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diff --git a/75923-0.txt b/75923-0.txt new file mode 100644 index 0000000..a23f71b --- /dev/null +++ b/75923-0.txt @@ -0,0 +1,11154 @@ + +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75923 *** + + + F. M. Dostojewski: Sämtliche Werke + + Unter Mitarbeiterschaft von Dmitri Mereschkowski + herausgegeben von Moeller van den Bruck + + Übertragen von E. K. Rahsin + + + Zweite Abteilung: Sechzehnter Band + + + F. M. Dostojewski + + + + + Das Gut Stepantschikowo + und seine Bewohner + + + (Aufzeichnungen eines Unbekannten) + + Humoristischer Roman + + R. Piper & Co. Verlag, München, 1920 + + + R. Piper & Co. Verlag, München, 1920 + 6. bis 10. Tausend + + + Copyright 1920 by R. Piper & Co., G. m. b. H., + Verlag in München + + Bayer. Hofbuchdruckerei Gebrüder Reichel, Augsburg. + + + + + Inhalt. + + + Seite + Humor in Rußland. Von Moeller van den Bruck V + Vorbemerkung. Von E. K. R. XVI + 1. Kapitel. Stepantschikowo 1 + 2. „ Herr Bachtschejeff 37 + 3. „ Mein Onkel 65 + 4. „ Beim Tee 92 + 5. „ Jeshowikin 111 + 6. „ Vom weißen Ochsen und der Kamarinskaja 135 + 7. „ Foma Fomitsch 148 + 8. „ Die Liebeserklärung 176 + 9. „ „Ew. Exzellenz“ 186 + 10. „ Misintschikoff 211 + 11. „ Äußerste Verwunderungen 236 + 12. „ Die Katastrophe 259 + 13. „ Die Verfolgung 270 + 14. „ Neuigkeiten 296 + 15. „ Iljuschas Namenstag 303 + 16. „ Die Vertreibung 319 + 17. „ Foma Fomitsch als Schöpfer des allgemeinen 338 + Glücks + 18. „ Schluß 367 + Nachbemerkungen 380 + + + + + Zur Einführung. + + Bemerkungen über russischen Humor. + + +Der Humor ist früher als die Dichtung. Das Humoristische umgibt ein Volk +mit einer zweiten Hautlichkeit, die schon lange an ihm bemerkt wird, +bevor das Volk selbst sie bemerkt. Der Don Quichotte im Spanier war +früher als die Figur, die Cervantes bildete. Das Figaronaturell der +Franzosen saß ihnen schon vor der Revolution im Beaumarchaistemperament. +Mit Eulenspiegeleien und Münchhausiaden, mit Streichen und Abenteuern in +Sagen und Anekdoten, entschädigten die Deutschen sich für ihre verlorene +Wirklichkeit, ehe ihnen Jean Paul mit der Laterne des gravitätischen +Kleinstädters den Nachthimmel einer kosmischen Komik entzündete, in der +Endlichkeit und Unendlichkeit durcheinanderrannen. Ebenso fand der Humor +in der russischen Dichtung seine Probleme bereits im russischen Leben +vor: in jener grotesken Unvereinbarkeit eines asiatischen und eines +europäischen Daseins, die durch die petrinische Kultur von Staats wegen +überwunden werden sollte, während sie gerade von dieser Kultur +geschaffen wurde, und die nun aus dem einzelnen Massen, der von Hause +aus ganz Natur war, durch Dressur eine Karikatur machte, deren +Widersprüche sich nicht auf das Kostüm beschränkten, sondern in der +Seele fortsetzten. + +Es war ein Humor, der zunächst in der Wirkung auf uns liegt. Peter der +Große selbst ist als Gestalt der Geschichte von dieser Wirkung nicht +frei. Schon seine große Reise ins Ausland, die Rußland in Europa +berüchtigt machte, hatte die bekannten komischen schahhaften Züge. Und +wenn er dann später seinen Russen die Bärte scheren ließ, wenn er nur +rasierten Adel an seinem europäisierten Hofe duldete, andererseits aber +sich als russischer Selbstherrscher nicht scheute, nach gewonnener +Schlacht aus Freude über den Sieg seinen Soldaten im Lager +höchsteigenbeinig einen Kasatschak vorzutanzen, dann waren dies +Gegensätze, deren Humor in ihrer Naivität lag. Aber schon ein +Menschenalter nach Peter wurde dieser Humor zum Symbol in einem Manne, +der nicht mehr den Ernst Peters besaß, der die Pioniertradition, die +Peter für Rußland hatte schaffen wollen, durch eine Scharlatantradition +unterbrach und den Russen das Beispiel eines Schwindels hinterließ, der +sich in öffentlichen Angelegenheiten an alles Russische heftete und bei +dem Rußland sich immer am wohlsten fühlte. Der Mann war Potemkin. + +Auch Potemkin hat eine Reise berühmt gemacht. Aber schon dadurch +unterschied sich die Reise der Katharina von derjenigen Peters, daß +Peter nach Europa ging, um zu lernen, Nützliches zu sehen, Erfahrungen +heimzubringen, Katharina dagegen nach dem Neurußland ihres Potemkin nur +gefahren zu sein scheint, um dem Günstling und Liebhaber die Gelegenheit +zu dem großen Betruge zu geben, der seinen Namen mit allem russischen +und menschlichen Scheinwesen dauernd verbinden sollte. Die Kulissen, mit +denen Potemkin damals seiner Kaiserin ein reichbesiedeltes wohlhabendes +glückliches Land vortäuschte, sind in Rußland nie gefallen. Ganze +Gouvernemente wurden zu den Blendzwecken dieser Reise entvölkert. +Bauern, Herden, Mensch und Vieh wurden an die Fahrstraße getrieben, über +die der Reisezug kommen sollte. Höchste Zufriedenheit der Kaiserin war +der Lohn für Potemkin. Tiefstes Elend der Bevölkerung war die Folge für +seine Provinz. Doch dies war immer gleichgültig in Rußland. Am wohlsten +fühlte Potemkin sich später als Satrap der Krim, in fanariotischen +Launen und bei echtrussischer Unmäßigkeit, im Kreise von Mätressen und +Musikanten, Schauspielern und Ballettänzern, und bei Gelagen, wo man +ihn, den ordengeschmückten Mann, wie ein französischer Bericht der Zeit +über ihn erzählt, nacheinander einen Schinken, eine gesulzte Gans und +drei Hühner, dazu durcheinander Met, Kwas und allerlei Wein vertilgen +sehen konnte. Und doch war auch dieser slawische Gargantua nicht ohne +die grübelnden und unberechenbaren Anwandlungen des echten Russen, war +bei aller fetten Gewöhnlichkeit ein sehr zusammengesetzter Mensch. Wie +ein orientalischer Großkönig konnte er fragen: Wer ist glücklicher als +ich? Aber wie ein dekadenter Bojar erhob er sich gleich darauf, nahm ein +köstliches Porzellan in die Hand, sah es hamletisch an und – warf es in +Scherben, um eilends davonzugehen und für Stunden sich einzuschließen. +Sein Hirn war unzufrieden vor Plänen, die sich nicht verwirklichen +ließen. Er selbst war, ewig genießend zwar, aber auch ewig unternehmend. +Als dann die politische Not herandrängte, wurde er freilich sehr klein. +Im Türkenkriege wollte er die eben eroberte Krim gleich wieder +herausgeben. Und während der Schlacht sah man ihn zagend und jammernd +auf dem Erdboden hocken. König von Dakien ist er nie geworden. Er starb +banal, an einem Schlagflusse. + +Potemkins Seele jedoch flog über dieses ganze russische Volk, und als +Gogols Held auf einer dritten russischen Reise, die in der Welt berühmt +geworden ist, durch das weite Land fuhr, um tote Seelen zu kaufen, da +stieß er überall auf Potemkin. Käufer und Verkäufer, Schwindler und +Beschwindelte, Ausbeuter und Ausgebeutete: sie alle waren Potemkin. „Es +gibt Menschen,“ sagt Gogol einmal, „die auf der Welt nicht als eigene +Wesen vorhanden zu sein scheinen, sondern als Pünktchen oder Fleckchen +auf anderen Wesen.“ Alle Russen, denen Gogol auf seiner Reise begegnete, +alle die Büttel und Beamte der Autokratie und Bürokratie, alle die +Verdorbenen durch Korruption, durch Betrügen und Betrogenwerden, +schienen aus dem einen großen Kadaver Potemkins hervorgekrochen zu sein +und sich wie Pünktchen und Fleckchen, die in jedes russische Dorf, in +jede russische Kreisstadt getupft waren, über Rußland zu verstreuen. +Ganz Rußland bekam Potemkincharakter. Und auch die russische Dichtung, +der Humor, mit dem in ihr Rußland sich selbst erkannte, bekam diesen +Potemkincharakter. + +Puschkin besang freilich den Helden, den ritterlichen Jüngling. Doch +Gogol meinte, daß es ein Gelächter gebe, welches sich würdig mit den +höheren, den lyrischen Regungen des Menschen vergleichen lasse und weit +entfernt von den Sprüngen eines gewöhnlichen Lustigmachers sei. Er fand +es billig, Freskocharaktere und Romanzeronaturelle zu skizzieren, Heroen +mit flammenden Augen, hängenden Brauen, einer gefurchten Stirn und einem +über die Schulter geworfenen Mantel. Deshalb wählte er das Alltägliche, +an dem ein gleichgültiger Blick vorüberzuschauen pflegt, und suchte es +mit seinen feinen und verborgenen, fast unsichtbaren und doch so +eigentümlichen Zügen zu erfassen. Er tat es gleichwohl mit Drastik, mit +einer Bildkraft, die so sicher wie neu war, mit einer Handschrift, die +das russische Land, in dem alles in größerem Maßstabe erscheint, die +Wälder und Steppen wie die Gesichter, Lippen und Füße, in einem breiten +und weiträumigen und doch wieder dichten und menschenerfüllten +Bilderbogen zusammenfaßte, volklich, holzschnitthaft und handbemalt. Er +sagte einmal: „Es gibt bekanntlich Gesichter, deren Verfertigung der +Natur nicht viel Kopfzerbrechen gekostet und zu denen sie gar keine +feineren Instrumente, als da sind Feilen, Bohrer und Zangen, gebraucht +zu haben scheint, Gesichter vielmehr, die wie mit der Axt gehauen sind, +so daß auf einen Schlag vielleicht die Nase entstand, auf einen anderen +das Auge, der Mund usw.; ohne Hobel anzulegen, schickte die Natur sie +dann in die Welt, indem sie ausrief: Gehet hin und lebt!“ Gogol tat wie +die Natur, solange es den Umriß galt, aber er gebrauchte gar viele +Feilen, Bohrer und Zangen, sobald er das Allzumenschliche hineinkerbte. +Er hatte wohl die Mitleidlosigkeit, russische Bauern wie Klötze +hinzustellen, mit Köpfen wie Brote, mit Bärten wie Holzkeile, oder auch +die Liebenswürdigkeit, einmal ein slawisches Mädchenoval mit einem +frischen Ei zu vergleichen, dessen durchsichtige Weiße die sorgfältige +Wirtschafterin durch das Sonnenlicht betrachtet. Aber sein größerer +Vorwurf war die russische Provinzgesellschaft potemkinischer Herkunft +mit ihren zweifelhaften Zwischengestalten, die in unzähligen Exemplaren +vorkommen und von denen eine jede ein Original ist. Hier verband sich im +Leben die Einfalt mit der Geriebenheit. Und hier gehörte in der Dichtung +zur Kontur die Nuance. + +Um die russische Erbsünde am russischen Menschen zu strafen, wählte +Gogol keinen Tugendhelden, sondern einen Spitzbuben. Er umgab ihn mit +seinesgleichen und belebte den patriarchalischen Hintergrund Rußlands +mit den fatalen Gestalten seines Realismus. Gogols Kenntnis des +russischen Menschen wurde zur Erkenntnis des russischen Schicksals. Er +sprach von den Eigenschaften der Rasse, sprach von seinen Landsleuten, +die nie etwas erreichen, weil sie schon gleich, wenn sie anfangen, +völlig befriedigt sind und daher alles getan glauben und sich fürder +gehen lassen. Er sprach auch davon, daß der russische Erfindungsgeist, +mochte innerlich jeder Russe noch so „nach Fortschritt lechzen“, immer +nur durch Druck zur Tätigkeit angetrieben werden könne. Er machte sich +lustig über die Reformer aller Art, zeigte in dem Versuch jeder Ordnung +das Verhängnis ewiger Unordnung auf und gab an einer grimmigen Stelle in +den „Toten Seelen“, an der er ein russisches Landgut schilderte, das nur +aus Büros und Ressorts, Zentralen und Filialen, Plakaten und Avisen +bestand, die Karikatur aller Organisationsversuche in Rußland. Den Grund +dieser Leidigkeit aber fand er dort, wo der Russe die Ordnung und die +Organisation, die das Gegenteil des Chaos sind, das er in sich trägt, in +der Vollendung suchen zu können glaubt: in den Einflüssen des +Westlertums, Europas. Er fragte, ob es nicht ärgerlich sei, so sehen zu +müssen, wie der Charakter des Russen durch Bildung verstümmelt werde: +„denn die sogenannte Humanität erzeugt, wenn sie zur Manie wird, doch +nur Don Quichotte“. Organisiert erschien in Rußland lediglich die +Korruption: sie ist die Gesamtfunktion des Staates, wie sie das +Lebensmotiv des Einzelnen ist. Gogols letzter menschlicher Rat für +Rußland war ein Lob des Landlebens, als der letzten Stätte russischer +und menschlicher Reinheit: dort, auf dem Lande „gibt es im Leben des +Menschen keinen leeren Raum, dort geht der Mensch eins und einig mit der +Natur, mit den Jahreszeiten, und nimmt Anteil an allem, was sich in der +Schöpfung vollzieht“. Sein letztes geistiges Wort an Rußland aber war +ein Gebet zu Gott: „ergreift irgendeine Beschäftigung, ergreift sie so, +als ob ihr das, was ihr tut, für Ihn und nicht für die Menschen tätet!“ + +Dostojewskis erstes und letztes Wort war dagegen der Mensch, war Gott um +des Menschen willen, Gott und Mensch in Verbundenheit. Das unterscheidet +ihn von Gogol, mit dem er als Russe den Konservativismus, das Leben aus +der Urzelle teilte, und als Dichter das Problem Rußlands, die Korruption +im Russentume, die Korrumpierung des russischen Menschen durch Bildung, +durch Westlertum, durch das petrinische Phantom. Von der tragischen +Schuld, die der Russe damit für Rußland auf sich geladen hatte, befreite +er ihn in seinen großen Romanen, in der apokalyptischen Epik, die sich +in den „Brüdern Karamasoff“ zum Berg der Läuterung türmte. Ein Inferno, +eine Messe des schwarzen Terror, machte er daraus in den „Dämonen“, in +denen der Politiker Dostojewski, der immer gegen das Zeitliche das Ewige +setzte, die revolutionäre Ideologie in ihrer ethischen Untiefe und +metaphysischen Verworrenheit bloßstellte. Und eine Groteske machte er +daraus in einer so bizarren Erzählung wie dem „Gut Stepantschikowo“, in +dem der Ironiker Dostojewski die russische Bildung, Unbildung, +Halbbildung gleich einem Teufel austrieb. + +Gogol blieb unversöhnt und unversöhnlich. Sein Lachen war wohl voll +Verliebtheit in den Gegenstand, aber blieb voll Bitterkeit zum Leben, +blieb, wie es boshaft war, böse zu den Menschen. Dostojewski dagegen +legte in seinen Humor seine Liebe zu den Menschen, zu den Russen und +Rußland. Der Humor war für ihn ein Mittler, um diese russischen +Menschen, die im Leben vielleicht hassenswert genug erschienen, wieder +liebenswert in der Dichtung zu machen. Die Komik hängte er ihnen nicht +an, gleich einer Schelle, die immer und überall den Narren verrät, wie +Gogol tat. Die Komik legte er in die Menschen nur hinein, als eine +Versöhnung mit ihnen in jeder Lage, in die das Leben sie bringt. Gogol +war mitleidlos, der unbarmherzige Charakterologe, der die Menschen in +Typen hinstellt, und einem jeden, wie mit einem Zettel, einer Marke, +einer Nummer, die er ihnen anheftet, seinen Steckbrief mitgibt. Der +Psychologe Dostojewski dagegen löste noch eine Hülle mehr von den +Menschen und legte ihre Seele bloß, die den Körper belebt, und selbst +den Kadaver belebte, auch wenn er sie verdeckte. + +Sogar der ewige Potemkin im russischen Leben war für ihn nicht nur +Figur, sondern Mensch. Er kannte diesen Menschen mit allen seinen +Schwachheiten, seinen sprunghaften europäischen Anstrengungen, seinen +ewigen russischen Unzulänglichkeiten. Er sagte einmal: „Für mich ist die +höchste Komik – eine Tätigkeit, die niemandem nützt.“ Das war russisch, +das war in Rußland beobachtet, wo die einzige bemerkenswerte Tätigkeit +seit langem die bürokratische des Staates und die dilettantische einer +Bildung waren, die beide diesen russischen Menschen nur verdarben, der +vor allem auf sich selbst beruhen will. Aber die Gestalt, die +Dostojewski dann aus diesen verdorbenen russischen Menschen machte, aus +den schuldigen und den unschuldigen, war die Gestalt der Güte, die er zu +ihnen empfand. Er hetzte dazu die Menschen durch alle ihre +Menschlichkeiten, aber er hetzte sie nur so lange, bis er sie dort +hatte, wo er sie haben wollte, wo er ihre Komik herausbekam, und er sie +durch ihre Menschlichkeit rechtfertigen konnte. Dostojewski kannte +diesen Weg zum Humor, der auch noch immer schmerzlich ist, und dennoch +erlösend für den, der den Humor besitzt, wie für den, den er betrifft: +„Humor,“ sagte er ein anderes Mal, „ist die Spitzfindigkeit eines tiefen +Gefühls.“ + +Hinter diesem Gefühl lag bei ihm der Glaube an Rußland, an die Kraft, +Jugend und Urgesundheit des russischen Volkes, das unzerstörbar ist und +alle Potemkinaden der Aufklärung, der bürokratischen wie der +literarisch-westlerischen, in innerer Unversehrtheit überdauert. Auch +sein Humor war eine Form seiner russischen Religiosität. Im Humor der +Völker mischen sich immer ein Menschliches und ein Seeliges, ein +Empirisches und ein Transzendentes. Humor ist von jener Welt und äußert +sich doch in dieser. Eine Liebe fällt aus dem Himmel auf die Erde, ein +Lachen auf das Leid. Ja, so tief im Seelischen, in der Herzlichkeit der +Dinge, die sind, und des Menschen, der sie anschaut, ist der Humor der +Russen verwurzelt, daß er selbst dort, wo er zur Satire wird, sich zu +entschuldigen und mit allem, was Anlaß zur Satire gibt, zu versöhnen +sucht. Was dieser Humor gibt, mittelbar bei Gogol, unmittelbar bei +Dostojewski, das ist in der Form einer großen Versöhnung mit Rußland +eine große Entschuldigung Rußlands. Auch Dostojewski, der große Leidende +für den russischen Menschen in jedwedem Menschen, nahm nur die +Überlieferung auf, die sich fast von den Reformen Peters an durch die +Literatur Rußlands gezogen hatte. Damals war zum ersten Male die +Schicksalsfrage des Russentums gestellt worden: Europäertum oder +Asiatentum? Fremdkultur oder Eigenkultur? oder, wie sie später +formuliert wurde, Anschluß an die Partei der Westler? oder an die der +Slawophilen? Und nicht müde war man von da an geworden, von Kantemir bis +Vonwisin und Gribojedoff, den Konflikt in dieser Frage in Satiren +auszutragen. Dann wurde die Korruption das tragikomische Thema Gogols, +des „Revisors“ und der „toten Seelen“. Die Korruption war das moralische +Nebenproblem des geistigen Grundproblems: wie kommt Rußland wieder zu +sich selbst, auf daß es von sich selbst erlöst werde? Diese Frage wurde +das zentrale Lebensproblem, das Dostojewski in Rußland vorfand und das +über die russische Gesellschaft hinaus den russischen Menschen anging. +Um dieses Problemes willen zog Dostojewski aus, um lebende Seelen zu +kaufen. Und niemals wurde es ihm klarer als damals, da er aus Sibirien +heimkehrte, aus der Einsamkeit in die Gesellschaft zurücktrat. Da sah er +seines Volkes große und kleine Laster, sah seine Häßlichkeiten, und in +den Häßlichkeiten seine geheime Schönheit, aber auch seine offenbare +Lächerlichkeit. Er, der ein Dichter war, weil er ein Dulder war, +durchschaute mit einem Male die Halben und Leeren, die wandelnden +Karikaturen der Literatur und der Politik, die Poeten und Nihilisten, +die Emanzipierten und Bildungsphilister. Er wurde nicht wahnsinnig über +dieser verrückten Welt, wie Gogol über seiner verdorbenen geworden war. +Er fand in der Tragik die Schuld, und im Humor immer noch die +Entschuldigung der Menschen: Rußlands. + + M. v. d. B. + + + + + Vorbemerkung. + + +Die satirisch-humoristischen Dichtungen Dostojewskis: „Das Gut +Stepantschikowo“ und „Onkelchens Traum“, sind die ersten, die er nach +seiner Rückkehr aus Sibirien in den Jahren 1858 und 1859 geschrieben, +bzw. vollendet hat. + + E. K. R. + + + + + I. + + Stepantschikowo. + + +Mein Onkel, der Oberst Jegor Iljitsch Rostaneff, war, nachdem er seinen +Abschied genommen, auf das ihm durch Erbschaft zugefallene Gut +Stepantschikowo übergesiedelt und hatte sich daselbst alsbald in einer +Weise eingelebt, daß man ihn für einen eingefleischten, einen geborenen +Gutsherrn hätte halten und von ihm denken können, er sei in seinem +ganzen Leben noch nie über die Grenze seines Besitztums hinausgekommen. + +Es gibt Naturen, die tatsächlich mit allem zufrieden sind und sich an +alles gewöhnen können. Von dieser Art war entschieden auch die Natur +meines Onkels, des Obersten a. D. Es ist schwer, sich einen Menschen +vorzustellen, der sanftmütiger und widerspruchsloser zu allem und jedem +bereit gewesen wäre als er. Hätte jemand den Einfall gehabt, ihn etwa +mit ernstestem Gesicht zu bitten, irgendeinen ihm ganz fremden Menschen +zwei Werst weit auf seinen Schultern zu tragen, so würde er es +wahrscheinlich auch getan haben. Er war dermaßen gut, daß er am liebsten +gleich alles, was er besaß, auf die erste Bitte hin fortgegeben hätte – +sein letztes Hemd dem ersten besten Bettler. Sein Äußeres war +reckenhaft: er hatte eine hohe, straffe Gestalt, ein frisches Gesicht, +wie Elfenbein weiße Zähne, einen langen, dunkelblonden Schnurrbart, eine +klangvolle, laute Stimme und ein offenherziges, tiefklingendes Lachen. +Er sprach schnell und in abgerissenen Sätzen. Damals, als er nach +Stepantschikowo zog, war er noch nicht vierzig Jahre alt. Von seiner +Geburt oder vielmehr von seinem sechzehnten Lebensjahre an war er Husar +gewesen. Geheiratet hatte er sehr früh, hatte seine Frau abgöttisch +geliebt, sie aber schon bald verloren. Eine unauslöschliche, tief +zärtliche Erinnerung an sie bewahrte er in seinem Herzen. Als ihm dann +eines Tages das Gut Stepantschikowo, das seinen Besitz um sechshundert +Seelen vergrößerte, durch Erbschaft zugefallen war, da hatte er den +Abschied genommen und sich, wie gesagt, auf dem Lande niedergelassen, +zusammen mit seinen beiden Kindern: dem achtjährigen Iljuscha – dessen +Geburt der Mutter das Leben gekostet hatte – und der älteren, etwa +fünfzehnjährigen Tochter Alexandra, genannt Ssaschenjka oder auch +Ssaschúrka, die nach dem Tode der Mutter in einer vornehmen Moskauer +Pension erzogen worden war. + +Leider nahm das Haus meines Onkels alsbald das Aussehen einer Arche Noah +an, und das ging auf folgende Weise vor sich. + +Zur selben Zeit, als mein Onkel das Gut erbte und seinen Abschied nahm, +geschah es, daß seine Mutter, die Generalin Krachotkina, ihren zweiten +Mann verlor. Sie hatte nämlich zum zweitenmal geheiratet – vor etwa +sechzehn, siebzehn Jahren, als mein Onkel noch als Fähnrich in seinem +Regiment stand, sich aber nichtsdestoweniger auch seinerseits bereits +mit Heiratsgedanken trug. Seine „Mama“ hatte ihm damals lange ihren +Segen zur Heirat vorenthalten, dafür aber mit bitteren Tränen nicht +gekargt, ihm Eigennutz vorgeworfen, Undankbarkeit, Unehrerbietung ... +Sie hatte ihm nachgewiesen, daß heißt, mehrfach auseinandergesetzt, daß +seine Einkünfte – er besaß zweihundertundfünfzig Seelen – nicht einmal +zum Unterhalt seiner „Familie“ ausreichten (zum Unterhalt seiner „Mama“ +nämlich, mit deren ganzem Stabe von guten Freundinnen, die unentgeltlich +bei ihr lebten, ihren Möpsen, Spitzen, chinesischen Katzen und ähnlichem +Gezeug in Mengen), bis sie dann plötzlich, inmitten dieser Vorwürfe, +Auseinandersetzungen und Tränen, ganz unerwartet, noch bevor der Sohn +dazu gekommen war, selbst heiratete, – obgleich sie nicht weniger als +zweiundvierzig Jahre zählte. Übrigens fand sie auch hierfür eine +Erklärung, die selbstredend die Schuld meinem armen Onkel in die Schuhe +schob: sie versicherte unter Tränen, daß sie einzig aus dem Grunde +heirate, um in ihren alten Tagen eine Unterkunft zu haben; denn ihr +unehrerbietiger, selbstsüchtiger Herr Sohn wolle sie ja für künftighin +ihres Obdaches berauben, jetzt, da er die unverzeihliche +„Eigenmächtigkeit“ habe, sich einen „eigenen Hausstand“ zu gründen. + +Leider habe ich nie in Erfahrung bringen können, welcher entscheidende +Grund einen anscheinend so vernünftigen Menschen wie den General +Krachotkin zu dieser Heirat mit der zweiundvierzigjährigen Witwe bewogen +hatte. So muß ich denn als einzige Wahrscheinlichkeit annehmen, daß er +sie wohl für reich gehalten haben wird. Manche Leute meinten zwar, er +hätte einfach einer Wärterin bedurft, da er schon damals jenen Schwarm +von Krankheiten vorausgeahnt habe, der sich dann im Alter auch richtig +auf ihn niederließ. Sicher ist nur eines: daß der General seine Frau +während der ganzen Zeit seines Zusammenlebens mit ihr nichts weniger als +geachtet oder gar geliebt, sondern sich bei jeder Gelegenheit mit +beißendem Spott über sie lustig gemacht hat. + +Er war ein eigentümlicher Mensch: war halbgebildet und durchaus nicht +dumm, aber er verachtete entschieden alle und jeden, befolgte keinerlei +Regeln, spottete über sämtliche Lebenserscheinungen, angefangen beim +Menschen und so weiter bis ins Endlose, und wurde in seinen alten Tagen +unter dem Einfluß all seiner Krankheiten – die eine gerechte Folge +seines nicht ganz gerechten oder rechtschaffenen Lebens waren – böse, +boshaft, reizbar und unbarmherzig. Im Dienst hatte er Glück gehabt; aber +zu guter Letzt war er doch gezwungen gewesen, wegen irgendeiner +„unangenehmen Geschichte“ etwas plötzlich seinen Abschied zu nehmen, +wobei er nur mit genauer Not dem entging, daß man ihn vor ein +Kriegsgericht stellte und um seine Pension brachte. Dieser Abschied +erbitterte ihn endgültig. Und so legte er denn, fast mittellos, nur im +Besitze eines Hunderts im Elend lebender Leibeigener, die Hände in den +Schoß und erkundigte sich hinfort bis an das Ende seiner Tage, das noch +zwölf Jahre auf sich warten ließ, kein einziges Mal weder nach den +Kosten seines Unterhalts, noch danach, wer sie für ihn bestritt. +Indessen schränkte er sich nicht im mindesten ein, hielt eine Equipage, +Pferde und einen Kutscher und verlangte nach wie vor alle +Lebensbequemlichkeiten. Bald darauf ward er noch des Gebrauches seiner +Beine beraubt und saß zehn Jahre lang in einem triumphstuhlartigen +Fauteuil, der, sobald er es nur wünschte, von zwei dazu bestimmten +Dienern geschaukelt wurde, wofür diese ausschließlich die +verschiedenartigsten Schimpfwörter von ihm zu hören bekamen. Die +Equipage, die Pferde und den kostspieligen Fauteuil bezahlte sämtlich +der unehrerbietige Herr Stiefsohn, der seiner Mutter das Letzte +schickte, sein Gut doppelt und dreifach belastete, sich selbst das +Notwendigste versagte und Schulden über Schulden auf sein armes Haupt +lud, die er bei seinem damaligen Besitzstand nie zu tilgen vermocht +hätte. Nichtsdestoweniger verblieb ihm unwandelbar die Bezeichnung des +„Egoisten“ und „undankbaren Sohnes“. Mein Onkel war aber von Natur so +veranlagt, daß er schließlich selbst glaubte, ein „Egoist“ zu sein, und +so schickte er, erstens um sich dafür zu strafen, und zweitens, um sich +den „Egoismus“ abzugewöhnen, immer noch mehr Geld. Die Generalin dagegen +war vor ihrem zweiten Gatten die Andacht selbst. Wahrscheinlich gefiel +ihr an ihm vor allem dies, daß der General und sie folglich Generalin +war. + +Im Hause bewohnte er die eine, sie die andere Hälfte. Und in dieser +anderen Hälfte gedieh sie während der ganzen Zeit des halblebendigen +Lebens ihres Mannes im Kreise von ihren daselbst wohnenden Freundinnen, +Möpsen und den zum Kaffee sich einfindenden Stadthistorikerinnen. Sie +war eine wichtige Persönlichkeit in ihrem Städtchen. Der Klatsch, die +ergebensten Bitten, Kinder aus der Taufe zu heben, sowie die geliebte +Kopekenpatience entschädigten sie vollauf für ihre häuslichen +Unannehmlichkeiten. Alle Stadtelstern erschienen bei ihr mit +ausgearbeiteten Berichten, ihr wurde überall der erste Platz eingeräumt, +– mit einem Wort, sie wußte aus ihrem Generalstitel alles +herauszuschlagen, was daraus nur herauszuschlagen war. Der General +kümmerte sich um so etwas nicht. Dafür aber verspottete er seine Frau, +und zwar mit Vorliebe in Gegenwart Fremder, fragte zum Beispiel +ungeniert, weshalb er eigentlich „ein solches Weibsbild“ geheiratet habe +– und niemand durfte dagegen Einspruch erheben. Mit der Zeit zogen sich +alle Bekannten von ihm zurück, während gerade er ohne Gesellschaft nicht +auskommen konnte: denn er wollte erzählen, schwatzen, streiten; kurz, er +wollte, daß beständig ein Zuhörer vor ihm saß. Er war ein Freigeist und +Atheist vom alten Schlage, und daher philosophierte er gern über höhere +Dinge. Zum Unglück waren aber die Zuhörer des Städtchens nicht sehr +begeistert für höhere Dinge, und so kamen sie immer seltener zu ihm. +Dann versuchte man es mit einem Whist- oder Préférenceabend, aber auch +daraus wurde nichts: das Spiel endete für den General gewöhnlich mit +solchen Wutanfällen, daß die Generalin und ihr ganzer Stab von +Freundinnen vor lauter Entsetzen vor den Heiligen Wachskerzen +anzündeten, Messen lesen ließen, sich mit weißen Bohnen und +französischen Karten im Wahrsagen übten, barmherzige Semmeln im +Gefängnis austeilten und mit Hangen und Bangen der Stunde entgegensahen, +in der sie wieder eine Partie Whist oder Préférence zustande bringen +mußten, um für das geringste Versehen abermals Geschrei, Geschimpfe und +fast sogar Prügel zum Dank zu erhalten. Wenn dem General etwas mißfiel, +so tat er sich vor keinem einzigen Menschen Zwang an: er kreischte dann +wie ein altes Weib, schimpfte wie ein Droschkenkutscher; zuweilen aber, +wenn er alle seine Partner zum Teufel gejagt, die Karten zerrissen und +ihnen an den Kopf geworfen hatte, weinte er vor Verdruß und Wut, was +alles nur wegen eines armen Buben geschah, den man statt einer Neun +ausgespielt hatte. Schließlich, als seine Sehkraft immer mehr abnahm, +bedurfte er eines Vorlesers. Und da erschien denn Foma Fomitsch Opiskin! + +Ich muß gestehen, daß ich mich mit einer gewissen Feierlichkeit +anschicke, von dieser neuen Persönlichkeit zu berichten – einer der +wichtigsten meiner Erzählung. Inwieweit er ein Recht auf die +Aufmerksamkeit des Lesers hat, will ich nicht im voraus zu erklären +versuchen; darüber zu entscheiden steht vielmehr weiterhin dem Leser +selbst zu. + +Als Foma Fomitsch sein Amt beim General Krachotkin antrat, erhielt er +lediglich freie Kost – nichts mehr und nichts weniger. Woher er kam – +ist unbekannt. Ich habe mich vergeblich bemüht, etwas Genaueres über das +früheres Leben dieses merkwürdigen Menschen in Erfahrung zu bringen. Es +hieß, daß er irgendeinmal irgendwo Beamter gewesen sei, daß man ihm dann +ein „Unrecht“ getan und er – selbstverständlich! – „um der Wahrheit +willen“ zum Märtyrer geworden sei. Auch verlautete von anderer Seite, +daß er sich einmal in Moskau mit Literatur abgegeben habe, was ja weiter +nicht erstaunlich gewesen wäre; die geradezu schmutzige Unwissenheit +Foma Fomitschs konnte für seine literarische Laufbahn gewiß nicht als +Hindernis in Frage kommen. Glaubwürdig ist jedoch fraglos nur das eine: +daß er es in keinem Fach sehr weit gebracht hatte und schließlich +gezwungen gewesen war, als Vorleser in den Dienst des Generals zu +treten. + +Es gibt keine Erniedrigung, die Foma nicht für einen satten Magen in den +Kauf genommen hätte. Freilich versicherte er uns nach dem Tode seines +Peinigers, als er plötzlich und ganz unerwartet zu einer wichtigen, +überaus einflußreichen Person wurde, daß er sich mit seiner +Bereitwilligkeit, den Narren zu spielen, nur großmütig dem Freunde, der +Freundschaft geopfert habe, daß der General sein Wohltäter und ein +großer, doch leider unverstandener Mann gewesen sei und nur ihm, Foma, +die tiefsten Tiefen seiner Seele vertrauensvoll erschlossen habe, und +wenn er, Foma, auf den Wunsch des Generals die verschiedensten Tiere +nachgeahmt und lebende Bilder gestellt, so sei dieses von ihm aus einzig +und allein zur Zerstreuung und Erheiterung des von Krankheiten aller Art +heimgesuchten Dulders und Freundes geschehen. Nichtsdestoweniger sind +die Versicherungen und nachträglichen Erklärungen Foma Fomitschs +bezüglich jenes Sachverhaltes unbedingtem Zweifel unterworfen. Doch wie +dem auch sei, jedenfalls spielte Foma Fomitsch bereits während seines +Narrendienstes eine durchaus andere Rolle in der Damenabteilung des +Hauses der Generalin. Wie er das fertiggebracht hat, kann sich jemand, +der in solchen Dingen nicht Spezialist ist, schwer vorstellen. Die +Generalin hegte für ihn eine gerader mystische Hochachtung, – aus +welchem Grunde sie sie hegte, vermag ich nicht zu sagen. Mit der Zeit +gewann er über alles Weibliche im Hause eine erstaunliche Macht, die in +etwas an die Macht gewisser Iwan Jakowlewitschs erinnerte, oder ähnlich +benannter Weisen und Propheten, die in Irrenhäusern von Damen, die für +dergleichen empfänglich sind, besucht zu werden pflegen. Er las ihnen +aus seelenrettenden Büchern vor, erklärte ihnen mit beredten Tränen den +tieferen Sinn verschiedener christlicher Tugenden, schilderte auch sein +eigenes Leben und seine Heldentaten, ging zum Gottesdienst (und sogar +zum Frühgottesdienst), sagte außerdem die Zukunft voraus, verstand mit +ganz besonderem Talent Träume zu deuten und meisterhaft den Nächsten zu +verdammen. Der General ahnte bald, was in der anderen Hälfte seines +Hauses geschah, und tyrannisierte seinen Krippenreiter noch +erbarmungsloser. Doch siehe, das Martyrium Foma Fomitschs verlieh diesem +in den Augen der Generalin und ihrer ganzen Suite eine um so glänzendere +Aureole, an die sich natürlich entsprechend gesteigerte Hochachtung +knüpfte. + +Da starb der General, und die Situation änderte sich. Seine Sterbestunde +soll übrigens ziemlich originell gewesen sein. Dem ehemaligen Freigeist +und Atheisten war bis zur Unglaublichkeit bange geworden. Er weinte, +bereute, küßte Heiligenbilder, rief Geistliche herbei, ließ Messen lesen +und alle für sich beten; dazwischen schrie der arme Teufel, daß er nicht +sterben wolle, und bat Foma Fomitsch unter Tränen um Verzeihung, was +diesem in der Folge sehr zustatten kam. Doch kurz bevor sich die Seele +des Generals von seinem Körper trennte, geschah noch folgendes: Die +Tochter der Generalin, meine Tante Praskowja Iljinitschna, die +unverheiratet im Hause ihrer Mutter lebte – eines der liebsten Opfer des +Generals, da sie ihm während seiner zehnjährigen Beinlosigkeit zur +beständigen Bedienung unentbehrlich war und ihm wegen ihrer Einfachheit +und stummen Güte gefiel, – trat nun an sein Lager, bittere Tränen +vergießend, um das Kopfkissen des armen Sterbenden zu rücken. Da aber +packte sie der „arme Sterbende“ an den Haaren, und es gelang ihm noch, +sie ungefähr dreimal, fast knirschend vor Wut, mit aller und letzter +Kraft hin und her zu reißen. Nach zehn Minuten war er tot. Der Oberst, +mein Onkel, wurde sofort von seinem Hinscheiden benachrichtigt, obgleich +die Generalin hundertmal gesagt hatte, daß sie eher gleichfalls sterben +werde, als daß der Sohn ihr in einer solchen Stunde vor die Augen kommen +sollte. Die Beerdigung war großartig – selbstverständlich auf Kosten des +unehrerbietigen Sohnes, der, nebenbei bemerkt, auch dann sich nicht +unterstehen durfte, das Haus seiner Mutter zu betreten. + +Auf dem verschuldeten Gut Knjäsewka, das mehreren Herren gemeinsam +gehörte, und auf dem auch die hundert Leibeigenen des Generals lebten, +steht jetzt ein Mausoleum aus weißem Marmor, besät mit Inschriften, die +alle dem hohen Verstande, den mannigfachen Talenten, der Herzensgüte, +dem Seelenadel und den trefflichen militärischen Eigenschaften des +Entschlafenen das höchste Lob spenden. Bei der Zusammenstellung dieser +Inschriften hat Foma Fomitsch stark mitgewirkt. Es dauerte lange, bis +die Generalin ihrem unehrerbietigen Sohne Verzeihung gewährte. +Schluchzend beteuerte sie, umringt von ihrem ganzen Gefolge, +einschließlich der Möpse und Katzen, daß sie lieber trockenes Brot essen +– welches sie natürlich mit ihren Tränen anfeuchten würde – oder mit +einem Krückstock betteln gehen wolle, als daß sie der Bitte ihres +„ungehorsamen“ Sohnes nachgäbe und zu ihm nach Stepantschikowo +übersiedelte. + +„Niemals, niemals werde ich meinen _Fuß_ über seine Schwelle setzen!“ +rief sie erregt aus, wobei das Wort „mein _Fuß_“, in dieser Verbindung +gebraucht, ungewöhnlich effektvoll herausgebracht wurde. Sie sprach es +wirklich meisterhaft, geradezu künstlerisch aus. Kurz, Reden wurden von +ihr in unglaublichem Überfluß vergeudet. Nur muß ich hier bemerken, daß +gleichzeitig mit diesen Versicherungen bereits die Koffer zur +Übersiedelung nach Stepantschikowo gepackt wurden – allerdings heimlich. + +Inzwischen jagte der Oberst alle seine Pferde zuschanden, da er täglich +von seinem Gute in die vierzig Werst entfernte Stadt gefahren kam, bis +er dann endlich, vierzehn Tage nach der Beerdigung des Generals, die +Erlaubnis erhielt, bei seiner tiefgekränkten Frau Mutter zu erscheinen. +Foma Fomitsch war in dieser Zeit als Unterhändler benutzt worden. Zwei +Wochen lang warf er dem Ungehorsamen sein „unmenschliches“ Verhalten zur +Mutter vor, brachte den Armen zu aufrichtigen Tränen und fast zur +Verzweiflung. Von diesen Tagen an datiert der unbegreifliche, +unmenschlich despotische Einfluß Foma Fomitschs auf meinen armen Onkel. +Foma erriet sofort, was für einen Menschen er vor sich hatte und – daß +seine Narrenrolle zu seinem Glück zu Ende gespielt war, folglich aber +auch er, Foma, so etwas wie „Herr“ sein konnte. Und so entschädigte er +sich denn. + +„Wie würde Ihnen zumute sein,“ fragte Foma, „wenn Ihre leibliche Mutter, +sozusagen die Urheberin Ihrer Tage, einen Krückstock nähme und, mit +ihren zitternden, von Hunger abgemagerten Händen sich auf ihn stützend, +tatsächlich betteln ginge? Wäre das nicht ungeheuerlich, erstens bei +ihrem Rang als Generalin, und zweitens bei ihren Tugenden? Was würden +Sie empfinden, wenn sie eines Tages unter den Fenstern Ihres Hauses +erschiene (was natürlich nur aus Versehen geschehen könnte, aber es wäre +doch immerhin möglich), und wenn sie ihre Hand um ein Almosen bittend +ausstreckte, während Sie, ihr Sohn, gerade irgendwo in einem Daunenbett +versinken und ... nun, in Luxus, kurz gesagt, schwelgen? ... So etwas +wäre doch entsetzlich, ganz entsetzlich! Am entsetzlichsten ist aber – +gestatten Sie, Oberst, daß ich Ihnen das ganz offen sage – ja, am +entsetzlichsten hierbei ist, daß Sie jetzt wie ein gänzlich gefühlloser +Pfosten vor mir stehen, den Mund halb aufsperren und nur die Augenlider +von Zeit zu Zeit zusammenklappen, was gewissermaßen sogar unhöflich ist, +während Sie bei dem bloßen Gedanken an eine solche Möglichkeit sich die +Haare Ihres Hauptes mit der Wurzel ausraufen und Ihren Augen Ströme ... +was sage ich! – Flüsse, Seen, Meere, Ozeane von Tränen entfließen +müßten!“ + +Der übliche Ausgang seiner Reden war, daß er vor lauter Hingerissensein +sich fortreißen ließ und die Übersicht über die Tragweite der eigenen +Worte verlor. + +So kam es denn, daß die Generalin samt ihrem ganzen Stabe – alles +Vierbeinige inbegriffen – samt Foma Fomitsch und Fräulein Perepelizyna, +ihrer größten Busenfreundin, endlich das Herrenhaus von Stepantschikowo +mit ihrer Ankunft beglückte. Sie erklärte, daß sie vorläufig nur +_versuchen_ wolle, bei ihrem Sohn zu leben, und gleichzeitig käme sie, +um seinen Gehorsam zu prüfen. Man kann sich wohl die Lage des Obersten +in dieser Zeit der „Prüfung seines Gehorsams“ ungefähr vorstellen! +Anfangs hielt es die Generalin, als jüngst verwitwete Frau, für ihre +Pflicht, etwa zwei- oder dreimal wöchentlich in der Erinnerung an ihren +unwiederbringlich verlorenen Gatten, in Verzweiflung zu geraten; und +diese Verzweiflung hatte die Eigentümlichkeit, sich alsbald aus +unbekannten Gründen in einem Gewitter über dem Haupte des armen Obersten +zu entladen. Zuweilen, vornehmlich wenn Besuch zugegen war, rief sie +ihre beiden Enkelkinder zu sich, den kleinen Iljuscha und die +fünfzehnjährige Ssaschenjka, hieß sie sich ihr gegenüber hinsetzen, sah +sie lange, lange, mit traurigem, kummervollem Blick an, eben wie Kinder, +die bei einem „_solchen Vater_“ dem Untergang geweiht sind, seufzte tief +und schwer und brach in wortlose, geheimnisvolle, weil unerklärliche +Tränen aus, die dann mindestens eine geschlagene Stunde unaufhaltsam +flossen. Wehe dem Obersten, wenn er diese Tränen nicht zu begreifen +_verstand_! Er aber, der Arme, verstand nie, sie zu begreifen, geriet +vielmehr in seiner Naivität wie mit Absicht gerade zu diesen +gefährlichen Stunden in ihren Gesichtskreis und mußte daher, ob er +wollte oder nicht, eine neue Prüfung bestehen. Nichtsdestoweniger +verringerte sich seine Ehrerbietung nicht – im Gegenteil, sie wuchs noch +... bis sie schließlich die äußersten Grenzen erreichte. Die Generalin +und Foma Fomitsch fühlten nun beide, daß das Gewitter, welches so lange +Jahre in der Gestalt des Generals Krachotkin in unwandelbarer +Beständigkeit über ihren Häuptern geschwebt hatte, endlich +vorübergezogen war und nie mehr wiederkehren werde. Zuweilen kam es auch +vor, daß die Generalin mir nichts dir nichts auf das Sofa sank und – „in +Ohnmacht fiel“: alles lief dann und schrie, der Oberst war aufs äußerste +erschrocken und zitterte wie ein Espenblatt. + +„Du grausamer Sohn!“ kreischte dann die Generalin los, kaum daß sie das +Bewußtsein wiedererlangt hatte, „du hast mich zerrissen, – ^oui, moi, ta +mère, ta mère^!“ + +„Ja aber – wann habe ich Sie denn zerrissen, Mama?“ + +„Das hast du, das hast du! Mich zerrissen hast du! Jetzt will er sich +noch rechtfertigen! Er wird noch unehrerbietig! O du grausamer, +unbarmherziger Sohn! Oh, ich sterbe!“ + +Der Oberst aber war zerknirscht. + +Nur weiß ich nicht, wie es kam, daß die Generalin es mit dem Sterben nie +wörtlich nahm. + +Nach einer halben Stunde erklärte der Oberst wohl einem seiner +„Hausgäste“, ihn am Rockknopf festhaltend, die Sache auf folgende Weise: + +„Nun, ja, sie ist doch, Freund, Grandedame, Generalin! – das mußt du +nicht vergessen. Sonst ist sie ja eine herzensgute, alte Frau, nur ist +sie, weißt du, an diesen höheren Ton gewöhnt ... nun, und ich Tölpel +verstehe eben so etwas nicht. Jetzt ärgert sie sich über mich. Es ist ja +wahr, ich bin schuldig ... obschon mir, offen gestanden, immer noch +nicht so recht klar ist, was ich denn eigentlich verschuldet habe, aber +es wird wohl so sein, selbstverständlich! ...“ + +Mitunter glaubte sich in solchen Fällen wohl auch Fräulein Perepelizyna +verpflichtet, ihm deswegen eine Moralpredigt zu halten. Sie war ein +etwas überreifes Fräulein, ohne Augenbrauen, mit falschem Haar, kleinen, +stechenden Äuglein, mit Lippen, die wie Bindfaden so schmal waren, und +mit Händen, die sie in gesalzenem Gurkenwasser wusch. + +„Das kommt daher, daß Sie unehrerbietig sind, und weil Sie egoistisch +sind, weil Sie Ihre Frau Mutter kränken, Ihre Frau Mutter aber an eine +solche Behandlung nicht gewöhnt ist ... denn sie ist doch Generalin ... +Sie aber sind nur erst Oberst.“ + +„Nein, weißt du, Freund,“ sagte dann wohl der Oberst zu seinem Zuhörer, +„Fräulein Perepelizyna ist doch im Grunde ein vorzügliches Mädchen, sie +steht wie ein Mann für meine Mutter ein! Wirklich ein seltenes Mädchen! +Glaub’ nur nicht, daß sie irgend so eine aus Gnade und Barmherzigkeit +ernährte Klatschbase sei! Bewahre! Sie ist selbst die Tochter eines +Majors. Tatsache!“ + +Doch das sind vorläufig nur so einige Beispiele. Dieselbe Generalin +aber, die so verschiedenartige Anfälle bekam, zitterte ihrerseits wie +eine Maus vor dem ehemaligen Narren ihres Gatten. Foma Fomitsch besaß +förmlich Zaubermacht über diese Dame. Sie wagte nicht zu mucken, wenn er +etwas befahl; sie hörte nur mit seinen Ohren, sah nur mit seinen Augen. +Einer meiner Vettern zweiten Grades, gleichfalls ein Husarenoffizier a. +D., ein noch junger Mensch, der aber nichtsdestoweniger sein ganzes +Vermögen bereits doppelt durchgebracht hatte und sich seit einiger Zeit +bei meinem Onkel aufhielt, erklärte mir kurz und bündig, ohne den +geringsten Zweifel aufkommen zu lassen, daß die Generalin nach seiner +felsenfesten Überzeugung in „unerlaubten Beziehungen“ zu Foma Fomitsch +stünde. Ich ließ jedoch diese Deutung selbstverständlich nicht gelten. +Nein, hier handelte es sich um etwas ganz anderes, viel Feineres – doch +bleibt mir zur Erklärung dieses anderen nur eines übrig: den Charakter +Foma Fomitschs so zu erklären, wie ich ihn mit der Zeit selbst +beurteilen lernte. + +Man denke sich einen der niedrigsten, kleinmütigsten Menschen, einen +Auswurf der Gesellschaft, für den niemand eine Verwendung hat, einen +vollkommen nutzlosen, erbärmlichen Wicht, der aber grenzenlos eitel, +selbstgefällig und eigennützig ist und zum Überfluß von der Natur +entschieden nichts erhalten hat, wodurch er auch nur annähernd eine +solche krankhaft überspannte Eigenliebe und Eigensucht rechtfertigen +könnte. Ich will hier eines gleich vorausschicken: Foma Fomitsch ist die +Verkörperung jener ganz besonderen schrankenlosen Eigenliebe, die sich +nur bei der größten Nichtigkeit entwickelt. Wie gewöhnlich in solchen +Fällen, scheint diese Eigenliebe ständig beleidigt und durch frühere +schwere Mißerfolge gezüchtet zu sein. Sie gärt seit vielen, vielen +Jahren, Jahrzehnten, und zeugt nur noch Neid, Gift und Galle, +gleichviel, ob es sich um einen fremden Erfolg handelt oder bloß um eine +neue Bekanntschaft. Es ist vielleicht überflüssig, noch hinzuzufügen, +daß dieser ganze Charakter von einer nahezu schändlichen unverschämten +Empfindlichkeit, dem verrücktesten Argwohn und Mißtrauen beherrscht +wird. Vielleicht wird man fragen: Woraus ist denn diese Eigenliebe +entstanden? Wie kann sie bei einer so offenkundigen Wertlosigkeit des +ganzen Menschen entstehen, bei einem so nichtigen Menschen, der doch +allein seiner sozialen Stellung nach den ihm in Wirklichkeit zukommenden +Platz kennen müßte? – Was soll man auf solche Fragen antworten? +Vielleicht gibt es Ausnahmen, zu denen dann auch mein Held gehört; denn +daß er eine Ausnahme von der Regel war, unterliegt keinem Zweifel, was +sich bei näherer Bekanntschaft sonnenklar zeigen wird. Einstweilen +erlaube man mir eine Gegenfrage: Sind Sie denn wirklich überzeugt, daß +diese Menschen, die sich ganz und gar ergeben haben, die darin ihr Glück +sehen und es sich zur Ehre anrechnen, daß sie jemandes Hausnarr und +Gnadenbrotschlucker sein können – sind Sie wirklich überzeugt, daß diese +Kreaturen sich von jedem Selbstgefühl, von jeder Eigenliebe losgesagt +haben? Aber der Neid, der Klatsch, die Verleumdungen, die Ohrenbläserei +und das geheimnisvolle Gezischel in den Winkeln Ihres eigenen Hauses, +hinter Ihrem Rücken, oder die Seitenstiche an Ihrem eigenen Tisch?? Wer +weiß, ob in einigen dieser vom Schicksal erniedrigten Gnadenbrotessern, +Ihren Narren und Speichelleckern, die natürliche Eigenliebe durch die +Erniedrigung nicht etwa vermindert oder erstickt, sondern gerade durch +diese Erniedrigung, durch die Narrenrolle und die ewig erzwungene +Unterwürfigkeit und Persönlichkeitslosigkeit noch zu einer weit größeren +Eigenliebe aufgeschraubt wird? Wer weiß, vielleicht ist diese ins +Ungeheuerliche entwickelte Eigenliebe nur ein falsches, entstelltes +Empfinden der eigenen Menschenwürde, die zum erstenmal vielleicht schon +in der Kindheit durch fremdes Joch, Armut, Schmutz oder Verachtung mit +Füßen getreten worden ist. Oder vielleicht hat der Betreffende als +kleines Kind seine Eltern so behandelt gesehen? Doch ich habe gesagt, +daß Foma Fomitsch außerdem noch eine Ausnahme darstellte – er war in der +Tat ein ganz besonderer Fall. Er hatte sich einmal für einen Literaten +gehalten, war aber von den anderen nicht anerkannt und folglich +zurückgesetzt, gekränkt, beleidigt worden. Die Literatur aber – d. h. +jene, die er natürlich nicht anerkannte – kann sich wegen eines Foma +Fomitsch nicht selbst aufgeben! Ich weiß es zwar nicht genau, aber es +ist doch anzunehmen, daß Foma Fomitsch auch _vor_ seinen literarischen +Versuchen nicht gerade vom Erfolg verwöhnt worden war; vielleicht hatte +er auch in jeder anderen von ihm versuchten Tätigkeit nur Nasenstüber +anstatt einer Belohnung erhalten – oder vielleicht noch Schlimmeres. +Doch darüber läßt sich nichts Genaues feststellen; erfahren habe ich nur +nach vielfachen Erkundigungen, daß Foma Fomitsch in Moskau tatsächlich +einmal einen kleinen Roman geschrieben hat, äußerst ähnlich jenen Werken +der dreißiger Jahre, von denen jährlich ein Dutzend erschienen, in der +Art der „Befreiungen Moskaus“ oder der „Söhne der Liebe oder der Russen +im Jahre 1104“. Das war allerdings vor langer Zeit, aber der +Schlangenbiß des literarischen Ehrgeizes verwundet oft tief und +unheilbar, was namentlich von nichtigen und dummen Leuten gilt. Foma +Fomitsch war sogleich nach seinem ersten literarischen Versuch, wie wir +annehmen müssen, in seinem Ehrgeiz getroffen, und so schloß er sich ohne +weiteres endgültig jener unzählbaren Schar der Zurückgesetzten an, aus +der dann später alle diese Sonderlinge, Hampelmänner und +gesellschaftlichen Vagabunden hervorgehen. Zu derselben Zeit begann, wie +ich glaube, auch diese unglaubliche Prahlsucht sich in ihm zu +entwickeln, dieses gierige Bedürfnis nach Lob und Auszeichnungen, +Verehrung und Bewunderung. Selbst als Narr hatte er sich einen Kreis ihn +andächtig anstaunender Idioten zu schaffen gewußt. Sein einziges +Verlangen war: stets den Vorrang zu haben, sich zeigen zu können, gelobt +zu werden. Lobten ihn die anderen nicht, so lobte er sich selbst. Ich +habe seine Reden im Hause meines Onkels in Stepantschikowo, nachdem er +dort unumschränkter Herrscher geworden war, selbst gehört. „Ich gehöre +nicht in Ihren Kreis,“ pflegte er oft genug mit einer gewissen +geheimnisvollen Feierlichkeit zu sagen. + +„Ja, ich gehöre nicht hierher in Ihren Kreis! Ich werde wirken, werde +Sie hier zuerst alle unterbringen und Ihr Leben einrichten, Sie zu leben +lehren, dann aber – lebt wohl! Dann geht’s nach Moskau, und dort werde +ich eine Zeitschrift herausgeben. Dreißigtausend Menschen werden sich +monatlich zu ihrer Lektüre zusammenfinden. Ja, dann wird mein Name +klingen ... und dann – wehe meinen Feinden!“ + +Inzwischen aber forderte das Genie die Belohnung im voraus. Es ist ja im +allgemeinen sehr angenehm, im voraus belohnt zu werden, um wieviel mehr +aber ist es das in einem solchen Fall. Wie ich genau weiß, hat er meinem +Onkel in allem Ernst versichert, daß ihm eine große Tat bevorstehe, eine +Tat, zu der er allein berufen und geboren sei, und zu deren Vollbringung +ihn ein geflügeltes Wesen von Menschenart, das in der Nacht bei ihm +erscheine, zwinge. Und diese Tat sei: ein tiefsinniges, die Seelen der +Menschen errettendes Werk zu schreiben, von dem „ein allgemeines +Erdbeben ausgehen“ und das „ganz Rußland erzittern machen“ werde. Doch +wenn dann sein Name in aller Mund sei, dann werde er, Foma, den Ruhm und +die Ehre verachtend, sich ins Kijewsche Höhlenkloster zurückziehen, um +dort unter der Erde Tag und Nacht für das Glück des Vaterlandes zu beten +... So etwas aber rührte meinen Onkel. + +Jetzt stelle man sich vor, zu was sich dieser Foma entwickeln konnte, +dieser selbe Foma, der sein ganzes Leben lang geknechtet und vielleicht +sogar tatsächlich geprügelt worden war, dieser selbe Foma, der im +geheimen so genußgierig und so eigenliebig war wie kein zweiter, Foma, +der enttäuschte, erbitterte Literat, Foma, der für das tägliche Brot den +Narren gespielt, Foma, der im Grunde seiner Seele der größte Despot war, +ungeachtet seiner ganzen vorhergehenden Niedrigkeit und +Bedeutungslosigkeit, Foma, der Prahlhans und unverschämte Frechling +(sobald er nur Gelegenheit hatte, es zu sein), dieser selbe Foma, der +dann plötzlich zu Ruhm und Ehre gelangte, verhätschelt und gelobt und in +den Himmel gehoben wurde, dank einer törichten, kindisch-dummen +Beschützerin und einem ahnungslosen, von vornherein mit allem +einverstandenen Beschützer, in dessen Hause er sich endlich nach langen +Irrfahrten zur Ruhe setzen konnte! Freilich muß ich auch den Charakter +meines Onkels eingehender erklären; denn sonst würde der Erfolg Foma +Fomitschs immerhin nicht ganz verständlich sein. Auf Foma paßte +vorzüglich das Sprichwort: läßt du den Ziegenbock in die Kirche hinein, +so steigt er sofort auf die Kanzel. Ja, Foma verstand es wahrlich, sich +für das Vergangene zu entschädigen! Ein niedriger Charakter wird, sobald +er von seinem Bedrücker befreit ist, sofort andere bedrücken. Foma nun +war tyrannisiert worden – und er empfand sofort das Bedürfnis, jetzt +selbst zu tyrannisieren; man hatte ihn zum besten gehabt, – folglich +wollte auch er jetzt andere zum besten haben; er war Narr gewesen, nun +mußte auch er unbedingt Narren haben. Er prahlte bis zur Verrücktheit, +war herrschsüchtig bis zur Unmenschlichkeit, war anspruchsvoll ohne +jedes Maß, verlangte womöglich Vogelmilch – so daß Leute, die von ihm +nur erzählen hörten, ihn aber nicht persönlich kannten, diese +Geschichten aus Stepantschikowo für Märchen hielten oder für des Teufels +Machwerk, sich bekreuzten und ausspien. + +Ich sagte vorhin, daß ohne eine Erklärung des bemerkenswerten Charakters +meines Onkels diese freche Herrschaft Foma Fomitschs in einem fremden +Hause unbegreiflich erscheinen müsse, unbegreiflich diese Metamorphose +aus einem Narren in eine große Persönlichkeit. Mein Onkel war nicht nur +unsäglich gut, sondern trotz seiner ganzen militärischen Erscheinung +auch ein selten zartfühlender Mensch, ein überaus edler, männlicher +Charakter. Ich sage mit Absicht „männlich“ und betone dieses Wort. Wenn +es für ihn hieß, eine Pflicht zu erfüllen, dann kannte er nie ein +Hindernis, dann schrak er vor nichts zurück. Seine Seele war rein wie +die eines Kindes. Man konnte ihn wirklich ein fast vierzigjähriges Kind +nennen. Er war äußerst mitteilsam, stets heiter gestimmt, sah in jedem +Menschen einen Engel, hielt alle fremden Mängel nur für Folgen seiner +eigenen Fehler, vergrößerte die guten Eigenschaften der anderen +unendlich und sah solche sogar dort, wo sie überhaupt nicht vorhanden +sein konnten. Er war einer jener durch und durch edlen Menschen, die so +keuschen Herzens sind, daß sie sich geradezu schämen, in einem anderen +Menschen etwas Schlechtes zu vermuten, ja, daß sie sich beeilen, ihre +Nächsten mit allen Tugenden auszuschmücken; einer jener Menschen, die +sich über jeden Erfolg anderer freuen, auf diese Weise beständig in +einer idealen Welt leben und bei einem Unglück immer sich zuerst, sich +ganz allein beschuldigen. Sich selbst den Interessen anderer zu opfern, +scheint ihre Lebensaufgabe zu sein. Manch einer hätte meinen Onkel +vielleicht sogar kleinmütig, charakterlos, schwach genannt. Allerdings +war er schwach bei seinem gar zu weichen Herzen; nur war er es nicht aus +Mangel an Charakterfestigkeit, sondern aus Furcht, zu kränken, grausam +zu sein, oder aus gar zu großer Hochachtung vor anderen – vor dem +Menschen überhaupt. Und übrigens war er nur dann schwach und kleinmütig, +wenn es sich um seine eigenen Interessen handelte, die er immer +hintansetzte, wofür er sich sein Leben lang dem Gespött der Menschen +aussetzte, und nicht selten dem Gespött gerade derjenigen, für die er +sich opferte. Niemals hätte er geglaubt, daß er Feinde haben könnte, und +dennoch hatte er sie – nur bemerkte er sie nicht. Zwist und Geschrei im +Hause fürchtete er mehr als Feuer, und so gab er allen in allem sofort +nach und ergab und beschied sich stets. Er tat es aus einer gewissen +schüchternen Gutmütigkeit heraus, aus einem fast zärtlichen Zartgefühl, +– „damit, weißt du,“ sagte er schnell, gewissermaßen, um sich gegen +etwaige Vorwürfe zu verteidigen, – „damit, weißt du ... nun, damit alle +zufrieden und glücklich sind!“ Es versteht sich von selbst, daß er jedem +edlen Einfluß zugänglich war; ja, ein gewandter Spitzbube hätte sich +seiner vollkommen bemächtigen und ihn sogar zu einer schlechten Tat +verleiten können, d. h. wenn er diese schlechte Tat als edel hingestellt +hätte. Mein Onkel ließ sich leicht von anderen lenken, besonders wenn er +dem Betreffenden einmal sein ganzes Vertrauen geschenkt hatte; in dieser +Beziehung war er also durchaus nicht fehlerfrei. Wenn er sich aber dann +nach lange gezahltem schmerzlichen Lehrgeld endlich entschloß, daran zu +glauben, daß der ihn Betrügende ein unehrlicher Mensch war, so +beschuldigte er vor allen anderen sich selbst, und nicht selten nur sich +allein. Nun denke man sich in seinem stillen Hause diese plötzlich die +Herrschaft an sich reißende, launenhafte, verschrobene Idiotin von +Mutter, zusammen mit einem anderen Idioten – ihrem Abgott –, eine +Idiotin, die bis dahin nur ihren General gefürchtet hatte, jetzt aber +nichts mehr fürchtete und sogar das Bedürfnis empfand, sich für die +schlechten Lebensjahre zu entschädigen – eine Idiotin, der der Oberst +frommen Gehorsam schuldig zu sein glaubte, und zwar einzig aus dem +Grunde, weil sie seine Mutter war. + +Man begann damit, daß man dem Oberst bewies, daß er ein roher Mensch +sei, unduldsam, unwissend und vor allen Dingen ein „Egoist ersten +Ranges“. Bemerkenswert war dabei, daß die blödsinnige Alte selbst +vollkommen an das glaubte, was sie predigte. Ja, ich vermute sogar, auch +Foma Fomitsch tat das, oder wenigstens zum Teil. Man überzeugte den +Oberst, daß Foma von Gott selbst zur Rettung seiner, des Obersten, Seele +vom Himmel herabgesandt sei, desgleichen zur Besänftigung seiner +zügellosen Leidenschaften; daß er stolz sei, mit seinem Reichtum prahle +und fähig wäre, Foma Fomitsch wegen des täglichen Brotes, das er von ihm +empfing, Vorwürfe zu machen. Mein armer Onkel glaubte bald selbst an die +Tiefe seiner sittlichen Gesunkenheit und war bereit, sich die Haare vor +Reue auszuraufen und Foma um Verzeihung zu bitten ... + +„Weißt du, Freund, ich bin selbst daran schuld,“ sagte er zuweilen einem +seiner Hausgäste, mit dem er sich gerade unterhielt, „und zwar an allem! +Man muß doppelt zartfühlend sein im Umgang mit einem Menschen, dem man +Gutes tut ... Das heißt ... was sage ich! Was Gutes tut! Was schwatze +ich da wieder! Durchaus nicht Gutes tut, sondern im Gegenteil – er ist +es, der mir Gutes tut, indem er bei mir wohnt, aber nicht umgekehrt! ... +Das heißt, ich habe ihm meines Wissens noch nie auch nur das Geringste +vorgeworfen, aber ich muß es doch wohl getan haben ... wahrscheinlich +ist mir wieder einmal so etwas entschlüpft, – mir entschlüpft oft etwas +Unüberlegtes ... Nun, und schließlich – der Mensch hat gelitten, hat +Großes vollbracht, hat zehn Jahre lang, ohne auf die Kränkungen zu +achten, seinen kranken Freund gepflegt: so etwas muß belohnt werden! Ja, +und dann die Wissenschaft ... Er ist doch Schriftsteller! Ungemein +gebildet! Ein überaus edler Mensch, mit einem Wort! ...“ + +Ja, Foma, der Gebildete und Unglückliche, der bei einem launischen und +grausamen Freunde den Narren hatte spielen müssen, erweckte in dem edlen +Herzen meines Onkels das tiefste Mitleid. Alle Seltsamkeiten Fomas, +sowie alle seine schändlichen Ausfälle dem Hausherrn gegenüber, wurden +von diesem ohne weiteres mit seinen früheren Leiden, seiner Erniedrigung +und Verbitterung entschuldigt. Er sagte sich in seiner gutmütigen, stets +nachsichtigen Seele, daß man von einem Gemarterten nicht dasselbe +verlangen könne wie von einem gewöhnlichen Menschen, daß man ihm nicht +nur alles verzeihen, sondern mit Demut seine Wunden heilen, ihn +aufrichten und mit der Menschheit wieder aussöhnen müsse. Nachdem er +sich dieses einmal zum Ziel gesetzt hatte, begeisterte er sich geradezu +für seine Aufgabe und verlor gänzlich die Fähigkeit, auch nur entfernt +zu erraten, daß sein neuer Freund ein gieriger, eigennütziger Lump war, +ein Egoist, Faulpelz und Aussauger – und weiter nichts. An das Wissen +und die Genialität Fomas glaubte er einwandlos. Ich habe noch vergessen +zu sagen, daß mein Onkel vor Worten wie „Wissenschaft“ oder „Literatur“ +eine Hochachtung empfand, die von der größten Naivität war, um so mehr, +als er selbst niemals etwas gelernt hatte. Das war nun einmal eine +seiner wirklichen und unschuldigsten Schwächen. + +„Pst! Er schreibt an seinem Werk!“ sagte er zuweilen zur Erklärung, wenn +er schon in einem Zimmer, das noch ganz fern von Foma Fomitschs +„Arbeitskabinett“ lag, nur auf den Fußspitzen zu gehen wagte. „Ich weiß +nicht, was er da eigentlich schreibt,“ fügte er mit halbwegs stolzer und +geheimnisvoller Miene hinzu; „aber sicherlich wird es, Freund, ein +solches Durcheinander sein ... Das heißt selbstverständlich, was sage +ich! – nur im guten Sinne ein Durcheinander! Für manch einen wird es ja +klar wie Tinte sein, für unsereinen aber, Bruder, sind das solche +Gedankenpurzelbäume, daß ... Ich glaube, er schreibt da von gewissen +erzeugenden Kräften – so sagt er wenigstens selbst. Es ist +wahrscheinlich etwas Politisches. Ja, ja, einmal wird sein Name einen +großen Klang haben! Dann werden auch wir beide durch ihn berühmt werden! +Das hat er mir, weißt du, selbst gesagt ...“ + +Wie ich aus sicherer Quelle weiß, hat sich mein Onkel auf Fomas Befehl +seinen prächtigen dunkelblonden Backenbart abrasieren müssen, da jener +gefunden hatte, daß er mit dem Backenbart wie ein Engländer aussehe und +folglich „wenig Vaterlandsliebe“ habe. Mit der Zeit begann Foma sich +auch in die Verwaltung des Gutes einzumischen und weise Ratschläge zu +erteilen, die, nebenbei bemerkt, fürchterlich waren. Die Bauern errieten +denn auch bald, wie es sich damit verhielt, und wer der wahre Herr auf +dem Gute war – und sie kratzten sich bedenklich hinterm Ohr. Ich habe +späterhin selbst Gelegenheit gehabt, einem Gespräch Foma Fomitschs mit +den Bauern zuzuhören. Ich will gleich gestehen, daß ich heimlich +gelauscht habe. Foma hatte oft genug gesagt, daß er gern mit einem +klugen russischen Bauern rede. Eines Tages ging er zur Tenne. Er sprach +mit den Bauern über die Feldarbeit, die Landwirtschaft – obgleich er +selbst nicht Hafer von Weizen zu unterscheiden verstand, – sprach von +den heiligen Pflichten des Bauern seinem Herrn gegenüber, berührte +darauf Themen wie Industrialismus, Elektrizität und die Erleichterung +der Arbeit – wovon er selbst natürlich kein Wort begriff, – erklärte +seinen Zuhörern, in welcher Weise die Erde sich um die Sonne drehe, um +dann schließlich, ganz gerührt von seinen eigenen Kenntnissen, auf die +Minister zu sprechen zu kommen. Ich verstand ihn. Erzählt doch Puschkin +von einem Vater, der seinem vierjährigen Söhnchen sagt, er, sein +„Papachen“, sei so „brav und tapfer, daß der Kaiser ihn ganz besonders +liebe“. Auch dieser Vater bedurfte eines Zuhörers, und wenn der Zuhörer +auch erst vier Jahre zählte ... Die Bauern aber hörten Foma stets voll +Ehrerbietung zu. + +„Aber was, Väterchen, bekommst du auch viel kaiserliches Gehalt?“ fragte +ihn plötzlich ein kleiner Alter, Archip Korotkij genannt, aus der Schar +der vor ihm stehenden Bauern, mit der unverhohlenen Absicht, etwas +Angenehmes zu fragen. Foma Fomitsch fand jedoch diese Frage zu +„familiär“. „Familiarität“ aber konnte er nicht ertragen. + +„Was geht das dich an, du Lümmel?“ antwortete er mit verächtlichem Blick +auf das arme Bäuerlein. „Was steckst du hier deine Schnauze vor – soll +ich sie etwa anspeien?“ + +Foma Fomitsch sprach nie in einem anderen Tone mit dem „verständigen +russischen Bauern“. + +„Ach, Väterchen, wir sind doch unwissende Leute,“ sagte ein anderes +Bäuerlein. „Was wissen wir viel, vielleicht bist du Major, vielleicht +Oberst, vielleicht sogar ganzer General – wir wissen ja nicht einmal, +wie man dich betiteln muß.“ + +„Lümmel!“ wiederholte bloß Foma Fomitsch, war aber doch sogleich +nachsichtiger gestimmt. „Zwischen Gehalt und Gehalt ist ein Unterschied, +Dummkopf! Manch einer ist General und erhält überhaupt nichts; denn es +ist kein Grund vorhanden, ihm etwas zu geben, weil er dem Kaiser keinen +Nutzen bringt. Ich dagegen erhielt zwanzigtausend Rubel jährlich, als +ich beim Minister angestellt war, und selbst dieses Geld nahm ich nicht; +denn ich diente um der Ehre willen und hatte außerdem eigenes genug. +Mein Gehalt aber stiftete ich für staatlichen Unterricht und für die +niedergebrannten Einwohner der Stadt Kasanj.“ + +„Dann hast du ja halb Kasanj von neuem aufgebaut?“ fragte verwundert +derselbe Bauer. + +Überhaupt kann man sagen, daß alle Bauern sich nicht wenig über Foma +Fomitsch wunderten ... + +„Nun, ja, versteht sich, auch mein Teil ist dabei ...“ sagte Foma, +gleichsam ungehalten über sich, daß er einen _solchen_ Menschen eines +_solchen_ Gesprächs gewürdigt hatte. + +Mit meinem Onkel dagegen waren seine Gespräche anderer Art. + +„Was waren Sie früher für ein Mensch?“ fragte zum Beispiel Foma, sich +nach dem opulenten Mittagsmahl im Lehnstuhl streckend – hinter dem ein +Diener stehen und mit einem frischen Lindenzweig die Fliegen sanft +fortwedeln mußte. + +„Wem glichen Sie früher, bevor ich kam? Jetzt habe ich in Ihnen einen +Funken jenes himmlischen Feuers entzündet, das seitdem in Ihrer Seele +brennt. Habe ich das himmlische Feuer in Sie hineingelegt oder nicht? +Antworten Sie: ja oder nein?“ + +Foma Fomitsch wußte, genau genommen, selbst nicht, weshalb er diese +Frage stellte. Aber das Schweigen und die gewisse Betretenheit in der +Miene meines Onkels reizten ihn sogleich. Er, der früher geduldig alles +ertragen hatte, war jetzt zu wahrem Schießpulver geworden, das bei +jedem, auch dem geringsten Widerspruch aufflammte. Da er das Schweigen +des Obersten als Beleidigung auffaßte, bestand er mit doppeltem +Eigensinn auf der Antwort. + +„Antworten Sie: brennt in Ihnen dieses Feuer oder nicht?“ + +Der arme Oberst wand sich innerlich in seiner Ratlosigkeit: er wußte +wirklich nicht, was er tun oder sagen sollte. + +„Gestatten Sie, Sie daran zu erinnern, daß ich warte,“ bemerkte Foma mit +gekränkter Stimme. + +„^Mais répondez donc^, Jegóruschka!“ mischte sich auch die Generalin mit +einem Achselzucken ein. + +„Ich frage Sie: Glimmt in Ihnen noch dieser Funke oder nicht?“ +wiederholte Foma mit nachsichtiger Herablassung und nahm einen Bonbon +aus der Bonbonnière, die immer und überall vor ihn hingesetzt wurde. Das +geschah auf Anordnung der Generalin. + +„Bei Gott, ich weiß es nicht, Foma,“ antwortete der Oberst schließlich, +Verzweiflung im Blick – „es muß doch wahrscheinlich etwas von der Art +... Nein wirklich, frag’ mich lieber nicht, sonst lüge ich noch irgend +etwas zusammen ...“ + +„Gut! So bin ich denn Ihrer Meinung nach so wertlos, daß ich nicht +einmal einer Antwort wert bin – das ist es doch, was Sie damit sagen +wollten? Nun, mag es denn so sein; mag ich also nichts bedeuten!“ + +„Aber nein doch, Foma, um Gottes willen! Wann habe ich denn so etwas +sagen wollen?“ + +„Sie haben gerade dieses und nichts anderes damit sagen wollen.“ + +„Aber ich schwöre dir, – _nein_!“ + +„Gut! Mag ich also ein Lügner sein! Mag ich also, nach Ihrer +Anschuldigung, absichtlich einen Vorwand zum Streit suchen! Mag also zu +allen anderen Beleidigungen auch diese noch hinzukommen – ich trage +alles ...“ + +„^Mais mon fils!^“ rief erschrocken die Generalin aus. + +„Aber Foma Fomitsch! Mama!“ beschwor der Oberst verzweifelt. „Bei Gott, +ich bin doch nicht daran schuld! Es ist mir vielleicht nur wieder etwas, +ohne zu wollen, entschlüpft! ... Sieh mich doch nicht so an, Foma: ich +bin ja ein ungebildeter Mensch – ich fühle ja selbst, daß ich dumm bin, +ich fühle ja selbst, daß etwas nicht stimmt ... Ich weiß es, Foma, +glaub’ mir, ich weiß alles! Du brauchst es mir ja gar nicht erst zu +sagen!“ wehrte er sich, immer verzweifelter. „Ich habe vierzig Jahre +verlebt und die ganze Zeit, bis zu dem Augenblick, da ich dich kennen +lernte, immer von mir geglaubt, daß ich ein Mensch sei ... Nun, und +alles, was daraus folgt, mit einem Wort: eben ein Mensch! ... Und ich +habe ja wirklich bis jetzt nicht gewußt, daß ich sündig bin wie nur +einer, ein Egoist erster Sorte – und so viel Schlechtes in meinem Leben +getan habe, daß man sich nur wundern kann, wie die Erde mich noch +trägt!“ + +„Ja, Sie sind allerdings ein beispielloser Egoist, das muß ich sagen!“ +bemerkte überzeugt Foma Fomitsch. + +„Aber ich begreife es ja jetzt selbst, daß ich ein Egoist bin! Nein, +Kreuzmillionen, ich muß mich bessern, und ich werde es!“ + +„Gott geb’s!“ schloß Foma Fomitsch mit einem frommen Aufseufzen und +erhob sich aus seinem Lehnstuhl, um sich zu seinem Nachmittagsschläfchen +zurückzuziehen. Foma Fomitsch pflegte jedesmal nach dem Essen zu +schlafen. + +Zum Schlusse dieses Kapitels muß ich noch einiges von meinen +persönlichen Beziehungen zu meinem Onkel sagen und vor allem erklären, +wie es kam, daß ich plötzlich Auge in Auge Foma Fomitsch gegenüberstand +und ungewollt und unverhofft in den Strudel der größten Ereignisse +hineingeriet, die sich jemals in dem gesegneten Herrenhause von +Stepantschikowo zugetragen haben. Damit beabsichtige ich diese +Einleitung zu schließen, um alsdann zur eigentlichen Erzählung +überzugehen. + +In meiner Kindheit, als ich verwaist und ohne Geld in der Welt +zurückblieb, nahm sich mein Onkel meiner an, erzog mich auf seine Kosten +und tat für mich, kurz gesagt, manches, was oft selbst ein leiblicher +Vater nicht getan hätte. Schon am ersten Tage, an dem er mich zu sich +nahm, hing ich mich mit ganzer Seele an ihn. Damals war ich zehn Jahre +alt, und ich weiß noch, daß wir bald die besten Freunde waren und +einander vorzüglich verstanden. Wir drehten beide Brummkreisel, +stibitzten beide die Nachthaube einer alten, giftigen Jungfer, mit der +wir entfernt verwandt waren. Die Nachthaube band ich übrigens an den +Schweif meines Papierdrachens und ließ sie mit diesem in die Lüfte +steigen. Darauf vergingen viele Jahre, und ich sah meinen Onkel erst in +Petersburg wieder, wohin er auf ein paar Tage gekommen war, als ich – +immer auf seine Kosten – das Gymnasium absolvierte. Während dieses +Besuches hing ich mich wieder mit der ganzen Leidenschaft der Jugend an +ihn: es war etwas Edles, Vornehmes, Aufrichtiges in seinem Charakter, +und es war vor allem seine Heiterkeit und seine unglaubliche Naivität, +die mich und jeden anderen anzogen. Nachdem ich dann mein Studium auf +der Universität beendet hatte, lebte ich eine Zeitlang in Petersburg, +ohne mit etwas beschäftigt zu sein, und war, wie so mancher Milchbart, +fest überzeugt, daß ich in allernächster Zeit ungeheuer viel +Bemerkenswertes und sogar Großes vollbringen werde. Petersburg verlassen +wollte ich noch nicht. Meinem Onkel schrieb ich nicht allzuoft, +eigentlich nur dann, wenn ich Geld brauchte, das er mir nie verweigerte. +Da geschah es, daß ich von einem Hofbauern meines Onkels, der zufällig +in Geschäften nach Petersburg gekommen war, hörte, daß bei ihnen in +Stepantschikowo wunderliche Dinge vor sich gingen. Die betreffenden +Mitteilungen setzten mich in Erstaunen und erweckten sogleich mein +Interesse. Ich begann meinem Onkel öfter zu schreiben. Er antwortete mir +immer etwas undeutlich und eigentümlich, und schien sich offenbar beim +Schreiben eines jeden Briefes krampfhaft zu bemühen, nur von der +Wissenschaft zu reden, da er von mir in Zukunft große Dinge erwartete, +und auf meine etwaigen Erfolge bereits im voraus nicht wenig stolz war. +Dann aber erhielt ich eines schönen Tages, nach längerem Schweigen, +einen Brief von ihm, der allen vorhergehenden Briefen durchaus unähnlich +war. Er setzte sich aus so seltsamen Andeutungen zusammen, aus so +wunderlichen Widersprüchen, daß ich ihn anfangs überhaupt nicht +verstand. Ich fühlte nur heraus, daß der Schreiber des Briefes sich in +großer Aufregung befunden haben mußte. Nichtsdestoweniger ging aus dem +ganzen Schreiben die Hauptsache ziemlich klar hervor: der Onkel bat mich +in allem Ernst, ja, fast flehte er mich an, sobald wie möglich die +Erzieherin seiner Kinder, die Tochter eines armen Provinzialbeamten +Jeshowikin, die in Moskau, gleichfalls auf Kosten meines Onkels, in +einer vorzüglichen Anstalt erzogen worden war, – zu heiraten. Er +schrieb, sie sei unglücklich, ich aber könnte sie glücklich machen, ganz +abgesehen davon, daß es eine großmütige Handlung meinerseits wäre. Er +rief noch den Edelmut meines Herzens an und versprach gleichzeitig, dem +jungen Mädchen eine gute Mitgift zu geben. Von der Mitgift schrieb er +übrigens sehr ängstlich, wie von einer dummen Nebensache – +wahrscheinlich in der Furcht, mich zu kränken – und schloß den Brief mit +der flehenden Bitte, tiefstes Schweigen in dieser ganzen Angelegenheit +zu wahren. + +Dieser Brief stieß mich dermaßen vor den Kopf, daß mir förmlich +schwindlig wurde. Aber auf welchen jungen Menschen, der wie ich kaum +erst von der Schule und Universität kam, würde ein solches Anerbieten +keinen tiefen Eindruck machen, und wär’s auch nur, sagen wir, von der +romanhaften Seite? Zudem hatte ich schon gehört, daß diese junge +Gouvernante – eine ganz reizende junge Dame sei. Indessen wußte ich +wirklich nicht, was ich tun sollte, wenn ich auch meinem Onkel umgehend +schrieb, daß ich mich unverzüglich nach Stepantschikowo begeben werde. +Mein Onkel hatte mir gleichzeitig mit dem Brief auch das Reisegeld +übersandt. Doch trotz alledem konnte ich mich nicht so schnell +entschließen und zögerte noch ganze drei Wochen in Petersburg. Da traf +ich plötzlich einen Freund meines Onkels, der mit ihm früher im selben +Regiment gestanden und nun auf der Rückreise aus dem Kaukasus nach +Petersburg ihn unterwegs in Stepantschikowo besucht hatte. Es war dies +ein schon älterer, sonst vernünftig denkender Mensch, doch ein +eingefleischter Junggeselle. Ganz empört erzählte er mir von Foma +Fomitsch, und dann teilte er mir noch etwas mit, wovon ich bis dahin +keine Ahnung gehabt hatte: daß Foma und die Generalin beschlossen +hätten, den Obersten mit einem äußerst seltsamen alten Mädchen, das +mindestens halbverrückt sei, eine außergewöhnliche Lebensgeschichte und +wenigstens eine halbe Million Mitgift habe, zu verkuppeln. Die Generalin +habe ihre zukünftige Schwiegertochter zu überzeugen gewußt, daß sie +verwandt seien und sie folglich bei ihnen leben müsse; der Oberst sei +natürlich verzweifelt, doch werde es aller Voraussicht nach damit enden, +daß er die halbe Million heirate; und zum Schluß fügte der Betreffende +noch hinzu, daß die beiden Diplomaten, Foma wie die Generalin, die arme, +schutzlose Erzieherin der Kinder meines Onkels entsetzlich behandelten +und sie mit aller Gewalt zum Hause hinaustreiben wollten, wahrscheinlich +in der Angst, der Oberst könnte sich in sie verlieben, oder weil er sich +vielleicht schon in sie verliebt hatte. Diese letzte Mitteilung machte +mich stutzig. Doch auf alle meine Fragen, ob der Oberst sich inzwischen +nicht tatsächlich in sie verliebt habe, konnte oder wollte er mir keine +bestimmte Antwort geben – und überhaupt sprach er ziemlich einsilbig und +ersichtlich ungern von der ganzen Angelegenheit, ja, er umging einfach +alle näheren Erklärungen. Ich wurde nachdenklich: diese neuen +Aufschlüsse widersprachen so auffallend dem Briefe meines Onkels und +seinem Vorschlag! ... Aber wozu Zeit verlieren, dachte ich. Ich +beschloß, sofort nach Stepantschikowo zu fahren, nicht nur, um meinen +Onkel zu beruhigen und zur Vernunft zu bringen, sondern auch, um ihn zu +retten, nämlich Foma vor die Tür zu setzen, zu verhindern, daß er mit +der alten Jungfer verkuppelt wurde, und dann – da mir nach reiflicher +Überlegung die Liebe meines Onkels zu der jungen Erzieherin als +entschiedenes Hirngespinst Foma Fomitschs erschien – die Unglückliche zu +beglücken, mit anderen Worten, um die Hand des interessanten jungen +Mädchens anzuhalten usw. Allmählich begeisterte ich mich immer mehr für +mein Vorhaben, so daß ich – wie das so in der Jugend zu geschehen pflegt +– aus den stärksten Bedenken alsbald in das entgegengesetzte Extrem +geriet. Mich verzehrte förmlich das Verlangen, möglichst schnell die +größten Wunder und Heldentaten zu vollbringen. Es schien mir sogar, daß +ich ungewöhnliche Großmut bekunde, mich edelmütig opfere, um ein +unschuldiges, prachtvolles Geschöpf zu beglücken, – kurz, ich war +während der ganzen Fahrt überaus zufrieden mit mir. Es war Juli; die +Sonne schien strahlend hell; ringsum sah ich, soweit nur das Auge +schweifen konnte, die unermeßliche Weite reifender Erntefelder. Ich aber +hatte so lange in Petersburg eingeschlossen gelebt, daß ich, wie mir +schien, zum erstenmal Gottes freie Welt erblickte. + + + + + II. + + Herr Bachtschejeff. + + +Ich näherte mich bereits dem Ziele meiner Reise, als ich in dem kleinen +Städtchen B., kaum zehn Werst von Stepantschikowo entfernt, an der +Schmiede in der nächsten Nähe des Schlagbaums aussteigen mußte, um den +gesprungenen Reifen des einen Vorderrades meiner kleinen Postkutsche +ausbessern zu lassen. Für die Strecke von zehn Werst, die mir noch +bevorstanden, ließ sich die Reparatur leicht machen; daher beschloß ich, +so lange daselbst bei der Schmiede zu warten und mich nicht erst in das +Städtchen zu begeben. Als ich ausstieg, bemerkte ich einen dicken Herrn, +der gleichfalls eine Ausbesserung an seinem Gefährt, einer Landequipage, +vornehmen ließ. Er stand, wie ich später erfuhr, schon seit einer Stunde +im unerträglichen Sonnenbrand, schrie, schimpfte und trieb mit der +ganzen Ungeduld eines Eigensinnigen und ewig Unzufriedenen die +Schmiedegesellen, die an seinem prächtigen Wagen arbeiteten, zur Eile +an. Ein Blick in das Gesicht dieses Herrn genügte, um in ihm den Typ +eines Brummbären zu erkennen. Er war etwa fünfundvierzig Jahre alt, +mittelgroß, sehr dick und pockennarbig. Sein Schmerbauch, das +Doppelkinn, die aufgeblasenen, hängenden Wangen zeigten anschaulich, daß +er ein bequemes Gutsherrnleben führte. Es war etwas Weibisches an ihm, +das sofort ins Auge fiel. Seine Kleider waren sehr breit zugeschnitten, +jedenfalls beengten sie ihn nicht, waren sauber und nicht billig, doch +nicht gerade allzu modisch. + +Ich weiß nicht, weshalb er sich sogleich über mich ärgerte, wozu er doch +um so weniger Veranlassung hatte, als er mich zum erstenmal im Leben sah +und noch kein Wort mit mir gesprochen hatte. Seinen Ärger aber bemerkte +ich sofort an seinem unglaublich wütenden Blick, den er auf mich +richtete, als ich kaum meinen Fuß auf die Landstraße gesetzt hatte. +Gleichwohl wollte ich ihn ungeheuer gern näher kennen lernen. Aus dem +Gespräch seiner Leute erriet ich, daß er aus Stepantschikowo kam, +wahrscheinlich also von einem Besuch bei meinem Onkel nach Hause fuhr – +so war’s denn doppelt begreiflich, daß ich ihn gern ein wenig ausgefragt +hätte, um mir von dem, was mich erwartete, ein Bild machen zu können. +Ich lüftete also den Hut und bemühte mich, möglichst liebenswürdig zu +bemerken, wie unangenehm doch solch unfreiwilliger Aufenthalt unterwegs +zu sein pflege – aber der dicke Herr maß mich nur mit einem +unzufriedenen, mürrischen Blick vom Hut bis zu den Stiefeln, brummte +darauf etwas Unverständliches in seinen Schnurrbart und drehte mir dann +behäbig seine Rückseite zu. Wenn nun auch dieser Teil seiner Person für +einen Beobachter ein sehr bemerkenswertes Objekt abgegeben hätte – eine +angenehme Unterhaltung war von ihm nicht zu erwarten. + +„Grischka! Was brummst du da wieder! Durchbleuen werde ich dich!“ schrie +er plötzlich seinen Diener an, als hätte er meine Äußerung über die +Unterbrechungen einer Reise überhaupt nicht gehört. + +Dieser „Grischka“ war ein alter Kammerdiener mit langem, grauem +Backenbart und in einem langschößigen Dienerrock. Nach einigen Anzeichen +zu urteilen, war er gleichfalls sehr schlechter Laune. Er knurrte +beständig etwas vor sich hin. So kam es denn zwischen dem Herrn und dem +Diener alsbald zu einer Auseinandersetzung. + +„Durchbleuen! Schrei nur noch mehr!“ brummte Grischka, anscheinend nur +vor sich hin – tat es aber doch so laut, daß alle es hörten – und wandte +sich unwillig weg, um sich am Wagen zu schaffen zu machen. + +„Was? Was sagst du? ‚Schrei nur noch mehr?‘ Willst du grob werden!“ +schrie der Dicke, puterrot im Gesicht. + +„Weshalb belieben der Herr über einen herzufallen? Man darf wohl kein +Wort mehr sagen?“ + +„Wieso herzufallen? Hört ihr, Leute? Selbst knurrst du die ganze Zeit, +und dann soll ich nicht einmal über dich herfallen!“ + +„Weshalb soll ich denn knurren, möcht’ ich wissen!“ + +„Weshalb! ... Als ob! ... Ich weiß ja ganz genau, weshalb du knurrst: +weil ich vom Mittagsmahl weggefahren bin, – deshalb!“ + +„Was geht das mich an! Meinethalben brauchten der Herr überhaupt nicht +zu essen! Ich knurre nicht des Essens wegen, ich habe hier nur den +Schmiedegesellen ein Wort gesagt.“ + +„Den Schmiedegesellen ... Was hast du denn für einen Grund, die +Schmiedegesellen anzuknurren?“ + +„Nu, wenn nicht sie, dann knurre ich eben die Equipage an.“ + +„Was hast du denn die Equipage anzuknurren?“ + +„So! – warum ist sie denn entzweigegangen? Hinfort hat sie zu gehorchen +und heil zu bleiben!“ + +„Die Equipage ... Nein, du hast mich angeknurrt, nicht aber die +Equipage! Selbst ist er der Schuldige, und dabei schimpft er noch auf +mich!“ + +„Was wollen denn der Herr heute von mir? Kann man mich denn nicht in +Ruhe lassen!“ + +„Weshalb hast du denn während der ganzen Fahrt wie ein Talglicht +dagesessen und kein Wort mit mir gesprochen? Sonst bist du doch nicht +stumm!“ + +„Eine Fliege war mir in den Mund geflogen, deshalb schwieg ich und saß +wie ein Talglicht, wie der Herr sagen. Soll ich denn Märchen zu erzählen +anfangen? So mögen der Herr doch die alte Malanja auf Reisen mitnehmen, +wenn der Herr Märchen zu hören liebt.“ + +Der Dicke tat wohl den Mund auf, um heftig etwas zu erwidern, fand sich +aber nicht zurecht und klappte den Mund wieder zu. Er schwieg. Der +Diener aber wandte sich, zufrieden mit seiner Dialektik und seinem vor +Zeugen bewiesenen Einfluß auf den Herrn, mit doppelter Wichtigkeit an +die Schmiedegesellen, um ihnen etwas Besonderes zu erklären. + +Mein Annäherungsversuch war also vergeblich gewesen – vielleicht nur +wegen meiner Ungeschicklichkeit – doch plötzlich half mir ein +unvorhergesehener Zufall. + +Aus einer geschlossenen Kutsche, die offenbar seit undenklichen Zeiten +ohne Räder vor der Schmiede stand und täglich, doch vergeblich ihre +Ausbesserung erwartete, blickte plötzlich durch das Türfenster ein +verschlafenes, ungewaschenes Mannsgesicht heraus, über dem die Haare +verwühlt zu Berge standen. Kaum war diese Physiognomie im Fenster der +Kutschentür erschienen, als plötzlich alle Schmiedegesellen in lautes +Gelächter ausbrachen. Die Sache war nämlich die, daß der Betreffende in +betrunkenem Zustande von den Schmiedegesellen in diese Kutsche +eingeschlossen worden war und nun als Gefangener in ihr saß. Da er +inzwischen seinen Rausch ausgeschlafen hatte, bat er nun flehentlich, +man möge ihn doch wieder in Freiheit setzen, was natürlich niemand tat. +Endlich verlangte er sein Werkzeug, das ihm jemand aus der Schmiede +bringen sollte, doch dieses anmaßende Verlangen erheiterte die Zuschauer +nur noch mehr. + +Es gibt Naturen, denen Gott weiß was alles zur größten Erheiterung +dient. Die Grimassen eines Betrunkenen, ein auf der Straße stolpernder +oder hinfallender Mensch, ein paar streitende Weiber oder Ähnliches +können bei manchen Menschen aus ganz unerklärlichen Gründen das größte +Entzücken hervorrufen. Zu diesen Naturen gehörte nun offenbar auch der +dicke Gutsbesitzer. Sein Gesicht, das noch vor wenigen Minuten wütend +gewesen war, wurde jetzt immer freundlicher, bis schließlich das letzte +Wölkchen seines Ärgers daraus verschwand. + +„Aber das ist ja doch Wassiljeff?“ fragte er plötzlich sehr +interessiert. „Wie ist er denn dorthin geraten?“ + +„Jawohl, Wassiljeff, Herr! Wassiljeff!“ rief man lachend von allen +Seiten. + +„Er hat wieder blauen Montag gemacht,“ sagte einer der Schmiedegesellen, +ein älterer, langer, hagerer Mann mit pedantischem Gesichtsausdruck und +dem offenbaren Bestreben, der erste unter seinen Genossen zu sein. „Er +ist vor drei Tagen von seinem Herrn fortgegangen, ist uns auf den Hals +gekommen und versteckt sich nun hier. Jetzt will er sein Stemmeisen +haben. – Was willst du denn jetzt mit dem Stemmeisen anfangen, du +Dummkopf! Willst wahrscheinlich noch dein letztes Werkzeug versetzen!“ + +„Ach, du, Archipuschka! Geld ist – wie Tauben: es kommt angeflogen und +fliegt wieder weg! Laß mich doch um des himmlischen Vaters willen wieder +heraus!“ bat Wassiljeff mit hohler, unsicherer Stimme, den Kopf zum +Kutschenfenster hinaussteckend. + +„Sitz jetzt, hast es verdient, wenn du hineingekommen bist!“ sagte +Archip unerbittlich. „Seit drei Tagen bist du ja überhaupt kein Mensch +mehr! Heute morgen hat man dich noch in aller Herrgottsfrühe von der +Straße aufgelesen und hergeschleppt. Dank dem Schöpfer, daß wir dich +versteckt haben. Und deinem Matwei Iljitsch sagten wir, du seist +erkrankt: man habe bei dir Anzeichen von schleichendem Faulfieber +entdeckt ...“ + +Alles lachte. + +„Aber wo ist denn mein Stemmeisen?“ + +„Bei unserem Handlanger, – wo soll es denn sein! ... Das ist ein echter +Saufbruder, Herr, dieser Wassiljeff.“ + +„He–he–he! So ein Schuft! Also das ist deine Arbeit in der Stadt: dein +Werkzeug versetzen!“ rief der Dicke vollkommen zufrieden, in der +angenehmsten Gemütsverfassung aus, und sein Schmerbauch schaukelte zu +seinem gemächlichen Lachen. + +„Und dabei ist der Kerl ein Tischler, wie man in ganz Moskau keinen +findet! Aber da sieh nun einer, wie der Schuft sich aufführt!“ Mit +diesen Worten wandte sich der Dicke plötzlich und ganz unerwarteterweise +an mich. „Laß ihn heraus, Archip, vielleicht hat er irgend etwas nötig.“ + +Da der Herr es gesagt hatte, gehorchte man. Der Nagel, mit dem sie die +Kutschentür unten zugenagelt hatten, – eigentlich nur um über Wassiljeff +lachen zu können, wenn er wieder aufwachte – wurde herausgezogen, und +Wassiljeff erschien zerlumpt, beschmutzt und nur halb ausgeschlafen im +freien Sonnenlicht. + +Er blinzelte, nieste und wankte auf den Beinen; dann legte er die Hand +als Schirm über die Augen und sah sich die Umgebung an. + +„Wieviel Volk ... wieviel Volk!“ sagte er kopfschüttelnd. „Und alle ... +wie man sieht ... nü–üchtern,“ sagte er langsam, wie in traurigen +Gedanken, geradezu vorwurfsvoll zu sich selbst. „Nun, guten Morgen, +Freunde, zum anbrechenden Tage.“ + +Wieder lachten alle. + +„Zum anbrechenden Tage! Mach doch die Augen auf und sieh, wieviel vom +anbrechenden Tage noch übrig ist, du dummer Mensch!“ + +„Lüg nur, Jemelja, – jetzt ist’s deine Woche.“ + +„He–he–he! Der Junge ist wirklich nicht übel!“ meinte der Dicke lachend, +wieder mit einem freundlichen Blick auf mich. „Aber schämst du dich denn +nicht, Wassiljeff?“ + +„Ach, Herr, es ist doch nur aus Kummer!“ sagte Wassiljeff, schlug +abwinkend mit der Hand zur Seite und war offenbar froh darüber, noch +einmal von seinem Kummer reden zu können. + +„Was ist denn das für ein Kummer, Esel?“ + +„Das ist nun so einer, wie man ihn bisher noch nie gesehen hat: man +überschreibt uns auf Foma Fomitsch.“ + +„Auf – wen? Was? Wann?“ schrie der Dicke, im Augenblick außer sich +geratend. + +Ich trat gleichfalls einen Schritt vor: die Sache ging plötzlich auch +mich etwas an. + +„Jawohl, ganz Kapitonowka. Unser Herr, der Oberst – Gott erhalte ihn! – +will ganz Kapitonowka, sein väterliches Erbgut, dem Foma Fomitsch +opfern, ganze siebzig Seelen. ‚Da hast du es,‘ sagte er, ‚Foma! Sieh, +jetzt gehört dir ja so gut wie nichts; du bist kein großer Gutsbesitzer: +im ganzen arbeiten für dich zwei Stinten im Ladogasee – das ist alles, +was dir dein Verstorbener Vater an Besitz hinterlassen hat; denn dein +Vater war,‘“ fuhr Wassiljeff mit einem gewissen boshaften Vergnügen +fort, als wolle er auf jedes Wort, das sich auf Foma Fomitsch bezog, +gewissermaßen noch Pfeffer streuen; „‚denn dein Vater war ein Mann von +altem Adel, unbekannt woher, unbekannt wer; und ebenso wie du hat er bei +Herren das Gnadenbrot gegessen und hat sich dank ihrer Barmherzigkeit in +den Küchen aufhalten dürfen. Nun aber, wenn ich dir Kapitonowka schenke, +wirst auch du ein Gutsbesitzer sein, ein alter Adliger, und du wirst +deine eigenen Leute haben, kannst selbst auf dem Ofen liegen, ein +adliges Leben führen‘ ...“ + +Doch der Dicke hörte nicht mehr zu. Der Eindruck, den diese Erzählung +des halbbetrunkenen Wassiljeff auf ihn machte, war unbeschreiblich: er +war dermaßen empört und aufgeregt, daß sein Gesicht blaurot wurde. Sein +Doppelkinn zitterte, seine Augen waren blutunterlaufen. Ich fürchtete +schon, daß ihn der Schlag rühren werde. + +„Das fehlte noch!!“ stieß er atemlos hervor. „Dieser Foma als +Gutsbesitzer!! Pfui! Hol euch der Satan! He, ihr da! Schneller! Macht, +daß ihr fertig werdet! Nach Haus!“ + +„Gestatten Sie mir eine Frage,“ begann ich und trat etwas unsicher einen +Schritt vor, „Sie nannten soeben den Namen Foma Fomitsch; ich glaube, +sein Familienname ist, wenn ich mich nicht täusche – Opiskin. Ich würde +gern ... mit einem Wort, ich habe besondere Gründe, mich für diese +Persönlichkeit zu interessieren, und würde daher gern wissen wollen, +inwieweit man den Worten dieses Menschen da“ – ich wies auf Wassiljeff – +„trauen kann, daß sein Gutsherr Jegor Iljitsch Rostaneff eines seiner +kleineren Güter Foma Fomitsch schenken will. Das interessiert mich sehr, +und ich ...“ + +„Aber gestatten Sie zuerst, daß ich Sie frage,“ unterbrach mich der +Dicke, „von welcher Seite Sie sich für diese Persönlichkeit, wie Sie +sagen, interessieren; denn meiner Ansicht nach müßte man ihn einen +gottverfluchten Schurken nennen, aber nicht Persönlichkeit! Was kann +denn dieser Grindkopf überhaupt für eine ‚Persönlichkeit‘ sein! Nichts +als Schmach und Schande ist der ganze Kerl, aber nicht eine +‚Persönlichkeit‘!“ + +Ich erklärte ihm hierauf, daß ich mich bezüglich seiner Person vorläufig +noch in völliger Ungewißheit befände, daß aber Jegor Iljitsch Rostaneff +mein Onkel sei und ich – Ssergei Alexandrowitsch soundso heiße und sei. + +„Was! Dann sind Sie also dieser Gelehrte aus Petersburg? Gott im Himmel, +man erwartet Sie ja dort sehnsüchtig!“ rief der Dicke in unbegreiflicher +Freude aus. „Ich komme ja doch soeben selbst aus Stepantschikowo, stand +vom Mittagstisch auf und fuhr weg, gleich vom Pudding weg! Konnte nicht +länger mit Foma an einem Tisch sitzen! Habe mich dort wegen dieses +verfluchten Fomka mit allen herumgeschimpft und -gestritten! ... Doch +das nenne ich mir mal eine Begegnung! Aber Sie, wissen Sie, Sie müssen +mich schon entschuldigen. Ich bin Stepan Alexeïtsch Bachtschejeff und +erinnere mich Ihrer, als Sie noch so ’n Stöpselchen waren ... Nun, wer +hätte das gedacht! ... Aber so woll’n wir uns doch gleich ...“ + +Und der Dicke küßte mich ab. + +Nach den ersten etwas erregten Minuten der neuen Bekanntschaft benutzte +ich die günstige Gelegenheit, um ihn auszufragen. + +„Aber wer ist denn dieser Foma nun eigentlich?“ fragte ich. „Wie hat er +denn dort das ganze Haus erobern können? Warum jagt man ihn denn nicht +mit der Peitsche hinaus? Ich muß gestehen ...“ + +„_Wen? – ihn?_ hinausjagen? Sie sind wohl ganz ...? Jegor Iljitsch wagt +ja doch kaum auf den Fußspitzen zu gehen, wenn Foma in der Nähe ist! Und +einmal befahl Foma, daß es statt Donnerstag Mittwoch sein solle: und so +haben sie denn dort alle bis auf den Letzten den Donnerstag für Mittwoch +halten müssen. ‚Ich will nicht,‘ sagte er, ‚daß heute Donnerstag ist; +ich will, daß heute Mittwoch ist!‘ Auf diese Weise hatten sie dann in +einer Woche zweimal Mittwoch und keinen Donnerstag. Sie glauben +vielleicht, daß ich aufschneide? Nicht _so viel_ habe ich +aufgeschnitten! Es ist einfach, um Reißaus zu nehmen!“ + +„Ich habe so manches gehört, aber ich muß gestehen ...“ + +„Ach Gott! Gestehen und gestehen, etwas anderes hört man von Ihnen +nicht! Was gestehen Sie denn ewig? Fragen Sie mich doch rundweg, was Sie +fragen wollen! ... Und Jegor Iljitschs Mamachen, na ja, Sie wissen +schon, – ist ja sonst eine ganz würdige alte Dame, obendrein auch noch +Generalin – ich aber kann nur sagen, daß ich sie total verrückt finde: +sie wagt ja den Fomka, den Räuber, nicht einmal anzu_hauchen_! Und +schließlich ist sie allein an allem schuld: sie hat ihn doch ins Haus +gebracht! Er scheint sie vollkommen behext zu haben. _Dumm_ geworden ist +sie, wenn sie sich jetzt auch Exzellenz nennt ... Hat sie sich doch mit +nahe fünfzig Jahren dem alten Krachotkin an den Hals geworfen! Von der +Schwester Jegor Iljitschs, der Praskowja Iljinitschna, die schon das +vierzigste Jahr als Mädchen dasitzt, will ich überhaupt nicht reden. Von +der hört man nur ach und weh, wie von einer Henne, die ein Ei legen will +– hab’s satt – na! Das einzige, was noch an ihr ist – ist, daß sie zum +weiblichen Geschlecht gehört, das ist aber auch alles: jetzt acht’ einer +sie dafür! – nur eben, weil sie Dame ist! Pfui! Aber was red’ ich da, +das ist ja doch unanständig von mir: sie ist ja Ihre Tante. Nur die +Alexandra Jegorowna, Ssaschenjka – die Tochter des Obersten, – ist ja +noch ’n kleines Mädel, erst sechzehn Lenze, ist aber klüger als alle die +anderen zusammengenommen: die verachtet den Fomka, wie es sich gehört! +War sogar spaßig zu beobachten. Ein nettes, liebes Fräuleinchen, nja, +nichts zu sagen ... Weswegen, sagen Sie doch selbst, soll man ihn denn +achten? Er hat doch, dieser Fomka, beim verstorbenen General Krachotkin +als Narr das Gnadenbrot gefressen! Er hat ja doch, wenn jener befahl, +alle Tiere nachahmen müssen! Das ist ja – ‚früher hat Wanjka Erde +gegraben, heute will Wanjka den Marschallstab haben!‘ Jetzt behandelt +der Oberst, Ihr Onkel, diesen Narren a. D. wie seinen leiblichen Vater, +setzt ihn unter Glas womöglich, macht noch Bücklinge vor diesem +Schmarotzer, – oh, pfui!“ + +„Nun ... Armut ist doch keine Schande ... und ... ich muß gestehen ... +Erlauben Sie, daß ich frage: ist er schön, klug?“ + +„Wer das? – Foma? ... Wie ein Bild! Wunderbar schön!“ antwortete +Bachtschejeff mit einem ganz eigentümlichen Zittern in der Stimme, das +deutlich seine Wut verriet. Meine Fragen reizten ihn offenbar, und er +sah mich etwas mißtrauisch von der Seite an. „Schön? Hört doch, der hat +jetzt einen Schönen entdeckt! Großer Gott, er ähnelt ja allen Tieren, +wenn du nun einmal alles wissen willst! Ich würde ja nichts sagen, wenn +er noch wenigstens geistreich wäre, wenn der Schuft es mit Geist und +Verstand machen würde, – nun, dann würde ich’s noch hinnehmen, den +Schmerz verbeißen, um des Geistes willen, ... Aber er hat ja überhaupt +keinen! Ich kann nur sagen, er hat ihnen allen einen Trank zu trinken +gegeben und ist einfach irgend so ein Schwarzkünstler. Pfui! ... Meine +Zunge ist matt. Man kann nur einfach zur Seite speien und weggehen. Und +schweigen. Sie haben mich mit Ihrem Gespräch nur wieder in Wut gebracht! +He, ihr da! Seid ihr endlich fertig?“ + +„Der Schwarze muß noch neu beschlagen werden,“ brummte Grigorij +mürrisch. + +„Der Schwarze ... Ich werde dir zeigen, was ein Schwarzer ist! ... Ja, +mein Bester, ich kann Ihnen Dinge erzählen, Dinge, sag’ ich Ihnen, daß +Sie nur so den Mund aufsperren und bis zur Wiederkunft des Herrn mit +offenem Munde stehen bleiben. Ich habe ihn doch anfangs gleichfalls +geachtet! Was glauben Sie? Jetzt tue ich Buße und schwöre öffentlich: +ich war ein Esel! Er hatte ja auch mich beschwindelt. Der Kerl wußte +alles! Jedes letzte Tüttelchen wußte er, alle Wissenschaften hatte er im +Kopf! Tropfen gab er mir: ich bin ja doch, Väterchen, ein kranker +Mensch. Sie glauben es mir vielleicht nicht, aber ich bin wirklich +krank, – wovon bin ich denn so dick? Nun, damals aber, von seinen +Tropfen, wäre ich fast kopfüber in die Grube gefahren. Schweigen Sie nur +und hören Sie zu: wenn Sie hinkommen, werden Sie mit eigenen Augen +sehen. Er wird ja dem Obersten noch blutige Tränen herauspressen, +jawohl! – blutige Tränen wird der Oberst weinen, aber dann wird es zu +spät sein! Hat doch schon die ganze Umgegend wegen dieses vermaledeiten +Fomka den Verkehr mit ihm abgebrochen! Beleidigt doch der Kerl +ungestraft einen jeden, der über die Schwelle tritt! Von mir ganz zu +schweigen: selbst die größten Potentaten würde er nicht verschonen. +Einem jeden hält er seine Predigt; denn er hat sich jetzt auf die Moral +gelegt, der Spitzbube! ‚Ich bin ein Weiser, ich bin der Klügste von +allen, auf mich allein hast du zu hören!‘ Das sind so seine Worte. ‚Ich +bin gelehrt,‘ und damit basta! Was geht das mich an, ob er gelehrt ist +oder nicht! Also bloß weil man gelehrt ist, muß man den Ungelehrten +unbedingt auspressen? ... Und wenn er dann einmal loslegt mit seiner +Gelehrsamkeit, dann hat es keinen Anfang und kein Ende, nur ta-ta-ta, +ta-ta-ta, ta-ta-ta schlägt ins Ohr. Das heißt, er hat eine solche Zunge, +sag’ ich Ihnen, daß sie selbst dann, wenn man sie abschneiden und hinaus +auf den Misthaufen werfen würde, – selbst dann würde sie noch endlos +weitertattern wie eine Nähmaschine ... Jetzt nimmt er sich viel heraus, +jetzt ist er wichtig wie eine Maus in der Grütze! Jetzt will er schon +dorthin kriechen, wohin nicht einmal sein Kopf durchkriechen kann. Aber +was soll man da reden! Ist es ihm doch jetzt eingefallen, das ganze +Hofgesinde französische Vokabeln lernen zu lassen! Wenn Sie nicht +wollen, brauchen Sie es mir ja nicht zu glauben. Das bringe ihnen, sagt +er, großen Nutzen! Dem Landbauer also, dem Knecht! Pfui! So ein +verfluchter Schandkerl! – mehr ist er wirklich nicht. Wozu braucht ein +Leibeigener Französisch, was fängt er damit an? – ich bitt’ Sie! Und +selbst wir, wozu braucht denn unsereiner Französisch, frage ich Sie +bloß? Um jungen Damen bei der Mazurka den Kopf zu verdrehen und fremde +Frauen zu verführen! Luxus, Luxus, und nichts weiter!! Meiner Meinung +nach – trink eine Flasche Branntwein aus, und du sprichst von selbst +alle Sprachen. Das ist alles, was ich an Hochachtung für die +französische Sprache übrig habe. Na, auch Sie werden ja wohl gut +französisch plappern, tatata, tatata, patati und patata!“ Bachtschejeff +sah mich mit verachtendem Unwillen von der Seite an. „Sie, mein Lieber, +sind doch auch ein Gelehrter – wie? Haben sich doch auch auf die +Gelehrsamkeit gelegt?“ + +„Ja ... ich ... zum Teil interessiere ich mich ...“ + +„Da haben Sie denn vielleicht auch schon alle Wissenschaften in sich +aufgenommen?“ + +„Ja ... das heißt, nein ... Ich muß gestehen, daß ich jetzt mehr für das +Beobachten bin. Ich habe so lange in Petersburg gesessen und beeile mich +nun, zu meinem Onkel zu kommen ...“ + +„Wer hat Sie denn darum gebeten? Wären Sie doch dort bei sich sitzen +geblieben, wenn Sie etwas hatten, wo Sie sitzen konnten. Nein, mein +Bester, hier, das sage ich Ihnen, werden Sie mit Gelehrsamkeit wenig +ausrichten, und da wird Ihnen kein Onkel helfen – da haben Sie sogleich +den Fangriemen um den Hals. Ich habe bei ihm an einem einzigen Tage +bedeutend abgenommen. Jawohl! – Werden Sie es mir glauben, daß ich dort +in vierundzwanzig Stunden magerer geworden bin? Nein, ich sehe schon, +Sie glauben es mir nicht. Nun, dann, meinetwegen, Gott mit Ihnen, dann +glauben Sie es eben nicht.“ + +„Aber wieso, ich glaube es Ihnen durchaus! Nur ist mir einiges noch +etwas unverständlich ...“ beeilte ich mich zu versichern, geriet aber +wieder in Verwirrung. + +„Kennt man, dieses Glauben ... aber ich glaube _Ihnen_ nicht! Alle seid +ihr Springer – soviel es nur Gelehrte gibt. Ihr würdet am liebsten jeder +auf einem Bein hopsen und euch bewundern lassen! Nein, mein Bester, +diese Wissenschaften sind nicht mein Fall, ich kann sie nicht verdauen. +Hab’ mich mit euch Petersburgern genug gerieben – unnützes Volk. Alles +Freimaurer. Verbreiten nur Unglauben. Selbst ein Gläschen Branntwein hat +er Angst auszutrinken, so’n Gelehrter, ganz als fürchtete er, daß es ihn +beißen könnte – pfui! Nein, mein Bester, Sie haben mich jetzt geärgert, +will mit Ihnen gar nicht mehr weiter sprechen. Und ich bin doch auch +wirklich nicht dazu da, um hier Geschichten zu erzählen. Meine Zunge ist +ohnehin schon müde. Alle, Väterchen, kann man ja doch nicht +ausschimpfen, und es wäre auch Sünde ... Nun hat er bei Ihrem Onkel den +Diener Widopljässoff buchstäblich um den Verstand gebracht, dein großer +Gelehrter da! Jawohl, nur dank Foma Fomitsch ist Widopljässoff +übergeschnappt ...“ + +„Ich aber würde den Widopljässoff,“ mischte sich plötzlich Grigorij ein, +der bis dahin würdevoll und stumm unsere Unterhaltung verfolgt hatte, +„ich aber würde diesen Widopljässoff unter den Ruten überhaupt nicht +mehr aufstehen lassen! Käme er mir nur zwischen die Finger, so würde ich +ihm diese deutschen Albernheiten ein für allemal ausbläuen! Würde ihm so +viele aufzählen, daß er mit den Zahlen zu kurz käme!“ + +„Schweig!“ schrie ihn sein Herr an. „Halt deine Zunge hinter den Zähnen +fest, nicht mit dir wird gesprochen!“ + +„Widopljässoff ...“ stotterte ich, nun ganz aus der Fassung gebracht – +wenn ich nur gewußt hätte, was ich sagen sollte! „Widopljässoff ... +sagen Sie doch, welch ein sonderbarer Name ...“ + +„Weshalb denn sonderbar? Da stimmen auch Sie dasselbe Lied an! Ach, Sie! +Gelehrt natürlich, gelehrt!“ + +Doch jetzt riß meine Geduld. + +„Entschuldigen Sie,“ sagte ich, „weshalb ärgern Sie sich denn über mich? +Was habe ich denn mit all dem zu tun? Ich höre Ihnen nun schon seit +einer halben Stunde zu und begreife nicht einmal, um was es sich handelt +...“ + +„Ja, aber weshalb ärgern Sie sich denn, mein Gutester?“ fragte der Dicke +naiv. „Es ist doch nichts, was Sie kränken könnte! Ich habe doch in +aller Liebe zu dir gesprochen, mein Lieber ... Beachten Sie es weiter +nicht, daß ich ein solcher Schreihals bin und soeben noch meinen Diener +angeschnauzt habe. Wenn er auch eine notorische Kanaille ist, mein +Grischka, so liebe ich ihn ja doch gerade deswegen, den Schuft. Meine +Herzensempfindsamkeit allein hat mich ins Unglück gebracht – ganz offen +und ehrlich gesagt. Aber an dieser ganzen Geschichte ist doch nur Fomka +schuld! Der bringt mich noch ins Grab, darauf kann ich schwören, der +kriegt’s fertig! Dank seiner Gnaden muß ich hier die zweite Stunde in +der Sonne braten. Wollte zuerst beim Oberpopen vorsprechen, solange wie +diese Duselköpfe hier den Schaden wieder ausbessern. Ein guter Mensch, +dieser Oberpope. Aber der Fomka hat mich dermaßen geärgert, daß ich auch +den Oberpopen nicht mehr sehen wollte! Na, und überhaupt! Hier aber gibt +es ja nicht einmal ein anständiges Frühstückslokal ... Alle sind +Schufte, das sage ich Ihnen, alle bis auf den Letzten! ... Ich würde ja +nichts sagen, wenn er ein großes Tier wäre,“ fuhr Herr Bachtschejeff +fort, sich wieder dem Thema Foma Fomitsch zuwendend, von dem er sich +offenbar nicht zu trennen vermochte, „dann würde es noch mit dem Titel, +den er führte, halbwegs zu erklären sein; aber so! Er hat ja überhaupt +keinen Rang, ich weiß es tödlich sicher, daß er nicht den geringsten +Titel hat! Für Recht und Wahrheit, sagt er, soll er dort irgendwo +‚gelitten‘ haben, vor Olims Zeiten vielleicht: und so knie jetzt dafür +gefälligst vor ihm nieder! Der Teufel ist doch nicht unser Bruder! Ist +ihm nur etwas nicht ganz nach der Nase, so springt er auf, schreit: ‚Man +beleidigt mich, patati! – weil ich arm bin, patata! – man hat keine +Ehrfurcht vor mir!‘ Ohne Foma darfst du dich nicht an den Tisch setzen, +er aber sitzt in seinem Zimmer und kommt nicht; denn ‚man hat mich +beleidigt, ich bin ein Gottespilger, kann mich auch von schwarzem Brote +nähren.‘ Kaum aber hat man sich zu Tisch gesetzt, da erscheint er +wieder, und da fängt das Lied von neuem an: ‚Weshalb hat man sich ohne +mich zu Tisch gesetzt? Also so gering achtet man mich!‘ Kurz – dieselbe +Tonart! Ich, wissen Sie, ich habe lange geschwiegen. Er glaubte, daß +auch ich wie ein dressiertes Hündchen auf den Hinterbeinen apportieren +würde. Jawohl ja! Das fehlte noch! Nein, mein Lieber, spring du mal +selbst auf den Kutschersitz, ich werde mich in den Wagen setzen! Ich bin +doch Jegor Iljitschs Regimentskamerad! Ich trat als Junker aus, er aber +kam vor einem Jahr als Oberst a. D. auf mein Stammgut und stattete mir +seinen Besuch ab. Da sagte ich ihm gleich: ‚He, mein Bester, verwöhnen +Sie den Foma nicht so sehr, Sie wissen nicht, was Sie tun, Sie werden es +noch bereuen!‘ Er aber sagte: ‚Nein, er ist ein überaus guter Mensch‘ – +das sagt er von Fomka! – ‚er ist mein Freund, er unterrichtet mich jetzt +in der Moral.‘ Na, dachte ich da bei mir, gegen die Moral ist nichts zu +machen! Wenn er bereits bei dieser angelangt ist, dann gib die letzte +Hoffnung auf! Was glauben Sie wohl, weshalb er es heute zu dem Skandal +gebracht hat? Morgen, an Sankt-Elias-Tag (Herr Bachtschejeff bekreuzte +sich) ist Iljuschas, des kleinen Iljuschas Namensfest. Ich hatte +eigentlich die Absicht, auch diesen Tag bei ihnen zu verbringen, zum +Essen zu bleiben, und verschrieb mir aus der Residenz ein Spielzeug: ein +Deutscher auf Sprungfedern küßt seiner Braut die Hand, und diese wischt +sich mit dem Schnupftuch eine Träne ab – ein großartiges Ding! Jetzt +aber werde ich es nicht mehr schenken, prost Mahlzeit! Sehen Sie, da +liegt das Ding in meinem Wagen, dem Deutschen ist schon die Nase +abgeschlagen. Bring’s zurück. Jegor Iljitsch feiert bei solcher +Gelegenheit ganz gern ein Fest, nun aber kommt der Fomka dazwischen und +verpfuscht ihm das Vergnügen. ‚Weshalb beschäftigt man sich denn jetzt +mit Iljuscha so sehr? Man will wohl mich von nun an überhaupt nicht mehr +beachten?‘ Nun, was sagen Sie dazu? Wie gefällt er Ihnen? Beneidet einen +achtjährigen Knaben wegen dessen Namenstag! ‚Aber nein,‘ sagte er, ‚ich +habe morgen gleichfalls meinen Namenstag!‘ Aber morgen ist doch Ilja und +nicht Foma! ‚Nein,‘ sagt er, ‚ich feiere morgen gleichfalls meinen +Namenstag!‘ Ich schweige, sage kein Wort, dulde stumm. Und was glauben +Sie? Jetzt schleichen sie dort alle auf den Zehenspitzen umher und +beraten sich tuschelnd, was sie nun tun sollen! Sollen sie ihm nun +morgen, am Eliastage, zum Namensfest gratulieren oder sollen sie ihm +nicht gratulieren? – Unterlassen sie es, so kann er sich wieder +beleidigt fühlen – gratulieren sie ihm aber, so kann er sie alle +verspotten. Pfui! Da setzten wir uns nun zu Tisch ... Aber du, mein +Bester, hörst du mir denn überhaupt zu?“ + +„Aber gewiß! – sogar mit besonderem Vergnügen; denn durch Sie erst +erfahre ich jetzt ... und ... ich gestehe ...“ + +„Jawohl, mit besonderem Vergnügen, das kennt man! Dieses Vergnügen ... +Oder soll das etwa Ironie sein?“ + +„Aber ich bitte Sie, aus welchem Grunde denn Ironie? Ganz im Gegenteil. +Und zudem ... drücken Sie sich so originell aus, daß ich schon bei mir +beschlossen habe, Ihre Worte niederzuschreiben.“ + +„Was ... was heißt das, Väterchen, wieso niederzuschreiben?“ fragte Herr +Bachtschejeff mit einem gelinden Schrecken im Gesicht und blickte mich +mißtrauisch an. + +„Übrigens, ich werde sie vielleicht auch nicht niederschreiben ... ich +sagte es nur so ...“ + +„Du willst mich doch sicherlich irgendwie ausnutzen?“ + +„Wie meinen Sie das? Ich verstehe Sie nicht,“ sagte ich verwundert. + +„Ja so. Ich erzähle dir jetzt alles wie ein gutmütiger Esel, und du +schilderst mich dann plötzlich in irgendeinem Buch.“ + +Ich beeilte mich sogleich, Herrn Bachtschejeff zu versichern, daß ich +nicht zu jenen Schriftstellern gehöre – er aber sah mich immer noch +mißtrauisch an. + +„Jawohl ja – nicht zu jenen! Wer kennt dich denn! Vielleicht bist du +noch toller als jene. Da hat mir nun auch Fomka gedroht, mich zu +beschreiben und das Geschriebene drucken zu lassen.“ + +„Gestatten Sie mir eine Frage,“ unterbrach ich ihn, da ich dem Gespräch +eine andere Wendung geben wollte. „Sagen Sie, bitte, ist es wahr, daß +mein Onkel heiraten will?“ + +„Was wäre denn dabei, wenn er’s will? Das wäre ja weiter noch nicht +schlimm. Mag der Mensch doch heiraten, wenn es ihm so nahe geht! ... +Schlimm aber ist das andere ...“ fügte Herr Bachtschejeff nachdenklich +hinzu. „Hm! Aber hierüber, mein Bester, kann ich Ihnen keine bestimmte +Auskunft geben. Es haben sich dort jetzt viel Weibsbilder versammelt, +wie die Fliegen um den Honig; da wird kein Teufel daraus klug, wer von +ihnen nun heiraten will, und wer nicht. Ich werde Ihnen, mein Lieber, in +aller Freundschaft nur eines sagen: ich mag die ganze Weiberbande nicht! +Das einzige ist noch, daß sie Menschen sind; aber sonst, auf Ehrenwort, +ist es doch nichts als eine Schande mit den Weibern und kommt dem Heil +unserer Seelen nicht zustatten. Daß aber Ihr Onkel verliebt ist wie ein +sibirischer Kater, dessen kann ich Sie versichern. Aber auch darüber +will ich jetzt schweigen, Sie werden es ja selbst sehen ... Dumm ist +nur, daß er die Sache aufschiebt. Willst du heiraten, so heirate! Er +aber fürchtet sich, es Fomka zu sagen, und fürchtet auch die Alte: die +würde sofort für sieben losschreien und würde noch mit den Hinterbeinen +ausschlagen. Die Alte steht natürlich auf Fomkas Seite; denn sieh, es +würde Foma Fomitsch betrüben, wenn eine junge Herrin ins Haus käme, +sintemal er dann keine Stunde mehr daselbst verweilen könnte. Die +Hausfrau würde ihn womöglich eigenhändig am Kragen fassen und +hinauswerfen, und wenn sie klug ist, auf eine solche Weise, daß er +später schwerlich hier irgendwo eine Unterkunft auch nur als +Schreiberlein finden würde. Deshalb intrigiert er ja auch jetzt zusammen +mit der Alten, um ihn zu verkuppeln mit dieser ... Aber du, mein +Gutester, warum hast du mich denn unterbrochen? Ich wollte dir vorhin +gerade das Wichtigste erzählen, du aber unterbrachst mich! Ich bin älter +als du, einen Älteren unterbrechen, das soll man nicht ...“ + +Ich machte meine Entschuldigung. + +„Wozu entschuldigst du dich! Aber ich wollte dir, mein Lieber, als einem +Gelehrten zur Entscheidung unterbreiten, wie er mich heute beleidigt +hat. Nun, denk und sage selbst, wenn du ein guter Mensch bist. Wir +setzten uns also zu Tisch: da hat er mich, sag’ ich dir, fast +aufgefressen, der Verfluchte, während der Mahlzeit. Ich sah es ihm von +vornherein an, was in ihm vorging: er sitzt und ärgert sich, daß seine +ganze Seele knirscht. Würde mich auch in einem Löffel voll Wasser mit +Freuden ersäufen, diese Giftblase! Dieser Mensch hat eine solche +Eigenliebe, daß er sie kaum noch in sich selbst unterbringen kann! Und +da fiel es ihm denn ein, auch mich zu schikanieren, wollte auch mir +Moral beibringen. Weshalb – bitte, antworten Sie ihm darauf! – weshalb +ich so dick sei?! Und das war nun sein Steckenpferd: weshalb bin ich +nicht dünn, sondern dick! Nun, sagen Sie doch selbst, mein Lieber, was +ist denn das für eine Frage? Ist denn das geistreich? Ich antworte ihm +also: ‚Das hat Gott der Herr schon so eingerichtet: der eine ist dünn, +der andere dick; gegen die allweise Vorsehung kann ein Sterblicher sich +nicht auflehnen.‘ Das war doch ganz vernünftig geantwortet – finden Sie +nicht? ‚Nun,‘ sagt er, ‚du hast fünfhundert Seelen, lebst von den +Zinsen, bringst aber dem Vaterlande keinen Nutzen: dienen muß man, du +aber sitzt zu Hause und spielst auf dem Harmonium.‘ Das ist nun wahr, +ich spiele gern, wenn mir mal so traurig zumute ist, auf meinem +Harmonium. Ich also antworte ihm wieder ganz vernünftig: ‚In welchen +Dienst soll ich denn eintreten, Foma Fomitsch? In welch eine Uniform +soll ich mich dicken Menschen denn hineinzwängen? Ziehe ich eine an – +mit genauer Not geht’s vielleicht –, so ist es doch nicht +ausgeschlossen, daß ich plötzlich niese und alle Knöpfe abspringen, was +in Gegenwart der höchsten Vorgesetzten geschehen kann, und wenn man dann +– Gott behüte! – das Unglück nur fürs eine Farce hält, was dann?‘ Nun, +sagen Sie doch, mein Gutester, was habe ich denn damit Lachhaftes +gesagt? Aber nein, er muß lachen, auf meine Kosten, versteht sich, und +das Gekicher hört gar nicht mehr auf, hahaha und hihihi ... Schamgefühl +hat er überhaupt nicht, das sage ich Ihnen, und da fiel es ihm noch ein, +mich auf französisch zu beschimpfen: ‚Cochon,‘ sagte er. Na, was Cochon +heißt, weiß auch ich. Wart, du verfluchter Schwarzkünstler, denke ich, +du glaubst wohl, daß du in mir einen dummen Jungen vor dir hast? Ich +schwieg aber, litt wortlos und schwieg, – dann aber hielt ich es nicht +mehr aus, stand auf und sagte ihm in Gegenwart der ganzen Versammlung +ins Gesicht: ‚Ich habe dir unrecht getan,‘ sage ich, ‚Foma Fomitsch, du +Wohltäter der Menschheit; denn ich glaubte von dir, daß du ein +wohlerzogener Mensch seiest, nun aber stellt es sich heraus, daß du +ebenso ein Schwein bist wie wir alle,‘ – sagte es, stand auf und ging +fort, ließ den Pudding stehen, wo er stand – der Pudding wurde gerade +herumgereicht. Daß euch mitsamt dem ganzen Pudding ...! dachte ich und +ging.“ + +„Entschuldigen Sie, bitte,“ sagte ich, nachdem ich die ganze Erzählung +Herrn Bachtschejeffs angehört hatte, „ich bin natürlich gern bereit, +Ihnen in allem zuzustimmen, zumal ich ja noch nichts Positives weiß ... +Aber, wie soll ich Ihnen sagen, – es haben sich jetzt in mir gewisse +Ideen bezüglich dieser Person gebildet ...“ + +„Was sind denn das für Ideen, Väterchen, die sich in dir gebildet +haben?“ fragte Herr Bachtschejeff mißtrauisch. + +„Sehen Sie,“ begann ich, ein wenig verwirrt, „es ist vielleicht zu etwas +ungelegener Zeit ... aber, schließlich, ich werde Ihnen meine Gedanken +gern mitteilen. Ich denke mir folgendes: vielleicht täuschen wir uns +beide über Foma Fomitsch. Vielleicht verhüllen alle diese Eigenheiten +eine besondere, vielleicht sogar sehr reiche Natur – wer kann das +wissen? Vielleicht ist er ein verbitterter, durch Leiden vernichteter +Mensch, der sich sozusagen an der ganzen Menschheit dafür rächt? Ich +habe gehört, früher soll er so etwas ... so etwas wie ein Hausnarr +gewesen sein: vielleicht hat ihn das gar zu sehr erniedrigt, beleidigt, +vernichtet? Verstehen Sie mich recht: ein edler Mensch ... mit einem +gewissen Selbstbewußtsein ... und der muß nun plötzlich den Narren +spielen! ... Da ist er denn vielleicht der ganzen Menschheit gegenüber +mißtrauisch geworden und ... und vielleicht, wenn man ihn mit der +Menschheit aussöhnen würde ..., das heißt, mit den Menschen ... so würde +sich in ihm vielleicht eine reichbegabte oder jedenfalls bemerkenswerte +Natur offenbaren, und ... nein, es muß doch etwas Besonderes an ihm +sein! Es muß doch seinen guten Grund haben, warum ihn dort alle +anbeten!“ + +Ich fühlte, daß ich ganz aus dem Konzept gekommen war. Bei meiner Jugend +war das ja noch verzeihlich, aber Herr Bachtschejeff verzieh es mir +nicht. Ernst und streng blickte er mir in die Augen, und dann wurde er +plötzlich blaurot im Gesicht, wie ein Truthahn. + +„Und das alles soll dieser Fomka sein?“ stieß er kurz hervor. + +„Entschuldigen Sie, ich glaube ja selbst nicht an das, was ich soeben +gesagt habe ... Ich sagte es nur so ... es wäre doch möglich ...“ + +„Aber erlauben Sie mal, Sie eines zu fragen: haben Sie Philosophie +studiert?“ + +„Daß heißt, in welchem Sinne?“ fragte ich verwundert. + +„Nein, nicht in welchem Sinne, sondern antworten Sie mir offen und ohne +alle Sinne auf meine Frage: haben Sie Philosophie studiert?“ + +„Ich muß gestehen, ich habe allerdings die Absicht, aber ...“ + +„Na ja, wußt’ ich’s doch!“ rief Herr Bachtschejeff aus, indem er seiner +Empörung freien Lauf ließ. „Ich, wissen Sie, ich hatt’s ja schon +erraten, noch bevor Sie den Mund aufgetan, daß Sie Philosophie studiert +haben! Mir wird man kein X für ein U vormachen! Prost Mahlzeit! Auf drei +Werst rieche ich den Philosophen heraus! Fahren Sie nur hin, Sie können +Ihrem Foma in die Arme sinken und sich gegenseitig abküssen! Da hat er +nun einen ‚besonderen‘ Menschen gefunden! Pfui!“ fauchte er wieder. +„Ach, mag die ganze Welt versauern! Mag alles untergehen! Und ich +glaubte schon, daß Sie ein vernünftiger Mensch seien, Sie aber ... Fahr +vor!“ schrie er dem Kutscher zu, der inzwischen auf den Bock der +ausgebesserten Equipage hinaufgeklettert war. „Nach Haus!“ + +Mit genauer Not komm ich ihm noch einige beruhigende Worte sagen. +Endlich besänftigte er sich; aber es dauerte doch noch ziemlich lange, +bis er sich entschloß, seinen Zorn wieder in Wohlwollen zu verwandeln. +Mit Grigorijs und Archips Hilfe stieg er in seine Kutsche. + +„Gestatten Sie, daß ich noch eines frage,“ sagte ich, an den Wagenschlag +tretend, „werden Sie meinen Onkel nicht mehr besuchen?“ + +„Ihren Onkel? Nicht mehr besuchen? Wer das glaubt, dem geben Sie ... na, +was Sie wollen! Sie denken wohl, daß ich ein Mensch von Charakter bin, +daß ich’s durchhalten werde? Das ist ja doch mein ganzes Herzeleid, daß +ich ein Lappen bin, aber kein Mensch! Es wird keine Woche vergehen, da +kraufe ich wieder hin. Und warum ich’s tue? Sehen Sie, da weiß ich ja +selber nicht, aber ich werde wieder hinfahren und werde mich dort wieder +mit Foma Fomitsch herumschlagen. Diesen Foma hat mir Gott der Herr +sicherlich zur Strafe für meine Sünden auf den Hals geschickt Das ist ja +mein Leid, Väterchen, daß ich von Charakter ein Weib bin: von +Beständigkeit keine Spur! Ein Hasenfuß bin ich, mein Lieber, ein echter +...“ + +Wir schieden recht freundschaftlich, er lud mich sogar zu sich ein. + +„Komm mal, Väterchen, komm, besuch mich, dann wollen wir uns mal gütlich +tun. Ich habe mir ein gewisses Wässerchen aus Kiew bestellt, das ist +jetzt eingetroffen, und mein Koch ist in Paris gewesen, der wird dir +solche Frikandeaus und Fischpasteten zubereiten, daß du dir nur so die +Fingerchen ablecken und ihm, dem Schuft, noch einen Bückling machen +wirst! Ist ein gebildeter Mann! Bloß hab’ ich ihn jetzt lange nicht mehr +geprügelt, hab’ ihn etwas verwöhnt ... es ist gut, daß man mich wieder +daran erinnert hat ... Also komm nur! Ich würde Sie auch heute zu mir +auffordern, aber ich bin jetzt doch zu verstimmt, bin ganz sauer +geworden, ganz und gar aller Hinterbeine beraubt. Ich bin ja doch ein +kranker Mensch. Sie glauben es mir wohl nicht ... Nun, leben Sie wohl, +mein Lieber! Es ist Zeit, daß auch mein Schiff in den Hafen einläuft. Da +ist ja auch Ihr Vehikel repariert. Dem Fomka aber sagen Sie, daß er mir +nicht mehr unter die Augen kommen soll, sonst wird es einen neuen Krach +geben, daß er nur so ...“ + +Die letzten Worte hörte ich nicht mehr. Seine Equipage, die von vier +starken Pferden mit einem Ruck angezogen wurde, verschwand hinter +Staubwolken. Da fuhr auch meine Postkutsche vor, ich stieg ein, und wir +hatten in wenigen Minuten das Städtchen hinter uns. + +„Natürlich übertreibt der gute Mann,“ dachte ich, „er ist gar zu wütend, +um unparteiisch zu urteilen. Aber andererseits ... was er da von meinem +Onkel sagt, ist noch sehr bemerkenswert. Da stimmen nun schon zwei +Aussagen überein. Nun, – aber daß mein Onkel die junge Dame liebt ... +Hm! Werde ich nun heiraten oder werde ich es nicht tun?“ + +Und diesmal kamen mir denn doch Bedenken. + + + + + III. + + Mein Onkel. + + +Ich gestehe offen, mir war etwas bänglich zumute. Meine romantischen +Träume erschienen mir jetzt zum mindesten sonderbar, und kaum war ich in +Stepantschikowo angelangt, da fand ich sie sogar dumm. Das erstere +geschah ungefähr um fünf Uhr nachmittags. Die Landstraße führte nicht +weit vom Herrenhause vorüber. Nun sah ich nach langen Jahren diesen +großen Garten wieder, in dem ich einige glückliche Tage meiner Kindheit +verbracht hatte, und den ich dann später so oft im Traum gesehen, wenn +ich in den Schlafsälen der Schulen und Anstalten, die für meine Bildung +sorgten, halbwach im Schlummer lag. Ich sprang vom Wagen und ging quer +durch den Garten auf das Herrenhaus zu; denn ich wollte unbemerkt zuerst +mit meinem Onkel sprechen und, wenn es ging, auch noch hier und da +vorher ein wenig herumforschen und horchen. Meine Absicht gelang mir. +Die Allee hundertjähriger Linden entlang schreitend, kam ich zur +Terrasse, von der aus man durch eine Glastür unmittelbar in die +Wohnzimmer trat. Diese Terrasse war von Blumenbeeten umgeben und mit +Topfpflanzen geschmückt. Hier nun traf ich ganz unerwartet einen der +„Eingeborenen“ an, den alten Gawrila, der mich einst als Kind auf dem +Arm getragen hatte, jetzt aber der ehrwürdige Kammerdiener meines Onkels +war. Der Alte hatte eine Brille auf der Nase und hielt ein Heft, in dem +er mit ungewöhnlicher Aufmerksamkeit las, dicht vor den Augen. Ich hatte +ihn zum letztenmal vor zwei Jahren in Petersburg gesehen, wohin er mit +meinem Onkel gekommen war, und so erkannten wir uns sofort. Mit +Freudentränen stürzte er die Stufen herab, um meine Hände zu küssen, +ohne darauf zu achten, daß ihm bei der Gelegenheit seine Brille von der +Nase flog. Diese Anhänglichkeit des Alten rührte mich tief. Doch ich +stand noch unter dem Eindruck des Gespräches mit Herrn Bachtschejeff, +und so wandte sich meine Aufmerksamkeit unverzüglich dem verdächtigen +Heft zu, das Gawrila in der Hand hielt. + +„Was ist das, Gawrila? Was, will man etwa auch dir Französisch +beibringen?“ fragte ich den Alten. + +„Jawohl, das will man, Väterchen, trotz meiner alten Jahre, als wäre ich +ein Papagei,“ antwortete Gawrila niedergeschlagen. + +„Und Foma selbst unterrichtet dich?“ + +„Er allein, Väterchen. Er muß doch wohl ein kluger Mann sein.“ + +„Ja, alle Achtung! Aber wie unterrichtet er dich denn? – Im Gespräch?“ + +„Mit dem Heft, Väterchen.“ + +„Du meinst dieses, das du in der Hand hast? Ah! Französische Worte mit +russischen Buchstaben geschrieben – findig! Und von einem solchen Rüpel, +einem solchen Dummkopf laßt ihr euch alle so behandeln – schämst du dich +nicht, Gawrila?“ In einem Augenblick waren alle meine entschuldigenden +Annahmen vergessen, durch die ich noch vor ein paar Stunden Herrn +Bachtschejeff in so große Wut versetzt hatte. + +„Wie denn, Väterchen, wie kann er denn ein Dummkopf sein, wenn er doch +auch unsere Herrschaft so lenkt, wie er will?“ + +„Hm! Vielleicht hast du recht, Gawrila,“ brummte ich, durch seine +Bemerkung zur Besinnung gebracht. „Führ’ mich zu meinem Onkel.“ + +„Großer Gott! Ich darf ja dem Herrn überhaupt nicht unter die Augen +kommen, wage mich gar nicht mehr zu zeigen! Ja, ja, so weit ist es +gekommen, daß ich auch _ihn_ noch fürchten muß! Sitze hier in meiner +Trübsal, und wenn Foma Fomitsch zu kommen geruhen, so gehe ich hinter +die Blumenbeete.“ + +„Was fürchtest du denn?“ + +„Vorhin wußte ich die Aufgabe nicht gut: Foma Fomitsch wollten mich +bestrafen und, wie er sagte, mich auf den Knien stehen lassen – ich aber +kniete nicht nieder. Alt bin ich, Väterchen Ssergei Alexandrowitsch, +viel zu alt, um noch solche Scherze mitzumachen. Der Herr aber geruhten +darüber böse zu werden, daß ich Foma Fomitsch nicht gehorcht hatte. +‚Siehst du denn nicht ein,‘ sagte er, ‚alter Kerl, er müht sich doch um +deine Bildung, will dich doch in der Aussprache des Französischen +unterweisen ...‘ Und so gehe ich denn und lerne Vokabeln. Foma Fomitsch +versprachen, am Abend noch einmal eine Prüfung vorzunehmen.“ + +Es schien mir, daß hier einiges nicht so ganz stimmte. + +„Mit diesem französischen Unterricht wird es wohl eine besondere +Bewandtnis haben,“ dachte ich, „die der Alte mir natürlich nicht +erklären kann.“ + +„Nur eine Frage noch, Gawrila: wie sieht er aus? Stattlich, +imponierend?“ + +„Wer das? Foma Fomitsch? Nein, Väterchen, das ist so ein gemausertes +Menschlein ...“ + +„Hm! Hab’ nur etwas Geduld, Gawrila, es wird sich vielleicht noch +einrenken lassen, oder vielmehr: sicherlich wird es das, ich verspreche +es dir, es wird alles wieder gut werden! Aber ... wo ist denn nun mein +Onkel?“ + +„Hinter dem Pferdestall reden der Herr mit den Abgesandten der Bauern. +Aus Kapitonowka sind die Alten mit Verbeugungen und Bitten hergekommen. +Dort hat man gesagt, daß der Herr sie Foma Fomitsch zu schenken +beabsichtige, und daher wollen sie alle bitten, daß es nicht geschehe, +wollen sich, wie man sagt, losbitten.“ + +„Aber warum empfängt er sie denn hinter den Pferdeställen?“ + +„Aus Vorsicht, Väterchen ...“ + +In der Tat fand ich meinen Onkel hinter den Pferdeställen. Dort stand er +auf einem freien Platz vor einer ganzen Anzahl Bauern, die sich immer +wieder vor ihm verneigten und inständig um etwas zu bitten schienen. +Mein Onkel aber erklärte ihnen offenbar eine Sache. Ich näherte mich und +rief ihn an. Er sah sich um und – wir lagen uns in den Armen. + +Er freute sich unbeschreiblich über mein Kommen, er geriet förmlich in +Begeisterung vor Freude. Er umarmte mich, drückte meine Hände ... als +hätte man ihm seinen leiblichen Sohn wiedergegeben, der irgendeiner +tödlichen Gefahr entgangen war, oder als hätte ich ihn mit meiner +Ankunft von einer tödlichen Gefahr befreit oder von schweren Zweifeln +erlöst, und als brächte ich Glück und Freude für sein ganzes Leben ihm +und allen, die er lieb hatte; denn mein Onkel hätte nie eingewilligt, +allein glücklich zu sein. + +Nach dem ersten überschwenglichen Ausbruch wurde er so mitteilsam, daß +er sich bald ganz verlor und wohl selbst nicht mehr wußte, wovon er +schon gesprochen hatte. Er überschüttete mich mit Fragen, wollte mich +sogleich seiner ganzen Familie vorstellen: wir begaben uns auch schon +zum Hause – dann aber kehrte er doch wieder zurück ... um mich zuerst +mit seinen Bauern aus Kapitonowka bekannt zu machen. Hierauf – dessen +entsinne ich mich noch genau – kam er plötzlich aus unbekanntem Grunde +auf einen Herrn Korowkin zu sprechen, einen jedenfalls außergewöhnlichen +Menschen, den er vor drei Tagen unterwegs getroffen hatte, irgendwo auf +der Reise, und den er mit der größten Ungeduld gerade jetzt als Gast bei +sich erwartete. Von Korowkin sprang er auf etwas anderes über. Es war +mir förmlich ein Genuß, ihn zu betrachten. Auf seine überstürzten Fragen +nach meinen ferneren Absichten sagte ich, daß ich vorläufig keine +Anstellung suchen, sondern fortfahren würde, mich mit der Wissenschaft +zu beschäftigen. Doch kaum hatte ich das Wort „Wissenschaft“ +ausgesprochen, als mein Onkel auch schon eine ungeheuer wichtige Miene +aufsetzte. Als er dann erfuhr, daß ich mich in der letzten Zeit mit +Mineralogie beschäftigt hatte, warf er den Kopf in den Nacken und +blickte sich stolz im Kreise um, als hätte er ganz allein, ohne jede +fremde Hilfe, die ganze Mineralogie entdeckt und alles allein +niedergeschrieben. Ich habe ja schon gesagt, daß er vor dem Wort +„Wissenschaft“ die größte Ehrfurcht empfand, eine Ehrfurcht, die ohne +jeden persönlichen Ehrgeiz war, dessen sie um so mehr entbehrte, als er +selbst fast nichts von diesen Dingen verstand. + +„Ach, Freund, es gibt doch wirklich Menschen in der Welt, die alles +wissen!“ sagte er mir einmal mit wahrem Entzücken in den leuchtenden +Augen. „Da sitzt man unter ihnen, hört, und weiß doch selbst, daß man +nichts davon versteht, aber dennoch freut sich das Herz. Und warum? Ganz +einfach, weil hier eben Nutzen ist, hier ist Verstand, hier ist das +Allgemeinwohl! Das begreife ich doch! Ich fahre jetzt schon mit der +Eisenbahn, mein Iljuscha aber wird vielleicht schon durch die Luft +fliegen ... Nun, ja, kurz und gut, und der Handel, die Industrie – +diese, wie man sagt, Schlagadern ... das heißt, ich will nur sagen, von +welcher Seite du es auch nimmst, es ist und bleibt doch nützlich für die +Menschheit ... Das ist es doch, nicht wahr?“ + +Doch ich komme zurück auf unser Wiedersehen. + +„Wart nur, Freund, wart,“ begann er in seiner schnellen Sprechweise, +sich die Hände reibend, „du sollst einen Menschen kennen lernen! Es ist +ein seltener Mensch, sag’ ich dir, gelehrt, gelehrt, ganz ein Mann der +Wissenschaft! Der überlebt das Jahrhundert! Das ist doch gut gesagt: ‚er +überlebt das Jahrhundert‘, nicht? Das hat mir Foma selbst erklärt ... +Wart, ich werde dich mit ihm bekannt machen.“ + +„Meinen Sie Foma Fomitsch, Onkel?“ + +„Nein, nein, Freund, diesmal sprech’ ich von Korowkin. Das heißt, Foma +ist ja gleichfalls ... er ... Aber diesmal sprach ich einfach nur von +Korowkin,“ fügte er hinzu, während es mir auffiel, daß er, sobald die +Rede auf Foma kam, zu erröten und sich zu verwirren schien. + +„Mit welcher Wissenschaft beschäftigt er sich denn?“ + +„Mit allen Wissenschaften, Freund, oder kurz gesagt, mit der +Wissenschaft überhaupt. Ich kann dir leider nicht so genau sagen, mit +welcher eigentlich, ich weiß nur, daß es Wissenschaften sind. Oh, wie +der über die Eisenbahnen redet! Und weißt du,“ – mein Onkel senkte die +Stimme und zwinkerte mir bedeutsam mit dem linken Auge zu, – „ein wenig +so, du weißt schon, – freie Ideen! Das habe ich sofort bemerkt, +namentlich wenn er so von Familienglück spricht ... Schade, ich habe +nicht alles ganz genau begriffen, was er da sprach, – hatte gerade wenig +Zeit –, sonst könnte ich dir jetzt alles wiedergeben, ganz ausführlich. +Und zudem ein Mensch von wirklich edlen Eigenschaften. Ich habe ihn zu +mir zum Besuch eingeladen. Erwarte ihn stündlich.“ + +Währenddessen starrten mich die Bauern mit offenen Mündern und großen +Augen wie ein Wunder an. + +„Hören Sie, Onkel,“ unterbrach ich ihn, „ich habe, glaube ich, Ihr +Gespräch mit den Bauern unterbrochen. Es handelt sich gewiß um +Wichtiges. Was meinen Sie? Ich will ganz offen gestehen, daß ich so +meine Vermutungen habe – und daher würde ich gern zuhören ...“ + +Mein Onkel wurde plötzlich sehr geschäftig und beinahe aufgeregt. + +„Ach, richtig! Das hatte ich ganz vergessen! Ja, sieh mal ... was soll +man mit ihnen tun? Sie haben sich in den Kopf gesetzt – ich möchte bloß +wissen, wer es als erster getan hat –, daß ich sie und ganz Kapitonowka +– du erinnerst dich doch noch, wie wir mit meiner seligen Katjä abends +immer dorthin spazieren fuhren? – Nun ja, daß ich das ganze Kapitonowka +mit seinen rund achtundsechzig Seelen Foma Fomitsch schenken wolle! Nun +und jetzt heißt es: ‚Wir wollen nicht von dir fort, Väterchen!‘ und +damit Punktum! ...“ + +„So ist es also nicht wahr, Onkel? Sie werden ihm Kapitonowka nicht +schenken?!“ rief ich erfreut aus. + +„Wie werd’ ich denn! Ist mir nie in den Sinn gekommen! Aber durch wen +hast du es denn schon erfahren? Es war mir nur mal so entschlüpft – und +da hat man gleich Häuser auf das eine Wort gebaut. Ich verstehe bloß +nicht, weshalb sie den Foma so wenig mögen? Aber wart nur, Ssergei, ich +werde dich mit ihm bekannt machen,“ sagte er mit schüchternem Blick auf +mich, als ahne er auch in mir einen Feind Foma Fomitschs. „Freund, das +ist ein solcher Mensch ...“ + +„Wir wollen keinen anderen Herrn, Väterchen, nur dich allein!“ riefen +hier plötzlich im Chorus alle Bauern aus. „Ihr seid unser Vater, wir +sind Eure Kinder!“ + +„Hören Sie mal, Onkel,“ sagte ich, „den Foma Fomitsch habe ich zwar noch +nicht gesehen, aber ... sehen Sie ... ich habe so einiges gehört. Ich +will es Ihnen nur gleich sagen, daß ich heute unterwegs Herrn +Bachtschejeff getroffen habe. Übrigens hat sich in mir jetzt eine andere +Auffassung gebildet, wenigstens vorläufig. Jedenfalls aber entlassen Sie +nun die Bauern, dann können wir ungestört, ganz allein und ohne Zeugen, +miteinander reden. Ich bin ja doch eigentlich nur deswegen hergekommen +...“ + +„Das ist es ja! Eben, eben!“ stimmte mein Onkel sofort eifrig bei. „Die +Bauern entlassen wir und dann reden wir, weißt du, so – +kameradschaftlich, freundschaftlich, verständig! – Nun,“ fuhr er, sich +an die Bauern wendend, in seiner schnellen Sprechweise fort, „geht jetzt +wieder nach Hause, Freunde! Und hinfort kommt immer zu mir, immer zu +mir, wenn was nötig ist, kommt ganz einfach gleich zu mir, wenn was +nötig ist –“ + +„Väterchen, du bist ja unser Vater! Gib uns nicht der Willkür Foma +Fomitschs preis! Alle wir Armen bitten dich!“ riefen von neuem die +Bauern einstimmig aus. + +„Ach ihr Dummköpfe! Es wird euch doch nichts geschehen, das habe ich +euch doch schon gesagt!“ + +„Sonst würde er uns ganz dumm machen mit dem Unterricht, Väterchen! Die +Hiesigen, hört man, soll er ja alle schon ganz dumm gemacht haben ...“ + +„Was, will er denn auch euch die französische Sprache beibringen?“ +fragte ich, beinahe erschrocken. + +„Nein, Väterchen, vorläufig hat Gott der Herr uns noch verschont!“ +antwortete einer der Bauern, ihr Sprecher und ein Schwätzer, wie es +schien; er war rothaarig und hatte eine große Glatze, die ziemlich tief +auf dem Hinterkopf lag, sowie ein spärliches, keilförmiges Bärtchen, das +sich so schnell bewegte, wenn er sprach, als wäre es an sich lebendig +gewesen. „Nein, Herr, bis jetzt noch nicht.“ + +„Aber worin unterrichtet er euch denn?“ + +„Ach, Euer Gnaden, in solchen Dingen, daß es nach unserem Verständnis so +herauskommt: kauf’ einen goldenen Kasten, deine kupferne Münze gib aber +hin.“ + +„Wieso, was bedeutet das, kupferne Münze ...?“ + +„Sserjosha! Du bist im Irrtum! Das ist eine Verleumdung!“ rief mein +Onkel dazwischen, war aber dabei rot geworden und sah sehr betreten aus. +„Diese Dummköpfe haben natürlich nicht begriffen, was er ihnen gesagt +hat. Er hat nur so ... Was soll das mit der kupfernen Münze? ... Dir +aber steht es nicht zu, über alles zu urteilen und das Maul +aufzureißen,“ fuhr mein Onkel vorwurfsvoll, zu dem Bauern gewandt, fort; +„man wollte dir doch, du Dummkopf, Gutes tun, du aber siehst das nicht +ein – und schreist noch!“ + +„Aber um’s Himmels willen, Onkel, Sie vergessen, daß er ihnen +Französisch beibringen will!“ + +„Aber doch nur wegen der Aussprache, Sserjosha, einzig wegen der +Aussprache,“ beteuerte er mit geradezu flehender Stimme. „Er hat es mir +selbst gesagt, daß er es einzig wegen der Schulung in der Aussprache +tut, die dann auch ihrer Muttersprache zugute kommt ... Zudem ging der +Sache noch ein besonderer Fall vorher, – du weißt das nicht und daher +kannst du auch nicht urteilen. Zuerst, Freund, muß man begreifen, und +dann erst kann man beschuldigen ... Beschuldigen ist leicht!“ + +„Aber ich verstehe euch nicht!“ sagte ich heftig, mich von neuem an die +Bauern wendend, „so hättet ihr es ihm doch sofort offen sagen sollen. +Ganz einfach: so geht es nicht, Foma Fomitsch, die Sache liegt so und +so! Ihr habt doch einen Mund!“ + +„Wo ist die Maus, die der Katze die Schelle umbindet, Väterchen? ‚Ich +bringe,‘ sagt er, ‚dir ungeschicktem Bauernkerl Sauberkeit und Ordnung +bei. Warum ist dein Hemd nicht sauber?‘ – Weil es doch voll Schweiß ist, +darum kann es doch auch nicht sauber sein! Wir können doch nicht jeden +Tag das Hemd wechseln. Sauberkeit macht noch nicht auferstehen, und +Armut ist noch nicht Tod.“ + +„Neulich kam er in die Tenne,“ fiel ein anderer Bauer ein, ein großer, +hagerer Mann, dessen Kleider an vielen Stellen geflickt waren, und +dessen Füße in den ältesten Bastschuhen staken. Er gehörte offenbar zu +jenen, die ewig mit irgend etwas unzufrieden sind und stets ein +gehässiges, scharfes Wort in Bereitschaft haben. Bis dahin hatte er +hinter den anderen gestanden, in mißmutiger Schweigsamkeit zugehört und +die ganze Zeit ein gewisses zweideutiges, bitteres und verschlagenes +Spottlächeln nicht aus seinem Gesicht gebannt. – „Er kam in die Tenne. +‚Wißt ihr auch,‘ fragt er, ‚wieviel Werst es von hier bis zur Sonne +sind?‘ Wer von uns kann denn so was wissen? Das steht doch nicht uns zu, +das ist doch Herrschaftswissen. ‚Nein,‘ sagte er, ‚du bist ein Lümmel, +wie ich sehe, begreifst nicht einmal deinen eigenen Nutzen. Ich aber,‘ +sagt er, ‚bin ein Astrolog! Ich kenne alle Planeten Gottes!‘“ + +„Nun, hat er dir auch gesagt, wieviel Werst es bis zur Sonne sind?“ +mischte sich mein Onkel ein, der plötzlich wieder wie neubelebt war und +lustig mir zuzwinkerte, als wolle er mir sagen: „Paß nur auf, was du +jetzt zu hören bekommen wirst!“ + +„Er nannte da wohl eine große Zahl,“ antwortete der Bauer gewissermaßen +wider Willen, da er eine solche Frage offenbar nicht erwartet hatte. + +„Nun, wieviel waren es denn doch, wieviel, was meinst du?“ + +„Ach, das wird doch Euer Gnaden besser wissen als wir ... wir sind +unaufgeklärte Leute, leben im Dunkeln.“ + +„_Ich_ weiß es ja, Bruder, aber du, hast _du es auch_ behalten?“ + +„Es werden da immer soundso viel hundert oder auch tausend Werst sein, +wie er sagte. Es war etwas viel. Die konnte man kaum auf drei Fuhren +fortführen, diese Zahlen, die er sagte.“ + +„Aber das ist ja die Hauptsache, – daß man es behält nämlich! Du +glaubtest wohl, was wird es denn viel mehr sein als eine Werst, da kann +man ja mit der Hand hinlangen? Nein, Bruder, die Erde – das ist, siehst +du, ein runder Ball – verstehst du?“ fuhr mein Onkel fort, indem er mit +den Händen in der Luft einen Kreis beschrieb. + +Der Bauer lächelte schmerzlich. + +„Ja, wie ein Ball! Und so hält sie sich ganz von selbst in der Luft und +kreist um die Sonne. Die Sonne aber steht auf einem Platz und rührt sich +nicht; es scheint dir nur so, als bewege sie sich, in Wirklichkeit aber +steht sie auf einem Fleck. Ja, siehst du, so ist es! Entdeckt aber hat +das alles der Kapitän Cook, ein Weltumsegler ... Übrigens, weiß der +Teufel, ob der es nun gerade war, oder wer es eigentlich entdeckt hat,“ +fügte er halblaut, zu mir gewandt, hinzu. „Ich habe ja selbst, Freund, +keine Ahnung davon ... Weißt du es, wieviel Werst es bis zur Sonne +sind?“ + +„Gewiß, Onkel,“ antwortete ich, etwas verwundert über dieses ganze +Gespräch, „nur denke ich folgendermaßen darüber: Unbildung ist natürlich +Nachlässigkeit, dagegen Bauern in der Astronomie zu unterrichten ...“ + +„Das ist es ja! Eben, eben – gerade Nachlässigkeit!“ fiel mein Onkel +dazwischen und griff begeistert meinen Ausdruck auf, der ihm wohl +überaus treffend erschien. „Ein großartiger Gedanke! Gerade +Nachlässigkeit! Das habe ich ja immer gesagt ... das heißt, ich habe es +noch nie gesagt, aber ich habe es gefühlt. Hört ihr,“ rief er dann den +Bauern zu, „Unbildung ist dasselbe wie Nachlässigkeit, ist genau +dasselbe wie Schmutz! Und deshalb wollte euch Foma auch belehren. Er +wollte euch das Gute lehren. Das ist gleichfalls ein Dienst, der dem +Vaterlande geleistet wird, und des größten Lohnes wert. Seht ihr nun, +wie es sich verhält! Das ist die Wissenschaft! Nun, gut, gut, meine +Lieben! Geht mit Gott, ich freue mich, es freut mich ... jedenfalls +beruhigt euch, ich werde euch nicht verlassen.“ + +„Beschütze du uns, Väterchen, bist doch immer wie ein leiblicher Vater +zu uns gewesen!“ + +„Laß uns Freude erleben, Väterchen!“ + +Und die Bauern stürzten wie ein Mann auf die Knie nieder. + +„Nun, nun, was soll das, welch ein Unsinn! Vor Gott und dem Kaiser sollt +ihr niederknien, nicht aber vor mir ... Aber so steht doch endlich auf, +geht jetzt, führt euch gut auf, verdient euch eine gute Behandlung ... +nun, und alles andere, was noch nötig ist ... Weißt du,“ sagte er dann +zu mir, sich plötzlich umwendend, und sein Gesicht schien vor Freude zu +leuchten, „so ein armer Kerl hört doch gern ein gutes Wort, und auch ein +Geschenk schadet nicht. Ich werde ihnen etwas schenken, was? Was meinst +du? So, weil du angekommen bist ... Soll ich es tun oder nicht?“ + +„Onkel, Sie sind ja Ihren Bauern ein guter Herr, wie ich sehe, +wahrscheinlich einer jener Gutsbesitzer, die immer nur Gutes tun wollen +... –“ + +„Aber es geht doch nicht, Freund, es geht doch nicht anders: das ist +doch nichts. Ich wollte ihnen schon lange etwas schenken,“ sagte er wie +zur Entschuldigung. „Aber fandest du es nicht lächerlich, daß ich den +Bauern da einen wissenschaftlichen Vortrag hielt? Nein, Freund, das habe +ich nur so ... nur so vor Freude, daß ich dich nun wiedersah, Sserjosha +... Ich wollte einfach, daß auch er, der Bauer, erführe, wie weit es bis +zur Sonne ist, und, wenn er’s hört, den Mund aufsperrt. Es ist so lustig +zu sehen, wie er ihn aufsperrt. Man freut sich geradezu für ihn. Nur +weißt du, Freund, sag’ das nicht dort im Salon, daß ich hier mit den +Bauern gesprochen habe. Ich habe es absichtlich hier hinter den +Pferdeställen getan, damit man es von dort nicht sieht; denn sieh, +Freund, es war nicht anders zu machen ... eine kitzlige Sache! Und sie +waren ja auch nur heimlich gekommen. Ich habe es ja eigentlich auch nur +ihretwegen getan ...“ + +„Ja, Onkel, jetzt bin ich also angekommen und bin hier!“ begann ich, um +dem Gespräch eine andere Wendung zu geben und schneller auf die +Hauptsache zu sprechen zu kommen. „Ihr Brief hat mich, offen gestanden, +dermaßen überrascht und in Erstaunen gesetzt, daß ich ...“ + +„Mein Freund, kein Wort mehr darüber!“ unterbrach mich mein Onkel +geradezu erschrocken und mit gesenkter Stimme. „Später, später wird sich +das alles aufklären! Vielleicht bin ich nicht ganz schuldlos vor dir, +vielleicht sogar sehr ...“ + +„Nicht ganz schuldlos vor _mir_, Onkel?“ + +„Später, später, mein Freund, davon später! Das wird sich später +erklären! Alles, alles! Was du aber für ein prächtiger Bursche geworden +bist! Mein lieber Junge! Und wie ich dich erwartet habe! Ich wollte dir +alles, wollte dir mein ganzes Herz ausschütten, wie man sagt ... du bist +gelehrt, du bist der einzige, den ich habe ... du und Korowkin. Im +übrigen muß ich dich noch darauf aufmerksam machen, daß sich hier alle +über dich ärgern. Nun sieh dich vor, sei vorsichtig, sei auf deiner +Hut!“ + +„Sich über mich ärgern?“ fragte ich und blickte meinen Onkel verwundert +an, da ich nicht begriff, wodurch ich Menschen, die ich noch gar nicht +kannte, hätte ärgern können. „Über mich?“ + +„Über dich, Freund. Was ist da zu machen! Foma Fomitsch ist ein bißchen +... nun, und Mamachen natürlich gleichfalls. Überhaupt sei vorsichtig, +ehrerbietig, widersprich nicht, aber vor allem, sei ehrerbietig ...“ + +„Und das etwa im Verkehr mit Foma Fomitsch, Onkel?“ + +„Was soll man tun, mein Freund, ich verteidige ihn ja nicht ... Er hat +vielleicht wirklich so als Mensch seine Fehler, und sogar jetzt im +Augenblick ... Ach, Freund Sserjosha, wenn du wüßtest, wie mich alles +das beunruhigt! Wie könnte man das nur gutmachen, damit wir wieder alle +glücklich und zufrieden wären? ... Aber wer ist denn ohne Mängel? Auch +wir sind doch nicht vollkommen!“ + +„Aber, Onkel, so sehen Sie doch nur, was er tut ...“ + +„Ach, Freund! Das sind ja nur Klatschereien und weiter nichts! Zum +Beispiel, ich werde dir erzählen: da ärgert er sich nun über mich, aber +was glaubst du, weswegen? ... Übrigens, vielleicht bin ich auch selbst +daran schuld. Ich werde es dir später erzählen ...“ + +„Wissen Sie, Onkel, in mir hat sich, was ihn anbetrifft, eine besondere +Auffassung herausgebildet,“ unterbrach ich ihn, um ihm noch schnell +meine Kombinationen mitzuteilen. Wir beeilten uns beide. „Erstens war er +früher ein Hausnarr: das hat ihn erbittert, erniedrigt, ihn in seinem +Innersten gekränkt und beleidigt, und so ist denn gehässig, unnatürlich, +rachsüchtig geworden. Er will sich sozusagen an der ganzen Menschheit +rächen ... Wenn man ihn aber mit dieser Menschheit wieder aussöhnen, ihn +sich selbst wiedergeben würde ...“ + +„Das ist es ja! Eben, eben!“ rief mein Onkel begeistert aus. „Gerade +das! Ein herrlicher Gedanke! Und es wäre doch eine Schande, es wäre +niedrig von uns, wollten wir ihn jetzt ohne weiteres verurteilen! Das +ist es ja! ... Ach, Freund, ich sehe schon, du verstehst mich, du +bringst mir Trost! Wenn es sich dort nur einrenken ließe! Weißt du, ich +habe wirklich Angst, dort zu erscheinen. Sieh, du bist nun angekommen, +ich aber werde dafür büßen müssen!“ + +„Aber Onkel, wenn es so ist ...,“ begann ich, etwas verlegen durch +dieses Geständnis. + +„Nei-nei-nein! Um keinen Preis, auf keinen Fall!“ rief er heftig +dazwischen, fest meine Hände drückend. „Du bist mein Gast, und ich will +es so!“ + +Ich wunderte mich. + +„Onkel, sagen Sie mir jetzt,“ begann ich nachdrücklich, „aus welchem +Grunde oder zu welchem Zweck Sie mich hergerufen haben? Was erwarten Sie +von mir, und vor allen Dingen, in welcher Beziehung sind Sie ‚nicht +schuldlos‘ vor mir?“ + +„Weißt du, frage jetzt lieber nicht! Später, später! Alles das wird sich +später aufklären! Ich habe vielleicht in vielem gefehlt, aber ich wollte +wie ein ehrlicher Mensch handeln und ... und du wirst sie heiraten! Du +wirst sie heiraten, wenn du nur einen Tropfen Edelmut besitzest!“ schloß +er, in einer plötzlichen Gefühlsaufwallung über und über errötend, und +drückte in diesem aufwallenden Gefühl schmerzhaft meine Hand. „Aber +jetzt genug davon, kein Wort mehr! Du wirst ja selbst alles zeitig genug +erfahren. Von dir wird es abhängen ... Die Hauptsache ist, daß du dort +jetzt gefällst, daß du Eindruck machst. Laß dich nur nicht verwirren.“ + +„Aber sagen Sie doch, Onkel, wer ist denn eigentlich dort bei Ihnen? Ich +muß gestehen, ich habe mich wenig in Gesellschaft bewegt, so daß ...“ + +„So daß dir jetzt etwas bange ist, wie?“ fragte der Onkel lächelnd. „Das +hat nichts zu sagen! Verlier bloß nicht den Mut! Die Hauptsache ist, daß +du dich nicht fürchtest. Wer dort bei uns ist, fragst du? Ja, wen haben +wir denn da? ... Erstens natürlich meine Mutter,“ begann er geschäftig – +„du erinnerst dich doch noch ihrer, oder nicht mehr? Eine herzensgute, +durchaus edeldenkende, alte Frau, ohne alle Prätensionen, kann man +sagen. Etwas altmodisch, aber das ist ja um so besser. Nun, und dann, +weißt du, zuweilen hat sie so ... gewisse Einfälle, sie sagt manches so +... nun eben so in besonderem Ton. Augenblicklich ist sie mir böse, +ärgert sich, aber es ist meine Schuld, und ich weiß es, daß es meine +Schuld ist. Nun, und sie ist doch immerhin ^Grande Dame^, Generalin ... +ihr Mann war ein prächtiger Mensch, General, sehr gebildet, reich war er +freilich nicht, aber vom Kriege her mit Narben bedeckt, – mit einem +Wort: er hatte sich allgemeine Achtung verdient. Dann ist da Fräulein +Perepelizyna. Nun, die ... ich weiß nicht ... in der letzten Zeit ist +sie so etwas ... ihr Charakter, wie gesagt ... Aber man kann doch nicht +alle verurteilen! ... Nun, Gott mit ihr ... du brauchst nicht zu +glauben, daß sie so eine ist, die ... die anderen auf dem Halse sitzt. +Sie ist, weißt du, die Tochter eines Majors. Mamas Busenfreundin, vergiß +das nicht! Und dann, nun, meine liebe Schwester Praskowja Iljinitschna. +Na, von der ist nicht viel zu sagen: eine einfache, gute Seele; ein +wenig zu geschäftig, aber was für ein Herz! Du sieh nur aufs Herz, +Freund, das ist die Hauptsache ... Ein bejahrtes Mädchen, aber, denk +doch, dieser Sonderling Bachtschejeff macht ihr gewissermaßen den Hof +und scheint anhalten zu wollen. Nur laß dir um Gottes willen nichts +anmerken, kein Wort! Geheimnis! Na, und wen haben wir denn da noch? Von +den Kindern rede ich weiter nicht: wirst sie selbst sehen. Morgen ist +Iljuschas Namenstag ... Ja, richtig! Fast hätt’ ich’s vergessen: seit +einem Monat, sieh mal, lebt bei uns Iwan Iwanytsch Misintschikoff, – du +wirst mit ihm, denke ich, im dritten Grade verwandt sein ... ja genau: +ein Vetter deines Vetters. Leutnant a. D. Er hat erst vor kurzem den +Abschied genommen – stand in einem Husarenregiment. Ein noch junger +Mensch. Ein wirklich guter Charakter. Aber, weißt du, er hat sich durch +seine Verschwendung dermaßen – wie sag’ ich doch gleich? – na, +abgerupft, daß ich gar nicht weiß, wie und wo er das in einem solchen +Maße hat fertigbringen können. Übrigens hat er auch früher nichts +gehabt, aber immerhin ... er hat viel Schulden gemacht ... Und jetzt ist +er bei mir zu Besuch. Bisher kannte ich ihn überhaupt nicht – als er +ankam, stellte er sich mir vor. So ein lieber, guter, ruhiger, +bescheidener Mensch. Es hat hier, glaube ich, kein Mensch je ein Wort +von ihm gehört. Er schweigt ununterbrochen. Foma hat ihn – zum Spott – +den ‚schweigsamen Fremdling‘ genannt. Aber er macht sich nichts daraus, +ärgert sich nicht. Foma ist jedenfalls mit ihm zufrieden, nur sagt er +von ihm, dem Iwan, daß es nicht weit her mit ihm sei. Übrigens +widerspricht Iwan ihm nie, er stimmt ihm immer bei. Hm! So ein stiller +Junge ... Na, Gott mit ihm! Du wirst ja selbst sehen. Dann haben wir +noch Gäste aus der Stadt: Pawel Ssemjonytsch Obnoskin mit seiner Mutter, +ein junger Mann, ein ungeheuer kluger Mensch; etwas so Reifes, weißt du, +ist in ihm, etwas Festes, Unerschütterliches ... Ich verstehe mich nur +nicht auszudrücken! Hinzu kommt noch eine ungewöhnliche Sittlichkeit: +strenge Moral! Nun, und dann schließlich lebt noch, sieh mal, eine +Tatjana Iwanowna bei uns, mit der wir – je nachdem, wie man’s nimmt – +auch noch verwandt sein sollen, natürlich nur sehr entfernt verwandt – +du kennst sie nicht – ein nicht mehr ganz junges Mädchen – das muß man +wohl sagen, aber immerhin ... sie hat auch ihre Vorzüge. Reich ist sie, +weißt du, kann zwei Güter wie Stepantschikowo auf einmal kaufen. Sie hat +erst vor kurzem geerbt, bis dahin war sie bettelarm. Aber du, Freund, du +urteile nicht voreilig über sie: sie ist etwas kränklich ... ich wollte +sagen, sie hat etwas ... etwas Phantasmagorisches in ihrem Charakter. +Nun, du bist ein edeldenkender Mensch, du wirst es begreifen, sie hat +doch sozusagen viel gelitten. Mit solchen Menschen, weißt du, die im +Unglück gewesen sind, muß man doppelt nachsichtig sein! Aber du brauchst +nicht gleich ... nun, so ... irgend etwas zu denken! Sie hat natürlich +auch ihre Schwächen: so kommt sie zuweilen etwas aus dem Konzept, +spricht manches zu schnell aus, wählt nicht immer das richtige Wort, das +nötig ist ... das heißt, – nicht etwa, daß sie lügt, denk nur das nicht +... das kommt ja, Freund, aus edlem Herzen ... das heißt, wenn sie auch +manches nicht ganz der Wahrheit gemäß sagen sollte, so geschieht das +doch einzig sozusagen aus übergroßer Herzenseinfalt – du verstehst +doch!“ + +Mein Onkel war offenbar sehr verwirrt und wurde immer verlegener. + +„Hören Sie, Onkel,“ sagte ich, „ich habe Sie sehr lieb ... verzeihen Sie +mir die offene Frage: werden Sie eine von den Damen heiraten oder +nicht?“ + +„Wer ... wer hat dir das gesagt?“ fragte er, wie ein Kind errötend. +„Sieh mal, Sserjosha, ich werde dir alles ganz genau erzählen. Erstens – +ich heirate nicht. Meine Mutter, zum Teil auch meine Schwester und vor +allen Dingen Foma Fomitsch, den Mama vergöttert – und mit Recht, mit +Recht: er hat viel für sie getan – sie alle wollen, daß ich diese selbe +Tatjana Iwanowna heirate, aus vernünftiger Überlegung, zum Wohl der +ganzen Familie. Natürlich wollen sie ja nur mein Bestes – das begreife +ich vollkommen. Aber ich werde um keinen Preis heiraten – ich habe mir +schon das Wort gegeben. Nichtsdestoweniger verstand ich – ich weiß +nicht, wie’s kam – nicht so recht zu antworten: ich habe weder ja noch +nein gesagt. Das ist, weißt du, immer so mit mir. Und so glaubten sie +denn, daß ich einwillige, und wollen jetzt unbedingt, daß ich mich +morgen, zum Familienfest, erkläre ... ... Und da sitze ich nun und weiß +nicht einmal, was ich tun soll! Hinzu kommt noch, daß Foma Fomitsch mir +zürnt – weiß Gott aus welchem Grunde. Mama gleichfalls. Ich werde dir, +weißt du, gestehen, daß ich nur dich erwartet habe, dich und Korowkin +... ich wollte sozusagen ausschütten, was ...“ + +„Aber womit kann denn Korowkin Ihnen helfen, Onkel?“ + +„Doch, doch, er kann mir helfen, du wirst sehen, – das ist, Freund, so +ein Mensch ... Wie gesagt, ein Mann der Wissenschaft! Ich vertraue auf +ihn, wie auf einen Fels! Ein besiegender, bestrickender Mensch! Wie er +über Familienglück spricht! Weißt du, auch auf dich setzte ich meine +Hoffnung, glaubte, du wirst sie zur Vernunft bringen. Sag’ doch selbst: +nun, nehmen wir an, ich bin an allem Unglück schuld, ich allein! Das +begreife ich doch, ich bin ja doch kein gefühlloser Holzklotz. Aber +trotzdem konnte man doch auch mir einmal verzeihen! Himmel, wie wir dann +alle leben könnten! ... Wenn du wüßtest, wie groß meine kleine +Ssaschurka ist – sie könnte schon heiraten! Und wie Iljuscha sich +entwickelt hat! Morgen ist sein Namenstag. Aber wegen Ssaschurka mache +ich mir Sorgen ... sie ist ein kleiner Trotzkopf ...“ + +„Onkel! Wo ist mein Koffer? Ich werde mich umkleiden und dann sofort +erscheinen, und dann ...“ + +„Im Fremdenzimmer oben, mein Freund, im Giebelzimmer. Ich hatte es im +voraus so angeordnet, daß man dich, sobald du ankommst, sofort dorthin +nach oben führen solle, damit dich niemand sieht. Ja, ja, kleide dich +um! Das ist gut, vorzüglich, vorzüglich! Ich aber werde inzwischen die +anderen dort ein wenig vorbereiten. Nun, mit Gott! Weißt du, Freund, man +muß schlau sein. Hier wird man unfreiwillig zu einem Talleyrand. Nun, +macht nichts! Jetzt trinken sie dort Tee. Wir haben immer ziemlich früh +Teestunde. Foma Fomitsch liebt es, Tee zu trinken, sobald er von seinem +Nachmittagsschläfchen aufgewacht ist. Es ist auch, weißt du, besser so +... Nun, ich gehe also, und du komme mir schnell nach, laß mich nicht +lange allein: man ist, weißt du, wenn man allein ist, etwas befangen ... +Ja! Wart! Was ich noch sagen wollte! Ich habe eine Bitte an dich: mach +mir dort, bitte, keine Vorwürfe, wie du sie mir vorhin hier machtest – +was? Wenn du was sagen willst, so tu’s später, hier unter vier Augen – +nicht? Bis dahin aber bezwing dich und schieb es auf! Ich habe es dort, +sieh mal, sowieso mit allen verdorben. Sie ärgern sich ...“ + +„Hören Sie, Onkel, nach allem, was ich gehört und gesehen habe, scheint +es mir, daß Sie ...“ + +„Daß ich ein Lappen bin – nicht? Sprich es nur ruhig aus!“ unterbrach er +mich ganz unvermutet. „Ja, Freund, was ist da zu machen! Ich weiß es ja +selbst. Nun, dann kommst du also? Komm bitte, sobald wie möglich!“ + +Oben im Giebelzimmer angelangt, kramte ich eilig die notwendigen Sachen +aus meinem Koffer, eingedenk der Bitte meines Onkels, ihm bald zu +folgen. Während des Ankleidens dachte ich darüber nach, daß ich, trotz +der langen Unterhaltung mit meinem Onkel, doch noch nichts von dem in +Erfahrung gebracht hatte, was ich hauptsächlich wissen wollte. Ich wurde +nachdenklich. Nur eines war mir einigermaßen klar: mein Onkel wünschte +immer noch, daß ich sie heiratete, und folglich waren alle Gerüchte, die +dem widersprachen, wie zum Beispiel, daß er selbst in das junge Mädchen +verliebt sei, unbegründet. Ich weiß noch, daß ich mich in großer +Aufregung befand. Unter anderem dachte ich auch darüber nach, daß ich +durch meine Ankunft und mein Schweigen in der Hauptsache meinem Onkel +gleichsam meine Zustimmung ausgedrückt, ihm mein Wort gegeben, mich auf +ewig gebunden hatte. + +„Es ist nicht schwer,“ dachte ich, „nicht schwer, ein Wort +auszusprechen, das einen dann später an Händen und Füßen und auf ewig +bindet. Und das Beste ist, daß ich die Braut noch nicht einmal gesehen +habe!“ + +Und andererseits: woher diese Feindschaft der ganzen Familie gegen mich? +Warum sollten sie über meine Ankunft, wie mein Onkel sagte, ungehalten +sein? Und was für eine sonderbare Rolle spielte denn mein Onkel hier in +seinem eigenen Hause? Aus welchem Grunde vermeidet er es, mir auf +gewisse Fragen zu antworten? Aus welchem Grunde fürchtet und quält er +sich so? Offen gesagt, der ganze Sachverhalt erschien mir plötzlich +vollkommen unsinnig, unbegreiflich. Meine romantischen und heroischen +Träume aber waren jetzt, nach dem ersten Zusammenstoß mit der +Wirklichkeit, endgültig verflogen. Erst jetzt, nach der Unterredung mit +meinem Onkel, begriff ich die ganze Ungereimtheit, den ganzen Wahnsinn +seines Vorschlages, und ich sagte mir, daß unter solchen Umständen +wahrlich nur er allein einen solchen Plan aushecken konnte. Desgleichen +gestand ich mir, daß ich selbst, indem ich auf sein erstes Wort hin Hals +über Kopf hergefahren kam, fast begeistert von seinem Vorschlag, einem +Narren und Dummkopf sogar auffallend ähnlich gewesen war. + +Mit diesen unangenehmen Erwägungen beschäftigt, kleidete ich mich so +eilig an, daß ich den mir behilflichen Diener zuerst gar nicht bemerkte. + +„Werden der Herr die adelaidenfarbene Kravatte umlegen oder diese +feinkarierte?“ fragte er plötzlich mit einer fast widerlich süßen +Bescheidenheit. + +Jetzt erst sah ich ihn an, und es schien mir auf den ersten Blick, daß +seine Person ein gewisses Interesse verdiente. Er war ein noch junger +Mensch, für einen Diener viel zu gut gekleidet, vielleicht nicht +schlechter als manch ein Geck unserer Gouvernementsstädte. Er trug einen +braunen Frack, weiße Beinkleider, eine strohfarbene Weste, Halbstiefel +aus Lackleder und eine rosa Krawatte. Augenscheinlich war jedes Stück +nicht ohne eine gewisse Absicht gewählt: diese ganze Ausstattung mußte +sofort den feinen Geschmack des jungen Mannes verraten. Die Uhrkette war +gleichfalls nicht zufällig so angebracht, daß sie einem in die Augen +stach. Sein Gesicht war blaß und etwas grünlich; seine Nase war groß, +gebogen, ungewöhnlich weiß, fast als wäre sie von Porzellan gewesen. Das +Lächeln seiner schmalen Lippen drückte eine gewisse Melancholie aus, und +zwar eine sehr zartfühlende Melancholie. Seine großen hervorquellenden +Augen hatten etwas Gläsernes, ihr Blick war auffallend stumpf, aber +dennoch drückten sie eine gewisse „Zartheit“ aus. In seinen dünnen, +weichen Ohren trug er – wohl gleichfalls aus „Zartheit“ – je ein +Flöckchen weiße Watte. Seine langen, weißblonden, spärlichen Haare waren +zu Locken gedreht und pomadisiert. Seine Hände – oder vielmehr Händchen +– waren weiß, sauber, wie in Rosenwasser gebadet. Seine Nägel waren +geckenhaft lang und rosig. Kurz, alles an ihm sprach von Verzärtelung +und Eitelkeit. Er lispelte vor lauter Vornehmheit und sprach nach +neuester Mode das r fast gar nicht aus, er schlug die Augen auf und +schlug sie nieder, seufzte und schmachtete bis zur Unglaublichkeit. Ja, +er duftete sogar nach Parfüm. Er war nicht groß, war schwächlich und +welk, und beim Gehen knickte er sehr absonderlich in den Beinen, so daß +es aussah, als wolle er sich bei jedem Schritt setzen, worin er +wahrscheinlich die vornehmste Zartheit sah. Mit einem Wort, der ganze +Mensch war förmlich durchtränkt mit Zartheit, Subtilität und +ungewöhnlich entwickeltem Empfinden der eigenen Würde. Besonderes +letzteres mißfiel mir im ersten Augenblick sehr, ohne daß ich hierfür +einen besonderen Grund angeben könnte. + +„So ist diese Krawatte adelaidenfarben?“ fragte ich und sah den jungen +Diener scharf an. + +„Jawohl, genau adelaidenfarben,“ antwortete er mit „Zartsinn“. + +„Und nicht agrafenenfarben?“ + +„Nein. Eine solche Farbe kann es überhaupt nicht geben.“ + +„So? Warum denn nicht?“ + +„Agrafena ist ein unanständiger Name.“ + +„Wieso unanständig? Warum?“ + +„Das weiß doch ein jeder: Adelaida ist wenigstens ein ausländischer +Name, ein veradelter also; Agrafena aber kann hier jedes Bauernweib +heißen.“ + +„Du bist wohl übergeschnappt?“ + +„Keineswegs, ich bin bei vollem Verstande. Es steht dem Herrn allerdings +frei, mich wie beliebt zu benennen, doch sind mit meinem Worte viele +Generäle und Herren aus der Hauptstadt zufrieden gewesen.“ + +„Wie heißt du denn?“ + +„Widopljässoff.“ + +„Ah! Also du bist Widopljässoff!“ + +„So heiße ich.“ + +„Na, dich werde ich wohl noch näher kennen lernen.“ + +Bei mir aber dachte ich, als ich die Treppe hinabstieg: „Weiß Gott, das +ist ja hier eine regelrechte Irrenanstalt!“ + + + + + IV. + + Beim Tee. + + +Der Teesalon war dasselbe Zimmer, aus dem eine Glastür auf jene Terrasse +führte, auf der ich kurz vorher den Diener Gawrila angetroffen hatte. +Die geheimnisvollen Warnungen meines Onkels bezüglich des Empfanges, der +mich erwartete, beunruhigten mich nicht wenig. Um so unangenehmer war es +mir, als ich, nachdem ich kaum über die Schwelle getreten war, plötzlich +über einen Teppich stolperte und, indem ich zum Glück gerade noch das +Gleichgewicht bewahrte, immerhin ganz unverhofft bis in die Mitte des +Zimmers flog. So stand ich denn, betreten, als hätte ich im Augenblick +meine ganze Lebenslaufbahn, Ehre und guten Ruf verspielt, regungslos, +rot wie ein Krebs und mit verständnislosem Blick rings um mich schauend, +geraume Zeit mitten im Zimmer auf einem Fleck. Ich erwähne diesen an +sich ganz gleichgültigen Zwischenfall einzig aus dem Grunde, weil er von +einem gewissen Einfluß auf meine Gemütsverfassung im Verlaufe des ganzen +Tages war und somit auch auf mein Verhalten zu einigen der handelnden +Personen meiner Erzählung. Ich versuchte, so etwas wie eine Verbeugung +zu machen; doch noch bevor ich sie ausgeführt hatte, stürzte ich zu +meinem Onkel und erfaßte seine beiden Hände. + +„Guten Tag, Onkel,“ sagte ich atemlos, obgleich ich etwas ganz anderes, +viel Geistreicheres hatte sagen wollen ... aber ohne es zu wollen, hatte +ich schon dieses dumme „Guten Tag, Onkel“ gesagt! + +„Guten Tag, guten Tag, mein lieber, junger Freund,“ antwortete mein +Onkel, der sichtlich mit mir litt, „wir ... wir haben uns ja schon so +oft gesehen. Sei doch nicht so verlegen,“ fuhr er leise fort, so daß nur +ich es hörte, „das kann ja jedem Menschen passieren! Ich verstehe ja: +zuweilen wäre man froh, wenn man sich unter die Erde verkriechen könnte +... Nun, jetzt aber ... erlauben Sie, Mama, daß ich Ihnen hier meinen +Gast vorstelle ... Sie werden ihn sicherlich liebgewinnen. Mein Neffe, +Ssergei Alexandrowitsch,“ sagte er zur Erläuterung, sich diesmal an alle +Anwesenden wendend. + +Doch bevor ich die folgenden Ereignisse wiedergebe, will ich diese ganze +Gesellschaft, in die ich mich so plötzlich hineinversetzt sah, dem Leser +etwas deutlicher vor Augen führen. + +Sie bestand aus mehreren Damen und nur zwei Herren – mich und meinen +Onkel nicht mitgerechnet. Foma Fomitsch, für den ich mich so überaus +interessierte, und der – das fühlte ich bereits – der unumschränkte +Herrscher des ganzen Hauses war, befand sich nicht im Zimmer: er glänzte +durch Abwesenheit und hatte, wie es schien, das Sonnenlicht gleichzeitig +mit sich fortgenommen; denn alle waren finster, sorgenvoll und +bekümmert, was man unmöglich nicht herausfühlen konnte. Aber wie +verwirrt und erregt ich in diesem Augenblick auch war, ich bemerkte +doch, daß mein Onkel fast ebenso erregt und verwirrt war wie ich, wenn +er auch alles tat, um seinen wahren Zustand und seine Sorgen hinter +scheinbarer Ungezwungenheit zu verbergen. Es schien so etwas wie ein +schwerer Stein auf seinem Herzen zu liegen. + +Der eine der beiden anwesenden Herren, ein noch junger Mann von etwa +fünfundzwanzig Jahren, war jener Obnoskin, dessen Verstand und strenge +Moral mein Onkel noch kurz vorher gerühmt hatte. Leider gefiel er mir +äußerst wenig: alles an ihm lief schließlich auf einen gewissen „Schick“ +– jedoch schlechten Tones – hinaus; sein Anzug sah bei allem „Schick“ +doch fadenscheinig und ärmlich aus, und selbst in seinem Gesicht schien +etwas Fadenscheiniges zu sein. Sein hellblonder, spärlicher Schnurrbart +und sein zerzaustes Bärtchen sollten an ihm offenbar einen selbständig +denkenden Menschen und vielleicht sogar einen Freigeist kennzeichnen. Er +schnitt die ganze Zeit Grimassen, lächelte mit einer ganz besonderen, +gemachten Boshaftigkeit, saß keinen Augenblick ruhig auf seinem Stuhl +und fixierte mich beständig durch ein Lorgnon – dessen er sich, wie +jeder zeitgenössische Modenarr, bediente. Kehrte ich mich jedoch zu ihm +um, so senkte er es mit einer neuen Grimasse sofort, ganz als wäre er zu +feige gewesen, mich offen zu fixieren. Der andere Herr war auch noch +jung, ungefähr so um achtundzwanzig: es war dies mein Vetter dritten +Grades, Herr Misintschikoff. Er war allerdings auffallend schweigsam. +Während der ganzen Teestunde sprach er kein einziges Wort, lachte er +kein einziges Mal, auch dann nicht, wenn alle lachten; doch konnte ich +keine Spur von jener Schüchternheit an ihm wahrnehmen, die mein Onkel an +ihm bemerkt haben wollte; im Gegenteil, ich fand, daß der Blick seiner +hellbraunen Augen Entschlossenheit und einen sehr bestimmten Charakter +verriet. Er hatte eine dunkle Gesichtsfarbe, fast schwarzes Haar und war +eigentlich recht hübsch; gekleidet war er tadellos – auf Rechnung meines +Onkels, wie ich später erfuhr. Von den Damen fiel mir ganz zuerst +Fräulein Perepelizyna dank ihres erschreckend bösen, blutleeren Gesichts +auf. Sie saß neben der Generalin, – auf die ich später zu sprechen +kommen werde –, jedoch stand ihr Stuhl nicht ganz in gleicher Reihe mit +dem der alten Dame, sondern aus Ehrerbietung etwas zurück. Sie beugte +sich jeden Augenblick vor, um ihrer Gönnerin etwas ins Ohr zu tuscheln. +Drei andere bejahrte Gnadenbrotesserinnen saßen vollkommen wortlos, +starr und steif an der Fensterwand und erwarteten ehrfürchtig ihre Tasse +Tee, alle sechs Augen andächtig auf die Generalin gerichtet. Auch +interessierte mich eine nicht allein dicke, sondern förmlich +ausgeflossene Dame von rund fünfzig Jahren, die sehr geschmacklos und +auffallend gekleidet und, wenn ich mich nicht täusche, sogar geschminkt +war. Im Munde hatte sie statt der Zähne nur noch einige dunkle, +abgebrochene Zahnstummeln, was sie jedoch nicht hinderte, in einem fort +den Mund aufzureißen, schreiend laut zu sprechen, sich zu zieren und zu +kokettieren. Sie war mit vielen Ketten und Kettchen behangen und +richtete, ganz wie Monsieur Obnoskin, fortwährend ihr Lorgnon auf mich. +Es war das seine Mutter. Meine Tante, die stille Praskowja Iljinitschna, +goß den Tee ein. Man sah es ihr an, daß sie mich nach der langen +Trennung am liebsten hätte umarmen, küssen, und daß sie bei der +Gelegenheit selbstverständlich auch hätte weinen wollen – aber sie wagte +es nicht. Alles schien hier gleichsam unter einem Verbot zu stehen. +Neben ihr saß ein allerliebstes, dunkeläugiges, fünfzehnjähriges +Mädchen, das mich aufmerksam mit kindlicher Neugier ansah – das war mein +Kusinchen Ssaschenjka. Endlich bemerkte ich noch eine sehr sonderbare +Dame, die vielleicht die auffallendste von allen war: reich und sehr +jugendlich gekleidet, obschon sie längst nicht mehr jung zu sein schien: +ich schätzte sie auf mindestens fünfunddreißig Jahre. Ihr Gesicht war +sehr farblos, hager und geradezu ausgetrocknet, doch nichtsdestoweniger +von ungewöhnlich lebhaftem Ausdruck. Fast bei jeder Bewegung, jeder +Erregung erschien flammendes Rot auf ihren bleichen Wangen. Dabei regte +sie sich ununterbrochen auf, drehte sich auf dem Stuhl hin und her und +schien nicht eine Minute ruhig sitzen zu können. Sie betrachtete mich +mit geradezu gieriger Neugier, beugte sich in jedem Augenblick zur +Seite, um Ssaschenjka oder ihrer Nachbarin zur Linken etwas ins Ohr zu +flüstern, worauf sie dann jedesmal in ein offenherziges, kindlich +heiteres Lachen ausbrach. Doch dieses ganze auffallende Benehmen der +Dame wurde zu meiner nicht geringen Verwunderung von keinem einzigen der +Anwesenden bemerkt, oder wenigstens schien man es nicht bemerken zu +wollen, ganz als hätte man schon früher ein vollkommenes Ignorieren +verabredet. Ich erriet, daß dieses Geschöpf jene Tatjana Iwanowna war, +die nach dem Ausdruck meines Onkels etwas „Phantasmagorisches“ an sich +haben sollte, und die ihm fast mit Gewalt als Braut angehängt wurde. +Wegen ihres Reichtums sahen ihr die alten Damen alles nach und waren +überhaupt sehr liebenswürdig zu ihr. Übrigens gefielen mir ihre blauen +Augen, die einen gewissen sanften Ausdruck hatten, und wenn man auch an +den Schläfen kleine Runzeln wahrnehmen konnte, so war der Blick doch so +offenherzig, so heiter und gut, daß es ganz eigenartig angenehm war, ihm +zu begegnen. Von dieser Tatjana Iwanowna, einer der buchstäblichen +„Heldinnen“ meiner Erzählung, werde ich späterhin noch ausführlicher +sprechen – ihre Lebensgeschichte ist recht seltsam. + +Fünf Minuten nach meinem Erscheinen im Teesalon kam aus dem Garten ein +allerliebster kleiner Junge hereingelaufen; das war mein Vetter +Iljuscha, dessen Namenstag am nächsten Tage gefeiert werden sollte, und +dessen Taschen jetzt schon mit Kuchen vollgestopft waren. In der einen +Hand hielt er eine Peitsche, in der anderen einen Brummkreisel. Gleich +nach ihm trat ein junges, schlankes Mädchen ein: sie war ein wenig +bleich und anscheinend etwas müde, aber dennoch sah sie reizend aus. Sie +warf einen prüfenden, mißtrauischen und etwas scheuen Blick auf die +Anwesenden, sah mich einmal kurz und aufmerksam an und setzte sich dann +neben Tatjana Iwanowna hin. Ich weiß noch, daß mein Herz unwillkürlich +zu klopfen begann: das war sie, die Erzieherin ... Auch entsinne ich +mich noch, daß mein Onkel bei ihrem Eintritt mir einen schnellen Blick +zuwarf und gleich darauf errötete, sich dann plötzlich niederbeugte, +seinen Iljuscha auf den Arm hob und ihn zu mir brachte: ich sollte ihn +begrüßen und küssen. Bei der Gelegenheit fiel es mir auf, daß Frau +Obnoskin meinen Onkel durchdringend musterte, um dann mit einem +sarkastischen Lächeln ihr Lorgnon auf die Erzieherin zu richten. Mein +Onkel wußte nicht, was er tun sollte, und so rief er denn Ssaschenjka zu +sich, um sie mir vorzustellen, doch diese stand nur auf und machte +schweigend und mit aller Wohlerzogenheit einen Knicks vor mir. Das +gefiel mir übrigens sehr; denn es paßte zu ihr. Da aber konnte sich +meine gute Tante Praskowja Iljinitschna nicht mehr bezwingen: sie ließ +ihre Teetassen stehen und stürzte auf mich zu, um mich zu umarmen – doch +siehe, noch hatte ich nicht Zeit gehabt, ihr zwei Worte zu sagen, als +schon die schrille Stimme der alten Jungfer Perepelizyna ertönte, die +vorwurfsvoll und stellenweise förmlich kreischend bemerkte, daß +Praskowja Iljinitschna ihr Mütterchen (die Generalin) ganz und gar +vergesse, das Mütterchen aber habe doch Tee verlangt und müsse jetzt so +lange warten! Und so eilte denn Praskowja Iljinitschna zu ihren Tassen +und Pflichten zurück, ohne mit mir nur ein Wort gewechselt zu haben. +Diese Generalin nun, die Hauptperson im Kreise ihrer Freundinnen, vor +der alle sich wie auf Draht gezogen bewegten, und die ganz in Trauer +gehüllt dasaß, war eine hagere, böse, alte Person – böse vornehmlich vor +Alter und infolge der Einbuße ihrer letzten, auch früher niemals sehr +reichen geistigen Fähigkeiten. Früher war sie einfach nur launisch +gewesen, dann aber hatte sie der Titel „Exzellenz“ noch dümmer und noch +eingebildeter gemacht. Wenn sie sich ärgerte, machte sie das Haus zur +Hölle. Sie hatte zwei Arten, sich zu ärgern. Die eine Art war – +Schweigen; dann tat die Alte ganze Tage lang kein einziges Mal den Mund +auf und stieß alles, was man ihr vorsetzte, entweder wie aus Versehen +um, oder warf es ganz offen und wütend auf den Fußboden. Die andere Art +war dieser vollkommen entgegengesetzt: nämlich wortreich. Es begann +gewöhnlich damit, daß meine verehrte Großmutter sich in ungewöhnliche +Melancholie versenkte, das Ende der Welt und ihres Hauses erwartete, +Armut und alles nur denkbare Elend voraussah, sich an ihren eigenen +Vorgefühlen in Stimmung redete, die zukünftigen Leiden an den Fingern +abzuzählen begann, während dieser Zählung in eine gewisse Begeisterung +geriet und aus dieser Begeisterung schließlich in förmlichen Jähzorn. +Bei der Gelegenheit stellte es sich dann natürlich immer heraus, daß sie +alles inzwischen Eingetroffene vorausgesehen und nur aus dem einen +Grunde geschwiegen hatte, weil sie doch mit Gewalt dazu gezwungen werde, +„in diesem Hause“ zu schweigen. Wenn man doch „wenigstens ehrerbietig“ +zu ihr sein und ihr „im voraus gehorchen“ wollte, so ... usw. Alle +derartigen Reden wurden sogleich von dem ganzen Stabe ihrer +Anhängerinnen, Fräulein Perepelizyna an der Spitze, als +unerschütterliche, ewige Wahrheit anerkannt und zum Schluß noch von Foma +Fomitsch feierlich begutachtet und gesegnet. In jenem Augenblick, als +ich ihr vorgestellt wurde, ärgerte sie sich gerade entsetzlich, und zwar +nach der ersten Methode, der schweigsamen – und furchtbarsten. Alle +sahen sie angstvoll an. Nur Tatjana Iwanowna, der unbedingt alles +verziehen wurde, befand sich in der besten Stimmung. + +Da führte mich mein Onkel – fast sogar wie im Triumph – zu meiner +Großmutter, doch diese machte nur eine äußerst saure Miene und schob +heftig ihre Tasse zur Seite. + +„Ist das jener Vol-ti-geur?“ fragte sie in singendem Nasalton, sich +dabei an Fräulein Perepelizyna wendend. + +Diese dumme Frage brachte mich gänzlich aus der Fassung. Ich begriff +nicht, weshalb sie mich einen Voltigeur nannte. Doch solche Fragen waren +noch nichts, im Vergleich zu anderen Beleidigungen, mit denen die alte +Dame niemals kargte. Die Perepelizyna beugte sich vor und tuschelte ihr +etwas ins Ohr, die Alte aber schlug nur einmal, unwillig abweisend, mit +der Hand durch die Luft. Ich stand mit halb offenem Munde vor ihr und +blickte fragend meinen Onkel an. Alle tauschten vielsagende Blicke aus, +und Obnoskin lächelte sogar, was mir sehr wenig gefiel. + +„Sie, weißt du, sie verspricht sich manchmal,“ raunte mir mein Onkel +unauffällig zu; „aber das tut ja nichts, sie sagt es nur so, es kommt +aus gutem Herzen. Sieh immer nur aufs Herz, immer aufs Herz, das ist die +Hauptsache!“ + +„Ja, das Herz, das Herz!“ ertönte da plötzlich die helle Stimme Tatjana +Iwanownas, die mich die ganze Zeit nicht aus den Augen gelassen hatte +und tatsächlich nicht ruhig auf ihrem Platz zu sitzen vermochte. +Offenbar hatte sie die letzten mir zugeraunten Worte aufgefangen. Doch +sie sprach ihren Gedanken nicht zu Ende, obgleich sie augenscheinlich +etwas sagen wollte. Wurde sie nun verlegen, oder war es etwas anderes – +jedenfalls verstummte sie, errötete heftig, beugte sich hastig zur +Erzieherin, flüsterte ihr etwas ins Ohr und plötzlich warf sie sich, das +Taschentuch an die Lippen pressend, an ihre Stuhllehne zurück und +lachte, lachte, wie nur ein hysterischer Mensch lachen kann. Ich schaute +mich höchst verwundert im Kreise um: und ich gewahrte zu meiner noch +größeren Verwunderung, daß alle sehr ernst waren und so dreinschauten, +als wäre nichts Besonderes geschehen. Da begriff ich, wer und was +Tatjana Iwanowna war. Endlich erhielt auch ich meinen Tee und kam wieder +ein wenig zur Besinnung. Doch weiß ich nicht, aus welchem Grunde ich +plötzlich glaubte, ein überaus liebenswürdiges Gespräch mit den Damen +anknüpfen zu müssen. + +„Sie hatten vollkommen recht, Onkel,“ begann ich, „als Sie mich vorhin +vor dem Verlegenwerden warnten. Ich muß offen gestehen – wozu sollte ich +es verheimlichen?“ fuhr ich fort, mich mit dem einschmeichelndsten +Lächeln an Frau Obnoskin wendend, „daß sich mich bis heute noch nie in +Damengesellschaft befunden habe, und als mir jetzt beim Eintritt dieses +Malheur passierte, da ... schien es mir, daß die Pose, die ich mitten im +Zimmer so unbeabsichtigter Weise annahm, recht lächerlich war und in +etwas an den ‚Bettelsack‘ erinnerte – nicht wahr? Sie haben doch den +‚Bettelsack‘ gelesen?“ Ich verstummte, denn meine Verwirrung hatte +mit jedem Wort wieder zugenommen: ich schämte mich meines +Einschmeichelungsversuchs und blickte wütend auf Herrn Obnoskin, der, +die Zähne lächelnd entblößend, mich immer noch vom Kopf bis zu den Füßen +musterte. + +„Stimmt! Das ist es ja! Eben, eben!“ rief plötzlich mein Onkel aus, +ungemein belebt und aufrichtig erfreut darüber, daß es wenigstens zu +einem Gespräch kam und ich mich soweit gefaßt hatte. „Aber das, Freund, +das ist noch nichts, was du da sagst von Verlegenwerden. Wird man +verlegen, dann wird man verlegen, das ist weiter nicht schlimm! Ich +aber, Freund, ich habe bei meinem Debüt sogar gelogen – wirst du’s mir +glauben? Ja, bei Gott, Anfissa Petrowna! Und ich kann Ihnen nur sagen, +es ist eine interessante Geschichte. Ich war kaum Fähnrich geworden, kam +nach Moskau und begab mich zu einer hochgestellten Dame, mit einem +Empfehlungsbrief, versteht sich – das heißt, sie war eine recht +hochmütige Dame, aber im Grunde doch herzensgut, was man auch dagegen +einwenden wollte. Ich trete also ein, gebe meine Karte ab – werde +empfangen. Im Empfangssalon wimmelt es von Gästen – lauter Größen. Ich +machte meine pflichtschuldige Verbeugung, setzte mich. Da wendet sie +sich schon nach fünf Minuten zu mir und fragt mich: ‚Hast du auch ein +Gut, mein Lieber?‘ Ich besaß damals kein Huhn – aber was sollte ich +antworten? Verwirrt war ich, wie ein Brummkreisel. Alle sehen mich an – +na was, Junkerlein! Nun, ich hätte doch einfach sagen können: nein, habe +nichts, – und es wäre gut und anständig gewesen; denn ich hätte doch nur +die Wahrheit gesagt. Hielt es aber nicht aus! ‚Jawohl,‘ sagte ich, +‚hundertundsiebzehn Seelen.‘ Weiß Gott, welch ein Teufel mich plagte, +diese siebzehn da noch anzuhängen! Wenn du schon lügst, dann lüg doch +eine runde Zahl – nicht wahr? Natürlich erfuhren sie gleich darauf aus +dem Empfehlungsbrief, daß ich arm war wie eine Kirchenmaus – und zum +Überfluß hatte ich jetzt auch noch gelogen! Na, was tun? Ich machte, daß +ich fortkam, und ging seit der Zeit nie wieder hin! Ja, damals besaß ich +noch nichts; denn das, was ich jetzt habe, das sind, wie ihr wißt, +dreihundert Seelen von Onkel Afanassij Matwejitsch, und dann noch die +zweihundert Seelen mit Kapitonowka, die ich vorher von meiner Großmutter +Akulina Panfilowna erbte, also ^summa summarum^ fünfhundert plus +Nachwuchs. Na ja. Nur habe ich mir damals geschworen, nie mehr zu lügen, +und jetzt lüge ich auch tatsächlich nie mehr.“ + +„Hm, ich hätte mir das an Ihrer Stelle nicht geschworen. Wer weiß, was +alles noch geschehen kann,“ bemerkte Obnoskin mit spöttischem Lächeln. + +„Nun ja, das ist ja wahr; wer weiß, was alles noch geschehen kann!“ +stimmte mein Onkel gutmütig bei. + +Obnoskin brach in schallendes Gelächter aus und warf sich lachend an die +Stuhllehne zurück. Fräulein Perepelizyna kicherte wieder ganz besonders +widerlich. Auch Tatjana Iwanowna lachte auf, ohne selbst zu wissen, +worüber, und schlug sogar in die Hände vor Vergnügen. Kurz, ich begriff, +daß mein Onkel in seinem eigenen Hause als vollkommene Null betrachtet +wurde. Ssaschenjka, deren dunkle Augen böse blitzten, sah unverwandt +Obnoskin an. Die Erzieherin errötete und sah zu Boden. Mein Onkel +wunderte sich. + +„Ja, was denn? Was ist denn geschehen?“ fragte er, sich verständnislos +im Kreise umblickend. + +Während dieser ganzen Zeit fiel es mir auf, daß mein Vetter dritten +Grades, Misintschikoff, der sich etwas abseits niedergelassen hatte, +ruhig und stumm auf seinem Stuhle saß und selbst dann nicht einmal +lächelte, als alle lachten. Er trank seinen Tee, blickte philosophisch +auf das ganze Publikum und war mehr als einmal im Begriff – gleichsam in +einem Anfall unerträglicher Langeweile – die Lippen zu spitzen und vor +sich hinzupfeifen, wahrscheinlich aus alter Angewohnheit, doch besann er +sich immer noch rechtzeitig. Gleichzeitig fiel mir auf, daß Obnoskin, +der meinen Onkel zum besten hatte und sich auch über mich lustig machte, +diesen Misintschikoff kaum anzusehen wagte. Auch bemerkte ich, daß +dieser, mein schweigsamer Vetter dritten Grades, des öfteren zu mir +herübersah und es sogar mit offenkundigem Interesse tat, als hätte er +genau feststellen wollen, was für ein Mensch ich eigentlich sei. + +„Ich bin überzeugt,“ ertönte da plötzlich die Stimme Frau Obnoskins, +„ich bin fest überzeugt, ^monsieur Serge^ – so war’s doch, wenn ich mich +nicht irre? – daß Sie in Ihrem Petersburg kein großer Damenfreund +gewesen sind. Ich weiß, es gibt jetzt dort viele, sehr viele junge +Leute, die sich vor jeder Damengesellschaft scheuen. Meiner Ansicht nach +sind das aber nur Freigeister. Ich werde mich nie dazu verstehen, diese +Tatsache anders aufzufassen: sie ist nichts als unverzeihliches +Freigeistertum. Und darum will ich es Ihnen unverhohlen sagen: es +wundert mich, es wundert mich, junger Mann, es wundert mich über alle +Maßen! ...“ + +„Ich habe mich überhaupt nicht in Gesellschaft bewegt,“ antwortete ich +eifrig. „Aber das hat ... wenigstens denke ich so, nichts zu sagen ... +Ich lebte dort, das heißt, ich hatte mir dort ein Zimmer gemietet ... +aber das hat nichts auf sich, ich versichere Sie. Ich werde mir alle +Mühe geben, mit Damen bekannt zu werden; bis jetzt habe ich allerdings +nur zu Hause gesessen.“ + +„Und hast dich mit der Wissenschaft beschäftigt,“ bemerkte mein Onkel, +ersichtlich stolz darauf. + +„Ach, Onkel, – Onkel mit seiner Wissenschaft ... Stellen Sie sich nur +vor,“ fuhr ich sehr mitteilsam und mit liebenswürdigem Lächeln fort, +mich wieder an Frau Obnoskin wendend, „mein lieber Onkel ist von der +Wissenschaft dermaßen eingenommen, daß er irgendwo auf der Landstraße +einen wundertätigen, praktizierenden Philosophen, einen gewissen Herrn +Korowkin, entdeckt hat: und sein erstes Wort, das er mir heute nach so +langen Jahren der Trennung sagte, war, daß er diesen phänomenalen +Zauberer mit, man kann wohl sagen, krampfhafter Ungeduld erwarte ... +selbstverständlich nur aus Liebe zur Wissenschaft ...“ + +Und ich lachte leise, in der Hoffnung, allgemeines Gelächter als Lob +meiner geistreichen Mitteilung hervorzurufen. + +„Wen? Von wem spricht er?“ fragte schroff die Generalin, die sich wieder +nur an die Perepelizyna wandte. + +„Jegor Iljitsch hat Gäste eingeladen, Gelehrte, Leute, die sich auf der +großen Landstraße umhertreiben und von ihm aufgesammelt werden,“ +berichtete schadenfroh die alte Jungfer. + +Mein Onkel wußte zuerst nicht recht, was er dazu sagen sollte. + +„Ach ja, richtig! Ich hatte es ganz vergessen!“ rief er aus – warf mir +aber einen Blick zu, in dem doch ein gewisser Vorwurf lag. „Ich erwarte +Herrn Korowkin. Ein Mann der Wissenschaft, einer, der unser Jahrhundert +überleben wird ...“ + +Er brach ab und verstummte. Die Generalin hatte wieder einmal mit der +Hand gewinkt (das bedeutete, daß sie ihn nicht mehr anhören wollte), und +zwar diesmal so glücklich, daß sie die Tasse traf, die auf dem Fußboden +klirrend zerschlug. Es folgte eine allgemeine Aufregung. + +„Das tut sie immer, wenn sie sich ärgert,“ raunte mir mein Onkel zur +Erklärung ins Ohr. „Aber nur wenn sie sich ärgert ... Du, Freund, sieh +nicht hin, bemerke es nicht, sieh zur Seite ... Aber, warum hast du das +von Korowkin gesagt? ...“ + +Doch ich blickte ohnehin schon zur Seite: ich hatte den Blick der +Erzieherin aufgefangen, und es schien mir, daß in ihm mehr als ein +Vorwurf, ja sogar etwas wie Verachtung lag. Röte des Unwillens brannte +auf ihren blassen Wangen. Ich begriff ihren Blick. Ich erriet, daß ich +durch meinen kleinmütigen, häßlichen Versuch, meinen Onkel lächerlich zu +machen, um auf diese Weise wenigstens etwas von der eigenen +Lächerlichkeit abzuwälzen, nicht gerade die Sympathie dieses Mädchens +errungen hatte. Ich vermag nicht zu sagen, wie sehr ich mich schämte! + +„Aber ich will mit Ihnen von Petersburg sprechen,“ begann Anfissa +Petrowna Obnoskina von neuem, kaum daß sich die Aufregung, die von der +zerschlagenen Tasse hervorgerufen worden war, etwas gelegt hatte. „Ich +denke mit einem solchen Vergnügen, kann ich sagen, an unser Leben in +dieser bezaubernden Residenz zurück ... Wir waren damals sehr nah +bekannt mit einem Hause ... weißt du noch ^Paul^?“ (Die Dame nannte +ihren Sohn Pawel stets französisch „Poll“ und mich statt Ssergei +Alexandrowitsch, „^monsieur Serge^“.) „General Polowizyn ... Ach, wenn +Sie wüßten, was für ein bezauberndes, be–zau–berndes Wesen die Generalin +war! Und sie können sich ja denken, dieser Aristokratismus, ^beau +monde^! ... Sagen Sie: Sie sind ihnen doch wahrscheinlich begegnet? ... +Glauben Sie mir, ich habe Sie hier mit Ungeduld erwartet: ich hoffte, +durch Sie hier vieles, vieles von unseren Petersburger Freunden zu +erfahren ...“ + +„Es tut mir leid, aber ich bin nicht in der Lage ... entschuldigen Sie +... Ich habe Ihnen bereits gesagt, daß ich nur sehr selten in +Gesellschaft gewesen bin, und ich kann nur hinzufügen, daß ich einen +General Polowizyn überhaupt nicht kenne, ich habe nicht einmal den Namen +gehört,“ antwortete ich nervös, da meine ganze Liebenswürdigkeit +plötzlich in eine sehr gereizte und ärgerliche Stimmung umgeschlagen +war. + +„Er hat sich mit Mineralogie beschäftigt!“ bemerkte wieder stolz mein +unverbesserlicher Onkel. „Das ist doch, Freund, die Wissenschaft, die da +so – verschiedene kleine Steinchen sammelt, nicht? Die Mineralogie?“ + +„Ja, Onkel, Steine ...“ + +„Hm ... Es gibt doch viele Wissenschaften, und alle sind sie nützlich! +Ich aber, Freund, um die Wahrheit zu sagen, wußte nicht einmal, was das +eigentlich ist, diese ganze Mineralogie! Habe nur so irgendwo die +Glocken mal läuten gehört. Weißt du, in den anderen Dingen – da geht es +noch zur Not; aber was die Wissenschaft anbetrifft, da bin ich dumm – +gebe es ganz offen zu.“ + +„Sie geben es ganz offen zu?“ fragte ironisch Obnoskin. + +„Papachen!“ rief Ssaschenjka dazwischen und sah vorwurfsvoll ihren Vater +an. + +„Was, Liebling? Ach, mein Gott, ich unterbreche Sie immer, Anfissa +Petrowna,“ entschuldigte er sich, da er Ssaschenjkas Ausruf +mißverstanden hatte, „verzeihen Sie mir, um Gottes willen!“ + +„Oh, beunruhigen Sie sich nicht!“ wehrte Anfissa Petrowna mit sauersüßem +Lächeln ab. „Ich habe ja Ihrem Neffen auch schon alles gesagt und kann +nur noch hinzufügen, ^monsieur Serge^ – so war’s doch, wenn ich mich +nicht irre? –, daß Sie sich unbedingt bessern müssen. Ich bin überzeugt, +daß die Wissenschaft, die Kunst ... die Bildhauerkunst zum Beispiel ... +mit einem Wort, daß alle diese hohen Ideen ihre sozusagen be–rau–schende +Seite haben, aber niemals werden sie die Damen ersetzen! ... Die Frauen, +die Frauen, junger Mann, werden Sie bilden, und deshalb ist es ohne sie +unmöglich, unmöglich, junger Mann, ganz un–möglich!“ + +„Unmöglich, unmöglich!“ ertönte schon wieder die etwas schreiende Stimme +Tatjana Iwanownas. „Hören Sie,“ begann sie darauf in kindlicher Hast +(natürlich errötete sie wieder), „hören Sie, ich will Sie etwas fragen +...“ + +„Wie beliebt?“ fragte ich und sah sie aufmerksam an. + +„Ich wollte Sie fragen: werden Sie lange hier bleiben?“ + +„Ich weiß es nicht, – je nach den Verhältnissen.“ + +„Nach den Verhältnissen! Was können denn das für Verhältnisse sein? ... +O, Sie Tor!“ + +Und Tatjana Iwanowna verbarg ihr heiß errötendes Gesicht hinter ihrem +Fächer, beugte sich dann zur Erzieherin und begann sofort, ihr eifrig +etwas zuzuflüstern. Plötzlich lachte sie auf und schlug vergnügt in die +Hände. + +„Warten Sie, warten Sie!“ rief sie mir zu, sich eilig von ihrer +Vertrauten wieder abwendend, als hätte sie gefürchtet, ich könnte +fortgehen, „hören Sie, wissen Sie, was ich Ihnen sagen werde? Sie ähneln +auffallend, auffallend einem jungen Menschen, einem be–zau–bernden +jungen Menschen! ... Ssaschenjka, Nastenjka, wißt ihr noch? Er gleicht +doch auffallend jenem Toren – weißt du noch, Ssaschenjka? Wir fuhren +spazieren und begegneten ihm ... zu Pferde, in einer weißen Weste ... er +richtete noch sein Lorgnon auf mich, der Unverschämte! Wißt ihr noch, +ich schlug meinen Schleier vors Gesicht, hielt es dann aber doch nicht +aus, beugte mich aus dem Wagen und rief ihm ein ‚Sie Unverschämter!‘ +nach. Und dann warf ich mein Bukett auf die Landstraße ... Entsinnen Sie +sich dessen noch, Nastenjka?“ + +Und das halb geistesgestörte Mädchen, das von Männern nie gleichmütig +sprechen konnte, bedeckte das Gesicht mit den Händen ... – Plötzlich +sprang sie auf, lief zum Fenster, riß dort von einem Rosenstock eine +Blüte ab, warf sie mir zu – die Blüte fiel in meiner Nähe hin – und lief +aus dem Zimmer. Wir hatten das Nachsehen! Diesmal aber war man doch +etwas aus dem Gleichgewicht gebracht, wenn auch die Generalin, ganz wie +das erstemal, ihre Ruhe nicht verlor. Anfissa Petrowna war nicht +erstaunt, aber sie sah jetzt besorgt aus und blickte kummervoll ihren +Sohn an. Die übrigen Damen erröteten, und „^Paul^“ Obnoskin erhob sich +von seinem Platz und trat, mit einem mir damals ganz unverständlichen +geärgerten Ausdruck, ans Fenster. Mein Onkel versuchte, mir verstohlen +einige Zeichen zu machen; doch in dem Augenblick trat ein fremder Mensch +ins Zimmer und lenkte die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich. + +„Ah! Da ist ja auch Jewgraf Larionytsch! Du kommst ja wie gerufen!“ rief +ihm mein Onkel, unbeschreiblich erfreut, entgegen. „Nun, was, Freund, +geradenwegs aus der Stadt?“ + +„Na, das sind mir mal eigenartige Wesen! Es scheint fast, daß sie alle +mit Absicht hier versammelt worden sind!“ dachte ich bei mir im stillen, +da ich noch nicht recht begriff, was ich sah und hörte, und – +selbstverständlich – ohne zu ahnen, daß ich die Sammlung dieser +Sonderlinge durch mein Erscheinen unter ihnen noch um ein Exemplar +vermehrt hatte. + + + + + V. + + Jeshowikin. + + +Ins Zimmer trat oder, richtiger gesagt, drehte sich durch die Tür +(obgleich die Tür sehr breit war) eine Figur, die bereits auf der +Schwelle Bücklinge machte, grüßte und lächelte, während die Augen mit +ungeheuerem Interesse alle Anwesenden eilig musterten. Es war das ein +kleiner, alter Mann, pockennarbig, mit einer großen Glatze, mit flinken, +klugen Äuglein und mit einem unbestimmbaren, feinen Lächeln auf den +ziemlich dicken Lippen. Er trug einen Frack, der recht abgetragen aussah +und wahrscheinlich für einen anderen gemacht war. Ein Knopf baumelte nur +noch an einem Faden, zwei oder drei Knöpfe fehlten ganz. Die zerrissenen +Stiefel und die schmierige Mütze stimmten mit dem übrigen Anzug durchaus +überein. In der rechten Hand hatte er ein baumwollenes, kariertes +Schnupftuch, das er ersichtlich schon oft benutzt hatte, und mit dem er +sich jetzt den Schweiß von Stirn und Schläfen wischte. Zufällig bemerkte +ich, daß die Erzieherin ein wenig errötete und mich flüchtig ansah. Ja, +es schien mir sogar, daß in diesem Blick gleichsam Stolz und eine +gewisse Herausforderung lagen. + +„Geradenwegs aus der Stadt, mein verehrter Wohltäter! Geradenwegs von +dort, mein Vater! Werde alles erzählen, erlauben Sie nur, daß ich zuerst +meine Ehrerbietung bezeuge,“ sagte das eingetretene alte Männlein und +begab sich schnurstracks zur Generalin, blieb aber dann doch auf halbem +Wege stehen und wandte sich von neuem an meinen Onkel. + +„Sie geruhen ja doch meinen Hauptcharakterzug bereits zu kennen, +verehrter Wohltäter: ein Lump bin ich, ein echter Lump! Pflege ich doch, +sobald ich über die Schwelle trete, sofort die Hauptperson des Hauses +aufzusuchen und zuerst meine Schritte zu ihr zu lenken, um mittels +dieses Schrittes alsogleich Gnade und Gunst und Vorteil zu erlangen. Ein +Lump, Väterchen, wie gesagt, ein Lump, mein Wohltäter! Gestatten Sie +gnädigst, Exzellenz, den Saum Ihres Gewandes zu küssen; denn mit meinen +Lippen würde ich Ihr goldenes Händchen, das hochwohlgeborene, nur +entweihen.“ + +Die Generalin reichte ihm zu meinem Erstaunen ihre Hand – und tat es +sogar noch ziemlich gnädig. + +„Und auch Ihnen, unserer Schönheit, mache ich meinen Diener,“ fuhr er +fort, indem er sich vor Fräulein Perepelizyna verneigte. „Nichts zu +wollen, mein gnädiges Fräulein: bin ein Lump! Schon im Jahre 1841 war es +ausgemacht, daß ich ein Lump sei, als ich aus dem Dienst ausgeschlossen +wurde, gerade damals, als Valentin Ignatjitsch Tichonzeff zum +Hochwohlgeborenen avancierte: den Assessor erhielt. Tatsächlich, er kam +unter die Assessoren und ich unter die Lumpen. Aber ich bin nun einmal +so aufrichtig geboren, daß ich alles eingestehe. Was soll man machen! +Versuchte es, ehrlich zu leben, versuchte es, jawohl – jetzt aber muß +man es anders anstellen. Alexandra Jegorowna, unser verzuckertes +Äpfelchen,“ fuhr er fort und ging um den Tisch herum, um sich vor +Ssaschenjka zu verbeugen, „erlauben Sie mir, einen Zipfel Ihres +Kleidchens zu küssen, – Sie, Fräuleinchen, duften ja wie Äpfelchen und +sämtliche Wohlgerüche der Welt. Dem Stammhalter, der morgen seinen +Namenstag feiert, gleichfalls meine Reverenz. Pfeil und Bogen habe ich +mitgebracht, habe selbst den ganzen Morgen daran geschnitzt ... meine +Kinderchen haben mir geholfen ... jawohl, später können wir schießen. +Zuerst aber muß man hübsch groß werden, dann kann man Offizier werden +und dem Türken den Kopf abschlagen. Tatjana Iwanowna ... ach, nicht +anwesend, wie ich sehe! Sonst würde ich den Saum auch ihres Kleides +küssen. Praskowja Iljinitschna, unser Hausmütterchen, kann mich bloß +nicht zu Ihnen durchzwängen, anderenfalls würde ich Ihnen nicht nur Ihre +Händchen, sondern auch Ihre Füßchen küssen – jawohl! Anfissa Petrowna, +bezeuge hiermit meine verschiedentlichste Achtung. Noch heute habe ich +für Sie zu Gott gebetet, meine Wohltäterin, sogar kniend und tränenden +Auges, und desgleichen für Ihren Herrn Sohn, damit Gott der Herr ihm +alle notwendigen Titel und Talente beschere – namentlich Talente, wie +gesagt! Bei der Gelegenheit entrichte ich auch Ihnen, Iwan Iwanytsch +Misintschikoff, meinen untertänigsten Ehrensold. Möge der Herr Ihnen +alles zukommen lassen, was Sie sich selbst wünschen; denn es dürfte +schwierig sein, richtig zu erraten, was Sie sich selbst wünschen: +schweigsam wie Sie sind und – aber das schadet nichts ... Guten Tag, +Nastjä! alle Krabben lassen dich grüßen, reden jeden Tag von dir. Und +jetzt dem Hausherrn meine tiefste Verbeugung. Komme aus der Stadt, Euer +Gnaden, schnurstracks aus der Stadt. Und das da ist wahrscheinlich Ihr +Neffe, der in der Gelehrtenschule erzogen worden ist, nicht wahr? Meinen +ergebensten Gruß, junger Herr. Ihre Hand, wenn ich bitten darf.“ + +Man lachte. Es war klar, daß der Alte freiwillig die Rolle eines +Spaßvogels spielte, über den ein jeder lachen durfte. Schon sein +Erscheinen erheiterte die ganze Gesellschaft. Die meisten verstanden +dabei seine Sarkasmen überhaupt nicht. Er aber verschonte fast keinen +einzigen mit ihnen. Nur die Erzieherin, die er – ich wunderte mich nicht +wenig darüber – kurzweg Nastjä nannte, errötete und blieb ernst. + +Ich zog unwillkürlich meine Hand etwas zurück, doch darauf hatte der +Alte offenbar nur gewartet. + +„Ich will sie Ihnen ja nur drücken, mein Bester, vorausgesetzt, daß Sie +es erlauben – nicht aber küssen. Oder glaubten Sie wirklich, daß ich sie +küssen wollte? Nein, mein Lieber, vorläufig wollte ich sie nur drücken. +Sie halten mich wohl für so einen herrschaftlichen Narren?“ fragte er +mich plötzlich mit spöttischem Lächeln in den Augen. + +„N–ein, wieso ... wie sollte ich ...“ + +„Doch, doch, Verehrtester! Wenn ich ein Narr bin, so ist es ein gewisser +anderer hier auch. Sie aber können mich noch mit ruhigem Gewissen +achten: ein solcher Lump, wie Sie glauben, bin ich denn doch noch nicht. +Übrigens, genau genommen – warum soll ich kein Narr sein? Ich bin ein +Sklave, meine Frau ist eine Sklavin. Schmeichle, schmeichle! Jawohl! +Etwas gewinnt man dabei doch, und wenn’s auch nur zur Milch für die +Kinderchen reicht. Zucker, Zucker streu nur überall aus, dann wird es +besser gehen. Das sage ich Ihnen, Verehrtester, nur so unterm Siegel der +Verschwiegenheit – vielleicht wird diese Methode auch Ihnen einmal +zustatten kommen. Fortuna hat mich auf dem Gewissen, mein Bester, +deshalb bin ich auch ein Narr.“ + +„Ha–ha–ha! Was dieser Alte doch für ein Spaßvogel ist! Immer bringt er +einen zum Lachen!“ meinte, gut aufgelegt, Anfissa Petrowna Obnoskina. + +„Meine gnädigste Wohltäterin, als Dummkopf kommt man besser durch die +Welt! Hätte ich das früher gewußt, so hätte ich mich von Kindheit an +unter die Dummen begeben – dann könnte ich jetzt klug sein. Da ich aber +in der Jugend klug sein wollte, muß ich jetzt im Alter dumm sein.“ + +„Sagen Sie doch, bitte,“ mischte sich Obnoskin ein (dem wahrscheinlich +die Bemerkung bezüglich der „Talente“ nicht gefallen hatte), nahm +zugleich auf seinem Lehnstuhl eine sehr selbstbewußte Pose an und +betrachtete den Alten durch sein Einglas, als hätte er ihn wie einen +Bazillus unter der Lupe, „sagen Sie doch, bitte, ... ich vergesse immer +Ihren Namen ... verdammt, wie war er doch?“ + +„Ach, mein Väterchen! Mein Familienname ist ja alles in allem +Jeshowikin, aber was nützt das schließlich? Da bin ich nun schon das +neunte Jahr ohne Anstellung – lebe nur noch dank dem ... Naturgesetz. +Dabei habe ich Kinder, Kinder, mehr als nötig! Ganz nach dem Sprichwort: +‚der Reiche hat – Kälber, der Arme – Kinder‘ ...“ + +„Nun, ja, schön ... Kälber ... das gehört übrigens nicht hierher, davon +später. Aber hören Sie, ich wollte Sie etwas fragen: warum sehen Sie, +wenn Sie eintreten, immer – sozusagen – zurück? Das wirkt sehr komisch.“ + +„Warum ich zurücksehe? Weil es mir immer scheint, daß mich jemand hinter +mir mit der flachen Hand platt schlagen will, wie eine Fliege, jawohl, +und deshalb sehe ich mich immer nach rückwärts um. Bin allem Anschein +nach monomanisch geworden, mein Bester.“ + +Wieder lachten alle. Nur die Erzieherin erhob sich und schien das Zimmer +verlassen zu wollen, sank dann aber doch wieder auf ihren Platz zurück. +In ihrem Gesicht war ein kranker, leidender Zug trotz der Röte, die auf +ihren Wangen brannte. + +„Weißt du auch, Freund, wer das ist?“ fragte mich mein Onkel heimlich. +„Das ist ihr Vater.“ + +Ich sah ihn mit weit offenen Augen an. Den Namen Jeshowikin hatte ich +ganz und gar vergessen. Ich hatte mich als Ritter gefühlt, hatte während +der ganzen Reise nur an meine Zukünftige gedacht und großmütige Pläne +geschmiedet, und dennoch ihren Familiennamen vergessen, oder richtiger, +ihm von Anfang an überhaupt keine Beachtung geschenkt. + +„Wieso, ihr Vater?“ fragte ich gleichfalls flüsternd. „Aber sie ist +doch, denke ich, Waise?“ + +„Ihr Vater, Freund, ihr Vater. Und weißt du, der ehrlichste und +anständigste Mensch der Welt – trinkt nicht mal. Nur spielt er +freiwillig den Spaßvogel. Entsetzliche Armut, weißt du, acht Kinder! +Leben nur von Nastenjkas Gehalt. Aus dem Dienst ist er wegen seiner +scharfen Zunge entlassen worden. Er kommt in jeder Woche einmal her. Und +stolz ist er, – für keinen Preis wird er etwas annehmen. Ich habe ihm +oft geben wollen, – er nimmt aber nichts an. Ein verbitterter Mensch!“ + +„Na also, mein alter Jewgraf Larionytsch, was gibt es denn dort bei euch +Neues?“ fragte mein Onkel und schlug ihm kameradschaftlich mit der Hand +auf die Schulter, da er bemerkt hatte, daß dem mißtrauischen Alten unser +heimliches Gespräch nicht entgangen war. + +„Was soll es Neues geben, mein Wohltäter? Valentin Ignatjitsch hat +gestern ein Schreiben eingereicht, in der Trischin-Affäre. Es hat sich +herausgestellt, daß bei ihm nicht das volle Quantum Mehl zur Stelle war. +Das ist, meine Gnädigste, jener selbe Trischin, der, wenn er einen +ansieht, genau so aussieht, als bliese er einen Samowar an. Vielleicht +geruhen Sie, sich seiner noch zu erinnern? Und so hat denn Valentin +Ignatjitsch von diesem Trischin zu den Alten gegeben: ‚Wenn der oft +genannte Trischin,‘ schreibt er, ‚nicht einmal die Ehre seiner +leiblichen Nichte zu wahren gewußt hat – denn diese ist vor einem Jahr +mit einem Offizier losgegangen, – wie sollte er dann,‘ schreibt er, +‚Kronseigentum aufzubewahren wissen?‘ Das hat er tatsächlich so in +seinem Schreiben gesagt – bei Gott, ich lüge nicht.“ + +„Pfui, was Sie für Geschichten erzählen!“ rief Anfissa Petrowna Obnoskin +verächtlich aus. + +„Ja ja, diesmal hast du dich etwas verhauen, Freund Jewgraf!“ pflichtete +ihr mein Onkel schnell bei. „Ei, ei, du wirst noch wegen deiner Zunge +viel Ungemach erleben. Ich weiß, du bist ein offener, ehrlicher, +edelmütiger Mensch – das kann ich bestätigen – aber deine Zunge ist +gefährlich! Ich wundere mich, wie es kommt, daß du mit ihnen dort nicht +in Frieden leben kannst. Sie sind doch, glaube ich, gute, einfache +Menschen ...“ + +„Mein Vater und Wohltäter! Aber den einfachen Menschen – den fürchte +ich ja gerade!“ rief der Alte mit einer ganz eigenartigen +Leidenschaftlichkeit aus. + +Die Antwort gefiel mir. Ich trat schnell entschlossen auf ihn zu und +drückte ihm fest die Hand. Um die Wahrheit zu sagen, wollte ich nur mit +irgend etwas gegen die allgemeine Meinung protestieren, indem ich dem +Alten offen meine Zuneigung bewies. Vielleicht aber – wer weiß! – +vielleicht wollte ich nur in der Meinung Nastassja Jewgrafownas, der +Erzieherin, etwas gewinnen. Doch aus meiner plötzlichen Handlungsweise +wurde, genau genommen, nichts allzu Gescheites. + +„Gestatten Sie eine Frage,“ sagte ich, wie gewöhnlich errötend und mich +überhastend, „haben Sie von den Jesuiten gehört?“ + +„Nein, mein Bester, nichts, oder nur so ein wenig, dies und jenes ... wo +soll unsereiner was hören! ... Aber was ist mit ihnen?“ + +„Ich meinte nur so ... ich wollte, da das Gespräch darauf kam, nur +erzählen ... Übrigens, erinnern Sie mich daran bei Gelegenheit. Jetzt +aber ... seien Sie überzeugt, daß ich Sie verstehe und ... zu schätzen +weiß ...“ + +In meiner hilflosen Verwirrung drückte ich ihm noch einmal die Hand. + +„Unbedingt, mein Verehrtester, unbedingt werde ich Sie daran erinnern! +Werde es mir mit goldenen Lettern ins Gedächtnis schreiben. Warten Sie, +wenn Sie erlauben, werde ich mir noch schnell einen Knoten ins +Schnupftuch binden, damit ich’s nicht vergesse.“ + +Und in der Tat suchte er an seinem schmutzigen Taschentuch ein trockenes +Eckchen, das er dann eifrig zum Knoten schlang. + +„Jewgraf Larionytsch, hier ist Ihr Tee,“ sagte Praskowja Iljinitschna. + +„Sofort, meine schönste Dame, sofort, ... will sagen, Prinzessin, meine +schönste Prinzessin ... nicht nur Dame! Das wäre für den Tee. Bin +unterwegs Herrn Stepan Alexejewitsch Bachtschejeff begegnet, meine +Gnädigste! Er war bei so guter Laune, daß Gott erbarm! Ich glaubte +schon, daß er auf Freiersfüßen ging ... Schmeichle, schmeichle!“ sagte +er dann halblaut zu mir, als er mit seiner Teetasse an mir vorüberging, +mir zublinzelte und sein ganzes Gesicht verzog. „Aber woran liegt es +denn, daß man den Hauptwohltäter, unseren Foma Fomitsch, heute nicht zu +sehen bekommt? Wird er denn nicht zum Tee erscheinen?“ + +Mein Onkel zuckte zusammen, als wäre er gestochen worden, und warf einen +scheuen Blick auf die Generalin. + +„Ich ... ich weiß wirklich nicht,“ antwortete er unentschlossen und +eigentümlich befangen. „Er ist gerufen worden, aber er ... Ich weiß es +wirklich nicht, vielleicht fühlt er sich nicht aufgelegt ... Ich habe +schon Widopljässoff geschickt ... und ... oder soll ich vielleicht +selbst gehen?“ + +„Ich war soeben bei ihm,“ bemerkte Jeshowikin vielsagend. + +„Wirklich?“ fragte mein Onkel erschrocken. „Nun, und?“ + +„Ging zuerst zu ihm, um ihm meine Ehrerbietung zu beweisen. Er sagte, +daß er sich in der Einsamkeit am Tee laben würde, und dann fügte er noch +hinzu, daß er sich auch von trockenen Brotrinden nähren könne, – genau +so waren seine Worte!“ + +Diese Worte erfüllten meinen Onkel, wie es schien, mit wahrem Entsetzen. + +„Aber so hättest du es ihm doch erklären sollen, Jewgraf Larionytsch! +Hättest es ihm doch auseinandersetzen sollen!“ sagte er, indem er den +Alten traurig und vorwurfsvoll zugleich ansah. + +„Ich hab’ ihm ja auch gesagt, hab’ geredet ...“ + +„Nun?“ + +„Lange geruhte er mir nicht zu antworten. Er saß über einer +mathematischen Aufgabe, berechnete etwas: offenbar eine Aufgabe zum +Kopfzerbrechen. Zeichnete vor meinen Augen die Hosen des Pythagoras auf, +sah es selbst ganz genau. Dreimal wiederholte er dasselbe, erst beim +vierten geruhte er das Haupt zu erheben – und da war’s, als sähe er mich +überhaupt zum erstenmal. ‚Ich werde nicht gehen,‘ sagte er, ‚dort ist ja +jetzt ein _Gelehrter_ angekommen, wie sollen wir noch neben einer +solchen Leuchte Platz finden!‘ Genau so geruhte er sich auszudrücken: +‚neben einer solchen Leuchte‘.“ + +Und der Alte blickte mich von der Seite mit feinem Spott an. + +„Das ahnte ich ja!“ rief mein Onkel verzweifelt aus, „das konnte ich mir +ja denken! Das hat er von dir gesagt, Ssergei, dich hat er damit gemeint +– mit dem ‚Gelehrten‘! Was nun?“ + +„Ich muß gestehen, Onkel,“ sagte ich mit einem Achselzucken und +möglichst unbekümmert, „ich finde diese Begründung seiner Absage so +lächerlich, daß sie es wirklich nicht wert ist, beachtet zu werden, und +daher wundere ich mich, offen gestanden, über Ihre Bestürzung.“ + +„Aber ach, Freund, was weißt du davon, das kannst du nicht beurteilen!“ +unterbrach mich mein Onkel und wehrte mit energischer Handbewegung jeden +weiteren Einwand ab. + +„Jetzt ist es zu spät, zu trauern,“ mischte sich plötzlich Fräulein +Perepelizyna ein, „wenn alles Böse von Ihnen selbst, Jegor Iljitsch, +ausgegangen ist. Wenn einem der Kopf abgeschlagen ist, so trauert man +nicht mehr um die Haare. Hätten Sie Ihrem Mütterchen gehorcht, so würden +Sie jetzt nicht weinen.“ + +„Aber um Gottes willen, wieso bin ich denn daran schuld? Haben Sie doch +ein wenig Angst vor Gott, Anna Nilowna!“ bat mein Onkel mit so flehender +Stimme, als wolle er sie bitten, sein Liebesgeständnis anzuhören. + +„Ich fürchte Gott, Jegor Iljitsch; aber es kommt doch alles nur daher, +daß Sie egoistisch sind und Ihre leibliche Mutter nicht lieben,“ +antwortete Fräulein Perepelizyna würdevoll. „Was hatten Sie für einen +Grund, gleich von vornherein ihren Willen zu mißachten? Sie ist doch +Ihre Mutter. Und ich werde Ihnen nicht die Unwahrheit sagen. Ich bin +selbst die Tochter eines Majors ... und nicht nur irgend so eine!“ + +Es schien mir, daß die Perepelizyna sich einzig zu dem Zweck in das +Gespräch einmischte, um uns allen, und namentlich mir, dem +Neuangekommenen, zu wissen zu geben, daß sie selbst die Tochter eines +Majors sei und nicht nur „irgend so eine“. + +„Ja, das kommt daher, daß er seine Mutter beleidigt!“ sagte endlich +drohend die Generalin. + +„Aber Mama, erbarmen Sie sich! Wann beleidige ich Sie denn? Und warum?“ + +„Weil du ein unverbesserlicher Egoist bist, Jegoruschka,“ fuhr die +Generalin fort, die sich durch die eigenen Worte gleichsam hinreißen +ließ. + +„Mama, aber Mama! Wann bin ich denn ein solcher Egoist gewesen?“ rief +mein Onkel verzweifelt aus. „Seit fünf Tagen, seit ganzen fünf Tagen +sind Sie mir böse und wollen kein Wort mit mir sprechen! Und weshalb +nicht? Was habe ich verbrochen? Möge man mich doch richten, mag die +ganze Welt mich richten! Aber man soll doch auch meine Rechtfertigung +anhören! Ich habe lange geschwiegen, Mama. Sie wollten mich nie anhören. +Mögen nun fremde Menschen mich anhören. Anfissa Petrowna! Pawel +Ssemjonytsch, mein bester Pawel Ssemjonytsch! Ssergei, du mein einziger +Freund! Du bist hier ein Unbeteiligter, bist sozusagen nur ein +Zuschauer, du kannst unvoreingenommen urteilen ...“ + +„Beruhigen Sie sich, Jegor Iljitsch, um Gottes willen beruhigen Sie +sich,“ fiel Anfissa Petrowna Obnoskina energisch ein, „töten Sie nicht +Ihre Mutter!“ + +„Ich töte nicht meine Mutter, Anfissa Petrowna, aber hier ist meine +Brust, – zerreißen Sie sie!“ fuhr mein Onkel fort, aufs äußerste erregt, +wie das zuweilen mit Menschen geschieht, die einen schwachen Charakter +haben, wenn man die Grenze überschreitet und ihre letzte Geduld endlich +einmal „reißt“, wie man zu sagen pflegt. Doch ihre Heftigkeit vergeht +gewöhnlich ebenso schnell, wie ein Strohfeuer verbrennt. Und so war es +auch hier. „Ich will nur sagen,“ fuhr mein Onkel fort, „ich will nur +sagen, Anfissa Petrowna, daß ich keinen beleidige. Ich bin der erste, +der da sagt, daß Foma Fomitsch der edelste, ehrlichste Mensch ist und +zum Überfluß auch noch ein Mensch von höchster Begabung; aber ... aber +in diesem Fall hat er – unrecht an mir gehandelt.“ + +„Hm!“ machte Pawel Obnoskin, wie um meinen Onkel noch mehr zu reizen. + +„Pawel Ssemjonytsch, ums Himmels willen, Pawel Ssemjonytsch! Glauben Sie +denn wirklich, daß ich sozusagen ein gefühlloser Pfosten bin? Sehe ich +doch, begreife ich doch – mit wehem Herzen, kann man sagen, fühle ich es +–, daß alle diese Mißverständnisse nur _seiner übergroßen Liebe_ zu mir +entspringen. Aber sagen Sie, was Sie wollen, diesmal ist er dennoch im +Unrecht. Ich werde alles erzählen. Ich will jetzt, Anfissa Petrowna, den +ganzen Sachverhalt klarlegen, ganz ausführlich, damit alle sehen, wie es +gekommen ist, und ob meine Mutter recht tut, wenn sie mir deshalb böse +ist, weil ich Foma Fomitschs Wunsch nicht erfüllt habe. Auch du hör mich +an, Sserjosha,“ fügte er hinzu, sich zu mir wendend, was er übrigens +während seiner ganzen Erzählung wiederholt tat, und zwar so, als hätte +er die anderen Zuhörer gefürchtet oder wenigstens an ihrem Mitgefühl +gezweifelt, – „hör auch du mich an und urteile dann, ob ich im Recht bin +oder im Unrecht. Sieh, die Sache begann so: vor einer Woche – ja, genau +vor einer Woche – fuhr hier durch unser Nachbarstädtchen mein früherer +Regimentskommandeur, General Russapetoff, mit seiner Gemahlin und +Schwägerin. Hielt sich eine Zeitlang auf. Ich war natürlich hocherfreut, +benutzte die Gelegenheit, fuhr hin, stellte mich vor und lud sie zu mir +zu einem Diner ein. Er sagte zu, er werde kommen, wenn es seine Zeit +irgendwie erlaubte. Weißt du, ein durch und durch edler Charakter, das +sage ich dir, Aristokrat, hoher Würdenträger! Und wieviel Gutes er getan +hat! Zum Beispiel seiner Schwägerin! Außerdem hat er eine Waise mit +einem vorzüglichen jungen Menschen verheiratet – jetzt ist derselbe Koch +in Malinowo, ein noch junger Mensch, aber mit einer, fast könnte man +sagen, Universitätsbildung! – Kurz, der Alte ist ein General unter den +Generälen! Nun, bei uns, versteht sich, gab’s viel zu tun, Gepolter +und Geklapper, Köche, Frikassees. Ich bestelle Musik. Nun, +selbstverständlich bin ich guter Laune, freue mich und sehe aus wie ein +Geburtstagskind. Das aber gefiel Foma Fomitsch nicht, daß ich wie ein +Geburtstagskind aussah! Er saß bei Tisch – es wurde gerade sein +Lieblingsgericht, eines mit Sahne, gereicht, das weiß ich noch ganz +genau – er aber saß, schwieg, schwieg ... und plötzlich springt er auf: +‚Man beleidigt mich, man beleidigt mich!‘ schreit er. – ‚Aber wieso,‘ +frage ich, ‚wieso beleidigt man dich denn, Foma Fomitsch?‘ – ‚Sie,‘ sagt +er, ‚Sie vernachlässigen mich jetzt, Sie beschäftigen sich jetzt nur mit +Generälen, Ihnen sind Generäle wertvoller und lieber als ich!‘ Ich gebe +die Szene jetzt selbstverständlich nur in kurzen Worten wieder, +sozusagen nur die springenden Punkte, nur das Wesen der Sache. Aber wenn +du zu hören wünschest, was er damals noch alles sagte, so ... nun, mit +einem Wort, er erschütterte meinen ganzen Menschen! Was soll man tun? +Ich bin natürlich ganz niedergeschmettert. Es hatte mich doch gar zu +sehr getroffen. Ich versinke wie ein nasser Hahn. Der feierliche Tag +bricht an. Da schickt der General die Nachricht, daß er leider +verhindert sei zu kommen: muß abreisen. Entschuldigt sich vielmals, – +also: es gibt nichts! Ich sofort zu Foma: ‚Nun, Foma,‘ sage ich, +‚beruhige dich! Er kommt nicht!‘ Aber was glaubst du? Er verzeiht mir +nicht. Mach, was du willst – er verzeiht nicht! ‚Man hat mich +beleidigt!‘ sagte er und dabei bleibt er. Ich rede. So und so. ‚Nein,‘ +sagt er, ‚gehen Sie zu Ihren Generälen. Ihnen liegen die Generäle näher +am Herzen als ich – Sie haben die Bande der Freundschaft,‘ sagt er, +‚zerrissen!‘ Großer Gott! Ich begreife ja doch, weshalb er sich ärgert! +Ich bin doch kein Holzklotz, kein Esel, kein Schaf! Er hat es doch nur +aus übergroßer Liebe zu mir getan, sozusagen aus Eifersucht – er sagt es +ja selbst, daß er auf den General eifersüchtig sei, meine Neigung zu +verlieren fürchte, mich prüfen und wissen wolle, was ich für ihn zu +opfern fähig und bereit wäre. ‚Nein,‘ sagt er, ‚ich bin für Sie +gleichfalls ein General, bin gleichfalls – für Sie! – Exzellenz! Werde +mich nicht früher mit Ihnen aussöhnen, als bis Sie mir die mir +zukommende Ehre erweisen.‘ – ‚Womit,‘ frage ich, ‚womit soll ich dir +denn meine Hochachtung – meine Höchstachtung ausdrücken, Foma Fomitsch?‘ +– ‚Nun, nennen Sie mich,‘ sagt er, ‚einen ganzen Tag nur Ew. Exzellenz, +damit werden Sie mir dann Ihre Hochachtung ausdrücken.‘ Ich fiel aus den +Wolken! Man kann sich meine Verwunderung denken! ‚Ja,‘ sagt er, ‚das +wird Ihnen als Lehre dienen, damit Sie sich hinfort nicht mehr für +Generäle begeistern, wenn auch andere vielleicht noch würdiger sind, als +alle Ihre Generäle zusammengenommen!‘ Na, da hielt ich es aber denn doch +nicht mehr aus, das muß ich gestehen! Gestehe es sogar ganz offen! ‚Foma +Fomitsch,‘ sagte ich, ‚ist denn das überhaupt möglich, was du verlangst? +Wie kann ich denn auf so etwas eingehen? Wie kann ich denn ... und habe +ich denn überhaupt das Recht, dich zum General, zur Exzellenz zu machen? +Denk doch nur, in wessen Macht allein das gelegt ist! Das wäre doch +sozusagen ein Attentat auf die Majestät des Gesetzes! Wie, wie soll ich +dich denn Ew. Exzellenz betiteln? Ein General dient doch seinem +Vaterlande: er gibt für dasselbe sein Leben im Kriege hin, er vergießt +sein Blut auf dem Felde der Ehre, er kämpft mit dem Feinde seines +Volkes! Und du verlangst nun, daß ich dir denselben Ehrentitel geben +soll, der nur ihm mit Recht zukommt?‘ Foma aber gab nicht nach! ‚Ich +werde dir alles zu Gefallen tun,‘ fuhr ich fort, ‚alles, was du nur +willst. Da hast du gewünscht, daß ich meinen Backenbart abnehme, da er +wenig patriotisch sei, – ich habe ihn abgenommen, habe zwar geseufzt, +aber habe ihn trotzdem abgenommen. Und mehr noch: ich werde alles, alles +tun, was du wünschst, nur verzichte auf diesen Generalstitel!‘ – ‚Nein,‘ +sagte er, ‚so werde ich mich nicht eher mit dir versöhnen, als bis man +mich Exzellenz nennt. Das wird,‘ sagte er, ‚Ihrer Moral zugute kommen: +es wird Ihren hoffärtigen Geist demütigen!‘ sagt er. Und nun ist es +schon eine Woche her, eine ganze Woche spricht er nicht mit mir, und +über jeden Besuch, wer es auch sei, ärgert er sich. Als er von dir +hörte, daß du gelehrt seist – es war meine Schuld: ich sagte es ganz +zufällig, als das Gespräch auf dich kam, so im Eifer, weißt du – da +sagte er, daß er nicht länger hier im Hause bleiben werde von dem +Augenblick an, in dem du das Haus betrittst. ‚Also bin ich jetzt in +euren Augen nicht mehr gelehrt!‘ sagt er. Und was wird es erst geben, +wenn er von Korowkin erfährt! Erbarm dich doch, urteile doch selbst, was +habe ich denn nun verbrochen? Soll ich mich denn wirklich entschließen, +ihn ‚Exzellenz‘ zu nennen? Wie soll man es denn aushalten in einer +solchen Lage? Und weshalb hat er denn heute den armen Bachtschejeff vom +Tisch fortgejagt? Nun schön, Bachtschejeff hat nicht die Astronomie +erfunden, aber auch ich hab es ja nicht und auch du hast es ja nicht +getan ... Nun also, aus welchem Grunde, weshalb, weshalb?“ + +„Eben aus dem Grunde, weil du neidisch bist, Jegoruschka,“ stieß die +Generalin durch die Zähne hervor. + +„Mutter!“ rief mein Onkel in seiner Verzweiflung aus, „Sie bringen mich +um meinen letzten Verstand! ... Sie sprechen ja nicht ihre eigenen Worte +– Sie sprechen ja fremde Worte nach, Mama! Ich werde zu guter Letzt nur +noch zu einem Balken, einem Laternenpfahl werden, aber nicht mehr Ihr +Sohn sein!“ + +„Ich habe gehört, Onkel,“ begann ich, noch ganz benommen von dem +Gehörten, „ich habe unterwegs von Herrn Bachtschejeff gehört – ich weiß +allerdings nicht, ob es sich so verhält –, daß Foma Fomitsch Ihren +Iljuscha um den bevorstehenden Namenstag beneide und nun behaupte, daß +morgen auch sein Namenstag sei. Ich gestehe, daß dieser merkwürdige +Charakterzug mich dermaßen in Erstaunen gesetzt hat, daß ich ...“ + +„Sein Geburtstag, Freund, sein Geburtstag ist morgen, nicht sein +Namenstag, nur sein Geburtstag!“ unterbrach mich mein Onkel eifrig. „Er +hat sich nur etwas anders ausgedrückt, aber er hat vollkommen recht: +morgen ist sein Geburtstag. Zuerst, Freund, sagte er wohl ...“ + +„Durchaus nicht sein Geburtstag!“ rief plötzlich Ssaschenjka dazwischen. + +„Wie denn nicht?“ fragte mein Onkel mit gesträubtem Haar. + +„Gar nicht sein Geburtstag, Papa! Sie sagen einfach die Unwahrheit, um +sich selbst zu betrügen und Foma Fomitsch herauszureißen! Sein +Geburtstag war doch schon im März. – Sie wissen doch noch, wie wir am +Tage vorher zum Gottesdienst ins Kloster fuhren, und er keinen in der +Equipage in Frieden sitzen ließ: er schrie die ganze Zeit, daß das +_Kissen_ ihm die Seite _eingedrückt_ habe, und kniff dabei die anderen. +Tantchen hat er in seiner Wut zweimal gekniffen! Und dann, als wir am +Geburtstage zu ihm gingen, um zu gratulieren, da wurde er wieder wütend, +weil in unserem Bukett keine Kamelien waren. ‚Ihr wißt, daß ich Kamelien +liebe,‘ sagte er; ‚denn ich habe den Geschmack der vornehmen Welt, euch +aber ist es nicht der Mühe wert gewesen, für mich in der Orangerie +welche abzuschneiden, sie sind wohl zu schade gewesen für mich.‘ Und den +ganzen Tag war er eigensinnig und launisch wie ein ungezogener Bengel, +und wollte mit keinem von uns ein Wort sprechen! ...“ + +Ich glaube, selbst wenn eine Bombe mitten im Zimmer explodiert wäre, +hätte sie die Anwesenden doch nicht so erschreckt und aufgeregt, wie es +diese offene Empörung tat – und die Empörung wessen? – eines kleinen +Mädchens, dem sonst in der Anwesenheit der Großmutter nicht einmal laut +zu sprechen gestattet wurde! Die Generalin erhob sich, stumm vor +Verwunderung und Entrüstung zugleich, richtete sich kerzengerade auf und +sah ihr Enkeltöchterchen an, als traue sie ihren Augen nicht. Mein Onkel +wurde blaß. + +„So ein verzogenes Ding! Man will hier wohl die Großmutter mit Gewalt +umbringen!“ stieß die Perepelizyna wutzischend hervor. + +„Ssaschenjka, Ssaschenjka, besinne dich! Was ist mit dir, Ssaschenjka?“ +rief mein Onkel in höchster Erregung seiner Tochter zu, wußte aber +nicht, was er tun sollte. + +„Ich will nicht mehr schweigen, Papa!“ schrie Ssaschenjka, die plötzlich +vom Stuhl aufsprang und mit den Füßen trampelte. Ihre hübschen Augen +sprühten nur so vor Zorn. „Ich will nicht mehr schweigen! Wir haben alle +lange genug unter diesem Foma Fomitsch gelitten, unter eurem +schändlichem scheußlichen Foma Fomitsch! Denn Foma Fomitsch wird uns +alle zugrunde richten. Ihm wird ja nichts anderes vorgesungen, als daß +er brav und gut und edel und gelehrt und die Vereinigung aller Tugenden +der Welt sei, ein wahres Potpourri von Tugenden! Foma Fomitsch aber +glaubt wie ein Esel alles, was man ihm sagt! Es sind ihm so viel süße +Schüsseln vorgesetzt worden, daß ein anderer sich schämen würde, Foma +Fomitsch aber hat alles aufgegessen, was nur vor ihn hingesetzt worden +ist, und will immer noch mehr haben! Ihr werdet sehen, er wird uns alle +auffressen! Und schuld daran ist Papa! Schändlich, schändlich ist Foma +Fomitsch, das sage ich dreist und fürchte nichts! Er ist dumm, +eigensinnig, ein Schmutzfink ist er, ein niedriger, herzloser Mensch, +ein Tyrann, eine Klatschbase, ein erbärmlicher Lügner ... Ach, ich würde +ihn sofort, sofort hinausjagen, Papa aber vergöttert ihn, Papa ist ja +ganz vernarrt in ihn!“ + +Da ertönte ein „Ach!“ und die Generalin fiel in Ohnmacht – d. h. +behutsam auf das Sofa. + +„Oh, mein Täubchen, Agafja Timofejewna, mein Engel!“ flötete sofort +hilfsbereit Anfissa Petrowna Obnoskina, „nehmen Sie mein Flakon! Wasser, +schnell Wasser!“ + +„Wasser, Wasser!“ schrie nun auch mein Onkel. „Mama, Mamachen, beruhigen +Sie sich! Ich flehe Sie auf den Knien an, beruhigen Sie sich! ...“ + +„Man müßte Sie bei Brot und Wasser in ein dunkles Zimmer setzen ... +diese Menschenmörderin!“ schrie die Perepelizyna zitternd vor Wut +Ssaschenjka an. + +„Gut, ich werde nur von Brot und Wasser leben, ich fürchte mich nicht +davor!“ rief Ssaschenjka zur Antwort zurück, in heller Begeisterung. +„Ich verteidige nur meinen Papa! Mein Papa versteht nicht, sich selbst +zu verteidigen! Was ist euer Foma Fomitsch gegen meinen Papa, was ist +er? Er ißt Papas Brot und wagt es, Papa zu erniedrigen! Dieser +Unverschämte! Ich würde ihn in Stücke zerreißen, euren ganzen Foma +Fomitsch! Ich würde ihn zum Duell fordern und ihn auf der Stelle aus +zwei Pistolen mausetot schießen ...“ + +„Ssaschenjka, Ssaschenjka!“ flehte ihr Papa. „Noch ein Wort – und ich +bin verloren, unwiderruflich verloren!“ + +„Papachen!“ Ssaschenjka lief zu ihm hin, umarmte krampfhaft seinen Hals +und brach in Tränen aus. „Papachen! Sie guter, lieber, lustiger, kluger +Papa, wie können Sie sich nur so erniedrigen lassen! Wie können _Sie_, +_Sie_ sich diesem schändlichen, undankbaren Menschen so unterordnen, wie +können Sie sein Spielzeug sein und sich so lächerlich machen! Papachen, +mein gutes, goldenes Papachen! ...“ + +Da schluchzte sie auf, bedeckte das Gesicht mit den Händen und lief aus +dem Zimmer. + +Die Aufregung war unbeschreiblich. Die Generalin lag in tiefer Ohnmacht. +Ihr Sohn, der fast vierzigjährige Oberst, kniete vor dem Sofa und küßte +ihre Hände. Fräulein Perepelizyna machte sich in der Nähe der Liegenden +zu schaffen und warf böse, doch triumphierende Blicke auf uns. Anfissa +Petrowna Obnoskina befeuchtete mit einem nassen Tuch die Schläfen der +Generalin und hantierte mit ihrem Flakon. Praskowja Iljinitschna +zitterte und weinte lautlos. Jeshowikin suchte einen Winkel, wo er sich +hätte verstecken können, und die Erzieherin stand bleich und wie +verloren vor ihrem Stuhl. Nur Misintschikoff, mein Vetter dritten +Grades, blieb, wie er war: er stand bloß auf, trat schweigend ans +Fenster und begann seelenruhig hinauszuschauen, ohne dem ganzen Vorgang +auch nur die geringste Aufmerksamkeit zu schenken. + +Da erhob sich plötzlich die Generalin aus der Ohnmacht, sie erhob sich +auch vom Sofa, erhob sich und richtete sich sogar auf und maß mich mit +drohendem Blick. + +„Hinaus!“ rief sie plötzlich und stampfte mit dem Fuß auf. + +Offen gestanden: ich hatte alles eher erwartet als das. + +„Hinaus! Hinaus aus diesem Hause! Hinaus! Wozu ist er hergekommen? Daß +sein Atem nicht mehr hier zu spüren sei! Hinaus!“ + +„Aber Mama! Wie kommen Sie darauf! Das ist doch Sserjosha!“ stotterte +mein Onkel – wenn ich mich nicht täusche, zitterte er am ganzen Körper. +„Aber er ist doch zu uns zu Besuch gekommen, Mama!“ + +„Was für ein Sserjosha? Unsinn! Ich will nichts hören – hinaus! Das ist +Korowkin! Ich bin überzeugt, daß es Korowkin ist! Meine Ahnung täuscht +mich nicht! Er ist hergekommen, um Foma Fomitsch zu verdrängen, nur zu +diesem Zweck hat man ihn hergerufen! Mein Herz fühlt es ... Hinaus, +Elender!“ + +„Lieber Onkel, wenn es so ist,“ begann ich mit einer Stimme, in der +ehrlicher Unwille bebte, „wenn es so ist, dann werde ich ... +entschuldigen Sie mich ...“ Und ich wollte mich nach meinem Hut umsehen. + +„Ssergei, aber so hör doch, Ssergei, was tust du! ... Da ist nun dieser +... Mama! das ist doch Sserjosha! ... Ssergei, besinne dich!“ Er holte +mich mit schnellen Schritten ein, um mich zurückzuhalten. „Du bist mein +Gast, du wirst hierbleiben, ich will es! Sie sagt es ja nur so!“ fügte +er halblaut hinzu, „das ist ja nur, weil sie sich ärgert ... Nur jetzt, +in der ersten Zeit, wäre es vielleicht besser, wenn du dich etwas +unsichtbar machtest ... nur eine Zeitlang – und alles wird wieder gut +sein! Sie wird dir bestimmt verzeihen, – ich versichere dich! Sie ist ja +doch ein guter Mensch ... Das war ja nur so ... sie hat sich versprochen +... Du hörst doch, sie hält dich für Korowkin, aber sie wird es +vergessen und wird verzeihen, glaube mir! ... Was willst du?“ rief er +plötzlich dem alten Gawrila zu, der in diesem Augenblick furchtzitternd +ins Zimmer trat. + +Gawrila kam nicht allein: ihm folgte ein etwa sechzehnjähriger Knabe vom +Gesinde, der, wie ich später erfuhr, wegen seiner Schönheit ins +Herrenhaus genommen worden war. Er hieß Falalei. Mir fiel sofort seine +Kleidung auf: er trug eine rotseidene russische Bluse, die um den Hals +herum ausgenäht war, einen Gürtel aus breiten Goldtressen, schwarze, +weite Pluderhosen und bocklederne Stiefel mit roten saffianledernen +Stulpen. Dieses Kostüm hatte die Generalin persönlich für ihn +ausgedacht. Der Knabe weinte bitterlich, und die Tränen rollten eine +nach der anderen aus seinen hübschen, blauen Augen über seine roten +Backen. + +„Was hat denn das zu bedeuten?“ rief mein Onkel. „Was ist geschehen? So +sprich doch, Junge!“ + +„Foma Fomitsch haben geruht, uns herzubefehlen,“ antwortete betrübt +Gawrila. „Mich zum Examen und ihn ...“ + +„Und ihn?“ + +„Er hat getanzt!“ war Gawrilas weinerliche Antwort. + +„Getanzt!“ Entsetzen drückte sich auf dem Gesicht meines Onkels aus. + +„Ge–e–e–tanz–t!“ brüllte Falalei schluchzend und schluckend. + +„Die Kamarinskaja?“ + +„Die Kama–a–arinskaja!“ + +„Und Foma Fomitsch hat dich dabei ertappt?“ + +„Erta–appt!“ + +„Das hat gerade noch gefehlt!“ stöhnte mein Onkel. „Jetzt bin ich +verloren!“ Und er faßte sich mit beiden Händen an den Kopf. + +Da trat der Diener Widopljässoff ins Zimmer und meldete: + +„Foma Fomitsch.“ + +Die Tür ging auf, und Foma Fomitsch erschien in eigener Person vor dem +ratlosen Publikum. + + + + + VI. + + Vom weißen Ochsen und der Kamarinskaja. + + +Bevor ich die Ehre haben werde, das Äußere Foma Fomitschs dem Leser, so +gut ich dies kann, vor Augen zu führen, halte ich es für durchaus +notwendig, in Kürze von Falalei einiges zu erzählen und namentlich zu +erklären, inwiefern es denn so ungeheuerlich war, daß er die +Kamarinskaja getanzt und Foma Fomitsch ihn bei dieser fröhlichen und, +man sollte meinen, harmlosen Zerstreuung überrascht hatte. + +Falalei war als Sohn eines Hofbauern in Stepantschikowo zur Welt +gekommen und hatte seine Eltern im ersten Lebensjahre verloren. Die +verstorbene Frau meines Onkels war seine Taufmutter gewesen. Mein Onkel +liebte ihn sehr. Dies genügte, um ihn Foma Fomitsch, als er aufs Gut +übergesiedelt war und den Gutsherrn sich unterworfen hatte, verhaßt zu +machen. Doch zu Fomas Pein geschah es, daß der Knabe auch der Generalin +ganz besonders gefiel: und so blieb denn Falalei, trotz Foma Fomitschs +ganzer Wut, nach wie vor bei der Herrschaft gut angeschrieben. Die +Generalin bestand auf ihrer Neigung, und Foma mußte nachgeben, wenn er +auch im Herzen die „Kränkung“ nicht vergaß – er hielt ja alles für eine +„Kränkung“ seiner Person – und sich dafür an meinem armen Onkel, der in +diesem Falle doch wirklich unschuldig war, bei jeder sich nur bietenden +Gelegenheit rächte. + +Falalei war in seiner Art allerdings eine Schönheit. Eigentlich hatte er +ein Mädchengesicht, das Gesicht einer Dorfschönheit. Die Generalin +verwöhnte und beschützte ihn. Er war ihr teuer wie etwa ein nettes, +seltenes Spielzeug, und man wußte nicht, wen sie mehr liebte: ihr +kleines Schoßhündchen Ami oder diesen Falalei. Sein Kostüm habe ich +bereits beschrieben. Die Damen gaben ihm obendrein noch Salben und +Pomaden, und der Barbier und Friseur Kusjma mußte ihm zu den Feiertagen +Locken brennen. Andererseits war dieser Knabe ein sonderbares Geschöpf: +man konnte ihn nicht einen vollkommenen Idioten oder Geistesschwachen +nennen; doch war er dermaßen naiv, in seiner Redeweise dermaßen +wahrheitsgetreu und offenherzig, daß man ihn mitunter wirklich für einen +großen Dummkopf halten konnte. Hatte er in der Nacht einmal einen Traum +gehabt, so erzählte er ihn sofort der Herrschaft. Er mischte sich sogar +in ihr Gespräch ein, unbekümmert darum, daß er ihnen ins Wort fiel. Er +erzählte zuweilen Dinge, die man als Hofjunge der Gutsherrschaft ganz +unmöglich erzählen kann. Er weinte die aufrichtigsten Tränen, wenn seine +Herrin – die Generalin – in Ohnmacht fiel, oder wenn sein Herr gar zu +sehr von Foma beschuldigt wurde. Er hatte für jedes Unglück ein +mitfühlendes Herz. Zuweilen schlich er zur Generalin, küßte ihr die +Hände und bat sie, nicht böse zu sein – und die Alte verzieh ihm gnädig +alle Dreistigkeiten. Er hatte ein äußerst empfindsames Gemüt, war gut +und friedfertig wie ein Lämmlein auf der Weide und heiter wie ein +glückliches Kind. Bei Tisch wurde ihm immer etwas Süßes gegeben. + +Bei jeder Mahlzeit stellte er sich regelmäßig hinter dem Stuhl der +Generalin auf und wartete, bis er sein Naschwerk erhielt. Gab man ihm +ein Stück Zucker, so zerknabberte er es unverzüglich mit seinen +milchweißen Zähnen. Dann leuchtete in seinen lustigen Blauaugen wie in +seinem ganzen hübschen Gesicht unbeschreibliche Zufriedenheit auf. + +Lange zürnte Foma. Endlich überlegte er sich die Sache und sagte sich, +daß er damit nichts ausrichten könne: so beschloß er dann, Falaleis +Wohltäter zu werden. Nachdem er zuerst meinem Onkel die Leviten dafür +gelesen hatte, daß dieser sich um die Bildung seines Hofgesindes gar +nicht kümmere, nahm er sich vor, dem armen Knaben sofort Moral, gute +Manieren und die französische Sprache beizubringen. + +„Wie!“ rief er aus, als er seinen unsinnigen Einfall verteidigte, einem +Bauernknaben Französisch beizubringen (einen Einfall, der übrigens nicht +nur einem Foma Fomitsch gekommen ist, was der Aufzeichner dieser +Erinnerungen selbst bezeugen kann) – „wie! er ist beständig hier im +Herrenhause bei seiner Herrin: wenn sie nun einmal vergißt, daß er nicht +Französisch versteht und zum Beispiel sagt ‚^donneh mua mon muschuar^‘, +so muß er sich doch auch in einem solchen Fall zurechtfinden und sie +sofort bedienen können!“ + +Leider zeigte es sich sehr bald, daß dem Falalei nicht nur die +französische Sprache nicht beizubringen war, sondern daß auch der Koch +Andron, sein Onkel, der sich, vollkommen uneigennützig, lange genug +gemüht hatte, ihm das russische Alphabet beizubringen, schon längst die +Hoffnung aufgegeben und die Fibel auf das Regal zurückgelegt hatte. +Falalei war für geistige Belehrung so unzugänglich, daß nichts, aber +auch nichts in seinem Gedächtnis haften blieb. Ja, dieser +Belehrungsversuch sollte noch ein Nachspiel haben: das Hofgesinde begann +alsbald, Falalei als „Franzosen“ zu necken – der alte Gawrila aber, der +verdienstvolle Kammerdiener meines Onkels, unterstand sich, der +Erlernung dieser fremden Sprache offen jeden Nutzen abzusprechen. Dieses +Urteil des alten Dieners kam auch Foma Fomitsch zu Ohren, und da befahl +dieser in seinem Zorn, daß der Opponent Gawrila von nun an selbst die +französische Sprache erlernen müsse. Und das war der Anfang dieser +ganzen „Französischen Marotte“, die Herrn Bachtschejeff in solche Wut +versetzt hatte. + +Mit den guten Manieren, die Foma dem Knaben beibringen wollte, machte er +noch schlechtere Erfahrungen: es wollte ihm in keiner Beziehung +gelingen, Falalei nach seinem Geschmack umzumodeln. Falalei kam trotz +des Verbots jeden Morgen zur Generalin, um seine Träume zu erzählen, was +Foma höchst unanständig, weil allzu „familiär“, fand. Falalei aber war +und blieb Falalei. Es versteht sich wohl von selbst, daß für dieses +ganze Mißgeschick am meisten und vor allen anderen wieder mein Onkel +büßen mußte. + +„Wissen Sie auch, wissen Sie auch, was er heute getan hat?“ schrie eines +Tages Foma, wozu er um der größeren Wirkung willen die Zeit wählte, in +der alle versammelt waren ... „Wissen Sie auch, Oberst, wie weit Sie es +mit Ihrer systematischen Vernachlässigung bringen? Heute verschlang er +ein Stück Fischpastete, das man ihm bei Tisch gegeben hatte, und wissen +Sie, was er nachher sagte? Komm her, komm her, armselige Kreatur, komm +her, du Idiot, du rote Fratze! ...“ + +Falalei näherte sich weinend und wischte sich mit beiden Fäusten die +Tränen ab. + +„Was hast du gesagt, als du die Pastete verschlungen hattest? Wiederhole +es noch einmal!“ + +Falalei brach, statt zu antworten, in bittere Tränen aus. + +„Dann werde ich es für dich tun. Du sagtest, indem du auf deinen +vollgestopften Bauch klopftest: ‚Habe mich mit Pasteten vollgeschlagen +wie Martyn mit Seife!‘ – Bedenken Sie, Oberst, – kann man denn so etwas +in einer gebildeten Gesellschaft sagen, und dazu noch in der höheren +Gesellschaft? Hast du das gesagt? Sprich!“ + +„Ha–ab gesa–agt! ...“ bestätigte Falalei schluckend, und erneute +Tränenströme rannen herab. + +„So. Dann sag mir jetzt: ißt denn Martyn Seife? Wo hast du einen solchen +Martyn gesehen, der Seife ißt? Sag doch, gib mir eine Vorstellung von +diesem phänomenalen Martyn!“ + +Schweigen. + +„Ich frage dich, wer war dieser Martyn?“ bestand Foma auf seiner Frage. +„Ich will ihn sehen, will seine Bekanntschaft machen. Nun, wer ist er? +Ein Registrator, ein Astronom, ein Erfinder, ein Dichter, ein ^Captaine +d’armes^, ein Leibeigener – irgend jemand muß er doch sein! Antworte!“ + +„Ein Lei–eibeigener!“ antwortete schließlich Falalei und weinte. + +„Wessen? Wessen Leibeigener?“ + +Hierauf wußte Falalei nichts zu antworten. Natürlich endete die Sache +schließlich damit, daß Foma wutentbrannt aus dem Zimmer stürzte und +schrie und klagte, daß man ihn beleidigt habe. Die Generalin fiel +daraufhin in Ohnmacht, mein Onkel verwünschte die Stunde seiner Geburt, +bat alle um Verzeihung und ging während des ganzen übrigen Tages in +seinem eigenen Hause nur noch auf den Fußspitzen umher. + +Nun aber sollte es auch noch geschehen, daß am nächsten Tage – nach dem +Seifenvorfall – Falalei, als er am Morgen Foma Fomitsch den Tee brachte, +und sein ganzes gestriges Leid schon längst vergessen hatte, vollkommen +unschuldig und harmlos erzählte, daß ihm in der Nacht von einem weißen +Ochsen geträumt habe. Ja – wahrlich – das hatte gerade noch gefehlt! +Foma Fomitsch geriet in einen wahren Wutanfall, ließ sofort den Oberst +rufen und begann dann unverzüglich, diesem für den Traum eine +Strafpredigt zu halten, den _sein_, des Obersten, Falalei gehabt hatte. +Diesmal griff man denn auch zu den strengsten Maßregeln: Falalei wurde +bestraft – er mußte im Winkel knien. Außerdem wurde ihm noch einmal +strengstens und nachdrücklich untersagt, so „rohe“, so „bäuerische“ +Träume zu haben. + +„Begreifen Sie auch, _weshalb_ ich darüber so ungehalten bin?“ fragte +Foma Fomitsch. „Ganz abgesehen davon, daß er es sich nicht einfallen +lassen, daß er es überhaupt nicht wagen dürfte, mir mit seinen Träumen +zu kommen, und noch dazu solchen weißen Ochsenträumen ... ganz abgesehen +davon, sage ich – und Sie müssen es doch selbst zugeben, Oberst – was +ist denn dieser weiße Ochse anderes als ein Beweis der Roheit, +Unwissenheit und bäuerischen Empfindungsart Ihres unbehauenen Falalei? +Wie die Gedanken, so die Träume. Habe ich nicht gleich gesagt, daß aus +dem Burschen nichts werden wird und man ihn folglich nicht im +Herrenhause behalten sollte? Niemals, niemals werden Sie diesen +sinnlosen, einfachen Volksgeist zu etwas Höherem, Poetischem entwickeln! +Kannst du denn nicht,“ fuhr er zu Falalei fort, „kannst du denn nicht +etwas anderes im Traum sehen, etwas Vornehmes, Zartes, Veredeltes, eine +Szene aus der guten Gesellschaft, sagen wir zum Beispiel Herren bei +einer Kartenpartie oder Damen, die in einem schönen Garten lustwandeln?“ + +Als Falalei an jenem Tage zu Bett ging, bat er den lieben Gott unter +Tränen um einen schönen Traum und dachte lange darüber nach, wie er es +anstellen sollte, daß er nicht mehr diesen verwünschten weißen Ochsen +sähe. Doch die Hoffnungen der Menschen pflegen trügerisch zu sein. Als +er am nächsten Morgen erwachte, da ward er sich mit Schrecken bewußt, +daß ihm die ganze liebe Nacht wieder nur von dem verhaßten weißen Ochsen +geträumt hatte – und von keiner einzigen im Garten lustwandelnden +schönen Dame. Diesmal aber waren die Folgen besonderer Art. Foma +Fomitsch erklärte unerschütterlich, daß er an die Möglichkeit einer +ähnlichen Wiederholung nicht glaube, daß Falalei vielmehr lüge und +womöglich von einem der Bewohner des Herrenhauses, vielleicht sogar vom +Obersten selbst, absichtlich dazu verleitet worden sei, um ihn, Foma +Fomitsch, zu ärgern. Es kam wiederum zu viel Geschrei, Vorwürfen und +Tränen. Am Abend erkrankte die Generalin. Die ganze Einwohnerschaft von +Stepantschikowo ließ die Köpfe hängen. Und es blieb nur noch die eine +schwache Hoffnung, daß Falalei in der nächsten Nacht, in der dritten, +etwas aus der höheren Gesellschaft träumen werde. Wie groß aber war der +allgemeine Unwille, als Falalei eine ganze Woche in jeder Herrgottsnacht +regelmäßig den weißen Ochsen sah, einzig und allein immer nur den weißen +Ochsen! An die höhere Gesellschaft war gar nicht zu denken!! + +Das merkwürdigste war aber, daß Falalei kein einziges Mal darauf kam, zu +lügen: einfach zu sagen, er habe im Traum nicht einen weißen Ochsen, +sondern, zum Beispiel, eine Equipage gesehen, in der schöne Damen und +Foma Fomitsch vorübergefahren wären, – um so mehr, als in einem solchen +Notfall das Lügen doch keine gar so große Sünde hätte sein können. Aber +Falalei war dermaßen wahrheitsliebend, daß er zu lügen entschieden nicht +verstand, – selbst wenn er es gewollt hätte. So kam es, daß man ihn +nicht einmal auf diesen Gedanken zu bringen suchte; denn alle wußten, +daß Falalei sich sofort verraten und Foma Fomitsch ihn auf der Lüge +ertappen werde. Was sollte man also tun? Die Lage, in der sich mein +armer Onkel befand, wurde nahezu verzweifelt. Falalei war +unverbesserlich. Der arme Junge wurde sogar merklich magerer. Die +Haushälterin Malanja behauptete, daß er behext worden sei, und +besprengte ihn, nach altem Aberglauben, von einem Winkel aus mit kaltem +Wasser. An dieser zweckmäßigen Behandlung beteiligte sich auch die +mitleidige Praskowja Iljinitschna. Aber auch das sonst so wohltätige +kalte Wasser verweigerte diesmal seine Wirkung. Es half alles nicht! + +„Daß ihn doch! ... den verfluchten Ochsen!“ sagte Falalei seinerseits, +„in jeder Nacht träumt mir von ihm! Jeden Abend bete ich: ‚Traum, komm’ +mir nicht mit dem weißen Ochsen, Traum, komm’ mir nicht mit dem weißen +Ochsen!‘ – Er aber ist da, der verfluchte, steht vor mir, so groß, mit +Hörnern, mit so ’ner stumpfen Schnauze, hu–u–u!“ + +Mein Onkel geriet schließlich wirklich in Verzweiflung. Doch siehe, zum +Glück vergaß Foma Fomitsch, wie es schien, plötzlich den weißen Ochsen. +Natürlich glaubte niemand, daß Foma Fomitsch im Ernst etwas so Wichtiges +vergessen könnte, und so sagten sich alle mit angstvollem Herzen, daß er +diese unerledigte Geschichte mit dem weißen Ochsen gleichsam für den +Bedarfsfall aufheben wolle, um sie dann bei der ersten sich bietenden +Gelegenheit wieder vorzuführen. In der Folge stellte es sich aber +heraus, daß es Foma Fomitsch in dieser Zwischenzeit tatsächlich nicht um +den weißen Ochsen zu tun gewesen war: er hatte andere Sorgen, andere +Pläne waren in seinem emsigen und vieldenkenden Kopfe entstanden. Nur +darauf war es zurückzuführen, daß er Falalei endlich aufatmen ließ. +Gleichzeitig mit Falalei atmeten auch die anderen auf. Ja, der Junge +vergaß sogar bald das Vorgefallene, und selbst der weiße Ochse erschien +ihm immer seltener im Traum, obschon er ihn hin und wieder doch noch an +seine phantastische Existenz erinnerte. Kurz, es wäre alles gut gewesen, +wenn es in der Welt nicht einen Tanz gegeben hätte, der die Kamarinskaja +heißt. + +Ich muß hier vorausschicken, daß Falalei vorzüglich tanzte. Die +Tanzkunst war seine größte Begabung, sie war ihm gewissermaßen als +innerer Trieb angeboren. Er tanzte mit Energie und unermüdlicher Lust, +und von allen Tänzen liebte er am meisten den „Kamarinskij-Mushick“ zu +tanzen. Nicht, daß ihm etwa die leichtsinnigen und jedenfalls +unverständlichen Handlungen dieses flatterhaften Bauern gar so sehr +gefallen hätten – nein, er liebte diesen Tanz einzig deshalb, weil es +für ihn, wenn er die Kamarinskaja spielen hörte, vollkommen unmöglich +war, nicht zu tanzen. Es kam vor, daß zuweilen abends zwei oder drei +Diener, die Kutscher, der Gärtner und einige Hofmädchen sich +versammelten, natürlich irgendwo auf einem möglichst entfernten +Wiesenplan hinter den Ställen des Herrenhofes, möglichst weit von Foma +Fomitsch. Dann ertönte alsbald Musik, und das Tanzen begann, bis +schließlich auch die Kamarinskaja in ihr Recht trat. Die Musikkapelle +bestand aus zwei Balalaiken, einer Gitarre, einer Geige und einer +Handtrommel, die der Vorreiter Mitjuschka vorzüglich zu bearbeiten +verstand. Dann hätte man sehen sollen, was schon beim ersten Takt mit +Falalei geschah: er sprang in den Kreis und tanzte, tanzte bis zu +völliger Bewußtlosigkeit, bis zur Erschöpfung seiner letzten Kräfte, +angefeuert noch durch die Zurufe und das Lachen seiner Zuschauer; er +jauchzte, lachte, schlug in die Hände und tanzte, als risse ihn eine +fremde, unerfaßliche Kraft, gegen die er nicht anzukämpfen vermochte, +mit sich fort, und tat sich Gewalt an, um das immer schneller werdende +Tempo des temperamentvollen Motivs einzuhalten, während er im Rhythmus +mit den Stiefelabsätzen aufstampfte. Das waren Augenblicke seiner +höchsten Begeisterung. Und es wäre auch hier alles gut gewesen, wenn das +Gerücht von seiner Kamarinskaja nicht auch Foma Fomitsch zu Ohren +gekommen wäre. + +Foma Fomitsch – erstarrte, und als er zu sich kam, schickte er sofort +nach dem Oberst. + +„Ich wollte mich von Ihnen nur über eines aufklären lassen, Oberst,“ +begann Foma. „Haben Sie sich geschworen, diesen unglücklichen Idioten +vollständig zu verderben, oder nicht? Ist das erstere der Fall, so ziehe +ich mich selbstverständlich sofort zurück; falls aber nicht, so werde +ich ...“ + +„Ja, was ist denn los? Was ist geschehen?“ fragte der Oberst, der aus +den Wolken fiel. + +„Wie? Sie fragen, was geschehen ist? Wissen Sie denn nicht, daß er die +Kamarinskaja tanzt?“ + +„Nun, – nun, und?“ + +„Wie – nun, und?!“ schrie Foma auf. „Und das sagen Sie – Sie, sein Herr +und in gewissem Sinne sein Vater! Ja, haben Sie denn nach alledem +überhaupt eine annähernd richtige Vorstellung davon, was dieser Tanz +überhaupt ist? Wissen Sie denn nicht, daß dieses Lied einen verkommenen +Kerl besingt, der es in der Trunkenheit auf das allerunsittlichste +Vergehen abgesehen hat? Wissen Sie denn nicht, was dieser verderbte +Knecht im Schilde führt? Er hat die wertvollsten, die heiligsten Bande +zerrissen und unter die Füße getreten, hat sie mit seinen klobigen +Bauernstiefeln, die sonst nur den Fußboden der Schenke zu stampfen +pflegen, – _zertreten_! Begreifen Sie denn nicht, daß Sie mit dieser +Antwort meine edelsten Gefühle beleidigt haben? Begreifen Sie denn +nicht, daß Ihre Antwort eine persönliche Beleidigung meiner Person ist? +Begreifen Sie das, oder begreifen Sie das nicht?“ + +„Aber, Foma ... es ist doch nur ein Lied, Foma ...“ + +„Was, nur ein Lied? Und Sie schämen sich nicht, mir zu gestehen, daß +Sie, Sie selbst dieses Lied kennen, – Sie, der Sie zur Gesellschaft +gehören, Sie, der Sie der Vater vornehmer und unschuldiger Kinder und, +zum Überfluß, noch Oberst sind! Nur ein Lied! Ich bin aber überzeugt, +daß dieses Lied nach einer wirklichen Begebenheit entstanden ist! Nur +ein Lied! Aber welcher anständige Mensch kann denn zugeben, ohne vor +Scham zu vergehen, daß er dieses Lied kenne, daß er es jemals auch nur +gehört habe? Welch ein Mensch, frage ich Sie, welch einer?“ + +„Nun, aber du, Foma, du kennst es doch offenbar, wenn du so fragst,“ +antwortete in seiner Herzenseinfalt und völlig harmlos mein verwirrter +Onkel. + +„Was! Ich kenne es? ... Ich ... ich ... das heißt! ... Man hat mich +beleidigt!“ schrie plötzlich Foma, sprang vom Stuhl auf und brüllte vor +Wut. + +Alles hatte er eher erwartet, als eine solche geradezu vernichtende +Antwort. + +Doch wozu Foma Fomitschs Zorn beschreiben! Der Oberst wurde mit Schmach +und Schande wegen der „Unschicklichkeit“ und „Ungeschicktheit“ seiner +Antwort aus dem Gesichtskreise dieses „Wahrers der Sittlichkeit“ +verbannt. Foma Fomitsch selbst aber hatte sich seit diesem Tage +geschworen, Falalei einmal ^in flagranti^ zu ertappen – wenn dieser +wieder das Verbrechen begehen sollte, die Kamarinskaja zu tanzen, und so +schlich er sich abends, wenn alle ihn mit irgend etwas Literarischem +beschäftigt glaubten, heimlich in den Park, ging im Bogen um den +Gemüsegarten herum und schlug sich dann in ein Gebüsch, von wo aus man +deutlich jene kleine Wiese sehen konnte, auf der gewöhnlich getanzt +wurde. So stellte er dem Falalei nach, wie der Jäger dem armen Wild, und +malte sich inzwischen mit Wonne aus, was für einen Skandal er im Fall +eines Erfolges seiner Bemühungen machen könne, und wie alle, und +namentlich der Oberst ihm dafür würden „büßen müssen“! Der Lohn für +seine Mühe blieb denn auch nicht aus. Der Augenblick kam, in dem er „ihn +hatte“. Endlich, endlich! Und das geschah – gerade heute!! + +Nun wird es verständlich sein, weshalb mein Onkel sich das Haar raufte, +als er den weinenden Falalei sah und vernehmen mußte, was geschehen war, +und als dann noch Widopljässoff eintrat, um Foma Fomitschs Erscheinen +anzumelden, und Foma Fomitsch so plötzlich und in einem so peinlichen +Augenblick in eigener Person vor unseren sündigen Augen erschien. + + + + + VII. + + Foma Fomitsch. + + +Mit unendlicher Neugier sah ich diesem Herrn entgegen. Gawrila hatte +recht, wenn er ihn ein gemausertes Menschlein nannte. Foma war klein von +Wuchs, mit weißblondem, kaum merklich grau untermischtem Haar, weißen +Augenbrauen und Wimpern, mit einer gebogenen Nase und vielen kleinen +Runzeln im ganzen Gesicht. Am Kinn hatte er eine große Warze. Er war +ungefähr fünfzig Jahre alt. Leise trat er ein, mit gleichmäßigen +Schritten, die Augen zu Boden gesenkt. Aber das unverschämteste +Selbstbewußtsein drückte sich in seinem Gesicht und in seiner ganzen, +überaus pedantischen Erscheinung aus. Zu meiner Verwunderung erschien er +im Schlafrock – freilich von ausländischem Schnitt, aber es war immerhin +ein Schlafrock – und obendrein in Hausschuhen. Eine Krawatte trug er +nicht. Der Kragen seines Hemdes war ^à l’enfant^ zurückgeschlagen, was +der ganzen Erscheinung Fomas etwas überaus Dummes verlieh. Er schritt zu +einem Lehnstuhl, rückte ihn ein wenig näher zum Tisch und setzte sich, +ohne auch nur ein Wort gesagt zu haben. Im Augenblick war alles still +geworden, von der Aufregung und dem Spektakel, die noch vor einer Minute +hier geherrscht hatten, war nichts mehr zu sehen und zu hören. Es war so +still, daß man das Summen der kleinsten Fliege hätte hören können. Die +Generalin saß sanft und fromm wie ein Lamm auf dem Sofa. Die ganze +sklavische Ergebenheit dieser Törin ihrem Idol Foma gegenüber trat jetzt +so recht klar zutage. Sie schien sich an ihrem Liebling gar nicht satt +sehen zu können, sie hing unverwandt mit den Blicken an ihm, sie +verschlang ihn förmlich mit den Augen. + +Fräulein Perepelizyna entblößte lächelnd ihre alten Zähne und rieb sich +die Hände, die arme Praskowja Iljinitschna aber zitterte merklich vor +Furcht. Mein Onkel fand als erster die Sprache wieder. + +„Tee, Schwesterchen, bitte, Tee! Nur etwas süßer, Schwesterchen. Foma +Fomitsch trinkt ihn nach dem Schläfchen gern etwas süßer. Nicht wahr, +Foma, du liebst den Tee nachmittags doch etwas süßer?“ + +„Mir ist es jetzt nicht um Tee zu tun!“ begann Foma langsam und +würdevoll, und mit bekümmerter Miene machte er eine wegwerfende +Handbewegung. „Sie dagegen scheinen sich ja nur darum zu sorgen, daß +alles süßer sei!“ + +Diese ersten Worte und der in seiner pedantischen Wichtigkeit +unbeschreiblich lächerliche Eintritt Fomas interessierten mich natürlich +außerordentlich. Es interessierte mich vor allem, bis zu welch einer +Gewissenlosigkeit die Unverschämtheit dieses von sich so eingenommenen +Menschen gehen konnte. + +„Foma!“ begann mein Onkel von neuem. „Hier stelle ich dir jemand vor: +meinen Neffen Ssergei Alexandrowitsch! Er ist erst vor kurzem +angekommen.“ + +Foma Fomitsch maß meinen Onkel vom Kopf bis zu den Füßen. + +„Es wundert mich, daß Sie mich mit Vorliebe immer so systematisch +unterbrechen, Oberst,“ sagte er endlich nach bedeutsamem Schweigen und +ohne mich auch nur eines Blickes zu würdigen. „Man redet mit Ihnen über +eine ernste Sache, Sie aber ... schwatzen ... weiß Gott was ... Haben +Sie Falalei gesehen?“ + +„Ja, Foma ...“ + +„Ah, also Sie haben ihn gesehen! Nun, dann werde ich Ihnen denselben +noch einmal zeigen, wenn Sie ihn schon gesehen haben. Dann können Sie +sich ergötzen an Ihrem Produkt ... ich meine, in sittlicher Beziehung. +Komm her, Bursche! Komm her, du holländische Fratze! Nun, hörst du +nicht? – komm her! Fürchte dich nicht!“ + +Falalei näherte sich ihm, schluchzend, mit halboffenem Munde, und +schluckte seine Tränen. Foma Fomitsch betrachtete ihn mit +augenscheinlichem Vergnügen. + +„Ich habe ihn mit Absicht ‚holländische Fratze‘ genannt, Pawel +Ssemjonytsch,“ bemerkte er, indem er es sich ungeniert in seinem +Lehnstuhl bequem machte, mit einer leichten Wendung seines Kopfes zu +Obnoskin, der als Nächster links von ihm saß. „Und überhaupt, wissen +Sie, halte ich es nicht für nötig, daß man seine Ausdrücke mildert, +gleichviel in welchem Fall. Die Wahrheit muß immer Wahrheit bleiben. Und +andererseits: womit man auch Schmutz bedecken wollte, es bleibt immer +Schmutz. Wozu also die Mühe, eine Sache noch zu beschönigen? Um sich und +die Menschen zu betrügen! Nur in dem dummen Kopf eines Menschen aus der +sogenannten höheren Gesellschaft konnte das Verlangen nach so sinnlosen +Anstandsregeln entstehen. Sagen Sie doch – ich bitte um Ihr Urteil – +können Sie in dieser Fratze etwas Schönes finden? Ich meine: etwas +Höheres, Erhabenes, Wunderbares – und nicht, wie gesagt, nur eine schöne +Fratze?“ + +Foma Fomitsch sprach ziemlich leise, ruhig, jedes Wort abmessend und mit +einem fast erhabenen Gleichmut. + +„Schönes?“ fragte Obnoskin mit einer geradezu frechen Nachlässigkeit. +„Mir scheint, es ist nur ein gutes Stück Roastbeef und nichts weiter +...“ + +„Trat heute zum Spiegel und besah mich in ihm,“ fuhr Foma ruhig fort, +würdevoll das Wörtlein „ich“ auslassend. „Halte mich längst nicht für +eine Musterschönheit, kam aber unwillkürlich zu der Überzeugung, daß +doch etwas in diesem grauen Auge liegt, das mich von einem Falalei +unterscheidet. Das ist der Gedanke, das ist das Leben, das ist der +Verstand in diesem Auge! Will mich nicht damit loben. Rede nur so im +allgemeinen von meinem Ich. Jetzt, was meinen Sie? Kann es überhaupt +auch nur ein Stückchen, auch nur ein Atom von einer Seele in diesem +lebenden Beefsteak geben? Nein, in der Tat, beobachten Sie es doch, +Pawel Ssemjonytsch, wie diese _Menschen_, die jedes Gedankens, jedes +Ideals vollkommen bar sind, und die nur Rindfleisch essen, wie bei +diesen Menschen die Gesichtsfarbe immer so widerlich frisch ist, von +einer so rohen und dummen Frische! Wünschen Sie, den Grad seiner +Denkfähigkeit zu erkennen? He, du, Kasus! Komm mal näher, gönn uns, daß +wir uns an deinem Anblick berauschen! Warum sperrst du den Mund auf? +Willst du etwa einen Walfisch verschlingen? Bist du schön? Antworte: +bist du schön?“ + +„Ich ... bin ... schön!“ antwortete Falalei mit ersticktem Schluchzen. + +Obnoskin wälzte sich vor Lachen. Ich fühlte, wie ich vor Wut zu zittern +begann. + +„Haben Sie gehört?“ fuhr Foma fort, mit einem gewissen Triumph sich +wieder an Obnoskin wendend. „Aber Sie werden noch ganz andere Dinge von +ihm hören! Ich kam nur, um ihn zu examinieren. Sehen Sie, Pawel +Ssemjonytsch, es gibt Menschen, deren Wunsch es zu sein scheint, diesen +armseligen Idioten endgültig zu verderben. Vielleicht urteile ich zu +streng, kann mich ja täuschen, aber ich rede und tue alles nur aus Liebe +zur Menschheit. Er hat den unanständigsten aller Tänze getanzt. Hier +scheint das keinen Menschen etwas anzugehen. Aber ... nun, Sie können es +hier mit eigenen Ohren hören ... Antworte: was hast du vorhin getan? +Antworte, antworte sofort! – hörst du?“ + +„I ... ich ... habe ... getanzt ...“ sagte Falalei, der nur mit Mühe das +Schluchzen unterdrückte. + +„Was hast du denn getanzt? Welch einen Tanz? So sprich doch!“ + +„Die Kamarinskaja ...“ + +„Die Kamarinskaja! Aber wer ist diese Kamarinskaja? Was ist das für ein +Name? Wie soll ich denn deine Antwort verstehen? Nun, so gib mir doch +wenigstens eine Vorstellung davon: wer ist denn diese deine +Kamarinskaja?“ + +„Ein ... Bauer ...“ + +„Ein Bauer! Nur ein Bauer? Ich wundere mich! Das muß doch ein ganz +hervorragender Bauer sein! Dann ist er wohl irgendein berühmter Mann, +wenn man ihn in Liedern besingt und in Tänzen verherrlicht? Nun, so +antworte doch!“ + +Es schien Foma ein Bedürfnis zu sein, Menschen zu foltern. Er spielte +mit seinem Opfer wie die Katze mit der Maus. Doch Falalei schwieg, +schluchzte und begriff die Frage nicht. + +„So antworte doch! Du wirst gefragt, was das für ein Bauer ist. So +sprich doch ...! Ein Gutsbauer oder ein Kronsbauer, ein freier oder ein +leibeigener oder vielleicht ein Ökonomiebauer[1]? Es gibt viele Bauern +...“ + +„E–e–ein ... Ö–ko–nomiebauer ...“ + +„Ah, also ein Ökonomiebauer! Haben Sie gehört, Pawel Ssemjonytsch? Ein +neues historisches Faktum: die Kamarinskaja ist ein – Ökonomiebauer. Hm! +Nun, aber was hat denn dieser Ökonomiebauer getan? Für welche Taten wird +er denn besungen und ... wird ihm zu Ehren getanzt?“ + +Die Frage war nicht wenig kitzlig, und da er sie an Falalei richtete, +auch sehr gefährlich. + +„Nun – aber Sie ... einstweilen ...“ versuchte Obnoskin einzulenken, +nach einem flüchtigen Blick auf seine Mutter, die sich so eigentümlich +auf ihrem Sofa hin und her zu bewegen begann. + +Was sollte man tun? Die Launen Foma Fomitschs wurden als Gesetz +betrachtet. + +„Aber, lieber Onkel, wenn Sie diesen Esel nicht ablenken, so kann er ja +... Sie begreifen doch, auf was er es abgesehen hat – Falalei wird +vielleicht irgendeine Dummheit sagen, sogar bestimmt, ich versichere Sie +...“ flüsterte ich unbemerkt meinem Onkel zu, der selbst nicht wußte, +wozu er sich entschließen oder was er sagen sollte. + +„Wenn du, Foma ...“ begann er etwas unsicher. „Hier stelle ich dir +meinen Neffen vor, Foma: mein junger Freund, der sich mit Mineralogie +beschäftigt ...“ + +„Ich bitte Sie inständig, Oberst, unterbrechen Sie mich nicht mit Ihrer +Mineralogie, von der Sie, soviel mir bekannt ist, keine Ahnung haben, +und _andere_ vielleicht ebensowenig. Ich bin kein Kind. Er wird mir +antworten, daß dieser Bauer, anstatt für das Wohlergehen seiner Familie +zu arbeiten, in der Schenke seinen Halbpelz vertrunken hat und betrunken +auf die Straße hinausgelaufen ist. Das ist bekanntlich der Inhalt dieses +Liedes, das die Trunkenheit verherrlicht. Beunruhigen Sie sich nicht, +_jetzt_ weiß er, was er zu antworten hat. – Nun, so antworte doch: was +hat dieser Bauer denn getan? Ich habe es dir doch schon vorgesagt, habe +es dir in den Mund gelegt. Ich will nur von dir, von dir selbst hören, +was er getan hat, wodurch er berühmt geworden ist, wodurch er einen so +unsterblichen Ruhm verdient hat, daß er sogar besungen wird? Nun?“ + +Der arme Falalei blickte sich hilflos im Kreise um, und da er nicht +wußte, was er sagen sollte, machte er nur den Mund auf und ratlos wieder +zu, wie eine Karausche, die aus dem Wasser auf den Sand gezogen ist. + +„Ich schäm’ mich, es zu sagen!“ brachte er schließlich in seiner +Hilflosigkeit mit langen Lippen ziemlich undeutlich hervor. + +„Ah! du schämst dich, es zu sagen!“ Foma triumphierte. „Nur diese +Antwort erwartete ich, Oberst! Man schämt sich, es zu sagen; aber es zu +tun, schämt man sich nicht! Das ist die Sittlichkeit, die Sie hier gesät +haben, die jetzt aufgegangen ist, und die Sie noch ... begießen! Doch +wozu so viel Worte verlieren! Geh in die Küche, Falalei. Im Augenblick +sage ich dir nichts – aus Achtung vor den Anwesenden; aber heute noch, +_heute noch_ wirst du unbarmherzig und schmerzhaft bestraft werden. +Geschieht es aber nicht, zieht man auch diesmal _dich_ – _mir_ – vor, so +bleibe du hier und tröste deine Herren mit der Kamarinskaja, ich aber +werde dann heute noch dieses Haus verlassen! Genug! Ich habe gesprochen. +Geh!“ + +„Nun, das war, glaube ich, denn doch etwas ... streng ...“ brummte +Obnoskin. + +„Eben, eben ...!“ griff sofort mein Onkel auf und wollte ihm +beipflichten, brach aber ab und verstummte. Foma warf ihm einen +finsteren Blick zu. + +„Ich wundere mich, Pawel Ssemjonytsch,“ fuhr er fort, „ich wundere mich +nur über eines: was tun denn eigentlich unsere zeitgenössischen +Literaten, die Dichter, die Gelehrten, die Denker? Wie kommt es, daß sie +gar nicht darüber nachdenken, welche Lieder das russische Volk singt, +und zu welchen Liedern das russische Volk tanzt? Was haben denn bis +jetzt alle unsere Puschkin, Lermontoff, Borosdin getan? Ich wundere +mich. Das Volk tanzt die Kamarinskaja, diese Apotheose der Trunkenheit +und der Ausschweifung; sie aber besingen da irgendwelche +Vergißmeinnicht! Warum schreiben sie nicht einige sittliche Lieder für +den Volksgebrauch? Was nützen diese Gedichte an die Vergißmeinnicht und +Gänseblümchen? Hier handelt es sich doch um eine soziale Frage! Mögen +sie mir meinetwegen einen Bauern schildern, aber einen veredelten +Bauern, einen Landmann, der eigentlich nichts mehr mit dem rohen Bauern +gemein hat. Mögen sie doch einen solchen Dorfweisen womöglich in seiner +ganzen Einfachheit uns zeigen, meinetwegen sogar in Bastschuhen – ich +bin auch damit noch einverstanden –, aber es muß ein Mann sein, der alle +Tugenden besitzt, Tugenden, um die ihn – das sage ich kühn – selbst +irgend so ein berühmter Alexander von Mazedonien beneiden müßte. Ich +kenne Rußland und Rußland kennt mich: darum rede ich so. Mögen sie uns +diesen Mann darstellen, der, sagen wir, bei grauem Haar noch eine große +Familie zu ernähren hat, meinetwegen sogar in einer stickigen Hütte +lebt, vielleicht sogar hungern muß, der aber dennoch zufrieden ist und +nicht murrt, sondern seine Armut preist, und den alles Gold des Reichen +gleichgültig läßt. Mag ihm der Reiche schließlich gerührt sein ganzes +Gold bringen ... bei dieser Gelegenheit kann sogar eine Vereinigung der +Tugend des Bauern mit der Tugend des Reichen, seines Herrn und, sagen +wir, geborenen Aristokraten sich vollziehen. Der Landmann und der +Reiche, die auf den Stufen der Gesellschaft so weit voneinander getrennt +sind, – mögen sie dann in der Tugend sich vereinigen, – das wäre ein +edler Grundgedanke! Aber sonst – was haben wir jetzt in unserer +Literatur? Einerseits Vergißmeinnicht und andererseits – einen Bauern, +der aus der Schenke herausstürzt und in betrunkenem Zustande durch die +Straßen läuft! Nun, was ist denn hier, sagen Sie doch selbst: Was ist +denn hier Poetisches? Woran soll man sich erbauen? Wo ist hier Verstand? +Wo Grazie? Wo Moral? ... Ich wundere mich!“ + +„Hundert Rubel schulde ich Ihnen, Foma Fomitsch, für solche Worte!“ +sagte Jeshowikin anscheinend begeistert. – „Würde ihm keinen grindigen +Deubel jemals geben!“ rannte er mir dabei leise zu, fast ohne die Lippen +zu bewegen. „Schmeichle, schmeichle!“ + +„Nun ja ... das haben Sie gut gesagt,“ brummte Obnoskin. + +„Eben, eben! Vortrefflich!“ rief mein Onkel aus, der die ganze Zeit mit +angestrengter Aufmerksamkeit zugehört hatte und mich jetzt triumphierend +ansah. – „Was für ein Thema!“ flüsterte er mir unbemerkt ins Ohr und +rieb sich vor Vergnügen die Hände. „Vielseitig, weiß der Teufel! – Foma +Fomitsch, hier ist mein Neffe,“ fuhr er laut im Überschwang seiner +Gefühle fort. „Er hat sich gleichfalls mit der Literatur beschäftigt – +hier stelle ich ihn dir vor.“ + +Foma Fomitsch schenkte wiederum nicht die geringste Beachtung weder mir, +noch meinem Onkel. + +„Um Gottes willen, stellen Sie mich doch nicht nochmals vor! Ich bitte +Sie darum!“ flüsterte ich in sehr bestimmtem Ton meinem Onkel zu. + +„Iwan Iwanytsch!“ hub plötzlich Foma Fomitsch an, sich mit aufmerksam +betrachtendem Blick an Misintschikoff wendend, „da haben wir nun +gesprochen – welcher Meinung aber sind Sie?“ + +„Ich? Sie fragen mich?“ erkundigte sich verwundert Misintschikoff, mit +einem Gesichtsausdruck, als hätte man ihn soeben erst aus dem Schlaf +geweckt. + +„Ja, gerade Sie. Ich frage Sie aus dem Grunde, weil mir die Meinung +wirklich kluger Menschen immer wertvoll ist, nicht aber diejenige – weiß +Gott was für welcher – problematischer kluger Köpfe, die nur deshalb +klug sind, weil sie einem _beständig als klug vorgestellt werden_, als +sogenannte _Gelehrte_, und die man sich mitunter sogar absichtlich +verschreibt, um sie in einer Jahrmarktsbude auszustellen oder an einem +ähnlichen Ort.“ + +Dieser Stein war natürlich in meinen Garten geworfen. Es konnte +überhaupt kein Zweifel darüber bestehen, daß Foma Fomitsch, der mich +scheinbar gar nicht beachtete, dieses ganze Gespräch über die Literatur +einzig und allein meinetwegen begonnen hatte, um mich, den „Klugen“, den +„Petersburger Gelehrten“, von vornherein zu besiegen, zu vernichten. Ich +wenigstens zweifelte nicht daran. + +„Wenn Sie meine Meinung wissen wollen, so ... bin ich ... so bin ich +ganz Ihrer Meinung,“ antwortete Misintschikoff träge und gleichsam wider +Willen. + +„Sie sind stets ganz meiner Meinung! Es könnte einem sogar übel davon +werden,“ bemerkte Foma. „Werde Ihnen ganz aufrichtig sagen, Pawel +Ssemjonytsch,“ wandte er sich nach kurzem Schweigen wieder an Obnoskin, +„wenn ich unseren unsterblichen Karamsin für etwas hochachte, so tue ich +es nicht wegen seiner ‚Statthalterin Marfa‘, nicht wegen seiner +‚Russischen Geschichte‘, auch nicht wegen seines Werkes über das ‚Alte +und neue Rußland‘, sondern einzig deshalb, weil er ‚Froll Ssilin‘ +geschrieben hat: Das ist ein großes Epos! Es ist ein rein volkliches +Werk und wird alle Ewigkeiten überleben! Ein großes Epos!“ + +„Eben, das ist es! Stimmt! Ein großes _Epos_! Froll Ssilin ist ein +tugendhafter Mensch! Ich weiß, habe ihn gelesen; er kaufte _noch_ zwei +Mädchen aus, und dann sah er zum Himmel empor und weinte. Ein erhabener +Zug!“ bestätigte mein Onkel, strahlend vor Zufriedenheit. + +Mein armer Onkel! Er konnte es doch auf keine Weise unterlassen, sich in +„gelehrte“ Gespräche einzumischen! Foma lächelte boshaft, schwieg aber. + +„Es wird auch jetzt Interessantes geschrieben,“ mischte sich vorsichtig +Anfissa Petrowna Obnoskina ein. „Zum Beispiel: die ‚Geheimnisse von +Brüssel‘!“ + +„Ich enthalte mich eines Urteils,“ sagte Foma, gleichsam mitleidig. „Ich +habe vor nicht langer Zeit einen von den neueren Dichtern gelesen ... +Was soll man sagen? ‚Vergißmeinnicht‘! Aber wenn ich Ihnen die Wahrheit +sagen soll, so gefällt mir von den Modernsten am besten der ‚Kopist‘, – +wie er sich unterzeichnet – eine leichte Feder!“ + +„Der Kopist!“ schrie förmlich Anfissa Petrowna auf, „das ist doch +dieser, der an die Zeitung Briefe schreibt? Ach, wie ist er doch +entzückend! Welch ein Spiel mit Worten!“ + +„Ganz recht, ein Spiel mit Worten. Er spielt, wie man sagt, mit der +Feder. Eine ungewöhnliche Leichtigkeit im Satzbau!“ + +„Ja, aber er ist ein Pedant,“ bemerkte Obnoskin nachlässig. + +„Pedant! gewiß ein Pedant – das bestreite ich nicht. Aber er ist ein +sympathischer Pedant, ein graziöser Pedant! Natürlich, keine einzige +seiner Ideen hält einer ernsten Kritik stand, aber man läßt sich +unwillkürlich von seiner Leichtigkeit fortreißen! Schön, es sind leere +Worte – ich will es gern zugeben; aber es sind sympathische, es sind +graziöse Worte! Entsinnen Sie sich vielleicht, wie er in einem +literarischen Artikel erklärte, daß er seine eigenen Güter habe?“ + +„Güter?“ griff sofort mein Onkel auf. „Das ist nicht übel. In welchem +Gouvernement?“ + +Foma blieb stumm, richtete nur einen aufmerksamen Blick auf den +Hausherrn und fuhr dann im selben Ton fort: + +„Nun sagen Sie mir doch um der gesunden Vernunft willen: wozu brauche +ich, der Leser, zu wissen, daß er Güter hat? Hat er sie – dann +gratuliere ich! Aber wie lieblich, wie spaßhaft ist es beschrieben! Er +sprüht von Geist, er wirft ihn verschwenderisch um sich! Er ist ein +unerschöpflicher Quell von sprudelndem Geist! Ja, _so_ muß man +schreiben! Ich glaube, daß ich gerade in dieser Art schreiben würde, +wenn ich mich entschließen wollte, für Zeitschriften zu schreiben ...“ + +„Sicherlich sogar noch besser!“ bemerkte ehrerbietig Jeshowikin. + +„Es ist sogar etwas Melodisches im Stil!“ bestätigte mein Onkel. + +Nun aber hielt es Foma nicht mehr aus. + +„Oberst,“ hub er an, „dürfte man Sie vielleicht bitten – natürlich mit +aller nur möglichen Rücksicht – sich nicht einzumischen und uns in Ruhe +unser Gespräch beenden zu lassen? Sie können über unsere Gespräche nicht +urteilen, die Themata sind nicht für Sie geschaffen! So haben Sie doch +die Güte, unsere angenehme literarische Unterhaltung nicht zu +unterbrechen. Beschäftigen Sie sich mit Ihrer Landwirtschaft, trinken +Sie Tee, aber ... kümmern Sie sich nicht um die Literatur ... sie wird +dadurch nicht verlieren, dessen kann ich Sie versichern!“ + +Das war denn doch der Gipfel aller Frechheit! Ich wußte nicht, wie ich +mich beherrschen sollte. + +„Aber du hast doch selbst gesagt, Foma, daß sogar etwas Melodisches im +Stil sei,“ versuchte sich mein Onkel, peinlich berührt, zu verteidigen. + +„Gewiß. _Ich_ aber habe es mit Kenntnis der Sache gesagt, als es +angebracht war – und Sie?“ + +„Jawohl, wir haben es mit Verständnis und Verstand gesagt,“ griff +Jeshowikin auf, der Foma Fomitsch auffällig umschmeichelte. „Verstand +haben wir nur so ein wenig, man muß ihn sich zuweilen leihen; denn zur +Not reicht er noch zu zwei Ministerien, und wenn’s darauf ankommt, dann +werden wir auch noch mit dem dritten fertig, – jawohl, so steht’s mit +uns!“ + +„Nun, dann habe ich also wieder etwas Unrichtiges gesagt!“ sagte mein +Onkel und lächelte sein gutmütiges Lächeln. + +„Zum Glück sehen Sie es wenigstens ein,“ bemerkte Foma. + +„Tut nichts, Foma, ich ärgere mich nicht. Ich weiß, daß du mich wie ein +Freund lenken und leiten willst, wie ein Verwandter, ein Bruder ... Das +habe ich dir selbst erlaubt, ich habe dich sogar darum gebeten ... Das +ist ganz recht, ganz recht von dir. Du tust es ja nur zu meinem Besten! +Also hab Dank, ich werde es mir merken.“ + +Meine Geduld war zu Ende. Alles, was ich von Foma Fomitsch gehört hatte, +war mir übertrieben erschienen. Als ich nun aber selbst alles sah und +hörte, fand meine Verwunderung keine Grenzen. Ich glaubte mir selbst +nicht mehr; eine solche Frechheit, eine so unverschämte Anmaßung +einerseits, und eine so freiwillige Knechtschaft und so arglose +Gutmütigkeit andererseits begriff ich einfach nicht. Übrigens war mein +Onkel durch diese Dreistigkeit doch auch verwirrt. Das sah man ihm an, +obschon er es zu verbergen suchte. Ich brannte vor Begier, mit Foma +irgendwie aneinander zu geraten, mit ihm einen Zweikampf auszufechten, +ihm hageldicht die Wahrheit zu sagen – aber mit Überlegenheit und +Temperament, so daß sie ihren Ohren nicht trauen sollten – und dann möge +kommen, was da kommen wolle! Dieser Gedanke begeisterte mich. Ich +wartete krampfhaft auf eine Gelegenheit, und in der Erwartung verbog ich +gänzlich den Rand meines Hutes, den ich in der Hand behalten hatte. Die +Gelegenheit aber bot sich nicht: Foma geruhte überhaupt nicht, mich zu +bemerken. + +„Es ist wahr, es ist wahr, was du sagst, Foma,“ fuhr mein Onkel fort, +aus allen Kräften bemüht, das Unangenehme des vorhergegangenen +Gespräches wenigstens durch irgend etwas ein wenig gutzumachen. „Du +trittst damit für die Wahrheit ein, Foma. Ich danke dir. Zuerst muß man +eine Sache kennen, und nur dann kann man urteilen. Ich bereue es. Aber +ich bin ja schon mehr als einmal in eine solche Patsche geraten. Stell +dir vor, Ssergei, ich habe einmal sogar examiniert. Ihr lacht! Nun ja! +Bei Gott, ich habe faktisch examiniert! Das war so: man forderte mich +einmal auf, in irgendeiner Lehranstalt einem Examen beizuwohnen, und man +setzte mich zusammen mit den Examinatoren an den großen Tisch, nur so, +als Ehrenbezeugung, es war dort ein überflüssiger Platz. Aber weißt du, +ich sage dir, ich bekam ordentlich Angst, – nein wirklich: regelrechte +Angst erfaßte mich. Wie sollte ich nicht – denk doch nur: habe doch von +keiner einzigen Wissenschaft auch nur einen Schimmer! Was tun also? Gott +im Himmel, denke ich, jetzt wirst du selbst auch noch an die Tafel +gerufen werden! Nun, dann aber – ging alles gut vonstatten: ich stellte +sogar selbst noch Fragen, fragte: Wer war Noah? Überhaupt, es wurde +vorzüglich geantwortet. Nachher frühstückten wir noch und tranken auf +das Gedeihen der Anstalt Champagner. Eine vortreffliche Lehranstalt +war’s!“ + +Foma Fomitsch und Obnoskin brachen in schallendes Gelächter aus. + +„Aber ich habe ja später auch gelacht!“ rief mein Onkel dazwischen, +lachte selbst mit in seiner Gutmütigkeit und freute sich, daß er andere +erheitert hatte. „Nein, Foma, wart, ich werde euch alle noch mehr zum +Lachen bringen – ich werde euch erzählen, wie ich einmal hereingefallen +bin ... Stell dir vor, Ssergei, wir standen damals in Krasnogorsk ...“ + +„Gestatten Sie eine Frage, Oberst: Wird Ihre Geschichte lang werden?“ +unterbrach ihn Foma. + +„Ach, Foma! Aber das ist doch eine wundervolle Geschichte, einfach zum +Kranklachen! Hör doch nur zu! Sie ist gut, bei Gott, sie ist gut!“ + +„Ich höre Ihre Geschichten, wenn sie von dieser Art sind, stets mit +Vergnügen an,“ sagte Obnoskin, indem er sich absichtlich kaum die Mühe +gab, ein Gähnen zu verbergen. + +„Tja, man wird also wohl zuhören müssen,“ meinte Foma resigniert. + +„Aber es lohnt sich, bei Gott, Foma! Ich werde Ihnen erzählen, wie ich +einmal hereinfiel, Anfissa Petrowna. Hör auch du zu, Ssergei: es ist +zugleich lehrreich. Unser Regiment stand damals in Krasnogorsk,“ begann +mein Onkel, strahlend vor Freude, schnell und eilig, mit unzähligen +einleitenden Sätzen, wie es nun einmal seine Art war, wenn er etwas zur +Unterhaltung seiner Gäste erzählte. „Kaum waren wir angekommen, da +ging’s auch schon am selben Abend ins Theater. Die Primadonna, Fräulein +Kuropatkina, war berückend schön. Später entfloh sie mit dem Rittmeister +Swerkoff, noch bevor sie das Stück zu Ende gespielt hatte. Der Vorhang +mußte fallen ... Das heißt, dieser Swerkoff war eine Bestie, trank und +spielte; aber eigentlich war er doch kein Trunkenbold, sondern nur so, – +immer bereit, mit den Kameraden gemütlich zu sein. Wenn er dann aber +einmal ins Trinken kam, dann vergaß er alles: wo er lebte, in welchem +Reich, wie er hieß – kurz: alles! Im Grunde aber war er ein prächtiger +Junge ... Nun, ich sitze also im Theater. In der Pause gehe ich +hinaus ins Foyer, und da treffe ich zufällig meinen früheren +Regimentskameraden, Kornuchoff ... Ein prachtvoller Mensch! Wir hatten +uns seit sechs Jahren nicht mehr gesehen. Nun, er war im Feuer gewesen, +mit Kreuzen behängt – jetzt ist er, wie ich vor kurzem hörte, schon +Wirklicher Staatsrat: er ist nämlich in den Staatsdienst übergetreten +und wird es noch zu hohem Ansehen bringen ... Nun, versteht sich, wir +freuten uns. Reden dies und das. Neben uns aber in der Loge sitzen drei +Damen: die eine, die links sitzt, hat ein Gesicht, wie die Welt kein +fürchterlicheres hervorbringen kann ... Später erfuhr ich, daß sie eine +treffliche Dame war, Familienmutter – was will man mehr – hat den Mann +glücklich gemacht ... Nun, und ich Dummkopf frage Kornuchoff: ‚Sag mal, +Freund, weißt du nicht, was ist denn das da für eine Vogelscheuche?‘ – +‚Wer?‘ – ‚Na, diese dort links!‘ – ‚Ja so ... das ist meine Cousine.‘ – +Pfui Teufel! Man denke sich meine Situation! Ich will’s natürlich sofort +gutmachen: – ‚Nein doch, nicht diese,‘ sage ich, ‚was du doch für Augen +hast! Diese, die rechts sitzt: wer ist das?‘ – ‚Das ist meine +Schwester.‘ – Verdammte Zucht! denke ich. Seine Schwester aber war, wie +zum Trotz, eine wahre Rosenknospe, ganz allerliebst, und dazu +angekleidet: Kettchen und Armbänder und Spitzen, – mit einem Wort, wie +so’n Engelchen. Späterhin heiratete sie einen prächtigen jungen +Menschen, einen gewissen Pychtin; sie war zuerst mit ihm losgezogen und +hatte sich ungefragt trauen lassen; jetzt aber ist alles, wie es sich +gehört, leben gut, die Eltern haben ihre Freude an ihnen ... Na also –: +‚Nein doch!‘ sage ich unwillig, weiß aber selbst nicht, wo ich mich +verkriechen soll, ‚nicht diese! Ich meine jene, die in der Mitte sitzt, +– wer ist das?‘ – ‚Tja, in der Mitte – nun, Freund, das ist meine Frau +...‘ Unter uns: ein wahrer Leckerbissen, aber kein Mensch: ihr Anblick +allein war schon ein solches Vergnügen, daß man sie am liebsten heil +verschluckt hätte ... – ‚Nun,‘ sage ich, ‚hast du jemals einen Dummkopf +gesehen? Dann sieh ihn dir jetzt an; hier ist er, und sein Kopf steht +dir gleichfalls zur Verfügung: köpfe nur zu, brauchst nichts zu +bedauern!‘ Er lachte. Nach der Aufführung machte er mich mit seinen +Damen bekannt, und wahrscheinlich hatte der Schlingel ihnen schon alles +erzählt. Es wurde etwas viel gelacht! Aber ich muß sagen, ich habe noch +nie so lustig die Zeit verbracht. Nun siehst du, Foma, wie man zuweilen +hereinfallen kann! Ha–ha–ha–ha!“ + +Doch vergeblich lachte mein armer Onkel, vergeblich blickten seine +heiteren treuen Augen im Kreise umher: Schweigen war die Antwort auf +seine „lustige“ Geschichte. Foma Fomitsch saß in finsterer Stummheit da, +und seinem Beispiel folgten pflichtschuldig alle anderen – nur Obnoskin +lächelte kaum merklich, da er die Philippika voraussah, die meinem armen +Onkel bevorstand. Dieser wurde etwas verlegen und errötete. Das war es, +was Foma gewünscht hatte. + +„Sind Sie nun fertig?“ fragte er endlich feierlich. + +„Ja, ich bin fertig, Foma.“ + +„Und Sie freuen sich?“ + +„Das heißt ... wieso, Foma? – wie meinst du das?“ fragte gleichsam +schmerzlich mein Onkel. + +„Ist Ihnen jetzt leichter? Sind Sie jetzt zufrieden, da es Ihnen doch +gelungen ist, die angenehme literarische Unterhaltung der Freunde zu +stören, indem Sie sie unterbrachen und so Ihrem kleinlichen Ehrgeiz +Genüge tun konnten?“ + +„Aber hör doch auf, Foma! Ich wollte euch alle ja nur erheitern, du aber +...“ + +„Erheitern!“ schrie Foma auf, plötzlich sehr belebt. „Sie sind ja nur +fähig, einen schwermütig zu machen, aber nicht zu erheitern! Zu +erheitern! Begreifen Sie denn nicht, daß Ihre Erzählung fast unsittlich +war? Ich sage nicht einmal: unanständig – das versteht sich von selbst +... Sie erklärten soeben mit seltener Gefühlsroheit, daß Sie über eine +Unschuldige gelacht haben, über eine geborene Aristokratin, und zwar nur +deshalb, weil diese nicht die Ehre hatte, Ihnen zu gefallen! Und uns, +uns wollen Sie veranlassen zu lachen, mit anderen Worten: uns wollten +Sie verleiten, einer rohen und unanständigen Tat Beifall zu spenden, und +das alles nur deshalb, weil Sie hier der Hausherr sind! Tun Sie, was Sie +wollen, Oberst, Sie können sich Schmarotzer, Speichellecker und Partner +jeder Art zusammensuchen, Sie können sie sogar aus fernen Landen +verschreiben und auf diese Weise Ihre Suite vergrößern, zum Nachteil der +Gesinnungstüchtigkeit und des Edelsinnes aller noch reinen Herzen. +Niemals aber wird Foma Opiskin weder ein Schmeichler, noch ein +Speichellecker, noch Ihr Gnadenbrotesser sein! Wenn auch sonst nichts, +dieses aber können Sie mir glauben: dessen versichere ich Sie ...!“ + +„Ach, Foma, du hast mich ja gar nicht verstanden, Foma!“ + +„Nein, Oberst, ich bin schon lange hinter Ihr wahres Wesen gekommen, ich +durchschaue Sie vollkommen. An Ihnen nagt grenzenlose Eigenliebe: Sie +machen Ansprüche auf unübertrefflichen Witz, und Sie vergessen, daß +Ansprüche den Geist stumpf machen – Sie ...“ + +„Um Gottes willen, Foma, laß es doch gut sein! Schäm dich doch +wenigstens vor den anderen ...!“ + +„Aber es ist doch traurig, so etwas mit ansehen zu müssen, Oberst, und +wenn man es sieht, kann man nicht schweigen. Ich bin arm, ich lebe bei +Ihrer Frau Mutter. Da könnte man ja glauben, daß ich durch mein +Schweigen mich bei Ihnen einschmeicheln wollte. Ich aber will nicht, daß +mich der erste beste _Grünschnabel_ für Ihren Gnadenbrotesser hält! +Vielleicht habe ich vorhin, als ich hier eintrat, absichtlich meine +wahrheitsliebende Offenheit betont und unterstrichen, ich war +_gezwungen_, sie bis zur Grobheit zu treiben, eben weil Sie selbst +belieben, mich in eine solche Lage zu bringen. Sie gehen gar zu anmaßend +mit mir um, Oberst. So kann man mich ja für Ihren Sklaven, Ihren +Schmarotzer, Ihren Speichellecker halten! Es scheint Ihnen Vergnügen zu +bereiten, mich vor _Unbekannten_ zu erniedrigen, während ich Ihnen +gleichstehe – hören Sie? – in jeder Beziehung gleichstehe! Vielleicht +bin sogar _ich_ es, der Ihnen damit einen Dienst erweist, daß ich bei +Ihnen lebe ... und es ist nicht so, daß _Sie_ mir einen erweisen. Man +erniedrigt mich, folglich muß ich mich vor Ihnen loben – das ist nur +natürlich! Ich darf nicht schweigen, ich muß sprechen, ich muß +unverzüglich protestieren; denn ich erkläre Ihnen offen und einfach, daß +Sie phänomenal neidisch sind! Sie sehen, zum Beispiel, daß ein Mensch in +einem einfachen, freundschaftlichen Gespräch unwillkürlich sein Wissen, +seine Belesenheit, seinen guten Geschmack bewiesen hat: und schon ärgern +Sie sich, Sie ertragen es nicht: ‚Wart, jetzt werde auch ich schnell +meine Kenntnisse, meinen guten Geschmack zeigen!‘ denken Sie sogleich. +Aber was haben Sie denn für einen Geschmack, mit Erlaubnis zu fragen? +Vom Geschmack verstehen Sie ebensoviel wie – verzeihen Sie, Oberst – wie +zum Beispiel, sagen wir, ein Ochs von Rindfleisch! Das ist schroff und +grob ausgedrückt – ich gebe es selbst zu ... aber es ist wenigstens +offenherzig und gerecht. So etwas würden Sie von Ihren Schmeichlern +nicht hören, Oberst.“ + +„Ach, Foma ...!“ + +„Das ist’s ja: ‚Ach, Foma!‘ Man sieht, die Wahrheit ist kein +Daunenkissen. Nun gut. Wir werden darauf noch später zu sprechen kommen, +jetzt aber erlauben Sie auch mir einmal, das Publikum zu erheitern. Sie +können sich doch nicht immer nur allein auszeichnen. Pawel Ssemjonytsch! +Haben Sie dieses Meerungeheuer in Menschengestalt schon gesehen? Ich +beobachte ihn schon geraume Zeit. Sehen Sie ihn sich nur aufmerksam an: +er würde mich mit Vergnügen verschlingen, lebendig, mit Haut und +Haaren!“ + +Er sprach von Gawrila. Der alte Diener stand an der Tür und hörte +allerdings mit tiefem Herzeleid zu, wie seinem Herrn „der Kopf +gewaschen“ wurde. + +„Auch ich will Sie mit einem Schaustück belustigen, Pawel Ssemjonytsch. +– He, du, Krähe, komm her! Aber so geruhen Sie doch, sich +hierherzubemühen, Gawrila Ignatjitsch! Das ist, wie Sie sehen, Gawrila, +der zur Strafe für seine Grobheit Französisch lernt. Ich mildere wie +Orpheus die hiesigen Sitten, nur tue ich es nicht mit Liedern, sondern +mittels der französischen Sprache. Nun, mein Franzose, mßjö Schematon – +er kann es nicht leiden, wenn man mßö Schematon zu ihm sagt – hast du +deine Aufgabe gelernt?“ + +„Habe sie gelernt,“ antwortete Gawrila mit gesenktem Kopf. + +„Nun, parleh-wu-franßeh?“ + +„Wui mßö, shö-lö-parl-ön-pö ...“ + +Ich weiß nicht, war die traurige Miene Gawrilas beim Aussprechen der +französischen Phrase die Ursache, oder hatten alle den Wunsch Fomas +erraten – jedenfalls ertönte eine schallende Lachsalve, kaum daß Gawrila +den Mund aufgetan hatte. Sogar die Generalin geruhte zu lachen. Anfissa +Petrowna Obnoskina warf sich an die Sofalehne zurück und wieherte +geradezu, das Gesicht mit dem Fächer bedeckt. Gawrila aber, als er sah, +welche Wendung das Examen nahm, riß die Geduld, er spie plötzlich aus +und sagte: + +„Daß ich in meinen alten Jahren eine solche Schande erleben muß!“ + +Foma Fomitsch fuhr auf: + +„Was? Was hast du gesagt? Du läßt es dir einfallen, frech zu werden?“ + +„Nein, Foma Fomitsch,“ antwortete Gawrila ernst, „meine Worte sind keine +Frechheit, und mir, dem Leibeigenen, steht es nicht zu, gegen Euch, der +Ihr als Freier geboren seid, unehrerbietig zu sein. Aber jeder Mensch +trägt Gottes Geist in sich und ist sein Ebenbild. Ich stehe im +dreiundsechzigsten Lebensjahr. Mein Vater erinnert sich noch +Pugatschoffs[2], und mein Großvater ist mit Matwei Nikititsch – Gott hab +ihn selig! – also zusammen mit seinem gnädigen Herrn von Pugatschoff an +ein und demselben Galgen erhängt worden, wofür mein Vater vom seligen +Herrn Afanassij Matwejitsch mehr als alle anderen ausgezeichnet wurde: +er diente als Kammerdiener und starb als freier Hofbauer. Ich aber, +Herr, bin wohl nur ein herrschaftlicher Leibeigener, aber eine solche +Schande, wie jetzt, habe ich bis heute noch nicht erlebt!“ + +Bei den letzten Worten führte Gawrila seine herabhängenden Hände +auseinander und senkte den Kopf. Mein Onkel sah ihn unruhig an. + +„Schon gut, schon gut, Gawrila!“ rief er ihm zu, „wozu so viel reden! +Schon gut!“ + +„Tut nichts, tut nichts,“ sagte Foma, der ein wenig erbleicht war und +sich zu einem Lächeln zwang. „Mag er nur reden: das sind ja doch nur +Ihre Früchte ...“ + +„Ich werde jetzt einmal alles sagen,“ fuhr Gawrila fort, in den +plötzlich irgendein Geist gefahren zu sein schien, – „alles sagen und +nichts beschönigen! Und wenn man mir auch die Hände binden wird – meine +Zunge kann man mir doch nicht binden. Ich weiß, Foma Fomitsch, daß ich +vor Euch nur ein niedriger Mensch bin, ein Knecht, aber auch ich hab +mein Ehrgefühl! Zu Dienstbarkeit bin ich Euch für alle Zeit +verpflichtet, da ich als Unfreier geboren bin und jede Pflicht in Furcht +gewissenhaft erfüllen muß. Wenn Ihr Euch einschließt, um ein Buch zu +schreiben, so ist es meine Pflicht, daß ich Wache stehe und keinen zu +Euch lasse, weil Ihr mir das so angesagt und befohlen habt. Und wenn Ihr +Bedienung verlangt – ich tue alles gern. Nicht aber, daß ich in meinen +alten Tagen noch wie ein Ausländer bellen und vor den Menschen mir +solche Schmach und Schande antun lassen muß! Wage ich es doch jetzt +nicht mehr, in die Gesindestube zu gehen: ein Franzose bist du, sagen +sie mir alle, guten Tag, Herr Franzose! Nein, Foma Fomitsch, nicht ich +Dummkopf allein, sondern alle guten Leute sagen dasselbe: daß Ihr jetzt +wahrhaftig ein böser Mensch geworden seid, und daß unser Herr so gut wie +ein kleines Kind zu Euch sind, und daß Ihr, wenn Ihr auch von Geburt so +viel wie ein Generalssohn seid und es vielleicht selbst nicht viel +weniger weit als bis zum General gebracht habt, so doch ebendasselbe +seid, was man eine Furie nennt.“ + +Gawrila hatte zu Ende geredet. Ich war außer mir vor Entzücken. Foma +Fomitsch saß bleich und vor Wut regungslos da, inmitten der allgemeinen +Bestürzung, und schien nach diesem unerwarteten Angriff noch nicht zur +Besinnung kommen zu können. Es war, als überlegte er, in welchem Maße er +sich ärgern sollte, bis zu welchem Grade es richtig wäre, sich zu +ärgern. Endlich erfolgte der erste Aufschrei. + +„Wie!“ kreischte er auf. „Er hat es gewagt, mich zu beschimpfen! – mich! +Aber das ist doch Rebellion!“ schrie Foma, vom Stuhl emporschnellend, +mit der Stimme eines alten Weibes. + +Seinem Beispiel folgte sogleich die Generalin: sie schlug sogar die +Hände zusammen. Mein Onkel bemühte sich, den verbrecherischen Gawrila +aus dem Gesichtskreise zu schaffen. + +„Fesselt ihn, fesselt ihn! Legt ihn in Ketten!“ schrie die Generalin. +„Laß ihn sofort in die Stadt bringen und gib ihn unter die Soldaten, +Jegoruschka! Sonst versage ich dir meinen Muttersegen! Laß ihm sofort +Fußfesseln anlegen – und dann unter die Soldaten!“ + +„Wie!“ schrie Foma, „dieser Knecht! dieser Chaldäer! dieser Hamlet! Er +hat sich unterstanden, mich zu beschimpfen! Er, er, mein +Schuhputzlappen! Er hat es gewagt, mich eine Furie zu nennen!“ + +Da trat ich plötzlich entschlossen vor. + +„Ich muß gestehen, in diesem Fall bin ich vollkommen derselben Meinung +wie Gawrila,“ sagte ich, zitternd vor Aufregung, und blickte Foma offen +in die Augen. + +Dieses Auftreten meinerseits machte ihn so bestürzt, daß er im ersten +Augenblick, glaube ich, seinen Ohren nicht traute. + +„Was soll denn das bedeuten!“ brachte er endlich hervor, stürzte wie +rasend ein paar Schritte vor und durchbohrte mich gerader mit seinen +kleinen, blutunterlaufenen Augen. „Was bist du denn für einer?!“ + +„Foma Fomitsch ...“ wollte mein Onkel, der selbst nicht wußte, wo sein +Kopf stand, einlenken, „Foma Fomitsch, das ist Sserjosha, mein Neffe +...“ + +„Der Gelehrte!“ brüllte Foma auf, „das ist also jener _Gelehrte_! +Liberté – Egalité – Fraternité! Journal des Débats! Nein, du lügst! Hier +ist nicht Petersburg, hier kannst du nicht betrügen! Hol der Teufel +deine Débats! Bei dir heißt es Débats, bei uns aber Kabbala! Gelehrter! +Ich habe siebenmal mehr vergessen, als du überhaupt weißt! Was weißt du +denn überhaupt?“ ... + +Wenn man ihn nicht gehalten hätte, so würde er sich wahrscheinlich mit +den Fäusten auf mich gestürzt haben. + +„Aber er ist ja betrunken!“ sagte ich, mich im Kreise umblickend. + +„Wer? _Ich?!_“ schrie Foma mit einer noch nie gehörten Stimme. + +„Ja, Sie!“ + +„Betrunken?“ + +„Gewiß: betrunken!“ + +Das war zu viel für ihn. Er stieß einen Schrei aus, als wenn er +aufgespießt worden wäre, und stürzte aus dem Zimmer. Die Generalin +wollte, wie es schien, in Ohnmacht fallen, sagte sich aber, daß es +besser wäre, Foma Fomitsch nachzueilen. Ihr folgten alle anderen, – und +allen anderen folgte auch mein Onkel. Als ich wieder zu mir kam und mich +umsah, fand ich im Zimmer außer mir nur noch Jeshowikin. Er lächelte und +rieb sich die Hände. + +„Von den Jesuiten versprachen Sie mir zu erzählen,“ sagte er mit +einschmeichelnder Stimme. + +„Was?“ fragte ich, da ich nicht begriff, wovon er sprach. + +„Von den Jesuiten versprachen Sie vorhin zu erzählen ... eine Anekdote +...“ + +Ich ließ ihn stehen und eilte hinaus auf die Terrasse und von dort in +den Garten. In meinem Kopf drehte sich alles durcheinander ... + + + + + VIII. + + Die Liebeserklärung. + + +Wohl über eine Viertelstunde irrte ich, aufgebracht und äußerst +unzufrieden mit mir, im Garten umher. Was sollte ich tun? Die Sonne +stand schon tief im Westen ... Ich bog in eine dunkle Allee ein – und +plötzlich stand Nastenjka vor mir. In ihren Augen blitzten Tränen. In +der Hand zusammengeballt hielt sie ein Taschentuch. + +„Ich habe Sie gesucht,“ sagte sie. + +„Und ich Sie,“ antwortete ich. „Sagen Sie, ich bitte Sie: bin ich hier +in einer Irrenanstalt?“ + +„Durchaus nicht!“ war die Antwort. Sie schien gekränkt zu sein und sah +mich streng an. + +„Aber wenn es nicht der Fall ist, warum geschieht dann das alles? Geben +Sie mir doch um Gottes willen eine Erklärung, einen Rat! Wohin ist mein +Onkel jetzt gegangen? Kann ich nicht zu ihm gehen? Es freut mich sehr, +daß ich Sie getroffen habe, vielleicht werden Sie mich wenigstens über +einiges aufklären.“ + +„Nein, gehen Sie jetzt nicht hin. Ich bin selbst fortgegangen ...“ + +„Aber wo sind sie denn jetzt alle?“ + +„Weiß ich es!? Vielleicht sind sie wieder in den Gemüsegarten gelaufen,“ +sagte sie gereizt. + +„In welch einen Gemüsegarten?“ + +„In der vergangenen Woche schrie Foma Fomitsch, daß er nicht mehr in +diesem Hause bleiben wolle, und plötzlich lief er in den Gemüsegarten, +fand im Schuppen glücklich einen Spaten und begann Beete zu graben. Wir +wunderten uns alle und glaubten schon, daß er verrückt geworden sei. +‚Ich werde Erde schaufeln,‘ sagte er, ‚damit man mir später nicht +vorwerfen kann, daß ich umsonst hier gelebt und gegessen habe. Wenn ich +aber das gegessene Brot mit meiner Hände Arbeit bezahlt haben werde, +dann werde ich mich aufmachen und fortgehen. So weit hat man mich +gebracht!‘ Da aber weinten alle, und viel fehlte nicht, so wären sie vor +ihm niedergekniet. Den Spaten wollten sie ihm mit Gewalt fortnehmen. Er +aber grub und grub drauflos. Alle Rüben hat er umgegraben. Ist man ihm +damals so begegnet, so wird er, denke ich, jetzt vielleicht dasselbe +tun. Von ihm ist alles zu erwarten.“ + +„Und Sie ... Sie erzählen das so kaltblütig!“ rief ich in heftigem +Unwillen aus. + +Da sah sie mich mit aufblitzenden Augen von der Seite an. + +„Verzeihen Sie mir: ich weiß eigentlich gar nicht mehr, was ich rede! +... Wissen Sie, weshalb ich hergekommen bin?“ + +„N–ein,“ antwortete sie errötend, und ein gewisses peinliches Gefühl +spiegelte sich auf ihrem lieblichen Gesicht wider. + +„Verzeihen Sie mir;“ fuhr ich fort, „ich bin jetzt ganz aus dem Konzept +gebracht, und ich fühle, daß ich nicht in dieser Weise hätte anfangen +sollen, davon zu sprechen ... namentlich mit Ihnen nicht ... Aber, +gleichviel! Ich glaube, Offenheit ist in solchen Dingen immer das beste. +Ich gestehe ... das heißt, ich wollte sagen ... Sie kennen doch die +Absicht meines Onkels? Er wünscht, daß ich um Ihre Hand anhalte ...“ + +„Ach, welch ein Unsinn! Sprechen Sie nicht davon, ich bitte Sie!“ +unterbrach sie mich heftig, während sie heiß errötete. + +Ich war baff. + +„Wieso: – Unsinn? Aber er hat es mir doch geschrieben!“ + +„Hat er es Ihnen wirklich so ohne weiteres geschrieben?“ fragte sie +lebhaft. „Ach, er ist doch! ... Wie hat er mir dann versprechen können, +daß er es _nicht_ schreiben werde! ... Welch ein Unsinn! Gott, welch ein +Unsinn!“ + +„Verzeihen Sie,“ stotterte ich, da ich nicht wußte, was ich sagen +sollte. „Vielleicht war es unvorsichtig von mir, vielleicht sogar roh +... Aber wer kann denn hier, nach diesen Erlebnissen ... Denken Sie doch +nur, von ... weiß Gott was für Menschen und Plänen wir umringt sind ...“ + +„Ach, um Gottes willen, entschuldigen Sie sich doch nicht! Glauben Sie +mir, daß es mir ohnehin schwer ist, davon reden zu hören; aber ich habe +Sie gesucht, um von Ihnen etwas zu erfahren ... Ach, wie ärgerlich! So +hat er es Ihnen also wirklich geschrieben? Das fürchtete ich ja am +meisten! Mein Gott, was ist denn das für ein Mann! ... Und Sie glaubten +natürlich sofort alles und kamen stehenden Fußes hergefahren? Das war +gerade noch nötig!“ + +Sie verbarg ihren Ärger nicht im geringsten. Meine Lage war nichts +weniger als beneidenswert. + +„Offen gestanden, ich hatte nicht erwartet ...“ brachte ich in größter +Verwirrung hervor. „Eine solche Wendung ... ich glaubte, im Gegenteil +...“ + +„Ah, also Sie glaubten?“ fragte sie mit leichter Ironie und biß sich die +Lippe. „Wissen Sie – zeigen Sie mir den Brief, den er an Sie geschrieben +hat?“ + +„Wie Sie wünschen.“ + +„Aber bitte seien Sie mir nicht böse, nehmen Sie es mir nicht übel! Es +gibt ja auch ohnehin schon Leid genug!“ fuhr sie mit bittender Stimme +fort, doch erschien schon wieder ein spöttisches Lächeln flüchtig auf +ihren reizenden Lippen. + +„Ach, halten Sie mich bitte nicht für so dumm!“ rief ich +leidenschaftlich aus. „Sie sind vielleicht voreingenommen gegen mich? +Vielleicht hat Ihnen jemand Schlechtes von mir erzählt? – Oder +vielleicht – weil ich dort heute so schlecht abgeschnitten habe? Aber +das ist ja nichts, – ich versichere Sie! Ich begreife sehr gut, für wie +dumm Sie mich jetzt halten müssen. Aber lachen Sie, bitte, nicht über +mich! Ich weiß nicht, was ich rede ... Aber das kommt ja alles nur +daher, daß ich in diesem verwünschten Alter von zweiundzwanzig Jahren +stehe!“ + +„Oh, mein Gott, was hat das damit zu tun?“ + +„Wie, was das damit zu tun hat? Aber wer zweiundzwanzig Jahre alt ist, +dem steht ja die Jugend noch auf der Stirn geschrieben! Zum Beispiel wie +mir, als ich vorhin so wider Willen in die Mitte des Zimmers flog, oder +wie jetzt ... hier vor Ihnen ... Oh, dieses verwünschte Alter!“ + +„Oh, nein, nein!“ beteuerte Nastenjka, die sich kaum das Lachen +verbeißen konnte. „Ich bin überzeugt, daß Sie ein guter, lieber und +kluger Mensch sind. – Sie können mir glauben, daß ich es aufrichtig +meine! Aber ... Sie sind nur sehr ... ehrgeizig, sehr ... eigenliebig. +Doch das kann man sich ja noch abgewöhnen.“ + +„Ich glaube, daß ich nicht ehrgeiziger als nötig bin!“ + +„N ... das doch wohl nicht. Was war es denn vorhin, als Sie so verlegen +wurden – und weshalb? Weil Sie beim Eintritt gestolpert waren! ... +Welches Recht hatten Sie da, Ihren guten Onkel, der so viel für Sie +getan hat, lächerlich zu machen? Warum wollten Sie das Lächerliche auf +ihn abwälzen, während Sie selbst lächerlich waren? Das war schlecht, das +war häßlich von Ihnen! Das machte Ihnen wahrlich keine Ehre und – ich +sage es Ihnen ganz offen – Sie waren mir in jenem Augenblick sehr +unsympathisch – jawohl, damit Sie’s wissen!“ + +„Sie haben recht! Ich war ein großer Esel! Sogar mehr als das: ich +beging einfach eine Gemeinheit! Meine Strafe dafür ist – daß Sie es +bemerkt haben! Schelten Sie mich, lachen Sie über mich, aber hören Sie +mich an: vielleicht werden Sie Ihre Meinung von mir doch einmal ändern,“ +fuhr ich fort, beherrscht von einem ganz eigenartigen Gefühl; „Sie +kennen mich noch so wenig, daß Sie später, wenn Sie mich näher kennen +gelernt haben werden, vielleicht ...“ + +„Um Gottes willen, lassen wir dieses Gespräch!“ unterbrach mich +Nastenjka mit sichtlicher Ungeduld. + +„Gut, gut, lassen wir es! Aber ... wo kann ich Sie wiedersehen?“ + +„Wie das – wo wiedersehen?“ + +„Aber es kann doch nicht sein, daß wir jetzt hier das letzte Wort +miteinander gesprochen haben sollen, Nastassja Jewgrafowna! Ich flehe +Sie an, mir zu sagen, wo und wann ich Sie wiedersehen kann, wenn möglich +heute noch! Übrigens nein, es dunkelt ja schon. Nun, dann also, wenn es +irgend geht, morgen früh, so früh wie möglich ... Ich werde mich früher +wecken lassen. Wissen Sie, dort am Weiher ist eine Laube. Ich entsinne +mich ihrer noch sehr gut und ich werde auch schon den Weg dorthin +finden. Ich habe ja als kleiner Junge hier gelebt.“ + +„Aber wozu dieses Rendezvous? Wir sprechen doch schon miteinander!“ + +„Aber ich weiß ja vorläufig noch nichts, Nastassja Jewgrafowna! Ich muß +vorher noch mit meinem Onkel reden. Er muß mir doch endlich alles +erzählen, und dann werde ich Ihnen vielleicht etwas sehr Wichtiges sagen +...“ + +„Nein, nein! Das ist nicht nötig, gar nicht nötig!“ rief Nastenjka aus. +„Lassen Sie es uns jetzt zu einem Ende bringen, aber so, daß wir später +kein Wort mehr darüber zu verlieren brauchen. In jene Laube aber bemühen +Sie sich nicht. Ich versichere Sie, daß ich nicht kommen werde. Bitte, +schlagen Sie sich doch diesen ganzen Unsinn aus dem Kopf – ich bitte Sie +allen Ernstes darum ...“ + +„Dann ist ja mein Onkel verrückt gewesen, als er jenen Brief schrieb!“ +rief ich in unerträglichem Ärger aus. „Warum hat er mich denn +hergerufen? Doch – Hören Sie? – Was ist das für ein Geschrei?“ + +Wir waren nicht weit vom Hause stehen geblieben. Aus den offenen +Fenstern drangen Gekreisch und ganz absonderliche Schreie in den Garten. + +„Mein Gott!“ sagte sie erbleichend, „schon wieder! Ich ahnte es ja!“ + +„Sie ahnten es? Gestatten Sie mir noch eine Frage, Nastassja +Jewgrafowna? Ich habe allerdings nicht das geringste Recht, sie zu +stellen, aber des allgemeinen Wohles wegen entschließe ich mich dazu. +Sagen Sie – es soll in mir begraben sein – sagen Sie mir ganz offen: ist +mein Onkel in Sie verliebt?“ + +„Ach glauben Sie doch, bitte, nicht an solchen Unsinn!“ rief sie heftig +aus und errötete vor Unwillen. „Nun fangen auch Sie damit an! Wenn er +mich lieben würde, so hätte er mich doch nicht Ihnen angeboten,“ fügte +sie mit bitterem Lächeln hinzu. „Und wie kommen Sie überhaupt darauf? +Begreifen Sie denn wirklich nicht, um was es sich hier handelt? Hören +Sie dieses Geschrei?“ + +„Aber ... das ist ja Foma Fomitsch ...“ + +„Natürlich Foma Fomitsch! Jetzt streiten sie sich dort um meinetwillen; +denn sie sagen ja dasselbe, was Sie soeben sagten, denselben Unsinn: sie +argwöhnen, daß er in mich verliebt sei! Und da ich arm und gering bin, +und es folglich nichts kostet, mich mit Schmutz zu bewerfen, so wollen +sie ihn mit einer anderen verheiraten – und daher verlangen sie, daß er +mich zur Sicherheit nach Haus, zu meinem Vater schicke. Wenn man ihm +aber damit kommt, so gerät er sofort außer sich – ich glaube, er wäre +sogar fähig, Foma Fomitsch zu zerreißen. Und nun streiten sie sich +wieder darum! Ich fühle es, daß es sich wieder um mich handelt.“ + +„So ist also alles wahr? Dann wird er diese Tatjana heiraten?“ + +„Was für eine Tatjana?“ + +„Nun, dieses verrückte Frauenzimmer.“ + +„Ich bitte Sie, Tatjana Iwanowna ist durchaus nicht verrückt! Sie ist +ein sehr guter Mensch. Und Sie haben kein Recht, so von ihr zu sprechen! +Sie hat ein edles Herz, ein edleres, als es manch einer hat. Sie ist +nicht schuld daran, daß sie unglücklich ist.“ + +„Verzeihen Sie. Nehmen wir an, daß Sie hierin vollkommen recht haben; +aber täuschen Sie sich dann nicht in der Hauptsache? Wie kommt es denn, +sagen Sie doch, – daß zum Beispiel Ihr Herr Vater, wie ich bemerkt habe, +so freundlich von ihnen empfangen wird! Denn – wenn sie sich wirklich +dermaßen über Sie ärgerten, wie Sie versichern, und wenn man Sie sogar +aus dem Hause schicken wollte, dann würde man sich doch auch über ihn +ärgern und ihn schlecht empfangen.“ + +„Aber haben Sie denn nicht gesehen, was mein Vater für mich tut? Er +erniedrigt sich doch bis zum Narren vor ihnen! Er wird nur deshalb +empfangen, weil er Foma Fomitsch schmeichelt; da dieser Foma Fomitsch +selbst eine Narrenrolle gespielt hat, so freut es ihn, wenn nun auch er +seine Narren hat. Was glauben Sie denn, warum mein Vater es tut? – Nur +um meinetwillen, einzig und allein für mich tut er es! Er hat es nicht +nötig, seinetwegen wird er keinem einen unnützen Bückling machen. +Vielleicht erscheint er manchem sehr lächerlich; ich weiß aber, daß er +der ehrenhafteste und edelste Mensch ist. Er glaubt, weiß Gott aus +welchem Grunde – jedenfalls aber nicht deshalb, weil ich hier ein gutes +Gehalt bekomme – das schwöre ich Ihnen ...! er glaubt, daß es für mich +besser sei, wenn ich in diesem Hause bleibe. Aber jetzt habe ich ihn vom +Gegenteil überzeugt. Ich hatte ihm in sehr bestimmtem Ton geschrieben; +und deshalb ist er heute hergekommen, um mich mitzunehmen. Und wenn es +darauf ankommt, so fahre ich morgen fort. Ich bin ja doch schon zum +Äußersten getrieben. Die da – die würden froh sein, wenn sie mich +verschlingen könnten. Ich weiß, daß ich die Ursache ihres Streites bin. +Sie zermalmen _ihn_ nur deswegen, und nur weil ich hier bin, werden sie +_ihn_ unglücklich machen! _Er_ aber ist mir ein zweiter Vater, hören +Sie! – sogar mehr als mein leiblicher Vater! Ich will es nicht so weit +kommen lassen. Ich sehe weiter voraus als andere; denn ich weiß mehr. +Nein, morgen, morgen noch werde ich fortfahren! Vielleicht werden sie +dann wenigstens seine Hochzeit mit Tatjana Iwanowna auf einige Zeit noch +hinausschieben ... Jetzt habe ich Ihnen alles gesagt. Und nun sagen Sie +ihm das wieder; denn ich kann jetzt nicht mehr mit ihm sprechen: wir +werden beobachtet ... von der Perepelizyna. Sagen Sie _ihm_, daß er sich +nicht beunruhigen soll, daß ich lieber schwarzes Brot essen und in der +Hütte meines Vaters leben, als die Ursache _seiner_ Folter sein will. +Ich bin arm und folglich muß ich auch so leben wie Arme. Aber, Gott, +welch ein Geschrei! Was mag dort wieder vor sich gehen? ... Nein, was +daraus auch entstehen mag, ich gehe hin! Ich werde ihnen alles offen ins +Gesicht sagen, gleichviel, was dann geschieht! Ich muß es tun! Leben Sie +wohl.“ + +Sie lief fort. Ich stand immer noch auf demselben Fleck, war mir +vollkommen der Lächerlichkeit der Rolle, die ich soeben gespielt hatte, +bewußt und konnte mir nicht denken, wie sich der Knoten lösen sollte. +Das arme Mädchen tat mir aufrichtig leid, und ich fürchtete für meinen +Onkel. Da bemerkte ich plötzlich, daß Gawrila vor mir stand. Er hielt +immer noch sein Vokabelheft in der Hand. + +„Jegor Iljitsch lassen bitten,“ sagte er mit wehmütiger Stimme. + +Da kam ich wieder zur Besinnung. + +„Wie – ich soll zu meinem Onkel? Wo ist er jetzt? Was ist mit ihm +geschehen? Wo ist er?“ + +„Im Teezimmer.“ + +„Und wer ist bei ihm?“ + +„Sie sind allein und warten.“ + +„Auf wen? Auf mich?“ + +„Sie haben nach Foma Fomitsch geschickt ... Ach ja! unsere guten Tage +sind jetzt gewesen!“ fügte er tief aufseufzend hinzu. + +„Nach Foma Fomitsch? Hm! Aber wo sind die anderen? Wo ist die Gnädige?“ + +„Sie sind in ihrer Hälfte. Sie geruhten, in Ohnmacht zu fallen, und +jetzt liegen sie bewußtlos da und weinen.“ + +Inzwischen hatten wir die Terrasse erreicht. Es war fast schon ganz +dunkel. Mein Onkel war tatsächlich ganz allein im Teesalon und ging in +ihm mit großen Schritten auf und ab. Auf dem Tisch brannten Lichter. Als +er mich erblickte, eilte er mir entgegen und erfaßte meine Hände. Er war +bleich und atmete schwer. Seine Hände bebten. Von Zeit zu Zeit lief ein +nervöses Zucken über seinen ganzen Körper. + + + + + IX. + + „Ew. Exzellenz.“ + + +„Mein Freund! Alles ist zu Ende, alles ist zu Ende!“ sagte mein Onkel +halblaut mit einer fast tragischen Stimme. + +„Onkel ... ich hörte vorhin eigentümliche Schreie.“ + +„Gewiß, Freund, eigentümliche Schreie, – hier hat es alle möglichen +Schreie gegeben! Mama ist in Ohnmacht gefallen, und dort steht jetzt +alles auf dem Kopf. Aber ich habe mich entschlossen und bestehe auf dem +meinen. Jetzt fürchte ich nichts mehr, Ssergei. Ich will ihnen beweisen, +daß auch ich Charakter habe, und ich werde es beweisen! Darum habe ich +absichtlich nach dir geschickt, damit du mir hilfst, es ihnen zu +beweisen ... Mein Herz ist wund, mein junger Freund ... aber ich muß! Es +ist geradezu meine Pflicht, mit aller Strenge vorzugehen! Gerechtigkeit +ist unerbittlich!“ + +„Aber was ist denn vorgefallen, Onkel?“ + +„Ich trenne mich von Foma,“ antwortete mein Onkel mit entschlossener +Stimme. + +„Onkel!“ rief ich begeistert aus, „auf etwas Besseres hätten Sie ja +überhaupt nicht verfallen können! Und wenn ich nur irgendwie zur +Ausführung Ihres Entschlusses beitragen kann, so ... verfügen Sie ewig +über mich!“ + +„Ich danke dir, Freund, ich danke dir! Aber jetzt ist alles beschlossen. +Ich erwarte Foma. Ich habe schon nach ihm geschickt. Entweder er oder +ich! Wir müssen auseinandergehen. Entweder verläßt Foma morgen das Haus, +oder – ich schwöre es – ich verlasse hier alles und trete wieder in mein +Husarenregiment ein! Mich wird man schon nehmen. Man wird mir schon +einen Platz geben! Zum Teufel mit diesem ganzen System! Jetzt geht es +nach neuen Grundsätzen! ... Wozu hältst du da noch immer dein +französisches Heft in der Hand?“ schrie er plötzlich heftig den alten +Gawrila an. „Fort damit! Verbrenn es, zerstampf es, zerreiß es! _Ich_ +bin dein Herr, und _ich_ befehle dir, französisch nicht zu lernen! _Mir_ +mußt du gehorchen; denn _ich_ bin dein Herr und nicht Foma Fomitsch!“ + +„Gott sei gelobt und gedankt!“ murmelte Gawrila vor sich hin. + +Die Sache schien wirklich ernst zu werden. + +„Mein Freund!“ fuhr mein Onkel mit tiefem Gefühl fort, „sie verlangen +Unmögliches von mir! Du sollst mich richten, du sollst jetzt zwischen +ihnen und mir wie ein unparteiischer Richter stehen ... Du weißt nicht, +du weißt nicht, was sie von mir wollten, und was sie schließlich ganz +ausdrücklich bereits von mir verlangten! Jetzt haben sie alles offen +ausgesprochen! Aber das ist wider die Nächstenliebe, wider Anstand und +Ehre ... Ich werde dir alles erzählen, aber zuerst ...“ + +„Ich weiß bereits alles, Onkel,“ unterbrach ich ihn, „oder ich errate es +wenigstens ... Ich habe soeben mit Nastassja Jewgrafowna gesprochen.“ + +„Freund, kein Wort, jetzt kein Wort davon!“ unterbrach er mich eilig, +als hätte ich ihn erschreckt. „Ich werde dir später alles selbst +erzählen, aber vorläufig ... Nun was?“ rief er den eingetretenen +Widopljässoff an, „wo ist Foma Fomitsch?“ + +Widopljässoff meldete, daß Foma Fomitsch „nicht zu kommen wünschten und +die Forderung, zu erscheinen, unerhört beleidigend fänden, so daß sie, +Foma Fomitsch, sich sehr gekränkt zu fühlen geruhten“. + +„Bring ihn her! Schlepp ihn an! Her mit ihm! Mit Gewalt schleif ihn +her!“ schrie mein Onkel, und er stampfte mit dem Fuß auf. + +Widopljässoff, der seinen Herrn noch nie in einem solchen Zorn gesehen +hatte, zog sich erschreckt zurück. Ich wunderte mich. + +„Dann muß es sich doch um etwas sehr Wichtiges handeln,“ dachte ich, +„wenn ein Mensch mit einem so weichen Charakter in eine solche Wut +geraten kann und so energisch seinen Entschluß durchsetzen will.“ + +Schweigend ging mein Onkel eine Weile auf und ab, als kämpfe er +innerlich mit sich selbst. + +„Du, zerreiß übrigens nicht das Heft,“ sagte er schließlich zu Gawrila. +„Wart noch etwas und bleibe auch hier: du wirst vielleicht nötig sein. +Freund!“ fuhr er fort, sich wieder an mich wendend, „ich bin, glaube +ich, doch etwas zu laut gewesen. Jede Sache muß man würdig und männlich +tun, und ohne zu schreien, ohne Beleidigungen. Ja, so muß man’s tun. +Weißt du, Ssergei: würde es nicht besser sein, wenn du so lange +fortgingst? Dir kann es doch gleichgültig sein, nicht? – denn ich werde +dir später ja doch alles erzählen – was? Was meinst du? tu es mir +zuliebe, bitte!“ + +„Sie fürchten sich, Onkel? Sie bereuen es?“ fragte ich und sah ihn +aufmerksam an. + +„Nein, nein, mein Freund, ich bereue nichts!“ rief er mit doppelter +Lebhaftigkeit aus. „Jetzt fürchte ich nichts mehr. Ich habe +entscheidende Maßregeln getroffen, die entscheidendsten! Du weißt nicht, +du kannst es dir nicht vorstellen, was sie von mir verlangt haben! Hätte +ich denn wirklich einwilligen sollen? Nein, ich werde es beweisen! Ich +habe mich frei gemacht und werde es beweisen! Irgendeinmal hätte ich es +doch beweisen müssen! Aber, weißt du, Freund, ich bereue es, daß ich +dich habe rufen lassen: es könnte Foma sehr schwer werden ... wenn auch +du zugegen bist ... sozusagen als Zeuge seiner Erniedrigung. Sieh mal, +ich will ihm in einer anständigen Form meine Gastfreundschaft kündigen, +aber ohne jede Beleidigung oder Erniedrigung. Aber, sieh, das kann ich +doch nur so sagen, bloß sagen, daß ich es ohne Beleidigung tun will; +denn die Sache an sich, Freund, ist und bleibt doch derart, daß sie, +auch wenn du sie mit noch so honigsüßen Worten ausschmückst, immerhin +kränkt. Und dazu bin ich noch ein roher, ungebildeter Mensch; da kann es +denn geschehen, daß ich aus Dummheit irgend etwas sage, worüber ich mein +Lebtag nicht wieder froh sein werde. Er hat doch immerhin viel für mich +getan ... Geh, Freund, bitte! ... Da kommt er schon, da bringt man ihn +schon! Ssergei, ich bitte dich, geh fort! Ich werde dir später alles +erzählen. Geh, um Christi willen, geh!“ + +Und mein Onkel schob mich auf die Terrasse hinaus – fast im selben +Augenblick, als Foma ins Zimmer trat. + +Doch nun muß ich eines gestehen: Ich ging nicht fort: ich beschloß, auf +der Terrasse zu bleiben, wo man mich in der Dunkelheit, vom Zimmer aus, +kaum sehen konnte: ich nahm mir vor, zu lauschen! + +Ich will meine Handlungsweise nicht weiter zu rechtfertigen suchen; aber +ich darf wohl sagen, daß ich, indem ich diese halbe Stunde dort auf der +Terrasse aushielt, ohne die Geduld zu verlieren und ins Zimmer zu +stürzen – die Heldentat eines Märtyrers vollbrachte. Von meinem Versteck +aus konnte ich nicht nur gut hören, ich konnte auch das ganze Zimmer +übersehen: ich war ja nur durch eine Glastür von ihnen getrennt. + +Jetzt bitte ich nur, sich einen Foma Fomitsch vorzustellen, dem +_befohlen_ worden war, zu erscheinen – und das noch mit der Androhung +sofortiger Gewaltanwendung, falls er nicht freiwillig kommen wollte. + +„War es für meine Ohren bestimmt, diese Drohung zu vernehmen, Oberst?“ +brüllte Foma, als er ins Zimmer trat. „Habe ich recht gehört?“ + +„Für deine, für deine Ohren, Foma, beruhige dich,“ antwortete mein Onkel +mutig. „Setz dich, laß uns einmal ernst, freundschaftlich, brüderlich +miteinander reden. Setz dich doch, Foma.“ + +Foma Fomitsch ließ sich feierlich auf einen Lehnstuhl nieder. Mein Onkel +ging mit schnellen, ungleichen Schritten im Zimmer auf und ab, offenbar +wußte er nicht, wie er anfangen sollte. + +„Eben brüderlich,“ wiederholte er. „Du wirst mich verstehen, Foma, du +bist kein Kind. Ich bin auch kein Kind – mit einem Wort, wir sind beide +in den Jahren ... Hm! Sieh, Foma, wir stimmen in manchen Punkten nicht +ganz überein ... ja, eben in manchen Punkten, und darum, Foma – sollte +es da nicht besser sein, Freund, wenn wir auseinandergingen? Ich bin +überzeugt, daß du edelmütig bist, daß du mein Bestes willst, und darum +... Aber wozu soviel Worte! Foma, ich werde ewig dein Freund sein, ich +schwöre es dir bei allem, was mir heilig ist! Hier sind fünfzehntausend +Rubel, das ist alles, Freund, was ich habe flüssig machen können, habe +das Letzte zusammengescharrt und noch den Meinen abgenommen. Nimm es +ruhig! Ich muß, ich bin verpflichtet, dich sicherzustellen! Hier ist der +Betrag, fast nur in Kassenscheinen. Nimm es ruhig! Du wirst mir deshalb +nichts schulden; denn ich werde dir ja sowieso niemals all das entgelten +können, was du für mich getan hast. Ja, ja, eben, ich fühle es, wenn wir +auch jetzt im Hauptpunkte auseinandergehen. Morgen oder übermorgen ... +oder wann es dir recht ist ... gehen wir auseinander. Fahr in unser +Städtchen, Foma, es ist ja nicht weit von hier, einige zehn Werst nur. +Dort ist ein Häuschen neben der Kirche, gleich in der ersten Querstraße, +mit grünen Läden und weißen Fensterrahmen, ein allerliebstes Häuschen. +Es gehört der Witwe des früheren Geistlichen, es ist für dich wie +geschaffen. Sie will es verkaufen. Ich werde es für dich erstehen, +natürlich nicht von diesem Gelde. Richte dich dort gemütlich ein, nicht +weit von uns. Beschäftige dich mit der Literatur, mit der Wissenschaft: +du wirst berühmt werden ... Die Beamten sind dort im Städtchen ohne +Ausnahme ehrenwerte, freundliche, uneigennützige Leute. Der Geistliche +ist ein gelehrter Mann. Zu den Feiertagen kommst du zu uns gefahren, zum +Besuch – und wir leben wie im Paradiese! Bist du einverstanden?“ + +„Also unter solchen Zugeständnissen wird Foma aus dem Hause geschafft!“ +dachte ich. „Vom Gelde hat er mir nichts gesagt.“ + +Lange Zeit herrschte tiefe Stille. Foma saß wie betäubt im Lehnstuhl und +blickte unverwandt meinen Onkel an, der sich unter diesem Schweigen und +diesem Blick augenscheinlich sehr unbehaglich fühlte. + +„Geld!“ hauchte schließlich Foma mit einer gemacht schwachen Stimme. „Wo +ist es denn, wo ist denn dieses Geld? Geben Sie es her, geben Sie es nur +schneller her!“ + +„Hier ist es, Foma: alles, was ich in bar habe, rund fünfzehntausend, +alles, was ich habe auftreiben können. In Banknoten und Wertpapieren – +du wirst schon selbst sehen ... hier!“ + +„Gawrila! Nimm dieses Geld,“ sagte Foma demütig, „es kann dir, Alter, +einmal zustatten kommen. – Doch nein!“ rief er plötzlich mit einer +Stimme aus, in der noch ein ganz besonderer kreischender Ton mitklang, +und er sprang auf – „nein! Gib es mir zurück, Gawrila! Gib es mir, +dieses Geld! Gib es mir! Gib mir diese Millionen, damit ich sie mit +meinen Füßen in den Staub trete, gib sie mir, damit ich sie zerreiße, +bespeie, in alle Winde zerstreue, beschmutze, schände! ... Mir, mir +bietet man Geld an! Man will mich – bestechen, damit ich dieses Haus +verlasse! Habe ich recht gehört? Darf ich meinen Ohren trauen? Warum +mußte ich noch diese Schmach erleben! Hier, hier sind sie, Ihre +Millionen! Sehen Sie: hier, hier, hier und hier! Sehen Sie: so handelt +Foma Opiskin, wenn Sie es bis jetzt noch nicht gewußt haben, Oberst!“ + +Und Foma streute das ganze Geld auf dem Fußboden aus. Bemerkenswert war +nur, daß er keine einzige Banknote weder zerriß noch bespie, wie er es +zuerst angekündigt hatte, er verknitterte sie nur ein wenig, und auch +das tat er ersichtlich ziemlich vorsichtig. Gawrila stürzte sofort +hinzu, um das Geld aufzusammeln, das er dann später, nach Fomas +Fortgang, seinem Herrn wieder einhändigte. + +Diese Handlungsweise Fomas machte meinem Onkel buchstäblich starr vor +Verwunderung. Er stand unbeweglich, verständnislos, mit halboffenem +Munde vor Foma. Dieser hatte sich inzwischen wieder auf seinen Lehnstuhl +niedergelassen und atmete keuchend, ganz als befände er sich in +unbeschreiblicher Aufregung. + +„Du bist ein erhabener Mensch, Foma!“ rief endlich mein Onkel aus, wie +aus einem Traum erwachend. „Du bist der edelste Mensch der Welt!“ + +„Das weiß ich,“ antwortete Foma mit ergebener Stimme, doch mit +unendlicher Würde. + +„Foma, vergib mir! Ich bin ein Schuft vor dir, Foma!“ + +„Ja, vor mir,“ bestätigte Foma. + +„Hör, Foma, nicht über deinen Edelmut wundere ich mich,“ fuhr mein Onkel +begeistert fort, „sondern darüber, daß ich dermaßen roh, blind und +niedrig sein konnte, dir Geld unter solchen Bedingungen anzubieten. +Aber, Foma, nur in einem täuschst du dich: ich habe dich nicht bestechen +wollen, nicht dir dafür _zahlen_ wollen, wenn du das Haus verließest, +sondern ich wollte nur, daß du Geld hättest, daß du nicht Not zu leiden +brauchtest, wenn du von mir fortgingst. Das schwöre ich dir! Auf den +Knien, auf den Knien bin ich bereit, dich um Verzeihung zu bitten, Foma, +und wenn du willst, werde ich sogleich vor dir niederknien ... wenn du +nur willst ...“ + +„Ich brauche Ihr Knien nicht, Oberst! ...“ + +„Aber, mein Gott! ... Foma, du mußt doch verstehen: ich war doch +aufgebracht, war von Sinnen, war außer mir ... Aber so sage mir, womit +ich diese Kränkung wieder gutmachen könnte? Belehre mich, sag es doch +...“ + +„Mit nichts, mit nichts Oberst! Und seien Sie überzeugt, daß ich morgen +noch, auf der Schwelle dieses Hauses, den Staub von meinen Füßen +schütteln werde.“ + +Und Foma begann sich langsam aus dem tiefen Lehnstuhl zu erheben. Als +mein Onkel das sah, stürzte er entsetzt zu ihm und versuchte ihn wieder +zum Sitzen zu bringen. + +„Nein, Foma, du wirst nicht fortgehen, ich flehe dich an! Was redest du +da von Staub und Füßen, Foma! Du wirst nicht fortgehen, oder ich folge +dir bis ans Ende der Welt und werde dir so lange folgen, bis du mir +endlich verzeihst ... Ich schwör dir, Foma, daß es so sein wird!“ + +„Ihnen verzeihen?“ fragte Foma, „aber begreifen Sie denn noch immer +nicht Ihre ganze Schuld vor mir? Begreifen Sie denn nicht, daß Sie mit +jedem Stück Brot, daß Sie mir hier gegeben haben, schuldig vor mir +geworden sind? Begreifen Sie denn nicht, daß Sie in dieser einen Minute +alle jene Brotstücke, die ich früher hier in diesem Hause gegessen habe, +nachträglich mit Gift vergiftet haben? Sie haben mir soeben einen +Vorwurf wegen dieser Brotstücke gemacht, wegen jedes Bissens, den ich +hier zu mir genommen! Sie haben mir soeben gezeigt, daß ich hier in +Ihrem Hause wie ein Knecht, wie ein Diener, wie ein Putzlappen Ihrer +Lackstiefel gelebt habe! Währenddessen habe ich in meiner +Herzensreinheit bis jetzt geglaubt, daß ich in Ihrem Hause als Freund, +als Bruder lebte! Haben Sie mich nicht selbst, nicht selbst mit Ihren +Schlangenreden tausendmal dieser Brüderschaft versichert? Warum haben +Sie denn heimlich hinter meinem Rücken diese Netze gestrickt, in denen +ich nun wie ein Tölpel gefangen bin? Warum haben Sie mir in der +Dunkelheit diese Wolfsgruben gegraben, in die Sie mich jetzt noch +eigenhändig hineinstoßen? Warum haben Sie mich nicht mit einem einzigen, +kurzen Schlage niedergestreckt, mit einem Schlage dieser Keule? Warum +haben Sie mir nicht gleich zu Anfang den Kopf umgedreht, wie einem Hahn, +zur Strafe dafür, daß er ... nun, sagen wir, keine Eier legt? Ja, gerade +so verhält es sich! Ich bestehe auf diesem Vergleich, Oberst, wenn er +auch dem Provinzleben entnommen ist und durch seinen trivialen Ton an +die zeitgenössische Literatur erinnert: ich bestehe deshalb auf ihm, +weil er so anschaulich die ganze Sinnlosigkeit Ihrer Beschuldigungen +zeigt; denn ich bin vor Ihnen genau so wenig schuldig wie dieser Hahn, +der durch seine Unfähigkeit zum Eierlegen den Unwillen seines +leichtsinnigen Besitzers erregt. Ich bitte Sie, Oberst! – zahlt man denn +einem Freunde, einem Bruder Geld – und wofür noch? Die Hauptsache ist +doch dieses: wofür! ‚Hier, nimm, mein geliebter Bruder, ich schulde dir +viel: du hast sogar mein Leben gerettet; hier hast du ein paar +Judassilberlinge, aber pack dich jetzt aus meinem Hause!‘ Wie naiv! Wie +roh Sie mich behandelt haben! Sie glaubten, daß ich nach Ihrem Golde +trachtete, während ich nur paradiesische Gefühle nährte und mich um Ihr +Wohlergehen sorgte. Oh, wenn Sie wüßten, wie Sie mein Herz verwundet +haben! Mit meinen edelsten Gefühlen haben Sie gespielt wie ein Knabe mit +einem Käfer, den er durchbohrt! Schon lange, schon lange, Oberst, habe +ich das jetzt Eingetroffene vorausgesehen. Das war auch der Grund, warum +ich schon lange an Ihrem Brot zu ersticken meinte, warum dieses Brot mir +innere Pein verursachte! Das ist auch der Grund, warum Ihre Daunenkissen +mich drückten, ja, mich drückten, statt mir ein weiches Lager zu sein! +Das war der Grund, weshalb Ihr Zucker, Ihre Konfitüren mir wie Pfeffer +schmeckten, nicht aber wie Süßigkeiten! Nein, Oberst! Leben Sie hinfort +allein, seien Sie allein selig und lassen Sie Foma einsam seinen +traurigen Weg gehen, mit einem kleinen Kleiderbündel auf dem Rücken. So +wird es sein, Oberst!“ + +„Nein, Foma, nein! So wird es nicht sein, so kann es nicht sein!“ +stöhnte mein unglücklicher Onkel. + +„Doch, Oberst, doch! Gerade so wird es sein; denn so _muß_ es sein. +Morgen noch werde ich Sie verlassen. Breiten Sie alle Ihre Millionen +aus, bedecken Sie die ganze Landstraße bis Moskau mit Banknoten – ich +werde stolz und verachtend über Ihr Geld dahinschreiten! Hier, dieser +selbe Fuß, Oberst, wird diese Banknoten zertreten, in den Schmutz +treten, und Foma Opiskin wird einzig von seinem Seelenadel satt sein! +Ich habe es gesagt und – bewiesen! Leben Sie wohl, Oberst! Le–ben – Sie +wohl, Oberst!“ + +Und Foma begann von neuem sich zu erheben. + +„Verzeih mir, Foma, vergib mir! Vergiß, was ich getan!“ bat mein Onkel +mit flehender Stimme. + +„‚Vergib!‘ Was liegt Ihnen an meiner Vergebung? Nun gut, nehmen wir an, +ich vergebe Ihnen: ich bin Christ, ich kann Ihnen schlechterdings meine +Vergebung nicht vorenthalten, – ich habe Ihnen ja auch jetzt schon fast +verziehen. Aber urteilen Sie selbst: wäre es denn auch nur irgendwie mit +der gesunden Vernunft und dem Seelenadel vereinbar, wenn ich jetzt noch +eine Minute in Ihrem Hause bliebe? Sie haben mich doch aus dem Hause +_fortgetrieben_!“ + +„Ach, gewiß ist es vereinbar, Foma, gewiß ist es vereinbar! Ich +versichere dir, daß es vereinbar ist!“ + +„Vereinbar? Aber sind wir denn jetzt noch Gleichstehende? Begreifen Sie +denn wirklich nicht, daß ich Sie mit meinem Edelmut sozusagen vernichtet +habe – und daß Sie sich selbst durch Ihre niedrige Handlung erniedrigt +haben? Sie sind in den Staub geworfen und ich bin erhoben worden. Wo +kann hier jetzt noch von Gleichheit die Rede sein? Wie aber kann es ohne +diese Gleichheit eine Freundschaft geben? Ich frage es mit einem +Schmerzensschrei, nicht aber triumphierend, wie Sie vielleicht wähnen.“ + +„Aber ich stoße ja selbst einen Schmerzensschrei aus, Foma, ich +versichere dich! ...“ + +„Und das ist derselbe Mensch,“ fuhr Foma fort, den strengen Ton in einen +andächtig-frommen verwandelnd, „derselbe Mensch, um dessentwillen ich so +viele Nächte nicht geschlafen habe! Wie oft, wie oft habe ich mich in +meinen schlaflosen Nächten von meinem Lager erhoben, das Nachtlicht +angezündet und zu mir gesagt: ‚Jetzt schläft er ruhig und verläßt sich +auf dich. So schlafe denn nicht, Foma, und wache du für ihn, vielleicht +wirst du noch etwas zu seinem Wohle ersinnen.‘ So dachte Foma Opiskin in +seinen schlaflosen Nächten, Oberst! Und so wird er dafür von diesem +selben Obersten belohnt! Doch genug, genug! ...“ + +„Aber ich werde, Foma, ich werde mir deine Freundschaft wieder +verdienen, das schwör’ ich dir!“ + +„Verdienen? Sie wollen sie wieder verdienen? Welche Gewähr können Sie +mir geben? Als Christ, der ich bin, verzeihe ich Ihnen und werde Sie +sogar lieben – als Mensch aber, und als edler Mensch, werde ich Sie +unwillkürlich verachten. Ich muß es, es ist meine Pflicht, um der +Sittlichkeit willen; denn – ich wiederhole es – Sie haben sich selbst in +den Schmutz getreten, und ich habe die edelste _Tat_ vollbracht. Wer von +den _Ihrigen_ würde eine ähnliche _Tat_ je vollbringen können? Wer von +ihnen würde auf eine so ungeheure Summe Geldes freiwillig verzichten, +auf eine Summe, auf die der bettelarme, von allen verachtete Foma +Opiskin aus Liebe zu seiner Seelengröße indessen verzichtet hat? Nein, +Oberst, um sich als Gleichstehender mit mir messen zu können, müßten Sie +jetzt _eine ganze Reihe_ von großen _Taten_, von _Heldentaten_ +vollbringen. Zu welch einer Heldentat aber sind Sie fähig, wenn Sie +nicht einmal in der Anrede ‚Sie‘ zu mir sagen können, wie zu einem +Gleichstehenden, sondern stets ‚du‘ zu mir sagen, wie zu einem Diener?“ + +„Aber Foma, ich habe doch nur aus Freundschaft _du_ zu dir gesagt!“ rief +mein Onkel aus. „Ich ahnte es nicht, daß es dir unangenehm sein könnte +... Mein Gott! Wenn ich es nur geahnt hätte ...“ + +„Sie,“ fuhr Foma unerschütterlich fort, „Sie, der Sie nicht einmal die +geringste, die geringfügigste Bitte erfüllen konnten oder richtiger – +nicht erfüllen _wollten_, als ich Sie bat, mich wie einen General ‚Eure +Exzellenz‘ zu nennen ...“ + +„Aber, Foma, das wäre doch sozusagen schon ein höherer Eingriff ...“ + +„Ein höherer Eingriff! Da haben Sie nun irgendeine Bücherphrase +auswendig gelernt und behalten: und die wiederholen Sie jetzt wie ein +Papagei! Wissen Sie denn nicht, daß Sie mich beschimpft, entehrt haben +mit Ihrer Weigerung, mich ‚Exzellenz‘ zu nennen, jawohl: entehrt! Denn +indem Sie meine Gründe nicht begriffen, stellten Sie mich als launischen +Dummkopf bloß, der es verdient hat, in die Irrenanstalt zu kommen! +Glauben Sie denn, ich begriffe nicht, daß ich lächerlich wäre, wenn ich +mich Exzellenz betiteln ließe, ich, der ich alle diese Titel und +irdischen Auszeichnungen verachte, alle diese Ehrungen, die an sich +vollkommen wertlos und nichtig sind, wenn sie nicht durch die Tugend +geheiligt werden? Für keine Million würde ich den Adel eines Generals +_ohne diese Tugend_ annehmen! Und _Sie_, _Sie_ hielten mich für einen +Wahnsinnigen! Nur zu Ihrem Vorteil opferte ich meine Eigenliebe und ließ +es zu, daß _Sie_, _Sie_ mich für einen Wahnsinnigen halten konnten, Sie +und Ihre _Gelehrten_! Einzig zu dem Zweck, um Ihren Verstand zu +erleuchten, Ihre Sittlichkeit zu entwickeln und Sie mit dem +Strahlenlicht neuer Ideen zu überschütten, entschloß ich mich, von Ihnen +die Anrede ‚Exzellenz‘ zu fordern. Ich wollte nur, daß Sie hinfort nicht +mehr die Generäle für die höchsten Koryphäen oder Gestirne unseres +Erdballes hielten; ich wollte Ihnen beweisen, daß der Titel ohne Größe – +nichts ist, und daß kein Grund vorhanden war, sich dermaßen über den +Besuch Ihres Generals zu freuen, wenn neben Ihnen Menschen leben, die im +Glanze der Tugend leuchten! Aber Sie haben sich ja stets so gebrüstet +vor mir mit Ihrem Oberstentitel, daß es Ihnen gar zu schwer fiel, ‚Ew. +Exzellenz‘ zu mir zu sagen. Das war der Grund Ihrer Weigerung! Hierin +muß man den wahren Grund suchen, nicht aber in irgendwelchen Eingriffen +in das heilige Reglement! Der ganze Grund war der, daß Sie Oberst sind, +ich aber nur Foma Opiskin bin ...“ + +„Nein, Foma, nein! Ich versichere dich, daß es sich nicht so verhielt. +Du bist ein Gelehrter, du bist nicht ein gewöhnlicher Foma ... ich achte +dich ...“ + +„Achten, mich? Nun gut! Dann sagen Sie mir doch, wenn Sie mich so +achten, Ihre volle Meinung: bin ich des Generalstitel wert, bin ich +seiner würdig oder unwürdig? Antworten Sie mir bestimmt und ohne zu +zögern: ja oder nein? Ich will bei der Gelegenheit Ihren Verstand, Ihre +geistige Entwicklung prüfen.“ + +„Für deine Ehrlichkeit, deine Uneigennützigkeit, deinen Verstand, deinen +unvergleichlichen Edelmut – gewiß!“ antwortete mein Onkel stolz. + +„Und wenn ich ihn verdient habe, weshalb sagen Sie dann nicht ‚Ew. +Exzellenz‘ zu mir?“ + +„Foma, wenn du willst ... werde ich alles sagen ...“ + +„Ich verlange es! Jetzt verlange ich es, Oberst, ich bestehe darauf und +fordere es von Ihnen! Ich sehe, daß es Ihnen schwerfällt, und deshalb +verlange ich es. Dieses Opfer Ihrerseits wird der erste Schritt zu einer +großen Tat sein; denn – vergessen Sie das nicht! – Sie werden eine ganze +Reihe von großen Taten vollbringen müssen, um sich mit mir messen zu +können. Sie müssen sich selbst überwinden, dann erst werde ich an Ihre +Aufrichtigkeit glauben ...“ + +„Morgen, Foma, werde ich ‚Exzellenz‘ zu dir sagen!“ + +„Nein, nicht morgen, Oberst, morgen versteht es sich von selbst. Ich +fordere von Ihnen, daß Sie hier, jetzt gleich, hier auf der Stelle, ‚Ew. +Exzellenz‘ zu mir sagen.“ + +„Wie du willst, Foma, ich bin bereit ... Nur ... wie soll ich denn das, +Foma? So ... ohne weiteres ... jetzt gleich?“ + +„Weshalb denn nicht jetzt? Oder schämen Sie sich etwa? In dem Falle ist +es eine neue Kränkung, wenn Sie sich schämen.“ + +„Nun, dann ... gut, Foma, ich bin bereit ... ich bin sogar stolz darauf +... Nur ... wie soll ich denn, Foma, so ohne weiteres? Ich kann doch +nicht sagen: ‚Guten Tag, Exzellenz‘, – das geht doch nicht ...“ + +„Nein, nicht ‚guten Tag, Exzellenz‘, das ist wieder ein beleidigender +Ton. Das erinnert an einen Scherz, an eine Farce. Ich erlaube aber +nicht, daß man mit mir scherzt. Besinnen Sie sich, Oberst, besinnen Sie +sich sofort! Ändern Sie Ihren Ton!“ + +„Du willst doch nicht, Foma –?“ + +„Erstens bitte ich, mich nicht zu duzen, Jegor Iljitsch, – Sie haben +mich mit ‚Sie‘ anzureden, vergessen Sie das nicht. Und nicht Foma, +sondern Foma Fomitsch.“ + +„Aber, bei Gott, ich freue mich, Foma Fomitsch! Ich freue mich ... aus +allen Kräften ... Nur – was soll ich denn sagen?“ + +„Es macht Ihnen offenbar große Schwierigkeiten, Ihren Worten ‚Exzellenz‘ +hinzuzufügen – das sehe ich. Das ist einerseits sogar verzeihlich, +namentlich wenn der Mensch ... _kein Schriftsteller_ ist – höflich +ausgedrückt. Nun, ich werde Ihnen helfen, weil Sie _kein_ Schriftsteller +sind. Sprechen Sie mir jetzt nach: ‚Eure Exzellenz‘ ...“ + +„Nun, ‚Eure Exzellenz‘.“ + +„Nein, nicht: ‚_nun_, Eure Exzellenz‘, sondern einfach: ‚Eure +Exzellenz!‘ Ich sage Ihnen nochmals, Oberst, ändern Sie Ihren Ton! Auch +hoffe ich, daß Sie sich nicht beleidigt fühlen werden, wenn ich Sie +auffordere, sich bei dieser Gelegenheit leicht zu verbeugen und +gleichzeitig den Körper ein wenig nach vorn zu neigen, um auf diese +Weise Ihre Ehrerbietung auszudrücken und sozusagen Ihre Bereitschaft, +auf den leisesten Wink hin, gleichsam zu fliegen, um meinen Befehl +auszuführen. Ich habe selbst in Generalskreisen verkehrt und kenne das +... Nun also: ‚Eure Exzellenz‘.“ + +„Eure Exzellenz.“ + +„‚Wie unsäglich freut es mich, endlich Gelegenheit zu haben und um +Entschuldigung dafür bitten zu können, daß ich nicht sogleich den wahren +Seelenrang Eurer Exzellenz erkannt habe. Ich erlaube mir, zu versichern, +daß ich hinfort meine schwachen Kräfte zum allgemeinen Nutzen nicht +schonen werde ...‘ So, das mag vorläufig genügen!“ + +Mein armer Onkel! Er mußte tatsächlich und wortwörtlich diese ganze +Tirade Satz für Satz, Wort für Wort nachsprechen! Ich stand und errötete +wie ein Schuldiger. Die Wut schnürte mir die Kehle zu. + +„Nun, fühlen Sie jetzt nicht,“ fuhr der Henker fort, „daß es Ihnen +plötzlich leichter ums Herz geworden ist, als ob in Ihrer Seele ein +Engel sich niedergelassen hätte? ... Fühlen Sie diese Gegenwart eines +Engels? Antworten Sie mir!“ + +„Ja, Foma, es scheint mir jetzt wirklich leichter zumute zu sein,“ +antwortete mein Onkel. + +„Als wäre Ihr Herz, nachdem Sie sich selbst überwunden haben, gleichsam +in Öl untergetaucht!“ + +„Ja, Foma, es ist wirklich wie mit Butter bestrichen.“ + +„Wie mit Butter? Hm! ... Ich habe Ihnen von Butter nichts gesagt, +sondern von Öl ... Nun, gleichviel! Sehen Sie jetzt, was das bedeutet, +Oberst – erfüllte Pflicht! Überwinden, besiegen Sie sich nur! Sie sind +eigenliebig, unendlich eigenliebig!“ + +„Ich weiß es, Foma, ich sehe es vollkommen ein,“ sagte mein Onkel +aufseufzend. + +„Sie sind ein Egoist und sogar ein großer, ein grausamer Egoist ...“ + +„Ich weiß es, Foma, auch das sehe ich ein; seitdem ich dich kenne, habe +ich auch das eingesehen.“ + +„Und jetzt sage ich Ihnen, wie ein Vater, wie eine zärtliche Mutter ... +Sie scheuchen alle von sich und vergessen, daß ein liebenswürdiges Kalb +an zwei Kühen saugt.“ + +„Auch das ist wahr, Foma.“ + +„Sie sind roh. Sie drängen sich so roh in das Herz anderer Menschen, Sie +drängen sich so eigenliebig der Aufmerksamkeit anderer auf, daß ein +anständiger Mensch am liebsten auf dreißig Meilen von Ihnen fortlaufen +würde.“ + +Mein Onkel seufzte noch einmal tief auf. + +„Seien Sie also zärtlicher, aufmerksamer, liebenswürdiger gegen andere. +Vergessen Sie sich für andere – sehen Sie, das ist meine Regel! Duldend +mühe dich, bete und hoffe – das sind Wahrheiten, die ich gerne der +ganzen Menschheit einprägen möchte! Eifern Sie ihnen nach, und dann +werde ich Ihnen als erster mein Herz öffnen, werde an Ihrer Brust weinen +... falls es nötig sein sollte ... Denn sonst heißt es bei Ihnen nur +‚ich‘ und ‚ich‘ und ‚meine Gnade‘! Aber diese Ihre Gnade bekommt man +doch schließlich satt, mit Erlaubnis zu sagen!“ + +„Welch ein Mensch!“ murmelte Gawrila, der an der Tür stand, voll +Andacht. + +„Das ist wahr, Foma, ich fühle es selbst,“ bestätigte mein Onkel +gerührt. „Aber schließlich ist doch nicht alles nur meine Schuld! Ich +bin so erzogen worden, habe unter Soldaten gelebt. Aber ich schwöre dir, +Foma, auch ich verstand zu fühlen und zu empfinden. Als ich aus meinem +Regiment trat und von der Truppe Abschied nahm, da hatten alle meine +braven Husaren Tränen in den Augen, mein ganzes Regiment weinte fast, +und sie sagten, einen solchen Vorgesetzten würden sie wohl nie wieder +bekommen! ... Und so dachte ich damals, daß auch ich vielleicht dennoch +kein ganz verlorener Mensch sei.“ + +„Wieder ein egoistischer Zug! Wieder ertappe ich Sie auf einem Beweise +Ihrer Eigenliebe, Sie brüsten sich, und bei der Gelegenheit machen Sie +mir noch wegen der Tränen Ihrer Husaren einen Vorwurf. Wie kommt es, daß +ich mich niemals mit Tränen anderer brüste? Und doch, und doch – ich +hätte so manchen guten Grund dazu.“ + +„Weißt du, das ist mir nur so entschlüpft, Foma, ich erinnerte mich der +alten, guten Zeit – da hielt ich’s denn nicht aus und erzählte es dir +jetzt.“ + +„Die gute Zeit fällt nicht vom Himmel, sondern wir selbst schaffen sie +uns: sie ist in unserem Herzen enthalten, Jegor Iljitsch. Weshalb bin +ich denn immer glücklich und trotz meiner Leiden zufrieden? Weshalb bin +ich ruhig und werde niemandes überdrüssig, ausgenommen vielleicht der +Dummköpfe und der sogenannten _Gelehrten_, die ich nicht schone und nie +schonen werde. Ich liebe die Dummköpfe nicht. Und was sind denn diese +Gelehrten? ‚Ein Mann der Wissenschaft!‘ Seine ganze ‚Wissenschaft‘ +besteht ja nur in seiner ‚Gewissenshaft‘! Nun, was hat _er_ denn vorhin +gesprochen? Laßt ihn herkommen! Ihn und alle Gelehrten! Ich kann alles +widerlegen! Ich werde alle ihre aufgestellten Gesetze widerlegen! Und +vom Seelenadel, von allem Edlen – rede ich schon gar nicht!“ + +„Natürlich, Foma, ich glaube es dir! Wer zweifelt denn überhaupt daran?“ + +„Vorhin zum Beispiel bewies ich Verstand, Begabung, große Belesenheit, +Kenntnisse des Menschenherzens, Kenntnis der zeitgenössischen Literatur, +ich zeigte und bewies glänzend, wie ein talentvoller Mensch sogar aus +irgendeiner Kamarinskaja ein hohes und interessantes Gespräch entwickeln +kann. Und nun frage ich: Hat auch nur einer von ihnen allen das Ganze +würdig zu schätzen verstanden? Nein, und nicht genug damit – sie wandten +sich obendrein ab! Ich bin ja überzeugt, daß sie Ihnen schon gesagt +haben, ich ‚wüßte nichts‘. Dabei hat aber in Wirklichkeit ein zweiter +Machiavelli vor ihnen gesessen und ist nur deshalb von ihnen nicht als +solcher erkannt worden, weil er noch arm und unbekannt war ... Nein, das +soll ihnen nicht durchgehen! ... Ferner habe ich da noch von einem +Korowkin gehört. – Was ist das nun wieder für ein Gänserich?“ + +„O, das ist, weißt du, ein kluger Mensch, ein Mann der Wissenschaft ... +Ich erwarte ihn. Der wird dir aber sicherlich gefallen, Foma!“ + +„Hm! das bezweifle ich. Wahrscheinlich irgend so ein moderner Esel, der +mit Bücherweisheit vollgepfropft ist. Die haben keine Seele, Oberst, die +haben auch kein Herz! Was aber ist selbst Gelehrtheit, wenn sie keine +Tugend hat?“ + +„Nein, Foma, nein! Wie er über Familienglück redet! – ich sage dir, das +Herz begreift es ganz von selbst, Foma!“ + +„Hm! Warten wir ab; wir können ja auch den Korowkin noch examinieren. +Doch jetzt genug,“ schloß Foma, sich erhebend. „Noch kann ich Ihnen +nicht ganz verzeihen, Oberst; Sie haben mich bis aufs Blut gekränkt. +Aber ich werde beten, vielleicht wird Gott dann meinem gekränkten Herzen +Frieden senden. Wir werden morgen noch darüber reden, jetzt aber +erlauben Sie, daß ich mich zurückziehe. Ich bin ermüdet und entkräftet +...“ + +„Ach, Foma!“ rief mein Onkel erschrocken aus, „nun habe ich dich auch +noch ermüdet! Weißt du was, – willst du dich nicht etwas stärken, einen +kleinen Imbiß nehmen? Ich werde ihn sofort bestellen.“ + +„Einen Imbiß nehmen! Hahaha! Einen Imbiß nehmen!“ war Fomas Antwort mit +verächtlichem Lachen. „Zuerst wird man mit Gift getränkt, und dann wird +man gefragt, ob man nicht einen Imbiß nehmen wolle! Die Wunden, die dem +Herzen geschlagen sind, wollen Sie mit irgendwelchen gedämpften Pilzen +oder eingemachten Früchten heilen! Was für ein armseliger Materialist +Sie doch sind, Oberst!“ + +„Ach, Foma, ich wollte es doch, bei Gott, nur aus gutem Herzen ...“ + +„Schon gut. Genug davon. Ich gehe. Sie aber, gehen Sie unverzüglich zu +Ihrer Mutter, knien Sie vor ihr nieder, schluchzen Sie, weinen Sie, +erflehen Sie ihre Verzeihung, – das ist Ihre Pflicht, das müssen Sie!“ + +„Ach, Foma, ich habe ja die ganze Zeit nur daran gedacht. Sogar jetzt, +als ich mit dir sprach, dachte ich die ganze Zeit daran. Ich bin bereit, +bis zum Morgen vor ihr auf den Knien zu liegen. Aber bedenk doch auch, +Foma, was man von mir verlangt! Das ist doch ungerecht, das ist doch +grausam, Foma! Sei doch großmütig, mach mich vollkommen glücklich, denk +doch nur nach, erlöse mich, und dann ... dann ... ich schwöre dir ...“ + +„Jegor Iljitsch, das ist nicht meine Sache,“ antwortete Foma. „Sie +wissen, daß ich mich in diese Angelegenheit überhaupt nicht +hineinmische. Das heißt, Sie sind ja, sagen wir, überzeugt, daß ich die +Ursache sei; aber ich versichere Ihnen, daß ich mich von Anfang an +vollkommen davon zurückgezogen und nichts damit zu tun habe und haben +will. Hier handelt es sich einzig und allein um den Willen Ihrer Frau +Mutter, sie aber will natürlich nur Ihr Bestes ... So gehen Sie denn +hin, eilen Sie, und machen Sie Ihre Schuld durch vollkommenen Gehorsam +wenigstens teilweise wieder gut ... Lasset nicht die Sonne über eurem +Zorne untergehen! Ich aber ... ich werde die ganze Nacht für Sie beten. +Schon seit langem weiß ich nicht mehr, was Schlaf ist, Jegor Iljitsch. +Leben Sie wohl! Auch dir verzeihe ich, Alter,“ sagte er, zu Gawrila +gewandt. „Ich weiß, daß du nicht aus eigenem Antriebe Böses getan hast. +Vergib also auch du mir, wenn ich dir etwas zuleide getan haben sollte +... Lebt wohl, lebt alle wohl, und der Herr segne euch! ...“ + +Foma entfernte sich. Ich trat ins Zimmer. + +„Du hast gelauscht!“ rief mein Onkel aus. + +„Ja, Onkel, ich habe gelauscht! Und Sie, Sie konnten ‚Exzellenz‘ zu ihm +sagen! ...“ + +„Was sollte ich tun, Freund! Ich bin sogar stolz darauf, daß ich es +getan habe ... Das ist ja noch nichts im Vergleich zu seiner großen +Heldentat! Welch ein edler, uneigennütziger, erhabener Mensch! Ssergei – +du hast ja zugehört – so sag du mir doch, wie konnte ich da nur mit dem +Gelde kommen! Ich begreife mich selbst nicht! Aber ich war nicht bei +klarer Vernunft, ich war aufgebracht, ich verstand ihn nicht, ich +beargwöhnte ihn, beschuldigte ihn ... Doch nein! – er konnte nicht mein +Gegner sein – das begreife ich jetzt vollkommen ... Aber weißt du, hast +du gesehen, welch einen edlen Ausdruck sein Gesicht hatte, als er das +Geld zurückwies?“ + +„Gut, Onkel, seien Sie so stolz, wie Sie nur wollen, ich aber reise +morgen: meine Geduld ist zu Ende! Zum letzten Male frage ich Sie: was +verlangen Sie von mir? Wozu haben Sie mich hergerufen, und was erwarten +Sie von mir? Und wenn nun alles zu Ende und besiegelt ist und ich Ihnen +zu nichts mehr nütze bin – dann fahre ich eben. Ich ertrage solche +Schaustücke nicht! Heute noch reise ich ab!“ + +„Freund,“ sagte mein Onkel eifrig, wie es so seine Art war, „wart nur +noch zwei Minuten: ich werde jetzt zu meiner Mutter gehen ... ich muß +dort zuerst ins reine kommen ... es ist eine wichtige, große, eine +entscheidende Sache! ... Du aber geh in dein Zimmer und erwarte mich +dort. Hier, Gawrila wird dich ins Sommerhaus führen. Du erinnerst dich +doch noch? Es liegt dort mitten im Garten. Ich habe schon alles +angeordnet, auch dein Koffer ist hingeschafft worden. Ich werde jetzt +schnell zu meiner Mutter gehen, nur ihre Verzeihung erwirken, mich rasch +entschließen – jetzt weiß ich, wie ich es anfassen muß –, und dann komme +ich sofort zu dir und erzähle dir alles, alles, alles bis aufs Letzte, +werde meine ganze Seele vor dir ausschütten! Und ... und auch wir werden +noch einmal glückliche Tage erleben! ... Zwei Minuten, nur zwei Minuten, +Ssergei!“ + +Er drückte meine Hand und verließ eilig das Zimmer. Mir blieb nichts +anderes übrig, als mich von Gawrila ins Sommerhaus führen zu lassen. + + + + + X. + + Misintschikoff. + + +Das Sommerhaus, in dem man für mich ein Zimmer eingeräumt hatte, wurde +aus alter Gewohnheit noch immer „das neue Haus“ genannt, obgleich es +schon vor langen Jahren, noch von den früheren Besitzern des Gutes +Stepantschikowo erbaut worden war. Es war dies ein nettes, einstöckiges +Holzgebäude, das nicht weit vom Herrenhause im Garten lag. Von drei +Seiten umstanden das Sommerhäuschen alte, hohe Lindenbäume, deren Äste +das Dach überragten. Alle vier Zimmer dieses Sommerhauses waren gut +möbliert und ausschließlich für etwaigen Besuch bestimmt. Als ich mich +in dem mir zugewiesenen Gemach umsah, bemerkte ich zuerst meinen Koffer +und dann auf dem Nachttisch neben dem Bett einen Bogen Postpapier, das +von einem wahren Meister in der Schönschreibekunst beschrieben und mit +Girlanden und Schnörkeln überreich verziert war. Die Anfangsbuchstaben +und die Blumengewinde leuchteten sogar in bunten Farben. Alles in allem +war es eine bewundernswerte kalligraphische Arbeit. Schon aus den ersten +Zeilen ersah ich, daß es ein an mich gerichteter Bittbrief war, in dem +ich ein „aufgeklärter Wohltäter“ genannt wurde. Als Überschrift stand: +„Widopljässoffs Wehklagen.“ Wie sehr ich aber auch meine Aufmerksamkeit +anstrengte, um wenigstens etwas von dem ganzen Schreiben zu begreifen, +so waren doch alle meine Bemühungen umsonst: es war der reinste Blödsinn +in hochtrabendem Dienerstil. Ich erriet nur ungefähr, daß Widopljässoff +sich in einer bedauernswerten Lage befand, meine Hilfe erbat und in +irgendwelchen Dingen große Hoffnungen auf mich setzte – „von wegen Eurer +Bildung ...“ Zum Schluß bat er mich dann noch, zu seinen Gunsten auf +meinen Onkel einzuwirken, und zwar – „kraft Eurer Maschine“, wie es +buchstäblich in der letzten Zeile dieses Handschreibens geschrieben +stand. Ich war noch in die Lektüre vertieft, als die Tür aufging und +Iwan Iwanytsch Misintschikoff, mein Vetter dritten Grades, in das Zimmer +trat. + +„Ich hoffe, Sie werden mir gestatten, Ihre Bekanntschaft zu machen,“ +sagte er ungezwungen, doch äußerst höflich, und er reichte mir die Hand. +„Vorhin habe ich Ihnen keine zwei Worte sagen können, und doch empfand +ich schon im ersten Augenblick den Wunsch, Sie näher kennen zu lernen.“ + +Ich antwortete ihm sogleich, daß auch ich mich freue usw., obschon ich +mich in der miserabelsten Laune befand. + +Wir setzten uns. + +„Was haben Sie denn da?“ fragte er, nach einem Blick auf das Blatt, das +ich noch in der Hand hielt. „Etwa ‚Widopljässoffs Wehklagen‘? Na, +natürlich! Ich war ja überzeugt, daß Widopljässoff unfehlbar auch Sie +attackieren würde. Mir hat er gleichfalls so ein wunderbar bemaltes +Blatt mit denselben ‚Wehklagen‘ überreicht. Sie sind von ihm wohl schon +lange sehnsüchtig erwartet worden, so daß er Zeit genug gehabt hat, +inzwischen dieses Gemälde herzustellen. Doch können Sie sich die Mühe +sparen, sich darüber zu wundern: hier gibt es viel Sonderbares, und wenn +man Lust zum Lachen hat, fände sich eine Unmenge Stoff dazu.“ + +„Nur zum Lachen?“ + +„Na, doch nicht etwa zum Weinen? Wenn Sie wollen, kann ich Ihnen +Widopljässoffs Leben erzählen, und ich wette, daß Sie lachen werden.“ + +„Offen gestanden, es ist mir jetzt nicht um Widopljässoff zu tun,“ +antwortete ich etwas ungehalten. + +Es war mir vollkommen klar, daß der Besuch Herrn Misintschikoffs und +sein liebenswürdiges Gespräch – einen besonderen Zweck verfolgten und +mein Herr Vetter dritten Grades sehr einfach meiner bedurfte. Im +Teesalon hatte er finster und ernst ausgesehen, und nun war er plötzlich +so aufgeräumt und sogar bereit, lange Geschichten zu erzählen. Man sah +es ihm sofort an, daß er sich vorzüglich zu beherrschen verstand und, +wie mir schien, ein Menschenkenner war. + +„Dieser verdammte Foma!“ knirschte ich wütend und schlug mit der Faust +auf den Tisch. „Ich bin überzeugt, daß nur er allein die Quelle alles +Übels hier ist, und daß jede Verrücktheit sich auf ihn zurückführen +läßt! Dieser verfluchte Spitzbube!“ + +„Sie haben sich ja, wie es scheint, sehr über ihn geärgert,“ bemerkte +Misintschikoff. + +„Sehr über ihn geärgert!“ Ich geriet plötzlich in Wut. „Ich weiß, ich +habe mich heute nachmittag hinreißen lassen und somit jedem das Recht +gegeben, mich abfällig zu beurteilen. Ich sehe es jetzt sehr wohl ein, +daß ich unnützerweise aus mir herausgegangen bin und in jeder Beziehung +schlecht abgeschnitten habe; aber ich denke, es ist zum mindesten +überflüssig, mir das obendrein noch zu verstehen zu geben! ... Auch +begreife ich vollkommen, daß man so etwas in guter Gesellschaft nicht +tut; aber, sagen Sie doch selbst, war es denn überhaupt möglich, nicht +aus der Haut zu fahren? Das ist ja hier eine Irrenanstalt, genau +genommen! und ... und ... schließlich ... Ach was! Ich fahre einfach +fort und damit basta!“ + +„Rauchen Sie?“ fragte Misintschikoff ruhig. + +„Ja.“ + +„Dann werden Sie hoffentlich nichts dagegen haben, wenn auch ich rauche. +Dort wird es nicht gestattet. Ich bin schon auf dem besten Wege, darüber +melancholisch zu werden. Ich gebe gern zu,“ fuhr er fort, nachdem er +sich eine Zigarette angesteckt hatte, „daß hier manches stark an eine +Irrenanstalt erinnert; doch seien Sie versichert, daß ich mir nicht +erlauben werde, Sie oder Ihr Auftreten zu verurteilen, und zwar deshalb +nicht, weil ich an Ihrer Stelle vielleicht noch dreimal mehr in Wut +geraten oder aus der Haut gefahren wäre als Sie vorhin.“ + +„Aber warum taten Sie es dann nicht, wenn Sie wirklich so ungehalten +waren? Ich entsinne mich, im Gegenteil, noch ganz genau, daß Sie sehr +kaltblütig waren. Ich will Ihnen sogar ganz offen sagen – es wunderte +mich, daß Sie für meinen armen Onkel nicht eintraten, ihn nicht +verteidigten, da er doch soviel Gutes ... allen und jedem erweist!“ + +„Sie haben recht: er hat vielen Gutes getan. Doch für ihn einzutreten, +das halte ich in diesem Fall für vollkommen nutzlos: erstens würde es +ihm nichts helfen und hätte gewissermaßen sogar etwas Erniedrigendes für +ihn – und zweitens würde man mich dann am nächsten Tage vor die Tür +setzen. Und nun will auch ich Ihnen etwas ganz offen gestehen: nämlich, +daß meine Verhältnisse augenblicklich derart sind, daß ich die +Gastfreundschaft, die ich hier genieße, sehr hoch einschätzen muß.“ + +„Ich verlange von Ihnen durchaus keine Aufschlüsse über Ihre +Verhältnisse ... Aber übrigens, ich würde Sie gern etwas fragen wollen, +da Sie ja doch schon einen ganzen Monat hier leben ...“ + +„Haben Sie die Güte, fragen Sie nur: ich stehe Ihnen jederzeit zu +Diensten,“ antwortete Misintschikoff bereitwillig und rückte seinen +Stuhl näher zu mir. + +„Erklären Sie mir, bitte, eines: soeben hat Foma Fomitsch +fünfzehntausend Rubel, die er bereits in der Hand hielt, verschmäht – +ich habe es mit eigenen Augen gesehen.“ + +„Wie das? Ist’s möglich!“ Misintschikoff war erstaunt. „Erzählen Sie +doch, bitte!“ + +Ich erzählte, was ich gesehen und gehört hatte, verschwieg aber alles, +was sich auf „Eure Exzellenz“ bezog. Misintschikoff hörte mir mit +lebhafter Neugier zu; sein ganzes Gesicht schien sich zu verändern, als +ich auf die Einhändigung der fünfzehn Tausend zu sprechen kam. + +„Raffiniert!“ sagte er, als ich meine Erzählung beendet hatte. „Das +hätte ich eigentlich von Foma gar nicht erwartet.“ + +„Jedenfalls – er hat das Geld zurückgewiesen! Wie soll man sich das +erklären? Doch nicht mit seinem Seelenadel?“ + +„Er hat fünfzehn Tausend zurückgewiesen, um später dreißig Tausend zu +nehmen. Übrigens – wissen Sie!“ fügte er nach kurzem Nachdenken hinzu, +„ich bezweifle es, daß Foma eine bestimmte Berechnung gehabt habe. Er +ist doch ein unpraktischer Mensch – er ist in seiner Art gleichfalls so +etwas wie ein Dichter. Fünfzehn Tausend ... hm! Sehen Sie: er hätte das +Geld sicherlich genommen und behalten, nur: er widerstand nicht der +Versuchung, Theater zu spielen, sich zu verstellen, sich in schönem +Lichte zu zeigen. Ich sage Ihnen, er ist nichts als ein unendlich +saurer, tränenreicher Schwamm bei unbegrenzter Eigenliebe!“ + +Misintschikoff geriet beinahe in Wut. Man sah es ihm an, daß er sich +aufrichtig ärgerte; ja, es schien mir sogar, als beneide er Foma wegen +der angebotenen fünfzehn Tausend. Ich beobachtete ihn genau. + +„Hm! Dann muß man großer Veränderungen gewärtig sein,“ meinte er +nachdenklich. „Jegor Iljitsch ist ja bereit, Foma anzubeten. Was kann +man wissen ... vielleicht wird er sie noch heiraten – einfach aus +Herzensrührung,“ sprach er durch die Zähne vor sich hin. + +„So glauben Sie, daß diese schändliche, diese widernatürliche Ehe mit +diesem übergeschnappten, verdrehten Frauenzimmer wirklich zustande +kommen wird?“ + +Misintschikoff warf mir einen forschenden Blick zu. + +„Diese Schurken!“ rief ich heftig aus. Er schwieg. + +„Übrigens haben sie es verstanden, ihre Idee recht gut zu begründen,“ +bemerkte Misintschikoff. „Sie behaupten nämlich, daß er doch irgend +etwas für die Familie tun müsse.“ + +„Als ob er noch zu wenig für sie getan hätte!“ Ich war empört. „Und auch +Sie, auch Sie wagen noch zu sagen, daß es eine vernünftige Idee sei – +eine dumme Gans zu heiraten!“ + +„O, ich stimme mit Ihnen darin vollkommen überein, daß sie eine dumme +Gans ist ... Hm! Es freut mich, daß Sie Ihren Onkel so lieben ... auch +ich kann es nachfühlen ... obschon man mit ihrem Gelde das Gut prächtig +vergrößern könnte. Aber sie haben außerdem noch andere Gründe: sie +fürchten, daß Jegor Iljitsch die Erzieherin seiner Kinder heiraten +könnte – Sie entsinnen sich doch noch des interessanten jungen Mädchens, +das nach Iljuscha eintrat?“ + +„Aber ... aber ist denn das möglich? Ist denn das anzunehmen?“ fragte +ich erregt. „Es scheint mir vielmehr eine Verleumdung zu sein. Sagen Sie +doch, um Gottes willen, es interessiert mich über alle Maßen ...“ + +„O, er ist bis über die Ohren verliebt! Nur verbirgt er es +selbstredend.“ + +„Verbirgt es! Sie glauben, er will es verbergen? Nun, aber sie? Liebt +auch sie ihn?“ + +„Sehr leicht möglich, daß auch sie ihn liebt. Und zudem sind ja alle +Vorteile auf ihrer Seite: sie ist sehr arm.“ + +„Aber welche Anhaltspunkte haben Sie, um hier eine gegenseitige Liebe zu +vermuten?“ + +„Da müßte man ja blind sein, wenn man das nicht sehen wollte. Hinzu +kommt, daß sie, glaube ich, sich heimlich treffen. Es ist sogar +behauptet worden, daß sie unerlaubte Beziehungen unterhielten. Aber +erzählen Sie das, ich bitte Sie, nicht weiter. Ich sage es Ihnen nur +unterm Siegel der strengsten Verschwiegenheit.“ + +„Wie kann man nur an so etwas glauben!“ rief ich unwillig aus. „Und Sie +geben zu, daß Sie diesem Märchen Glauben schenken?“ + +„Selbstverständlich glaube ich es nicht ganz, ich bin nicht dabei +gewesen. Aber es kann sehr leicht möglich sein.“ + +„Was! es kann möglich sein! Denken Sie doch nur an die Ehrenhaftigkeit, +an die Ehre meines Onkels!“ + +„Einverstanden. Aber man kann sich doch vergessen – kann sich damit +beruhigen, daß man später mit der Heirat unfehlbar alles wieder +gutmachen wird. Das kommt ja häufig vor ... so läßt man sich denn +hinreißen. Doch ich sage nochmals, daß ich durchaus nicht für die +vollkommene Glaubwürdigkeit dieser Gerüchte einstehe, um so weniger, als +man das Mädchen hier schon zur Genüge in den Schmutz zu ziehen versucht +hat. So wurde zum Beispiel auch erzählt, daß sie mit Widopljässoff ein +Verhältnis habe.“ + +„Mit Widopljässoff! – Da sehen Sie es ja! Ist das überhaupt denkbar? Ist +es denn nicht ekelhaft, so etwas auch nur zu hören? Und Sie glauben es?“ + +„Ich sage Ihnen doch, daß ich es nicht glaube,“ antwortete +Misintschikoff ruhig, „aber schließlich – hätte es ja auch vorkommen +können. In der Welt kann alles vorkommen. Ich aber bin nicht zugegen +gewesen, und überdies finde ich, daß es mich nichts angeht. Da Sie aber, +wie ich sehe, an allen Dingen, die mit Ihrem Onkel zu schaffen haben, so +lebhaften Anteil nehmen, so halte ich es für meine Pflicht, ausdrücklich +hinzuzufügen, daß dieses Verhältnis mit Widopljässoff allerdings sehr +wenig Wahrscheinliches für sich hat. Das ganze Gerücht scheint vielmehr +nur ein Machwerk Anna Nilownas zu sein – der Perepelizyna. Sie hat +natürlich nur aus Neid diesen ganzen Klatsch verbreitet, da sie früher +selbst davon geträumt hat, Jegor Iljitsch zu heiraten – bei Gott! – und +zwar, wie ich glaube, hauptsächlich deshalb, weil sie selbst die Tochter +eines Majors ist. Jetzt hat sie ihre Hoffnung aufgeben müssen, und so +ist auch ihre Wut danach. Doch, ich glaube – ich habe Ihnen bereits +alles erzählt und dieses Thema erschöpft, und – offen gestanden – ich +bin nichts weniger als ein Freund von solchen Klatschgeschichten. +Außerdem verlieren wir über diesem Geschwätz die kostbare Zeit. Ich bin, +sehen Sie mal, ich bin mit einer kleinen Bitte zu Ihnen gekommen.“ + +„Mit einer Bitte? O, ich bin gern zu allem bereit, was ich für Sie tun +kann ...“ + +„Besten Dank; ich hoffe sogar, Sie gewissermaßen mit meinem Anliegen zu +interessieren; denn wie ich sehe, lieben Sie Ihren Onkel und nehmen +großen Anteil an seinem Schicksal, namentlich bezüglich seiner +zukünftigen Ehe. Doch, vor _dieser_ Bitte habe ich noch eine andere +Bitte an Sie.“ + +„Und das wäre?“ + +„Folgendes. Vielleicht werden Sie einwilligen, meine Hauptbitte zu +erfüllen, vielleicht aber auch nicht. Daher würden Sie mir einen großen +Gefallen erweisen, wenn Sie die Güte hätten, mir vorher Ihr Ehrenwort +als Edelmann und Ehrenmann zu geben, daß alles, was Sie von mir hören +werden, zwischen uns bleibt, als größtes Geheimnis, und daß Sie in +keinem Fall und mit Ausnahme keiner einzigen Person dieses Geheimnis +verraten werden, sowie ferner, daß Sie die betreffende Idee nicht für +sich benutzen werden, diese Idee, die ich jetzt notwendigerweise Ihnen +mitteilen muß. Sind Sie damit einverstanden?“ + +Die Einleitung war recht feierlich. Ich erklärte mich mit seinen +Bedingungen einverstanden. + +„Nun, und?“ fragte ich dann. + +„Die Sache ist im Grunde sehr einfach,“ begann Misintschikoff. „Ich +will, sehen Sie mal ... ich will Tatjana Iwanowna entführen und sie dann +heiraten. Kurz, es soll etwas in der Art eines spanischen Romans werden +– Sie verstehen mich doch?“ + +Ich blickte Herrn Misintschikoff unverwandt in die Augen, und es dauerte +etwas, bis ich die ersten Worte fand. + +„Ich ... ich begreife nicht ...“ sagte ich endlich; „und außerdem,“ fuhr +ich fort, „außerdem, da ich es mit einem vernünftigen Menschen zu tun zu +haben glaubte ... habe ich keineswegs erwartet ...“ + +„Erwartet oder nicht erwartet,“ unterbrach mich Misintschikoff, „ins +Unverblümte übersetzt, heißt das ungefähr soviel wie: daß sowohl ich wie +mein Vorhaben dumm ist, nicht wahr?“ + +„Aber durchaus nicht ... nur ...“ + +„O, bitte sehr, tun Sie sich in Ihren Ausdrücken keinen Zwang an. +Beunruhigen Sie sich nicht. Sie erweisen mir damit sogar ein großes +Entgegenkommen; denn so gelangen wir schneller zum Ziel. Ich gebe +übrigens gern zu, daß mein ganzer Plan so auf den ersten Blick etwas +sonderbar erscheinen muß. Doch ganz abgesehen davon, versichere ich Sie, +daß meine Absicht nicht nur keineswegs dumm, sondern sogar höchst +vernünftig ist. Und wenn Sie so freundlich sein wollen, zuerst die +Klarlegung der Verhältnisse anzuhören, so ...“ + +„O, bitte – ich bin sehr gespannt.“ + +„Übrigens ist hier fast nichts zu erzählen. Sehen Sie mal: ich habe +augenblicklich nur Schulden und dementsprechend keine Kopeke in der +Tasche. Außerdem habe ich noch eine Schwester, ein Mädchen von ungefähr +neunzehn Jahren. Sie ist Waise, wissen Sie, gänzlich mittellos und +verdient sich selbst ihr Brot. Das ist zum Teil auch meine Schuld. Wir +erbten vierzig Seelen. Da mußte ich wie verhext gerade damals zum +Fähnrich avancieren! Nun, zuerst natürlich verpfändete ich die vierzig +Seelen, dann brachte ich sie durch. Ich führte ein törichtes Leben, gab +den Ton an, spielte den Lebemann, spielte auch am grünen Tisch, trank – +mit einem Wort: töricht war’s, man schämt sich geradezu, daran zu +denken. Jetzt bin ich zur Besinnung gekommen, habe mich anders bedacht: +ich will nun ein ganz neues Leben beginnen. Zu diesem Zweck aber brauche +ich unumgänglich eine Summe von hunderttausend Rubeln in bar. Da ich +jedoch mit dem Offiziersdienst nichts verdienen würde, zu irgendeinem +Beruf nicht begabt bin und fast gar keine wissenschaftliche Bildung +habe, so bleiben mir nur zwei Möglichkeiten: entweder zu stehlen oder +eine reiche Dame zu heiraten. Hergekommen bin ich so gut wie ohne +Stiefel, und, wohl verstanden: ich bin zu Fuß gekommen, nicht mit +Postpferden. Meine Schwester gab mir ihre letzten drei Rubel, als ich +mich aus Moskau fortbegab. Hier lernte ich diese Tatjana Iwanowna +kennen, und mir kam sofort ein Gedanke. Ich beschloß, mich zu opfern und +sie zu heiraten. Sie müssen mir doch zugeben, daß das nichts anderes ist +als – Vernünftigkeit. Zudem tue ich es ja mehr für meine Schwester ... +das heißt, in erster Linie selbstredend für mich ...“ + +„Aber erlauben Sie, Sie wollen doch formell bei Tatjana Iwanowna +anhalten?“ + +„Gott soll mich davor bewahren! Dann wäre ich ja am längsten hier +gewesen, und auch sie würde nicht wollen. Schlage ich ihr dagegen eine +Entführung vor, eine Flucht, so wird sie sofort einwilligen. Das ist die +Hauptsache: es muß etwas Romantisches, etwas Effektvolles sein. Versteht +sich, wir werden dann in kürzester Zeit gesetzmäßig getraut werden. Wenn +man sie nur erst einmal herausgelockt hätte!“ + +„Aber wie können Sie so fest überzeugt sein, daß sie mit Ihnen +entfliehen wird?“ + +„O, machen Sie sich deshalb keine Sorgen! Davon bin ich vollkommen +überzeugt. Das ist ja gerade mein Grundgedanke, wenn ich so sagen darf, +daß Tatjana Iwanowna tatsächlich fähig ist, mit jedem ersten besten eine +Liebesgeschichte anzufangen, buchstäblich mit jedem, dem es nur +einfällt, darauf einzugehen. Deswegen habe ich auch Ihnen zuerst das +Ehrenwort abgenommen, diese Idee nicht zu Ihren eigenen Gunsten +auszunutzen. Jetzt werden Sie, denke ich, begreifen, daß es von mir +einfach Sünde wäre, wenn ich diese Gelegenheit nicht benutzen wollte, +und noch dazu bei meinen Verhältnissen.“ + +„So ist sie denn also ganz und gar verrückt ... Ach! verzeihen Sie,“ +unterbrach ich mich, plötzlich mich besinnend, „da Sie jetzt diese +Absicht haben, so ...“ + +„Bitte, genieren Sie sich nicht, ich habe Sie darum schon einmal +gebeten. Sie fragen, ob Tatjana Iwanowna total verrückt sei? Was soll +ich Ihnen darauf antworten? Natürlich ist sie _nicht_ verrückt; denn +noch sitzt sie nicht in einer Irrenanstalt. Zudem vermag ich in dieser +Manie für Liebesdinge eigentlich keinen besonderen Irrsinn zu sehen. Sie +aber ist trotz allem ein ehrenhaftes Mädchen. Sehen Sie mal: vor einem +Jahre war sie noch entsetzlich arm, hatte seit ihrer Geburt bei ihren +Wohltäterinnen wie im Joch gelebt. Sie hat ein sehr gefühlvolles Herz, +um ihre Hand hat niemand sie jemals gebeten ... Nun, Sie verstehen: +Träume, Wünsche, Hoffnungen, die Leidenschaften, die sie beständig hat +unterdrücken müssen, die ewigen Schikanen der sogenannten Wohltäterinnen +– alles das zusammen konnte seinen empfindsamen Menschen sehr wohl +aufreiben. Und dann plötzlich dieser Reichtum! Sie werden doch zugeben, +daß so etwas nicht nur eine Tatjana Iwanowna aus dem Gleichgewicht +bringen kann. Nun, und jetzt sind natürlich alle hinter ihr her, alle +machen ihr den Hof, umschwärmen sie – und alle ihre Hoffnungen sind +auferstanden. Was sie zum Beispiel beim Tee von dem Geck in der weißen +Weste erzählte, – Tatsache, es ist wirklich buchstäblich alles so +geschehen, wie Sie es gehört haben. Nach dieser Begebenheit können Sie +sich auch das übrige denken. Mit Seufzern, Billets-doux, Gedichten +können Sie sie sofort erobern, und wenn Sie dann noch heimliche +Zusammenkünfte, spanische Serenaden und diesen ganzen Humbug hinzufügen, +so können Sie sie zu allem bewegen. Ich habe auch schon einmal einen +Versuch gemacht und sogleich ein nächtliches Stelldichein erreicht. +Vorläufig habe ich mich aber bis zu günstigerer Zeit auf neutralen Boden +zurückgezogen. Doch spätestens binnen vier Tagen wird man sie entführen +müssen. Am Tage vor der Entführung fange ich mit dem Mumpitz an: +Augendrehen, Seufzer und so weiter ... ich spiele nicht schlecht Gitarre +und singe sogar. In der Nacht ein Stelldichein in der Laube und – beim +Morgengrauen ist der Wagen bereit: ich locke sie hinaus, wir steigen ein +und fahren los. Wie Sie sehen, ist hierbei nichts zu riskieren: sie ist +mündig – und ganz abgesehen davon, wird es doch ihr freier Wille sein. +Und wenn sie erst einmal mit mir entflohen ist, so heißt das natürlich, +daß ... wir uns gegenseitig verpflichtet haben. Ich werde sie in eine +gute, aber arme Familie bringen – ich kenne hier eine, vierzig Werst von +hier – wo man sie bis zur Hochzeit auf den Händen tragen, doch keinen +Menschen zu ihr lassen wird. Und ich werde inzwischen auch nicht unnütz +die Zeit verlieren: nach spätestens drei Tagen müssen wir getraut sein – +das läßt sich machen. Natürlich gehört dazu vor allen Dingen Geld. Aber +ich habe schon berechnet: ich brauche nicht mehr als fünfhundert Rubel +für das ganze Intermezzo, und zwar hoffe ich in der Beziehung auf Jegor +Iljitsch: er wird sie mir geben, natürlich ohne zu wissen, um was es +sich handelt. Haben Sie mich jetzt vollkommen verstanden?“ + +„Ja,“ sagte ich, da ich ihn allerdings nur zu gut verstanden hatte. +„Aber sagen Sie doch, bitte, inwiefern ich Ihnen hierbei behilflich sein +könnte?“ + +„O, in sehr vielem, ich bitte Sie! Sonst hätte ich Sie doch wahrlich +nicht eingeweiht. Ich habe Ihnen schon gesagt, daß ich sie in eine arme, +aber sehr ehrenwerte Familie zu bringen beabsichtige. Sie nun können mir +sowohl hier wie dort aushelfen, außerdem mein Trauzeuge sein. Ohne Ihren +Beistand stehe ich gleichsam mit gebundenen Händen da.“ + +„Noch eine Frage: Warum haben Sie gerade mich Ihres Vertrauens +gewürdigt? Sie kennen mich doch gar nicht, ich bin doch erst vor ein +paar Stunden hier eingetroffen.“ + +„Ihre Frage,“ antwortete Misintschikoff mit dem liebenswürdigsten +Lächeln, „Ihre Frage bereitet mir, offen gestanden, ein großes +Vergnügen; denn sie bietet mir Gelegenheit, Sie meiner ganz besonderen +Hochachtung zu versichern.“ + +„O, zuviel Ehre!“ + +„Nein, sehen Sie mal, ich habe Sie vorhin, beim Tee, ein wenig studiert. +Sie sind, nun ja, Sie sind heftig und ... und ... nun ja, und noch jung. +Aber von einem bin ich durchaus überzeugt: Wenn Sie mir einmal Ihr Wort +gegeben haben, keinem Menschen etwas davon zu erzählen, so werden Sie es +auch halten. Sie sind kein Obnoskin – dies wäre Punkt eins. Punkt zwei: +Sie sind ehrlich und werden mir meine Idee nicht stehlen, nicht wahr – +natürlich ausgenommen den Fall, daß Sie etwa mit mir in aller +Freundschaft einen entsprechenden Vergleich abschließen wollten. In dem +Fall wäre ich vielleicht einverstanden, Ihnen meine Idee abzutreten, +oder vielmehr: Tatjana Iwanowna. Und ich würde sogar bereit sein, Ihnen +bei der Entführung eifrig beizustehen, nur mit der Bedingung, daß Sie +mir einen Monat nach der Trauung eine Summe von fünfzigtausend Rubel bar +zahlen, selbstredend nach einer vorhergehenden Sicherstellung durch eine +Schuldverschreibung ... doch ohne Prozente.“ + +„Wie! Sie bieten die Dame jetzt bereits mir an?“ + +„Selbstverständlich kann ich sie abtreten ... wenn Sie es sich überlegen +sollten und zulangen wollen. Freilich verliere ich dabei, aber ... Doch +die Idee gehört nun einmal mir, und für Ideen nimmt man doch Geld. Und +schließlich, drittens, habe ich Sie gewählt, weil mir keine andere Wahl +übrigbleibt. Lange zu zögern aber erscheint mir, nachdem ich mir über +die hier herrschenden Zustände klar geworden bin, mehr als gefährlich. +Hinzu kommt, daß bald die Fastenzeit vor Mariä Himmelfahrt beginnt und +dann nicht getraut wird. So, jetzt haben Sie mich hoffentlich ganz +verstanden?“ + +„Vollkommen, und ich verspreche Ihnen nochmals, Ihr Geheimnis heilig zu +halten. Ihr Helfershelfer kann ich aber in dieser Angelegenheit nicht +sein, was Ihnen unverzüglich mitzuteilen ich für meine Pflicht halte.“ + +„Wieso, weshalb nicht?“ + +„Sie fragen noch?“ rief ich heftig aus, endlich den Gefühlen, die sich +in mir angesammelt hatten, freien Lauf lassend. „Sehen Sie denn nicht +ein, daß eine solche Handlung schuftig, unehrenhaft ist? Gut, nehmen wir +an, Sie rechneten ganz richtig, wenn Sie sich auf die Unklugheit und die +unglückliche Manie dieses Mädchens stützen, aber – ebendies müßte Sie +doch als Ehrenmann davon abhalten! Sie sagen ja selbst, daß Tatjana +Iwanowna ein ehrenwertes Mädchen sei, wenn sie auch lächerlich ist. Und +nun plötzlich wollen Sie ihr Unglück benutzen, um ihr hunderttausend +Rubel abzuzapfen! Sie werden doch gewiß nicht ihr wirklicher Mann sein, +der seine Pflicht in jeder Beziehung erfüllt. Sie werden sie unfehlbar +verlassen ... Das ist aber so wenig ehrenhaft, daß ich, verzeihen Sie, +eigentlich nicht begreife, wie Sie sich haben entschließen können mir +die Rolle eines Helfershelfers zuzumuten!“ + +„Donnerwetter, das ist mir mal eine Romantik!“ rief Misintschikoff aus, +während er mich mit ehrlicher Verwunderung ansah. „Übrigens handelt es +sich hier wohl nicht so sehr um Romantik, sondern – Sie scheinen einfach +nicht zu begreifen, um was es sich handelt. Sie sagen, es sei +unehrenhaft, vergessen aber, daß alle Vorteile nicht auf meiner, sondern +auf ihrer Seite sind ... Bedenken Sie doch nur ...“ + +„Ja, natürlich, wenn man von Ihrem Standpunkt aus urteilt, dann ergibt +sich womöglich noch, daß Sie die großmütigste Tat begehen, wenn Sie +Tatjana Iwanowna heiraten,“ antwortete ich mit sarkastischem Lächeln. + +„Ja, wie denn nicht? Aber das _ist_ es doch! Es ist doch tatsächlich +eine großmütige Tat!“ rief Misintschikoff aus, der nun seinerseits in +Hitze geriet. „Überlegen Sie es sich doch nur: erstens opfere ich mich +und willige ein, ihr Mann zu sein – das kostet doch wohl etwas? +Zweitens: ungeachtet dessen, daß sie blank und bar mehrere +hunderttausend Rubel besitzt, werde ich nur einhunderttausend Rubel von +ihr nehmen. Ich habe mir bereits mein Wort gegeben, daß ich, solange ich +lebe, keine Kopeke mehr von ihr nehmen werde, obgleich ich es doch +könnte: das aber kostet doch wiederum etwas – denken Sie nur nach: kann +sie denn so ihr Leben ruhig verbringen? Damit sie ruhig leben kann, muß +man ihr unbedingt das Geld abnehmen und ... müßte sie eigentlich in eine +Irrenanstalt einsperren; denn sonst kann man sich darauf gefaßt machen, +daß in jeder Minute irgendein Tagedieb, ein Schwindler oder Spekulant +auftaucht, irgend so einer mit einem Spitzbart und Schnurrbart, mit +einer Gitarre und mit Serenaden – wie etwa Obnoskin – der sie verführt, +sie heiratet, ihr alles abnimmt und sie dann auf der Landstraße sitzen +läßt. Hier, zum Beispiel, befinden wir uns in einem ehrenwertesten Hause +– und dennoch hat man sie auch hier nur deshalb aufgenommen, weil man +auf ihr Geld spekuliert. Vor diesen zweifelhaften Chancen muß man sie +bewahren, beschützen, retten. Nun aber, begreifen Sie doch, sobald sie +mich geheiratet hat, hört diese Berechnung sofort auf. Ich werde schon +dafür Sorge tragen, daß kein Unglück sie wird treffen können. Nach der +Trauung bringe ich sie zuerst nach Moskau in eine ehrenwerte, doch +mittellose Familie – ich meine jetzt nicht jene, von der ich vorhin +sprach –, nein, in eine andere Familie. Meine Schwester wird beständig +bei ihr sein. Man wird sie nicht aus den Augen lassen. An Geld behält +sie etwa zweihundertfünfzigtausend Rubel, vielleicht sogar +dreihunderttausend: damit kann man, wissen Sie, doch leben! Alle +Vergnügungen sollen ihr geboten werden, alle Zerstreuungen, Bälle, +Maskeraden, Konzerte. Sie kann sogar von Liebesabenteuern träumen – wenn +ich mich auch in der Beziehung natürlich sicherstellen werde: träume +soviel du willst, in Wirklichkeit aber – nie und nimmer! Jetzt kann ein +jeder sie beleidigen, dann aber kann das keiner mehr tun: sie ist meine +Frau, Madame Misintschikoff, und meinen Namen gebe ich nicht zum Gespött +hin! Denken Sie doch nur, was das allein wert ist – das kostet doch +etwas! Selbstredend werde ich nicht mit ihr zusammen leben: sie in +Moskau und ich irgendwo in Petersburg. Diese meine Absicht teile ich +Ihnen gleichfalls im voraus mit; denn Ihnen gegenüber will ich ehrlich +sein. Aber was hat denn das auf sich, daß wir getrennt leben? Überlegen +Sie es sich doch nur, denken Sie an ihren Charakter und sagen Sie +selbst: Ist sie denn überhaupt fähig, Frau zu sein und mit ihrem Mann +zusammen zu leben? Kann man denn auch nur irgendeine Beständigkeit von +ihr erwarten? Sie ist doch das leichtsinnigste Geschöpf der Welt! Sie +bedarf ewig der Veränderung. Sie ist fähig, am nächsten Tage zu +vergessen, daß sie vor vierundzwanzig Stunden mir angetraut worden ist. +Ja, ich würde sie schließlich nur unglücklich machen, wenn ich mit ihr +zusammen leben und strenge Erfüllung ihrer ehelichen Pflichten verlangen +wollte! Natürlich werde ich sie von Zeit zu Zeit besuchen, etwa einmal +im Jahr oder auch öfter, aber nicht, um dann Geld von ihr zu verlangen – +ich versichere Sie, daß ich nichts von ihr verlangen werde. Ich habe +Ihnen doch gesagt, daß ich mehr als hunderttausend Rubel nicht nehmen +werde, bestimmt nicht! Im Geldpunkt werde ich mehr als verständig sein. +Wenn ich auf zwei, drei Tage zum Besuch komme, werde ich ihr sogar +Vergnügen und nicht etwa Langeweile bereiten: ich werde mit ihr +scherzen, werde ihr Geschichten erzählen, werde mit ihr Bälle besuchen, +flirten, ihr Andenken schenken, Romanzen singen und einen +Liebesbriefwechsel mit ihr eingehen. Sie wird doch einfach entzückt sein +– von einem so romantischen, verliebten und liebenswürdigen Ehemann! +Meiner Meinung nach ist es sogar sehr rationell: alle Männer sollten so +verfahren. Den Frauen sind sie ja nur dann wertvoll, wenn sie abwesend +sind, und wenn ich mein System durchhalte, werde ich gewiß in der +süßesten Weise Tatjana Iwanownas Herz für ihr ganzes Leben einnehmen. +Was könnte man ihr noch Besseres wünschen? Sagen Sie doch! Das ist ja +ein Paradies, aber keine Erdenwirklichkeit!“ + +Ich hörte schweigend und mit wachsender Verwunderung zu. Ich sagte mir, +daß man Herrn Misintschikoff nicht gut widerlegen konnte. Er war von der +Rechtlichkeit und Genialität seines Projektes fanatisch überzeugt und +sprach von ihm mit der ganzen Begeisterung eines Erfinders. Es blieb nur +noch ein peinlicher Punkt übrig, über den man sich unbedingt aussprechen +mußte. + +„Aber denken Sie denn gar nicht daran,“ fragte ich, „daß sie schon so +gut wie die Braut meines Onkels ist? Wenn Sie sie nun entführen, dann +nehmen Sie ihm die Braut fast am Tage vor der öffentlichen Verlobung +fort und tun es außerdem noch mit seinem Gelde, das Sie von ihm zur +Ausführung der gewagten Tat borgen wollen und werden.“ + +„Warten Sie, damit fange ich Sie gerade!“ rief Misintschikoff eifrig +aus. „Ich habe diese Ihre Einwendung vorausgesehen. Aber erstens – und +das ist die Hauptsache: Ihr Onkel hat ja noch nicht bei ihr angehalten, +folglich brauche ich doch gar nicht zu wissen, daß man ihn mit ihr +verkuppeln will. Zudem bitte ich, nicht zu vergessen, daß ich bereits +vor drei Wochen meinen Entschluß gefaßt habe, also zu einer Zeit, als +ich von allen Absichten der Generalin und Foma Fomitschs nichts ahnte. +Folglich bin ich in moralischer Hinsicht durchaus im Recht, und genau +genommen, mache nicht ich ihm, sondern macht er mir die Braut +abspenstig, mit der ich – nicht zu vergessen! – inzwischen schon ein +nächtliches Stelldichein in der Laube gehabt habe. Und dann erlauben Sie +mal: Waren Sie nicht selbst außer sich darüber, daß man Ihren lieben +Onkel mit dieser Tatjana Iwanowna verheiraten will? Und nun treten Sie +plötzlich für diese Ehe ein, reden von Familienbeleidigung und Ehre! Im +Gegenteil: ich verpflichte mir Ihren Onkel ganz außerordentlich, ich +rette ihn gewissermaßen – das müssen Sie doch einsehen! Er denkt mit +Ekel an diese Heirat – und hinzu kommt noch, daß er ein anderes Mädchen +liebt. Und was wäre denn Tatjana Iwanowna für eine Frau für ihn? Und +auch sie würde doch mit ihm nur unglücklich werden; denn – sagen Sie, +was Sie wollen – man wird sie dann doch zum mindesten im Zaume halten +müssen, damit sie wenigstens jungen Herren keine Rosen zuwirft! Und wenn +ich sie in der Nacht entführe, so kann doch weder die Generalin noch ein +Foma Fomitsch als Hindernis in den Weg treten. Ein einmal entführtes +Mädchen aber zu heiraten, das ist auch gerade keine Ehre. Also – +verpflichte ich mir Jegor Iljitsch nicht zu ewigem Dank? Wende ich nicht +ein großes Unglück von ihm ab?“ + +Dieses letzte Argument machte allerdings einen sehr starken Eindruck auf +mich. + +„Aber wenn er morgen bei ihr anhält?“ fragte ich. „Dann würde es doch zu +spät sein – wenn sie seine offizielle Braut ist.“ + +„Selbstverständlich wäre es dann zu spät. Deshalb muß man auch schnell +handeln, um dies zu verhüten. Weshalb und wozu habe ich Sie denn um +Ihren Beistand gebeten? Allein würde es mir schwerfallen, vereint aber +könnten wir alles gut einleiten und durchführen, können wir vor allem +verhindern, daß Jegor Iljitsch bei ihr anhält. Man muß alles +daransetzen, um das, wie gesagt, zu verhindern, muß im äußersten Fall – +wenn’s nicht anders geht – Foma Fomitsch verprügeln und damit die +allgemeine Aufmerksamkeit so ablenken, daß dann niemand mehr an +Hochzeiten denkt. Selbstredend käme dieses Mittel nur für den äußersten +Fall in Frage; wie gesagt, ich nahm es nur als Beispiel. Nun sehen Sie: +In all diesen Beziehungen hoffe ich auf Sie.“ + +„Noch eine Frage, die letzte: Haben Sie außer mir niemandem etwas von +Ihrem Plan gesagt?“ + +Misintschikoff kratzte sich ein wenig hinterm Ohr und schnitt eine +überaus saure Grimasse. + +„Ich will Ihnen gestehen,“ antwortete er, „daß diese Frage für mich +schlimmer ist als die bitterste Pille. Das ist ja der Haken, daß ich +meinen Plan schon einem anderen mitgeteilt habe ... Ich habe ... ich +habe ... ich habe mir da einen verteufelten Brei eingebrockt! Und was +glauben Sie wohl, wem ich ihn mitgeteilt habe? – _Obnoskin!_ Ich +begreife es selbst nicht, ich kann es mir selber gar nicht glauben! ... +Ja, ich weiß nicht einmal, wie es eigentlich kam! Er scharwenzelte hier +herum ... ich kannte ihn noch nicht näher, und als die Eingebung mich +beglückte, da war ich natürlich wie im Fieber – ... und da ich mir +gleichzeitig sagte, daß ich ohne einen Helfershelfer nicht auskommen +würde, so wandte ich mich eben an Obnoskin. ... Unverzeihlich von mir, +unverzeihlich!“ + +„Nun, und Obnoskin?“ + +„O, er war mit Begeisterung zu allem bereit, aber am nächsten Morgen +verschwand er. Nach drei Tagen erschien er wieder – diesmal aber mit +seiner Frau Mutter. Mit mir spricht er seitdem kein Wort und er meidet +mich sogar auffallend: er scheint mich geradezu zu fürchten. Ich begriff +natürlich sofort, um was es sich handelte. Seine Mutter ist ein so +abgefeimtes, durchtriebenes Frauenzimmer, wie man ein zweites schwerlich +finden könnte. Ich habe sie schon früher gekannt. Er hat ihr natürlich +alles erzählt. Ich schweige vorläufig und warte ab. Sie spionieren hier +jetzt eifrig herum, und die Situation ist sehr gespannt ... Deshalb +beeile ich mich auch.“ + +„Was befürchten Sie denn von ihnen?“ + +„Großes werden sie freilich nicht ausrichten; daß sie aber Unfug +anstiften werden, davon bin ich überzeugt. Wahrscheinlich werden sie +fürs Schweigen und vielleicht auch für ihren Beistand Geld fordern – +darauf bin ich schon gefaßt. Aber mehr als dreitausend bar – kann ich +unmöglich. Urteilen Sie selbst: Dreitausend den Obnoskins, fünfhundert +blank und bar für die Trauung und Entführung; denn dem Onkel muß +unverzüglich die ganze Summe zurückgegeben werden. Dann noch alte +Schulden. Nun, meiner Schwester noch eine kleine Summe, nicht viel, aber +immerhin etwas. Was bleibt dann von hunderttausend noch übrig? Das ist +doch der reine Bankrott! ... Die Obnoskins sind übrigens heute +fortgefahren.“ + +„Fortgefahren?“ fragte ich interessiert. + +„Sogleich nach dem Tee. Ach, zum Teufel mit ihnen! Morgen aber, das +werden sie sehen, werden Mutter und Sohn wieder erscheinen. Nun, wie +ist’s denn, sind Sie einverstanden?“ + +„Ich ... verzeihen Sie,“ begann ich zögernd in dieser etwas peinlichen +Lage, „ich weiß nicht recht, was ich sagen soll. Die Sache ist etwas +kitzlig ... Ich werde das Geheimnis natürlich heilig halten – ich bin +nicht Obnoskin ... aber, ich glaube ... Sie können sich nicht auf meinen +Beistand verlassen.“ + +„Ich sehe,“ sagte Misintschikoff ruhig und erhob sich vom Stuhl, „ich +sehe, daß Foma Fomitsch und die Großmama Ihre Geduld noch nicht +erschöpft haben, und daß Sie, wenn Sie Ihren guten, durch und durch +edlen Onkel auch lieben mögen, dennoch nicht genügend begriffen haben, +wie sehr er gequält wird. Sie sind hier noch Neuling ... Aber nur ein +wenig Geduld! Wenn Sie nur den morgigen Tag noch miterleben, werden Sie +schon am Abend einwilligen; denn sonst ist doch Ihr Onkel rettungslos +verloren – Sie verstehen mich? Man wird ihn unfehlbar zwingen, Tatjana +Iwanowna zu heiraten. Und vergessen Sie nicht, daß er vielleicht morgen +schon anhalten wird. Dann werden wir zu spät kommen – man müßte sich +also eigentlich schon heute entschließen.“ + +„Glauben Sie mir, ich wünsche Ihnen den besten Erfolg, aber helfen ... +ich weiß nicht recht ...“ + +„Schon gut. Warten wir bis morgen,“ entschied Misintschikoff mit etwas +spöttischem Lächeln. „^La nuit porte conseil.^ Auf Wiedersehen! Ich +werde morgen etwas früher zu Ihnen kommen, und Sie überlegen es sich +inzwischen ...“ + +Er ging, irgend etwas vor sich hinpfeifend. + +Ich trat fast unmittelbar nach ihm hinaus in den Garten, um mich zu +erfrischen. Der Mond war noch nicht aufgegangen. Die Nacht war dunkel, +die Luft warm und schwül. Die Blätter der Bäume regten sich nicht. +Ungeachtet meiner entsetzlichen Müdigkeit wollte ich etwas gehen, mich +zerstreuen und doch wieder meine Gedanken sammeln. Ich war aber noch +keine zehn Schritte gegangen, als ich die Stimme meines Onkels vernahm. +Er stieg mit einem anderen die Treppenstufen zum Sommerhaus hinan und +sprach lebhaft. Ich kehrte sofort zurück und rief ihn. Der andere war +Widopljässoff. + + + + + XI. + + Äußerste Verwunderungen. + + +„Onkel!“ rief ich, „da sind Sie ja endlich!“ + +„Freund, ich wollte mich die ganze Zeit losmachen, um zu dir zu kommen. +Laß mich jetzt noch den Widopljässoff abfertigen, dann können wir uns +ruhig aussprechen. Ich habe dir viel zu erzählen.“ + +„Wie, Sie wollen sich noch mit Widopljässoff abgeben! Schicken Sie ihn +doch zum Teufel, Onkel!“ + +„Nur noch fünf, höchstens zehn Minuten, und ich gehöre dir allein, +Ssergei. Sieh: es handelt sich um eine wichtige Angelegenheit.“ + +„Ach, der Kerl kommt doch sicherlich nur mit Dummheiten!“ meinte ich +ärgerlich. + +„Ja, was soll ich dir nun sagen, mein Bester? Hättest du dir nicht eine +andere Zeit wählen können, um mir mit diesen Kleinigkeiten zu kommen! +Hast du denn wirklich keine andere Zeit, um deine Klagen vorzubringen, +Grigorij? Nun, was kann ich denn für dich tun? Hab doch _du_ wenigstens +Mitleid mit mir! Ich werde ja doch von euch sozusagen wie eine Zitrone +ausgepreßt, werde lebendig verzehrt, gierig verschlungen! Meine Kraft +ist erschöpft, Ssergei!“ + +Und mein Onkel streckte die Arme auseinander, wie in aussichtsloser +Verzweiflung. + +„Was ist denn das für eine so wichtige Sache, daß sie sich nicht bis +morgen früh aufschieben läßt? Ich hätte es dagegen so dringend nötig, +mit Ihnen, Onkel, über Wichtiges zu reden ...“ + +„Ach Freund, es wird ja ohnehin schon laut genug geklagt und geschrien, +daß ich mich um die Sittlichkeit meiner Leute nicht kümmere! Da könnte +er sich ja morgen über mich beschweren, daß ich ihn nicht angehört +hätte, und dann ...“ + +Und mein Onkel machte wieder seine bezeichnende Armbewegung. + +„Na, dann fertigen Sie ihn schnell ab! Kann ich Ihnen nicht helfen? +Gehen wir hinein. Was will er denn eigentlich?“ fragte ich, als wir ins +Zimmer traten. + +„Ja, sieh mal, Freund, sein Familienname gefällt ihm nicht, er bittet +mich, ihm einen anderen zu verschaffen. Was sagst du dazu?“ + +„Sein Familienname gefällt ihm nicht? Wie das? ... Wissen Sie, Onkel, +bevor ich ihn selbst anhöre, erlauben Sie, Ihnen zu sagen, daß nur in +Ihrem Hause solche Wunderlichkeiten vorkommen können!“ Und vor lauter +Nichtverstehenkönnen breitete ich kopfschüttelnd die Arme aus. + +„Ach, Freund! Glaub mir, auch ich verstehe es, so die Arme auszubreiten, +aber damit ist keinem geholfen!“ sagte mein Onkel etwas ärgerlich. +„Versuch es doch, mit ihm zu reden, versuch’s nur. Schon ganze zwei +Monate quält er mich damit ...“ + +„Es ist ein unbegründeter Familienname,“ bemerkte Widopljässoff von der +Tür her. + +„Warum denn ein unbegründeter?“ fragte ich ihn erstaunt. + +„So. Ich meine, er stellt jede Abscheulichkeit dar, die man sich nur +ausdenken kann.“ + +„Wieso – jede Abscheulichkeit? Und wie soll man ihn denn ändern? Wer tut +denn so etwas überhaupt?“ + +„Ich bitte Euch, welcher Mensch hat denn einen solchen Familiennamen?“ + +„Ich gebe ja zu, daß dein Familienname zum Teil etwas eigenartig ist,“ +fuhr ich in wachsender Verwunderung fort, „aber was läßt sich denn jetzt +noch daran ändern? Dein Vater hat doch denselben Namen geführt?“ + +„Das ist durchaus wahr: daß ich durch meinen Vater dieserhalb zu ewigem +Leiden verurteilt bin, da es mir beschieden ist, dank meinem Namen viel +Spott und Schimpf ertragen zu müssen,“ antwortete Widopljässoff. + +„Ich könnte wetten, Onkel, daß hinter dieser Idee Foma Fomitsch steckt!“ +rief ich geärgert aus. + +„Nein, nein, Freund, nein, da täuschst du dich! Es ist allerdings wahr, +Foma tut ihm viel Gutes. Er hat ihn zu seinem Sekretär ernannt. In +Sekretärobliegenheiten besteht jetzt seine ganze Beschäftigung. Nun und +außerdem hat Foma selbstverständlich für seine geistige Entwicklung +gesorgt, hat ihn zu wahrem Seelenadel erhoben, so daß ihm in gewisser +Beziehung sogar ein Licht aufgegangen ist ... Hör, ich werde dir alles +erzählen ...“ + +„Das stimmt genau,“ unterbrach Widopljässoff, „daß Foma Fomitsch mein +wahrhaftiger Wohltäter sind, und da sie mein wahrhaftiger Wohltäter +sind, haben sie mir auch meine ganze irdische Nichtigkeit mehrfach +bewiesen, wie ich beispielsweise hier auf Erden nur ein Wurm bin, so daß +ich nur dank ihrer Unterweisungen zum erstenmal mein Schicksal erkannt +und vorausgesehen habe.“ + +„Hör mich an, Sserjosha, ich werde dir erzählen, um was es sich hier +handelt,“ wandte sich mein Onkel eilig, wie es seine Art war, an mich +wie an einen Schiedsrichter. „Er lebte zuerst, fast seit seiner +Kindheit, in Moskau bei einem Schönschreiblehrer als – nun, so als +dienstbarer Geist. Du müßtest sehen, wie er bei ihm die +Schönschreibekunst erlernt hat: mit Farben und Gold ... und ... rund +herum, weißt du, malt er dir noch Kupidos – mit einem Wort, ein +Künstler! Iljuscha lernt jetzt bei ihm Schönschreiben. Zahle ihm +anderthalb Rubel für die Stunde. Foma hat selbst den Preis bestimmt, +anderthalb Rubel, wie gesagt. Er fährt außerdem zu drei benachbarten +Gutsbesitzern ins Haus – die zahlen gleichfalls. Und sieh, wie er sich +kleidet! Außerdem schreibt er Gedichte.“ + +„Gedichte! Das fehlte gerade noch!“ + +„Jawohl, Gedichte, Freund, glaub mir, Gedichte! Und denke nicht, daß ich +scherze: wirkliche Gedichte, sag ich dir, Versifikationen, oder wie man +es nennt, mit Reimen am Ende. Er behandelt alle Gegenstände, nimmt +irgendein x-beliebiges Ding und beschreibt’s dir sofort in Versen. Ein +richtiges Talent, sozusagen. Zum Namenstage meiner Mutter hatte er eine +Epistel verfaßt, daß wir nur so die Münder aufsperrten: sogar aus der +Mythologie hatte er was genommen, und die Musen schwebten in der Luft, +so daß sogar, weißt du, diese ... wie heißt das Ding doch gleich? – na +ja, diese Vollendung der Form zu sehen war, – mit einem Wort, jede Zeile +klappte und reimte sich immer mit einer vorhergehenden. Foma hatte es +korrigiert ... Nun, ich, natürlich – was sollte ich sagen? freute mich +auch meinerseits. Mag er doch dichten, wenn er es nur nicht zu bunt +treibt! Ich, weißt du, Grigorij,“ wandte er sich an Widopljässoff, „ich +sage dir das ja nur wie ein Vater. Foma hörte davon, ließ sich das +Gedicht bringen, munterte ihn noch auf und ernannte ihn sogleich zu +seinem Vorleser und Schreiber, – mit einem Wort, er sorgte für seine +Bildung. Das ist also durchaus wahr, was er da sagte: daß Foma sein +Wohltäter sei. Nun und so, weißt du, hat sich so ein bißchen edle +Romantik in seinem Kopf entwickelt und so ein Gefühl der Unabhängigkeit +– das hat mir alles Foma erklärt; leider habe ich die Einzelheiten, Hand +aufs Herz, wieder vergessen. Nun wollte ich – Ehrenwort! – ich wollte +ihn ohnehin befreien, noch bevor Foma davon zu reden anfing. Es ist, +weißt du, doch immer irgendwie ... man schämt sich gewissermaßen ... Ja, +aber Foma war dagegen, er braucht ihn, er hat ihn liebgewonnen. Und dann +sagt er: mir, seinem Herrn, gereiche es zur größeren Ehre, wenn ich +unter meinen Leibeigenen Dichter habe, – es habe irgendwo mal solche +Barone gegeben oder Ritter, na, kurz und gut – das sei ^en grand^. Nun, +soll’s einmal ^en grand^ sein, dann meinetwegen ^en grand^! Ich habe +ihn, den Grigorij, schon achten gelernt – verstehst du das? ... Aber +Gott weiß, wie er sich aufführt. Am schlimmsten ist, daß er, nachdem er +sein Gedicht verfaßt hat, vor dem ganzen übrigen Gesinde die Nase in die +Höhe zieht und mit den anderen nicht einmal mehr sprechen will. Doch +fühl dich nicht gekränkt, Grigorij, ich sage es nur wie ein Vater von +dir. Im letzten Winter wollte er heiraten: es ist hier ein junges +Mädchen, vom Hofgesinde, Matrjona, und, weißt du, so ein nettes, +ehrliches, arbeitsames, lustiges Mädel. Na, und nun will er sie +plötzlich nicht, sagt ab. Ist er jetzt so hoher Meinung von sich oder +beabsichtigt er, zuerst berühmt zu werden und dann bei einer anderen +anzuhalten ...“ + +„Mehr auf den Rat Foma Fomitschs hin,“ bemerkte Widopljässoff, „da Sie +mein wahrhaftiger Wohltäter sind ...“ + +„Aber natürlich! Wie wäre denn hier etwas ohne Foma Fomitsch möglich!“ +rief ich unwillkürlich aus. + +„Ach, Freund, nicht darum handelt es sich!“ unterbrach mich mein Onkel +eilig, „sieh mal: jetzt lassen sie ihm keine Seelenruh. Jenes Mädchen, +ein gewandtes und gescheites Ding, hat jetzt alle gegen ihn aufgehetzt: +sie necken und foppen ihn beständig – und sogar die kleinen Hofjungen +behandeln ihn wie einen Narren ...“ + +„Was mehr auf Matrjona zurückzuführen ist,“ bemerkte wieder +Widopljässoff; „denn sie ist eine echte dumme Gans, und da sie eine +echte dumme Gans ist, ist sie, was ihren Charakter angeht, ein +unbeflügeltes Weibsbild. Auf diese Weise bin ich zu ewigem Leiden in +meinem Leben verdammt.“ + +„Ach, Grigorij, ich habe es dir doch gesagt,“ fuhr mein Onkel fort, nach +einem vorwurfsvollen Blick auf Widopljässoff. „Sieh mal, Ssergei, die +Hofleute haben nun glücklich ein schmutziges Wort gefunden, das sich auf +seinen Namen reimt. Und jetzt kommt er zu mir, beklagt sich und bittet, +ihm einen anderen Familiennamen zu geben, sagt, daß er schon lange unter +dem Mißklang desselben gelitten habe ...“ + +„Es ist kein veredelter Name,“ bemerkte wieder Widopljässoff. + +„Na, du schweige mal jetzt, wenn ich rede, Grigorij! Foma hat ihn darin +natürlich bestärkt ... das heißt ... nicht gerade, daß er den Einfall +gutgeheißen hätte; aber sieh, es handelt sich um folgende Erwägung: wenn +nun, nehmen wir an, seine Gedichte gedruckt werden, was Foma +projektiert, so kann ein solcher Familienname ihm doch geradezu schaden +– nicht wahr?“ + +„So will er seine Gedichte drucken lassen, Onkel?“ + +„Drucken, drucken, Freund. Das ist schon beschlossene Sache – auf meine +Rechnung, – und auf dem Titelblatt wird stehen, daß sie von einem +Leibeigenen Soundso verfaßt sind, und im Vorwort, das Foma schreiben +wird, soll der Dank des Autors für die ihm gebotene Bildung +ausgesprochen werden. Das Ganze ist Foma gewidmet. Foma wird, wie +gesagt, selbst eine Einleitung schreiben. Und nun denke dir, wenn auf +dem Titelblatt steht: ‚Widopljässoffs Gedichte‘ ...“ + +„‚Widopljässoffs Wehklagen‘,“ korrigierte Widopljässoff. + +„Nun, sieh – dazu noch Wehklagen! Was ist denn Widopljässoff für ein +Name? Er verletzt ja geradezu unser Zartgefühl. Das sagt auch Foma. Die +Kritiker aber sollen, wie es heißt, alle sehr unangenehme Spötter sein. +Zum Beispiel unser großer Kritiker der ‚Moskauer Nachrichten‘ ... Die +nehmen auf nichts Rücksicht. Sie können ihn ja einzig wegen seines +Familiennamens unmöglich machen – nicht wahr? Nun, ich meine: mag er +doch gleichviel welch einen Namen auf seinen Buchdeckel schreiben – wie +nennt man das doch gleich ... Pseudonym, glaube ich, oder so ungefähr, +jedenfalls etwas mit ‚nym‘. Aber nein, damit ist er nicht einverstanden; +er will, daß ich dem ganzen Hofgesinde anbefehle, ihn sein Leben lang +nur bei einem ganz neuen Namen zu nennen, damit er, seinem Talent +entsprechend, wie gesagt, einen ‚veredelten Namen‘ habe ...“ + +„Ich könnte wetten, daß Sie es ihm auch versprochen haben, Onkel.“ + +„Ich ... weißt du, Freund Sserjosha, nur um mit ihnen nicht wieder in +Streit zu geraten ... Laß gut sein! Es war damals zwischen uns, Foma und +mir, hm! ... so ein Mißverständnis – du verstehst schon. Nun, und seit +der Zeit gibt es in jeder Woche einen anderen Familiennamen, und immer +wählt er sich so zarte Bedeutungen aus: Oleandroff, Tulpenoff ... Sag +doch selbst, Grigorij, denk doch nach: Zuerst batest du, daß man dich +Wernyj[3] nenne, ‚Grogorij Wernyj‘. Dann aber gefiel dir der Name nicht +mehr, weil irgendein Hofbengel einen Reim gefunden hatte und dich +‚Skwernyj‘[4] nannte. Du beklagtest dich: der Bengel wurde bestraft. +Zwei Wochen lang dachtest du dir einen anderen Namen aus. Endlich +hattest du dich entschlossen: Kamst, batest, man solle dich ‚Ulanoff‘ +nennen. Aber sag doch selbst, kann es denn einen dümmeren Namen als +‚Ulanoff‘ überhaupt geben? Doch ich war auch damit einverstanden: befahl +von neuem, dich nur noch ‚Ulanoff‘ zu nennen. Ich tat es nur, Freund“ – +mein Onkel wandte sich wieder an mich – „um die Sache vom Halse zu +haben. Drei Tage lang hießest du ‚Ulanoff‘. Du hast alle Wände, alle +Fensterbretter im Pavillon verdorben; denn, weißt du, Sserjosha, er hat +überall seinen Namenszug angebracht: ‚Grogorij Ulanoff‘. Später mußte +dann alles mit weißer Farbe übergestrichen werden. Du hast ein ganzes +Buch holländisches Papier zur Übung deiner Unterschrift verbraucht: +‚Ulanoff – Schriftprobe – Ulanoff – Schriftprobe‘. Na, dann war ihm auch +Ulanoff nicht recht: auf Ulanoff reimt sich zum Unglück ‚Bolwanoff‘[5]. +‚Ich will vom Gesinde nicht Bolwanoff genannt werden,‘ sagte er – und +wieder mußte der Name geändert werden! Wie hießest du dann noch, ich +habe es vergessen.“ + +„‚Tanzeff‘,“ antwortete Widopljässoff. „Wenn es mir durch meinen Namen +Widopljässoff auferlegt ist, einen Hampelmann darzustellen, dann möge es +doch wenigstens eine veredelte, eine ausländische Benennung sein: +Tanzeff.“ + +„Richtig: ‚Tanzeff‘. Nun, Freund, weißt du, ich war auch damit +einverstanden. Aber die Hofbengel sind dann auf einen solchen Reim +verfallen, daß man ihn überhaupt nicht aussprechen darf. Heute kommt er +wieder, will wieder einen neuen Namen haben. Ich wette, daß du ihn schon +in Bereitschaft hast. Nun, hab’ ich nicht recht, Grigorij, heraus mit +der Sprache!“ + +„Ich habe dieserhalb schon seit langem die Absicht, Euch meinen neuen +Namen zu Füßen zu breiten: einen neuen veredelten.“ + +„Und wie lautet er denn?“ + +„Esbuketoff.“ + +„Was? Und du schämst dich nicht, Grigorij? Ein Name, von der +Pomadenbüchse genommen! Du willst doch ein vernünftiger Mensch sein! Und +wie lange du darüber gebrütet haben wirst! Nicht wahr, den hast du auf +der Parfümflasche gelesen?“ + +„Erbarmen Sie sich, Onkel,“ sagte ich halblaut zu ihm, „der Kerl ist +doch ein Esel, ein ausgesprochener Narr!“ + +„Was soll ich denn tun, Freund?“ fragte mein Onkel gleichfalls halblaut +zurück. „Rund herum versichern alle, daß er klug und so begabt sei, und +daß dies nur die edlen Gefühle seien, die sich in ihm regten ...“ + +„So schicken Sie ihn doch um Christi willen zum Teufel, machen Sie sich +doch endlich von ihm los!“ + +„Hör mal, Grigorij! Sieh, mein Lieber, ich habe doch bei Gott keine +Zeit!“ begann mein Onkel mit einer geradezu bittenden Stimme, als +fürchte er sogar seinen eigenen Diener. „Nun, sag doch selbst, wie kann +ich mich denn jetzt mit deinen Klagen befassen! Du sagst, man hätte dich +wieder gekränkt? Nun gut, also höre: ich gebe dir hiermit mein +Ehrenwort, daß ich morgen die ganze Angelegenheit erledigen werde, jetzt +aber geh mit Gott ... Wart! Was macht Foma Fomitsch?“ + +„Haben sich zur Ruhe begeben. Geruhten nur zu befehlen, falls jemand +nach ihnen fragen sollte, dann zu sagen, daß sie diese Nacht im Gebet +kniend zu verbringen gedächten.“ + +„Hm! Nun, geh mal, geh! – Sieh, Sserjosha, er ist beständig bei Foma, so +daß ich ihn ordentlich fürchte. Und das Hofgesinde liebt ihn ja auch nur +deshalb nicht, weil er Foma alles hinterbringt. Jetzt ist er gegangen, +aber wer weiß, ob er nicht morgen irgend etwas klatschen wird. Aber +jetzt habe ich alles gut gemacht, Freund. Ich bin jetzt ganz ruhig ... +Es drängte mich nur zu dir ... Gott sei Dank, jetzt habe ich dich +endlich wieder!“ sagte er mit innigem Gefühl, und er drückte fest meine +Hand. „Weißt du, ich glaubte und fürchtete schon, daß du ernstlich böse +seist und mir entschlüpfen würdest. Ich habe sogar auf dich aufpassen +lassen, damit du mir nicht entwischst! Nun, Gott sei Dank! Jetzt ist’s +überstanden! Aber vorhin – was? – der alte Gawrila? – was er ihm da +sagte! Und auch Falalei, und du! – eins zum anderen! Nun, Gott sei Dank, +Gott sei Dank! Endlich kann ich mich mit dir aussprechen. Werde dir mein +ganzes Herz ausschütten. Du, Ssergei, fahre mir nur nicht fort: du bist +der einzige, den ich habe, du und Korowkin ...“ + +„Aber, erlauben Sie, Onkel, was haben Sie denn dort ‚gut gemacht‘, und +worauf soll ich denn hier noch warten, nach dem, was vorgefallen ist? +Offen gestanden, mir dreht sich der Kopf im Kreise!“ + +„Ach – steht mein Kopf etwa still? Der tanzt schon seit einem halben +Jahre Walzer! Aber Gott sei Dank! jetzt ist alles wieder gut. Man hat +mir vor allen Dingen verziehen, vollkommen verziehen, unter +verschiedenen Bedingungen natürlich: aber dafür bin ich jetzt ganz ruhig +und brauche nichts mehr zu fürchten. Meiner Ssaschenjka haben sie +gleichfalls alles verziehen. Aber die war doch vorhin, die war doch! – +was? ... heißes Herzchen! Ließ sich bißchen hinreißen ... Aber hat doch +ein goldenes Herzchen! Weißt du, ich bin sehr stolz auf mein kleines +Mädchen, Sserjosha. Möge Gott sie immer behüten. Dir wurde gleichfalls +verziehen, und weißt du, sogar _wie_! – Du kannst alles tun, was du +willst, kannst durch alle Zimmer gehen und auch im Garten spazieren, und +sogar dann, wenn Gäste da sind – mit einem Wort, alles, was du willst; +aber nur unter einer Bedingung, daß du morgen in Foma Fomitschs oder +meiner Mutter Gegenwart nicht sprichst, nur unter der Bedingung! Also +buchstäblich keine Silbe – ich habe es auch schon in deinem Namen +feierlich versprochen, – und du wirst nur zuhören, was die Älteren ... +Das heißt, ich wollte sagen, was die anderen sprechen. Sie sagten, du +seist noch zu jung. Du, Ssergei, nimm es nicht übel; denn schließlich +bist du ja auch wirklich noch jung ... Auch Anna Nilowna sagt es ...“ + +Allerdings war ich damals noch sehr jung, was ich sofort dadurch bewies, +daß ich ob solcher beleidigenden Bedingungen in helle Empörung geriet. + +„Hören Sie, Onkel!“ rief ich heftig aus, „sagen Sie mir bitte nur eines, +und beruhigen Sie mich wenigstens in dieser Hinsicht: Befinde ich mich +hier tatsächlich in einer Irrenanstalt, oder –?“ + +„Da haben wir’s, Freund, du willst gleich Kritik üben! Konntest du denn +das auf keine Weise unterdrücken?“ sagte er betrübt. „Durchaus nicht in +einer Irrenanstalt! Wir sind nur so von beiden Seiten ein wenig in Eifer +geraten. Aber du mußt doch zugeben, Freund, daß auch du dich nicht ganz +^comme il faut^ benommen hast. Du entsinnst dich doch noch dessen, was +du ihm an den Kopf warfst, – einem Manne, der doch immerhin in +ehrwürdigem Alter steht!“ + +„Solche Leute wie er haben kein ehrwürdiges Alter, Onkel.“ + +„Na, Freund, das ist denn doch etwas über die Schnur gehauen! Das ist +mehr als Freidenkertum. Ich habe ja selbst nichts gegen ein vernünftiges +Freidenkertum, aber das ist denn doch etwas zu stark – das heißt ... ich +meine ... ich – du hast mich eigentlich überrascht, Ssergei.“ + +„Seien Sie mir nicht böse, Onkel, ich sehe meine Schuld vollkommen ein, +meine Schuld vor Ihnen. Was aber Ihren Foma Fomitsch betrifft ...“ + +„Da haben wir’s! Nun auch noch ‚_Ihren_‘ Foma Fomitsch! Ach, Freund, +beurteile ihn nicht gar zu streng: er ist etwas misanthropisch veranlagt +– und das ist alles ... und ein bißchen kränklich. Man darf ihn nicht so +streng beurteilen. Dafür aber ist er ein edler Mensch, der edelste, kann +man sagen, von allen! Du warst ja doch vorhin selbst Zeuge – er +leuchtete förmlich! Und daß er zuweilen so seine kleinen Eigenheiten hat +und uns ein Stückchen spielt – lohnt es sich denn, das zu beachten? Bei +wem kommt denn so etwas nicht vor?“ + +„Im Gegenteil, Onkel, bei wem kommt denn so etwas überhaupt vor?“ + +„Ach, da kommst du wieder damit! Gutmütig bist du gerade nicht, +Sserjosha; zu verzeihen verstehst du nicht! ...“ + +„Nun gut, Onkel, gut, lassen wir das. Sagen Sie, haben Sie Nastassja +Jewgrafowna gesehen?“ + +„Ach, Freund, um sie allein handelte sich ja alles. Sieh, Sserjosha, +erstens – und das ist das wichtigste –: wir haben beschlossen, ihn +morgen alle zum Geburtstage zu beglückwünschen, – Foma, meine ich – weil +nämlich morgen wirklich sein Geburtstag ist. Ssaschenjka ist ein gutes +Kind, aber hierin täuschte sie sich. Wir werden also alle, die ganze +Karawane, zu ihm gehen, noch vor dem Frühgottesdienst. Iljuschka wird +ein Gedicht vortragen, so daß er sich sehr geschmeichelt fühlen wird. +Wenn doch auch du ihn, Sserjosha, zusammen mit uns beglückwünschen +würdest! Er würde dir dann vielleicht alles verzeihen. Und wie gut das +doch wäre, wenn ihr euch aussöhnen würdet! Vergiß, Freund, die Kränkung, +du hast ihn ja doch auch gekränkt, Sserjosha ... Er ist ein so +ehrenwerter Mensch ...“ + +„Onkel, um’s Himmels willen, ich habe von so wichtigen Dingen mit Ihnen +zu reden, Sie aber ... Wissen Sie denn,“ fragte ich nochmals, „wissen +Sie denn, was mit Nastassja Jewgrafowna geschehen ist?“ + +„Was, Freund, wie? Was fehlt dir? Weshalb bist du so heftig? Aber +ihretwegen hat doch die ganze Geschichte vorhin angefangen! Übrigens hat +sie nicht erst vorhin, sondern schon vor langer Zeit angefangen. Ich +wollte dir davon nur jetzt noch nichts sagen, um dich nicht zu +erschrecken ... Man wollte sie einfach hinausjagen, nun, und von mir +verlangt man, daß ich sie nach Hause schicke. Du kannst dir meine Lage +vorstellen ... Nun, Gott sei Dank! Jetzt ist alles wieder gut. Sie +dachten nämlich, sieh mal, – ich werde dir lieber schon alles sagen – +sie glaubten, daß ich selbst in sie verliebt sei und sie heiraten +wollte, kurz und gut, daß ich sie in mein eigenes Unglück hineinzureißen +beabsichtigte – denn das wäre es wirklich. So haben sie mir auch alles +erklärt ... und daher, um mich zu retten, hatten sie beschlossen, sie +hinauszujagen. Vor allem meine Mutter, aber hauptsächlich Anna Nilowna. +Foma schweigt vorläufig noch. Aber jetzt habe ich sie alle beruhigt, und +ich will dir sogleich gestehen: Ich habe dort gesagt, du seist bereits +mit Nastenjka verlobt – und nur deshalb hergekommen. Nun, das beruhigte +sie zum Teil, und sie kann jetzt hierbleiben. Und auch du bist jetzt in +ihrer Meinung sehr gestiegen, nachdem ich erklärt habe, daß du als +Freier hier auftrittst. Wenigstens hat sich meine Mutter allem Anschein +nach beruhigt. Nur Anna Nilowna Perepelizyna hat immer noch etwas +auszusetzen. Ich weiß wirklich nicht, was ich noch tun soll, um es ihr +recht zu machen. Ja, was die nur wollen mag, wirklich, diese Anna +Nilowna?“ + +„Onkel, lieber Onkel, Sie sind ja auf ganz falschem Wege, Sie täuschen +sich vollkommen! So hören Sie denn, daß Nastassja Jewgrafowna morgen von +hier fortfahren wird, wenn sie inzwischen nicht schon fortgefahren sein +sollte! Wissen Sie denn nicht, daß ihr Vater heute nur deshalb +hergekommen ist, um sie mitzunehmen? – daß schon alles beschlossen ist, +daß sie es mir heute selbst gesagt und mir zum Schluß aufgetragen hat, +Sie zu grüßen – wissen Sie das oder wissen Sie das nicht?“ + +Mein Onkel blieb so, wie er vor mir stand, wie erstarrt stehen und +vergaß sogar, den Mund zu schließen. Es schien mir, daß sich alles +zusammenkrampfte in ihm, und ein Stöhnen rang sich aus seiner Brust. + +Ohne jetzt noch zu zögern, erzählte ich ihm mein ganzes Gespräch mit +Nastenjka, meinen Antrag, ihre entschiedene Absage, ihren Ärger über +ihn, meinen Onkel, weil er mich brieflich hergerufen hatte. Ich sagte, +daß sie mit ihrer Abreise ihn vor der Ehe mit Tatjana Iwanowna bewahren +wolle – kurz, ich verschwieg nichts; ja, ich übertrieb noch, was es an +Unangenehmem in diesen Nachrichten gab. Ich wollte ihn schmerzhaft +treffen, wollte ihn endlich zu entschlossenem Eingreifen zwingen – und +es gelang mir wirklich, ihn wenigstens zu erschrecken. Er schrie +plötzlich auf und griff sich an den Kopf. + +„Wo ist sie jetzt, weißt du das? Wo ist sie jetzt?“ fragte er endlich, +bleich vor Angst. „Und ich, ich war bereits ruhig, glaubte, alles sei +jetzt wieder gut!“ rief er verzweifelt aus. + +„Ich weiß nicht, wo sie augenblicklich ist; nur ging sie vorhin, als +sich dort im Zimmer das Geschrei erhob, zu Ihnen: sie wollte alles, was +ich Ihnen soeben erzählt habe, denen da selbst sagen. Wahrscheinlich ist +sie nicht zugelassen worden.“ + +„Das fehlte noch, daß man sie zugelassen hätte! Gott, was hätte sie dann +angerichtet! Ach Gott, was sie sich da wieder in ihr stolzes Köpfchen +gesetzt haben mag! Und wohin will sie denn gehen, wohin? Wohin? Aber du, +du bist auch gut! Warum hat sie dir denn abgesagt? Unsinn! Du mußt ihr +gefallen! Weshalb hast du ihr denn nicht gefallen? So antworte doch, um +Gottes willen, was stehst du denn da und schweigst!“ + +„Aber – Onkel! Wie kann man nur solche Fragen stellen?“ + +„Es ist doch unmöglich! Du mußt, du mußt sie heiraten! Wozu habe ich +dich denn aus Petersburg hergebeten? Du mußt sie glücklich machen! Jetzt +will man sie von hier fortschicken, wenn sie aber deine Frau und meine +Nichte ist – dann wird man sie nicht mehr fortjagen können. Und wohin +will sie denn gehen? Was soll aus ihr werden? Eine Gouvernantenstelle? +Aber das ist doch Unsinn – Gouvernante! Und bis sie eine Stelle findet – +wovon sollen die Ihrigen so lange leben? Der Vater hat ja ganze neun zu +ernähren! Die haben selbst nichts zu beißen! Sie wird ja doch keine +Kopeke von mir annehmen, wenn sie wegen dieser schmutzigen Verleumdungen +fortgeht, weder sie noch ihr Vater. Und wie soll sie dann in dieser +Weise mein Haus verlassen? Entsetzlich! Und ohne Skandal ist es ganz +undenkbar – das weiß ich. Und ihr Gehalt ist schon vorausbezahlt, sie +hatten es für den Lebensunterhalt nötig ... sie allein ernährt sie doch. +Nun, sagen wir, ich empfehle sie, finde für sie eine ehrliche und +ehrenwerte Familie ... aber Teufel noch eins! – woher nimmst du sie +denn, diese ehrenwerten, wirklich ehrlichen Menschen? Na, gut, sagen +wir, es gibt sogar sehr viele solcher, – wozu Gott erzürnen! – aber es +ist doch, Freund, immerhin gefährlich: kann man sich denn auf die +Menschen verlassen? Zudem ist doch ein armer Mensch immer mißtrauisch: +es scheint ihm unwillkürlich, daß man ihn das Brot und die +Freundlichkeit mit seiner Erniedrigung bezahlen läßt! Man wird sie +sicherlich kränken, sie aber ist stolz, und dann ... ja, und was dann? +Und was dann, wenn schließlich noch so ein elender Verführer hinzukommt? +... Sie wird ihn ohrfeigen, – ich weiß, daß sie ihn ohrfeigen wird – +aber er wird sie doch beleidigen, der Schurke! Und sie kann dann doch +immer in üblen Leumund geraten, ein Schatten, ein Verdacht kann auf sie +fallen – was dann? ... Mein Kopf, mein Kopf droht mir zu zerspringen! +Großer Gott!“ + +„Onkel! Verzeihen Sie mir, wenn ich eine Frage an Sie richte,“ sagte ich +plötzlich feierlich. „Seien Sie mir nicht böse und vergessen Sie nicht, +daß Ihre Antwort auf diese Frage vieles entscheiden kann. Ich habe zum +Teil sogar das Recht, von Ihnen eine Antwort zu verlangen, Onkel.“ + +„Was, was meinst du? Was für eine Frage?“ + +„Sagen Sie mir wie vor Gott, offen und ohne Umschweife: Empfinden Sie +nicht, daß Sie selbst in Nastassja Jewgrafowna ein wenig verliebt sind +und sie gern selbst heiraten würden? Bedenken Sie doch nur: einzig wegen +dieser Befürchtung will man sie doch aus dem Hause entfernen.“ + +Mein Onkel machte eine energische Geste wie in heftigster Ungeduld. + +„Ich? Verliebt? In sie? Ihr seid wohl alle nicht recht bei Troste oder +habt euch gegen mich verschworen! Wozu habe ich denn dich herbestellt, +wenn nicht, um ihnen allen endlich zu beweisen, daß sie nicht recht +gescheit sind? Weshalb will ich denn dich mit ihr verheiraten? Ich? In +sie? Ver... Verliebt? Ihr seid wohl wirklich alle ...!“ + +„Wenn es sich so verhält, Onkel, dann erlauben Sie mir, alles +auszusprechen. Ich erkläre Ihnen hiermit feierlich, daß ich in dieser +Annahme entschieden nichts Schlechtes finden kann. Im Gegenteil, Sie +würden sie überaus glücklich machen, wenn Sie sie nun einmal so lieben, +und – und Gott gebe es! Möge Gott Ihnen Liebe und Rat schenken!“ + +„Aber, um’s Himmels willen, was redest du da!“ rief mein Onkel fast +entsetzt aus. „Ich wundere mich nur, wie du das so kaltblütig +aussprechen kannst ... und ... überhaupt, Freund, eilst du immer +irgendwohin – diesen Zug habe ich schon an dir bemerkt! Ist denn das +nicht einfach sinnlos, was du da sagst? Wie, sag doch selbst, wie soll +ich sie denn heiraten, wenn ich sie gewissermaßen als meine Tochter +betrachte? Ja, eben nur wie ein Vater seine Tochter und nicht anders! Es +wäre sogar eine Schande und eine Sünde, wenn ich anders auf sie blicken +würde! Ich – ein Greis, und sie – ein kleines Mädchen! Sogar Foma hat es +mir genau so in diesen Ausdrücken erklärt. Ich empfinde nur väterliche +Liebe für sie in meinem Herzen, und da kommst du nun mit Eheschließung! +Sie würde ja vielleicht aus Dankbarkeit nicht absagen, aber dann müßte +sie mich doch ewig verachten, wenn ich ihre Dankbarkeit in dieser Weise +ausnutzte. Ich würde sie nur unglücklich machen und ... und würde ihre +Anhänglichkeit verlieren! Ach, ich würde ihr ja meine ganze Seele +hingeben, mein kleines Mädchen, das heißt ... Sie ... sie ... Ich liebe +sie ebenso wie Ssaschenjka, sogar mehr, aber das will ich nur dir allein +gestehen; denn Ssaschenjka ist, siehst du, sowieso meine Tochter, nach +dem Gesetz und mit Recht, diese aber habe ich durch meine Liebe zu +meiner Tochter gemacht. Ich habe sie aus armen Verhältnissen zu mir +genommen. Auch Katjä, mein toter Liebling, hat die Kleine geliebt und +hat sie mir als Tochter hinterlassen. Ich habe sie gut erziehen lassen: +französische Stunden und Klavierstunden und Literaturstunden – kurz und +gut, alles was dazu gehört. Was für ein Lächeln sie hat! Hast du es +nicht bemerkt, Sserjosha? Man glaubt, sie lache über einen, indessen +lacht sie gar nicht, sondern, im Gegenteil, liebt dich ... Ich ... sieh, +ich glaubte, du würdest kommen, bei ihr anhalten – dann würden sie sich +alle überzeugen, daß ich keine ... Absichten auf sie habe, und würden +dann endlich aufhören, alle diese dummen, schmutzigen Geschichten über +sie zu verbreiten. Sie würde dann hier bei uns in Ruhe und Frieden +leben: und wie würden wir alle glücklich sein! Ihr seid ja beide meine +Kinder, beide gewissermaßen Waisen, beide seid ihr unter meiner +Vormundschaft aufgewachsen ... ich würde euch beide so lieben, so +lieben! Ich würde euch mein ganzes Leben hingeben, niemals mich von euch +trennen, überall würde ich bei euch sein! Ach, wie glücklich wir doch +sein könnten! Und warum nur ärgern sich die Menschen, warum sind sie +alle so böse, warum hassen sie einander? Ich ... ich würde sie alle +einmal so fest in meine Arme nehmen und es ihnen so recht von +Herzensgrund erklären wollen! Würde ihnen so die ganze Herzenswahrheit +zeigen! Ach, du, Grundgütiger!“ + +„Onkel, Sie haben in allem vollkommen recht, nur ändert das an der +Tatsache nichts, daß sie mir einen Korb gegeben hat.“ + +„Einen Korb! ...? ... Hm! ... Aber weißt du, es ist mir doch, als hätte +ich es vorausgefühlt, daß sie dir absagen würde,“ sagte er nachdenklich. +„Aber nein!“ rief er aus, „ich glaube es nicht! Das ist unmöglich. In +dem Falle würde ja nichts zustande kommen! Sicherlich hast du es +irgendwie ungeschickt angefangen, hast sie vielleicht sogar gekränkt +oder ihr womöglich Komplimente zu machen versucht ... Erzähle mir noch +einmal, wie es war, Ssergei!“ + +Ich wiederholte alles noch einmal ganz ausführlich. Als ich sagte, daß +Nastenjka mit ihrer Entfernung ihn, meinen Onkel, vor der Ehe mit +Tatjana Iwanowna bewahren wolle, lächelte er bitter. + +„Bewahren!“ sagte er. „Bewahren bis morgen!“ + +„Sie wollen doch damit nicht sagen, daß Sie Tatjana Iwanowna heiraten +werden?“ rief ich erschrocken aus. + +„Womit habe ich es denn erkauft, daß Nastjä morgen nicht hinausgeworfen +wird? Morgen noch werde ich anhalten – ich habe es versprochen.“ + +„Wie, Sie haben sich dazu entschließen können, Onkel?“ + +„Was sollte ich tun, Freund, es war nichts zu wollen! Es zerreißt mir ja +das Herz, aber ich habe mich entschlossen. Morgen halte ich um sie an +... die Hochzeit soll still gefeiert werden, nur im Familienkreise. Es +ist auch besser so, Freund. Du wirst natürlich mein Ehrenmarschall sein +... bei der Trauung. Das habe ich auch drüben schon angedeutet, so daß +sie dich bis dahin bestimmt nicht vor die Tür setzen werden. Was soll +man denn tun, Freund? Sie sagen: ‚Du machst deine Kinder steinreich!‘ +Natürlich, was ist man für seine Kinder nicht zu tun bereit! Selbst auf +den Kopf stellt man sich ... um so mehr, als es ja auch im Grunde ganz +richtig so ist. Und ich muß doch etwas für meine Familie tun! Ich kann +doch nicht immer dieser Egoist bleiben!“ + +„Aber, Onkel, sie ist doch verrückt!“ rief ich aus, ohne im Augenblick +daran zu denken, daß sie ja doch schon so gut wie seine Braut war. Mein +Herz krampfte sich zusammen vor Schmerz. + +„Na, jetzt erklärst du sie sogar schon für verrückt! Sie ist durchaus +nicht verrückt, Freund, sondern ... nur so, weißt du, sie hat viel +Schweres durchgemacht ... Was soll man denn tun, Freund, ich wäre ja +auch froh, eine mit vollem Verstande ... Aber übrigens, was für welche +gibt es nicht auch unter denen, die geistig normal sind! Und wenn du +wüßtest, wie gut sie ist, wie edelmütig ...“ + +„Großer Gott! Er söhnt sich mit dem Gedanken bereits aus!“ Ich war im +Begriff, zu verzweifeln. + +„Aber was soll ich denn tun, wenn ich mich nicht aussöhne? Und sie +wollen das alles doch nur zu meinem Besten, und ... und schließlich sah +ich ein, daß ich früher oder später doch daran werde glauben müssen, +davor wird mich keiner retten: sie werden mich zu zwingen verstehen, sie +zu heiraten. Deshalb ist es doch besser, sich sogleich zu entschließen, +als erst noch lange herumzustreiten. Ich werde dir, Freund, alles ganz +offen sagen: weißt du, ich bin zum Teil sogar ganz froh darüber. Hat man +sich entschlossen, so hat man sich entschlossen – dann ist es wenigstens +erledigt, und man hat es hinter sich. Man fühlt sich auch ruhiger, weißt +du. Ich, siehst du, ich kam ja auch schon ganz ruhig hierher. Aber so +will es wahrscheinlich mein Stern! Und die Hauptsache, unser Gewinn +sozusagen, ist doch, daß Nastjä bei uns bleibt. Ich habe doch nur unter +dieser Bedingung eingewilligt. Und nun will _sie selbst_ fortgehen! Das +darf nicht sein!“ Mein Onkel stampfte mit dem Fuß auf. „Hör, Ssergei,“ +fuhr er plötzlich entschlossen fort, „erwarte mich hier, bleibe hier im +Zimmer, ich werde im Augenblick wieder hier sein.“ + +„Wohin, wohin gehen Sie, Onkel?“ + +„Vielleicht treffe ich sie, Ssergei. Dann wird sich alles aufklären, +glaube mir, alles wird sich aufklären und ... und ... du wirst sie +heiraten – ich gebe dir mein Ehrenwort!“ + +Mein Onkel verließ das Zimmer, schlug aber, wie ich sah, nicht den Weg +zum Hause ein, sondern ging noch tiefer in den Garten, in der Richtung +auf den Weiher. Ich blickte ihm durch das Fenster nach. + + + + + XII. + + Die Katastrophe. + + +Ich war allein. Die Lage, in der ich mich befand, war unerträglich: Ich +hatte einen Korb erhalten, und mein Onkel wollte mich ungeachtet dessen +mit Gewalt verheiraten. Meine Gedanken schweiften unruhig umher, doch +ich konnte keinen ruhig zu Ende denken. Misintschikoff und sein +Vorschlag wollten mir nicht aus dem Sinn. Es galt, was es auch koste, +meinen Onkel zu retten. Ich dachte sogar daran, Misintschikoff +unverzüglich aufzusuchen und ihm alles zu erzählen ... Aber wohin war +mein Onkel gegangen? Er hatte gesagt, daß er Nastenjka sprechen wolle, +und hatte doch den Weg in den Garten eingeschlagen. Einen Augenblick +dachte ich an heimliche Zusammenkünfte, und ein unangenehmes Gefühl +regte sich in meinem Herzen. Mir fielen Misintschikoffs Worte ein: daß +sie heimliche Beziehungen zueinander hätten ... Ich sann nach – wies +dann aber jeden Verdacht unwillig von mir. Nein, mein Onkel konnte nicht +betrügen, das lag ja auf der Hand. Doch meine Unruhe wuchs mit jeder +Minute. Fast unbewußt trat ich hinaus auf die Treppe und ging dann in +Gedanken versunken dieselbe Allee entlang, die mein Onkel verfolgt +hatte. Der große Sommermond stand rot und noch niedrig über dem +Horizont. Ich kannte den Garten gut und brauchte nicht zu fürchten, +irrezugehen. Als ich mich der alten Laube näherte, die einsam am Ufer +des schlammigen, schilfbewachsenen Weihers stand, blieb ich plötzlich +wie angewurzelt stehen: ich vernahm deutlich Stimmengeflüster, das aus +der Laube kam. Ich kann nicht sagen, welch ein eigenartig ärgerliches +Gefühl mich erfaßte! Ich war überzeugt, daß mein Onkel und Nastenjka +dort saßen, und ich ging geradeaus weiter, indem ich auf alle Fälle mein +Gewissen wenigstens damit beruhigte, daß ich denselben Schritt +beibehielt und mich nicht etwa unbemerkt heranzuschleichen suchte. Da +vernahm ich plötzlich, daß zwei sich küßten, und darauf folgte eine +Menge begeisterter Worte und dann – ein durchdringender weiblicher +Schrei! Fast im selben Augenblick aber lief oder flog auch schon eine +weißgekleidete Dame wie eine Schwalbe an mir vorüber. Es schien mir, daß +sie das Gesicht mit den Händen bedeckt hatte, um nicht erkannt zu +werden. Man hatte mich also aus der Laube bemerkt. Wie groß aber war +meine Verwunderung, als ich in dem Herrn, der nach der aufgescheuchten +Dame aus der Laube trat, – Obnoskin erkannte, Obnoskin, der nach +Misintschikoffs Behauptung Stepantschikowo bereits verlassen hatte! Auch +Obnoskin war nicht wenig verwirrt: seine sonst so anmaßende Haltung war +völlig verschwunden. + +„Entschuldigen Sie, aber ... ich hatte nicht erwartet, mit Ihnen hier +zusammenzutreffen,“ brachte er stotternd und mit verlegenem Lächeln +hervor. + +„Dasselbe kann ich auch von mir sagen,“ entgegnete ich spöttisch, „um so +mehr, als ich gehört habe, daß Sie bereits fortgefahren seien.“ + +„Nein ... das war nur so ... ich begleitete nur meine Mutter ... eine +Strecke ... Aber darf ich mich an Sie mit einer Bitte wenden; denn ich +weiß, daß Sie ein ehrenwerter Mensch sind ...“ + +„Und diese Bitte wäre?“ + +„Es gibt Fälle – und Sie werden mir darin zustimmen – in denen ein +wirklich edler Mensch gezwungen ist, an den ganzen Edelmut eines +anderen, gleichfalls edlen Menschen zu appellieren ... Ich hoffe, Sie +verstehen mich ...“ + +„Hoffen Sie das nicht; denn ich verstehe Sie tatsächlich nicht.“ + +„Sie haben doch die Dame gesehen, die hier mit mir in der Laube war?“ + +„Gesehen – ja, aber nicht erkannt.“ + +„Ah, nicht erkannt ... Diese Dame werde ich alsbald meine Frau nennen.“ + +„Gratuliere. Aber womit kann ich Ihnen dienen?“ + +„Nur mit einem: es als tiefstes Geheimnis zu bewahren, daß Sie mich mit +dieser Dame hier gesehen haben ...“ + +„Wer mag das gewesen sein?“ dachte ich, „doch nicht ...?“ + +„Wirklich, ich weiß nicht ...“ sagte ich. „Sie werden entschuldigen, daß +ich Ihnen mein Wort nicht geben kann ...“ + +„Um’s Himmels willen, ich _bitte_ Sie doch darum!“ flehte Obnoskin. +„Begreifen Sie doch meine Situation! Es ist noch ein Geheimnis. Sie +können gleichfalls einmal Bräutigam sein: dann werde auch ich +meinerseits ...“ + +„Pst! Jemand kommt!“ + +„Wo?“ + +In der Tat bemerkten wir kaum dreißig Schritt von uns den Schatten eines +Menschen vorübergleiten. + +„Das ... das war Foma Fomitsch!“ flüsterte Obnoskin, am ganzen Leibe +zitternd. „Ich erkannte ihn am Gang. Mein Gott! da kommen wieder +Schritte! Von der anderen Seite! Hören Sie ... Leben Sie wohl! Ich danke +Ihnen und ... flehe Sie an ...“ + +Obnoskin verschwand. Nach einer Minute stand mein Onkel vor mir, wie aus +der Erde gewachsen. + +„Bist du es?“ fragte er hastig. „Alles ist verloren, Ssergei, jetzt ist +alles verloren!“ + +Ich bemerkte, daß auch er am ganzen Körper zitterte. + +„Was ist verloren, Onkel?“ + +„Gehen wir!“ Er erfaßte krampfhaft meine Hand und zog mich nach sich. +Während des ganzen Weges bis zum Sommerhaus sprach er kein Wort und ließ +auch mich nicht sprechen. Ich erwartete etwas Außergewöhnliches und kann +sagen, daß ich in meiner Erwartung auch nicht enttäuscht wurde. Als wir +mein Zimmer betraten, schwindelte ihm und er wankte. Er war bleich wie +ein Toter. Ich spritzte ihm sofort Wasser ins Gesicht. „Es muß etwas +Furchtbares geschehen sein,“ dachte ich, „wenn ein Mann wie er – in +dieser Weise ... fast ohnmächtig wird.“ + +„Onkel, was haben Sie nur?“ fragte ich schließlich. + +„Alles ist verloren, Ssergei! Foma überraschte mich und Nastenjka im +Garten ... gerade in dem Augenblick, als ich sie küßte ...“ + +„Als Sie sie küßten? Im Garten?“ Ich sah ihn verständnislos an. + +„Im Garten, Freund, Gott wollte es so! Ich ging, um sie unverzüglich zu +sprechen ... Ich wollte ihr alles sagen, wollte ihr zureden, sie zur +Vernunft bringen ... in bezug auf dich, weißt du. Sie aber hatte schon +seit einer ganzen Stunde auf mich gewartet, dort, bei der zerbrochenen +Bank ... hinter dem Weiher ... Sie kommt oft dorthin, wenn ich mit ihr +sprechen muß.“ + +„Oft?“ + +„Oft, oft, Freund! In der letzten Zeit haben wir uns dort fast in jeder +Nacht getroffen. Nun haben sie uns wahrscheinlich aufgelauert – ich weiß +es genau, daß sie spioniert haben, und ich weiß auch, daß Anna Nilowna +die Hauptbeteiligte ist. So stellten wir denn unsere Zusammenkünfte ein: +seit vier Tagen hatten wir uns nicht gesehen ... aber heute ging es doch +nicht anders ... Du weißt doch selbst, wie notwendig es war ... Und wie +und wo hätte ich sonst ein Wort mit ihr reden können? Ich ging also in +der Hoffnung hin, sie dort anzutreffen ... Und sie saß auch schon seit +einer Stunde da ... und hatte auf mich gewartet: sie hatte mir +gleichfalls Wichtiges zu sagen ...“ + +„Wie kann man nur so unvorsichtig sein! Sie wußten doch, daß man Sie +beide beobachtet!“ + +„Aber es war doch ein kritischer Augenblick, Ssergei! Wir mußten uns +doch über so vieles aussprechen! Am Tage wage ich ja nicht einmal, sie +anzusehen: sie sieht in den einen Winkel und ich absichtlich in den +anderen, als wenn ich überhaupt nicht bemerkte, daß sie auf der Welt +ist. In der Nacht aber treffen wir uns und können uns dann aussprechen +...“ + +„Und was geschah nun heute, Onkel?“ + +„Oh! Kaum hatte ich ihr zwei Worte gesagt, weißt du – da fing mein Herz +zu hämmern an, und die Tränen traten mir in die Augen. Ich wollte sie +bereden, dich doch zu heiraten – sie aber sagte mir ohne weiteres: ‚Dann +lieben Sie mich offenbar überhaupt nicht, dann sehen Sie ja gar nichts!‘ +Und plötzlich wirft sie sich an meine Brust, umarmt mich krampfhaft, +weint und schluchzt: ‚Ich liebe nur Sie allein,‘ sagte sie, ‚ich werde +keinen anderen heiraten! Ich liebe Sie schon lange, nur werde ich auch +Sie nicht heiraten, sondern morgen noch fortfahren und ins Kloster +gehen.‘“ + +„Donnerwetter! Hat sie das wirklich so gesagt? Und was geschah dann +weiter – weiter, Onkel?“ + +„Da – ich blickte auf: vor uns steht Foma! Woher er nur gekommen sein +mag? Er kann doch unmöglich hinter dem Gebüsch gehockt haben, um nur auf +diesen Sündenaugenblick zu warten?“ + +„Der Schuft!“ + +„Ich erstarrte, Nastenjka lief fort, und Foma Fomitsch ging schweigend +an uns vorüber und drohte mir nur einmal so mit dem Finger. – Begreifst +du jetzt, Ssergei, was es morgen geben wird?“ + +„Wie sollte ich nicht!“ + +„Begreifst du?“ rief er verzweifelt aus und sprang vom Stuhl auf. +„Begreifst du, daß sie sie verderben, verleumden, entehren wollen? Sie +suchen einen Vorwand, um ihr eine Schande anhängen und sie dann aus dem +Hause treiben zu können! Und jetzt haben sie ihn glücklich gefunden! +Haben sie doch schon gesagt, sie hätte ein ehrloses Verhältnis mit mir! +Ja, diese Schurken haben sogar gesagt, sie hätte auch eins mit +Widopljässoff gehabt! Und das hat alles diese Anna Nilowna verbreitet! +Was wird jetzt werden? Was wird morgen sein? Sollte Foma es wirklich +erzählen?“ + +„Unbedingt wird er es erzählen, Onkel.“ + +„Wenn er es aber erzählt, wenn er es wagt ...“ Mein Onkel biß sich die +Lippen und ballte die Fäuste. „Nein, nein! Ich glaube es nicht! Er wird +es nicht sagen, er wird begreifen ... er ist ein Mensch mit edler +Gesinnung! Er wird sie schonen ...“ + +„Schonen oder nicht schonen,“ unterbrach ich ihn entschlossen; +„jedenfalls aber ist es jetzt Ihre Pflicht, morgen um Nastassja +Jewgrafownas Hand anzuhalten.“ + +Mein Onkel blickte mich unbeweglich an. + +„Sehen Sie denn nicht ein, Onkel, daß Sie dem Mädchen die Ehre nehmen, +wenn Sie die Sache an die große Glocke hängen lassen? Sehen Sie denn +nicht ein, daß Sie allem Gerede so schnell wie möglich die Spitze +abbrechen müssen? Sie müssen jedem furchtlos und stolz in die Augen +blicken können, Ihre Verlobung sofort veröffentlichen, alle Ihre +Vernunftgründe zum Teufel schicken und Foma, wenn er dagegen auch nur zu +mucken wagt, einfach zu Pulver zerstäuben! ...“ + +„Ssergei, Freund, ich dachte daran, als wir herkamen!“ + +„Und zu was haben Sie sich entschlossen?“ + +„Mein Entschluß steht fest! Ich hatte mich bereits entschlossen, noch +bevor ich dir zu erzählen begann!“ + +„Bravo, Onkel!“ + +Ich fiel ihm um den Hals vor Freude. + +Lange noch sprachen wir. Ich hielt ihm alle die unerbittlichen Gründe +vor, die ihn zwangen, Nastenjka zu heiraten, und die er übrigens selbst +noch viel besser begriff als ich. Aber ich kam nun einmal ins Reden. Ich +freute mich unsäglich für ihn. Jetzt zwang ihn die Pflicht, anderenfalls +hätte er sich wohl nie entschlossen. Vor der Pflicht aber, und noch dazu +einer Ehrenpflicht, war er machtlos. + +Doch ungeachtet alles dessen wußte ich entschieden nicht, wie das +Vorhaben ausgeführt werden sollte. Ich wußte und glaubte ohne den +geringsten Zweifel, daß mein Onkel um keinen Preis von dem ablassen +werde, was er einmal als seine Pflicht erkannt hatte. Aber im Grunde +fürchtete ich doch, daß er nicht rücksichtslos genug sein könne, um sich +gegen die Herrscher in seinem Hause aufzulehnen. Nur deshalb bemühte ich +mich so hartnäckig, ihn anzutreiben und in dieser Richtung +vorwärtszustoßen: und so legte ich mich denn mit dem ganzen Eifer der +Jugend ins Zeug. + +„... Um so mehr, um so mehr müssen Sie es,“ wiederholte ich, „als jetzt +bereits alles beschlossen ist und Ihre letzten Zweifel aufgehoben sind! +Es ist etwas geschehen, was _Sie_ nicht erwartet haben, obgleich es alle +seit langer Zeit wissen: Nastassja Jewgrafowna liebt Sie! Wollen Sie es +denn wirklich zulassen!“ rief ich heftig aus, „daß diese reine Liebe +sich für sie in Schmach und Schande verwandle?“ + +„Niemals will ich das! Aber, Freund, ist es denn überhaupt möglich, daß +ich so glücklich werden könnte? Und wie kann sie mich nur lieben, und +wofür eigentlich? wofür? Ich glaube, es ist doch so gar nichts an mir +... Ich bin ein Greis im Vergleich zu ihr. Nein, das hätte ich nie +erwartet! Liebling, mein Liebling! ... Höre, Sserjosha, vorhin fragtest +du mich, ob ich nicht in sie verliebt sei: hattest du irgendeine ... +Idee vielleicht?“ + +„Ich sah nur, Onkel, daß Sie sie so liebten, wie man noch mehr einen +Menschen überhaupt nicht lieben kann; und daß Sie sie liebten, ohne es +selbst zu wissen. Denken Sie doch einmal nach: Sie rufen mich aus +Petersburg her und wollen mich mit ihr verheiraten, einzig damit sie +Ihre Nichte werde und Sie, Onkel, uns dann ewig bei sich haben können +...“ + +„Und du ... du verzeihst mir, Ssergei?“ + +„Ach, Onkel ...“ + +Er preßte mich an sein Herz. + +„Aber jetzt seien Sie auf der Hut; denn es haben sich ja dort alle gegen +Sie verschworen. Sie müssen sich erheben und gegen alle kämpfen, und +zwar gleich morgen!“ + +„Ja ... ja, morgen!“ wiederholte er etwas nachdenklich, „und weißt du, +wir wollen die Sache männlich und vollkommen überzeugt von unserem Recht +anfassen, mit wirklicher Charakterstärke ... ja eben mit +Charakterstärke!“ + +„Lassen Sie den Mut nicht sinken, Onkel!“ + +„Nein, ich werde den Mut nicht sinken lassen, Ssergei! Nur eines: ich +weiß nicht, welch einen Schlachtplan ich wählen soll!“ + +„Denken Sie jetzt nicht daran, Onkel. Morgen wird alles seine Lösung +finden. Für heute beruhigen Sie sich. Je mehr man jetzt grübelt, um so +schlimmer ist es. Und falls Foma den Mund auftut – dann entweder: ihn +unverzüglich vor die Tür setzen, oder: ihn zu Staub zermalmen!“ + +„Geht es denn nicht auch ohne das? Freund, ich habe so beschlossen: +morgen gehe ich in aller Frühe zu ihm und erzähle ihm den ganzen +Sachverhalt, so wie ich ihn dir erzählt habe. Er kann mich doch +unmöglich nicht verstehen wollen! Er ist doch ein edler Mensch, der +edelste von allen! Aber sieh, was mich beunruhigt: was dann, wenn er +meine Mutter und Tatjana Iwanowna heute schon von der bevorstehenden +Werbung benachrichtigt hat? Das wäre doch furchtbar?“ + +„Tatjana Iwanownas wegen brauchen Sie sich nicht zu beunruhigen, Onkel.“ +Und ich erzählte ihm meine Begegnung mit Obnoskin vor der Laube. Mein +Onkel war maßlos erstaunt. Misintschikoff erwähnte ich mit keinem Wort. + +„Eine phantasmagorische Person, in der Tat! Wirklich, eine +phantasmagorische Person!“ rief er aus. „Die Arme! Man will ihre +Naivität ausnutzen! Und war es wirklich Obnoskin? Aber er fuhr doch nach +dem Tee fort? Sonderbar, höchst sonderbar! Ich bin wirklich betroffen, +Sserjosha ... Das muß man morgen noch untersuchen, um gegebenenfalls +Maßregeln ergreifen zu können ... Aber bist du auch überzeugt, daß es +Tatjana Iwanowna war?“ + +Ich sagte, daß ich ihr Gesicht zwar nicht gesehen hätte, aber aus +gewissen Gründen fest überzeugt sei, daß es Tatjana Iwanowna gewesen +war. + +„Hm! Oder sollte es nicht doch ein kleines Techtelmechtel mit einem der +Hofmädchen gewesen sein, und dir hat es vielleicht nur so geschienen, +daß es Tatjana Iwanowna war? War es nicht Dascha, die Gärtnerstochter? +Das ist ein durchtriebenes Mädchen! Man hat sie bereits öfter bemerkt +... Nur deshalb sage ich es ja, weil man sie wirklich schon gesehen hat. +Anna Nilowna hat sie ertappt! ... Aber nein, das ist auch +unwahrscheinlich! Und er hat dir gesagt, daß er sie heiraten wolle? +Sonderbar, sehr sonderbar ...“ + +Endlich trennten wir uns. Ich umarmte ihn zum Abschied. + +„Morgen, morgen wird sich alles entscheiden,“ sagte er lebhaft, „noch +bevor du aufstehst! Ich werde zu Foma gehen und ihm ritterlich alles +aufdecken, wie meinem leiblichen Bruder, alles, was ich auf meinem +Herzen habe, meine ganze Seele. Leb wohl, Sserjosha. Leg dich jetzt hin, +du wirst müde sein. Na, und ich – ich werde in der ganzen Nacht wohl +kein Auge schließen.“ + +Er ging. Ich legte mich unverzüglich schlafen; denn ich war in der Tat +todmüde. Das war ein schwerer Tag gewesen! Meine Nerven waren überreizt, +und bevor ich endlich einschlief, zuckte ich noch mehrmals zusammen und +wachte immer wieder aus dem Halbschlaf auf. + +Aber wie seltsam meine Eindrücke auch während des Einschlafens waren, so +war ihre Seltsamkeit doch noch nichts im Vergleich mit der Seltsamkeit +meines Erwachens am nächsten Morgen. + + + + + XIII. + + Die Verfolgung. + + +Ich schlief traumlos und ungewöhnlich fest. Plötzlich fühlte ich, wie +ein Gewicht von etwa vierhundert Pfund sich auf meine Beine legte: ich +schrie auf und erwachte. + +Es war schon hell: durch die Fenster flutete gelbes Sommermorgenlicht +ins Zimmer. Auf meinem Bett, oder richtiger, auf meinen Beinen saß – +Herr Bachtschejeff. + +Ein Zweifel war ausgeschlossen: er war es. Nachdem ich meine Füße mit +genauer Not von dieser Last befreit hatte, setzte ich mich im Bett auf +und sah ihn mit der stumpfen Verständnislosigkeit eines kaum erwachten +Menschen an. + +„Er glotzt noch!“ rief der Dicke empört aus. „Was staunst du mich denn +an? Steh auf, Alter, steh auf! Wecke dich hier schon seit einer halben +Stunde. Reib dir endlich den Schlaf aus den Augen!“ + +„Was ist geschehen? Wieviel ist die Uhr?“ + +„Die Uhr ist noch nicht viel, aber unsere Fewronja hat nicht einmal den +Tag erwartet, um loszuziehen. Steh mal auf, fix, wir setzen ihr nach!“ + +„Was für eine Fewronja?“ + +„Na, die unserige doch, die Holde, wer denn sonst! Ist schon über alle +Berge! Bereits vor Sonnenaufgang ausgekniffen! Ich aber bin ja, mein +Bester, nur auf einen Augenblick zu Ihnen gekommen, bloß um Sie auf die +Beine zu bringen – und da vertrödele ich nun mit ihm geschlagene zwei +Stunden! Stehen Sie auf, mein Lieber, Ihr Onkel erwartet Sie schon ... +Da hat man nun die Bescherung!“ knurrte er zum Schluß, mit einer +gewissen schadenfrohen Gereiztheit in der Stimme. + +„Aber von wem ... wovon reden Sie?“ fragte ich erregt; denn ich begann +bereits zu ahnen, „... doch nicht ... Tatjana Iwanowna?“ + +„Von wem denn sonst? Natürlich von ihr! Habe ich nicht gesagt, gewarnt – +keiner wollte auf mich hören! Da habt ihr jetzt die Bescherung ... zum +Feiertage! Kupido hat ihr den Kopf verdreht, nur deswegen ist sie +verrückt! Pfui! Aber jener, jener – was? Da habt ihr jetzt den +Spitzbart!“ + +„Doch nicht mit Misintschikoff?“ + +„Hör nur einer _so_ was! Nun reib dir aber den Schlaf aus den Augen und +werde wenigstens dem großen Feiertage zu Ehren nüchtern! Bist wohl +gestern bis untern Tisch gekommen, wenn dir der Schädel jetzt noch +brummt! Was: Misintschikoff! – Mit Obnoskin, aber nicht mit +Misintschikoff! Iwan Iwanowitsch Misintschikoff ist ein anständiger +Mensch und macht sich mit uns auf die Verfolgung.“ + +„Was Sie sagen!“ rief ich erschrocken aus und machte, noch halb sitzend, +einen Sprung aus dem Bett, „tatsächlich mit Obnoskin?“ + +„Pfui, du langweiliger Mensch!“ Der Dicke erhob sich fauchend von meinem +Bett. „Ich komme zu ihm wie zu einem gebildeten Menschen, um ihm das +Unglück mitzuteilen, er aber zweifelt noch! Du, mein Lieber, wenn du mit +willst, so erheb dich schleunigst und zieh dir deine Höschen an; ich +aber hab’s satt, hier mit meiner Lunge für dich zu arbeiten: habe +sowieso schon meine Zeit an dich verschwendet!“ + +Und er verließ äußerst ungehalten mein Zimmer. + +Noch ganz bestürzt von der Nachricht, sprang ich aus dem Bett, kleidete +mich schnell an und eilte ins Herrenhaus. + +Dort schien noch alles zu schlafen: und so trat ich denn vorsichtig +durch die Paradetür ein, um unbemerkt zu meinem Onkel zu kommen. Kaum +war ich eingetreten, als plötzlich Nastenjka vor mir stand: sie mußte +soeben erst aufgestanden sein und sich in aller Eile angezogen haben. +Ihr Haar war in Unordnung, und sie trug eine Art Morgenkleid oder +Umwurf. Wahrscheinlich hatte sie im Flur auf jemanden gewartet. + +„Sagen Sie, bitte, ist es wahr, daß Tatjana Iwanowna mit Obnoskin +fortgefahren ist?“ fragte sie mich erregt mit zitternder Stimme, bleich +und sichtlich erschrocken. + +„Es soll wahr sein. Ich suche meinen Onkel ... Wir wollen ihr nachfahren +...“ + +„Oh, bringen Sie sie, bringen Sie sie schnell zurück! Wenn Sie es nicht +tun, ist sie verloren!“ + +„Aber wo ist denn mein Onkel?“ + +„Wahrscheinlich bei den Pferdeställen. Die Pferde werden schon +angeschirrt. Ich habe hier auf ihn gewartet. Hören Sie, sagen Sie ihm +von mir, daß ich unbedingt heute noch fortfahren will: ich bin fest +entschlossen. Mein Vater nimmt mich zu sich. Am liebsten würde ich +sofort fahren, wenn es sich nur machen ließe! Jetzt ist alles verloren! +Jetzt ist alles zu Ende!“ + +Während sie das sagte sah sie mich selbst wie eine Verlorene an – und +plötzlich brach sie in Tränen aus. Es schien ein nervöser Anfall zu +sein. + +„Beruhigen Sie sich, beruhigen Sie sich!“ bat ich sie. „Das ist doch nur +eine günstige Wendung – Sie werden sehen ... Was haben Sie nur, +Nastassja Jewgrafowna?“ + +„Ich ... ich weiß nicht ... was mit mir ist,“ sagte sie erregt und +preßte unbewußt meine Hände krampfhaft zusammen. „Sagen Sie ihm ...“ + +Da hörten wir hinter der nächsten Tür ein Geräusch. + +Sie zog erschrocken ihre Hände zurück und eilte die Treppe hinauf. + +Ich fand sie alle – d. h. meinen Onkel, Herrn Bachtschejeff und +Misintschikoff – auf dem hinteren Hof bei den Ställen. Vor Herrn +Bachtschejeffs Wagen wurden frische Pferde angeschirrt. Alles war zur +Abfahrt bereit: man hatte nur noch auf mich gewartet. + +„Da ist er!“ rief mein Onkel aus, als er mich erblickte. „Hast du es +schon gehört, Freund?“ fragte er leiser mit einem eigentümlichen +Gesichtsausdruck. Schreck, Zerstreutheit und doch so etwas wie eine neue +Hoffnung lagen in seinem Blick, in seiner Stimme und selbst in seinen +Bewegungen. Offenbar fühlte er, daß in seinem Schicksal eine Wendung +eingetreten war. + +Ich wurde sogleich in die Einzelheiten eingeweiht. + +Herr Bachtschejeff war nach einer qualvollen Nacht beim ersten +Morgengrauen von Hause aufgebrochen, um rechtzeitig zum Frühgottesdienst +im Kloster einzutreffen, das einige fünf Werst von seinem Gut entfernt +lag. Als er gerade von der Landstraße in den Nebenweg zur Einsiedelei +einbiegen wollte, hatte er mit einemmal einen offenen Wagen in rasender +Schnelligkeit daherkommen sehen und in den Insassen Tatjana Iwanowna und +Obnoskin erkannt. Tatjana Iwanowna sei verweint gewesen und habe, als +sie Herrn Bachtschejeff erblickt, vor Schreck aufgeschrien und ihm dann +die Hände wie hilfesuchend entgegengestreckt – so wenigstens ging es aus +seiner Erzählung hervor. „Jener aber, der Schuft mit dem Spitzbart, +wollte sich vor mir verstecken, jawohl, ja! – vor mir aber versteckst du +dich nicht!“ + +Ohne lange zu zögern, hatte Stepan Alexejewitsch (Herr Bachtschejeff) +dem Kutscher wieder auf die Landstraße zurückzukehren befohlen und war +schnurstracks nach Stepantschikowo gefahren, hatte hier ohne weiteres +meinen Onkel geweckt, ferner Misintschikoff und schließlich auch mich. +Es war beschlossen worden, ihnen sogleich nachzufahren. + +„Aber Obnoskin, was sagst du zu Obnoskin?“ fragte mein Onkel und sah +mich unverwandt an, als wolle er mir gleichzeitig noch sagen: „Wer hätte +das gedacht!“ + +„Von diesem niedrigen Menschen war jede Gemeinheit zu erwarten!“ +bemerkte Misintschikoff in sehr scharfem Ton, wandte sich aber im selben +Augenblick ab, um meinen Blick zu vermeiden. + +„Na, was nun: fahren wir oder fahren wir nicht? Oder werden wir bis zum +Abend hier stehen und uns Märchen erzählen?“ erinnerte Herr +Bachtschejeff an unser Vorhaben und schob sich als erster in den Wagen. + +„Fahren wir, fahren wir!“ rief sogleich eilig mein Onkel. + +„Es wendet sich alles zum guten, Onkel,“ raunte ich ihm noch schnell zu. +„Dieser Punkt ist jetzt besser erledigt, als wir es uns hätten träumen +können!“ + +„Schon gut, Freund, lästere nicht ... Aber jetzt wird man _sie_ ja +einfach hinauswerfen, zur Strafe dafür, daß das andere mißglückt ist, +aus Rache – du verstehst doch? Entsetzlich, Freund, was ich jetzt kommen +sehe!“ + +„Zum Donner, Jegor Iljitsch, wollen Sie Geheimnisse tuscheln – oder +wollen Sie fahren?“ schrie Herr Bachtschejeff zum zweitenmal. „Sollte +man nicht lieber die Pferdchen vorläufig wieder ausschirren lassen und +erst noch einen Imbiß einnehmen – was meinen Sie? – und womöglich noch +ein paar Gläschen sich hinter die Binde gießen?“ + +Diese Worte waren mit einem so grimmigen Sarkasmus gesagt, daß es ganz +ausgeschlossen war, Herrn Bachtschejeff nicht unverzüglich zu +befriedigen. Wir stiegen eilig ein, und die Pferde zogen an. + +Eine Zeitlang schwiegen alle. Mein Onkel streifte mich ab und zu mit +einem bedeutungsvollen Blick, schien aber in Gegenwart der anderen nicht +sprechen zu wollen. Mitunter versank er in Gedanken, um dann nach einer +Weile zusammenzuzucken, plötzlich gleichsam zur Besinnung zu kommen und +sich erregt umzublicken. Misintschikoff war scheinbar ruhig, rauchte +seine Zigarette und schaute mit dem Selbstbewußtsein eines +ungerechterweise gekränkten Menschen drein. Dafür ereiferte sich Herr +Bachtschejeff für drei. Er brummte die ganze Zeit vor sich hin, blickte +auf alle und alles mit entschiedener Mißbilligung, wurde rot, fauchte, +spie fortwährend seitwärts auf die Landstraße und konnte sich auf keine +Art und Weise beruhigen. + +„Bist du denn auch wirklich überzeugt, Stepan, daß die beiden nach +Mischino gefahren sind?“ erkundigte sich plötzlich mein Onkel. „Das ist, +mußt du wissen, zwanzig Werst von hier,“ fügte er, zu mir gewandt, +erklärend hinzu, „ein kleines Gut mit dreißig Seelen. Es ist vor kurzem +von einem ehemaligen Gouvernementsbeamten den früheren Besitzern +abgekauft worden. Ein Schikaneur, sagt man, wie die Welt keinen zweiten +aufzuweisen hat! Wenigstens wird es ihm nachgesagt. Stepan Alexejewitsch +behauptet, Obnoskin sei dorthin gefahren, und dieser Beamte helfe ihm.“ + +„Du zweifelst wohl noch?“ fuhr Herr Bachtschejeff sofort auf. „Ich sage +es und bleibe dabei: sie sind nach Mischino gefahren. Nur hat man ihn in +Mischino wahrscheinlich schon längst wieder vergessen, den Obnoskin. +Warum auch nicht! Haben doch drei Stunden auf dem Hof verschwatzt!“ + +„Beunruhigen Sie sich nicht,“ bemerkte Misintschikoff, „wir werden sie +dort noch antreffen.“ + +„Jawohl, ja! Antreffen! Der will gerade dort noch Wiedersehen mit dir +feiern! Er hat doch die Schatulle in den Fingern, worauf soll er jetzt +noch warten?“ + +„Beruhige dich, Stepan, beruhige dich nur,“ redete ihm mein Onkel gütig +zu. „Sie haben ja noch zu nichts Zeit gehabt – du wirst sehen, daß es so +ist.“ + +„Zu nichts Zeit gehabt!“ wiederholte Herr Bachtschejeff boshaft. „Zu was +hat diese nicht Zeit, wenn sie auch noch so bescheiden ist! ‚Ach ja, sie +ist so bescheiden, ein so bescheidenes Kind!‘“ flötete er plötzlich aus +der Fistel, als wolle er jemand nachäffen. „‚Sie hat so viel Unglück +erfahren!‘ – Jawohl, ja! Da hat sie uns jetzt ihre Absätze gezeigt, die +bescheidene Unglückliche! Da rast man ihr nun auf der großen Landstraße +nach, mit der Zunge aus dem Halse womöglich, und sucht sie von +Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang! Läßt einen nicht einmal an Gottes +heiligem Feiertage beten, wie es sich gehört! Pfui!“ + +„Aber sie ist doch mündig,“ bemerkte ich, „sie steht doch nicht unter +Vormundschaft. Wir können sie doch nicht zwingen, zurückzukehren, wenn +sie es nicht selbst will. Was werden wir dann tun?“ + +„Sie wird gewiß zurückkehren wollen, ich versichere dich,“ sagte mein +Onkel. „Das hat sie jetzt nur so ... Sobald sie uns nur erblickt, wird +sie zurück wollen – dafür garantiere ich. Und außerdem – es geht doch +nicht anders, Freund, man kann sie doch nicht so dem Zufall überlassen, +dem Schicksal als Opfer ... es ist doch gewissermaßen eine Pflicht ...“ + +„Steht nicht unter Vormundschaft!“ rief Herr Bachtschejeff aufgebracht +aus und sah mich mit bösen Augen an. „‚Ist mündig!‘ – Eine Gans ist sie, +mein Lieber, eine echte Gans! – _So_ muß man es nennen, aber nicht, daß +sie _mündig_ ist! Gestern wollte ich mit dir überhaupt nicht von ihr +sprechen; denn ein paar Stunden vorher hatte ich aus Versehen die Tür zu +ihrem Zimmer aufgemacht – und was sehe ich: sie ist allein im Zimmer vor +dem Spiegel, die Hände in die Seiten gestemmt und tanzt so was wie ’ne +Ecossaise! Und wie aufgeputzt! Ein Journal, sag ich, einfach ein +Modejournal! Ich spie nur aus und ging. Und damals schon sah ich voraus, +sah ich alles so kommen, wie es jetzt gekommen ist – buchstäblich, genau +so!“ + +„Wozu soll man sie so hart beurteilen,“ wagte ich etwas eingeschüchtert +einzuwenden, „wir wissen doch, daß Tatjana Iwanowna ... sich nicht ihrer +vollen Gesundheit erfreut ... oder richtiger, daß sie eine gewisse Manie +... Ich glaube, daß man nur Obnoskin beschuldigen darf und nicht sie.“ + +„Sich nicht ihrer vollen Gesundheit erfreut! Da werde einer mit ihm +fertig!“ griff der Dicke wieder meinen Ausdruck auf, das Gesicht rot vor +Zorn. „Er hat sich ja wahrhaftig geschworen, einen aus der Haut zu +bringen! Schon gestern hat er den Schwur abgelegt! _Eine Gans ist sie_, +hörst du mich, Väterchen, ich sage es dir nochmals: eine _kapitale_ +Gans! _So_ heißt’s, nicht aber, daß sie sich ‚nicht ihrer vollen +Gesundheit erfreut‘! Sie ist von Kindesbeinen ^in puncto^ Liebe +übergeschnappt, das laß dir gesagt sein! Und jetzt hat der Kupido sie +glücklich bis zum Letzten gebracht! Von jenem aber mit dem Spitzbart – +von dem lohnt es sich gar nicht zu reden! Der wird jetzt für dreie +leben, da sei du unbesorgt, und das Geld springen lassen und sich ins +Fäustchen lachen.“ + +„Glauben Sie denn wirklich, daß er sie verlassen wird?“ + +„Was denn sonst? Soll er denn einen solchen Schatz noch mit sich +herumschleppen? Was soll er mit ihr anfangen? Er wird ihr das Geld +abrupfen und sie dann an der Landstraße unter einen Busch setzen – und +Lebewohl sagen –, sie aber kann dann dort unterm Busch sitzen und +Blümchen riechen, wenn sie will.“ + +„Nein, Stepan, da hast du dich denn doch etwas fortreißen lassen, so +wird es nicht sein!“ sagte mein Onkel. „Und weshalb ärgerst du dich so? +Wirklich, ich wundere mich über dich, Stepan! Was hast du davon?“ + +„Soo? Bin ich denn kein Mensch? Da kann man doch auch wütend werden! +Ganz unwillkürlich! Und vielleicht rede ich nur aus mitleidigem Herzen +... Ach, mag die ganze Welt versauern! Sagt mir doch, wozu bin ich +eigentlich hergefahren? Weshalb bin ich nicht ruhig weitergefahren? Was +geht denn das mich an? Was schert das mich, Schockschwerenot!“ + +So haderte Herr Bachtschejeff mit dem Schicksal, doch ich hörte ihm +nicht lange zu und beschäftigte mich in Gedanken mit derjenigen, der wir +nachfuhren – mit Tatjana Iwanowna. Ihre Lebensgeschichte, über die ich +mich in der Folge habe unterrichten lassen, und die als Erklärung ihres +Abenteuers interessieren dürfte, ist kurz folgende: + +Als armes Waisenkind, das in einem fremden, ungastlichen Hause +aufgewachsen war, dann als armes, junges Mädchen und mit der Zeit als +armes, altes Mädchen hatte Tatjana Iwanowna in ihrem ganzen kärglichen +Leben alles Leid, das Verwaistheit, Erniedrigung, Vorwürfe und ungern +gegebenes Gnadenbrot verursachen, zur Genüge ausgekostet. Von Natur mit +einem heiteren, sehr empfänglichen und wohl auch leichtsinnigen +Charakter begabt, hatte sie ihr bitteres Los anfangs noch leicht +genommen und mitunter sogar fröhlich und sorglos wie ein Kind lachen +können. Mit den Jahren tat aber die Zeit das Ihre: Tatjana Iwanowna +wurde gelb und mager, wurde reizbar, krankhaft empfänglich und +überschwenglich und träumte immer phantastischer von allem Schönen der +Erde, träumte einen Traum, der nur von hysterischen Tränen oder +plötzlichem, krampfartigem Schluchzen unterbrochen wurde. Je weniger +irdische Güter die Wirklichkeit ihr verlieh, um so mehr tröstete sie +sich mit ihrer Phantasie: je unwiederbringlicher und unaufhaltsamer ihre +letzten Berechtigungen zu irgendwelchen Hoffnungen dahinschwanden, um so +berauschender wurden ihre Illusionen, die sich doch niemals +verwirklichen konnten. Unermeßliche Reichtümer, unverwelkbare Schönheit, +elegante, reiche, vornehme Kavaliere, wenn nicht gar Großfürsten, die +ihr den Hof machten, die für sie allein ihr Herz in jungfräulicher +Reinheit erhalten hatten, und zu ihren Füßen vor lauter Liebe starben, +und schließlich _er_ – _er_, das Schönheitsideal, ein Mann, der alle +Vollkommenheiten in sich vereinigte, sie leidenschaftlich liebte, dazu +Künstler, Dichter, General war – alles zusammen oder abwechselnd – alles +das sah und erlebte sie bald nicht nur in ihrer Phantasie, sondern fast +wie in Wirklichkeit. Ihre Vernunft widerstand nicht lange dem Gift +dieser heimlichen, ununterbrochenen Träume ... Und nun plötzlich – griff +das Schicksal in ihr Leben ein und hatte sie zum besten. In der letzten +Erniedrigung, inmitten der traurigsten, das Herz bedrückenden +Wirklichkeit, als Gesellschafterin einer alten, zahnlosen, launischen +Dame – die sie beständig beschuldigte, die ihr wegen jedes Brotstücks +und jedes Kleides Vorwürfe machte –, fast als Dienstmagd, die ein jeder +kränken durfte, und die von niemand beschützt wurde, die durch ihr +armseliges Leben um ihre Vernunft gebracht war und im geheimen nur im +Zauber der sinnlosesten und glühendsten Phantasiegebilde lebte – erhielt +sie eines Tages die Nachricht vom Tode eines ihrer entfernten +Verwandten, dessen Angehörige alle vor ihm gestorben waren, wovon sie in +ihrem Leichtsinn keine Ahnung gehabt hatte. Dieser entfernte Verwandte +war ein Sonderling gewesen, hatte wie ein Einsiedler gelebt, irgendwo +weit in einem Provinznest, mürrisch, einsam und mit der Welt zerfallen, +sich nur mit Kraniologie beschäftigt und sein Geld auf Wucherzinsen +geliehen. Und so war denn plötzlich wie durch ein Wunder dieser Tatjana +Iwanowna ein ganzes großes Vermögen in den Schoß gefallen: sie war die +einzige noch lebende Verwandte und folglich die einzige gesetzmäßige +Erbin des Alten. Hunderttausend Rubel erhielt sie sofort blank und bar +ausgezahlt. Dieser Hohn des Lebens aber brachte sie alsbald um den Rest +ihres Verstandes. Wie sollte nun ihre ohnehin schon geschwächte Vernunft +nicht an die Erfüllung aller ihrer Träume glauben, wenn solche Wunder +geschehen konnten? Und so kam es, daß sie, fast betäubt vom Glück, +unrettbar in ihre bezaubernde Welt unmöglicher Phantasien und +verführerischer Illusionen versank. Verschwunden waren alle Zweifel, +alle Grenzen der Wirklichkeit und deren Gesetze. Fünfunddreißig Jahre +und blendende Schönheit, traurig stimmende Herbstkälte und die ganze +Wonne unendlicher Liebesseligkeit lebten in ihrem Wesen nebeneinander, +ohne miteinander auch nur einmal in Konflikt zu geraten. War doch _ein_ +Traum Wirklichkeit geworden – weshalb sollten es nicht auch die anderen +werden? Weshalb sollte nicht auch _er_ erscheinen? Tatjana Iwanowna +dachte nicht – sie glaubte. Und während sie _ihn_ noch erwartete, das +Ideal – sah sie jetzt Tag und Nacht nur noch Werbende vor sich, +Offiziere und Zivilpersonen, Infanteristen und Gardekavalleristen, +Millionäre und Dichter, die in Paris gewesen waren, und auch solche, die +nur Moskau gesehen hatten, solche mit spanischen Spitzbärten und solche +ohne Spitzbärte, Spanier und Nichtspanier (größtenteils aber doch +Spanier) – jedenfalls sah sie dieselben in erschreckend großer Anzahl, +so daß sie in ihrer Umgebung ernstliche Befürchtungen erregte. Es fehlte +nicht viel, und man hätte sie in eine Irrenanstalt schaffen müssen. Alle +ihre schönen Illusionen umgaben sie wie eine glänzende Kette, und im +wirklichen Leben sah sie alles im selben phantastischen Licht: wen sie +nur sah, der schien ihr in sie verliebt zu sein; wer nur an ihr +vorüberging, der war in ihren Augen ein Spanier, wer starb – der starb +unfehlbar aus Liebe zu ihr. Und in diesen Einbildungen wurde sie noch +dadurch bestärkt, daß ihr jetzt tatsächlich viele Herren, wie zum +Beispiel ein Obnoskin, mit demselben Ziel, das auch Misintschikoff +verfolgte, den Hof machten. Plötzlich wurde sie von allen umschmeichelt, +verwöhnt und „geliebt“. Die Arme konnte und wollte nicht einmal +argwöhnen, daß es nur um ihres Geldes willen geschah. Sie war vollkommen +überzeugt, daß alle Menschen, von denen sie früher so schlecht behandelt +worden war, sich plötzlich wie auf irgend jemandes Befehl gebessert +hatten, heiter, lieb, freundlich und gut geworden seien. _Er_ erschien +zwar vorläufig noch nicht, und wenn es auch nicht dem geringsten Zweifel +unterlag, daß _er_ einmal kommen werde, so war doch das Leben auch so +nicht schlecht, es war sogar sehr angenehm, so voll Zerstreuungen und +netter Erlebnisse, daß man sehr gut noch warten konnte! Tatjana Iwanowna +naschte Konfekt, pflückte die Blumen des Vergnügens und las Romane. +Diese Romane regten ihre Phantasie noch mehr an; doch las sie keinen +einzigen zu Ende, sondern legte das Buch gewöhnlich schon nach den +ersten Seiten aus der Hand. Sie hielt die Lektüre nicht länger aus, da +schon die gleichgültigste Andeutung einer Liebe oder auch nur die +Beschreibung des Ortes, eines Zimmers etwa, ihre Gedanken gänzlich +gefangen nahm. Fortwährend wurden ihr neue Kleider, Spitzen, Hüte, +Bänder, Musterbogen und Schnittmuster, Stickereien, Konfekt, Blumen und +Schoßhündchen zugesandt. In der Mädchenstube waren drei Mädchen ganze +Tage lang nur mit dem Nähen ihrer Kleider beschäftigt, sie aber drehte +sich fast vom Morgen bis zum Abend und sogar in der Nacht vor dem +Spiegel und hatte eine Anprobe nach der anderen. Sie schien dabei nach +der Erbschaft jünger und hübscher geworden zu sein. Ich habe bis jetzt +leider noch nicht in Erfahrung bringen können, wie sie mit dem +verstorbenen General Krachotkin verwandt war. Im Grunde war ich von +Anfang an überzeugt, daß diese ganze Verwandtschaft nur eine Erfindung +der Generalin sein konnte, die sich Tatjana Iwanownas bemächtigen +wollte, um sie dann, was es auch koste, mit meinem Onkel zu verheiraten. +Herr Bachtschejeff hatte recht, wenn er sagte, Kupido hätte sie um die +letzte Vernunft gebracht. Andererseits war der Entschluß meines Onkels, +als er von ihrer Flucht mit Obnoskin erfahren hatte, ihr sogleich +nachzufahren und sie zurückzubringen, das Vernünftigste, was er tun +konnte. Die Arme war gar nicht fähig, ohne Bevormundung zu leben, und +sie würde unfehlbar ihrem Verderben entgegengegangen sein, wenn sie +unter schlechte Menschen geraten wäre. + +Es war über neun, als wir in Mischino anlangten. Das Gut lag drei Werst +abseits von der großen Landstraße. Es war dort nur ein kleines Gutshaus +mit ein paar ärmlichen Nebengebäuden, die alle gleichsam in einer Grube +lagen. Sechs oder sieben Bauernhütten, die schief und verräuchert, nur +spärlich mit schwarz gewordenem Stroh bedeckt am Wege standen, machten +einen traurigen Eindruck auf den Vorüberfahrenden. Kein Garten, kein +Strauch war rings im Umkreise von einer Viertelwerst zu sehen. Nur ein +alter Weidenbaum stand einsam an einem grünen Tümpel, der „Teich“ +genannt wurde. Ein solcher Ort konnte auf Tatjana Iwanowna unmöglich +einen freundlichen Eindruck machen. Das Wohngebäude des Besitzers war +ein langgestreckter, schmaler Neubau mit sechs Fenstern in einer Reihe +und einem vorderhand nur mit Stroh gedeckten Dach. Der Besitzer – ein +ehemaliger Beamter – hatte das Gut erst kürzlich übernommen. Selbst der +Hof war noch nicht einmal mit einem Zaun umgeben: nur an einer Seite war +ein Stück von einem neuen Flechtzaun zu sehen, von dem die trockenen +Nußbaumblätter noch nicht abgefallen waren. Dort am Zaun stand auch +Obnoskins offener Wagen. Aus einem geöffneten Fenster hörten wir +Geschrei und Weinen. + +Im Flur trafen wir nur einen barfüßigen Knaben an, der Hals über Kopf +davonlief. Im ersten Zimmer, das wir betraten, saß auf einem langen, +kattunüberzogenen „türkischen“ Diwan ohne Lehne – Tatjana Iwanowna, die +ganz verweint war. Als sie uns erblickte, schrie sie auf und verbarg das +Gesicht in den Händen. Neben ihr stand Obnoskin – mitleiderregend +verwirrt und erschrocken. Er verlor dermaßen den Kopf, daß er uns +entgegenstürzte, um uns die Hände zu drücken, ganz als hätte ihn unsere +Ankunft unsäglich gefreut. Durch die halboffene Tür sah man den Zipfel +eines Frauenkleides: jemand schien dort durch einen Spalt zu lauern und +zu lauschen. Weder war der Hausherr noch war die Hausfrau zu sehen: sie +schienen überhaupt nicht im Hause zu sein – oder sie hatten sich +irgendwo versteckt. + +„Da ist sie ja, unsere Ausflüglerin! Will sich jetzt noch hinter den +Händen verstecken!“ rief Herr Bachtschejeff aus, der hinter uns als +letzter in das Zimmer gerollt kam. + +„Mäßigen Sie Ihr Entzücken, Stepan Alexejewitsch! Das ist hier durchaus +nicht angebracht. Das Recht zu sprechen hat jetzt nur Jegor Iljitsch, +wir aber sind hier vollkommen Nebenpersonen!“ bemerkte Misintschikoff +scharf. + +Mein Onkel, der dem Dicken nur einen strengen Blick zugeworfen hatte, +ging, ohne Obnoskin und seine ausgestreckten Hände auch nur zu beachten, +auf Tatjana Iwanowna zu, die ihr Gesicht immer noch verbarg, und sagte +mit ungeheuchelter Teilnahme in seiner sympathischen Stimme: + +„Tatjana Iwanowna, wir alle lieben und achten Sie so, daß wir selbst +hergekommen sind, um Ihre Absichten zu erfahren. Wollen Sie nicht mit +uns nach Stepantschikowo zurückkehren? Heute ist doch Iljuschas +Namenstag. Meine Mutter erwartet Sie ungeduldig, und Ssaschenjka und +Nastenjka werden sicherlich den ganzen Morgen vor Sehnsucht nach Ihnen +geweint haben ...“ + +Tatjana Iwanowna erhob schüchtern den Kopf, sah, ohne die Hände vom +Gesicht zu nehmen, vorsichtig durch die Finger zu ihm auf, und plötzlich +warf sie sich aufschluchzend an seinen Hals. + +„Ach, bringen Sie mich, bringen Sie mich schnell von hier fort!“ flehte +sie unter Tränen, „schnell, schnell, so schnell wie möglich!“ + +„Hat das Durchbrennen schon satt!“ tuschelte mir Bachtschejeff mit einem +gleichzeitigen Rippenstoß zu. + +„Dann wäre also die Angelegenheit erledigt,“ sagte mein Onkel trocken, +sich an Obnoskin wendend; doch vermied er es, ihn anzusehen. „Tatjana +Iwanowna, Ihren Arm, wenn ich bitten darf. Fahren wir!“ + +Im Nebenzimmer hinter der Tür hörte man Kleiderrascheln. Die Tür +kreischte ein wenig und der Spalt wurde größer. + +„Einstweilen aber ... wenn man von einem anderen Standpunkt aus urteilt +...“ bemerkte Obnoskin mit unruhigem Blick nach der offenen Tür, „so +müßten Sie sich doch selbst sagen, Jegor Iljitsch ... Ihre +Handlungsweise in meinem Hause ... und schließlich – ich begrüße Sie, +und Sie erwidern nicht einmal meinen Gruß, Jegor Iljitsch ...“ + +„Ihre Handlungsweise in _meinem_ Hause, mein Herr, war ehrlos,“ sagte +mein Onkel und sah Obnoskin mit strengem Blick offen an, „– und das hier +ist nicht Ihr Haus. Sie haben es soeben selbst gehört: Tatjana Iwanowna +will keinen Augenblick mehr hier verweilen. Was wollen Sie denn noch? +Kein Wort – hören Sie, kein Wort mehr, ich bitte Sie darum! Ich würde +gern weitere Erklärungen vermeiden, und das – wäre wohl auch +vorteilhafter für Sie.“ + +Obnoskin verlor so sehr den Kopf, daß er den größten Unsinn +zusammenschwatzte. + +„Verachten Sie mich nicht, Jegor Iljitsch,“ begann er halblaut, vor +Beschämung, wie es schien, den Tränen nahe, wobei er sich fortwährend +nach der Tür umsah – wahrscheinlich in der Furcht, daß man ihn dort +hören könnte. „Ich habe ja eigentlich nichts getan, das war doch nur +Mama ... Ich habe es nicht in meinem Interesse getan, Jegor Iljitsch ... +ich habe es nur so getan ... natürlich habe ich es zum Teil auch in +meinem Interesse getan, Jegor Iljitsch ... aber ich habe es mit einem +edlen Ziel vor Augen getan, Jegor Iljitsch ... Ich hätte das Kapital +nutzbringend angewandt ... ich hätte den Armen geholfen. Ich wollte +ferner zum Fortschritt der gegenwärtigen Aufklärung etwas beitragen ... +ich beabsichtigte sogar, ein Stipendium an der Universität zu stiften +... Sehen Sie, in welcher Weise und zu welchen Zwecken ich meinen +Reichtum angewandt hätte, Jegor Iljitsch ... und nicht, daß ich sonst +etwas, Jegor Iljitsch ...“ + +Wir alle schämten uns mit einem Male ganz entsetzlich. Misintschikoff +wurde rot und wandte sich ab, mein Onkel aber wurde so verlegen, daß er +nicht wußte, was er sagen sollte. + +„Schon gut, schon gut!“ sagte er endlich. „Beruhigen Sie sich nur, Pawel +Ssemjonytsch. Was soll man hier viel sagen ... Es kann jedem passieren +... Wenn Sie wollen, besuchen Sie uns ... ich aber freue mich ... es +freut mich, daß ...“ + +Doch nicht ganz so zartfühlend verfuhr Herr Bachtschejeff. + +„Stipendium stiften!“ schrie er plötzlich jähzornig. „Der ist mir der +Rechte zum Stiften! Du würdest gern selbst einem jeden das Letzte +abrupfen! ... Hat sich im Leben noch kein Paar Hosen verdient, kräht +aber schon wie die anderen von Stipendienstiften! So ein Lumpenkerl! Und +hat jetzt noch ein zärtliches Herz besiegt! Aber wo ist denn die +Hauptperson, die verehrte Frau Mutter? Oder hat sie sich versteckt? Ich +will nicht Bachtschejeff heißen, wenn sie nicht dort irgendwo sitzt, +sich hinter einem Bettschirm verborgen hält oder vor Schreck sich unters +Bett verkrochen hat ...“ + +„Stepan, Stepan!“ unterbrach ihn mein Onkel geärgert. + +Obnoskin wurde feuerrot und schien protestieren zu wollen. Doch noch +bevor er den Mund aufmachen konnte, wurde die Tür schon aufgerissen, und +Anfissa Petrowna Obnoskina stürzte mit blitzenden Augen empört und +zornbebend ins Zimmer. + +„Was soll das bedeuten?“ kreischte sie laut. „Was geht hier vor? Sie, +Jegor Iljitsch, dringen mit einer ganzen Kohorte in ein ehrenwertes +Haus, erschrecken Damen, treffen eigenmächtig Anordnungen! ... Das ist +doch unerhört! Ich bin zum Glück noch meiner Sinne mächtig, Jegor +Iljitsch! ... Du Tölpel!“ fuhr sie in ihrem Redeschwall fort, sich auf +ihren Sohn stürzend, „du scheinst ja hier vor ihnen noch weinen zu +wollen! Deiner Mutter wird in ihrem Hause eine Beleidigung zugefügt, und +du stehst da und schweigst! Was bist du? ein ehrenwerter junger Mann und +Sohn? Ein Lappen bist du, aber kein Mann!“ + +Vergessen waren alle Ziererei und die ganze lächerliche Koketterie, die +mir am Tage zuvor an ihr aufgefallen waren – auch keine Spur war mehr +davon sichtbar: man sah nur noch eine Furie vor sich, eine Furie, der +man die Maske vom Gesicht gerissen hatte. + +Kaum hatte sie ihren ersten Redeschwall beendet, als mein Onkel auch +schon Tatjana Iwanowna seinen Arm bot und sie zur Tür hinausgeleiten +wollte. Anfissa Petrowna jedoch versperrte ihm sogleich den Weg. + +„Sie werden so nicht fortgehen, Jegor Iljitsch!“ begann sie von neuem +ihr Geschrei. „Mit welchem Recht wollen Sie Tatjana Iwanowna gewaltsam +entführen? Es macht Ihnen einen Strich durch die Rechnung, daß der +Goldfisch den erbärmlichen Netzen entschlüpft ist, mit denen Sie sie in +Gemeinschaft mit Ihrer Mutter und dem Esel Foma Fomitsch einzufangen +gedachten! Sie würden sie gern selbst aus niedriger Geldgier heiraten. +Verzeihen Sie, aber hier ist man edler gesinnt! Da Tatjana Iwanowna sah, +was man dort gegen sie plante, vertraute sie sich meinem Sohn Pawluscha +an. Sie hat ihn selbst gebeten, sie vor Ihnen zu retten und sie zu +beschützen: Sie war gezwungen, in der Nacht aus Stepantschikowo zu +fliehen – sehen Sie, so verhält sich die Sache! So weit haben Sie sie +gebracht! Nicht wahr, so ist es doch, Tatjana Iwanowna? Wenn es sich +aber so verhält, wie können Sie es dann wagen, mit einer solchen Bande, +wie dieser, in ein angesehenes Haus einzudringen und mit Gewalt ein +ehrenwertes Mädchen zu entführen, trotz der Tränen desselben? Das +erlaube ich nicht! Das erlaube ich nicht! Ich bin ein vernünftiger +Mensch, kein verrückter! ... Tatjana Iwanowna wird hierbleiben; denn das +ist ihr Wunsch und ihr Wille! Gehen wir, Tatjana Iwanowna, es lohnt sich +nicht, diese Menschen anzuhören: das sind unsere Feinde und nicht unsere +Freunde! Ich werde sie schon hinausbringen, die – ...“ + +„Nein, nein!“ rief Tatjana Iwanowna erschrocken aus, „ich will nicht, +ich will nicht! Was ist er für ein Mann? Ich will Ihren Sohn nicht +heiraten! Was ist er denn für ein Mann?“ + +„Sie wollen nicht!“ schrie Anfissa Petrowna wutschnaubend, „Sie wollen +nicht? Erst sind Sie hergekommen und jetzt wollen Sie nicht? Wie haben +Sie uns denn so betrügen können? Wie haben Sie ihm dann Ihre Zusage +geben können? Sie sind in der Nacht mit ihm entflohen, haben sich ihm +selbst an den Hals geworfen, haben uns in Ausgaben gestürzt! Mein Sohn +hat Ihretwegen vielleicht eine gute Partie verloren, die er hätte machen +können ... Er hat vielleicht zehntausend Rubel Mitgift verloren durch +Sie! ... Nein! Sie werden es bezahlen, Sie müssen es bezahlen! Wir haben +Beweise in der Hand ... Sie sind in der Nacht mit ihm entflohen ...“ + +Doch wir hatten genug von ihrem Geschrei: wie auf Kommando scharten wir +uns alle dicht um meinen Onkel und drängten zur Tür hinaus, +rücksichtslos auf Anfissa Petrowna zu, die uns den Weg versperren +wollte, und gelangten auch glücklich ins Freie. Unser Wagen fuhr vor. + +„So etwas tun nur Schufte, nur Schurken!“ schrie uns in rasender Wut +Anfissa Petrowna von der Treppe noch nach. + +„Ich werde die Rechnung schicken! Sie werden sie bezahlen! Sie fahren in +ein ehrloses Haus, Tatjana Iwanowna! Sie können Jegor Iljitsch nicht +heiraten, er hält sich ja vor Ihrer Nase seine Gouvernante als Mätresse +im Hause! ...“ + +Mein Onkel fuhr zusammen, erbebte, erbleichte, biß sich auf die Lippe +und half eifrig Tatjana Iwanowna beim Einsteigen. Ich ging um den Wagen +herum und wartete, bis an mich die Reihe kam, einzusteigen, als +plötzlich Obnoskin neben mir stand und meine Hand erfaßte. + +„Wenigstens müssen Sie mir erlauben, Sie um Ihre Freundschaft zu +bitten!“ flüsterte er mir mit einem ganz verzweifelten Ausdruck zu und +drückte krampfhaft meine Hand. + +„Wie das – Freundschaft?“ fragte ich verwundert und setzte schnell den +Fuß auf das Trittbrett. + +„Ja! Ich habe gestern in Ihnen einen überaus gebildeten Menschen +erkannt. Verurteilen Sie mich nicht ... Mich hat eigentlich nur meine +Mutter verleitet, ich aber bin in dieser Angelegenheit ganz ^à part^. +Ich neige mehr zur Literatur – versichere Sie! Dies hier aber hat alles +nur meine Mutter ...“ + +„Ich glaube es, glaube es,“ sagte ich, „leben Sie wohl!“ + +Wir setzten uns und fuhren fort. Das Geschrei und die Verwünschungen +Anfissa Petrownas schallten uns noch lange nach. Und nun tauchten auch +in allen Fenstern des Hauses unbekannte Gesichter auf, die uns mit +unbeschreiblicher Neugier nachstarrten. + +Wir saßen jetzt zu fünfen im Wagen. Misintschikoff hatte sich neben den +Kutscher gesetzt und seinen Platz auf dem Rücksitz Herrn Bachtschejeff +abgetreten, der nun Tatjana Iwanowna gegenübersaß. Tatjana Iwanowna war +sehr zufrieden damit, daß wir sie wieder zurückbrachten, weinte aber +immer noch. Mein Onkel tröstete sie, so gut er es konnte. Er selbst war +dabei niedergedrückt und nachdenklich: man sah es ihm an, daß die +schändlichen Worte über Nastenjka, die Anfissa Petrowna in ihrer Wut uns +nachgeschrien hatte, schmerzlich in seinem Herzen widerhallten. Übrigens +– unsere Rückfahrt wäre ohne jeden Zwischenfall sehr glücklich +verlaufen, wenn Herr Bachtschejeff nicht mit uns gewesen wäre. + +Kaum hatte er Tatjana Iwanowna gegenüber Platz genommen, als er +plötzlich ein ganz anderer wurde: er konnte nicht mehr gleichmütig +dreinblicken und noch weniger ruhig auf seinem Platz sitzen, er drehte +sich vielmehr hin und her, wurde rot wie ein gekochter Krebs und rollte +beängstigend die Augen. Namentlich als mein Onkel Tatjana Iwanowna zu +trösten suchte, schien der Dicke förmlich aus der Haut fahren zu wollen +und brummte und knurrte wie eine aufs äußerste gereizte Bulldogge, die +man zum Überfluß noch neckt. Mein Onkel blickte ihn mehrmals etwas +ängstlich an und schien einige Befürchtungen zu hegen. Schließlich fiel +auch Tatjana Iwanowna die eigentümliche Gemütsstimmung ihres Gegenübers +auf, und sie begann ihn aufmerksam zu betrachten. Dann blickte sie uns +an, lächelte, und plötzlich nahm sie ihren kleinen Sonnenschirm und +schlug mit einer graziösen Bewegung Herrn Bachtschejeff leicht auf die +Schulter. + +„Sie Tor!“ sagte sie mit der bezauberndsten Koketterie und verbarg ihr +Gesicht hinter ihrem Fächer. + +Das war der Tropfen, der den Becher überlaufen machte. + +„Wa–a–as!“ brüllte der Dicke, „wa–as sagten Sie, Madame? Also jetzt hast +du’s schon auf mich abgesehen!“ + +„Sie Tor! Sie Tor!“ rief Tatjana Iwanowna und brach in heiteres Lachen +aus, wozu sie in die Hände klatschte. + +„Halt an!“ schrie Bachtschejeff dem Kutscher zu, „halt an!“ + +Die Pferde blieben stehen. Bachtschejeff öffnete den Wagenschlag und +machte sich eilig daran, auszusteigen. + +„Was fällt dir ein, Stepan? Wohin willst du?“ fragte mein Onkel +verwundert und erschrocken. + +„Nein, das ist mir zu stark!“ antwortete der Dicke zitternd vor +Unwillen, „mag die ganze Welt verderben! Ich bin zu alt, Madame, um mich +noch auf Amouren einlassen zu können. Ich, meine Beste, ich sterbe +lieber allein! Adieu, Madame, kommang wu porteh-wu!“ + +Und er begann in der Tat zu Fuß zu marschieren. Der Wagen fuhr im +Schritt hinter ihm her. + +„Stepan!“ rief ihm mein Onkel ärgerlich zu, da er endlich die Geduld +verlor. „Mach doch keine Dummheiten, steig ein! Es ist doch die höchste +Zeit, nach Haus zu kommen!“ + +„Fällt mir ein!“ rief Herr Bachtschejeff zwar empört, aber es klang doch +schon etwas atemlos vom Gehen; denn infolge seiner Dicke hatte er das +Gehen fast ganz verlernt. + +„Fahr zu, so schnell die Pferde können!“ befahl plötzlich Misintschikoff +ganz unerwartet dem Kutscher. + +„Was tust du, was tust du?“ rief zwar mein Onkel gerade noch erschrocken +aus, aber der Wagen flog schon dahin. Misintschikoff hatte sich nicht +getäuscht: die gewünschten Folgen ließen nicht lange auf sich warten. + +„Halt an! Halt an!“ ertönte alsbald hinter uns ein verzweifeltes Gegröl, +„halt an, du Räuber! Halt an, du Seelenverführer, der du bist! ...“ + +Der Dicke kam schließlich müde und halberstickt, mit Schweißtropfen auf +der Stirn, mit aufgebundener Krawatte und in Hemdsärmeln wieder bei uns +an. Stumm und finster kletterte er mühsam in den Wagen, doch diesmal +mußte ich ihm meinen Platz abtreten. So brauchte er wenigstens nicht +Tatjana Iwanowna gegenüberzusitzen, die unaufhörlich lachte, vor +Vergnügen in die Hände schlug und während der ganzen Fahrt nicht mehr +gleichmütig den Dicken ansehen konnte. Er aber sprach bis zur Ankunft +kein einziges Wort und schien sich die ganze Zeit grundsätzlich nur noch +dafür zu interessieren, wie sich das eine Hinterrad das Wagens drehte. + +Die Sonne stand im Zenith, als wir in Stepantschikowo ankamen. Ich begab +mich sogleich in das Sommerhaus, wohin mir der alte Gawrila mit dem Tee +folgte. Als ich mich, kaum dort angelangt, zu ihm wandte, um ihn einiges +zu fragen, trat mein Onkel ein und schickte ihn fort. + + + + + XIV. + + Neuigkeiten. + + +„Mein Freund, ich bin nur auf einen Augenblick zu dir gekommen,“ sagte +er eilig. „Ich wollte dir nur mitteilen ... Ich habe mich nach allem +erkundigt. Es ist niemand von ihnen zum Gottesdienst gefahren, außer +Iljuschka, Ssaschenjka und Nastenjka. Meine Mutter soll in Krämpfen +gelegen haben. Man hat sie nur mit Mühe wieder zu sich gebracht. Jetzt +hat man beschlossen, daß alle sich bei Foma versammeln sollen, und auch +mich hat man hingebeten. Nur weiß ich nicht, ob ich Foma zum Geburtstag +gratulieren soll oder nicht – das ist die Frage! Und dann – wie werden +sie überhaupt diesen ganzen Zwischenfall auffassen? Entsetzlich, +Ssergei, wenn ich daran denke, was ich jetzt alles kommen sehe ...“ + +„Im Gegenteil, Onkel,“ beeilte ich mich, ihn zu beruhigen, „es wird +jetzt alles vorzüglich werden. Jetzt können Sie doch unmöglich Tatjana +Iwanowna heiraten – bedenken Sie doch nur, was das allein wert ist! Ich +wollte Ihnen das schon unterwegs sagen ...“ + +„Ich weiß, ich weiß, Freund. Aber das ist es ja nicht! Das ist natürlich +ein Fingerzeig Gottes, wie du sagst, aber nicht davon wollte ich +sprechen ... Die arme Tatjana Iwanowna! Was sie für Anfälle hat! ... Ein +Schuft, ein Schuft ist dieser Obnoskin! Doch – was sage ich ‚Schuft‘! +Hätte ich nicht dasselbe getan, wenn ich sie geheiratet hätte? ... Aber +ich wollte doch nicht davon reden ... Hast du gehört, was vorhin diese +schändliche Anfissa von Nastjä uns nachrief?“ fragte er leise. + +„Ich habe es gehört, Onkel. Sehen Sie jetzt ein, daß Sie sich beeilen +müssen?“ + +„Unbedingt! Und was es auch koste, um jeden Preis!“ antwortete mein +Onkel. „Der Augenblick ist gekommen. Nur haben wir beide, Freund, +gestern an eines nicht gedacht; später aber habe ich mir die ganze Nacht +den Kopf darüber zerbrochen: wird sie mich denn auch nehmen – sieh, das +ist die Frage!“ + +„Aber hören Sie ...! Wenn sie Ihnen doch selbst gesagt hat, daß sie Sie +liebt ...“ + +„Aber, mein Freund, sie hat doch gleich darauf hinzugefügt, daß sie mich +niemals heiraten werde!“ + +„Ach, Onkel! Das wird doch nur so gesagt worden sein, und zudem liegen +ja auch die Verhältnisse heute ganz anders.“ + +„Glaubst du? Nein, Freund Ssergei, das ist eine delikate Sache, hier muß +man unendlich zartfühlend sein! Hm! ... Aber weißt du, ich war ja wohl +traurig darüber, aber im Herzen verspürte ich doch die ganze Nacht so +etwas wie – ein großes Glück ... Nun, leb wohl, ich eile. Sie erwarten +mich, ich komme sowieso zu spät. Ich wollte überhaupt nur einen +Augenblick bei dir vorsprechen, bloß um zwei Worte mit dir zu wechseln. +Ach, mein Gott!“ rief er plötzlich aus und kehrte von der Tür zurück, +„und die Hauptsache habe ich doch noch vergessen! Weißt du: ich habe ihm +ja doch geschrieben, dem Foma!“ + +„Wann?“ + +„In der Nacht. Am Morgen aber, als es kaum dämmerte, schickte ich ihm +den Brief durch Widopljässoff zu. Ich habe, weißt du, ihm alles +klargelegt, zwei ganze Briefbogen lang, habe ihm alles wahrheitsgetreu +und aufrichtig geschrieben – kurz, daß es, wie gesagt, meine Pflicht +ist, das heißt, unbedingt meine Pflicht – du verstehst doch? – um +Nastenjkas Hand in aller Form anzuhalten. Ich habe ihn gebeten, von +unserer Begegnung im Garten nichts verlauten zu lassen, und ich habe +mich an den ganzen Edelmut seiner Seele gewandt, mit der Bitte, mir bei +meiner Mutter zu helfen. Ich habe mich natürlich – ich weiß es, mein +Freund – schlecht ausgedrückt, aber ich habe jedes Wort von ganzem +Herzen geschrieben, mit Tränen geschrieben, kann ich wohl sagen ...“ + +„Und? Er hat nichts geantwortet?“ + +„Vorläufig noch nicht. Nur am Morgen, als wir zur Fahrt aufbrachen, +begegnete ich ihm im Flur – er war noch im Nachtkostüm, in Pantoffeln +und Zipfelmütze – er schläft immer mit einer Zipfelmütze – er ging +gerade irgendwohin. Er sagte kein Wort, sah mich nicht einmal an. Ich +sah ihm, weißt du, ins Gesicht, aber das verriet nichts!“ + +„Onkel, hoffen Sie nicht auf ihn: er wird Ihnen noch was Schönes +einbrocken!“ + +„Nein, nein, Freund, sprich nicht so!“ unterbrach mich mein Onkel eilig, +„ich bin überzeugt! Und dann – es ist dies ja auch meine letzte +Hoffnung. Er wird einsehen, er wird es verstehen ... Er ist launisch, +eigensinnig – ich gebe es zu. Wenn es sich aber um etwas Großes handelt, +um, sozusagen, um höheren Edelmut, dann steht Foma in seinem vollen +Glanze da – ja, in seinem vollen Glanze ... Das sagst du nur deshalb, +Ssergei, weil du ihn noch nicht in einem solchen Augenblick gesehen hast +... Aber, Herrgott! Wenn er ... wenn er wirklich das Geheimnis nicht als +solches wahrt, so ... ich weiß nicht, Ssergei, was dann geschehen wird! +An was in der Welt kann man dann noch glauben? Doch nein, er kann nicht +so schlecht sein. Ich bin ja nicht einmal seinen kleinen Finger wert! Du +brauchst nicht den Kopf zu schütteln, Freund: es ist wahr – ich bin ihn +nicht wert.“ + +„Jegor Iljitsch! Ihre Exzellenz beunruhigen sich um Sie!“ ertönte da +plötzlich die Stimme der Perepelizyna unter dem offenen Fenster. +Wahrscheinlich hatte die alte Jungfer unser ganzes Gespräch belauscht. +„Sie werden im ganzen Hause gesucht, und niemand kann Sie finden.“ + +„Herrgott, ich habe mich verspätet!“ rief mein Onkel entsetzt aus. +„Freund, um Christi willen, zieh dich schnell an und komm hin! Ich bin +ja eigentlich auch nur deshalb hergekommen, um dich abzuholen ... Ich +komme, Anna Nilowna, ich komme ...“ + +Ich blieb allein zurück. Ich dachte an meine Begegnung mit Nastenjka und +war froh darüber, daß ich meinem Onkel nichts davon gesagt hatte: ich +hätte ihn nur noch unentschlossener gemacht. Ich sah voraus, daß ein +großer Sturm bevorstand, und konnte eigentlich nicht begreifen, wie mein +Onkel die Sache zu Ende bringen und um Nastenjkas Hand anhalten würde. +Ich wiederhole und gestehe es: trotz meines ganzen Glaubens an seine +Ritterlichkeit, zweifelte ich doch unwillkürlich am Erfolge. + +Einstweilen hieß es jedoch: sich schnellstens ankleiden! Ich hielt es +für meine Pflicht, ihm zu helfen, und beeilte mich mit dem Umziehen. +Aber wie sehr ich mich auch beeilte, es dauerte doch länger – wie es +gewöhnlich geschieht, wenn man sich etwas sorgfältiger ankleiden und +dabei beeilen will. Und während ich mich noch ankleidete, trat +Misintschikoff ein. + +„Ich bin gekommen, um Sie abzuholen,“ sagte er. „Jegor Iljitsch läßt Sie +bitten, schnell zu kommen.“ + +„Gehen wir!“ + +Ich war jetzt fertig. Wir gingen. + +„Was gibt es Neues?“ fragte ich ihn unterwegs. + +„Alle sind bei Foma versammelt,“ antwortete Misintschikoff, „Foma ist +diesmal nicht launenhaft, scheint nachdenklich zu sein und spricht +wenig, knurrt nur durch die Zähne. Er hat sogar Iljuscha geküßt, was +Jegor Iljitsch selbstredend in wahre Begeisterung versetzte. Er hat kurz +vorher durch die Perepelizyna der Generalin sagen lassen, daß man ihn +nicht zum Namensfest beglückwünschen solle, er habe ‚nur prüfen wollen‘ +... Die Alte riecht zwar den Braten, hat sich aber beruhigt; denn auch +Foma ist ruhig. Von der Flucht wird mit keiner Silbe gesprochen – als +wäre überhaupt nichts vorgefallen. Man schweigt; denn auch Foma geruht +zu schweigen. Er hat den ganzen Morgen keinen Menschen zu sich gelassen, +die Alte aber hat ihn bei allen Heiligen angefleht, zu einer Beratung zu +ihr zu kommen. Sie hat sogar selbst und eigenhändig an seiner Tür +gerüttelt. Er aber hatte sich eingeschlossen und soll gesagt haben, er +bete ‚für die Menschheit‘ – oder Ähnliches. Er scheint irgend etwas im +Schilde zu führen: das sieht man seinem Gesicht sofort an. Da aber Jegor +Iljitsch nicht fähig ist, aus einem Gesicht etwas zu erraten, so ist er +jetzt durch Fomas Frömmigkeit, wie gesagt, völlig bezaubert: ein +richtiges Kind! Iljuscha hat ein Gedicht gelernt, das er jetzt vortragen +soll. Deshalb hat man mich auch nach Ihnen geschickt.“ + +„Und Tatjana Iwanowna?“ + +„Was?“ + +„Wo ist sie? Dort bei den anderen?“ + +„Nein, sie ist in ihrem Zimmer,“ antwortete Misintschikoff trocken. „Sie +erholt sich und weint. Vielleicht schämt sie sich auch. Bei ihr befindet +sich, glaube ich, diese ... Erzieherin. Aber was ist denn das? Ein +Gewitter zieht auf, wie es scheint. Sehen Sie doch, dort – den Himmel!“ + +„Ja, wahrscheinlich ein Gewitter,“ sagte ich nach einem Blick auf die +dunklen Wolken am Horizont. + +In dem Augenblick stiegen wir zur Terrasse hinauf. + +„Doch – Obnoskin? – was sagen Sie zu dem?“ fragte ich, da ich es nicht +verbeißen konnte, Misintschikoff ein bißchen auf den Zahn zu fühlen. + +„Sprechen Sie nicht von ihm! Erinnern Sie mich überhaupt nicht an diesen +Schurken!“ rief er aus und blieb plötzlich stehen. Er wurde rot und +stampfte mit dem Fuß auf. „Dieser Esel! Dieser Esel! einen so sicheren +Plan, einen so glänzenden Gedanken zu verpfuschen! Hören Sie, ich bin +natürlich auch ein Esel, da ich seine Schliche nicht bemerkt und nicht +erraten habe – das gestehe ich vollkommen ehrlich und feierlich selbst +ein, und vielleicht wünschten Sie nur diese Selbstbeschuldigung zu +hören. Aber ich schwöre Ihnen: Hätte der Kerl die Sache nach allen +Regeln der Kunst durchgeführt, so würde ich ihm vielleicht noch +verzeihen. Der Esel, o, der Esel! Wie kann man nur solche Leute in der +Gesellschaft überhaupt dulden? Weshalb verschickt man sie nicht nach +Sibirien, in die Zwangsarbeit, als Kolonisten! Aber was da! Die sollen +mich nicht überlisten! Jetzt habe ich wenigstens Erfahrungen gesammelt, +ich habe ein Beispiel vor Augen – und wir werden uns noch einmal messen! +Ich überlege jetzt – einen neuen Plan ... Sie werden mir zugeben: soll +man denn die Früchte seiner Ideen wirklich nur deshalb verlieren, weil +irgendein Esel die Idee gestohlen, doch die Sache nicht richtig +auszuführen verstanden hat? Das wäre doch töricht! Und schließlich – +diese Tatjana muß unbedingt heiraten: das ist nun einmal ihre +Bestimmung. Und wenn bis jetzt noch niemand sie in eine Irrenanstalt +gesteckt hat, so ist das doch nur deshalb nicht geschehen, weil man sie +immer noch heiraten konnte. Ich werde Ihnen meinen neuen Plan +auseinandersetzen ...“ + +„Aber doch wohl später,“ unterbrach ich ihn, „denn jetzt sind wir ja +angelangt.“ + +„Gut, gut, später!“ sagte Misintschikoff – sein Mund verzog sich zu +einem kurzen Lächeln. „Jetzt aber ... Wohin gehen Sie denn? Ich sagte +Ihnen doch: direkt zu Foma Fomitsch! Folgen Sie mir. Sie sind noch nie +dort gewesen. Jetzt werden Sie eine neue Komödie erleben ... Da nun +einmal die Komödien hier Mode sind ...“ + + + + + XV. + + Iljuschas Namenstag. + + +Foma bewohnte zwei große, prachtvolle Räume: sie waren besser möbliert +als alle anderen in Stepantschikowo. Der größte Komfort umgab den großen +Mann. Neue, teure Tapeten an den Wänden, seidene, gemusterte Vorhänge an +den Fenstern, Teppiche, Trumeaus, ein Kamin und weiche, elegante +Polstersessel – alles sprach von der zarten, liebevollen Aufmerksamkeit +des gastfreundlichen Hausherrn, der es Foma Fomitsch nicht gut genug +machen konnte. Vor den Fenstern standen auf runden Marmortischen schöne +Blumen. Mitten im „Arbeitskabinett“ stand ein großer Tisch, der mit +einer schweren roten Tuchdecke bedeckt war, und auf dem viele Bücher und +Manuskriptbogen lagen; ferner stand auf ihm ein kostbares, in Bronze +gearbeitetes Tintenfaß – daneben ein ganzer Stoß von Gänsefedern, für +die Widopljässoff zu sorgen hatte. Alles das sollte ersichtlich von der +schweren geistigen Arbeit Foma Fomitschs zeugen. Nebenbei bemerkt: Foma, +der runde acht Jahre hier lebte, hat eigentlich überhaupt nichts +verfaßt. Späterhin, als er das Zeitliche gesegnet hatte, durchsuchten +wir seine hinterlassenen Manuskripte, die, wie es sich dann zeigte, in +nichts als bekritzeltem Papier bestanden. Das von ihm Geschriebne war +barer Unsinn, einfach Blödsinn. So fanden wir zum Beispiel den Anfang +eines historischen Romans, der in Nowgorod spielte, und zwar im +siebenten Jahrhundert! – als Nowgorod überhaupt noch nicht vorhanden +war. Dann noch ein ungeheuerliches Gedicht: „Anachoret auf dem +Friedhof“, das er in reimlosen Versen geschrieben hatte; ferner eine +sinnlose Abhandlung über die Bedeutung und die Eigenschaften des +russischen Bauern, sowie darüber, wie man mit ihm umgehen müsse; und +schließlich noch eine Novelle: „Gräfin Wlonskaja“, aus der eleganten +Welt, gleichfalls sinnlos und unbeendet. Das war alles, was wir fanden. +Indes hatte Foma Fomitsch meinen Onkel jährlich große Summen für Bücher +und Zeitschriften zahlen lassen. Die meisten von ihnen blieben jedoch +unaufgeschnitten liegen. Dagegen habe ich Foma später nicht selten bei +der Lektüre eines Romans von Paul de Kock überrascht, den er vor anderen +Sterblichen natürlich möglichst verbarg. + +An der einen Seite des Zimmers war eine Glastür, durch die man über ein +paar Stufen auf den Hof gelangte. + +Wir wurden erwartet. Foma Fomitsch saß in seinem Philosophenstuhl und +trug einen eigentümlich langen Rock, der fast bis zu den Fersen +herabreichte, doch hatte er sich keine Krawatte umgebunden. Er war +auffallend wortkarg und nachdenklich. Als wir eintraten, hob er nur ein +wenig die Brauen in die Höhe und richtete einen prüfenden Blick auf +mich. Ich machte ihm meine Verbeugung, und er dankte mir mit einem nur +leichten Kopfnicken, das aber doch ziemlich höflich ausfiel. Als die +Generalin sah, daß Foma Fomitsch mir gnädig gesinnt war, nickte auch sie +mir lächelnd zu. Die Arme! – sie hatte am Morgen alles eher erwartet, +als daß ihr Liebling die Nachricht von dem „Zwischenfall“ ruhig +aufnehmen werde! Daher war sie jetzt sehr gut aufgelegt, – ungeachtet +dessen, daß sie noch vor wenigen Stunden in Krämpfen und +Ohnmachtsanfällen gelegen hatte. Hinter ihrem Stuhl stand wie gewöhnlich +Fräulein Perepelizyna, die ihre Lippen zu einem schmalen Streifen +zusammenpreßte, bitter und boshaft lächelte und ihre mageren Hände, an +denen alle Gelenke hervorstanden, unaufhörlich rieb. Neben der Generalin +hatten sich ihre zwei Freundinnen niedergelassen, zwei alte adlige +Damen, die beständig bei ihr lebten und fast nie ein Wort sprachen. Dann +saßen dort noch eine am Morgen angekommene Nonne und eine Gutsbesitzerin +aus der Nachbarschaft, die zum Morgengottesdienst ins Kloster gefahren +und auf dem Rückwege in Stepantschikowo ausgestiegen war, um die alte +Generalin zum Fest zu beglückwünschen. Meine Tante Praskowja +Iljinitschna zog sich ängstlich in einen Winkel zurück und blickte +unruhig bald auf Foma Fomitsch, bald auf ihre Mutter, die Generalin. +Mein Onkel saß in einem Lehnstuhl, und ungetrübte Freude leuchtete aus +seinen Augen. Vor ihm stand Iljuscha, festlich angezogen – in einem +rotgestickten russischen Kittelchen – und war mit seinem Lockenkopf +reizend wie ein kleiner Engel anzusehen. Ssaschenjka und Nastenjka +hatten ihm heimlich ein Gedicht beigebracht, damit er den Vater an +diesem Tage durch seine Fortschritte erfreue. Mein Onkel war vor lauter +Freude fast den Tränen nahe: die unerwartete Sanftmut Fomas, die +freundliche Stimmung seiner Mutter, dazu Iljuschas Namenstag, und dazu +das Gedicht – kurz, alles zusammen wirkte geradezu begeisternd auf ihn, +und er hatte feierlich Misintschikoff gebeten, mich zu rufen, damit auch +ich schneller des allgemeinen Glücks teilhaftig würde und das Gedicht +mit anhören könne. + +Ssaschenjka und Nastenjka, die kurz vor uns eingetreten waren, standen +nicht weit von Iljuscha. Ssaschenjka brach immer wieder in helles Lachen +aus und war in diesem Augenblick glücklich wie ein Kind. Nastenjka mußte +beim Anblick meines fröhlichen Kusinchens gleichfalls lächeln, doch +eingetreten war sie bleich und ernst. Sie allein hatte Tatjana Iwanowna +empfangen und getröstet und war die ganze Zeit bei ihr gewesen. Der +kleine Schlingel Iljuscha konnte auch nicht ernst bleiben, wenn er seine +Lehrerinnen ansah. Wie es schien, hatten die drei einen Scherz +vorbereitet, der sehr zum Lachen anregte ... + +Herrn Bachtschejeff habe ich noch vergessen. Er saß etwas abseits auf +einem kleinen Stuhl, war immer noch wütend und rot, schwieg, maulte, +schnaubte sich und spielte überhaupt eine recht finstere Rolle auf dem +Familienfest. Neben ihm scharwenzelte Jeshowikin umher, übrigens nicht +nur bei ihm allein, sondern so ziemlich überall: bald küßte er der +Generalin die Hand, bald der fremden Gutsbesitzerin, bald flüsterte er +Fräulein Perepelizyna etwas ins Ohr, oder er machte Foma Fomitsch den +Hof. Er erwartete gleichfalls mit großem Mitgefühl Iljuschas Vortrag. +Bei meinem Eintritt erschien er mit seinen üblichen Bücklingen sofort an +meiner Seite, um mir seine große Hochachtung und Ergebenheit zu +bezeugen. Es war ihm durchaus nicht anzusehen, daß er hergekommen war, +um seine Tochter zu verteidigen und sie wieder zu sich nach Haus zu +bringen. + +„Da ist er!“ rief mein Onkel freudig aus, als er mich erblickte. +„Freund, Iljuscha hat ein Gedicht auswendig gelernt – auswendig – das +ist doch eine Überraschung – nicht? Ich fiel aus den Wolken! Ich ließ +dich rufen, damit du es mit anhören kannst ... Also setz dich her! Hören +wir zu! Aber, Foma, gesteh es nur, du hast sie sicherlich auf die Idee +gebracht, um mir eine Freude zu bereiten? Ich wette meinen Kopf darauf!“ + +Wenn mein Onkel in Fomas Gemach in diesem Ton und mit einer solchen +Stimme zu sprechen wagte, so hätte man glauben dürfen, daß alles sich in +der größten Ordnung befände. Aber das war ja das Unglück, daß mein Onkel +nichts aus einem Gesicht zu erraten verstand, wie Misintschikoff sich +ausgedrückt hatte. Als ich jetzt Fomas Miene sah, mußte ich zugeben, daß +allerdings etwas Besonderes bevorstand ... + +„Beunruhigen Sie sich nicht um mich,“ antwortete Foma mit schwacher +Stimme – mit der Stimme eines Menschen, der seinen Feinden vergibt. „Die +Überraschung lobe ich natürlich: sie spricht von der Anhänglichkeit und +Wohlerzogenheit Ihrer Kinder. Gedichte sind gleichfalls nützlich, schon +wegen der Aussprache, die sie bilden ... Doch ich war an diesem Morgen +nicht mit Gedichten beschäftigt, Jegor Iljitsch: ich habe gebetet ... +Sie wissen es ... Aber ich bin schließlich bereit, auch Gedichte +anzuhören.“ + +Inzwischen hatte ich Iljuscha gratuliert und auf beide Bäckchen geküßt. + +„Ich weiß, Foma, verzeih! Ich hatte es vergessen ... wenn ich auch von +deiner Freundschaft überzeugt bin, Foma!“ fügte er unvermittelt hinzu. +„Küß ihn noch einmal, Ssergei! Sieh mal, was für ein Bengel! Nun, fang +an, Iljuscha! Wovon handelt es denn? Wohl eine feierliche Ode ... von +Lomonossoff gar? Hm?“ + +Und mein Onkel nahm eine wichtige Miene an. Er konnte dabei kaum ruhig +bleiben vor Freude und Ungeduld. + +„Nein, Papachen, nicht von Lomonossoff,“ mischte sich Ssaschenjka ein, +die nur mit Mühe ihr Lachen unterdrückte, „da Sie Soldat waren und sogar +im Kriege gewesen sind, so hat Iljuscha etwas Kriegerisches gelernt ... +‚Die Belagerung von Pamba‘ heißt es, Papachen.“ + +„‚Die Belagerung von Pamba‘? ah! Entsinne mich bloß nicht ... Was ist +das für ein Pamba, weißt du es nicht, Ssergei? ... Sicherlich etwas +Historisches.“ + +Und mein Onkel setzte von neuem eine wichtige Miene auf. + +„Fang an, Iljuscha!“ kommandierte Ssaschenjka. + + „Seit neun Jahren liegt Don Pedro“ + +begann Iljuscha mit seinem kleinen, hellen, gleichmäßigen Stimmchen, +ohne Kommata und Punkte zu beachten, wie kleine Kinder gewöhnlich +auswendig gelernte Gedichte aufsagen – + + „Vor der stolzen Festung Pamba; + Seit neun Jahren hat er selber, + Ganz wie alle seine Krieger, + Nie was anderes genossen + Als nur reine Kuhmilch. + Denn es haben die neuntausend + Kämpfenden Kastilier + Hoch und heilig sich geschworen: + Bis zur Einnahme der Festung + Nichts als Kuhmilch zu genießen.“ + +„Wie! Was? Was ist das für eine Milch!“ unterbrach ihn mein Onkel und +sah mich verwundert an. + +„Weiter, Iljuscha!“ kommandierte wieder Ssaschenjka. + + „Täglich trauert Pedro Gomez, + Denn es schwinden seine Kräfte, + Und das zehnte Jahr bricht an. + Doch die Mauren triumphieren: + Denn vom stolzen Heer Don Pedros + Sind im ganzen ihm geblieben + Nicht mehr als nur neunzehn Mann.“ + +„Aber das ist ja Unsinn!“ unterbrach hier mein Onkel wieder. „Das ist ja +doch unmöglich! Neunzehn Mann bleiben von einem Heer übrig, das zu +Anfang der Belagerung so groß und mächtig gewesen ist! Was soll denn das +heißen?“ + +Hier aber konnte Ssaschenjka ihr Lachen nicht mehr zurückhalten: sie +lachte schallend auf, wie nur Kinder lachen können. Und wenn auch gerade +kein besonderer Grund zum Lachen vorhanden war, so war es doch +unmöglich, bei ihrem Anblick ernst zu bleiben. + +„Ach, Papachen, das ist doch nur ein Scherzgedicht!“ rief sie aus, +königlich erfreut über ihren Einfall. „Das ist doch mit Absicht so +gemacht, vom Verfasser, damit es um so spaßiger ist, Papachen.“ + +„Ah so! Ein Scherzgedicht also!“ Meines Onkels Gesicht hellte sich auf. +„Das heißt, ein satirisches! ... Deshalb, ich höre ... Eben, eben, ein +Scherzgedicht, wie du sagst! Und es ist ja auch zum Lachen: Mit Milch +will er ein ganzes Heer ernähren! – nach irgend so einem Gelübde! Als ob +das zu geloben gerade nötig gewesen wäre! Sehr geistreich – nicht wahr, +Foma? Sehen Sie, Mama, das ist so ein Scherzgedicht, wie es die Dichter +zuweilen schreiben – nicht wahr, Ssergei, Sie schreiben doch mitunter +auch so etwas? Vorzüglich! Nun, Iljuscha, wie geht es weiter?“ + + „Nicht mehr als nur neunzehn Mann! + Sie nun rief Don Pedro zu sich. + Und er sprach hierauf wie folgt: + ‚Freunde!‘ sagt er, ‚laßt uns heute + Unsre Fahnen hoch erheben, + In die Felddrommete stoßen + Und von Pamba uns zurückzieh’n. + Wenn wir diese stolze Festung + Auch nicht eingenommen haben – + Können wir doch allenthalben + Dreist auf Ehre und Gewissen + Jedem schwören, daß wir niemals + Das Gelübde übertreten, + Wie wir’s einst geschworen haben: + Nichts zu trinken als nur Milch!‘“ + +„Dieser Dummkopf! Womit er sich tröstet!“ unterbrach ihn wieder mein +Onkel. „Daß er neun Jahre nichts als Milch genossen hat! ... Was ist +denn das für eine besondere Tugend? Hätt’ er doch lieber täglich einen +ganzen Ochsen gegessen und seine Leute nicht umkommen lassen! Aber das +Gedicht – vorzüglich, ganz vorzüglich ist das Gedicht! Ich sehe jetzt: +das ist so eine Satire oder ... wie nennt man das doch – eine Allegorie, +nicht wahr? Und vielleicht sogar auf irgendeinen ausländischen General +gemünzt – Wie?“ fragte mein Onkel plötzlich, erhob bedeutsam die Brauen +und blinzelte mir zu – „was? Was meinst du dazu? Aber nur, versteht +sich, eine ganz unschuldige Satire, ohne Spitze, so daß sie keinen +verletzen kann. Vorzüglich, ganz vorzüglich! Und – die Hauptsache – +belehrend! Nun, Iljuscha, fahre fort! Ach ihr unartigen Mädel!“ fügte er +hinzu, mit dem Finger drohend, und sah dabei lächelnd Ssaschenjka an, +während er Nastenjka nur verstohlen mit einem flüchtigen Blick zu +streifen wagte – was jedoch genügte, sie erröten zu machen. Sie lächelte +gleichfalls. + + „Neue Kraft gab diese Rede + Seinen neunzehn tapfren Kriegern, + Die, in ihren Sätteln wankend, + Mit erschöpfter Stimme riefen: + ‚Sancto Jago Compostello! + Ehr’ und Ruhm Don Pedro Gomez, + Unsrem Löwen von Kastilien!‘ + Sein Kaplan jedoch, Diego, + Brummte unwirsch vor sich hin: + ‚Wäre ich der Feldherr hier, + Hätt’ ich nur noch Fleisch zu essen + Und nur edlen Wein zu trinken + Als Gelübde abgelegt!‘“ + +„Da hört ihr’s! Sagt’ ich nicht dasselbe?“ rief mein Onkel höchst +erfreut dazwischen. „In dem ganzen Heer gibt es nur einen einzigen +vernünftigen Menschen, und sogar der ist noch weiß Gott was für ein – +Kaplan! Was ist das eigentlich, ein Kaplan, Ssergei? Ein Hauptmann?“ + +„Ein Mönch, Onkel, ein Geistlicher.“ + +„Ach, ja ja, richtig! Kaplan, Kapellan? Ich weiß schon, jetzt entsinne +ich mich! Habe es schon in einem Roman gelesen, im Radcliff war’s, +glaube ich. Dort im Auslande gibt es doch verschiedene Orden ... wart +mal – Benediktiner heißen auch welche ... Nicht wahr, es gibt noch immer +solch einen Orden?“ + +„Ja, Onkel.“ + +„Hm! ... Das meinte ich eben auch. Nun, Iljuscha, wie geht es weiter? +Vorzüglich, ganz vorzüglich!“ + + „Da sprach hell mit lautem Lachen + Pedro Gomez zu den neunzehn: + ‚Gebt ihm schnell doch einen Ochsen! + Denn, fürwahr, der Mann hat recht!‘“ + +„Das war wohl die richtige Zeit zum Lachen!? Ist das aber ein Dummkopf! +Zu guter Letzt ist es also auch ihm lächerlich vorgekommen, was er sich +da selbst zusammengelübdet hat! Außerdem: Ochsen hat es doch gegeben – +weshalb hat er denn da seine Soldaten nicht Rindfleisch essen lassen? +und selbst auch welches gegessen? Nun, Iljuscha, weiter! Es ist wirklich +ganz vorzüglich! Ungemein geistreich!“ + +„Aber es ist ja schon zu Ende, Papachen!“ + +„Ach? Schon zu Ende? Ja, in der Tat, was blieb ihm denn auch anderes +übrig – nicht wahr, Ssergei? Vortrefflich, Iljuscha! ganz wundervoll +hast du es vorgetragen! Küsse mich, mein Liebling! Ach, du, mein kleiner +Junge! Aber wer hat es ihm denn beigebracht: du, Ssaschenjka?“ + +„Nein, das hat Nastenjka getan. Vor einigen Tagen lasen wir beide das +Gedicht. Sie las es und sagte: ‚Was für ein komisches Gedicht! Bald ist +Iljuschas Namenstag – wollen wir es ihn lernen lassen, dann kann er es +vortragen. Es paßt wie geschaffen!‘“ + +„Dann also Nastenjka? Ich danke, herzlichen Dank!“ brachte mein Onkel +nicht gerade sehr sicher hervor, während er zugleich wie ein Kind über +und über errötete. „Küß mich noch einmal, Iljuscha! Küß auch du mich, +Unart du!“ sagte er scherzend zu Ssaschenjka, indem er sie zu sich zog +und ihr zärtlich in die Augen sah. + +„Wart nur, Ssaschurka, auch du wirst bald deinen Namenstag feiern!“ +fügte er hinzu, als wüßte er nicht, was er vor lauter Freude sagen +sollte. + +Ich wandte mich an Nastenjka und fragte sie, von wem das Gedicht sei. + +„Ja, richtig, wer hat es denn gedichtet?“ fragte sogleich auch mein +Onkel. „Es muß sicherlich ein kluger Dichter gewesen sein – was meinst +du, Foma?“ + +„Hm!“ brummte Foma vor sich hin. + +Während des ganzen Vortrags war ein beißend spöttisches Lächeln nicht +von seinen Lippen gewichen. + +„Ich ... habe es im Augenblick vergessen,“ antwortete Nastenjka mit +scheuem Blick auf Foma. + +„Das hat Kusjma Prutkoff gedichtet, Papachen, und im ‚Zeitgenossen‘ ist +es erschienen,“ sagte Ssaschenjka eifrig. + +„Kusjma Prutkoff? Kenne ich nicht,“ sagte mein Onkel. „Nur Puschkin, den +kenne ich! ... Doch man sieht sofort, das es ein talentvoller Dichter +ist. Habe ich nicht recht, Ssergei? Und außerdem ein Mensch mit wirklich +edlen Eigenschaften – das ist klar! Vielleicht ist er sogar ein Offizier +... Ja, das lobe ich mir! Wirklich ein gutes Blatt, der ‚Zeitgenosse‘! +Wir müssen unbedingt darauf abonnieren, wenn solche Dichter in ihm +schreiben ... Ich liebe die Dichter! Prächtige Jungen! Alles sagen sie +in Versen! Weißt du noch, Ssergei, ich habe ja bei dir in Petersburg +auch einen Literaten kennen gelernt. Er hatte noch so eine ganz +besondere Nase ... in der Tat! ... Was sagtest du, Foma?“ + +Foma Fomitsch, dessen Ärger inzwischen bedeutend gewachsen war, kicherte +vor sich hin. Dieses Kichern war eine nur ihm eigentümliche Art zu +lachen. + +„Nichts, ich lache nur so ... es hat nichts auf sich ...“ sagte er mit +einer Miene, als unterdrücke er nur mit Mühe ein ganz gewaltiges Lachen. +„Fahren Sie fort, Jegor Iljitsch, fahren Sie nur fort! Ich werde später +mein Wort sagen ... Auch Stepan Alexejewitsch hört Sie mit großem +Interesse von Ihren Petersburger Literatenbekanntschaften erzählen ...“ + +Stepan Alexejewitsch Bachtschejeff, der die ganze Zeit etwas weiter ab +in Gedanken verloren auf einem Stuhl gesessen hatte, wurde plötzlich +rot, erhob den Kopf und sagte ziemlich scharf mit halber Wendung zu +Foma: + +„Du, Foma, fang gefälligst nicht wieder an, sondern laß mich in Ruh!“ +Seine kleinen, sogleich rot anlaufenden Augen sahen den Gegner zornig +an. „Was schiert mich deine Literatur? Wenn Gott mir nur Gesundheit +gibt,“ brummte er halblaut, „das übrige kann mir ... Und diese +Schriftsteller ... lauter Voltairianer und nichts weiter!“ + +„Die Schriftsteller – lauter Voltairianer?“ fragte Jeshowikin, der im +Augenblick neben Bachtschejeff auftauchte. „Da haben Sie die reinste +Wahrheit gesagt. Genau so hat sich kürzlich auch Valentin Ignatjitsch +auszudrücken geruht, und zwar hat er mich selbst einen Voltairianer +genannt – bei Gott! Ich aber habe doch bekanntlich nichts geschrieben. +Man redet bloß manchmal so ein wenig literarischer. Aber auch daran soll +nun wieder Voltaire schuld sein. So ist es immer bei uns!“ + +„Nein, so doch nicht!“ meinte mein Onkel gewichtig, „das ist doch wohl +ein Irrtum! Voltaire war nur ein mokanter Schriftsteller, er machte sich +über die Vorurteile lustig. Ein ‚Voltairianer‘ aber ist er selber nie +gewesen! Seine Feinde haben ihn verleumdet. Aber weshalb hacken sie +jetzt immer so auf den Armen los? Das begreife ich wirklich nicht!“ + +Wieder ertönte das häßliche Kichern Foma Fomitschs. Mein Onkel blickte +sofort beunruhigt zu ihm hinüber und wurde augenscheinlich verlegen. + +„Nein, sieh, Foma, ich rede ja nur von unseren Zeitschriften,“ sagte er +verwirrt, um das Gesagte wieder gutzumachen. „Du hattest vollkommen +recht, Foma, als du sagtest, daß wir das Blatt halten müßten. Ich bin +jetzt auch der Meinung, daß wir es müssen! ... Denn ... warum auch +nicht, es verbreitet doch Aufklärung! Und schließlich, was wäre man +sonst für ein Sohn des Vaterlandes, wenn man eine solche Zeitschrift +nicht hält? Habe ich nicht recht, Ssergei? Hm! ... Ja! ... Da haben wir +nun diesen ‚Zeitgenossen‘ ... Aber weißt du, Ssergei, die größten +Wissenschaften sind meiner Meinung nach doch in der dicken Revue – wie +heißt sie doch gleich? Im gelben Umschlag ...“ + +„‚Vaterländische Aufzeichnungen‘, Papachen.“ + +„Ja, richtig – ‚Vaterländische Aufzeichnungen‘ – ein vorzüglicher Titel +– nicht wahr, Ssergei? Das ganze Vaterland sitzt sozusagen und zeichnet +auf ... Und dabei verfolgen sie ein edles Ziel! Ein äußerst nützliches +Blatt! Und wie dick! Geh mal, versuch du, eine solche Diligence +herauszugeben! Und Wissenschaften, sag’ ich dir, daß einem fast die +Augen übergehn! ... Vor ein paar Tagen ging ich dort durch das Zimmer, +sehe – das Heft liegt auf dem Tisch ... nahm es aus Neugier in die Hand, +schlug es auf und las in einem Strich ganze drei Seiten. Glaub mir, +Freund, ich vergaß den Mund zu schließen! Weißt du, es gibt dort über +alles Abhandlungen, so zum Beispiel, was bedeutet das Wort Besen, +Spaten, Kochlöffel, Henkel? Ich glaubte, ein Besen sei nichts als ein +Besen, ein Henkel eben ein Henkel. Aber nein, Freund, wart! Ein Besen +ist nach der Wissenschaft nicht nur ein Besen, sondern ein Sinnbild, ein +Emblem, oder gar etwas aus der Mythologie, ich weiß nicht mehr, was er +da eigentlich war; aber jedenfalls kam schließlich etwas Ähnliches +heraus ... Ja, sieh mal, so verhält es sich, Freund! Man kommt eben +hinter alles!“ + +Ich weiß nicht, was Foma nach diesem neuen Erguß meines Onkels zu tun +oder zu sagen beabsichtigte; denn das Gespräch wurde durch Gawrila +unterbrochen, der plötzlich eintrat und mit gesenktem Haupt auf der +Schwelle stehenblieb. + +Foma Fomitsch blickte ihn bedeutsam an. + +„Ist alles bereit, Gawrila?“ fragte er mit schwacher, jedoch +entschlossener Stimme. + +„Alles ist bereit,“ antwortete Gawrila traurig und seufzte. + +„Und auch mein Reisebündel hast du im Wagen untergebracht?“ + +„Jawohl.“ + +„Nun, dann bin auch ich bereit!“ sagte Foma und begann, sich langsam zu +erheben. Mein Onkel blickte ihn verwundert an. Die Generalin erhob sich +plötzlich gleichfalls und blickte sich unruhig im Kreise um. + +„Erlauben Sie mir jetzt, Oberst,“ hub Foma würdevoll an, „Sie zu bitten, +das interessante Gespräch über die literarischen Besen für eine kurze +Zeit zu unterbrechen. Sie können es ohne mich fortsetzen. Ich aber will, +_indem ich mich auf ewig von Ihnen verabschiede_, gerade Ihnen noch ein +paar letzte Worte sagen ...“ + +Schreck und Verwunderung lähmten alle Anwesenden. + +„Foma! ... Foma! Was fällt dir ein? Wohin willst du?“ rief endlich mein +Onkel aus. + +„Ich will Ihr Haus verlassen, Oberst,“ fuhr Foma mit der ruhigsten +Stimme fort. „Ich habe beschlossen, zu gehen, wohin der Weg mich führt, +und deshalb habe ich mir für mein Geld einen einfachen, ganz +gewöhnlichen Bauernwagen gemietet. In ihm liegt bereits mein +Reisebündel. Es ist nicht groß: ein paar Bücher, die mir lieb sind, +Wäsche, um zu wechseln: das ist alles! Ich bin arm, Jegor Iljitsch, +werde aber um keinen Preis Ihr Geld annehmen, das ich ja auch gestern +schon verschmäht habe!“ + +„Aber um Gottes willen, Foma! Was bedeutet das?“ rief mein Onkel +bestürzt aus, bleich wie ein Tuch. + +Die Generalin stieß einen Schrei aus und streckte mit verzweifeltem +Blick Foma Fomitsch beide Hände entgegen. Fräulein Perepelizyna stürzte +zu ihr, um sie nötigenfalls aufzufangen. Die übrigen Schmarotzerinnen +erstarrten auf ihren Plätzen. Nur Herr Bachtschejeff erhob sich +schwerfällig. + +„Jetzt geht es los!“ raunte mir Misintschikoff zu, der neben mir stand. + +Und im selben Augenblick hörte man fern den ersten Donner grollen. + + + + + XVI. + + Die Vertreibung. + + +„Sie fragten, glaube ich, was das zu bedeuten habe, Oberst?“ hub Foma +feierlich an, indem er die allgemeine Bestürzung förmlich zu genießen +schien. „Die Frage wundert mich! Erklären Sie mir doch Ihrerseits, wie +_Sie_ es fertigbringen, mir jetzt noch offen in die Augen zu sehen? +Erklären Sie mir dieses größte Beispiel menschlicher Unverschämtheit, +und ich werde von dannen ziehen, wenigstens um eine neue Erkenntnis der +Verderbtheit des Menschengeschlechts bereichert.“ + +Mein Onkel war nicht fähig zu einer Antwort. Erschrocken und ratlos, wie +er war, blickte er nur starr Foma Fomitsch an. + +„Jesus Christ! Welche Leidenschaften!“ stöhnte Fräulein Perepelizyna. + +„Begreifen Sie denn nicht, Oberst,“ fuhr Foma fort, „daß Sie mich jetzt +einwandlos und ohne Fragen meines Weges ziehen lassen _müssen_? In Ihrem +Hause muß selbst ich, der ich doch ein denkender Mensch und schon in +reifen Jahren bin, ernstlich für meine Sittlichkeit fürchten und auf der +Hut sein. Glauben Sie mir, daß Ihre Fragen zu nichts anderem führen +würden, als nur zur Aufdeckung Ihrer Schmach ...“ + +„Foma! Aber Foma!“ unterbrach ihn mein Onkel, auf dessen Stirn kalter +Schweiß hervortrat. + +„So erlauben Sie mir denn, Ihnen ohne weitere Erklärungen zum Abschied +nur noch einige Geleitworte zu sagen: meine letzten Worte in Ihrem +Hause. Es ist geschehen, und das Geschehene kann man nicht mehr +ungeschehen machen! Ich hoffe, Sie verstehen, was ich meine. Aber ich +flehe Sie auf den Knien an: Wenn in Ihrem Herzen noch ein Funken von +Sittlichkeit übriggeblieben ist, so zügeln Sie den Lauf Ihrer +Leidenschaften! Und wenn das Gift der Verwesung noch nicht das ganze +Gebäude Ihrer Seele erfaßt hat, so löschen Sie nach Möglichkeit die +Feuersbrunst!“ + +„Foma! Glaube mir, du bist im Irrtum!“ rief mein Onkel aus, der +allmählich zur Besinnung kam und mit Entsetzen begriff, worauf es +hinauslief. + +„Mäßigen Sie Ihre Leidenschaften,“ fuhr Foma mit derselben Feierlichkeit +fort – als hätte er den Ausruf meines Onkels gar nicht gehört, „besiegen +Sie sich! ‚Willst du die ganze Welt erobern – besiege dich selbst!‘ Das +ist meine Lebensregel. Sie sind Gutsherr. Sie müßten wie ein Brillant in +höchster Tugend strahlen, statt dessen – was für ein schmachvolles +Beispiel der Zügellosigkeit geben Sie hier allen Ihren Gästen sowie +allen Ihren Untergebenen! Ich habe ganze Nächte für Sie gebetet und um +Sie gezittert, habe gerungen um Ihr Glück. Ich habe es nicht gefunden; +denn Glück ist nur in der Tugend enthalten ...“ + +„Aber das ist doch unmöglich, Foma!“ unterbrach ihn wieder mein Onkel, +„du hast es falsch verstanden, du hast es ganz anders aufgefaßt! ...“ + +„Und so vergessen Sie denn nicht, daß Sie Gutsherr sind,“ fuhr Foma, +wieder ohne die Worte des anderen zu beachten, in seiner Rede fort. +„Geben Sie sich nicht dem verderblichen Glauben hin, daß Nichtstun und +seiner Wollust frönen die Bestimmung des Gutsherrenstandes seien. Dieser +Glaube bringt Sie ins Verderben! Nicht das Nichtstun ist es, sondern die +Verantwortung vor Gott, vor dem Zaren und dem Vaterlande! Arbeiten, +arbeiten muß der Gutsherr, und zwar arbeiten wie der Letzte seiner +Bauern!“ + +„Was, ich soll also hinfort für meine Leibeigenen arbeiten?“ brummte +Herr Bachtschejeff, „ich bin doch _auch_ Gutsbesitzer ...“ + +„Jetzt wende ich mich an euch, Dienstboten,“ fuhr Foma fort, sich an +Gawrila und Falalei, der in der Tür erschien, wendend. „Liebet eure +Herrschaft und erfüllet deren Gebote in Ehrfurcht und Bescheidenheit. +Dafür werdet ihr von euren Herren wiedergeliebet werden. Sie aber, +Oberst, seien Sie gerecht und barmherzig zu ihnen. Der Dienstbote ist +derselbe Mensch – das Ebenbild Gottes, wie es in der Heiligen Schrift +geschrieben steht, der minderjährig vom Zaren und vom Vaterlande Ihrer +Obhut anvertraut ist. Groß ist die Pflicht, aber groß wird auch Ihr +Verdienst sein!“ + +„Foma Fomitsch! Täubchen! Was hast du vor?“ rief in ihrer Verzweiflung +die Generalin aus, bereit, jeden Augenblick wieder in Ohnmacht zu +fallen. + +„Doch ... das dürfte genügen, denke ich?“ schloß Foma, der Generalin +weiter gar keine Beachtung schenkend. „Jetzt noch einige Einzelheiten, +die freilich nur geringfügig, aber doch notwendig sind, Jegor Iljitsch. +Auf der Waldwiese bei Harinskoje ist Ihr Heu noch nicht gemäht. Lassen +Sie es nicht zu spät werden, Oberst, lassen Sie es mähen, möglichst bald +mähen. Dies wäre mein Rat ...“ + +„Aber, Foma ...“ + +„Sie hatten die Absicht, ich weiß es, einen Teil des Syrjänower Waldes +fällen zu lassen: lassen Sie ihn nicht fällen – dies wäre mein zweiter +Rat. Erhalten Sie Ihre Wälder; denn die Wälder erhalten die Feuchtigkeit +auf der Erdoberfläche ... Schade, daß Sie so spät das Sommerkorn gesät +haben, – wirklich erstaunlich, wie spät Sie es gesät haben! ...“ + +„Aber, Foma ...“ + +„Doch genug! Alles kann man ja doch nicht sagen, und es ist auch nicht +die Zeit dazu! Ich werde Sie schriftlich vom Nötigen unterrichten ... +ich werde Ihnen ein ganzes Heft schicken. Jetzt aber – leben Sie wohl! +Lebt alle wohl! Gott sei mit euch, mag der Herr euch segnen! Ich segne +auch dich, mein Kind,“ sagte er zu Iljuscha, „der Herr beschütze dich +vor dem Verwesungsgifte deiner zukünftigen Leidenschaften! Auch dich, +Falalei, segne ich. Vergiß die Kamarinskaja! Und euch, euch alle! ... +Denkt an Foma! ... Aber gehen wir, Gawrila! Hilf mir in den Wagen, guter +Alter!“ + +Und Foma schritt langsam zur Tür. Die Generalin schrie auf und stürzte +ihm nach. + +„Nein, Foma! So lasse ich dich nicht fort!“ rief mein Onkel aus, holte +ihn mit drei Schritten ein und erfaßte seine Hand. + +„Heißt das, daß Sie Gewalt anwenden wollen?“ fragte Foma hochmütig. + +„Ja, Foma ... auch Gewalt, wenn es darauf ankommt.“ Mein Onkel zitterte +vor Erregung. „Du hast zuviel gesagt, du mußt deine Worte erklären! Du +hast meinen Brief falsch verstanden, Foma! ...“ + +„Ihren Brief!“ kreischte Foma plötzlich wie rasend, im Augenblick +lichterloh, als hätte er nur auf dieses Wort gewartet, um zu +explodieren. „Ihren Brief! Hier ist er, Ihr Brief! Hier ist er! Ich +zerreiße diesen Brief, ich speie ihn an! Ich zerstampfe Ihren Brief mit +meinen Füßen und erfülle damit die heiligste Pflicht der Menschheit! +Sehen Sie, was ich tue, wenn Sie mich mit Gewalt zu Erklärungen zwingen! +Sehen Sie! Sehen Sie! Sehen Sie! ...“ + +Und die Papierfetzen flogen auf den Fußboden. + +„Ich wiederhole es, Foma, du hast ihn falsch verstanden!“ beteuerte mein +Onkel, der immer bleicher wurde, „ich halte um ihre Hand an, Foma, ich +suche mein Glück ...“ + +„Um ihre Hand! Sie haben dieses Mädchen verführt, und jetzt wollen Sie +mich mit einem Heiratsantrag betrügen; denn ich habe Sie gestern nacht +mit ihr im Garten unter den Büschen gesehen!“ + +Die Generalin stieß einen Schrei aus und sank kraftlos auf ihren +Lehnstuhl. Ihre ganze Suite verlor den Kopf. Die arme Nastenjka saß +bleich wie eine Tote und rührte sich nicht. Ssaschenjka umklammerte vor +Schreck Iljuscha und zitterte am ganzen Körper. + +„Foma!“ rief mein Onkel außer sich. „Wenn du dieses Geheimnis verrätst, +so tust du die schändlichste Tat der Welt!“ + +„Ja, ich will dieses Geheimnis verraten,“ kreischte Foma, „und damit die +edelste aller Taten vollbringen! Dazu bin ich von Gott selbst gesandt, +um die ganze Welt in ihrem Schmutz zu entlarven! Ich bin bereit, auf +eines armen Bauern elendes Strohdach zu steigen und von dort aus allen +Gutsbesitzern in der Runde und jedem Vorüberfahrenden die Kunde von +Ihrer Schandtat zuzuschreien! ... Ja, hört es alle, wißt, daß ich +gestern, mitten in der Nacht ihn mit diesem Mädchen, das die Maske der +Unschuld zur Schau trägt, im Garten unter dichtem Gebüsch überrascht +habe!“ + +„Ach, Jesus, welche Schande!“ kam es fast zischend über die schmalen +Lippen der Perepelizyna. + +„Foma! Setz nicht dein Leben aufs Spiel!“ schrie ihm mein Onkel mit +blitzenden Augen zu und ballte die Fäuste. + +„... Er aber,“ kreischte Foma, „er aber hat es gewagt, – nach dem ersten +Schreck darüber, daß ich ihn sah – hat es gewagt, mich mit einem Brief +betrügen und bestechen zu wollen, mich, mich, den Ehrlichen, Ehrenhaften +und Offenherzigen, um mich zu überzeugen, daß er kein Verbrechen +begangen habe – ja, Verbrechen, sage ich! ... denn aus dem bis jetzt +unschuldigsten Mädchen der Welt haben Sie ...“ + +„Noch ein einziges Wort, das sie beleidigt, – und ich schlage dich tot, +Foma, das schwöre ich dir!! ...“ + +„Und ich spreche dieses Wort aus; denn aus dem bis jetzt unschuldigsten +Mädchen der Welt haben Sie _eines der verderbtesten gemacht_!“ + +Kaum jedoch war das letzte Wort über Fomas Lippen gekommen, als mein +Onkel ihn auch schon gepackt hatte, ihn wie einen Strohhalm +zusammenknickte und gegen die Glastür schleuderte, die auf den Hof +führte. Der Anprall war so stark, daß die Tür krachend aufflog und Foma +wie ein Brummkreisel über die sieben Stufen der steinernen Treppe +kollerte und sich unten in seiner ganzen Länge auf dem Hof ausstreckte. +Klirrend flogen die Glasscherben der zerschlagenen Scheiben auf die +weißen Steine der Treppe. + +„Gawrila, heb ihn auf!“ schrie mein Onkel totenbleich dem Diener zu, +„setz ihn in den Wagen! und daß mir nach zwei Minuten sein Fuß nicht +mehr in Stepantschikowo ist!“ + +Was Foma Fomitsch nun auch beabsichtigt haben mochte – diese Lösung wird +er in seiner Berechnung jedenfalls nicht vorausgesehen haben. + +Ich will es lieber gar nicht versuchen, die ersten hierauf folgenden +Minuten zu schildern: Das kreischende Geschrei der Generalin, die sich +in ihrem Lehnstuhl wand; den Starrkrampf der Perepelizyna infolge der +unerwarteten Handlungsweise meines sonst stets so sanften und gehorsamen +Onkels; das Ach und Weh der übrigen „Freundinnen“; die vor Schreck fast +ohnmächtige Nastenjka, neben der Jeshowikin, ihr Vater, auftauchte; die +vor Angst zähneklappernde Ssaschenjka; meinen Onkel, der in +unbeschreiblicher Erregung im Zimmer auf und ab ging und wartete, bis +die Mutter wieder zu sich käme; schließlich das laute Geheul Falaleis, +der seine Herrschaft beklagte und bejammerte – alles das stellte ein +lebendes Bild dar, wie man es mit Worten nicht zu beschreiben vermag. +Hierzu denke man sich noch, daß sich gerade jetzt, im selben Augenblick, +ein starkes Gewitter entlud. Die Donnerschläge wurden immer lauter und +unheimlicher, und plötzlich peitschte der Regen in Strömen an die +Fensterscheiben. + +„Da habt ihr jetzt ’nen Feiertag!“ brummte Herr Bachtschejeff grollend, +senkte den Kopf und schlug sich auf den Schenkel. + +„Die Sache ist gefährlich!“ flüsterte ich ihm zu – gleichfalls zitternd +vor Aufregung. „Aber wenigstens ist Foma hinausgeworfen und wird wohl +nicht mehr zurückgebracht werden!“ + +„Mama! Sind Sie zu sich gekommen? Fühlen Sie sich etwas besser? Könnten +Sie mich jetzt anhören?“ fragte mein Onkel, der vor seiner Mutter +stehengeblieben war. + +Diese erhob den Kopf, faltete die Hände und blickte flehend zu ihrem +Sohn empor, den sie in ihrem ganzen Leben noch nie in solchem Zorn +gesehen hatte. + +„Mama!“ begann der Oberst, „das Maß ist voll – Sie haben es selbst +gesehen. Nicht in dieser Weise wollte ich mein Vorhaben ausführen, aber +die Stunde hat geschlagen, und jetzt duldet es keinen Aufschub. Sie +haben die Verleumdung gehört, so hören Sie denn jetzt auch die +Rechtfertigung. Mama, ich liebe dieses edle und ehrenwerte Mädchen, ich +liebe sie schon lange und werde nie, niemals aufhören, sie zu lieben. +Sie wird meine Kinder glücklich machen und wird Ihnen eine ehrerbietige +Tochter sein, und deshalb spreche ich jetzt hier in Ihrer, meiner +Verwandten und Freunde Gegenwart meine innige Bitte aus, Nastassja +Jewgrafowna, mir die unendliche Ehre zu erweisen und einzuwilligen, +meine Frau zu werden.“ + +Nastenjka zuckte zusammen, errötete heiß und erhob sich erschrocken. Die +Generalin starrte ihren Sohn eine Zeitlang an, als begreife sie nicht, +wovon er sprach, und plötzlich stürzte sie mit einem gellenden Schrei +vor ihm auf die Knie nieder. + +„Jegoruschka, du mein Täubchen, bring Foma Fomitsch zurück!“ schrie sie, +„bring ihn sofort zurück! Ohne ihn sterbe ich noch vor dem Abend!“ + +Mein Onkel erstarrte, als er seine alte Mutter, die stets launische und +eigensinnige Frau, vor sich auf den Knien sah. Ein schmerzliches Gefühl +spiegelte sich auf seinem Antlitz wider. Endlich besann er sich, beugte +sich nieder, hob sie auf und setzte sie wieder in ihren Lehnstuhl. + +„Bring Foma Fomitsch zurück, Jegoruschka!“ fuhr die Alte in ihrem Geheul +fort, „bring ihn mir zurück, Täubchen! Ohne ihn kann ich nicht leben!“ + +„Mama!“ rief mein Onkel bekümmert aus, „– dann haben Sie ja überhaupt +nicht verstanden, was ich Ihnen gesagt habe? Ich kann Foma Fomitsch +nicht zurückrufen – begreifen Sie das doch! Ich kann es nicht, und ich +habe auch kein Recht dazu nach seiner niedrigen, schändlichen, +schmutzigen Verleumdung dieses Mädchens, das mir heilig ist! Sehen Sie +denn nicht ein, Mama, daß es meine Pflicht ist, daß meine Ehre es mir +befiehlt, für ihren guten Ruf, für ihre Ehre einzustehen! Sie haben es +doch gehört: ich halte um die Hand dieses Mädchens an und bitte Sie, wie +ein Sohn seine Mutter bittet, unseren Bund zu segnen.“ + +Doch die Generalin erhob sich, ehe er sich dessen versah, wieder von +ihrem Platz und stürzte vor Nastenjka auf die Knie nieder. + +„Ich flehe dich an! Sei ein Engel!“ schrie die Alte in ihrer +Verzweiflung, „heirate ihn nicht! Heirate ihn nicht, sondern bitte ihn, +daß er Foma Fomitsch zurückbringt! Sei mein Täubchen, Nastassja +Jewgrafowna! Ich gebe dir alles hin, ich opfere dir alles, wenn du ihn +nicht heiratest! Ich habe noch nicht alles aufgezehrt, ich habe noch +einen Sparpfennig von meinem Seligen. Alles ist dein, mein Engel, werde +dich mit allem beschenken, und auch Jegoruschka wird dich beschenken, +nur bringe mich nicht lebendig ins Grab; bitte ihn, daß er mir Foma +Fomitsch zurückbringt! ...“ + +Lange noch hätte die Alte geschrien und gefleht, wenn nicht alle ihre +Busenfreundinnen, voran die Perepelizyna, mit Gekreisch und +Klagegeschrei zu ihr gestürzt wären und sie mit vereinten Kräften +emporgehoben hätten – empört darüber, daß sie vor der „Gouvernante“ +ihrer Enkelkinder auf den Knien lag. Nastenjka konnte sich kaum noch auf +den Füßen halten vor Schreck. Die Perepelizyna aber weinte fast vor Wut. + +„Töten wollen Sie Ihre Mutter!“ schrie sie meinen Onkel an, „umbringen +wollen Sie sie! Sie aber, Nastassja Jewgrafowna, hätten nicht die Mutter +mit ihrem leiblichen Sohne entzweien sollen! So etwas wird auch Gott der +Herr nicht verzeihen ...“ + +„Anna Nilowna, nehmen Sie sich mit Ihrer Zunge in acht!“ rief ihr mein +Onkel zornig zu. „Ich habe genug ertragen! ...“ + +„Und auch ich habe genug von Ihnen ertragen! Was werfen Sie mir meine +Verwaistheit vor? Werden Sie mich noch lange – mich Waise – beleidigen? +Ich bin doch nicht Ihre Sklavin! Ich bin selbst die Tochter eines +Majors! Mein Fuß soll nicht mehr hier in diesem Hause weilen! ... Heute +noch – ...“ + +Doch mein Onkel hörte sie nicht an: er trat zu Nastenjka und ergriff +schüchtern ihre Hand. + +„Nastassja Jewgrafowna ... haben Sie gehört, um was ich Sie gebeten +habe?“ fragte er langsam, während sein Blick kummervoll auf ihrem lieben +Gesicht ruhte. + +„Nein, Jegor Iljitsch, nein! Lassen wir es lieber,“ antwortete +Nastenjka, die allen Mut verloren hatte. „Das ist es ja nicht,“ fuhr sie +fort und preßte unbewußt wie im Krampf seine Hand, während Tränen ihr in +die Augen traten. „Das sagen Sie jetzt, nach dem – Gestrigen ... Aber es +kann ja nichts daraus werden, Sie sehen es doch selbst ... Wir haben uns +getäuscht, Jegor Iljitsch ... Ich aber werde ewig an Sie als an meinen +Wohltäter denken und ... und werde ewig, ewig für Sie beten! ...“ + +Tränen erstickten ihre Stimme. Mein armer Onkel hatte offenbar keine +andere Antwort erwartet; er verfiel nicht einmal darauf, etwas +einzuwenden, sie zu bitten ... Er hörte, den Kopf zu ihr hinabgeneigt, +ohne ihre Hand freizugeben, stumm und wie geschlagen an, was sie sagte. +Seine Augen schimmerten feucht. + +„Ich habe Ihnen schon gestern gesagt,“ fuhr Nastenjka fort, „daß ich +nicht Ihre Frau werden kann. Sie sehen doch: man will mich hier nicht +... und das habe ich schon lange vorausgefühlt. Ihre Mutter wird Ihnen +nicht ihren Segen geben ... _andere_ auch nicht. Und Sie selbst, wenn +Sie es auch nicht bereuen werden – denn Sie sind der großmütigste Mensch +– so würden Sie doch um meinetwillen unglücklich sein ... bei Ihrem +Charakter, bei Ihrer Güte ...“ + +„Ganz recht – _bei Ihrer Güte_! – bei Ihrem _Charakter_! Du hast recht, +Nastenjka!“ griff ihr alter Vater auf, der an der anderen Seite neben +ihrem Stuhl stand. „Gerade dieses eine Wort sagt alles.“ + +„Ich will nicht Unfrieden in Ihr Haus bringen,“ fuhr Nastenjka fort. „Um +mich aber machen Sie sich keine Sorgen, Jegor Iljitsch: mich rührt +niemand an, niemand wird mich beleidigen ... ich gehe zu meinem Vater +... heute noch ... Es ist besser, wir nehmen Abschied voneinander, Jegor +Iljitsch ...“ + +Tränen rollten ihr über die Wangen. + +„Nastassja Jewgrafowna, – ist das wirklich Ihr letztes Wort?“ fragte +mein Onkel, Verzweiflung im Blick. „Sagen Sie nur ein Wort, nur ein +Wort, und ich opfere Ihnen alles! ...“ + +„Es war das letzte, das letzte, Jegor Iljitsch,“ sagte Jeshowikin, „und +sie hat es Ihnen so gut erklärt, wie ich es nicht einmal erwartet hätte. +Sie sind der gütigste Mensch, Jegor Iljitsch, gerade der gütigste, und +Sie haben uns eine große Ehre erwiesen! Große Ehre, große Ehre! ... Aber +immerhin passen wir nicht zu Ihnen, Jegor Iljitsch. Sie müssen sich eine +andere Braut aussuchen, eine, die sowohl reich, als vornehm und schön +und auch mit einer lauten Stimme begabt ist, und die nur in Brillanten +und Straußenfedern durch Ihre Säle rauscht ... Dann wird vielleicht auch +Foma Fomitsch etwas nachgiebiger sein ... und den Ehebund segnen! Den +Foma Fomitsch aber bringen Sie nur wieder zurück! Umsonst, ganz umsonst +haben Sie ihn so beleidigt! Er hat ja nur aus Tugendeifer, aus +übermäßiger Moralität so gesprochen ... Sie werden es selbst später +zugeben, daß er es nur deshalb getan hat – Sie selbst werden es selbst +sagen! Er ist der ehrwürdigste Mensch der Welt. Jetzt aber wird er in +dem Regen ganz naß werden. Wäre es daher nicht besser, ihn sogleich +zurückzurufen? ... denn einmal wird man es doch tun müssen ...“ + +„Bring ihn! Bring ihn zurück!“ schrie wieder die Generalin. „Täubchen, +er sagt dir ja nur die Wahrheit ...“ + +„Jawohl,“ fuhr Jeshowikin fort, „da sehen Sie, daß auch Ihre Frau Mutter +sich tot zu ängstigen geruht – und zwar ganz umsonst ... Bringen Sie ihn +nur zurück! Wir aber, Nastenjka und ich, wir werden uns mittlerweile +aufmachen ...“ + +„Wart, Jewgraf Larionytsch!“ unterbrach ihn mein Onkel, „ich bitte dich! +Noch ein Wort, Jewgraf, nur ein Wort habe ich noch zu sagen!“ + +Er ging mit schnellen Schritten in eine Ecke, setzte sich in einen +Lehnstuhl, stützte den Kopf in die Hände, mit denen er seine Augen +bedeckte, – es war, als wolle er für einen Augenblick seine Gedanken +sammeln. + +Da ertönte ein ungeheuerlicher Donnerschlag fast gerade über dem Hause. +Das ganze Gebäude erzitterte. Die Generalin schrie auf, die Perepelizyna +gleichfalls, die „Freundinnen“, dumm geworden vor Angst, bekreuzten +sich, was übrigens gleichzeitig mit ihnen auch Herr Bachtschejeff tat. + +„Heiliger Vater, steh uns bei!“ flüsterten fünf oder sechs Stimmen wie +auf ein Kommando. + +Unmittelbar nach dem Donnerschlage folgte ein Platzregen, als wenn ein +ganzer See auf Stepantschikowo herabstürzen wollte. + +„Und Foma Fomitsch, was wird jetzt mit ihm dort auf dem freien Felde?“ +kreischte die Perepelizyna. + +„Jegoruschka, bring ihn zurück!“ schrie die Generalin mit Verzweiflung +in der Stimme, und sie stürzte wie eine Wahnsinnige zur Tür. Doch sie +wurde von ihrer Suite zurückgehalten: die ganze Weiberbande umringte +sie, weinte, tröstete, kreischte und schrie. Sodom war einst sicherlich +nichts dagegen! + +„Nur im leichten Rock ist er gegangen! Wenn er doch wenigstens sein +Mäntelchen mitgenommen hätte!“ jammerte die Perepelizyna. „Und einen +Regenschirm hat er auch nicht! Der Blitz wird ihn erschlagen! ...“ + +„Unbedingt!“ stimmte Herr Bachtschejeff bei. „Und der Regen wird ihn +dann auch noch durchnässen!“ + +„Schweigen Sie doch!“ flüsterte ich ihm ungehalten zu. + +„Ja, aber ist er denn kein Mensch?“ fragte mich der Dicke aufgebracht. +„Er ist doch kein Hund. Du würdest jetzt auch nicht hinausgehen. Oder +geh, versuch’s doch, nimm ein Bad, bloß zum Vergnügen!“ + +Da ich die drohende Gefahr erkannte, ging ich zu meinem Onkel, der wie +erstarrt in seinem Lehnstuhl saß. + +„Onkel,“ sagte ich, mich zu seinem Ohr beugend, „werden Sie denn +wirklich einwilligen, Foma Fomitsch zurückzurufen? Begreifen Sie denn +nicht, daß es die größte Charakterlosigkeit wäre und eine Schändlichkeit +von Ihrer Seite, wenigstens so lange wie Nastassja Jewgrafowna hier ist +...“ + +„Freund,“ sagte mein Onkel, indem er den Kopf erhob und mir mit +entschlossenem Blick in die Augen sah, „ich habe hier über mich selbst +Gericht gehalten, und jetzt weiß ich, was ich tun muß. Beunruhige dich +nicht, ihr soll keine Kränkung widerfahren – ich werde es so einrichten +...“ + +Er erhob sich und trat zur Mutter. + +„Mama!“ sagte er, „beruhigen Sie sich: ich werde Foma Fomitsch +zurückbringen, ich werde ihm nachfahren, ihn einholen; er kann noch +nicht weit sein. Aber eines schwöre ich: nur unter der Bedingung wird er +zurückkehren, daß er hier im Kreise aller Zeugen der Beleidigung seine +Schuld eingesteht und dieses ehrenwerteste Mädchen feierlich um +Verzeihung bittet. Das werde ich durchsetzen! Ich werde ihn dazu +zwingen! Anderenfalls wird er nie die Schwelle meines Hauses +überschreiten! Auch schwöre ich Ihnen feierlich, Mutter: wenn er es +freiwillig tut, so bin ich bereit, ihn auch meinerseits um +Entschuldigung zu bitten, und ich werde ihm alles hingeben, alles, was +ich nur geben kann, ohne meine Kinder zu berauben! Ich selbst aber werde +mich von allem zurückziehen. Der Stern meines Glückes ist untergegangen +... Ich verlasse Stepantschikowo. Dann könnt ihr hier alle ruhig und +glücklich leben. Ich werde wieder in mein Regiment eintreten und auf dem +Schlachtfelde, im Kaukasus oder in Asien mein Leben beschließen ... Doch +wozu soviel Worte! Ich fahre!“ + +Da tat sich die Tür auf, und Gawrila erschien, triefend und bis zur +Unkenntlichkeit beschmutzt, vor der sprachlosen Versammlung. + +„Was fehlt dir? Woher kommst du? Wo ist Foma?“ fragte erschrocken mein +Onkel, der ihn als erster erblickte. + +Aller Augen wandten sich zur Tür, alle stürzten zu Gawrila und umringten +mit geradezu gieriger Neugier den alten Diener, von dessen Kleidern das +schmutzige Wasser buchstäblich in Strömen herabfloß. Ausrufe, Schreie, +Gekreisch begleiteten jedes Wort Gawrilas. + +„Foma Fomitsch sind beim Birkenwäldchen geblieben, anderthalb Werst von +hier,“ begann er mit weinerlicher Stimme. „Das Pferd erschrak vor einem +Blitz und lief in den Graben ...“ + +„Und? ...“ rief mein Onkel aus. + +„Der Wagen fiel um ...“ + +„Und ... und Foma?“ + +„Geruhten, in den Graben zu fallen ...“ + +„Aber so erzähl doch, Mensch!“ + +„Sie geruhten sich die Seite zu beschädigen und hierauf begannen sie zu +weinen. Da schirrte ich das Pferd aus und kam reitend her, um zu melden +...“ + +„Und Foma blieb dort liegen?“ + +„Sie erhoben sich und gingen mit dem Stöckchen weiter,“ schloß Gawrila, +seufzte hierauf und senkte den Kopf. + +Das Weinen und Schluchzen der Damen war unbeschreiblich. + +„Sofort den Polkan!“ befahl der Oberst und stürzte aus dem Zimmer. Das +Pferd wurde im Augenblick vorgeführt. Mein Onkel schwang sich, wie es +nur ein Husar fertigbringt, auf das ungesattelte Pferd und sprengte +davon – ohne Mütze, so wie er war. Der verhallende Hufschlag zeigte uns +die Richtung an, in der er ritt. + +Die Damen eilten zu den Fenstern. Zwischen Gestöhn und Wehklagen wurden +weise Ratschläge erteilt. Es wurde von den Vorzügen eines heißen Bades +gesprochen und von denen einer Einreibung mit Spiritus. Ferner sprach +man von mildem Brusttee und davon, daß Foma seit dem frühen Morgen noch +keinen Bissen zu sich genommen habe und folglich noch nüchtern sei. Die +Perepelizyna fand seine vergessene Brille im Futteral, und dieser Fund +machte einen ungewöhnlichen Eindruck: die Generalin stieß einen Schrei +aus, entriß der Finderin das Andenken, um dann nach neuen Tränenströmen +und ohne das Ding aus der Hand zu legen, wieder ans Fenster zu eilen und +hinauszuspähen, ob der Entschwundene nicht schon zurückkehrte. Die +Erwartung erreichte schließlich den höchsten Grad der Spannung ... In +einer anderen Ecke versuchte Ssaschenjka Nastjä zu trösten: beide hatten +sich eng umschlungen und weinten still. Nastenjka hielt Iljuschas +Händchen umklammert und küßte zum Abschied immer wieder ihren kleinen +Schüler. Iljuscha weinte mit offenem Mäulchen, ohne zu wissen, weshalb. +Jeshowikin und Misintschikoff redeten etwas abseits sehr eifrig +miteinander. Mir schien, daß Bachtschejeff beim Anblick der weinenden +Damen gleichfalls den Tränen beängstigend nahe war. Ich trat an ihn +heran. + +„Nein, mein Lieber,“ sagte er, „Foma Fomitsch hätte sich vielleicht auch +ohnedem von hier fortgemacht, nur war der rechte Augenblick offenbar +noch nicht gekommen: noch hatte man ihm keine Ochsen mit goldenen +Hörnern vor seine Equipage geschirrt! Keine Sorge, mein Lieber, der wird +noch die Besitzer aus dem Hause jagen und selber hier bleiben!“ + +Das Gewitter war nämlich schon weitergezogen, weshalb Herr Bachtschejeff +seine Meinung inzwischen geändert hatte. + +Plötzlich erhob sich ein Geschrei: „Sie kommen, sie kommen! Sie bringen +ihn!“ Und die Damen eilten mit Gekreisch zur Tür. Es waren kaum zehn +Minuten nach dem Aufbruch meines Onkels vergangen. Aber wie war es denn +möglich gewesen, Foma Fomitsch so schnell einzuholen? Das Rätsel sollte +später sehr einfach gelöst werden: Foma war allerdings, nachdem er +Gawrila zurückgeschickt hatte, mit seinem „Stöckchen“ weitergegangen. +Als er sich dann aber so verlassen in der Einsamkeit bei Sturm, Donner, +Blitz und Regen gesehen hatte, da hatte ihn der Mut gar schmählich im +Stich gelassen, und er war unverzüglich Gawrila nachgelaufen. Jedenfalls +hatte mein Onkel ihn schon in nächster Nähe des Gutshofes angetroffen. +Sofort war ein Mann, der gerade vorüberfuhr, angerufen worden, und mit +Hilfe von ein paar Bauern hatte man den ganz zahm gewordenen Foma in den +Wagen gehoben. Und so wurde er denn glücklich in die offenen Arme der +Generalin zurückgeführt, die fast den Verstand – ihren letzten – verlor, +als sie sah, in welchem Zustande ihr Abgott sich befand. Er war nämlich +noch bedeutend nasser und schmutziger als Gawrila. Ein entsetzliches +Durcheinander war die erste Folge: die einen wollten ihn sogleich ins +Schlafzimmer schaffen, damit er die Wäsche wechsele, die anderen +sprachen von Holundertee und ähnlichen Stärkungsmitteln. Alles lief hin +und her. Die Kopflosigkeit war allgemein. Alle sprachen zu gleicher +Zeit, so daß man kein Wort verstehen konnte ... Doch Foma schien nichts +zu sehen und nichts zu hören. Er wurde unter den Armen gestützt und +langsam zu seinem Philosophenstuhl geführt, in den er sich erschöpft +niedersinken ließ, um sogleich die Augen zu schließen. Jemand schrie, +daß Foma Fomitsch sterbe. Darauf erhob sich ein entsetzliches Geheul. Am +lautesten aber von allen heulte Falalei, der sich krampfhaft bemühte, +durch die Mauer der Damen zu Foma vorzudringen, um ihm, wie er sagte, +„die Händchen zu küssen“. + + + + + XVII. + + Foma Fomitsch als Schöpfer des allgemeinen Glücks. + + +„Wohin hat man mich gebracht?“ fragte Foma endlich mit der Stimme eines +Sterbenden – eines für die Wahrheit den Märtyrertod Sterbenden. + +„Verd...!“ fluchte Misintschikoff halblaut neben mir, „als ob er nicht +sähe, wo er ist! Jetzt wird er uns wieder Theater vorspielen!“ + +„Du bist bei uns, Foma, du bist im Kreise deiner Freunde!“ rief ihm mein +Onkel zu. „Faß dich, beruhige dich! Weißt du, es wäre wirklich gut, wenn +du jetzt deine Kleider wechseln wolltest, Foma, so kannst du dich noch +erkälten ... Und willst du dich nicht etwas stärken – was meinst du? So, +weißt du ... ein Gläschen, um dich zu erwärmen.“ + +„Malaga ... würde ich vielleicht trinken,“ stöhnte Foma und schloß +wieder die Augen. + +„Malaga? Ich weiß nicht, ob wir den gerade vorrätig haben ...“ sagte +mein Onkel, mit unruhigem Blick sich nach Praskowja Iljinitschna +umsehend. + +„Aber natürlich doch!“ Praskowja Iljinitschna schien ordentlich gekränkt +zu sein. „Ganze vier Flaschen haben wir noch!“ Und schlüsselklirrend +eilte sie nach dem Wein, begleitet vom Geschrei aller Damen, die ihren +Foma, ungefähr wie Fliegen einen Honigteller, belagerten. Dafür geriet +freilich Herr Bachtschejeff so ziemlich in das letzte Stadium des +Unwillens. + +„Malaga! Malaga will er!“ fauchte er. „Na natürlich! Es muß doch +unbedingt ein Wein sein, den sonst kein Mensch trinkt! Wer trinkt denn +jetzt noch Malaga, außer vielleicht so ’m Schuft wie er! Pfui! ... Pfui! +... Aber was stehe _ich_ denn hier? Was habe _ich_ denn hier zu suchen? +Worauf warte _ich_ denn noch?“ + +„Foma,“ hub mein Onkel an, verwirrte sich aber bei jedem Satz, „jetzt +wäre es ... wenn du dich erholt hast und wieder mit uns zusammen ... Ich +meine, ich will nur sagen, Foma, wie du vorhin, nachdem du das +unschuldige Mädchen beleidigt hattest ...“ + +„Wo, wo ist sie, meine Unschuld?“ griff Foma sofort das Wort auf, als +phantasiere er im Fieber. „Wo sind die goldenen Tage meiner Unschuld? Wo +bist du, meine goldene Kindheit, als ich noch schuldlos und schön über +die Wiesen dem ersten Frühlingsschmetterling nachlief? Wo, wo ist diese +Zeit? Gebt mir meine Unschuld wieder, gebt sie mir wieder zurück ...“ + +Und Foma wandte sich mit ausgestreckten Armen der Reihe nach an alle +Anwesenden, als hätte jemand von uns seine Unschuld in der Tasche +gehabt. Bachtschejeff schien platzen zu wollen vor Wut. + +„Hört doch, was der Mensch will!“ fauchte er empört. „Gebt ihm seine +Unschuld wieder! Will er sie etwa abküssen? Vielleicht war er auch als +Knabe schon so ein Räuber, wie jetzt! Könnte schwören, daß er’s war!“ + +„Foma!“ ... hub mein Onkel wieder an. + +„Wo, wo sind sie, jene Tage, als ich noch an die Liebe glaubte und den +Menschen liebte?“ phantasierte Foma, „als ich den Nächsten umarmte und +an seiner Brust Tränen vergoß? Jetzt aber – wo bin ich? Wo bin ich?“ + +„Du bist bei uns, Foma, beruhige dich!“ rief ihm mein Onkel zu. „Ich +aber will dir jetzt folgendes sagen, Foma ...“ + +„Wenn Sie doch jetzt wenigstens schweigen wollten!“ keuchte haßerfüllt +die Perepelizyna, deren kleine Schlangenaugen meinen Onkel böse +anblitzten. + +„Wo bin ich?“ fuhr Foma fort, „wer umgibt mich hier? Das sind ja Büffel +und Stiere, die ihre Hörner gegen mich senken! Leben, was bist du? Ach, +lebe, lebe, sei entehrt, geschmäht, gegeißelt, geschlagen, und wenn dann +dein Grab zugeschüttet ist, dann erst kommen die Menschen zur Besinnung, +und deine armen Knochen werden von einem Monument zerdrückt!“ + +„Himmlischer Vater, jetzt kommt er noch auf sein Monument zu sprechen!“ +flüsterte Jeshowikin und schlug die Hände zusammen. + +„Oh, errichtet mir kein Monument!“ phantasierte Foma ohne Unterlaß +weiter, „errichtet mir keines! Ich brauche keine Monumente! Errichtet +mir in Eurem Herzen Monumente ... das ist alles ... sonst aber verlange +ich nichts, nichts, nichts!“ + +„Foma!“ unterbrach ihn mein Onkel, „so hör doch jetzt auf! Beruhige +dich! Es ist kein Grund vorhanden, von Monumenten zu reden. Hör mich +jetzt an ... Sieh, Foma, ich begreife, daß du vielleicht ... sagen wir, +in edlem Feuer branntest, als du mir vorhin ... diese Vorwürfe machtest; +aber du ließest dich zu weit fortreißen, Foma, du überschrittest jede +Grenze – ich versichere dich, du hast dich geirrt, Foma ...“ + +„Werden Sie denn nicht endlich aufhören!“ schrie wieder die +Perepelizyna, „wollen Sie denn den Unglücklichen ganz und gar töten, +bloß weil er jetzt in Ihren Händen ist? ...“ + +Nach dem Beispiel der Perepelizyna fuhr auch die Generalin sofort auf, +und mit ihr das ganze Gefolge: alle winkten sie meinem Onkel wie +besessen mit den Händen zu, damit er nur endlich schweige. + +„Anna Nilowna, halten Sie gefälligst selbst den Mund; ich weiß, was ich +sage!“ fuhr mein Onkel mit entschlossener Stimme fort. „Es handelt sich +um eine heilige Sache der Ehre und Gerechtigkeit ... Foma, ich weiß, du +bist vernünftig. Du mußt unverzüglich das edelste Mädchen, das du +beleidigt hast, um Verzeihung bitten.“ + +„Welches Mädchen? Welches Mädchen habe ich beleidigt?“ fragte Foma und +sah sich mit verständnislosem Blick im Kreise um, als hätte er alles +vergessen, was geschehen war, und als begreife er nicht, wovon man +sprach. + +„Ja, Foma, und wenn du jetzt freiwillig deine Schuld eingestehst, so +werde ich, das schwöre ich, dir hier meinetwegen zu Füßen fallen und +...“ + +„Aber wen habe ich denn beleidigt?“ rief Foma leidenschaftlich. „Welches +Mädchen? Wo ist sie? Wo ist sie? Wo ist dieses Mädchen? Erinnert mich +doch, helft mir, sagt mir doch nur mit einem Wort, wer dieses Mädchen +ist! ...“ + +Da trat Nastenjka verwirrt und geängstigt zu meinem Onkel und berührte +ihn zaghaft am Ärmel. + +„Jegor Iljitsch, lassen Sie ihn, es ist nicht nötig, daß er sich +entschuldigt! Wozu das alles?“ sagte sie mit bittender, gequälter +Stimme. „Lassen Sie doch!“ + +„Ah! Jetzt besinne ich mich!“ rief plötzlich Foma aus. „Gott! Ich +besinne mich! Oh, helft mir, helft mir, mich zu erinnern!“ flehte er, +scheinbar in unbeschreiblicher Aufregung. „Sagt mir, ist es wahr, daß +man mich von hier wie den räudigsten aller Hunde hinausgejagt hat? Ist +es wahr, daß ich vom Blitz getroffen wurde? Ist es wahr, daß ich von +hier auf die Treppe hinausgeworfen worden bin? Ist das wahr? Ist das +alles wahr?“ + +Das Weinen und Gejammer der Damen war eine beredte Antwort auf seine +Frage. + +„Richtig, richtig!“ fuhr er fort, „ich entsinne mich jetzt, daß ich nach +dem Blitz und nach meinem Sturz hergelaufen kam, verfolgt vom Donner, um +hier meine Pflicht zu erfüllen und um dann auf ewig zu verschwinden! +Erhebt mich! Wie erschöpft ich jetzt auch bin, ich muß sie erfüllen – +meine letzte Pflicht!“ + +Man faßte ihn stützend unter die Arme und hob ihn aus dem Ruhestuhl. Er +selbst nahm hierauf die Pose eines klassischen Redners an und streckte +beschwörend seine Hand aus. + +„Oberst!“ begann er, „jetzt bin ich wieder erwacht! Der Donner hat meine +geistigen Kräfte nicht gänzlich vernichtet: es ist zwar noch eine +gewisse Taubheit in meinem rechten Ohr vorhanden, aber die ist +vielleicht nicht so sehr auf den Donner als auf den Sturz von der Treppe +zurückzuführen ... Doch was hat das zu sagen! Und wen geht hier das +rechte Ohr Foma Opiskins etwas an!“ + +Den letzten Worten verlieh Foma so viel traurige Ironie und begleitete +sie mit einem so wehmütigen Lächeln, daß das Gestöhn der gerührten Damen +unwillkürlich von neuem ertönte. Alle sahen sie mit bitterem Vorwurf, +einige aber mit wahrem Haß auf meinen armen Onkel, der sich allmählich, +beim Anblick eines so einmütigen Urteils, wie vernichtet zu fühlen +begann. Misintschikoff spie heimlich aus vor Wut und trat ans Fenster. +Bachtschejeff versetzte mir immer stärker werdende Rippenstöße: er +konnte sich wirklich nicht mehr ruhig verhalten, der arme Dicke! + +„Jetzt hören Sie alle meine Beichte!“ hub Foma mit erhöhter Stimme an +und ließ stolz und entschlossen seinen Blick über die ganze Versammlung +schweifen, „und gleichzeitig entscheiden Sie, Jegor Iljitsch, über das +Schicksal des unglücklichen Foma Opiskin! Schon lange habe ich Sie +beobachtet, habe ich Sie bangen Herzens beobachtet und alles bemerkt, +alles, während Sie noch nicht einmal ahnten, daß ich Sie beobachtete. +Oberst! Ich habe mich vielleicht geirrt, aber ich kannte Ihren Egoismus, +Ihre unbegrenzte Eigenliebe, Ihre schreckliche Wollüstigkeit, und – wer +wird mich deshalb verdammen können, daß ich unwillkürlich für die Ehre +des unschuldigsten Wesens erzitterte?“ + +„Foma! ... Foma! ...“ fiel ihm mein Onkel ins Wort, da er mit Unruhe den +gequälten Ausdruck in Nastenjkas Gesicht gewahrte. + +„Nicht so sehr die Unschuld und die Vertrauenswürdigkeit dieses Mädchens +ängstigten mich als gerade ihre Unerfahrenheit,“ fuhr Foma fort, als +hätte er die Warnung meines Onkels überhaupt nicht gehört. „Ich sah, wie +ein zärtliches Gefühl in ihrem Herzen erwachte und erblühte, gleich der +Frühlingsrose, und ich dachte unwillkürlich an Petrarca, der da sagt: +‚Die Unschuld ist so oft nur um Haaresbreite vom Untergang entfernt.‘ +Ich seufzte und litt, und wenn ich auch für dieses Mädchen, das rein wie +eine Perle, wie ein kostbarer Edelstein ist, mein ganzes Blut als +Bürgschaft hingegeben hätte – wer aber hätte mir für Sie gebürgt, Jegor +Iljitsch? Da ich das zügellose Streben Ihrer Leidenschaften kannte, da +ich wußte, daß Sie für deren kurze Befriedigung alles zu opfern bereit +sind, – so versenkte ich mich plötzlich in einen Abgrund des Entsetzens +und der Befürchtungen bezüglich des Schicksals dieses edelsten aller +Mädchen ...“ + +„Foma! Wie hast du das nur denken können!“ rief mein Onkel erregt aus. + +„Mit schmerzendem Herzen habe ich Sie beobachtet. Wenn Sie wissen +wollen, wie ich gelitten habe, fragen Sie Shakespeare: er wird Ihnen in +seinem ‚Hamlet‘ von meinem Seelenzustande erzählen. Ich wurde +argwöhnisch und unerträglich. In meiner Unruhe, in meinem Unwillen sah +ich alles schwarz, aber, das war nicht dieses ‚Schwarz‘, von dem in der +bekannten Romanze die Rede ist, das können Sie mir glauben. Deshalb +hegte ich auch den Wunsch, _sie_ aus diesem Hause zu entfernen: ich +wollte sie retten. Dies war der eigentliche Grund, weshalb Sie mich in +der letzten Zeit so gereizt und mit der ganzen Menschheit zerfallen +gesehen haben. Oh! wer wird mich jetzt mit dieser Menschheit wieder +aussöhnen? Ich fühle, daß ich vielleicht anmaßend und ungerecht zu Ihren +Gästen, zu Ihrem Neffen, zu Herrn Bachtschejeff gewesen bin, indem ich +von ihm Kenntnis der Astronomie verlangte; aber wer kann mich wegen +meines damaligen Seelenzustandes tadeln? Ich berufe mich nochmals auf +Shakespeare und sage, daß die Zukunft mir wie ein finsterer Abgrund von +unbekannter Tiefe erschien, auf dessen Grunde ein Krokodil lag. Ich +fühlte, daß es meine Pflicht war, das Unglück zu verhüten, daß ich dazu +berufen, daß ich dazu gesandt war, – doch was geschah? Sie begriffen die +edelsten Beweggründe meiner Seele nicht und zahlten mir in dieser ganzen +Zeit mit Bosheit, Undankbarkeit, Spott, Erniedrigungen ...“ + +„Foma! Wenn es so ist ... ich fühle ...“ unterbrach ihn mein Onkel in +unsäglicher Erregung. + +„Wenn Sie tatsächlich etwas fühlen, Oberst, so seien Sie so gut und +lassen Sie mich zu Ende sprechen, ohne mich zu unterbrechen. Ich fahre +fort: meine ganze Schuld bestand folglich darin, daß ich mich gar zu +sehr um das Schicksal und das Glück dieses Kindes sorgte, – denn sie ist +ja noch ein Kind im Vergleich zu Ihnen. Die höchste Liebe zur Menschheit +machte mich in dieser Zeit fast zu einem Dämon des Argwohns und Zornes. +Ich wäre fähig gewesen, mich auf die Menschen zu stürzen und sie zu +zerreißen. Und wissen Sie auch, Jegor Iljitsch, daß ein jeder Ihrer +Schritte meinen Argwohn noch bestärkte und mich von der Richtigkeit +aller meiner Befürchtungen überzeugte? Wissen Sie auch, daß ich gestern, +als Sie mich mit Ihrem Golde überschütteten, um mich auf diese Weise los +zu werden, bei mir im stillen dachte: ‚Er will in mir, in meiner Person +sein eigenes Gewissen entfernen, um dann bequemer das Verbrechen begehen +zu können ...‘“ + +„Foma! Aber Foma ... Hast du das wirklich gestern gedacht?“ rief mein +Onkel entsetzt aus. „Gott, und ich habe nichts geahnt!“ + +„Der Himmel selber flößte mir diesen Argwohn ein,“ fuhr Foma fort. „Und +sagen Sie doch: was mußte ich denken, als der blinde Zufall mich noch am +selben Abend zu jener Bank im Garten führte, was mußte ich fühlen, – o +Gott! – als ich endlich mit eigenen Augen sah, daß alle meine +Befürchtungen sich plötzlich bewahrheiteten und mir in der glänzendsten +Weise recht gaben? Mir blieb nur noch eine Hoffnung, eine schwache, +allerdings, aber es war doch immerhin eine Hoffnung! Und was mußte ich +erleben?! Heute morgen zerstörten Sie sie selbst zu Schutt und Trümmer! +Sie sandten mir Ihren Brief. Sie sprachen von der Absicht, sie zu +heiraten, und Sie flehten mich an, von dem Gesehenen nichts verlauten zu +lassen ... ‚Aber weshalb,‘ dachte ich, ‚weshalb hat er mir denn gerade +jetzt geschrieben, nachdem ich ihn bereits überrascht habe, warum nicht +früher? Weshalb ist er nicht früher eilends zu mir gekommen, glücklich +und schön – denn die Liebe verschönt das Gesicht –, weshalb hat er sich +nicht in meine Arme geworfen, warum ist er nicht an meiner Brust in +Tränen grenzenlosen Glücks ausgebrochen, und weshalb hat er mir nicht +alles, alles gestanden?‘ Oder bin ich ein Krokodil, das Sie nur +verschlungen, nicht aber Ihnen einen klugen Rat gegeben haben würde? +Oder bin ich irgendein widerliches Insekt, das Sie nur gebissen, nicht +aber Ihnen zu Ihrem Glück verholfen haben würde? ‚Bin ich sein Freund, +oder bin ich ein ekelhaftes Gewürm?‘ Das war die Frage, die ich heute +morgen an mich stellte! ‚Und wozu schließlich,‘ dachte ich, ‚wozu hat er +aus der Hauptstadt einen Neffen hergerufen und mit diesem Mädchen +verlobt, wenn nicht, um sowohl uns wie den leichtsinnigen Neffen zu +betrügen und inzwischen heimlich die verbrecherischste aller Absichten +auszuführen?‘ Nein, Oberst, wenn jemand mich in dem Gedanken bestärkt +hat, daß Ihre Liebe verbrecherisch ist, so sind Sie es selbst, und nur +Sie allein! Ja, Sie sind auch vor diesem Mädchen ein Verbrecher; denn +durch Ihre Ungeschicklichkeit und Ihr eigensüchtiges Mißtrauen haben Sie +sie der Verleumdung und häßlichem Argwohn preisgegeben!“ + +Mein Onkel schwieg, den Kopf gesenkt. Die Beredsamkeit Fomas behielt +offenbar die Oberhand; denn mein Onkel wagte nichts mehr zu entgegnen +und gab damit eigentlich schon zu, daß er der „große Verbrecher“ sei. +Die Generalin und ihre Freundinnen hatten stumm und andächtig Fomas Rede +angehört; die Perepelizyna blickte mit schadenfrohem Triumph auf die +arme Nastenjka. + +„Bestürzt, erregt, halbtot,“ fuhr Foma fort, „schloß ich mich heute ein +und betete, daß Gott mich erleuchte! Endlich beschloß ich, Sie zum +letzten Male und öffentlich zu prüfen. Vielleicht habe ich mich mit gar +zu großem Eifer darangemacht, vielleicht habe ich mich gar zu sehr +meinem Unwillen hingegeben! Doch für meine edelsten Absichten warfen Sie +mich zur Tür hinaus! Noch als ich aus der Türe flog, dachte ich bei mir: +‚Sieh, so wird in der Welt die Tugend belohnt!‘ Hieran schlug ich auf +die Erde, und was weiter mit mir geschah – dessen entsinne ich mich kaum +noch.“ + +Gestöhn und Wehklagen unterbrachen Foma bei dieser tragischen +Erinnerung. Die Generalin stürzte mit der Flasche Malaga, die sie vor +einer Minute der zurückgekehrten Praskowja Iljinitschna aus der Hand +gerissen hatte, zu Foma; dieser jedoch wies mit majestätischer +Handbewegung die Flasche samt der Generalin zurück. + +„Unterbrechen Sie mich nicht. Ich muß beenden. – Was nach meinem Sturz +geschah – ich weiß es nicht. Ich weiß nur eines, daß ich jetzt, +durchnäßt und der Gefahr einer Influenza ausgesetzt, hier stehe, um Ihr +beiderseitiges Glück zu schaffen. Oberst! Aus vielen Anzeichen, die ich +jetzt nicht weiter erklären will, habe ich schließlich die Überzeugung +gewonnen, daß Ihre Liebe rein und sogar erhaben ist. Und wenn auch +gleichzeitig von einem geradezu verbrecherischen Mißtrauen gemartert, +erniedrigt, der Beleidigung eines ehrenhaften Mädchens verdächtigt, +desselben Mädchens, für das ich wie ein mittelalterlicher Ritter mein +Blut bis auf den letzten Tropfen hingegeben hätte, entschließe ich mich +nunmehr, Ihnen zu zeigen, wie Foma Opiskin sich für ihm zugefügte +Beleidigungen rächt. Geben Sie mir Ihre Hand, Oberst!“ + +„Mit Vergnügen, Foma!“ rief mein Onkel aus. „Und da du dich jetzt +deutlich über die Ehre des ehrenwertesten Mädchens ausgesprochen hast, +so ... hier ist meine Hand, Foma, und gleichzeitig gestehe ich dir meine +aufrichtige Reue ...“ + +Und mein Onkel reichte ihm von ganzem Herzen die Hand, ohne zu ahnen, +was daraus entstehen sollte. + +„Geben Sie mir auch Ihre Hand,“ fuhr Foma mit milder Stimme fort, indem +er sich durch den Kreis der ihn umgebenden Damen an Nastenjka wandte. + +Nastenjka erschrak, verwirrte sich und blickte schüchtern zu Foma +hinüber. + +„Kommen Sie, kommen Sie, mein liebes Kind! Das ist unbedingt notwendig +zu Ihrem Glück,“ fuhr Foma freundlich fort, während er immer noch die +Hand meines Onkels in der seinen hielt. + +„Was mag er wollen?“ fragte Misintschikoff leise. + +Nastjä näherte sich schließlich, noch immer erschrocken und ängstlich, +Foma Fomitsch und reichte ihm zaghaft ihr Händchen. + +Foma nahm dieses Händchen und legte es in die Hand meines Onkels. + +„_Ich vereinige und segne euch!_“ sagte er mit der feierlichsten Stimme. +„Und wenn der Segen eines vom Leid erdrückten Märtyrers euch Nutzen +bringen kann, so seid glücklich! Nun seht ihr, wie sich Foma Opiskin +rächt! Hurra!“ + +Wir waren sprachlos. Diese Lösung kam so unerwartet, daß niemand sie +verstand. Die Generalin glich einer Salzsäule mit einer Flasche Malaga +in der Hand. Die Perepelizyna erbleichte und erzitterte vor Wut. Das +übrige Gefolge schlug die Hände über dem Kopf zusammen und erstarrte in +dieser Stellung. Mein Onkel fuhr zusammen und wollte etwas sagen, +brachte aber kein Wort hervor. Nastjä war blaß wie eine Tote und +stammelte zwar ein „aber das geht doch nicht ...“ – aber jetzt war es zu +spät. Bachtschejeff war der erste – man muß ihm Gerechtigkeit +widerfahren lassen –, der in Fomas Hurra einstimmte, nach ihm ich, nach +mir Ssaschenjka mit allem Jubel ihrer hellen Kinderstimme. Zugleich +eilte sie zum Vater und umarmte und küßte ihn –, dann Iljuscha, dann +Jeshowikin, und zum Schluß auch Misintschikoff. + +„Hurra!“ schrie noch einmal Foma, „hurra! Und jetzt auf die Knie, meine +Herzenskinder, auf die Knie vor der zärtlichsten der Mütter! Bittet um +ihren Segen, und wenn es nötig ist, werde ich selbst mit euch vor ihr +niederknien ...“ + +Mein Onkel und Nastjä, die einander noch nicht angesehen hatten und im +ersten Schreck wahrscheinlich noch gar nicht begriffen, was mit ihnen +geschah, knieten sogleich vor der Generalin nieder: die übrigen +gruppierten sich um sie herum. Die Generalin stand wie betäubt, rührte +sich nicht und schien nicht begreifen zu können, was sie tun sollte. +Doch da half Foma: er kniete in eigener Person vor seiner Gönnerin +nieder, was diese im Augenblick zur Besinnung brachte. Sie brach in +Tränen aus und sagte, daß sie einverstanden sei. Der Oberst sprang auf +und preßte Foma an seine Brust. + +„Foma! ... Foma!“ rief er aus, doch seine Stimme versagte. + +„Champagner!“ rief Herr Bachtschejeff. „Hurra!“ + +„Nein, nicht Champagner,“ unterbrach ihn die Perepelizyna, die +inzwischen schon Zeit gehabt hatte, sich zu besinnen, sich die Sachlage +zu überlegen und gleichzeitig auch die Folgen zu berechnen, – „jetzt muß +man Gott ein Licht anzünden, vor dem Heiligenbilde beten und mit dem +Heiligenbilde das Brautpaar segnen, wie alle Gottesfürchtigen es tun +...“ + +Sofort beeilten sich alle, den vernünftigen Rat zu befolgen. Alles lief +kreuz und quer. Zuerst mußte das Licht angezündet werden. Herr +Bachtschejeff zog einen Stuhl herbei, stellte ihn vor das Heiligenbild +und kletterte höchst eigen hinauf, um das Licht einzusetzen. Der Stuhl +jedoch war nicht für eine solche Last gedacht: er krachte in allen +Fugen, und Herr Bachtschejeff rettete nur mit Mühe und Not sein +Gleichgewicht. Doch ohne sich im geringsten über seinen Mißerfolg zu +ärgern, trat er den Platz sofort höflich der Perepelizyna ab. Die dünne +Jungfer erledigte die Sache denn auch im Augenblick: das Licht brannte. +Und wie die Perepelizyna, so bekreuzte sich und verneigte sich das ganze +Gefolge bis zur Erde. Hierauf wurde das Heiligenbild der Generalin +gereicht. Der Oberst und Nastenjka knieten nochmals vor ihr nieder, und +die Zeremonie vollzog sich unter gottesfürchtigen Vorhaltungen der +Perepelizyna, die zu jedem ihrer Worte Unterweisungen hinzufügte: „Knien +Sie jetzt nieder, küssen Sie jetzt das Heiligenbild, küssen Sie der +Mutter die Hand!“ Nach den Verlobten hielt es auch Herr Bachtschejeff +für seine Pflicht, das Heiligenbild zu küssen, worauf er die Hand der +Generalin an die Lippen führte. Er befand sich mit einem Male in +unbeschreiblicher Begeisterung. + +„Hurra!“ schrie er immer von neuem. „Aber jetzt Champagner!“ + +Übrigens waren alle begeistert. Die Generalin weinte, doch waren es +diesmal Tränen der Freude: die Verbindung, die Foma gesegnet hatte, +wurde in ihren Augen ohne weiteres sowohl heilig wie auch möglich, und +vor allen Dingen fühlte sie, daß Foma Fomitsch sich ausgezeichnet hatte +und jetzt ganz sicher wieder bei ihr bleiben werde. Auch ihr Gefolge +teilte – wenigstens äußerlich – die allgemeine Begeisterung. Mein Onkel +ging bald zu seiner Mutter, um ihre Hände zu küssen; bald umarmte er +mich, Bachtschejeff, Misintschikoff und Jeshowikin. Seinen Iljuscha +hätte er um ein Haar erdrückt in seinen Armen. Ssaschenjka hing sich an +Nastenjka und küßte sie unaufhörlich. Praskowja Iljinitschna weinte +still. Als Herr Bachtschejeff das bemerkte, ging er zu ihr hin und küßte +ihr die Hand. Der alte Jeshowikin wischte sich, in die entfernteste Ecke +zurückgezogen, mit einem Zipfel seines karierten Schnupftuches +gleichfalls Tränen aus den Augen. In der anderen Ecke schluchzte Gawrila +und sah andächtig zu Foma Fomitsch auf. Falalei aber brüllte +herzbrechend vor lauter Rührung, trat zu jedem Anwesenden und küßte ihm +die Hand. Alle flossen über vor lauter Gefühl. Niemand vermochte zu +sprechen. Niemand dachte an Erklärungen. Es schien alles schon gesagt zu +sein. Nur freudige Ausrufe wurden laut. Im Grunde begriff zwar noch +keiner so recht, was und wie es eigentlich geschehen war. Man wußte nur +das eine: daß Foma Fomitsch alles getan und geordnet hatte, und daß eine +unwiderrufliche Tatsache vor einem stand. + +Noch waren keine fünf Minuten des allgemeinen Glücks vergangen, als +plötzlich auch Tatjana Iwanowna erschien. Durch wen, durch welchen +Spürsinn mochte sie oben in ihrem Zimmer Kunde von der Verlobung +erhalten haben? Mit strahlendem Gesicht, mit Freudentränen in den Augen +und in bezaubernd eleganter Toilette – sie hatte inzwischen doch Zeit +und Lust dazu gehabt, sich umzukleiden – erschien sie in der Tür und +flatterte wie eine Schwalbe zu Nastenjka, die sie krampfhaft in ihre +Arme schloß. + +„Nastenjka, Nastenjka! Du hast ihn geliebt, ich aber habe es nicht +einmal gewußt!“ rief sie aus. „O Gott! Sie haben sich geliebt, sie haben +heimlich gelitten, ohne daß jemand es gewußt hätte! Man hat sie +verfolgt! Welch ein Roman! Nastjä, mein Täubchen, sag mir die ganze +Wahrheit: liebst du denn wirklich diesen – Toren?“ + +Statt einer Antwort umarmte Nastjä sie und küßte sie auf den Mund. + +„O Gott, welch ein entzückender Roman!“ Tatjana Iwanowna klatschte in +die Hände vor Freude. Hör, Nastjä, hör, mein Engel: alle diese Männer, +alle bis auf den letzten sind sie undankbare Unmenschen, Ungeheuer und +unserer Liebe nicht wert. Er aber ist vielleicht noch der beste von +ihnen. „Komm her zu mir, du Tor!“ rief sie plötzlich meinem Onkel zu, +sich an ihn wendend, und sie erfaßte seine Hand, um ihn zu sich zu +ziehen. „Bist du wirklich verliebt? Bist du wirklich fähig zu lieben? +Sieh mich an: ich will dir in die Augen sehen, ich will sehen, ob diese +Augen lügen ... Nein, nein, sie lügen nicht – in ihnen leuchtet wahre +Liebe. Oh, wie glücklich ich bin! Nastenjka, meine Freundin, hör mich +an: du bist nicht reich – ich schenke dir dreißig Tausend. Nimm sie, um +Christi willen! – ich bitte dich! Ich brauche sie nicht, ich habe sie +nicht nötig! Es bleibt mir ja noch genug! Nein, nein, nein!“ wehrte sie +heftig, als sie sah, daß Nastjä das Geschenk nicht annehmen wollte. +„Schweigen Sie, Jegor Iljitsch, das geht Sie nichts an. Nein, Nastjä, +ich habe es so beschlossen – sie dir zu schenken. Ich wollte dir immer +schon ein Geschenk machen, aber ich wartete auf deine erste Liebe ... +Und nun werde ich euer Glück sehen und mich mitfreuen. Du wirst mich +kränken, wenn du es nicht annimmst, ich werde weinen, Nastjä ... Nein, +nein, nein und nein, du darfst mir die Bitte nicht abschlagen!“ + +Tatjana Iwanowna war so glücklich, daß man ihr – wenigstens in diesem +Augenblick – unmöglich ihre Bitte und ihr Geschenk abschlagen konnte: +sie hätte einem zu leid getan. So tat man es denn auch vorläufig nicht +... man schob es auf. Darauf fiel sie der alten Generalin um den Hals, +küßte sie, küßte die Perepelizyna – küßte alle. Bachtschejeff drängte +sich in der höflichsten Weise zu ihr durch und bat sie, ihr die Hand +küssen zu dürfen. + +„Du mein Mütterchen, mein Täubchen! Verzeih mir altem Dummkopf, was auf +der Rückfahrt geschah – ich kannte doch dein goldenes Herz noch nicht!“ + +„Ach, Sie Tor! Ich aber kenne Sie schon lange!“ sagte Tatjana Iwanowna +mit schelmischer Koketterie, schlug Stepan Alexejewitsch mit dem +Batisttüchelchen auf die Nase und flatterte wie eine Nixe davon, während +ihr prächtiges Kleid ihn streifte. + +Der Dicke trat ehrerbietig zurück. + +„Ein vortreffliches Mädchen!“ sagte er gerührt. „Aber dem Deutschen ist +ja die Nase wieder angeklebt worden!“ flüsterte er mir vertrauensvoll zu +und sah mir froh in die Augen. + +„Was für eine Nase? Welch einem Deutschen?“ fragte ich verständnislos. + +„Na, dem verschriebenen doch, der seiner Dame das Händchen küßt, während +diese sich eine Träne mit dem Schnupftuch aus dem Auge wischt. Mein +Jewdokim hat sie ihm noch gestern zu Haus angeleimt. Als wir aber vorhin +von der Jagd zurückkamen, schickte ich einen reitenden Boten ... Bald +wird er hier sein. Ein großartiges Ding, sag’ ich Ihnen!“ + +„Foma!“ rief mein Onkel in fassungsloser Begeisterung aus, „du bist der +Urheber meines Glücks! Womit kann ich es dir vergelten?“ + +„Mit nichts, Oberst,“ sagte Foma mit einer Asketenmiene. „_Fahren Sie +fort, mir keine Beachtung zu schenken_, und seien Sie glücklich ohne +Foma.“ + +Er fühlte sich offenbar verletzt – während des großen +Gefühlsüberschwanges schien man ihn, und wenn auch nur einen Augenblick, +beinahe vergessen zu haben. + +„Das war ja nur die übergroße Seligkeit, Foma!“ rief mein Onkel aus. +„Ich ... weiß kaum noch, wo ich bin, Freund! Höre, Foma: ich habe dich +beleidigt. Mein ganzes Leben, all mein Blut würde nicht ausreichen, um +diese Beleidigung wieder gutzumachen, und deshalb schweige ich lieber +und versuche gar nicht, meine Tat zu entschuldigen. Wenn du aber jemals +meines Kopfes, meines Lebens bedarfst, wenn jemand sich für dich in +einen Abgrund stürzen muß, so befiehl nur, und du wirst sehen ... Ich +sage nichts weiter, Foma!“ + +Und mein Onkel machte nur eine Handbewegung, da er die Unmöglichkeiten, +in Worten noch etwas hinzuzufügen, das seinen Gedanken stärker +ausdrücken könnte, vollkommen einsah. Dann blickte er Foma mit +dankbaren, feucht schimmernden Augen an. + +„Jetzt sieht man erst, was für ein Engel er ist!“ flötete honigsüß die +Perepelizyna – bereit, Foma anzubeten. + +„Ja, ja!“ stimmte ihr Ssaschenjka bei. „Ich wußte gar nicht, daß Sie ein +so guter Mensch sind, Foma Fomitsch – und ich war so ungezogen zu Ihnen. +Verzeihen Sie mir, Foma Fomitsch, und glauben Sie mir, daß ich Sie von +ganzem Herzen lieben werde. Wenn Sie wüßten, wie ich Sie jetzt achte!“ + +„Foma!“ sagte Herr Bachtschejeff, „verzeih auch mir. Ich war dumm. Ich +kannte dich nicht, ich kannte dich wahrhaftig nicht! Du, Foma Fomitsch, +du bist nicht nur ein Gelehrter, sondern einfach – ein Held! Mein ganzes +Haus steht dir zur Verfügung. Komm nur. Am besten aber, weißt du, komm +gleich übermorgen zu mir; aber selbstverständlich lade ich auch die +Braut und den Bräutigam ein ... Jawohl! – das ganze Haus zu mir! Dann +wollen wir mal speisen – ich will nichts vorher loben, nur eines schicke +ich voraus: bloß Vogelmilch kann ich euch nicht vorsetzen! Darauf gebe +ich mein Wort!“ + +Währenddessen war Nastenjka zu Foma Fomitsch getreten und hatte ihn, +ohne viel zu reden, umarmt und herzlich geküßt. + +„Foma Fomitsch,“ sagte sie, „Sie sind unser Wohltäter, Sie haben so viel +für uns getan, daß ich nicht weiß, wie ich es Ihnen entgelten soll ... +Ich weiß nur, daß ich Ihnen die liebevollste und ehrerbietigste +Schwester sein will ...“ + +Tränen erstickten ihre Stimme. Foma küßte sie auf die Stirn und war sehr +gerührt. + +„Meine Kinder, Kinder meines Herzens!“ sagte er. „Lebt, blüht, und in +den Stunden des Glücks gedenkt bisweilen auch des armen Ausgestoßenen! +Von mir aber sage ich, daß Unglück vielleicht die Mutter der Tugend ist. +Das hat, glaube ich, Gogol gesagt, ein sonst leichtfertiger +Schriftsteller, der aber mitunter gute Gedanken hat. Ausgestoßen werden +– ist Unglück! Als unsteter Wanderer werde ich jetzt mit meinem +Wanderstabe des Weges ziehen und – wer weiß? – durch mein Unglück +vielleicht immer noch tugendreicher werden! Dieser Gedanke ist der +einzige mir noch verbliebene Trost!“ + +„Aber ... wohin willst du denn gehen, Foma?“ fragte mein Onkel +erschrocken. + +Alle zuckten zusammen und richteten ihre Blicke auf Foma. + +„Kann ich denn nach der mir zugefügten Kränkung noch in diesem Hause +bleiben, Oberst?“ fragte Foma mit ungeheurer Würde. + +Man ließ ihn nicht weitersprechen: ein wahrer Tumult erhob sich und +verschlang jedes gesprochene Wort. Er wurde wieder in seinen Sessel +gesetzt, wurde angefleht und beweint, und ich weiß nicht, was noch alles +mit ihm getan wurde. Natürlich hatte er diesmal ebensowenig die Absicht, +„dieses Haus“ zu verlassen, wie vor seinem Flug durch die Glastür oder +wie am Abend vorher oder wie damals, als er im Gemüsegarten alle Rüben +umgrub. Er wußte genau, daß man sich jetzt erst recht an ihn klammern +werde, – gerade jetzt, nachdem er alle glücklich gemacht hatte, alle von +neuem an ihn glaubten und bereit waren, ihn auf den Händen zu tragen und +sich das noch zur Ehre anzurechnen. Wahrscheinlich war es seine feige +Rückkehr – die sehr aus eigenem Antriebe geschehen war, als das Gewitter +ihn erschreckt hatte – die nun seinen Ehrgeiz anstachelte und ihn trieb, +den Helden zu spielen. In der Hauptsache aber war es natürlich die +Versuchung, einen erhabenen Menschen darzustellen, – die war denn doch +zu groß! Man konnte so schön reden, das eigene Unglück ausmalen, sich +selbst erheben und loben – wie sollte man da der Versuchung widerstehen? +Und so widerstand er ihr denn auch nicht: er wollte sich aus den Armen +der ihn Zurückhaltenden reißen, verlangte einen Wanderstab, bat sogar, +ihm seine Freiheit wiederzugeben, ihn seines Weges ziehen zu lassen: in +„diesem Hause“ sei er entehrt und geschlagen worden, er sei nur aus dem +Grunde zurückgekehrt, um erst noch das Glück der Zurückgebliebenen zu +schaffen – wie könne er „im Hause der Undankbarkeit“ bleiben? Wie könne +er „am selben Tische mit ihnen Kohl – wenn auch fettgekochten – zu essen +fortfahren“? Kohl, der „mit Schlägen gewürzt“ war? Endlich ließ er sich +besänftigen. Er wurde wieder in seinen Ruhestuhl gesetzt – doch seine +Beredsamkeit hatte, wie sich zeigte, auch jetzt noch nicht ihr Ende +erreicht. + +„Hat man mich denn hier nicht beleidigt?“ rief er aus. „Hat man mir hier +nicht die Zunge gezeigt? Haben denn nicht Sie, Sie selbst, Oberst, wie +die ungezogenen Kinder in den Vorstadtstraßen mir täglich, stündlich die +Faust gezeigt? Ja, Oberst! Ich bestehe auf diesem Vergleich, weil Sie +mir diese Faust, wenn auch nicht physisch, so doch moralisch gezeigt +haben. Eine moralische Faust ist aber in manchen Fällen sogar kränkender +als eine physische. Von den Schlägen ganz zu schweigen ...“ + +„Foma! ... Foma!“ unterbrach ihn mein Onkel. „Martere mich nicht mit +dieser Erinnerung! Ich habe dir gesagt, daß all mein Blut nicht genügen +würde, um die Tat vergessen zu machen. Sei doch großmütig! Vergiß, +vergib, bleibe hier und freue dich an unserem Glück! Es ist dein Werk, +Foma ...“ + +„... Ich will lieben, ich will den Menschen lieben,“ redete Foma +unaufhaltsam weiter; „man gibt ihn mir aber nicht, man verbietet mir, +ihn zu lieben, man nimmt ihn mir fort, den Menschen! Gebt mir, gebt mir +den Menschen, damit ich ihn lieben kann! Wo ist dieser Mensch? Wo hat er +sich versteckt dieser Mensch? Wie Diogenes suche ich ihn mit der +Laterne, suche ihn mein ganzes Leben lang und kann ihn nicht finden ... +und kann doch keinen anderen lieben, bevor ich nicht diesen Menschen +gefunden habe. Wehe dem, der mich zum Menschenhasser gemacht hat! Da +rufe ich nun: Gebt mir den Menschen, auf daß ich ihn lieben kann, und +man schiebt mir Falalei zu! Werde ich denn einen Falalei jemals lieben +können? Will ich denn Falalei lieben? Kann ich denn Falalei überhaupt +lieben, selbst wenn ich es _wollte_? Nein!! Und warum nicht? Weil er +Falalei ist. Warum liebe ich nicht die ganze Menschheit? Weil alles, was +es auf der Welt gibt – Falalei ist oder Falalei ähnlich ist. Ich will +keinen Falalei, ich hasse Falalei, ich speie auf Falalei, ich werde +Falalei erwürgen, und wenn ich wählen soll, so werde ich eher Asmodei +lieben als Falalei! Komm, komm her, du mein ewiger Peiniger, komm her!“ +rief er plötzlich dem armen Falalei zu, der sich mit dem unschuldigsten +Gesicht der Welt hinter der Foma umgebenden Schar auf die Fußspitzen +erhob und mit langgerecktem Hals über die Schultern der anderen lauerte. +„Komm her! Ich werde Ihnen beweisen, Oberst,“ eiferte Foma und zog den +vor Schreck fast bewußtlosen Falalei an der Hand zu sich heran, „ich +werde Ihnen die Wahrheit meiner Worte über den ewigen Spott und die +Beleidigungen beweisen! Sprich, Falalei, und sage die Wahrheit: wovon +hat dir heute nacht geträumt? Sie werden sehen, Oberst, Sie werden Ihre +Früchte sehen! Nun, Falalei, sprich!“ + +Der arme Knabe blickte sich zitternd vor Angst im Kreise um und suchte +einen Retter in einem von uns, doch alle zitterten nur gleich ihm und +harrten mit Bangen der Antwort. + +„Sprich, Falalei, ich warte!“ + +Statt einer Antwort zog Falalei das Gesicht kraus, sperrte langsam den +Mund auf und brüllte dann los wie ein junges Kalb. + +„Oberst! Sehen Sie diesen Eigensinn? Halten Sie ihn wirklich für +natürlich? Zum letztenmal wende ich mich an dich, Falalei, – antworte: +wovon hat dir heute nacht geträumt?“ + +„Von ...“ + +„Sag von mir!“ raunte ihm Bachtschejeff ins eine Ohr. + +„Von Euren Tugenden!“ raunte ihm Jeshowikin ins andere Ohr. + +Falalei sah sich bloß um. + +„Von ... von einer Ku– ... von einer weißen K ... u ... h“ brüllte er +schließlich, und ein Strom von Tränen ergoß sich über seine roten +Backen. + +Alles stöhnte auf. + +Foma Fomitsch jedoch war diesmal von ganz ungewöhnlicher Großmut. + +„Wenigstens sehe ich deine Aufrichtigkeit, Falalei,“ sagte er, „eine +Aufrichtigkeit, die ich bei den anderen nicht wahrzunehmen vermag. Gott +mit dir! Wenn du mich absichtlich mit diesem Traum verspottest, auf +Grund der Einflüsterung anderer, so wird Gott sowohl dich wie diese +anderen dafür heimsuchen. Wenn du mich jedoch nicht verspotten willst, +dann achte ich wenigstens deine Aufrichtigkeit; denn selbst in der +niedrigsten aller Kreaturen, selbst in dir bin ich Gottes Ebenbild zu +sehen gewohnt ... Ich verzeihe dir, Falalei! Meine Kinder, umarmt mich! +Ich bleibe! ...“ + +„Er bleibt!“ rief alles begeistert aus. + +„Ich bleibe und verzeihe! Oberst, belohnen Sie Falalei mit Zucker. Mag +auch er an einem solchen Freudentage nicht traurig sein!“ + +Eine solche Großmut erschien geradezu wunderbar! _So_ sich zu sorgen und +das noch dazu in einer _solchen_ Stunde, und um wen? – um Falalei! + +Mein Onkel beeilte sich, dem Befehl sofort nachzukommen. Und schon +erschien eine Zuckerdose in Praskowja Iljinitschnas Händen. Mein Onkel +nahm zuerst zwei Stücke, dann drei, ließ sie in der Aufregung fallen, +und da er schließlich einsah, daß er mit seinen zitternden Händen nichts +machen konnte, so nahm er einfach die Dose und schüttete den ganzen +Inhalt Falalei in die Bluse. + +„Ach! Zur Feier eines solchen Tages! Halt fest, Falalei ... Das ist für +deine Aufrichtigkeit,“ fügte er noch als „Moral“ hinzu. + +Da erschien plötzlich Widopljässoff in der Tür und meldete: „Herr +Korowkin!“ + +Alle waren überrascht. Der Besuch Korowkins kam gerade in diesem +Augenblick äußerst ungelegen. Alle sahen fragend meinen Onkel an. + +„Korowkin!“ rief er etwas bestürzt aus. „Natürlich, es freut mich ...“ +fügte er mit scheuem Blick auf Foma hinzu; „nur weiß ich nicht, soll ich +ihn jetzt, in diesem Augenblick herbitten lassen ...? Was meinst du, +Foma?“ + +„Oh, nichts!“ sagte Foma gnädig, „fordern Sie den Korowkin nur auf, +einzutreten, mag er an dem allgemeinen Glück teilnehmen.“ + +Kurz, Foma Fomitsch war die Güte selbst. + +„Wage untertänigst zu melden,“ bemerkte Widopljässoff, „daß Herr +Korowkin sich nicht in Ihrem gewöhnlichen Zustande zu befinden geruhen.“ + +„Was? Was faselst du da?“ fuhr mein Onkel erschrocken auf. + +„Zu Befehl: der Herr befinden sich nicht in nüchternem Zustande ...“ + +Doch noch bevor mein Onkel den Mund auftun, erröten, erschrecken und +sich besinnen konnte, fand das Rätsel schon seine Lösung: in der Tür +erschien Herr Korowkin in höchsteigener Person, schob den Diener mit der +Hand zur Seite und trat vor das verwunderte Publikum. + +Es war ein mittelgroßer, dicker Herr von vierzig Jahren, mit dunklem, +über den Kamm geschnittenem, grau untermischtem Haar, mit kleinen, +geröteten Augen, einem roten, runden Gesicht, einer billigen Krawatte, +die hinten mit einer Gummistrippe schloß, und in einem ungewöhnlich +abgetragenen Frack, mit dem er im Heu und auf der Erde gelegen zu haben +schien, und der unter den Armen bereits Risse hatte. Dazu denke man sich +ein unmögliches Beinkleid und eine Mütze, die bis zur Unglaublichkeit +fettig glänzte, und die er noch obendrein wie einen ^Chapeau claque^ mit +gebogenem Arm weit von sich hielt. Dieser Herr nun war tatsächlich +vollkommen betrunken. Er trat bis in die Mitte des Zimmers vor, blieb +dann stehen und schwankte, die Nase gesenkt, wie in tiefem Nachdenken. +Schließlich weiteten sich langsam seine Mundwinkel, und er lächelte +übers ganze Gesicht. + +„Verzeihen Sie, meine Verehrtesten,“ sagte er, „ich ... habe ... etwas +(er knipste sich an den Kragen) hier hinabgegossen!“ + +Die Generalin setzte sofort die Miene beleidigter Würde auf. Foma, der +in seinem Ruhestuhl lehnte, maß den exzentrischen Gast mit ironischem +Blick. Bachtschejeff sah ihn verständnislos an, doch blickte durch diese +Verständnislosigkeit ein gewisses Mitgefühl. Die Verwirrung meines +Onkels war unbeschreiblich: er litt mit ganzer Seele für Korowkin. + +„Korowkin!“ begann er zwar, „hören Sie! ...“ + +„^Attendez^ gefälligst!“ unterbrach ihn Korowkin. „Habe die Ehre, mich +vorzustellen: ein Kind der Natur ... Aber was sehe ich? Hier sind ja +Damen ... Aber warum hast du mir nicht gesagt, du Schuft, daß du hier +Damen hast?“ fragte er, sich mit verschlagenem Lächeln an meinen Onkel +wendend. „Tut nichts! Habe keine Angst! ... Stellen wir uns also auch +dem schönen Geschlechte vor ... Vereh...ehrungswürdige Damen!“ begann +er, während er nur mit Mühe die Zunge bewegte und bei jeder Silbe +stecken blieb, „Sie sehen einen Unglücklichen vor sich, der ... nun ja, +und dann so weiter ... Das übrige wird nicht ausgesprochen ... +Musikkapelle! Eine Polka!“ + +„Wäre es Ihnen nicht recht, zunächst ein wenig zu schlafen?“ fragte +Misintschikoff, der ruhig zu ihm trat. + +„Schlafen? Fragen Sie das in beleidigendem Sinne?“ + +„Durchaus nicht. Wissen Sie, es ist manchmal gut nach der Reise ...“ + +„Niemals!“ antwortete Korowkin voll Unwillen. „Du glaubst, ich sei +betrunken? – nicht im geringsten! ... Aber übrigens, wo schläft man denn +hier bei euch?“ + +„Gehen wir, ich werde Sie hinführen.“ + +„Wohin? In den Schuppen? Nein, Freund, mich betrügst du nicht! Dort habe +ich schon übernachtet ... Aber übrigens, führ mich mal zu ... Warum soll +man nicht gehen – mit einem guten Menschen? ... Ein Kissen ist nicht +nötig ... ein Soldat braucht kein Kissen. Du könntest mir aber, Freund, +einen Diwan, einen Diwan, weißt du, einen Diwan zusammenstellen ... Aber +hör (er blieb stehen), du bist, wie ich sehe, ein witziger Bruder ... +Komponier mir mal so etwas ... verstehst du? Etwas, um eine Fliege +hinabzuspülen ... einzig, um eine Fliege hinabzuspülen, ein ... das +heißt, ein Gläschen!“ + +„Schön, schön!“ sagte Misintschikoff. + +„Schön ... Aber du, wart doch, man muß sich erst verabschieden ... Also: +Adieu, ^mesdames^ und ^mesdemoiselles^! ... Sie haben mich, wie man +sagt, durchbohrt ... Aber was! Werden uns später aussprechen ... nur +wecken Sie mich, wenn es anfängt ... oder sogar fünf Minuten vor dem +Beginn ... ohne mich aber bitte – nicht zu beginnen! Hören Sie? Nicht zu +beginnen!“ + +Und der lustige Herr verschwand hinter Misintschikoff. + +Alles schwieg. Niemand begriff, was geschehen war. Da begann plötzlich +Foma leise, zunächst kaum hörbar zu kichern. Dann wurde dieses Kichern +immer lauter, bis es schließlich in helles Lachen überging. Als die +Generalin das sah, wurde sie sanftmütiger, wenn auch der Ausdruck +gekränkter Würde immer noch in ihrem Gesicht verblieb. Allmählich erhob +sich auf allen Seiten unwillkürlich Lachen und Fröhlichkeit. Mein Onkel +stand wie betäubt auf einem Fleck, errötete fast bis zu Tränen und war +eine Zeitlang zu keinem Wort fähig. + +„Großer Gott!“ stieß er endlich hervor, „wer hätte das ahnen können! +Aber ... aber das kann ja doch einem jeden passieren, Foma, glaube mir, +er ist der ehrlichste, der edelste Mensch und außerordentlich belesen, +Foma ... du wirst es selbst sehen! ...“ + +„Sehe schon, sehe schon,“ antwortete Foma, atemlos vor Lachen, +„ungewöhnlich belesen ... belesen!“ + +„Und wie er spricht!“ bemerkte Jeshowikin halblaut. + +„Foma! ...“ rief mein Onkel aus, doch das allgemeine Lachen verschlang +seine Worte. Foma Fomitsch wälzte sich geradezu. Als mein Onkel diese +Heiterkeit sah, stimmte auch er ein. + +„Weiß Gott, ihr habt recht!“ sagte er lachend. „Du bist großmütig, Foma, +du hast ein gutes Herz: du hast mich glücklich gemacht ... du wirst auch +Korowkin verzeihen!“ + +Nur Nastenjka lachte nicht. Sie sah nur mit liebeleuchtenden Blicken zu +ihrem Verlobten auf, als hätte sie ihm sagen wollen: + +„Wie lieb du bist, wie gut, und wie lieb ich dich habe!“ + + + + + XVIII. + + Schluß. + + +Fomas Sieg war unwiderruflich – war größer noch, als man sich denken +kann. Es ist ja wahr: ohne ihn wäre es nie zu dieser Verlobung gekommen +– die Tatsache, vor der man mit einem Male stand, hob jeden Einwand auf. +Die Dankbarkeit der Glücklichen war denn auch grenzenlos. Als ich eine +kleine Anspielung zu machen versuchte, auf welche Weise man Fomas +Einwilligung erlangt hatte, winkten mir Nastenjka und mein Onkel nur +flehend mit den Händen ab: nichts davon! nichts davon! Ssaschenjka war +gleichfalls begeistert für den Ehebundstifter: „Der gute, gute Foma +Fomitsch! Ich werde ihm ein Kissen dafür sticken!“ sagte sie und tadelte +mich ernstlich, weil ich „so hartherzig“ sein konnte. Stepan +Alexejewitsch Bachtschejeff war geradezu verwandelt und hätte mich +wahrscheinlich erwürgt, wenn es mir nur eingefallen wäre, in seiner +Gegenwart etwas Schlechtes über Foma zu sagen. Er hing jetzt wie ein +Schoßhündchen an ihm und sagte zu allem, was dieser sprach: „Ein edler +Mensch bist du, Foma, der Gelehrteste von allen!“ Was Jeshowikin +anbetrifft, nun – so hatte seine Freude einfach die letzte Grenze +erreicht. Der Alte hatte es schon lange geahnt, daß Jegor Iljitsch in +seine Tochter verliebt war, und seit der Zeit hatte er Tag und Nacht nur +daran gedacht, wie er die beiden zusammenbringen und glücklich machen +könnte. Er hatte die Sache so lange hingezogen, wie es nur noch irgend +ging, und erst dann abgesagt, als ihm nichts anderes mehr übrigblieb. Da +hatte – Foma ganz unerwarteterweise eingegriffen! Natürlich durchschaute +der Alte trotz seiner ehrlichen Freude den Schmarotzer Foma nur zu gut. +Nun war es klar, daß Foma Fomitsch sich für sein ganzes Leben in diesem +Hause festgesetzt hatte und seine Tyrannei hinfort keine Schranken mehr +kennen werde. Bekanntlich sagt man sogar von den unangenehmsten, den +launischsten Menschen, daß sie sich wenigstens für einige Zeit +besänftigen, wenn man alle ihre Wünsche erfüllt. Foma Fomitsch aber – +das konnte man schon damals voraussehen – wurde im Gegenteil nur noch +hochmütiger, nur noch anspruchsvoller und hob die Nase immer noch höher. +Kurz vor dem Essen, nachdem er sich vollkommen umgekleidet hatte, setzte +er sich wieder in seinen Ruhestuhl, rief meinen Onkel zu sich und begann +hierauf in Gegenwart der ganzen Versammlung ihm eine neue Predigt zu +halten. + +„Oberst!“ hub er an, „Sie wollen eine rechtmäßige Ehe schließen. Sind +Sie sich auch klar ... Sind Sie sich auch jener Pflichten bewußt, die +...“ usw. + +Man denke sich zehn Seiten im Format des „Journal des Débats“, ganze +zehn Seiten, in denen so gut wie überhaupt nicht von Pflichten die Rede +ist, sondern nur von dem Verstande, der Frömmigkeit, der Großmut, dem +männlichen Charakter und der allgemein menschlichen Uneigennützigkeit – +Foma Fomitschs. Alle waren hungrig, alle wollten essen. +Nichtsdestoweniger wagte niemand, ihn zu unterbrechen. Alle hörten +andächtig den ganzen Blödsinn bis zu Ende an. Sogar Bachtschejeff saß +mit seinem ganzen quälenden Hunger da, ohne sich zu rühren, saß mit der +größten Ehrfurcht auf einem kleinen Stuhl. Nachdem sich dann Foma +Fomitsch endlich, endlich genügend an seiner Redekunst erfreut hatte, +ward auch er sehr guter Laune und trank bei Tisch sogar ziemlich viel zu +seinen unvermeidlichen Toasten. Darauf machte er verschiedene Witzchen +über die Verlobten, und alle lachten und spendeten Beifall. Schließlich +wurden die Witzchen aber dermaßen schlüpfrig und unzweideutig, daß +selbst Herr Bachtschejeff nicht wußte, wohin er blicken sollte – und daß +Nastenjka es schließlich nicht mehr aushielt und fortlief. Das war für +Foma denn ein unbeschreibliches Gaudium. Übrigens wußte er sich sogleich +zu fassen: in kurzen, beredten Worten schilderte er alle ihre Tugenden +und brachte zum Schluß ein Hoch auf die Abwesenden aus. Mein Onkel, der +noch vor einer Minute Höllenqualen ausgestanden hatte, war jetzt sofort +wieder bereit, Foma Fomitsch zu umarmen. Es war mir überhaupt +aufgefallen, daß die beiden Verlobten sich ihres Glücks gewissermaßen zu +schämen schienen; ich hatte bemerkt, daß sie seit dem Augenblick ihrer +Verlobung noch so gut wie kein Wort untereinander gewechselt hatten. Als +die Tafel aufgehoben wurde, verschwand mein Onkel plötzlich – niemand +wußte, wohin. Auf der Suche nach ihm war es dann, daß ich zufällig auch +auf die Terrasse kam. Dort redete Foma im Triumphstuhl und bei einer +Tasse Kaffee, ersichtlich stark „ermutigt“. Bei ihm saßen Jeshowikin, +Bachtschejeff und Misintschikoff. Ich gesellte mich zu ihnen, um ein +wenig zuzuhören. + +„Warum,“ rief Foma aus, „warum bin ich sofort bereit, für meine +Überzeugungen auf den Scheiterhaufen zu gehen? Und warum ist von euch +kein einziger fähig, den Scheiterhaufen zu besteigen? Warum, warum?“ + +„Aber das würde ja doch ganz überflüssig sein, Foma Fomitsch, sich einen +Scheiterhaufen zu leisten!“ meinte Jeshowikin, der sich natürlich über +Foma lustig machte. „Was hätte denn das für einen Sinn? Erstens ist es +doch schmerzhaft und zweitens: verbrennt man dich – was bleibt dann noch +von dir übrig?“ + +„Was von mir übrigbleibt? Edelste Asche bleibt übrig! Aber wie solltest +du das verstehen! – wie solltest du mich richtig zu schätzen verstehen! +Für euch gibt es keine großen Menschen, außer irgendeinem Cäsar oder +Alexander von Mazedonien. Doch was hat denn dein Cäsar Großes +vollbracht? Wen hat er glücklich gemacht? Was hat dein gerühmter +Alexander der Große getan? Die ganze Welt erobert? Aber gib mir nur ein +solches Heer, wie er es hatte, und ich werde gleichfalls erobern, und +auch du wirst erobern, und auch jeder Dritte, Vierte wird erobern ... +Dafür aber hat er den tugendhaften Kleitos erstochen, ich aber habe den +tugendhaften Kleitos _nicht_ erstochen! ... Dieser Schuft! Dieser +Prahlhans! Ruten müßte man ihm geben, aber nicht ihn in der +Weltgeschichte unsterblich machen ... Und ebenso Cäsar!“ + +„Aber den Cäsar verschonen Sie doch wenigstens, Foma Fomitsch!“ + +„Fällt mir nicht ein, den Rüpel! ...“ schrie Foma. + +„Und ’s ist recht so: schone ihn auch nicht!“ griff mit Eifer Herr +Bachtschejeff auf, der gleichfalls mehr als nötig getrunken hatte. „Wozu +soll man ihn schonen? Alle sind sie Hampelmänner, alle würden sie sich +am liebsten nur auf einem Fuß um sich selber drehen! Diese Wurstmacher! +Da wollte vorhin einer von ihnen noch ein Stipendium stiften. Was ist +denn so ein Stipendium? Der Teufel weiß, was es eigentlich bedeutet! +Könnte wetten, daß es wieder irgend so ’ne neue Schweinerei ist. Und +jener andere, dort, vorhin, schwankt auf den Beinen, schwatzt allen +Unsinn zusammen, will aber noch Rum trinken! Ich aber denke so: Warum +soll der Mensch nicht trinken? Trink doch, trink, aber dann mußt du auch +zu stoppen verstehen ... und dann, nach einem Weilchen trink +meinethalben wieder ... Wozu soll man sie schonen? Alle sind Spitzbuben! +Nur du allein bist gelehrt und groß, Foma!“ + +Wenn Herr Bachtschejeff sich jemandem hingab, so gab er sich ihm restlos +hin, einwandlos und ohne jede Kritik. + +Endlich fand ich meinen Onkel im Garten – im entlegensten Teil: hinter +dem Weiher. Er war nicht allein, sondern mit Nastenjka. Als sie mich +erblickte, verschwand sie im Augenblick hinter dem Gebüsch, als hätte +ich sie bei etwas Unrechtem ertappt. Mein Onkel kam mir mit strahlendem +Gesicht entgegen. In seinen Augen standen, glaube ich, Tränen. Er nahm +meine beiden Hände und drückte sie krampfhaft. + +„Mein Freund!“ sagte er, „ich vermag noch immer nicht, an mein Glück zu +glauben ... Nastjä kann es auch noch nicht fassen. Wir wundern uns nur +und danken dem Höchsten ... Sie weinte soeben ... Wirst du mir glauben – +ich bin noch nicht zur Besinnung gekommen: ich glaube es und glaube es +auch wieder nicht! Und womit habe ich das nur verdient? Wofür dieses +Glück? Was habe ich getan? Womit habe ich es verdient?“ + +„Wenn jemand Glück verdient hat, so sind Sie es, Onkel,“ sagte ich +herzlich. „Ich habe noch niemals einen so ehrlichen, so guten, so +prächtigen Menschen gesehen, wie Sie ...“ + +„Nein, Ssergei, nein, das ist zuviel,“ antwortete er gleichsam betrübt. +„Das ist ja das schlimmste, daß wir nur dann gut sind – ich rede +natürlich nur von mir allein – wenn wir es selbst gut haben; wenn wir es +aber schlecht haben, dann kommt uns nicht zu nahe! Darüber sprachen wir +soeben noch, Nastjä und ich. Wie erhaben Foma sich auch zeigte, ich habe +vielleicht doch – wirst du es mir glauben? – bis auf den heutigen Tag +nicht ganz an ihn geglaubt, wenn ich mir auch immer wieder seine +Vollkommenheit vorhielt! Selbst gestern glaubte ich nicht, nachdem er +doch ein solches Geschenk zurückgewiesen hatte! Ich muß es zu meiner +Schande gestehen! Mein Herz zittert, wenn ich daran denke, was ich +vorhin getan habe! Aber ich war meiner nicht mehr mächtig ... Als er das +von Nastjä sagte, da war es mir, als hätte mich etwas bis ins Herz +verwundet. Ich verstand ihn nicht und handelte wie ein Tiger ...“ + +„Ach, Onkel! – das war sogar sehr richtig –“ + +Mein Onkel winkte wieder nur ab. + +„Nein, nein, Freund, sprich nicht so! – das kommt alles ganz einfach nur +von der Verderbtheit meiner Natur, weil ich ein grausamer und +wollüstiger Egoist bin und mich rücksichtslos meinen Leidenschaften +hingebe. Das sagt auch Foma.“ (Was sollte ich darauf erwidern?) „Du +weißt nicht, Ssergei,“ fuhr er mit tiefem Gefühl fort, „wie oft ich +gereizt, unnachsichtig, ungerecht, anmaßend gewesen bin – und nicht nur +Foma gegenüber. Und jetzt habe ich mich alles dessen wieder erinnert, es +ist mir zum Bewußtsein gekommen, und ich schäme mich, daß ich bis jetzt +noch nichts getan habe, um dieses Glückes würdig zu sein. Nastjä sagte +soeben Ähnliches von sich, wenn ich auch nicht weiß, was sie für Sünden +haben könnte; denn sie ist doch ein Engel – kein Mensch! Sie sagte mir, +daß wir Gott unendlich viel schuldig sind, und daß wir uns jetzt bemühen +müssen, besser zu sein und Gutes zu tun ... Wenn du gehört hättest, wie +begeistert, wie schön sie sprach! Himmlischer Vater, was das für ein +Mädchen ist!“ + +Er verstummte erregt. Nach einer Weile fuhr er fort: + +„Wir haben beschlossen, Freund, vor allem zu Foma gut zu sein, zu meiner +Mutter und zu Tatjana Iwanowna. Aber Tatjana Iwanowna! Was sagst du +dazu! Was für ein guter Mensch sie ist! Oh, wieviel ich allen abzubitten +habe! Auch dir, mein Freund ... Aber wenn jetzt jemand wagen sollte, +Tatjana Iwanowna zu beleidigen, oh! dann ... Ach, was rede ich da viel! +... Für Misintschikoff muß man auch etwas tun.“ + +„Ja, Onkel, ich habe jetzt meine Meinung über Tatjana Iwanowna geändert. +Man muß sie hochachten und Mitleid mit ihr haben.“ + +„Eben, eben!“ bestätigte mein Onkel eifrig. „Man _muß_ sie achten! Und +da, zum Beispiel, Korowkin ... Du wirst im stillen gewiß über ihn +gelacht haben,“ meinte er mit zaghaftem Seitenblick auf mich, „und wir +alle haben ja über ihn gelacht ... Aber das war doch vielleicht +unverzeihlich von uns ... Er kann doch der beste, der prächtigste Mensch +sein ... Im übrigen aber – das Schicksal ... Er hat vielleicht viel +Unglück gehabt ... Du glaubst es nicht, aber es kann doch wirklich so +sein.“ + +„Wieso, Onkel, warum sollte ich es nicht glauben?“ + +Und ich begann ihm auseinanderzusetzen, daß selbst in dem gesunkensten +Geschöpf sich noch die höchsten menschlichen Gefühle erhalten können, +daß die Tiefe der Menschenseele unergründlich sei, daß man die +Gefallenen nicht verachten dürfe, sondern im Gegenteil versuchen müsse, +sie wieder aufzurichten – daß das allgemein angenommene Maß des Guten +und Bösen und des sittlichen Wertes nicht richtig sei, usw. Mit einem +Wort, ich geriet in Begeisterung und erzählte meinem Onkel sogar von der +Schule der Materialisten und Skeptiker. Zum Schluß zitierte ich noch ein +Gedicht von Puschkin – „Wenn aus dem Dunkel der Verirrung“ ... – kurz, +mein Onkel war schließlich auch in vollständiger Begeisterung. + +„Mein Freund, mein Freund!“ sagte er, bis ins Herz gerührt, „du +verstehst mich vollkommen, du hast alles, was ich selbst sagen wollte, +viel besser ausgedrückt, als ich es verstanden hätte. So, so ist es, +genau so! Herrgott! Weshalb ist der Mensch böse? Weshalb bin ich so oft +böse, wenn es doch so wunderschön ist, gut zu sein? Dasselbe hat auch +Nastjä soeben gesagt ... Aber sieh doch nur, wie schön es hier am Weiher +ist,“ sagte er plötzlich, sich umschauend, „sieh doch diese ganze Natur! +Welch ein Bild! Sieh mal dort diesen Baum. Den Stamm kann kein Mann +umfassen! Welche Kraft, welch ein Saft, was für Blätter! Und sieh nur +die Sonne! Wie sauber jetzt alles nach dem Regen ist, wie frisch! ... +Man könnte ja glauben, daß auch die Bäume etwas begreifen, fühlen und +das Leben genießen ... Oder sollten sie es wirklich nicht tun – was? Was +meinst du?“ + +„Warum nicht, Onkel, das ist sehr leicht möglich. Auf ihre Art +natürlich.“ + +„Eben, natürlich auf ihre Art ... Wunderbarer, wundervoller Schöpfer! +... Aber du mußt dich doch noch gut dieses Gartens entsinnen, Sserjosha? +– Wie du hier spieltest und umherliefst, als du klein warst! Ich +erinnere mich noch so gut, wie du klein warst,“ sagte er plötzlich und +blickte mich mit einem Ausdruck von so grenzenloser Liebe und so +unfaßlichem Glück an. „Nur hierher zum Weiher durftest du nicht allein +gehen. Und weißt du noch, wie einmal am Abend die selige Katjä dich zu +sich rief und dich streichelte ... Du warst im Garten umhergelaufen, +vorher, und deine Bäckchen waren ganz rot; dein Haar war noch ganz +hellblond und ringelte sich zu Löckchen ... Sie spielte mit deinen +Locken und dann sagte sie: ‚Es ist gut, daß du das Waisenkind zu uns +genommen hast.‘ Entsinnst du dich dessen noch, oder nicht mehr?“ + +„Kaum, kaum, lieber Onkel.“ + +„Es war damals Abend, und die Sonne schien auf euch beide, und ich saß +in der Ecke, rauchte meine Pfeife und sah zu euch hinüber ... Ich ... +weißt du, Sserjosha, ich fahre in jedem Monat einmal zu ihr, zu ihrem +Grabe, in die Stadt,“ fügte er mit gesenkter Stimme hinzu, deren leises +Beben aufsteigende, unterdrückte Tränen verriet. „Ich habe auch mit +Nastjä vorhin davon gesprochen; sie sagte, daß wir jetzt beide zusammen +zu ihr fahren werden ...“ + +Mein Onkel verstummte, um seine Erregung niederzuringen. + +In dem Augenblick näherte sich uns Widopljässoff. + +„Widopljässoff!“ rief mein Onkel erschrocken aus, als er ihn erblickte. +„Schickt dich Foma Fomitsch?“ + +„Nein, Herr, ich bin mehr in eigener Angelegenheit gekommen.“ + +„Ah! nun gut! Dann können wir gleich Näheres über Korowkin erfahren ... +Ich wollte schon vorhin nachfragen ... Ich hatte ihm, weißt du, +anbefohlen, Korowkin zu bewachen. Nun, was ist es, Widopljässoff?“ + +„Erlaube mir, zu erinnern,“ sagte der Diener, „daß der Herr gestern +hinsichtlich meiner Bitte Hilfe zu versprechen geruhten, sowie Schutz +vor den mir alltäglich zugefügten Beleidigungen ...“ + +„Du kommst wieder mit deinem Familiennamen?“ fragte mein Onkel wahrhaft +entsetzt. + +„... Die alltäglich und allstündlich mir zugefügten Beleidigungen ...“ + +„Ach, Widopljässoff, Widopljässoff! Was soll ich nur mit dir tun?“ +fragte mein Onkel ratlos. „Was können denn das für Beleidigungen sein? +Wenn das so weitergeht, wirst du ja einfach wahnsinnig werden und in der +Irrenanstalt dein Leben beschließen!“ + +„Ich glaube, daß ich mit meinem Verstande ...“ begann Widopljässoff. + +„Ach, das ist es doch nicht!“ unterbrach ihn mein Onkel. „Ich sage es +nur so, nicht um dich zu kränken, sondern um dir Vernunft zuzureden. +Nun, was können denn das für Beleidigungen sein? Es ist doch +wahrscheinlich nur ein dummer Scherz!“ + +„Sie lassen mich nicht ruhig vorübergehen.“ + +„Wer das?“ + +„Sowohl alle wie vornehmlich diese Matrjona. Durch sie muß ich fortan +mein ganzes Leben lang leiden. Wie bekannt, haben alle vornehmen +Menschen, welche mich von Kindesbeinen an gesehen haben, gesagt, daß ich +ganz wie ein Ausländer aussehe, vornehmlich in meinem Gesicht. Und +deswegen muß ich jetzt dulden! Sobald ich nur vorübergehe, schreien mir +alle häßliche Worte nach – sogar kleine Kinder, die man zu allererst +durchprügeln müßte, selbst die schreien mir nach ... Auch jetzt, als ich +herkam, schrien sie wieder ... Und das ist zuviel! Wenn der Herr mich zu +verteidigen geruhen wollten, mit Ihrem Schirm und Schutz – denn ich – +... kann ... nicht mehr!“ + +„Ach, Widopljässoff! ... Was schreien sie dir denn nach? Es wird doch +bestimmt nur irgendeine Dummheit sein, die man überhaupt nicht beachten +sollte!“ + +„Es läßt sich nicht sagen.“ + +„Weshalb nicht?“ + +„Es ist ekelhaft auszusprechen.“ + +„Ach was, sag es nur!“ + +„Sie rufen: Grischka der Franzose – hat eine rote Hose.“ + +„Nun? Und? Ach, Gott, und ich dachte, daß es weiß der Himmel was sei! So +spei doch einfach aus und geh deines Weges!“ + +„Habe gespien: sie schreien dann noch mehr.“ + +„Hören Sie, Onkel,“ sagte ich, „er beklagt sich darüber, daß er hier +kein Leben habe. So schicken Sie ihn doch nach Moskau zu jenem +Schönschreiber. Sie sagten doch, daß er dort einmal bei einem solchen +gewesen sei.“ + +„Ach, Freund, der hat gleichfalls tragisch geendet!“ + +„Wieso?“ + +„Sie hatten das Unglück,“ sagte Widopljässoff, „sich fremdes Eigentum +anzueignen, wofür sie, ungeachtet ihres ganzen Talents, ins Gefängnis +gebracht wurden, woselbst sie jetzt unrettbar verloren sind.“ + +„Gut, gut, Widopljässoff: beruhige dich nur. Ich werde alles das +untersuchen und erledigen,“ sagte mein Onkel, „ich verspreche es dir! +Nun, aber was macht Korowkin? Schläft er?“ + +„Mit nichten. Sie haben geruht fortzufahren. Ich bin aus diesem Grunde +auch gekommen, um seine Abreise zu melden.“ + +„Wie das – fortgefahren? Was sprichst du? Wie hast du ihn denn +fortgelassen?“ + +„Aus reinem Mitleid. Es war traurig anzusehen. Als sie erwachten und +sich des Vorgefallenen erinnerten, da schlugen sie sich vor den Kopf und +schrien herzzerreißend ...“ + +„Herzzerreißend? ...“ + +„Ehrerbietiger gesagt: sie gaben verschiedene Schreie von sich. Sie +schrien: wie könnten sie sich jetzt noch dem schönen Geschlecht zeigen? +Und dann sagten sie: ‚Ich bin des Menschengeschlechts unwürdig!‘ Und so +sprachen sie die ganze Zeit mitleiderregend und nur in gewählten +Worten.“ + +„Habe ich dir nicht gesagt, Ssergei, daß er ein überaus zartfühlender +Mensch ist? ... Aber wie konntest du ihn denn fortfahren lassen, +Widopljässoff, wenn ich dir doch anbefohlen hatte, ihn zu bewachen? Ach +Gott, ach Gott!“ + +„Mehr infolge meines Mitleids. Sie baten mich himmelhoch, nichts zu +erzählen. Der Postknecht, mit dem sie gekommen waren, hatte die Pferde +inzwischen gefüttert und schirrte sie dann wieder an. Und für die vor +drei Tagen eingehändigte Summe befahlen sie, ihren höflichsten Dank zu +übermitteln und zu sagen, daß sie die Schuld mit der ersten Post +zurücksenden würden.“ + +„Was ist das für eine Summe, Onkel?“ + +„Sie nannten fünfundzwanzig Rubel,“ sagte Widopljässoff. + +„Ach, das habe ich ihm, weißt du, auf der Station geliehen: sein Geld +reichte nicht ganz. Er wird es mir selbstverständlich mit der nächsten +Post zurücksenden, wie er gesagt hat ... Ach, mein Gott, wie schade, daß +er fortgefahren ist! Soll ich ihm nicht nachschicken? Was meinst du, +Ssergei?“ + +„Nein, Onkel, schicken Sie ihm lieber nicht nach.“ + +„Das denke ich auch. Sieh, Ssergei, ich bin natürlich kein Philosoph, +aber ich glaube, daß in jedem Menschen doch viel mehr Gutes ist, als es +äußerlich scheint. So ist es auch mit Korowkin: er hat die Schande nicht +ertragen ... Aber gehen wir jetzt zu Foma! Wir haben uns sowieso zu +lange hier aufgehalten. Er kann sich gekränkt fühlen, er kann es als +Undankbarkeit, als Unaufmerksamkeit auffassen ... Gehen wir also! Nein, +dieser Korowkin, dieser Korowkin!“ + + + + + Nachbemerkungen. + + +Der Roman ist zu Ende. Die Liebenden sind vereint, und der Genius der +Güte hat sich in der Person Foma Fomitschs endgültig im Herrenhause von +Stepantschikowo niedergelassen. Zwar könnte man noch eine Menge +Erklärungen, Erläuterungen usw. hinzufügen, doch im Grunde sind diese +jetzt ganz überflüssig. Wenigstens meiner Meinung nach. An Stelle aller +Ergänzungen und Zusätze werde ich nur ein paar Worte über das fernere +Schicksal meiner Helden sagen. Ohne das geht es ja bekanntlich nicht! +Die Kunst selbst will es so! Also – + +Die Trauung des glücklichen Brautpaares fand in der sechsten Woche nach +ihrer Verlobung statt. Die Hochzeit wurde sehr still gefeiert, nur im +Familienkreise, ohne jeden Pomp und vor allem ohne überflüssige Gäste. +Misintschikoff und ich waren die Brautführer: ich geleitete Nastenjka, +er meinen Onkel. Übrigens waren doch einige Gäste zugegen. Die erste und +wichtigste Person war natürlich Foma Fomitsch. Ihm wurde alles zu Willen +getan – wie auf den Händen wurde er getragen. Leider aber sollte es +geschehen, daß man einmal vergaß, ihm Champagner zu reichen, und sofort +– hub das alte Lied von neuem an: Foma sprang auf, weinte, grölte, lief +in sein Zimmer, schloß die Tür zu, schrie, daß man ihn jetzt nicht mehr +achte, daß jetzt „neue Menschen“ in die Familie kämen und folglich er, +Foma, nichts mehr sei oder nur soviel wie ein Holzspan, den man zum +Fenster hinauswerfen könne. Mein Onkel war verzweifelt, Nastenjka weinte +und die Generalin fiel nach alter Gewohnheit in Ohnmacht ... Das +Hochzeitsmahl glich alsbald einem Totenschmaus. Und ein solches +Zusammenleben mit dem Wohltäter Foma Fomitsch stand meinem armen Onkel +und der armen Nastenjka noch ganze sieben Jahre bevor! Bis zu seinem +Tode (Foma Fomitsch ist vor einem Jahr gestorben) war er eigensinnig, +launisch, ärgerte sich täglich und hielt allen Moralpredigten. Doch die +Ehrfurcht vor ihm verminderte sich bei den von ihm Beglückten nicht +etwa, sondern wuchs noch täglich, stündlich, in genauem Verhältnis zur +Zunahme seiner Launenhaftigkeit. Jegor Iljitsch und Nastenjka waren +nämlich so glücklich miteinander, daß sie für ihr Glück fürchteten: sie +glaubten, es sei zu groß, sei von ihnen nicht verdient, Gott gäbe ihnen +zuviel Glück, und späterhin würden sie es vielleicht mit Leid und Kummer +bezahlen müssen. So konnte Foma Fomitsch in diesem friedlichen Hause +buchstäblich alles tun, was er nur wollte. Und was tat er nicht alles in +diesen sieben Jahren! Es ist schwer, ja, es ist unmöglich, sich +vorzustellen, bis zu welchen zügellosen Phantasien sich seine +übersättigte, müßige Seele in der Erfindung der raffiniertesten Launen +einer wahrhaft lukullischen Moralität verstieg. Im dritten Jahre nach +der Heirat meines Onkels starb meine Großtante, die Generalin. Der +verwaiste Foma war die Verzweiflung selbst. Sogar jetzt wird in +Stepantschikowo mit wahrem Entsetzen von seinem Zustande in diesen Tagen +gesprochen. Als die Gruft zugeschüttet wurde, wollte er sich mit aller +Gewalt von den anderen, die ihn krampfhaft festhielten, losreißen: in +einem fort schrie er, daß man ihn zusammen mit ihr beerdigen solle! +Einen ganzen Monat gab man ihm weder eine Gabel noch ein Messer in die +Hand, und einmal hatten ganze vier Menschen ihm mit Gewalt den Mund +öffnen müssen, um eine Stecknadel, die er hatte verschlucken wollen, +wieder herauszunehmen. Jemand von den gleichgültigeren Zeugen des +Kampfes hat zwar gemeint, daß Foma Fomitsch, wenn ihm im Ernst darum zu +tun gewesen wäre, diese Stecknadel während des Kampfes schon tausendmal +hätte verschlucken können. Doch diese Behauptung war von allen mit +entschiedenem Unwillen zurückgewiesen worden, und man hatte dem +Betreffenden sogleich Herzensroheit vorgeworfen. Nur Nastenjka schwieg +darüber und lächelte kaum merklich, während mein Onkel stets ein wenig +unruhig wurde, wenn er dieses Lächeln sah. Ich muß hier bemerken, daß +Foma zwar wie ehedem im Hause meines Onkels sich vieles herausnehmen und +nach Herzenslust launisch sein konnte; doch die anmaßenden, die geradezu +unverschämten Moralpredigten, die er früher meinem Onkel hielt, die gab +es jetzt nicht mehr. Foma beklagte sich, weinte, machte Vorwürfe, +tadelte; aber er durfte nicht mehr frech werden, – solche Szenen, wie z. +B. die wegen des Titels Exzellenz, waren jetzt nicht mehr denkbar. Es +war das, glaube ich, auf Nastenjkas Einfluß zurückzuführen. Fast +unmerklich zwang sie Foma, in manchem nachzugeben und sich in manches zu +fügen. Sie duldete es nicht, daß ihr Mann beleidigt wurde, und sie +setzte ihren Willen auch durch. Foma erkannte bald, daß sie ihn fast +_durchschaute_. Ich sage: _fast_; denn andererseits verwöhnte Nastenjka +ihn gleichfalls und stimmte ihrem Mann jedesmal bei, wenn dieser +begeistert seinen Weisen in den Himmel hob. Sie wollte offenbar die +Zuhörer zwingen, alles an ihrem Mann zu achten, und so suchte sie auch +seine Anhänglichkeit an Foma Fomitsch vor anderen stets gutzuheißen. Ich +bin überzeugt, daß ihr gutes Herz alles Leid, das ihr früher von ihm +zugefügt worden war, verziehen und vergessen hatte, wahrscheinlich schon +in demselben Augenblick, als er sie mit meinem Onkel vereinigte. +Außerdem hatte sie sich, glaube ich, im Ernst und mit ganzem Herzen dem +Gedanken hingegeben, daß man von einem „Märtyrer“, einem ehemaligen +Narren, nicht viel verlangen dürfe, sondern ihn pflegen und ihn die +„Wunden“ vergessen machen müsse. Die arme Nastenjka hatte selbst zu den +Erniedrigten gehört, sie hatte selbst gelitten und daher wußte sie, wie +Erniedrigtsein ist. Schon nach einem Monat wurde Foma kleinlauter, wurde +sogar freundlich und bescheiden; dafür aber kamen jetzt neue, überaus +unerwartete Anfälle: er verfiel nämlich bisweilen in einen sogenannten +magnetischen Schlaf, der alle zuerst heftig erschreckte. Der Arme sprach +zum Beispiel etwas ganz Gleichgültiges, oder er lachte – und plötzlich +war er dann erstarrt, und zwar genau in der Stellung, in der er sich im +letzten Augenblick vor dem Anfall befunden hatte: wenn er zum Beispiel +gelacht hatte, so erstarrte er mit einem lachenden Gesicht; hatte er +etwas in der Hand gehalten, eine Gabel vielleicht, einen Löffel, so +blieb die Gabel in der erhobenen Hand. Später sank die Hand natürlich +nieder, doch Foma Fomitsch fühlte nichts und entsann sich auch später +nicht, daß sie niedergesunken sei. Er saß, sah, blinzelte sogar, sprach +jedoch nichts, hörte nichts und begriff nichts. Und das dauerte mitunter +eine ganze Stunde an. Natürlich verging dann das ganze Haus fast vor +Angst; alle hielten den Atem an, schlichen nur auf den Fußspitzen, +weinten ... bis Foma endlich zu erwachen geruhte. Dann fühlte er sich +unsäglich erschöpft und versicherte, während der ganzen Zeit seines +Starrkrampfes nichts gesehen und nichts gehört zu haben. Das hatte +nämlich wirklich noch gefehlt, daß dieser Mensch ganze Stunden lang sich +freiwillig Qualen auferlegte, einzig zu dem Zweck, um dann sagen zu +können: „Seht auf mich, seht, um wieviel ich mehr empfinde als ihr!“ +Einmal geschah es auch, daß Foma Fomitsch ganz unvermittelt meinen Onkel +wegen dessen „Unehrerbietung und fortwährender Beleidigungen“ anzeterte +und zu Herrn Bachtschejeff fuhr, bei dem er fortan leben wollte. Stepan +Alexejewitsch Bachtschejeff, der nach meines Onkel Verlobung und +Hochzeit sich noch oft mit Foma gestritten, ihn jedoch zu guter Letzt +jedesmal wieder um Verzeihung gebeten hatte, entschloß sich diesmal mit +ungewöhnlichem Eifer, energisch in die Sache einzugreifen: er empfing +Foma mit wahrem Enthusiasmus, fütterte ihn bis zum Platzen und beschloß +hierauf, sich formell von der Freundschaft meines Onkels loszusagen und +sogar gerichtlich eine Klage gegen ihn einzureichen. Es gab dort +irgendwo ein strittiges Stück Land, um das sie aber eigentlich nie +gestritten hatten, da es ihm von meinem Onkel ohne jeden Streit +freiwillig abgetreten worden war. Ohne Foma ein Wort davon zu sagen, +ließ Herr Bachtschejeff die Pferde anschirren und fuhr in die Stadt, +setzte dort die Klage auf und reichte sie ein, mit dem Ersuchen, ihm +formell das Stück Land zuzusprechen, mit Vergütung der Zinsen und +Erstattung der Gerichtskosten, um auf diese Weise die „Räuberei und das +eigenmächtige Verfahren“ zu bestrafen. Inzwischen aber war es Foma +langweilig geworden, und so hatte er schon am nächsten Tage meinem Onkel +– der ihm nachgefahren war und um Verzeihung gebeten hatte –, wieder +verziehen und war dann mit ihm nach Stepantschikowo zurückgekehrt. Der +Zorn des Herrn Bachtschejeff, der, als er zu Hause ankam, Foma nicht +mehr vorfand, soll fürchterlich gewesen sein. Nach drei Tagen aber +erschien auch er mit dem Eingeständnis seiner Schuld in Stepantschikowo, +bat meinen Onkel unter Tränen um Verzeihung und zog seine Klage zurück. +Mein Onkel versöhnte ihn noch am selben Tage auch mit Foma Fomitsch, +worauf Stepan Alexejewitsch diesem wieder wie ein Hündchen ergeben war +und zu jedem Wort hinzufügte: „Du bist ein kluger und großer Mensch, +Foma, du bist wirklich mit einem Wort ein Genie!“ + +Foma Fomitsch ruht jetzt neben der Generalin. Über seinem Grabe erhebt +sich ein kostbares Monument aus weißem Marmor, das mit Trauerzitaten und +Lobpreisungen seiner Person von oben bis unten bedeckt ist. Zuweilen +gehen Jegor Iljitsch und Nastenjka, wenn sie einen Spaziergang machen, +auch auf den Friedhof, um an Fomas Grab zu beten. Auch jetzt noch können +sie nicht gleichgültig von ihm sprechen, sie erinnern sich jedes Wortes, +das er gesprochen, aller Speisen, die er gern gegessen, und alles +dessen, was er geliebt hat. Seine Sachen werden wie Kostbarkeiten +aufbewahrt. Mein Onkel und Nastjä, die sich nach seinem Tode zuerst ganz +verwaist fühlten, haben sich jetzt noch mehr aneinandergeschlossen. +Kinder hat Gott ihnen nicht geschenkt – sie sind sehr traurig darüber, +wagen aber nie zu klagen. Ssaschenjka hat schon vor langer Zeit einen +prächtigen jungen Mann geheiratet. Iljuscha studiert in Moskau. So leben +denn mein Onkel und Nastjä ganz allein in Stepantschikowo und sind immer +noch genau so verliebt ineinander. Die Sorge des einen um den anderen +ist geradezu rührend. Wenn einer von ihnen früher sterben sollte, was +doch wohl einmal geschehen wird, so wird ihn der andere, denke ich, kaum +eine Woche überleben. Doch gebe ihnen Gott noch ein langes Leben! Sie +empfangen jeden Gast mit unendlicher Herzlichkeit und sind bereit, mit +einem Unglücklichen alles zu teilen, was sie nur haben. Nastenjka liest +oft die Lebensgeschichten der Heiligen und sagt gerührt, daß bloß „bei +Gelegenheit Gutes tun“ zu wenig sei, man müsse alles, was man hat, den +Armen hingeben und in freiwilliger Armut glücklich sein. Hätten sie +nicht Iljuscha und Ssaschenjka, so würde mein Onkel wohl schon längst +alles unter die Armen verteilt haben; denn er ist in allem vollkommen +einverstanden mit seiner Frau. Praskowja Iljinitschna lebt bei ihnen und +tut ihnen mit Freuden alles zu Willen. Sie führt vor allem die +Wirtschaft. Herr Bachtschejeff hat ihr zwar bald nach der Hochzeit +meines Onkels einen Heiratsantrag gemacht, sie aber hat ihn rund +abgeschlagen. Daraus schloß man zunächst, daß sie wohl ins Kloster gehen +wolle und werde, aber auch das geschah nicht. Sie hat von Natur die +bemerkenswerte Eigenschaft, sich vollkommen denen zu opfern, die sie +liebhat, sich zu jeder Zeit ihnen unterzuordnen, ihnen die Wünsche von +den Augen abzulesen, allen ihren Launen nachzugehen, sie zu warten und +zu pflegen und zu bedienen. Jetzt, nach dem Tode ihrer Mutter, der +Generalin, hält sie es für ihre Pflicht, bei ihrem Bruder und Nastenjka +zu bleiben und sich diesen unterzuordnen. Der alte Jeshowikin lebt noch, +und in der letzten Zeit besucht er seine Tochter immer häufiger. Anfangs +brachte er meinen Onkel zur Verzweiflung damit, daß er sich und seine +Krabben (so nennt er seine Kinder) mit erklärter Absichtlichkeit von +Stepantschikowo fernhielt. Alle Aufforderungen seines Schwiegersohnes +waren fruchtlos: Das geschah jedoch von ihm nicht so sehr aus Stolz als +aus Empfindlichkeit und Argwohn. Der Gedanke, daß man ihn, den Armen, +aus Barmherzigkeit im reichen Hause empfangen, daß man ihn im Herzen +aufdringlich und lästig finden könnte – dieser Gedanke lastete schwer +auf ihm. Er wies sogar Nastenjkas Hilfe zurück und nahm nur im äußersten +Notfall etwas an. Von meinem Onkel wollte er unter keiner Bedingung +etwas annehmen. Nastenjka hatte sich sehr geirrt, als sie mir seinerzeit +sagte, ihr Vater spiele nur deshalb den Narren, weil er damit ihr, +seiner Tochter, Nutzen zu bringen hoffe. Freilich wollte er sie damals +gerne mit dem Oberst verheiraten, aber den Narren spielte er doch wohl +mehr aus innerem Bedürfnis: um der in ihm angesammelten Wut einen +Ausgang zu verschaffen. Das Bedürfnis, zu spotten und seine scharfe +Zunge zu üben, war ihm angeboren. So machte er aus sich den niedrigsten +Schmeichler, um gleichzeitig mit nicht mißzuverstehender Deutlichkeit +zeigen zu können, daß er es nur zum Schein tat. Und je mehr er +schmeichelte, um so beißender und unverhohlener schaute dann aus der +Schmeichelei sein Spott hervor. Das lag ihm nun einmal im Blut. +Schließlich gelang es doch, seine „Krabben“ in den besten Lehranstalten +Moskaus und Petersburgs unterzubringen, aber erst dann, als Nastenjka +ihm schwarz auf weiß bewiesen hatte, daß sie es nicht mit dem Gelde +ihres Gatten tue, vielmehr mit den Dreißigtausend, die Tatjana Iwanowna +ihr zur Verlobung geschenkt hatte. Diese dreißigtausend Rubel waren in +Wirklichkeit natürlich niemals von Tatjana Iwanowna angenommen worden; +damit diese sich nicht gekränkt fühlte, hatte man ihr einfach gesagt, +daß man sich sogleich an sie wenden werde, sobald man einmal in +Verlegenheit geraten sollte. Und so tat man denn schließlich auch und +lieh von ihr „scheinbar“ größere Summen. Doch Tatjana Iwanowna starb vor +drei Jahren, und da fielen Nastjä ihre Dreißigtausend von selbst zu. Der +Tod Tatjana Iwanownas kam ganz unerwartet. Die ganze Familie war von +einem benachbarten Gutsbesitzer zum Ball eingeladen worden, Tatjana +Iwanowna hatte sich bereits ihr Ballkleid angezogen und einen +wundervollen Kranz weißer Rosen ins Haar gesteckt, als ihr plötzlich +schlecht wurde: sie setzte sich auf den nächsten Stuhl und – starb. Mit +diesem Kranz weißer Rosen wurde sie auch begraben. Nastjä war +untröstlich. Tatjana Iwanowna war von allen wie ein Kind geliebt und +verwöhnt worden. Nach ihrem Tode setzte sie noch alle durch ihr +vernünftiges Testament in Erstaunen: außer Nastjäs Dreißigtausend hatte +sie alles übrige, an dreihunderttausend Rubel, zur Erziehung armer +Waisenmädchen vermacht, denen bei Verlassen der Erziehungsanstalt auch +noch eine gewisse Summe ausgezahlt werden sollte. Noch vor Tatjana +Iwanownas Hinscheiden heiratete Fräulein Perepelizyna, die nach dem Tode +der Generalin ruhig in Stepantschikowo verblieben war, wahrscheinlich in +der Absicht, sich bei Tatjana Iwanowna einzuschmeicheln. Inzwischen war +aber der Besitzer von Mischino, jenem selben kleinen Gut, wohin Obnoskin +mit seiner Mutter und später mit Tatjana Iwanowna gefahren war, Witwer +geworden. Dieser ehemalige Beamte war ein entsetzlicher Schikaneur. Er +hatte von der ersten Frau sechs Kinder. Da er bei der Perepelizyna Geld +vermutete, so machte er gelegentlich einige Andeutungen, die auf eine +Heirat anspielten. Sie aber warf sich ihm sofort an den Hals. Leider war +die Perepelizyna arm wie eine Kirchenmaus: alles, was sie in die Ehe +brachte, waren dreihundert Rubel, die Nastenjka ihr zur Hochzeit +geschenkt hatte. Jetzt führt das Ehepaar vom Morgen bis zum Abend Krieg +miteinander: sie zieht seine Kinder an den Haaren und verabreicht ihnen +Ohrfeigen; ihm zerkratzt sie das Gesicht (wenigstens erzählt man es in +der ganzen Umgegend) und hält ihm beständig vor, daß sie die Tochter +eines Majors sei. – Misintschikoff hat sein Leben gleichfalls +einzurichten gewußt. Er gab vernünftigerweise alle seine Hoffnungen auf +Tatjana Iwanowna auf und machte sich allmählich daran, die +Landwirtschaft zu erlernen. Mein Onkel empfahl ihn einem reichen Grafen, +einem Gutsbesitzer, der etwa achtzig Werst von Stepantschikowo +dreitausend Seelen besaß, doch nur sehr selten sein Gut besuchte. Da der +Graf in Misintschikoff einige Fähigkeiten entdeckt zu haben glaubte und +sich im übrigen auf die Empfehlung meines Onkels verließ, bot er ihm die +Stelle eines Verwalters seiner Güter an, nachdem er seinen früheren +Verwalter fortgejagt hatte – einen Deutschen, der aber trotz der +berühmten deutschen Ehrlichkeit seinen Grafen gründlich bestohlen hatte. +Nach fünf Jahren war das Gut nicht wiederzuerkennen: die Bauern lebten +im Wohlstande; Misintschikoff hatte Verwaltungsbücher eingeführt und +führte sie fehlerlos – was niemand von ihm erwartet hätte; die Einnahmen +hatten sich verdoppelt – mit einem Wort: Der neue Verwalter hatte sich +trefflich eingeführt, und sein Ruhm ertönte bereits durch das ganze +Gouvernement. Wie groß aber war die Überraschung und der Kummer des +Grafen, als Misintschikoff nach fünf Jahren, ungeachtet aller Bitten und +Gehaltserhöhungen, sein Amt niederlegte! Der Graf glaubte, daß ihn die +Nachbargutsbesitzer fortgelockt hätten oder vielleicht sogar jemand aus +einem anderen Gouvernement. Um wieviel größer war aber das Erstaunen +aller, als plötzlich, im zweiten Monat nach seinem Austritt, Iwan +Iwanytsch Misintschikoff ein schönes Gut von hundert Seelen besaß, das +nur vierzig Werst von dem des Grafen entfernt war, und das er von einem +verschuldeten Husarenoffizier, seinem früheren Regimentskameraden, +gekauft hatte! Diese hundert Seelen verpfändete er sogleich, und nach +einem Jahr war er im Besitz von noch weiteren sechzig Seelen! Jetzt ist +er selbst Gutsherr, und seine Wirtschaft ist mustergültig. Alle wundern +sich und fragen, woher er wohl das Geld dazu erhalten haben mag. Einige +aber schütteln nur das Haupt und schweigen. Iwan Iwanytsch jedoch ist +vollkommen ruhig und fühlt sich durchaus in seinem Recht. Jetzt hat er +aus Moskau seine Schwester zu sich gerufen, dieselbe, die ihm einst ihre +letzten drei Rubel zur Wanderung nach Stepantschikowo gegeben hatte – +ein sehr nettes Mädchen, nicht mehr ganz jung, bescheiden, zärtlich, +gebildet, nur etwas eingeschüchtert. Vorher hatte sie in Moskau als +Gesellschafterin bei einer „Wohltäterin“ gelebt; jetzt hängt sie mit +aller Liebe am Bruder, führt in seinem Hause die Wirtschaft, hält jeden +seiner Wünsche für ein Gesetz und sich selbst für vollkommen glücklich. +Ihr Bruder verwöhnt sie nicht gerade und hält sie, wie man zu sagen +pflegt, etwas „unter dem Daumen“, was sie aber gar nicht zu merken +scheint. In Stepantschikowo hat man sie sehr liebgewonnen, und es heißt, +Herr Bachtschejeff sei nicht abgeneigt – ... und er würde wohl auch bei +ihr anhalten, fürchte aber eine Absage. Doch von Herrn Bachtschejeff +hoffe ich noch ein anderes Mal zu erzählen, in einer neuen Erzählung, +und dann ausführlicher. + +Das waren, denke ich, alle ... Ja! richtig! fast hätte ich vergessen: +Gawrila ist sehr gealtert und hat sein Französisch ganz und gar +verlernt. Aus Falalei ist ein guter Kutscher geworden. Der arme +Widopljässoff aber mußte tatsächlich schon sehr bald in einer +Irrenanstalt untergebracht werden: er ist dort, wenn ich mich nicht +täusche, auch schon gestorben ... In den nächsten Tagen muß ich nach +Stepantschikowo fahren – dann werde ich mich bei meinem Onkel nach ihm +erkundigen. + + + + + Fußnoten + + +[1] Bauern, die zur Zelt der Leibeigenschaft den Kirchen und Klöstern +gehörten. E. K. R. + +[2] Führer des Kosakenaufstandes von 1773, gab sich für den ermordeten +Peter III. aus, wurde 1775 hingerichtet. E. K. R. + +[3] Treu. E. K. R. + +[4] Schändlich. E. K. R. + +[5] Von „Bolwann“ – Schafskopf. E. K. R. + + + Anmerkungen zur Transkription + +Die „Sämtlichen Werke“ erschienen in der hier verwendeten ursprünglichen +Fassung der Übersetzung von E. K. Rahsin in mehreren Auflagen und +Ausgaben 1906–1922 im Piper-Verlag. Dieses Buch wurde transkribiert +nach: + + F. M. Dostojewski: Sämtliche Werke. + Zweite Abteilung: Sechzehnter Band + R. Piper & Co. Verlag, München, 1920. + 6. bis 10. Tausend + +Die Anordnung der Titelinformationen wurde innerhalb der „Sämtlichen +Werke“ vereinheitlicht und entspricht nicht der Anordnung in den +ursprünglichen Ausgaben. Alle editionsspezifischen Angaben wie Jahr, +Copyright, Auflage usw. sind aber erhalten und wurden gesammelt direkt +nach der Titelseite eingefügt. + +Fußnoten wurden am Ende des Buches gesammelt. + +Das Inhaltsverzeichnis wurde an den Anfang des Bandes verschoben. +Inhaltsverzeichnis und Überschriften im Text wurden harmonisiert. + +Zu den Anführungszeichen: Gespräche wurden in doppelte Anführungszeichen +(„“) eingeschlossen. Die Wiedergabe von Äußerungen anderer innerhalb von +Gesprächen wurde in einfache Anführungszeichen (‚‘) eingeschlossen. + +Besonderheiten der Transliteration russischer Begriffe und Namen: Der +Buchstabe „ä“ (oder auch „jä“) steht für den kyrillischen Buchstaben +„ja“. Die Schreibweise häufig vorkommender Namen wurde vereinheitlicht +(nicht verwendete Varianten in Klammern): + + Matwejitsch (Matvejitsch) + Widopljässoff (Widapljässoff) + +Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere +Änderungen sind hier aufgeführt (vorher/nachher): + + [S. 24]: + ... an des glaubte, was sie predigte. Ja, ich ... + ... an das glaubte, was sie predigte. Ja, ich ... + + [S. 176]: + ... sehr, daß ich Sie getroffen haben, vielleicht werden Sie ... + ... sehr, daß ich Sie getroffen habe, vielleicht werden Sie ... + + [S. 276]: + ... plötzlich mein Onkel. „Das ist, mußte du wissen, ... + ... plötzlich mein Onkel. „Das ist, mußt du wissen, ... + + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75923 *** |
