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@@ -0,0 +1,12663 @@
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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 76104 ***
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+======================================================================
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+ Anmerkungen zur Transkription.
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+Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und Interpunktion des
+Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler
+sind stillschweigend korrigiert worden.
+
+Um die Übersicht zu verbessern, sind vom Bearbeiter Kapitelzahlen
+eingefügt worden.
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+Worte in Antiqua sind so +gekennzeichnet+; gesperrte so: ~gesperrt~
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+ Geschwister
+ Rosenbrock
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+ Von
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+ Diedrich Speckmann
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+ [Illustration]
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+ Berlin 1921
+ Verlag von Martin Warneck
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+ Erschienen 1911
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+ Der Gesamtauflage 62.-71. Tausend
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+ Alle Rechte vorbehalten
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+ Gedruckt in Stuttgart bei J. F. Steinkopf
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+Die Schulkinder von Brunsode lagen, des Schönschreibens beflissen,
+auf ihren Tischen. Oben knarrte die Feder über holziges Papier, unten
+rieb der Griffel knirschend in Schiefer. Ein lustiges Torffeuer,
+das im gußeisernen Kanonenofen bullerte, hatte die über Nacht
+erblühte Eisblumenherrlichkeit der Fenster schon zerstört und auf
+den in greller Januarsonne liegenden, von Eis- und Schneekristallen
+blitzenden Schulhof den Blick frei gemacht.
+
+Diesen begrenzten auf zwei Seiten Doppelreihen schlank aufgeschossener
+Tannen. Auf der dritten dagegen, dem Schulhause gegenüber, lief ein
+gut zwei Meter hoher Fahrdamm, der mit schimmernden Birken bestanden
+und von einem dunklen Schiffgraben begleitet in einer Länge von fast
+fünf Kilometern sich schnurgerade vor den vierzig »Stellen« der
+Moorkolonie Brunsode hinzog. Die Schule lag genau in der Mitte des
+Dorfes und war durch den Damm von der Reihe der Gehöfte getrennt.
+
+Für Herrn Christian Lenz, der seit mehr als drei Jahrzehnten in
+Brunsode die Kinder lehrte und durch seine Frau Engel, geborene
+Schnakenberg, sowie durch seine Tochter Käthe, verheiratete Kück,
+mit dem halben Dorf verschwägert und versippt war, bedeutete das
+von den Tannenwänden abgeschnittene Stück Damm eine recht angenehme
+Schaubühne, der er zuzeiten mehr Aufmerksamkeit schenkte, als für den
+Unterricht gut war.
+
+So saß er denn auch heute, während sein Völkchen schön schrieb,
+mit übergeschlagenen Beinen auf dem Katheder in seinem bequemen
+Binsenarmstuhl, spielte mit dem Lineal und ließ den etwas müden Blick
+seiner umschleierten Augen nach rechts zum Fenster hinauswandern.
+
+Eine winterlich verhüllte Frau ging vorüber, mit einem großen,
+weidengeflochtenen Henkelkorb am Arm. Hm, Lachmunds Minna macht
+Einkäufe für die große Gasterei, die sie und ihr Jan heut' abend geben
+wollen. Christian und Engel Lenz werden dabei nicht fehlen.
+
+Eine schwarzbunte Kuh, die über die Bühne getrieben wurde, streckte
+den Kopf in die Luft und brüllte, daß die ihr vom Maule fliegende
+weiße Atemwolke die in der Januarsonne blitzenden Birkenstämme
+kreuzte. Und schon hatte Herr Lenz ausgerechnet, wann Schwager Augusts
+beste Milchgeberin das Kalb haben würde, das er sich bereits zur
+Aufzucht gesichert hatte. Wenn's nur kein Bullenkalb wurde!
+
+In den gefrorenen Gleisen drüben jankte ein gelber zweiräderiger
+Wagen. Der Doktor? Wo mag der so früh schon gewesen sein? ... Der alte
+Jan Helmke, Nr. 23, ist auf Besserung ... Ach so, hm, Geschmargret
+Rosenbrock, Nr. 40 ... ja, ja ...
+
+Herrn Lenzens Blick kehrte in das Schulzimmer zurück und ruhte
+teilnehmend auf einem kleinen Mädchen mit rosigzarten Bäckchen und
+seidigem, von einem himmelblauen Band zusammengehaltenen Flachshaar,
+das vornan auf der untersten Bank saß und, das reizende Köpfchen ein
+wenig schief haltend, mit Hingebung seine Tafel bemalte. Darauf
+wanderte sein Auge nach rechts hinüber, zu einem etwa zehnjährigen
+Jungen, der eben eine Pause im Schreiben gemacht hatte und merkwürdig
+ernst vor sich hinblickte.
+
+Ein zu steil gehaltener Griffel kreischte ohrenzerreißend. Herr Lenz
+schloß die Augen und machte ein Märtyrergesicht. Dann aber raffte er
+sich auf, warf einen energischen Blick in die Klasse und rief: »Köpfe
+hoch, Finger gerade! Wie oft soll ich das noch sagen! ... Ich muß wohl
+mal kommen.«
+
+Diese Drohung war jedoch leichter ausgesprochen als ausgeführt. Das
+linke übergeschlagene Bein des guten Schulmannes hatte nämlich die
+günstige Gelegenheit benutzt, schnell ein bißchen einzuschlafen, und
+es dauerte eine Weile, bis es sich richtig wieder auf den Zweck seines
+Daseins besann.
+
+Als Herr Lenz endlich mit Vorsicht, da er jenem noch immer nicht recht
+traute, von seinem Katheder heruntertrat, schwenkten die Kleinen, um
+Beachtung ihres Geschreibsels bittend, ihm die Schiefertafeln entgegen.
+
+Er nahm die jenes kleinen Mädchens, das er vorhin still beobachtet
+hatte. Zwei große hellbraune Augen schauten aus einem zarten, feinen
+Gesichtchen ehrfürchtig und erwartungsvoll zu ihm auf und erglänzten
+freudig, als er wohlgefällig nickte und die Tafel mit den Worten
+zurückreichte: »Leidchen, du machst das kleine r wirklich schon
+recht nett.« Darauf legte er die Hand väterlich wohlwollend auf das
+weiche Haar des Kindes, dessen Wangen unter so viel Anerkennung sanft
+erröteten.
+
+Nachdem er sodann den Mittelgang abgeschritten, einige Ausstellungen
+gemacht, ein kleines r als Muster an die Wandtafel geschrieben
+und drei Torfsoden in die mit dem Rockschlippen geöffnete Ofentür
+geworfen hatte, stieg er wieder auf das Katheder, wo er sich mit dem
+angenehmen Gefühl erfüllter Pflicht in seinen Armstuhl und die vorige
+Beschaulichkeit zurücksinken ließ.
+
+Aber diesmal war die Ruhe nicht von Dauer. Auf dem frostharten
+Schulhof klirrten Holzschuhe, und Herr Lenz sah vom Damm her ein
+Mädchen eilig auf das Haus zukommen, das er aber in der winterlichen
+Vermummung nicht zu erkennen vermochte. Wahrscheinlich eine neue
+Einladung. Das ganze Dorf wollte die üblichen Gastereien bei dem
+harten Frost abmachen, und es ging jetzt fast Abend für Abend.
+
+Er begab sich hinaus, um der Sache auf den Grund zu gehen. Hinter
+ihm steckten die Deerns zu einem kleinen Schwatz die Köpfe zusammen,
+während ein paar Jungens eine Prügelei vom Zaun brachen.
+
+»Ruhe!« donnerte es plötzlich in den Lärm hinein, und in der Tür
+stehend, rief Herr Lenz in die jäh wiedergekehrte Stille: »Gerd!
+Leidchen! Ihr sollt nach Hause kommen. Schnell, schnell!«
+
+Nach wenigen Sekunden stieg ein stillernst dreinblickender Junge von
+etwa zehn Jahren aus seiner Bank und schob, den Tornister schief auf
+dem Rücken, durch die Schulstube. Der Schwester, die noch unter dem
+Tisch packte, gab er im Vorbeigehen einen Stoß mit dem Ellbogen, um
+sie zu größerer Eile anzuspornen.
+
+Draußen, auf dem Gang, half er ihr in die Winterjacke hinein. Dann
+liefen die Kinder, so schnell ihre Füße sie trugen, über den Schulhof
+und halblinks die Dammböschung hinauf, bis sie die Magd eingeholt
+hatten.
+
+»Was sollen wir?« fragte Gerd keuchend und seinen Lauf hemmend.
+
+»Mutter verlangt nach euch,« sagte das Mädchen, »macht, daß ihr
+heimkommt!«
+
+»Ich nehm' die Schlittschuh,« rief der Junge.
+
+Er hatte sie zu Weihnachten geschenkt bekommen und benutzte die
+Schulwege, sich in ihrem Gebrauch zu üben.
+
+Schon war er den Damm hinuntergesprungen und hockte auf dem zwischen
+diesem und dem Schiffgraben laufenden Leinpfad.
+
+Bald kratzte er, weitausgreifend und mit schlenkernden Armen, die
+glatte, schwarze Eisbahn dahin, vorbei an den Mündungen der schmäleren
+Gräben, die zwischen den einzelnen Kolonaten sich ins Hochmoor
+hinaufzogen, unter den vom Damm zu den Gehöften führenden Holzbrücken
+hindurch, im Sprung die trotz fortwährenden Wassergerinnsels fest
+umfrorenen Klappstaue nehmend. Einmal fiel er dabei hin, aber noch im
+Dahinrutschen kam er wieder auf die Beine. Nach kaum fünf Minuten lief
+er, die klappernden Schlittschuhe am Arm, über eine Obstwiese auf das
+hundert Schritt vom Damm zurückliegende lange, niedrige Strohdachhaus
+mit blaugestrichenem Fachwerk zu.
+
+Beta Rotermund von Nr. 39 leistete dem Nachbarhause in seiner
+Not treulich Hilfe. Als sie den Jungen über die Diele nach der
+Krankenstube stürzen sah, rief sie ihm zu, er möchte sich erst wärmen,
+ehe er hineinginge.
+
+Mit ausgebreiteten Armen über das offene Herdfeuer gebeugt, schüttelte
+er seine Kleidung, um die darin gefangene Kälte gegen die von den
+glühenden Torfbrocken aufsteigende Wärme auszutauschen. Dann streifte
+er den Tornister ab und ging auf Zehen in die Stube zur Linken.
+
+Als er vor der in die Wand gebauten Schlafbutze stand, deren Tür
+zurückgeschoben war, rief er leise: »Mutter!«
+
+Langsam öffneten sich die Augen in dem schmalen, spitzen Gesicht und
+sahen ihn groß an. Aber dann irrte ihr Blick suchend an ihm vorbei,
+und die fahlen Lippen fragten leise: »Wo ist Leidchen?«
+
+Gerd sagte, sie würde gleich nachkommen, er wäre nur auf
+Schlittschuhen vorangelaufen.
+
+Die Kranke machte eine Bewegung. Gerd, ihren Wunsch erratend, nahm
+ihre heiße, trockene Hand, jedoch ohne sie von der Bettdecke zu
+erheben.
+
+»Ich muß von euch ab, Kinder ... du hilfst dir wohl sacht, Gerd ...
+aber Leidchen ... Ich glaub', du bist ein guter, zuverlässiger Junge
+... verlaß deine Schwester nicht ... hab' ein Auge auf sie ... sie hat
+anders keinen als dich ...«
+
+Mühsam rangen sich ihr die Worte von den Lippen, und Gerd fühlte einen
+leisen Druck der kraftlosen Hand. Diesen mit Schonung erwidernd, sagte
+er, indem er einen Ausbruch seines Schmerzes gewaltsam zurückhielt:
+»Mutter, darauf kannst du dich fest verlassen.«
+
+Die Kranke bekam einen ihrer qualvollen Anfälle. Ihre Hand
+zurückziehend, wimmerte sie: »Kind, bet' mal!«
+
+Gerd schaute verlegen drein.
+
+Sie wiederholte ihren Wunsch dringender.
+
+Da faltete er die Hände, ließ den Kopf auf die Brust sinken und
+begann das Gesangbuchslied, das sie in der Schule gerade lernten.
+Dieselben Worte, die er heut' früh schrill dem Lehrer zugeschrien
+hatte, sprach er jetzt, wo die Not des Lebens sie ihm abverlangte,
+langsam, leise und andächtig: »Was Gott tut, das ist wohlgetan.« Mit
+geschlossenen Augen, die Zähne aufeinander gebissen, wiederholte die
+schwer Leidende: »... will ich ... ihm ... halten stille ... halten
+... stille!«
+
+Unterdessen trat das kleine Mädchen auf Socken in die Stube und
+näherte sich zögernd der Bettstatt.
+
+»Mein lüttjes süßes Leidchen,« rief die Kranke, den Blick erhebend,
+mit aufwallender Zärtlichkeit, »was hast du für schöne rote Backen!«
+und ihre weit offenen fieberdurstigen Augen schienen des Kindes
+Frische und Lieblichkeit zu trinken.
+
+Gerd nahm das frostrote Händchen der Schwester, rieb und drückte es
+warm und legte es zugleich mit seiner Rechten in die welke Hand, die
+auf der rotkarierten Decke lag. Krampfhaft umklammerte die fieberheiße
+die von warmem jungen Leben durchpulsten Kinderhände, wie um sie
+nimmer loszulassen. Doch bald erschlaffte sie unter Zuckungen. Die
+Kinder sahen sich hilflos an und zogen langsam die Hände zurück.
+
+Nach einer Weile trat Beta Rotermund in die Stube. Auf Wunsch der
+Kranken, deren Schmerzen jetzt wieder erträglicher waren, setzte sie
+sich dicht vor das Bett, indem die Kinder ihr Platz machten.
+
+Und nun traf Geschmargret Rosenbrock an dem Ohr der zu ihr
+herabgeneigten Nachbarin ihre letzten Anordnungen. Seit vorhin der
+Arzt noch einmal bei ihr gewesen, wußte sie ja, wie es um sie stand.
+
+Auf dem Leinenschrank läge ein geliehener Wollkratzer. Dieser müßte
+der Eigentümerin, Meta Frerks, Nr. 37, noch heute zurückgebracht
+werden.
+
+Bei ihrem letzten Kirchgang wäre sie dem Kaufmann Nolte in Grünmoor
+eine Mark und fünfundsechzig Pfennige schuldig geblieben. Frau
+Rotermund mußte die Summe dem Geldtäschchen unter dem Kopfkissen
+der Kranken entnehmen und sie bei nächster Gelegenheit zu bezahlen
+versprechen.
+
+Bis ihr Stiefsohn Jan, der Stellerbe, sich verheiratete, sollte die
+kürzlich verwitwete Häuslingsfrau Marie Engelken ihm den Haushalt
+führen. Sie hatte diese schon vor einigen Tagen an ihr Bett bitten
+lassen und mit ihr darüber gesprochen. Die Nachbarin versprach, die
+Augen offenzuhalten und vor allem achtzugeben, daß Gerd und Leidchen
+ihr Recht bekämen.
+
+Das Totenhemd läge in der Eichenlade auf dem Flett zu unterst ...
+Das rechts vom Herd hängende Stück vorjährigen Rauchfleisches möchte
+beim Dodenbeer zuerst mit aufgeschnitten werden ... In Leidchens
+Sonntagskleid wäre eine Naht aufgegangen, die müßte vorher noch genäht
+werden ...
+
+Frau Rotermund nickte, sobald sie einen dieser Wünsche, welche die
+Kranke nur mit großer Anstrengung verständlich machen konnte, halbwegs
+erraten hatte, und versprach zu guter Letzt noch einmal, alles aufs
+beste zu besorgen.
+
+Als die Uhr in der anderen Stube zwölf schlug, bat die Kranke, die
+Nachbarin möchte mit den Kindern zum Essen hinübergehen, die Magd
+würde das Mittagbrot wohl auf dem Tische haben. Wie die Frau noch
+einen Augenblick zögerte, wollte sie ungeduldig werden. Da gab Beta
+Rotermund mit den Augen Gerd und Leidchen einen Wink und schob die
+leise sich sträubenden Kinder vor sich her zur Tür hinaus.
+
+ * * * * *
+
+Es war kurz nach Mitternacht, als Frau Rotermund sich in ihr wollenes
+Umschlagetuch hüllte, die Schultern zusammenzog und, unter der
+niedrigen Seitentür sich bückend, schuddernd in die sternklare,
+schneidend kalte Winternacht hinaustrat.
+
+Dem nachbarlichen Verkehr dient in Brunsode weniger der öffentliche,
+von der Häuserreihe etwas entfernte Fahrdamm als ein Pfad, der durch
+die Grenz- und Windschutzgehölze laufend und die trennenden Gräben auf
+schmalen Eichenbohlen überschreitend eine kürzere Verbindung zwischen
+den Gehöften herstellt.
+
+Diesem folgte die Frau, aber nicht, um beim eigenen Hause abzubiegen,
+sondern, nachdem sie ihr Gehöft überschritten hatte, machte sie erst
+vor den Stubenfenstern von Nr. 38 halt. Hier trommelte sie mit dem
+Knöchel des Mittelfingers gegen die Scheiben, daß es hart und hell
+durch die nächtliche Stille klang. Es dauerte nicht lange, so wurde
+von drinnen an den Eisblumen gekratzt. Da rief Beta durch die hohlen
+Hände gegen das Fenster: »Geschmargret ist eben eingeschlafen. Kommt
+und helft sie bekleiden!«
+
+Die gleiche Ansage machte sie den beiden nächsten Häusern in der
+Dorfreihe. Denn die vier »Nachbarn in Not und Tod« sind durch das
+ungeschriebene Gesetz altererbter Sitte zu solchem Dienst jede Tag-
+oder Nachtstunde verpflichtet, wenn jemand sich zum letzten Schlaf
+gestreckt hat.
+
+Als Beta Rotermund von ihrem Gange durch die frostklingende Nacht
+zurückgekehrt war, nahm sie das Abendmahlskleid der Verblichenen
+aus dem Schrank, holte ihr Totenhemd aus der Tiefe der Eichenlade
+herauf und legte ein paar Torfbrocken unter den Wasserkessel, den die
+Magd auf ihr Geheiß zu Feuer gebracht hatte. Darauf ging sie in die
+Wohnstube, um sich zu wärmen und die Frauen zu erwarten.
+
+In dem niedrigen, mit dicker warmer Luft angefüllten Raum, den eine
+Hängelampe vom mittleren Deckbalken her nur schwach erleuchtete,
+hockte die Familie beieinander. Jan, des verstorbenen Jan Rosenbrock
+Sohn aus erster Ehe, hatte die Fäuste tief in den Hosentaschen
+vergraben und machte, mit angezogenen Füßen auf einem gegen die Wand
+gekippten Binsenstuhl mehr liegend als sitzend, ein etwas verlegenes
+Gesicht, als ob er nicht recht wüßte, wie er sich in diesem Fall zu
+benehmen hätte. Das kleine Mädchen lehnte schlafend in einer Ecke
+der Ofenbank, Gerd saß steif und steil in der anderen, mit trockenen
+rotgeweinten Augen auf einen Fleck starrend. Trina, die Magd, hatte
+sich an den Tisch hingelehnt und kämpfte, häufig gähnend, mit der
+Müdigkeit.
+
+»Kinder, es wäre besser für euch, ihr ginget zu Bett,« mahnte Frau
+Rotermund mütterlich, indem sie sich einen Stuhl an den Ofen zog und
+die verklammten Hände an die warmen Gußplatten hielt. Aber niemand
+machte Miene, dem Rat zu folgen.
+
+Draußen wurden Schritte laut, und gleich darauf trat Meta Frerks
+von Nr. 37 in die Stube. Die rundliche kleine Frau hatte von Natur
+ein Paar graue, schalkhafte Augen, aber wenn Zeit und Gelegenheit
+es verlangten, konnten diese auch leicht und ergiebig weinen. Die
+blanken Tränen polterten ihr denn auch nur so über die kugeligen
+roten Backen, wie sie die Hingeschiedene beklagte und rühmte und die
+landläufigen Tröstungen spendete. Darauf pflanzte sie sich zwischen
+die beiden Kinder in die reichlich enge Bank, tätschelte mit der
+Linken dem Jungen die Knie und strich mit der Rechten dem erwachenden
+Mädchen die Haare aus den Augen, um ihm dann liebkosend über die
+rosig verschlafenen Bäckchen zu fahren. Das Kind hatte von solcher
+handgreiflichen Zärtlichkeit schnell genug und hielt zum Schutz beide
+Arme vor das Gesicht.
+
+Die bald darauf eintretende, bis auf die Nasenspitze vermummte
+Gestalt enthüllte sich als eine hagere Vierzigerin mit gelblichen,
+lederartigen Gesichtszügen und kleinen, starren Augen. Anna Wöltjen
+und ihr Klaus galten als die »dollsten Quäler« im ganzen Dorf, kamen
+aber doch nicht recht vorwärts. Sie waren Sklaven der Torfkuhle
+geworden; nicht einmal mehr des Sonntags kam der Torfstaub rein aus
+den tiefen Furchen ihrer stumpfen, abgearbeiteten Gesichter. Da der
+Torf all ihr Sinnen erfüllte, verpaßten sie in der Ackerwirtschaft
+meist die rechte Zeit und das gute Wetter, und manches Stück Vieh
+hatten sie in die Erde stecken müssen, weil sie es an sorgfältiger
+Pflege, vor allem auch an der nötigen Sauberkeit fehlen ließen. Anna
+Wöltjen murmelte ein paar Worte, die zu verstehen sich niemand Mühe
+gab, und sackte auf dem nächsten Stuhl nieder.
+
+»Daß Malwine Böschen noch gar nicht kommt!« sagte Beta Rotermund nach
+einer Weile, etwas ungeduldig zur Wanduhr aufblickend, »sie hat doch
+von uns allen noch die jüngsten Beine.«
+
+»Wenn eine erst jung verheiratet ist ...« entschuldigte die gutmütige
+Meta Frerks mit verstehendem Lächeln.
+
+»Na, ich sollt' meinen, aus den Honigwochen wären sie heraus,« sagte
+Anna Wöltjen mit ihrer blechernen Stimme.
+
+Meta Frerks hob horchend den Kopf: »Ich hör ihre Hollschen all, sie
+geht grad' über den Steg. Was das diese Nacht weit klingen tut!«
+
+Die schmucke, blühende Frau, die bald darauf eintrat, sah trotz des
+Ganges durch die schneidende Kälte ein wenig verschlafen aus und
+machte einen etwas verlegenen Eindruck. Erst im letzten Herbst hatte
+sie in das Dorf hineingeheiratet und sich noch nicht recht in der
+Nachbarschaft eingelebt.
+
+Nachdem Beta Rotermund das junge Volk noch einmal vermahnt hatte,
+endlich das nutzlose Herumsitzen aufzugeben, führte sie die Frauen
+dahin, wo die traurige Pflicht ihrer wartete.
+
+Diese warfen einen halb scheuen, halb neugierigen Blick auf das
+spitze, wächserne Gesicht im Bettschrank, hielten eine Vaterunserlänge
+die Köpfe auf die Brust gesenkt und die Hände gefaltet, dann machten
+sie sich schweigend an die Arbeit, indem sie durch Zeichen und
+Flüstern sich leicht verständigten.
+
+Als nach Brauch und Herkommen alles besorgt, auch das Zimmer gesäubert
+und der Fußboden mit weißem Sand bestreut war, betrachteten sie ihr
+Werk nicht ohne Befriedigung. Man fand, die gute Geschmargret sähe nun
+aus wie eine sanft und friedlich Schlafende.
+
+»Wenn einer erst so weit wäre ...« seufzte Meta Frerks, die
+lebenslustigste von allen, und sie fühlte in diesem Augenblick
+auch so, wie sie sprach. Als aber Beta Rotermund, die während der
+Aufräumungsarbeiten sich draußen am Herde zu schaffen gemacht hatte,
+fragte, ob sie jetzt in der andern Stube eine Tasse heißen Kaffee
+trinken wollten, nickte sie sehr erfreut und war die erste, die
+schnell und gern der Einladung folgte.
+
+Die Jugend des Hauses hatte sich inzwischen in ihre Butzen und Kammern
+zurückgezogen, und die Frauen waren froh, daß sie das Reich allein
+hatten. Nachdem sie einige Torfbrocken im Ofen nachgelegt und den
+Tisch dicht an diesen herangeschoben hatten, rückten sie so eng als
+möglich um die dampfende Kaffeekanne zusammen, die ihren duftenden
+braunen Labetrank in goldig umränderte Tassen ergoß. Es waren die
+feinsten des Hauses, die Meta Frerks der besonderen Gelegenheit wegen
+dem Glasschrank entnommen und schnell mit der Schürze ausgewischt
+hatte. Geschmargret Rosenbrock hatte sie von ihr selbst einst zur
+Hochzeit geschenkt bekommen. Mitten auf dem Tisch stand ein bunter
+Teller mit Butterkuchen, den Vater Rotermund der kranken Nachbarin
+gestern frisch von Worpswede mitgebracht hatte. Die hatte nicht mehr
+von ihm gekostet, aber jetzt fand das lockere, zuckerbestreute Gebäck
+seine Liebhaber, und die kundigen Zungen schmeckten schnell heraus,
+daß es vom Bäcker Soltmann stammte, der am schmackhaftesten zu backen
+pflegte. Der Kaffee wurde mit behaglichem Schlürfen getrunken. Nach
+Erfüllung der traurigen Pflicht war ein Stündchen freundnachbarlicher
+Geselligkeit gutes Recht und seelisches Bedürfnis. Man war ja Nachbar
+nicht bloß für Not und Tod, sondern gottlob auch für die angenehmeren
+Seiten des Daseins.
+
+Ach ja, das menschliche Leben ... Wer hätte gedacht, daß die gute
+Geschmargret so früh dahin mußte. Nach Ostern hatte sie noch im
+Torf geholfen und bei der zweiten Heuernte noch mit abgeladen. Es
+wurden mancherlei Erinnerungen wach: was sie bei dieser Gelegenheit
+gesagt, bei jener getan, wie sie sich in ihre Stellung als zweite
+Frau und Stiefmutter gefunden hatte, und dergleichen. Die einzelnen
+Züge ergaben zusammen das Bild einer schlichten, fleißigen, stets
+freundlich hilfsbereiten, von allen wohlgelittenen Frau.
+
+Endlich sprang die Unterhaltung auf die Kinder des Hauses über.
+
+Jan, der Erbe und jetzige Stellbesitzer ... Hmhm, Kopfschütteln,
+bedenkliche Mienen. Man konnte sich nicht verhehlen, daß er in den
+letzten Jahren, seit des Vaters Tode, ein rechter Schleef geworden
+war. Die Stiefmutter war ihm gegenüber vielleicht doch zu gut und
+weich gewesen. Hoffentlich bekam er einmal die richtige Frau, die
+noch einen ordentlichen Menschen aus ihm machte. Ob er schon auf
+Freiersfüßen ging? Ernstlich wohl noch nicht. Aber jetzt machte er
+gewiß bald Anstalten. Das half ja auch nichts; eine Frau mußte wieder
+ins Haus, die Haushälterin konnte nur für kurze Zeit ein Notbehelf
+sein.
+
+Gerd und Leidchen ... Ach ja, die armen kleinen Dinger ... Und
+so fixe, brave Kinder ... Gerd, über seine Jahre verständig und
+ernsthaft, und so ein feines kleines Mädchen wie Leidchen sollte
+man weit umher suchen. Cord Rosenbrock, der Kinder Vatersbruder und
+Vormund, wär' ein gar zu gleichgültiger Mensch, ein rechter Liekeväl,
+und würde sich wohl nicht viel um sie kümmern. Da müßten die Nachbarn
+fleißig zum Rechten sehen, das verlange die Christenpflicht, und man
+wäre es der guten Seligen auch schuldig. Ach ja, ja, ja ...
+
+Plötzlich horchten die Frauen erschrocken auf. In der Butze nebenan
+regte sich etwas, und schon wurde die Tür zurückgeschoben, und das
+kleine Mädchen kam herausgestiegen. Zitternd stand es da in seinem
+kurzen Hemdchen, sah die gestörte Kaffeegesellschaft mit den großen
+braunen Augen an und fragte: »Was macht ihr hier?«
+
+»Wir haben deine Mutter fein angekleidet,« sagte Beta Rotermund, das
+Kind an sich ziehend. »Nun trinken wir 'ne Tasse Kaffee.«
+
+»Komm mal 'n bißchen auf meinen Schoß, lüttje Deern,« sagte Meta
+Frerks und hob sie auf ihre Knie. Dann reichte sie ihr einen Streifen
+Butterkuchen, und das Kind stopfte und kaute, denn Butterkuchen
+gab's nicht jeden Tag. Darauf knabberten die kleinen Zähne ein Stück
+Kandiszucker, das Malwine aus der Dose schenkte. »Sososiso,« sagte
+Meta Frerks, »nun leg' ich unser Herzenskind wieder ins Bett, und es
+schläft süß die ganze Nacht. Huh, draußen ist's so kalt, und all die
+kleinen Piepvögel müssen so frieren. Soso, nun mach' ich die Tür zu,
+du brauchst gar nicht bange zu sein, mein' Deern, die lieben Tanten
+sollen alle hier bleiben.«
+
+Ein Weilchen ruhte die Unterhaltung. Nur Seufzer und traurige Blicke,
+von Kopfschütteln begleitet, gingen hin und her.
+
+Als das Gespräch nach und nach wieder in Gang kam, begann es freiere
+Bahnen zu wandeln. Der betrübende Fall war ja nun nach allen Seiten
+hin erörtert und erschöpft, da drängte das eigene Leben, mit seinen
+Sorgen und Leiden, Freuden und Hoffnungen, sich wieder vor. Auch des
+lieben Nächsten gedachte die mitternächtliche Kaffeegesellschaft, im
+Guten wie im Bösen. Meta Frerks, die am Tage vorher von einer Gasterei
+im unteren Dorf einen ganzen Sack voll Neuigkeiten mitgebracht hatte,
+fand für diese die aufmerksamsten Ohren; zumal, als sie von einer
+Hochzeit berichtete, die etwas plötzlich in Sicht gekommen war.
+
+So enteilten die Viertel-, halben und ganzen Stunden, bis die Wanduhr
+auf einmal fünf kurze, klirrende Schläge tat.
+
+»Kinners!« rief Beta Rotermund erschrocken, »wir müssen nun aber bald
+Feierabend machen!«
+
+Aber niemand traf Anstalten, sich zu erheben. Über den Schlaf war man
+doch einmal hinweg, es verlohnte sich auch nicht mehr, noch wieder
+ins Bett zu steigen. Draußen fror es Pickelsteine, um den warmen
+Ofen dagegen hatte die Behaglichkeit stetig zugenommen. Die Nähe der
+Toten störte diese durchaus nicht. Die gute Geschmargert war ja von
+schwerem, unheilbarem Leiden erlöst, man hatte seine Pflicht an ihr
+getan, und wenn die Gedanken noch einmal zu ihr hinübereilten, freute
+man sich im stillen, daß einem selber das liebe Leben noch nicht
+entwichen war. Sogar Anna Wöltjen war ganz menschlich geworden, und
+die junge Malwine Böschen längst aufgetaut. Diese paar Stunden hatten
+sie den Nachbarinnen näher gebracht, als die vier Monate, die sie
+unter ihnen gelebt hatte, und sie verriet ihnen, daß sie sich guter
+Hoffnung fühlte. Da sahen alle drei sie schwesterlich teilnehmend an,
+und Beta Rotermund sagte, nachdenklich vor sich hin nickend: »Ja, ja,
+so geht's zu in der Welt: der eine geht, der andere kommt.«
+
+Als sie endlich daran erinnerte, daß es Zeit würde zum Melken,
+erhoben sich alle aus dem warmen, gemütlichen Winkel. Man suchte die
+Umschlagetücher, schnackte auf dem Flett ein Weilchen im Stehen,
+stattete der still gewordenen Nachbarin noch einen stummen Besuch ab,
+bei dem sich wieder einige Seufzer lösten, und machte sich endlich auf
+den Heimweg. An den Leitstangen sich haltend, schurrten die Frauen
+vorsichtig über die glattgefrorenen schmalen Eichenbohlen der Gräben,
+und bei jedem Hause schwenkte eine mit kurzem Gutenachtgruß ab. Bei
+jedem Abschied noch einmal wieder stehenzubleiben, verbot die gar zu
+grimmige Kälte.
+
+ * * * * *
+
+Langsam und feierlich, den hohen Hut auf dem ergrauenden Kopf und das
+Gesangbuch mit goldenem Kreuz in der schwarzbeschuhten Rechten, kam
+Herr Lenz von dem Fahrdamm auf das Trauerhaus zugeschritten.
+
+Was Geschmargret Rosenbrock die letzte Ehre erweisen wollte, war schon
+vollzählig versammelt. Das obere Dorf, bis zur Schule, war Haus für
+Haus vertreten, aber auch das untere hatte eine stattliche Anzahl zum
+Gefolge geschickt. Die Frauen saßen in den Stuben und tranken Kaffee.
+Die Männer, die meist auf der Herddiele umherstanden, ließen ein paar
+Flaschen kreisen. Diese mußten öfter als gewöhnlich aus dem irdenen
+Kruge von neuem gefüllt werden; denn die Kälte hatte noch nicht im
+geringsten nachgelassen und nur wenige waren im Besitz eines wärmenden
+Überziehers.
+
+Herr Lenz nahm in der Wohnstube ein Glas Grog an, »wegen der
+schneidenden Luft,« wie er halb entschuldigend bemerkte. Als er es
+geleert hatte, wechselte er einen Blick mit Beta Rotermund, die
+heute im Haus das Sagen hatte, strich sich den Bart und trat voll
+Würde auf die große Diele hinaus, wo er am Kopfende des über Stühlen
+aufgestellten Sarges Aufstellung nahm. Die Singjungens sammelten
+sich ihm zur Linken, den Platz an seiner Rechten wies er durch
+eine Handbewegung den Hinterbliebenen an. Aber nur die beiden
+Kinder kamen, Jan zog es vor, als weniger beteiligt, sich etwas im
+Hintergrunde zu halten. Eine Kuh, die brüllend den Kopf vorstreckte,
+bekam einen mißbilligenden Blick, woraufhin einer der umstehenden
+Männer ihr einen Stoß gegen den Hals gab.
+
+Und dann feierte Herr Lenz, nachdem er ein Sterbelied hatte
+singen lassen, die stille Frau zwischen den mit Sago beklebten
+schwarzlackierten Brettern als treue Gattin, liebevolle Mutter,
+fleißige Arbeiterin und geduldige Kreuzträgerin. Darauf wandte er
+sich halbrechts zu ihren Kindern, malte mit grellen Farben das Elend
+verlassener Waisen und tröstete, die Hand wie segnend erhoben, Gott,
+der Witwen und Waisen Vater, werde sie nicht verlassen noch versäumen.
+
+Herr Lenz liebte das große Wort und die feierliche Gebärde, und die
+Brunsoder waren stolz darauf, daß sie bei solchen Gelegenheiten keinem
+der fünfzehn Lehrer des Kirchspiels so zu Gebote standen, wie ihrem
+guten Lenz. Ja, nicht einmal der alte Pastor in Grünmoor konnte es so
+rührend machen und die Tränen so locken wie er. Diese flossen denn
+auch jetzt gar reichlich. In diesem Lande, wo das Wasser überall rinnt
+und sickert, sitzt es auch über den Augen recht lose.
+
+Gerd aber stand mit trockenen Augen, den Kopf auf die Brust gesenkt
+und die Hände über der Mütze gefaltet. Er hatte sich in der Stille
+der letzten Tage ausgeweint, und daß er vom Lehrer, den er im Grunde
+nicht liebte, zum Gegenstand des allgemeinen Mitleids gemacht wurde,
+berührte ihn peinlich.
+
+Das kleine Mädchen verstand von all den schallenden Worten so gut wie
+nichts. Das feierliche Gepränge an der Stätte, wo sie zu Füßen der
+Mutter mit Polli, Musch und Poppedeidei gespielt hatte, bedrückte und
+verwirrte ihren kindlichen Geist. Im roten Sonntagskleidchen stand
+sie an des Bruders Seite und sah aus der dunkelblauen Wollkapuze,
+die ihr feines Gesichtchen umrahmte, mit den großen, unschuldigen,
+lichtbraunen Augen verwundert zu den schwarzen Menschen auf, die so
+todernste Mienen zeigten oder sich im Gesicht herumwischten. Eine
+Zeitlang lenkte ein schmaler Lichtstreif, der hell und warm auf dem
+Kinde lag, manchen still verwunderten Blick nach ihm hin. Denn solche
+Lieblichkeit und Frische erblüht nur selten unter dem hart arbeitenden
+Geschlecht des schwarzbraunen Moorlandes.
+
+Als der Wagen in den zerfahrenen und gefrorenen Gleisen des Dammes
+knarrte, saß Leidchen eng und warm verpackt zwischen zwei Frauen,
+und ihre Blicke wanderten über den Sarg vor ihren Knien in die Welt
+hinaus, die mit Hochmooren, Ackerbreiten, Wiesen und Reihendörfern im
+schönsten Wintersonnenglanze sich vor ihr dehnte. Es war ihre erste
+Fahrt, von der allerersten im Steckkissen, zur Taufe, abgesehen. Gerd
+schritt indessen, die frierenden Hände in den Jackentaschen vergraben,
+als einziger unmittelbar hinter dem Wagen; denn das Gefolge hatte sich
+schnell in Gruppen aufgelöst, die nach und nach zurückblieben und den
+anderthalbstündigen Weg durch Unterhaltung zu kürzen suchten.
+
+Das ausgedehnte Kirchspiel Grünmoor hatte nur eine einzige sandige
+Bodenerhebung, die es gestattet, den Toten aus den achtzehn Kolonien
+trockene Ruhestätten zu geben. Hier ist darum auch um das schlichte,
+den ersten Ansiedlern vom Landesherrn geschenkte Gotteshaus der
+geräumige Friedhof angelegt worden. In seiner Anlage und Aufteilung
+zeigt er ein ziemlich getreues Bild der Gemeinde im kleinen. Den
+langen Reihendörfern entsprechen hier die Reihen der Erbbegräbnisse.
+Die im Leben Nachbarn waren, werden es im Tode wieder. Die
+Rosenbrocks, Rotermunds, Frerks, Wöltjens und Böschens wohnen auch
+hier freundnachbarlich beieinander.
+
+Die zunehmende Wohlhabenheit einzelner Moordörfer zeigt sich hier und
+da in unschönen protzigen Denkmälern aus Zementguß. Die Kolonisten
+der ärmeren Dörfer, zu denen auch Brunsode gehört, setzen wohl
+einmal ein Kreuz aus Tannenholz, das in wenig Jahren zerfällt; im
+übrigen begnügen sie sich mit dem grünen Schmuck, den die Natur ihren
+Ruhestätten verliehen hat.
+
+Das Rosenbrocksche Erbbegräbnis bezeichnet ein hochragender
+dunkelgrüner Wacholder. Der erste Brunsoder Rosenbrock hatte den Baum,
+der heute als einer der stattlichsten des Friedhofs in winterlichem
+Prachtgeschmeide funkelte, vor mehr als hundert Jahren von den
+Heiden seiner Geestheimat ins Moor herabgeholt, um ihn seiner jung
+verstorbenen Frau zum Gedächtnis zu pflanzen. Zu seinen Füßen hatte
+des Totengräbers Hacke, Axt und Spaten in mehrstündiger Arbeit das
+hart und tief gefrorene Erdreich geöffnet.
+
+Nachbar Wöltjen, der tappige Mensch, stach beim Schließen des Grabes
+nicht wie die andern nach dem losen Sande, sondern ließ die gefrorenen
+Erdklumpen auf den Sargdeckel poltern. Da schmiegte sich die Schwester
+unwillkürlich enger an den Bruder, und der legte wie schützend den Arm
+um sie.
+
+So fand Geschmargret Rosenbrock ihre Ruhe, im Schatten des ehrwürdigen
+Wacholderbaumes, dem Staube der andern gesellt, die vor ihr in
+Brunsode auf Stelle Nr. 40 sich müde gearbeitet und schlafen gelegt
+hatten. Die Kinder aber, denen sie das Leben geschenkt, sollten sich
+nun allein ihren Weg suchen. Den Weg durch das bunte und schöne, wilde
+und wirre, ernste und große Leben.
+
+
+
+
+ 2.
+
+
+Vor der Brunsoder Schuljugend stand ein neuer Mann. Er war an der
+Weserkante zu Hause, kam frisch vom Seminar in Bederkesa, und die
+Kinder mußten ihn Herr Timmermann nennen.
+
+Der junge Schulmann, noch in der ersten Begeisterung für seinen
+Beruf glühend, strengte die Stimme mehr als nötig an, war darauf
+bedacht, seine lang aufgeschossene Gestalt straff zu halten und gab
+sich redliche Mühe, aus den sanft blauen Augen energische Blicke
+zu schießen. Der rote Binsenarmstuhl, den sein wegen Kränklichkeit
+pensionierter Vorgänger schwarz und blank gesessen hatte, war für ihn
+nicht vorhanden, und dessen Schaubühne auf dem Fahrdamm hatte er noch
+nicht einmal entdeckt.
+
+Aber heute ließ Herr Otto Timmermann doch des öfteren den Blick
+halbrechts über die Kinderköpfe zum Fenster hinausschweifen, jedoch
+weniger neugierig als träumerisch froh. Denn dort draußen war etwas
+sehr Hübsches zu sehen. Wo tagelang ein ödes, schweres Nebelgrau
+gedrückt hatte, da war heute auf einmal ein weißes, weiches, molliges
+Schweben. Der erste Schnee kam sachte zur Erde nieder, in so großen
+Flocken, wie der junge Mann sich nicht erinnerte, sie je gesehen zu
+haben, und so wunderbar weiß, daß die schönen glatten Birkenstämme
+drüben auf einmal schmutziggrau dagegen erschienen.
+
+Herr Timmermann rieb sich voll Behagen die Hände. Nach den
+Jahren des kasernenartigen Seminarlebens zum erstenmal im
+eigenen Heim einzuschneien, so recht tief einzuschneien, mit dem
+Lieblingsschwesterchen, das ihm Haus hielt, und mit seinen Kindern,
+an denen er die mit redlichem Fleiß erworbenen pädagogischen Künste
+erproben sollte -- er war der Mann danach, um so etwas zu schätzen.
+
+Es traf sich gut, daß er sein Völkchen gerade nicht in allerhand
+Fernen und Höhen zu entführen brauchte. Der Stundenplan, der,
+säuberlich geschrieben, unter Glas und Rahmen an der Wand hing,
+schrieb nämlich Heimatkunde vor, und der junge Lehrer hatte am Abend
+vorher die Moorkolonie Brunsode, nachdem er ihre Belegenheit auf
+nachmittäglichen Spaziergängen erkundet, mit ihren Gehöften, Dämmen
+und Gräben fein rechtwinkelig und geradlinig, wie der Königliche
+Moorkommissarius Jürgen Christian Findorf sie vor vier Menschenaltern
+angelegt hatte, auf die Wandtafel gezeichnet. Dabei hatte er
+eigentlich nur an die jüngeren Jahrgänge gedacht, aber auch die Großen
+zeigten für das Kunstwerk seines Kreidestifts solches Interesse,
+daß er sie gern teilnehmen ließ und die Gelegenheit benutzte,
+ihnen den Unterschied zwischen den uralten, aus sagenhaftem Dunkel
+herüberkommenden Siedelungen der Geest und den jungen, künstlich und
+planmäßig angelegten Moorkolonien klarzumachen. Während der vier
+Wochen, die Herr Timmermann seines Schulamts waltete, waren seine
+Kinder noch niemals so Auge und Ohr gewesen, wie eben jetzt, und
+noch nie hatte ihm das Unterrichten solche Freude gemacht. Zuletzt
+stimmte er gar eine Art Hymnus auf das Moor an, das ihm nach den
+Lern- und Wanderjahren, wie es schien, schnell zur zweiten Heimat
+werden wollte. »Das Moor, liebe Kinder,« rief er begeistert aus, »hat
+noch eine schöne Zukunft. Wenn eure Urgroßväter, die als jüngere
+Bauernsöhne oder arme Häuslinge es wagten, in das wilde Sumpfland
+hinabzusteigen, einmal ihre Ruhekammern auf dem Kirchhof in Grünmoor
+verlassen könnten und die Dorfreihe mit den schmucken Häusern und den
+grünen Feldern dahinter entlang wanderten, was würden sie für Augen
+machen! Und wenn ihr Jungen die Hände nicht in den Schoß legt, sondern
+tüchtig weiter arbeitet, wird die Zeit kommen, wo das ganze einst so
+schaurige und verrufene Teufelsmoor in einen weiten, grünen, blühenden
+Gottesgarten umgewandelt ist. Ihr, Knaben und Mädchen, habt die schöne
+Lebensaufgabe, eure Heimat diesem Ziele näher zu bringen.«
+
+»Das ist uns mal nett gelungen,« belobigte Herr Timmermann sich selbst
+und blickte, sich eine Pause gönnend, träumerisch in das Geschwebe
+der Schneeflocken, die sich weiß und weich auf das so zukunftsreiche,
+hoffnungsvolle Land legten.
+
+»Nun wollen wir mal sehen, was ihr behalten habt,« begann
+Herr Timmermann, wieder zu den Kindern gewendet, und fing an,
+Wiederholungsfragen zu stellen. Aber da kam in die bislang so glatt
+und angenehm verlaufene Unterrichtsstunde plötzlich eine Störung.
+
+»Adelheid, komm und zeig mir auf der Wandtafel mal unsere Schule!«
+hatte Herr Timmermann, seiner Zeichnung zugekehrt, gutgelaunt gerufen.
+
+Aber es erschien keine Adelheid.
+
+Sich herumwerfend, schoß er den schärfsten Pädagogenblick, den seine
+Augen zu versenden hatten, nach der dritten Mädchenbank hinüber:
+»Adelheid Rosenbrock! Schläfst du?«
+
+Jetzt erhob sich, offenbar widerwillig, ein elfjähriges Mädchen und
+kam, das Mäulchen schief ziehend und die neuen Holzschuhe aus rotem
+Ellernholz über den Boden schleifend, langsam den Mittelgang daher.
+
+»Zurück, marsch marsch, an deinen Platz! Ich will dir Beine machen.«
+
+Trapp trapp -- trapp trapp, machte das Ellernholz auf den Tannendielen.
+
+»Wisch mir die ganze Schule nicht weg, du dumme Deern!« rief Herr
+Timmermann ärgerlich und fuhr sogleich mit der Kreide hinterdrein, um
+den Schaden, den die tappigen Finger angerichtet hatten, wieder gut
+zu machen. Dann sah er mit gestrenger Miene auf das vor ihm stehende
+Mädchen herab und sagte: »Was, Adelheid? Du willst dich hier auf den
+kleinen Trotzkopf hinaus spielen? Damit kommst du bei mir aber an den
+Verkehrten. Jetzt sagst du mir auf der Stelle, warum du nicht gleich
+kamst, als ich dich rief!«
+
+»Weil ich überhaupt nicht Adelheid heiße!« stieß das Mädchen heraus.
+
+Herr Timmermann hob die Hand mit dem Kreidestück ein wenig, um sie
+sogleich seufzend wieder sinken zu lassen.
+
+»Ach, Mädchen, noch immer die alte Geschichte? Hast du denn ganz
+vergessen, wie ich dir das schon vor drei Wochen ausführlich erklärt
+habe? Leidchen ist überhaupt kein Name, sondern nichts als eine
+sinnlose Verstümmelung von Adelheid. ›Leidchen, Leid--chen‹, hör' doch
+nur, wie das klingt! Dagegen ›A--del--heid‹ ... was für ein Klang
+und Tonfall sitzt in diesem Wort! Und ist ein edler, altdeutscher
+Name, den schon die Gemahlin Kaiser Ottos des Großen führte, in der
+Geschichte bekannt als ›die schöne Adelheid‹.«
+
+»Ich will aber doch Leidchen heißen,« erklärte das Mädchen verstockt
+und hartnäckig.
+
+Der junge Schulmann zuckte ratlos die Achseln und wandte sich zu dem
+zweitobersten Jungen, der schon während seiner schönen Belehrung
+aufgezeigt hatte und auch jetzt noch mit ruhig aufgehobenem Finger
+sich zum Wort meldete.
+
+»Was willst denn ~du~, Gerd?«
+
+»Als unsere Eltern noch lebten,« begann der Gefragte, der in Haltung
+und Auftreten etwas auffallend Bestimmtes hatte, »haben sie meine
+Schwester immer Leidchen gerufen. Auch der alte Lehrer hat sie nie
+anders genannt. Und gestern nach der Konfirmandenstunde hab' ich den
+Herrn Pastor gebeten, mal im Kirchenbuch nachzusehen, da steht's auch
+so in.«
+
+Er blieb, eine Gegenäußerung erwartend, aufgerichtet stehen.
+
+Bruder und Schwester, mit der gleich zu Beginn des Winterhalbjahrs
+vorgenommenen Namensveredelung durchaus nicht einverstanden, waren
+eins geworden, heute die Sache zum Austrag zu bringen, und schienen,
+nach dem Ausdruck ihrer Gesichter zu urteilen, zum äußersten
+entschlossen. Die ganze Schuljugend befand sich in gespanntester
+Erwartung, wie dies Ding ablaufen würde.
+
+Herr Timmermann trat von einem Fuß auf den andern, drehte die Kreide
+zwischen den Fingern, zupfte an seiner Oberlippe, sah wie hilfesuchend
+hinaus in den Schneeflockentanz. Endlich machte er hmhm, errötete ein
+wenig und sagte mit gezwungenem Lächeln: »Na, Leidchen, denn lauf' hin
+und bleib' meinetwegen, was du bist!«
+
+Triumphierend klappten die Ellernholzschuhe bankwärts. Der wackere
+Bundesgenosse bekam einen froh dankbaren Blick. Die Nachbarinnen
+machten der siegreich Zurückkehrenden achtungsvoll Platz, und eine
+flüsterte ihr ins Ohr: »Leidchen, du bist 'n ganzen Lork.«
+
+Von diesem Augenblick an waren die Geschwister wie ausgewechselt.
+Sie meldeten sich zu den Antworten mit einem Eifer, daß der Lehrer
+sich zusammennehmen mußte, um sie auf Kosten der anderen nicht gar
+zu häufig zu fragen. Hei, wie konnten die braunen Augen der Deern
+blitzen! Und wenn bei einer Frage, die tieferes Nachdenken erforderte,
+die anderen Gesichter starr wurden, fing es in den ruhigen Zügen ihres
+Bruders an zu arbeiten, und wenn er dann in seiner sicheren Weise
+aufzeigte, traf er fast stets den Nagel auf den Kopf.
+
+Neben Gerd Rosenbrock saß, als Erster der Schule, Hermann Vogt,
+der einzige Sohn des Müllers auf Nr. 1 unten im Dorf. Es war ein
+großer, wohlgenährter Junge mit breitem, frischem Gesicht, das zu
+dem scharfgeschnittenen, schmalen und farblosen seines hageren
+Banknachbarn einen starken Gegensatz bildete. Er trug eine graugrüne
+Joppe mit Hornknöpfen, und statt der landesüblichen Holzschuhe
+Lederstiefel. Auch besaß er schon eine Taschenuhr.
+
+Als er heimlich nach dieser sah, fuhr der Lehrer auf ihn zu: »Ich hab
+dich jetzt oft genug gewarnt, die Uhr ist mir für drei Tage verfallen,
+her damit!«
+
+Nach einigem Sträuben trennte der Junge sich von seinem Stundenglas,
+und ein Blick auf dieses sagte dem Lehrer zu seinem Schrecken, daß er
+wieder einmal eine Stunde um zehn Minuten zu lang ausgedehnt hatte.
+Er stellte noch schnell ein paar Schlußfragen, um darauf die Kinder
+schnell zur Frühstückspause zu entlassen.
+
+Die schöne, weiche Schneedecke des Schulhofs wurde von hundert
+Holzschuhen zerwühlt, indem die Kinder, in Gruppen umherstehend
+und von einem Fuß auf den andern tretend, hastig die Butterbrote
+hinunterstopften, um möglichst schnell die Hände für den ersten
+Schneeballkampf des Winters frei zu bekommen.
+
+Da näherte Leidchen Rosenbrock sich heimlich ihrem Bruder, einen
+dicken rotbackigen Apfel in der Hand.
+
+»Schenk ~mir~ den Apfel, schöne Adelheid!« rief Hermann Vogt
+lachend, indem er ihr breitbeinig den Weg vertrat.
+
+Die Umstehenden lachten. Das Mädchen stieß, halb ärgerlich, halb
+belustigt, mit dem Ellbogen die ausgestreckte Hand zurück. Gerd
+aber blickte grimmig von unten auf und knurrte im Kauen: »Paß auf,
+Windmüller, gleich auf dem Damm will ich dir die ›schöne Adelheid‹
+einreiben.«
+
+Der also Bedrohte erhob ein Gelächter, während Gerd den letzten Bissen
+wegdrückte, den ihm geschenkten Apfel in die Tasche steckte und sich
+bückte, um zwischen den Knien den ersten Ball zu kneten.
+
+Eine Minute später standen die Kämpfer der beiden Dorfhälften sich auf
+dem Birkendamm gegenüber, und die Geschosse sausten scharf durch das
+ruhige Flockengeschwebe, klatschten gegen die Birkenstämme, verfingen
+sich im hängenden Gezweige, fehlten oder trafen ihr Ziel. Unten
+kommandierte Hermann Vogt in seiner lauten prahlerischen Weise, die
+vom oberen Dorf führte Gerd Rosenbrock, der mit jedem Wurf auf jenen
+zielte. Der aber wußte geschickt auszuweichen und quittierte für jeden
+an ihm vorbeisausenden Ball mit höhnendem Zuruf.
+
+»Laßt uns den großschnauzigen Müller mal waschen,« raunte Gerd,
+des ergebnisarmen Fernkampfes müde, seinen Getreuen zu, die dazu
+sogleich bereit waren. Man sammelte in der Stille Munition, vorwärts
+marsch! ertönte das Kommando, und im Sturmlauf ging's mit wildem
+Kriegsgeschrei auf den Feind. Eine Salve aus nächster Nähe brachte
+diesen zum Weichen, nur der Führer hielt stand. Aber schon hatten
+feste Fäuste ihn gepackt, die verzweifeltste Gegenwehr half nichts,
+er mußte längelangs an den Boden, reichlicher Schnee wurde ihm
+unsanft in Mund, Nase und Ohren gerieben, in Nacken, Ärmellöcher und
+Hosenbeine gestopft, und derbe Püffe gab's ungezählt überher. Es
+war keiner im oberen Dorf, der den Müller leiden mochte. Den ganzen
+Übermut der unteren wohlhabenderen Dorfhälfte, die im Bauernmal ihre
+Väter oft genug überstimmte, sahen sie in ihm verkörpert, und mit
+wahrer Wollust besorgten sie es ihm bei dieser Gelegenheit einmal
+gründlich.
+
+Als Herr Timmermann Freund und Feind wieder friedfertig durcheinander
+vor sich auf den Bänken hatte, wandte er sich, nicht ohne ein wenig
+boshaft zu lächeln, an seinen Schulobersten, der prustend und
+triefend, mit krebsrotem Gesicht und zerzaustem Haar auf seinem Platz
+saß:
+
+»Na, Hermann, sie haben dich wohl ordentlich gehabt? Ich glaube aber,
+es bekommt dir mal ganz gut.«
+
+Gerd, der sich gerade unter dem Pult mit dem Hochgefühl des Siegers
+die Hände an den Hosen trocken rieb, warf einen dankbaren Blick nach
+dem Lehrer und einen triumphierenden auf seinen Widersacher, mit dem
+er nicht erst seit heute auf gespanntem Fuße lebte. Dieser hatte
+unter dem alten Lenz, der es mehr mit den Reichen hielt, gute Tage
+gesehen, aber der Neue benutzte zu Gerds Freude jede Gelegenheit, den
+übermütigen Bengel zu ducken, und hatte sogar schon einmal gesagt:
+»Eigentlich müßtet ihr beiden die Plätze tauschen; aber wir wollen es
+das letzte halbe Jahr lieber beim alten lassen.«
+
+Es war Mittag. Die Kinder bummelten heim, ein schneedurchpflügendes
+Holzschuhpaar nach dem anderen schwenkte nach rechts über die
+Hofbrücken ab. Zuletzt befanden sich nur die Geschwister noch auf
+dem Damm. Leidchen, die mit einer Freundin hinterher getrödelt war,
+holte laufend den Bruder ein, hing sich zärtlich an seinen Arm, und
+so stapften die beiden durch unbetretenen Schnee ihrem Hause zu, das
+unter der tief herabgezogenen weißen Kappe weg heute besonders lustig
+und freundlich aus den blanken Fensteraugen in die Welt guckte. --
+
+Die Familie Rosenbrock hatte sich in den vier Jahren mehr als ergänzt,
+indem Jan bald nach dem Tode der Stiefmutter Trina Grotheer aus
+Meinsdorf als Frau ins Haus geholt und sich bereits zwei Kinder von
+ihr hatte schenken lassen. So sammelten sich denn jetzt ihrer sechs um
+den Mittagstisch. Jan, der Stammhalter, langte mit seinem Zinnlöffel
+schon wacker in die steife Bohnensuppe, während sein Schwesterchen
+Minna noch in der Wiege lag und an der Milchflasche sog.
+
+Beta Rotermund war mit Jans Wahl zufrieden. Gerd und ihr Patenkind
+Leidchen wurden zwar bei der Arbeit tüchtig mit herangenommen, aber
+so war's im Moor überall, und das ging auch nicht anders. Wer im Torf
+jung geworden ist, muß sich so ungefähr vom achten Jahre an des Lebens
+Nahrung und Notdurft selber verdienen. Jedenfalls wurden die Kinder
+nicht unfreundlich behandelt, bekamen satt zu essen und behielten Zeit
+für die Schularbeiten. Mehr konnte man billigerweise nicht verlangen.
+
+Es war schulfreier Mittwoch-Nachmittag, und nach dem Essen erhielten
+die beiden den Auftrag, mit dem Schiff einen Haufen Heidestreu vom
+Hochmoor ans Haus zu schaffen, ehe er gar zu tief einschneite.
+
+Das flache, braungeteerte Fahrzeug, das hauptsächlich zur Verschiffung
+des wichtigsten Landesproduktes, des Backtorfs, nach der Freien
+Reichs- und Hansestadt Bremen diente, lag dreißig Schritt vom Hause
+in einem kleinen Hafen, den ein auf Eichenpfählen ruhendes Strohdach,
+das Schiffsschauer, gegen Regen und Sonnenbrand schützte. Es hatte
+vorn eine Art Verdeck, Koje genannt, die dem Schiffer zum Übernachten
+dienen kann, und weiterhin eine feste, zur Aufnahme des Segelbaums
+durchbohrte Bank. Meist lag jener jedoch, mit dem torffarbigen
+Segeltuch umwickelt, samt dem Steuer unten im Schiff, und dieses wurde
+mit dem langen, schwertförmigen, eisenbewehrten Schieberuder gestakt
+oder vom Leinpfad aus geschoben.
+
+Gerd lud Segel und Steuer, die von Jans letzter Bremerfahrt her noch
+im Schiff lagen, aus und stieg mit der Schwester hinein. Während sie
+unter einem ausgedienten Regenschirm, dem der Griff fehlte und zwei
+Rippen durch den altersgrünen Bezug starrten, auf der Segelbank Platz
+nahm, handhabte er mit Kraft und Sicherheit das Schieberuder, und das
+Schiff glitt mit ziemlicher Schnelligkeit im Graben hinauf, der die
+Grenze zwischen den Stellen 40 und 39 bildete und sich schnurgerade
+zum Hochmoor hinzog.
+
+Den schwarzen Wasserlauf zwischen den weißen Ufern, der die jetzt vor
+dem Winde lustig tanzenden Schneeflocken unbarmherzig verschluckte,
+begleiteten anfangs die beschneiten Felder der benachbarten
+Stellen, um nach einer Weile tiefer liegenden, von schmalen Gräben
+durchschnittenen Wiesen Platz zu machen. Diesen folgten, wieder zu
+beiden Seiten, wüste abgetorfte Flächen, aus denen schwarze Lachen
+gähnten und regelrecht gesetzte Torfhaufen, an der Schlagseite mit
+Strohschirmen geschützt, ebenfalls schwarz gegen die weiße Umgebung
+sich erhoben. Dahinter stand in anderthalb Mannshöhe die senkrecht
+abgestochene Wand des Hochmoors, auf dem der Schnee in niedrigem
+Birkenanflug, üppigem Heidekraut und sperrigem Gagelgesträuch hing.
+Eine Gruppe älterer Föhren schloß endlich die hintere Schmalseite
+des Rechtecks, das Jan Rosenbrocks Stelle bildete, gegen die nächste
+Kolonie hin ab. Sonst prangten sie in sattem Dunkelgrün, aber heut'
+erschienen sie tiefschwarz, wie denn der Schnee alles, was er nicht
+weiß machen konnte, schwarz gefärbt hatte. Die winterliche Öde war
+wie ausgestorben. Nur eine Elster schunkelte, hungrig schackernd, von
+einer Föhre zu einer Birke. Auch sie, wie alles, weiß und schwarz.
+
+Die Streuheide, die Jan Rosenbrock im Spätsommer mit der Lee gehauen
+hatte, lagerte am Saum des Föhrengehölzes. Auf Forken trugen die
+Kinder sie, oftmals hin und her gehend, an den zwanzig Schritt
+entfernten Graben, um ihre Last die steile Moorwand hinab ins Schiff
+zu werfen.
+
+Als dieses beladen war, kletterten sie hinunter und hockten zu kurzem
+Ausruhen unter Leidchens Regenschirm aneinandergeschmiegt auf der
+Segelbank.
+
+Gerd war durstig geworden und nahm sich vom Bordrand eine Prise Schnee.
+
+»Hast du den Apfel, den ich dir geschenkt habe, schon aufgegessen?«
+fragte Leidchen, indem sie in seine Tasche langte. »Nein, hier ist er
+noch!« rief sie erfreut und brachte ihn zum Vorschein.
+
+Gerd holte sein Dreigroschenmesser aus der Hosentasche, teilte die
+Frucht und reichte der Schwester die größere Hälfte. Sie aßen auch das
+Kerngehäuse mit, denn Äpfel gab's in diesem Jahr nicht viele, und es
+war der letzte Prinzenapfel.
+
+Als er verschwunden war, griff Leidchen in ihre Rocktasche, machte ein
+verheißungsvolles Gesicht und sagte: »Ich hab' auch noch was Feines.«
+
+Ein Weilchen ließ sie seine Neugierde zappeln, dann zog sie eine Tafel
+Schokolade heraus.
+
+-- »Feine Gewürzschokolade, mit Zusatz von feinstem Weizenmehl,« las
+sie lüstern, ihren Schatz sich unter das Näschen haltend. Dann durfte
+auch der Bruder dran riechen.
+
+»Wo hast du das her?« fragte dieser mit strenger Miene.
+
+»Wird nicht verraten,« antwortete sie, geheimnisvoll lächelnd.
+
+»Von Tante Beta?«
+
+»Nicht so neugierig, mein Junge! Da, nimm!«
+
+»Erst will ich wissen, wo das herkommt.«
+
+»Denn nicht,« sagte sie und führte das Stück, das sie ihm angeboten
+hatte, zum eigenen Munde. Aber er griff schnell zu und packte ihre
+Hand.
+
+»Laß mich los!« rief sie und suchte sich frei zu machen.
+
+Aber seine Hand hielt die ihre wie ein Schraubstock umklammert.
+
+»Wenn du nicht auf der Stelle losläßt, beiß' ich,« schrie sie und
+zeigte ihre Zähne.
+
+Er lachte kurz und spöttisch auf. Aber im nächsten Augenblick sprang
+er mit einem Schrei in die Höhe, das Schirmdach mit sich emporreißend.
+Sie hatte die kleinen Beißer recht herzhaft in seinen Daumenballen
+geschlagen.
+
+»Du bist ja 'n ganzer Satan!« knirschte er und hob die Hand zur
+vergeltenden Backpfeife. Da sie sich aber schnell unter den Schirm
+duckte, stapfte er mit großen Schritten über die Ladung weg auf
+die andere Seite des Bootes und setzte es mit dem Schieberuder in
+Bewegung. Er hatte sein bitterbösestes Gesicht aufgesteckt und sah mit
+Ausdauer an der Schwester vorbei.
+
+Diese saß schmausend auf der Segelbank, lugte unter ihrem graugrünen
+Dach hervor und liebäugelte nach dem Bruder hinüber. Sie hätte jetzt
+gern wieder Frieden gemacht.
+
+Das Schiff glitt seine Bahn dahin. Das Planschen des Moorwassers gegen
+den Bug und die engen Ufer war mit dem Reiben des Stangenruders an der
+Bordwand das einzige Geräusch in der Stille der winterlichen Welt.
+
+Als Leidchen einsah, daß sie mit Äugeln die Aufmerksamkeit seines
+in die Schneelandschaft starrenden Leichenbittergesichts nicht auf
+sich lenkte, kletterte sie ebenfalls über die Streuheide und suchte,
+indem ihre Augen ein verführerisches Lächeln spielen ließen, ihm ein
+Stück Schokolade zwischen die Lippen zu schieben. Aber er hielt diese
+fest geschlossen. Da kitzelte sie ihm mit den Fingern der linken Hand
+unter dem Kinn. Und plötzlich schnappte er zu. Doch sie hatte, dies
+erwartend, die Hand blitzschnell zurückgezuckt und nur die Schokolade
+blieb zwischen seinen Zähnen.
+
+Lustig sprang sie über die Heide zu ihrer Bank zurück, streifte die
+Schneeflocken aus dem Haar und lugte triumphierend unter dem wieder
+aufgenommenen Schirm hervor.
+
+»Na, wie schmeckt's?«
+
+»Oh ... nicht schlecht ... Deern, du bist 'ne kleine Hexe!«
+
+Dabei lächelte er und sah nicht mehr an ihren schalkhaften Augen
+vorbei.
+
+»Gut, daß du wieder artig bist. Nun sollst du auch wissen, wo die
+Schokolade herkommt. Müllers Hermann hat mir die Tafel geschenkt.«
+
+»Müllers Hermann?« wiederholte Gerd gedehnt.
+
+»Ja, ja, dein Freund Hermann.«
+
+»Mein ~Freund~?«
+
+»Ja, meinetwegen auch dein Feind.«
+
+»Leidchen, das wundert mich, daß der dir Schokolade schenkt. Und noch
+mehr, daß du sie annimmst.«
+
+»Hahaha, kneifst du die Hände zu, wenn dir einer was schenken will?«
+
+»Ja, das wär' möglich. Von jedeinem ließ' ich mir nichts schenken ...
+Aber sag', wie kommt der dazu?«
+
+»Gestern abend mußte ich doch Sirup holen, weißt du, für unsern
+Buchweizenpfannkuchen. In Bollmanns Laden traf ich Hermann, und er
+hatte sich gerade drei Tafeln Schokolade gekauft. Draußen gab er mir
+dann eine ab und sagte, ich sollte es nicht weiter sagen. Und ich
+sag's sonst auch zu keinem.«
+
+»Leidchen, ich wollte, du hättest das Geschenk nicht angenommen. Ich
+hätte dir dafür gern zwei Tafeln gekauft.«
+
+»Haha, das kannst du jetzt leicht sagen. Du hast mir überhaupt noch
+keine Schokolade geschenkt.«
+
+»Schokolade wohl noch nicht, aber hab' ich dir nicht neulich erst
+von der Konfirmandenstunde 'ne dicke Apfelsine mitgebracht? ... Drei
+Groschen auf einmal für solche Schnökerei ... Wo er das viele Geld
+wohl her hat?«
+
+»Der? Och Junge, das wissen doch alle Leute, daß seine Eltern gräsig
+reich sind. Meta Kück hat mir erzählt, als sie Hochzeit gemacht
+hätten, hätte der große Tewesbauer von Drömstedt ihnen die harten
+Taler man so scheffelweise zugemessen. Und Anna Meyerdierks sagt, es
+gäbe nicht viele im Dorf, die dem Müller kein Geld schuldig wären, und
+wenn der Gerichtsvollzieher käme, hätte er ihn beinah immer kommen
+lassen.«
+
+»Die Leute schnacken allerhand dummes Zeug,« sagte Gerd trocken,
+indem er mit der rechten Hand an den Fingern der linken zog und ein
+bedenkliches Gesicht dazu machte.
+
+Ihre braunen Augen blitzten.
+
+»Willst du damit sagen, er hätte sich das Geld genommen?«
+
+Als er die Achseln zuckte, rief sie empört: »Du, das finde ich gar
+nicht schön von dir, daß du anderen Leuten so was Schlechtes zutraust!«
+
+»Müllers Hermann traue ich nicht von da bis da,« sagte er, indem er
+mit der Hand von einem Ufer des schmalen Grabens zum andern zeigte.
+
+»Ich glaube, du bist bloß neidisch, weil er über dir sitzt,« meinte
+sie lauernd.
+
+Er schüttelte langsam den Kopf: »Das ist mir einerlei. Es ist ja auch
+nur, weil er dem Müller sein Sohn ist. Was der alte Lenz für einer
+war, das wissen wir doch wohl ... Leidchen, glaub' mir, ich habe
+die ganzen Schuljahre bei ihm gesessen und kenn' ihn: der Junge ist
+nicht echt. Ja, den Leuten die Augen zu verblenden, das versteht er.
+In der Konfirmandenstunde sitzt er so andächtig da und macht so'n
+scheinheiliges Gesicht, daß der Pastor ihn gewiß für den frömmsten von
+uns allen hält. Na, der sollte bloß wissen, was er unterwegs manchmal
+für Reden führt! ... Wir andern müssen alle tüchtig mit an die Arbeit.
+Aber der? Die ganzen Nachmittage läuft er mit der Vogelflinte herum
+und schießt nach den kleinen Lerchen, wenn sie zum Himmel aufsteigen
+wollen, und auch sonst nach allem Lebendigen, was ihm in die Quere
+kommt. Sein Vater kümmert sich um nichts, und die Mutter ist in ihr
+einziges Kind rein vernarrt. Darum ist er auch so bodenlos frech ...
+Ich freue mich, daß er's heut' morgen mal ordentlich gekriegt hat.«
+
+»Ihr habt es reichlich schlimm gemacht. So viele auf einen, das ist
+auch nicht gerade nett.«
+
+»Warum haben die anderen ihm nicht geholfen! Er soll dich nur noch
+einmal ›schöne Adelheid‹ schimpfen, dann lernt er mich erst kennen. So
+was einem Mädchen anzuhängen! ...«
+
+Sie lachte hell auf.
+
+»Wenn einer mir nichts Schlimmeres anhängt, als das, bin ich zufrieden
+... Kuck mal!«
+
+Aus dem Stanniol der Schokolade hatte sie sich einen breiten
+Fingerreif gefaltet und gebogen und hielt nun die Hand mit dem
+silberglänzenden Schmuck in die Höhe.
+
+»Was ist an solchem Narrenkram zu kucken ...« sagte er verdrossen,
+den Gegenstand ihres Entzückens kaum eines halben Blickes würdigend,
+während sie, das Köpfchen schief haltend, noch eine Weile mit ihm
+liebäugelte.
+
+Es wehte plötzlich ein kälterer Lufthauch über das Land, der die
+spärlichen Schneeflocken, die noch fielen, vor sich hertrieb. Das
+Mädchen schauerte leicht zusammen, stand entschlossen auf und sprang
+von der Koje auf das Ufer hinüber. »Wo willst du hin?« fragte Gerd
+verwundert. »Es wird kalt, ich lauf',« sagte sie kurz und lenkte durch
+einen kleinen Obstkamp dem Hause zu.
+
+Gerd sah mit nachdenklichen Augen hinter ihr her. Sie schritt wie
+eine, die ihren eigenen Weg gehen will und nicht sonderlich geneigt
+ist, sich gängeln und leiten zu lassen.
+
+
+
+
+ 3.
+
+
+Zum viertenmal schickte Herr Timmermann einen Jahrgang Brunsoder
+Jugend zur Einsegnung nach Grünmoor, und zwar einen guten, den er
+ungern aus den Händen ließ. Freilich, mit dem starken Geschlecht
+war kein Staat zu machen. Dessen einziger Vertreter, Jan Kassen
+vom Achterdamm, hatte in seinem welken Gesicht ein Paar starre,
+blöde Augen und war auch als Konfirmand nicht über die dritte Bank
+hinausgeklettert. Aber die Mädchen! Glatt und schier waren sie alle
+fünf, die am Gründonnerstagmorgen unbedeckten Hauptes, funkelneue
+Gesangbücher und gefaltete weiße Taschentücher in den Händen, die
+ungewohnten langen Festkleider hoch aufgerafft, an der schimmernden
+Birkenreihe des Kirchdamms entlang auf Grünmoor zuschritten. Und eine
+von ihnen war so rank und schlank gewachsen, schaute aus schmalem,
+rosig durchscheinenden Gesichtchen so frank und frei, hell und warm
+in die Welt, daß ein alter Heide- und Moorläufer mit jungen Augen und
+Beinen, den der Tag zur ersten Vorfrühlingswanderung verlockt hatte,
+abends in Bremen seiner Frau erzählte: »Du, heut' morgen bin ich unter
+den Moorbirken dem leibhaftigen Frühling begegnet.«
+
+Die Kinder hätten sich für ihre Einsegnung keinen schöneren Tag
+aussuchen können. Ein herbfrischer Märzwind strich ihnen über die
+jungen Gesichter, spielte mit den losen Härchen, die den ordnenden
+Kämmen und Bändern entschlüpft waren, entführte die heut' nicht
+gesparten Haaröldüfte und jagte grüne Wellen über die junge Saat der
+Ackerbreiten. Die Luft war voll Sonnenglanz und von Lerchenjubel wie
+gesättigt. Über dem Dunkellila des Birkengezweiges lagen schon die
+zarten Schleier von grüner Seide, im ernsten Braun des Hochmoors
+loderten lichtbraune Inseln blühenden Gagels, die bewaldeten
+Höhenrücken der Geest standen in der Ferne tiefblau und scharfumrissen
+gegen die sanfte Bläue des wolkenlosen Himmels. Die Welt schien so
+groß und weit, und den Kindern war ein wenig eng und ängstlich ums
+Herz, aber auch wieder feiertäglich ernst und freiheitsfroh, standen
+sie nun doch vor der Tür, die sie aus der Schulstube in das Leben
+hinausführen wollte. Mochte dieses auch keinem von ihnen Großes und
+Außerordentliches zu versprechen haben, an solchem Tage macht es nun
+einmal jedem ein verheißungs- und geheimnisvolles Gesicht.
+
+Eine halbe Stunde, nachdem Leidchen Rosenbrock das Haus verlassen
+hatte, machte sich auch ihr Bruder auf den Weg. Er trug die Weste
+hoch am Halse geschlossen und auf dem Kopf eine Tuchmütze mit blankem
+Schirm. Seine dunkelgrauen Augen blickten stetig und verweilend, harte
+Arbeit hatte die Züge seines langen, schmalen Gesichts, zumal um den
+strengen Mund herum, scharf herausgemeißelt. Mit weit ausgreifenden
+wiegenden Schritten folgte er anfangs einem wenig begangenen federnden
+Moorpfad. An Gesellschaft und Unterhaltung lag ihm heute nichts. Er
+war keiner von denen, die der Einsamkeit aus dem Wege gehen, und
+wollte die Schwester zum Abendmahlstisch geleiten.
+
+Wer hätte das sonst tun sollen? Der Vormund wohnte in einem anderen
+Dorfe und kümmerte sich um nichts. Bruder Jan ging nicht ohne seine
+Frau, und die lag mit ihrem vierten Kinde im Bett. Beta Rotermund,
+die gute Nachbarin und Leidchens Patentante, hatte mit ihrer
+Frühjahrserkältung zu tun. »Sie hat keinen als dich,« hatte einst die
+Mutter gesagt, als sie sterben wollte, und so war's wirklich gekommen.
+
+Es machte sich ganz von selbst, daß er eine kleine Rechnung darüber
+aufstellte, was er schon alles für seine Schwester getan hatte.
+
+Einen angenehmeren und besser bezahlten Dienst, der ihm angeboten war,
+hatte er ausgeschlagen, um als Knecht des Bruders ihr nahe zu bleiben,
+ein Auge auf sie zu haben und sie anzuleiten. Wie manche Arbeit hatte
+er ihr abgenommen, damit sie ungestört die Schularbeiten machen konnte!
+
+Ob sie am Palmsonntag bei der Konfirmandenprüfung so gut bestanden
+und besonders gelobt worden wäre, wenn er an den Abenden des letzten
+Winters ihr nicht immer die Lektionen abgehört hätte?
+
+Warum hatte er sich mehr und mehr von der Wildbahn zurückgezogen, so
+daß er den Erwachsenen mit seinen achtzehn Jahren als der solideste
+und vernünftigste Bursch des Dorfes, dem Jungvolk dagegen als
+Duckmäuser und Drögepeter galt? Der Schwester wegen! Um sie, die
+sehr lebenslustig war und mit ihrer Ausgelassenheit ihn manchmal
+fast bange machte, vermahnen zu dürfen und in Schranken halten zu
+können, hatte er sich selbst je länger desto mehr in acht genommen und
+zurückgehalten.
+
+Dafür hatte er nun aber auch so viel im Sparkassenbuch, wie wohl
+keiner seiner Altersgenossen. Im Grunde war das Solide doch wohl das
+Beste, wenn einer sich nur erst daran gewöhnt hatte.
+
+Gerd nickte ein paarmal wohlgefällig, er war recht mit sich zufrieden.
+Und der liebe Gott, bei dem er heute zu Gast gehen wollte, war es
+gewiß auch.
+
+Der einsame Moorpfad mündete endlich auf den belebteren Damm, der die
+Kirchgänger der nördlichen Kolonien des Kirchspiels sammelte.
+
+Eine Strecke war Gerd auf diesem dahingeschritten, als plötzlich eine
+Klingel hinter ihm schrillte. Er trat in die Birkenreihe, um den
+Radfahrer, der sich auf solche Weise bemerklich machte, vorbei zu
+lassen. Aber dieser sprang neben ihm ab und sagte munter: »'n Morgen,
+Gerd.«
+
+»Ach so, du bist das, Hermann ...«
+
+Gerd hatte den alten Schulkameraden, der seit Jahren auf einer
+Windmühle vor den Toren Bremens arbeitete und selten nach Hause
+kam, lange nicht mehr gesehen. Er wunderte sich, wie der Mensch
+sich herausgemacht hatte. Ein Paar übermütige Augen lachten ihm aus
+dem frischen, gebräunten Gesicht, das sogar schon der Anflug eines
+Schnurrbärtchens schmückte, und dem der kecke grüne Hut mit dem Spiel
+eines Birkhahns vortrefflich stand.
+
+Der junge Müller schritt, das Rad schiebend, an Gerds Seite.
+
+»Wie die Zeit hinläuft! Wir beiden sind nun schon vier Jahr aus
+der Schule und müssen nächstens zur Musterung. Und euer lüttjes
+Kinkindiewelt wird auch schon konfirmiert.«
+
+»Ja,« sagte Gerd kurz und trocken.
+
+»Die Leute sagen, sie wär' eine bannig schmucke Deern geworden. Kann's
+mir wohl denken, daß aus dem gralläugigen Leidchen mit den Jahren 'ne
+›schöne Adelheid‹ geworden ist. Weißt du noch?«
+
+»Hast du dein leeges Maul noch immer nicht abgelegt?«
+
+»Mensch, was machst du für ein Gesicht? ... Ach so, du willst heute
+fromm sein. Na, denn will ich nicht länger stören. Grüß Leidchen von
+mir, und ich gratulierte ihr vielmals. Adjüs.«
+
+Er sprang lachend auf sein Rad, riß den Hut ein wenig in den Nacken
+und fuhr in gemächlichem Bummeltempo, die linke Hand in die Seite
+gestemmt, davon.
+
+Über das winzige Kirchdörfchen -- nur aus Pfarre, Schule, einigen
+Gastwirtschaften und Kaufläden, sowie einem knappen Dutzend
+kleiner Anbauerstellen bestehend, ist es eins der kleinsten des
+Landes, während das Kirchspiel eins der größten ist -- schaute die
+frischvergoldete Turmuhr her und zeigte an, daß bis zum Beginn des
+Gottesdienstes noch eine gute halbe Stunde blieb, weshalb Gerd seinen
+Schritt verlangsamte. Aber plötzlich schlug er ein sehr schlankes
+Tempo an, das ihn nach wenigen Minuten ins Dorf brachte.
+
+An den Gruppen von Konfirmanden, die auf der Straße vorm Pfarrhause
+sich bereits gesammelt hatten, hinschreitend, suchte er seine
+Schwester heraus und winkte sie zu sich. Sie kam nur zögernd und, wie
+es schien, widerwillig. Als er ihr aber einige Worte zuflüsterte,
+nickte sie zustimmend, trat an seine Seite, und sie gingen schweigend
+die Dorfstraße hinunter. Durch ein eisernes Tor bogen sie nach
+rechts auf die Lindenallee des Friedhofs ab, umschritten die
+Kirche und folgten einem Nebenweg, der sie zu einem hochragenden
+Wacholder führte. Vor dem halb eingesunkenen, von dichter Grasnarbe
+überzogenen Hügel zu seinen Füßen blieben sie stehen. Gerd zog
+seine Schirmmütze und hielt sie vor die Brust. Leidchen hatte die
+in schwarzen Wollhandschuhen steckenden Hände über dem Gesangbuch
+gefaltet. So standen sie wohl eine Minute. Dann setzte er räuspernd
+die Mütze wieder auf, sie fuhr sich mit einem Zipfel des weißen
+Einsegnungstaschentuches über beide Augen, und schweigend gingen sie
+den Weg zurück, den sie gekommen waren.
+
+Die Holzschuhe der Läuter polterten auf den Treppen des Turmes, und
+kaum war der zehnte Schlag der Uhr verhallt, da setzte die kleine
+Glocke, etwas vorlaut, auch schon ein, und bald ließ auch die große
+ihre tiefen, vollen Klänge vernehmen.
+
+Aber die Menge, die den breiten Lindenweg vom Friedhofstor bis zur
+Kirche besetzt hielt, hörte weniger auf das Geläute, das aus der Höhe
+kam, als auf das Singen, dessen Klang der Frühjahrswind vom Pfarrhause
+herüberwehte, und das sich langsam näherte.
+
+Nicht weit von Gerd Rosenbrock stand die eheverlassene Trina Kassen
+vom Achterdamm, die mit Heidquesten durch die Dörfer ging. Als ihr Jan
+mit dem unförmlichen Kopf und dem welken Gesicht, die Augen starr im
+Gesangbuch, in der letzten Knabenreihe vorüberstolperte, schossen ihr
+die Tränen in die Augen, die sie dann mit dem verrunzelten Handrücken
+in ihren grüngrau verschossenen Rock wischte.
+
+Gerd hatte die Frau stets ehrlich verachtet. Denn ihren kleinen
+Hausierhandel benutzte sie als Deckmantel für eine recht unverschämte
+Bettelei, durch die sie dem Dorf in der Umgegend Schande machte. Aber
+wie er jetzt die Freudentränen aus ihren blöden Augen stürzen sah, da
+wallte es warm in ihm auf. Und als er bald darauf seine Schwester so
+ernst und lieblich in dem feierlichen Zuge vorüberwallen sah, als er
+ihre klare, schöne Stimme aus dem Gesang heraushörte, da lief es ihm
+schnell hintereinander kalt und heiß über den Rücken, und er mußte
+ein paarmal mit den Augenlidern zwinkern, um etwas zwischen ihnen zu
+verdrücken.
+
+ * * * * *
+
+Wenn die Brunsoder zweimal den weiten Kirchweg gemacht haben, gehört
+es für sie mit zur rechten Sonntagsruhe, daß sie sich nach dem
+Mittagessen ein Stündchen lang legen.
+
+»Du willst dich jetzt wohl ein bißchen ausruhen?« fragte Gerd seine
+Schwester, als sie vom Tisch aufstanden.
+
+Sie schüttelte den Kopf: »Ach was, ich bin nicht ein Spierchen müde.«
+
+»Dann schlage ich vor, wir machen ein paar Schritte zusammen über
+Feld. Wir beide haben heut' noch keine fünf Minuten miteinander
+gesprochen.«
+
+Leidchen war gern dazu bereit.
+
+Festlich umstrahlte Gerd das saubere Weiß der Hemdsärmel, während
+von unten das Rot funkelneuer Ellernholzschuhe heraufleuchtete. Die
+zur Feier des Tages mit besserem Tabak gefüllte Sonntagspfeife, auf
+deren Kopf eine lachende Sennerin himmelblaue Augen, kirschrote Wangen
+und schneeweiße Zähne zeigte, ließ er nicht, wie sonst wohl, faul im
+Munde hängen, sondern so oft er ein paar Züge getan hatte, nahm er sie
+heraus, um sie am Daumen in das Armloch seiner Weste zu hängen.
+
+Leidchen hatte sich im Sonnenwinkel hinter der Scheune ein
+Veilchensträußchen gepflückt und erfreute sich bald an dem süßen Duft,
+bald an der lieblichen Farbe. Das lange Einsegnungskleid, in dem das
+Gehen ihr noch unbequem war, trug sie hoch aufgerafft, so daß die
+blanken Schnürstiefelchen und ein gut Teil des rotgesäumten weißen
+Flanellunterrocks frei wurden.
+
+So schlenderten sie feiertäglich gemächlich den Weg dahin, der die
+Rosenbrocksche Stelle der Länge nach durchschneidet.
+
+»Die Saat steht über Jahr gut. Eine Krähe kann sich schon drin
+verstecken,« sagte Gerd mit einem Kennerblick über die Roggenbreiten
+und mit dem Behagen des Landmanns, der seiner Mühe schönen Lohn winken
+sieht. Leidchen nickte und ließ den warmen Glanz ihrer braunen Augen
+still und träumerisch auf dem leuchtenden jungen Grün ruhen. Viel
+zu reden spürte sie keine Lust. Die Eindrücke des Vormittags wirkten
+leise nach, und eine leichte Abspannung und Mittagsmüdigkeit machte
+sich doch auch geltend.
+
+Vom Ackerland senkte der Weg sich zu den abgetorften Gründen, die zu
+einem Teile in Wiesen verwandelt waren, zum größeren aber schwarz und
+öde in gelbem vorjährigem Riedgras und spärlichem Birkenanflug lagen.
+
+Gerd war stehen geblieben, tat ein paar nachdenkliche Züge aus seiner
+Pfeife, beschrieb mit ihr in der Luft ein Quadrat und sagte:
+
+»Ein schönes Loch, was unsere Vorweser da schon ins Moor hineingewühlt
+haben ... Als der erste Rosenbrock -- er hieß auch Gerd, hat
+Großvater, den du nicht mehr gekannt hast, mir erzählt -- von der
+Geest hierher kam und da, wo jetzt unser Haus steht, seine Erdhütte
+hinsetzte, fing er mit einer Ziege und einem halben Dutzend Hühnern
+an. Wir sind gut vorwärts gekommen. Manche hundert Taler haben wir
+hier aus dem Moor herausgequält.«
+
+»Wie manchen Tropfen Schweiß das wohl gekostet hat ...« sagte Leidchen
+nachdenklich.
+
+»Tropfen? Ich sage dir, Deern, viele hundert Eimer voll.«
+
+»Na, na!«
+
+»In hundertundzwanzig Jahren? Ganz gewiß!«
+
+Schweigend standen sie und schauten auf die Arbeitsstätte ihres
+Geschlechts.
+
+»Weißt du noch,« fragte nach einer Weile das Mädchen leise, »wo Vater
+und Mutter ihren Torf gemacht haben?«
+
+Er maß die schwarze Fläche mit den Augen ab. Dann zeigte er mit dem
+Mundstück seiner Pfeife schräglinks hinüber:
+
+»Das muß daherum gewesen sein, wo der alte Kienstubben liegt. Ich
+mußte bei dir bleiben und dir was vormachen. Du warst ein schrecklich
+unruhiges Kröt. Einmal bist du mir direktemang in einen Graben
+gelaufen, und ich hatte Not, daß ich dich wieder herausfischte. Puh,
+wie du da aussahst! ... Wenn du dich gar nicht mehr zugeben wolltest,
+kam Mutter, setzte sich auf die Schiebkarre oder auf einen Torfhaufen
+und gab dir die Brust. Du nahmst sie noch, als du bald drei Jahr alt
+warst. Deern, Deern, was konntest du lutschen! Man wurde beinah selbst
+durstig vom Zusehen. Darum bist du auch so groß und stark geworden.
+Ich muß mich ganz gerade machen, sonst kuckst du schon über mich weg.«
+
+Er richtete seine Gestalt, die gewöhnlich ein klein wenig dem Torf zu
+geneigt war, stramm auf und betrachtete die Schwester an seiner Seite
+mit Wohlgefallen und nicht ohne Stolz. Indem es wie ein Schatten über
+sein herausgearbeitetes Gesicht flog, fuhr er leise fort: »Wenn Mutter
+diesen Tag noch mit erlebt hätte ... wenn sie uns hier so sehen könnte
+...«
+
+Leidchen schaute still und ernst in die sonnigen Weiten des
+Frühlingsnachmittags.
+
+»Wie hat Mutter eigentlich ausgesehen?« fragte sie nach einer Weile.
+»Ich kann mich gar nicht recht mehr besinnen.«
+
+»Das glaub' ich dir gern,« versetzte er. »Als sie von uns ging, warst
+du noch zu klein und dumm ... Die braunen Augen hast du von ihr ...
+die runden Kuhlen in den Backen auch ... Aber sie war besinnlicher als
+du und nicht so flüchtig. So in der ganzen Natur hab' ich wohl mehr
+von ihr abgekriegt ...«
+
+Sie hatten den abgetorften Grund inzwischen durchschritten und kamen
+an die senkrecht abgestochene, oben hellbraune und nach unten zu
+allmählich in Schwarz übergehende Wand des Hochmoors. Ein aus dieser
+vorspringendes Rechteck war bereits von der Heidedecke befreit und für
+den Abbau vorbereitet.
+
+»Hier wollen ~wir~ nach dem Fest wohl Torf machen?« fragte
+Leidchen.
+
+»Stimmt,« sagte Gerd, an seiner fast erloschenen Pfeife jetzt wieder
+kräftig saugend, »und du mußt tüchtig mit 'ran. Trina hat sich das
+mal wieder höllschen schlau eingerichtet, daß sie grad jetzt im Bett
+sitzen geht, wo's an den Torf soll. Du sollst sehn, du mußt für zwei
+pedden.«
+
+Sie zertrat lächelnd einen im Wege liegenden aufgeweichten Torfsoden.
+
+»Wenn das Torfpedden mit so lüttjen Füßen man ordentlich schafft ...«
+meinte er bedenklich.
+
+Sie streckte den linken Fuß vor, und indem sie ihn zierlich kokett um
+den Enkel drehte, fragte sie: »Nicht wahr? Ich hab' niedliche Füße.«
+
+»Wie 'n Kind von zehn Jahren,« meinte er trocken, ohne die geringste
+Bewunderung.
+
+»Kleine Füße sind aber was Feines.«
+
+Er zuckte mit den Achseln: »In Bremen auf der Sögestraße wohl. Aber
+hier ins Moor gehören feste, breite Hüften und ein Paar reelle Füße.
+Diesen weichen Weg zum Hochmoor hinauf kannst du mit solchen Dingern,
+die in solchen Stiefeln stecken, zum Beispiel überhaupt nicht gehn. Du
+bleibst einfach im Matsch stecken.«
+
+»Dann mußt du mich hinauftragen, in deinen breiten Hollschen. Nach
+unseren Fuhren möcht' ich zu gern mal wieder. Ich bin den ganzen
+Winter nicht hingekommen. Bitte, pack' zu!«
+
+»Die Zeiten haben wir gehabt,« meinte er lächelnd.
+
+Aber sie drängte sich ihm lachend in die Arme, und endlich tat er
+ihr zögernd den Willen. Tief sanken die schönen roten Holzschuhe in
+den braunen Brei des steil hinaufführenden Weges und rissen sich nur
+schwer unter hohlem Glucksen wieder los.
+
+Als er seine Last oben auf festen Grund stellte, atmete er tief auf:
+»Deern, ich hätte nicht gedacht, daß du so klotzig schwer wärst.«
+
+»Hundertundsieben Pfund Lebendgewicht,« lachte sie, wobei die Grübchen
+ihrer Wangen sich vertieften und zwischen den frischroten Lippen die
+weiße Perlreihe ihrer Zähne blitzte. »Du meintest wohl, ich wär' noch
+immer ein Kind?«
+
+»Aus Kindern werden Leute,« sagte er gelassen und sah sie an. Die
+knospenden jungfräulichen Formen, die er gefühlt hatte, als sie eben
+in seinen Armen lag, verrieten sich auch schon dem Auge.
+
+Erfreut beugte Leidchen sich zur Erde und pflückte zu dem
+Veilchenstrauß in ihrer Hand einige Stengel der eben aufblühenden
+Rosmarienheide, deren zartes Rosa den Rand des Hochmoors schmückte.
+Ihrem Bruder steckte sie ein Sträußchen in ein Knopfloch der Weste.
+
+Der Weg führte jetzt durch wucherndes Heidekraut, blühenden Gagel,
+mit silbernen Kätzchen übersäte Zwergweiden und grünumsponnenen
+Birkenanflug auf eine waldartige Gruppe von Kiefern zu. Die Bäume
+waren für ihre Art niedrig geblieben, weil der zähe Moostorf keine
+Pfahlwurzeln aufnahm, hatten aber in langsamem Wachstum starke Stämme,
+schön geformtes rotes Astwerk und breite, reichbenadelte, dunkelgrüne
+Kronen gebildet. Ein erfrischender Harzduft erfüllte in ihrem Bereich
+die warm durchsonnte Luft, in der schon allerhand kleines Getier fast
+sommerlich durcheinander schwirrte.
+
+Die Geschwister schlenderten, vom Wege abbiegend, in das Gehölz hinein
+und kamen bald zu einem Baum, der vor Jahren vom Sturm geworfen war,
+aber bei einem getreuen Nachbarn Halt und Stütze gefunden hatte.
+Da der Moostorf ein gut Teil seiner Wurzeln festhielt, war er grün
+geblieben, weshalb Axt und Säge ihn einstweilen verschont hatten.
+Manches liebe Mal war Leidchen den breiten schrägen Stamm, die Zweige
+als Leitstangen benutzend, hinangestiegen und hatte von einer Art
+grüner Kanzel aus, die beide Bäume in einiger Höhe bildeten, in die
+weite, offene Landschaft hinausgeschaut.
+
+Sie setzte den Fuß auf den Stamm, wiegte den Oberkörper nach vorn und
+sah den Bruder schelmisch an: »Soll ich?«
+
+»Du bist kein Kind mehr,« sagte er trocken.
+
+»Aber auch lange noch keine alte Großmutter,« lachte sie klingend.
+»Es ist so klare Luft; ich glaube, heut' kann man oben die Türme von
+Bremen sehen.«
+
+Sie schwankte noch, ob sie hinaufsteigen sollte oder nicht, und hätte
+sich wohl dagegen entschieden, wenn Gerd ihr nicht mit vernünftigen
+Gründen, unter Erinnerung an den Ernst des Tages und ihr schönes
+schwarzes Kleid, vom Aufstieg abgeraten hätte. Das aber gab der Sache
+den Reiz des Verbotenen, und sie kletterte, mit der einen Hand sich an
+den Zweigen haltend, mit der anderen ihr Kleid in acht nehmend, den
+Stamm hinan.
+
+Als sie glücklich auf ihrem Luginsland angekommen war, lachte sie mit
+übermütigen Augen auf den unten Stehenden herab: »Steig mir doch nach,
+Junge! Hier oben ist Platz für zwei.«
+
+Er stieß verdrießlich mit der Spitze seines Holzschuhs gegen den Stamm
+und brummte irgend etwas.
+
+Leidchen richtete sich auf, um über einen Zweig, der sich in Augenhöhe
+vorüberzog, hinweg den freien Ausblick zu gewinnen.
+
+Plötzlich rief sie jauchzend: »Oh, oh! Die Türme von Bremen! So groß
+und klar hab' ich sie von hier noch nie gesehen.«
+
+Gerd schaute zu der schlanken, von grüngoldigem Licht umflossenen
+Mädchengestalt auf, die sich schützend die Hand über die Augen hielt
+und die Blicke wie sehnsüchtig in die Ferne sandte.
+
+»Flieg mir bloß nicht weg, du da oben!«
+
+»Oh, das möchte ich wohl!«
+
+Sie hob die Arme, als ob es Flügel wären.
+
+»Ein Glück, daß du keine richtigen Flünke hast,« spottete er.
+
+»Schade, schade! Wenn ich ein Vöglein wär! ... Aber in die Welt
+hinausfliegen kann einer auch ohne Flügel.«
+
+»Nun schnack man bloß kein dummes Zeug und komm wieder 'runter!«
+
+Noch einmal durchmaßen ihre Augen die lichte, lockende Ferne. Dann
+begann sie mit großer Vorsicht den Abstieg.
+
+Gerd freute sich ihrer Schwierigkeiten und priesterte, er hätte ja
+gleich gesagt, sie sollte unten bleiben, aber sie hätte natürlich mal
+wieder nicht hören wollen.
+
+Bis über die Mitte des Stammes war die Sache gut gegangen. Aber da
+glitt sie plötzlich aus und kam ins Fallen. Gerd, mit schneller
+Geistesgegenwart hinzuspringend, fing sie in seinen Armen auf, wurde
+aber von der Wucht des Falles mit zu Boden gerissen.
+
+Keiner hatte sich Schaden getan, und als sie das festgestellt hatten,
+lachte Leidchen auch schon wieder, bis Gerd mit strengem Gesicht auf
+ihr Kleid hinzeigte: »Kuck mal da!«
+
+Erschrocken hielt die die Ränder eines ansehnlichen rechteckigen
+Risses gegeneinander.
+
+»Ja, so hat's gesessen,« spottete er, »du großes Mädchen solltest dich
+tüchtig was schämen.«
+
+Ihre Augen füllten sich mit Tränen, während er noch eine Weile fort
+moralisierte. Aber bald, als er sah, wie ihr das Unglück zu Herzen
+ging, fing er an zu trösten. Sie hätte im Handarbeitsunterricht bei
+Fräulein Timmermann das Flicken und Stopfen ja gründlich gelernt und
+letzten Winter ihm den Riß in seiner Sonntagshose so fein zugemacht,
+daß man ihn überhaupt nicht wiederfinden könnte.
+
+Aber ihre gute Laune war dahin. Den Blumenstrauß, den sie vor der
+verunglückten Kletterei zur Seite gelegt hatte, nahm sie nicht wieder
+auf, obgleich Gerd sie daran erinnerte. Die Hand an dem Riß, trat sie
+mit ärgerlichem Aufstampfen der kleinen Füße den Rückweg an.
+
+Eine Strecke waren sie stumm nebeneinander geschritten, da sagte sie
+verdrossen: »Das ist viel zu wenig, was ihr mir als Lohn geben wollt.«
+
+Gerd fand fünfundzwanzig Taler für das erste Jahr ganz anständig.
+Später müßte Jan natürlich auflegen und würde es gewiß auch tun.
+
+»Später? Es soll nicht lange dauern, so geh' ich in die Stadt.«
+
+»Wie kommst du mit einemmal auf solche Grappen?« fragte er verwundert.
+
+»Von den Mädchen, die heute mit mir konfirmiert sind, gehen sechs
+schon zum ersten Mai hin.«
+
+»So--o?«
+
+»Gerkens Minna aus Moorwede fängt mit vierzig Talern an und braucht
+dafür bloß ein bißchen wischen und fegen. Und Meyerdierks Line aus
+unserem Dorf hat im dritten Jahr schon fünfundsechzig.«
+
+»Und 'n lüttjen Vogel dazu, sagen die Jungens.«
+
+»Pah, was fragt die nach euch Jungens!«
+
+»Na, ich denk', freien will sie am Ende doch auch mal.«
+
+»Das kann sie in der Stadt grad so gut haben als hier. Ja, noch viel
+besser! Rugens Beta hat 'n Schaffner an der Elektrischen gekriegt, und
+Lachmunds Minna ihr Mann ist sogar Angestellter an der Eisenbahn.«
+
+»Dann ist er auch recht was. Mir ist ein Stellbesitzer, der seine
+sechzig Morgen eigenen Grund und Boden unter den Füßen hat, zehnmal
+so lieb wie einer, der den ganzen Tag auf der Elektrischen mit den
+Groschen klötern oder auf dem Bahnhof die Eisenbahnräder schmieren
+muß. Überhaupt, Deern, du kannst von der Stadt noch gar nicht
+mitschnacken, hast ja von ihr noch nichts gesehen als die Türme, von
+dem alten schiefen Fuhrenbaum aus. Ich bin wohl hundertmal in Bremen
+gewesen, und jedesmal, wenn ich meinen Torf verkauft habe und mein
+Schiff wieder aus dem Torfhafen hinausstaken kann, bin ich von Herzen
+froh. Das Stadtleben ist für unsereinen nichts.«
+
+»Du könntest mich im Herbst wohl mal mitnehmen, zum Freimarkt.«
+
+»Hm, das will ich mir überlegen ... Ja, wenn du schön artig und
+folgsam bist, und den Sommer über ordentlich fleißig, darfst du
+mal mit,« sagte er etwas gönnerhaft. »Du sollst sehen, wie schnell
+unsereinem die engen Straßen und die vielen Menschen über werden.«
+
+»Das wollen wir erst mal abwarten,« meinte sie.
+
+Zu Hause angelangt, fanden die Geschwister die Stube voller
+Nachbarsleute, die zum Gratulieren gekommen waren. Die Frauen
+benutzten zugleich die Gelegenheit, der Wöchnerin ihren pflichtmäßigen
+Besuch abzustatten. Die üblichen Wochengeschenke an Butter, Gebäck
+und Zucker hatten sie mitgebracht.
+
+Leidchen setzte sich still und sittsam, wie es einer neukonfirmierten
+jungen Christin ziemt, auf einen Stuhl und gab sich Mühe, das Loch
+in ihrem Ehrenkleide zu verbergen. Aber Meta Frerks hatte zu gralle
+Augen, die entdeckten es bald, und es erhob sich ein großes Hallo.
+Zuletzt sorgte Beta Rotermund für eine Ablenkung, indem sie ihres
+Patenkindes Gedenkblatt herumreichte. Dieses zeigte in Schwarzdruck
+das Bild des guten Hirten und in roten Buchstaben den Spruch Phil.
+4, 8: Was wahrhaftig ist, was ehrbar, was gerecht, was keusch, was
+lieblich, was wohl lautet, ist etwa eine Tugend, ist etwa ein Lob, dem
+denket nach.
+
+Die Frauen fanden Bild und Spruch sehr schön, meinten, Leidchen sollte
+man recht danach tun, und Tischler Kortjohann in Worpswede würde das
+Gedenkblatt gut und billig einrahmen.
+
+Als die Nachbarn fort waren, kleideten Bruder und Schwester sich
+schnell um, die Kühe zu melken. Ritterlich kroch Gerd unter die
+schwierigsten Tiere, und in dem warmen, dämmerigen Dunst des Stalles
+zischte die Milch unter gleichmäßigem Stripp-Strull in die Eimer.
+
+
+
+
+ 4.
+
+
+Grau und bleich dämmert der Morgen auf Rosenbrocks Herddiele, wo die
+junge Magd, verschlafen und herzhaft gähnend, im roten Schein des
+flackernden Feuers steht und einen in mächtiger schmiedeiserner Pfanne
+pretzelnden daumdicken Buchweizenpfannkuchen bewacht. Auf der fast
+noch in nächtlichem Dunkel liegenden Viehdiele, von der Kettengeklirr
+und der dumpfe Schall an die Stallbäume stoßender Hörner kommt,
+wirft jemand, auf Holzschuhen hin und her gehend, den Kühen vor. Das
+Hühnervolk ist auch schon wach. Zwei Hähne krähen in grobem Baß und
+frechem Diskant gegeneinander an.
+
+Den langen Winter über hat diese Frühstunde Haus und Dorf in tiefstem
+Schlaf gefunden. Aber gestern war der zweite Ostertag, und heute soll
+die Torfernte beginnen. Da hat Feiern und Ruhen und langes Schlafen
+erst mal ein Ende.
+
+Als die Sonne über die fernen Geesthöhen heraufkommt, sind Rosenbrocks
+schon hinten im Moor.
+
+Leidchen, vom weißen Schleierhut umweht, in kurzärmeliger roter
+Flanelljacke und kurzem dunkelblauen Beiderwandrock, ist dabei, mit
+der Forke, deren Zinken im jungen Licht blitzen, eine abgetorfte
+Fläche nachzuebnen und als Platte für den schwarzbraunen Riesenkuchen,
+der hier gebacken werden soll, vollends herzurichten. Und schon kommt
+auf eisenbeschlagenen Holzschienen das erste Wägelchen, hoch bepackt
+mit dem klumpigen zähen Teig, den Jan drüben an der Hochmoorwand
+losgestochen hat, hurtig angerollt, Gerd hemdärmelig im Laufschritt
+hinter ihm her.
+
+So hat jeder seine Arbeit und wird sie auf Wochen hinaus behalten.
+Jan, der Bauer, gräbt, Gerd, der Knecht, fährt und ladet die
+Torfmasse auf und ab, Leidchen, die Magd, breitet sie, die Stücke
+auseinanderschlagend, -zerrend, -tretend, in der Sonne aus.
+
+Nach drei Stunden wird im Schutz der Hochmoorwand, über die der
+frische Frühlingswind hinstreicht, gefrühstückt: Brot, Butter, Sülze
+nebst Kaffee aus der umwickelten Blechflasche. Jans Zähne mahlen
+langsam und gründlich, und als sie ihre Arbeit getan haben, starren
+seine Augen ein paar Minuten regungslos ins Leere. Gerd und Leidchen
+sind inzwischen den Rand des Hochmoors hinaufgeklettert und halten,
+die Hände beschattend über der Stirn, Ausschau. Drüben, jenseits des
+Grenzgrabens, sind Rotermunds an der Arbeit, alle Mann hoch; nur Frau
+Beta hütet das Haus. Hinter ihnen Wöltjens, dann Frerks, weiterhin
+Böschens, und so weiter, wie sie in der Dorfreihe hintereinander
+wohnen. Den schwarzen Grund zwischen grünem Ackerland und braunem
+Heidemoor füllt ein buntes Gewimmel fleißig sich regender Menschen.
+Überall blinken Spaten in der Sonne, glänzen Hemdsärmel, schimmern
+bloße Mädchenarme, flattern Schleierhüte. In einer jungen Birke sitzt
+eine Krähe und krächzt: »Torf, Torf, Torf!« Die alte Gevatterin weiß
+Bescheid. »Torf, Torf, Torf« ist für ganz Brunsode bis gegen Pfingsten
+Losung und Feldgeschrei.
+
+Schon wankt Jan wieder der Torfkuhle zu, und sein Jungvolk begibt sich
+ebenfalls an seine Posten.
+
+Die Sonne ist dran, ihre Mittagshöhe zu erklimmen. Da sendet Leidchen,
+je länger desto häufiger, verstohlene Blicke über die grünen Saaten
+heimwärts, und zwar nach einer Stange, die hoch und kahl zwischen
+Scheune und Griesbirnenbaum aufragt. Wenn die aus einem abgängigen
+Mannshemd geschnittene weiße Flagge an ihr hochgeht, hat Trina, die
+gestern wieder aufgestanden ist, das Mittagbrot fertig.
+
+Endlich erscheint das erwünschte Zeichen. »Mittag!« ruft Leidchen mit
+heller, klingender Stimme den Brüdern zu.
+
+Jan stößt den Spaten in die Torfkuhle, Gerd läßt den Wagen auf den
+Gleisen stehen, beide ziehen die Jacken über. Mit munteren Schritten
+eilt Leidchen vorauf. Aber die Männer haben einmal ihren festen Tritt,
+aus dem so leicht nichts sie herausbringt.
+
+Auch Knecht und Magd gebührt in der Zeit der Torfernte nach Mittag
+eine Stunde Bettruhe. Kaum hat Leidchen den Kopf in ihr Kissen
+gewuschelt, da ist sie auch schon weg; so hat die Frühjahrsluft die
+jungen Glieder müde gemacht. Aber auf die Minute pünktlich packt Frau
+Trina sie am Arm, schnell gibt's eine Tasse Kaffee, und wieder geht's
+ins Moor hinaus. Und wieder gluckst und ächzt unter dem Spaten der
+in tausendjähriger Ruhe gestörte feuchte Moosboden, wieder klappert
+der Wagen über die Schienen, und weiter dehnt sich die an der Sonne
+hingebreitete schwarzbraune Masse.
+
+Nach dem Vesperbrot machen sechs breite Holzschuhe sich über sie her,
+trampelnd und tretend, peddend und knetend, kreuz und quer, von rechts
+nach links und von links nach rechts, bis endlich schmale Schabeisen
+den gut durchgearbeiteten Teig vollends eben und glatt machen.
+
+Und endlich, endlich -- das Abendrot ist stark am Verglühen,
+Rotermunds haben schon vor einer Viertelstunde Feierabend gemacht --
+schleppen drei zum Umfallen müde Menschen ihre bleischweren Glieder
+heimwärts. Den Augen, die den Tag über nichts gesehen haben als den
+triefenden braunen Brei, tut der grüne Glanz der Felder wohl, und die
+jüngeren senden über ihn hinweg auch wohl einmal einen Blick in die
+Ferne, in die letzten roten Gluten des Tages, der Abschied genommen
+hat.
+
+Gagel, Weide und Rosmarienheide blühen und verblühen. Die weißen
+Schleier des Wollgrases wehen über den schwarzen Gründen und werden
+von den Winden zerzaust. Das Birkengrün bricht mit Macht hervor,
+leuchtet im schönsten Jugendschimmer über dem Braun des Hochmoors und
+nimmt allmählich seinen matteren Sommerglanz an. Die Kiefern stecken
+ihre Kerzen auf, und die Moorheide hängt die ersten Glöckchen aus.
+Und noch immer sind die Menschen vom dämmernden Morgen bis in die
+sinkende Nacht -- ach! und die Tage werden immer länger -- dabei,
+den schwarzbraunen Kuchen auszudehnen, den halbgaren mit armlangen,
+haarscharfen Messern zu zerschneiden, die Stücke auf- und umzusetzen,
+damit die große Torfbäckerin, die Sonne, mit ihren Gesellen, den
+Winden, von allen Seiten herankommen und sie durch und durch hart
+und trocken backen kann. Regenschauer und Sonnenbrand, Stürme und
+Gewitter lassen sie geduldig über sich ergehen, werden heiß und kalt,
+naß und wieder trocken, nur auf das eine bedacht, den Schatz, den die
+gütige Natur Jahrtausende hindurch in faulenden Sumpfmoosen angelegt
+und aufgespeichert hat, zu heben und in das liebe tägliche Brot zu
+verwandeln.
+
+Wenn jemand zur Winterszeit hinter dem warmen Ofen vom
+Frischgeschlachteten ein bescheidenes Fettschichtchen angesetzt hat
+-- du liebe Güte! wo ist das geblieben? Die gebräunten Gesichter,
+in deren Furchen sich der Torfstaub eingenistet hat, erscheinen
+wie gemeißelt. Die Augen sind stumpfer und leerer geworden. Hier
+und da fühlt einer, der schon etwas in die Jahre gekommen ist, ein
+verdächtiges Reißen in den Gliedern und denkt mit heimlicher Furcht
+daran, ob die Zukunft ihn nicht auch wie den kaum fünfzig Jahre alten
+Jan Ebbers Nr. 14 gichtisch verkrümmt und arbeitsunfähig im Liegestuhl
+finden wird. Das Moor ist nicht so freundlich entgegenkommend wie die
+rindernährende Marsch oder auch nur wie die angrenzende Geest. Billig
+gibt es seinen Kindern das tägliche Brot nicht her.
+
+Es ist ein stiller, warmer Sommerabend Anfang Juni. Der Mond, der
+voll und schön am wolkenlosen Himmel steht, läßt die Wiesennebel und,
+von ihnen umhüllt, zwei schlanke, weiße Mädchenleiber blausilbern
+aufleuchten, die in einem Graben spaddelnd und planschend, unter
+Lachen und Scherzen, den Staub und Schweiß der Torfbackezeit gründlich
+abspülen. Dem Wasser entstiegen, springen sie in der Wiese umher wie
+ein paar junge Füllen. Wie vom Dorf her eine Handharmonika erklingt,
+umfangen sich die beiden zu einem Tänzchen. Leicht und graziös
+hüpfen die Füßchen, die so lange in den schweren Brettholzschuhen
+gesteckt und Torf geknetet haben, über den glänzenden Plan. Von Kopf
+bis zu Fuß frisch und sauber gekleidet, das gebündelte Arbeitszeug
+in der Hand, schlendern die jungen Dinger dann endlich plaudernd,
+Arm in Arm, der Dorfreihe zu. Auf der Eichenbohle über Rosenbrocks
+und Rotermunds Grenzgraben bleiben sie, an die Leitstange gelehnt,
+stehen, der benachbarten Gehöfte junge Mägde, schauen in den Glanz des
+Nachtgestirnes und seines Spiegelbildes in dem ruhenden Gewässer und
+lauschen der Nachtigall, die wie alljährlich um diese Zeit drüben im
+Birkengebüsch um Wöltjens Backofen ihre süßen Lieder singt.
+
+ * * * * *
+
+Es wird Zeit, das schwarze Erntefeld mit dem grünen zu vertauschen.
+Denn die liebe Sonne backt nicht nur Torf; gleichzeitig hat sie auf
+den Wiesen süße, saftige Gräser und Kräuter in reichlicher Fülle
+hervorgelockt.
+
+Was die Brunsoder an Grünland dem Moor abgewonnen haben, gibt
+einstweilen nicht viel mehr her, als bei der sommerlichen
+Grünfütterung draufgeht. Der Heuvorrat für den Winter muß an der
+Hamme geerntet werden. Dieser westliche Grenzfluß des Moorgebiets,
+der die Schiffgräben der Dörfer aufnimmt und, durch Kanäle mit Bremen
+verbunden, die wichtigste Verkehrsader der Gegend darstellt, fließt
+durch ein breites Wiesental, das den Winterbedarf der Moordörfer
+weithin deckt. Jan Rosenbrock hat dort, drei Wegstunden von seinem
+Gehöft entfernt, fünf Tagwerk Wiesen gepachtet.
+
+Als nach einer Regen- und Gewitterwoche das Wetterglas endlich wieder
+anfing zu steigen, machten Gerd und Leidchen sich eines Morgens vor
+Tau und Tag auf den Weg, um mit der Heuernte zu beginnen. Jan wollte
+am nächsten Tage nachkommen.
+
+Auf dem schmalen Leinpfad gehend, schob Gerd hemdärmelig mit dem
+eingestemmten Stangenruder sein Schiff den Graben hinab vor sich her.
+Geräuschlos glitt es durch den Schatten der Hofbrücken, mit Gebrause
+schoß es über die beweglichen Stauklappen, die man alle paar hundert
+Meter angebracht hat, um den Graben schiffbar zu erhalten und das Land
+nicht gar zu stark zu entwässern. Leidchen schritt in Schleierhut
+und hellblauem langen Sommerkleid munter vor dem Bruder her und sah
+nach links zu den Gehöften hinüber, die teils noch schliefen, teils
+eben für den neuen Arbeitstag erwachten. Hier und da rüstete man
+gleichfalls zur Fahrt ins Heu.
+
+Das letzte Gehöft in der Reihe war das des Müllers. In einem leidlich
+gepflegten Garten mit altem Baumbestand lag das stattliche, massive
+Wohnhaus. Ein größeres Rosenbeet stand gerade in voller Blüte. Die
+aufgehende Sonne, die eben ihre ersten Strahlen durch das sommerliche
+Grünen und Blühen sandte, ließ eine große Glaskugel farbig aufleuchten.
+
+»Ein feiner Platz,« sagte Leidchen bewundernd.
+
+»Wenn einer sich 'ne reiche Bauerndeern von der Geest freit,« meinte
+Gerd brummend, »ist es keine Kunst, seinen Kram in Schick zu haben.
+Aber die Leute sagen, das Geld wär' bald wieder alle. Na, bis dahin
+ist Hermann ja wohl so weit und kann wieder so 'ne fette Geestkuh
+einschlachten, oder eine noch fettere Marschkuh.«
+
+»Pst!« machte Leidchen.
+
+Im Garten, der bis hart an den Schiffgraben reichte, war ein Räuspern,
+Husten und Spucken laut geworden, und gleich darauf tauchte ein
+untersetzter Mann aus dem Gebüsch, dessen rotes Gesicht mit einiger
+Sicherheit auf eine Vorliebe für starke Getränke schließen ließ. Er
+schlarrte in großblumigen Filzpantoffeln über die mit weißgestrichenem
+Geländer versehene Hofbrücke der Mühle zu, die jenseits des Dammes
+ihre mächtigen Flügel im Morgenwind drehte.
+
+Der Müller bemerkte die beiden Heufahrer wohl, schenkte ihnen aber
+so wenig Beachtung, daß diese es nicht für nötig hielten, ihm die
+Tageszeit zu bieten.
+
+»Das ist ja 'ne ganz schlimme Gegend,« sagte Leidchen beinah ängstlich.
+
+Kaum war er in der Mühle verschwunden, so unterbrach die Morgenstille
+ein polterndes Schelten. Was der Müllergesell zu seiner Verteidigung
+vorbrachte, machte die Aufregung seines revidierenden Herrn nur noch
+schlimmer. Indes Gerd und Leidchen nach dem Wortwechsel hinhorchten,
+kam von der Gartenseite her eine starke Tigerdogge an den Graben
+gesprungen, die heiser bellend und die Zähne fletschend das Schiff
+eine Strecke begleitete.
+
+Gerd lachte kurz und trocken auf: »Ja, der Müller und sein Packan, die
+sind einer des andern wert.«
+
+»Stolz, glaub' ich, ist der Mann auch. Er hat uns knapp angekuckt.«
+
+Gerd machte ein Gesicht wie einer, der Welt und Menschen kennt, und
+sagte: »Die Geldsäcke sind alle so.«
+
+Eine gute Stunde später traten die Geschwister in das Schiff, das
+jetzt aus dem schmalen Graben in den Hammefluß hinausglitt. Während
+Leidchen sich vorn auf dem Verdeck der Koje niederließ, legte Gerd,
+nachdem er den Mast gerichtet und das braune Segel freigemacht hatte,
+sich hinten an das eingehängte Steuerruder, froh, daß der Wind ihm
+verstattete, seine Kraft für die Arbeit des Tages zu sparen.
+
+Leidchen hatte bislang während der Heuernte zu Hause Kinder
+hüten müssen. Zum erstenmal sah sie den glitzernden, flimmernden
+Wasserspiegel, das weite grüne Wiesental, die wogenden Schilfwälder
+des Ufers, die Flug- und Kampfspiele des Sumpfgevögels und blickte
+mit frohen, hellen Augen um sich. Die Fragen, deren sie eine über die
+andere stellte, beantwortete der Bruder, sein Pfeifchen rauchend, mit
+der gelassenen Ruhe des in der Welt sich auskennenden Mannes und mit
+seinem Element vertrauten Schiffers. Das Gefühl der Überlegenheit,
+das dem lebhaften und geistig regen Mädchen gegenüber zu behaupten
+ihm nicht immer leicht wurde, konnte er hier einmal nach Herzenslust
+auskosten, und das versetzte ihn in die allerbeste Laune, so daß er
+die Rede auch auf die größere Fahrt brachte, die er ihr für den Herbst
+versprochen hatte. Auf dem Bremer Freimarkt, ja, da würde sie erst
+Augen machen! Und sie stützte die Arme auf die Knie und das Kinn in
+die Hände und lauschte wie ein Kind, dem das schönste Märchen erzählt
+wird, wie er von Puppenspielern, Zirkusreitern, Meerjungfrauen,
+Riesenweibern, dressierten Flöhen und anderen Weltwundern berichtete,
+die er ihr dort zeigen würde.
+
+»Nun wollen wir erst mal frühstücken,« sagte er dann, indem er die
+totgesogene Pfeife weglegte. Leidchen ließ sich neben ihm nieder,
+hielt den straff gepackten Lederholster, den sie der Koje entnommen
+hatte, auf dem Schoß und packte aus. Inzwischen hatte Gerd das
+Steuerruder herumgerissen, und das Schiff lief, während sie wacker
+schmausten, einen breiteren Wiesengraben aufwärts. Als sie wieder
+einpackten, waren sie am Ziele.
+
+Und nun machten sie sich hurtig und munter an ihr Tagewerk. Auch
+Leidchen griff zur Sense, die sie, an das Kuhfuttermähen von früh
+an gewöhnt, nicht übel handhabte. Jedoch in dem Bestreben, mit dem
+Bruder Schritt zu halten, ermüdete sie schnell und nahm bald die
+ihrem Geschlecht und Alter mehr angemessene Harke zur Hand, um aber
+zwischendurch immer wieder ein paarmal auf und ab zu mähen. Nach dem
+wochenlangen Wühlen in feuchten, schwarzen Torfgründen machte ihr die
+Arbeit auf der sonnbeglänzten grünen Blumenwiese mit dem heute so
+gutgelaunten Bruder und ohne den meist einsilbig mürrischen Halbbruder
+und Dienstherrn Freude und Spaß.
+
+Der Morgenwind ging bald zur Ruhe, und immer heißer brannte die
+Sonne auf den grünen Plan. Mehr als einmal wurde die im Uferschilf
+geborgene Blechkanne herausgezogen und der trockene Gaumen durch einen
+Schluck kalten Kaffees angefeuchtet. Als die Sonne ihre Mittagshöhe
+erreichte, stellten sie, da Bäume nicht in der Nähe waren, das braune
+Segel schräg gegen ihre Glutstrahlen, um im Schatten ihr Mittagbrot
+verzehren und eine Stunde ruhen zu können.
+
+Am Abend, nachdem sie das welkende Gras in Haufen gemacht hatten,
+schlenderten sie wohlig müde der sinkenden Sonne nach einem Gehöft
+zu, das eine tüchtige Viertelstunde entfernt unter hohen Bäumen auf
+einer Wurt lag. Es gehörte dem Grasbauern Harm Tietjen, von dem die
+Rosenbrocks seit Jahrzehnten das Wiesenland in Pacht hatten, und bei
+dem sie während der Heuzeit auf dem Boden oder in der Scheune zu
+nächtigen pflegten.
+
+Frau Tietjen, die noch auf den altmodischen und aussterbenden Namen
+Tibcke hörte, empfing die Ankömmlinge freundlicher, als Gerd von ihr
+gewohnt war. Von der vornehmen Zurückhaltung, die sie als reiche
+Wiesenbäuerin so kleinen Leuten aus dem Moor gegenüber sonst sich
+schuldig zu sein glaubte, war diesmal nicht viel zu bemerken. Man
+wurde in die Wohnstube genötigt und bewirtet, und auf Frau Tibckes
+breitem, glänzendem Gesicht malte sich immer mehr ein mütterliches
+Wohlgefallen an dem schönen Kinde, das höflich bescheiden und
+unbefangen frisch alle Fragen der großen Frau beantwortete. Als
+Bettgehenszeit wurde, hatte Leidchen deren Herz bereits so umstrickt,
+daß sie eingeladen wurde, für die Nacht im Anderthalbschläfer
+ihrer Tochter mit unterzukriechen, wozu diese, nachdem sie die ihr
+zudiktierte Bettgenossin von Kopf bis zu Fuß gemustert hatte, zögernd
+und ein wenig säuerlich ihre Einwilligung gab.
+
+Das Dutzend Jahre, das Fräulein Hermine Tietjen vor dem Kind des
+Moores voraus hatte, war nicht spurlos an ihr vorübergegangen. Einen
+oberen Vorderzahn hatte es genommen, die ersten Krähenfüßchen um
+die Augen ihr gebracht. Eine Schönheit war sie mit dem zu breiten
+Mund, den zu kleinen Augen und den zahllosen Sommersprossen wohl nie
+gewesen. Aber dem Spiegel an der Wand, wenn er einmal Anwandlungen
+von Ehrlichkeit hatte, glaubte sie nicht, weil er ein Buckelchen und
+ein Bläschen hatte. Um nun dem lebendigen Spiegel jungmädchenhafter
+Lieblichkeit und Frische, den sie bei sich in der Kammer hatte,
+nicht glauben zu müssen, suchte sie an ihm mit Luchsaugen nach einem
+Buckelchen oder Bläschen. Aber die jugendlich schlanke Gestalt, die
+sich vor ihr entkleidete, war leider von herrlichstem Ebenmaß; an
+Reinheit und Zartheit der rosig durchschimmernden Haut ließ sich mit
+dem besten Willen nichts tadeln; den Augen, Mund, Nase und Haar, den
+Ohren, ja sogar den Füßen, mußte auch der Neid lassen, sie konnten gar
+nicht wohlgebildeter sein, als sie waren. Und schon wollte sie das
+vergebliche Suchen aufgeben, als plötzlich ihre kleinen grünlichen
+Augen in der Freude des Findens schillerten.
+
+»Ih! Was hast du denn da?« rief sie, mit spitzem Finger und ebenfalls
+gespitzter Nase zufahrend.
+
+Leidchen legte harmlos ein Muttermal über dem Ansatz ihrer linken
+Brust frei, daß die andere es in Ruhe betrachten konnte. Die machte
+ein Gesicht, als ob ihr eine Kröte in den Schuh gekrochen wäre.
+
+»Igittegitt, wie sieht das aus?«
+
+»Och, das kriegt ja kein Mensch zu sehen.«
+
+»Willst du dir das nicht wegoperieren lassen?«
+
+»Warum? Das hat Zeit genug, da zu sitzen.«
+
+»Aber Deern, schämst du dich denn gar nicht?«
+
+»Weshalb?«
+
+»Daß du da so'n Ding hast!«
+
+Jetzt wurde es Leidchen zu viel. Gutmütig spottend sagte sie: »Meinst
+du, daß ich mit deinen Sommersprossen tausche?«
+
+Hermine zuckte wie unter einem Nadelstich zusammen. Sie war schon
+auf mehr als eine Anpreisung in der Zeitung, die sie von diesem
+Schönheitsfehler zu befreien versprach, hineingefallen.
+
+»Ach ja,« seufzte sie, »es ist ein Leiden, wenn man einen gar zu
+feinen Teint hat.« Sie sprach das Wort, wie man's schreibt; denn sie
+war ein Jahr in der Benehmigung gewesen und hielt es so für gebildeter.
+
+Leidchen entgegnete darauf nichts, aber ihr harmloses Lachen klang
+etwas ungläubig und verwundete die andere noch mehr.
+
+Rachedürstend trat sie an ihre messingbeschlagene Eichenholzkommode
+und zog die oberste Schublade auf, in der sie eine Anzahl Kästchen und
+Schächtelchen öffnete.
+
+»Darf ich mich hinlegen?« fragte Leidchen bescheiden, zum Einsteigen
+bereit vor dem Bett stehend.
+
+»Nein,« sagte Hermine, die gerade dabei war, ein Licht anzuzünden,
+kurz und schroff, »ich will dir erst noch mal was zeigen. Komm
+hierher!«
+
+Ein bewunderndes Ah und Oh nach dem anderen sprang von den Lippen des
+Moorkindes vor all den im Kerzenglanz funkelnden Broschen, Ringen,
+Ketten und Armbändern.
+
+Die große Bauerntochter nahm die einzelnen Stücke in die Hand, wandte
+sie im Licht hin und her, daß sie blitzten, hielt sie dorthin, wo
+sie ihren kargen Reizen zu Hilfe zu kommen pflegten, und nannte mit
+boshaftem Behagen die stark nach oben abgerundeten Preise. Die kleine
+Moordeern stand jetzt sprachlos mit gefalteten Händen neben ihr und
+konnte sich nicht satt sehen. Noch nie waren ihr die Herrlichkeiten
+der Welt so verlockend gezeigt worden.
+
+Aber die andere war mit diesem Triumph noch nicht zufrieden. Sie
+schloß einen zweitürigen Schrank in Nußbaumimitation und Muschelstil
+auf und sagte: »Hier siehst du all meine Kleider. Dies weiße trag' ich
+auf dem Ball, in diesem schwarzen geh' ich zum Abendmahl, die beiden
+da sind für die gewöhnlichen Sonn- und Festtage. Und dies himmelblaue
+hab' ich zur Hochzeit meiner Schwester gekriegt, es ist ganz von prima
+Seide. Kuck doch bloß mal, wie's glänzt! Und wie es sich anfühlt! Du
+darfst dreist mal anfassen.«
+
+Leidchen machte von dieser gnädigen Erlaubnis Gebrauch. Scheu
+liebkosend fuhr ihre Hand an dem schimmernden Stoff hinunter. »Ganz
+von Seide ...« wiederholte sie, andächtig versunken.
+
+»Ja, und kostet dreißig Taler.«
+
+»Das ist nicht wahr!«
+
+»So gewiß, als ich hier stehe! Soll ich dir die Quittung zeigen?«
+
+»Dreis--sig Ta--ler ...«
+
+»Wenn du dir so'n Kleid kaufen wolltest, müßtest du ein Jahr dafür
+dienen, nicht wahr?«
+
+»So eins möchte ich nicht geschenkt. So viel Geld für ein einziges
+Kleid? Das ist, glaub' ich, Sünde.«
+
+»Du liebe Unschuld du,« sagte Fräulein Hermine Tietjen mitleidig
+lächelnd, indem sie ihren Kleiderschrank abschloß. »So, nun steig' man
+hinein. Du kriegst den Platz an der Wand.«
+
+»Was ist das?« fragte Leidchen ein wenig erschrocken, als es unter
+ihrem Gewicht verdächtig krachte und knackte.
+
+»Patentmatratze,« erklärte stolz die ihr nachsteigende
+Betteigentümerin, »auf Stroh schlafen wir längst nicht mehr. Aber du
+mußt dich nicht so breit machen, als ob du hier zu Hause wärest. Und
+nun hör' zu, was ich sonst noch alles habe oder einmal kriege.«
+
+Sie begann mit ihrem Schatz an Leinenzeug. Dann kam die Leibwäsche
+an die Reihe. Zuletzt verriet sie, was sie an barem Gelde einmal
+mitbekommen würde. Das war eine Summe, über deren Höhe ihrer gespannt
+lauschenden Zuhörerin der Mund aufging und der Kopf schwindelte. Zwei
+Brunsoder Moorstellen hätte man bequem dafür kaufen können.
+
+»Willst du denn noch heiraten?« fragte Leidchen unschuldig.
+
+»Noch? Noch? Was ist das für'n dummer Schnack! Als ob ich nicht schon
+fünf Männer hätte haben können! Aber wir sind anders als ihr im Moor.
+Ihr kommt zusammen und wißt manchmal selber nicht wie, und wiegt schon
+Kinder, wenn ihr hinter den Ohren knapp trocken seid. Wir halten mehr
+auf uns und sind nicht so'n Prachervolk wie -- na, ich hätte beinah'
+was gesagt. Nun wollen wir schlafen. Gute Nacht, schlaf süß!«
+
+Sie war schnell eingeschlafen, aber Leidchen, obgleich sie beim
+Eintreten zum Umfallen müde gewesen war, lag, an ihre Wand gedrückt,
+noch lange mit wachen Augen.
+
+Zum erstenmal in ihrem jungen Leben war sie mit ihrem Lose unzufrieden.
+
+In Schule und Konfirmandenunterricht, auf der Nachbarschaft und
+im Dorfe hatte sie immer etwas gegolten, ja, man hatte sie sogar
+etwas verwöhnt. Jetzt, wo sie zum erstenmal über die Grenzen ihres
+Kirchspiels hinauskam, bemerkte sie mit Schmerzen, daß sie nichts war
+als eine arme, kleine, dumme Deern aus dem Torf.
+
+Sie dachte an den Inhalt ihrer Lade daheim. Das meiste davon stammte
+aus mütterlichem Erbe, allerlei Kleinigkeiten hatten die Brüder,
+Schwägerin und Patentante ihr im Lauf der Jahre geschenkt. Wie manches
+liebe Mal hatte sie an diesen Habseligkeiten, die sie in peinlicher
+Ordnung hielt, ihre Freude gehabt! Jetzt, nachdem sie einen Blick in
+Hermine Tietjens Kommode und Kleiderschrank geworfen hatte, erschienen
+sie ihr auf einmal so armselig und nichtig, daß sie überzeugt war,
+sie würde sich niemals wieder an ihnen freuen können.
+
+Es war in der Welt doch verkehrt eingerichtet. Die einen wühlten ihr
+lebelang im Moor, die anderen in Gold und Seide, und kein Mensch
+konnte sagen, womit sie diese Bevorzugung eigentlich verdient hatten.
+
+Aber war denn gar keine Möglichkeit, daß auch sie einmal zu diesen
+anderen gehörte? War nicht Nachbar Rotermunds jüngerer Bruder als
+Junge mit nichts nach drüben gegangen, und als er vor Jahren seine
+alte Heimat wieder besuchte, konnte er mit dem Geld nur so um sich
+werfen, und gegen seine dicken Ketten und Ringe aus purem Gold war
+Hermine Tietjens Goldgeschirr nichts als Klöterkram. Aber wenn ein
+anschlägiger Junge es in Amerika auch zu was Rechtem bringen konnte,
+was sollte ein armes Mädchen im Torf machen, mit einem Jahreslohn, der
+für andere kaum zu einem einzigen Kleide reichte?
+
+Das einzige wäre am Ende -- eine reiche Heirat.
+
+Aber wenn nur die reichen Jungens nicht immer gerade die reichen
+Deerns nähmen, nach dem Wort: Geld muß zu Geld kommen! Zum Beispiel,
+solange die Mühle in Brunsode stand, war noch keine Tochter des Dorfs
+als junge Frau auf ihr eingezogen. Hermann holte sich natürlich auch
+wieder eine mit viel Geld von auswärts, und die armen Mädchen mußten
+mit einem armen Knecht oder Häusling vorliebnehmen und quälten sich in
+ein paar Jahren zuschanden.
+
+Todmüde, wie sie war, und doch nicht imstande, einzuschlafen, fühlte
+sie beinahe etwas wie Haß gegen die vom Glück so verzogene, sanft
+schnarchende Bettgenossin, bis endlich der Schlaf sich ihrer erbarmte
+und die junge Seele von allen bösen und bitteren Gedanken erlöste.
+
+Als der Morgen graute, erwachte sie von einem leisen Klopfen gegen
+die Fensterscheiben. Es war Gerd, der sie für den neuen Arbeitstag
+weckte. Draußen riefen schon die Kiebitze, und die Hofenten machten
+ein Heidengeschnatter. Indes sie vorsichtig über die reiche Erbin
+hinwegstieg, riß sie auf einmal die Augen weit auf. Was? Saßen der
+die Haare nicht fest am Kopf? Mit spitzen Fingern langte sie zu und
+hielt den schönsten kastanienbraunen Zopf in der Hand. Sie war über
+ihren Fund so glücklich, daß sie, ihn um sich schwingend, auf bloßen
+Füßen und im Hemde ein Solotänzchen durch das dämmerige jungfräuliche
+Schlafgemach ausführte. Endlich wollte sie das Ding vorsichtig wieder
+an seinen Platz legen. Aber auf einmal sagte sie sich: Sie hat dich
+so geärgert, ärgere sie mal ein bißchen wieder, und indem tausend
+Teufelchen aus ihren Augen sprühten, brachte sie den Zopf hübsch
+gefällig über dem Spiegel an. Dabei konnte sie es nicht vermeiden, in
+diesen hineinzublicken, und ihr sagte er trotz Buckel und Bläschen
+nichts Unangenehmes. Sie wandte sich nach der holden Schläferin um,
+machte ihr eine allerliebste lange Nase zu und flüsterte: »Mit dir
+tausch' ich nicht, und wenn du zehn Kommoden voll Gold und hundert
+Schränke voll Seide hättest.« Dann flog sie hurtig in ihre Kleidung,
+und nach wenigen Minuten schritt sie mit Gerd, der draußen auf sie
+gewartet hatte, munter durch die tauglitzernden Wiesen der Sonne
+entgegen, die auch heute wacker grünes Gras in duftendes Heu zu
+verwandeln versprach.
+
+Bald kam Jan auf seinem Rad angefahren. Auch Rotermunds begannen mit
+der Heuernte, und Wellbrocks von Nr. 24. Alle krochen für die Nacht
+bei Tietjens unter. Leidchen zog es vor, mit den Frauen und Mädchen
+ihres Dorfes sich in einen Rest vorjährigen Heus zu packen. Die
+Gastfreundschaft in Hermine Tietjens Anderthalbschläfer wurde ihr
+übrigens auch nicht wieder angeboten.
+
+Die sengende Gluthitze der nächsten Tage förderte die Arbeit im
+Hammetal aufs beste, forderte aber auch ein Opfer. Nicht weit von
+Rosenbrocks Wiesen brach Cord Mehrtens aus Hasenwede beim Mähen
+lautlos zusammen. Man spannte das Torfsegel über ihn zum Schutz
+gegen die Sonnenstrahlen. Nach drei Stunden kam endlich der Arzt,
+der die Achseln zuckte und keine Hoffnung gab. Eine Stunde nach
+Sonnenuntergang trugen die beiden Söhne den Entseelten in sein Schiff,
+deckten ihn mit dem Segel zu und stakten durch die schöne warme
+Sommernacht heim zu Muttern.
+
+In der Nacht von Sonnabend auf Sonntag arbeiteten die drei Rosenbrocks
+sich mit der ersten Ladung Heu den Graben vor Brunsode aufwärts. Das
+Schiff war so hoch bepackt, daß es, die Hofbrücken anstreifend, nur
+mit knapper Not passieren konnte. Wenn es ein Klappstau hinaufging,
+rief Jan, der mit dem Stangenruder schob, »Hei -- djup!« und Gerd und
+Leidchen, die in quer über die Brust gehenden breiten Seilen liegend
+das Schiff schleppten, legten sich mit doppelter Kraft ins Zeug,
+um den Höhenunterschied und den Widerstand des entgegenströmenden
+Stauwassers zu überwinden. Schwer fielen sie in die lang entbehrten
+Betten und verschliefen die Nacht und, mit kurzen Unterbrechungen für
+das Essen und die notwendigsten Arbeiten, den Sonntag und noch eine
+Nacht. Die Frühsonne des Montags fand sie schon wieder auf dem Wege zu
+den Hammewiesen.
+
+Dem grünen Erntefeld drängte das goldig gelbe nach. Auf diesem zu
+arbeiten war dann aber wirklich eine Lust. Es lag so bequem nahe
+beim Hause, dehnte sich nicht gar zu weit aus, und die schlimmste
+Hitze des Jahres war vorüber. Als Trina das erste Brot von jungem
+Roggen herauszog, umstand die ganze Familie den Backofen. Man besah
+und beroch's, probierte, bedächtig kauend, nickte befriedigt und war
+fröhlich und guter Dinge.
+
+Das Kartoffelauskriegen war auch mehr Spaß als Arbeit. Man half
+einander nachbarlich, lag in langen Reihen auf den Feldern, und der
+gemütliche Klöhnschnack riß den ganzen Tag kaum ab.
+
+Zwischendurch mußten Gerd und Leidchen sich auch mal vor die Egge
+spannen und sie über das weiche, gepflügte Moorland ziehen, das in der
+herbstlichen Regenzeit für Pferde nicht recht gangbar war. Das war
+wohl ein saurer Tag, aber der tiefe, gesunde Schlaf der Jugend machte
+in einer Nacht alles wieder gut.
+
+ * * * * *
+
+Ob irgendwo in deutschen Landen so schwer und anhaltend gearbeitet
+wird wie in dem Lande, wo dem schwarzbraunen Moor die weiße Birke
+entsteigt? In den Marschen und auf den Heiden der nordwestdeutschen
+Tiefebene jedenfalls nicht. Dort haben sie zwischen den Zeiten, wo die
+Arbeit auf den Nägeln brennt, Wochen oder wohl auch Monate, in denen
+sie es sachter angehen lassen können. Im Moor werden diese Atempausen
+durch Backen, Schneiden und Ringeln des Torfs ausgefüllt, und nicht
+einmal Spätherbst und Winter bringen wirkliche Ruhe. Denn dann muß
+das Landesprodukt in die Stadt geschafft und in Bargeld umgesetzt
+werden. Da knarren durch Sturm- und Regennächte die schweren geeichten
+Kumpwagen die Birkenchausseen entlang, und auf den Wasserwegen ziehen
+die torfbepackten Schiffe. Das kostet wieder saure Arbeit und bringt
+schlaflose Nächte ungezählt. Und wer kein Raubbauer auf Torf sein,
+sondern durch Urbarmachen der abgetorften Flächen das Kulturland ins
+Moor vorschieben will, muß sich auch in der stilleren Jahreszeit
+dranhalten. Nur wenn der Frost das Land wie in eiserne Bande
+geschlagen hat, hat's der Moorbauer kommodiger und kann die harten
+Arbeitshände mal in den Schoß legen.
+
+Kein Wunder, daß in diesem Lande die schönen Mädchen nicht auf den
+Bäumen wachsen und jugendliche Frische früh verblüht. Kein Wunder,
+daß die Königliche Aushebungskommission unter den Söhnen des Moores
+nicht gar zu viele Rekruten für die Potsdamer Garde findet, ja, daß
+sie manchen sonst ganz gesunden Jungburschen kaum dem obskursten
+Regiment an der russischen Grenze zumuten mag. Laßt's nur gut sein!
+Ihre Urgroßväter, die ersten Ansiedler, erhielten Befreiung vom
+Militärdienst, um im Frieden, Spaten und Hacke in der Hand, für König
+und Vaterland eine neue Provinz zu erobern. Dieses Werk setzen die
+Enkel mit echt niederdeutscher Zähigkeit wacker und unverdrossen fort,
+und sie und ihre Kinder werden nicht ruhen, bis es zu Ende geführt
+ist. Der »Jan vom Moor«, den die von der Natur mehr gehätschelten
+Nachbarn nicht recht für voll nehmen wollen, und über den die Bremer
+dummen Jungs ihre Witze reißen, wird aussterben, und wo er einst mit
+schweren Holzstiefeln in der glucksenden, triefenden Torfkuhle stand,
+da werden seine Urenkel als niederdeutsche Kleinbauern auf freier,
+grüner Scholle sich eines bescheidenen, aber sicheren Wohlstandes
+erfreuen.
+
+
+
+
+ 5.
+
+
+In den hinterzu gelegenen Moordörfern sitzt manch' brave Ehefrau und
+Mutter, die das Jahr hindurch kaum je über die Grenzen des Kirchspiels
+und den engen Kreis ihrer Pflichten hinauskommt. Sie trägt auch gar
+kein Verlangen danach und überläßt die Strapazen des Reisens gern
+ihrem Jan. Aber um die Zeit, wenn die Kartoffeln heraus sind, wenn die
+Ratten das lustige Leben an den Grabenrändern aufgeben und sich auf
+die Gehöfte zurückziehen, wenn die silbernen Birken ihr herbstliches
+Gold streuen, packt auch die häuslichste aller Frauen eine merkwürdige
+Unruhe. Es ist die Zaubermacht des Bremer Freimarkts, die auch die
+seßhafteste und solideste einmal von Haus und Hof, Kindern und Vieh
+hinwegzieht.
+
+Wenn drüben in der alten Hansestadt um Sankt Petri ehrwürdigen Dom
+über Nacht die leichte, luftige Zelt- und Budenstadt aus dem Pflaster
+geschossen ist und zu Füßen des starr verwundert blickenden Riesen
+Roland alle Spezialitäten, Raritäten, Abnormitäten des Kontinents
+sich ein Stelldichein geben, dann sagt Gesche zu ihrem Klaus, und
+Dele zu ihrem Peter, und Meta zu ihrem Jan: »Du, nach'm Freimarkt
+möcht' ich auch mal mit.« Und Jan, Peter, Klaus, einerlei, ob er das
+Recht des Holzpantoffels über sich anerkennt oder ob er die Hosen
+anbehalten hat, macht keine Sperenzien, »tiert« mit seiner Gesche,
+Dele, Meta zur Stadt, zeigt ihr die Herrlichkeiten und Wunder des
+Freimarkts, högt sich, wenn sie Augen macht wie Wagenräder, kauft ihr
+Honigkuchen, Spielsachen für die Kinder, Geschirr für den Haushalt und
+wonach sonst ihr Sinn steht, in verschwenderischer Laune, und ist den
+ganzen Tag der liebenswürdigste, zuvorkommendste Ehemann der Welt.
+Wenn die beiden dann nach endloser Wasser- oder Wagenfahrt durch die
+Annehmlichkeiten einer Herbstnacht endlich unter ihr Strohdach treten,
+sinkt sie auf den ersten besten Stuhl zusammen, läßt die Hände schlaff
+an den Seiten herunterhängen und verschwört sich stöhnend: »Ich hab'r
+genug von für mein Leben.« Ist aber ein Jahr herum und das Birkenlaub
+küselt aufs neue zur Erde, fängt sie doch wieder an: »Och, diesmal
+möchte ich wohl noch mal mit. Wer weiß, ob ich's nächstes Jahr noch
+erleb'.«
+
+Wenn in hillster Zeit die Arbeit auf den Nägeln brennt und gar zu
+viel Überstunden gemacht werden müssen, so daß die Augen verdrossen
+blicken, und die Kräfte zu versagen drohen, bringt der kluge Bauer
+die Rede wohl so beiwegelang auf den Freimarkt und läßt durchblicken,
+daß es ihm auf ein anständiges Marktgeld für den fleißigen Knecht,
+die unermüdliche Magd nicht ankommen soll, und es müßte schon gar zu
+schlimm sein, wenn das nicht mehr verfinge.
+
+Sechzig Drehorgeln dudelten und leierten wieder einmal auf den Straßen
+und Plätzen Bremens den lieben langen Tag ihr Repertoire herunter,
+von: »Ich bete an die Macht der Liebe« bis »Mutter, der Mann mit dem
+Koks ist da,« das eben seinen Siegeslauf durch die Welt antrat.
+Einige dreißig waren von der kunstverständigen Polizeikommission beim
+Probespielen mit Rücksicht auf die durch höherwertige musikalische
+Genüsse verwöhnten städtischen Ohren zurückgewiesen worden. Aber sie
+gingen der guten Sache deshalb nicht verloren. Mit ihrer verstimmten
+Töne Gewalt erfüllten sie die Umgebung der Stadt und trugen die
+fröhliche Botschaft vom Freimarkt auf die Dörfer.
+
+Es war der bösartigste aller Leierkasten, der Brunsode beglückte.
+Als Herr Timmermann mitten in der Weltgeschichtsstunde seine Klänge
+vernahm, legte er das Gesicht in Leidensfalten; die Kinder aber
+reckten die Hälse, horchten mit leuchtenden Augen und hatten für die
+unerhörtesten Weltbegebenheiten kein Ohr. Tönnjes Miesner, der älteste
+Altenteiler des Dorfes, der vor seiner Haustür in der Herbstsonne
+saß, winkte den Orgelmann heran, hielt sich die großen zitterigen
+Hände als Schalltrichter vor die torfverstaubten Ohren und dachte voll
+Wehmut daran, wie er einst mit den Genossen seiner Jugend, die jetzt
+alle dahin waren, im Freimarktsübermut fünf solcher verwegenen Kerls
+gemietet und hinter der tollen Musik her, mit ein paar hundert Kindern
+im Gefolge, das Torfhafenviertel durchzogen hatte. Damals konnte
+einer, der schlau und flink war und Glück hatte, noch mal schnell
+mit Schmuggelei ein gutes Stück Geld verdienen und etwas draufgehen
+lassen. Dem Alten fielen ein paar große blanke Tränen wehmütiger
+Erinnerung aus den Augen, indem er in der Tiefe seiner Hosentasche
+nach dem Groschen Spielmannslohn grub. -- Die Schmuggelzeit ist das
+romantische Mittelalter in der Geschichte der Moorkolonien, und wenn
+winterabends um den Herd oder in der Stube um den warmen Ofen das
+Erzählen beginnt, fängt es bei den Alten gar oft an: »Damals, als die
+Schmuggelei noch im Gang war ...«
+
+Leidchen Rosenbrock saß gerade, den Melkeimer zwischen den Knien,
+unter der Rotbunten, als es draußen auf dem Hof erklang: »Im
+Grunewald, im Grunewald ist Holzauktion.« Sie hielt, die weichen
+Euterstriche zwischen den Fingern, im Melken inne, lauschte, trällerte
+die Weise mit, rückte unruhig auf dem Schemel, und ließ dann hurtiger
+und lustiger als zuvor die weißen Quellen in den Eimer strullen. Noch
+drei Stunden, und es ging nach Bremen zum Freimarkt! Den ganzen Sommer
+hatte sie sich darauf gefreut, seit Wochen zählte sie die Tage, und
+seit gestern in jugendlicher Ungeduld sogar die Stunden.
+
+Aber noch stand vor dem Vergnügen ein tüchtiges Stück Arbeit. Leidchen
+mußte hinten im Moor auf der Karre einen Korb Backtorf nach dem
+anderen an den Grabenrand schieben, und Gerd stand unten im Schiff,
+ihn kunstgerecht zu verpacken, bis er die volle Ladung, einen halben
+Hunt, d. i. sechs Kubikmeter, beieinander hatte. Ein Viertel des
+Erlöses war ihnen von Jan als Marktgroschen zugestanden.
+
+Nachdem sie sich gründlich von der staubigen Arbeit gewaschen und
+die eingepackte Festkleidung verstaut hatten, brachen sie in später
+Nachmittagsstunde auf.
+
+Als sie die Hamme erreichten und das Schiff, das sie bis dahin vom
+Leinpfad aus geschleppt und geschoben hatten, bestiegen, war die
+Sonne bereits hinter eine breite Wolkenbank gesunken, deren Ränder
+in allen Farbentönen, vom tiefsten Violett bis zum zartesten Rosa,
+spielten. Der Duft und Glanz eines schönen Herbstabends füllte das
+weite Wiesental. Der durch herbstlich raschelnde Schilfwälder sich
+hinschlängelnde Fluß schimmerte weithin wie Perlmutter. Wo sein Lauf
+sich dem Auge entzog, bezeichneten ihn bis zur Horizontlinie die
+schwarz gegen den Himmel stehenden Rechtecke der heraufkommenden
+Segel. Die ein gutes Dutzend Moorkolonien mit der Welt verbindende
+Wasserstraße war zur Zeit des Torfverschiffens und des Freimarktes
+sehr belebt. Die Schiffer kannten sich fast alle, wenn auch meist nur
+nach Gesicht und Vornamen, und die üblichen Zurufe flogen zwischen den
+einander Begegnenden hin und her: »Geht's 'nauf, Gerd?« »Ja, Jan.«
+-- »Geht's 'nunter, August?« »Ja, Gerd.« -- »Na, wie war's auf'm
+Freimarkt, Meta?« »Wunderschön, Gerd. Ist recht, daß du Leidchen auch
+mal mitnimmst. Deern was wirst du für Augen machen!«
+
+Als sie an einer Reihe von Schiffen vorüber waren und die glänzende
+Bahn auf eine gute Strecke frei vor ihnen lag, hub Leidchen, die vorn
+auf der mit braunem Laken bedeckten Ladung saß, an zu singen. Gerd,
+der hinten im Schiff stand und die schwere eisenbewehrte Eichenstange
+gleichmäßig einstemmte und nachzog, fiel sogleich mit der zweiten
+Stimme ein, auf dem träge ziehenden Moorfluß deutsche Rheinromantik
+aufleben zu lassen: »Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, daß ich so
+traurig bin,« klang es rein und getragen über die herbstabendstillen
+Wasser.
+
+Als ein kälterer Hauch durch das Tal wehte, vor dem Leidchen fröstelnd
+die Schultern zusammenzog, stieg Gerd über die Torfladung nach vorn,
+hob den Deckel der Koje und sagte mit einladender Handbewegung: »So,
+lüttje Maus, nun wühl' dich hier warm ins frische Stroh und schlaf
+süß, daß du mir morgen früh hübsch munter bist.« Sie hob das rechte
+Füßchen, zog das linke nach, sank in die Knie und ließ sich in das
+knisternde Stroh sinken. Noch einen lächelnden Blick tauschten
+sie, dann schloß er behutsam über der Schwester das wellengewiegte
+Schlafkämmerchen.
+
+Auch der Wind legte sich allgemach schlafen. Nur leichte Wellen kamen
+noch den Fluß herauf und schlugen leise an die Wände des kleinen
+Schiffes, auf dessen mattglänzende Bahn sich leichte Nebelschleier
+legten. Am Himmel zogen sterndurchfunkelte grauweiße Wolken.
+
+Vom Ufer her warf ein ruhig brennendes Licht seinen zitternden
+Widerschein über das Wasser. Es kam aus Cord Rugens Hammehütte, die
+hart am Flusse auf einer Wurt lag, und in der während der Monate
+regeren Wasserverkehrs eine Wirtschaft für Schiffer gehalten wurde.
+Gerd, der eigentlich vorüberfahren wollte, entschloß sich im letzten
+Augenblick doch zum Einkehren. Wenn er ein Stündchen schlief, war er
+am nächsten Tage frischer.
+
+Er legte sein Boot nicht in die Reihe der übrigen, da die vor ihm
+aufbrechenden Schiffer seinen Fahrgast dann leicht hätten stören
+und erschrecken können, sondern ließ es ein wenig flußabwärts sacht
+ins Uferschilf gleiten. Nachdem er, über die Koje gebeugt, durch die
+ruhigen und tiefen, aus dem Stroh heraufkommenden Atemzüge sich hatte
+sagen lassen, daß seine Schwester fest schlief, stieg er ans Land.
+
+Die kümmerlich erleuchtete, aber gut durchwärmte Hütte füllte ein
+reichliches Dutzend Torfschiffer, die sich hier von den Anstrengungen
+der nächtlichen Fahrt erholten, die einen schlafend und schnarchend,
+die anderen trinkend und Solo spielend.
+
+Gerd ließ sich einen Klaren geben, schob das Gläschen, nachdem er
+es bis zur Hälfte geleert, zurück, legte die Arme auf dem Tisch
+ineinander und barg den Kopf hinein. Eine halbe Minute lang hörte
+er noch das Gesäge eines Nachbarn und die auftrumpfenden Fäuste der
+Spieler, dann nichts mehr. Auf solche Weise sich ein wenig nächtlichen
+Schlafes zu stehlen, war er seit Jahren gewöhnt.
+
+Zweimal hatte der große Zeiger der Wanduhr die sein Zifferblatt
+umrankenden grellbunten Blumen umwandelt, da hob der junge Schiffer
+den Kopf, trank seinen Klaren vollends aus, legte die Zeche von einem
+halben Groschen daneben und trat gähnend in die Nacht hinaus, die
+Fahrt fortzusetzen. --
+
+Die Wiesen des Blocklandes deckt das graue Meer der Oktobernebel, aus
+dem hier und da der Kopf oder die Rückenlinie einer Kuh wunderlich
+gespenstig hervorragt. Auf dem schnurgeraden Kanal gleitet ein
+Torfschiff durch den feuchten Dunst, von dem auf den Leinpfad
+vornübergebeugt nebenhergehenden Schiffer mit dem eingestemmten
+Stangenruder geschoben. Plötzlich umfließt diesen silbernes Licht, er
+richtet sich auf und erblickt über die Nebelmassen weg den im letzten
+Herbst- und ersten Morgengold leuchtenden Bürgerpark, und dahinter die
+Stadt mit ihren Türmen, im Glanz des schönsten Herbstmorgens.
+
+Da hebt er die Stange und stößt mit ihrer eisenbeschlagenen Spitze
+gegen die Koje vorn im Schiff.
+
+Der Deckel hebt sich. Helles Haar schimmert im Silberlicht der Frühe,
+zwei junge Augen zwinkern verschlafen, ein rosiger kleiner Mund gähnt
+mit ansteckender Herzhaftigkeit, und aus dem engen dumpfen Kasten
+steigt das schönste Kind des Moores, sich schüttelnd und Strohteilchen
+mit der Hand von Haar und Kleidung streifend, schlägt den Deckel
+krachend zu, springt leichtfüßig hinauf, reckt die schlanken Glieder
+in der Sonne und schaut mit großen, glänzenden Augen verwundert und
+inbrünstig in den strahlenden jungen Tag. Zugleich schüttelt auch
+der junge Schiffersmann die letzte Dumpfheit der Nacht von sich und
+schreitet wacker aus, das Ziel zu erreichen.
+
+Als das Schiff im Torfhafen sich in die Reihe der anderen legte, die
+in den Morgenstunden auf den verschiedenen Wasserwegen angelangt
+waren, fand sich schnell ein Händler herzu, der Gerds Ware auf Schwere
+und Trockenheit untersuchte und ein Gebot abgab. Gerd nannte gelassen,
+beide Hände tief in die Hosentaschen vergraben, seinen Preis, der den
+Mann veranlaßte, ein Schiff weiter zu gehen. Auch mit einem zweiten
+und dritten wurde er nicht handelseins. Leidchen, die auf dem groben
+Kaipflaster hin und her ging, wollte schon ungeduldig werden und
+drängte ihn, die Ladung loszuschlagen. Aber ohne auf sie zu hören,
+steckte er sich die Pfeife an und wartete ruhig, bis jemand ihm auf
+eine halbe Mark entgegen kam. Dem verkaufte er seinen Torf. Während
+dessen Kumpwagen vorfuhr und die herandrängenden Brockelweiber mit dem
+Umladen begannen, zählte er mit großer Sorgfalt sein Geld, um dann
+noch jedes einzelne Stück auf seine Echtheit zu prüfen. Dies hatte er
+sich zur Gewohnheit gemacht, seit er einmal mit einem österreichischen
+Gulden angeführt war.
+
+Darauf rechnete er aus, was der Schwester und ihm als Marktgeld
+gehörte. Es ergaben sich sechs Mark und vierzig Pfennig, die er in
+die linke Hosentasche versenkte, während er die größere Summe in der
+rechten verstaute.
+
+»Ich will mein Geld selbst tragen,« erklärte Leidchen und streckte die
+Hand aus.
+
+»Bei mir ist es sicherer,« sagte er. »Auf dem Freimarkt gibt's viele
+Taschendiebe.«
+
+»Schadet nichts. Gib her, drei Mark und zwanzig Pfennig.« Sie stieß
+mit dem Hacken des linken Fußes energisch auf das Straßenpflaster und
+ließ ein billiges Portemonnaie hungrig auf und zu schnappen.
+
+»Du bist wohl albern?« rief Gerd verwundert. »Das Marktgeld richtet
+sich nach dem Lohn. Da! Hier hast du zwei Mark fufzig, damit kannst du
+dicke zufrieden sein.«
+
+Sie zog das Mäulchen erst ein wenig schief, wusselte dann aber das
+geschwollene Geldtäschchen vergnügt in ihre Rocktasche.
+
+Nachdem sie in einer nahen Gastwirtschaft ihren Morgenkaffee getrunken
+und sich festtäglich gekleidet hatten, machten sie sich auf den Weg in
+die Stadt.
+
+An der nächsten Straßenecke begann gerade ein junger, tirolermäßig
+aufgeputzter Orgeldreher sein Tagewerk mit: »Freut euch des Lebens,
+weil noch das Lämpchen glüht.« Leidchen blieb stehen und hatte ihren
+Spaß an der lustigen Weise, und an den lustigen Augen des flotten
+Kerls auch wohl ein wenig. Als er seinen Hahnenfederhut hinhielt,
+warf sie ihm einen ganzen Groschen hinein, worauf der Leiermann sich
+ritterlich verbeugte und sagte: »Küss' die Hand, schönes Fräulein.«
+
+Freudig errötend schielte Leidchen nach ihrem Bruder hinüber, um zu
+sehen, welchen Eindruck diese Anrede auf ihn machte. Der aber lächelte
+spöttisch und brummte: »Darauf brauchst du dir gar nichts einzubilden.
+Das sagt so'n Lümmel zu jedem alten Schrubber ... Was ich aber noch
+sagen wollte, wenn du jedem solchen Tagedieb einen Groschen gibst,
+bist du blank, ehe wir zum Marktplatz kommen.«
+
+Er begann jetzt, sie auf allerhand Dinge, die es in Brunsode nicht
+gab, erklärend aufmerksam zu machen, und hatte seine Freude an ihren
+verwunderten Augen und den Ausrufen des Staunens, die immer wieder
+über ihre Lippen kamen.
+
+So erreichten sie die Budenstadt, die Marktplatz und
+Liebfrauenkirchhof, Domshof und Domshaide bedeckte, und durchstreiften
+ihre Gassen in die Kreuz und Quer. Aber der Freimarkt schlief noch.
+Die Kuchentanten gähnten und kramten hinter ihren Süßigkeiten, die
+Schaubuden zeigten nur ihre grellbunten Lockbilder, die Karussellgäule
+schienen wie im Trab oder Galopp erstarrt. Nur wenig Menschen,
+meist vom Lande, bewegten sich, dem Anschein nach ohne sonderliches
+Vergnügen, zwischen den Budenreihen.
+
+Als sie sich die Beine müde gelaufen und die Augen satt gesehen,
+auch Honigkuchen, warme Würstchen, gefüllte Schokolade, Schmuddaal
+und andere gute Dinge genug gegessen hatten, stiegen sie, um endlich
+einmal von den Füßen zu kommen, in einen Keller hinab, in dem es nach
+Tabak, Bouillon und Harzkäse roch. Gerd bestellte für sich einen
+Bittern, für die Schwester einen Süßen. Auf dem rissigen Wachstuchsofa
+eines dämmerigen Winkels hockten sie vor ihren Gläsern, und Leidchen
+meinte, sie hätte sich den Freimarkt doch etwas anders vorgestellt.
+Aber Gerd vertröstete sie auf den Nachmittag, wo viel mehr los sein
+würde. Einstweilen lehnten sie sich in ihre Sofaecken und drusselten
+ein.
+
+Nach anderthalb Stunden, die sie zwischen Wachen und Schlafen ziemlich
+unbehaglich zugebracht hatten, erklärte der Wirt, mit der geringen
+Zeche unzufrieden, sein Lokal wäre kein Asyl für Obdachlose, und sie
+stiegen wieder zur Oberwelt empor.
+
+Sie waren noch keine hundert Schritt gegangen, als ein quer gehaltener
+Spazierstock ihnen den Weg versperrte und eine lustige Stimme rief:
+»Kinder und Leute, nun kuck mal einer an!«
+
+Es war Müllers Hermann, der mit lachenden Augen die Dorfgenossen
+und Schulkameraden anhielt und begrüßte, und dann umdrehte und sich
+zwischen sie schob.
+
+»Na, Leidchen, hast du denn schon ordentlich was gesehen?« wandte
+er sich an das Mädchen, ihr frisches, hübsches Gesicht verwundert
+betrachtend.
+
+»Och nee,« antwortete sie gelangweilt, »es ist hier nicht ganz viel
+los. Oder Gerd weiß nicht recht Bescheid.«
+
+»Na, denn muß ich wohl mal die Führung übernehmen,« sagte der Müller
+großartig.
+
+Sie kamen in eine belebtere Straße, in der nicht drei auf dem
+Bürgersteig nebeneinander Platz fanden. Da weder Hermann noch Leidchen
+Anstalt machten, aus der Reihe zu treten, mußte Gerd es tun, und über
+die ungebetene Gesellschaft nichts weniger als erfreut, trottete er
+hinter den beiden her.
+
+Auf dem Liebfrauenkirchhof wollte ein prächtiges Riesenkarussell sich
+soeben in Bewegung setzen. Der Motor arbeitete und das Läutewerk
+mahnte zu schleunigem Platznehmen. »Schnell, schnell,« rief Hermann,
+packte seine Begleiterin an der Hand und flog mit ihr die Rampe
+hinauf. Gerd beschleunigte seinen Schritt zwar auch, erreichte
+den Anschluß aber nicht mehr. Mit langem Gesicht sah er den unter
+rauschender Musik ihm Davonfahrenden nach.
+
+Als sie wieder erschienen, galoppierten sie auf zwei Schimmeln
+nebeneinander vor ihm vorüber. Leidchen, die den Damensitz schnell
+einem vor ihr dahersprengenden Ladenfräulein abgeguckt hatte, strahlte
+über das ganze Gesicht und nickte dem Bruder freundlich zu, während
+Hermann in lässig vornehmer Haltung mit der Hand leichthin und, wie es
+Gerd wenigstens schien, ein wenig spöttisch grüßte.
+
+Das nächste Mal waren die beiden Reiter so lebhaft miteinander im
+Gespräch, daß sie für den unten Stehenden kein Auge hatten. Gerd
+ärgerte sich wie ein Hund und trat einer Töchterschülerin auf die
+Zehen, die ihn anfauchte wie eine Katze.
+
+Als das Karussell hielt, wandte Leidchen sich glückstrahlend um und
+rief: »Junge, Junge, das geht aber schön! Komm doch und reit auch'n
+bißchen mit.«
+
+Er kletterte etwas ungelenk auf den Rappen, der hinter dem Schimmel
+seiner Schwester lief. Aber rechten Spaß machte ihm die Sache nicht.
+Die beiden beachteten ihn kaum, nur Leidchen drehte sich einmal um und
+lachte ihn an. Er kam sich als der Reitknecht des Pärchens vor, und
+als das Karussell stillstand, trat er zwei Schritt vor und sagte: »So,
+Leidchen, nun komm' man, jetzt ist's erst mal genug.«
+
+»Genug?« fragte sie erstaunt. »Mensch, wir fangen ja erst an.«
+
+»Du mußt dich noch ein bißchen gedulden,« erklärte ihr Ritter, »ich
+habe gleich ein Dutzendbillet genommen, daß wir erst mal in Stimmung
+kommen. Stimmung, weißt du, Gerd, ist auf dem Freimarkt alles. Steig
+auch man wieder 'rauf!«
+
+»Dafür ist mir mein Geld zu schade,« sagte er, verließ das Karussell
+und stellte sich unter die Zuschauer an das Geländer der Rampe.
+
+Als die beiden zum erstenmal wieder vorbeiritten, sahen sie ihm ins
+Gesicht und lachten in einer Weise, die ihm den Verdacht erweckte, der
+Müller hätte einen Witz über ihn gemacht. Da wandte er sich ab und
+tauchte in dem Gewühl einer Budengasse unter.
+
+Wie hatte er sich darauf gefreut, Leidchen die Wunder des Freimarktes
+zu zeigen! Nun kam auf einmal dieser Windmüller und verdarb ihm den
+ganzen Spaß, ja drängte ihn einfach beiseite.
+
+Er hatte nicht übel Lust, für den Rest des Tages den Gekränkten zu
+spielen, auf baldige Rückfahrt zu drängen und dem Freimarktsvergnügen
+ein schnelles Ende zu bereiten.
+
+Aber nein, das durfte er der Schwester doch nicht antun. Sie hatte
+sich zu lange auf diesen Tag gefreut. Vielleicht war es ja auch
+möglich, den Müller auf irgendeine Weise loszuwerden.
+
+»Echte Similibrillantringe, von fünfzig Pfennig an,« rief ein
+Budenfräulein, die Dinger glitzerten ihm in die Augen, und schnell
+entschlossen trat er heran, der Schwester ein Ringlein zu kaufen. Dann
+kehrte er langsam zum Karussell zurück.
+
+Er entdeckte Leidchen auf der Rampe, wie sie mit ängstlichen Augen die
+hin und her wogende Menge absuchte. Als sie seiner ansichtig wurde,
+kam sie schnell und froh auf ihn zu und rief: »Oh, ich war schon
+bange, wir hätten uns verloren. Ein Glück, daß du wieder da bist.«
+
+»Ist Hermann weggegangen?« fragte Gerd schnell.
+
+»Er ist hin und sucht dich. Ich sollte hier auf euch warten.«
+
+»Ach so ... Leidchen, ich will dir mal was sagen. Was sollen wir den
+ganzen Tag den fremden Menschen mit uns herumschleppen? Komm schnell,
+ich zeige dir alles, was du sehen willst!«
+
+»Och nee, zu dreien macht es mehr Spaß.«
+
+»Deern, ich schenk dir auch was. Guck mal, dies hab' ich für dich
+gekauft!«
+
+Er ließ seinen Brillanten funkeln und schob ihr den Ring auf den
+Finger.
+
+»Ei, ei!« rief sie bewundernd.
+
+»Nun komm aber auch!«
+
+»Gerd, ich hab' versprochen ...«
+
+»Ich geb' dir auch noch fünf Groschen von meinem Marktgeld ab. Dann
+hast du beinah ebensoviel wie ich, und wenn du den Ring mitrechnest,
+sogar mehr. Komm!«
+
+»Endlich hab' ich euch wieder!« rief der Müller, sich durch das
+Menschengewühl auf die Geschwister zuschiebend.
+
+Gerd biß sich voll Grimm auf die Unterlippe. Leidchen hielt dem
+Ankömmling ihre geschmückte Hand vor das Gesicht: »Guck mal, was Gerd
+mir geschenkt hat!«
+
+»Mädchen, hast du aber Glück!« sagte dieser lachend und wickelte aus
+einem Stückchen rosa Seidenpapiers ebenfalls einen Ring, den er ihr an
+den Ringfinger der anderen Hand steckte. Gerd sah zu seinem großen
+Verdruß, daß er drei Brillanten trug und auch feiner gearbeitet war
+als der seine.
+
+Und dann wurde er von einer Schaubude zur anderen geschleppt.
+Ein Jammer war's, wie das schöne Geld in der linken Hosentasche
+zusammenschmolz. Bald mußte er schweren Herzens gar eine Anleihe in
+der rechten machen.
+
+Endlich erklärte er, nun wär's aber wirklich genug, und sie
+müßten nach Hause. Doch die beiden nahmen ihn in die Mitte,
+Leidchen schmeichelte und streichelte, der Müller bot seine ganze
+Liebenswürdigkeit auf, und schließlich willigte er noch in einen
+Besuch des Zirkus auf dem Grünen Kamp. Hermann bezahlte auch für ihn
+die Eintrittskarte.
+
+Als die Vorstellung aus war, sagte er: »Nun ist's aber allerhöchste
+Zeit; marsch zum Torfhafen!« Aber Leidchen erklärte, sie wäre sehr
+hungrig, und da Hermann zu einem Abendimbiß einlud, gab er wieder
+nach. Vor der anstrengenden nächtlichen Fahrt etwas Solides zu essen,
+konnte ja nicht schaden.
+
+Sie kamen an mehreren Restaurationen vorüber, aber keine war dem
+Müller gut genug. Endlich, als sie wieder auf dem Markt angelangt
+waren, wies er auf eine nach unten führende Treppe, indem er sagte:
+»Nun man hinein ins Vergnügen!«
+
+»Mensch, das ist ja der Ratskeller!« rief Gerd erschrocken und blieb
+stehen. »Das ist nichts für unserer Art Leute.«
+
+Aber Leidchen sagte freudig erregt: »Vom Ratskeller hab' ich schon in
+der Schule gehört,« und stieg munter die Stufen hinab. Ihrem Bruder
+blieb wieder einmal nichts übrig, als hinterdrein zu trotten.
+
+Sie schoben sich langsam durch das Menschengewühl der von Weindunst,
+Zigarrenqualm, Stimmengewirr und Konzertmusik erfüllten Säle, Gänge
+und Kellerräume und fanden endlich ein freies Tischchen, an dem sie
+sich niederließen. Der Kellner mußte eine Flasche Rüdesheimer bringen.
+
+Als Hermann eingeschenkt hatte, erhob er seinen Römer und sagte: »Auf
+unsere alte Freundschaft!«
+
+Leidchen ließ hell ihr Glas erklingen, Gerd dagegen kam mit seinem
+schräg von unten herauf, daß es hart klappte, und brummte: »Die ist
+nie dick gewesen.«
+
+Hermann schob sein Glas vor und legte sich behaglich über den Tisch:
+»Na ja, wir haben uns auch wohl mal in den Haaren gelegen, wie sich
+das bei ein paar richtigen Jungens von selbst versteht, aber schön
+war's doch, vor allem, als der alte Krischan Lenz noch in seinem
+Armstuhl saß. Weißt du noch, unsere Schneeballschlachten? Und wenn
+wir auf dem Schiffgraben Schlittschuh liefen und über die Klappstaue
+sprangen ... oder durch die Hammewiesen und das St. Jürgensfeld
+sausten und Schmuggler und Kontrolleur spielten? Aber trinkt auch mal,
+der Tropfen ist nicht schlecht, prosit! ... Ach ja, die schöne Zeit
+kommt nicht wieder. Ihr mögt mir's glauben oder nicht, manchmal habe
+ich ordentlich Sehnsucht nach unserm Moor. Früher haben die Leute
+es ja verachtet, aber jetzt wird's auf einmal hoch geehrt. Neulich
+schrieben sie in den ›Nachrichten‹ viel von den Männekens, die seit
+ein paar Jahren auf dem Weiher Berg sitzen und pinseln. Wir sehen
+sie ja auch oft genug in unserm Dorf herumstehen und umschichtig
+zwischen der Natur und ihrem Stück Leinwand hin und her glotzen. Ihre
+Bilder waren hier in der Ausstellung zu sehen, und als ich zufällig
+vorbeikam, ging ich eben mal hinein. Da hingen unsere Torfgräben und
+Moorlöcher und Heuschiffe ganz natürlich abkonterfeit in goldenen
+Rahmen an der Wand, und die Leute machten ein Leben davon, als ob sie
+nicht recht klug wären. Auch Möschemeyers Anntrin ihre Erdhütte, die
+neulich eingefallen ist, war da zu sehen, und das alte Bettelweib
+guckte mit ihren roten Hexenaugen aus der Türluke, und 'ne feine
+Dame, ganz in blauer Seide, stand davor, hielt sich 'ne Brille mit'm
+Stiel über die Nase und schwögte in einem fort: ›Wie malerisch, wie
+entzückend, wie reizend!‹ Prost, Kinder, unser Düwelsmoor soll leben!«
+
+Sie stießen an, und diesmal gaben alle drei Gläser guten Klang.
+Dann bestellte Hermann zu essen, und sie ließen es sich schmecken.
+Leidchen, die mit Freuden bemerkte, daß die Laune ihres Bruders sich
+verbesserte, erzählte lustige Geschichten aus den Kindertagen, in
+denen er eine Rolle spielte, und tat alles, was sie konnte, um die
+beiden alten Gegner voreinander in das beste Licht zu setzen, wobei
+der Ratskellerwein ihr nicht wenig half.
+
+Als sie gesättigt waren, traten sie einen Rundgang durch die
+Kellerräume an. Dem Freimarkt zu Ehren waren sie alle geöffnet,
+auch die, welche sonst der Kellner mit dem Schlüsselbund nur gegen
+Entgelt zu zeigen pflegt. Leidchen in der Mitte, Arm in Arm, um in
+dem ausgelassenen weinfröhlichen Treiben einander nicht zu verlieren,
+schoben sie sich durch das Gedränge.
+
+»Guck an, Jan vom Moor, da bist du ja auch!« rief ein junger Mensch
+und klopfte Gerd vertraulich auf die Schulter.
+
+»Ich kenn' dich nicht,« brummte er mit finsterm Gesicht.
+
+»Was? Du kennst mich nicht? Ich bin doch der Hinnerk aus der
+Lammer-Lammerstrat Nr. 13, drei Treppen hoch links um die Eck' herum,
+grade aus, dritte Tür rechts. Junge, Jan, was hast du da für 'ne
+hübsche Trina am Arm!«
+
+Ehe Gerd dazu kam, etwas zu entgegnen, hatte das Gedränge ihn von dem
+Bruder Lustig getrennt. »Wenn Freimarkt ist, sind sie alle verrückt,«
+sagte Hermann lachend.
+
+Nachdem die drei Bacchus, Frau Rose und den zwölf Aposteln, die auch
+alle ein sehr vergnügtes Gesicht machten, ihren Besuch abgestattet
+hatten, kehrten sie an ihren Tisch zurück und begannen mit der zweiten
+Flasche. »Leidchen, Leidchen,« sagte Gerd mit bösem Gewissen, »wir
+müssen nach Hause.«
+
+»Wenn wir diesen Buddel leer haben,« antwortete der Müller, »könnt ihr
+meinetwegen reisen ... Ich beneide euch um die schöne Fahrt.«
+
+»Du kannst ja ein bißchen mitfahren,« rief Leidchen.
+
+»Deern, das ist'n Gedanke ...«
+
+»Unsinn!« knurrte Gerd, »du mußt morgen früh auf deiner Mühle sein.«
+
+»Das ist nicht so ängstlich, zur Freimarktszeit lassen die Leute sich
+was gefallen. Hab' meine Alten doch lange nicht gesehen. Zum Kuckuck,
+ich fahr' mit euch!«
+
+»Du weißt ja gar nicht, ob wir dich mitnehmen.«
+
+»Oh, das tut ihr doch wohl sacht. Nicht wahr, Leidchen?«
+
+»Ja, gern.«
+
+»Ha, die Deern kann wohl ja sagen, ich hab' die Quälerei davon. Es
+geht flußaufwärts.«
+
+»Wenn anders nichts ist ... ich löse dich mal ab. Also abgemacht, ich
+fahr' mit euch.«
+
+Gerd brummte noch etwas, aber man konnte es schon als Zustimmung
+nehmen.
+
+»Das wird ein Spaß,« sagte Leidchen und trommelte mit den Fingern auf
+den Tisch. -- --
+
+Die Nacht war still, kühl und voll funkelnder Sterne. Das Schiff zog
+unter leisem Wellengeplätscher seine nebelverschleierte, mattglänzende
+Bahn, Gerd stand und handhabte das Stangenruder.
+
+Seine Fahrgäste saßen vor ihm auf der Segelbank. Was hatten die beiden
+in den drei Stunden, seit sie den Torfhafen verlassen, nicht alles
+zusammengeschwatzt! Es war rein zum Verwundern, wo sie noch immer
+wieder Stoff hernahmen, und was sie aus den nichtigsten Dingen zu
+machen wußten. Es hörte sich ganz nett an, und die Stunden waren ihm
+beim Zuhören kurzweilig hingestrichen. Endlich schien es aber doch,
+als ob den Plappermühlen der Wind ausgehen wollte. Und seit einigen
+Sekunden standen sie wirklich still.
+
+Plötzlich richtete Gerd sich auf, um mit angehaltenem Ruder vor sich
+durch das Dunkel zu horchen und zu spähen. War das da drüben nicht ein
+Geflüster? Und wo war Hermanns Hand geblieben, die vor kurzem noch auf
+seinem Knie lag?
+
+»Hermann!«
+
+»Was ist los?«
+
+»Hier hast du das Ruder. Komm und löse mich mal ab.«
+
+»Ach Gerd, ich habe im Staken keine rechte Übung.«
+
+»Was hast du mir versprochen? Oder willst du lieber hier in den Wiesen
+aussteigen?«
+
+»Man nicht gleich so grob,« brummte der Müller, sich langsam und
+widerwillig erhebend.
+
+Kaum hatte er den Platz des Schiffers eingenommen, als das Boot
+seine Richtung verlor, dem Ufer zuschoß und sich in den raschelnden
+Schilfwald bohrte. Bei den ungeschickten Versuchen, es loszubringen,
+verfuhr es sich nur noch mehr. Im Schlaf aufgeschrecktes Sumpfgevögel
+erhob sich mit schrillem Gekreisch und Flügelgeklapper, um klatschend
+irgendwo wieder einzufallen.
+
+Gerd, der neben seiner Schwester saß, rieb sich voll ingrimmiger
+Schadenfreude die Hände zwischen den Knien und spottete: »Mich soll
+bloß wundern, wo dieser Windmüller mit uns hin will.«
+
+Leidchen stieß ihn an und sagte: »Er sitzt fest, hilf ihm doch wieder
+heraus.«
+
+»So war er schon in der Schule,« fuhr Gerd fort zu höhnen, »immer ein
+Wort wie'n Bein dick, aber wenn man genauer zusah, nichts als Wind vor
+der Hoftür.«
+
+Endlich warf Hermann, der vergeblichen Anstrengungen müde, die schwere
+Eichenstange in das Schiff, daß es dumpf durch die Nacht klang, und
+setzte sich abgerackert und pustend auf den Bordrand.
+
+»Wie so'n Mutterjunge gleich zusammenklappt!« spottete Gerd.
+
+Leidchen gab ihm einen kräftigeren Stoß mit dem Ellbogen: »Zu! Stak'
+du doch wieder!«
+
+Da er keine Anstalt machte, stand sie selbst auf, nahm ein kürzeres
+Handruder und sagte: »Komm, Hermann, ich helf' dir. Ich glaub', wir
+sitzen auf einem Pfahl. Stemm' die Stange tüchtig ein, so ist's recht.
+Eins -- zwei -- drei! Es hat sich schon bewegt. Noch einmal, feste.
+Eins -- zwei --«
+
+Auf drei wurde das Schiff frei, fiel Leidchen auf ihren Bruder,
+stürzte der Müller über Bord. Es gab einen großen Plumps.
+
+Gerd lachte schallend, dröhnend. »So ist's recht,« rief er, »ein
+bißchen Abkühlung tut dir gut nach dem Freimarktsdusel.«
+
+Als er seinem prustenden, klatschnassen Fahrgast aus dem sumpfigen
+Schilfwasser ins Schiff zurückgeholfen hatte, fischte er auch das
+Stangenruder heraus und brachte das Fahrzeug mit ein paar Stößen
+wieder auf die Mitte des Flusses.
+
+Leidchen kam mit dem Torflaken, das zum Schutz gegen Regen über die
+Ladung gebreitet wird, um den Durchnäßten abzutrocknen. Dieser ließ
+sich solche Fürsorge gern gefallen, gewann seine gute Laune schnell
+zurück, und bald saß er, von Kopf zu Fuß in das Laken gehüllt, wieder
+auf der Segelbank neben ihr und machte einen Witz über den anderen.
+
+»Es wird kälter,« sagte Gerd, »leg' dich in die Koje, Leidchen, und
+schlaf!«
+
+»Mich friert gar nicht.«
+
+»Hast du mich verstanden?«
+
+»Ich lege mir noch ein Tuch um.«
+
+»Du sollst verschwinden, hast du mich verstanden?«
+
+»Aber Gerd,« mischte sich der Dritte ein, »wenn sie lieber ...«
+
+»Wer ist hier Herr im Schiff? Leidchen, wird's bald?«
+
+Er hob drohend das Stangenruder.
+
+Da stand sie auf und ging trotzig aufstampfend nach vorn. Hermann, der
+sich gleichfalls erhoben hatte, hielt ihr den Kojendeckel, bis sie
+sich im knisternden Stroh zurecht gelegt hatte, wünschte Gute Nacht
+und schloß behutsam über ihr. Dann legte er sich, in das Torflaken
+gehüllt, auf den Boden des Schiffes. Gerd riet ihm, das Segel ein
+wenig zu lösen und sich hineinzudrehen, was er sich nicht zweimal
+sagen ließ; denn die nassen Kleider und die Kühle der Herbstnacht
+machten sich unangenehm genug bemerkbar.
+
+»Endlich Ruhe im Schiff,« murmelte Gerd und gab sich seinerseits dem
+gewohnten, halbschlafähnlichen Dösen hin, mit dem er die Nachtstunden
+auf der Hamme zu kürzen pflegte. -- --
+
+»Guten Morgen, Gerd!«
+
+»Guten Morgen. Schön geschlafen?«
+
+»Prrr! Eine schändliche Kälte!«
+
+»Das hast du dafür. Warum bleibst du nicht, wo du hingehörst?«
+
+Nach einer Weile richtete der Fahrgast sich etwas auf und begann,
+gegen die Segelbank gelehnt, von neuem:
+
+»Gerd, ich möchte wohl mal ein vernünftiges Wort mit dir reden.«
+
+»Da bin ich begierig.«
+
+»Ich kümmere mich nicht gern um anderer Leute Sachen.«
+
+»Mag auch ebensogut sein. Jeder hat genug mit seinen eigenen zu tun.«
+
+»Ja, aber wenn des Nachbars Haus brennt, kann einer das doch nicht
+ruhig mit ansehen.«
+
+»Aber Mensch, nun sag', was du zu sagen hast!«
+
+»Wenn ich meine ehrliche Meinung sagen soll, du fängst das mit
+Leidchen nicht richtig an.«
+
+»Nun hör' mal einer an!«
+
+»Wenn du mir nicht zuhören willst, kann ich ja auch den Mund halten.«
+
+Nachdem Gerd eine Strecke schweigend sein Schiff gestakt hatte, sagte
+er zögernd: »Hermann, meinetwegen sprich dich mal rein aus.«
+
+»Gerd,« begann der Müller, »ich hab' dich gestern immer wieder
+angucken müssen. Auf dem Freimarkt werden sonst alte Brummpeter sogar
+wieder lustig, aber du hast den ganzen Tag ein Gesicht gemacht, wie
+ein Pott Sauermilch ... als ob du Leidchen das bißchen Vergnügen nicht
+gönntest ... als ob sie dich jedesmal um Erlaubnis fragen müßte, wenn
+sie mal lachen will. Wenn sie mich nicht gehabt hätte, hätte sie
+ebensogut zu Hause bleiben können. Und vorhin hast du sie in die Koje
+geschickt, wie ich unsern Hund nicht in seine Hütte jage. So könnte
+man's vielleicht mit einer Schlafmütze von Deern machen, die knapp
+weiß, daß sie lebt. Aber, glaube mir, ein Mädchen wie deine Schwester
+läßt sich solche Behandlung auf die Dauer nicht gefallen. Wenn der
+Fuhrmann die Zügel gar zu scharf anzieht, schlägt ein edles Pferd, das
+Blut und Feuer in sich hat, über die Stränge.«
+
+Gerd schwieg eine Weile, etwas betroffen. Dann sagte er: »Leidchen
+weiß ganz gut, wie ich's meine.«
+
+»Gewiß meinst du es gut,« fuhr der andere fort, »aber es geht nirgends
+bunter her, als in der Welt, und die gute Meinung allein tut's da
+nicht. Sieh, Leidchen hat Temperament und Rasse, und du bist von Natur
+ruhig und solide. Da kannst du doch unmöglich verlangen, daß sie
+genau so sein soll wie du bist. Das ist nicht jedem gegeben, mir zum
+Beispiel auch nicht, aber darum kann unsereins doch ein ordentlicher
+und anständiger Mensch sein.«
+
+»Wie kommst du dazu, dies alles herzukriegen?«
+
+»Das will ich dir ganz genau sagen: Leidchen ist 'ne kleine nette
+Deern, die feinste in unserm ganzen Dorf. Es hat mir Spaß gemacht, ihr
+mal den Freimarkt zu zeigen. Da tut es mir nun weh, daß immer so'n
+Buhmann und Landgendarm hinter ihr her sitzt.«
+
+»Hoho! Wenn sonst keiner hinter ihr her sitzt, soll's schon gehen.«
+
+»Nichts für ungut, Gerd. Du wolltest ja, ich sollte mich rein
+aussprechen. Du kannst deshalb doch machen, was du willst. Aber ich
+wollte dies doch gesagt haben, weil ich es gut mit euch beiden meine.«
+
+»Wir müssen jetzt aussteigen,« sagte Gerd, der inzwischen das Schiff
+in den Graben gelenkt hatte und vor dem ersten Klappstau anlegte, »du
+kannst Leidchen auch wecken.«
+
+Hermann öffnete die Koje und rief sie beim Namen. Als sie langsam
+hochkam, sagte er: »Deern, Deern, du kannst dich freuen, daß du den
+warmen Unterschlupf gehabt hast. Mich hat jämmerlich gefroren.«
+
+Sie sandte durch das dämmernde Grau der Frühe dem Bruder einen bösen
+Blick zu, aber der andere fuhr fort: »Ein Bruder, der so fürsorglich
+ist und an alles denkt, wie Gerd, ist gar nicht mit Geld zu bezahlen.«
+Dann legte er sich vorne ins Tau und half kräftig, das Schiff die
+vielen Staue hinaufzubringen.
+
+Als sie bei der Mühle ankamen, legte er Leidchen das Seil über
+die Schultern, gab den Geschwistern die Hand, man bedankte sich
+gegenseitig, und er schritt seinem stattlichen Elternhause zu, indes
+die beiden ihre Fahrt fortsetzten, sie in der Leine und ziehend, er
+mit dem Ruder das Schiff vom Ufer haltend und schiebend.
+
+Als sie eine Stunde später das Fahrzeug im Schauer geborgen hatten und
+dem Hause zu gingen, sagte Gerd, mit einiger Überwindung: »Ich glaube,
+ich bin ein bißchen unfreundlich und verdrießlich gewesen.«
+
+»So? Wenn du das nur einsiehst!«
+
+»Es wär' besser gewesen, wir wären unter uns geblieben.«
+
+»Nun soll natürlich Hermann die Schuld haben!«
+
+»Aber Mädchen, ich hab' ja kein Wort gegen ihn gesagt. Ich glaube
+jetzt sogar, daß er im Grunde besser ist, als ich früher meinte. Das
+heißt, so ganz traue ich ihm immer noch nicht ...«
+
+Polli, der gelbe Fixköter, kam aus dem Hühnerloch neben der großen Tür
+gekrochen und begrüßte die heimkehrenden Freimarktsfahrer mit Gebell,
+Schwanzwedeln und Anspringen.
+
+
+
+
+ 6.
+
+
+An der Peperschen Stelle Nr. 18 haftete seit alten Zeiten die
+Schankgerechtigkeit.
+
+Klaus Hinrich Peper hatte sich aus dieser all seine Lebtage nicht viel
+gemacht. Es war oft genug vorgekommen, daß er halbwüchsige Burschen
+nach dem zweiten Glas heimschickte, weil sie nun genug hätten, und
+daß die geistigen Getränke ihm gerade dann ausgingen, wenn die Gäste
+anfingen, mit der Faust auf den Tisch zu schlagen. Die ungebührlich
+vorgehende Wanduhr führte die Polizeistunde stets viel zu früh herauf,
+und doch wurde sie aufs pünktlichste innegehalten.
+
+Dieses Unikum von Wirt war vor zwei Jahren Todes verblichen, und
+sein Sohn und Erbe Heini hatte mit einem derart rückständigen und
+unzeitgemäßen Betriebe des Wirtsgewerbes sofort gründlich gebrochen.
+Es dauerte kein halbes Jahr, so war die große Lehmdiele mit glattem
+Holzfußboden versehen, und die Polizeibehörde wurde mit Gesuchen um
+Erlaubnis von Tanzbelustigungen bestürmt.
+
+Aber der Herr Landrat machte neuerdings Schwierigkeiten, nachdem auf
+der letzten Synode nicht nur die Geistlichkeit über die zunehmende
+Vergnügungssucht im Bezirk geklagt, sondern auch ein alter Bauer
+mit mächtiger Hakennase seine derbe, plattdeutsche Rede in den Ruf
+hatte ausklingen lassen: »Landrat, werde hart!« Um sich an der
+Kirche zu rächen, beschloß Heini, nicht mehr zum Abendmahl zu gehen,
+und den Staat, der mit jener unter einer Decke spielte, wollte
+er sein Mißfallen durch einen roten Stimmzettel bei der nächsten
+Reichstagswahl fühlen lassen.
+
+Was blieb einem strebsamen Wirt unter diesen Umständen anders übrig,
+als Vereine zu gründen?
+
+Aber damit bewies Pepers Heini -- der Kindername war ihm bis in sein
+Mannesalter treugeblieben -- anfangs keine glückliche Hand. Die
+Mitglieder des Kegelklubs »Gut Holz« waren halbwüchsige Bengels,
+die viel Radau machten, aber leider sehr wenig verzehrten. Der
+Radfahrerverein »Pfeil« entführte seine Leute in die Umgegend zur
+Konkurrenz. Der Patriotismus wollte sich nicht auf Heinis Mühle leiten
+lassen, weil die Krieger von Brunsode und Umgegend um seiner schönen
+Augen willen das Miteigentumsrecht an dem Vermögen des Kriegervereins
+im Kirchdorf nicht aufgeben wollten.
+
+So saß Heini denn eines Abends mit seiner Frau Adeline, die
+ebensowenig Lust zur Arbeit hatte wie er, aber um so lieber sich
+putzte und mit den Gästen schön tat, wieder mal beratschlagend in der
+Gaststube, als er sich plötzlich aufs Knie schlug und rief: »Deern,
+wir versuchen's mal mit einem Gesangverein!« Sie redeten darüber hin
+und her, wurden gutes Muts dabei und tranken auf das Wohl des neuen
+Vereins: Frau Adeline einen Pfeffermünz, Heini zwei Klare und einen
+Magenbitter.
+
+Zwei Tage später war das Bauernmal vom Gemeindevorsteher entboten,
+den Damm im unteren Dorf frisch zu besanden, wie es von Zeit zu Zeit
+nötig ist, wenn Pferdebeine und Wagenräder nicht in dem moorigen
+Dammkern versinken sollen. Ein Teil der Mannschaften grub den Sand
+oben auf Stelle Nr. 19, wo er ziemlich hoch unter der Moorschicht saß,
+andere schafften ihn in Torfbooten an den Damm, woselbst die übrigen
+ihn auf Karren auseinanderschoben und mit Schaufeln ausbreiteten.
+Dabei wurde mancher Mundvoll geschnackt, wie es bei Arbeiten für
+die Gemeinde üblich ist. Harm Mehrtens, der Vorsteher, saß auf dem
+Geländer einer Hofbrücke, schmökte seine Pfeife und führte die
+Aufsicht.
+
+Gerd Rosenbrock hatte gerad' seine Karre wieder einmal umgekippt, als
+August Stelljes, der junge Bauer von Nr. 16, ihn ansprach:
+
+»Gerd, sag' mal: hast du Begabung zum Singen?«
+
+Der Gefragte stellte seine Karre hin: »Oh ... in der Schule hab' ich
+die zweite Stimme ganz gut halten können.«
+
+»Was meinst du, wenn wir hier auch so 'nen Männergesangverein
+gründeten, wie sie ihn in Hasenwede und Grünmoor und Meinsdorf schon
+lange haben?«
+
+»Das wär'!« rief Gerd überrascht und erfreut. »Ich tret' auf der
+Stelle bei.«
+
+»Die Sache wird sich wohl machen, Pepers Heini hat gestern schon mit
+dem Schullehrer gesprochen, und der hat auch wohl Lust,« fuhr August
+fort. »Wer von euch im oberen Dorf mag wohl noch mittun?«
+
+Gerd dachte nach und nannte einige Namen, versprach auch, mit diesem
+und jenem darüber zu reden. Dabei schnackten sie sich so fest, daß
+der Gemeindevorsteher zuletzt mit dem Mundstück seiner Pfeife auf
+ihre Karren deuten mußte, damit sie ihre Arbeitspflicht der Gemeinde
+gegenüber nicht ganz und gar vergäßen.
+
+Niemand war über Heinis neuesten Plan glücklicher als Gerd Rosenbrock,
+und er beschloß, alles aufzubieten, daß aus der Sache etwas würde.
+Es kamen ja nun wieder die langen Winterabende. Für einen, der keine
+Lust hatte, sich herumzutreiben, waren sie über die Maßen langweilig.
+Da hockten sie in der Stube beieinander: Jan lag mit dem Kopf auf dem
+Tisch und schlief, Trina flickte Kinderzeug, Leidchen spann, und er
+selbst, Gerd, strickte Strümpfe oder schnitzte Wurststicken. Gegähnt
+wurde viel, gesagt wenig und meist nur solches, was ebensogut ungesagt
+hätte bleiben können. Jeder freute sich, wenn die Uhr endlich so weit
+war, daß man mit Anstand ins Bett steigen konnte. Wenn da nun jede
+Woche mal so einen Singeabend brächte ... Junge, Junge, das wäre fein!
+Und sofort begann er zu werben, und alle, die er haben wollte, gewann
+er auch für die Sache. Denn was er einmal betrieb, das betrieb er mit
+einem Nachdruck, dem der Erfolg nicht leicht fehlen konnte.
+
+Drei Tage später wurden von Nr. 18 aus Laufzettel die Dorfreihe
+hinauf- und hinabgeschickt, die zur Gründungsversammlung eines
+Männergesangvereins einluden und unterzeichnet waren: »Der
+Einberufer.« Solche meist in köstlicher Orthographie abgefaßte
+Oktavblättchen, die der Nachbar zum Nachbarn weiterzubefördern
+gehalten ist, sind in Brunsode die ortsübliche Bekanntmachung.
+
+Zu der auf dem Laufzettel angegebenen Stunde füllten an die dreißig
+Stellbesitzer, Haussöhne und Knechte -- trennende soziale Unterschiede
+kennt das Kleinbauerntum des Moores kaum -- Heini Pepers Gaststube
+bis auf den letzten Platz und qualmten, priemten, spuckten für
+Gewalt. Frau Adeline, hochbusig, von einem ölig glänzenden Haartempel
+überragt, ein kokettes Lächeln im Gesicht, bediente den kürzlich
+angeschafften Kohlensäureapparat, während ihr Heini, der sich so recht
+in seinem Elemente fühlte, mit den Biergläsern sprang.
+
+Endlich erscheint auch Herr Timmermann, bei dessen Eintritt die
+ohnehin nicht sehr lebhafte Unterhaltung plötzlich wie abgeschnitten
+ist. Er hat nämlich mit den Brunsodern noch keinen Scheffel Salz
+gegessen. Nachdem man sich daran gewöhnt hat, daß er Urlaub nur in
+Notfällen gibt und auf ruhm- und trostreiche Leichenpredigten als
+nicht zu seinem Amt gehörig sich überhaupt nicht einläßt, gilt er der
+Mehrheit aber doch schon als ein »anständiger Junge«, und einige,
+denen es lieb ist, daß er die Jugend »schärfer lernt« als der selige
+Lenz, halten ihn bereits gar für einen »alten ehrlichen Burschen«. Und
+mehr kann einer wirklich nicht verlangen, der erst vor vier Jahren von
+der Wasserkante her als Fremdling ins Land kam.
+
+Auf Heini Pepers Ersuchen nimmt Herr Timmermann bald das Wort. Indem
+er mit der langen, schmalen Hand die auf ihn zuwogenden braungelben
+Tabakswolken zur Seite lenkt, spricht er seine Freude darüber aus,
+daß der edle deutsche Volksgesang, diese wunderbare Blüte, aus der
+Tiefe der deutschen Volksseele emporgeblüht, nun auch in Brunsode
+eine Pflegstätte finden soll. Als ganz junger Lehrer würde er das
+noch viel schöner und poetischer gesagt haben; die vier Jahre unter
+den Bauern hatten ihn doch schon ein gut Teil sachlich schlichter
+gemacht und seine Ausdrucksweise dem höheren Aufsatzstil entfremdet.
+Er schloß seine Ausführungen damit, daß er sich bereit erklärte,
+die musikalische Leitung des zu gründenden Vereins zu übernehmen,
+allerdings unter der Voraussetzung und Bedingung, daß die regelmäßigen
+Übungen in der Schule stattfänden.
+
+Heini, der vorhin mehrere Male Bravo gerufen hatte, machte ein
+langes Gesicht und sah seine Frau an, die ein dummes zur Schau trug.
+Dann zwinkerte er mit seinen Fuchsaugen Freund August Stelljes zu.
+Aber der war kein Redner und getraute sich nicht. Es blieb ihm also
+nichts übrig, als selbst das Wort zu ergreifen. Was so die echte,
+rechte deutsche Gemütlichkeit wäre, begann er, die käme in so einem
+Schulzimmer mit seinen peinlichen Erinnerungen nicht auf, womit er
+natürlich nichts gegen die Schule an sich oder den Herrn Lehrer
+gesagt haben wolle. Aber die alten Deutschen hätten immer noch eins
+getrunken, und die jungen Deutschen liebten einen guten Tropfen frisch
+vom Faß ebenfalls, und das brauche er wohl kaum zu erwähnen, wie
+leicht gerade beim Singen die Leber trocken würde.
+
+August Stelljes und noch einige lachten, nickten und riefen Bravo,
+Herr Timmermann zuckte die Achseln.
+
+Eine ganze Weile sagte niemand etwas, nur im Flüsterton wurde hier
+und da an den Tischen beraten, bis endlich Wilhelm Behnken Nr. 22,
+den das Vertrauen des Dorfes zum Schulvorsteher, Beigeordneten des
+Gemeindevorstehers und Kanalgeschworenen gemacht hatte, sich räusperte
+und trocken erklärte, er stimme auch für die Schulstube; denn in einem
+Gesangverein wäre nach seiner Ansicht das Singen die Hauptsache.
+
+Jetzt war die Zeit gekommen, das Eisen zu schmieden, fiel es wie
+eine Erleuchtung über Herrn Timmermann, er schnellte in die Höhe
+und fragte: »Ist jemand gegen den Antrag des Herrn Schulvorstehers
+Behnken?« Es erhob sich wohl ein Brummen, aber kein Finger. »Also
+einstimmig angenommen. Wie wollen wir uns nennen? Ich schlage vor:
+Männergesangverein Feierabend. Das klingt bescheiden und traulich
+zugleich. Ich sehe, daß alle einverstanden sind. Wir schreiten nunmehr
+zur Vorstandswahl. Ich erlaube mir vorzuschlagen: Herrn Wilhelm
+Behnken als Präsidenten, Herrn Heini, pardon, Heinrich Peper als
+Vizepräsidenten, meine Wenigkeit zum Dirigenten und Schriftführer.
+Ferner Herrn Johann Segelken als Kassenwart, und endlich, damit auch
+die jüngere Generation vertreten ist, was ich für wünschenswert halte,
+Herrn Gerd Rosenbrock als Beigeordneten. Ist jemand gegen diese
+Liste? ... Ich stelle fest, daß dies nicht der Fall ist und frage die
+genannten Herren, ob sie die Wahl annehmen.«
+
+»Zur Geschäftsordnung!« rief Heini Peper, mit ausgestrecktem Finger
+vorspringend.
+
+»Bedaure sehr, Herr Peper, eine Geschäftsordnung besitzen wir
+noch nicht, können aber im Vorstand mal eine machen. Ich darf
+wohl die Erklärung abgeben, daß der gesamte Vorstand, für das ihm
+bewiesene Vertrauen dankend, die Wahl annimmt, und lasse jetzt
+die Mitgliederliste herumgehen, in die ich Namen und Hausnummer
+einzutragen bitte.«
+
+Neunzehn der Anwesenden zeichneten sich sofort ein. Einige, denen als
+Leuten mit etwas langer Leitung die Sache gar zu fix gegangen war,
+wollten sich noch besinnen, andere hielten es für besser, erst ihre
+Frauen zu fragen.
+
+Die Ansichten über Lehrer Timmermann gingen diesen Abend auseinander.
+Heini Peper meinte, er hätte die Leute wie Schulkinder behandelt,
+und man wäre dumm genug, daß man sich so was gefallen ließe. Karsten
+Brammer, der Dorfpolitikus, kratzte sich hinterm Ohr und sagte:
+»Donnerschlag! Wenn der Reichstag solchen Präsidenten hätte, könnte
+er was beschicken.« Gerd Rosenbrock war dem Lehrer für die ihm so
+unerwartet zugeschanzte Ehre dankbar und mußte sich die nächsten Tage
+öfter selbst warnen, daß er den Kopf nicht zu hoch trug. -- --
+
+Einmal hatte Herr Timmermann den Vorstand zu einer Sitzung eingeladen,
+und während die übrigen auf sich warten ließen, war Gerd auf die
+Minute pünktlich erschienen. Da kamen die beiden ins Gespräch, und
+es machte sich so, daß der Lehrer seinen Gast fragte, wie er seine
+Abende zubrächte. Darauf konnte dieser nichts Rechtes sagen. Ob er
+nicht Lust hätte, mal ein gutes Buch zu lesen, fragte der andere
+weiter. Och ja, meinte Gerd, wenn er eins für ihn wüßte. Herr
+Timmermann langte nach seinem Bücherbord und nahm einen Band heraus,
+den er in ein Zeitungsblatt wickelte und, um freundliche Schonung
+bittend, für den jungen Sangesbruder bereit legte. Gerd wunderte
+sich wieder einmal über das Interesse, das der Lehrer seiner Person
+entgegenbrachte, zumal er sich nie um den Mann gekümmert hatte und ihm
+seit der Schulzeit eigentlich ganz aus der Kunde gewachsen war.
+
+Das Buch, das er mit nach Hause trug und gleich nach Feierabend des
+nächsten Tages zu lesen begann, hieß »Uli der Knecht«. Es machte ihm
+anfangs einige Schwierigkeit, hineinzukommen. Aber bald schlug die
+Geschichte des jungen Bauernknechts, der aus dumpfem, liederlichem
+Leben sich langsam heraufgearbeitet, ihn in Bann. Und es dauerte nicht
+lange, so fing er von vorne an und las das Buch seiner Schwester
+vor. Auch Jan und Trina fanden bald am Zuhören Freude. Man hörte
+auf, nach dem Bett zu gähnen, und blieb manchmal bis gegen halb zehn
+beisammen. Und es waren schöne Abendstunden, wenn der Bauernfamilie
+des niederdeutschen Moores sich das Bild oberdeutschen Bauernlebens
+entrollte, wie der Pfarrer von Lützelflüh es in seinem Buche so
+wundervoll farbig und kraftvoll gemalt hat. Man las und hörte die
+Geschichte nicht bloß, man lebte sie mit, und jeder wählte sich einen
+Helden, für den er gegen die anderen Partei ergriff. Jan hielt es als
+Stellbesitzer mit seinem Namensvetter, dem Meister Johannes, während
+er über Joggeli, den Bauern der Glungge, oftmals den Kopf schüttelte.
+Trina trat für die gute Meisterin ein. Gerd stand natürlich auf seiten
+seines Mitknechts Uli, dessen Torheiten er schmerzlich empfand, indes
+sein langsames Aufsteigen ihn mit frohester Teilnahme erfüllte.
+Leidchen paßten alle die Trinis, Ürsis, Stinis, Käthis, Elisis gar
+nicht. Als aber das liebe Vreneli auf der Bildfläche erschien, fühlte
+sie sich mit ihrer Heldin der ganzen Tischrunde überlegen und lachte
+ihren Bruder aus oder machte Ätsch, wenn es sich wieder einmal zeigte,
+daß Vreneli seinem Uli über war.
+
+Und als sie mit »Uli dem Knecht« fertig waren, lieh Herr Timmermann
+auch »Uli den Pächter« her.
+
+ * * * * *
+
+Als der Verein im nächsten Herbst nach einer langen Sommerpause die
+Übungen wieder aufnahm, stellte Heini Peper den Dringlichkeitsantrag,
+schleunigst das erste Stiftungsfest zu feiern und die benachbarten
+Vereine dazu einzuladen. Aber Herr Timmermann sprach mit
+Entschiedenheit dagegen. Die Sänger könnten sich vor Fremden noch
+nicht hören lassen, und ehe er sich mit dem Verein blamiere, würde
+er lieber austreten. Man solle sich für dieses Jahr lieber mit
+einer bescheideneren Feier begnügen; eine Christfeier zum Beispiel
+würde im Dorf gewiß rechten Anklang finden. Die Abstimmung ergab
+Stimmengleichheit für beide Anträge, so daß satzungsgemäß das Votum
+des Präsidenten entscheiden mußte, das zugunsten des Lehrers fiel.
+Zugleich stellte jener seine Diele als die geräumigste am Ort zur
+Verfügung.
+
+Es wurde nun wacker geübt, und der Eifer und die Begeisterung des
+Dirigenten riß auch die anfangs Widerwilligen mit fort. Da der Lehrer
+auch den Schulchor heranziehen wollte, um den Abend reicher zu
+gestalten, war kaum ein Haus im Dorf, das nicht den einen oder anderen
+Mitwirkenden stellte, und überall sah man der Feier mit freudiger
+Erwartung entgegen.
+
+Am Nachmittag des zweiten Advent waren die Töchter und Schwestern der
+Sangesbrüder ins Schulhaus geladen, um unter Mariechen Timmermanns
+Leitung Rosen und Lilien für den Christbaum anzufertigen. Als Leidchen
+am Abend nach Hause kam, glühte sie selbst wie eine dunkelrote
+Christrose. »Gerd,« rief sie freudig erregt, »ich und der Lehrer
+wollen Weihnachtsabend ganz allein ein Lied zusammen singen, immer
+umschichtig, 'n Duett nennt er das,« und sie sang ihm den Anfang ihres
+Parts vor. »Deern, Deern,« sagte er ängstlich und doch auch erfreut,
+»das willst du auf dich nehmen?«
+
+Gerd, der es übernommen hatte, den Christbaum zu besorgen, mußte
+mehrere Stellen, auf denen Sangesbrüder hausten, absuchen, bis er bei
+der Stütze des zweiten Basses einen fand, der ihm schön und schlank
+genug war. Wie er ihn die Dorfreihe entlang zu Wilhelm Behnken trug,
+hatte er bald zwei Dutzend Kinder hinter sich. Auf Bitten des Lehrers
+halfen er und Leidchen auch beim Schmücken des Baumes, und die beiden
+Geschwisterpaare waren sehr vergnügt dabei.
+
+Endlich war der von alt und jung ersehnte 24. Dezember da, es
+schien aber, als hätten die Moorgründe sich gegen das Vorhaben der
+Brunsoder verschworen. Denn die graugelben Nebel, die sie den ganzen
+Tag heraufsandten, waren dick und zähe, und legten sich schwer auf
+das Land und die Lungen. Wer mit Husten zu tun hatte, tat heute ein
+übriges. Wer nachmittags um drei auf dem Brunsoder Damm ging, sah von
+der Dorfreihe nichts und entdeckte die ihn säumenden Birken erst, wenn
+er fast mit der Nase draufstieß. Aber um die Leute im Hause und der
+Feier fern zu halten, hätten die Moornebel noch dreimal so dick und
+schwer sein müssen.
+
+Gegen halb vier fingen allerhand wunderliche Gestalten an, sich durch
+den feuchtkalten grauen Dunst zu arbeiten, mit viel Gestöhne und
+Gehuste, das zuweilen von einer kurzen Unterhaltung aus zahnlosem
+Munde unterbrochen wurde. Es waren die Ältesten des Dorfes, gebückte
+und verkrümmte Männlein und Weiblein, die ihren Torf seit Jahrzehnten
+heraus hatten und ihre Tage hinter dem Ofen verdämmerten. Viele von
+ihnen hatten noch nie einen brennenden Christbaum gesehen; denn in
+die Häuser fand er erst neuerdings Eingang, und eine kirchliche
+Christvesper, wie sie in den Geestdörfern üblich war, wurde in der
+über Quadratmeilen zerstreuten Moorgemeinde nicht abgehalten. Da
+wollten sie nun heute die gute Gelegenheit wahrnehmen, und bereits
+eine gute Stunde vor Beginn der Feier wankten sie an Stöcken und
+Krücken, zum Teil auch mit glimmenden Feuerkieken zur Erwärmung der
+Füße versehen, Behnkens Diele zu, um ihrer hart gewordenen Ohren und
+schwachen Augen wegen die vordersten Bankreihen zu besetzen.
+
+Bald darauf koppelte sich die Schuljugend auf dem Damm. Die Eltern
+hatten das unruhige Völkchen gern vor der Zeit hinausgeschickt, um bei
+dem letzten Rüsten auf die Festtage die Füße frei zu haben. Fröhlich
+klangen die jungen Stimmen durch den Nebel. Ein paar übermütige
+Jungens machten sich einen Spaß daraus, plötzlich aus der Dunsthülle
+hervorzuspringen und die Mädchen zu erschrecken, die dann hell
+aufkreischten, lachten oder schimpften, je nach Gemütsart.
+
+Was in den rüstigen Arbeitsjahren zwischen goldener Kinderlust und
+silbernem Greisenschmuck stand, stellte sich erst kurz vor fünf Uhr
+ein, als schon der Abend die Nebelmassen dunkelte. Väter und Mütter
+trugen ihre Jüngsten auf dem Arm oder ließen sie neben sich her
+puddeln. Die Sangesbrüder waren als die Helden des Tages leicht an dem
+festen, selbstbewußten Schritt zu erkennen.
+
+Vor drei Jahren, als Behnkens Jan einheiratete und über hundert Haus
+zur Hochzeit geladen waren, hat die große Diele viel Gäste gesehen,
+aber heute sind's sicher noch weit mehr. Ein paar Bettlägerige und die
+Allerkleinsten mit ihren Wärtern abgerechnet, ist das ganze Moordorf
+beieinander und wartet der kommenden Dinge. Man sitzt auf Brettern,
+die über hochgekippte Torfgleise gelegt sind. Für die Bejahrtesten
+sind Stühle gestellt, damit sie die schwachen Rücken anlehnen können.
+Die halbwüchsige männliche Jugend hat die Hillen über den Kuhställen
+erstiegen und läßt zwischen den Hühnernestern die allzeit unruhigen
+Beine herunterbaumeln. Die Sänger nehmen das Flett ein: rechts der
+Verein »Feierabend«, links der Kinderchor. Zwischen ihnen, über der
+ehemaligen Herdstelle -- vor der letzten Hochzeit ist eine Küche mit
+Sparherd eingebaut worden -- ragt der Christbaum bis dicht unter die
+rußgeschwärzte sodglänzende Decke, noch von Dämmerdunkel umwoben, aber
+mit verheißungsvollem Funkeln im Gezweige. Die Nebelschwaden, die
+mit den Menschen eindringen, irren umher, ballen sich zusammen und
+umziehen drohend die paar Hängelampen, die hier und da kläglich durch
+den Dunst glimmen.
+
+Aber mögen die Moornebel heut' noch so mächtig sein, hier drinnen
+sollen sie nicht zur Herrschaft gelangen. Ein Licht flammt auf, noch
+eins, und viele, und mit ihnen erglühen Rosen und Lilien ohne Zahl in
+den Zweigen des zu seiner vollen Pracht erblühenden Wunderbaumes. Da
+werden Hunderte von Augen weit und groß, alte und junge, helle und
+trübe, kalte und warme Augen; Augen, die von nichts wissen als von
+stumpf machender Mühe und Sorge, und Augen, die einem verborgenen
+Leben des inwendigen Menschen leise Zeugnis geben und heimlich in eine
+andere Welt zu schauen gelernt haben. Ein Paar solcher Augen hat die
+achtzigjährige Anntrin Gerken, vorn rechts im Lehnstuhl. Zum Sehen
+sind sie nicht mehr viel wert, aber schauen -- das können sie besser
+denn je, und wohl am besten von all den Augen, in denen sich heut'
+abend der Lichterbaum spiegelt.
+
+»Tack, tack, tack.« Herr Timmermann, in schwarzem Gehrock und weißer
+Binde, schlägt mit seinem Stöckchen gegen eine Stuhllehne. Die Männer
+erheben sich wie ein Mann, mit Räuspern die Liederkehlen nachputzend
+und Atem auf Vorrat schöpfend. Das Stöckchen wippt, steigt, senkt
+sich, da bricht es los mit Donnergewalt: »Es ist ein Ros entsprungen,
+aus einer Wurzel zart.« Herr Timmermann hebt beschwörend die Hände,
+sendet drohende und flehende Blicke, zischt: +piano!+ -- es
+hilft alles nichts. Das Lampenfieber vor dem ersten öffentlichen
+Auftreten weicht nur der Gewalt, und so braust das zarteste aller
+Weihnachtslieder daher wie Donnerhall, wie Schwertgeklirr und
+Wogenprall. -- Das Fortissimo hat aber auch sein Gutes. Selbst die
+Taubsten in den vorderen Reihen, die ihre großen Handmuscheln als
+Schalltrichter hinter die Ohren gesteckt haben, bekommen etwas zu
+hören.
+
+Herr Timmermann tritt vor dem Christbaum zu seiner jungen Schar
+hinüber, die ihn mit hellen, frohen Augen ansieht, und rein und süß
+erklingt es: »Ihr Kinderlein, kommet, o kommet doch all.« -- Der
+Pastor in Grünmoor kann morgen noch so schön predigen, die Brunsoder
+Frauen und Mütter wird er doch nicht so erbauen, wie's dieser Gesang
+ihrer Kinder tut.
+
+So wechselt Lied um Lied aus Männerkehlen und Kindermund, bis
+Herr Timmermann mit dem Stöckchen klopft und verkündigt: »Keine
+Weihnachtsfeier ohne die liebe, alte Weihnachtsgeschichte. Hannchen,
+das jüngste Kind unseres Präsidenten und freundlichen Gastgebers, wird
+sie uns erzählen.«
+
+Ein Alter auf der ersten Bank faltet die zitterigen Hände und
+erhebt sich, nach und nach folgt die ganze Versammlung seinem
+Beispiel. Inzwischen ist Hannchen, eine dralle Dickersche, mit
+kugelrunden braunroten Backen und geölt glänzendem Blondhaar, auf
+einen Binsenstuhl geklettert, setzt dem Dorf ein artiges Knickschen
+hin und beginnt, indes hinten in Vaters Stall eine Kuh brüllt, die
+Geschichte vom Stall zu Bethlehem. Sie macht ihre Sache sehr brav,
+und Mutter Behnken wischt sich Freudentränen aus den Augen. Vor zwölf
+Jahren, als Hannchen so gar spät hinter den Geschwistern ankam,
+und Jan, auf Weihnachtsurlaub zu Hause erscheinend, beim Anblick
+dieser unerwarteten Christbescherung sein Gesicht lang zog, hat sie
+sich ihrer ein wenig geschämt. Aber heute ist sie stolz auf ihr
+Nesthäkchen, und ihrem Ältesten, der selbst schon ein Kindchen auf dem
+Arm hat, sieht sie es an, daß er's auch ist.
+
+Als Hannchen vom Stuhl zur Erde gesprungen ist, tritt Vater Behnken
+vor, einen tuchbedeckten länglichen Gegenstand im Arm, dem sich alle
+Hälse entgegenrecken. Die Hülle fällt, ein Regulator funkelt im
+Weihnachtslicht und wird dem verwundert dreinblickenden Lehrer auf
+die Arme gelegt. Der steht erst einen Augenblick starr, um dann seine
+Stimme zu erheben: »Meine lieben Sangesbrüder! Ich weiß nicht, was
+ich sagen soll. So haben Sie mich mit Ihrem prachtvollen Geschenk
+überrascht und erfreut. Wie soll ich das nur wieder gutmachen? ...
+Nun, ich verspreche Ihnen hier unter dem brennenden Christbaum, daß
+ich mit erneuter Freudigkeit meines Amtes als Ihr Dirigent walten
+werde, und gebe der Hoffnung Ausdruck, daß unser Männergesangverein
+›Feierabend‹ je mehr und mehr sich als eine wirkliche Bereicherung
+unseres dörflichen Lebens erweisen wird und dem Dorf noch manche
+schöne Stunden, wie die heutigen, schenken möge. In diesem Sinne nehme
+ich die Gabe mit herzlichem Danke an. Aber nun fahren wir mit unserer
+Feier fort. Bitte, der Männerchor!«
+
+Endlich kommt auch die Reihe an Leidchen Rosenbrock. Sie sitzt
+wohlgeborgen zwischen ihren Freundinnen, aber ums Herz herum ist
+ihr bänglich und beberig wie nie zuvor, nicht einmal vor der
+Konfirmandenprüfung vor bald zwei Jahren. Herr Timmermann gibt ihr ein
+Zeichen mit den Augen, und wie das nicht hilft, mit der Hand. Da rafft
+sie allen Mut zusammen und tritt vor, verwundert, daß die Beine, die
+sich wie Stöcker fühlen, sie tragen.
+
+Nun steht sie unter dem Tannenbaum, spürt die würzige Wärme auf ihren
+glühenden Wangen, läßt ihre flimmernden Augen über das Köpfemeer vor
+sich irren, fühlt das Herzchen bis in den Hals hinauf klopfen. Wird
+sie überhaupt einen Ton über die Lippen bringen?
+
+Ihr Partner blickt sie ermutigend an und singt ihr seine Frage zu. Und
+sie bleibt ihm die Antwort nicht schuldig. Zwar kommt sie ein wenig
+hastig und stoßweise, aber sie kommt. Das nächste Mal klingt's schon
+freier. Und im Wechselgesang geht's zwischen den beiden hin und her,
+immer froher, immer jubelnder, bis auf einmal Herr Timmermann sich
+herumwirft, beide Hände hoch erhoben, und nun die beiden Chöre mit
+einem »Ehre sei Gott in der Höhe« einfallen.
+
+Leidchen hat ihren alten Platz wieder eingenommen. Die Nachbarin links
+krault ihr das Knie, die zur Rechten streichelt ihren Arm, eine Frau
+klopft ihr von hinten auf die Schulter. Wie sie aufblickt, sind die
+Augen fast aller Sangesbrüder auf sie gerichtet. Mariechen Timmermann
+nickt ihr zu. All diese Huldigung geht ihr ein wie feuriger, süßer
+Wein. Es kommt wie ein Freudenrausch über sie ...
+
+Die letzten Lieder verklingen, indes die Lichter sacht niederbrennen
+und flackernd erlöschen, und die Türen öffnen sich in die stickdunkle
+Nebelnacht hinaus.
+
+Leidchen wollte eben das Haus verlassen, als jemand sie am Arm
+festhielt. Es war Mariechen Timmermann, die ihr zuflüsterte, es wäre
+mit Gerd abgemacht, daß sie beide noch für eine Viertelstunde mit
+hinübergingen. Und schon hatte das zierliche Persönchen sich in ihren
+Arm gehängt und zog sie mit sich fort.
+
+Als Gerd und der Lehrer ihnen nach einer Weile ins Schulhaus folgten,
+war der Tisch schon gedeckt, und bald saßen die vier beim Abendbrot,
+das aus mancherlei Wurst vom selbstgemästeten Schwein bestand, wozu
+eine Kaffeekanne süß duftende Schokolade spendete. Leidchens feine
+Nasenflügel flogen; denn sie liebte Schokolade sehr, hatte aber noch
+nie welche in flüssigem Zustande zu sich genommen.
+
+»Genötigt wird bei uns nicht,« erklärte das Hausmütterchen
+nachdrücklich, aber die Gastgeber mußten sich doch bald zu des Landes
+Brauch bequemen. Denn wenn Leidchen auch ungebeten ganz wacker
+zulangte, so machte Gerd um so größere Schwierigkeiten und gab der
+Schwester mit den Augen heimlich Zeichen, daß sie nicht gar so frei
+und frech sein sollte. Er schämte sich ihrer fast ein wenig.
+
+Als sie ihre Tasse hinhielt, um sie zum drittenmal füllen zu lassen,
+griff er kurz entschlossen über den Tisch, stülpte sie um und sagte:
+»Besten Dank, sie hat nun wohl genug.«
+
+Mariechen sah ihn groß an.
+
+»Kälber und Kinder Maß müssen alte Leute wissen,« erklärte er trocken.
+
+»Hören Sie mal, Rosenbrock,« rief Mariechen verwundert, »Sie treiben
+Ihre Vormundschaft aber etwas weit.«
+
+»Ja, ja,« stimmte Leidchen aus vollem Herzen zu, »ist gut, daß Sie ihm
+das auch mal sagen. Mir glaubt er's ja doch nicht.«
+
+»Zur Strafe trinken Sie auch noch eine Tasse,« verfügte Mariechen, und
+es war schon zu spät, das Unglück noch zu wenden. Arg mußte er sich
+mit dem für seinen Geschmack viel zu süßen Zeug quälen.
+
+Als die Lehrersleute dann auf einmal verschwunden waren, meinte Gerd,
+sie müßten nun wohl nach Hause gehen. Aber seine Schwester lachte ihn
+aus und sagte: »Mensch, es fängt doch erst an! Hör', wie die beiden da
+nebenan es wichtig haben!«
+
+Er seufzte und wünschte sich lebhaft nach Hause. Das Ungewohnte
+bedrückte ihn.
+
+Plötzlich erklang im anderen Zimmer ein Klavier, die Tür öffnete sich,
+und der Lichtglanz eines bunt geschmückten Christbaumes funkelte
+ihnen entgegen. Und schon hatte Mariechen ihre Gäste am Arm genommen
+und schob sie vor sich her in die Weihnachtsstube, wo man sich um
+das Tafelförmige stellte und zu seinem etwas blechernen Klang »O du
+fröhliche« anstimmte.
+
+Nachdem der Lehrer und seine Schwester die gegenseitigen kleinen
+Geschenke besehen und bewundert hatten, machten sie sich voll
+freudiger Erwartung über das Paket aus dem Elternhause her. Da gab's
+erst lauten Jubel, und dann saßen die beiden eng aneinandergeschmiegt
+und lasen, sich umschlungen haltend, die Weihnachtsbriefe.
+
+Gerd saß indessen stocksteif und regungslos vor dem Teller, den man
+für ihn mit Äpfeln und Nüssen gefüllt hatte, und sah ernst vor sich
+hin. Da nahm Leidchen auf einmal seine Hand, und als er aufblickte,
+verriet ihm ein feuchtes Schimmern in ihren Augen, daß ihre Gedanken
+denselben Weg genommen hatten wie die seinen. Darüber war er sehr
+froh, und drückte mit Wärme ihre Hand, ließ sie dann aber schnell los,
+um den anderen seine Gefühle nicht zu verraten.
+
+Als diese mit dem Auspacken und Brieflesen fertig waren, wandten
+sie sich wieder an ihre Gäste, wobei sie eine Liebenswürdigkeit
+entwickelten, bei der dem jungen Moorbauernknecht schwül und bange
+wurde. Er wußte nicht, was er sagen und wohin er sehen sollte, während
+seine Schwester sich schnell in die Situation fand, ihr Silberlachen
+klingen ließ und durch ihre freudeverklärte, jugendfrische
+Lieblichkeit immer wieder die Augen auf sich zog. Die echte
+Herzlichkeit, die man ihnen entgegenbrachte, bewirkte jedoch, daß
+endlich auch Gerd anfing sich freier zu fühlen, und zuletzt lächelte
+er gar leise vor sich hin, wie er nur tat, wenn ihm so recht von innen
+her wohl war.
+
+Mariechen Timmermann war groß in hübschen Einfällen, die ihr plötzlich
+zu kommen pflegten und dann sofort ausgeführt werden mußten. »Wollen
+mal einen Weihnachtsreigen machen,« rief sie auf einmal, gab Gerd und
+Leidchen die Hände, ihr Bruder schloß den Ring, und so umschritten die
+vier den Tannenbaum, indem sie dazu sangen: »O Tannebaum, o Tannebaum,
+wie grün sind deine Blätter!« Als das Lied aus war und der Reigen sich
+auflöste, nahm der Hausherr sein Schwesterchen in den Arm und gab ihm
+einen schallenden Kuß. Gerd erschrak und sah diskret zur Seite; denn
+solche Zärtlichkeit berührte sein Empfinden fremd und peinlich. Aber
+auf einmal drängte ein junges, warmes Ding sich an ihn, und ehe er
+etwas dagegen tun konnte, hatten ein paar frische rote Lippen sich
+auch auf seinen Mund gedrückt. »Aber Leidchen!« murmelte er entsetzt
+und suchte sie beiseite zu schieben, es half ihm alles nichts, sie
+schmiegte sich um so fester in seine Arme und lächelte übermütig das
+andere Pärchen an, und Mariechen rief: »Rosenbrock, Sie alter Bär,
+machen Sie doch nicht ein Gesicht, als ob der Ziegenbock Sie gestoßen
+hätte, seien Sie mal'n bißchen nett mit Ihrer kleinen Schwester!« Da
+überwand er sich, zu lächeln.
+
+»Was meinen Sie, Gerd,« fragte Timmermann, »ob wir unsere süßen Deerns
+noch lange behalten? Oder ob schon bald so'n Schlingel kommt und sie
+uns aus den Armen wegholt?«
+
+»Das hat wohl noch gute Weile,« meinte er.
+
+»Nee, nee,« rief Mariechen, »er soll bald kommen, ich bin schon
+vierundzwanzig.«
+
+»Hm, hm. Dann wird's freilich bei kleinem Zeit, ich hab' auch bloß an
+Leidchen gedacht; denn im Durchschnitt wird hier im Moor viel zu früh
+geheiratet.«
+
+»Ach was, jung gefreit, hat noch niemand gereut.«
+
+»Das hat schon manchen gereut,« versetzte Gerd ernsthaft und schickte
+sich an, Beispiele zu bringen.
+
+Aber seine gralläugige Widersacherin lachte ihm ins Gesicht:
+»Rosenbrock, Sie reden ja genau wie'n Pastor,« und Leidchen klatschte
+in die Hände und jubelte: »Das ist recht, daß Sie's ihm heut' abend
+mal ordentlich sagen. Mir glaubt er ja doch nicht.«
+
+»Na, Otto,« rief Mariechen, die sich nicht gern zu lange bei einer
+Sache aufhielt, »nun spiel' uns mal einen Walzer, ich will mal eben
+mit Leidchen herumtanzen.« Er setzte sich vor das Klavier und begann
+zu hämmern, und die beiden Mädchen schwebten zärtlich verschlungen
+mit lachenden Augen durch den etwas engen Raum, indes die Brüder mit
+freudigem Stolz ihren Bewegungen folgten und frohe Blicke wechselten.
+Dann trat Mariechen mit zierlicher Verbeugung vor Gerd hin, ihn
+zu einem Tänzchen auffordernd. Er schüttelte den Kopf, wurde rot,
+wollte böse werden, aber sie ließ nicht locker, und so mußte er
+schließlich mit, und sogar als Dame, wobei er einen Stuhl umriß,
+während Leidchen, die Hände in den Seiten, über den hölzernen Tänzer,
+der so verzweifelte Gesichter schnitt, sich totlachen wollte. Darauf
+drängelte Mariechen ihren Bruder vom Klavierbock, begann selbst auf
+die Tasten zu trommeln, und er mußte mit Leidchen antreten. Das gab
+ein schmuckeres Paar, und sie tanzten auch ein Weilchen länger als die
+vorigen.
+
+Und dann saßen die beiden Geschwisterpaare wieder um den Tisch,
+knackten Nüsse, aßen Vielliebchen, rieten Scherzrätsel, spielten
+Dichterquartett, der Hausherr las ein hübsches Weihnachtsgeschichtchen
+vor, das er irgendwo gefunden hatte, und so enteilten die Stunden aufs
+angenehmste. Gerd, der nachgerade völlig aufgetaut war, wußte dem
+kleinen Racker, der es nicht lassen konnte, ihn aufzuziehen, jetzt
+ganz gut zu dienen und hatte öfters die Lacher auf seiner Seite.
+
+Mitternacht war längst vorüber, als die beiden Gäste endlich
+losgelassen wurden und den Heimweg antraten. Leidchen hing sich in den
+Arm des Bruders und sagte, indem sie den Damm dahinschritten: »Junge,
+Junge, heut' haben wir mal Weihnachten gefeiert! So vergnügt hab' ich
+dich noch nie gesehen. Von den beiden kannst du lernen, wie Bruder und
+Schwester miteinander umgehen sollen.«
+
+Gerd antwortete nichts darauf.
+
+Nach einer Weile legte er den Arm fest um sie und sagte: »Leidchen,
+mit Worten und Zärtlichkeiten kann unsereins nicht so kramen wie
+solche Leute. Aber nicht wahr? Wir wissen auch so, was wir aneinander
+haben. Meinst du nicht auch?«
+
+»Ach ja, das wohl ...«
+
+»Und das ist die Hauptsache, Kind. Aber ich will dir gern zugeben, von
+den beiden kann einer auch in solchen Dingen allerlei lernen. Bloß
+nachmachen darf unsereins ihre Art nicht. Der Bauer muß Bauer bleiben,
+sonst ist er überhaupt nichts.«
+
+»Fängst du schon wieder an zu predigen?« rief sie und kniff ihn leicht
+in den Arm.
+
+Sie schwiegen jetzt beide und schritten, still gewordener Freude voll,
+Arm in Arm und einer der Nähe des andern in tiefster Seele froh,
+langsam durch die Stille, in die nur zuweilen das Rieseln des nimmer
+ruhenden Wassers um ein Klappstau leise hineingluckerte, durch die
+heilige Weihnacht, die den Atem anzuhalten schien, wie um aus seligen
+Fernen raunender Botschaft zu lauschen.
+
+
+
+
+ 7.
+
+
+Nachdem die Brunsoder wieder einmal Torf, Heu, Roggen und Kartoffeln
+geerntet, sieben Dorfgenossen zu Grabe und neun zur Taufe geleitet,
+vier grüne Hochzeiten nebst zwei silbernen und einer goldenen gefeiert
+hatten, war wieder ein Jahr herum.
+
+Es war ein Abend zwischen Weihnachten und Neujahr, Rosenbrocks
+saßen in der Stube beieinander, Jan las die neueste Nummer der
+Hamme-Zeitung, die er soeben dem Kästchen an der Hofbrücke entnommen
+hatte, in die der Austräger sie zu stecken pflegte. Er begann
+regelmäßig mit den Ferkeln, Faselschweinen, Quenen, Starken und
+anderem Hausgetier, das auf den letzten Seiten sein Wesen trieb;
+auch ins Lokale warf er wohl mal einen Blick, zum Politischen und
+Allgemeinen drang er selten vor.
+
+Plötzlich fing er an zu knurren und brummte vor sich hin: »Die
+vermuckten Jungens!«
+
+Die anderen blickten neugierig auf, er aber schob die Zeitung zu
+Leidchen hinüber, indem er mit dem Finger in die untere Ecke der
+dritten Seite deutete.
+
+Sie beugte sich hastig über das Blatt, und indem sie las, färbte eine
+lebhafte Röte ihr die Wangen, und der Atem ging schneller. Gerd, der
+auf der anderen Seite des Tisches saß und aus Zigarrenholz einen
+Kammkasten schnitzte, beobachtete sie verwundert, fragte aber in
+gleichgültigstem Tone: »Was hast du da?« »Rat' mal!«
+
+»Da geb' ich meinen Kopf nicht zu her.«
+
+»Ich steh' hier gedruckt!« rief sie mit glänzenden Augen.
+
+»So? Lies mal vor!«
+
+Sie schob die Ellbogen auf den Tisch, hielt das Blatt unter die
+Hängelampe und las, langsam, in geziertem, feierlichem Ton:
+
+
+ »Fräulein Leidchen Rosenbrock, der feinsten Deern im Dorf, zu
+ ihrem am 29. Dezember stattfindenden siebzehnjährigen Wiegenfeste
+ ein donnerndes Lebehoch, daß die Birken sich biegen und die ganze
+ Dorfreihe wackelt. Wir stellen uns alle ein. Ob sie sich wohl was
+ merken läßt?
+ Die böbersten Brunsoder Jungs.«
+
+
+»Die könnten ihr Geld auch besser anwenden als zu solchem Narrenkram!«
+brummte Gerd, und der Bauer und die Frau nickten zustimmend. Aber das
+durch das Inserat geehrte Geburtstagskind zog die schwellenden roten
+Lippen kraus und sagte schnippisch: »Für'n guten Spaß muß auch mal'n
+Groschen übrig sein. Morgen geh' ich hin und lad' mir die Spinners
+ein, bin ja doch an der Reihe. Und was ich für die Jungs brauche,
+bring' ich gleich mit. Jan, gib mir fünf Mark von meinem Lohn!«
+
+»Aber Deern!« rief Gerd erschrocken.
+
+Sie blickte ihn fest und entschlossen an. »Was sein muß, das muß sein.
+Die Jungs sollen bei mir ebensogut ihr Recht haben wie anderswo. Ich
+komm' übermorgen schon in mein achtzehntes und bin kein Kind mehr.
+Jan, her mit dem Geld!«
+
+Jan zögerte noch.
+
+»Wem gehört das Geld, das ich mir verdient habe?« fragte sie spitz,
+»mir oder dir?«
+
+Endlich rückte er mit einem Taler heraus, und da auch die anderen
+erklärten, das wäre überleidig genug, gab sie sich zufrieden.
+
+Das Glückwunschinserat schnitt sie aus und klebte es mit Mehlkleister
+fein säuberlich in ihr Poesiealbum.
+
+ * * * * *
+
+Leidchen, die seit kurzem mit zum Spinnen ging und heute, an ihrem
+Geburtstag, das Koppel zum erstenmal bei sich haben sollte, hatte die
+Stube geschrubbt, zurecht gekramt und mit feinem weißen Sand gestreut.
+Nun saß sie am Fenster und erwartete die Mädchen. Vor ihr stand das
+Spinnrad, auf dem schon ihre Mutter als junges Mädchen gesponnen
+hatte. Es war kürzlich für sie aufrepariert und in frischem Rot
+gestrichen; das grüne Wockenblatt trug die Inschrift: »Schönes Mädchen
+mit dem Rädchen, spinn um mich das Liebesfädchen.«
+
+Sie hatte das Reich heute allein. Jan und Trina waren nach Mittag, um
+dem jungen Volk aus dem Wege zu gehen, zum Besuch der Freundschaft
+nach Meinsdorf aufgebrochen, Gerd machte eine Schlittschuhfahrt über
+Land, und die Kinder spielten auf der Nachbarschaft.
+
+Die Spinnerinnen ließen auf sich warten, und voll Ungeduld trat sie
+auf den Hof hinaus, um den Fußpfad, der sie herführen sollte, entlang
+zu spähen. Da hörte sie Stimmen, sah die hoch in den Armen getragenen
+Spinnräder über dem Buschwerk schwanken, und huschte wie ein Wiesel
+ins Haus zurück.
+
+Die Mädchen reinigten ihre Füße auf dem ausgedienten Handmühlstein,
+der als Tritt vor der Seitentür lag, und traten dann auf das Flett, wo
+das Geburtstagskind sie empfing und ihre Gratulationen entgegennahm.
+Und bald saßen die Spinnerinnen, ihrer acht, im Halbkreis vor den
+roten, bunt gekrönten Rädern, die sofort ein lustiges Schnarren
+begannen, mit dem die Mundwerke, als sie erst einmal im Gang waren,
+erfolgreich wetteiferten.
+
+Die meisten hatten am zweiten Weihnachtstag bei Heini Peper getanzt,
+und da war nicht viel los gewesen. Aber um so mehr wußten Anna
+Schnackenberg und Minna Siedenburg zu erzählen, die den Weihnachtsball
+im Kirchdorf mitgemacht hatten, wo's mal wieder hoch hergegangen war.
+Ein Besendorfer hatte einem Hasenweder auf den Fuß getreten, und
+da hatte es sofort eine tolle Schlägerei zwischen den Jungens der
+seit alters verfeindeten Dörfer gegeben, wobei die aus den anderen
+Ortschaften teils diesen, teils jenen beigesprungen waren. Die
+Mädchen hatten sich kreischend auf Tische und Stühle geflüchtet, dem
+Gendarm, der Frieden stiften wollte, war ein Bierseidel hart am Kopf
+vorbeigeflogen, er hatte aber eine ganze Menge aufgeschrieben, die
+nun gewiß nach Verden mußten, und der Doktor hatte in der Nacht drei
+flicken müssen.
+
+Es war Minna Siedenburg, die als Augenzeugin hiervon berichtete und
+mit dem Seufzer schloß: »Die Jungens sind auch gar zu wild und hitzig.«
+
+»Und dein Jakob ist der allerschlimmste,« sagte Anna Schnackenberg.
+Minna lächelte stolz verschämt und duldete es gern, daß Anna ihres
+Jakob Heldentaten ins helle Licht stellte, was selbst zu tun ihr die
+Bescheidenheit nicht erlaubt hatte.
+
+Von diesem Weihnachtsvergnügen kam das Gespräch auf die Söhne des
+Dorfes, die zurzeit den bunten Rock trugen. Zwei standen bei den
+Fünfundsiebzigern in Bremen. Der eine, Jan Monsees, gehörte mit
+zum Koppel, und man erwartete ihn diesen Abend mit den anderen
+Jungens. Der andere, Müllers Hermann, war erst im Herbst eingetreten
+und jetzt zum erstenmal auf Urlaub. Er wäre der hübscheste und
+strammste Jungkerl im Dorf, wollte jemand behaupten, aber es wurde
+auch lebhafter Widerspruch dagegen laut, und man sprach von ihm als
+von einem, der eigentlich zum Jungvolk des Dorfes nicht recht mit
+dazu gehörte, da er eben der Sohn des reichen Müllers war und die
+Jahre seit der Schulentlassung in der Fremde zugebracht hatte. --
+Drei Brunsoder verteidigten fern im Osten die Reichsgrenze gegen
+die Russen, die Ärmsten hatten diesmal keinen Urlaub bekommen. Man
+bedauerte sie und schalt auf die Heeresverwaltung. Thyra Kück, die
+Tochter des Schriftführers im Verein »Junghannover«, meinte, zu
+hannoverschen Zeiten hätten die Soldaten die Heimat näher gehabt,
+Deutschland wäre jetzt viel zu groß, woraufhin Dele Meyerdierks,
+deren Vater zum Kriegerverein gehörte und nationalliberal wählte,
+es für ihre Pflicht hielt, für des Vaterlandes Größe eine Lanze zu
+brechen. Als die Festung Thorn genannt wurde, kam Leben in Beta
+Mohlbrock, die sonst nicht viel sagte. Sie hatte dort einen Cousin,
+einen Luftikus und Aufschneider, dessen Windbeuteleien außer ihr
+kein Mensch ernst nahm. »In Thorn«, begann sie, sich wie vor Frost
+schüttelnd, »ist es beinah so kalt wie am Nordpol. Auf Wache ziehen
+sie immer drei Mäntel übereinander an, und doch finden sie am anderen
+Morgen oft genug welche totgefroren auf ihrem Posten. Zuweilen brechen
+auch Rudel ausgehungerter Wölfe über die russische Grenze, oder ein
+Bär kommt leise auf den einsamen Wachtposten zugeschlichen, und wehe
+dem Mann, der da nicht ruhig Blut behält und schlecht schießt. Aber
+Georg hat die Schützenschnur, und an seiner Uhrkette trägt er den
+blankpolierten Backenzahn von einer alten Bärenmutter, die er mitten
+in der Nacht, als sie ihn gerade in die Arme nehmen wollte, mitten
+durchs Herz getroffen hat« -- Minna Siedenburg machte huh -- »Es ist
+aber ganz gewiß wahr, Minna, Georg hat's mir selbst erzählt, und ich
+hab' den Zahn in der Hand gehabt. Ist man gut, daß seine Zeit bald
+herum ist. Das Essen ist auch man zeitlich in Thorn. Georg sagt,
+die Bauern in der Umgegend, wo auch viel Moorland ist, wie bei uns,
+nähren sich von Buttermilch, Torf und Talglichtern. Aber das kann
+ich mir nicht recht denken, das hat er sich wohl bloß vorschnacken
+lassen. Alles darf man auch nicht glauben.« Die andern sahen sich
+lachend an, und eine mitleidige Seele sagte: »Na, Beta, wenn Georg
+nächsten Herbst reinkommt, kannst du den armen Kerl man ordentlich
+herausfüttern und ihn recht fest in den Arm nehmen, daß er warm wird.«
+Beta steckte sich rot an und lächelte beglückt und hoffnungsselig vor
+sich hin.
+
+Wie um diesem Thema einen würdigen Schluß zu geben, stimmte Meta
+Windeler, die eine scharfe, schneidende Stimme hatte, das Lied vom
+Soldatenabschied an: »Schatz, mein Schatz, reise nicht so weit von
+hier.« Der fernen Jungens gedachte man besonders noch mal bei dem
+Verse:
+
+
+ »Soldatenleben, das heißt nicht lustig sein.
+ Wenn andere Leute schlafen, da muß man wachen,
+ Muß Schildwach' stehn, Patrouille gehn.«
+
+
+Und nun folgte Lied auf Lied: Ist alles dunkel, ist alles trübe -- Es
+wollt' ein Mädchen früh aufstehn, dreiviertel Stund vor Tag -- Leise
+tönt die Abendglocke -- In des Gartens dunkler Laube -- Es welken alle
+Blätter und fallen alle ab. Einmal schlug Leidchen vor: Am Brunnen
+vor dem Tore, aber da wurde sie ausgelacht: »Deern, das ist doch ein
+Schullied!« Und sie errötete, weil sie etwas sehr Dummes gesagt hatte.
+
+Ob der Inhalt der Lieder derb, neckisch oder wehmütig, die Weise
+munter oder sentimental war, das machte für den Vortrag weiter keinen
+Unterschied: der behielt seine epische Ruhe und seinen Leierton gerade
+so, wie die Augen gleich ernst auf dem durch die Finger gleitenden
+Faden ruhten und die Räder gleichmäßig schnurrten.
+
+Da machte es sich nun recht unliebsam bemerkbar, daß in dem Gesang
+der jüngsten Spinnerin sich hier und da etwas Lyrisches, der Ausdruck
+eigenen Empfindens, hervorwagen wollte. Nachdem Leidchen deswegen
+schon einige verwarnende Blicke bekommen hatte, sagte Meta Windeler,
+die wegen ihrer schrillen Stimme als Gesangsmeisterin anerkannt wurde,
+unwirsch und verweisend: »Leidchen, was hast du da für 'ne wunderliche
+Singerei vor?«
+
+Die etwas boshafte Anna Schnackenberg nahm ihr die Antwort ab: »Du
+mußt wissen, Meta, das soll was extra Feines sein. Sie singt ja immer
+mit dem Schullehrer.«
+
+Leidchen blitzte die Spötterin zornig an: »Du lügst, Anna. Du weißt
+ganz gut, ich hab' nur das eine Mal, voriges Jahr zu Weihnachten, mit
+ihm gesungen.«
+
+»So--o? Aber neulich war er doch erst wieder bei euch.«
+
+»Ja, um Gerd zu besuchen.«
+
+»Haha, das kennt man ... Warum besucht er denn die andern Jungens
+nicht?«
+
+»Bei denen wird er wohl nichts zu suchen haben.«
+
+»Nun hör' mal einer die Deern an! Sie trägt den Kopf bald ebenso hoch
+wie ihr Bruder, der unsereins überhaupt nicht mehr ankuckt!«
+
+Leidchen stoppte ihr Rad, stieß es mit dem Fuß ein wenig von sich und
+sagte: »Anna, wenn du noch länger so'n dummes Zeug schnackst, werd'
+ich dir ganz böse.«
+
+»Aber Deern,« lenkte diese ein, »du gehst ja nun in dein achtzehntes
+und mußt es bald lernen, daß du Spaß vertragen kannst.«
+
+»Ich will erst den Kaffee aufgießen,« sagte Leidchen und ging
+ärgerlich hinaus. Minna Siedenburg, als die älteste des Koppels teilte
+einen Verweis aus: »Anna, du mußt ein bißchen mehr zu deinen Worten
+sehen. Das von Gerd und dem Schullehrer gehörte hier gar nicht her.«
+
+Bald sammelte die Geburtstagsgesellschaft sich friedlich um ein
+braunes Wachstuch, das mit der Schlacht bei Gravelotte bedruckt war,
+um sich den Kaffeefreuden hinzugeben. Leidchen schenkte ein, und Anna
+Schnackenberg bekam zur Strafe die letzte Tasse. In der Mitte des
+Tisches stand ein Teller, der hoch mit weihnachtlichem Butterkuchen
+bepackt war.
+
+Als dann die Räder wieder liefen, wollte die Unterhaltung nicht recht
+wieder in Gang kommen. Es lag wie erwartungsvolle Spannung auf dem
+Kreise, alle Augenblick wandte sich ein Kopf herum und dem Fenster
+zu. Aber draußen war einstweilen nichts zu sehen, als die schmale
+silberne Mondsichel, die ein schwaches Licht auf kahle Baumgerippe und
+lückenhaften Altschnee warf.
+
+»Da kommen schon welche!« rief Beta Wöltjen, und alle Köpfe wandten
+sich wie am Faden gezogen dem Fenster zu. Richtig, da kamen zwei
+angeschlendert, die Hände fast bis an die Ellbogen in den Hosentaschen
+vergraben. Sie lehnten sich faul gegen die Brunnenumfassung, man sah
+den Tabak, wenn sie ansogen, in ihren Pfeifenköpfen glühen und die
+Rauchwolken im Mondlicht schimmern.
+
+»Soll ich sie hereinholen?« fragte Leidchen aufgeregt.
+
+»Immer sinnig, das hat noch Zeit,« sagte Minna, die als älteste die
+Verpflichtung fühlte, über dem guten Ton zu wachen, und auch ihren
+Jakob noch vermißte.
+
+Die Spinnräder machten jetzt beträchtlich weniger Umdrehungen in der
+Minute, immer häufiger spazierten die Augen zum Fenster hinaus.
+
+Endlich wurden draußen drei weitere Gestalten sichtbar, die langsam
+dem Brunnen zu bummelten und sich zu den anderen stellten. Hin und
+wieder flog von dorten auch ein Blick zum Hause hinüber.
+
+In der Stube fand es im stillen jede an der Zeit, die Jungens nicht
+länger am Brunnen frieren zu lassen, sondern in die Wärme zu holen.
+Aber keine wollte das als die erste vom Munde geben, und so währte
+es noch eine geraume Weile, bis Minna Siedenburg aufstand, Leidchen
+am Arm nahm und sagte: »Komm Deern, wir beide wollen sie holen. Von
+alleine kommen sie doch nicht.«
+
+Die sechs im Gang bleibenden Räder spannen jetzt wie wild.
+
+Nach kaum zwei Minuten erschien Minna wieder in der Tür, ihren im
+Bewußtsein seines Heldentums stolz lächelnden Jakob am Jackenknopf
+hinter sich herziehend. Leidchen hatte Klaus Rietbrock am Knopfloch,
+der, wie sie selbst, erst seit kurzem zum Koppel gehörte und seine
+Verlegenheit dadurch zu verbergen suchte, daß er die Beine trotzig
+verquer stellte und ein Gesicht machte, als ob er ein ganz schlimmer
+wäre. Die anderen drei folgten von selbst.
+
+»Daß ihr erst mal warm werdet,« sagte Leidchen und kam mit einer
+Flasche, aus der sie jedem der Burschen das dicke Gläschen einmal
+füllte, die »Prost, Leidchen!« riefen und es auf einen Zug leerten.
+Dann setzten sie sich auf die Wandbänke, hinter die ein wenig mehr
+unter der Hängelampe zusammenrückenden Mädchen. Die Räder schnurrten
+und die Pfeifen qualmten.
+
+»Au, er ist mir doch noch bannig steif,« stöhnte Jakob Kück, seinen
+Arm, wie es schien, mit Mühe ausstreckend.
+
+»Wovon?« fragte Minna, die vor ihm saß und die Gelegenheit, sich
+schnell mal nach ihrem Liebsten umzusehen, wahrnahm.
+
+Nun konnte Jakob erzählen. Seine Tat erschien nach seiner eigenen
+Darstellung noch erheblich heldenhafter und bewundernswürdiger, als
+nach dem Bericht der Augenzeuginnen, die doch auch kein Interesse
+daran gehabt hatten, sie zu verkleinern. Der Hauptspaß wäre, daß der
+Gendarm ihn nicht gefaßt hätte. Denn wenn einer nachher für solchen
+Spaß einige Monate Häcksel fressen müßte, das wäre nichts Genaues.
+
+Jakob war noch im besten Gange, als auf dem Flett Schritte laut
+wurden, die offenbar nicht von Holzschuhen, sondern von Kommißstiefeln
+stammten, und Jan Monsees, der Weihnachtsurlauber, trat in die Stube.
+Aber nicht allein. Dem untersetzten, in schlotteriger Kommißkleidung
+steckenden Kriegsmann folgte auf dem Fuße ein Kamerad, dessen
+schlanke, ebenmäßige Gestalt eine gut sitzende funkelneue Extrauniform
+umgab.
+
+Die Burschen, allen voran der in seinem Bericht unterbrochene
+Weihnachtsballheld, empfingen den zweiten der Ankömmlinge mit
+verwunderten und befremdeten Blicken. Aber Jan Monsees sagte: »Müllers
+Hermann, mein Kompagniekamerad, war gerade bei mir zum Besuch, da
+hab' ich ihn ein bißchen mitgebracht. Es wird wohl keiner was dagegen
+haben.« Inzwischen war dieser mit den knarrenden Extrastiefeln auf
+Leidchen zugeschritten, gab ihr, die Hacken zusammenschlagend, die
+Hand und sagte: »Ich hab' in der Zeitung gelesen, daß du heute
+Geburtstag hast, und wollte dir auch eben gern gratulieren. Darf ich
+'ne halbe Stunde mit schnacken?«
+
+»Von Herzen gern,« sagte Leidchen, durch den unerwarteten Besuch nicht
+wenig geschmeichelt, und sah sich nach einem Platz für ihn um. Da die
+Bänke ziemlich besetzt waren und die anderen keine Anstalt machten,
+zusammenzurücken, holte sie schnell einen Stuhl und bat, ihn halblinks
+hinter sich stellend, Hermann, damit vorlieb zu nehmen. Dann kredenzte
+sie ihm und seinem Kameraden den Bewillkommnungsschluck. Auch die
+übrigen bekamen der Reihe nach wieder ein Gläschen.
+
+Jakob Kück fing noch einmal von seinem Weihnachtsball an, fand aber
+keine rechte Aufmerksamkeit mehr. Er ärgerte sich nicht wenig, daß
+er sein Pulver zu früh verschossen hatte. Um so leichter wurde es
+dem Eindringling, sich im Handumdrehen zum Helden der Situation zu
+machen. Er steckte von oben bis unten voll von Unteroffiziersanekdoten
+und Kasernenhofblüten, die er natürlich alle selbst erlebt haben
+wollte und geschickt vorzubringen wußte. Je lebhafter seine
+Zuhörerinnen Beifall spendeten, desto launiger und witziger wurde
+sein Erzählen. Den Stuhl noch ein wenig vorziehend, saß er bald an
+Leidchens Seite und im Kreise der Mädchen, die immer wieder von ihren
+Fädchen aufblickten und in das frische, lachende Gesicht des jungen
+Kriegers sahen, der nach jedem Geschichtchen selbstgefällig seinen
+unwiderstehlichen Schnurrbart drehte. Die Jungens auf den Bänken
+im Hintergrund fühlten sich sehr an die Wand gedrückt. Jakob Kück,
+der beim ersten Garderegiment gedient hatte und den Rekruten der
+Fünfundsiebziger von Grund seiner Seele verachtete, versuchte einige
+Male, ihm einen Knüppel zwischen die Beine zu werfen. Aber der wußte
+ihn jedesmal so geschickt zu parieren und zurückzugeben, daß er selbst
+darüber stolperte und von den Mädchen ausgelacht wurde. Und sogar
+Minna Siedenburg lachte mit. Müllers Hermann war und blieb erster und
+einziger Hahn im Korbe. Krischan Wedderkopp ging bald heimlich hin und
+stibitzte die nach dem letzten Umtrunk wieder gefüllte Flasche, an der
+man sich schadlos hielt.
+
+Endlich schien Hermanns Anekdotenschatz erschöpft zu sein, und Meta
+Windeler schlug vor, mal eins zu singen. Das geschah denn auch, und
+dabei konnten auch die an der Wand sich mal wieder hören lassen. Die
+meisten sangen »groff«, das heißt, eine Oktave tiefer als die Mädchen,
+einige versuchten aber auch etwas wie die zweite Stimme. Krischan
+Wedderkopp befand sich schon in dem Stadium, wo das Singen zum Gröhlen
+wird. --
+
+Gerd, den die unsicheren Eisverhältnisse der Hamme zu Umwegen
+gezwungen hatten, kehrte später zurück, als in seiner Absicht lag.
+Er fand eine ziemlich fortgeschrittene Stimmung vor. Er nickte den
+gerade wieder Singenden grüßend zu und schritt durch die Stube, um das
+einzige Fenster, das zum Öffnen eingerichtet war, aufzumachen. Denn
+die Luft war in dem niedrigen tabaksqualmerfüllten Raum so heiß und
+dick, daß es einem, der von draußen kam, schier den Atem versetzen
+wollte. Dann begab er sich in die Ecke hinter den Ofen.
+
+Als das Lied aus war, kam Müllers Hermann zu ihm, begrüßte ihn durch
+Handschlag und erzählte, auf welche Weise er hier unter das Koppel
+verschlagen wäre. Nachdem er noch einige Worte mit ihm gewechselt
+hatte, begab er sich an seinen Platz zurück. Die andern nahmen
+weiter keine Notiz von dem Ankömmling. Er galt ihnen nun einmal als
+Sonderling und Drögepeter, den man am besten sich selbst überließ.
+Doch schien es, als ob seine Anwesenheit auf die ausgelassene
+Lustigkeit lähmend wirkte.
+
+Aber Krischan Wedderkopp ließ sich das weiter nicht anfechten, er
+hatte mehr getrunken als die anderen und war nun einmal in der Fahrt.
+Nachdem er schon allerhand Unfug gemacht hatte, brach er durch die
+Reihe der Spinnerinnen und näherte ein angebranntes Streichholz der
+Hängelampe, wie um es über ihr neu zu entzünden. Doch plötzlich
+knipste er es fort, hielt die flache Hand schräg hinter das Glas und
+blies scharf dagegen. Die Lampe erlosch, die Gesellschaft befand
+sich im Dunkeln, und das Kreischen der Mädchen verriet, daß einige
+Burschen sich sofort kleine Freiheiten erlaubten. Es drohte ein tolles
+Durcheinander zu werden.
+
+Da donnerte es aus der Ofenecke: »Steckt das Licht wieder an!« Aber
+niemand gehorchte.
+
+Gerd fand Schwefelhölzer in seiner Westentasche und riß eins an der
+warmen Ofenplatte in Brand. Aber ehe die bläulich schwelende Flamme
+das Holz recht ergriff, wurde es ihm in der Hand ausgeblasen.
+
+Ein zweites hatte das gleiche Schicksal.
+
+»Nehmt euch in acht!« rief Gerd, ein drittes in den hohlen Händen
+schützend. Eben wollte er es zur Lampe emporheben, als es wieder
+erlosch.
+
+Es fing an, in ihm zu kochen, und als auch das vierte Zündholz,
+das er, unter der Lampe stehend, am Hosenboden angerissen hatte,
+ausgeblasen wurde, schnellte er die rechte Hand scharf zur Seite und
+traf jemanden nicht eben sanft auf den Mund und Backe. Es gab einen
+dumpfen Klapp und gleich darauf ein wildes Gejohle.
+
+Mit dem fünften Streichholz brachte er unter dem Schutz seiner
+geballten Faust die Lampe glücklich in Brand.
+
+Die Mädchen strichen sich die verwirrten Haare glatt, banden die
+aufgelösten Schürzenbänder zu und setzten sich ehrbar wieder an ihre
+Spinnräder.
+
+»Muß mir doch mal die Schnuten ankucken, wen's getroffen hat,« sagte
+Krischan Wedderkopp und sah mit seinem Faungesicht den einzelnen
+scharf auf den Mund, bis er vor dem Müller stehen blieb und mit
+schadenfrohem Lachen rief: »Hier hat's eingeschlagen!«
+
+Hermann leugnete und stellte eine unbefangene Miene zur Schau. Aber
+die gerötete Backe verriet ihn.
+
+Es erhob sich ein helles Gelächter, in das auch die Mädchen mit
+einstimmten. Hermann fühlte, daß er etwas tun mußte, um seine schwer
+gefährdete Soldaten- und Burschenehre zu retten.
+
+Er trat vor Gerd hin, der sich in seinen Winkel zurückgezogen hatte
+und lässig gegen den Ofen lehnte.
+
+»Gerd, du hast mich geschlagen!«
+
+»Warum hältst du deinen Schnabel hin?« fragte der gelassen.
+
+Die Burschen zogen eine Mauer um die beiden. Die Mädchen, sich im
+Hintergrund haltend, sahen ängstlich und neugierig zwischen ihnen
+durch; die kleineren waren auf Stühle gestiegen. Jan Monsees suchte
+den Kameraden mit gütlicher Zusprache zu beruhigen, während Krischan
+Wedderkopp hetzte: »Hiß, hiß! Wer sich aufs Maul schlagen läßt, ist
+kein Kerl.«
+
+»Ich verlange, daß du auf der Stelle Abbitte tust,« stieß der Müller
+in heiserer Stimme heraus.
+
+Gerd schwieg und verharrte in seiner lässigen Haltung.
+
+Da langte der Kriegsmann, sich hoch aufrichtend, mit großer Gebärde
+nach dem Seitengewehr. Jedoch bevor er es ziehen konnte, war Gerd
+zugesprungen, hatte ihn mit Untergriff gepackt und streckte den langen
+Menschen der Länge nach in den Streusand des Fußbodens. Dann ließ
+er ihn aber sofort los, steckte beide Hände in die Hosentaschen und
+lehnte sich wieder gegen den Ofen.
+
+Die helle Wut im Gesicht, sprang der andere auf die Füße, zog
+blitzschnell seine Waffe und wollte auf den Gegner eindringen.
+Aber Leidchen, die Kette der Burschen durchbrechend, warf sich ihm
+mit einem gellenden Schrei entgegen, und zugleich packten ein paar
+kräftige Arme den Rasenden. »Was? Der will uns mit seinem Käsemesser
+zu Fell?« »Was hat der großschnauzige Kerl überhaupt in unserem Koppel
+zu suchen?« »Raus mit ihm!« schrie es durcheinander, und obgleich Jan
+Monsees kameradschaftlich Einspruch erhob und Leidchen bat und flehte,
+beförderten die erhitzten, eifersüchtigen Burschen den ungebetenen
+Gast, so sehr er sich mit Händen und Füßen wehrte, erbarmungslos zur
+Stube und zum Hause hinaus.
+
+Mit dem Spinnen war es jetzt natürlich vorbei, obgleich Leidchen
+dringend bat, wieder Platz zu nehmen. Eine Weile stand ihre
+Geburtstagsgesellschaft noch in der Stube durcheinander, das
+Vorgefallene leidenschaftlich besprechend, dann nahmen die Mädchen
+ihre Spinnräder in den Arm, und das Koppel zog aufgeregt zum Hause
+hinaus.
+
+Gerd hatte schon vor den anderen die Stube verlassen und sich hinten
+auf der Diele bei dem Vieh zu schaffen gemacht.
+
+Als er auf das Flett zurückkam, begegnete ihm Leidchen, die soeben
+ihre Gäste zur Seitentür hinausgeleitet hatte.
+
+»Na, sind wir das rüde Volk endlich aus dem Hause los?« fragte er
+arglos.
+
+Wie eine fauchende Katze, als ob sie ihm an den Kopf wollte, kam sie
+auf ihn zugefahren, ihre Augen schossen Blitze, der ganze Körper
+zitterte vor Erregung, und mit zornerstickter Stimme rief sie:
+
+»Das vergess' ich dir mein Lebtag nicht, was du mir heut' abend
+angetan hast!«
+
+»Ich? Dir?« fragte er verwundert.
+
+»Nun stell' dich auch noch dumm! Du hast mir meinen ganzen Geburtstag
+ausgeschändet. Wir waren alle so vergnügt und lustig ... bis du kamst.
+Da war's mit einemmal vorbei. Du gönnst mir ja keinen Spaß, das weiß
+ich schon lange.«
+
+»Leidchen!«
+
+»Ich hatte mich so gefreut, daß Müllers Hermann sich auch mal bei uns
+sehen ließ. Denn das war eine große Ehre für mich; und er hat uns so
+spaßige Geschichten erzählt. Und nun muß er so aus dem Hause kommen!
+Schämen muß'n sich vor den Leuten wegen so 'nem Bruder!«
+
+»Wenn du dich wegen sonst nichts zu schämen brauchst, dann sei froh.
+Ja, schämen solltet ihr euch wirklich, ihr großen Mädchen, so im
+Dunkeln mit den Jungens herumzutoben! Daß eine, wie Anna Rickers,
+dazu Lust hat, nimmt mich nicht wunder. Aber daß dir das Spaß macht,
+Leidchen, das tut mir in der Seele weh ... Pfui, sich von einem Kerl,
+wie Krischan Wedderkopp, anfassen zu lassen!«
+
+»Mich hat kein Krischan angefaßt! Nur die Schleife vom Schürzenband
+hat mir einer aufgezogen, und was ist da groß bei? Aber so bist du
+schon immer gewesen: aus der Mücke machst du einen Elefanten und aus
+einem kleinen Spaß gleich 'ne große Sünde. Mit jedem Tag wirst du
+ducknackiger, das sagen die anderen auch. Ich glaube, das kommt davon,
+daß du so viel mit dem Schulmeister läufst, worüber alle Leute sich
+wundern. Von dem lernst du wohl das Schulmeistern und Aufpassen. Aber
+ich lasse mir das nicht länger gefallen, ich hab's jetzt gründlich
+satt ... Was du mir heut' abend angetan hast, das vergess' ich dir so
+leicht nicht. Warte, ich spiel' dir noch mal einen Streich, daß du
+auch dran denken sollst!«
+
+Sie hatte die Hand zur Faust geballt und sie drohend gegen ihn erhoben.
+
+»Man sachte, man sachte!« klang es begütigend von der Seitentür her,
+durch die Jan und Trina soeben eingetreten waren. »Deern, was hast du
+denn bloß?« fragte die letztere, »du bist ja wohl nicht recht klug.«
+
+Leidchen war jäh verstummt und mit einem feindseligen Blick auf den
+Bruder ging sie in ihre Kammer.
+
+»Was hat sie denn?« fragte Trina, ihr Kopftuch lösend und von dem
+langen Weg ermüdet auf einen Stuhl sinkend.
+
+»Nichts Besonderes,« sagte Gerd, »die Deerns kriegen manchmal so ihren
+Rappel.«
+
+Damit wandte er sich und suchte seine Schlafkammer auf, die an der
+Großen Diele lag.
+
+
+
+
+ 8.
+
+
+Als Gerd am nächsten Morgen erwachte, hoffte er, Leidchen würde ihn
+wegen ihrer häßlichen Ausfälle vom gestrigen Abend um Verzeihung
+bitten, oder doch auf irgendeine Weise merken lassen, daß sie ihr leid
+täten. Aber in dieser Erwartung täuschte er sich. Sie tat den ganzen
+Tag, als ob er nicht vorhanden wäre, und sah auch bei Tisch, wo sie
+sich gegenüber saßen, geflissentlich an ihm vorbei.
+
+Beim Mittagessen machte die Schwägerin den Versuch, die Geschwister zu
+versöhnen, wurde aber von Leidchen schroff zurückgewiesen. Jan, der
+abends vorm Kuhstall dasselbe versuchte, erging es nicht besser.
+
+Wenn sie ohne ihn fertig werden könnte, sagte sich Gerd, so könnte
+er es ohne sie erst recht. Allerlei Magdarbeiten, die er ihr bislang
+abgenommen hatte, weil sie größere Körperkraft verlangten, ließ er
+fortan sie selbst verrichten, und sie kam ihnen mit einer Art Trotz
+nach, aber doch so, daß die Ausführung zu Tadel keinen Anlaß bot.
+Überhaupt schien sie ihre Ehre darein zu setzen, ihm zu zeigen, daß
+sie auf eigenen Füßen stehen konnte und seiner Hilfe und Aufsicht
+nicht mehr bedurfte.
+
+Gerd empfand diesen Zustand aber doch bald als drückend und fing an zu
+erwägen, ob er nicht seinerseits Schritte zum Frieden tun sollte. Aber
+er schob das immer wieder hinaus, in der Hoffnung, daß sie eines Tages
+ihr Unrecht einsehen und ihm wenigstens einen kleinen Schritt entgegen
+tun würde.
+
+So liefen einige Wochen ins Land.
+
+Die Gräben, die eine längere Frostzeit von Mitte Dezember an
+verschlossen gehalten hatte, wurden Ende Januar von Tauwind und
+Landregen schnellstens aufgeschlossen, und man rüstete eiligst die
+Schiffe, um nicht das in dem kalten Winter flott gehende Torfgeschäft
+ganz den Pferdebauern zu überlassen, die mit den braunen Kumpwagen bei
+jeder Witterung zur Stadt fahren konnten.
+
+Als Gerd an einem Spätnachmittag von der ersten Bremerfahrt des neuen
+Jahres nach Hause kam, bemerkte er sofort, daß Leidchens böse Laune
+umgeschlagen war. Sie bot ihm die Tageszeit, trug ein reichliches
+und gutes Vesperbrot auf und setzte sich mit an den Tisch, um ihm
+Gesellschaft zu leisten. Er hatte aber das Gefühl, daß hinter dieser
+Freundlichkeit etwas weniger Erfreuliches lauerte und nahm sich vor,
+möglichst einsilbig zu sein, in der Erwartung, daß es dann am ehesten
+ans Licht kommen würde. So aß er denn und schwieg.
+
+Nach einer Weile sagte sie: »Du bist ja so still heute, Gerd.«
+
+Er zuckte die Achseln.
+
+»Weißt du das Neueste?«
+
+Er verriet nicht das geringste Interesse, es zu erfahren.
+
+»Georg Marwede, der in der Bremer Neustadt das große Milchgeschäft
+hat, ist heute hier gewesen und hat auf unsere Rotbunte gehandelt.«
+
+»Hm.«
+
+»Aber Jan ist nicht eins mit ihm geworden.«
+
+»Hm.«
+
+»Aber ich bin mit ihm eins geworden.«
+
+»Diese Sülze schmeckt gut.«
+
+Sie sah verwundert zu ihm hinüber, der mit vollen Backen kaute.
+
+»Du sollst dich wundern! ... Ich hab' mich ihm nämlich auf den Herbst
+als Fräulein für die Küche und die Kinder vermietet.«
+
+»So ...«
+
+»Nicht wahr, darüber freust du dich doch auch?«
+
+»Mir ist das alles eins. Meinetwegen hättest du dich auch nach Hamburg
+oder Berlin vermieten können.«
+
+Leidchen hatte das Gefühl einer großen Enttäuschung. Als am Vormittag
+der Bremer Milchmann, zuerst im Scherz, ihr die Stelle in seinem
+Hause angeboten hatte, war ihr erster Gedanke gewesen, das wäre eine
+gute Gelegenheit, Gerd einmal recht tüchtig zu ärgern. Den ganzen Tag
+hatte sie sich dann auf den Augenblick gefreut, wo sie ihn mit der
+unangenehmen Neuigkeit überraschen könnte. Und nun nahm der Mensch das
+so auf!
+
+Sie glaubte noch immer, er heuchle nur Gleichgültigkeit und müsse
+gleich auf die Angelegenheit zurückkommen. Aber er nahm sich noch ein
+Stück Sülze, aß und schwieg.
+
+Da erschrak sie vor der plötzlichen Erkenntnis, wie weit sie und ihr
+Bruder auseinander gekommen waren. Das hatte sie ja gar nicht gewollt.
+Sie hatte ihn für die Störung ihrer Geburtstagsfeier bestrafen und
+sich bei dieser Gelegenheit größere Freiheit erringen wollen, aber
+nie daran gedacht, ihn ernstlich von sich zu stoßen. Denn wenn er ihr
+auch manchmal unbequem war, eigentlich war sie dem so treu um sie
+besorgten Bruder doch stets in schwesterlicher Liebe zugetan gewesen.
+Im Grunde war es ihr auch recht, daß er anders war als die übrigen,
+daß er anderen Umgang und andere Erholung suchte als Jakob Kück und
+Krischan Wedderkopp.
+
+Gerd war mit seinem Vesperbrot fertig und stemmte die Hände auf den
+Tisch, um sich zu erheben, als Leidchen auf einmal fragte: »Bist du
+noch immer böse auf mich?«
+
+»Du gehst deinen Weg, ich geh' meinen,« sagte er trocken. »Schiedlich,
+friedlich, dabei stehen wir uns beide am besten.«
+
+»Nein, Gerd, nein! Das halt' ich nicht länger aus. Bitte, sei wieder
+gut mit mir!«
+
+Sie streckte ihm bittend die Hand über den Tisch entgegen. Einen
+Augenblick zögerte er, dann nahm er sie, indem er befreit aufatmete,
+sie mit frohen Augen ansah und freudig bewegt rief: »Leidchen, glaub'
+mir, mir ist es auch lieber so.«
+
+»Was meinst du zu der Stelle, die ich angenommen habe?« fragte sie,
+vor Ungeduld brennend, die Rede auf das zu bringen, was sie den Tag
+über beschäftigt hatte.
+
+»Hm. Wieviel Lohn gibt's?«
+
+»Lohn nicht, aber etwas Gehalt.«
+
+»Der Name tut nichts zur Sache. Wieviel?«
+
+»Für den Anfang fünfundzwanzig Taler.«
+
+»Deern, du bist wohl nicht recht bei Trost! Hier bist du bald nach
+fünfzig hin, und gehst in die Stadt für fünfundzwanzig?«
+
+»Dafür bin ich aber auch Fräulein.«
+
+Er zuckte verächtlich mit den Achseln.
+
+»Ich esse mit der Herrschaft am Tisch ...«
+
+»Das heißt, du kannst ihre Krabben füttern und ihnen die Schnäbel
+abwischen.«
+
+»Und für die groben Arbeiten wird ein Dienstmädchen gehalten.«
+
+»Ach so, du bist auf einmal zu fein, den Besen in die Hand zu nehmen.«
+
+»Kuck', nun fängst du schon wieder an!«
+
+»Was sagen denn Jan und Trina dazu?«
+
+»Die wollen mich zum Herbst ganz gern ziehen lassen. Sie können es ja
+genug mit einem kleinen Mädchen für weniger Lohn tun.«
+
+»Ach, Leidchen, hättest du mich doch vorher gefragt! Wir kennen die
+Leute ja gar nicht. Ich hätte mich mal in der Stadt nach ihnen umhören
+können ... Läßt sich die Sache nicht noch rückgängig machen?«
+
+»Nein, ich habe den Mietstaler schon angenommen.«
+
+Gerd sah bekümmert und ratlos vor sich hin. Aber plötzlich schlug er
+mit der Faust auf den Tisch und rief erfreut: »Daß ich daran nicht
+gleich gedacht habe! Deern, du bist noch nicht volljährig. Wenn dein
+Vormund nein sagt, gilt der Taler nicht. Sonntag nachmittag geh' ich
+hin und bringe die Sache in Ordnung.«
+
+»Du kannst mich mitnehmen,« sagte Leidchen, »und dann überlegen wir
+drei uns das mal ganz vernünftig. Du magst recht haben, ich hab'
+die Sache etwas übers Knie gebrochen ... Ich will mich auch noch mal
+besinnen ...«
+
+ * * * * *
+
+Kord Rosenbrock war der älteste Sohn des Rosenbrockschen Hauses
+gewesen, hatte aber das väterliche Erbe seinem Bruder Jan
+überlassen und mit einer kinderlosen Witwe eine achtzig Morgen
+große hypothekenfreie Stelle in Tunkendorf auf der Südseite des
+Kirchspiels erheiratet. Da die Ehe kinderlos geblieben war, hatte
+er sich bald gesagt, es würde eine Dummheit sein, sich für seiner
+Frau Schwesterkinder abzurackern. So schonte er denn das Torfmoor
+für kommende Geschlechter und ließ das Schiff im Graben verfaulen.
+Ein Paar glatter Dänen nebst Kutschwagen, sowie die Pachtung der
+Dorfjagd kostete allerhand Geld, aber das von seinen Vorwesern tüchtig
+heraufgearbeitete Besitztum konnte schon einige Hypotheken tragen. Ein
+stattlicher Vollbart und ein rundliches Bäuchlein unterschieden den
+Mann außerdem noch von den meist glatt rasierten und hager sehnigen
+Männern des Landes. Sein Stolz aber war die ausgedehnte Rechtskunde,
+die er sich aus Gesetzsammlungen und volkstümlichen Kommentaren
+zusammengelesen hatte. Um sie auch praktisch zu verwerten, hatte er
+meistens ein Prozeßchen in Gang, wozu die etwas verwickelten Stau- und
+Rieselrechtsverhältnisse von Tunkendorf bequeme Gelegenheit boten.
+
+Gerd und Leidchen, die am Sonntag vormittag in Grünmoor die Kirche
+besucht hatten, kamen gerade zur rechten Zeit an. Sie fanden Onkel
+und Tante bei der angenehmen Beschäftigung, einen sauber gespickten
+und hübsch braun gebratenen Moorhasen zu verzehren, und wurden
+eingeladen, mitzuhalten.
+
+Nach der Mahlzeit, während Tante Beta den Tisch abräumte, lehnte Onkel
+Cord sich im Sofa zurück, faltete die Hände über dem Magen und fragte:
+»Na, Kinder, was führt euch denn her?«
+
+»Wir kommen in Vormundschaftssachen,« sagte Gerd. »Es handelt sich um
+Leidchen.«
+
+Der Vormund betrachtete sein schmuckes Mündel mit Wohlgefallen: »Was
+ist denn mit dir, Kind? Du willst doch nicht schon heiraten? Ich
+könnte mir denken, daß sich bald einer fände, der dazu Lust hätte.«
+
+Leidchen schüttelte lächelnd den Kopf. Gerd aber runzelte die Stirn
+und sagte: »Es handelt sich um eine ernste Sache. Das Mädchen hat
+sich leichtsinnig nach Bremen vermietet und mich vorher nicht einmal
+gefragt.«
+
+»Dazu ist sie nach den Gesetzen auch nicht verpflichtet,« erklärte der
+Onkel.
+
+»Aber Euch als Vormund hat sie auch nicht gefragt,« rief Gerd,
+ärgerlich über dessen Weise, die Angelegenheit zu behandeln.
+
+»Ich denke, dazu ist sie jetzt eben gekommen,« versetzte Cord
+Rosenbrock, dem hitzige Menschen unangenehm waren, die Daumen
+umeinander drehend. »Na, Deern, warum möchtest du denn gern nach der
+Stadt?«
+
+Leidchen war um Gründe nicht verlegen. Sie wollte sich gern mal
+verändern, bei der Schwägerin könne sie doch nichts mehr lernen. Sie
+möchte auch versuchen, wie ihr die feine Arbeit gefiele. Denn ob sie
+Lust hätte, das ganze Leben Torf zu backen, das stünde noch dahin.
+
+Der Vormund nickte und meinte, das ließe sich hören. Die Rosenbrocks,
+die von dem großen Geesthof Trommsloh stammten, hätten von jeher in
+die Höhe gestrebt, weshalb er selbst zum Beispiel es auch zu einem
+Hof gebracht habe, der doppelt so viel wert sei, als seine väterliche
+Stelle in Brunsode. »Es freut mich,« schloß er, »daß dieser Trieb auch
+in dir ist. Und was hast du dagegen, Gerd?«
+
+»Erstens mal,« begann dieser mit verhaltenem Zorn, »ist es eine
+Schande, wenn ein so großes, starkes Mädchen nicht mehr verdient als
+fünfundzwanzig Taler. Fürs Vorwärtskommen bin ich ganz gewiß auch.
+Aber dazu gehört nicht, daß unsereins den feinen Herrn spielt und so'
+ne dumme Deern sich Fräulein nennt. Was die richtigen Fräuleins sind,
+die machen sich ja doch bloß über so eine lustig. Was Leidchen fürs
+Leben braucht, das kann sie hier auf dem Lande genug lernen, wenn sie
+nur die Augen aufmacht. Wenn sie nach Bremen ginge, könnte ich keine
+ruhige Stunde mehr haben. Denn sie ist wohl von Herzen gut, aber ein
+bißchen leicht. Ihr lacht, Onkel? Da ist wirklich nichts zu lachen!
+Ihr habt Euch die Vormundschaft ziemlich leicht gemacht, und wir beide
+haben uns selbst geholfen. Aber in dieser Sache müßt Ihr mal zum
+Rechten sehen, und ich bitte Euch, sprecht ein strammes Nein!«
+
+Cord Rosenbrock hatte sich aus der behaglichen Lässigkeit eines
+Mannes, dem es gut geschmeckt hat, aufgerafft und sah den mit großem
+Ernst und Nachdruck sprechenden Brudersohn aus weiten, runden Augen
+an. Als der fertig war, holte er Atem, um ihm geziemend zu antworten.
+Aber plötzlich fiel ihm ein, daß er gleich sein Mittagsschläfchen
+halten wollte, und daß Erregung des Gemüts diesem nicht zuträglich
+zu sein pflegte. So wandte er sich lieber an Leidchen und sagte: »Du
+arme Deern, was hast du wohl unter solch einem Obervormund zu leiden
+gehabt! Ich verlange jetzt, daß du die Stelle in Bremen annimmst, und
+spreche dich ein für allemal von Gerds angemaßter Vormundschaft frei.«
+
+Gerd saß starr und steif und blickte unter gesträubten Augenbrauen
+weg den Onkel feindselig an. »Angemaßt,« sagte er mit dumpfer Stimme,
+»habe ich mir gar nichts. Was ich für Leidchen getan habe, das hab'
+ich ihrer Mutter auf dem Sterbebett geloben müssen.«
+
+Onkel Cord hob die Beine auf das Sofa und sagte, er müßte nun
+schlafen. Wenn sie wollten, könnten sie sich noch etwas in Haus und
+Hof umsehen. Gerd aber drängte zum Aufbruch, und Leidchen erhob keinen
+Widerspruch.
+
+Sie gingen auf dem Rückweg stumm nebeneinander her, indem er an seinem
+Ärger würgte und sie im stillen ihren Triumph auskostete.
+
+Am nächsten Tag traf Gerd zufällig Herrn Timmermann, der nach der
+Schule mit seinem Hündchen auf dem Damm spazierte, um die Abendröte zu
+genießen, und sie gingen eine Strecke miteinander.
+
+Nachdem sie eine Weile über dies und das gesprochen hatten, faßte er
+sich Mut und schüttete sein Herz aus.
+
+Er hoffte natürlich, der Lehrer würde seine Partei ergreifen. Aber
+darin irrte er sich sehr. Der Mann schalt ihn einen Schwarzseher,
+sprach seine Freude über Leidchens Entschluß aus und meinte, ein
+bißchen Umlernen würde ihr sehr gut tun. Er hätte eigentlich schon
+immer dazu raten wollen.
+
+»Aber sie hätte mich doch wenigstens fragen können,« versetzte Gerd
+enttäuscht.
+
+»Vielleicht wäre dann nichts daraus geworden,« sagte der andere
+lächelnd.
+
+»Ich finde das undankbar von ihr, eine so wichtige Sache hinter meinem
+Rücken abzumachen.«
+
+»So recht dankbar,« meinte der Lehrer nachdenklich, »möcht' ich
+beinah' glauben, ist die liebe Jugend nie. Wenn ich meinen früheren
+Schülern, an denen ich jahrelang mein Bestes getan habe, mal wieder
+begegne, sehen sie mich meist fremd und mißtrauisch, ja nicht selten
+feindselig an. Soll ich deshalb mein Angesicht verhüllen und über die
+Undankbarkeit der Welt jammern? Ich meine, ein anständiger Mensch soll
+überhaupt nicht nach Lohn und Dank schielen, sondern seine Pflicht tun
+... Aufrichtig gesagt, Gerd, im Grunde freue ich mich, daß Leidchen
+Ihnen aus der Schule laufen will. Denn -- nehmen Sie mir das nicht
+übel -- Sie haben reichlich viel vom Schulmeister Ihrer Schwester
+gegenüber.«
+
+»Was?«
+
+»Wenn ein Schulmeister Ihnen das sogar sagt, können Sie's ruhig
+glauben. Und gerade für Leidchen, glaub' ich, ist das nicht gut. Es
+gibt Kinder, die dumme Streiche nicht aus Schlechtigkeit machen,
+sondern um ihren Lehrer mal tüchtig zu ärgern. Und das sind meist
+nicht die schlechtesten!«
+
+»Also Sie meinen, ich soll sie ruhig ziehen lassen?«
+
+»Ja, was denn sonst?«
+
+»Aber es hat doch gar keinen Zweck für eine, die ihr Leben durch Torf
+backen soll.«
+
+»Können Sie wissen, wie das Leben Ihrer Schwester sich einmal
+gestalten wird?«
+
+Als die beiden sich getrennt hatten und Gerd eine Strecke in Gedanken
+dahingeschritten war, blieb er auf einmal stehen und legte den
+Zeigefinger lang an die Nase.
+
+Hm hm. Der Mann hatte ihn vorhin so wunderlich angesehen, und hatte
+schon länger raten wollen, Leidchen mal in die Stadt zu geben? Sollte
+er vielleicht seine Gründe dazu haben?
+
+Zum Kuckuck! Das wäre eine feine Sache, wenn Leidchen mal im
+Schulhause unterkommen könnte, bei einem Mann, wie er ihn sich besser
+ja gar nicht zum Schwager wünschen konnte. Und warum sollte das nicht
+möglich sein? Eine Deern, wie Leidchen? Da hatten doch schon ganz
+andere ihr Glück mit einem Lehrer gemacht ...
+
+Ja! Dann lag die Sache freilich anders! Dann war's ja ein Glück, daß
+Leidchen im Herbst erst mal nach Bremen ging. Denn direkt aus der
+Torfkuhle holte so'n Lehrer sich die Frau am Ende doch nicht gern ...
+
+Als Gerd nach Hause kam, zeigte er seiner Schwester ein sehr
+vergnügtes Gesicht. Bei nächster Gelegenheit kaufte er ihr von einem
+Hausierer ein hübsches Schultertuch, und ohne sich aufzudrängen,
+pflegte er doch die Freundschaft mit dem Schulhause nach Möglichkeit.
+
+ * * * * *
+
+Da Gerd seine Erzieherneigungen fortan möglichst im Zaum hielt und
+Leidchen ihm auch wenig Anlaß gab, sie zu betätigen, lebten und
+arbeiteten die Geschwister den Frühling und Sommer über in hübscher
+Eintracht.
+
+Als der September ins Land kam, meinte sie einmal, es wäre schade,
+daß er nicht immer so nett mit ihr gewesen wie die letzte Zeit; sie
+hätte sonst ebensogut in Brunsode bleiben können. Aber er schüttelte
+bedeutungsvoll den Kopf und sagte: »Leidchen, ich glaube doch, es ist
+besser, daß du dich erst mal in anderen Verhältnissen umkuckst. Man
+kann ja auch gar nicht wissen, was der liebe Gott noch alles mit dir
+im Sinn hat.« Sie sah ihn fragend an. Aber er zuckte die Achseln und
+sagte noch einmal: »Man kann nie wissen.«
+
+Anfangs Oktober traf er den kürzlich zur Reserve entlassenen Jan
+Monsees, der allerlei zu erzählen wußte, unter anderm auch, Müllers
+Hermann wäre Bursche bei einem nach Spandau kommandierten Hauptmann
+geworden. Da er gerade eine Zigarre in der Tasche hatte, schenkte er
+sie dem Überbringer dieser ihm sehr angenehmen Nachricht.
+
+ * * * * *
+
+Es war eine windstille Herbstnacht, als Gerd wieder einmal die
+Hamme hinunterfuhr. Sein Schiff war diesmal aber nicht mit Torf
+beladen, sondern trug zwanzig Viertel Kartoffeln, einige Weidenkörbe
+mit Winteräpfeln und in einer Kommode aus Tannenholz die Habe der
+Schwester, die vor kurzem vorn in der Koje sich schlafen gelegt hatte.
+
+Gerd dämmerte in solchen Nächten meist gedankenlos zwischen Schlafen
+und Wachen vor sich hin. Es konnte aber auch geschehen, daß er auf
+einmal wunderlich wach wurde, wacher, als je am hellichten Tage.
+Meist war es irgendeine Geringfügigkeit, die ihn plötzlich in diesen
+merkwürdigen Zustand versetzte, eine Sternschnuppe, das Tinkeln
+eines Sterns, der Schrei eines Vogels oder dergleichen. Eine solche
+Stunde erlebte er auch in dieser Nacht. Er sah den Blechbeschlag von
+Leidchens Kommode und den Porzellangriff ihres an dieselbe gelehnten
+Regenschirms durch die Dunkelheit schimmern -- und auf einmal begann
+sein Geist Pfade der Erinnerung zu wandeln, und die Vergangenheit, um
+die er sonst, vom Tag und der Stunde genügend in Atem gehalten, sich
+nicht eben viel kümmerte, wurde ihm plötzlich wunderlich lebendig und
+gegenwärtig.
+
+Tief aus einem rosafarbenen Steckkissen blinzelt ein rotes
+Gesichtchen. Das kleine Ding ist eben auf die Welt gekommen und hat
+dem Bruder eine große Tute voll Süßigkeiten mitgebracht.
+
+Er trägt die Zweijährige auf dem Arm, gleitet über einer
+Kartoffelschale aus, schützt im Fall seine Pflegebefohlene, daß ihr
+nichts geschieht, und schlägt sich selbst an dem scharfen Rand des
+Blecheimers eine klaffende Wunde in den Kopf. Er fühlt mit der Hand
+nach der linken Schläfe, wo die Narbe heute noch sitzt, und freut sich
+ihrer.
+
+Sie stehen beide vor dem Bett der todkranken Mutter, die Hände in
+ihrer abgezehrten, fieberheißen ... »Gerd, sie hat sonst keinen als
+dich.«
+
+Sie kniet als Konfirmandin vor dem Altar der heimatlichen Kirche,
+und er schaut von der Empore in tiefer Bewegung auf sie herab.
+Frühlingsglanz flutet durch die Chorfenster herein und liegt warm auf
+dem lieben, feinen Gesichte.
+
+Die Tage gemeinsamer Arbeit im Moor und auf den Wiesen werden
+lebendig, und die traulichen Winterabende, wo sie wegen fremder
+Schicksale, die ihnen aus Büchern auf einmal so nah und gegenwärtig
+wurden, miteinander bangten und hofften, sich betrübten und freuten.
+
+Sie steht auf Behnkens Diele unter dem Christbaum und singt, daß die
+Menschen mit verwunderten Gesichtern atemlos lauschen. Und der Tanz um
+den Christbaum im Schulhause, der Kuß von ihren roten Lippen -- er ist
+der einzige geblieben in all den Jahren seit der frühesten Kinderzeit
+-- und der stillfrohe Heimweg Arm in Arm durch die Weihnachtsnacht. --
+-- --
+
+Merkwürdig, all diese Stunden, in denen ihr Bild mit schimmerte,
+waren für ihn zugleich Stunden des Aufatmens vom Druck des Werktags
+gewesen; Stunden, wo er das Leben als etwas Großes, Geheimnisvolles,
+Heiliges empfunden hatte. Er versuchte, die Schwester aus seinem Leben
+wegzudenken. Was da übrigblieb, das wollte ihm kaum wert erscheinen,
+gelebt zu werden. Sie hatte ihn durch ihr Wesen, das so ganz anders
+war als das seine, ja oft genug geärgert. Aber gerade dies ihr
+Wesen, ihre Ursprünglichkeit, ihre unmittelbare Lebendigkeit und
+Lebensglut, hatte ihn doch auch immer wieder geweckt und befeuert.
+Wenn er sich sagen durfte, daß sein Leben im ganzen doch wohl in
+aufsteigender Linie sich bewegte, daß es je länger desto mehr sich
+innerlich bereichert hatte, so hatte er das doch wohl in erster Linie
+der Schwester zu verdanken ... oder -- ein Stern funkelte über den
+Flußlauf und zog seine Gedanken aufwärts -- vielmehr dem, der Mensch
+zum Menschen gesellt und mit unsichtbaren Händen die zarten Fäden
+zwischen ihnen knüpft ...
+
+So zog es leise, nicht in klarer Gedankenfolge, aber als lebendiges
+Gefühl durch seine zu nachtschlafender Zeit seltsam wache und sich auf
+ihre Tiefen besinnende Seele. Und daß alles dies, was bislang seines
+Lebens wertvollsten Inhalt ausgemacht hatte, nun ein Ende finden
+sollte, erfüllte ihn mit schmerzlicher Wehmut, indes das Schiff leise
+plätschernd durch die dunkle Nacht seine mattglänzende Bahn zog.
+
+Im Torfhafen angelangt, gab er einem Gelegenheitsarbeiter den Auftrag,
+sich einen Handwagen zu leihen und die Kommode in die Stadt zu fahren.
+Er selbst ging mit seiner Schwester auf dem Bürgersteig nebenher. Es
+war gegen halb neun, als sie ihr Ziel erreichten.
+
+Das Haus des Milchhändlers Marwede befand sich in einer
+Geschäftsstraße der »Neustadt«, wie der am linken Weserufer gelegene
+Stadtteil heißt, und machte schon von außen einen sauberen Eindruck.
+Drinnen aber blitzte alles von Sauberkeit, und die Frau mittleren
+Alters, die in dem Laden gleich links vom Eingang hantierte, war
+in dem frischgewaschenen rosafarbenen Hauskleid, der blütenweißen
+Schürze, und vor allem mit ihrer abgerundeten, strahlenden
+Körperlichkeit eine lebendige Reklame für fette Vollmilch und prima
+Molkereibutter, wie ein Milchgeschäft in der saubersten aller
+deutschen Städte sie sich nicht besser wünschen kann. Sie gab den
+Ankömmlingen ihre Hand, eine dicke, weiche, warme Patschhand, sah
+Leidchen prüfend ins Gesicht, nickte befriedigt und bat, näher zu
+treten.
+
+Als sie die beiden im Zimmer allein ließ, um einen Imbiß zu besorgen,
+blickte Leidchen ihren Bruder froh an und sagte: »Die mag ich leiden;
+mit der will ich wohl fertig werden.« »Ja,« sagte Gerd, »sie hat ein
+gutes Gesicht. Wenn sie bloß nicht zu grausam auf die Reinlichkeit ist
+...« »Das schadet nicht,« meinte Leidchen, »Trina ihre Schlurigkeit
+habe ich gründlich satt. Ich fühl' mich hier schon bannig wohl.«
+
+Frau Marwede deckte den Tisch, und sie mußten die Butter dick
+streichen und den Flottkäse noch dicker drauflegen. »Wir haben das ja
+alles im Hause,« sagte die wohlwollend lächelnde Wirtin, die, beide
+Hände in die Seiten gestemmt, vor ihnen stand. Nach dem Frühstück
+besahen sie Leidchens Kammer und darauf den Kuhstall, den Stolz des
+Hauses. »Er entspricht allen Anforderungen der neuzeitlichen Hygiene,«
+erklärte die Frau mit Stolz, und Gerd freute sich der fünfzehn sauber
+aufgestallten glatten Tiere. »So viel so schöne Beester hab' ich
+noch nicht in einem Stall zusammen gesehen,« sagte er in ehrlicher
+Bewunderung. Den Hausherrn fand er nicht vor. Er war noch mit dem
+Wagen unterwegs, die Stadtkundschaft zu bedienen.
+
+»Na, Frau Marwede,« sagte Gerd plötzlich und unvermittelt, »denn
+lernen Sie meine Schwester man gut an, und du, Leidchen, sei folgsam
+und ordentlich,« gab beiden die Hand und schritt zum Hause hinaus. Bis
+zur nächsten Straßenecke ging er mit einer gewissen Hast, dann setzte
+er in seinem gewöhnlichen, vom federnden Moorboden her etwas wiegenden
+Schritt seinen Weg fort.
+
+Auf der großen Weserbrücke blieb er eine halbe Minute stehen, sah auf
+den breiten, glänzenden Strom hinab und dachte an das Dahinfließen des
+menschlichen Lebens.
+
+Als er durch die innere Stadt ging, zog ein Bild im Schaufenster eines
+Buchladens seine Aufmerksamkeit an sich. Wogende Kornfelder prangten
+im Goldgelb der Reife, und er freute sich des vertrauten Anblicks im
+Gewühl der engen Straße.
+
+Nach dem Bilde faßte er auch die Titel der Bücherauslagen ins Auge,
+und bald haftete sein Blick auf einem broschierten Bande, der den
+Aufdruck trug: »Lehrbuch der Moorkultur.«
+
+Es lagen gerade allerhand Verbesserungen der Moorbewirtschaftung in
+der Luft, wenn der Knecht eines am alten Schlendrian festhaltenden
+Torfbauern, wie Jan Rosenbrock einer war, auch noch nicht viel davon
+merkte. Aber er hatte doch schon von moderner Hochmoorkultur und von
+dem Wert der künstlichen Dungmittel gerade für das Moor munkeln hören.
+Und plötzlich wandelte ihn die Lust an, sich aus dem Buche über alle
+diese Dinge zu unterrichten. Aber das war gewiß sehr teuer, kostete
+am Ende gar zwei Mark. Nein, das konnte er nicht anwenden. Schweren
+Herzens riß er sich von dem Schaufenster los.
+
+Aber er war noch keine zwanzig Schritt gegangen, da kehrte er um, trat
+entschlossen in den Laden und fragte nach dem Preise des Buches, das
+es ihm angetan hatte.
+
+»Broschiert vier, gebunden fünf Mark,« gab der Buchhändler zur Antwort.
+
+Gerd wäre beinah vor Schreck erstarrt, blätterte aber doch in dem ihm
+vorgelegten broschierten Exemplar, dessen Kapitelüberschriften ihm das
+Buch nur noch begehrenswerter machten.
+
+»Drei Mark will ich anwenden,« sagte er endlich mit starker
+Selbstüberwindung und zog seinen Geldbeutel.
+
+Der Ladeninhaber lächelte: »Sie meinen wohl, das geht hier zu wie bei
+Ihrem Torf- und Schweinehandel? Ich verkaufe nur zu festen Preisen.«
+
+Gerd steckte den Geldbeutel wieder ein und griff nach seiner Mütze, um
+zu gehen. Aber plötzlich fuhr er noch einmal in die Tasche, ließ einen
+Taler hart auf den Tisch klappen, legte zögernd eine Mark daneben,
+klemmte das Buch unter den linken Arm und schob eiligst ab.
+
+Als sein Schiff vor günstigem Winde die Hamme hinauf segelte, lag
+er, die Pfeife im Mund, am Steuer, hatte seinen so teuer erworbenen
+Schatz auf den Knien und las und las. Er bereute seinen Kauf nicht.
+Was in dem Buch alles drinstand: von der Entstehung der Moore, von
+Geschichte, gegenwärtigem Stand und Zukunft der Moorkultur und so
+weiter, das war am Ende doch seine vier Mark wert.
+
+Wenn er nur etwas Eigenes hätte, um die Lehren des Buches praktisch
+zu erproben! Noch niemals war die Sehnsucht nach eigenem Besitz so
+lebendig in ihm gewesen. Jetzt, wo Leidchen fort war, noch lange dem
+Halbbruder als Knecht zu dienen, spürte er wenig Lust.
+
+Er fing an zu rechnen. Von der Mutter her besaß er einige hundert
+Taler, und mit seinem Lohn war er stets sparsam umgegangen. Aber es
+langte doch nicht, eine wenn auch bescheidene Anbauerstelle zu kaufen.
+Und nach einer Braut hatte er sich ja auch noch nicht umgesehen. Ja,
+vielleicht mußte er sogar noch Soldat spielen. Im nächsten Sommer
+hatte er sich zum letztenmal zu stellen.
+
+Aber das nahm er sich fest vor: eine eigene Stelle wollte er
+einmal haben, und deshalb fortan noch sparsamer sein als bisher.
+Die ausgegebenen vier Mark taten ihm jetzt wieder weh, er tröstete
+sich aber mit der Hoffnung, sie später nach Anleitung seines Buches
+hundertfältig herauszuwirtschaften.
+
+
+
+
+ 9.
+
+
+Leidchen stand in ihrer Dachkammer und sah sich zwischen ihren vier
+Wänden um. Diese waren freundlich gestrichen und von der Vorgängerin
+mit bunten Bildchen geschmückt, aber eins fehlte ihnen. Sie hatten
+nämlich kein Fenster. Ein solches saß vielmehr einen Arm hoch über
+ihrem Kopf schräg in dem verschalten Dach, wo ein Eisenkreuz ein
+viereckiges Stück grauen Novemberhimmels vierteilte. Als sie auf ihren
+Stuhl stieg, den einzigen des Kämmerchens, erblickte sie die kahle
+Spitze eines Baumes, und indem sie sich auf den Zehen emporreckte,
+noch dazu eine Flucht von Dachfirsten und Schornsteinen. Die Aussicht
+wäre auf dem Lande eigentlich ebensogut, dachte sie.
+
+Wo sie wohl das Myrtenbäumchen hinstellte, das ihre Patentante Beta
+Rotermund ihr vor Jahren geschenkt hatte? Auf der Kommode war es zu
+dunkel, auf dem Waschtisch auch. Es erschien ihr am besten, durch eine
+künstliche Hängevorrichtung es dicht unter dem Fenster anzubringen,
+wo es Licht und Sonnenwärme genug haben würde. Der in der Wand
+hochgehende Schornstein schützte es im Winter wohl vorm Erfrieren.
+Einstweilen aber machte sie sich ans Auspacken ihrer Kommode.
+
+Während sie dabei war, kam Frau Marwede die knarrende Treppe herauf
+und brachte ihr ein Kind von zwei bis drei Jahren. »Dies ist unsere
+Olga,« sagte sie, »die kann dir ein bißchen zukucken.«
+
+Das kleine Mädchen sah der neuen Hausgenossin mit Interesse zu, und
+als diese sich einmal auf den Stuhl setzte, kletterte es ihr auf den
+Schoß und küßte sie auf Mund und Wangen, unter der Versicherung: »Ogga
+mag Tante leiden.« Die Kinder in der Stadt, dachte Leidchen, sind
+nicht so blöde und fremd wie unsere zu Hause, und erwiderte die ihr
+dargebrachten Zärtlichkeiten.
+
+Am Mittagstisch sah Leidchen zuerst die Familie Marwede vollzählig
+beieinander. Es waren noch drei Kinder da, Jungens im Alter von sieben
+bis vierzehn Jahren, alle wohlgenährt und mit einem gesunden Appetit
+begabt. Die Stimmung des Hausherrn schien anfangs nicht die beste,
+da eine vor zwei Tagen eingestellte Milchkuh nicht ganz das hergab,
+was man von ihr erwartete, und für zwei Stadtkunden, die zum heutigen
+Ersten des Monats gekündigt hatten, nur ein neuer eingetreten war.
+Doch heiterte die Feststellung, daß das Ladengeschäft des Vormittags
+nichts zu wünschen übriggelassen habe, ihn zusehends auf, und er
+erkundigte sich bei der neuen Hausgenossin teilnehmend, wie viel
+milchende Kühe ihr Bruder Jan augenblicklich im Stall hätte und ob das
+Kälbermästen gut ginge. Über die Sphäre von Milch, Butter und Käse
+verirrte das Tischgespräch sich keine Minute lang hinaus. Leidchen
+dachte, etwas gebildeter hätte sie sich Stadtleute doch vorgestellt.
+
+Nach dem Mittagessen weihte Frau Rosalie Marwede ihr Fräulein
+in die Grundsätze des Hauses ein. Deren erster und alle anderen
+beherrschender lautete: »Reinlichkeit ist die Seele vons
+Milchgeschäft,« und er galt nicht nur in Stall, Keller und Laden,
+sondern ebensosehr in Küche und Kinderstube und den übrigen
+Wohnräumen, wo Leidchen ihr Reich hatte. Wenn Trinas Unordentlichkeit
+ihr öfters leise Seufzer abgelockt hatte, so wurden ihr solche
+in der Folgezeit nicht selten von Frau Marwedes Ordnungs- und
+Sauberkeitsfanatismus abgepreßt. Aber im ganzen fand sie sich ganz gut
+in diesen hinein, da ihr Wesen im Grunde doch auch auf die von ihrer
+Herrin übertriebenen häuslichen Tugenden gestellt war.
+
+Den ersten freien Sonntagnachmittag benutzte sie, um Meta Stelljes,
+eine Cousine ihrer Schwägerin Trina, zu besuchen, die ein Jahr
+vor ihr konfirmiert war und am Osterdeich bei einem Großkaufmann
+in Zigarren diente. Sie mußte allen Mut zusammennehmen, indem
+sie durch einen peinlich gepflegten Garten mit Teppichbeeten und
+fremdartigem Buschwerk auf die schloßartige, mit unzähligen Erkern
+und Türmchen verzierte Villa zuschritt, und als sie die breite Treppe
+hinanstieg, klopfte ihr das Herz nicht schlecht. Als aber ein feiner,
+glattrasierter Herr in langem blauen Rock mit silbernen Knöpfen auf
+ihre bescheidene Frage nach Meta Stelljes sie strafend ansah und
+stirnrunzelnd ihr bedeutete, die Freitreppe wäre nur für Herrschaften,
+da wäre sie am liebsten in den Boden gesunken. Aber der feine Herr
+war dann doch ganz nett und brachte sie zu Meta Stelljes. Es traf
+sich gut, daß diese auch gerade Ausgehsonntag hatte und ihr fertig
+angezogen entgegentrat.
+
+So spazierten die beiden Kinder des Moors denn bald auf dem
+Osterdeich dahin, plauderten von daheim, und kamen dann auch auf
+ihre gegenwärtigen Dienstverhältnisse. Meta fühlte eigentlich das
+Bedürfnis, mal ordentlich zu klagen und zu stöhnen. Als sie aber
+hörte, daß Leidchen eine Stellung als Stütze und Fräulein hatte, lobte
+sie den Reichtum ihrer Herrschaft, die Eleganz der Wohnung, die Güte
+des Essens bis ins Aschgraue und erhöhte ihren Lohn eigenmächtig um
+zwanzig, den Jahresdurchschnitt der Trinkgelder um hundert Prozent.
+
+»Mit so was kann ich nicht prahlen,« sagte Leidchen kleinlaut, als
+Meta mit ihrer Aufschneiderei fertig war, »aber Marwedes sind sehr
+ordentliche, saubere Leute, und denn ist da auch 'ne kleine Deern, die
+heißt Olga ...«
+
+»Was? Auch noch Kinder?«
+
+»Warum denn nicht?«
+
+»In ein Haus, wo kleine Kinder sind, würde ich überhaupt nicht gehn.«
+
+»Warum nicht, Mädchen?«
+
+»Da sieht man, wie grün du noch bist,« sagte Meta mitleidig lächelnd.
+»In ein Haus mit Kindern geht heutzutage nur Personal zweiter Klasse.
+Übrigens Leidchen, kuck mal her, du mußt dein Kleid ein bißchen
+aufraffen, so wie ich.«
+
+»Warum?«
+
+»Immer mit deinem Warum, du dumme Deern! Soll uns denn jeder anmerken,
+daß wir aus dem Torf sind?«
+
+»Ach so,« sagte Leidchen und beeilte sich, ihrer Begleiterin den
+rechten Kleiderraffgriff abzusehen.
+
+Als sie an einigen Soldaten vorüber waren, begann sie: »Aus unserm
+Dorf hat das letzte Jahr auch einer hier gedient, aber Anfang Oktober
+haben seine Obersten ihn nach Spandau geschickt.«
+
+»Weiß schon Bescheid,« unterbrach Meta, »eurem Müller sein Jung, hab'
+mal mit ihm getanzt. Ein schneidiger Kerl! Und hat auch wohl Geld?«
+
+»Geld? Wie Heu! Als seine Mutter Hochzeit machte, haben sie ihr
+die blanken Taler scheffelweise zugemessen. Sein Vater muß beinahe
+ebensoviel Steuern bezahlen, wie das ganze obere Dorf zusammen.«
+
+So unterhielten sich die Mädchen, musterten die Toiletten ihrer
+Geschlechtsgenossinnen, schielten hin und wieder verstohlen nach
+einem schmucken Mannsbild und waren lustig und guter Dinge. Leidchen,
+die nun schon fünf Tage in der Häuserenge der Neustadt und auf ihrem
+Kämmerchen mit Oberlicht gesessen hatte, ließ froh den Blick über den
+blau glitzernden Strom und die grünen Weiden in die Ferne wandern und
+war glücklich, daß sie einmal von Milch, Butter und Käse nichts zu
+sehen, zu riechen und zu hören brauchte.
+
+Als sie Abschied voneinander nahmen, sagte Meta: »Was meine beste
+Freundin war, die hat sich letzte Woche verlobt. Wenn du Lust hast,
+kannst du in ihren Platz eintreten.«
+
+»O ja!« rief Leidchen hocherfreut, ergriff ihre Hand, und die
+Freundschaft war geschlossen.
+
+Leidchen war überglücklich. Indem sie durch die von Menschen
+wimmelnden, hell erleuchteten Straßen ging, dachte sie an die
+einsamen, dunklen Moordämme daheim. Was war das dagegen hier für
+ein Glanz und Leben! Auf der Großen Weserbrücke, als sie auf den
+blinkenden, lichterspiegelnden, von hohen Lagerhäusern begleiteten
+Strom hinabblickte, kam ihr auf einmal ein Gefühl für die Größe der
+alten Hansestadt, sie fühlte sich mit Stolz als ein kleines Rädchen in
+dem großen, bunten Getriebe, und war von Herzen froh, der Stille und
+Enge ihres Dorfes entflohen zu sein.
+
+Bald aber traten Milch, Butter und Käse wieder in ihre Rechte, und
+das Leben ging mit Kochen, Wischen, Fegen, Waschen und Plätten seinen
+alltäglichen Gang. Da kam ihr wohl abends in der Schummerzeit mal
+der Wunsch: wenn du jetzt dein Spinnrad in den Arm nehmen und ein
+bißchen auf die Nachbarschaft gehen könntest! Dann wollte es ihr fast
+scheinen, als lebe man in der großen Stadt mit den vielen tausend
+Menschen im Grund viel einsamer als zu Hause mit den paar hundert.
+
+Als Anfang September ihr Bruder sie zum erstenmal besuchte, konnte sie
+sich nicht genug tun mit Versicherungen, wie gut es ihr in der Stadt
+gefiele. Die kleine Olga mußte er auf den Schoß nehmen und sich von
+ihr eien lassen. Meta Stelljes wurde ihm angepriesen als aller Mädchen
+Krone und für einen glücklichen Ehestand angelegentlichst empfohlen.
+Aber er sagte, er brauche noch lange keine Frau.
+
+Am Sonntag darauf stäubte sie morgens Frau Marwedes Salonmöbeln ab,
+als auf einmal durch die geöffneten Fenster feierlicher Glockenklang
+an ihr Ohr schlug. Da fiel ihr ein, daß heute schon der erste
+Advent war, und sie sah im Geist, wie daheim an der schimmernden
+Birkenreihe des Kirchdammes entlang die schwarzgekleideten Menschen
+in Trupps auf Grünmoor zupilgerten. Sie blickte auf die Straße, sie
+bot das gewohnte alltägliche Bild. Ob denn hier niemand an die Kirche
+dachte? Halt, da kam ein altes Mütterchen angewankt, Gesangbuch und
+Taschentuch in der Hand. Leidchen bog sich zwischen den Blumenstöcken
+aus dem Salonfenster hinaus, um einen Blick in das verrunzelte
+Gesicht zu gewinnen, und da huschte es ganz leise sonntäglich und
+vorweihnachtlich durch ihr Gemüt.
+
+Am nächsten Sonnabend fragte sie Frau Marwede, ob sie mal in die
+Kirche gehen dürfte. Die stemmte die Hände in die Seiten, machte
+ein maßlos erstauntes Gesicht und sagte: »Aber Kind, hast du denn
+soviel Sünden getan?« Da wurde sie rot und sagte nichts weiter. Am
+Sonntagnachmittag aber, als sie ohne Meta Stelljes, die nicht abkommen
+konnte, einen Gang durch die innere Stadt machte, hörte sie auf einmal
+die mächtigen Domglocken, und die hohen bunten Fenster schimmerten in
+die hereinbrechende Dämmerung. Da sie sich so nicht getraute, fragte
+sie einen vertrauenerweckenden älteren Herrn, ob sie da hinein gehen
+dürfte. Dem zuckte es schalkhaft um die Mundwinkel, indem er sagte:
+»Gern, wenn Fräuleinchen ein Billett hat.« Da ging sie betrübt ihrer
+Wege und dachte, auf dem Lande wär' das doch besser eingerichtet, wo
+man mit einem Pfennig für den Klingelbeutel frei käme und auch noch
+nicken könnte.
+
+Bei nächster Gelegenheit sprach sie mit ihrer Freundin über das
+Kirchengehen. »Ja, Leidchen,« sagte Meta Stelljes, »anfangs paßt
+einem das nicht, aber man gewöhnt sich schneller daran, als man
+denkt, wo's hier einmal keine Mode mehr ist. Aber du hast recht, der
+Mensch will mal was anderes als das Alltägliche. Deshalb haben wir
+Hausangestellten in unserer Villa einen Leseklub gegründet, und wenn
+du jede Woche einen Groschen ausgibst, kannst du dir so viel schöne
+Geschichten von uns leihen, als du Lust hast zu lesen.«
+
+»Och ja,« meinte Leidchen, »zu Hause haben wir uns auch immer
+vorgelesen. Gerd holte die Bücher immer vom Lehrer.«
+
+»Ha,« rief Meta verächtlich, »du wirst sehen, unsere Geschichten
+sind viel interessanter. Wer damit erst einmal angefangen hat, kommt
+überhaupt nicht wieder davon los.«
+
+Leidchen hinterlegte bei dem Mann im blauen Rock mit silbernen Knöpfen
+statutengemäß eine Sicherheit von fünfzig Pfennig, zahlte einen
+Groschen als Wochenbeitrag und trug einen Packen arg zerlesener bunter
+Hefte mit heim. Abends im Bett las sie darin, bis nach zwölf, und ein
+Schauer nach dem anderen lief ihr über den Leib.
+
+So kam Weihnachten heran, aber recht weihnachtlich wollte es dem
+Landkind nicht werden. Am Christabend brannte in Frau Marwedes Salon
+ein prächtiger Tannenbaum, über und über mit dicken Glaskugeln
+behängt, eine Spieluhr spielte abwechselnd »O du fröhliche« und
+»Stille Nacht«, und Leidchen war reicher beschenkt worden als sie
+erwartet hatte. Aber ein rechter Weihnachtsabend war es doch nicht.
+Die Menschen kamen einander um keine Handbreit näher, Milch, Butter
+und Käse spukten auch um den Lichterbaum, eine kranke Kuh im Stall
+machte Sorge. Nachher im Bett las Leidchen noch lange mit glühenden
+Wangen in den bunten Heften, von denen sie sich längst eine zweite
+Serie geholt hatte. Sie tischten gerade mal wieder eine grausliche
+Mordgeschichte auf.
+
+Am Abend des ersten Festtages hatte sie allein mit der kleinen Olga
+das Haus zu hüten. Das Kind auf dem Schoß, saß sie in der dunklen
+Bescherungsstube unter dem Baum, an dem einige Glaskugeln in dem Licht
+glänzten, das von der Straßenlaterne gegenüber in das Fenster fiel.
+Da bat die Kleine auf einmal um eine Geschichte. Leidchen dachte
+an das, was sie in der letzten Zeit gelesen hatte, aber davon war
+nichts zu gebrauchen. Sie mußte also in ihren Erinnerungen weiter
+zurückgreifen. Und bald fing sie an: »Es war einmal ein großer,
+großer Kaiser, der hieß Augustus,« und erzählte von einem Stall, in
+dem nicht fünfzehn Milchkühe gestanden hätten wie in Papa seinem,
+sondern nur ein Ochs und ein Esel, und in diesem kleinen Stall wäre
+ein kleines, ganz kleines Kindlein geboren, an dem hätten seine
+Eltern, und die beiden Tiere, und die frommen Hirten, und die heiligen
+Engel, und der liebe Gott und alle guten Menschen ihre Freude gehabt.
+Dann sang sie dem Kinde, das sich warm an ihren Busen schmiegte,
+auch einige Weihnachtslieder, und als sie aufstand, um es zu Bett zu
+bringen, sagte sie: »So, Olga, nun haben wir erst richtig Weihnachten
+gefeiert.« --
+
+Mitte Februar konnte Meta Stelljes keine bunten Hefte mehr liefern,
+Leidchen hatte die Bibliothek des erst seit einem Jahre bestehenden
+Klubs durchgelesen. Das plötzliche Aufhören des gewohnten Reizes der
+Spannung empfand sie mit peinlichem Unbehagen, und sie war in dieser
+Zeit öfters mit sich selbst und der Welt höchst unzufrieden. Warum
+konnten andere Mädchen, die Heldinnen jener Geschichten, so große
+unerhörte Dinge erleben, mit Revolvern sich durch allerhand Abenteuer
+kämpfen, reiche Grafen mit marmornen Schlössern heiraten, indes
+ihr bei solchem Milchmann mit Fegen, Wischen und Kochen ein Tag so
+eintönig und zum Sterben langweilig wie der andere dahinkroch!
+
+Eines Spätnachmittags, als sie ihr Kämmerchen betrat, hörte sie
+einen Vogel singen. Zu Hause, wo's die vielen Vögel gab, würde ihr
+das nicht weiter aufgefallen sein, aber hier in der Stadt war's
+was Besonderes. Sie stieg auf ihren Stuhl und sah zum Dachfenster
+hinaus. Da wurde der kahle Baumwipfel sichtbar, und in ihm saß ein
+Amselmännchen, den gelben Schnabel schräg aufwärts gerichtet, die
+Flügel gesenkt, unbeweglich, und sang und sang. Du liebe Zeit, wie
+konnte der kleine Kerl singen! Lust, Wehmut, Sehnsucht erfüllten
+die Brust der Lauscherin. Sie hob sich auf die Zehen. Da erschienen
+Giebel und Schornsteine, aber über sie hinweg zogen die Wolken der
+verheißungsvoll lockenden, dämmernden Ferne zu. Ach wer da mit könnte!
+Wie war doch die Welt so weit und die Dachkammer so eng!
+
+ * * * * *
+
+Der Frühling, der seinen kleinen schwarzen Herold vorausgesandt hatte,
+brachte in Leidchens Leben ein paar große Veränderungen.
+
+Meta Stelljes zeigte eines Nachmittags, als ihre Freundin sie abholte,
+ein merkwürdig aufgeregtes Wesen, und schon nach zwei Minuten hatte
+sie ihr gestanden, sie hätte seit zwei Tagen einen Bräutigam. Zwar
+einstweilen wär' es nur so'n lüttjer Handbräutigam, aber es würde wohl
+Ernst draus werden, denn ihr Stanislaus Kaminski wäre ein ordentlicher
+Mensch und Beamter, nämlich Hilfsbremser an der Königlichen Eisenbahn,
+und katholisch, und die Katholiken wären, wie bekannt, ja alle sehr
+fromm.
+
+Als sie einige hundert Schritt miteinander gegangen waren, blieb
+Meta stehen, zeigte auf eine nach links abzweigende Straße und sagte
+hastig: »Ich muß hier abbiegen, mein Bräutigam wartet auf mich. Adjüs.«
+
+»Wann sehen wir uns wieder?« fragte Leidchen, die Hand der Freundin
+festhaltend.
+
+»Weiß ich noch nicht, wird wohl nicht oft mehr sein. Sieh auch man zu,
+daß du bald so was findest, das ist in diesem armen Leben immer noch
+das Beste. Adjüs, lebe wohl!«
+
+Und hin ging sie, ohne sich noch einmal umzusehen. Die Verlassene
+blickte ihr traurig nach. --
+
+Als Leidchen nach Hause kam, bat Frau Marwede sie, gleich mal zu der
+kleinen Olga zu gehen, die nicht recht wohl wäre. Sie fand das Kind
+mit Fieber im Bett.
+
+Marwedes hatten einen starken Glauben an die Heilkraft gesunder
+Vollmilch, und man holte solche bei jedem Melken warm von der besten
+Kuh im Stall. Aber die Patientin weigerte sich, diese Medizin zu
+nehmen.
+
+Am nächsten Tage rief man den Arzt, der ein bedenkliches Gesicht
+machte.
+
+Als er das Krankenzimmer verlassen hatte, sagte die Mutter, an ihrer
+Unterlippe nagend: »Und dabei ist das Kind noch nicht mal getauft.«
+
+Leidchen starrte sie entsetzt an, indes der Milchmann geringschätzig
+die Achseln zuckte.
+
+Dieser ging bald zu seinen Kühen. Da sagte die Frau: »Was meinst du,
+Mädchen? Ob's nicht am Ende doch besser wäre ...?«
+
+»O ja,« rief Leidchen, die helle Angst im Gesicht, »bitte, bitte!
+Denken Sie sich, sie stürbe uns weg, drei Jahre alt und ungetauft! Wir
+könnten ja keine ruhige Stunde wieder haben.«
+
+»Na na, Marwede und ich sind ziemlich aufgeklärte Leute ... Aber wenn
+du hinlaufen und den Pastor holen willst, soll's mir recht sein. Er
+wohnt dicht bei der Kirche, sag' ihm aber, er möchte sich ein bißchen
+beeilen.«
+
+Leidchen traf den Pastor nicht zu Hause, seine Frau sagte aber, sie
+würde ihn schicken, sobald er zurückgekehrt wäre.
+
+Er kam eher, als man hiernach ihn glaubte erwarten zu können. Da
+Frau Marwede noch in ihrem Schlafzimmer beim Umkleiden war, traf er
+nur Leidchen bei dem Täufling, und als er ihr die Herzensangst und
+Traurigkeit aus dem Gesicht las, sagte er teilnehmend: »Es ist wohl
+Ihr erstes und einziges, liebe junge Frau?« Leidchen wurde purpurrot
+und stamerte, sie wäre hier nur das Fräulein. Während jener seinen
+Irrtum mit großer Kurzsichtigkeit entschuldigte und die Brille putzte,
+kam die wirkliche Mutter in ihrem Schwarzseidenen hereingerauscht und
+begrüßte den Geistlichen mit achtungsvoller Verbeugung. Leidchen wurde
+als Patin angeschrieben, und als das Köpfchen des Kindes mit Wasser
+besprengt wurde, hob sie es in den Kissen an.
+
+»Was hat der Onkel eben gemacht?« fragte die kleine Olga, während ihre
+Mutter den Pastor hinausgeleitete.
+
+»Oh,« sagte Leidchen, sich über sie neigend, »das war ein ganz lieber
+Onkel. Du bist nun dem lieben Gott sein Kind geworden, und er hat dich
+ganz furchtbar lieb, noch lieber als Tante Leidchen.«
+
+Von Stund' an fühlte sie sich dem Kinde noch enger verbunden als
+bisher. Die alte Anschauung, daß Patenschaft eine Art Verwandtschaft
+begründet, wirkte dabei mit, noch mehr aber wohl die Erinnerung an
+das viele Gute, das sie selbst von ihrer Patentante Beta Rotermund
+empfangen hatte und nun weiterzugeben Gelegenheit fand. Sie wurde
+erfinderisch, ihrem Patenkinde Liebes zu erweisen, und dieses hatte
+sie lieber um sich als seine Mutter, die, was sie in Jahren als stark
+in Anspruch genommene Geschäftsfrau an Zärtlichkeit versäumt haben
+mochte, jetzt in wenigen Tagen nachholen wollte, wobei sie dann des
+Guten leicht etwas zu viel tat.
+
+Einmal sollte Leidchen auch wieder erzählen. Als sie nachsann, fiel
+ihr Doktor Luthers Brief an seinen Sohn Hänsichen ein, den sie aus
+dem Schullesebuch kannte, und zugleich dachte sie an daheim, wie dort
+nun bald wieder Frühling und Sommer Einzug hielten. Und sie erzählte
+von einem wunderschönen Garten, da blühten die Äpfel- und Birnbäume
+über und über weiß wie Schnee, und die Früchte wurden dick und
+kriegten rote Backen, und bunte Vögel sangen süß in den Zweigen, und
+die herrlichsten Schmetterlinge gaukelten durch die blaue Luft, und
+silberweiße Birken ließen ihre lichtgrünen Schleier wehen, und unter
+ihnen auf grünem Rasen spielte das Christkind mit all den artigen und
+frommen Kindlein, die hier aus der ganzen Welt zusammen kamen.
+
+So malte sie der Kranken ein leuchtendes Bild mit den Farben ihres
+Kinderparadieses, und das kleine Stadtkind, das solche holden Wunder
+nie mit eigenen Augen geschaut hatte, hörte mit offenem Munde und mit
+sehnsuchtsvollen Blicken an ihren Lippen hängend zu.
+
+In der Nacht darauf übernahm sie gegen ein Uhr die Krankenwache. Sie
+mochte etwa eine Stunde am Bett gesessen haben, als das Kind anfing,
+sich in den Kissen zu werfen. Mit leisen, begütigenden Worten redete
+sie ihm zu und wischte die Schweißtropfen, die ihm auf die Stirn
+traten, sanft hinweg. Auf einmal streckte sich der kleine Leib lang,
+ganz lang. Da packte tödliche Angst die Wärterin, sie riß ihn an ihren
+jungen lebenswarmen Busen, sie hauchte ihren Odem auf den schon still
+stehenden Mund. Als sie aber die blicklos starren Augen sah, ließ sie
+den Körper in das Bett zurücksinken und preßte sich beide Hände auf
+das Herz; denn sie fühlte ein Schwert durch ihre Seele schneiden, zum
+erstenmal in ihrem jungen Leben.
+
+Sie weckte die nebenan schlafenden Eltern. Die Mutter kam im
+Nachtgewand angestürzt und warf sich schreiend über die kleine Leiche.
+Der Vater folgte notdürftig bekleidet und stand stumm daneben. Nach
+einer Weile sagte er: »Aber Rosalie, nun faß dich. Wir haben unsere
+Pflicht getan. Denk' doch bloß an all die schöne Milch, die das Kind
+die Jahre getrunken hat ...«
+
+Der kahle Baumgipfel unter Leidchens Dachfenster begrünte sich nach
+und nach, und spät nachmittags und abends saß die Amsel darin und
+sang und sang. Und die Gedanken der Einsamen eilten immer und immer
+wieder in das Land des schwarzen Moors und der weißen Birken, wo sie
+jetzt vom dämmernden Morgen bis in die sinkende Nacht im Torf standen
+und sich tüchtig ausarbeiteten. Wenn doch einmal in der Frühe jemand
+an ihr Bett getreten wäre und sie geweckt hätte zum Torfbacken im
+herbstfrischen Frühlingswind! Aber sie mußte Tag für Tag kochen,
+aufwaschen und fegen, im Dunstkreis von Milch, Butter und Käse, und
+obgleich die Arbeit nichts weniger als schwer war, fühlte sie sich oft
+todmüde und war manchmal des Lebens fast überdrüssig.
+
+
+
+
+ 10.
+
+
+Eines Nachmittags, als nach einer regenreichen, dunklen Aprilwoche die
+Sonne wieder schien, stand Leidchen auf, machte eine Bewegung, als ob
+sie etwas abschüttelte, und ließ sich ein neues Sommerkleid anmessen.
+»Für ein Fräulein von so schlankem, ebenmäßigen Wuchs zu arbeiten, ist
+mir ein Vergnügen,« sagte die Schneiderin.
+
+Erst das letzte Drittel des Wonnemonds brachte einen lachenden,
+leuchtenden Sonntag, an dem das nach Urteil der Nadelkünstlerin
+»äußerst schick und tadellos« sitzende Himmelblaue den Menschen
+gezeigt werden konnte. Leidchen trug es natürlich in den Bürgerpark,
+in dem die Menschheit heute ein Stelldichein verabredet zu haben
+schien, und der auch selbst sein allerschönstes Kleid angezogen hatte,
+nämlich das aus lichtem, blütendurchwirktem Grün.
+
+Das schmucke Kind freute sich des warmen Sonnenscheins und der jungen
+Frühlingspracht, sah nach den fröhlichen geputzten Menschen und dachte
+so in ihrem Sinn, ganz zu verachten wäre das Leben eigentlich doch
+nicht.
+
+Als sie über eine der Brücken kam, die das ausgedehnte Grabennetz
+der Anlagen überspannen, blieb sie stehen und sah belustigt einem
+ungeschickten Ruderer zu, der sein Boot nicht in der Gewalt
+hatte, indes das hinten sitzende Mädchen durch gute Ratschläge,
+überflüssiges Gekreisch und verkehrtes Steuern die Sache noch
+schlimmer machte.
+
+Da hörte sie nahe Schritte und wandte sich um.
+
+»Guten Tag, Leidchen Rosenbrock,« rief eine froh verwunderte Stimme.
+
+»Hermann!?«
+
+»Ja, mein Deern, ich bin's selbst. Aber nun gib mir erst mal die Hand.«
+
+Er nahm sie sich und drückte sie tüchtig, über das ganze Gesicht
+lachend.
+
+»Mensch, wo kommst du denn bloß auf einmal her? Ich meinte, du wärst
+in Spandau.«
+
+»Spandau ist abgemacht. Wir sind vorige Woche zum Regiment
+zurückkommandiert. Schön, daß ich dich treffe. Wollen wir uns mal die
+Affen bei der Meierei ansehen, und die Känguruhs? Oder soll ich dich
+lieber ein bißchen rudern?«
+
+Leidchen hatte sich inzwischen von ihrer Überraschung erholt und
+fragte schelmisch, indem sie auf den hemdärmelig sich abrackernden
+Jüngling zeigte, dessen Boot noch immer von einem Ufer zum anderen
+schoß: »Kannst du's ebensogut, wie der da?«
+
+Er warf sich in die Brust. »Ich? Wie der erste Sportsmann meistere ich
+mein Boot.«
+
+»Na, na? Wenn ich an die Nacht auf der Hamme denk' ...«
+
+»Ach so ... na ja, bei der Torfschipperei bin ich nicht groß geworden.
+Aber daß ich rudern kann, will ich dir bald zeigen, komm!«
+
+Sie machte ein paar Schritte, blieb dann aber wieder stehen: »Ich
+weiß nicht recht ... Wenn uns einer sähe ...«
+
+»Wir beide können uns überall sehen lassen,« rief er lachend. »Komm!«
+
+»Aber ...«
+
+»Ach was. Wir sind hier nicht in unserem Dorf, wo die alten Weiber
+gleich die Köpfe zusammenstecken, wenn zwei junge Leute mal auf dem
+Damm miteinander gehen. Hier kann jeder nach seiner Fasson selig
+werden, das ist ja gerade das Schöne an so 'ner Stadt. Komm!«
+
+Er wollte ihren Arm nehmen, doch sie litt es nicht. Als er
+aber entschlossen die Richtung nach der nicht weit entfernten
+Bootvermietungsstelle einschlug, folgte sie langsam.
+
+Der Hafen war bei dem herrlichen Wetter bereits ausvermietet. Hermann
+machte ein langes Gesicht, Leidchen sagte: »Es ist so ebensogut, ich
+muß doch bald nach Hause.«
+
+Aber schon kam ein frischgestrichenes, schlankes Ruderboot um die
+Ecke, an dessen Bordwand der Name »Adelheid« zu lesen war. »Das
+schickt sich ja prächtig,« rief Hermann, und kaum waren die beiden
+Gymnasiasten, die ihre Fahrt beendet hatten, ausgestiegen, so war
+er auch schon hineingesprungen und reichte ihr zum Einsteigen die
+Hand. Dann legte er schnell Koppel nebst Seitengewehr ab, streifte
+die Handschuhe von den Händen, ergriff die Riemen, und das Boot glitt
+leicht und sicher zum Hafen hinaus.
+
+»Nun erzähl' mal, wie es dir all die Zeit gegangen ist,« sagte
+Hermann, indem er quer über einen kleinen See auf einen von lichtem
+Buchengrün überwölbten Wasserlauf zuhielt.
+
+Leidchen war froh, daß sie sich endlich einmal vor einem Bekannten
+über die Erlebnisse der letzten Zeit aussprechen konnte.
+
+Sie begann mit der Geschichte ihrer Freundschaft und bedauerte, daß
+diese nun ein Ende gefunden hätte. Als er wissen wollte, wodurch sie
+auseinander gekommen wären, und sie, etwas verlegen, ihm den Grund
+angab, zwinkerte er verständnisvoll mit den Augen und sagte: »Ja so
+geht's in der Welt.«
+
+Leidchen errötete flüchtig und fing schnell an, von der kleinen Olga
+zu erzählen, wie artig, klug und anhänglich sie gewesen wäre. Als
+sie von Krankheit und Hingang des Kindes berichtete, war ein Zittern
+in ihrer Stimme, und zuletzt liefen ihr die blanken Tränen über die
+Backen.
+
+»Na nu!« sagte er verwundert, »so tief darfst du das bei einem fremden
+Kind nicht nehmen.«
+
+Mit großen Augen, fast ein wenig empört, sah sie ihn an: »Aber wenn
+ich sie doch so lieb gehabt habe ...«
+
+»Na ja, aber es ist Gottes Wille einmal so gewesen, was willst du
+dagegen machen? Den Weg müssen wir alle, der eine früh, der andere
+spät ... Aber nun laß uns lieber von was anderem sprechen. Wie geht's
+deinem Bruder?«
+
+»Als ich nicht anders weiß, gut ... Du bist ihm doch nicht mehr böse?«
+
+»Warum sollt' ich ihm böse sein?«
+
+»Och, damals, als mein Geburtstag war ...«
+
+»Du liebe Zeit, das hab' ich längst vergessen. Es war gut, daß die
+Jungens mir damals in den Arm fielen. Wegen solcher Kleinigkeiten
+dürfen wir Soldaten nämlich unsere Waffe nicht ziehen, das wird
+streng bestraft. Wenn damals was passiert wäre, wär' ich heut' nicht
+Gefreiter und hätte nicht die blanken Adlerknöpfe hier an meinem
+Kragen.«
+
+»Gefreiter ... ist das mehr als Leutnant?«
+
+»Mehr wohl gerade nicht, aber durchaus nicht zu verachten! Soweit ich
+denken kann, hat's aus unserem Dorf noch keiner so weit gebracht.
+Nur die strammsten und zuverlässigsten Leute werden zu Gefreiten
+befördert.«
+
+»Ach so ...«
+
+»Gerd muß diesen Sommer schon zur Generalmusterung. Schade, daß er nun
+wohl ganz ums Soldatspielen herumkommt.«
+
+»Warum ist das schade?«
+
+»Gerade ihm hätte ich's von Herzen gegönnt, daß der preußische
+Unteroffizier ihn mal zwischen die Finger gekriegt hätte.«
+
+»Warum?«
+
+»Weißt du, Leidchen, Gerd ist ein herzensguter Mensch, ich will gewiß
+nichts Böses über ihn sagen. Aber er hat etwas dickes Blut. Und er
+denkt zu viel.«
+
+»Pah, das wird nichts schaden, wenn einer sich seine Gedanken macht.«
+
+»Aber es kann zu viel des Guten werden. Zum Unglück ist er auch noch
+diesem langbeinigen Schulmeister in die Hände gefallen und liest seine
+ganzen Bücher durch, wie sie mir Weihnachten zu Hause erzählt haben.«
+
+»Wenn's ihm Spaß macht, laß ihn doch! Er kommt euch allen weit vorbei.«
+
+»Aber Leidchen, verstell dich doch nicht so. Ich weiß ja ganz gut, du
+hast unter seiner Wunderlichkeit am meisten leiden müssen.«
+
+»Ich? Wer sagt das? Das war gar nicht schlimm, er hat es immer gut
+gemeint. Überhaupt ist er einer von denen, auf deren Wort man Häuser
+bauen kann. So sind lange nicht alle, die ein glattes Gesicht haben
+und glatt schnacken können.«
+
+»Deern! ... Wenn du dich ein bißchen aufregst, bist du gleich noch mal
+so hübsch.«
+
+»Och Hermann ...«
+
+»Nun bist du rot angelaufen und noch viel hübscher geworden.«
+
+»Hermann!«
+
+»Ich hab' mich früher schon immer gewundert, wie es möglich war, daß
+bei uns im Moor eine so feine kleine Deern herumlief. Die Backen
+hat unser gnädiges Fräulein nicht zarter und rosiger. Was würde die
+gnädigste Frau ausgeben, wenn sie dein Seidenhaar hätte! Und die
+Augen, Kind, deine Augen ...«
+
+»Wenn du nicht gleich aufhörst, steig' ich aus.«
+
+»Das wär' schade, dann machst du dir die Strümpfe naß, und dein
+schönes blaues Kleid dazu. Hat Wippelmanns Lena das gemacht?«
+
+»Och, Junge, das kannst du doch wohl sehen!«
+
+»Ja, es sitzt gut.«
+
+»Und kostet sechs Taler, und 'ne feine Stadtschneiderin hat's gemacht,
+nach der neuesten Mode.«
+
+Sie schob die Füße ein wenig nach vorn, um dem Rock einen glatteren
+Fall zu geben.
+
+»Die Hauptsache ist,« meinte er, sie ziemlich dreist musternd, »daß
+eine in so'n Kleid ordentlich was hineinzustecken hat. Du bist ganz
+gut durch den Winter gekommen.«
+
+»Rat' mal, wieviel Pfund ich jetzt wiege!«
+
+»Hundertundzwanzig?«
+
+»Mußt noch'n Zehnpfundstück auf die Wage tun.«
+
+»Ach ja, wenn eine bei so 'nem Milchmann mit süßer Vollmilch gebörnt
+wird.«
+
+Das Boot, das eine Strecke lang prangende Parkwiesen zur Seite gehabt
+hatte, glitt in diesem Augenblick unter das herabhängende Gezweige
+einer Linde. Hier kam es zur Ruhe, indem Hermann die Riemen einzog
+und sich an einem Zweig festhielt. Unter dem Blätterdach, das von der
+Sonne durchleuchtet und vom stillen Wasser gespiegelt wurde, umfloß
+die beiden ein gedämpftes grünes Licht und angenehm schattige Kühle.
+»Hier ist's wunderschön,« sagte Leidchen und blickte mit frohen Augen
+um sich und zu dem hohen Gewölbe empor.
+
+Plötzlich fing eine Nachtigall an zu singen. Das junge Mädchen reckte
+suchend den Kopf, und bald hatte sie das Vögelchen entdeckt. Es saß
+ganz nahe, sie konnte die gesträubten Federchen der liedgeschwellten
+Kehle unterscheiden. Andächtig lauschte sie dem süßen Sang, der
+in der grünen Halle, vom Wasser zurückgeworfen, seltsam voll und
+eindringlich klang.
+
+Als die Sängerin nach einer Weile davonflog, sagte sie aufatmend:
+»Die kann's noch besser als unsere zu Hause, die immer bei Wöltjens
+Backofen nistet.«
+
+»Das macht, die Konkurrenz ist hier größer,« erklärte Hermann. »Das
+kleine Ding muß bis über beide Ohren verliebt sein.«
+
+»Och ...«
+
+»Ja, die Liebe macht glücklich, macht selig.«
+
+»Och du ...«
+
+»Wart' man, du erfährst das auch noch mal.«
+
+Sie zog kräftig an einem Lindenzweig, und das Boot glitt unter dem
+Baumschatten hinweg und ins Freie.
+
+Hermann warf sich jetzt wieder mit aller Gewalt in die Riemen, daß sie
+knarrten und jankten. Rauschend flog das Boot dahin, durch Sonnenglanz
+und Baumschatten, vorbei an duftenden Blütensträuchern und hübschen
+Parkhäuschen, belebte Promenadenwege entlang und wieder durch grüne
+Einsamkeiten.
+
+Leidchen nahm all die freundlichen, bunten Bilder in sich auf, und
+wenn der sich kraftvoll vor- und zurückschnellende schmucke junge Mann
+nicht gerade her sah, mußte sie öfters heimlich zu ihm hinüberblicken.
+Diese Fahrt war ein schöneres Vergnügen, als mit Meta Stelljes
+durch die Straßen zu bummeln, Schaufenster zu besehen und über die
+Herrschaften zu klatschen. Viel zu schnell erreichte das Boot seinen
+Hafen, am liebsten hätte sie die Rundfahrt noch einmal gemacht.
+
+»So,« sagte Hermann, als sie an Land gestiegen waren, »nun setzen wir
+uns hier in den Kaffeegarten und essen gemütlich zu Abend.«
+
+Ihre schwachen Einwendungen, daß es schon spät wäre und sie nach Hause
+müßte, fanden keine Beachtung, und bald saßen sie unter einer Rotbuche
+hart am Ufer des kleinen Sees, von dem das Kaffeehaus den Namen
+führte. Der Kellner brachte Butterbrote und zwei Glas Bier.
+
+Sie plauderten über dies und das, und zuletzt kam Hermann auch auf
+seine Stellung im Hause seines Hauptmanns zu sprechen. Sein Herr
+hielte große Stücke auf ihn, die gnädige Frau nicht minder, und die
+Gören wären rein in ihn vernarrt. Aber den meisten Anfall hätte er von
+der Köchin, die ihn partout heiraten wollte. Und sie wär' ja auch eine
+blitzsaubere Person, das müsse ihr selbst der Neid lassen.
+
+Leidchen spähte bestürzt durch die vorgeschrittene Dämmerung nach
+seinem Gesicht.
+
+Merkwürdig wär's, fuhr er nach einer Weile fort, wie schlecht Mädchen,
+die anderswo geboren wären, sich als Frauen im Moor gewöhnten. Das
+könnte man zum Beispiel auch an seiner Mutter sehen. Die hätte bis auf
+den heutigen Tag nicht vergessen, daß sie von der Geest stammte, und
+schimpfte noch immer über das braune Moorwasser.
+
+Drüben vor den Buchengruppen, denen der Abend ihr lichtes Grün
+gegen ein mattes Grau umgetauscht hatte, flammten Laternen auf
+und warfen lange, ruhige Lichtstreifen über den See, die nur im
+Wellenschlag eines heimkehrenden Bootes zuweilen eine Zeitlang
+tanzten und zitterten. Fledermäuse huschten jagend hin und her. Die
+reiche Vogelwelt des Parks war verstummt, bis auf die zahlreichen
+Nachtigallen, die um so lauter schlugen. Ein einzelner Schwan zog
+langsam und träumerisch seine Bahn. Die meisten Tische waren leer, nur
+selten klang ein Ton gedämpfter Unterhaltung herüber. Irgendwo in der
+Ferne spielte eine Militärkapelle.
+
+Hermann nahm Leidchens Hand. Aber nach einigen Sekunden zog sie diese
+zurück und rückte mit dem Stuhl ein wenig zur Seite. »Ich muß nun aber
+wirklich bald nach Hause,« sagte sie.
+
+»Ich auch,« sagte er, die Uhr ziehend, »ich habe nämlich keinen
+Urlaub. Aber hinbringen kann ich dich noch.«
+
+Als sie aufgestanden waren, bot er ihr seinen Arm. Sie zögerte, den
+ihren hineinzulegen.
+
+»Deern, du bist aber auch noch gar zu albern,« rief er etwas
+ärgerlich. »Wie sieht das aus, wenn wir so wie'n Paar Bauern
+nebeneinander her toffeln! Unsere Köchin brauchte ich gar nicht erst
+zu bitten.«
+
+Da hakte sie scheu und zaghaft ein.
+
+Sie schritten auf einem breiten, von Bäumen überdunkelten und von
+Laternen erhellten Parkweg.
+
+Auf einer Bank, die etwas zurück in schattigem Dunkel stand,
+saß ein Soldat, der sein Mädchen im Arm hielt. Gerade als die
+beiden vorübergingen, unterbrach ein Ton die Stille, über dessen
+Entstehungsursache kein Zweifel bestehen konnte.
+
+»Die verstehn's,« raunte Hermann seiner Begleiterin zu.
+
+Sie erbebte leise. Wenn er nur sich so was nicht auch beikommen ließe!
+
+Endlich langten sie vor ihrem Hause an. Hermann ergriff schnell ihre
+Hand, drückte sie, daß sie hätte aufkreischen mögen, und ging mit
+strammen Schritten davon.
+
+Ein wenig enttäuscht blickte sie ihm nach. Ganz im stillen hatte sie
+sich den Abschied doch etwas anders gedacht.
+
+Langsam stieg sie die Treppe hinauf.
+
+Nein, es war doch besser, daß er sie zum Abschied nicht geküßt hatte.
+Daran konnte man sehen, daß er keiner von den Frechen war, gegen deren
+Zudringlichkeit ein anständiges Mädchen sich wehren muß. Mit einem so
+ruhigen, ordentlichen Menschen durfte sie getrost ausgehen. Dagegen
+würde selbst Gerd nichts haben. Und wenn er sie dann auch eines Tages
+mal küßte ... nun ja, ein Küßchen in Ehren soll niemand verwehren.
+
+Unter solchen Gedanken hatte sie sich entkleidet und dabei öfters zu
+dem Stück Nachthimmel über ihrem Dachfenster aufgeblickt. Das war von
+tiefem Schwarzblau, und die Krone des hängenden Myrtenbäumchens, das
+in diesen Wochen auch frisch getrieben hatte, hob sich scharf dagegen
+ab.
+
+Als sie sich hingelegt hatte, kam ihr des Hauptmanns Köchin in den
+Sinn. Ob er die nicht doch ganz gern hatte? Ach was! Die Köchinnen,
+die sie auf dem Wochenmarkt gesehen hatte, waren beinah alle alt,
+dick und häßlich ...
+
+Mit diesem Trost schlief sie ein.
+
+ * * * * *
+
+Am andern Morgen kam ganz unerwartet Gerd, der auf dem Schlachthof ein
+fettes Kalb abgeliefert hatte.
+
+»Deern,« sagte er verwundert, »du siehst famos aus.«
+
+»Es geht mir auch gar nicht schlecht,« gab sie mit lachenden Augen zur
+Antwort.
+
+Sie bewirtete den Bruder in der Küche mit einem Frühstück und saß ihm,
+Kartoffeln schälend, gegenüber. Die Geschwister hatten sich längere
+Zeit nicht gesehen, und sie berichtete, was inzwischen geschehen.
+
+Fast mit den gleichen Worten wie gestern nachmittag im Ruderboot
+erzählte sie von Krankheit und Tod des Kindes und schloß mit den
+Worten: »Wie schrecklich nahe mir das gegangen ist, kannst du dir gar
+nicht denken.«
+
+Er blickte sie verwundert an, und als sie fertig war, sagte er
+trocken: »Das wird wohl nicht so schlimm gewesen sein, du siehst mir
+viel zu lustig dabei aus. Das Wischen an den Augen laß auch man sein,
+Tränen bringst du doch nicht heraus.«
+
+Leidchen erschrak.
+
+Ja, sie hatte das alles nur so mit dem Munde hingeschwatzt, ohne das
+geringste dabei zu fühlen. Sonst hatte sie jeden Morgen die kleine
+Olga neu vermißt, aber heute bis eben, wo sie Gerd von ihr erzählte,
+noch mit keinem Gedanken ihrer gedacht. Es war ihr auf einmal, als
+hätte sie die traurige Geschichte vor zehn Jahren erlebt, oder als
+wäre sie ihr nur als Kunde aus fremdem Mund zugekommen. So fern, so
+gleichgültig war ihr über Nacht geworden, was gestern nachmittag noch
+ihr Herz mit tiefem Schmerz und ihre Augen mit echten Tränen gefüllt
+hatte. Sie schämte sich ein wenig vor sich selbst.
+
+Als sie ihm dann vom Ende ihrer Freundschaft mit Meta Stelljes
+erzählte, sprach er die Hoffnung aus, daß diese es mit einem
+ordentlichen, ernsthaften Menschen zu tun haben möchte, und nicht mit
+einem von den vielen, die so ein Mädchen nur zum besten hätten.
+
+Leidchen stieß mit der Spitze ihres Pantoffels ärgerlich gegen seine
+Transtiefel und sagte: »Du bist gar nicht zu bessern. Immer mußt du
+von allen Menschen das Schlechteste denken.«
+
+Er zuckte die Achseln: »Ich kenne die Welt.«
+
+Nach einer Weile sah sie ihm neugierig und schalkhaft in die Augen.
+»Du! Sag' mal, denkst du denn eigentlich noch gar nicht ans Heiraten?«
+
+Er machte mit der Hand eine wegwerfende Bewegung: »Erst will
+ich ordentlich was hinter mich bringen ... Bei uns im Moor wird
+durchschnittlich viel zu früh geheiratet.«
+
+»Mensch, schnack doch nicht so gräßlich weise!« rief sie lachend.
+
+»Neulich,« fuhr er fort, »wurde wieder mal so'n Paar aufgeboten.
+Er achtzehn Jahr, muß nächstes Jahr zum erstenmal zur Musterung.
+Der Vorsteher hat's erst nach dem Minister wegschreiben müssen. Sie
+fünfundzwanzig. Und was hatte er? Ein Rad. Und sie? Auch ein Rad.
+Und sie fuhren hin und verkloppten die Dinger. Da langte es eben, daß
+sie sich ein Bett kaufen konnten, alles andere mußten sie auf Borg
+nehmen. Wenn er dann später beim Kommiß schwitzen muß, sitzt sie da
+mit zwei oder drei Kindern, und zu etwas bringen kann's es niemals,
+so'n Prachervolk!«
+
+»Ach Gerd, du darfst in solchen Dingen nicht so hart sein. Wenn die
+beiden sich wirklich liebhaben ...«
+
+»Ich danke für solche Liebe. Nach der Tanzmusik, als er halb dun war,
+hat sie ihn mitgeschleppt. Bezahlen kann er nicht, so mußte er das
+Mensch heiraten.«
+
+Eine Zeitlang schwiegen sie. Dann sagte Gerd, geheimnisvoll lächelnd:
+»Ich hab' auch noch einen Gruß für dich. Rat' mal, von wem?«
+
+Nachdem sie einige Male vergeblich hin und her geraten hatte, kam er
+selbst damit heraus: »Von Lehrer Timmermann.«
+
+»Ach so ... Danke.«
+
+»Denkst du dir gar nichts dabei?« fragte er lächelnd.
+
+»Was soll ich mir groß dabei denken?« fragte sie gleichgültig zurück.
+
+»Och, ich meinte man ... Soll ich ihn wieder grüßen?«
+
+»Das kann ich dir nicht verbieten.«
+
+»So'n bißchen von Herzen? ...«
+
+Sie hielt plötzlich im Kartoffelschälen inne, sah ihn groß an und rief
+lachend: »Junge, hat er dich wohl als Freiwerber geschickt?«
+
+Gerd schlug sich die Mütze, die er bislang zwischen den Händen gedreht
+hatte, über das rechte Knie und sagte ärgerlich: »Deern, du bist wohl
+nicht recht klug.«
+
+Sie weidete sich an seiner Verlegenheit und lachte ihm lustig ins
+Gesicht.
+
+Auf einmal richtete er sich auf und sagte, sie voll ansehend, mit
+ernsthaftem Gesicht: »Leidchen ... laß uns da vernünftig über
+sprechen. Wenn Timmermann dich nähme ...«
+
+»Pah! Fragt sich, ob ich ihn will.«
+
+»Aber Leidchen!«
+
+»Aber Gerd, du hast ja eben noch gesagt, wir sollten nicht so früh ans
+Heiraten denken.«
+
+»Oh ...« sagte er gedehnt, »mit euch Mädchen ist das was anderes. Ihr
+seid leicht alt genug, und es ist gut, wenn ihr einem erst anständig
+unter den Füßen weg seid.«
+
+»Kuck' einer an! So'n alter Pharisäer!«
+
+»Nein, Leidchen, wir wollen ernst bleiben. Was so'n Lehrer ist, der
+hat sein Festes. Ich glaub', unserer kriegt jetzt beinah' schon
+tausend Mark, und kommt wohl bis aufs doppelte. Bedenk' doch bloß,
+Leidchen: Was für'n Haufen Geld! Und das schöne neue Haus mit Garten,
+und fünfzehn Morgen Land, und ein Tagwerk Grünland. Da könnt ihr euch
+ordentlich ausarbeiten, und zwei Kühe halten, und ein halb Dutzend
+Schweine zum Verkauf fett machen.«
+
+»Und wenn ich die Kühe gemolken und die Schweine gefüttert habe, kann
+ich in seinen dicken Büchern lesen ...«
+
+»Ja ... das auch ...«
+
+»Ujeh«
+
+»Wa--as?«
+
+»Gerd, ich will dir mal was sagen, zu solch einem Leben bin ich nicht
+gemacht. Von dem vielen Lesen und Studieren wird einer ganz dwatsch im
+Kopf.«
+
+»Wer hat dir denn das vorgeschnackt?«
+
+Über ihre Wangen flog eine leichte Röte: »Das hab' ich an mir selbst
+ausprobiert. Ich habe nämlich diesen Winter auch viel zu viel gelesen.
+Es waren ja alles ganz schöne Geschichten, aber auf die Dauer bekommt
+es doch nicht gut. Ich glaube, was die Bücherschreiber sind, die lügen
+alle zusammen.«
+
+»Leidchen, Leidchen, wie schnackst du da nun wieder hin!« sagte
+er kopfschüttelnd. »Was ist bloß mit dir los? Du bist heute so
+wunderlich, so aufgeregt und übermütig ... Sag' mal, du hast in der
+Schule doch auch Schillers Glocke gelernt.«
+
+Mit dem Pantoffel taktierend begann sie:
+
+
+ »Festgemauert in der Erden
+ Steht die Form, aus Lehm gebrannt.«
+
+
+»Halt!« rief er, »du sollst mir das ganze Ding nicht herunterbeten.
+Ich mein' die Worte: ›Das ist's ja, was den Menschen zieret‹.«
+
+Sie fiel ein:
+
+
+ »Und dazu ward ihm der Verstand,
+ Daß er im innern Herzen spüret,
+ Was er erschafft mit seiner Hand.«
+
+
+»Siehst du, Leidchen, das ist's. Es ist 'ne traurige Sache, wenn einer
+durch das Leben bloß so hindusselt und hindöst, wie bei uns auf dem
+Lande die meisten noch tun. Das Leben wird viel schöner, wenn einer
+anfängt, so'n bißchen nachzudenken, und wenn er dann seine Arbeit
+nicht einfach so tut, wie er's anderen Leuten abgekuckt hat, sondern
+mit eigenen Gedanken, und nicht bloß mit der Hand, sondern auch mit
+dem Kopf und dem Herzen. Soweit bin ich jetzt, und Timmermann hat mir
+ein bißchen mit dazu geholfen ... Also ich soll ihn herzlich von dir
+wieder grüßen. Und wenn er eines Tages kommt und bei dir anfragt --
+ich weiß ja noch gar nichts Bestimmtes, hab' nur so meine Ahnung --
+dann sagst du in Gottes Namen fröhlich ja. Nicht wahr?«
+
+»Ich kann mir den Fall ja überlegen. ›Drum prüfe, wer sich ewig
+bindet,‹ sagt Schiller ja auch wohl, ›ob sich nicht noch was Bess'res
+findet.‹«
+
+»Leidchen, Leidchen, du bist jetzt achtzehn Jahr und mußt bald
+wirklich ein bißchen ernster werden. Es heißt doch, ›ob sich das Herz
+zum Herzen findet‹. Und ich bin fest überzeugt, es gibt keine zwei
+Herzen, die so gut zueinander passen.«
+
+»So--o? Na ja, die Hauptsache ist ja auch, daß du das erst mal weißt
+...«
+
+»Was ich noch fragen wollte: hast du schon eine Freundin wieder für
+Meta Stelljes?«
+
+»Was brauch' ich 'ne Freundin, wenn ich auch ~so~ vergnügt bin?«
+
+»Nein, Leidchen, es ist besser.«
+
+»Na, denn sei man ruhig, hier auf der Nachbarschaft ist ein Fräulein
+von meinem Alter, ich kann ja mal sehen, ob ich mit der etwas in Gang
+komme.«
+
+»Das tu bitte, das heißt natürlich, wenn es ein ordentliches Mädchen
+ist. Ich bin dann ruhiger.«
+
+»Willst du nicht lieber selbst hier bleiben und aufpassen?«
+
+»Dumme Deern, heut' ist überhaupt nicht vernünftig mit dir zu
+sprechen.«
+
+Er war aufgestanden. Sie warf die letzte Kartoffel in den Wassereimer,
+daß die Tropfen hoch aufspritzten, und erhob sich ebenfalls. In voller
+Jugendblüte prangend, stand sie vor ihm, er mußte sie still verwundert
+ansehen.
+
+»Was kuckst du, Junge?«
+
+»Darf ich dich nicht ankucken?«
+
+Ihre braunen Augen blitzten vor Übermut. »Weißt du, was ich möchte?«
+
+»Na?«
+
+»Dir mal'n Kuß geben.«
+
+»Aber Deern!«
+
+»Magst du keinen?« Sie spitzte das Mündchen ganz allerliebst.
+
+»Oh ...«
+
+Dreimal drückten sich ihre warmen roten Lippen auf die seinen.
+
+»Deern, Deern, was kannst du küssen!« rief er lachend, indem er sich
+ihrer Umarmung entwand und mit dem Handrücken über den Mund wischte.
+»Schade, daß ich Timmermann keine Probe davon mitnehmen kann. Ich
+glaube, der käm' gleich morgen angereist und holte sich mehr von der
+Sorte.«
+
+»Hohoho, der kann sich auf den Kopf stellen, er kriegt doch keinen.«
+
+»Das wollen wir ruhig abwarten ... Na, Leidchen, ich freu' mich, daß
+du so fein auf dem Damm bist. Denn bleib' schön munter, adjüs!«
+
+»Wart', ich geh ein paar Schritt mit dir.« Und schon hatte sie die
+Küchenschürze abgeworfen.
+
+Als sie auf der Straße waren, fragte Leidchen: »Weißt du keinen guten
+Platz für mich zum Herbst? In unserm Dorf oder auf der Nachbarschaft,
+das ist einerlei.«
+
+Er blieb stehen und fragte verwundert: »Was? Du willst hier wieder
+weg?«
+
+»Ja,« sagte sie, »es gefällt mir auf dem Lande doch ebensogut.«
+
+»Siehst du? Hab' ich dir das nicht gleich gesagt?« triumphierte er.
+»Aber zum Winter? ... Das wird schwer halten, hm. Halt, auf der Mühle
+suchen sie ein Mädchen in der Zeitung. Willst du da hin?«
+
+Sie machte ein bestürztes Gesicht. »Nee,« sagte sie kurz.
+
+»Das wollt' ich dir auch nicht raten. Kein Mädchen hält es da lange
+aus.«
+
+»Ist die Frau wirklich so schlimm?«
+
+»Allzusammen sind sie dem Teufel aus der Kiepe gesprungen. Im Herbst
+kommt auch Hermann wieder nach Haus, der jetzt Hauptmannsbursche ist,
+in Spandau.«
+
+»Wir sind hier an der Ecke,« sagte Leidchen hastig, »ich muß machen,
+daß ich wieder in die Küche komme.«
+
+Sie gab ihm eilig die Hand und wandte sich zum Gehen. Indem sie
+langsam dem Hause zuschritt, suchte sie eines unangenehmen Gefühles
+Herr zu werden. Als sie wieder in der Küche anlangte, war ihr das
+auch schon gelungen. Sie hielt die beiden Arme gestreckt vor sich,
+und in ihr jubelte es: An jeder Hand einen Freiersmann! Und was für
+welche! Den gebildetsten jungen Mann im Dorf, und den schmucksten und
+reichsten dazu. Wenn Meta Stelljes davon eine Ahnung hätte! Die mit
+ihrem Hilfsbremser! Und die Freundinnen zu Hause!
+
+Den ganzen Tag war sie vor Freude rein närrisch. Erst gegen Abend kam
+eine ruhigere, besinnlichere Stimmung über sie. »Wer die Wahl hat,«
+dachte sie, »hat die Qual.«
+
+Von jeher waren die Rosenbrocks gute Rechner gewesen, und auch
+Leidchen hatte davon ihr Teil bekommen, wenn auch nicht ein so großes,
+wie ihr Bruder. So fing sie denn, als die Tagesarbeit getan und es
+stiller in ihr geworden war, an zu rechnen.
+
+Lehrerfrau zu werden ... der Gedanke hatte viel Verlockendes. Daheim
+in ihrem Dorf war sicher kein Mädchen, das da nicht mit beiden Händen
+zugegriffen hätte. Das Haus war neu und groß. Noch heute schalten die
+Bauern, so teuer zu bauen wär' gar nicht nötig gewesen, und stöhnten
+über die Höhe der Schulsteuer, die infolge des Neubaues auf 250
+Prozent der Staatssteuern, einschließlich der fingierten, gestiegen
+war. In solchem Hause zu wohnen und als Frau zu schalten, das war
+gewiß nichts Geringes.
+
+Aber die Mühle war auch nicht zu verachten. Sie hatte drei
+Mahlgänge und galt als eine der stärksten im ganzen Moor. Leidchen
+erinnerte sich, wenn sie als Kind mit der Karre einen Sack Mehl oder
+Gerstenschrot holen mußte, wie sie da verwundert und ein bißchen
+ängstlich zu den fauchend herumsausenden Flügeln aufgeschaut und
+drinnen sich die Ohren zugehalten hatte vor dem tollen Geklapper, das
+der weißbepuderte Mann gelassen regierte wie ein Kinderspielzeug. Und
+das Wohnhaus war wohl altmodisch, noch mit Strohdach, aber doch das
+stattlichste Gebäude im ganzen Dorf, und hatte gewiß wunderschöne,
+große Zimmer ...
+
+Bei Gastereien wurde die Lehrersfrau stets ins Sofa genötigt. Und die
+Müllersfrau? Nun, die jetzige ließ sich selten sehen, weil sie den
+Geestbauernstolz gegenüber den Moorleuten nicht überwinden konnte.
+Wenn eine aber war, wie sich's gehörte, ehrte man sie gewiß nicht
+weniger als die Schulmeisterin ... Was würden die Leute für Augen
+machen, wenn eine aus ihrem Dorf als junge Frau auf der Mühle Einzug
+hielte! Das war nicht geschehen, solange Mühle und Dorf standen.
+Die Müller wollten immer mehr sein als andere Leute und holten
+sich die Frauen von anderen Mühlen oder aus den reichen Geest- und
+Wiesendörfern ...
+
+Lehrer Timmermann war ein guter Mensch; schon seine sanften blauen
+Augen sagten, daß nichts Arges in ihm wohnte. Sie erinnerte sich jenes
+Weihnachtsabends im Schulhause, wo sie alle vier so kindlich vergnügt
+gewesen waren. Aber es fiel ihr auch von der Schulzeit her ein, daß er
+alles sehr genau nahm. Vielleicht entlief sie, wenn sie ihn nahm, nur
+dem einen Schulmeister, um dem anderen in die Hände zu fallen, oder
+mußte sich gar, da die beiden fest zusammenhielten, unter zwei ducken
+... Wenn sie sich einen Kuß von ihm vorstellte ... da konnte sie
+ebensogut ihren Bruder küssen, das kam so ungefähr auf dasselbe heraus.
+
+Dagegen Hermann? ... Das Herz klopfte ihr und das Blut schoß ihr in
+die Wangen, wenn sie nur daran dachte, daß er sie einmal in den Arm
+nehmen und küssen konnte ...
+
+Plötzlich erschrak sie. Sie hatte eben so fest mit den beiden
+gerechnet, aber wollten die sie denn überhaupt?
+
+Nach kurzem Nachdenken glaubte sie des Lehrers sicher zu sein. Wenn
+Gerd von der Sache angefangen hatte, so war anzunehmen, daß er sich
+irgend etwas hatte merken lassen. Und wenn er auch nur die geringste
+Andeutung gemacht hatte, dann war kein Zweifel, daß er sich mit
+ernsten Absichten trug.
+
+Dagegen Hermann? ... Der war ein Luftikus und Windbeutel. Was er ihr
+gestern Schmeichelhaftes gesagt hatte, das hatten am Ende auch schon
+andere von ihm zu hören bekommen. Häuser durfte man auf dessen Wort
+nicht bauen. Überhaupt mußte man sich mit einem seiner Art in acht
+nehmen ... Aber es hatte doch wieder einen besonderen Reiz, gerade so
+einen sich zu gewinnen ...
+
+Einen großen Vorzug hatte das Schulhaus. Dort hatte die junge Frau von
+vornherein freie Hand. In der Mühle dagegen bekam sie für die ersten
+Jahre gewiß ein böses Tun mit den beiden Alten. Aber was wollten die
+schließlich machen, wenn die jungen Leute treu zusammenhielten? Und
+war sie denn nicht noch immer mit allen Menschen gut fertig geworden?
+Das müßte doch wunderlich zugehen, wenn sie die alten Brummbären nicht
+schließlich zahm kriegte. Und ewig lebten die am Ende ja auch nicht ...
+
+Leidchen war entschlossen, einen von den beiden auf jeden Fall sich zu
+erobern. Wen? das mußte die Zeit ausweisen.
+
+Frau Marwede war ausgegangen. Sie schlich sich leise in ihren Salon
+und stellte sich vor den großen geschliffenen Spiegel. Ja, ihre Augen
+hatten einen schönen Glanz, und die Haare einen seidigen Schimmer. Die
+Grübchen saßen niedlich in den rosigen Backen, und mit dem kleinen
+Finger versuchte sie sie noch zu vertiefen. Sie dachte ihre schlanke
+Gestalt in das Himmelblaue hinein und beschloß, Frau Marwede um einen
+kleinen Vorschuß auf ihr Gehalt zu bitten, damit sie sich auch noch
+einen passenden neuen Hut dazu kaufen könnte.
+
+Als sie sich vom Spiegel abwandte, sah sie auf dem Eckbort, wo die
+Nippsachen standen, ein Püppchen lehnen, mit dem die kleine Olga so
+oft gespielt hatte. Sie nahm das Ding in den Arm, ließ sich in einen
+roten Plüschsessel fallen und weinte blanke Tränen in ihren Schoß. Das
+war ihr in dem so plötzlich über sie gekommenen Glück auf einmal ein
+seelisches Bedürfnis.
+
+
+
+
+ 11.
+
+
+Auf dem Neustadtsbahnhof hielt ein Zug der Großherzoglich
+Oldenburgischen Eisenbahn. Alles, was den schönen Sonntagnachmittag im
+Wald- und Heidegebiet des Nachbarländchens verleben wollte, strömte
+herzu, vereins-, familien- oder paarweise, je nach Lebensumständen
+oder Neigungen.
+
+Schon hatte der Mann mit der roten Tasche die Flöte am Munde, da kam
+noch ein Pärchen in langen Sätzen über den Bahnsteig dahergesprungen.
+
+»Dritter?«
+
+»Jawohl.«
+
+»Alles besetzt, hier einsteigen!«
+
+Sie warfen sich, einander gegenüber, in die grauen Polster eines
+unbesetzten Abteils zweiter Klasse und rangen mit allen Kräften ihrer
+Lungen nach Luft, die ihnen beim Dauerlauf knapp geworden war.
+
+Bald war Leidchen so weit, daß sie ihr Spiegelbild im Fenster suchen
+und vor ihm ihren neuen Hut -- weißes Stroh mit Klatschmohn --
+zurechtrücken konnte.
+
+Dann wandte sie das glühende Gesicht ihrem Gegenüber zu und sagte:
+»Mal'n bißchen in der Eisenbahn zu fahren, macht doch wirklich Spaß.«
+
+»Du hast wohl noch nicht ganz oft drin gesessen?« fragte Hermann.
+
+»Es ist heute das erstemal in meinem Leben.«
+
+»Ist ja wohl nicht möglich, Deern!«
+
+»Ganz gewiß. Meta Stelljes wollte immer mal mit mir nach Vegesack,
+aber dann ist ihre Verlobung dazwischen gekommen. Oh, kuck mal, wie
+die Telegraphendrähte immer auf und ab wogen! Und wie 'r das durch
+geht! Wir fahren schneller, als die Krähe da fliegen kann.«
+
+Hermann lächelte über ihre naive Freude und sah ihr verwundert in die
+großen braunen Kinderaugen. »Und dabei ist dies noch der gemütlichste
+Zug in ganz Deutschland,« sagte er, »er darf nicht schneller, sonst
+fährt er die Oldenburger Ochsen und Kühe tot. Weißt du, was die
+Buchstaben hier auf der Fensterstrippe zu bedeuten haben?«
+
+»G. O. E.? Nee.«
+
+»Gänzlich ohne Eile.«
+
+»Ach so, dies ist also nur erst ein Bummelzug.«
+
+Die Zielstation, der ein nahes Forsthaus den Namen gegeben hatte, war
+unter solcherlei Gesprächen bald erreicht. Zuletzt hatten sie sich
+über die Klassenunterschiede auf der Eisenbahn unterhalten, und als
+sie ausstiegen, sahen sie nach den Fahrgästen, die aus der dritten
+geklettert kamen, mit einiger Geringschätzung, und für die Reisenden
+vierter Güte hatten sie überhaupt kein Auge.
+
+Um nicht in die Vereine und Familien hineinzugeraten, schlugen sie
+ein schlankes Tempo an. Arm in Arm und im Geschwindschritt ging's die
+sonnige Landstraße entlang, Hermann pfiff eine muntere Marschweise.
+Erst als ein Fußweg sie nach rechts in einen Buchenforst führte,
+wurden sie langsamer.
+
+Das Kind aus dem Lande der Birken legte das Köpfchen in den Nacken und
+staunte zu den lichten grünen Hallen des Hochwaldes empor: »Junge,
+Junge, hier ist's so schön wie in der Kirche!« »Viel schöner, Deern,
+als in der Kirche!« rief er lachend. Als sie von ungefähr einmal zu
+Boden blickte, schlug das bewundernde Staunen plötzlich in helles
+Entzücken um. Sie bückte sich zu einer Kolonie lieblicher Maiglöckchen
+und pflückte ein Sträußchen, das sie dann in zwei Hälften teilte, um
+die eine ihrem Begleiter zu überreichen, der die schenkende Hand ein
+paar Sekunden mit zärtlichem Druck festhielt.
+
+Der Wald wurde lichter, und an seinem Saum lud eine ländliche
+Wirtschaft zum Rasten ein. Das Pärchen setzte sich in eine
+Kletterrosenlaube, die über und über mit schwellenden und schon
+rot durchschimmernden Knospen bedeckt war, und bald stand eine
+Portionskanne Kaffee nebst einem Teller mit dreierlei Kuchen vor ihnen
+auf dem Tisch. Leidchen hatte zu Mittag vor freudiger Erwartung nicht
+viel essen können, aber jetzt langte sie wacker zu. Ihr Begleiter, der
+ihr die besten und zuckerigsten Stücke überließ, erzählte dazu eine
+lustige Geschichte nach der anderen, daß sie immer wieder mit Essen
+innehalten und sich erst mal auslachen mußte.
+
+Bald wurde es in dem nahen Walde lebendig, und der Garten füllte sich
+schnell mit Ausflüglern, die großen Kaffeedurst und viel Spektakel
+mitbrachten. Die Rosenlaube erschien einer kinderreichen Familie
+begehrenswert, deren stattlich dicke Mutter den im Wege sitzenden
+jungen Leuten aus puterrot erhitztem Gesicht einen feindseligen Blick
+zuwarf, wie die Gluckhenne den jungen Hähnen und Hühnern, wenn sie für
+ihre Brut Platz schaffen will. Bald waren die beiden fest eingekeilt,
+und verschiedene Backfische und Bengels machten ein Gesicht, als ob
+sie sagen wollten: »Habt ihr unsere Mama nicht verstanden?«
+
+»Ich glaube, die Herrschaften sind lieber unter sich,« sagte Hermann
+denn auch bald, zahlte und bot Leidchen den Arm.
+
+Sie folgten einer Landstraße, die durch Korn- und Kartoffelfelder in
+der Richtung auf eine mit jungen forstlichen Anlagen bedeckte Höhe
+führte. Diese stiegen sie auf einem Fußpfad hinan, bis eine mächtige
+vorgeschichtliche Steinsetzung, von einer sturmzerzausten Eiche
+überragt, vor ihnen lag.
+
+Mit gewandtem Sprung hob Hermann sich auf die riesige Deckplatte, um
+dann auch seiner Begleiterin hinauf zu helfen.
+
+Vom Rand des Steines bot sich ein freier Blick weit ins Land hinaus.
+Im Vordergrunde leuchtete die Junipracht üppiger Felder, über denen
+die Lerchen sangen. Um sie legte sich ein Kranz heller Buchen- und
+dunkler Nadelwälder, hinter diesen verdämmerte die unbestimmte Ferne.
+Es war angenehm sommerlich warm.
+
+»Oh,« rief Leidchen, der die Augen weit wurden, »wie lange hab' ich
+so was nicht mehr gesehen! Wir hatten zu Hause auf unserm Moor eine
+Föhre, von der konnte man auch so weit ins Land kucken.«
+
+Eine Weile standen sie schweigend und freuten sich der schönen
+Aussicht. Dann legte er leise die Hand um ihre Hüfte. Bald zog er sie
+fester an sich und küßte sie.
+
+Mit geschlossenen Augen lag sie ein Weilchen still an seiner Brust.
+Als ein leises Erbeben über ihren Körper lief, wurde er stürmischer,
+und sie schlug die Arme um ihn und erwiderte seine Küsse mit
+Leidenschaft.
+
+Aber plötzlich riß sie sich gewaltsam los, wich zurück und sah ihn mit
+großen, starren Augen an.
+
+Er wollte sie aufs neue umarmen. Da sprang sie von der Steinplatte zur
+Erde.
+
+Er ihr nach. Aber sie hob abwehrend die Hände: »Bitte, nicht mehr!«
+
+Da ließ er die Arme sinken.
+
+Unten in den Anlagen wurden Stimmen laut, und sie schritten
+hintereinander die Anhöhe hinab.
+
+Als sie wieder auf der Straße waren, bot er ihr seinen Arm, aber
+sie wollte ihn nicht nehmen. Es lag ihr noch immer lähmend in allen
+Gliedern. So war sie vorhin erschrocken, vor ihm und vor sich selbst.
+
+Er erzählte von Spandau und Berlin. Sie hörte nur mit halbem Ohr hin.
+
+Er pfiff: »Auf in den Kampf, Torero.« Sie ärgerte sich über die kecke
+Weise und faßte ihren Sonnenschirm fester.
+
+Als der Fußweg in den Buchenwald abbog, sagte sie kurz und
+entschieden: »Ich bleibe auf der Chaussee.«
+
+Auf dem Bahnhof standen schon viele Menschen mit abgerissenen
+Blätter- und Blütenzweigen, und die beiden schoben sich in die den
+Zug erwartende Menge hinein. Als sie ein paarmal auf und ab gegangen
+waren, nahm Leidchen auf einmal Hermanns Hand und sagte: »Ich danke
+dir auch schön, daß du mich mal mitgenommen hast.« »Das kannst du noch
+öfter haben, mein' Deern,« antwortete er, indem er ihre Hand festhielt
+und mit zärtlichem Blick ihr tief in die Augen sah. »Wenn's dir recht
+ist, bringen wir alle unsere freien Sonntage miteinander zu. Dann
+kriegst du wenigstens etwas von der Welt zu sehen. Wollen wir das
+nächste Mal mit dem Dampfschiff nach Fegebeutel?« »Bitte ja,« rief
+sie mit frohen Augen, sich an seine Schulter schmiegend und zu ihm
+aufblickend.
+
+Als der Zug einlief, schielten sie nach den Abteilen zweiter Klasse,
+in deren Polster es ihnen ganz gut gefallen hatte, inzwischen wurde
+die dritte besetzt, und zuletzt, unmittelbar vorm Abfahren, schob ein
+bärbeißiger Schaffner sie in einen Wagen vierter Klasse, mitten in
+einen schwitzenden, schmökenden, schwadronierenden Vorstadtskegelklub
+hinein. Der halb ausrangierte und nur sommersonntags noch laufende
+Wagen schwankte und stieß wie eine alte Postkutsche und warf die
+auf engste Stehplätze Angewiesenen bald aneinander, bald gegen
+wohlbeleibte Kegelbrüder. --
+
+Am Abend des folgenden Tages erhielt Leidchen eine Ansichtskarte mit
+dem Poststempel Worpswede. Weißstämmige Birken mit herbstlich gelbem
+Laub spiegelten sich in einem dunklen Moorgraben, und darunter stand,
+wie gestochen:
+
+
+ »Von einem von schönstem Wetter begünstigten Ausflug auf den Weiher
+ Berg sendet beste Grüße
+
+ Otto Timmermann, Lehrer.«
+
+
+Eine weniger federgeübte Hand hatte mit steilen und steifen
+Schriftzügen hinzugefügt:
+
+
+ »Schade, daß Du nicht auch hier bist.
+
+ Dein Bruder Gerd.«
+
+
+Die Empfängerin dieses Kartengrußes fing wieder an zu wägen und zu
+rechnen. Aber das wollte nicht mehr recht gehen. Das Blut sprach jetzt
+mit. --
+
+ * * * * *
+
+Es kam die Zeit der Roggenernte. Hermann hatte diese als Vorwand
+genommen, um vor dem Manöver noch schnell ein paar Tage Urlaub
+herauszuschlagen, der nachts um zwölf von Sonntag auf Montag ablief.
+Aber schon gegen acht war er zurückgekehrt und schritt dem Bürgerpark
+zu, wo er mit Leidchen ein Stelldichein verabredet hatte.
+
+Sie trat ihm hastig mit der Frage entgegen: »Was haben deine Eltern
+gesagt?«
+
+»Aber Kind,« rief er, »was ist denn das für ein Empfang? Erst gibst du
+mir mal die Hand, und dann einen Kuß ... So, und nun setzen wir uns
+hier auf die Bank und bereden ruhig das Weitere.«
+
+»Was sagen deine Eltern?« wiederholte sie, als sie sich niedergelassen
+hatten.
+
+Er räusperte verlegen und legte den Arm um sie: »Hm, Leidchen, ich
+hab's ihnen diesmal doch noch nicht sagen können.«
+
+»Warum nicht?« rief sie im Tone bitterer Enttäuschung.
+
+»Och ... mein Vater hatte gerade mal wieder seine schlimmen Tage, du
+weißt ja Bescheid. Dann darf man ihm mit so wichtigen Sachen nicht
+kommen.«
+
+»Aber deine Mutter ...«
+
+»Wenn der Vater das so kriegt, muß man sie auch schonen. Dann ist sie
+viel zu nervös und aufgeregt.«
+
+»Was soll denn aber nun werden?«
+
+»Ob sie's acht Tage früher oder später erfahren, das kommt doch wohl
+auf eins hinaus ... Ist Gerd bei dir gewesen?«
+
+»Ja.«
+
+»Und was sagt der?«
+
+»Ich ... ich hab's ihm auch noch nicht sagen können.«
+
+»Warum nicht?«
+
+»Ach, er hatte keine rechte Zeit ... Und er ist auch ein so eigener
+Mensch, man weiß nie, wie man mit ihm dran ist ... Und er hat mir ja
+auch gar nichts zu sagen! Aber mit deinen Eltern ist das was anderes.
+Oh, wenn du doch bloß mit ihnen gesprochen hättest! Ich hatte mich so
+fest darauf verlassen.«
+
+»Wirklich, bestes Kind, es ging nicht.«
+
+»Mir ist manchmal so bange. Ich bin ja so über alle Maßen glücklich,
+daß ich dich habe, aber dann packt mich auf einmal wieder die Angst.«
+
+»Ach Deern, das sind bloß so Stimmungen!«
+
+»Diese Nacht habe ich auch erst wieder geträumt. Ich hatte mich
+verirrt, mitten im großen Tennstedter Moor, wo nichts zu sehen war
+als Porst und Heide und schwarze Wasserlöcher, und stickdüster war's
+auch noch. Da rief ich nach dir, laut und immer lauter, aber es kam
+keine Antwort. Nur ein Heister flog über mir weg, und es klang gerade
+so, als ob er mich auslachte. Davon wachte ich auf.«
+
+»Uh, Deern, du könntest einen ja beinahe gruseln machen.«
+
+»Wenn du doch bloß mit deinen Eltern gesprochen hättest! ... Hermann,
+sag mir mal ehrlich und aufrichtig: glaubst du wirklich, daß sie mich
+wollen, daß sie uns nichts in den Weg legen?«
+
+»Leidchen, ich will ganz offen mit dir darüber sprechen. Ich hab'
+mich diese letzten Jahre mit Vater nicht gut gestanden. Wenn Mutter
+mir nicht immer was von ihrem Zugebrachten, wovon sie einen Teil für
+sich behalten hat, zugesteckt hätte, wär's mir böse gegangen. Vor
+einem Vierteljahr wußte ich noch nicht, ob ich diesen Herbst nach
+Hause wollte oder mir lieber in der Fremde mein eigen Brot verdienen
+sollte. Aber ich habe nun zu Hause noch wieder gesehen: es geht nicht
+so weiter, sie werden ohne mich nicht länger fertig. Vater paßt nicht
+ordentlich mehr auf, und auf den Gesellen ist auch kein rechter
+Verlaß. Es sind wieder mehrere alte Kunden abgesprungen. Da hilft
+alles nichts, ich muß hin und tüchtig zupacken, daß ich den Karren
+wieder aus dem Dreck herauskriege. Und ich habe jetzt auch guten Mut
+dazu. Und weißt du warum? -- Weil du mir helfen willst, Leidchen.
+Sieh, damals, als wir uns hier im Bürgerpark trafen, dachte ich: das
+ist 'ne lüttje nette Deern, mit der kannst du mal'n bißchen vergnügt
+sein. Und heute weiß ich, daß du vielmehr als das, daß du mein guter
+Engel bist, und wenn es überhaupt eine gibt, die mit meinen beiden
+Alten auskommt, dann bist du das. Du hast so was Liebes und Fröhliches
+in deinem Wesen, ich glaube, der böseste Mensch kann dir auf die
+Dauer nicht böse sein ... Meine Mutter hat ihre hohe Herkunft nicht
+vergessen können und Vater nicht immer richtig behandelt. Aber ich
+glaube, wenn eine so fein sanft und still um ihn herum wäre, müßte
+ganz gut mit ihm zu leben sein. Denn das mit dem Trinken kriegt er
+nur zeitweise, und fast immer, wenn er mit Mutter etwas gehabt hat.
+Leidchen, ich möchte glauben, es dauert nicht lange, so wickelst du
+ihn um den Finger und hast meine Mutter unter dem Pantoffel ... Wenn
+wir dich da nur erst hineinhaben! ...«
+
+»Ja, das ist es ja man gerade! ...«
+
+»Ja, das wird noch einen harten Kampf kosten ... Und wir müssen es
+am Ende machen wie so viele, und sie zwingen. Du brauchst davor gar
+nicht so zu erschrecken. Wenn zu jeder Heirat erst Väter, Mütter,
+Brüder und Gevattern ihren Segen geben müßten, kämen wohl nicht ganz
+viele zustande. Nein, da steh ich auf einem anderen Standpunkt. Wenn
+zwei Menschen sich so lieb haben, wie wir beide uns haben, ist es eine
+Sünde, wenn einer sich zwischen sie stellt, und wenn die Menschen
+ihnen das nicht geben wollen, was ihnen nach dem Recht der Natur
+gehört, dürfen sie sich's auch so nehmen.«
+
+»Aber ... du hast ja noch gar nicht ... mit deinen Eltern gesprochen.«
+
+»Das weiß ich schon so, freiwillig lassen sie sich doch auf nichts
+ein.«
+
+»Hermann, wenn du mir das doch gleich im Anfang gesagt hättest, daß
+dein Vater und Mutter so sind! ... Oh, hätte ich doch wenigstens mit
+meinem Bruder gesprochen!«
+
+»Den alten Drögepeter laß man lieber aus dem Spiel. Wenn's auf den
+ankäme, müßtest du barmherzige Schwester werden.«
+
+»Das ist nicht wahr! Er hat sogar schon einen Freiersmann für mich.«
+
+»So--o? Wohl seinen Schulmeister? ... Hahaha, das sieht ihm ähnlich.«
+
+»Dabei ist ganz und gar nichts zu lachen.«
+
+»Nee, gewiß nicht. Die Herren Lehrer sind heutzutage obenauf. Wo
+in einem Dorf 'ne feine Deern ist, da kommt sicher einer von der
+Zunft und schnappt sie weg, und wir dummen Bauernjungens haben das
+Nachsehen. Leidchen, ich gratulier' dir von Herzen. Einmal eins ist
+eins, zweimal zwei ist vier.«
+
+»Hermann ...«
+
+»Ich bin deinem Herrn Lehrer heute morgen noch begegnet. Er hatte sein
+Gesangbuch unterm Arm und pilgerte zur Kirche. Ein bißchen käsig ist
+er ja, aber sonst ganz schmuck.«
+
+»Hör' auf, Mensch! Oder ich steh sofort auf und gehe nach Hause.«
+
+»Aber, Kind, so geh doch! Wer hält dich denn? Kuck, ich hab' dich
+schon losgelassen. Bist du noch nicht weg?«
+
+»Hermann ... Du bist ein schrecklicher Mensch ... Ich weiß wirklich
+nicht mehr, was ich von dir denken soll.«
+
+»Denn will ich es dir sagen, mein' Deern. Ich bin rasend eifersüchtig,
+ich könnte diesen Timmermann durchprügeln, bloß weil Gerd dich ihm
+zugedacht hat, ich möchte ...«
+
+In diesem Augenblick gingen zwei Unteroffiziere vorüber, von denen der
+jüngere den Gefreiten scharf ansah. Dieser erhob sich und nahm die
+vorgeschriebene Haltung ein.
+
+Kaum hatte er sich wieder hingesetzt, als schon wieder Uniformknöpfe
+die Allee daher schimmerten.
+
+»Die Kerls haben hier herum wohl einen Kommers oder was Ähnliches,«
+sagte er ärgerlich, »komm, Leidchen, wir müssen uns einen stilleren
+Platz aussuchen.«
+
+Er war schon aufgestanden, sie erhob sich jetzt auch und sagte hastig:
+»Wir haben morgen große Wäsche, ich möchte gern früher nach Hause.«
+
+Mit dem Fuß auf den Kies stampfend, flüsterte er leidenschaftlich,
+indem die Worte sich jagten und überstürzten: »Da kann man sehn, wie
+lieb du einen hast. Deinetwegen komme ich so früh zurück, und nun läßt
+du mich hier mit meinem Urlaub sitzen! Gut! Komm, ich bring' dich nach
+Hause, aber den Hauptweg da geh' ich nicht, ich will nicht all den
+Leuteschindern in den Hals laufen, komm schnell, sonst muß ich erst
+wieder stramm stehen.«
+
+Er legte den Arm um sie und zog die widerstrebende mit sich auf einen
+Seitenweg, der von der erleuchteten Allee in das nächtliche Parkdunkel
+führte. --
+
+Es war den ganzen Tag schwül und drückend gewesen, und eine Stunde
+vor Mitternacht brach das Gewitter, das so lange in der Luft gelegen
+hatte, mit großer Gewalt los. Schnell hatte der Bürgerpark bei den
+ernster werdenden Anzeichen sich seiner Besucher entleert. Als der
+Regen schon in dicken Strähnen zur Erde prasselte, eilten noch zwei
+Menschen mit fliegender Hast der Stadt zu. Das Mädchen hielt mit ihrem
+Begleiter nur mühsam Schritt, und jedesmal, wenn die feurige Lohe vom
+Himmel fuhr und die Donner krachten, zuckte sie zusammen.
+
+
+
+
+ 12.
+
+
+Zum letzten Male präsentierte Gerd Rosenbrock so, wie der Herrgott ihn
+geschaffen hatte, sich den Augen einer Königlichen Kommission, der ein
+alter weißbärtiger General vorstand, und die Entscheidung lautete:
+Ersatzreserve.
+
+Er war sehr froh darüber. Hätten sie ihn im ersten oder zweiten Jahre
+genommen, wär's ihm recht gewesen. Aber es würde ihm hart angekommen
+sein, jetzt noch den bunten Rock anzuziehen, wo manche seiner
+Altersgenossen ihn schon wieder ausgezogen hatten, und andere nahe
+daran waren, es zu tun.
+
+Die Zukunft lag nun also frei vor ihm, und er konnte Pläne machen.
+Daß er bei seinem Halbbruder Jan auf keinen Fall länger als bis
+nächste Ostern bleiben wollte, stand ihm seit Monaten fest. Den
+alten Schlendrian, in dem hier die Wirtschaft auf der ganzen Linie
+verharrte, hatte er gründlich satt.
+
+Bei dem Mangel an ländlichen Arbeitskräften sprach es sich bald
+herum, daß Gerd sich seinem Bruder nicht wieder vermietet hatte,
+und es waren Stellbesitzer genug, die ihn gern genommen hätten. Man
+bot ihm einen Lohn, wie er in Brunsode noch nicht bezahlt war. Aber
+er wollte sich nicht vorschnell binden. Als jedoch eines Tages ein
+Mann von der anderen Seite des Kirchspiels, der als tüchtiger und
+vorwärts strebender Landwirt sich weithin eines guten Rufes erfreute,
+angeradelt kam und hundert Taler Lohn bot, hätte er den Mietstaler
+beinahe genommen. Erst im letzten Augenblick zuckte er die schon
+ausgestreckte Hand zurück und bat sich vierzehn Tage Bedenkzeit aus.
+
+Am Sonntag darauf fiel er zwei älteren Schulkameraden in die Hände,
+die vor Jahren nach Bremen gezogen und dort Industriearbeiter geworden
+waren. Sie setzten ihm hart zu, es wie sie zu machen und auch
+landflüchtig zu werden. Mit großer Genauigkeit rechneten sie ihm vor,
+was er bei seinem Knechtslohn und bei der Länge der Arbeitstage im
+Moor für die Stunde bekäme, und stellten ihren Stundenlohn, der mehr
+als das Doppelte betrug, dagegen. Das blieb nicht ohne Eindruck auf
+Gerd; einen tieferen machte es aber noch, als sie ihm schilderten,
+was alles in den Vereinen und Gewerkschaften für die Fortbildung
+des Arbeiterstandes geschähe, durch reichhaltige Bibliotheken,
+Vorträge, Diskussionsabende und dergleichen. Daß sie sich unumwunden
+zur Sozialdemokratie bekannten, wunderte Gerd nicht wenig. Er hatte
+bislang geglaubt, wenn einer zu dieser Partei gehöre, hielte er das
+sorgfältig verborgen wie eine Sache, deren er sich im Grunde schämte.
+Diese aber waren stolz auf ihre Zugehörigkeit zur »Umsturzpartei«
+und sprachen hoffnungsvoll und begeistert von einer neuen herrlichen
+Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, die an Stelle der alten
+verrotteten und überlebten treten und so etwas wie den Himmel auf die
+Erde bringen würde. Gerd versuchte natürlich, ihnen Opposition zu
+machen und sie eines besseren zu belehren. Aber da kam er schön an.
+Die beiden waren ihm an Mundfertigkeit sowohl wie an Sachkunde weit
+überlegen und drängten ihn Schritt um Schritt zurück, so daß er ihnen
+zuletzt unter anderem halbwegs zugeben mußte, es ginge am Ende auch
+ohne einen Kaiser und König. Gerd erinnerte sich nicht, daß jene in
+der Schule, die sie vier oder fünf Jahre vor ihm verlassen hatten,
+sich irgendwie hervorgetan hätten. Die ihm so peinlich fühlbare
+Überlegenheit mußte also die Stadt ihnen gegeben haben.
+
+Ja, wie wär's denn, wenn auch er dem Moor den Rücken kehrte und in die
+Stadt ginge, wie jene und wie so viele aus den Moordörfern?
+
+Was bot ihm denn sein Dorf?
+
+Mit dem Jungvolk hatte er nur noch wenig Verbindung. Dessen Art und
+Interessen paßten ihm ebensowenig wie jenem die seinen.
+
+Die Männer quälten sich nach alter Weise so durch und waren froh,
+wenn sie ihre Zinsen bezahlen konnten. Einige riefen im Kriegerverein
+hurra, andere redeten im Klub »Junghannover« vom Recht, die meisten
+kümmerten sich um nichts, was nicht unmittelbar mit Moor und Torf,
+Kälbern und Schweinen zusammenhing. Einige Alte waren auch noch da,
+die in jungen Jahren von Ludwig Harms einen Stoß bekommen hatten. Das
+waren ganze Männer, vor denen man Respekt haben mußte, aber die Art
+war im Aussterben. Das sah man an ihren Söhnen, die meist schon wieder
+ganz anders waren, mochten sie äußerlich die Sitten ihrer Väter auch
+noch aufrecht halten.
+
+Blieb also eigentlich niemand als der Lehrer. Aber wie leicht konnte
+der sich versetzen lassen! Er hatte schon öfter davon gesprochen. Und
+wenn man sich auch ganz nett mit ihm verstand, eine Kluft zwischen
+Schulmann und Bauernknecht blieb natürlich doch bestehen. Und gerade
+der Verkehr mit jenem brachte ihm oft unangenehm zum Bewußtsein, wie
+sehr er bereits dem Durchschnitt seiner Dorfgenossen entfremdet war.
+
+So überlegte er in bitterer Stimmung, die leicht ungerecht macht, hin
+und her, und mehrmals faßte er den Entschluß, in Bremen Arbeit und
+Anschluß an strebsame Menschen zu suchen und zu sehen, was noch aus
+ihm werden könnte. Aber dann wurde er doch immer wieder wankelmütig
+und wußte nirgends recht mit sich hin.
+
+So wurde es wieder Sonntag, und am Abend stakte er sein Schiff mit
+Erstlingstorf die Hamme hinunter. Den Tag über war es sehr schwül
+gewesen, und der Abend hatte die ersehnte Abkühlung nicht gebracht.
+
+Gegen elf wurde drüben die Stadt von grellem, schwefelgelbem Feuer
+sekundenlang überlichtet. Der einsame Schiffer sah sämtliche Blitze
+zur Erde fahren und die Türme umzucken, und dachte mit Schrecken an
+den Schaden, den sie etwa anrichten mochten.
+
+Das Gewitter kam schnell herüber. Bald rollten die Donner über dem
+Hammetal, und immer hastiger folgte das Krachen dem Leuchten.
+
+Als Gerd zwischen beiden nicht mehr bis sechs zählen konnte, machte er
+das Schiff am Ufer fest und legte sich vorn in die Koje. So ließ er
+das Unwetter über sich hinwegrasen. Im Schilf heulte und pfiff der
+Sturm, der Regen prasselte auf das Verdeck, die Vorderkette ächzte und
+jankte, wild bewegte Wellen warfen das Schiff hin und her, durch eine
+Ritze am Deckel lohte grelles Licht in den engen Kasten, dessen Wände
+unter der Gewalt des Donners erbebten.
+
+Als er endlich seinen Zufluchtsort verlassen konnte, war die Luft
+wunderbar erfrischt. Am Himmel tinkelten die Sterne, der wieder
+beruhigte Fluß zog seine schimmernde Bahn durch das weite Wiesental.
+
+Da dachte er von ungefähr an das, was ihn die ganze Woche beschäftigt
+hatte. Und plötzlich, wie vom hellsten aller Blitze erleuchtet, lag
+sein Weg klar vor ihm. Er hatte auf einmal ein unmittelbares Gefühl
+für die in seinem innersten Wesen begründete Richtung seines Lebens,
+und dies Gefühl sagte ihm, daß er nirgends anders hingehörte als aufs
+Land und in das Moor seiner Väter.
+
+In der Stadt sich recht einzuleben, das hatte er plötzlich mit größter
+Deutlichkeit erkannt, war er zu schwerfällig und auch wohl schon zu
+alt. Als ungelernter Arbeiter würde er es dort nie zu etwas Rechtem
+bringen und wohl zeitlebens ein Mitläufer bleiben. Auf dem Lande
+dagegen konnte er ein Eigener werden, und war vielleicht schon auf dem
+Wege dazu.
+
+Aber freilich, dann mußte er es bald zu etwas Eigenem bringen. Die
+eigene Scholle macht erst den Mann.
+
+Ob er versuchen sollte, irgendwo auf einer Moorstelle einzuheiraten?
+Er kam ja nicht mit leeren Händen. Die 700 Taler, die er teils von der
+Mutter geerbt, teils mit seinen Händen verdient und durch Sparsamkeit
+zusammengehalten hatte, waren auf den hypothekarisch stark belasteten
+Kolonaten -- und das waren die meisten -- gute Freiwerber.
+
+Aber die in Frage kommenden Erbtöchter von Brunsode und Umgegend
+paßten ihm die eine so wenig wie die andere. Eine entstammte einer
+schwindsüchtigen Familie, die zweite war ihm zu wild, eine dritte, zu
+der er sich am Ende wohl hätte entschließen können, stand gerade im
+Begriff, sich anderweitig zu verloben.
+
+Also damit war es nichts. Es blieb nichts übrig, als eine zum Verkauf
+stehende Stelle zu suchen. Und dann eine passende Frau dazu. Oder erst
+die Frau, und dann, je nach dem was sie mitbrachte, die Stelle? ...
+Nein, lieber erst die Stelle. Das war solider. Es gab mehr Mädchen,
+die Lust zum Heiraten hatten, als Stellen, die zu kaufen waren.
+
+In der Brunsoder Hauptreihe war nichts zu machen. Hier befand sich
+aller Besitz in festen Händen, und Stelle Nr. 7, die wahrscheinlich im
+Spätherbst unter den Hammer kam, wurde sicher zu hoch hinaufgetrieben.
+
+Aber am Achterdamm, hm ...
+
+Im Abstand von einem guten Kilometer lief mit der Brunsoder Hauptreihe
+der sogenannte Achterdamm parallel, an dem eine kleine Siedlung von
+acht Feuerstellen unter dem Namen Neu-Brunsode entstanden war. Die
+einzelnen Anwesen, die je fünfzehn bis zwanzig Morgen umfaßten, waren
+früher einmal von den Brunsoder Hauptstellen abgetrennt und an jüngere
+Söhne vergeben, oder auch, wenn das Geld gerade knapp war, verkauft
+worden. Hier war etwas zu haben, nämlich Nr. 1 +a+, einst von
+Nr. 1, der Mühlenstelle, genommen. Das kleine Besitztum hatte vor
+einigen Monaten der Kaufmann Nolte in Grünmoor, um seine Hypothek zu
+retten, im Zwangsverkauf erwerben müssen, und der war es gewiß gern
+bald wieder los. Übermäßig teuer konnte der Besitz nicht werden, da
+der Vorbesitzer, ein fauler Strick und Trunkenbold, ihn arg hatte
+verlottern lassen. Mit Fleiß und Tüchtigkeit war aus der achtzehn
+Morgen großen Stelle aber wohl etwas zu machen.
+
+Als Haussohn der Hauptreihe hatte Gerd bislang für den Achterdamm eine
+gewisse Geringschätzung gehabt. Denn die Achterdammschen, wie sie im
+alten Dorf hießen, oder Neu-Brunsoder, wie sie sich selbst nannten,
+galten den Alteingesessenen als kleine Leute, die man zum Unterschied
+von den Stellbesitzern nur als Anbauer bezeichnete. Aber ihm schien es
+jetzt: lieber Anbauer und eigener Herr am Achterdamm, als Knecht oder
+Häusling in der Hauptreihe, und so beschloß er denn, sich nach dem
+Preise des kleinen Anwesens zu erkundigen.
+
+Ja, aber dann die Frau ... Er war jetzt dreiundzwanzig. Hm, ja, wohl
+noch ein bißchen jung. Aber du liebe Zeit, wenn andere schon mit
+achtzehn heirateten! ...
+
+Er machte sich also in Gedanken auf die Freite, gleich im ersten
+Nachbarhause beginnend. Bei Rotermunds diente nämlich eine Anna Siems,
+die er jeden Tag haben konnte. Sie hatte ihm schon manchen verliebten
+Blick zugeworfen und war ja auch so weit ganz glatt. Aber sie besaß
+wohl nicht mehr, als was sie auf dem Leibe trug. Das war also nichts.
+
+So setzte er seine Suche die Dorfreihe hinunter fort. Mädchen saßen
+da mehr als genug, die nach einem Mann ausschauten, Haustöchter wie
+Dienstmägde. Aber bei der einen fehlte dies, bei der andern das. Die
+einen paßten ihm nicht, und bei den anderen durfte er mit Sicherheit
+auf einen Korb rechnen.
+
+So war er fast bis ans Ende des Dorfes gekommen, als er in Nr. 4 den
+ersten ernstlichen Aufenthalt nahm. Bei Jan Wiechels diente seit
+Ostern vorm Jahr eine Becka Wischhusen aus Webersdorf von der Südseite
+des Kirchspiels. Man hörte nicht viel von ihr und sah sie nicht oft.
+Aber das war am Ende gerade gut. Im Juni hatte sie auf den Hammewiesen
+nicht weit von ihm geheut, und da war ihm aufgefallen, daß sie die
+Arbeit ordentlich anzupacken verstand. Ihr Lachen hatte zuweilen
+frisch und hell zu ihm herübergeklungen und ihn an die lustigsten
+Arbeitstage mit Leidchen erinnert. Es fiel ihm jetzt auch wieder ein,
+daß ihm damals für einen flüchtigen Augenblick der Gedanke gekommen
+war, ungefähr von solcher Art müßte die sein, die er einmal zur Frau
+nehmen möchte. Wenn er sie ab und an auf dem Wege zur Kirche gesehen
+hatte, war sie ihm stets als ein stilles, sinniges Mädchen erschienen.
+
+Unter all diesen Erwägungen, die bei seiner bedächtig langsamen und
+gründlichen Art eine gute Zeit in Anspruch nahmen, war das Schiff vor
+seinem Schieberuder her ruhig und gleichmäßig vorangeglitten, und
+er wunderte sich beinahe, als es auf einmal in den Bremer Torfhafen
+einlief.
+
+Vorerst galt es, an die Abwicklung des Geschäfts zu denken. Aber er
+war dabei, noch immer mit seinen eigenen Angelegenheiten innerlich
+beschäftigt, so zerstreut, daß die Ladung um eine Mark zu billig
+wegging, was ihn diesmal aber nicht sonderlich betrübte.
+
+Er hatte eigentlich nicht die Absicht gehabt, seine Schwester heute zu
+besuchen. Aber jetzt empfand er auf einmal das Verlangen, ein halbes
+Stündchen mit ihr zu plaudern, und machte sich auf den Weg.
+
+Seine Gedanken kehrten zu Becka Wischhusen zurück.
+
+Ob sie auch wohl schon etwas hinter sich gebracht hatte? Wenn sie
+zur rechten Zeit angefangen hatte zu sparen, konnte sie jetzt an
+die hundertundfünfzig Taler haben, und allerhand Leinenzeug dazu.
+Das machte mit seinem Sparkassenguthaben etwa achthundertundfünfzig
+Taler. Rechnete man davon gut dreihundert auf die Aussteuer und die
+ersten Anschaffungen an landwirtschaftlichem Gerät und Vieh, so
+blieben fünfhundert als Anzahlung an den Kaufmann Nolte. Damit war
+dessen Hypothekenforderung mehr als gedeckt, und das übrige ließ die
+Sparkasse gewiß gern stehen, zumal einem so sicheren Käufer, der sich
+ihr schon in jungen Jahren als eifriger Sparer ausgewiesen hatte.
+
+Ja, die Rechnung klappte und alles war gut -- wenn sie nur wollte.
+
+Aber warum sollte sie nicht wollen? Siebenhundert Taler und ...
+
+»Dreimal täglich frische Milch« lasen seine Augen über Marwedes
+Milchgeschäft, und eine Kundin, die aus dem Hause kam, ließ ihm die
+Tür gleich offen.
+
+Frau Marwede sah ihn hinter ihrem Ladentisch weg etwas verwundert
+an und sagte, nicht eben unfreundlich, aber doch mit einem leisen
+Vorwurf: »Lassen Sie sich auch schon mal wieder sehen?«
+
+»Ich ... ich habe was Wichtiges mit Leidchen zu besprechen,«
+antwortete er mit einiger Verlegenheit. »Wenn es paßt ... sonst ...«
+
+»Gehen Sie da nur in die Stube hinein. Ich schicke Ihnen Ihre
+Schwester, sie hilft mit bei der großen Wäsche. Allzulange dauert es
+ja wohl nicht?«
+
+»Nein, Frau Marwede, in zehn Minuten kann ich fertig sein, oder auch
+schon in fünf, wenn's sein muß.«
+
+Gerd trat in die ihm angewiesene Stube und setzte sich wartend auf
+einen Stuhl unweit der Tür. Sollte er sie ins Vertrauen ziehen? Dafür
+war die Sache eigentlich noch kaum weit genug gediehen. Aber so leise
+Andeutungen konnten am Ende doch nichts schaden. Sie war ja seine
+Schwester, mit der er noch immer alles geteilt hatte. Was sie wohl für
+Augen machte ...
+
+Leidchen erschien in der Tür.
+
+»Deern,« rief er verwundert, »du hast ja'n Kopf, als ob du eben aus
+dem Backofen gezogen wärest.«
+
+Sie fuhr sich mit der Hand über das Gesicht: »In der Waschküche ist's
+so schrecklich heiß, und dann der Qualm ...«
+
+»Ja,« sagte er, »bei uns zu Hause waschen sie im Sommer draußen, das
+ist viel gesunder. Wie geht's dir denn sonst noch?«
+
+»Gut. Mir fehlt nichts.«
+
+»Diese Nacht war ein schreckliches Gewitter. Aber da lagst du wohl
+schon im Bett. Weißt du, ob's in der Stadt Schaden getan hat?«
+
+»Ich habe nichts davon gehört.«
+
+Er saß ein wenig vornübergebeugt, den Blick schräg auf den bunten
+Linoleumteppich gerichtet. Um seine Züge schien ein leises Lächeln zu
+spielen.
+
+Sie atmete heimlich auf und sagte: »Frau Marwede hat mich gerufen, du
+hättest was mit mir zu besprechen. Zu doch! Ich hab' nicht lange Zeit.«
+
+»Na na, für so'n Fräulein, das beinahe schlicht um schlicht dient,
+wird wohl mal 'ne Viertelstunde übrig sein ... Leidchen, ich wollte
+dir erzählen, daß ich mir wahrscheinlich was kaufen will ... eine
+Anbauerstelle ... Nr. 1 +a+ am Achterdamm ... Das Land ist früher
+mal von der Mühlstelle genommen ... weißt du, das kleine nette Haus,
+das erste vom Kirchdamm aus, das Jan Tunkenburg gehabt und versoffen
+hat.«
+
+»Mensch, wie kommst du auf einmal auf so was?«
+
+»Oh ... Soldat brauch' ich nicht zu werden, und das Knechtspielen hab'
+ich satt. Ich bin alt genug und will die Füße unter meinen eigenen
+Tisch stecken.«
+
+»Aber Junge, hast du denn schon eine Braut?«
+
+»Das ist man eben der Haken dabei. Die muß ich mir denn wohl bei
+kleinem anschaffen ... Leidchen, du kennst die Deerns ja besser als
+ich. Weißt du keine, die für mich paßt?«
+
+»Hm, Junge, du bist ein apartiger Mensch ... Das ist nicht so leicht.«
+
+»Na, man pflegt wohl zu sagen: ›Es ist kein Pott so schief, daß nicht
+ein Deckel drauf paßt.‹«
+
+»Hm, muß mal überlegen ... In unserm Spinnkoppel? ... Nee, da ist
+keine zwischen ... Minna Entelmann? ... Ach nee, das ist auch nicht
+die rechte ... Aber Beta Kahrs? Ja, Junge, die hol' dir! Da tust du
+einen guten Griff.«
+
+Er blickte sie lächelnd und kopfschüttelnd an: »Deern, Deern, du bist
+doch noch immer die alte. Die kriegt ja über tausend Taler.«
+
+»Ist das so'n großer Fehler?«
+
+»Närrische Deern du!«
+
+»Gerd, ich will dir mal was sagen. Du bist ein guter Junge, und auch
+ein fixer, tüchtiger Kerl. Aber einen großen Fehler hast du. Du bist
+viel zu bescheiden, du hast kein rechtes Zutrauen zu dir. Ich sollte
+an deiner Stelle sein! Das feinste und reichste Mädchen der ganzen
+Gemeinde suchte ich mir aus, das heißt, wenn ich sie wirklich gern
+leiden möchte, und es müßte wunderlich zugehen, wenn ich sie nicht
+herumkriegte. Und wenn ihre Eltern und ihre ganze Freundschaft sich
+auf den Kopf stellten! In einer Kate am Achterdamm wollt' ich mich
+gewiß auch nicht verkriechen ...«
+
+»Deern, was red'st du da nun wieder für dummes Zeug!«
+
+»Junge, man muß mal was riskieren im Leben! Wer nichts wagt, nichts
+gewinnt. Meta Stelljes, die früher meine Freundin war, hat mal in
+der Lotterie gespielt. Eine Mark hat sie bloß eingesetzt und zwanzig
+gewonnen.«
+
+»Da hat sie Schlump gehabt. Mehrstenteils geht der Einsatz flöten, und
+über den Gewinn lachen sich andere Leute ins Fäustchen. Nee Leidchen,
+in diesem Stück bin ich anders als du. Nicht so fürs Weitläufige
+und Flutterige, das wunder nach was aussieht, und nachher steckt
+nichts dahinter. Ich bin fürs Sichere und Solide, fürs Reelle und
+Ordentliche. Das gibt denn keine großen Überraschungen, aber der
+Mensch führt sich dabei auch nicht selber an. Sieh, Leidchen, das sind
+so meine Grundsätze, und mit ihnen bin ich so weit gekommen, daß ich
+mir schon bald was Eigenes kaufen kann. Das soll mir erst mal einer
+nachmachen, so jung wie ich noch bin. Nr. 1 +a+ ist mein, wenn
+die Braut auch nur anderthalbhundert Taler zubringt ... Und die wird
+sie ja wohl haben.«
+
+»Wer? Hast du schon eine auf dem Kieker?«
+
+Er lächelte geheimnisvoll und nickte.
+
+»Welche soll's denn sein?« forschte sie.
+
+»Hm, ich kann dir das eigentlich noch nicht verraten. Die Sache ist
+noch nicht ganz so weit.«
+
+»Ach was, ich bin doch deine Schwester. Zu! Ganz leise, ins Ohr, ich
+sag's gewiß keinem wieder.«
+
+Sie näherte ihr Ohr seinem Munde, er schob sie aber sanft zurück und
+fragte: »Kennst du Becka Wischhusen?«
+
+»Die bei Jan Wiechels dient?«
+
+»Ja, kennst du die?«
+
+»Och ja. Sie ist zwei Jahr vor mir aus der Schule gekommen und
+aus Webersdorf gebürtig. Sie hat eine Zwillingsschwester, Sine;
+wer die beiden nicht ganz genau kennt, kann sie überhaupt nicht
+unterscheiden.«
+
+»So? Das wußte ich noch gar nicht mal. Na, was meinst du zu der Deern?«
+
+»Och ... ich weiß nicht recht.«
+
+»Ist sie kein nettes Mädchen? Weißt du was Schlechtes über sie?«
+
+»Das nicht ... Ihr Vater macht Holzschuhe ...«
+
+»Das will nichts schaden ... Deern, Deern, was hast du für Grappen!
+Wird höchste Zeit, daß du wieder aufs Land kommst, ehe sie dir hier in
+der Stadt den Kopf ganz verdrehen. Ich muß mich wirklich wundern.«
+
+»... Gerd, hast du Becka schon was gesagt?«
+
+»Nee. Es ist mir diese Nacht erst eingefallen, daß sie wohl die
+richtige sein könnte.«
+
+»Denn will ich dir einen guten Rat geben, Gerd. Überleg' dir die Sache
+erst noch mal ganz gründlich! Manchmal meint man, man mag einen, und
+nachher mag man ihn doch nicht. Freierei ist kein Pferdehandel.«
+
+»Das weiß ich selbst.«
+
+»So was darf nicht übers Knie gebrochen werden.«
+
+»Daran denk ich auch nicht. Wir brauchen ja nicht morgen Hochzeit zu
+halten.«
+
+»Und dann vergiß nicht, daß unser Vater 'ne ganze Stelle gehabt hat,
+und daß wir von einem großen Geesthof stammen. Der Mensch ist seiner
+Familie auch was schuldig ... Gerd, wenn du dir bloß Zeit nehmen
+wolltest, ich glaube, du findest wohl noch was Besseres.«
+
+»Du dumme Deern! Nun hör' aber auf mit deinem unklugen Schnack! In
+solche Sache laß ich mir von keinem hineinreden, und von dir am
+allerwenigsten. Ich dachte, du solltest dich mit mir freuen, und
+deshalb bin ich bloß gekommen. Und nun kommst du mir so und willst
+mich zweifelmütig machen. Aber warum halt' ich Schafskopf auch nicht
+meinen Mund? So was muß einer ganz mit sich allein abmachen.«
+
+»Ganz meine Meinung!« rief Leidchen, in die Hände klatschend und
+lebhaft zustimmend. »Nimm, wen du willst; ich sag' keinen Ton mehr
+dagegen. Aber wenn ich mir nun mal einen aussuch', wie er mir nach der
+Mütze ist, dann sollst du mir auch nicht dazwischen kommen. Willst du
+mir das versprechen?«
+
+»Hm ... der Fall liegt ein bißchen anders ...«
+
+»Ganz und gar nicht! Was dem einen recht ist, das ist dem anderen
+billig.«
+
+»Nee, Mannsleute und Frauensleute, das ist nicht ganz dasselbe ...
+Aber, na ja, du wirst ja wohl vernünftig und vorsichtig sein.«
+
+Sie klopfte ihm die Schulter, streichelte seine Backen und sagte:
+»Kuck mal an! Endlich bist du zu der Einsicht gekommen, daß ich keinen
+Vormund mehr brauche. Es wurde aber auch höchste Zeit.«
+
+»Na na, nun man sinnig,« brummte er, ihre Zärtlichkeiten, die ihn
+nicht gerade angenehm berührten, abwehrend.
+
+»Wenn du erst am Achterdamm wohnst,« nahm sie wieder das Wort, »bist
+du ja auch Nachbar der Mühle ...«
+
+»Das ist's, was mir am wenigsten bei der Sache gefällt,« entgegnete er
+stirnrunzelnd.
+
+»Oh, ich denk', ihr werdet noch mal gute Nachbarn ..«
+
+»Darauf leg' ich ganz und gar keinen Wert. Wir sind ja auch nur
+Landnachbarn, die Häuser liegen eine Viertelstunde auseinander, und
+ein gut Stück Hochmoor ist zwischen uns. Da kann man sich leicht aus
+dem Wege gehen ... Aber ich hör' draußen die Marwedesche, wie sie
+aufstampft. Das gilt mir. Adjüs, Leidchen, und halt' dich munter!«
+
+Er gab ihr schnell die Hand und ging. »Nichts für ungut, wenn's
+ein paar Minuten länger gedauert hat,« rief er, am Laden
+vorüberschreitend, Frau Marwede zu, die gerade ein Pfund Käse abwog
+und an ihrem Kunden vorbei ihm einen strafenden Blick nachsandte.
+
+Als er draußen war, biß er sich auf die Unterlippe. Es ärgerte ihn,
+daß er die Schwester ins Vertrauen gezogen hatte. Ihre Bedenken und
+Einwürfe hatten doch tieferen Eindruck auf ihn gemacht, als er vor
+sich selber wahr haben wollte, und es währte eine ganze Weile, bis
+er sie überwunden hatte. Erst auf dem Leinpfad neben dem Bürgerpark
+schreitend und das auf dem Torfkanal laufende Schiff vor sich her
+schiebend, war er endlich so weit, daß er die Zähne aufeinander beißen
+und zwischen ihnen hindurch murmeln konnte: »Es bleibt dabei!«
+
+Als er mit seiner Sache im reinen war, fiel ihm auf einmal
+nachträglich auf, daß Leidchen doch heute ein ganz wunderlich Wesen an
+den Tag gelegt hatte. Sie hatte so keck und dreist hingeredet, wie es
+sonst eigentlich ihre Art nicht war. Aber wenn Mädchen vom Heiraten
+hören, dachte er, werden sie alle zappelig. Er machte sich Vorwürfe,
+daß er mit keinem Wort die Rede auf seine Gedanken und Hoffnungen für
+ihre Zukunft gebracht hatte. Heut' hatte er eben nur an sich selbst
+gedacht.
+
+
+
+
+ 13.
+
+
+Gerd schlief wie ein Bär, und als er am anderen Morgen im Bett,
+nachdem er ins Frührot geblinzelt, in sich selbst hineinsah, hatte die
+Sache ihr Gesicht ganz und gar nicht verändert.
+
+Der Tag wurde ihm sehr lang. In Gedanken arbeitete er schon immer auf
+eigenem Grund und Boden und setzte sich mit Becka zu Tisch in Haus 1
++a+ am Achterdamm.
+
+Endlich war Feierabend, und er machte sich auf den schicksalsschweren
+Weg, Holzschuhe an den Füßen, Pfeife im Munde, Hände in den
+Hosentaschen, mit schläfrigen, wiegenden Schritten -- alles, um keinen
+Verdacht zu erwecken. Die Tage wurden bereits merklich kürzer. Gegen
+acht war es auf dem an den Häusern hinlaufenden umwachsenen Fußpfad
+schon recht dämmerig, wo Tannen ihn säumten, fast dunkel. Zuweilen
+fragte ihn jemand: »Wo willst du hin?« oder: »Wo soll's denn so
+spät noch auf zu gehen?« Dann antwortete er leichthin: »Oh ... mal
+eben unten ins Dorf.« Auf Klöhnschnack, wie er sich nach Feierabend
+gern anspinnen will, ließ er sich nicht ein. Denn es war keine
+Viertelstunde zu verlieren, da um diese Jahreszeit auf Feierabend
+Bettgehen gar bald zu folgen pflegt.
+
+Als er, auf schmaler Eichenbohle den Grenzgraben überschreitend,
+die Gerechtsame von Jan Wiechels betrat, klopfte ihm das Herz, er
+warf aber, obgleich der Pfad dicht unter den Fenstern des Hauses hin
+führte, keinen Blick zur Seite. Erst als er die hundert Meter der
+Gehöftsbreite fast abgeschritten hatte, wandte er sich langsam und
+wie zufällig herum, und als ein schneller Blick ihn überzeugt, daß
+kein Auge auf ihn gerichtet war, trat er hastig einige Schritte vom
+Fußpfad abseits in die Lücke eines geschorenen Tannendickichts, das
+quadratisch um den Komposthaufen angepflanzt war. Von hier aus, wo er
+sich vor unerwünschter Entdeckung sicher fühlte, faßte er die Ausgänge
+des Hauses ins Auge wie der Kater ein paar benachbarte Mauselöcher.
+
+Wenn doch ein freundliches Geschick es fügen wollte, daß sie noch
+einige Küchenabfälle zum Komposthaufen tragen müßte! Er spähte durch
+die Dämmerung, als ob er sie hergucken könnte. Er sog an seiner
+Pfeife, wie wenn er Hoffnung haben dürfte, sie herzusaugen. Er gab
+einer Fledermaus, die zwischen Tannengebüsch und Dielentor immer hin
+und her flog, Botschaft mit, aber das graue Tierchen wollte nicht
+sein Liebesbote sein. Es half ihm alles nichts, er bekam diesen Abend
+niemand anders zu sehen als Wiechels Opa, der vorm Zubettgehen nach
+seiner Gewohnheit noch eben mal vor die Türe trat. Nach einer halben
+Stunde gab er das Warten als für heute zwecklos auf und trat ein wenig
+enttäuscht den Rückweg an. Er tröstete sich aber mit dem Gedanken, man
+könne unmöglich verlangen, daß eine so große Sache gleich auf Anhieb
+gelänge.
+
+Am nächsten Abend machte er sicherheitshalber den Umweg über den
+Fahrdamm und gewann seinen Beobachtungsposten von Stelle Nr. 3 aus.
+Er hatte noch keine Viertelstunde gestanden, als die Erwartete vom
+Hause über den Hof in die Scheune huschte. Aber ehe er sich das
+Herz faßte, vorzutreten, um sie abzufangen, war sie schon wieder im
+Wohnhause verschwunden. »Eine vermuckt gralle Deern, mächtig flink
+auf den Patten,« stellte er bei sich fest, halb ärgerlich, aber
+auch nicht ohne Wohlgefallen. Gleich darauf wurde ein Kammerfenster
+zugezogen, und dabei ließ sich für zwei Sekunden ein kurzer runder Arm
+sehen. Sollte er hingehen und anklopfen? ... Nein, lieber nicht. Das
+konnte sie vor den Kopf stoßen und seine Absichten in ein falsches
+Licht rücken. Mit dem Ergebnis dieses zweiten Abends im Grunde nicht
+unzufrieden, schlenderte er mit frisch angesteckter Pfeife heimwärts.
+
+Am dritten Abend fand seine Beharrlichkeit ihren Lohn. Er hatte noch
+keine fünf Minuten gestanden, da kam sie mit einem Korb am Arm aus dem
+Hause und schritt feierabendgemächlich dem Damm zu.
+
+Schnell eilte er auf Stelle Nr. 5 hinüber, folgte dem Fußweg, der von
+hier zum Damm führte, und wußte sich so einzurichten, daß er gerade an
+der Hofbrücke mit ihr zusammentraf.
+
+»Na, Becka, noch'n bißchen einkaufen?«
+
+»Muß wohl ... Ach sieh, das bist du ja, Gerd.«
+
+»Ich hab' zufällig denselben Weg wie du.«
+
+»Das paßt schön. Denn komm man her.«
+
+Er ging schweigend neben ihr und kaute auf dem Mundstück seiner Pfeife.
+
+»Wo willst du denn heut' abend noch auf zu?« fragte sie nach einer
+Weile.
+
+»Oh,« sagte er gedehnt, »mir geht diese Tage allerhand im Kopf rundum.
+Ich hab' so halberlei vor, mir eine Stelle zu kaufen ... Nr. 1
++a+, am Achterdamm.«
+
+»Du kannst wohl lachen, wenn du das schon machen kannst.«
+
+»Hm ... So ungefähr zweihundert Taler fehlen mir noch ...«
+
+»Na, die wird die Sparkasse sacht hergeben.«
+
+»Das wohl. Aber gleich mit zu schweren Lasten anzufangen, ist nicht
+recht nach meinem Sinn.«
+
+»Dann mußt du am Ende noch ein paar Jahr warten.«
+
+»Ja, das sagst du wohl. Aber dann ist die Stelle sicher weg; Nolte
+will schnell verkaufen, hab' ich gehört. Und wer weiß, ob sich so
+leicht was Passendes wieder findet ... Becka, du hast gewiß auch schon
+allerlei auf der hohen Kante?«
+
+»Hm ja ...«
+
+»So'n hundert Taler? ...«
+
+»Ha, das wär schlimm! Ich krieg nächstes Jahr die zweihundert voll.«
+
+»Mensch! Deern! Das ist ja wohl nicht möglich!«
+
+»Warum nicht? Heutzutage bei den hohen Löhnen und wenn einer zur
+rechten Zeit mit Sparen anfängt?«
+
+»Das hätt' ich nicht gedacht, daß es noch solche Mädchen gäbe ... Hm,
+Becka, was meinst du ... wenn wir unsere Groschens zusammenschmissen?
+...«
+
+»Hihi, dann hätten wir'n schönes Bißchen auf dem Klump.«
+
+»Deern, woll'n wir? Hast du Lust?«
+
+Er war stehengeblieben und griff nach ihrer Hand. Aber sie entzog ihm
+diese und sah ihn erschrocken an: »Ach so--o ... so meinst du's ...«
+
+»Ja, schon drei Abende hab' ich bei den Tannen auf dich gelauert ...«
+
+»Mensch ... ich kann nicht begreifen ... ich weiß nicht ... Wenn ich
+nun aber so halberlei schon einen hätte?«
+
+»Was? 'n Bräutigam?«
+
+»Ja.«
+
+»Davon hat man doch nichts gehört!«
+
+»Alles braucht man den Leuten auch nicht auf die Zähne zu hängen.«
+
+»Becka, ich weiß nicht ... Du machst doch wohl nur Spaß ... Ist das
+wirklich wahr? Du nickst ... Das wär' doch rein zu doll ... Ist da
+denn gar nichts mehr an zu machen ... ich meine, kannst du dir das
+nicht noch anders überlegen?«
+
+»Abers Menschenkind! Wir sind doch richtig versprochen und wollen nur
+mit der Hochzeit noch ein paar Jahr warten, bis wir mal was pachten
+oder kaufen können.«
+
+»Wenn ich davon doch bloß eine Ahnung gehabt hätte! Adjüs, Becka, und
+nichts für ungut.«
+
+Er wandte sich hastig zum Gehen. Aber noch keine zwanzig Schritt hatte
+er gemacht, als er seinen Namen rufen hörte.
+
+»Was soll ich?« fragte er tonlos, sich halb herumwendend.
+
+»Komm noch eben mal her.«
+
+»Hat ja keinen Zweck.«
+
+»Doch, doch, komm! Ich hab' mir was anderes überlegt.«
+
+Langsam begab er sich wieder zu ihr. Sie empfing ihn mit lachenden
+Augen: »Gerd, daß mir das auch nicht gleich eingefallen ist! Du kannst
+ja meine Schwester Sine nehmen.«
+
+»Deern, bist du nicht recht klug? Die kenn' ich ja gar nicht.«
+
+Sie machte ein ernsthaftes Gesicht: »Wenn du mich leiden magst,
+gefällt Sine dir ganz gewiß auch. Wir sind nämlich Zwillingsschwestern
+und einander so ähnlich, daß unsere eigene Mutter Last hat, uns zu
+unterscheiden. Als wir zur Konfirmandenstunde gingen, hat der Pastor
+uns den ganzen Winter durcheinandergeschmissen und zuletzt noch mich
+als Sine und Sine als Becka eingesegnet, und nicht mal unser Vater hat
+das gemerkt. Was jetzt mein Bräutigam ist, der hat erst lange nicht
+gewußt, wen von uns beiden er nehmen sollte. Zuletzt bin ich's ja denn
+geworden, ich glaube mehr zufällig, und das tut mir wegen Sine leid.
+Und sie ist seit der Zeit noch immer ein bißchen böse auf mich, weil
+sie doch die älteste ist, weißt du, und sich immer was darauf zugute
+getan hat. Aber was kann ich armes Ding dafür? In solchen Dingen ist
+doch jeder sich selbst der Nächste. Wenn ich ihr nun einen guten
+Bräutigam anstellen könnte, wie zum Beispiel dich, dann wäre alles
+wieder gut. Junge, Gerd, das wär' fein! Was meinst du?«
+
+Gerd, der wieder neben ihr ging, blieb stehen. »Becka,« sagte er, »die
+Sache kommt mir ganz putzwunderlich vor.«
+
+»Das ist sie auch,« versetzte das Mädchen mit Eifer. »Unser
+Schullehrer hat mal gesagt, wir beiden könnten uns auf dem Freimarkt
+als Weltwunder sehen lassen.«
+
+»...Sag' mal, bist du Sonntag vor acht Tagen zur Kirche gewesen?«
+
+»Nee, das muß Sine gewesen sein.«
+
+»Kuck an, dann hab' ich sie ja schon mal gesehen.«
+
+»Nicht wahr? Auch 'ne lüttje glatte Deern.«
+
+»Och ja ...«
+
+»Gerd, für allzu starkes Zureden in solchen Dingen bin ich gar nicht
+... der Mensch muß selber wissen, was er will. Aber du solltest Sine
+man nehmen.«
+
+»Och, Menschenskind ... das kommt mir so unverhofft...«
+
+»Aber du wolltest ~mich~ doch. Ob du mich kriegst oder Sine, das
+ist ja alles ein Pott und ein Löffel.«
+
+»Das sagst du wohl ...«
+
+»Mit der einen bist du so wenig angeführt als mit der anderen, hahaha.«
+
+»... Sag' mal, ist Sine eben so 'ne lüttje vergnügte Deern wie du?«
+
+»~Die?~ Ha, die steckt mich noch in den Sack, wenn's drauf
+ankommt!«
+
+»Und auch nicht fürs Wilde und Weitläufige?«
+
+»Hee wat! Immer vergnügt, und dabei doch sinnig und ernsthaft für sich
+weg.«
+
+»Hm ... Die Sorte hab' ich eigentlich am liebsten.«
+
+»'s ist auch die beste, Gerd.«
+
+»Sie hat doch auch wohl etwas auf der Sparkasse?«
+
+»Das wollt ich meinen.«
+
+»Wieviel wohl ungefähr? ...«
+
+»Pfui, danach gleich zu fragen! Willst du sie von wegen dem Geld
+heiraten?«
+
+»Das nicht; aber es ist gut, wenn man auch in diesem Stück gleich klar
+sieht.«
+
+»Wart ein bißchen, ich muß hier eben in den Laden und grüne Seife
+holen, wir wollen morgen waschen. Bin gleich wieder bei dir.«
+
+Und schon war sie in dem Hause des Hökers, das unmittelbar am Damm
+lag, verschwunden.
+
+Im Laden wurde eine Hängelampe angezündet, und Gerd spähte zwischen
+Stärkeschachteln, Seifenpyramiden und anderen Schaufensterauslagen
+hinein. Schönere rote Backen, als wie der Lampenschein sie dort
+beleuchtete, konnte es auf der Welt nicht geben, und lustigere Augen
+erst recht nicht. Als sie, mit der Hökerfrau scherzend, lachte, lachte
+ihm das Herz im Leibe mit.
+
+Schade, daß er da zu spät gekommen war.
+
+Aber wenn es noch eine genau so eine gab? Dann war die Sache am Ende
+doch nicht so schlimm. Und warum sollte das nicht möglich sein? Man
+hatte ja sogar von Zwillingen gehört, die zusammengewachsen waren.
+Dann konnte es auch wohl welche geben, die sich so gleich waren, daß
+man getrost die eine für die andere heiraten konnte.
+
+»Na Junge, hast du dir's überlegt?« fragte Becka munter, als sie
+wieder draußen war.
+
+»Hm, ankucken möchte ich mir Sine wohl mal.«
+
+»Ist recht. Dann will ich sie einladen. Paßt es dir Sonntag über acht
+Tage?«
+
+»Geht's nicht schon diesen Sonntag?«
+
+Becka schüttelte den Kopf: »Diesen Sonntag muß ich erst hin und ihr
+Bescheid sagen.«
+
+»Das kannst du doch schriftlich abmachen.«
+
+»Nee, mit der Feder kann ich nicht recht mehr umgehen. Also anderen
+Sonntag, nachmittags drei Uhr, treffen wir uns auf Rodenburgs Damm.
+Dort im Großen Moor stört uns keiner, und ihr könnt euch in Tennstedt
+bei Uhrmacher Sauerhering gleich die Ringe kaufen.«
+
+»Stopp, mein' Deern, so weit sind wir noch nicht ... Weißt du gewiß,
+daß es mir bei Sine nicht grad so geht als bei dir ... ich meine, daß
+sie nicht auch schon vergeben ist?«
+
+»Vor drei Wochen hatte sie noch keinen Bräutigam. Aber so was kommt
+manchmal schnell.«
+
+»Ja, das ist wahr. Vor einer Woche dachte ich auch noch nicht an
+solche Geschichten ... Wann kommst du Sonntagabend wieder?«
+
+»So zwischen neun und zehn Uhr. Warum?«
+
+»Oh ... ich werd' dir auf dem Kirchdamm aufpassen, damit ich bald zu
+wissen krieg', woran ich bin. Willst du mir nicht doch sagen, wieviel
+Sine auf der Sparkasse hat?«
+
+»Nee, du Neugier! Das kann sie dir selbst sagen.«
+
+Sie waren bei Wiechels' Hofbrücke angelangt. Becka gab ihm die Hand
+und sagte lustig: »Gute Nacht, Schwager.« Er griff schnell zu und
+kniff sie in die runde, pralle Backe: »Schade, daß ~du~ nicht
+mehr zu haben bist. Dann wär' die Sache viel einfacher ... Becka,
+könnt ihr beiden nicht tauschen?«
+
+»Nicht um tausend Taler! Und wenn du mir'n großen Geesthof
+zubrächtest!«
+
+»Aber Deern, wo ihr beide so ganz und gar auf denselben Leisten
+gearbeitet seid, ist das doch ganz egal.«
+
+»Wenn du noch einmal so dumm hinschnackst, sag' ich zu Sine, daß du'n
+schlimmer Kerl bist. Dann nimmt sie dich auch nicht, ätsch! und du
+stehst da mit'm dicken Kopf. Nun mach, daß du nach Hause kommst, und
+träum von Sine!«
+
+Mit munteren Schritten eilte sie dem Gehöft zu. Gerd, der ihr, an das
+Brückengeländer gelehnt, nachsah, schüttelte langsam den Kopf: »'ne
+schnaksche Sache ... ne wunderliche Geschichte ...« Dann aber nickte
+er eifrig, schlug mit der flachen Hand schallend auf seinen linken
+Schenkel und murmelte vor sich hin: »Die rechte Sorte ist's ... kernig
+und gesund wie das blühende Leben ... fleißig und sparsam ... vergnügt
+wie ein Katheker, und doch nicht weitläufig und wild, mehr so in sich
+selbst vergnügt ... justemente die richtige Sorte ...Schade, daß sie
+schon versagt ist, jammerschade ... Aber ein Glück, daß es zwei von
+dem Schlag gibt ... Wenn die ältere nur nicht gar zu sehr gegen die
+jüngere abfällt ... wie Lea gegen Rahel! ... Na, das muß mit Ruhe und
+Vertrauen abgewartet werden.«
+
+Er hatte sich das Geländer hinaufgeschoben, umschlang mit dem linken
+Bein den Pfosten und ließ das rechte vergnüglich baumeln.
+
+Es war ein warmer, stiller Sommerabend, so recht moje und alle Sinne
+umschmeichelnd. Die Birkenstämme blinkten im Vollmondglanz und
+spiegelten sich klar und schön in der dunklen Tiefe des Grabens.
+Zur Linken auf den lichtüberfluteten Wiesen mit dem schimmernden
+Wassergeäder lagen aus feinstem Nebel gewobene Silberschleier. Rechts
+barg sich in mondbeglänztem Busch- und Baumwerk die Dorfreihe,
+verraten nur durch die Reihe der Brücken, die vom Damm hinüberführten,
+und durch ein einziges Licht, dessen freundlicher Schein sich durch
+das Laub hindurchstahl. Am nahen Klappstau rieselte ein Wässerchen,
+funkelte wie flüssiges Gold und schwätzte lustig, weil es seinen Weg
+gefunden.
+
+Der junge Freiersmann sah mit großen Träumeraugen um sich. Es wurde
+ihm so wohl, daß er bald beide Beine baumeln ließ, in tiefem,
+ruhevollem Behagen. --
+
+Plötzlich hob er sich und sprang auf die Füße. Er war mit seinen
+schweifenden Gedanken am Achterdamm angekommen und hatte sich schnell
+entschlossen, sein künftiges Heim und Nest noch eben mal zu besuchen.
+
+Weit ausgreifend schritt er den Damm hinunter, um hinter der Mühle im
+rechten Winkel nach links auf den Kirchdamm abzubiegen. Bald ragten
+die beiden hohen Tannen, das Wahrzeichen der Stelle 1 +a+, über
+den Birkenanflug des Hochmoors. Und es dauerte nicht lange, so stand
+er vor dem Häuschen. Aber da kam das Gefühl einer großen Enttäuschung
+über ihn. Das moosige Strohdach war von Ratten zerfressen, der Kitt
+in den Fensterfüllungen abgebröckelt, eine zerbrochene Scheibe durch
+eine Nummer der Hammezeitung ersetzt. Und, was ihm das unangenehmste
+war, die Legen, auf denen die Fachwerkmauern ruhten, erwiesen sich
+als stark angemorscht. Aber bald tröstete er sich mit dem Gedanken,
+er würde das Haus um so billiger erstehen, und einige hundert Mark
+könnten da gründlich Wandel schaffen.
+
+Drinnen, in der ausgeräumten und leidlich besenrein verlassenen, von
+weichem Mondlicht angefüllten Stube gefiel es ihm gar nicht übel.
+Und als er, in Ermangelung sonstiger Sitzgelegenheit, sich in die
+Öffnung der künftigen Ehebutze setzte und den Raum mit Beckas, nein
+Sines Aussteuer ausmöblierte, wurde es sogar ganz gemütlich. Um das
+häusliche Behagen noch zu erhöhen, stopfte er sich eine frische Pfeife
+und blies große, graue Wolken vor sich hin, die im Strahl des Mondes
+einen silbernen Schimmer annahmen.
+
+So saß er eine gute Weile und vergnügte sich damit, Zukunftsbilder
+zu malen, als er plötzlich aus dieser angenehmen Beschäftigung
+aufschreckte und etwas wie Gespenstergrauen über seinen Rücken
+kriechen fühlte, indem etwas Weiches vor seinen Schienbeinen
+hinstrich. Es war aber nur ein weißes Kätzchen, das sich auf
+Sammetpfötchen lautlos und unbemerkt in die Stube geschlichen hatte.
+
+Gerd streichelte den gekrümmten Rücken des Tieres und sagte zärtlich:
+»Ist nett von dir, Musch, daß du hier einhütest. Halt das Unzeug man
+ordentlich kurz, Sine soll dich später dafür tüchtig herausfüttern.«
+
+Musch machte kläglich Miau, als ob sie sagen wollte, das wär' noch
+lange hin.
+
+Gerd suchte in seinen Taschen und war so glücklich, ein
+Rotwurstzipfelchen vom letzten Frühstück auf dem Felde zu finden, das
+er für den Hund beigesteckt hatte.
+
+Die Verlassene machte sich gierig darüber her, und als sie den
+Leckerbissen weggeputzt hatte, fing sie behaglich an zu schnurren.
+Dann ging sie der Tür zu, sich öfters umsehend, als ob sie ihn
+einladen wollte, ihr zu folgen.
+
+»Ach so, Musch, du willst mich führen,« sagte Gerd, indem er
+sich erhob. Und sie durchwanderten alle Räume des Hauses, in die
+Mondeshelle und Schatten der Nacht sich geteilt hatten, wobei die
+wackere Einhüterin sich treu zu ihrem künftigen Herrn hielt.
+
+Auf der offenen Feuerstelle lag noch die Asche vom letzten
+Kaffeekochen des Vorbesitzers. Die ersten Jahre mußte Sine sich mit
+ihr behelfen, später sollte sie einen Sparherd haben, der in Bremen
+gewiß mal billig für alt zu kaufen war.
+
+Die Stallungen fanden Gerds Beifall. Es war Platz für drei Kühe, zwei
+Kälber und ein halbes Dutzend Schweine. Für den Anfang genügte das,
+nach einigen Jahren mußte natürlich angebaut werden.
+
+Er stieg die Bodenleiter hinauf. Das blausilberne Mondlicht, das durch
+die Eulenlöcher der beiden Giebel einfiel, zeigte ihm einen Raum,
+der einstweilen Vorrat an Heu und Stroh zur Genüge fassen konnte. Die
+morschen, unsicheren Dielen bedurften freilich dringend der Erneuerung.
+
+Nachdem er sich alles gründlich angesehen hatte, verließ er das Haus
+auf demselben Wege, auf dem er es betreten hatte. Musch sprang hinter
+ihm drein.
+
+Nun besichtigten sie miteinander den Grundbesitz der Stelle, mit dem
+Garten beginnend. Die Obstbäume erwiesen sich als alt und abgängig.
+Es mußten sofort neue gepflanzt werden, und zwar Sorten, die in
+der Stadt einen guten Marktwert hatten, wie Prinzenäpfel, Berliner
+Reinetten und dergleichen. Das Gemüseland war zwar bestellt, aber hier
+wie auch auf dem Felde zeigten sich überall die deutlichen Spuren
+der Lotterwirtschaft des früheren Besitzers: die Stücke schlecht in
+Düngung, Kartoffeln und Steckrüben nicht angehäufelt, das Unkraut
+überall in üppigster Blüte. Gerd erboste sich über den Menschen,
+der um des verfluchten Branntweins willen seiner Väter Erbe hatte
+verludern lassen, und konnte es sich nicht versagen, einige gar
+zu protzige Saudisteln und Nachtschatten auszureißen. Drei Jahre
+angestrengter Arbeit rechnete er wenigstens, bis er die Ländereien
+so in Schick haben würde, daß ein anständiger Mensch halbwegs seine
+Freude daran haben könnte.
+
+Als er an das zur Stelle gehörige Moor- und Heideland kam, ballte
+seine Hand sich zur Faust. Wüst und planlos war hier nach Torf
+gestochen, so daß es aussah, als ob wilde Schweine den kostbaren
+Boden umgewühlt hätten. Nichts war eingeebnet, vom Urbarmachen
+der abgetorften Fläche gar nicht zu reden. Der gewissenlose Kerl,
+dachte Gerd, müßte über einen Torfkarren gelegt werden und mit jungen
+Birkenreisern fünfundzwanzig oder mehr hinten aufgezählt kriegen.
+Übrigens waren die Torfverhältnisse sonst nicht schlecht. Der »weiße«
+Torf, die lose, lockere Oberschicht unverwester Moose, war nur gering,
+dagegen der »schwarze«, die dunklere, feuchte, speckige Backtorfmasse,
+gut einen Meter stark und versprach ein Produkt erster Güte.
+
+Das Endergebnis der gesamten Besichtigung war, daß Gerd sich sagte,
+er dürfte auf keinen Fall mehr als neunhundert Taler für den ganzen
+Besitz zahlen. Hundert müßten sogleich aufgewendet werden, um das
+Haus bewohnbar zu machen, zweihundert rechnete er für die erste
+Anschaffung an lebendem und leblosem Inventar -- kurz und gut, mit
+einer jungen Frau, die gesund, arbeitsfroh und sparsam war, konnte
+er die Sache wagen. Er blickte von der Höhe einer Hochmoorbank über
+das mondlichtüberglänzte Rechteck hin; es erschien ihm, mit Sine
+Wischhusen, als aller Wünsche Ziel, und zugleich in ihrem Namen
+ergriff er mit der Seele endgültig von ihm Besitz. Drüben, wo die zwei
+in den Silberglanz der Mondnacht ragenden Tannen das moosige Strohdach
+beschirmten, wollte er Beckas Zwillingsschwester und Ebenbild als
+junges Weib umarmen, dort auf dem Felde und hier im Moorgrunde
+wollten sie arbeiten im Schweiß ihres Angesichtes, und dieses Stück
+Heimaterde, achtzehn Morgen groß, wollte er einst seinem ältesten
+Jungen als freies Erbe hinterlassen. »Und dann,« so murmelte er, die
+Zähne aufeinander beißend, mit Entschlossenheit vor sich hin, »soll es
+hier anders aussehen als heute -- so wahr mir Gott helfe!«
+
+Musch war noch immer bei ihm, er hatte sie aber länger nicht mehr
+beachtet. Jetzt brachte sie sich durch Miauen wieder in Erinnerung.
+Da sah er, wie dem schnöde zurückgelassenen Tier die Rippen durch das
+Fell standen, und das arme Ding tat ihm leid. »Musch,« sagte er, sie
+an sich lockend und ihr den Rücken streichelnd, »hör' mal, ich nehm'
+dich als Pfand mit. Sonst verhungerst du mir oder kommst auf schlechte
+Wege. Nächstes Frühjahr halten wir hier zusammen unseren Einzug, mit
+Sine.«
+
+Musch rieb sich zärtlich und vertrauensvoll an seinem Bein, und ihr
+Miau klang wie Zustimmung. Da hob er sie auf und richtete ihr ein Asyl
+unter seiner Jacke ein.
+
+Dann trat er den Rückweg an.
+
+Als er bald das Mühlgehöft behäbig und stattlich vor sich liegen sah,
+fing er an zu vergleichen. Hermanns Erbe war mehr als dreimal so groß
+wie das seine und hatte mit den großen, gut im Stande gehaltenen
+Gebäuden und der Mühle mindestens den zwölffachen Wert. Da wollte
+etwas wie Unzufriedenheit in ihm aufsteigen, aber schnell hatte er
+sie unterdrückt. Mehr als leben konnte einer ja auch von reichstem
+Gut nicht, und war es denkbar, daß jemand an einem Erbe, in das
+er ohne sein Verdienst hineingeboren ward, je solche Freude hatte
+wie ein anderer an dem auch noch so kleinen Besitz, den er seiner
+eigenen Hände Arbeit verdankte? Nein, nein, er wollte gewiß nicht
+mit Hermann tauschen. Ihm wurde so vergnügt zu Sinne, daß er anfing,
+laut zu pfeifen. Als er, dem Fußpfad folgend, über Stelle Nr. 4 kam,
+verlangsamte er seinen Schritt und pfiff mit Kraft und Inbrunst: Die
+Liebe macht glücklich, macht selig. Er bemühte sich, dabei an Sine
+zu denken. Aber die war ihm noch nicht recht gegenständlich und ja
+auch ein bißchen weit weg. So hielten seine zärtlichen Gedanken sich
+einstweilen mehr an die nahe, deren herzfrohes Lachen ihm noch im Ohre
+klang. Es war das ja aber auch einerlei bei Zwillingsschwestern, die
+zur Unterscheidung kaum etwas hatten als die verschiedenen Namen. Das
+weiße Kätzchen drückte er dabei ein wenig fester an sich.
+
+
+
+
+ 14.
+
+
+Gerd lag in der blühenden Heide, die den Rodenburger Damm säumte,
+unter einer Birke und hinter einem Weidenbusch. Die Birke hatte
+Saftfluß, und prächtige Trauermäntel waren bei ihr zu Gaste.
+
+Um den Hals herum war's ihm etwas eng und unbequem. Er trug nämlich
+zum erstenmal in seinem Leben einen Kragen. Kaufmann Nolte hatte
+gesagt, das Ding wär' von Gummi, und er könnte es beliebig oft
+abwaschen und unter Umständen bis an seinen Tod damit langen. Das
+Vorhemdchen hatte Leidchen ihm mal aus der goldgestickten Strickmütze
+seiner Großmutter gemacht, und er hatte es heute ebenfalls zum
+erstenmal vorgebunden. Es war bunt genug, weshalb er keinen Schlips
+brauchte.
+
+Von der Beengtheit des Halses abgesehen, war ihm aber sehr wohl
+zumute. Sine hatte eingewilligt, mit ihm und Becka heut einen
+Spaziergang durch das Große Moor nach Tennstedt zu machen, und er sah
+diesem Unternehmen mit frohen Hoffnungen und angenehmen Erwartungen
+entgegen. Geld hatte er beigesteckt, um, wenn alles gut ginge, gleich
+die Ringe kaufen zu können.
+
+Er spähte wieder einmal um den Weidenbusch den Damm hinunter und
+entdeckte in der Ferne, etwa dort, wo die Schule liegen mußte, zwei
+schwarze Punkte von gleicher Größe. Das konnten sie sein.
+
+Eine Weile sah er dem feierlichen Schweben der bunten Buttervögel zu,
+und ihrem gierigen Trinken am Birkensaftquell.
+
+Die beiden Punkte hatten sich inzwischen vergrößert und waren bei
+keiner der zahlreichen Hofbrücken abgeschwenkt. Es wurde immer
+wahrscheinlicher, daß es die Erwarteten waren.
+
+Die Punkte schienen unten breiter als oben, es waren also Frauensleute.
+
+Nun hatten die beiden Frauensleute das Dorf hinter sich, und ein
+Zweifel war nicht mehr möglich.
+
+Sie machten beide dieselben kurzen, munteren Schritte und wandten
+sich alle Augenblicke nach dem Dorf um, was den Beobachter hinter dem
+Weidenbusch jedesmal bannig högte und zum Schmunzeln brachte.
+
+Nee, aber so was! So 'ne Ähnlichkeit! Er wollte sich die Augen aus dem
+Kopf gucken und konnte doch nicht erkennen, wer Becka und wer Sine
+wäre.
+
+Als die beiden auf zwanzig Schritt herangekommen waren, sah er, daß
+die eine so recht behaglich vor sich hinlachte, während die andere
+etwas Unruhiges, Unsicheres in Gesicht und Auftreten hatte. Da wußte
+er Bescheid.
+
+»Becka, wenn er nun mal nicht käme ...«
+
+»Ach was, Deern, den hab' ich viel zu fest in der Schlinge. Er ist
+auch einer von den Ehrenfesten und Zuverlässigen.«
+
+»Ich glaub', bei diesem Weidenbusch warten wir man ... Uch!«
+
+»Den Deuker, da ist er ja!«
+
+»Guten Tag, Deerns. Na, habt ihr euch eingestellt? Das ist man gut.«
+
+Gerd, der sich langsam erhoben hatte, gab erst Becka die Hand,
+dann Sine, der er dabei schnell in das von einer Blutwelle purpurn
+übergossene Gesicht sah.
+
+»Hm.«
+
+»Na? Was nun?«
+
+»Ich denk', wir gehn weiter.«
+
+»Dann komm, wir nehmen dich in die Mitte. Zwischen zwei Schwestern,
+das soll Glück bringen.«
+
+Sie setzten zu dritt die Wanderung fort. Indem einer auf den anderen
+wartete, sagte keiner etwas.
+
+Aber lange hielt Becka dieses Schweigen nicht aus. Sie gab Gerd einen
+Rippenstoß: »Zu, sag' mal was, Junge!«
+
+Nachdem er leise aufgeseufzt hatte, begann er: »Schön Wetter heut'.
+Pepers Heini wird bei seinem Ernteball den Saal wohl tüchtig voll
+haben.«
+
+»Was geht uns Pepers Heini sein Ernteball an?« fragte Becka kichernd.
+
+Gerd griff nach seinem Gummikragen und bereute, daß er ihn nicht eine
+Nummer weiter genommen hatte.
+
+»Wir müssen zur rechten Zeit wieder zu Hause sein,« setzte er von
+neuem an. »Ich muß diese Nacht noch mit dem Schiff nach der Stadt ...
+der Torf ist gerade gut im Preise. Für den besten bezahlen sie ...«
+
+Becka warf schnell den Kopf herum und unterbrach ihn: »Wir sind nicht
+gekommen, um mit dir über deinen Backtorf zu schnacken. Sag', was du
+vorhast! Raus damit!«
+
+»Man nicht so glupsch, Deern,« stamerte er verlegen und ärgerlich.
+»Immer langsam und mit Sinnen.« Dann, nach der anderen Seite gewendet:
+»Sine, ich hab' so halb und halb vor, mir was zu kaufen.«
+
+»Das hat Becka mir schon gesagt,« versetzte sie leise.
+
+»Wie weit bist du mit dem Kauf?« fiel die Schwester ein.
+
+»Hab' die Stelle an der Hand.«
+
+»Nicht zu teuer?«
+
+»Nee, hab' heruntergehandelt bis auf den Preis, den ich mir gesetzt
+hatte.«
+
+»Na, Kinder, dann seht bloß zu, daß ihr miteinander klar werdet.«
+
+»Becka,« sagte Gerd in vorwurfsvollem Tone, »ich mag dich heute gar
+nicht leiden, so naseweis wie du bist.« Darauf wandte er sich nach
+rechts, blieb stehen und sagte: »... Sine, was meinst du?«
+
+Sie stand in der Dammrichtung, die Augen züchtig gesenkt, und sagte:
+»Gerd, ich kenne dich ja noch nicht ganz lange. Aber meine Schwester
+hat mir soviel Gutes von dir erzählt ... ich glaub', ich kann's wohl
+riskieren ...«
+
+»Vater und Mutter,« krähte Becka dazwischen, »sind auch einverstanden,
+ich hab' sie letzten Sonntag gleich gefragt. Aber Kinder, wollt ihr
+euch denn nicht die Hand geben?«
+
+Aus vier Augen wurden ihr böse Blicke zum Lohn, aber man tat doch nach
+ihrem Rat.
+
+»Und ein lüttjer Kuß gehört auch dazu!« verfügte sie weiter.
+
+Nun wurde es Sine denn doch zuviel. Sie trat mit empörten Augen vor
+die Schwester hin: »Becka! Ich will dir mal was sagen, und merk dir's:
+Du hast uns beiden ganz und gar nichts zu kommandieren. Wir sind
+mündig und wissen selbst, was wir zu tun und zu lassen haben. Du mußt
+dir bloß nicht einbilden, daß du hier heute die Hauptperson bist.«
+
+Die Strafrede hätte wohl noch länger gedauert, aber Gerd fiel
+sanftmütig ein: »Sine, reg' dich man nicht auf; Becka hat's ja ganz
+gut gemeint ... Wir können uns auch dreist mal küssen.«
+
+»Nein, nun grade nicht! Was zuviel ist, das ist zuviel. Ich bin die
+Älteste von uns beiden, und Becka hat das auch immer anerkannt. Bloß
+von dem Augenblick an, wo sie sich verlobt hatte, bildete sie sich auf
+einmal ein, sie wär' mehr als ich, und wurde frech. Aber jetzt laß ich
+mir das nicht mehr gefallen. Denn was du bist, das bin ich all lange,
+du!«
+
+»Uijeh!« rief Becka in geheucheltem Entsetzen, »da hab' ich mir schön
+was eingebrockt, daß ich dir'n Bräutigam verschafft habe. Nun kann ich
+mich wieder unter dich ducken. Na, lüttje Schwester, sei man still,
+ich tu's ganz gern. Soll ich 'n bißchen zurückbleiben, damit ihr euch
+ungestört besprechen könnt?«
+
+»Nee, geh' lieber hundert Schritt vorauf!«
+
+»Auch gut,« sagte Becka, und schritt wacker fürbaß.
+
+»Nun ist's Zeit,« flüsterte Sine, und hielt ihren roten Mund hin. Und
+Gerd drückte einen kernigen Kuß darauf. Dann nahm er sie so fest in
+die Arme, daß ein zartes, zimperliches Ding laut aufgekreischt haben
+würde. Aber von der Sorte war Sine Wischhusen nicht.
+
+Becka war so diskret, sich nur einmal umzusehen. Sie paßte aber just
+den richtigen Augenblick ab und bedauerte, daß sie ihren Jan nicht da
+hatte, ihr ein Gleiches zu tun.
+
+Als Gerd seine Braut freigelassen hatte, sagte er fröhlich: »So, nun
+gehen wir nach Tennstedt und kaufen uns die Ringe ... Aber Deern, wir
+kriegen am Ende heut gar keine!«
+
+»Warum nicht?«
+
+»Von wegen der Sonntagsruhe.«
+
+»Ach was, das sind Liebeswerke, und die sind auch am Sonntag erlaubt.«
+
+Gerd lachte und legte den Arm um sie. So schritten sie glückselig
+durch den leuchtenden Sommertag, eine gute Weile schweigend. Es war
+jetzt die Einsamkeit des wilden Heidemoores um sie. Kein Mensch
+oder menschliche Wohnung weit und breit zu sehen, nur hier und da
+eine verlorene Plaggenhütte, als Unterschlupf für Heidhauer und
+Torfgräber in die Einöde gesetzt. Die herrliche Bläue des Himmels,
+an dem weiße Schäfchenwolken ihr Wesen trieben, hob sich wundervoll
+ab gegen das von weißen Birkenstämmchen durchblitzte Blütenrot der
+üppig wuchernden Moorlandsheide. Die Luft war voll Honigduft und
+Bienengesumm. Schnurgerade zog sich der Damm durch das blühende Land,
+ihm treu zur Seite der blinkende Wasserlauf. Es hatte lange nicht mehr
+geregnet, und der Sand mahlte stark. Aber davon merkten die beiden
+rüstigen jungen Menschenkinder nichts. Auch der Gummikragen bedrückte
+Gerd jetzt nicht mehr, wie er so hochaufgerichtet und frei atmend
+dahinschritt.
+
+»Wollen wir jetzt Becka nicht rufen, daß sie wieder mit uns geht?«
+fragte er endlich.
+
+»Och ja,« sagte Sine schnell, »allein wird es ihr leicht zu
+langweilig. Sie ist im Grunde gar keine schlechte Deern.«
+
+»Nee, gewiß nicht,« stimmte Gerd bei. »Eigentlich wollte ich sie ja
+auch heiraten.«
+
+»Ich weiß ...«
+
+»Wir beide, Sine, passen aber doch noch besser zusammen, glaub' ich.«
+
+»Das wollen wir hoffen ... Becka!«
+
+Becka wandte sich sofort herum und erwartete die beiden.
+
+»Na, alles klipp und klar?«
+
+»Ja, du kannst jetzt wieder mit uns gehen.«
+
+»Ist dankenswert,« sagte Becka, und nahm ihren alten Platz an Gerds
+grüner Seite wieder ein.
+
+»Ich freu' mich bannig, Gerd,« begann Sine nach einem Weilchen, »daß
+wir beide gleich ein eigenes Dach über den Kopf kriegen. Jan und Becka
+wollen sich die ersten Jahre was pachten.«
+
+»So--o?« fragte die Schwester spitz, »weißt du das so gewiß? Kann
+sein, daß wir noch eher zum Kauf kommen als ihr.«
+
+»Aber Kinder, so vertragt euch doch,« legte Gerd sich lächelnd ins
+Mittel. »Sine, wir könnten nun wohl mal zusammenrechnen, was wir
+beide parat haben. Ich fang' an.«
+
+Und er begann aufzuzählen: was er von der Mutter geerbt, was er in
+den einzelnen Jahren verdient, wie wenig er verbraucht und wieviel
+auf die Sparkasse getragen, und was es dort an Zinsen gebracht
+hatte. Zur Stunde beliefe sich sein Vermögen, ohne die Zinsen des
+laufenden Vierteljahres, auf sechshundertsiebenundachtzig Taler und
+dreiundzwanzig Groschen, das Geld im Portemonnaie noch nicht mal
+mitgerechnet.
+
+»Junge, Junge!« rief Sine, von der Höhe der Summe freudig überrascht,
+und warf an ihm vorbei einen triumphierenden Blick nach ihrer
+Schwester hinüber. Die machte ein etwas verdutztes Gesicht; denn da
+kam ihr Jan doch nicht ganz mit.
+
+»Na, Sine, denn red' du mal!« sagte Gerd gespannt.
+
+Sie fing an aufzuzählen: ein Dutzend Hemden, die Hälfte noch gar
+nicht gebraucht, zwei bessere Kleider und drei für die Arbeit, drei
+Unterröcke, ein zweischläfernes Bett, und zweimal es zu überziehen,
+fünf Stück Leinen, eine Kommode, ein Spinnrad, sieben Schürzen ...
+
+Sie verlor sich zuletzt so in Kleinigkeiten, daß er ungeduldig wurde
+und sie unterbrach: »Und Bargeld?«
+
+»Ungefähr hundertundsechzig Taler.«
+
+»Hm.«
+
+»Ist dir das nicht genug?«
+
+»Hm ... denn hat Becka ja doch 'n bißchen mehr.«
+
+»Ja, die hat auch immer viel Geschenke von ihrer Dienstherrschaft
+gekriegt. Aber mit Zeug ist sie lange nicht so gut ausstaffiert
+als ich. Die ersten Jahre brauch' ich überhaupt kein neues Kleid,
+ausgenommen natürlich das zur Hochzeit.«
+
+»Hast du noch was von deinen Eltern zu erwarten?«
+
+»Das wohl nicht. Wir sind unser zu viele.«
+
+»Na, Sine, das soll alles nichts schaden ... dann lassen wir die erste
+Hypothek von dreihundertundfünfzig Talern auf der Stelle stehen. Was
+meinst du, bis wann können wir die wohl heruntergearbeitet haben?«
+
+»Oh ... wenn der liebe Gott Leben und Gesundheit schenkt, in 'n Jahrer
+sechs ... oder sieben ...«
+
+»Sine, du bist 'ne lüttje famose Deern! Ich hatte an neun bis
+zehn Jahre gedacht; denn wir müssen ans Haus allerhand anwenden,
+und auch tüchtig was in den Boden hineinstecken. Der Kram ist bös
+heruntergekommen.«
+
+»Schadet nichts. Das wollen wir beiden wohl kriegen. Wir sind ja
+keine, die vor der Arbeit weglaufen.«
+
+»Deern, Deern, was bin ich froh!« rief er. »Ich glaube, der liebe Gott
+hat dich extra für mich gemacht.«
+
+»Ist möglich, so soll das in 'm richtigen Ehestand ja auch wohl sein.«
+
+Der schnurgerade Damm wurde am Rande der Geest zu einem gewöhnlichen
+Sandwege, der mit einer kleinen Biegung in das wohlhabend behäbige
+Bauerndorf Tennstedt einmündete.
+
+»Feine Höfe,« sagte Gerd, auf ein stattliches Bauerngut mit altem
+Eichenbestand hinweisend.
+
+»Ich möcht' auf der Geest nicht sein,« versetzte Sine. »Wir können auf
+unserer Anbauerstelle am Achterdamm ebenso gemütlich leben.«
+
+»Das ist gewiß!« sagte Gerd und legte mal schnell wieder den Arm um
+sie.
+
+Herr Sauerhering, der Uhren flickte und zugleich mit Gold- und
+Silbergeschirr handelte, wurde glücklich zu Hause getroffen, und es
+bedurfte nicht langer Bitten, ihn zu dem gewünschten Liebesdienst
+willig zu machen. Nachdem er dem Pärchen artig zu seinem Vorhaben
+gratuliert hatte, breitete er einen großen, flachen Kasten voll der
+ewig bindenden Dinger vor ihm aus. Sine hielt ihre Hand hin, und Gerd
+verpaßte ihrem kurzen, dicken Ringfinger einen Goldreif. Darauf suchte
+Sine auch einen für ihn aus, wobei Becka ihr half. Das Anstecken
+besorgte sie aber allein.
+
+»Was kostet das?« fragte Gerd und griff in die Tasche.
+
+»Fünfzehn Mark,« sagte der Mann.
+
+Gerd erschrak. »Gibt's keine billigere Sorte?« fragte er kleinlaut.
+»Solche Ringe müssen echt sein,« erklärte Herr Sauerhering ernst.
+»Sonst ist das eheliche Glück nachher auch nicht echt und von Bestand.
+Es ist ja auch nur eine einmalige Ausgabe.«
+
+»Wir nehmen aber doch gleich zwei auf einmal. Da können Sie's wohl für
+zwölf Mark tun.«
+
+»Diese Art verkaufe ich überhaupt nur paarweise,« erklärte Herr
+Sauerhering, und die Mädchen lachten. »Überhaupt ist das Handeln bei
+solchem Kauf keine Mode.«
+
+Gerd legte mit schwerem Herzen ein Zwanzigmarkstück auf den Tisch. Als
+er die fünf Mark, die ihm zurückgegeben wurden, einstecken wollte,
+fragte Becka keck: »Was krieg' ich denn als Freiwerberlohn?«
+
+»Vielleicht eine hübsche Brosche?« fragte Herr Sauerhering süß
+lächelnd, indem er eine andere Schublade herauszog und auf den Tisch
+stellte.
+
+Becka musterte die glitzernden Schmuckstücke und hob eins heraus.
+
+»Glaube, Liebe, Hoffnung,« sagte sie, »diese möcht' ich wohl leiden.
+Kostet?«
+
+»Zwei Mark fufzig.«
+
+Die beiden Mädchen sahen Gerd erwartungsvoll an.
+
+»Na, denn man zu!« sagte er mit tapferer Selbstüberwindung und warf
+das Geld auf den Tisch. Becka steckte sich Kreuz, Herz und Anker
+sogleich vor.
+
+Die drei Goldgeschmückten gingen darauf schräg über die Straße in eine
+Gastwirtschaft, die mit Bäckerei verbunden war. Hier bestellten sie
+sich zwei Portionen Kaffee nebst einem Teller Butterkuchen, und aßen
+und tranken nach Herzenslust. »Und wenn die zwanzig Mark heut' ganz
+draufgehen!« dachte Gerd, und ließ den schnell geleerten Teller noch
+einmal füllen.
+
+»Schade, daß ich meinen Jan nicht herbestellt habe ...,« seufzte
+Becka. »Wir wollen ihm mal eine bunte Karte schicken,« sagte Gerd und
+ging hin, sich eine zu holen. Er wählte die mit dem Gasthaus, in dem
+sie ihre Verlobung feierten.
+
+Während er saß und schrieb, fragte Becka: »Wann wollt ihr denn
+eigentlich Hochzeit machen, Sine?«
+
+Sine gab die Frage weiter: »Was meinst du, Gerd?«
+
+»Nächstes Frühjahr natürlich, gleich nach Ostern,« erklärte er.
+
+»So früh schon?« rief Becka erschrocken. »Wir wollten eigentlich noch
+ein Jahr warten.«
+
+»Ja, Kinder, das könnt ihr ja auch ruhig tun,« meinte die ältere
+Schwester.
+
+»Nein, Sine, nein, das geht nicht,« rief Becka mit Nachdruck.
+»Voranlassen dürfen wir euch auf keinen Fall. Wir beide sind an
+demselben Tag geboren, aus einem Wasser getauft und Seite an Seite
+konfirmiert. Da hilft alles nichts, wir müssen auch miteinander
+Hochzeit halten. Ob Jan will oder nicht, er muß. Gerd, schreib' man
+gleich mit an meinen Jan, nächstes Frühjahr gäb's eine vergnügte
+Doppelhochzeit.«
+
+Er nickte. »Gut,« sagte er, »ich will das bemerken.«
+
+»Halt!« rief Sine, »dabei hab' ich doch auch wohl noch ein Wort
+mitzureden. Ich bin gegen die Doppelhochzeit.«
+
+»Warum?« fragte Gerd, von seinem Schreibwerk aufblickend.
+
+»Oh ... bei 'ner Doppelhochzeit lohnt es nicht so mit den Gaben. Für
+zwei auf einmal ordentlich was zu schenken, das wird den Leuten leicht
+zu viel.«
+
+»Sine, du bist 'ne lüttje famose Deern. Daran habe ich noch gar nicht
+einmal gedacht. Du magst wohl recht haben ...«
+
+»Da hört sich doch alles auf!« rief Becka empört, machte ihre
+grallsten Augen und legte die Arme vor sich auf den Tisch, »nun
+spielt ihr mir schon unter einer Decke. Aber das will ich euch man
+sagen, wenn ihr nicht für die Doppelhochzeit stimmt, ist unsere
+Freundschaft aus, ich stehe nicht bei euch Gevatter und besuche
+euch auch nicht. Das waren Meta und Metta Rodenburg in unserm Dorf,
+die auf einen Tag Hochzeit machten und nicht viel kriegten. Aber
+warum? Die Leute mochten sie und die ganze Familie nicht leiden, und
+schickten gar keinen, oder Knecht und Magd und Kinder, und da schaffte
+es natürlich nicht mit den Gaben. Aber das hat bei uns nichts zu
+bedeuten. Ich glaub', Sine, ich kann ruhig sagen, wir beide sind ganz
+beliebt, und auch unsern Vater haben sie gern in allen Häusern, wo er
+Hollschen macht. Denk' dir doch, Deern, wie schön das wird, wenn wir
+beide so im Myrtenkranz und Schleier da auf unserer Diele beieinander
+stehen, ich mit meinem Jan, du mit deinem Gerd; und unser guter alter
+Pastor gibt uns alle vier zusammen in den heiligen Ehestand, aber
+diesmal soll er's richtig machen, und nicht so Kuddelmuddel wie bei
+der Konfirmation. Ich glaube, dann kann ich vor Weinen knapp ja sagen.
+Denn du mußt wissen, Gerd, ich bin ein bißchen weich und hab' mich
+nicht so in der Gewalt wie Sine.«
+
+»Was meinst du, Gerd, wollen wir ihr den Gefallen tun?« fragte Sine.
+
+»Ja, man zu,« antwortete er lächelnd, »wir sind ihr ja auch etwas Dank
+schuldig, ohne sie hätten wir uns ja nie gekriegt.«
+
+»Na gut,« wandte die ältere sich an die eine halbe Stunde jüngere,
+»denn kannst du mit uns Hochzeit halten. Das heißt, wenn Jan
+einverstanden ist.«
+
+»Der?« rief Becka. »Der ist jetzt überstimmt: Drei gegen einen. Ob er
+will oder nicht, er muß!« -- --
+
+Als die drei den Heimweg angetreten hatten und aus dem Eichenschatten
+des Dorfes ins Freie kamen, mußten sie auf der Höhe der Geestdüne
+stehenbleiben. Denn der Himmel stand über ihrer Moorheimat in
+flammenden Gluten, so stark und tief in den Farben, daß selbst der
+Blick dieser Leutchen, die an die prächtigen Sonnenuntergänge über
+ihrem wasserdunstgeschwängerten Lande von Kind an gewöhnt waren,
+gebannt wurde. Ein leuchtendes Rot von Heideblüten und Abendglanz lag
+über dem weiten wilden Moor, der Wasserzug neben dem Rodenburger Damm
+lief wie eine Straße von funkelndem Gold zu den fernen Dörfern, deren
+baumumhegte Reihen klar und scharf gegen den purpurnen Himmelsgrund
+standen.
+
+»Könnt ihr singen?« fragte Gerd, als sie eine Weile schweigend
+hingeschaut hatten.
+
+»Oh, ein bißchen wohl,« sagte Sine.
+
+Er schob die Hände unter die Arme seiner beiden Begleiterinnen und
+stimmte an: »Goldne Abendsonne, wie bist du schön.« Als die Mädchen
+einfielen, ging er schnell in die zweite Stimme über. Sie konnten
+nicht bloß den ersten Vers, sondern die anderen auch.
+
+Als das Lied verklungen war, drückte er die beiden runden Mädchenarme
+an sich und rief hocherfreut: »Deerns, das geht ja fein. Ihr könnt's
+beinahe so schön, wie meine Schwester Leidchen. Schade, daß die heute
+nicht hier ist.«
+
+»Und mein Jan,« fügte Becka hinzu.
+
+Sie setzten ihren Weg fort und schritten in das Moor hinunter, über
+dem die Farbenpracht inzwischen stark verglüht war. Es währte nicht
+lange, so begann er: »Die Liebe macht glücklich, macht selig,« und die
+Mädchen jubelten mit: »Die Liebe macht arm und reich, die Liebe macht
+Bettler zum König, die Liebe macht alles gleich.« »Juhuhuh!« juchzte
+er, als das Liedchen aus war, packte zu und schwenkte sein zappelndes,
+kreischendes Sinchen mit starken Armen hoch in die Luft.
+
+»Becka meinte, du wärst einer von den Sinnigen,« sagte sie, sich die
+Kleidung zurecht zupfend, »du bist ja ein ganz Wilder.«
+
+»Du kannst alle Jungens in Brunsode fragen,« rief er lachend, »die
+werden dir sagen, daß ich ein ducknackiger Drögepeter bin.«
+
+»Na, die kennen dich aber schlecht.«
+
+»Ist möglich.«
+
+Und wieder klang ein Lied:
+
+
+ »Schön ist die Jugend bei frohen Zeiten,
+ Schön ist die Jugend, ja, sie kommt nicht mehr.
+ Sie kommt nicht mehr, nicht mehr,
+ Kehrt niemals wieder her,
+ Schön ist die Jugend, sie kommt nicht mehr.
+
+ Ich hatt' einen Weinstock, und der trug Reben,
+ Und aus den Reben floß süßer Wein.
+ Drum sag ich's noch einmal: Schön ist die Jugend, ja,
+ Schön ist die Jugend, sie kommt nicht mehr.
+
+ Ich hatt' einen Rosenstock, und der trug Rosen,
+ Und aus den Rosen floß süßer Duft.
+ Drum sag ich's noch einmal: Schön ist die Jugend, ja,
+ Schön ist die Jugend, sie kommt nicht mehr.
+
+ Man liebt die Mädchen bei frohen Zeiten,
+ Man liebt sie nur zum Zeitvertreib.
+ Drum sag ich's noch einmal: Schön ist die Jugend, ja,
+ Schön ist die Jugend, sie kommt nicht mehr.«
+
+
+»Man liebt euch Mädchen bei frohen Zeiten, man liebt euch nur zum
+Zeitvertreib!« rief Gerd. »Wißt ihr was, Deerns? Am liebsten heiratete
+ich euch alle beide!«
+
+»Pfui, so'n Türke!« sagte Becka und gab ihm einen Stoß in die Rippen.
+
+Er aber hob die Arme, schlug den linken um Beckas, den rechten um
+Sines Nacken, riß ihre Köpfe zusammen und küßte beide wahllos ab.
+Kreischend und lachend suchten sie sich ihm zu entwinden, aber seine
+stählernen Arme ließen nicht locker.
+
+Als er sie endlich freiließ, sagte Becka, sich die zerzausten Haare
+ordnend: »Du bist ja 'n ganz Schlimmer. Sine, so einen nähm' ich
+nicht, um kein Geld!«
+
+»Hast du noch nicht genug, lüttjer Satan?« rief er, auf sie
+zuspringend.
+
+»Ja, Ja!« schrie sie, ihm entschlüpfend.
+
+»Du kriegst'n paar überher,« sagte er, Sine in die Arme schließend.
+Es wurde aber noch ein halbes Dutzend draus.
+
+»Wart' man,« drohte Becka mit der zur Faust geballten kleinen Hand,
+»wenn ich das meinem Jan sage, kommt der dir aufs Fell.«
+
+»Haha,« lachte Gerd, »in der Familie darf man das so genau nicht
+nehmen. Er kann mein Sinchen dafür mal wieder küssen.«
+
+»Ich wollt' ihm!« rief Becka. »Das hätt' ich bloß ahnen sollen, daß
+du so'n böser Bruder bist! Sine, willst du ihm seinen Ring nicht
+wiedergeben?«
+
+»Werd' mich hüten!« kicherte sie und schmiegte sich zärtlich an ihn.
+»Es ist mir so lieber, als wenn er ein alter Drögbäcker wär'.« --
+
+Sine wollte für die Nacht bei der Schwester mit unterkriechen und
+Gerd begleitete die beiden bis vor Beckas Haustür. Nach einer letzten
+Umarmung, bei der Becka jetzt aber leer ausging, schritt er eilig
+auf dem Fußpfad über die Gehöfte heimwärts, um zur Bremerfahrt zu
+rüsten. Nur vor dem weitgeöffneten Tor von Heini Pepers Tanzdiele
+blieb er einen Augenblick unter den halbwüchsigen Gaffern, die noch
+nicht hinein durften, stehen. Der Ernteball war in vollem Gange, die
+Musikanten strichen und bliesen für Gewalt, und die Mädchen des Dorfes
+und der Nachbarkolonien flogen schön geputzt und mit glühenden Wangen
+in den Armen ihrer Tänzer an ihm vorüber. Alles, was Lust zum Freien
+hat, dachte Gerd bei sich, ist hier versammelt. Ob nicht vielleicht
+eine drunter ist, die du am Ende doch lieber genommen hättest? Die
+Hände in den Hosentaschen vergraben, fragte er sich bei jeder, die
+vorüberwalzte, ob er sie gemocht hätte. Aber jedesmal hieß es in ihm
+Nee, das eine Mal leiser, das andere Mal lauter, und ein paarmal
+hätte er beinahe ausgespuckt. Seine Wahl bestand diese Probe auf
+das glänzendste, und sehr befriedigt wandte er Heinis Ernteball den
+Rücken. --
+
+Drei Stunden später befand er sich auf der Hamme, die sich unter
+bewölktem Himmel mattgrau durch die Nacht wand. Wenn man aber genauer
+hinsah, zogen leichte Wellen über ihren Spiegel. So war es auch in der
+Seele des jungen Schiffers wie ein leises Wellenatmen, aber zuweilen
+gingen auch hohe Wogen, und dann faßte er die schwere Eichenstange
+fester, und stieß und schob, daß sein Schiff rauschend dahinflog. Und
+als endlich das schlafähnliche Dösen über ihn kam, blieb ganz in der
+Tiefe etwas wach. Das war die Freude. Sie war jetzt still geworden,
+ganz still, aber ganz einschlafen konnte sie nicht. --
+
+ * * * * *
+
+Wie hätte Gerd es an diesem Montag aushalten können, der Schwester
+so nahe zu sein und sie nicht zu besuchen! Wenn Mutter Marwede auch
+brummte, da machte man eben ein dickes Fell.
+
+Er hatte sich das so schön vorgestellt, Leidchen den gestrigen
+Nachmittag zu schildern und dabei alles noch einmal wieder zu
+durchleben. Als er aber in der Küche vor ihr saß, wollten ihm die
+rechten Worte nicht auf die Lippen, und mit Stocken und Drucksen kam
+nur ein ziemlich farbloser Bericht zustande.
+
+Aber die Schwester kannte den Bruder.
+
+»Lieber Junge, du bist wohl sehr glücklich ...« sagte sie bewegt.
+
+Da blickte er auf, und all das, was in die Worte nicht hatte hinein
+wollen, strahlte und jubelte ihm aus den grauen Augen. Und er sprang
+auf die Füße, schloß sie in seine Arme und küßte sie.
+
+»Nicht wahr, Leidchen, du freust dich mit mir?« rief er, indem er sie
+losließ. »Aber Deern, was ist das? Du weinst? Was ist dabei denn zu
+weinen? ... Gönnst du mir das nicht?«
+
+»Oh, von Herzen,« schluchzte sie, das Gesicht in der Schürze bergend.
+
+»Aber was heulst du denn? Aha, du denkst: wenn ich man auch erst so
+weit wär'! Aber Deern, du bist ja noch so jung ... Nun laß das Weinen
+aber und spar deine Tränen, bis du sie nötiger brauchst ... Ich denk',
+lang' wird er dich auch nicht mehr zappeln lassen. Bei Gelegenheit
+will ich ihm mal 'n kleinen Wink geben.«
+
+Leidchen stampfte mit dem Fuße auf und rief leidenschaftlich: »Um
+Gottes Willen, Gerd, komm mir nicht immer mit der alten Geschichte!
+Ich werd' dir sonst wirklich böse.«
+
+Er lachte über das ganze Gesicht.
+
+»Ihr Frauensleute seid ein wunderlich Volk. Ihr stellt euch immer, als
+ob ihr uns Mannskerls nicht ausstehen könntet. Und doch tut ihr nichts
+als auskucken, ob wir noch nicht kommen. Laß ihn nur erst ernsthaft
+kommen! Ich seh' schon, wie meine lüttje widerhaarige Schwester sich
+ihm an den Hals wirft und ruft: ›O wie gern! O wie gern!‹«
+
+»Gerd!« stieß sie gequält heraus.
+
+»Du weißt, Leidchen,« fuhr er fort, »ich bin ein ruhiger Mensch, ein
+Drögepeter, wie du früher manchmal sagtest. Ich hätte niemals gedacht,
+daß es mich so packen und unterkriegen könnte. Ich weiß wirklich
+nicht: ist die Welt auf den Kopf gestellt, oder bin ich's, oder sind
+wir beide umgekrempelt? Wie es eigentlich ist, kann ich dir überhaupt
+nicht beschreiben. Na, du lernst das ja auch wohl noch mal kennen.
+Wenn's erst über dich kommt, Leidchen -- da mag ich überhaupt nicht an
+denken. Du hast viel mehr Lebenslust als ich und viel hitzigeres Blut.
+Wie es dir gleich in die Backen schießt! Aber wir wollen den Teufel
+lieber nicht an die Wand malen.«
+
+Er hatte sich wieder gesetzt und erzählte, vor sich hinsehend,
+wie er sein künftiges Heim gefunden, was es kosten sollte, welche
+Aufwendungen er machen müßte, um es leidlich instand zu setzen, und
+was für Arbeiten die dringendsten wären. Nach Ostern sollte es dann
+eine Doppelhochzeit geben, nicht allzu groß, aber sehr gemütlich.
+Ein gewisser Jemand, der flott tanzen könne, würde natürlich auch
+eingeladen, fügte er, mit den Augen plinkernd, noch hinzu.
+
+Als er sich darauf erhoben hatte, um zu gehen, hielt Leidchen ihn an
+der Jacke fest und bat, er möchte noch einen Augenblick bleiben.
+
+»Wozu?« fragte er, sie verwundert ansehend.
+
+Sie wich seinem Blick aus.
+
+»Deern, du machst ein Gesicht, als ob du mir noch was sagen wolltest.
+Denn man heraus damit! Ich komm fürs erste doch wohl nicht wieder.«
+
+»Och geh man. Es ist nichts Besonderes.«
+
+»Na denn adjüs, Leidchen!« Er hatte ihre Hand genommen, die er kräftig
+drückte, und sagte, unter behaglich breitem, herzfrohem Lachen:
+»Leidchen, sonst warst du von uns beiden immer die vergnügteste. Es
+scheint, nun bin ich erst mal an der Reihe, und das ist ja auch nicht
+mehr als recht und billig. Aber darüber brauchst du dir keine graue
+Haare wachsen lassen. Das kommt auch noch mal wieder herum. Bleib
+hübsch munter.«
+
+Als er, nach einem langen zärtlichen Blick, zur Tür hinaus war, lief
+ein Zittern über ihre Gestalt. Sie sank auf einen Stuhl und starrte
+ein paar Sekunden vor sich hin. Dann raffte sie sich auf, fuhr mit der
+Hand über das Gesicht und ging an ihre Arbeit.
+
+ * * * * *
+
+Am nächsten Tage nach Feierabend ging Gerd in das Schulhaus, wo er
+die Geschwister in der Wohnstube fand und sich zu ihnen an den Tisch
+setzte.
+
+Er begann mit dem Wetter, sprach dann vom Wasserstand der Hamme und
+von dem Unglück in einem Nachbardorf, wo ein Knecht die Hand in die
+Häckselmaschine gekriegt hatte, und sagte endlich auch so beiwegelang,
+er hätte sich vor zwei Tagen verlobt. Da wurden von beiden seine Hände
+gepackt und tüchtig gedrückt, und als er Sine Wischhusen nannte,
+ging's noch mal wieder los; denn Mariechen Timmermann kannte ihre
+Schwester Becka und schätzte sie sehr.
+
+Als er endlich sein Teil empfangen hatte, sagte Herr Timmermann
+lächelnd: »Du kannst uns auch gratulieren.«
+
+Gerd machte ein erschrockenes Gesicht und fragte: »Auch zur Verlobung?«
+
+Der Lehrer nickte: »Ja, meine Schwester hat sich Sonntag mit dem
+Kollegen Brinkmeyer in Asendorf verlobt.«
+
+»Ach so ... denn gratulier' ich auch viel-, vielmals,« sagte Gerd, die
+kleine Hand der glücklichen Braut zwischen beide Pranken nehmend.
+
+Der andere hatte sich erhoben. »Solche Doppelverlobung muß würdig
+gefeiert werden,« rief er, »wir wollen unseren Weinkeller austrinken.«
+
+»Weinkeller ... wie das großartig klingt!« lachte hinter dem
+Hinausgehenden die Schwester. »Der gute Junge hat mal als Seminarist
+in Bederkesa dem unbegabten Sohn eines Kaufmanns Rechenstunden
+gegeben, fünf Groschen die Stunde, und zum Abschied hat der dankbare
+Vater ihm drei Flaschen Mosel geschenkt. Davon ist noch eine übrig
+geblieben.«
+
+Sie stand auf und holte drei dicke Wassergläser, die sie mit den
+Worten auf den Tisch stellte: »Richtige Weingläser muß die Aussteuer
+erst bringen.«
+
+Bald klappten dieselben auf das Wohl der beiden Brautpaare hart
+und klanglos gegeneinander. Und alle drei schmeckten andächtig zu,
+machten Gesichter, als ob sie alte Weinkenner wären und nickten sich
+wohlgefällig an. »Ein guter Tropfen,« lobte der Spender.
+
+Der Wein war stark sprithaltig, und es dauerte nicht lange, so hatten
+sie alle drei rote Köpfe.
+
+Da bekam Gerd auf einmal Courage und fragte, zu Fräulein Mariechen
+gewandt: »Will Ihr Bruder denn nicht auch bald Anstalt machen?«
+
+Sie lachte: »Nun, wo ich mich verlobt habe, soll er wohl müssen.
+Wissen Sie keine für ihn?«
+
+Er wurde noch roter und stamerte: »Das ist nicht so leicht. Für 'ne
+Lehrerfrau paßt sich längst nicht jedes Mädchen.«
+
+»Ich wüßte wohl eine,« sagte sie, und der Schelm lachte ihr aus den
+Augen.
+
+»Daß du mir reinen Mund hältst!« rief ihr Bruder, mit aufgehobenem
+Finger drohend.
+
+»Ach Otto, warum sollen wir Gerd nicht ins Vertrauen ziehen? Die Sache
+muß ja doch endlich mal in Fluß kommen.«
+
+Da er sich drein zu ergeben schien, wandte sie sich wieder zu Gerd und
+sagte flüsternd, die Hand schräg gegen den Mund haltend: »Mein Bruder
+hat Ihre kleine Schwester gern, und ich kann mir auch keine nettere
+Frau für ihn denken. Was meinen Sie, könnte daraus wohl etwas werden?«
+
+Gerd strahlte über das ganze Gesicht.
+
+»Von Herzen gern.«
+
+»Und Leidchen?«
+
+»Oh, so ganz von gestern bin ich auch nicht. Ich hab' schon länger
+Mäuse gemerkt und sie sogar mit ihm aufgezogen.«
+
+»Und sie?«
+
+»Och, sie ist noch'n bißchen jung und hat für die Liebe noch keinen
+rechten Sinn. Aber wenn er Ernst macht, sagt sie gewiß nicht nein.
+Dazu ist sie viel zu vernünftig ... Soll ich sie mal 'n bißchen
+vorbereiten?«
+
+»Um alles nicht!« rief Herr Timmermann entsetzt.
+
+»Na ja, es ist am Ende auch am besten, ihr macht die Sache unter euch
+ab. Leidchen ist 'ne ganz komische Deern, wie ich noch keine getroffen
+habe. Wenn ich etwas von ihr will, tut sie meist just das Gegenteil.
+Sie wär' imstande und sagte nein, bloß um mir'n Tort anzutun.«
+
+»Ja, ja, das kommt davon. Du hast sie zu lange unter der Fuchtel
+gehalten ... Kommt sie wohl bald mal nach Hause?«
+
+»Was ich weiß, nein.«
+
+»Nun, dann reise ich im Lauf der nächsten Wochen vielleicht mal hin.«
+
+Gerd rieb sich vor Freude die Hände. »Wenn's kommt, kommt's auf den
+Haufen, und diesmal ist's das Glück. Ich glaube, jetzt stoßen wir auch
+noch auf das dritte Brautpaar an.«
+
+»Halt, so weit sind wir noch nicht.«
+
+»Vivat hoch!« rief Gerd, und die Gläser klappten zusammen. »Daß die
+Sache wird,« meinte er großartig, »dafür kann ich garantieren.« »...
+Glaub' ich wenigstens,« fügte er dann etwas bescheidener doch hinzu.
+»Die Deern müßte ja doll und dumm sein, wenn sie nicht mit beiden
+Händen zugriffe.«
+
+
+
+
+ 15.
+
+
+Die Fünfundsiebziger waren ins Holsteinische gefahren, zu den großen
+Herbstübungen.
+
+Leidchen entführte abends die Zeitungen auf ihre Dachkammer und las
+die spaltenlangen Manöverberichte nebst strategischen Betrachtungen
+mit Sorgfalt und Gründlichkeit. Dann nahm sie auch wohl eine
+Photographie aus der Kommode, auf der ein schmuckes Pärchen zu sehen
+war. Sie hatten das Bild einmal von einem ländlichen Schützenfest
+mitgebracht. Auch zwei Postkarten betrachtete und las sie oft genug;
+denn sie sandten ihr »1000 Gr. u. K.« Die eine zeigte eine hübsche
+ostholsteinische See- und Waldlandschaft. Die andere gefiel ihr
+weniger gut. Da drückte ein Mädchen mit der linken Hand die Schürze
+vor die weinenden Augen, während sie mit der rechten einen Soldaten
+zu halten suchte, der sich mit lachenden Augen und, wie es schien,
+leichten Herzens losmachte, um den Kameraden nachzueilen, die schon
+die Straßen hinabzogen. Bei diesem Bilde fühlte sie bald etwas
+wie Eifersucht, bald auch wunderliches Mißbehagen, über das sich
+Rechenschaft zu geben sie vermied.
+
+Hermann hatte ihr vor dem Ausrücken ins Manöver versprochen,
+wenigstens jeden zweiten Tag zu schreiben, so daß sie eigentlich vom
+Morgen bis zum Abend in Erwartung des Briefboten lebte, der dreimal
+des Tags die Runde machte. Aber nur zwei Karten waren in vierzehn
+Tagen eingetroffen. Wenn die Hoffnung auf ein Lebenszeichen sie wieder
+einmal getäuscht hatte, war sie auf den Wortbrüchigen beinah etwas
+böse. Aber sie entschuldigte ihn jedesmal schnell. Er hatte ihr ja
+erzählt, wie's in so einem Manöver herging, und die Zeitung berichtete
+von langen Märschen bei Tag und bei Nacht und von großer Ermüdung der
+Truppen.
+
+Eines Abends nahm sie ihr Myrtenbäumchen vom Fenster und stellte es
+vor sich auf die Kommode. Als sie die Blätter genauer betrachtete,
+machte sie auf einmal große erschrockene Augen. Die glänzend grünen
+Blättchen waren zusammengeschrumpft und gekräuselt, das Bäumchen
+schien dem Tode verfallen. Mit schmerzlichem Gesicht begoß sie es
+reichlich, um es dann schnell wieder an seinen Platz zu stellen und
+sich von dem vorwurfsvollen Anblick ihres vernachlässigten Pfleglings
+zu befreien.
+
+Dann setzte sie sich auf den Bettrand und blickte starr vor sich hin.
+
+Auf einmal kam eine angstvolle Unruhe über sie. Sie faltete und rang
+die Hände, streckte sie von sich und preßte sie gegen die Brust, fuhr
+steil in die Höhe und wanderte das Zimmer auf und ab, öffnete das
+Dachfenster und stieg auf ihren Stuhl, um die hereindringende frische
+Herbstluft an der Quelle zu schöpfen.
+
+Wenn sie doch nur seine Adresse wüßte! Dann hätte sie sich hinsetzen
+und in einem Brief ihm ihr Herz ausschütten können ...
+
+Plötzlich trat ein Ausdruck von Entschlossenheit in ihre Züge, sie
+wollte an seine Eltern schreiben, und in blitzschneller Folge drängten
+sich ihr die Gedanken und Sätze auf. Sie nahm einen Briefbogen,
+den sie sorgfältig mit Ort, Straße, Hausnummer und Datum versah.
+Aber schon die Anrede ließ sie scheitern. Wie sollte sie schreiben?
+»Geehrter Herr Vogt und Frau«? Das klang so kalt. »Liebe Eltern«? das
+ging doch auch nicht gut, solange Hermann nicht mit ihnen gesprochen
+hatte. Nächsten Montag wurde er ja zur Reserve entlassen, und dann
+mußte er das sofort tun.
+
+Sie stützte den Kopf in die Hände, Sorgen und quälende Gedanken
+umdüsterten ihre weiße Stirn. Auf einmal heiterte ihr Gesicht sich
+auf, sie griff schnell zur Feder und schrieb:
+
+
+ »Lieber Bruder!
+
+ Als Du das letztemal hier warst, habe ich mich sehr gewundert. Du
+ warst knapp wiederzuerkennen, so hattest Du Dich verändert. Ja, mit
+ der Liebe ist das ein wunderlich Ding.
+
+ Du denkst nun natürlich: Was weiß die dumme Deern davon? Lieber
+ Bruder, ich weiß mehr davon als Du denkst. Denn auch meine Stunde
+ hat geschlagen.
+
+ Du wirst dich sehr wundern, aber ich bitte Dich, behalte ruhig Blut
+ und sei mir nicht böse. Vergiß nicht, was Du mir versprochen hast:
+ in diesem Stück wollten wir uns beide ganz und gar zufrieden lassen.
+ Ich freue mich mit Dir, freu Du Dich mit mir!
+
+ Du wirst nun gerne wissen wollen, wer es ist. Als ich im Sommer mal
+ im Bürgerpark spazieren ging, traf ich unseren alten Schulkameraden
+ Hermann wieder, und wir beide sind eins geworden, daß wir ein Paar
+ werden wollen. Die Hochzeit soll noch vor Weihnachten sein, denn
+ wir sind ja beide alt genug, er über dreiundzwanzig und ich bald
+ neunzehn, und jung gefreit hat noch niemand gereut.
+
+ Du hast von Kindesbeinen an einen Pik auf Hermann gehabt, und das
+ ist beinah das einzige, was ich nie an Dir leiden mochte. Du kannst
+ doch nicht verlangen, daß alle Menschen genau so sind wie Du. Glaub
+ mir, Gerd, ich kenne ihn besser als Du und weiß auch, daß er seine
+ Fehler hat, gerade so wie ich und Du und alle Menschen. Aber im
+ Grunde ist er nicht unrecht, und die Hauptsache ist, er hat mich
+ schrecklich lieb, und ich ihn desgleichen. Wir beide haben uns
+ gerade so lieb, wie Du und Sine euch habt, und darum darfst Du nun
+ auch keine Widerworte machen. Lieber Bruder, Du hast mir viel Gutes
+ getan und sozusagen Vater- und Mutterstelle an mir vertreten. Nun
+ tu mir auch die Liebe an, daß Du mir hierzu Deinen Segen gibst. Ich
+ kann nicht eher wieder ruhig werden, als bis Du mir geschrieben hast.
+
+ Ich freue mich so, daß Du Dir die Stelle am Achterdamm gekauft hast.
+ Sie ist ja von unserer abgeteilt und hat vor vierzig Jahren noch
+ dazu gehört, wie Hermann mir erzählt hat. Wie schön ist das, daß wir
+ beide, die wir immer so treu zusammengehalten haben, wie man es bei
+ Geschwistern nicht häufig findet, nun für das ganze Leben Nachbarn
+ werden sollen! Und ich denke, wir wollen die beste Nachbarschaft
+ halten. Dein Sinchen will ich tüchtig lieb haben, und wenn die beiden
+ Alten mich mal ärgern, wutsche ich schnell zu Euch hinüber, und Ihr
+ tröstet mich. Aber das wird wohl gar nicht nötig sein, ich gehöre
+ nicht zu denen, die immer gleich den Kopf hängen lassen, ich will die
+ alten Brummbären wohl zahm kriegen.
+
+ Hermann spricht immer sehr nett und lieb von Dir und trägt Dir gar
+ nichts nach. Ihr müßt noch die besten Freunde werden, eher laß ich
+ Euch keine Ruhe. Jetzt ist er im Manöver und hat mir schon zweimal
+ geschrieben.
+
+ Schreibe bald wieder, oder noch besser ist's, Du kuckst mal vor,
+ wo Du jetzt gewiß doch oft mit Torf in die Stadt kommst. Vor Frau
+ Marwede brauchst Du keine Bange zu haben, die hat mich die längste
+ Zeit geärgert. Die wird schöne Augen machen, wenn sie erst Bescheid
+ weiß!
+
+ Es grüßt Dich in Liebe
+
+ Deine Schwester Leidchen.«
+
+
+Beim Schreiben wurde ihr leicht und froh ums Herz, und als sie den
+Brief noch einmal durchflog, gefiel er ihr sehr gut. Wehmütig lächelnd
+dachte sie daran, wie einst in der Schule Lehrer Timmermann, wenn er
+allerlei erdachte Fälle in Briefen behandeln ließ, unter die ihren
+fast immer eine schöne rote 1 setzen mußte.
+
+Sie beschloß, den Brief, nachdem sie ihn mit Umschlag und Adresse
+versehen hatte, noch in den nächsten Postkasten zu stecken, und machte
+sich auf den Weg.
+
+Aber auf der Straße kamen ihr Bedenken. Gerd hatte ja seine
+besonderen Pläne mit ihr, und sein Widerwille gegen Hermann war tief
+eingewurzelt. Wenn er sich zwischen sie und ihn steckte, konnte er das
+größte Unheil anrichten.
+
+Ach was, sagte sie sich dann wieder, er weiß jetzt ja selbst, wie's
+verliebten Leuten ums Herz ist, und muß endlich wissen, wie die Dinge
+liegen, und schob den Brief in den Schlitz des blauen Kastens.
+
+Aber auf einmal zog sie ihn wieder heraus. Es war am Ende doch besser,
+mit dem Absenden bis morgen zu warten.
+
+Der Brief wurde aber am nächsten Tage nicht abgeschickt und auch die
+folgenden nicht. Es erschien ihr nun auf einmal wieder leichter und
+vorteilhafter, die Angelegenheit mündlich mit dem Bruder abzumachen.
+Er konnte ja jeden Tag mal wieder bei ihr vorsprechen, und so wartete
+sie fortan auch auf ihn.
+
+ * * * * *
+
+Der schöne, warme Herbstsonntag hatte Scharen von Menschen ins Freie
+gelockt. Wie eine Völkerwanderung wogte es die breite Allee dahin,
+Schüler, Liebespärchen, junge Eheleute, ihren Erstling zwischen sich
+oder im Wägelchen schiebend, behäbige Bürgerfamilien mit allerlei
+Anhang, alles in behaglichster Sonntagnachmittagstimmung.
+
+Da, wo die Allee den Bürgerpark erreicht, stand ein junges Mädchen
+mit suchenden Augen und ließ den Strom an sich vorüberziehen.
+
+Hinter einer breit watschelnden Madam blitzten Uniformknöpfe auf.
+Die Wartende trat hastig ein paar Schritte vor, blieb dann aber
+enttäuscht stehen. Es war ein Fremder, der mit seinem glücklich zu ihm
+aufschauenden Mädchen daherkam.
+
+Die Uhren in der Stadt schlugen halb. Es war töricht, jetzt schon so
+angestrengt zu warten. Sie hatten vor dem Manöver ja verabredet, sich
+um vier am Holler See zu treffen. Vor der ausgemachten Zeit war er nie
+gekommen, aber stets militärisch pünktlich auf die Minute.
+
+Leidchen setzte sich auf eine Bank, die eben frei wurde, von der aus
+sie den Menschenstrom im Auge behielt. So oft eine Uniform auftauchte,
+klopfte ihr das Herz.
+
+Ein bejahrtes Ehepaar kam angewandelt und ließ sich freundlich nickend
+zu ihr auf der Bank nieder.
+
+»Sie warten wohl auf jemand, liebes Fräulein?« fragte der alte Herr
+nach einer Weile.
+
+Leidchen sah in ein vertrauenerweckendes, gütiges Großvatergesicht,
+das ein kurzgeschnittener silberner Backenbart umrahmte. »Ja,« sagte
+sie erleichtert aufatmend, »mein Bräutigam muß jeden Augenblick
+kommen.«
+
+Der alte Mann lächelte fein, wie aus glücklicher Erinnerung heraus,
+legte seiner greisen Lebensgefährtin die Hand aufs Knie und trällerte
+leise: »Im Rosengarten will ich deiner warten, im grünen Klee, im
+weißen Schnee.« Und in den umschleierten, tief in Falten eingebetteten
+Augen der würdigen Matrone erschien das gleiche erinnerungsselige,
+stille Lächeln. Es war Leidchen, als müßte sie die beiden Leutchen
+sehr lieb haben.
+
+Vier Uhr schlug's von den Türmen, und sie sandte einen langen Blick
+die Allee hinunter.
+
+»Ihr Schatz scheint nicht recht pünktlich zu sein,« sagte der alte
+Herr, seine Uhr ziehend. »Als ich noch jung und schön war, hab' ich
+mein Lieb nicht so lange warten lassen. Nicht wahr, Oma?«
+
+»Er ist Bursche bei einem Hauptmann,« sagte Leidchen, den Säumigen
+entschuldigend, »der hat ihn wohl nicht früh genug laufen lassen.«
+
+»Ach so ... ja, ja ... und überhaupt die Herren Soldaten ...«
+
+Sie unterbrach ihn schnell: »Wir beide sind aus einem Dorf und haben
+uns schon von der Schulbank her gern. Mein Bräutigam ist der Sohn von
+unserm Müller und erbt mal die Mühle, eine große, starke Windmühle,
+und eine Stelle von sechzig Morgen dazu.«
+
+»Das ist was anderes,« sagte der Alte achtungsvoll.
+
+»Und die Hochzeit,« fuhr Leidchen fort, »soll noch vor Weihnachten
+sein. Ich freu' mich mächtig, daß ich wieder in unser Moor komme, hier
+in der Stadt mag ich gar nicht sein.«
+
+»Aber ich bitt' Sie, liebes Kind, unser Bremen! ...«
+
+»Nee, nee, bei uns im Moor ist's viel schöner, zehnmal so schön!« Und
+sie berichtete vom Torfbacken daheim und vom Heuen an der Hamme und
+von der Spinnstube winternachmittags. Als sie mit klagender Stimme
+erzählte, daß beide Eltern ihr früh gestorben wären, sah die alte Dame
+sie mitleidig an, und da begann sie, ihrem Bruder Gerd ein Loblied zu
+singen. Er wäre so ganz anders als die anderen jungen Leute im Dorf,
+läse viel in Büchern, auch in sehr schweren; was er an ihr getan
+hätte, in kindlichen Jahren und auch später, das könnte sie niemals
+wieder gut machen. Jetzt wäre er auch verlobt und hätte sich vom
+Ersparten eine kleine Stelle von achtzehn Morgen gekauft. So plauderte
+sie drauflos, wie das Rieselwasser am Klappstau; denn wenn sie
+aufhörte, fürchtete sie, würden die beiden aufstehen und weitergehen,
+und ihr war doch lange nicht so wohl gewesen wie unter dem stillen
+Blick der gütigen alten Augen, und sie empfand es überaus wohltuend,
+daß sie sich nach den einsamen drei Wochen endlich einmal aussprechen
+konnte. Und die lieben alten Menschen lächelten, nickten, stellten
+Fragen, machten kleine Scherze und hatten viel Geduld, ihr zuzuhören.
+
+Zuletzt war diese aber doch wohl zu Ende, sie erhoben sich, drückten
+ihr herzlich die Hand, wünschten vergnügte Hochzeit und glücklichen
+Ehestand und gingen. Leidchen sandte ihnen warme Blicke nach, bis sie
+um eine Rhododendrongruppe verschwanden, und dachte: wenn sie statt zu
+Marwedes zu solchen Leuten ins Haus gekommen wäre!
+
+Da schlug's schon halb fünf! Warum in aller Welt mochte Hermann so
+lange auf sich warten lassen?
+
+Sollte sie sich in Ort und Zeit geirrt haben? Unmöglich! Sie hatte
+sich beide ja fast stündlich wiederholt.
+
+Und er konnte die Verabredung doch auch nicht falsch verstanden oder
+vergessen haben. Dann verdiente er ja ...
+
+Vielleicht konnte er nicht abkommen, weil sein Hauptmann wieder
+mal Gesellschaft gab, wodurch früher einmal eine Verabredung
+hinfällig geworden war. Aber am Tag nach dem Manöver? Das war sehr
+unwahrscheinlich.
+
+Oder? ...
+
+Sie erschrak vor diesem Oder und taumelte davor zurück wie vor einem
+Abgrund.
+
+Nein, und abermals nein, und tausendmal nein!
+
+Lieber glauben, daß in einer Viertelstunde die Welt untergeht, als
+dies!
+
+Warum hatte er aber sein Versprechen, jeden zweiten Tag einen Gruß zu
+schicken, so schlecht gehalten?
+
+Und war er die letzten Wochen vorm Manöver nicht manchmal so ganz
+anders gegen sie gewesen wie im Anfang, gleichgültiger, kälter?
+
+Ach nein, das schien ihr jetzt gewiß nur so, und er hatte ja damals
+auch alle Hände voll zu tun gehabt. Beim Abschied, wie hatte er sie da
+wieder geküßt und an sich gedrückt ...
+
+Aber warum ließ er sie denn jetzt so warten, warum kam er nicht?
+
+Die Turmuhren verkündeten eine Viertelstunde nach der anderen. Die
+wilden Tauben flogen zu ihren Schlafplätzen, auf dem Teich, der im
+Widerschein rosiger Abendwolken glänzte, zogen Schwäne ruhevoll ihre
+schimmernde Bahn. Die Mehrzahl der Spaziergänger war jetzt stadtwärts
+gewendet.
+
+Ein junger Mann blieb fade lächelnd vor ihr stehen, drehte seinen
+Schnurrbart, lobte das hübsche Wetter und die weißen Schwäne und
+wollte sich vertraulich zu ihr setzen.
+
+Da stand sie auf und befand sich bald in dem bunten Strom, der sich
+der Stadt zu bewegte.
+
+Vor ihr pilgerten zwei tagenbarne Bürgerfamilien, die sich eben erst
+getroffen haben mochten und ihre Unterhaltung recht laut führten, wie
+Leute, die ihrer Gesinnungstüchtigkeit, Steuerkraft und sonstigen
+Bedeutung für das Gemeinwesen sich voll bewußt sind. Leidchen hörte
+zuerst nicht hin, bis der dickere der Väter, ein Mann mit rotem
+Gesicht und gutmütigen Kulpsaugen, bedauernd sagte: »Das arme Ding, es
+kann einem herzlich leid tun,« und eine blecherne Stimme, die unter
+einer spitzen weiblichen Nase hervorkreischte, entgegnete: »Sie ist
+selber schuld daran, sie hat's nicht besser haben wollen.«
+
+Diese Worte brannten sich ihr wie glühendes Eisen in die Seele, es
+war, als wollten die Füße ihren Dienst versagen.
+
+Hinter der Bahnunterführung teilte sich die Menge hierhin und dorthin.
+
+Jetzt nach Hause? Mit der qualvollen Ungewißheit auf die enge
+Dachkammer, der langen Nacht entgegen?
+
+Um alles nicht! Sich zusammenraffend schlug sie mit entschlossenen
+Schritten die Richtung nach dem südöstlichen Stadtviertel ein, wo
+in einer der Straßen, die rechtwinklig auf den Weserdeich stoßen,
+Hermanns Hauptmann seine Wohnung hatte. Er selbst hatte sie ihr einmal
+gezeigt.
+
+Als sie nach längerem Suchen das Haus gefunden hatte, flog ihr Blick
+zu dem Fenster seines Mansardenstübchens hinauf, das geöffnet war.
+Dort oben war er heute nachmittag sicher nicht.
+
+Im Kellergeschoß lag die schon erleuchtete Küche, durch einen
+dünnen Gazevorhang konnte man hineinsehen. Die Köchin stand am Herd
+und summte eine fremde Weise. Der Späherin schaffte es eine leise
+Genugtuung, daß die Person dick und häßlich war. Von dieser Seite
+drohte gewiß keine Gefahr.
+
+Leidchen zweifelte nicht daran, daß Hermann in die Stadt gegangen
+war, und beschloß zu warten, bis er nach Hause käme. Morgen wurden
+die alten Mannschaften entlassen, und vorher wollte und mußte sie ihn
+sprechen, wenn sie auch die ganze Nacht hier warten sollte.
+
+Sie schritt die vornehm ruhige Straße auf und ab, Bedacht nehmend,
+daß sie sich nicht weiter als drei oder vier Häuser von dem, dessen
+Tür sie bewachte, entfernte. Wenn einmal ein Schritt durch die Stille
+klang, blieb sie stehen und spähte in die Richtung, woher er kam. Eine
+Weile horchte sie, an ein Eisengitter gelehnt, auf das Klavier, das in
+einem der Nachbarhäuser mit großer Fertigkeit gespielt wurde und ihr
+leichter über eine halbe Stunde Wartens hinweghalf. Einmal stieg sie
+den nahen Osterdeich hinan, und der kühle Hauch, der von drüben wehte,
+der Blick auf den in der Tiefe ziehenden Strom und zum jenseitigen
+Ufer hinüber, wo auf den Weiden Kühe im Nebel ruhten, taten wohl und
+belebten ein wenig ihr Hoffen.
+
+Die Uhr der nicht weit entfernten Friedenskirche rief die Stunden aus.
+Eine Haustür nach der anderen wurde abgeschlossen. Fenster um Fenster
+verdunkelte sich. Ein Schutzmann ging vorüber und sah der Wartenden
+prüfend scharf ins Gesicht. Die Straße wurde immer einsamer und
+stiller.
+
+Vom Stehen und Gehen, von Hunger und Durst, von der stets neu
+aufflackernden Hoffnung, wenn ein Schritt erschallte, und den darauf
+folgenden Enttäuschungen wurde sie zuletzt so müde, daß sie sich kaum
+noch auf den Füßen halten konnte. Durch das fiebernde Hirn jagten sich
+Erinnerungen und Bilder: Die Bootfahrt durch die lichtgrünen Hallen
+... das Hünengrab ... die schwüle Gewitternacht im Bürgerpark ...
+die gütigen alten Augen vom Holler See ... die blecherne Stimme: sie
+hat's nicht anders gewollt ... bis endlich eine große Öde und bleierne
+Müdigkeit über sie kam und sie nach nichts mehr verlangte als nach
+körperlicher Ruhe. Langsam, auf wehen, schwankenden Füßen, verließ sie
+ihren Posten.
+
+Aber die nächste Straßenecke hatte sie noch nicht erreicht, als
+sie zusammenzuckte, stehenblieb und vornübergeneigt horchte.
+Schwere Schritte klangen laut durch die mitternächtliche Stille. Im
+Schein einer Laterne blitzen Uniformknöpfe und der Beschlag eines
+Seitengewehrs.
+
+Sie vertrat dem Ankommenden den Weg.
+
+»Hermann!«
+
+»L..l... leidchen, du hier?«
+
+»Darüber wunderst du dich? Von halb vier an hab' ich auf dich
+gewartet.«
+
+»Pst, schrei doch nicht so, hier wohnen überall L... leute.«
+
+»Gleich sagst du mir, wo du gewesen bist!«
+
+»Pst, Deern, man sinnig, immer ruhig Blut. Du weißt doch, es ist heut'
+der letzte Tag, daß ich Soldat bin. Morgen reisen meine Kameraden
+in alle Welt auseinander. Da haben wir natürlich ein bißchen A...
+abschied gefeiert.«
+
+»Und du hast so viel getrunken, daß du kaum sprechen kannst.«
+
+»Was? So'n kleines Vergnügen gönnst du einem nicht mal und lauerst mir
+hier die halbe Nacht auf, um mich auszuschimpfen?«
+
+»Oh, Hermann, wenn du wüßtest, wie ich mich nach dir gesehnt habe!«
+
+»Das ist alles ganz gut und schön, aber jetzt mußt du mich
+vorbeilassen. Es ist schon über die Zeit, ich fliege sonst zu guter
+Letzt noch drei Tage in den Kasten.«
+
+Sie gab ihm aber den Weg nicht frei. »Hermann ... ich muß dir ... noch
+was sagen,« kam es abgerissen und stoßweise über ihre bebenden Lippen.
+
+»Denn raus damit, aber fix!«
+
+Sie näherte ihren Mund seinem Ohr und flüsterte hastig ein paar Worte.
+
+Er lachte heiser auf: »Deern, du glaubst wohl, daß altes Militär sich
+noch ins Bockshorn jagen läßt?«
+
+Ihre Augen wurden groß und starr: »Es ist so gewiß wahr, als ich hier
+vor dir stehe.«
+
+Sein nägelbeschlagener Stiefelabsatz schlug auf die Steinfliesen, daß
+der Schall die Straße hinabsprang und von einer Ecke zurückgeworfen
+den gleichen Weg noch einmal machte. »Verdammte Bescherung!« knirschte
+er zwischen den Zähnen und stieß sie unsanft von sich. Sie taumelte,
+tastete nach dem Eisengitter und brach vor seinen Füßen zusammen.
+
+Entsetzt und plötzlich ernüchtert beugte er sich zu der am Boden
+Liegenden: »Aber Leidchen ... was machst du für Geschichten ... steh'
+doch auf ... wenn jemand käme!«
+
+Da sie kein Lebenszeichen von sich gab, ließ er sich zu ihr auf die
+Steine nieder, hob ihren Kopf auf sein Knie, streichelte ihr Stirn und
+Schläfen und rief sie beim Namen.
+
+Nach einer Minute erwachte sie aus der Ohnmacht und schlug die Augen
+auf.
+
+»Aber Leidchen, mein liebes, süßes Leidchen, was hast du mich verjagt!
+Vergib mir tausendmal, du mußt bedenken, das viele Bier ... die
+Verführung ist zu groß in der Welt. Aber nun steh' auf ... wenn uns
+einer hier sähe ... ich helf' dir. So--o ... siehste, es geht schon
+wieder, stütz dich man fest auf mich, ich steh' jetzt schon wieder
+ganz fest auf den Füßen und bringe dich nach Hause. Wir gehen über den
+Osterdeich, da weht immer ein frischer Wind, der wird dir gut tun ...
+Und was du mir da erst gesagt hast, bleib' ruhig, Kind, das ist ja
+gar nichts Schlimmes, und ich bin darüber nur so erschrocken, weil es
+so unverhofft kam, und weil ich ein bißchen zuviel getrunken habe.
+Dann weiß der Mensch nicht, was er sagt und tut ... Ah! die frische
+Luft von der Weser her ... nicht wahr, Kind, die tut dir wohl? ... Mir
+auch, woll'n mal den Brustkasten ordentlich voll nehmen ... Kuck mal,
+da fährt noch ein kleiner Dampfer, hat zwei Schleppkähne hinter sich,
+kommen wohl von Minden, oder auch schon von Hameln ... Morgen früh
+geht's ja nach Hause, das heißt, wenn ich nicht erst noch drei Tage zu
+Vater Philipp muß, aber werd' man nicht bange, es hat ja noch immer,
+immer gut gegangen. Was blinkt so freundlich in der Ferne? Es ist
+das liebe Elternhaus. Sie werden sich erst wohl ein bißchen sperren,
+aber das kann ihnen nun alles nichts mehr helfen. Weißt du, was so 'n
+richtiger alter preußischer Militärsoldat ist, der steht auf seinem
+Stück: Vorwärts mit Gott für König und Vaterland! Anders gibt's da
+nichts, und wird nicht mit der Wimper gezuckt.«
+
+»Hermann, Hermann, du machst so schrecklich viele Worte.«
+
+»So? Ja, aber du hast mich auch zu schlimm verjagt. Ich hatte dich
+doch man eben angetippt und pardauz lagst du da. Wenn das einer
+gesehen hätte!«
+
+»Und wann willst du mit deinen Eltern sprechen?«
+
+»Natürlich gleich morgen abend.«
+
+»Dann mußt du mir aber gleich schreiben.«
+
+»Versteht sich. Oder ich komm' per Rad. Wie's gerade paßt.«
+
+»Oder soll ich lieber übermorgen nachgereist kommen?«
+
+»Nee, Leidchen, lieber nicht, mach' bloß keine Geschichten! Du bist
+viel zu hitzig, und die Sache mit meinen Alten, weißte, die muß fein
+eingefädelt werden, das muß einer kennen.«
+
+»Und dann könntest du auch wohl gleich zu meinem Bruder gehen.«
+
+»Ja, ja, wird gemacht.«
+
+»Aber du sagst ihm bloß, daß wir uns verlobt haben und bald Hochzeit
+halten wollen ... Alles braucht er nicht zu wissen.«
+
+»Das mein' ich auch. Was er nicht weiß, das macht ihn nicht heiß.«
+
+»Und wann soll die Hochzeit sein?«
+
+»Wenn Vater und Mutter nur erst ja gesagt haben, kann die Sache gleich
+vorwärts gehen. Ich denk', im November, oder sonst im Dezember. Das
+ist ja wohl noch früh genug. Dann kannst du bei der Trauung auch noch
+dreist 'n Kranz aufsetzen ...«
+
+»... Was meinst du zu der Aussteuer? Bei uns im Moor sind in diesen
+Monaten so viel Hochzeiten, und die Handwerksleute kommen nicht
+dagegen an. Ich glaube, wir kaufen sie am besten fertig, im Kloster
+oder auf dem Weiher Berg.«
+
+»Wie du schon an alles gedacht hast!«
+
+»Woran hat unsereins denn sonst zu denken? ... Beinahe dreihundert
+Taler hab' ich von Mutter selig geerbt. Dafür ist schon allerhand zu
+haben. Und einen Schrank voll Leinen hab' ich auch, von Mutterseite
+her, und was ich mir selbst dazu gewebt habe.«
+
+»Ja, das ist 'ne ganze Masse.«
+
+»Viel ist's ja nicht für Leute, wie ihr seid, aber du hast ja immer
+gesagt, ich brächte sonst allerlei mit, was für kein Geld zu kaufen
+wäre. Sag' deinen Eltern, ich würde ihnen jeden Wunsch an den Augen
+ablesen. Und du mußt auch immer nett gegen sie sein, Hermann, mußt
+auch mal nachgeben und nicht immer mit dem Kopf durch die Wand wollen.
+Es gibt nichts Schrecklicheres, als wenn in einem Hause die Alten
+und Jungen nicht miteinander auskommen können, und dies Trauerspiel
+wollen wir nicht aufführen ... Wenn du heut' nachmittag gekommen
+wärst, hätten wir das alles viel ruhiger und gründlicher durchsprechen
+können. Jetzt sind wir beide zu aufgeregt, ich von dem schrecklichen
+Warten, und du? ... ach, es ist ja einerlei ...«
+
+Sie war stehengeblieben und fuhr fort: »So, nun kann ich allein nach
+Hause gehen.«
+
+»Soll ich dich doch nicht lieber ganz hinbringen?« fragte er unsicher.
+
+»Nein, du kannst gleich umkehren, meinetwegen sollst du nicht in
+Arrest. Aber komm hier noch eben mit unter diese Laterne ... ich
+möchte dir gern mal in die Augen sehen ... So ... Ach wenn ich dir
+doch bloß ins Herz kucken könnte! ... Hermann, wenn du in deinem
+Herzen beschlossen hast, mich in meiner Not zu verlassen, dann bitt
+ich dich nur um eins: mach' gleich ganze Arbeit. Hier bei der Großen
+Weserbrücke haben sie vorige Woche ein armes Mädchen aus dem Wasser
+gezogen, das hatte auch ein schlechter treuloser Mensch in den Tod
+getrieben. Hermann, wenn du deine Eidschwüre nicht halten willst ...
+hier steh' ich und wehr' mich nicht, nimm das Messer, das du da an der
+Seite hängen hast, und stich mich durchs Herz und wirf mich da hinein!«
+
+»Leidchen, Leidchen,« rief er in fast weinerlichem Tone, »was
+schnackst du da von Totstechen! Wie kannst du bloß so was von mir
+denken? So bist du doch sonst nicht gewesen.«
+
+»Nein, ~du~ bist sonst nicht so gewesen ...« sagte sie traurig.
+»Wir haben uns drei Wochen nicht gesehen, und du hast mich noch nicht
+mal geküßt.«
+
+»Och Leidchen, das hab' ich ganz vergessen.«
+
+»Ja, das hast du ganz vergessen ...«
+
+»Aber wir können das ja nun zum Abschied nachholen.«
+
+Sie schüttelte den Kopf: »Ach, laß man.«
+
+»Leidchen, kannst du nicht vergeben? Hast du mich gar nicht mehr lieb?«
+
+Da warf sie sich ihm stürmisch an die Brust und küßte ihn
+leidenschaftlich. Dann sahen sie sich noch einmal mit langem Blick in
+die Augen, ihre ineinander verschlungenen Hände lösten sich, und jeder
+ging seinen Weg. Er in der Richtung, aus der sie gekommen waren, sie
+über die Große Weserbrücke und den glitzernden Strom der Neustadt zu.
+
+
+
+
+ 16.
+
+
+Frau Marwede vermied bei ihrem respektabeln Doppelzentnergewicht das
+Treppensteigen nach Möglichkeit. Als das Fräulein aber gar nicht
+erscheinen wollte und das Dienstmädchen auf ihr Rufen nicht kam,
+arbeitete sie sich doch einmal, mit der rechten Hand am Geländer sich
+emporziehend und mit der linken abwechselnd die Knie verstärkend,
+in das Dachgeschoß hinauf. Sie wäre wohl mit lautem Morgensegen und
+großem Hallo in Leidchens Kammer gebrochen, wenn der Atemmangel sie
+nicht gezwungen hätte, erst mal erschöpft und hachpachend auf den
+Stuhl vor ihrem Bett zu sacken. Inzwischen verrauchte ihr Zorn, nicht
+ohne Wohlgefallen betrachtete sie das schöne Kind und besorgte das
+Wecken durch zärtliches Kneifen in den auf der Decke liegenden Arm.
+
+Leidchen fuhr in die Höhe und fragte erschrocken: »Wieviel ist die
+Uhr?«
+
+»Gleich acht, du Langschläferin,« gab Frau Marwede zur Antwort. Dann
+hob sie warnend die dicke Hand mit dem kurzen Zeigefinger: »Mädchen,
+Mädchen, du bist diese Nacht wieder so spät nach Hause gekommen.
+Ich hab nach der Uhr gesehen, es war bald eins. Ich gönne dir dein
+Vergnügen ja von Herzen, aber nimm dich in acht. Du bist jung und
+unerfahren, und wenn eine denn auch noch so hübsch ist ...«
+
+Leidchen war rot geworden. »Frau Marwede, Sie brauchen nichts
+Schlechtes von mir zu denken. Ich war mit einem aus meinem Dorf
+zusammen, wir beiden haben uns schon lange gern.«
+
+»Und wollt euch heiraten?«
+
+»Versteht sich.«
+
+»Mädchen, du hättest man noch warten sollen. Eine wie du hätte mit der
+Zeit auch wohl einen in der Stadt gefunden.«
+
+Leidchen versetzte eifrig: »Oh, Sie müssen nicht denken, daß mein
+Bräutigam ein gewöhnlicher ›Jan vom Moor‹ ist, wie man hier in Bremen
+sagt. Er bekommt mal die große Windmühle in unserm Dorf, er ist dem
+Müller sein einziger Sohn, und seine Mutter hat viel Geld gehabt.«
+
+Frau Marwede zog die Augenbrauen hoch: »Ach so, das ist was anderes.
+Dann kannst du wohl lachen, und ich gratuliere dir vielmals. Aber nun
+rappel dich auf und mach', daß du an deine Arbeit kommst.«
+
+Als die Frau gegangen war, blieb Leidchen noch einige Minuten, die
+Hände unter dem Kopf, liegen.
+
+Da trafen Pfeifen- und Trommelklänge ihr Ohr. »Muß i denn, muß i denn
+zum Städtele hinaus,« kam es von den nicht weit entfernten Kasernen
+herüber. Also jetzt wurden die Reservisten zum Bahnhof geführt. Und
+Hermann stieg wohl bald auf sein Rad. In zwei bis drei Stunden konnte
+er zu Hause sein. Und heut' abend wollte er mit seinen Eltern sprechen
+... In bangem Atmen hob und senkte sich ihre Brust über dem klopfenden
+Herzen.
+
+Den Tag über wollten öfters bittere Gedanken gegen Hermann in ihr
+aufsteigen, die sie jedoch mit Gewalt niederzuhalten suchte. Die
+Hauptschuld hatten gewiß seine Kameraden. Ein bißchen leichtsinnig
+mochte freilich er auch wohl sein, das lag am Ende schon vom Vater her
+in ihm. Um so mehr brauchte er eine Frau, die ihn zu nehmen wußte.
+
+Frau Marwede begegnete heute ihrem Fräulein, als künftiger
+Mühlenbesitzersfrau, mit einer gewissen Achtung. Auch
+gab sie Ratschläge für einen jungen Hausstand und nannte
+Ausstattungsgeschäfte, in denen man nicht nur billig, sondern auch gut
+kaufe.
+
+Als Leidchen am Nachmittag in der Stadt einiges zu besorgen hatte,
+beeilte sie sich möglichst, um eine Viertelstunde zu erübrigen, und
+trat in eins der ihr empfohlenen Geschäfte, wo das Ladenfräulein ihr
+vieles zeigen mußte. Den Stein ihres Ringes verbarg sie so in der
+Hand, daß man ihn für einen Verlobungsreif halten konnte, und beim
+Fortgehen versprach sie, nächstens mit ihrem Verlobten wiederzukommen.
+
+Nach dem Abendbrot lud Frau Marwede sie ein, sich mit ihrer Handarbeit
+zu ihr zu setzen. Aber sie schützte Kopfweh vor und suchte ihre Kammer
+auf.
+
+Jetzt eben sprach gewiß Hermann mit seinen Eltern. Der Gedanke
+verursachte ihr starkes Herzklopfen, und Angstwellen liefen ihr
+durch den ganzen Körper. Als die Unruhe immer größer wurde, dachte
+sie auf einmal an den lieben Gott. Sie war ihm bislang mit ihren
+Liebesangelegenheiten noch nicht gekommen. Zum letztenmal hatte sie
+am Bett der kleinen Olga ernsthaft seiner gedacht. Aber jetzt bat sie
+ihn mit gefalteten Händen und geschlossenen Augen, er möchte ihr doch
+nicht böse sein und alles zum Besten wenden. Da sie merkte, daß sie
+dabei ruhiger wurde, nahm sie nach einer Weile ihr Gesangbuch aus der
+Kommode. Das in Leder gebundene und mit Goldschnitt versehene Buch
+war ein Geschenk ihres Bruders zur Konfirmation, und vorn hatte er
+hineingeschrieben: Dein Lebelang habe Gott vor Augen und im Herzen,
+und hüte dich, daß du in keine Sünde willigest, noch tust wider Gottes
+Gebot. Wie jetzt ihr Blick auf diese Worte fiel, warf sie das Buch
+ärgerlich hin und schalt den Bruder einen alten Schulmeister.
+
+Aber die innere Unruhe schwoll aufs neue an, und sie nahm es wieder
+zur Hand, um die »Kreuz- und Trostlieder« aufzuschlagen. Sie las deren
+einige, die sich ihr durch die Anfangsworte empfahlen: Sei stille,
+müd' gequältes Herz ... Gib dich zufrieden und sei stille ... Wer nur
+den lieben Gott läßt walten ... Hei, diesen Gesang spielten daheim die
+Musikanten immer, wenn im Dämmer der Großen Diele die Brautleute vor
+dem blumengeschmückten, lichterbeglänzten Trautisch standen! ...
+
+ * * * * *
+
+Am nächsten Morgen fing sie an, auf den Briefträger zu warten,
+obgleich sie sich sagte, daß unmöglich schon Nachricht kommen
+konnte. Und sie wartete den ganzen Tag. Und so den Mittwoch, und den
+Donnerstag, mit wachsender Ungeduld und Spannung.
+
+Ob er wegen des Zuspätkommens am Sonntag doch vielleicht noch drei
+Tage eingesperrt war?
+
+Oder hatte der Höker, der zu Hause die Posthilfsstelle verwaltete, den
+Brief liegen lassen? Rechter Verlaß war auf den Mann nicht.
+
+Oder sollten die Müllersleute wirklich noch Schwierigkeiten machen?
+
+Wenn die Briefbestellungszeit vorüber war, horchte sie, so oft die
+Ladentür klingelte, ob unten nicht jemand nach ihr fragte. Er hatte ja
+gesagt, vielleicht käme er auch selbst herüber.
+
+Am Freitag, als sie gerade vor der Haustür fegte, ging der Postbote
+nicht wie gewöhnlich vorüber, sondern rief verheißungsvoll: »Fräulein
+Leidchen Rosenbrock.« Sie riß ihm den Brief aus der Hand und flog
+klopfenden Herzens damit die Treppe hinauf.
+
+Auf ihrer Dachkammer angekommen, zerriß sie mit zitternden Fingern den
+Umschlag und las:
+
+
+ Liebe Schwester!
+
+Sie stutzte und sah nach der Unterschrift. Ach so--o, der Brief war
+nur von ihrem Bruder. Bitter enttäuscht ließ sie sich auf den Stuhl
+sinken.
+
+Was mochte der ihr denn zu schreiben haben ...
+
+ »Eigentlich wollte ich heute nach Bremen und Dich auch besuchen, aber
+ es ist was dazwischen gekommen. Nun muß ich Dir schreiben, was ich
+ Dir bestellen soll. Sei nächsten Sonntag um vier Uhr am Holler See,
+ vornan im Bürgerpark, die Stelle wirst Du wohl wissen, aber pünktlich!
+ Hoffentlich geht alles gut.
+
+ Mit Gruß in Eile
+
+ Dein Bruder Gerd.«
+
+
+Ein froher Glanz überstrahlte ihr Gesicht, tief aufatmend ließ sie die
+Hand mit dem Papier in ihren Schoß fallen.
+
+Also mit Gerd hatte Hermann sogar auch schon gesprochen! Das war
+sicher ein gutes Zeichen. Und wie ruhig der die Sache nahm!
+
+Warum er wohl nicht selbst geschrieben hatte? Nun, Gerd hatte ihm
+gewiß gesagt, daß er zur Stadt müßte und die Bestellung mitnehmen
+könnte.
+
+Den Platz am Holler See hatte er natürlich gewählt, um es wieder gut
+zu machen, daß er sie am letzten Sonntag dort vergeblich hatte warten
+lassen.
+
+Sie war überglücklich, schob den Brief in ihren Busen und las die
+kurzen Zeilen den Tag über wohl zehnmal. --
+
+Der Sonntag kam und mit ihm ein anhaltender Landregen. Wie mit Mollen
+goß es vom Himmel, und es war ein Wetter, daß man keinen Hund zum
+Hause hinaus jagen mochte.
+
+Als Leidchen am Nachmittag Frau Marwede fragte, ob sie ein bißchen
+ausgehen dürfte, sah diese sie mit maßlos erstaunten Augen an.
+
+»Mädchen, bist du nicht recht klug? Bei ~dem~ Wetter?«
+
+»Gerd hat mir geschrieben, ich muß ... Mein Bräutigam ist da.«
+
+»Ach so, das ist was anderes. Aber sag' ihm, daß er ein andermal
+hierherkommt. Dieses dumme Versteckspielen hat jetzt doch keinen Zweck
+mehr. Nimm meinem Mann seinen alten Regenschirm mit, er ist größer als
+deiner und hält eher etwas aus.«
+
+Es traf sich gut, daß sie an der nächsten Straßenecke auf die
+Elektrische stieß, die sie quer durch die Stadt an ihr Ziel brachte.
+
+Und da stand er auch schon, unter einem Regenschirm, an dem das
+Wasser in blanken Bächen herunterlief. Sie sprang mit bebenden Füßen
+von dem noch nicht ganz haltenden Wagen und eilte, unter Marwedes
+Familienschirm geduckt, auf ihn zu.
+
+Der andere Schirm hob sich. Sie prallte zurück.
+
+»Guten Tag, Fräulein Rosenbrock ...«
+
+»Guten Tag ...«
+
+»Wie geht's Ihnen?«
+
+»Oh ... gut ... Wie kommen Sie bei solchem Regen hierher?«
+
+»Was einer sich vorgenommen hat, muß er auch ausführen ... Ich soll
+Sie auch vielmals grüßen.«
+
+»Von wem?«
+
+»Von Ihrem Bruder Gerd.«
+
+»Ach so ... Danke.«
+
+»Gehen wir vielleicht ein bißchen im Bürgerpark spazieren?«
+
+»Bei solchem Wetter?«
+
+»Hm, es gibt ja Schutzhütten, und wir könnten auch am Emmasee eine
+Tasse Kaffee trinken, oder auf der Meierei, wo Sie am liebsten wollen.«
+
+»Herr Timmermann, mir ist ganz wirr im Kopf ... ich begreif' nicht ...
+Ich muß hierbleiben ... ich warte hier auf jemand.«
+
+»Nicht auf mich?«
+
+»Auf Sie?«
+
+»Ja, hat Gerd Ihnen denn nichts davon geschrieben?«
+
+»Daß Sie hierher kommen wollten? Nein ... Ach, nun geht mir ein Licht
+auf ... Nichts für ungut, hier liegt ein Mißverständnis vor ... Gerd
+ist an allem schuld, da hält gerade die Elektrische, ich will lieber
+gleich mit in die Stadt fahren, es tut mir leid, aber es regnet
+wirklich schlimm. Adieu!«
+
+Sie hatte den Wagen für sich allein und lief zweimal von einem Ende
+bis zum anderen, ehe sie sich niederließ.
+
+Sie ballte die Hand zur Faust. Wenn sie den Bruder hier hätte! Was
+hatte der nun wieder für Unfug angerichtet, mit seiner unglücklichen
+Sucht, ihr Leben zu bestimmen. Mit den schönen Hoffnungen der letzten
+beiden Tage war's also mal wieder nichts gewesen. Morgen wurde es eine
+Woche, daß Hermann zu Hause war, und noch hatte er nicht das geringste
+Lebenszeichen gegeben. Es mußten sich da doch wohl Schwierigkeiten
+erhoben haben.
+
+Die Frage des Schaffners: »Umsteigen?« stellte sie vor die
+Entscheidung, wie sie den Nachmittag zubringen sollte. Da die
+Elektrische gerade an einem Café vorüberfuhr, das sie früher einige
+Male mit Meta Stelljes besucht hatte, stieg sie an der nächsten
+Haltestelle aus, ging die kurze Strecke zurück und trat in das noch
+ziemlich leere Lokal, wo sie sich in ein Ecksofa warf. Der Kellner,
+bei dem sie eine Tasse Kaffee bestellt hatte, stellte auch den Aufsatz
+mit allerlei Gebäck vor sie auf das Marmortischchen.
+
+Die Hände im Schoß, grübelte sie dumpf vor sich hin. Nach einer Weile
+fing sie auch an zu essen, fast ohne sich dessen bewußt zu werden. Der
+Magen, der am Mittag nicht zu seinem Recht gekommen war, ließ sich
+jetzt einfach durch die Hände zuführen, was er bedurfte.
+
+Der Regen hatte ein wenig nachgelassen, das Café füllte sich schnell
+mit lustigen Leuten, Männlein und Weiblein, die sich die gute Laune
+nicht hatten verregnen lassen. Auf dem Podium in der Mitte fand sich
+eine Kapelle zusammen, der sehr jugendliche Direktor trug lange
+schwarze Künstlerlocken und nahm sich ungeheuer wichtig.
+
+Als die Musikanten ein ausgelassenes Operettenpotpourri spielten, kam
+auf einmal das Gefühl grenzenloser Verlassenheit und Einsamkeit über
+sie. Sie hielt es in diesem Getriebe nicht länger aus, klingelte mit
+dem Löffelchen den Kellner herbei, zahlte und ging.
+
+Es hatte aufgehört zu regnen. Die Laternen brannten schon, ihr Licht
+spiegelte sich in dem feuchten Glanz der Straßen. Die Luft war voll
+Regendunst, die tief ziehenden Wolken schienen sich wie unförmige
+Säcke dicht über den Häusern hinzuwälzen.
+
+Als sie eine Strecke gegangen war, trafen Glockenklänge ihr Ohr. Sie
+ging dem Schall nach und stand bald vor einer hohen alten Kirche mit
+bunten erleuchteten Fenstern. Nach kurzem Schwanken trat sie ein.
+
+Vom Widerhall der eigenen Schritte erschreckt, drückte sie sich
+schnell in eine der ersten Bänke und hielt Umschau. Die Kronleuchter
+strahlten helles Licht aus, in den Wölbungen und Winkeln und auf dem
+Altarchor herrschte trotzdem Dämmerung.
+
+Die Orgel setzte voll ein, und sie warf ihre ermattete Seele in das
+brausende Meer der Töne. Dann sang sie wacker mit, aus dem Gesangbuch,
+das der Kirchendiener ihr überreicht hatte.
+
+Als der Pastor auf der schön geschnitzten Kanzel erschien, wartete
+sie, wie sie es von den gottesdienstlichen Feiern in Grünmoor her
+gewöhnt war, auf den Bibeltext. Es wurde jedoch keiner verlesen,
+was sie nicht wenig befremdete. Dann wartete sie, daß der Herrgott
+oder der Herr Christus einmal mit Namen erwähnt werden möchte, aber
+vergeblich. Von dem, was der Prediger, unter reichlicher Anwendung
+von Goethesprüchen, über Persönlichkeit und Persönlichkeitsbildung
+vortrug, verstand sie nicht das mindeste, sodaß sie das Hinhören bald
+aufgab und die quälenden Gedanken in ihr wieder die Oberhand gewannen.
+Als sie aber die Kirche verließ, grüßte aus einem dämmerigen Winkel
+eine vertraute Gestalt, in Stein gebildet, herüber, und das Wort:
+»Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid« huschte
+wie ein erquickender Lichtstrahl durch ihre im Dunkeln zagende Seele.
+
+Des Abends auf ihrer einsamen Dachkammer fühlte sie plötzlich den
+Zwang in sich, in ihrer Sache irgend etwas zu tun. Nach einigem
+Hinundherüberlegen erbrach sie den Brief, den sie vor anderthalb
+Wochen an ihren Bruder geschrieben hatte, und nachdem sie ihn
+gelesen, beschloß sie, einen neuen zu schreiben. Sie schob das
+Zierdeckchen auf ihrer Kommode zurück und begann:
+
+
+ Lieber Bruder!
+
+ Du hast mir mal wieder einen schönen Streich gespielt. Schreibst mir
+ da einen Brief, aus dem kein Mensch klug werden kann, ich bin so dumm
+ und geh hin, und Du schickst mir so mir nichts dir nichts den Lehrer
+ über den Hals. Er ist dadurch in große Ungelegenheit gekommen, wofür
+ er sich bei Dir bedanken kann. Hab' ich Dir nicht hundertmal gesagt,
+ daß ich nichts von ihm wissen will? Warum glaubst Du mir denn nicht?
+ Kannst Du Dich denn gar nicht daran gewöhnen, daß ich keinen Vormund
+ mehr brauche?
+
+ Ich habe immer gedacht, Du kucktest mal bei mir vor; denn Du kommst in
+ dieser Zeit doch gewiß oft mit Torf in die Stadt. Aber jetzt, wo Du
+ 'ne Braut hast, bin ich natürlich Nebensache.
+
+ Als Du vor fünf Wochen hier warst, wollte ich Dir etwas sagen. Aber
+ Du hattest keine Zeit und gingst zu früh weg. Weil Du nun gar nicht
+ kommst, kann ich es Dir meinetwegen ja auch schreiben. Du mußt nämlich
+ wissen, daß ich auch verlobt bin, und zwar mit Müllers Hermann. Weißt
+ Du noch, auf dem Freimarkt? Damals habe ich ihn schon gern gehabt; ja,
+ ich glaub' beinahe, sogar schon in der Schule. Diesen Sommer haben
+ wir uns zufällig wieder getroffen und verlobt. Die Hochzeit soll noch
+ vor Weihnachten sein, und ich will Dir auch ehrlich gestehen, daß wir
+ nicht länger warten dürfen. Nun wirst Du natürlich wieder böse und
+ fängst an zu schimpfen, und hast ja auch wohl ein bißchen Grund dazu,
+ und mir ist es selbst nicht ganz recht, wie das alles gekommen ist.
+ Aber die Liebe ist stark und das Fleisch schwach, und was geschehen
+ ist, ist nun mal geschehen. Wir sind alle Menschen und fehlen
+ mannigfaltig. Darum behalt Deine Strafrede man für Dich und sieh
+ lieber zu, wie Du mir helfen kannst. Du mußt nämlich wissen, daß ich
+ augenblicklich in ziemlicher Angst und Sorge bin. Hermann ist letzten
+ Montag nach Hause gereist und wollte gleich am selbigen Abend mit
+ seinen Eltern sprechen und mir dann sofort schreiben. Aber bis jetzt
+ ist sein Brief nicht gekommen. Es kann ja sein, daß er irgendwo liegen
+ geblieben ist, was ich beinah glaube; dann kommt er am Ende morgen
+ früh, denn heute war nur einmal Bestellung, wegen der Sonntagsruhe.
+ Es kann aber auch einen anderen Grund haben, nämlich den, daß die
+ alten Müllers erst noch Sperenzien machen. Hermann sagt freilich,
+ es hülfe ihnen alles nichts, sie müßten einfach. Aber er nimmt den
+ Mund manchmal etwas voll. Er ist ein grundguter, treuherziger Mensch,
+ aber wohl ein bißchen leicht, und nicht ganz so ehrenfest wie Du --
+ das darf ich ja ruhig schreiben, so lieb ich ihn auch habe. Heute
+ nachmittag kam mir sogar mal der Gedanke, es wäre nicht unmöglich,
+ daß nicht er die Eltern, sondern die Eltern ihn herumkriegten. Auf so
+ dumme Ideen kann der Mensch kommen, wenn er sich allein überlassen
+ ist, jetzt lache ich natürlich schon wieder darüber. Weißt Du, was ich
+ mir da nun gedacht habe? Wenn Du mal hingingst und mit ihm sprächest
+ und ihm den Rücken ein bißchen steif machtest -- ich glaube, das
+ könnte er brauchen. Du darfst ihn aber ja und ja nicht merken lassen,
+ daß ich Dich hierum gebeten habe. Daß ich überhaupt schon einmal daran
+ gedacht habe, er könnte mich sitzen lassen, das darf er um Gottes
+ willen nicht wissen. Lieber Gerd, nimm's mir nicht übel, daß ich dies
+ alles ...
+
+Der Bogen war voll, sie las ihn durch, nickte befriedigt, korrigierte
+einige Schreibfehler und nahm einen zweiten, auf dem sie fortfuhr:
+
+
+ Dir so schreibe. Aber ich hab' ja sonst keinen als Dich, und wenn
+ der Mensch in guten Tagen seine besten Freunde auch manchmal gering
+ achtet, in den bösen erkennt er, was er an ihnen hat. Du brauchst vor
+ Hermann gar nicht bange zu sein, er trägt Dir nichts nach, er hat
+ immer anständig von Dir gesprochen und hält große Stücke auf Deinen
+ Charakter. Überhaupt ist er ein lieber Mensch, und ihr müßt noch mal
+ dicke Freunde werden, eher laß ich Euch beiden keine Ruhe. Wenn Du
+ mir den Gefallen tust, werd ich Dir in alle Ewigkeit dankbar sein.
+ Wir sind hoffentlich bald Nachbarn, und dann wird sich wohl eine
+ Gelegenheit finden, das wieder gut zu machen. Ich habe neulich schon
+ einen Brief geschrieben, hab' ihn aber nicht abgeschickt. Denk' Dir,
+ ich hatte auf einmal Angst vor Dir. Ist das nicht komisch, Angst zu
+ haben vor einem so lieben Bruder, wie Du bist? Aber in der Einsamkeit
+ kommt der Mensch leicht auf allerhand dumme Grappen. Du sollst den
+ ersten Brief auch haben, ich lege ihn bei, wenn ich dann auch zwanzig
+ Pfennig aufbacken muß. Heute nachmittag bin ich auch mal in der
+ Kirche gewesen, es war da sonst sehr schön, aber sie predigen hier zu
+ hochstudiert, und unsereins hat nicht ganz viel davon. Ich freue mich,
+ wenn ich erst in Grünmoor wieder hin kann, denn es gehört doch so 'n
+ bißchen mit dazu, wir werden wohl meistens fahren, und Du und Sine
+ könnt dann mit aufsteigen. Grüße Hermann herzlich von mir und schilt
+ ihn aus, daß er mir noch nicht geschrieben hat, aber mach's auch nicht
+ zu schlimm. Und dann komm bald mal vor, daß wir mal vernünftig über
+ alles sprechen können. Mit Dir kann man doch immer noch am meisten
+ anfangen.
+
+
+ Es grüßt Dich
+
+ Deine Schwester Leidchen.
+
+
+Als sie den Doppelbrief in den Postkasten fallen hörte, atmete sie
+erleichtert auf und sagte sich, nun wäre ihre Sache in den besten
+Händen.
+
+
+
+
+ 17.
+
+
+Am Dienstagvormittag stand Leidchen auf der Plättkammer, die neben
+ihrem Stübchen im Dachgeschoß des Hauses lag und ließ das heiße Eisen
+über die Leibwäsche der Marwedeschen Kinder gleiten. Sie hatte Tür und
+Fenster geöffnet, denn die giftigen Kohlengase verursachten ihr leicht
+Kopfweh.
+
+Eben dachte sie daran, daß um diese Stunde der Postbote in Brunsode
+die Briefe bestellt, als unten auf der Treppe ein Männerschritt laut
+wurde. Sie mußte das schwere Plätteisen schnell auf den Untersatz
+stellen und beide Hände auf den Tisch stemmen, um nicht in die Knie zu
+sinken. Als aber die Schritte näher kamen, fuhr sie sich mit der Hand
+über das Gesicht, ergriff das Eisen wieder und stieß es hastig über
+das Hemd, das sie gerade in Arbeit hatte.
+
+Gerds schmales Gesicht tauchte aus dem Treppenhause auf, seine
+stahlblauen Augen blickten hart und streng, die Lippen hatte er fest
+aufeinander gepreßt. Er trat ohne Gruß ein.
+
+»Leidchen, was hast du vorgestern mit Timmermann gehabt?«
+
+Obgleich der Schreck ihr in allen Gliedern saß, machte sie ein
+schnippisches Gesicht: »Was soll ich mit dem gehabt haben?«
+
+»Gestern mittag war ich bei ihm, um mich zu erkundigen. Aus dem Zeug,
+was er redete, konnte ich nicht klug werden. Aber soviel hab' ich
+verstanden: Du hast ihn stehen lassen wie einen dummen Jungen und
+bist mit der Elektrischen weggefahren.«
+
+»Ich möchte wissen, wer mir das verbieten will.«
+
+»Men--schens--kind! Wie kommst du dazu?«
+
+»Wie kommst ~du~ dazu, mir den Menschen auf den Hals zu hetzen?«
+
+»Leidchen!«
+
+»Hab' ich dir nicht oft und deutlich genug gesagt, daß ich nichts mit
+ihm zu tun haben will?«
+
+»Aber du bist auf meinen Brief doch hingegangen.«
+
+»Das war ein Mißverständnis.«
+
+»Leidchen ... ich weiß nun bald wirklich nicht mehr, was ich von dir
+denken soll. Der beste und treuherzigste Mensch, der ganz andere
+Mädchen kriegen kann als dich, macht sich bei dem fürchterlichen
+Wetter auf die Beine und bietet dir seine Hand; ich sitze zu Hause
+und kann mir vor Freude nicht helfen, kucke nach der Uhr: jetzt ist's
+vier, jetzt haben sie sich, jetzt hat auch Leidchen ihr Glück, und
+ein so großes, wie wir's uns früher nicht haben träumen lassen, und
+derweilen machst du's so, stößt eine solche Hand zurück wie ein Stück
+Holz.«
+
+Sie stand indessen über den Tisch gebeugt und plättete mit heftigen,
+klirrenden Stößen.
+
+Als er schwieg, sagte sie stoßweise: »Ich hab' dir einen langen Brief
+geschrieben. Jetzt wirst du ihn wohl haben ... Da steht alles drin.«
+
+»So? Ich denke doch, jetzt wo ich einmal hier bin, machen wir die
+Sache mündlich ab.« Er zog einen Stuhl heran und ließ sich nieder.
+
+»Das läßt sich nicht mit zwei Worten sagen.«
+
+»Dann nimm hundert, ich habe Zeit genug.«
+
+Sie hatte die Lippen trotzig geschürzt und schwieg.
+
+»Mit so einer fang' einer was an,« seufzte er und sah sie befremdet
+und ratlos an. »Leidchen, hast du denn alles Vertrauen zu mir
+verloren? Was hab' ich dir bloß getan? Du schüttelst den Kopf. Also
+nichts. Dann sei aber auch nicht so albern und komm heraus damit ...
+Du machst ja beinah ein Gesicht, als ob du ein böses Gewissen hättest.«
+
+»Das Eisen ist kalt geworden,« sagte sie hastig, nachdem sie es mit
+angefeuchteten Fingerspitzen geprüft hatte. »Wart' einen Augenblick,
+ich bin gleich wieder da.«
+
+Seinen Blick meidend, stolperte sie an ihm vorüber. Er sah ihr
+kopfschüttelnd nach und murmelte vor sich hin: »Das ist doch rein zu
+doll mit solchen Frauensleuten. Ob Sine auch so sein kann? Nee, ganz
+gewiß nicht. Sonst müßt' einer sich die Sache wahrhaftig noch mal
+überlegen.«
+
+Leidchen erschien wieder, und nachdem sie die Tür hinter sich
+zugemacht und das Eisen auf den Untersatz gestellt hatte, nahm sie die
+Hand ihres Bruders. »Gerd,« sagte sie mit weicher, einschmeichelnder
+Stimme, »wir haben uns noch gar nicht mal guten Tag gesagt.«
+
+»Süh, das ist auch wahr. Guten Tag, Leidchen.«
+
+Er hielt ihre Hand mit der Rechten und streichelte sie mit der Linken.
+»Wie das kleine Pfötchen zittert und bebt!« sagte er zärtlich. »Was
+hast du denn bloß, lüttje Deern?«
+
+»Bleib ruhig, ich will dir alles erzählen, du sollst alles wissen.«
+
+Sie trat hinter den Tisch, prüfte das Eisen, das jetzt zischte, und
+begann wieder zu plätten.
+
+»Weißt du noch, letztes Frühjahr, wie Meta Stelljes sich verlobte und
+die kleine Olga starb?«
+
+»Ja, daran erinner' ich mich ganz gut.«
+
+»Ein paar Wochen später war mal ein schöner Sonntag, und ich ging ein
+bißchen im Bürgerpark spazieren. Denn für unsereine, die tagelang
+nicht aus dem Hause kommt, ist so 'n bißchen frische Luft sehr gesund.
+Du kannst dir das gar nicht so denken, weil ihr auf dem Lande immer
+die gute Luft habt.«
+
+»Aber Deern, nun werd' bloß nicht weitläufig.«
+
+»Nun rat' mal, wen ich da im Bürgerpark traf.«
+
+»Nach Rätselraten ist mir heute wirklich nicht zu Sinn.«
+
+»Denk dir: Müllers Hermann!«
+
+»Mül--lers Her--mann?« wiederholte er langsam und gedehnt.
+
+»Du mußt's mir versprechen, daß du ganz ruhig bleiben willst,« bat sie
+mit einem schnellen, flimmernden Blick in seine Augen, »sonst kann ich
+dir nichts erzählen.«
+
+»Aber Mädchen, ich höre dir ja ganz ruhig zu.«
+
+»Hermann war gerade eben aus Spandau wiedergekommen. Er freute sich
+nicht wenig, als er mich zu sehen kriegte, und ich freute mich
+natürlich auch. Denn meine Freundschaft mit Meta Stelljes war aus und
+die kleine Olga tot, so hatte ich damals keinen Menschen.«
+
+»Weiß ich, nun man weiter.«
+
+»Und so ganz allein in der Welt, das hält nicht jeder aus, und auch
+meine Natur ist nicht danach ...«
+
+»Aber nun vorwärts, Deern, du vertüterst dich ja ganz.«
+
+»Also wir fuhren zusammen im Kahn spazieren und haben uns dann öfters
+getroffen und hatten uns bald so lieb, daß wir nicht mehr voneinander
+lassen konnten. Und zuletzt haben wir uns richtig verlobt.«
+
+»Hmhm ... Und was soll nun werden?«
+
+»Das ist mal 'ne dumme Frage. Wir halten nächstens Hochzeit. Hermann
+ist jetzt eben hin und spricht mit seinen Eltern.«
+
+»Deern, kuck mich mal an! ... Nee, nicht so halb an mir vorbei,
+ordentlich frei ins Gesicht! Sag' mal, bist du wirklich so von allen
+guten Geistern verlassen, daß du dir einbilden kannst, die nehmen eine
+wie dich als Tochter ins Haus?«
+
+»Warum nicht?«
+
+»Dumme Deern, darum verlier' ich überhaupt keine Worte.«
+
+»Hermann sagt ...«
+
+»Ach was: Hermann sagt! Was Hermann sagt, ist für die Katz.«
+
+»Gerd, überleg dir, was du sagst und von wem du sprichst!«
+
+»Gut, Leidchen, wir wollen uns in der Sache gar nicht weiter aufregen.
+Wenn die alten Müllers dir ihren Segen geben, hast du meinen auch. Wir
+feiern dann eine große vergnügte Hochzeit, und du siehst zu, wie du
+mit den Leuten auskommst. Es mag ja sein, daß Hermann im Grunde gar
+nicht so übel ist, wie ich früher dachte. So ganz schlimm muß er ja
+wohl nicht sein, sonst hättest du ihn gewiß bald laufen lassen ...
+Bist du nun zufrieden?«
+
+Sie kam um den Tisch herumgefahren, schlug die Arme stürmisch um
+seinen Hals und rief: »Lieber, bester Bruder, was bist du gut!«
+
+Er wehrte sie etwas unsanft ab und fuhr fort: »Wir sind noch nicht
+ganz fertig, mein' Deern. Wenn die Müllersleute nun mal nicht wollen
+... was dann?«
+
+Leidchen, die an ihren Platz zurückgetreten war, sah ihn mit
+erschrockenen Augen an.
+
+»Sie müssen!« sagte sie, die Zähne zusammenbeißend.
+
+»Ha, als ob du sie zwingen könntest!«
+
+»Hermann ...«
+
+»Kann sie auch nicht zwingen ... Was dann?«
+
+Sie sah ihn ratlos an.
+
+»Ich will's dir sagen, Leidchen, dann ist noch gar nichts verloren, im
+Gegenteil! Dann nimmst du einfach den anderen.«
+
+»Aber Gerd ...«
+
+»Was machst du für'n Gesicht? Das passiert öfters, daß der Mensch
+mit seiner Liebe erst mal an den Verkehrten kommt, aber der wird
+vergessen, sobald der Richtige sich sehen läßt.«
+
+»Gerd!«
+
+»Sieh, er weiß von der Geschichte nichts und braucht auch nichts davon
+zu wissen. Du hast ihm vorgestern nichts gesagt, ich bin stumm wie
+das Grab, und Müllers werden auch wohl dicht halten, ich will Hermann
+noch eigens darum bitten. Wahrscheinlich hat er seinen Eltern auch gar
+nichts davon gesagt und läßt die kleine Soldatenliebschaft von selbst
+einschlafen, wie's die meisten tun, nach der Melodie: Aus den Augen,
+aus dem Sinn.«
+
+»Gerd! Gerd!«
+
+»Ja, ja, Leidchen, verliebte Leute machen sich gern selbst was vor.
+Da ist es gut für sie, daß andere klaren Kopf behalten und die Dinge
+sehen, wie sie in Wirklichkeit sind. Ich möchte diesen Timmermann ja
+gern zum Schwager haben, denn er ist ein prächtiger Mensch, und wir
+sind gute Freunde. Aber zwingen will ich dich nicht. Kannst du auf die
+Mühle kommen, in Gottes Namen man zu! Du bist eine, die am Ende auch
+da fertig wird. Wenn aber nicht, auch gut. Dann gehst du einfach ein
+paar Häuser weiter.«
+
+Sie hatte sich auf einen hoch angefüllten Wäschekorb sinken lassen,
+barg das Gesicht in den Händen und stieß unter wildem Schluchzen
+heraus: »Es geht ... nicht mehr ... es ist ... zu spät ...«
+
+»Was?« rief er zusammenzuckend.
+
+»Was!?« schrie er und sprang in die Höhe.
+
+Mit geballter Faust schritt er auf sie zu. Sie hob die Arme zur Abwehr.
+
+Er ließ die Faust sinken und spreizte die fünf Finger von sich: »Dich
+prügeln? Fällt mir nicht im Traum ein. Das bist du mir gar nicht mehr
+wert, dafür bist du mir viel zu schlecht. Pfui!« Er spie vor ihr aus
+und rief noch einmal »Pfui!« Dann drehte er sich um, riß die Tür auf
+und stieg mit harten, polternden Schritten die Treppe hinunter. Es
+dröhnte durchs ganze Haus, wie er unten die Haustür ins Schloß warf.
+
+Eine Weile saß Leidchen in sich zusammengesunken und schluchzte, daß
+es ihren ganzen Körper schüttelte.
+
+Dann hob sie den Kopf und starrte eine Zeitlang mit den verweinten,
+entgeisteten Augen in die rote Kohlenglut des Plätteisens.
+
+Auf einmal schoß sie steil in die Höhe, lief in ihre Kammer hinüber,
+zog das Jackett an, setzte den Hut auf, nahm den Schirm zur Hand und
+schlich leise die Treppe hinunter. An Frau Marwede, die gerade eine
+Kundin bediente, stürzte sie vorbei, ohne zur Seite zu sehen. Auf der
+Straße setzte sie sich in Laufschritt, und als sie ihre Herrin hinter
+sich rufen hörte, stürmte sie noch schneller voran. An der Ecke sprang
+sie auf einen Wagen der Elektrischen, der dort gerade hielt. Da sie
+in der Eile kein Geld beigesteckt hatte, mußte der Schaffner ihr den
+Groschen für die Fahrt leihen.
+
+Als sie am Torfhafen ankam, fand sie Gerd in seinem Schiff, zur
+Abfahrt rüstend.
+
+Sie trat an die Uferböschung und rief seinen Namen. Er sah und hörte
+nicht.
+
+Er hob das Schieberuder, und das Boot glitt zum Hafen hinaus in den
+Kanal. Sie ging auf dem Leinpfad nebenher und bat einmal über das
+andere, er möchte sie doch nur einmal noch anhören.
+
+Er lenkte das Schiff auf die andere Seite und fuhr hart am
+jenseitigen Ufer dahin. Sie sah sich um, und als sie sich überzeugt
+hatte, daß niemand in der Nähe war, rief sie ihm durch die hohlen
+Hände zu: »Gerd, wenn du so von mir weggehst, spring' ich in die
+Weser.«
+
+Er stieß das Fahrzeug mit der ganzen Kraft seiner Arme vorwärts, so
+daß sie not hatte, mit ihm Schritt zu halten.
+
+Verweiflungsvoll schrie sie hinüber: »Gerd, hast du ganz vergessen,
+was du unserer Mutter selig auf ihrem letzten Lager versprochen hast?«
+
+Zum ersten Male warf er einen schnellen Blick zur Seite.
+
+Nach einer Weile verlangsamte das Schiff seine Fahrt, und dann kam es
+schräg über den Kanal und legte sich ans Ufer. Nachdem er ausgestiegen
+war und es an der Vorderkette festgemacht hatte, trat er vor die
+Schwester hin. Die Hände nach unten gestreckt, sagte er, sie mit
+todtraurigen Augen ansehend: »Oh, Leidchen ... Leidchen!« Sie stand
+da, glutübergossen, den Blick auf den Boden geheftet, und stach mit
+der Spitze ihres Schirmes ein spätes Blümchen in den Grund.
+
+»Denn komm,« sagte er tonlos und schritt an ihr vorüber auf einen
+Promenadenweg zu, der in den am Torfkanal sich entlang ziehenden
+Bürgerpark führte. Sie folgte ihm in einer Entfernung von zwei bis
+drei Schritten. Vor einer einsamen Bank machte er halt, ließ sich
+seufzend niederfallen und gab der Schwester stumm ein Zeichen, sich
+neben ihn zu setzen.
+
+Lange verharrten sie in Schweigen. Er hatte die Arme auf die
+Knie gestemmt, den Kopf in die Hände gestützt, die Finger in die
+Augen gedrückt. Sie blickte von Zeit zu Zeit scheu zur Seite und
+wagte nicht, ihn anzureden. Denn auf seiner Schläfe war eine
+dickgeschwollene, wie ein Blitz gezackte Ader, durch die das Blut
+stoßweise dahinschoß.
+
+Plötzlich verdeckte er die Augen mit ganzen Händen und fing bitterlich
+an zu weinen. Er wollte das Schluchzen gewaltsam unterdrücken, um so
+mehr erschütterte es seinen Körper. Endlich begann er mit gebrochener
+Stimme zu reden.
+
+»Leidchen, Leidchen, wie gut hättest du es haben können ... so gut
+wie keine in unserm Dorf und im ganzen Moor ... Und nun machst du
+selbst dir alles durch deinen Leichtsinn zuschanden ... Hab' ich dich
+so angelernt und aufgezogen? ... Hab' ich dich nicht immer vermahnt
+und zum Rechten angehalten? Hab' ich nicht gesagt, du solltest bei
+uns auf dem Lande bleiben? Aber du mußtest natürlich mit aller Gewalt
+in die Stadt, bloß um dem, der's immer so gut mit dir gemeint hat,
+unter den Augen wegzukommen und in dein Unglück zu rennen ... Wie bin
+ich immer stolz auf dich gewesen ... du warst das feinste Mädchen im
+Dorf. Wenn du einen so fröhlich ankucktest, war's, als wenn einem die
+liebe Sonne so recht hell und warm ins Herz lachte ... Wenn du im
+Moor oder auf den Wiesen dich so munter regtest, wurde die schwerste
+Arbeit einem zur Lust ... Und nun machst du's so, nun mußt du dasitzen
+mit niedergeschlagenen Augen, wie ein Klumpen Unglück ... Es ist ein
+Jammer sondergleichen ...«
+
+Sie saß auf ihren Schirm gestützt, starrte zur Erde und ließ alles
+ruhig über sich ergehen.
+
+Sein Gesicht nahm auf einmal den Ausdruck großer Bitterkeit an: »Sieh
+bloß zu, daß du's gut bezahlt kriegst!«
+
+Wie von einer Natter gestochen fuhr sie in die Höhe und sah ihn mit
+blitzenden Augen an: »Gerd, ich rat' dir, geh nicht zu weit! Alles laß
+ich mir auch von dir nicht gefallen.«
+
+»Ja, nun bist du auf einmal stolz, nun, wo's zu spät ist ...«
+
+Eine Weile herrschte wieder Schweigen. Dann fragte sie leise und
+zaghaft: »Gerd, darf ich nun auch mal ein Wort sagen?«
+
+Er sagte nicht ja und nicht nein.
+
+»Bitte, lieber Bruder, laß uns nicht immer über das reden, was nun
+einmal nicht mehr zu ändern ist ... Ich hab' dir einen langen Brief
+geschrieben, da steht alles in ... Ich hab' dir vorhin schon gesagt:
+Hermann ist ein grundguter Mensch, bloß ein bißchen leicht, nicht ganz
+so ehrenfest wie du; jeder hat ja seine Fehler, du auch. Daß er mich
+von Herzen lieb hat, das weiß ich ebenso gewiß wie das andere, daß
+du es gut mit mir meinst. Sein Vater und Mutter mögen erst ja wohl
+gegen mich sein, aber er hält fest und treu zu mir. Wenn ich das nicht
+ganz gewiß wüßte, was bliebe mir denn noch übrig! Aber, wie ich schon
+gesagt habe, er ist ein bißchen leicht ... Deshalb braucht er einen,
+der ihn mal an seine Pflicht erinnert und ihm den Rücken steif macht,
+damit er fest seinen Mann stehen kann. Und da möchte ich dich nun
+bitten, lieber Bruder, geh' doch mal hin und sprich mit ihm!«
+
+»So, dafür bin ich gut genug ... Als ihr miteinander anfingt, du wurde
+ich nicht um Rat gefragt.«
+
+»Ach, ich wollte es dir jedesmal sagen, wenn du hier warst, aber ...«
+
+»Du hieltest deinen Mund, weil du von Anfang an kein gutes Gewissen
+bei der Sache hattest.«
+
+»Bitte, Gerd, laß uns davon doch nicht immer wieder anfangen ... Nicht
+wahr? du tust deiner kleinen Schwester die Liebe an, daß du bald mal
+hingehst. Bitte, bitte.«
+
+Sie berührte mit der Hand leise streichelnd seinen Arm und sah ihn
+flehend an.
+
+Er saß lange Zeit vornübergebeugt, mit dem linken Hacken ein Loch in
+den Kies bohrend, schweigend und manchmal seufzend.
+
+Endlich richtete er sich auf und sagte entschlossen: »Ja, ich will's
+tun. Und er soll was von mir zu hören kriegen, das wird er sich nicht
+hinter den Spiegel stecken!«
+
+Sie hob erschreckt und wie beschwörend die Hand: »Um Gottes willen,
+Gerd, bloß das nicht! Damit machst du die Sache nur schlimmer. Die
+Schuld will ich gern auf mich nehmen. Nein, du mußt freundlich, ruhig
+und ernsthaft mit ihm sprechen, wie du das so schön kannst. Du mußt
+ihn daran erinnern, was er mir schuldig ist, und auch seiner eigenen
+Ehre.«
+
+»Ha! Ein schöner Bräutigam, den ein anderer daran erst erinnern muß.«
+
+»Ach Gerd ... Du mußt mich auch ein bißchen anpreisen und ihm sagen,
+daß er mit mir nicht betrogen wird. Das weiß er ja auch schon so, aber
+es kann doch nicht schaden, wenn's ihm auch ein anderer noch mal sagt,
+und auf deinen Charakter hält er große Stücke, das hat er mir öfters
+gesagt.«
+
+»Wirklich? Das ist ja nett, und dankenswert, hahaha ... Aber gut,
+morgen abend, nach Feierabend, geh' ich hin. Wenn Wind ist, werd' ich
+ihn wohl allein auf der Mühle treffen, den Gesellen haben sie neulich
+laufen lassen.«
+
+»Oh Gerd,« rief sie, erleichtert aufatmend, »wie soll ich das bloß
+wieder gut machen?«
+
+Sie ergriff seine Hand, die sie drückte und liebkosend gegen ihre
+Wangen preßte.
+
+Er zog dieselbe bald zurück und sagte: »Ob's was helfen wird? Ich
+verspreche mir soviel wie nichts davon. Die Alten, die Alten ...«
+
+»Oh Gerd, wenn wir drei Jungen fest zusammenhalten ...«
+
+»Deern, du bist jung und unerfahren, du kennst das Leben und die
+Menschen nicht. ~Die~ Sorte hat noch keinem etwas zuliebe getan.«
+
+»Könntest du mit ihnen nicht auch mal sprechen, wenn's nötig ist? Oder
+graust du dich davor?«
+
+»Gut, ich werde auch ihnen ins Gewissen reden, wenn's nötig ist.«
+
+»Bitte, Gerd, tu' das. Du kannst das ja so schön. Aber mach's bitte
+recht vorsichtig und gelinde, daß du sie nicht gegen mich erzürnst. Du
+mußt immer bedenken, ich soll mit ihnen leben.«
+
+»Und wenn sie sich auf nichts einlassen wollen, was dann?«
+
+»Darüber wollen wir noch nicht sprechen.«
+
+»Das wollen wir doch, und erst recht! Dann werd' ich Hermann die
+Pistole auf die Brust setzen, daß er's macht wie vor zwei Jahren
+Joostens Jan, als seine Eltern seine Braut nicht aufnehmen wollten.
+Dann muß er hier in Bremen mit dir einen Hausstand gründen. Arbeit
+findet er überall, und wenn du später etwa mit zuverdienst, als
+Aufwartefrau oder so, könnt ihr ganz gut leben.«
+
+»Ob er das wohl täte?«
+
+»Wenn er dich wirklich lieb hat und ein ehrlicher Kerl ist, kann er
+gar nicht anders.«
+
+»Wie du gleich an alles denkst, Gerd! Ja, das wäre immer noch ein
+Ausweg. Später müßten wir die Mühle ja doch kriegen, nicht wahr? Denn
+da möcht' ich doch lieber wohnen.«
+
+»Das glaub' ich dir.«
+
+Sie erhoben sich von der Bank und schritten langsam den Parkweg
+zurück, dem Torfkanal zu.
+
+»Ach Leidchen,« begann er noch einmal, »hätt' ich von dem allen
+nur eine Ahnung gehabt! Ich hätte dich mit Gewalt von dem Menschen
+losgerissen, ehe es zu spät war.«
+
+»Das hättest du nicht fertig gebracht,« rief sie leidenschaftlich.
+»Wenn die Liebe einen mal gepackt hat, dann kommt nichts in der Welt
+dagegen auf.«
+
+»Ich kenne die Liebe auch,« sagte er leise, und seine traurig ernsten
+Augen leuchteten auf.
+
+»Du bist in allen Dingen anders als ich ... Oh, Gerd, wie freu' ich
+mich, daß du gekommen bist und ich das alles vom Herzen los bin! Ich
+kann dir gar nicht sagen, wie leicht mir jetzt ist. Nun ist meine
+Sache in den besten Händen. Heute seh' ich erst ein, was ich an dir
+habe. Nicht wahr, du glaubst doch auch, daß noch alles gut wird?« Sie
+hatte seine Hand ergriffen und sah ihm in die Augen.
+
+Er blickte sie an, nicht sonderlich hoffnungsfreudig, und sagte: »Wir
+wollen unser Möglichstes versuchen.«
+
+Er hatte die Vorderkette seines Schiffes gelöst, warf sie auf die
+Koje, daß es einen scharfen, dumpf nachhallenden Eisenklang gab, und
+stemmte das Ruder ein.
+
+»Wann krieg' ich Nachricht?« fragte sie.
+
+»Sobald es angeht,« sagte er gelassen, legte sich gegen die Stange und
+brachte das Schiff in Gang. Sie sah ihm lange nach und wartete, er
+sollte sich noch einmal umwenden. Aber das tat er nicht, sondern mit
+seinen lang ausgreifenden, etwas wiegenden Schritten ging er neben dem
+auf dem schnurgeraden Wasserlauf gleitenden Schiff den schmalen Pfad
+dahin.
+
+Endlich wandte auch sie sich und ging langsam nach der Stadt zurück.
+
+
+
+
+ 18.
+
+
+Brunsode hatte Feierabend gemacht, auf allen Gehöften ziemlich
+gleichzeitig. Nur die Windmühle, deren Arbeits- und Ruhestunden
+zuzeiten nicht durch Tag und Nacht, sondern von Wind und Wetter
+bestimmt werden, drehte sich langsam vor einem schwachen West, und die
+kleinen Fenster waren erleuchtet.
+
+Das bemerkte Gerd mit Genugtuung, als er mit festen Schritten den
+Birkendamm daherkam. Er trug Sonntagskleidung und Lederstiefeln. Im
+Munde hing ihm die Pfeife, die er jedoch nicht in Brand gesetzt hatte.
+Als er vom Damm abbog, schob er sie in die innere Rocktasche.
+
+Er warf einen Blick in die offen stehende Tür der Mühle und sah in
+dem schwachen Licht einer Petroleumlampe den Gesuchten beschäftigt,
+einen Kornsack in den Mahltrichter zu entleeren. Eintretend rief er
+ihm durch das betäubende Geklapper die Tageszeit zu. »Wart' einen
+Augenblick, ich komme gleich,« wurde ihm hastig geantwortet.
+
+Er setzte sich auf einen prallen Kornsack und sah auf einen Fleck. Als
+er nach einer Weile aufblickte, ob der Erwartete noch nicht käme, sah
+er ihn, die mehlbepuderte Mütze im Nacken, eine Treppe hinaufsteigen
+und in dem Kopf der Mühle verschwinden. »Das macht das böse Gewissen,«
+murmelte er bitter lächelnd vor sich hin.
+
+Nachdem er eine gute Weile geduldig gewartet hatte, erhob er sich und
+stieg eine kurze Treppe von zehn Stufen hinauf. Gerade wollte er auf
+der höher führenden Leiter dem Verschwundenen nachsteigen, als dieser
+oben sichtbar wurde und langsam herunterkam.
+
+»Wo können wir ein ruhiges Wort miteinander sprechen?« rief er ihm
+entgegen.
+
+Der Müller öffnete eine Tür und ließ ihn auf den Umgang hinaustreten.
+Als er hinter sich zugemacht hatte, klang der Lärm des Mahlwerks
+gedämpft, und man hörte die gespenstisch durch das Dunkel fahrenden
+Flügel wie Riesenschwerter fauchen.
+
+»Du kommst wegen Leidchen,« begann der Müller.
+
+»Allerdings,« sagte Gerd, ein wenig überrascht.
+
+»Hast du sie besucht? Wie geht es ihr?«
+
+»Wie soll es ihr gehen ...«
+
+»Sie hat wohl stark nach einem Brief von mir ausgesehen?«
+
+»Das soll wohl sein.«
+
+»Aber ich konnte ihr wirklich noch nichts schreiben.«
+
+»Hermann, ich bin nicht gekommen, um ein bißchen mit dir zu schnacken.
+Erst mal eine Frage! Sag mal, hast du Leidchen bloß zum besten gehabt,
+ich meine, hast du bloß so deinen Spaß mit ihr haben wollen?«
+
+»Gerd, das traust du mir doch wohl nicht zu.«
+
+»Ich weiß nicht ... So genau kenne ich dich nicht. Also du hast ihr
+wirklich die Ehe versprochen?«
+
+»Ja.«
+
+»Gut, daß ich das nun erst mal weiß. Sonst, beim wahrhaftigen Gott,
+könnte ich dich packen und da in die sausenden Flügel hineinstoßen.«
+
+»Hoho, man nicht so hitzig! Dabei hätt' ich auch noch ein Wort
+mitzureden.«
+
+»Und wann soll die Hochzeit sein?«
+
+»Wir hatten an November oder Dezember gedacht ... aber ...«
+
+»Was aber?«
+
+»Die beiden Alten haben dabei auch ein Wort mitzureden.«
+
+»Ach nee! Und was sagen die?«
+
+»Gerd, wenn man in der Fremde ist und vergnügt in den Tag hineinlebt,
+denkt man wohl: mit den Alten wirst du leicht fertig, die müssen, wie
+du willst, die werden einfach nicht gefragt. Bist du dann aber wieder
+zu Hause und streckst die Füße jeden Tag mit ihnen unter denselben
+Tisch, dann macht sich die Sache doch etwas anders.«
+
+»Ach nee! ... Hast du schon ernsthaft mit ihnen wegen Leidchen
+gesprochen?«
+
+»Versteht sich. Den ersten Abend ging's nicht gut, Vater war, ich
+denk', aus Freude, daß er mich wieder hat, so 'n bißchen aufgeheitert
+... Aber Dienstag, so in der Schummerzeit, geh' ich hin und fädele die
+Sache nach meiner Meinung sehr fein ein. Aber Vater erklärt rundweg,
+von den kleinen Kötterdeerns wär' noch nie eine als junge Frau auf die
+Mühle gezogen, und solange er die Augen offen habe, bliebe das auch
+so, daß der Mühlerbe sich von anderswoher seinesgleichen hole.«
+
+»Hast du ihm gesagt, was du meiner Schwester schuldig bist?«
+
+»Ja. Da zuckte er aber nur die Achseln.«
+
+»Und was soll nun werden?«
+
+»Wenn ich das nur erst wüßte ... Die ganzen Tage zergrübele ich mir
+darüber den Kopf. Leidchen tut mir in der Seele weh, sie nimmt die
+Sache so schrecklich ernst.«
+
+»Den Deubel auch! Darüber wunderst du dich?«
+
+»Nein, nein, Gerd, ich wollte nur sagen, sie ist so furchtbar hitzig
+... Sag' mal, kennst du Harm Tietjen, den Grasbauern an der Hamme?«
+
+»Ja, wir haben Grünland von ihm in Pacht.«
+
+»Kennst du auch seine Tochter Hermine?«
+
+»O ja, sie muß so an die Dreißig sein, hat mehr Sommersprossen
+im Gesicht als Haare auf dem Kopf, und ist schon stark in Saat
+geschossen.«
+
+»Denk' dir, Gerd, die soll ich mit Gewalt heiraten!«
+
+»Junge! Seid ihr denn ganz des ...? Kennst du das Mensch?«
+
+»Nein. Ist sie wirklich so schlimm?«
+
+»Ich würde lieber die Wackelstine aus dem Armenhaus nehmen als die.
+Drei Jahre ist sie mit einem Postschreiber aus Bremen herumgezockelt,
+dann hat der sie laufen lassen. Da, wo sie zu Hause ist, nimmt jetzt
+der ärmste Knecht sie nicht mehr geschenkt. Wie können deine Eltern
+bloß so blind und so grausam sein!«
+
+Hermann seufzte. »Vater hat die letzten Jahre schlecht aufgepaßt,
+und der Gesell, den wir nun weggejagt haben, hat sich das zunutze
+gemacht. Prozesse haben allerhand gekostet, die Mühle in Blankenmoor
+macht uns scharf Konkurrenz, und ich habe als Soldat auch ziemlich
+viel gebraucht; denn ich dachte, das Geld, das Mutter zugebracht hat,
+könnte gar nicht alle werden ... Wir brauchen notwendig Geld.«
+
+»Und du willst dich verkaufen lassen?«
+
+»Gerd, wie kannst du so was denken ... Ich sträube mich ja mit Händen
+und Füßen. Wenn mir nur einer da heraushülfe!«
+
+»Selbst ist der Mann! Tritt doch vor die alten Seelenverkäufer
+hin, schlag mit der geballten Faust auf den Tisch, daß die Platte
+auseinanderspringt, und sag': Entweder ihr gebt mir Leidchen zur Frau
+oder ich nehm meinen Stock und geh meiner Wege!«
+
+»So wird's auch wohl noch kommen, ich hab' mir das auch schon gedacht.«
+
+»Hermann, wir beiden sind niemals gut Freund miteinander gewesen.
+Du warst mir immer zu leicht und zu großspurig. Aber für einen
+anständigen Kerl hab' ich dich im Grunde doch immer gehalten. Nun
+beweise, daß ich mich in dir nicht getäuscht habe. Komm, wir gehen
+zu deinen Eltern und sprechen mal ein ernstes Wort mit ihnen. Zeig
+ihnen die Zähne und laß sehen, ob du ein Kerl bist, der Ehre im Leibe
+und Muck in den Knochen hat und mehr kann, als unerfahrene Mädchen
+übertölpeln. Komm!«
+
+»Gerd, ich kann die Mühle nicht allein lassen.«
+
+»Stell sie ab, es schafft doch nicht mehr bei der Mütze voll Wind.«
+
+Hermann sah prüfend nach den Flügeln, deren Umdrehungen sich noch
+mehr verlangsamt hatten. Er trat von einem Fuß auf den anderen, riß
+die Mütze vom Kopf, wühlte mit der Hand in seinen Haaren und sagte
+endlich: »Geh vorauf, ich komme gleich nach.«
+
+Gerd schritt auf dem Fahrdamm, der Mühle und Wohnhaus trennte, unruhig
+hin und her. Nach einer Weile kamen die Flügel unter Knarren zum
+Stehen, und bald war Hermann an seiner Seite.
+
+»Sag' aber um Gottes willen nichts von Hermine Tietjen,« bat er, indem
+sie dem Hause zuschritten, »davon weiß sonst noch kein Mensch, und das
+würde den Alten fuchsteufelswild machen.«
+
+»Laß mich man gewähren und steh du deinen Mann,« sagte Gerd.
+
+Sie gingen über eine geräumige, gegen das Viehhaus abgeschorene
+Diele, die von einer roten Ampel beleuchtet wurde, und traten in die
+Wohnstube, wo die Müllersleute um eine grünbeschirmte Lampe saßen,
+die Frau mit einem Strickstrumpf, der Mann über seinen Zeitungen, ein
+dampfendes Glas Grog neben sich.
+
+»Warum bist du nicht in der Mühle?« herrschte der Vater den Sohn an.
+
+»Der Wind ist alle geworden, ich hab' Feierabend gemacht,« sagte
+Hermann und ließ sich auf einen Stuhl unweit der Tür nieder.
+
+»Was willst ~du~ denn?« wandte der Müller sich darauf an den
+Besucher.
+
+»Mit Verlaub,« sagte dieser gelassen, »ich darf mich wohl erst mal
+setzen.« Er zog einen Stuhl heran und pflanzte sich recht mitten in
+die Stube, den beiden am Tisch gegenüber, den Sohn halbrechts hinter
+sich. Die ein wenig in den Nacken geschobene Mütze behielt er nach
+Landessitte auf dem Kopf. Auch spuckte er, wie es so Brauch war,
+einmal zwischen seinen Knien hindurch auf den Fußboden. Das war sonst
+gerade nicht mehr seine Art, seit Freund Timmermann es sich einmal
+verbeten hatte, aber heute kam es ihm darauf an, dem stiernackigen
+Mann mit dem roten, höhnischen Gesicht zu zeigen, daß er dessen
+Anspruch, eine höhere Art Mensch zu sein als die anderen Moorbauern,
+nicht anerkannte.
+
+Der Müller riß die Augen weit auf und wollte etwas sagen.
+
+Aber Gerd kam ihm zuvor. »Ich bin gekommen,« begann er, den Blick
+seinem Gegenüber voll zuwendend, »um mit Euch wegen meiner Schwester
+Leidchen zu sprechen.«
+
+»Was scheren mich deine Familienangelegenheiten!« polterte der andere.
+
+»Es sind ebensosehr die Euren. Hermann hat meiner Schwester in Bremen
+die Ehe versprochen. Nicht wahr, Hermann, so ist es doch?« wandte er
+sich nach diesem um.
+
+Der nickte.
+
+»Und nun wollte ich anfragen, wann die Hochzeit sein soll. Ihr wißt,
+die Sache hat Eile.«
+
+»Hohoho,« lachte der Müller, indem er mit der einen Hand die Zeitungen
+zurückschob und sich mit der anderen auf das Knie schlug, »du bist ein
+famoser Kerl, der gleich auf das Ganze geht.«
+
+In Gerds Gesicht zuckte es. »Zum Lachen ist bei so ernsten Dingen
+ganz und gar keine Ursache,« sagte er, finster blickend, mit mühsam
+gebändigter, bebender Stimme. »Es handelt sich nicht bloß um uns. Es
+handelt sich ebensoviel und beinah noch mehr darum, daß Euer Hermann
+nicht als meineidiger Schuft Schande über Eure Familie bringt.«
+
+»Für die Ehre unserer Familie zu sorgen, kannst du getrost uns
+überlassen, dazu brauchen wir dich nicht,« gab der Müller mit
+spöttischem Lächeln zur Antwort. »Was Hermann in Bremen für dumme
+Streiche gemacht hat, weiß ich nicht und will ich auch nicht wissen.
+Was so 'n Mädchen in ihrem Leichtsinn sich einbrockt, muß sie auch
+ausessen.«
+
+»Müllers Vater, Ihr sprecht von Leichtsinn und Dummheiten, und ich
+will die beiden gewiß nicht in Schutz nehmen. Ein Sohn, der seinen
+Eltern eine Tochter ins Haus bringen will, soll sie früh genug fragen,
+ob die, auf die er sein Auge geworfen hat, ihnen paßt, und überhaupt
+soll alles ordentlich und ehrlich zugehen. Ich kann das begreifen, daß
+Ihr böse seid, und habe selbst gestern meiner Schwester gehörig den
+Text gelesen. Aber nun wollen wir uns doch auch sagen: Was geschehen
+ist, das ist geschehen, auch der beste Mensch kann von einem Fehl
+übereilet werden; denn wir sind allzumal Sünder. Die Hauptsache ist,
+daß die beiden sich wirklich von Herzen lieb haben. Für Leidchen kann
+ich garantieren, und Hermann hat es mir eben erst draußen versichert.
+Wenn Ihr sie jetzt noch auseinanderreißen wolltet, tätet Ihr eine
+viel größere Sünde als die ist, die sie begangen haben. Bitte, seid so
+gut und laßt mich ausreden! Wenn Ihr meine Schwester kenntet, würdet
+Ihr keine andere als Schwiegertochter haben wollen. Laßt sie erst acht
+Tage in Eurem Hause sein, Ihr sollt sehen, dann mögt Ihr sie um kein
+Geld mehr missen. Sie ist eins von den Menschenkindern, denen alle
+Herzen zufliegen. Fragt auf unserer Nachbarschaft, bei Rotermunds, bei
+Frerks, bei Böschens und bei allen, und Ihr werdet euch wundern, wie
+alle sie lieb haben. Geld bringt sie ja leider nur an die dreihundert
+Taler mit, aber einen fröhlichen Sinn und Gesundheit und Lust zur
+Arbeit, und ich meine, das sind alles Dinge, die auch etwas wert sind.
+Die Leute sagen, Ihr hättet jetzt schwere Zeiten mit Eurer Mühle, aber
+die gehen vorüber, wo der Gesell, der Euch viel Schaden getan hat, weg
+ist und Hermann sich der Sache annimmt, der ja lange genug gelernt
+hat und seinen Kram gewiß gut versteht. Manche Kunden, die jetzt in
+Blankenmoor mahlen lassen, werden Euch wiederkommen; mit einigen, die
+ich besser kenne, will ich selbst sprechen, und die anderen folgen
+dann wohl nach, denn wenn sie selbst keinen Schaden dabei haben, sind
+die Leute dafür, daß das Geld im Dorfe bleibt. Und Leidchen ist für
+das Sparen und Zusammenhalten, dazu hab' ich selbst sie von klein auf
+angelernt. Für jüngere Kinder habt Ihr nicht zu sorgen, deshalb könnt
+Ihr Eurem einzigen Sohn gut zu Willen sein. Eine so große und starke
+Mühle mit drei Mahlgängen, die wenig Reparaturen kostet, nährt leicht
+mit Euch Alten die Jungen, und auch noch einen guten Trupp Kinder.
+Wir sind ja gegen Euch wohl kleine Leute, aber eine Hergelaufene ist
+Leidchen doch auch nicht. Wir Rosenbrocks stammen von einem großen
+Geesthof und haben uns unter den ersten hier angesiedelt. Und was
+unserem Großvater sein Bruder war, der hat als Knecht in Hangstedt
+einen Bauernhof von vierhundert Morgen befreit ... Müllers Vater und
+Ihr, Müllers Mutter -- ich weiß, Ihr habt Euren Hermann lieb, und
+Ihr seid doch auch mal 'ne junge Deern gewesen -- Ihr solltet man
+ein Einsehen haben und den beiden helfen, daß sie bald im heiligen
+Ehestand zusammenkommen.«
+
+Der Müller hatte aufmerksam zugehört und einige Male sogar genickt.
+Daraus hatte Gerd Hoffnung geschöpft und sich deshalb in einen immer
+wärmeren Ton hineingeredet. Jetzt wagte er es sogar, ihm seine Hand
+entgegenzustrecken.
+
+»Bist du nun fertig?« fragte der Mann.
+
+»Ja. Ich wüßte nicht, was sonst noch zu sagen wäre.«
+
+Der andere sah ihm mit einer gewissen Achtung und nicht ohne
+Wohlgefallen in das schmale, scharfgeschnittene Gesicht. »Gerd,«
+begann er, »du bist soweit ein ganz fixer Mensch. Schade, daß du nicht
+als Advokat studiert hast, aus dir hätte was werden können. Aber,
+weißt du, hierzu langt deine Kunst noch lange nicht.« Und wieder
+spielte ihm das böse Lächeln um den sinnlichen Mund.
+
+Gerd sah ein, daß hier jedes weitere Wort verschwendet war. Er setzte
+die Mütze, die er vor einer Weile abgenommen und über das linke Knie
+gezogen hatte, wieder auf den Kopf, fuhr steil in die Höhe und sagte:
+»Gut, denn verkauft Euren einzigen Sohn an die alte gelbsüchtige
+Trudje, die da, wo sie bekannt ist, der kümmerlichste Knecht nicht
+geschenkt nimmt.«
+
+Der Müller sah dem kühnen jungen Menschen bestürzt ins Gesicht.
+
+»Die Leute,« fuhr dieser fort, »reden viel Böses über Euch. Aber was
+für einer Ihr in Wirklichkeit seid, davon haben sie noch gar keine
+Ahnung. Wo andere das Herz haben, da habt Ihr einen Mühlstein.«
+
+»Packan!« kreischte der Müller, heiser vor Wut.
+
+Eine mächtige Dogge kam verschlafen unter dem Tisch hervor und reckte
+laut gähnend die ungeschlachten Glieder.
+
+»Soll der hier dich auf den Weg bringen, du unverschämter Lümmel?«
+
+»Ich gehe schon von selbst,« sagte Gerd, mit einem etwas unsicheren
+Blick nach dem Hund, unter dessen blutunterlaufenen Augen sein Rückzug
+nicht eben heldenhaft ausfiel. Sobald er aber zur Stube hinaus war,
+riß er die Tür mit donnerndem Krach hinter sich ins Schloß.
+
+Als er draußen war, sagte er sich, es würde gut sein, wenn er Hermann
+noch spräche. Vielleicht kam dieser ihm bald nach, oder er ging
+noch einmal zur Mühle hinüber. Er lehnte sich an das Geländer der
+Hofbrücke, um ihn zu erwarten.
+
+Es währte auch nicht lange, bis sein weißes Müllerkleid durch das
+Dunkel schimmerte. Gerd trat ihm einige Schritt entgegen.
+
+»Du hast ja doch was von der anderen gesagt,« warf Hermann ihm mit
+kläglicher Stimme vor.
+
+»Das ist mir in der Wut so herausgefahren,« versetzte Gerd ärgerlich.
+»Es ist ja auch einerlei.«
+
+»Es ist längst nicht einerlei. Ich hätte deswegen beinah noch Prügel
+gekriegt.«
+
+»Hermann! Du willst ein Mann sein und läßt dir solche Behandlung
+gefallen? Hast du denn gar keine Ehre mehr im Leibe?«
+
+»Was soll ich machen?«
+
+»Es gibt nur eine Rettung. Du mußt bei Nacht und Nebel ausrücken.
+Je eher, desto besser, am besten gleich diese Nacht! Wenn du hier
+bleibst, bist du verloren. Gegen den anzukommen, dazu gehört ein ganz
+anderer Kerl, als du bist. Hermann, entschließ dich!«
+
+»Ich habe diese Tage auch schon öfters daran gedacht ... Aber leicht
+ist es nicht, ein so schönes Vatererbe zu verlaufen, es hängt einem
+doch mächtig an ... Wenn ich ihm zu Willen bin, zieht er aufs
+Altenteil, und ich bin hier Herr.«
+
+»Mensch, laß dich nicht auslachen! Du Herr, solange der noch einen
+kleinen Finger rühren kann? Du Herr, wenn Hermine Tietjen hier ihren
+Einzug hält? Die zieht sich sofort die Hosen an, und du kriegst die
+Nachtmütze auf .. Wenn du jetzt auch gehst, dein Erbe bleibt dir ja.«
+
+»Oder auch nur das Pflichtteil.«
+
+»Ach was. Du hast ja keine Geschwister. Wer weiß, wie bald sie Euch
+wieder holen!«
+
+»Aber wenn Hof und Mühle unter den Hammer kämen?«
+
+»Ach was, solch ein Besitztum hält erst was aus. Weg mit so kleinen
+Bedenklichkeiten!«
+
+»Das sagst du wohl ... Heute wurde in unserer Fachzeitung für die
+Mühle in Langwedel bei Verden ein Gesell gesucht.«
+
+»Mensch, greif zu! Schreib noch heute abend, telegraphiere gleich
+morgen früh!«
+
+»Hat wohl keinen Zweck. Es melden sich gewiß Unverheiratete genug, und
+die haben den Vorzug.«
+
+»Aber du kannst's doch versuchen.«
+
+»Will mal sehen ... Vielleicht findet sich auch noch was Besseres, in
+jeder Nummer stehen Annoncen, kann ja um mehrere Stellen schreiben ...
+Leicht wird's einem ja nicht, noch wieder als Gesell anzufangen.«
+
+»Aber wenn's nicht anders ist? Hermann, um eine Frau wie Leidchen kann
+ein rechter Kerl wohl etwas tun und auch ein kleines Opfer bringen.«
+
+»Hm, ja ... Das wohl.«
+
+»Junge, das Herz im Leibe muß dir hüpfen und springen, wenn du bloß an
+sie denkst. Wenn es nicht so gekommen wäre, glaub ja nicht, daß du sie
+gekriegt hättest!«
+
+»Hm, bin ich dir nicht gut genug für sie?«
+
+»Wo du so direkt danach fragst ... nein, eigentlich nicht. Aber ich
+bin ja nun einmal übertölpelt und jetzt mit allem zufrieden. Hermann,
+ich hab' mich diese Tage öfters gefragt, sollt' ich dich hassen oder
+von Grund aus verachten. Jetzt, wo ich mit dir gesprochen und deinem
+Alten mal den Puls gefühlt habe, tust du mir von Herzen leid. Aber
+an dem Tage, wo du dich hier losreißest, da will ich Respekt vor
+dir haben. Grad weil ich nun weiß, wie fest sie dich knebeln ... Ich
+schreibe heut' abend noch an Leidchen. Was soll ich ihr bestellen?«
+
+»Grüß sie vielmals und schreib ihr, sie möchte vor allem den Kopf
+hochhalten, es würde noch alles gut. Und sie sollte nicht erschrecken,
+wenn ich eines guten Tages auf einmal vor ihr stände.«
+
+»Bravo, Hermann! Nun bloß nicht aufschieben, das macht nur schwächer.
+Jetzt kannst du dich mit einem starken Ruck noch losreißen. Legst du
+dich aufs Warten, geht's dir wie der Fliege im Spinngewebe. Du wirst
+so eingewickelt, daß du dich nicht rütteln und rühren kannst. Gut'
+Nacht!«
+
+Nachdem er die weiche, mehlstaubtrockene Hand des Müllers kräftig
+gedrückt und geschüttelt hatte, ging er. Die in ihm wogende Erregung
+zu meistern, steckte er jetzt das gestopfte Pfeifchen an, und als er
+ein Dutzend Züge getan hatte, waren die anfangs so kurzen, stoßartigen
+Schritte fast wieder so lang und wiegend wie gewöhnlich.
+
+ * * * * *
+
+Am nächsten Abend erhielt Leidchen mit der letzten Bestellung
+folgenden Brief:
+
+
+ Liebe Schwester!
+
+
+ Es wird mir beinahe schwer, Dich noch so anzureden, denn lieb und
+ gut bist Du durchaus nicht gewesen; aber ich will darauf heute abend
+ nicht weiter eingehen, denn es ist schon nach zehn Uhr.
+
+ Der Müller hat mir mit seinem Packan gedroht und hätte ihn sicher
+ auf mich gehetzt, wenn ich nicht von selbst gegangen wäre.
+
+ Hermann hat Dich doch wohl ein bißchen lieb, und er gefällt mir
+ jetzt besser als früher. Er scheint mir nicht mehr so großspurig zu
+ sein, was ich immer am wenigsten bei ihm leiden konnte.
+
+ Wir haben abgemacht, daß er sich aus seinem Müllerblatt einen Platz
+ als Gesell sucht, und daß Ihr darauf dann heiratet. Ob er den guten
+ Worten und Vorsätzen die Tat folgen läßt, muß die Zeit ausweisen. Du
+ schreibst, er wäre ein bißchen leicht und wankelmütig. Das stimmt
+ ganz genau.
+
+ Was er mir für Dich gesagt hat, schreibe ich wörtlich hierher: Grüße
+ Leidchen vielmals und schreib ihr, sie sollte den Kopf hochhalten,
+ es würde noch alles gut. Und Du solltest Dich nicht verjagen, wenn
+ er eines Tages auf einmal vor Dir stände.
+
+ Du kannst also vorderhand nichts tun, als Dich gedulden, und ich
+ kann auch nicht mehr tun. Es kann aber sein, daß ich nach ein paar
+ Tagen mal wieder hingehe und so 'n bißchen nachstökere. Das kann
+ jedenfalls nicht schaden.
+
+ Mit Gruß
+
+ Gerd Rosenbrock.
+
+
+
+
+ 19.
+
+
+Es war wieder die Hauptzeit des Torfverschiffens. Auf der Hamme,
+ihren Lauf durch das breite Tal meilenweit bezeichnend, zogen die
+braunen Segel. Die heimkehrenden Dorfgenossen taten sich zusammen und
+koppelten ihre Schiffe in Reihen hintereinander, um sie, vornüber
+gebeugt an langem Tau gehend, mit vereinten Kräften die Klappstaue
+der Gräben hinaufzuschleppen. Aus den Kolonien, die gepflasterte
+Straßen in der Nähe hatten und in denen die mühsame Schiffahrt der
+bequemeren Fuhrwerkerei zu weichen begann, rumpelten um Mitternacht
+die schweren, auf sechs Kubikmeter geeichten Kumpwagen, indem die
+gespenstigen Schattenbilder der Vorderräder, zwischen denen die
+Windlaterne schaukelte, sich an den Birkenreihen entlang drehten. Auf
+der Lilienthaler Chaussee und dem Breiten Weg bildeten sich, zumal in
+den Nächten vor Montag und Donnerstag, den Haupttagen des Torfhandels,
+oft Wagenreihen von mehreren hundert Metern Länge. Die Gäule trotteten
+ihren ebenen Tritt, und von ihren Lenkern gab sich manch einer,
+vornüber gesunken, dem Schlaf hin, der aber hier und da einem teuer
+zu stehen kam. Denn weder auf der preußischen noch auf der bremischen
+Seite war die Polizei einer derartigen Nachtruhe hold.
+
+Auch Gerd kam um diese Zeit zwei- oder dreimal die Woche mit seinem
+Schiff in die Stadt. Die Schwester zu besuchen, konnte er sich aber
+längere Zeit nicht entschließen. Neues in ihrer Sache gab es nicht zu
+berichten. Hermann hatte zwar einige Male um eine Stelle geschrieben,
+bislang aber nichts Passendes gefunden.
+
+Endlich, im letzten Drittel des Oktober, machte er sich einmal wieder
+auf den Weg, sie zu besuchen, veranlaßt durch einen Brief, in dem sie
+gar herzlich und dringend darum bat.
+
+Als er das Haus betrat, winkte Frau Marwede, die im Laden beschäftigt
+war, ihn in eine anstoßende kleine Stube, eine Art Kontor. Er mußte
+Platz nehmen, und sie stellte sich, die Hände in die Seiten gestemmt,
+breit vor ihn hin.
+
+»Rosenbrock,« begann sie, »ich weiß nicht, was das in der letzten Zeit
+mit Ihrer Schwester ist. Sie ist so vergeßlich und träge und zu nichts
+recht zu gebrauchen. Ich habe da nun leider eine schlimme Vermutung.
+Als ich neulich aber mal so was andeutete, tat sie sehr empört und
+beleidigt. Deshalb wollte ich einmal mit Ihnen darüber sprechen.«
+
+Gerd seufzte. »Sie werden wohl recht haben, Frau Marwede.«
+
+Die Frau schlug die Hände zusammen. »Wirklich? Oh, wie mir das leid
+tut! Wir haben das Mädchen so gern gehabt. Wie lieb sie mit unserer
+seligen kleinen Olga war, das werden wir ihr nie vergessen. Da haben
+wir sie erst recht kennen gelernt und ins Herz geschlossen. Oh, der
+Leichtsinn bei der Jugend von heutzutage, und die Verführung! Ich hab'
+sie doch neulich noch so ernstlich gewarnt ... Es tut mir furchtbar
+leid, Rosenbrock; aber unter diesen Umständen nehmen Sie sie zum
+ersten November doch wohl lieber wieder mit.«
+
+»Frau Marwede, wollen Sie nicht so gut sein und sie noch ein paar
+Wochen behalten? Wir hoffen, daß es noch vor Weihnachten zur Hochzeit
+kommt.«
+
+»So gern ich es täte, es geht nicht, schon wegen der Kinder. Unsere
+beiden Ältesten sind schon höllischen aufgeklärt. Und bei ihrer
+jetzigen Gemütsverfassung haben wir ja auch so gut wie nichts mehr von
+ihr.«
+
+»Wie Sie meinen ...«
+
+»Gehen Sie nur auf ihre Kammer, ich schicke sie Ihnen gleich, sie ist
+augenblicklich im Keller.«
+
+Gerd stieg langsam die Treppe zum Bodengeschoß hinauf und setzte sich
+in ihrem Stübchen auf den einzigen Stuhl.
+
+Bald hörte er ihren eilenden Tritt. Sie erschien in der Tür und sah
+ihn mit großen fragenden Augen an.
+
+»Bringst du was Neues?« fragte sie atemlos.
+
+Er schüttelte langsam den Kopf.
+
+Sie stampfte mit dem Fuß auf. »Wenn Hermann ernstlich will, sollte man
+denken, müßte er doch was finden können.«
+
+Er zuckte die Achseln: »Ja, die Sache zieht sich gar zu sehr in die
+Länge ... Vielleicht nimmt er zuletzt doch die andere.«
+
+»Welche andere?«
+
+»Hab' ich dir das nicht geschrieben?«
+
+»Nein. Mensch, welche andere?«
+
+»Sein Vater hat ihm die Tochter von unserm Grasbauern zugedacht.«
+
+»Hermine?«
+
+Gerd nickte.
+
+»Aber die hatte ja schon damals, als ich eben erst konfirmiert war,
+vor fünf Jahren, keine eigenen Haare mehr!«
+
+»So eine nimmt man ja auch nicht ihrer Haare, sondern ihres Geldes
+wegen.«
+
+»Gerd! ...«
+
+»Leidchen ...«
+
+»Ich weiß gewiß, wenn er die bloß sieht, nimmt er Reißaus. Dazu kenn'
+ich meinen Hermann zu genau. Nein, wegen der kann ich ganz ruhig sein.«
+
+Er zuckte die Achseln ...
+
+»Was soll nun werden?« fragte er nach einer Weile.
+
+Sie hatte sich auf den Bettrand gesetzt und sah ihn an wie ein
+hilfloses Kind.
+
+»Du mußt nämlich wissen, Frau Marwede hat eben zum ersten November
+gekündigt,« fuhr er fort.
+
+Sie erschrak. »Hast du ihr was gesagt?«
+
+»Sie redete mich darauf an, und lügen wollte ich deswegen nicht.«
+
+»Wo soll ich denn aber so lange hin?«
+
+»Ja, das möchte ich auch wissen ... Bei uns ist jetzt, wo die Kinder
+größer werden, nicht recht Platz ... Und überhaupt ...«
+
+»Zu Trina möcht' ich auch nicht, die ist so schrecklich selbstgerecht
+... und dann die ganze Nachbarschaft ...«
+
+»Geh doch zu deinem Vormund. Er hat dich gegen meinen Willen hier
+hergeschickt und kann dir nun auch helfen, die Suppe auszuessen.«
+
+»Ach Gerd, die Leute haben nie Kinder gehabt und denken bloß an sich
+... Weißt du keinen besseren Rat?«
+
+»Ja, nun heißt's: Gerd, du mußt Rat schaffen. Früher, als es noch Zeit
+war, wurde mein Wort für nichts geachtet.«
+
+»Aber ich muß doch irgendwo bleiben!«
+
+»Ja, ja. Da ist guter Rat teuer.«
+
+Er hatte den Kopf in die Hände gestützt und sah lange nachdenklich
+zu Boden. Endlich richtete er sich auf, sein Gesicht hatte einen
+lebhafteren Ausdruck angenommen: »Hm. Das wäre vielleicht was ...«
+
+Sie sah gespannt und erwartungsvoll zu ihm hinüber.
+
+»Hm, wenn wir den Torf erst zur Stadt haben, könnte Jan mich für den
+Winter wohl entbehren. Dann wär' es am Ende möglich, daß ich schon
+bald in mein Haus zöge und anfinge, die Stelle tüchtig zu bearbeiten.
+Sie hat es ja bitter nötig ... Dann käm' ich nächstes Frühjahr
+mit Sine gleich besser in Gang ... Und wenn du mitgingest und mir
+haushieltest ...«
+
+Sie sprang vom Bettrand auf, ergriff seine Hand und rief mit
+glänzenden Augen: »Oh, wie gern tu' ich das! Ja, Gerd, so geht es
+fein. Man zu, bitte, bitte!«
+
+Er schüttelte den Kopf: »Eigentlich ist es ja Unsinn. Und ob Jan seine
+Zustimmung gibt? Und ob's Sine recht ist?«
+
+»Oh, Gerd,« rief Leidchen, »die kriegst du leicht herum. Bedenk doch,
+dann bin ich auch näher bei Hermann. Wenn ich so weit von ihm weg
+bin, ist es mir manchmal, als ob ich die Gewalt über ihn verlöre. Er
+ist einer von denen, die man immer im Auge behalten muß.«
+
+Gerd zuckte mit der Schulter. »Wie machen wir's nur mit dem Hausrat?
+Das ist noch das Schlimmste.«
+
+»Oh, wenn's anders nichts ist! Ich hab' ja mein eigenes Bett, und du
+kannst das, worin du jetzt schläfst, bis Ostern wohl von Trina leihen,
+eher nehmen sie ja doch keinen Knecht wieder. Bettstellen brauchen
+wir nicht, denn da ist gewiß an jeder Stube eine Butze. Den Tisch und
+ein paar Stühle gibt Trina auch wohl her, oder sonst Tante Rotermund.
+Die Küchengerätschaften, Messer und Gabeln, Teller und Tassen will
+ich gern kaufen. Ich muß ja doch welche haben, für meine Aussteuer.
+Du mußt aber mit Jan abmachen, daß er dich wieder nimmt, wenn ich
+Hochzeit mache.«
+
+Sie sprachen noch eine Weile über den Plan hin und her, und Leidchen,
+die auf einmal wie neu belebt war, hatte dabei die besten und
+praktischsten Gedanken. Zuletzt wurde abgemacht, wenn Gerd keine
+andere Nachricht gäbe, sollte er am ersten November kommen und die
+Schwester holen, die dann alles zur Abreise fertig haben wollte.
+
+Als Gerd nach Hause kam, trug er Jan und Trina seinen Plan, und was
+diesen veranlaßte, vor. Sie waren über Leidchen weidlich entrüstet
+und gaben schließlich ihre Einwilligung unter der Bedingung, daß Gerd
+seinen Torf noch in die Stadt zu schaffen habe, je nach der Zeit, wann
+die Kunden ihn verlangten.
+
+Sine weinte blanke Tränen, als Gerd ihr von Leidchen erzählte, und war
+sogleich bereit, einige Stücke ihrer Aussteuer schon jetzt herzugeben.
+Er freute sich ihres guten Herzens, und sie dachte, ein so treuer
+Bruder würde auch einen trefflichen Ehemann abgeben.
+
+Um den Weg von Nr. 40 nach Nr. 1 +a+, für den ein Fußgänger fast
+dreiviertel Stunden gebrauchte, schneller zurücklegen zu können,
+kaufte Gerd sich ein Fahrrad für alt und machte sich mit Eifer
+daran, die Wohnung instand zu setzen. Er versuchte sich mit einem
+Geschick, über das er sich selbst wunderte, als Maurer, Zimmermann
+und Dachdecker, und brauchte Handwerker nur für wenige Tage zu Hilfe
+zu nehmen. Ende Oktober war das Haus soweit hergerichtet und mit
+Gerät, Feuerung und Lebensmitteln versehen, daß zwei Menschen zur Not
+in ihm ein paar Wintermonate überstehen konnten. Am Vormittag des
+Einunddreißigsten tat er das Kätzchen, das sich in seinem Asyl hübsch
+herausgemacht hatte, in ein Beutelchen, das er an die Lenkstange
+seines Rades hängte, und fuhr es in die alte Heimat zurück, wo es
+sofort auf die Herdstelle sprang und behaglich zu schnurren begann.
+
+Am Nachmittag fuhr er nach Bremen, um die Schwester zu holen.
+
+Nach schnellem, ungerührtem Abschied von den Milchhändlersleuten
+folgten die Geschwister einem Torfwagen, der zufällig des Weges kam
+und Leidchens Siebensachen zum Torfhafen mitnahm. Als sie aber die
+Große Weserbrücke überschritten hatten, trennten sie sich von ihm,
+um den Weg durch die innere Stadt zu nehmen und auf dem Freimarkt,
+der eben wieder im Gange war, noch einige Einkäufe für ihren jungen
+Hausstand zu machen. Zu Füßen des Riesen Roland erstanden sie ein paar
+Blechsachen, auf der Domsheide etwas irdenes Geschirr.
+
+Als sie durch eine der Zeltreihen des Domhofes gingen, blieb Leidchen
+vor einer Kuchenbude stehen. »So was gibt's heute nicht,« sagte Gerd
+mit strengem Gesicht und ging weiter, aber sie hörte nicht darauf, und
+als sie bald nachkam, überreichte sie ihm ein großes rotes Kuchenherz.
+Er wollte schelten, als er aber das aufgeklebte Verschen las, schwieg
+er und sagte kurz: »Danke.« Die Inschrift des schmalen weißen
+Zettelchens lautete: »Ein getreues Herze wissen, ist des höchsten
+Glückes Preis.«
+
+Langsam schlenderten sie die Budengasse hinunter.
+
+Vor einem Karussell, auf dem allerlei Jungvolk vom Lande sich
+belustigte, blieb Leidchen wieder stehen. Als Gerd von der Seite ihr
+Gesicht beobachtete, sah er in ihren Augen ein feuchtes Schimmern. Da
+fiel ihm ein: hier war's gewesen, wo sie vor Jahren mit dem, der nun
+ihr Verhängnis geworden war, fröhlich lachend ihm davonfuhr und er ihr
+verdutzt und ärgerlich nachblickte.
+
+Da Leidchen noch immer stand und alles um sich her vergessen zu haben
+schien, zupfte er sie leise am Ärmel. Sie fuhr wie aus einem Traum
+empor und folgte ihm langsam. Als sie aus dem Marktgedränge heraus
+waren, schlugen sie einen schnelleren Schritt an, der sie in kurzem
+zum Torfhafen brachte.
+
+Sie trugen die Kommode und die anderen Sachen, die der Fuhrmann auf
+das Kaipflaster gestellt hatte, ins Schiff und machten alles zur
+Abfahrt fertig.
+
+Als Gerd das Schieberuder nahm, fragte sie: »Soll ich an der Leine
+gehen und ziehen?« »Danke,« gab er zur Antwort, »hier auf dem Kanal
+kann ich's gut allein.«
+
+Er schob an, und das Schiff setzte sich in Bewegung. Sie ging auf dem
+Leinpfad hinter ihm her. Eine Drehorgel spielte ihnen zum Abschied:
+Freut euch des Lebens. Die Klänge wurden schwächer und schwächer und
+gingen zuletzt in dem Brausen des Herbstwindes unter, der die Bäume
+des Bürgerparks schüttelte und entblätterte.
+
+Der Wasserlauf machte eine Biegung nach links und zog sich in das
+freie, unter Wasser stehende Blocklander Feld hinauf, über das der
+Wind in langen Stößen hinfegte. Einmal wandte Leidchen sich um. Die
+Stadt, unter grauem Wolkenhimmel mit Regenstreifen, lag schon ein
+gutes Stück zurück. Sie zerdrückte eine Träne in den Augen. Von hier
+aus hatte sie das Ziel ihrer jugendlichen Wünsche und Träume vor vier
+Jahren im Goldglanz der Herbstmorgenfrühe geschaut.
+
+Als sie die Hamme erreichten, brach der Abend herein. Der Himmel hing
+voll grauer, tiefziehender Wolken, die ein böiger Wind trieb, der
+zuweilen fast zum Sturm wurde. Leidchen zog sich bald in die Koje
+zurück. Gerd hatte mit seinem Stangenruder angestrengt zu arbeiten,
+denn der Wind kam scharf von der Seite und trieb das Schiff zum
+anderen Ufer hinüber.
+
+Endlich machte der Fluß eine Biegung, und er konnte den Mast
+aufrichten und das Segel entfalten.
+
+Da infolge der Regengüsse der letzten Woche die Hamme aus den Ufern
+getreten war und ihr Tal einen weiten See bildete, durfte er es wagen,
+quer durch die überschwemmten Wiesen segelnd einige Krümmungen des
+Flußlaufs abzuschneiden. Er lag am Steuerruder und hatte das Segeltau
+nicht wie gewöhnlich am Tauhaken festgemacht, sondern mehrmals um
+seinen Arm gewunden, mit dessen sehniger Kraft Sturm und Wellen zu
+meistern ihm Freude machte. In solchen Nächten bekam die eintönige,
+mühselige Moorflußschiffahrt, zum Kampf mit den entfesselten Elementen
+werdend, eine gewisse Größe und brachte eine Aufrüttlung des inneren
+Menschen, die der junge Schiffer wohltuend empfand.
+
+Für Augenblicke verbreitete der volle Mond, freiwerdend, Tageshelle
+und warf sein glitzerndes Licht über das Wellengewoge, um dann wieder
+von dunklen Wolkenungeheuern verschlungen zu werden, deren Schatten
+wie riesige Gespenster über die aufgeregten Wasser tanzten. In den
+pfeifenden, sausenden Schilfwäldern schnarrten die Enten, aus der Höhe
+kamen die Schreie der Wildgänse und schrille Wandervogelrufe.
+
+Die Wogen planschten so stark gegen die dünnen Schiffsplanken, daß
+man jeden Schlag durch sie hin fühlte. Wenn der Sturm sich mit
+erneuter Kraft in das schwarze Segel warf, ächzte der Mastbaum in
+der Segelbank, und Gerd, der scharf und hell in das wilde Wesen
+hineinpfiff, fürchtete einige Male fast, er würde umknicken.
+
+Plötzlich gab es einen Stoß und Krach, als ob das kleine Fahrzeug
+mitten entzwei bräche. Es saß fest, neigte zur Seite, eine Welle
+spritzte über Bord. Mit einem gellenden Schrei kam Leidchen aus der
+Koje gefahren; das Segel, das Gerd, um nicht zu kentern, schnell hatte
+flattern lassen, schlug ihr klatschend um das Gesicht. Unter ihm sich
+duckend, ging sie auf den Knien in die Mitte des Schiffs und sah den
+Bruder mit entsetzten Augen an.
+
+»Keine Bange, mein Deern,« sagte er gelassen, indem er bereits mit dem
+Schieberuder arbeitete, »ich krieg' uns schon los.«
+
+Nach einer Minute war das Schiff denn auch wieder frei. »Das Segel
+will ich doch lieber einholen,« fuhr er fort, »der Wind bringt uns zu
+weit aus der Kehr.«
+
+Als er das wild sich gebärdende Tuch geborgen hatte, begann er mit dem
+Stangenruder zu arbeiten. Leidchen kauerte vor ihrer Kommode nieder
+und sagte schuddernd: »Eine schreckliche Fahrt!«
+
+»Eine herrliche Fahrt!« gab er zurück, und es war ein den Sturm
+übertönendes Jauchzen in seiner Stimme. »Es wär' ein Jammer, wenn's
+nicht auch so was gäbe, zumal in so bedrückten Zeiten!«
+
+Nach einer Weile hob sie sich ein wenig; der Mond, eben wieder aus
+dem Gewölk tretend, beleuchtete scharf ihr von einem schwarzen
+Umschlagetuch teilweise verhülltes Gesicht und verlieh den großen,
+tief in ihren Höhlen liegenden Augen einen fremdartigen Glanz: »Gerd,
+ich will dich mal was fragen.«
+
+»Was denn, Kind?«
+
+»Du darfst mir aber nichts vorschnacken, du sollst reden, wie es deine
+Überzeugung ist ... Glaubst du wirklich noch, daß Hermann sein Wort
+hält?«
+
+Er schwieg.
+
+»Gerd, gib mir Antwort!«
+
+»... Ich habe keine Hoffnung mehr.«
+
+Da schlug sie die Hände vor das Gesicht, sank in sich zusammen und
+wimmerte: »Dann wollt' ich, ich läge unten auf dem Grund der Hamme und
+wäre tot.«
+
+Es dauerte nicht lange, so beugte er sich zu ihr nieder und rief leise
+ihren Namen.
+
+»Leidchen,« rief er etwas lauter.
+
+»Was soll ich?«
+
+»Ein getreues Herze wissen ...«
+
+Sie kam auf dem Boden des Schiffes herangekrochen und umschlang
+schluchzend seine Knie. Und er bückte sich, ihr wie einem kranken
+Kinde mit der harten Arbeitshand die weichen Wangen zu streicheln:
+»Liebes Leidchen, nun sei man still. Wir beide halten treu zusammen
+... Es kommt auch wohl noch mal die Zeit, wo du wieder durchgrünst ...
+unser Herrgott wird dich ganz gewiß nicht verlassen ...«
+
+Das Licht einer Hammehütte, das ihm als Richtepunkt diente, wollte
+und wollte nicht näher kommen, es gab ein schweres Arbeiten. Als er
+endlich vor der kleinen Herberge anlangte, war er wie in Schweiß
+gebadet und erklärte, er müsse sich ausruhen. »Willst du dich so
+lange in die Koje legen?« fragte er die Schwester. Sie schüttelte sich
+und sah ihn erschrocken an: »Allein graut mir.« Da legte er brüderlich
+den Arm um sie und schritt mit ihr der Hütte zu.
+
+Eine gute Stunde saßen sie in der heißen, tabaksqualmerfüllten
+Schifferherberge. Gerd hatte nach seiner Gewohnheit den Kopf in die
+auf dem Tisch verschränkten Arme gelegt und war schnell eingeschlafen.
+Leidchen saß steif auf ihrem Schemel und blickte in das fremdartige
+Treiben. Die ankommenden Schiffer machten ihre Bemerkungen über
+Wind und Wasser, und ließen sich von dem Wirt, der ein mürrisch
+verschlafenes Gesicht zeigte, bedienen. An einem Tisch, wo junge
+Burschen Karten spielten, wurde gotteslästerlich geflucht, und einer
+von ihnen sah öfters zu Leidchen hinüber, mit frech vertraulichen
+Blicken. Sie war nur froh, daß sie keinen aus ihrem Dorf entdeckte.
+Bald schloß auch sie die Augen, aber ohne Schlaf und Vergessen zu
+finden.
+
+Das erste Grau stand im Osten, als sie in den Brunsoder Schiffgraben
+einliefen und ausstiegen.
+
+»Soll ich mich in die Leine legen?« fragte Leidchen.
+
+»Nein,« sagte Gerd, »ich will das Schiff wohl ziehen, du kannst es mit
+der Stange vom Ufer halten.«
+
+So arbeiteten sie sich langsam durch die Morgendämmerung die Reihe der
+Klappstaue hinauf.
+
+Dicht vor der Mühle zweigte der Achterdammsgraben ab, in den Gerd sein
+Schiff hineinlenkte.
+
+Klopfenden Herzens suchte Leidchen mit den Augen das stattliche
+Mühlgehöft ab, entdeckte aber nichts Lebendes außer dem großen Hund,
+der vor seiner Hütte lag und sich kratzte. Er schien noch nicht in der
+Stimmung zu sein, Schiffer anzubellen.
+
+Die Wolken des östlichen Himmels zeigten jetzt goldige Säume.
+
+»Da kuckt mein Busch über das Moor,« sagte Gerd, mit der Hand nach
+vorn weisend. »Wenn du scharf zusiehst, kannst du auch schon das
+Hausdach erkennen. Siehst du's?«
+
+Leidchen nickte.
+
+Nach einer Weile zeigte er auf einen durch üppig wucherndes Heidekraut
+blinkenden, tiefen und schmalen Graben und sagte mit frohem Stolz:
+»Dies ist die Grenze, hier fängt meine Gerechtsame an.«
+
+Nach hundert weiteren Schritten hielt er den Kopf ein wenig schief und
+sagte: »Nicht wahr, ein feines Besitztum? Wie schön machen sich die
+beiden hohen Tannen rechts und links vom Hause, beinah wie ein Paar
+Schildwachen! Du kannst jetzt auch schon die gelben Flicken im Dach
+sehen, die ich selbst eingesetzt habe.«
+
+Er blickte sich fragend um. Sie nickte mit erzwungenem Lächeln und
+sagte: »Ja, Junge, du kannst wohl lachen, wenn andere Leute weinen.«
+
+Einige Minuten später führte Gerd von dem halb eingesunkenen
+Schiffschauer, wo sie angelegt hatten, seine Schwester an der Hand dem
+Hause zu.
+
+Ehe sie durch die Große Tür eintraten, blieb er stehen und sagte,
+zur Oberschwelle aufblickend, indem er den Arm um ihre Hüfte legte:
+»Unsern Eingang segne Gott.«
+
+»Unsern Ausgang gleichermaßen,« ergänzte sie leise mit zager Stimme.
+
+So hatte der Erbauer des Hauses es in den Eichenbalken graben lassen.
+
+Auf dem Flett kam ihnen das Kätzchen entgegengesprungen, rieb sich an
+Gerds Schienbeinen und wuschelte sich in Leidchens Rock.
+
+»Kuck an,« rief er munter, »etwas Lebiges ist auch schon da,« und sie
+bückte sich froh überrascht und streichelte dem Tierchen das seidige
+Fell.
+
+Als sie alle Räume besehen und darauf die Kommode und übrigen Sachen
+hereingeholt hatten, rieb der Hausherr sich behaglich die Hände und
+sagte: »So mein' Deern, nun koch' uns mal 'n schönen Kaffee. Da in dem
+Kasten findest du Kaffee und Zichorien. Einen Gasherd hab' ich hier
+nicht, mußt sehn, wie du mit so 'ner altmodischen Feuerstelle fertig
+wirst.«
+
+Das unter dem berußten Kessel bereitliegende Sprickerholz knisterte
+und rauchte, flammte auf, die Funken sprangen, das Wasser begann zu
+singen, dampfte, brodelte, und es dauerte nicht lange, so saßen die
+Geschwister und schlürften mit spitzem, vorsichtigem Munde den heißen
+Trank, der ihnen nach der rauhen Sturmnacht wohltat. »Wir müssen
+ihn diesmal noch schwarz trinken,« sagte Gerd, »die Ziege hol' ich
+heute nachmittag.« Dazu aßen sie Schwarzbrot mit Butter und Schinken,
+die Gerd einem unbehobelten Kasten entnahm, der einstweilen den
+Vorratsschrank ersetzte. Er schlug eine wackere Klinge und nötigte,
+mit vollem Munde kauend, immer wieder: »Zu, Leidchen! Lang' dreist
+zu! Du kannst so viel essen wie du magst ... Hier auf dem Lande muß
+der Mensch ordentlich essen ... So kommodig wie in der Stadt mit dem
+bißchen Fegen und Wischen kriegst du's bei mir nicht, das mußt du
+dir ja nicht einbilden. Hier wird gearbeitet! ... Nimm dir man noch
+'n ordentliches Stück Schinken, den Speck kannst du mir geben, wenn
+er dir zu fettig ist ... Ach, im eigenen Hause schmeckt's einem doch
+zehnmal so schön, als an anderer Leute Tisch ... Kuck mal, da kommt
+auch schon Besuch!«
+
+»Wer?« fragte Leidchen erschrocken, indem sie mit hastigen Blicken das
+Gesichtsfeld vor dem Fenster absuchte.
+
+»Die liebe Sonne,« sagte er lächelnd, und fügte mit Paul Gerhardt
+hinzu: »Voll Freud' und Wonne.«
+
+Das freundliche Himmelslicht hatte sich siegreich durch die Wolken
+gekämpft und strahlte hell durch die bleigefaßten grünlichen Scheiben
+auf den rotgestrichenen Tisch.
+
+»Nun geht sie schon wieder weg,« sagte Leidchen, als eine Wolke das
+Sonnenlächeln schnell auslöschte.
+
+»Sie kommt bald wieder,« tröstete Gerd.
+
+Dann reichte er der Schwester über den Tisch die Hand und sagte: »So
+Leidchen, wenn du satt bist, gehst du erst in die andere Stube und
+kriechst in deine Butze. Bis Mittag kannst du ordentlich ausschlafen,
+dann weck' ich dich, und du machst uns eine Pfanne Eierbutter.«
+
+Sie nickte, stand auf und ging.
+
+Auch er gedachte ein wenig zu ruhen. Aber vorerst steckte er sich
+ein Pfeifchen an, um ein paar Züge zu tun, und ging, mit Genuß die
+graubraunen Wolken vor sich her blasend, noch einmal durch alle
+Räume seines Hauses. Dann trat er auf den Hof hinaus und ließ die
+stillfrohen Augen über sein kleines Königreich wandern. Die Sonne
+brach gerade einmal wieder durch. Da lehnte er sich an den Türpfosten,
+schlug das eine Bein über das andere und blinzelte und paffte, seiner
+Sine gedenkend, in das gelbe Licht des Herbstmorgens.
+
+
+
+
+ 20.
+
+
+»Hier bring' ich dir unsere Zickmarie,« rief Gerd am Nachmittag
+frohgelaunt, als er der Schwester eine pfeffer- und salzfarbene,
+hörnerlose, langbärtige Ziege vorführte. »Was meinst du, ist sie sechs
+Taler wert?«
+
+Leidchen sah dem Tiere nach dem Euter und sagte: »Och ja, das will ich
+nicht sagen ...«
+
+»Du könntest sie wohl gleich mal melken, Deern.«
+
+Während sie ein Gefäß holen ging, führte er die neue Hausgenossin mit
+freundlichen Willkommsworten in den Stall.
+
+Bald strullte die Milch in die irdene Schale. »Wie schön weiß sie
+ist!« rief Gerd in der Freude an dem ersten eigenen Stück Vieh
+bewundernd, und Leidchen lächelte zu ihm hinauf: »Wie soll Milch denn
+anders aussehen?«
+
+»Daß ich es nicht vergesse,« sagte Gerd nach einer Weile. »Ich soll
+dich auch grüßen.«
+
+»Von wem?«
+
+»Von Hermann.«
+
+Sie sah erschrocken zu ihm auf und hielt, das Melken unterbrechend,
+den Euterstrich zwischen den zitternden Fingern.
+
+»Hast du ihn gesprochen?«
+
+»Ja.«
+
+»Ich soll dich grüßen.«
+
+»Sonst nichts?«
+
+»Er würde dir bald mal guten Tag sagen, aber heut' hätte er noch keine
+Zeit, der Wind wär' zu günstig. Wind geht solchem Windmüller ja über
+alles ... Aber nun vergiß das Melken nicht ganz, das Tier wird schon
+ungeduldig.«
+
+Die Milch zischte zweimal an der Schale vorbei und fand dann erst
+wieder den richtigen Weg.
+
+ * * * * *
+
+Als Gerd am nächsten Mittag von der Arbeit im Freien zu Tisch kam,
+machte er große Augen. Leidchen hatte in Bremen einige Holzschnitte
+und bunte Bilder aus einer abgängigen Zeitschrift gerettet und nun
+die kahlen, getünchten Wände der Wohnstube damit geschmückt. »Wie
+ihr Racker von Frauensleuten einem das Haus gleich wohnlich und
+gemütlich machen könnt!« rief er froh verwundert, und sie führte ihn
+mit glücklichem Lächeln durch ihre kleine Galerie: »Das ist Barry,
+der berühmte Bernhardinerhund, wie er einen Verunglückten im Schnee
+findet ... hier schießen sie den treuen Andreas Hofer tot ... und
+hier spielen feine Damen Schäferin ... und dies ist die Schlacht bei
+Gravelotte ... und hier feiert Luther mit seiner Familie Weihnachten,
+dies ist seine Frau Käthe, das da wird wohl Magdalenchen sein, und der
+Mann mit dem Bart ist, glaub' ich, Philipp Melanchthon.« »Kuck bloß
+mal einer an, was bei uns nun alles zu sehen ist!« rief Gerd, über
+ihre Freude an den Bildern noch mehr erfreut als über diese selbst.
+»Sollst mal sehen, es wird ein gemütlicher Winter,« fügte er hinzu.
+Aber da trübte sich ihr Blick auf einmal, und sie schlug die Augen zu
+Boden.
+
+Am Tage darauf sollte Gerd wieder für Jan eine Ladung Torf nach
+Bremen schaffen. Nachdem er die Schwester ermahnt hatte, auf alles
+gut zu passen und der reisenden Handwerksburschen wegen die Türen
+verschlossen zu halten, fuhr er auf seinem Rade davon.
+
+Leidchen setzte sich in die Wohnstube vor das Fenster und nahm
+des Bruders blaue Arbeitshose vor, um vor dem rechten Knie einen
+Flicken einzusetzen. Die Flügel der Mühle, die von hier aus über dem
+Birkenanflug des Hochmoores sichtbar waren, drehten sich noch immer,
+aber, wie es ihr wenigstens scheinen wollte, langsamer als die beiden
+letzten Tage, wo sie so oft nach ihnen ausgeschaut hatte. Richtig, der
+Wind hatte nachgelassen. Und sie wurden noch langsamer, und zuletzt
+standen sie still.
+
+Da legte sie die Arbeit zur Seite, machte sich das Haar, zog ein
+besseres Kleid an und nahm voller Erwartung ihren Platz am Fenster
+wieder ein. Zum Flicken hatte sie keine Ruhe mehr, sie nahm einen
+angefangenen Strumpf und ließ die Stahlsticken mechanisch klirren.
+
+Als die Dämmerung hereinbrach, stellte sie die Küchenlampe auf den
+Tisch, so, daß ihr lockender Schein zum Fenster hinausfiel.
+
+Es wurde schnell dunkel, bald war draußen nichts mehr zu erkennen. Da
+ließ sie das Strickzeug in den Schoß sinken und begann zu horchen und
+zu lauschen.
+
+Und sie hörte die Stille, die tiefe, lautlose Stille nächtlicher
+Mooreinsamkeit. Und sie erschrak vor ihr, wurde von ihr wie gebannt
+und gelähmt. Als endlich eine Fliege um die Lampe summte, empfand sie
+den Ton wie eine Erlösung und atmete befreit auf.
+
+Plötzlich stand sie auf, hüllte sich in ihr Umschlagetuch, trat
+ins Freie und folgte dem Pfad, der durch Gerds Äcker zu seiner
+Hochmoorbank hinauflief. Bald stand sie vor dem schmalen Grenzgraben,
+der seinen Besitz von der Mühlstelle trennte. Mit Herzklopfen trat sie
+hinüber. Der Pfad führte hier durch junge Kiefern und Birkenanflug
+weiter. Scharf spähte sie ihn entlang und behielt auch den parallel
+laufenden Damm zur Linken im Auge, den der Erwartete ja ebensogut
+wählen konnte. Am Rande des Hochmoors blieb sie stehen. Jenseits der
+schwarzen Torfgründe schimmerte die junge Wintersaat durch das Dunkel,
+weiterhin waren die Umrisse des Mühlgehöftes zu erkennen, mit den
+erleuchteten Fenstern des Wohnhauses.
+
+Drüben auf dem Damm ging jemand. Mit klopfendem Herzen eilte sie den
+Weg zurück, den sie gekommen war. Das Licht im Fenster blinkte ihr
+hell entgegen.
+
+Sie stellte sich hinter das Schiffschauer und spähte zu dem nahe
+vorüberführenden Kirchdamm hinüber. Wenn die Gestalt, die langsam auf
+ihm dahergeschritten kam, doch zum Achterdamm abbiegen wollte! ...
+
+Aber sie ging vorüber.
+
+Die bitter Enttäuschte kehrte ins Haus zurück und nahm ihren Platz am
+Fenster wieder ein. Und wieder war die fürchterliche Stille um sie. Da
+rief sie das Kätzchen in die Stube, um etwas Lebendiges bei sich zu
+haben, und war dankbar, wenn es einmal schnurrte oder miaute.
+
+Endlich ging sie in die andere Stube hinüber, um sich zur Ruhe zu
+begeben. Sie zog sich aber nicht aus, sondern stieg angekleidet in
+ihre Butze.
+
+Sie hatte lange Zeit gelegen, erst horchend, dann grübelnd, zuletzt
+in einer Art Halbschlaf, als sie plötzlich in die Höhe fuhr und rief:
+»Ich komme!«
+
+Auf den rechten Arm gestützt, horchte sie, mit angehaltenem Atem.
+
+Sie hörte das wilde Klopfen des eigenen Herzens. Sonst war nichts um
+sie als tiefste Stille.
+
+»Es hat doch geklopft,« murmelte sie, »ich hab's ja ganz deutlich
+gehört.« Und sie stand auf, öffnete das Fenster und lehnte sich
+spähend hinaus.
+
+Der eben aufgehende Mond hing wie eine brandrote Scheibe in den
+Moorbirken. Mitternacht mußte längst vorüber sein.
+
+Sie schloß das Fenster, warf schnell ihre Kleider ab und legte sich
+wieder in die Butze, deren Schiebetür sie jetzt fest hinter sich zuzog.
+
+ * * * * *
+
+Gerd brachte von der Stadt einen kurzbeinigen, langschwänzigen,
+braungelben kleinen Köter mit, der auf den Namen »Lustig« hörte. Er
+hatte ihn von einem Torfkunden geschenkt bekommen, der wegen des
+Tierchens mit seinem Hauswirt Ungelegenheiten gehabt hatte. »Ich
+dachte,« sagte er, als er ihn Leidchen vorstellte, »ich wollte ihn man
+nehmen, wo wir so einsam wohnen und ich dich oft allein lassen muß.
+Er frißt sich wohl sacht mit durch. Mit 'm Hund, das ist doch immer
+geselliger als mit 'ner Katze.«
+
+»Junge, wie du doch an alles denkst!« sagte Leidchen verwundert und
+bewillkommnete den neuen Hausgenossen mit einem Teller verdünnter
+Ziegenmilch.
+
+Musch und Lustig konnten sich anfangs nicht gut riechen. Als aber
+beide ihre Tracht Prügel weg hatten, kam schnell eine Art Einvernehmen
+zustande, korrekt, wenn auch ohne Herzlichkeit.
+
+ * * * * *
+
+Am Sonntagnachmittag war Gerd eben mal ins Dorf gegangen, während
+Leidchen nach dem Aufwaschen des Geschirrs auf dem Flett saß und die
+bei Tisch gebrauchten Messer und Gabeln putzte, wie sie es bei Frau
+Marwede gelernt hatte.
+
+Da ging die Große Tür auf, ein Mädchen kam über die Diele und
+mit kurzen munteren Schritten gerade auf Leidchen zu. Ihre Hand
+nehmend, sagte sie, indem die kleinen runden Augen etwas verlegen
+dreinschauten: »Guten Tag, Leidchen, ich bin Sine. Ist Gerd zu Hause?«
+
+Leidchen warf schnell einen prüfenden Blick auf die Schwägerin und
+sagte, ihr Bruder wäre eben ins Dorf gegangen, würde aber in einer
+Viertelstunde wohl wieder da sein. Sine möchte nur ablegen und näher
+treten.
+
+Mit einer kurzen, lebhaften Bewegung nahm Sine die dunkelrote
+Wollkappe vom Kopf, strich sich mit den Händen glättend über das Haar
+und trat vor Leidchen in die Stube.
+
+Hier nahmen die beiden Mädchen sich gegenüber Platz und musterten
+einander abwechselnd. Wenn die eine hinsah, blickte die andere weg.
+
+Leidchen wunderte sich im stillen, daß so eine das Herz ihres Bruders
+hatte erobern können. Nach seinen Schilderungen und dem Maß seiner
+Verliebtheit hatte sie sich die Braut viel stattlicher und hübscher
+vorgestellt. Die war ja einen guten Kopf kleiner als sie selbst; ein
+»Buttaars«, wie die Leute zu sagen pflegten. Ihr Gesicht strotzte
+wohl von Gesundheit, aber für ihren Geschmack war es etwas zu rot und
+viel zu rund. Die Augen guckten ja wohl ganz grall, waren aber weder
+schwarz noch braun, sondern graublau, wie die meisten Augen. Daß die
+Deern niemals aus dem Moor herausgekommen war, verriet schon der
+Schnitt ihrer Kleidung.
+
+Als Leidchen dies alles, nicht ohne eine gewisse Genugtuung darüber
+zu empfinden, festgestellt hatte, nahm sie der künftigen Schwägerin
+gegenüber etwas damenhaft Geziertes an, wie sie es einst ihrer
+Freundin Meta Stelljes abgeguckt hatte. Zur zweiten Natur, wie dieser,
+hatte es ihr aber in dem einen Jahre noch nicht werden können, sie
+mußte es von Fall zu Fall, wenn sie es nötig zu haben glaubte,
+annehmen.
+
+»Bist du zu Fuß gekommen?« brach sie das allmählich drückend werdende
+Schweigen.
+
+Sine zog ihr rundes Gesicht in die Breite und lachte: »Jaha, meinst
+du, es wär' ein Kutschwagen vorgefahren und hätte mich abgeholt?«
+
+»Du könntest ja auch per Rad gekommen sein. Viele Fräuleins haben
+heutzutage ein Damenrad.«
+
+»Ha, für so'n neumodischen Spielkram hab' ich kein Geld übrig. Wo ich
+was zu suchen hab', kann ich genug zu Fuß hinkommen.«
+
+»Bist du mal in der Stadt in Stellung gewesen?«
+
+»Nee. Ich bin mein Lebtag nicht aus dem Kuhstall herausgekommen.«
+
+»Hm, das ist eigentlich schade.«
+
+»Warum?«
+
+»Es ist für unsereins ganz gut, wenn er mal ein bißchen umlernt.«
+
+»Warum? So wie ich's hier gelernt hab', soll ich's ja doch mein
+Lebenlang gebrauchen.«
+
+»Na ja, aber es schadet doch nichts ...«
+
+»Ha, das ist nun zu spät. Die Hauptsache ist, daß ich 'n ordentlichen
+Bräutigam gekriegt hab'.«
+
+Leidchen blickte peinlich berührt zur Seite.
+
+Nach einer Weile begann sie wieder: »Ich hatte dich mir eigentlich
+größer vorgestellt.«
+
+Sine lachte lustig auf: »Das kommt wohl davon, weil ich und Becka
+Zwillinge sind. Da mußten wir beide uns in die richtige Länge teilen,
+und dabei ist für jede nicht so viel geblieben. Aber ich bin groß
+genug, die meiste Arbeit ist für unsereins ja doch an der Erde.«
+
+Auf der Diele wurden Schritte laut.
+
+»Verrat mich nicht!« rief Sine und huschte hurtig wie ein Kathekerchen
+hinter den Ofen.
+
+Gerd trat ein, die Sonntagspfeife im Munde, und setzte sich an den
+Tisch, um eine Zeitung zu lesen, die er sich aus dem Dorf mitgebracht
+hatte. Er interessierte sich für das, was in der Welt vorging, an
+müßigen Winterabenden sogar für die Reden, die zum Fenster des
+Reichstags hinaus gehalten wurden, hatte sich selbst aber noch kein
+Blatt bestellt, weil das Vierteljahr schon zu weit vorgeschritten war.
+
+Plötzlich wurden ihm beide Augen von hinten zugehalten.
+
+»Laß den Unsinn, Leidchen!« rief er unwillig, und packte die Hände. Da
+merkte er, daß sie für die Schwester zu kurz und dick waren, sprang
+auf und drückte seine Sine so fest an sich, daß sie kreischte. Er
+hatte sich nämlich im stillen den ganzen Tag nach ihr gesehnt und sich
+vorgenommen, wenn er sich in den Weltbegebenheiten umgesehen hätte,
+schnell auf das Rad zu steigen und sie noch zu besuchen.
+
+Als er sie losgelassen hatte, sahen die Brautleute einander
+glückstrahlend in die Augen. »Sie ist doch gar nicht häßlich,« mußte
+Leidchen sich jetzt gestehen.
+
+Diese fühlte bald, daß sie hier überflüssig war. Denn die beiden
+fingen an, von der Zukunft zu plaudern, und es schien ihr, als ob sie
+sich ihretwegen dabei einen gewissen Zwang auferlegten.
+
+Sie stand auf und ging in die ungeheizte andere Stube, wo sie sich auf
+den Stuhl, der außer ihrer Kommode hier die ganze Ausstattung bildete
+und nachts ihre Kleider trug, an das Fenster setzte.
+
+Was die beiden da drüben für ein Leben machten! Man sollte nicht
+glauben, daß Gerd, der auf einmal so lachen konnte, derselbe Gerd war,
+den sie von kindauf kannte.
+
+Nach einer Weile ließ Sines muntere Stimme sich auf dem Flett hören.
+Leidchen hob horchend den Kopf.
+
+»Da kocht sie sogar schon Kaffee!« brummte sie ärgerlich vor sich hin.
+»Na, meinetwegen gern. Ich bin hier ja doch bloß geduldet. Ich wollt',
+ich wär' überhaupt nicht erst hergekommen.«
+
+Bald rief's hell von draußen: »Leidchen! Kaffee trinken!«
+
+Leidchen rührte sich nicht vom Fleck und sah finster nach der Tür.
+
+Da wurde diese aufgerissen, und Sine steckte ihr lachendes Gesicht
+herein. »Huh, was für 'ne leere Stube! Und wie kalt! Hast du nicht
+gehört? Ich hab' dich zum Kaffee gerufen.«
+
+»Och, trinkt man immerzu ... Ihr seid doch wohl lieber allein.«
+
+»Was schnackst du da für dummes Zeug?« rief die andere verwundert,
+kam hereingesprungen, legte den Arm schwesterlich um die Schwägerin
+und ließ ihr mit Bitten und Drängen keine Ruhe, bis sie aufstand und
+sich in die Wohnstube an den gedeckten Kaffeetisch führen ließ. Sine
+spielte die Wirtin und schenkte ein. Etwas Butterkuchen hatte sie
+auch mitgebracht, für jeden zwei Streifen. Sie war in der frohesten
+Laune und erzählte ein lustiges Stückchen nach dem andern. Gerd
+lächelte glücklich vor sich hin und sah immer wieder seine Schwester
+an, als wollte er sagen: »Nicht wahr? Das ist eine!« Und diese war
+liebenswürdig genug, sich zusammenzunehmen und zuweilen gequält
+mitzulächeln.
+
+Nach solchem Plauderstündchen um die Kaffeekanne gingen die beiden
+Liebesleute ins Freie, wo Gerd der Braut seinen Bepflanzungsplan für
+das kommende Frühjahr darlegen wollte. Leidchen hielt sich zurück und
+wurde auch nicht zum Mitgehen aufgefordert.
+
+Als sie die Kaffeetassen aufgewaschen und sich in der Wohnstube ans
+Fenster gesetzt hatte, sah sie die beiden jenseits der Felder zum
+Hochmoor hinansteigen. Die Gestalten hoben sich scharf gegen den
+grauen Novemberhimmel ab, Gerd nach seiner Art ein wenig vornüber
+gebeugt, und an seiner Seite das kurze, dicke End, das ihm kaum an die
+Schultern reichte. Sie trieben keine Zärtlichkeiten, gaben sich weder
+den Arm noch die Hand, aber die Einsame am Fenster empfand: das war
+ein Paar, das in herzlicher Zuneigung für gute und böse Tage sich treu
+und unzertrennlich verbunden fühlte.
+
+Und gerade hinter den beiden drehten sich die Flügel der Mühle.
+
+Ein bitteres Gefühl des Neides stieg in ihr auf, und sie empfand die
+eigene Lage schmerzlich weher denn je. Verzweifelt rang sie die Hände
+im Schoß.
+
+Aber auf einmal biß sie die Zähne aufeinander, und ihre Züge nahmen
+den Ausdruck fast wilder Entschlossenheit an. Und ihr Gesicht hielt
+diesen noch fest, als sie bald darauf sich erhob, die Ziege besorgte
+und das Abendbrot richtete.
+
+Als die beiden wiederkamen, streckte Sine Leidchen die Hand hin,
+um Abschied zu nehmen. Aber diese lud bestimmt und freundlich zum
+Abendbrot ein, und auch Gerd bestand darauf, daß sie nicht ungegessen
+fortginge.
+
+»Graut dir nicht manchmal?« begann Sine, als sie um den Tisch saßen,
+zu Leidchen gewendet.
+
+»Warum?« fragte diese leichthin.
+
+»Oh, ich meine, wenn Gerd tagelang weg ist ... Bis zum nächsten
+Nachbarn sind's doch beinahe zehn Minuten.«
+
+Leidchen hob die Schultern ein wenig.
+
+»Du dumme Deern,« fiel Gerd ein, »das fehlt grad' noch, daß du mir das
+Kind bange machst. Du mußt's später auch allein hier aushalten, wenn
+ich über Land bin.«
+
+»Oh,« sagte Sine, »wenn man verheiratet ist, ist das was anderes.«
+
+Leidchen nagte an ihrer Unterlippe. Gerd warf seiner Braut einen
+strafenden Blick zu, den sie auch verstand, worauf sie mit den Augen
+um Verzeihung bat.
+
+Als es anfing zu dämmern, machte Sine sich auf den Weg. Gerd
+wollte sie ein Stück begleiten und dann, ohne zu Hause noch wieder
+anzukehren, nach Nr. 40 fahren, um in der Nacht ein Schiff Torf zur
+Stadt zu bringen. Er hatte sich zu dem Zweck schon in sein Arbeitszeug
+gesteckt und schob das Rad neben sich her.
+
+Eine Stunde, nachdem die beiden das Haus verlassen hatten, hüllte
+Leidchen sich in ihr Umschlagetuch und schlug mit festen Schritten den
+Fußpfad nach dem Dorfe ein. Ohne sich zu besinnen, trat sie über den
+Grenzgraben, und ohne Schwanken stieg sie vom Hochmoor in das bebaute
+Land hinab. Die Mühle wuchs immer größer vor ihr auf. Bald hörte sie
+auch das Sausen und Knarren der Flügel. Da blieb sie stehen und preßte
+die Hand auf das ungestüm pochende Herz.
+
+Auf einmal sprang etwas an ihr auf, sie erschrak und stieß einen
+leisen Schrei aus. Es war Lustig, der den Ziegelstein, den sie vor
+das Hühnerloch gelegt hatte, wohl mit den Pfoten zur Seite gearbeitet
+hatte und ihr nachgelaufen kam.
+
+Sie versuchte mehrmals, das Hündchen zurückzuscheuchen, aber wenn sie
+sich eben gewandt hatte, war es immer wieder bei ihr. Sie überlegte,
+ob sie es nach Hause bringen sollte. Aber schließlich sagte sie:
+»Meinetwegen komm mit,« und setzte ihren Weg fort.
+
+Sie schlich jetzt auf den Zehen und näherte sich, das Wohnhaus im
+Bogen umgehend und links liegen lassend, der Mühle.
+
+Plötzlich schrie Lustig gellend auf, ein großes dunkles Etwas hatte
+sich auf ihn gestürzt. Es gelang dem Kleinen aber, sich frei zu machen
+und unter einen Haufen Gerümpel zu flüchten.
+
+»Wer da?« klang es soldatisch kurz von der Tür der Mühle her.
+
+Da trat Leidchen schnell vor und in den Lichtschein, der von dort in
+das Dunkel fiel.
+
+»Du hier, Leidchen?«
+
+»Ja, ~du~ kommst ja nicht, ich hab' lange genug gewartet.«
+
+»Ich habe wirklich noch keine Zeit gehabt. Aber wart', ich will erst
+die Bestie zur Ruhe bringen.«
+
+Er packte die Dogge am Halsband und zerrte sie, mit Fußtritten
+nachhelfend, in die Mühle, deren Tür er hinter ihr schloß.
+
+»Wo können wir ein ruhiges Wort miteinander sprechen?« fragte
+Leidchen, als er wieder zu ihr trat.
+
+»Wir machen wohl am besten ein paar Schritte durch das Feld,« gab er
+zur Antwort. »Da sind wir am sichersten.«
+
+Er schlug die Richtung ein, aus der Leidchen gekommen war. Vorsichtig
+schlichen sie am Hause vorüber.
+
+Als sie dieses an die hundert Meter hinter sich hatten, blieb Leidchen
+stehen und tat einen tiefen Seufzer.
+
+»Hermann ... Hermann ...«
+
+»Ach ja, Leidchen ...« sagte er kleinlaut.
+
+»Warum hast du mir nicht geschrieben? ...«
+
+»Was sollte ich schreiben?«
+
+»Und warum bist du nicht gekommen? Du hast es Gerd doch versprochen.«
+
+»Es hat sich immer noch nicht recht gepaßt.«
+
+»Tag und Nacht hab' ich auf dich gewartet.«
+
+»Das tut mir wirklich leid. Wenn du wüßtest, was ich diese Zeit
+durchgemacht habe ...«
+
+»~Du?~ Wenn ~ich~ das sagte! ...«
+
+»... Es tut mir alles so furchtbar leid.«
+
+»Was?«
+
+»Daß wir so leichtsinnig gewesen sind.«
+
+»So redest du nun? Weißt du nicht mehr, was du mir früher gesagt hast?«
+
+»Ach ja. Das war eben mein Leichtsinn. Ich hab' die Verhältnisse nicht
+bedacht.«
+
+»Hermann ...«
+
+»Ja, du hast allen Grund, böse auf mich zu sein.«
+
+»Ich böse? ... Ich hab' dich noch immer lieb.«
+
+Sie griff mit beiden Händen leidenschaftlich nach seiner Rechten, die
+er ihr nur widerstrebend überließ.
+
+»Ich habe mehr als einmal um eine Stelle geschrieben,« begann er,
+»aber es ist nicht geglückt ... Und nun weiß ich, ich kann hier
+überhaupt nicht weg. Laß mich ausreden! Vater hat mir alles schwarz
+auf weiß gezeigt: Wenn ich fortmache, kommt die Mühle unter den Hammer
+... und wenn ich dich nehme, ist's dasselbe.«
+
+»Aber eure Mühle ist doch bloß ein totes Ding, da hängt das Glück und
+die Seligkeit nicht von ab.«
+
+»Sie ist altes Familienerbe.«
+
+»Wie oft kommt das vor, daß Menschen das aufgeben müssen und werden
+doch wieder glücklich und zufrieden! Dorten steht der Lichterschein
+von Bremen am Himmel. Da finden viele Tausende ihr ehrliches Brot,
+die nicht halb so gesund und stark sind als wir beiden. Hier bist du
+noch lange ein Knecht, dort vom ersten Tage an ein freier Mann. Reiß
+dich los, mach dich frei! Du sollst es nicht bereuen. Weißt du nicht
+mehr, wie wir letzten Sommer so glücklich waren ... als wir uns trafen
+im Bürgerpark und in dem Kahn saßen ... und in dem schönen Buchenwald
+... und ... und ... Das kommt dann alles, alles wieder und wird noch
+viel, viel schöner ... Was hattest du damals für ein frohes, lachendes
+Gesicht! Es ist zu dunkel jetzt, ich kann dein Gesicht nicht sehen,
+aber das weiß ich so: jetzt sieht es aus wie das böse Gewissen. Komm,
+du sollst dein gutes Gewissen und deine lachenden Augen wieder haben.
+Komm, wir wandern die Nacht durch. Aber so komm doch!«
+
+Sie hatte aufs neue seine Hand ergriffen und zog mit Gewalt an ihr,
+aber sie brachte ihn keinen Schritt vorwärts.
+
+»Leidchen,« sagte er, »nicht so furchtbar hitzig! Laß doch los, du
+reißt mir ja den Arm aus. Was du da eben gesagt hast, das hab' ich
+selbst mir alles ja schon hundertmal überlegt ... Aber es geht nicht.«
+
+»Du brauchst bloß zu wollen, dann geht es auch.«
+
+»Es ist unmöglich ... Ich kann nicht ... Und ich will auch nicht ...«
+
+»Sooo ... Du willst nicht ... Das ist was anderes ... So so so ... Du
+willst Tietjens Hermine nehmen.«
+
+»Die Verhältnisse sind manchmal stärker als wir Menschen.«
+
+»Die keine Haare mehr auf dem Kopf hat.«
+
+»Woher weißt du das?«
+
+»Ich hab' mal in der Heuzeit mit in ihrem Bett geschlafen. Aber sie
+hat die ganze Kommode voll Gold- und Silbergeschirr, und den Schrank
+voll seidener Kleider und viel, viel Geld. Ha, du kannst wohl lachen.«
+
+»Leidchen, du glaubst doch wohl selbst nicht, daß ich es gern tue! Muß
+ist eine bittere Nuß.«
+
+»Ja, ja, es ist 'ne wunderliche Welt. Ich kenn mich bald nicht mehr in
+ihr aus ... Was soll denn nun aus mir werden?«
+
+»Du kannst mir glauben, es tut mir in der Seele weh ... Aber,
+Leidchen, du bist jung und von leichtem, frohem Gemüt. Du kommst da
+wohl über hinweg.«
+
+»Ja, ich komm' ... da wohl ... über hinweg ...«
+
+»Und ich will tun, was ich kann, und mehr, als die Gesetze verlangen,
+und alles freiwillig ...«
+
+»Ach, kuck mal einer an! Das ist ja nett, daß wir uns nicht erst vor
+dem Amt gegenüberzustehen brauchen. Wieviel denkt ihr denn ungefähr,
+daß ihr anlegen wollt?«
+
+»Das können wir später sehen, die Sache soll jedenfalls auf das
+nobelste geregelt werden. Es freut mich, Leidchen, daß du so
+vernünftig bist und so ruhig über den Fall denkst. Das ist ja auch das
+beste. So'n kleines Malheur hat manche, und wer jung und hübsch ist,
+findet immer noch eine anständige Unterkunft, vor allem, wenn auch
+etwas Geld da ist. Und hier bei uns im Moor wird so was ja auch nicht
+so genau genommen.«
+
+»So! Nun endlich kenn' ich dich! Und da spuck' ich hin! Pfui, was du
+für ein schlechter, niederträchtiger Kerl bist! Pfui, pfui!«
+
+Sie wandte sich, schlug ihr Tuch um den Kopf und rannte den Pfad dahin
+wie ein gehetztes Wild. Lustig humpelte auf drei Beinen hinterher.
+
+Nach einer Weile drehte sie sich um, und noch einmal gellte es durch
+die Nacht: »Pfui, pfui, pfui!«
+
+
+
+
+ 21.
+
+
+Gerd war in der Nacht auf Dienstag zurückgekehrt.
+
+Als Leidchen die Frühkost in die Wohnstube trug, war er noch dabei,
+sich anzukleiden. Sie nickte ihm stumm zu, und er wunderte sich, daß
+sie keine Frage stellte wie: »Na, bist du wieder da?« oder so ähnlich,
+wie ein Bremenfahrer das eigentlich doch verlangen kann.
+
+Als sie am Tisch saßen, sah er ihr schärfer ins Gesicht. »Bist du
+krank?« fragte er nach einer Weile.
+
+Sie schüttelte den Kopf, ohne ihn anzusehen.
+
+»Ist jemand hier gewesen?«
+
+Sie schüttelte wieder den Kopf.
+
+Er wunderte sich über ihr sonderbares Benehmen, drang aber nicht
+weiter in sie ein und ging bald an seine Arbeit, die verschlammten
+Berieselungsgräben der Wiesen, Grüppen genannt, mit dem Spaten zu
+öffnen.
+
+Beim zweiten Frühstück fiel es ihm auf, daß ihre Augen etwas Starres,
+an den Dingen vorbei Sehendes hatten. Da sie mit der Hausarbeit
+fertig war, nahm er sie mit auf die Wiese; denn es war milde, von
+leichtem Frost geklärte Luft. Sie tat die Arbeit, die er ihr anwies,
+wie eine Maschine, ohne die geringste Teilnahme. Wenn er sie einmal
+ansprach, hörte sie entweder gar nicht, oder er mußte seine Worte
+lauter wiederholen, und es wollte ihm scheinen, als müßte sie ihre
+Gedanken jedesmal erst aus der Ferne herbeirufen. Einmal, als er sie
+von der Seite heimlich beobachtete, erschrak er über den ins Ziellose
+irrenden Blick ihrer Augen. Doch er tröstete sich, das wären so
+Stimmungen, die bei den Frauensleuten kämen und gingen.
+
+Aber dieser merkwürdige Zustand hielt die nächsten Tage an. Sie
+wandelte wie im Traum und erfüllte ihre Obliegenheiten fast wie ein
+Automat.
+
+Gerd versuchte alles mögliche, sie aus diesem wunderlichen Zustand zu
+erwecken.
+
+So brachte er eines Abends das Gespräch auf gemeinsame
+Jugenderlebnisse heiterer Art und lachte dabei mehr als sonst seine
+Weise war. Aber es gelang ihm nicht, ihr auch nur das leiseste Lächeln
+abzugewinnen. Wenn er, um sie zur Teilnahme zu zwingen, zwischendurch
+fragte: »Wie war dies, wie war das noch?« antwortete sie jedesmal in
+dem gleichen müden Tone: »Das weiß ich nicht mehr.«
+
+Er kam auf allerlei Menschen ihres Bekanntenkreises zu sprechen
+und stellte über diesen und jenen Behauptungen auf, die zum
+Widerspruch reizen mußten. Aber sie, die ihm all ihre Lebtage so gern
+widersprochen hatte, ließ ihm jetzt auch das Törichtste hingehen.
+
+Endlich fuhr er sein schwerstes Geschütz auf und fing von der Mühle
+und von Hermann an, ihr Gesicht heimlich dabei beobachtend. Aber in
+diesem veränderte sich keine Miene. Nicht einmal, als er erzählte,
+Tietjens wären Ende letzter Woche dort zu Besuch gewesen.
+
+Da war er mit seinem Latein zu Ende, und es wurde ihm angst und bange.
+
+In seiner Ratlosigkeit ging er zu Beta Rotermund, der treuen Nachbarin
+seines Elternhauses, und klagte ihr, wie er mit der Schwester zu
+Schick käme. Die gute Frau, die ihr Patenkind gleich in den ersten
+Tagen schon besucht hatte, versprach gern, noch einmal zu ihr zu gehen.
+
+Als Gerd sich bei ihr erkundigte, was sie ausgerichtet hätte, sagte
+sie unter vielem Seufzen: »Leidchen war sehr verschlossen, ich konnte
+nicht viel aus ihr herausbringen. Aber ich glaube, sie hat kürzlich
+eine Aussprache mit Müllers Hermann gehabt und weiß nun, daß von ihm
+nichts mehr zu hoffen ist. Da muß sie sich erst hineinfinden, und
+das wird ihr nicht leicht werden, wo sie letzte Woche noch so voller
+Hoffnung war. Wir können ihr dabei nicht helfen, so was muß der Mensch
+allein mit sich und seinem Gott abmachen ... Ich hab' sie eingeladen,
+sie sollte mich mal besuchen und überhaupt mehr unter Menschen gehen.
+Aber da schüttelte sie nur den Kopf. Sie macht ganz den Eindruck, als
+ob in ihr etwas gestorben wäre.«
+
+»Und was soll ich nun dabei tun, Rotermunds Mutter?« fragte Gerd.
+
+»Hab' immer ein Auge auf sie, und sieh zu, daß sie genug zu tun hat
+und nicht zu viel grübelt. Vor allem aber mach' ihr keine Vorwürfe.
+Die macht sie sich selbst genug, und mehr als gut ist. Und sei immer
+freundlich und lieb mit ihr, das ist die Hauptsache.«
+
+Gerd nickte und sagte: »Es paßt sich gut, daß wir den Torf so ziemlich
+los sind. Ich kann diese Zeit mehr bei Hause bleiben und brauche sie
+nicht so lange allein zu lassen.«
+
+»Ja, das ist gut,« sagte Frau Rotermund.
+
+Gerd widmete sich in den nächsten Wochen mit Eifer der Verbesserung
+seines arg verwahrlosten Besitzes, indem er die Entwässerungsgräben
+der Äcker reinigte und das Land mit der Hacke umriß, um es zu
+entquecken. Er nutzte die immer kürzer werdenden Tage nach Kräften
+aus, indem er, wenn es kaum tagte, mit der Arbeit anfing und sich erst
+Feierabend gönnte, wenn er nichts mehr sehen konnte.
+
+Die Versuche, Leidchen umzustimmen und aufzuheitern, gab er, da einer
+nach dem anderen ergebnislos verlief, bald auf, indem er sich sagte:
+»Schließlich muß jeder seine Last selbst tragen.«
+
+Einige Abende ließ er sich von ihr aus seinem Landwirtschaftsbuche
+vorlesen, dessen Lehren er ja nun auf eigenem Grund in die Praxis
+umsetzen wollte. Aber sie ging über Punkte und Kommas glatt hinweg,
+hielt mitten in den Sätzen inne, daß er den Sinn nicht fassen konnte,
+und las außerdem so eintönig, daß er, von der Arbeit im Freien
+ermüdet, meist nach zehn Minuten eingeschlafen war. Als sie eines
+Abends das Buch mechanisch wieder zur Hand nahm, sagte er: »Leg's man
+weg, wir wollen das lieber aufgeben. Ich merke ja, es macht dir doch
+keine Freude.«
+
+So lebten sie einige Wochen nebeneinander hin. Zuletzt sahen sie sich
+fast nur noch bei den Mahlzeiten, die mit den abnehmenden Tagen immer
+kürzer wurden, und bei denen manchmal keine drei Worte gewechselt
+wurden. Gerd war, was das Schicksal der Schwester betraf, immer
+mehr in einen Zustand der Gleichgültigkeit und Teilnahmlosigkeit
+hineingeraten und sehnte die Zeit herbei, wo seine Hochzeit ihn von
+einer so unfreundlichen und undankbaren Hausgenossin befreien würde.
+
+ * * * * *
+
+Zwischen Freimarkt und Weihnachten drängt sich die Gemeinde Grünmoor
+um den Abendmahlstisch. Das Brunsoder Jungvolk pflegt sich am zweiten
+Advent einzufinden.
+
+Einige Abende vorher erinnerte Gerd seine Schwester daran und fragte,
+ihr ernst in die Augen sehend: »Nicht wahr, du gehst doch auch mit?«
+
+Sie schüttelte stumm den Kopf.
+
+»Es ist schon so lange her,« gab er zu bedenken, »daß du nicht mehr
+hingewesen bist.«
+
+Leidchen schwieg.
+
+»Ich glaube,« begann er noch einmal, mit einem werbenden Blick in ihre
+toten Augen, »es würde dir gut tun ... Und ich würde mich so freuen.«
+
+»Bitte, Gerd, laß mich in Frieden,« sagte sie erregt, indem sie sich
+abwandte.
+
+Da ließ er sie seufzend gewähren.
+
+Am Sonntagmorgen trat er in seinem Abendmahlsrock vor sie hin und
+fragte: »Bin ich so ordentlich?«
+
+Sie nahm mechanisch die Bürste vom Wandbrett und fuhr ihm damit einige
+Male über die Kleidung.
+
+»Leidchen, noch wäre es Zeit ...«
+
+Sie erwiderte nichts.
+
+»Und wenn ich mal nicht lieb mit dir gewesen bin ...«
+
+»Du hast dir nichts vorzuwerfen,« unterbrach sie ihn kurz.
+
+Er ging. Sie setzte sich an das Fenster und blickte hinaus.
+
+Auf dem Kirchdamm, der Gerds Stelle im Westen begrenzte, und von dem
+der Achterdamm und Hauptdamm rechtwinklig abzweigen, pilgerte die
+Brunsoder Jugend dem Kirchdorf zu, bald ein Trupp Burschen, bald ein
+Koppel Mädchen. Leidchen suchte ihre Schulkameradinnen, mit denen sie
+eingesegnet war, heraus. Es fehlte auch nicht eine. Ein Brautpaar
+hielt sich von den anderen gesondert. Als endlich noch jemand zu
+Rad angefahren kam, wandte sie sich jäh vom Fenster ab und ging mit
+erstarrtem Gesicht an häusliche Arbeiten.
+
+Nach einer halben Stunde setzte sie sich wieder in die Stube, legte
+die Hände schlaff in den Schoß und sah wie abwesend vor sich hin.
+
+Als sie so wohl eine Viertelstunde gesessen hatte, stand sie auf und
+holte sich aus der Kommode in der anderen Stube ihr Gesangbuch.
+
+Sie legte es vor sich auf den Tisch und schlug es, den Kopf in die
+Hand gestützt, vorne auf.
+
+Dem Titel gegenüber befand sich ein Bildchen. Der Herr saß mit den
+Elfen um den Tisch beim ersten Abendmahl. Judas ging eben zur Tür
+hinaus.
+
+Sie hatte das Bild bisher kaum beachtet. Jetzt starrte sie es lange
+mit großen Augen an.
+
+Dann schlug sie die Buß- und Beichtlieder auf und las ihrer eine ganze
+Reihe.
+
+Alles, was in ihnen geklagt wurde von Sünde, Schuld und Strafe, wandte
+sie mit grausamer Wollust auf sich an. Über alles, was zum Preise der
+stärker sich erweisenden göttlichen Gnade und Vergebung gesagt und
+gesungen wurde, las sie mit dumpfen Sinnen hinweg.
+
+Hin und wieder traf sie auf Verse, in denen eine aus dem Kerker
+befreite, von schwerem Druck erlöste Seele gar zu hell und freudig
+aufjubelte. Da war es ihr für Augenblicke, als wollte der Klang ein
+leises Echo in ihrer Seele wecken, als sähe sie in der Ferne eine Tür
+und schwaches Licht durch die Finsternis schimmern. Aber gewaltsam
+verschloß sie ihre Augen dagegen. Sie wollte in der dumpfen Starre,
+die seit Wochen, seit jener fürchterlichen Nacht, in der ihre letzte
+Hoffnung zusammenbrach, auf ihr lag und ihre Seele lähmte, verharren.
+Denn so war es am besten zu ertragen.
+
+Gerd kam erst gegen drei Uhr, zurück. Sie waren ihrer an die
+fünfhundert Gäste um den Altar gewesen, und der bejahrte Pastor hatte
+im Austeilen von Brot und Wein eine Pause machen müssen, weil seine
+Kraft versagen wollte.
+
+Er befand sich in befreiter, gehobener Stimmung und trat der Schwester
+mit warmer Herzlichkeit entgegen. Als er ihr aber in die kalten, toten
+Augen sah, erschrak er.
+
+»Liebes Leidchen, so sag' mir doch endlich mal, was mit dir ist, ob
+ich dir nicht helfen kann.«
+
+»Du kannst mir nicht helfen,« gab sie dumpf zur Antwort.
+
+»Ach wärst du doch heute morgen mit mir gegangen!«
+
+»Judas ging hinaus.«
+
+Er sah sie entsetzt an: »Aber Kind, du bist doch kein Judas.«
+
+»Kannst ~du~ das wissen?«
+
+»Hast du denn ganz vergessen, was du gelernt hast? Barmherzig und
+gnädig ist der Herr, geduldig und von großer Güte und Treue.«
+
+»Es gibt eine Sünde, die kann nicht vergeben werden, weder in dieser
+noch in der zukünftigen Welt.«
+
+»Aber Leidchen, Leidchen, was schnackst du da für schreckliches Zeug!
+Das ist doch bloß die Sünde wider den heiligen Geist.«
+
+»Kannst du in mich hineinkucken? Kannst ~du~ wissen, ob ich die
+begangen habe oder nicht?«
+
+»Oh, Leidchen, ich bitte dich, laß dir bloß nichts vorlügen vom bösen
+Feind. Wühl' dich nicht in einen solch schaurigen Wahn hinein!«
+
+Er sah sie in heller Verzweiflung an.
+
+»Komm, Junge, das Essen wird kalt,« sagte sie kurz.
+
+Sie setzten sich an den Tisch. Gerd hatte einen tüchtigen Hunger
+mitgebracht. Aber jetzt war er ihm zum guten Teil wieder vergangen.
+Leidchen dagegen aß viel, und wie ihrem Bruder scheinen wollte, mit
+einer Hast und Gier, die ihr früher fremd gewesen waren.
+
+Am Abend ging sie zeitig zu Bett. Gerd saß allein in der Stube, und
+auf einmal gewannen bittere Gefühle über ihn die Herrschaft. Er fragte
+sich, was er all die Jahre eigentlich von seiner Schwester gehabt
+hätte, und gab sich die Antwort: nichts als Arbeit, Sorge, Angst,
+Verdruß und Ärger. Als er sich dies mit Einzelheiten bewiesen hatte,
+fiel ihm plötzlich ein Wort ein, das der Pastor am Vormittag in
+seiner Beichtrede angeführt hatte: »Einer trage des anderen Last, so
+werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen,« und er erneuerte die vor dem
+Altar gefaßten Vorsätze, der Schwester fortan wieder freundlicher und
+herzlicher zu begegnen, als in den letzten Wochen.
+
+Zwei Tage später fand im oberen Dorf, auf Stelle Nr. 11, eine
+Zwangsversteigerung statt. Jan Brassen, ein Luftikus und Obenhinaus,
+einer von Heini Pepers besten Kunden, hatte sich in einem plötzlichen
+Anfall von Größenwahn ein Paar feuriger Rappen zugelegt und diese
+dann in einem halben Jahr zuschanden gejagt. Inzwischen war auch der
+Wechsel verfallen, und sein Hausrat sollte jetzt in die vier Winde
+gehen.
+
+Gerd ging auch hin, in der Hoffnung, ein paar Stücke, deren Fehlen
+sich im Haushalt unangenehm fühlbar machte, billig kaufen zu können.
+An die hundert Menschen umstanden den Tisch des Auktionators, und da
+es halbjährigen Kredit gab und Schnaps soviel jeder trinken wollte,
+wurden wahnsinnige Summen geboten, für die man die meisten Sachen viel
+besser neu hätte kaufen können. Gerd ärgerte sich über den Leichtsinn
+der Leute und mußte im stillen dem Lehrer recht geben, der unter
+seinem lebhaften Widerspruch einmal behauptet hatte, in manchen Dingen
+wären die Moorleute noch die reinen Kinder, und die Unfertigkeit der
+Verhältnisse in den Kolonien im Gegensatz zu der Solidität der alten
+Geestdörfer träte oft erschreckend zutage. Er beteiligte sich deshalb
+überhaupt nicht am Bieten.
+
+Ganz zuletzt hob der Ausrufer eine Handharmonika in die Höhe, und
+um etwaige Kaufliebhaber zu überzeugen, daß noch Töne drin saßen,
+spielte er schnell: »Ach du lieber Augustin, alles ist hin.« Die Leute
+lachten, Gerd aber, der ein solches Instrument längst gern besessen
+hätte, fing mit einem Taler an zu bieten, und bei fünf Mark wurde ihm
+der Zuschlag erteilt. Er bezahlte sofort und zog sehr erfreut mit
+seinem Schatz ab.
+
+Unterwegs fiel ihm aus der biblischen Geschichte der junge David ein,
+wie der mit seinem Harfenspiel den bösen Geist von König Saul gejagt
+hatte. So ein böser Geist hatte ja auch seine Schwester besessen. Ob
+der am Ende vor dem Harmonikaspiel weichen würde? ... Das konnte ganz
+gut sein und wäre ja herrlich. Er zog schnell ein paar Akkorde und
+hatte mit solcher Hoffnung im Herzen an seinem Instrument noch einmal
+soviel Freude wie vorher.
+
+Als er die Dorfreihe hinter sich hatte, fing er im Gehen an zu üben
+und wunderte sich, wie schnell die Töne sich unter seinen Händen zu
+Melodien formten. Zu Hause angelangt, brachte er das Weihnachtslied »O
+du fröhliche« schon fehlerfrei zustande und gab es seiner Schwester
+zum besten, sie dabei still beobachtend, und als er fertig war,
+fragte er: »Nicht wahr, es klingt doch schön?« Sie nickte, und dann
+spielte und übte er den ganzen Abend. Als sie eine Stunde nach dem
+Abendbrot aufstand, um zu Bett zu gehen, ärgerte er sich, daß sie
+ihm nicht länger zuhören wollte. Aber er suchte Trost in der Musik,
+indem er eine Elegie phantasierte und all seine Kümmernisse in den
+Harmonikaakkorden ausströmen ließ.
+
+In der Nacht fiel Schnee und gleich so reichlich, daß er der Arbeit im
+Freien ein Ende machte. Gerd war sehr verdrießlich, denn nun konnte er
+bis Weihnachten nicht so weit kommen, wie er sich vorgenommen hatte.
+Er mußte jetzt die Tage untätig im Hause sitzen, worunter seine Laune
+sehr litt.
+
+Eines Abends ärgerte er sich über das wunderliche Wesen der Schwester
+dermaßen, daß die Galle ihm überlief. Ich will doch mal sehen, ob es
+nicht möglich ist, den einen Teufel durch den anderen auszutreiben,
+sagte er zu sich, trat dicht vor sie hin, schlug mit der Faust
+dröhnend auf den Tisch und schrie ihr zu: »Ich lasse mir dies nicht
+länger so gefallen! Du häßliche, undankbare Deern, alles tue ich um
+deinetwillen, und du machst den ganzen Tag ein Gesicht, daß es nicht
+mehr anzusehen ist. Du hast es zehnmal besser, als du's verdienst.
+Wenn dir das hier bei mir nicht paßt, kannst du meinetwegen hingehen,
+wo du hergekommen bist, ich halte dich gewiß nicht. Was zu viel ist,
+das ist zu viel!«
+
+Sie war zusammengezuckt, sah ihn mit großen entgeisteten Augen an und
+ging zur Tür hinaus.
+
+Sein Zorn verrauchte so schnell, als er gekommen war, und die harten
+Worte taten ihm bald leid. Er schlug sich mit der Hand vor den Kopf
+und grübelte, auf einem Stuhl an den Tisch hingesunken, dumpf vor sich
+hin.
+
+Nach einer Weile fuhr er plötzlich in die Höhe. War da nicht eben die
+Seitentür gegangen?
+
+Er lief über die Diele und riß sie auf.
+
+Wahrhaftig, da hob eine vermummte Gestalt sich gegen den Schnee ab.
+
+Er rief: »Leidchen! Leidchen!«
+
+Sie wandte sich nicht um.
+
+Er hinter ihr drein. Sie am Arm fassend, rief er: »Aber Kind, wo
+willst du denn hin?«
+
+»Ich soll ja gehen, hast du gesagt,« klang es tonlos aus dem
+Umschlagetuch, das ihr Gesicht verhüllte. »Ich will Tante Beta fragen,
+ob sie mich haben will.«
+
+»Aber so hab' ich das ja gar nicht gemeint, es ist mir nur der Kopf
+mal verglippt, vergib mir die bösen Worte, du weißt doch, wie gut ich
+es mit dir meine. Nun komm doch.«
+
+Er legte den Arm um sie und führte sie mit sanfter Gewalt in das Haus
+zurück.
+
+Als sie in der Wohnstube anlangten, wo Leidchen sich auf einen Stuhl
+fallen ließ, stellte er sich vor sie hin und bat: »Bitte, liebe
+Schwester, kuck mir mal in die Augen!«
+
+Sie hielt den Blick gesenkt.
+
+»Sag' mal, kannst du denn gar nicht ein bißchen wieder vergnügt sein?«
+
+»Ich kann mich nicht anders machen als ich bin. Du solltest mich man
+gehen lassen. Dann brauchst du dich nicht mehr über mich zu ärgern.«
+
+»Davon ist keine Rede, wir beiden halten treu zusammen. Wenn es gar
+nicht anders geht, muß ich schließlich auch so zufrieden sein,« sagte
+er seufzend. »Vergiß das von vorhin. Du sollst kein böses Wort wieder
+von mir zu hören kriegen.«
+
+So kam Weihnachten heran. Gerd hatte nicht daran gedacht, das Fest,
+dem die Stimmung in seinem Hause so gar nicht entgegenkam, besonders
+zu feiern. Aber in einer stillen, weichen Stunde beschloß er doch, der
+Schwester eine Ueberraschung zu bereiten, und kaufte kleine Geschenke.
+Und als er auf seinem Hochmoor zufällig ein schneebelastetes Tännchen
+entdeckte, hieß er es mitgehen. Am Spätnachmittag vor dem Heiligen
+Abend ging er ins Dorf, um vom Höker die nötigen Lichte zu holen.
+
+Als er, seiner Heimlichkeit froh, nach Hause kam, suchte er die
+Schwester überall und fand sie endlich in ihrer Butze.
+
+»Was, Deern? Du bist schon ins Bett gekrochen?«
+
+»Ja.«
+
+»Aber es ist doch Christabend. Da hilft dir alles nichts, du mußt
+wieder heraus.«
+
+»Ach, Gerd, laß mich.«
+
+»Zehn Minuten geb' ich dir noch, aber dann mußt du hoch sein.«
+
+Und schon war er hinaus.
+
+Er holte das Bäumchen, das er hinter dem Hause im Buschwerk verborgen
+hatte, steckte den Fuß in einen quadratisch ausgestochenen Soden
+Moostorf und stellte es in der Wohnstube auf den Tisch. Ein paar Äpfel
+und Kringel hatte er schnell in die Zweige gehängt und das Dutzend
+roter, grüner und weißer Lichte hineingesteckt. Seine Geschenke
+breitete er unter der Tanne aus: eine Brosche von derselben Art,
+wie er seiner Schwägerin Becka am Verlobungstag eine hatte schenken
+müssen, eine schwarze Schürze, einen Kamm, in die Haare zu stecken,
+und einen Teller mit Äpfeln und Nüssen. Von Herzen froh überblickte er
+seine Gaben und rieb sich die Hände.
+
+Dann nahm er ein Licht, das er zurückbehalten hatte, und zündete die
+anderen damit an. Öfters trat er einen Schritt zurück, um sich an dem
+immer heller werdenden Glanz, der sein bescheidenes Stübchen erfüllte,
+zu erfreuen.
+
+Als das volle Dutzend brannte, bog er ein Zweiglein mit der Spitze zu
+einer der Flammen, daß es knisternd und zischend den niedrigen Raum
+mit süßem Weihnachtsdunst durchräucherte, den er voll tiefen Behagens
+einsog.
+
+Darauf nahm er die Harmonika von der Wand und schritt spielend über
+das Flett. In der anderen Stube war es noch dunkel. »Was?« rief er
+enttäuscht, »du liegst noch immer im Bett? Nun aber 'raus! Christkind
+ist da!«
+
+»Ach Gerd, nicht für mich,« kam es müde aus der Butze.
+
+»Für wen denn sonst? Grade für dich. Grade du hast es so nötig. Hu,
+hier ist's so düster und kalt, und drüben so warm und hell. Deern, was
+wirst du für Augen machen!«
+
+»Gerd, bitte ... laß mich liegen.«
+
+»Das wär' noch schöner!« rief er. Er holte ihre Hand unter der Decke
+hervor. »Wenn du nicht willig kommst, zieh' ich dich mit Gewalt
+heraus, und du mußt, wie du da liegst, im Hemde, mit. Leidchen, ich
+hab' mich so lange auf diesen Abend gefreut, du willst mir doch nicht
+die ganze Freude verderben? Nun komm aber schnell, die Lichter brennen
+sonst herunter.«
+
+»Was für Lichter?«
+
+»Die an unserem Christbaum natürlich.«
+
+»Was? Du hast einen Baum?«
+
+»Ja, für dich.«
+
+»So--o? ... hm ... dann muß ich wohl kommen ...«
+
+Er ging auf das Flett hinaus, setzte sich an den Herd und spielte
+Weihnachtslieder, den Blick träumerisch der geöffneten Wohnstube
+zugekehrt, aus der es weihnachtlich herüberglänzte.
+
+Es dauerte nicht lange, so erschien die Schwester. Er legte den Arm
+leicht um sie und führte sie dem Lichterglanz entgegen. In der Tür
+blieben sie eine Weile schweigend stehen. Dann geleitete er sie an den
+Gabentisch.
+
+»Hier hab' ich auch schöne Geschenke für dich,« sagte er froh. »Erst
+mal hier eine Brosche. Das Kreuz, weißt du, was das zu bedeuten hat?«
+
+»Ja.«
+
+»Und das Herz?«
+
+»Natürlich weiß ich das.«
+
+»Und der Anker?«
+
+»Och, Gerd, wie sollte ich das nicht wissen?«
+
+»Dann vergiß es auch nicht und denke immer daran: Ohne Glauben, Liebe,
+Hoffnung, kann kein Mensch das Leben zwingen. Halt her, ich stecke
+sie dir an ... Macht sich sehr fein, kuck mal in den Spiegel ... Oder
+magst du sie nicht leiden?«
+
+Sie nickte traurig: »Doch, sie ist wunderhübsch.«
+
+»Und dann ist hier eine Schürze. Kaufmann Nolte sagt, es wär' was
+extra Feines. Soll ich sie dir vorbinden?«
+
+»Nein, danke, das kann ich selbst.«
+
+»Und dann ist hier noch ein Kamm. Komm, ich steck' ihn dir selbst
+ins Haar ... Er sitzt wie angegossen. Und wie deine Haare auf einmal
+wieder glänzen ... wie gelbe Seide ... Und auch deine Augen haben
+wieder ihren alten Glanz ...«
+
+»Das kommt wohl bloß von den Lichtern,« sagte Leidchen und wischte mit
+der Hand über ihre Augen.
+
+»Laß es ruhig davon kommen, Deern, das schadet ja nichts ...«
+
+»... Du hast mir so viel geschenkt, und ich habe für dich gar nichts.
+Ein Paar Strümpfe hatte ich angefangen, aber die letzten Wochen hab'
+ich sie liegen lassen.«
+
+»Macht nichts. Wenn du dich bloß ein bißchen freuen willst, bin ich
+zufrieden.«
+
+»Ja, das tu' ich ja auch ...«
+
+»Mußt's aber auch wirklich und ordentlich tun.«
+
+»Ach, Gerd, so mit Gewalt kann man das nicht. Das muß über einen
+kommen.«
+
+»Ja, aber an diesem Abend, sollt' ich meinen, kommt es auch über jeden
+ordentlichen Christenmenschen. Und du bist doch kein Heidenkind ...
+Lang' mir erst mal unserer seligen Mutter ihre Bibel vom Wandbrett.«
+
+Sie reichte ihm das ehrwürdige Buch, und er las das
+Weihnachtsevangelium, langsam und andächtig. Bei der Engelsbotschaft
+von der Freude, die allem Volk widerfahren soll, hob er die Stimme.
+
+Eine Zeitlang schauten sie wieder still in das Lichtgeflimmer.
+
+Dann griff er zu seiner Harmonika und sagte: »Nun wollen wir auch mal
+ein Lied singen. Welches möchtest du am liebsten?«
+
+»Es ist mir einerlei.«
+
+»Na, denn mal los: O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende
+Weihnachtszeit.«
+
+Er zog ein paar Akkorde und setzte dann kräftig mit der zweiten Stimme
+ein. Aber die erste blieb aus.
+
+»Du sollst mitsingen,« sagte er ärgerlich, Gesang und Spiel
+unterbrechend, »wir haben doch immer so schön zweistimmig gekonnt.«
+
+»Fang' bitte noch einmal an ...«
+
+Und nun stimmte sie mit ein, erst zag und leise, allmählich kräftiger
+werdend, und sie sangen alle drei Verse.
+
+Wieder schauten sie schweigend in den Glanz der Kerzen, eine lange
+Zeit ...
+
+Endlich fragte sie leise, den Blick zu Boden gesenkt: »Weißt du noch?
+... heute vor drei Jahren? ...«
+
+Er sandte einen schnellen Blick zu ihr hinüber und sagte ebenso leise:
+»Ja ... daran habe ich auch schon gedacht ...«
+
+Plötzlich barg sie ihr Gesicht in die Schürze und fing an zu weinen.
+Bald warf ein wildes Schluchzen ihren Körper hin und her, das zuletzt
+wieder in ein leises Weinen überging.
+
+In Gerds feucht schimmernden Augen war der Widerglanz einer großen,
+stillen, tiefen Freude.
+
+Als sie endlich ihre Augen getrocknet hatte, begann er:
+
+»Liebe Schwester, ich habe mich oft gefreut, wenn du fröhlich
+lachtest. Aber über dein Lachen habe ich mich niemals so gefreut,
+wie eben über die Tränen, die du da geweint hast ... Ich hab' mal in
+einem Buch gelesen, in der heiligen Weihnacht fingen Glocken, die mit
+versunkenen Städten tief unten im Meer liegen, leise an zu klingen.
+Das mag wohl sein ... Du sprachst vorhin von heute vor drei Jahren ...
+Da wollen wir wieder anknüpfen, und was dazwischen liegt, als einen
+bösen, häßlichen Traum ansehen ...«
+
+»Wenn das nur so ginge ...«
+
+»Es geht, Leidchen. Ganz gewiß, es geht! Ich meine doch, dazu ist
+der Heiland ein Kind geworden, daß wir auch wieder Kinder werden
+können. Nein, laß mich ruhig ausreden. ›Christ ist erschienen, uns
+zu versühnen‹, haben wir vorhin gesungen. Und ich meine, das sollen
+wir einfach glauben ... Du hast's diese Zeit mit Grübeln, Sorgen und
+Grämen versucht. Und was ist dabei herausgekommen? Du hast dich damit
+nur immer tiefer in dein Elend hineingearbeitet, und mir ist manchmal
+angst und bange um dich gewesen. Nun versuch's doch mal auf die andere
+Art. Glaub' ganz einfach dem Heiland, der zu einer, die es viel
+schlimmer getrieben hatte, gesagt hat: ›Sei getrost, meine Tochter,
+deine Sünden sind dir vergeben.‹ Das fasse tief in dein Herz, und dann
+quäl' dich nicht länger, sondern fang' frisch von neuem an.«
+
+Sie wandte den Kopf nach dem Fenster, ihre Augen suchten das Dunkel.
+Aber in den unverhangenen Glasscheiben spiegelte sich derselbe
+Lichterbaum, den sie in Gerds Augen hatte glänzen sehen, und die
+ganze Stube füllte er mit seinem wunderbaren Licht. Es war gar nicht
+möglich, seinem Glanze auszuweichen.
+
+Nach einiger Zeit nahm sie des Bruders Hand und sagte: »Weißt du was,
+Gerd? Ich glaube, es war gut, daß ich mal tüchtig geweint habe.«
+
+Er nickte: »Hab' ich's nicht gesagt?«
+
+»Das hab' ich nämlich lange nicht gekonnt. Es lag mir hier über dem
+Herzen immer wie ein Mühlstein. Ich fühl' wohl noch, wo er so lange
+gedrückt hat, aber ich glaube beinahe, jetzt ist er da nicht mehr. Es
+ist mir auf einmal so leicht ...«
+
+»Gott sei Dank!« sagte er mit leuchtenden Augen, indem er selbst wie
+von zentnerschwerem Druck befreit aufatmete.
+
+Nach einer Weile sprang er auf seine Füße, sah sie überglücklich an
+und rief:
+
+»Weißt du, Leidchen, wozu ich beinah Lust hätte?«
+
+»Na?«
+
+»Noch einmal mit dir rund um den Baum zu tanzen, wie vor Jahren!«
+
+Sie lächelte trübe. »Das wollen wir doch lieber lassen.«
+
+»Na ja, man kann ja auch so vergnügt sein. Deern, ich bin jetzt beinah
+fröhlicher als vor drei Jahren. Ich glaube, der Mensch muß erst mal
+tief in die Hölle hinab, um zu wissen, was rechte Freude ist.«
+
+Er reckte und streckte die Arme von sich, und seine Augen glänzten,
+nicht bloß vom Christbaum, so recht von innen her.
+
+»Aber Deern,« sagte er dann, »~einen~ Gefallen mußt du mir tun:
+mir mal meine Pfeife stopfen!«
+
+Sie sprang auf und ging mit leichtem, schwebendem Schritt in die
+Stubenecke, wo Pfeife und Tabaksbeutel hingen. Mit frohen, lächelnden
+Augen sah er ihr zu, wie sie den Pfeifenkopf reinigte und füllte.
+
+Als sie ihm den fertigen Brösel brachte und ein schwelendes
+Zündholz dazu, sagte er: »Das pust' man wieder aus. Dies ist 'ne
+Friedenspfeife, 'ne Freudenpfeife, die steck' ich mir an unserem
+Weihnachtsbaum an.«
+
+Bald mischte sich mit dem Tannen- und Kerzenduft der seines Knasters,
+das Pfund zu fünf Groschen. Der Torf im Ofen glühte, die Lichter
+strahlten Wärme, dem Munde des Schmökers entquollen braungelbe Wolken.
+Das alles ergab eine Temperatur und Atmosphäre in dem niedrigen Raum,
+die nicht ganz einwandfrei waren. Aber niemand dachte daran, Tür oder
+Fenster zu öffnen. Grad' so war es sehr weihnachtlich und über die
+Maßen gemütlich.
+
+Sie hatten längere Zeit geschwiegen, als Leidchen mit schmerzlicher
+Wehmut sagte: »Gerd, wieviel hast du doch mein ganzes Leben durch an
+mir getan ... Und von mir hast du nichts gehabt als Sorge und Mühe und
+Verdruß ...«
+
+Er sog nachdenklich an seiner Pfeife. Seine Augen schauten zwar in den
+Lichterglanz, schienen aber noch mehr nach innen geöffnet zu sein.
+
+»Das kannst du doch wohl nicht sagen,« begann er nach einer Weile.
+»Was Menschen einander geben und voneinander nehmen, das kann man doch
+wohl nicht so glatt ausrechnen wie ein Rechenexempel ... Das Beste,
+was einer von dem anderen hat, glaub' ich, kennt er am Ende selbst am
+wenigsten ...«
+
+Er stützte den Kopf über dem Tisch in die Hand und fuhr aus tiefem
+Sinnen heraus fort: »Wenn ich so über mein Leben nachdenke ... es war
+doch nicht bloß Torfbacken und Solospielen ... es war ein Zug in die
+Höhe darin, glaub' ich ... Und ich möchte sagen: der Faden, der mich
+führte und zog, der ging durch deine Hand ...«
+
+Sie sah ihn verwundert und ungläubig an. Er nahm ihre Hand und zog sie
+sanft auf seine Knie herüber.
+
+Nach längerem Schweigen fuhr er mit seinem Lächeln fort: »Ja ja, ihr
+Frauensleute! Was meine Sine ist, die hat mich sozusagen erst richtig
+zu einem Menschen gemacht ... Aber als ich sie noch nicht kannte, da
+hatte ich dich ... Wenn ich dich nicht gehabt hätte, ich glaube, dann
+wäre nichts Rechtes aus mir geworden ... Für mich mußtest du wohl auch
+gerade so sein, wie du warst und bist, und nicht anders ... Ich glaube
+wirklich, ich habe viel mehr von dir gehabt als du von mir ...«
+
+Sie schüttelte lächelnd den Kopf und wollte etwas erwidern. Aber er
+sagte, ihr tief in die Augen sehend: »Leidchen, darüber wollen wir uns
+nicht weiter streiten. So was läßt sich wirklich nicht auf der Wage
+abwiegen. Und es bleibt ja auch in der Familie.«
+
+Die Lichter brannten allmählich nieder, die größere Hälfte war schon
+erloschen.
+
+Als wieder einmal eins sterben wollte, sagte Leidchen wie im Traum:
+»Übers Jahr ... wie es dann hier wohl aussieht?«
+
+Gerd malte sich das Bild mit frohen, bunten Farben aus. Dann saß Sine
+hier mit ihm unter dem Christbaum. Wenn die Lichter sich in ihren
+grallen Augen spiegelten, das mußte eine Lust sein. Was er ihr wohl
+schenken würde? Und sie ihm? ... Vielleicht um Weihnachten herum schon
+so was ganz Liebes, das ein Jahr später dann mit süßen Äugelein in den
+Lichterglanz blinzelte und mit runden Patschhändchen nach den Kringeln
+langte, die Sine ihm in die Zweige gehängt hatte ...
+
+Plötzlich dachte er an seine Schwester und erschrak.
+
+Er sah zu ihr hinüber.
+
+Sie saß, die Hände im Schoß gefaltet, und ihre großen braunen Augen
+schauten in das zuckende Licht. Aber sie schienen weit, weit darüber
+hinaus zu irren.
+
+Er legte seine Hand zart und leicht auf die ihren. Sie schien es nicht
+zu merken.
+
+Da zog er ihre Linke auf sein Knie und drückte sie, erst sanft, dann
+etwas stärker.
+
+»Leidchen ...« sagte er mit großer Wärme und Innigkeit.
+
+Da wandte sie sich ihm zu und sah ihn groß an.
+
+»Lieber Bruder,« kam es wie ein Hauch von fernher über ihre Lippen.
+
+»Wo warst du eben?«
+
+»Ich? ... Ich weiß nicht ... Ich glaube, weit, weit weg ...«
+
+
+
+
+ 22.
+
+
+Die Wintermonate gingen ihren stillen Gang.
+
+Das Wetter war, kürzere Frostperioden abgerechnet, Gerds Arbeiten
+günstig, und er nützte die Zeit denn auch nach Kräften aus. Mit
+leichtem, frohem Herzen stand er jetzt meistens bei seinem Tagewerk.
+Denn wenn ihn auch manchmal eine tiefe, schmerzliche Trauer aus
+Leidchens Augen anblickte, die dumpfe Starrheit war von ihrer Seele
+gewichen, und Ausbrüche wilder Verzweiflung kehrten nicht wieder. Nie
+kam ein Wort der Klage oder Bitterkeit über ihre Lippen. Still und
+unverdrossen tat sie ihre Arbeit und wurde geradezu erfinderisch,
+ihn durch kleine Überraschungen zu erfreuen. Seine Lieblingsgerichte
+erschienen so oft auf dem Tisch, daß er, um nicht mit ihnen
+überfüttert zu werden, bald andere Speisen dazu erklären mußte. Er
+hatte es jetzt gänzlich aufgegeben, sie zu schulmeistern und zu
+bevormunden. Die Art, wie sie ihr Schicksal trug, machte sie ihm
+fast verehrungswürdig, und vor ihrer Mutterschaft empfand er etwas
+wie heilige Scheu. Mit keinem Wort, ja kaum mit Gedanken, wagte er
+daran zu rühren. Die Verantwortung, die er für die Schwester fühlte,
+erstreckte sich auch schon auf das kleine Menschenwesen, das unter
+ihrem Herzen wurde.
+
+Des Abends lasen sie sich meist abwechselnd vor.
+
+Auch das dicke Buch in gepreßtem Schweinsleder mit Messingbeschlag,
+das die ersten Ansiedler von der Geest in die neue Heimat begleitet
+hatte, nahmen sie nicht selten vom Wandbrett. »Erst wenn man etwas
+durchgemacht hat,« sagte Gerd eines Abends, als er es schloß, »fängt
+man an, dieses Buch zu verstehen und lieb zu haben.« Und Leidchen
+nickte zustimmend.
+
+ * * * * *
+
+Gerd brannte darauf, was er von der Wirkung künstlicher Düngemittel
+in seinem Lehrbuch gelesen hatte, gleich im ersten Jahre als
+selbständiger Landwirt zu erproben. So fuhr er denn Mitte Februar,
+als die Wasserläufe eben wieder frei geworden waren, zur Stadt, um
+sich eine Ladung zu holen, wie es für Moorland empfohlen wurde. Er
+war stolz darauf, daß er, der jüngste Besitzer des Dorfs, hiermit
+den Anfang machte. Im ganzen Kirchspiel war er der zweite; ein
+vorwärtsstrebender Landwirt auf der Südseite hatte schon im letzten
+Jahre mit Versuchen begonnen. Es hieß, daß die Moorversuchsstation in
+Bremen demnächst in der Sache vorgehen und die Königliche Regierung
+Beihilfen geben würde, um den vorsichtigen und mißtrauischen Bauern
+Mut zu machen. Jenen zuvorzukommen, freute ihn noch ganz besonders.
+
+Als er seine Last den Schiffgraben hinaufschob, gesellte sich ein
+alter Torfbauer zu ihm, Jan Barrenbrock mit Namen, den Gerd aber nur
+als Barrenbrocks Opa kannte. Dieser pflegte sich zu rühmen, in seinem
+Leben mehr Torf gemacht zu haben, als die Brunsoder alle. Wenn man ihn
+ansah, konnte man das auch wohl glauben. Seine mittelgroße Gestalt
+schien stark der Torfkuhle zugekrümmt, und an der linken Hand saßen
+ihm taubeneigroße Gichtknoten. Daß er der weißen Rasse angehörte,
+konnte fast zweifelhaft erscheinen, da die Farbe seines Gesichts
+stark in die des wichtigsten Landesprodukts hinüberspielte. Spötter
+meinten, der Torfstaub säße ihm in der Haut wie dem Neger die schwarze
+Farbe; andere wollten wissen, der alte Wühler wüsche sich nur an den
+großen Festtagen, und auch dann mit viel Schonung, weil er dafür
+halte, die Schicht Torf um das Fell herum erspare ihn im Ofen. Ein
+Worpsweder Maler, der einmal einen rechten, echten Jan vom Moor aus
+der guten alten Zeit malen wollte, war glücklich, als er Barrenbrocks
+Opa entdeckte, und der Alte pflegte mit seinem pfiffigsten Lächeln zu
+erzählen, so leicht wie bei dem dummen Kerl hätte er in seinem Leben
+kein Geld verdient: drei Groschen die Stunde, und Tabak, soviel als er
+nur hatte schmöken können.
+
+Da Torfstaub die Menge, Wasser aber wohl nie den Weg in seine Ohren
+gefunden hatte, war er recht schwerhörig und brüllte Gerd an, als ob
+er einen Stocktauben vor sich hätte:
+
+»Was hast du da im Schiff?«
+
+»Künstlichen Dünger!« brüllte Gerd zurück. »Kainit und Thomasschlacke!«
+
+»Kainit? Kenn' ich nicht. Was noch?«
+
+»Thomasschlacke!«
+
+»Und damit willst du düngen?«
+
+»Ja, Opa!«
+
+»Ha! Da bin ich aber ein ungläubiger Thomas.«
+
+»Kann sein, daß Ihr noch mal ein gläubiger werdet!«
+
+»Ich? Na, da lauer' auf, mein Junge! Als du die ersten Windeln naß
+machtest, hatt' ich bald meine tausend Hunt Torf herausgemacht.«
+
+»Das kann stimmen!«
+
+»Als ich so'n Bursch war, wie du nun bist, mußten wir ihn noch mit
+bloßen Füßen pedden. Euch jungen Gästen heutzutage wird's schon in den
+warmen Hollschen zu viel.«
+
+»Ja, Opa, die Welt ändert sich. Und hier bei uns im Moor wird sich
+noch vieles ändern. Wir wollen nicht ewig Torfbauern bleiben, können's
+auch gar nicht, denn der Torf wird bei kleinem alle. Wir wollen
+rejalige Landwirte werden und das Hochmoor kultivieren und zusehen,
+daß wir genug Grünland bei Hause kriegen und nicht die Tage und Nächte
+auf der Hamme zu liegen brauchen. Das läßt sich jetzt alles machen,
+denn mit dem künstlichen Dünger können wir größere Flächen in Kultur
+nehmen als mit dem bißchen Kuh- und Schweinemist. Ihr sollt sehen,
+Opa, wenn Ihr noch ein halb Stieg' Jahre kregel bleibt, es bricht eine
+ganz neue Zeit für unsere Gegend an!«
+
+»Wo hast du die Weisheit her?«
+
+»Aus Büchern.«
+
+»Aus Büchern!« wiederholte der Alte in ehrlichster Verachtung und
+spuckte in schönstem Bogen, wie ihn nur die ältere Generation noch
+fertig bringt, in den Schiffgraben.
+
+»Besucht mich mal im Julimond, dann sollt Ihr was zu sehen kriegen!«
+
+»Hä, dazu tu' ich keinen Schritt aus dem Hause. Mit so 'nem
+neumodischen Kram will ich nix nich zu tun haben, hähä.«
+
+Der Torfbauer alten Schlages ging höhnisch lachend und überlegen
+kopfschüttelnd seiner Wege, indes der junge Moorbauer arbeits- und
+hoffnungsfroh seinen Schatz, von dem er sich so große Dinge versprach,
+seinem Besitztum zuschob.
+
+Die nächsten Tage fiel bei der Windstille ein weicher, warmer Regen.
+Da schritt er, einen Sack vor sich, die zubereitete Hochmoorfläche auf
+und ab, säte aus einem alten Fausthandschuh Kainit und Thomasschlacke
+gemischt und sah im Geist die Zeit kommen, wo seine achtzehn Morgen,
+von denen jetzt kaum der dritte Teil kultiviert war, in frischem Grün
+prangten und reichen Ertrag brachten. Er selbst würde diesen Tag wohl
+nicht mehr erleben, aber ihm für Kinder und Kindeskinder ein gut Stück
+entgegenzuarbeiten, dafür wollte er alle Kraft einsetzen.
+
+ * * * * *
+
+So rückte die Osterzeit heran.
+
+Am Sonnabend vor der stillen Woche trafen Gerd und Sine sich mit Becka
+und ihrem Bräutigam in Grünmoor, um zusammen in das Pfarrhaus zu gehen
+und das Aufgebot zu bestellen. Am Freitag der vollen Woche nach dem
+Fest sollte die Doppelhochzeit gefeiert werden.
+
+Als der Pastor sich die nötigen Aufzeichnungen gemacht hatte, sagte er
+lächelnd: »Hoffentlich mache ich bei der Trauung nicht wieder solchen
+Kohl wie bei eurer Konfirmation.«
+
+»Das Unglück wäre so groß nicht,« meinte Gerd. »Wo die eine mit
+gewaschen ist, da ist die andere mit abgetrocknet.«
+
+Sine gab ihm einen Stoß in die Rippen, weil er so was in der
+Studierstube vom Herrn Pastor zu sagen wagte. Denn ihr hatte beim
+Eintreten das Herz stark gepuckert.
+
+Der würdige Herr meinte gutgelaunt: »Na, wir wollen sehen, daß jeder
+zu dem Seinen kommt. Es ist am Ende doch besser.«
+
+Als die vier gehen wollten, bat er Gerd, noch einen Augenblick zu
+bleiben.
+
+»Wie geht es Ihrer Schwester?« fragte er, als sie allein waren.
+
+»Danke, Herr Pastor ... jetzt geht es ... Ich habe allerhand mit ihr
+durchgemacht, aber jetzt hat sie mit Gottes Hilfe wohl das Schwerste
+überstanden.«
+
+Der alte Mann sah ihm aufmerksam in die Augen. Er schien sich über den
+jungen Menschen, den er lange nicht mehr aus der Nähe gesehen hatte,
+zu wundern.
+
+Mit leisem Aufseufzen fuhr er fort: »In einer so großen Gemeinde von
+fast fünftausend Seelen erlebt man ja allerlei. Aber selten ist mir
+etwas so nahegegangen ... Das liebe, schöne, hochbegabte Mädchen ...«
+
+Gerd blickte stumm zu Boden.
+
+»Was meinen Sie, wenn ich mal bei Ihnen vorspräche ...«
+
+»Nichts für ungut, Herr Pastor, aber wenn's Ihnen einerlei ist,
+möcht' ich lieber, Sie besuchten mich mal, wenn ich erst verheiratet
+bin.«
+
+»Hm ... ich meinte nur wegen Leidchen ...«
+
+»Ich glaube, die hat ein anderer in Pflege genommen, und wir tun am
+besten, wenn wir den still gewähren lassen.«
+
+Der alte Herr sah den jungen Bauern mit seinen großen dunklen Augen
+aufs höchste verwundert an. Und seine weißen, weichen Hände hielten
+die braune harte Arbeitshand ein Weilchen mit warmem Druck fest, indem
+er sagte: »Grüßen Sie Ihre Schwester herzlich von mir.«
+
+»Danke, Herr Pastor,« antwortete Gerd froh überrascht, »das will ich
+gern tun, und Leidchen wird sich sehr darüber freuen.«
+
+ * * * * *
+
+Am Nachmittag des zweiten Ostertages sprach Bruder Jan am Achterdamm
+vor.
+
+»Gerd,« sagte er, »Bäcker Michaelis, unser bester Kunde, schreibt mir
+eine Karte, daß er morgen notwendig einen halben Hunt Torf haben muß.
+Ich hab' nicht mehr ganz so viel, aber Nachbar Rotermund will mir
+zuleihen. Du bringst das Schiff diese Nacht wohl eben hin ...«
+
+Gerd brummte: »Mensch, heute ist doch noch Ostern.«
+
+Jan zuckte die Achseln: »Deine Dienstzeit bei mir geht erst Donnerstag
+zu Ende. Ich bin dir doch auch oft zu Willen gewesen.«
+
+Der andere sagte zögernd: »Eigentlich geh' ich heute überhaupt nicht
+gern aus dem Hause. Leidchen fühlt sich nicht ganz wohl.«
+
+»Meinetwegen kannst du gern fahren,« mischte sich die Schwester ein.
+»Es ist bloß ein bißchen Kopfweh. Das hab' ich schon öfters gehabt.«
+
+»Du hast auch einen heißen Kopf.«
+
+Sie griff sich an die Backe: »Das kommt wohl davon, weil ich ein
+bißchen stark eingeheizt habe.«
+
+»Deern,« sagte Jan, »Du kriegst doch nicht die Infallenzia? Die spukt
+jetzt wieder im Dorf herum.«
+
+»Das wollen wir nicht hoffen,« rief Gerd erschrocken, die Schwester
+besorgt ansehend.
+
+»Ach was,« sagte sie leichthin, den Kopf schüttelnd. »Heut abend vorm
+Zubettgehen koch' ich mir eine Tasse Fliedertee, und morgen bin ich
+fein wieder auf dem Damm.«
+
+»Na,« meinte Jan, »wir wollen das Schiff wohl laden; denn kommst du
+also nachher.«
+
+Sie aßen noch zusammen Abendbrot. Gerd mußte die Schwester immer
+wieder ansehen. Ihre zarten Wangen waren ein wenig gerötet, die großen
+braunen Augen glänzten, und er dachte: Was hat sie doch einmal für ein
+liebliches Gesicht!
+
+Sie stand vom Tisch auf und holte zwei dicke Äpfel. »Es sind die
+letzten,« sagte sie, »ich habe sie für dich gespart, du kannst sie
+unterwegs aufessen.«
+
+Er steckte den einen in die Tasche und nahm ihre Hand. Es war ihm auf
+einmal so weich ums Herz, und er sagte zärtlich, sie warm anblickend:
+»Leidchen ... es war eigentlich doch eine schöne Zeit, die wir beiden
+hier allein miteinander gewirtschaftet haben. Es tut mir beinahe leid,
+daß sie zu Ende geht.«
+
+»Na, na?« sagte sie lächelnd. »Wenn das man wahr ist ...«
+
+»Aber du sollst sehen, zu dreien wird es auch ganz gemütlich ... Weißt
+du noch? Früher war das zwischen uns beiden immer wie zwischen Hund
+und Katze.«
+
+»Ach ja.«
+
+»Das ist nun ganz anders ...«
+
+»Ja, wenn die Katze so zahm gemacht wird ...«
+
+»Ach nein, Leidchen, davon kommt das nicht allein. Wir haben beide
+etwas zugelernt. Wir haben uns jetzt erst recht miteinander eingelebt
+und verstehen einer den andern nun besser. Lieb gehabt haben wir uns
+im Grunde ja immer, auch früher, als es manchmal nicht so wollte.
+Nicht wahr?«
+
+»Ja natürlich.«
+
+»So können wir sagen: das Böse hat doch auch ein klein bißchen Gutes
+im Gefolge gehabt ... Und das ist wohl meist so ... Diesen anderen
+Apfel mußt du essen. Ich hab' an dem einen genug.«
+
+Als er aufbrechen wollte, sagte er: »Soll ich nicht lieber Trina
+bitten, daß sie morgen früh mal nach dir sieht?«
+
+Sie schüttelte lebhaft den Kopf: »Ach nein, die möchte ich hier nicht
+gern haben.«
+
+»Oder Tante Rotermund?«
+
+»Nein, nein, Gerd. Die ist so nicht die stärkste, und sie soll für
+nichts und wieder nichts zweimal den weiten Weg laufen? Sei nicht
+so albern, mir fehlt ja gar nichts. Mein Kopfweh ist schon weg, ich
+brauch' mir gar keinen Fliedertee mehr zu kochen.«
+
+»Kind, noch immer der alte Leichtsinn? Das mußt du mir wenigstens
+versprechen, daß du dir tüchtig Fliedertee machen willst. Mutter selig
+half sich auch immer damit.«
+
+»Na denn man zu, ich koch' mir einen großen Topf voll, bloß dir zu
+Gefallen.«
+
+Er hatte die Türklinke schon in der Hand. Aber noch einmal begann er:
+»Nun geh auch gleich zu Bett und decke dich ordentlich zu. Du kannst
+morgen alles liegen lassen und tüchtig ausschlafen. Ja, meinetwegen
+kannst du den ganzen Tag im Bett bleiben, wenn du nur zwischendurch
+eben die Tiere versorgen willst. Schlaf schön, und gute Besserung! Auf
+fröhliches Wiedersehen übermorgen früh. Ein bißchen zu essen kannst du
+mir hinstellen, es wird wohl Mitternacht werden, bis ich heimkomme.«
+
+Er nahm ihre Hand.
+
+»Du, deine Hand ist ja ganz heiß.«
+
+»Aber Gerd, du machst es ja genau so wie die alten Weiber, die auch
+immer und immer noch wieder stehenbleiben.«
+
+»Na, denn gute Nacht! Aber vergiß mir den Fliedertee nicht! Du mußt
+ihn so heiß trinken, wie du ihn nur eben herunter bringen kannst.«
+
+»Kuck an! Du bist doch noch immer der gute alte Schulmeister und
+strenge Vormund. Was einmal im Menschen drin steckt, das kommt auch
+nicht heraus.«
+
+Er drohte ihr lächelnd mit dem Finger und ging nun wirklich.
+
+ * * * * *
+
+Um sich die langen Stunden der nächtlichen Fahrt zu kürzen, stellte
+Gerd allerhand Betrachtungen an. Er rechnete aus, daß er in seinen
+Dienstjahren an die dreihundert Bremerfahrten für Jan gemacht hatte.
+Die zurückgelegten Strecken reichten aneinandergefügt gewiß bis nach
+Amerika.
+
+Wenn er nun wieder die Hamme hinabfuhr, ging es auf eigene Rechnung,
+mit dem Torf, den er und Sine in den Honigwochen herausgemacht hatten
+... Alle Wetter, das sollte ein lustiges Torfbacken werden!
+
+Leidchen paßte auf das Haus und bestellte das Gemüseland. Dann konnten
+sie beide die Tage ordentlich ausnützen und es wohl auf fünfzehn bis
+zwanzig Hunt bringen. Das brachte ein schönes Stück Geld, das dann
+wieder in die Verbesserung der Ländereien hineingesteckt werden konnte.
+
+Später mußte die Huntzahl natürlich kleiner werden. Nur sich nicht von
+dem alten Schlendrian des Raubbaus auf Torf unterkriegen lassen! Nur
+ja keinen Betrieb wie der, auf den Barrenbrocks Opa stolz war! Aber
+erst galt es einmal, in Gang zu kommen. Aller Anfang ist schwer.
+
+Im Bremer Torfhafen angelangt, wickelte er sein Geschäft so schnell
+ab, als es möglich war. Nachdem er sich darauf eine Stunde Ruhe beim
+Kaffee gegönnt hatte, trat er die Rückfahrt an.
+
+Sie war recht mühsam, denn Wind und Strom arbeiteten entgegen. Als
+er den Giebel seines Häuschens gegen den blauen Himmel ragen sah, war
+Mitternacht längst vorüber.
+
+Mit frohem Aufatmen trat er über die Schwelle.
+
+Da kam Lustig angelaufen und sprang winselnd an ihm empor. Und alsbald
+meckerte die Ziege im Stall, und die Ferkel, die er vor kurzem gekauft
+hatte, stießen grunzend und quieksend gegen ihre Tröge.
+
+Herr du mein Gott, die Tiere haben Hunger!
+
+Mit zitternden Knien wankt er über die Diele und öffnet die Tür zu
+Leidchens Stube. Stehenbleibend horcht er mit angehaltenem Atem in die
+Finsternis hinein.
+
+Von der Schlafbutze her kommt Stöhnen und wirres Reden.
+
+Er greift sich an die Taschen und sucht Schwefelhölzer, findet aber
+keine.
+
+Er greift sich an den Kopf, um sich zu besinnen, wo er welche finden
+kann. Mit bebenden Händen tastet er die Herdwand ab.
+
+Endlich kann er eine Lampe anzünden.
+
+Wie er sich der Butze nähert, gellt es ihm entgegen: »Weg, weg mit
+dir, du schlechter Mensch!«
+
+Von Grausen gepackt, tritt er noch zwei Schritte vor.
+
+Ein Anblick bietet sich ihm, der ihn zurückprallen und das Blut in
+seinen Adern erstarren läßt. Er muß mit beiden Händen zugreifen, um
+die Lampe nicht fallen zu lassen. Zwei Sekunden steht er regungslos
+starr.
+
+Dann wendet er sich, läuft über die Diele, reißt das Rad aus dem
+Kuhstall, zündet die Laterne an.
+
+Eine halbe Minute später saust er schon den Kirchdamm entlang durch
+die Nacht.
+
+Vor der Häuslingskate von Nr. 10 springt er ab und pocht stürmisch
+an das Fenster. Gleich darauf wird dieses von einer jungen Frau in
+Nachtkleidung geöffnet.
+
+»Ich bin ... nach der Stadt gewesen ... Leidchen hat ... ihre schwere
+Stunde gehabt ... Komm so schnell ... du kannst.«
+
+»Ich komme auf der Stelle,« sagt die Frau und verschwindet.
+
+Zehn Minuten später hämmert er gegen Beta Rotermunds Kammerfenster.
+
+Die Frau kreischt hell durch die Nacht. Auch sie will sich sofort auf
+den Weg machen.
+
+»Soll ich den Doktor holen?«
+
+»Wart' damit noch. Wir wollen erst sehen, ob es nötig ist.«
+
+»Aber Leidchen redet irre. Ich glaube, sie ist schwer krank.«
+
+»Dann ist es doch wohl besser ...«
+
+Die Birkenstämme des Dammes blitzen im Lichtschein der Laterne, die an
+ihnen entlang rast. Der Fahrer liegt keuchend auf der Lenkstange.
+
+Der Arzt ist über Land geholt.
+
+Eine ganze Stunde muß Gerd warten. Erst sitzt er in dem Vorzimmer,
+in das ein Dienstmädchen ihn gewiesen. Dann geht er hinaus und
+schreitet die Straße vor dem Hause auf und ab. Im kühlen Hauch der
+Vorfrühlingsnacht ist es erträglicher.
+
+Endlich Wagengerassel in der nächtlichen Stille.
+
+Das Gefährt hält. Gerd tritt an den Schlag und spricht mit dem Arzt.
+Der murmelt einen Fluch und befiehlt dem Kutscher, die Pferde zu
+wechseln.
+
+Gerd schwang sich wieder auf sein Rad. Er war jetzt ruhiger geworden
+und fuhr ein mäßigeres Tempo.
+
+Als er zu Hause ankam, graute der Morgen.
+
+Auf dem Flett traf er Beta Rotermund.
+
+»Wie steht's?« fragte er mit Herzklopfen.
+
+»Oh ... ziemlich gut. Leidchen ist aber sehr schwach. Geh nur hinein
+und sag' ihr Guten Morgen. Aber viel sprechen darfst du nicht.«
+
+»Redet sie auch nicht mehr irre?«
+
+»Nein, sie ist jetzt ganz vernünftig.«
+
+Er trat auf Zehenspitzen in die Stube. In einem Steckkissen zwischen
+zwei Stühlen lag das Kind, das er mit einem schnellen Blick streifte.
+
+Sie lag mit geschlossenen Augen, das schmale, bleiche, schöne Gesicht
+tief in den Kissen.
+
+»Liebe, liebe Schwester ...«
+
+Sie öffnete die Augen, sah zu ihm auf und hauchte: »Gerd ... Bruder
+...«
+
+Wie er ihr die Hand reichte, hielt sie diese einige Augenblicke mit
+leisem, warmem Druck fest.
+
+Dann trat er von ihrem Lager zurück und verließ die Stube, um das Vieh
+zu versorgen. Den ersten Heißhunger der Tiere hatte Beta Rotermund
+schon gestillt.
+
+Bald erschien auch der Arzt. Als er aus dem Zimmer der Kranken kam,
+fing Gerd ihn auf der Diele ab. Er war ein Mann von wenig Worten
+und murmelte, wie für sich, etwas von hochgradiger Herzschwäche,
+Influenza, wobei er die Schultern anzog und fallen ließ. Das Kind
+wäre gut einen Monat zu früh geboren, würde bei sorgfältiger Pflege
+aber wohl durchkommen.
+
+Gerd wunderte sich über sich selbst, wie ruhig er die schlimme
+Nachricht aufnahm. Nach der furchtbaren Erschütterung der letzten
+Nacht konnte er einiges vertragen.
+
+Er stieg noch einmal auf sein Rad, um die Arznei von der Apotheke zu
+holen.
+
+ * * * * *
+
+Gegen Mittag war ganz Brunsode und Umgegend auf den Beinen. Eine
+solche Riesenhochzeit, wie Müllers Hermann sie heute mit der reichen
+Bauerntochter aus dem Hammetal feiern wollte, hatte Brunsode noch
+nicht gesehen. Ein brautväterlicher Ochse und drei fette Schweine
+bester Mühlenmast hatten ihr Leben lassen müssen. An die fünfzig
+Butterkuchen waren gebacken, sechs Hektoliter Bier angefahren. Drei
+Hochzeitsbitter hatten zu Rad die Gegend abgestreift und das ganze
+Dorf und in den benachbarten Kolonien alles, was zur Kundschaft der
+Mühle gehörte, zum Feste gebeten. Die beiderseitige Verwandtschaft
+bis ins dritte und vierte Glied, die Müller des Moores, die Kaufleute
+und Lieferanten, der Getreidehändler in Bremen, Pastor und Küster
+waren durch gedruckte Karten mit Goldrand geladen. Man erwartete an
+vierhundert Gäste. Über die Hofbrücke spannte sich eine Tannengirlande
+mit einer Papptafel, die mit weißen Buchstaben auf rotem Grunde
+»Willkommen zum frohen Feste« bot. Tür und Fenster der Mühle waren
+frisch und hell gestrichen, die würdige Matrone sah munter drein, als
+wollte sie den Festgästen zurufen: »Nun halte ich's erst mal wieder
+eine gute Weile aus.«
+
+Um zwei Uhr fand auf der Großen Diele die Trauung statt. Die Leute,
+die dicht gedrängt bis über das Einfahrtstor hinaus standen, sangen
+tapfer zu den schmetternden Klängen einer zwölfköpfigen Musikkapelle:
+»Wer nur den lieben Gott läßt walten.« Der alte Pastor machte seine
+Sache ziemlich kurz und so wenig rührend, daß die etwas angejahrten
+Brautjungfern nicht einmal mit Schick die bereitgehaltenen Tränen los
+wurden. Der beleibte Brautvater meinte nachher, etwas mehr könnte man
+von einem studierten Mann für sein gutes Geld wohl verlangen.
+
+»Sing, bet und geh auf Gottes Wegen« sang die Hochzeitsgesellschaft,
+und die Feier war beendet. Während das junge Paar die Glückwünsche
+entgegennahm, trat der alte Müller mit unterwürfiger Miene auf den
+Pastor zu und sagte: »Nicht wahr, Herr Pastor, Sie tun uns doch die
+Ehre an und essen einen Teller Suppe mit uns?«
+
+»Ich danke,« sagte der Geistliche kurz, »es paßt mir heute nicht.«
+
+»Aber Sie können uns doch nicht die Unehre antun, daß Sie gleich
+wieder wegfahren!«
+
+»Ehre und Schande, Herr Vogt, tut ein jeder sich selbst an, mein'
+ich,« sagte der alte Mann ernst.
+
+Damit packte er seinen Chorrock in die Tasche und schritt durch die
+sich bildende Gasse auf die Große Tür zu, vor der sein Wagen wartete.
+
+Als er am Achterdamm vorüberfuhr, stand Gerd Rosenbrock in schwarzer
+Kleidung und mit traurig-ernstem Gesicht am Wege und bat ihn, in sein
+Haus zu kommen und der Schwester Kind zu taufen.
+
+Während sie dem Hause zuschritten, fragte er: »Herr Pastor, Sie haben
+wohl nicht zufällig Ihre Abendmahlssachen bei sich?«
+
+Der alte Herr nickte: »Die führe ich auf solchen Fahrten immer mit
+mir, für alle Fälle.«
+
+»Das ist gut,« sagte Gerd erfreut, »meine Schwester wollte nämlich
+auch gern das Heilige Abendmahl feiern. Aber sie ist sehr schwach ...«
+
+»Dann werden wir es ganz kurz machen,« versetzte der Pastor.
+
+»Darum wollte ich eben gebeten haben,« sagte Gerd.
+
+In dem sauber gekehrten und mit weißem Sand gestreuten Krankenzimmer
+hielt Gerd das Kindchen über das weiße Schälchen mit braunem
+Moorwasser. Außer ihm walteten als Paten Beta Rotermund und die junge
+Hebamme. Der Täufling erhielt den Namen »Gerd«.
+
+Darauf wandte der Pastor sich der Mutter des Kindes zu. Mit leiser
+Stimme richtete er an sie ein paar herzliche Worte, stellte eine
+Frage, auf die sie ein Ja hauchte, sprach ein Vaterunser und die
+Einsetzungsworte, reichte ihr Brot und Wein und hob die Hände über sie
+zum Segen.
+
+Bald nachdem er das Zimmer verlassen hatte, fiel die Kranke in einen
+Schlaf, der bis gegen Abend anhielt.
+
+Als sie erwachte, verlangte sie nach dem Kinde.
+
+»Wir dürfen es dir nicht geben, der Arzt hat es verboten.«
+
+»Aber sehen darf ich es doch ...«
+
+Da holten sie es aus der andern Stube, zeigten es ihr, und die Hebamme
+erklärte mit Kennermiene, es wäre ein fixer und kerngesunder Junge.
+
+Als die Frauen ihn wieder wegbrachten, sagte die Kranke: »Bitte,
+lieber Bruder, laßt das arme Kind nicht für seine Mutter büßen.«
+
+»Aber Leidchen, wie kannst du so was bloß denken ... Dein Kind ist
+mein Kind ...«
+
+»O Gerd, was bist du gut, was bist du gut ... Ich habe aber noch etwas
+auf dem Herzen.«
+
+»Was denn, Kind?«
+
+»Daß du kein Geld nimmst ...«
+
+»Och Leidchen ... ich weiß nicht recht ...«
+
+»Wenn du ~einen~ Groschen nimmst, muß ich mich im Grabe umdrehen.«
+
+»Aber Kind, doch nicht so hitzig!«
+
+»Sein Geld ist verflucht! Ich hab' ja noch dreihundert Taler, dafür
+kriegst du das Kind wohl beinahe schon groß ... Gerd, du hast so viel
+Gutes an mir getan. Nun erweise mir noch die eine große Liebe: gib mir
+die Hand darauf, daß du keinen Pfennig annimmst.«
+
+Ein paar Sekunden zögerte er noch und sah ihr in die brennenden Augen.
+Endlich reichte er ihr stumm die Hand.
+
+Die junge Frau ging nach Hause, Beta Rotermund wollte die Nacht über
+wachen helfen.
+
+In den späten Abendstunden stellte sich Fieber ein.
+
+»Es ist hier so heiß wie in der Hölle,« stöhnte die Kranke. »Macht
+doch mal ein Fenster auf.«
+
+»Es wird wohl nicht ziehen,« sagte Beta Rotermund. Da stand Gerd auf,
+ihren Wunsch zu erfüllen.
+
+»Mir ist immer, ich höre Musik,« sagte Leidchen nach einer Weile,
+»Gerd, spielst du da auf deiner Harmonika?«
+
+»Ach, Leidchen, wie kannst du so was denken ...«
+
+»Aber es ist ganz gewiß wahr, ich höre Musik.«
+
+»Deern, Deern, das bildest du dir wohl bloß ein,« sagte Beta Rotermund
+beschwichtigend. »Das kommt einem manchmal so vor, und ist bloß ein
+Sausen in den Ohren.«
+
+»Wenn ich es nicht ganz deutlich hörte! Seid ihr denn alle beide taub?
+Da ist irgendwo Musik, ganz lustige Musik ... tralala hopsasa ... Man
+könnte fein danach tanzen ... Gerd, tanz' doch mal ein bißchen, mit
+Sine. Ich hab' heut' keine Lust. Und mit mir will auch keiner tanzen
+... kein einziger ...«
+
+Die Kranke streckte die nackten Arme in die Höhe und warf sich dann
+zur Wand herum.
+
+ »'s ist alles dunkel, ist alles trübe,
+ Dieweil mein Schatz eine andre liebt.
+ Ich hab' gedacht, er liebet mich.
+ Aber nein, aber nein,
+ Aber nein, aber nein,
+ Er liebt mich nicht ...«
+
+»Das machen die Fieber,« flüsterte Beta Rotermund, Gerd starrte
+entsetzt ins Leere.
+
+Die Kranke wälzte sich auf die andere Seite und ihre Augen suchten den
+Bruder: »Ach, da bist du ja, Gerd. Das ist man gut ... Ich weiß jetzt
+wohl, was das für Musik ist ... schweigt man stille ... jaja, ja, ja
+... 's ist 'ne wunderliche Welt.«
+
+Nach einiger Zeit begann sie wieder: »Gerd, du hast mir immer so schön
+was vorgespielt. Bitte, nimm deine Harmonika und spiel mir noch ein
+einziges Mal ein bißchen vor, so schön wie du kannst ...«
+
+»Ach Leidchen ...«
+
+»Ich bitt' dich darum, den kleinen Gefallen kannst du mir wohl tun.
+Setz' dich man draußen an den Herd, dann klingt es nicht so laut ...
+Wie Christabend, als du mich zum Weihnachtsbaum holtest ...«
+
+»Ach Leidchen ...«
+
+»Ich möcht' gern ein bißchen Ruhe haben, und ich glaub', dabei kann
+ich schön einschlafen.«
+
+Beta Rotermund bedeutete ihm mit den Augen, ihr zu Willen zu sein. Da
+stand er auf und ging.
+
+Das Flett lag im Dunkel, und er zündete auch kein Licht an. Auf dem
+Herd glühten noch ein paar Kohlen, in deren Schein die Metallteile
+seines Instruments schimmerten.
+
+Und er spielte mit langgezogenen, weichen Akkorden: Stille Nacht,
+heilige Nacht ... Nun sich der Tag geendet ... Wenn ich einmal soll
+scheiden ... Und legte, wie nie zuvor, seine ganze Seele in das
+einfache Spiel.
+
+ * * * * *
+
+Die Stubentür ging auf, Beta Rotermund trat, mit der Lampe in der
+Hand, auf die Diele. Sie sah so tiefernst aus, daß er jäh im Spielen
+innehielt. Die Frage, die er über die Lippen zu bringen sich scheute,
+legte er in seine Augen. Und sie nickte stumm.
+
+Er sprang in die Höhe. Aber sie sagte leise: »Laß uns lieber noch
+etwas warten und ihr die Ruhe gönnen.«
+
+Da setzte er sich wieder hin, und die Frau zog sich einen Stuhl an den
+Herd. So saßen sie und schauten regungslos in die verglühenden Kohlen,
+wohl eine Viertelstunde lang.
+
+Endlich rührte sich Beta Rotermund, und Gerd fragte: »Was meint Ihr,
+Mutter, soll ich hin und Euch jemand zur Hilfe holen?«
+
+Sie schüttelte den Kopf. »Laß nur, Gerd. Wen wolltest du holen? Sie
+sind alle auf der Hochzeit. Und dann gibt es hier so'n Gekakel und
+Geschnacke, das kann ich diese Nacht nicht gut haben. Ich bin allein
+wohl Manns genug, mein Patenkind anzukleiden.«
+
+Die gute Frau machte sich an die Vorbereitungen, Gerd ging, nach einem
+kurzen Besuch im Sterbezimmer, in die Wohnstube.
+
+Eine Weile starrte er mit den trockenen, rotumränderten Augen, die
+tief in ihren Höhlen lagen, vor sich hin ... bis es sich in ihnen
+löste und ein heißer Strom von Tränen sich über seine Wangen ergoß.
+
+Aus der Ferne klang das Gejohle und Gekreische angezechter
+Hochzeitsgäste.
+
+Als der kleine Gerd in seinem Steckkissen anfing zu wimmern, stand der
+große Gerd auf, machte ihm die Milchflasche zurecht, probierte und
+steckte sie ihm ins Mündchen. --
+
+Lehrer Timmermann, der gleich bei seinem Amtsantritt mit der
+Gepflogenheit seines Vorgängers, bei den Begräbnisfeierlichkeiten
+rührselige Reden zu halten, gebrochen hatte, ließ einen Choral singen
+und las den neunzigsten Psalm. Warum seine Stimme heute so bedeckt und
+rauh klang, das wußte in der großen Trauergemeinde nur ein einziger.
+
+Ein guter Teil von denen, die vor vier Tagen auf der Nachbarschaft die
+seit Menschengedenken großartigste und lustigste Hochzeit gefeiert
+hatten, weinten jetzt reichliche Tränen in die Sacktücher hinein.
+
+Unter dem herrlichsten Frühjahrshimmel wurde Leidchen Rosenbrock
+zu Füßen des dunkelgrünen Wacholders, an der Seite des schon
+eingesunkenen Grabhügels ihrer Mutter, zur Ruhe gebettet. Den
+Gesang der Kinder und die Worte des Geistlichen übertönten fast die
+Jubellieder der Lerchen hoch oben in der lichten Bläue.
+
+Gerd, Sine, Becka und ihr Bräutigam verließen zusammen den Friedhof.
+Vor dem Tore blieben sie stehen, und Gerd sagte: »Wollen wir die
+Hochzeit nicht lieber um ein paar Wochen hinausschieben?«
+
+»Das wird wohl nicht gehen, es ist schon zu viel vorgerichtet,« sagte
+Becka.
+
+Und ihr Ebenbild, zu Gerd gewendet: »Wir beide können ja gleich nach
+der Mahlzeit aufbrechen.«
+
+Da nickte er langsam und sagte nichts weiter dagegen.
+
+Es war nur eine Kaffeehochzeit mit knapp sechzig Gästen. Vor die
+lange, aus Wagenbrettern gebildete, mit Hausmacherlinnen gedeckte
+Festtafel hatte man quer einen Tisch gestellt, an dem die beiden
+jungen Ehepaare nebeneinander saßen. Vor jedem brannte ein Paar
+Lichter und stand ein Teller mit einem Zweipfundstück Butter, die aber
+nicht angeschnitten wurde; denn es gab ja kein Butterbrot, sondern
+Butterkuchen, ganze Berge.
+
+Sine hatte den würdigen Pfarrherrn zum Tischnachbarn. Der war heute
+sehr aufgeräumt, trank erst drei Tassen Kaffee, dann ein Glas St.
+Julien Fasson und brachte mit diesem sogar ein Hoch aus. Auch seine
+Traurede hatte allgemein befriedigt. Es waren Tränen mehr als genug
+vergossen, und die glücklichen Bräute hatten tüchtig geholfen. Alle
+Frauen von Herz und Gemüt fanden es auch gar zu rührend, daß die guten
+Kinder, die jedermann gern hatte, an einem Tag die Myrtenkrone trugen.
+
+Als die Tafel aufgehoben wurde, rüstete das eine Paar zum Aufbruch.
+
+»Bleibt noch eine Stunde,« bat der Brautvater.
+
+Aber Sine, mit einem Blick nach den Augen ihres Eheherrn, sagte: »Laßt
+uns man reisen. Es ist meinem Mann so lieber.«
+
+Von der ganzen Hochzeitsgesellschaft begleitet, gingen sie zum
+Nachbarhof hinüber, wo ein Einspännerwägelchen bereit stand. Als sie
+aufgestiegen waren, drängte sich alles heran, ihnen noch die Hände
+zu drücken. Indem das Jungvolk ein halbgedämpftes Juhuhu hören ließ,
+ermunterte der Fuhrmann seinen Gaul zu einem Zuckeltrab, der sich
+jedoch schnell zu einem sehr gemächlichen Schlenderschritt beruhigte.
+
+Als der Wagen nach zweistündiger Fahrt hielt, saß hoch oben in der
+höchsten der beiden das Haus schirmenden Tannen eine Amsel und
+begrüßte das Einzug haltende Pärchen mit dem süßesten Willkommenssang.
+Ihr Besitztum, das sie sich durch Fleiß und Sparsamkeit erworben
+hatten, lag im Glanz des schönsten Frühlingsabends vor ihnen. Ehe
+sie durch die Große Tür eintraten, legte Gerd den Arm um sein Weib
+und las, wie bei dem ersten Einzug, aber mit einem anderen Klang der
+Stimme: »Unsern Eingang segne Gott.«
+
+ * * * * *
+
+Damit die jungen Eheleute mit der Arbeit erst mal tüchtig in Gang
+kämen, hatte Beta Rotermund den kleinen Gerd für den Sommer zu sich
+genommen. Sie sagte, es machte ihr Freude, nach so langer Pause sich
+mal wieder mit solch lüttjem Wurm abzuplagen. So 'ne alte Frau würde
+dabei wieder ein bißchen jung mit.
+
+Auf keiner Stelle in Brunsode wurde diesen Frühling und Sommer
+über so tüchtig, ernst und froh gearbeitet, wie auf der kleinen am
+Achterdamm. Als die Jahreszeit fortschritt, erschienen viele Leute,
+um Gerds Kulturerfolge zu bewundern. Auch Barrenbrocks Opa kam eines
+Tages angetöffelt. Wie Gerd ihm das üppige, blaugrüne Kleefeld auf
+seinem Hochmoor zeigte, brüllte er: »Du willst mir vorschnacken, der
+Klewer kommt von dem Dreckzeug, das du um Lichtmessen in deinem Schiff
+hattest? Dazu mußt du dir 'n Dümmeren suchen, hä hä.« Gerd lachte und
+gab sich weiter keine Mühe, den alten Bock herumzukriegen.
+
+Nach der ersten Heuernte kamen zwei wackere Kühe in den Stall. Im
+Laufe der Jahre ist der Viehbestand stetig gewachsen, zurzeit bis auf
+sechs Kopf.
+
+Eine große Freude bereitete es Gerd, als er, kaum siebenundzwanzig
+Jahre alt, zum Gemeindevorsteher von Brunsode gewählt wurde. Heini
+Peper hatte stark gegen ihn agitiert, der junge Müller aber, worüber
+viele sich wunderten, für ihn gestimmt. Seine Wahl war um so
+bemerkenswerter, als er nicht in der Hauptreihe saß.
+
+Er hat es in seiner neuen Würde nicht nötig, sich wie sein Vorgänger
+die Schriftstücke und Steuerberechnungen im Schulhause anfertigen
+zu lassen. Aber mit dem Lehrer Timmermann, der eine Küstertochter
+aus einem benachbarten Kirchspiel geheiratet hat und nicht daran
+denkt, sich versetzen zu lassen, verbindet ihn nach wie vor treue
+Freundschaft. Die Leute sagen: »Der Schulmeister und Vorsteher
+regieren zusammen das Dorf.« Aber sie wissen auch, daß sie sich
+dabei nicht schlecht stehen. Es wird auf Zucht und Ordnung gehalten,
+Dämme und Wasserstraßen sind in bestem Stand, und wenn eine hohe
+Staatsregierung mal etwas für die armen Moorgemeinden tun will und
+Gelder flüssig macht, wissen die beiden so darum zu schreiben, daß für
+Brunsode jedesmal ein erklecklicher »Bischuß« zu den Lasten abfällt.
+
+Vor dem Hause am Achterdamm, das längst durch Anbau vergrößert ist und
+ein neues Strohdach, statt des von Ratten zernagten und geflickten,
+bekommen hat, und hellblauen Fachwerkanstrich dazu, spielen sorglos
+heiter ein stämmiger kleiner Gerd, ein süßes braunäugiges Leidchen,
+ein dicker pummeliger Jan, ohne den eine Moorfamilie ja nicht
+vollständig wäre, und noch ein paar blau- und braunäugige Flachsköpfe
+... Bis das Leben auch sie an die Arbeit ruft und in den Kampf reißt.
+Möchten sie dann sich wacker tummeln und glücklich zurechtkommen!
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+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 76104 ***