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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75700 ***
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+ AUSSENSEITER DER GESELLSCHAFT
+ – DIE VERBRECHEN DER GEGENWART –
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+ AUSSENSEITER
+ DER GESELLSCHAFT
+ – DIE VERBRECHEN DER GEGENWART –
+
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+ HERAUSGEGEBEN VON
+ RUDOLF LEONHARD
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+ BAND 9
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+ VERLAG DIE SCHMIEDE
+ BERLIN
+
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+ DER HITLER-LUDENDORFF-PROZESS
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+ VON
+ LEO LANIA
+
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+ VERLAG DIE SCHMIEDE
+ BERLIN
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+ EINBANDENTWURF
+ GEORG SALTER
+ BERLIN
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+
+ Copyright 1925 by Verlag Die Schmiede Berlin
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+ PROLOG
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+ MÜNCHENER SPUK
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+Ich überschritt die bayrische Grenze an einem sehr bedeutungsvollen Tag
+im Oktober 1923. Der neue Diktator, der Generalstaatskommissar von Kahr
+hatte sich endlich zu der Tat entschlossen, der – wie die völkische
+Presse in großen Lettern verkündete – „alle vaterländischen Kreise
+Bayerns“ mit Spannung harrten: das Generalkommissariat hatte mit
+sofortiger Wirkung die Bierpreise herabgesetzt; „was wird darob unter
+den Bierjuden für e Geheul und Zähneknirschen sein“ triumphierte das
+„Bayrische Vaterland“, das Blatt des Herrn von Kahr.
+
+Tatsächlich wurde diese Neuigkeit, wie ich aus den erregten
+Zwiegesprächen meiner Mitreisenden – zweier Bewohner der Miesbacher
+Gegend – feststellte, mit großer Zustimmung aufgenommen. Nur das mit den
+Bierjuden konnte nicht ganz stimmen, denn im anderen Blatt Kahrs, im
+„Bayrischen Kurier“, der doch gewiß einer Begünstigung der Juden
+unverdächtig schien, war am gleichen Tag eine lange Erklärung des
+bayrischen Brauerbundes zu lesen, die als Folge der verordneten
+Zwangsbierpreise den „baldigen Zusammenbruch des wichtigsten und
+bodenständigsten bayrischen Gewerbes“ voraussagte. Auf jeden Fall aber
+hatte mit seiner letzten Verordnung Herr von Kahr seinen Widersacher
+Hitler in puncto Volkstümlichkeit um eine Nasenlänge geschlagen.
+
+ * * * * *
+
+Der Kampf Hitlers gegen Kahr hatte gerade in jenen Tagen seinen
+Höhepunkt erreicht und fand sein lautes Echo in der großen völkischen
+Presse. Und es gab damals in Bayern eigentlich nur eine völkische
+Presse. Die Zeitungen unterschieden sich dadurch, daß eine noch
+völkischer war als die andere, was sie nicht hinderte, samt und sonders
+mit der deutschen Sprache auf Kriegsfuß zu stehen. Die demokratischen
+Kreise des deutschen Bürgertums hatten trotz wiederholten Versuchs nicht
+vermocht, in München ein bedeutenderes linksgerichtetes Blatt
+herauszugeben. In der drittgrößten Stadt Deutschlands gab es keine
+einzige Zeitung, – von der sozialdemokratischen „Münchener Post“
+abgesehen, – die für die Republik eingetreten wäre und auch die
+„Münchener Post“ ist, rein journalistisch betrachtet, die am
+schlechtesten redigierte sozialdemokratische Zeitung im ganzen Reich,
+kaum mehr als ein Provinzblättchen. Und so dämmerte im Fremden, der zum
+ersten Mal in jenen Tagen nach München kam, die Erkenntnis, daß das
+Problem der bayrischen Reaktion zum großen Teil auch ein Problem der
+Presse ist.
+
+ * * * * *
+
+„Bayern und Reich“, das vaterländische Wochenblatt der Kahr’schen
+Kampfverbände enthüllte die Ursache der Zwietracht im völkischen Lager:
+
+„Wir sind objektiv genug, zu sagen, das ist nicht Hitler’scher Geist,
+sondern der Fluch seiner Umgebung: hier weht zweifelsohne ein
+semitischer Wind. Immer dieselbe Methode: wie sich das Judentum in den
+Friedländer, Rathenau, Ballin usw. an Wilhelm II. herangemacht hat, so
+sehen wir auch heute wieder Gestalten mit semitischem Äußern im Stabe
+Hitlers. Immer dasselbe traurige Spiel nach jüdischem Rezept:
+Byzantismus und Speichelleckertum lähmten Wilhelms Schaffensfreude und
+-willen und zeitigten seinen verhängnisvollen Größenwahn. Und heute
+erscheint Hitlers Kopf im „Völkischen“ und sein Bild wird in
+marktschreierischer Form durch die Presse zum Verkauf feilgeboten.“
+
+Folgten die Namen der Verbände, die von Hitler abgefallen und zu Kahr
+übergegangen waren.
+
+Das „Heimatland“, das Organ des Hitlerschen „Deutschen Kampfbundes“,
+spie darob Gift und Galle, erklärte die Meldungen vom Übertritt als Lüge
+und wartete seinerseits mit Enthüllungen über „hinterhältige
+Spaltungsmanöver gewisser Kreise um Kahr“ auf.
+
+Da war es erfrischend, den „Miesbacher Anzeiger“ vorzunehmen, in dessen
+Spalten gewiß kein semitischer Wind, sondern der trauliche Düngergeruch
+des bayrischen Kuhstalls wehte. Die Leitaufsätze des „Miesbacher“
+schlugen jeden Rekord, schimpften rechts und schimpften links und
+forderten die Partei des Herrn von Kahr auf, „ihre Führer tüchtig
+dazwischenzunehmen“; zu Kahrs Regentschaft hatte der „Miesbacher“ kein
+rechtes Vertrauen, aber zum Schluß wurde er doch gepriesen, da er „das
+Volkskönigtum der Wittelsbacher, nach dem sich das Bayernvolk sehnt,
+ersiegen soll.“
+
+Nun wußte der Fremde überhaupt nicht mehr ein noch aus und nur, daß er
+als nichtgelernter Bayer da eben nicht mitkonnte. Er trat in das
+königliche Hofbräuhaus ein.
+
+Und sah: an den langen Tischen müde, verhärmte, elend gekleidete
+Gestalten. Ein niederschmetternd-trauriges Bild. Die Männer dösen
+stumpf, schläfrig in dem Tabaksqualm, der wie eine schwere Wolke über
+dem riesigen Saal hängt. Boden, Bänke, Tische starren von Schmutz.
+
+Mitten durch dies Gewirr von Menschen drängen sich zerlumpte,
+verhungerte Gestalten und suchen gierig die stehengebliebenen
+Speisereste – Knochen, Wursthäute – nicht völlig geleerte Bierkrüge zu
+ergattern, die sie heimlich leeren.
+
+Als der Fremde einem solchen armen Teufel, dem der Hunger aus
+eingesunkenen, erloschenen Augen blickte, zwei Semmeln zuschob, gaffte
+er ihn ein paar Sekunden verständnislos an: „Ist das für mich?“ Der
+hatte wohl noch nie gebettelt.
+
+Man kommt ins Gespräch: ein Metallarbeiter, seit Wochen arbeitslos,
+hoffnungslos. Wann es wohl anders werden wird? Er will von keiner Partei
+mehr etwas wissen, keine tut etwas zur Besserung. Aber Hitler wird es
+schaffen, noch in diesem Winter. Das ist ein Kerl!
+
+ * * * * *
+
+Die Masse solcher entwurzelter, verzweifelter Existenzen bildete Hitlers
+Gefolgschaft. Sie war nicht klein. Es lohnte sich, den Führer kennen zu
+lernen.
+
+
+ BESUCH BEI HITLER
+
+Der „Völkische Beobachter“, das offizielle Organ der
+nationalsozialistischen Arbeiterpartei Hitlers, war verboten. Eine
+Umfrage nach der Adresse dieses Blattes schien mir zu auffällig – und in
+München war es nicht rätlich aufzufallen – und so begab ich mich zum
+„Heimatland“, dem Wochenblatt der Hitlerschen Kampfverbände, das an
+Stelle des „Beobachters“ dreimal wöchentlich erschien und im
+Straßenhandel stark verkauft wurde.
+
+Im ersten Stock eines neuen Hauses am Sendlinger-Tor-Platz befand sich
+die Schriftleitung des „Heimatland“. Auf meine Bitte, einen der Herren
+Redakteure sprechen zu können, erklärte mir das empfangende Fräulein,
+„der Herr Hauptmann“ sei in einer Sitzung. Im weiteren Verlauf meiner
+Unterhaltung stellte ich dann fest, daß dieses Blatt überhaupt nicht von
+Redakteuren, sondern von Offizieren redigiert wurde. Nach längeren
+Verhandlungen verriet mir das Fräulein zögernd, daß „der Herr Hauptmann“
+mit dem „Herrn Kapitänleutnant“ zu Hitler gegangen seien, den ich am
+besten in der Schillingstraße 39 „im Oberkommando“ antreffen könnte und
+sie schärfte mir noch ein, unter keinen Umständen zu verraten, daß ich
+die Adresse von ihr empfangen hätte.
+
+Die Schillingstraße ist eine stille Vorstadtgasse, etwa zehn Minuten von
+der Pinakothek entfernt. Als ich in die Gasse einbiege, fällt mir ein
+mächtiges Tourenauto auf, wie es im Feld nur die Offiziere vom Stab zur
+Verfügung hatten. In den Geschäften prangen Photographien Hitlers in
+Lebensgröße, Bilder von den Paraden der Hakenkreuzler und völkische
+Druckschriften. Ich bin zur Stelle. Im Hause Nummer 39 befindet sich im
+ersten Stockwerk die Schriftleitung des „Völkischen Beobachters“,
+daneben das „Oberkommando“. Im Hof sind in einer Garage noch mehrere
+große Benzwagen eingestellt, die alle im Dienste des Hitlerschen Stabes
+stehen.
+
+Im Vorzimmer halten etwa ein Dutzend junger Burschen in der alten
+österreichischen Uniform Wacht.
+
+Auf meine Frage, ob ich einen Herrn der Schriftleitung sprechen könne,
+werde ich in ein anderes Zimmer gewiesen, wo die Abfertigung der Kuriere
+erfolgt und die Telephonzentrale untergebracht ist. Ein Plakat der
+kommunistischen Partei „Bildet proletarische Hundertschaften!“ ziert den
+kahlen Raum und soll wohl besonders aufreizend wirken. Eine große
+Wandkarte Deutschlands zeigt die Verteilung der hakenkreuzlerischen
+Verbände und ihre Aufmarschbewegung. Die Pfeile weisen nach Norden gegen
+Sachsen und Thüringen. Um Nürnberg sind besonders viele Kampfgruppen
+eingezeichnet; wie ich später aus Gesprächen der einzelnen Unterführer
+heraushörte, sollte dieser Raum das Hauptaufmarschgebiet im Falle des
+Putsches sein, damit die dortige Arbeiterschaft von vornherein „unter
+Druck genommen“ werden und die Hitlerschen Truppen nach dem Losschlagen
+nicht erst gezwungen sein sollten, „in Bayern selbst einen Riegel
+durchbrechen zu müssen.“
+
+Obwohl man mich weiter nicht beachtet, fühle ich mich inmitten all
+dieser meist bewaffneten Jünglinge ziemlich unbehaglich. Da öffnet sich
+die Tür und ein älterer Mann, gleichfalls in österreichischer Uniform,
+bittet mich, einzutreten. Es ist Herr Stolzing, ein Redakteur des
+„Völkischen Beobachters“, dessen Name nicht darüber täuschen kann, daß
+er eigentlich Cerny heißt und in der Tschechoslovakei beheimatet ist.
+Jetzt ist er ein begeisterter Verehrer Hitlers und weiht mich, nachdem
+ich mich mit einer fingierten Legitimation als Parteigänger Mussolinis
+und Korrespondent eines faschistischen Blattes ausgewiesen habe, sehr
+entgegenkommend in Hitlers fernere Pläne ein. Seine Erklärungen
+eröffnete er mit einem Vortrag über die deutsche Politik im allgemeinen
+und den passiven Widerstand im Ruhrgebiet im besonderen.
+
+„Der passive Widerstand war von vorneherein zum Mißlingen verurteilt.
+Unser Plan war, nach dem Muster Schlageters den aktiven Widerstand durch
+Sabotageakte wie einen Guerillakrieg zu entfachen. Die Franzosen wären
+gezwungen gewesen, gegen diese stündliche Bedrohung ein vielfaches der
+jetzt im Ruhrgebiet stehenden Truppen dorthin zu senden. Sie hätten also
+neu mobilisieren müssen und die französische Regierung hätte dadurch in
+Frankreich selbst mit Schwierigkeiten zu kämpfen gehabt. Diese
+Verwirrung hätten wir ausgenutzt und unter dem Schleier der aktiven
+Sabotage ein Heer aufgestellt, das den Krieg gegen Frankreich
+erfolgreich hätte aufnehmen können.“
+
+„Ohne Waffen?“
+
+Herr Stolzing lächelt geringschätzig, beugt sich dann vertraulich zu mir
+herüber. Mit gedämpfter Stimme: „Aber in Wahrheit – Ihnen kann ich das
+ja sagen – haben wir Waffen genug und genug. Mit tausend Geschützen
+hätten wir die Armee ausrüsten können.“
+
+Worauf ich Herrn Stolzing bat, mir das außenpolitische Programm Hitlers
+zu erläutern.
+
+„Wir sind für ein Großdeutschland, für die unbedingte Eingliederung
+Österreichs und der Deutschen aus der Tschechoslovakei. Anders steht es
+mit den Deutschen Südtirols. Da unser natürlicher ausländischer
+Verbündeter Mussolini ist, werden wir die Brennergrenze anerkennen. Wir
+dürfen nicht sentimental sein und müssen aus politischen Gründen auf die
+230000 Deutschtiroler verzichten, damit wir zum italienischen Faschismus
+ein gutes Verhältnis gewinnen.“
+
+„Und Rußland? Denken Sie an ein Zusammenwirken mit der Roten Armee?“
+
+Herr Stolzing gerät in große Erregung: „Das kommt für uns unter keinen
+Umständen in Frage. Graf Reventlow, der als Sprecher der Völkischen in
+Norddeutschland dafür eintritt, ist ein Außenseiter, mit dem wir gar
+keine Verbindung haben. Ein Zusammengehen mit Rußland würde nur
+bedeuten, daß das letzte gute Blut des völkischen Deutschland fließen
+müßte, damit hier die Sowjetrepublik errichtet werde und die Juden noch
+mehr zur Macht gelangen als bisher.“
+
+„Und Ihr Verhältnis zu Herrn von Kahr?“
+
+„Die Voraussetzung für die von den Völkischen geforderte aktive
+Außenpolitik ist die Erledigung der deutschen Frage im Innern, die nur
+durch Blut und Eisen gelöst werden kann. Die Völkischen werden eines
+Tages über das rote Deutschland – Sowjetsachsen und Sowjetthüringen –
+herfallen, die marxistische Bewegung ausbrennen, wie es Mussolini in
+Italien getan hat!“
+
+„Ist das ein Programm der ferneren Zukunft? Oder der nächsten
+Gegenwart?“
+
+„Der allernächsten Gegenwart. In kaum drei Wochen werden die Bauern
+überhaupt keine Lebensmittel mehr liefern, die Blockade der Städte wird
+effektiv sein und die Regierung Stresemann abgewirtschaftet haben.
+Gleichzeitig wird auch Kahr in Bayern am Ende seines Lateins sein. Wir
+zweifeln nicht an der persönlichen Anständigkeit und der völkischen
+Gesinnung des Herrn von Kahr, aber er ist kein Diktator, nur ein guter
+Staatsbeamter, und er merkt gar nicht, daß er nur ein Werkzeug in den
+Händen der Bayrischen Volkspartei ist. Die hat ihn auf den Schild
+gehoben, um zu verhindern, daß die nationalsozialistische Bewegung zum
+Siege gelange. Es ist auch bezeichnend, daß weder die Auflösung der
+sozialistischen Sturmabteilungen, noch die Aufhebung des
+Republikschutzgesetzes in der marxistischen Presse des Reichs die
+erwartete große Erregung hervorgerufen hat. Das beweist, daß Berlin die
+Ernennung Kahrs zum Generalkommissar nicht feindlich aufgenommen hat,
+weil man dort hofft, daß auf diese Weise eine Diktatur Hitlers
+verhindert werden kann. Trügerische Hoffnung. Der Anhang Hitlers wächst
+täglich, die aktivsten Verbände stehen hinter ihm und nur wir, und nicht
+Kahr, haben die enge Verbindung zu den völkischen Organisationen in
+allen Teilen Deutschlands, insbesondere in Pommern, Mecklenburg und
+Preußen. So haben wir die Gewähr, daß – wenn Hitler gegen Sachsen
+losmarschieren wird – gleichzeitig unsere Freunde überall im Norden
+losschlagen können. Kahr hat bei der Auflösung der Einwohnerwehren
+gezeigt, daß er im letzten Moment immer umfällt.“
+
+Mit großem Stolz zeigt mir Herr Stolzing verschiedene völkische
+Zeitungen, die ursprünglich für Kahr eingetreten waren und nun deutlich
+umschwenkten. Unter Verbeugungen vor Kahr wird dort die Befürchtung
+ausgesprochen, daß dieser als zu stark parteipolitisch gebunden nicht
+energisch genug vorgehen und durch Intriguen der Bayrischen Volkspartei
+stürzen werde.
+
+Zwecks einer persönlichen Vorsprache bei Hitler wurde ich dann auf den
+folgenden Tag bestellt.
+
+ * * * * *
+
+Am nächsten Morgen große Aufregung. In der vorangegangenen Nacht war in
+der Schriftleitung des „Beobachters“ ein Einbruch verübt worden. Auf
+meine besorgte Frage, ob doch hoffentlich nichts Wichtiges oder größere
+Geldsummen entwendet worden seien, beruhigt mich Herr Stolzing:
+
+„Nein, nur mehrere Pistolen und eine größere Anzahl anderer Waffen.“
+
+(Das offiziöse Wolffsche Telegraphen-Büro allerdings verbreitete später
+die Meldung, es sei Geld gestohlen worden und verschwieg die Tatsache
+des Waffendiebstahls, den die Völkischen wohl mit Absicht nicht
+angemeldet hatten.)
+
+Abermaliges Warten. Heute habe ich Muße, mich aufmerksam in diesem
+„Oberkommando“ umzusehen. Ganz ungezwungen werden in meiner Gegenwart
+Telephongespräche abgewickelt, die sich um Waffenbestellungen und um
+Aufträge auf Lieferung von Uniformen drehen. Aus einem Gespräch zwischen
+zwei Führern – die zum Unterschied von den anderen nicht in Uniform
+auftreten, sondern mit Seidensocken und sehr eleganten Anzügen
+ausgestattet sind – höre ich, daß von Küstrin die Rede ist. Hitler
+sollte die entflohenen Putschisten aus Küstrin in Sicherheit bringen.
+Nun sei das Unglück geschehen, daß einer dieser Rebellen aus Ärger
+darüber, daß man ihm nicht genügend Geld auf seine Reise mitgeben
+wollte, allem Anscheine nach einen Einbruch verübt hat, um seiner Kasse
+durch den Verkauf der erbeuteten Waffen aufzuhelfen.
+
+Draußen ertönen Kommandoworte. Die Wache im Vorzimmer steht stramm, die
+Tür wird aufgerissen, Herr Hitler erscheint; in Regenmantel und
+uniformartig zugeschnittenem Sportanzug. Er bemüht sich, sein glattes
+Gesicht in energische Falten zu legen. Herr Stolzing teilt ihm den Zweck
+meines Besuches mit, doch er entschuldigt sich, mich heute nicht
+sprechen zu können, da er sofort wieder mit dem Auto verreisen müsse. In
+zwei Tagen wolle er mich gerne empfangen oder – ich möchte ihm meine
+Fragen schriftlich vorlegen. Im übrigen hätte mich ja Herr Stolzing
+gewiß ausführlich unterrichtet.
+
+Hitler spricht abgehackt, einstudiert militärisch.
+
+„Na, in ein paar Wochen werden wir schon Ordnung machen.“
+
+ * * * * *
+
+Es ist dann anders gekommen. Wochen vergingen. Die Voraussage Hitlers
+hat sich nicht erfüllt. Warum? Wieso? Was war geschehen? Diese Handvoll
+Bilder und flüchtiger Eindrücke aus dem München des Oktobers gibt keine
+genügende Erklärung für das, was sich dort im November zugetragen hat.
+Die dramatischen Vorgänge auf der Bühne des politischen Lebens blieben
+unverständlich und verworren, nähme man sich nicht die Mühe, ihren
+Hintergrund ein wenig sorgfältiger zu durchleuchten.
+
+
+
+
+ VORSPIEL
+
+
+ DIE ZEIT
+
+Ein scheinbar ganz unverständlicher Widerspruch: Das durch den Krieg
+entwurzelte, in den folgenden Jahren zwischen den Mühlsteinen des
+wirtschaftlichen Bankrotts hoffnungslos zermalmte Kleinbürgertum Europas
+stellt heute einen Faktor dar, der für das politische Leben des Staates
+von entscheidender Bedeutung und – dies das Seltsamste – seiner
+Deklassierung zum Trotz ein scharf abgegrenzter, ideologisch und
+politisch klar durchgebildeter Typus ist.
+
+Die ökonomische Entwicklung des letzten Jahrzehnts hat das
+Kleinbürgertum proletarisiert, den Mittelstand vernichtet. Aber die von
+verschiedenen sozialdemokratischen Theoretikern erwartete und
+angekündigte Aufsaugung des Kleinbürgertums durch das Proletariat und
+seine ideologische und politische Angleichung an die Arbeiterschaft, die
+ist ausgeblieben. Das vorauszusehen war nicht schwer. Die irrige
+Auffassung, das Verschwinden des Kleinbürgertums als selbständiger Teil
+der modernen Gesellschaft müsse naturnotwendig zu einem Verschwinden des
+Kleinbürgertums überhaupt führen, entspringt eben einem rein
+mechanischen Denken, das sich bitter rächen sollte. Haben wir doch
+hier den Schlüssel zu jener fatalistischen Einstellung der
+sozialdemokratischen Führer, die aus der Zwangsläufigkeit der
+ökonomischen Entwicklung die These ableiteten, die Revolution komme
+von selbst. Eine Anschauung, die die meisten der schweren
+Unterlassungssünden erklärt, die die sozialdemokratischen
+Arbeiterparteien dem Kleinbürgertum gegenüber begangen haben und die
+jene große Bewegung erstehen ließen, die teilweise wie eine mächtige
+Welle Europa überflutete und kurzweg als Faschismus bezeichnet wird.
+
+Wer ist Kleinbürger? Was stellt heute das Kleinbürgertum dar?
+
+Gewiß nicht das, was man vor dem Kriege darunter verstand. Damals war
+Kleinbürger gleichbedeutend mit Kleinkapitalist. Der kleine Rentner, der
+kleine Kaufmann, der Handwerker, der Gewerbetreibende, das waren die
+Kleinbürger im Sinne der damals üblichen Bezeichnung. Die große Masse
+jener, die ihrer wirtschaftlichen Lage nach zu den Besitzenden gehörten
+und daher auch deren geistige Einstellung teilten. Seiner Klassenlage
+nach ebenso Opfer unserer Wirtschaftsordnung wie der einfache
+Proletarier, genoß der Kleinbürger vor dem Kriege dennoch eine gewisse
+ökonomische Vorzugsstellung, wodurch er sich aus dem gleichmäßigen Grau
+des „Mobs“, des gemeinen Pöbels herausgehoben sah und nun selbst eifrig
+bemüht war, die Grenze noch möglichst scharf zu ziehen, die ihn von
+diesem scheiden sollte.
+
+„Man muß sich nur nicht die bornierte Vorstellung machen, als wenn das
+Kleinbürgertum prinzipiell ein egoistisches Klasseninteresse durchsetzen
+wolle. Es glaubt vielmehr, daß die besonderen Bedingungen seiner
+Befreiung die allgemeinen Bedingungen sind, innerhalb deren allein die
+moderne Gesellschaft gerettet und der Klassenkampf vermieden werden
+kann.“ (Der 18. Brumaire von Karl Marx.)
+
+So stellte der Kleinbürger der Vorkriegszeit einen Typus dar, dem ganz
+besondere Kennzeichen zu eigen waren. In politischer Beziehung haltlos
+und schwankend, zu keiner selbständigen Entscheidung fähig und
+entschlossen, in einem unerschütterlichen Respekt vor der gottgewollten
+und angestammten Ordnung befangen, voller Haß gegen alle Neuerungen und
+andererseits in ewiger Unzufriedenheit und Erbitterung gegen die
+wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse, unter denen er so schwer
+zu leiden verurteilt war. Bar jedes Kampfesmutes und jedes
+Selbstvertrauens, sich in Klagen um die „gute alte Zeit“ erschöpfend,
+nichts weniger als revolutionär, aber ein ewiger Nörgler, in seinem
+Unvermögen, die großen geschichtlichen Zusammenhänge und Triebkräfte zu
+erkennen nur allzubereit, auf jedes Schlagwort hereinzufallen, das an
+seine tiefsten Instinkte rührte: Eine gewisse Harmonieduselei und die
+Sucht, sich um jeden Preis – auch für das bescheidenste Linsengericht
+irgendeines Almosens – seine Bravheit mit einem „Privilegium“ bezahlen
+zu lassen. Denn es ist klar, daß eine Übergangsklasse wie das
+Kleinbürgertum, in dem sich „die Interessen zweier Klassen zugleich
+abstumpfen“ seiner Klassenlage sich nicht nur nicht bewußt ist, sich
+vielmehr über jeden Klassengegensatz erhaben dünkt und infolge seiner
+sozialen Zersplitterung das Kollektivgefühl und das diesem entspringende
+Solidaritätsbewußtsein der Fabrikarbeiterschaft gar nicht besitzen kann.
+
+Die hier kurz gestreiften Merkmale waren dem Kleinbürger aller
+europäischen Länder in der Vorkriegszeit in hohem Maße zu eigen und
+stempelten ihn so zu einem Typus von internationaler Gültigkeit. Doch
+gerade deshalb sah man schon damals im Lager der sozialistischen
+Arbeiterparteien sehr oft nur diese Äußerlichkeiten, den politischen und
+ideologischen Überbau des Kleinbürgertums, und vergaß darob nur zu
+leicht die große wirtschaftliche Wandlung, die dieses inzwischen
+durchgemacht hatte. „Kleinbürgerlich“ wurde zu einem Schlagwort, mit dem
+der bewußte Sozialist all das bezeichnete, was ihm nicht gefiel, was er
+selbst aus seiner eigenen Entwicklung als überwunden erkannte.
+„Kleinbürger“ wurde sehr bald nur zur Bezeichnung eines geistigen
+Zustandes gebraucht und etwa „Spießer“ und „Philister“ gleichgesetzt.
+
+Der Krieg hat wie ein Wirbelsturm den faulen Plunder jahrhundertealter
+Traditionen in den Kehricht gefegt. Die morschen Stützen der
+Gesellschaft – Moral, Autoritätsglaube, Gottvertrauen – kamen ins
+Wanken. Doch die Hoffnung der revolutionären Sozialisten, daß sie
+endgültig zusammenbrechen würden, erwies sich als trügerisch.
+
+Vorübergehend geschlagen, aber nicht vernichtet, geht die herrschende
+Klasse jetzt daran, ihre unter dem ersten Ansturm der Revolution
+preisgegebenen Positionen wieder zurückzugewinnen und zu befestigen. Und
+da sie sich nicht der Erkenntnis verschließen kann, daß der Gegner an
+Stärke, Selbstbewußtsein und Zahl gewachsen ist, vollzieht sich die
+große Auseinandersetzung zwischen den Klassen nicht in offenem
+stürmischem Kampf, sondern in einem Stellungskrieg, der es der
+Schwerindustrie ermöglichen soll, die Positionen der Arbeiterschaft
+durch geschickte Unterminierung Schritt für Schritt zurückzugewinnen. In
+diesem Kampf ist das Kleinbürgertum die beste und wichtigste Hilfstruppe
+des Kapitals. Verstanden es doch die Unternehmer, beziehungsweise deren
+politische Agenten, in Presse und Parlament, in der Agitation und im
+politischen Tageskampf an die kleinbürgerliche Ideologie anzuknüpfen, um
+es so in eine Einheitsfront mit den großbürgerlichen Parteien zu pressen
+und vom Sozialismus abzulösen.
+
+Und dennoch: Konnten sich Kleinrentner und Mittelständler vor dem Kriege
+an die Fiktion eines kleinen Besitzes klammern, so finden sie sich heute
+in jener verzweifelten Lage, wo sie gleich dem Proletariat „nichts mehr
+zu verlieren haben, als ihre Ketten“, Damit ist das Kleinbürgertum zu
+einem revolutionären Faktor geworden. Aber es ist heute nicht nur
+objektiv, seiner wirtschaftlichen Lage nach revolutionär, es ist auch
+entschlossen, selbständig zur Tat zu schreiten, um sich vor dem
+Untergang zu retten. Und – die Verzweiflung treibt es tatsächlich zur
+Tat.
+
+Dieser Verzweiflungskampf des Kleinbürgertums – seinem innersten
+Wesen nach revolutionär, von den herrschenden Schichten zu
+konterrevolutionären Zielen mißleitet – das ist der Faschismus. Und daß
+es dem Bürgertum gelang, in fast allen Ländern diese Bewegung an sich zu
+reißen, zeugt ebenso von seiner inneren Stärke, wie von dem Versagen der
+sozialistischen Parteien.
+
+Die Feststellung ist zu billig, daß die Welle der Reaktion, die noch
+immer ansteigend Europa überflutet, nur die Gegenwirkung auf die
+revolutionären Umwälzungen der Nachkriegszeit ist, und diese
+Feststellung wird auch dadurch nicht überzeugender, daß sie sich auf die
+physikalischen Pendelgesetze stützt. Der Faschismus ist zwar ein
+wichtiger Pfeiler im System der europäischen Reaktion, er ist aber nicht
+sie selbst. Der italienische Faschismus und das ungarische
+Horthy-Regime, so sehr sie auch in ihren Taten übereinstimmen und so
+sehr man versucht ist, sie nur als zwei verschiedene Bezeichnungen für
+ein und denselben historischen Vorgang anzusehen, sind zwei
+grundverschiedene Erscheinungen, die das eben Gesagte vielleicht am
+deutlichsten illustrieren.
+
+Das System Horthys ist die Herrschaft einer kleinen bewaffneten
+Militär-Clique, aufgerichtet zur Niederwerfung der revolutionären
+Arbeiter, ausgeübt von den klerikal-monarchistischen Offiziersgarden,
+die dank dem Zusammenwirken verschiedener außenpolitischer Faktoren
+(französische und englische Unterstützung, rumänischer Einmarsch) ihren
+Sieg über die Kommune zu einem blutigen Rachewerk ausnützten. Das
+Horthy-Regime ist eine jener gewalttätigen Restaurationen gestürzter
+Mächte, wie wir sie aus der Geschichte aller Jahrhunderte kennen.
+
+Der italienische Faschismus ist die Herrschaft der militärisch
+organisierten und bewaffneten Massen des Kleinbürgertums, aufgerichtet
+zur Vernichtung des „nationsfeindlichen Sozialismus“.
+
+Horthy kam zur Macht als Befreier von der Revolution.
+
+Mussolini als Vollstrecker der „Revolution gegen den morschen Staat und
+dessen schwächliche Autorität“.
+
+Horthy eröffnete seinen Vernichtungsfeldzug im Namen der Ordnung und des
+Königs.
+
+Mussolini im Namen der Nation gegen die Monarchie.
+
+Gewiß, in seinen unmittelbaren Wirkungen ist zwischen Faschismus und
+Horthy-Regime kein Unterschied zu sehen. Gewiß, innerhalb des Faschismus
+riß ebenso die reaktionäre monarchistische Militär-Clique die Führung an
+sich wie in Ungarn; und auch das Horthy-Regime hätte sich nicht so lange
+halten können, wenn es sich nicht auf breite Massen des Kleinbürgertums
+hätte stützen können. Jedenfalls aber sehen wir, daß der Faschismus
+tatsächlich eine neue und ganz besondere Erscheinungsform der
+bürgerlichen Reaktion ist.
+
+Aber keine, die sich nur auf ein bestimmtes Land erstreckt. Was den
+Faschismus charakterisiert, ist, daß er tiefe Wurzeln geschlagen hat
+nicht nur in den Schichten des Kleinbürgertums und Mittelstands, Wurzeln
+geschlagen selbst im Proletariat.
+
+In den Kinderjahren des Sozialismus hat es eine dem Faschismus ähnliche
+Bewegung gegeben. Aber die „schwarzen Hundert“, die „Gelben“, die damals
+im Kampf gegen den Sozialismus standen, waren entwurzelte, im
+ökonomischen Prozeß keine Rolle spielende Existenzen, die die
+sozialistische Arbeiterschaft verhältnismäßig leicht zurückschlagen
+konnte. Und der Antisemitismus, „dieser Sozialismus des dummen Kerls“,
+wie ihn Victor Adler genannt hat, richtete zwar genügend Verwirrung im
+Lager der Arbeiter an – man denke nur z. B. an das alte Österreich, wo
+er sogar eine Massenpartei, die Christlichsozialen, schaffen half – ein
+militantes Heer ins Feld zu stellen vermochte er nicht.
+
+Die Völkischen in Deutschland, die Faschisten in Italien, vermochten –
+wenn auch nur vorübergehend – dieses Heer aufzustellen, es auszurüsten
+und zu bewaffnen. So war plötzlich eine Macht da, mit der der Staat
+nicht nur in militärischer, sondern auch – und dies war das Bedeutsamste
+– in wirtschaftlicher und politischer Beziehung zu rechnen hatte. Das
+Kleinbürgertum hatte sich in Marsch gesetzt.
+
+
+ DER ORT
+
+Es hat vor dem Kriege kein autoritätsgläubigeres Kleinbürgertum gegeben
+als das deutsche. Militärdrill, Hohenzollernregiment, Kleinstaaterei
+hatten ihm das Rückgrat gebrochen. Kadavergehorsam wurde ihm als höchste
+Mannestugend – Disziplin! – eingepaukt. Und wie hätte Freiheit und
+Selbstbewußtsein in einer Kasernenhofatmosphäre gedeihen sollen, in der
+jeder freie Bürger zum Untertan verkrüppelt, im Leutnant das Symbol des
+Staates sah und bewunderte.
+
+Die Enttäuschung über das klägliche Versagen der Revolution – diesen
+„Generalstreik einer erschöpften Armee“, wie sie Rathenau genannt hat –
+trieb das Kleinbürgertum, nachdem es beim Umsturz in hellen Haufen zur
+Sozialdemokratie übergelaufen war, sehr bald wieder zurück ins
+bürgerliche Lager. Dieser Prozeß war wahrscheinlich in hohem Grade
+unvermeidlich. Die goldenen Berge, die sich das Kleinbürgertum
+versprach, hätte ihm keine Partei zu schenken vermocht, gegen die
+ökonomische Entwicklung des Zusammenbruchs anzukämpfen, war unmöglich.
+Aber da die Sozialdemokraten den Zusammenbruch nicht nur durch ihren
+Eintritt in die bürgerliche Regierung sanktionierten, sondern „zur
+Verhütung des ärgsten“, sogar deckten, identifizierten sie sich den
+breiten Massen gegenüber mit ihm. Die Sozialdemokratie wurde nicht nur
+als Partei von den breiten Massen des kleinen Bürgertums für den
+wirtschaftlichen Bankrott verantwortlich gemacht, der Sozialismus
+überhaupt wurde heillos kompromittiert, die Kluft zwischen der
+Arbeiterschaft, „deren Partei doch regierte“, und den kleinbürgerlichen
+Massen immer weiter aufgerissen.
+
+Das deutsche Kleinbürgertum ist heute zwar ein Typus von scharf
+durchgebildeter politischer Physiognomie, aber soziologisch keine
+einheitliche Klasse. Drei große Schichten lassen sich deutlich
+unterscheiden:
+
+1. das ehemalige Offizier- und Staatsbeamtentum nebst dem überwiegenden
+Teil der Studentenschaft;
+
+2. die Kleinhändler, Gewerbetreibenden, Handwerker, Kleinrentner;
+
+3. die geistigen Arbeiter (Ärzte, Ingenieure, mittlere Beamte).
+
+Die „Stehkragenproletarier“ – um mit der dritten Schicht zu beginnen –
+haben durch den Krieg und in der Revolution ohne Zweifel die stärkste
+seelische und geistige Wandlung durchgemacht. Die bittere Not hat der
+großen Mehrheit von ihnen den Standesdünkel recht bald ausgetrieben und,
+wurde es in diesen Kreisen noch vor wenigen Jahren als ärgste Schmach
+empfunden, materiellen Interessen die Herrschaft über den freien Geist
+einzuräumen, so bläute den Mittelständlern der von Tag zu Tag schwerere
+Kampf um die Erhaltung des nackten Lebens unbarmherzig die Erkenntnis
+ein, daß der sehr prosaische Magen und nicht der poetische Geist das
+letzte, entscheidende Wort hat. Diese Schicht ist es auch, die zuerst
+eine Brücke zur Arbeiterschaft zu schlagen versuchte und in der
+Erkenntnis, daß ihre Interessen mit denen der Handarbeiter gleichlaufen,
+die Notwendigkeiten der praktischen Solidarität, der Organisation immer
+klarer erfaßte.
+
+Schwieriger steht es mit der zweiten Schicht. Unser Wirtschaftsleben
+bringt Kleinhändler und Arbeiter täglich in scharfen Gegensatz. Die
+Arbeiter, die dem kleinen Händler nur als Konsumenten bzw. im Gewerbe
+als „unbescheidene Angestellte“ gegenübertreten, sind nur allzu leicht
+geneigt, für die teuern Preise, für ihre Übervorteilung die
+verantwortlich zu machen, mit denen sie unmittelbar in Beziehung kommen,
+statt zu erkennen, daß diese selbst auch Opfer des Systems, der großen
+Unternehmer sind. Und die Kleinhändler wieder klammern sich an die
+Illusion von der „Wiederkehr der guten alten Zeit“ und verfolgen
+(Ursache und Wirkung in bekannter Weise vertauschend) Revolution,
+Demokratie, Republik – die Symbole ihres Falles – mit wütendem Haß.
+
+Bleibt noch das Heer der ehemaligen Offiziere und Staatsbeamten, der
+Studenten und Lehrer.
+
+Als unmittelbar nach dem Zusammenbruch die deutsche Armee in die Heimat
+zurückflutete, entlud sich der Haß, die Erbitterung der Masse der
+einfachen Soldaten, die fünf lange Jahre in den Schützengräben ganz
+Europas gehungert und gelitten hatten, zuerst gegen jene, die sie als
+ihre eigentlichen Peiniger empfanden – die Offiziere. Es ist damals
+gewiß so manchem dieser Offiziere bitter Unrecht getan worden. Sicher
+hat der überwiegende Teil des deutschen Offizierkorps, vor allem in den
+niederen Rängen, ebenso gelitten, ebenso geblutet wie die Mannschaft.
+Sicher kann der Mehrzahl der Offiziere der alten Armee die Bestätigung
+ihrer persönlichen Anständigkeit, Korrektheit, Pflichttreue und
+ehrlicher Sorge um die Untergebenen nicht versagt werden. Gewiß, es gab
+traurige Ausnahmen – die aber nur die Regel bestätigen. Und dennoch: so
+bitter und ungerecht der Entrüstungssturm gegen die Offiziere, der
+damals die Massen in Deutschland durchtobte, jenen erscheinen mußte, die
+Erbitterung war nicht nur begreiflich, sie war auch notwendig. Die Masse
+sah nicht den einzelnen Leutnant oder Rittmeister, sondern den
+„Offizier“, das Symbol des wilhelminischen Kaiserreichs. Der einzelne
+war nur der sichtbare Ausdruck für die Maschine, die zu zerbrechen für
+die Massen Voraussetzung ihrer Befreiung war.
+
+Ein großer Teil der Offiziere, durch ihre ganze Erziehung, durch
+Umgebung und Tradition in einen scharfen Gegensatz zur Arbeiterschaft,
+zum „Zivilistenpack“ aufgewachsen, hat im Krieg eine seelische Wandlung
+durchgemacht und war beim Umsturz vielfach sogar ehrlich bestrebt, sich
+durchzuringen zu einem inneren, ehrlichen Verhältnis zur Masse. Da
+mußten gerade diese sehen, wie ihre Annäherung mit Mißtrauen, ja mit
+Hohn zurückgewiesen wurde. Das tat weh. Das verbitterte. Man mußte schon
+ein innerlich starker und gefestigter Mensch sein, um allen diesen
+täglichen Verhöhnungen und Beschimpfungen, die immer gegen den ganzen
+Stand erhoben wurden, zum Trotz, den Weg zur Arbeiterschaft zu finden.
+Die Mehrzahl fand ihn nicht. Viele von ihnen zogen sich, geschworene
+Feinde der Republik und der Demokratie, die sie für ihren tiefen Sturz
+verantwortlich machten, grollend zurück. Viele fanden in den folgenden
+Jahren nach und nach den schweren Weg ins bürgerliche Berufsleben. Sehr
+viele verkamen, versanken im Schiebertum, Gelegenheitsgeschäft, wurden
+Hochstapler, Abenteurer, Landsknechte.
+
+Die anderen aber, mochten sie mittlerweile auch den Weg in die
+bürgerlichen Berufe gefunden haben, sie blieben auch dort nur der
+Leutnant oder Oberleutnant a. D., d. h. eingesponnen in die Ideologie
+ihrer Vergangenheit und so innerhalb der Masse der Schwankenden und
+des zur Passivität neigenden Kleinbürgertums die starken
+Führerpersönlichkeiten, die weit über ihre nächste Umgebung hinaus
+bestimmenden Einfluß genießen.
+
+Endlich die Studentenschaft. So traditionstreu sie sich vielleicht
+dünkt, sie hat überhaupt keine Tradition. Kaum glaublich, daß noch vor
+siebzig Jahren die deutschen Studenten Schulter an Schulter mit den
+Arbeitern auf den Barrikaden für Republik und Demokratie kämpften und
+fielen. Vergessen sind die Befreiungskriege, vergessen 1848 –
+unvergessen ist Schwarz-Weiß-Rot, Hohenzollern, Militärpracht. So sind
+die deutschen Hochschulen uneinnehmbare Festungen der Reaktion geworden.
+
+Solcherart ist das große, vielmillionenköpfige Heer des deutschen
+Kleinbürgertums, das – durch Not, Hunger und Unzufriedenheit mit den
+bestehenden Verhältnissen aus seiner Ruhe und althergebrachten Ordnung
+aufgerüttelt – nunmehr in Bewegung geraten ist. Der Wechsel auf das
+selige Jenseits hat eine zu lange Laufzeit und der Glaube an Gott macht
+den Magen nicht voll. Der Kaiser war zu „schlapp“ und also mitschuldig
+an dem Sieg der „Novemberverbrecher“. So lautet also der neue
+Schlachtruf: „Mit Wotan für Diktator und Vaterland, gegen die Juden,
+gegen die Marxisten, Sozialisten und Kommunisten, gegen das ‚jüdische‘
+Kapital!“ Und aus dem Gefühl seiner inneren Schwäche, aus dem tiefen
+Sehnen, sich unter eine starke Führung begeben zu können, wo doch alle
+bürgerlichen Parteien, wo doch vor allem die Sozialdemokratie nicht
+einmal die Bereitschaft gezeigt haben, zu _führen_, stimmt die unklare,
+schwankende Masse des Kleinbürgertums den Schlachtruf an: „Einen
+Diktator, einen Diktator, alle republikanischen Errungenschaften für
+einen Diktator!“ ER wird wieder Ordnung und Autorität in Deutschland zu
+Ehren bringen, ER wird die Teuerung in Deutschland abschaffen und das
+Volk in die schönen Friedenszeiten zurückführen.
+
+Der Mann war schon gefunden. Er hieß Hitler. Aber da in Deutschland
+bekanntlich an politischen Führern und Diktatoren von jeher kein Mangel
+ist, so traten neben ihm gleich noch ein halbes Dutzend solcher Führer
+auf den Plan: General Ludendorff, Kapitän Ehrhardt, Leutnant Roßbach –
+einer für die militärischen und einer für die politischen und einer für
+die diplomatischen Angelegenheiten, Sachverständige, deren Fachkenntnis
+die Bildung eines Direktoriums nationalgesinnter Männer zur Rettung
+Deutschlands aus den Klauen des jüdischen Kapitals und des französischen
+Militarismus verbürgte.
+
+Diese Männer machten sich ans Werk. Drei Jahre lang trafen sie ihre
+Vorbereitungen, spannten ein Netz von Verschwörungen über ganz
+Deutschland, rüsteten ihre Armee aus, bewaffneten ihre Soldaten, sorgten
+für Nachschub und Rückendeckung und Aufnahmestellungen – alles klappte
+glänzend. Das Geld, das man bekanntlich zum Kriegführen braucht, floß
+ihnen in Hülle und Fülle zu. Der Kapp-Putsch hatte ihnen gezeigt, wie
+man’s nicht machen darf. Sie hatten erkannt, daß die Republik trotz
+allem ein zu mächtiger Gegner ist, als daß sie durch einen Handstreich
+überrumpelt, die Stellungen der Demokratie allzu fest, als daß sie
+einfach überrannt werden könnten. Sie wußten, daß es ein harter und
+blutiger Kampf werden würde und sie richteten sich danach ein.
+
+Als der deutsche Faschismus seinen großen Aufmarsch in militärischer und
+politischer Beziehung beendet hatte, als die feindlichen Stellungen
+durch ein Trommelfeuer aus den schwersten Geschützen der Inflation
+„eingedeckt“ waren, als durch eine würgende Blockade das flache Land die
+Städte ausgehungert hatte, als die Verzweiflung wie eine schleichende
+Seuche die Reihen der Arbeiter- und Beamtenschaft, der Verteidiger der
+Republik und Demokratie, lichtete, als der Angriff Poincarés gegen das
+Ruhrrevier die Republik „sturmreif“ gemacht hatte, da holte der
+Faschismus zum entscheidenden Stoß aus, um der Republik, die dank der
+Stärke ihrer Feinde und der Zaghaftigkeit ihrer Freunde nur mehr eine
+leere Form ohne jeden Inhalt geworden zu sein schien, den letzten Schlag
+zu versetzen.
+
+Mussolinis Marsch nach Rom sollte in Hitler-Ludendorffs Zug nach Berlin
+seine Nachahmung finden. Allerdings: Als Mussolini nach Rom marschierte,
+da war das kaum mehr als ein theatralischer Effekt, da hatte er die
+Entscheidungsschlacht bereits gewonnen, da lag Italien von den Alpen bis
+Neapel wehrlos und besiegt den faschistischen Truppen zu Füßen und nur
+die rauchenden Druckereien und Versammlungslokale der Sozialisten, nur
+die Attentate verzweifelter Revolutionäre gaben Kunde davon, daß es noch
+„elementi soversivi“ (Umstürzler) in Italien gab.
+
+War nicht im Oktober 1923 die Lage in Deutschland eine ähnliche? Es
+mußte ein Kinderspiel scheinen, die Hakenkreuzfahne auf den Zinnen des
+Berliner Schlosses zu hissen. Demütigungen auf Demütigungen,
+Verhöhnungen und Bedrohungen hatte die Republik fast widerstandslos
+eingesteckt, untätig sahen die Regierungsparteien, sah auch die
+Sozialdemokratie dem Aufmarsch des Gegners zu, und wer die warnende
+Stimme erhob, um in letzter Stunde zum Widerstand, zur Verteidigung zu
+rufen, den schickte die Republik in Zuchthaus und Kerker.
+
+Hitler und Ludendorff hatten die Situation klar erfaßt und verstanden es
+wohl, daß sie nicht länger warten durften, wollten sie sich nicht selbst
+aufgeben. Nur eine Kleinigkeit hatten sie übersehen: daß plötzlich –
+fast über Nacht – der reiche Geldstrom, der in immer steigendem Maße
+ihnen zugeflossen war, merklich zu versiegen begann. Ein Zufall? Nein:
+während die Nationalsozialisten wie gebannt nach Berlin starrten und ihr
+Heer an der thüringischen Grenze aufmarschierte, hatte die deutsche
+Schwerindustrie ihre Geschäfte mit Paris in Ordnung gebracht. Die
+Industrie, die den Faschismus ausgerüstet, großgezogen, ins Feld
+gestellt hatte, um den Rücken frei zu haben gegen die für den
+Achtstundentag, für den Ausbau der sozialen Reformen kämpfende
+Arbeiterschaft und um andererseits einen entsprechenden Druck auf den
+französischen Partner ausüben zu können, war mit diesem zu einer
+Einigung gelangt. Der Faschismus hatte seine Schuldigkeit getan, nun
+mochte er sich trollen und brav im Hintergrunde warten und lauern, bis
+er wieder gerufen würde. Der Weg für den legalen parlamentarischen
+Rechtskurs war frei, der Gedanke des Bürgerblocks marschierte, völkische
+Experimente konnten da nur mehr unangenehme Verwicklungen herbeiführen.
+
+Hitler und die Seinen aber verstanden gar nicht, worum es ging. Das
+große Heer der Hakenkreuzler machte sich jedenfalls keine Gedanken
+darüber, was später einmal kommen sollte. Sie hatten ihre Befehle, sie
+hatten ihren Führer, sie hatten ihr nächstes Ziel, sie hatten den
+Glauben an ihre Berufung und sie durften gehorchen. Hitler schlug los.
+Er schlug ins Leere.
+
+So ist der Putsch vom 8. November 1923, der als entscheidender Kampf um
+die Macht gedacht war und in wenigen Stunden als Revolte im
+Bürgerbräukeller endete, das wichtigste politische Ereignis in
+Deutschland seit der Revolution. Er ist ein Merkstein für eine
+politische Entwicklung, die mit ihm ihren Abschluß gefunden hat, und
+erst die späteren Monate machten seine Bedeutung für den sozialen und
+politischen Umschichtungsprozeß in Deutschland ganz klar.
+
+
+ OKTOBER
+
+Der passive Widerstand an der Ruhr war zusammengebrochen. Verzweiflung
+über die würgende Not, die in den Hochsommermonaten eine phantastische
+Höhe erreicht hatte, trieb die rettungslos im reißenden Malstrom der
+Inflation versinkenden Arbeiter, Kleinbürger, Beamten, Angestellten zu
+gewaltigen, spontanen Kundgebungen auf die Straße. Cuno ging und
+Stresemann kam. Die Massen, die im ersten Anlauf eine Schlacht gewonnen
+hatten, fluteten wieder zurück. Ihre Aktion, die sich im ersten
+Augenblick so bedrohlich und gewaltig angelassen hatte, verpuffte. Die
+Sozialdemokratie sprang in die Bresche, um den Erfolg des ersten
+Treffens auszunutzen und als Teilhaber der Regierung Ruhe und Ordnung im
+Lande wiederherzustellen und den „Ruhrkampf zu liquidieren“.
+
+Hilferding, der neue Finanzminister, machte sich voll Eifer ans Werk. Es
+galt, die ins Bodenlose gestürzte Mark wieder auf die Beine zu bringen,
+die heillos zerrütteten Finanzen zu ordnen, die Teuerung einzudämmen,
+während dem Innenminister Sollmann, von dem man erwartete, daß er als
+Sozialdemokrat über den unerläßlichen Einfluß bei den erregten Massen
+verfügte, die Aufgabe zufiel, in der Zwischenzeit für die
+Aufrechterhaltung von Ordnung und Ruhe zu sorgen.
+
+Hilferding hatte nicht nur einzelne Reformen im Auge, er brachte einen
+wohldurchgearbeiteten Plan ins Ministerium mit. Die Arbeit begann. Die
+Mark stürzte weiter. Die Teuerung wuchs, das Elend, die Verzweiflung,
+Hunger und Not wuchsen mit. Innerhalb der Koalition spitzten sich die
+Gegensätze von Tag zu Tag zu. Das Finanzministerium und die Reichsbank
+arbeiteten aneinander vorbei, bald standen sie in offenem Kampf.
+Hilferding forderte die Sperrung aller Kredite, der Reichsbankpräsident
+Havenstein setzte die Kreditpolitik der Inflationszeit eigensinnig fort.
+Bei dem Duell Hilferding-Havenstein blieb als Leidtragender der kleine
+Mann auf dem Kampfplatz.
+
+Die Sozialdemokratie machte Opposition, protestierte, drohte mit dem
+Austritt aus der Koalition und merkte gar nicht, daß inzwischen
+Deutschnationale und Volkspartei, Schwerindustrie und Agrarkapital sich
+geeinigt hatten, zu einem gemeinsamen Aktionsprogramm gelangt waren. Die
+Sozialdemokratie drohte, ihre außerparlamentarischen Machtmittel
+einzusetzen und wußte, als einzige der politischen Parteien, nicht, daß
+diese Machtmittel – infolge der wachsenden Unzufriedenheit und
+Enttäuschung in der Mitgliedschaft – beträchtlich zusammengeschmolzen
+waren. So beantworteten die bürgerlichen Koalitionsparteien die
+Drohungen der Sozialdemokratie damit, daß sie sie beim Wort nahmen. Ehe
+sich die Partei dessen versah, war sie durch die Schwerindustrie ohne
+viel Federlesens aus der Regierung hinausmanövriert.
+
+Bevor es aber die Deutsche Volkspartei zu einem offenen Bruch mit der
+Sozialdemokratie kommen ließ, wollte sie gewisse unerläßliche Garantien
+für die Zukunft schaffen. Auf dem Wege zur rein bürgerlichen Regierung
+galt es, als erstes und wichtigstes Hindernis den roten Block zu
+überwinden, der gerade in jenen Monaten zu einem bedrohlichen
+revolutionären Pfeiler gegen die bürgerliche Regierungspolitik ausgebaut
+worden war. Das Reichswehrministerium täuschte sich nicht darüber, daß
+die Beseitigung der sozialistischen Regierungen in Sachsen und Thüringen
+eine schwierige Aufgabe bedeutete und zu gefährlichen Auswirkungen
+führen mußte, wenn nicht die Sozialdemokratie für die Teilnahme an
+dieser Aktion gegen ihre Parteigenossen im sächsischen und thüringischen
+Kabinett gewonnen werden konnte. Die letzte Tat der Koalitionsregierung
+war denn auch die Liquidierung der mitteldeutschen Arbeiterregierungen.
+Am 10. Oktober marschierte die Reichswehr in Sachsen und Thüringen ein,
+setzte die sozialistischen Regierungen ab, vertrieb mit aufgepflanztem
+Bajonett die kommunistischen und sozialdemokratischen Minister aus ihren
+Ämtern und proklamierte den Ausnahmezustand, dessen Durchführung einem
+eigenen Staatskommissar übertragen wurde.
+
+Diese Reichswehraktion gegen Sachsen und Thüringen war nur ein Schachzug
+in einem weit umfassenderen Plan. Am 27. September hatte die bayrische
+Regierung den Ausnahmezustand verkündet und die vollziehende Gewalt in
+Bayern dem Regierungspräsidenten von Oberbayern, Herrn von Kahr,
+übertragen, der als Generalstaatskommissar mit diktatorischen
+Vollmachten die Regierung übernahm. Begründung: Hitler hatte für Anfang
+Oktober 14 Massenversammlungen in München angekündigt, die nach Ansicht
+der bayrischen Regierung den Auftakt zu einem völkischen Putsch bilden
+sollten, den zu vereiteln Herr von Kahr berufen wurde.
+
+Die Reichswehraktion in Mitteldeutschland, die Berufung des Herrn von
+Kahr – beide Ereignisse standen in innerem ursächlichen Zusammenhang.
+Hier wie dort hatte man erkannt, daß man vorbauen mußte, wollte man
+nicht von der weiteren Entwicklung überrannt werden. Die Bayrische
+Volkspartei, das heißt die bodenständige, klerikale, besitzende Bürger-
+und Bauernschaft Bayerns, wußte ganz genau, daß sie der lawinenartig
+anwachsenden Bewegung des verelendeten Kleinbürgertums, Mittelstands
+keinen offenen Widerstand entgegensetzen konnte, erkannte aber auch
+ebenso klar, daß sie, diese Bewegung richtig auswertend, ihr eigenstes
+Ziel – die Aufrichtung der uneingeschränkten Herrschaft der katholischen
+Kirche in einem, der Fesseln der zentralistischen Reichsverfassung
+ledigen, selbständigen bayerischen Staat als Vorbedingung für eine
+Restauration der Wittelsbacher Monarchie und einen später zu
+verwirklichenden separatistischen, süddeutschen Staatenbund – mit einem
+Schlage gewaltig fördern könnte. Also hatte die Bayrische Volkspartei
+Kahr vorgeschoben, dem es als Ehrenvorsitzenden der separatistisch
+eingestellten Kampfverbände – vor allem der Organisation „Bayern und
+Reich“ – gelingen sollte, auch die Hitlerschen Kampfbünde zu sich
+herüberzuziehen, zu „binden“. Herr Kahr wieder betraute den
+Kapitänleutnant Ehrhardt mit der schwierigen Aufgabe, die Mittlerrolle
+zwischen den großdeutsch eingestellten Verbänden Hitler-Ludendorffs und
+Kahr selbst zu spielen.
+
+Ehrhardt hatte nachdem er aus dem Leipziger Untersuchungsgefängnis
+entwichen war, in Bayern bei Herrn Kahr warme Aufnahme gefunden, der ihm
+das Oberkommando über den „Abschnitt Koburg“, die Führung der an der
+sächsischen und thüringischen Grenze sich versammelnden Formationen
+übertrug. Kahrs Plan lief darauf hinaus, zwei Fliegen auf einen Schlag
+zu treffen: einerseits sollte seine Herrschaft in Bayern mit Hilfe der
+völkischen Verbände gesichert, anderseits die nicht ganz zuverlässigen
+schwarzen Schafe möglichst aus der Mitte der weißen katholischen
+Lämmlein entfernt werden. Herr Kahr hielt es nicht für klug, den
+Tatendrang der Völkischen zu zügeln, wünschte aber, daß sie ihn
+außerhalb Bayerns austobten. So fand die Hitlersche Parole: „Gegen
+Berlin!“ bei Kahr und der Bayrischen Volkspartei beifällige Aufnahme.
+
+Am 27. Oktober brachte die „Chronik des Faschismus“, eine damals in
+Berlin erscheinende, über die Vorgänge im völkischen Lager sehr gut
+informierte Zeitschrift, folgenden Situationsbericht aus München:
+
+ Daß Kahrs Kampfansage an den „marxistischen Norden“ ebenso nur ein
+ Manöver ist, wie seine Beschwerden gegen den Zentralismus der
+ Weimarer Verfassung, und daß der eigentliche Plan Kahrs und der
+ Bayrischen Volkspartei auf die völlige Separation Bayerns um jeden
+ Preis hinausläuft, zeigt ... die Tatsache, daß die Bayrische
+ Hauptstadt, bisher der Sammelpunkt aller faschistischen und
+ reaktionären Kondottieri von Ehrhardt bis Ludendorff, jetzt zum
+ Stelldichein viel höherer und höchster Herrschaften geworden ist.
+ Der Erzherzog Josef von Ungarn, der „Soldatenvater“, der seine
+ Kinder anno 14 in den Karpathen so energisch behandelte, daß sie zu
+ Zehntausenden elend im Schnee umkamen – dieser hohe Heerführer
+ eröffnete den Reigen als Vertreter Horthys. Mussolini zögerte nicht,
+ einen Delegierten zu senden. Herr Kahr ließ durch Mittelspersonen in
+ Paris anfragen, wie dort die Wiederherstellung der Donaumonarchie
+ aufgenommen werden würde, und als die Antwort so günstig ausfiel,
+ wie erwartet, eilten jetzt Zita aus Spanien und der König Ferdinand
+ von Bulgarien höchstselbst nach München zum Rendezvous.
+
+Inzwischen wußte „Der Abend“ in Wien zu melden:
+
+ „Die derzeitige politische Lage in Deutschland hat den Vatikan
+ veranlaßt, die bayrischen Bischöfe, den Erzbischof von Bamberg und
+ die Bischöfe von Speyer und Passau zu einer Beratung nach Rom zu
+ berufen. Der Vatikan will offenbar den jetzigen Augenblick der
+ allgemeinen Verwirrung dazu benutzen, um den alten Plan der
+ Errichtung eines katholischen Donaustaates auszuführen.“
+
+Doch bei all dem vergaß Herr von Kahr nicht, daß ein Kampf nach zwei
+Fronten – gegen Berlin und gegen Hitler – die große Gefahr barg, in ein
+Kreuzfeuer zu geraten, im entscheidenden Augenblick völlig isoliert zu
+werden. Während er sich den Völkischen gegenüber sicher und stark genug
+fühlte, war er über die letzten Pläne und Absichten der Reichsregierung,
+das heißt des von Präsident Ebert mit den unumschränkten Vollmachten
+eines Diktators zum Inhaber der vollziehenden Gewalt bestellten Generals
+von Seeckt, des Oberbefehlshabers der Reichswehr, nicht im klaren.
+Gewiß, in Einzelheiten gab es Differenzen – aber bestanden nicht solche
+auch zwischen Kahr und Hitler, ohne daß sie ein Zusammenarbeiten für das
+gemeinsame Ziel des reaktionären Umsturzes ausschlossen? Und vor allem:
+würde General von Seeckt nicht im richtigen Augenblick bereit sein,
+Kahrs Stichwort aufzunehmen? Separatismus und Großdeutschland –
+Hohenzollern oder Wittelsbach – das waren doch Fragen, die erst später
+nach dem Sturz der Republik brennend wurden. Vorläufig galt es, die
+Schlacht zu schlagen. Sollte da nicht General von Seeckt ein geheimer
+Verbündeter sein, der es vorläufig nur noch nicht als geraten ansah,
+seine republikanische, ihm selbst gewiß am meisten lästige Maske
+abzuwerfen?
+
+Kahrs Rechnung schien zu stimmen. Seine Vorstöße, die er zur Klärung des
+Gefechtsfeldes unternahm, trafen wenigstens nur auf eine sehr
+schwächliche Abwehr des Generals von Seeckt und des Berliner Kabinetts,
+eine Abwehr, die beinahe wie ein Manöver aussah. Ja, während sich die
+völkischen Verbände unter den Augen und mit der wohlwollenden
+Unterstützung des Herrn von Kahr an der thüringischen Grenze zum Marsch
+gegen Berlin sammelten, trat der Oberbefehlshaber der Reichswehr mit dem
+bayrischen Generalstaatskommissar in Verhandlungen ein, um die Teilnahme
+der bayrischen Reichswehrformationen und auch der völkischen
+Kampfverbände an der Aktion gegen Sachsen und Thüringen zu vereinbaren.
+Selbst in den ersten Novembertagen noch lagen die letzten Absichten
+Seeckts in mystisches Dunkel gehüllt.
+
+Dieses zu erhellen sollte ein Flugblatt dienen, das die Völkischen im
+Dezember 1923 in München insgeheim verbreiteten, um nachzuweisen, daß
+Hitlers Putsch nur die logische, im ursprünglichen Programm vorgesehene
+Fortsetzung einer von ganz anderer Seite beabsichtigten Aktion war.
+
+Dies Flugblatt gab einen Reichswehrbefehl vom 3. November wieder und
+enthielt folgende Absätze:
+
+ Aus dem Befehl, der unter der Überschrift „Ue...“ ausgegeben wurde,
+ ergibt sich, daß die Reichswehr „für Auffüllung ihrer Bestände am
+ ersten Tag der Herbstübung 1923 ihre Fehlstellen aus den jetzigen
+ Hilfsmannschaften decken soll“. Danach werden die einzeln
+ angeführten Kompagnien einer nicht genannten Division durch
+ Kompagnien der Nationalsozialisten, des „Hermannbundes“, des
+ „Oberland“ und von „Bayern und Reich“ verstärkt. Es heißt dann in
+ diesem Befehl wörtlich:
+
+ „Verpflegung und Gebühren: Es dürfen nur unbedingt verläßliche Leute
+ zur Einstellung kommen, für die Feldtruppe nur voll ausgebildete.
+ Gebühren und Versorgung wie Angehörige der Reichswehr.
+
+ Studenten der Hochschule wird die verlorene Studienzeit voll
+ angerechnet. Beamten, Angestellten, Arbeitern wird die Rückkehr zu
+ ihren früheren Stellungen ohne Dienstzeitverlust zugesichert.
+ Während der Operationen ruht das Recht der Kündigungen seitens der
+ Freiwilligen.“
+
+Endlich seien noch nachstehende Geheimdokumente der Organisation
+„Stahlhelm“ wiedergegeben. Auch sie wurden von den Völkischen zum Beweis
+herangezogen, daß Hitlers Putschpläne bis Anfang November nicht nur bei
+Kahr, sondern auch bei General von Seeckt Verständnis und Billigung
+gefunden hatten, und die Verteidigung suchte später daraus den Schluß
+abzuleiten, daß unter solchen Umständen von einem Hochverrat Hitlers
+nicht gesprochen werden könnte – es sei denn, man wollte neben ihm auch
+Herrn von Kahr, General von Seeckt und verschiedene andere Mitglieder
+der Reichsregierung unter dieselbe Anklage stellen.
+
+
+ An alle Gauführer!
+
+ Magdeburg, den 11. November 1923.
+
+ Vertraulich!
+
+
+ Kurzer Lagebericht.
+
+ Am Sonntag, den 4. d. M., tagte die Bundesleitung in Magdeburg zur
+ Besprechung der Lage. Das Ergebnis wurde in ultimativer Form als
+ Kundgebung dem Reichskanzler Dr. Stresemann überreicht, sowie der
+ Presse übergeben. Die Entschließung hat in der Presse und in der
+ Öffentlichkeit lebhafte Besprechungen hervorgerufen, zum größten
+ Teil sehr anerkennend, von gewisser halbrosaer Seite erbittert, mit
+ dem Versuch niederzureißen, von sozialdemokratischer Seite fragend,
+ was der Stahlhelm mit der Forderung der nationalen Diktatur
+ beabsichtige.
+
+ Die gedrängte Stellungnahme ist aus folgendem kurzen Entschluß zu
+ ersehen, sowie aus der Mitteilung, daß der Bundesvorsitzende seit
+ der Zeit vom 5. d. M. bis heute _dreimal nach Berlin zum
+ Reichskanzler gerufen wurde_. Der Unterzeichnete hat dem
+ Reichskanzler, der Reichsregierung und dem Oberbefehlshaber in
+ klaren Worten die Stellung und Forderung des Stahlhelms überreicht.
+ Er gewann jedoch den Eindruck, daß der jetzige Reichskanzler nicht
+ der Mann ist, um die nötige Entschlußhärte zur Führung sowohl der
+ nationalen Diktatur als auch der Reichsregierung und letzten Endes
+ von Preußen aufzubringen. Vor Forderungen wie Nachhauseschicken des
+ Reichstags, Ausbooten der Sozialdemokratie in der preußischen
+ Regierung, rücksichtslose Einführung und schnellste Erledigung der
+ wertbeständigen Zahlung und der Ernährungsfrage wich der Kanzler
+ zurück.
+
+ _Infolgedessen trug der Unterzeichnete dem Oberbefehlshaber die
+ Entschließung und die Stellungnahme des Stahlhelms vor._
+
+ Die durch den Putsch Ludendorff-Hitler gebrachte Spannung der Lage
+ ergab, daß der Bundesvorsitzende den Gaugruppen übermittelte, daß
+ der Bundesführer in diktatorischer Weise von jetzt ab handeln muß.
+ Gleichzeitig ergibt die Spannung der Lage, daß die gesamte Stellung
+ des Stahlhelms auf eine präzise Formel gebracht werden muß. Sie
+ lautet: „Der Stahlhelm steht zur Reichswehr!“
+
+ Von Berlin nach dreimaligem Besuch und umfangreicher Arbeit in den
+ verschiedenen Ministerien zurück, traf den Unterzeichneten der
+ persönliche Besuch des Führers des Jungdeutschen Ordens, des Herrn
+ Marauhn. Der Jungdeutsche Orden, eine der stärksten norddeutschen
+ Korporationen, zählt etwa zirka 6000 Ortsgruppen. Die ideale
+ Einstellung des Jungdo ist dem Stahlhelm verwandt. Der Großmeister
+ Marauhn legte seinen ganzen Nachdruck auf die Vorbereitung des
+ Siedlungswerkes und Erschließung von Ödland, in der ideellen
+ Ertüchtigung der deutschen Männer und männlicher Jugend und der
+ Unterstützung der Reichswehr durch wehrhafte Männer.
+
+ Der Bundesvorsitzende des Stahlhelms nahm nach sorgfältiger
+ Besprechung das Angebot des Jungdoführers an, was den beiliegenden
+ Wortlaut hat. Der Stahlhelm erfährt durch das Bündnis mit dem
+ Jungdo, das jedem Verbande seine Eigenart läßt, eine Stärkung in der
+ heutigen Zeit. Die Gau- und Ortsgruppenführer haben daher Sorge zu
+ tragen, daß das Einvernehmen mit dem Jungdo unter Bezugnahme auf
+ dieses Bündnis das denkbar beste ist, und der eine Bund den andern
+ kameradschaftlich und brüderlich unterstützt.
+
+ Gleichzeitig melden die Gau- und Ortsgruppen, mit welchen anderen
+ Verbänden oder Bünden nähere Beziehungen bzw. Verabredungen auf
+ gegenseitige Hilfeleistungen bestehen.
+
+ Der Bundesvorsitzende wird morgen nochmals nach Berlin fahren, um
+ mit den dortigen maßgebenden Stellen zwecks Klärung der Lage zu
+ sprechen und in ultimativer Form die Errichtung der nationalen
+ Diktatur weiter zu fordern.
+
+ Der Gesamtgang der künftigen Ereignisse ist angesichts der
+ verschiedenen Strömungen in der Regierung noch nicht auf Zeiten
+ festzulegen. Es muß aber heute schon gesagt werden, daß es eine
+ andere Lösung als die möglichst schnelle Errichtung einer nationalen
+ Diktatur heute nicht mehr gibt.
+
+ Mit kameradschaftlichem Gruß
+ gez. Fr. Seldte, 1. Bundesvorsitzender.
+
+
+ Entwurf.
+ Ohne juristische Abfassung.
+
+ 1. Der Herr Reichspräsident hat mich angesichts der Möglichkeit
+ weiterer Umsturzversuche und angesichts der drohenden Hungersnot zum
+ Reichsverweser mit diktatorischer Gewalt für begrenzte Zeit ernannt.
+
+ 2. Ich bilde ein Direktorium. Ich ernenne die Herren
+
+ Rabethge zum Wirtschaftsdirektor,
+
+ Graf Kanitz zum Ernährungsdirektor,
+
+ Dr. Stresemann zum Außendirektor.
+
+ Sie üben ihre Tätigkeit ehrenamtlich aus. Die Aufgaben der
+ Reichsminister übernehmen Staatssekretäre.
+
+ 3. Der Reichstag wird aufgelöst.
+
+ 5. Die Schutzpolizei tritt unter meinen Befehl. Sie wird verstärkt.
+
+ 7. Streiks sind bis auf weiteres verboten. Die Börse wird bis auf
+ weiteres geschlossen.
+
+ 8. Es werden mit sofortiger Wirkung Standgerichte eingesetzt mit
+ Befugnis der Todesstrafe für Auflehnung und Sabotage gegen den
+ Reichsverweser, Streikhetzer, Plünderer, Wucherer, Zurückhaltung von
+ Nahrungsmitteln, Ausfuhr von Nahrungsmitteln.
+
+
+ Bemerkungen:
+
+ Zu 1. Mit Rücksicht auf Frankreich und auf die Sozialisten ist der
+ Passus „weitere Umsturzversuche“ und „Hungersnot“ gewählt. Ebenso
+ der Passus „begrenzte Zeit“.
+
+ Zu 3. Wird der Reichstag nur in die Ferien geschickt, so sitzen die
+ Abgeordneten nach wie vor in den Vorzimmern des Direktoriums.
+
+ Zu 5. Eine Verstärkung der Reichswehr aus außenpolitischen Gründen
+ unmöglich. Reichsverweser braucht jedoch eine starke Macht. Daher
+ Verstärkung der Schutzpolizei, die unter den Befehl von
+ Reichswehroffizieren tritt.
+
+ Zu 7. Streiks muß evtl. durch Erschießung jedes Zehnten
+ entgegengetreten werden, insbesondere dem der Banknotendrucker.
+
+ Zu 8. Im augenblicklichen Stadium, d. h. solange bis die Maßnahmen
+ des Ernährungsdirektors und des Wirtschaftsdirektors, die nicht
+ zaubern können, sich ausgewirkt haben, muß Terror an die Stelle von
+ Besserung der Lage treten. Daher ist jede Auflehnung gegen den
+ Reichsverweser mit dem Tode zu bestrafen. _Das Aufhängen von vier
+ Wucherern auf dem Potsdamer Platz und von Streikhetzern am Neuen
+ Tor, die Erschießung von drei Landwirten_, die ihr Getreide
+ zurückhalten, ist der _Schreckschuß_, den bisher noch niemand gewagt
+ hat und der notwendig ist. Wer dafür kein Verständnis hat, kann die
+ Lage nicht meistern.
+
+
+ Funkspruch an Alle!
+
+ „Deutschland stellt alle Zahlungen und Sachlieferungen bis auf
+ weiteres an die Entente wegen drohender Hungersnot ein. Komme, was
+ da kommen mag.“
+
+ _v. Seeckt_, _Rabethge_, _Graf Kanitz_, _Stresemann_.
+
+
+ Nachbemerkungen:
+
+ Der Reichsverweser ist der Aufpeitscher, Vorwärtstreiber, und das
+ Schwert der drei Direktoren, ist das stahlharte Rückgrat, ist der,
+ der erschießen läßt, wozu die anderen nicht den Mut aufbringen.
+
+ Die Hereinnahme von Stresemann erscheint notwendig:
+
+ a) damit nach außen keine Veränderung im außenpolitischen Kurs
+ eintritt, Frankreich nicht einmarschiert,
+
+ b) ein Mann zur Abwicklung des Parlamentarismus mit Erfahrung da
+ ist.
+
+Beweisen alle diese Protokolle, Briefe, Geheimbefehle wirklich das, was
+die Völkischen behaupteten? Sie zeigen uns jedenfalls, daß dem scheinbar
+unentwirrbaren Rattenschwanz von Putschplänen, Aktionen und
+Gegenaktionen ein gewisses System zugrunde lag, daß durch dies
+verworrene Gespinst ein Faden lief, der von geschickten und kundigen
+Händen geknüpft worden war.
+
+
+ DER PUTSCH
+
+Die Ernennung Kahrs zum Generalstaatskommissar war von den
+„Vaterländischen Verbänden“ Bayerns, deren Ehrenvorsitzender er war, mit
+folgender Kundgebung begrüßt worden:
+
+ „Bayern steht unter der Führung des Generalstaatskommissars v. Kahr.
+
+ Wir wissen, daß der Mann, der vor zwei Jahren allein gegenüber
+ Zumutungen (in den Fragen der Entwaffnung und der Einwohnerwehren),
+ die zum Schaden Deutschlands und Bayerns führen mußten, aufrecht
+ geblieben ist, heute dieselbe gerade Gesinnung durch die Tat
+ beweisen wird.
+
+ Damals stand er allein, wenn auch die Gefühle der Besten in Bayern
+ und Deutschland mit ihm waren. Heute soll Herr Kahr wissen, daß er
+ nicht nur auf Gefühle rechnen kann, die Machtmittel des Staates und
+ machtvolle Organisationen stehen ihm zur Seite.
+
+ Jetzt heißt es, das Vaterland vom Abgrund zurückzureißen und sich in
+ die Erfordernisse des völkischen Gedankens und einer auf diesem
+ Gedanken fußenden Staatsmacht einzuordnen.
+
+ Das ist die heilige Pflicht jedes Mitgliedes der Vereinigten
+ vaterländischen Verbände Bayerns.
+
+ gez. Bauer. Kleinhenz.“
+
+Das Stichwort war gefallen. Die Führer der verschiedenen Kampfverbände
+nahmen es auf. Für Arbeitsteilung sorgte Hitler, der fieberhaft die
+Aufrüstung betrieb und seine Anhänger mit der Versicherung, die Stunde
+zum Losschlagen sei gekommen, unerbittlich vorwärtstrieb. Seine
+Zuversicht wurde nicht einmal getrübt, als Kahr in den ersten
+Oktobertagen mit einem geschickten Manöver den nationalsozialistischen
+Kampfbund sprengte. Der Wiking-Bund, eine militärische Organisation
+Ehrhardts, an dessen Spitze dessen Adjutant Kapitän Kautter stand, trat
+auf die Seite Kahrs über. Die Organisation „Reichsflagge“, von Hauptmann
+Heiß befehligt, folgte. Das war ein schwerer Schlag, denn Heiß saß in
+Nürnberg und hatte die wichtigen nordbayrischen Gebiete in der Hand.
+Kahr ließ nicht locker. Als der Leipziger Staatsgerichtshof wegen einer
+hochverräterischen Rede des draufgängerischen Hauptmanns Heiß einen
+Haftbefehl gegen ihn erließ, setzte nun der Generalstaatskommissar noch
+am selben Tag – 28. September – mit einer Verordnung das Reichsgesetz
+zum Schutz der Republik für Bayern außer Kraft. Damit war dem Reich in
+aller Form der Fehdehandschuh hingeworfen. Nun gab es kein Zurück mehr.
+
+In den letzten Septembertagen ein zweiter, noch bedeutsamerer
+Zwischenfall: General von Seeckt hatte als Inhaber der vollziehenden
+Gewalt im Reich den „Völkischen Beobachter“ in München, Hitlers Organ,
+wegen fortgesetzter hochverräterischer Drohungen verboten. Das Blatt
+hielt es nicht für notwendig, das Verbot zu beachten. Seeckt ließ die
+bayrischen Behörden ersuchen, dem Verbot Beachtung zu erzwingen – die
+bayrischen Behörden erklärten, ein Eingreifen auf Grund des
+Reichsausnahmezustandes ablehnen zu müssen. Ein neuer Befehl von Berlin,
+diesmal an General von Lossow: er habe im eigenen Wirkungskreis das
+Weitererscheinen der Zeitung zu verhindern. General Lossow warf den
+Befehl seines Vorgesetzten in den Papierkorb. General von Seeckt
+entschloß sich, den letzten Trumpf auszuspielen: Lossow wird seines
+Postens und des Kommandos über die bayrische Reichswehr enthoben. Auch
+jetzt kapituliert Lossow nicht. Er erklärt formell, diesem Befehl nicht
+Folge geben zu können, und der Generalstaatskommissar von Kahr ernennt
+ihn noch am selben Tag zum bayrischen Landeskommandanten. Tags darauf
+ordnet Kahr an, die bayrischen Truppen auf den Generalstaatskommissar
+von Bayern zu vereidigen. Am 20. Oktober rücken die Münchener Truppen
+zur Eidesleistung aus. Der Bruch mit dem Reich ist vollzogen. Was werden
+die nächsten Tage bringen?
+
+November wird’s. Grauer dichter Nebel deckt sein Tuch über Deutschland.
+Unten in Bayern brodelt es. Niemand weiß recht, welche Gewitter im Anzug
+sind, was die schweren Wolken bergen, die über der thüringischen und
+sächsischen Grenze heraufziehen. Aber im ungewissen Schein der Dämmerung
+hat man dort unten Truppen gesehen, Tausende von Bewaffneten, die in den
+Dörfern und Städten kampieren, die Landstraße besetzt halten; Reisende
+wissen beängstigende Dinge von Schützengräben, Kanonen und Panzerautos
+zu erzählen. Der Vormarsch der bayrischen Kampfverbände ist nicht mehr
+zum Stehen zu bringen. General von Seeckt, der bis zuletzt gezögert
+hatte, verhandelt hatte, immer wieder neue Fäden anknüpfte mit den
+Abgesandten Kahrs und dessen preußischen Freunden, findet sich in einer
+Sackgasse. Am 4. November erläßt er folgenden Aufruf an die Reichswehr:
+
+ Reichswehrministerium (Heer) Heeresleitung
+
+ Berlin, den 4. November 1923.
+
+ Der Ruhrkampf und sein Ende haben Deutschland im tiefsten
+ aufgewühlt. Frankreichs und Belgiens frevelhafter Eingriff in das
+ Reichsgebiet, die wirtschaftliche Not, die das Volk an den Rand der
+ Verzweiflung bringt, haben uns nicht zusammengeführt, sondern den
+ Kampf der Parteien zur Siedehitze gesteigert. Der kommunistische
+ Umsturz ist in Hamburg soeben von Polizei und Reichsmarine
+ niedergeworfen worden: aber die Kommunisten sind entschlossen, ihn
+ zu erneuern, sobald ihnen die Verschärfung der Not und des
+ politischen Kampfes neue Gelegenheit gibt. Andererseits ist Macht
+ und Anhang derjenigen gewachsen, die Deutschlands Rettung nur in der
+ beschleunigten, gewaltsamen Beseitigung des heutigen
+ Regierungssystems durch eine nationale Diktatur sehen. Die
+ bayrischen Nationalsozialisten fordern den Marsch auf Berlin.
+
+ Solange ich an meiner Stelle bin, habe ich die Ansicht vertreten,
+ daß nicht von diesem oder jenem Extrem, nicht von äußerer Hilfe oder
+ innerer Revolution – komme sie von links oder rechts – das Heil
+ kommt, sondern daß uns nur harte, nüchterne Arbeit die Möglichkeit
+ zum Weiterleben gibt. Diese können wir allein auf dem Boden von
+ Gesetz und Verfassung leisten. Wird dieser verlassen, so tritt der
+ Bürgerkrieg ein – der Bürgerkrieg, der bei unseren heutigen
+ Verhältnissen zwei an Zahl und Machtmitteln gleich starke Parteien
+ gegeneinander führt, der nicht mit dem Siege der einen Seite,
+ sondern mit ihrer gegenseitigen Zerfleischung endet, für den uns der
+ 30jährige Krieg ein furchtbar warnendes Beispiel sein muß. Feinde
+ ringsum, im Innern Deutsche gegen Deutsche! Beim Friedensschluß
+ triumphiert Frankreich.
+
+ An der Reichswehr ist es, diesen Bürgerkrieg zu verhindern. Solange
+ in der Reichswehr innere Disziplin und unerschütterliches Vertrauen
+ zu ihren Führern lebt, solange kann kein Feind des Staates etwas
+ ausrichten, solange kann die Reichseinheit nicht angetastet werden,
+ solange wird die Hoffnung auf ein freies und großes Deutschland
+ nicht erlöschen. An uns ist es, dieses Vertrauen nicht zu täuschen,
+ den militärischen Ausnahmezustand so zu handhaben und
+ auszugestalten, daß nicht nur Ruhe und Ordnung in Deutschland
+ herrschen, sondern daß seine Bewohner, in ihrer Existenz
+ sichergestellt, wieder Vertrauen zur Zukunft fassen und seine Jugend
+ in nationaler Begeisterung wieder zur Wehrhaftigkeit drängt. Wohl
+ aber haben sich durch die jüngsten Vorgänge in Bayern Zweifel
+ erhoben, ob die innere Einigkeit und Festigkeit des Heeres zur
+ Durchführung dieser hohen Aufgabe genügt. Unser Lebensinteresse ist
+ es, daß wir diesen Zweifel widerlegen, daß wir den Parteikampf, der
+ alle übrigen Kräfte Deutschlands zerreißt, aus dem Heere
+ ausschließen, daß wir nur den überparteilichen staatlichen
+ Notwendigkeiten dienen und uns weder durch den Haß noch durch die
+ Lockungen der politischen Richtungen von dieser Bahn abbringen
+ lassen. Diese staatlichen Notwendigkeiten zu erkennen und
+ durchzusetzen, ist aber allein Sache der obersten Führung. Die Ehre
+ des Soldaten liegt nicht im Besserwissen und Besserwollen, sondern
+ im Gehorsam. Deshalb warne ich in dieser Stunde alle Angehörigen der
+ Reichswehr vor jenen, die Zwietracht in ihre Reihen zu tragen suchen
+ und unter dem Mantel schöner Ziele Mißtrauen gegen die Vorgesetzten
+ säen. Eine Reichswehr, die in sich einig und im Gehorsam bleibt, ist
+ unüberwindlich und der stärkste Faktor im Staate.
+
+ Ich ersuche alle Kommandeure, ihre Untergebenen auf die schweren
+ Gefahren einer solchen Entwicklung hinzuweisen und jeden
+ Reichswehrangehörigen, der sich politisch zu betätigen sucht, sofort
+ aus der Truppe zu entfernen.
+
+ gez. v. Seeckt.
+
+Am selben Tag erläßt auch Stinnes eine Proklamation. Es ist ein
+einfacher Brief. Niemand in der breiten Öffentlichkeit nimmt Kenntnis
+von ihm. Und doch kommt ihm große Bedeutung zu.
+
+In diesem Brief verabschiedet Herr Stinnes seinen Generaldirektor
+Minoux, der viele Monate lang seine rechte Hand gewesen ist, der erst
+vor wenigen Tagen mit Wissen seines Herrn nach München geeilt war, um in
+Verhandlungen mit Hitler und Ludendorff und Kahr den Boden für das große
+nationale Direktorium zu bereiten, in dem ihm selbst eine führende
+Stellung ausersehen war. Herr Stinnes läßt seinen Generaldirektor
+fallen. Der Traum vom nationalen Direktorium ist ausgeträumt. Kahr weiß
+nun, was die Stunde schlägt.
+
+Am 6. November versammelt er die Führer sämtlicher Kampfverbände in
+München, um im letzten Augenblick das Steuer herumzureißen.
+Polizeioberst Seißer, der gerade von seiner Reise nach Berlin
+zurückgekehrt ist, hat das Referat. Er soll nun den Herren Hitler und
+Ludendorff klar machen, daß man die Aktion verschieben müsse. Der Norden
+ist noch nicht so weit, ein zu frühes Losschlagen kann verhängnisvolle
+Folgen haben. Zeit gewinnen, denkt Herr von Kahr, ist jetzt alles.
+Warten wir wenigstens noch bis zum 12. November.
+
+Die Sitzung nimmt einen stürmischen Verlauf. Oberstleutnant Kriebel, der
+oberste Führer der Hitlerschen Kampftruppen, ist empört. Soll man wieder
+„kneifen“? Warum bis zum 12. warten, wenn man schon am 9. den Schlag
+führen kann? In derselben Nacht fassen Hitler und seine Kommandanten den
+Entschluß, ohne weiteren Zeitverlust loszuschlagen, jene vollendete
+Tatsache zu schaffen, die – wie sie überzeugt sind – auch Herrn von Kahr
+veranlassen wird, „den Absprung zu wagen“.
+
+Für den 8. November acht Uhr abends ist im Münchener Bürgerbräu eine
+Versammlung einberufen, in der Herr von Kahr eine Rede zur politischen
+Lage halten soll. Bis auf den letzten Platz ist dieser große Saal
+gefüllt. Unruhe, Ungewißheit, eine Ahnung von ungewöhnlichen Dingen, die
+sich abspielen werden, abspielen müssen, hält die Zuhörer in ihrem Bann.
+Draußen an den Eingängen stehen mit Pistole und Gewehr Bewaffnete,
+verwegene Gestalten Wache. Ihre Windjacke ist mit dem Hakenkreuz
+geziert, auf der Kappe das Abzeichen Hitlers. Es sind die tüchtigsten,
+militärisch am besten geschulten Parteigenossen, die diesen Stoßtrupp
+bilden und Leutnant Berchtold befehligt sie. Bund „Oberland“
+unter Führung Dr. Webers und des Generals a. D. Aechter, die
+„Reichskriegsflagge“ unter Führung des Hauptmanns Röhm, das
+nationalsozialistische „Regiment München“, das drei Bataillone zählt und
+den Oberleutnant Brückner zum Kommandanten hat, sind seit Tagen marsch-
+und gefechtsbereit. Wird es noch heute losgehen?
+
+Herr von Kahr hat die Rednertribüne bestiegen und beginnt sein Referat.
+Eine halbe Stunde ist vergangen. Da – Stimmengewirr, Kommandorufe,
+rückwärts am Saaleingang brandet Geschrei, große Wellen der Erregung
+fluten nach vorne – was ist geschehen? Ein Schuß fällt. Hitler steht
+mitten im Saal. Die noch rauchende Pistole in der Hand. Seine Stimme
+schmettert, übertäubt allen Lärm, es wird mäuschenstill im Saal:
+
+„Die nationale Revolution ist ausgebrochen. Der Saal ist von
+sechshundert Schwerbewaffneten besetzt. Niemand darf den Saal verlassen.
+Wenn nicht sofort Ruhe ist, werde ich ein Maschinengewehr auf die
+Galerie stellen lassen. Die bayrische Regierung und die Reichsregierung
+sind abgesetzt. Eine provisorische Reichsregierung wird gebildet. Die
+Kasernen der Reichswehr und Landespolizei sind besetzt. Reichswehr und
+Landespolizei rücken bereits unter der Hakenkreuzfahne heran.“
+
+Frenetischer Beifall braust auf. Kahr tritt vom Podium ab, folgt mit
+General Lossow Hitler in einen Nebensaal. Inzwischen ist Leutnant Pernet
+mit dem Auto losgesaust, um General Ludendorff herbeizuholen. Dr. von
+Scheubner-Richter, der Geschäftsführer der nationalsozialistischen
+Partei, begleitet ihn.
+
+Wenige Minuten später ist Ludendorff zur Stelle. Und während draußen in
+der Stadt die völkischen Truppen aufmarschieren, entwirft Hitler den
+Schlachtplan. Eine bayrische Regierung soll gebildet werden, die aus
+einem Landesverweser und einem mit diktatorischen Vollmachten
+ausgestatteten Ministerpräsidenten bestehen wird. Herr von Kahr wird
+Landesverweser, Oberlandesgerichtsrat Pöhner Ministerpräsident. Hitlers
+Stimme schmettert:
+
+ „Bis zum Ende der Abrechnung mit den Verbrechern, die heute
+ Deutschland tief zu Grunde richten, übernehme die Leitung der
+ Politik, der provisorischen nationalen Regierung – ich. Exz.
+ Ludendorff übernimmt die Leitung der deutschen nationalen Armee,
+ General von Lossow wird deutscher Reichswehrminister, Oberst von
+ Seißer deutscher Reichspolizeiminister. Die Aufgabe der
+ provisorischen deutschnationalen Regierung ist, mit der ganzen Kraft
+ dieses Landes und der herbeigezogenen Kraft aller deutschen Gaue den
+ Vormarsch anzutreten in das Sündenbabel Berlin, das deutsche Volk zu
+ retten.“
+
+Dann steht General Ludendorff auf dem Podium:
+
+ „Ergriffen von der Größe des Augenblicks und überrascht stelle ich
+ mich kraft eigenen Rechtes der deutschen Nationalregierung zur
+ Verfügung. Es wird mein Streben sein, der alten schwarz-weiß-roten
+ Kokarde die Ehre wiederzugeben, die ihr die Revolution genommen hat.
+ _Es geht heute um das Ganze._ Es gibt für einen deutschen Mann, der
+ diese Stunde erlebt, kein Zaudern zur vollen Hingabe, nicht nur mit
+ dem Verstand, nein, zur Hingabe mit vollem, deutschem Herzen an
+ diese Sache. _Diese Stunde bedeutet den Wendepunkt in unserer
+ Geschichte._ Gehen wir in sie hinein mit tiefem, sittlichem Ernst,
+ überzeugt von der ungeheuren Schwere unserer Aufgabe, überzeugt und
+ durchdrungen von unserer schweren Verantwortung. Gehen wir mit dem
+ übrigen Volk an unsere Arbeit. Wenn wir reinen Herzens diese Arbeit
+ tun – deutsche Männer, ich zweifle nicht daran –, wird Gottes Segen
+ mit uns sein, den wir herabflehen auf diese Stunde. Ohne Gottes
+ Segen geschieht nichts. Ich bin überzeugt und zweifle nicht daran:
+ Der Herrgott im Himmel, wenn er sieht, daß endlich wieder deutsche
+ Männer da sind, wird mit uns sein.“
+
+Pöhner beschließt die Reihe der Ansprachen:
+
+ „Ich werde mich _selbstverständlich_ dem Rufe nicht entziehen, den
+ vaterländische Pflicht mir gebeut. Ich werde Herrn v. Kahr treu zur
+ Seite stehen bei der schweren Aufgabe, die er haben wird. Wir haben
+ bisher immer zusammengestanden. Seine Exzellenz wird sich auf mich
+ verlassen können.“
+
+Doch man hört nicht mehr, was hier im Saale gesprochen wird.
+Trommelwirbel dröhnt von der Straße herein. Die Infanterieschule ist
+unter den Hakenkreuzfahnen heranmarschiert und hat vor dem Bürgerbräu
+Aufstellung genommen. Ludendorff schreitet die Front ab. Und
+gleichzeitig werden die Minister des bayrischen Kabinetts, die der
+Versammlung beigewohnt haben, unter strenger Eskorte in Autos verladen,
+um in ihre Ehrenhaft abgeführt zu werden. Dr. Weber hat die Villa seines
+Schwiegervaters Lehmann für die Unterbringung der Geiseln
+bereitgestellt.
+
+Mitternacht ist vorüber. Im obersten Kommando Hitlers herrscht
+Unsicherheit und Beklemmung. Es ist zu leicht gegangen und zu schnell.
+Nirgends zeigt sich Widerstand. Die Herren Kahr und Lossow sind
+plötzlich verschwunden, und da man sie jetzt telephonisch erreichen
+will, versagt das Telephon. Kuriere jagen durch die nächtlichen Straßen.
+Herr Lossow ist nicht zu finden. Herr Kahr ist nicht zu sprechen. Im
+Wehrkreiskommando, wo der Stab der Rebellenarmee versammelt ist, weiß
+man diese beunruhigenden Zufälle nicht zu deuten. Ein Kurier nach dem
+andern geht ab und kehrt nicht wieder. Ludendorff bittet, fordert,
+befiehlt – Lossow kommt nicht zur Besprechung.
+
+Der Morgen dämmert. Da beschließt das Kommando, alle verfügbaren Truppen
+zu sammeln und einen großen Demonstrationszug durch die Stadt zu
+veranstalten, um endlich aus dieser Unklarheit herauszukommen.
+
+Der Zug setzt sich in Marsch. Böse Nachrichten laufen ein. Die Kaserne
+ist in den Händen der Reichswehr, der Versuch, sie im Sturm zu nehmen,
+ist kläglich mißlungen. Im Polizeipräsidium ist Herr Frick, der von
+Hitler zum Leiter der Münchener Polizei ernannte Oberamtmann, ganz
+plötzlich verhaftet worden. Reichswehr sperrt die Isarbrücken, Gewehr
+bei Fuß. Oberleutnant Brückners Parlamentäre kehren unverrichteter Dinge
+zurück. Ist man umzingelt? Verraten? Verloren? Wo ist Kahr? Was will
+Lossow?
+
+Als der Zug unter Führung Hitlers und Ludendorffs und der anderen
+Kommandanten zur Residenz einbiegt, bekommt er Flankenfeuer.
+Scheubner-Richter stürzt tot zu Boden. Wieder kracht eine Gewehrsalve.
+Die Hitlertruppen wollen das Feuer erwidern, aber die Übermacht ist zu
+groß. Der Zug ist zersprengt. Tote und Verwundete wälzen sich am Boden,
+die Truppen der Rebellen flüchten nach allen Seiten, der Putsch ist
+gescheitert.
+
+
+
+
+ DER PROZESS
+
+
+ VORBEREITUNGEN
+
+Sofort nach dem Putsch eröffnete die Bayrische Volkspartei eine
+groß angelegte Offensive, um nach zwei Fronten – gegen den
+Nationalsozialismus der Hitler-Ludendorff einerseits, gegen den ihr
+unbequem gewordenen Herrn von Kahr andererseits – den entscheidenden
+Schlag zu führen. Drei Monate tobte dieser erbitterte Kampf mit
+wechselndem Glück. Unter Führung des Kardinals Faulhaber, dem sich der
+päpstliche Nuntius Pacelli zugesellt hatte, vom Vorsitzenden der
+katholischen Landtagsfraktion Dr. Held ebenso geschickt wie energisch
+geleitet, gelang es der Bayrischen Volkspartei tatsächlich – die
+Zerklüftung und Verwirrung im völkischen Lager gut ausnutzend – ihre an
+die Nationalsozialisten verlorengegangenen Stellungen auf dem flachen
+Lande zurückzuerobern.
+
+Welche zersetzende Wirkung das Fiasko des Putsches in den völkischen
+Verbänden anrichtete, geht aus nachfolgenden Briefen hervor, die bei
+einem zur Brigade Ehrhardt desertierten Reichswehrsoldaten in Thüringen
+gefunden worden sind. Zu ihrem Verständnis: der „Stahlhelm“ und der mit
+ihm in engster Verbindung stehende „Jungdeutsche Orden“ gehörten der
+Ludendorff-Richtung der Völkischen an und waren bis zum Putsch mit den
+Ehrhardt-Verbänden in innigem Kontakt. So war der „Bund Wicking“, eine
+Unterorganisation der Brigade Ehrhardt, noch bis zum Januar 1924 mit dem
+„Jungdeutschen Orden“ auch organisatorisch verbunden. Infolge der
+Auswirkungen des Novemberputsches verschärften sich die Gegensätze
+zwischen den großdeutsch eingestellten Verbänden der Nationalsozialisten
+und den mit Kahr sympathisierenden katholischen Formationen, so daß es
+zu einer regelrechten Spaltung kam.
+
+ 1. 1. 24
+
+ Herrn Korvettenkapitän Ehrhardt in München.
+
+ Sehr geehrter Herr Kapitän!
+
+ Mit dem Beginn des neuen Jahres möchte ich das Verhältnis mit der
+ Brigade Ehrhardt und dem Jungdeutschen Orden in Bayern in klarer,
+ eindeutiger Weise geregelt wissen.
+
+ Sie, verehrter Herr Kapitän, wissen, mit welcher Freude ich
+ seinerzeit im Einverständnis mit dem 2. Komtur-Bruder Dietrich und
+ dem Großmeister der Ballei Franken die wehrhaften Leute unter Ihre
+ militärische Leitung gestellt habe in der Überzeugung, daß _Ihre
+ Politik, die auf Ausnutzung der Bayrischen Regierung zur Führung des
+ entscheidenden Schlages_ hinausging, die einzig gegebene sei. Sie
+ wissen, daß wir uns, besonders in den letzten Wochen, da ich mit
+ Ihnen die schönen Tage in Tirol zusammen sein durfte, mit Wort und
+ Schrift, mit unserer ganzen Person hinter Ihre Persönlichkeit und
+ wiederholt auch schützend vor Sie gestellt haben. Ich war stolz
+ darauf, daß das Jungdeutsche Regiment in entscheidungsvollen Tagen
+ in Reih und Glied mit den kampferprobten Brigadetruppen eintreten
+ würde für unser gemeinsames Ziel, der Befreiung Deutschlands.
+ _Infolge der Nachwirkung des 8. und 9. November 23 ist es mir aus
+ inneren und äußeren Gründen nicht mehr möglich, dem Verbande der
+ Brigade anzugehören._
+
+ Aus innerlichen Gründen deshalb, weil ich Ihre gegensätzliche
+ Einstellung zu dem hochverdienten General _Ludendorff_ nicht
+ einnehmen kann, der heute in ganz Deutschland der einigende Punkt in
+ der völkischen Bewegung geworden ist. Aus äußerlichen Gründen
+ deshalb, weil trotz wiederholter Versicherung, dennoch immer wieder,
+ und zwar jetzt in verschärfter und hinterhältiger Weise, der Versuch
+ gemacht wird, einzelne Ordensbrüder unter Mißachtung des von ihnen
+ abgelegten Ordensgelübdes auf die Brigade Ehrhardt zu verpflichten.
+ Aufs äußerste empört bin ich vor allem über das Verhalten der im
+ sogen. 2. Batl. Heiligersdorf tätigen Wickingoffiziere, die mit den
+ gemeinsten Verleumdungen gegen die Ordensleitung von Ort zu Ort
+ gingen und sie durch niederträchtigste Denunziationen bei den
+ Bezirksämtern der Gefahr des Verbotes absichtlich preisgeben.
+
+ Ich bitte darum, Herr Kapitän, mir das Ihnen gegebene Wort wieder
+ zurückzugeben und _das militärische Verhältnis des Ordens zur
+ Brigade als gelöst zu betrachten_. Ich vertraue Ihnen, daß Sie
+ sofort Anweisung zur Abberufung der noch im Ordensgebiet tätigen
+ Wickingoffiziere ergehen lassen, um mir und dem Orden weitere
+ Maßnahmen zu ersparen und bitte Sie, meinen Wunsch bis zum 15. 1. 24
+ zu erfüllen. Abgesehen davon, daß wir uns das Recht nehmen, unseren
+ Gefolgschaften Aufklärung und Verhaltungsmaßregeln zu geben,
+ verzichten wir im Interesse der völkischen Bewegung, in der
+ Öffentlichkeit Stellung zu nehmen, unter der selbstverständlichen
+ Voraussetzung, daß sich der Bund Wicking jedes Vorgehens gegen den
+ Orden enthält.
+
+ Mit treudeutschem Heilgruß für den Jungdeutschen Orden in Bayern
+
+ Johnson, Landeskomtur.
+
+Darauf antwortete Ehrhardt:
+
+ Bund Wicking e. V., München.
+
+ 5. 1. 24.
+
+ An den Landeskomtur des Jungdeutschen Ordens in Bayern.
+
+ Der Empfang Ihres Briefes vom 1. Januar wird hiermit bestätigt. Ich
+ begrüße die klare Stellungnahme, die Sie einnehmen, weil diese auch
+ mir die volle Handlungsfreiheit zurückgibt und ein Verhältnis löst,
+ das von Ihrer Seite nur noch ein Scheinverhältnis war.
+
+ Ihr Balleibefehl vom 1. 12. 23 (an alle Großmeister und
+ Gefolgschaftsmeister, streng vertraulich) ist der schlagendste
+ Beweis, daß von Ihrer Seite das Treuverhältnis und die
+ Arbeitsgemeinschaft mit der Brigade E. innerlich bereits gelöst war.
+ Ich bedaure, daß Sie erst jetzt, einen vollen Monat nach Erlaß
+ dieses Befehls, es für nötig halten, auch äußerlich die Konsequenz
+ aus Ihrer inneren Wandlung zu ziehen und das Wort, das Sie mir
+ gegeben haben, erst jetzt formell zurückzuverlangen, ein Verfahren,
+ das mit völkischem Verhalten in schroffem Widerspruch steht.
+
+ Wenn Sie jetzt als inneren Grund, der zur Trennung von der Brigade
+ zwingt, anführen, daß Sie meine gegensätzliche Stellung zu dem
+ hochverdienten General Ludendorff nicht einnehmen können, so setzt
+ mich die Behauptung doch einigermaßen in Erstaunen. _Aus meiner
+ Stellung zu General Ludendorff habe ich Ihnen von Anfang an keinen
+ Hehl gemacht_ und Sie haben diese Stellungnahme die ganze Zeit
+ gebilligt. Seit dem 8. und 9. November hat sich mein Verhältnis zu
+ Ludendorff nur insofern geändert, als ich die maßlosen und
+ ungerechtfertigten Angriffe in der Öffentlichkeit erfuhr und in
+ reiner Notwehr dagegen Stellung nahm. Zu dem zweiten von Ihnen
+ angeführten Punkte lehne ich eine Erörterung ab. Wenn es Sie
+ interessiert, stelle ich es Ihnen anheim, sich das ausführliche
+ Beweismaterial der Gegenarbeit des Ordens gegen die Brigade, die
+ schon Wochen vor der Aufkündigung Ihres Treueverhältnisses zu mir
+ zurückgeht, einzusehen. Wenn von meiner Seite nicht wieder gegen
+ dieses Treiben eingeschritten wurde, so lag der Grund darin, daß ich
+ immer noch auf die Möglichkeit gemeinsamer Arbeit gehofft habe und
+ meinerseits alles verhindern wollte, was die Zersetzung im
+ völkischen Lager vergrößert. Gemäß Ihres Wunsches sind Sie mit dem
+ heutigen Tage Ihres Wortes entbunden. Das militärische Verhältnis
+ des Ordens zur Brigade ist mit demselben Tage gelöst. _Ich ersuche,
+ die dem Orden als Treuhänder übergebenen Waffen der Brigade an meine
+ Befehlsstelle Koburg zu übergeben._
+
+ Der von Ihnen gewünschten Anerkennung eines geschlossenen
+ Ordensgebietes bedaure ich nicht zustimmen zu können. Die weitere
+ Stellung des Wickingbundes hängt von dessen Verhalten ab.
+
+ gez. Ehrhardt.
+
+Trotz der Spaltung der völkischen Verbände, trotz heftigstem, sehr
+persönlich und gehässig geführtem Kampf der einzelnen Führer gegen die
+Vertreter des anderen Flügels gelang es den Nationalsozialisten, in den
+Städten, vor allem in München und Nürnberg, ihre Positionen zu halten.
+Der soziale Umschichtungsprozeß wirkte sich vorläufig trotz der
+Stabilisierung der Mark weiter aus, die Sanierung mit Beamtenabbau und
+Lohnkürzung, Arbeitslosigkeit und Teuerung bereitete der
+nationalsozialistischen Agitation einen guten Boden, so daß die
+Völkischen verhältnismäßig leicht die schwere Krise überwinden konnten,
+in die sie nach dem Fiasko ihres Putsches geraten waren. Ein volles Jahr
+mußte vergehen, bevor diese stürmische Entwicklung zu den Extremen
+unterbrochen wurde, die Annahme des Dawesgutachtens eine den
+Mittelparteien günstigere Atmosphäre schuf und die Völkischen ihre noch
+im Mai 1924 neu eroberten Positionen im Dezember des gleichen Jahres
+endgültig verloren.
+
+Unmittelbar nach dem Putsch aber fühlten sich die Völkischen noch so
+stark, daß sie die Kampagne der Bayrischen Volkspartei mit einem
+Gegenangriff beantworteten und Anfang Dezember eine heftige Agitation
+„für den Austritt aus der katholischen Kirche“ einleiteten, die in
+persönlichen Attacken gegen den Kardinal Faulhaber, in der Besudelung
+der bischöflichen Palais von Bamberg und Regensburg, in der Entfesselung
+eines neuen, wüsteste Formen annehmenden Kulturkampfes ihre Steigerung
+erfuhr.
+
+Doch die bürgerlichen Parteien Bayerns unter der Führung der Klerikalen
+gaben den Kampf nicht verloren. Um sich den unbequemen Gegner vom Hals
+zu schaffen, verschmähten sie nicht, Fäden nach Berlin zu spannen,
+sicherten sich die Unterstützung der Reichsregierung zur „Liquidierung
+des Rechtsradikalismus“ und die Bayrische Volkspartei entschloß sich
+sogar, neben General Lossow auch Kahr fallen zu lassen. Sie schob den
+General von Epp – den „Muttergottesgeneral“, wie ihn die Hitlerleute
+nannten – vor, damit er die völkischen Kampfverbände unter seine Führung
+nehme und sie ins Lager der katholischen Kirche und in den Schoß der
+Wittelsbacher zurückführe. Gleichzeitig begann die Aufklärungsarbeit;
+Broschüren und Flugblätter („Ludendorff in Bayern“, „Veni-vidi ...“)
+knüpften geschickt an die separatistischen und klerikalen Vorurteile des
+bayrischen Bürgertums und der Bauernschaft an, um die erwünschte
+Stimmung gegen den „Preußen Ludendorff“, gegen die „volksfremden
+Elemente aus dem Norden“, gegen die „ungläubigen Umstürzler“ zu
+schaffen. Anfang Januar schien es, als hätte die Volkspartei ihr
+angestrebtes Ziel erreicht – der Prozeß gegen Hitler sollte ihren Sieg
+nach außen hin dokumentieren.
+
+Da trat eine neue Wendung ein: Kahr, der ganz richtig erkannte, daß ihn
+die Bayrische Volkspartei nur noch als einen vorgeschobenen Posten
+betrachtete, den im gegebenen Augenblick zu opfern sie rücksichtslos
+entschlossen war, und der befürchtete, daß er noch vor dem Prozeß fallen
+gelassen werden könnte, versuchte durch seinen Freund Ehrhardt eine
+Annäherung an Hitler und Ludendorff herbeizuführen, um so wenigstens für
+die Dauer des Prozesses die Gegensätze zu entspannen und eine gewisse
+einheitliche Front gegen die Staatsanwaltschaft zu ermöglichen. Dieser –
+zu spät unternommene – Versuch schlug fehl. Im Gegenteil: Die Versöhnung
+Ehrhardts mit Ludendorff, die auf einem Kommers des „Waffenring
+deutscher Art“ in München Ende Januar tatsächlich zustande kam, hatte
+ein von Kahr keineswegs erwartetes Ergebnis. Ehrhardt einigte sich mit
+Ludendorff, hielt es aber nicht für notwendig, Kahr in dies
+Freundschaftsbündnis einzubeziehen. Dieser sah sich nun über Nacht noch
+isolierter als vorher.
+
+Da erkannte aber die bayrische Regierung, wie sehr es in ihrem eigenen
+Interesse lag, Kahr gegen diese verstärkte Offensive der Völkischen mehr
+zu decken, als sie es ursprünglich beabsichtigte. Zwar mußte Kahr sein
+Amt als Generalstaatskommissar niederlegen, General von Lossow trat vom
+Kommando der bayrischen Reichswehr zurück, andererseits aber beschloß
+das Münchener Kabinett, die beiden Herren für die Dauer des Prozesses
+moralisch zu unterstützen. Die klerikale Presse schwenkte abermals um
+und trat energisch für die verleumdeten „Retter des bayrischen Staates“
+ein.
+
+Ein übriges geschah: Der ursprünglich als Vorsitzender für den Prozeß
+bestimmte Landgerichtsdirektor wurde plötzlich befördert, so daß die
+Führung der Verhandlung einem neuen Herrn übertragen werden mußte, dem
+man besonders gute Beziehungen zu den Klerikalen nachsagte. Die
+Anklageschrift der Staatsanwaltschaft wurde höhern Orts zurückbehalten
+und Kahr und Lossow erhielten die Möglichkeit, sich auf eine gemeinsame
+Verteidigungslinie durch Ausarbeitung einer einheitlichen Zeugenaussage
+festzulegen.
+
+Endlich beschloß die bayrische Regierung, den Generalstaatskommissar
+nicht vom Amtsgeheimnis zu befreien, so daß er als Zeuge nur über die
+mit den Vorgängen in der Putschnacht unmittelbar zusammenhängenden
+Ereignisse aussagen durfte. Um jedoch auch den Völkischen die
+Möglichkeit zu einem Rückzug und zu einer späteren Verständigung nicht
+zu rauben, wurde die bayrische Staatsanwaltschaft angewiesen, die
+Anklage nur auf den Tatbestand des „ideellen Hochverrats“ auszudehnen
+und so die Verbitterung und die Gegensätze auf beiden Seiten nicht zu
+verschärfen. Die während des Putsches von den Hakenkreuzlern verübten
+gemeinen Verbrechen – Beraubung und Mißhandlung der sozialistischen
+Gemeinderäte, Verwüstung der „Münchener Post“ usw. sollten in einer
+späteren Verhandlung geklärt werden.
+
+
+ DIE ANGEKLAGTEN
+
+Am 26. Februar 1924 begann vor dem Münchener Volksgericht der
+Hochverratsprozeß gegen Hitler, Ludendorff und Genossen. Vorsitzender
+war Oberlandesgerichtsrat Neidhardt, Anklagevertreter die Staatsanwälte
+Ehart und Stenglein. Als Angeklagte erschienen vor Gericht:
+
+_Adolf Hitler_, 1889 in Braunau (Österreich) geboren,
+„Architekturzeichner und Schriftsteller“. Er wurde in der Anklageschrift
+als „die Seele des Putsches“ bezeichnet.
+
+_General Ludendorff._ Die Anklageschrift wies nach, daß er schon vor dem
+Putsch über das Unternehmen _genau unterrichtet_ war und sich als Führer
+der neu zu bildenden Nationalarmee betätigte, „indem er Vorschriften
+über Grenzschutz, Eingliederung der Verbände in die Reichswehr,
+Unterbringung der Truppen, Bereitstellung von Räumen usw. besprach und
+erließ.“
+
+_Oberlandesgerichtsrat Pöhner_ „war für den Posten eines
+Ministerpräsidenten in der neuen bayrischen Regierung ausersehen und
+betätigte sich auch als solcher.“
+
+_Frick_, Oberamtmann in München, „sollte das Polizeipräsidium
+übernehmen. Auch er hatte von dem Putsch Kenntnis.“
+
+_Friedrich Weber_, Führer des Bundes „Oberland“, „warf als politischer
+Führer dieses Kampfbundes dessen Gewicht in die Wagschale und stellte
+den militärischen Apparat des Bundes auf das Unternehmen ein.“
+
+_Hauptmann a. D. Röhm_, Führer des Kampfbundes „Reichskriegsflagge“,
+warf die Anklageschrift vor, daß er sich „aktiv mit seinen Truppen an
+dem Putsch beteiligte und das Wehrkreiskommando zur Verteidigung gegen
+die Reichswehr besetzt hatte.“
+
+_Oberleutnant Brückner_, Führer des nationalsozialistischen Regiments
+München, „hatte mit seinen bewaffneten Leuten in der Nacht vom 8. auf
+den 9. November an den militärischen Operationen teilgenommen.“
+
+_Leutnant Wagner_ „veranlaßte die Alarmierung der Infanterieschule
+hinter dem Rücken der Vorgesetzten zur Teilnahme an dem Putsch.“
+
+_Oberstleutnant a. D. Kriebel_, der militärische Führer des Hitlerschen
+„Kampfbundes“, „war mit der militärischen Oberleitung der Aktion betraut
+gewesen. Er hatte außerdem die in der Versammlung im Bürgerbräukeller
+anwesenden Minister als Geiseln verhaften lassen und Vorsorge getroffen,
+um Polizeidirektion, Regierungsgebäude, Haupttelegraphenamt und
+Hauptbahnhof zu besetzen.“
+
+Gegen alle diese erhob die Staatsanwaltschaft die Anklage wegen des
+Verbrechens des Hochverrats, da sie „zugegebenermaßen, gestützt auf die
+bewaffneten Machtmittel des Kampfbundes und die bewaffnete Macht der
+Infanterieschule, es unternommen hatten, die bayrische Regierung und die
+Reichsregierung gewaltsam zu beseitigen, die Reichsverfassung und die
+des Freistaats Bayern gewaltsam zu ändern und verfassungswidrige
+Regierungsgewalten aufzurichten.“
+
+_Oberleutnant a. D. Pernet_, der Stiefsohn Ludendorffs, „war mit der
+Aufgabe betraut gewesen, die Angehörigen der Infanterieschule für den
+Putsch zu gewinnen und beteiligte sich als Ordonnanzoffizier beim
+Oberkommando. Er beschlagnahmte Gelder und zahlte damit die Löhnung für
+die Führer und Mannschaften dieser Kampfverbände aus.“ Gegen ihn hatte
+die Staatsanwaltschaft Anklage erhoben wegen „Beihilfe zum Hochverrat“.
+
+Auf der Anklagebank fehlten: Generalstaatskommissar von Kahr, General
+von Lossow und Polizeioberst von Seißer, die nach der Auffassung der
+Staatsanwaltschaft in der Versammlung im Bürgerbräukeller „nur scheinbar
+auf die Forderungen Hitlers und seiner Anhänger eingegangen waren, um
+ihre Bewegungsfreiheit wiederzugewinnen“. Für sie war die Zeugenbank
+reserviert, auf der dann noch mehr als ein Dutzend hoher
+Persönlichkeiten Platz nehmen sollten. Manche waren nicht geladen, deren
+Erscheinen man erwartet hatte, und ihr Fernsein tat den Angeklagten kund
+und zu wissen, daß die Staatsanwaltschaft – im hohen und höchsten
+Auftrag – nicht wünschte, gewisse letzte Hüllen fallen zu sehen, und daß
+es im Interesse der Angeklagten selbst läge, diese Zurückhaltung zu
+würdigen und dementsprechend ihre Verteidigung zu führen.
+
+Die Verhandlung selbst wurde durch einen wirksamen Prolog eingeleitet.
+Am Tage vor dem Prozeßbeginn ward München durch fernes Gewehrfeuer aus
+seiner behäbigen Ruhe geweckt. Die Regierung wollte auf diese Weise den
+unbotmäßigen Nationalsozialisten zu verstehen geben, daß es für sie
+nicht ratsam war, irgendwelche Abenteuer zu suchen, und daß mit der
+Reichswehr nicht gut Kirschen essen wäre. Dieses Scharfschießen
+der Landespolizei in Oberwiesenfeld, ein Probealarm der
+Schutzmannschaften und Gendarmen, Konzentrierung zuverlässiger Pfälzer
+Reichswehrformationen in und um München, Absperrung des gesamten
+Stadtteiles, in dem die als Gerichtsgebäude ausersehene ehemalige
+Kriegsschule gelegen ist, durch bis an die Zähne bewaffnete
+Reichswehrpatrouillen, durch spanische Reiter und Drahtverhaue – das war
+der Auftakt. Der Vorhang hob sich. Die Bühne stellte dar:
+
+Den Speisesaal der Infanterieschule. Er sieht wie ein Lehrsaal aus und
+macht mit seiner Holztäfelung einen durchaus freundlichen, keineswegs
+nüchtern-kalten Eindruck. Kaum zweihundert Personen finden hier Platz.
+Das Podium ist zu einer Art Estrade umgebaut. Hier thront der
+Gerichtshof.
+
+Der erste Eindruck: hier wird kein hochnotpeinliches Gericht gehalten,
+eine geschlossene Versammlung diskutiert lediglich einige ernste
+politische Fragen. Es geht dabei sehr gesittet, sehr akademisch zu. Jede
+unnötige Schärfe wird vermieden. Als Männer von Welt und Rang ist man
+bestrebt, dem Gegner – auch wenn man durchaus nicht seiner Meinung ist –
+Recht und Gerechtigkeit in vollstem Umfang widerfahren zu lassen, und
+wahrt peinlich die Formen des gesellschaftlichen Umganges. Die
+Angeklagten an kleinen Tischen, neben ihnen die Verteidiger, ein paar
+Bänke für die Zeugen, ein paar Bankreihen für die Zuhörer, die mit
+Sorgfalt gesiebt, die Exklusivität dieser geschlossenen Versammlung
+nicht stören können. In den letzten Reihen nehmen die Pressevertreter,
+etwa dreißig an der Zahl, Platz, dahinter einige Reihen Stühle für das
+Publikum: die große Zahl von Frauen fällt auf, dem Anschein nach
+Angehörige der Angeklagten und Verteidiger. So dominiert auch im
+Zuhörerraum das deutschnationale und völkische Element. Man ist ganz
+unter sich, keine Schranken, die in dem Angeklagten das bittere Gefühl
+erwecken könnten, hier nicht für voll genommen, als ein Bemakelter
+angesehen zu werden. Gerichtsverhandlung? Nein, eher Seminar über
+Hochverrat.
+
+Die Materie, die in diesem Seminar behandelt wurde, war ziemlich
+verwickelt. Nicht weniger als vier verschiedene Arten von Hochverrat
+standen zur Prüfung. Da gab es zuerst den Verrat Kahrs und Lossows gegen
+Hitler, den Verrat Hitlers und Ludendorffs an dem für den 12. November
+angesetzten Putsch Kahrs, einen Hochverrat gegen die bayrische Regierung
+und einen gegen das Generalstaatskommissariat – der Hochverrat gegen die
+deutsche Republik stand nicht zur Debatte. Gab es überhaupt so etwas?
+Staatsanwaltschaft, Gericht und Verteidigung waren sich in der
+Verneinung dieser Frage vollkommen einig. Sie war mangels genügender
+Zuhörer aus dem Lehrplan der deutschen Hochschulen und verwandter
+Unterrichtsanstalten ausgeschieden worden.
+
+
+ DIE VERHANDLUNG
+
+_Hitler_ spricht. Er ist im Cutaway, trägt das Eiserne Kreuz I. Klasse,
+scheint ein wenig blaß und mustert lange und aufmerksam die Zuhörer. In
+seiner Kleidung, seiner Sprache, seinen Gesten, dem ganzen Auftreten,
+liegt etwas Subalternes, Unfreies. Der Kragen ist ein wenig zu hoch, der
+schwarze Rock zu stramm geschnitten, der Scheitel bis in den Nacken
+gezogen, seine Haltung um eine Nuance zu akkurat. Und wenn er spricht
+läßt er die „r“ rollen, was bei seiner süddeutsch gefärbten Mundart im
+ersten Augenblick doppelt seltsam berührt. Sieht so ein Diktator aus?
+Unwillkürlich denkt man, einen energischen Geschäftsreisenden vor sich
+zu haben, einen Ausrufer bei einem Reklameverkauf. Hitler spricht fast
+vier Stunden ohne Pause. Die erwarteten „Enthüllungen“ bleiben aus.
+Seine Rede ist nicht gegliedert, nicht aufgebaut, und wenn man ihn so
+sprechen hört, versteht man im ersten Augenblick nicht, woher seine
+Wirkung auf die Masse kommt: die flache, primitive Argumentation und
+eine Demagogie, die ihre Stärke darin hat, daß sie von keines Gedankens
+Blässe angekränkelt ist, diese Primitivität einer Beweisführung, die
+ganz auf „entweder–oder“ gestimmt ist, reißt eben den kleinen Mann, den
+rabiaten Spießer von der Bierbank mit und nimmt sie für den Redner ein,
+zumal da dieser über ein gutes Organ und ein tönendes Pathos verfügt:
+
+ „Kahr sagte, er könne die Landesverweserschaft nur annehmen als
+ Statthalter der Monarchie. Mir persönlich konnte das gleich sein.
+ _Für mich existierte die Revolution von 1918 nicht. Sie ist nicht
+ legalisiert worden._“
+
+In den vier Stunden, die Hitler sprach, sagte er eigentlich immer wieder
+dasselbe – nur mit anderen Worten, den einen Gedanken stets mit neuen
+Bildern und Vergleichen ausmalend, und so dem Zuhörer das, was er sagen
+wollte, besonders eindringlich einhämmernd:
+
+ „Habe ich Hochverrat begangen, so sind Kahr, Lossow und Seißer genau
+ die gleichen Hochverräter. Sie haben das gleiche Ziel gehabt wie
+ wir, nämlich die Reichsregierung zu beseitigen in ihrer heutigen
+ internationalen und parlamentarischen Einstellung und an ihre Stelle
+ eine antiparlamentarische Regierung zu setzen. Sie haben die ganzen
+ Monate nichts anderes gesprochen als das, wofür wir jetzt auf der
+ Anklagebank sitzen. Im übrigen, ist Herr von Kahr nicht im Jahre
+ 1920 ebenfalls durch einen Staatsstreich Regierungschef geworden,
+ nachdem ein Leutnant mit 12 Mann mit „Bajonett auf“ vor dem Landtag
+ erschienen war und daraufhin die Regierung Hoffmann demissionierte?
+ Oder gehört dieser Leutnant mit den zwölf Mann zu den
+ verfassungsmäßigen Erscheinungen in einer Republik? Man sagt, das
+ Generalstaatskommissariat sei geschaffen worden, um den zu
+ erwartenden Putsch der Nationalsozialisten niederzuschlagen. Wenn
+ dem so wäre, warum hat sich der Herr Generalstaatskommissar am
+ folgenden Tage bei mir nicht in der Person eines Kriminalbeamten
+ vorgestellt und mich für verhaftet erklärt? Das wäre seine Pflicht
+ gewesen. – – Lossow hatte dem Chef der Reichswehr den Gehorsam
+ verweigert. Wenn der gemeine Mann das tut, wird er schwer bestraft.
+ Ein militärischer Führer in einer Armee von nur 7 Divisionen, der
+ eine Division in der Hand hat und der sich gegen seinen Chef
+ aufbäumt, muß entschlossen sein, entweder bis zum letzten zu gehen
+ oder es ist ein gewöhnlicher _Meuterer_ und _Rebell_. (Bewegung im
+ Auditorium.) Lossow erklärte mir, er habe zu wenig Politik
+ getrieben. Er fragte, was werden solle, es müsse doch einen Ausweg
+ geben. Ich sagte ihm, das Volk habe etwas anderes erwartet als eine
+ Bierpreiserniedrigung, eine Milchpreisverordnung, eine
+ Butterfaßkonfiskation und ähnliche unmögliche wirtschaftliche
+ Ratschläge, bei denen man sich fragen mußte, welches Genie da zu
+ Rate gezogen wurde. Jeder Mißerfolg mußte ja _die Wut der Massen_
+ vergrößern und ich habe darauf hingewiesen, daß die Leute sich jetzt
+ noch über die Kahrschen Maßnahmen lustig machen, später sich empören
+ werden. – Im weiteren Verlauf der Verhandlungen trat Lossows
+ Standpunkt immer deutlicher zutage. Der sagte: Ich bin entschlossen
+ zu handeln, aber ich muß 51% Garantie für den Erfolg besitzen. –
+ Ende Oktober trat eine Stimmungsänderung ein. Es kamen _Herren von
+ Berlin_, die sagten, _General Seeckt trage sich mit dem gleichen
+ Gedanken, eine Diktatur auszurufen_. Das schien Lossow der letzte
+ Strohhalm. Er erklärte, wenn Seeckt ans Ruder kommt, dann bleibt zum
+ Schluß nichts übrig, „daß ich den General Seeckt fresse oder daß
+ Seeckt eben mich frißt.“ – Am 6. November nach der Sitzung der
+ Kampfbundführer bei Herrn von Kahr mußten wir der Überzeugung sein,
+ daß die Herren nur auf einen Anstoß warten.“
+
+Als Hitler auf die Vorgänge im Bürgerbräukeller zu sprechen kommt,
+steigert sich seine Rede zu pathetischer Dramatik:
+
+ „Lossow und Seißer haben _Tränen in den Augen_ gehabt, als sie uns
+ ihrer _Treue_ versicherten. Kahr war so geknickt und gebrochen, daß
+ er mir aufrichtig leid tat. – – Ludendorff, der
+ Generalquartiermeister des Weltkrieges, der letzte große Feldherr
+ Deutschlands, ist schmählich belogen und verraten worden; hätte er
+ geahnt, daß General Lossow nicht mitmachte, er hätte sich nie zur
+ Verfügung gestellt.“
+
+Ein deutschnationales Blatt hat Hitler einen Besessenen, den von einer
+Idee Besessenen genannt. Zweifellos. Hitler machte den Eindruck eines
+ehrlichen Menschen. Aber seine Besessenheit, sein Fanatismus rührte
+nicht von dem Glauben an eine Idee her, sondern von dem Glauben an seine
+persönliche Größe. Gerade die Art, wie er seine Bescheidenheit zur Schau
+stellte, zeigte das:
+
+ „Ich erklärte Lossow, ich könnte mich nur unter der Bedingung
+ Exzellenz von Kahr anschließen, wenn der _politische Kampf
+ ausschließlich in meine Hände_ gelegt werde. Das war nicht frech und
+ unbescheiden von mir, ich bin vielmehr der Meinung, wenn ein Mann
+ weiß, daß er eine Sache kann, so darf er nicht bescheiden sein. – –
+ – Staatskunst kann man nicht lernen, man muß dazu geboren sein.“
+
+Und Hitler stellt sich in Positur und erklärt, daß Ludendorff und alle
+seine Mitarbeiter, von denen so viele tot sind – hier sinkt seine Stimme
+zum Flüstern herab – über den Putsch genau so viel oder genau so wenig
+wußten wie Kahr, Lossow und Seißer, er _allein_ habe alle Fäden in
+der Hand gehalten. Während der ganzen Rede steht Hitler in
+Habt-Acht-Stellung, den Gehrock bis hoch hinauf geschlossen – ein
+Unteroffizier, der seinem Vorgesetzten Bericht erstattet. In der
+höchsten Erregung vergißt er nicht die Titel. Kahr ist sein Todfeind –
+aber für ihn ist er die „Exzellenz von Kahr“. Und wenn er das Wort
+„Exzellenz“ sagt, es durch den Saal schmettert, merkt man, mit welchem
+Stolze es ihn erfüllt, solche tönenden Titel in seine Rede einflechten
+zu können.
+
+Bevor Hitler seinen großen Monolog über den „treulosen Verrat“ Kahrs und
+Lossows beendet, vergißt er nicht, demselben Herrn Kahr eine förmliche
+Ehrenerklärung abzugeben:
+
+ „Kahrs menschliche hervorragende Eigenschaften wird niemand
+ bestreiten.“
+
+Vorpostengeplänkel. Noch scheut sich die Verteidigung, ihre Trümpfe
+auszuspielen, – die Reden des Angeklagten sind auf Moll gestimmt.
+
+Auch Dr. _Weber_ schlägt dieselbe Tonart an. Ein blasser, kurzsichtiger
+junger Mann, der mehr einem Gymnasiasten, als einem Soldaten ähnelt. Ein
+Ausschnitt aus diesem Verhör:
+
+ _Staatsanwalt Ehart_: Haben Sie nie davon gehört, daß General
+ Ludendorff in der Reichswehr, namentlich in Norddeutschland, sehr
+ wenig Resonanzboden hat? (Unruhe.)
+
+ _Vorsitzender_: Ich bitte, die Fragen an mich zu stellen.
+
+ _Staatsanwalt Ehart_: Ich bitte die Frage zu stellen, weil sie
+ wesentlich ist. Die Frage nämlich, ob die Reichswehr, auch wenn
+ Ludendorff an der Spitze steht, trotzdem mit Waffengewalt vorgehen
+ wird?
+
+ Dr. _Weber_: Auf Grund eigener Kenntnis norddeutscher Offizierkorps
+ muß ich sagen, daß dort überall die Verehrung für den _größten
+ deutschen Führer und General_, der nicht nur in diesem letzten
+ Weltkrieg, sondern überhaupt Deutschland geschenkt wurde, herrscht,
+ so daß die Möglichkeit eines „Stellens“ nicht in Frage kommt.
+
+ _Staatsanwalt Ehart_: Das wollte ich wissen.
+
+ _Justizrat Kohl_: Das wollten Sie nicht wissen.
+
+ _Vorsitzender_: will unterbrechen.
+
+ _Justizrat Kohl_: Die Frage des Staatsanwalts war für einen Offizier
+ derart beleidigend, daß darauf eine Antwort gehört hat wie die, die
+ der Staatsanwalt von mir gehört hat. (_Beifall im Zuhörerraum._)
+
+_Oberlandesgerichtsrat Pöhner._ Die beste Figur unter den Angeklagten.
+Der kluge Kopf könnte einem Jesuitenpater gehören. Schlau blinzelnde
+Augen hinter scharfen Gläsern, glattrasiertes Diplomatengesicht, ein
+ewiges ironisches Lächeln um den Mund. Kein guter Redner. Er spricht
+stockend, mit leiser Stimme, die sich in der Erregung überschlägt. Vom
+ersten Augenblick an hat man den Eindruck: hier spricht der Politiker,
+nicht der Agitator. Das ist der Mann, der hinter den Kulissen gestanden,
+der die Fäden der völkischen Politik in Bayern in Händen gehalten hat.
+
+Jedes Wort vorsichtig auf die Wagschale legend, schildert Pöhner seine
+Besprechungen, seine Verhandlungen mit Kahr. Auch er vermeidet noch jede
+polemische Färbung, aber es liegt eine ganz raffinierte Bosheit darin,
+wie er so offensichtlich bemüht ist, Herrn Kahr zu „schonen“.
+
+ „Wenn Herr Kahr es so darstellen will, daß er Komödie gespielt habe,
+ als er seinen Anschluß an unser Unternehmen erklärte, so muß ich
+ ihn, den ich aus jahrelanger intimer Mitarbeit kenne, gegen ihn
+ selbst in Schutz nehmen. _Er ist ein anständiger Mensch und kein
+ Schuft._“
+
+Dann ein ironischer Seitenhieb:
+
+ „Herr Kahr war über den ganzen Vorfall (im Bürgerbräukeller) aufs
+ äußerste empört und entrüstet und äußerte sich, es sei doch
+ _unerhört_, daß man ihn mitten aus seiner Rede auf diese Weise aus
+ dem Saale eskamotiert habe. – – Ich sagte, daß die Regierung von
+ Revolutionsgnaden doch endlich einmal beseitigt werden müßte. Herr
+ v. Kahr sagte darauf bloß: Unerhört, daß man auf diese Weise
+ herauseskamotiert wird. _Das war sein Haupteinwand._“ (Gelächter im
+ Auditorium.)
+
+Und so, mit lauter feinen, kaum sichtbaren Finten pirscht sich Pöhner
+dorthin durch, von wo aus die Verteidigung den ersten Vorstoß wagen
+will:
+
+ „In einer Besprechung, zu der von Herrn v. Kahr auch Oberst von
+ Seißer zugezogen war, machte mir Herr v. Kahr den Vorschlag, nachdem
+ er gesagt hatte, es müßte jetzt im Norden aufgeräumt werden, ob ich
+ bereit sei, die Funktion eines _Zivilgouverneurs für Sachsen und
+ Thüringen_ zu bekleiden ... Ich erklärte, daß Ehrhardt es für
+ wünschenswert halte, daß ich das Kommissariat für Nordbayern
+ übernehme. Das lehnte Herr v. Kahr ab, indem er sagte, er könne die
+ ihm übertragenen Vollmachten nicht weiter übergeben und habe dazu
+ keine Ermächtigung. Hierauf wiederholte er seinen Vorschlag ... Ich
+ lehnte ab; es wäre in Sachsen und Thüringen im kleinen dasselbe
+ Verhältnis zwischen mir und dem Reichswehrkommandeur gewesen, wie in
+ Bayern zwischen Kahr und Lossow. Und das war mir ganz unklar. Man
+ konnte überhaupt nicht wissen, _wer in Bayern Koch und wer Kellner
+ sei_.“
+
+So – wie von ungefähr – fällt der Name: _Ehrhardt_:
+
+ „Ehrhardt kam etwa Mitte Oktober wieder zu mir. Wie ich ihn fragte,
+ wie es ihm jetzt in München gefalle, da sagte er, er komme sich
+ „äußerst beschissen“ vor. Ich war über diese Wendung etwas
+ überrascht, denn ich hatte das gerade Gegenteil erwartet. Er war
+ doch steckbrieflich verfolgt von Leipzig aus. Ich wußte, daß er von
+ der Polizei _von Oberst v. Seißer sicheres Geleit_ bekommen hatte,
+ einen Ausweis, wonach er als Notpolizei für die bayrische Regierung
+ tätig sei. Ehrhard erklärte mir, es gehe gar nicht vorwärts ...“
+
+ _Justizrat Dr. Schramm_: Herr v. Kahr hat es abgelehnt, Herrn Pöhner
+ als Staatskommissar für das nordbayrische Gebiet aufzustellen, weil
+ er sich dafür nicht für kompetent erachtete. Ich bitte den
+ Angeklagten zu fragen, woher er die Vollmacht ableitete, ihm das
+ Zivilstaatskommissariat in Sachsen und Thüringen zu übertragen.
+
+ _Pöhner_: Darüber habe ich ihn nicht befragt. Man kann doch nur eine
+ solche Vollmacht haben, wenn man die entsprechenden Handlungen
+ vorher vorgenommen hat.
+
+ _Justizrat Dr. Schramm_: Es bestand doch wohl bei Herrn v. Kahr
+ Klarheit darüber, daß die Bewegung über Sachsen und Thüringen
+ hinausgetragen wird?
+
+ _Pöhner_: Das war selbstverständlich.
+
+ _Staatsanwalt_: Hat es sich um den Marsch nach Berlin oder um den
+ Grenzschutz Bayerns gegen die kommunistischen Unruhen in Sachsen und
+ Thüringen gehandelt?
+
+ _Pöhner_: Ich hatte den zweifellosen Eindruck im Zusammenhang mit
+ der Tatsache, daß Kahr _in engsten Beziehungen mit Ehrhardt_ stand,
+ daß es sich um etwas anderes handle, als den bayrischen Grenzschutz.
+ Davon war gar keine Rede. _Ehrhardt macht doch nicht den
+ Nachtwächter für Bayern zwischen Nürnberg und Hof._
+
+Und dann nach einer Pause:
+
+ „Vielleicht wäre es gut, wenn ich etwas über die Verhandlungen
+ zwischen Herrn v. Kahr und Kapitänleutnant Ehrhardt aussagen könnte
+ ... oder soll ich das lieber in nichtöffentlicher Sitzung tun?“
+
+Das Stichwort ist gefallen. Jetzt spricht nicht der Angeklagte Pöhner,
+sondern der Herr Oberlandesgerichtsrat, der drei Jahre lang die rechte
+Hand von Kahr gewesen ist, der manches erzählen kann, was viel
+gefährlicher und viel unbequemer ist, als die leidenschaftlichsten
+Proteste Hitlers und die Enthüllungen der anderen Führer. Noch legt er
+sich Zurückhaltung auf. Er ist bereit, unter Zurückstellung aller seiner
+persönlichen Vorteile „rücksichtsvoll“ zu sein:
+
+ „Ich habe mich dagegen ablehnend verhalten, nach meinen schlimmen
+ Erfahrungen mit Herrn v. Kahr wieder mit ihm zusammenzuarbeiten ...
+ Ich bin aber trotzdem noch einmal mit ihm zusammengekommen, als, und
+ zwar _von autoritativster Seite, der Wunsch_ geäußert wurde, ich
+ möchte unter Zurückstellung persönlicher Unstimmigkeiten wieder mit
+ Herrn v. Kahr in Fühlung treten.“
+
+Pöhner ist so feinfühlend, diese „autoritativste“ Seite nicht zu nennen.
+Will man ihn zum Feind haben?
+
+ _Rechtsanwalt Hemeter_ knüpft an die Bemerkung Pöhners, daß er sich
+ bei seinem Zusammenarbeiten mit Herrn v. Kahr wiederholt in die
+ Brennesseln gesetzt habe, die Frage, wann er sich das erste Mal und
+ in der Folgezeit in die Brennesseln gesetzt habe.
+
+ _Pöhner_: Das erste Mal am 16. März 1920 nachmittags 4 Uhr
+ (Heiterkeit). („Kapp-Putsch“ in Bayern.)
+
+ _Vorsitzender_: Sie brauchen keine Auskunft geben, wenn Sie sich
+ dadurch einer weiteren strafbaren Handlung beschuldigen würden.
+
+ _Pöhner_: Aus meiner ganzen Einstellung mache ich kein Hehl. Ich
+ habe dem Staatsanwalt erklärt: _Was Sie mir jetzt als Hochverrat
+ vorwerfen, dies Geschäft treibe ich seit fünf Jahren._
+
+ _Vorsitzender_ (lächelnd abwinkend, leutselig): _Das wissen wir._
+
+Dann die erste Wendung im Prozeß: Mit einem Ruck ist die Verhandlung auf
+das politische Niveau gehoben, und nicht Herr von Kahr, nicht der
+General von Lossow oder der Polizeioberst von Seißer sind mehr die
+Objektive des Angriffs – die bayrische Regierung mit allen ihren
+Institutionen, mit Staatsanwaltschaft und Gerichtshof ist zum
+Angriffsziel geworden:
+
+ _Rechtsanwalt Hemeter_: Ist Pöhner bekannt, daß in der Nacht vom 13.
+ zum 14. März 1920 der damalige Präsident der Regierung von
+ Oberbayern, Dr. v. Kahr, Exzellenz (die Stimme des jugendlichen
+ Verteidigers ist mit Hohn gesättigt) sich ohne Zögern in den Besitz
+ der öffentlichen Gewalt gesetzt hat, auf einem Wege, der dem vom 8.
+ bis 9. November 1923 vollkommen entspricht? Als das
+ Republikschutzgesetz in Bayern ziemlich große Erregung hervorrief,
+ hat sich Dr. v. Kahr ohne Bedenken der Bewegung angeschlossen, deren
+ Ziel es war, die nach Auffassung des Staatsgedankens damals legale
+ Regierung auf dem gleichen Wege, nämlich durch Druck ohne Druck zu
+ beseitigen.
+
+ _Staatsanwalt_: Ich messe diesen Fragen keine wesentliche Bedeutung
+ für die Schuld- und Straffrage bei.
+
+ _Rechtsanwalt Hemeter_: Es wird der Nachweis gelingen, daß von Dr.
+ v. Kahr in Form eines fortgesetzten Deliktes in Bayern begangen
+ worden ist, was der Herr Staatsanwalt Hochverrat nennt.
+
+Dem Herrn Pöhner ist all das bekannt. Und noch manches mehr. Aber
+vorläufig will er – im Interesse des Vaterlandes – darüber in
+öffentlicher Sitzung nicht sprechen. Doch einen kleinen Vorstoß wagt
+noch die Verteidigung:
+
+ _Rechtsanwalt Holl_: Ich habe Kapitänleutnant Ehrhardt als Zeugen
+ genannt. Ich muß jetzt noch Schritte tun, um diesen zur Stelle zu
+ bringen, wenn das Gericht ihn vernimmt. Ich frage die
+ Staatsanwaltschaft: Ist es richtig, daß die Staatsanwaltschaft durch
+ einen ihrer Beamten mittelbar oder unmittelbar hat Ehrhardt
+ mitteilen lassen, daß er verhaftet würde, wenn er, von der
+ Verteidigung geladen, als Zeuge erscheint.
+
+ _Staatsanwalt_: Es ist absolut unwahr, daß die Staatsanwaltschaft
+ irgendeine solche Mitteilung hat ergehen lassen. Sie konnte Ehrhardt
+ nicht als Zeuge laden, weil sie seine Adresse nicht kennt.
+
+ _Justizrat Kohl_: Weiß der Staatsanwalt, daß Kapitän Ehrhardt vor
+ wenigen Wochen noch ganz öffentlich auf einem Kommers gesprochen
+ hat?
+
+ _Rechtsanwalt Hemeter_: Sendlingertorplatz Nr. 1 ist er zu finden,
+ Herr Staatsanwalt.
+
+ _Rechtsanwalt Holl_: Er wohnt eine Treppe tiefer als der angeklagte
+ Oberstleutnant Kriebel – im selben Haus.
+
+Und mit diesem Vorstoß läßt es die Verteidigung bewenden. Vorläufig war
+noch dies ihr Schlachtplan: Nicht bloß Kahr zu kompromittieren, nicht
+bloß nachzuweisen, daß er im November am Hochverrat beteiligt war,
+sondern durch die Aufrollung der „Bayrischen Frage“ der
+Staatsanwaltschaft die Gefahr vor Augen zu führen, die sie laufe, wenn
+sie die Angeklagten zwinge, „einmal tüchtig auszupacken“. Man soll in
+Bayern nicht über Hochverrat zu Gericht sitzen, weil hier seit Jahr und
+Tag von allen Führern und Politikern nur Hochverrat getrieben wurde.
+Vorderhand begnügte sich die Verteidigung – zu drohen. Wird sich die
+Staatsanwaltschaft dieses Entgegenkommens würdig erweisen? Sonst – da
+ist noch jemand, der manches erzählen kann:
+
+_Oberstleutnant Kriebel_, der militärische Führer des Putsches, der
+zweite Eingeweihte. Bei seinen Ausführungen schloß das Gericht, durch
+die ewigen versteckten Drohungen der Verteidiger reichlich nervös
+gemacht, zum erstenmal die Öffentlichkeit aus. Was man zu hören bekam,
+war im wesentlichen folgendes:
+
+ Kommerzienrat Zentz unterrichtete mich über den _Zweck der
+ Versammlung_ im Bürgerbräukeller. Er sagte, die Versammlung sei auf
+ den Wunsch Kahrs einberufen – und es sei notwendig, daß der große
+ Saal des Bürgerbräukellers voll wird. Er habe die vaterländischen
+ Vereine dazu eingeladen, damit sie den Saal füllen. Es wurde noch
+ angefügt, daß zu dieser Ovation, zu der diese Versammlung führen
+ sollte, _von gütigen Spendern Freibier_ gegeben werde. Es gab dann
+ noch eine Diskussion wegen der _Teilnahme von Juden_ an dieser
+ Versammlung. Dr. Hartmann von den „Vaterländischen Verbänden“
+ Bayerns erklärte, es wäre eine zweifelhafte Empfehlung für Herrn von
+ Kahr in den vaterländischen Kreisen, auf die er sich in erster Linie
+ stützen wolle, wenn er zu dieser Feier Juden einladen wollte. Diese
+ Bemerkung rief einen großen Sturm der Entrüstung hervor bei den
+ verschiedenen Handelsorganisationen. Sie sagten, daß sie nicht nur
+ unter ihren Mitgliedern, sondern auch in den Vorständen eine große
+ Anzahl von Juden hätten, daß es für sie unmöglich sei, die Einladung
+ überhaupt weiterzugeben, wenn die Frage der Nichtzulassung der Juden
+ überhaupt nur diskutiert würde. Kommerzienrat Zentz brachte dann
+ diesen Sturm der Entrüstung dadurch zum Schweigen, daß er bemerkte,
+ es würden nicht viele Juden kommen, denn sie seien wegen der
+ Ausweisungen von Ostjuden an sich nicht gut auf Herrn von Kahr zu
+ sprechen.“
+
+Was nicht hinderte, daß eben dieselben Herren tief in die Tasche
+griffen, um den Kampffonds der Völkischen zu speisen; wurde doch im
+weiteren Verlaufe der Verhandlung festgestellt, daß Ehrhardt
+zwanzigtausend Dollar bei den Industriellen Bayerns – Juden und Christen
+– an Spenden einsammeln lassen konnte.
+
+Kriebel, das wahre Soldatengemüt:
+
+ „Lossow sagte, er wolle ja marschieren, aber bevor er nicht 51
+ Prozent Wahrscheinlichkeit des Erfolges in seinem Notizbuch
+ ausrechnen könne, sei es ihm nicht möglich, zu marschieren. Als
+ Soldat war das für mich geradezu erschütternd. Wenn wir so im Kriege
+ gedacht hätten, wären wir schon im August 1914 zur Kapitulation
+ gezwungen gewesen.“
+
+ „Alle haben gerufen: Kampf gegen die Weimarer Verfassung. Da habe
+ ich mir in meinem einfachen Soldatengemüt gedacht: wenn alles
+ schreit, Kampf gegen die Weimarer Verfassung – warum soll man da
+ nicht kämpfen?“
+
+Aus dem Verhör eine kleine Probe:
+
+ _Staatsanwalt_: Es darf nicht vergessen werden, daß es sich hier um
+ eine einseitige Darstellung handelt, die auch die schwersten
+ persönlichen Angriffe gegen die Herren Kahr und Lossow in sich
+ schließt. Ich glaube, man muß doch auch den anderen Teil hören,
+ bevor man ihn in dieser Weise öffentlich herabsetzt.
+
+ _Vorsitzender_: Es ist nicht Sache der Staatsanwaltschaft, den
+ Vorsitzenden wegen der Verhandlungsführung zu rügen.
+
+ _Justizrat Kohl_: Das Urteil, das der Angeklagte Kriebel über das
+ Verhalten der Herren Kahr, Lossow und Seißer gefällt hat, ist das
+ Urteil aller anständigen Menschen in Deutschland. Und ich nehme an,
+ daß der Herr Staatsanwalt auch zu den anständigen Menschen zählt.
+
+ _Vorsitzender_: Das geht zu weit, einen solchen persönlichen Angriff
+ kann ich nicht dulden.
+
+ _Justizrat Kohl_: Der Staatsanwalt erfüllt eine Pflicht, die ihm
+ sehr lästig sein muß. Er wurde in den Grundsätzen des deutschen
+ Waffenstudenten erzogen und kann ein solches Verfahren überhaupt
+ nicht billigen.
+
+Diese versteckte Drohung mit einer Forderung zum Duell war für den
+Staatsanwalt so deutlich, daß er von nun ab keinen Versuch mehr
+unternahm, in die Verhandlung einzugreifen. Die Verteidiger beherrschten
+sie völlig.
+
+Kriebel, der Eingeweihte spricht:
+
+ „Ich habe aus Gründen, die ich später, bei Ausschluß der
+ Öffentlichkeit noch erörtern werde, vorgeschlagen, daß wir uns nach
+ dem Mißlingen der Aktion in die Gegend von Rosenheim zurückziehen.“
+
+Diese Gründe sind nachträglich bekanntgeworden. Rosenheim war in jenen
+Tagen das Hauptaufmarschgebiet der „Orka“, des radikalsten, unter
+Führung eines gewissen Kanzler stehenden bayrischen Kampfbundes, und
+hier befand sich das Hauptwaffenlager der Nationalsozialisten noch aus
+der Zeit her, wo die Zentrale der Einwohnerwehren in Rosenheim
+untergebracht war.
+
+_General Ludendorff_ hat das Wort. Im blauen Sakkoanzug, die Hände auf
+dem Rücken verschränkt, straff aufgerichtet, doziert der General einem
+andächtig aufhorchenden Publikum über Staatsverfassung und
+Ultramontanismus.
+
+Ludendorff ist im Auto von seiner Villa gekommen – er war, ebenso auch
+Pernet, Pöhner, Frick und Wagner, während der Verhandlung auf freiem
+Fuß, während die anderen Angeklagten für die Dauer des Prozesses in der
+Infanterieschule untergebracht worden waren – und nun mußte die
+Verhandlung verschoben werden, da Ludendorffs Auto eine Panne hatte. Die
+Posten an den Eingängen und im Korridor stehen stramm, die Tür wird
+aufgerissen. Hitler schlägt die Hacken zusammen, daß es durch den ganzen
+Saal knallt, die Reichswehroffiziere auf den Zeugenbänken und die Damen
+und Herren im Zuhörerraum erheben sich von den Plätzen – General
+Ludendorff hat den Saal betreten, die Verhandlung kann beginnen.
+
+Ludendorff spricht abgehackt, kurz, stößt die Worte wie militärisches
+Kommando in den Saal. Eine schnarrende, preußische Offiziersstimme.
+Seine Aussage läßt den Kern des politischen Problems zum ersten Male
+scharf hervortreten. Der Hintergrund wird sichtbar.
+
+Die bayrischen Klerikalen, das ist der Feind. Er muß geschlagen werden.
+Nun handelt es sich nicht mehr um den Putsch vom 8. November, jetzt
+handelt es sich um die Schicksalsfrage Deutschlands, um den Jahrhunderte
+alten Kampf zwischen Nord und Süd, zwischen Hohenzollern und
+Wittelsbachern. Den Separationsbestrebungen der Wittelsbacher und ihrer
+Zusammenarbeit mit dem Vatikan gilt Ludendorffs Hauptangriff.
+
+ „Ich habe die Gefahr der Juden im Weltkrieg genügend kennengelernt.
+ Ich habe mich damit ernstlich und aufmerksam beschäftigt. Die
+ jüdische Frage ist für mich eine Rassenfrage.“
+
+Dann ein Schlag gegen die Katholiken:
+
+ „Als Realpolitiker komme ich zu Erwägungen, indem ich die
+ unabänderlichen Tatsachen nehme, wie sie sind. In dem Kampf
+ Deutschlands war der Vatikan nicht neutral, sondern
+ deutschfeindlich. Der Papst hat sich gegen die Sabotage im Kampf um
+ Ruhr und Rhein gewandt. Außerdem war besonders auffallend die
+ steigende Inschutznahme der Juden durch den hohen Klerus.“
+
+Es folgt ein Überblick über die wirtschaftliche Lage:
+
+ „Herr Minoux entwickelte uns seine politischen und wirtschaftlichen
+ Ansichten. Sie erschienen mir sehr _reichlich wirtschaftlich_, was
+ auch verständlich ist. Ich sprach ungefähr: „Lieber Minoux, das
+ wirtschaftliche Programm gefällt mir nicht.“
+
+Endlich kommt Ludendorff auf die militärischen Vorbereitungen des
+Unternehmens zu sprechen:
+
+ „Der Herr Staatsanwalt hat gefragt, warum wir vom Marienplatz zur
+ Residenz marschiert sind. Warum diese Richtung genommen wurde, kann
+ ich nicht sagen. Ich habe Tannenberg geschlagen und die Gründe für
+ mein taktisches Vorgehen mir erst später zurechtgelegt. Das ist
+ Feldherrninstinkt.“
+
+Im Zuhörerraum starke Bewegung. Man ruft Bravo und einige klatschen.
+Niemand findet Anstoß daran, daß es just nicht strategisches Talent
+verrät, wenn das „taktische Vorgehen“ einen Feldherrn in solch ein böses
+Debakel führt wie am 9. November 1923 und – am 9. November 1918.
+
+Ludendorffs Rede gipfelte in einer Anklage gegen Rom. Doch dieser
+Fehdehandschuh wurde von der Kirche nicht aufgenommen. Kardinal
+Faulhaber und Kronprinz Ruprecht ließen sich nicht einmal zu einer
+Erwiderung herbei – Kahr und Lossow wurden vorgeschoben. Aber zwei Tage
+später schwenkte die gesamte klerikale Presse Bayerns, schwenkte selbst
+der „Miesbacher Anzeiger“, der noch wenige Tage vorher begeisterte Töne
+für das Wirken der Kampfverbände gefunden hatte, scharf zu Kahr ab. Die
+Klerikalen trumpften auf. So schrieb das „Bayrische Vaterland“:
+
+ „Kahr hätte am 12. November zusammen mit Lossow, Seeckt usw., allen
+ vaterländischen Verbänden also, mit einer großen nationalen
+ Einheitsfront losschlagen wollen. Das sahen Hitler, Weber, Pöhner,
+ Kriebel und alle. Das zu beweisen, daß Kahr das vorbereitet habe,
+ darauf steht ja ihr ganzes Bemühen. Warum hat dann Hitler nicht bis
+ zum 12. gewartet? Hier liegt _Hitlers große Sünde wider den
+ deutschen nationalen Geist_. Hier ist der Verrat an der gemeinsamen
+ Sache. Kahr und alle Vaterländischen im ganzen Reich, Süd und Nord,
+ gemeinsam wollten sie in Berlin eine nationale Regierung einrichten.
+ Das Gelingen war nach menschlichem Ermessen, wie die Hitlerschen
+ selbst sagen, unbedingt sicher – schon ihren Putsch hielten sie ja
+ für sicher. Die Vorbereitungen – was die Hitlerschen ja beweisen
+ wollen – sorgfältig getroffen. Die Aktion Kahrs zur inneren
+ Befreiung Deutschlands scheiterte. Warum? Weil Hitler mit Ludendorff
+ zu früh und auf eigene Faust losschlug.“
+
+Ludendorffs Rede hatte der Bayrischen Volkspartei bewiesen, daß ihre
+Hoffnung, mit Hitler und Ludendorff zu einem Kompromiß zu gelangen,
+getrogen hatte. Das Scheingefecht wurde abgebrochen. In den folgenden
+Tagen gingen die Angeklagten sehr aggressiv vor, die Verteidigung hatte
+die Führung des Prozesses vollkommen an sich gerissen. Etwa so:
+
+ _Justizrat Kohl_: Wir müssen dagegen protestieren, daß der Herr
+ Staatsanwalt gestern bei einer Aussage ironisch gelächelt hat.
+
+ _Staatsanwalt_: Ich stelle fest, daß es mir ganz fern gelegen hat,
+ zu lächeln, und ironisch schon gar nicht.
+
+_Hauptmann Röhm_, Typus des preußischen Leutnants, nasale schnoddrige
+Stimme, trägt den Zivilanzug wie eine Uniform:
+
+ „Im Oktober 1918 war ich noch überzeugt, daß wir den Krieg gewinnen
+ werden. Ich habe diese Überzeugung als Generalstabsoffizier an der
+ Front gewonnen. Ich habe das erste Mal die Vorläufer der Revolution
+ im Lazarett in Brüssel kennengelernt. Ich sah diese Vorläufer in dem
+ unmilitärischen Verhalten der Krankenwärter.“
+
+Dann schildert er seine Tätigkeit nach der Revolution:
+
+ „Zwischen meiner vaterländischen Einstellung und meiner Tätigkeit
+ als Reichswehroffizier mußten Konflikte entstehen – – –“
+
+Hauptmann Röhm kam daher um seinen Abschied ein, doch General Lossow
+erklärte ihm, dazu bestehe keine Veranlassung. Und als der
+Reichswehrminister Röhm den Abschied doch telegraphisch bewilligte, hat
+General von Lossow das nicht anerkannt und der Abschied wurde wieder
+zurückgenommen. Hauptmann Röhm trat einen dreimonatigen bezahlten Urlaub
+an. Erst am 30. Dezember – im Gefängnis – hat er die Nachricht bekommen,
+daß er seinen Abschied erhalten.
+
+_Oberleutnant d. R. Brückner_, ein junger Mann mit ausdruckslosem
+blassen Gesicht, schildert ebenfalls seine „politische Einstellung“:
+
+ „Was die Einstellung der Pioniere anlangt, so rissen auch sie den
+ Pleitegeier sofort von der Mütze und zertraten ihn. Sie mußten aber
+ auf Befehl von Lossow das Schwarz-Weiß-Rot wieder herunternehmen und
+ den Pleitegeier wieder hinauftun.“
+
+ _Vorsitzender_: Sie sagen immer „Pleitegeier“? Es muß doch einen
+ anderen Ausdruck geben?
+
+ _Brückner_: Ich kenne keinen.
+
+ _Vorsitzender_ (lächelt): Nun, die technische Bezeichnung lautet
+ wohl anders.
+
+_Leutnant Wagner_ ist Nationalsozialist geworden, weil er mit einem
+Neffen des Reichspräsidenten Ebert böse Erfahrungen gemacht hatte. Der
+soll sein Regiment „verhetzt“ haben. Aber dann stellte es sich heraus,
+daß der Reichspräsident gar keinen Neffen hat und dieser also das
+Regiment auch nicht verhetzen konnte. Allerdings wird vorläufig dieser
+Widerspruch nicht offenbar, da eine entsprechende Erklärung des
+Reichspräsidenten durch den Vorsitzenden erst zehn Tage später zur
+Verlesung gelangt. Der Angeklagte erklärt, sie nicht anerkennen zu
+können.
+
+_Oberleutnant Pernet_ weiß von gar nichts.
+
+ _Vorsitzender_: Haben Sie gewußt, daß am 8. etwas vorgehen soll?
+
+ _Pernet_: Ich habe von der Versammlung im Bürgerbräukeller in der
+ Zeitung gelesen.
+
+ _Vorsitzender_: Sie hatten keine Kenntnis von dem, was geplant war?
+
+ _Pernet_: Nein, _ich war überrascht_.
+
+ _Vorsitzender_: Was hat Ihr Stiefvater gesprochen während der Fahrt
+ zur Versammlung?
+
+ _Pernet_: Er hat nur gesagt, er habe etwas anderes gedacht. Im Auto
+ hat er mich gefragt, ob ich davon etwas gewußt hätte. _Ich sagte
+ nein._
+
+ _Vorsitzender_: Was haben Sie sich bei diesen Vorgängen gedacht?
+
+ _Pernet_: Ich habe mir gedacht, es ist legal.
+
+ _Vorsitzender_: _Ich nehme an_, daß Sie zuerst _gar nichts gewußt
+ haben_, und daß ihnen erst später zum Bewußtsein gekommen ist, daß
+ es doch nicht ganz so einfach ist. Stimmt das so?
+
+ _Pernet_: _Jawohl._
+
+_Oberamtmann Frick_ weiß genau so viel wie sein Kamerad Pernet. Er hat
+„gar keine Kenntnisse gehabt“. Auch er war „überrascht“:
+
+ _Vorsitzender_: Es ist auffallend, daß Sie zu Ihrer Frau sagten, Sie
+ gehen in den Bürgerbräukeller, aber nicht hingegangen sind, sondern
+ in Ihrem Amtszimmer Zeitung gelesen haben. Es deutet fast auf
+ Vereinbarung, daß Sie nicht in der Wohnung, sondern um neun Uhr im
+ Büro angerufen worden sind.
+
+ _Frick_: Ich bin nach dem Abendessen öfter in mein nebenan liegendes
+ Büro gegangen, um zu arbeiten.
+
+ _Vorsitzender_: Es wird Ihnen zur Last gelegt, daß Sie es
+ unterlassen haben, die Landespolizei oder die gesamte
+ Schutzmannschaft zu alarmieren.
+
+ _Frick_: Ich war, als ich festgenommen wurde, durchaus im unklaren
+ darüber, welche Tatsachen der Beschuldigung des Hochverrats bei mir
+ zugrunde liegen.
+
+
+ DIE ZEUGEN
+
+Man trat in das Zeugenverhör ein. Kahr, Lossow und dem Polizeioberst
+Seißer fielen in diesem Akt der Verhandlung die Hauptrollen zu. Hatten
+doch die Aussagen der Angeklagten in der Erklärung gegipfelt, diese
+Kronzeugen wären genau so schuldig wie sie selbst, und nichts sei
+irriger als die Annahme, der Generalstaatskommissar und der Kommandant
+der bayrischen Reichswehr hätten es von vornherein darauf angelegt
+gehabt, Ludendorff und Hitler in eine Falle zu locken. Ein Satz
+Ludendorffs warf einen schwachen Lichtstrahl in das Dunkel der
+Putschnacht:
+
+ „Bis zur Inpflichtnahme der Reichswehr durch General Lossow war ich
+ über die Vorgänge in der bayrischen Reichswehr nicht informiert;
+ nachher hat mich Lossow fortlaufend unterrichtet.“
+
+Die Verteidigung suchte unter Beibringung unzähliger
+Zeitungsausschnitte, Protokolle, Auszügen aus Reden Kahrs und seiner
+engeren Freunde den Nachweis zu führen, daß die Kronzeugen eine lange
+Zeit ernste Putschabsichten gehegt hatten. Als aber die Entwicklung im
+Norden nicht den erwarteten Gang nahm, als Seeckt immer wieder zögerte,
+auf das ihm von Lossow hingehaltene „Sprungbrett“ zu treten, da mußten
+sie fürchten, in eine Sackgasse zu geraten und suchten nun bei Hitler
+Anlehnung. Vor die vollendete Tatsache gestellt, waren sie zwar von der
+Aktion Hitlers nicht begeistert, aber im ersten Augenblick entschlossen,
+alles auf die eine Karte zu setzen und sich dem Unternehmen Hitlers
+anzuschließen. Lossow sah als erster, daß der Putsch mißlingen müsse und
+meinte, dem sicheren Fiasko die immerhin noch mögliche Chance eines
+halbwegs gedeckten Rückzugs vorziehen zu müssen.
+
+Um Mitternacht des 8. November hatte Kultusminister Matt, der
+Vertrauensmann des Kardinals Faulhaber, ein Telephongespräch mit Kahr,
+der Draht spielte zwischen München und Berchtesgaden (der Residenz des
+Kronprinzen Ruprecht), zwischen München und Schloß Hohenburg, wo die
+Schwester des Wittelsbachers, die Großherzogin Adelheid von Luxemburg
+residierte. Und als eine weitere Stunde um war, hatte die Situation eine
+grundlegende Änderung erfahren. Kahr wurde von einer mysteriösen
+„autoritativsten Seite zurückgepfiffen“. Für den Makel des Verräters
+sollte ihn das Bewußtsein entschädigen, ein „treuer Diener seines Herrn“
+zu sein, der ihm den Schutz der Kirche gewährleistete, während ihm auf
+der anderen Seite nur der Schutz eines Generals, der überdies als
+„Ketzer“ verschrien war, eine recht fragwürdige Aussicht bot.
+
+Der Name Ruprecht durfte in dieser Verhandlung nicht genannt werden. Nur
+Ludendorff ließ sich zu einem versteckten Vorstoß gegen die
+Wittelsbacher fortreißen, aber auch er scheute sich wohl, den Angriff zu
+weit vorzutragen. Dann kam prompt ein Dementi: Ruprecht hätte überhaupt
+keine Beziehungen zum Putsch gehabt und auf Kahr keinerlei Einfluß
+geübt. So standen Behauptungen gegen Behauptungen, und mehr oder minder
+nicht beweisbaren Vermutungen war weiter Spielraum gegeben. Immerhin
+glaube ich, in diesem Zusammenhange einen Briefwechsel wiedergeben zu
+müssen, der geeignet ist, über diese bis heute nicht geklärte Frage
+einiges Licht zu verbreiten. Nachdem ich in der Wiener „Arbeiterzeitung“
+und dem „Prager Tagblatt“ einige Berichte über den Münchener
+Hochverratsprozeß veröffentlicht hatte, lief bei der „Arbeiterzeitung“
+ein Schreiben ein, das sie wie folgt wiedergab:
+
+ Wir erhalten folgende Zuschriften, zu deren Mitteilung wir nach dem
+ Preßgesetz zwar nicht verpflichtet wären, die aber lehrreich genug
+ sind, daß wir sie veröffentlichen wollen:
+
+ In der Nummer 63 vom Dienstag, den 4. März, Seite 2, findet sich mit
+ Datum vom 29. Februar d. J. ein Artikel mit der Überschrift: „_Die
+ Tafelrunde des Königs Ruprecht_.“ Neben verschiedenen tatsächlichen
+ Unrichtigkeiten in dem fraglichen Artikel ist unter anderem auch
+ davon die Rede, daß König Ruprecht, der just am 8. November in
+ München geweilt hatte, um 11 Uhr nachts in seine Residenz nach
+ Berchtesgaden zurückgefahren ist. Weiter heißt es auch: „Der Draht
+ spielte zwischen München und Berchtesgaden, zwischen München und
+ Schloß Hohenburg, wo die Schwester König Ruprechts, die Großherzogin
+ Adelheid von Luxemburg, residierte ... Kahr und Lossow wurden
+ zurückgepfiffen. Man nimmt gern den Makel des Verräters auf sich,
+ wenn man dafür das Bewußtsein eintauscht, ein treuer Diener seines
+ Herrn zu sein usw.“
+
+ Im Auftrag S. Durchlaucht des Eugen Prinz Oettingen von Wallenstein
+ in seiner Eigenschaft als generalbevollmächtigter Vertreter _S. K.
+ H. des Kronprinzen Ruprecht von Bayern_ beehre ich mich, Ihnen
+ mitzuteilen, daß die Darstellung vollständig unrichtig ist, und
+ ersuche ich im Hinblick auf das Preßgesetz namens meines
+ Vollmachtgebers um die Aufnahme beiliegender Berichtigung unter
+ Berücksichtigung der einschlägigen gesetzlichen Bestimmungen.
+
+ Ich erwähne dabei, daß diese Berichtigung mehrfach durch _bayrische
+ und auch reichsdeutsche Blätter_ gegeben ist und scheint Ihnen
+ dieses entgangen zu sein.
+
+ Von der Nummer, in der sich die Berichtigung findet, wollen Sie mir
+ ein Exemplar zusenden.
+
+ Hochachtungsvollst
+ _Dr. Karl Eisenberger_,
+ Geheimer Justizrat.
+
+
+ Berichtigung.
+
+ Gegenüber den Ausführungen in der Nummer 63 vom Dienstag, den 4.
+ März, in bezug auf das Eingreifen S. K. H. des Kronprinzen Ruprecht
+ von Bayern in die politischen Ereignisse, welche sich am 8./9.
+ November 1923 in München abgespielt haben, läßt S. K. H. _folgendes
+ erklären_:
+
+ _S. K. Hoheit_ befand sich schon einige Tage vor dem 8. November
+ 1923 auf seinem Schlosse in Berchtesgaden. Von den Vorkommnissen,
+ welche sich in der Nacht vom 8. auf den 9. November 1923 in München
+ abgespielt haben, erhielt _S. K. Hoheit_ erst am 9. November 1923 im
+ Laufe des Vormittags durch _einen Kurier_ Kenntnis. Irgendwelche
+ Einwirkung _seitens S. K. Hoheit_ konnte daher gar nicht stattfinden
+ und hat tatsächlich auch nicht stattgefunden.
+
+
+ Vollmacht.
+
+ Der Endesunterzeichnete ermächtigt hiermit Herrn Rechtsanwalt Geh.
+ Justizrat Dr. Eisenberger in München, ihn in der Angelegenheit
+ betreffend Arbeiter-Zeitung in Wien vor allen Gerichten, Behörden
+ und Instanzen zu vertreten, insbesondere auch einen etwaigen
+ Verwaltungsrechtsstreit zu erheben, Anträge, Vorstellungen und
+ Beschwerden und sonstige Rechtsmittel einzulegen und zurückzunehmen,
+ Zustellungen, Ladungen, Beschlüsse, Verfügungen entgegenzunehmen,
+ Geldzahlungen zu empfangen und hierüber zu quittieren und alle diese
+ Befugnisse einem sonstigen Rechtsverständigen zu übertragen.
+
+ München, den 15. März 1924.
+
+ Eugen Prinz Oettingen-Wallenstein
+ auf Grund notarieller Generalvollmacht
+ S. K. H. des Kronprinzen von Bayern.
+
+ * * * * *
+
+ Ob die Leser der Behauptung, daß der Exkronprinz von dem Putsch erst
+ am anderen Tage erfahren konnte, weil er in Berchtesgaden gewesen
+ sei, Glauben schenken wollen, überlassen wir ihnen; vielleicht
+ erwägen sie, daß es ja auch ein Telephon gibt. Aber als Dokumente
+ aus dem „Freistaat Bayern“ haben alle diese Schriften um Seine
+ Königliche Hoheit herum jedenfalls einen politischen Wert ...
+
+Darauf veröffentlichte ich in der „Arbeiterzeitung“ die folgende
+Entgegnung:
+
+ Seine Königliche Hoheit der Kronprinz von Bayern hat durch seinen
+ „generalbevollmächtigten Vertreter“ der „Arbeiterzeitung“ eine
+ Berichtigung zu meinem, hier am 4. März erschienenen Artikel „Die
+ Tafelrunde des Königs Ruprecht“ gesendet. Nun lockt mich gewiß nicht
+ der Ehrgeiz, mich mit S. K. H. in eine Polemik einzulassen, die
+ schon deshalb unfruchtbar wäre, weil ich, es sei dies freimütig
+ bekannt, nicht in der Lage bin, durch einwandfreie Dokumente, wie
+ stenographische Protokolle oder eidliche Zeugenaussagen, den
+ Nachweis zu führen, welchen Wortlaut das Gespräch hatte, das S. K.
+ H. mit Herrn von Kahr führte, und um wieviel Uhr es stattfand.
+ Bekanntlich hat General Ludendorff erst später im Verlauf der
+ Verhandlung selbst erklärt, Herr von Kahr sei nur auf „Allerhöchste
+ Weisung“ vom Unternehmen zurückgetreten. Und solche Enthüllungen,
+ die sich gegen ehemalige Kampfgenossen richten, pflegen meistenteils
+ richtig zu sein.
+
+ Allerdings, auch diese Behauptung Ludendorffs ist dementiert worden.
+ Mit den Dementis aus dem „Freistaat Bayern“ hat es aber seine eigene
+ Bewandtnis und nur jemand, der mit den bayrischen „Belangen“
+ vertraut ist, kann sie entsprechend werten. Ich selbst habe mit
+ bayrischen Berichtigungen eigene Erfahrungen gehabt.
+
+ Im Oktober v. J. stattete ich dem Oberkommando des Herrn Hitler
+ einen Besuch ab und veröffentlichte in der Folge eine Unterredung,
+ die ich mit dem Chefredakteur des „Völkischen Beobachters“, einer
+ Art Pressechef des „Großen Trommlers“ gehabt hatte. Darauf folgte
+ prompt ein Dementi. Etwa in dieser Art: erstens wäre ich gar nicht
+ dort gewesen; zweitens hätte mir der Herr Redakteur etwas ganz
+ anderes gesagt; drittens sei es unverschämt, daß ich ihm nicht
+ vorher angekündigt hätte, daß ich den Wortlaut der Unterredung
+ veröffentlichen wolle. So dementieren die Helden. Die sich aber zu
+ den Rettern des Staats zählen, die Herren um Kahr, sind klüger. Auch
+ ihre Berichtigungen beweisen das.
+
+ Kronprinz Ruprecht erklärt also, er sei in der kritischen Zeit nicht
+ in München gewesen und hätte von den Vorkommnissen, die sich in der
+ Nacht vom 8. auf den 9. November in München abgespielt haben, erst
+ am 9. November im Laufe des Vormittags durch einen Kurier Kenntnis
+ erhalten.
+
+ Die „Arbeiterzeitung“ hat schon auf die merkwürdige Tatsache
+ hingewiesen, daß in Bayern die Einrichtung des Telephons scheinbar
+ unbekannt ist. Aber man überlege: Herr von Kahr hält im
+ Bürgerbräukeller eine Rede, in der er sich als „Statthalter Seiner
+ Majestät“ vorstellt – die Majestät selbst wird erst am kommenden
+ Tage, nachdem die ganze Chose schon vorbei ist, verständigt. Gewiß,
+ so wird man aus Berchtesgaden erwidern, S. K. H. sind eben nur
+ Privatperson und nehmen an diesen politischen Vorgängen weder aktiv
+ Anteil noch irgendwelche Einwirkung auf diese. Wie es damit bestellt
+ ist, möge folgendes Rundschreiben illustrieren, das der Oberst von
+ Kannstein an die Offiziersregimentsvereine Bayerns gerichtet hat:
+
+ Seine Majestät unser König haben am 27. Dezember dem 1.
+ Vorsitzenden der drei Offiziersvereine den Befehl bekanntgegeben,
+ er erwarte, daß sich die ehemaligen Offiziere, eingedenk ihres
+ Fahneneids, rückhaltlos hinter den Generalstaatskommissar und den
+ Landeskommandanten General von Lossow stellen werden.
+
+ Und dann rufe man sich ins Gedächtnis, daß in der Verhandlung vor
+ dem Volksgericht zuerst Herr Pöhner und dann Herr Hitler davon
+ gesprochen haben, daß von „autoritativster Seite“ auf sie eingewirkt
+ wurde. Pöhner sagte wörtlich:
+
+ Ich habe mich dagegen ablehnend verhalten, nach meinen schlimmen
+ Erfahrungen mit Herrn von Kahr wieder mit ihm zusammen zu
+ arbeiten ... Ich bin aber trotzdem noch einmal mit ihm
+ zusammengekommen, als, und zwar _von autoritativster Seite_, der
+ Wunsch geäußert wurde, ich möchte unter Zurückstellung
+ persönlicher Unstimmigkeiten wieder mit Herrn von Kahr in Fühlung
+ treten.
+
+ Das Gericht fand es nicht notwendig, Pöhner zu fragen, wer diese
+ mysteriöse autoritativste Seite gewesen ist. Herr Stresemann? Oder
+ gar der bayrische Ministerpräsident Knilling? Man forschte nicht
+ weiter und so kamen auch keine Dementis.
+
+ Übrigens: Ist S. K. H. so unangenehm, in den Verdacht zu kommen, daß
+ er Herrn von Kahr vom Putsch abgehalten hat? Warum die Aufregung?
+ Will S. K. H. damit zum Ausdruck bringen, daß er nicht unter die
+ „Verräter“ gezählt zu werden wünscht?
+
+Wiewohl es für die strafrechtliche Verurteilung Hitlers, Ludendorffs und
+Genossen ohne Bedeutung war, ob Kahr und Lossow ebenfalls
+hochverräterische Pläne gehegt haben, nahm infolge der geschickten
+Führung der Verteidigung, die die Verhandlung völlig beherrschte, diese
+Frage den größten Raum ein. Mehr als ein Dutzend hoher Persönlichkeiten,
+deren Vernehmung sich über zwei Wochen erstreckte, wurden darüber als
+Zeugen gehört. Und das war so gekommen:
+
+Gleich nach der Rede Ludendorffs wurde die bayrische Öffentlichkeit von
+einem Herrn Abgeordneten Schaeffer mit der sensationellen Nachricht
+überrascht, die Verteidigung habe ihn um Intervention ersucht, damit er
+durch den Ministerpräsidenten die _Amnestie_ der Angeklagten erwirke. In
+diesem Falle wäre die Verteidigung bereit, sich entsprechende
+Zurückhaltung im Interesse des Staats aufzuerlegen.
+
+Herr Schaeffer hatte mehrere Tage gezögert, bis er diese Mitteilung der
+Öffentlichkeit übergab. Als er es tat, war die Sachlage klar. Die
+Zuspitzung der Gegensätze innerhalb und außerhalb des Prozeßsaales hatte
+die Bayrische Volkspartei überzeugt, daß ein Kompromiß aussichtslos war
+und so entschloß sie sich, die Entscheidung nicht zu fliehen. Sie fühlte
+sich stark genug, um sich nicht scheuen zu müssen, im Gerichtssaale
+„enthüllt“ zu werden. Da blieb der Verteidigung nichts anderes übrig,
+als ihrerseits loszulegen. War der erste Akt des Prozesses auf „Moll“
+gestimmt, so wurde jetzt „Dur“ angeschlagen.
+
+Und die Zeugen marschierten auf. Zwei Wochen fast wurde da von früh bis
+abends in stundenlangen Reden die Frage diskutiert, ob Herr Kahr im
+Bürgerbräukeller nur Komödie gespielt habe oder nicht. Ein Zeuge gab
+folgende dramatische Schilderung:
+
+ „Herr von Kahr war vollkommen unbewegt. Sein Gesicht war wie eine
+ Maske, sehr ernst, und er sprach die Worte ruhig. Ich hatte den
+ Eindruck, daß um die Augen herum ein Zug von Melancholie lag. Hitler
+ war leuchtend vor Freude, ... es war ein kindlicher, offener
+ Ausdruck von Freude, den ich nie vergessen werde. Exzellenz
+ Ludendorff war, als er hereinkam, todernst. Sein Aussehen und seine
+ Worte machten den Eindruck eines Mannes, der weiß, daß es sich um
+ eine Sache auf Leben und Tod, vielleicht eher auf Tod handelt.“
+
+Hitler hat, nach anderen Zeugenaussagen, erklärt:
+
+ „Sie müssen mit mir kämpfen, müssen mit mir siegen oder mit mir
+ sterben. Wenn die Sache schief geht, vier Schüsse habe ich in der
+ Pistole, drei für meine Mitarbeiter, wenn sie mich verlassen, die
+ letzte Kugel für mich.“
+
+Darauf Kahr ganz schlicht:
+
+ „Sterben oder nicht sterben ist bedeutungslos.“
+
+Ein anderer schildert den „Rütlischwur“ im Bürgerbräukeller. Es
+entspinnt sich folgendes Kreuzverhör:
+
+ _Vorsitzender_: Eine große Zahl von Zeugen kann nicht bestätigen,
+ daß Herr von Kahr seine Hand auf jene Hitlers gelegt habe.
+
+ _Rechtsanwalt Götz_: Wir waren doch alle im Bürgerbräukeller und
+ sind doch nicht Menschen, denen dieser springende Punkt nicht im
+ Gedächtnis zurückgeblieben wäre. Ich sehe ihn 100 Jahre noch.
+
+_Polizeimajor Frhr. von Imhoff_ ist ein hoher Beamter der Landespolizei.
+Also erklärt er als Zeuge:
+
+ _Rechtsanwalt Roder_: Wußten Sie, daß gegen Kapitänleutnant Ehrhardt
+ Haftbefehl erlassen sei?
+
+ _Frhr. v. Imhoff_: Ich habe gesprächsweise von einem Verfahren wegen
+ Meineids gehört.
+
+Im übrigen spielt sich das Zeugenverhör etwa so ab:
+
+ _General Ludendorff_: Ich möchte feststellen, daß der Befehl zur
+ Wegnahme des Wehrkreiskommandogebäudes von Lossow unterschrieben
+ war.
+
+ _Oberstleutnant von Berchem_ als Zeuge: Ich kann mich
+ selbstverständlich nach vier Monaten nicht an alle Befehle erinnern.
+ Das würden Exzellenz auch nicht können!
+
+Ob dieser Vergeßlichkeit erhebt sich lauter Widerspruch im Zuhörerraum
+und
+
+ _Rechtsanwalt Holl_ erklärt: Ich habe an den Zeugen noch einige
+ Fragen richten wollen, aber mit meinem _deutschen Gefühl_ ist es
+ nicht vereinbar, an einen Mann noch Fragen zu stellen, der an
+ Exzellenz Ludendorff eine derartige Bemerkung zu richten sich
+ erlaubt hat. (Bravorufe im Zuhörerraum.)
+
+ _Oberstleutnant von Berchem_: Ich habe doch nur gesagt, ich glaube,
+ daß auch Exzellenz Ludendorff nach vier Monaten nicht alle Befehle
+ mehr weiß.
+
+ _Rechtsanwalt Holl_: Das ist eine so _unerhörte Beleidigung meines
+ deutschen Gefühls_, daß ich weitere Fragen unterlasse.
+
+Und später:
+
+ _Justizrat Schramm_: Was diesen Angriff gegen den Hauptmann Röhm
+ betrifft, so werden wir uns an anderer Stelle wiedersehen.
+
+ _Oberstleutnant von Berchem_ (sich stramm aufrichtend): Dazu bin ich
+ jederzeit bereit.
+
+Ein anderer Zeuge, Oberleutnant _Braun_, muß sich dann verantworten,
+warum er auf die Hitlerleute geschossen habe. Ein ganzes Heer von Zeugen
+marschierte also auf, um den Beweis zu führen, daß auch die
+Reichswehrabteilung des Oberleutnants Braun „zuverlässig“ sei und „nicht
+auf Schwarz-Weiß-Rot schieße“.
+
+ _Oberleutnant Braun_: Ein Mann erklärte mir, der General von Lossow
+ sei der feigste Hund, den er kenne. Darauf gab ich ihm eine
+ Ohrfeige, daß er taumelte. – Ich habe vor dem dreckigsten Neger im
+ Felde, wenn er tot war, Achtung gehabt.
+
+ _Rechtsanwalt Holl_: Besteht eine Dienstvorschrift, wonach ein
+ Reichswehroffizier berechtigt ist, einem Zivilisten, der einen
+ Vorgesetzten beleidigt, eine Ohrfeige zu geben?
+
+ _Oberleutnant Braun_: Diese Vorschrift besteht in meinem Herzen.
+
+Endlich traten die Kronzeugen selbst auf den Plan.
+
+Kaum größere Gegensätze, als diese drei Herren, die das Triumvirat für
+den „legalen Staatsstreich“ bildeten. Merkwürdige Vertauschung der
+Rollen: General _Lossow_, der „unpolitische Militär“, war der einzige,
+der in seinem ganzen Auftreten, in seinem Gehaben, aber auch in seinen
+Ausführungen den Eindruck eines Politikers machte; oder noch mehr eines
+Diplomaten. Sehr selbstbeherrscht, gewinnende Manieren, ein gewandter
+Polemiker, der genau weiß, wo er mit seiner Rede hinaus will und dessen
+klare und präzise Antworten einen Mann von starkem Willen und Intellekt
+verraten. _Kahr_, „der Statthalter des Königs“, nimmt sich neben dem
+General recht kläglich aus. Ein Provinzler. Untersetzt, mit massigem
+Bauernschädel, schwerfällig, redeungewandt. Ihm fehlt nicht nur das
+Feuer des Führers, sondern auch jene Schlagfertigkeit und Sicherheit des
+Auftretens, die man bei jedem gewiegteren Politiker voraussetzen muß.
+Ein geradezu bejammernswürdiger Anblick, wie der Herr Staatskommissar
+gleich einem Häufchen Unglück auf seinem Stuhle vor dem Richtertisch
+hockte und hilflos den Hagel von Fragen über sich hinweggehen ließ, die
+gleich spitzen Pfeilen drei Tage lang von den Verteidigern auf ihn
+abgeschnellt wurden. Aber am Ende des Kreuzverhörs zeigte es sich, daß
+dieses scheinbar so hilflose Männchen in Wahrheit über eine erstaunliche
+Zähigkeit verfügte. Nicht einen Augenblick ließen ihn seine Nerven im
+Stich; je hitziger die Verteidiger, je heftiger Hitler und Ludendorff
+auf ihn eindrangen, desto kühler wurde Kahr, desto mehr wuchs seine
+Sicherheit. Und dann kam diese große Szene:
+
+ _Hitler_: Ich muß darauf zurückkommen, daß mir bis jetzt vorgeworfen
+ wird, ich hätte mein _Ehrenwort_ gebrochen.
+
+ _Kahr_: schweigt.
+
+ _Hitler_ (schreiend): Nie und nimmer habe ich mein _Ehrenwort_
+ gegeben.
+
+ _Kahr_: Ich habe diesen Eindruck gehabt.
+
+ _Hitler_ (sehr erregt): Ich behaupte, daß mein sogenanntes
+ gebrochenes _Ehrenwort_ von der anderen Seite glatt erfunden worden
+ ist.
+
+ _Kahr_: schweigt.
+
+ _Hitler_ (in höchster Erregung): Der einzige Mensch, der sein
+ Ehrenwort vom 1. Mai gebrochen hat, ist nicht Hitler, sondern der
+ General von Lossow gewesen.
+
+ _Kahr_: schweigt.
+
+ _Hitler_ (in höchster Erregung aufspringend): Ich verzichte auf jede
+ _Ehrenerklärung_ von Herrn von Kahr.
+
+ _Rechtsanwalt Holl_: Dr. Weber versichert auf sein _Ehrenwort_, daß
+ Hitler nicht sein _Ehrenwort_ gegeben hat. Exzellenz, wenn Sie dem
+ _Ehrenwort_ Dr. Webers glauben, wollen Sie dann nicht zur Beruhigung
+ weiter Kreise jetzt sagen, daß Sie sich geirrt haben?
+
+ _Kahr_ (sehr bestimmt): Ich habe hier keine _Ehrenerklärungen_
+ abzugeben.
+
+In diesem Augenblick war Kahr auf der Höhe der Situation. Er, und nicht
+Hitler war der Unversöhnliche. Dabei waren die Angeklagten rein taktisch
+weitaus im Vorteil. Kahr und Lossow kämpften nicht in günstiger
+Stellung, aber sie konnten auftrumpfen, weil sie sich nur als
+vorgeschobene Posten einer Armee fühlten, deren Schutz und Hilfe ihnen
+sicher war. Die bayrische Regierung hatte Kahr vom Dienstgeheimnis nicht
+befreit, und so saß dieser in aller Seelenruhe da, „konnte sich nicht
+erinnern“, „verweigerte die Aussage“, „durfte keine Antwort geben“ – – –
+
+Vier Tage standen diese drei Kronzeugen im Kreuzverhör. Das Ergebnis war
+eigentlich recht dürftig. Jedenfalls wurde auch durch ihre Aussage
+nichts bekannt, was man nicht schon vorher gewußt hätte. Immerhin
+ergaben sich folgende Momente:
+
+ _Die Rechtsanwälte_ (zu Kahr): ‚... _Warum_ haben Exzellenz Ehrhardt
+ nicht verhaften lassen?‘
+
+ _Hauptmann Heiß_ hat eine Rede in Nürnberg gehalten und den Marsch
+ nach Berlin gepredigt. Es ist gegen ihn Haftbefehl erlassen worden,
+ _warum_ haben Exzellenz diesen Befehl nicht vollziehen lassen?
+
+ _Warum_ ist eine ganze Reihe von Reichsgesetzen verschiedenster Art
+ unter dem Generalstaatskommissariat außer Kraft gesetzt worden?
+
+ Wir haben es in drei Fällen damit zu tun, daß Befehle zu
+ Verhaftungen von Leuten in Bayern nicht ausgeführt worden sind. Das
+ mag der Stimmung des bayrischen Volkes entsprochen haben. Die
+ Verteidigung interessiert, ob diese Befehle ausgeführt wurden oder
+ nicht. _Wenn nicht, warum nicht?_
+
+ Wir haben den _Fall Roßbach_, dem mitgeteilt wurde, daß der
+ Haftbefehl nicht vollzogen wird. Wir haben den _Fall Ehrhardt_, der
+ von Österreich im Auto kam und von Seißer den bekannten Ausweis
+ erhielt. Ist das alles wahr und richtig? _Wenn ja, warum_ sind diese
+ Befehle in Bayern nicht vollzogen worden?
+
+ _Auf Grund welcher gesetzlichen Bestimmung_ hielt sich Kahr befugt,
+ die Absetzung Lossows zu verhindern, die bayrische Reichswehr auf
+ Bayern zu verpflichten? Dabei handelte Bayern, so hieß es damals,
+ als Treuhänder des Reiches. _Wer hat Kahr zum Treuhänder gemacht?_
+
+ Hatte Kahr nicht nur die vollziehende Gewalt, sondern
+ schlechterdings auch die gesetzgebende Gewalt? _Wenn nein, wie
+ rechtfertigt_ Kahr seine verschiedenen Gesetzsgebungsakte?
+
+ _Wer hat angeordnet_, daß das _Reichsbankgold_ der Staatsbank in
+ Nürnberg in dem Augenblicke, als es nach Berlin abgeführt werden
+ sollte, beschlagnahmt wurde, daß die Steuererträgnisse des
+ bayrischen Staates bis auf weiteres nicht an die Reichskasse in
+ Berlin abgeführt werden?
+
+ _Ist es richtig_, daß er, wie von seinen Mitarbeitern im
+ Generalstaatskommissariat mehrfach zum Ausdruck gebracht worden ist,
+ entschlossen war, den Zusammentritt des Landtages zu verhindern und
+ nötigenfalls das Ministerium abzusetzen?
+
+ Geht daraus, daß sich Kahr im Falle Lossow auf Verhandlungen mit
+ Berlin nicht einließ, hervor, daß er auch beanspruchte, die
+ Vertretung der Staatspersönlichkeit Bayerns nicht nur nach innen,
+ sondern auch nach außen zu führen? _Mit welchem Rechte_ hat Kahr das
+ getan und wie rechtfertigt sich das mit der Aufrechterhaltung von
+ Ruhe und Ordnung?
+
+ _Warum ist nichts getan worden_, um die in der Kahr befreundeten
+ Presse gemachten Ausführungen, daß Kahr nur seinem Gewissen
+ verantwortlich sei, zu widerlegen?
+
+ _Ist es richtig_, daß Kahr die _Schutzhaft_ verhängen ließ und
+ verfügte, daß diese Haft nach Art der Arbeitssträflinge zu
+ vollziehen ist?
+
+ Es sind auch Offiziere von der Reichswehr entlassen und versetzt
+ worden, also bis in die _Reichswehr_ hinein hat sich die
+ Machtvollkommenheit erstreckt. _Aus welchen Gründen_ erklären sich
+ diese Tatsachen?
+
+ _Ist es richtig_, daß Kahr Ende Oktober aufgefordert wurde, die
+ Reichsbefehlsgewalt auf den normalen Zustand wiederherzustellen.
+ _Aus welchen Gründen_ hat Kahr dieses Verlangen der Reichsregierung
+ abgelehnt?“ ...
+
+ _Kahr_ (antwortet mit keiner Silbe, dann): ... Ich kann von
+ Ministerbesprechungen hier nichts aussagen. (Heiterkeit im
+ Zuhörerraum.)
+
+ _Vorsitzender_ verkündet, daß beschlossen wurde, die Zulässigkeit
+ dieser sämtlichen Fragen abzulehnen ...
+
+Wesentlich sind folgende Feststellungen:
+
+ _Polizeioberst Seißer_: Es war damit zu rechnen, daß vom Reich aus
+ Bayern mit einer Sanierungsaktion betraut würde. Tatsächlich ist am
+ 10. Oktober vom Reichswehrministerium der Befehl ergangen, bayrische
+ Reichswehr zur Verwendung in Sachsen bereitzustellen.
+
+ _Rechtsanwalt Hemeter_: Ist Ihnen davon bekannt, daß für den Fall
+ eines Einmarsches in Sachsen nach Aufruf des Reichswehrministeriums
+ _Ehrhardt_ mit seinen Formationen dort mit als bayrische Notpolizei
+ einrücken sollte?
+
+ _Kahr_: Die Verständigung sollte an alle _vaterländischen Verbände_
+ gehen, wenn das Reich rufen würde.
+
+ _Rechtsanwalt Hemeter_: Glaubte der Zeuge, daß die maßgebenden
+ Stellen in Berlin die Verwendung Ehrhardts unter dem Mantel der
+ Notpolizei zugelassen hätten, nachdem doch in Sachsen _Haftbefehl_
+ gegen ihn erlassen war?
+
+ _Kahr_: Ehrhardt brauchte ja nicht selbst hinzugehen.
+
+ _Justizrat Schramm_: Ist Exzellenz bekannt, daß am 9. November
+ nachmittags eine Depesche nach Berlin ging, in der für die
+ angebotene Reichswehrhilfe zur Niederschlagung des Hitlerputsches
+ gedankt und die Erwartung ausgesprochen wurde, daß durch die
+ Niederschlagung des Putsches der Fall Lossow-Seeckt erledigt sein
+ werde.
+
+ _Kahr_: Von General von Seeckt wurde militärische Hilfe angeboten,
+ ich habe aber gedankt. Den Wortlaut habe ich nicht im Gedächtnis.
+
+Und nun wollen wir hören, was es mit dem „legalen Staatsstreich“ der
+Herren Lossow und Kahr auf sich hat. Darüber sagten sie folgendes:
+
+ _Lossow_: Die Herbeiführung dieses Direktoriums war nicht gedacht
+ als Putsch, sondern auf Grund der Möglichkeit, die Artikel 48 der
+ Verfassung gibt. An der Spitze sollte ein Mann sein, der einen
+ Namen, nicht nur in Deutschland, sondern auch im Ausland hatte. Eine
+ erste Autorität sollte die Finanzen und Währung sanieren, eine
+ andere Autorität die Staatsbetriebe, Eisenbahn, Post usw. in Ordnung
+ und zu Erträgnissen bringen, eine weitere den gesamten Staatsapparat
+ von den Revolutionsgewinnlern säubern, eine weitere Autorität für
+ die Ernährung sorgen. Es waren auch sanierende Wirtschaftsmaßnahmen
+ vorgesehen durch Beseitigung des Achtstundentages und durch
+ Beseitigung des herrschenden Einflusses der Trusts und
+ Gewerkschaften. Ein kleiner Teil dieses Programms ist ja in den
+ letzten Monaten unter dem Reichsausnahmezustand und unter einer Art
+ von Diktatur durchgeführt worden. – Ich habe erfahren, daß auf
+ diesen Reichsausnahmezustand schon längere Zeit Vorbereitungen
+ getroffen wurden. – – Ich war ja kein berufsloser Komitatschi, der
+ glaubt, durch einen Putsch zu Ehren und Würden zu kommen. – – – Ich
+ sprach mit General Ludendorff, der damals den ganzen Plan dieses
+ Direktoriums als die Patentlösung bezeichnete.
+
+Und _Kahr_ erzählt:
+
+ „Ich sprach davon, daß wir im Reich eine starke national gerichtete
+ Regierung brauchen und dies könne entweder auf dem normalen Wege der
+ parteipolitischen Entwicklung erreicht werden – ich hätte ja dazu
+ kein besonderes Vertrauen – der zweite Weg sei der anormale, ein
+ Druck durch die Machtfaktoren im Reich, besonders durch
+ Landwirtschaft und Industrie.“
+
+ _Rechtsanwalt Holl_: Was besteht für ein Unterschied zwischen dem
+ Vormarsch auf Berlin und einem Druck auf Berlin?
+
+ _Kahr_: Der Vormarsch nach Berlin ist eine Unternehmung, der Druck
+ ist eine rein politische Aktion.
+
+ _Justizrat Kohl_: Mit welchen Männern ist in Norddeutschland
+ verhandelt worden?
+
+ _Kahr_: Mit Minoux, Großadmiral Tirpitz, Admiral Scheer und Herrn
+ von Knebel.
+
+ _Justizrat Kohl_: Worin sollte der Druck der Industrie, des Handels
+ und der Landwirtschaft bestehen? Was ist darüber gesprochen worden,
+ wie man diesen Druck ausüben will?
+
+ _Vorsitzender_: Die Frage, wie weit die Vorbereitungen getroffen und
+ gediehen waren, ist unnötig.
+
+ _Justizrat Kohl_: Ich bitte, das, was ich auszuführen habe, ruhig
+ und sachlich mit anzuhören. Die Staatsanwaltschaft und das Gericht
+ erkennen offenbar die Zusammenhänge nicht, die zwischen der Aktion
+ in München und zwischen der in Norddeutschland vorbereiteten großen
+ Aktion bestanden haben. So oft hier die Rede auf den Justizrat Claß
+ kommt, hüllen alle Zeugen sich in Schweigen. Die Bewegung vom 8.
+ November ist aber nur erklärlich, wenn man weiß, daß Herr Kahr von
+ Justizrat Claß seine festumrissenen Aufträge hatte. Die Herren
+ Seeckt und Claß müssen hier vernommen werden über das, was in
+ Norddeutschland geplant war und wozu die Vorgänge in München am 8.
+ und 9. November eben nur den Auftakt bilden sollten.
+
+ _Hitler_: Exzellenz Lossow mögen mir bekanntgeben, wer der Urheber
+ des Gedankens vom Direktorium ist und mit wem der General Lossow
+ verhandelt hat.
+
+ _Vorsitzender_: Herr Staatsanwalt, haben Sie hierzu einen Antrag zu
+ stellen?
+
+ _Staatsanwalt_: Nein, ich kann in diese dunklen Zusammenhänge nicht
+ hineinsehen.
+
+Hierauf zieht sich das Gericht zurück, um über die Frage zu entscheiden,
+ob der von Hitler und Justizrat Kohl angeschnittene neue Komplex
+öffentlich oder überhaupt erörtert werden kann.
+
+Nach längerer Pause verkündet der Vorsitzende folgenden
+Gerichtsbeschluß:
+
+ „Die von dem Angeklagten Hitler an den Zeugen gestellte Frage wird
+ nicht zugelassen. Die Angeklagten haben selbst behauptet, daß der
+ erste Grund zu ihrer Bewegung erst am 6. November, abends, ohne jede
+ Vorbereitung entstanden ist. Die Frage nach Urheberschaft des
+ Direktoriumsgedankens und nach dem Zusammenhang zwischen der
+ dahingehenden Bewegung in Nord- und Süddeutschland kann als mit der
+ Tat der Angeklagten nicht in einem inneren Zusammenhang stehend
+ nicht zugelassen werden.“
+
+Und als die Verteidigung sich mit diesem Beschluß nicht zufriedengeben
+wollte, als ihre Angriffe an Heftigkeit zunahmen und so die Gefahr
+bestand, daß tatsächlich eine der letzten Hüllen fallen könnte, da brach
+der Vorsitzende das grausame Spiel mit dieser Erklärung ab:
+
+ „Nach Auffassung des Gerichts ist die Frage der Ernstlichkeit oder
+ Nicht-Ernstlichkeit der Zustimmung der Herren Kahr, Lossow und
+ Seißer zum Putsch nicht von Bedeutung für die Schuldfrage im
+ gegenwärtigen Prozeß, sondern lediglich die Frage, ob die Herren
+ Angeklagten an die Ernstlichkeit geglaubt haben. Und das muß ihnen
+ wohl konzediert werden.“
+
+Die Verteidigung hatte eine wichtige Schlacht gewonnen.
+
+Und wieder Geplänkel:
+
+ _Rechtsanwalt Holl_: Warum haben Exzellenz als Inhaber der
+ vollziehenden Gewalt die Schrift von Rothenbücher verboten, aber
+ nicht das weiß-blaue Schriftchen „veni, vidi, vici“?
+
+ _Kahr_: Ich bin der Anschauung, daß zwischen beiden ein wesentlicher
+ Unterschied ist. Ich habe die erste Schrift nicht ganz gelesen, und
+ die andere habe ich auch nicht gelesen.
+
+_Lossow_ aber erklärt mit Emphase:
+
+ „Ich habe schon gesagt, daß der General Lossow wider Wunsch und
+ Willen in die Politik hineingekommen ist, und daß der General Lossow
+ mit Sehnsucht den Tag erwartet hat, daß er wieder verschwinden kann.
+ – – – Wer die Autorität des Staates zu Tode marschieren will, der
+ wird manu militari zur Vernunft bekehrt – und wenn Blut fließt.“
+
+Nach Beendigung des Zeugenverhörs trat das Gericht noch einmal in die
+Prüfung der Frage ein, welche Rolle General Ludendorff beim Putsch
+gespielt habe. Das Verhör hatte folgenden Abschluß:
+
+ _Vorsitzender_: Sie haben die Errichtung eines nationalen
+ Reichsdirektoriums als Patentlösung aufgefaßt. Haben Sie noch am 8.
+ November abends an diese Lösung gedacht?
+
+ _Ludendorff_: Einzig und allein.
+
+ _Vorsitzender_: Sie wußten doch aber von der Verhaftung der
+ bayrischen Minister?
+
+ _Ludendorff_: Nein, das wußte ich nicht.
+
+ _Vorsitzender_: Haben Sie auch an den Marsch nach Berlin nicht
+ geglaubt, als am 8. November abends Hitler im Bürgerbräu von dem
+ Marsch nach dem Sündenbabel Berlin sprach?
+
+ _Ludendorff_: Nein.
+
+ _Vorsitzender_: Sie haben von der Absetzung des Reichspräsidenten
+ nichts gewußt?
+
+ _Ludendorff_: Nein.
+
+ _Vorsitzender_: In dieser Darstellung, Exzellenz, besteht ein
+ gewisser Widerspruch zu Ihren früheren Angaben. Wie kommt das?
+
+ _Ludendorff_: Meine erste Aussage wird meiner damaligen Auffassung
+ entsprochen haben. Heute ist meine Auffassung so.
+
+ _Rechtsanwalt Luitgenbrune_: Haben sich denn Eure Exzellenz
+ irgendwie bedacht, wie die Diktatur einzurichten ist?
+
+ _Ludendorff_: Darüber habe ich nicht nachgedacht.
+
+ _Vorsitzender_: Es war also für Sie die neue Regierung keine
+ endgültige Bildung, sondern nur eine Vorbereitungsmaßnahme?
+
+ _Ludendorff_: Selbstverständlich.
+
+General Ludendorff wußte also von gar nichts. Und was er wissen durfte,
+hatte ihm der Vorsitzende gefällig in den Mund gelegt.
+
+
+ DIE PLAIDOYERS
+
+Das Münchener Volksgericht, vor dem die Verhandlung gegen Hitler,
+Ludendorff und Genossen stattfand, mußte noch vor dem 1. April das
+Urteil fällen, da nach einem langwierigen Kampf zwischen Reich und
+Bayern für diesen Zeitpunkt die Aufhebung der Volksgerichte beschlossen
+war. Hätte die Verhandlung nicht Ende März abgeschlossen werden können,
+so hätte man den ganzen Prozeß an den Leipziger Staatsgerichtshof
+abtreten müssen, der ihn gewiß anders geführt hätte und zu wesentlich
+anderen Ergebnissen gelangt wäre als das Münchener Volksgericht, das
+nach einer besonderen Prozeßordnung arbeitete, die das Verfahren
+sehr vereinfachte und dem Vorsitzenden des Gerichts und der
+Staatsanwaltschaft besonders weitgehende Kompetenzen einräumte. Es ist
+also verständlich, daß sich das Gericht beeilte, noch vor Ende März zum
+Schluß zu kommen. Die Beweisaufnahme konnte denn auch am 18. März
+geschlossen werden.
+
+Der Staatsanwalt erhob sich zu seiner Anklagerede, die allgemeine
+Überraschung hervorrief. Hatte er doch im Verlauf der Verhandlung einmal
+in größter Erregung den Sitzungssaal fluchtartig verlassen, um gegen die
+fortgesetzten heftigen persönlichen Angriffe der Verteidiger und den
+nicht genügenden Schutz des Vorsitzenden zu demonstrieren. In seiner
+Anklagerede aber trat er ganz auf die Seite des Vorsitzenden, zeigte
+sich von ehrlichem Verständnis und Mitgefühl für die Taten der
+Angeklagten und ihre politische Einstellung.
+
+Er „bedauerte vom vaterländischen Standpunkt zutiefst die Spaltung
+zwischen den rechtsstehenden Organisationen“, sah einen „zweiten
+schädlichen Standpunkt in dem brennenden Eifer der Jugend“, und setzte
+dann fort:
+
+ „Aus einfachen Verhältnissen ist Hitler der Begründer einer großen
+ Partei geworden. Sein Bestreben, in einem unterdrückten Lande das
+ Nationalgefühl zu erwecken, bleibt sein _Verdienst_. So ist er _kein
+ Demagoge_ im schlechten Sinne des Wortes. Hitler ist _hochbegabt_
+ und gibt sich seiner Idee bis zur _Selbstaufopferung_ hin. Als
+ Menschen können wir Hitler unsere _Hochachtung_ nicht versagen.“
+
+Und nun zu _Ludendorff_:
+
+ „General Ludendorff hat sich auch da, wo er gegen das Gesetz
+ verstieß, als _ganzer deutscher Mann_ erwiesen. Sein _Feldherrnruhm_
+ bleibt unberührt. _Ein großer Mann!_ Er hat sich zwar der Beihilfe
+ schuldig gemacht, demgegenüber steht die Reinheit seines Wollens und
+ die Dankesschuld des Vaterlandes gegen den großen Feldherrn.“
+
+Und in dieser Tonart ging’s zwei Stunden weiter:
+
+ Bei Pöhner ist es unschön aufgefallen, daß er sich als oberster
+ Richter des Hochverrats rühmte. Aber er glaubte ehrlich an den Sieg
+ der völkischen Sache und hat sich im Krieg und im Frieden sehr
+ bewährt. Der Angeklagte Röhm hat der Staatsverfassung mit offener
+ Gewalt Widerstand geleistet, obwohl er aktiver Reichswehroffizier
+ gewesen ist; das ist strafverschärfend, aber zu seinen Gunsten
+ spricht, daß er an die völkische Sache glaubte. Er hat sich also nur
+ der Beihilfe schuldig gemacht.“
+
+Hierauf stellte Staatsanwalt Stenglein folgenden Strafantrag:
+
+ Ich beantrage, sämtliche Angeklagte schuldig zu sprechen, und zwar
+ Hitler, Pöhner, Kriebel und Dr. Weber wegen gemeinschaftlichen
+ Hochverrats aus §§ 81 und 82 St.G.B., General Ludendorff, die
+ Angeklagten Frick, Röhm, Brückner, Wagner und Pernet der Beihilfe
+ zum Hochverrat. Im einzelnen beantrage ich gegen Hitler acht Jahre
+ Festung, gegen Pöhner, Kriebel und Dr. Weber je sechs Jahre Festung,
+ gegen Ludendorff zwei Jahre Festung (große Bewegung im Saal), gegen
+ die Angeklagten Frick und Röhm je zwei Jahre Festung, gegen Brückner
+ und Wagner je ein Jahr sechs Monate, gegen Pernet ein Jahr drei
+ Monate Festung. Die erlittene Untersuchungshaft ist allen
+ Angeklagten in voller Höhe anzurechnen.
+
+Die Angeklagten gaben hierauf folgende Erklärung ab:
+
+ _Oberstleutnant Kriebel_: „Was ich getan habe, halte ich für
+ richtig. Ich würde es heute nochmals tun. Nur durch die Tat kann
+ Deutschland geholfen werden. Unsere Tat ist gescheitert an der Lüge
+ und dem Wortbruch dreier ehrgeiziger Gesellen.
+
+ _Oberlandesgerichtsrat Pöhner_: „Ich habe ein gutes Gewissen und
+ schäme mich meiner Tat nicht. Ich mache Anspruch darauf, daß unsere
+ Tat vor Gericht entsprechend bewertet wird. Inwieweit das Gericht
+ die Bestimmungen des Hochverrats auf uns anwendet, hängt davon ab,
+ wie es zu den echten und tiefen Problemen des Staates steht. Der
+ Staatsanwalt hat mein Verhalten in besonderem Maße belastet, weil
+ ich als hoher Richter meine Treupflicht verletzt hätte. Das weise
+ ich entschieden zurück. Was war denn das für ein Staat, der im
+ November 1918 geschaffen wurde? Dieser Volksbetrug ist von Juden,
+ Deserteuren und bezahlten Landesverrätern verübt worden. Diese
+ Regierung ist keine von Gott gewollte Obrigkeit im christlichen
+ Sinne. Exotische Machthaber sind diese rassefremden Gesellen. Der
+ sogenannte Reichspräsident ist nicht vom Volk gewählt, sondern von
+ einem Klüngel auf den Thron gesetzt. Er hat Hochverrat getrieben,
+ wie ein Verfahren bewiesen hat.
+
+ Wer von den Beamten ist denn bereit, für die neue Obrigkeit zu
+ kämpfen und zu sterben? Ich habe diese Frage einem
+ Ministerialdirektor in Berlin vorgelegt, ob er bereit sei, für den
+ Ebertfritzen zu sterben. Das verneinte er, und so ist diese
+ Obrigkeit für mich erledigt. Ich bekämpfe sie und habe diese
+ Anschauung meinem Vorgesetzten sogar schriftlich gegeben, als man
+ mich über den Staatsgerichtshof und das Republikschutzgesetz
+ befragte. Ich sollte vor dem Staatsgerichtshof erscheinen, vor dem
+ Revolutionstribunal, dem ich keinen Gehorsam schulde. Ich habe das
+ abgelehnt. Das Republikschutzgesetz ist nur unter der Falschheit der
+ Volksvertreter durch den Druck der Straße entstanden. Das
+ Justizministerium, dem ich meine Auffassung unterbreitete, hat mein
+ Fehlen vor dem Staatsgerichtshof entschuldigt. Was ich getan habe,
+ tue ich jederzeit noch einmal.“
+
+ _General Ludendorff_ gab folgende Erklärung ab: „Mein Handeln in
+ jenen kritischen Tagen an der Seite meiner Freunde steht geradlinig
+ vor Ihnen. Kraft meines historischen Rechtes möchte ich einige Worte
+ an Sie richten: Man sieht in mir „Tannenberg“, man sieht in mir
+ andere große Schlachten, man erblickt in mir den Vertreter des alten
+ Heeres, an das sich ewiger Ruhm bindet. Was Sie aber nicht sehen,
+ ist meine Lebensarbeit, ist mein Ringen und Kämpfen um die Zukunft
+ des deutschen Volkes.
+
+ Die Weltgeschichte schickt Männer, die für ihr Vaterland gekämpft
+ haben, nicht auf Festung, sondern sie schickt sie nach Walhall. Ich
+ erhebe vor aller Welt nochmals meine Stimme und rufe Ihnen in
+ ernstester Stunde zu: Wenn die völkische Bewegung sich in
+ Deutschland nicht durchsetzt, sind wir verloren für ewige Zeiten,
+ dann droht uns Versklavung an Frankreich. Wir werden ausgestrichen
+ aus der Reihe der Nationen. Hören Sie diesen Schrei der deutschen
+ Seele nach Freiheit. Geben Sie diese Männer, die vor Ihnen sitzen,
+ dem Volke wieder. Denn die Aufgabe dieser Männer ist es, das Volk zu
+ erziehen. Nicht das Wort, nur die Tat kann Weltgeschichte machen.
+
+ _Hitler_: Wie klein denken doch kleine Menschen! Was mir als Ziel
+ vor Augen stand, ist tausendmal größer als etwa Minister zu werden.
+ Was ich werden wollte, das war der Zerbrecher des Marxismus, und
+ wenn ich diese Aufgabe löse – und ich werde sie lösen – dann ist der
+ Titel eines Ministers eine Lächerlichkeit – – Die Geschichte spricht
+ uns frei!
+
+ _Rechtsanwalt Holl_: Man ist hier in Bayern gegen den „Preußen
+ Ludendorff“ vorgegangen, sogar das Wort „Saupreuße“ ist gefallen ...
+ Armes, deutsches Volk! Wohin bist du gesunken, daß dein größter Sohn
+ sich so etwas sagen lassen muß. (Rührung und Weinen im Zuhörerraum.)
+ Die neue Reichsverfassung hat in Bayern nie Geltung gehabt. So wenig
+ wie ein sozialdemokratischer Parteitag hatte die Nationalversammlung
+ das Recht, Bayern eine Verfassung aufzuzwingen ... (!) War es nicht
+ ein Fingerzeig Gottes, daß gerade die Führer der Bewegung bei dem
+ Blutbad (!) (an der Residenz) unverletzt geblieben sind?
+
+ _Justizrat Kohl_: Wir bitten nach dieser Rede, heute vorläufig eine
+ Pause eintreten zu lassen, da jeder Mann, auch das Gericht, über
+ das, was der Kollege Holl sagte, ernsthaft nachdenken muß; denn es
+ ist die Zukunft Deutschlands.
+
+ _Vorsitzender_: Eine derartige Bemerkung Ihrerseits war vollkommen
+ überflüssig.
+
+ _Rechtsanwalt Roder_ (im Namen der Verteidigung) bittet um
+ Vertagung, da die Angeklagten „zu ergriffen“ sind und sich „leidend
+ fühlen“.
+
+Darauf wird die Verhandlung tatsächlich vertagt, auf daß die goldenen
+Worte Ludendorffs reiflich überlegt werden konnten.
+
+
+ DAS URTEIL
+
+Am 1. April, vormittags 10 Uhr 5 Minuten, verkündete der Vorsitzende des
+Volksgerichts München I nachstehendes Urteil:
+
+ Die Angeklagten Hitler, Pöhner, Kriebel, Weber werden wegen
+ Hochverrats zu je 5 Jahren Festungshaft sowie zu einer Geldstrafe
+ von je 200 Goldmark verurteilt. Die erlittene Untersuchungshaft wird
+ angerechnet bei Hitler mit 4 Monaten 2 Wochen, bei Weber mit 4
+ Monaten 3 Wochen, bei Pöhner und Kriebel mit je 2 Monaten 2 Wochen.
+
+ Die Angeklagten Röhm, Frick, Brückner, Pernet und Wagner werden
+ wegen Beihilfe zum Hochverrat zu je 1 Jahr 3 Monaten Festungshaft
+ und zu einer Geldstrafe von je 100 Goldmark verurteilt. Die
+ erlittene Untersuchungshaft wird bei Röhm und Frick mit je 4 Monaten
+ 3 Wochen, bei Brückner mit 4 Monaten 1 Woche, bei Pernet und Wagner
+ mit je 2 Monaten 3 Wochen angerechnet.
+
+ Sämtliche vorgenannten Angeklagten werden zu den Kosten des
+ Verfahrens verurteilt.
+
+ Der Angeklagte General Ludendorff wird von der Anklage des
+ Hochverrats freigesprochen. Die Kosten des Verfahrens werden, soweit
+ er in Frage kommt, der Staatskasse auferlegt.
+
+ Die Haftbefehle gegen Frick, Röhm und Brückner werden mit sofortiger
+ Wirkung aufgehoben. Die Angeklagten Brückner, Röhm, Pernet, Wagner
+ und Frick erhalten für den Strafrest Bewährungsfrist bis zum 1.
+ April 1928.
+
+ Den Angeklagten Hitler, Pöhner, Weber und Kriebel wird nach
+ Verbüßung eines Strafteiles von 6 Monaten Festungshaft
+ Bewährungsfrist für den Strafrest in Aussicht gestellt.
+
+ Die Verurteilung sowohl wie der Freispruch erfolgten mit 4 Stimmen.
+
+Nach der Verkündung des Urteils erhoben sich die Zuhörer und brachen in
+stürmische Huldigungskundgebungen für die Angeklagten aus. Nur mit Mühe
+konnte ihnen ein Ausgang aus dem Saal gebahnt werden. Unabsehbare
+Menschenmengen füllten die Straßen vor der Infanterieschule. Besonders
+General Ludendorff wurde stürmisch gefeiert. Als er auf die Straße trat,
+empfingen ihn laute Heilrufe. Dann rief man nach Hitler, der schließlich
+an ein Fenster der Infanterieschule trat, um sich den unten Harrenden zu
+zeigen. Im blumengeschmückten Auto, das eine große Hakenkreuzfahne trug,
+fuhr Ludendorff in seine Villa, während die anderen Angeklagten in die
+Festung Landsberg überführt wurden.
+
+ * * * * *
+
+Es war kein langer und gewiß auch kein unangenehmer Aufenthalt. Der
+erste, der die Festung verließ, war Poehner, der auf Grund eines
+ärztlichen Attestes als urlaubsbedürftig erklärt wurde und seine durch
+die Verhandlung angegriffene Gesundheit auf einem Landgute in der Nähe
+Münchens erfolgreich wiederherzustellen bemüht war. Die anderen wurden
+_nach sechs Monaten_ Haft in Freiheit gesetzt. Eine Amnestie bannte
+vollends jede Gefahr einer Wiederaufnahme des Verfahrens. Und so bleibt
+zum Schluß nur noch festzustellen, daß der Paragraph 81 des deutschen
+Strafgesetzbuches jeden mit _lebenslänglichem Zuchthaus oder
+lebenslänglicher Festungshaft_ bedroht, der es unternimmt „die
+Verfassung des Deutschen Reiches oder eines Bundesstaates – – – –
+gewaltsam zu ändern.“ Bei mildernden Umständen kann auf _Festung nicht
+unter fünf Jahren_ erkannt werden. Der Paragraph 83 des
+Strafgesetzbuches fügt dem hinzu:
+
+ Haben mehrere die Ausführung eines hochverräterischen Unternehmens
+ verabredet, ohne daß es zum Beginn einer – – – – – strafbaren
+ Handlung gekommen ist, so werden dieselben mit Zuchthaus nicht unter
+ 5 Jahren oder mit Festungshaft von gleicher Dauer bestraft. Sind
+ mildernde Umstände vorhanden, so tritt Festungshaft nicht unter zwei
+ Jahren ein.
+
+Aus der Gegenüberstellung des Urteils und der gesetzlichen Bestimmungen
+die entsprechenden Schlüsse zu ziehen, muß man sich ebenso versagen, wie
+die Gegenüberstellung des Urteils im Hitlerprozeß mit den
+Schreckensurteilen, die gegen links gefällt worden sind. Kein Pathos und
+kein Protest, nicht die flammendsten Appelle hätten die Beweiskraft der
+erschütternden Sprache, die eine nüchterne Statistik dieser Urteile
+redete. Doch diese Statistik kann hier leider nicht veröffentlicht
+werden. Sie würde ein dickes Buch füllen. Und so sei nur noch, um diese
+ganze Tragikomödie, die sich republikanische Rechtsprechung nennt, auf
+das Niveau der grotesken Farce zu heben, als welche die Zeit, in der wir
+zu leben verurteilt sind, immer wieder erscheint, zur Kenntnis genommen,
+daß die deutschen Richter auf ihrer Reichstagung ausdrücklich erklärt
+haben, in Deutschland gebe es so etwas wie eine Klassenjustiz nicht. Mit
+diesem stolzen Richterspruch findet die Justizkomödie des
+Hitler-Prozesses erst ihren einzig würdigen Epilog.
+
+
+
+
+ In der Sammlung
+ AUSSENSEITER DER GESELLSCHAFT
+ – DIE VERBRECHEN DER GEGENWART –
+ sind bis jetzt folgende Bände erschienen:
+
+
+ Band 1:
+
+ ALFRED DÖBLIN
+ DIE BEIDEN FREUNDINNEN UND IHR GIFTMORD
+
+ Band 2:
+
+ EGON ERWIN KISCH
+ DER FALL DES GENERALSTABSCHEFS REDL
+
+ Band 3:
+
+ EDUARD TRAUTNER
+ DER MORD AM POLIZEIAGENTEN BLAU
+
+ Band 4:
+
+ ERNST WEISS
+ DER FALL VUKOBRANKOVICS
+
+ Band 5:
+
+ IWAN GOLL
+ GERMAINE BERTON, DIE ROTE JUNGFRAU
+
+ Band 6:
+
+ THEODOR LESSING
+ HAARMANN, DIE GESCHICHTE EINES WERWOLFS
+
+ Band 7:
+
+ KARL OTTEN
+ DER FALL STRAUSS
+
+ Band 8:
+
+ ARTHUR HOLITSCHER
+ DER FALL RAVACHOL
+
+ Band 9:
+
+ LEO LANIA
+ DER HITLER-LUDENDORFF-PROZESS
+
+ Band 10:
+
+ FRANZ THEODOR CSOKOR
+ SCHUSS INS GESCHAEFT (DER FALL OTTO EISSLER)
+
+ Band 11:
+
+ THOMAS SCHRAMEK
+ FREIHERR VON EGLOFFSTEIN
+ Mit einem Vorwort von ALBERT EHRENSTEIN
+
+ Band 12:
+
+ KURT KERSTEN
+ DER MOSKAUER PROZESS GEGEN DIE SOZIALREVOLUTIONÄRE 1922
+
+ Band 13:
+
+ KARL FEDERN
+ DER PROZESS MURRI-BONMARTINI
+
+ Band 14:
+
+ HERMANN UNGAR
+ DIE ERMORDUNG DES HAUPTMANNS HANIKA
+
+ Ferner erscheinen noch Bände von:
+
+ HENRI BARBUSSE, MARTIN BERADT, MAX BROD, E. I. GUMBEL, WALTER
+ HASENCLEVER, GEORG KAISER, OTTO KAUS, THOMAS MANN, LEO
+ MATTHIAS, EUGEN ORTNER, JOSEPH ROTH, RENÉ SCHICKELE, JAKOB
+ WASSERMANN, ALFRED WOLFENSTEIN.
+
+
+ OHLENROTH’SCHE BUCHDRUCKEREI ERFURT
+
+
+ Anmerkungen zur Transkription
+
+Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere
+Änderungen sind hier aufgeführt (vorher/nachher):
+
+ [S. 48]:
+ ... Daß Kahrs Kampfansage an den „marxistische ...
+ ... Daß Kahrs Kampfansage an den „marxistischen ...
+
+ [S. 54]:
+ ... gez. Fr. Seldie, 1. Bundesvorsitzender. ...
+ ... gez. Fr. Seldte, 1. Bundesvorsitzender. ...
+
+ [S. 119]:
+ ... sind diese Befehle in Bayern nicht vollzogen worden. ...
+ ... sind diese Befehle in Bayern nicht vollzogen worden? ...
+
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75700 ***