summaryrefslogtreecommitdiff
path: root/76110-0.txt
diff options
context:
space:
mode:
Diffstat (limited to '76110-0.txt')
-rw-r--r--76110-0.txt10604
1 files changed, 10604 insertions, 0 deletions
diff --git a/76110-0.txt b/76110-0.txt
new file mode 100644
index 0000000..3ecc024
--- /dev/null
+++ b/76110-0.txt
@@ -0,0 +1,10604 @@
+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 76110 ***
+
+
+ F. M. Dostojewski: Sämtliche Werke
+
+ Unter Mitarbeiterschaft von Dmitri Mereschkowski,
+ Dmitri Philossophoff und anderen
+ herausgegeben von Moeller van den Bruck
+
+ Übertragen von E. K. Rahsin
+
+
+ Zweite Abteilung: Siebzehnter Band
+
+
+ F. M. Dostojewski
+
+
+
+
+ Onkelchens Traum
+ und andere
+ Humoresken
+
+
+ München und Leipzig R. Piper & Co. Verlag
+
+
+ R. Piper & Co. Verlag, München und Leipzig, 1918
+
+
+ Copyright 1918 by R. Piper & Co., G. m. b. H.,
+ Verlag in München und Leipzig
+
+ Druck von Mänicke u. Jahn in Rudolstadt.
+
+
+
+
+ Inhalt
+
+
+ Vorwort V
+ Onkelchens Traum 1
+ Die fremde Frau und der Mann unter dem Bett 243
+ Das Krokodil 321
+
+
+
+
+ Vorwort
+
+
+Die beiden ersten der in diesem Bande vereinigten komischen Erzählungen
+stehen im Anschluß an Dostojewskis humoristischen Roman „Das Gut
+Stepantschikowo“. Sie teilen mit ihm die allgemeine humoristische
+Anschauung und die Zeit der Entstehung: das Jahr 1848. Die Erzählung
+„Die fremde Frau und der Mann unter dem Bett“ bestand ursprünglich aus
+zwei getrennten Geschichten („Die fremde Frau“ und „Der eifersüchtige
+Gatte“), die erst später von Dostojewski zu einer einzigen
+zusammengezogen wurden, ohne daß ihm dies freilich gelungen wäre: die
+Geschichte verrät in dieser ihrer jüngeren Fassung nach wie vor einen
+Riß, der auf die erste, getrennte Anlage zurückzuführen ist.
+
+Die Groteske „Das Krokodil“ ist eine
+politisch-gesellschaftlich-allgemeinrussische Satire aus dem Jahre 1864.
+Sie wurde wegen ihres humoristischen Untertones in diesen Band mit
+eingestellt.
+
+ E. K. R.
+
+
+
+
+ Onkelchens Traum
+
+
+ Aus den Mordassoffschen Chroniken
+
+
+ I.
+
+Marja Alexandrowna Moskalewa ist natürlich die erste Dame in Mordassoff
+– darüber kann kein Zweifel bestehen. Sie benimmt sich, als kümmere sie
+sich um keinen Einzigen: im Gegenteil, als wären alle nur von ihr allein
+abhängig. Freilich wird sie infolgedessen auch von keinem Menschen
+geliebt. Freilich hassen sie deshalb sogar sehr viele von ganzem Herzen.
+Aber dafür wird sie von allen gefürchtet – und das ist es, was sie
+gerade nötig hat. Ein solches Bedürfnis jedoch ist, meine ich, ein
+Beweis hoher politischer Begabung. Wie kommt es zum Beispiel, daß Marja
+Alexandrowna, die den Klatsch über alles liebt und eine ganze Nacht
+nicht schläft, wenn sie vorher nicht etwas Neues erfahren hat: wie kommt
+es, frage ich, daß sie sich bei alledem so zu benehmen weiß, daß bei
+ihrem Anblick kein Mensch vermuten kann, in dieser imposanten Dame die
+erste Klatschbase der Welt oder zum mindesten doch Mordassoffs vor sich
+zu haben? O, ganz im Gegenteil: man ist überzeugt, daß ihre bloße
+Anwesenheit jeden Klatsch verbannen muß, daß etwaige Hinterbringer
+erröten und wie Schulbuben vor dem Herrn Lehrer erzittern werden und
+kein anderes Gespräch mit ihr möglich ist, als eines über die höchsten
+Themata. Sie weiß z. B. von manchen Mordassower Honoratioren so kapitale
+und skandalöse Dinge, daß, wenn sie sie bei Gelegenheit erzählen und so
+beweisen würde, wie nur sie allein Ähnliches zu beweisen versteht, in
+Mordassoff sich ganz sicherlich das Erdbeben von Lissabon wiederholen
+würde. Indessen ist sie aber sehr verschwiegen, was diese Dinge
+anbetrifft, und erzählt sie höchstens, im äußersten Fall, Freundinnen.
+Sie erschreckt nur den Betreffenden, deutet an, daß sie wisse, und zieht
+es vor, den Herrn oder die Dame in ewiger Angst zu erhalten, anstatt sie
+endgültig zu vernichten. Das ist Klugheit, das nennt man Taktik! Marja
+Alexandrowna zeichnet sich unter uns durch ihr einwandsloses
+^Comme-il-faut^ aus, das alle sich zum Vorbild nehmen. In dieser
+Beziehung hat sie keine Rivalin in Mordassoff. Sie versteht zum
+Beispiel, ihre Gegnerin mit irgend einem einzigen Wort zu zerschmettern,
+zu vernichten, zu töten; währenddessen aber tut sie, als hätte sie
+überhaupt nicht bemerkt, daß sie das betreffende Wort ausgesprochen.
+Bekanntlich ist dieser Zug nur der allerhöchsten Gesellschaft
+eigentümlich. Kurz, in allen ähnlichen Taktfragen hätte sie sogar einen
+Pinelli[1] glänzend besiegt. Verbindungen hatte sie unzählige. Viele,
+die Mordassoff besuchten, stiegen bei ihr ab, waren begeistert von ihrem
+Empfang und korrespondierten nachher noch lange mit der freundlichen
+Gastgeberin. Einer ihrer Gäste hatte ihr Andenken in einem Gedicht
+verewigt, das Marja Alexandrowna stolz jedem neuen Gaste zeigte. Ein
+durchreisender Literat hatte ihr sogar eine Novelle gewidmet, die er auf
+einer Abendgesellschaft bei ihr vorlas, was einen äußerst angenehmen und
+guten Eindruck machte. Und ein deutscher Gelehrter aus Karlsruhe, der
+uns absichtlich mit seinem Besuch beehrte, um hierselbst eine besondere
+Würmerart mit Hörnern, die es nur in unserem Gouvernement gibt, zu
+erforschen, und der über diesen Wurm vier Bände in Quart geschrieben
+hat, war von dem Empfang und der Liebenswürdigkeit Marja Alexandrownas
+dermaßen entzückt, daß er noch jetzt hochehrerbietige Briefe aus der
+Stadt Karlsruhe an sie schreibt, die sie dann natürlich nicht
+unbeantwortet läßt. Marja Alexandrowna wurde in gewisser Beziehung sogar
+mit Napoleon verglichen – dem Ersten. Versteht sich – nur im Scherz und
+von ihren Feinden, mehr um der Karikatur als um der Wahrheit willen.
+Dessen ungeachtet – und obschon ich die ganze Seltsamkeit eines solchen
+Vergleiches anerkenne, wage ich es doch, eine ganz unschuldige Frage zu
+stellen: weshalb – bitte, mir darauf zu antworten – weshalb wurde dem
+großen Napoleon schließlich schwindlig, als er gar zu hoch
+hinaufgeklettert war? Die Anhänger der alten Dynastie schreiben das dem
+Umstand zu, daß Napoleon nicht nur kein Sproß aus königlichem Hause,
+sondern nicht einmal ein Gentilhomme von altem Geblüt war, und daß es
+folglich nur natürlich sei, daß ihm die plötzliche Höhe einen Schrecken
+eingejagt habe und ihm bei dem Gedanken an seine geringe Herkunft und
+den ihn zukommenden niedrigen Platz ganz von selbst schwindlig geworden
+sei. Doch ungeachtet dieser geistvollen Erklärung, die lebhaft an die
+Glanzzeit des alten französischen Hofes erinnert, will ich es wagen,
+folgende Frage zu stellen: warum wird es Marja Alexandrowna nie und
+unter keinen Umständen schwindlig und warum bleibt sie immer und trotz
+aller Vorkommnisse die erste Dame in Mordassoff? Es gab zum Beispiel
+Fälle, in denen alle sagten: „Nun, jetzt wollen wir doch sehen, wie
+Marja Alexandrowna sich diesmal aus der Affäre ziehen wird!“ Doch siehe,
+die schwierigen Verhältnisse kamen, bestanden, gingen vorüber – und es
+geschah nichts! Alles blieb beim alten – oder es wurde sogar noch
+besser. Zum Beispiel wird sich hier noch ein jeder dessen erinnern, wie
+ihr Gemahl, Afanassij Matwejewitsch, infolge von Unbegabtheit oder
+Schwachsinn seine vorteilhafte Stellung einbüßte, da er durch seine
+Antworten den Zorn eines ihm auf den Hals geschickten Revisors erweckt
+hatte. Da glaubten denn alle, daß Marja Alexandrowna den Mut verlieren,
+kleinlaut werden, sich erniedrigen, bitten und betteln würde. Doch
+nichts von alledem geschah: Marja Alexandrowna sah ein, daß sie doch
+nichts mehr ausrichten würde – und richtete sich so ein, daß sie ihren
+Einfluß auf die Gesellschaft nicht im geringsten einbüßte, weshalb ihr
+Haus jetzt denn auch immer noch als das erste Haus in Mordassoff gilt.
+Die Frau unseres Staatsanwalts, Anna Nikolajewna Antipowa, die
+geschworene Feindin Marja Alexandrownas – dem Anschein nach allerdings
+ihre größte Freundin – frohlockte damals bereits über ihren Sturz. Als
+man aber sah, daß Marja Alexandrowna sich nichts weniger als irre machen
+ließ, da erriet man endlich, daß ihre Wurzeln viel tiefer hinabreichten,
+als man anfänglich geglaubt hatte.
+
+Übrigens – da wir nun einmal auf Afanassij Matwejewitsch zu sprechen
+gekommen sind, will ich auch über ihn einige Worte sagen. Vor allem muß
+ich bemerken, daß er äußerlich eine sehr repräsentable Erscheinung ist
+und sogar sehr gute Manieren hat – nur hat er die Angewohnheit, in
+kritischen Augenblicken etwas den Kopf zu verlieren, und dann sieht er
+einen an, wie ein Schaf ein neues Hoftor. Er ist stattlich und
+würdevoll, namentlich zu Geburtstagsdiners, wenn er in weißer Binde
+erscheint. Leider aber währt der gute Eindruck genau nur bis zu dem
+Augenblick, in dem er den Mund auftut und das erste Wort spricht. Dann –
+Verzeihung, aber es geht nicht anders – dann würde man sich am liebsten
+... sagen wir: die Ohren zuhalten.
+
+Er ist es ganz entschieden nicht wert, Marja Alexandrowna anzugehören:
+Das ist die allgemeine Meinung. Einzig dank der Genialität seiner Frau
+hatte er denn auch seine hohe Stellung einnehmen können. Meiner Ansicht
+nach wäre sein Platz von Anfang an in einem Gemüsegarten gewesen, wo er
+sich als Vogelscheuche sehr vorteilhaft ausgenommen hätte. Dort, und
+zwar ausschließlich dort hätte er seinem Vaterlande einen wirklichen,
+unzweifelhaften Nutzen bringen können. Und deshalb war es von Marja
+Alexandrowna sehr klug gehandelt, als sie Afanassij Matwejewitsch auf
+ihr drei Werst von der Stadt entferntes Gut schickte, wo sie
+hundertundzwanzig Leibeigene besitzt – nebenbei bemerkt, ihr ganzer
+Besitz und ihre einzige Einnahmequelle, aus der sie alle Ausgaben
+bestreitet, die selbstverständlich nicht gering sind, da sie doch nach
+wie vor ein großes Haus macht. Man begriff sofort, daß sie ihren Gemahl
+einzig deshalb bis dahin bei sich gehalten, weil er eine gute Anstellung
+hatte, ein gutes Gehalt bezog und ... noch andere Einkünfte. Als es aber
+mit dem Gehalt und den anderen Einkünften zu Ende war, da wurde er als
+ein vollkommen untaugliches und überflüssiges Möbel sofort entfernt. Die
+Folge davon war, daß alle Marja Alexandrownas klares Urteilsvermögen,
+ihre Entschlossenheit und Charakterstärke lobten. Afanassij
+Matwejewitsch lebt jetzt dort auf dem Lande wie im Wollkorbe. Ich habe
+ihn vor kurzem einmal besucht und eine ganze Stunde sehr angenehm mit
+ihm verbracht. Er bindet sich vor dem Spiegel verschiedene weiße
+Halsbinden um, putzt eigenhändig seine Stiefel – nicht weil er keine
+Bedienung hätte, sondern nur aus Liebe zur Sache, denn er hat es gern,
+wenn sie spiegelblank sind. Dreimal täglich trinkt er Tee, nimmt mit
+besonderer Vorliebe ein Bad und ist vollkommen zufrieden. Und entsinnen
+Sie sich noch der unangenehmen Geschichte, die man sich vor etwa
+anderthalb Jahren von Sinaïda Afanassjewna, der einzigen Tochter Marja
+Alexandrownas und Afanassij Matwejewitschs, erzählte? Sinaïda ist
+fraglos eine Schönheit unter Schönheiten, ist vorzüglich erzogen, aber –
+sie zählt schon dreiundzwanzig Jahre und ist noch nicht verheiratet.
+Unter den Gründen, mit denen man diese Tatsache zu erklären versucht,
+sind die dunklen Gerüchte von gewissen sonderbaren Beziehungen Sinas zu
+einem Kreisschullehrer – die auch jetzt noch nicht ganz verstummt sind –
+sicherlich die am meisten besprochenen. Man spricht noch immer von einem
+Liebesbrief, den Sina geschrieben und der dann in Mordassoff von Hand zu
+Hand gewandert sei. Einstweilen aber: wer hat denn diesen Brief oder
+Zettel – er soll nicht lang gewesen sein – mit eigenen Augen gesehen?
+Wenn er von Hand zu Hand gewandert ist, wo ist er dann schließlich
+geblieben? Alle haben von ihm gehört, gesehen aber hat ihn kein
+einziger. Ich wenigstens habe noch keinen angetroffen, der ihn selbst
+gesehen hätte. Macht man Marja Alexandrowna eine diesbezügliche
+Andeutung, so versteht sie einen einfach nicht. Nehmen wir aber jetzt
+an, daß Sina tatsächlich einen solchen Zettel geschrieben – ich glaube
+sogar bestimmt, daß sie es getan hat – muß man dann nicht alle
+Hochachtung haben vor der Diplomatie Marja Alexandrownas? Wie geschickt
+und mit welcher Sicherheit sie dem unangenehmen, skandalösen Klatsch die
+Spitze abzubrechen verstanden hat! Kein Wort, keine Andeutung
+ihrerseits! Sie schenkt jetzt dieser ganzen schmutzigen Verleumdung
+überhaupt keine Aufmerksamkeit mehr! Indessen aber – nur Gott allein
+wird es wissen, wie sie gearbeitet hat, um die Ehre ihrer einzigen
+Tochter unbefleckt zu erhalten. Und andererseits: ist es denn nicht sehr
+begreiflich, daß Sina noch nicht geheiratet hat: was gibt es denn hier
+für Freier? Und Sina kann doch nur einen Erbprinzen heiraten! Hat
+jemand, frage ich nochmals, je im Leben eine solche Schönheit gesehen?
+Freilich ist sie stolz, sogar sehr stolz. Man sagt, Mosgljäkoff werbe um
+sie, aber es ist nicht anzunehmen, daß sie ihn heiraten wird. Was ist
+denn dieser Mosgljäkoff? Nun ja, – ein junger Mann, nicht häßlich, ein
+Fant, hundertfünfzig Leibeigene, ohne Schulden, Petersburger. Aber
+immerhin – der Kopf ist nicht viel wert. Leichtsinnig, schwatzhaft, mit
+irgendwelchen allerneuesten Ideen! Und was sind denn schließlich
+hundertfünfzig Seelen – und noch dazu bei den neuesten Ideen! Nein, ich
+habe es gleich gesagt – aus dieser Heirat wird nichts!
+
+Alles, was mein verehrter Leser bis jetzt gelesen hat, ist von mir vor
+ganzen fünf Monaten geschrieben worden, und zwar nur aus Begeisterung.
+Ich will es nicht verhehlen, daß ich für Marja Alexandrowna eine kleine
+Schwäche habe. Ich hatte eigentlich die Absicht, etwas in der Art einer
+Verherrlichung dieser großen Frau zu schreiben, vielleicht in der Form
+eines scherzhaften Briefes an einen Freund, nach dem Muster der Briefe,
+die in der alten, goldenen, doch – Gott sei Dank! – unwiederbringlichen
+Zeit in der „Nordischen Biene“ und ähnlichen Zeitschriften erschienen.
+Da ich nun aber keinen einzigen Freund besitze und mir außerdem noch
+eine gewisse literarische Schüchternheit angeboren ist, so blieb mein
+Manuskript in meinem Schreibtischfach als literarischer Versuch und als
+Erinnerung an eine friedliche Zerstreuung in Stunden der Muße und des
+Vergnügens liegen. Inzwischen vergingen fünf Monate, bis schließlich
+eines Tages unsere liebe Stadt ein großartiges Ereignis erlebte: früh
+morgens rollte eine Equipage durch die Straßen: Fürst K. kam an und
+stieg im Hause Marja Alexandrownas ab.
+
+Die Folgen dieses Besuches waren unabsehbar. Der Fürst hielt sich nur
+drei Tage in Mordassoff auf, doch diese drei Tage sind uns allen
+unauslöschlich in der Erinnerung geblieben. Ja ich kann sogar sagen, daß
+der Fürst in gewissem Sinne unsere ganze Stadt umgekehrt hat. Die
+Wiedergabe dieses Ereignisses wird natürlich die bemerkenswertesten
+Seiten in den Annalen der Stadt Mordassoff ausmachen. Diese Seiten nun
+literarisch zu verarbeiten und dem Urteil der hochverehrten Leser zu
+unterbreiten, habe ich mich jetzt nach einigem Schwanken endgültig
+entschlossen.
+
+Meine Erzählung umfaßt die ungekürzte bemerkenswerte Geschichte der
+Erhöhung, des größten Ruhmes und des feierlichen Falles Marja
+Alexandrownas und ihres ganzen Hauses in Mordassoff, ein würdiges und
+für einen Schriftsteller verführerisches Thema. Versteht sich, vorher
+muß ich noch erklären, weshalb es ein solches Ereignis war, daß der
+Fürst K. in die Stadt gefahren kam und bei Marja Alexandrowna abstieg.
+Zu dem Zweck jedoch muß ich etwas ausführlicher von der Person des
+Fürsten erzählen. So werde ich es auch tun. Zudem ist die Kenntnis der
+Lebensgeschichte dieses Fürsten durchaus erforderlich, um im ferneren
+Verlauf der Dinge sich manches erklären zu können. Also, ich beginne.
+
+
+ II.
+
+Ich muß vorausschicken, daß Fürst K. den Jahren nach durchaus noch kein
+Greis war. Doch dessenungeachtet kam einem bei seinem Anblick
+unwillkürlich der Gedanke, daß er sogleich auseinanderfallen müsse:
+dermaßen verlebt oder verbraucht war der Mann und sah er aus. In
+Mordassoff hat man sich von diesem Fürsten stets äußerst sonderbare,
+mitunter selbst phantastische Dinge erzählt. Es hieß sogar einmal, der
+alte Herr sei irrsinnig geworden. Am sonderbarsten fanden aber alle, daß
+ein so reicher Gutsbesitzer, der viertausend Seelen besaß, unter seinen
+Verwandten bekannte Würdenträger hatte und folglich, sobald er nur
+gewollt hätte, eine große Rolle im Gouvernement hätte spielen können,
+auf seinem prächtigen Gut von aller Welt völlig zurückgezogen lebte.
+Viele Honoratioren hatten ihn vor sechs oder sieben Jahren gekannt, als
+er eine Zeitlang in unserer Stadt gelebt hatte, und sie versicherten,
+daß er damals Einsamkeit nicht habe ertragen können und alles eher als
+ein Einsiedler gewesen sei.
+
+Doch wie dem auch sei, jedenfalls habe ich aus glaubwürdigster Quelle
+Folgendes von seiner Lebensgeschichte erfahren:
+
+Einmal in jungen Jahren, was übrigens schon lange her ist, war der Fürst
+in glänzendster Weise ins Leben eingetreten, hatte gejeut, geliebt, war
+mehrmals im Auslande gewesen, hatte Romanzen gesungen, Bonmots gemacht
+und sich nie durch glänzende Geistesgaben ausgezeichnet. Wie es sich
+wohl von selbst versteht, verlebte er sein ganzes Vermögen, so daß er
+sich, als das Alter kam, plötzlich ohne eine Kopeke sah. Da hatte ihm
+irgend jemand den Rat gegeben, auf sein Gut überzusiedeln, das bereits
+versteigert werden sollte, und so war er denn nach Mordassoff gefahren
+und hatte dort ganze sechs Monate verlebt, ohne an die Weiterfahrt zu
+denken. Das Provinzleben hatte ihm sehr gefallen und die Folge davon
+war, daß er in diesem halben Jahr das Letzte, was ihm noch geblieben
+war, gleichfalls durchbrachte, da er weder auf das Jeu, noch auf
+verschiedene Intimitäten mit – diesmal Provinzdamen verzichten konnte.
+Hinzu kommt, daß er ein gutmütiger Mensch war, freilich nicht ohne
+einige besondere fürstliche Gewohnheiten unangenehmer Art, die aber in
+Mordassoff für als ausschließlich der höchsten Gesellschaft eigen
+angesehen wurden, und daher, statt Verdruß zu erwecken, sogar einen
+guten Eindruck machten. Namentlich die Damen waren von ihrem lieben Gast
+außerordentlich entzückt. Man bewahrte gar manche interessante
+Erinnerung an ihn. Unter anderem erzählte man, daß der Fürst einen
+halben Tag zum Ankleiden brauche und der ganze Mensch aus
+zusammensetzbaren Stücken bestände. Niemand wußte sich zu erklären, wann
+und wo er sich aller der ihm fehlenden Körperteile zu entledigen
+vermocht hatte. Er trug eine Perücke, falschen Schnurr- und Backenbart,
+und sogar die Fliege a la Mazarin unter der Unterlippe war unecht. Ihm
+war buchstäblich jedes Haar angeklebt und jedes glänzte im schönsten
+Schwarz. Er schminkte und puderte sich täglich. Es wurde sogar
+behauptet, daß er mittels gewisser kleiner Federn, die in seinen Haaren
+unsichtbar angebracht sein sollten, die Runzeln in seinem Gesicht
+glätte. Auch hieß es, daß er ein Korsett trage, da er bei einem
+ungeschickten Sprung aus dem Fenster – während eines Liebesfeldzuges in
+Italien – sich ein paar Rippen gebrochen habe. Mit dem linken Fuß hinkte
+er. Es wurde behauptet, daß sein linker Fuß unecht sei und er den echten
+in Paris gleichfalls bei Gelegenheit eines Liebesabenteuers eingebüßt
+habe und zum Ersatz ihm ein Holz- oder Korkfuß angesetzt worden sei.
+Aber schließlich, was wird nicht alles erzählt? Tatsache war jedoch, daß
+sein rechtes Auge ein Glasauge war, natürlich ein sehr teures, sehr
+kunstvoll gearbeitetes. Seine Zähne waren alle unecht. Ganze Tage lang
+wusch er sich mit den verschiedensten patentierten Flüssigkeiten,
+parfümierte und pomadisierte sich unermüdlich. Übrigens entsinnt man
+sich, daß der Fürst damals schon merklich gealtert war und entsetzlich
+schwatzhaft wurde. Seine Zukunft war, wie man meinte, hoffnungslos. Alle
+wußten, daß er nichts mehr besaß. Da sollte es aber geschehen, daß
+gerade zu der Zeit eine seiner Verwandten, eine uralte Greisin, die
+beständig in Paris lebte und von der er eigentlich nichts zu erwarten
+hatte, – starb, nachdem sie vor ausgerechnet einem Monat ihren einzigen
+Erben begraben hatte. So wurde plötzlich und unerwartet der Fürst ihr
+gesetzmäßiger Universalerbe. Viertausend Seelen und ein wundervolles
+Gut, sechzig Werst von unserer Stadt gelegen, erhielt er ganz allein.
+Ohne lange zu säumen, machte er sich nach Petersburg auf, um dort die
+Angelegenheit zu erledigen. Zum Abschied gaben unsere Damen ihrem lieben
+Gast noch ein glänzendes Diner, das sie gemeinsam bezahlten, wozu eine
+Kollekte veranstaltet worden war. Der Fürst, sagt man, sei an diesem
+Abend bezaubernd liebenswürdig gewesen, habe gescherzt und gelacht und
+die ungewöhnlichsten Anekdoten erzählt. Zum Schluß habe er versprochen,
+sich so bald als möglich in Duchanowo, so hieß sein neues Gut,
+niederzulassen, und dann – darauf habe er sein Wort gegeben – würde er
+fortwährend Feste, Picknicks, Bälle und italienische Nächte mit
+Feuerwerk und Lampions veranstalten. Ein ganzes Jahr lang nach seiner
+Abfahrt sprachen die Damen nur von den verhießenen Freuden und
+erwarteten ihren alten Freund mit größter Ungeduld. Inzwischen aber
+begnügte man sich mit kurzen Ausfahrten nach Duchanowo, wo das alte
+Herrenhaus und der große Park besichtigt wurden. In diesem Park gab es
+Akazienhecken, die zu Löwen und anderen Tieren zurechtgestutzt waren,
+künstliche Hünengräber, Teiche, auf denen sich Boote schaukelten mit
+holzgeschnitzten Türken, die Hirtenflöten bliesen, Lauben, Pavillons,
+Monplaisirs und noch viele andere Späße.
+
+Endlich kehrte der Fürst zurück, doch zur allgemeinen Verwunderung und
+Enttäuschung zeigte er sich nicht einmal in der Stadt, sondern ließ sich
+auf seinem Gut nieder und lebte wie ein Einsiedler. Alsbald verbreiteten
+sich sonderbare Gerüchte, und überhaupt kann man sagen, daß die
+Lebensgeschichte des Fürsten seit eben dieser Zeit schleierhaft und
+phantastisch wird. So erzählte man denn, daß er in Petersburg nicht
+gerade Glück gehabt habe, daß einige seiner Verwandten und dereinstigen
+Erben ihn wegen seiner Geistesschwäche unter irgend jemandes
+Vormundschaft hätten stellen wollen, wahrscheinlich aus Furcht, daß er
+wieder sein ganzes Vermögen durchbringen könne. Ja einige behaupteten
+sogar, daß man ihn in eine Irrenanstalt habe einsperren wollen, doch
+einer seiner Verwandten, ein angesehener Mann, sei für ihn eingetreten
+und habe den anderen klar bewiesen, daß der arme Fürst, von dem ja
+ohnehin nur noch die eine Hälfte lebe, wahrscheinlich bald von selbst
+sterben würde – und dann bekämen sie das Gut auch ohne Irrenhaus. Doch
+ich sage nochmals: wird denn wenig in der Welt geklatscht und noch dazu
+bei uns in Mordassoff! Diese Gerüchte von dem Vorhaben seiner Verwandten
+sollen den armen Fürsten so kopfscheu gemacht haben, daß er auch seinen
+Charakter vollkommen änderte und wie ein Einsiedler lebte! Einige
+unserer Spitzen der Gesellschaft waren mit Glückwünschen zu ihm aufs Gut
+gefahren: doch sie waren entweder überhaupt nicht, oder in sehr
+seltsamer Weise empfangen worden. Der Fürst, sagt man, habe seine
+früheren Bekannten nicht einmal erkannt oder habe sie nicht erkennen
+wollen.
+
+Eines Tages fuhr auch unser Gouverneur zu ihm. Er kehrte mit der
+Nachricht zurück, daß der Fürst seiner Meinung nach tatsächlich „etwas
+verdreht“ sei, und er machte später jedesmal ein schiefes Gesicht, wenn
+man ihn an seine Fahrt nach Duchanowo erinnerte. Die Damen sprachen laut
+ihren Unwillen darüber aus. Endlich erfuhr man einen Umstand von
+erschütternder Wichtigkeit, und zwar: daß irgendeine unbekannte
+Stepanida Matwejewna sich des Fürsten bemächtigt habe, Gott weiß was für
+eine Weibsperson, die aus Petersburg mit ihm angekommen war, dick und
+bejahrt, die nur in Kattunkleidern und mit dem Schlüsselbund in der Hand
+umherging; daß der Fürst ihr in allem wie ein Kind gehorche und ohne
+ihre Erlaubnis keinen Schritt zu tun wage; daß sie ihn sogar eigenhändig
+bediene, sehr verwöhne, auf den Händen umhertrage und wie einen Säugling
+einlulle, und schließlich, daß sie es sei, die jeden Besuch von ihm
+fernhalte, namentlich seine Verwandten, die jetzt, wie begreiflich, zum
+Zweck verschiedener Nachforschungen von Zeit zu Zeit nach Duchanowo
+kamen. In Mordassoff wurde viel über diese unbegreifliche Verbindung
+gesprochen, besonders seitens der Damen. Zu alledem wurde noch
+hinzugefügt, daß Stepanida Matwejewna das ganze Gut des
+Fürsten unumschränkt und eigenmächtig verwalte, ungefragt das
+Wirtschaftspersonal, die Dienstboten, Verwalter und Förster absetze und
+die Einnahmen empfange – doch mache sie alles so gut, daß die
+Leibeigenen ihr Schicksal geradezu priesen.
+
+Was nun den Fürsten selbst anbetrifft, so wußte man, daß er seine Tage
+fast ausschließlich im Ankleidezimmer zubrachte und sich nur mit dem
+Anpassen von Perücken und Fracks beschäftigte, daß er die übrige Zeit in
+der Gesellschaft Stepanida Matwejewnas verbringe, mit ihr Karten spiele,
+sich die Karten lege, hin und wieder auf einer frommen englischen Stute
+ausreite, wobei ihn Stepanida Matwejewna unfehlbar in einem gedeckten
+Wagen begleite – „für alle Fälle“, versteht sich: denn der Fürst reite
+nur aus Eitelkeit, könne sich aber kaum noch im Sattel halten. Zuweilen
+hatte man ihn auch zu Fuß ausgehen sehn, in einem eleganten Paletot,
+breitkrämpigem Strohhut, rosafarbenem Damenhalstuch, mit seinem Monokel
+im Auge, mit einem Körbchen für die gesammelten Pilze, und mit
+Kornblumen in der linken Hand. Stepanida Matwejewna begleitete ihn
+regelmäßig und hinter ihm gingen zwei galonierte Diener und folgte –
+„für alle Fälle“, da man ja nie wissen konnte – ein Wagen: kam ihnen
+unterwegs ein Bauer entgegen und grüßte er sie, zur Seite tretend, tief
+und ehrerbietig: „Guten Tag, Väterchen Fürst, guten Tag, Euer Gnaden
+unser Sonnenlicht!“ so richtete der Fürst sogleich sein Monokel auf ihn
+und antwortete freundlich mit gnädigem Kopfnicken: „^Bonjour, mon ami,
+bonjour!^“
+
+Solche und ähnliche Gerüchte gingen in Mordassoff von Mund zu Mund. Es
+schien ganz unmöglich zu sein, den Fürsten zu vergessen. Aber er lebte
+ja auch in nächster Nachbarschaft. Wie groß nun war die Verwunderung,
+als eines schönen Morgens das Gerücht sich verbreitete, daß der Fürst,
+dieser Einsiedler und Sonderling, in eigener Person in Mordassoff
+angelangt und im Hause Marja Alexandrownas abgestiegen sei. Alles geriet
+in Aufregung, alle erwarteten eine Aufklärung, alle fragten einander,
+was das zu bedeuten habe. Einige Damen wollten sich sogleich zu Marja
+Alexandrowna aufmachen, denn die Ankunft des Fürsten erschien ihnen als
+ein gar zu großes Wunder. Sie schrieben sich Zettelchen, machten
+einander Morgenvisiten, schickten ihre Stubenmädchen und Männer auf
+Kundschaft aus. Am meisten wunderte man sich darüber, daß der Fürst
+gerade bei Marja Alexandrowna abgestiegen war. Und am meisten ärgerte
+sich darüber Anna Nikolajewna Antipowa, weil der Fürst über Tanten,
+Großtanten und Schwägerinnen hinweg entfernt mit ihr verwandt war. Aber
+ich sehe, um alle diese Fragen beantworten zu können, müssen wir Marja
+Alexandrowna selbst in ihrem Hause aufsuchen, wohin uns zu folgen wir
+den verehrten Leser untertänigst bitten. Es ist allerdings noch früh,
+kaum zehn Uhr, aber ich bin überzeugt, daß sie uns, ihre besten Freunde,
+nicht von der Tür weisen, vielmehr uns empfangen wird.
+
+
+ III.
+
+Zehn Uhr morgens. Wir sind im Hause Marja Alexandrownas, an der großen
+Straße, in jenem Zimmer, das die Hausfrau bei feierlichen Gelegenheiten
+„^mon salon^“ nennt. Marja Alexandrowna hat sogar ein Boudoir. In diesem
+Salon ist der Fußboden gut gestrichen und die Wände sind mit hübschen
+Tapeten versehen. Im Möbelstoff ist rot die vorherrschende Farbe. An
+einer Wand ist ein Kamin, über dem Kamin ein Spiegel, vor dem Spiegel
+eine bronzene Stutzuhr mit einem Amor, der von schlechtem Geschmack
+zeugt. Zwischen den Fenstern sind zwei Pfeilerspiegel, von denen die
+Überzüge entfernt sind. Vor diesen Spiegeln stehen auf kleinen Tischen
+wieder Uhren. An der Rückwand steht ein prächtiger Flügel, der für Sina
+verschrieben ist, denn Sina ist – musikalisch. Vor dem brennenden Kamin
+sind weiche Polstermöbel gruppiert, nach Möglichkeit in malerischer
+Unordnung, zwischen ihnen steht ein kleines Tischchen. Am anderen Ende
+des Zimmers steht ein größerer Tisch, bedeckt mit einer blendend weißen
+Tischdecke: auf ihm kocht ein silberner Ssamowar neben einem reizenden
+Teeservice. Das Eingießen des Tees besorgt eine Dame, Nastassja Petrowna
+Sjäblowa, die als entfernte Verwandte Marja Alexandrownas bei dieser
+lebt. Zwei Worte über sie. Sie ist Witwe, etwas über dreißig Jahre alt,
+brünett, mit einer frischen Gesichtsfarbe und lebhaften braunen Augen.
+Durchaus nicht häßlich. Sie hat einen heiteren Charakter, lacht viel und
+gern, ist ziemlich schlau, klatscht natürlich, und versteht es, ihr
+Schäfchen ins trockne zu bringen. Sie hat zwei Kinder, die beide
+irgendwo lernen. Sie würde gern zum zweitenmal heiraten; ihr erster Mann
+war aktiver Offizier. Im übrigen tritt sie ziemlich selbstbewußt auf.
+
+Marja Alexandrowna, die Hauptperson, sitzt am Kamin in vorzüglicher
+Stimmung und in einem hellgrünen Kleide, das ihr sehr gut steht. Sie ist
+unsäglich erfreut über den Besuch des Fürsten, der vorläufig mit seiner
+Toilette beschäftigt und folglich noch unsichtbar ist. Sie ist so froh,
+daß sie ihre Freude nicht einmal zu verbergen sucht. Vor ihr steht ein
+junger Mann, der ihr überschwenglich irgend etwas erzählt. Seinen Augen
+sieht man es an, daß er seinen Zuhörerinnen gefallen will. Er ist
+fünfundzwanzig Jahre alt. Sein Benehmen wäre nicht schlecht, doch gerät
+er leicht in Begeisterung und möchte außerdem als witzig und geistreich
+gelten. Tadellos gekleidet, blond, nicht häßlich. Aber wir haben ja
+schon von ihm gesprochen: das ist Herr Mosgljäkoff, ein junger Mann, der
+zu großen Hoffnungen berechtigt. Marja Alexandrowna findet im stillen,
+daß sein Kopf etwas hohl sei, ist aber trotzdem die Liebenswürdigkeit
+selbst zu ihm. Er wirbt um ihre Tochter Sina, in die er, nach seinen
+Worten, bis zum Wahnsinn verliebt ist. In jedem Augenblick wendet er
+sich zu Sina, bemüht, sie durch seinen Humor und Geist zum Lächeln zu
+bringen. Sie aber ist auffallend kühl zu ihm und beachtet ihn kaum. In
+diesem Augenblick steht sie abseits am Klavier. Ihre schmalen Finger
+blättern in einem Kalender. Sie gehört zu jenen Erscheinungen, die
+allgemeine – ich möchte sagen begeisterte Verwunderung hervorrufen, wenn
+sie in einen Ballsaal, einen Gesellschaftsraum eintreten. Sie ist
+unbeschreiblich schön: von hohem, schlankem Wuchs, mit prächtigem
+braunen Haar, wundervollen, fast schwarzen Augen, vorzüglich gebaut:
+Schultern, Arme, Brust – wie die einer antiken Göttin, das Füßchen
+verführerisch, der Gang königlich. Heute ist sie ein wenig bleich; dafür
+aber wird man ihre blaßrosa, seidigen Lippen, die wundervoll geschnitten
+sind und zwischen denen wie eine Perlenschnur ihre weißen Zähne glänzen,
+drei Nächte noch im Traume sehen, wenn man sie einmal in Wirklichkeit
+gesehen hat. Sie sieht ernst und sogar streng aus. Herr Mosgljäkoff
+scheint ihren aufmerksamen Blick gewissermaßen zu fürchten, wenigstens
+fühlt er sich nicht ganz geheuer, wenn er es wagt, sie anzusehen. Ihre
+Bewegungen sind von hochmütiger Nachlässigkeit. Sie trägt ein einfaches
+weißes Musselinkleid. Weiß steht ihr ganz besonders gut; doch übrigens,
+was steht ihr nicht gut? An einem ihrer schmalen Finger steckt ein aus
+Haar geflochtener Ring – nach der Farbe zu urteilen, nicht aus dem Haar
+der Mutter. Mosgljäkoff hat es nie gewagt, sie zu fragen, wessen Haar es
+ist. An diesem Morgen ist Sina auffallend schweigsam und sogar traurig,
+als quälten sie gewisse Sorgen. Dafür ist Marja Alexandrowna zu
+ununterbrochenem Reden bereit, wenn sie auch mitunter gleichfalls einen
+besonderen, gleichsam mißtrauischen Blick zur Tochter hinübersendet –
+was sie jedoch nur heimlich tut –, ganz als fürchte auch sie ihre
+Tochter.
+
+„Ich bin so froh, so froh, Pawel Alexandrowitsch,“ beteuert sie, „daß
+ich es jedem Menschen, der an meinem Hause vorübergeht, aus dem Fenster
+zurufen könnte. Ich rede schon gar nicht von der reizenden Überraschung,
+die Sie mir und Sina bereitet haben, indem Sie zwei Wochen früher
+gekommen sind, als Sie es versprochen hatten; das versteht sich von
+selbst! Es freut mich so unsäglich, daß Sie unseren lieben Fürsten
+hergebracht haben. Wissen Sie auch, wie sehr ich diesen bezaubernden
+alten Herrn liebe! Doch nein, nein! Sie werden mich nicht verstehen! Sie
+gehören zur Jugend und werden die Gefühle meines Lebensalters nie
+verstehen, wenn ich sie Ihnen auch noch so beredt schildern wollte!
+Wissen Sie auch, was er mir in früheren Zeiten gewesen ist, vor sechs
+Jahren – weißt du noch, Sina? Ach nein, ich hatte es vergessen: Du warst
+ja damals bei deiner Tante zum Besuch ... Sie werden es mir nicht
+glauben, Pawel Alexandrowitsch; ich war seine Führerin, seine Schwester,
+seine Mutter! Er hörte auf mich wie ein Kind! Es war etwas Naives,
+Zärtliches und Höheres in unserem Verhältnis zueinander ... Ich weiß
+nicht, wie ich es ausdrücken soll! Und das ist auch der Grund, weshalb
+er sich jetzt meines Hauses in Dankbarkeit erinnert hat, ^ce pauvre
+prince^! Wissen Sie auch, Pawel Alexandrowitsch, daß Sie ihn damit
+vielleicht sogar gerettet haben, daß Sie auf den Gedanken gekommen sind,
+ihn zu mir zu bringen? Mit wehem Herzen habe ich in diesen langen sechs
+Jahren an ihn gedacht. Sie werden es mir nicht glauben: mir hat sogar in
+der Nacht von ihm geträumt! Man sagt, diese ungeheuerliche Frau habe ihn
+behext und wolle ihn zugrunde richten. Aber Gott sei Dank, jetzt haben
+Sie ihn endlich aus diesen Krallen befreit! Nein, jetzt muß man die
+Gelegenheit benutzen und ihn endgültig retten! Aber erklären Sie mir
+doch einmal, erzählen Sie, wie Ihnen das alles gelungen ist? Beschreiben
+Sie mir so ausführlich als möglich Ihre Begegnung mit ihm. Vorhin, als
+Sie ankamen, waren meine Gedanken nur bei der Hauptsache, während doch
+gerade alle diese Details, wie man sagt, den Charakter geben! Ich liebe
+über alles die Details, sogar in den wichtigsten Dingen lenke ich meine
+Aufmerksamkeit zuerst auf die Details ... und ... solange er noch mit
+der Toilette beschäftigt ist ...“
+
+„Ich kann nur das wiederholen, was ich bereits erzählt habe, Marja
+Alexandrowna!“ griff Mosgljäkoff sofort bereitwillig auf, da er es
+vielleicht auch noch zum zehnten Mal erzählt hätte – sich selbst hören,
+war für ihn das größte Vergnügen. „Ich fuhr die ganze Nacht durch und,
+versteht sich, schlief die ganze Nacht nicht, – Sie können sich denken,
+welche Eile ich hatte!“ fügte er mit halber Wendung zu Sina hinzu. „Mit
+einem Wort, ich habe geschrien, Pferde verlangt und auf den Stationen
+wegen der Pferde Lärm geschlagen: wenn man es niederschreiben und
+drucken lassen wollte, so würde es eine ganze Dichtung im neuesten
+Geschmack werden! Doch das nur nebenbei bemerkt. Um Punkt sechs Uhr
+morgens erreiche ich die letzte Station, Igischewo. Zitternd vor Kälte –
+ich wollte mich nicht einmal erwärmen – schrie ich nach neuen Pferden.
+Habe bei der Gelegenheit die Stationshalterin und ihren Säugling
+erschreckt: jetzt, glaube ich, kann sie ihn nicht mehr stillen ...
+Wundervoller Sonnenaufgang. Wissen Sie, wenn dieser Froststaub sich rot
+und silbern färbt! Ich beachte aber nichts; mit einem Wort, ich eile
+Hals über Kopf weiter. Um die Pferde habe ich regelrecht gekämpft, nahm
+sie einem Kollegienassessor fort und forderte ihn fast zum Duell. Man
+erzählte mir, daß vor einer viertel Stunde irgendein Fürst von dort
+abgefahren sei, er fuhr mit eigenen Pferden, habe dort genächtigt. Höre
+nur mit halbem Ohr, steige ein und fort geht es, als hätte ich mich von
+der Kette losgerissen. Habe einmal etwas Ähnliches in einer modernen
+Elegie gelesen. Genau auf der neunten Werst vor der Stadt, dort wo der
+Weg zur Sswetosersker Einsiedelei abzweigt, ist, wie ich plötzlich sehe,
+etwas Wunderliches passiert. Ein riesengroßer Reisewagen liegt auf der
+Seite, der Kutscher und zwei Diener stehen ratlos vor ihm, und aus dem
+Wagen, der auf der Seite liegt, dringt herzzerreißendes Geschrei.
+Beabsichtigte zuerst vorüberzufahren, dachte: lieg mal zu auf der Seite,
+gehöre nicht zu deiner Gemeinde. Doch die Nächstenliebe siegte, die, wie
+Heine sagt, ihre Nase überallhin steckt. Lasse halten. Ich, mein Ssemjon
+und der Kutscher – gleichfalls eine russische Seele – eilen zur Hilfe
+und so stellen wir, sechs Mann hoch, mit vereinten Kräften die Equipage
+wieder auf die Beine, die sie in Wirklichkeit zwar nicht hat, da sie ja
+auf Rädern rollt. Auch ein paar Bauern halfen noch mit Stangen, fuhren
+zur Stadt, erhielten von mir ein Trinkgeld. Denke: das ist sicherlich
+jener alte Fürst! Sehe ihn mir an: Himmel, ja! Das ist er selbst, Fürst
+Gawrila! Das war eine Überraschung! Rufe ihm zu: ‚Prince! Onkelchen!‘ Er
+aber erkannte mich natürlich nicht auf den ersten Blick ... Das heißt,
+er erkannte mich übrigens sogleich ..., auf den zweiten Blick.
+Einstweilen aber ... unter uns: ich glaube, daß er selbst jetzt noch
+nicht recht weiß, wer ich eigentlich bin, und mich, wie mir scheint, für
+einen ganz anderen Menschen hält, nicht aber für seinen Anverwandten.
+Ich habe ihn vor zirka sieben Jahren in Petersburg zum letztenmal
+gesehen. Damals war ich, wie Sie sich denken können, noch ein halber
+Knabe. Ich erinnerte mich seiner sehr wohl: er hatte einen starken
+Eindruck auf mich gemacht. Er aber – nun, wie soll er sich noch meiner
+entsinnen! Stelle mich vor: er ist entzückt, umarmt mich, selbst aber
+zittert er noch von dem Schreck und weint, bei Gott, _weint_, ich habe
+es mit meinen eigenen Augen gesehen! Wir sprachen dies und das – ich
+beredete ihn endlich dazu, in meinen Wagen einzusteigen und – sei’s auch
+nur auf einen Tag – mit mir nach Mordassoff zu kommen, um sich etwas zu
+zerstreuen und zu erholen. Er willigt widerspruchslos ein ... Erklärt
+mir, daß er in das Kloster Sswetosersk zum Priestermönch Missaïl fahre,
+den er überaus achte und verehre; daß Stepanida Matwejewna – wer von uns
+Verwandten hat nicht von Stepanida Matwejewna gehört? – mich hat sie
+noch vor kaum einem Jahr mit dem Ofenbesen aus Duchanowo hinausgejagt –,
+daß also seine Stepanida Matwejewna einen Brief erhalten habe, des
+Inhalts, daß in Moskau irgend jemand in den letzten Zügen liege: ihr
+Vater oder ihre Tochter, genau weiß ich es nicht und habe auch kein
+Interesse dafür übrig; vielleicht sind es beide, sowohl der Vater wie
+die Tochter ... vielleicht noch mit Zugabe irgend eines Neffen, der dort
+im Ressort der Getränke dient ... Um mich kurz zu fassen – sie war
+dermaßen in Verwirrung geraten, daß sie sich entschlossen hatte, auf
+etwa zehn Tage ihren Fürsten zu verlassen und nach Moskau zu fahren, um
+diese Stadt durch ihre Anwesenheit zu verschönen. Der Fürst saß
+inzwischen einen Tag zu Hause, saß einen zweiten, setzte sich zur Probe
+eine Perücke nach der anderen auf, pomadisierte sich, färbte seinen
+Schnurrbart, legte sich Karten aus, spielte vielleicht auch Preference,
+allein, zum Zeitvertreib. Aber dennoch ging es über seine Kräfte – ohne
+Stepanida Matwejewna! Da hatte er seine Reiseequipage befohlen, um sich
+ins Sswetosersker Kloster zu begeben. Irgend jemand von den dienstbaren
+Geistern, der Stepanida Matwejewna sogar in ihrer Abwesenheit fürchtet,
+hatte zwar einiges einzuwenden gewagt: der Fürst aber hatte darauf
+bestanden. Gestern nach dem Mittag war er ausgefahren, hatte in
+Igischewo übernachtet, war dann nach Sonnenaufgang von der Station
+weitergefahren, um genau vor dem Abbiegen von der Landstraße zu dem
+berühmten Priestermönch Missaïl samt seiner ganzen Equipage fast in den
+Graben zu fallen. Ich errette ihn, berede ihn, mit mir zu unserer
+gemeinsamen Freundin, der hochverehrten Marja Alexandrowna zu fahren ...
+Er sagt von Ihnen, Sie seien die bezauberndste Dame von allen, die er
+jemals gekannt habe, – und jetzt sind wir hier, der Fürst aber frischt
+vorläufig noch seine Toilette auf, mit Hilfe seines Kammerdieners, den
+er nicht vergessen hat mitzunehmen und den er niemals, in keinem Fall
+und unter keinen Bedingungen vergessen wird, mitzunehmen, denn er würde
+eher zu sterben einwilligen, als daß er in Damengesellschaft ohne einige
+Vorbereitungen oder richtiger – Zubereitungen erscheinen würde ... Und
+das ist die ganze Historie. – Allerliebst – nicht wahr?“
+
+„Aber was für ein Humorist Sie sind! Findest du nicht auch, Sina?“ ruft
+Marja Alexandrowna entzückt aus, nachdem er geendet hat. „Wie reizend er
+es zu erzählen weiß! – Aber hören Sie, Monsieur Paul – eine Frage:
+erklären Sie mir doch einmal ausführlich Ihre Verwandschaft mit dem
+Fürsten! Sie nennen ihn Onkel?“
+
+„Ehrenwort: ich weiß es nicht, Marja Alexandrowna, wie und inwiefern ich
+mit ihm verwandt bin: ich glaube, im siebenten Grade wird es sein ...
+doch nicht etwa Reaumur, sondern Verwandtschaft, wie gesagt.
+Diesbezüglich habe ich mir wirklich kein Verschulden zuschulden kommen
+lassen – ich bin vollkommen schuldlos in der Sache! Schuld ist vielmehr
+meine Tante Aglaja Michailowna. Übrigens hat diese meine Tante Aglaja
+Michailowna nichts anderes zu tun, als die ganze Verwandtschaft an den
+Fingern herzuzählen. Sie ist es auch, die mich vor einem Jahr zu dieser
+Reise nach Duchanowo bewogen hat. Sie wäre gern selbst gefahren. Ich
+nenne ihn ganz einfach Onkelchen – und er fühlt sich angeredet. Das aber
+ist ja schließlich die Hauptsache. Ja, ja, das wäre denn unsere ganze
+Verwandtschaft, bis heute wenigstens ...“
+
+„Aber ich bleibe dennoch bei meiner Behauptung, daß nur Gott allein Sie
+auf den Gedanken hat bringen können, mit ihm geradeswegs zu mir zu
+kommen! Ich zittere, wenn ich daran denke, was ihm, dem Armen, alles
+hätte zustoßen können, falls er in ein anderes Haus, statt in meines,
+geraten wäre! Man hätte ihn ja hier zerrissen, zerrissen, jeden Knochen
+zerpflückt, man hätte ihn verschlungen! Man hätte sich auf ihn gestürzt
+wie auf eine Fundgrube, eine Goldmine – man hätte ihn womöglich
+bestohlen! Sie können es sich nicht vorstellen, Pawel Alexandrowitsch,
+was es hier für gierige, niedrige und heimtückische Menschen gibt! ...“
+
+„Ach, mein Gott, zu wem hätte er ihn denn bringen sollen, wenn nicht zu
+Ihnen! – wie Sie wirklich sind, Marja Alexandrowna!“ ruft Nastassja
+Petrowna aus, die Witwe, die den Tee eingießt. „Doch nicht zu Anna
+Nikolajewna – was meinen Sie?“
+
+„Aber ... wie kommt es, daß er sich noch immer nicht sehen läßt? Das ist
+doch etwas sonderbar,“ sagt Marja Alexandrowna, die sich ungeduldig
+erhebt.
+
+„Meinen Sie meinen Onkel? O, ich glaube, der wird noch ganze fünf
+Stunden zu seiner Toilette brauchen! Zudem, da er ja kein Atom
+Gedächtnis mehr besitzt, wird er vielleicht schon vergessen haben, daß
+er bei Ihnen zum Besuch ist. Das ist ja doch ein außergewöhnlicher
+Mensch, müssen Sie nicht vergessen, Marja Alexandrowna!“
+
+„Ach, gehen Sie, hören Sie doch auf!“
+
+„Durchaus nicht ‚Gehen Sie‘, Marja Alexandrowna, sondern die reinste
+Wahrheit, wie gesagt! Das ist doch halbwegs nur eine Komposition, aber
+kein Mensch! Sie haben ihn vor sechs Jahren gesehen, ich dagegen noch
+vor einer Stunde. Das ist doch eine halbe Leiche! Das ist ja nur noch
+eine Erinnerung an einen Menschen, man hat ihn sozusagen nur zu
+beerdigen vergessen! Er hat doch imitierte, eingesetzte Augen, Beine von
+Korkholz, der ganze Mensch ist auf Federn, und auch sprechen tut er
+nicht anders als mit Hilfe gewisser Federn!“
+
+„Mein Gott, was Sie doch für ein leichtsinniger Mensch sind, wie ich
+sehe!“ ruft Marja Alexandrowna aus und nimmt eine strenge Miene an. „Und
+schämen Sie sich denn nicht – Sie, als junger Mensch, als Verwandter! –
+so von diesem ehrwürdigen alten Herrn zu reden! Ich sage weiter nichts
+von seiner grenzenlosen Güte“ – ihre Stimme nimmt die Klangfarbe
+aufrichtiger Rührung an – „bedenken Sie doch, daß er sozusagen ein
+Überbleibsel, eine Ruine, ein Trümmerstück unserer Aristokratie ist.
+Mein Freund, ^mon ami^! Ich begreife vollkommen, daß Sie infolge
+irgendwelcher neuen Ideen, von denen Sie beständig sprechen, den
+Leichtsinnigen spielen. Aber, mein Gott! – ich bekenne mich ja selbst zu
+Ihren neuen Ideen! Ich weiß, daß der Grundsatz Ihrer neuen Richtung edel
+und ehrenhaft ist. Ich fühle es, daß es in diesen neuen Ideen sogar
+etwas Erhabenes gibt; aber alles das hindert mich nicht, auch die, sagen
+wir, die praktische Seite der Sache zu sehen. Ich habe in der Welt
+gelebt, ich habe mehr als Sie gesehen, und schließlich, ich bin Mutter,
+Sie aber sind noch jung. Er ist ein alter Mann und daher haftet ihm in
+unseren Augen vielleicht manches Lächerliche an. Ja, das letzte Mal
+sprachen Sie sogar davon, daß Sie Ihre Leibeigenen befreien wollten und
+daß man doch etwas für das Jahrhundert tun müsse, aber das kommt alles
+nur daher, daß Sie Ihren Kopf voll Shakespeare haben! Glauben Sie mir,
+Pawel Alexandrowitsch, Ihr Shakespeare hat schon lange seine Zeit
+abgelebt, und wenn er jetzt aufstehen würde, so würde er bei all seinem
+ganzen Verstande doch keine Silbe von unserem gegenwärtigen Leben
+begreifen. Wenn es in der Gesellschaft unserer Zeit etwas Erhabenes und
+Ritterliches gibt, so finden wir das einzig und allein in der höheren
+und höchsten Gesellschaft. Ein Fürst ist auch im Bauernkittel ein Fürst,
+ist auch in einer elenden Hütte wie in einem Schloß ein Fürst. Da hat
+sich nun der Mann unserer Natalja Dmitrijewna fast ein Schloß gebaut,
+aber dennoch ist er nur der Mann Natalja Dmitrijewnas und nichts mehr!
+Und auch Natalja Dmitrijewna ist und bleibt, wenn sie sich auch mit
+fünfzig Krinolinen ausstatten wollte – immer nur die frühere Natalja
+Dmitrijewna und wird nicht ein Atom mehr. Und Sie sind zum Teil
+gleichfalls ein Repräsentant der höheren Gesellschaft, da Sie von ihr
+abstammen. Auch mich halte ich nicht für eine Fremde in ihrem Kreise –
+das aber ist ein schlechtes Kind, das sein eigenes Nest beschmutzt.
+Übrigens werden Sie einmal alles das selbst noch viel besser einsehen,
+als ich, ^mon cher Paul^, und Sie werden Ihren Shakespeare mit der Zeit
+hübsch vergessen. Das sage ich Ihnen im voraus, ich prophezeie es Ihnen.
+Ich bin sogar überzeugt, daß Sie diesmal nicht aufrichtig sind und sich
+nur so ... nach der Mode richten. Ach, da bin ich nun ins Schwatzen
+hineingekommen. Bleiben Sie ruhig hier, ^mon cher Paul^, und vergessen
+Sie Ihren Shakespeare, ich werde selbst nach oben gehen und mich nach
+dem Fürsten erkundigen. Vielleicht bedarf er irgend wessen, und mit
+meinen Dienstboten ...“
+
+Marja Alexandrowna verließ ziemlich eilig das Zimmer, denn sie dachte an
+ihre Dienstboten.
+
+„Marja Alexandrowna scheint sehr froh darüber zu sein, daß der Fürst
+nicht bei dieser Modedame, der Anna Nikolajewna, abgestiegen ist. Hat
+diese unverschämte Person doch allen gesagt, daß sie mit ihm verwandt
+sei. Die wird sich jetzt, denke ich, zerreißen wollen vor Ärger!“
+bemerkte Nastassja Petrowna. Als sie aber bemerkte, daß ihr nicht
+geantwortet wurde, sah sie auf. Ein Blick auf Sina und Pawel
+Alexandrowitsch genügte, um sie erraten zu lassen, wie die Sache stand,
+und sie verließ sogleich das Zimmer, als hätte sie irgend etwas
+vergessen, das sie zum Tee brauchte. Übrigens wußte sie sich sofort
+dafür zu entschädigen: sie versteckte sich hinter der Tür und horchte.
+
+Pawel Alexandrowitsch wandte sich im Augenblick zu Sina. Er war
+unbeschreiblich erregt, seine Stimme zitterte.
+
+„Sinaïda Afanassjewna, Sie sind mir doch nicht böse?“ fragte er mit
+zaghafter und flehender Miene.
+
+„Ihnen böse? Weshalb denn?“ fragte Sina, die leicht errötete und ihre
+wundervollen Augen zu ihm erhob.
+
+„Weil ich früher als verabredet hergekommen bin! Sinaïda Afanassjewna,
+ich hielt es nicht aus, ich konnte nicht noch ganze zwei Wochen warten
+... Sie sind mir sogar im Traume erschienen. Ich bin hergeeilt, um
+meinen Schicksalsspruch zu erfahren ... Doch Sie ziehen die Brauen
+zusammen, Sie ärgern sich! Werde ich denn wirklich auch jetzt nichts
+Positives erfahren?“
+
+Sina hatte tatsächlich die Stirn gerunzelt.
+
+„Ich habe es nicht anders erwartet, als daß Sie wieder darauf
+zurückkommen würden,“ antwortete sie, nachdem sie den Blick gesenkt
+hatte, mit fester und strenger Stimme, die deutlich ihren Ärger verriet.
+„Und da mir diese Erwartung sehr unangenehm war, so ist es – je
+schneller abgetan, um so besser. Sie verlangen oder bitten wieder um
+eine Antwort. Wie Sie wünschen, ich kann sie Ihnen noch einmal
+wiederholen, denn meine Antwort ist dieselbe: warten Sie. Ich sage es
+Ihnen nochmals – ich habe mich noch nicht entschlossen und kann Ihnen
+daher auch nicht das Versprechen geben, Ihre Frau zu werden. Ein solches
+Versprechen soll man nicht zu erzwingen versuchen, Pawel
+Alexandrowitsch. Doch um Sie zu beruhigen, füge ich hinzu, daß ich Ihnen
+noch nicht endgültig absage. Und merken Sie sich noch eines: wenn ich
+Ihnen jetzt noch eine Hoffnung lasse, so tue ich es einzig aus dem
+Grunde, weil ich mit Ihrer Ungeduld und Unruhe Nachsicht habe. Ich
+wiederhole es: ich will vollkommen frei sein und wenn ich Ihnen
+schließlich sagen sollte, daß ich nicht will, so dürfen Sie mich nicht
+beschuldigen, mir nicht vorwerfen, daß ich Ihnen falsche Hoffnungen
+gemacht habe. So, das ist alles!“
+
+„Aber ... aber was ist denn das!“ rief Mosgljäkoff mit kläglicher Stimme
+aus. „Ist denn das eine Hoffnung! Kann ich denn auch nur auf die
+geringste Hoffnung aus Ihren Worten schließen, Sinaïda Afanassjewna?“
+
+„Denken Sie an alles, was ich Ihnen gesagt habe, und dann schließen Sie
+daraus, auf was Sie wollen. Das steht Ihnen frei. Ich aber kann nichts
+mehr hinzufügen. Ich sage Ihnen noch nicht ganz ab, sondern sage nur:
+warten Sie. Nur eines, bitte nicht zu vergessen: daß ich die volle
+Freiheit habe, Ihnen endgültig abzusagen, sobald ich will. Und dann noch
+eines, Pawel Alexandrowitsch: wenn Sie vor dem für die Antwort
+verabredeten Termin gekommen sind, um auf Umwegen etwas zu erreichen, in
+der Hoffnung, vielleicht auf Befürwortung von anderer Seite, nehmen wir
+an, zum Beispiel, den Einfluß meiner Mutter, so haben Sie sich in Ihrer
+Berechnung sehr getäuscht. Dann werde ich Ihnen rund absagen, hören Sie?
+Doch jetzt – genug davon, und, bitte, erinnern Sie mich bis dahin mit
+keinem Wort mehr daran.“
+
+Diese ganze Rede war trocken, sehr bestimmt und ohne die geringsten
+Stockungen gesprochen, als hätte sie sie früher schon auswendig gelernt.
+Monsieur Paul fühlte, daß er mit einer langen Nase abzog. In dem
+Augenblick kehrte Marja Alexandrowna zurück. Ihr folgte fast auf dem
+Fuße Frau Sjäblowa.
+
+„Er wird, glaube ich, sogleich erscheinen, Sina! Nastassja Petrowna,
+bereiten Sie schnell neuen Tee!“ – Die Dame schien nicht wenig erregt zu
+sein.
+
+„Anna Nikolajewna hat sich erkundigen lassen. Ihre Zofe Anjutka ist in
+unsere Küche gekommen, um auszuforschen. Die wird sich jetzt ärgern!“
+rief Nastassja Petrowna Sjäblowa aus und eilte zu ihrem Ssamowar.
+
+„Was geht das mich an!“ fragte Marja Alexandrowna über die Schulter.
+„Als ob ich mich dafür interessiere, was Ihre Anna Nikolajewna denkt!
+Sie können mir glauben, daß ich meine Zofe nicht in ihre Küche schicken
+werde. Und es wundert mich, es wundert mich aufrichtig, weshalb Sie mich
+immer für eine Feindin dieser armen Anna Nikolajewna halten, und nicht
+nur Sie allein, sondern die ganze Stadt. Ich verlasse mich auf Sie,
+Pawel Alexandrowitsch! Sie kennen uns beide, – sagen Sie doch selbst,
+weshalb sollte ich ihre Feindin sein? Wegen des Vorranges? Dieser
+Vorrang läßt mich gleichgültig. Mag sie doch, mag sie doch die Erste
+sein! Ich werde als erste zu ihr hinfahren, um sie zu beglückwünschen.
+Und schließlich, – das ist doch alles ungerecht. Ich nehme sie stets in
+Schutz, es ist meine Pflicht, sie zu verteidigen! Sie wird von allen
+verleumdet. Aber weshalb fallen denn alle so über sie her? Sie ist jung
+und putzt sich gern, – deswegen vielleicht? Meiner Meinung nach ist es
+aber doch besser, Putz zu lieben, als etwas anderes, wie zum Beispiel
+Natalja Dmitrijewna, die ... so etwas liebt, daß man es nicht einmal
+aussprechen darf. Oder deshalb, weil Anna Nikolajewna ewig zu Besuch
+fährt und nie zu Hause sitzen kann? Aber, mein Gott! Sie hat ja doch
+überhaupt keine Erziehung, keine Bildung genossen, und daher fällt es
+ihr natürlich schwer, ein Buch aufzuschlagen und sich zwei Minuten
+nacheinander mit ein und demselben zu beschäftigen. Sie kokettiert und
+liebäugelt mit jedem, der an ihrem Hause vorübergeht. Aber weshalb
+versichert man ihr denn ewig, daß sie hübsch sei, wenn sie nur ein
+weißes Gesicht hat und nichts weiter? Sie erheitert beim Tanz die
+Zuschauer – schön! Aber weshalb beteuert man ihr denn fortwährend, daß
+sie so wundervoll tanze? Sie trägt ganz entsetzliche Hüte und noch
+ärgeren Kopfputz, – aber was kann sie denn dafür, daß Gott ihr keinen
+Geschmack verliehen hat, sondern statt dessen nur so viel
+Leichtgläubigkeit? Sagen Sie ihr, daß es gut sei, ein Konfektpapier ins
+Haar zu stecken – und sie wird es tun. Sie ist eine Klatschbase, – aber
+das ist doch hier nichts Außergewöhnliches: wer klatscht hier nicht?
+Ssuschiloff mit seinem schönen Bart fährt morgens und abends zu ihr und
+womöglich auch noch in der Nacht. Ach, mein Gott! wenn der Mann noch bis
+fünf Uhr morgens am Kartentisch sitzt! Und zudem gibt es hier so viel
+schlechte Beispiele! Und schließlich ist das alles _vielleicht_ nur
+Verleumdung. Wie gesagt, ich werde sie immer, immer in Schutz nehmen!
+... Aber, mein Gott! ... Da ist ja der Fürst! Das ist er, er! Jetzt
+würde ich ihn unter Tausenden erkannt haben! Endlich sehe ich Sie
+wieder, ^mon prince^!“ rief Marja Alexandrowna aus und eilte dem
+eintretenden Fürsten entgegen.
+
+
+ IV.
+
+Auf den ersten flüchtigen Blick werden Sie diesen Fürsten durchaus nicht
+für einen alten Mann, geschweige denn für einen Greis halten. Erst nach
+näherem und aufmerksamerem Beobachten werden Sie sehen, daß er
+gewissermaßen eine auf Federn gespannte Leiche ist. Alle Künste sind
+angewandt, um diese Mumie als Jüngling zu verkleiden. Die erstaunlich
+naturgetreue Perücke, der Backenbart, der Schnurrbart und die Fliege
+glänzen im schönsten Schwarz und bedecken die Hälfte des Gesichts. Das
+übrige Gesicht ist überaus kunstvoll gepudert und hat so gut wie
+überhaupt keine Runzeln. Wo sind sie geblieben? – Das vermag niemand zu
+erklären. Gekleidet ist er nach neuester Mode, als wäre er aus einem
+Modejournal ausgeschnitten: Er hat eine Art Jackett an oder etwas
+Ähnliches, bei Gott, ich weiß nicht, was es eigentlich ist, jedenfalls
+etwas höchst Modernes und Neues, das ausschließlich für Morgenvisiten
+geschaffen ist. Handschuhe, Binde, Weste, Wäsche – alles ist von
+blendender Frische und zeugt von gutem Geschmack. Der Fürst hinkt ein
+wenig, tut es aber so geschickt, als wäre auch das Hinken von der Mode
+vorgeschrieben. In dem einen Auge trägt er ein Monokel, und zwar in
+demselben, das ohnehin schon gläsern ist. Ihn umgibt eine Wolke von
+Wohlgeruch. Wenn er spricht, zieht er manche Worte ganz besonders in die
+Länge, – vielleicht tut er es aus greisenhafter Schwäche, vielleicht
+deshalb, weil alle seine Zähne falsch sind, vielleicht jedoch auch um
+des größeren Eindrucks willen. Einige Silben spricht er ganz
+ungewöhnlich süß aus, den Vokal a fast wie e. Das Wort „Ja“ zum
+Beispiel, klingt bei ihm wie „Je“, nur noch etwas süßlicher, wenn
+möglich. In seinem ganzen Auftreten ist eine gewisse Nachlässigkeit, in
+der er sich im Laufe seines langjährigen Lebemannslebens fleißig geübt
+hat. Übrigens, wenn sich auch noch etwas von diesem früheren galanten
+Leben in oder an ihm erhalten hat, so ist das von ihm aus gewissermaßen
+unbewußt geschehen, wie etwa eine alte, unklare Erinnerung, eine längst
+durchlebte Vergangenheit, die – leider! – alle Kosmetik, alle Korsetts,
+Parfums und Perücken nicht wieder auferstehen machen können. Und deshalb
+tun wir besser, wenn wir vorausschicken, daß der alte Herr zwar nicht
+gerade seinen Verstand, jedenfalls aber sein Gedächtnis schon vor langer
+Zeit verloren hat, oft sogar vergißt, was er vor einer Minute
+gesprochen, sich beständig versieht, viel zusammenlügt und aufschneidet.
+Es gehört sogar eine gewisse Übung dazu, um mit ihm ein Gespräch führen
+zu können. Marja Alexandrowna aber verläßt sich auf sich und so gerät
+sie beim Erscheinen des Fürsten in unbeschreibliche Begeisterung.
+
+„Aber Sie haben sich ja nicht im geringsten, nicht im geringsten
+verändert!“ ruft sie aus, ergreift beide Hände des Gastes und führt ihn
+zu einem bequemen Ruhestuhl. „Setzen Sie sich, setzen Sie sich, Fürst.
+Sechs Jahre, ganze sechs Jahre haben wir uns nicht gesehen, und keinen
+Brief, keine Zeile haben wir in dieser ganzen Zeit von Ihnen erhalten!
+O, Sie haben mir großes Unrecht getan, Fürst! Und wie böse ich Ihnen
+gewesen bin, ^mon cher prince^! Aber, – Tee, Tee! Ach, mein Gott!
+Nastassja Petrowna, Tee!“
+
+„Ich danke, i–ich danke, meine Schuld!“ lispelt der Fürst (wir haben zu
+erwähnen vergessen, daß er auch ein wenig lispelt, aber auch dieses tut
+er, als wäre es von der Mode vorgeschrieben). „Mei–ne Schuld! und
+den–ken Sie sich, noch im vergan–genen Jahr wollte ich Sie un–be–dingt
+be–suchen,“ fährt er langsam, sich im Zimmer umsehend, fort. „Doch man
+riet mir ab: hier soll die Cho–lera geherrscht haben ...“
+
+„Nein, Fürst, bei uns hat nie die Cholera geherrscht,“ sagt Marja
+Alexandrowna.
+
+„Eine Viehseuche herrschte hier, Onkelchen!“ mischt sich Mosgljäkoff
+ein, da er sich bemerkbar zu machen wünscht. Marja Alexandrowna mißt ihn
+mit einem strengen Blick.
+
+„Nun ja, eine Vieh–seuche oder etwas Der–artiges ... Und so unterblieb
+es. Und was macht Ihr Herr Gemahl, meine liebe Anna Nikolajewna? Immer
+noch in seinem Amt als Staats–an–walt?“
+
+„N–nein, Fürst,“ sagt Marja Alexandrowna stockend. „Mein Mann ist nicht
+Staatsanwalt ...“
+
+„Ich wette, daß Onkelchen sich täuscht und Sie für Anna Nikolajewna
+Antipowa hält!“ rief der scharfsinnige Mosgljäkoff aus, verstummte aber
+sogleich, denn Marja Alexandrowna ist ohnehin zum Götzenbild geworden.
+
+„Nun ja, An–na Nikola–jewna, und ... und ... es entfällt mir immer! –
+nun ja, Antipowna, wie gesagt, Antipowna,“ bestätigt der Fürst.
+
+„N–nein, Fürst, Sie haben sich sehr geirrt,“ sagt Marja Alexandrowna mit
+bitterem Lächeln. „Ich bin nicht Anna Nikolajewna, und daß ich es nur
+gestehe – ich habe es wirklich nicht erwartet, von Ihnen nicht erkannt
+zu werden. Sie haben mich in Erstaunen gesetzt, Fürst. Ich bin Ihre
+einstige Freundin, bin Marja Alexandrowna Moskalewa. Entsinnen Sie sich
+ihrer noch? ...“
+
+„Marja A–lexan–drowna! Denken Sie sich! Und ich war ge–rade der
+Mei–nung, daß Sie eben – wie hieß sie doch? – nun ja! eben Anna
+Wassil–jewna seien ... ^C’est délicieux!^ Al–so, ich bin nicht dorthin
+gefahren. Ich aber meinte, mein Lieber, daß du mich gerade zu dieser
+Anna Mat–wejewna brächtest. ^C’est charmant!^ Anbei ... das kommt nicht
+selten bei mir vor ... Ich fahre oftmals nicht dahin, wohin ich will.
+Überhaupt ... bin ich zufrieden, im–mer zufrieden, was auch geschehen
+möge. Dann sind Sie al–so nicht Na–stassja Wassiljewna? Das ist
+in–teressant ...“
+
+„Ich bin Marja Alexandrowna, Fürst, Marja Alexandrowna. O wieviel ich
+Ihnen jetzt verzeihen muß! Wie kann man nur seine besten, seine besten
+Freunde vergessen!“
+
+„Nun ja, bes–ten Freunde ... pardon, pardon!“ lispelt der Fürst und
+mustert Sina.
+
+„Das ist meine Tochter Sina. Sie kennen Sie noch nicht, Fürst. Sie war
+damals nicht hier, als Sie uns besuchten, wissen Sie noch, vor sechs
+Jahren?“
+
+„Das ist Ihre Tochter! ^Charmante! charmante!^“ brummt der Fürst und
+mustert gierig das junge Mädchen. „^Mais quelle beauté!^“ flüstert er,
+sichtlich überrascht, erstaunt.
+
+„Bitte, bedienen Sie sich, Fürst,“ sagt Marja Alexandrowna und lenkt die
+Aufmerksamkeit des Fürsten auf den kleinen Kosakenknaben, der mit dem
+Präsentierteller vor ihm steht. Der Fürst nimmt eine Tasse und
+betrachtet den Knaben, der hübsche rosa Bäckchen hat.
+
+„A–a–a, das ist Ihr Sohn?“ fragt er. „Was für ein net–ter Knabe! U–u–nd
+sicherlich ... führt er sich gut auf?“
+
+„Ach, Fürst,“ unterbricht ihn Marja Alexandrowna eilig, „ich habe ja von
+einem so entsetzlichen Unglück gehört! Glauben Sie mir, ich war außer
+mir vor Schreck ... Haben Sie nicht Schaden genommen? Sehen Sie sich
+vor! So etwas darf man nicht vernachlässigen.“
+
+„In den Graben! In den Graben! In den Graben hat mich der Kutscher
+geworfen!“ ruft der Fürst in ungewöhnlicher Erregung aus. „Ich glaubte,
+es käme das Ende der Welt oder etwas Derartiges, und ich erschrak
+dermaßen, sage ich Ihnen, daß – vergieb mir, Herr! ... Der Himmel
+erschien mir so klein ... nicht größer als ein Schaffell! Das hatte ich
+nicht erwartet, nicht erwartet! Durch–aus nicht erwartet! Und schuld
+daran ist ganz allein mein Kutscher Fe–o–fil. Ich habe mich in allem auf
+dich verlassen, mein Lieber: sorge du dafür und untersuche die
+Angelegenheit gründ–lich. Ich bin ü–ber–zeugt, daß er es auf mein Leben
+abgesehen hatte.“
+
+„Gut, gut, Onkelchen,“ antwortet Pawel Alexandrowitsch, „werde alles
+untersuchen. Nur hören Sie mal, Onkelchen, können Sie ihm nicht zur
+Feier des heutigen Tages verzeihen, was meinen Sie?“
+
+„Unter kei–ner Be–dingung werde ich ihm verzeihen! Ich bin ü–ber–zeugt,
+daß es von ihm ein Anschlag auf mein Leben war! Von ihm und auch von
+Lawrentij, den ich zu Haus gelassen hatte. Denken Sie sich: er hat,
+wis–sen – Sie, einige neue Ideen auf–ge–schnappt! Es hat sich in ihm
+eine ge–wis–se Verneinung heraus–gebildet ... Wie gesagt: ein Kommunist
+im wah–ren Sinn des Wortes. Ich habe sogar Angst, ihm auch nur zu
+begegnen!“
+
+„Ach, was für ein wahres Wort Sie ausgesprochen haben, Fürst!“ ruft
+Marja Alexandrowna aus. „Sie werden es mir nicht glauben, wie sehr ich
+selbst unter diesen untauglichen Menschen zu leiden habe! Stellen Sie
+sich vor, ich habe zwei meiner Leute gewechselt, aber sie sind so dumm,
+daß ich wirklich vom Morgen bis zum Abend meine liebe Not mit ihnen
+habe. Sie können es sich nicht denken, wie dumm sie sind, Fürst!“
+
+„Nun ja, nun ja. Aber ... was ich sagen wollte ... ich habe es sogar
+ganz gern, wenn der Die–ner zum Teil dumm ist,“ bemerkt der Fürst, der
+wie alle alten Leute froh ist, wenn man seinem Geschwätz ehrerbietig
+zuhört. „Es paßt gewissermaßen zum Lakei – und es macht seine Wür–de
+aus, wenn er treuherzig und dumm ist. Al–lerdings nur in manchen Fällen.
+Es verleiht ihm mehr Statt–lichkeit, eine gewisse Fei–erlichkeit kommt
+in sein Gesicht, wie gesagt, es verleiht ihm eine gewisse
+Wohlerzogenheit, ich aber verlange von einem _Menschen_ vor allen Dingen
+_Wohl–erzogenheit_. Da habe ich meinen Terentij. Du erinnerst dich doch
+noch Terentijs, mein Lieber. Nach meinem ersten Blick auf ihn bestimmte
+ich ihn von vornherein zum Portier. Du sollst mein Portier sein, sagte
+ich. Phä–no–menal dumm! Schaut drein, wie ein Schaf im Wasser! Aber
+welch eine Erscheinung, welche Feierlichkeit! Sein Doppelkinn so frisch
+und rosig! Nun, und in der weißen Binde, und über–haupt so in vol–ler
+Gala macht er einen vor–züg–lichen Eindruck. Ich habe ihn von Herzen
+lieb gewonnen. Es kommt vor, daß ich ihn ansehe und schließlich alles
+darüber vergesse: entschieden, als wenn er eine Dis–ser–tation schriebe,
+– so wichtig sieht er aus! Wie gesagt, genau so wie der deutsche
+Philosoph Kant, oder richtiger wie ein gepeppelter, fetter Truthahn.
+Vollkommenes Comme-il-faut eines bedienenden Menschen! ...“
+
+Marja Alexandrowna lacht von ganzem Herzen und klatscht sogar leise
+Beifall. Pawel Alexandrowitsch sekundiert ihr bereitwillig: ihn
+interessiert der Onkel außerordentlich. Auch Nastassja Petrowna Sjäblowa
+lacht. Und sogar Sina lächelt.
+
+„Aber wieviel Humor, wieviel Heiterkeit, wieviel Esprit Sie haben,
+Fürst!“ ruft Marja Alexandrowna aus. „Welch eine seltene Gabe, jeden
+noch so kleinen Zug wahrzunehmen! Und so plötzlich aus der Gesellschaft
+zu verschwinden, sich auf ganze fünf Jahre in seinen vier Wänden
+einzuschließen! Bei solchem Talent! Aber Sie könnten ja sogar
+schriftstellern, Fürst! Sie könnten Vonwiesen, Gribojedoff, Gogol
+wiederholen! ...“
+
+„Nun ja, nun ja!“ sagte der Fürst, äußerst angenehm berührt. „Ich könnte
+wieder–ho–len ... und, wissen Sie, ich war früher un–ge–mein geistreich.
+Ich habe sogar für die Bühne ein Vau–de–ville geschrieben. Und es kamen
+darin auch einige ex–qui–site Couplets vor! Wie gesagt, es ist aber nie
+gespielt worden ...“
+
+„Ach, wie reizend wäre es doch, wenn man Ihr Vaudeville lesen könnte!
+Und, weißt du, Sina, gerade jetzt käme es uns so zustatten! Man plant
+hier nämlich eine Liebhaberaufführung – zu einem patriotischen Zweck,
+Fürst, zum Besten der Verwundeten ... und da nun Ihr Vaudeville!“
+
+„Gewiß! Ich bin so–gar bereit, es nochmals zu schreiben ... nur, wie
+gesagt, habe ich es voll–kommen vergessen. Ich weiß nur noch, es waren
+da zwei oder drei solche Bonmots, daß ...“ (der Fürst küßt graziös seine
+Fingerspitzen). „Und überhaupt, als ich im Aus–lande war, machte ich
+tat–säch–lich Fu–rore. Entsinne mich noch Lord Byrons. Wir standen auf
+freund–schaft–lichem Fuß. Auf dem Wiener Kongreß tanzte er be–zau–bernd
+den Krakowjak.“
+
+„Lord Byron! Aber, Onkelchen, was sagen Sie!“
+
+„Nun ja, Lord Byron. Übrigens, wie gesagt, vielleicht war es auch nicht
+Lord Byron, sondern irgend ein anderer. Ganz recht, es war nicht Lord
+Byron, ein anderer. Ganz recht, es war nicht Lord Byron, sondern ein
+Po–le. Jetzt, jetzt besin–ne ich mich vollkommen. Das war ein äußerst
+origi–neller Pole: er gab sich für einen Grafen aus, später aber stellte
+es sich heraus, daß er nur so etwas wie ein Koch war. Nur tanzte er
+ent–zück–end den Krakowjak und zu gu–ter Letzt brach er sich das Bein.
+Ich machte da–mals noch ein Gedicht auf ihn:
+
+ Unser wun–der–voller Po–le
+ Tanzt den Krakowjak auf einer Soh–le ...
+
+Und dann ... und dann ... das habe ich nun lei–der vergessen ... wie es
+weiter ging ...
+
+ Doch als er sich brach das Bein,
+ Da stellte er das Tanzen ein ...“
+
+„Sicherlich wird es so gewesen sein, Onkelchen!“ ruft Mosgljäkoff aus,
+dessen Stimmung immer heiterer wird.
+
+„Es scheint mir auch, daß es so war,“ antwortet Onkelchen, „oder in der
+Art we–nigstens. Wie gesagt, vielleicht war es auch anders, nur war es
+ein sehr ge–lun–genes Gedicht ... Überhaupt ... ich habe jetzt einige
+Er–leb–nisse vergessen. Das kommt bei mir von der Beschäftigung ...“
+
+„Aber sagen Sie doch, Fürst, womit haben Sie sich denn während dieser
+ganzen Zeit in Ihrer Einsamkeit beschäftigt?“ erkundigt sich Marja
+Alexandrowna interessiert. „Ich habe so oft an Sie gedacht, ^mon cher
+prince^, daß ich diesmal geradezu brenne vor Ungeduld, Näheres darüber
+zu erfahren ...“
+
+„Womit ich mich be–schäftigt habe? Nun, überhaupt, wissen Sie,
+verschiedenes. Wenn man ... sich zum Beispiel erholt. Zuweilen aber,
+wissen Sie, gehe ich und bilde mir verschiedenes ein ...“
+
+„Sie haben wohl eine sehr große Einbildungskraft, Onkelchen?“
+
+„Eine sehr große, mein Lieber. Zuweilen bilde ich mir so etwas ein, daß
+ich mich später über mich selbst wun–dere. Als ich in Kadujeff war ... A
+propos! Du warst doch, glaube ich, der Vi–ze-Gou–ver–neur von Kadujeff?“
+
+„Ich, Onkelchen? aber nein! was Ihnen einfällt!“ ruft Pawel
+Alexandrowitsch aus.
+
+„Denk dir, mein Lieber! Und ich hielt dich die ganze Zeit für den
+Vi–ze-Gou–verneur, und denke noch: wie kommt es nur, daß er jetzt ein
+ganz an–deres Ge–sicht hat? ... Jener, weißt du, hatte ein so
+wür–de–volles, klu–ges Gesicht. Ein un–ge–wöhnlich kluger Mensch war er
+und fortwährend schrieb er Gedichte, bei verschiedenen Ge–le–genheiten.
+Ein wenig, so im Profil, erinnerte er an den Pique-König ...“
+
+„Nein, Fürst,“ unterbricht ihn Marja Alexandrowna, „ich schwöre es
+Ihnen, mit einem solchen Leben richten Sie sich nur zugrunde! Sich auf
+ganze fünf Jahre einzuschließen, nichts zu sehen, nichts zu hören! Sie
+sind ein verlorener Mensch, Fürst! Fragen Sie, wen Sie wollen, von
+denen, die Ihnen wirklich zugetan sind – und ein jeder wird Ihnen sagen,
+daß Sie ein verlorener Mensch sind!“
+
+„Ist’s mög–lich?“ ruft der Fürst erstaunt aus.
+
+„Ich versichere Sie! Ich rede wie ein Freund zu Ihnen, wie Ihre
+Schwester! Ich sage es Ihnen nur deshalb, weil Sie mir teuer sind, weil
+die Erinnerung an das Vergangene mir heilig ist! Und was hätte ich für
+einen Vorteil davon, wenn ich Ihnen schmeicheln wollte? Nein, Sie müssen
+Ihr Leben von Grund aus verändern, – anderenfalls werden Sie erkranken,
+sich überanstrengen, werden Sie sterben ...“
+
+„O Gott! Werde ich wirklich so bald sterben?“ fragt erschrocken der
+Fürst. „Und denken Sie sich, Sie haben es erraten: mich quälen
+ent–setz–lich meine Hä–morrhoiden, na–ment–lich seit einiger Zeit ...
+Und wenn ich diese Zufälle habe, so gibt es bei der Gelegenheit
+er–staun–liche Symptome – ich werde sie Ihnen ausführlich beschreiben
+... Erstens ...“
+
+„Onkelchen, das werden Sie ein nächstes Mal erzählen,“ unterbricht ihn
+Pawel Alexandrowitsch, „jetzt aber ... ist es nicht Zeit, zu fahren?“
+
+„Nun ja! Dann al–so ein an–deres Mal. Das ist vielleicht auch nicht so
+in–ter–es–sant. Ich habe es mir jetzt überlegt ... Aber es ist doch
+im–mer–hin eine sehr interes–sante Krankheit. Es gibt ver–schie–dene
+E–pi–soden ... Erinnere mich daran, mein Lieber, ich werde dir am Abend
+einen Fall aus–führ–lich erzählen ...“
+
+„Aber hören Sie, Fürst, Sie müßten es versuchen, sich im Auslande davon
+zu heilen,“ unterbricht ihn noch einmal Marja Alexandrowna.
+
+„Im Aus–lande? Nun ja, nun ja! Ich werde un–be–dingt ins Aus–land
+fahren. Ich entsinne mich, als ich in den zwan–ziger Jahren im Auslande
+war, da war es dort un–ge–mein lustig. Ich hätte fast geheiratet, ^une
+Vicomtesse^, eine Fran–zö–sin. Ich war damals sehr ver–liebt und wollte
+ihr mein ganzes Leben weihen. Aber, wie gesagt, nicht ich hei–ra–te–te
+sie, sondern ein an–derer. Und welch ein selt–samer Zufall: ich war nur
+auf zwei Stunden fort–ge–gangen und da siegte der an–dere, ein deutscher
+Freiherr. Er saß dann noch später eine Zeitlang in einer Irrenanstalt.“
+
+„Aber, ^cher prince^, ich habe einzig deshalb davon gesprochen, weil Sie
+im Ernst an Ihre Gesundheit denken müssen. Im Auslande gibt es so gute
+Ärzte ... und außerdem, was nicht eine bloße Lebensveränderung auf sich
+hat! Sie müssen entschieden Ihr Duchanowo verlassen, wenigstens für
+einige Zeit!“
+
+„Un–be–dingt! Ich habe mich schon vor langer Zeit entschlossen, und
+wissen Sie, ich beabsichtige, mich hy–dropa–thisch behandeln zu lassen.“
+
+„Hydropathisch?“
+
+„Hydropathisch. Ich habe mich einmal hy–dro–pa–thisch behandeln lassen.
+Ich war damals in einem Kurort. Dort war auch eine Dame aus Moskau, ich
+habe ihren Namen vergessen, nur war sie eine sehr poetische Dame, sie
+wird sieb–zig Jahre alt gewesen sein. Und bei ihr befand sich auch ihre
+Tochter, die war fünfzig Jahre alt, eine Witwe, und auf dem einen Auge
+hatte sie den Star. Die sprach gleichfalls fast nur in Ver–sen. Später
+hat–te sie noch ein Miß–geschick: sie hatte ihre leibeigene Magd
+erschlagen und war dafür vor Ge–richt gekommen. Und da fiel es ihnen
+ein, mich mit Wasser zu ku–rie–ren. Mir fehlte, wie gesagt, nichts. Nun
+ja, sie aber bestanden darauf: ‚Tun Sie es und tun Sie es!‘ Bis ich, aus
+Höf–lich–keit, denn auch rich–tig Wasser zu trinken begann; denke:
+vielleicht wird dir davon auch wirk–lich leichter werden. Ich trank und
+trank, trank und trank, trank einen ganzen Was–ser–fall aus, und, wissen
+Sie, diese Hy–dro–pathie ist eine gute Sache und hat mir viel Nutzen
+gebracht, so daß ich, wenn ich nicht zu guter Letzt erkrankt wäre,
+jetzt, Ehrenwort, vollkommen gesund sein würde ...“
+
+„Das ist doch mal eine vollkommen richtige Folgerung, Onkelchen! Sagen
+Sie, Onkelchen, haben Sie jemals Logik getrieben?“
+
+„Mein Gott! Was für Fragen Sie stellen!“ bemerkt streng die pikierte
+Marja Alexandrowna.
+
+„Ich habe, ich habe Logik getrieben, mein Lieber, nur ist es sehr lange
+her. Ich habe auch Phi–lo–sophie gelernt in Deutsch–land, habe einen
+ganzen Kursus durch–gemacht, nur habe ich gleich damals alles wieder
+ver–gessen. Aber ... wie gesagt ... Sie haben mich mit diesen
+Krankheiten der–ma–ßen erschreckt, daß ich ganz er–schüttert bin. Wie
+gesagt, ich werde sogleich wiederkommen ...“
+
+„Aber wohin gehen Sie denn, Fürst?“ ruft die verwunderte Marja
+Alexandrowna aus.
+
+„Ich werde sogleich, sogleich ... Ich will nur einen neuen Gedanken
+nie–der–schreiben ... ^au revoir^ ...“
+
+„Na! Wie gefällt er Ihnen!“ fragt Pawel Alexandrowitsch und biegt sich
+vor Lachen.
+
+Marja Alexandrowna verliert endlich die Geduld.
+
+„Ich verstehe nicht, ich verstehe absolut nicht, worüber Sie lachen!“
+beginnt sie mit Eifer. „Über einen alten, ehrwürdigen Herrn, einen
+Verwandten, zu lachen, über jedes seiner Worte Ihren Spott zu ergießen,
+und nur wegen seiner Engelsgüte! Ich bin für Sie errötet, Pawel
+Alexandrowitsch! Aber so sagen Sie doch, was denn Ihrer Meinung nach so
+lächerlich an ihm ist? Ich kann wirklich nichts Lächerliches an ihm
+finden!“
+
+„Aber – daß er keinen Menschen erkennt, daß er den größten Unsinn
+zusammenschwatzt? ...“
+
+„Das ist doch nur eine Folge seines entsetzlichen Lebens, seines
+fünfjährigen Gefängnislebens unter der Aufsicht dieses höllischen
+Weibes! Man muß ihn bemitleiden, aber nicht verspotten! Er hat sogar
+_mich_ nicht erkannt; Sie waren ja selbst Zeuge! Das ist doch
+sicherlich, wie man sagt, himmelschreiend! Man muß ihn unbedingt retten!
+Ich berede ihn nur aus dem Grunde zu einer Reise ins Ausland, weil ich
+hoffe, daß er dann diese – dieses Marktweib verlassen wird!“
+
+„Wissen Sie was! Man muß ihn verheiraten, Marja Alexandrowna!“ ruft
+Pawel Alexandrowitsch aus.
+
+„Schon wieder! Aber Sie sind ja unerträglich, Monsieur Mosgljäkoff!“
+
+„Nein, Marja Alexandrowna, nein! Diesmal rede ich ganz im Ernst! Warum
+soll man ihn denn nicht verheiraten? Das ist doch eine Idee! ^C’est une
+idée comme une autre!^ Was kann ihm das schaden, sagen Sie doch, bitte!
+Er ist, im Gegenteil, in einer solchen Lage, daß dieses Mittel ihn
+retten könnte! Nach dem Gesetz kann er doch noch heiraten. Und erstens
+wird er dann von diesem abgefeimten Weibsbild – verzeihen Sie den
+Ausdruck – befreit sein. Zweitens – und das ist die Hauptsache – nehmen
+wir an, daß er ein Mädchen erwählt, oder noch besser, eine Witwe, eine
+nette, gute, kluge, zärtliche und vor allen Dingen arme Witwe, die ihn
+wie eine Tochter pflegt, und die auch begreift, wie viel sie ihm dafür
+Dank schuldig ist, daß er sie zu seiner Frau gemacht hat. Was aber kann
+man ihm mehr wünschen, als ein ihm nahestehendes, herzliches und edles
+Wesen, das beständig bei ihm ist, anstelle dieses ... Weibes? Versteht
+sich, sie darf nicht häßlich sein, denn Onkelchen liebt noch immer die
+Netten. Haben Sie bemerkt, wie er Sinaïda Afanassjewna fixiert hat?“
+
+„Wo aber werden Sie denn für ihn eine solche Braut finden?“ fragte
+Nastassja Petrowna Sjäblowa, die aufmerksam zuhört.
+
+„Wer da fragt, der ist es! Warum schließlich nicht Sie, wenn Sie nur
+wollen! Erlauben Sie: weshalb sollten Sie zum Fürsten _nicht_ passen?
+Erstens – Sie sehen nett aus, zweitens – Sie sind eine Witwe, drittens –
+adlig, viertens – arm (denn Sie sind ja tatsächlich nicht reich),
+fünftens – Sie sind eine sehr vernünftige Dame, folglich werden Sie ihn
+lieben, auf den Händen tragen, jene andere, die jetzt dort Herrin ist,
+mit Püffen zur Tür hinausjagen; Sie werden ihn ins Ausland bringen,
+werden ihn mit Brei und Konfekt füttern, und alles das bis zu der
+Minute, in der er das Irdische segnet, was vielleicht nach einem Jahre
+geschehen wird, vielleicht aber auch schon nach zweieinhalb Monaten.
+Dann sind Sie Fürstin, Witwe, reich, und zur Belohnung heiraten Sie
+einen Marquis oder einen Generalintendanten! ^C’est joli, n’est-ce
+pas?^“
+
+„O du mein Himmel! Ich würde mich ja, glaube ich, aus lauter Dankbarkeit
+in ihn verlieben, wenn er mir nur einen Heiratsantrag machen würde!“
+ruft Frau Sjäblowa aus, und ihre dunklen ausdrucksvollen Augen blitzen
+auf. „Nur ist das alles – Scherz!“
+
+„Scherz? Soll es kein Scherz sein? Bitten Sie mich mal recht nett, und
+dann schneiden Sie mir einen Finger ab, wenn Sie nicht heute noch
+verlobt sind! Es ist ja überhaupt nichts leichter, als Onkelchen zu
+irgend etwas zu bereden! Er sagt zu allem ‚nun ja, nun ja!‘ Sie haben es
+doch selbst gehört. Wir verheiraten ihn so, daß er selbst nichts davon
+merkt. Wir können ihn ja offen betrügen, denn es geschieht doch nur zu
+seinem Wohl, ich bitte Sie! ... Wenn Sie sich wenigstens auf alle Fälle
+etwas aufputzen wollten, Nastassja Petrowna!“
+
+Die Begeisterung Mosgljäkoffs wird zur Leidenschaft. Und wie vernünftig
+Frau Sjäblowa auch sein mag – ihr wässert dennoch der Mund.
+
+„Ach, ich weiß es auch ohne Ihren Hinweis, daß ich heute ganz unmöglich
+angekleidet bin,“ antwortet sie. „Ich habe mich ganz vernachlässigt und
+schon lange jede Hoffnung aufgegeben ... Sehe ich denn heute nicht
+wirklich wie – eine – Köchin aus?“
+
+Während dieses ganzen Gesprächs saß Marja Alexandrowna mit eigentümlich
+starrer Miene unbeweglich auf ihrem Stuhl. Ich täusche mich nicht, wenn
+ich sage, daß sie den sonderbaren Vorschlag Pawel Alexandrowitschs mit
+einem gewissen Schreck vernahm und im Augenblick geradezu erstarrte ...
+Endlich besann sie sich.
+
+„Alles das ist ja, sagen wir, wunderschön, aber es bleibt doch ein
+Scherz und eine Ungereimtheit, und vor allem ist es hier durchaus
+unschicklich,“ unterbricht sie Mosgljäkoff scharf.
+
+„Aber weshalb denn, gütigste Marja Alexandrowna, weshalb soll es denn
+eine Ungeschicklichkeit und unschicklich sein?“
+
+„Aus sehr vielen Gründen, vor allem aber deshalb, weil Sie in meinem
+Hause sind und der Fürst mein Gast ist, und weil ich niemandem erlauben
+werde, die meinem Hause schuldige Achtung zu vergessen. Ich fasse Ihre
+Worte nur als Scherz auf, Pawel Alexandrowitsch. Aber Gott sei Dank! Da
+ist ja der Fürst!“
+
+„Da bin auch ich wieder!“ ruft der Fürst aus, ins Zimmer eintretend. „Es
+ist er–staunlich, ^cher ami^, wie viel neue Gedan–ken ich heute habe.
+Zu–wei–len aber, vielleicht wirst du es nicht für möglich halten,
+zuwei–len habe ich sie so gut wie über–haupt nicht. Und so sitze ich oft
+einen ganzen Tag.“
+
+„Das kommt wahrscheinlich von dem heutigen Fall im Wagen, Onkelchen. Das
+hat Ihre Nerven erschüttert und nun ...“
+
+„Mein Lieber, ich schreibe es auch selbst diesem Um–stande zu, und finde
+den Fall sogar nütz–lich. Deshalb habe ich mich auch entschlossen,
+meinem Fe–o–fil zu verzeihen. Weißt du, es scheint mir, daß er es nicht
+auf mein Leben abgesehen hatte. Was meinst du dazu? Zudem ist er sowieso
+vor kurzem bestraft worden, als ihm der Bart ab–genom–men wurde.“
+
+„Sein Bart abgenommen, Onkelchen? Aber er hat doch einen Bart von der
+Größe des Königreichs Preußen!“
+
+„Nun ja, von der Größe des Königreichs Preußen. Wie gesagt, mein Lieber,
+du hast voll–kom–men recht in deiner An–nahme. Nur ist es ein
+künst–licher Bart. Und denken Sie sich, welch ein Zu–fall: plötzlich
+schickt man mir einen Preis-Kurant zu. Man hat eine neue Sendung Bär–te
+aus dem Aus–lande erhalten, vor–züg–liche Kutscher- und Herren–bär–te,
+sowie Backenbärte, Schnurrbärte, Mouches usw., und alle von
+vor–züglicher Arbeit und zu er–mäßigten Prei–sen. Wart, denke ich, ich
+werde doch einen Ba–art verschreiben, um doch ein–mal zu sehen, wie ein
+falscher aussieht. Und ich bestellte einen Kut–scherbart, denn so ein
+Bart macht doch stattlicher. Aber da zeigte es sich, daß Fe–o–fil einen
+natürlichen Ba–art hat, der fast zweimal so groß ist. Wie gesagt, was
+tun: soll man den echten abnehmen lassen oder den geschickten
+zurücksenden und den natürlichen tragen? Ich dachte und dachte, und
+beschloß, ihn doch den künstlichen tragen zu lassen.“
+
+„Wahrscheinlich deshalb, weil die Kunst über der Natur steht,
+Onkelchen?“
+
+„Gerade deshalb. Und wie er gelit–ten hat, als ihm der Bart
+abgeschnit–ten wurde! Als hätte er mit seinem Bart seine ganze Karrie–re
+verloren ... Aber ist es nicht Zeit, daß wir fahren, mein Lieber?“
+
+„Ich bin bereit, Onkelchen.“
+
+„Aber ich hoffe, Fürst, daß Sie nur zum Gouverneur fahren werden!“ ruft
+Marja Alexandrowna erregt aus. „Sie gehören jetzt _mir_, mein Fürst, Sie
+gehören den ganzen Tag mir und meiner Familie. Ich werde Ihnen natürlich
+nichts über die hiesige Gesellschaft sagen. Vielleicht wollen Sie auch
+Anna Nikolajewna besuchen, und – wozu Ihnen da die Illusionen nehmen!
+Außerdem bin ich ja vollkommen überzeugt, daß die Zeit Ihnen die Augen
+öffnen wird. Vergessen Sie nur nicht, daß ich heute Ihre Hausfrau, Ihre
+Schwester, Ihre Mutter, Ihre Wärterin bin, und glauben Sie mir, Fürst,
+ich zittere für Sie! Sie kennen sie nicht, nein, Sie kennen diese
+Menschen noch nicht, wenigstens vorläufig nicht ...“
+
+„Verlassen Sie sich auf mich, Marja Alexandrowna. Es wird so sein, wie
+ich es Ihnen versprochen habe,“ sagt Mosgljäkoff.
+
+„Ach, Sie kennt man! Auf Sie sich zu verlassen! Ich erwarte Sie zum
+Mittag zurück, Fürst. Wir speisen früh. Ich bedauere unsäglich, daß mein
+Mann auf dem Gute ist! Wie er sich freuen würde, Sie zu sehen! Wenn Sie
+wüßten, wie er Sie verehrt, wie er Sie liebt!“
+
+„Ihr Mann? Al–so dann haben Sie auch einen Mann?“ fragt der Fürst.
+
+„Ach, mein Gott! Wie vergeßlich Sie sind, Fürst! Sie haben ja alles,
+alles vergessen, was früher war! Mein Mann Afanassij Matwejitsch –
+entsinnen Sie sich seiner wirklich nicht? Er ist jetzt auf dem Gut, aber
+Sie haben ihn früher tausendmal gesehen. Entsinnen Sie sich nicht, Fürst
+– Afanassij Matwejitschs? ...“
+
+„Afanassij Matwejitsch! Auf dem Gut, denken Sie sich, ^mais c’est
+delicieux^! Dann haben Sie also auch einen Mann? Was für ein
+son–der–barer Zufall indes! Das ist ja ganz wie ein bekanntes
+Vau–de–ville: Kaum ist der Mann zur Tür hinaus, da ... wie war es doch,
+da habe ich es nun vergessen! Jedenfalls fuhr die Frau irgendwohin, wie
+gesagt, sehr geistvoll ...“
+
+„‚Kaum ist der Mann zur Tür hinaus, da fährt die Frau schon aus dem
+Haus‘, Onkelchen,“ souffliert Mosgljäkoff.
+
+„Nun ja! Nun ja! Ich danke dir, mein Lieber, gerade ‚aus dem Haus‘.
+Charmant, charmant! So daß es vollkommen einen Vers bildet. Und du
+verfällst immer auf den richtigen Vers, mein Lieber. Nun ja: ich entsann
+mich noch ganz genau, daß die Frau irgendwohin fuhr! Charmant, charmant!
+Wie gesagt, ich habe ein wenig vergessen, wovon die Rede war ...
+Richtig! Al–so wir fahren jetzt, mein Lieber. ^Au revoir, madame, adieu
+ma charmante demoiselle!^“ fügt der Fürst hinzu, verbeugt sich vor Sina
+und küßt seine Fingerspitzen.
+
+„Zum Mittag, zum Mittag, Fürst! Vergessen Sie es nicht, schnell
+zurückzukehren!“ ruft ihm noch Marja Alexandrowna nach.
+
+
+ V.
+
+„Wenn Sie, Nastassja Petrowna, vielleicht etwas in der Küche nach dem
+Rechten sehen wollten,“ sagt sie, nachdem sie den Fürsten hinausgeleitet
+hat. „Ich habe eine Vorahnung, daß dieser schändliche Nikitka das Essen
+unfehlbar verderben wird! Ich bin überzeugt, daß er betrunken ist ...“
+
+Nastassja Petrowna gehorcht. Im Fortgehen wirft sie Marja Alexandrowna
+einen mißtrauischen Blick zu und bemerkt sogleich, daß diese sich in
+ungewöhnlicher Erregung befindet. Anstatt nun nach dem schändlichen
+Nikitka zu sehen, geht Nastassja Petrowna in den Saal, von dort durch
+einen Korridor in ihr Zimmer und von dort in eine kleine dunkle Kammer,
+in der einige Koffer stehen, ein paar alte Kleidungsstücke hängen und in
+Bündeln die schmutzige Wäsche des Hauses aufbewahrt wird. Auf den
+Fußspitzen schleicht sie zu einer verschlossenen Tür, hält den Atem an,
+beugt sich nieder, lauert durch das Schlüsselloch und lauscht. Diese Tür
+ist eine der drei Türen desselben Zimmers, in dem jetzt Sina und deren
+Mutter allein zurückgeblieben sind.
+
+Marja Alexandrowna hält Nastassja Petrowna zwar für eine durchtriebene,
+aber doch mehr leichtsinnige Person. Wohl ist ihr bisweilen schon der
+Gedanke gekommen, daß Nastassja Petrowna sich nicht schämen würde, an
+den Türen zu lauschen. In diesem Augenblick ist aber Marja Alexandrowna
+so beschäftigt und aufgeregt, daß sie keine Zeit hat, an
+Vorsichtsmaßregeln zu denken. Sie setzt sich in ihren weichen Sessel und
+blickt bedeutsam ihre Tochter an. Sina fühlt diesen Blick und eine
+bittere Qual steigt in ihrem Herzen auf.
+
+„Sina!“
+
+Sina wendet langsam ihr bleiches Gesicht der Mutter zu und erhebt den
+Blick ihrer dunklen, verträumten Augen.
+
+„Sina, ich habe die Absicht, mit dir über etwas sehr Ernstes zu reden.“
+
+Sina wendet sich jetzt vollkommen zur Mutter, faltet die Hände, lehnt
+sich an den Flügel und wartet. In ihrem Gesicht spiegelt sich Ärger und
+Spott wieder, was sie übrigens zu verbergen sucht.
+
+„Ich will dich fragen, Sina, wie dir heute _jener_ Mosgljäkoff gefallen
+hat?“
+
+„Du weißt doch längst, wie ich über ihn denke,“ antwortet Sina gleichsam
+wider Willen.
+
+„Ja, ^mon enfant^; aber es scheint mir, daß er mit seinem ... Werben gar
+zu lästig wird.“
+
+„Er sagt, daß er in mich verliebt sei und so dürfte seine
+Aufdringlichkeit entschuldbar sein.“
+
+„Sonderbar, früher hast du ihn nicht so ... bereitwillig entschuldigt.
+Im Gegenteil, du fielst immer über ihn her, sobald ich nur von ihm
+sprach.“
+
+„Sonderbar ist gleichfalls, daß du ihn früher immer verteidigtest und
+jetzt als erste über ihn herfällst.“
+
+„Ja, beinahe. Ich will nichts verleugnen, Sina: früher wollte ich dich
+gern mit ihm verheiratet wissen. Es war mir schwer, deinen ewigen
+Kummer, deine Qual zu sehen, die ich dir nachfühlen kann – gleichviel,
+was du auch von mir denkst! – und die meinen Schlaf in jeder Nacht
+vergiftet. Ich hatte mich überzeugt, daß nur eine einschneidende
+Veränderung in deinem Leben dich retten könnte. Und diese Veränderung
+soll – eine Heirat sein. Wir sind nicht reich und können zum Beispiel
+nicht ins Ausland fahren. Die hiesigen Esel wundern sich, daß du
+dreiundzwanzig Jahre alt und noch unverheiratet bist und erfinden
+allerlei Geschichten. Aber soll ich dich denn einem unserer Räte geben
+oder Iwan Iwanowitsch, unserm Ökonom? Gibt es denn hier Männer für dich?
+Mosgljäkoff ist natürlich dumm, aber er ist doch immer noch der beste
+von allen. Er ist aus guter Familie, er hat einflußreiche Verwandschaft,
+er besitzt hundertundfünfzig Seelen – das ist doch immerhin besser, als
+von Sporteln und Sparen und weiß Gott was für Abenteuern zu leben.
+Deshalb hatte ich auch mein Auge auf ihn geworfen. Aber, ich schwöre es
+dir, ich habe nie aufrichtige Sympathie für ihn empfunden. Ich bin
+überzeugt, daß der Höchste mich selbst zurückgehalten hat. Und wenn Gott
+dir jetzt etwas Besseres geschickt hat – o! Wie gut ist es dann, daß du
+ihm noch nicht dein Wort gegeben hast! Du hast ihm doch heute nichts
+Bindendes gesagt, Sina?“
+
+„Wozu diese Verstellung, Mamachen, wenn sich doch alles mit zwei Worten
+sagen läßt?“ fragt Sina gereizt.
+
+„Verstellung, Sina, Verstellung? Und dieses Wort kannst du deiner Mutter
+sagen? Doch was rede ich unnütz! Du glaubst ja deiner Mutter lange nicht
+mehr. Du hältst mich für deine Feindin, nicht aber für deine Mutter.“
+
+„Ach, schon gut, Mamachen! Sollen wir uns beide noch wegen eines Wortes
+streiten! Verstehen wir uns denn nicht? Ich dachte, wir hätten doch Zeit
+genug gehabt, uns kennen zu lernen!“
+
+„Aber du beleidigst mich, mein Kind! Du glaubst nicht, daß ich zu allem,
+zu allem bereit bin, um dich sicher zu stellen!“
+
+Spöttisch und geärgert blickte Sina ihre Mutter an.
+
+„Willst du mich vielleicht mit diesem Fürsten verheiraten, um mich
+_sicher zu stellen_?“ fragte sie mit einem seltsamen Lächeln.
+
+„Ich habe das nicht gesagt, mein Kind, doch da du selbst darauf zu
+sprechen kommst, so will ich dir sagen, daß es dein Glück wäre, wenn du
+den Fürsten heiraten könntest.“
+
+„Ich aber finde, daß es einfach unsinnig wäre!“ rief Sina heftig aus.
+„Der größte Unsinn! Und auch finde ich, Mama, daß du gar zu viel
+dichterische Begeisterung hast, du bist im vollen Sinn des Wortes ein
+weiblicher Dichter. So wirst du ja auch hier genannt. Du hast beständig
+Projekte. Deren Unmöglichkeit und Sinnlosigkeit aber – hält dich nie ab.
+Noch als der Fürst hier saß, ahnte ich, was du im Sinn hattest. Und als
+Mosgljäkoff diesen Blödsinn schwatzte und beteuerte, daß man den alten
+Mann verkuppeln müsse, da habe ich in deinem Gesicht alle deine Gedanken
+gelesen. Ich gebe meinen Kopf darauf, daß du daran denken und gerade
+_das_ mir jetzt vorschlagen wolltest. Da aber deine unermüdlichen Pläne
+in bezug auf mich mir tödlich zuwider geworden sind, mich quälen, so
+bitte ich dich, kein Wort von deinem neuen Projekt mehr zu sprechen,
+hörst du, Mama, – kein Wort, und es würde mich freuen, wenn du das
+behieltest!“ Sie war atemlos vor Zorn.
+
+„Du bist ein Kind, Sina, ein reizbares, krankes Kind!“ entgegnete Marja
+Alexandrowna mit gerührter Stimme, in der Tränen zu zittern schienen.
+„Du sprichst mit mir ungezogen und kränkst mich. Keine Mutter würde das
+ertragen, was ich täglich von dir ertrage! Aber du bist gereizt, du bist
+krank, du leidest, ich aber bin Mutter und vor allem Christin. Ich muß
+dulden und verzeihen. Doch ein Wort, Sina: wenn ich nun tatsächlich an
+diese Verbindung gedacht hätte – weshalb hältst du diesen Gedanken für
+unsinnig? Meiner Meinung nach hat Mosgljäkoff nie klüger gesprochen, als
+vorhin, – ich meine, als er bewies, daß der Fürst heiraten müsse, nur,
+versteht sich, nicht diesen Schmierpinsel Nastassja. Darin hat er sich
+natürlich versehen.“
+
+„Höre, Mama! Sage doch offen: fragst du das nur so, aus Neugierde, oder
+mit einer bestimmten Absicht?“
+
+„Ich frage nur: weshalb erscheint dir das so unsinnig?“
+
+„Ach, es ist doch wirklich ärgerlich! Daß einem auch ein solches
+Schicksal beschieden sein kann!“ rief Sina aus und stampfte mit dem Fuß
+vor Empörung. „Gut, ich werde es dir sagen, weshalb: ganz abgesehen von
+allen übrigen Dummheiten, – die Geistesschwäche eines Greises
+auszubeuten, ihn zu betrügen, ihn zu heiraten, diesen Klappergreis, um
+ihm dann sein Geld abzunehmen und täglich, stündlich seinen Tod zu
+wünschen, das ist, finde ich, nicht nur unsinnig, sondern außerdem noch
+so niedrig, so niedrig, daß ich dir zu solchen Gedanken nicht Glück
+wünschen kann, Mama!“
+
+Eine ganze Minute dauerte das Schweigen.
+
+„Sina! Entsinnst du dich noch dessen, was vor zwei Jahren war?“
+
+Sina zuckte zusammen.
+
+„Mama!“ sagte sie dann mit strenger Stimme, „du hast mir feierlich
+gelobt, mich nie mehr daran zu erinnern.“
+
+„Und jetzt bitte ich dich feierlich, mein Kind, mir nur dieses eine Mal
+zu erlauben, das Versprechen, das ich bis jetzt noch niemals vergessen
+habe, zurückzuziehen. Sina! Die Stunde einer rückhaltslosen Aussprache
+zwischen uns ist gekommen. Diese zwei Jahre Schweigen waren entsetzlich!
+So kann es nicht weitergehen! ... Ich bin bereit, dich auf den Knien
+anzuflehen – erlaube mir nur dieses eine Mal zu sprechen! Hörst du,
+Sina, deine leibliche Mutter fleht dich auf den Knien an! Und ich gebe
+dir feierlich mein Wort, – das Wort einer unglücklichen Mutter, die ihre
+Tochter vergöttert, daß ich niemals, in keiner Form, und in keinem Fall,
+selbst wenn es sich um die Rettung meines Lebens handelte, davon mehr
+sprechen werde. Es wird dies das letzte Mal sein – aber diesmal geht es
+nicht anders, ich muß!“
+
+Marja Alexandrowna rechnete auf einen durchschlagenden Erfolg dieser
+Worte.
+
+„Sprich,“ sagte Sina, die merklich bleicher wurde.
+
+„Ich danke dir, Sina. Vor zwei Jahren kam zu deinem verstorbenen Bruder
+Mitjä ein junger Lehrer ...“
+
+„Aber wozu denn diese feierliche Einleitung, Mama! Wozu diese ganze
+Redekunst, alle diese Einzelheiten, die doch vollkommen überflüssig
+sind, die doch nur quälen und die uns beiden nur zu gut bekannt sind?“
+unterbrach Sina ihre Mutter zornig und wie angeekelt.
+
+„Weil ich, deine Mutter, mein Kind, gezwungen bin, mich vor dir zu
+rechtfertigen. Zudem will ich dir diese Angelegenheit von einem ganz
+anderen Standpunkt aus zeigen, nicht von diesem falschen Standpunkt aus,
+von dem aus du sie zu beurteilen gewohnt bist. Und schließlich, damit du
+die Folgerung begreifst, die ich hieraus zu ziehen beabsichtige: Glaube
+nicht, mein Kind, daß ich mit deinem Herzen spielen will! Nein, Sina, du
+wirst in mir eine wirkliche Mutter finden, und vielleicht wirst du
+tränenüberströmt zu meinen Füßen, zu den Füßen der ‚_niedrigen Frau_‘,
+wie du mich soeben genannt hast, die Versöhnung erbitten, die du so
+lange, die du bis zum heutigen Tage verschmäht hast. Darum will ich
+alles sagen, Sina, alles, von Anfang an wiederholen. Oder ich schweige.“
+
+„Sprich,“ wiederholte Sina, die von ganzem Herzen die Notwendigkeit
+dieser Rede verwünschte.
+
+„Ich fahre fort, Sina: – Dieser Lehrer an der Kreisschule, fast noch ein
+Knabe, machte auf dich einen mir vollkommen unbegreiflichen Eindruck.
+Ich vertraute zu sehr auf deine Vernunft, auf deinen edlen Stolz und
+hauptsächlich auf seine Nichtigkeit – es muß doch einmal alles gesagt
+werden –, um auch nur das geringste zwischen euch zu argwöhnen. Und
+plötzlich kommst du zu mir und erklärst mir entschlossen, daß du ihn zu
+heiraten beabsichtigst! Sina! Das war ein Dolchstich in mein Herz! Ich
+schrie nur auf und verlor das Bewußtsein. Doch ... du entsinnst dich ja
+noch dessen! Versteht sich, ich fand es für nötig, meine ganze Macht zu
+gebrauchen, die du damals Tyrannei nanntest. Denk doch nur: ein unreifer
+Knabe, der Sohn eines Popen, der ein Monatsgehalt von nur zwölf Rubel
+hat, der Verfasser erbärmlicher Verse, die nur aus Mitleid in der
+„Bibliothek zur Aufklärung“ abgedruckt werden und der von nichts anderem
+als nur von diesem verwünschten Shakespeare zu sprechen weiß – dieser
+Knabe dein Mann, der Mann Sinaïda Moskaleffs! Aber das ist ja ein Ding
+der Unmöglichkeit! Verzeih, Sina, aber die blasse Erinnerung daran
+bringt mich um meinen Verstand! Ich sagte ihm ab; aber keine Macht der
+Welt vermag dich aufzuhalten. Dein Vater, wie du weißt, blinzelte nur
+mit den Augen und begriff nicht einmal, was ich ihm erklärte. Du aber
+bist von deinem Knaben nicht abzubringen, du kommst sogar mit ihm
+zusammen, und was am furchtbarsten ist, du entschließt dich, mit ihm zu
+korrespondieren. In der Stadt verbreiten sich schon Gerüchte. Mir werden
+von allen Seiten Stiche versetzt; man freut sich, man posaunt es schon
+aus, und plötzlich gehen alle meine Prophezeiungen in Erfüllung. Es
+kommt zu einem Streit zwischen euch, er erweist sich als deiner
+vollkommen unwürdig ... als grüner Bengel – ich kann ihn unmöglich einen
+Mann nennen! – und er droht dir, deine Briefe in der Stadt herum zu
+zeigen. Diese Drohung empört dich dermaßen, daß du ihm eine Ohrfeige
+gibst. Ja, Sina, auch dieses weiß ich! Ich weiß alles, alles! Der
+Unglückliche zeigt noch am selben Tage einen deiner Briefe dem Lump
+Sanschin und nach einer Stunde befindet sich dieser Brief in den Händen
+Natalja Dmitrijewnas, meiner Totfeindin! Am selben Abend macht dieser
+Wahnsinnige aus Reue den unsinnigen Versuch, sich zu vergiften. Kurz, es
+ist ein entsetzlicher Skandal zu erwarten! Dieser Schmierpinsel
+Nastassja kommt erschrocken zu mir gelaufen mit der furchtbaren
+Nachricht, daß der Brief sich schon seit einer ganzen Stunde in den
+Händen Natalja Dmitrijewnas befinde: nach zwei Stunden wird die ganze
+Stadt um deine Schmach wissen! Ich überwand mich, ich fiel nicht in
+Ohnmacht, – aber mit welchen Schlägen hast du mein Herz getroffen, Sina!
+Diese Schamlose, dieses Scheusal Nastassja verlangt zweihundert Rubel
+bar und dafür schwört sie, den Brief zur Stelle zu schaffen. Ich selbst
+laufe, in dünnen Stiefeln, im Schnee zum Juden Bumstein und verpfände
+meinen Schmuck, das Andenken meiner seligen Mutter! ... Nach zwei
+Stunden ist der Brief in meinen Händen. Nastassja hatte ihn gestohlen.
+Sie hat die Schatulle erbrochen – deine Ehre ist gerettet, der Beweis
+vernichtet! Aber in welcher Aufregung hast du mich diesen Tag verbringen
+lassen! Am nächsten Morgen bemerkte ich zum erstenmal in meinem Leben,
+daß ich vereinzelte graue Haare hatte, Sina! Du weißt jetzt, wie du über
+diesen Knaben urteilen mußt. Du hast selbst zugegeben, vielleicht mit
+einem bitteren Lächeln, daß es der größte Wahnsinn gewesen wäre, ihm
+dein Leben anzuvertrauen. Aber seit der Zeit quälst du dich, mein Kind,
+du kannst ihn nicht vergessen, oder richtiger, nicht ihn – denn er ist
+deiner stets unwürdig gewesen –, sondern das Phantom deines einstigen
+Glücks kannst du nicht vergessen. Dieser Unglückliche liegt jetzt auf
+dem Sterbebett; man sagt, er sei schwindsüchtig; du aber, in deiner
+Engelsgüte, du willst nicht heiraten, solange er noch lebt, um sein Herz
+nicht zu zerreißen, denn er quält sich noch immer mit seiner Eifersucht
+herum, wenn ich auch überzeugt bin, daß er dich niemals mit einer so
+tiefen, erhabenen Liebe geliebt hat! Ich weiß, seitdem er von
+Mosgljäkoffs Werbung gehört hat, läßt er spionieren, auflauern und
+ausfragen. Du schonst ihn, mein Kind, ich habe es erraten, und Gott
+allein weiß, mit wie bitteren Tränen ich mein Kissen genetzt habe! ...“
+
+„Laß doch das, Mama!“ unterbricht Sina in unerträglicher Qual. „Das mit
+dem Kissen war wohl sehr notwendig,“ fügte sie spöttisch hinzu. „Geht es
+denn nicht ohne Deklamation, ohne Pathos?“
+
+„Du glaubst mir nicht, Sina! Sieh nicht feindlich auf mich, mein Kind!
+Meine Augen sind in diesen zwei Jahren nicht trocken geworden, aber ich
+habe meine Tränen vor dir verborgen, und ich schwöre dir, ich selbst
+habe mich in dieser Zeit in vielem verändert! Ich habe längst deine
+Gefühle begriffen und ich gestehe es, erst jetzt kann ich die ganze
+Größe deines Schmerzes nachempfinden. Kann man mir daraus einen Vorwurf
+machen, mein Kind, daß ich diese Anhänglichkeit nur für Romantik hielt,
+die dieser verwünschte Shakespeare heraufbeschworen hat, dieser
+Dummkopf, der seine Nase überall hineinsteckt, wo man ihn gar nicht
+haben will? Welche Mutter würde mich wegen meines Schreckens, wegen der
+Maßregeln, die ich ergriff, wegen der Strenge meines Urteils verdammen?
+Jetzt aber, jetzt, nachdem ich dein Leiden in diesen zwei Jahren gesehen
+habe, jetzt verstehe und achte ich deine Gefühle. Glaube mir, ich habe
+dich vielleicht besser verstanden, als du dich selbst verstehst. Ich bin
+überzeugt, daß du gar nicht ihn liebst, diesen Knaben, nur deine eigenen
+goldenen Träume, dein verlorenes Glück, deine erhabenen Ideale. Auch ich
+habe geliebt und vielleicht noch leidenschaftlicher als du. Auch ich
+habe gelitten. Ich habe gleichfalls meine hohen Ideale gehabt. Und darum
+– wer kann mich deshalb verurteilen, und vor allem – kannst du mich
+deshalb verurteilen, weil ich die Verbindung mit dem Fürsten für die
+beste Rettung halte, für das Notwendigste, was du in deiner
+augenblicklichen Lage tun kannst und tun mußt?“
+
+Sina hörte mit Verwunderung diese lange Rede an, denn sie wußte, daß
+ihre Mutter nicht ohne Grund einen solchen Ton anschlug. Die letzte
+unerwartete Folgerung jedoch stieß sie vollkommen vor den Kopf.
+
+„Dann hast du also im Ernst beschlossen, mich mit diesem Fürsten zu
+verheiraten?“ rief sie verwundert aus und sah erschrocken die Mutter an.
+„Dann sind es ja nicht nur Träume, Projekte, sondern – deine feste
+Absicht ist es? Dann habe ich es richtig erraten? Und ... und ...
+inwiefern wird mich denn diese Heirat retten und weshalb ist sie so
+notwendig? Und ... und ... was hat das damit zu schaffen, was du soeben
+hier geredet hast? – mit dieser ganzen Geschichte? ... Ich verstehe dich
+nicht, Mama!“
+
+„Ich wundere mich, ^mon ange^, wie du das nicht verstehen kannst!“ ruft
+Marja Alexandrowna aus, die jetzt ihrerseits in Hitze gerät. „Allein
+das, daß du in eine andere Gesellschaft hineinkommst, in eine andere
+Welt! Du verläßt auf ewig dieses widerliche Nest, das für dich voll ist
+von unangenehmen Erinnerungen, in dem du keinen einzigen Freund hast,
+weder unter den Frauen, noch unter den Männern, in dem du verleumdet
+worden bist, in dem alle diese Klatschbasen dich wegen deiner Schönheit
+hassen. Du könntest noch in diesem Frühling nach Italien fahren, in die
+Schweiz, nach Spanien, Sina, nach Spanien, wo die Alhambra ist, der
+Guadalquivir, nicht aber unser kleines Flüßchen hier mit dem
+unanständigen Namen ...“
+
+„Aber erlaube, Mama, du redest, als wenn ich bereits verheiratet wäre
+oder zum mindesten als hätte der Fürst bereits um mich angehalten!“
+
+„Das laß meine Sorge sein, mein Engel, ich weiß, was ich rede. Erlaube,
+daß ich fortfahre. Den ersten Punkt habe ich dir genannt, jetzt kommt
+der zweite: ich begreife sehr wohl, mein Kind, mit welchem Widerwillen
+du deine Hand diesem Mosgljäkoff gegeben hättest ...“
+
+„Ich weiß auch ohne deine Bemerkung, daß ich ihn niemals geheiratet
+hätte, niemals heiraten werde!“ unterbrach Sina heftig und ihre Augen
+blitzten.
+
+„Und wenn du wüßtest, wie ich deinen Ekel begreife, mein Kind! Es ist
+furchtbar, einem zu gehören, den einem Manne Liebe schwören müssen, den
+man nicht liebt! Es ist mehr als furchtbar, einem zu gehören, den man
+nicht einmal achtet! Er aber verlangt deine Liebe: nur ihretwegen würde
+er dich heiraten, das sehe ich an den Blicken, die er auf dich wirft,
+wenn du dich abwendest. Und dann sich verstellen zu müssen –! Ich habe
+es in den fünfundzwanzig Jahren meiner Ehe zur Genüge ausgekostet! Dein
+Vater hat mich unglücklich gemacht. Ich kann sagen, er hat meine Jugend
+ausgesogen. Wie oft hast du meine Tränen gesehen!“
+
+„Papa ist auf dem Gut, bitte kein Wort über ihn,“ sagte Sina.
+
+„Ich weiß, du bist ewig seine Verteidigerin. Ach, Sina! Mir wollte das
+Herz zerspringen, als ich – aus Berechnung – deine Vermählung mit
+Mosgljäkoff wünschte. Bei dem Fürsten aber brauchst du dich nicht zu
+verstellen. Es versteht sich von selbst, daß du ihn nicht lieben kannst
+... und er ist ja auch garnicht _fähig_, solche Liebe zu verlangen ...“
+
+„Gott, welch ein Unsinn! Aber ich sage dir doch, daß du dich von Grund
+aus täuschst, von Anfang an, gerade in der Hauptsache! Begreife doch,
+daß ich mich nicht opfern will, ohne zu wissen, wozu! Daß ich überhaupt
+nicht heiraten will, keinen einzigen, ich bleibe unverheiratet! Du hast
+mich zwei Jahre lang gefoltert, bloß weil ich nicht heiratete. Doch! Du
+wirst dich damit aussöhnen müssen. Ich will nicht und das genügt! So
+wird es sein!“
+
+„Aber Herzchen, Sinachen, reg dich um Gotteswillen nicht so auf, noch
+bevor du alles gehört hast! Was du für ein Hitzköpfchen bist! Erlaube
+mir, daß ich dir die Sache von meinem Standpunkt aus erkläre und du
+wirst sofort mit mir übereinstimmen. Der Fürst wird vielleicht noch ein
+Jahr leben, zwei wäre viel, und meiner Meinung nach ist es besser, eine
+junge Witwe zu sein, als ein altes Mädchen, ganz abgesehen davon, daß du
+nach seinem Tode – Fürstin, frei, reich und unabhängig bist! Mein Kind,
+du hörst vielleicht mit Verachtung all diese Berechnungen –
+Berechnungen, die mit der Erwartung seines Todes verknüpft sind. Aber –
+ich bin Mutter und welche Mutter wird mich wegen meiner Fürsorge
+verurteilen? Und schließlich, wenn du, Engel der Güte, diesen Knaben
+immer noch bemitleidest, dermaßen bemitleidest, daß du so lange er noch
+lebt, nicht heiraten willst – was ich jetzt erraten habe, – so denk doch
+nur, daß du, wenn du den Fürsten heiratest, ihn seelisch auferstehen
+machst, ihm eine große Freude bereitest! Wenn er ein Atom gesunde
+Vernunft hast, so wird er natürlich begreifen, daß Eifersucht auf den
+Fürsten unmöglich ist, sie wäre lächerlich. Er wird begreifen, daß du
+aus Berechnung geheiratet hast, also gezwungen. Er wird endlich
+begreifen, daß du nach dem Tode des Fürsten wieder heiraten kannst, wenn
+du willst ...“
+
+„Kurz gesagt, es ergibt sich: heirate jetzt den Fürsten, nimm ihm das
+Geld ab, warte dann auf seinen Tod, um nachher den Geliebten zu
+heiraten. Du verstehst sehr gut, das Fazit einzuleiten! Du willst mich
+dazu verführen, indem du mir vorschlägst – ... Ich verstehe dich, Mama,
+verstehe dich vollkommen! Du kannst dich nie enthalten, selbst in einer
+schändlichen Angelegenheit nicht, edle Gefühle auszuspielen. Hättest du
+doch einfach und natürlich gesagt: ‚Sina, es ist eine Schändlichkeit,
+aber sie ist vorteilhaft und deshalb willige ein.‘ Das wäre wenigstens
+aufrichtig gewesen.“
+
+„Aber weshalb mein Kind, weshalb willst du unbedingt nur von diesem
+Standpunkt aus die Sache ansehen, – vom Gesichtspunkte des Betruges und
+der Habsucht? Du hältst meine Bemerkungen für schändlich, für Betrug?
+Aber, um aller Heiligen willen, wo ist denn hier Betrug, was ist hier
+schändlich? Geh zum Spiegel und sieh dich an: du bist so schön, daß man
+ein Königreich für dich hingeben könnte! Und du, du, die du eine solche
+Schönheit bist, du opferst diesem Greise deine besten Jahre! Du wirst
+wie ein wundervoller Stern seinen Lebensabend erhellen; du wirst wie ein
+grüner Efeu um sein Alter ranken, nicht aber wie diese Nessel, diese
+schamlose Person, die ihn behext hat und seine Säfte aussaugt? Ist denn
+sein Geld, sein Fürstentitel wirklich wertvoller als du? Wo ist denn
+hier ein Betrug, eine Schändlichkeit? Du weißt nicht, was du sprichst,
+Sina!“
+
+„Sicherlich sind sie doch wertvoller, wenn man einen Krüppel heiraten
+muß! Betrug bleibt immer Betrug, Mama, gleichviel zu welchem Zweck.“
+
+„Im Gegenteil, mein Kind, im Gegenteil! Man kann es sogar von einem sehr
+hohen, sogar von einem christlichen Standpunkt aus auffassen, mein Kind!
+Du hast mir selbst einmal in einem Anfall von Wahnsinn gesagt, daß du
+barmherzige Schwester werden wolltest. Dein Herz hat gelitten und ist
+jetzt verstockt. Du hast gesagt – ich weiß es – daß du nicht mehr lieben
+könntest. Wenn du an die Liebe nicht mehr glaubst, so wende deine
+Gefühle einem anderen, höheren Gegenstande zu, tue es aufrichtig wie ein
+Kind mit dem ganzen Glauben an die Heiligkeit deiner Aufgabe – und Gott
+wird dich segnen. Dieser Greis hat gleichfalls gelitten, er ist
+unglücklich, er wird verfolgt. Ich kenne ihn seit mehreren Jahren und
+habe stets eine unbegreifliche Sympathie für ihn empfunden, eine Art
+Liebe sogar, als hätte ich etwas vorausgeahnt. Sei sein Freund, sei ihm
+eine Tochter, sei ... selbst sein Spielzeug – wenn einmal alles gesagt
+werden muß! – Aber erwärme sein Herz, und du wirst es für Gott tun, um
+der Tugend willen! Er ist lächerlich, – beachte das nicht. Er ist ein
+halber Mensch, – hab Mitleid mit ihm: du bist Christin! Zwinge dich
+dazu: solche Taten werden nur vollbracht, wenn man sich selbst bezwingt.
+Uns scheint es schwer, in Krankenhäusern Wunden zu verbinden, die
+übelriechende Lazarettluft einzuatmen. Es gibt aber Engel Gottes, die
+alle diese Pflichten erfüllen und obendrein Gott für ihre Bestimmung
+noch danken. Das wäre eine Arzenei für dein verletztes Herz – eine
+Beschäftigung, eine große Tat, und deine Wunden würden vernarben. Wo ist
+hier nun Egoismus, wo eine Schändlichkeit? Aber du glaubst mir nicht! Du
+denkst vielleicht, daß ich mich verstelle, wenn ich dir von Pflichten
+und großen Taten rede. Du kannst es nicht verstehen, daß ich, eine
+weltliche, eitle Frau, ein Herz, Gefühl und eine Lebensmoral haben kann?
+Nun gut! Glaub es nicht, beleidige deine Mutter, aber gib wenigstens zu,
+daß ihre Worte vernünftig sind. Wenn du willst, so denk, daß nicht ich
+rede, sondern irgend ein anderer Mensch; schließe die Augen, kehre mir
+den Rücken zu und bilde dir ein, daß eine unsichtbare Stimme zu dir
+spricht ... Dich verwirrt doch hauptsächlich nur, daß es, wie du meinst,
+für Geld geschehen solle, wie ein Kauf oder Verkauf. So verzichte doch
+auf das Geld, wenn es dir so verhaßt ist! Behalte nur das Notwendigste
+für dich und alles übrige verteile unter die Armen. Hilf zum Beispiel
+ihm, diesem unglücklichen Knaben auf dem Sterbebett.“
+
+„Er wird keine Hilfe annehmen,“ sagte Sina leise, wie zu sich selbst.
+
+„Er nicht, aber seine Mutter wird sie annehmen,“ antwortete die
+triumphierende Marja Alexandrowna, „sie wird sie hinter seinem Rücken
+annehmen. Du hast deine Ohrringe verkauft, die deine Tante dir geschenkt
+hat, du hast sie verkauft und ihr geholfen, vor einem halben Jahr. Ich
+weiß es. Ich weiß auch, daß die Alte für andere Leute Wäsche wäscht, um
+ihren unglücklichen Sohn ernähren zu können.“
+
+„Bald wird sie es nicht mehr nötig haben!“
+
+„Ich weiß, auf was du anspielst,“ griff Marja Alexandrowna sofort auf,
+und wahre Begeisterung erfaßte sie, denn ein unbezahlbarer Gedanke hatte
+sie beglückt, „ich weiß, wovon du sprichst. Man sagt, er sei
+schwindsüchtig und werde bald sterben. Aber wer ist denn das, der das
+sagt? Vor ein paar Tagen erkundigte ich mich bei Kalist Stanislawitsch
+nach ihm: ich interessiere mich für ihn, denn ich habe ein Herz, Sina.
+Kalist Stanislawitsch sagte mir, daß seine Krankheit allerdings
+gefährlich sei, er aber, als Arzt, habe sich überzeugt, daß es
+Schwindsucht nicht sein könne, sondern nur so – ein ziemlich ernstes
+Brustleiden. Du kannst ihn selbst fragen, wenn du willst. Und er sagte
+mir, er sei überzeugt, daß der Kranke unter anderen Verhältnissen,
+namentlich in einem anderen Klima, nach einem Luftwechsel und unter
+anderen Eindrücken sehr wohl noch gesund werden könnte. Er sagte mir,
+daß in Spanien – ich habe davon auch früher schon gehört, sogar gelesen
+– daß bei Spanien eine besondere Insel sei, Madeira, glaube ich –
+jedenfalls hieß sie wie ein Wein –, wo nicht nur Brustkranke, sondern
+auch wirklich Schwindsüchtige vollständig gesund geworden sind. Viele
+fahren nur zu dem Zweck hin, um sich dort von dem milden Klima heilen zu
+lassen, selbstverständlich meist Fürsten, natürlich auch Kaufleute,
+jedenfalls aber nur Reiche. Schon diese Alhambra, diese Myrten, diese
+Zitronenbäume und diese Spanier auf ihren Mauleseln! – schon diese
+Umgebung muß doch einen ungewöhnlichen Eindruck auf eine poetische Natur
+machen. Du glaubst vielleicht, daß er deine Unterstützung, dein Geld für
+diese Reise nicht annehmen wird? So betrüge ihn, wenn er dir leid tut!
+Ein Betrug zur Rettung eines Menschenlebens ist verzeihlich. Mach ihm
+Hoffnung, versprich ihm deine Liebe, sag ihm, daß du ihn heiraten wirst,
+wenn du Witwe seist. Man kann alles in einer feinen edlen Weise sagen.
+Deine Mutter wird dich nicht in Unedlem unterstützen, Sina. Du tust es,
+um sein Leben zu erhalten, um ihn zu retten und deshalb ist – alles
+erlaubt! Diese Hoffnung wird ihn neu beleben, er wird selbst seiner
+Gesundheit mehr Aufmerksamkeit schenken, wird Medizin einnehmen und die
+Vorschriften der Ärzte befolgen. Er wird gesund werden wollen, um das
+verheißene Glück genießen zu können. Und wenn er gesund geworden ist, so
+wirst du ihn zwar nicht heiraten, aber er wird dann doch wenigstens
+gesund sein, immerhin hast du ihn dann gerettet! Und schließlich kann
+man auch Mitleid mit ihm haben. Vielleicht hat ihn das Leben inzwischen
+zum Besseren verändert, und wenn er deiner nur wert ist, so kannst du
+ihn ja später auch heiraten. Du bist dann reich, unabhängig. Du kannst,
+wenn er wieder gesund ist, ihm eine Stellung in der Welt verschaffen, er
+kann durch dich Karriere machen. Dann würde diese Heirat verzeihlicher
+sein als jetzt, denn jetzt wäre sie unmöglich. Was stände euch bevor,
+wenn ihr euch jetzt dazu entschließen würdet? Allgemeine Verachtung,
+Armut. Schulbuben an ihren Ohren ziehen – denn das ist nun einmal mit
+seiner Tätigkeit verknüpft –, gemeinsames Lesen Shakespeares, ewiges
+Leben in Mordassoff und dann sein unvermeidlicher, naher Tod. Während du
+ihm so, wenn du ihn gewissermaßen von den Toten auferweckst, zu einem
+nutzbringenden Leben, zum Schaffen die Möglichkeit gibst. Indem du ihm
+verzeihst – zwingst du ihn, dich zu vergöttern. Ihn quält sein
+schändlicher Racheversuch. Wenn du ihm jetzt die Möglichkeit eines neuen
+Lebens zeigst, ihm verzeihst, so belebst du ihn mit der Hoffnung und
+söhnst ihn mit sich selbst aus. Er kann dann in den Staatsdienst treten,
+kann sogar zu Ehren und Titeln gelangen. Und selbst wenn er nicht gesund
+wird, so stirbt er doch wenigstens glücklich, versöhnt mit sich selbst,
+in deinen Armen – denn du kannst ja selbst in diesem Augenblick bei ihm
+sein –, überzeugt von deiner Liebe, mit dir versöhnt, im Schatten der
+Myrten und Orangen, unter dem exotischen Himmel! O, Sina! Alles das ist
+in deiner Macht! Alle Vorteile sind auf deiner Seite – und das alles
+durch die Verbindung mit dem Fürsten!“
+
+Marja Alexandrowna hatte ihre Rede beendet. Es folgte ein ziemlich
+langes Schweigen. Sina befand sich in unbeschreiblicher Aufregung.
+
+Wir wollen es nicht versuchen, Sinas Gefühle wiederzugeben und wir
+können sie auch nicht alle erraten. Es scheint, daß Marja Alexandrowna
+den richtigen Weg zum Herzen ihrer Tochter gefunden hatte. Da sie nicht
+wußte, in welchem Zustande sich Sinas Herz befand, hatte sie zuerst alle
+Möglichkeiten versucht, bis sie zu guter Letzt erriet, welcher der
+richtige Weg war. Sie rührte rücksichtslos an die empfindlichsten
+Stellen dieses Herzens und konnte ihrer Gewohnheit gemäß natürlich nicht
+ohne Hervorkehrung edler Gefühle auskommen, obschon sie wußte, daß sie
+damit Sina nicht täuschen würde.
+
+„Aber was hilft das alles,“ dachte Marja Alexandrowna, „sie wird mir
+doch nicht glauben. Wenn man sie nur zum Nachdenken bringen könnte! Wenn
+ich nur möglichst geschickt andeuten könnte, was ich ihr offen nicht
+sagen darf!“
+
+Mit diesen Gedanken arbeitete sie auf ihr Ziel los und erreichte es
+auch: Sina hörte schließlich gespannt zu, ihre Wangen glühten und sie
+atmete erregt.
+
+„Höre, Mama,“ sagte sie endlich entschlossen, wenn auch das totenblasse
+Gesicht deutlich aussprach, was dieser Entschluß sie kostete. „Höre Mama
+...“
+
+In diesem Augenblick wurde Sina von einem Geräusch im Vorzimmer und
+einer schrillen, scharfen Stimme, die nach Marja Alexandrowna fragte,
+unterbrochen. Marja Alexandrowna sprang erschrocken auf.
+
+„Ach, mein Gott!“ rief sie aus. „Der Teufel schickt mir diese Elster auf
+den Hals! Aber ich habe sie doch vor zwei Wochen fast hinausgeworfen!
+Was soll ich tun? Es geht nicht anders, ich muß sie empfangen! Ich muß!
+Sie kommt bestimmt mit Nachrichten, sonst würde sie es doch nicht wagen,
+zu erscheinen. Das ist sehr wichtig, Sina! Ich muß unbedingt wissen ...
+Ich darf nichts unbeachtet lassen! – Aber nein, wie dankbar ich Ihnen
+bin für Ihren Besuch!“ rief sie freudig aus, indem sie der eintretenden
+Frau Oberst entgegeneilte. „Wie haben Sie sich nur meiner erinnert,
+meine teure Ssofja Petrowna? Welch eine ent–zück–ende Überraschung!“
+
+Sina lief aus dem Zimmer.
+
+
+ VI.
+
+Ssofja Petrowna Karpuchina, die Frau eines Obersten, glich nur seelisch
+einer Elster. Körperlich erinnerte sie eher an einen dünnen Sperling.
+Sie war eine kleine, fünfzigjährige Dame mit scharfen, stechenden Augen
+in einem Gesicht, das ganz von Sommersprossen und anderen gelben Flecken
+bedeckt war. Ihr kleiner, ausgetrockneter Körper, der auf zwei dünnen,
+festen Sperlingsbeinen stand, stak in einem dunklen Seidenkleid, das
+beständig rauschte, da die Dame nie, auch nur zwei Sekunden lang, sich
+ruhig verhalten konnte. Sie war eine geradezu bösartige, rachsüchtige
+Klatschbase. Der Oberstenrang ihres Mannes war ihr dermaßen zu Kopf
+gestiegen, daß er sie jeder gesunden Vernunft beraubt hatte. Mit ihrem
+Mann jedoch, dem Oberst a. D., führte sie oft Krieg und zerkratzte ihm
+bei der Gelegenheit tüchtig das Gesicht. Außerdem trank sie jeden Morgen
+vier Gläschen Branntwein und am Abend dieselbe Portion, und haßte bis
+zum Wahnsinn Anna Nikolajewna Antipowa, die ihr vor einer Woche die Tür
+gewiesen, sowie auch Natalja Dmitrijewna Paskudina, die dabei geholfen
+hatte.
+
+„Ich bin nur auf einen Augenblick zu Ihnen gekommen, ^mon ange^,“ begann
+sie mit ihrer kreischenden Stimme. „Es ist ganz überflüssig, daß ich
+mich gesetzt habe. Ich wollte nur erzählen, was für Wunder bei uns
+geschehen. Die ganze Stadt ist einfach von Sinnen und das wegen dieses
+Fürsten! Unsere Gimpelfängerinnen – ^vous comprenez!^ – suchen ihn,
+fangen ihn, reißen ihn sich gegenseitig aus den Händen, schleppen ihn zu
+sich, setzen ihm Champagner vor, – Sie werden es nicht glauben! Sie
+glauben es nicht! Aber wie haben Sie sich nur entschließen können, ihn
+von sich fortzulassen? Wissen Sie auch, daß er jetzt bei Natalja
+Dmitrijewna ist?“
+
+„Bei Natalja Dmitrijewna!“ schrie Marja Alexandrowna auf und sprang mit
+einem Satz von ihrem Polsterstuhl in die Höhe. „Aber er ist doch nur zum
+Gouverneur gefahren und dann vielleicht zu Anna Nikolajewna, aber nur
+auf einen Augenblick!“
+
+„Auf einen Augenblick! Sehen Sie jetzt zu, wie Sie ihn wieder einfangen
+können! Den Gouverneur hat er nicht zu Haus angetroffen, von dort ist er
+zu Anna Nikolajewna gefahren, hat ihr sein Wort gegeben, daß er bei ihr
+speisen würde, Nataschka aber, die jetzt in einem fort bei ihr sitzt,
+hat ihn sofort zum Frühstück zu sich geschleppt! Da haben Sie jetzt
+Ihren Fürsten!“
+
+„Aber wie ... Mosgljäkoff? Er hat mir doch versprochen ...“
+
+„Mosgljäkoff! Ihr gepriesener! ... Er ist doch gleichfalls hingefahren!
+Seien Sie froh, wenn er dort nicht an den Kartentisch gesetzt wird und
+wieder alles verspielt, wie vor einem Jahr! Und auch der Fürst wird an
+den Tisch gesetzt und bis aufs letzte gerupft werden. Und was sie da
+alles klatscht, diese Nataschka! Sie sagt es ganz ungeniert und laut,
+daß Sie sich des Fürsten bemächtigen wollen ... zu gewissen Zwecken –
+^vous comprenez^? Sie setzt es ihm selbst auseinander. Er begreift
+natürlich nichts, sitzt da wie ein begossener Pudel und sagt zu allem:
+‚Nun ja, nun ja!‘ Und sie selbst, sie selbst, diese Nataschka! Sofort
+hat sie ihm ihre Ssonjka vorgeführt – denken Sie sich: fünfzehn Jahre
+alt und immer noch zieht sie dem Mädchen kurze Kleider an! Immer noch
+bis zu den Knien, wie Sie sich denken können! ... Und dann hat sie nach
+der verwaisten Maschka geschickt, die kam gleichfalls im kurzen Kleide,
+nur war das noch kürzer, nicht einmal bis zu den Knien, – ich habe es
+durch mein Lorgnon gesehen ... Auf den Kopf wurden ihnen rote Mützen mit
+Federn gesetzt – was das zu bedeuten hatte, weiß ich nicht! Und dann
+mußten diese beiden Halbnackten vor dem Fürsten den Kasatschok tanzen!
+Sie kennen ja die Schwäche dieses Fürsten – er schnalzte! ‚Diese
+Formen,‘ sagte er, ‚diese Formen!‘ und betrachtete sie vom Kopf bis zu
+den Füßen durch sein Lorgnon – sie aber kommen in Schwung! Beide ganz
+erhitzt – verrenken ihre Beine, daß Gott erbarm, und das soll ein Tanz
+sein! Ich habe selbst getanzt, wissen Sie, mit einem Schal, als ich
+Madame Jarnies Pension für junge Mädchen verließ – da habe ich einen
+wahrhaft aristokratischen Effekt gemacht! Sogar Senatoren klatschten mir
+Beifall! Dort wurden nur Fürsten- und Grafentöchter erzogen! Dieses hier
+aber war doch einfach Cancan! Ich verging vor Scham, ich verging, ich
+verging! Ich hielt es einfach nicht aus! ...“
+
+„Aber waren Sie denn selbst bei Natalja Dmitrijewna? Sie sind doch ...“
+
+„Ich weiß, sie hat mich vor einer Woche beleidigt. Ich sage das einem
+jeden ganz offen. ^Mais, ma chère^, ich wollte wenigstens durch einen
+Türspalt diesen Fürsten mir ansehen und so fuhr ich hin. Wo hätte ich
+ihn denn sonst sehen können? Würde ich denn zu ihr gefahren sein, wenn
+es sich nicht um diesen elenden Fürsten gehandelt hätte? Denken Sie
+sich: allen wird Schokolade gereicht, nur mir nicht! Und sie selbst
+spricht kein Wort mit mir. Das hat sie doch mit Absicht getan ... Diese
+Verleumderin! Ich werde ihr aber jetzt! ... Doch adieu, ^mon ange^,
+adieu, ich eile, ich eile ... Ich muß unbedingt noch Akulina Panfilowna
+zu Hause antreffen und ihr erzählen ... Nur sagen Sie jetzt Ihrem
+Fürsten Lebewohl! Den werden Sie nicht mehr wiedersehen. Wissen Sie, er
+hat ja kein Gedächtnis – und so wird ihn Anna Nikolajewna unbedingt bei
+sich behalten! Alle fürchten dort, daß Sie ... ^vous comprenez?^ – in
+bezug auf Sina ...“
+
+„^Quelle horreur!^“
+
+„Sie können mir aufs Wort glauben! Die ganze Stadt spricht nur noch
+davon. Anna Nikolawjewna will ihn unbedingt zum Essen bei sich behalten
+und dann, versteht sich, auf immer! Das macht sie Ihnen zum Trotz, um
+Sie zu schikanieren, ^mon ange^. Ich habe durch einen Zaunspalt in ihren
+Hof gelauert: ein Hasten und Treiben ist dort, sag ich Ihnen! – in der
+Küche wird gebraten, gebacken, mit Messern gehackt ... sogar nach
+Champagner ist geschickt worden. Eilen Sie, eilen Sie, fangen Sie ihn
+unterwegs auf, wenn er zu ihr fährt. Er hat Ihnen doch zuerst zugesagt!
+Er ist Ihr Gast und nicht Anna Nikolajewnas! Und nur, damit diese
+geriebene, abgefeimte, ungebildete Person über uns lachen kann! Sie ist
+nicht einmal meine Schuhsohle wert, wenn sie auch Frau Staatsanwalt ist!
+Ich bin selbst die Frau eines Obersten! Ich bin in Madame Jarnies
+aristokratischer Pension erzogen worden ... ^Mais adio, mon ange!^ Ich
+habe meinen Schlitten, sonst würde ich mit Ihnen fahren ...“
+
+Die wandernde Zeitung verschwand. Marja Alexandrowna zitterte vor
+Aufregung, aber der erteilte Rat war äußerst klar und praktisch. Sie
+hatte keine Zeit zu versäumen. Nur galt es vorher noch die größte
+Schwierigkeit zu überwinden. Marja Alexandrowna eilte in das Zimmer
+ihrer Tochter.
+
+Sina ging, die Arme über der Brust gekreuzt, den Kopf gesenkt, bleich
+und verstört in ihrem Zimmer umher. Ihre Augen waren verweint, doch in
+ihrem Blick, den sie auf die Mutter richtete, lag Entschlossenheit. Sie
+unterdrückte schnell ihre Tränen und ein sarkastisches Lächeln erschien
+auf ihren Lippen.
+
+„Mama,“ sagte sie, um ihrer Mutter vorzugreifen, „du hast viel von
+deiner Redekunst an mich vergeudet, gar zu viel. Du hast mich aber doch
+nicht blind gemacht. Ich bin kein Kind. Mir einzubilden, daß ich
+gegebenenfalls die Tat einer barmherzigen Schwester vollbrächte, wenn
+ich dazu nicht im geringsten berufen bin, eine niedrige Handlungsweise
+mit edlen Zielen rechtfertigen zu wollen – das ist ein Jesuitismus, der
+mich nicht betören kann. Höre: das hat mich nicht betören können und ich
+will, daß du das vor allem weißt!“
+
+„Aber, ^mon ange^!“ rief etwas ängstlich Marja Alexandrowna aus.
+
+„Schweig, Mama! Hab’ bitte die Geduld, mich bis zu Ende anzuhören. Trotz
+der vollen Erkenntnis dessen, daß es nichts als Jesuitismus ist, trotz
+meiner vollen Überzeugung von der unentschuldbaren Niedrigkeit dieser
+Handlung, – trotzdem gehe ich auf deinen Vorschlag vollkommen ein, hörst
+du: _vollkommen_, und erkläre dir, daß ich einverstanden bin, den
+Fürsten zu heiraten und sogar einverstanden, dich in allen deinen
+Bemühungen zu unterstützen, um ihn zu einem Heiratsantrag zu bringen.
+Wozu ich es tue? – Das ist meine Sache. Dir mag es genügen, daß ich mich
+entschlossen habe ... Jawohl, ich bin zu allem entschlossen: ich werde
+ihm die Stiefel reichen, ich werde seine Wärterin sein, ich werde ihm zu
+seinem Vergnügen vortanzen, um meine Niedrigkeit vor ihm zu verdecken;
+ich werde alles, alles tun, nur damit er es nicht bereut, daß er mich
+geheiratet hat! Doch als Gegenleistung für meinen Entschluß verlange
+ich, daß du mir offen sagst, auf welche Weise du es durchsetzen willst,
+daß er um mich anhält? Wenn du in so bestimmtem Tone davon zu sprechen
+angefangen hast, so – ich kenne dich – so hast du unfehlbar einen festen
+Plan gefaßt. Sei jetzt wenigstens einmal im Leben aufrichtig! Diese
+Aufrichtigkeit ist die einzige Bedingung, die ich stelle. Ich kann nicht
+darauf eingehen, wenn ich nicht vorher genau weiß, was du tun wirst.“
+
+Marja Alexandrowna war von dem unerwarteten Entschluß ihrer Tochter so
+bestürzt, daß sie eine ganze Weile wie taub und stumm vor ihr stand und
+sie nur aus weit offenen Augen anstarrte. Sie konnte noch nicht einmal
+denken vor Verwunderung. Sie hatte sich darauf gefaßt gemacht, lange
+noch mit der trotzigen „Romantik“ ihrer Tochter, deren schroffes
+Anstandsgefühl sie stets gefürchtet hatte, kämpfen zu müssen, und nun
+hörte sie plötzlich, daß diese vollkommen mit allem einverstanden und zu
+allem bereit war, und sogar gegen ihre Überzeugung! Nein, wenn es _so_
+stand, dann erhielt ja die Sache eine ungewöhnliche „Solidität“, – und
+Freude erglänzte in Marja Alexandrownas Augen.
+
+„Sinachen!“ rief sie begeistert aus, „Sinachen! Du bist mein Fleisch und
+mein Blut!“
+
+Mehr konnte sie nicht hervorbringen und sie eilte zur Tochter, um sie in
+ihre Arme zu schließen.
+
+„Ach, mein Gott! Ich habe dich nicht um deine Umarmungen gebeten, Mama!“
+wehrte sich Sina mit angeekelter Gereiztheit. „Ich brauche dein
+Entzücken nicht! Ich verlange von dir nur eine Antwort auf meine Frage
+und nichts weiter.“
+
+„Aber, Sina, ich habe dich doch lieb, mein Kind! Ich vergöttere dich, du
+aber stößt mich von dir ... ich tue es doch nur in der Sorge um dein
+Glück ...“
+
+Tränen erglänzten in ihren Augen. Marja Alexandrowna liebte ihre Tochter
+tatsächlich, nur tat sie es – auf ihre Art. Und diesmal waren ihr der
+Erfolg und die Aufregung allerdings nahe gegangen. Sina begriff, daß die
+Mutter sie liebte und – diese Liebe bedrückte sie.
+
+„Nun, sei mir nicht böse, Mama, ich bin nur so aufgeregt,“ sagte sie, um
+die Mutter zu beruhigen.
+
+„Ich bin nicht böse, ich bin nicht böse, mein Engelchen!“ versicherte
+Marja Alexandrowna, im Augenblick wieder belebt, „ich begreife es doch,
+daß du erregt bist. Sieh, mein Kind, du verlangst volle Aufrichtigkeit
+... Schön, ich werde aufrichtig sein, vollkommen aufrichtig, glaube mir:
+Wenn du mir nur glauben wolltest! Aber ich sage dir, daß ich einen
+bestimmten Plan, der in allen Punkten festgesetzt wäre, noch nicht habe,
+Sinachen, und das ist ja auch ganz unmöglich. Du, als kluges Köpfchen,
+wirst doch verstehen, weshalb nicht. Ich sehe sogar einige
+Schwierigkeiten voraus ... Soeben hat mir diese Klatschbase da die Ohren
+vollgeblasen ... Ach, mein Gott! Ich müßte mich beeilen! – Sieh, ich bin
+vollkommen aufrichtig, mein Kind! Aber ich schwöre dir, ich werde das
+Ziel erreichen!“ beteuerte sie begeistert. „Meine Überzeugung ist
+durchaus nicht poetischer Natur, wie du vorhin sagtest, mein Engel. Sie
+beruht auf der Wirklichkeit, auf Tatsachen ... Sie beruht auf der
+völligen Gedächtnisschwäche des Fürsten, – die aber ist doch derart! ...
+ist doch ein solcher Kanevas, daß man alles auf ihm ausnähen kann – was
+man nur will! Die Hauptsache ist, daß man uns nicht stört! Aber wie
+sollen denn diese Gänse mich überlisten!“ rief Marja Alexandrowna stolz
+aus, schlug mit der Hand auf den Tisch und ihre Augen blitzten. „Das laß
+nur meine Sache sein! Nur – jetzt ist das Wichtigste, daß man sofort
+beginnt ... Wenn es nur irgend geht, muß heute noch das Hauptsächlichste
+erledigt werden.“
+
+„Gut, Mama, nur höre jetzt noch ein ... _aufrichtiges Geständnis_: Weißt
+du, weshalb ich mich für deinen Plan so interessiere und ihm nicht
+traue? Weil ich mich auf mich selbst nicht verlassen kann. Ich habe dir
+gesagt, daß ich mich zu dieser Schändlichkeit entschlossen habe, wenn
+aber die Einzelheiten deines Planes gar zu widerlich sind, gar zu
+schmutzig, so erkläre ich dir im voraus, daß ich es alsdann nicht
+aushalten und mich dann von dem ganzen Vorhaben zurückziehen werde. Ich
+weiß, daß das eine neue Schändlichkeit ist: sich zu einer Schändlichkeit
+zu entschließen und den Schmutz zu fürchten, in dem sie schwimmt, – doch
+was soll ich tun? Es wird ja bestimmt so sein! ...“
+
+„Aber, Sinachen, wo ist denn hier eine so besondere Schändlichkeiten,
+^mon ange^?“ wagte die Mutter schüchtern einzuwenden. „Hier handelt es
+sich doch nur um eine vorteilhafte Heirat, und dazu entschließen sich
+doch alle! Man braucht ja nur von diesem Standpunkt aus zu sehen, und
+alles wird dann sogar sehr anständig erscheinen ...“
+
+„Ach, Mama, spiel’ doch um Gottes willen nicht Verstecken mit mir! Du
+siehst doch, ich bin mit allem, mit allem, einverstanden! – was willst
+du denn noch mehr? Bitte, fürchte dich nicht, wenn ich die Dinge bei
+ihrem richtigen Namen nenne. Vielleicht ist das jetzt – meine einzige
+Beruhigung.“
+
+Ein bitteres Lächeln erschien auf ihren Lippen.
+
+„Nun, nun, schon gut, mein Engelchen, man kann in den Gedanken nicht
+ganz übereinstimmen und dennoch sich gegenseitig achten. Nur, – wenn
+dich die Einzelheiten beunruhigen und du fürchtest, daß sie schmutzig
+sein könnten, so überlaß diese Sorgen vollkommen mir: ich schwöre dir,
+daß kein Tröpfelchen Schmutz auf dich spritzen wird. Will ich dich denn
+vor allen kompromittieren? Verlaß du dich nur auf mich und alles wird
+vorzüglich und durchaus anständig arrangiert werden, die Hauptsache ist
+– durchaus anständig, sogar vornehm! Es wird nicht den geringsten
+Skandal geben, und selbst wenn es auch so ein kleines, unvermeidliches
+Skandälchen geben sollte, – so ... irgendwie! – so sind wir dann doch
+schon über alle Berge! Wir werden doch nicht hier bleiben! Mögen sie
+dann schreien, soviel sie wollen – was geht das uns an? Sie werden uns
+ja doch nur beneiden. Und sind diese Menschen es denn überhaupt wert,
+daß man sich um sie kümmert? Es wundert mich eigentlich, Sinachen, sei
+mir nicht böse, – daß du bei deinem Stolz sie so fürchtest!“
+
+„Ach, Mama, ich fürchte sie durchaus nicht! Du willst mich nur nicht
+verstehen!“ antwortete Sina gereizt.
+
+„Nun, nun, mein Seelchen, sei mir nicht böse! Ich sage ja nur, daß sie
+selbst an jedem Tage, den Gott werden läßt, Schändlichkeiten begehen, du
+aber würdest dann nur ein einziges Mal im Leben ... aber was fällt mir
+ein! Was rede ich dumme Person! Durchaus keine Schändlichkeit! Wo ist
+hier eine Schändlichkeit, oder was soll hier schmutzig sein, wie du
+sagst? Im Gegenteil, es ist sogar sehr edel von dir. Ich werde es dir
+beweisen, mein Kind. Erstens, ich wiederhole: es hängt alles nur davon
+ab, von welchem Standpunkt aus man auf die Sache sieht ...“
+
+„Ach, hör’ doch auf, Mama, mit deinen Beweisen!“ unterbrach Sina sie
+zornig und stampfte mit dem Fuß auf.
+
+„Nun, mein Seelchen, ich werde nicht, ich werde nicht! Ich habe mich
+wieder verplappert ...“
+
+Es trat ein kurzes Schweigen ein. Marja Alexandrowna folgte unruhig
+ihrer Tochter und suchte zaghaft deren Blick, wie etwa ein kleines,
+unartig gewesenes Schoßhündchen seiner Herrin in die Augen sieht.
+
+„Ich begreife nicht einmal, wie du es beginnen willst,“ sagte Sina, die
+ihren Ekel niederrang. „Ich bin überzeugt, daß du nur auf Schande stoßen
+wirst. Ich verachte die Meinung dieser Leute, aber für dich, Mama, wird
+es eine Schande sein.“
+
+„O, wenn nur das allein dich beunruhigt, mein Engel – deshalb mach dir
+keine Sorgen! Ich bitte dich, ich flehe dich an! Wenn nur wir uns
+einigen – um mich brauchst du dich nicht im geringsten zu beunruhigen.
+Ach, wenn du wüßtest, aus welchen Bädern ich mich trocken
+herausgearbeitet habe! Ich habe noch ganz anderes erlebt und
+durchgehalten! Nun, erlaub mir nur wenigstens, dies da zu versuchen!
+Jedenfalls ist das Wichtigste, daß wir so bald als irgend möglich mit
+dem Fürsten allein sind. Das ist das erste! Alles übrige wird nur davon
+abhängen! Aber ich fühle auch das schon alles voraus. Sie werden sich
+alle empören, aber ... das macht nichts! Ich werde sie abzufertigen
+wissen! Nur Mosgljäkoff fürchte ich noch ...“
+
+„Mosgljäkoff?“ fragte Sina verächtlich.
+
+„Nun ja, Mosgljäkoff. Das heißt, fürchte du dich nicht, Sinachen! Ich
+schwöre dir, ich werde ihn so weit bringen, daß er uns noch helfen wird!
+Du kennst mich noch nicht, Sinachen! Du weißt noch nicht, was ich in der
+Tat leisten kann! Ach, Sinachen, mein Seelchen! Vorhin, als ich von der
+Ankunft dieses Fürsten hörte, kam mir sofort der Gedanke! Es kam im
+Augenblick wie eine Erleuchtung über mich. Und wer, sag’ doch selbst,
+wer hätte es erwarten können, daß er ausgerechnet bei uns absteigen
+würde? Eine solche Gelegenheit wird es ja in tausend Jahren nicht wieder
+geben! Sinachen! Mein Engelchen! Nicht das ist ehrlos, daß du einen
+Greis und Krüppel heiratest, sondern daß du einen heiratest, den du
+verabscheust und nicht ertragen kannst und dennoch in _Wirklichkeit_
+seine Frau sein wirst! Dem Fürsten aber wirst du doch nicht eine
+wirkliche Frau sein. Mit ihm: das ist doch keine Ehe! Das ist einfach
+ein häuslicher Kontrakt! Er gewinnt doch nur dabei, – ihm, diesem Esel,
+gibt man ein solches Glück! Ach, Sinachen, du weißt ja gar nicht, wie
+schön du heute bist! Du bist nicht nur schön, du bist geradezu
+wunderbar! Ich würde, wenn ich ein Mann wäre, dir ein halbes Königreich
+verschaffen, wenn du es nur wolltest! Esel sind sie alle! Wie soll man
+diese Hand nicht küssen?“ – Und Marja Alexandrowna küßte
+leidenschaftlich der Tochter die Hand. „Das ist ja doch mein Körper,
+mein Fleisch, mein Blut! Man muß ihn, wenn nicht anders, mit Gewalt zur
+Heirat zwingen, den Esel! Aber wie wir dann leben werden, Sinachen! Du
+wirst doch deine Mutter nicht fortjagen, wenn du im Glück lebst? Wir
+haben uns ja oft gestritten, mein Engelchen, aber immerhin hast du doch
+keinen so treuen Freund gehabt wie mich ... immerhin ...“
+
+„Mama! Wenn du dich bereits entschlossen hast, so ist es vielleicht gut
+für dich ... etwas zu tun. Hier aber verlierst du nur Zeit!“ sagte Sina
+ungeduldig.
+
+„Es ist Zeit, es ist Zeit, Sinachen, gewiß ist es höchste Zeit, daß ich
+gehe! Ach! Ich habe hier so lange geschwatzt!“ Marja Alexandrowna kam
+zur Besinnung. „Sie wollen uns dort alle den Fürsten entreißen. Ich
+fahre im Augenblick! Ich werde einfach vorfahren, Mosgljäkoff
+herausrufen lassen und dann ... Ich werde ihn mit Gewalt fortbringen,
+wenn’s darauf ankommt! Leb wohl, Sinachen, auf Wiedersehen, mein
+Täubchen, laß den Mut nicht sinken, zweifle nicht, sei nicht traurig,
+vor allem – sei nicht traurig! Alles wird vorzüglich, wird äußerst
+vornehm arrangiert werden! Die Hauptsache ist ja nur, von welchem
+Standpunkt aus man die Sache auffaßt ... nun, leb wohl, leb wohl! ...“
+
+Marja Alexandrowna bekreuzte ihre Tochter, eilte dann in ihr Zimmer,
+drehte sich dort einen Augenblick vor dem Spiegel und zwei Minuten
+später rollte sie schon in ihrer Equipage, die um diese Zeit immer für
+den Fall einer Ausfahrt angeschirrt stand, durch die Straßen von
+Mordassoff: Marja Alexandrowna lebte „^en grand^“.
+
+„Nein, ihr seid nicht die Rechten, mich zu überlisten!“ dachte sie, als
+sie in ihrem Wagen saß. „Sina ist einverstanden, folglich ist die halbe
+Arbeit schon getan, und hier nun sollte es mir nicht gelingen! Unsinn!
+Ja, die Sina! Sie hat doch eingewilligt ... endlich! Also auch auf dein
+Köpfchen können andere Berechnungen ihren Einfluß haben! Ich habe ihr
+aber auch eine verlockende Perspektive ausgemalt! Die Wirkung hat
+endlich einmal nicht versagt: Aber ... es ist ja ganz unfaßlich, wie
+schön sie heute aussieht! Ich würde mit ihrer Schönheit halb Europa nach
+meinem Wunsch umdrehen! Nun, warten wir ab ... Der Shakespeare wird ihr
+schon aus dem Kopf kommen, wenn sie erst Fürstin ist und gewisse Dinge
+kennen lernt. Was kennt die denn? Mordassoff und ihren Lehrer! ... Hm
+... Aber was für eine Fürstin sie sein wird! Ich liebe diesen Stolz an
+ihr. Diese Kühnheit! Wie unnahbar sie ist! Ein Blick von ihr – und eine
+Königin hat einen angesehen! Wie, wie soll man denn nicht seinen eigenen
+Vorteil begreifen? Endlich hat sie ihn denn auch begriffen! Wird auch
+das übrige begreifen ... Ich werde doch immerhin bei ihr sein. Ich werde
+schon dafür sorgen, daß sie in allen Punkten mit mir übereinstimmt! Ohne
+mich aber wird sie nicht auskommen! Ich werde selbst Fürstin sein, auch
+in Petersburg wird man mich kennen lernen. Leb wohl dann, erbärmliches
+Städtchen! Dieser Fürst wird sterben und auch dieser Knabe wird sterben
+und dann werde ich sie mit einem regierenden Fürsten verheiraten! ...
+Nur eines macht mir Sorge: habe ich mich ihr nicht zu sehr anvertraut?
+Bin ich nicht zu offenherzig gewesen, zu gefühlvoll vielleicht? Sorgen
+macht sie mir, weiß Gott ... ich fürchte sie fast ...“
+
+Und Marja Alexandrowna wurde nachdenklich. Es läßt sich nicht leugnen:
+sie hatte allen Grund, besorgt zu sein. Sagt man doch in manchen Fällen
+ganz mit Recht: Leidenschaft sehr oft viel Leiden schafft.
+
+Als Sina allein zurückgeblieben war, ging sie noch lange auf und ab in
+ihrem Zimmer, die Arme verschränkt und mit ihren Gedanken beschäftigt.
+Sie dachte über vieles nach. Fast unbewußt murmelte sie immer wieder:
+„Es ist Zeit, es ist Zeit, es wäre schon lange Zeit dazu gewesen!“ Was
+hatte dieser Ausruf zu bedeuten? Mehr als einmal blitzten Tränen in
+ihren langen, seidigen Wimpern. Sie dachte nicht daran, ihrer Stimmung
+Gewalt anzutun. Doch die Sorgen ihrer Mutter waren ganz überflüssig.
+Umsonst bemühte sie sich, hinter die Gedanken ihrer Tochter zu kommen:
+Sina hatte sich endgültig entschlossen und sich auf alle Folgen gefaßt
+gemacht.
+
+„Wart mal!“ dachte Nastassja Petrowna Sjäblowa, als sie nach der Abfahrt
+der Frau Oberst Karpuchina aus der dunklen Kleiderkammer wieder
+hinausschlich. „Und ich wollte mir schon eine rosa Schleife anstecken,
+für diesen elenden Fürsten! Auch ich dumme Gans glaubte, daß er mich
+heiraten würde! Da hast du’s jetzt – rosa Schleife! Aber Marja
+Alexandrowna! Ich soll also ein Schmierpinsel sein, ich soll mich mit
+zweihundert Rubel bestechen lassen! Das fehlte noch, daß ich dir etwas
+abließe oder unentgeltlich machte, du falsche Person! Ich nahm das Geld
+auf ehrliche Weise; ich nahm es für die mit dem Vorhaben verknüpften
+Ausgaben ... Vielleicht habe ich selbst bestechen müssen! Was geht das
+dich an, ob ich mit eigenen Händen das Schloß aufgebrochen oder andere
+dafür bezahlt habe! Ich habe doch für dich gearbeitet und du schonst
+deine Hände! Du willst immer nur auf Kanevas ausnähen! Wart mal, ich
+werde dir zeigen, was Kanevas ist! Ich werde euch beiden zeigen, was für
+ein Schmierpinsel ich bin! Ihr sollt einmal Nastassja Petrowna und deren
+ganze Bescheidenheit kennen lernen!“
+
+
+ VII.
+
+Doch Marja Alexandrowna ließ sich von ihrer Eingebung fortreißen. Sie
+hatte einen großen und gewagten Plan. Ihre Tochter an einen Krösus,
+einen Fürsten und Krüppel zu verheiraten, und zwar so, daß niemand es
+erfuhr, mit Ausnutzung der Geistesschwäche und Schutzlosigkeit ihres
+Gastes, sie gewissermaßen auf „diebische Weise“, wie ihre Feinde
+unfehlbar sagen würden, zu verheiraten, – das war nicht nur gewagt,
+sondern geradezu vermessen. Freilich war der Plan verlockend
+vorteilhaft, aber im Fall des Mißlingens wurde die, welche ihn entworfen
+hatte, doch wohl mit ewiger, untilgbarer Schande bedeckt. „Ich habe mich
+aus noch ganz anderen Bädern trocken herausgearbeitet!“ hatte sie zu
+Sina gesagt und sie hatte recht. Was wäre sie denn auch sonst für eine
+Heldin gewesen!
+
+Zweifellos glich das ganze Vorhaben ein wenig einem Überfall auf offener
+Straße, doch Marja Alexandrowna schenkte auch dem nicht gar zu viel
+Aufmerksamkeit. Sie hatte in der Beziehung einen erstaunlich richtigen
+Gedanken: „Sind sie erst getraut, so können sie die Trauung nicht mehr
+ungeschehen machen,“ – ein überaus einfacher und einleuchtender Gedanke,
+der aber die Phantasie mit so ungewöhnlichen Vorteilen anlockte, daß es
+Marja Alexandrowna bei der blassen Vorstellung dieser Vorteile kalt
+überlief und sie am ganzen Körper gestochen zu werden glaubte. Überhaupt
+befand sie sich in ungewöhnlicher Aufregung und saß wie auf Nadeln. Als
+inspirationsfähige Frau, die fraglos mit Schöpfergeist begabt war, hatte
+sie bereits einen Schlachtplan entworfen, versteht sich, vorläufig noch
+skizzenhaft, überhaupt – ^en grand^, halb noch schleierhaft sah sie ihn
+vor ihrem geistigen Auge. Es standen eine Unmenge Einzelheiten und
+verschiedene unvorhergesehene Zwischenfälle bevor. Marja Alexandrowna
+glaubte jedoch an sich: sie regte sich nicht etwa aus Furcht vor dem
+Mißlingen auf, – o nein! Sie wollte nur schneller beginnen, sich
+schneller in den Kampf stürzen können. Ungeduld, edle Ungeduld erfaßte
+sie bei dem Gedanken an die bevorstehenden Hindernisse und möglichen
+Zwischenfälle. Ich will das deutlicher erklären. Die größte Gefahr ahnte
+und erwartete Marja Alexandrowna von ihren verehrten Mitbürgern, den
+Mordassowern, und vornehmlich von der höheren Gesellschaft der
+Mordassower Damen, deren unversöhnlichen Haß sie aus Erfahrung kannte.
+Zum Beispiel wußte sie mit tödlicher Sicherheit, daß man in der Stadt
+bereits alle ihre Absichten ahnte, obgleich noch niemand ein Wort
+darüber gesprochen hatte. Aus mehrfach gemachter trauriger Erfahrung
+wußte sie, daß es noch nie ein Geheimnis in ihrem Hause gegeben hatte,
+selbst wenn es das geheimste war, das nicht binnen zwölf Stunden jedes
+Hökerweib auf dem Markt, jeder einzelne Ladenverkäufer wußte. Versteht
+sich: Marja Alexandrowna ahnte ja vorläufig nur die Gefahren, aber
+solche Vorahnungen betrogen sie nie. Auch diesmal betrogen sie sie
+nicht. Was aber inzwischen geschehen war und was sie noch nicht mit
+ganzer Sicherheit wußte, war folgendes:
+
+Um die Mittagszeit, also genau drei Stunden nach der Ankunft des Fürsten
+in Mordassoff, verbreiteten sich in der Stadt absonderliche Gerüchte.
+Wie und wo sie entstanden waren, weiß niemand, aber verbreitet hatten
+sie sich fast in einem Augenblick. Alle versicherten einander, daß Marja
+Alexandrowna ihre Sina mit dem Fürsten bereits verkuppelt habe, daß
+Mosgljäkoff der Laufpaß gegeben worden und somit eben alles so gut wie
+besiegelt und unterschrieben sei. Was war die Veranlassung zu diesen
+Gerüchten gewesen? Sollten die Leute wirklich Marja Alexandrowna so gut
+gekannt haben, daß sie sofort auf den Kernpunkt aller ihrer
+tiefinnerlichen Gedanken und Ideale verfielen? Doch weder die
+Unvereinbarkeit eines solchen Gerüchts mit der gewöhnlichen Ordnung der
+Dinge – denn so etwas läßt sich doch nur äußerst selten in einer Stunde
+abmachen – noch die freie Erfindung derselben – denn es vermochte
+niemand anzugeben, woher dieses Gerücht stammte – konnten den
+Mordassowern den Glauben daran nehmen. So kam es, daß das Gerücht sich
+hartnäckig weiter verbreitete und folglich immer glaubwürdiger wurde. Am
+erstaunlichsten ist aber, daß es sich schon zu der Zeit zu verbreiten
+begann, als Marja Alexandrowna sich eben erst zu jenem Gespräch mit Sina
+anschickte. Wie fein muß nach alledem der Spürsinn der Provinzler sein.
+Der Instinkt des Kleinstädters grenzt bisweilen geradezu ans Wunderbare
+– und das hat freilich auch seine Gründe: er fußt auf dem intimsten,
+langjährigen Studium des Nächsten, das mit größtem Interesse getrieben
+wird. Ein jeder Kleinstädter lebt wie unter einer Glasglocke. Es gibt
+absolut keine Möglichkeit, auch nur irgend etwas vor seinen ehrenwerten
+Mitbürgern zu verbergen. Alle kennen einen auswendig, ja sie wissen
+sogar das, was man noch nicht einmal selbst von sich weiß. Der
+Kleinstädter müßte, denke ich, allein schon seiner Natur nach Psychologe
+und Gedankenleser sein. Deshalb hat es mich auch zuweilen aufrichtig
+gewundert, daß ich in der Provinz so oft statt dieser Psychologen und
+Gedankenleser so auffallend viel Esel angetroffen habe. Doch das war nur
+nebenbei gesagt und eine ganz überflüssige Bemerkung.
+
+Das Gerücht nun war von ungeheurer Wirkung. Die Verheiratung mit dem
+Fürsten erschien einem jeden dermaßen vorteilhaft, dermaßen „glänzend“,
+daß das Sonderbare an einer solchen Heirat keinem einzigen weiter
+auffiel. Hier muß ich noch eines bemerken: Sina wurde fast noch mehr
+gehaßt, als Marja Alexandrowna, – weshalb? – das vermag ich nicht zu
+sagen. Vielleicht war zum Teil ihre Schönheit der Grund zu diesem Haß.
+Vielleicht kam auch noch hinzu, daß Marja Alexandrowna immerhin von
+„unserem Schlage“ war. Hätte sie die Stadt verlassen, so würde man es –
+wer weiß? – noch bedauert haben. Sie unterhielt die Gesellschaft mit
+ihren beständigen Geschichten. Ohne sie wäre es vielleicht langweilig
+gewesen. Sina dagegen verhielt sich so, als lebte sie in den Wolken und
+nicht in der Stadt Mordassoff. Sie paßte nicht zu diesen Leuten, sie
+stand nicht auf ihrer Stufe, gab sich nicht als Gleichstehende, benahm
+sich vielmehr – vielleicht ohne es selbst zu wissen – unerträglich
+hochmütig zu ihnen. Und nun plötzlich sollte „diese Sina“, von der man
+sich sogar „skandalöse Dinge“ zuraunte, diese anmaßende, stolze Sina –
+Millionärin, Fürstin werden und in die höchste Gesellschaft
+hineinkommen! Nach drei Jahren, wenn sie verwitwet ist, heiratet sie
+dann vielleicht einen Herzog, vielleicht sogar einen General oder
+vielleicht gar einen Gouverneur – und der Gouverneur unseres
+Gouvernements war gerade Witwer und hatte eine große Schwäche für das
+schöne Geschlecht. Dann würde sie die erste Dame im Gouvernement sein –
+und, versteht sich, dieser bloße Gedanke war bereits unerträglich,
+weshalb denn auch keine andere Nachricht so heftigen Unwillen in
+Mordassoff hätte hervorrufen können, als diese von der Vermählung Sinas
+mit dem Fürsten. Im Augenblick erhob sich eine wahre Wut von allen
+Seiten. Man nannte die Verbindung eine Sünde und eine Gemeinheit. Man
+sagte, der Alte sei nicht bei vollem Verstande, er sei betrogen worden,
+übertölpelt und das alles mit Ausnutzung seiner Geistesschwäche. Einige
+meinten sogar, daß man den Alten aus diesen blutgierigen Krallen
+erretten müsse, daß es geradezu Räuberei sei, und schließlich –
+inwiefern sei denn Sina besser als andere? Es könnten doch auch andere
+junge Mädchen ganz ebenso den Fürsten heiraten!
+
+Alle diese Gespräche und Meinungsäußerungen ahnte Marja Alexandrowna
+vorläufig nur, aber das genügte ihr. Sie wußte ganz genau, daß alle,
+aber auch alle zu jedem Mittel, das möglich oder auch unmöglich war, zu
+greifen bereit wären, um die Verwirklichung ihrer Pläne zu verhindern.
+Wollte man doch den Fürsten schon für sich mit Beschlag belegen, so daß
+sie jetzt fast um ihn zu kämpfen hatte! Und wenn es ihr auch gelingen
+sollte, den Fürsten wieder einzufangen, so konnte sie ihn in ihrem Hause
+doch nicht festbinden! Und dann: wer bürgte dafür, daß heute, daß
+vielleicht nach kaum zwei Stunden das ganze Korps der Mordassower Damen
+in ihrem Salon erscheinen würde und noch dazu unter solchem Vorwande,
+daß man sie unmöglich _nicht_ empfangen konnte? Läßt man an der Tür
+absagen, so kommen sie durch das Fenster herein: ein fast unmöglicher
+Fall, sollte man meinen, der aber nichtsdestoweniger in Mordassoff
+vorgekommen ist. Kurz, es war keine Stunde, keine Sekunde zu verlieren –
+und dabei war noch nichts getan worden, nicht einmal angefangen hatte
+sie ihr Werk! Da kam ihr plötzlich ein genialer Gedanke und reifte im
+Augenblick in ihrem klugen Kopf. Von diesem neuen Einfall werden wir an
+der richtigen Stelle nicht zu sprechen vergessen, vorläufig aber sagen
+wir nur, daß unsere Heldin in diesem Augenblick durch die Straßen von
+Mordassoff rollte, zornig und begeistert, entschlossen zu einem
+regelrechten Kampf, falls nur ein solcher erforderlich sein sollte, um
+sich des Fürsten von neuem zu bemächtigen. Sie wußte noch nicht, wie sie
+es machen und wo sie ihn einfangen würde, dafür aber wußte sie mit
+unerschütterlicher Sicherheit, daß eher ganz Mordassoff untergehen
+würde, als daß auch nur ein Jota ihrer Absichten nicht in Erfüllung
+ginge.
+
+Der erste Schritt glückte ihr besser als sie erwartet hätte. Sie traf
+den Fürsten auf der Straße an und brachte ihn zu sich zum Mittagessen.
+Wenn man jetzt fragen wollte, wie es ihr denn trotz aller Ränke ihrer
+Feinde gelang, ihren Willen durchzusetzen und Anna Nikolajewna mit einer
+langen Nase auf den Gast vergeblich warten zu lassen, so bin ich
+gewissermaßen verpflichtet, hierauf zu antworten, daß ich diese Frage
+geradezu für eine Beleidigung Marja Alexandrownas halte. _Sie_ sollte
+irgend so eine Anna Nikolajewna Antipowa nicht besiegen können? Sie
+verhaftete einfach den Fürsten, der fast schon vor dem Hause ihrer
+Gegnerin vorfuhr, und ohne auch nur auf irgend etwas Rücksicht zu nehmen
+– und dazu gehörten auch die Einwendungen Mosgljäkoffs, der einen
+Skandal befürchtete – setzte sie den alten Herrn in ihre Equipage.
+Gerade darin zeichnete sich ja Marja Alexandrowna vor ihren Feindinnen
+aus, daß sie in entscheidenden Momenten nicht viel nach anderen fragte
+und nicht einmal vor einem Skandal zurückschrak, da sie es nun einmal zu
+ihrem Grundsatz gemacht hatte, daß der Erfolg alles rechtfertige.
+Freilich leistete auch der Fürst keinen bedeutenden Widerstand, vergaß
+vielmehr nach seiner Gewohnheit bald den ganzen Zwischenfall und war
+dann sehr zufrieden. Bei Tisch schwatzte er ohne Unterlaß, war bei sehr
+guter Laune, machte Witzchen und erzählte Anekdoten, die er nicht
+beendete, oder er ging von der einen auf eine andere über, ohne es
+selbst zu merken. Bei Natalja Dmitrijewna hatte er drei Glas Champagner
+getrunken. Bei Tisch trank er auch noch, denn Marja Alexandrowna
+schenkte ihm eigenhändig ein, bis er dann endgültig den letzten Rest
+seines ohnehin mangelhaften klaren Bewußtseins verlor. Das Essen an sich
+war tadellos. Der „schändliche“ Nikitka hatte es zum Glück nicht
+verdorben. Die Hausfrau belebte die ganze Tischgesellschaft mit ihrer
+bezaubernden Liebenswürdigkeit. Leider waren die übrigen Anwesenden um
+so langweiliger. Sina war gewissermaßen feierlich stumm. Mosgljäkoff
+fühlte sich offenbar nicht gemütlich und aß und trank wenig. Er schien
+über etwas nachzudenken, und da dieses ziemlich selten an ihm zu
+bemerken war, so beunruhigte es Marja Alexandrowna nicht wenig.
+Nastassja Petrowna Sjäblowa hatte eine finstere Miene aufgesetzt und
+machte Mosgljäkoff heimlich verschiedene absonderliche Zeichen, die
+dieser jedoch überhaupt nicht bemerkte. Wäre die Hausfrau nicht so
+liebenswürdig und heiter gewesen, so hätte das Mahl wahrlich eher an
+einen Leichenschmaus erinnert.
+
+Dabei befand sich aber Marja Alexandrowna in unbeschreiblicher
+Aufregung. Allein schon Sinas ernstes Gesicht und ihre verweinten Augen
+ängstigten sie unsäglich. Und jetzt hieß es noch eine große
+Schwierigkeit überwinden: man mußte sich doch beeilen, es galt keinen
+Augenblick zu verlieren: dieser verwünschte Mosgljäkoff aber sitzt und
+rührt sich nicht, wie ein alter Schafskopf, der nichts zu tun hat und
+nur andere stört! Es geht doch wirklich nicht in seiner Gegenwart! Marja
+Alexandrowna erhob sich mit besorgtem, fast angstvollem Herzen. Wie groß
+war daher ihre Verwunderung, ihr freudiger Schrecken, wenn man sich so
+ausdrücken darf, als Mosgljäkoff, sogleich, nachdem sie die Tafel
+aufgehoben hatte, zu ihr trat und ganz unerwartet erklärte, daß er zu
+seinem größten Leidwesen, versteht sich – sie verlassen müsse.
+
+„Wohin denn das?“ fragte Marja Alexandrowna mit ungeheurem Mitgefühl.
+
+„Ja sehen Sie, Marja Alexandrowna,“ hub Mosgljäkoff etwas unruhig und
+betreten an, „es ist mir etwas äußerst Seltsames passiert. Ich weiß
+nicht einmal, wie ich es Ihnen sagen soll ... geben Sie mir um
+Gotteswillen einen Rat!“
+
+„Was, was ist es denn?“
+
+„Mein Pate Borodujeff, Sie wissen doch – jener Kaufmann ... der kam mir
+heute auf der Straße entgegen. Der gute Alte ist mir entschieden böse,
+macht mir Vorwürfe, sagt, ich sei stolz geworden. Jetzt bin ich zum
+dritten Male in Mordassoff und bin noch nicht ein einziges Mal bei ihm
+gewesen. Nun und heute mußte er mich fassen und da hat er mich denn
+aufgefordert: ‚Komm doch zum Tee zu mir!‘ sagte er. Jetzt ist es punkt
+vier, und den Tee trinkt er noch nach der alten Sitte, sobald er vom
+Mittagsschläfchen aufwacht, ungefähr um fünf. Was soll ich tun? gewiß,
+es ist ja, Marja Alexandrowna, – denken Sie nichts Schlechtes! Er hat
+doch meinen seligen Vater aus der Schlinge gezogen, damals, als dieser
+Kronsgelder verspielt hatte. Und deshalb wurde er dann auch mein Pate.
+Wenn meine Heirat mit Sinaïda Afanassjewna zustande kommt – nun, ich
+habe doch nur hundertundfünfzig Seelen. Er aber besitzt doch ein Kapital
+von einer Million Rubel, ja die Leute sagen sogar, er hätte noch mehr.
+Außerdem kinderlos. Gefällt man ihm, so vermacht er einem schließlich
+noch Hunderttausend testamentarisch. Und siebzig Jahre alt – bedenken
+Sie doch nur!“
+
+„Ach, mein Gott! Worauf warten Sie dann noch! Weshalb zögern Sie denn?“
+rief Marja Alexandrowna in fast unverhohlener Freude aus. „Aber so
+fahren Sie doch, fahren Sie doch unverzüglich zu ihm hin! Mit solchen
+Sachen darf man nicht scherzen. Deshalb! – ich wunderte mich die ganze
+Zeit während des Essens. Sie waren so nachdenklich! Fahren Sie, ^mon
+ami^, fahren Sie! Aber Sie hätten ihm doch auch schon gleich am Morgen
+Ihre Aufwartung machen müssen, um ihm zu zeigen, daß seine
+Freundlichkeit Ihnen schmeichelt, daß Sie sie zu schätzen wissen! Ach,
+diese Jugend, diese Jugend!“
+
+„Aber Sie haben doch selbst, Marja Alexandrowna,“ rief Mosgljäkoff
+verwundert aus, „Sie haben doch noch selbst verschiedene absprechende
+Bemerkungen über diese Bekanntschaft gemacht! Sie sagten doch noch vor
+kurzem, er sei ein Bauer, er habe einen langen Bart, stehe mit
+Schankwirten auf gleicher Stufe, mit ganz gewöhnlichen Leuten?“
+
+„Ach, ^mon ami^! Ich kann mich doch auch einmal irren, ich bin nicht
+unfehlbar! Ich entsinne mich dessen nicht mehr so genau ... vielleicht
+war ich in einer Stimmung, die ... Und schließlich, damals hatten Sie
+noch nicht um Sinachen angehalten ... Natürlich war das Egoismus
+meinerseits, aber jetzt muß ich doch unwillkürlich von einem anderen
+Standpunkte aus urteilen, und welche Mutter würde es mir in diesem Falle
+verdenken? Fahren Sie unverzüglich hin, zögern Sie keinen Augenblick!
+Sie müssen auch den Abend bei ihm zubringen ... ach, hören Sie! –
+erzählen Sie ihm auch von mir. Sagen Sie, daß ich ihn achte, liebe und
+überhaupt ihn zu schätzen weiß ... aber sagen Sie es nur nicht
+ungeschickt, nicht plump! Ach, mein Gott! Wie konnte ich nicht früher
+darauf verfallen! Ich hätte Sie sofort hinschicken müssen!“
+
+„Sie haben mich erlöst, Marja Alexandrowna!“ Mosgljäkoff war entzückt.
+„Von nun an, Ehrenwort, werde ich Ihnen in allem gehorchen! Und glauben
+Sie mir, ich hatte förmlich Angst, es Ihnen zu sagen! ... Nun, auf
+Wiedersehen, ich gehe sogleich zu ihm! Entschuldigen Sie mich, bitte,
+bei Sinaïda Afanassjewna. Aber ich kehre ja ...“
+
+„Ich segne Sie, ^mon ami^! Sehen Sie nur zu, daß Sie nicht vergessen,
+ihm von mir zu erzählen! Er ist wirklich ein netter alter Mann. Ich habe
+schon längst meine Meinung über ihn geändert ... Und übrigens habe ich
+immer dieses Altrussische, Unverfälschte an ihm geliebt ... ^Au revoir,
+mon ami, au revoir!^“
+
+„Das ist ja herrlich, daß der Teufel ihn mir vom Halse nimmt! Nein, da
+sieht man, Gott selbst steht mir bei!“ dachte sie, fast außer sich vor
+Freude.
+
+Pawel Alexandrowitsch Mosgljäkoff trat ins Vorzimmer und zog seinen Pelz
+an, als plötzlich, wie aus der Erde emporgewachsen, Nastassja Petrowna
+Sjäblowa vor ihm stand: sie hatte offenbar auf ihn gewartet.
+
+„Wohin wollen Sie?“ fragte sie und hielt ihn am Arm fest.
+
+„Zu Borodujeff, Nastassja Petrowna! Mein Pate – er hat geruht, mich aus
+der Taufe zu heben ... Ein reicher Alter, wird mir vielleicht was
+hinterlassen, da muß man ihn günstig stimmen!“ ...
+
+Mosgljäkoff war in der besten Stimmung.
+
+„Zu Borodujeff! Nun, dann verzichten Sie auf die Braut!“ sagte Nastassja
+Petrowna schroff.
+
+„Wieso verzichten?“
+
+„Wieso! Sie glauben wohl, daß sie Ihnen schon gehört! Machen Sie doch
+nur die Augen auf: da will man sie ja mit dem Fürsten verkuppeln. Habe
+es selbst gehört.“
+
+„Mit dem Fürsten? Erbarmen Sie sich, Nastassja Petrowna!“
+
+„Was ist da sich zu erbarmen! Ist es Ihnen nicht gefällig, sich selbst
+davon zu überzeugen? Werfen Sie den Pelz fort und kommen Sie!“
+
+Der halbbetäubte Mosgljäkoff warf seinen Pelz von den Schultern und
+folgte der Sjäblowa auf den Fußspitzen. Sie führte ihn in dieselbe
+dunkle Kleiderkammer, in der sie auch am Vormittag gelauscht hatte.
+
+„Aber ich bitte Sie, Nastassja Petrowna, ich verstehe entschieden nicht!
+...“
+
+„Das werden Sie sofort, wenn Sie sich nur ein wenig bücken und zuhören.
+Die Komödie wird sicherlich bald beginnen.“
+
+„Was für eine Komödie?“
+
+„Pst! Sprechen Sie nicht so laut! Die Komödie besteht darin, daß man Sie
+einfach betrügt. Am Vormittag, als Sie mit dem Fürsten ausgefahren
+waren, hat Marja Alexandrowna ihre Sina eine ganze Stunde beredet,
+diesen Fürsten zu heiraten und hat dabei noch solche Köder ausgehängt,
+daß mir geradezu übel wurde. Ich habe hier alles gehört. Sina willigte
+ein. Und wie reizend Sie von den beiden betitelt wurden! Man hält Sie
+einfach für einen Dummkopf und Sina sagte ganz offen, daß sie Sie unter
+keiner Bedingung heiraten würde. Und ich war nicht minder dumm! Wollte
+mir noch eine rosa Schleife anstecken! Hören, Sie, hören Sie!“
+
+„Aber das wäre doch die gottloseste Hinterlist, wenn das wahr ist!“
+stotterte Mosgljäkoff, der mit dem dümmsten Gesicht Nastassja Petrowna
+ansah.
+
+„So horchen Sie doch nur, dann werden Sie noch ganz andere Dinge hören.“
+
+„Wo soll ich denn horchen?“
+
+„Hier, sehen Sie doch, hier, hier ist ein Spalt ...“
+
+„Aber, Nastassja Petrowna, ich ... ich bin nicht fähig, andere zu
+belauschen ...“
+
+„Womit Sie jetzt kommen! Hier, mein Lieber, stecken Sie die Ehre mal in
+die Tasche: sind Sie hergekommen, so horchen Sie!“
+
+„Aber ...“
+
+„Und sind Sie wirklich nicht fähig dazu, so ziehen Sie bitte mit langer
+Nase ab! ... Ich tue es nur zu seinem Besten und er wird jetzt noch
+hochmütig! Mir kann es doch ganz egal sein. Ich werde nicht einmal bis
+zum Abend hier bleiben ...“
+
+Mosgljäkoff tat sich Gewalt an und beugte sich zum Spalt. Sein Herz
+schlug laut, in seinen Schläfen hämmerte das Blut. Er wußte kaum, was er
+tat.
+
+
+ VIII.
+
+„So haben Sie denn die Zeit sehr angenehm verbracht bei Natalja
+Dmitrijewna?“ erkundigte sich Marja Alexandrowna, die mit gierigem Blick
+das Feld der bevorstehenden Schlacht übersah und das Gespräch mit einem
+möglichst unschuldigen Thema einleiten wollte. Das Herz klopfte ihr vor
+Aufregung und Erwartung.
+
+Nach dem Essen war der Fürst in den „Salon“ geführt worden, in dem ihn
+die Hausfrau auch am Morgen empfangen hatte. Alle feierlichen Empfänge
+geschahen bei Marja Alexandrowna in diesem Salon, auf den sie sehr stolz
+war. Der alte Herr konnte sich nach den sechs Glas Champagner nicht mehr
+ganz sicher auf den Füßen halten. Dafür sprach er ohne Unterlaß. Marja
+Alexandrowna begriff, daß diese Lebhaftigkeit nur von kurzer Dauer sein
+könnte und der Gast bald schläfrig werden würde. Jetzt hieß es, den
+Augenblick ausnutzen. Freudig gewahrte sie, daß der wollüstige Greis mit
+eigentümlich leckeren Blicken ihre Sina betrachtete und ihr Mutterherz
+erzitterte vor Glück.
+
+„Äußerst an–genehm,“ antwortete der Fürst. „Und wissen Sie, eine
+beispiellose Frau, diese Natalja Dmitrijewna, eine bei–spiel–lose Frau!“
+
+Wie beschäftigt Marja Alexandrowna nun auch mit ihren großen Plänen war,
+so traf sie doch ein so lautes Lob ihrer Feindin mitten ins Herz.
+
+„Was Sie sagen, mein Fürst!“ rief sie aus und ihre Augen blitzten. „Wenn
+sogar diese Natalja Dmitrijewna eine beispiellose Frau sein soll, dann
+weiß ich nicht, an was ich mich noch halten soll! Aber dann kennen Sie
+ja die hiesige Gesellschaft nicht im geringsten! Das ist doch nichts als
+eine Ausstellung der eigenen Tugenden, der eigenen edlen Gefühle, eine
+Komödie, nur eine äußere goldene Schale. Heben Sie diese Schale etwas
+auf und Sie werden eine ganze Hölle unter Blumen entdecken, ein ganzes
+Wespennest, in dem Sie bis auf den letzten Knochen verzehrt werden!“
+
+„Ist’s möglich?“ fragte der Fürst erstaunt. „Das wun–dert mich!“
+
+„Aber ich schwöre es Ihnen! Ah, ^mon prince^! Hör, Sina, ich muß, ich
+muß doch dem Fürsten diesen lächerlichen und beschämenden Vorfall mit
+dieser Natalja erzählen, – in der vergangenen Woche, du weißt doch noch?
+Ja, Fürst, – das war dieselbe von Ihnen gepriesene Natalja Dmitrijewna,
+die Sie so entzückt hat. O, mein liebster Fürst! Ich schwöre Ihnen, ich
+bin keine Klatschbase! Aber ich muß es unbedingt erzählen – nur um Sie
+zu erheitern, um Ihnen hier in einer lebenden Probe, sozusagen durch ein
+optisches Glas zu zeigen, was das hier für Leutchen sind. Vor zwei
+Wochen kam diese Natalja Dmitrijewna zu mir. Es wurde Kaffee gereicht,
+ich aber mußte aus irgend einem Grunde den Salon auf einen Augenblick
+verlassen. Ich entsinne mich ganz genau, wieviel ich noch an Stückzucker
+in der silbernen Dose hatte: sie war noch ganz voll. Ich kehre zurück
+und was sehe ich? – es liegen nur noch drei Stückchen auf dem Boden der
+Dose. Außer Natalja Dmitrijewna war niemand im Zimmer gewesen. Wie
+finden Sie das! Sie ist eine reiche Hausbesitzerin! Dieser kleine
+Zwischenfall ist natürlich lächerlich, aber hiernach können Sie auf die
+Sittlichkeit der ganzen hiesigen Gesellschaft schließen!“
+
+„Ist es mög–lich!“ Der Fürst war aufrichtig erstaunt. „Was für eine
+un–natürliche Habgier! Und sie hat alles allein aufgegessen?“
+
+„Nun sehen Sie, was für eine _beispiellose_ Frau sie ist, mein Fürst!
+Wie gefällt Ihnen diese schmachvolle Episode? Ich würde, glaube ich,
+noch in derselben Minute sterben, in der ich mich zu einer so
+widerlichen Handlung entschlossen hätte!“
+
+„Nun ja, nun ja ... Nur, wissen Sie, sie ist doch immerhin ^belle
+femme^.“
+
+„Wer? Doch nicht Natalja Dmitrijewna? Aber ich bitte Sie, Fürst, sie ist
+doch einfach ein Marktweib! Ah, ^mon prince, mon prince^! Was haben Sie
+da gesagt! Ich habe von Ihnen viel mehr Geschmack erwartet ...“
+
+„Nun ja, ein Markt–weib ... nur wissen Sie, sie ist so gebaut ... Nun
+ja, und dieses Mädchen, das dort tanzte, ist gleichfalls ... so gebaut
+...“
+
+„Meinen Sie die Ssonjä? Aber sie ist ja noch ein Kind, Fürst! Sie ist
+erst vierzehn Jahre alt!“
+
+„Nun ja ... nur, wissen Sie ... sie ist so graziös und bei ihr
+entwickeln sich gleichfalls ... Formen. So ein net–tes Ding. Und die
+an–de–re, die dort mit ihr tanz–te ... ent–wickelt sich gleichfalls ...“
+
+„Ach, das ist eine arme Waise, Fürst! Sie wird von ihnen oft ins Haus
+gerufen.“
+
+„Eine Wai–se! Nun ja, aber sie war schmutzig, wie gesagt, wenn sie doch
+we–nig–stens die Hände vor–her gewaschen hätte ... Aber sie ist, wie
+gesagt, gleichfalls ver–führerisch ...“
+
+Während dieses Gesprächs betrachtete der Fürst Sina immer aufmerksamer
+und immer lüsterner durch sein Lorgnon.
+
+„^Mais quelle charmante personne!^“ murmelte er halblaut und schnalzte
+fast vor Wonne.
+
+„Sina, spiel uns etwas vor, oder nein, singe uns ein Lied! Wenn Sie
+wüßten, wie schön sie singt, Fürst! Man kann sagen, sie ist eine
+Künstlerin, eine vollendete Künstlerin! Und wenn Sie wüßten, Fürst,“
+fuhr Marja Alexandrowna halblaut fort, als Sina zum Flügel ging – sie
+hatte einen so ruhigen, fast schwebenden Gang, der dem Alten noch den
+letzten Gnadenstoß verlieh – „wenn Sie wüßten, was für eine Tochter sie
+ist! Wie sie zu lieben versteht, wie zärtlich sie zu mir ist! Welche
+Gefühle, welch ein Herz!“
+
+„Nun ja, Gefühle ... und wis–sen Sie, ich habe nur eine einzige Frau
+gekannt, in meinem ganzen Leben, mit der ich ihre Schön–heit
+ver–glei–chen könnte,“ unterbrach der Fürst, dem der Mund immer mehr
+wässerte. „Das war die verstorbene Gräfin Nainskij, sie starb vor et–wa
+dreißig Jahren. Eine wun–der–bare Frau war sie, von un–beschreib–-licher
+Schönheit ... später heiratete sie noch ihren Koch ...“
+
+„Ihren Koch, Fürst!?“
+
+„Nun ja, ihren Koch ... einen Fran–zo–sen ... im Aus–lande. Sie hatte
+ihm dort im Aus–lande einen Grafen–ti–tel verschafft. Er war eine gu–te
+Er–schei–nung und sehr ge–bil–det ... mit einem kleinen Schnurr–bart
+...“
+
+„Und ... und ... wie lebten sie denn, mein Fürst?“
+
+„Nun ja, sie lebten gut. Aber wie gesagt, sie gingen bald auseinander.
+Er plünderte sie vollkommen aus und fuhr dann fort. Sie waren wegen
+einer Sau–ce in Streit geraten ...“
+
+„Mama, was soll ich spielen?“ fragte Sina.
+
+„Ach, sing uns lieber etwas vor, Sinachen. Wie sie singt Fürst! Lieben
+Sie Musik?“
+
+„O ja! Charmant, charmant! Ich liebe sehr Musik. Im Aus–lande war ich
+mit Beet–ho–ven bekannt.“
+
+„Mit Beethoven! Denk dir, Sina, der Fürst war mit Beethoven bekannt!“
+wiederholt Marja Alexandrowna entzückt. „Ach, Fürst! Waren Sie wirklich
+mit Beethoven bekannt?“
+
+„Nun ja ... wir standen auf freundschaftlichem Fuß. Seine Nase hatte er
+be–ständig in der Tabaksdose. So ein komischer Mensch!“
+
+„Beethoven?“
+
+„Nun ja, Beethoven. Viel–leicht war es, wie gesagt, auch nicht
+Beet–ho–ven, sondern ir–gend ein an–de–rer Deut–scher. Dort gibt es sehr
+viel Deutsche ... Wie gesagt, ich habe ein wenig ver–wech–selt ...“
+
+„Was soll ich denn singen, Mama?“ fragte Sina.
+
+„Ach, Sina! Sing diese Romanze, in der, weißt du noch, soviel
+mittelalterlich Ritterliches war, diese Schloßherrin und ihr Troubadour
+... Ach, Fürst! Wie ich dieses ganze Rittertum liebe! Diese Burgen,
+diese Schlösser! Dieses ganze mittelalterliche Leben! Diese Troubadours,
+Herolde, Turniere ... Ich werde begleiten, Sina. Setzen Sie sich
+hierher, Fürst, etwas näher! Ach, diese Schlösser, diese Burgen!“
+
+„Nun ja ... diese Burgen. Ich liebe sie auch, diese Burgen,“ murmelte
+der Fürst entzückt, während er sein einziges Auge in Sina geradezu
+hineinbohrte. „Aber ... ^mon Dieu!^ – diese Romanze! ... Aber ... ich
+kenne diese Ro–manze. Ich habe sie vor langer Zeit gehört ... Sie
+er–in–nert mich so daran ... Ah, ^mon Dieu^!“
+
+Ich will nicht zu beschreiben versuchen, was mit dem Fürsten geschah,
+als Sina sang. Sie sang eine alte französische Ballade, die einmal sehr
+beliebt gewesen war. Sina hatte eine prachtvolle Stimme. Ihr reiner,
+klangvoller Kontraalt drang bis ins Herz hinein; ihr wundervolles
+Gesicht mit den herrlichen Augen, ihre schmalen, zarten Finger, mit
+denen sie die Blätter umwandte, ihre dunklen, glänzenden Haare, die zu
+einem schweren Knoten geschlungen waren, die sich hebende und senkende
+junge Brust, ihre ganze Gestalt, die stolz, schön und edel vor ihm stand
+– alles das schlug den armen Alten endgültig in seinen Zauberbann. Er
+verschlang sie mit den Blicken, als sie sang, er schluckte nur noch vor
+Aufregung. Sein Greisenherz, das von Champagner, Musik und Erinnerungen,
+die wohl ein jeder hat, erwärmt wurde, klopfte immer schneller und
+lauter ... wie es lange nicht mehr geklopft hatte. Er hätte vor Sina
+niederknieen und weinen mögen, nachdem sie geendet hatte.
+
+„Oh, ^ma charmante enfant^!“ rief er aus und küßte ihre Hand, „^vous me
+ravissez!^ Erst jetzt, erst jetzt komme ich zur Besinnung ... Aber ...
+aber ... oh, ^ma charmante enfant^ ...“
+
+Und die Stimme versagte ihm sogar.
+
+Marja Alexandrowna fühlte, daß jetzt ihr Augenblick gekommen war.
+
+„Weshalb begraben Sie sich, Fürst?“ fiel sie feierlich dazwischen.
+„Soviel Gefühl, soviel Lebenskraft, soviel seelischer Reichtum, und Sie
+graben sich für Ihr ganzes Leben in der Einsamkeit ein! Wie kann man
+sich nur so von den Menschen, den Freunden zurückziehen! Das ist doch
+unverzeihlich! Besinnen Sie sich, Fürst! So sehen Sie doch mit klarem
+Blick auf das Leben! Erwecken Sie die Erinnerung an Vergangenes in Ihrem
+Herzen, denken Sie an Ihre goldene Jugend, an die heiteren sorglosen
+Tage: erwecken Sie sie wieder, lassen Sie sie auferstehen! Leben Sie
+doch wieder in der Gesellschaft, unter Menschen! Fahren Sie ins Ausland,
+nach Italien, nach Spanien – nach Spanien, Fürst. Brauchen Sie einen
+Führer, ein Herz, das Sie liebt, das mit Ihnen fühlt, das für Sie sorgt?
+Aber Sie haben doch Freunde! Rufen Sie sie, nur ein Wink genügt und sie
+werden in Scharen angelaufen kommen! Ich werde die erste sein, die alles
+hinwirft und auf Ihren Ruf hin zu Ihnen kommt. Ich habe unsere
+Freundschaft noch nicht vergessen, Fürst; ich werde meinen Mann
+verlassen und Ihnen folgen ... und selbst wenn ich noch jünger wäre,
+wenn ich so schön und gut wäre, wie meine Tochter, so würde ich Ihre
+Gefährtin, Ihre Freundin werden, ja selbst Ihre Frau, wenn Sie es nur
+wünschten!“
+
+„Und ich bin ü–ber–zeugt, daß Sie ^une charmante personne^ waren, zu
+Ih–rer Zeit,“ sagte der Fürst und schnaubte sich. Seine Augen waren
+feucht.
+
+„Wir leben in unseren Kindern, Fürst,“ antwortete Marja Alexandrowna mit
+hohem Gefühl. „Ich habe gleichfalls einen Schutzengel bei mir! Das ist
+sie – meine Tochter, die Freundin meines Herzens, mit der ich alle meine
+Gedanken teile, Fürst! Sie hat sieben Bewerber zurückgewiesen, nur um
+sich nicht von mir trennen zu müssen.“
+
+„Dann wird sie wohl auch mit Ihnen fahren, wenn Sie mich ins Ausland
+be–glei–ten? In dem Fall werde ich un–be–dingt ins Ausland fahren!“ rief
+der Fürst begeistert aus, „werde ich un–be–dingt fahren! Und wenn ich
+mir mit der Hoffnung schmeicheln könnte ... Aber sie ist ja ein
+be–zau–berndes, ein be–rück–endes Kind! Oh, ^ma charmante enfant^ ...“
+Und der Fürst küßte ihr von neuem die Hand. Der Arme, er wollte sogar
+vor ihr niederknien!
+
+„Aber ... aber, Fürst, Sie fragen: ob Sie sich mit der Hoffnung
+schmeicheln könnten?“ griff Marja Alexandrowna auf, die neue
+Beredsamkeit in sich fühlte. „Sie sind wirklich sonderbar, Fürst! Halten
+Sie sich denn womöglich für nicht mehr würdig der Beachtung einer Frau?
+Nicht Jugend macht die Schönheit aus. Vergessen Sie nicht, daß Sie
+sozusagen ein Stück der Aristokratie sind! Sie sind der Repräsentant der
+feinsten, der ritterlichsten Gefühle und ... Manieren! Hat sich denn
+Maria nicht in den alten Mazeppa verliebt? Ich weiß, ich habe gelesen,
+daß Lausin, dieser bezaubernde Marquis am Hofe Louis ... ich habe
+vergessen, des wievielten – noch in alten Jahren, als Greis, das Herz
+einer der ersten Hofschönheiten gewonnen hat! ... Und wer hat Ihnen
+gesagt, daß Sie ein Greis seien? Wer hat Sie auf diesen Gedanken
+gebracht? Können denn Menschen wie Sie überhaupt alt werden? Sie mit
+Ihrem ganzen Reichtum an Gefühlen, Gedanken, Heiterkeit, Geist,
+Lebenskraft, glänzenden Manieren! Sie brauchen ja nur irgendwo im
+Auslande, in einem Kurort mit einer jungen Frau zu erscheinen, mit einer
+Schönheit wie zum Beispiel meine Sina – ich rede nicht unbedingt von
+ihr, ich führe sie nur als Beispiel an – und Sie werden sehen, was für
+einen kolossalen Eindruck Sie machen werden! Sie sind ein Stück
+Aristokratie und sie ist eine Schönheit unter Schönheiten! Sie führen
+sie am Arm feierlich in die Säle. Sie wird in den glänzendsten
+Gesellschaften singen und Sie Ihrerseits werden geistvolle Bemerkungen
+um sich streuen, – aber der ganze Kurort wird ja zusammenlaufen, um
+dieses Paar zu sehen! Ganz Europa wird davon reden, denn alle Zeitungen,
+alle Feuilletons in den Kurorten werden davon voll sein! ... Oh, ^mon
+prince^! Und Sie fragen noch, ob Sie sich mit der Hoffnung schmeicheln
+dürften?“
+
+„Feuil–letons ... nun ja, nun ja! ... Das ist in den Zeitungen ...“
+murmelte der Fürst, der die Hälfte ihres Geschwätzes nicht versteht und
+immer gerührter wird. „Mein Kind, wenn es Sie nicht er–mü–det hat –
+singen Sie mir dann noch einmal diese Ro–man–ze vor, die Sie soeben
+sangen!“
+
+„Ach, Fürst! Aber sie kennt ja auch noch andere Romanzen, noch bessere
+... Entsinnen Sie sich noch des kleinen Liedes ‚L’hirondelle‘? Sie haben
+es sicherlich gehört!“
+
+„Gewiß, ich entsinne mich ... oder richtiger, ich habe es ver–ges–sen.
+Nein, nein, dieselbe Ro–man–ze, dieselbe, die sie so–e–ben ge–sun–gen
+hat! Ich will nicht l’hirondelle! Ich will dieselbe Ro–man–ze hören ...“
+bat der Fürst wie ein eigensinniges Kind.
+
+Sina sang sie noch einmal. Da konnte sich der Arme nicht mehr bezwingen
+und sank vor ihr auf die Knie nieder. Er weinte sogar.
+
+„Oh, ^ma belle châtelaine^!“ Seine Stimme zitterte vor Altersschwäche
+und Aufregung. „Oh ^ma charmante châtelaine^! O, mein liebes Kind! Sie
+haben mich an so vieles erin–nert ... an längst Ver–gangenes ... Ich
+glaubte immer, daß alles besser werden würde, als es dann wurde. Ich
+sang damals Duette ... mit der Vicomtesse ... dieselbe Ro–man–ze ...
+jetzt aber ... ich weiß nicht mehr, was jetzt ist ...“
+
+Diese ganze Rede brachte der Fürst atemlos und stockend hervor. Seine
+Zunge wurde merklich steif. Einzelne Worte waren kaum zu verstehen. Man
+sah nur, daß er im höchsten Grade erregt und gerührt war – und so
+beeilte sich Marja Alexandrowna, noch Öl ins Feuer zu gießen.
+
+„^Mon prince!^ Aber Sie werden sich ja schließlich noch in meine Sina
+verlieben!“ rief sie aus. Sie fühlte, daß der Augenblick entscheidend
+war.
+
+Die Antwort des Fürsten übertraf ihre besten Erwartungen.
+
+„Ich bin bis zum Wahnsinn in sie verliebt!“ rief der Alte aus, plötzlich
+wie neu belebt, während er immer noch vor ihr kniete und vor Aufregung
+am ganzen Körper zitterte. „Ich würde für sie mein Leben hin–geben! Und
+wenn ich nun hoffen dürf–te ... Aber er–he–ben Sie mich, ich bin ein
+we–nig schwach ge–wor–den ... Ich ... wenn ich nur wa–gen dürf–te, ihr
+mein Herz an–zu–bieten, so ... würde ich ... sie würde mir jeden Tag
+Ro–manzen vorsingen und ich würde sie immer an–se–hen ... im–mer
+an–se–hen ... Ah, ^mon Dieu^!“
+
+„^Mon prince, mon prince!^ Sie halten um ihre Hand an! Sie wollen sie
+mir fortnehmen, meine Sina, meinen Liebling, meinen Engel, mein
+Sinachen! Kind, ich lasse dich nicht von mir! Sina! Möge man dich mir
+aus den Händen reißen, – freiwillig lasse ich dich nicht! – aus den
+Mutterarmen!“ Marja Alexandrowna stürzte sich auf die Tochter und
+umschlang sie krampfhaft, obschon sie fühlte, daß sie ziemlich stark
+zurückgestoßen wurde ... Die Mama war etwas zu eifrig. Sina litt mit
+jeder Fiber und sah mit unerträglichem Ekel auf die ganze Komödie. Aber
+sie schwieg, und das war schließlich alles, was die Mutter zur
+Durchführung ihres Planes nötig hatte.
+
+„Sie hat neunmal Nein gesagt, nur um sich nicht von ihrer Mutter trennen
+zu müssen!“ beteuerte Marja Alexandrowna. „Jetzt aber fühlt mein Herz
+die bevorstehende Trennung! Schon vorhin fiel es mir auf, wie sie Sie
+ansah ... Sie haben sie mit Ihrem Aristokratismus besiegt, Fürst, mit
+dieser ausgesuchten Vornehmheit! ... O, Sie werden uns trennen! – das
+fühle ich!“
+
+„Ich ver–göt–tere sie!“ stieß der Fürst, der immer noch wie ein
+Espenblatt zitterte, abgebrochen hervor.
+
+„Also du verläßt deine Mutter!“ rief Marja Alexandrowna aus und warf
+sich von neuem der Tochter an den Hals.
+
+Sina beeilte sich, den schweren Minuten ein Ende zu machen. Sie reichte
+dem Fürsten stumm ihre wundervolle Hand und zwang sich sogar zu einem
+Lächeln. Der Fürst ergriff mit wilder Andacht dieses Händchen und
+bedeckte es mit hundert Küssen.
+
+„Jetzt erst beginne ich zu leben!“ stieß er hervor, hingerissen in
+seiner Begeisterung.
+
+„Sina!“ hub Marja Alexandrowna feierlich an, „siehe diesen Menschen! Er
+ist der ehrenhafteste, der edelste Mensch von allen, die ich kenne! Das
+ist ein mittelalterlicher Ritter! Aber sie weiß es, Fürst, sie weiß es,
+zu meinem Herzeleid ... Oh! weshalb sind Sie hergekommen! Ich übergebe
+Ihnen meinen kostbarsten Schatz, meinen Schutzengel! Behüten Sie ihn,
+Fürst! Eine Mutter bittet Sie darum und welche Mutter würde mir meinen
+Schmerz nicht nachfühlen?“
+
+„Mama, genug!“ raunte ihr Sina zu.
+
+„Sie werden sie vor jeder Kränkung bewahren, Fürst! Ihr Degen wird den
+Verleumder oder den Frechen, der es wagt, mein Kind zu beleidigen, zu
+strafen wissen!“
+
+„Hören Sie auf, Mama, oder ich ...“
+
+„Nun ja, strafen ...“ murmelte der Fürst. „Jetzt erst beginne ich zu
+leben ... Ich will, daß die Hochzeit sofort sei, im Augenblick ... ich
+... Ich will so–fort nach Du–cha–no–wo schicken. Dort habe ich
+Bril–lanten. Ich will sie ihr zu Fü–ßen legen ...“
+
+„Welche Leidenschaft! Welche Liebe! Welch edle Gefühle!“ rief Marja
+Alexandrowna aus. „Und Sie konnten, Fürst, Sie konnten sich so
+vergraben, sich so von aller Welt abschließen? Ich werde es Ihnen
+tausendmal vorwerfen! Ich bin außer mir, wenn ich an diese höllische
+...“
+
+„Was soll–te ich denn tun, ich hat–te solche Angst!“ stammelte der Fürst
+halb weinend mit unsicherer Stimme. „Sie wollten mich in eine
+Ir–ren–an–stalt ein–sper–ren ... Da er–schrak ich doch!“
+
+„In eine Irrenanstalt! O, diese Ungeheuer! Diese unmenschlichen
+Menschen! O, diese Niedertracht! ^mon prince^ – ich habe schon früher
+davon gehört! Aber das ist doch Irrsinn von seiten dieser Leute! Und
+weshalb nur, aus welchem Grunde?“
+
+„Ich weiß es ja selbst nicht, aus welchem Grun–de!“ antwortete der Alte,
+der sich vor Schwäche hinsetzte. „Ich, wissen Sie, ich war auf einem
+Ball und erzähl–te dort eine A–nek–do–te, und die hat–te ihnen nicht
+ge–fal–len. Nun ja und daraus ent–stand die Ge–schich–te!“
+
+„Und das allein war der Grund, Fürst?“
+
+„Nein. Ich hatte dann noch Kar–ten gespielt, mit Fürst Pjotr
+De–men–tjitsch, und war ohne sechs ge–blie–ben. Ich hatte zwei Kö–ni–ge
+und drei Da–men, oder rich–tiger, drei Da–men und zwei Kö–ni–ge ...
+Nein! einen König! Und dann erst kamen die Da–men ...“
+
+„Und deshalb? Deshalb! O, diese höllische Unmenschlichkeit! Sie weinen,
+mein Fürst! Aber jetzt brauchen Sie nichts mehr zu fürchten! Jetzt werde
+ich bei Ihnen sein, mein Fürst! Ich werde mich nicht von Sina trennen,
+und dann wollen wir doch sehen, ob sie noch ein Wort zu sagen wagen!! –
+... Und Ihre Heirat, Fürst, wird sie mehr als überraschen, sie wird sie
+beschämen! Sie werden sich doch sagen müssen, daß Sie dann noch fähig
+sind ... das heißt, sie werden sich sagen, daß eine solche Schönheit
+doch nicht einen Irrsinnigen heiraten würde! Jetzt können Sie stolz das
+Haupt erheben, Sie werden jenen offen in die Augen sehen ...“
+
+„Nun ja, nun ja, ich werde ihnen offen in die Augen sehen,“ murmelte der
+Fürst und die Augen fielen ihm zu.
+
+„Weiß Gott, er ist ja ganz und gar hinfällig,“ dachte Marja
+Alexandrowna, „ich verliere nur unnütz meine Worte!“
+
+„Mein Fürst, Sie sind erregt, ich sehe es. Sie müssen sich jetzt
+unbedingt beruhigen, sich erholen,“ sagte sie gütig zuredend, indem sie
+sich mütterlich zu ihm beugte.
+
+„Nun ja, ich würde gern ein wenig lie–gen,“ sagte er.
+
+„Ja, ja! Beruhigen Sie sich, Fürst! Diese Aufregungen ... Warten Sie,
+ich werde Sie selbst geleiten ... Ich werde Sie selbst zu Bett bringen,
+wenn es nötig ist. – Weshalb sehen Sie so starr auf dieses Porträt,
+Fürst? Das ist das Bild meiner Mutter, – eines Engels, aber nicht einer
+Frau! O, weshalb weilt sie jetzt nicht mehr unter uns! Sie war eine
+Heilige! – Ich nenne sie nie anders!“
+
+„Eine Hei–li–ge? ^c’est joli^ ... Ich habe gleich–falls eine Mutter
+gehabt ... ^une princesse^ ... und – denken Sie sich – es war eine
+außer–ge–wöhn–lich vol–le Frau ... Aber, wie gesagt, ich wollte etwas
+an–de–res sagen ... Ich bin etwas er–mü–det. ^Adieu, ma charmant
+enfant!^ ... Ich werde mit Won–ne ... ich werde heute ... morgen ... Nun
+ja, gleichviel! ^au revoir, au revoir!^“ Er wollte noch mit der Hand
+einen Gruß senden, stolperte jedoch bei der Gelegenheit und wäre fast
+gefallen.
+
+„Vorsichtiger, mein Fürst! Stützen Sie sich auf meinen Arm!“ rief ihm
+Marja Alexandrowna zu.
+
+„Charmant, charmant!“ murmelte er noch im Fortgehen. „Jetzt erst beginne
+ich zu leben ...“
+
+Sina blieb allein zurück. Es war ihr, als läge eine erdrückende Last auf
+ihren Schultern. Ihr ward fast übel vor Ekel. Sie hätte sich selbst
+verachten mögen. Ihre Wangen brannten. Mit ineinandergekrampften Händen,
+zusammengebissenen Zähnen stand sie, den Kopf gesenkt und rührte sich
+nicht. Tränen der Scham rollten aus ihren Augen ... Da wurde die Tür
+aufgerissen und Mosgljäkoff stürzte ins Zimmer.
+
+
+ IX.
+
+Er hatte alles gehört, alles!
+
+Bleich vor Aufregung und Zorn stürzte er herein – denn eintreten konnte
+man es wahrlich nicht nennen. Sina sah ihn verwundert an.
+
+„Also so sind Sie!“ schrie er atemlos. „Jetzt habe ich endlich erfahren,
+was Sie sind!“
+
+„Was ich bin?“ wiederholte Sina, die ihn wie einen Wahnsinnigen
+verständnislos ansah; plötzlich aber begriff sie und Zorn blitzte in
+ihren Augen.
+
+„Wie wagen Sie es, so mit mir zu sprechen!“ Sie trat auf ihn zu.
+
+„Ich habe alles gehört!“ wiederholte Mosgljäkoff feierlich, trat aber
+doch unwillkürlich einen Schritt vor ihr zurück.
+
+„Sie haben alles gehört? Sie haben an der Tür gelauscht?“
+
+„Ja, ich habe gelauscht! Ja, ich habe mich zu dieser niedrigen Tat
+entschlossen, dafür aber habe ich jetzt erfahren, daß Sie die aller ...
+Ich weiß nicht einmal, wie ich mich ausdrücken soll, um Ihnen zu sagen
+... als was Sie jetzt dastehen!“ antwortete er, während sein Mut unter
+ihrem Blick immer mehr dahinschwand.
+
+„Und selbst wenn Sie alles gehört haben, wessen können Sie mich denn
+beschuldigen? Welch ein Recht haben Sie überhaupt, mir etwas
+vorzuwerfen? Welches Recht haben Sie, so ungezogen mit mir zu reden?“
+
+„Ich? Welch ein Recht ich habe? Und Sie fragen das noch? Sie heiraten
+den Fürsten und ich soll kein Recht haben! Aber Sie haben mir doch Ihr
+Wort gegeben! Ganz einfach!“
+
+„Wann?“
+
+„Wieso wann?“
+
+„Ich habe Ihnen noch heute morgen, als Sie wieder in mich drangen,
+deutlich gesagt, daß ich Ihnen nichts Bestimmtes versprechen könne.“
+
+„Aber ... einstweilen ... Sie haben mich nicht zurückgewiesen, Sie haben
+mir nicht endgültig abgesagt! Sie haben mich also für den Notfall
+aufbewahrt! Sie haben mich angelockt!“
+
+In Sinas bleichem Gesicht spielte sich ein schmerzliches Gefühl wieder;
+wie etwa von einem scharfen, durchbohrenden inneren Schmerz; doch sie
+bezwang sich.
+
+„Wenn ich Sie nicht fortgeschickt habe,“ antwortete sie langsam und
+deutlich, wenn auch in ihrer Stimme ein leises Zittern zu hören war, „so
+habe ich es nur aus Mitleid getan. Sie selbst haben mich gebeten, noch
+ein wenig mit der Antwort zu zögern, Ihnen nicht sofort Nein zu sagen,
+sondern Sie näher kennen zu lernen, und ‚dann,‘ sagten Sie, ‚dann, wenn
+Sie sich überzeugt haben werden, daß ich ein ehrenwerter Mensch bin,
+dann werden Sie mich vielleicht doch nicht abweisen‘. Das sind Ihre
+eigenen Worte, die Sie zu Anfang Ihrer Werbung gesagt haben. Sie können
+sie nicht verleugnen! Und jetzt haben Sie gewagt, mir zu sagen, daß ich
+Sie angelockt hätte! Sie haben aber doch meinen Widerwillen bemerkt, als
+ich Sie zwei Wochen früher, als Sie sich angesagt hatten, wiedersah, und
+diesen Widerwillen habe ich vor Ihnen nicht verborgen, im Gegenteil, ich
+habe ihn offen gezeigt. Und Sie haben ihn auch bemerkt, denn Sie selbst
+fragten mich, ob ich Ihnen deshalb böse sei, weil Sie früher
+wiedergekommen wären. Merken Sie sich, daß man denjenigen nicht anlockt,
+vor dem man seinen Widerwillen weder verbergen kann noch _will_. Sie
+haben es gewagt, mir zu sagen, ich hätte Sie für den Notfall aufbewahrt.
+Hierauf antworte ich Ihnen, daß ich mir über Sie etwa folgendes gedacht
+habe: ‚Wenn er auch nicht mit sehr bedeutendem Verstande begabt ist, so
+kann er vielleicht doch ein guter Mensch sein und folglich könnte man
+ihn heiraten‘. Jetzt aber, nachdem ich mich zu meinem Glück noch
+rechtzeitig überzeugt habe, daß Sie ein Dummkopf sind und zum Überfluß
+noch ein bösartiger Dummkopf, so bleibt mir nichts anderes übrig, als
+Ihnen ein angenehmes Leben und glückliche Reise zu wünschen. Leben Sie
+wohl!“
+
+Sina wandte sich von ihm ab und verließ langsam das Zimmer.
+
+Mosgljäkoff begriff, daß er jetzt alles verloren hatte und geriet außer
+sich.
+
+„Ah! So bin ich denn jetzt bereits ein Dummkopf,“ schrie er, „so bin ich
+denn ein Dummkopf! Gut! Leben Sie wohl! Doch bevor ich fort fahre, werde
+ich der ganzen Stadt erzählen, wie Sie mit Ihrer Mutter den Fürsten
+umgarnt haben, nachdem er von Ihnen genügend angeheitert worden ist!
+Allen werde ich es erzählen! Sie sollen Mosgljäkoff kennen lernen!“
+
+Sina fuhr zusammen und wollte stehen bleiben, um zu antworten, bedachte
+sich aber, zuckte nur verächtlich mit der Achsel und schlug die Tür
+hinter sich zu.
+
+Fast im selben Augenblick erschien Marja Alexandrowna in der anderen
+Tür. Sie hatte Mosgljäkoffs letzten Ausruf vernommen, erriet in einer
+Sekunde den ganzen Zusammenhang und erschrak. Mosgljäkoff war noch nicht
+fortgefahren, Mosgljäkoff war noch in der Nähe des Fürsten, Mosgljäkoff
+konnte ja die Neuigkeit in der ganzen Stadt verbreiten, während doch
+gerade die Geheimhaltung derselben, und wenn auch nur für noch so kurze
+Zeit, die erste Bedingung war! Marja Alexandrowna hatte ihre eigenen
+Berechnungen. Nur einen Augenblick überlegte sie sich die Sachlage und
+dann hatte sie auch schon den Plan einer Besänftigung Mosgljäkoffs
+entworfen.
+
+„Was haben Sie, ^mon ami^!“ fragte sie, trat auf ihn zu und streckte ihm
+freundschaftlich die Hand entgegen.
+
+„Was! Noch ‚^mon ami^‘!“ schrie Mosgljäkoff in rasender Wut. „Nach
+allem, was Sie getan haben, noch ^mon ami^! Das verbitte ich mir, meine
+Gnädigste! Und Sie glauben, mich noch einmal betrügen zu können!“
+
+„Es tut mir leid, es tut mir sehr leid, daß ich Sie in einer so
+_sonderbaren_ Stimmung angetroffen habe, Pawel Alexandrowitsch. Was ist
+das für ein Ton? Sie bedenken nicht einmal Ihre Ausdrücke, deren Sie
+sich einer Dame gegenüber bedienen.“
+
+„Einer Dame gegenüber! Sie ... Sie sind alles was Sie wollen, nur keine
+Dame!“ schrie wieder Mosgljäkoff. Ich weiß nicht, was er eigentlich
+sagen wollte, jedenfalls aber wird es etwas Vernichtendes gewesen sein.
+
+Marja Alexandrowna sah ihn mit frommen Augen an.
+
+„Setzen Sie sich!“ sagte sie dann mit trauriger Stimme und wies auf
+denselben Stuhl, auf dem noch vor wenigen Minuten der Fürst gesessen
+hatte.
+
+„Aber hören Sie, das geht doch nicht, Marja Alexandrowna!“ Mosgljäkoff
+war ganz verdutzt. „Sie sehen mich an, als wenn nicht Sie vor mir,
+sondern womöglich noch ich vor Ihnen schuldig wäre! Da – da – das geht
+doch nicht! ... Dieser Ton! ... Aber das übersteigt doch jedes Maß der
+menschlichen Geduld! ... Wissen Sie das auch?“
+
+„Mein Freund!“ antwortete Marja Alexandrowna, „Sie werden mir erlauben,
+Sie immer noch so zu nennen, denn Sie haben keinen besseren Freund als
+mich. Mein Freund! Sie leiden, Sie quälen sich, Sie sind mitten ins Herz
+getroffen – und deshalb wundert es mich auch nicht, daß Sie in einem
+solchen Ton mit mir sprechen. Ich habe mich entschlossen, Ihnen alles
+aufzudecken, mein ganzes Herz, um so mehr, als ich mich selbst ein wenig
+schuldbewußt vor Ihnen fühle. Setzen Sie sich also, reden wir.“
+
+Die Stimme Marja Alexandrownas war leidend, weich und auch in ihrem
+Gesicht drückte sich Leiden aus. Verwundert setzte sich Mosgljäkoff ihr
+gegenüber.
+
+„Sie haben gelauscht?“ fuhr sie in sanftem Tone fort und sah ihn
+vorwurfsvoll an.
+
+„Ja, ich habe gelauscht! Das fehlte noch, daß ich es nicht getan hätte!
+Dann wäre ich ja der richtige Tölpel jetzt! So habe ich wenigstens alles
+erfahren, was Sie gegen mich unternehmen!“ antwortete er frech. Sein
+eigener Zorn reizte ihn und stachelte ihn noch mehr auf.
+
+„Und Sie, Sie, bei Ihrer Erziehung haben Sie sich zu einer solchen
+Handlung entschließen können? – O, mein Gott!“
+
+Mosgljäkoff sprang auf.
+
+„Aber Marja Alexandrowna! Das ist denn doch unerhört! Denken Sie doch
+gefälligst daran, wozu _Sie_ sich bei _Ihrer_ Erziehung und Ihren
+Grundsätzen entschlossen haben, und dann verurteilen Sie andere!“
+
+„Noch eine Frage,“ unterbrach sie ihn, ohne seine Heftigkeit zu
+beachten, „wer hat Sie dazu verleitet, uns zu belauschen, wer hat es
+Ihnen erzählt, wer hat hier spioniert? – das ist es, was ich zuerst
+wissen will.“
+
+„Verzeihung – das sage ich nicht.“
+
+„Gut. Ich werde es sowieso erfahren. Ich habe gesagt, ^cher Paul^, daß
+ich schuldbewußt vor Ihnen dastehe. Wenn Sie aber alles erwägen, dann
+werden Sie sehen, daß meine Schuld, wenn mir überhaupt eine solche
+zugesprochen werden kann, nur darin besteht, daß ich Ihnen das Beste
+gewünscht habe.“
+
+„Mir? Das Beste? Das geht denn doch über die Hutschnur! Glauben Sie mir,
+daß Sie mich jetzt nicht mehr betrügen können! Ich bin kein dummer
+Junge!“
+
+Und er rückte seinen Stuhl so heftig, daß dieser in den Fugen knackte.
+
+„Ich bitte Sie, mein Freund, etwas kaltblütiger zu sein, wenn es Ihnen
+möglich ist. Hören Sie mir aufmerksam zu und dann werden Sie mir selbst
+in allem beistimmen. Erstens: es war meine Absicht, Ihnen sogleich
+alles, alles mitzuteilen – Sie hätten von mir den ganzen Sachverhalt bis
+auf die kleinsten Details erfahren, ohne sich durch Belauschen
+erniedrigen zu brauchen. Und wenn ich es Ihnen nicht vorher mitgeteilt
+habe, so geschah das nur deshalb nicht, weil das Ganze doch noch nichts
+als ein in der Luft schwebender Plan war. Es konnte ja ebensogut auch
+nichts daraus werden. Sie sehen: ich bin ganz offen zu Ihnen. Zweitens:
+beschuldigen sie nicht meine Tochter. Sina liebt Sie bis zum Wahnsinn
+und es hat mir unglaubliche Mühe gekostet, sie von Ihnen abzulenken und
+durchzusetzen, daß sie den Antrag des Fürsten annahm.“
+
+„Ich habe noch vor wenigen Minuten das Vergnügen gehabt, den
+glänzendsten Beweis für diese Liebe _bis zum Wahnsinn_ zu vernehmen,“
+bemerkte Mosgljäkoff ironisch.
+
+„Gut. Aber wie haben Sie denn mit ihr gesprochen? Soll das die Rede
+eines Verliebten sein? Und schließlich – welcher wohlerzogene Mensch
+spricht in diesem Ton? Sie haben sie gekränkt und gereizt.“
+
+„Marja Alexandrowna, jetzt handelt es sich nicht um den Ton! Aber am
+Vormittag, nachdem Sie so liebenswürdig zu mir gewesen waren, da haben
+Sie mich, als ich mit dem Fürsten Visiten machte, einfach verleumdet!
+Sie haben mich angeschwärzt, Sie haben ihr nur Schlechtes von mir
+gesagt! Ich weiß alles, alles!“
+
+„Und sicherlich aus derselben schmutzigen Quelle?“ fragte Marja
+Alexandrowna mit verächtlichem Lächeln. „Ja, Pawel Alexandrowitsch, ich
+habe Sie angeschwärzt, ich habe nur Schlechtes von Ihnen gesagt, und ich
+gestehe Ihnen, daß ich mir sehr viel Mühe gegeben habe. Aber beweist das
+nicht – daß ich gezwungen war, Sie anzuschwärzen, ja sogar, zu
+verleumden – beweist das nicht gerade, wie schwer Sinas Einwilligung,
+sich von Ihnen loszusagen, zu erringen war? Wie können Sie so
+kurzsichtig sein? Wenn Sina Sie nicht lieben würde, wozu hätte ich es
+dann nötig gehabt, Sie anzuschwärzen, Sie lächerlich zu machen, in so
+unvorteilhaftem Licht zu zeigen – kurz, zu diesen äußersten Mitteln zu
+greifen? Aber Sie wissen noch nicht alles! Ich mußte sogar zu meiner
+Autorität als Mutter greifen, um Sie aus ihrem Herzen herauszureißen,
+und erst nach unglaublichen Anstrengungen habe ich nur eine äußerliche
+Einwilligung erreicht. Wenn Sie uns jetzt belauscht haben, so muß es
+Ihnen doch aufgefallen sein, daß sie meine Bemühungen um den Fürsten mit
+keinem Wort, keinem Blick unterstützt hat. Während dieser ganzen Zeit
+hat sie fast kein einziges Wort gesprochen, und gesungen hat sie wie ein
+Automat. Ihre ganze Seele wand sich vor Qual. Und aus Mitleid mit ihr
+machte ich der Sache schnell ein Ende und führte den Fürsten fort. Ich
+bin überzeugt, daß sie geweint hat, sobald sie allein war. Als Sie
+eintraten, müssen sie ihre Tränen bemerkt haben ...“
+
+Mosgljäkoff entsann sich allerdings, daß er, als er ins Zimmer gestürzt
+war, Tränen in ihren Augen bemerkt hatte.
+
+„Aber ... aber weshalb sind Sie denn so gegen mich gewesen, Marja
+Alexandrowna? Warum haben Sie mich denn angeschwärzt und verleumdet –
+was Sie jetzt obendrein selbst eingestehen!?“
+
+„Ah, das ist eine andere Frage! Sehen Sie, wenn Sie gleich zu Anfang so
+vernünftig gefragt hätten, dann hätten Sie schon längst die Antwort. Ja,
+Sie haben recht! Alles das habe _ich_ getan und nur _ich_ allein. Sina
+lassen Sie hier ganz aus dem Spiel. Und weshalb ich es getan habe? Meine
+Antwort ist: in erster Linie für Sina. Der Fürst ist reich, von altem
+Adel, hat Verbindungen, und wenn Sina ihn heiratet, macht sie eine
+glänzende Partie. Und schließlich, wenn er sterben sollte, was
+vielleicht sogar sehr bald geschehen kann – denn wir sind ja alle mehr
+oder weniger sterblich – dann ist Sina junge Witwe, Fürstin, in der
+besten Gesellschaft und unermeßlich reich. Dann kann sie heiraten, wen
+sie will, sie kann die glänzendste Partie machen – doch wird sie
+selbstverständlich nur den nehmen, den sie früher geliebt hat und dessen
+Herz sie zerrissen, als sie den Fürsten nahm. Allein schon die Reue
+würde sie zwingen, ihre Schuld an demjenigen, den sie früher geliebt,
+wieder gut zu machen ...“
+
+„Hm!“ brummte Mosgljäkoff, der nachdenklich seine Stiefel betrachtete.
+
+„Zweitens – und das will ich nur nebenbei bemerken,“ fuhr Marja
+Alexandrowna fort, „denn Sie werden das vielleicht nicht einmal
+begreifen. Sie lesen Ihren Shakespeare, schöpfen aus ihm alle Ihre hohen
+Gefühle, in der Wirklichkeit, im Leben aber sind Sie, wenn auch _sehr
+gutmütig_, so doch noch zu jung, – ich aber bin Mutter, Pawel
+Alexandrowitsch! So hören Sie denn: ich gebe meine Sina dem Fürsten zum
+Teil auch um seinetwillen, denn durch diese Heirat will ich ihn retten.
+Ich habe diesen edlen, diesen herzensguten, geradezu ritterlichen Greis
+auch früher schon geliebt. Wir waren Freunde. Er ist tief unglücklich in
+den Krallen dieses höllischen Weibes. Sie wird ihn noch unter die Erde
+bringen! Gott hat es gesehen, daß ich Sina nur deshalb zu dieser Heirat
+habe bewegen können, weil ich ihr die ganze Heiligkeit dieser Tat der
+Selbstverleugnung vorgehalten habe. Sie hat sich von dem Edelmut, von
+der Begeisterung für die große Überwindung fortreißen lassen. Sie hat
+selbst viel Ritterliches. Ich habe ihr gesagt, daß es eine
+Christenpflicht ist, die Stütze, der Trost, der Freund, das Kind, die
+Sonne, der Abgott eines Menschen zu sein, dem vielleicht nur noch ein
+einziges Lebensjahr vergönnt ist. Ihn würde dann nicht dieses
+schändliche Frauenzimmer, nicht Furcht und Einsamkeit in den letzten
+Tagen seines Lebens umgeben, sondern Licht, Freundschaft und Liebe.
+Diese letzten Tage würde er im Paradiese verleben! Wo ist hier Egoismus
+– sagen Sie doch, bitte? Das ist doch eher das Opfer einer barmherzigen
+Schwester, aber nicht Egoismus!“
+
+„Dann ... dann haben Sie es also nur für den Fürsten getan und aus
+Nächsten-, nicht aus Eigenliebe?“ brummte Mosgljäkoff spöttisch.
+
+„Ich verstehe auch diese Frage, Pawel Alexandrowitsch, sie ist recht
+deutlich. Sie glauben vielleicht, daß hier die Vorteile des Fürsten mit
+den eigenen Vorteilen jesuitisch verknüpft sind? Was soll ich sagen?
+Vielleicht habe ich auch diese Berechnung gehabt, nur war sie nicht
+jesuitisch, sondern ... unfreiwillig. Ich weiß, daß Sie sich über ein so
+offenes Geständnis wundern werden, aber ich bitte Sie nur um eines,
+Pawel Alexandrowitsch: glauben Sie nicht, daß Sina hier mit im Spiel
+ist! Sie ist unschuldig wie ein Engel: sie berechnet nicht, sie versteht
+nur zu lieben – mein liebes Kind! Wenn hier überhaupt jemand berechnet
+hat, so bin ich es, _ich allein_! Aber fragen Sie doch in allem Ernst
+Ihr Gewissen und sagen Sie dann: wer hätte an meiner Stelle im gegebenen
+Fall nicht berechnet? Wir berechnen unsere Vorteile sogar bei unseren
+uneigennützigsten Handlungen, wir berechnen fast unbewußt,
+unwillkürlich! Natürlich betrügen sich dabei alle, indem sie sich selbst
+versichern, daß sie es nur aus Edelmut täten. Ich jedoch will mich nicht
+betrügen: ich gestehe mir offen, daß ich bei aller Erhabenheit meiner
+Liebe dennoch – berechnet habe. Aber fragen Sie, ob ich _meinen_ Vorteil
+berechnet habe? Ich brauche nichts mehr, Pawel Alexandrowitsch! Ich habe
+mein Leben abgelebt. Ich habe nur an sie gedacht, an meinen Engel, mein
+Kind, und – welche Mutter würde mir das in diesem Fall zum Vorwurf
+machen?“
+
+Tränen glänzten in den Augen Marja Alexandrownas. Mosgljäkoff hörte in
+höchster Verwunderung diese ganze offenherzige Beichte an und blinzelte
+nur verständnislos mit den Augen.
+
+„Nun schön, welche Mutter ...“ stotterte er endlich. „Sie verstehen gut
+zu reden, Marja Alexandrowna, – aber ... aber Sie hatten mir doch Ihr
+Wort gegeben! Sie hatten mir Hoffnung gemacht ... Was glauben Sie wohl,
+wie mir jetzt zumute ist? Denken Sie doch nach! Ich kann jetzt mit einer
+langen Nase abziehen!“
+
+„Aber glauben Sie denn, daß ich nicht auch an Sie gedacht habe, ^mon
+cher Paul^! Ich sage Ihnen: in allen diesen Berechnungen lag für Sie ein
+so großer Vorteil, daß ich mich hauptsächlich deshalb zu diesem
+Unternehmen entschlossen habe.“
+
+„Mein Vorteil!“ Mosgljäkoff war baff. „Wie denn das?“
+
+„Mein Gott! Wie kann man nur dermaßen einfältig sein!“ rief Marja
+Alexandrowna mit beredtem Augenaufschlag aus. „O, Jugend, Jugend! Da
+sehen wir, was daraus folgt, wenn man diesen Shakespeare liest, träumt
+und sich einbildet zu leben – während man nur mit fremdem Verstande und
+mit fremden Gedanken lebt! Mein _guter_ Pawel Alexandrowitsch, Sie
+fragen mich, worin hier Ihr Vorteil bestehe? Erlauben Sie, daß ich zur
+besseren Übersicht etwas abweiche: Sina liebt Sie – darüber kann kein
+Zweifel bestehen! Nun habe ich aber bemerkt, daß sich trotz ihrer
+offenbaren Liebe dennoch ein gewisses Mißtrauen zu Ihnen in ihr
+verbirgt, ja – sie mißtraut Ihren Gefühlen, Ihren Neigungen. Ich habe
+bemerkt, daß sie sich bisweilen wie mit Absicht bezwingt und kühl zu
+Ihnen ist – die Folge ihrer Nachdenklichkeit und ihres Mißtrauens. Haben
+Sie das nicht auch selbst bemerkt, Pawel Alexandrowitsch?“
+
+„J–ja ... es ist mir aufgefallen ... und sogar heute ... Aber was wollen
+Sie denn damit sagen, Marja Alexandrowna?“
+
+„Nun, sehen Sie! Sie haben es sogar selbst bemerkt! Folglich täusche ich
+mich nicht. Und sie mißtraut gerade der Beständigkeit Ihrer guten
+Neigungen. Ich bin ihre Mutter – wie sollte ich nicht erraten, was im
+Herzen meines Kindes vorgeht? Und nun stellen Sie sich vor, daß Sie,
+anstatt mit Vorwürfen und fast sogar Flüchen ins Zimmer zu stürzen, sie
+zu reizen, zu kränken, zu beleidigen, sie, die schuldlos, schön und
+stolz vor Ihnen steht, und sie damit unwillkürlich in diesem Argwohn
+bezüglich Ihrer schlechten Neigungen zu bestärken, – stellen Sie sich
+jetzt vor, daß Sie statt dessen diese Nachricht ruhig, mit Tränen des
+Bedauerns oder sogar der Verzweiflung, aber immerhin mit hohem Edelmut,
+der Ihren Seelenadel bezeugen würde, vernommen hätten ...“
+
+„Hm! ...“
+
+„Nein, unterbrechen Sie mich nicht, Pawel Alexandrowitsch. Ich will
+Ihnen dieses ganze Bild ausmalen, das auch unfehlbar Eindruck auf Sie
+machen wird. Stellen Sie sich jetzt vor, daß Sie hierauf zu ihr getreten
+wären und gesagt hätten: ‚Sinaïda! Ich liebe dich mehr als mein Leben,
+doch Familienrücksichten trennen uns. Ich begreife die Gründe, die uns
+scheiden. Sie machen dein Glück aus und so wage ich nicht mehr, mich
+gegen sie aufzulehnen. Sinaïda! Ich verzeihe dir. Sei glücklich, wenn du
+es kannst!‘ und hierauf hätten Sie sie noch einmal angesehen, mit einem
+Blick – mit dem Blick eines geopferten Lammes, wenn man sich so
+ausdrücken darf, stellen Sie sich das alles vor und sagen Sie sich dann,
+welch einen Eindruck diese Worte auf ihr Herz gemacht hätten!“
+
+„Schön, Marja Alexandrowna, nehmen wir an, daß es sich so verhält; ich
+begreife das sehr wohl ... aber – wie denn? – ich hätte es gesagt und
+wäre dann doch leer abgezogen ...“
+
+„Nein, nein, nein, mein Freund! Unterbrechen Sie mich nicht! Ich will
+unbedingt das ganze Bild entrollen, mit allen späteren Folgen, um Sie zu
+überzeugen. Stellen Sie sich nur vor, daß Sie später, nach einiger Zeit
+ihr in der höchsten Gesellschaft begegnen. Sie treffen sich irgendwo auf
+einem Ball, bei strahlender Beleuchtung, bei den Klängen verführerischer
+Musik, inmitten der schönsten Damen und – trotz des ganzen Frohsinns
+ringsum, sind Sie allein traurig, nachdenklich, bleich und folgen nur
+ihr allein mit den Blicken, an eine weiße Säule gelehnt – aber so, daß
+man Sie sehen kann – während sie sich im Gewühl der Gesellschaft bewegt.
+Sie tanzt. Die berauschenden Klänge Straußscher Walzer umschmeicheln
+Sie, der Esprit der höheren Gesellschaft sprüht ringsum – Sie aber sind
+einsam, bleich und wie zerschlagen in Ihrer Leidenschaft! Was wird dann
+in Sinaïda vor sich gehen – denken Sie doch nur daran! Mit welchen Augen
+wird sie dann auf Sie sehen? ‚Und ich,‘ wird sie denken, ‚ich konnte an
+diesem Menschen zweifeln, der mir alles, alles geopfert und sein Herz um
+meinetwillen zerrissen hat!‘ Unzweifelhaft: die frühere Liebe würde dann
+mit unbezwingbarer Leidenschaft in ihr auferstehen!“
+
+Marja Alexandrowna machte eine kleine Pause, um Atem zu schöpfen.
+Mosgljäkoff rückte so nachdrücklich auf seinem Stuhle, daß dieser zum
+zweiten Male in den Fugen knackte. Marja Alexandrowna fuhr fort.
+
+„Zur Pflege der Gesundheit des Fürsten fährt Sina mit ihm ins Ausland,
+nach Italien, nach Spanien, – nach Spanien, wo Myrten und Orangen
+blühen, wo der Himmel dunkelblau ist, wo der Guadalquivir rauscht, – in
+das Land der Liebe, in dem man nicht leben kann, ohne zu lieben, wo
+Rosen und Küsse sozusagen in der Luft schweben! Und Sie fahren
+gleichfalls dorthin, ihr nach. Sie opfern Ihre Karriere, Ihre
+Verbindungen, alles! Dort beginnt Ihre Liebe mit unbezwingbarer
+Leidenschaft. Liebe, Jugend, Spanien – mein Gott! Versteht sich – Ihre
+Liebe ist lauter, ist heilig, aber schließlich wird der gegenseitige
+Anblick Sie doch beide quälen. Sie verstehen mich, ^mon ami^! Natürlich
+werden sich niedrige, boshafte Menschen finden, Abscheuliche, die da
+behaupten werden, daß durchaus nicht nur die verwandtschaftliche
+Zuneigung zu dem leidenden alten Manne Sie dorthin gelockt habe. Ich
+aber habe Ihre Liebe mit Absicht lauter genannt, weil eben diese Leute
+ihr einen ganz anderen Sinn unterschieben werden. Aber ich bin Mutter,
+Pawel Alexandrowitsch, – sollte _ich_ Sie Schlechtes lehren? ...
+Freilich wird der Fürst nicht imstande sein, Sie beide zu
+beaufsichtigen, aber – was hat das zu sagen! Kann man denn nur auf Grund
+dessen einer so schändlichen Verleumdung glauben? Und eines Tages wird
+er sterben und sterbend noch seinen Lebensabend segnen. Jetzt sagen Sie:
+wen sollte Sina dann heiraten, wenn nicht Sie? Sie sind mit dem Fürsten
+ja nur weitläufig verwandt, folglich kann gesetzlich nichts gegen diese
+Verbindung einzuwenden sein. Sie heiraten sie, jung, reich, schön,
+vornehm, – und das zu welcher Zeit? – wenn die vornehmsten und reichsten
+Aristokraten es sich zur Ehre anrechnen würden, sich mit ihr verloben zu
+dürfen! Durch Ihre Frau kommen Sie dann in die höchsten Kreise, durch
+ihre Frau werden Sie plötzlich eine bedeutende Stellung erhalten, Titel,
+Orden! Jetzt haben Sie nur hundertundfünfzig Seelen, dann aber werden
+Sie reich sein. Der Fürst wird in seinem Testament alles vorsehen: dafür
+werde ich schon Sorge tragen. Und dann, die Hauptsache – sie wird sich
+endgültig von der Treue Ihres Herzens, von Ihren Gefühlen überzeugt
+haben und Sie werden ihr plötzlich als Held des Edelmutes und der
+Selbstverleugnung erscheinen! ... Und Sie, Sie fragen noch, worin hier
+Ihr Vorteil bestehe? Aber da müßte man ja blind sein, um diesen Vorteil
+nicht einzusehen, nicht zu verstehen, nicht zu berechnen – wenn sie zwei
+Schritt vor Ihnen steht, Sie ansieht, Ihnen zulächelt und selbst sagt:
+‚Hier bin ich – dein Vorteil!‘ Aber Pawel Alexandrowitsch, ich bitte
+Sie!“
+
+„Marja Alexandrowna!“ – Mosgljäkoff befand sich in unbeschreiblicher
+Aufregung. „Jetzt habe ich alles begriffen! Ich habe roh, niedrig,
+schändlich an ihr gehandelt!“
+
+Er sprang auf und raufte sich das Haar.
+
+„Und unüberlegt,“ fügte Marja Alexandrowna hinzu, „vor allen Dingen
+unüberlegt!“
+
+„Ich bin ein Esel, Marja Alexandrowna!“ rief er verzweifelt aus. „Jetzt
+ist alles verloren, denn ich liebe sie bis zum Wahnsinn!“
+
+„Vielleicht ist auch noch nicht alles verloren,“ sagte Frau Moskalewa
+halblaut vor sich hin, als überlege sie etwas.
+
+„Oh, wenn das wahr wäre! Helfen Sie mir! Sagen Sie mir! Retten Sie
+mich!“
+
+Und Mosgljäkoff brach in Tränen aus.
+
+„Mein Freund!“ sagte Marja Alexandrowna mitleidig und reichte ihm die
+Hand, „Sie haben es aus übergroßer Heftigkeit getan, in aufbrausender
+Leidenschaft, folglich nur aus Liebe zu ihr! Sie waren in Verzweiflung,
+Sie waren außer sich! Das wird sie doch einsehen müssen ...“
+
+„Ich liebe sie bis zum Wahnsinn und bin bereit, alles für sie
+hinzugeben!“
+
+„Hören Sie mich an: ich werde Sie zu rechtfertigen versuchen ...“
+
+„Marja Alexandrowna!“
+
+„Ja, ich übernehme es! Ich werde Sie mit ihr zusammenführen. Und Sie
+werden ihr dann alles so erklären, wie ich es Ihnen soeben erklärt
+habe!“
+
+„O, Gott! Wie gut Sie sind, Marja Alexandrowna! ... Nur ... könnte man
+es nicht sofort machen!?“
+
+„Gott behüte! O, wie unerfahren Sie noch sind, mein Freund! Sie ist so
+stolz! Sie würde es für eine neue Beleidigung halten, für eine
+Frechheit! Morgen werde ich alles arrangieren, jetzt aber – jetzt gehen
+Sie irgendwohin fort, etwa zu diesem Kaufmann ... am Abend können Sie
+vielleicht wiederkommen, aber selbst das würde ich Ihnen nicht raten!“
+
+„Ich gehe, ich gehe! Mein Gott! Sie erretten mich! Nur noch eine Frage:
+wenn nun aber der Fürst nicht so bald stirbt?“
+
+„Ach, mein Gott, wie naiv Sie sind, ^mon cher Paul^! Im Gegenteil, wir
+müssen zu Gott beten, daß er ihm noch ein paar Wochen Gesundheit
+schenkt. Man muß diesem lieben, guten, diesem ritterlichen alten Herrn
+von ganzem Herzen ein verhältnismäßig langes Leben wünschen! Ich werde
+unter Tränen Tag und Nacht Gott um das Glück meiner Tochter bitten. Doch
+leider, leider! – ich glaube, die Gesundheit des Fürsten ist nicht allzu
+zuverlässig! Zudem wird er jetzt in die Residenz fahren und Sina in der
+Gesellschaft einführen müssen! Ich fürchte, oh, ich fürchte sehr, daß
+ihm diese Anstrengungen noch den letzten Gnadenstoß geben werden! Doch
+wir wollen beten, ^cher Paul^, und das übrige steht in Gottes Hand! ...
+Sie gehen schon? Ich segne Sie, ^mon ami^! Hoffen Sie, gedulden Sie
+sich, fassen Sie Mut, und vor allen Dingen – seien Sie ein ganzer Mann!
+Ich habe nie an dem Adel Ihrer Gefühle gezweifelt ...“
+
+Sie drückte ihm fest die Hand und Mosgljäkoff schlich sich auf den
+Fußspitzen aus dem Zimmer.
+
+„So, dieser Dummkopf wäre abgetan!“ dachte sie triumphierend. „Jetzt
+kommen andere an die Reihe ...“
+
+Die Tür ging auf und Sina trat ein. Sie war erschreckend bleich und ihre
+Augen blitzten.
+
+„Mama,“ sagte sie, „mach damit schnell ein Ende oder ich ertrage es
+nicht! Es ist dermaßen schmutzig und ekelhaft, daß ich aus dem Hause
+laufen möchte! Weshalb quälst du mich so, weshalb reizt du mich? Mir
+wird übel, hörst du: mir wird übel von diesem ganzen Schmutz!“
+
+„Sina! Was hast du nur, mein Engel? Du ... du hast gelauscht!“ rief
+Marja Alexandrowna aus und sah ängstlich forschend Sina an.
+
+„Ja, ich habe gelauscht. Willst du mich deshalb vielleicht auch so
+beschämen wie jenen Dummkopf? – Ich schwöre dir: wenn du mich noch lange
+so quälen und mir in dieser verächtlichen Komödie so schändliche Rollen
+zuerteilen wirst, so werfe ich alles hin und mache einfach ein Ende
+damit! Es ist genug, daß ich in die Hauptsache eingewilligt, daß ich
+mich zu dieser allergrößten Schändlichkeit bereit erklärt habe! Aber ...
+ich kannte mich noch nicht! Ich ersticke in diesem Schmutz! ...“
+
+Sie lief aus dem Zimmer und schlug die Tür hinter sich zu.
+
+Marja Alexandrowna blickte ihr aufmerksam nach und wurde nachdenklich.
+
+„Ich muß mich beeilen!“ murmelte sie, sich besinnend. „Sina ist die
+größte Gefahr, und wenn alle diese Schurken uns nicht allein lassen und
+die Nachricht noch in der ganzen Stadt verbreiten, – was sie bestimmt
+schon getan haben werden, – so ist alles verloren! Sie würde diesem
+ganzen Skandal nicht standhalten und sich zurückziehen. Man muß den
+Fürsten unbedingt aufs Land bringen – was es auch koste! Ich werde
+sofort hinfahren und zuerst meinen Esel herschleppen. Zu irgend etwas
+muß er sich doch schließlich verwenden lassen! ... Und dort wird sich
+der Alte ausschlafen und dann ... – also: fahren wir!“
+
+Sie klingelte.
+
+„Nun, ist der Schlitten vorgefahren?“ fragte sie den eingetretenen
+Diener.
+
+„Schon längst bereit!“ antwortete dieser.
+
+Den Schlitten hatte sie bestellt, nachdem sie den Fürsten nach oben ins
+Fremdenzimmer geleitet hatte.
+
+Sie kleidete sich an und eilte noch auf einen Augenblick zu Sina, um
+dieser in den Hauptzügen ihren Entschluß mitzuteilen, und, wenn möglich,
+auch noch einzuschärfen, wie sie sich zu verhalten habe. Doch Sina
+wollte sie nicht mehr anhören: sie lag auf ihrem Bett und hatte das
+Gesicht in die Kissen gepreßt. Sie weinte verzweifelt. Ihre wundervollen
+Hände hatte sie in ihre langen dunklen Haare eingekrallt, auf denen sich
+alabasterweiß ihre bis zum Ellenbogen entblößten Arme abhoben. Zuweilen
+zuckte sie zusammen, wie wenn plötzlich ein Frostschauer durch alle ihre
+Glieder lief. Marja Alexandrowna begann zwar zu sprechen, aber Sina
+erhob nicht einmal den Kopf.
+
+Nachdem sie so eine Weile vor ihr gestanden hatte, ging sie besorgt
+hinaus und befahl dem Kutscher, um sich anderwärts dafür zu
+entschädigen, im Galopp auf ihr Gut zu fahren.
+
+„Das Schlimmste ist, daß Sina gelauscht hat!“ dachte sie, als sie in
+ihrem bequemen Verdeckschlitten saß. „Ich habe Mosgljäkoff fast mit
+denselben Worten beredet wie sie. Sie ist stolz und wird sich jetzt
+vielleicht beleidigt fühlen ... Hm! Aber die Hauptsache, die Hauptsache
+ist doch, daß alles früher erledigt ist ... bevor die anderen davon Wind
+bekommen! Doch – wenn mein Esel jetzt zum Unglück nicht zu Hause ist!“
+
+Bei diesem Gedanken wurde sie von unbeschreiblicher Wut erfaßt – die dem
+armen Afanassij Matwejewitsch nichts Gutes verhieß. Sie konnte keinen
+Augenblick ruhig sitzen.
+
+
+ X.
+
+Die Pferde jagten dahin. Wir haben bereits gesagt, daß ein genialer
+Gedanke Marja Alexandrowna am Vormittage – als sie dem Fürsten nachfuhr,
+um ihn zurückzuerobern – beglückt hatte. Dieser Gedanke war: den Fürsten
+zu „konfiszieren“ und so bald als möglich auf ihr Gut in der Nähe der
+Stadt zu bringen, wo augenblicklich nur Afanassij Matwejewitsch sorglos
+und ungestört in vollkommenster Zufriedenheit gedieh. Wir wollen es
+nicht verheimlichen, daß Marja Alexandrowna immer mehr von einer
+unerklärlichen Unruhe gepeinigt wurde. Das pflegt ja sogar mit
+wirklichen Helden zu geschehen und gerade in der Zeit, wenn sie ihr Ziel
+erreichen oder sich ihm doch nähern. Ein gewisser Instinkt sagte ihr,
+daß es gefährlich war, in Mordassoff zu bleiben. „Ist man aber erst auf
+dem Lande, dann kann sich meinetwegen die ganze Stadt hier auf den Kopf
+stellen!“ Selbstverständlich durfte man auch auf dem Lande nicht unnütz
+Zeit verlieren. Es konnte ja alles mögliche dazwischen kommen, alles
+mögliche – wenn wir auch dem Gerücht, das von den Feinden unserer Heldin
+späterhin über sie verbreitet wurde, keinen Glauben schenken: daß sie in
+diesem Augenblick sogar ein Eingreifen der Polizei gefürchtet habe.
+Kurz, sie sah ein, daß man Sina so bald als möglich mit dem Fürsten
+verheiraten mußte. Die Mittel dazu hatte sie zur Hand. Dort auf dem Gute
+konnte sie der Dorfgeistliche trauen. Die Trauung konnte gleich
+übermorgen stattfinden, im äußersten Notfall sogar morgen. Hatte es doch
+Trauungen gegeben, die binnen zwei Stunden vollzogen worden waren! Dem
+Fürsten mußte man diese Eile und das Wegfallen aller Zeremonien und
+Festlichkeiten, Verlobungen und Polterabend als das Neueste ^comme il
+faut^ hinstellen: man mußte ihm beweisen, daß es so „grandioser“ sei.
+Außerdem konnte man ihm das Ganze als romantisches Abenteuer vormalen
+und somit die empfindsamste Seite im Herzen des alten Mannes zum Klingen
+bringen. Und schlimmstenfalls konnte man ihn sogar mit Wein „beruhigen“
+oder – noch besser – ihn während der ganzen Zeit bei halber
+Betrunkenheit erhalten. Was dann später auch geschehen sollte – Sina
+würde dann immerhin schon Fürstin _sein_! Und falls es auch nicht ohne
+einen Skandal abgehen sollte, in Petersburg oder Moskau zum Beispiel, wo
+die Verwandten des Fürsten lebten, so gab es auch hierfür einen Trost:
+erstens war das noch weit im Felde und zweitens war Marja Alexandrowna
+überzeugt, daß es in der höheren Gesellschaft fast immer einen Skandal
+geben müsse, namentlich in Heiratsangelegenheiten, daß dieses sogar
+„guter Ton“ sei, wenn auch derlei Skandale der hohen Gesellschaft ihrer
+Meinung nach immer gewissermaßen ganz besondere zu sein pflegten, etwa
+in der Art der Skandale eines Monte-Christo oder der Mémoires du Diable
+– daß aber ihre Sina nur zu erscheinen brauche, unterstützt von ihrer
+Mama, um im Augenblick alle und alles zu besiegen, und daß dann keine
+einzige von allen Gräfinnen und Fürstinnen dieser Mordassower Kopfwäsche
+würde standhalten können, die nur Marja Alexandrowna allen gemeinsam
+oder auch einzeln der Reihe nach zu verabfolgen schon verstehen würde.
+Die Folge dieser Überlegungen war, daß Marja Alexandrowna jetzt mit
+Windeseile auf ihr Gut fuhr, um Afanassij Matwejewitsch abzuholen,
+dessen sie nach ihrer Berechnung jetzt sehr bedurfte. In der Tat: den
+Fürsten aufs Gut bringen, – das hieß, ihn zu Afanassij Matwejewitsch
+bringen, dessen Bekanntschaft der Fürst vielleicht durchaus nicht machen
+wollte –, war bedenklich. Wenn ihn aber Afanassij Matwejewitsch
+persönlich aufforderte, so war das eben etwas ganz anderes. Zudem konnte
+das Erscheinen eines bejahrten, würdigen Familienvaters, in Frack und
+weißer Binde, den Hut in der Hand, einen sehr guten Eindruck machen; und
+wenn man noch hinzufügte, daß er einzig auf die erste Kunde vom Fürsten
+aus der Ferne herbeigeeilt sei, so konnte das der Eigenliebe des Fürsten
+nur schmeicheln. Nach einer so umständlichen Galaeinladung war es auch
+schwer, abzusagen, dachte Marja Alexandrowna. Endlich hatten die Pferde
+die drei Werst zurückgelegt, und der Kutscher Ssofron zügelte sie vor
+der Vorfahrt des langgestreckten, einstöckigen, hölzernen Gutsgebäudes,
+das mit seiner langen Fensterreihe und umstanden von alten Linden schon
+ziemlich baufällig aussah und mit der Zeit von Wind und Regen ganz
+geschwärzt war. Das war Marja Alexandrownas Sommerresidenz. Im Hause
+brannte bereits Licht.
+
+„Wo ist der Tölpel?“ schrie Marja Alexandrowna, die wie ein Sturm durch
+die Zimmer raste. „Weshalb liegt hier dieses Handtuch? Ach! Er hat sich
+getrocknet! Hat er sich wieder gebadet? Und ewig schlürft er seinen Tee!
+Was glotzt du mich an, du Dummkopf! Weshalb ist sein Haar nicht
+geschnitten? Grischka! Grischka! Grischka! Weshalb hast du dem Herrn
+nicht das Haar so geschnitten, wie ich es dir in der vergangenen Woche
+anbefohlen habe?“
+
+Marja Alexandrowna hatte anfangs die Absicht gehabt, viel freundlicher
+ihren Gemahl zu begrüßen; als sie jedoch sah, daß er soeben aus dem Bad
+gestiegen war und stillvergnügt wieder seinen Tee trank, da konnte sie
+ihren Zorn nicht mehr meistern. In der Tat: soviel Mühen und Sorgen
+ihrerseits und soviel seliger Quietismus von seiten des zu nichts
+tauglichen, vollständig überflüssigen Afanassij Matwejewitsch – dieser
+Kontrast traf sie mitten ins Herz. Inzwischen saß der Tölpel, oder
+höflicher, derjenige, der Tölpel genannt wurde, in sprachlosem Schrecken
+vor seinem Ssamowar, sperrte Augen, Mund und Nase auf und starrte seine
+Frau an, deren Erscheinen ihn fast zu einem Götzenbilde gemacht hatte.
+In der Tür zum Vorzimmer stand die vierschrötige Gestalt Grischkas, der
+beständig etwas verschlafen zu sein schien und der sich auch jetzt nur
+augenblinzelnd die Szene ansah.
+
+„Ja sie lassen doch nicht, deshalb habe ich auch nicht geschnitten,“
+sagte er mürrisch mit seiner klanglosen Stimme. „Zehnmal bin ich mit der
+Schere gekommen, – nun, Herr, sagte ich, die Gnädige wird kommen und
+dann wird sie uns beiden was setzen, wenn wir nicht geschoren sind, was
+sollen wir dann machen? Sie aber sagten: nein, wart, ich werde mir
+Sonntag Locken einlegen und dazu brauche ich lange Haare.“
+
+„Was? Er legt sich Locken ein! Also du legst dir Locken ein? Was sind
+denn das für Marotten? Und wie steht denn das zu deinem dummen Kopf?
+Gott, was das hier für eine Unordnung ist! Wonach riecht es hier? Ich
+frage dich, Monstrum, wonach es hier riecht?“ schrie Marja Alexandrowna,
+die über den unschuldigen und zu Tode erschrockenen Afanassij
+Matwejewitsch in immer größere Wut geriet.
+
+„Mü ... mütterchen!“ stotterte schließlich der angstvolle Gatte, ohne
+sich vom Stuhl zu erheben und nur mit flehendem Blick auf die Gestrenge,
+„Mü ... mütterchen! ...“
+
+„Wievielmal habe ich dir gesagt, habe ich deinem Eselskopf eingebläut,
+daß ich für dich durchaus kein Mütterchen bin! Was bin ich für ein
+Mütterchen, du Schöps, der du bist! Wie darfst du es wagen, eine
+vornehme Dame, deren Platz in der höchsten Gesellschaft, aber nicht
+neben einem Esel wie du wäre, mit solchen Namen anzureden!“
+
+„Ja ... ja, aber du bist doch ... bist doch meine gesetzmäßige Frau ...
+und deshalb sage ich auch ... wie es unter Eheleuten ... Sitte ist ...“
+versuchte zwar Afanassij Matwejewitsch sich zu verteidigen, hob aber
+gleichzeitig beide Hände zum Kopf empor, um seine Haare zu schützen.
+
+„Ach du – Fratze! Du Popanz! Hat man jemals eine dümmere Antwort gehört?
+Gesetzmäßige Frau! Was gibt es denn jetzt noch für gesetzmäßige Frauen?
+Wer in aller Welt oder in der besseren Gesellschaft gebraucht jetzt noch
+dieses dumme, dieses seminaristische, dieses ekelhaft gemeine Wort:
+‚gesetzmäßige Frau‘? – und wie wagst du es überhaupt, mich daran zu
+erinnern, daß ich deine Frau bin, wenn ich mich aus allen Kräften, aus
+ganzer Seele gerade dieses eine wieder zu vergessen bemühe, daß ich
+deine Frau bin! Was hältst du deinen Kopf fest? Da sehe doch einer, was
+für Haare er hat! Sie sind ja total, total naß! Die werden in drei
+Stunden nicht trocken werden! Wie soll man jetzt mit ihm hinfahren? Wie
+soll man ihn fremden Menschen zeigen? Was soll ich jetzt tun?“
+
+Marja Alexandrowna rang die Hände vor Verzweiflung, während sie im
+Zimmer auf und ab raste. Das Unglück war zwar nicht so groß und ließ
+sich ja leicht wieder gutmachen, nur konnte die Dame ihren
+herrschsüchtigen, rechthaberischen Geist nicht immer bändigen. Das
+beständige Ausgießen ihres Zornes über dem Haupte des armen Afanassij
+Matwejewitsch war ihr zum Bedürfnis geworden, – denn Tyrannei ist eine
+Angewohnheit, die zum Bedürfnis wird. Und dann – wir wissen doch, zu
+welchen Kontrasten manche zartfühlenden Damen einer gewissen
+Gesellschaftsklasse bei sich zu Hause, hinter den Kulissen – fähig sind,
+und gerade diesen Kontrast wollte ich hier wiedergeben.
+
+Afanassij Matwejewitsch verfolgte zitternd die Evolutionen seiner Gattin
+und schwitzte vor Angst.
+
+„Grischka!“ schrie sie. „Kleide den Herrn sofort an! Frack, Beinkleider,
+weiße Binde, Weste – schneller! Wo ist denn seine Kopfbürste, wo ist
+seine Kopfbürste?“
+
+„Mütterchen! Aber ich bin doch soeben aus der Wanne gekommen, – ich kann
+mich doch erkälten, erkälten, wenn ich bei diesem Wetter ausfahren ...“
+
+„Keine Bange – wirst dich nicht erkälten!“
+
+„Aber ... mein Haar ist ja ganz naß ...“
+
+„Das werden wir im Augenblick trocken machen! Grischka, nimm die
+Kopfbürste, bürst ihn trocken! Stärker! stärker! stärker! So! So ist’s
+recht!“
+
+Unter diesem Kommando bürstete der eifrige und ergebene Grischka aus
+Leibeskräften den Kopf seines Herrn, den er um der größeren
+Bequemlichkeit halber an der Schulter erfaßt hatte und von rückwärts
+striegelte, ungeachtet dessen, daß er die Nase seines Opfers fast an den
+Diwan stieß. Afanassij Matwejewitsch zog das Gesicht kraus und war nahe
+daran, zu weinen.
+
+„Jetzt komm her! Heb ihn auf, Grischka! Wo ist die Pomade? Beuge dich,
+beug dich, Nichtsnutz, beug dich, sag ich dir!“
+
+Und Marja Alexandrowna machte sich daran, eigenhändig ihren Gemahl zu
+salben, während sie ihn unbarmherzig an seinem dichten,
+grauuntermischten Haarschopf zog, den er zum Unglück nicht
+vorschriftsmäßig hatte kurz schneiden lassen. Afanassij Matwejewitsch
+seufzte und prustete, schrie aber doch kein einziges Mal, sondern ertrug
+ergeben die ganze gewaltsame Einsalbung.
+
+„Alle meine Kräfte hast du mir ausgesogen, du Schmutzfink!“ schrie Marja
+Alexandrowna. „So beug dich doch mehr, beug dich! – hast du verstanden?“
+
+„Wieso habe ich denn deine Kräfte ausgesogen, Mütterchen?“ fragte der
+Gatte zaghaft und beugte den Kopf so tief als nur irgend möglich.
+
+„Tölpel! Kannst nicht einmal eine Allegorie verstehen! Jetzt kämm dich.
+Und den Rock ihm an. Aber schnell.“
+
+Unsere Heldin setzte sich in einen Fauteuil und beaufsichtigte mit
+inquisitorischen Blicken das ganze Zeremoniell der Bekleidung ihres
+Gatten. Dieser hatte sich inzwischen ein wenig erholt und etwas Mut
+geschöpft. Als es zum Binden der weißen Krawatte kam, wagte er sogar,
+eine persönliche Bemerkung über die Form und Schönheit des Knotens zu
+äußern. Und als der brave Mann zu guter Letzt noch seinen Frack
+angezogen hatte, war er vollkommen ermutigt und betrachtete sein
+Spiegelbild sogar mit einer gewissen Ehrfurcht.
+
+„Wohin bringst du mich denn, Marja Alexandrowna?“ fragte er
+selbstgefällig.
+
+Seine Gemahlin traute ihren Ohren nicht.
+
+„Da höre doch einer! Ach, du Vogelscheuche! Wie wagst du überhaupt, mich
+zu fragen, wohin ich dich bringe?“
+
+„Aber Mütterchen, man muß doch wissen ...“
+
+„Schweig! Und wag es nur noch einmal, mich Mütterchen zu nennen,
+namentlich dort, wohin wir jetzt fahren! Einen ganzen Monat bleibst du
+mir dann ohne einen Tropfen Tee!“
+
+Erschrocken verstummte der Gemahl.
+
+„Seht doch, nicht einen einzigen Orden hat er sich verdient, dieser
+Taugenichts!“ sagte sie mit verächtlichem Blick auf seinen schwarzen
+Frack.
+
+Da fühlte sich Afanassij Matwejewitsch denn doch gekränkt.
+
+„Orden, Mutter, verleihen die höchsten Vorgesetzten und ich bin Rat,
+aber kein Taugenichts!“ sagte er mit edlem Unwillen.
+
+„Wie, wie, wie! Hast du hier etwa zu denken gelernt? Ach du! Bauer, du!
+Schade, daß ich jetzt keine Zeit habe, mich mit dir abzugeben, sonst
+würde ich ... Nun, ich werde mich dessen noch später entsinnen! Gib ihm
+den Hut, Grischka! Gib ihm den Pelz! ... Hier in meiner Abwesenheit
+diese drei Zimmer aufräumen, und auch das grüne, das Eckzimmer,
+gleichfalls aufräumen! Im Augenblick! Von den Spiegeln die Bezüge
+abnehmen! von den Uhren gleichfalls! Und sieh zu, daß alles in einer
+Stunde fertig ist! Und du selbst zieh dir den Frack an, und den Leuten
+gib weiße Handschuhe, hörst du, Grischka, hörst du!“
+
+Sie setzten sich in den Schlitten und fuhren. Afanassij Matwejewitsch
+wunderte sich und Marja Alexandrowna überlegte im stillen, wie sie dem
+schwerfälligen Kopf ihres Gatten gewisse Verhaltungsmaßregeln möglichst
+klar, einfach und verständlich einschärfen sollte. Doch ihr Gatte kam
+ihr zuvor.
+
+„Ach so, was ich eigentlich sagen wollte ... ich habe heute einen sehr
+originellen Traum gehabt,“ meldete er plötzlich mitten im beiderseitigen
+Schweigen.
+
+„Ach, du verfluchte Vogelscheuche! Und ich glaubte schon, daß jetzt weiß
+Gott was kommen würde! Sein Traum! Wie wagst du es überhaupt, mir mit
+deinen Träumen zu kommen? Origineller – Traum? Weißt du denn auch, was
+originell bedeutet? Hör, ich sage dir jetzt zum letzten Mal: wenn du
+heute wagst, auch nur ein Wort von deinem Traum zu sagen, oder
+gleichviel wovon, so werde ich – ich weiß nicht was, mit dir tun! Paß
+jetzt auf: Fürst K. ist zu mir gekommen. Entsinnst du dich noch des
+Fürsten K.? ...“
+
+„Entsinne mich, Mutter, entsinne mich. Weshalb ist er denn zu dir
+gekommen?“
+
+„Schweig! – das geht dich nichts an! Du mußt ihn mit besonderer
+Liebenswürdigkeit – als Hausherr – sofort auf unser Gut einladen.
+Deshalb bringe ich dich auch hin. Und heute noch werden wir von dort
+fortfahren. Wenn du aber wagst, heute, diesen ganzen Abend, oder morgen,
+oder übermorgen oder gleichviel wann, auch nur ein einziges Wort zu
+sprechen, so werde ich dich ein ganzes Jahr lang – Gänse werde ich dich
+hüten lassen! Sprich überhaupt nicht, sprich kein einziges Wort. Und das
+ist alles, was du zu tun hast. – Hast du verstanden?“
+
+„Aber – wenn man mich etwas fragt?“
+
+„Gleichviel – schweige!“
+
+„Aber – das geht doch nicht, daß ich nicht antworte, Marja
+Alexandrowna!“
+
+„In dem Fall sag irgend etwas ganz Kurzes, Einsilbiges, zum Beispiel:
+‚Hm!‘ oder etwas in der Art, – gewissermaßen – um zu zeigen, daß du ein
+kluger Mensch bist und reiflich überlegst, bevor du antwortetst.“
+
+„Hm!“
+
+„Versteh mich! Ich bringe dich hin und werde sagen, daß du auf die
+Nachricht von der Ankunft des Fürsten, vor Freude über seinen Besuch,
+sofort zur Stadt geeilt bist, um ihm deine Aufwartung zu machen und ihn
+zu uns aufs Gut einzuladen. Hast du verstanden?“
+
+„Hm!“
+
+„Aber du sollst doch nicht jetzt ‚hm‘ sagen, Esel! Antworte darauf, was
+ich dich frage!“
+
+„Gut, Mutter, es soll alles geschehen, wie du willst, nur – weshalb soll
+ich denn den Fürsten einladen?“
+
+„Wie, wie? Wieder willst du denken! Was geht das dich an, weshalb! Und
+wie wagst du überhaupt, das zu fragen?“
+
+„Ich meine ja nur, Marja Alexandrowna wie soll ich ihn denn einladen,
+wenn du mir fortwährend zu schweigen befiehlst?“
+
+„Ich werde für dich reden, du aber mach nur deine Verbeugung – hörst du?
+– mach nur deine Verbeugung und behalte den Hut in der Hand. Hast du
+mich verstanden?“
+
+„Jawohl, Mutt... Marja Alexandrowna.“
+
+„Der Fürst ist sehr geistreich. Wenn er etwas sagt, und selbst wenn es
+nicht an dich gerichtet ist, so antworte auf alles nur mit einem
+gutmütigen und heiteren Lächeln, – hörst du?“
+
+„Hm!“
+
+„Wieder! Mir hast du nicht mit ‚hm‘ zu antworten! Sage einfach und
+offen: hast du gehört oder nicht?“
+
+„Ich höre, Marja Alexandrowna, ich höre, wie sollte ich denn nicht
+hören. Das ‚hm‘ sage ich nur, weil ich mich im Hm-Sagen übe, wie du es
+befohlen hast. Aber ich meine nur, Mutter, wie wird denn das sein: wenn
+der Fürst etwas sagt und du befiehlst, ihn nur anzusehen und zu lächeln!
+Aber wenn er mich nun etwas fragt?“
+
+„Gott! – bis der etwas begriffen hat! Ich habe dir doch gesagt:
+schweige! Ich werde für dich antworten, du aber sieh ihn nur an und
+lächle.“
+
+„Aber ... dann kann er ja denken, daß ich stumm bin!“
+
+„Großes Unglück! Mag er doch, dafür wird er _nicht_ merken, daß du
+_dumm_ bist.“
+
+„Hm! ... Nun, aber wenn mich andere etwas fragen?“
+
+„Niemand wird dich etwas fragen, es wird niemand zugegen sein. Und falls
+dennoch jemand kommen sollte – wovor Gott uns bewahre! – und dich etwas
+fragt oder überhaupt etwas sagt, so antworte sofort mit einem
+sarkastischen Lächeln. Weißt du, was das ist – ein sarkastisches
+Lächeln?“
+
+„Das ist doch ein geistvolles, nicht?“
+
+„Ich werde dir – geistvolles! Wer wird denn von dir Esel ein geistvolles
+Lächeln verlangen! Einfach ein spöttisches Lächeln, ein spöttisch
+verächtliches.“
+
+„Hm!“
+
+„Weiß Gott, wie es werden wird!“ dachte Marja Alexandrowna innerlich
+seufzend. „Er hat sich entschieden geschworen, mich zur Verzweiflung zu
+bringen! Ich glaube fast, es wäre besser, ihn überhaupt nicht
+hinzubringen!“
+
+Während dieses Gedankenganges, dem sorgenvolle Unruhe und erbitterte
+Selbstvorwürfe folgten, beugte sich Marja Alexandrowna beständig zum
+Fenster ihres Verdeckschlittens hinaus und trieb den Kutscher zu noch
+größerer Eile an. Die Pferde jagten, ihr aber schien es immer noch zu
+langsam vorwärts zu gehen. Afanassij Matwejewitsch saß schweigend in
+seiner Ecke und wiederholte in Gedanken die ihm erteilten Lektionen.
+Endlich erreichten sie die Stadt und bald darauf hielten sie vor dem
+Hause Marja Alexandrownas.
+
+Kaum aber war unsere Heldin ausgestiegen, als sie auch schon einen
+zweisitzigen, verdeckten Schlitten mit dampfenden Pferden erblickte, der
+plötzlich gleichfalls vor ihrem Hause hielt. Das war das Gefährt, in dem
+Anna Nikolajewna Antipowa ausfuhr. Im Schlitten saßen zwei Damen. Die
+eine war Anna Nikolajewna und die andere Natalja Dmitrijewna, – seit
+einiger Zeit die aufrichtigste Freundin und Anhängerin der anderen.
+
+Marja Alexandrownas Herzschlag setzte aus. Aber noch hatte sie keinen
+Schrei ausgestoßen, als schon eine zweite Kutsche vorfuhr, in der sich
+offenbar gleichfalls Gäste befanden. Im Augenblick ertönten denn auch
+freudige Begrüßungsworte.
+
+„Marja Alexandrowna! Und zusammen mit Afanassij Matwejewitsch!
+Angekommen! Woher denn das? Und gerade rechtzeitig, denn wir kommen zu
+Ihnen! Auf den ganzen Abend! Welche Überraschung!“
+
+Die Damen hüpften auf die Treppe und zwitscherten wie Schwalben
+durcheinander. Marja Alexandrowna traute ihren Augen und Ohren nicht.
+
+„Daß euch der! ...“ dachte sie bei sich. „Das sieht mir ganz nach einer
+Verschwörung aus! Das muß man untersuchen! Nur ... werden nicht solche
+Elstern wie ihr mich überlisten ... Wartet! ...“
+
+
+ XI.
+
+Mosgljäkoff verließ Marja Alexandrowna wie es schien, vollkommen
+beruhigt. Sie hatte es verstanden, ihn für ihren Plan zu gewinnen.
+Einstweilen aber ging er doch nicht zu Borodujeff, denn es verlangte ihn
+nach Einsamkeit. Die Woge der romantischen und heroischen Träume, die
+ihn plötzlich überkam, ließ ihm keine Ruhe. Er dachte an eine feierliche
+Aussprache mit Sina, an die edlen Tränen seines alles verzeihenden
+Herzens, seine Bleichheit und Verzweiflung auf dem glänzenden
+Petersburger Ball, an Spanien, den Guadalquivir, an seine Liebe und den
+sterbenden Fürsten, der noch vor seinem letzten Atemzuge ihrer beider
+Hände vereinigte. Hierauf dachte er an seine wunderschöne Frau, die ihm
+treu ergeben ist und ihn täglich ob seines Heldenmutes und seiner
+erhabenen Gefühle anstaunt; nebenbei – im stillen – an die
+Aufmerksamkeit irgend einer Gräfin der „höchsten Gesellschaft“, in die
+er durch die Heirat mit Sina, der Witwe des Fürsten K., unfehlbar
+hineingelangen würde; ferner an den Posten eines Vizegouverneurs, an das
+viele Geld ... Mit einem Wort: alles, was Marja Alexandrowna so beredt
+ausgemalt hatte, zog noch einmal durch seine restlos zufriedene Seele,
+beglückend und verlockend und vor allem seiner Eigenliebe schmeichelnd.
+Doch siehe – und ich weiß wirklich nicht, wie ich das eigentlich
+erklären soll –, als er von dieser ganzen Begeisterung bereits müde zu
+werden begann, kam ihm plötzlich ein äußerst unangenehmer Gedanke: daß
+nämlich das alles bestenfalls in der Zukunft sein würde, daß er
+vorläufig aber trotz allem mit einer langen Nase sitzen bliebe. Als ihm
+dieser Gedanke kam, bemerkte er auch, daß er sehr weit gegangen war und
+sich in einer einsamen, ihm völlig unbekannten Vorstadt Mordassoffs
+befand. Es dunkelte. In den Straßen, an denen gleichsam in die Erde
+hineingewachsene Häuschen standen, bellten wie verzweifelt alle Hunde,
+die, wie gewöhnlich in Provinzstädten, gerade in jenen Stadtteilen sich
+erschreckend vermehren, wo es nichts zu bewachen und auch nichts zu
+stehlen gibt. Es begann zu schneien. Nasse, schwere Flocken fielen.
+Selten nur begegnete ihm ein verspäteter Bauer oder ein Weib im Pelz und
+in Wasserstiefeln. Alles das ärgerte ihn mit einemmal – ein sehr
+schlechtes Zeichen, da uns bei einer günstigen Wendung der Dinge im
+Gegenteil alles in rosigem Licht zu erscheinen pflegt. Pawel
+Alexandrowitsch dachte unwillkürlich daran, daß er bis jetzt in
+Mordassoff den Ton angegeben hatte; er hörte es sehr gern, wenn man ihm
+in jedem Hause andeutete, daß er Heiratskandidat sei und wenn ihm zu
+dieser Eigenschaft Glück gewünscht wurde. Er war sogar regelrecht stolz
+darauf, Heiratskandidat zu sein. Und nun sollte er plötzlich als –
+Verschmähter dastehen! Man wird ihn ja auslachen! Und in der Tat, er
+kann doch nicht alle eines anderen belehren, er kann doch nicht einem
+jeden von den Petersburger Bällen in säulenverzierten Sälen und vom
+Guadalquivir erzählen! Während er so dies und das überlegte, sich selbst
+quälte und mit seinem Schicksal haderte, kam ihm schließlich etwas in
+den Sinn, das schon seit einiger Zeit halb unbewußt an seinem Herzen
+genagt hatte.
+
+„Aber ist denn das alles auch wahr? Wird es denn auch genau so in
+Erfüllung gehen, wie Marja Alexandrowna es ausgemalt hat?“
+
+Gleichzeitig sagte er sich, daß Marja Alexandrowna eine äußerst schlaue
+Dame war und, wie sehr sie die allgemeine Achtung auch verdient haben
+mochte, dennoch klatschte und vom Morgen bis zum Abend log. Er sah ein,
+daß sie, als sie ihn „abschob“, wahrscheinlich ihre besonderen Gründe
+dazu gehabt hatte, und schließlich – ausmalen kann ja ein jeder. Auch an
+Sina dachte er, dachte an ihren Abschiedsblick, der von nichts weniger
+als von heimlicher, leidenschaftlicher Liebe gesprochen hatte; und zum
+Überfluß fiel ihm da noch ein, daß er von ihr immerhin einen Korb
+erhalten und sie ihn einen Dummkopf genannt hatte. Bei diesem Gedanken
+blieb Pawel Alexandrowitsch wie angewurzelt stehen und errötete vor
+Scham bis zu Tränen. Da fehlte denn nur noch, daß ihm gerade in diesem
+Augenblick etwas Unangenehmes zustieß: er trat fehl und flog in einen
+Schneehaufen. Während er nun in dem losen, weichen Schnee kniete und
+sich wieder aufzurichten mühte, stürzte die ganze Meute, die ihn seit
+geraumer Zeit verfolgt und angekläfft hatte, von allen Seiten auf ihn
+los. Der kleinste und frechste Hackenbeißer hatte sogar die
+Unverschämtheit, sich hinten an seinen Pelz zu hängen. Mit lautem
+Geschimpf schüttelte er die Hunde ab und trottete dann mit hinten
+zerrissenem Pelzrand bis zur nächsten Querstraße, um erst hier gewahr zu
+werden, daß er sich verirrt hatte. Bekanntlich kann kein Mensch, der
+sich in einem ihm unbekannten Stadtteil verirrt hat – und namentlich
+noch in der Nacht – eine Straße geradeaus bis zum Ende gehen: immer
+wieder wird ihn eine unbekannte Macht in alle Querstraßen und
+Nebengassen einzubiegen zwingen. Da nun auch Mosgljäkoff keine Ausnahme
+aus der Regel machte, verirrte er sich bald endgültig.
+
+„Der Teufel hole alle diese hohen Ideen!“ fluchte er im Innersten und
+spie aus vor Wut. „Und der Teufel hole euch alle samt euren edlen
+Gefühlen und Guadalquiviren!“
+
+Ich will nicht behaupten, daß Mosgljäkoff in diesem Augenblick anziehend
+gewesen sei.
+
+Nach zwei Stunden langte er endlich müde und abgequält beim Hause Marja
+Alexandrownas an. Als er die vielen Kutschen vor der Tür halten sah,
+wunderte er sich.
+
+„Sind das etwa Gäste, sollte dort geladener Besuch sein?“ fragte er
+sich. „Zu welchem Zweck gibt sie denn heute eine Abendgesellschaft?“ Er
+erkundigte sich beim Diener und erfuhr, daß Marja Alexandrowna auf dem
+Gut gewesen und mit Afanassij Matwejewitsch – der in Frack und weißer
+Binde erschienen sei – zurückgekehrt war und daß der Fürst zwar geruht
+habe, aus dem Nachmittagsschläfchen zu erwachen, jedoch noch nicht nach
+unten zu den Gästen herabgestiegen wäre. Mosgljäkoff begab sich, ohne
+ein Wort zu sagen, hinauf zum Fürsten. Er befand sich gerade in einer
+Stimmung, in der ein Mensch mit schwachem Charakter fähig ist, sich zu
+allem zu entschließen, selbst zum schmählichsten Racheakt, ohne daran zu
+denken, daß er dann vielleicht sein ganzes Leben lang die Tat bereuen
+wird.
+
+Er fand den Fürsten in einem bequemen Lehnstuhl sitzend vor seinem
+Reisenecessaire mit vollkommen kahlem Schädel, aber die Fliege und der
+Backenbart waren bereits angebracht. Seine Perücke befand sich in den
+Händen seines alten grauhaarigen Kammerdieners und besonderen Lieblings,
+Iwan Pachomytschs, der sie mit tiefernster, wichtiger und ehrfürchtiger
+Miene bürstete.
+
+Der Fürst, der nach dem vielen Wein noch nicht recht zu sich gekommen zu
+sein schien, bot einen ziemlich traurigen Anblick dar: er schien ganz
+und gar erschlafft zu sein, blinzelte hin und wieder mit den Augen und
+sah Mosgljäkoff an, als sähe er ihn zum ersten Mal im Leben.
+
+„Wie geht es Ihnen, wie fühlen Sie sich, Onkelchen?“ erkundigte sich
+dieser.
+
+„Wie ... Ach das bist du!“ Schließlich erkannte ihn der Fürst. „Ich war
+ein wenig eingeschlafen. Ach Gott!“ – Er war im Augenblick belebt – „ich
+bin ja doch ... ich bin ja doch ohne Per–rücke!“
+
+„O, beunruhigen Sie sich nicht, Onkelchen! Ich ... ich werde Ihnen
+helfen, wenn Sie meiner Hilfe bedürfen.“
+
+„Nun sieh, da hast du jetzt mein Geheimnis erfahren! Ich habe doch
+ge–sagt, daß man die Tür verschließen muß. Aber, mein Freund, du mußt
+mir jetzt sogleich dein Eh–ren–wort geben, daß du mein Geheim–nis
+niemand aufdecken und niemand sagen wirst, daß ich fal–sches Haar habe.“
+
+„O, ich bitte Sie, Onkelchen! Halten Sie mich denn für einen, der dazu
+fähig wäre?“ Mosgljäkoff wollte den Fürsten zu seinen weiteren Zwecken
+gewinnen ...
+
+„Nun ja, nun ja! Doch ... Da ich sehe, daß du ein edler Mensch bist –
+mag es dann so sein, ich werde dich in Erstaunen setzen ... und dir
+meine Geheimnisse aufdecken. Nun, mein Lieber, wie gefällt dir mein
+Schnurrbart?“
+
+„Vorzüglich, Onkelchen! Er ist geradezu wunderbar! Wie haben Sie ihn nur
+so lange und so tadellos erhalten können?“
+
+„Überzeuge dich: er ist – fal–sch!“ sagte der Fürst mit triumphierendem
+Blick auf Mosgljäkoff.
+
+„Ist’s möglich? Nicht zu glauben! Nun, aber der Backenbart? Gestehen Sie
+es nur, Onkelchen, den färben Sie doch?“
+
+„Färben? Ich färbe ihn nicht nur, er ist gleichfalls vollkommen –
+fal–sch!“
+
+„Unmöglich! Nein, Onkelchen, Verzeihung, aber das glaube ich nicht! Sie
+wollen sich über mich lustig machen!“
+
+„^Parole d’honneur, mon ami!^“ beteuerte der Fürst stolz. „Und denk dir,
+alle, aber auch alle lassen sich ganz wie du täuschen! Sogar Stepanida
+Matwejewna glaubt es nicht, obgleich sie ihn mir doch zuweilen selbst
+anbringt. Aber ich bin über–zeugt, mein Lieber, daß du mein Geheimnis
+bewahren wirst. Gib mir dein Ehrenwort.“
+
+„Ehrenwort, Onkelchen, ich werde es keinem verraten. Und glauben Sie
+denn wirklich, daß ich dazu fähig wäre?“
+
+„Ach, mein Freund, wie ich heute in deiner Abwesenheit gefallen bin!
+Fe–o–fil hat mich zum zweitenmal um–geworfen!“
+
+„Zum zweitenmal? Wann denn das?“
+
+„Tja, wir näherten uns schon dem Kloster ...“
+
+„Ich weiß, Onkelchen, heute morgen.“
+
+„Nein, nein, das war im ganzen vor zwei Stunden, nicht mehr. Ich fuhr
+ins Kloster, er aber warf die Kutsche um. Dieser Schreck! Mein Herz
+steht noch still davon.“
+
+„Aber Onkelchen, Sie haben doch inzwischen geschlafen!“
+
+„Nun ja, geschlafen ... dann aber fuhr ich ... wie gesagt, ich ... Also,
+wie gesagt, vielleicht habe ich das ... nein, wie son–derbar das ist!“
+
+„Glauben Sie mir, Onkelchen, das haben Sie nur im Traum erlebt! Sie
+haben hier doch die ganze Zeit seit dem Mittag geschlafen.“
+
+„Wirk–lich?“ – Der Fürst wurde nachdenklich.
+
+„Nun ja, vielleicht habe ich das nur im Traum gesehen. Aber, wie gesagt,
+ich habe alles behalten, was mir geträumt hat. Zuerst träumte mir von
+einem grau–envollen Büffel mit langen Hörnern, dann von einem
+Staatsanwalt, gleichfalls, wie mir schien, mit Hör–nern ...“
+
+„Das war wohl Nikolai Wassiljitsch Antipoff, Onkelchen?“
+
+„Nun ja, vielleicht war er es. Und dann träumte mir von Napo–leon
+Buonaparte. Weißt du, mein Lieber, mir sagen alle, daß ich Napoleon
+Buonaparte ungemein ähneln soll ... und im Profil soll ich ...
+aus–ge–sproch–en wie ein gewisser ehemaliger Papst aussehen! Was findest
+du, mein Lieber, habe ich Ähnlichkeit von einem Papst?“
+
+„Ich finde, daß Sie mehr Napoleon ähneln, Onkelchen.“
+
+„Nun ja, das wäre ^en face^. Wie gesagt, ich finde es selbst auch, mein
+Lieber. Und ich sah ihn im Traum bereits auf der Insel sitzend, und wie
+gesagt, er war so ge–sprä–chig, so schlag–fertig, solch ein Witz–bold
+... so daß er mich un–gemein erheitert hat.“
+
+„Reden Sie von Napoleon?“ fragte Mosgljäkoff mit nachdenklichem Blick
+auf den Fürsten. Ihm war plötzlich ein sonderbarer Einfall gekommen, ein
+Einfall, über den er sich vorläufig noch nicht recht klar war.
+
+„Nun ja, von Napoleon. Wir sprachen beide über Phi–lo–sophie. Und weißt
+du, mein Lieber, es tut mir sogar leid, daß die Eng–länder ... so streng
+mit ihm verfah–ren sind. Es ist ja wahr: hätte man ihn nicht an der
+Kette gehalten, so würde er sich wieder auf die anderen gestürzt haben.
+Ein toller Mensch! Aber es tut mir doch leid um ihn. Ich hätte ihn nicht
+so behandelt. Ich hätte ihn auf eine un–bewohnte Insel gesetzt ...“
+
+„Weshalb denn auf eine unbewohnte?“ fragte Mosgljäkoff zerstreut.
+
+„Nun, dann meinetwegen auch auf eine bewohn–te, aber auf eine, auf der
+nur vernünf–tige Menschen wohnen. Nun und dann hätte ich verschiedene
+Zerstreu–ungen für ihn arrangiert: Theater, Musik, Ballett ... und alles
+auf Kosten des Staates. Spazieren zu gehen hätte ich ihm natür–lich nur
+unter Auf–sicht erlaubt, denn sonst wäre er ja sofort wieder
+entschlüpft. Gewisse Pasteten soll er sehr geliebt haben. Nun, dann
+würde man ihm eben täglich diese Pasteten gebacken haben. Ich hätte
+sozusagen väterlich für ihn gesorgt. Er hätte es bei mir nicht schlecht
+gehabt! ...“
+
+Mosgljäkoff hörte zerstreut dem Geschwätz des erst halberwachten Greises
+zu und trommelte mit seinen Händen vor Ungeduld. Er wollte das Gespräch
+auf die Heirat bringen. Eigentlich wußte er noch selbst nicht, weshalb
+er es wollte, doch ein unbezwingliches Rachegelüst kochte in seiner
+Brust. Plötzlich stieß der Greis einen leichten Schrei aus, einen Schrei
+der Überraschung.
+
+„Ach, ^mon ami^! Ich habe ja ganz vergessen, dir zu sagen! Denk doch,
+ich habe heute einen Heiratsantrag gemacht!“
+
+„Einen Heiratsantrag, Onkelchen?“ fragte Mosgljäkoff ungemein belebt.
+
+„Nun ja, einen Hei–ratsantrag. Pachomytsch, du gehst schon? Nun gut.
+^C’est une charmante personne ... Mais^ ... ich will dir gestehen, mein
+Lieber, ich habe un–über–legt gehandelt. Jetzt sehe ich es ein. Ach,
+Gott im Himmel!“
+
+„Aber erlauben Sie, Onkelchen, wann haben Sie es denn getan?“
+
+„Wie gesagt, mein Lieber, ich weiß noch nicht einmal genau, wann. Oder
+sollte mir das nur geträumt haben? Ach, wie son–der–bar das aber doch
+ist!“
+
+Mosgljäkoff erzitterte vor Freude. Er hatte eine glänzende Idee!
+
+„Aber wem und wann haben Sie denn den Heiratsantrag gemacht, Onkelchen?“
+fragte er ungeduldig.
+
+„Der Tochter des Hauses hier, ^mon ami^ ... ^cette belle personne^ ...
+wie gesagt, ich habe vergessen, wie sie heißt. Nur, sieh mal, ^mon ami^,
+ich kann doch unmöglich hei–raten! Was soll ich jetzt tun?“
+
+„Gewiß, Sie würden sich unfehlbar zugrunde richten, wenn Sie heiraten
+wollten. Aber erlauben Sie eine Frage, Onkelchen: sind Sie denn auch
+überzeugt, daß Sie den Antrag wirklich gemacht haben?“
+
+„Nun ja ... ich bin ü–ber–zeugt.“
+
+„Wenn es Ihnen aber nur geträumt hat, ganz wie das, daß sie zum zweiten
+Mal mit der Kutsche umfielen?“
+
+„Ach, Gott! Es ist wahr, vielleicht hat es mir auch nur geträumt! ...
+Jetzt weiß ich ja gar nicht, wie ich mich dort verhal–ten soll! ... ^Mon
+ami^, auf welchem Um–wege könnte man das nun genau erfahren, ob ich bei
+ihr angesprochen habe oder nicht? Denn sonst, denk doch nur, in welcher
+Lage ich jetzt bin!“
+
+„Wissen Sie, Onkelchen, ich glaube, da ist überhaupt nichts zu
+erfahren.“
+
+„Wieso?“
+
+„Ich bin überzeugt, daß es Ihnen nur geträumt hat.“
+
+„Der Meinung bin ich auch, ^mon ami^, um so mehr, als ich oft ähn–liche
+Träume habe.“
+
+„Nun, sehen Sie. Und vergessen Sie nicht, daß Sie zum Frühstück ein
+wenig getrunken haben, dann zum Mittag wieder und schließlich ...“
+
+„Nun ja, mein Lieber, das ist es gerade; vielleicht rührt es auch nur
+da–von her.“
+
+„Und zudem, Onkelchen, wie sehr Sie auch entflammt gewesen sein mochten,
+einen so unüberlegten Heiratsantrag hätten Sie doch nie in Wirklichkeit
+machen können. So weit ich Sie kenne, sind Sie ein überaus vernünftiger
+Mensch und ...“
+
+„Nun ja, nun ja.“
+
+„Und denken Sie doch nur an eines: wenn das Ihre Verwandten erführen,
+die Ihnen doch ohnehin nicht gewogen sind – was würden die dazu sagen?“
+
+„Gott im Himmel!“ rief entsetzt der Fürst aus. „Was würden die dazu
+sagen?“
+
+„Ich bitte Sie! Alle würden wie ein Mann schreien, daß Sie es nicht bei
+vollem Verstande hätten tun können, daß Sie geistesschwach seien, daß
+man Sie unter Kuratel bringen müsse, daß man Sie betrogen habe, und zu
+guter Letzt würde man Sie irgendwo einsperren, wo Sie unter Aufsicht
+leben müßten.“
+
+Mosgljäkoff wußte, womit man dem Alten den größten Schrecken einjagen
+konnte.
+
+„Gott im Himmel!“ – Der Fürst zitterte wie ein Espenblatt. „Würde man
+mich wirklich einsperren!“
+
+„Und deshalb sagen Sie sich doch selbst Onkelchen: wie hätten Sie einen
+so unüberlegten Heiratsantrag in Wirklichkeit machen können? Sie kennen
+doch Ihren eigenen Vorteil! Nein, ich behaupte konsequent, daß Sie das
+alles nur im Traum gesehen haben.“
+
+„Unbedingt im Traum, un–be–dingt im Traum!“ bestätigte der erschrockene
+Fürst. „Nein, wie vernünftig du das erklärt hast, mein Lieber! Ich danke
+dir von Herzen dafür, daß du mich be–ruh–igt hast!“
+
+„Und mich freut es sehr, daß ich Sie heute getroffen habe. Denken Sie
+doch nur: ohne mich hätten Sie sich tatsächlich täuschen, hätten Sie
+glauben können, daß Sie tatsächlich im wachen Zustande bei ihr
+angesprochen haben und dann – wären Sie jetzt als Bräutigam zu ihr nach
+unten gegangen! Denken Sie doch nur, wie gefährlich das gewesen wäre!“
+
+„Nun ja ... gefährlich!“
+
+„Denken Sie doch nur, daß dieses Mädchen dreiundzwanzig Jahre alt ist;
+niemand will sie nehmen und plötzlich kommen Sie, ein reicher und
+vornehmer Aristokrat, als Freier zu ihr! Aber die würden ja doch sofort
+zugreifen, würden beteuern, daß Sie wirklich angesprochen haben: und
+verkuppeln Sie womöglich mit Gewalt. Und dann werden sie hoffen, daß Sie
+vielleicht bald sterben ...“
+
+„Wirklich?“
+
+„Und dann denken Sie doch nur, Onkel: ein Mensch mit Ihren Vorzügen ...“
+
+„Nun ja, mit meinen Vorzügen ...“
+
+„Mit Ihrem Verstande und Ihrer Liebenswürdigkeit ...“
+
+„Nun ja, mit meinem Verstande, ja! ...“
+
+„Und dann, Sie sind – Fürst. Sie könnten doch eine ganz andere Partie
+machen, wenn Sie wirklich aus irgend einem Grund heiraten müßten. Und
+denken Sie nur daran, was Ihre Verwandten sagen würden!“
+
+„Ach, ^mon ami^, sie würden mich ja dann ganz und gar vernichten! Ich
+habe von ihnen schon soviel Böses und Unheimliches erfahren ... Denk
+dir, ich vermute, daß sie mich sogar in eine Ir–ren–anstalt bringen
+wollten. Nun sag doch bloß, ^mon ami^, das geht doch nicht! Nun, was
+würde ich denn dort in der Ir–ren–anstalt an–fangen?“
+
+„Versteht sich, Onkelchen, und deshalb werde ich Sie jetzt auch nicht
+verlassen, wenn Sie nach unten gehen. Dort sind Gäste.“
+
+„Gäste? Gott im Himmel!“
+
+„Beunruhigen Sie sich nicht, Onkelchen, ich werde bei Ihnen sein.“
+
+„Nein, wie dankbar ich dir bin, mein Lieber, du bist geradezu mein
+Retter! Aber weißt du: ich werde lieber fortfahren.“
+
+„Morgen, Onkelchen, morgen früh um sieben Uhr. Heute aber müssen Sie
+sich noch von allen verabschieden und sagen, daß Sie morgen fortfahren.“
+
+„Ich werde un–be–dingt fortfahren ... wie gesagt, zum Pater Missaïl ...
+^Mais, mon ami^, wenn sie mich nun aber verkup–peln wollen?“
+
+„Fürchten Sie sich nicht, Onkelchen, ich werde bei Ihnen sein. Und
+schließlich, was man Ihnen auch sagen oder zu verstehen geben sollte,
+bleiben Sie dabei, daß es Ihnen nur geträumt hat ... wie es sich ja auch
+tatsächlich verhält ...“
+
+„Nun ja, un–be–dingt geträumt! Nur, weißt du, ^mon ami^, es war doch ein
+be–zau–bernder Traum! Sie ist wun–der–bar schön und, weißt du, welche
+Formen ...“
+
+„Nun, auf Wiedersehen, Onkelchen, ich gehe jetzt nach unten und Sie ...“
+
+„Was! Du verläßt mich, du läßt mich allein zurück!“ rief der Fürst
+erschrocken aus.
+
+„Nein doch, wir müssen nur nach unten gehen und da ist es besser, wenn
+wir nicht zusammen erscheinen, zuerst ich, dann Sie.“
+
+„Nun gut. Ich muß, wie gesagt, auch noch einen Gedanken
+niederschreiben!“
+
+„Schön, Onkelchen, schreiben Sie also Ihren Gedanken nieder und kommen
+Sie dann ohne zu säumen. Morgen früh aber ...“
+
+„Und morgen früh zum Priestermönch, un–be–dingt zum Prie–stermönch!
+Charmant, charmant! Aber weißt du, ^mon ami^, sie ist wun–derbar schön
+... diese Formen ... und wenn ich nun einmal unbedingt heiraten müßte,
+so würde ich ...“
+
+„Gott bewahre Sie davor, Onkelchen!“
+
+„Nun ja, Gott bewahre mich davor ... Nun, auf Wiedersehen, mein Lieber,
+ich werde sogleich ... ich muß nur noch etwas niederschreiben. A
+pro–pos, ich wollte dich immer fragen: hast du Casanovas Memoiren
+gelesen?“
+
+„Ja, ich habe sie gelesen – was ist denn?“
+
+„Nun ja ... ich habe jetzt nur vergessen, was ich fragen wollte.“
+
+„Sie werden sich dessen später entsinnen, Onkelchen. Auf Wiedersehen!“
+
+„Auf Wiedersehen, ^mon ami^, auf Wiedersehen! Nur war es doch ein
+ent–zückender Traum, ein ent–zückender Traum! ...“
+
+
+ XII.
+
+„Wir kommen alle zu Ihnen, alle, alle! Auch Praskowja Iljinitschna
+wollte kommen, und auch Luisa Karlowna wollte kommen,“ zwitscherte Anna
+Nikolajewna, in den „Salon“ eintretend. Neugierig blickte sie sich rings
+um.
+
+Sie war eine hübsche kleine Dame, bunt, doch reich gekleidet und sie
+wußte es selbst vorzüglich, daß sie hübsch war. Sie war überzeugt, in
+einer Ecke des Salons den Fürsten mit Sina im Gespräch zu erblicken.
+
+„Und auch Katerina Petrowna und Felissata Michailowna wollten kommen,“
+fügte Natalja Dmitrijewna hinzu, eine Dame von kolossalen Dimensionen –
+sie war es, deren Formen dem Fürsten so sehr gefallen hatten – und die
+unwillkürlich an einen Grenadier erinnerte.
+
+Sie trug ein auffallend kleines rosa Kapotthütchen, das ganz auf dem
+Hinterkopf saß. Seit drei Wochen war sie die beste Freundin Anna
+Nikolajewnas, der sie schon seit langem den Hof gemacht hatte und die
+sie allem Anschein nach wie einen einzigen Bissen hätte
+hinunterschlucken können – samt allen Knochen.
+
+„Ich rede schon gar nicht von meinem – ich kann wohl sagen – Entzücken
+darüber, Sie beide endlich einmal bei mir zu sehen und noch dazu am
+Abend,“ flötete Marja Alexandrowna, nachdem sie sich vom ersten Schreck
+erholt hatte. „Aber sagen Sie doch bitte, welches Wunder Sie heute zu
+mir gerufen hat, während ich doch schon längst jede Hoffnung auf diese
+Ehre aufgegeben! ...“
+
+„Ach Gott, Marja Alexandrowna, wie Sie wirklich sind!“ sagte Natalja
+Dmitrijewna süßlich, verschämt, geziert und fast piepend, was einen
+äußerst interessanten Gegensatz zu ihrer Erscheinung bildete.
+
+„^Mais, ma charmante^ Marja Alexandrowna,“ zwitscherte wieder Anna
+Nikolajewna dazwischen, „wir müssen doch endlich mit unseren
+Vorbereitungen zu diesem Theater ins reine kommen! Heute noch sagte
+Pjotr Michailowitsch zu Kalist Stanislawitsch, es betrübe ihn sehr, daß
+wir nicht weiter kämen und uns immer nur stritten. Und da versammelten
+wir uns denn heute alle vier und dachten: fahren wir einfach zu Marja
+Alexandrowna und besprechen wir uns dort! Natalja Dmitrijewna hat auch
+die anderen benachrichtigt. Alle werden kommen. Und so können wir uns
+denn beraten und die Sache kommt dann endlich in Gang ... Dann darf man
+auch nicht mehr sagen, daß wir uns nur streiten, nicht wahr, ^mon
+ange^?“ fügte sie kokett hinzu und küßte Marja Alexandrowna. „Ach! sieh
+da! Sinaïda Afanassjewna! Sie werden aber mit jedem Tag schöner!“
+
+Und Anna Nikolajewna eilte der eintretenden Sina entgegen, um sie zu
+küssen.
+
+„Sie hat ja auch nichts weiter zu tun, als sich zu verschönen,“ meinte
+süß Natalja Dmitrijewna und rieb ihre großen Hände.
+
+„Wenn euch doch der Teufel holte! Dieses blödsinnige Theater hatte ich
+ganz vergessen! Sie scheinen, weiß Gott, klüger geworden zu sein!“
+dachte Marja Alexandrowna, innerlich rasend vor Wut.
+
+„Und hinzu kommt noch, mein Engel,“ fuhr Anna Nikolajewna fort, „daß
+jetzt dieser liebe Fürst bei Ihnen weilt. Sie wissen doch, in Duchanowo
+gab es ja früher ein Theater. Wir haben uns schon erkundigt und wissen
+jetzt, daß dort irgendwo noch alte Kulissen, ein Vorhang und sogar
+Kostüme vorhanden sind. Der Fürst war heute bei mir, aber ich war so
+überrascht, daß ich ganz vergaß, ihn zu fragen. Jetzt können wir hier
+das Gespräch aufs Theater bringen. Sie werden uns beistehen und der
+Fürst wird uns den ganzen Plunder herschicken – das werden Sie sehen!
+Denn bei wem könnten Sie wohl hier etwas in der Art einer Kulisse
+bestellen? Und die Hauptsache: wir wollen ja auch den Fürsten für unsere
+Aufführung gewinnen. Er muß unbedingt zur Kollekte beisteuern, – es ist
+doch für die Armen! Vielleicht wird er sogar eine Rolle übernehmen, – er
+ist doch so liebenswürdig und mit allem stets einverstanden. Dann würde
+alles wundervoll gehen!“
+
+„Gewiß wird er eine Rolle übernehmen. Man kann ihn ja doch jede
+beliebige Rolle spielen lassen,“ bemerkte Natalja Dmitrijewna
+zweideutig.
+
+Anna Nikolajewna hatte Marja Alexandrowna nicht betrogen: in jedem
+Augenblick kamen neue Gäste. Die Hausfrau konnte kaum eine jede der
+eintreffenden Damen begrüßen und alle die Ausrufe des Entzückens
+bewältigen, die von dem gesellschaftlichen Anstand oder dem guten Ton in
+solchen Fällen verlangt werden.
+
+Ich will es nicht versuchen, alle Damen zu beschreiben. Ich sage nur,
+daß einer jeden ganz besondere Bosheit aus den Augen blitzte. Auf allen
+Gesichtern konnte man Erwartung und eine geradezu krankhafte Ungeduld
+lesen. Einige von ihnen waren entschieden mit der Absicht gekommen,
+Augenzeugen eines unerhörten Skandals zu sein, und sie würden sehr
+ungehalten gewesen sein, wenn es nicht zu einem solchen gekommen wäre.
+Äußerlich waren alle ungemein liebenswürdig, doch Marja Alexandrowna
+hatte sich nichtsdestoweniger auf einen heftigen Ansturm gefaßt gemacht.
+Fragen nach dem Fürsten regneten von allen Seiten; anscheinend war eine
+jede dieser Fragen sehr natürlich, aber dennoch enthielt jede eine leise
+Anspielung, verriet jede einen Hintergedanken. Es wurde Tee gereicht;
+man setzte sich. Eine Gruppe belagerte den Flügel. Sina wurde gebeten,
+etwas zu singen, sie aber antwortete trocken, daß sie nicht ganz gesund
+sei. Ihr bleiches Gesicht ließ die Antwort glaubwürdig erscheinen.
+Hierauf folgten viele mitleidige Fragen und gleichzeitig wurde auch noch
+nach anderem gefragt und anderes zu verstehen gegeben. Man erkundigte
+sich auch nach Mosgljäkoff und wandte sich mit diesen Fragen
+ausschließlich an Sina. Marja Alexandrowna verzehnfachte sich: sie sah
+alles, selbst das, was in der fernsten Ecke geschah, sie hörte, was jede
+Dame sprach, obgleich es ihrer etwa zehn waren, und sie antwortete
+unverzüglich auf alle Fragen und versteht sich – suchte nicht lange nach
+Worten. Sie zitterte für Sina und wunderte sich, daß sie noch nicht
+fortging, wie sie es sonst in ähnlichen Fällen stets zu tun pflegte.
+Auch Afanassij Matwejewitsch war inzwischen von den Gästen bemerkt
+worden. Sie pflegten ihn gewöhnlich alle zum besten zu haben, um auf
+diese Weise Marja Alexandrowna zu verletzen. Jetzt jedoch hofften sie,
+von dem dummen und aufrichtigen Gatten manches Nähere zu erfahren. Marja
+Alexandrowna beobachtete besorgt die Belagerung ihres „Tölpels“. Zudem
+antwortete er auf alle Fragen nur mit einem „Hm!“, tat es aber mit einer
+so unglücklichen und jämmerlich unnatürlichen Miene, daß sie aus der
+Haut zu fahren glaubte.
+
+„Marja Alexandrowna! Afanassij Matwejewitsch will mit uns überhaupt
+nicht mehr sprechen!“ rief ihr ein dreistes, scharfäugiges Dämchen zu,
+das entschieden nichts fürchtete und sich nie verwirren ließ. „Sagen Sie
+ihm doch, daß er zu Damen etwas höflicher sein muß.“
+
+„Ich ... wirklich, ich weiß es selbst nicht, was heute mit ihm geschehen
+ist,“ antwortete Marja Alexandrowna, die ihr Gespräch mit Anna
+Nikolajewna und Natalja Dmitrijewna unterbrach, heiter lächelnd. „So
+verschlossen, so wortkarg habe ich ihn noch nie gesehen! Auch mit mir
+spricht er kaum ein Wort. Weshalb antwortest du denn Felissata
+Nikolajewna nicht, ^cher Athanase^?“
+
+„Aber ... aber ... Mütterchen, du hast doch selbst ...“ stotterte der
+verwunderte Gatte. Er stand in diesem Augenblick gerade am brennenden
+Kamin, hatte die Hände in malerischer Pose – die er sich selbst ersonnen
+– untergebracht und schickte sich an, Tee zu trinken. Die Fragen der
+Damen verwirrten ihn dermaßen, daß er wie ein Mädchen errötete. Als er
+jedoch die ersten Worte zu seiner Verteidigung stotterte, fing er einen
+so vernichtenden Blick seiner Gattin auf, daß er vor Schreck fast die
+Besinnung verlor. Da er nicht wußte, was er tun sollte, andererseits
+aber sein Vergehen gut machen, gefallen und von neuem Achtung erringen
+wollte, so nahm er vorläufig nur einen Schluck Tee. Der Tee war aber
+heiß, und da er einen unverhältnismäßig großen Schluck genommen hatte,
+verbrannte er sich Mund und Kehle, ließ die Tasse fallen, der Tee ging
+in die Luftröhre, und er begann darauf so heftig zu husten, daß er das
+Zimmer verlassen mußte, während die Anwesenden in staunender
+Verständnislosigkeit zurückblieben. Mit einem Wort, der Hausfrau war
+alles „klar“, sie sagte sich, daß ihre Gäste bereits alles wußten und
+sich mit den schlimmsten Absichten bei ihr versammelt hatten. Die
+Situation war gefährlich: sie konnten in ihrer Gegenwart den
+schwachsinnigen Gatten in ein Gespräch verknüpfen und unangenehme Dinge
+durch ihn in Erfahrung bringen. Sie konnten ihr sogar den Fürsten
+streitig machen, konnten ihn ihr noch am selben Abend fortnehmen, d. h.
+einfach mitlocken. Jedenfalls war alles möglich. Vorläufig hatte ihr
+aber das Schicksal noch einen anderen Schlag zugedacht: in der Tür
+erschien Mosgljäkoff, den sie bei Borodujeff glaubte. Sie hätte alles
+eher als ihn an diesem Abend erwartet. Sie zuckte zusammen, als wäre sie
+gestochen worden.
+
+Mosgljäkoff blieb in der Tür stehen und erschien beim Anblick der vielen
+Gäste etwas verwirrt zu werden. Er konnte seine Aufregung nicht
+bezwingen: man sah sie ihm wenigstens deutlich an.
+
+„Ach, mein Gott! Pawel Alexandrowitsch!“ riefen mehrere Damen aus.
+
+„Ach Gott! Das ist ja doch Pawel Alexandrowitsch! Aber wie, Marja
+Alexandrowna, Sie sagten doch, er sei zu Borodujeff gegangen? Uns wurde
+gesagt, daß Sie sich bei Borodujeff verborgen hätten, Pawel
+Alexandrowitsch!“ flötete Natalja Dmitrijewna.
+
+„Verborgen?“ wiederholte Mosgljäkoff mit einem etwas verzerrten Lächeln.
+„Ein sonderbarer Ausdruck! Verzeihen Sie, Natalja Dmitrijewna, ich
+verberge mich vor keinem Menschen und wünsche auch keinen anderen zu
+verbergen,“ fügte er mit vielsagendem Blick auf Marja Alexandrowna
+hinzu.
+
+Marja Alexandrowna erzitterte.
+
+„Was, sollte auch dieser Esel sich auflehnen wollen?“ fragte sie sich
+und sah ihn prüfend von der Seite an. „Das wäre das Schlimmste ...“
+
+„Ist es wahr, Pawel Alexandrowitsch, daß Sie den Abschied erhalten haben
+... im Staatsdienst, versteht sich?“ fragte die naseweise Felissata
+Michailowna und blickte ihm spöttisch offen in die Augen.
+
+„Den Abschied? Welch einen Abschied? Ich habe ganz einfach umgesattelt.
+Ich lasse mich nach Petersburg versetzen,“ antwortete Mosgljäkoff
+trocken.
+
+„Nun, wenn es so ist, dann gratuliere ich,“ fuhr Felissata Michailowna
+fort. „Und wir erschraken schon, als wir hörten, daß Sie sich um eine
+Anstellung hier in Mordassoff bewerben würden. Hier sind doch die
+Stellen nicht sicher, Pawel Alexandrowitsch: eh man sich versieht,
+fliegt man.“
+
+„Es sei denn eine Lehreranstellung in der Kreisschule; dort gäbe es noch
+eine Vakanz,“ bemerkte Natalja Dmitrijewna.
+
+Die Anspielung war so deutlich, daß Anna Nikolajewna verlegen wurde und
+ihre boshafte Freundin heimlich mit dem Fuß stieß.
+
+„Glauben Sie denn, daß Pawel Alexandrowitsch einwilligen würde, die
+Anstellung eines Kreisschullehrers anzunehmen?“ fragte Felissata
+Michailowna.
+
+Mosgljäkoff fand keine Antwort. Da kehrte er ihnen den Rücken und wollte
+fortgehen, stieß aber im selben Augenblick mit Afanassij Matwejewitsch
+zusammen, der ihm gutmütig die Hand entgegenstreckte. Mosgljäkoff
+reichte ihm dummerweise nicht die Hand und verbeugte sich nur spöttisch
+auffallend tief vor ihm. Aufs äußerste gereizt trat er zu Sina, sah ihr
+haßerfüllt in die Augen und raunte ihr zu:
+
+„Alles das haben wir Ihrer Güte zu verdanken. Warten Sie, heute abend
+noch werde ich Ihnen zeigen, ob ich ein Dummkopf bin oder nicht!“
+
+„Weshalb aufschieben? Das sieht man ja auch jetzt,“ antwortete Sina mit
+lauter Stimme und maß ihren ehemaligen Freier mit Ekel verratendem Blick
+vom Kopf bis zu den Füßen.
+
+Mosgljäkoff wandte sich schleunigst ab – ihre laute Antwort hatte ihn
+denn doch erschreckt.
+
+„Kommen Sie von Borodujeff?“ entschloß sich schließlich Marja
+Alexandrowna zu fragen.
+
+„Nein, ich komme von meinem Onkel.“
+
+„Von Ihrem Onkel? Dann sind Sie also soeben beim Fürsten gewesen?“
+
+„Ach, Himmel! Dann ist ja der Fürst schon aufgewacht? Und uns wurde
+gesagt, daß er noch schlafe!“ Natalja Dmitrijewna tat sehr verwundert,
+und der Blick, mit dem sie die Hausfrau streifte, war geradezu
+durchbohrend.
+
+„Ängstigen Sie sich nicht um den Fürsten, Natalja Dmitrijewna,“
+antwortete Mosgljäkoff, „er ist aufgewacht und, Gott sei Dank, wieder
+bei vollem Verstande. Vorher hatte man ihn betrunken gemacht, zuerst bei
+Ihnen, Natalja Dmitrijewna, und dann hier noch endgültig, so daß er
+beinahe seinen letzten Verstand verlor, der ja bei ihm ohnehin nicht
+groß ist. Jetzt aber haben wir uns beide zum Glück aussprechen können,
+und so vermag er denn wieder vernünftig zu denken. Er wird sogleich
+erscheinen, um sich von Ihnen, Marja Alexandrowna, zu verabschieden und
+für Ihre Gastfreundschaft zu danken. Morgen aber werden wir in aller
+Frühe ins Kloster fahren und von dort werde ich ihn persönlich nach
+Duchanowo begleiten, um ein abermaliges Umgeworfenwerden zu verhüten. In
+Duchanowo wird ihn aus meinen Händen Stepanida Matwejewna empfangen –
+die bis dahin unfehlbar aus Moskau zurückgekehrt sein wird – und dann
+ist es natürlich ausgeschlossen, daß er noch einmal eine Reise
+unternimmt – dafür garantiere ich.“
+
+Während dieser ganzen Rede blickte Mosgljäkoff mit aufrichtigem Haß zu
+Marja Alexandrowna hinüber. Diese saß, als hätte sie vor Schreck die
+Sprache verloren. Ich muß zu meinem Schmerz gestehen, daß meine Heldin
+zum ersten Mal im Leben ernstlich bange wurde.
+
+„Ach, also morgen in aller Frühe fahren sie fort? Wie denn das?“ fragte
+Natalja Dmitrijewna, sich an Marja Alexandrowna wendend.
+
+„Wie kommt denn das?“ ertönte es naiv von allen Seiten. „Und wir haben
+gehört ... das ist doch wirklich sonderbar!“
+
+Die Hausfrau wußte nicht mehr, was sie antworten sollte. Da wurde die
+allgemeine Aufmerksamkeit plötzlich durch den ungewöhnlichsten
+Zwischenfall abgelenkt: aus dem Nebenzimmer drang ein seltsames Geräusch
+und keifendes Geschrei an aller Ohren und plötzlich stürzte unvermutet
+unverhofft Ssofja Petrowna Karpuchina in Marja Alexandrownas Salon.
+
+Diese Ssofja Petrowna war sicherlich die exzentrischste Dame in ganz
+Mordassoff: so exzentrisch war sie, daß die Gesellschaft der Stadt in
+jüngster Zeit beschlossen hatte, sie nicht mehr zu empfangen. Ich muß
+noch bemerken, daß sie regelmäßig an jedem Abend um sieben Uhr ein paar
+Gläschen kippte – für den Magen, wie sie es nannte. Nach dieser Stärkung
+befand sie sich dann gewöhnlich in der allerexzentrischsten Stimmung –
+gelinde ausgedrückt. Und in dieser Stimmung stürzte sie jetzt in den
+Salon Marja Alexandrownas.
+
+„Ah, also so sind Sie, Marja Alexandrowna!“ schrie sie, „also so gehen
+Sie mit mir um! Beunruhigen Sie sich nicht, ich bin nur auf einen
+Augenblick gekommen, ich werde mich bei Ihnen auch nicht setzen. Ich bin
+absichtlich hergefahren, um mich selbst zu überzeugen, ob es wahr ist,
+was man mir erzählt hat. Ah! also Sie geben Bälle, Banketts, feiern
+Verlobungen, Ssofja Petrowna aber kann zu Hause sitzen und Strümpfe
+stricken! Die ganze Stadt ist eingeladen, nur ich nicht! Vorhin aber war
+ich für Sie ‚liebe Freundin‘ und ‚^mon ange^‘ als ich herkam, um zu
+erzählen, was bei Natalja Dmitrijewna mit dem Fürsten gemacht wurde. Und
+jetzt sitzt diese Natalja Dmitrijewna, über die Sie vorhin so geschimpft
+haben, und die über Sie geschimpft hat, als Gast in Ihrem Hause.
+Beunruhigen Sie sich nicht, Natalja Dmitrijewna! Ich brauche nicht Ihre
+Schokolade ^à la santé^ zu zehn Kopeken die Tafel. Ich trinke zu Hause
+öfter als Sie!“
+
+„Das merkt man,“ antwortete Natalja Dmitrijewna.
+
+„Aber ich bitte Sie, Ssofja Petrowna,“ rief Marja Alexandrowna aus,
+hochrot vor Zorn, „was ist heute mit Ihnen? So kommen Sie doch zur
+Besinnung, wenigstens!“
+
+„Oh, keine Sorge um mich, Marja Alexandrowna, ich habe alles, alles
+erfahren!“ schrie Ssofja Petrowna mit ihrer schrillen, kreischenden
+Stimme, umringt von allen Damen, die sich an dieser unerwarteten Szene
+zu ergötzen schienen. „Ich habe alles erfahren! Ihre holde Nastassja ist
+selbst zu mir gelaufen, um mir alles zu erzählen. Sie haben diesen
+Jammerkerl, diesen Fürsten, eingefangen, haben ihn betrunken gemacht und
+dann gezwungen, bei Ihrer Tochter anzusprechen, ja, bei Ihrer Tochter,
+die niemand mehr heiraten will, und jetzt bilden Sie sich wahrscheinlich
+ein, daß auch Sie mit einem Schlage weiß Gott was für ein wichtiger
+Vogel geworden sind – eine Herzogin in echten Spitzen – daß Gott
+erbarm’! Oh, beunruhigen Sie sich nicht, ich selbst bin die Frau eines
+Obersten! Und wenn Sie mich nicht zur Verlobung einladen wollen, so
+pfeife ich auf Ihre Verlobung! Ich habe in vornehmeren Kreisen verkehrt
+als Sie. Ich habe bei der Gräfin Salichwatskij diniert, und der
+Oberkommissar Kurotschkin hat bei mir angesprochen! Als ob ich Ihre
+Einladung brauchte, – Gott bewahre! ...“
+
+„Ssofja Petrowna,“ hub Marja Alexandrowna verhältnismäßig ruhig an,
+obgleich sie aus der Haut zu fahren meinte, „Sie können mir glauben, daß
+man nicht in einer solchen Weise in ein vornehmes Haus hineinstürmt und
+noch dazu in einem _solchen Zustande_, und wenn Sie mich jetzt nicht
+sofort von Ihrer Anwesenheit und Ihrem Redefluß befreien, so werde ich
+unverzüglich Maßregeln ergreifen ...“
+
+„Ich weiß, ich weiß, Sie werden Ihren Dienstboten befehlen, mich
+hinauszugeleiten! Beunruhigen Sie sich nicht, ich werde selbst den Weg
+hinausfinden. Leben Sie wohl, verheiraten Sie wen Sie wollen, Sie aber,
+Natalja Dmitrijewna, brauchen nicht über mich zu lachen: ich pfeife auf
+Ihre Schokolade! Ich bin zwar nicht hierher eingeladen worden, habe aber
+auch nicht vor Fürsten den Kasatschock getanzt. Und weshalb lachen Sie
+denn eigentlich, Anna Nikolajewna? Ssuschiloff hat sich inzwischen das
+Bein gebrochen, ist soeben erst nach Haus gebracht worden! Und wenn Sie,
+Felissata Michailowna, Ihrer barfüßigen Matrjoschka nicht sagen,
+rechtzeitig Ihre Kuh einzutreiben, damit sie nicht jeden Tag unter
+meinen Fenstern brüllt, so werde _ich_ Ihrer Matrjoschka die Beine
+brechen. Leben Sie wohl, Marja Alexandrowna, wünsche viel Glück! – Daß
+Gott erbarm’!“
+
+Ssofja Petrowna verschwand. Alles lachte. Marja Alexandrowna wußte
+nicht, was sie tun oder sagen sollte.
+
+„Ich glaube, sie hat wieder getrunken,“ flötete süßlich Natalja
+Dmitrijewna.
+
+„Aber immerhin – diese Frechheit!“
+
+„^Quelle abominable femme!^“
+
+„Na – sie hat uns mal wieder erheitert!“
+
+„Nein, aber welch skandalöse Dinge sie gesagt hat!“
+
+„Nur – was sprach sie da von einer Verlobung? Was ist das für eine
+Verlobung?“ fragte Felissata Michailowna spöttisch.
+
+„Aber das ist ja entsetzlich!“ entlud sich endlich Marja Alexandrowna.
+„Und diese Ungeheuer sind es ja gerade, die die unsinnigsten Gerüchte
+verbreiten! Nicht das ist erstaunlich, Felissata Michailowna, daß solche
+Damen sich in unserer Gesellschaft befinden, – nein, am erstaunlichsten
+ist, daß man diese Damen nicht entbehren zu können scheint, daß man sie
+überhaupt anhört, sie unterstützt, ihnen glaubt, sie ...“
+
+„Der Fürst, der Fürst!“ riefen plötzlich alle Gäste ^unisono^.
+
+„Ach, Gott! ^Ce cher prince!^“
+
+„Nun, Gott sei Dank! Jetzt wird man doch endlich die ganze Wahrheit
+erfahren!“ flüsterte Felissata Michailowna ihrer Nachbarin zu.
+
+
+ XIII.
+
+Der Fürst trat ein – ein wonniges Lächeln auf den Lippen. Die ganze
+Aufregung, in die Mosgljäkoff vor kaum zehn Minuten sein Hühnerherz
+versetzt hatte, verschwand spurlos beim Anblick der Damen. Er zerschmolz
+wie ein Bonbon. Man empfing ihn mit kreischenden Freuderufen. Im
+allgemeinen wurde unser Greis von Damen sehr verhätschelt. Sie gingen
+meist sehr familiär mit ihm um. Er hatte die Eigenschaft, sie mit seiner
+durchlauchtigsten Persönlichkeit ungemein zu zerstreuen. Felissata
+Michailowna hatte am Vormittag sogar behauptet – natürlich nur
+scherzweise –, daß sie bereit sei, sich auf seine Knie zu setzen, wenn
+es ihm angenehm wäre – denn er sei ein so „lieber, lieber alter Herr,
+ganz unsäglich lieb!“ Marja Alexandrowna verschlang ihn geradezu mit den
+Blicken, bemüht, wenigstens etwas aus seinem Gesicht zu erforschen – zu
+erraten, welchen Ausgang ihre kritische Lage nehmen würde. Eines war
+jedenfalls klar: Mosgljäkoff hatte etwas Gefährliches angerichtet. Ihr
+ganzer Plan war stark erschüttert ... Doch aus dem Gesicht des Fürsten
+war absolut nichts zu erraten: er war ganz derselbe wie immer.
+
+„Ach Gott! Da ist ja der Fürst! Und wir haben Sie erwartet und
+erwartet!“ riefen einige der Damen aus.
+
+„In größter Ungeduld, Fürst, in größter Ungeduld!“ flöteten andere.
+
+„Das ist mir sehr schmei–chelhaft,“ lispelte der Fürst und setzte sich
+an den Tisch, auf dem der Ssamowar stand. Die Damen umringten ihn im
+Augenblick. Nur Anna Nikolajewna und Natalja Dmitrijewna blieben bei der
+Hausfrau sitzen. Afanassij Matwejewitsch lächelte ehrerbietig;
+Mosgljäkoff lächelte gleichfalls und blickte herausfordernd Sina an, die
+ihm jedoch nicht die geringste Beachtung schenkte. Sie trat zum Vater
+und setzte sich neben ihn am Kamin in einen Lehnstuhl.
+
+„Ach, Fürst, ist es wahr, was man sagt, daß Sie uns verlassen wollen?“
+fragte Felissata Michailowna.
+
+„Nun ja, ^mesdames^, ich fahre fort. Ich will unverzüg–lich ins Aus–land
+fahren.“
+
+„Ins Ausland, Fürst, ins Ausland?“ schrie alles im Chor, „was ist Ihnen
+eingefallen?“
+
+„Ins Aus–land,“ bestätigte der Fürst gut gelaunt, „und wissen Sie, ich
+will namentlich wegen der neuen Ideen hin–fahren.“
+
+„Wie das, wegen der neuen Ideen? – welcher neuen Ideen?“ fragten die
+Damen, die untereinander Blicke austauschten.
+
+„Nun ja, wegen der neuen Ideen,“ wiederholte der Fürst noch einmal,
+offenbar sehr überzeugt. „Jetzt fahren alle wegen der neuen Ideen hin.
+Und so will auch ich mir neue Ide–en an–legen.“
+
+„Wollen Sie nicht gar in die Freimaurerloge eintreten, mein bester
+Onkel?“ erkundigte sich Mosgljäkoff, der sich augenscheinlich vor den
+Damen durch geistreiche Bemerkungen auszeichnen wollte.
+
+„Nun ja, mein Lieber, du hast dich nicht geirrt,“ antwortete der Onkel
+überraschenderweise. „Ich habe früher in alten Zeiten tatsächlich zu
+einer Frei–maurerloge gehört, im Aus–lande, wie gesagt, und ich habe
+sogar mei–ner–seits viele große Ide–en gehabt. Ich beab–sichtigte
+damals, viel für die zeitgenössische Aufklärung zu tun und in Frank–furt
+beschloß ich sogar, meinen Ssidor, den ich ins Aus–land mitgenommen
+hatte, frei zu geben. Er aber lief zu meiner Verwun–derung selbst von
+mir fort. Er war ein sehr son–der–barer Mensch. Später begegnete ich ihm
+einmal in Pa–ris. Er stol–zierte als Geck mit einer Mamsell auf den
+Boulevards. Er sah mich an und nickte mir mit dem Kopf zu. Und die
+Mamsell war so ein gewandtes, verführerisches Ding ...“
+
+„Aber Onkelchen! Dann werden Sie ja diesmal, wenn Sie ins Ausland
+fahren, alle Ihre Bauern freigeben!“ rief Mosgljäkoff laut auflachend
+aus.
+
+„Du hast meinen Wunsch vollkom–men erraten, mein Lieber!“ antwortete der
+Fürst ohne zu zögern. „Es ist gerade meine Absicht, sie alle aus
+Leibeigenen zu freien Bauern zu machen.“
+
+„Aber ich bitte Sie, Fürst, die werden dann doch alle im Augenblick von
+Ihnen fortlaufen, und wer wird Ihnen dann noch den Pachtzins zahlen!“
+wandte Felissata Michailowna ein.
+
+„Gewiß, alle werden fortlaufen,“ behauptete erregt Anna Nikolajewna.
+
+„Gott im Himmel! Werden sie wirk–lich fortlaufen?“ fragte der Fürst
+verwundert.
+
+„Unbedingt! Im Augenblick werden sie alle fortlaufen und Sie allein
+lassen!“ versicherte auch Natalja Dmitrijewna.
+
+„Gott im Himmel! Nun, dann werde ich sie nicht freigeben. Wie gesagt, es
+war von mir auch nur so gemeint.“
+
+„So ist es auch bedeutend besser, Onkelchen,“ meinte Mosgljäkoff.
+
+Marja Alexandrowna hatte schweigend zugehört und beobachtet. Es schien
+ihr, daß der Fürst sie vollkommen vergessen hatte ...
+
+„Erlauben Sie, Fürst,“ begann sie laut und würdevoll, „daß ich Ihnen
+meinen Mann vorstelle – Afanassij Matwejewitsch. Er ist absichtlich vom
+Gut hergekommen, sobald er nur gehört hatte, daß Sie bei mir abgestiegen
+seien.“
+
+Afanassij Matwejewitsch lächelte und nahm eine strammere Haltung an. Er
+glaubte, daß man ihn gelobt habe.
+
+„Ah, freut mich, freut mich!“ sagte der Fürst. „Afanassij Matwejewitsch!
+Erlauben Sie, mir fällt etwas ein ... Afana–ssij Matwe–itsch. Nun ja,
+das ist dieser, der auf dem Gut lebt. Charmant, charmant, freut mich wie
+gesagt. Mein Lieber!“ – er wandte sich an Mosgljäkoff – „das ist doch
+derselbe, weißt du noch, der in dem Verse vorkam. Wie war das doch? Kaum
+ist der Mann zur Tür hinaus, so fährt die Frau ... nun ja, auch die Frau
+geht irgend wohin.“
+
+„Ach, ganz recht! ‚Kaum ist der Mann zur Tür hinaus, da fährt die Frau
+schon aus dem Haus‘ – das ist ja aus dem Vaudeville, das im vergangenen
+Jahr hier gespielt wurde!“ griff Felissata Michailowna auf.
+
+„Nun ja, wie gesagt: aus dem Haus. Ich ver–ges–se es immer. Charmant,
+charmant! Und Sie sind also derselbe? Freut mich, freut mich, Sie kennen
+zu lernen,“ sagte der Fürst und reichte Afanassij Matwejewitsch, ohne
+sich vom Stuhl zu erheben, die Hand. „Nun und wie geht es mit Ihrer
+Gesundheit?“
+
+„Hm ...“
+
+„Er ist gesund, mein Fürst, ganz gesund,“ antwortete Marja Alexandrowna
+eilig.
+
+„Nun ja, das sieht man auch, daß er gesund ist. Und Sie leben immer auf
+dem Gute? Nun ja, es freut mich sehr. Und wie rote Wangen er hat und die
+ganze Zeit freut er sich ...“
+
+Afanassij Matwejewitsch lächelte, verbeugte sich und klappte sogar die
+Absätze zusammen. Nach der letzten Bemerkung des Fürsten konnte er nicht
+mehr an sich halten und platzte plötzlich in der dümmsten Weise in
+lautes Lachen aus. Schallendes Gelächter erhob sich. Die Damen wieherten
+förmlich vor Vergnügen. Sina errötete heiß und blickte mit blitzenden
+Augen Marja Alexandrowna an, die ihrerseits fast barst vor Wut. Es war
+höchste Zeit, dem Gespräch eine andere Wendung zu geben.
+
+„Wie haben Sie geruht, mein Fürst?“ erkundigte sie sich mit honigsüßer
+Stimme, während sie gleichzeitig durch einen zornigen Blick ihrem Gatten
+zu verstehen gab, daß er sich sofort auf seinen Platz niederzulassen
+hatte.
+
+„Oh, ich habe sehr schön geschla–fen,“ sagte der Fürst, „und wissen Sie,
+ich habe einen ent–zück–enden Traum gehabt, einen entzück–enden Traum!“
+
+„Einen Traum! Ach, ich habe es so gern, wenn man Träume erzählt,“ rief
+Felissata Michailowna aus.
+
+„Und ich auch! Ich habe es auch sehr gern!“ stimmte ihr Natalja
+Dmitrijewna bei.
+
+„Einen ent–zückenden Traum,“ wiederholte der Fürst mit süßem Lächeln,
+„dafür aber ist er das größte Geheim–nis!“
+
+„Was, können Sie ihn denn nicht erzählen? Aber dann muß es ja ein ganz
+außergewöhnlicher Traum sein?“ fragte Anna Nikolajewna.
+
+„Das größ–te Geheim–nis!“ wiederholte der Fürst, der mit Vergnügen die
+Neugier der Damen reizte.
+
+„Dann muß er ja furchtbar interessant sein!“
+
+„Ich wette, daß der Fürst im Traum vor irgend einer Schönheit auf den
+Knien gelegen und eine Liebeserklärung gemacht hat,“ rief Felissata
+Michailowna aus. „Nun, gestehen Sie nur, Fürst, daß es nichts anderes
+ist! Lieber Fürst, lieber guter Fürst, gestehen Sie es nur!“
+
+„Gestehen Sie es, Fürst, gestehen Sie es!“ wurde von allen Seiten
+gebeten.
+
+Der Fürst vernahm feierlich und mit wahrer Wonne diese Ausrufe. Die
+Annahme Felissata Michailownas schmeichelte seiner Eigenliebe ganz
+außerordentlich. Es fehlte nicht viel und er hätte sich die Lippen
+geleckt.
+
+„Wenn ich auch gesagt habe, daß mein Traum das größ–te Geheim–nis ist,“
+antwortete er schließlich, „so bin ich doch gezwungen, einzugestehen,
+daß Sie, meine Gnädigste, ihn zu meiner Ver–wun–derung vollkom–men
+erra–ten haben.“
+
+„Erraten!“ rief Felissata Michailowna begeistert aus. „Nun, Fürst! Jetzt
+machen Sie, was Sie wollen, aber Sie müssen uns mitteilen, wer diese
+Schönheit ist!“
+
+„Das müssen Sie unbedingt!“
+
+„Ist es eine hiesige?“
+
+„Ach, _lieber_ Fürst, sagen Sie es uns doch!“
+
+„Lieber, guter, einziger Fürst, sagen Sie es uns, sagen Sie es uns!“
+ertönte es von allen Seiten.
+
+„^Mesdames, mesdames!^ ... Wenn Sie es wirk–lich so nachdrücklich wissen
+wollen, so kann ich Ihnen ... nur eines mitteilen, daß sie das
+bezau–berndste und, man kann wohl sagen, makelloseste Mädchen ist von
+allen, die ich kenne!“
+
+Der Fürst zerfloß vor Wonne.
+
+„Das bezauberndste! ... Und ... eine hiesige! Wer könnte das sein?“
+fragten sich die Damen, die bedeutsame Blicke und Winke austauschten.
+
+„Selbstverständlich doch diejenige, die hier als erste Schönheit gilt,“
+sagte Natalja Dmitrijewna, rieb ihre roten Riesenhände und blickte mit
+ihren Katzenaugen vielsagend Sina an. Gleichzeitig wandten sich auch die
+Blicke aller anderen Sina zu.
+
+„Aber wie denn, Fürst, wenn Sie solche Träume haben – weshalb heiraten
+Sie dann nicht in Wirklichkeit?“ fragte die naseweise Felissata
+Michailowna mit einem vielsagenden Blick ringsum.
+
+„Und wie schön wir Sie verheiraten würden!“ griff eine andere Dame auf.
+
+„Ach, _lieber_ Fürst, heiraten Sie doch, bitte, bitte!“
+
+„Heiraten Sie, heiraten Sie!“ ertönte es von allen Seiten. „Weshalb
+sollen Sie denn nicht heiraten? ...“
+
+„Nun ja ... weshalb soll ich denn nicht heiraten,“ meinte auch der
+Fürst, der von all diesen Ausrufen ganz konfus geworden war.
+
+„Aber Onkel!“ rief plötzlich Mosgljäkoff dazwischen.
+
+„Nun ja, mein Lieber, ich verstehe dich! Wie gesagt, ^mesdames^, ich bin
+nicht mehr fähig zu heiraten, und nachdem ich hier einen bezau–bernden
+Abend bei unserer liebenswürdigen Hausfrau verbracht habe, werde ich
+mich morgen früh zum Priestermönch Mis–saïl in die Ein–siedelei begeben
+und von dort dann direkt ins Ausland fahren, um bequemer die
+Fortschritte der europä–ischen Bildung verfol–gen zu können.“
+
+Sina erbleichte und sah ihre Mutter an. Doch Marja Alexandrowna hatte
+sich schon entschlossen. Bis hierzu hatte sie nur „abgewartet“, geprüft,
+denn sie sagte sich, daß ihre Feinde sie überholt hatten. Endlich
+begriff sie alles und sie beschloß sofort, die hundertköpfige Hydra mit
+einem einzigen Schlage zu besiegen. Majestätisch erhob sie sich aus
+ihrem Lehnstuhl, trat mit festen Schritten an den Tisch und maß mit
+stolzem Blick ihre zwergenhaften Feinde. Feuer der Begeisterung
+leuchtete in diesem Blick. Sie hatte sich entschlossen, alle diese
+gehässigen Klatschbasen vor den Kopf zu stoßen, den Schurken Mosgljäkoff
+einfach zu vernichten, wie eine Schabe zu zerdrücken und mit einem
+einzigen entschlossenen und kühnen Schlage ihren ganzen verlorenen
+Einfluß auf den fürstlichen Idioten wieder zu erobern. Versteht sich,
+dazu gehörte eine ungewöhnliche kalte Frechheit, um die aber war Marja
+Alexandrowna nie verlegen.
+
+„^Mesdames^,“ hub sie feierlich und majestätisch an (Marja Alexandrowna
+liebte überhaupt sehr Feierlichkeit), „^mesdames^, ich habe lange Ihrem
+Gespräch zugehört, Ihren heiteren und geistvollen Scherzen, und ich
+finde, daß es jetzt Zeit ist und die Reihe an mich kommt, auch ein Wort
+zu sagen. Wie Sie wissen, haben wir uns hier alle ganz zufällig
+zusammengefunden – und das freut mich so unsäglich, so unsäglich!
+Niemals würde ich mich entschlossen haben, das wichtige
+Familiengeheimnis als erste allen kund zu tun und es früher zu
+verbreiten, als es das gewöhnlichste Anstandsgefühl verlangt. Vor allem
+bitte ich deshalb meinen lieben Gast um Verzeihung. Es scheint mir aber,
+daß er selbst durch entfernte Anspielungen auf denselben Umstand
+aufmerksam machen will, was mich auf den Gedanken kommen läßt, daß ihm
+die formelle und feierliche Mitteilung unseres Familiengeheimnisses
+nicht nur keineswegs unangenehm sein würde, sondern von ihm geradezu
+gewünscht werde ... Nicht wahr, Fürst, ich täusche mich doch nicht?“
+
+„Nun ja, Sie täuschen sich nicht ... und es freut mich, freut mich sehr
+...“ sagte der Fürst, der nicht im geringsten begriff, wovon die Rede
+war.
+
+Marja Alexandrowna hielt zur Erhöhung des Eindrucks einen Augenblick
+inne, um Atem zu schöpfen. Sie übersah die ganze Gesellschaft: alle
+Gäste horchten mit einer fast raubtierhaften Gier auf ihre Worte.
+Mosgljäkoff zuckte zusammen. Sina errötete und erhob sich, und Afanassij
+Matwejewitsch schneuzte sich, in Erwartung eines außergewöhnlichen
+Ereignisses, auf alle Fälle.
+
+„Ja, ^mesdames^, ich bin mit Freuden bereit, Ihnen mein
+Familiengeheimnis anzuvertrauen. Heute, nach dem Mittagessen hat der
+Fürst, hingerissen von der Schönheit und ... den Vorzügen meiner
+Tochter, mir die Ehre erwiesen, um ihre Hand anzuhalten. Fürst!“ schloß
+sie mit einer Stimme, die von Tränen und Aufregung zitterte, „Sie dürfen
+nicht, Sie können mir wegen meiner Unbescheidenheit nicht böse sein! Nur
+die übergroße Freude hat es vermocht, meinem Herzen vorzeitig dieses
+liebe Geheimnis zu entreißen und ... welche Mutter würde mich deshalb
+verurteilen?“
+
+Ich finde keine Worte, um den Eindruck zu schildern, den Marja
+Alexandrownas unerwartete Mitteilung machte. Alle schienen erstarrt zu
+sein vor Verwunderung. Die treubrüchigen Freundinnen, die Marja
+Alexandrowna damit hatten einschüchtern wollen, daß sie bereits alles
+wußten, die sie mit der vorzeitigen Aufdeckung des Geheimnisses – und
+zwar nur in der Form von Andeutungen – zu vernichten meinten, waren
+jetzt ihrerseits durch diese dreiste Aufrichtigkeit vernichtet. Und
+dieses gewagte Spiel entbehrte auch nicht einer inneren Kraft: „Folglich
+wird der Fürst tatsächlich freiwillig Sina heiraten? Folglich ist er
+nicht in die Falle gelockt, nicht betrunken gemacht, nicht betrogen
+worden? Folglich wird er nicht heimlich, nicht hinterrücks verheiratet?
+Folglich fürchtet Marja Alexandrowna nichts und niemanden? Folglich läßt
+sich diese Heirat durch nichts mehr zerstören, denn der Fürst heiratet
+doch aus eigenem freien Willen!“ Einen Augenblick hörte man allgemeines
+Getuschel, das sich dann plötzlich in Freuderufen entlud. Als erste
+stürzte Natalja Dmitrijewna zu Marja Alexandrowna, um sie in ihre Arme
+zu schließen; ihr folgte Anna Nikolajewna und dieser Felissata
+Michailowna. Alle sprangen von ihren Plätzen auf, alle gerieten sie in
+ein unentwirrbares Durcheinander. Viele Damen waren bleich vor Wut. Sina
+wurde mit Glückwünschen überhäuft. Sogar an Afanassij Matwejewitsch
+klammerte man sich. Marja Alexandrowna breitete malerisch die Arme aus
+und drückte fast mit Gewalt die Tochter an ihre Brust. Nur der Fürst
+allein blickte mit einer gewissen sonderbaren Verwunderung auf die ganze
+Szene, wenn er auch immer noch liebenswürdig lächelte. Übrigens gefiel
+ihm der Tumult zum Teil sehr gut. Und als die Mutter ihr Kind umarmte,
+da zog er sein Schnupftuch hervor und wischte sich eine Träne aus seinem
+Auge. Natürlich stürzte man sich dann auch auf ihn mit Glückwünschen.
+
+„Wir gratulieren, Fürst! Wir gratulieren!“ ertönte es von allen Seiten.
+
+„Also Sie heiraten?“
+
+„Sie heiraten also wirklich?“
+
+„Lieber Fürst, dann heiraten Sie also?“
+
+„Nun ja, nun ja,“ antwortete der Fürst, der mit den Glückwünschen und
+der Aufregung sehr zufrieden war, „und ich gestehe Ihnen, daß mir am
+meisten Ihre liebe Teil–nahme gefällt, die Sie mir jetzt bewei–sen und
+die ich nie-mals vergessen werde, nie-mals. Charmant, charmant! Sie
+haben mich sogar bis zu Trä–nen gerührt ...“
+
+„Küssen Sie mich, Fürst!“ schrie lauter als das Geschrei aller anderen
+Felissata Michailowna.
+
+„Und ich gestehe Ihnen,“ fuhr der Fürst fort, obschon er von allen
+Seiten beständig unterbrochen wurde, „am meisten wundert es mich, daß
+Marja Iwa–now–na, unsere ehr–würdige Gastgeberin, mit einer so
+frappie–renden Genau-igkeit meinen Traum erraten hat. Ganz als hätte sie
+ihn an meiner Stelle gesehen! Ein auf–fallender Scharfblick, in der Tat!
+Auf–fallender Scharf–blick!“
+
+„Ach, Fürst, Sie reden wieder von Ihrem Traum!“
+
+„Gestehen Sie nur, Fürst, gestehen Sie nur!“ drängten die ihn
+umringenden Damen.
+
+„Ja, Fürst, wozu verheimlichen, es ist Zeit, das Geheimnis aufzudecken!“
+sagte Marja Alexandrowna entschlossen und streng. „Ich habe Ihre
+feinfühlige Allegorie, Ihr bezauberndes Zartgefühl verstanden, mit dem
+Sie mir andeuteten, daß Sie Ihre Verlobung zu veröffentlichen wünschten.
+Ja, ^mesdames^, es ist wahr: heute ist der Fürst _im wachen Zustande_
+und nicht im Traum vor meiner Tochter niedergekniet und hat ihr in aller
+Form einen Heiratsantrag gemacht.“
+
+„Ja, es war vollkom–men wie im Wachen und sogar mit denselben
+Neben–um–ständen,“ bestätigte der Fürst. „Mademoiselle,“ fuhr er fort,
+sich mit ungewöhnlicher Höflichkeit an Sina wendend, die eigentlich noch
+nicht zu sich gekommen war, „Mademoiselle! Ich schwöre Ihnen, daß ich
+nie–mals Ihren Namen zu nennen gewagt hätte, wenn er nicht von ande–ren
+vor mir genannt worden wäre. Es war ein be–zau–bernder Traum, und ich
+schätze mich dop–pelt glücklich, daß ich es Ihnen jetzt sa–gen kann.
+Charmant! Charmant! ...“
+
+„Aber um’s Himmels willen, was ist denn das? Er redet immer noch von
+einem Traum?“ flüsterte Anna Nikolajewna der erregten und etwas bleichen
+Marja Alexandrowna zu.
+
+Doch wehe! – Marja Alexandrowna zitterte das Herz auch ohne diese
+Fragen.
+
+„Wie ist denn das?“ flüsterten die Damen untereinander und tauschten
+vielsagende Blicke aus.
+
+„Aber ich bitte Sie, Fürst,“ hub Marja Alexandrowna mit schmerzlich
+verzogenem Lächeln an, „ich kann Ihnen nur sagen, daß Sie mich in
+Erstaunen setzen. Was ist das für eine sonderbare Traumidee, die Sie da
+haben? Ich sage Ihnen, ich war bis jetzt im Glauben, daß Sie nur
+scherzten, aber ... Wenn es ein Scherz sein soll, so ist er zum
+mindesten sehr unangebracht ... Ich werde ... ich will es Ihrer
+Zerstreutheit zuschreiben, aber ...“
+
+„Das ist bei ihm vielleicht tatsächlich nur aus Zerstreutheit,“ meinte
+auch Natalja Dmitrijewna.
+
+„Nun ja ... vielleicht auch aus Zerstreutheit,“ bestätigte der Fürst,
+der immer noch nicht begriff, um was es sich handelte und was man von
+ihm eigentlich wollte. „Und den–ken Sie sich, ich werde Ihnen sogleich
+eine A–nek–do–te erzählen. Dreimal ladet man mich ein, in Petersburg war
+es, zu einer Ein–sargung, es war ^une maison bourgeoise mais honnette^,
+und ich glaubte, es sei zu einem Namensfest. Das Namensfest war aber
+schon vor einer Woche gewesen. Ich bestellte also ein Kame–lienbukett
+für die Dame. Nun ja, ich kam hin und was sah ich? Ein eh–renwerter,
+bejahrter Mann lag auf dem Tisch, so daß ich mich nur wun–derte. Und ich
+wuß–te gar nicht, wo ich mein Bukett lassen sollte.“
+
+„Aber Fürst, jetzt ist es uns doch nicht um solche Geschichten zu tun!“
+unterbrach ihn Marja Alexandrowna ärgerlich. „Meine Tochter hat es nicht
+nötig, Freier zu angeln: aber heute nachmittag haben Sie ihr selbst hier
+an diesem Flügel einen Heiratsantrag gemacht. Ich habe Sie nicht dazu
+veranlaßt ... Ich kann sogar sagen, daß es mich überrascht hat ...
+Versteht sich, es kam mir damals schon der Gedanke, aber ich schob ihn
+auf bis zu Ihrem Erwachen. Doch ich bin Mutter ... sie ist mein Kind ...
+Sie haben soeben von einem Traum gesprochen und ich glaubte, Sie wollten
+in der Form einer Allegorie von Ihrer Verlobung erzählen. Ich weiß sehr
+wohl, daß man Sie vielleicht davon ablenken will ... und ich ahne sogar,
+wer es tut ... aber erklären Sie sich, Fürst, erklären Sie sich
+schneller, ausführlicher. Solche Scherze darf man sich nicht in einem
+vornehmen Hause erlauben ...“
+
+„Nun ja, solche Scherze darf man sich nicht in einem vornehmen Hause
+erlauben,“ pflichtete ihr der Fürst ahnungslos bei. Übrigens wurde er
+doch etwas unruhig.
+
+„Aber das ist doch keine Antwort auf meine Frage, Fürst! Ich ersuche
+Sie, mir entscheidend zu antworten: bestätigen Sie, bestätigen Sie es
+hier vor allen Anwesenden, daß Sie vorhin um die Hand meiner Tochter
+angehalten haben.“
+
+„Nun ja, ich bin bereit zu bestätigen. Wie gesagt, ich habe das alles
+schon erzählt und Felissata Jakowlewna hat meinen Traum vollkom–men
+erraten.“
+
+„Nicht Traum! nicht Traum!“ rief Marja Alexandrowna wütend aus. „Es war
+kein Traum, sondern Wirklichkeit, Fürst, Wirklichkeit, hören Sie:
+Wirklichkeit.“
+
+„Wirk–lich–keit?“ rief der Fürst höchst verwundert aus und erhob sich
+vor Überraschung. „Da hörst du’s, mein Lieber! Was du vorhin
+pro–phezei–test, ist jetzt richtig eingetroffen!“ rief er Mosgljäkoff
+zu. „Aber ich versichere Sie, verehrte Marja Alexandrowna, daß Sie sich
+täuschen! Ich bin voll–kom–men ü–ber–zeugt, daß es mir nur ge–träumt
+hat!“
+
+„Großer Gott!“ Marja Alexandrowna schlug die Hände zusammen.
+
+„Beruhigen Sie sich, Marja Alexandrowna,“ mischte sich Natalja
+Dmitrijewna ein, „der Fürst hat es vielleicht nur vergessen ... er wird
+sich dessen wieder entsinnen.“
+
+„Ich wundere mich über Sie, Natalja Dmitrijewna,“ entgegnete Marja
+Alexandrowna unwillig, „kann man denn so etwas vergessen? Wer vergißt
+denn so etwas? Ich bitte Sie, Fürst! Oder wollen Sie sich über uns
+lustig machen? Oder wollen Sie einem der Gecken nachäffen, wie sie zur
+Zeit der Régence in der Mode waren und die jetzt Dumas schildert? Irgend
+einen Fairelacour? Aber ganz abgesehen davon, daß es Ihren Jahren nicht
+ansteht, wird es Ihnen auch nicht gelingen! Meine Tochter ist keine
+französische Vicomtesse! Vorhin hat sie hier, sehen Sie, hier gestanden
+und Ihnen eine Romanze vorgesungen, und da sind Sie hier vor ihr
+niedergekniet und haben ihr einen Heiratsantrag gemacht. Ich phantasiere
+doch nicht! Ich schlafe doch nicht! Sagen Sie doch, Fürst: schlafe ich
+oder schlafe ich nicht?“
+
+„Nun ja ... wie gesagt, vielleicht auch nicht ...“ antwortete der
+verwirrte Fürst. „Ich will nur sagen, daß ich jetzt, glaube ich, _nicht_
+schla–fe. Vorhin, sehen Sie, schlief ich, und des–halb hat mir auch
+geträumt, weil ich, wie gesagt, schlief ...“
+
+„Großer Gott, was ist das: schlief – schlief nicht, schlief nicht –
+schlief! Da soll der Teufel daraus klug werden! Sie phantasieren doch
+nicht, Fürst?“
+
+„Nun ja, der Teufel soll daraus klug werden ... übrigens, ich glaube,
+daß ich jetzt ganz aus dem Kon–zept gekommen bin ...“ murmelte der Fürst
+mit unruhigen Blicken auf seine Umgebung.
+
+„Aber wie haben Sie denn das im Traum sehen können, wenn ich Ihnen
+diesen Traum mit allen Einzelheiten erzähle, während Sie ihn doch noch
+keinem einzigen Menschen erzählt haben!“
+
+„Aber es kann ja doch sein, daß der Fürst ihn doch schon irgend einem
+mitgeteilt hat,“ meinte Natalja Dmitrijewna.
+
+„Nun ja, es kann ja doch sein, daß ich ihn jemand schon mitgeteilt
+habe,“ wiederholte der jetzt völlig konfus gewordene Fürst.
+
+„Das ist mal eine Komödie!“ flüsterte Felissata Michailowna ihrer
+Nachbarin zu.
+
+„Großer Gott! Da kann einem doch die letzte Geduld reißen!“ rief Marja
+Alexandrowna aus und sie rang die Hände vor Verzweiflung. „Sie hat Ihnen
+eine Romanze vorgesungen, eine Romanze! Glauben Sie denn, daß auch dies
+Ihnen nur geträumt hat?“
+
+„Nun ja, in der Tat, es war, als hätte sie auch gesungen,“ murmelte der
+Fürst in Gedanken versunken.
+
+Plötzlich belebte eine Erinnerung sein Gesicht.
+
+„Mein Lieber!“ rief er aus, sich an Mosgljäkoff wendend, „ich hatte es
+ganz vergessen, dir vorhin zu sagen, daß sie tatsächlich noch so etwas
+wie eine Roman–ze sang und in dieser Romanze war die Rede von Schlössern
+und dann war dort auch noch irgend ein Troubadour! Nun ja, ich entsinne
+mich dessen ... so daß ich sogar wein–te ... Und jetzt bin ich in der
+größten Verle–genheit, denn es will mir scheinen, als ob es tatsächlich
+in Wirk–lich–keit gewesen wäre und nicht nur im Traum.“
+
+„Offen gestanden, Onkelchen,“ bemerkte Mosgljäkoff möglichst ruhig,
+obgleich seine Stimme von innerer Aufregung zu zittern schien, „offen
+gestanden, mir scheint es, daß dieses ganze Problem sehr leicht zu lösen
+ist. Ich glaube, daß Sie tatsächlich Gesang gehört haben. Sinaïda
+Afanassjewna singt vorzüglich. Nach Tisch sind Sie hierher geführt
+worden und Sinaïda Afanassjewna hat Ihnen eine Romanze vorgesungen. Ich
+war damals nicht hier, Sie aber haben sich wahrscheinlich hinreißen
+lassen, haben an die guten alten Zeiten gedacht, wahrscheinlich an die
+Stunden, in denen Sie selbst Romanzen gesungen haben ... mit der
+Vicomtesse, von der Sie uns noch am Vormittage erzählten. Nun und dann,
+als Sie Ihr Schläfchen machten, hat Ihnen infolge der angenehmen
+Eindrücke geträumt, daß Sie verliebt seien und einen Heiratsantrag
+machten ...“
+
+Marja Alexandrowna war einfach betäubt. Eine solche Frechheit hätte sie
+denn doch nicht für möglich gehalten.
+
+„Ach, mein Lieber, das war ja auch tatsächlich so!“ rief der Fürst
+begeistert aus. „Gerade infolge der angenehmen Ein–drücke! Ich erinnere
+mich ganz deut–lich dessen, daß mir eine Romanze vorgesungen wurde ...
+deshalb wollte ich im Traum auch heiraten. Und die Vicomtesse war
+gleichfalls ... Nein, wie klug du das entwickelt hast, mein Lieber! Nun
+ja, ich bin jetzt voll–kom–men überzeugt, daß ich das alles nur im Traum
+gesehen habe! Marja Wassiljewna! Ich versichere Sie, daß es mir nur
+geträumt hat! Es war nur ein Traum. An–derenfalls würde ich nicht mit
+Ihren e–delsten Gefüh–len gespielt haben ...“
+
+„Ah! Jetzt sehe ich, wer hier die Hand im Spiel hat!“ schrie Marja
+Alexandrowna, außer sich vor Wut, und sie wandte sich an Mosgljäkoff.
+„Sie sind es, mein Herr, Sie sind der Ehrlose, Sie allein haben das
+alles getan! Sie haben aus Rache dafür, daß Sie einen Korb erhielten,
+diesem unglücklichen Idioten den Kopf verdreht! Diese Schmach wirst du
+mir aber bezahlen, du gemeiner Mensch! Jawohl! Das wirst du mir
+bezahlen, bezahlen!“
+
+„Marja Alexandrowna!“ schrie Mosgljäkoff, rot wie ein Krebs, „Ihre Worte
+sind dermaßen ... Ich weiß gar nicht mehr, wie Ihre Worte sind ... Ich
+weiß nur, daß keine vornehme Dame sich erlauben wird ... ich verteidige
+zum mindesten meinen Verwandten. Sie müssen doch zugeben, daß, einen
+alten Mann so zu umgarnen, so in die Falle zu locken ...“
+
+„Nun ja, in die Falle zu locken,“ wiederholte der Fürst, der sich hinter
+Mosgljäkoff zu verstecken versuchte.
+
+„Afanassij Matwejewitsch!“ kreischte Marja Alexandrowna mit einer ihr
+ganz fremden Stimme. „Hören Sie denn nicht, wie wir beschimpft und
+entehrt werden? Oder haben Sie sich bereits von jeder Pflicht uns
+gegenüber losgesagt? Sind Sie wirklich kein Familienvater, sondern nur
+ein lebloser Holzklotz? Was blinzeln Sie mich an? Ein anderer Gatte
+hätte schon längst die seiner Familie zugefügte Schmach mit seinem Blute
+abgewaschen! ...“
+
+„Mütterchen!“ hub Afanassij Matwejewitsch wichtig an, offenbar sehr
+stolz darauf, daß man endlich auch seiner bedurfte. „Mütterchen! Hat dir
+das schließlich nicht wirklich nur geträumt und dann, nachdem du
+aufgewacht bist, hast du alles verwechselt und auf deine Art verdreht
+... –“
+
+Doch es war Afanassij Matwejewitsch nicht vergönnt, seine scharfsinnige
+Erklärung zu Ende sprechen zu können. Bis dahin hatten die Gäste noch an
+sich gehalten und sich nur mit verborgener Schadenfreude den Anschein
+würdevollen Ernstes gegeben. Jetzt aber brach alles in schallendes,
+unbändiges Gelächter aus. Marja Alexandrowna, die ihr ganzes
+Comme-il-faut vergaß, wollte sich wie es schien, auf ihren Gatten
+stürzen, um ihm sofort die Augen auszukratzen, wurde aber mit Gewalt
+zurückgehalten. Natalja Dmitrijewna aber benutzte die Gelegenheit, um
+noch etwas Gift hinzuzuträufeln.
+
+„Ach, Marja Alexandrowna, vielleicht ist es auch wirklich so gewesen,
+seien Sie doch nicht so heftig,“ sagte sie mit honigsüßer Stimme.
+
+„Was soll so gewesen sein? Was soll denn so gewesen sein!“ schrie Marja
+Alexandrowna, die noch nicht recht begriff.
+
+„Ach Marja Alexandrowna, das kommt doch zuweilen vor ...“
+
+„Was kommt zuweilen vor?“ fuhr Marja Alexandrowna auf.
+
+„Vielleicht hat es Ihnen wirklich nur geträumt.“
+
+„Geträumt? Mir? Geträumt? Und Sie wagen es, mir das offen ins Gesicht zu
+sagen!“
+
+„Wieso, vielleicht ist es auch wirklich so gewesen,“ meinte Felissata
+Michailowna.
+
+„Nun ja, vielleicht ist es wirk–lich so gewesen,“ murmelte auch der
+Fürst.
+
+„Auch er noch! Er noch! Großer Gott!“ stöhnte Marja Alexandrowna, die
+Hände zusammenschlagend.
+
+„Wie, Sie verzweifeln, Marja Alexandrowna! Denken Sie doch daran, daß
+Gott es ist, der uns Träume schickt. Und wenn Gott etwas will, dann will
+er allein es, und in seiner Hand liegt alles. Da lohnt es sich gar nicht
+mehr, sich zu ärgern.“
+
+„Nun ja, da lohnt es sich gar nicht mehr, sich zu ärgern ...“ pflichtete
+der Fürst bei.
+
+„Ja, halten Sie mich denn für verrückt?“ brachte Marja Alexandrowna vor
+Aufregung kaum noch hervor. Das ging denn doch über menschliche Kraft!
+Sie suchte schnell einen Stuhl und – „fiel in Ohnmacht“. Alles stürzte
+zu ihr.
+
+„Sie ist ja nur aus Anstand in Ohnmacht gefallen,“ flüsterte Natalja
+Dmitrijewna ihrer Freundin Anna Nikolajewna ins Ohr.
+
+In diesem Augenblick der größten Bestürzung und der höchsten Spannung
+trat plötzlich eine neue Person vor, eine, die bis dahin kein Wort
+gesprochen hatte, und die ganze Szene änderte mit einem Schlage ihren
+Charakter ...
+
+
+ XIV.
+
+Sinaïda Afanassjewna war, im allgemeinen gesprochen, sehr romantisch
+veranlagt. Ich weiß nicht, ob das gerade daher kam, daß sie, wie Marja
+Alexandrowna behauptete, „diesen Dummkopf Shakespeare“ gar zu viel mit
+„ihrem Lehrer“ gelesen hatte, jedenfalls aber hatte sich Sina noch nie
+zuvor einen so außergewöhnlich romantischen, oder richtiger, heroischen
+Ausfall erlaubt, wie es der war, den ich jetzt wiedergeben will.
+
+Bleich, mit Entschlossenheit im Blick, doch fast zitternd vor Aufregung
+trat sie, wunderbar schön in ihrer Empörung, mit langsamen Schritten
+vor. Mit langem, herausforderndem Blick schaute sie die Anwesenden
+ringsum an und wandte sich dann in der plötzlich eingetretenen Stille an
+die Mutter, die schon bei ihrer ersten Bewegung aus der Ohnmacht wieder
+erwacht war und die Augen weit aufgerissen hatte.
+
+„Mama,“ sagte Sina, „wozu betrügen? Wozu sich durch Lügen erniedrigen?
+Es ist ja alles ohnehin schon so schmutzig, daß es sich wahrlich nicht
+der erniedrigenden Mühe lohnt, diesen Schmutz zu verdecken!“
+
+„Sina! Sina! Was ist mit dir, mein Kind? Besinne dich!“ rief erschrocken
+Marja Alexandrowna aus, und sie sprang auf.
+
+„Ich habe dir gesagt, ich habe dir im voraus gesagt, Mama, daß ich diese
+ganze Schmach nicht ertragen werde,“ fuhr Sina fort. „Muß man sich denn
+wirklich noch mehr erniedrigen, noch mehr besudeln? Aber weißt du, Mama,
+ich nehme alles auf mich, denn ich bin die Schuldigste. Ich ... ich habe
+durch meine Einwilligung die Veranlassung zu dieser häßlichen Intrige
+gegeben! Du bist meine Mutter, du liebst mich; du glaubtest nach deiner
+Auffassung, so wie du es verstehst, mein Glück zu schaffen. Dir kann man
+noch verzeihen, mir aber, mir – niemals!“
+
+„Sina, willst du denn wirklich erzählen? ... O Gott! Ich ahnte es, daß
+dieser Dolchstoß meinem Herzen nicht erspart bleiben würde!“
+
+„Ja, Mama, ich werde alles erzählen! Ich bin beschimpft, wir alle sind
+beschimpft! ...“
+
+„Du übertreibst es, Sina! Du bist außer dir und weißt nicht, was du
+sprichst! Und wozu willst du denn erzählen? Was hat das für einen Sinn?
+... Die Schande fällt nicht auf uns ... Ich werde sofort beweisen, daß
+die Schande nicht auf uns fällt ...“
+
+„Nein, Mama!“ rief Sina aus und ihre Stimme zitterte vor Zorn, „ich will
+nicht mehr schweigen vor diesen Leuten, deren Meinung ich verachte und
+die hergekommen sind, um sich über uns lustig zu machen! Ich will ihre
+Beleidigungen nicht länger ruhig hinnehmen. Keine einzige von ihnen hat
+das Recht, mich mit Schmutz zu bewerfen. Sie sind ja alle sofort bereit,
+noch hundertmal Schlimmeres zu tun, als ich oder du, Mama, getan haben.
+Dürfen sie, können sie überhaupt unsere Richter sein? ...“
+
+„Das ist mal schön! Was die sich einbildet! Was soll denn das bedeuten!
+_Uns_ zu beleidigen?“ hörte man von allen Seiten.
+
+„Sie scheint ja wirklich nicht zu wissen, was sie spricht!“ sagte
+Natalja Dmitrijewna.
+
+Nebenbei bemerkt, diesmal hatte Natalja Dmitrijewna vollkommen recht.
+Wenn Sina diese Damen für unwürdig hielt, ihre Richter zu sein, weshalb
+würdigte sie sie dann solcher Geständnisse? Überhaupt handelte sie wohl
+etwas übereilt, – das war späterhin auch die Meinung der besten Köpfe in
+Mordassoff. Alles hätte noch gut werden können! Alles hätte beigelegt
+werden können! Es ist ja wahr: auch Marja Alexandrowna hatte sich selbst
+vieles eingebrockt an diesem Abend, und zwar nur durch ihre Überstürzung
+und ihren Hochmut. Man hätte ja den idiotischen Greis nur auszulachen
+gebraucht! Und eventuell vor die Tür zu setzen! Sina aber wandte sich,
+jeder gesunden Vernunft und der ganzen Mordassower Weisheit zuwider, an
+den Fürsten.
+
+„Fürst,“ sagte sie zum Alten, der sich aus Ehrerbietung sogleich von
+seinem Platz erhob – dermaßen imponierte sie ihm in diesem Augenblick.
+„Verzeihen Sie mir, verzeihen Sie uns! Wir haben Sie betrogen, wir haben
+Sie in die Falle gelockt ...“
+
+„Wirst du denn nicht endlich schweigen, Unglückselige!“ rief Marja
+Alexandrowna in größter Verzweiflung dazwischen.
+
+„Meine Gnädigste! Meine Gnädigste! ^Ma charmante enfant^ ...“ stotterte
+der Fürst maßlos bestürzt.
+
+Doch der stolze, heftige und im höchsten Grade phantastische Charakter
+Sinas zog sie mit sich fort und ließ sie alle, von der Wirklichkeit
+geforderten Anstandsregeln vergessen. Sie vergaß sogar ihre Mutter, die
+sich während dieser Geständnisse ihrer Tochter innerlich geradezu in
+Krämpfen wand.
+
+„Ja, wir beide haben Sie betrogen, Fürst: meine Mutter, indem sie Sie
+veranlassen wollte, mich zu heiraten, und ich, indem ich auf ihren
+Vorschlag einging. Ihnen wurde bei Tisch immer wieder Wein eingeschenkt,
+ich willigte ein, zu singen und mich vor Ihnen zu verstellen ... Sie,
+der Schwache, Schutzlose, wurden, wie Pawel Alexandrowitsch sich
+ausdrückt, umgarnt, ja, umgarnt um Ihres Reichtums, Ihres Fürstentitels
+willen. Alles das war entsetzlich niedrig und ich will es büßen. Aber
+ich schwöre Ihnen, daß ich mich zu dieser Schändlichkeit nicht mit einer
+schändlichen Absicht entschlossen habe. Ich wollte ... Doch, was soll
+das! Es ist ja eine doppelte Schändlichkeit, sich in einer solchen
+Angelegenheit noch rechtfertigen zu wollen! Ich sage Ihnen nur, daß ich,
+wenn ich etwas von Ihnen genommen hätte, dafür Ihr Spielzeug, Ihre
+Dienstmagd, Ihre Tänzerin, Ihre Sklavin gewesen wäre ... Das hatte ich
+mir geschworen und heilig hätte ich meinen Schwur gehalten, das weiß
+ich!“
+
+Sie verstummte für einen Augenblick, um Atem zu schöpfen. Die Gäste
+schienen alle sprachlos zu sein und hörten nur mit weit aufgerissenen
+Augen zu. Der unerwartete und ihnen ganz unverständliche Ausfall Sinas
+stieß sie alle förmlich vor den Kopf. Nur der Fürst war bis zu Tränen
+gerührt, obschon er kaum die Hälfte davon verstand, was Sina sagte.
+
+„Aber ich werde Sie hei–raten, ^ma belle enfant^, wenn Sie es so gern
+wollen,“ stotterte er, „und es wird mir eine große Eh–re sein. Nur
+versichere ich Sie, das es wirk–lich gleich–sam wie im Traum gewe–sen
+ist ... Aber als ob man keine Träume hätte! Weshalb sich daher
+beun–ruhigen? Es ist mir sogar, als hätte ich noch nichts begrif–fen,
+^mon ami^,“ fuhr er, sich an Mosgljäkoff wendend, fort. „Erkläre du es
+mir, bit–te! ...“
+
+„Und Sie, Pawel Alexandrowitsch,“ unterbrach ihn Sina, sich gleichfalls
+an Mosgljäkoff wendend, „Sie, auf den ich eine Zeitlang fast schon wie
+auf meinen zukünftigen Gatten gesehen habe, Sie, der Sie sich jetzt so
+grausam an mir gerächt haben, – haben Sie sich wirklich zu diesen Leuten
+gesellen können, um mich herabzureißen und mit Schmutz zu bewerfen? Und
+Sie haben gesagt, Sie liebten mich! Doch nicht mir kommt es zu, Ihnen
+Vorwürfe zu machen! Ich bin schuldiger als Sie ... Ich habe Sie gekränkt
+und beleidigt, denn ich habe Sie tatsächlich mit Versprechungen
+hingehalten und was ich Ihnen heute nachmittag als Beweis des Gegenteils
+gesagt habe, war Lüge und Spitzfindigkeit. Ich habe Sie niemals geliebt
+und wenn ich mich entschlossen hätte, Sie zu heiraten, so hätte ich es
+nur getan, um irgendwohin fortfahren zu können, fort aus dieser
+verwünschten Stadt, und um diesen ganzen Schmutz hier endlich
+abschütteln zu dürfen ... Aber eines können Sie mir glauben, wenn ich
+Sie geheiratet hätte, wäre ich Ihnen eine gute und treue Frau gewesen
+... Sie haben sich grausam an mir gerächt ... und wenn es Ihrem Stolz
+schmeicheln kann ...“
+
+„Sinaïda Afanassjewna!“ unterbrach sie Mosgljäkoff.
+
+„Wenn Sie mich immer noch hassen ...“
+
+„Sinaïda Afanassjewna!!!“
+
+„Wenn Sie mich jemals,“ fuhr Sina fort, die aufsteigenden Tränen
+unterdrückend, „wenn Sie mich jemals geliebt haben ...“
+
+„Sinaïda Afanassjewna!!!“
+
+„Sina, Sina! Mein Kind!“ jammerte Marja Alexandrowna.
+
+„Ich bin ein Schuft, Sinaïda Afanassjewna, ich bin ein Schuft und weiter
+nichts!“ behauptete Mosgljäkoff und alles geriet in große Aufregung.
+Ausrufe der Verwunderung und des Unwillens wurden laut, doch Mosgljäkoff
+stand wie angewurzelt auf einem Fleck, augenscheinlich jedes Gedankens
+bar. Er konnte kein Wort mehr hervorbringen.
+
+Für schwache und leere Charaktere, die an ewige Unterwerfung gewöhnt
+sind und sich dann einmal entschließen, sich aufzulehnen und zu
+protestieren, mit einem Wort, fest und entschlossen zu sein – für diese
+Charaktere gibt es immer eine gewisse Grenze, die das nahe Ende ihrer
+kurzen Festigkeit und Entschlossenheit ist. Ihr Protest pflegt zu Anfang
+überaus energisch zu sein. Ihre Energie geht zuweilen sogar bis zur
+Raserei. Sie werfen sich gleichsam mit zugekniffenen Augen auf die
+Hindernisse und laden sich fast stets eine für ihre Kräfte zu große Last
+auf die Schultern. Hat aber dieser rasende Mensch eine nahe Grenze
+erreicht, so bleibt er plötzlich, gleichsam erschrocken über sich
+selbst, wie betäubt vor der furchtbaren Frage stehen: „Was habe ich da
+angerichtet?“ – worauf er alsbald seinen ganzen Heroismus verliert,
+womöglich sogar weint, sich erklären will, auf die Knie fällt, um
+Verzeihung bittet, fleht, es wieder beim alten sein zu lassen,
+jedenfalls aber nur schneller, so schnell als möglich! ... Fast dasselbe
+geschah auch mit Mosgljäkoff. Nachdem er sich empört, das Unglück
+heraufbeschworen, das er jetzt bereits nur sich allein zuschrieb,
+nachdem er seinem Zorn und seiner Eigenliebe Genüge getan und sich
+selbst in den eigenen Augen verhaßt gemacht hatte, stand er nun
+plötzlich, von Gewissensbissen niedergedrückt, vor dem unerwarteten
+Auftreten Sinas. Ihre letzten Worte vernichteten ihn endgültig. Aus dem
+einen Extrem ins andere hinüberzuspringen, war für ihn das Werk eines
+Augenblicks.
+
+„Ich bin ein Esel, Sinaïda Afanassjewna!“ rief er in einem Anfall
+verzweifelter Reue aus. „Nein! Was Esel! Ein Esel ist noch nichts! Ich
+bin unvergleichlich schlechter als ein Esel! Aber ich werde Ihnen
+beweisen, Sinaïda Afanassjewna, ich werde Ihnen beweisen, daß auch ein
+Esel ein edler Mensch sein kann! Onkel! Ich habe Sie betrogen! _Ich_,
+_ich_, _ich_ allein habe Sie betrogen! Sie haben nicht geschlafen; Sie
+haben wirklich, in vollkommen wachem Zustande den Heiratsantrag gemacht,
+ich aber, ich Schuft, habe aus Rache, weil man mir einen Korb gegeben
+hatte, aus Rache Ihnen eingeredet, daß es Ihnen nur geträumt hätte.“
+
+„Das sind ja seltsam interessante Dinge, die hier aufgedeckt werden!“
+tuschelte Natalja Dmitrijewna ihrer Nachbarin Anna Nikolajewna ins Ohr.
+
+„Mein Lieber,“ antwortete der Fürst, „be–ru–hige dich, bit–te. Du hast
+mich wirklich erschreckt mit deinem Geschrei. Ich versichere dich, daß
+du im Irr–tum bist ... Ich bin ja schließlich gern zu heiraten bereit,
+wenn es nun einmal gar so nötig ist – aber du hast mir doch noch selbst
+gesagt, daß es mir nur geträumt habe ...“
+
+„O Gott, wie soll ich ihn jetzt überzeugen! Sagen Sie mir, sagen Sie
+mir, wie ich ihn jetzt überzeugen kann! Onkel, Onkelchen! Das ist doch
+eine wichtige Sache, das ist doch die wichtigste Familienangelegenheit!
+Überlegen Sie es sich doch nur! Denken Sie doch nach!“
+
+„Mein Lieber, schön, wie du willst: ich den–ke nach. Wart mal, laß mich
+alles erst einmal mir ins Gedächtnis zurückrufen: zuerst träumte mir von
+meinem Kutscher Fe–o–fil ...“
+
+„Ach, jetzt handelt es sich doch nicht um Ihren Feofil!“
+
+„Nun ja, nehmen wir an, daß es sich jetzt nicht um ihn handle. Dann
+träumte mir von Napo–le–on, und dann war es so, als wenn wir getrunken
+hätten und eine Dame kam und aß den ganzen Zucker bei uns auf ...“
+
+„Aber Onkelchen,“ unterbrach ihn Mosgljäkoff in einem Augenblick der
+Verfinsterung seines Gedächtnisses, „das hat Ihnen doch Marja
+Alexandrowna selbst nach dem Mittag von Natalja Dmitrijewna erzählt! Ich
+war ja doch hier, ich habe es ja selbst gehört! Ich hatte mich versteckt
+und sah und lauschte durch einen Türspalt ...“
+
+„Was soll denn das heißen, Marja Alexandrowna!“ schrie Natalja
+Dmitrijewna dazwischen. „Dann haben Sie es also auch dem Fürsten
+erzählt, daß ich bei Ihnen Zucker aus der Zuckerdose gestohlen hätte!
+Dann komme ich also zu Ihnen, um hier Zucker zu stehlen?“
+
+„Hinaus! Machen Sie, daß Sie fortkommen!“ schrie Marja Alexandrowna, zur
+Verzweiflung gebracht.
+
+„Nein, nicht hinaus, Marja Alexandrowna, so dürfen Sie nicht mit mir
+sprechen! ... Also ich soll bei Ihnen Zucker stehlen? Ich habe schon
+lange gehört, daß Sie solche Gemeinheiten über mich erzählen! Mir hat
+Ssofja Petrowna alles ganz ausführlich erzählt ... Also ich stehle bei
+Ihnen Zucker? ...“
+
+„Aber, ^mesdames^,“ rief der Fürst dazwischen, „das hat mir ja nur
+geträumt! Als ob mir nicht vieles träu–men kann? ...“
+
+„Dieses verwünschte Dromedar!“ brummte Marja Alexandrowna halblaut.
+
+„Was! Ich soll ein Dromedar sein?“ kreischte Natalja Dmitrijewna. „Und
+wer sind Sie denn, wenn man fragen darf? Ich weiß es schon längst, daß
+Sie mich ein Dromedar nennen! Ich habe wenigstens ... ich habe
+wenigstens einen Mann, Sie aber haben nur einen Tölpel ...“
+
+„Nun ja, ich weiß, es war da auch von einem Dromedar die Rede,“ murmelte
+ahnungslos der Fürst, der sich seines Gesprächs mit Marja Alexandrowna
+entsann.
+
+„Wie, auch Sie fangen an! Auch Sie wollen eine vornehme Dame
+beschimpfen? Wie wagen Sie es überhaupt? Wenn ich eine Schachtel bin, so
+sind Sie ein einbeiniger Krüppel ...“
+
+„Wer, ich einbeinig?“
+
+„Gewiß Sie! Und nicht nur, daß Ihnen ein Bein fehlt, Ihnen fehlen auch
+alle Zähne, damit Sie’s wissen!“
+
+„Und außerdem ist er noch einäugig!“ schrie Marja Alexandrowna.
+
+„Anstelle Ihrer fehlenden Rippen tragen Sie ein Korsett!“ fügte Natalja
+Dmitrijewna hinzu.
+
+„Das ganze Gesicht ist auf Sprungfedern!“
+
+„Kein einziges echtes Haar hat er auf dem Kopf!“
+
+„Und der Schnurrbart ist dem Esel aufgeklebt!“ schrie Marja
+Alexandrowna.
+
+„Aber ... aber die Nase lassen Sie mir doch we–nigstens, Marja
+Stepa–nowna!“ unterbrach der Fürst, den diese plötzlichen Offenbarungen
+ganz kopfscheu machten. „Mein Lieber! Du hast mich verraten! Du hast es
+erzählt, daß ich falsches Haar trage ...“
+
+„Onkelchen!“
+
+„Nein, mein Lieber, ich kann hier nicht länger blei–ben! Bring mich
+irgendwohin fort ... ^quelle société^? Wohin hast du mich eigentlich
+ge–bracht, Gott im Himmel!“
+
+„Sie Idiot! Sie Schuft!“ schrie Marja Alexandrowna.
+
+„Gott im Himmel!“ stotterte der erbleichte Fürst. „Ich habe im
+Au–genblick nur ein wenig verges–sen, weshalb ich herge–kom–men bin,
+aber ich werde mich dessen so–fort entsin–nen. Bring mich, ^mon ami^,
+bring mich irgendwohin fort, sonst zerreißt man mich hier noch. Zudem
+... zudem muß ich schnell einen neuen Gedanken nie–der–schreiben ...“
+
+„Gehen wir, Onkelchen, es ist noch nicht spät. Ich werde Sie sofort ins
+Gasthaus bringen und auch selbst mit Ihnen übersiedeln ...“
+
+„Nun ja, ins Gast–haus. Adieu, ^ma charmante enfant^ ... Sie allein ...
+nur Sie allein ... sind gut und tugend–haft. Sie sind ein ed–les
+Mäd–chen! ... Gehen wir, mein Lieber ... Gott im Himmel!“
+
+Doch ich will nicht das Ende dieser unangenehmen Szene nach dem Fortgang
+des Fürsten zu beschreiben versuchen. Mit Geschrei und Gezeter fuhren
+die Gäste ab. Marja Alexandrowna blieb schließlich allein zurück – unter
+den Trümmern ihres früheren Ruhmes. Ihre Macht, ihr Einfluß, ihre ganze
+Bedeutung – alles war an diesem einen Abend eingestürzt und
+untergegangen. Marja Alexandrowna sah ein, daß sie sich nie mehr zu
+derselben Höhe würde erheben können. Ihre langjährige despotische
+Herrschaft in der Gesellschaft war endgültig dahingeschwunden. Was blieb
+ihr jetzt noch übrig? – zu philosophieren? Nun, sie philosophierte
+nicht. Sie tobte innerlich die ganze Nacht. Sina war entehrt und der
+Klatsch würde kein Ende nehmen! Entsetzlich!
+
+Als gewissenhafter Historiker muß ich noch vermerken, daß am meisten
+unter dieser Stimmung Afanassij Matwejewitsch zu leiden hatte. Zu guter
+Letzt verkroch er sich in eine Kleiderkammer, wo ihn dann bis zum Morgen
+furchtbar fror.
+
+Endlich brach dieser Morgen an, doch auch der neue Tag sollte nichts
+Gutes bringen. Ein Unglück kommt bekanntlich nie allein.
+
+
+ XV.
+
+Wenn das Schicksal einem einmal Unglück beschert, so hört es damit so
+bald nicht auf. Das ist eine altbekannte Tatsache. Als ob diese ganze
+Schmach und Schande nicht genug gewesen wäre für Marja Alexandrowna!
+Doch nein! Das Schicksal bereitete ihr noch anderes vor.
+
+Am nächsten Morgen, noch vor zehn Uhr, verbreitete sich in der Stadt
+ganz plötzlich ein seltsames, fast unglaubliches Gerücht, das von allen
+mit auffallender Schadenfreude aufgenommen wurde, wie eben jeder
+ungewöhnliche Skandal oder jedes Pech, das unserem lieben Nächsten
+zustößt.
+
+„Es ist doch wirklich ...! So weit jede Scham und jedes Gewissen zu
+verlieren!“ hieß es allgemein. „Sich dermaßen zu erniedrigen, sich
+dermaßen über jeden gesellschaftlichen Anstand hinwegzusetzen, dermaßen
+die Zügel schießen zu lassen!“ und ähnliches mehr.
+
+Es war folgendes geschehen:
+
+Früh am Morgen, fast um 7 Uhr, war ein armes altes Weib eilig ins Haus
+Marja Alexandrownas gekommen und hatte die Stubenmagd unter Tränen
+beschworen, das Fräulein, nur das Fräulein zu wecken, aber heimlich, so
+daß Marja Alexandrowna nichts davon erführe. Sina war im Augenblick
+erschienen, erschrocken und bleich. Die Alte hatte sich vor ihr
+niedergeworfen, ihre Füße geküßt und mit Tränen benetzt, und sie
+angefleht, zu ihrem kranken Wassjä zu kommen, der die ganze Nacht so
+schwer, so schwer geatmet habe, daß er vielleicht nicht einmal den Tag
+überleben werde. Die Alte hatte schluchzend erzählt, daß Wassjä selbst
+sie zu sich rufe, um noch vor dem Tode von ihr Abschied nehmen zu
+können, daß er sie bei allen heiligen Engeln beschwöre, bei allem was
+früher zwischen ihnen gewesen war, zu ihm zu kommen: wenn sie nicht
+käme, so würde er mit verzweifeltem Herzen sterben. Sina hatte sich
+sofort entschlossen, zu ihm zu gehen, obgleich doch die Erfüllung dieser
+Bitte alle früheren Gerüchte von ihrer Korrespondenz, jenem skandalösen
+Brief, ihrem anstößigen Betragen usw. bestätigen mußte.
+
+Ohne der Mutter ein Wort zu sagen, hatte sie einen Pelz umgenommen und
+war dann mit der Alten fortgeeilt. Ihr Weg führte sie durch die ganze
+Stadt in eine der ärmsten Vorstädte Mordassoffs. Dort, am Ende einer
+einsamen Sackgasse stand eine alte, schiefe Hütte, deren Fenster mehr an
+Spalten oder Löcher erinnerten, und die ringsum von hohen Schneebergen
+umgeben war.
+
+In einem kleinen, niedrigen Stübchen, das von muffigem Geruch erfüllt
+war und in dem der riesige Ofen genau die Hälfte des ganzen Raumes
+einnahm, lag in einem ungestrichenen Bretterbett auf einer fast nur zwei
+Finger dicken Matratze ein junger Mann, der mit einem alten
+Uniformmantel[2] zugedeckt war. Sein Gesicht war bleich und abgezehrt,
+seine Augen hatten den flackernden Glanz Fieberkranker, seine Hände
+waren schmal und dürr und das Handgelenk und die Arme waren wie Stöcke;
+er atmete schwer und rauh; seine Stimme war heiser. Man sah es ihm an,
+daß er einmal schön gewesen sein mußte, doch die Krankheit hatte die
+zarten Züge seines schmalen Gesichts entstellt, und es tat weh, ihn
+anzublicken, wie der Anblick eines jeden Schwindsüchtigen oder
+Sterbenden weh tut. Seine alte Mutter, die seit einem ganzen Jahr und
+fast bis zur letzten Stunde geglaubt hatte, daß ihr Wassenjka wieder
+gesund werden würde, mußte sich endlich sagen, daß ihr Sohn nicht mehr
+lange in dieser Welt bleiben konnte. Sie stand jetzt an seinem elenden
+Lager, die Hände gefaltet, von Schmerz gebeugt, tränenlos; sie sah ihn
+an und konnte sich doch nicht satt sehen an ihm – konnte es nicht
+begreifen, wenn sie es auch wußte, daß nach wenigen Tagen dort draußen
+auf dem Armenfriedhof die kalte, gefrorene Erde ihren Wassjä zudecken
+und weißer Schnee auf seinem Grabhügel liegen würde. Doch Wassjä sah sie
+jetzt nicht. Sein ganzes abgezehrtes Märtyrergesicht atmete Seligkeit.
+Endlich, endlich sah er diejenige vor sich, von der er ganze anderthalb
+Jahre im Wachen geträumt und die ihm in jedem Traum erschienen war, an
+die er Tag und Nacht, namentlich in den letzten langen, schweren Nächten
+seiner Krankheit, gedacht hatte. Er wußte, daß sie ihm verziehen hatte,
+da sie wie ein Engel Gottes in seiner Sterbestunde noch zu ihm gekommen
+war. Sie preßte seine Hände, weinte und lächelte ihm zu, sie sah ihn
+wieder mit ihren wundervollen Augen an und – und alles Vergangene,
+Unwiederbringliche begann in der Seele des Sterbenden aufzuerstehen. Das
+Leben flammte von neuem in seinem Herzen und es schien, als wolle es dem
+Armen, bevor es ihn verließ, noch einmal zu fühlen geben, wie schwer das
+Scheiden von ihm ist.
+
+„Sina,“ sagte er, „Sinotschka! Weine nicht über mich, gräme dich nicht,
+sei nicht traurig darüber, daß ich bald sterben muß. Ich werde dich
+ansehen, – so wie jetzt – werde fühlen, daß unsere Seelen wieder
+beisammen sind, daß du mir verziehen hast, ich werde deine Hände küssen,
+wie früher – weißt du noch? – und ich werde sterben, vielleicht ohne den
+Tod zu spüren. Mager bist du geworden, Sina! Du mein Engel, mit welcher
+Güte du mich ansiehst ... Aber weißt du noch, wie du früher lachtest?
+Weißt du noch ... Ach, Sina, ich bitte dich nicht um Verzeihung, ich
+will dich nicht daran erinnern, was einmal gewesen ist, denn sieh, wenn
+du mir vielleicht auch verziehen hast, so werde ich mir doch nie
+verzeihen. Es hat lange Nächte gegeben, Sina, schlaflose, furchtbare
+Nächte, und in diesen Nächten habe ich hier in diesem Bett gelegen und
+gedacht, lange und viel, gedacht und da bin ich zur Einsicht gekommen,
+daß es für mich besser ist, zu sterben, bei Gott besser! ... Ich taugte
+nicht zum Leben, Sina!“
+
+Sina weinte und preßte stumm seine Hand, als hätte sie ihn damit im
+Sprechen aufhalten wollen.
+
+„Weshalb weinst du, mein Liebling?“ fuhr der Kranke fort. „Weil ich
+sterbe, nur weil ich sterbe? Aber das übrige, alles, alles übrige ist ja
+doch schon längst gestorben, längst begraben! Du bist klüger als ich, du
+hast ein reineres Herz als ich, und deshalb weißt du auch, daß ich ein
+schlechter Mensch bin. Kannst du mich denn lieben? Was mich das gekostet
+hat, diesen Gedanken zu ertragen, daß du es weißt, was für ein
+schlechter und leerer Mensch ich bin! Und wieviel Eigenliebe hierin war,
+vielleicht auch edelmütige ... ich weiß es nicht ... Du ... mein Freund,
+mein ganzes Leben war nur ein Traum. Ich habe nur geträumt, immer nur
+geträumt und nicht gelebt. Ich war stolz, ich verachtete die Masse ...
+Auf was aber war ich denn stolz vor den Leuten? Ich weiß es selbst
+nicht. Herzensreinheit? Edle Gefühle? Aber das war ja alles nur in
+Träumen, Sina, als wir Shakespeare lasen, als es aber zur Tat kam, da
+bewies ich glänzend meine ganze Herzensreinheit und meine erhabene
+Gesinnung! ...“
+
+„Hör auf!“ unterbrach ihn Sina, „hör auf! ... Das war ja alles nicht so
+... du marterst dich ganz unnütz!“
+
+„Weshalb unterbrichst du mich, Sina! Ich weiß, du hast mir verziehen,
+und vielleicht schon vor langer Zeit; aber du hast über mich
+nachgedacht, das Urteil gefällt und begriffen, wer ich bin: das aber
+quält mich ja gerade. Ich bin deiner Liebe unwürdig, Sina! Du warst auch
+dann, als es zur Tat kam, als es handeln hieß, auch dann warst du
+ehrlich und großzügig: du gingst zu deiner Mutter und sagtest ihr, daß
+du mich und keinen anderen heiraten würdest, und du hättest dein Wort
+gehalten, denn bei dir ist Wort und Tat nicht zweierlei. Aber ich, ich!
+Als es zur Tat kam ... Weißt du, Sina, ich begriff ja damals gar nicht,
+was du für mich geopfert hättest, wenn es zur Heirat gekommen wäre! Ich
+konnte es damals überhaupt nicht begreifen, daß du als meine Frau vor
+Hunger vielleicht gestorben wärst. Ach, daran dachte ich ja keinen
+Augenblick! Ich glaubte nur, daß du mich heiraten würdest, mich, den
+großen Dichter – den zukünftigen, versteht sich – und ich wollte jene
+Gründe überhaupt nicht gelten lassen, die du hervorhobst, als du mich
+batest, mit der Hochzeit noch zu warten. Ich machte dir Vorwürfe, ich
+quälte, tyrannisierte, verachtete dich und schließlich kam es zu meiner
+Drohung, jenen Brief zu zeigen. Ich war nicht einmal nur ein Schuft in
+diesem Augenblick, ich war einfach ein Lump! O, wie du mich verachtet
+haben mußt! Es ist gut, daß du mich nicht geheiratet hast. Ich hätte
+dein Opfer nie begriffen, ich hätte dich gequält, dich wegen unserer
+Armut gepeinigt. Jahre wären vergangen! Vielleicht hätte ich dich sogar
+gehaßt – als Hindernis in meinem Leben! So aber, wie es jetzt ist, ist
+es viel besser! Jetzt haben wenigstens meine bitteren Tränen mein Herz
+gereinigt. Ach Sina! Behalt mich nur ein wenig lieb, so wie du mich
+früher lieb gehabt hast! Wenn auch nur in dieser letzten Stunde ... Ich
+weiß es ja, daß ich deiner Liebe unwürdig bin, aber ... aber ... Mein
+Liebling, mein Liebling, du!“
+
+Während dieser ganzen Rede versuchte Sina mehrmals ihn zu unterbrechen,
+doch er beachtete es nicht. Ihn quälte das Verlangen, alles vor ihr
+auszuschütten, was er auf dem Herzen hatte, und so fuhr er denn fort zu
+sprechen, mühsam, atemlos, mit heiserer fortwährend erstickender Stimme.
+
+„Wärst du mir nicht begegnet, hättest du dich nicht in mich verliebt, so
+würdest du jetzt leben!“ sagte Sina. „Ach, warum, warum haben wir uns
+kennen gelernt!“
+
+„Nein, mein Liebling, nein, mach dir deshalb keine Vorwürfe, weil ich
+sterbe,“ fuhr der Kranke fort. „Ich allein bin an allem schuld! Gott,
+wieviel Eigenliebe hierbei war! Wieviel Romantik! Hat man dir
+ausführlich meine ganze dumme Geschichte erzählt, Sina! Sieh, hier war
+vor drei Jahren ein Arrestant, ein großer Räuber und Mörder, als es aber
+zum Bestrafen kam, da zeigte es sich, daß er ein ganz kleinmütiger
+Mensch war. Er wußte, daß man einen Kranken nicht bestrafen würde und so
+verschaffte er sich Branntwein, tat gewöhnlichen Tabak hinein und trank
+ihn dann aus. Bald aber begann er so zu erbrechen, nur Blut und Galle,
+weißt du, und das dauerte so lange an, daß seine Lungen arg darunter
+litten. Er wurde ins Lazarett geschafft und nach einigen Monaten starb
+er an der Schwindsucht. Nun sieh, mein Liebling, ich dachte damals an
+ihn, an jenem Tage ... du weißt ... nach dem Brief ... und ich beschloß,
+mich ebenso zugrunde zu richten. Aber was meinst du wohl, weshalb ich
+gerade die Schwindsucht wählte? Ich hätte mich doch erhängen oder
+ertränken können? Glaubst du, daß ich den Tod fürchtete? Vielleicht ...
+Aber es will mir immer scheinen, Sina, daß es damals nicht ohne
+schwärmerische Dummheiten abging. Ich dachte doch immer daran, wie
+hübsch es sein würde, wenn ich im Bett liege, schwindsüchtig, todkrank,
+und du wirst dich martern, quälen, dir Vorwürfe machen, weil du mich
+schwindsüchtig gemacht hast; wie du denn in deiner Reue zu mir kommst,
+auf die Knie vor mir niederfällst ... Ich verzeihe dir, sterbe in deinen
+Armen ... Dumm, nicht wahr, Sina, furchtbar dumm!“
+
+„Sprich nicht davon!“ bat Sina. „Sprich nicht davon! Du bist nicht so
+... laß uns lieber an anderes denken, an unsere schönen, glücklichen
+Stunden.“
+
+„Weh tut es mir, mein Freund, deshalb rede ich auch davon. Anderthalb
+Jahre lang habe ich dich nicht gesehen! Ich glaube, ich müßte jetzt
+meine ganze Seele vor dir ausbreiten! Ich bin ja doch die ganze Zeit
+seit jenem Tage ganz, ganz allein gewesen, und es hat, glaube ich,
+dennoch keine Minute gegeben, in der ich nicht an dich gedacht hätte, du
+mein Herzenslieb, mein Engel, an dem ich mich nicht sattsehen kann! ...
+Und weißt du, Sina, wie gern ich irgend so etwas getan hätte, etwas
+Großes, Gutes, um dich zu zwingen, deine Meinung über mich zu ändern.
+Ich glaubte ja bis zum letzten Augenblick nicht, daß ich sterben würde.
+Es warf mich ja nicht sofort nieder, ich ging ja noch lange mit einer
+kranken Brust umher. – Und wieviel lächerliche Wünsche ich hatte! Zum
+Beispiel dachte ich daran, plötzlich ein großer Dichter zu werden, in
+den ‚Vaterländischen Aufzeichnungen‘ ein Gedicht zu veröffentlichen, wie
+es bis jetzt noch keines gegeben hat. Ich wollte in ihm alle meine
+Gefühle ausgießen, meine ganze Seele, so daß ich überall, wo du nur sein
+mochtest, stets bei dir gewesen wäre, dich immerwährend an mich erinnert
+hätte durch meine Verse, und mein schönster Traum war, wie du dann
+endlich nachdenklich werden und dir sagen müßtest: ‚Nein, er ist doch
+kein so schlechter Mensch, wie ich glaubte!‘ Dumm, Sinotschka, dumm
+nicht wahr?“
+
+„Nein, nein, Wassjä, nein!“ rief Sina beschwörend aus.
+
+Sie warf sich über seine Brust und küßte seine Hände.
+
+„Und wie mich die Eifersucht die ganze Zeit gequält hat! Ich glaube –
+ich wäre gestorben, wenn ich von deiner Hochzeit gehört hätte! Ich ließ
+dich beobachten, ich ließ spionieren ... sie tat es immer für mich (er
+wies mit dem Kopf auf die Mutter). Du hast doch den Mosgljäkoff nicht
+geliebt, nicht wahr, Sinotschka? Oh, mein Engel, du! Wirst du dich auch
+jemals meiner erinnern, wenn ich tot bin? Ich weiß, daß du mich nicht
+vergessen wirst ... aber es werden Jahre vergehen, dein Herz wird
+abkühlen, erkalten, es wird Winter in der Seele und dann wirst du mich
+doch vergessen, Sinotschka! ...“
+
+„Nein, nein, niemals! Ich werde nie heiraten ... Du bist der erste ...
+der letzte ... ewig werde ich dich lieben!“
+
+„Alles stirbt, Sinotschka, alles, sogar Erinnerungen ... Sogar unsere
+edelsten Gefühle sterben. An ihre Stelle tritt vernünftiges Denken.
+Weshalb dawider murren? Genieße das Leben, Sina, lebe lange, lebe
+glücklich. Liebe auch einen anderen, wenn du ihn lieb gewinnst – man
+kann doch nicht immerfort einen Toten lieben! Nur denk zuweilen auch an
+mich, nur hin und wieder einmal; an das Schlechte denk nicht, vergieb
+das Schlechte; aber es hat ja in unserer Liebe auch Gutes gegeben.
+Sinotschka! Oh, die wundervollen, unwiederbringlichen Tage! ... Hör
+mich, mein Engel, ich habe immer die Abendstunde und den Sonnenuntergang
+geliebt. Denke manches Mal an mich, wenn die Sonne untergeht! Oh, nein,
+nein! Wozu sterben! Oh, wie ich jetzt zu neuem Leben auferstehen wollte!
+Vergiß nicht, vergiß nicht, mein Lieb, vergiß nicht diese Zeit! Damals
+war Frühling, die Sonne schien so hell, die Blumen blühten, rings um uns
+schien es Feiertag zu sein ... Und jetzt! Sieh, sieh!“
+
+Und der Arme wies mit seiner abgezehrten Hand auf das trübe, befrorene
+kleine Fenster. Dann ergriff er plötzlich Sinas Hände, preßte sie an
+seine Augen und schluchzte, schluchzte herzbrechend. Das Schluchzen
+schien seine kranke wunde Brust zu zerreißen.
+
+Den ganzen Tag quälte er sich, litt und weinte. Sina tröstete ihn, so
+gut sie es konnte, denn auch sie war fast zu Tode gequält. Sie sagte,
+daß sie ihn nie vergessen und keinen so lieben werde, wie sie ihn
+geliebt. Er glaubte es ihr widerspruchslos, lächelte, küßte ihre Hände,
+doch die Erinnerungen an das Vergangene brannten in seinem Herzen und es
+war ihm, als würde er von ihnen wie zerrissen. So verging der ganze Tag.
+Marja Alexandrowna hatte inzwischen nicht viel weniger als zehnmal
+nachgeschickt und Sina flehentlich bitten lassen, wieder nach Haus zu
+kommen und sich in der Gesellschaft doch nicht ganz und gar unmöglich zu
+machen. Endlich in der Dämmerung, vor Angst kaum noch ihrer Sinne
+mächtig, entschloß sie sich, selbst zu Sina zu laufen. Sie ließ ihre
+Tochter in die andere Stube rufen und flehte sie fast auf den Knien an,
+diesen „letzten und größten Dolch nicht in ihr Herz zu stoßen“. Sina
+ging zu ihr hinaus: sie hörte wohl, was ihre Mutter sprach, begriff aber
+nicht den Sinn der Worte. Ihr Kopf schien ihr zerspringen zu wollen vor
+Schmerz. Schließlich mußte Marja Alexandrowna in größter Verzweiflung
+wieder fortgehen. Sina hatte beschlossen, in der Hütte bei dem
+Sterbenden zu übernachten.
+
+Sie saß die ganze Nacht an seinem Bett. Mit dem Kranken wurde es immer
+schlechter. Wieder brach der Tag an, doch war keine Hoffnung mehr
+vorhanden, daß der Sterbende ihn überleben würde. Die alte Mutter ging
+wie eine Irrsinnige umher, als verstehe sie nichts mehr. Sie gab ihrem
+Sohn die Arzneien, die er dann nicht nehmen wollte. Der
+Todeskampf dauerte lange. Er konnte bald nicht mehr sprechen. Nur
+unzusammenhängende, heisere Laute drangen zuweilen aus seiner Brust. Bis
+zum letzten Augenblick sah er immer noch unverwandt Sina an, suchte er
+noch immer ihren Blick, und als seine Sehkraft zu schwinden begann,
+suchte seine unsicher irrende Hand immer noch ihre Hände, um sie zu
+drücken. Der kurze Wintertag verging. Und während der letzte
+Sonnenstrahl die Eisblumen des einzigen kleinen Fensters der Stube rot
+erglühen ließ, da verließ die Seele des Armen auf ewig seinen
+abgezehrten Körper.
+
+Als die alte Mutter nur noch die Leiche ihres vergötterten Wassjä vor
+sich sah, schlug sie die Hände zusammen und warf sich mit einem Schrei
+auf den Toten.
+
+„Das hast du getan, _du_ falsche, arglistige Schlange, _du_ hast ihn
+behext!“ schrie sie in ihrer Verzweiflung Sina zu. „_Du_, du verfluchte
+Verführerin, _du_, du Mörderin, _du_, du hast ihn umgebracht!“
+
+Sina hörte sie nicht. Sie stand wie erstarrt über den Toten gebeugt.
+Endlich schien sie wieder zu sich zu kommen: sie bekreuzte ihn, küßte
+ihn und verließ fast mechanisch das Zimmer. Ihre Augen brannten und ihr
+schwindelte. Die Qual dieser zwei Tage und die zwei schlaflosen Nächte
+hatten ihren Kopf leer und tot gemacht. Unklar nur fühlte sie, daß ihre
+ganze Vergangenheit sich gleichsam von ihrem Herzen losriß und nun ein
+neues Leben begann, ein finsteres, drohendes ... Sie war kaum zehn
+Schritte gegangen, als Mosgljäkoff wie aus der Erde gewachsen vor ihr
+stand. Er schien sie erwartet zu haben.
+
+„Sinaïda Afanassjewna,“ begann er in einem eigentümlich ängstlichen
+Geflüster und nachdem er sich eilig rings umgeschaut hatte, denn es war
+immerhin noch ziemlich hell. „Sinaïda Afanassjewna, ich bin natürlich
+ein Esel! Das heißt, wenn Sie wollen, bin ich jetzt nicht mehr ein Esel,
+denn, sehen Sie, es war schließlich doch edel von mir gehandelt. Aber
+ich bereue es dennoch, daß ich ein Esel war ... Übrigens habe ich mich
+da verhauen, glaube ich ... aber Sie werden es verzeihen ... das hat
+seine verschiedenen Gründe ...“
+
+Sina sah ihn fast verständnislos an und setzte schweigend ihren Weg
+fort. Da das hohe Brettertrottoir für zwei nebeneinander nicht breit
+genug war und Sina nicht zur Seite trat, sondern ruhig in der Mitte
+ging, so trat Mosgljäkoff vom Trottoir herab und ging neben ihr im
+Schnee der Fahrstraße, während er ihr immer wieder ins Gesicht blickte.
+
+„Sinaïda Afanassjewna,“ fuhr er fort, „ich habe es mir überlegt, und
+wenn Sie wollen, bin ich bereit, meinen Antrag zu wiederholen. Ich bin
+sogar bereit, alles zu vergessen, Sinaïda Afanassjewna, die ganze
+Schande, und ich bin auch bereit, zu verzeihen, aber nur mit einer
+Bedingung: daß, so lange, wie wir hier sind, das Ganze noch ein
+Geheimnis bleibt. Sie werden möglichst bald von hier fortfahren und ich
+heimlich gleichfalls; wir lassen uns irgendwo von einem Landpfarrer
+trauen, so daß es niemand hört und sieht und fahren dann sofort nach
+Petersburg, wenn möglich mit unterlegten Pferden, so daß Sie nur einen
+kleinen Koffer mitnehmen ... was? Sind Sie einverstanden, Sinaïda
+Afanassjewna? Sagen Sie schnell! Ich kann nicht so lange warten, man
+könnte uns sehen ...“
+
+Sina antwortete nicht, sondern sah ihn nur an; sie sah ihn aber so an,
+daß er sofort alles begriff, den Hut zog und in der ersten Querstraße
+verschwand.
+
+„Wie ist denn das?“ dachte er verwundert, „vorgestern abend war es ihr
+noch so nah gegangen und sie beschuldigte sich vor allen anderen ...
+nahm die ganze Schuld auf sich allein? Da sieht man, daß sie an jedem
+Tage anders ist!“
+
+Inzwischen war in Mordassoff Ereignis auf Ereignis gefolgt. Eines davon
+war sogar sehr tragisch: der Fürst, den Mosgljäkoff ins Gasthaus
+gebracht hatte, war in derselben Nacht erkrankt, und sogar gefährlich
+erkrankt. In der Stadt erfuhr man es erst am nächsten Morgen. Kalist
+Stanislawitsch verließ den Kranken fast keinen Augenblick. Am Abend fand
+ein Konzilium aller Mordassower Ärzte statt. Die Aufforderung war ihnen
+in lateinischer Sprache zugesandt worden. Aber ungeachtet der
+lateinischen Sprache verlor der Fürst bereits das Bewußtsein,
+phantasierte, bat Kalist Stanislawitsch, eine gewisse Romanze zu singen
+und sprach von verschiedenen Perücken; mitunter schien er plötzlich zu
+erschrecken, worauf er jedesmal des längeren schrie. Die Ärzte kamen in
+ihrer Beratung dahin überein, daß sich beim Fürsten infolge der
+Mordassower Gastfreundschaft eine Magenentzündung eingestellt habe und
+diese mittlerweile – wahrscheinlich auf dem Wege ins Gasthaus – in den
+Kopf gestiegen sei. Auch wurde eine gewisse moralische Erschütterung
+nicht abgeleugnet. Das Resultat der Beratung war jedenfalls, daß der
+Fürst schon seit langer Zeit zum Sterben „disponiert“ gewesen und
+deshalb unfehlbar sterben werde. In letzterem hatten sie sich denn auch
+nicht geirrt: der arme Greis starb richtig am Abend des dritten Tages.
+Sein Tod überraschte die Mordassower nicht wenig: einen so ernsten
+Ausgang hatte niemand erwartet. Sie stürzten in Scharen zum Gasthause,
+wo die Leiche noch unaufgebahrt lag, sprachen viel, ereiferten sich noch
+mehr, schüttelten die Köpfe und es endete damit, daß die „Mörder des
+unglücklichen Fürsten“ – damit meinte man Marja Alexandrowna und deren
+Tochter – laut und schroff verurteilt wurden. Alle begriffen, daß dieser
+Zwischenfall allein schon von seiner skandalösen Seite eine unangenehme
+Verbreitung finden und womöglich noch in weite Kreise dringen konnte und
+– doch ist es wohl nicht gut möglich, alles wiederzugeben, was
+gesprochen und befürchtet wurde.
+
+Während dieser ganzen Zeit lief Mosgljäkoff bald hierhin bald dorthin,
+bis ihm schließlich der Kopf rund ging. In dieser Stimmung war es, daß
+er dann auch mit Sina sprach. Seine Lage war in der Tat schwierig: er
+hatte den Fürsten in die Stadt gebracht, zuerst zu Marja Alexandrowna
+und von dieser ins Gasthaus, und jetzt wußte er nicht einmal, was er mit
+der Leiche tun sollte, wie und wo beerdigen, wen benachrichtigen? Sollte
+er sie nach Duchanowo bringen? Zudem war er doch gewissermaßen der
+„Neffe“ des Verstorbenen. Er zitterte, wenn er daran dachte, daß man
+vielleicht noch ihm die Schuld am Tode des Fürsten zuschreiben könnte.
+
+„Die Geschichte kann ja dann noch bis nach Petersburg dringen, man kann
+sie sogar in der höchsten Gesellschaft erfahren!“ dachte er mit bangem
+Herzen.
+
+Von den Mordassowern war kein Rat zu holen: allen schien plötzlich bange
+zu sein, alle zogen sich von dem Toten zurück und ließen Mosgljäkoff in
+einer geradezu düsteren Einsamkeit sitzen. Da sollte aber etwas ganz
+Unvorhergesenes geschehen und die Sachlage von Grund aus ändern.
+
+Am Morgen des zweiten Tages nach dem Tode des Fürsten traf in der Stadt
+ein vornehmer Herr ein. Von diesem Herrn sprach im Augenblick ganz
+Mordassoff, nur wurde nicht laut, sondern flüsternd und geheimnisvoll
+von ihm gesprochen, und als er durch die große Straße zum Gouverneur
+fuhr, da lauerte alles nur durch Türspalten und Gardinen auf den hohen
+Gast. Sogar unser Gouverneur, Pjotr Michailowitsch, soll etwas betreten
+gewesen sein und nicht gewußt haben, wie er sich zu ihm verhalten
+sollte. Dieser Gast war der ziemlich bekannte Fürst Schtschepetiloff,
+ein Verwandter des verstorbenen Fürsten K., ein noch junger Mann von
+etwa fünfunddreißig Jahren mit Oberstenepaulettes und Achselschnüren.
+Diese Achselschnüre machten einen so mächtigen Eindruck auf die
+Beamtenwelt, daß selbst dem letzten Schreiber ein unheimliches Frösteln
+über den Rücken lief und alle sich strammer hielten. Der Polizeimeister,
+zum Beispiel, verlor ganz und gar den Kopf, d. h. nur bildlich
+gesprochen, versteht sich, also moralisch sozusagen. Physisch erschien
+er in eigener Person, wenn auch mit ziemlich langem Gesicht.
+
+Im Augenblick wußte die ganze Stadt, daß Fürst Schtschepetiloff aus
+Petersburg gekommen und unterwegs über Duchanowo gefahren war. Da er den
+Fürsten dort nicht angetroffen hatte, war er ihm nachgefahren nach
+Mordassoff, wo ihn wie ein Keulenschlag die Nachricht vom Tode des
+Verwandten und die Gerüchte über die näheren Umstände und Ursachen
+seiner Krankheit trafen. Pjotr Michailowitsch – unser Gouverneur – soll
+sogar sehr verlegen gewesen sein, als er ihm die nötigen Aufschlüsse
+geben mußte. Übrigens gingen alle Mordassower mit gewissermaßen
+schuldbewußten Mienen umher. Hinzu kam noch, daß der angereiste Fürst
+ein so strenges, unzufriedenes Gesicht hatte, obgleich er doch unmöglich
+über die Erbschaft ungehalten sein konnte?!
+
+Er nahm die Regelung der ganzen Sache sofort selbst in die Hand.
+Mosgljäkoff aber drückte sich schmählich vor dem wirklichen, nicht nur
+angeblichen Verwandten und verschwand – unbekannt wohin.
+
+Es wurde zunächst angeordnet, die Leiche sofort ins Kloster zu schaffen,
+wo auch das Totenamt gehalten werden sollte. Der Fürst gab seine
+Anordnungen trocken, streng, kurz, aber nichtsdestoweniger taktvoll und
+sachlich.
+
+Zum Totenamt wollte sich die ganze Stadt ins Kloster begeben. Unter den
+Damen hatte sich das unsinnige Gerücht verbreitet, daß Marja
+Alexandrowna persönlich in der Kirche erscheinen und vor dem Sarge
+kniend mit lauter Stimme um Vergebung ihrer Schuld flehen werde und daß
+es so nach dem Gesetz geschehen müsse. Natürlich war das Torheit und
+Marja Alexandrowna dachte nicht daran, in die Kirche zu gehen. Übrigens
+habe ich zu sagen vergessen, daß nach Sinas Rückkehr ins Haus, diese und
+ihre Mutter noch an demselben Abend aufs Gut gefahren waren, da Marja
+Alexandrowna einen weiteren Aufenthalt in der Stadt für unmöglich
+gehalten hatte. Von dort aus verfolgte sie aufgeregt die neuen Gerüchte,
+schickte ihre Leute in die Stadt, um Näheres über den eingetroffenen
+Fürsten in Erfahrung zu bringen – kurz, sie war die ganze Zeit wie im
+Fieber. Die Landstraße aus dem Kloster nach Duchanowo führte kaum eine
+Werst weit von dem Landhause Marja Alexandrownas vorüber und so konnte
+diese deutlich aus ihren Fenstern die lange Prozession verfolgen, die
+sich nach dem Totenamt aus dem Kloster auf das Gut begab, wo der Fürst
+beigesetzt werden sollte. Der Sarg wurde auf einem hohen Leichenwagen
+geführt, hinter ihm zog sich die endlose Reihe von Equipagen hin, die
+dem Leichenwagen bis zum Kreuzwege das Geleit gaben, um dann abzubiegen
+und in die Stadt zurückzufahren. Und lange noch zog die schwarze
+Schlittenreihe über die schon verschneiten Felder dahin, hinter dem
+hohen, schwarzen Leichenwagen, der sich nur langsam mit
+ehrfurchtgebietender Majestät weiterbewegte. Marja Alexandrowna
+vermochte nicht lange zuzusehen und trat fort vom Fenster.
+
+Nach einer Woche fuhr sie mit ihrer Tochter und ihrem Mann nach Moskau,
+und nach einem Monat erfuhr man in Mordassoff, daß ihr kleines Gut und
+ihr Haus in der Stadt verkauft werden solle. So hatte denn Mordassoff
+auf ewig seine tonangebende, seine bedeutendste Frau verloren! Natürlich
+ging es auch jetzt nicht ohne boshafte Bemerkungen ab. So wurde zum
+Beispiel behauptet, daß das Gut mitsamt Afanassij Matwejewitsch verkauft
+werde ...
+
+Doch es verging ein Jahr, ein zweites und dann noch ein drittes und
+Marja Alexandrowna geriet fast ganz in Vergessenheit. Leider! So pflegt
+es nun einmal in der Welt zu gehen! Übrigens wurde noch erzählt, daß sie
+sich in einer anderen Gouvernementsstadt niedergelassen und in der
+Nähe derselben ein neues Gut gekauft habe, und daß sie dort
+selbstverständlich wieder alle beherrsche, daß Sina noch immer nicht
+verheiratet sei und Afanassij Matwejewitsch ... Doch wozu diese Gerüchte
+wiederholen – es ist ja kein wahres Wort an ihnen.
+
+ * * * * *
+
+Drei Jahre sind seit dem Tage vergangen, an dem ich die letzte Zeile
+dieser schönen Geschichte aus der Mordassower Chronik geschrieben, und
+wer hätte es sich denken können, daß ich noch einmal mein Manuskript
+aufrollen und noch eine Nachricht zu meiner Erzählung würde hinzufügen
+müssen! Doch zur Sache! Ich beginne mit Pawel Alexandrowitsch
+Mosgljäkoff.
+
+Nachdem er Mordassoff verlassen, war er nach Petersburg gefahren, wo er
+denn auch glücklich durch Protektion jene gute Anstellung erhalten
+hatte, die ihm schon früher versprochen worden war. Bald hatte er alle
+Mordassower Ereignisse vergessen und war in den Strudel großstädtischen
+Lebens – auf der Wassiljeff-Insel und am Galeerenhafen – untergetaucht,
+hatte gespielt und sich herumgetrieben, doch stets bemüht, mit dem
+Jahrhundert zu gehen, hatte sich verliebt und angehalten, hatte noch
+einmal einen Korb verwunden, und noch bevor er damit ganz fertig war,
+hatte er sich in seinem Leichtsinn und aus Langerweile entschlossen, an
+einer Expedition teilzunehmen, die in eines der Grenzgebiete unseres
+grenzenlosen Vaterlandes entsandt wurde, um dort irgend etwas zu
+revidieren oder zu einem ähnlichen Zweck – genau weiß ich es nicht. Die
+Expedition durchquerte glücklich alle Urwälder und Wüsten, traf
+schließlich nach langer Reise in der Hauptstadt des „fernen
+Grenzgebietes“ wohlbehalten ein und begab sich zum Generalgouverneur.
+Das war ein strenger General, von großem Wuchs und hager, ein alter
+Krieger mit vielen Narben, die er sich in Schlachten geholt, mit zwei
+Sternen auf der Brust und einem weißen Kreuz am Halse. Würdevoll und
+gemessen empfing er die Expedition und lud darauf alle Vertreter
+derselben zum Ball ein, der bei ihm am Abend desselben Tages zur Feier
+des Namenstages der Generalgouverneurin gegeben werden sollte.
+Mosgljäkoff war sehr zufrieden damit. Er warf sich in seinen
+tadellosesten Petersburger Ballanzug, in dem er großen Eindruck zu
+machen gedachte, und betrat in bester Laune mit leichten Schritten den
+festlich geschmückten Saal, wurde aber sofort etwas bescheidener, als er
+plötzlich so unerwartet viele Uniformen mit dick-gewundenen goldenen
+Raupen auf den Achselstücken und ordengeschmückte Staatsröcke vor sich
+sah. Zuerst mußte er der Frau Generalgouverneurin, von der er gehört
+hatte, daß sie jung und schön sei, seinen Bückling machen. Er begab sich
+flott und selbstbewußt zu ihr, doch plötzlich erstarrte er: vor ihm
+stand Sina in reicher Balltoilette und kostbarem Brillantenschmuck,
+stolz, schön und hochmütig.
+
+Sie erkannte ihn nicht. Ihr Blick glitt gleichgültig über sein Gesicht
+und sie wandte sich dann an einen anderen Herrn. Aufs äußerste bestürzt
+trat Mosgljäkoff zur Seite und stieß dort im Gedränge auf einen jungen
+Beamten, der vor sich selbst Angst zu haben schien, seitdem er sich auf
+dem Ball beim Generalgouverneur befand: Mosgljäkoff machte sich sofort
+daran, ihn auszufragen und so erfuhr er recht interessante Dinge.
+Zunächst erzählte jener, daß der Generalgouverneur erst vor zwei Jahren
+geheiratet habe, als er einmal aus dem „fernen Grenzgebiet“ nach Moskau
+gereist war, und daß seine junge Frau aus einem sehr reichen und
+vornehmen Hause stamme. Sie sei „wunderbar schön“, ja man könne sie
+sogar die schönste aller Schönheiten nennen, nur sei sie sehr stolz und
+tanze nur mit Generälen; – daß auf diesem Ball im ganzen neun Generäle,
+sowohl hiesige wie angereiste, seien, die wirklichen Staatsräte mit
+inbegriffen; – daß die Generalgouverneurin eine Mutter habe, die auch
+hier bei ihr lebe, und daß diese Frau Mutter aus der höchsten
+Gesellschaft stamme und sehr klug sein müsse; – daß aber selbst die Frau
+Mutter sich widerspruchslos dem Willen ihrer Tochter unterordne und der
+Generalgouverneur bis über die Ohren in seine junge Frau verliebt sei.
+Mosgljäkoff erkundigte sich wohl auch nach Afanassij Matwejewitsch, aber
+im „fernen Grenzgebiet“ hatte man keine Ahnung von ihm. Wieder etwas zu
+sich gekommen, ging Mosgljäkoff durch die anstoßenden Zimmer und fand
+bald auch Marja Alexandrowna, die prächtig aufgeputzt sich mit einem
+teuren Fächer zufächelte und äußerst lebhaft mit einem der höchsten
+Würdenträger sprach. Um sie herum hatte sich ein ganzer Kreis gebildet,
+offenbar Bewerber um ihre Gunst – und sie – sie war zu allen sehr
+liebenswürdig.
+
+Mosgljäkoff wagte es, sich vorzustellen. Marja Alexandrowna schien im
+ersten Augenblick etwas zusammenzuzucken, faßte sich aber sofort. Mit
+liebenswürdigem Lächeln geruhte sie ihn wiederzuerkennen, hierauf
+erkundigte sie sich nach Petersburger Bekannten und fragte ihn unter
+anderem auch, weshalb er nicht im Auslande sei. Die Stadt Mordassoff
+erwähnte sie mit keinem Wort, als wenn sie dieselbe nie gekannt hätte.
+Nachdem sie dann noch den Namen irgend eines wichtigen Petersburger
+Fürsten genannt und sich nach seinem Befinden erkundigt hatte –
+Mosgljäkoff hatte keine blasse Ahnung von dieser Persönlichkeit und
+inwiefern Marja Alexandrowna mit ihr bekannt sein konnte – wandte sie
+sich unauffällig an einen auf sie zutretenden Würdenträger, dessen
+Haupthaar schon silbrig glänzte, und nach einer kleinen Weile hatte sie
+den vor ihr stehenden Mosgljäkoff vollkommen vergessen. Mit
+sarkastischem Lächeln, den Hut in der Hand, kehrte er in den großen
+Ballsaal zurück. Er glaubte sich verletzt und sogar beleidigt und
+beschloß daher, nicht zu tanzen. Den ganzen Abend behielt er krampfhaft
+eine finster zerstreute Miene bei, sowie ein beißend teuflisches
+Lächeln. Malerisch an eine weiße Säule gelehnt – der Saal war wie
+absichtlich mit Säulen versehen – stand er während des ganzen Balles auf
+einem Fleck, ohne sich zu rühren und verfolgte nur Sina mit seinen
+Blicken. Leider aber waren alle seine Anstrengungen, ungewöhnlichen
+Stellungen, verzweifelten Mienen usw. – vergebliche Liebesmüh: Sina
+bemerkte ihn überhaupt nicht. So kehrte er denn endlich mit steifen
+Beinen, schmerzenden Füßen – vom langen Stehen – wütend, gereizt und mit
+mordsmäßigem Hunger – als Verliebter und Leidender konnte er doch nicht
+zum Souper bleiben! – wieder in sein Absteigequartier zurück. Er fühlte
+sich vollkommen erschöpft und gleichsam verprügelt. Lange noch ging er
+in seinem Zimmer auf und ab, in Gedanken an längst Vergessenes. Am
+nächsten Morgen mußte auf Grund einer inzwischen eingetroffenen
+Nachricht jemand von der Expedition abkommandiert werden und Mosgljäkoff
+bot sich mit Freuden dazu an. Als er die Stadt verließ, atmete er
+förmlich auf, jetzt erst fühlte er wieder neue Lebensgeister in sich.
+Auf der ungeheuren flachen Ebene lag der Schnee blendend weiß. Nur fern,
+fern am Horizont zogen sich wie ein dunkler Strich Wälder hin.
+
+Die feurigen Pferde griffen frisch aus, daß es eine Lust war, und die
+Hufe schleuderten feste Schneestückchen auf die Schlittendecke.
+
+Das Glockengeläut und Schellengeklingel klang weit durch die klare
+Winterluft. Mosgljäkoff wurde nachdenklich, schließlich träumerisch und
+dann schlief er seelenruhig ein. Erst bei der dritten Station erwachte
+er, frisch und gesund und mit ganz anderen Gedanken.
+
+
+
+
+ Die fremde Frau
+ und der Mann unter dem Bett
+
+
+ I.
+
+„Verzeihung, mein Herr, gestatten Sie die Frage ...“
+
+Der Vorübergehende zuckte zusammen und blickte etwas erschrocken einen
+Herrn in einem Waschbärpelz an, der ihn so ohne weiteres gegen acht Uhr
+abends auf der Straße anredete. Bekanntlich erschrickt jeder
+Petersburger, wenn ihn ein Unbekannter auf der Straße plötzlich anredet,
+auch wenn er es noch so höflich tut.
+
+Also der Vorübergehende zuckte zusammen und erschrak ein wenig.
+
+„Verzeihen Sie, daß ich Sie belästige,“ fuhr der Herr im Waschbärpelz
+fort, „aber ich ... ich, wirklich, ich weiß nicht ... Sie werden mich,
+hoffe ich, entschuldigen ... wie Sie sehen, bin ich etwas aus der
+Fassung gebracht ...“
+
+Da erst gewahrte der junge Mann in der Pekesche – einem kürzeren
+Pelzüberrock –, daß der Herr im Waschbärpelz allerdings nichts weniger
+als gefaßt aussah. Sein runzliges Gesicht war bleich, seine Stimme
+unsicher, und seine Gedanken schienen sich gänzlich verwirrt zu haben:
+schnell und unüberlegt stieß er die Worte hervor, und man sah es ihm an,
+daß es ihm schwer fiel, sich mit einer Bitte an eine dem Rang und der
+gesellschaftlichen Stellung nach offenbar unter ihm stehende
+Persönlichkeit zu wenden. Hinzu kam noch, daß diese Bitte an und für
+sich höchst peinlicher Art war und von einem Herrn, der einen so soliden
+Pelz, einen so tadellosen dunkelgrünen Frack und so bedeutsame Abzeichen
+auf diesem Frack trug, zum mindesten befremdend erscheinen mußte. Alles
+dessen war sich der Herr im Waschbärpelz auch vollkommen bewußt, und es
+verwirrte ihn so sehr, daß er seinen eigenen Gefühlen nicht widerstehen
+konnte, seine Aufregung so gut es ging niederzwang und kurz entschlossen
+der peinlichen Szene, die er selbst heraufbeschworen hatte, ein Ende
+machte.
+
+„Entschuldigen Sie, ich war mir meiner Handlungsweise nicht ganz bewußt.
+Aber Sie kennen mich nicht, glauben Sie mir, ich ... Verzeihen Sie, daß
+ich Sie aufgehalten habe ...“
+
+Damit lüftete er den Hut und entfernte sich schnell.
+
+„Aber ich bitte Sie, es hat nichts zu sagen ...“
+
+Doch der kleine Herr im Waschbärpelz war bereits in der Dunkelheit
+verschwunden, und dem jungen Mann blieb nichts übrig, als ihm verdutzt
+nachzusehen.
+
+„Was war das für ein Kauz?“ fragte er sich verwundert, stand noch ein
+Weilchen und vergaß dann den Vorfall, um sich wieder in seine eigenen
+Gedanken zu versenken, worauf er von neuem auf der Straße auf und nieder
+zu gehen begann, ohne dabei die Tür eines endlos hohen Hauses aus dem
+Auge zu lassen. Es war neblig geworden, was dem jungen Mann eine Sorge
+vom Herzen nahm, denn im Nebel mußte sein unermüdliches Hin- und
+Hergehen den Menschen weniger auffallen, abgesehen vielleicht von einem
+müßigen Droschkenkutscher, der in Ermangelung einer besseren
+Beschäftigung die Vorübergehenden beobachtete.
+
+„Entschuldigen Sie!“
+
+Der junge Mann zuckte wieder zusammen und sah zu seiner Verwunderung
+wieder jenen Herrn im Waschbärpelz vor sich stehen.
+
+„Entschuldigen Sie, daß ich nochmals ...“ begann er von neuem, „doch Sie
+... Sie sind ganz gewiß ein Ehrenmann! Beachten Sie mich weiter nicht
+... ich meine, als Vertreter und Mitglied einer bestimmten
+Gesellschaftsklasse ... Übrigens war es nicht das, was ich sagen wollte.
+Aber ... fassen Sie die Sache menschlich auf ... Vor Ihnen, mein Herr,
+steht ein Mensch, der sich mit einer dringenden Bitte an Sie wenden muß
+...“
+
+„Wenn es in meiner Macht steht ... Um was handelt es sich?“
+
+„Sie denken vielleicht, daß ich Sie um Geld bitten will!“ Der
+geheimnisvolle Herr verzog den Mund zu einem Lächeln, erbleichte und
+lachte hysterisch auf.
+
+„Aber ich bitte Sie ...“
+
+„Nein, ich sehe, daß ich Ihnen lästig falle! Verzeihen Sie, aber ich
+kann mich selbst nicht ertragen! Betrachten Sie mich als einen
+Unzurechnungsfähigen, einen fast Wahnsinnigen, denken Sie aber nicht
+etwa –“
+
+„Aber zur Sache, zur Sache!“ unterbrach ihn der junge Mann, zwar in
+aufmunterndem Tone, doch mit merklich ungeduldigem Kopfnicken.
+
+„Ah! Also so sind Sie! Sie – solch ein junger Mann wie Sie – erinnern
+mich an das Wichtige, ganz als wäre ich ein dummer Junge! Mein Gott, ich
+muß wirklich den Verstand verloren haben! ... Als was erscheine ich
+Ihnen jetzt in meiner Erniedrigung, sagen Sie es mir aufrichtig?“
+
+Der junge Mann blickte ihn etwas betreten an, sagte jedoch nichts.
+
+„Erlauben Sie, daß ich Sie ganz offen frage: haben Sie hier nicht eine
+Dame gesehen? Darin besteht meine ganze Bitte an Sie!“ sagte schließlich
+der Herr im Waschbärpelz kurz entschlossen.
+
+„Eine Dame?“
+
+„Jawohl, eine Dame.“
+
+„Allerdings ... aber ich muß gestehen, es sind ihrer so viele hier
+vorübergegangen ...“
+
+„Ganz recht,“ unterbrach ihn der geheimnisvolle kleine Herr mit einem
+bitteren Lächeln. „Ich bin etwas zerstreut und verwirrt im Kopf, es war
+nicht das, was ich sagen wollte; ich wollte Sie nur fragen, ob Sie eine
+Dame in einem Fuchspelz, mit einer Kapuze aus dunklem Samt und einem
+schwarzen Schleier gesehen haben?“
+
+„Nein, eine solche habe ich nicht gesehen ... nein, ich glaube, eine
+solche nicht bemerkt zu haben.“
+
+„Ah! dann – entschuldigen Sie!“
+
+Der junge Mann wollte nun seinerseits noch etwas fragen, doch der Herr
+im Waschbärpelz war bereits wieder verschwunden und sein geduldiger
+Zuhörer konnte ihm wieder nur verdutzt nachsehen.
+
+„Ach, hol’ ihn der Teufel!“ dachte er schließlich bei sich, zog offenbar
+ärgerlich seinen Biberkragen fester um den Hals und nahm von neuem den
+unterbrochenen Spaziergang auf, ohne seine Vorsichtsmaßregeln zu
+vergessen oder die Tür des endlos hohen Hauses aus dem Auge zu lassen.
+Er ärgerte sich.
+
+„Weshalb kommt sie denn noch nicht?“ dachte er. „Bald ist es acht Uhr!“
+
+Da schlug die nächste Turmuhr auch schon acht.
+
+„Ah, zum Teufel, das ist doch! ...“
+
+„Entschuldigen Sie! ...“
+
+„Verzeihen Sie, daß ich Sie so ... Aber Sie kamen mir so plötzlich vor
+die Füße, daß ich geradezu erschrak,“ entschuldigte sich der junge Mann,
+doch klang es diesmal schon fast unwirsch.
+
+„Ich wende mich wieder an Sie. Natürlich muß ich Ihnen seltsam
+erscheinen ...“
+
+„Haben Sie die Güte, sich ohne Umschweife zu erklären. Ich habe bis
+jetzt noch nicht erfahren können, was Sie eigentlich von mir wünschen
+...“
+
+„Ah, Sie haben wohl wenig Zeit? Sehen Sie mal. Ich werde Ihnen alles
+ganz offen erzählen, ohne ein überflüssiges Wort. Was soll ich tun! Die
+Umstände bringen bisweilen Menschen zusammen, die, was ihre Charaktere
+betrifft, im Grunde ganz verschieden sind ... Doch ich sehe, Sie sind
+ungeduldig, junger Mann ... Also, wie gesagt ... übrigens weiß ich nicht
+einmal, wie ich mich ausdrücken soll! Kurz, ich suche eine Dame – Sie
+sehen, ich habe mich schon entschlossen, alles zu sagen. Ich muß, wie
+gesagt, unbedingt erfahren, oder feststellen, wenn Sie wollen, wohin
+diese Dame gegangen ist. Wer sie ist, – das, denke ich, wird Sie nicht
+interessieren, junger Mann.“
+
+„Nun, nun, weiter! weiter!“
+
+„Weiter! Ihr Ton ist ja recht ... Das heißt, verzeihen Sie, vielleicht
+hat es Sie gekränkt, daß ich Sie ‚junger Mann‘ nannte ... aber ich
+versichere Ihnen, ich habe nichts ... mit einem Wort, wenn Sie mir einen
+unermeßlichen Gefallen erweisen wollten, dann also, wie gesagt: diese
+eine Dame ... das heißt, ich will nur sagen, daß sie eine anständige
+Dame ist, aus der besten Familie, mit der auch ich bekannt bin ... und
+da bin ich nun beauftragt ... ich, sehen Sie, ich habe selbst keine
+Familie ...“
+
+„Nun und?“
+
+„Also versetzen Sie sich in meine Lage, junger Mann! – Ach, wieder!
+Verzeihen Sie, bitte! Ich nenne Sie immer junger Mann! Jeder Augenblick
+ist dabei kostbar ... Stellen Sie sich vor, diese Dame ... aber können
+Sie mir nicht sagen, wer hier in diesem Hause wohnt?“
+
+„Ja ... hier wohnen sehr viele.“
+
+„Ja, das heißt, Sie haben vollkommen recht,“ versetzte schnell der Herr
+im Waschbärpelz und er lachte kurz auf, wie um die Situation zu retten.
+„Ich sehe, daß ich mich zu ungenau ausgedrückt habe. Doch weshalb
+schlagen Sie einen solchen Ton an? Wie Sie sehen, gebe ich doch
+offenherzig zu, daß ich mich nicht ganz treffend ausgedrückt habe, so
+daß Sie, wenn Sie ein hochmütiger Mensch wären, mich zur Genüge
+erniedrigt gesehen hätten ... Ich sage Ihnen, eine Dame von anständigem
+Lebenswandel, das heißt, nur ‚leichten Inhalts‘ ... Verzeihen Sie, ich
+bin so verwirrt. Ich rede ja, als spräche ich von Literatur! ... Da hat
+man sich nämlich jetzt eingeredet, daß Paul de Kocks Romane leichten
+Inhalts seien, während doch bei seinen Romanen das ganze Malheur, wie
+gesagt ... nun eben ...“
+
+Der junge Mann blickte mitleidig den Herrn im Waschbärpelz an, der sich
+schließlich rettungslos verwirrt hatte und ihn mit sinnlosem Lächeln
+ansah, während seine bebende Hand ohne jeden sichtbaren Grund immer
+wieder nach dem Aufschlag der Pekesche des anderen griff.
+
+„Sie fragten, wer hier wohnt?“ fragte der junge Mann, ein wenig
+zurückweichend.
+
+„Ja, Sie haben ja schon gesagt, hier wohnen viele.“
+
+„Hier ... hier wohnt, wie ich zufällig weiß, unter anderen Ssofja
+Osstafjewna,“ sagte der junge Mann flüsternd und sogar mit einem
+gewissen Mitgefühl.
+
+„Nun sehen Sie, sehen Sie! Sie wissen unbedingt etwas Näheres, junger
+Mann!“
+
+„Ich versichere Ihnen, nein, ich weiß nichts ... Ich habe nur so
+kombiniert, so nach Ihrem verstörten Aussehen ...“
+
+„Ich ... ich habe soeben erst von der Köchin erfahren, daß sie in dieses
+Haus hier geht; doch Sie sind in Ihrer Vermutung fehlgegangen, das
+heißt, ich will sagen, sie ist nicht zu Ssofja Osstafjewna gegangen ...
+sie kennt sie ja gar nicht ...“
+
+„Nicht? Dann entschuldigen Sie ...“
+
+„Man sieht, daß Sie das alles nicht interessiert, junger Mann,“ bemerkte
+der seltsame Herr mit bitterer Ironie.
+
+„Hören Sie mal,“ begann der junge Mann etwas unsicher, „ich kenne
+allerdings nicht die Ursache Ihrer gegenwärtigen ... Verfassung, aber
+sagen Sie doch offen: Sie sind wohl hintergangen worden, nicht?“
+
+Der junge Mann lächelte verständnisvoll.
+
+„... Wir werden uns dann wenigstens schneller verstehen,“ fügte er
+lächelnd hinzu und seine ganze Gestalt verriet die großmütige
+Bereitwilligkeit, sogleich eine leichte Verbeugung zu machen.
+
+„Sie vernichten mich! Aber wissen Sie – ich gestehe Ihnen ganz offen –
+Sie haben vollkommen erraten, um was es sich – ... Aber wem kann das
+nicht passieren! ... Ihre Teilnahme rührt mich tief. Unter jungen
+Leuten, nicht wahr, das werden Sie doch zugeben ... Übrigens bin ich ja
+nicht mehr ganz jung, aber, wissen Sie, die Gewohnheit, das
+Junggesellenleben, wie gesagt, unter uns Junggesellen, na, Sie wissen
+schon ...“
+
+„O, versteht sich, selbstverständlich! Doch womit kann ich Ihnen nun
+dienen?“
+
+„Ja sehen Sie! Sie werden zugeben, daß ein Besuch bei Ssofja Osstafjewna
+... Übrigens weiß ich noch nicht einmal genau, zu wem sich diese Dame
+begeben hat, ich weiß nur, daß sie sich in diesem Hause befindet. Als
+ich Sie nun hier auf und ab gehen sah – ich selbst spazierte dort auf
+jener Seite – dachte ich, wie gesagt ... Sehen Sie, ich erwarte nämlich
+diese Dame ... ich weiß, daß sie hier ist – da wollte ich mit ihr
+zusammentreffen und ihr erklären, ihr vernünftig auseinandersetzen, wie
+wenig anständig, wie schändlich ... mit einem Wort, wie gesagt – Sie
+verstehen mich ...“
+
+„Hm! Nun?“
+
+„Ich tue es ja gar nicht für mich! Denken Sie nur nicht etwa ... O nein!
+Das ist eine ganz fremde Frau! Der Mann steht dort auf der
+Wosnessenskij-Brücke; er will sie hier überrumpeln, kann sich aber nicht
+entschließen, – er glaubt eben noch nicht, wie jeder Gatte ...“ Hier
+machte der Herr im Waschbärpelz wieder einen Versuch, zu lächeln. „Ich
+bin nur sein Freund. Und nicht wahr, Sie werden mir doch zugeben, daß
+ich als Mensch, der sich sozusagen einer gewissen, allgemeinen Achtung
+erfreut, nicht wohl derjenige sein kann, für den Sie mich zu halten
+offenbar geneigt sind, – das ist doch klar!“
+
+„Selbstverständlich. Nun, und?“
+
+„Also wie gesagt, ich bin hier auf der Lauer, ich bin beauftragt – Sie
+verstehen – Der arme Mann! Aber ich weiß, daß die listige junge Frau –
+ewig hat sie einen Paul de Kock unter ihrem Kopfkissen! – ich bin
+überzeugt, daß sie es doch verstehen wird, irgendwie unbemerkt
+durchzuschlüpfen ... Mir hat nämlich, offen gestanden, nur die Köchin
+gesagt, daß sie hierhergehe, und da bin ich denn wie ein Sinnloser
+hergestürzt, kaum daß sie es ausgesprochen hatte. Ich will ihrer habhaft
+werden, ich muß es, koste es, was es wolle! Ich habe ja schon längst
+Verdacht geschöpft. Deshalb wollte ich Sie fragen – Sie gehen hier auf
+und ab ... Sie ... Sie ... ich weiß nicht, wie ich ...“
+
+„Ja, _was_ denn? Was wünschen Sie zu wissen?“
+
+„Ja ... ja, ja ... Ich, ich habe leider nicht das Vergnügen, Sie zu
+kennen, und, offen gestanden, ich wage auch gar nicht, eine solche
+Neugierde zu bekunden, zum Beispiel, ... ich meine ... wer und ... was
+... und weshalb ... Jedenfalls aber werden Sie erlauben, daß wir uns,
+wie gesagt ...“
+
+Und der bebende Herr im Waschbärpelz ergriff die Hand des jungen Mannes
+und schüttelte sie kräftig und mit glühender Aufrichtigkeit.
+
+„Freut mich, freut mich! Das hätte ich eigentlich sogleich tun sollen,“
+fuhr er erregt fort, „aber man ist mitunter so zerfahren, daß man alles
+vergißt!“
+
+Der Herr konnte vor Unruhe keinen Augenblick still stehen, blickte nach
+links, nach rechts, trat von einem Bein aufs andere, fast zappelnd vor
+Ungeduld, und griff, wie ein Ertrinkender nach dem Strohhalm,
+fortwährend nach einem Knopf oder einem Aufschlag der Pekesche des
+jungen Mannes.
+
+„Sehen Sie mal,“ fuhr er fort, „ich wollte mich in voller Freundschaft
+an Sie wenden – verzeihen Sie die Freiheit – und wollte Sie bitten:
+könnten Sie nicht dort in jener Straße, an der anderen Seite des Hauses,
+wo sich der hintere Ausgang befindet, promenieren, so, wissen Sie, hin
+und her? Und ich – ich werde dasselbe tun, bloß hier, vor dem
+Haupteingang, damit sie nicht unbemerkt durchschlüpfen kann – verstehen
+Sie? Ich fürchte nämlich die ganze Zeit, sie könne vielleicht doch
+unbemerkt durchschlüpfen. Das aber darf auf keinen Fall geschehen. Und
+Sie, sobald Sie sie erblicken – rufen Sie mich schnell, schreien Sie und
+halten Sie sie auf ... Doch was sage ich! ich bin verrückt! Jetzt erst
+begreife ich die ganze Dummheit und Unanständigkeit meines Vorschlages!“
+
+„Nein, wieso! Ich bitte Sie! ...“
+
+„Nein, nein, versuchen Sie nicht, mich zu entschuldigen. Ich bin
+unzurechnungsfähig, ich ... ich kann meine Gedanken nicht mehr
+zusammenhalten! Das ist mir so noch nie passiert! Es ist, als hätte ich
+mein Todesurteil vernommen! Ich will Ihnen sogar gestehen – ich bin ganz
+offen und ehrlich mit Ihnen, junger Mann – ja, ich habe anfangs _Sie_
+für den Liebhaber gehalten!“
+
+„Sie wollen also, einfach ausgedrückt, wissen, was ich hier tue?“
+
+„Aber mein Bester, Verehrtester, der Gedanke sei mir fern, daß _Sie_ der
+Betreffende sein könnten! Es sei, wie gesagt, fern von mir, Sie auch nur
+in Gedanken mit einem solchen Verdacht zu ... Aber ... aber können Sie
+mir Ihr Ehrenwort darauf geben, daß Sie kein Liebhaber sind? ...“
+
+„Nun, gut: mein Ehrenwort, daß ich ein Liebhaber bin, nur nicht
+derjenige Ihrer Frau; anderenfalls wäre ich jetzt nicht auf der Straße,
+sondern bei ihr, wie Sie wohl zugeben werden.“
+
+„Meiner Frau? Wer hat Ihnen das gesagt, junger Mann? Ich bin
+unverheiratet, bin, wie gesagt, Junggeselle, ich ... das heißt, nun ja
+... ich bin selbst ein Liebhaber ...“
+
+„Sie sagten, der Gatte ... warte dort auf der Brücke ...“
+
+„Gewiß, gewiß – wenn ich es schon gesagt habe? Aber sehen Sie, es gibt
+noch andere ... Verwicklungen! Und Sie werden mir doch zugeben, junger
+Mann, daß eine gewisse Leichtfertigkeit, namentlich wenn sie beiden
+Charakteren eigen ist, das heißt, ich meine ...“
+
+„Schon gut, schon gut, aber um was ...“
+
+„Das heißt, ich bin durchaus nicht der Gatte ...“
+
+„Ganz recht, das haben Sie schon gesagt. Aber jetzt bitte ich Sie,
+nachdem ich Sie beruhigt habe, auch mir Ruhe zu gönnen, und damit Ihnen
+das leichter wird, verspreche ich Ihnen nochmals, Sie sogleich zu rufen.
+Doch jetzt werden Sie wohl die Güte haben, sich zurückzuziehen und mir
+den Weg gefälligst frei zu geben. Ich warte nämlich gleichfalls.“
+
+„O, bitte, bitte, sofort, sofort werde ich mich entfernen! Ich kann
+Ihnen die leidenschaftliche Ungeduld Ihres Herzens nur zu gut
+nachfühlen. Ich verstehe das, junger Mann. O, wie gut ich Sie jetzt
+verstehe!“
+
+„Ja, was ...“
+
+„Auf Wiedersehen! ... Übrigens, verzeihen Sie, junger Mann, ich komme
+wieder zu Ihnen ... Ich weiß nicht, wie ich mich ausdrücken soll ...
+Geben Sie mir noch einmal Ihr Ehrenwort, daß Sie nicht der Liebhaber
+sind!“
+
+„Herr des Himmels! ...“
+
+„Nur noch eine Frage, die letzte: ist Ihnen der Familienname des Mannes
+Ihrer ... das heißt, ich wollte sagen, derjenigen bekannt, für die Sie
+sich interessieren?“
+
+„Selbstverständlich ist er mir bekannt, jedenfalls ist es nicht der
+Ihrige. Doch jetzt basta!“
+
+„Aber woher kennen Sie denn meinen Namen?“
+
+„Hören Sie, ich gebe Ihnen einen Rat: machen Sie, daß Sie davon kommen.
+So verlieren Sie nur Ihre Zeit und sie kann inzwischen tausendmal
+unbemerkt aus dem Hause schlüpfen ... Was wollen Sie denn noch? Die, die
+Sie suchen, ist in einem Fuchspelz und trägt einen Kapotthut, und die,
+die ich suche, hat einen karierten Umwurf und ein hellblaues Samthütchen
+... Was wollen Sie mehr?“
+
+„Ein hellblaues Samthütchen! Aber sie hat ja gleichfalls einen karierten
+Umwurf und ein solches Hütchen!“ rief der lästige Herr bestürzt aus, der
+plötzlich wie angewurzelt vor dem jungen Manne stand.
+
+„Ach, der Teufel! Na ja, das nennt man eben Zufall, mein Herr, so etwas
+kommt vor. Doch wozu rege ich mich auf! – Die, die ich erwarte, pflegt
+ja nicht dorthin zu gehen!“
+
+„Aber wo ist sie denn jetzt – diejenige, die _Sie_ erwarten?“
+
+„Interessiert Sie das?“
+
+„Offen gestanden, ich habe nichts anderes ...“
+
+„Pfui, Teufel! Sie haben ja, weiß Gott, überhaupt kein Schamgefühl! Na,
+zum Kuckuck, ich will es Ihnen sagen: die, die _ich_ erwarte, hat hier
+Bekannte in diesem Hause, im dritten Stockwerk des Vorderhauses. So, und
+was wollen Sie jetzt noch wissen? Jetzt fehlte nur noch, daß Sie auch
+die Namen zu hören wünschen!“
+
+„Mein Gott! Auch ich habe Bekannte im dritten Stockwerk, hier im
+Vorderhause ... General ...“
+
+„General? ...“
+
+„Jawohl, ein General. Ich kann Ihnen, wenn Sie wollen, auch sagen, welch
+ein General ... es ist General Polowizyn.“
+
+„Da haben wir’s! – Nein, der ist es nicht!“ versetzte er schnell gefaßt
+– im geheimen aber fluchte er ganz gotteslästerlich:
+
+„Ach, der Teufel! da schlag’ doch der Henker drein!“
+
+„Nicht die?“
+
+„Nein.“
+
+Beide schwiegen plötzlich und starrten verständnislos einander an.
+
+„Na, zum ... was starren Sie mich denn so an?“ fuhr plötzlich der junge
+Mann auf, ärgerlich die Starrheit von sich abschüttelnd.
+
+Der Herr im Waschbärpelz wurde unruhig.
+
+„Ich, ich, offen gestanden ...“
+
+„Nein, erlauben Sie mal, jetzt lassen Sie uns vernünftig reden. Die
+Sache geht uns beide an. Erklären Sie mir: wen haben Sie dort?“
+
+„Das heißt, Sie meinen meine Bekannten?“
+
+„Ja, Ihre Bekannten ...“
+
+„Nun sehen Sie, sehen Sie! Ich sehe es ja Ihren Augen an, daß ich es
+erraten habe!“
+
+„Teufel! Aber nein doch, nein! Hol’s der Teufel! Sind Sie denn etwa
+blind? Ich stehe doch leibhaftig vor Ihnen, also kann ich doch nicht bei
+ihr sein. Aber jetzt reden Sie endlich! Übrigens hol’s der Teufel, mir
+ist es schließlich auch gleichgültig, ob Sie reden oder nicht!“
+
+Und der junge Mann drehte sich wütend auf dem Absatz um, schlug mit der
+Hand eine bezeichnende Gebärde und stampfte sogar mit dem Fuß auf.
+
+„Ja, aber, ich sage ja nichts, ich bitte Sie, ich bin gern bereit, Ihnen
+als einem Ehrenmanne alles zu erzählen: anfangs ging meine Frau allein
+zu ihnen – sie ist mit ihnen verwandt, müssen Sie wissen – und ich ahnte
+natürlich nichts, das heißt, jeder Verdacht lag mir vollkommen fern.
+Gestern aber traf ich auf der Straße Se. Exzellenz: da mußte ich zu
+meiner Verwunderung vernehmen, daß sie bereits vor drei Wochen die
+Wohnung gewechselt hatten, meine Frau aber ... das heißt, was sage ich!
+– nicht _meine_ Frau, sie ist die Frau eines anderen – der Mann wartet,
+wie gesagt, dort auf der Wosnessenskij-Brücke. Diese Dame also hat aber
+gesagt, daß sie noch vor zwei Tagen bei ihnen gewesen sei und zwar hier
+in dieser Wohnung ... Die Köchin wiederum erzählte mir, daß die Wohnung
+Sr. Exzellenz ein junger Mann, Bobynizyn mit Namen, gemietet habe ...“
+
+„Ach, der Teufel! ach, der Teufel!“
+
+„Mein Herr, ich bin außer mir, ich bin entsetzt!“
+
+„Ach, hol’ Sie der Henker! Was geht das mich an, ob Sie außer sich sind
+oder nur entsetzt! Ach! Da, da schimmerte etwas Helles! Dort! ... Sehen
+Sie?“
+
+„Wo? wo? Rufen Sie nur ‚Iwan Andrejewitsch‘ und ich komme sofort ...“
+
+„Gut, gut. Ach, der Teufel, so etwas ist mir bisher doch noch nicht
+vorgekommen, Iwan Andrejewitsch!“
+
+„Hier!“ schrie im Augenblick der Gerufene und kehrte wie der Wind
+zurück, atemlos vor Schreck und Aufregung. „Was? was? Wo?“
+
+„Nein, diesmal rief ich nur so ... ich wollte bloß wissen, wie diese
+Dame heißt?“
+
+„Glaf...“
+
+„Glafira ...?“
+
+„Nein, nicht ganz so, nicht gerade Glafira ... verzeihen Sie, aber ich
+kann Ihnen ihren Namen nicht nennen.“
+
+Der ehrenwerte Mann war bei diesen Worten weiß wie Kalk.
+
+„Nun ja, selbstverständlich heißt sie nicht Glafira, das weiß ich
+selbst, daß sie nicht Glafira heißt, auch jene heißt nicht Glafira ...
+Doch übrigens, bei wem ist sie denn dort?“
+
+„Wo?“
+
+„Dort! Herr des Himmels! Da schlag’ doch der Henker drein!“
+
+Der junge Mann konnte buchstäblich nicht stille stehn vor Wut.
+
+„Aha! Sehen Sie? Woher wußten Sie denn, daß sie Glafira heißt?“
+
+„Ach, zum Teufel damit! Da hab’ ich nun auch Sie noch auf dem Halse!
+Aber Sie sagen doch selbst, daß diejenige, die _Sie_ suchen, nicht
+Glafira heißt! ...“
+
+„Mein Herr, welch ein Ton!“
+
+„Ach, zum Teufel, jetzt ist es mir wohl gerade um den Ton zu tun! Was
+ist sie denn? – Ihre Frau etwa?“
+
+„Nein, das heißt ... ich bin unverheiratet ... Nur finde ich es
+anstößig, so einem unglücklichen Menschen, so einem Menschen, der – ich
+will nicht sagen: der jeder Achtung wert ist, aber zum mindesten doch so
+einem wohlerzogenen Menschen nach jedem Wort ‚hol’s der Teufel‘ zu
+sagen. Von Ihnen aber hört man ja überhaupt nichts anderes als ‚hol’s
+der Teufel, hol’s der Teufel‘!“
+
+„Nun, ja, schon gut, hol’s der Teufel! Na, da haben Sie es wieder,
+freuen Sie sich darüber!“
+
+„Sie sind vom Zorn geblendet und deshalb schweige ich. Mein Gott, wer
+ist das?“
+
+„Wo?“
+
+Sie hörten Geräusch und Lachen, zwei schmutzig gekleidete Mädchen traten
+aus dem Hause. Beide Herren stürzten ihnen entgegen.
+
+„Nein! So sehen Sie doch! ...“
+
+„Was wollen Sie?“
+
+„Nein, das ist sie nicht!“
+
+„Was, seid nicht auf die Bewußten gestoßen? – He! Droschke!“
+
+„Wohin will sie denn, Fräulein?“
+
+„Steige ein, Annuschka, ich werde dich hinbringen.“
+
+„Ich muß aber dorthin, in jene Gegend. Fahr los! Aber daß du schnell
+fährst ...“
+
+Die Droschke fuhr davon.
+
+„Woher mögen die gekommen sein?“
+
+„Herr des Himmels! Das ist ja, um ... Aber sollte man nicht hingehen?“
+
+„Wohin?“
+
+„Zu Bobynizyn, wohin denn sonst! ...“
+
+„Nein, das geht nicht ...“
+
+„Weshalb nicht?“
+
+„Ich würde natürlich gehen, aber dann sagt sie etwas anderes, sie ...
+würde den Spieß umdrehen; ich kenne sie! Sie würde sagen, daß sie
+absichtlich gekommen sei, um mich bei irgend einer zu überraschen und
+damit würde sie alles mir in die Schuhe schieben.“
+
+„Und dabei zu wissen, daß sie vielleicht dort ist! Ja aber, hören Sie –
+ich weiß nicht – aber weshalb schließlich nicht den Versuch riskieren?
+Hören Sie, gehen Sie zum General ...“
+
+„Aber der wohnt doch nicht mehr hier!“
+
+„Gleichviel! – begreifen Sie denn nicht? Sie ist doch hingegangen, und
+Sie gehen gleichfalls hin – verstehen Sie? Tun Sie, als wüßten Sie
+nichts von seinem Wohnungswechsel, als wollten Sie nur auf einen
+Augenblick bei ihm vorsprechen, um Ihre Frau abzuholen, nun und so
+weiter!“
+
+„Und dann?“
+
+„Nun und dann ertappen Sie eben wen Sie wollen bei Bobynizyn. Pfui
+Teufel, ist das aber ein Rüp...“
+
+„Ja, aber was haben _Sie_ denn davon, wenn ich dort jemanden ertappe?
+Sehen Sie, sehen Sie!“
+
+„Was, was? Kommen Sie wieder damit? Ach du Grundgütiger! Haben Sie denn
+schon jegliches Schamgefühl verloren, Sie ...“
+
+„Ja, aber weshalb regen _Sie_ sich denn deshalb so auf? Offenbar wollen
+Sie wissen ...“
+
+„Was? was will ich wissen? was? Ach nun, zum Teufel mit Ihnen, jetzt
+ist’s mir nicht um Sie zu tun! Ich kann auch allein gehen, gehen Sie,
+gehen Sie fort, bewachen Sie dort den Ausgang, laufen Sie, nun, aber
+schnell!“
+
+„Mein Herr, Sie vergessen sich fast!“ rief der Herr im Waschbärpelz
+verzweifelt.
+
+„Was? Was liegt daran, daß ich mich vergesse?“ fragte der junge Mann
+durch die Zähne, in seiner Wut mit geballter Faust auf den Herrn im
+Waschbärpelz eindringend. „Nun, was? Wem gegenüber vergesse ich mich?!“
+knirschte er zornbebend.
+
+„Aber, mein Herr, erlauben Sie ...“
+
+„Nun, wer sind Sie, dem gegenüber ich mich vergesse, wer, wie ist Ihr
+Name?“
+
+„Ich weiß nicht, ich ... wie ich das nennen soll, junger Mann. Wozu denn
+meinen Namen? ... Ich, ich kann es nicht ... Ich werde lieber mit Ihnen
+gehen. Also gehen wir, ich werde nicht zurückbleiben, ich bin zu allem
+bereit ... Nur, glauben Sie mir: ich habe wirklich höflichere Ausdrücke
+verdient! Man soll sich nie die Geistesgegenwart nehmen lassen. Wenn Sie
+aber durch irgendeinen Umstand aus der Fassung gebracht sind – und ich
+errate die Ursache – so brauchen Sie sich deshalb noch nicht zu
+vergessen ... Sie sind noch ein sehr, sehr junger Mann ...!“
+
+„Eh, was geht das mich an, daß Sie alt sind! Machen Sie, daß Sie
+fortkommen, was laufen Sie hier herum? ...“
+
+„Wieso, inwiefern bin ich denn alt? Ich bin doch noch gar nicht so alt!
+Allerdings, daß ich es schon weit gebracht habe, aber ... aber ich laufe
+durchaus nicht hier herum ...“
+
+„Das sieht man, weiß Gott. So packen Sie sich zum Teufel ...“
+
+„Nein, es bleibt dabei, daß ich mit Ihnen gehe; das können Sie mir nicht
+verbieten; ich bin gleichfalls beteiligt; ich gehe mit Ihnen ...“
+
+„Aber dann still, ganz leise, schweigen Sie! ...“
+
+Sie traten ins Haus und stiegen die Treppe hinauf zum dritten Stockwerk.
+Es war ziemlich dunkel.
+
+„Warten Sie! Haben Sie Streichhölzer?“
+
+„Streichhölzer? Was für Streichhölzer?“
+
+„Zum ... rauchen Sie keine Zigaretten?“
+
+„Ach, ja! Gewiß habe ich, hier, hier sind sie, sogleich ...“ Der Herr im
+Waschbärpelz befühlte hastig alle seine Taschen.
+
+„Teufel, das ist aber ein ... Ich glaube, diese Tür muß es sein ...“
+
+„Ja, ja, ja, diese – diese – diese – diese ...“
+
+„Diese – diese – diese – schreien Sie doch noch lauter! Können Sie denn
+nicht still sein? Halten Sie den Schnabel.“
+
+„Mein Herr, ich bin an so etwas nicht gewöhnt, ich, ich muß mir Gewalt
+antun ... Sie sind ein ungezogener, frecher Mensch!“
+
+Das Streichholz flammte zischend auf.
+
+„Da, sehen Sie? Das Metallschildchen? Da steht ja: Bobynizyn; sehen Sie:
+Bobynizyn? ...“
+
+„Ich sehe, ich sehe!“
+
+„Lei–se! Was, ausgelöscht?“
+
+„Ja, ausgelöscht.“
+
+„Soll man klopfen?“
+
+„Ja,“ entschied der Herr im Waschbärpelz.
+
+„Dann klopfen Sie!“
+
+„Nein, weshalb denn ich? Fangen Sie an, pochen Sie zuerst an die Tür.“
+
+„Memme!“
+
+„Sie sind selbst eine Memme!“
+
+„So packen Sie sich doch!“
+
+„Ich muß sagen, ich bereue es fast, Sie in das Geheimnis eingeweiht zu
+haben. Sie ...“
+
+„Ich? Nun, was?“
+
+„Sie haben meine Verstörtheit ausgenutzt, Sie haben gesehen, wie ich
+...“
+
+„Ach, zum Teufel damit! Ich finde Sie nur lächerlich und damit basta!“
+
+„Weshalb sind Sie denn hier?“
+
+„Und Sie? weshalb sind Sie denn hier?“
+
+„Das ist mir mal eine schöne Moral!“ versetzte höchst unwillig der Herr
+im Waschbärpelz.
+
+„Was reden Sie von Moral – was sind Sie denn selbst?“
+
+„Sehen Sie, das ist eben unmoralisch von Ihnen!“
+
+„Was?“
+
+„Ja, Ihrer Meinung nach ist jeder beleidigte Gatte ein ... ein
+Pantoffelheld!“
+
+„Sind Sie denn ein Gatte? Der Gatte wartet doch dort auf der Brücke?
+Weshalb regen Sie sich denn so auf? Weshalb mischen Sie sich überhaupt
+in fremde Angelegenheiten?“
+
+„Mir aber will es scheinen, daß gerade Sie der Liebhaber sind! ...“
+
+„Hören Sie, wenn Sie so fortfahren, muß ich gestehen, daß meiner
+Überzeugung nach kein anderer – Pantoffelheld sein kann, als gerade Sie!
+Es gibt aber auch noch eine andere Benennung dafür.“
+
+„Das heißt, Sie wollen sagen, daß ich der Mann bin!“ versetzte der Herr
+im Waschbärpelz wie mit heißem Wasser übergossen und unwillkürlich einen
+Schritt zurückweichend.
+
+„Ssst! Schweigen Sie! Hören Sie? ...“
+
+„Das ist sie!“
+
+„Nein!“
+
+„Wie dunkel es hier ist.“
+
+Auf der Treppe wurde es mäuschenstill. Aus der Wohnung Bobynizyns ließ
+sich allerdings Geräusch vernehmen.
+
+„Weshalb sollen wir uns streiten, mein Herr?“ flüsterte der Kleine im
+Waschbärpelz.
+
+„Ja, zum Teufel, Sie haben sich doch als erster beleidigt gefühlt!“
+
+„Aber wie haben Sie mich auch behandelt!“
+
+„Schweigen Sie!“
+
+„Sie müssen mir doch zugeben, daß Sie ein noch sehr junger Mann sind
+...“
+
+„Schweigen Sie! zum ...“
+
+„Gewiß, ich bin mit Ihrer Auffassung vollkommen einverstanden, daß der
+Gatte in einer solchen Lage ein Pantoffelheld ist ...“
+
+„Aber, so schweigen Sie doch endlich! verflucht noch einmal!“
+
+„Aber weshalb denn diese boshafte Verfolgung des unglücklichen Gatten?
+...“
+
+„Das ist sie!“
+
+Doch in dem Augenblick verstummte das Geräusch.
+
+„Ist sie es?“
+
+„Ja, sie ist es! Aber weshalb regen Sie sich denn so auf? Was geht das
+Sie als fremden Menschen an?“
+
+„Mein Herr, mein Herr!“ stammelte der Kleine im Waschbärpelz mit
+versagender, erstickender Stimme, aus der es fast wie ein Schluchzen
+klang. „Ich ... versteht sich, in der Verstörtheit ... Sie haben mich
+zur Genüge erniedrigt gesehen; doch jetzt ist es Nacht, aber morgen ...
+übrigens werden wir uns morgen sicherlich nicht wiedersehen, obschon ich
+mich nicht zu fürchten brauche, Ihnen zu begegnen – und übrigens bin ja
+gar nicht ich es, es ist nur mein Freund, wie gesagt, der auf der
+Wosnessenskij-Brücke wartet. Wirklich, Sie können mir glauben! Das ist
+seine Frau, wie gesagt, nicht meine Frau. Der arme Mensch! Ich ... ich
+versichere Ihnen! Ich bin sehr gut mit ihm bekannt; erlauben Sie, ich
+werde Ihnen alles erzählen. Ich bin sein Freund, wie Sie sehen, denn –
+würde ich anderenfalls so lebhaften Anteil an seinem Unglück nehmen? Und
+Sie sehen doch! – Ich habe ihm ja selbst gesagt, unzählige Mal gesagt:
+wozu heiratest du? Bist du nicht ein ehrenwerter Mensch, bist du nicht
+wohlhabend, bekleidest du nicht einen angesehenen Posten, weshalb also
+willst du das alles gegen die Launen einer Koketten eintauschen? oder
+zum mindesten doch aufs Spiel setzen? Hab ich nicht recht? Nein, aber, –
+ich heirate, sagt er, ich will Familienglück ... Da hat er jetzt sein
+Familienglück! Zuerst hatte er selbst Ehemänner betrogen, jetzt aber kam
+die Reihe an ihn, den Kelch zu leeren. Sie werden mich entschuldigen,
+diese Erklärungen hat mir nur die Notwendigkeit entrissen! ... Er ist
+ein unglücklicher Mensch, der jetzt selbst den Kelch leeren muß ...“
+
+Hier begann die Stimme des Herrn im Waschbärpelz zu versagen und der
+junge Mann hörte so etwas wie ein Schluchzen, als ob sein Gefährte allen
+Ernstes zu weinen begonnen.
+
+„Ach, daß der Teufel sie alle holte! Es gibt doch wahrlich genug
+Dummköpfe in der Welt! Wer sind Sie denn eigentlich?“
+
+Der junge Mann knirschte vor Wut.
+
+„Nein, das müssen Sie zugeben, das geht nicht ... ich handelte edel und
+offen ... Sie aber schlagen jetzt wieder einen solchen Ton an!“
+
+„Nun, verzeihen Sie, – wie lautet denn Ihr werter Familienname?“
+
+„Nein, wozu, was hat das hier mit dem Familiennamen zu schaffen?“
+
+„Ah!!“
+
+„Es ist mir ganz unmöglich, meinen Namen zu nennen ...“
+
+„Kennen Sie Herrn Schabrin?“ fragte plötzlich der junge Mann.
+
+„Schabrin!!!“
+
+„Ja, Schabrin! Ah!!!“ Der junge Mann erlaubte sich, die Stimme des
+älteren ein wenig nachzuäffen. „Haben Sie jetzt begriffen?“
+
+„Nein, wieso, was für ein Schabrin?“ stotterte mit hervorquellenden
+Augen der Herr im Waschbärpelz. „Durchaus nicht Schabrin! Er ist ein
+Ehrenmann, ich kenne ihn zufällig! Und Ihre Unhöflichkeiten kann ich
+mir nur durch Ihre Eifersucht erklären, die Sie vollkommen
+unzurechnungsfähig macht.“
+
+„Ein Spitzbube ist er, aber kein Ehrenmann, eine käufliche Seele, ein
+Prozentschneider, ein Betrüger, der die Kasse bestohlen hat! Bald wird
+er vors Gericht gebracht werden!“
+
+„Entschuldigen Sie,“ sagte der Herr im Waschbärpelz, der bleich geworden
+war, „Sie kennen ihn nicht; wie ich sehe, muß er Ihnen vollkommen
+unbekannt sein.“
+
+„Freilich, persönlich kenne ich ihn nicht, dafür kenne ich aber um so
+besser das Wesen seiner werten Person aus gewissen ihm sehr
+nahestehenden Quellen.“
+
+„Mein Herr, aus welchen Quellen? Ich bin ... so zerstreut, wie Sie sehen
+...“
+
+„Ein Esel! Ein Dummkopf erster Sorte! Ein eifersüchtiger Pantoffelheld,
+der seine Frau nicht zu bewachen versteht – das ist er! Finden Sie sich
+damit ab, daß Sie jetzt erfahren haben, was er ist!“
+
+„Ich bitte um Entschuldigung, aber Sie täuschen sich in Ihrem Eifer,
+junger Mann ...“
+
+„Ach!“
+
+„Ach!“
+
+In der Wohnung Bobynizyn ließ sich wieder Geräusch vernehmen. Die Tür
+wurde aufgeschlossen, Stimmen wurden laut.
+
+„Ach, das ist nicht sie, nein, das ist sie nicht! Ich erkenne ihre
+Stimme! Jetzt habe ich alles erfahren! ... Glauben Sie mir, das ist sie
+nicht!“ versicherte der Herr im Waschbärpelz fast beschwörend, während
+sein Gesicht so weiß wie die Wand hinter ihm wurde.
+
+„Schweigen Sie!“
+
+Der junge Mann drückte sich in den Winkel, um nicht gesehen zu werden.
+
+„Mein Herr, ich eile: sie ist es nicht, das freut mich sehr.“
+
+„Nun, nun, dann machen Sie, daß Sie fortkommen, gehen Sie!“
+
+„Aber weshalb bleiben Sie denn hier?“
+
+„Weshalb gehen Sie denn nicht?“
+
+Die Tür wurde aufgemacht und der Herr im Waschbärpelz eilte wie der
+Blitz die Treppe hinab.
+
+Am jungen Mann gingen ein Herr und eine Dame vorüber und sein Herz
+drohte stille zu stehen ... Er vernahm nur eine helle, bekannte
+Frauenstimme und dann eine rauhe Männerstimme, die ihm jedoch ganz
+unbekannt war.
+
+„Das hat nichts auf sich, ich werde einen Schlitten nehmen,“ sagte die
+rauhe Stimme.
+
+„Ach, nun ja, dann ja; gut, ich willige ein ...“
+
+„Er wird bereits vor der Tür halten. Im Augenblick.“ Und damit
+verschwand der Herr. Die Dame blieb allein zurück.
+
+„Glafira! Wo sind deine Schwüre?“ rief der junge Mann in der Pekesche,
+die Dame am Handgelenk fassend.
+
+„Ach! Wer ist das? Sind Sie es? Sie, Tworogoff? Mein Gott im Himmel! Was
+tun Sie hier?“
+
+„Wer war jener Herr?“
+
+„Aber das ist ja doch mein Gemahl, gehen Sie, gehen Sie, er wird
+sogleich zurückkehren ... von Polowizyns. So gehen Sie doch fort, um
+Gottes willen, gehen Sie!“
+
+„Polowizyns sind aus dieser Wohnung schon vor drei Wochen ausgezogen!
+Ich weiß alles!“
+
+„Ach!“ Und damit eilte die Dame so schnell sie konnte die Treppe hinab.
+Der junge Mann holte sie aber doch noch ein.
+
+„Wer hat es Ihnen gesagt?“ fragte die Dame.
+
+„Ihr Herr Gemahl, meine Gnädigste, Iwan Andrejewitsch, der sich hier in
+nächster Nähe befindet, der – vor Ihnen steht, meine Gnädigste ...“
+
+Iwan Andrejewitsch – so hieß der Herr im Waschbärpelz – stand in der Tat
+auf der Treppe dicht vor seiner Gemahlin.
+
+„Ach, das sind Sie?“ rief der Herr Gemahl.
+
+„Ah, ^c’est vous^?“ rief Glafira Petrowna, die mit ungefälschter Freude
+zu ihm stürzte. „O Gott! Was mir alles zugestoßen ist! Ich war bei
+Polowizyns; und kannst du dir vorstellen ... du weißt, sie wohnen jetzt
+an der Ismailoff-Brücke; ich sagte es dir, weißt du noch? Und dort stieg
+ich in einen Schlitten. Die Pferde scheuten, jagten dahin,
+zerschmetterten den Schlitten und ich wurde, keine hundert Schritt von
+hier, in den Schnee geschleudert; der Kutscher wurde aufs Polizeibureau
+gebracht; ich war natürlich außer mir. Zum Glück kam da Monsieur
+Tworogoff ...“
+
+„Was?“
+
+Mr. Tworogoff glich eher Loths Weib, nachdem es zur Salzsäule geworden,
+als Herrn Tworogoff.
+
+„Mr. Tworogoff erblickte mich hier und war so liebenswürdig, mich zu
+begleiten. Doch jetzt sind Sie hier, da kann ich mit Ihnen zu uns nach
+Hause fahren, und Sie, Mr. Tworogoff, erlauben wohl, daß ich Sie meiner
+ganzen Dankbarkeit versichere.“
+
+Und damit reichte die Dame dem immer noch erstarrten Herrn Tworogoff die
+Hand, die sie aber so stark drückte, daß er fast aufgeschrien hätte.
+
+„Mr. Iwan Iljitsch Tworogoff!“ stellte sie ihn ihrem Gatten vor. „Ein
+Bekannter von mir. Ich hatte das Vergnügen, ihn auf dem letzten Ball bei
+Skorlupoffs kennen zu lernen, – ich glaube, daß ich dir von ihm schon
+erzählt habe? Entsinnst du dich nicht, Coco?“
+
+„Ach, aber gewiß, gewiß, mein Kind! Sehr gut entsinne ich mich!“
+versicherte eilfertig der Herr im Waschbärpelz, der Coco genannt worden
+war. „Freut mich, freut mich ungemein!“
+
+Und er drückte in aufrichtiger Freude die Rechte des Herrn Tworogoff.
+
+„Mit wem reden Sie denn da? Was hat denn das zu bedeuten? Ich warte ...“
+ertönte plötzlich eine rauhe Stimme.
+
+Vor der Gruppe stand plötzlich ein endlos langer Herr, der ein Lorgnon
+hervorzog und den Herrn im Waschbärpelz aufmerksam zu betrachten begann.
+
+„Ach, ^voilà^ Mr. Bobynizyn!“ rief die Dame in den süßesten Tönen.
+„Woher kommen Sie denn, wenn man danach fragen darf? Das nenne ich eine
+Begegnung! Denken Sie sich, mich haben die Pferde soeben aus dem
+Schlitten geworfen ... Doch hier mein Mann! Jean! Mr. Bobynizyn, den ich
+auf dem Ball bei Karpoffs kennen gelernt habe.“
+
+„Ah, sehr, sehr, sehr angenehm! ... Ich werde sogleich ein Gefährt
+besorgen, mein Kind.“
+
+„Ja, ja, tu’ es, Jean, tu’ es. Ich zittere noch, ich bebe von dem
+Schreck. Mir ist gar nicht wohl ... Heute abend auf dem Maskenball,“
+flüsterte sie schnell Tworogoff zu ... „Leben Sie wohl, leben Sie wohl,
+Herr Bobynizyn! Wir werden uns doch wohl morgen auf dem Ball bei
+Karpoffs wiedersehen?“
+
+„Nein, pardon, ich werde dort nicht zu finden sein; ich werde morgen ...
+wenn es jetzt nicht geht ...“ brummte Herr Bobynizyn undeutlich zwischen
+den Zähnen, so daß der Nachsatz nicht zu verstehen war, machte mit
+seinem Riesenstiefel einen Kratzfuß, setzte sich in seinen Schlitten und
+fuhr von dannen.
+
+Da fuhr schon ein zweites Gefährt vor: die Dame setzte sich hinein, doch
+der Herr im Waschbärpelz zögerte mit dem Einsteigen. Wie es schien, war
+er noch nicht recht fähig, eine Bewegung zu machen und mit völlig
+sinnlosem Blick sah er unverwandt den jungen Mann in der Pekesche an,
+worauf dieser nichts als ein Lächeln zur Erwiderung hatte, ein Lächeln,
+das auffallend wenig geistreich war.
+
+„Ich weiß nicht ...“
+
+„Es freut mich, Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben,“ versetzte der
+junge Mann mit einem leichten Bückling, gewissermaßen um vorzubeugen, da
+er plötzlich so etwas wie einen Schreck oder wie Furcht verspürte, wie
+sie Gewissensbisse hervorzurufen pflegen ...
+
+„Freut mich, freut mich sehr ...“
+
+„Sie haben, glaube ich, eine Galosche verloren ...“
+
+„Ich? Ach, richtig! Ich danke Ihnen, ich danke Ihnen! Ich habe mir immer
+Gummigaloschen anschaffen wollen ...“
+
+„In Gummigaloschen sollen aber die Füße transpirieren, sagt man,“
+bemerkte der junge Mann, allem Anschein nach mit unbegrenzter Teilnahme.
+
+„Jean! So komm doch endlich!“
+
+„Ganz recht, sie sollen transpirieren, wie man hört. Sogleich, sogleich,
+Herzchen, im Augenblick, wir haben hier nur ein Gespräch zu beenden! Ja,
+gerade wie Sie zu bemerken beliebten: die Füße transpirieren ...
+Übrigens, verzeihen Sie, ich ...“
+
+„O, ich bitte!“
+
+„Freut mich, freut mich ungemein, Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben
+...“
+
+Der Herr im Waschbärpelz setzte sich neben seine Gemahlin in den
+verdeckten Schlitten. Die Pferde griffen aus.
+
+Der junge Mann aber stand noch lange unbeweglich und blickte dem
+entschwundenen Paare verwundert nach.
+
+
+ II.
+
+Am Abend des nächsten Tages fand in der „Italienischen Oper“ irgendeine
+Aufführung statt. Der Saal war bereits brechend voll und der erste Akt
+hatte schon begonnen, als plötzlich noch jemand mit größter
+Geschwindigkeit eintrat und wie eine Rakete zu seinem Platz schoß.
+Dieser jemand war Iwan Andrejewitsch, der Besitzer jenes Waschbärpelzes.
+Noch nie hatte man ihm ein so großes Verlangen nach Musik angemerkt, wie
+er es jetzt offenkundig zur Schau trug. Das war aber um so befremdender,
+als man die Vorliebe Iwan Andrejewitschs, sich im Saale der
+„Italienischen Oper“ ein Stündchen von Gott Morpheus in den Armen wiegen
+zu lassen und sein Wohlbehagen in diesen Armen durch mehr oder minder
+vernehmbares Schnarchen zu bekunden, allgemein seit Jahren kannte. Auch
+hatte man ihn oft genug sagen hören, wie schön es sei, im Traum die
+Primadonna „so zärtlich wie ein weißes Kätzchen miauen zu wissen, ohne
+durch das Wiegenlied gestört zu werden“. Doch es war eigentlich schon
+lange her, daß er das gesagt hatte, mindestens ein halbes Jahr, wenn
+nicht länger. Jetzt war alles anders geworden! Jetzt konnte Iwan
+Andrejewitsch nicht einmal mehr nachts zu Hause in seinem Bette schlafen
+...
+
+Und so kam es denn wie eine Rakete in den Saal geschossen, dieses fast
+fünfzigjährige graue Männchen – das übrigens doch noch nicht ganz grau
+war. Mit einem Blick überflog er alle Logen im zweiten Rang, und – o,
+Entsetzen! Sein Herzschlag setzte aus: sie war hier! Sie saß in einer
+Loge mit General Polowizyn, dessen Gattin und Schwägerin. Und in
+derselben Loge befand sich noch der Adjutant des Generals – ein äußerst
+gewandter und liebenswürdiger Mann – und dann noch ein Herr in Zivil ...
+
+Iwan Andrejewitsch strengte seinen Blick bis zur größtmöglichen Schärfe
+an, doch – o, Angst und Pein! Dieser Unbekannte in Zivil machte sich
+hinter dem Rücken des Adjutanten unsichtbar und blieb völlig
+unkenntlich.
+
+Sie war hier und hatte doch gesagt, daß sie bestimmt nicht hier sein
+werde!
+
+Gerade diese ... diese Duplizität, die Glafira Petrowna auf Schritt und
+Tritt an den Tag legte, war es, was den guten Iwan Andrejewitsch
+vernichtete! Und dieser Jüngling in Zivil, der brachte ihn vollends zur
+Verzweiflung. Wie ein tödlich Verwundeter sank er in seinen Sessel.
+Weshalb nur diese Verzweiflung, fragt sich wohl ein jeder? Die Sache war
+doch sehr einfach ...
+
+Der Sessel, auf den sich Iwan Andrejewitsch in seiner Verzweiflung hatte
+niedersinken lassen, befand sich dicht an den Parterrelogen und in
+gerader Linie unter jener Loge, in der seine Frau und General Polowizyn
+nebst Familie saßen, so daß er zu seinem größten Ungemach nicht einmal
+sehen konnte, was dort vor sich ging. Wie verständlich ist’s daher, daß
+die Wut in ihm wie das Wasser in einem Ssamowar kochte! Vom ganzen
+ersten Akt vernahm er keinen Ton. Man sagt, das Beste an der Musik sei,
+daß man sie mit jedem beliebigen Gefühl in Einklang bringen könne: wer
+sich freut, höre Freude aus ihr heraus, der Traurige dagegen Trauer –
+was will man mehr? Doch in den Ohren Iwan Andrejewitschs begann ein
+ganzer Sturm zu heulen. Zum Überfluß erschallten noch von allen Seiten
+so entsetzliche Stimmen, daß er glaubte, sein Herz müsse zerspringen.
+Endlich war der erste Akt zu Ende. Doch siehe, im Augenblick, als der
+Vorhang sank, geschah mit unserem Helden etwas so Seltsames, daß die
+Feder sich fast sträubt, es niederzuschreiben.
+
+Es pflegt bisweilen zu geschehen, daß von der Brüstung einer der
+höchsten Logen ein Theaterzettel langsam herabfällt. Ist das betreffende
+Schauspiel langweilig und das Publikum unbeteiligt, so ist ihm damit
+eine willkommene Zerstreuung geboten. Geradezu teilnahmsvoll verfolgen
+die Blicke den im Zickzack zurückgelegten Flug des weichen, leichten
+Papiers, wobei sie mit besonderem Interesse die voraussichtliche
+Endstation ins Auge fassen, jenes ahnungslose Haupt, über dem
+buchstäblich das Verhängnis schwebt. Es ist allerdings auch sehr
+interessant zu beobachten, wie dieser Kopf dann plötzlich erschrickt,
+wie verwirrt er sich umblicken wird – denn der Betreffende wird im
+ersten Augenblick ganz unfehlbar betroffen und sehr verwirrt sein. Auch
+wegen der Operngläser, die die Damen so unvorsichtig auf den
+Logenbrüstungen liegen lassen, stehe ich jedesmal große Angst aus: ich
+kann den Gedanken nicht loswerden, daß sie sogleich und unfehlbar auf
+irgendjemandes vollständig unvorbereitetes Haupt herabfallen werden.
+
+Doch Iwan Andrejewitsch widerfuhr etwas, das bisher noch keinem Menschen
+widerfahren oder das wenigstens noch nie beschrieben worden ist. Auf
+sein ahnungsloses Haupt – das seines Haarschmuckes schon ziemlich
+beraubt war – fiel kein Theaterzettel. Ich spüre, daß es mir eigentlich
+recht peinlich ist, das Ereignis wahrheitsgetreu wiederzugeben, denn es
+ist doch nichts weniger als höflich, zu sagen, daß auf das ehrenwerte,
+entblößte Haupt des eifersüchtigen und schwer gereizten Iwan
+Andrejewitsch tatsächlich ein so unmoralischer Gegenstand fiel, wie es
+z. B. ein süßduftender Liebesbrief ist. Wenigstens fuhr der arme Iwan
+Andrejewitsch, dessen Haupt alles andere eher als eine solche
+Überraschung erwartete, so heftig zusammen, als habe er auf seinem
+ehrenwerten Haupte zum mindesten eine lebende Maus oder ein anderes
+wildes Tier verspürt.
+
+Daß der Brief ein Liebesbrief war – das sah man ihm nur zu deutlich an.
+Erstens war er auf zartem, verräterisch duftendem Papier geschrieben und
+zweitens war das Format so klein, daß eine Dame ihn in ihrem Handschuh
+hätte verbergen können. Gefallen war er offenbar während der Übergabe,
+vielleicht beim Überreichen eines Theaterzettels, unter dem der Brief
+geschickt und schnell verborgen worden war. Vielleicht war auch nur eine
+unbeabsichtigte Bewegung des Adjutanten die Ursache gewesen, daß der
+Brief aus dem Theaterzettel heraus fiel, bevor der Empfänger ihn
+bemerken und verbergen konnte. Jedenfalls erhielt der Jüngling in Zivil
+nur den Theaterzettel, mit dem er dann entschieden nichts anzufangen
+wußte. Fürwahr, eine höchst unangenehme Situation, doch muß man zugeben,
+daß die Lage Iwan Andrejewitschs noch um ein Bedeutendes unangenehmer
+war.
+
+„^C’est prédestiné^,“ murmelte er, indes kalter Schweiß ihm aus den
+Poren trat und er den kleinen Brief krampfhaft in der Hand
+zusammenpreßte, als wenn ihm jemand das Kleinod hätte entreißen wollen,
+„^prédestiné^! Die Kugel wird den Schuldigen finden!“ zuckte es durch
+seine Gedanken. „Nein, das ist nicht das Richtige! Was habe ich
+verbrochen, daß ich mein Leben aufs Spiel setzen soll?“ überlegte er
+sofort weiter und ein Gedanke verdrängte den anderen. Doch wer vermag
+all die Gedanken aufzuzählen, die ein Gehirn nach solch einer
+Erschütterung gebiert!
+
+Iwan Andrejewitsch saß vorläufig regungslos, als wäre er in der Tat das
+gewesen, was er zu sein schien: weder tot noch lebendig. Er war
+überzeugt, daß das ganze Publikum sein lächerliches Unglück bemerkt
+hatte, obschon gerade in dem Augenblick der Vorhang unter schallendem
+Applaus gefallen war und ein wahrer Sturm die Primadonna hervorrief.
+Doch er war so verwirrt und verlegen, daß er seinen Blick nicht zu
+erheben wagte, als wäre mit ihm das Schrecklichste geschehen, das ein
+Mensch sich nur ausdenken kann.
+
+„Sehr gut gesungen!“ bemerkte er schüchtern zu seinem Nachbarn zur
+Linken, einem auffallenden Gecken.
+
+Der Geck, der sich im höchsten Stadium der Ekstase befand, unermüdlich
+in die Hände klatschte und sogar mit den Füßen scharrte, warf nur einen
+flüchtigen, zerstreuten Blick auf Iwan Andrejewitsch, baute dann
+geschwind aus seinen Händen ein Schallrohr vor seinen Mund und rief
+dumpf brüllend den Namen der Sängerin. Iwan Andrejewitsch, der noch
+nichts Ähnliches vernommen hatte, war entzückt. „Nein, der hat nichts
+bemerkt!“ sagte er vollbefriedigt von sich selbst und wandte sich
+zurück. Doch der dicke Herr, der hinter seinem Rücken saß, stand jetzt,
+ihm seinerseits den Rücken zuwendend, und musterte durch sein Opernglas
+die Reihen der Logen. „Auch gut!“ dachte Iwan Andrejewitsch. In den
+Reihen vor ihm hatte man natürlich nichts gesehen. Schüchtern, doch voll
+froher Hoffnung wagte er einen Blick in die Parterreloge zu werfen,
+neben der er saß, zuckte aber plötzlich mit der unangenehmsten
+Empfindung zusammen, denn was er dort erblickt hatte, war wenig
+trostreich: er sah eine schöne Dame, die, im Sessel zurückgelehnt,
+krampfhaft ihr Taschentuch an die Lippen preßte und unbändig lachte.
+
+„O, diese Weiber, diese Weiber!“ seufzte und knirschte Iwan
+Andrejewitsch und schlängelte sich schleunigst zur Ausgangstür, bemüht,
+dem Publikum nicht gar zu rücksichtslos auf die Füße zu treten.
+
+Nun fragte es sich: wie kam Iwan Andrejewitsch darauf, anzunehmen, daß
+dieser Liebesbrief gerade aus der Loge im zweiten Rang stammte? Gab es
+doch über dem zweiten Rang noch einen und dann noch einen und dann noch
+die Galerie – im ganzen gab es fünf Ränge. Weshalb sollte er
+ausgerechnet aus jener bewußten Loge im zweiten Rang gefallen sein,
+warum nicht z. B. von hoch oben, von der Galerie, wo doch gleichfalls
+Damen saßen? Doch Leidenschaft ist etwas Außerordentliches und
+Eifersucht die außerordentliche Leidenschaft, die sich nicht irrt.
+
+Iwan Andrejewitsch stürzte, kaum daß er die Tür erreicht hatte, ins
+Foyer, blieb bei der nächsten Lampe stehen, erbrach das Kuvert und las:
+
+„Heute abend nach der Vorstellung in der G–straße im Hause K–offs, im
+dritten Stockwerk, rechts von der Treppe, Eingang von der Straße. Sei
+dort. ^Sans faute!^“
+
+Die Handschrift war Iwan Andrejewitsch unbekannt, doch eines stand für
+ihn fest: daß es eine Bestellung zu einem Rendezvous war. Sein erster
+Gedanke war deshalb: „Vorbeugen, überrumpeln, das Übel verhüten, so
+lange es noch nicht zu spät war!“
+
+Einen Augenblick dachte er sogar daran, „die Schuldigen sogleich zu
+überführen, sofort, hier im Theater!“ Doch wie das anstellen? Iwan
+Andrejewitsch eilte sogar die Treppe hinauf zum zweiten Rang, besann
+sich aber zum Glück noch rechtzeitig und machte vor der Logentür wieder
+Kehrt. Er wußte entschieden nicht, wohin er sich wenden oder wo er sich
+überhaupt lassen sollte. In seiner Ratlosigkeit eilte er auf die andere
+Seite und blickte durch die offene Tür der gegenüberliegenden Loge.
+Tatsächlich: in jeder der fünf Logen, die sich in vertikaler Linie über
+seinem Platz befanden, saßen junge Damen und junge Herren. Der
+Liebesbrief hätte aus allen fünf zugleich fallen können, um so mehr, als
+Iwan Andrejewitsch die Insassen aller fünf gegen sich verschworen
+glaubte. Doch ungeachtet aller sichtbaren Möglichkeiten blieb Iwan
+Andrejewitsch bei seiner Überzeugung. Den ganzen zweiten Akt verbrachte
+er in den Korridoren, die er nach allen Richtungen durchirrte, ohne
+Seelenruhe finden zu können. Er eilte sogar an die Kasse, um vom
+Kassierer die Namen aller fünf Logeninhaber zu erfahren – doch leider
+war die Kasse schon geschlossen. Endlich erschallte Applaus, helle
+Stimmen, die Bravo und die Namen der Künstler riefen. Die Vorstellung
+war zu Ende. Doch Iwan Andrejewitsch hatte etwas ganz bestimmtes im
+Sinn: er griff nach seinem Waschbärpelz und eilte in die G–straße, um
+dort „an Ort und Stelle zu überführen, abzufangen, und überhaupt
+energischer vorzugehen als gestern“. Bald hatte er auch das Haus
+gefunden, und er war gerade im Begriff einzutreten, als plötzlich, fast
+unter seinem Arm, eine Männergestalt in einem geckenhaften Paletot durch
+die Tür schlüpfte und die Treppen zum dritten Stockwerk hinaufeilte.
+Iwan Andrejewitsch schien es, daß es der junge Fant von gestern gewesen
+sei, obschon er sein Gesicht weder jetzt noch am Abend vorher gesehen
+hatte. Sein Herz blieb stehen. Der Geck hatte bereits einen Vorsprung
+von zwei Treppen – wie ihn einholen, wie ihm zuvorkommen? Da hörte Iwan
+Andrejewitsch wie eine Tür schon geöffnet wurde – und zwar ohne
+Schlüssel, als sei der Betreffende erwartet worden. Iwan Andrejewitsch
+erreichte diese Tür, als der junge Mann kaum hinter ihr verschwunden und
+noch niemand sie von innen zugeschlossen hatte. Er gedachte sich zwar
+noch ein wenig zu sammeln, den bevorstehenden wichtigen Schritt zu
+erwägen, sich so manches zu überlegen, dies und jenes noch zu befürchten
+und sich dann erst zu etwas Endgültigem zu entschließen. Da wollte es
+das Schicksal, daß in dem Augenblick eine schwere Equipage vor das Haus
+rollte und plötzlich hielt. Die Paradetür wurde geräuschvoll aufgerissen
+und jemandes schwere Schritte begannen, begleitet von Husten und
+Gekrächz, langsam die Treppen empor zu steigen. Dieser Situation war
+Iwan Andrejewitsch nicht gewachsen: er klinkte die Tür auf und betrat
+mit der ganzen Feierlichkeit des hintergangenen, sich im Recht fühlenden
+Gatten das Vorzimmer einer fremden Wohnung. Eine Kammerzofe trat ihm
+sehr erregt entgegen, ihr folgte auf dem Fuß ein Diener, doch nichts
+vermochte Iwan Andrejewitsch aufzuhalten: er war im Recht, er war der
+Gatte!
+
+Wie eine Bombe in eine harmlose Versammlung, so flog er in das nächste
+Gemach, durchschritt zwei fast dunkle Zimmer und befand sich plötzlich
+in einem Schlafgemach vor einer jungen schönen Dame, die ihn zitternd
+und verständnislos anstarrte. Da erschallten aber, noch bevor Iwan
+Andrejewitsch zu sich gekommen war, schwere Schritte im Nebenzimmer und
+näherten sich merklich der Tür: das waren dieselben Schritte, die Iwan
+Andrejewitsch unter sich auf der Treppe vernommen hatte.
+
+„Gott! Da kommt mein Mann!“ rief die Dame entsetzt, bleicher als ihr
+Peignoir, und sie rang hilflos die Hände.
+
+Iwan Andrejewitsch fühlte, daß er in eine Sackgasse geraten, aus der es
+kein Entrinnen gab, fühlte, daß er eine bodenlose Dummheit begangen, die
+nun nicht mehr gutzumachen war. Schon öffnete sich die Tür, schon trat
+der schwere Mann – nach seinen schweren Schritten zu urteilen – ins
+Zimmer ... Ich weiß nicht, für wen oder was Iwan Andrejewitsch sich in
+diesem Augenblick hielt. Auch vermag ich nicht zu sagen, was ihn davon
+abhielt, dem Fremden frank und frei entgegenzutreten, seinen Irrtum zu
+erklären, für seine Unhöflichkeit um Verzeihung zu bitten und sich dann
+zurückzuziehen – freilich nicht ruhmbedeckt, nicht heldenhaft – aber man
+hätte es doch immerhin eine anständige, offene Handlungsweise nennen
+müssen.
+
+Aber nein: Iwan Andrejewitsch verfuhr wieder wie ein Schulbube, der
+nicht weiß, was Überlegung ist, oder als hätte er sich für einen zweiten
+Don Juan gehalten.
+
+Im ersten Augenblick verbarg er sich hinter dem Bettvorhang, doch schon
+nach zwei Sekunden brach er vor Angst in die Knie und kroch, jedes
+Gedankens bar, auf allen Vieren unter das Bett des fremden Ehepaares.
+Der Schreck hatte in ihm jede Regung der Vernunft gelähmt – nur so läßt
+es sich erklären, daß Iwan Andrejewitsch, der selbst ein hintergangener
+Gatte war oder sich wenigstens für einen solchen hielt, nun tat, als tue
+er das, was ihm widerfuhr, selbst einem andern an. Vielleicht konnte er
+es bloß nicht übers Herz bringen, in einem anderen Manne diese ihm
+wohlbekannten Qualen durch seine Gegenwart hervorzurufen. Doch wie dem
+auch gewesen sein mag, Tatsache ist, daß er unter dem Bett lag, ohne
+selbst zu begreifen, wie er dorthin gelangt war. Das Erstaunlichste war
+aber für ihn in diesem Augenblick, daß die Dame es widerspruchslos hatte
+geschehen lassen. Sie hatte nicht einmal aufgeschrieen, als er plötzlich
+vor ihr aufgetaucht war, dieser fremde bejahrte kleine Mann, um darauf
+ungefragt unter ihrer Ruhestätte zu verschwinden. Anzunehmen ist, daß
+sie vor Schreck die Sprache verloren hatte.
+
+Inzwischen war langsam, stöhnend und mit Ach und Weh ihr schwerer Gatte
+ins Zimmer getreten. Mit greisenhafter Langsamkeit wünschte er seiner
+Frau einen guten Abend, worauf er sich so schwer in den tiefen Sessel
+fallen ließ, als hätte er soeben eine riesige Last Holz hereingetragen.
+Darauf folgte ein langanhaltender Hustenanfall. Iwan Andrejewitsch, der
+sich aus einem gereizten Tiger in ein Lämmlein verwandelt hatte und nun
+zitterte und zagte wie ein Mausejunges vor einem Kater, wagte kaum zu
+atmen, obwohl er doch eigentlich aus eigener Erfahrung wissen mußte, daß
+nicht alle hintergangenen Ehemänner beißen. Doch das kam ihm gar nicht
+in den Sinn – sei es aus Mangel an Überlegungskraft, sei es aus irgend
+einem anderen Mangel in diesem Augenblick. Vorsichtig, nur leise
+tastend, wagte er unter dem Bett einen kleinen Orientierungsversuch, um
+seine Gliedmaßen in eine etwas bequemere Lage bringen zu können. Wie
+groß aber war sein Erstaunen, sein Schreck und seine Verwunderung, als
+seine tastende Hand plötzlich an einen Gegenstand stieß, der sich
+bewegte und ihn seinerseits mit einer Hand anfaßte!
+
+Unter dem Bett war noch ein anderer Mensch!
+
+„Wer ist da?“ fragte Iwan Andrejewitsch flüsternd und zitternd.
+
+„Ich soll Ihnen wohl meinen Namen nennen!“ kam es flüsternd, doch mit
+deutlicher Ironie zurück. „Liegen Sie und halten Sie den Mund, wenn Sie
+in die Falle geraten sind!“
+
+„Mein Herr, Ihr Ton ...“
+
+„Still!“
+
+Und der überflüssige Mensch – denn einer hätte unter dem fremden Ehebett
+vollkommen genügt – dieser freche Mensch preßte die Hand Iwan
+Andrejewitschs so stark in seiner Faust, daß dieser vor Schmerz fast
+aufgeschrien hätte.
+
+„Mein Herr, mein Herr ...“
+
+„Sst!“
+
+„So zerdrücken Sie mir doch nicht meine Hand! oder ich schreie!“
+
+„Na los! Schreien Sie nur, wenn Sie’s wagen!“
+
+Iwan Andrejewitsch errötete vor Scham. Der Unbekannte schien kein
+Erbarmen zu kennen. Vielleicht war er schon so manches Mal der
+Verfolgung des Schicksals ausgesetzt gewesen und befand sich
+infolgedessen nicht zum ersten Male in dieser Enge. Iwan Andrejewitsch
+war aber jedenfalls ein Neuling in dieser Situation und glaubte daher,
+schier vergehen zu müssen. Das Blut stieg ihm beängstigend heiß zu Kopf.
+Was sollte er tun? Er mußte liegen wie er lag: platt auf dem Bauch. Da
+faßte er sich in Demut und schwieg.
+
+„Ich war, mein Herzchen,“ begann der alte Gatte, „ich war, mein
+Herzchen, bei Pawel Iwanytsch. Wir begannen Préférence zu spielen, aber
+weißt du, köchö-köch-köch!“ – er hustete – „so ... köch-kch-kch! Mein
+Rücken ... Köch! Ach Gott ... Köch-kch-kch!“
+
+Und der Greis hustete endlos.
+
+„Mein Rücken ...“ fuhr er endlich mit schwacher Stimme fort, sich die
+Tränen aus den Augen wischend, „begann so zu schmerzen ... von diesen
+verwünschten Hämorrhoiden ... daß ich weder stehen noch sitzen ... noch
+sitzen konnte! Kököch-köch-köch!“
+
+Es schien, daß dem neuen Hustenanfall ein weit längeres Leben
+bevorstand, als dem Alten, der diesen Husten hatte. Ließ der Husten
+etwas nach, so brummte er mitunter ein paar unverständliche Worte, die
+bald wieder im Husten erstickt waren.
+
+„Mein Herr, ich bitte Sie, rücken Sie um Christi willen etwas zur
+Seite!“ flüsterte inzwischen Iwan Andrejewitsch.
+
+„Wohin soll ich denn rücken, ich habe selbst keinen Platz!“
+
+„Aber, einstweilen, Sie müssen doch zugeben, daß ich nicht lange so
+liegen kann! Ich befinde mich zum erstenmal in einer solchen Lage.“
+
+„Und ich mich zum erstenmal in so unangenehmer Nachbarschaft.“
+
+„Einstweilen aber, junger Mann, ich muß sagen ...“
+
+„Still!“
+
+„Still? Ich möchte Ihnen nur bemerken, junger Mann, daß Ihre Redeweise,
+gelinde gesagt, sehr unhöflich ist ... Wenn ich mich nicht täusche, sind
+Sie noch sehr jung; ich bin älter als Sie.“
+
+„Schweigen Sie!“
+
+„Mein Herr! Sie vergessen sich, Sie wissen nicht, mit wem Sie reden!“
+
+„Mit einem Herrn, der unter einem fremden Bett liegt ...“
+
+„Aber mich hat doch nur ein Zufall, ein Irrtum hergeführt ... Sie aber,
+wenn ich mich nicht täusche, Ihre Sittenlosigkeit, Unsittlichkeit.“
+
+„Gerade darin täuschen Sie sich eben.“
+
+„Mein Herr! Ich bin älter als Sie, ich sage Ihnen ...“
+
+„Mein Herr, vergessen Sie gefälligst nicht, daß wir hier auf _einem_
+Brett liegen. Und ich bitte Sie, mir nicht mit Ihren Händen ins Gesicht
+zu fahren!“
+
+„Mein Herr! Glauben Sie mir, ich kann hier nichts sehen. Verzeihen Sie,
+aber ich habe ja doch keinen Platz.“
+
+„Weshalb sind Sie denn so dick?“
+
+„Herrgott, Vater im Himmel! Noch nie hast du mich in eine so
+erniedrigende Lage gebracht!“
+
+„Ja, noch niedriger kann man nicht gut liegen.“
+
+„Mein Herr, ich muß Sie bitten, mein Herr! Ich weiß zwar nicht, wer Sie
+sind, ich weiß auch nicht, wie das alles gekommen ist: ich weiß nur, daß
+ich irrtümlicherweise hierher geraten bin – ich bin nicht das, was Sie
+von mir glauben ...“
+
+„Ich würde durchaus nichts von Ihnen glauben, wenn Sie mich nicht immer
+stoßen würden. So schweigen Sie doch endlich!“
+
+„Mein Herr! Wenn Sie nicht weiterrücken, bekomme ich einen Schlaganfall!
+Sie werden meinen Tod zu verantworten haben. Ich versichere Ihnen ...
+Ich bin ein ehrenwerter Mensch, ein ... ein Familienvater. Ich kann mich
+doch nicht in solch einer Lage befinden! ...“
+
+„Sie haben sich doch selbst und freiwillig in eine solche Lage gebracht.
+Na, rücken Sie doch weiter, dann haben Sie noch etwas Platz. Aber mehr
+gibt’s davon nicht.“
+
+„Mein Herr! O, ich sehe, Sie sind ein edler junger Mann! Ich sehe, daß
+ich mich in Ihnen getäuscht habe ...“ begann Iwan Andrejewitsch in
+aufwallender Dankbarkeit, indes er seine abgetaubten Gliedmaßen in eine
+glücklichere Lage zu bringen suchte. „Ich kann Ihnen Ihre eigene
+Bedrängnis lebhaft nachfühlen, aber was soll man tun? Ich sehe, daß Sie
+schlecht von mir denken. Erlauben Sie, daß ich meine Reputation in Ihren
+Augen wieder herstelle ... Erlauben Sie, daß ich Ihnen auseinandersetze,
+wer ich bin, wie ich mich gegen meinen Willen hierher verirrt habe –
+nochmals, ich versichere Ihnen! Ich bin nicht aus dem Grunde hier, den
+Sie annehmen ... Ich fürchte mich entsetzlich ...“
+
+„So schweigen Sie doch endlich, Herrgott noch ’nmal! Begreifen Sie denn
+nicht, wem Sie sich aussetzen, wenn man Sie hört? Sst! Er wird sogleich
+aufhören zu husten!“
+
+In der Tat hatte der Husten des Greises nachgelassen und dieser schickte
+sich wieder an, zu sprechen.
+
+„Also, mein Herzchen,“ krächzte der Greis mühsam und mit kläglicher
+Stimme, „also, mein Herzchen, köch-köch! Ach! diese Plage! Fedossei
+Iwanowitsch sagte mir: ‚Sie sollten doch versuchen,‘ sagte er, köch! –
+‚doch versuchen, einmal Schafgarbentee zu trinken‘. Hörst du, Herzchen?“
+
+„Ich höre, mein Freund.“
+
+„Nun, also er sagte: ‚Sie sollten doch Schafgarbentee trinken.‘ Ich
+sagte aber: ‚Ich habe schon Blutegel angesetzt‘. Er aber sagte: ‚Nein,
+Alexander Demjanowitsch, Schafgarbentee ist besser, ist vor allem ein
+gutes Purgativ, sage ich Ihnen ...‘! Köch-köch! Ach, mein Gott! Was
+meinst du nun dazu, mein Herzchen? Köch-köch! Ach, Schöpfer! Köch-köch!
+... Also du meinst, Schafgarbentee wäre besser, wie? ... Köch-köch! Ach
+Gott! Köch! ...“ usw., usw.
+
+„Ich meine, daß es nicht schlecht sein kann, dieses Mittel zu
+versuchen,“ meinte die junge Frau.
+
+„Ja, nicht schlecht! ‚Sie haben,‘ sagte er, ‚vielleicht sogar die
+Schwindsucht.‘ Köch-köch! Ich aber sagte: ‚Nein, Podagra, und außerdem
+einen Magenkatarrh ...‘ Köch-köch! Er aber sagt: ‚vielleicht auch
+Schwindsucht.‘ Also was, köch-köch! Was meinst du dazu, mein Herzchen:
+habe ich die Schwindsucht? Köch!“
+
+„Ach, wie kommen Sie nur darauf, Alexander Demjanowitsch! Welch ein
+Unsinn das ist!“
+
+„Ja, Schwindsucht, sagt er. Aber du, mein Herzchen, könntest dich jetzt
+auskleiden und zu Bett gehen ... Köch-köch! Ich habe aber heute, köch!
+heute Schnupfen.“
+
+„Uff!“ seufzte Iwan Andrejewitsch in seiner Zwangslage unter dem Bett.
+„Um Gottes und Christi willen, rücken Sie weiter!“
+
+„Ich kann mich wahrhaftig nur über Sie wundern: können Sie denn keinen
+Augenblick still sein? ...“
+
+„Sie sind gegen mich erbittert, junger Mann, Sie wollen mich verletzen,
+das sehe ich. Sie sind wahrscheinlich der Liebhaber dieser Dame?“
+
+„Schweigen Sie!“
+
+„Ich werde nicht schweigen! Ich werde Ihnen nicht erlauben, hier zu
+kommandieren! Ganz gewiß sind Sie der Liebhaber! Wenn man uns entdeckt,
+bin ich vollkommen unschuldig, ich ... ich weiß von nichts.“
+
+„Wenn Sie nicht endlich den Mund halten,“ unterbrach ihn der junge Mann
+zähneknirschend, „werde ich sagen, daß Sie mich hergelockt haben, daß
+Sie mein Onkel seien, der sein Vermögen durchgebracht hat. Dann wird man
+wenigstens nicht annehmen, daß ich der Liebhaber dieser Dame sei.“
+
+„Mein Herr! Sie wollen mich zum Narren machen! Wissen Sie auch, daß
+meine Geduld reißen kann?“
+
+„Sst! oder ich werde Sie das Schweigen anders lehren! Sie sind mein
+Unglück! So sagen Sie doch, weshalb sind Sie hier? Ohne Sie würde ich
+ruhig bis zum Morgen liegen, wo ich liege, und dann bei passender
+Gelegenheit fortgehen ...“
+
+„Aber ich kann hier doch nicht bis zum Morgen so liegen, ich bin doch
+ein denkender Mensch! Ich habe Verbindungen, habe Protektion ... Was
+meinen Sie, wird er wirklich hier schlafen?“
+
+„Wer?“
+
+„Nun, dieser Greis?“
+
+„Selbstverständlich wird er! Es sind doch nicht alle Männer so wie Sie.
+Einige übernachten auch zu Hause.“
+
+„Mein Herr, mein Herr!“ rief Iwan Andrejewitsch erkaltend vor Schreck,
+„seien Sie überzeugt, daß auch ich zu Hause zu schlafen pflege, es ist
+das erstemal ... Aber mein Gott, ich sehe ja, daß Sie mich nicht kennen!
+Wer sind Sie, junger Mann? Sagen Sie es mir ohne Umschweife, ich flehe
+Sie an, aus uneigennützigster Liebe bitte ich Sie darum, – wer sind
+Sie?“
+
+„Hören Sie mal! Entweder – oder ich gebrauche Gewalt ...“
+
+„Aber erlauben Sie, erlauben Sie, daß ich Ihnen erzähle, mein Herr, daß
+ich Ihnen diese ganze entsetzliche Geschichte erkläre ...“
+
+„Ich will nichts von Ihnen hören, ich will nichts wissen, lassen Sie
+mich in Ruh! Schweigen Sie oder ...“
+
+„Aber ich kann doch nicht ...“
+
+Unter dem Bett spielte sich ein zwar kurzer, doch dafür um so
+verzweifelterer Kampf ab, bis Iwan Andrejewitsch verstummte.
+
+„Herzchen, knurrt hier nicht der Kater irgendwo?“
+
+„Der Kater? Wie ... wie kommen Sie darauf?“
+
+Offenbar wußte die junge Frau nicht, was sie mit ihrem alten Gatten
+reden sollte, da sie ihre Geistesgegenwart noch nicht völlig
+wiedererlangt zu haben schien, was ihre erschrockene Stimme und ihre
+Verwirrung verriet.
+
+„Was für ein Kater?“
+
+„Unser Wassjka, Herzchen. Vor ein paar Tagen ging ich in mein
+Arbeitszimmer, da saß er und schnurrte so vor sich hin. Ich fragte ihn:
+was hast du, Wassenjka? Er aber schnurrt und schnurrt. Da dachte ich:
+ach ihr Heiligen! Sollte er mir etwa meinen Tod prophezeien?“
+
+„Pfui, welch einen Unsinn Sie heute reden! Schämen Sie sich!“
+
+„Nu, nu, sei nicht böse, Herzchen. Ich sehe, der Gedanke, daß ich
+sterben könnte, ist dir unangenehm, sei aber nicht böse deshalb. Ich
+sagte es nur so. Aber du könntest dich wirklich, Herzchen, jetzt
+auskleiden und zu Bett gehen, ich werde hier noch – Köch-köch! – solange
+sitzen ... Köch-köch-köch!“
+
+„O, um’s Himmels willen, hören Sie auf! Später ...“
+
+„Nu, nu, sei nicht böse, sei nicht böse! Nur war es wirklich so, als
+raschelten hier Mäuse ...“
+
+„Ach, bald glauben Sie den Kater, bald Mäuse zu hören! Ich weiß nicht,
+was heute mit Ihnen ist!“
+
+„Nu, nu ... Köch-köch! Nichts, nichts, köch-köch-köch-köch! Ach, du mein
+großer Gott! Köch!“
+
+„Da haben Sie’s! Sie schreien so laut, daß er es glücklich gehört hat!“
+flüsterte der junge Mann seinem Nachbar zu, während der Alte hustete.
+
+„Wenn Sie nur wüßten, was in mir vorgeht! Meine Nase blutet ...“
+
+„So lassen Sie sie bluten, nur schweigen Sie. Warten Sie, bis er
+fortgegangen ist.“
+
+„Aber, junger Mann, so versetzen Sie sich doch in meine Lage: ich weiß
+doch nicht einmal, mit wem ich hier liege.“
+
+„Ja, würde es Ihnen denn leichter werden, wenn Sie’s wüßten? Ich
+interessiere mich nicht im geringsten für Ihren Namen. Und wenn schon –
+Na, wie lautet er denn, sagen Sie doch zuerst?“
+
+„Nein, wozu den Namen nennen ... Ich will nur erklären, durch welchen
+sinnlosen Zufall ...“
+
+„Sst ... er hat aufgehört ...“
+
+„Glaube mir, mein Herzchen, jetzt habe ich ganz deutlich flüstern
+gehört!“
+
+„Ach, nein, das ist doch nicht möglich, es wird sich nur die Watte in
+Ihren Ohren verschoben haben.“
+
+„Ach, à propos! Weißt du, hier ... Köch-köch ... über uns ... Koch ...
+in der Wohnung über uns, hier, köch-köch-köch!“ usw.
+
+„Über uns?!“ flüsterte der junge Mann. „Ach, der Teufel! Und ich dachte,
+dies sei das letzte Stockwerk! Ist denn dies erst das zweite?“
+
+„Junger Mann, mein Herr,“ fuhr Iwan Andrejewitsch wie von jemandem
+gekniffen auf, „was sagen Sie da? Um Gotteswillen, weshalb interessiert
+Sie das? Auch ich war der Meinung, daß dies das dritte und letzte
+Stockwerk sei! Um Gotteswillen, ist hier denn noch ein Stockwerk?“
+
+„Nein wirklich, mein Herzchen, es muß hier jemand sein,“ sagte der
+Greis, dessen Husten sich wieder gelegt hatte.
+
+„Sst! Hören Sie?“ flüsterte der junge Mann, dessen Hand wie eine eiserne
+Klammer Iwan Andrejewitschs Hände packte.
+
+„Mein Herr, Sie zermalmen mir alle Finger! Das ist Vergewaltigung!
+Lassen Sie los!“
+
+„Sst!“
+
+Wieder kam es zu einem kurzen Kampf, dem wieder vollständige Stille
+folgte.
+
+„Ja, ich traf eine nette Kleine ...“ fuhr der Greis fort.
+
+„Wie, eine nette? ...“ unterbrach ihn seine junge Frau.
+
+„Ja ... habe ich dir noch nicht erzählt, daß ich einer netten Dame auf
+der Treppe begegnet bin? ... oder habe ich es vergessen, zu erzählen ...
+Mein Gedächtnis ist schwach. Johanniskraut müßte ich trinken ... Köch!“
+
+„Was?“
+
+„Johanniskraut müßte ich trinken: man sagt, das helfe ...
+Köch-köch-köch! ... denn das helfe, sagt man.“
+
+„Da haben Sie ihn unterbrochen!“ flüsterte der junge Mann, knirschend.
+
+„Du sagtest, dir sei heute eine nette Dame begegnet?“ fragte die junge
+Frau.
+
+„Wie?“
+
+„Dir ist heute eine nette Dame begegnet?“
+
+„Wem das?“
+
+„Aber dir doch!“
+
+„Mir? Wann? Ach so, richtig, ja! ...“
+
+„Endlich! O, du verfluchte Mumie!“ murmelte der junge Mann unterm Bett,
+der dem vergeßlichen Greise am liebsten einen aufmunternden Rippenstoß
+versetzt hätte.
+
+„Mein Herr! Ich zittere vor Angst! Mein Gott, mein Gott! was höre ich?
+Das ist ja wie gestern, ganz wie gestern! ...“
+
+„Sst!“
+
+„Jajaja! Jetzt fällt es mir wieder ein: ein ganz reizender Käfer! So
+blanke Augen ... unter einem hellblauen Hütchen ...“
+
+„Hellblauen Hütchen! Teufel noch eins!“
+
+„Das ist sie! Sie hat einen kleinen hellblauen Hut! Mein Gott, mein
+Gott!“ stöhnte Iwan Andrejewitsch wie ein Verzweifelter.
+
+„Sie? Welche ‚sie‘?“ fragte der junge Mann flüsternd, doch mit
+unheimlichem Händedruck.
+
+„Sst!“ machte nun seinerseits Iwan Andrejewitsch, „er spricht!“
+
+„Zum Teufel! ... Teufel ...“
+
+„Übrigens kann jede Dame einen hellblauen Hut tragen ...“ flüsterte Iwan
+Andrejewitsch zaghaft.
+
+„Und solch eine Schelmin scheint sie zu sein!“ fuhr der Greis fort,
+„köch! Sie kommt immer hierher, zu irgendwelchen Bekannten. Und immer
+liebäugelt sie. Zu diesen Bekannten kommen aber wieder andere Bekannte
+...“
+
+„Pfui, wie langweilig das ist,“ unterbrach ihn seine junge Frau. „Ich
+begreife nicht, wie einen so etwas interessieren kann.“
+
+„Nun, schon gut, schon gut! Sei nur nicht böse!“ beschwichtigte sie
+wieder der Greis „ich ... ich – Köch! – ich werde nicht mehr davon
+erzählen, wenn du es nicht willst. Du bist heute nicht bei ganz guter
+Laune ...“
+
+„Aber wie sind Sie denn hierher geraten?“ forschte plötzlich in
+gereiztem Flüsterton der junge Mann unterm Bett.
+
+„Ach, sehen Sie, sehen Sie! Jetzt fangen Sie an, sich dafür zu
+interessieren, vorher aber wollten Sie mich überhaupt nicht anhören!“
+
+„Ach, nun, dann nicht! Mir ist’s schließlich gleich. Aber seien Sie dann
+still! Hol’s der Teufel, die Geschichte ist, bei Gott! um aus der Haut
+zu fahren ...“
+
+„Junger Mann, hören Sie, ärgern Sie sich nicht! Ich weiß nicht, was ich
+rede! Ich ... ich wollte nur sagen, daß Sie sich wohl kaum grundlos für
+den Zwischenfall interessieren werden ... Aber wer sind Sie, junger
+Mann? Sie sind mir unbekannt, wie ich sehe, aber wer sind Sie nun
+eigentlich! Mein Gott! Ich weiß selbst nicht mehr, was ich rede!“
+
+„Hören Sie auf,“ riet ihm der junge Mann, als sei er innerlich mit
+anderem beschäftigt.
+
+„Ich werde Ihnen alles erzählen, alles! Sie denken vielleicht, daß ich
+nicht erzählen werde, daß ich Ihnen böse bin, nicht? Hier haben Sie
+meine Hand! Ich bin nur in einer etwas niedergeschlagenen Stimmung, das
+ist alles. Aber sagen Sie mir um Gotteswillen zuerst: wie sind Sie
+hierher geraten? Aus welchem Grunde, zu welchem Zweck sind Sie in dieses
+Haus gekommen? Was mich betrifft, so bin ich nicht böse, bei Gott, ich
+bin Ihnen nicht böse, hier haben Sie meine Hand darauf. Nur wird sie
+nicht allzu sauber sein, denn hier ist es etwas staubig. Aber was will
+das besagen!? Auf das Gefühl kommt es an!“
+
+„Eh, gehn Sie zum Teufel mit Ihrer Hand! Kaum, daß man hier Platz hat,
+platt auf dem Bauch zu liegen – da will er noch Armverrenkungen
+versuchen!“
+
+„Aber, mein Herr! Sie gehen mit mir um, als wäre ich, mit Erlaubnis zu
+sagen, eine alte Stiefelsohle!“ wendete Iwan Andrejewitsch in einer
+Aufwallung der keuschesten Verzweiflung mit einer Stimme ein, wie man
+sie sonst nur zu flehentlichem Bitten gebraucht. „Behandeln Sie mich nur
+ein wenig höflicher – hören Sie? – nur ein wenig höflicher, und ich
+werde Ihnen alles erzählen! Wir würden einander lieb gewinnen; ich bin
+sogar bereit, Sie zu mir zu Tisch einzuladen. So aber können wir nicht
+beisammen liegen bleiben, das sage ich Ihnen ganz offen. Sie sind auf
+einem Irrwege, junger Mann, Sie wissen nicht ...“
+
+„Wann kann er ihr denn begegnet sein?“ murmelte der junge Mann vor sich
+hin, offenbar in größter Aufregung. „Vielleicht wartet sie dort auf mich
+... Nein, ich muß unbedingt fort von hier, koste es, was es wolle!“
+
+„Sie? Wer ist diese ‚sie‘? Mein Gott! von wem reden Sie, junger Mann?
+Sie glauben, daß hier oben über uns ... Mein Gott, mein Gott, wofür
+werde ich so gestraft?!“
+
+Und Iwan Andrejewitsch wollte sich, zum Zeichen seiner Verzweiflung, auf
+den Rücken kehren, doch der Versuch mißlang, was ihn noch unglücklicher
+machte.
+
+„Was geht das Sie an, wer sie ist? Eh, zum Teufel! – ich krieche hinaus!
+...“
+
+„Mein Herr! Was fällt Ihnen ein? Und ich? Wo soll ich denn bleiben?“
+stotterte Iwan Andrejewitsch entsetzt und er klammerte sich an die
+Frackschöße des anderen.
+
+„Was geht das mich an? So bleiben Sie doch allein hier. Oder wenn Sie
+das nicht wollen, kann ich ja sagen, daß Sie mein Onkel seien, der sein
+Vermögen durchgebracht hat, damit der Klappergreis nicht auf den
+Gedanken kommt, in mir den Geliebten seiner Frau zu sehen.“
+
+„Aber, junger Mann, das ist doch ganz unmöglich, ganz ausgeschlossen!
+Wer wird Ihnen denn das glauben, daß ich Ihr Onkel sei? Kein
+dreijähriges Kind wird es Ihnen glauben!“ flüsterte in beschwörendem
+Tone Iwan Andrejewitsch.
+
+„Na dann schwatzen Sie wenigstens nicht und legen Sie sich platt! Sie
+können doch hier ruhig übernachten und dann morgen sehen, wie Sie
+entkommen. Kein Mensch wird Sie hier bemerken; denn wenn einer schon
+herausgekrochen ist, wird niemand noch einen zweiten unter dem Bett
+vermuten – da könnte ein ganzes Dutzend sich gesichert fühlen. Übrigens
+wiegen Sie allein ein ganzes Dutzend auf. Rücken Sie zur Seite, ich
+krieche hinaus.“
+
+„Sie drücken mich, junger Mann ... Aber wie, wenn ich zu husten beginne?
+Man muß doch alles voraussehen ...“
+
+„Sst!“
+
+„Was ist das, mein Herzchen, ich glaube über uns hat wieder ein
+Spektakel begonnen,“ bemerkte der Greis, der inzwischen wohl
+eingeschlummert war, mit schläfriger Stimme.
+
+„Über uns?“
+
+„Hören Sie, junger Mann: ich werde hinauskriechen.“
+
+„Ich höre, – nun!“
+
+„Mein Gott, junger Mann, ich werde hinauskriechen!“
+
+„Ich nicht. Mir ist alles gleich. Wenn schon einmal ein Strich durch die
+Rechnung gemacht ist, dann – ... Aber wissen Sie, was ich stark vermute?
+Daß Sie, gerade Sie und kein anderer ein betrogener Ehemann sind! –
+Verstanden?“
+
+„Mein Gott, welch ein Zynismus! ... Vermuten Sie das wirklich? Aber
+weshalb denn gerade ein Ehemann ... ich bin doch nicht verheiratet ...“
+
+„Was, nicht verheiratet? Sie? Wer das glaubt!“
+
+„Ich bin vielleicht selbst ein Liebhaber, Sie können es doch nicht
+wissen!“
+
+„Famoser Liebhaber das! Ha–ha!“
+
+„Mein Herr, mein Herr! Nun gut, ich werde Ihnen alles erzählen.
+Vernehmen Sie also meine Beichte, – die Beichte eines Verzweifelten.
+Nicht ich bin der Betreffende, ich bin nicht verheiratet. Ich bin
+gleichfalls Junggeselle – ganz wie Sie. Es ist das nur mein Freund, mein
+Jugendfreund, um den es sich handelt ... Ich aber bin ein Liebhaber ...
+Da sagt er mir eines Tages: ‚Ich bin ein unglücklicher Mensch, ich muß
+den bittersten Kelch leeren, denn ich mißtraue meiner Frau.‘ Aber,
+Freund, sage ich, wessen verdächtigst du sie denn? ... Aber Sie hören
+mich ja gar nicht! So hören Sie, hören Sie doch! ... Eifersucht ist
+lächerlich, sage ich zu ihm, Eifersucht ist ein Laster! ... Er aber
+sagt: ‚Nein, ich bin ein unglücklicher Mensch! Ich – wie gesagt ... ich
+leere den Kelch, den bittersten Kelch ... d. h. ich habe sie im Verdacht
+...‘ – Du bist mein Jugendfreund, sagte ich zu ihm. Wir haben gemeinsam
+Blumen gepflückt, gemeinsam die ersten Freuden genossen ... Mein Gott,
+ich weiß nicht mehr, was ich rede! Sie lachen die ganze Zeit, junger
+Mann. Sie werden mich noch verrückt machen!“
+
+„Das sind Sie ja schon.“
+
+„Da haben wir’s! Ich ahnte es ja, daß Sie mir das sagen würden, als ich
+das Wort noch nicht einmal ausgesprochen hatte – da schon ahnte ich es!
+Lachen Sie nur, lachen Sie nur, junger Mann! Ebenso bin auch ich
+gewesen, zu meiner Zeit, ebenso habe auch ich verführt! Ach, ja! – jetzt
+aber, ... jetzt werde ich sicher verrückt werden!“
+
+„Was ist das, mein Herzchen, hat hier nicht jemand geniest?“ fragte
+wieder der Greis mit seiner trägen Langsamkeit. „Warst du es, mein
+Herzchen?“
+
+„Oh, ^mon Dieu^!“ stöhnt die arme junge Frau.
+
+„Sst!“ hörte man unter dem Bett.
+
+„Das muß über uns im dritten Stockwerk sein,“ bemerkte die junge Frau in
+ihrer Herzensangst. Unter dem Bett wurde es schon allzu verräterisch
+laut und immer lauter.
+
+„Ja, das scheint mir auch,“ meinte der Greis bedächtig. „Über uns! ...
+Habe ich dir schon erzählt, daß ich einem jungen Mann – Köch-köch! einem
+jungen Mann mit einem Schnurrbärtchen – Köch-köch! Ach, mein Gott und
+Vater! – mein Rücken! ... einem jungen Fant soeben begegnet bin, mit
+einem Schnurrbärtchen ...“
+
+„Mit einem Schnurrbärtchen! Großer Gott, das sind gewiß Sie!“ flüsterte
+Iwan Andrejewitsch entsetzt.
+
+„Herrgott, ist das ein Mensch! Ich bin doch hier, hier unter dem Bett,
+liege hier dicht neben Ihnen! Wo kann er mir denn begegnet sein! Aber so
+fahren Sie mir doch nicht ewig mit Ihren Händen ins Gesicht!“
+
+„Gott, ich werde sogleich ohnmächtig werden!“
+
+In diesem Augenblick hörte man in der Wohnung darüber allerdings großen
+Lärm.
+
+„Was mögen sie dort nur treiben?“ fragte sich der junge Mann.
+
+„Mein Herr! Ich zittere, mir graut! Helfen Sie mir!“
+
+„Sst!“
+
+„Ja, mein Herzchen, jetzt höre ich es ganz deutlich, es ist ja fast ein
+Höllenspektakel dort oben. Und das gerade über deinem Schlafzimmer.
+Sollte man da nicht hinaufschicken, und um Ruhe bitten lassen?“
+
+„Ach, das fehlte noch!“
+
+„Nun, nun, schon gut, dann nicht. Warum bist du heute so böse?“
+
+„Oh, ^mon Dieu^! Werden Sie nicht bald schlafen gehn?“
+
+„Lisa, du liebst mich gar nicht.“
+
+„Ach, gewiß liebe ich Sie! Nur ... um Gotteswillen, ich bin so müde.“
+
+„Nun, nun, schon gut, ich gehe ja schon.“
+
+„Ach, nein, nein, gehen Sie nicht fort!“ rief die junge Frau plötzlich
+angstvoll. „Oder nein, gehen Sie, gehen Sie!“
+
+„Was hast du nur, mein Herzchen! Bald sagst du, ich soll fortgehen, bald
+wieder, ich soll hierbleiben ... Köch-köch! Aber es wäre wirklich Zeit
+zum ... Köch-köch! Bei Panafidins hatten die kleinen Mädchen ...
+Köch-köch! ... Mädchen ... Köch! Eine Nürnberger Puppe sah ich bei der
+Kleinen, köch-köch! ...“
+
+„Ach, jetzt redet er noch von Puppen!“
+
+„Köch-köch! Eine sehr schöne Puppe war es ... Köch-köch!“
+
+„Er verabschiedet sich schon!“ flüsterte der junge Mann seinem
+Leidensgenossen zu, „er geht und dann können wir sogleich
+hinausschlüpfen. Hören Sie? So freuen Sie sich doch!“
+
+„O, gäbe Gott! Gäbe Gott!“
+
+„Das war eine Lehre für Sie ...“
+
+„Junger Mann! Was für eine Lehre? Wofür? Ich fühle, daß ... Doch Sie
+sind noch zu jung, Sie können mir keine Lehre geben.“
+
+„Trotzdem gebe ich sie aber ... Hören Sie?“
+
+„Gott! Ich will niesen! ...“
+
+„Sst! Wenn Sie es nur wagen!!“
+
+„Aber was soll ich denn tun? Es riecht hier nach Mäusen, ich habe Staub
+eingeatmet! Ich kann doch nicht! Geben Sie mir mein Taschentuch, aus
+meiner Rocktasche, um Gotteswillen, ich kann mich nicht rühren ... O
+Gott, o Gott! Wofür werde ich so gestraft?“
+
+„Da haben Sie Ihr Taschentuch! Wofür Sie bestraft werden, das will ich
+Ihnen sogleich sagen: Sie sind eifersüchtig. Auf Grund Gott weiß welcher
+Zweifel rennen Sie wie ein Verrückter durch die Straßen der Stadt,
+brechen in fremde Häuser ein, belästigen die Menschen in ihren
+Wohnungen, verursachen einen Skandal ...“
+
+„Junger Mann! Ich habe noch keinen Skandal verursacht!“
+
+„Schweigen Sie!“
+
+„Junger Mann, Sie können und dürfen mir nicht Moral predigen! Ich bin
+moralischer als Sie!“
+
+„Schweigen Sie!“
+
+„O Gott, o Gott!“
+
+„Sie verursachen einen Skandal, erschrecken eine schöne junge Frau, die
+nicht weiß, wo sie sich vor Angst lassen soll, und die vielleicht noch
+krank werden wird von dieser ganzen Aufregung; Sie beunruhigen einen
+ehrwürdigen Greis, der durch seine verschiedenen Leiden ohnehin schon
+genug gequält wird, einen Greis, der vor allen Dingen der Ruhe bedarf, –
+und das alles aus welchem Grunde? Nur weil Sie sich da irgendeinen
+Unsinn in den Kopf gesetzt haben, mit dem Sie nun durch alle Gassen und
+in alle Häuser laufen! Begreifen Sie auch, begreifen Sie auch, in
+welches Licht Sie sich selbst gestellt haben, als was Sie dastehen, was
+man von Ihnen denken muß? Fühlen, begreifen Sie das auch wirklich so,
+wie es sich gehört?“
+
+„Mein Herr! Gut! Ich fühle es! Aber Sie haben kein Recht ...“
+
+„Schweigen Sie! Was reden Sie hier von Recht oder kein Recht! Begreifen
+Sie denn nicht, wie tragisch das enden kann? Begreifen Sie denn nicht,
+daß dieser Greis, der seine junge Frau über alles liebt, einfach
+irrsinnig werden kann, wenn er sieht, wie Sie unter dem Bett seiner Frau
+hervorkriechen? Doch nein, Sie können nicht die Ursache einer Tragödie
+sein! Wenn Sie hervorkriechen, muß ein jeder, denke ich, sich vor Lachen
+krummbiegen. Ich würde viel dafür geben, könnte ich Sie mal bei Licht
+betrachten! Sie müssen ja zum Platzen komisch sein!“
+
+„Und Sie? In einer solchen Lage, unter dem Bett hervorkriechend, würden
+Sie gleichfalls lächerlich sein. Auch ich würde Sie gern einmal bei
+Licht betrachten.“
+
+„Sie!!“
+
+„Ihrem Gesicht wird zweifellos der Stempel der Unsittlichkeit
+aufgedrückt sein, junger Mann!“
+
+„Ah! Sie kommen wieder auf die Sittlichkeit zu sprechen! Woher wissen
+Sie denn, weshalb ich hier bin? Ich bin irrtümlicherweise hierher
+geraten, ich wollte eine Treppe höher hinauf. Und der Teufel mag wissen,
+weshalb man mich hereingelassen hat! Offenbar muß sie selbst jemanden
+erwartet haben – doch, versteht sich, jedenfalls nicht Sie. Ich
+versteckte mich sofort unter dem Bett, als ich Ihre Schritte hörte und
+als ich sah, daß die Dame so heftig erschrak. Zudem war es hier noch
+ziemlich dunkel. Übrigens kann auch meine Anwesenheit Ihre Anwesenheit
+noch lange nicht rechtfertigen. Sie sind, mein Herr, nichts als ein
+lächerlicher eifersüchtiger Alter! Weshalb ich nicht hinausgehe? Sie
+denken vielleicht, ich fürchte mich? Nein, mein Verehrtester, ich wäre
+schon längst gegangen, ich bin nur aus Mitleid mit Ihnen hiergeblieben.
+Sie würden ja am Ende gar Ihren Geist aufgeben, wenn ich Sie verließe.
+Sie würden ja wie ein alter Klotz vor ihnen stehen, wenn man Sie endlich
+ans Licht beförderte, Sie würden sich doch nie und nimmer zurechtfinden
+...“
+
+„Weshalb denn wie ein alter Klotz? Weshalb gerade wie dieser Gegenstand?
+Konnten Sie mich nicht mit einem anderen vergleichen, junger Mann?
+Weshalb sollte ich mich denn nicht zurechtfinden? Nein, ich würde mich
+sehr gut zurechtfinden!“
+
+„Sst! Hören Sie nicht, wie der Schoßhund bellt! Das kommt alles von
+Ihrem ewigen Geschwätz! Jetzt haben Sie das Hündchen aufgeweckt! Dieses
+elende Vieh kann noch zu unserem Verräter werden!“
+
+In der Tat: das Schoßhündchen der Dame, das bis dahin ruhig auf seinem
+Kissen in der Ecke geschlafen hatte, war plötzlich aufgewacht, hatte ein
+wenig geschnuppert und war dann mit empörtem Gekläff unter das Bett
+gestürzt.
+
+„O Gott! Solch ein elendes Vieh!“ murmelte Iwan Andrejewitsch, halb tot
+vor Schreck und Angst. „Es wird uns bestimmt verraten! Es wird alles
+offenbar werden! Wodurch habe ich nur diese Strafe verdient, o du mein
+Gott!“
+
+„Durch Ihre Feigheit natürlich!“
+
+„Ami, Ami, komm her!“ rief plötzlich, erschrocken auffahrend, die junge
+Frau. „^Ici, ici, viens ici!^“
+
+Doch das Hündchen kümmerte sich nicht um sie, sondern griff mutig Iwan
+Andrejewitsch an.
+
+„Was ist das, mein Herzchen, weshalb bellt denn Amischka so laut?“
+fragte der Greis. „Sind etwa Mäuse unter dem Bett, oder sitzt dort der
+Kater? Deshalb – ich hörte ihn doch die ganze Zeit schnurren ... Und du
+weißt doch, Wassjka hat heut Schnupfen ...“
+
+„Liegen Sie ganz still!“ flüsterte der junge Mann. „Rühren Sie sich
+nicht! Dann wird das Vieh sich vielleicht beruhigen.“
+
+„Mein Herr! Mein Herr! Geben Sie meine Hände frei! Weshalb halten Sie
+sie?“
+
+„Sst! still!“
+
+„Aber ich bitte Sie, ich beschwöre Sie, der Hund beißt mich in die Nase!
+Sie wollen wohl, daß ich meine Nase verliere?“
+
+Es folgte ein Handgemenge, in dem es Iwan Andrejewitsch schließlich
+gelang, seine Hände zu befreien. Das Hündchen bellte wie rasend;
+plötzlich aber quietschte es auf und verstummte.
+
+„Ach!“ schrie die Dame auf.
+
+„Was tun Sie?“ flüsterte der junge Mann wütend. „Sie verraten uns!
+Weshalb haben Sie den Hund gepackt? Teufel, der Kerl würgt ihn noch
+obendrein! So hören Sie doch, was ich Ihnen sage! Lassen Sie ihn laufen!
+Hören Sie! Sie Kameel! Haben Sie denn keine Ahnung von einem
+Weiberherzen? Sie wird uns beide noch an den Galgen bringen, wenn Sie
+ihren Hund erwürgen!“
+
+Doch Iwan Andrejewitsch hatte die Angst wie taub gemacht: er hörte auf
+nichts. Es war ihm gelungen, den kleinen Köter am Kragen zu fassen: und
+da hatte er ihm denn in übergroßem Selbsterhaltungstriebe den Hals mit
+einem Griff so zugeschnürt, daß dem Tierchen kaum Zeit geblieben war,
+noch einmal zu quieken, bevor es den Geist aufgab.
+
+„Wir sind verloren!“ flüsterte der junge Mann.
+
+„Amischka, Amischka!“ rief die Dame. „^Mon Dieu^, was haben sie mit
+meinem Ami gemacht! Amischka, Amischka! ^Ici!^ O, diese Schändlichen!
+Diese Barbaren! Mein Gott, mir wird schlecht!“
+
+„Was ist denn, was ist denn geschehen, mein Herzchen?“ sagte der Greis,
+der wohl gerade im Begriff gewesen war, ein wenig einzuschlummern, „was
+hast du, mein Herz? Amischka, hierher! Zum Fuß! Amischka, Amischka,
+Amischka!“ rief der Alte eifrig, schnalzte mit der Zunge, schnippte mit
+den Fingern, doch es half alles nicht: Amischka kam nicht wieder zum
+Vorschein. „Wo ist er denn geblieben? Amischka! ^Ici.^ Wirst du wohl! Es
+kann doch nicht sein, daß der Kater ihn dort aufgefressen hat?
+Jedenfalls muß Wassjka Prügel bekommen, meine Liebe, er ist schon einen
+ganzen Monat nicht mehr bestraft worden. Was meinst du dazu? Ich werde
+morgen Praskowja Sacharjewna fragen, was sie dazu meint. Aber um Gottes
+willen, mein Herz, was ist mit dir? Du bist ganz bleich! Oh, oh! Wasser!
+Hilfe! Hilfe!“
+
+Und der Alte stürzte kopflos zur Tür.
+
+„Diese Mörder! Diese Räuber!“ schrie die Dame und sank auf die
+Chaiselongue.
+
+„Wer, wer, wer das?“ rief der Alte von der Tür her.
+
+„Dort sind Menschen! Fremde Menschen! Dort ... unter meinem Bett! Oh,
+^mon Dieu^! Amischka, Amischka! Was haben sie mit dir getan!!“
+
+„Ach, Gott im Himmel! Was für Menschen? Amischka ... Nein, zuerst Leute
+her, Leute! Leute! Wer ist dort? Wer?“ schrie der Alte ganz heiser vor
+Aufregung, und er griff nach dem Licht und beugte sich, um unter das
+Bett zu sehen. „Wer ist dort! Zu Hilfe! Leute! ...“
+
+Iwan Andrejewitsch lag mehr tot als lebendig neben dem Leichnam
+Amischkas. Der junge Mann aber verfolgte aufmerksam jede Bewegung des
+Alten. Plötzlich sah er, daß dieser zur Wand ging und sich dort
+niederbeugte. Im Augenblick kroch er unter dem Bett hervor, während der
+Alte die Einbrecher auf der anderen Seite des Ehebettes suchte.
+
+„^Mon Dieu!^“ murmelte die Dame ganz erstaunt, als sie plötzlich einen
+jungen eleganten Mann vor sich stehen sah. „Wer sind Sie? Ich dachte
+...“
+
+„Der andere ist noch unterm Bett,“ erklärte ihr der junge Mann leise und
+schnell. „Er ist schuld an Amischkas Tod!“
+
+„Ach!“ schrie die Dame entsetzt auf.
+
+Doch schon war der junge Mann aus dem Zimmer.
+
+„Ach! Wer ist hier? Hier sehe ich einen Stiefel! Ein Bein!“ keuchte der
+Alte, der Iwan Andrejewitsch am Fuß hervorzuziehen versuchte.
+
+„Der Mörder! dieser Mörder! oh Ami, oh Ami!“ jammerte die Dame.
+
+„Kommen Sie heraus! Kommen Sie heraus!“ schrie der Alte, mit den Beinen
+auf den Teppich stampfend. „Wer sind Sie? Was suchen Sie hier? Was
+wollen Sie? Gott im Himmel! Was das für ein Mensch ist!“
+
+„Das sind ja Mörder!“
+
+„Um Gottes und aller Heiligen willen! Um Christi willen!“ flehte Iwan
+Andrejewitsch, der auf allen Vieren hervorkroch, sich kniend erhob und
+flehend die Hände faltete und dann wieder weiterkroch. „Um Gottes
+willen, Ew. Exzellenz, rufen Sie keine Menschen herbei! Exzellenz, rufen
+Sie keine Menschen herbei! Das ... das ist ganz überflüssig! Sie ... Sie
+können mich nicht vor die Tür setzen lassen! ... Ich bin nicht solch
+einer! ... Ich bin ein freier Mensch ... Das ist ein Irrtum, Exzellenz,
+ich habe mich nur geirrt! Ich werde Ihnen sogleich alles erklären,
+Exzellenz, alles, alles, alles!“ fuhr Iwan Andrejewitsch schluchzend mit
+versagender Stimme fort. „An allem ist nur meine Frau schuld, das heißt,
+nicht meine Frau, sondern eine fremde Frau, – denn ich bin ja gar nicht
+verheiratet, ich bin nur so ... Das ist mein Schulkamerad und
+Jugendfreund ...“
+
+„Was für ein Jugendfreund!“ schrie der Alte und er stampfte zornig mit
+dem Fuß auf. „Sie sind ein Dieb, ein Einbrecher, ein Mörder! Stehlen
+wollten Sie! ... Aber nicht Jugendfreund! ...“
+
+„Nein, ich bin kein Dieb, Exzellenz, ich bin wirklich sein Jugendfreund
+... ich ... ich habe mich nur zufällig verirrt, ich habe nur die
+Haustüren verwechselt! ...“
+
+„Das kennt man! – Haustüren verwechselt!“
+
+„Ew. Exzellenz! Ich bin nicht solch ein Mensch! Sie täuschen sich! Ich
+versichere Ihnen, daß Sie sich in einem grausamen Irrtum befinden,
+Exzellenz! Sehen Sie mich an, betrachten Sie mich, und Sie werden an
+allen Anzeichen erkennen, daß ich kein Dieb sein kann. Exzellenz! Ew.
+Exzellenz!“ flehte Iwan Andrejewitsch, sich mit beschwörender Gebärde an
+die junge Frau wendend. „Sie, Sie werden mich als zartfühlende Dame eher
+verstehen ... Ich ... ich habe Amischka umgebracht ... Aber ich bin
+nicht schuld daran ... bei Gott nicht! Daran ist meine ... das heißt,
+nicht meine, sondern eine fremde Frau schuld! Ich ... ich bin ein
+unglücklicher Mensch, ich habe den Kelch geleert ...“
+
+„Was geht das mich an, was Sie da geleert haben – es wird wohl nicht nur
+_ein_ Kelch gewesen sein, nach Ihrem Aussehen zu urteilen! Aber wie sind
+Sie hierher gekommen, mein Herr, wenn Sie mir das erklären wollten?!“
+schrie der Alte zitternd vor Aufregung, obschon er sich selbst
+eingestand, daß dieser Fremde offenbar kein gewöhnlicher Dieb sein
+konnte. „Ich frage Sie: wie – sind – Sie – hierher gekommen? Zum
+Donnerwetter! ... Daß Sie kein Räuber sind ...“
+
+„Ich bin kein Räuber, ich bin kein Räuber, Exzellenz! Ich ... ich bin
+nur in eine andere Tür ... bei Gott, ich bin kein Räuber! Das kommt
+alles nur daher, daß ich eifersüchtig bin! Ich werde Ihnen alles
+erzählen, Exzellenz, alles und ganz offenherzig, Exzellenz, wie meinem
+Vater werde ich es Ihnen erzählen, wie meinem leiblichen Vater, denn den
+Jahren nach könnte ich Sie doch für meinen Vater halten!“
+
+„Was?! Für Ihren Vater?!“
+
+„Exzellenz, Ew. Exzellenz! Ich habe Sie vielleicht verletzt! – o,
+verzeihen Sie es mir! In der Tat, eine so junge Dame ... und Ihre Jahre
+... sehr-sehr-sehr angenehm, Ew. Exzellenz, glauben Sie mir, eine ...
+eine solche Ehe zu sehen ... in den besten Jahren! ... Rufen Sie nur
+nicht die Leute herbei, um Gottes willen, rufen Sie nicht Ihre Leute her
+... die würden nur lachen ... ich kenne sie ... Das heißt, ich will
+damit nicht sagen, daß ich nur mit Bedienten bekannt bin, – ich habe
+selbst Bediente, Exzellenz, und ewig lachen sie, die ... Esel! Exzellenz
+... Ich glaube, mich nicht getäuscht zu haben ... Durchlaucht ... ich
+habe doch die Ehre, mit einem Fürsten zu sprechen ...“
+
+„Nein, nicht mit einem Fürsten, mein Herr, ich bin ... ein Privatmann.
+Und ich bitte Sie, mich mit Ihren Titeln zu verschonen, sich nicht mit
+ihnen bei mir einschmeicheln zu wollen! Das würde Ihnen auch nicht
+gelingen! Was ich von Ihnen hören will, ist: wie Sie hierher gekommen
+sind? Also erklären Sie es mir gefälligst!“
+
+„Durchlaucht! das heißt, nein! Ew. Exzellenz ... verzeihen Sie, ich
+dachte, Sie seien ein Fürst. Ich habe mich versehen, es war ein Irrtum,
+verzeihen Sie ... das kommt vor ... Sie ähneln so auffallend dem Fürsten
+Korotkuchoff, den ich bei meinem Bekannten, Herrn Pusyreff, die Ehre
+hatte, einmal zu sehen ... Sie sehen, ich bin gleichfalls mit Fürsten
+bekannt, ich habe einen wirklichen Fürsten bei einem Bekannten gesehen:
+Sie können mich nicht für das halten, für was Sie mich halten! Ich bin
+kein Räuber, ich bin kein Dieb! Exzellenz, rufen Sie keine Menschen, um
+Gottes willen, haben Sie Erbarmen mit mir! Bedenken Sie doch: wenn Sie
+die Leute herrufen – was wird daraus entstehen!“
+
+„Aber wie sind Sie denn hierhergekommen?“ rief die Dame. „Wer sind Sie
+überhaupt?“
+
+„Ja, wer sind Sie überhaupt?“ griff der Alte die Frage auf. „Und ich,
+mein Herzchen, glaubte wirklich, es sei der Kater Wassjka, der da
+irgendwo schnurrt! Und statt dessen ist es dieser! Ach, Sie Bandit! ...
+Wer sind Sie? So reden Sie doch!“
+
+Und der Alte stampfte wieder mit dem Fuß auf vor Ungeduld.
+
+„Ich kann nicht, Exzellenz! Ich warte, bis Sie aufgehört haben ... Was
+mich betrifft, so ist es eine lächerliche Geschichte, Exzellenz. Ich
+werde Ihnen alles erzählen, es wird sich alles auch ohnedem erklären
+lassen ... das heißt, ich will damit sagen: rufen Sie nicht fremde Leute
+her, Exzellenz! Seien Sie großmütig, haben Sie Erbarmen mit mir ... Das
+hat nichts zu sagen, daß ich unter dem Bett gelegen habe ... das hat
+mich nicht meiner Würde berauben können. Es ist die lächerlichste
+Geschichte der Welt, meine Gnädigste!“ wandte sich der arme Iwan
+Andrejewitsch flehentlich an die junge Frau. „Namentlich Sie, meine
+Gnädigste, wollte sagen Exzellenz, werden über sie lachen! Sie sehen vor
+sich einen – eifersüchtigen Gatten! Wie Sie sehen, erniedrige ich mich
+selbst, tue es selbst und freiwillig! Allerdings bin ich es, der
+Amischka erwürgt hat, aber ... Mein Gott, ich weiß nicht mehr, was ich
+rede!“
+
+„Aber wie, _wie_ sind Sie denn hierher gekommen?“
+
+„Im ... im Schutze der Dunkelheit, Exzellenz, indem ich mich der
+Dunkelheit bediente ... Verzeihung! O, verzeihen Sie, Exzellenz! Ich
+bitte Sie kniefällig um Verzeihung! Ich bin nur ein gekränkter Gatte,
+nichts weiter! Denken Sie nicht, Exzellenz, daß ich ein Liebhaber sei!
+Ich bin kein Liebhaber, ich versichere Ihnen! Ihre Gemahlin ist sehr
+tugendreich, wenn ich es wagen darf, mich so auszudrücken. Sie ist rein
+und unschuldig, glauben Sie es mir!“
+
+„Was? Was? Wessen erfrecht sich der Kerl!“ schrie der Alte, ganz rot im
+Gesicht, und wieder trampelte er mit den Füßen. „Sind Sie verrückt
+geworden? übergeschnappt? Wie unterstehen Sie sich, von meiner Frau zu
+reden?“
+
+„Dieses Scheusal, dieser Mörder, der meinen Ami erwürgt hat!“ rief die
+junge Frau empört aus. Sie war in Tränen aufgelöst ob des Verlustes
+ihres Amischka. „Und er wagt noch, mich zu beleidigen!“
+
+„Exzellenz, Gnade, Exzellenz! Ich habe mich nur versprochen!“ beteuerte
+halb besinnungslos Iwan Andrejewitsch. „Betrachten Sie mich, wenn Sie
+wollen, als Wahnsinnigen ... Um Gottes willen! – als Wahnsinnigen, wenn
+Sie wollen ... Ich schwöre Ihnen bei meiner Ehre, daß Sie mir damit
+einen großen Dienst erweisen. Ich würde Ihnen meine Hand reichen, aber
+ich wage es nicht ... Ich war nicht allein, ich bin der Onkel ... das
+heißt, ich will nur sagen, daß man nicht mich für den Liebhaber halten
+darf ... Gott! Ich weiß wieder nicht, was ich rede! Ich habe Sie nicht
+kränken wollen, Exzellenz!“ rief Iwan Andrejewitsch der Frau zu. „Sie
+sind eine Dame, Sie werden begreifen, was Liebe ist – dieses zarte
+Gefühl ... Doch was rede ich, was rede ich da wieder! ... Ich will nur
+sagen, daß ich ein Greis bin, das heißt, kein Greis, sondern ein schon
+bejahrter Mann ... ein Greis in den besten Jahren ... Ich will damit
+sagen, daß ich gar nicht Ihr Liebhaber sein kann, meine Gnädigste, daß
+ein Liebhaber immer ^à la^ Mister Richardson oder ^à la^ Don Juan zu
+sein pflegt, ich aber ... O Gott, was rede ich! ... Aber Sie sehen doch
+jetzt wenigstens, Exzellenz, daß ich ein gebildeter Mensch bin, der die
+Literatur kennt. Sie lächeln, meine Gnädigste. Es freut mich, es freut
+mich ungemein, daß ich Sie zum Lächeln habe bringen können! O, wie es
+mich freut, daß Sie lächeln!“
+
+„^Mon Dieu!^ Was das für ein komischer Mensch ist!“ bemerkte die Dame,
+die sich die Lippen biß, um jetzt nicht wirklich laut aufzulachen.
+
+„Ja, das ist er,“ meinte gleichfalls lächelnd der Alte, sichtlich
+erfreut darüber, daß seine Frau lachte. „Mein Herzchen, weißt du, ich
+denke, er kann kein Dieb sein. Aber wie ist er hierher gekommen?“
+
+„Ich weiß, ich begreife – das ist sehr sonderbar, sogar noch mehr als
+sonderbar! Wirklich, so etwas kommt sonst nur in Romanen vor! Wie? Um
+Mitternacht in der Großstadt, plötzlich – ein fremder Mensch unter dem
+Bett im Schlafzimmer! Da hört doch alles auf! Ist das nicht seltsam,
+entsetzlich? ^À la^ Rinaldo Rinaldini, nicht wahr? Doch das hat nichts
+auf sich, das hat alles nichts zu sagen, Exzellenz. Ich werde Ihnen
+alles erzählen ... Und Ihnen, meine gnädigste gnädige Frau, werde ich
+ein anderes Schoßhündchen zur Stelle schaffen ... ein ebenso
+entzückendes! Mit so langer seidenweicher Wolle und so kleinen Beinchen,
+daß es keine zwei Schritte zu gehen vermag: es verwickelt sich sonst in
+seinem eigenen Fell und fällt. Und gefüttert wird es nur mit
+Zuckerstückchen. Ich werde es Ihnen besorgen, gnädige Frau, ich werde es
+unfehlbar besorgen!“
+
+„Hahahahaha!“ lachte die Dame von ganzem Herzen über den armen Iwan
+Andrejewitsch. „^Mon Dieu, mon Dieu^, wie ist er komisch!“
+
+„Ja, das ist er! Ha–ha–ha! Köch-köch-köch! Zum Lachen ... köch! und so
+zerzaust und bestaubt ... köch-köch-köch!“
+
+„Exzellenz, meine Gnädigste, ich bin jetzt vollkommen glücklich! Ich
+würde jetzt um Ihre Hand bitten, aber ich wage es nicht, meine
+Gnädigste, ich fühle, daß ich mich seither geirrt habe, in allem, doch
+jetzt öffne ich die Augen! Jetzt glaube ich, daß auch meine Frau rein
+und unschuldig ist! Ich habe sie grundlos verdächtigt.“
+
+„Seine Frau! Er hat eine Frau!“ rief die Dame, die ihr Lachen nicht mehr
+meistern konnte.
+
+„Was! Er ist verheiratet? Ist’s möglich? Das hätte ich nicht gedacht!
+Hahaha! Köch-köch-köch!“
+
+„Exzellenz, Exzellenz! Aber meine Frau ist an allem schuld ... das
+heißt, vielmehr: ich bin schuld, denn ich verdächtigte sie; ich wußte,
+daß hier in diesem Hause ein Rendezvous stattfinden sollte – im dritten
+Stockwerk, hier über Ihrer Wohnung; der Brief war in meine Hände
+geraten. Ich versah mich aber, ich dachte, vor der richtigen Tür bereits
+angelangt zu sein, und da lag ich denn unter dem Bett, noch eh’ ich mich
+dessen versah ...“
+
+„He–he–he–he! Köch-köch-köch!“
+
+„Hahahahaha!“
+
+„Hahahaha!“ begann zuguterletzt auch Iwan Andrejewitsch zu lachen. „O,
+wie glücklich ich bin! O, wie rührend es ist, uns alle so friedlich und
+einträchtig miteinander zu sehen! Und meine Frau ist – oh, das weiß ich
+jetzt! – vollkommen schuldlos! Davon bin ich fest überzeugt. Nicht wahr,
+so muß es doch sein, meine Gnädigste?“
+
+„Ha–ha–ha! Köch-köch! Weißt du, Herzchen, wer das ist?“ wandte sich
+lachend und hustend der Alte an seine Frau.
+
+„Wer? Hahaha! Wen meinst du?“
+
+„Köch-köch! Hahaha! Das ist dasselbe nette Frauenzimmerchen, das mit
+allen kokettiert! Das ist sie! Ich könnte wetten, daß das seine Frau
+ist!“
+
+„Nein, Exzellenz, ich bin überzeugt, daß Sie eine andere meinen; ich bin
+vollkommen überzeugt davon ...“
+
+„Aber, mein Gott! – weshalb verlieren Sie dann Ihre kostbare Zeit!“
+unterbrach ihn die Dame, indem sie zu lachen aufhörte. „So eilen Sie
+doch! Gehen Sie nach oben, vielleicht treffen Sie sie noch an ...“
+
+„Sie haben recht, gnädige Frau, ich werde nach oben eilen. Doch ich
+weiß, daß ich niemanden antreffen werde, gnädige Frau. Das kann nicht
+meine Frau sein, davon bin ich fest überzeugt. Sie ist jetzt zu Hause!
+Ich allein bin der Schuldige! Ich habe es meiner eigenen Eifersucht
+zuzuschreiben ... Was meinen Sie, oder werde ich sie wirklich dort
+antreffen, gnädige Frau?“
+
+„Hahahahaha!“
+
+„He–he–he! Köch-köch!“
+
+„Gehen Sie! Gehen Sie! Und wenn Sie wieder an unserer Tür vorüberkommen,
+dann treten Sie ein und erzählen Sie!“ rief die Dame lebhaft. „Oder
+nein: kommen Sie morgen und bringen Sie Ihre Frau mit: ich will sie
+kennen lernen.“
+
+„Leben Sie wohl, gnädige Frau, besten Dank, ich werde sie unfehlbar
+mitbringen. Es hat mich sehr gefreut, Ihre Bekanntschaft zu machen. Ich
+bin glücklich und froh, daß alles so schnell und gut seine Lösung
+gefunden hat!“
+
+„Und den Schoßhund! Vergessen Sie den nicht!“
+
+„Nie im Leben, gnädige Frau! Ich werde ihn unfehlbar bringen!“ beteuerte
+Iwan Andrejewitsch, der bereits an der Tür stand. „So weiß wie ein
+Zuckerstückchen und auch nicht viel größer als ein solches, mit langem
+seidigen Fell! – Leben Sie wohl, gnädige Frau, es hat mich sehr, sehr,
+sehr gefreut, Ihre Bekanntschaft zu machen, sehr gefreut!“
+
+Und Iwan Andrejewitsch verbeugte sich und verschwand.
+
+„He! Sie! Mein Herr! Warten Sie, kommen Sie zurück ... köch-köch!“ rief
+ihm plötzlich die heisere Stimme des Alten nach.
+
+Iwan Andrejewitsch kehrte zurück.
+
+„Ich kann den Kater Wassjka nicht finden – sagen Sie, war er nicht unter
+dem Bett, als Sie dort waren?“
+
+„Nein, da war er nicht, Exzellenz ... Übrigens, es freut mich wirklich,
+Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben. Ich rechne es mir zur großen Ehre
+an ...“
+
+„Er hat jetzt Schnupfen und da schnurrt er immer und niest! Man muß ihn
+wieder einmal prügeln.“
+
+„Ja, Exzellenz, gewiß; Erziehungsstrafen sind bei Haustieren sehr
+angebracht.“
+
+„Was?“
+
+„Ich sagte nur, daß Erziehungsstrafen, Exzellenz, bei Haustieren sehr
+angebracht sind, um sie an Gehorsam zu gewöhnen.“
+
+„Ah? Wirklich? ... Nun, mit Gott, das war alles, was ich wissen wollte,
+besten Dank! Köch-köch!“
+
+Als Iwan Andrejewitsch auf die Straße trat, blieb er lange Zeit
+regungslos auf einem Fleck stehen, als erwarte er im Augenblick einen
+Schlaganfall. Dann nahm er langsam den Hut ab, wischte sich den kalten
+Schweiß von der Stirn, schüttelte sich, dachte nach und begab sich nach
+Haus.
+
+Wie groß aber war sein Erstaunen, als er, zu Hause angelangt, erfuhr,
+daß Glafira Petrowna schon längst aus dem Theater zurückgekehrt war, daß
+ihre Zähne zu schmerzen begonnen hatten, daß sie nach dem Arzt und nach
+Blutegeln gesandt, und daß sie nun im Bett lag und voll Ungeduld ihren
+Gatten erwartete.
+
+Iwan Andrejewitsch schlug sich zuerst vor die Stirn, dann verlangte er
+Wasser und Bürsten, um sich zu waschen und zu reinigen, und erst nachdem
+dies geschehen war, entschloß er sich, das Schlafgemach seiner Frau zu
+betreten.
+
+„Jetzt sagen Sie mir, bitte, wo Sie die Nächte zubringen! So sehen Sie
+doch, wie Sie aussehen! Wo waren Sie? Das ist doch noch nicht dagewesen:
+während die Frau zu Hause fast im Sterben liegt, ist der Mann in der
+ganzen Stadt nicht zu finden! Wo waren Sie? Oder waren Sie wieder auf
+der Suche nach mir, um mich bei einem Rendezvous zu ertappen, zu dem ich
+Gott weiß wen bestellt haben soll? Schämen Sie sich denn nicht? Das will
+ein Mann sein! Bald wird man mit dem Finger auf Sie weisen!“
+
+„Herzchen!“ stammelte Iwan Andrejewitsch, doch verspürte er schon im
+selben Augenblick eine solche Rührung, daß er nach seinem Taschentuch
+greifen mußte, da es ihm zu einer Rede an Worten, Gedanken und Luft
+gebrach ... Doch wer beschreibt seinen Schreck, sein grauenvolles
+Entsetzen, als aus seiner Rocktasche, aus der er das Taschentuch
+hervorzog, plötzlich die Leiche Amischkas herausfiel! Er war sich dessen
+gar nicht bewußt, daß er im Augenblick der größten Verzweiflung, als er
+gezwungen war, unter dem Bett hervorzukriechen, die Leiche seines
+Opfers in die Tasche gesteckt hatte, vielleicht in einer Art
+Selbsterhaltungstrieb, um die Spuren seiner Tat zu verbergen und somit
+der Strafe zu entgehen.
+
+„Was ist das?“ rief entsetzt seine Gattin. „Ein totes Hündchen! Gott!
+Woher kommt das? ... Was fällt Ihnen ein? ... Wo waren Sie? Sagen Sie
+sofort, wo Sie waren!“
+
+„Herzchen!“ stammelte Iwan Andrejewitsch, dessen eigenes Herz beinahe
+stille stand, „Herzchen! ...“
+
+Doch nun ziehen wir vor, unseren Helden zu verlassen, denn hier setzt
+etwas ganz Neues ein, das mit seinen früheren Abenteuern nichts
+Gemeinsames hat. Es ist möglich, daß ich noch einmal alle diese
+Unglücksfälle mit ihren Schicksalstücken wiedergebe ... Nur eines müssen
+Sie, meine verehrten Leser, mir heute schon zugeben: daß Eifersucht eine
+unverzeihliche Leidenschaft ist, ja sogar noch mehr als das: sogar ein –
+Unglück! ...
+
+
+
+
+ Das Krokodil
+
+
+ Eine außergewöhnliche Begebenheit
+ oder
+ Eine Passage in der Passage
+
+Eine wahrheitsgetreue Erzählung der besagten Begebenheit, wie ein
+gewisser Herr in der Passage von einem Krokodil ganz und gar
+verschlungen wurde und welche Folgen das hatte.
+
+
+ I.
+
+Am dreizehnten Januar des laufenden Jahres sprach plötzlich um halb ein
+Uhr mittags Jelena Iwanowna, die Gattin Iwan Matwejewitschs, meines
+gelehrten Freundes, Kollegen und halb und halb sogar entfernten
+Verwandten, den Wunsch aus, das Riesenkrokodil, das man gegen eine
+gewisse Zahlung in bar seit kurzer Zeit in der Passage bewundern konnte,
+mit eigenen Augen zu sehen. Iwan Matwejewitsch, der das Billett für
+seine Reise ins Ausland – die er weniger aus Gesundheitsgründen, als aus
+Neugier zu unternehmen beabsichtigte – bereits in der Tasche hatte, sich
+also vom Dienst schon quasi entbunden betrachtete und sich demzufolge an
+diesem Tage von allen Pflichten frei und ledig fühlte, hatte nicht nur
+nichts gegen diesen Wunsch einzuwenden, sondern entbrannte alsbald sogar
+selber in reger Wißbegier für die Sehenswürdigkeit.
+
+„Eine prächtige Idee!“ sagte er sehr zufrieden, „nehmen wir das Krokodil
+in Augenschein! Es ist nicht übel, wenn man, bevor man ins Ausland
+reist, erst einmal gründlich das Inland mit allen seinen Tieren kennen
+gelernt hat.“
+
+Mit diesen Worten reichte er seiner jungen Gemahlin den Arm, um mit ihr
+in die Passage zu gehen. Wie gewöhnlich schloß ich mich ihnen an, denn
+ich war und bin ja der Hausfreund.
+
+Noch nie hatte ich Iwan Matwejewitsch bei besserer Laune gesehen, als an
+diesem denkwürdigen Vormittage, – wieder ein Beweis dafür, daß wir nicht
+ahnen, was uns bevorsteht! Als wir die Passage betraten, äußerte er sich
+ganz entzückt über den Bau des Gebäudes, und als wir beim
+Ausstellungsraum, in dem man das neuerdings in der Hauptstadt
+eingetroffene Ungeheuer bewundern konnte, angelangt waren, wünschte er
+aus eigenem Antriebe auch für mich den vorschriftsmäßigen Obolus dem
+Besitzer des Krokodils in die Hand zu drücken, was vordem noch nie von
+ihm aus geschehen war. Wir wurden in ein nicht sehr großes Zimmer
+geführt, in dem sich außer dem Krokodil noch Papageien, eigenartige
+Kakadus und in einem besonderen Käfig an der Wand mehrere Affen
+befanden. Gleich beim Eingang aber, links von der Tür, stand ein großer
+Blechkasten – der Form nach einer Wanne nicht unähnlich –, den oben ein
+starkes Drahtnetz zudeckte und auf dessen Boden etwa einen Zoll tief
+Wasser stand. Und in dieser flachen Pfütze lag ein riesengroßes
+Krokodil, lag regungslos wie ein Balken und hatte in unserem feuchten,
+ungastlichen Klima augenscheinlich alle seine sonstigen Eigenschaften
+eingebüßt. Dieses erklärt wohl auch den Umstand zur Genüge, daß es in
+uns durchaus kein besonderes Interesse für sich hervorzurufen vermochte.
+
+„Das also ist das Krokodil!“ meinte Jelena Iwanowna, fast mitleidig in
+gezogenem Tone, „und ich dachte, daß es ... ganz anders aussähe.“
+
+Anzunehmen ist, daß sie sich überhaupt nichts gedacht hatte.
+
+Währenddessen blickte uns der Besitzer des Ungeheuers, ein Deutscher,
+sehr stolz und sehr selbstzufrieden an.
+
+„Er hat recht,“ raunte mir Iwan Matwejewitsch zu, „denn ihm gebührt die
+Ehre, augenblicklich der einzige Mensch zu sein, der in Rußland ein
+Krokodil besitzt.“
+
+Diese recht überflüssige Bemerkung Iwan Matwejewitschs schreibe ich
+gleichfalls seiner gehobenen Stimmung zu, da er sonst recht neidisch zu
+sein pflegte.
+
+„Ich glaube, Ihr Krokodil ist gar nicht lebendig,“ äußerte sich Jelena
+Iwanowna, pikiert durch die Haltung des Deutschen, mit graziösem Lächeln
+sich an ihn wendend, um auch diesen Grobian zu besiegen, – ein Manöver,
+das die Frauen ja so gern üben.
+
+„O nein, Madame,“ versetzte der Deutsche in gebrochenem Russisch und
+begann sogleich, indem er das Drahtnetz aufhob, mit einem Stückchen das
+Krokodil auf den Kopf zu stoßen.
+
+Da entschloß sich das heimtückische Ungeheuer, zum Beweise seiner
+Lebendigkeit, kaum-kaum den Schwanz zu bewegen, dann rührte es auch die
+Vorderpfoten und erhob ein wenig seine gefräßige Schnauze, worauf es
+einen eigentümlichen Laut von sich gab, der in etwas an ein langsames
+Schnarchen erinnerte.
+
+„Na, ärgere dich nicht, Karlchen!“ sagte der Deutsche schmeichelnd,
+sichtlich befriedigt in seiner Eigenliebe.
+
+„Wie widerlich dieses Tier ist! Ich erschrak ordentlich, als es sich zu
+bewegen begann,“ sagte Jelena Iwanowna noch koketter. „Jetzt werde ich
+es womöglich im Traume sehen!“
+
+„Aber er wird Sie nicht beißen, Madame,“ versetzte mit einem Anflug von
+Galanterie der Deutsche, worauf er als erster über seine eigenen Worte
+zu lachen begann; von uns jedoch lachte niemand.
+
+„Gehen wir, Ssemjon Sjemjonytsch“ wandte sich Jelena Iwanowna
+ausschließlich an mich, „sehen wir uns lieber die Affen an. Ich liebe
+Affen über alles! Einzelne sind geradezu süß, sind so reizend! ... das
+Krokodil aber ist einfach abscheulich.“
+
+„O, sei nicht so bange, meine Liebe,“ rief uns Iwan Matwejewitsch nach,
+dem es angenehm war, vor seiner Gattin den Mutigen zu spielen, „dieser
+schläfrige Landsmann Pharaos wird keinem ein Leid antun,“ – und er blieb
+beim Blechkasten. Ja, er kitzelte sogar mit seinem Handschuh die Nase
+des Krokodils, um es, wie er später selbst eingestand, zu veranlassen,
+nochmals zu schnarchen. Der Besitzer der Menagerie folgte indes Jelena
+Iwanowna, als der einzigen anwesenden Dame, zum weitaus interessanteren
+Affenkäfig.
+
+Bis dahin war alles gut abgelaufen und niemand hätte etwas Schlimmes
+voraussehen können. Jelena Iwanowna gab sich ganz ihrem Entzücken hin,
+in das die Affen und Äffchen sie versetzten; sie schrie mitunter leise
+auf vor Vergnügen und wandte sich immer wieder an mich, um mich bald auf
+diesen, bald auf jenen Affen aufmerksam zu machen, von denen jeder
+auffallende Ähnlichkeit mit einem ihrer Bekannten und Freunde haben
+sollte. Ihre Heiterkeit steckte auch mich an, denn die Ähnlichkeit war
+bisweilen in der Tat ganz verblüffend. Nur der Menageriebesitzer, der
+von Jelena Iwanowna als Luft behandelt wurde, wußte nicht, ob er lachen
+oder ob er ernst bleiben sollte, und deshalb wurde er zum Schluß sehr
+brummig. Doch gerade in dem Augenblick, als mir die Übellaunigkeit des
+Deutschen auffiel, erschütterte plötzlich ein entsetzlicher, ja, ich
+kann sogar sagen, ein widernatürlicher Schrei die Luft. Ich wußte nicht,
+was ich denken sollte und stand wie erstarrt, als ich hörte, daß auch
+Jelena Iwanowna aufschrie – da wandte ich mich zurück und ... was
+erblickte ich! Ich erblickte – o Gott! – ich erblickte den armen Iwan
+Matwejewitsch quer im entsetzlichen Rachen des Krokodils, das ihn in der
+Mitte des Körpers gefaßt hatte. Ich sah ihn nur noch einen Augenblick,
+wie er, horizontal in der Luft schwebend, wie ein Verzweifelter mit den
+Beinen und Armen fuchtelte, und dann – verschwunden war.
+
+Doch ich will dieses denkwürdige Ereignis ausführlicher schildern.
+Während des ganzen Vorgangs stand ich wie ein lebloser Gegenstand, der
+nur hörte und sah – deshalb ist mir nichts entgangen. Ich entsinne mich
+nicht, jemals in meinem Leben mit größerem Interesse einem Vorgang
+zugeschaut zu haben, als ich es in jenem Augenblick tat. „Denn,“ dachte
+ich bei mir – soviel Überlegungskraft besaß ich doch noch! – „wie, wenn
+das, anstatt mit Iwan Andrejewitsch, mit mir geschehen wäre – wie groß
+würde dann die Unannehmlichkeit sein!“ Doch zur Sache.
+
+Das Krokodil begann damit, daß es den armen Iwan Matwejewitsch in seinem
+Rachen mit den Beinen zu sich drehte und dann einmal schluckte, – und
+seine Beine waren bis zur Wade verschwunden. Dann, nachdem es wie ein
+Wiederkäuer einmal aufstieß – was unseren Iwan Matwejewitsch wieder ein
+wenig hervorstieß, so daß dieser, der sich vergeblich bemühte,
+herauszuspringen, sich krampfhaft an den Kastenrand klammern konnte –
+schluckte das Ungeheuer zum zweitenmal, und mein Freund verschwand bis
+zu den Lenden. Dann, nachdem es wieder aufgestoßen, schluckte es noch
+einmal, und dann noch einmal. So sahen wir, wie Iwan Matwejewitsch vor
+unseren Augen im Ungeheuer verschwand. Endlich, nachdem es zum
+letztenmal geschluckt, hatte das Krokodil meinen gelehrten Freund
+tatsächlich restlos verschlungen. Nun traten an der Oberfläche des
+Krokodils Wölbungen hervor, an denen man erkennen konnte, wie Iwan
+Matwejewitsch mit all seinen Gliedmaßen langsam in den Bauch des Tieres
+zu gleiten begann. Ich war bereits im Begriff, wieder aufzuschreien, als
+das Schicksal sich noch einmal gewissenlos über uns lustig machte: das
+Krokodil blähte sich, rülpste – offenbar war ihm die verschlungene
+Portion doch zu groß – und öffnete nach einem neuen Aufstoß seinen
+entsetzlichen Rachen, aus dem plötzlich, zusammen mit dem Aufstoß oder
+gewissermaßen als dessen Personifikation noch einmal, zum letztenmal,
+auf einen Augenblick der Kopf Iwan Matwejewitschs herausfuhr und wieder
+verschwand, sodaß wir nur eine Sekunde lang sein verzweifeltes Gesicht
+gesehen hatten, von dessen Nase im Moment, als sie über den Rand des
+Unterkiefers hinausragte, die Brille in das zolltiefe Wasser auf dem
+Boden des Blechkastens fiel. Es hatte fast den Anschein, als sei dieser
+verzweifelte Kopf nur deshalb hervorgekommen, um noch einmal, zum
+letztenmal, einen Blick auf alle Gegenstände zu werfen und bewußt von
+allen weltlichen Freuden Abschied zu nehmen. Doch die Frist war gar zu
+kurz bemessen: das Krokodil hatte schon einige Kräfte gesammelt und
+schluckte von neuem und der Kopf verschwand wieder, diesmal, um nicht
+mehr zum Vorschein zu kommen.
+
+Dieses Erscheinen und Verschwinden eines noch lebenden Menschenkopfes
+war so entsetzlich, gleichzeitig aber – sei es infolge der Überraschung,
+der Geschwindigkeit oder weil ihm die Brille von der Nase fiel – war es
+so unsäglich komisch, daß ich plötzlich schallend auflachte. Natürlich
+besann ich mich sogleich – es ging doch nicht an, daß ich in meiner
+Eigenschaft als Hausfreund in einem solchen Augenblick lachte! – wandte
+mich daher schnell zu Jelena Iwanowna und sagte so mitfühlend als
+möglich:
+
+„Jetzt ist es aus mit unserm Iwan Matwejewitsch!“
+
+Leider fühle ich mich der Aufgabe, die Erregung Jelena Iwanownas während
+des ganzen Vorgangs zu schildern, nicht gewachsen. Ich kann nur sagen,
+daß sie nach dem ersten Schrei gleichsam wie gelähmt in vollkommener
+Regungslosigkeit verharrte und scheinbar ganz gleichgültig, nur mit weit
+aufgerissenen, sogar ein wenig hervorquellenden Augen dem Vorgang zusah;
+erst als das Haupt ihres Gemahls zum zweitenmal verschwand und nicht
+wieder zum Vorschein kam, kehrten ihre Lebensgeister zurück und sie
+begann herzzerreißend zu schreien. Da wußte ich mir nicht anders zu
+helfen, als ihre Hände zu erfassen und sie krampfhaft festzuhalten. In
+diesem Augenblick erwachte auch der Deutsche aus seiner Erstarrung; er
+griff sich mit beiden Händen an den Kopf und schrie:
+
+„O, mein Krokodil! O, mein allerliebstes Karlchen! Mutter, Mutter,
+Mutter!“
+
+Darauf öffnete sich eine Hintertür und die „Mutter“ erschien: eine
+bejahrte, rotwangige Frau mit einer Haube auf dem Kopf, doch sonst
+ziemlich unordentlich gekleidet. Als sie die Verzweiflung ihres Mannes
+sah, stürzte sie ganz verstört herbei.
+
+Und nun setzte ein ganzes Sodom ein: Jelena Iwanowna rief immer nur dies
+eine Wort: „Aufschneiden, aufschneiden, aufschneiden!“ und stürzte bald
+zum Deutschen, bald zur Mutter, die sie allen Anzeichen nach anflehte –
+wohl in einem Augenblick des Vergessens und der Selbstverleugnung –
+irgend jemanden oder irgendetwas aufzuschneiden. Der Besitzer aber und
+die „Mutter“ beachteten weder sie noch mich und heulten wie die
+Kettenhunde an ihrem Blechkasten.
+
+„Er ist verloren, er wird sogleich platzen, er hat einen ganzen Menschen
+verschlungen!“ schrie der Besitzer des „Karlchen“.
+
+„Ach Gott, ach Gott, unser allerliebstes Karlchen muß sterben!“ jammerte
+die Mutter.
+
+„Sie haben uns zu Waisen gemacht, wir sind brotlos geworden!“ schrie
+wieder der Deutsche, und –
+
+„Ach Gott, ach Gott, ach Gott!“ jammerte wieder die Mutter.
+
+„Aufschneiden, aufschneiden, aufschneiden! Sie müssen das Tier
+schlachten!“ flehte und befahl Jelena Iwanowna, die sich an den Rock des
+Deutschen klammerte.
+
+„Er hat mein Krokodil gereizt, – weshalb hat Ihr Mann mein Krokodil
+gereizt?“ schrie der Deutsche. „Wenn mein Karlchen jetzt platzt, müssen
+Sie ihn mir bezahlen! Ich werde Sie auf Schadenersatz verklagen! Das war
+mein Sohn, das war mein einziger Sohn!“
+
+Ich muß gestehen, daß ich über diesen Egoismus des eingewanderten
+Deutschen und diese Hartherzigkeit seiner unordentlichen „Mutter“ nicht
+wenig entrüstet war. Auch Jelena Iwanownas immer wieder wiederholte
+Bitte trug nicht gerade zu meiner Beruhigung bei. Besorgt dachte ich an
+die Möglichkeit, daß jeden Augenblick gerade aus einem der anstoßenden
+Lokale der Passage, in dem jemand eine Rede über Pflanzenkost hielt, ein
+Vegetarianer die Menagerie betreten konnte – und was konnte es da nicht
+alles für Mißverständnisse geben, wenn sie noch lange fortfuhr, immer
+nur diese eine Bitte flehentlich und angstvoll zu wiederholen? Und in
+der Tat sollte es sich bald zeigen, daß meine Befürchtungen nicht
+grundlos waren: Zu meinem Entsetzen sah ich, wie plötzlich der Vorhang,
+der den Ausstellungsraum von der „Kasse“ trennte, zur Seite gezogen
+wurde und im Türrahmen eine bärtige Gestalt mit einer Beamtenmütze in
+der Hand erschien, eine Gestalt, die nicht eintrat, wie zu erwarten
+stand, sondern die sich in stark vorgebeugter Stellung mit den Füßen
+jenseits der Schwelle hielt und ersichtlich sehr darauf bedacht war,
+diese Schwelle nicht zu überschreiten, um nicht wegen des
+Eintrittsgeldes, das der Unbekannte offenbar nicht zu zahlen gewillt
+war, vom Direktor der Menagerie belästigt zu werden.
+
+„Ihr Wunsch, meine Gnädigste,“ sagte der Unbekannte, bemüht, das
+Gleichgewicht nicht zu verlieren, „macht Ihrer geistigen Entwicklung
+wenig Ehre und ist nur auf den Mangel an Phosphorgehalt in Ihrem Gehirn
+zurückzuführen. Sie werden wohl nichts dagegen haben, wenn die
+Repräsentanten des Fortschritts und der Humanität Sie in ihren
+satirischen Zeitschriften der nötigen Kritik unterwerfen, und ...“
+
+Doch es sollte ihm nicht vergönnt sein, seine Rede zu beenden, denn als
+der Menageriebesitzer zu seinem Entsetzen einen Menschen im
+„Ausstellungsraume“ sprechen hörte, der für dieses Vergnügen nichts
+gezahlt hatte, stürzte er in heller Empörung auf ihn zu und stieß ihn,
+den humanen Repräsentanten des Fortschritts, unter deutschen
+Kernausdrücken zur Tür hinaus: wir vernahmen nur noch ihre wortreiche
+Auseinandersetzung hinter dem Vorhang. Doch der Deutsche kehrte sehr
+bald zurück, um seine Wut, in die er sich hineingeredet, nunmehr an der
+armen Jelena Iwanowna auszulassen, die es gewagt hatte, eine Operation
+seines Karlchen zu verlangen, um ihren Gatten zu retten.
+
+„Was! Sie wollen, daß meinem Karlchen der Bauch aufgeschlitzt werden
+soll!“ schrie er. „Lassen Sie doch Ihren Mann aufschlitzen! ... _Mein_
+Krokodil! Mein Vater hat das Krokodil schon gezeigt, mein Großvater hat
+das Krokodil gezeigt und mein Sohn wird es wieder zeigen, und so lange
+ich lebe werde ich es gleichfalls zeigen! Alle werden wir es zeigen! Ich
+bin in ganz Europa bekannt, Sie aber sind nicht in Europa bekannt,
+deshalb werden Sie mir Strafe zahlen, verstanden, Madame!“
+
+„Ja, ja!“ pflichtete ihm seine böse dreinblickende Frau Mutter bei, „wir
+werden Sie verklagen, wenn unser Karlchen platzt!“
+
+„Übrigens wäre es auch zwecklos, das Tier aufzuschneiden,“ wandte ich
+ziemlich ruhig ein, um Jelena Iwanowna zu besänftigen und sie dann zu
+bewegen, nach Hause zurückzukehren, „denn unser lieber Iwan
+Matwejewitsch wird sich bereits aller Wahrscheinlichkeit nach in den
+Gefilden der Seligen befinden.“
+
+„Mein Freund!“ ertönte da plötzlich unerwartet die Stimme Iwan
+Matwejewitschs, die uns alle erstarren machte, „mein Freund, du
+täuschest dich. Mein Rat wäre, sich direkt an den Polizeioffizier dieses
+Quartals zu wenden, denn ohne polizeilichen Nachdruck wird dieser
+Deutsche schwerlich die Wahrheit begreifen.“
+
+Diese Worte, die noch dazu in festem, überzeugungsvollem Tone gesprochen
+waren und in dieser Lage doch eine seltene Geistesgegenwart verrieten,
+waren so überwältigend, daß wir unseren Ohren nicht trauten.
+Nichtsdestoweniger eilten wir natürlich sogleich zum Blechkasten und
+lauschten mit mindestens ebenso großem Mißtrauen als unfreiwilliger
+Ehrfurcht den Worten des armen Gefangenen. Seine Stimme klang wie
+diejenige eines Menschen, der sich in einem anderen Zimmer ein Kissen
+vor den Mund preßt und schreiend laut spricht, etwa um das Gespräch
+zweier Bauern nachzuahmen, die durch einen Fluß getrennt sich von Ufer
+zu Ufer allerlei zuschreien, – ein Scherz, den ich einmal auf einem
+Polterabend das Vergnügen hatte, kennen zu lernen.
+
+„Iwan Matwejewitsch, Liebster, sag’, so lebst du noch?“ fragte Jelena
+Iwanowna bebend.
+
+„Ich lebe und befinde mich wohl,“ antwortete Iwan Matwejewitschs fernher
+leise schreiende Stimme, „denn ich bin dank himmlischer Vorsehung ohne
+jede Körperverletzung verschlungen. Was mich beunruhigt, ist nur die
+Frage, wie meine Vorgesetzten diesen Zwischenfall auffassen werden; denn
+wenn man das Billett zu einer Auslandsreise in der Tasche hat und dabei
+nur in das Innere eines Krokodils gelangt, wird man schwerlich auf
+Scharfsinn schließen.“
+
+„Aber, Liebster, beunruhige dich jetzt doch nicht wegen des
+Scharfsinns!“ sagte Jelena Iwanowna. „Die Hauptsache ist doch, daß man
+dich irgendwie von dort herauszieht.“
+
+„Herauszieht!“ rief der Deutsche nahezu entrüstet aus. „Das lasse ich
+einfach nicht zu! Jetzt wird’s noch einmal so viel Publikum geben und
+ich werde fünfzig Kopeken statt fünfundzwanzig pro Person nehmen, und
+Karlchen fällt’s nicht ein, zu platzen!“
+
+„Gott sei Dank!“ äußerte sich seine Frau dazu.
+
+„Er hat recht,“ bemerkte ruhig Iwan Matwejewitsch, „zuerst kommt das
+ökonomische Prinzip.“
+
+„Mein Freund!“ rief ich ihm eifrig und möglichst laut zu, „ich werde
+mich sogleich schleunigst zu deinen Vorgesetzten begeben, denn mir ahnt,
+daß wir allein hier nichts werden ausrichten können.“
+
+„Das denke ich auch,“ sagte Iwan Matwejewitsch, „nur wird es in unserer
+Zeit der Handelskrisis schwer halten, ohne finanzielle Entschädigung den
+Leib des Krokodils aufzutrennen, doch ist damit gleichzeitig die Frage
+aufgeworfen: wieviel wird der Besitzer für sein Krokodil verlangen? Und
+diese Frage zieht eine zweite nach sich: wer wird es bezahlen? Denn wie
+du weißt, bin ich kein Kapitalist! ...“
+
+„Ginge es nicht a Konto des Gehalts? ...“ wagte ich schüchtern
+vorzuschlagen, doch der Besitzer des Krokodils unterbrach mich sogleich:
+
+„Ich verkaufe mein Krokodil überhaupt nicht! Ich kann dafür dreitausend
+Rubel verlangen, ich kann sogar viertausend verlangen! Jetzt wird das
+Publikum herbeiströmen – ich kann auch fünftausend verlangen für mein
+Krokodil!“
+
+Kurz, er begann sich ganz entsetzlich zu brüsten. Habgier leuchtete in
+seinen Augen.
+
+„Ich fahre also!“ rief ich meinem Freunde, innerlich empört, zu.
+
+„Ich auch, ich auch! Ich werde persönlich zu Andrei Ossipytsch fahren
+und ihn durch meine Tränen zu erweichen suchen!“ sagte Jelena Iwanowna
+erregt.
+
+„Nein, tue das nicht, meine Liebe,“ versetzte Iwan Matwejewitsch
+schnell, denn lange schon hegte er eifersüchtigen Groll gegen diesen
+Andrei Ossipytsch: er wußte, daß seine Frau sehr gern zu diesem
+Allmächtigen gefahren wäre, um sich ihm zur Abwechslung einmal in Tränen
+zu zeigen, zumal ihr Tränen sehr gut standen. „Und dir, Ssemjon
+Ssemjonytsch,“ wandte er sich an mich, „möchte ich gleichfalls abraten,
+zu meinen Vorgesetzten zu gehen; man kann nicht wissen, was daraus
+schließlich noch entsteht. Aber fahre heute mal zu Timofei Ssemjonytsch,
+so, weißt du, ganz privatim. Er ist zwar ein altmodischer und etwas
+beschränkter Mensch, dafür aber solide und, was die Hauptsache ist,
+gerade heraus. Grüße ihn von mir und erkläre ihm den Sachverhalt. Ich
+schulde ihm noch sieben Rubel – ich verlor sie im Kartenspiel – sei also
+so gut und übergib sie ihm bei der Gelegenheit; das wird den Alten
+günstiger stimmen. Jedenfalls kann uns sein Rat zur Richtschnur dienen.
+Jetzt aber sei so freundlich und bringe Jelena Iwanowna nach Hause ...
+Beruhige dich, meine Liebe,“ fuhr er fort, „ich bin nur müde geworden
+von diesem Geschrei und will ein wenig schlafen. Hier ist es zum Glück
+warm und weich, obschon ich noch nicht Zeit gehabt habe, mich genauer in
+meinem neuen Heim umzusehen ...“
+
+„Umzusehen? Ist es denn dort so hell?“ forschte neugierig, doch
+sichtlich erfreut Jelena Iwanowna.
+
+„Im Gegenteil, mich umgibt vollkommene Finsternis,“ antwortete der arme
+Gefangene, „aber ich kann mit den Händen fühlen und mich hier tastend
+orientieren ... Also auf Wiedersehen, sei unbesorgt und versage dir
+nicht deine kleinen Zerstreuungen. Bis morgen! Du aber, Ssemjon
+Ssemjonytsch, komme gegen Abend wieder her, und damit du es, bei deiner
+bekannten Vergeßlichkeit, diesmal nicht wieder vergißt, binde dir
+sogleich einen Knoten ins Taschentuch ...“
+
+Ich muß sagen, daß ich froh war, endlich fortgehen zu können, denn
+erstens war ich vom Stehen müde geworden und zweitens wurde es mir
+allmählich langweilig. Ich reichte daher geschwind Jelena Iwanowna, die
+durch die Erregung noch hübscher geworden war, mit artiger Verbeugung
+meinen Arm und verließ mit ihr die Menagerie.
+
+„Am Abend wieder fünfundzwanzig Kopeken Eintrittsgeld!“ rief uns noch
+der Deutsche nach.
+
+„O Gott, wie habgierig er ist!“ seufzte Jelena Iwanowna, die in jeden
+Spiegel zwischen den Schaufenstern der Passage einen Blick warf und sich
+augenscheinlich dessen bewußt war, daß sie noch hübscher als sonst
+aussah.
+
+„Das ökonomische Prinzip,“ versetzte ich in angenehmer angeregter
+Stimmung, stolz auf meine Dame, die neidisch von den Vorübergehenden
+betrachtet wurde.
+
+„Das ökonomische Prinzip ...“ wiederholte sie mit koketter Langsamkeit,
+„ich habe nichts von alledem begriffen, was Iwan Matwejewitsch dort
+sprach, namentlich nicht, was er mit diesem dummen Prinzip meinte.“
+
+„Das werde ich Ihnen sofort erklären,“ versetzte ich eilfertig und
+begann ihr die günstigen Folgen der Heranziehung fremden Kapitals
+auseinanderzusetzen, Ansichten, die ich am Morgen desselben Tages in den
+„Petersburger Nachrichten“ gelesen hatte.
+
+„Wie sonderbar das doch ist!“ unterbrach sie mich, als sie mir eine
+Weile zugehört hatte. „Aber so hören Sie doch endlich auf, Sie
+Plagegeist! Welch einen Unsinn Sie heute reden ... Sagen Sie, bin ich
+sehr rot im Gesicht?“
+
+„Nicht rot, sondern schön,“ antwortete ich, um die Gelegenheit, ihr eine
+Schmeichelei zu sagen, nicht unbenutzt vorübergehen zu lassen.
+
+„Sie Schmeichler!“ wehrte sie selbstzufrieden ab. „Der arme Iwan
+Matwejewitsch,“ fuhr sie nach einer kurzen Pause fort, kokett das
+Köpfchen auf die Seite neigend, „er tut mir wirklich leid. Ach, mein
+Gott!“ rief sie plötzlich ganz erschrocken aus, „aber sagen Sie doch,
+wie wird er denn heute dort zu Mittag speisen und ... und ... wie wird
+er denn ... wenn er sonst etwas wünscht?“
+
+„Das ist ein unvorhergesehenes Problem,“ sagte ich, gleichfalls
+bestürzt. „Ich habe, offen gestanden, an diese Möglichkeit noch gar
+nicht gedacht. Da haben wir wieder einen Beweis dafür, daß in
+Lebensfragen die Frauen weit praktischer sind als wir Männer!“
+
+„Der Arme, wie ist er nur da hineingeraten! ... Und nun sitzt er da, so
+ganz ohne Unterhaltung! Und außerdem ist es dort noch dunkel ... Wie
+dumm, daß ich keine Photographie von ihm habe ... So bin ich denn jetzt
+eigentlich Witwe, nicht wahr?“ fragte sie mit berückendem Lächeln,
+sichtlich interessiert für ihren neuen Stand. „Hm! ... aber er tut mir
+doch trotzdem leid! ...“
+
+Mit einem Wort – ich sah und hörte die sehr begreifliche und natürliche
+Sehnsucht einer jungen, interessanten Frau nach ihrem Manne. Endlich
+waren wir in ihrer Wohnung angelangt und nach erfolgreichen
+Beruhigungsversuchen, während welcher ich mit ihr zu Mittag gespeist
+hatte, brach ich um sechs Uhr nach einem Täßchen aromatischen Kaffees
+auf, um mich zu Timofei Ssemjonytsch zu begeben, denn ich nahm an, daß
+um diese Zeit alle Ehemänner zu Hause liegend oder sitzend anzutreffen
+sind.
+
+Übrigens:
+
+Nachdem ich das erste Kapitel in einem Stil geschrieben habe, der mir
+der betreffenden Erzählung angepaßt scheint, gedenke ich fernerhin einen
+minder hochtrabenden anzuwenden, der dafür natürlicher sein soll, wovon
+ich den verehrten Leser im voraus in Kenntnis setze.
+
+
+ II.
+
+Timofei Ssemjonytsch empfing mich in eigentümlicher Eile und, wie es mir
+schien, sogar Verwirrung. Er führte mich in sein enges Arbeitszimmer und
+schloß die Tür hinter uns zu. „Damit die Kinder uns nicht stören,“ sagte
+er sichtlich besorgt und unruhig. Mit einer Handbewegung forderte er
+mich auf, an seinem Schreibtisch Platz zu nehmen, während er sich selbst
+in einen bequemen Sessel niederließ, die Schöße seines ziemlich
+abgetragenen wattierten Schlafrocks übereinanderschlug und auf alle
+Fälle eine gewissermaßen offizielle, fast sogar strenge Miene aufsetzte,
+obgleich er doch weder mein noch Iwan Matwejewitschs Vorgesetzter war,
+sondern stets nur für unseren Kollegen und sogar guten Bekannten
+gegolten hatte.
+
+„Ganz zuerst,“ hub er denn auch an, als ich meine Rede beendet hatte,
+„muß ich Sie bitten, in Erwägung zu ziehen, daß ich kein Vorgesetzter
+bin, sondern auf gleicher Stufe mit Ihnen wie mit Iwan Matwejewitsch
+stehe ... Mich geht also die ganze Angelegenheit nichts an, weshalb ich
+mich denn auch nicht in sie hineinmischen werde.“
+
+Ich wunderte mich, – und zwar am meisten darüber, daß er bereits alles
+zu wissen schien. Nichtsdestoweniger erzählte ich ihm noch einmal die
+ganze Geschichte, und zwar noch ausführlicher. Ich sprach sogar sehr
+erregt, denn ich wollte doch die Pflicht eines aufrichtigen, treuen
+Freundes erfüllen. Doch auch diesmal hörte er mir ohne jede Verwunderung
+zu, dafür aber mit allen Anzeichen des Mißtrauens.
+
+„Denken Sie sich,“ sagte er zum Schluß, „ich habe schon immer vermutet,
+daß gerade so etwas mit ihm geschehen würde.“
+
+„Weshalb denn das, Timofei Ssemjonytsch? Dieser Fall ist doch an sich,
+sollte ich meinen, noch viel mehr als außergewöhnlich ...“
+
+„Zugegeben. Aber Iwan Matwejewitsch neigte schon immer, während seiner
+ganzen dienstlichen Laufbahn, gerade zu einem solchen Abschluß. Er war
+gar zu hitzig, war geradezu anmaßend. Ewig das Wort ‚Fortschritt‘ im
+Munde und dann so verschiedene Ideen – da sieht man jetzt, wohin das
+führt!“
+
+„Aber dieser Fall ist, denke ich, durchaus außergewöhnlich, man kann ihn
+daher doch nicht als Beweis gegen alle fortschrittlich Gesinnten
+ausspielen ...“
+
+„Nein, aber das ist nun schon einmal so. Glauben Sie mir, was ich sage.
+Das kommt, sehen Sie mal, von übermäßiger Bildung. Jawohl. Denn die
+übermäßig Gebildeten wollen ihre Nasen stets überallhin stecken,
+vornehmlich dorthin, wo man sie nicht wünscht. Übrigens ist es ja
+möglich, daß sie mehr wissen,“ unterbrach er sich plötzlich, offenbar
+gekränkt. „Ich bin schon alt und überdies nicht gar so gebildet; ich bin
+Soldatenkind und habe von unten begonnen – in diesem Jahre werde ich
+mein fünfzigjähriges Dienstjubiläum feiern ...“
+
+„O, nein, Timofei Ssemjonytsch, ich bitte Sie! Im Gegenteil, Iwan
+Matwejewitsch wartet nur auf Ihren Rat, er vertraut sich ganz Ihrer
+Leitung an. Er wartet nur auf ein Wort von Ihnen, wartet sogar sozusagen
+tränenden Auges ...“
+
+„‚Sozusagen tränenden Auges‘. Hm! Nun, diese Tränen werden wohl
+Krokodilstränen sein, die man nicht ernst zu nehmen braucht. Weshalb,
+sagen Sie mir das doch, bitte, weshalb wollte er ins Ausland reisen? Und
+mit welchem Gelde schließlich? Er selbst hat doch kein Vermögen.“
+
+„O, diese Summe hat er sich zusammengespart, Timofei Ssemjonytsch,“
+versetzte ich mitleidig. „Er wollte ja nur auf drei Monate verreisen ...
+in die Schweiz ... in die Heimat Wilhelm Tells ...“
+
+„Wilhelm Tells? Hm!“
+
+„In Neapel wollte er den Frühling empfangen. Wollte die Museen
+besichtigen, Sitten und Tiere kennen lernen.“
+
+„Hm! Tiere? Meiner Ansicht nach wollte er es einfach aus Stolz. Was für
+Tiere denn? Tiere! Gibt es denn bei uns nicht genug Tiere? Wir haben
+Menagerien, Museen, Kamele ... Bären gibt’s sogar in nächster Nähe von
+Petersburg. Aber da ist er ja nun glücklich selbst in ein Tier
+hineingeraten, und noch dazu in ein Krokodil!“
+
+„Timofei Ssemjonytsch, erbarmen Sie sich, der Mensch ist im Unglück, der
+Mensch wendet sich an Sie als Freund, wie man sich etwa an einen älteren
+Verwandten wendet, er bittet Sie um Ihren Rat, Sie aber ... machen ihm
+Vorwürfe! ... So haben Sie doch wenigstens mit Jelena Iwanowna Mitleid!“
+
+„Sie meinen seine Frau? Hm! Ein interessantes Dämchen,“ meinte Timofei
+Ssemjonytsch, augenscheinlich etwas aufgeweckter, und schnupfte mit
+Genuß seinen Tabak. „Ein subtiles Frauenzimmerchen. So–o ... rundlich,
+und das Köpfchen hält sie immer so ein wenig zur Seite geneigt, so ein
+wenig ... Ja. Sehr angenehm. Andrei Ossipytsch sprach noch vorgestern
+von ihr.“
+
+„Er _sprach_ von ihr?“
+
+„Jawohl, und zwar in sehr schmeichelhaften Ausdrücken. Die Büste, sagte
+er, der Blick, die Coiffure – ein wahres Bonbon, sagte er, aber kein
+Frauenzimmer, und darnach lachte er. Was wollen Sie, er ist ja ein noch
+junger Mann.“ Timofei Ssemjonytsch schneuzte sich, als wolle er
+trompeten.
+
+„Tja, und da haben wir nun diesen anderen jungen Mann, und sehen Sie,
+was der sich plötzlich für eine exzentrische Laufbahn wählt ...“
+
+„Aber hier handelt es sich doch um etwas ganz anderes, Timofei
+Ssemjonytsch!“
+
+„Gewiß, gewiß.“
+
+„Also wie bleibt es denn nun, Timofei Ssemjonytsch?“
+
+„Tja, was kann ich denn hierbei ausrichten?“
+
+„Aber so raten Sie doch wenigstens zu irgend etwas, sagen Sie, was wir
+tun sollen, Sie sind doch ein erfahrener Mensch! Welche Schritte soll
+man tun? Soll man durch die Vorgesetzten oder ...“
+
+„Durch die Vorgesetzten? Nein, das in keinem Fall,“ versetzte Timofei
+Ssemjonytsch eilig. „Wenn Sie meinen Rat zu hören wünschen, so muß man
+die Sache zuerst vertuschen und sozusagen ganz privatim vorgehen. Denn
+der Fall ist verdächtig und außerdem neu, noch nie dagewesen. Das ist
+die Hauptsache, daß es sich hier um etwas Noch-nie-dagewesenes handelt,
+es hat hierfür noch kein Beispiel, keinen Präzedenzfall gegeben, und
+schon deshalb ist er eine schlechte Empfehlung ... Daher ist vor allem
+Vorsicht geboten ... Mag er dort vorläufig liegen. Man muß abwarten,
+abwarten muß man ...“
+
+„Ja, aber wie lange denn abwarten, Timofei Ssemjonytsch? Und wie, wenn
+er dort erstickt?“
+
+„Tja, weshalb denn das? Sie sagten doch, glaube ich, daß er sich dort
+ganz behaglich fühle?“
+
+Ich erzählte nochmals den ganzen Vorgang von Anfang an. Timofei
+Ssemjonytsch wurde nachdenklich.
+
+„Hm!“ meinte er dann, indem er die Schnupftabakdose in der Hand drehte.
+„Meiner Ansicht nach kann es nicht schaden, wenn er dort eine Zeitlang
+abliegt, anstatt sich im Auslande herumzutreiben. Mag er jetzt einmal in
+Muße nachdenken. Natürlich ist es nicht nötig, dabei zu ersticken,
+deshalb wäre es angebracht, gewisse Vorkehrungen zur Erhaltung der
+Gesundheit zu treffen, sich, zum Beispiel, vor Husten in acht zu nehmen,
+vor diesem und jenem usw. Was aber den Deutschen betrifft, so ist er,
+meiner persönlichen Ansicht nach, durchaus in seinem Recht, denn es ist
+_sein_ Krokodil, in das Iwan Matwejewitsch, ohne ihn, den Besitzer, um
+Erlaubnis zu fragen, hineingekrochen ist, nicht umgekehrt, nicht der
+Deutsche in Iwan Matwejewitschs Krokodil, obschon übrigens dieser,
+soviel ich weiß, niemals ein Krokodil besessen hat. Nun, das Krokodil
+ist aber in diesem Fall persönliches Eigentum, folglich kann man es
+nicht so ohne weiteres aufschneiden, das heißt – ohne dem Besitzer den
+geforderten Schadenersatz zu zahlen.“
+
+„Aber zur Rettung eines Menschen, Timofei Ssemjonytsch!“
+
+„Tja, sehen Sie, das ist Sache der Polizei. Also wenden Sie sich an
+diese.“
+
+„Aber schließlich kann ja Iwan Matwejewitsch auch bei uns vermißt
+werden. Man kann vielleicht irgendwelche Aufschlüsse von ihm verlangen,
+ihn zu Rate ziehen wollen ...“
+
+„Wen das? – Iwan Matwejewitsch! He–he! ... Zudem hat er ja jetzt Ferien,
+folglich ignorieren wir ihn und sein Treiben, – mag er dort inzwischen
+Europa besichtigen, was geht es uns an! Eine andere Sache ist es, wenn
+er nach Ablauf der Frist nicht pünktlich erscheint. Nun, dann werden wir
+uns erkundigen, Nachforschungen anstellen ...“
+
+„Nach drei Monaten! Timofei Ssemjonytsch, erbarmen Sie sich!“
+
+„Tja – ... Es ist seine eigene Schuld! Wer hat ihn gebeten, ins Krokodil
+zu kriechen? Das käme ja schließlich darauf hinaus, daß der Staat ihm
+noch eine Wärterin halten muß, das ist aber in keinem Budget vorgesehen.
+Doch die Hauptsache: das Krokodil ist persönliches Eigentum, folglich
+tritt hier bereits das sogenannte ökonomische Prinzip in Aktion. Das
+ökonomische Prinzip aber geht allem voran. Noch vorgestern sprach
+Ignatij Prokofjitsch auf dem Gesellschaftsabend bei Luka Andrejewitsch
+ganz vorzüglich über diesen Punkt. Sie kennen doch Ignatij Prokofjitsch?
+Ein Kapitalist, ^homme d’affaires^, und er redet, wissen Sie, ganz
+vorzüglich. ‚Wir brauchen Gewerbe,‘ sagt er, ‚Gewerbe tut uns not.‘ Wir
+müssen es eben schaffen, wir müssen es sozusagen erst gebären. Dazu
+müssen wir zuerst Kapital schaffen, das heißt, der Mittelstand, die
+sogenannte Bourgeoisie muß geboren werden. Da wir aber hierzulande
+selbst kein Kapital haben, müssen wir es aus dem Auslande heranziehen.
+Vor allem muß man den ausländischen Gesellschaften, die hier den
+Landankauf im großen betreiben, die ganze Bezirke kaufen wollen, mit
+günstigeren Bedingungen entgegenkommen. ‚Dieses Gemeindewesen, wie wir
+es jetzt haben, mit dem gemeinsamen Arbeiten und dem gemeinsamen Besitz,
+der doch ebensogut wie kein Besitz ist – ist einfach Gift,‘ sagte er,
+‚einfach unser Ruin!‘ Und wissen Sie, er redet so mit Feuer, mit
+Temperament. Nun, ihm steht es auch zu: ein Kapitalist! ... Das ist
+etwas anderes als ein Beamter. ‚Mit diesem Gemeindewesen,‘ sagt er,
+‚wird man weder unser Gewerbe, noch unsere Landwirtschaft heben. Die
+ausländischen Gesellschaften müßten nach Möglichkeit unser ganzes Land
+ankaufen und dann müßte man die größeren Bezirke in kleinere teilen,
+teilen, teilen, in möglichst kleine Parzellen teilen,‘ – und wissen Sie,
+er sagt das so kategorisch: _tei_–len, _tei_–len, sagt er und schneidet
+so mit der Hand – ‚und dann die einzelnen Landstücke an die Bauern
+verkaufen, die sie als persönliches Eigentum erwerben wollen. Oder auch
+nicht einmal verkaufen, sondern einfach verpachten. Wenn dann das ganze
+Land in den Händen der ausländischen Gesellschaften sein wird,‘ sagt er,
+‚dann kann man jeden beliebigen Preis als Pacht ansetzen. Folglich wird
+der Bauer allein für sein tägliches Brot dreimal soviel arbeiten, wie er
+jetzt arbeitet, und sobald es einem paßt, kündigt man ihm. Folglich wird
+er sich in acht nehmen, wird gehorsam sein, fleißig, und das Dreifache
+von dem, was er jetzt arbeitet, für denselben Preis leisten. Was fehlt
+ihm jetzt in der Gemeinde! Er weiß, daß er vor Hunger nicht sterben
+wird, na, und da faulenzt er eben und säuft. So aber würde hier Geld aus
+allen Ländern zusammenfließen und würden Kapitale entstehen und eine
+Bourgeoisie. Es sagt ja auch die große englische Zeitung, The Times, die
+vor nicht langer Zeit einen Artikel über unsere Finanzen gebracht hat,
+daß unsere Finanzen sich eben nur deshalb nicht bessern, weil wir keinen
+Mittelstand haben, weil es bei uns keine großen Beutel gibt und keine
+arbeitsfähigen Proletarier ...‘ Ja, Ignatij Prokofjitsch spricht gut,
+das muß man ihm lassen. Ein geborener Redner. Jetzt beabsichtigt er eine
+Schrift einzureichen, die soll direkt an die Behörden gehen und nachher
+will er sie in den „Nachrichten“ veröffentlichen. Tja, das ist etwas
+anderes als Gedichte machen, wie sie ein Iwan Matwejewitsch schreibt
+...“
+
+„Ja, aber wie bleibt es denn nun mit Iwan Matwejewitsch?“ lenkte ich
+wieder ein, nachdem ich den Alten hatte ausreden lassen.
+
+Timofei Ssemjonytsch sprach sich mitunter ganz gern einmal aus, um bei
+der Gelegenheit zu beweisen, daß er nicht etwa zurückgeblieben, sondern
+von allen neuen Strömungen wenigstens unterrichtet war.
+
+„Wie es mit Iwan Matwejewitsch bleibt? Tja, das ist es ja, wovon ich
+rede. Da bemühen wir uns nun um Heranziehung fremden Kapitals, doch kaum
+hat sich das Kapital des herangezogenen Krokodilbesitzers durch Iwan
+Matwejewitsch verdoppelt, da wollen wir, anstatt jetzt die Gelegenheit
+zu benutzen und den ausländischen Besitzer zu protegieren, im Gegenteil
+nichts weniger als seinem Grundkapital den Bauch aufschlitzen! Nun, ich
+bitt’ Sie, geht denn das? Meiner Ansicht nach müßte sich Iwan
+Matwejewitsch, wenn er ein treuer Sohn seines Vaterlandes wäre,
+aufrichtig glücklich schätzen, sich freuen und stolz darauf sein, daß er
+durch seine Person den Wert des ausländischen Krokodils verdoppelt oder
+gar verdreifacht hat. Das aber ist ja die erste Bedingung zu einer
+erfolgreichen Heranziehung fremden Kapitals. Glückt es hier dem ersten,
+dann wird auch der zweite nicht lange auf sein Erscheinen warten lassen,
+und der dritte wird dann vielleicht ganze drei oder vier Krokodile
+mitbringen, und um diese beginnen dann die Kapitale sich zu gruppieren.
+Da hätten wir alsdann die Bourgeoisie! Tja, man muß eben begünstigen,
+begünstigen ...“
+
+„Erbarmen Sie sich, Timofei Ssemjonytsch!“ rief ich aus, „Sie verlangen
+ja eine ganz übermenschliche Selbstaufopferung vom armen Iwan
+Matwejewitsch!“
+
+„Ich _verlange_ nichts, und vor allem bitte ich Sie – wie ich es schon
+einmal getan – nicht zu vergessen, daß ich nicht sein Vorgesetzter bin
+und somit von niemandem etwas verlangen kann. Ich rede nur als Sohn
+meines Vaterlandes – das heißt, nicht als ‚Sohn des Vaterlandes‘, wie
+eine unserer großen Zeitungen sich nennt, sondern als gewöhnlicher Sohn
+meines Vaterlandes. Und überdies die Frage: wer hat ihn denn gebeten, in
+dieses Krokodil hineinzukriechen? Bedenken Sie doch nur: ein solider
+Mensch, ein Beamter, der bereits einen gewissen Rang erreicht hat,
+außerdem rechtmäßig verheiratet ist, und plötzlich – solch ein Schritt!
+Sagen Sie doch selbst!“
+
+„Aber dieser Schritt geschah doch ganz unfreiwillig, nur aus Versehen!“
+
+„Wer kann das wissen? Und zudem, aus welcher Kasse soll dem Deutschen
+das Krokodil bezahlt werden? – wenn Sie mir das gefälligst sagen
+könnten.“
+
+„Ginge es nicht a Konto des Gehalts?“
+
+„Wird das ausreichen?“
+
+„Nein, freilich nicht,“ mußte ich zu meinem Kummer zugeben. „Der
+Deutsche erschrak zuerst nicht wenig, denn er glaubte, sein Krokodil
+würde platzen; dann aber, als er sich überzeugt hatte, daß alles
+glücklich abgelaufen war, wurde er gerader größenwahnsinnig und freute
+sich sehr über die Möglichkeit, den Eintrittspreis zu verdoppeln.“
+
+„Zu verdreifachen, zu vervierfachen! Das Publikum wird sich jetzt um
+Eintrittskarten reißen! Und ein Krokodilbesitzer ist nicht so dumm, daß
+er das nicht auszunutzen verstände! Nein, ich wiederhole: mag Iwan
+Matwejewitsch vorläufig ganz inkognito nur beobachten, ohne sich zu
+übereilen. Mögen es alle meinethalben wissen, daß er sich im Krokodil
+befindet, aber möge man es nicht offiziell wissen. In dieser Hinsicht
+trifft es sich sogar sehr gut, daß er offiziell als verreist gilt und
+man ihn im Auslande glaubt. Wenn man uns also benachrichtigt, daß er
+sich im Krokodil befindet, so werden wir es eben einfach nicht glauben.
+Das läßt sich sehr leicht so machen. Die Hauptsache ist also nur:
+abwarten. Ja, und es hat doch damit gar keine Eile ...“
+
+„Aber wenn er zum Beispiel ...“
+
+„Beunruhigen Sie sich nicht, der ist widerstandsfähig ...“
+
+„Ja aber, was dann, wenn er sich nun geduldet hat?“
+
+„Tja, ich will es Ihnen nicht verheimlichen, daß es ein sehr
+verzweifelter Fall ist. Mit Überlegungen kommt man hier nicht vorwärts.
+Aber das Schlimmste ist, daß wir bisher nichts Ähnliches gehabt haben,
+wie gesagt: uns fehlt ein Präzedenzfall, ein Beispiel. Hätten wir nur
+einen einigermaßen ähnlichen Fall, so könnte man noch so manches
+ausrichten. Denn sonst – wie will man sich hier zurechtfinden? Fängt man
+an nachzudenken, so kann er lange warten ...“
+
+Da kam mir plötzlich ein glücklicher Gedanke.
+
+„Aber könnte man es nicht so machen,“ unterbrach ich ihn, „daß man, wenn
+er nun einmal im Bauche des Krokodils ist und dieses dank himmlischer
+Vorsehung nicht früher eingeht, – kann man dann nicht in seinem Namen
+eine Bittschrift einreichen, daß man ihm diese Zeit als Dienst anrechne?
+...“
+
+„Hm! ... es sei denn, daß man sie als Urlaub anrechnet und
+selbstverständlich kein Gehalt für diese Zeit zu zahlen braucht ...“
+
+„Nein, ginge es nicht mit dem Gehalt?“
+
+„Auf Grund wessen denn das, wenn ich fragen darf?“
+
+„Ach, sehr einfach. Indem man die Sache so hinstellt, als sei er dorthin
+abkommandiert ...“
+
+„Was! – wohin?“
+
+„In das Krokodil natürlich! ... Und einfach sozusagen zur Nachforschung
+und Untersuchung der Tatsachen an Ort und Stelle. Das würde natürlich
+etwas Neues sein, aber zugleich doch fortschrittlich, und außerdem würde
+es eine Bemühung um Aufklärung sein ...“
+
+Timofei Ssemjonytsch überlegte.
+
+„Einen Beamten,“ begann er endlich, „in das Innere eines Krokodils
+abzukommandieren, mit _besonderen_ Aufträgen, versteht sich, ist meiner
+persönlichen Ansicht nach – Unsinn. Im Budget ist so etwas nicht
+vorgesehen. Und was könnten denn das für Aufträge sein?“
+
+„Vielleicht ... so zur wissenschaftlichen Untersuchung der Naturvorgänge
+an Ort und Stelle, mitten im Leben sozusagen. Heutzutage ist doch
+Naturwissenschaft Trumpf ... Da könnte er denn dort leben und alles
+mitteilen ... nun, gleichviel, sagen wir: wie die Verdauung vor sich
+geht, so gewissermaßen den Prozeß des Verdauens beobachten, oder sonst
+etwas Ähnliches. Um eben Tatsachenmaterial zu sammeln ...“
+
+„Das wäre also, sagen wir, etwas in der Art einer analytischen
+Statistik. Nun, was das betrifft, muß ich sagen, daß ich nicht viel
+davon verstehe, ich bin kein Philosoph. Sie sagen: Tatsachenmaterial, –
+wir sind doch ohnehin schon mit Tatsachen überhäuft und wissen nicht,
+was wir mit ihnen anfangen sollen. Hinzu kommt, daß diese Statistik auch
+noch gefährlich ist ...“
+
+„Inwiefern denn das?“
+
+„Jawohl: gefährlich. Und zudem – das werden Sie doch einsehen – würde er
+die Tatsachen mitteilen, indem er auf der Seite liegt. Was ist aber das
+für ein Dienst, der liegend verrichtet wird? Das wäre schon wieder eine
+Neueinführung, die außerdem gefährlich ist. Und weiter: es fehlt uns
+jegliches Beispiel. Tja, wenn Sie uns nur ein einziges kleines Vorbild
+nennen könnten, wenn auch nur ein einigermaßen ähnliches, so ließe es
+sich, meiner Ansicht nach, eventuell noch machen, daß man ihn dorthin
+abkommandiert.“
+
+„Ja, aber bis hierzu ist doch noch kein lebendiges Krokodil nach Rußland
+gebracht worden, Timofei Ssemjonytsch!“
+
+„Hm! Ja ...“ Er überlegte. „Wenn Sie wollen, ist diese Ihre Einwendung
+richtig und könnte sogar zur Basis eines entsprechenden Verfahrens in
+dieser Angelegenheit dienen. Aber andererseits müssen Sie auch wieder in
+Betracht ziehen, daß mit dem Erscheinen lebender Krokodile die Beamten
+anfangen würden zu verschwinden, und bald würden sie alle verlangen,
+zumal es dort warm und weich ist, abkommandiert zu werden, um dann auf
+der Bärenhaut liegen zu können ... das ist doch, nicht wahr, ein
+schlechtes Beispiel! So kann ja schließlich ein jeder dorthin wollen, um
+auf diese Weise sein Gehalt ohne jede Mühe zu erhalten.“
+
+„Nun, jedenfalls werden Sie doch ein gutes Wort für ihn einlegen,
+Timofei Ssemjonytsch? Bei der Gelegenheit: Iwan Matwejewitsch hat mich
+gebeten, Ihnen eine kleine Kartenschuld zu übergeben, sieben Rubel waren
+es, glaube ich.“
+
+„Ach richtig, die verlor er letztens bei Nikifor Nikiforytsch. Ich weiß.
+Und wie guter Laune er damals war, er scherzte, lachte, und jetzt! ...“
+
+Der alte Mann war aufrichtig gerührt.
+
+„Also Sie tun etwas für ihn, Timofei Ssemjonytsch?“
+
+„Gewiß, gewiß. Ich werde mich so unter der Hand erkundigen, nur um zu
+sondieren ... Aber übrigens – könnten Sie nicht irgendwie, sagen wir,
+inoffiziell, so auf Umwegen in Erfahrung bringen, wieviel der Besitzer
+nötigen Falles für sein Krokodil verlangen würde?“
+
+Timofei Ssemjonytsch war ersichtlich gütiger geworden.
+
+„O, unbedingt,“ versprach ich freudig, „und wenn Sie erlauben, werde ich
+bei Ihnen vorsprechen, sobald ich es erfahren habe.“
+
+„Und seine Frau ... die ist jetzt wohl allein zu Hause? Langweilt sich?“
+
+„Würden Sie sie nicht besuchen, Timofei Ssemjonytsch?“
+
+„Gewiß, gewiß. Ich dachte schon gestern daran, und jetzt ist es ja eine
+so günstige Gelegenheit ... Tja, was ihn nur geplagt haben mag, das
+Krokodil zu besehen. Übrigens werde ich es mir doch auch einmal
+anschauen müssen ...“
+
+„Ja, besuchen Sie doch den Armen.“
+
+„Gewiß, gewiß. Natürlich will ich ihm durch diesen meinen Schritt keine
+Hoffnung machen. Ich werde eben nur als Privatperson hingehen ... Nun,
+auf Wiedersehen, ich muß ja heute wieder zu Nikifor Nikiforytsch; werden
+Sie dort sein?“
+
+„Nein, ich gehe jetzt zum Gefangenen.“
+
+„Tja, jetzt muß man zum ‚Gefangenen‘ gehn! ’s ist doch ein Leichtsinn,
+ein Leichtsinn!“
+
+Ich verabschiedete mich von ihm. Verschiedene Gedanken gingen mir durch
+den Kopf. Dieser Timofei Ssemjonytsch war ja ein herzensguter und
+grundehrlicher Mensch, als ich ihn aber verlassen hatte, freute ich mich
+doch, daß er in diesem Jahr sein fünfzigjähriges Dienstjubiläum feiern
+konnte und solche Timofei Ssemjonytschs immerhin schon eine Seltenheit
+bei uns geworden sind.
+
+Ich begab mich eilig und geradenwegs in die Passage, um dem armen Iwan
+Matwejewitsch das Ergebnis meiner Unterredung mit unserem erfahrenen
+Kollegen mitzuteilen. Ich muß aber sagen, daß mich auch meine Neugier
+nicht wenig zu dieser Eile antrieb. Wie hatte er sich dort im Krokodil
+eingerichtet und wie konnte ein Mensch überhaupt in einem Krokodil
+leben? Wie war das möglich? Mitunter schien es mir wahrlich nur ein
+ungeheuerlicher Traum zu sein, um so mehr, als es sich um ein Ungeheuer
+handelte ...
+
+
+ III.
+
+Und doch war es kein Traum, sondern unanfechtbare Wirklichkeit. Würde
+ich es denn sonst überhaupt erzählen! Aber ich fahre fort ...
+
+Es war schon ziemlich spät, gegen neun, als ich endlich in der Passage
+anlangte. In die Menagerie konnte ich nur durch eine Hintertür gelangen,
+da der Besitzer seine „Ausstellung“ offiziell bereits geschlossen hatte.
+Er selbst ging in einem alten schmierigen Rock, doch dreimal zufriedener
+mit sich und der Welt, in seinen Räumen umher. Man sah es ihm auf den
+ersten Blick an, daß er nichts mehr befürchtete und das Publikum an
+diesem Nachmittage sehr zahlreich herbeigeströmt war. Seine „Mutter“
+erschien erst später auf der Bildfläche, und zwar, wie es schien, nur
+deshalb, um mich im Auge zu behalten. Sie und ihr Gatte steckten oft die
+Köpfe zusammen und tuschelten geschäftig. Obschon die „Ausstellung“
+geschlossen war, verlangte er von mir doch noch die üblichen
+fünfundzwanzig Kopeken. Gott, nichts ist schrecklicher als übertriebene
+Akkuratesse!
+
+„Sie werden jedesmal zahlen, wenn Sie kommen. Das übrige Publikum zahlt
+jetzt einen Rubel pro Person, von Ihnen aber nehme ich nur
+fünfundzwanzig Kopeken, denn Sie sind ein guter Freund Ihres guten
+Freundes und Freundschaft respektiere ich ...“
+
+„Lebt er, lebt er noch, mein Freund?“ rief ich laut, indem ich den
+Deutschen stehen ließ und zum Krokodil eilte. Im geheimen hoffte ich,
+daß mein lauter Ruf bis zu meinem Freunde dringen und seiner Eigenliebe
+schmeicheln würde.
+
+Ich hatte mich nicht getäuscht.
+
+„Er lebt und ist gesund,“ tönte es sogleich wie aus der Tiefe des Raumes
+zurück, oder wie unter einem Kissen hervor, obwohl ich fast schon beim
+Krokodil angelangt war. „Er lebt und ist gesund, doch davon später ...
+Wie steht es?“
+
+Ich tat, als hätte ich die Frage nicht gehört und begann ihn eilig und
+teilnahmsvoll mit meinen Fragen zu überschütten: wie er sich fühle, wie
+es denn dort im Krokodil aussehe und was dort im Magen noch außer
+ihm sei? – wie es die gewöhnliche Höflichkeit und jedes
+Freundschaftsverhältnis verlangt. Doch ärgerlich und eigensinnig
+unterbrach er mich.
+
+„Wie es steht?“ schrie er kreischend, wie ein geärgerter heiserer
+Kommandant, so daß er mir im Augenblick sehr unsympathisch war. Übrigens
+hatte er sich mir gegenüber oft genug diesen Befehlshaberton erlaubt.
+
+Ich unterdrückte meinen Groll und erzählte ihm mit allen Details, was
+Timofei Ssemjonytsch gesagt hatte. Übrigens bemühte ich mich doch, durch
+den Tonfall meiner Stimme zu verstehen zu geben, daß ich mich gekränkt
+fühlte.
+
+„Der Alte hat recht,“ entschied Iwan Matwejewitsch kategorisch, wie er
+gewöhnlich mit mir zu sprechen pflegte. „Liebe praktische Menschen und
+kann sentimentale Memmen nicht ausstehen. Bin aber bereit, zuzugeben,
+daß auch deine Idee, mich hierher abkommandieren zu lassen, nicht ganz
+barer Unsinn ist. Vermag allerdings vieles mitzuteilen, das sowohl
+wissenschaftlich wie sittlich neu ist. Doch jetzt nimmt das alles eine
+andere, ganz unerwartete Wendung und da lohnt es sich nicht wegen des
+Gehalts zu streiten. Höre aufmerksam zu. Sitzt du?“
+
+„Nein, ich stehe.“
+
+„Setz’ dich auf irgend etwas, meinetwegen auf den Fußboden, und höre
+aufmerksam zu.“
+
+Wütend nahm ich einen Stuhl und stellte ihn so nachdrücklich hin, daß
+die Beine laut aufschlugen.
+
+„Höre,“ hub er im Befehlshaberton an, „Publikum hat es heute eine
+Unmenge gegeben. Gegen Abend konnte der Raum die Menschen gar nicht
+fassen, die eintreten wollten. Der Ordnung halber erschien die Polizei.
+Gegen acht Uhr, also früher als sonst, schloß der Deutsche die
+Ausstellung, erstens um das viele Geld zu zählen und zweitens, um sich
+besser für morgen vorbereiten zu können. Morgen wird es hier ein ganzer
+Jahrmarkt werden. Es ist also anzunehmen, daß mit der Zeit alle
+gebildeten Leute unserer Hauptstadt, alle Damen der vornehmen
+Gesellschaft, alle Gesandten und Botschafter, Legationsräte, Assessoren
+und Juristen sich hier einfinden werden. Und nicht nur das: man wird aus
+allen Provinzen unseres großen, neugierigen Reiches herkommen, um das
+Wunder anzustaunen. Daraus ergibt sich, daß ich, obgleich persönlich
+unsichtbar, doch die erste Rolle spielen werde. Werde die müßige Masse
+belehren, werde, selbst belehrt durch eigene Erfahrung, mich als
+Beispiel der Demut vor dem Schicksal hinstellen! Werde, um im Bilde zu
+reden, ein Katheder sein, von dem herab ich die Menschheit unterweise.
+Schon allein die naturwissenschaftlichen Aufschlüsse, die ich über das
+von mir bewohnte Tier geben kann, sind unendlich wertvoll. Und deshalb
+murre ich nicht nur nicht wider jenen Zufall, der mich hierherbefördert
+hat, sondern hoffe, dank diesem Zufall, die glänzendste Karriere zu
+machen.“
+
+„Wenn’s nur nicht langweilig wird,“ bemerkte ich trocken.
+
+Am meisten ärgerte mich, daß er, wenn er von sich sprach, das
+persönliche Fürwort überhaupt nicht mehr gebrauchte, – so voll war er
+von sich! Nichtsdestoweniger machte mich dieser Ton doch stutzig. „Was
+bildet sich dieser dumme Kerl eigentlich ein!“ fragte ich mich geradezu
+empört. „Weinen müßte er, aber nicht noch großtun!“
+
+„Nein, das wird es nicht!“ antwortete er schroff auf meine Bemerkung,
+„denn ich bin durchdrungen von großen Ideen. Kann erst jetzt zum
+erstenmal in Muße über die Verbesserung der Lebensbedingungen der
+Menschheit nachdenken. Aus diesem Krokodil soll fortan die Wahrheit und
+das Licht hervorgehen! Werde unfehlbar eine neue, meine eigene Theorie
+für die ökonomischen Verhältnisse erfinden und stolz auf sie sein können
+– was mir bisher infolge des Bureaudienstes und der flachen weltlichen
+Zerstreuungen nicht möglich war. Werde alles widerlegen, werde meine
+Gegenbeweise vorbringen und ein neuer Charles Fourier werden. Hast du
+Timofei Ssemjonytsch die sieben Rubel gegeben?“
+
+„Ja, aus meiner Tasche,“ antwortete ich, und zwar so, daß allein schon
+der Ton meiner Stimme sagte, daß ich seine Schuld aus meiner Tasche
+bezahlt hatte.
+
+„Das wird dir bezahlt werden,“ sagte er hochmütig. „Erwarte unbedingt
+eine Gehaltserhöhung, denn wem sollte man sonst eine zusprechen, wenn
+nicht mir? Ich bringe jetzt unendlichen Nutzen. Doch zur Sache. – Meine
+Frau?“
+
+„Du willst dich wohl nach dem Befinden Jelena Iwanownas erkundigen?“
+
+„Meine Frau?!“ schrie er gerader wie ein altes Weib.
+
+Da war natürlich nichts zu machen. Gehorsam, doch innerlich knirschend
+erzählte ich, wie ich Jelena Iwanowna nach Hause begleitet und verlassen
+hatte. Er unterbrach mich jedoch, noch bevor ich zu Ende erzählt hatte.
+
+„Ich habe besondere Absichten mit ihr,“ sagte er gereizt. „Werde ich
+_hier_ berühmt, nun, so will ich, daß sie _dort_ berühmt werde. Alle
+Gelehrten, Dichter, Philosophen, Zoologen, ausländische wie inländische,
+alle Staatsmänner werden, nach ihrer Unterhaltung mit mir am Vormittage,
+am Abend in ihrem Salon erscheinen. In der nächsten Woche muß sie jeden
+Abend bei sich empfangen. Mein verdoppeltes Gehalt wird ihr die Mittel
+geben, die Kosten zu bestreiten, und da sich so etwas sehr gut nur mit
+Tee und Lohndienern machen läßt, so brauchen wir über den Kostenpunkt
+weiter kein Wort zu verlieren. Hier wie dort wird man nur von mir reden.
+Habe mich lange nach einer Gelegenheit gesehnt, die von mir reden machen
+könnte, doch blieb mir die Erfüllung dieses Wunsches versagt, da ich
+durch meinen Rang und meine Bedeutung gebunden war. Jetzt ist alles dank
+dem einen ingeniösen Einfall des Krokodils ohne weiteres erreicht. Jedes
+meiner Worte wird jetzt niedergeschrieben, jeder Ausspruch erörtert,
+weitergegeben, gedruckt werden. Werde mich ihnen offenbaren! Sie werden
+begreifen, welche Fähigkeiten sie im Eingeweide eines Krokodils fast
+haben umkommen lassen. ‚Dieser Mann könnte ein Minister sein und ein
+ganzes Königreich regieren!‘ werden sie sagen. Inwiefern, sag’ doch
+selbst, inwiefern bin ich schlechter als irgend solch ein Garnier-Pagès
+oder wie sie da heißen? Meine Frau muß ein Pendant zu mir sein:
+ich glänze durch meinen Verstand – sie durch Schönheit und
+Liebenswürdigkeit. ‚Sie ist entzückend, deshalb ist sie seine Frau,‘
+werden die einen sagen. ‚Sie ist entzückend, _weil sie seine Frau ist_,‘
+werden die anderen den Ausspruch verbessern. Jedenfalls sage ihr, daß
+sie sich sogleich morgen das enzyklopädische Lexikon kaufen soll, das
+von Andrei Krajewskij herausgegeben worden ist, um über alles reden zu
+können. Doch soll sie vor allen Dingen stets den Leitartikler in den
+‚St. Petersburger Nachrichten‘ lesen und täglich mit dem Leitartikel des
+‚Woloß‘ vergleichen. Nehme an, daß der Besitzer einwilligen wird, mich
+bisweilen mit dem Krokodil in den Salon meiner Frau zu bringen. Werde
+dann auf dem Boden dieses Blechkastens mitten im glänzenden Salon stehen
+und mit Bonmots, die ich mir schon vom Morgen an zurechtlegen kann, nur
+so um mich werfen. Dem Staatsmanne werde ich meine Projekte vorlegen;
+mit dem Dichter werde ich nur in Reimen reden; mit den Damen werde ich
+unterhaltend und amüsant sein, – da ich ja jetzt für ihre Männer ganz
+ungefährlich bin. Allen übrigen werde ich als Vorbild dienen, als
+Beispiel demutvoller Ergebung und Unterordnung meines Willens unter
+denjenigen der Vorsehung. Meine Frau werde ich zu einer glänzenden
+literarischen Erscheinung machen, ich werde sie hervorheben und dem
+Publikum erklären; als meine Frau muß sie die größten Vorzüge haben, und
+wenn man mit Recht Andrei Alexandrowitsch unseren Alfred de Musset
+nennt, so wird man sie mit noch größerem Recht unsere Eugenie Tour
+nennen.“
+
+Offen gestanden, mir kam der Gedanke, daß mein Iwan Matwejewitsch,
+obschon dieser ganze Unsinn an den ehemaligen Iwan Matwejewitsch
+erinnerte, zur Zeit, wenn auch nicht gerade unheilbar erkrankt war, so
+doch hohes Fieber haben mußte und demzufolge phantasierte. Im Grunde war
+es ja ganz derselbe alltägliche Iwan Matwejewitsch, nur – wie soll ich
+sagen? – etwa durch ein zwanzigfaches Vergrößerungsglas gesehen.
+
+„Mein Freund,“ begann ich möglichst sanft, „hoffst du, bei diesem Leben
+ein hohes Alter zu erreichen? Und überhaupt, sage doch: bist du gesund?
+Was ißt du, wie schläfst du, wie atmest du? Ich bin dein Freund, und du
+wirst doch zugeben, daß dieser Fall gar zu übernatürlich ist, um mein
+Interesse nicht natürlich erscheinen zu lassen.“
+
+„Es ist nur müßige Neugier von dir und nichts weiter,“ widersprach er
+ärgerlich. „Doch ich will sie trotzdem befriedigen. Du fragst, wie ich
+mich hier im Leibe des Krokodils eingerichtet habe? Erstens hat sich das
+Krokodil zu meiner Überraschung als etwas vollkommen Leeres erwiesen.
+Sein Inneres besteht gleichsam aus einem großen leeren Sack, der an jene
+Gummigegenstände erinnert, die man in den Schaufenstern der großen
+Kaufläden an der Morskaja, Gorochowaja und, wenn ich nicht irre, auch
+auf dem Wosnessenskij Prospekt ausgestellt sieht. Denn – sage es dir
+doch selbst – wie könnte ich mich sonst hier aufhalten?“
+
+„Ist’s möglich!“ rief ich in begreiflicher Verwunderung aus. „Ist das
+Krokodil wirklich ganz leer?“
+
+„Vollkommen leer,“ bestätigte Iwan Matwejewitsch streng und
+nachdrücklich. „Und aller Wahrscheinlichkeit nach ist es das gemäß den
+Gesetzen seiner Natur. Das Krokodil setzt sich zusammen aus einem großen
+Rachen, der mit scharfen Zähnen versehen ist, und außerdem einem langen
+Schwanze, – und das ist das ganze Krokodil, genau genommen. In der Mitte
+aber zwischen diesen zwei Extremitäten ist ein leerer Raum, der von
+einer kautschukartigen Masse umfaßt wird – wahrscheinlich ist es
+wirklicher Kautschuk ...“
+
+„Aber die Rippen, der Magen, die Gedärme, die Leber, das Herz?“
+unterbrach ich ihn fast persönlich gekränkt.
+
+„Davon gibt’s hier n–_nichts_, absolut nichts, und aller
+Wahrscheinlichkeit nach hat’s davon auch niemals etwas hier gegeben.
+Alles das ist nur eine freie Erfindung der müßigen Phantasie
+leichtsinniger Reisender. Wie man ein aus Gummi hergestelltes Sitzkissen
+aufbläst, so kann ich jetzt mein Krokodil aufblasen. Sein Inneres ist
+bis zur Unglaublichkeit dehnbar. Selbst du könntest noch als Hausfreund
+hier Platz finden, wenn du so großmütig wärest, mir Gesellschaft leisten
+zu wollen. Ich habe sogar daran gedacht, im äußersten Fall Jelena
+Iwanowna hierher zu beordern. Übrigens stimmt diese leere Beschaffenheit
+des Krokodils vollkommen mit den wissenschaftlichen Angaben überein.
+Denn, nehmen wir zum Beispiel an, daß dir der Auftrag zuteil würde, ein
+neues Krokodil zu schaffen, so würde sich vor dir doch unwillkürlich die
+Frage erheben: welches ist der Lebenszweck eines Krokodils? Die Antwort
+liegt auf der Hand: Menschen zu verschlingen. – Wie nun das Innere des
+Krokodils zweckmäßig schaffen, damit es ohne eigene Lebensgefahr
+Menschen verschlingen kann? Auf diese Frage ist die Antwort noch
+leichter: man läßt es – leer sein. Wie du weißt, hat die Physik
+bewiesen, daß die Natur keine Leere duldet. Infolgedessen wird durch
+diese Leere, die die Natur nicht duldet, die Funktion des Krokodils
+hervorgerufen, denn die Leere, die erwiesenermaßen nicht leer bleiben
+kann, muß sich nach dem einfachen Gesetz der Natur füllen, und folglich
+greift sie ganz naturgemäß nach allem, was sich in ihrem Bereich
+befindet. Damit hast du den Grund, weshalb alle Krokodile Menschen
+verschlingen. Das ist das Gesetz von der funktionierenden Leere. Doch
+gilt es selbstverständlich nicht für alle Lebewesen. Ganz anders ist zum
+Beispiel der Mensch beschaffen: je leerer zum Beispiel der Kopf eines
+Menschen ist, um so weniger hat er das Bedürfnis, sich zu füllen, doch
+ist das wiederum nur als eine Ausnahme aus der allgemeinen Regel zu
+betrachten. Alles dieses ist mir jetzt so klar wie der Tag, und alles,
+was ich dir hier sage, hat mir mein eigener Verstand erschlossen, durch
+eigene Anschauung, während ich mich im Eingeweide der Natur selbst
+befand, an der Quelle ihrer Geheimnisse, kann sagen, ihrem Pulsschlag
+lauschend. Sogar die Ethymologie stimmt mit mir überein, denn allein
+schon der Name des Tieres bedeutet Gesprächigkeit. Krokodil – Crocodillo
+– ist zweifellos ein italienisches Wort, das vielleicht aus der Zeit
+stammt, in der in Ägypten die alten Pharaonen herrschten, ein Wort, das
+offenbar das französische Wort ^croquer^ zur Wurzel hat. Was ich dir
+soeben gesagt habe, gedenke ich als erste Lektion zu lesen, vor dem
+Publikum, versteht sich, das sich in Jelena Iwanownas Salon versammeln
+wird, wenn man mich in diesem Kasten hinbringt.“
+
+„Lieber Freund, sag’ mal, würdest du nicht irgend eine erleichternde
+Arznei einnehmen wollen?“ fragte ich unwillkürlich. „Er hat Fieber, er
+fiebert, er muß hochgradiges Fieber haben!“ dachte ich angstvoll.
+
+„Unsinn!“ sagte er verächtlich. „Und außerdem wäre eine Purganz in
+meinem gegenwärtigen Logis nicht ganz angebracht. Übrigens konnte ich es
+mir denken, daß du unfehlbar mit so etwas kommen würdest.“
+
+„Aber, Freund, wie ... wie wirst du denn jetzt überhaupt etwas zu dir
+nehmen? Hast du heute zu Mittag gespeist?“
+
+„Nein, das nicht, aber ich bin vollkommen satt und werde
+höchstwahrscheinlich überhaupt nichts mehr genießen. Doch auch dieses
+ist durchaus erklärlich: indem ich das ganze Innere des Krokodils
+erfülle, mache ich es auf ewig satt. Jetzt braucht man es jahrelang
+nicht zu füttern. Und andererseits: indem das Krokodil durch mich satt
+ist, gibt es wiederum mir alle Lebenssäfte aus seinem Körper. Das ist
+ungefähr dieselbe Ernährungsmethode, die raffinierte Schönheiten
+anwenden, wenn sie zur Nacht ihren ganzen Körper mit rohen Koteletts
+bedecken, und dann am nächsten Morgen nach einem duftenden Bade wieder
+frisch, kräftig, geschmeidig und verführerisch sind. So erhalte ich,
+indem ich das Krokodil ernähre, von ihm alle Nahrungssäfte zurück,
+folglich ernähren wir uns gegenseitig. Da es aber selbst einem Krokodil
+schwer fallen dürfte, einen Menschen von meiner Konstitution zu
+verdauen, so ist anzunehmen, daß es eine gewisse Schwere im Magen
+empfindet – obwohl es keinen Magen hat. Doch das tut nichts zur Sache.
+Deshalb bewege ich mich hier so wenig als möglich, obschon mich nichts
+hindern würde, doch unterlasse ich es einfach aus Humanität. Diese
+geringe Bewegungsmöglichkeit wäre das einzige, was ich an meinem
+gegenwärtigen Zustande auszusetzen hätte, und im allegorischen Sinne hat
+Timofei Ssemjonytsch durchaus recht, wenn er sagt, ich läge auf der
+Bärenhaut. Ich werde aber beweisen, daß man auch liegend das Schicksal
+der Menschheit umstürzen kann. Alle großen Ideen und alle neuen
+Tendenzen unserer Zeitungen und Zeitschriften stammen augenscheinlich
+von Leuten, die auf der Bärenhaut liegen; das ist auch der Grund,
+weshalb man sie Kabinettideen nennt ... Doch übrigens – gleichviel wie
+man sie nennt! Ich werde jetzt ein ganz spezielles System erfinden, – du
+ahnst nicht, wie leicht das ist! Man braucht sich nur irgendwohin in die
+Einsamkeit zurückzuziehen oder auch in ein Krokodil hineinzugeraten, die
+Augen zu schließen, und im Nu hat man ein ganzes Paradies für die
+Menschheit erfunden. Vorhin, als ihr mich verließt, machte ich mich
+sogleich daran, zu erfinden, und an diesem einen Nachmittage habe ich
+ganze drei Systeme erfunden und soeben bin ich beim vierten. Es ist
+wahr, zuerst muß man alles Bestehende verwerfen, man muß einfach alles
+umstürzen; aber aus dem Krokodil heraus ist das so leicht; ja aus dem
+Krokodil gesehen wird alles gleichsam sichtbarer ... Übrigens gibt es
+hier doch noch einiges zu bemängeln, freilich nur Nebensächliches: es
+ist hier zum Beispiel etwas feucht und wie mit Schleim bedeckt und
+außerdem riecht es nach Gummi, ganz genau so wie meine alten Galoschen
+vom vorigen Jahr. Aber das ist auch alles, was es hier zu bemängeln gibt
+...“
+
+„Iwan Matwejewitsch,“ unterbrach ich ihn, „was du da redest, erscheint
+mir so wunderlich, daß ich kaum meinen Ohren traue. Aber sage mir doch
+wenigstens das eine: hast du wirklich die Absicht, überhaupt nicht mehr
+zu essen?“
+
+„Du oberflächlicher, müßiger Mensch, um was du dich sorgst! Ich rede von
+großen Ideen, du aber ... So höre denn, daß mich die großen Ideen
+sättigen und die Nacht, die mich umgibt, taghell erleuchten. Übrigens
+hat der gutmütige Deutsche, der Eigentümer des Krokodils, sich mit
+seiner herzensguten Mutter beraten und da haben sie beide beschlossen,
+mir jeden Morgen durch den Rachen des Krokodils ein gebogenes
+Metallröhrchen zuzustecken, damit ich durch dasselbe Kaffee, Tee oder
+Bouillon mit aufgeweichtem Zwieback genießen könne. Die Röhre ist
+bereits bestellt, gleichfalls bei einem Deutschen hier in der
+Nachbarschaft, doch ist sie, glaube ich, nur unnützer Luxus. Zu leben
+aber hoffe ich mindestens tausend Jahre, wenn es wahr ist, daß ein
+Krokodil so lange leben kann ... Jawohl! gut, daß ich das nicht
+vergessen habe: sieh doch morgen in einer Naturgeschichte nach und teile
+mir dann mit, wie lange ein Krokodil lebt, denn es ist möglich, daß ich
+es mit irgend einem anderen vorsintflutlichen Tiere verwechsle. Nur
+eines erregt mein Bedenken: wie du weißt, bin ich angekleidet und zwar
+ist mein Anzug aus russischem Tuch und an den Füßen habe ich Stiefel,
+daher kann das Krokodil mich offenbar nicht verdauen. Hinzu kommt, daß
+ich lebendig bin, mich deshalb der Verdauung mit meiner ganzen
+Willenskraft widersetze, denn begreiflicherweise will ich mich nicht in
+das verwandeln, in was sich schließlich jede Speise verwandelt, da ein
+solches Ende gar zu erniedrigend für mich wäre. Nun fürchte ich aber,
+daß der Stoff meines Anzuges einer tausendjährigen Frist nicht
+standhalten wird; er kann, als minderwertige russische Ware, früher
+verwesen und dann würde ich ohne diesen äußeren Schutz trotz meines
+ganzen Unwillens oder Willens, vielleicht doch verdaut werden, denn wenn
+ich es auch tagsüber unter keiner Bedingung zulassen werde, so kann mich
+doch in der Nacht, wenn der Wille mich im Schlaf verläßt, das
+gewöhnliche Schicksal einer genossenen Kartoffel oder Fleischpastete
+ereilen. Diese Möglichkeit, oder auch nur der bloße Gedanke an diese
+Möglichkeit macht mich rasend. Allein schon aus diesem Grunde müßte man
+den Zolltarif ändern und den Import englischer Stoffe begünstigen, denn
+da sie fester sind, würden sie den zersetzenden Einflüssen der Natur
+länger Widerstand bieten, falls jemand in einem solchen Anzug in ein
+Krokodil hineingerät. Jedenfalls werde ich mein diesbezügliches Projekt
+bei nächster Gelegenheit einem Staatsmanne vorlegen und gleichzeitig
+auch den Berichterstattern unserer Tageszeitungen. Mögen sie es
+erörtern! Hoffe aber, daß sie nicht nur diese Idee von mir annehmen
+werden. Ich sehe voraus, daß jeden Morgen eine ganze Schar dieser Leute
+sich um mich drängen wird, um diesen Blechkasten, um meine Beurteilungen
+der neuesten Telegramme zu vernehmen und jedes Wort, das ich fallen
+lasse, gierig zu erhaschen. Mit einem Wort – ich sehe die Zukunft im
+rosigsten Licht ...“
+
+„Delirium, Delirium!“ dachte ich bei mir.
+
+„Freund, aber die Freiheit?“ fragte ich, um seine Ansichten kennen zu
+lernen. „Du bist doch jetzt geradezu ein Gefangener in einem dunklen
+Verließ, während der wahre Mensch sich der Freiheit erfreuen soll.“
+
+„Du bist dumm,“ war seine, für mich etwas unerwartete Antwort. „Nur die
+Wilden lieben Unabhängigkeit, weise Leute lieben dagegen Ordnung, wenn
+es aber keine Ordnung gibt ...“
+
+„Iwan Matwejewitsch!“ rief ich aus.
+
+„Schweig’ und höre!“ kreischte er, ärgerlich darüber, daß ich ihn
+unterbrochen hatte. „Noch niemals hat sich mein Geist so hoch
+emporgeschwungen wie jetzt. In meiner engen Wohnung fürchte ich
+augenblicklich nur – die literarische Kritik unserer dicken
+Tageszeitungen und den Spott unserer satirischen Blätter. Ich fürchte,
+daß die leichtsinnigen Elemente unter den Besuchern der Ausstellung, die
+Dummköpfe und Neider und überhaupt die Nihilisten, mich werden
+lächerlich machen wollen. Doch ich werde Maßregeln zu ergreifen wissen.
+Erwarte nur mit Ungeduld die Meinungsäußerungen des Publikums, doch
+hauptsächlich – die Besprechungen der Zeitungen. Bringe morgen alle
+Zeitungen mit, wenn du kommst!“
+
+„Gut, ich werde einen ganzen Stoß mitbringen.“
+
+„Eigentlich ist es aber noch zu früh, morgen schon Besprechungen zu
+erwarten, gewöhnlich werden bei uns Neuigkeiten erst nach vier Tagen
+besprochen. Doch von nun an komme jeden Abend durch den Hofeingang zu
+mir, denn ich beabsichtige, dich als meinen Sekretär zu benutzen. Du
+wirst mir die Zeitungen vorlesen und ich werde dir meine Gedanken
+diktieren und Aufträge geben. Vor allen Dingen aber vergiß nicht die
+neuesten Telegramme. Daß du mir jeden Tag die letzten europäischen
+Drahtnachrichten bringst! Doch nun genug: du wirst jetzt schlafen
+wollen. Geh also nach Hause und denke darüber nach, was ich dir soeben
+über die Kritik gesagt habe: ich fürchte sie nicht, denn sie befindet
+sich selbst in einer kritischen Lage. Man braucht nur weise und
+tugendhaft zu sein und man wird unfehlbar auf ein Piedestal gehoben.
+Wenn nicht ein Sokrates, dann ein Diogenes, oder dieser und jener
+zugleich – das wird meine zukünftige Rolle in der Menschheit sein.“
+
+So leichtsinnig und aufdringlich – bei Gott, er mußte hohes Fieber
+haben! – beeilte sich mein Freund Iwan Matwejewitsch, mich seine
+Ansichten wissen zu lassen, jenen charakterschwachen alten Frauenzimmern
+nicht unähnlich, von denen behauptet wird, daß sie kein Geheimnis
+bewahren können. Ich aber muß gestehen, daß mir alles, was er da von der
+inneren Beschaffenheit des Krokodils gesagt hatte, äußerst verdächtig
+erschien. Wie war es möglich, daß ein Krokodil keinen Magen, kein Herz,
+keine Lungen hatte? Ich könnte wetten, daß er alles das einzig aus
+Prahlerei frei erfunden hatte, zum Teil vielleicht auch nur, um mich zu
+kränken, zu erniedrigen. Freilich war er krank, und zu einem Kranken muß
+man gut sein, doch wenn ich anstatt gut offen sein will, so muß ich
+sagen, daß ich meinen Freund Iwan Matwejewitsch niemals habe ausstehen
+können. Mein ganzes Leben hindurch, von Kindheit an, habe ich mich von
+seiner Vormundschaft nicht befreien können. Tausendmal wollte ich ihm
+den Laufpaß geben, doch immer wieder zog es mich zu ihm, als hätte ich
+im geheimen immer noch gehofft, ihm irgend etwas beweisen oder irgend
+etwas heimzahlen zu können. Ein wunderliches Ding war diese
+Freundschaft! Ich kann ganz ehrlich sagen, daß meine Freundschaft zu
+neun Zehnteln aus Wut bestand.
+
+Doch an jenem Abend verabschiedeten wir uns fast gefühlvoll.
+
+„Ihr Freund ist ein sehr kluger Mensch!“ sagte mir halblaut der
+Deutsche, als er sich zu mir gesellte, um mich hinauszugeleiten. Er
+hatte die ganze Zeit aufmerksam unserem Gespräch zugehört.
+
+„Apropos!“ unterbrach ich ihn, „damit ich es nicht vergesse: wieviel
+würden Sie für Ihr Krokodil verlangen, im Fall man es von Ihnen kaufen
+wollte?“
+
+Iwan Matwejewitsch, der meine Frage gehört haben mußte, schien mit
+besonderer Spannung auf die Antwort zu warten. Offenbar wollte er nicht,
+daß der Deutsche wenig für dasselbe verlange; jedenfalls vernahmen wir
+nach meiner Frage ein eigentümliches Räuspern, das entfernt an ein
+Grunzen erinnerte.
+
+Zuerst wollte der Deutsche überhaupt nichts davon hören, ja er wurde
+sogar ärgerlich.
+
+„Niemand darf mein Eigentum ohne meine Einwilligung kaufen!“ schrie er,
+im Jähzorn rot wie ein gekochter Krebs. „Ich will mein Krokodil
+überhaupt nicht verkaufen! Geben Sie mir eine Million Taler – ich
+verkauf’ es nicht! Ich habe heute hundertunddreißig Taler vom Publikum
+eingenommen und morgen werde ich zehntausend Taler einnehmen und dann
+hunderttausend Taler Tag für Tag! Nein! Ich will es überhaupt nicht
+verkaufen!“
+
+Iwan Matwejewitsch begann zu lachen vor Vergnügen.
+
+Ich bezwang mich nach Möglichkeit und bat den übergeschnappten Deutschen
+scheinbar ganz kaltblütig, sich die Sache zu überlegen, zumal seine
+Berechnungen meiner Meinung nach nicht genügend mit der Wirklichkeit
+übereinstimmten, daß zum Beispiel wenn er hunderttausend täglich
+einnähme, in vier Tagen ganz Petersburg bei ihm gewesen sein müsse, und
+damit wäre dann die Einnahmequelle versiegt. Und außerdem stehe unser
+aller Leben und Tod in Gottes Hand, das Krokodil könne vielleicht doch
+noch irgendwie platzen oder Iwan Matwejewitsch erkranken und sogar
+sterben usw. usw.
+
+Der Deutsche wurde nachdenklich.
+
+„Ich werde ihm Tropfen aus der Apotheke geben,“ meinte er dann
+schließlich nach reiflicher Überlegung, „dann wird er nicht sterben.“
+
+„Tropfen hin, Tropfen her,“ meinte ich, „aber haben Sie auch das in
+Erwägung gezogen, daß Sie es mit der Polizei und dem Gericht zu tun
+bekommen können? Die Gattin Iwan Matwejewitschs kann zum Beispiel ihren
+gesetzmäßig ihr angetrauten Gatten zurückverlangen. Sie haben nun die
+Absicht, reich zu werden, haben Sie aber auch die Absicht, seiner Frau
+eine Entschädigung, etwa eine Pension zu zahlen?“
+
+„Nein, die habe ich nicht!“ antwortete streng und entschlossen der
+Deutsche.
+
+„Nein, die haben wir nicht!“ bestätigte sogar mit merklicher Bosheit die
+Mutter.
+
+„Nun denn – wäre es für Sie da nicht ratsamer, jetzt sogleich und mit
+einemmal eine zwar geringere, doch dafür sichere Summe zu empfangen, als
+sich der Ungewißheit anzuvertrauen? Übrigens erachte ich es als meine
+Pflicht, Ihnen zu sagen, daß ich Sie nur aus persönlicher Neugier
+frage.“
+
+Der Deutsche nahm seine Mutter beiseite und begab sich mit ihr in den
+fernsten Winkel, wo ein Käfig mit dem größten und widerlichsten aller
+Affen stand, um sich dort flüsternd mit ihr zu beraten.
+
+„Du wirst sehen!“ sagte Iwan Matwejewitsch in vielsagendem Tone zu mir.
+
+Was mich betrifft, so muß ich sagen, daß ich ein unbändiges Verlangen
+verspürte, erstens den Deutschen gründlich zu verprügeln, zweitens, noch
+gründlicher seine Frau; und drittens – am gründlichsten und
+schmerzhaftesten meinen Freund Iwan Matwejewitsch selbst wegen seiner
+unverschämten Eigenliebe. Doch alles das war noch nichts im Vergleich zu
+der Antwort des habgierigen Deutschen.
+
+Der verlangte, nachdem er sich genugsam mit seiner besseren Hälfte
+beraten, für sein Krokodil fünfzigtausend Rubel, zahlbar in Papieren der
+jüngsten inneren Anleihe, außerdem ein steinernes Haus an der
+Gorochowaja, und zwar eines mit einer dazugehörigen Apotheke, und
+außerdem noch den Rang eines russischen Obersten.
+
+„Siehst du!“ triumphierte Iwan Matwejewitsch, „ich sagte es dir!
+Ausgenommen den letzten unbegründeten Wunsch, hat er vollkommen recht,
+denn wie du siehst, versteht er den Wert seines Eigentums richtig zu
+schätzen. Das ökonomische Prinzip geht allem voran!“
+
+„Aber so sagen Sie doch,“ rief ich zornig dem Deutschen zu, „so sagen
+Sie mir doch, wozu Sie den Rang und Titel eines Obersten brauchen? Was
+für eine Heldentat haben Sie denn ausgeführt, wenn man fragen darf,
+welch einen Dienst Rußland erwiesen, welchen Ruhm sich auf dem
+Schlachtfelde erworben? Sind Sie nach alledem nicht einfach verrückt?“
+
+„Ich – verrückt?“ rief der Deutsche mit gekränkter Würde aus. „Nein,
+nicht verrückt, sondern sehr vernünftig, Sie aber sind das Gegenteil!
+Ich habe den Rang eines Obersten verdient, weil ich ein Krokodil zeigen
+kann, in dem ein lebendiger Hofrat sitzt, ein Russe aber kann ein
+solches Krokodil, das mit einem lebendigen Hofrat gefüllt ist, der Welt
+nicht zeigen! Ich bin ein sehr kluger Mensch und deshalb will ich ein
+Oberst sein!“
+
+„Leb wohl, Iwan Matwejewitsch!“ rief ich zornbebend meinem Freunde zu
+und eilte aus dem Ausstellungsraum.
+
+Ich fühlte, daß meine Selbstbeherrschung nur noch an einem Haar hing.
+Die hirnverbrannten Hoffnungen dieser beiden Dummköpfe konnten einen aus
+der Haut bringen! Doch die kalte Abendluft erfrischte mich wohltuend und
+meine Empörung legte sich. Ich spie schließlich aus, rief energisch eine
+Droschke heran, fuhr nach Haus, kleidete mich aus und ging zu Bett. Am
+meisten ärgerte mich, daß ich gewissermaßen eingewilligt hatte, sein
+Sekretär zu sein. Jetzt konnte ich mich dort allabendlich langweilen und
+mich noch über das erhebende Gefühl, nur die Pflicht eines aufrichtigen
+Freundes zu erfüllen, freuen! Ich hätte mich selbst prügeln mögen vor
+Ärger über mich, und in der Tat: nachdem ich schon das Licht ausgelöscht
+und mich zugedeckt hatte, schlug ich mir mehrmals mit der Faust auf den
+Kopf und noch auf andere Teile meines Körpers. Dieses verschaffte mir
+bedeutende Erleichterung und endlich schlief ich ein, schlief sogar
+ziemlich fest, denn ich war sehr müde. Im Traum sah ich unendlich viele
+Affen, die alle wild umhersprangen, gegen Morgen aber träumte mir von
+Jelena Iwanowna ...
+
+
+ IV.
+
+Die Affen hatten mich, wie ich zu erraten glaube, nur deshalb im Traum
+belästigt, weil ich sie tags zuvor im Käfig beim Krokodilbesitzer
+gesehen hatte; doch Jelena Iwanowna war ein besonderes Kapitel.
+
+Ich will es nicht mehr verheimlichen: ich liebte diese Dame; doch ich
+beeile mich, einem Mißverständnis vorzubeugen: ich liebte sie wie ein
+Vater, nicht mehr und nicht weniger. Daß ich sie liebte – ersehe ich
+daraus, daß ich oft genug Lust verspürt habe, ihr Köpfchen zu küssen
+oder ihre zarten rosa Wangen. Und obschon ich das nie getan habe, so
+hätte ich doch – wenn man einmal alles beichten soll! – ganz sicherlich
+mich nicht geweigert, sie sogar fest auf die Lippen zu küssen. Denn ihre
+Lippen waren gar zu süß und verstanden es vorzüglich, die Zähnchen
+bloßzulegen, die dann, wie zwei Reihen ausgesuchter Perlen, zwischen dem
+Rot der Lippen schimmerten, wenn sie lachte. Und sie lachte sehr oft.
+Iwan Matwejewitsch nannte sie bisweilen liebkosend seine „liebe süße
+Absurdität“ – was man als eine durchaus gerechte und charakteristische
+Benennung bezeichnen muß. Sie war ein Bonbon und nichts weiter. Deshalb
+blieb es mir auch unerklärlich, weshalb nun dieser selbe Iwan
+Matwejewitsch in seiner Frau plötzlich eine russische Eugenie Tour zu
+sehen begann. Doch wie dem nun sein mochte, jedenfalls hinterließ mein
+Traum – abgesehen von den Affen – den angenehmsten Eindruck in mir, und
+so beschloß ich, während ich bei meinem Morgenkaffee die Erlebnisse des
+letzten Tages gedankenvoll an mir vorüberziehen ließ, auf dem Wege in
+die Kanzlei bei Jelena Iwanowna vorzusprechen, was ja übrigens in meiner
+Eigenschaft als Hausfreund auch meine Pflicht war.
+
+In dem kleinen Zimmer vor dem ehelichen Schlafgemach, das von ihnen „der
+kleine Salon“ genannt wurde, obwohl auch der große Salon nur ein kleines
+Zimmer war, saß auf einer kleinen Chaiselongue vor einem kleinen
+Teetischchen in einem duftig-luftigen Negligee Jelena Iwanowna und trank
+aus einem kleinen Täßchen, in das sie ein kleines Biskuitplätzchen
+bröckelte, ihren Morgenkaffee. Sie war verführerisch anzusehen, doch
+schien sie mir etwas nachdenklich gestimmt zu sein.
+
+„Ach, Sie sind es, Sie Ungezogener!“ empfing sie mich mit zerstreutem
+Lächeln. „Setzen Sie sich, trinken Sie ein Täßchen. Nun, wo waren Sie
+gestern? Wie haben Sie den Abend verbracht? Waren Sie auf dem
+Maskenball?“
+
+„Waren _Sie_ denn gestern auf dem Maskenball? ... Ich ... ich pflege
+keine Bälle zu besuchen ... zudem habe ich den Abend bei unserem
+Gefangenen verbracht ...“
+
+Ich seufzte und empfing mit betrübter Miene das Täßchen.
+
+„Wo? ... Bei wem? Bei welch einem Gefangenen? ... Ach, so! ... Ja, der
+Arme! ... Nun, was tut er – langweilt er sich? Aber wissen Sie ... ich
+wollte Sie etwas fragen ... Sagen Sie, ich kann doch jetzt eine
+Scheidung verlangen?“
+
+„Scheidung?!“ Mir wäre die Tasse fast aus der Hand gefallen. „Dahinter
+steckt der Brünette!“ dachte ich empört bei mir.
+
+Es gab nämlich einen gewissen Brünetten mit einem dunklen
+Schnurrbärtchen, einen Beamten der Bauabteilung, der sie in letzter Zeit
+auffallend oft besucht hatte und Jelena Iwanowna allem Anscheine nach zu
+gefallen verstand. Ich muß gestehen, daß ich aufrichtigen Haß für ihn
+empfand, denn ich zweifelte nicht daran, daß er gestern abend entweder
+mit ihr auf dem Maskenball oder vielleicht sogar hier in ihrer Wohnung
+gewesen war und ihr bei der Gelegenheit, versteht sich, manches in den
+Kopf gesetzt hatte!
+
+„Ja, aber wie denn,“ begann Jelena Iwanowna plötzlich ungeduldig, und
+alles, was sie sagte, schien ihr ein anderer gesagt zu haben, „wie wird
+denn das sein, er wird dort im Krokodil sitzen und vielleicht sein
+ganzes Leben lang nicht zurückkommen, und ich soll dann hier sitzen und
+vergeblich auf ihn warten! Ein Ehemann muß zu Hause wohnen, aber nicht
+in einem Krokodil ...“
+
+„Das ist doch ein unvorhergesehener Zufall ...“ begann ich in
+begreiflicher Erregung zu widersprechen.
+
+„Ach nein, schweigen Sie, schweigen Sie, ich will nichts hören, nichts,
+nichts, nichts!“ wehrte sie ärgerlich jeden weiteren Einwand ab. „Sie
+sind unausstehlich, ewig müssen Sie mir widersprechen! Mit Ihnen kann
+man wirklich kein vernünftiges Wort reden, nie verstehen Sie einem zu
+raten! Mir sagen sogar fremde Menschen, daß ich vollauf genügenden
+Scheidungsgrund hätte, allein schon deshalb, weil doch Iwan
+Matwejewitsch jetzt kein Gehalt mehr bekommen wird.“
+
+„Jelena Iwanowna! Sind Sie es, die ich höre!“ rief ich fast pathetisch
+aus. „Welcher Schurke hat Ihnen diese Gedanken eingeflüstert? Und
+übrigens wird ein so nichtssagender Vorwand, wie die Einbuße des
+Gehalts, nicht als Scheidungsgrund anerkannt. Und der arme, arme Iwan
+Matwejewitsch vergeht dort inzwischen fast vor Liebesgram! Noch gestern
+abend, während Sie sich auf dem Maskenball ihres Lebens freuten, sprach
+er davon, daß er sich im äußersten Fall entschließen würde, Sie als
+seine rechtmäßige Gattin aufzufordern, in das Innere des Krokodils zu
+kommen, um so mehr, als sich dieses Tier als sehr geräumig erwiesen hat,
+so daß nicht nur zwei, sondern sogar drei Menschen Raum in ihm hätten
+...“
+
+Und ich erzählte ihr zugleich diesen interessantesten Teil meiner
+letzten Unterredung mit Iwan Matwejewitsch.
+
+„Wie! was!“ rief sie ganz starr vor Verwunderung aus. „Sie wollen, daß
+ich gleichfalls dorthin krieche! zu Iwan Matwejewitsch? Das fehlte noch!
+Ja und wie sollte ich denn überhaupt das? – so, mit dem Hut und der
+ganzen Krinoline? Gott, welch eine Dummheit! Und wonach wird denn das
+aussehen, wenn ich hineinkrieche und ... und jemand womöglich noch
+zusieht? ... Pfui! Und was werde ich dort essen? ... Und ... und wie ist
+denn das, wenn ich ... Ach, mein Gott, was Sie sich nicht ausgedacht
+haben! ... Und was gibt es denn dort für Zerstreuungen? ... Sie sagen,
+es rieche dort nach Gummi? ... Und wie wird es denn sein, wenn wir beide
+in Streit geraten? Da müssen wir doch beieinander liegen bleiben? Pfui,
+wie widerlich das ist!“
+
+„Einverstanden, ich bin vollkommen einverstanden mit Ihnen, meine
+teuerste Jelena Iwanowna,“ unterbrach ich sie mit jenem begreiflichen
+Eifer, der einen stets erfaßt, wenn man fühlt, daß man im Recht ist,
+„nur haben Sie eines ganz außer acht gelassen, und das ist: daß er doch
+wohl nicht mehr ohne Sie leben kann, wenn er Sie zu sich ruft; folglich
+handelt es sich hier um Liebe, um leidenschaftliche, treue, sehnsüchtige
+Liebe ... Sie haben die Liebe nicht berücksichtigt, teuerste Jelena
+Iwanowna, die Liebe!“
+
+„Nein, ich will nicht, will nicht, will nicht! Ich will davon überhaupt
+nichts hören!“ wehrte sie mit ihrer kleinen, reizenden Hand, an der die
+soeben gebürsteten und polierten Nägel rosa schimmerten, ganz entsetzt
+ab. „Pfui, wie widerlich Sie sind! Sie bringen mich noch zum Weinen. So
+kriechen Sie doch selbst zu ihm, wenn es Ihnen dort so angenehm zu sein
+scheint! Sie sind doch sein Freund, nun, so legen Sie sich denn aus
+Freundschaft neben ihn hin und streiten Sie Ihr Leben lang über irgend
+eine langweilige Wissenschaft ...“
+
+„Sie machen sich ganz unnütz über diesen Gedanken lustig,“ unterbrach
+ich würdevoll das leichtsinnige Weibchen, „Iwan Matwejewitsch hat mich
+bereits zu sich eingeladen. _Sie_ würde die Pflicht hinführen, mich
+dagegen nur Großmut. Übrigens hat mir Iwan Matwejewitsch, als er mir
+gestern von der ungeheuren Dehnbarkeit des Krokodils erzählte, deutlich
+zu verstehen gegeben, daß er, da nicht nur zwei, sondern ganze drei
+Menschen bequem dort Platz fänden, sowohl Sie wie mich, als Hausfreund,
+erwartet, und deshalb ...“
+
+„Wie das, ganze drei?“ wunderte sich Jelena Iwanowna und ihre Augen
+blickten mich fragend an. „Ja, wie werden wir denn ... so alle drei dort
+beisammen sein? Hahaha! Gott, wie Sie beide dumm sind! Hahaha! Ich würde
+Sie die ganze Zeit nur kneifen, Sie Taugenichts, hahaha! Hahaha!“
+
+Und sie bog sich vor Lachen und lachte bis zu Tränen. Doch dieses Lachen
+und diese Tränen waren so bezaubernd, daß ich nicht lange widerstehen
+konnte und ganz begeistert nach ihrem Händchen griff, um es mit Küssen
+zu bedecken, was sie widerspruchslos geschehen ließ. Nur zupfte sie
+mich, zum Zeichen unserer Aussöhnung, am Ohr.
+
+Damit hatten wir unsere gute Laune wiedergewonnen, und ich schickte mich
+an, ihr ausführlich alle ihre Person betreffenden Pläne Iwan
+Matwejewitschs zu erzählen. Der Gedanke, in einem glänzenden Salon eine
+auserlesene Gesellschaft zu empfangen, sagte ihr sehr zu.
+
+„Nur brauche ich dann sehr viele neue Toiletten,“ bemerkte sie lebhaft.
+„Sagen Sie ihm deshalb, daß er mir möglichst bald und möglichst viel
+Geld senden soll ... Nur ... nur, wie wird denn das sein,“ fuhr sie
+nachdenklich fort, „wie wird man ihn denn im Blechkasten in meinen Salon
+bringen? Das ... das wäre doch lächerlich! Ich will nicht, daß man
+meinen Mann in einem solchen Kasten in meinen Salon trägt! Ich würde
+mich ja dann ganz entsetzlich schämen vor meinen Gästen ... Nein, ich
+will nicht, ich will nicht ...“
+
+„Übrigens, um es nicht zu vergessen: war gestern Timofei Ssemjonytsch
+bei Ihnen?“
+
+„Ach, ja, er war bei mir; er kam, um mich zu trösten, und denken Sie
+sich, wir haben die ganze Zeit Karten gespielt. Wenn er verlor, hatte
+ich eine Bonbonniere gewonnen, wenn ich verlor, durfte er mir die Hände
+küssen. Solch ein Plagegeist, wirklich! Und was glauben Sie wohl: – fast
+wäre er mit mir auf den Maskenball gefahren, – nein, wirklich!“
+
+„Weil er bezaubert war,“ bemerkte ich, „denn – wen bezaubern Sie nicht,
+Sie Zauberin!“
+
+„Ach, nun, jetzt kommen Sie mit Ihren Schmeicheleien! Warten Sie, dafür
+werde ich Sie zum Abschied einmal kneifen – das verstehe ich nämlich
+vorzüglich. Nun, was, wie war’s? Ach ja, sagen Sie doch, Sie sagten
+vorhin, Iwan Matwejewitsch habe gestern viel von mir gesprochen?“
+
+„N–n–nein, nicht gerade _sehr_ viel ... Ich muß gestehen, daß er jetzt
+eigentlich mehr an das Schicksal der ganzen Menschheit denkt und die
+Absicht hat ...“
+
+„Ach, nun, mag er, reden Sie nicht weiter! Sicherlich langweilt er sich
+entsetzlich. Ich werde ihn einmal besuchen. Morgen vielleicht. Heute
+geht es nicht: ich habe Migräne und dort wird gewiß viel Publikum sein
+... Da wird man womöglich noch sagen: das ist seine Frau, und mit den
+Fingern auf mich weisen ... Schrecklich! Nun, leben Sie wohl. Am Abend
+werden Sie doch ... dort sein, bei ihm?“
+
+„Versteht sich. Ich muß ihm die Zeitungen bringen.“
+
+„Nun, das ist sehr nett von Ihnen. Bleiben Sie bei ihm und lesen Sie ihm
+die Zeitungen vor. Zu mir aber kommen Sie heute nicht mehr. Ich bin
+nicht ganz wohl, oder vielleicht werde ich auch meine Bekannten
+besuchen, ich weiß noch nicht. Nun, leben Sie wohl, Sie Schwerenöter.“
+
+„Aha, der Brünette wird heute abend bei ihr sein!“ dachte ich bei mir.
+
+In der Kanzlei ließ ich mir natürlich nicht das geringste merken. Ich
+tat, als wüßte ich überhaupt nicht, was Sorgen sind. Doch bald fiel es
+mir auf, daß einige unserer fortschrittlichen Blätter an diesem
+Vormittage auffallend schnell von Hand zu Hand gingen und meine Kollegen
+sich mit unheimlich ernsten Mienen in die Lektüre vertieften. Die erste
+Zeitung, die ich erhielt, war der „Listok“, ein kleines Blättchen ohne
+jede besondere Richtung, einfach nur so allgemein menschlich-human,
+weshalb es bei uns auch allgemein verachtet, nichtsdestoweniger aber
+doch gelesen wurde.
+
+Nicht ohne Verwunderung las ich in ihm folgendes:
+
+„Gestern verbreitete sich in unserer großen, schönen Hauptstadt ein
+äußerst seltsames Gerücht, das sich inzwischen bestätigt hat. Ein
+gewisser Gastronom, der zu unserer vornehmen Lebewelt gehört, und den
+die kulinarischen Genüsse, die die Küche des –schen Klubs zu bieten
+vermag, offenbar nicht mehr befriedigten, erschien am Nachmittage in der
+Menagerie unserer Passage, wo zurzeit ein großes, soeben erst hier
+eingetroffenes Krokodil zu sehen ist, und machte sich nach einer kurzen
+Rücksprache mit dem Eigentümer ohne weiteres daran, das Riesenkrokodil
+zu verzehren. Zuerst schnitt er dem lebendigen Wassertier nur die besten
+Stücke seiner saftigsten Körperteile – d. h. der Körperteile des
+Krokodils – mit einem Taschenmesser ab, doch allmählich verschwand das
+ganze Tier in seinem umfangreichen Leibe, und es hätte nicht viel
+gefehlt, so wäre dem Krokodil auch noch sein ständiger Begleiter, der
+Ichneumon, gefolgt, denn weshalb sollte dieser nicht ebenso gut
+schmecken? Wir haben natürlich gegen dieses neue Nahrungsmittel, das den
+ausländischen Feinschmeckern schon seit Jahren bekannt ist, nichts
+einzuwenden. Wir können uns sogar schmeicheln, die bevorstehende größere
+Einfuhr dieses Leckerbissens vorausgesehen zu haben. Die englischen
+Lords und Reisenden fangen die Krokodile in Ägypten wie man hierzulande
+etwa Bären fängt: sie tun sich zu ganzen Jagdgesellschaften zusammen und
+verzehren dann das ^à la^ Beefsteak zubereitete Rückenfleisch der Beute
+mit Senf, Sauce und Kartoffeln. Die Franzosen, die mit Lesseps ins Land
+gekommen sind, ziehen die kurzen, stämmigen Beine dem Rückenfleisch vor
+– vielleicht nur den Engländern zum Trotz, die ein mitleidiges Lächeln
+nicht verbergen können, wenn sie sehen, wie diese die Krokodilbeine in
+heißer Asche backen. Bei uns wird man, aller Voraussicht nach, sowohl
+die Beine wie den Rücken zu schätzen wissen, und können wir daher von
+uns aus nur freudig diesen neuen Erwerbszweig begrüßen, denn gerade an
+einem solchen fehlt es in unserem großen, so verschieden gearteten
+Vaterlande. Nach der Vertilgung dieses ersten Krokodils dürfte es wohl
+kaum ein Jahr dauern, bis man Krokodile zu Hunderten importieren wird.
+Weshalb sollte man sie übrigens nicht in Rußland akklimatisieren? Falls
+das Newawasser für diese südlichen Lebewesen zu kalt sein sollte, so
+gibt es doch in der Stadt unzählige Teiche und außerhalb der Stadt noch
+andere Flüsse und Seen, die in Frage kämen. Weshalb sollten sie nicht z.
+B. in Pawlowsk oder Pargolowo leben können, oder in Moskau, wo doch die
+Pressnenskischen Teiche sind? Ganz abgesehen davon, daß sie für unsere
+Feinschmecker ein angenehmes und gesundes Nahrungsmittel wären, würden
+sie den an den Teichen spazierenden Damen eine interessante Zerstreuung
+bieten und die Kinder mit der tropischen Tierwelt schon in jungen Jahren
+bekannt machen. Aus der Haut der verzehrten Krokodile lassen sich zudem
+die verschiedensten Gegenstände herstellen, wie z. B. Futterale,
+Reisekoffer, Zigarettenetuis, Brieftaschen usw., und vielleicht wird
+noch so manch ein russischer Tausendrubelschein von der ältesten Sorte –
+wie sie namentlich unsere Kaufleute bevorzugen – in Krokodilshaut
+aufbewahrt werden. Hoffen wir, daß uns noch öfter Gelegenheit geboten
+werden wird, auf dieses Thema zurückzukommen.“
+
+Ich war auf vieles gefaßt gewesen, doch trotzdem verwirrte mich dieser
+Artikel nicht wenig. Da niemand neben mir saß, mit dem ein
+Meinungsaustausch möglich gewesen wäre, wandte ich mich an den mir
+gegenübersitzenden Prochor Ssawitsch. Zu meiner Verwunderung saß dieser
+müßig auf seinem Platz und schien mich schon längere Zeit beobachtet zu
+haben, die Zeitung „Woloß“ zur Herübergabe bereithaltend. Wortlos nahm
+er von mir den „Listok“ in Empfang und reichte mir seinen „Woloß“, indem
+er mit dem Nagel nachdrücklich einen Artikel bezeichnete, auf den er
+mich ersichtlich aufmerksam machen wollte. Dieser Prochor Ssawitsch war
+ein sehr eigentümlicher Mensch: ein schweigsamer alter Junggeselle, der
+sich keinem von uns anschloß, so gut wie nie ein Wort sprach – obschon
+sich das Sprechen in einer Kanzlei unter Kollegen schwer vermeiden läßt
+– ein Mensch, der immer seine eigenen Ansichten hatte, doch fast niemals
+einem anderen diese Ansichten mitteilte. In seiner Wohnung ist bisher
+noch keiner von uns gewesen. Wir wissen nur, daß er ein einsames Leben
+führt.
+
+Der Artikel, auf den er mich aufmerksam gemacht hatte, lautete wie
+folgt:
+
+„Es dürfte wohl allen bekannt sein, daß wir uns mit Recht
+fortschrittlich gesinnt und human nennen können und daß wir Europa in
+dieser Beziehung nicht nachstehen wollen. Doch ungeachtet aller Wünsche
+und der Bemühungen unseres Blattes scheinen wir noch längst nicht ‚reif‘
+zu sein, was folgendes empörende Ereignis, das sich gestern in der
+Passage zugetragen hat, wieder einmal anschaulich beweist. (Es sei hier
+darauf aufmerksam gemacht, daß wir es bereits vorausgesagt haben.)
+
+Vor nicht langer Zeit traf in der Hauptstadt ein Ausländer ein, der ein
+lebendiges Krokodil mit sich führte, das jetzt in der Passage
+ausgestellt ist. Wir beeilten uns sogleich, den ausländischen Vertreter
+dieses neuen, nützlichen und belehrenden Gewerbezweiges, der unserem
+großen Vaterlande zugute kommt, hier in der Hauptstadt willkommen zu
+heißen. Da erschien plötzlich, eines Nachmittags gegen fünf Uhr, wie uns
+gestern gemeldet wurde, ein außergewöhnlich dicker Herr in nicht ganz
+nüchternem Zustande (gelinde ausgedrückt!), zahlte den Eintrittspreis,
+und kaum war das geschehen, so ging er zum Behälter und kroch dem
+Riesentier ganz einfach in den Rachen, ohne jemandem vorher etwas
+gesagt zu haben. Das Krokodil war durch seinen natürlichen
+Selbsterhaltungstrieb gezwungen, den Menschen zu verschlingen, da es
+doch wohl nicht ersticken wollte. Doch der verschlungene Unbekannte
+richtet sich im Magen des Ungeheuers sogleich häuslich ein. Weder die
+Bitten des verzweifelten Besitzers, noch das Geschrei seiner
+zahlreichen, unglücklichen Familie vermögen jetzt auf den Unbekannten
+Eindruck zu machen. Selbst der Ruf, man werde die Polizei holen, bleibt
+erfolglos. Aus dem Innern des Krokodils hört man nur Gelächter und die
+Drohung, die Bestie aufzuschneiden. (^Sic!^) Währenddem vergießt das
+arme Tier, das gezwungen war, eine solche Masse zu verschlingen, ganz
+vergeblich seine Tränen. „Ein ungebetener Gast,“ sagt ein altes
+russisches Sprichwort, „ist schlimmer als ein Tatar,“ und alle Tränen
+des Krokodils können an der Lage nichts ändern: der freche Mensch will
+seinen Aufenthaltsort nicht wieder verlassen. Wir wissen nicht, wie wir
+eine so barbarische Handlungsweise erklären sollen, was uns um so
+peinlicher ist, als sie, wie gesagt, unsere Unreife bezeugt und uns in
+den Augen aller Ausländer herabzieht. Damit haben wir wieder ein
+glänzendes Beispiel der Zügellosigkeit der russischen Natur. Jetzt fragt
+es sich nur: was wollte der ungebetene Gast damit erreichen? Etwa einen
+warmen und luxuriösen Aufenthaltsraum suchen? Aber es gibt doch
+unzählige schöne Häuser in der Stadt, die vorzüglich eingerichtet sind:
+sie haben billige und sehr bequeme Wohnungen, eine Wasserleitung, die
+die Mieter mit Newawasser versorgt, eine mit Gas erleuchtete Treppe, und
+nicht selten hält der Hausbesitzer auch noch einen Portier. Doch lenken
+wir bei der Gelegenheit die Aufmerksamkeit unserer Leser auch noch auf
+die rohe Behandlung des importierten Tieres. Natürlich wird es dem
+Krokodil schwer fallen, ein so großes Quantum zu verdauen; und so liegt
+es denn jetzt dort unbeweglich in seinem Behälter, hoch aufgeblasen von
+der übergroßen verschlungenen Portion, und erwartet unter unerträglichen
+Qualen den Tod. In Europa wird jede einem Tiere angetane Qual gesetzlich
+bestraft. Doch ungeachtet unserer ausländischen Erleuchtung, unserer
+neuen Trottoirs und neuen Häuser, sind _wir_ noch immer in Unwissenheit
+und Roheit befangen.
+
+‚Die Häuser sind zwar neu, doch unsere Vorurteile alt‘, um Gribojedoff
+zu zitieren. Leider entspricht nicht einmal dieses vollkommen der
+Wahrheit, denn auch die Häuser sind alt, wenn auch die Treppen neu sind.
+Jedenfalls erwähnen wir es in unserem Blatte nicht zum ersten Mal, daß
+im Hause des Kaufmanns Lukjanoff auf der Petersburger Seite die
+Treppenstufen, die aus der Küche in die Wohnung führen, schon seit
+langer Zeit verfault sind, und können heute nur hinzufügen, daß sie
+jetzt endlich eingefallen sind und daß die Soldatenfrau Afimja
+Skapidarowa, die die Bedienung übernommen hatte und stets Gefahr lief,
+von der Treppe zu fallen – namentlich wenn sie Wasser oder Holz
+hineintrug – gestern abend gegen halb neun Uhr tatsächlich mit der
+Suppenterrine gefallen ist und sich ein Bein gebrochen hat. Leider
+wissen wir noch nicht, ob Herr Lukjanoff jetzt endlich eine neue Treppe
+bauen lassen wird. Der Verstand eines Russen ist schwerfällig, doch
+können wir mitteilen, daß das Opfer dieser Schwerfälligkeit bereits ins
+Hospital gebracht worden ist. Desgleichen ermüden wir nicht, darauf
+aufmerksam zu machen, daß die Hausknechte, die auf der Wyburger Seite
+von den hölzernen Trottoirs den Schmutz fegen, den Vorübergehenden
+deshalb nicht die Stiefel zu beschmutzen brauchen, zumal es nur geringe
+Mühe kosten würde, den Schmutz, wie man es im Auslande tut, zu Haufen
+zusammenzufegen,“ usw. usw. ...
+
+„Was bedeutet das?“ fragte ich, verständnislos Prochor Ssawitsch
+anblickend. „Was soll das alles?“
+
+„Was?“
+
+„Aber ich bitte Sie, anstatt unseren Iwan Matwejewitsch zu bedauern,
+bemitleiden sie hier das Krokodil!“
+
+„Ja, was denn? Damit haben sie doch sogar ein Tier, ein unvernünftiges
+Tier bemitleidet. Inwiefern stehen sie jetzt noch Europa nach? Dort tut
+man es doch ebenfalls. Hi-hi-hi!“ kicherte der alte Sonderling, wandte
+sich jedoch sogleich wieder seinen Schriften zu und sprach kein Wort
+weiter.
+
+Ich nahm die beiden Zeitungen, schob sie in die Tasche und versorgte
+mich außerdem noch mit mehreren alten Nummern der „Nachrichten“ und des
+„Woloß“. An diesem Tage verließ ich die Kanzlei früher als sonst. Zwar
+war bis zum Abend noch viel Zeit, doch wollte ich früher in die Passage
+gehen, um wenigstens von weitem zu sehen, was dort vorging, um
+Meinungsäußerungen des Publikums aufzufangen und die Menschen kennen zu
+lernen. Ich sagte mir, daß ich dort unfehlbar in ein großes Gedränge
+geraten würde und schlug deshalb auf alle Fälle den Mantelkragen hoch,
+denn aus irgend einem Grunde schämte ich mich, gesehen zu werden – so
+wenig haben wir uns an die „Öffentlichkeit“ gewöhnt! Doch ich fühle, daß
+ich kein Recht habe, im Hinblick auf dieses außergewöhnliche Ereignis,
+meine eigenen prosaischen Gefühle zum Ausdruck zu bringen.
+
+
+
+
+ Fußnoten
+
+
+[1] Bekannter Musiker und Dirigent. E. K. R.
+
+[2] In Rußland tragen die Lehrer der öffentlichen Schulen Uniform. E. K.
+R.
+
+
+ Anmerkungen zur Transkription
+
+Die „Sämtlichen Werke“ erschienen in der hier verwendeten ursprünglichen
+Fassung der Übersetzung von E. K. Rahsin in mehreren Auflagen und
+Ausgaben 1906–1922 im Piper-Verlag. Dieses Buch wurde transkribiert
+nach:
+
+ F. M. Dostojewski: Sämtliche Werke.
+ Zweite Abteilung: Siebzehnter Band
+ R. Piper & Co. Verlag, München und Leipzig, 1918.
+
+Die Anordnung der Titelinformationen wurde innerhalb der „Sämtlichen
+Werke“ vereinheitlicht und entspricht nicht der Anordnung in den
+ursprünglichen Ausgaben. Alle editionsspezifischen Angaben wie Jahr,
+Copyright, Auflage usw. sind aber erhalten und wurden gesammelt direkt
+nach der Titelseite eingefügt.
+
+Fußnoten wurden am Ende des Buches gesammelt.
+
+Das Inhaltsverzeichnis wurde an den Anfang des Bandes verschoben.
+Inhaltsverzeichnis und Überschriften im Text wurden harmonisiert.
+
+Zu den Anführungszeichen: Gespräche wurden in doppelte Anführungszeichen
+(„“) eingeschlossen. Die Wiedergabe von Äußerungen anderer innerhalb von
+Gesprächen wurde in einfache Anführungszeichen (‚‘) eingeschlossen.
+
+Besonderheiten der Transliteration russischer Begriffe und Namen: Der
+Buchstabe „ä“ (oder auch „jä“) steht für den kyrillischen Buchstaben
+„ja“. Die Schreibweise häufig vorkommender Namen und Begriffe wurde
+vereinheitlicht (nicht verwendete Varianten in Klammern):
+
+ Ssamowar (Samowar)
+
+Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere
+Änderungen, zum Teil unter Verwendung späterer Ausgaben, sind hier
+aufgeführt (vorher/nachher):
+
+ [S. 38]:
+ ... Lebemannsleben fleißig geübt hat. Übrigens, ...
+ ... Lebemannslebens fleißig geübt hat. Übrigens, ...
+
+ [S. 53]:
+ ... Zimmer eintretend! „Es ist er–staunlich, cher ami, ...
+ ... Zimmer eintretend. „Es ist er–staunlich, cher ami, ...
+
+ [S. 87]:
+ ... dann nur ein einziges Mal Leben ... aber ...
+ ... dann nur ein einziges Mal im Leben ... aber ...
+
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 76110 ***