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Der neue Diktator, der Generalstaatskommissar von Kahr +hatte sich endlich zu der Tat entschlossen, der – wie die völkische +Presse in großen Lettern verkündete – „alle vaterländischen Kreise +Bayerns“ mit Spannung harrten: das Generalkommissariat hatte mit +sofortiger Wirkung die Bierpreise herabgesetzt; „was wird darob unter +den Bierjuden für e Geheul und Zähneknirschen sein“ triumphierte das +„Bayrische Vaterland“, das Blatt des Herrn von Kahr. + +Tatsächlich wurde diese Neuigkeit, wie ich aus den erregten +Zwiegesprächen meiner Mitreisenden – zweier Bewohner der Miesbacher +Gegend – feststellte, mit großer Zustimmung aufgenommen. Nur das mit den +Bierjuden konnte nicht ganz stimmen, denn im anderen Blatt Kahrs, im +„Bayrischen Kurier“, der doch gewiß einer Begünstigung der Juden +unverdächtig schien, war am gleichen Tag eine lange Erklärung des +bayrischen Brauerbundes zu lesen, die als Folge der verordneten +Zwangsbierpreise den „baldigen Zusammenbruch des wichtigsten und +bodenständigsten bayrischen Gewerbes“ voraussagte. Auf jeden Fall aber +hatte mit seiner letzten Verordnung Herr von Kahr seinen Widersacher +Hitler in puncto Volkstümlichkeit um eine Nasenlänge geschlagen. + + * * * * * + +Der Kampf Hitlers gegen Kahr hatte gerade in jenen Tagen seinen +Höhepunkt erreicht und fand sein lautes Echo in der großen völkischen +Presse. Und es gab damals in Bayern eigentlich nur eine völkische +Presse. Die Zeitungen unterschieden sich dadurch, daß eine noch +völkischer war als die andere, was sie nicht hinderte, samt und sonders +mit der deutschen Sprache auf Kriegsfuß zu stehen. Die demokratischen +Kreise des deutschen Bürgertums hatten trotz wiederholten Versuchs nicht +vermocht, in München ein bedeutenderes linksgerichtetes Blatt +herauszugeben. In der drittgrößten Stadt Deutschlands gab es keine +einzige Zeitung, – von der sozialdemokratischen „Münchener Post“ +abgesehen, – die für die Republik eingetreten wäre und auch die +„Münchener Post“ ist, rein journalistisch betrachtet, die am +schlechtesten redigierte sozialdemokratische Zeitung im ganzen Reich, +kaum mehr als ein Provinzblättchen. Und so dämmerte im Fremden, der zum +ersten Mal in jenen Tagen nach München kam, die Erkenntnis, daß das +Problem der bayrischen Reaktion zum großen Teil auch ein Problem der +Presse ist. + + * * * * * + +„Bayern und Reich“, das vaterländische Wochenblatt der Kahr’schen +Kampfverbände enthüllte die Ursache der Zwietracht im völkischen Lager: + +„Wir sind objektiv genug, zu sagen, das ist nicht Hitler’scher Geist, +sondern der Fluch seiner Umgebung: hier weht zweifelsohne ein +semitischer Wind. Immer dieselbe Methode: wie sich das Judentum in den +Friedländer, Rathenau, Ballin usw. an Wilhelm II. herangemacht hat, so +sehen wir auch heute wieder Gestalten mit semitischem Äußern im Stabe +Hitlers. Immer dasselbe traurige Spiel nach jüdischem Rezept: +Byzantismus und Speichelleckertum lähmten Wilhelms Schaffensfreude und +-willen und zeitigten seinen verhängnisvollen Größenwahn. Und heute +erscheint Hitlers Kopf im „Völkischen“ und sein Bild wird in +marktschreierischer Form durch die Presse zum Verkauf feilgeboten.“ + +Folgten die Namen der Verbände, die von Hitler abgefallen und zu Kahr +übergegangen waren. + +Das „Heimatland“, das Organ des Hitlerschen „Deutschen Kampfbundes“, +spie darob Gift und Galle, erklärte die Meldungen vom Übertritt als Lüge +und wartete seinerseits mit Enthüllungen über „hinterhältige +Spaltungsmanöver gewisser Kreise um Kahr“ auf. + +Da war es erfrischend, den „Miesbacher Anzeiger“ vorzunehmen, in dessen +Spalten gewiß kein semitischer Wind, sondern der trauliche Düngergeruch +des bayrischen Kuhstalls wehte. Die Leitaufsätze des „Miesbacher“ +schlugen jeden Rekord, schimpften rechts und schimpften links und +forderten die Partei des Herrn von Kahr auf, „ihre Führer tüchtig +dazwischenzunehmen“; zu Kahrs Regentschaft hatte der „Miesbacher“ kein +rechtes Vertrauen, aber zum Schluß wurde er doch gepriesen, da er „das +Volkskönigtum der Wittelsbacher, nach dem sich das Bayernvolk sehnt, +ersiegen soll.“ + +Nun wußte der Fremde überhaupt nicht mehr ein noch aus und nur, daß er +als nichtgelernter Bayer da eben nicht mitkonnte. Er trat in das +königliche Hofbräuhaus ein. + +Und sah: an den langen Tischen müde, verhärmte, elend gekleidete +Gestalten. Ein niederschmetternd-trauriges Bild. Die Männer dösen +stumpf, schläfrig in dem Tabaksqualm, der wie eine schwere Wolke über +dem riesigen Saal hängt. Boden, Bänke, Tische starren von Schmutz. + +Mitten durch dies Gewirr von Menschen drängen sich zerlumpte, +verhungerte Gestalten und suchen gierig die stehengebliebenen +Speisereste – Knochen, Wursthäute – nicht völlig geleerte Bierkrüge zu +ergattern, die sie heimlich leeren. + +Als der Fremde einem solchen armen Teufel, dem der Hunger aus +eingesunkenen, erloschenen Augen blickte, zwei Semmeln zuschob, gaffte +er ihn ein paar Sekunden verständnislos an: „Ist das für mich?“ Der +hatte wohl noch nie gebettelt. + +Man kommt ins Gespräch: ein Metallarbeiter, seit Wochen arbeitslos, +hoffnungslos. Wann es wohl anders werden wird? Er will von keiner Partei +mehr etwas wissen, keine tut etwas zur Besserung. Aber Hitler wird es +schaffen, noch in diesem Winter. Das ist ein Kerl! + + * * * * * + +Die Masse solcher entwurzelter, verzweifelter Existenzen bildete Hitlers +Gefolgschaft. Sie war nicht klein. Es lohnte sich, den Führer kennen zu +lernen. + + + BESUCH BEI HITLER + +Der „Völkische Beobachter“, das offizielle Organ der +nationalsozialistischen Arbeiterpartei Hitlers, war verboten. Eine +Umfrage nach der Adresse dieses Blattes schien mir zu auffällig – und in +München war es nicht rätlich aufzufallen – und so begab ich mich zum +„Heimatland“, dem Wochenblatt der Hitlerschen Kampfverbände, das an +Stelle des „Beobachters“ dreimal wöchentlich erschien und im +Straßenhandel stark verkauft wurde. + +Im ersten Stock eines neuen Hauses am Sendlinger-Tor-Platz befand sich +die Schriftleitung des „Heimatland“. Auf meine Bitte, einen der Herren +Redakteure sprechen zu können, erklärte mir das empfangende Fräulein, +„der Herr Hauptmann“ sei in einer Sitzung. Im weiteren Verlauf meiner +Unterhaltung stellte ich dann fest, daß dieses Blatt überhaupt nicht von +Redakteuren, sondern von Offizieren redigiert wurde. Nach längeren +Verhandlungen verriet mir das Fräulein zögernd, daß „der Herr Hauptmann“ +mit dem „Herrn Kapitänleutnant“ zu Hitler gegangen seien, den ich am +besten in der Schillingstraße 39 „im Oberkommando“ antreffen könnte und +sie schärfte mir noch ein, unter keinen Umständen zu verraten, daß ich +die Adresse von ihr empfangen hätte. + +Die Schillingstraße ist eine stille Vorstadtgasse, etwa zehn Minuten von +der Pinakothek entfernt. Als ich in die Gasse einbiege, fällt mir ein +mächtiges Tourenauto auf, wie es im Feld nur die Offiziere vom Stab zur +Verfügung hatten. In den Geschäften prangen Photographien Hitlers in +Lebensgröße, Bilder von den Paraden der Hakenkreuzler und völkische +Druckschriften. Ich bin zur Stelle. Im Hause Nummer 39 befindet sich im +ersten Stockwerk die Schriftleitung des „Völkischen Beobachters“, +daneben das „Oberkommando“. Im Hof sind in einer Garage noch mehrere +große Benzwagen eingestellt, die alle im Dienste des Hitlerschen Stabes +stehen. + +Im Vorzimmer halten etwa ein Dutzend junger Burschen in der alten +österreichischen Uniform Wacht. + +Auf meine Frage, ob ich einen Herrn der Schriftleitung sprechen könne, +werde ich in ein anderes Zimmer gewiesen, wo die Abfertigung der Kuriere +erfolgt und die Telephonzentrale untergebracht ist. Ein Plakat der +kommunistischen Partei „Bildet proletarische Hundertschaften!“ ziert den +kahlen Raum und soll wohl besonders aufreizend wirken. Eine große +Wandkarte Deutschlands zeigt die Verteilung der hakenkreuzlerischen +Verbände und ihre Aufmarschbewegung. Die Pfeile weisen nach Norden gegen +Sachsen und Thüringen. Um Nürnberg sind besonders viele Kampfgruppen +eingezeichnet; wie ich später aus Gesprächen der einzelnen Unterführer +heraushörte, sollte dieser Raum das Hauptaufmarschgebiet im Falle des +Putsches sein, damit die dortige Arbeiterschaft von vornherein „unter +Druck genommen“ werden und die Hitlerschen Truppen nach dem Losschlagen +nicht erst gezwungen sein sollten, „in Bayern selbst einen Riegel +durchbrechen zu müssen.“ + +Obwohl man mich weiter nicht beachtet, fühle ich mich inmitten all +dieser meist bewaffneten Jünglinge ziemlich unbehaglich. Da öffnet sich +die Tür und ein älterer Mann, gleichfalls in österreichischer Uniform, +bittet mich, einzutreten. Es ist Herr Stolzing, ein Redakteur des +„Völkischen Beobachters“, dessen Name nicht darüber täuschen kann, daß +er eigentlich Cerny heißt und in der Tschechoslovakei beheimatet ist. +Jetzt ist er ein begeisterter Verehrer Hitlers und weiht mich, nachdem +ich mich mit einer fingierten Legitimation als Parteigänger Mussolinis +und Korrespondent eines faschistischen Blattes ausgewiesen habe, sehr +entgegenkommend in Hitlers fernere Pläne ein. Seine Erklärungen +eröffnete er mit einem Vortrag über die deutsche Politik im allgemeinen +und den passiven Widerstand im Ruhrgebiet im besonderen. + +„Der passive Widerstand war von vorneherein zum Mißlingen verurteilt. +Unser Plan war, nach dem Muster Schlageters den aktiven Widerstand durch +Sabotageakte wie einen Guerillakrieg zu entfachen. Die Franzosen wären +gezwungen gewesen, gegen diese stündliche Bedrohung ein vielfaches der +jetzt im Ruhrgebiet stehenden Truppen dorthin zu senden. Sie hätten also +neu mobilisieren müssen und die französische Regierung hätte dadurch in +Frankreich selbst mit Schwierigkeiten zu kämpfen gehabt. Diese +Verwirrung hätten wir ausgenutzt und unter dem Schleier der aktiven +Sabotage ein Heer aufgestellt, das den Krieg gegen Frankreich +erfolgreich hätte aufnehmen können.“ + +„Ohne Waffen?“ + +Herr Stolzing lächelt geringschätzig, beugt sich dann vertraulich zu mir +herüber. Mit gedämpfter Stimme: „Aber in Wahrheit – Ihnen kann ich das +ja sagen – haben wir Waffen genug und genug. Mit tausend Geschützen +hätten wir die Armee ausrüsten können.“ + +Worauf ich Herrn Stolzing bat, mir das außenpolitische Programm Hitlers +zu erläutern. + +„Wir sind für ein Großdeutschland, für die unbedingte Eingliederung +Österreichs und der Deutschen aus der Tschechoslovakei. Anders steht es +mit den Deutschen Südtirols. Da unser natürlicher ausländischer +Verbündeter Mussolini ist, werden wir die Brennergrenze anerkennen. Wir +dürfen nicht sentimental sein und müssen aus politischen Gründen auf die +230000 Deutschtiroler verzichten, damit wir zum italienischen Faschismus +ein gutes Verhältnis gewinnen.“ + +„Und Rußland? Denken Sie an ein Zusammenwirken mit der Roten Armee?“ + +Herr Stolzing gerät in große Erregung: „Das kommt für uns unter keinen +Umständen in Frage. Graf Reventlow, der als Sprecher der Völkischen in +Norddeutschland dafür eintritt, ist ein Außenseiter, mit dem wir gar +keine Verbindung haben. Ein Zusammengehen mit Rußland würde nur +bedeuten, daß das letzte gute Blut des völkischen Deutschland fließen +müßte, damit hier die Sowjetrepublik errichtet werde und die Juden noch +mehr zur Macht gelangen als bisher.“ + +„Und Ihr Verhältnis zu Herrn von Kahr?“ + +„Die Voraussetzung für die von den Völkischen geforderte aktive +Außenpolitik ist die Erledigung der deutschen Frage im Innern, die nur +durch Blut und Eisen gelöst werden kann. Die Völkischen werden eines +Tages über das rote Deutschland – Sowjetsachsen und Sowjetthüringen – +herfallen, die marxistische Bewegung ausbrennen, wie es Mussolini in +Italien getan hat!“ + +„Ist das ein Programm der ferneren Zukunft? Oder der nächsten +Gegenwart?“ + +„Der allernächsten Gegenwart. In kaum drei Wochen werden die Bauern +überhaupt keine Lebensmittel mehr liefern, die Blockade der Städte wird +effektiv sein und die Regierung Stresemann abgewirtschaftet haben. +Gleichzeitig wird auch Kahr in Bayern am Ende seines Lateins sein. Wir +zweifeln nicht an der persönlichen Anständigkeit und der völkischen +Gesinnung des Herrn von Kahr, aber er ist kein Diktator, nur ein guter +Staatsbeamter, und er merkt gar nicht, daß er nur ein Werkzeug in den +Händen der Bayrischen Volkspartei ist. Die hat ihn auf den Schild +gehoben, um zu verhindern, daß die nationalsozialistische Bewegung zum +Siege gelange. Es ist auch bezeichnend, daß weder die Auflösung der +sozialistischen Sturmabteilungen, noch die Aufhebung des +Republikschutzgesetzes in der marxistischen Presse des Reichs die +erwartete große Erregung hervorgerufen hat. Das beweist, daß Berlin die +Ernennung Kahrs zum Generalkommissar nicht feindlich aufgenommen hat, +weil man dort hofft, daß auf diese Weise eine Diktatur Hitlers +verhindert werden kann. Trügerische Hoffnung. Der Anhang Hitlers wächst +täglich, die aktivsten Verbände stehen hinter ihm und nur wir, und nicht +Kahr, haben die enge Verbindung zu den völkischen Organisationen in +allen Teilen Deutschlands, insbesondere in Pommern, Mecklenburg und +Preußen. So haben wir die Gewähr, daß – wenn Hitler gegen Sachsen +losmarschieren wird – gleichzeitig unsere Freunde überall im Norden +losschlagen können. Kahr hat bei der Auflösung der Einwohnerwehren +gezeigt, daß er im letzten Moment immer umfällt.“ + +Mit großem Stolz zeigt mir Herr Stolzing verschiedene völkische +Zeitungen, die ursprünglich für Kahr eingetreten waren und nun deutlich +umschwenkten. Unter Verbeugungen vor Kahr wird dort die Befürchtung +ausgesprochen, daß dieser als zu stark parteipolitisch gebunden nicht +energisch genug vorgehen und durch Intriguen der Bayrischen Volkspartei +stürzen werde. + +Zwecks einer persönlichen Vorsprache bei Hitler wurde ich dann auf den +folgenden Tag bestellt. + + * * * * * + +Am nächsten Morgen große Aufregung. In der vorangegangenen Nacht war in +der Schriftleitung des „Beobachters“ ein Einbruch verübt worden. Auf +meine besorgte Frage, ob doch hoffentlich nichts Wichtiges oder größere +Geldsummen entwendet worden seien, beruhigt mich Herr Stolzing: + +„Nein, nur mehrere Pistolen und eine größere Anzahl anderer Waffen.“ + +(Das offiziöse Wolffsche Telegraphen-Büro allerdings verbreitete später +die Meldung, es sei Geld gestohlen worden und verschwieg die Tatsache +des Waffendiebstahls, den die Völkischen wohl mit Absicht nicht +angemeldet hatten.) + +Abermaliges Warten. Heute habe ich Muße, mich aufmerksam in diesem +„Oberkommando“ umzusehen. Ganz ungezwungen werden in meiner Gegenwart +Telephongespräche abgewickelt, die sich um Waffenbestellungen und um +Aufträge auf Lieferung von Uniformen drehen. Aus einem Gespräch zwischen +zwei Führern – die zum Unterschied von den anderen nicht in Uniform +auftreten, sondern mit Seidensocken und sehr eleganten Anzügen +ausgestattet sind – höre ich, daß von Küstrin die Rede ist. Hitler +sollte die entflohenen Putschisten aus Küstrin in Sicherheit bringen. +Nun sei das Unglück geschehen, daß einer dieser Rebellen aus Ärger +darüber, daß man ihm nicht genügend Geld auf seine Reise mitgeben +wollte, allem Anscheine nach einen Einbruch verübt hat, um seiner Kasse +durch den Verkauf der erbeuteten Waffen aufzuhelfen. + +Draußen ertönen Kommandoworte. Die Wache im Vorzimmer steht stramm, die +Tür wird aufgerissen, Herr Hitler erscheint; in Regenmantel und +uniformartig zugeschnittenem Sportanzug. Er bemüht sich, sein glattes +Gesicht in energische Falten zu legen. Herr Stolzing teilt ihm den Zweck +meines Besuches mit, doch er entschuldigt sich, mich heute nicht +sprechen zu können, da er sofort wieder mit dem Auto verreisen müsse. In +zwei Tagen wolle er mich gerne empfangen oder – ich möchte ihm meine +Fragen schriftlich vorlegen. Im übrigen hätte mich ja Herr Stolzing +gewiß ausführlich unterrichtet. + +Hitler spricht abgehackt, einstudiert militärisch. + +„Na, in ein paar Wochen werden wir schon Ordnung machen.“ + + * * * * * + +Es ist dann anders gekommen. Wochen vergingen. Die Voraussage Hitlers +hat sich nicht erfüllt. Warum? Wieso? Was war geschehen? Diese Handvoll +Bilder und flüchtiger Eindrücke aus dem München des Oktobers gibt keine +genügende Erklärung für das, was sich dort im November zugetragen hat. +Die dramatischen Vorgänge auf der Bühne des politischen Lebens blieben +unverständlich und verworren, nähme man sich nicht die Mühe, ihren +Hintergrund ein wenig sorgfältiger zu durchleuchten. + + + + + VORSPIEL + + + DIE ZEIT + +Ein scheinbar ganz unverständlicher Widerspruch: Das durch den Krieg +entwurzelte, in den folgenden Jahren zwischen den Mühlsteinen des +wirtschaftlichen Bankrotts hoffnungslos zermalmte Kleinbürgertum Europas +stellt heute einen Faktor dar, der für das politische Leben des Staates +von entscheidender Bedeutung und – dies das Seltsamste – seiner +Deklassierung zum Trotz ein scharf abgegrenzter, ideologisch und +politisch klar durchgebildeter Typus ist. + +Die ökonomische Entwicklung des letzten Jahrzehnts hat das +Kleinbürgertum proletarisiert, den Mittelstand vernichtet. Aber die von +verschiedenen sozialdemokratischen Theoretikern erwartete und +angekündigte Aufsaugung des Kleinbürgertums durch das Proletariat und +seine ideologische und politische Angleichung an die Arbeiterschaft, die +ist ausgeblieben. Das vorauszusehen war nicht schwer. Die irrige +Auffassung, das Verschwinden des Kleinbürgertums als selbständiger Teil +der modernen Gesellschaft müsse naturnotwendig zu einem Verschwinden des +Kleinbürgertums überhaupt führen, entspringt eben einem rein +mechanischen Denken, das sich bitter rächen sollte. Haben wir doch +hier den Schlüssel zu jener fatalistischen Einstellung der +sozialdemokratischen Führer, die aus der Zwangsläufigkeit der +ökonomischen Entwicklung die These ableiteten, die Revolution komme +von selbst. Eine Anschauung, die die meisten der schweren +Unterlassungssünden erklärt, die die sozialdemokratischen +Arbeiterparteien dem Kleinbürgertum gegenüber begangen haben und die +jene große Bewegung erstehen ließen, die teilweise wie eine mächtige +Welle Europa überflutete und kurzweg als Faschismus bezeichnet wird. + +Wer ist Kleinbürger? Was stellt heute das Kleinbürgertum dar? + +Gewiß nicht das, was man vor dem Kriege darunter verstand. Damals war +Kleinbürger gleichbedeutend mit Kleinkapitalist. Der kleine Rentner, der +kleine Kaufmann, der Handwerker, der Gewerbetreibende, das waren die +Kleinbürger im Sinne der damals üblichen Bezeichnung. Die große Masse +jener, die ihrer wirtschaftlichen Lage nach zu den Besitzenden gehörten +und daher auch deren geistige Einstellung teilten. Seiner Klassenlage +nach ebenso Opfer unserer Wirtschaftsordnung wie der einfache +Proletarier, genoß der Kleinbürger vor dem Kriege dennoch eine gewisse +ökonomische Vorzugsstellung, wodurch er sich aus dem gleichmäßigen Grau +des „Mobs“, des gemeinen Pöbels herausgehoben sah und nun selbst eifrig +bemüht war, die Grenze noch möglichst scharf zu ziehen, die ihn von +diesem scheiden sollte. + +„Man muß sich nur nicht die bornierte Vorstellung machen, als wenn das +Kleinbürgertum prinzipiell ein egoistisches Klasseninteresse durchsetzen +wolle. Es glaubt vielmehr, daß die besonderen Bedingungen seiner +Befreiung die allgemeinen Bedingungen sind, innerhalb deren allein die +moderne Gesellschaft gerettet und der Klassenkampf vermieden werden +kann.“ (Der 18. Brumaire von Karl Marx.) + +So stellte der Kleinbürger der Vorkriegszeit einen Typus dar, dem ganz +besondere Kennzeichen zu eigen waren. In politischer Beziehung haltlos +und schwankend, zu keiner selbständigen Entscheidung fähig und +entschlossen, in einem unerschütterlichen Respekt vor der gottgewollten +und angestammten Ordnung befangen, voller Haß gegen alle Neuerungen und +andererseits in ewiger Unzufriedenheit und Erbitterung gegen die +wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse, unter denen er so schwer +zu leiden verurteilt war. Bar jedes Kampfesmutes und jedes +Selbstvertrauens, sich in Klagen um die „gute alte Zeit“ erschöpfend, +nichts weniger als revolutionär, aber ein ewiger Nörgler, in seinem +Unvermögen, die großen geschichtlichen Zusammenhänge und Triebkräfte zu +erkennen nur allzubereit, auf jedes Schlagwort hereinzufallen, das an +seine tiefsten Instinkte rührte: Eine gewisse Harmonieduselei und die +Sucht, sich um jeden Preis – auch für das bescheidenste Linsengericht +irgendeines Almosens – seine Bravheit mit einem „Privilegium“ bezahlen +zu lassen. Denn es ist klar, daß eine Übergangsklasse wie das +Kleinbürgertum, in dem sich „die Interessen zweier Klassen zugleich +abstumpfen“ seiner Klassenlage sich nicht nur nicht bewußt ist, sich +vielmehr über jeden Klassengegensatz erhaben dünkt und infolge seiner +sozialen Zersplitterung das Kollektivgefühl und das diesem entspringende +Solidaritätsbewußtsein der Fabrikarbeiterschaft gar nicht besitzen kann. + +Die hier kurz gestreiften Merkmale waren dem Kleinbürger aller +europäischen Länder in der Vorkriegszeit in hohem Maße zu eigen und +stempelten ihn so zu einem Typus von internationaler Gültigkeit. Doch +gerade deshalb sah man schon damals im Lager der sozialistischen +Arbeiterparteien sehr oft nur diese Äußerlichkeiten, den politischen und +ideologischen Überbau des Kleinbürgertums, und vergaß darob nur zu +leicht die große wirtschaftliche Wandlung, die dieses inzwischen +durchgemacht hatte. „Kleinbürgerlich“ wurde zu einem Schlagwort, mit dem +der bewußte Sozialist all das bezeichnete, was ihm nicht gefiel, was er +selbst aus seiner eigenen Entwicklung als überwunden erkannte. +„Kleinbürger“ wurde sehr bald nur zur Bezeichnung eines geistigen +Zustandes gebraucht und etwa „Spießer“ und „Philister“ gleichgesetzt. + +Der Krieg hat wie ein Wirbelsturm den faulen Plunder jahrhundertealter +Traditionen in den Kehricht gefegt. Die morschen Stützen der +Gesellschaft – Moral, Autoritätsglaube, Gottvertrauen – kamen ins +Wanken. Doch die Hoffnung der revolutionären Sozialisten, daß sie +endgültig zusammenbrechen würden, erwies sich als trügerisch. + +Vorübergehend geschlagen, aber nicht vernichtet, geht die herrschende +Klasse jetzt daran, ihre unter dem ersten Ansturm der Revolution +preisgegebenen Positionen wieder zurückzugewinnen und zu befestigen. Und +da sie sich nicht der Erkenntnis verschließen kann, daß der Gegner an +Stärke, Selbstbewußtsein und Zahl gewachsen ist, vollzieht sich die +große Auseinandersetzung zwischen den Klassen nicht in offenem +stürmischem Kampf, sondern in einem Stellungskrieg, der es der +Schwerindustrie ermöglichen soll, die Positionen der Arbeiterschaft +durch geschickte Unterminierung Schritt für Schritt zurückzugewinnen. In +diesem Kampf ist das Kleinbürgertum die beste und wichtigste Hilfstruppe +des Kapitals. Verstanden es doch die Unternehmer, beziehungsweise deren +politische Agenten, in Presse und Parlament, in der Agitation und im +politischen Tageskampf an die kleinbürgerliche Ideologie anzuknüpfen, um +es so in eine Einheitsfront mit den großbürgerlichen Parteien zu pressen +und vom Sozialismus abzulösen. + +Und dennoch: Konnten sich Kleinrentner und Mittelständler vor dem Kriege +an die Fiktion eines kleinen Besitzes klammern, so finden sie sich heute +in jener verzweifelten Lage, wo sie gleich dem Proletariat „nichts mehr +zu verlieren haben, als ihre Ketten“, Damit ist das Kleinbürgertum zu +einem revolutionären Faktor geworden. Aber es ist heute nicht nur +objektiv, seiner wirtschaftlichen Lage nach revolutionär, es ist auch +entschlossen, selbständig zur Tat zu schreiten, um sich vor dem +Untergang zu retten. Und – die Verzweiflung treibt es tatsächlich zur +Tat. + +Dieser Verzweiflungskampf des Kleinbürgertums – seinem innersten +Wesen nach revolutionär, von den herrschenden Schichten zu +konterrevolutionären Zielen mißleitet – das ist der Faschismus. Und daß +es dem Bürgertum gelang, in fast allen Ländern diese Bewegung an sich zu +reißen, zeugt ebenso von seiner inneren Stärke, wie von dem Versagen der +sozialistischen Parteien. + +Die Feststellung ist zu billig, daß die Welle der Reaktion, die noch +immer ansteigend Europa überflutet, nur die Gegenwirkung auf die +revolutionären Umwälzungen der Nachkriegszeit ist, und diese +Feststellung wird auch dadurch nicht überzeugender, daß sie sich auf die +physikalischen Pendelgesetze stützt. Der Faschismus ist zwar ein +wichtiger Pfeiler im System der europäischen Reaktion, er ist aber nicht +sie selbst. Der italienische Faschismus und das ungarische +Horthy-Regime, so sehr sie auch in ihren Taten übereinstimmen und so +sehr man versucht ist, sie nur als zwei verschiedene Bezeichnungen für +ein und denselben historischen Vorgang anzusehen, sind zwei +grundverschiedene Erscheinungen, die das eben Gesagte vielleicht am +deutlichsten illustrieren. + +Das System Horthys ist die Herrschaft einer kleinen bewaffneten +Militär-Clique, aufgerichtet zur Niederwerfung der revolutionären +Arbeiter, ausgeübt von den klerikal-monarchistischen Offiziersgarden, +die dank dem Zusammenwirken verschiedener außenpolitischer Faktoren +(französische und englische Unterstützung, rumänischer Einmarsch) ihren +Sieg über die Kommune zu einem blutigen Rachewerk ausnützten. Das +Horthy-Regime ist eine jener gewalttätigen Restaurationen gestürzter +Mächte, wie wir sie aus der Geschichte aller Jahrhunderte kennen. + +Der italienische Faschismus ist die Herrschaft der militärisch +organisierten und bewaffneten Massen des Kleinbürgertums, aufgerichtet +zur Vernichtung des „nationsfeindlichen Sozialismus“. + +Horthy kam zur Macht als Befreier von der Revolution. + +Mussolini als Vollstrecker der „Revolution gegen den morschen Staat und +dessen schwächliche Autorität“. + +Horthy eröffnete seinen Vernichtungsfeldzug im Namen der Ordnung und des +Königs. + +Mussolini im Namen der Nation gegen die Monarchie. + +Gewiß, in seinen unmittelbaren Wirkungen ist zwischen Faschismus und +Horthy-Regime kein Unterschied zu sehen. Gewiß, innerhalb des Faschismus +riß ebenso die reaktionäre monarchistische Militär-Clique die Führung an +sich wie in Ungarn; und auch das Horthy-Regime hätte sich nicht so lange +halten können, wenn es sich nicht auf breite Massen des Kleinbürgertums +hätte stützen können. Jedenfalls aber sehen wir, daß der Faschismus +tatsächlich eine neue und ganz besondere Erscheinungsform der +bürgerlichen Reaktion ist. + +Aber keine, die sich nur auf ein bestimmtes Land erstreckt. Was den +Faschismus charakterisiert, ist, daß er tiefe Wurzeln geschlagen hat +nicht nur in den Schichten des Kleinbürgertums und Mittelstands, Wurzeln +geschlagen selbst im Proletariat. + +In den Kinderjahren des Sozialismus hat es eine dem Faschismus ähnliche +Bewegung gegeben. Aber die „schwarzen Hundert“, die „Gelben“, die damals +im Kampf gegen den Sozialismus standen, waren entwurzelte, im +ökonomischen Prozeß keine Rolle spielende Existenzen, die die +sozialistische Arbeiterschaft verhältnismäßig leicht zurückschlagen +konnte. Und der Antisemitismus, „dieser Sozialismus des dummen Kerls“, +wie ihn Victor Adler genannt hat, richtete zwar genügend Verwirrung im +Lager der Arbeiter an – man denke nur z. B. an das alte Österreich, wo +er sogar eine Massenpartei, die Christlichsozialen, schaffen half – ein +militantes Heer ins Feld zu stellen vermochte er nicht. + +Die Völkischen in Deutschland, die Faschisten in Italien, vermochten – +wenn auch nur vorübergehend – dieses Heer aufzustellen, es auszurüsten +und zu bewaffnen. So war plötzlich eine Macht da, mit der der Staat +nicht nur in militärischer, sondern auch – und dies war das Bedeutsamste +– in wirtschaftlicher und politischer Beziehung zu rechnen hatte. Das +Kleinbürgertum hatte sich in Marsch gesetzt. + + + DER ORT + +Es hat vor dem Kriege kein autoritätsgläubigeres Kleinbürgertum gegeben +als das deutsche. Militärdrill, Hohenzollernregiment, Kleinstaaterei +hatten ihm das Rückgrat gebrochen. Kadavergehorsam wurde ihm als höchste +Mannestugend – Disziplin! – eingepaukt. Und wie hätte Freiheit und +Selbstbewußtsein in einer Kasernenhofatmosphäre gedeihen sollen, in der +jeder freie Bürger zum Untertan verkrüppelt, im Leutnant das Symbol des +Staates sah und bewunderte. + +Die Enttäuschung über das klägliche Versagen der Revolution – diesen +„Generalstreik einer erschöpften Armee“, wie sie Rathenau genannt hat – +trieb das Kleinbürgertum, nachdem es beim Umsturz in hellen Haufen zur +Sozialdemokratie übergelaufen war, sehr bald wieder zurück ins +bürgerliche Lager. Dieser Prozeß war wahrscheinlich in hohem Grade +unvermeidlich. Die goldenen Berge, die sich das Kleinbürgertum +versprach, hätte ihm keine Partei zu schenken vermocht, gegen die +ökonomische Entwicklung des Zusammenbruchs anzukämpfen, war unmöglich. +Aber da die Sozialdemokraten den Zusammenbruch nicht nur durch ihren +Eintritt in die bürgerliche Regierung sanktionierten, sondern „zur +Verhütung des ärgsten“, sogar deckten, identifizierten sie sich den +breiten Massen gegenüber mit ihm. Die Sozialdemokratie wurde nicht nur +als Partei von den breiten Massen des kleinen Bürgertums für den +wirtschaftlichen Bankrott verantwortlich gemacht, der Sozialismus +überhaupt wurde heillos kompromittiert, die Kluft zwischen der +Arbeiterschaft, „deren Partei doch regierte“, und den kleinbürgerlichen +Massen immer weiter aufgerissen. + +Das deutsche Kleinbürgertum ist heute zwar ein Typus von scharf +durchgebildeter politischer Physiognomie, aber soziologisch keine +einheitliche Klasse. Drei große Schichten lassen sich deutlich +unterscheiden: + +1. das ehemalige Offizier- und Staatsbeamtentum nebst dem überwiegenden +Teil der Studentenschaft; + +2. die Kleinhändler, Gewerbetreibenden, Handwerker, Kleinrentner; + +3. die geistigen Arbeiter (Ärzte, Ingenieure, mittlere Beamte). + +Die „Stehkragenproletarier“ – um mit der dritten Schicht zu beginnen – +haben durch den Krieg und in der Revolution ohne Zweifel die stärkste +seelische und geistige Wandlung durchgemacht. Die bittere Not hat der +großen Mehrheit von ihnen den Standesdünkel recht bald ausgetrieben und, +wurde es in diesen Kreisen noch vor wenigen Jahren als ärgste Schmach +empfunden, materiellen Interessen die Herrschaft über den freien Geist +einzuräumen, so bläute den Mittelständlern der von Tag zu Tag schwerere +Kampf um die Erhaltung des nackten Lebens unbarmherzig die Erkenntnis +ein, daß der sehr prosaische Magen und nicht der poetische Geist das +letzte, entscheidende Wort hat. Diese Schicht ist es auch, die zuerst +eine Brücke zur Arbeiterschaft zu schlagen versuchte und in der +Erkenntnis, daß ihre Interessen mit denen der Handarbeiter gleichlaufen, +die Notwendigkeiten der praktischen Solidarität, der Organisation immer +klarer erfaßte. + +Schwieriger steht es mit der zweiten Schicht. Unser Wirtschaftsleben +bringt Kleinhändler und Arbeiter täglich in scharfen Gegensatz. Die +Arbeiter, die dem kleinen Händler nur als Konsumenten bzw. im Gewerbe +als „unbescheidene Angestellte“ gegenübertreten, sind nur allzu leicht +geneigt, für die teuern Preise, für ihre Übervorteilung die +verantwortlich zu machen, mit denen sie unmittelbar in Beziehung kommen, +statt zu erkennen, daß diese selbst auch Opfer des Systems, der großen +Unternehmer sind. Und die Kleinhändler wieder klammern sich an die +Illusion von der „Wiederkehr der guten alten Zeit“ und verfolgen +(Ursache und Wirkung in bekannter Weise vertauschend) Revolution, +Demokratie, Republik – die Symbole ihres Falles – mit wütendem Haß. + +Bleibt noch das Heer der ehemaligen Offiziere und Staatsbeamten, der +Studenten und Lehrer. + +Als unmittelbar nach dem Zusammenbruch die deutsche Armee in die Heimat +zurückflutete, entlud sich der Haß, die Erbitterung der Masse der +einfachen Soldaten, die fünf lange Jahre in den Schützengräben ganz +Europas gehungert und gelitten hatten, zuerst gegen jene, die sie als +ihre eigentlichen Peiniger empfanden – die Offiziere. Es ist damals +gewiß so manchem dieser Offiziere bitter Unrecht getan worden. Sicher +hat der überwiegende Teil des deutschen Offizierkorps, vor allem in den +niederen Rängen, ebenso gelitten, ebenso geblutet wie die Mannschaft. +Sicher kann der Mehrzahl der Offiziere der alten Armee die Bestätigung +ihrer persönlichen Anständigkeit, Korrektheit, Pflichttreue und +ehrlicher Sorge um die Untergebenen nicht versagt werden. Gewiß, es gab +traurige Ausnahmen – die aber nur die Regel bestätigen. Und dennoch: so +bitter und ungerecht der Entrüstungssturm gegen die Offiziere, der +damals die Massen in Deutschland durchtobte, jenen erscheinen mußte, die +Erbitterung war nicht nur begreiflich, sie war auch notwendig. Die Masse +sah nicht den einzelnen Leutnant oder Rittmeister, sondern den +„Offizier“, das Symbol des wilhelminischen Kaiserreichs. Der einzelne +war nur der sichtbare Ausdruck für die Maschine, die zu zerbrechen für +die Massen Voraussetzung ihrer Befreiung war. + +Ein großer Teil der Offiziere, durch ihre ganze Erziehung, durch +Umgebung und Tradition in einen scharfen Gegensatz zur Arbeiterschaft, +zum „Zivilistenpack“ aufgewachsen, hat im Krieg eine seelische Wandlung +durchgemacht und war beim Umsturz vielfach sogar ehrlich bestrebt, sich +durchzuringen zu einem inneren, ehrlichen Verhältnis zur Masse. Da +mußten gerade diese sehen, wie ihre Annäherung mit Mißtrauen, ja mit +Hohn zurückgewiesen wurde. Das tat weh. Das verbitterte. Man mußte schon +ein innerlich starker und gefestigter Mensch sein, um allen diesen +täglichen Verhöhnungen und Beschimpfungen, die immer gegen den ganzen +Stand erhoben wurden, zum Trotz, den Weg zur Arbeiterschaft zu finden. +Die Mehrzahl fand ihn nicht. Viele von ihnen zogen sich, geschworene +Feinde der Republik und der Demokratie, die sie für ihren tiefen Sturz +verantwortlich machten, grollend zurück. Viele fanden in den folgenden +Jahren nach und nach den schweren Weg ins bürgerliche Berufsleben. Sehr +viele verkamen, versanken im Schiebertum, Gelegenheitsgeschäft, wurden +Hochstapler, Abenteurer, Landsknechte. + +Die anderen aber, mochten sie mittlerweile auch den Weg in die +bürgerlichen Berufe gefunden haben, sie blieben auch dort nur der +Leutnant oder Oberleutnant a. D., d. h. eingesponnen in die Ideologie +ihrer Vergangenheit und so innerhalb der Masse der Schwankenden und +des zur Passivität neigenden Kleinbürgertums die starken +Führerpersönlichkeiten, die weit über ihre nächste Umgebung hinaus +bestimmenden Einfluß genießen. + +Endlich die Studentenschaft. So traditionstreu sie sich vielleicht +dünkt, sie hat überhaupt keine Tradition. Kaum glaublich, daß noch vor +siebzig Jahren die deutschen Studenten Schulter an Schulter mit den +Arbeitern auf den Barrikaden für Republik und Demokratie kämpften und +fielen. Vergessen sind die Befreiungskriege, vergessen 1848 – +unvergessen ist Schwarz-Weiß-Rot, Hohenzollern, Militärpracht. So sind +die deutschen Hochschulen uneinnehmbare Festungen der Reaktion geworden. + +Solcherart ist das große, vielmillionenköpfige Heer des deutschen +Kleinbürgertums, das – durch Not, Hunger und Unzufriedenheit mit den +bestehenden Verhältnissen aus seiner Ruhe und althergebrachten Ordnung +aufgerüttelt – nunmehr in Bewegung geraten ist. Der Wechsel auf das +selige Jenseits hat eine zu lange Laufzeit und der Glaube an Gott macht +den Magen nicht voll. Der Kaiser war zu „schlapp“ und also mitschuldig +an dem Sieg der „Novemberverbrecher“. So lautet also der neue +Schlachtruf: „Mit Wotan für Diktator und Vaterland, gegen die Juden, +gegen die Marxisten, Sozialisten und Kommunisten, gegen das ‚jüdische‘ +Kapital!“ Und aus dem Gefühl seiner inneren Schwäche, aus dem tiefen +Sehnen, sich unter eine starke Führung begeben zu können, wo doch alle +bürgerlichen Parteien, wo doch vor allem die Sozialdemokratie nicht +einmal die Bereitschaft gezeigt haben, zu _führen_, stimmt die unklare, +schwankende Masse des Kleinbürgertums den Schlachtruf an: „Einen +Diktator, einen Diktator, alle republikanischen Errungenschaften für +einen Diktator!“ ER wird wieder Ordnung und Autorität in Deutschland zu +Ehren bringen, ER wird die Teuerung in Deutschland abschaffen und das +Volk in die schönen Friedenszeiten zurückführen. + +Der Mann war schon gefunden. Er hieß Hitler. Aber da in Deutschland +bekanntlich an politischen Führern und Diktatoren von jeher kein Mangel +ist, so traten neben ihm gleich noch ein halbes Dutzend solcher Führer +auf den Plan: General Ludendorff, Kapitän Ehrhardt, Leutnant Roßbach – +einer für die militärischen und einer für die politischen und einer für +die diplomatischen Angelegenheiten, Sachverständige, deren Fachkenntnis +die Bildung eines Direktoriums nationalgesinnter Männer zur Rettung +Deutschlands aus den Klauen des jüdischen Kapitals und des französischen +Militarismus verbürgte. + +Diese Männer machten sich ans Werk. Drei Jahre lang trafen sie ihre +Vorbereitungen, spannten ein Netz von Verschwörungen über ganz +Deutschland, rüsteten ihre Armee aus, bewaffneten ihre Soldaten, sorgten +für Nachschub und Rückendeckung und Aufnahmestellungen – alles klappte +glänzend. Das Geld, das man bekanntlich zum Kriegführen braucht, floß +ihnen in Hülle und Fülle zu. Der Kapp-Putsch hatte ihnen gezeigt, wie +man’s nicht machen darf. Sie hatten erkannt, daß die Republik trotz +allem ein zu mächtiger Gegner ist, als daß sie durch einen Handstreich +überrumpelt, die Stellungen der Demokratie allzu fest, als daß sie +einfach überrannt werden könnten. Sie wußten, daß es ein harter und +blutiger Kampf werden würde und sie richteten sich danach ein. + +Als der deutsche Faschismus seinen großen Aufmarsch in militärischer und +politischer Beziehung beendet hatte, als die feindlichen Stellungen +durch ein Trommelfeuer aus den schwersten Geschützen der Inflation +„eingedeckt“ waren, als durch eine würgende Blockade das flache Land die +Städte ausgehungert hatte, als die Verzweiflung wie eine schleichende +Seuche die Reihen der Arbeiter- und Beamtenschaft, der Verteidiger der +Republik und Demokratie, lichtete, als der Angriff Poincarés gegen das +Ruhrrevier die Republik „sturmreif“ gemacht hatte, da holte der +Faschismus zum entscheidenden Stoß aus, um der Republik, die dank der +Stärke ihrer Feinde und der Zaghaftigkeit ihrer Freunde nur mehr eine +leere Form ohne jeden Inhalt geworden zu sein schien, den letzten Schlag +zu versetzen. + +Mussolinis Marsch nach Rom sollte in Hitler-Ludendorffs Zug nach Berlin +seine Nachahmung finden. Allerdings: Als Mussolini nach Rom marschierte, +da war das kaum mehr als ein theatralischer Effekt, da hatte er die +Entscheidungsschlacht bereits gewonnen, da lag Italien von den Alpen bis +Neapel wehrlos und besiegt den faschistischen Truppen zu Füßen und nur +die rauchenden Druckereien und Versammlungslokale der Sozialisten, nur +die Attentate verzweifelter Revolutionäre gaben Kunde davon, daß es noch +„elementi soversivi“ (Umstürzler) in Italien gab. + +War nicht im Oktober 1923 die Lage in Deutschland eine ähnliche? Es +mußte ein Kinderspiel scheinen, die Hakenkreuzfahne auf den Zinnen des +Berliner Schlosses zu hissen. Demütigungen auf Demütigungen, +Verhöhnungen und Bedrohungen hatte die Republik fast widerstandslos +eingesteckt, untätig sahen die Regierungsparteien, sah auch die +Sozialdemokratie dem Aufmarsch des Gegners zu, und wer die warnende +Stimme erhob, um in letzter Stunde zum Widerstand, zur Verteidigung zu +rufen, den schickte die Republik in Zuchthaus und Kerker. + +Hitler und Ludendorff hatten die Situation klar erfaßt und verstanden es +wohl, daß sie nicht länger warten durften, wollten sie sich nicht selbst +aufgeben. Nur eine Kleinigkeit hatten sie übersehen: daß plötzlich – +fast über Nacht – der reiche Geldstrom, der in immer steigendem Maße +ihnen zugeflossen war, merklich zu versiegen begann. Ein Zufall? Nein: +während die Nationalsozialisten wie gebannt nach Berlin starrten und ihr +Heer an der thüringischen Grenze aufmarschierte, hatte die deutsche +Schwerindustrie ihre Geschäfte mit Paris in Ordnung gebracht. Die +Industrie, die den Faschismus ausgerüstet, großgezogen, ins Feld +gestellt hatte, um den Rücken frei zu haben gegen die für den +Achtstundentag, für den Ausbau der sozialen Reformen kämpfende +Arbeiterschaft und um andererseits einen entsprechenden Druck auf den +französischen Partner ausüben zu können, war mit diesem zu einer +Einigung gelangt. Der Faschismus hatte seine Schuldigkeit getan, nun +mochte er sich trollen und brav im Hintergrunde warten und lauern, bis +er wieder gerufen würde. Der Weg für den legalen parlamentarischen +Rechtskurs war frei, der Gedanke des Bürgerblocks marschierte, völkische +Experimente konnten da nur mehr unangenehme Verwicklungen herbeiführen. + +Hitler und die Seinen aber verstanden gar nicht, worum es ging. Das +große Heer der Hakenkreuzler machte sich jedenfalls keine Gedanken +darüber, was später einmal kommen sollte. Sie hatten ihre Befehle, sie +hatten ihren Führer, sie hatten ihr nächstes Ziel, sie hatten den +Glauben an ihre Berufung und sie durften gehorchen. Hitler schlug los. +Er schlug ins Leere. + +So ist der Putsch vom 8. November 1923, der als entscheidender Kampf um +die Macht gedacht war und in wenigen Stunden als Revolte im +Bürgerbräukeller endete, das wichtigste politische Ereignis in +Deutschland seit der Revolution. Er ist ein Merkstein für eine +politische Entwicklung, die mit ihm ihren Abschluß gefunden hat, und +erst die späteren Monate machten seine Bedeutung für den sozialen und +politischen Umschichtungsprozeß in Deutschland ganz klar. + + + OKTOBER + +Der passive Widerstand an der Ruhr war zusammengebrochen. Verzweiflung +über die würgende Not, die in den Hochsommermonaten eine phantastische +Höhe erreicht hatte, trieb die rettungslos im reißenden Malstrom der +Inflation versinkenden Arbeiter, Kleinbürger, Beamten, Angestellten zu +gewaltigen, spontanen Kundgebungen auf die Straße. Cuno ging und +Stresemann kam. Die Massen, die im ersten Anlauf eine Schlacht gewonnen +hatten, fluteten wieder zurück. Ihre Aktion, die sich im ersten +Augenblick so bedrohlich und gewaltig angelassen hatte, verpuffte. Die +Sozialdemokratie sprang in die Bresche, um den Erfolg des ersten +Treffens auszunutzen und als Teilhaber der Regierung Ruhe und Ordnung im +Lande wiederherzustellen und den „Ruhrkampf zu liquidieren“. + +Hilferding, der neue Finanzminister, machte sich voll Eifer ans Werk. Es +galt, die ins Bodenlose gestürzte Mark wieder auf die Beine zu bringen, +die heillos zerrütteten Finanzen zu ordnen, die Teuerung einzudämmen, +während dem Innenminister Sollmann, von dem man erwartete, daß er als +Sozialdemokrat über den unerläßlichen Einfluß bei den erregten Massen +verfügte, die Aufgabe zufiel, in der Zwischenzeit für die +Aufrechterhaltung von Ordnung und Ruhe zu sorgen. + +Hilferding hatte nicht nur einzelne Reformen im Auge, er brachte einen +wohldurchgearbeiteten Plan ins Ministerium mit. Die Arbeit begann. Die +Mark stürzte weiter. Die Teuerung wuchs, das Elend, die Verzweiflung, +Hunger und Not wuchsen mit. Innerhalb der Koalition spitzten sich die +Gegensätze von Tag zu Tag zu. Das Finanzministerium und die Reichsbank +arbeiteten aneinander vorbei, bald standen sie in offenem Kampf. +Hilferding forderte die Sperrung aller Kredite, der Reichsbankpräsident +Havenstein setzte die Kreditpolitik der Inflationszeit eigensinnig fort. +Bei dem Duell Hilferding-Havenstein blieb als Leidtragender der kleine +Mann auf dem Kampfplatz. + +Die Sozialdemokratie machte Opposition, protestierte, drohte mit dem +Austritt aus der Koalition und merkte gar nicht, daß inzwischen +Deutschnationale und Volkspartei, Schwerindustrie und Agrarkapital sich +geeinigt hatten, zu einem gemeinsamen Aktionsprogramm gelangt waren. Die +Sozialdemokratie drohte, ihre außerparlamentarischen Machtmittel +einzusetzen und wußte, als einzige der politischen Parteien, nicht, daß +diese Machtmittel – infolge der wachsenden Unzufriedenheit und +Enttäuschung in der Mitgliedschaft – beträchtlich zusammengeschmolzen +waren. So beantworteten die bürgerlichen Koalitionsparteien die +Drohungen der Sozialdemokratie damit, daß sie sie beim Wort nahmen. Ehe +sich die Partei dessen versah, war sie durch die Schwerindustrie ohne +viel Federlesens aus der Regierung hinausmanövriert. + +Bevor es aber die Deutsche Volkspartei zu einem offenen Bruch mit der +Sozialdemokratie kommen ließ, wollte sie gewisse unerläßliche Garantien +für die Zukunft schaffen. Auf dem Wege zur rein bürgerlichen Regierung +galt es, als erstes und wichtigstes Hindernis den roten Block zu +überwinden, der gerade in jenen Monaten zu einem bedrohlichen +revolutionären Pfeiler gegen die bürgerliche Regierungspolitik ausgebaut +worden war. Das Reichswehrministerium täuschte sich nicht darüber, daß +die Beseitigung der sozialistischen Regierungen in Sachsen und Thüringen +eine schwierige Aufgabe bedeutete und zu gefährlichen Auswirkungen +führen mußte, wenn nicht die Sozialdemokratie für die Teilnahme an +dieser Aktion gegen ihre Parteigenossen im sächsischen und thüringischen +Kabinett gewonnen werden konnte. Die letzte Tat der Koalitionsregierung +war denn auch die Liquidierung der mitteldeutschen Arbeiterregierungen. +Am 10. Oktober marschierte die Reichswehr in Sachsen und Thüringen ein, +setzte die sozialistischen Regierungen ab, vertrieb mit aufgepflanztem +Bajonett die kommunistischen und sozialdemokratischen Minister aus ihren +Ämtern und proklamierte den Ausnahmezustand, dessen Durchführung einem +eigenen Staatskommissar übertragen wurde. + +Diese Reichswehraktion gegen Sachsen und Thüringen war nur ein Schachzug +in einem weit umfassenderen Plan. Am 27. September hatte die bayrische +Regierung den Ausnahmezustand verkündet und die vollziehende Gewalt in +Bayern dem Regierungspräsidenten von Oberbayern, Herrn von Kahr, +übertragen, der als Generalstaatskommissar mit diktatorischen +Vollmachten die Regierung übernahm. Begründung: Hitler hatte für Anfang +Oktober 14 Massenversammlungen in München angekündigt, die nach Ansicht +der bayrischen Regierung den Auftakt zu einem völkischen Putsch bilden +sollten, den zu vereiteln Herr von Kahr berufen wurde. + +Die Reichswehraktion in Mitteldeutschland, die Berufung des Herrn von +Kahr – beide Ereignisse standen in innerem ursächlichen Zusammenhang. +Hier wie dort hatte man erkannt, daß man vorbauen mußte, wollte man +nicht von der weiteren Entwicklung überrannt werden. Die Bayrische +Volkspartei, das heißt die bodenständige, klerikale, besitzende Bürger- +und Bauernschaft Bayerns, wußte ganz genau, daß sie der lawinenartig +anwachsenden Bewegung des verelendeten Kleinbürgertums, Mittelstands +keinen offenen Widerstand entgegensetzen konnte, erkannte aber auch +ebenso klar, daß sie, diese Bewegung richtig auswertend, ihr eigenstes +Ziel – die Aufrichtung der uneingeschränkten Herrschaft der katholischen +Kirche in einem, der Fesseln der zentralistischen Reichsverfassung +ledigen, selbständigen bayerischen Staat als Vorbedingung für eine +Restauration der Wittelsbacher Monarchie und einen später zu +verwirklichenden separatistischen, süddeutschen Staatenbund – mit einem +Schlage gewaltig fördern könnte. Also hatte die Bayrische Volkspartei +Kahr vorgeschoben, dem es als Ehrenvorsitzenden der separatistisch +eingestellten Kampfverbände – vor allem der Organisation „Bayern und +Reich“ – gelingen sollte, auch die Hitlerschen Kampfbünde zu sich +herüberzuziehen, zu „binden“. Herr Kahr wieder betraute den +Kapitänleutnant Ehrhardt mit der schwierigen Aufgabe, die Mittlerrolle +zwischen den großdeutsch eingestellten Verbänden Hitler-Ludendorffs und +Kahr selbst zu spielen. + +Ehrhardt hatte nachdem er aus dem Leipziger Untersuchungsgefängnis +entwichen war, in Bayern bei Herrn Kahr warme Aufnahme gefunden, der ihm +das Oberkommando über den „Abschnitt Koburg“, die Führung der an der +sächsischen und thüringischen Grenze sich versammelnden Formationen +übertrug. Kahrs Plan lief darauf hinaus, zwei Fliegen auf einen Schlag +zu treffen: einerseits sollte seine Herrschaft in Bayern mit Hilfe der +völkischen Verbände gesichert, anderseits die nicht ganz zuverlässigen +schwarzen Schafe möglichst aus der Mitte der weißen katholischen +Lämmlein entfernt werden. Herr Kahr hielt es nicht für klug, den +Tatendrang der Völkischen zu zügeln, wünschte aber, daß sie ihn +außerhalb Bayerns austobten. So fand die Hitlersche Parole: „Gegen +Berlin!“ bei Kahr und der Bayrischen Volkspartei beifällige Aufnahme. + +Am 27. Oktober brachte die „Chronik des Faschismus“, eine damals in +Berlin erscheinende, über die Vorgänge im völkischen Lager sehr gut +informierte Zeitschrift, folgenden Situationsbericht aus München: + + Daß Kahrs Kampfansage an den „marxistischen Norden“ ebenso nur ein + Manöver ist, wie seine Beschwerden gegen den Zentralismus der + Weimarer Verfassung, und daß der eigentliche Plan Kahrs und der + Bayrischen Volkspartei auf die völlige Separation Bayerns um jeden + Preis hinausläuft, zeigt ... die Tatsache, daß die Bayrische + Hauptstadt, bisher der Sammelpunkt aller faschistischen und + reaktionären Kondottieri von Ehrhardt bis Ludendorff, jetzt zum + Stelldichein viel höherer und höchster Herrschaften geworden ist. + Der Erzherzog Josef von Ungarn, der „Soldatenvater“, der seine + Kinder anno 14 in den Karpathen so energisch behandelte, daß sie zu + Zehntausenden elend im Schnee umkamen – dieser hohe Heerführer + eröffnete den Reigen als Vertreter Horthys. Mussolini zögerte nicht, + einen Delegierten zu senden. Herr Kahr ließ durch Mittelspersonen in + Paris anfragen, wie dort die Wiederherstellung der Donaumonarchie + aufgenommen werden würde, und als die Antwort so günstig ausfiel, + wie erwartet, eilten jetzt Zita aus Spanien und der König Ferdinand + von Bulgarien höchstselbst nach München zum Rendezvous. + +Inzwischen wußte „Der Abend“ in Wien zu melden: + + „Die derzeitige politische Lage in Deutschland hat den Vatikan + veranlaßt, die bayrischen Bischöfe, den Erzbischof von Bamberg und + die Bischöfe von Speyer und Passau zu einer Beratung nach Rom zu + berufen. Der Vatikan will offenbar den jetzigen Augenblick der + allgemeinen Verwirrung dazu benutzen, um den alten Plan der + Errichtung eines katholischen Donaustaates auszuführen.“ + +Doch bei all dem vergaß Herr von Kahr nicht, daß ein Kampf nach zwei +Fronten – gegen Berlin und gegen Hitler – die große Gefahr barg, in ein +Kreuzfeuer zu geraten, im entscheidenden Augenblick völlig isoliert zu +werden. Während er sich den Völkischen gegenüber sicher und stark genug +fühlte, war er über die letzten Pläne und Absichten der Reichsregierung, +das heißt des von Präsident Ebert mit den unumschränkten Vollmachten +eines Diktators zum Inhaber der vollziehenden Gewalt bestellten Generals +von Seeckt, des Oberbefehlshabers der Reichswehr, nicht im klaren. +Gewiß, in Einzelheiten gab es Differenzen – aber bestanden nicht solche +auch zwischen Kahr und Hitler, ohne daß sie ein Zusammenarbeiten für das +gemeinsame Ziel des reaktionären Umsturzes ausschlossen? Und vor allem: +würde General von Seeckt nicht im richtigen Augenblick bereit sein, +Kahrs Stichwort aufzunehmen? Separatismus und Großdeutschland – +Hohenzollern oder Wittelsbach – das waren doch Fragen, die erst später +nach dem Sturz der Republik brennend wurden. Vorläufig galt es, die +Schlacht zu schlagen. Sollte da nicht General von Seeckt ein geheimer +Verbündeter sein, der es vorläufig nur noch nicht als geraten ansah, +seine republikanische, ihm selbst gewiß am meisten lästige Maske +abzuwerfen? + +Kahrs Rechnung schien zu stimmen. Seine Vorstöße, die er zur Klärung des +Gefechtsfeldes unternahm, trafen wenigstens nur auf eine sehr +schwächliche Abwehr des Generals von Seeckt und des Berliner Kabinetts, +eine Abwehr, die beinahe wie ein Manöver aussah. Ja, während sich die +völkischen Verbände unter den Augen und mit der wohlwollenden +Unterstützung des Herrn von Kahr an der thüringischen Grenze zum Marsch +gegen Berlin sammelten, trat der Oberbefehlshaber der Reichswehr mit dem +bayrischen Generalstaatskommissar in Verhandlungen ein, um die Teilnahme +der bayrischen Reichswehrformationen und auch der völkischen +Kampfverbände an der Aktion gegen Sachsen und Thüringen zu vereinbaren. +Selbst in den ersten Novembertagen noch lagen die letzten Absichten +Seeckts in mystisches Dunkel gehüllt. + +Dieses zu erhellen sollte ein Flugblatt dienen, das die Völkischen im +Dezember 1923 in München insgeheim verbreiteten, um nachzuweisen, daß +Hitlers Putsch nur die logische, im ursprünglichen Programm vorgesehene +Fortsetzung einer von ganz anderer Seite beabsichtigten Aktion war. + +Dies Flugblatt gab einen Reichswehrbefehl vom 3. November wieder und +enthielt folgende Absätze: + + Aus dem Befehl, der unter der Überschrift „Ue...“ ausgegeben wurde, + ergibt sich, daß die Reichswehr „für Auffüllung ihrer Bestände am + ersten Tag der Herbstübung 1923 ihre Fehlstellen aus den jetzigen + Hilfsmannschaften decken soll“. Danach werden die einzeln + angeführten Kompagnien einer nicht genannten Division durch + Kompagnien der Nationalsozialisten, des „Hermannbundes“, des + „Oberland“ und von „Bayern und Reich“ verstärkt. Es heißt dann in + diesem Befehl wörtlich: + + „Verpflegung und Gebühren: Es dürfen nur unbedingt verläßliche Leute + zur Einstellung kommen, für die Feldtruppe nur voll ausgebildete. + Gebühren und Versorgung wie Angehörige der Reichswehr. + + Studenten der Hochschule wird die verlorene Studienzeit voll + angerechnet. Beamten, Angestellten, Arbeitern wird die Rückkehr zu + ihren früheren Stellungen ohne Dienstzeitverlust zugesichert. + Während der Operationen ruht das Recht der Kündigungen seitens der + Freiwilligen.“ + +Endlich seien noch nachstehende Geheimdokumente der Organisation +„Stahlhelm“ wiedergegeben. Auch sie wurden von den Völkischen zum Beweis +herangezogen, daß Hitlers Putschpläne bis Anfang November nicht nur bei +Kahr, sondern auch bei General von Seeckt Verständnis und Billigung +gefunden hatten, und die Verteidigung suchte später daraus den Schluß +abzuleiten, daß unter solchen Umständen von einem Hochverrat Hitlers +nicht gesprochen werden könnte – es sei denn, man wollte neben ihm auch +Herrn von Kahr, General von Seeckt und verschiedene andere Mitglieder +der Reichsregierung unter dieselbe Anklage stellen. + + + An alle Gauführer! + + Magdeburg, den 11. November 1923. + + Vertraulich! + + + Kurzer Lagebericht. + + Am Sonntag, den 4. d. M., tagte die Bundesleitung in Magdeburg zur + Besprechung der Lage. Das Ergebnis wurde in ultimativer Form als + Kundgebung dem Reichskanzler Dr. Stresemann überreicht, sowie der + Presse übergeben. Die Entschließung hat in der Presse und in der + Öffentlichkeit lebhafte Besprechungen hervorgerufen, zum größten + Teil sehr anerkennend, von gewisser halbrosaer Seite erbittert, mit + dem Versuch niederzureißen, von sozialdemokratischer Seite fragend, + was der Stahlhelm mit der Forderung der nationalen Diktatur + beabsichtige. + + Die gedrängte Stellungnahme ist aus folgendem kurzen Entschluß zu + ersehen, sowie aus der Mitteilung, daß der Bundesvorsitzende seit + der Zeit vom 5. d. M. bis heute _dreimal nach Berlin zum + Reichskanzler gerufen wurde_. Der Unterzeichnete hat dem + Reichskanzler, der Reichsregierung und dem Oberbefehlshaber in + klaren Worten die Stellung und Forderung des Stahlhelms überreicht. + Er gewann jedoch den Eindruck, daß der jetzige Reichskanzler nicht + der Mann ist, um die nötige Entschlußhärte zur Führung sowohl der + nationalen Diktatur als auch der Reichsregierung und letzten Endes + von Preußen aufzubringen. Vor Forderungen wie Nachhauseschicken des + Reichstags, Ausbooten der Sozialdemokratie in der preußischen + Regierung, rücksichtslose Einführung und schnellste Erledigung der + wertbeständigen Zahlung und der Ernährungsfrage wich der Kanzler + zurück. + + _Infolgedessen trug der Unterzeichnete dem Oberbefehlshaber die + Entschließung und die Stellungnahme des Stahlhelms vor._ + + Die durch den Putsch Ludendorff-Hitler gebrachte Spannung der Lage + ergab, daß der Bundesvorsitzende den Gaugruppen übermittelte, daß + der Bundesführer in diktatorischer Weise von jetzt ab handeln muß. + Gleichzeitig ergibt die Spannung der Lage, daß die gesamte Stellung + des Stahlhelms auf eine präzise Formel gebracht werden muß. Sie + lautet: „Der Stahlhelm steht zur Reichswehr!“ + + Von Berlin nach dreimaligem Besuch und umfangreicher Arbeit in den + verschiedenen Ministerien zurück, traf den Unterzeichneten der + persönliche Besuch des Führers des Jungdeutschen Ordens, des Herrn + Marauhn. Der Jungdeutsche Orden, eine der stärksten norddeutschen + Korporationen, zählt etwa zirka 6000 Ortsgruppen. Die ideale + Einstellung des Jungdo ist dem Stahlhelm verwandt. Der Großmeister + Marauhn legte seinen ganzen Nachdruck auf die Vorbereitung des + Siedlungswerkes und Erschließung von Ödland, in der ideellen + Ertüchtigung der deutschen Männer und männlicher Jugend und der + Unterstützung der Reichswehr durch wehrhafte Männer. + + Der Bundesvorsitzende des Stahlhelms nahm nach sorgfältiger + Besprechung das Angebot des Jungdoführers an, was den beiliegenden + Wortlaut hat. Der Stahlhelm erfährt durch das Bündnis mit dem + Jungdo, das jedem Verbande seine Eigenart läßt, eine Stärkung in der + heutigen Zeit. Die Gau- und Ortsgruppenführer haben daher Sorge zu + tragen, daß das Einvernehmen mit dem Jungdo unter Bezugnahme auf + dieses Bündnis das denkbar beste ist, und der eine Bund den andern + kameradschaftlich und brüderlich unterstützt. + + Gleichzeitig melden die Gau- und Ortsgruppen, mit welchen anderen + Verbänden oder Bünden nähere Beziehungen bzw. Verabredungen auf + gegenseitige Hilfeleistungen bestehen. + + Der Bundesvorsitzende wird morgen nochmals nach Berlin fahren, um + mit den dortigen maßgebenden Stellen zwecks Klärung der Lage zu + sprechen und in ultimativer Form die Errichtung der nationalen + Diktatur weiter zu fordern. + + Der Gesamtgang der künftigen Ereignisse ist angesichts der + verschiedenen Strömungen in der Regierung noch nicht auf Zeiten + festzulegen. Es muß aber heute schon gesagt werden, daß es eine + andere Lösung als die möglichst schnelle Errichtung einer nationalen + Diktatur heute nicht mehr gibt. + + Mit kameradschaftlichem Gruß + gez. Fr. Seldte, 1. Bundesvorsitzender. + + + Entwurf. + Ohne juristische Abfassung. + + 1. Der Herr Reichspräsident hat mich angesichts der Möglichkeit + weiterer Umsturzversuche und angesichts der drohenden Hungersnot zum + Reichsverweser mit diktatorischer Gewalt für begrenzte Zeit ernannt. + + 2. Ich bilde ein Direktorium. Ich ernenne die Herren + + Rabethge zum Wirtschaftsdirektor, + + Graf Kanitz zum Ernährungsdirektor, + + Dr. Stresemann zum Außendirektor. + + Sie üben ihre Tätigkeit ehrenamtlich aus. Die Aufgaben der + Reichsminister übernehmen Staatssekretäre. + + 3. Der Reichstag wird aufgelöst. + + 5. Die Schutzpolizei tritt unter meinen Befehl. Sie wird verstärkt. + + 7. Streiks sind bis auf weiteres verboten. Die Börse wird bis auf + weiteres geschlossen. + + 8. Es werden mit sofortiger Wirkung Standgerichte eingesetzt mit + Befugnis der Todesstrafe für Auflehnung und Sabotage gegen den + Reichsverweser, Streikhetzer, Plünderer, Wucherer, Zurückhaltung von + Nahrungsmitteln, Ausfuhr von Nahrungsmitteln. + + + Bemerkungen: + + Zu 1. Mit Rücksicht auf Frankreich und auf die Sozialisten ist der + Passus „weitere Umsturzversuche“ und „Hungersnot“ gewählt. Ebenso + der Passus „begrenzte Zeit“. + + Zu 3. Wird der Reichstag nur in die Ferien geschickt, so sitzen die + Abgeordneten nach wie vor in den Vorzimmern des Direktoriums. + + Zu 5. Eine Verstärkung der Reichswehr aus außenpolitischen Gründen + unmöglich. Reichsverweser braucht jedoch eine starke Macht. Daher + Verstärkung der Schutzpolizei, die unter den Befehl von + Reichswehroffizieren tritt. + + Zu 7. Streiks muß evtl. durch Erschießung jedes Zehnten + entgegengetreten werden, insbesondere dem der Banknotendrucker. + + Zu 8. Im augenblicklichen Stadium, d. h. solange bis die Maßnahmen + des Ernährungsdirektors und des Wirtschaftsdirektors, die nicht + zaubern können, sich ausgewirkt haben, muß Terror an die Stelle von + Besserung der Lage treten. Daher ist jede Auflehnung gegen den + Reichsverweser mit dem Tode zu bestrafen. _Das Aufhängen von vier + Wucherern auf dem Potsdamer Platz und von Streikhetzern am Neuen + Tor, die Erschießung von drei Landwirten_, die ihr Getreide + zurückhalten, ist der _Schreckschuß_, den bisher noch niemand gewagt + hat und der notwendig ist. Wer dafür kein Verständnis hat, kann die + Lage nicht meistern. + + + Funkspruch an Alle! + + „Deutschland stellt alle Zahlungen und Sachlieferungen bis auf + weiteres an die Entente wegen drohender Hungersnot ein. Komme, was + da kommen mag.“ + + _v. Seeckt_, _Rabethge_, _Graf Kanitz_, _Stresemann_. + + + Nachbemerkungen: + + Der Reichsverweser ist der Aufpeitscher, Vorwärtstreiber, und das + Schwert der drei Direktoren, ist das stahlharte Rückgrat, ist der, + der erschießen läßt, wozu die anderen nicht den Mut aufbringen. + + Die Hereinnahme von Stresemann erscheint notwendig: + + a) damit nach außen keine Veränderung im außenpolitischen Kurs + eintritt, Frankreich nicht einmarschiert, + + b) ein Mann zur Abwicklung des Parlamentarismus mit Erfahrung da + ist. + +Beweisen alle diese Protokolle, Briefe, Geheimbefehle wirklich das, was +die Völkischen behaupteten? Sie zeigen uns jedenfalls, daß dem scheinbar +unentwirrbaren Rattenschwanz von Putschplänen, Aktionen und +Gegenaktionen ein gewisses System zugrunde lag, daß durch dies +verworrene Gespinst ein Faden lief, der von geschickten und kundigen +Händen geknüpft worden war. + + + DER PUTSCH + +Die Ernennung Kahrs zum Generalstaatskommissar war von den +„Vaterländischen Verbänden“ Bayerns, deren Ehrenvorsitzender er war, mit +folgender Kundgebung begrüßt worden: + + „Bayern steht unter der Führung des Generalstaatskommissars v. Kahr. + + Wir wissen, daß der Mann, der vor zwei Jahren allein gegenüber + Zumutungen (in den Fragen der Entwaffnung und der Einwohnerwehren), + die zum Schaden Deutschlands und Bayerns führen mußten, aufrecht + geblieben ist, heute dieselbe gerade Gesinnung durch die Tat + beweisen wird. + + Damals stand er allein, wenn auch die Gefühle der Besten in Bayern + und Deutschland mit ihm waren. Heute soll Herr Kahr wissen, daß er + nicht nur auf Gefühle rechnen kann, die Machtmittel des Staates und + machtvolle Organisationen stehen ihm zur Seite. + + Jetzt heißt es, das Vaterland vom Abgrund zurückzureißen und sich in + die Erfordernisse des völkischen Gedankens und einer auf diesem + Gedanken fußenden Staatsmacht einzuordnen. + + Das ist die heilige Pflicht jedes Mitgliedes der Vereinigten + vaterländischen Verbände Bayerns. + + gez. Bauer. Kleinhenz.“ + +Das Stichwort war gefallen. Die Führer der verschiedenen Kampfverbände +nahmen es auf. Für Arbeitsteilung sorgte Hitler, der fieberhaft die +Aufrüstung betrieb und seine Anhänger mit der Versicherung, die Stunde +zum Losschlagen sei gekommen, unerbittlich vorwärtstrieb. Seine +Zuversicht wurde nicht einmal getrübt, als Kahr in den ersten +Oktobertagen mit einem geschickten Manöver den nationalsozialistischen +Kampfbund sprengte. Der Wiking-Bund, eine militärische Organisation +Ehrhardts, an dessen Spitze dessen Adjutant Kapitän Kautter stand, trat +auf die Seite Kahrs über. Die Organisation „Reichsflagge“, von Hauptmann +Heiß befehligt, folgte. Das war ein schwerer Schlag, denn Heiß saß in +Nürnberg und hatte die wichtigen nordbayrischen Gebiete in der Hand. +Kahr ließ nicht locker. Als der Leipziger Staatsgerichtshof wegen einer +hochverräterischen Rede des draufgängerischen Hauptmanns Heiß einen +Haftbefehl gegen ihn erließ, setzte nun der Generalstaatskommissar noch +am selben Tag – 28. September – mit einer Verordnung das Reichsgesetz +zum Schutz der Republik für Bayern außer Kraft. Damit war dem Reich in +aller Form der Fehdehandschuh hingeworfen. Nun gab es kein Zurück mehr. + +In den letzten Septembertagen ein zweiter, noch bedeutsamerer +Zwischenfall: General von Seeckt hatte als Inhaber der vollziehenden +Gewalt im Reich den „Völkischen Beobachter“ in München, Hitlers Organ, +wegen fortgesetzter hochverräterischer Drohungen verboten. Das Blatt +hielt es nicht für notwendig, das Verbot zu beachten. Seeckt ließ die +bayrischen Behörden ersuchen, dem Verbot Beachtung zu erzwingen – die +bayrischen Behörden erklärten, ein Eingreifen auf Grund des +Reichsausnahmezustandes ablehnen zu müssen. Ein neuer Befehl von Berlin, +diesmal an General von Lossow: er habe im eigenen Wirkungskreis das +Weitererscheinen der Zeitung zu verhindern. General Lossow warf den +Befehl seines Vorgesetzten in den Papierkorb. General von Seeckt +entschloß sich, den letzten Trumpf auszuspielen: Lossow wird seines +Postens und des Kommandos über die bayrische Reichswehr enthoben. Auch +jetzt kapituliert Lossow nicht. Er erklärt formell, diesem Befehl nicht +Folge geben zu können, und der Generalstaatskommissar von Kahr ernennt +ihn noch am selben Tag zum bayrischen Landeskommandanten. Tags darauf +ordnet Kahr an, die bayrischen Truppen auf den Generalstaatskommissar +von Bayern zu vereidigen. Am 20. Oktober rücken die Münchener Truppen +zur Eidesleistung aus. Der Bruch mit dem Reich ist vollzogen. Was werden +die nächsten Tage bringen? + +November wird’s. Grauer dichter Nebel deckt sein Tuch über Deutschland. +Unten in Bayern brodelt es. Niemand weiß recht, welche Gewitter im Anzug +sind, was die schweren Wolken bergen, die über der thüringischen und +sächsischen Grenze heraufziehen. Aber im ungewissen Schein der Dämmerung +hat man dort unten Truppen gesehen, Tausende von Bewaffneten, die in den +Dörfern und Städten kampieren, die Landstraße besetzt halten; Reisende +wissen beängstigende Dinge von Schützengräben, Kanonen und Panzerautos +zu erzählen. Der Vormarsch der bayrischen Kampfverbände ist nicht mehr +zum Stehen zu bringen. General von Seeckt, der bis zuletzt gezögert +hatte, verhandelt hatte, immer wieder neue Fäden anknüpfte mit den +Abgesandten Kahrs und dessen preußischen Freunden, findet sich in einer +Sackgasse. Am 4. November erläßt er folgenden Aufruf an die Reichswehr: + + Reichswehrministerium (Heer) Heeresleitung + + Berlin, den 4. November 1923. + + Der Ruhrkampf und sein Ende haben Deutschland im tiefsten + aufgewühlt. Frankreichs und Belgiens frevelhafter Eingriff in das + Reichsgebiet, die wirtschaftliche Not, die das Volk an den Rand der + Verzweiflung bringt, haben uns nicht zusammengeführt, sondern den + Kampf der Parteien zur Siedehitze gesteigert. Der kommunistische + Umsturz ist in Hamburg soeben von Polizei und Reichsmarine + niedergeworfen worden: aber die Kommunisten sind entschlossen, ihn + zu erneuern, sobald ihnen die Verschärfung der Not und des + politischen Kampfes neue Gelegenheit gibt. Andererseits ist Macht + und Anhang derjenigen gewachsen, die Deutschlands Rettung nur in der + beschleunigten, gewaltsamen Beseitigung des heutigen + Regierungssystems durch eine nationale Diktatur sehen. Die + bayrischen Nationalsozialisten fordern den Marsch auf Berlin. + + Solange ich an meiner Stelle bin, habe ich die Ansicht vertreten, + daß nicht von diesem oder jenem Extrem, nicht von äußerer Hilfe oder + innerer Revolution – komme sie von links oder rechts – das Heil + kommt, sondern daß uns nur harte, nüchterne Arbeit die Möglichkeit + zum Weiterleben gibt. Diese können wir allein auf dem Boden von + Gesetz und Verfassung leisten. Wird dieser verlassen, so tritt der + Bürgerkrieg ein – der Bürgerkrieg, der bei unseren heutigen + Verhältnissen zwei an Zahl und Machtmitteln gleich starke Parteien + gegeneinander führt, der nicht mit dem Siege der einen Seite, + sondern mit ihrer gegenseitigen Zerfleischung endet, für den uns der + 30jährige Krieg ein furchtbar warnendes Beispiel sein muß. Feinde + ringsum, im Innern Deutsche gegen Deutsche! Beim Friedensschluß + triumphiert Frankreich. + + An der Reichswehr ist es, diesen Bürgerkrieg zu verhindern. Solange + in der Reichswehr innere Disziplin und unerschütterliches Vertrauen + zu ihren Führern lebt, solange kann kein Feind des Staates etwas + ausrichten, solange kann die Reichseinheit nicht angetastet werden, + solange wird die Hoffnung auf ein freies und großes Deutschland + nicht erlöschen. An uns ist es, dieses Vertrauen nicht zu täuschen, + den militärischen Ausnahmezustand so zu handhaben und + auszugestalten, daß nicht nur Ruhe und Ordnung in Deutschland + herrschen, sondern daß seine Bewohner, in ihrer Existenz + sichergestellt, wieder Vertrauen zur Zukunft fassen und seine Jugend + in nationaler Begeisterung wieder zur Wehrhaftigkeit drängt. Wohl + aber haben sich durch die jüngsten Vorgänge in Bayern Zweifel + erhoben, ob die innere Einigkeit und Festigkeit des Heeres zur + Durchführung dieser hohen Aufgabe genügt. Unser Lebensinteresse ist + es, daß wir diesen Zweifel widerlegen, daß wir den Parteikampf, der + alle übrigen Kräfte Deutschlands zerreißt, aus dem Heere + ausschließen, daß wir nur den überparteilichen staatlichen + Notwendigkeiten dienen und uns weder durch den Haß noch durch die + Lockungen der politischen Richtungen von dieser Bahn abbringen + lassen. Diese staatlichen Notwendigkeiten zu erkennen und + durchzusetzen, ist aber allein Sache der obersten Führung. Die Ehre + des Soldaten liegt nicht im Besserwissen und Besserwollen, sondern + im Gehorsam. Deshalb warne ich in dieser Stunde alle Angehörigen der + Reichswehr vor jenen, die Zwietracht in ihre Reihen zu tragen suchen + und unter dem Mantel schöner Ziele Mißtrauen gegen die Vorgesetzten + säen. Eine Reichswehr, die in sich einig und im Gehorsam bleibt, ist + unüberwindlich und der stärkste Faktor im Staate. + + Ich ersuche alle Kommandeure, ihre Untergebenen auf die schweren + Gefahren einer solchen Entwicklung hinzuweisen und jeden + Reichswehrangehörigen, der sich politisch zu betätigen sucht, sofort + aus der Truppe zu entfernen. + + gez. v. Seeckt. + +Am selben Tag erläßt auch Stinnes eine Proklamation. Es ist ein +einfacher Brief. Niemand in der breiten Öffentlichkeit nimmt Kenntnis +von ihm. Und doch kommt ihm große Bedeutung zu. + +In diesem Brief verabschiedet Herr Stinnes seinen Generaldirektor +Minoux, der viele Monate lang seine rechte Hand gewesen ist, der erst +vor wenigen Tagen mit Wissen seines Herrn nach München geeilt war, um in +Verhandlungen mit Hitler und Ludendorff und Kahr den Boden für das große +nationale Direktorium zu bereiten, in dem ihm selbst eine führende +Stellung ausersehen war. Herr Stinnes läßt seinen Generaldirektor +fallen. Der Traum vom nationalen Direktorium ist ausgeträumt. Kahr weiß +nun, was die Stunde schlägt. + +Am 6. November versammelt er die Führer sämtlicher Kampfverbände in +München, um im letzten Augenblick das Steuer herumzureißen. +Polizeioberst Seißer, der gerade von seiner Reise nach Berlin +zurückgekehrt ist, hat das Referat. Er soll nun den Herren Hitler und +Ludendorff klar machen, daß man die Aktion verschieben müsse. Der Norden +ist noch nicht so weit, ein zu frühes Losschlagen kann verhängnisvolle +Folgen haben. Zeit gewinnen, denkt Herr von Kahr, ist jetzt alles. +Warten wir wenigstens noch bis zum 12. November. + +Die Sitzung nimmt einen stürmischen Verlauf. Oberstleutnant Kriebel, der +oberste Führer der Hitlerschen Kampftruppen, ist empört. Soll man wieder +„kneifen“? Warum bis zum 12. warten, wenn man schon am 9. den Schlag +führen kann? In derselben Nacht fassen Hitler und seine Kommandanten den +Entschluß, ohne weiteren Zeitverlust loszuschlagen, jene vollendete +Tatsache zu schaffen, die – wie sie überzeugt sind – auch Herrn von Kahr +veranlassen wird, „den Absprung zu wagen“. + +Für den 8. November acht Uhr abends ist im Münchener Bürgerbräu eine +Versammlung einberufen, in der Herr von Kahr eine Rede zur politischen +Lage halten soll. Bis auf den letzten Platz ist dieser große Saal +gefüllt. Unruhe, Ungewißheit, eine Ahnung von ungewöhnlichen Dingen, die +sich abspielen werden, abspielen müssen, hält die Zuhörer in ihrem Bann. +Draußen an den Eingängen stehen mit Pistole und Gewehr Bewaffnete, +verwegene Gestalten Wache. Ihre Windjacke ist mit dem Hakenkreuz +geziert, auf der Kappe das Abzeichen Hitlers. Es sind die tüchtigsten, +militärisch am besten geschulten Parteigenossen, die diesen Stoßtrupp +bilden und Leutnant Berchtold befehligt sie. Bund „Oberland“ +unter Führung Dr. Webers und des Generals a. D. Aechter, die +„Reichskriegsflagge“ unter Führung des Hauptmanns Röhm, das +nationalsozialistische „Regiment München“, das drei Bataillone zählt und +den Oberleutnant Brückner zum Kommandanten hat, sind seit Tagen marsch- +und gefechtsbereit. Wird es noch heute losgehen? + +Herr von Kahr hat die Rednertribüne bestiegen und beginnt sein Referat. +Eine halbe Stunde ist vergangen. Da – Stimmengewirr, Kommandorufe, +rückwärts am Saaleingang brandet Geschrei, große Wellen der Erregung +fluten nach vorne – was ist geschehen? Ein Schuß fällt. Hitler steht +mitten im Saal. Die noch rauchende Pistole in der Hand. Seine Stimme +schmettert, übertäubt allen Lärm, es wird mäuschenstill im Saal: + +„Die nationale Revolution ist ausgebrochen. Der Saal ist von +sechshundert Schwerbewaffneten besetzt. Niemand darf den Saal verlassen. +Wenn nicht sofort Ruhe ist, werde ich ein Maschinengewehr auf die +Galerie stellen lassen. Die bayrische Regierung und die Reichsregierung +sind abgesetzt. Eine provisorische Reichsregierung wird gebildet. Die +Kasernen der Reichswehr und Landespolizei sind besetzt. Reichswehr und +Landespolizei rücken bereits unter der Hakenkreuzfahne heran.“ + +Frenetischer Beifall braust auf. Kahr tritt vom Podium ab, folgt mit +General Lossow Hitler in einen Nebensaal. Inzwischen ist Leutnant Pernet +mit dem Auto losgesaust, um General Ludendorff herbeizuholen. Dr. von +Scheubner-Richter, der Geschäftsführer der nationalsozialistischen +Partei, begleitet ihn. + +Wenige Minuten später ist Ludendorff zur Stelle. Und während draußen in +der Stadt die völkischen Truppen aufmarschieren, entwirft Hitler den +Schlachtplan. Eine bayrische Regierung soll gebildet werden, die aus +einem Landesverweser und einem mit diktatorischen Vollmachten +ausgestatteten Ministerpräsidenten bestehen wird. Herr von Kahr wird +Landesverweser, Oberlandesgerichtsrat Pöhner Ministerpräsident. Hitlers +Stimme schmettert: + + „Bis zum Ende der Abrechnung mit den Verbrechern, die heute + Deutschland tief zu Grunde richten, übernehme die Leitung der + Politik, der provisorischen nationalen Regierung – ich. Exz. + Ludendorff übernimmt die Leitung der deutschen nationalen Armee, + General von Lossow wird deutscher Reichswehrminister, Oberst von + Seißer deutscher Reichspolizeiminister. Die Aufgabe der + provisorischen deutschnationalen Regierung ist, mit der ganzen Kraft + dieses Landes und der herbeigezogenen Kraft aller deutschen Gaue den + Vormarsch anzutreten in das Sündenbabel Berlin, das deutsche Volk zu + retten.“ + +Dann steht General Ludendorff auf dem Podium: + + „Ergriffen von der Größe des Augenblicks und überrascht stelle ich + mich kraft eigenen Rechtes der deutschen Nationalregierung zur + Verfügung. Es wird mein Streben sein, der alten schwarz-weiß-roten + Kokarde die Ehre wiederzugeben, die ihr die Revolution genommen hat. + _Es geht heute um das Ganze._ Es gibt für einen deutschen Mann, der + diese Stunde erlebt, kein Zaudern zur vollen Hingabe, nicht nur mit + dem Verstand, nein, zur Hingabe mit vollem, deutschem Herzen an + diese Sache. _Diese Stunde bedeutet den Wendepunkt in unserer + Geschichte._ Gehen wir in sie hinein mit tiefem, sittlichem Ernst, + überzeugt von der ungeheuren Schwere unserer Aufgabe, überzeugt und + durchdrungen von unserer schweren Verantwortung. Gehen wir mit dem + übrigen Volk an unsere Arbeit. Wenn wir reinen Herzens diese Arbeit + tun – deutsche Männer, ich zweifle nicht daran –, wird Gottes Segen + mit uns sein, den wir herabflehen auf diese Stunde. Ohne Gottes + Segen geschieht nichts. Ich bin überzeugt und zweifle nicht daran: + Der Herrgott im Himmel, wenn er sieht, daß endlich wieder deutsche + Männer da sind, wird mit uns sein.“ + +Pöhner beschließt die Reihe der Ansprachen: + + „Ich werde mich _selbstverständlich_ dem Rufe nicht entziehen, den + vaterländische Pflicht mir gebeut. Ich werde Herrn v. Kahr treu zur + Seite stehen bei der schweren Aufgabe, die er haben wird. Wir haben + bisher immer zusammengestanden. Seine Exzellenz wird sich auf mich + verlassen können.“ + +Doch man hört nicht mehr, was hier im Saale gesprochen wird. +Trommelwirbel dröhnt von der Straße herein. Die Infanterieschule ist +unter den Hakenkreuzfahnen heranmarschiert und hat vor dem Bürgerbräu +Aufstellung genommen. Ludendorff schreitet die Front ab. Und +gleichzeitig werden die Minister des bayrischen Kabinetts, die der +Versammlung beigewohnt haben, unter strenger Eskorte in Autos verladen, +um in ihre Ehrenhaft abgeführt zu werden. Dr. Weber hat die Villa seines +Schwiegervaters Lehmann für die Unterbringung der Geiseln +bereitgestellt. + +Mitternacht ist vorüber. Im obersten Kommando Hitlers herrscht +Unsicherheit und Beklemmung. Es ist zu leicht gegangen und zu schnell. +Nirgends zeigt sich Widerstand. Die Herren Kahr und Lossow sind +plötzlich verschwunden, und da man sie jetzt telephonisch erreichen +will, versagt das Telephon. Kuriere jagen durch die nächtlichen Straßen. +Herr Lossow ist nicht zu finden. Herr Kahr ist nicht zu sprechen. Im +Wehrkreiskommando, wo der Stab der Rebellenarmee versammelt ist, weiß +man diese beunruhigenden Zufälle nicht zu deuten. Ein Kurier nach dem +andern geht ab und kehrt nicht wieder. Ludendorff bittet, fordert, +befiehlt – Lossow kommt nicht zur Besprechung. + +Der Morgen dämmert. Da beschließt das Kommando, alle verfügbaren Truppen +zu sammeln und einen großen Demonstrationszug durch die Stadt zu +veranstalten, um endlich aus dieser Unklarheit herauszukommen. + +Der Zug setzt sich in Marsch. Böse Nachrichten laufen ein. Die Kaserne +ist in den Händen der Reichswehr, der Versuch, sie im Sturm zu nehmen, +ist kläglich mißlungen. Im Polizeipräsidium ist Herr Frick, der von +Hitler zum Leiter der Münchener Polizei ernannte Oberamtmann, ganz +plötzlich verhaftet worden. Reichswehr sperrt die Isarbrücken, Gewehr +bei Fuß. Oberleutnant Brückners Parlamentäre kehren unverrichteter Dinge +zurück. Ist man umzingelt? Verraten? Verloren? Wo ist Kahr? Was will +Lossow? + +Als der Zug unter Führung Hitlers und Ludendorffs und der anderen +Kommandanten zur Residenz einbiegt, bekommt er Flankenfeuer. +Scheubner-Richter stürzt tot zu Boden. Wieder kracht eine Gewehrsalve. +Die Hitlertruppen wollen das Feuer erwidern, aber die Übermacht ist zu +groß. Der Zug ist zersprengt. Tote und Verwundete wälzen sich am Boden, +die Truppen der Rebellen flüchten nach allen Seiten, der Putsch ist +gescheitert. + + + + + DER PROZESS + + + VORBEREITUNGEN + +Sofort nach dem Putsch eröffnete die Bayrische Volkspartei eine +groß angelegte Offensive, um nach zwei Fronten – gegen den +Nationalsozialismus der Hitler-Ludendorff einerseits, gegen den ihr +unbequem gewordenen Herrn von Kahr andererseits – den entscheidenden +Schlag zu führen. Drei Monate tobte dieser erbitterte Kampf mit +wechselndem Glück. Unter Führung des Kardinals Faulhaber, dem sich der +päpstliche Nuntius Pacelli zugesellt hatte, vom Vorsitzenden der +katholischen Landtagsfraktion Dr. Held ebenso geschickt wie energisch +geleitet, gelang es der Bayrischen Volkspartei tatsächlich – die +Zerklüftung und Verwirrung im völkischen Lager gut ausnutzend – ihre an +die Nationalsozialisten verlorengegangenen Stellungen auf dem flachen +Lande zurückzuerobern. + +Welche zersetzende Wirkung das Fiasko des Putsches in den völkischen +Verbänden anrichtete, geht aus nachfolgenden Briefen hervor, die bei +einem zur Brigade Ehrhardt desertierten Reichswehrsoldaten in Thüringen +gefunden worden sind. Zu ihrem Verständnis: der „Stahlhelm“ und der mit +ihm in engster Verbindung stehende „Jungdeutsche Orden“ gehörten der +Ludendorff-Richtung der Völkischen an und waren bis zum Putsch mit den +Ehrhardt-Verbänden in innigem Kontakt. So war der „Bund Wicking“, eine +Unterorganisation der Brigade Ehrhardt, noch bis zum Januar 1924 mit dem +„Jungdeutschen Orden“ auch organisatorisch verbunden. Infolge der +Auswirkungen des Novemberputsches verschärften sich die Gegensätze +zwischen den großdeutsch eingestellten Verbänden der Nationalsozialisten +und den mit Kahr sympathisierenden katholischen Formationen, so daß es +zu einer regelrechten Spaltung kam. + + 1. 1. 24 + + Herrn Korvettenkapitän Ehrhardt in München. + + Sehr geehrter Herr Kapitän! + + Mit dem Beginn des neuen Jahres möchte ich das Verhältnis mit der + Brigade Ehrhardt und dem Jungdeutschen Orden in Bayern in klarer, + eindeutiger Weise geregelt wissen. + + Sie, verehrter Herr Kapitän, wissen, mit welcher Freude ich + seinerzeit im Einverständnis mit dem 2. Komtur-Bruder Dietrich und + dem Großmeister der Ballei Franken die wehrhaften Leute unter Ihre + militärische Leitung gestellt habe in der Überzeugung, daß _Ihre + Politik, die auf Ausnutzung der Bayrischen Regierung zur Führung des + entscheidenden Schlages_ hinausging, die einzig gegebene sei. Sie + wissen, daß wir uns, besonders in den letzten Wochen, da ich mit + Ihnen die schönen Tage in Tirol zusammen sein durfte, mit Wort und + Schrift, mit unserer ganzen Person hinter Ihre Persönlichkeit und + wiederholt auch schützend vor Sie gestellt haben. Ich war stolz + darauf, daß das Jungdeutsche Regiment in entscheidungsvollen Tagen + in Reih und Glied mit den kampferprobten Brigadetruppen eintreten + würde für unser gemeinsames Ziel, der Befreiung Deutschlands. + _Infolge der Nachwirkung des 8. und 9. November 23 ist es mir aus + inneren und äußeren Gründen nicht mehr möglich, dem Verbande der + Brigade anzugehören._ + + Aus innerlichen Gründen deshalb, weil ich Ihre gegensätzliche + Einstellung zu dem hochverdienten General _Ludendorff_ nicht + einnehmen kann, der heute in ganz Deutschland der einigende Punkt in + der völkischen Bewegung geworden ist. Aus äußerlichen Gründen + deshalb, weil trotz wiederholter Versicherung, dennoch immer wieder, + und zwar jetzt in verschärfter und hinterhältiger Weise, der Versuch + gemacht wird, einzelne Ordensbrüder unter Mißachtung des von ihnen + abgelegten Ordensgelübdes auf die Brigade Ehrhardt zu verpflichten. + Aufs äußerste empört bin ich vor allem über das Verhalten der im + sogen. 2. Batl. Heiligersdorf tätigen Wickingoffiziere, die mit den + gemeinsten Verleumdungen gegen die Ordensleitung von Ort zu Ort + gingen und sie durch niederträchtigste Denunziationen bei den + Bezirksämtern der Gefahr des Verbotes absichtlich preisgeben. + + Ich bitte darum, Herr Kapitän, mir das Ihnen gegebene Wort wieder + zurückzugeben und _das militärische Verhältnis des Ordens zur + Brigade als gelöst zu betrachten_. Ich vertraue Ihnen, daß Sie + sofort Anweisung zur Abberufung der noch im Ordensgebiet tätigen + Wickingoffiziere ergehen lassen, um mir und dem Orden weitere + Maßnahmen zu ersparen und bitte Sie, meinen Wunsch bis zum 15. 1. 24 + zu erfüllen. Abgesehen davon, daß wir uns das Recht nehmen, unseren + Gefolgschaften Aufklärung und Verhaltungsmaßregeln zu geben, + verzichten wir im Interesse der völkischen Bewegung, in der + Öffentlichkeit Stellung zu nehmen, unter der selbstverständlichen + Voraussetzung, daß sich der Bund Wicking jedes Vorgehens gegen den + Orden enthält. + + Mit treudeutschem Heilgruß für den Jungdeutschen Orden in Bayern + + Johnson, Landeskomtur. + +Darauf antwortete Ehrhardt: + + Bund Wicking e. V., München. + + 5. 1. 24. + + An den Landeskomtur des Jungdeutschen Ordens in Bayern. + + Der Empfang Ihres Briefes vom 1. Januar wird hiermit bestätigt. Ich + begrüße die klare Stellungnahme, die Sie einnehmen, weil diese auch + mir die volle Handlungsfreiheit zurückgibt und ein Verhältnis löst, + das von Ihrer Seite nur noch ein Scheinverhältnis war. + + Ihr Balleibefehl vom 1. 12. 23 (an alle Großmeister und + Gefolgschaftsmeister, streng vertraulich) ist der schlagendste + Beweis, daß von Ihrer Seite das Treuverhältnis und die + Arbeitsgemeinschaft mit der Brigade E. innerlich bereits gelöst war. + Ich bedaure, daß Sie erst jetzt, einen vollen Monat nach Erlaß + dieses Befehls, es für nötig halten, auch äußerlich die Konsequenz + aus Ihrer inneren Wandlung zu ziehen und das Wort, das Sie mir + gegeben haben, erst jetzt formell zurückzuverlangen, ein Verfahren, + das mit völkischem Verhalten in schroffem Widerspruch steht. + + Wenn Sie jetzt als inneren Grund, der zur Trennung von der Brigade + zwingt, anführen, daß Sie meine gegensätzliche Stellung zu dem + hochverdienten General Ludendorff nicht einnehmen können, so setzt + mich die Behauptung doch einigermaßen in Erstaunen. _Aus meiner + Stellung zu General Ludendorff habe ich Ihnen von Anfang an keinen + Hehl gemacht_ und Sie haben diese Stellungnahme die ganze Zeit + gebilligt. Seit dem 8. und 9. November hat sich mein Verhältnis zu + Ludendorff nur insofern geändert, als ich die maßlosen und + ungerechtfertigten Angriffe in der Öffentlichkeit erfuhr und in + reiner Notwehr dagegen Stellung nahm. Zu dem zweiten von Ihnen + angeführten Punkte lehne ich eine Erörterung ab. Wenn es Sie + interessiert, stelle ich es Ihnen anheim, sich das ausführliche + Beweismaterial der Gegenarbeit des Ordens gegen die Brigade, die + schon Wochen vor der Aufkündigung Ihres Treueverhältnisses zu mir + zurückgeht, einzusehen. Wenn von meiner Seite nicht wieder gegen + dieses Treiben eingeschritten wurde, so lag der Grund darin, daß ich + immer noch auf die Möglichkeit gemeinsamer Arbeit gehofft habe und + meinerseits alles verhindern wollte, was die Zersetzung im + völkischen Lager vergrößert. Gemäß Ihres Wunsches sind Sie mit dem + heutigen Tage Ihres Wortes entbunden. Das militärische Verhältnis + des Ordens zur Brigade ist mit demselben Tage gelöst. _Ich ersuche, + die dem Orden als Treuhänder übergebenen Waffen der Brigade an meine + Befehlsstelle Koburg zu übergeben._ + + Der von Ihnen gewünschten Anerkennung eines geschlossenen + Ordensgebietes bedaure ich nicht zustimmen zu können. Die weitere + Stellung des Wickingbundes hängt von dessen Verhalten ab. + + gez. Ehrhardt. + +Trotz der Spaltung der völkischen Verbände, trotz heftigstem, sehr +persönlich und gehässig geführtem Kampf der einzelnen Führer gegen die +Vertreter des anderen Flügels gelang es den Nationalsozialisten, in den +Städten, vor allem in München und Nürnberg, ihre Positionen zu halten. +Der soziale Umschichtungsprozeß wirkte sich vorläufig trotz der +Stabilisierung der Mark weiter aus, die Sanierung mit Beamtenabbau und +Lohnkürzung, Arbeitslosigkeit und Teuerung bereitete der +nationalsozialistischen Agitation einen guten Boden, so daß die +Völkischen verhältnismäßig leicht die schwere Krise überwinden konnten, +in die sie nach dem Fiasko ihres Putsches geraten waren. Ein volles Jahr +mußte vergehen, bevor diese stürmische Entwicklung zu den Extremen +unterbrochen wurde, die Annahme des Dawesgutachtens eine den +Mittelparteien günstigere Atmosphäre schuf und die Völkischen ihre noch +im Mai 1924 neu eroberten Positionen im Dezember des gleichen Jahres +endgültig verloren. + +Unmittelbar nach dem Putsch aber fühlten sich die Völkischen noch so +stark, daß sie die Kampagne der Bayrischen Volkspartei mit einem +Gegenangriff beantworteten und Anfang Dezember eine heftige Agitation +„für den Austritt aus der katholischen Kirche“ einleiteten, die in +persönlichen Attacken gegen den Kardinal Faulhaber, in der Besudelung +der bischöflichen Palais von Bamberg und Regensburg, in der Entfesselung +eines neuen, wüsteste Formen annehmenden Kulturkampfes ihre Steigerung +erfuhr. + +Doch die bürgerlichen Parteien Bayerns unter der Führung der Klerikalen +gaben den Kampf nicht verloren. Um sich den unbequemen Gegner vom Hals +zu schaffen, verschmähten sie nicht, Fäden nach Berlin zu spannen, +sicherten sich die Unterstützung der Reichsregierung zur „Liquidierung +des Rechtsradikalismus“ und die Bayrische Volkspartei entschloß sich +sogar, neben General Lossow auch Kahr fallen zu lassen. Sie schob den +General von Epp – den „Muttergottesgeneral“, wie ihn die Hitlerleute +nannten – vor, damit er die völkischen Kampfverbände unter seine Führung +nehme und sie ins Lager der katholischen Kirche und in den Schoß der +Wittelsbacher zurückführe. Gleichzeitig begann die Aufklärungsarbeit; +Broschüren und Flugblätter („Ludendorff in Bayern“, „Veni-vidi ...“) +knüpften geschickt an die separatistischen und klerikalen Vorurteile des +bayrischen Bürgertums und der Bauernschaft an, um die erwünschte +Stimmung gegen den „Preußen Ludendorff“, gegen die „volksfremden +Elemente aus dem Norden“, gegen die „ungläubigen Umstürzler“ zu +schaffen. Anfang Januar schien es, als hätte die Volkspartei ihr +angestrebtes Ziel erreicht – der Prozeß gegen Hitler sollte ihren Sieg +nach außen hin dokumentieren. + +Da trat eine neue Wendung ein: Kahr, der ganz richtig erkannte, daß ihn +die Bayrische Volkspartei nur noch als einen vorgeschobenen Posten +betrachtete, den im gegebenen Augenblick zu opfern sie rücksichtslos +entschlossen war, und der befürchtete, daß er noch vor dem Prozeß fallen +gelassen werden könnte, versuchte durch seinen Freund Ehrhardt eine +Annäherung an Hitler und Ludendorff herbeizuführen, um so wenigstens für +die Dauer des Prozesses die Gegensätze zu entspannen und eine gewisse +einheitliche Front gegen die Staatsanwaltschaft zu ermöglichen. Dieser – +zu spät unternommene – Versuch schlug fehl. Im Gegenteil: Die Versöhnung +Ehrhardts mit Ludendorff, die auf einem Kommers des „Waffenring +deutscher Art“ in München Ende Januar tatsächlich zustande kam, hatte +ein von Kahr keineswegs erwartetes Ergebnis. Ehrhardt einigte sich mit +Ludendorff, hielt es aber nicht für notwendig, Kahr in dies +Freundschaftsbündnis einzubeziehen. Dieser sah sich nun über Nacht noch +isolierter als vorher. + +Da erkannte aber die bayrische Regierung, wie sehr es in ihrem eigenen +Interesse lag, Kahr gegen diese verstärkte Offensive der Völkischen mehr +zu decken, als sie es ursprünglich beabsichtigte. Zwar mußte Kahr sein +Amt als Generalstaatskommissar niederlegen, General von Lossow trat vom +Kommando der bayrischen Reichswehr zurück, andererseits aber beschloß +das Münchener Kabinett, die beiden Herren für die Dauer des Prozesses +moralisch zu unterstützen. Die klerikale Presse schwenkte abermals um +und trat energisch für die verleumdeten „Retter des bayrischen Staates“ +ein. + +Ein übriges geschah: Der ursprünglich als Vorsitzender für den Prozeß +bestimmte Landgerichtsdirektor wurde plötzlich befördert, so daß die +Führung der Verhandlung einem neuen Herrn übertragen werden mußte, dem +man besonders gute Beziehungen zu den Klerikalen nachsagte. Die +Anklageschrift der Staatsanwaltschaft wurde höhern Orts zurückbehalten +und Kahr und Lossow erhielten die Möglichkeit, sich auf eine gemeinsame +Verteidigungslinie durch Ausarbeitung einer einheitlichen Zeugenaussage +festzulegen. + +Endlich beschloß die bayrische Regierung, den Generalstaatskommissar +nicht vom Amtsgeheimnis zu befreien, so daß er als Zeuge nur über die +mit den Vorgängen in der Putschnacht unmittelbar zusammenhängenden +Ereignisse aussagen durfte. Um jedoch auch den Völkischen die +Möglichkeit zu einem Rückzug und zu einer späteren Verständigung nicht +zu rauben, wurde die bayrische Staatsanwaltschaft angewiesen, die +Anklage nur auf den Tatbestand des „ideellen Hochverrats“ auszudehnen +und so die Verbitterung und die Gegensätze auf beiden Seiten nicht zu +verschärfen. Die während des Putsches von den Hakenkreuzlern verübten +gemeinen Verbrechen – Beraubung und Mißhandlung der sozialistischen +Gemeinderäte, Verwüstung der „Münchener Post“ usw. sollten in einer +späteren Verhandlung geklärt werden. + + + DIE ANGEKLAGTEN + +Am 26. Februar 1924 begann vor dem Münchener Volksgericht der +Hochverratsprozeß gegen Hitler, Ludendorff und Genossen. Vorsitzender +war Oberlandesgerichtsrat Neidhardt, Anklagevertreter die Staatsanwälte +Ehart und Stenglein. Als Angeklagte erschienen vor Gericht: + +_Adolf Hitler_, 1889 in Braunau (Österreich) geboren, +„Architekturzeichner und Schriftsteller“. Er wurde in der Anklageschrift +als „die Seele des Putsches“ bezeichnet. + +_General Ludendorff._ Die Anklageschrift wies nach, daß er schon vor dem +Putsch über das Unternehmen _genau unterrichtet_ war und sich als Führer +der neu zu bildenden Nationalarmee betätigte, „indem er Vorschriften +über Grenzschutz, Eingliederung der Verbände in die Reichswehr, +Unterbringung der Truppen, Bereitstellung von Räumen usw. besprach und +erließ.“ + +_Oberlandesgerichtsrat Pöhner_ „war für den Posten eines +Ministerpräsidenten in der neuen bayrischen Regierung ausersehen und +betätigte sich auch als solcher.“ + +_Frick_, Oberamtmann in München, „sollte das Polizeipräsidium +übernehmen. Auch er hatte von dem Putsch Kenntnis.“ + +_Friedrich Weber_, Führer des Bundes „Oberland“, „warf als politischer +Führer dieses Kampfbundes dessen Gewicht in die Wagschale und stellte +den militärischen Apparat des Bundes auf das Unternehmen ein.“ + +_Hauptmann a. D. Röhm_, Führer des Kampfbundes „Reichskriegsflagge“, +warf die Anklageschrift vor, daß er sich „aktiv mit seinen Truppen an +dem Putsch beteiligte und das Wehrkreiskommando zur Verteidigung gegen +die Reichswehr besetzt hatte.“ + +_Oberleutnant Brückner_, Führer des nationalsozialistischen Regiments +München, „hatte mit seinen bewaffneten Leuten in der Nacht vom 8. auf +den 9. November an den militärischen Operationen teilgenommen.“ + +_Leutnant Wagner_ „veranlaßte die Alarmierung der Infanterieschule +hinter dem Rücken der Vorgesetzten zur Teilnahme an dem Putsch.“ + +_Oberstleutnant a. D. Kriebel_, der militärische Führer des Hitlerschen +„Kampfbundes“, „war mit der militärischen Oberleitung der Aktion betraut +gewesen. Er hatte außerdem die in der Versammlung im Bürgerbräukeller +anwesenden Minister als Geiseln verhaften lassen und Vorsorge getroffen, +um Polizeidirektion, Regierungsgebäude, Haupttelegraphenamt und +Hauptbahnhof zu besetzen.“ + +Gegen alle diese erhob die Staatsanwaltschaft die Anklage wegen des +Verbrechens des Hochverrats, da sie „zugegebenermaßen, gestützt auf die +bewaffneten Machtmittel des Kampfbundes und die bewaffnete Macht der +Infanterieschule, es unternommen hatten, die bayrische Regierung und die +Reichsregierung gewaltsam zu beseitigen, die Reichsverfassung und die +des Freistaats Bayern gewaltsam zu ändern und verfassungswidrige +Regierungsgewalten aufzurichten.“ + +_Oberleutnant a. D. Pernet_, der Stiefsohn Ludendorffs, „war mit der +Aufgabe betraut gewesen, die Angehörigen der Infanterieschule für den +Putsch zu gewinnen und beteiligte sich als Ordonnanzoffizier beim +Oberkommando. Er beschlagnahmte Gelder und zahlte damit die Löhnung für +die Führer und Mannschaften dieser Kampfverbände aus.“ Gegen ihn hatte +die Staatsanwaltschaft Anklage erhoben wegen „Beihilfe zum Hochverrat“. + +Auf der Anklagebank fehlten: Generalstaatskommissar von Kahr, General +von Lossow und Polizeioberst von Seißer, die nach der Auffassung der +Staatsanwaltschaft in der Versammlung im Bürgerbräukeller „nur scheinbar +auf die Forderungen Hitlers und seiner Anhänger eingegangen waren, um +ihre Bewegungsfreiheit wiederzugewinnen“. Für sie war die Zeugenbank +reserviert, auf der dann noch mehr als ein Dutzend hoher +Persönlichkeiten Platz nehmen sollten. Manche waren nicht geladen, deren +Erscheinen man erwartet hatte, und ihr Fernsein tat den Angeklagten kund +und zu wissen, daß die Staatsanwaltschaft – im hohen und höchsten +Auftrag – nicht wünschte, gewisse letzte Hüllen fallen zu sehen, und daß +es im Interesse der Angeklagten selbst läge, diese Zurückhaltung zu +würdigen und dementsprechend ihre Verteidigung zu führen. + +Die Verhandlung selbst wurde durch einen wirksamen Prolog eingeleitet. +Am Tage vor dem Prozeßbeginn ward München durch fernes Gewehrfeuer aus +seiner behäbigen Ruhe geweckt. Die Regierung wollte auf diese Weise den +unbotmäßigen Nationalsozialisten zu verstehen geben, daß es für sie +nicht ratsam war, irgendwelche Abenteuer zu suchen, und daß mit der +Reichswehr nicht gut Kirschen essen wäre. Dieses Scharfschießen +der Landespolizei in Oberwiesenfeld, ein Probealarm der +Schutzmannschaften und Gendarmen, Konzentrierung zuverlässiger Pfälzer +Reichswehrformationen in und um München, Absperrung des gesamten +Stadtteiles, in dem die als Gerichtsgebäude ausersehene ehemalige +Kriegsschule gelegen ist, durch bis an die Zähne bewaffnete +Reichswehrpatrouillen, durch spanische Reiter und Drahtverhaue – das war +der Auftakt. Der Vorhang hob sich. Die Bühne stellte dar: + +Den Speisesaal der Infanterieschule. Er sieht wie ein Lehrsaal aus und +macht mit seiner Holztäfelung einen durchaus freundlichen, keineswegs +nüchtern-kalten Eindruck. Kaum zweihundert Personen finden hier Platz. +Das Podium ist zu einer Art Estrade umgebaut. Hier thront der +Gerichtshof. + +Der erste Eindruck: hier wird kein hochnotpeinliches Gericht gehalten, +eine geschlossene Versammlung diskutiert lediglich einige ernste +politische Fragen. Es geht dabei sehr gesittet, sehr akademisch zu. Jede +unnötige Schärfe wird vermieden. Als Männer von Welt und Rang ist man +bestrebt, dem Gegner – auch wenn man durchaus nicht seiner Meinung ist – +Recht und Gerechtigkeit in vollstem Umfang widerfahren zu lassen, und +wahrt peinlich die Formen des gesellschaftlichen Umganges. Die +Angeklagten an kleinen Tischen, neben ihnen die Verteidiger, ein paar +Bänke für die Zeugen, ein paar Bankreihen für die Zuhörer, die mit +Sorgfalt gesiebt, die Exklusivität dieser geschlossenen Versammlung +nicht stören können. In den letzten Reihen nehmen die Pressevertreter, +etwa dreißig an der Zahl, Platz, dahinter einige Reihen Stühle für das +Publikum: die große Zahl von Frauen fällt auf, dem Anschein nach +Angehörige der Angeklagten und Verteidiger. So dominiert auch im +Zuhörerraum das deutschnationale und völkische Element. Man ist ganz +unter sich, keine Schranken, die in dem Angeklagten das bittere Gefühl +erwecken könnten, hier nicht für voll genommen, als ein Bemakelter +angesehen zu werden. Gerichtsverhandlung? Nein, eher Seminar über +Hochverrat. + +Die Materie, die in diesem Seminar behandelt wurde, war ziemlich +verwickelt. Nicht weniger als vier verschiedene Arten von Hochverrat +standen zur Prüfung. Da gab es zuerst den Verrat Kahrs und Lossows gegen +Hitler, den Verrat Hitlers und Ludendorffs an dem für den 12. November +angesetzten Putsch Kahrs, einen Hochverrat gegen die bayrische Regierung +und einen gegen das Generalstaatskommissariat – der Hochverrat gegen die +deutsche Republik stand nicht zur Debatte. Gab es überhaupt so etwas? +Staatsanwaltschaft, Gericht und Verteidigung waren sich in der +Verneinung dieser Frage vollkommen einig. Sie war mangels genügender +Zuhörer aus dem Lehrplan der deutschen Hochschulen und verwandter +Unterrichtsanstalten ausgeschieden worden. + + + DIE VERHANDLUNG + +_Hitler_ spricht. Er ist im Cutaway, trägt das Eiserne Kreuz I. Klasse, +scheint ein wenig blaß und mustert lange und aufmerksam die Zuhörer. In +seiner Kleidung, seiner Sprache, seinen Gesten, dem ganzen Auftreten, +liegt etwas Subalternes, Unfreies. Der Kragen ist ein wenig zu hoch, der +schwarze Rock zu stramm geschnitten, der Scheitel bis in den Nacken +gezogen, seine Haltung um eine Nuance zu akkurat. Und wenn er spricht +läßt er die „r“ rollen, was bei seiner süddeutsch gefärbten Mundart im +ersten Augenblick doppelt seltsam berührt. Sieht so ein Diktator aus? +Unwillkürlich denkt man, einen energischen Geschäftsreisenden vor sich +zu haben, einen Ausrufer bei einem Reklameverkauf. Hitler spricht fast +vier Stunden ohne Pause. Die erwarteten „Enthüllungen“ bleiben aus. +Seine Rede ist nicht gegliedert, nicht aufgebaut, und wenn man ihn so +sprechen hört, versteht man im ersten Augenblick nicht, woher seine +Wirkung auf die Masse kommt: die flache, primitive Argumentation und +eine Demagogie, die ihre Stärke darin hat, daß sie von keines Gedankens +Blässe angekränkelt ist, diese Primitivität einer Beweisführung, die +ganz auf „entweder–oder“ gestimmt ist, reißt eben den kleinen Mann, den +rabiaten Spießer von der Bierbank mit und nimmt sie für den Redner ein, +zumal da dieser über ein gutes Organ und ein tönendes Pathos verfügt: + + „Kahr sagte, er könne die Landesverweserschaft nur annehmen als + Statthalter der Monarchie. Mir persönlich konnte das gleich sein. + _Für mich existierte die Revolution von 1918 nicht. Sie ist nicht + legalisiert worden._“ + +In den vier Stunden, die Hitler sprach, sagte er eigentlich immer wieder +dasselbe – nur mit anderen Worten, den einen Gedanken stets mit neuen +Bildern und Vergleichen ausmalend, und so dem Zuhörer das, was er sagen +wollte, besonders eindringlich einhämmernd: + + „Habe ich Hochverrat begangen, so sind Kahr, Lossow und Seißer genau + die gleichen Hochverräter. Sie haben das gleiche Ziel gehabt wie + wir, nämlich die Reichsregierung zu beseitigen in ihrer heutigen + internationalen und parlamentarischen Einstellung und an ihre Stelle + eine antiparlamentarische Regierung zu setzen. Sie haben die ganzen + Monate nichts anderes gesprochen als das, wofür wir jetzt auf der + Anklagebank sitzen. Im übrigen, ist Herr von Kahr nicht im Jahre + 1920 ebenfalls durch einen Staatsstreich Regierungschef geworden, + nachdem ein Leutnant mit 12 Mann mit „Bajonett auf“ vor dem Landtag + erschienen war und daraufhin die Regierung Hoffmann demissionierte? + Oder gehört dieser Leutnant mit den zwölf Mann zu den + verfassungsmäßigen Erscheinungen in einer Republik? Man sagt, das + Generalstaatskommissariat sei geschaffen worden, um den zu + erwartenden Putsch der Nationalsozialisten niederzuschlagen. Wenn + dem so wäre, warum hat sich der Herr Generalstaatskommissar am + folgenden Tage bei mir nicht in der Person eines Kriminalbeamten + vorgestellt und mich für verhaftet erklärt? Das wäre seine Pflicht + gewesen. – – Lossow hatte dem Chef der Reichswehr den Gehorsam + verweigert. Wenn der gemeine Mann das tut, wird er schwer bestraft. + Ein militärischer Führer in einer Armee von nur 7 Divisionen, der + eine Division in der Hand hat und der sich gegen seinen Chef + aufbäumt, muß entschlossen sein, entweder bis zum letzten zu gehen + oder es ist ein gewöhnlicher _Meuterer_ und _Rebell_. (Bewegung im + Auditorium.) Lossow erklärte mir, er habe zu wenig Politik + getrieben. Er fragte, was werden solle, es müsse doch einen Ausweg + geben. Ich sagte ihm, das Volk habe etwas anderes erwartet als eine + Bierpreiserniedrigung, eine Milchpreisverordnung, eine + Butterfaßkonfiskation und ähnliche unmögliche wirtschaftliche + Ratschläge, bei denen man sich fragen mußte, welches Genie da zu + Rate gezogen wurde. Jeder Mißerfolg mußte ja _die Wut der Massen_ + vergrößern und ich habe darauf hingewiesen, daß die Leute sich jetzt + noch über die Kahrschen Maßnahmen lustig machen, später sich empören + werden. – Im weiteren Verlauf der Verhandlungen trat Lossows + Standpunkt immer deutlicher zutage. Der sagte: Ich bin entschlossen + zu handeln, aber ich muß 51% Garantie für den Erfolg besitzen. – + Ende Oktober trat eine Stimmungsänderung ein. Es kamen _Herren von + Berlin_, die sagten, _General Seeckt trage sich mit dem gleichen + Gedanken, eine Diktatur auszurufen_. Das schien Lossow der letzte + Strohhalm. Er erklärte, wenn Seeckt ans Ruder kommt, dann bleibt zum + Schluß nichts übrig, „daß ich den General Seeckt fresse oder daß + Seeckt eben mich frißt.“ – Am 6. November nach der Sitzung der + Kampfbundführer bei Herrn von Kahr mußten wir der Überzeugung sein, + daß die Herren nur auf einen Anstoß warten.“ + +Als Hitler auf die Vorgänge im Bürgerbräukeller zu sprechen kommt, +steigert sich seine Rede zu pathetischer Dramatik: + + „Lossow und Seißer haben _Tränen in den Augen_ gehabt, als sie uns + ihrer _Treue_ versicherten. Kahr war so geknickt und gebrochen, daß + er mir aufrichtig leid tat. – – Ludendorff, der + Generalquartiermeister des Weltkrieges, der letzte große Feldherr + Deutschlands, ist schmählich belogen und verraten worden; hätte er + geahnt, daß General Lossow nicht mitmachte, er hätte sich nie zur + Verfügung gestellt.“ + +Ein deutschnationales Blatt hat Hitler einen Besessenen, den von einer +Idee Besessenen genannt. Zweifellos. Hitler machte den Eindruck eines +ehrlichen Menschen. Aber seine Besessenheit, sein Fanatismus rührte +nicht von dem Glauben an eine Idee her, sondern von dem Glauben an seine +persönliche Größe. Gerade die Art, wie er seine Bescheidenheit zur Schau +stellte, zeigte das: + + „Ich erklärte Lossow, ich könnte mich nur unter der Bedingung + Exzellenz von Kahr anschließen, wenn der _politische Kampf + ausschließlich in meine Hände_ gelegt werde. Das war nicht frech und + unbescheiden von mir, ich bin vielmehr der Meinung, wenn ein Mann + weiß, daß er eine Sache kann, so darf er nicht bescheiden sein. – – + – Staatskunst kann man nicht lernen, man muß dazu geboren sein.“ + +Und Hitler stellt sich in Positur und erklärt, daß Ludendorff und alle +seine Mitarbeiter, von denen so viele tot sind – hier sinkt seine Stimme +zum Flüstern herab – über den Putsch genau so viel oder genau so wenig +wußten wie Kahr, Lossow und Seißer, er _allein_ habe alle Fäden in +der Hand gehalten. Während der ganzen Rede steht Hitler in +Habt-Acht-Stellung, den Gehrock bis hoch hinauf geschlossen – ein +Unteroffizier, der seinem Vorgesetzten Bericht erstattet. In der +höchsten Erregung vergißt er nicht die Titel. Kahr ist sein Todfeind – +aber für ihn ist er die „Exzellenz von Kahr“. Und wenn er das Wort +„Exzellenz“ sagt, es durch den Saal schmettert, merkt man, mit welchem +Stolze es ihn erfüllt, solche tönenden Titel in seine Rede einflechten +zu können. + +Bevor Hitler seinen großen Monolog über den „treulosen Verrat“ Kahrs und +Lossows beendet, vergißt er nicht, demselben Herrn Kahr eine förmliche +Ehrenerklärung abzugeben: + + „Kahrs menschliche hervorragende Eigenschaften wird niemand + bestreiten.“ + +Vorpostengeplänkel. Noch scheut sich die Verteidigung, ihre Trümpfe +auszuspielen, – die Reden des Angeklagten sind auf Moll gestimmt. + +Auch Dr. _Weber_ schlägt dieselbe Tonart an. Ein blasser, kurzsichtiger +junger Mann, der mehr einem Gymnasiasten, als einem Soldaten ähnelt. Ein +Ausschnitt aus diesem Verhör: + + _Staatsanwalt Ehart_: Haben Sie nie davon gehört, daß General + Ludendorff in der Reichswehr, namentlich in Norddeutschland, sehr + wenig Resonanzboden hat? (Unruhe.) + + _Vorsitzender_: Ich bitte, die Fragen an mich zu stellen. + + _Staatsanwalt Ehart_: Ich bitte die Frage zu stellen, weil sie + wesentlich ist. Die Frage nämlich, ob die Reichswehr, auch wenn + Ludendorff an der Spitze steht, trotzdem mit Waffengewalt vorgehen + wird? + + Dr. _Weber_: Auf Grund eigener Kenntnis norddeutscher Offizierkorps + muß ich sagen, daß dort überall die Verehrung für den _größten + deutschen Führer und General_, der nicht nur in diesem letzten + Weltkrieg, sondern überhaupt Deutschland geschenkt wurde, herrscht, + so daß die Möglichkeit eines „Stellens“ nicht in Frage kommt. + + _Staatsanwalt Ehart_: Das wollte ich wissen. + + _Justizrat Kohl_: Das wollten Sie nicht wissen. + + _Vorsitzender_: will unterbrechen. + + _Justizrat Kohl_: Die Frage des Staatsanwalts war für einen Offizier + derart beleidigend, daß darauf eine Antwort gehört hat wie die, die + der Staatsanwalt von mir gehört hat. (_Beifall im Zuhörerraum._) + +_Oberlandesgerichtsrat Pöhner._ Die beste Figur unter den Angeklagten. +Der kluge Kopf könnte einem Jesuitenpater gehören. Schlau blinzelnde +Augen hinter scharfen Gläsern, glattrasiertes Diplomatengesicht, ein +ewiges ironisches Lächeln um den Mund. Kein guter Redner. Er spricht +stockend, mit leiser Stimme, die sich in der Erregung überschlägt. Vom +ersten Augenblick an hat man den Eindruck: hier spricht der Politiker, +nicht der Agitator. Das ist der Mann, der hinter den Kulissen gestanden, +der die Fäden der völkischen Politik in Bayern in Händen gehalten hat. + +Jedes Wort vorsichtig auf die Wagschale legend, schildert Pöhner seine +Besprechungen, seine Verhandlungen mit Kahr. Auch er vermeidet noch jede +polemische Färbung, aber es liegt eine ganz raffinierte Bosheit darin, +wie er so offensichtlich bemüht ist, Herrn Kahr zu „schonen“. + + „Wenn Herr Kahr es so darstellen will, daß er Komödie gespielt habe, + als er seinen Anschluß an unser Unternehmen erklärte, so muß ich + ihn, den ich aus jahrelanger intimer Mitarbeit kenne, gegen ihn + selbst in Schutz nehmen. _Er ist ein anständiger Mensch und kein + Schuft._“ + +Dann ein ironischer Seitenhieb: + + „Herr Kahr war über den ganzen Vorfall (im Bürgerbräukeller) aufs + äußerste empört und entrüstet und äußerte sich, es sei doch + _unerhört_, daß man ihn mitten aus seiner Rede auf diese Weise aus + dem Saale eskamotiert habe. – – Ich sagte, daß die Regierung von + Revolutionsgnaden doch endlich einmal beseitigt werden müßte. Herr + v. Kahr sagte darauf bloß: Unerhört, daß man auf diese Weise + herauseskamotiert wird. _Das war sein Haupteinwand._“ (Gelächter im + Auditorium.) + +Und so, mit lauter feinen, kaum sichtbaren Finten pirscht sich Pöhner +dorthin durch, von wo aus die Verteidigung den ersten Vorstoß wagen +will: + + „In einer Besprechung, zu der von Herrn v. Kahr auch Oberst von + Seißer zugezogen war, machte mir Herr v. Kahr den Vorschlag, nachdem + er gesagt hatte, es müßte jetzt im Norden aufgeräumt werden, ob ich + bereit sei, die Funktion eines _Zivilgouverneurs für Sachsen und + Thüringen_ zu bekleiden ... Ich erklärte, daß Ehrhardt es für + wünschenswert halte, daß ich das Kommissariat für Nordbayern + übernehme. Das lehnte Herr v. Kahr ab, indem er sagte, er könne die + ihm übertragenen Vollmachten nicht weiter übergeben und habe dazu + keine Ermächtigung. Hierauf wiederholte er seinen Vorschlag ... Ich + lehnte ab; es wäre in Sachsen und Thüringen im kleinen dasselbe + Verhältnis zwischen mir und dem Reichswehrkommandeur gewesen, wie in + Bayern zwischen Kahr und Lossow. Und das war mir ganz unklar. Man + konnte überhaupt nicht wissen, _wer in Bayern Koch und wer Kellner + sei_.“ + +So – wie von ungefähr – fällt der Name: _Ehrhardt_: + + „Ehrhardt kam etwa Mitte Oktober wieder zu mir. Wie ich ihn fragte, + wie es ihm jetzt in München gefalle, da sagte er, er komme sich + „äußerst beschissen“ vor. Ich war über diese Wendung etwas + überrascht, denn ich hatte das gerade Gegenteil erwartet. Er war + doch steckbrieflich verfolgt von Leipzig aus. Ich wußte, daß er von + der Polizei _von Oberst v. Seißer sicheres Geleit_ bekommen hatte, + einen Ausweis, wonach er als Notpolizei für die bayrische Regierung + tätig sei. Ehrhard erklärte mir, es gehe gar nicht vorwärts ...“ + + _Justizrat Dr. Schramm_: Herr v. Kahr hat es abgelehnt, Herrn Pöhner + als Staatskommissar für das nordbayrische Gebiet aufzustellen, weil + er sich dafür nicht für kompetent erachtete. Ich bitte den + Angeklagten zu fragen, woher er die Vollmacht ableitete, ihm das + Zivilstaatskommissariat in Sachsen und Thüringen zu übertragen. + + _Pöhner_: Darüber habe ich ihn nicht befragt. Man kann doch nur eine + solche Vollmacht haben, wenn man die entsprechenden Handlungen + vorher vorgenommen hat. + + _Justizrat Dr. Schramm_: Es bestand doch wohl bei Herrn v. Kahr + Klarheit darüber, daß die Bewegung über Sachsen und Thüringen + hinausgetragen wird? + + _Pöhner_: Das war selbstverständlich. + + _Staatsanwalt_: Hat es sich um den Marsch nach Berlin oder um den + Grenzschutz Bayerns gegen die kommunistischen Unruhen in Sachsen und + Thüringen gehandelt? + + _Pöhner_: Ich hatte den zweifellosen Eindruck im Zusammenhang mit + der Tatsache, daß Kahr _in engsten Beziehungen mit Ehrhardt_ stand, + daß es sich um etwas anderes handle, als den bayrischen Grenzschutz. + Davon war gar keine Rede. _Ehrhardt macht doch nicht den + Nachtwächter für Bayern zwischen Nürnberg und Hof._ + +Und dann nach einer Pause: + + „Vielleicht wäre es gut, wenn ich etwas über die Verhandlungen + zwischen Herrn v. Kahr und Kapitänleutnant Ehrhardt aussagen könnte + ... oder soll ich das lieber in nichtöffentlicher Sitzung tun?“ + +Das Stichwort ist gefallen. Jetzt spricht nicht der Angeklagte Pöhner, +sondern der Herr Oberlandesgerichtsrat, der drei Jahre lang die rechte +Hand von Kahr gewesen ist, der manches erzählen kann, was viel +gefährlicher und viel unbequemer ist, als die leidenschaftlichsten +Proteste Hitlers und die Enthüllungen der anderen Führer. Noch legt er +sich Zurückhaltung auf. Er ist bereit, unter Zurückstellung aller seiner +persönlichen Vorteile „rücksichtsvoll“ zu sein: + + „Ich habe mich dagegen ablehnend verhalten, nach meinen schlimmen + Erfahrungen mit Herrn v. Kahr wieder mit ihm zusammenzuarbeiten ... + Ich bin aber trotzdem noch einmal mit ihm zusammengekommen, als, und + zwar _von autoritativster Seite, der Wunsch_ geäußert wurde, ich + möchte unter Zurückstellung persönlicher Unstimmigkeiten wieder mit + Herrn v. Kahr in Fühlung treten.“ + +Pöhner ist so feinfühlend, diese „autoritativste“ Seite nicht zu nennen. +Will man ihn zum Feind haben? + + _Rechtsanwalt Hemeter_ knüpft an die Bemerkung Pöhners, daß er sich + bei seinem Zusammenarbeiten mit Herrn v. Kahr wiederholt in die + Brennesseln gesetzt habe, die Frage, wann er sich das erste Mal und + in der Folgezeit in die Brennesseln gesetzt habe. + + _Pöhner_: Das erste Mal am 16. März 1920 nachmittags 4 Uhr + (Heiterkeit). („Kapp-Putsch“ in Bayern.) + + _Vorsitzender_: Sie brauchen keine Auskunft geben, wenn Sie sich + dadurch einer weiteren strafbaren Handlung beschuldigen würden. + + _Pöhner_: Aus meiner ganzen Einstellung mache ich kein Hehl. Ich + habe dem Staatsanwalt erklärt: _Was Sie mir jetzt als Hochverrat + vorwerfen, dies Geschäft treibe ich seit fünf Jahren._ + + _Vorsitzender_ (lächelnd abwinkend, leutselig): _Das wissen wir._ + +Dann die erste Wendung im Prozeß: Mit einem Ruck ist die Verhandlung auf +das politische Niveau gehoben, und nicht Herr von Kahr, nicht der +General von Lossow oder der Polizeioberst von Seißer sind mehr die +Objektive des Angriffs – die bayrische Regierung mit allen ihren +Institutionen, mit Staatsanwaltschaft und Gerichtshof ist zum +Angriffsziel geworden: + + _Rechtsanwalt Hemeter_: Ist Pöhner bekannt, daß in der Nacht vom 13. + zum 14. März 1920 der damalige Präsident der Regierung von + Oberbayern, Dr. v. Kahr, Exzellenz (die Stimme des jugendlichen + Verteidigers ist mit Hohn gesättigt) sich ohne Zögern in den Besitz + der öffentlichen Gewalt gesetzt hat, auf einem Wege, der dem vom 8. + bis 9. November 1923 vollkommen entspricht? Als das + Republikschutzgesetz in Bayern ziemlich große Erregung hervorrief, + hat sich Dr. v. Kahr ohne Bedenken der Bewegung angeschlossen, deren + Ziel es war, die nach Auffassung des Staatsgedankens damals legale + Regierung auf dem gleichen Wege, nämlich durch Druck ohne Druck zu + beseitigen. + + _Staatsanwalt_: Ich messe diesen Fragen keine wesentliche Bedeutung + für die Schuld- und Straffrage bei. + + _Rechtsanwalt Hemeter_: Es wird der Nachweis gelingen, daß von Dr. + v. Kahr in Form eines fortgesetzten Deliktes in Bayern begangen + worden ist, was der Herr Staatsanwalt Hochverrat nennt. + +Dem Herrn Pöhner ist all das bekannt. Und noch manches mehr. Aber +vorläufig will er – im Interesse des Vaterlandes – darüber in +öffentlicher Sitzung nicht sprechen. Doch einen kleinen Vorstoß wagt +noch die Verteidigung: + + _Rechtsanwalt Holl_: Ich habe Kapitänleutnant Ehrhardt als Zeugen + genannt. Ich muß jetzt noch Schritte tun, um diesen zur Stelle zu + bringen, wenn das Gericht ihn vernimmt. Ich frage die + Staatsanwaltschaft: Ist es richtig, daß die Staatsanwaltschaft durch + einen ihrer Beamten mittelbar oder unmittelbar hat Ehrhardt + mitteilen lassen, daß er verhaftet würde, wenn er, von der + Verteidigung geladen, als Zeuge erscheint. + + _Staatsanwalt_: Es ist absolut unwahr, daß die Staatsanwaltschaft + irgendeine solche Mitteilung hat ergehen lassen. Sie konnte Ehrhardt + nicht als Zeuge laden, weil sie seine Adresse nicht kennt. + + _Justizrat Kohl_: Weiß der Staatsanwalt, daß Kapitän Ehrhardt vor + wenigen Wochen noch ganz öffentlich auf einem Kommers gesprochen + hat? + + _Rechtsanwalt Hemeter_: Sendlingertorplatz Nr. 1 ist er zu finden, + Herr Staatsanwalt. + + _Rechtsanwalt Holl_: Er wohnt eine Treppe tiefer als der angeklagte + Oberstleutnant Kriebel – im selben Haus. + +Und mit diesem Vorstoß läßt es die Verteidigung bewenden. Vorläufig war +noch dies ihr Schlachtplan: Nicht bloß Kahr zu kompromittieren, nicht +bloß nachzuweisen, daß er im November am Hochverrat beteiligt war, +sondern durch die Aufrollung der „Bayrischen Frage“ der +Staatsanwaltschaft die Gefahr vor Augen zu führen, die sie laufe, wenn +sie die Angeklagten zwinge, „einmal tüchtig auszupacken“. Man soll in +Bayern nicht über Hochverrat zu Gericht sitzen, weil hier seit Jahr und +Tag von allen Führern und Politikern nur Hochverrat getrieben wurde. +Vorderhand begnügte sich die Verteidigung – zu drohen. Wird sich die +Staatsanwaltschaft dieses Entgegenkommens würdig erweisen? Sonst – da +ist noch jemand, der manches erzählen kann: + +_Oberstleutnant Kriebel_, der militärische Führer des Putsches, der +zweite Eingeweihte. Bei seinen Ausführungen schloß das Gericht, durch +die ewigen versteckten Drohungen der Verteidiger reichlich nervös +gemacht, zum erstenmal die Öffentlichkeit aus. Was man zu hören bekam, +war im wesentlichen folgendes: + + Kommerzienrat Zentz unterrichtete mich über den _Zweck der + Versammlung_ im Bürgerbräukeller. Er sagte, die Versammlung sei auf + den Wunsch Kahrs einberufen – und es sei notwendig, daß der große + Saal des Bürgerbräukellers voll wird. Er habe die vaterländischen + Vereine dazu eingeladen, damit sie den Saal füllen. Es wurde noch + angefügt, daß zu dieser Ovation, zu der diese Versammlung führen + sollte, _von gütigen Spendern Freibier_ gegeben werde. Es gab dann + noch eine Diskussion wegen der _Teilnahme von Juden_ an dieser + Versammlung. Dr. Hartmann von den „Vaterländischen Verbänden“ + Bayerns erklärte, es wäre eine zweifelhafte Empfehlung für Herrn von + Kahr in den vaterländischen Kreisen, auf die er sich in erster Linie + stützen wolle, wenn er zu dieser Feier Juden einladen wollte. Diese + Bemerkung rief einen großen Sturm der Entrüstung hervor bei den + verschiedenen Handelsorganisationen. Sie sagten, daß sie nicht nur + unter ihren Mitgliedern, sondern auch in den Vorständen eine große + Anzahl von Juden hätten, daß es für sie unmöglich sei, die Einladung + überhaupt weiterzugeben, wenn die Frage der Nichtzulassung der Juden + überhaupt nur diskutiert würde. Kommerzienrat Zentz brachte dann + diesen Sturm der Entrüstung dadurch zum Schweigen, daß er bemerkte, + es würden nicht viele Juden kommen, denn sie seien wegen der + Ausweisungen von Ostjuden an sich nicht gut auf Herrn von Kahr zu + sprechen.“ + +Was nicht hinderte, daß eben dieselben Herren tief in die Tasche +griffen, um den Kampffonds der Völkischen zu speisen; wurde doch im +weiteren Verlaufe der Verhandlung festgestellt, daß Ehrhardt +zwanzigtausend Dollar bei den Industriellen Bayerns – Juden und Christen +– an Spenden einsammeln lassen konnte. + +Kriebel, das wahre Soldatengemüt: + + „Lossow sagte, er wolle ja marschieren, aber bevor er nicht 51 + Prozent Wahrscheinlichkeit des Erfolges in seinem Notizbuch + ausrechnen könne, sei es ihm nicht möglich, zu marschieren. Als + Soldat war das für mich geradezu erschütternd. Wenn wir so im Kriege + gedacht hätten, wären wir schon im August 1914 zur Kapitulation + gezwungen gewesen.“ + + „Alle haben gerufen: Kampf gegen die Weimarer Verfassung. Da habe + ich mir in meinem einfachen Soldatengemüt gedacht: wenn alles + schreit, Kampf gegen die Weimarer Verfassung – warum soll man da + nicht kämpfen?“ + +Aus dem Verhör eine kleine Probe: + + _Staatsanwalt_: Es darf nicht vergessen werden, daß es sich hier um + eine einseitige Darstellung handelt, die auch die schwersten + persönlichen Angriffe gegen die Herren Kahr und Lossow in sich + schließt. Ich glaube, man muß doch auch den anderen Teil hören, + bevor man ihn in dieser Weise öffentlich herabsetzt. + + _Vorsitzender_: Es ist nicht Sache der Staatsanwaltschaft, den + Vorsitzenden wegen der Verhandlungsführung zu rügen. + + _Justizrat Kohl_: Das Urteil, das der Angeklagte Kriebel über das + Verhalten der Herren Kahr, Lossow und Seißer gefällt hat, ist das + Urteil aller anständigen Menschen in Deutschland. Und ich nehme an, + daß der Herr Staatsanwalt auch zu den anständigen Menschen zählt. + + _Vorsitzender_: Das geht zu weit, einen solchen persönlichen Angriff + kann ich nicht dulden. + + _Justizrat Kohl_: Der Staatsanwalt erfüllt eine Pflicht, die ihm + sehr lästig sein muß. Er wurde in den Grundsätzen des deutschen + Waffenstudenten erzogen und kann ein solches Verfahren überhaupt + nicht billigen. + +Diese versteckte Drohung mit einer Forderung zum Duell war für den +Staatsanwalt so deutlich, daß er von nun ab keinen Versuch mehr +unternahm, in die Verhandlung einzugreifen. Die Verteidiger beherrschten +sie völlig. + +Kriebel, der Eingeweihte spricht: + + „Ich habe aus Gründen, die ich später, bei Ausschluß der + Öffentlichkeit noch erörtern werde, vorgeschlagen, daß wir uns nach + dem Mißlingen der Aktion in die Gegend von Rosenheim zurückziehen.“ + +Diese Gründe sind nachträglich bekanntgeworden. Rosenheim war in jenen +Tagen das Hauptaufmarschgebiet der „Orka“, des radikalsten, unter +Führung eines gewissen Kanzler stehenden bayrischen Kampfbundes, und +hier befand sich das Hauptwaffenlager der Nationalsozialisten noch aus +der Zeit her, wo die Zentrale der Einwohnerwehren in Rosenheim +untergebracht war. + +_General Ludendorff_ hat das Wort. Im blauen Sakkoanzug, die Hände auf +dem Rücken verschränkt, straff aufgerichtet, doziert der General einem +andächtig aufhorchenden Publikum über Staatsverfassung und +Ultramontanismus. + +Ludendorff ist im Auto von seiner Villa gekommen – er war, ebenso auch +Pernet, Pöhner, Frick und Wagner, während der Verhandlung auf freiem +Fuß, während die anderen Angeklagten für die Dauer des Prozesses in der +Infanterieschule untergebracht worden waren – und nun mußte die +Verhandlung verschoben werden, da Ludendorffs Auto eine Panne hatte. Die +Posten an den Eingängen und im Korridor stehen stramm, die Tür wird +aufgerissen. Hitler schlägt die Hacken zusammen, daß es durch den ganzen +Saal knallt, die Reichswehroffiziere auf den Zeugenbänken und die Damen +und Herren im Zuhörerraum erheben sich von den Plätzen – General +Ludendorff hat den Saal betreten, die Verhandlung kann beginnen. + +Ludendorff spricht abgehackt, kurz, stößt die Worte wie militärisches +Kommando in den Saal. Eine schnarrende, preußische Offiziersstimme. +Seine Aussage läßt den Kern des politischen Problems zum ersten Male +scharf hervortreten. Der Hintergrund wird sichtbar. + +Die bayrischen Klerikalen, das ist der Feind. Er muß geschlagen werden. +Nun handelt es sich nicht mehr um den Putsch vom 8. November, jetzt +handelt es sich um die Schicksalsfrage Deutschlands, um den Jahrhunderte +alten Kampf zwischen Nord und Süd, zwischen Hohenzollern und +Wittelsbachern. Den Separationsbestrebungen der Wittelsbacher und ihrer +Zusammenarbeit mit dem Vatikan gilt Ludendorffs Hauptangriff. + + „Ich habe die Gefahr der Juden im Weltkrieg genügend kennengelernt. + Ich habe mich damit ernstlich und aufmerksam beschäftigt. Die + jüdische Frage ist für mich eine Rassenfrage.“ + +Dann ein Schlag gegen die Katholiken: + + „Als Realpolitiker komme ich zu Erwägungen, indem ich die + unabänderlichen Tatsachen nehme, wie sie sind. In dem Kampf + Deutschlands war der Vatikan nicht neutral, sondern + deutschfeindlich. Der Papst hat sich gegen die Sabotage im Kampf um + Ruhr und Rhein gewandt. Außerdem war besonders auffallend die + steigende Inschutznahme der Juden durch den hohen Klerus.“ + +Es folgt ein Überblick über die wirtschaftliche Lage: + + „Herr Minoux entwickelte uns seine politischen und wirtschaftlichen + Ansichten. Sie erschienen mir sehr _reichlich wirtschaftlich_, was + auch verständlich ist. Ich sprach ungefähr: „Lieber Minoux, das + wirtschaftliche Programm gefällt mir nicht.“ + +Endlich kommt Ludendorff auf die militärischen Vorbereitungen des +Unternehmens zu sprechen: + + „Der Herr Staatsanwalt hat gefragt, warum wir vom Marienplatz zur + Residenz marschiert sind. Warum diese Richtung genommen wurde, kann + ich nicht sagen. Ich habe Tannenberg geschlagen und die Gründe für + mein taktisches Vorgehen mir erst später zurechtgelegt. Das ist + Feldherrninstinkt.“ + +Im Zuhörerraum starke Bewegung. Man ruft Bravo und einige klatschen. +Niemand findet Anstoß daran, daß es just nicht strategisches Talent +verrät, wenn das „taktische Vorgehen“ einen Feldherrn in solch ein böses +Debakel führt wie am 9. November 1923 und – am 9. November 1918. + +Ludendorffs Rede gipfelte in einer Anklage gegen Rom. Doch dieser +Fehdehandschuh wurde von der Kirche nicht aufgenommen. Kardinal +Faulhaber und Kronprinz Ruprecht ließen sich nicht einmal zu einer +Erwiderung herbei – Kahr und Lossow wurden vorgeschoben. Aber zwei Tage +später schwenkte die gesamte klerikale Presse Bayerns, schwenkte selbst +der „Miesbacher Anzeiger“, der noch wenige Tage vorher begeisterte Töne +für das Wirken der Kampfverbände gefunden hatte, scharf zu Kahr ab. Die +Klerikalen trumpften auf. So schrieb das „Bayrische Vaterland“: + + „Kahr hätte am 12. November zusammen mit Lossow, Seeckt usw., allen + vaterländischen Verbänden also, mit einer großen nationalen + Einheitsfront losschlagen wollen. Das sahen Hitler, Weber, Pöhner, + Kriebel und alle. Das zu beweisen, daß Kahr das vorbereitet habe, + darauf steht ja ihr ganzes Bemühen. Warum hat dann Hitler nicht bis + zum 12. gewartet? Hier liegt _Hitlers große Sünde wider den + deutschen nationalen Geist_. Hier ist der Verrat an der gemeinsamen + Sache. Kahr und alle Vaterländischen im ganzen Reich, Süd und Nord, + gemeinsam wollten sie in Berlin eine nationale Regierung einrichten. + Das Gelingen war nach menschlichem Ermessen, wie die Hitlerschen + selbst sagen, unbedingt sicher – schon ihren Putsch hielten sie ja + für sicher. Die Vorbereitungen – was die Hitlerschen ja beweisen + wollen – sorgfältig getroffen. Die Aktion Kahrs zur inneren + Befreiung Deutschlands scheiterte. Warum? Weil Hitler mit Ludendorff + zu früh und auf eigene Faust losschlug.“ + +Ludendorffs Rede hatte der Bayrischen Volkspartei bewiesen, daß ihre +Hoffnung, mit Hitler und Ludendorff zu einem Kompromiß zu gelangen, +getrogen hatte. Das Scheingefecht wurde abgebrochen. In den folgenden +Tagen gingen die Angeklagten sehr aggressiv vor, die Verteidigung hatte +die Führung des Prozesses vollkommen an sich gerissen. Etwa so: + + _Justizrat Kohl_: Wir müssen dagegen protestieren, daß der Herr + Staatsanwalt gestern bei einer Aussage ironisch gelächelt hat. + + _Staatsanwalt_: Ich stelle fest, daß es mir ganz fern gelegen hat, + zu lächeln, und ironisch schon gar nicht. + +_Hauptmann Röhm_, Typus des preußischen Leutnants, nasale schnoddrige +Stimme, trägt den Zivilanzug wie eine Uniform: + + „Im Oktober 1918 war ich noch überzeugt, daß wir den Krieg gewinnen + werden. Ich habe diese Überzeugung als Generalstabsoffizier an der + Front gewonnen. Ich habe das erste Mal die Vorläufer der Revolution + im Lazarett in Brüssel kennengelernt. Ich sah diese Vorläufer in dem + unmilitärischen Verhalten der Krankenwärter.“ + +Dann schildert er seine Tätigkeit nach der Revolution: + + „Zwischen meiner vaterländischen Einstellung und meiner Tätigkeit + als Reichswehroffizier mußten Konflikte entstehen – – –“ + +Hauptmann Röhm kam daher um seinen Abschied ein, doch General Lossow +erklärte ihm, dazu bestehe keine Veranlassung. Und als der +Reichswehrminister Röhm den Abschied doch telegraphisch bewilligte, hat +General von Lossow das nicht anerkannt und der Abschied wurde wieder +zurückgenommen. Hauptmann Röhm trat einen dreimonatigen bezahlten Urlaub +an. Erst am 30. Dezember – im Gefängnis – hat er die Nachricht bekommen, +daß er seinen Abschied erhalten. + +_Oberleutnant d. R. Brückner_, ein junger Mann mit ausdruckslosem +blassen Gesicht, schildert ebenfalls seine „politische Einstellung“: + + „Was die Einstellung der Pioniere anlangt, so rissen auch sie den + Pleitegeier sofort von der Mütze und zertraten ihn. Sie mußten aber + auf Befehl von Lossow das Schwarz-Weiß-Rot wieder herunternehmen und + den Pleitegeier wieder hinauftun.“ + + _Vorsitzender_: Sie sagen immer „Pleitegeier“? Es muß doch einen + anderen Ausdruck geben? + + _Brückner_: Ich kenne keinen. + + _Vorsitzender_ (lächelt): Nun, die technische Bezeichnung lautet + wohl anders. + +_Leutnant Wagner_ ist Nationalsozialist geworden, weil er mit einem +Neffen des Reichspräsidenten Ebert böse Erfahrungen gemacht hatte. Der +soll sein Regiment „verhetzt“ haben. Aber dann stellte es sich heraus, +daß der Reichspräsident gar keinen Neffen hat und dieser also das +Regiment auch nicht verhetzen konnte. Allerdings wird vorläufig dieser +Widerspruch nicht offenbar, da eine entsprechende Erklärung des +Reichspräsidenten durch den Vorsitzenden erst zehn Tage später zur +Verlesung gelangt. Der Angeklagte erklärt, sie nicht anerkennen zu +können. + +_Oberleutnant Pernet_ weiß von gar nichts. + + _Vorsitzender_: Haben Sie gewußt, daß am 8. etwas vorgehen soll? + + _Pernet_: Ich habe von der Versammlung im Bürgerbräukeller in der + Zeitung gelesen. + + _Vorsitzender_: Sie hatten keine Kenntnis von dem, was geplant war? + + _Pernet_: Nein, _ich war überrascht_. + + _Vorsitzender_: Was hat Ihr Stiefvater gesprochen während der Fahrt + zur Versammlung? + + _Pernet_: Er hat nur gesagt, er habe etwas anderes gedacht. Im Auto + hat er mich gefragt, ob ich davon etwas gewußt hätte. _Ich sagte + nein._ + + _Vorsitzender_: Was haben Sie sich bei diesen Vorgängen gedacht? + + _Pernet_: Ich habe mir gedacht, es ist legal. + + _Vorsitzender_: _Ich nehme an_, daß Sie zuerst _gar nichts gewußt + haben_, und daß ihnen erst später zum Bewußtsein gekommen ist, daß + es doch nicht ganz so einfach ist. Stimmt das so? + + _Pernet_: _Jawohl._ + +_Oberamtmann Frick_ weiß genau so viel wie sein Kamerad Pernet. Er hat +„gar keine Kenntnisse gehabt“. Auch er war „überrascht“: + + _Vorsitzender_: Es ist auffallend, daß Sie zu Ihrer Frau sagten, Sie + gehen in den Bürgerbräukeller, aber nicht hingegangen sind, sondern + in Ihrem Amtszimmer Zeitung gelesen haben. Es deutet fast auf + Vereinbarung, daß Sie nicht in der Wohnung, sondern um neun Uhr im + Büro angerufen worden sind. + + _Frick_: Ich bin nach dem Abendessen öfter in mein nebenan liegendes + Büro gegangen, um zu arbeiten. + + _Vorsitzender_: Es wird Ihnen zur Last gelegt, daß Sie es + unterlassen haben, die Landespolizei oder die gesamte + Schutzmannschaft zu alarmieren. + + _Frick_: Ich war, als ich festgenommen wurde, durchaus im unklaren + darüber, welche Tatsachen der Beschuldigung des Hochverrats bei mir + zugrunde liegen. + + + DIE ZEUGEN + +Man trat in das Zeugenverhör ein. Kahr, Lossow und dem Polizeioberst +Seißer fielen in diesem Akt der Verhandlung die Hauptrollen zu. Hatten +doch die Aussagen der Angeklagten in der Erklärung gegipfelt, diese +Kronzeugen wären genau so schuldig wie sie selbst, und nichts sei +irriger als die Annahme, der Generalstaatskommissar und der Kommandant +der bayrischen Reichswehr hätten es von vornherein darauf angelegt +gehabt, Ludendorff und Hitler in eine Falle zu locken. Ein Satz +Ludendorffs warf einen schwachen Lichtstrahl in das Dunkel der +Putschnacht: + + „Bis zur Inpflichtnahme der Reichswehr durch General Lossow war ich + über die Vorgänge in der bayrischen Reichswehr nicht informiert; + nachher hat mich Lossow fortlaufend unterrichtet.“ + +Die Verteidigung suchte unter Beibringung unzähliger +Zeitungsausschnitte, Protokolle, Auszügen aus Reden Kahrs und seiner +engeren Freunde den Nachweis zu führen, daß die Kronzeugen eine lange +Zeit ernste Putschabsichten gehegt hatten. Als aber die Entwicklung im +Norden nicht den erwarteten Gang nahm, als Seeckt immer wieder zögerte, +auf das ihm von Lossow hingehaltene „Sprungbrett“ zu treten, da mußten +sie fürchten, in eine Sackgasse zu geraten und suchten nun bei Hitler +Anlehnung. Vor die vollendete Tatsache gestellt, waren sie zwar von der +Aktion Hitlers nicht begeistert, aber im ersten Augenblick entschlossen, +alles auf die eine Karte zu setzen und sich dem Unternehmen Hitlers +anzuschließen. Lossow sah als erster, daß der Putsch mißlingen müsse und +meinte, dem sicheren Fiasko die immerhin noch mögliche Chance eines +halbwegs gedeckten Rückzugs vorziehen zu müssen. + +Um Mitternacht des 8. November hatte Kultusminister Matt, der +Vertrauensmann des Kardinals Faulhaber, ein Telephongespräch mit Kahr, +der Draht spielte zwischen München und Berchtesgaden (der Residenz des +Kronprinzen Ruprecht), zwischen München und Schloß Hohenburg, wo die +Schwester des Wittelsbachers, die Großherzogin Adelheid von Luxemburg +residierte. Und als eine weitere Stunde um war, hatte die Situation eine +grundlegende Änderung erfahren. Kahr wurde von einer mysteriösen +„autoritativsten Seite zurückgepfiffen“. Für den Makel des Verräters +sollte ihn das Bewußtsein entschädigen, ein „treuer Diener seines Herrn“ +zu sein, der ihm den Schutz der Kirche gewährleistete, während ihm auf +der anderen Seite nur der Schutz eines Generals, der überdies als +„Ketzer“ verschrien war, eine recht fragwürdige Aussicht bot. + +Der Name Ruprecht durfte in dieser Verhandlung nicht genannt werden. Nur +Ludendorff ließ sich zu einem versteckten Vorstoß gegen die +Wittelsbacher fortreißen, aber auch er scheute sich wohl, den Angriff zu +weit vorzutragen. Dann kam prompt ein Dementi: Ruprecht hätte überhaupt +keine Beziehungen zum Putsch gehabt und auf Kahr keinerlei Einfluß +geübt. So standen Behauptungen gegen Behauptungen, und mehr oder minder +nicht beweisbaren Vermutungen war weiter Spielraum gegeben. Immerhin +glaube ich, in diesem Zusammenhange einen Briefwechsel wiedergeben zu +müssen, der geeignet ist, über diese bis heute nicht geklärte Frage +einiges Licht zu verbreiten. Nachdem ich in der Wiener „Arbeiterzeitung“ +und dem „Prager Tagblatt“ einige Berichte über den Münchener +Hochverratsprozeß veröffentlicht hatte, lief bei der „Arbeiterzeitung“ +ein Schreiben ein, das sie wie folgt wiedergab: + + Wir erhalten folgende Zuschriften, zu deren Mitteilung wir nach dem + Preßgesetz zwar nicht verpflichtet wären, die aber lehrreich genug + sind, daß wir sie veröffentlichen wollen: + + In der Nummer 63 vom Dienstag, den 4. März, Seite 2, findet sich mit + Datum vom 29. Februar d. J. ein Artikel mit der Überschrift: „_Die + Tafelrunde des Königs Ruprecht_.“ Neben verschiedenen tatsächlichen + Unrichtigkeiten in dem fraglichen Artikel ist unter anderem auch + davon die Rede, daß König Ruprecht, der just am 8. November in + München geweilt hatte, um 11 Uhr nachts in seine Residenz nach + Berchtesgaden zurückgefahren ist. Weiter heißt es auch: „Der Draht + spielte zwischen München und Berchtesgaden, zwischen München und + Schloß Hohenburg, wo die Schwester König Ruprechts, die Großherzogin + Adelheid von Luxemburg, residierte ... Kahr und Lossow wurden + zurückgepfiffen. Man nimmt gern den Makel des Verräters auf sich, + wenn man dafür das Bewußtsein eintauscht, ein treuer Diener seines + Herrn zu sein usw.“ + + Im Auftrag S. Durchlaucht des Eugen Prinz Oettingen von Wallenstein + in seiner Eigenschaft als generalbevollmächtigter Vertreter _S. K. + H. des Kronprinzen Ruprecht von Bayern_ beehre ich mich, Ihnen + mitzuteilen, daß die Darstellung vollständig unrichtig ist, und + ersuche ich im Hinblick auf das Preßgesetz namens meines + Vollmachtgebers um die Aufnahme beiliegender Berichtigung unter + Berücksichtigung der einschlägigen gesetzlichen Bestimmungen. + + Ich erwähne dabei, daß diese Berichtigung mehrfach durch _bayrische + und auch reichsdeutsche Blätter_ gegeben ist und scheint Ihnen + dieses entgangen zu sein. + + Von der Nummer, in der sich die Berichtigung findet, wollen Sie mir + ein Exemplar zusenden. + + Hochachtungsvollst + _Dr. Karl Eisenberger_, + Geheimer Justizrat. + + + Berichtigung. + + Gegenüber den Ausführungen in der Nummer 63 vom Dienstag, den 4. + März, in bezug auf das Eingreifen S. K. H. des Kronprinzen Ruprecht + von Bayern in die politischen Ereignisse, welche sich am 8./9. + November 1923 in München abgespielt haben, läßt S. K. H. _folgendes + erklären_: + + _S. K. Hoheit_ befand sich schon einige Tage vor dem 8. November + 1923 auf seinem Schlosse in Berchtesgaden. Von den Vorkommnissen, + welche sich in der Nacht vom 8. auf den 9. November 1923 in München + abgespielt haben, erhielt _S. K. Hoheit_ erst am 9. November 1923 im + Laufe des Vormittags durch _einen Kurier_ Kenntnis. Irgendwelche + Einwirkung _seitens S. K. Hoheit_ konnte daher gar nicht stattfinden + und hat tatsächlich auch nicht stattgefunden. + + + Vollmacht. + + Der Endesunterzeichnete ermächtigt hiermit Herrn Rechtsanwalt Geh. + Justizrat Dr. Eisenberger in München, ihn in der Angelegenheit + betreffend Arbeiter-Zeitung in Wien vor allen Gerichten, Behörden + und Instanzen zu vertreten, insbesondere auch einen etwaigen + Verwaltungsrechtsstreit zu erheben, Anträge, Vorstellungen und + Beschwerden und sonstige Rechtsmittel einzulegen und zurückzunehmen, + Zustellungen, Ladungen, Beschlüsse, Verfügungen entgegenzunehmen, + Geldzahlungen zu empfangen und hierüber zu quittieren und alle diese + Befugnisse einem sonstigen Rechtsverständigen zu übertragen. + + München, den 15. März 1924. + + Eugen Prinz Oettingen-Wallenstein + auf Grund notarieller Generalvollmacht + S. K. H. des Kronprinzen von Bayern. + + * * * * * + + Ob die Leser der Behauptung, daß der Exkronprinz von dem Putsch erst + am anderen Tage erfahren konnte, weil er in Berchtesgaden gewesen + sei, Glauben schenken wollen, überlassen wir ihnen; vielleicht + erwägen sie, daß es ja auch ein Telephon gibt. Aber als Dokumente + aus dem „Freistaat Bayern“ haben alle diese Schriften um Seine + Königliche Hoheit herum jedenfalls einen politischen Wert ... + +Darauf veröffentlichte ich in der „Arbeiterzeitung“ die folgende +Entgegnung: + + Seine Königliche Hoheit der Kronprinz von Bayern hat durch seinen + „generalbevollmächtigten Vertreter“ der „Arbeiterzeitung“ eine + Berichtigung zu meinem, hier am 4. März erschienenen Artikel „Die + Tafelrunde des Königs Ruprecht“ gesendet. Nun lockt mich gewiß nicht + der Ehrgeiz, mich mit S. K. H. in eine Polemik einzulassen, die + schon deshalb unfruchtbar wäre, weil ich, es sei dies freimütig + bekannt, nicht in der Lage bin, durch einwandfreie Dokumente, wie + stenographische Protokolle oder eidliche Zeugenaussagen, den + Nachweis zu führen, welchen Wortlaut das Gespräch hatte, das S. K. + H. mit Herrn von Kahr führte, und um wieviel Uhr es stattfand. + Bekanntlich hat General Ludendorff erst später im Verlauf der + Verhandlung selbst erklärt, Herr von Kahr sei nur auf „Allerhöchste + Weisung“ vom Unternehmen zurückgetreten. Und solche Enthüllungen, + die sich gegen ehemalige Kampfgenossen richten, pflegen meistenteils + richtig zu sein. + + Allerdings, auch diese Behauptung Ludendorffs ist dementiert worden. + Mit den Dementis aus dem „Freistaat Bayern“ hat es aber seine eigene + Bewandtnis und nur jemand, der mit den bayrischen „Belangen“ + vertraut ist, kann sie entsprechend werten. Ich selbst habe mit + bayrischen Berichtigungen eigene Erfahrungen gehabt. + + Im Oktober v. J. stattete ich dem Oberkommando des Herrn Hitler + einen Besuch ab und veröffentlichte in der Folge eine Unterredung, + die ich mit dem Chefredakteur des „Völkischen Beobachters“, einer + Art Pressechef des „Großen Trommlers“ gehabt hatte. Darauf folgte + prompt ein Dementi. Etwa in dieser Art: erstens wäre ich gar nicht + dort gewesen; zweitens hätte mir der Herr Redakteur etwas ganz + anderes gesagt; drittens sei es unverschämt, daß ich ihm nicht + vorher angekündigt hätte, daß ich den Wortlaut der Unterredung + veröffentlichen wolle. So dementieren die Helden. Die sich aber zu + den Rettern des Staats zählen, die Herren um Kahr, sind klüger. Auch + ihre Berichtigungen beweisen das. + + Kronprinz Ruprecht erklärt also, er sei in der kritischen Zeit nicht + in München gewesen und hätte von den Vorkommnissen, die sich in der + Nacht vom 8. auf den 9. November in München abgespielt haben, erst + am 9. November im Laufe des Vormittags durch einen Kurier Kenntnis + erhalten. + + Die „Arbeiterzeitung“ hat schon auf die merkwürdige Tatsache + hingewiesen, daß in Bayern die Einrichtung des Telephons scheinbar + unbekannt ist. Aber man überlege: Herr von Kahr hält im + Bürgerbräukeller eine Rede, in der er sich als „Statthalter Seiner + Majestät“ vorstellt – die Majestät selbst wird erst am kommenden + Tage, nachdem die ganze Chose schon vorbei ist, verständigt. Gewiß, + so wird man aus Berchtesgaden erwidern, S. K. H. sind eben nur + Privatperson und nehmen an diesen politischen Vorgängen weder aktiv + Anteil noch irgendwelche Einwirkung auf diese. Wie es damit bestellt + ist, möge folgendes Rundschreiben illustrieren, das der Oberst von + Kannstein an die Offiziersregimentsvereine Bayerns gerichtet hat: + + Seine Majestät unser König haben am 27. Dezember dem 1. + Vorsitzenden der drei Offiziersvereine den Befehl bekanntgegeben, + er erwarte, daß sich die ehemaligen Offiziere, eingedenk ihres + Fahneneids, rückhaltlos hinter den Generalstaatskommissar und den + Landeskommandanten General von Lossow stellen werden. + + Und dann rufe man sich ins Gedächtnis, daß in der Verhandlung vor + dem Volksgericht zuerst Herr Pöhner und dann Herr Hitler davon + gesprochen haben, daß von „autoritativster Seite“ auf sie eingewirkt + wurde. Pöhner sagte wörtlich: + + Ich habe mich dagegen ablehnend verhalten, nach meinen schlimmen + Erfahrungen mit Herrn von Kahr wieder mit ihm zusammen zu + arbeiten ... Ich bin aber trotzdem noch einmal mit ihm + zusammengekommen, als, und zwar _von autoritativster Seite_, der + Wunsch geäußert wurde, ich möchte unter Zurückstellung + persönlicher Unstimmigkeiten wieder mit Herrn von Kahr in Fühlung + treten. + + Das Gericht fand es nicht notwendig, Pöhner zu fragen, wer diese + mysteriöse autoritativste Seite gewesen ist. Herr Stresemann? Oder + gar der bayrische Ministerpräsident Knilling? Man forschte nicht + weiter und so kamen auch keine Dementis. + + Übrigens: Ist S. K. H. so unangenehm, in den Verdacht zu kommen, daß + er Herrn von Kahr vom Putsch abgehalten hat? Warum die Aufregung? + Will S. K. H. damit zum Ausdruck bringen, daß er nicht unter die + „Verräter“ gezählt zu werden wünscht? + +Wiewohl es für die strafrechtliche Verurteilung Hitlers, Ludendorffs und +Genossen ohne Bedeutung war, ob Kahr und Lossow ebenfalls +hochverräterische Pläne gehegt haben, nahm infolge der geschickten +Führung der Verteidigung, die die Verhandlung völlig beherrschte, diese +Frage den größten Raum ein. Mehr als ein Dutzend hoher Persönlichkeiten, +deren Vernehmung sich über zwei Wochen erstreckte, wurden darüber als +Zeugen gehört. Und das war so gekommen: + +Gleich nach der Rede Ludendorffs wurde die bayrische Öffentlichkeit von +einem Herrn Abgeordneten Schaeffer mit der sensationellen Nachricht +überrascht, die Verteidigung habe ihn um Intervention ersucht, damit er +durch den Ministerpräsidenten die _Amnestie_ der Angeklagten erwirke. In +diesem Falle wäre die Verteidigung bereit, sich entsprechende +Zurückhaltung im Interesse des Staats aufzuerlegen. + +Herr Schaeffer hatte mehrere Tage gezögert, bis er diese Mitteilung der +Öffentlichkeit übergab. Als er es tat, war die Sachlage klar. Die +Zuspitzung der Gegensätze innerhalb und außerhalb des Prozeßsaales hatte +die Bayrische Volkspartei überzeugt, daß ein Kompromiß aussichtslos war +und so entschloß sie sich, die Entscheidung nicht zu fliehen. Sie fühlte +sich stark genug, um sich nicht scheuen zu müssen, im Gerichtssaale +„enthüllt“ zu werden. Da blieb der Verteidigung nichts anderes übrig, +als ihrerseits loszulegen. War der erste Akt des Prozesses auf „Moll“ +gestimmt, so wurde jetzt „Dur“ angeschlagen. + +Und die Zeugen marschierten auf. Zwei Wochen fast wurde da von früh bis +abends in stundenlangen Reden die Frage diskutiert, ob Herr Kahr im +Bürgerbräukeller nur Komödie gespielt habe oder nicht. Ein Zeuge gab +folgende dramatische Schilderung: + + „Herr von Kahr war vollkommen unbewegt. Sein Gesicht war wie eine + Maske, sehr ernst, und er sprach die Worte ruhig. Ich hatte den + Eindruck, daß um die Augen herum ein Zug von Melancholie lag. Hitler + war leuchtend vor Freude, ... es war ein kindlicher, offener + Ausdruck von Freude, den ich nie vergessen werde. Exzellenz + Ludendorff war, als er hereinkam, todernst. Sein Aussehen und seine + Worte machten den Eindruck eines Mannes, der weiß, daß es sich um + eine Sache auf Leben und Tod, vielleicht eher auf Tod handelt.“ + +Hitler hat, nach anderen Zeugenaussagen, erklärt: + + „Sie müssen mit mir kämpfen, müssen mit mir siegen oder mit mir + sterben. Wenn die Sache schief geht, vier Schüsse habe ich in der + Pistole, drei für meine Mitarbeiter, wenn sie mich verlassen, die + letzte Kugel für mich.“ + +Darauf Kahr ganz schlicht: + + „Sterben oder nicht sterben ist bedeutungslos.“ + +Ein anderer schildert den „Rütlischwur“ im Bürgerbräukeller. Es +entspinnt sich folgendes Kreuzverhör: + + _Vorsitzender_: Eine große Zahl von Zeugen kann nicht bestätigen, + daß Herr von Kahr seine Hand auf jene Hitlers gelegt habe. + + _Rechtsanwalt Götz_: Wir waren doch alle im Bürgerbräukeller und + sind doch nicht Menschen, denen dieser springende Punkt nicht im + Gedächtnis zurückgeblieben wäre. Ich sehe ihn 100 Jahre noch. + +_Polizeimajor Frhr. von Imhoff_ ist ein hoher Beamter der Landespolizei. +Also erklärt er als Zeuge: + + _Rechtsanwalt Roder_: Wußten Sie, daß gegen Kapitänleutnant Ehrhardt + Haftbefehl erlassen sei? + + _Frhr. v. Imhoff_: Ich habe gesprächsweise von einem Verfahren wegen + Meineids gehört. + +Im übrigen spielt sich das Zeugenverhör etwa so ab: + + _General Ludendorff_: Ich möchte feststellen, daß der Befehl zur + Wegnahme des Wehrkreiskommandogebäudes von Lossow unterschrieben + war. + + _Oberstleutnant von Berchem_ als Zeuge: Ich kann mich + selbstverständlich nach vier Monaten nicht an alle Befehle erinnern. + Das würden Exzellenz auch nicht können! + +Ob dieser Vergeßlichkeit erhebt sich lauter Widerspruch im Zuhörerraum +und + + _Rechtsanwalt Holl_ erklärt: Ich habe an den Zeugen noch einige + Fragen richten wollen, aber mit meinem _deutschen Gefühl_ ist es + nicht vereinbar, an einen Mann noch Fragen zu stellen, der an + Exzellenz Ludendorff eine derartige Bemerkung zu richten sich + erlaubt hat. (Bravorufe im Zuhörerraum.) + + _Oberstleutnant von Berchem_: Ich habe doch nur gesagt, ich glaube, + daß auch Exzellenz Ludendorff nach vier Monaten nicht alle Befehle + mehr weiß. + + _Rechtsanwalt Holl_: Das ist eine so _unerhörte Beleidigung meines + deutschen Gefühls_, daß ich weitere Fragen unterlasse. + +Und später: + + _Justizrat Schramm_: Was diesen Angriff gegen den Hauptmann Röhm + betrifft, so werden wir uns an anderer Stelle wiedersehen. + + _Oberstleutnant von Berchem_ (sich stramm aufrichtend): Dazu bin ich + jederzeit bereit. + +Ein anderer Zeuge, Oberleutnant _Braun_, muß sich dann verantworten, +warum er auf die Hitlerleute geschossen habe. Ein ganzes Heer von Zeugen +marschierte also auf, um den Beweis zu führen, daß auch die +Reichswehrabteilung des Oberleutnants Braun „zuverlässig“ sei und „nicht +auf Schwarz-Weiß-Rot schieße“. + + _Oberleutnant Braun_: Ein Mann erklärte mir, der General von Lossow + sei der feigste Hund, den er kenne. Darauf gab ich ihm eine + Ohrfeige, daß er taumelte. – Ich habe vor dem dreckigsten Neger im + Felde, wenn er tot war, Achtung gehabt. + + _Rechtsanwalt Holl_: Besteht eine Dienstvorschrift, wonach ein + Reichswehroffizier berechtigt ist, einem Zivilisten, der einen + Vorgesetzten beleidigt, eine Ohrfeige zu geben? + + _Oberleutnant Braun_: Diese Vorschrift besteht in meinem Herzen. + +Endlich traten die Kronzeugen selbst auf den Plan. + +Kaum größere Gegensätze, als diese drei Herren, die das Triumvirat für +den „legalen Staatsstreich“ bildeten. Merkwürdige Vertauschung der +Rollen: General _Lossow_, der „unpolitische Militär“, war der einzige, +der in seinem ganzen Auftreten, in seinem Gehaben, aber auch in seinen +Ausführungen den Eindruck eines Politikers machte; oder noch mehr eines +Diplomaten. Sehr selbstbeherrscht, gewinnende Manieren, ein gewandter +Polemiker, der genau weiß, wo er mit seiner Rede hinaus will und dessen +klare und präzise Antworten einen Mann von starkem Willen und Intellekt +verraten. _Kahr_, „der Statthalter des Königs“, nimmt sich neben dem +General recht kläglich aus. Ein Provinzler. Untersetzt, mit massigem +Bauernschädel, schwerfällig, redeungewandt. Ihm fehlt nicht nur das +Feuer des Führers, sondern auch jene Schlagfertigkeit und Sicherheit des +Auftretens, die man bei jedem gewiegteren Politiker voraussetzen muß. +Ein geradezu bejammernswürdiger Anblick, wie der Herr Staatskommissar +gleich einem Häufchen Unglück auf seinem Stuhle vor dem Richtertisch +hockte und hilflos den Hagel von Fragen über sich hinweggehen ließ, die +gleich spitzen Pfeilen drei Tage lang von den Verteidigern auf ihn +abgeschnellt wurden. Aber am Ende des Kreuzverhörs zeigte es sich, daß +dieses scheinbar so hilflose Männchen in Wahrheit über eine erstaunliche +Zähigkeit verfügte. Nicht einen Augenblick ließen ihn seine Nerven im +Stich; je hitziger die Verteidiger, je heftiger Hitler und Ludendorff +auf ihn eindrangen, desto kühler wurde Kahr, desto mehr wuchs seine +Sicherheit. Und dann kam diese große Szene: + + _Hitler_: Ich muß darauf zurückkommen, daß mir bis jetzt vorgeworfen + wird, ich hätte mein _Ehrenwort_ gebrochen. + + _Kahr_: schweigt. + + _Hitler_ (schreiend): Nie und nimmer habe ich mein _Ehrenwort_ + gegeben. + + _Kahr_: Ich habe diesen Eindruck gehabt. + + _Hitler_ (sehr erregt): Ich behaupte, daß mein sogenanntes + gebrochenes _Ehrenwort_ von der anderen Seite glatt erfunden worden + ist. + + _Kahr_: schweigt. + + _Hitler_ (in höchster Erregung): Der einzige Mensch, der sein + Ehrenwort vom 1. Mai gebrochen hat, ist nicht Hitler, sondern der + General von Lossow gewesen. + + _Kahr_: schweigt. + + _Hitler_ (in höchster Erregung aufspringend): Ich verzichte auf jede + _Ehrenerklärung_ von Herrn von Kahr. + + _Rechtsanwalt Holl_: Dr. Weber versichert auf sein _Ehrenwort_, daß + Hitler nicht sein _Ehrenwort_ gegeben hat. Exzellenz, wenn Sie dem + _Ehrenwort_ Dr. Webers glauben, wollen Sie dann nicht zur Beruhigung + weiter Kreise jetzt sagen, daß Sie sich geirrt haben? + + _Kahr_ (sehr bestimmt): Ich habe hier keine _Ehrenerklärungen_ + abzugeben. + +In diesem Augenblick war Kahr auf der Höhe der Situation. Er, und nicht +Hitler war der Unversöhnliche. Dabei waren die Angeklagten rein taktisch +weitaus im Vorteil. Kahr und Lossow kämpften nicht in günstiger +Stellung, aber sie konnten auftrumpfen, weil sie sich nur als +vorgeschobene Posten einer Armee fühlten, deren Schutz und Hilfe ihnen +sicher war. Die bayrische Regierung hatte Kahr vom Dienstgeheimnis nicht +befreit, und so saß dieser in aller Seelenruhe da, „konnte sich nicht +erinnern“, „verweigerte die Aussage“, „durfte keine Antwort geben“ – – – + +Vier Tage standen diese drei Kronzeugen im Kreuzverhör. Das Ergebnis war +eigentlich recht dürftig. Jedenfalls wurde auch durch ihre Aussage +nichts bekannt, was man nicht schon vorher gewußt hätte. Immerhin +ergaben sich folgende Momente: + + _Die Rechtsanwälte_ (zu Kahr): ‚... _Warum_ haben Exzellenz Ehrhardt + nicht verhaften lassen?‘ + + _Hauptmann Heiß_ hat eine Rede in Nürnberg gehalten und den Marsch + nach Berlin gepredigt. Es ist gegen ihn Haftbefehl erlassen worden, + _warum_ haben Exzellenz diesen Befehl nicht vollziehen lassen? + + _Warum_ ist eine ganze Reihe von Reichsgesetzen verschiedenster Art + unter dem Generalstaatskommissariat außer Kraft gesetzt worden? + + Wir haben es in drei Fällen damit zu tun, daß Befehle zu + Verhaftungen von Leuten in Bayern nicht ausgeführt worden sind. Das + mag der Stimmung des bayrischen Volkes entsprochen haben. Die + Verteidigung interessiert, ob diese Befehle ausgeführt wurden oder + nicht. _Wenn nicht, warum nicht?_ + + Wir haben den _Fall Roßbach_, dem mitgeteilt wurde, daß der + Haftbefehl nicht vollzogen wird. Wir haben den _Fall Ehrhardt_, der + von Österreich im Auto kam und von Seißer den bekannten Ausweis + erhielt. Ist das alles wahr und richtig? _Wenn ja, warum_ sind diese + Befehle in Bayern nicht vollzogen worden? + + _Auf Grund welcher gesetzlichen Bestimmung_ hielt sich Kahr befugt, + die Absetzung Lossows zu verhindern, die bayrische Reichswehr auf + Bayern zu verpflichten? Dabei handelte Bayern, so hieß es damals, + als Treuhänder des Reiches. _Wer hat Kahr zum Treuhänder gemacht?_ + + Hatte Kahr nicht nur die vollziehende Gewalt, sondern + schlechterdings auch die gesetzgebende Gewalt? _Wenn nein, wie + rechtfertigt_ Kahr seine verschiedenen Gesetzsgebungsakte? + + _Wer hat angeordnet_, daß das _Reichsbankgold_ der Staatsbank in + Nürnberg in dem Augenblicke, als es nach Berlin abgeführt werden + sollte, beschlagnahmt wurde, daß die Steuererträgnisse des + bayrischen Staates bis auf weiteres nicht an die Reichskasse in + Berlin abgeführt werden? + + _Ist es richtig_, daß er, wie von seinen Mitarbeitern im + Generalstaatskommissariat mehrfach zum Ausdruck gebracht worden ist, + entschlossen war, den Zusammentritt des Landtages zu verhindern und + nötigenfalls das Ministerium abzusetzen? + + Geht daraus, daß sich Kahr im Falle Lossow auf Verhandlungen mit + Berlin nicht einließ, hervor, daß er auch beanspruchte, die + Vertretung der Staatspersönlichkeit Bayerns nicht nur nach innen, + sondern auch nach außen zu führen? _Mit welchem Rechte_ hat Kahr das + getan und wie rechtfertigt sich das mit der Aufrechterhaltung von + Ruhe und Ordnung? + + _Warum ist nichts getan worden_, um die in der Kahr befreundeten + Presse gemachten Ausführungen, daß Kahr nur seinem Gewissen + verantwortlich sei, zu widerlegen? + + _Ist es richtig_, daß Kahr die _Schutzhaft_ verhängen ließ und + verfügte, daß diese Haft nach Art der Arbeitssträflinge zu + vollziehen ist? + + Es sind auch Offiziere von der Reichswehr entlassen und versetzt + worden, also bis in die _Reichswehr_ hinein hat sich die + Machtvollkommenheit erstreckt. _Aus welchen Gründen_ erklären sich + diese Tatsachen? + + _Ist es richtig_, daß Kahr Ende Oktober aufgefordert wurde, die + Reichsbefehlsgewalt auf den normalen Zustand wiederherzustellen. + _Aus welchen Gründen_ hat Kahr dieses Verlangen der Reichsregierung + abgelehnt?“ ... + + _Kahr_ (antwortet mit keiner Silbe, dann): ... Ich kann von + Ministerbesprechungen hier nichts aussagen. (Heiterkeit im + Zuhörerraum.) + + _Vorsitzender_ verkündet, daß beschlossen wurde, die Zulässigkeit + dieser sämtlichen Fragen abzulehnen ... + +Wesentlich sind folgende Feststellungen: + + _Polizeioberst Seißer_: Es war damit zu rechnen, daß vom Reich aus + Bayern mit einer Sanierungsaktion betraut würde. Tatsächlich ist am + 10. Oktober vom Reichswehrministerium der Befehl ergangen, bayrische + Reichswehr zur Verwendung in Sachsen bereitzustellen. + + _Rechtsanwalt Hemeter_: Ist Ihnen davon bekannt, daß für den Fall + eines Einmarsches in Sachsen nach Aufruf des Reichswehrministeriums + _Ehrhardt_ mit seinen Formationen dort mit als bayrische Notpolizei + einrücken sollte? + + _Kahr_: Die Verständigung sollte an alle _vaterländischen Verbände_ + gehen, wenn das Reich rufen würde. + + _Rechtsanwalt Hemeter_: Glaubte der Zeuge, daß die maßgebenden + Stellen in Berlin die Verwendung Ehrhardts unter dem Mantel der + Notpolizei zugelassen hätten, nachdem doch in Sachsen _Haftbefehl_ + gegen ihn erlassen war? + + _Kahr_: Ehrhardt brauchte ja nicht selbst hinzugehen. + + _Justizrat Schramm_: Ist Exzellenz bekannt, daß am 9. November + nachmittags eine Depesche nach Berlin ging, in der für die + angebotene Reichswehrhilfe zur Niederschlagung des Hitlerputsches + gedankt und die Erwartung ausgesprochen wurde, daß durch die + Niederschlagung des Putsches der Fall Lossow-Seeckt erledigt sein + werde. + + _Kahr_: Von General von Seeckt wurde militärische Hilfe angeboten, + ich habe aber gedankt. Den Wortlaut habe ich nicht im Gedächtnis. + +Und nun wollen wir hören, was es mit dem „legalen Staatsstreich“ der +Herren Lossow und Kahr auf sich hat. Darüber sagten sie folgendes: + + _Lossow_: Die Herbeiführung dieses Direktoriums war nicht gedacht + als Putsch, sondern auf Grund der Möglichkeit, die Artikel 48 der + Verfassung gibt. An der Spitze sollte ein Mann sein, der einen + Namen, nicht nur in Deutschland, sondern auch im Ausland hatte. Eine + erste Autorität sollte die Finanzen und Währung sanieren, eine + andere Autorität die Staatsbetriebe, Eisenbahn, Post usw. in Ordnung + und zu Erträgnissen bringen, eine weitere den gesamten Staatsapparat + von den Revolutionsgewinnlern säubern, eine weitere Autorität für + die Ernährung sorgen. Es waren auch sanierende Wirtschaftsmaßnahmen + vorgesehen durch Beseitigung des Achtstundentages und durch + Beseitigung des herrschenden Einflusses der Trusts und + Gewerkschaften. Ein kleiner Teil dieses Programms ist ja in den + letzten Monaten unter dem Reichsausnahmezustand und unter einer Art + von Diktatur durchgeführt worden. – Ich habe erfahren, daß auf + diesen Reichsausnahmezustand schon längere Zeit Vorbereitungen + getroffen wurden. – – Ich war ja kein berufsloser Komitatschi, der + glaubt, durch einen Putsch zu Ehren und Würden zu kommen. – – – Ich + sprach mit General Ludendorff, der damals den ganzen Plan dieses + Direktoriums als die Patentlösung bezeichnete. + +Und _Kahr_ erzählt: + + „Ich sprach davon, daß wir im Reich eine starke national gerichtete + Regierung brauchen und dies könne entweder auf dem normalen Wege der + parteipolitischen Entwicklung erreicht werden – ich hätte ja dazu + kein besonderes Vertrauen – der zweite Weg sei der anormale, ein + Druck durch die Machtfaktoren im Reich, besonders durch + Landwirtschaft und Industrie.“ + + _Rechtsanwalt Holl_: Was besteht für ein Unterschied zwischen dem + Vormarsch auf Berlin und einem Druck auf Berlin? + + _Kahr_: Der Vormarsch nach Berlin ist eine Unternehmung, der Druck + ist eine rein politische Aktion. + + _Justizrat Kohl_: Mit welchen Männern ist in Norddeutschland + verhandelt worden? + + _Kahr_: Mit Minoux, Großadmiral Tirpitz, Admiral Scheer und Herrn + von Knebel. + + _Justizrat Kohl_: Worin sollte der Druck der Industrie, des Handels + und der Landwirtschaft bestehen? Was ist darüber gesprochen worden, + wie man diesen Druck ausüben will? + + _Vorsitzender_: Die Frage, wie weit die Vorbereitungen getroffen und + gediehen waren, ist unnötig. + + _Justizrat Kohl_: Ich bitte, das, was ich auszuführen habe, ruhig + und sachlich mit anzuhören. Die Staatsanwaltschaft und das Gericht + erkennen offenbar die Zusammenhänge nicht, die zwischen der Aktion + in München und zwischen der in Norddeutschland vorbereiteten großen + Aktion bestanden haben. So oft hier die Rede auf den Justizrat Claß + kommt, hüllen alle Zeugen sich in Schweigen. Die Bewegung vom 8. + November ist aber nur erklärlich, wenn man weiß, daß Herr Kahr von + Justizrat Claß seine festumrissenen Aufträge hatte. Die Herren + Seeckt und Claß müssen hier vernommen werden über das, was in + Norddeutschland geplant war und wozu die Vorgänge in München am 8. + und 9. November eben nur den Auftakt bilden sollten. + + _Hitler_: Exzellenz Lossow mögen mir bekanntgeben, wer der Urheber + des Gedankens vom Direktorium ist und mit wem der General Lossow + verhandelt hat. + + _Vorsitzender_: Herr Staatsanwalt, haben Sie hierzu einen Antrag zu + stellen? + + _Staatsanwalt_: Nein, ich kann in diese dunklen Zusammenhänge nicht + hineinsehen. + +Hierauf zieht sich das Gericht zurück, um über die Frage zu entscheiden, +ob der von Hitler und Justizrat Kohl angeschnittene neue Komplex +öffentlich oder überhaupt erörtert werden kann. + +Nach längerer Pause verkündet der Vorsitzende folgenden +Gerichtsbeschluß: + + „Die von dem Angeklagten Hitler an den Zeugen gestellte Frage wird + nicht zugelassen. Die Angeklagten haben selbst behauptet, daß der + erste Grund zu ihrer Bewegung erst am 6. November, abends, ohne jede + Vorbereitung entstanden ist. Die Frage nach Urheberschaft des + Direktoriumsgedankens und nach dem Zusammenhang zwischen der + dahingehenden Bewegung in Nord- und Süddeutschland kann als mit der + Tat der Angeklagten nicht in einem inneren Zusammenhang stehend + nicht zugelassen werden.“ + +Und als die Verteidigung sich mit diesem Beschluß nicht zufriedengeben +wollte, als ihre Angriffe an Heftigkeit zunahmen und so die Gefahr +bestand, daß tatsächlich eine der letzten Hüllen fallen könnte, da brach +der Vorsitzende das grausame Spiel mit dieser Erklärung ab: + + „Nach Auffassung des Gerichts ist die Frage der Ernstlichkeit oder + Nicht-Ernstlichkeit der Zustimmung der Herren Kahr, Lossow und + Seißer zum Putsch nicht von Bedeutung für die Schuldfrage im + gegenwärtigen Prozeß, sondern lediglich die Frage, ob die Herren + Angeklagten an die Ernstlichkeit geglaubt haben. Und das muß ihnen + wohl konzediert werden.“ + +Die Verteidigung hatte eine wichtige Schlacht gewonnen. + +Und wieder Geplänkel: + + _Rechtsanwalt Holl_: Warum haben Exzellenz als Inhaber der + vollziehenden Gewalt die Schrift von Rothenbücher verboten, aber + nicht das weiß-blaue Schriftchen „veni, vidi, vici“? + + _Kahr_: Ich bin der Anschauung, daß zwischen beiden ein wesentlicher + Unterschied ist. Ich habe die erste Schrift nicht ganz gelesen, und + die andere habe ich auch nicht gelesen. + +_Lossow_ aber erklärt mit Emphase: + + „Ich habe schon gesagt, daß der General Lossow wider Wunsch und + Willen in die Politik hineingekommen ist, und daß der General Lossow + mit Sehnsucht den Tag erwartet hat, daß er wieder verschwinden kann. + – – – Wer die Autorität des Staates zu Tode marschieren will, der + wird manu militari zur Vernunft bekehrt – und wenn Blut fließt.“ + +Nach Beendigung des Zeugenverhörs trat das Gericht noch einmal in die +Prüfung der Frage ein, welche Rolle General Ludendorff beim Putsch +gespielt habe. Das Verhör hatte folgenden Abschluß: + + _Vorsitzender_: Sie haben die Errichtung eines nationalen + Reichsdirektoriums als Patentlösung aufgefaßt. Haben Sie noch am 8. + November abends an diese Lösung gedacht? + + _Ludendorff_: Einzig und allein. + + _Vorsitzender_: Sie wußten doch aber von der Verhaftung der + bayrischen Minister? + + _Ludendorff_: Nein, das wußte ich nicht. + + _Vorsitzender_: Haben Sie auch an den Marsch nach Berlin nicht + geglaubt, als am 8. November abends Hitler im Bürgerbräu von dem + Marsch nach dem Sündenbabel Berlin sprach? + + _Ludendorff_: Nein. + + _Vorsitzender_: Sie haben von der Absetzung des Reichspräsidenten + nichts gewußt? + + _Ludendorff_: Nein. + + _Vorsitzender_: In dieser Darstellung, Exzellenz, besteht ein + gewisser Widerspruch zu Ihren früheren Angaben. Wie kommt das? + + _Ludendorff_: Meine erste Aussage wird meiner damaligen Auffassung + entsprochen haben. Heute ist meine Auffassung so. + + _Rechtsanwalt Luitgenbrune_: Haben sich denn Eure Exzellenz + irgendwie bedacht, wie die Diktatur einzurichten ist? + + _Ludendorff_: Darüber habe ich nicht nachgedacht. + + _Vorsitzender_: Es war also für Sie die neue Regierung keine + endgültige Bildung, sondern nur eine Vorbereitungsmaßnahme? + + _Ludendorff_: Selbstverständlich. + +General Ludendorff wußte also von gar nichts. Und was er wissen durfte, +hatte ihm der Vorsitzende gefällig in den Mund gelegt. + + + DIE PLAIDOYERS + +Das Münchener Volksgericht, vor dem die Verhandlung gegen Hitler, +Ludendorff und Genossen stattfand, mußte noch vor dem 1. April das +Urteil fällen, da nach einem langwierigen Kampf zwischen Reich und +Bayern für diesen Zeitpunkt die Aufhebung der Volksgerichte beschlossen +war. Hätte die Verhandlung nicht Ende März abgeschlossen werden können, +so hätte man den ganzen Prozeß an den Leipziger Staatsgerichtshof +abtreten müssen, der ihn gewiß anders geführt hätte und zu wesentlich +anderen Ergebnissen gelangt wäre als das Münchener Volksgericht, das +nach einer besonderen Prozeßordnung arbeitete, die das Verfahren +sehr vereinfachte und dem Vorsitzenden des Gerichts und der +Staatsanwaltschaft besonders weitgehende Kompetenzen einräumte. Es ist +also verständlich, daß sich das Gericht beeilte, noch vor Ende März zum +Schluß zu kommen. Die Beweisaufnahme konnte denn auch am 18. März +geschlossen werden. + +Der Staatsanwalt erhob sich zu seiner Anklagerede, die allgemeine +Überraschung hervorrief. Hatte er doch im Verlauf der Verhandlung einmal +in größter Erregung den Sitzungssaal fluchtartig verlassen, um gegen die +fortgesetzten heftigen persönlichen Angriffe der Verteidiger und den +nicht genügenden Schutz des Vorsitzenden zu demonstrieren. In seiner +Anklagerede aber trat er ganz auf die Seite des Vorsitzenden, zeigte +sich von ehrlichem Verständnis und Mitgefühl für die Taten der +Angeklagten und ihre politische Einstellung. + +Er „bedauerte vom vaterländischen Standpunkt zutiefst die Spaltung +zwischen den rechtsstehenden Organisationen“, sah einen „zweiten +schädlichen Standpunkt in dem brennenden Eifer der Jugend“, und setzte +dann fort: + + „Aus einfachen Verhältnissen ist Hitler der Begründer einer großen + Partei geworden. Sein Bestreben, in einem unterdrückten Lande das + Nationalgefühl zu erwecken, bleibt sein _Verdienst_. So ist er _kein + Demagoge_ im schlechten Sinne des Wortes. Hitler ist _hochbegabt_ + und gibt sich seiner Idee bis zur _Selbstaufopferung_ hin. Als + Menschen können wir Hitler unsere _Hochachtung_ nicht versagen.“ + +Und nun zu _Ludendorff_: + + „General Ludendorff hat sich auch da, wo er gegen das Gesetz + verstieß, als _ganzer deutscher Mann_ erwiesen. Sein _Feldherrnruhm_ + bleibt unberührt. _Ein großer Mann!_ Er hat sich zwar der Beihilfe + schuldig gemacht, demgegenüber steht die Reinheit seines Wollens und + die Dankesschuld des Vaterlandes gegen den großen Feldherrn.“ + +Und in dieser Tonart ging’s zwei Stunden weiter: + + Bei Pöhner ist es unschön aufgefallen, daß er sich als oberster + Richter des Hochverrats rühmte. Aber er glaubte ehrlich an den Sieg + der völkischen Sache und hat sich im Krieg und im Frieden sehr + bewährt. Der Angeklagte Röhm hat der Staatsverfassung mit offener + Gewalt Widerstand geleistet, obwohl er aktiver Reichswehroffizier + gewesen ist; das ist strafverschärfend, aber zu seinen Gunsten + spricht, daß er an die völkische Sache glaubte. Er hat sich also nur + der Beihilfe schuldig gemacht.“ + +Hierauf stellte Staatsanwalt Stenglein folgenden Strafantrag: + + Ich beantrage, sämtliche Angeklagte schuldig zu sprechen, und zwar + Hitler, Pöhner, Kriebel und Dr. Weber wegen gemeinschaftlichen + Hochverrats aus §§ 81 und 82 St.G.B., General Ludendorff, die + Angeklagten Frick, Röhm, Brückner, Wagner und Pernet der Beihilfe + zum Hochverrat. Im einzelnen beantrage ich gegen Hitler acht Jahre + Festung, gegen Pöhner, Kriebel und Dr. Weber je sechs Jahre Festung, + gegen Ludendorff zwei Jahre Festung (große Bewegung im Saal), gegen + die Angeklagten Frick und Röhm je zwei Jahre Festung, gegen Brückner + und Wagner je ein Jahr sechs Monate, gegen Pernet ein Jahr drei + Monate Festung. Die erlittene Untersuchungshaft ist allen + Angeklagten in voller Höhe anzurechnen. + +Die Angeklagten gaben hierauf folgende Erklärung ab: + + _Oberstleutnant Kriebel_: „Was ich getan habe, halte ich für + richtig. Ich würde es heute nochmals tun. Nur durch die Tat kann + Deutschland geholfen werden. Unsere Tat ist gescheitert an der Lüge + und dem Wortbruch dreier ehrgeiziger Gesellen. + + _Oberlandesgerichtsrat Pöhner_: „Ich habe ein gutes Gewissen und + schäme mich meiner Tat nicht. Ich mache Anspruch darauf, daß unsere + Tat vor Gericht entsprechend bewertet wird. Inwieweit das Gericht + die Bestimmungen des Hochverrats auf uns anwendet, hängt davon ab, + wie es zu den echten und tiefen Problemen des Staates steht. Der + Staatsanwalt hat mein Verhalten in besonderem Maße belastet, weil + ich als hoher Richter meine Treupflicht verletzt hätte. Das weise + ich entschieden zurück. Was war denn das für ein Staat, der im + November 1918 geschaffen wurde? Dieser Volksbetrug ist von Juden, + Deserteuren und bezahlten Landesverrätern verübt worden. Diese + Regierung ist keine von Gott gewollte Obrigkeit im christlichen + Sinne. Exotische Machthaber sind diese rassefremden Gesellen. Der + sogenannte Reichspräsident ist nicht vom Volk gewählt, sondern von + einem Klüngel auf den Thron gesetzt. Er hat Hochverrat getrieben, + wie ein Verfahren bewiesen hat. + + Wer von den Beamten ist denn bereit, für die neue Obrigkeit zu + kämpfen und zu sterben? Ich habe diese Frage einem + Ministerialdirektor in Berlin vorgelegt, ob er bereit sei, für den + Ebertfritzen zu sterben. Das verneinte er, und so ist diese + Obrigkeit für mich erledigt. Ich bekämpfe sie und habe diese + Anschauung meinem Vorgesetzten sogar schriftlich gegeben, als man + mich über den Staatsgerichtshof und das Republikschutzgesetz + befragte. Ich sollte vor dem Staatsgerichtshof erscheinen, vor dem + Revolutionstribunal, dem ich keinen Gehorsam schulde. Ich habe das + abgelehnt. Das Republikschutzgesetz ist nur unter der Falschheit der + Volksvertreter durch den Druck der Straße entstanden. Das + Justizministerium, dem ich meine Auffassung unterbreitete, hat mein + Fehlen vor dem Staatsgerichtshof entschuldigt. Was ich getan habe, + tue ich jederzeit noch einmal.“ + + _General Ludendorff_ gab folgende Erklärung ab: „Mein Handeln in + jenen kritischen Tagen an der Seite meiner Freunde steht geradlinig + vor Ihnen. Kraft meines historischen Rechtes möchte ich einige Worte + an Sie richten: Man sieht in mir „Tannenberg“, man sieht in mir + andere große Schlachten, man erblickt in mir den Vertreter des alten + Heeres, an das sich ewiger Ruhm bindet. Was Sie aber nicht sehen, + ist meine Lebensarbeit, ist mein Ringen und Kämpfen um die Zukunft + des deutschen Volkes. + + Die Weltgeschichte schickt Männer, die für ihr Vaterland gekämpft + haben, nicht auf Festung, sondern sie schickt sie nach Walhall. Ich + erhebe vor aller Welt nochmals meine Stimme und rufe Ihnen in + ernstester Stunde zu: Wenn die völkische Bewegung sich in + Deutschland nicht durchsetzt, sind wir verloren für ewige Zeiten, + dann droht uns Versklavung an Frankreich. Wir werden ausgestrichen + aus der Reihe der Nationen. Hören Sie diesen Schrei der deutschen + Seele nach Freiheit. Geben Sie diese Männer, die vor Ihnen sitzen, + dem Volke wieder. Denn die Aufgabe dieser Männer ist es, das Volk zu + erziehen. Nicht das Wort, nur die Tat kann Weltgeschichte machen. + + _Hitler_: Wie klein denken doch kleine Menschen! Was mir als Ziel + vor Augen stand, ist tausendmal größer als etwa Minister zu werden. + Was ich werden wollte, das war der Zerbrecher des Marxismus, und + wenn ich diese Aufgabe löse – und ich werde sie lösen – dann ist der + Titel eines Ministers eine Lächerlichkeit – – Die Geschichte spricht + uns frei! + + _Rechtsanwalt Holl_: Man ist hier in Bayern gegen den „Preußen + Ludendorff“ vorgegangen, sogar das Wort „Saupreuße“ ist gefallen ... + Armes, deutsches Volk! Wohin bist du gesunken, daß dein größter Sohn + sich so etwas sagen lassen muß. (Rührung und Weinen im Zuhörerraum.) + Die neue Reichsverfassung hat in Bayern nie Geltung gehabt. So wenig + wie ein sozialdemokratischer Parteitag hatte die Nationalversammlung + das Recht, Bayern eine Verfassung aufzuzwingen ... (!) War es nicht + ein Fingerzeig Gottes, daß gerade die Führer der Bewegung bei dem + Blutbad (!) (an der Residenz) unverletzt geblieben sind? + + _Justizrat Kohl_: Wir bitten nach dieser Rede, heute vorläufig eine + Pause eintreten zu lassen, da jeder Mann, auch das Gericht, über + das, was der Kollege Holl sagte, ernsthaft nachdenken muß; denn es + ist die Zukunft Deutschlands. + + _Vorsitzender_: Eine derartige Bemerkung Ihrerseits war vollkommen + überflüssig. + + _Rechtsanwalt Roder_ (im Namen der Verteidigung) bittet um + Vertagung, da die Angeklagten „zu ergriffen“ sind und sich „leidend + fühlen“. + +Darauf wird die Verhandlung tatsächlich vertagt, auf daß die goldenen +Worte Ludendorffs reiflich überlegt werden konnten. + + + DAS URTEIL + +Am 1. April, vormittags 10 Uhr 5 Minuten, verkündete der Vorsitzende des +Volksgerichts München I nachstehendes Urteil: + + Die Angeklagten Hitler, Pöhner, Kriebel, Weber werden wegen + Hochverrats zu je 5 Jahren Festungshaft sowie zu einer Geldstrafe + von je 200 Goldmark verurteilt. Die erlittene Untersuchungshaft wird + angerechnet bei Hitler mit 4 Monaten 2 Wochen, bei Weber mit 4 + Monaten 3 Wochen, bei Pöhner und Kriebel mit je 2 Monaten 2 Wochen. + + Die Angeklagten Röhm, Frick, Brückner, Pernet und Wagner werden + wegen Beihilfe zum Hochverrat zu je 1 Jahr 3 Monaten Festungshaft + und zu einer Geldstrafe von je 100 Goldmark verurteilt. Die + erlittene Untersuchungshaft wird bei Röhm und Frick mit je 4 Monaten + 3 Wochen, bei Brückner mit 4 Monaten 1 Woche, bei Pernet und Wagner + mit je 2 Monaten 3 Wochen angerechnet. + + Sämtliche vorgenannten Angeklagten werden zu den Kosten des + Verfahrens verurteilt. + + Der Angeklagte General Ludendorff wird von der Anklage des + Hochverrats freigesprochen. Die Kosten des Verfahrens werden, soweit + er in Frage kommt, der Staatskasse auferlegt. + + Die Haftbefehle gegen Frick, Röhm und Brückner werden mit sofortiger + Wirkung aufgehoben. Die Angeklagten Brückner, Röhm, Pernet, Wagner + und Frick erhalten für den Strafrest Bewährungsfrist bis zum 1. + April 1928. + + Den Angeklagten Hitler, Pöhner, Weber und Kriebel wird nach + Verbüßung eines Strafteiles von 6 Monaten Festungshaft + Bewährungsfrist für den Strafrest in Aussicht gestellt. + + Die Verurteilung sowohl wie der Freispruch erfolgten mit 4 Stimmen. + +Nach der Verkündung des Urteils erhoben sich die Zuhörer und brachen in +stürmische Huldigungskundgebungen für die Angeklagten aus. Nur mit Mühe +konnte ihnen ein Ausgang aus dem Saal gebahnt werden. Unabsehbare +Menschenmengen füllten die Straßen vor der Infanterieschule. Besonders +General Ludendorff wurde stürmisch gefeiert. Als er auf die Straße trat, +empfingen ihn laute Heilrufe. Dann rief man nach Hitler, der schließlich +an ein Fenster der Infanterieschule trat, um sich den unten Harrenden zu +zeigen. Im blumengeschmückten Auto, das eine große Hakenkreuzfahne trug, +fuhr Ludendorff in seine Villa, während die anderen Angeklagten in die +Festung Landsberg überführt wurden. + + * * * * * + +Es war kein langer und gewiß auch kein unangenehmer Aufenthalt. Der +erste, der die Festung verließ, war Poehner, der auf Grund eines +ärztlichen Attestes als urlaubsbedürftig erklärt wurde und seine durch +die Verhandlung angegriffene Gesundheit auf einem Landgute in der Nähe +Münchens erfolgreich wiederherzustellen bemüht war. Die anderen wurden +_nach sechs Monaten_ Haft in Freiheit gesetzt. Eine Amnestie bannte +vollends jede Gefahr einer Wiederaufnahme des Verfahrens. Und so bleibt +zum Schluß nur noch festzustellen, daß der Paragraph 81 des deutschen +Strafgesetzbuches jeden mit _lebenslänglichem Zuchthaus oder +lebenslänglicher Festungshaft_ bedroht, der es unternimmt „die +Verfassung des Deutschen Reiches oder eines Bundesstaates – – – – +gewaltsam zu ändern.“ Bei mildernden Umständen kann auf _Festung nicht +unter fünf Jahren_ erkannt werden. Der Paragraph 83 des +Strafgesetzbuches fügt dem hinzu: + + Haben mehrere die Ausführung eines hochverräterischen Unternehmens + verabredet, ohne daß es zum Beginn einer – – – – – strafbaren + Handlung gekommen ist, so werden dieselben mit Zuchthaus nicht unter + 5 Jahren oder mit Festungshaft von gleicher Dauer bestraft. Sind + mildernde Umstände vorhanden, so tritt Festungshaft nicht unter zwei + Jahren ein. + +Aus der Gegenüberstellung des Urteils und der gesetzlichen Bestimmungen +die entsprechenden Schlüsse zu ziehen, muß man sich ebenso versagen, wie +die Gegenüberstellung des Urteils im Hitlerprozeß mit den +Schreckensurteilen, die gegen links gefällt worden sind. Kein Pathos und +kein Protest, nicht die flammendsten Appelle hätten die Beweiskraft der +erschütternden Sprache, die eine nüchterne Statistik dieser Urteile +redete. Doch diese Statistik kann hier leider nicht veröffentlicht +werden. Sie würde ein dickes Buch füllen. Und so sei nur noch, um diese +ganze Tragikomödie, die sich republikanische Rechtsprechung nennt, auf +das Niveau der grotesken Farce zu heben, als welche die Zeit, in der wir +zu leben verurteilt sind, immer wieder erscheint, zur Kenntnis genommen, +daß die deutschen Richter auf ihrer Reichstagung ausdrücklich erklärt +haben, in Deutschland gebe es so etwas wie eine Klassenjustiz nicht. Mit +diesem stolzen Richterspruch findet die Justizkomödie des +Hitler-Prozesses erst ihren einzig würdigen Epilog. + + + + + In der Sammlung + AUSSENSEITER DER GESELLSCHAFT + – DIE VERBRECHEN DER GEGENWART – + sind bis jetzt folgende Bände erschienen: + + + Band 1: + + ALFRED DÖBLIN + DIE BEIDEN FREUNDINNEN UND IHR GIFTMORD + + Band 2: + + EGON ERWIN KISCH + DER FALL DES GENERALSTABSCHEFS REDL + + Band 3: + + EDUARD TRAUTNER + DER MORD AM POLIZEIAGENTEN BLAU + + Band 4: + + ERNST WEISS + DER FALL VUKOBRANKOVICS + + Band 5: + + IWAN GOLL + GERMAINE BERTON, DIE ROTE JUNGFRAU + + Band 6: + + THEODOR LESSING + HAARMANN, DIE GESCHICHTE EINES WERWOLFS + + Band 7: + + KARL OTTEN + DER FALL STRAUSS + + Band 8: + + ARTHUR HOLITSCHER + DER FALL RAVACHOL + + Band 9: + + LEO LANIA + DER HITLER-LUDENDORFF-PROZESS + + Band 10: + + FRANZ THEODOR CSOKOR + SCHUSS INS GESCHAEFT (DER FALL OTTO EISSLER) + + Band 11: + + THOMAS SCHRAMEK + FREIHERR VON EGLOFFSTEIN + Mit einem Vorwort von ALBERT EHRENSTEIN + + Band 12: + + KURT KERSTEN + DER MOSKAUER PROZESS GEGEN DIE SOZIALREVOLUTIONÄRE 1922 + + Band 13: + + KARL FEDERN + DER PROZESS MURRI-BONMARTINI + + Band 14: + + HERMANN UNGAR + DIE ERMORDUNG DES HAUPTMANNS HANIKA + + Ferner erscheinen noch Bände von: + + HENRI BARBUSSE, MARTIN BERADT, MAX BROD, E. I. GUMBEL, WALTER + HASENCLEVER, GEORG KAISER, OTTO KAUS, THOMAS MANN, LEO + MATTHIAS, EUGEN ORTNER, JOSEPH ROTH, RENÉ SCHICKELE, JAKOB + WASSERMANN, ALFRED WOLFENSTEIN. + + + OHLENROTH’SCHE BUCHDRUCKEREI ERFURT + + + Anmerkungen zur Transkription + +Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere +Änderungen sind hier aufgeführt (vorher/nachher): + + [S. 48]: + ... Daß Kahrs Kampfansage an den „marxistische ... + ... Daß Kahrs Kampfansage an den „marxistischen ... + + [S. 54]: + ... gez. Fr. Seldie, 1. Bundesvorsitzender. ... + ... gez. Fr. Seldte, 1. Bundesvorsitzender. ... + + [S. 119]: + ... sind diese Befehle in Bayern nicht vollzogen worden. ... + ... sind diese Befehle in Bayern nicht vollzogen worden? ... + + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75700 *** |
