsten Figuren, streckte bald den Dolch wie zum Stoße empor, +richtete ihn bald auf ihren eigenen Busen und ließ ihn in der +Luft blitzen und funkeln. Dann riß sie dem Sklaven Abdallah die +Schellentrommel aus der Hand, während sie in der Rechten noch den Dolch +hielt und bot den Zuschauern die hohle Seite der Trommel dar, um Geld +einzusammeln, wie es die gewerbsmäßigen Tänzer und Tänzerinnen zu tun +pflegen. Ali Baba warf ihr ein Goldstück in die Trommel; dann trat sie +vor seinen Sohn hin, der ihr auch eine hohe Münze gab, und schließlich +vor Chogia Husein, der schon seinen Beutel hervorzog, als er sie auf +sich zukommen sah. Eben wollte er eine Gabe in die Trommel werfen, als +Morgiana mit Mut und Entschlossenheit ihm den blitzenden Dolch mitten +durch das Herz stieß, so daß der Räuber tot wie ein Stein zurücksank. + +Ali Baba und sein Sohn sprangen entsetzt empor und erhoben ein lautes +Geschrei. »Unselige!« rief Ali Baba und packte Morgiana heftig bei der +Hand, »was hast du getan! Du hast mich und meine ganze Familie in das +Unglück gestürzt!« Morgiana blieb sehr ruhig und sagte: »Du irrst dich, +Herr, ich habe dich vielmehr vor einem Unglück errettet; merk auf, was +ich dir zeige.« Damit löste sie Chogia Huseins Kleider und zeigte Ali +Baba den Dolch, den der falsche Kaufmann in seinem Gewande verborgen +hatte. »Blick ihn dir genau an,« fuhr Morgiana fort, als Ali Baba +voll Staunen und Erschrecken zurückwich; »du siehst, daß du deinen +Todfeind vor dir hattest. Erkennst du nicht den Ölhändler wieder und +den Hauptmann der vierzig Räuber? Nun weißt du, warum der Schändliche +kein Salz mit dir zu essen wünschte; ich schöpfte Argwohn wider ihn +und blickte ihm prüfend ins Angesicht, denn ich war davon überzeugt, +daß er dich verderben wollte. Mein Verdacht war nicht grundlos, wie +du dich soeben überzeugt hast; dem Himmel sei Preis und Lob, daß er +dich aus der Gefahr befreit hat!« Ali Baba war tief gerührt über ihre +Wachsamkeit und Treue und überschüttete Morgiana mit Dankesbezeigungen, +weil sie ihm zum zweiten Male das Leben gerettet hatte. »Ich habe +dir die Freiheit geschenkt; nun möchte ich dich auch fest an unsere +Familie binden, denn ich will dich mit meinem Sohne vermählen.« Dann +wandte er sich zu seinem Sohne und sprach: »Ich glaube, du wirst meinen +Wunsch gutheißen und dich nicht widersetzen, wenn ich dir Morgiana zur +Frau gebe. Denn auch du bist ihr zu Dank verpflichtet; Chogia Husein +hat ja deine Freundschaft nur darum gesucht, damit er desto leichter +Gelegenheit fände, mich meuchlings zu ermorden. Aber Morgiana hat +uns durch ihren Mut und ihre Entschlossenheit gerettet, und du wirst +erkennen, daß ihre Pflichttreue und ihre Klugheit unserer Familie +zur Zierde gereichen werden bis ans Ende unserer Tage.« Der Jüngling +zeigte nicht das geringste Widerstreben, sondern erklärte sich ohne +Umschweife bereit, Morgiana zu heiraten, nicht nur aus Gehorsam gegen +den Vater, sondern auch aus inniger Zuneigung zu dem wackern Mädchen. +Dann nahmen alle drei die Leiche des Räuberhauptmanns, trugen sie +hinaus in den Garten und vergruben sie in aller Stille und mit Eile +neben den übrigen Banditen, so daß erst nach langen Jahren, als +niemand von den Beteiligten mehr am Leben war, die Geschichte dieses +wunderlichen Abenteuers bekannt wurde. + +Kurze Zeit darauf feierte Ali Baba die Hochzeit seines Sohnes mit +seiner ehemaligen Sklavin; er richtete ein glanzvolles Fest her und +verschönte es durch Tänze und mancherlei Lustbarkeiten. Er freute sich +aber besonders, daß alle Nachbarn, die er geladen hatte, die Vorzüge +Morgianas priesen, ohne die wahren Beweggründe zu ihrer Vermählung zu +kennen. + +Seitdem Ali Baba zum letzten Male in der Höhle gewesen war und dort die +Leiche seines Bruders gefunden hatte, war er nie wieder an den Felsen +zurückgekehrt, da er sich vor den Räubern fürchtete und beständig in +der Gefahr lebte, er könnte vielleicht von ihnen überrascht werden. +Noch lange Zeit nach dem Tode des Hauptmanns hütete er sein Geheimnis, +weil er besorgte, daß noch die beiden übrigen Banditen am Leben sein +könnten. Erst nach einem Jahre, als ihm keine Unannehmlichkeiten +wieder begegnet waren, bestieg er eines Morgens sein Pferd und +ritt vorsichtig hinaus in den Wald nach der Grotte; er fand weder +Spuren von Menschen, noch von Tieren und freute sich über dieses +gute Vorzeichen; sein Roß band er an einem Baume fest, näherte sich +dann der Türe und sprach die Worte, die er nicht aus dem Gedächtnis +verloren hatte: »Sesam, öffne dich!« Sofort tat sich die Türe auf, +er trat ein und sah die Waren und den Schatz noch unberührt; daraus +konnte er erkennen, daß niemand mehr in dem Felsen gewesen und daß +keiner von den Räubern mehr am Leben war. Dies überzeugte ihn, daß er +allein um das Geheimnis der Höhle wußte; er war Herr all der Schätze, +die in unermeßlichen Mengen vor ihm ausgebreitet lagen. Er nahm einen +Sack, füllte ihn mit soviel Gold, wie sein Tier zu tragen vermochte, +und kehrte dann vergnügt und zufrieden in die Stadt zurück. Er lebte +noch lange in Glanz und Reichtum; und als er sein Ende nahen fühlte, +weihte er seinen Sohn in das Geheimnis ein, so daß durch den Segen des +Schatzes von Kind zu Kindeskindern Glück und Wohlstand blühten, weil +sie ihren Reichtum mit Mäßigung und durch Wohltun genossen. + + + + + AUSGANG + + +Also erzählte Schehersad dem Könige Scheherban viele wundersame Märchen +in den tausendundein Nächten; als sie das letzte beendet hatte, +kniete sie vor dem Sultan nieder und sprach: »Hoher Gemahl, König der +Zeit, darf ich dich nun um eine Belohnung bitten und mir eine Gnade +erwirken?« Der Sultan erwiderte: »Du hast mich mit deinen Erzählungen +aufs höchste beglückt, Schehersad; darum will ich dir deine Wünsche +gern gewähren.« Da rief sie die Ammen herein und befahl ihnen, ihre +drei Söhne zu bringen, die sie während der Zeit geboren hatte; der +eine konnte noch nicht laufen, der andere kroch noch am Boden, und +der dritte lag noch an der Brust seiner Wärterin. Sprach Schehersad: +»O Herr deines Jahrhunderts, sieh hier unsere Kinder: schenke mir um +ihretwillen das Leben, damit sie nicht mutterlos werden!« Der König +weinte vor Rührung, umarmte sie und sprach: »Ich habe deinen edlen und +klugen Sinn erkannt und hatte schon längst beschlossen, dich vor dem +Tode zu bewahren. Allah sei mit dir und unseren Kindern!« Schehersad +kniete nieder vor dem König, küßte ihm die Hand und wünschte ihm Glück +und ein langes ruhmvolles Leben. + +Als die freudige Nachricht in der Stadt bekannt wurde, herrschte +überall Jubel und Frohlocken. Am nächsten Morgen rief der König seine +Truppen zusammen und schenkte dem Wesir, seinem Schwiegervater, ein +Prunkgewand und stattete ihm seinen Dank dafür ab, daß er ihm seine +gute und weise Tochter zur Gemahlin gegeben habe. Er verteilte viele +Almosen, beschenkte auch alle übrigen Emire und Hofleute und ließ in +der Stadt Spiele und Lustbarkeiten veranstalten. Noch lange Jahre +herrschte er voll Güte und Weisheit, bis ihn der Tod hinwegnahm, der +alle irdischen Bande unerbittlich löst. + + * * * * * + +Preis und Ehre sei dem, der über aller Zeit herrscht; gelobt sei er mit +seinem Gesandten Muhammed, der Zierde aller Sterblichen! + + + + + Anmerkungen des Bearbeiters + + +Das Inhaltsverzeichnis und das Bilderverzeichnis wurden an den Anfang +des Textes verschoben. + +Die Bilder wurden passend zum Text neu positioniert. + +Unterschiedliche Schreibweisen desselben Wortes wurden vereinheitlicht. + +Geringfügige Zeichensetzungsfehler wurden stillschweigend korrigiert. + +Seite 141: Ein abschließendes Anführungszeichen wurde hinzugefügt zu: +und deinem Rat unterstützt.« + +Seite 162: "uud" geändert zu "und" in: Offiziere und ich selber + +Seite 162: Ein einleitendes Zitat wurde hinzugefügt zu: erwiderte er +endlich, »ich bin Gemahl der Fee + +Seite 166: "irdendwie" geändert zu "irgendwie" in: ohne daß man dabei +irgendwie Hand« + +Seite 195: "ihm" geändert zu "ihr" in: befahl ihr, den Schatz +schleunigst zu + +Seite 205: "selbt" geändert zu "selbst" in: Was bedeutet das?« fragte +sie sich selbst. + +Das Umschlagbild wurde vom Bearbeiter gestaltet und in die Public +Domain eingebracht. + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75699 *** |
