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diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes index 6833f05..d7b82bc 100644 --- a/.gitattributes +++ b/.gitattributes @@ -1,3 +1,4 @@ -* text=auto -*.txt text -*.md text +*.txt text eol=lf +*.htm text eol=lf +*.html text eol=lf +*.md text eol=lf diff --git a/77073-h/77073-h.htm b/77073-h/77073-h.htm index 1063e52..d068ef3 100644 --- a/77073-h/77073-h.htm +++ b/77073-h/77073-h.htm @@ -13,7 +13,7 @@ body { margin-right: 10%;} h1,h2{ - text-align: center; + text-align: center; clear: both;} h1 {font-size: 210%} @@ -81,7 +81,7 @@ table { margin-left: auto; margin-right: auto;} -.pagenum { visibility: hidden;} +.pagenum { display: none;} .center {text-align: center;} @@ -196,7 +196,7 @@ meines Mannes</b></p> <hr class="chap x-ebookmaker-drop"> <div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_1">[S. 1]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_7">[S. 7]</span></p> <h2 class="nobreak" id="1">1</h2> </div> @@ -222,7 +222,7 @@ geht.</p> <p>Nein, sie nahmen ihm seine Rücksichtslosigkeit auch nicht übel. Er war im Dienst, der Wackere — wie hätte er anders handeln können?</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_2">[S. 2]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_8">[S. 8]</span></p> <p>Er hatte die Ehre — eine unverdiente, ganz gewiß, aber eine unbestrittene —, die verehrungswürdige Gemahlin des fremden weißen @@ -247,7 +247,7 @@ das zu verlangen.</p> <p>Er, Akira, stand daneben und hörte Mosakus Geschwätz mit dem innigen Wunsche, ihm dafür seinen traurigen Jinrikisha in Stücke schlagen zu dürfen. Aber der weiße Mann ließ sich von Mosakus Redesturz -überwältigen; er lachte und<span class="pagenum" id="Seite_3">[S. 3]</span> stieg ein, während die erlauchte Gemahlin +überwältigen; er lachte und<span class="pagenum" id="Seite_9">[S. 9]</span> stieg ein, während die erlauchte Gemahlin in Akiras Wagen Platz nahm.</p> <p>Als ehrgeizige Nebenbuhler, die sie waren, begannen Mosaku und Akira @@ -268,7 +268,7 @@ und in schnellstem Trabe mit ihr davonsauste, sobald sie den Fuß aus dem kleinen Boot mit dem Drachensegel ans Land gesetzt hatte. Die japanischen Gesichter erschienen ihr anfangs alle gleich in ihrer gelbbraunen Blässe, den dunklen, ein wenig schrägen Augen über den -starken Backenknochen und mit<span class="pagenum" id="Seite_4">[S. 4]</span> dem höflichen — unverwirrbar höflichen +starken Backenknochen und mit<span class="pagenum" id="Seite_10">[S. 10]</span> dem höflichen — unverwirrbar höflichen — Lächeln.</p> <p>Erst allmählich lernte sie die Menschen aus dem Volke herauszuschälen @@ -292,7 +292,7 @@ lernte sie auf Tod und Leben Kisuaheli und liebte diese ritterliche und liedhafte Sprache samt allen Rauheiten ihres arabischen Einschlags. Und als sie so weit war, daß sie dem würdevoll auf der Boma — der Festung — erscheinenden Häuptling des nächsten Dorfes selbst für -seinen Ehrenhammel verbindlichst zu danken vermochte und ihn, der<span class="pagenum" id="Seite_5">[S. 5]</span> die +seinen Ehrenhammel verbindlichst zu danken vermochte und ihn, der<span class="pagenum" id="Seite_11">[S. 11]</span> die Türe nicht wiederfand, höchstselbst hinauszuwerfen sich unterfing — als sie die kleinen, zwitschernden Liebeslieder ihrer schwarzen Zofe selber singen konnte und die nachdenklichen und neckischen Sprichworte @@ -315,7 +315,7 @@ dem es fließt, der muß wiederkommen, oder die Sehnsucht tötet ihn ...«</p> <p>Sie liebte diese Ururenkel eines Herrenvolkes, das mit dem Gestampf seiner Herden und dem Gebrüll seiner Kriegshörner die Erde beben gemacht hatte und Paläste baute, um die noch nach tausend Jahren die -Kasuarinen<span class="pagenum" id="Seite_6">[S. 6]</span> ihre wundervoll geschwungenen Zweige anbetend senkten.</p> +Kasuarinen<span class="pagenum" id="Seite_12">[S. 12]</span> ihre wundervoll geschwungenen Zweige anbetend senkten.</p> <p>Sie liebte sie, wie sie edle Bronzen liebte, Heldensagen und fremdartige Tiere — mit jener beschaulich entzückten, unwachsamen @@ -343,7 +343,7 @@ ging davon.</p> zufriedenes Gesicht dabei.</p> <p>Als sie wieder aufwachte, saß ihr Mann an ihrem Bette und hatte einen -Brief in der Hand;<span class="pagenum" id="Seite_7">[S. 7]</span> den gab er ihr, als sie wieder vernünftig denken +Brief in der Hand;<span class="pagenum" id="Seite_13">[S. 13]</span> den gab er ihr, als sie wieder vernünftig denken konnte.</p> <p>Der Brief war vom Gouverneur und lautete:</p> @@ -370,7 +370,7 @@ immer. Sie würden wiederkommen, ganz gewiß ...</p> Leibe über sämtlichen Länder- und Meerkarten der Erde gelegen und den Globus vor sich um seine Pole tanzen lassen.</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_8">[S. 8]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_14">[S. 14]</span></p> <p>Sie wollten die Zeit, die ihnen pflichtenlos gehörte, ausnutzen — die Erde kennenlernen und ihre Menschen zwischen Norden und Süden.</p> @@ -395,7 +395,7 @@ die Zumutung, länger dort zu bleiben, als man unbedingt braucht, um sich für eine Reise, wie er und seine Frau sie vorhatten, auszurüsten.</p> <p>Er war bereit, sich mit jedem Yankee, der sich durch seine Meinung -auf die U.S.A.-Hühneraugen<span class="pagenum" id="Seite_9">[S. 9]</span> getreten fühlte, ihretwegen zu boxen, bis +auf die U.S.A.-Hühneraugen<span class="pagenum" id="Seite_15">[S. 15]</span> getreten fühlte, ihretwegen zu boxen, bis der Yankee blau war — aber er fand Neuyork von einer märchenhaften Scheußlichkeit und wollte seinem Schöpfer danken, wenn er es hinter sich hatte.</p> @@ -421,7 +421,7 @@ edlen Wein aus sehr schön geschliffenen Gläsern.</p> selbst herrast und bei dem Tanz ums goldene Kalb alle zehn Gebote und auch das elfte zerbricht, das da lautet: »Du sollst glücklich sein!«</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_10">[S. 10]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_16">[S. 16]</span></p> <p>Gerhard Hoyermann wollte nach dem Wilden Westen, erklärte er. Er wollte die »<em class="antiqua">bloody grounds</em>« aufsuchen, in denen Winnetou, der rote @@ -453,7 +453,7 @@ Kordilleren im Süden einen Spaziergang zu machen, dann machte er ihn — <p>»Meine Frau — die geht mit! Was, Beate —?!«</p> <p>Und er hatte ihr seine Tatze hingestreckt und nach der ihren gepackt, -die eilig und freudig zu<span class="pagenum" id="Seite_11">[S. 11]</span> ihm gelaufen kam, und sie hatten sich +die eilig und freudig zu<span class="pagenum" id="Seite_17">[S. 17]</span> ihm gelaufen kam, und sie hatten sich angelacht — hoho! Dröhnend konnte Gerhard Hoyermann lachen! Und sie jauchzte dazwischen ... Natürlich ging sie mit! Was war da weiter dabei —?</p> @@ -478,7 +478,7 @@ hinein, um sich die Welt zu erobern.</p> Betriebsbeteiligung. Einen Grisly zu schießen, war nicht ratsam, da diese lieben Tiere in gleicher Heiligkeit und Unverletzlichkeit im Yellowstonepark lebten wie die Katzen im alten Ägypten. Gerhard sah die -Zweckmäßigkeit dieser Heiligsprechung ein<span class="pagenum" id="Seite_12">[S. 12]</span> und bedauerte nur, daß er +Zweckmäßigkeit dieser Heiligsprechung ein<span class="pagenum" id="Seite_18">[S. 18]</span> und bedauerte nur, daß er sich nicht an den Mormonen schadlos halten konnte.</p> <p>Sie fanden auch Indianer; aber die meisten waren dem Tomahawk @@ -502,7 +502,7 @@ genug gewesen waren, sich mit ihren Bezwingern rechtzeitig auf den Händlerstandpunkt zu stellen, waren ganz umwoben von der Romantik, die aus ihrem Untergang eine Dichtung machte. Ihre Zeit war vorbei, und sie starben. Und die deutschen Jungens spielten Indianer, was keinem -anderen Jungen<span class="pagenum" id="Seite_13">[S. 13]</span> irgendeines anderen Volkes eingefallen wäre. Sie +anderen Jungen<span class="pagenum" id="Seite_19">[S. 19]</span> irgendeines anderen Volkes eingefallen wäre. Sie stellten in ihren Spielen, in denen die Indianer selbstverständlich Sieger blieben, das Gleichgewicht verletzter Rechte wieder her. Und von diesen Jungensspielen ein kindischer und herber Hauch war dem Manne @@ -526,7 +526,7 @@ der Bucht von Kioto den Berg gesehen, der jener Göttin heilig ist, die die Bäume blühen macht. In einem fremden und kühlen Blau hatte er sich aufgereckt, wolkenlos, ohne Nebel, mit dem Strahlenkranze aus Schnee — ein günstiges Zeichen für die Ankommenden. Denn es gilt als eine -üble<span class="pagenum" id="Seite_14">[S. 14]</span> Vorbedeutung, wenn der Reisende, der Japan betritt, den Fujiyama +üble<span class="pagenum" id="Seite_20">[S. 20]</span> Vorbedeutung, wenn der Reisende, der Japan betritt, den Fujiyama verschleiert sieht.</p> <p>Und sie hatten das Märchen der Kirschblüte miterlebt und staunend vor @@ -554,7 +554,7 @@ Kohlenbecken neben sich, rund umgeben von verwirrenden Köstlichkeiten und atemraubendem Schund, mit dem eine fruchtbare Industrie das junge Japan gesegnet hat.</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_15">[S. 15]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_21">[S. 21]</span></p> <p>Beate überlegte, ob sie aussteigen sollte, um eine Stunde in solch einem Laden zu vertrödeln. Sie konnte es ohne Gefahr tun. Akira lief @@ -577,7 +577,7 @@ ebenso höflich und wortlos lächelnd haben hinausgehen lassen, wie er sie eintreten ließ, ohne den geringsten Versuch zu machen, ihr etwas aufzuschwatzen, oder sie zum Wiederkommen aufzufordern.</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_16">[S. 16]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_22">[S. 22]</span></p> <p>Aber sie ließ den Plan fallen, weil es ihr Mühe gemacht hätte, sich von ihren grübelnden Gedanken loszureißen, die sich mit forschendem Eifer @@ -603,7 +603,7 @@ dieses Land für sich erobern könnten — o nein!</p> <p>Es schien, daß man Eisenbahnen und Telegraphenstangen brauchte, um Schritt zu halten. Also baute man Eisenbahnen und pflanzte über den wimmelnden Gassen der Städte Telegraphenstangen auf. Im übrigen blieb -man<span class="pagenum" id="Seite_17">[S. 17]</span> Japan ... Die Missionare sämtlicher christlichen Kirchen bekamen +man<span class="pagenum" id="Seite_23">[S. 23]</span> Japan ... Die Missionare sämtlicher christlichen Kirchen bekamen die Gelbsucht und wurden schwermütig angesichts der sanftlächelnden Unbeirrbarkeit eines Glaubens, dem nicht beizukommen war.</p> @@ -625,7 +625,7 @@ auf seinen Stelzenschuhen in heiterster Geschäftigkeit durch die Straßen, lächelte, verbeugte sich, bahnte sich mit einer wunderlichen schiffenden Bewegung der vorgehaltenen Hand Wege durch die Menge, mit denen eine Katze nicht zufrieden gewesen wäre. Jeder schien den anderen -um Entschuldigung zu bitten, daß sein Geschäft ihn<span class="pagenum" id="Seite_18">[S. 18]</span> nötigte, etwas +um Entschuldigung zu bitten, daß sein Geschäft ihn<span class="pagenum" id="Seite_24">[S. 24]</span> nötigte, etwas Platz für sich zu beanspruchen.</p> <p>Beate dachte, wie wohl »Himmelkreuzdonnerwetter!« auf japanisch @@ -648,7 +648,7 @@ verfügte sich in den Schatten und hockte sich auf die Steine neben dem Torii. Er würde hier einige Dutzend Pfeifen rauchen und warten ...</p> <p>Beate durchwanderte den kleinen Vorhof, in dem nur ein paar steinerne -Votivlaternen standen und eine ganz verwitterte steinerne<span class="pagenum" id="Seite_19">[S. 19]</span> Göttin, +Votivlaternen standen und eine ganz verwitterte steinerne<span class="pagenum" id="Seite_25">[S. 25]</span> Göttin, nicht größer als ein Kind. Sie drückte die eine Hand mit einer ekstatischen Gebärde an ihre linke Brust und hielt die andere schmal und offen aufgerichtet den Betenden entgegen. Ihr Gesicht war von @@ -674,7 +674,7 @@ antwortete von oben. Dann ging er und verschwand im Hofe.</p> <p>Was ging es sie an —?</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_20">[S. 20]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_26">[S. 26]</span></p> <p>Ein kleiner Hain von düsteren, wunderlich zerfetzt aussehenden Fichtenbäumen nahm sie auf. Er schloß sich wie ein schwerer Mantel um @@ -701,7 +701,7 @@ abgesondert, einsam und spröde zuhöchst auf dem Hügel stand und so wirkte, als könne er nirgends sonst in der Welt stehen — faltete die Hände über dem Knie und träumte.</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_21">[S. 21]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_27">[S. 27]</span></p> <p>Gerade unter ihr, von der Flut umspült, lag ihre Insel, der schöne »Garten des Freundes«. Zur Zeit der Ebbe konnte sie zu Fuß über den @@ -729,7 +729,7 @@ gehörten.</p> <p>Sie war auf einen stürmischen Überfall gefaßt und bereitete sich vor, ihm würdig zu begegnen; er blieb aber aus.</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_22">[S. 22]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_28">[S. 28]</span></p> <p>Sie drehte sich um und sah ihrem Manne ins Gesicht. Das zeigte eine wunderliche Mischung von Grimm und Belustigtsein.</p> @@ -760,7 +760,7 @@ Nacken und fragte: »Weißt du, was das Neueste ist?«</p> <p>»Soll ein Nilpferd nicht darauf kommen, wenn ihm vom ersten bis zum letzten Schritt in diesem gesegneten Lande ein Kerl auf den Fersen klebt, der gar nichts da verloren hat! In den ersten Tagen habe ich -überhaupt nichts gemerkt. Dann glaubte ich, ich hätte mich getäuscht.<span class="pagenum" id="Seite_23">[S. 23]</span> +überhaupt nichts gemerkt. Dann glaubte ich, ich hätte mich getäuscht.<span class="pagenum" id="Seite_29">[S. 29]</span> Schließlich wurde ich aufmerksam und knöpfte Augen und Ohren gehörig in Sperrweite ... Bei Gott, Beate, man lauert uns auf!«</p> @@ -786,7 +786,7 @@ mehrfache Raubmörder wären.«</p> <p>»Bär,« sagte die Frau und fuhr ihm in die Haare, »du hast Halluzinationen!«</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_24">[S. 24]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_30">[S. 30]</span></p> <p>»Wenn du Mut hast, dann behauptest du jetzt noch, daß ich für gewöhnlich darunter leide!«</p> @@ -817,7 +817,7 @@ gebracht, Löwin,« sagte Gerhard Hoyermann.</p> <p>Beate sah ihn ungläubig an. Aber er scherzte nicht. Wirklich nicht.</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_25">[S. 25]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_31">[S. 31]</span></p> <p>»Das ist ja phänomenal albern!« sagte sie.</p> @@ -848,7 +848,7 @@ Hoyermann. »Schließlich sind wir nicht in dieses allerliebste Ländchen gekommen, um den Rest unseres Urlaubs in getrennten Zellen irgendeines Untersuchungsgefängnisses zu beschließen.«</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_26">[S. 26]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_32">[S. 32]</span></p> <p>»Ohne jeden Grund —?!«</p> @@ -870,7 +870,7 @@ gesprengt werden könnte ... Aber deine Wochen Haft hast du weg. Und wenn du aus dem Hafen von Kobe abfährst, wirst du die Entdeckung machen, daß sich mit dem letzten Boot, das dein Schiff verläßt, ein Schatten von deinen Füßen gelöst hat, der eine verdammte Ähnlichkeit -mit einem Geheimpolizisten besitzt. Und höchstwahrscheinlich<span class="pagenum" id="Seite_27">[S. 27]</span> wird er +mit einem Geheimpolizisten besitzt. Und höchstwahrscheinlich<span class="pagenum" id="Seite_33">[S. 33]</span> wird er dich noch vom Boote aus verbindlich lächelnd grüßen ...«</p> <p>»Ich hoffe, daß du eines schönen Tages Ursache haben wirst, unseren @@ -894,7 +894,7 @@ darauf, eine politisch verdächtige Persönlichkeit zu werden. Der Ruhm, deine Frau zu sein, genügt meinem Ehrgeiz durchaus.«</p> <p>»Gott segne diesen Standpunkt!« sagte Gerhard Hoyermann. »Er gibt -mir meine gute Laune wieder. Und wenn du nichts dagegen<span class="pagenum" id="Seite_28">[S. 28]</span> hast, +mir meine gute Laune wieder. Und wenn du nichts dagegen<span class="pagenum" id="Seite_34">[S. 34]</span> hast, lassen wir Akira und Mosaku ein Wettrennen veranstalten, wer uns am schnellsten nach dem nächsten Theater fährt! Ich habe Sehnsucht danach, drachenmäulige Teufel, verhexte Katzen und waffenklirrende Samurais zu @@ -922,7 +922,7 @@ lassen,« murmelte Gerhard Hoyermann, indem er rückwärts schaute.</p> <p>»Hältst du den Mann für den Minister des Äußeren?« fragte Beate und zog ihn hinter sich drein.</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_29">[S. 29]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_35">[S. 35]</span></p> <p>»Man kann nie wissen, was ein Japaner im Nebenberuf ist,« antwortete ihr Mann. »Und du wirst mir schon erlauben müssen, meine hochgemute @@ -954,7 +954,7 @@ Nutzen sein.«</p> <p>Beate fragte nicht weiter. Sie nahmen in ihren Jinrikishas Platz und hatten es nicht nötig, die Kulis zur Eile anzutreiben. Akira und Mosaku -liefen wie die Irrsinnigen, versuchten<span class="pagenum" id="Seite_30">[S. 30]</span> beständig sich zu überholen und +liefen wie die Irrsinnigen, versuchten<span class="pagenum" id="Seite_36">[S. 36]</span> beständig sich zu überholen und knirschten einander mit freundlich grinsenden Zähnen an, wenn sie Seite an Seite trabten.</p> @@ -981,7 +981,7 @@ Geschmeide der Dunkelheit. Über das weiße Papier krochen die tausendjährigen chinesischen Schriftzeichen, samtschwarz und verwirrend.</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_31">[S. 31]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_37">[S. 37]</span></p> <p>Vor den Theatern, die eine ganze Straße für sich in Anspruch nahmen, glühten die Laternen rot.</p> @@ -1004,7 +1004,7 @@ von Westeuropa liegt. Aber sie kamen ohne Maßstab und wollten genießen. Es schadete nichts, daß ihnen die rauhen und dumpfen Kehllaute der japanischen Schauspieler unverständlich blieben. Was sie sahen, war fremd; aber es wurde auch von dem schwarzen und goldenen Gürtel -umspannt, der<span class="pagenum" id="Seite_32">[S. 32]</span> alles, was Menschenblut in den Adern hat, umrundet.</p> +umspannt, der<span class="pagenum" id="Seite_38">[S. 38]</span> alles, was Menschenblut in den Adern hat, umrundet.</p> <p>Rechts und links der Bühne, in kleinen, versteckenden Bambushainen, saßen die Musikanten, die einen Lärm vollführten, als wollten sie das @@ -1026,7 +1026,7 @@ abermals beiseitegeschoben wurde und ein Mann eintrat. Ein Europäer.</p> <p>Es war der Schwede Tystendal.</p> -<p>»Guten Abend!« grüßte er gedämpft, beugte<span class="pagenum" id="Seite_33">[S. 33]</span> sich über Beates Hand und +<p>»Guten Abend!« grüßte er gedämpft, beugte<span class="pagenum" id="Seite_39">[S. 39]</span> sich über Beates Hand und drückte Gerhards Rechte.</p> <p>Hoyermann betrachtete das Gesicht seines Freundes aufmerksam.</p> @@ -1052,7 +1052,7 @@ Ton über die Lippen. Sie war so weiß im Gesicht, daß es aussah, als müsse sie ohnmächtig werden. Eine Minute lang machte keiner der drei Menschen eine Bewegung.</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_34">[S. 34]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_40">[S. 40]</span></p> <p>Dann stand Gerhard Hoyermann auf und packte Beate bei der Hand.</p> @@ -1081,7 +1081,7 @@ sagte Tystendal.</p> um Gerhard Hoyermanns Mund lag jener Zug der Entschlossenheit, um dessentwillen der Gouverneur von Ostafrika große Pläne mit ihm hatte.</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_35">[S. 35]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_41">[S. 41]</span></p> <p>»Glauben Sie,« fragte Beate, während sie nach dem Hause schritten, »daß dieser gräßliche Mord — weittragende Folgen haben kann —?«</p> @@ -1111,7 +1111,7 @@ seine Häuser aus Papier baute, das fremde Götter hatte und eine ihr unverständliche Sprache mit noch unverständlicheren Schriftzeichen. Sie fühlte, daß sie ungerecht war, aber sie konnte es nicht ändern, daß sie das zarte Lächeln der Dienerin Umè, die sich zum Gruß vor ihr auf den -Boden warf und ihn dreimal mit ihrer Stirn berührte,<span class="pagenum" id="Seite_36">[S. 36]</span> mit einem Gefühl +Boden warf und ihn dreimal mit ihrer Stirn berührte,<span class="pagenum" id="Seite_42">[S. 42]</span> mit einem Gefühl des Widerwillens empfand.</p> <p>Sie entsann sich, daß dieses Mädchen vor kurzer Zeit seine Mutter @@ -1134,7 +1134,7 @@ ihre Lieblingsecke, die ein wundervoller alter Kakemono schmückte.</p> <p>»Was ich sagte, sind alles nur Vermutungen,« meinte Tystendal. »Sie sind so lange von Europa fortgewesen, daß Sie fast die Fühlung mit diesem nervösen Erdteil verloren haben. Es mag auch sein, daß man in -den Steppen und im Urwald den Sinn für Kleinarbeit verliert.<span class="pagenum" id="Seite_37">[S. 37]</span> Uns wird +den Steppen und im Urwald den Sinn für Kleinarbeit verliert.<span class="pagenum" id="Seite_43">[S. 43]</span> Uns wird er anerzogen, selbst gegen unseren Willen. Und ich bin zu sehr Schwede, um nicht bei jedem Unrecht, das politisch geschieht, russische Hände im Spiel zu vermuten.«</p> @@ -1163,7 +1163,7 @@ schüttelte den Kopf mit seinem herzlichen blonden Lächeln.</p> »Wenn Männer auf die Politik zu sprechen kommen, geraten sie meistens in die Superlative. Auch Truppen sind ein Superlativ ...«</p> -<p>»Denken Sie an die Möglichkeit eines Krieges<span class="pagenum" id="Seite_38">[S. 38]</span> — als Folge der Mordtat +<p>»Denken Sie an die Möglichkeit eines Krieges<span class="pagenum" id="Seite_44">[S. 44]</span> — als Folge der Mordtat in Bosnien?« fragte die Frau mit trockenen Lippen.</p> <p>»Ich hoffe, daß ich zu schwarz sehe,« antwortete der Schwede. »Die @@ -1194,7 +1194,7 @@ wird.«</p> <p>»Um so unheimlicher wirkt es jetzt ... Ich habe, offen gestanden, von solchen Gesprächen genug für heute, wenn Sie nichts dagegen haben ... Am Nachmittag erklärt mir mein Mann, daß er und ich unter polizeilicher -Bewachung<span class="pagenum" id="Seite_39">[S. 39]</span> stünden und durchaus nicht sicher davor wären, aus heiterem +Bewachung<span class="pagenum" id="Seite_45">[S. 45]</span> stünden und durchaus nicht sicher davor wären, aus heiterem Himmel in ein japanisches Untersuchungsgefängnis zu geraten ... Ein paar Stunden später kommen Sie und verheißen uns den europäischen Krieg. Das ist etwas viel auf einmal.«</p> @@ -1219,7 +1219,7 @@ wie behext auf ihren zierlichen schwarzen Lackbeinen.</p> <p>Gerhard Hoyermann sagte nichts. Er sprang nach der Wand, die das Haus vom Garten abschloß, und schob sie zur Seite.</p> -<p>Drunten, an dem kleinen Teich, den ein<span class="pagenum" id="Seite_40">[S. 40]</span> künstlicher Wasserfall nährte, +<p>Drunten, an dem kleinen Teich, den ein<span class="pagenum" id="Seite_46">[S. 46]</span> künstlicher Wasserfall nährte, liefen die beiden Mädchen Beates und die männliche Dienerschaft kopflos durcheinander. Sie rannten nach dem Meere, wiesen zur Stadt hinüber ...</p> @@ -1244,7 +1244,7 @@ sich auf und schrie ...</p> <p>Herrgott — wie konnte das geängstigte Meer schreien ... aufgellend und röchelnd, im eigenen Geifer erstickt ...</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_41">[S. 41]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_47">[S. 47]</span></p> <p>Stoß auf Stoß erschütterte das Land und rieselte verebbend über die Insel. Und die Menschen im »Garten des Freundes« sahen wie auf eine @@ -1267,7 +1267,7 @@ ausschickend, seinen Weg über das Eiland suchte. Und er wuchs und überschwemmte, was ihm im Lauf entgegenstand, mit einem ruhigen, breiten Lohen. Er leistete ganze Arbeit; er ließ nichts übrig. Die kleinen Kundschafterwellen kletterten vorsichtig über Bambus und -Papier, hielten sich nicht auf, wußten, daß die<span class="pagenum" id="Seite_42">[S. 42]</span> breite Lohe, die +Papier, hielten sich nicht auf, wußten, daß die<span class="pagenum" id="Seite_48">[S. 48]</span> breite Lohe, die hinter ihnen kam, wacker am Werke sein würde.</p> <p>Es sah zierlich und unbegreiflich fürchterlich aus, wie das Feuer über @@ -1295,7 +1295,7 @@ Zorn ...</p> <p>Die kleine Yuki, die Schneeflocke vom Gipfel des Fujiyama, warf sich vor ihrer Herrin auf die Knie, berührte die zitternde Erde mit der -Stirn, streckte die Hände aus, lächelte ... ja,<span class="pagenum" id="Seite_43">[S. 43]</span> bei allen Göttern! sie +Stirn, streckte die Hände aus, lächelte ... ja,<span class="pagenum" id="Seite_49">[S. 49]</span> bei allen Göttern! sie lächelte mit ihrem verstörten Blumengesicht ...</p> <p>O, die vielverehrte Gebieterin möge ihr verzeihen ... Ihr Vater, ihre @@ -1319,7 +1319,7 @@ den Krampf der Angst, der den schmalen Kinderkörper stieß und lähmte, hob ihn hoch auf ihren Schoß und bedeckte die Augen, die der Brand gebeizt hatte, mit ihren Händen und ihrem Schluchzen ...</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_44">[S. 44]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_50">[S. 50]</span></p> <p>»Lächle nicht, Kind ... um Gottes — um alles in der Welt — um der Barmherzigkeit willen ... lächle nicht —! Schreie —! Schlag um dich @@ -1348,7 +1348,7 @@ Gerhard brüllte nach dem Diener.</p> <p>Fahren — hinüberfahren —? Wozu?</p> <p>»Frag nicht, Mensch —! Greif zu —!« Gerhard zerbiß den kräftigsten -deutschen Fluch zwischen den Zähnen. Tystendal warf seine<span class="pagenum" id="Seite_45">[S. 45]</span> breiten +deutschen Fluch zwischen den Zähnen. Tystendal warf seine<span class="pagenum" id="Seite_51">[S. 51]</span> breiten Schultern gegen das Boot. An seinen Schläfen sprangen die Adern wie junge Nattern auf.</p> @@ -1375,7 +1375,7 @@ Segel hinein.</p> brauchten? Krachend schleuderten die ersten beiden Boote sich gegeneinander, wirbelten wie betrunken um sich selbst — da, das eine hatte zu tiefen Schluck genommen ... Das breite Segel klatschte aufs -Wasser, versetzte dem Meer eine fürchterliche Ohrfeige<span class="pagenum" id="Seite_46">[S. 46]</span> ... O, ich will +Wasser, versetzte dem Meer eine fürchterliche Ohrfeige<span class="pagenum" id="Seite_52">[S. 52]</span> ... O, ich will dich wohl unterkriegen — eine Welle, die sich rasend reckte — hach —!</p> <p>So, nun war es verschwunden ... Menschenköpfe trieben auf der @@ -1403,7 +1403,7 @@ und flüsterte törichte, kleine Wortfetzen auf das Mädchen hinunter, während sie das grausige Schauspiel vor sich mehr fühlte als sah.</p> <p>Durch den dünnen Vorhang des Feuers konnte sie die Menschen erkennen, -die sich aus<span class="pagenum" id="Seite_47">[S. 47]</span> der Brandhöhle hinaufretteten zum Hügel über der Stadt. +die sich aus<span class="pagenum" id="Seite_53">[S. 53]</span> der Brandhöhle hinaufretteten zum Hügel über der Stadt. Da oben stand das wundervolle Bild der Göttin Kwan-on — der ewigen Barmherzigkeit. Es stand feierlich und tief gelassen in Stein und Gold, mit dem ruhigen Monde um das freundliche Haupt ...</p> @@ -1429,7 +1429,7 @@ Stadt in Flammen aufging ...</p> <p>Das Feuer war satt geworden. Es hatte seinen Fraß gierig hinuntergeschluckt und leckte nur noch mit langer Zunge da und dort um eine halbverzehrte Beute. Die Glut wurde dunkler und dunkler, zu -bläulichem Rot. Funken<span class="pagenum" id="Seite_48">[S. 48]</span> stoben, wo ein Pfahl zerbarst. Der Himmel, der +bläulichem Rot. Funken<span class="pagenum" id="Seite_54">[S. 54]</span> stoben, wo ein Pfahl zerbarst. Der Himmel, der nichts mehr zum Gaffen hatte, zog sich hoch über die Hügel zurück, wurde kühl und gleichgültig blau — kümmerte sich um sich selbst und prunkte in Sternen. Der Himmel und die Sterne schienen unendlich weit @@ -1454,7 +1454,7 @@ sehen. Sie war sehr nachlässig gewesen — die Herrin möge verzeihen ...</p> <p>Sie ging selbst nach der Küche; sie hatte einen Gast.</p> <p>Ihre japanische Jungfer — das Mädchen, dessen Lächeln sie heute so -peinigend empfunden<span class="pagenum" id="Seite_49">[S. 49]</span> hatte — stand plötzlich neben ihr und glitt auf +peinigend empfunden<span class="pagenum" id="Seite_55">[S. 55]</span> hatte — stand plötzlich neben ihr und glitt auf den Boden ...</p> <p>Die Herrin hatte vergessen, die Schuhe auszuziehen.</p> @@ -1474,7 +1474,7 @@ an, interessant zu werden ...«</p> <hr class="chap x-ebookmaker-drop"> <div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_50">[S. 50]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_56">[S. 56]</span></p> <h2 class="nobreak" id="2">2</h2> </div> @@ -1499,7 +1499,7 @@ Europadampfer einlief.</p> <p>Der Dampfer kam nicht.</p> -<p>Gerhard Hoyermann hatte sich zur Bucht<span class="pagenum" id="Seite_51">[S. 51]</span> hinüberrudern lassen, in der +<p>Gerhard Hoyermann hatte sich zur Bucht<span class="pagenum" id="Seite_57">[S. 57]</span> hinüberrudern lassen, in der das Schiff anzulegen pflegte. Er hatte jeden Menschen, dessen er habhaft werden konnte, beim Kragen genommen und eine Auskunft von ihm gefordert, wann, zum Kreuzmillionendonnerwetter! der Dampfer kommen @@ -1524,7 +1524,7 @@ in seinem Fluchen. Es stak ein ganz seiner selbst bewußter Ernst dahinter. Wenn er auch Beate nichts davon merken ließ.</p> <p>Tystendal war kein Schwätzer. Auch kein Schwarzseher — nein. Es war -immer ratsam, seine Worte, wenn sie ernsthaft klangen, auch<span class="pagenum" id="Seite_52">[S. 52]</span> so zu +immer ratsam, seine Worte, wenn sie ernsthaft klangen, auch<span class="pagenum" id="Seite_58">[S. 58]</span> so zu nehmen. Hoyermann war sehr geneigt, das zu tun und sich danach zu richten. Auch Tystendal wollte nach Schweden zurückkehren.</p> @@ -1549,7 +1549,7 @@ wand, schritt ein Mann neben ihm her, doch immer so, daß drei Schritte Wegs zwischen ihnen blieben. Der Mann trug einen Strohmantel, wie ihn die Japaner zum Schutz gegen den Regen tragen, hatte den flachen Hut sehr tief gezogen und stelzte auf unsagbar schmutzigen Beinen und -klappernden Holzsandalen<span class="pagenum" id="Seite_53">[S. 53]</span> halb trabend durch den Schlamm der Straße.</p> +klappernden Holzsandalen<span class="pagenum" id="Seite_59">[S. 59]</span> halb trabend durch den Schlamm der Straße.</p> <p>Gerhard Hoyermann achtete nicht auf den Menschen, bis dieser, die Straße kreuzend, an ihm vorüberglitt und in gutem, sehr verständlichem @@ -1572,7 +1572,7 @@ Verwirrt und geängstigt krochen die zerglühten Drähte übereinander.</p> zu erwarten. Ich werde pünktlich sein. Es handelt sich um Dinge von höchster Wichtigkeit ... Guten Abend ...«</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_54">[S. 54]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_60">[S. 60]</span></p> <p>Gerhard Hoyermann sah aus verschleierten Augenwinkeln, wie der Strohmantel neben ihm abermals die Straße kreuzte und dann mit einem @@ -1595,7 +1595,7 @@ Bestreben, das Zimmer auf europäische Art zu öffnen, das ganze Haus an den Rand des Verderbens gebracht hatte, »was hältst du von Japanern, die Deutsch sprechen — das Deutsch der Gegend, in der der liebe Gott den Streusand aufbewahrt, — dich beschwören, so zu tun, als wüßtest du -von<span class="pagenum" id="Seite_55">[S. 55]</span> nichts etwas, und sich im übrigen für zwei Stunden später bei dir +von<span class="pagenum" id="Seite_61">[S. 61]</span> nichts etwas, und sich im übrigen für zwei Stunden später bei dir anmelden?«</p> <p>Beate, die ihren Mann vom Garten aus hatte heimfahren sehen und schon @@ -1622,7 +1622,7 @@ hat.«</p> <p>»Warum?«</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_56">[S. 56]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_62">[S. 62]</span></p> <p>»Falls der Mensch unheimlich wird ...«</p> @@ -1647,7 +1647,7 @@ Dampfer warten, der nie kommt. Einverstanden?«</p> <p>»Vollkommen.«</p> <p>»Schön. Dann überlasse ich dich jetzt deinem Schicksal und deinen -beiden pechäugigen Schneegänsen. Du hörst es ja, wenn jemand kommt,<span class="pagenum" id="Seite_57">[S. 57]</span> +beiden pechäugigen Schneegänsen. Du hörst es ja, wenn jemand kommt,<span class="pagenum" id="Seite_63">[S. 63]</span> und kannst dich danach richten. Bin neugierig, ob der Strohigel pünktlich ist!« —</p> @@ -1676,7 +1676,7 @@ abgefallen; nach seinem sonstigen Äußeren zu schließen, hatte er ein Vollbad genommen und stellte sich in einer fast etwas zu tadellosen europäischen Ausgabe als ein kleiner, schlanker und sehniger Mensch vor, mit sehr schwarzem, unnötig langem Haar, sorgfältig rasiert und -mit einem ausgezeichneten Gebiß.<span class="pagenum" id="Seite_58">[S. 58]</span> Seine Hände waren Bastlerhände, +mit einem ausgezeichneten Gebiß.<span class="pagenum" id="Seite_64">[S. 64]</span> Seine Hände waren Bastlerhände, unschön, aber willenskräftig. Sie hatten die Angewohnheit, auf Gegenständen, die sie berührten, sehr lange liegenzubleiben. Sie sogen sie gleichsam in sich auf, als hätten sie die Absicht, das Gefühlte @@ -1699,7 +1699,7 @@ nicht glauben und darum geneigt sein, auch meine übrigen Behauptungen in Zweifel zu ziehen. Es liegt mir aber sehr viel daran, bei Ihnen Glauben zu finden. Also lassen wir den Namen beiseite. Das hat für Sie wie für mich den Vorteil, daß Sie gegebenenfalls, wenn Sie nach mir -gefragt werden, seelenruhig einen Eid darauf<span class="pagenum" id="Seite_59">[S. 59]</span> ablegen können, mit einem +gefragt werden, seelenruhig einen Eid darauf<span class="pagenum" id="Seite_65">[S. 65]</span> ablegen können, mit einem Menschen meines Namens niemals gesprochen zu haben.«</p> <p>»Könnte ein Gespräch mit Ihnen unter Umständen belastend werden?« @@ -1735,7 +1735,7 @@ aus erster Hand erfährt.«</p> <p>»Sie haben uns also interessante Mitteilungen zu machen?«</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_60">[S. 60]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_66">[S. 66]</span></p> <p>»Sehr interessante ...«</p> @@ -1764,7 +1764,7 @@ abzureisen.«</p> leisen Zucken seiner Augendeckel. »Sie erkundigen sich seit acht Tagen regelmäßig nach der Ankunft des Dampfers, mit dem Sie reisen wollen. Seien Sie versichert, daß dieser Dampfer innerhalb der nächsten -vierzehn Tage nicht kommen wird<span class="pagenum" id="Seite_61">[S. 61]</span> — nicht bis zur völligen Klärung der +vierzehn Tage nicht kommen wird<span class="pagenum" id="Seite_67">[S. 67]</span> — nicht bis zur völligen Klärung der europäischen Lage.«</p> <p>»Das wird mich sehr kühl lassen,« sagte Gerhard Hoyermann. »Meine Frau @@ -1792,7 +1792,7 @@ hintertreiben?«</p> <p>»Als höchste Instanz — die japanische Regierung.«</p> <p>Gerhard Hoyermann stand auf und begann im Zimmer hin und her zu gehen. -Der Fremde<span class="pagenum" id="Seite_62">[S. 62]</span> saß still, in seinen Stuhl zurückgelehnt; er betrachtete +Der Fremde<span class="pagenum" id="Seite_68">[S. 68]</span> saß still, in seinen Stuhl zurückgelehnt; er betrachtete seine Fingerspitzen.</p> <p>»Ich will Ihnen etwas sagen,« begann Hoyermann nach einer Weile und @@ -1817,7 +1817,7 @@ geöffnet wurde ... Das war auch der Grund, warum ich Ihnen nicht schreiben durfte, sondern gezwungen war, mich Ihnen auf der Straße zu nähern ...«</p> -<p>Gerhard Hoyermann stand vor dem kleinen<span class="pagenum" id="Seite_63">[S. 63]</span> Fremden und blickte auf +<p>Gerhard Hoyermann stand vor dem kleinen<span class="pagenum" id="Seite_69">[S. 69]</span> Fremden und blickte auf ihn hinunter. Sein Gesicht verlor allmählich das, was Beate den Ferienfahrplan nannte: die unbekümmerten und fröhlichen Züge, die ins Grünblaue der Welt gehen. Es sammelte sich und verschloß sich mit @@ -1842,7 +1842,7 @@ meiner Koffer beteiligt war?«</p> <p>»Ich werde die Kerle heute noch hinauswerfen ...« murmelte Hoyermann.</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_64">[S. 64]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_70">[S. 70]</span></p> <p>Der Fremde schüttelte den Kopf.</p> @@ -1873,7 +1873,7 @@ schließlich auch aus dieser ausgetreten ...«</p> <p>»Allerdings. Ist das in japanischen Augen ein Verbrechen?«</p> <p>»An sich — nein. Aber wenn ein ehemaliger Oberleutnant Seiner Majestät -des Deutschen Kaisers plötzlich als Privatmann in Japan auftaucht,<span class="pagenum" id="Seite_65">[S. 65]</span> +des Deutschen Kaisers plötzlich als Privatmann in Japan auftaucht,<span class="pagenum" id="Seite_71">[S. 71]</span> dann erinnert man sich hier an die Gepflogenheit, daß Offiziere, die in irgendeinem fremden Lande besondere Studien treiben wollen, aus dem Heere ausscheiden, um — wenn ihre Studien allzu eingehend befunden und @@ -1903,7 +1903,7 @@ Feuer Hab und Gut verloren, kaum einen Menschen — nein, ich glaube wirklich, keinen einzigen —, der es nicht selbstverständlich fände, alles zu verlieren für das große Nippon. Begreifen Sie das?«</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_66">[S. 66]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_72">[S. 72]</span></p> <p>»O ja,« sagte Gerhard Hoyermann mit großem Nachdruck. »Das begreife ich sehr gut ...«</p> @@ -1928,7 +1928,7 @@ um über die Psyche des Japaners mit Ihnen zu philosophieren ...«</p> <p>»Aber ein unerschöpfliches. Während der fünf Jahre, die ich in Japan bin, war es mein Steckenpferd, die japanische Seele zu analysieren. Es ist mir nicht gelungen. Das einzige Ergebnis meiner Schürfungen -liegt in der Erkenntnis dessen, was den Ostasiaten vom Westeuropäer<span class="pagenum" id="Seite_67">[S. 67]</span> +liegt in der Erkenntnis dessen, was den Ostasiaten vom Westeuropäer<span class="pagenum" id="Seite_73">[S. 73]</span> trennt — und es kann sein, daß auch das ein Trugschluß ist —: die Verschiedenheit der Ehrbegriffe ...«</p> @@ -1950,7 +1950,7 @@ einen Brief, in dem er ihm mitteilt, daß er von ihm aufs tödlichste beleidigt worden sei, daß ihm die Dankbarkeit gegen seinen einstigen Wohltäter jedoch verbiete, sich an ihm zu rächen. Er wähle darum den einzigen Weg, der ihm übrigbleibe, um die Schmach von sich abzuwaschen. -Nachdem er den Brief sorgfältig gesiegelt und fortgeschickt, begeht<span class="pagenum" id="Seite_68">[S. 68]</span> er +Nachdem er den Brief sorgfältig gesiegelt und fortgeschickt, begeht<span class="pagenum" id="Seite_74">[S. 74]</span> er Harakiri, indem er sich den Bauch aufschlitzt ...«</p> <p>»Und die andere Geschichte?« fragte Gerhard Hoyermann, seinem Gaste den @@ -1979,7 +1979,7 @@ beizeiten erfassen und uns danach richten.«</p> <p>»Falls es der Zweck Ihres Herkommens war,« sagte Gerhard Hoyermann, »mir diese Warnung zu übermitteln und mich — trotz aller -Schwierigkeiten,<span class="pagenum" id="Seite_69">[S. 69]</span> die ihr entgegenstehen — zur beschleunigten Abreise +Schwierigkeiten,<span class="pagenum" id="Seite_75">[S. 75]</span> die ihr entgegenstehen — zur beschleunigten Abreise aus Japan zu veranlassen, so begegnen sich unsere Wünsche. Ich reise so bald als möglich, und wenn ich persönlich die japanische Regierung von der Grundlosigkeit ihres Verdachts gegen mich überzeugen müßte, um @@ -2009,7 +2009,7 @@ Blick.</p> <p>»Was ich bin,« fiel ihm der Fremde sehr rasch in die Rede, »darauf kommt es jetzt nicht an. Man pflegt im allgemeinen unserem Beruf einen etwas anrüchigen Namen zu geben; auch darauf kommt es nicht an. Nichts -ist jetzt wichtig<span class="pagenum" id="Seite_70">[S. 70]</span> als die Tatsache, daß ich in diesem Beruf eine +ist jetzt wichtig<span class="pagenum" id="Seite_76">[S. 76]</span> als die Tatsache, daß ich in diesem Beruf eine Aufgabe zu erfüllen habe, die ich keinem sonst anvertrauen kann. Denn niemand — außer mir — der Nichtjapaner ist, geht unbeargwöhnt durch dieses Land. Mich haben die Jahre sanktioniert, in denen ich, mich @@ -2036,7 +2036,7 @@ in aller Stille mobilisiert.«</p> <p>»Und gegen Deutschland — natürlich ...«</p> -<p>»Das wissen Sie?« fragte Gerhard Hoyermann<span class="pagenum" id="Seite_71">[S. 71]</span> und schlug mit der Faust +<p>»Das wissen Sie?« fragte Gerhard Hoyermann<span class="pagenum" id="Seite_77">[S. 77]</span> und schlug mit der Faust auf die Lehne des Stuhles — »und dabei verlangen Sie von mir, Mensch, daß ich noch einen Tag länger in diesem gottverfluchten Nest sitzenbleiben soll, während es zu Hause um Kopf und Kragen geht —?!« @@ -2056,7 +2056,7 @@ in Ruhe erwarten und dann meinerseits persönlich weiterbringen kann, da sowohl Briefe als Depeschen — Chiffredepeschen nicht ausgeschlossen, denn sie würden einfach nicht befördert werden — für mich nicht in Betracht kommen. Man war mir auf der Spur ... Seit Beginn der -europäischen Krise<span class="pagenum" id="Seite_72">[S. 72]</span> ist man in Ostasien sehr nervös geworden ... Es +europäischen Krise<span class="pagenum" id="Seite_78">[S. 78]</span> ist man in Ostasien sehr nervös geworden ... Es blieb mir nichts anderes übrig — ich brachte die Spürhunde Haganés, der selbst der schlauste seiner Hunde ist, auf Ihre Fährte ...«</p> @@ -2086,7 +2086,7 @@ mit zu Europa?«</p> <p>»Unsere eigenen Vettern ...?«</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_73">[S. 73]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_79">[S. 79]</span></p> <p>»Hm ...« machte der Fremde. Er räusperte sich. »Was das betrifft, so kommen in den besten Familien Streitigkeiten vor, sobald es sich @@ -2110,7 +2110,7 @@ Amerika und Japan ...«</p> Kopf in den Nacken. »Pfui Deibel!«</p> <p>»Wir werden in der nächsten Zeit noch öfters Gelegenheit haben, ›Pfui -Deibel!‹ zu sagen,« meinte der Fremde. »Das schadet nichts; es<span class="pagenum" id="Seite_74">[S. 74]</span> stärkt +Deibel!‹ zu sagen,« meinte der Fremde. »Das schadet nichts; es<span class="pagenum" id="Seite_80">[S. 80]</span> stärkt das Rückgrat und das Bewußtsein der Berechtigung, gegen allerhand Gesindel loszugehen, ohne Samthandschuhe.«</p> @@ -2136,7 +2136,7 @@ Konzentrationslager kämen. Glauben Sie wirklich, daß die Gegner Deutschlands die Rückkehr seiner wehrfähigen Männer aus dem Ausland zulassen würden?«</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_75">[S. 75]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_81">[S. 81]</span></p> <p>»Wir würden es tun ...«</p> @@ -2164,7 +2164,7 @@ meiner Verpflichtung ledig?«</p> <p>»Ja.«</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_76">[S. 76]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_82">[S. 82]</span></p> <p>»Das ist eine Verspätung von mindestens acht Wochen ...« murmelte Hoyermann.</p> @@ -2196,7 +2196,7 @@ was er von dir verlangt.«</p> <p>»Ich danke Ihnen, gnädige Frau,« sagte der Fremde.</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_77">[S. 77]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_83">[S. 83]</span></p> <p>Beate erwiderte nichts. Sie sah ihren Mann an. Ihre Augenlider zitterten.</p> @@ -2231,7 +2231,7 @@ Wege.«</p> <p>Der Fremde verneigte sich und ging.</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_78">[S. 78]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_84">[S. 84]</span></p> <p>Gerhard und Beate sahen sich an. Minuten vergingen. Dann sagte der Mann, während er sich mit der Hand über die Stirn fuhr: »Nun mußt du @@ -2259,7 +2259,7 @@ sah sie an, ein wenig mitleidig und ein wenig froh. »Wir beide, Beate <p>Sie entgegnete nichts mehr. —</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_79">[S. 79]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_85">[S. 85]</span></p> <p>Eine halbe Stunde später machte sich Gerhard Hoyermann auf den Weg zum Tempel der Kwan-on.</p> @@ -2286,7 +2286,7 @@ Tempel der Göttin mit den schönen Augen standen zum Teil entwurzelt, und der Regen wusch die letzte Erde von den zersprengten lebendigen Seilen, mit denen sie in der Erde verankert gewesen.</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_80">[S. 80]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_86">[S. 86]</span></p> <p>Der Fremde war nicht gekommen.</p> @@ -2319,7 +2319,7 @@ Die starken weißen Zähne bleckten ganz entblößt.</p> <p>Er war erwürgt worden; mit einem guten Griff.</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_81">[S. 81]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_87">[S. 87]</span></p> <p>Dschiu Dschitsu, dachte Hoyermann mechanisch. Er schüttelte sich, in einem plötzlichen Zittern wütendster Wut. Dann packte er den Toten, @@ -2356,7 +2356,7 @@ euch belauscht hat und dann ...«</p> <p>»Was willst du? Wenn er den Mord im Auftrag der Polizei beging, was mich gar nicht wundern würde und sehr wahrscheinlich ist, denn der Tote -war entschlossen und tüchtig in<span class="pagenum" id="Seite_82">[S. 82]</span> seinem Fach —, dann wird die Polizei +war entschlossen und tüchtig in<span class="pagenum" id="Seite_88">[S. 88]</span> seinem Fach —, dann wird die Polizei ihn schützen. Und wenn wir oder irgend jemand sonst bei der deutschen Gesandtschaft vorstellig würden und diese die Bestrafung des Mörders forderte, dann sei versichert, daß sich irgendeiner finden würde, @@ -2377,7 +2377,7 @@ Zeitungsblatt in der Hand ...</p> <hr class="chap x-ebookmaker-drop"> <div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_83">[S. 83]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_89">[S. 89]</span></p> <h2 class="nobreak" id="3">3</h2> </div> @@ -2400,7 +2400,7 @@ einzigen, schwermütigen Laut in die milde Tiefe der Dunkelheit. Unten am Teich schwatzte der kleine Wasserfall.</p> <p>Beate lag auf dem Rücken und hatte den Kopf ganz in den Nacken gebeugt. -Sie hatte<span class="pagenum" id="Seite_84">[S. 84]</span> ein Gefühl, als träte jede einzelne Minute auf ihren Leib, +Sie hatte<span class="pagenum" id="Seite_90">[S. 90]</span> ein Gefühl, als träte jede einzelne Minute auf ihren Leib, und sie könnte sich nicht wehren. Ihre weit offenen Augen sahen gegen die Decke des niedrigen Zimmers; aber sie waren wie blind.</p> @@ -2424,7 +2424,7 @@ alles, was sie zwischen zwei Dämmerungen erlebt hatten, zusammenpackten und zueinander brachten, um es auszutauschen. Sie pflegten sich gegenseitig bei den Ohren zu nehmen und dem anderen vorzuwerfen, daß er verschwenderisch und aus der Maßen leichtsinnig sei, um sich am Ende -dieser<span class="pagenum" id="Seite_85">[S. 85]</span> Auseinandersetzungen mit blanken Augen anzulachen — Gerhard +dieser<span class="pagenum" id="Seite_91">[S. 91]</span> Auseinandersetzungen mit blanken Augen anzulachen — Gerhard mit seinem urwalderschütternden Gedröhn und sie mit ihrem leichtfüßigen Jauchzen darüberkletternd: »Hohoho, meine Löwin —!« ... »Bär! Bär, du hast eine schwarze Nasenspitze — hahei!«</p> @@ -2451,7 +2451,7 @@ in die Stille hinein geschärft, hörten das Knirschen des feinen Sandes, in dem das Boot auflief, und dann die Schritte ihres Mannes, die sich dem Hause näherten.</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_86">[S. 86]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_92">[S. 92]</span></p> <p>Aber er kam nicht herein.</p> @@ -2485,7 +2485,7 @@ herein?«</p> <p>»... Ich wollte dich nicht wecken.«</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_87">[S. 87]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_93">[S. 93]</span></p> <p>»Ich schlief nicht ...«</p> @@ -2518,7 +2518,7 @@ traurigen Zärtlichkeit, die sie ganz verstörte. »Schlaf gut ...«</p> <p>Sie gab ihm den Wunsch nicht zurück.</p> <p>Sie wartete eine Weile und horchte auf seine Atemzüge. Sie fühlte, daß -er nicht einschlafen konnte. Sie richtete sich behutsam auf<span class="pagenum" id="Seite_88">[S. 88]</span> und beugte +er nicht einschlafen konnte. Sie richtete sich behutsam auf<span class="pagenum" id="Seite_94">[S. 94]</span> und beugte sich über ihn. Seine Augen standen weit offen.</p> <p>Da legte sie ihre Hände auf seine Brust, so wie sie es hatte tun wollen @@ -2545,7 +2545,7 @@ wußten, wo ein noch aus ... Gerd, wir haben uns so fest bei der Hand gehalten und sind uns so nahe gewesen in schweren und schwersten Stunden, daß es war, als läge alle Last auf <em class="gesperrt">einer</em> Schulter, und doch war's deine und meine ... Aber wir spürten die Last kaum, weil wir -zusammen gingen ...<span class="pagenum" id="Seite_89">[S. 89]</span> Ich glaubte, ich sei dir ein guter Kamerad gewesen +zusammen gingen ...<span class="pagenum" id="Seite_95">[S. 95]</span> Ich glaubte, ich sei dir ein guter Kamerad gewesen ...«</p> <p>»Das warst du, Beate — weiß Gott!«</p> @@ -2580,7 +2580,7 @@ ergreifend schön; ich hab's nie vergessen können ...«</p> <p>Beate sagte nichts. Erst nach einer Weile fragte sie: »Und Rußland?«</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_90">[S. 90]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_96">[S. 96]</span></p> <p>»Rußland mobilisiert ...«</p> @@ -2605,7 +2605,7 @@ himmelstürmenden Gutgläubigkeit —! Wir Narren, wir Hanswurste der Weltgeschichte! — Wir haben die Kraft und die Begabung, um dem ganzen Erdball unseren Stempel aufzuprägen — und wir bücken uns und heben den Abfall auf, den die Herren an der Tafel uns übriglassen ...! Sag mir -nichts, Beate — es<span class="pagenum" id="Seite_91">[S. 91]</span> muß einmal herunter! Es würgt mich lange genug ...«</p> +nichts, Beate — es<span class="pagenum" id="Seite_97">[S. 97]</span> muß einmal herunter! Es würgt mich lange genug ...«</p> <p>»Ich sage nichts, Gerd ...«</p> @@ -2629,7 +2629,7 @@ daß wir uns erlauben, das tüchtigste Volk zwischen beiden Polen zu sein ...«</p> <p>»Warum tu' ich's denn?« fragte der Mann und richtete sich auf. »Weil -ich das Land liebe<span class="pagenum" id="Seite_92">[S. 92]</span> — liebe mit einem solchen Zorn und einer solchen +ich das Land liebe<span class="pagenum" id="Seite_98">[S. 98]</span> — liebe mit einem solchen Zorn und einer solchen Inbrunst, daß ich daran innerlich zugrunde gehen könnte ... Und darum wünsche ich ihm den Krieg — ja, das tue ich!«</p> @@ -2654,7 +2654,7 @@ das aufdämmernde Wissen von dem, was er sagen wollte, wie einen galligen Geschmack im Munde und dachte, ungerecht vor Jammer: Mag er es auskosten, das Bittere, das er mir zu trinken gibt ...</p> -<p>»Ich glaube, du würdest wohl weinen, Beate,<span class="pagenum" id="Seite_93">[S. 93]</span> wenn ich in den Krieg +<p>»Ich glaube, du würdest wohl weinen, Beate,<span class="pagenum" id="Seite_99">[S. 99]</span> wenn ich in den Krieg ginge,« fuhr Gerhard Hoyermann fort, und seine Stimme klang merkwürdig still. »Aber du würdest mich nicht zurückzuhalten suchen, wenn ich mich freiwillig stellte bei meinem alten Regiment — nicht wahr?«</p> @@ -2682,7 +2682,7 @@ und tapfer sein ...«</p> <p>»Das können wir ja nicht — wir kommen ja nicht mehr durch ... sagte der fremde Mensch neulich — und Tystendal meinte es auch ...«</p> -<p>»Es handelt sich nicht um uns, Beate — es<span class="pagenum" id="Seite_94">[S. 94]</span> handelt sich nur um mich,« +<p>»Es handelt sich nicht um uns, Beate — es<span class="pagenum" id="Seite_100">[S. 100]</span> handelt sich nur um mich,« sagte Gerhard Hoyermann.</p> <p>»— Was sagst du —?«</p> @@ -2712,7 +2712,7 @@ ihre fiebernden Worte überstürzten sich und bebten jetzt vor Angst wie frierende Vögel, weil sie fürchteten, doch — doch vielleicht vergeblich zu sein.</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_95">[S. 95]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_101">[S. 101]</span></p> <p>»Du mußt mich nicht mißverstehen, Gerd ... es ist nicht, daß du in den Krieg willst ... Gott im Himmel, das weiß ich, daß ich dich da @@ -2734,7 +2734,7 @@ auf die weißen Blätter schreiben und denken: Vielleicht wirst du sie niemals lesen ...! Das kannst du nicht von mir verlangen, Gerd —? Das kannst du nicht von mir verlangen —!«</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_96">[S. 96]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_102">[S. 102]</span></p> <p>Sie schluchzte auf und erstickte den jämmerlichen Laut mit beiden hochgerissenen Händen, die sie an den Mund preßte. Sie wollte nicht @@ -2757,7 +2757,7 @@ durch Sibirien laufen willst oder durch Tibet — sag mir nur, wann du aufbrechen willst; ich gehe mit ... Ich will mich verkleiden — als Mann, als was du willst. Du wirst mich nie müde finden, nie ängstlich oder verdrossen ... Ich will wie dein junger Bruder sein, Gerd — ganz -unerschrocken, ganz unermüdlich ... Aber<span class="pagenum" id="Seite_97">[S. 97]</span> laß mich nicht allein —! Laß +unerschrocken, ganz unermüdlich ... Aber<span class="pagenum" id="Seite_103">[S. 103]</span> laß mich nicht allein —! Laß mich um Gottes, um Himmels willen nicht allein, Gerd —!«</p> <p>Sie spürte sein tiefes Atemholen und schob sich näher zu ihm hin, @@ -2781,7 +2781,7 @@ anderes sagen als dies: Laß mich nicht so bettelarm fortgehen, Gerd ...«</p> weinte.</p> <p>Gerhard Hoyermann streichelte ihr Haar. Er zog sie zu sich nieder und -hielt sie an seinem Herzen fest. Und als ihr Weinen leiser geworden<span class="pagenum" id="Seite_98">[S. 98]</span> +hielt sie an seinem Herzen fest. Und als ihr Weinen leiser geworden<span class="pagenum" id="Seite_104">[S. 104]</span> war und der Krampf ihres Körpers nachließ, begann er zu sprechen. Er sprach sehr leise, und sie spürte die Schläge seines Herzens hart und stark.</p> @@ -2804,7 +2804,7 @@ was er tat, wenn er die Entscheidung in ihre Hände legte.</p> Beate — daran ist nicht zu denken ... Am allerwenigsten von hier aus ... Bis zum Suezkanal kämen wir — vielleicht. Dann würden sie uns wohl aufgreifen ... Wir müßten also hierbleiben. Oder nach Amerika -gehen. Das bliebe sich gleich.<span class="pagenum" id="Seite_99">[S. 99]</span> Wo wir auch wären, wir wären nirgends +gehen. Das bliebe sich gleich.<span class="pagenum" id="Seite_105">[S. 105]</span> Wo wir auch wären, wir wären nirgends auf deutschem Boden ... Vielleicht würde das Leben, das wir führten, sehr schön sein, sehr bequem und sorgenlos. Vielleicht wäre die Natur um uns her so ergreifend schön, daß wir sie schmerzlich lieben müßten. @@ -2824,7 +2824,7 @@ wildesten Krieg; aber wir wissen nicht — bis zum Ende nicht —, ob es siegt oder unterliegt ... Denn der arme Teufel, den sie neulich erdrosselt haben, weil er zu gute Ohren hatte, der sprach ganz gewiß eine bittere Wahrheit, als er sagte, daß die Hauptsprache dieses -Krieges die englische sein<span class="pagenum" id="Seite_100">[S. 100]</span> wird — Zeitungsenglisch, Beate. Wenn wir +Krieges die englische sein<span class="pagenum" id="Seite_106">[S. 106]</span> wird — Zeitungsenglisch, Beate. Wenn wir siegen, werden sie stumm sein; wenn wir unterliegen, werden sie's verdreifachen — aber immer werden wir im ungewissen sein. Vielleicht lügen sie auch — es ist ihnen schon zuzutrauen — und dann quälen wir @@ -2847,7 +2847,7 @@ du dir das ausdenken, Beate?«</p> <p>»Du sagtest,« fuhr Gerhard Hoyermann fort und zog sie fester an sich, »du habest mich lieb ... Ich liebe dich, weiß Gott, so sehr, mein Herz, daß ich keinen Maßstab dafür habe. Du weißt es auch. Wir haben am -Alltag keine Worte<span class="pagenum" id="Seite_101">[S. 101]</span> dafür; aber tief in uns, wo die Feiertage unserer +Alltag keine Worte<span class="pagenum" id="Seite_107">[S. 107]</span> dafür; aber tief in uns, wo die Feiertage unserer Seelen liegen, da sind wir uns dessen ganz bewußt, daß unsere Liebe etwas unbegreiflich Wundervolles ist. Das will ich uns erhalten. Ich will nicht, daß wir uns eines Tages mit heimlich feindseligen Blicken @@ -2868,7 +2868,7 @@ sind, wie wir sind. Aber ich will sie nicht erleben ...«</p> krampfte.</p> <p>»Nicht wahr, mein Liebling ... Und das kannst du nicht wollen, du, -die mich liebhat, daß ich hier liegen soll wie ein Tier im Käfig,<span class="pagenum" id="Seite_102">[S. 102]</span> +die mich liebhat, daß ich hier liegen soll wie ein Tier im Käfig,<span class="pagenum" id="Seite_108">[S. 108]</span> wie ein — wie ein leckes Schiff ... es gibt ja keinen Vergleich für einen Menschen wie mich, mit gesunden Knochen und als tüchtiger Soldat erprobt, der irgendwo in der Welt dem Herrgott die Tage stiehlt, @@ -2892,7 +2892,7 @@ Erkenntnis dessen, was wirklich war, richtete sich auf und reckte sich und griff mit hartem Griff nach allen anderen, verlogenen Gedanken.</p> <p>»Mein Gott, mein Gott —!« murmelte sie und hob ihre beiden Hände mit -einer ganz verstörten Gebärde zu den Schläfen. Sie preßte<span class="pagenum" id="Seite_103">[S. 103]</span> die Zähne +einer ganz verstörten Gebärde zu den Schläfen. Sie preßte<span class="pagenum" id="Seite_109">[S. 109]</span> die Zähne in die Lippen, daß sie stöhnen mußte. Ich will mich zusammennehmen, dachte sie. Sonst verliere ich den Verstand ... und den darf ich nicht verlieren ...</p> @@ -2921,7 +2921,7 @@ sich, um nicht zu stöhnen.</p> <p>»Wann willst du fort?« fragte Beate und reckte sich unwillkürlich auf, als wollte sie den Schlag des Wortes gewappneter empfangen.</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_104">[S. 104]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_110">[S. 110]</span></p> <p>»Heute noch, mein Liebling,« sagte Gerhard Hoyermann.</p> @@ -2946,7 +2946,7 @@ ich so feige, daß ich den Gedanken erwog, heimlich, in aller Stille fortzugehen und dir nur zu schreiben ... Aber ich sehnte mich danach, den Abschied mit dir zu teilen und deinen Kummer und deine Tränen wie ein Geschenk zu empfangen und mit mir zu nehmen ... So eigensüchtig war -ich, Beate. Gönn es mir. Es<span class="pagenum" id="Seite_105">[S. 105]</span> wird für lange Zeit das Letzte sein, was +ich, Beate. Gönn es mir. Es<span class="pagenum" id="Seite_111">[S. 111]</span> wird für lange Zeit das Letzte sein, was ich von dir empfange.«</p> <p>Beate verstand nichts von dem, was er sagte. Der grauende Tag, der die @@ -2972,7 +2972,7 @@ machen, kann dir auch nichts mitteilen — entsinne dich, was der Mann, den sie ermordet haben, von unseren Briefen sagte ... Vielleicht ist es mir möglich, dir durch Tystendal Nachricht zu schicken ...«</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_106">[S. 106]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_112">[S. 112]</span></p> <p>»Er wird dich abholen,« wiederholte sie stumpf.</p> @@ -3002,7 +3002,7 @@ jetzt schon lassen, wie ich bin. Sonst ... stehe ich nicht sehr fest auf den Füßen. Und das muß ich doch ... Vielleicht ist es notwendig, daß eine Frau ganz ausgelöscht wird, wenn der Mann für einen ganz nur männlichen Gedanken brennt. Ich glaub' es fast und sehe es auch ein. -Aber es wird dadurch<span class="pagenum" id="Seite_107">[S. 107]</span> nicht leichter ... Morgen schon ... und später +Aber es wird dadurch<span class="pagenum" id="Seite_113">[S. 113]</span> nicht leichter ... Morgen schon ... und später jeden Tag und jede Nacht, Gerd, will ich dir alles abbitten, was jetzt in mir an Bitterkeit ist; heute laß mich nur ... Es tut zuweilen ganz gut, ungerecht zu sein, und es hilft einem weiter als alle gute @@ -3028,7 +3028,7 @@ Dienerin schickte. Sie sammelte die Gegenstände, die ihr an den Kopf geflogen waren, sorgfältig auf und stellte sie dem Gebieter mit einer untertänigen Verbeugung für späteren Gebrauch wieder zur Verfügung. Und blieb ... Lag an der Türe auf den Knien und blieb. Daß ein Mensch -sich<span class="pagenum" id="Seite_108">[S. 108]</span> wusch, war ja nichts, dessen er sich zu schämen gehabt hätte. +sich<span class="pagenum" id="Seite_114">[S. 114]</span> wusch, war ja nichts, dessen er sich zu schämen gehabt hätte. Höchstens, wenn er sich nicht wusch.</p> <p>An diesem Morgen erwachte Umè eher als sonst. Sie erwachte von einem @@ -3053,7 +3053,7 @@ und stand auf und ging hinaus.</p> <p>»Willst du dem Herrn das Bad zurechtmachen, Umè?«</p> -<p>Gewiß, wenn die Herrin befahl ... Umè<span class="pagenum" id="Seite_109">[S. 109]</span> war in großer Verwirrung. Sie +<p>Gewiß, wenn die Herrin befahl ... Umè<span class="pagenum" id="Seite_115">[S. 115]</span> war in großer Verwirrung. Sie mußte doch wohl geträumt haben, als sie den Schrei hörte. Und dann hatte die Sonne sie geblendet, als sie vor dem Antlitz ihrer Herrin erschrak. Sie schämte sich sehr.</p> @@ -3077,7 +3077,7 @@ zu haben, sich besonders zu beeilen. Sie lächelte dann ermutigend und versprach, daß der Verehrte in kürzester Zeit zufriedengestellt sein würde — ein Versprechen, das sie niemals hielt.</p> -<p>Aber wenn er sehr ruhig sprach, Yuki ansah<span class="pagenum" id="Seite_110">[S. 110]</span> und »Sofort!« sagte, dann +<p>Aber wenn er sehr ruhig sprach, Yuki ansah<span class="pagenum" id="Seite_116">[S. 116]</span> und »Sofort!« sagte, dann bebte die kleine Kochfrau. Und dann verdarb sie regelmäßig den Tee.</p> <p>Heute half ihr die Herrin bei dem wichtigen Amte der Teebereitung. @@ -3099,7 +3099,7 @@ das Wetter war schön wie eine junge Frau am Morgen der Hochzeit.</p> <p>Gerhard und Beate gingen zusammen durch den Garten. Sie gingen Arm in Arm geschlungen und hielten sich an den Händen. Eine Stunde hatten sie noch Zeit. Und der Mann sah sich nicht um in dem Lande, -das er verlassen wollte. Aber die Frau ließ ihre Augen über<span class="pagenum" id="Seite_111">[S. 111]</span> den +das er verlassen wollte. Aber die Frau ließ ihre Augen über<span class="pagenum" id="Seite_117">[S. 117]</span> den Garten hingehen, über die Bäume, den Teich und die Blumen, über die mildfarbigen Steine und künstlichen Grotten, über den kleinen Wasserfall, die Goldfische und den klaren Sand der Wege — über all die @@ -3127,7 +3127,7 @@ klären. Wenn es ohne Gefahr geschehen kann, wird er dich zu seiner Mutter bringen. Von Schweden aus gelangst du ohne Schwierigkeiten nach Deutschland.«</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_112">[S. 112]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_118">[S. 118]</span></p> <p>»Du mußt nicht an mich denken,« sagte sie mit einem flüchtigen Lächeln.</p> @@ -3156,7 +3156,7 @@ gestoßen.</p> <p>Beate senkte den Kopf. Sie wandten sich und gingen nach dem Hause.</p> <p>Der Schwede kam ihnen nicht entgegen. Er erwartete sie im -Empfangszimmer, wo Yuki<span class="pagenum" id="Seite_113">[S. 113]</span> bereits auf den Knien lag, um für den +Empfangszimmer, wo Yuki<span class="pagenum" id="Seite_119">[S. 119]</span> bereits auf den Knien lag, um für den verehrten Gast den Tee zu bereiten.</p> <p>Beate streckte dem Freunde ihres Mannes die Hand entgegen. Er sah sie @@ -3189,7 +3189,7 @@ auftreiben können.«</p> <p>»Ich bin bereit ...«</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_114">[S. 114]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_120">[S. 120]</span></p> <p>»Auf Wiedersehen, gnädige Frau!« sagte der Schwede und beugte sich zum zweiten Male über Beates Hand.</p> @@ -3224,7 +3224,7 @@ sich ihre Finger in den Stoff seines Rockes. Dann lösten sie sich.</p> die für ihren Glauben starben. Und sie schien dem Tode nicht fern zu sein.</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_115">[S. 115]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_121">[S. 121]</span></p> <p>»Nun mußt du gehen,« sagte sie. »Leb wohl ...«</p> @@ -3251,7 +3251,7 @@ gut, daß sie hier stand und ihnen nachsah. Sie neigte den Kopf und ging zum Hause zurück, ohne sich noch einmal umzusehen.</p> <p>Sie ging in ihr Schlafzimmer, das Umè schon längst in Ordnung gebracht -hatte; denn sie war eine gewissenhafte kleine Dienerin und<span class="pagenum" id="Seite_116">[S. 116]</span> ängstlich +hatte; denn sie war eine gewissenhafte kleine Dienerin und<span class="pagenum" id="Seite_122">[S. 122]</span> ängstlich bemüht, ihre Herrin immer zufriedenzustellen.</p> <p>Fest davon überzeugt, daß die Herrin wieder vergessen hatte, beim @@ -3284,7 +3284,7 @@ zu verlieren.</p> <hr class="chap x-ebookmaker-drop"> <div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_117">[S. 117]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_123">[S. 123]</span></p> <h2 class="nobreak" id="4">4</h2> </div> @@ -3312,7 +3312,7 @@ ihre Stimmen gellten übereinander weg:</p> <p>»Der Beginn der Feindseligkeiten —!«</p> <p>O, es war herzerhebend, wie der Nachrichtendienst arbeitete. Es war ein -Vermögen zu verdienen durch Zeitungsüberschriften. Man berauschte<span class="pagenum" id="Seite_118">[S. 118]</span> sich +Vermögen zu verdienen durch Zeitungsüberschriften. Man berauschte<span class="pagenum" id="Seite_124">[S. 124]</span> sich an Druckerschwärze. Der hypnotische Wahnsinn des allgemeinen Schreiens benebelte die Gehirne; der Veitstanz der großen Worte brach aus und griff um sich wie Flugfeuer.</p> @@ -3339,7 +3339,7 @@ trompetend, — sie wandte nicht mehr den Kopf danach. Sie warfen ihr die druckfeuchten Blätter in den Schoß; sie strich mit der Hand darüber und ließ sie in den Schmutz der Straße fallen.</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_119">[S. 119]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_125">[S. 125]</span></p> <p>Da gehörten sie hin ...</p> @@ -3367,7 +3367,7 @@ Unterhaltung ertappte; dann entließ er ihn. Da er seine Untergebenen ausgezeichnet bezahlte, zogen sie es vor, sich aufs Schwedische zu beschränken.</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_120">[S. 120]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_126">[S. 126]</span></p> <p>Lars Larssen hatte der Herrin im »Garten des Freundes« einen Brief überbracht, ohne ein Wort zu verlieren. Der Brief enthielt drei Zeilen @@ -3394,7 +3394,7 @@ herbeistürzenden Akira einen Wink gegeben, ihm mit der weißen Frau zu folgen. Akira erkundigte sich bei seinem Kastengenossen nach dem Ziele der Fahrt und erhielt eine Auskunft, die ihn bleich machte. Er beschloß jedoch, ans Ziel zu kommen oder vor seinem Jinrikisha den Geist -aufzugeben, und trabte herzhaft hinter seinem<span class="pagenum" id="Seite_121">[S. 121]</span> um vieles jüngeren und +aufzugeben, und trabte herzhaft hinter seinem<span class="pagenum" id="Seite_127">[S. 127]</span> um vieles jüngeren und sehnigeren Führer drein.</p> <p>Nach einer Fahrt von mehr als einer Stunde hielten sie an einem @@ -3415,7 +3415,7 @@ war sie daran gewöhnt worden, jeden Aufenthalt in einem fremden Lande als Freundschaft mit einem zahmen Löwen zu betrachten. Wenn die prankenbewehrte Majestät im Vollbesitz ihres Gebisses und schlechter Laune ist, läßt sich schwer für sie einstehen. Ohne einen sehr -dringenden Grund hetzte Christian Tystendal<span class="pagenum" id="Seite_122">[S. 122]</span> die Frau, die er gebeten, +dringenden Grund hetzte Christian Tystendal<span class="pagenum" id="Seite_128">[S. 128]</span> die Frau, die er gebeten, zu ihm zu kommen und den Brief, in dem er sie dazu aufforderte, zu verbrennen, nicht durch die halbe Provinz hin und her. Im Gegenteil. Und Beate Hoyermann war entschlossen, den Grund in seiner ganzen @@ -3441,7 +3441,7 @@ ewigen Glückseligkeit.</p> <p>»Er sieht sehr harmlos aus,« meinte Beate nach einem kleinen Zögern.</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_123">[S. 123]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_129">[S. 129]</span></p> <p>»Um so besser eignet er sich für gewisse Zwecke seiner Obrigkeit,« sagte Tystendal ernst. »Ich bin jedenfalls zu dem Entschluß gekommen, @@ -3474,7 +3474,7 @@ Weile brauchen, bis sie sich wieder hinaustrauen ...«</p> <p>»Hat er mir ... noch etwas Besonderes sagen lassen?« fragte Beate weiter. Sie sah vor sich hin, in den Himmel hinauf.</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_124">[S. 124]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_130">[S. 130]</span></p> <p>»Er hat mir einen Brief gegeben,« sagte der Mann. Und er dachte, während er neben ihr stehenblieb und auf sie niedersah: »Wunderlich @@ -3502,7 +3502,7 @@ sehr glücklich miteinander werden ...«</p> <p>»Ich danke Ihnen für diesen guten Wunsch, gnädige Frau,« sagte der Schwede etwas schwermütig.</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_125">[S. 125]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_131">[S. 131]</span></p> <p>Sie hatten das Haus erreicht und betreten. Der Diener schob die Wände des Empfangszimmers vor ihnen auseinander.</p> @@ -3526,7 +3526,7 @@ der er lebte, ganz ergründen wollten.</p> <p>Die Wohnung Christian Tystendals war ein wunderliches Gemisch von Sybariten- und Spartanertum. Er schien die Liebhaberei zu haben, seine Mahlzeiten im Liegen einzunehmen, und hatte sich aus allen Zeiten -und Weltteilen zusammengeschleppt,<span class="pagenum" id="Seite_126">[S. 126]</span> was die verschiedensten Begriffe +und Weltteilen zusammengeschleppt,<span class="pagenum" id="Seite_132">[S. 132]</span> was die verschiedensten Begriffe menschlicher Bequemlichkeit hervorgebracht hatten. Seine Mahlzeiten selbst aber waren auf die Notwendigkeit, das Leben zu erhalten, beschränkt und dienten außerdem lediglich als Überleitung zu dem Genuß, @@ -3547,7 +3547,7 @@ den sie sich wenden mußte, um ihr Ziel zu erreichen.</p> wieder eintrat, ganz darauf vorbereitet, sie über dem Briefe ihres Mannes, im Jammer ihrer Tränen zu finden, saß sie mit einem stillen und willensstarken Gesicht, ein wenig gerader aufgerichtet als -sonst,<span class="pagenum" id="Seite_127">[S. 127]</span> im Sessel neben seinem Schreibtisch, hatte die Hände im Schoß +sonst,<span class="pagenum" id="Seite_133">[S. 133]</span> im Sessel neben seinem Schreibtisch, hatte die Hände im Schoß zusammengelegt und sah ihm mit Augen entgegen, die schon auf ihn gewartet hatten. Woraus Christian Tystendal die Schlußfolgerung zog, daß Frauen im allgemeinen immer das Gegenteil von dem tun, worauf der @@ -3570,7 +3570,7 @@ werde es tun.«</p> <p>»Gut. Und nun zu Ihnen, gnädige Frau ... Ihre Lage ist nicht ganz einfach. Es kann den japanischen Behörden nicht verborgen bleiben, daß Ihr Mann verschwunden ist. Sie dürfen sogar fest davon überzeugt -sein, daß sie recht bald darauf aufmerksam werden. Für diesen<span class="pagenum" id="Seite_128">[S. 128]</span> Fall +sein, daß sie recht bald darauf aufmerksam werden. Für diesen<span class="pagenum" id="Seite_134">[S. 134]</span> Fall halte ich es durchaus nicht für ausgeschlossen, daß der Verdacht, der durch den Tod jenes armen Narren eingeschläfert wurde, von neuem auflebt und sich auch gegen Sie richtet. Sie haben es nie versäumt, @@ -3597,7 +3597,7 @@ jeden Übereifer zu schützen, von welcher Seite der auch kommen möge.«</p> <p>»Den amerikanischen Konsul.«</p> -<p>»Danke,« sagte Beate. »Der Mann spricht<span class="pagenum" id="Seite_129">[S. 129]</span> Englisch. Wahrscheinlich denkt +<p>»Danke,« sagte Beate. »Der Mann spricht<span class="pagenum" id="Seite_135">[S. 135]</span> Englisch. Wahrscheinlich denkt er auch in dieser Sprache. Wir würden uns schwerlich verstehen.«</p> <p>»Er ist der Vertreter einer neutralen Macht, gnädige Frau.«</p> @@ -3623,7 +3623,7 @@ gekommen zu sein,« fuhr Tystendal fort. »Jede Zeitungsüberschrift eine Kinoreklame ... Dabei kann man ihnen allein nicht einmal die Verantwortung zuschieben. Sie drucken, was ihnen die englischen Kabel übermitteln. Denn es gibt keine deutschen Kabel mehr. Und wir können -uns ziemlich fest darauf<span class="pagenum" id="Seite_130">[S. 130]</span> verlassen, daß den Herren der Vereinigten +uns ziemlich fest darauf<span class="pagenum" id="Seite_136">[S. 136]</span> verlassen, daß den Herren der Vereinigten Königreiche, die Amerika mit Kriegsberichten versorgen, bei der Übersetzung Ihrer Generalstabsmeldungen — soweit sie sich auf deutsche Siege beziehen — plötzlich die Vokabeln ausgehen werden.«</p> @@ -3646,7 +3646,7 @@ meinen Antrag zurück. Und ich bitte Sie, mir Ihre Vorschläge zu machen. Denn ich müßte mich sehr in Ihnen täuschen, wenn Sie nicht bereits Ihre festen Pläne hätten, Frau Beate Hoyermann ...«</p> -<p>»Sie haben Recht,« antwortete Beate. »Und<span class="pagenum" id="Seite_131">[S. 131]</span> mein Plan ist sehr einfach +<p>»Sie haben Recht,« antwortete Beate. »Und<span class="pagenum" id="Seite_137">[S. 137]</span> mein Plan ist sehr einfach ... Ich will nach Deutschland zurück.«</p> <p>Christian Tystendal sah die Frau, die vor ihm saß, an und zog die @@ -3675,7 +3675,7 @@ Zigarre zu greifen, wenn die Sachlage kritisch wurde ...«</p> <p>»Abermals eine Ähnlichkeit zwischen Ihrem Manne und mir,« sagte der Schwede trocken.</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_132">[S. 132]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_138">[S. 138]</span></p> <p>Beate legte die Hände zusammen. »Sie müssen ganz offen sein,« meinte sie mit jener aufmerksamen und sanften Gelassenheit, um derentwillen @@ -3703,7 +3703,7 @@ bestimmt und sehr bald tun ...«</p> <p>»Ja, gnädige Frau.«</p> -<p>»Sie glauben ernsthaft, daß England seine<span class="pagenum" id="Seite_133">[S. 133]</span> Truppen herüberschicken +<p>»Sie glauben ernsthaft, daß England seine<span class="pagenum" id="Seite_139">[S. 139]</span> Truppen herüberschicken wird, um Kiautschou zu erobern —?!«</p> <p>»Das wird England nicht nötig haben,« meinte der Schwede. »Es wird an @@ -3731,7 +3731,7 @@ japanischen Truppen ganz gewiß nicht aufhalten.«</p> Frau — der arme, tote Narr, der, wie mir Ihr Mann erzählte, den Wesensunterschied zwischen der asiatischen und der europäischen Rasse in der Verschiedenheit der Ehrbegriffe suchte, war vielleicht ein -größerer Weiser, als wir dachten ... Ich bin fest davon<span class="pagenum" id="Seite_134">[S. 134]</span> überzeugt, +größerer Weiser, als wir dachten ... Ich bin fest davon<span class="pagenum" id="Seite_140">[S. 140]</span> überzeugt, daß Japan sich die Ehre, seinen ehemaligen Lehrer und Meister abwürgen zu helfen, außerordentlich hoch bezahlen läßt. Aber es wird das Geld einstecken und sich feierlich auf den Bündnisvertrag mit England @@ -3755,7 +3755,7 @@ der Weltgeschichte; augenblicklich handelt es sich um ein Geschäft.«</p> <p>Beate richtete sich auf und bog den Kopf in den Nacken.</p> <p>»Sie rechnen also damit,« zog sie den Schluß, »daß Japan über kurz oder -lang auf<span class="pagenum" id="Seite_135">[S. 135]</span> die Seite von Deutschlands Feinden treten wird?«</p> +lang auf<span class="pagenum" id="Seite_141">[S. 141]</span> die Seite von Deutschlands Feinden treten wird?«</p> <p>»Ja,« nickte der Schwede.</p> @@ -3781,7 +3781,7 @@ sagen, Herr Tystendal! Wenn ich hier bliebe in diesem Lande, das demnächst mit uns im Kriege sein wird — unter diesem Volke, das die Ausbildung seines Heeres deutschen Offizieren verdankt, das an unseren Universitäten gelernt hat und bei unseren Ingenieuren in die Schule -gegangen ist —, dann würde ich nicht nur vielleicht, sondern ganz<span class="pagenum" id="Seite_136">[S. 136]</span> +gegangen ist —, dann würde ich nicht nur vielleicht, sondern ganz<span class="pagenum" id="Seite_142">[S. 142]</span> gewiß eine Unbesonnenheit begehen! Denn ich könnte nicht schweigen! Ich müßte mir's von der Seele herunterreden — allen Groll und allen Schmerz und alle Verachtung — und alle meine himmelhohe Zuversicht @@ -3803,7 +3803,7 @@ gloriam</em> Nippons und ohne jede böse Absicht gegen uns geschehen sei. Aber ein höflicher Henker ist auch ein Henker, und ich für meine Person ziehe den Haß, der mir ins Gesicht springt, bei weitem der lächelnden Klugheit vor, die aus dem Kriege eine Geschäftsepisode -macht und durch eine Verbeugung<span class="pagenum" id="Seite_137">[S. 137]</span> ihre Gemeinheit zu entschuldigen +macht und durch eine Verbeugung<span class="pagenum" id="Seite_143">[S. 143]</span> ihre Gemeinheit zu entschuldigen sucht. Und wenn mein Entschluß, dieses Land zu verlassen und nach Deutschland zurückzukehren, schon vorher sehr fest war, — jetzt ist er unerschütterlich geworden.«</p> @@ -3829,7 +3829,7 @@ In dem Augenblick, wo mein Mann erfährt, daß zwischen Japan und Deutschland der Krieg ausgebrochen ist, weiß er, daß ich nicht mehr in Japan bin. Und wenn wir uns wiederfinden sollten — vielleicht erst sehr spät, vielleicht schon bald, wer kann das sagen? —, dann werde -ich ihm nichts zu sagen und zu erklären brauchen; er wird alles<span class="pagenum" id="Seite_138">[S. 138]</span> im +ich ihm nichts zu sagen und zu erklären brauchen; er wird alles<span class="pagenum" id="Seite_144">[S. 144]</span> im voraus begreifen und billigen. Denn er kennt mich und liebt mich, wie ich bin ... Ich weiß den Weg noch nicht, den ich gehen muß, aber ich werde ihn ganz gewiß finden. Und es wird kein anderer Unterschied sein @@ -3851,7 +3851,7 @@ wenigstens so weit, daß ich — die deutschen Verlustlisten in die Hand bekam. Ich wollte seine Spur finden und wissen: er ist da oder dort. Dann wollte ich auf mich nehmen, was das Schicksal mit mir vorhat. Und arbeiten wollte ich. Es wird genug zu tun geben für eine Frau, die -zugreifen kann und<span class="pagenum" id="Seite_139">[S. 139]</span> will. Und ich wollte an Gerhard schreiben: Ich bin +zugreifen kann und<span class="pagenum" id="Seite_145">[S. 145]</span> will. Und ich wollte an Gerhard schreiben: Ich bin hier; sorge dich nicht um mich — ich bin nun ganz ruhig; ich warte ... Dann hätte mein Leben doch einen Sinn ... Aber wenn ich hier bliebe oder irgendwo sonst, wo nicht Deutschland ist, dann würde ich nicht @@ -3872,7 +3872,7 @@ das verendet ... Und wenn man sie trennt, dann bluten sie ... Niemand weiß um unsere Liebe ... Wenn wir vor den Menschen stehen, dann lachen wir uns an und sind Geschwister. Aber wenn wir allein sind und unser selbst bewußt werden, dann beben wir im Innersten vor großem Glück -und Staunen und stehen manchmal, wie Menschen<span class="pagenum" id="Seite_140">[S. 140]</span> in einem allzu starken +und Staunen und stehen manchmal, wie Menschen<span class="pagenum" id="Seite_146">[S. 146]</span> in einem allzu starken Licht, mit geblendeten, geschlossenen Augen und sind alle beide mit lachenden Lippen und tanzenden Herzen sehr zum Knien und Weinen geneigt ... Ich will, daß Sie mich verstehen, lieber Freund, und darum @@ -3894,7 +3894,7 @@ gewesen zu sein. Sie sah den Mann mit ruhigen und freundlichen Augen wartend an, daß er lächeln mußte, als er ihrem Blick begegnete.</p> <p>»Sie müssen mir etwas Zeit lassen,« meinte er. »Ich war, weiß Gott, -so wenig auf Ihren<span class="pagenum" id="Seite_141">[S. 141]</span> Plan vorbereitet wie auf meinen Tod. Und wir +so wenig auf Ihren<span class="pagenum" id="Seite_147">[S. 147]</span> Plan vorbereitet wie auf meinen Tod. Und wir müssen mit höchster Überlegung zu Werke gehen. Von der Verantwortung abgesehen, die ich auf mich nehme und der ich nichts als die Wahrung alleräußerster Vorsicht entgegenzusetzen habe, würden Sie, gnädige @@ -3917,7 +3917,7 @@ sammeln wollte.</p> <p>»Also —«</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_142">[S. 142]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_148">[S. 148]</span></p> <p>»Also werde ich nicht als Deutsche reisen,« sagte Beate.</p> @@ -3947,7 +3947,7 @@ Vertrauen Sie sich mir an?«</p> <p>»Ja.«</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_143">[S. 143]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_149">[S. 149]</span></p> <p>»Und lassen Sie mir in allen Entschließungen freie Hand?«</p> @@ -3981,7 +3981,7 @@ gegangen sein, und hockte sich auf die Fußmatte, um geduldig zu warten.</p> <hr class="chap x-ebookmaker-drop"> <div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_144">[S. 144]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_150">[S. 150]</span></p> <h2 class="nobreak" id="5">5</h2> </div> @@ -4002,7 +4002,7 @@ Fahrgäste hatten sich an Bord gedrängt. Es waren fast durchweg Angehörige der britischen Nation, die nach Southampton zurück wollten. Und die meisten hatten es sehr eilig. Sie wollten noch rechtzeitig in Europa ankommen, um den Einzug der siegreichen französischen -und russischen Truppen in Berlin mitzuerleben und die<span class="pagenum" id="Seite_145">[S. 145]</span> Heimkehr +und russischen Truppen in Berlin mitzuerleben und die<span class="pagenum" id="Seite_151">[S. 151]</span> Heimkehr der Lorbeergekrönten nach Paris. Die hübschen Töchter von Sir Hugh Trelawney fürchteten ernsthaft, daß der Krieg schon längst durch die Zerschmetterung Deutschlands beendet sein würde, wenn die »Princeß of @@ -4025,7 +4025,7 @@ lungenkranker Chilene, der nach Heluan wollte, aber alle Aussicht besaß, sich schon lange vor seiner Ankunft in Ägypten an Whisky und Sodaeiswasser zu Tode getrunken zu haben. Ein Schweizer Missionar mit seiner Frau und zwei Töchtern, den die Aussichtslosigkeit seiner -Bestrebungen auf japanischem Boden an den<span class="pagenum" id="Seite_146">[S. 146]</span> Rand des Tiefsinns gebracht +Bestrebungen auf japanischem Boden an den<span class="pagenum" id="Seite_152">[S. 152]</span> Rand des Tiefsinns gebracht hatte; er hoffte, in der Umgebung von Benares davon geheilt zu werden, ohne für diese Annahme den leisesten Grund zu haben ... Und eine Russin, die bereits von Afrika aus mit der »Princeß of India« nach @@ -4048,7 +4048,7 @@ Flieder gab, ein unaussprechlicher Schrecken ausgeprägt war, wann die <p>»Überhaupt nicht,« hatte der Kapitän geantwortet.</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_147">[S. 147]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_153">[S. 153]</span></p> <p>Er mußte es wissen. Lisa Petulikowa glaubte ihm und ergab sich.</p> @@ -4071,7 +4071,7 @@ Aber er fand die Frau nicht, die er suchte. Sie mußte wie seine Mutter sein — das war die Schwierigkeit ...</p> <p>Jewgenij Iwanowitsch lachte sein heiterstes Lachen, während er so -sprach. Und seine Mutter sah ihm mit Entzücken nach, wenn er pfeifend<span class="pagenum" id="Seite_148">[S. 148]</span> +sprach. Und seine Mutter sah ihm mit Entzücken nach, wenn er pfeifend<span class="pagenum" id="Seite_154">[S. 154]</span> durch die alten Zimmer des Gutshauses schritt und sich in den Hüften wiegte.</p> @@ -4096,7 +4096,7 @@ Erzählen zu einer Legende schuf, bis sie sie auswendig hersagen konnte.</p> <p>Geduld war die eigentümlichste Eigenschaft von Kyrill Petulikow. Er kannte seinen Bruder kaum und hatte ihn nicht geliebt — wenigstens -nicht mehr als alle Menschen, denen er stets mit<span class="pagenum" id="Seite_149">[S. 149]</span> Sanftmut und dem +nicht mehr als alle Menschen, denen er stets mit<span class="pagenum" id="Seite_155">[S. 155]</span> Sanftmut und dem besten Willen zum Frieden entgegentrat. Er hatte den Bruder im Gedächtnis als etwas sehr Lautes — etwas, das die Wände beben machte, wenn es die Türen ins Schloß jagte und mit den Absätzen in die Dielen @@ -4116,7 +4116,7 @@ Mutter tun konnte. Ihr den Toten zu ersetzen, vermochte er nicht — hätte er auch nie versucht. Und da wurde Lisa Petulikowa sehr rasch eine alte Frau, die nicht mehr acht auf sich gab, ein wenig liederlich herumging und ihr Haar nachlässig ordnete. Aber sie trug noch immer -ihren schönen Schmuck und hatte ihn<span class="pagenum" id="Seite_150">[S. 150]</span> auch für die Reise nicht abgelegt, +ihren schönen Schmuck und hatte ihn<span class="pagenum" id="Seite_156">[S. 156]</span> auch für die Reise nicht abgelegt, obgleich sie an Ceylon und den beiden Indien vorüberfuhr, indem sie in der Kabine saß und Patiencen legte, die nie aufgingen.</p> @@ -4141,7 +4141,7 @@ stand als dem Spott.</p> <p>Alles, was sie an innerlichen Kräften besaß, hatte sie für diese närrische Reise aufgewendet. Ein Mehr davon war in ihr nicht übrig. -Sie<span class="pagenum" id="Seite_151">[S. 151]</span> ließ sich zu Boden fallen, und da wollte sie liegenbleiben. +Sie<span class="pagenum" id="Seite_157">[S. 157]</span> ließ sich zu Boden fallen, und da wollte sie liegenbleiben. Wer sie aufhob, wußte sie nicht und dankte es ihm nicht. Da sie an Herzkrämpfen litt, brauchte sie eine ständige Wache für die Nacht. Eine Stewardeß übernahm die Pflege. Es war ein stilles, etwas schweigsames @@ -4162,7 +4162,7 @@ wandte sich nicht um.</p> <p>Sie sprachen fast gar nicht miteinander. Er war des Englischen so wenig mächtig wie sie des Russischen. Einmal redete er sie französisch an, und sie antwortete in der gleichen Sprache, aber so einsilbig, daß er -wieder verstummte.<span class="pagenum" id="Seite_152">[S. 152]</span> Personen dienenden Standes gegenüber war Kyrill +wieder verstummte.<span class="pagenum" id="Seite_158">[S. 158]</span> Personen dienenden Standes gegenüber war Kyrill Petulikow immer etwas befangen. Es war ihm stets peinlich, die Dienste eines Menschen in Anspruch zu nehmen, so hoch er sie auch bezahlte. Er war ein Narr im Trinkgeldgeben und schämte sich für die Leute, die @@ -4187,7 +4187,7 @@ wandte sie sich mit einer Art betonter Festigkeit nach dem Manne um.</p> das Gespräch weit von sich ab. Aber das hörte Kyrill Petulikow nicht, oder er wollte es nicht hören. Er lächelte ein wenig.</p> -<p>»Ich habe ohne Unterlaß auf Ihre Hände<span class="pagenum" id="Seite_153">[S. 153]</span> gesehen,« sagte er mit einer +<p>»Ich habe ohne Unterlaß auf Ihre Hände<span class="pagenum" id="Seite_159">[S. 159]</span> gesehen,« sagte er mit einer gewissen schwermütigen Heiterkeit, für die er keinen Grund hätte angeben können. »Sie haben helfende Hände, aber keine dienenden. Ihre Hände tun, was getan werden muß, von selbst, wie von innen heraus. Man @@ -4209,7 +4209,7 @@ denn es würde zu keinem Ergebnis führen.«</p> <p>»Sie können mir verbieten, es Ihnen zu sagen,« meinte Kyrill Petulikow, »aber Sie können mir nicht verbieten, es zu tun. Ich bitte Sie sehr um -Verzeihung, Miß Mathew, wenn<span class="pagenum" id="Seite_154">[S. 154]</span> ich Sie mit meiner Teilnahme belästige +Verzeihung, Miß Mathew, wenn<span class="pagenum" id="Seite_160">[S. 160]</span> ich Sie mit meiner Teilnahme belästige ... Sie waren sehr gut zu meiner Mutter. Meine Mutter hat Sie gern um sich herum, was mit sehr wenig Menschen der Fall ist. Darum sprach ich zu Ihnen ... Wenn Sie Ihren jetzigen Beruf nur aus Zwang erwählt haben @@ -4233,7 +4233,7 @@ mit ihrem Herrgott deutsch sprach.</p> <p>Viel Wunderliches hatte geschehen müssen, bis Kate Mathew von der »North-Carolina« mit dem Engländer nach Europa zurückfuhr ...</p> -<p>Die »North-Carolina« war von Frisko gekommen,<span class="pagenum" id="Seite_155">[S. 155]</span> und das weibliche +<p>Die »North-Carolina« war von Frisko gekommen,<span class="pagenum" id="Seite_161">[S. 161]</span> und das weibliche Dienstpersonal hatte Urlaub erhalten, sich in der fremden Stadt ein wenig umzuschauen. An der Landungsbrücke, wo die Boote anlegten, hatte ein Mann gestanden und die Mädchen an sich vorübergehen lassen; @@ -4256,7 +4256,7 @@ ihr die Papiere gestohlen habe. Sie konnte es ohne jede Gefahr tun. Ihr Sheffielder Dialekt hätte vor jedem englischen Gerichtshof ihre britische Waschechtheit bezeugt.</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_156">[S. 156]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_162">[S. 162]</span></p> <p>Für das Eingehen auf diesen Plan bot ihr der Fremde die runde Summe von zweihundert Pfund, zahlbar in zwei Raten: bei der Auslieferung ihrer @@ -4283,7 +4283,7 @@ Drachensegels über sein Boot. Und dicht an ihm vorbei, wie eine Möwe, strich ein kleines, schnelles Schiff. Ein Mann beugte sich über den Rand und spähte dem Liegenden ins Gesicht.</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_157">[S. 157]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_163">[S. 163]</span></p> <p>Aber Christian Tystendal sang mit der Stimme eines Trunkenen, halblaut und glückselig, das Lied des großen und zeit seines Lebens nicht @@ -4310,7 +4310,7 @@ bewachte.</p> <p>Eine Frau war aus dem Hause getreten und im Garten verschwunden.</p> -<p>Sie hatte seit Tagen und Nächten auf das<span class="pagenum" id="Seite_158">[S. 158]</span> Kommen des Mannes gewartet +<p>Sie hatte seit Tagen und Nächten auf das<span class="pagenum" id="Seite_164">[S. 164]</span> Kommen des Mannes gewartet und war in jeder Stunde bereit gewesen, mit ihm zu gehen.</p> <p>Sie wechselten nur wenige Worte.</p> @@ -4338,7 +4338,7 @@ Sie es auch tun, sind wir sehr bald am Ziele.«</p> verlassen. Nach zwei Tagen trat die neue Stewardeß auf der »Princeß of India« ihren Dienst an; sie wurde die Pflegerin von Jelisaweta Petulikowa. Sie wachte in den Nächten und schlief nicht am Tage; und -manchmal, wenn sie sich allein glaubte, saß<span class="pagenum" id="Seite_159">[S. 159]</span> sie auf den Treppenstufen +manchmal, wenn sie sich allein glaubte, saß<span class="pagenum" id="Seite_165">[S. 165]</span> sie auf den Treppenstufen und legte den Kopf in die Hände, horchte auf das unentwegte, gleichmäßig gesunde Pulsschlagen der Schiffsmaschinen und dachte an das höllische Feuer, das sie ernährte — und sehnte sich, einen Weg @@ -4360,7 +4360,7 @@ und die Finsternis hier unten warf.</p> <p>Diese Leiter kam ein Mann empor. Er tauchte nur halb herauf, und der Widerschein des Feuers hinter und unter ihm röstete seinen nackten Rücken, seine Arme und Schultern, während das bleiche Licht -der schwindenden<span class="pagenum" id="Seite_160">[S. 160]</span> Nacht auf sein Gesicht fiel und seine keuchende, +der schwindenden<span class="pagenum" id="Seite_166">[S. 166]</span> Nacht auf sein Gesicht fiel und seine keuchende, entblößte Brust badete.</p> <p>Er stand, die rußigen, vom Schweiß triefenden Fäuste ins Eisengestänge @@ -4385,7 +4385,7 @@ etwas, daran sie sich mit ihrem letzten, versagenden Willen festnageln konnte, um nicht vorwärts zu stürzen, auf den Mann zu, dem die Augen im Kopfe verkohlt waren von der Arbeit freiwilliger Verdammnis.</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_161">[S. 161]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_167">[S. 167]</span></p> <p>Aber sie rührte sich nicht; sie krallte sich die Nägel ins Fleisch und ging nicht. Sie starrte den Mann mit Blicken an, die ein einziges @@ -4409,7 +4409,7 @@ hatte keinen Herzschlag lang daran gedacht, daß sie auf gleichen Schiffsplanken stehen würden und die Heimat suchen — in feindlichem Dienste, mit fremden Namen — unbekannt sich selbst wie den anderen.</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_162">[S. 162]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_168">[S. 168]</span></p> <p>Denn das hatte sie begriffen im Augenblick, wo sie ihn sah: Er durfte nicht wissen, daß sie auf diesem Schiffe war ... Er mußte den unerhört @@ -4435,7 +4435,7 @@ sich hinsprach — Worte der Zärtlichkeit, die ihr Ziel nicht erreichten Pulsschlag seiner Maschinen zuckte, als suchte sie den Strom, der aus der Feuerbrandung kam und Leben wurde und Bewegung ...</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_163">[S. 163]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_169">[S. 169]</span></p> <p>Und während ihre Hand den Pulsschlag des Schiffes prüfte, spürte sie, daß er sich veränderte ...</p> @@ -4469,7 +4469,7 @@ spießte sich in die Dunkelheit, glitt über ihr Kleid und ihr Gesicht.</p> <p>»Ich weiß es nicht. Warum sind die Lampen gelöscht worden?«</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_164">[S. 164]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_170">[S. 170]</span></p> <p>Kyrill Petulikow zuckte die Achseln. »Gehen wir hinauf!« sagte er und beleuchtete die Stufen. Aber die Stewardeß schüttelte den Kopf.</p> @@ -4504,7 +4504,7 @@ verloren; sie raste mit berstenden Lungen vorwärts, vorwärts ...</p> <p>Plötzlich wurden die Fenster weiß.</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_165">[S. 165]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_171">[S. 171]</span></p> <p>Ein tagheller, fressender Schein glitt an ihnen vorbei — war gleich wieder erloschen — und kam wieder ...</p> @@ -4539,7 +4539,7 @@ geschossen, Kyrill — Kyrill —?!«</p> <p>»Ein deutscher Kreuzer verfolgt uns,« antwortete Kyrill Petulikow und wandte sich nach Kate Mathew um, die fast gefallen wäre.</p> -<p>Aber es war nur ein Augenblick gewesen.<span class="pagenum" id="Seite_166">[S. 166]</span> Im nächsten hatte sie sich +<p>Aber es war nur ein Augenblick gewesen.<span class="pagenum" id="Seite_172">[S. 172]</span> Im nächsten hatte sie sich schon wieder in der Hand.</p> <p>Und fast ohne ein Wort zu reden, zerrte sie die jammernde und @@ -4563,7 +4563,7 @@ lief ihm übers Gesicht. Er bekam keine Antwort.</p> geöffneten Rachen der Hölle, die Weißglut von sich spie, und das Wasser verdampfte auf ihren krebsroten Körpern und verzischte auf dem Boden unter ihren Füßen und rieselte und spülte unablässig um sie, während -sie keuchend, knirschend, mit versagenden Lungen und Augen, die aus<span class="pagenum" id="Seite_167">[S. 167]</span> +sie keuchend, knirschend, mit versagenden Lungen und Augen, die aus<span class="pagenum" id="Seite_173">[S. 173]</span> den Höhlen quollen, Felstrümmer, Berge von Kohlen in die gefräßige Glut schleuderten.</p> @@ -4588,7 +4588,7 @@ flog an ihre Plätze. Das ohrenzerreißende Rufen der Trillerpfeife gellte ununterbrochen über Deck. Das Schiff lag noch immer im bleichen Dunkel der ersten Morgenstunde.</p> -<p>Aber da kam das weiße Gleißen wieder ...<span class="pagenum" id="Seite_168">[S. 168]</span> Der breite Keil eines +<p>Aber da kam das weiße Gleißen wieder ...<span class="pagenum" id="Seite_174">[S. 174]</span> Der breite Keil eines Scheinwerfers sauste aus der Höhe und Ferne des verfolgenden Kreuzers mit einem schwingenden Zupacken zu dem fliehenden Schiff hinüber und hielt es in den Klauen. Ein zweiter legte sich flirrend daneben ...</p> @@ -4614,7 +4614,7 @@ gespannt.</p> <p>Eine Gruppe von Frauen drängte sich um den Schweizer Missionar, der barhäuptig und ohne Rock mitten auf Deck stand und mit -unerschütterlicher Stimme und hocherhobenen<span class="pagenum" id="Seite_169">[S. 169]</span> Armen die kräftigsten +unerschütterlicher Stimme und hocherhobenen<span class="pagenum" id="Seite_175">[S. 175]</span> Armen die kräftigsten Psalmen Davids sprach; die Stimmen seiner Frau und seiner Töchter schwangen sich über die seine hinweg wie ein Flug von geängstigten Tauben.</p> @@ -4640,7 +4640,7 @@ sollen ins Wasser gelassen werden —!«</p> mit einem grimmigen Ton.</p> <p>Aber der Chilene bekam einen mächtigen Verbündeten. Drüben auf dem -deutschen Kreuzer blitzte es zum zweiten Male auf, und das Gebrüll<span class="pagenum" id="Seite_170">[S. 170]</span> +deutschen Kreuzer blitzte es zum zweiten Male auf, und das Gebrüll<span class="pagenum" id="Seite_176">[S. 176]</span> des Schusses erschütterte die gepeitschte Luft, und diesmal schlug das Geschoß keine Schiffslänge mehr hinter der »Princeß of India« ins Wasser. Der aufspringende Wind trieb die Tropfenschleier des @@ -4665,7 +4665,7 @@ Chilenen eine brandende Mehrheit stand. Es ging um die Kommandogewalt auf der »Princeß of India«.</p> <p>»Ihre Angelegenheiten, Herr —?!« brüllte der Chilene. »Wenn wir von -dem Satan hinter uns in Grund und Boden geschossen werden,<span class="pagenum" id="Seite_171">[S. 171]</span> so ist +dem Satan hinter uns in Grund und Boden geschossen werden,<span class="pagenum" id="Seite_177">[S. 177]</span> so ist das ebensogut unsere Angelegenheit wie die Ihre —! Und wenn Sie sich weigern — Herr, ich sage, wenn Sie sich weigern,« wiederholte er und schrie in der Fistel, während er dem Kapitän mit beiden Händen vor dem @@ -4689,7 +4689,7 @@ Pflichterfüllung lag.</p> <p>Das leise Jammern Jelisaweta Petulikowas war verstummt und hatte der Stumpfheit Platz gemacht, die auf alles gefaßt ist und sich in alles ergibt. Sie hockte auf ihren eigenen Fersen und war durch nichts zu -bewegen, aufzustehen und<span class="pagenum" id="Seite_172">[S. 172]</span> sich bequemer unterbringen zu lassen. Sie +bewegen, aufzustehen und<span class="pagenum" id="Seite_178">[S. 178]</span> sich bequemer unterbringen zu lassen. Sie hatte den Kopf mit den halbgelösten Haaren in die Arme vergraben und zitterte unaufhörlich. Sie antwortete auf keine Frage mehr.</p> @@ -4710,7 +4710,7 @@ deutsche Matrosen an den Geschützen standen.</p> war aufgeregt wie die Menschen ... Es gab keine Gewähr gegen das Unglück. Und der nächste Schuß aus den Kruppschen Geschützen konnte, zu hoch gehalten, das Deck treffen, an Stelle des Schiffsrumpfes — -konnte mittenhineinschlagen in die Menschenmasse,<span class="pagenum" id="Seite_173">[S. 173]</span> die sich jammernd +konnte mittenhineinschlagen in die Menschenmasse,<span class="pagenum" id="Seite_179">[S. 179]</span> die sich jammernd zusammendrängte und sinnlose Schutzwände suchte.</p> <p>Und doch war der Ausdruck auf dem Gesicht von Kate Mathew, das weiß und @@ -4735,7 +4735,7 @@ Weinen das deutsche Schiff bei Namen zu rufen: »Du —! Du —!«</p> englische Schiff in den starken Klauen hielten wie an straff gespannten, bebenden Seilen.</p> -<p>Sie liebte die breite Fahne, die da drüben<span class="pagenum" id="Seite_174">[S. 174]</span> im Luftzug dieser rasenden +<p>Sie liebte die breite Fahne, die da drüben<span class="pagenum" id="Seite_180">[S. 180]</span> im Luftzug dieser rasenden Wettfahrt knatterte und die sie nur mit den Sinnen ihrer Seele hörte und sah; sie liebte das sprühende Feuer, das aus den drei Schloten wehte; sie liebte die Rauchstandarte, die im Winde flog und flackte.</p> @@ -4757,7 +4757,7 @@ auch das Herz eines Menschen, der fühlte wie sie ... Auf diesem von sinnloser Flucht gejagten Menschenboot, innerhalb dieser keuchenden, glühenden, von Wut und Angst geschleuderten Menge, die zu Gott im Himmel um Rettung schrie, war einer, der grimmig und herzlich lachte -— einer, der nur darauf wartete, daß die »Princeß of<span class="pagenum" id="Seite_175">[S. 175]</span> India«, die +— einer, der nur darauf wartete, daß die »Princeß of<span class="pagenum" id="Seite_181">[S. 181]</span> India«, die sich gutwillig nicht ergab, vom nächsten scharfen Schuß des deutschen Kreuzers getroffen der Vernichtung in den Rachen taumelte — und wenn er mit hinunter müßte ... mit einem letzten Gedanken inbrünstigen @@ -4781,7 +4781,7 @@ mit dem aufgellenden Schrei der Menschen, die er halb zu Boden warf.</p> <p>Jelisaweta Petulikowa lag auf den Knien und krallte ihre beiden Hände in das Kleid ihrer Pflegerin; der Mund stand ihr offen und war ganz verzerrt. Sie hatte den Blick einer Wahnsinnigen und schrie -ununterbrochen nach ihrem<span class="pagenum" id="Seite_176">[S. 176]</span> toten Sohne. Ihr Schreien war das eines +ununterbrochen nach ihrem<span class="pagenum" id="Seite_182">[S. 182]</span> toten Sohne. Ihr Schreien war das eines Kindes, das vor Schrecken verrückt geworden ist.</p> <p>Beate bückte sich zu ihr und nahm den Kopf der Heulenden mit beiden @@ -4811,7 +4811,7 @@ Sirenen platzen.</p> <p>Der Chilene torkelte über das Deck und krallte die Finger in die Luft.</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_177">[S. 177]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_183">[S. 183]</span></p> <p>»Feuer —!« gellte seine Stimme auf. Und noch einmal: »Feuer —!«</p> @@ -4838,7 +4838,7 @@ unbarmherzig war.</p> <p>Das Schiff, das die deutsche Kriegsflagge trug, fegte mit der wundervollen und federnden Kraft all seiner bedingungslos gehorchenden Muskeln an die »Princeß of India« heran. In dem Augenblick, da das -erjagte Schiff seine<span class="pagenum" id="Seite_178">[S. 178]</span> Rettungsboote ins Wasser ließ, setzte auch der +erjagte Schiff seine<span class="pagenum" id="Seite_184">[S. 184]</span> Rettungsboote ins Wasser ließ, setzte auch der Kreuzer seine sämtlichen Boote aus. Zwischen den beiden Riesen, über die sich, das Licht der Scheinwerfer für Minuten trübend, der schwere Qualm der Schornsteine wälzte, tanzten die schnellen und beweglichen @@ -4863,7 +4863,7 @@ um sich schlug, nach der Stelle, wo die Ausbootung vor sich ging.</p> <p>Der Erste Offizier des deutschen Kreuzers schwang sich an Deck der »Princeß of India«. Er grüßte den Kapitän.</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_179">[S. 179]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_185">[S. 185]</span></p> <p>»Ich bedaure, durch den Fluchtversuch Ihres Schiffes zu Gewaltmaßregeln gezwungen worden zu sein,« sagte er. »Ich habe jedoch nicht viel Zeit. @@ -4889,7 +4889,7 @@ seine starken und fast freudigen Gebete in das Toben der Verwirrung schickte.</p> <p>Die beiden Töchter von Sir Hugh Trelawney hielten sich eng umschlungen -und warteten, totenblaß<span class="pagenum" id="Seite_180">[S. 180]</span> und entschlossen, bis die Reihe an sie kommen +und warteten, totenblaß<span class="pagenum" id="Seite_186">[S. 186]</span> und entschlossen, bis die Reihe an sie kommen würde. Sie schienen sehr geneigt zu sein, dem deutschen Kreuzer die Vernichtung der »Princeß of India« zu vergeben, weil er seine Sache sportsmäßig tadellos gemacht hatte. Dafür besaßen sie Verständnis.</p> @@ -4911,7 +4911,7 @@ Wasser. Von der nächsten Welle zurückgetrieben, stieß das Boot mit voller Wucht gegen den Körper des Schiffes — gerade in dem Augenblick, als der Chilene wieder auftauchte. Er stieß einen grauenvollen Schrei aus, den niemand hörte, denn die heranrollende Welle spülte über -seinen aufgerissenen Mund ... Ein Matrose bückte sich, um nach dem<span class="pagenum" id="Seite_181">[S. 181]</span> +seinen aufgerissenen Mund ... Ein Matrose bückte sich, um nach dem<span class="pagenum" id="Seite_187">[S. 187]</span> Versinkenden zu greifen; aber der ging unter wie ein Sack.</p> <p>Kyrill Petulikow trug seine Mutter die Treppe hinab; irgend jemand nahm @@ -4945,7 +4945,7 @@ verhüllt, das dunkle Flecken zeigte.</p> <p>Kyrill Petulikow suchte noch immer und rief nach ihr, die nicht hören wollte.</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_182">[S. 182]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_188">[S. 188]</span></p> <p>»Fertig —?«</p> @@ -4972,7 +4972,7 @@ Weltuntergang daran gehangen hätte, was das für Laute waren, die sie in diesem Augenblick brauchte. Sie rüttelte an den Armen, die sie hielten, und biß in die Hand, die ihre Hände fesseln wollte.</p> -<p>Mit schleifenden Füßen hängte sie sich, so<span class="pagenum" id="Seite_183">[S. 183]</span> schwer sie konnte, an die +<p>Mit schleifenden Füßen hängte sie sich, so<span class="pagenum" id="Seite_189">[S. 189]</span> schwer sie konnte, an die Kraft des Mannes, den sie ermüden wollte. Aber sie vermochte nicht, ihn zu bewegen, daß er sie losließ. Die deutschen Worte sprangen ihr bettelnd auf die Lippen, aber sie würgte sie mit einer ungeheuren @@ -4997,7 +4997,7 @@ mit der ganzen Kraft seiner Lungen zu den deutschen Matrosen hinüber: <p>In dem Boot, in dem Kyrill Petulikow saß, entstand eine Bewegung. Eine Frau war aufgesprungen und hatte sich mit einem Rufe, den niemand -verstand, ins Wasser geworfen, um<span class="pagenum" id="Seite_184">[S. 184]</span> nach der sinkenden »Princeß of +verstand, ins Wasser geworfen, um<span class="pagenum" id="Seite_190">[S. 190]</span> nach der sinkenden »Princeß of India« zurückzuschwimmen.</p> <p>Ein Mann neben ihr, ein englischer Matrose, packte sie bei den Haaren @@ -5009,7 +5009,7 @@ Verstand verloren.«</p> <hr class="chap x-ebookmaker-drop"> <div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_185">[S. 185]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_191">[S. 191]</span></p> <h2 class="nobreak" id="6">6</h2> </div> @@ -5033,7 +5033,7 @@ versinken.</p> vermochte kein Glied zu rühren und fühlte das Versagen ihrer Lungen, wollte schreien und schrie doch nicht ...</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_186">[S. 186]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_192">[S. 192]</span></p> <p>Denn immer, wenn sie die Lippen öffnen wollte, blitzte als einziges Licht in der Finsternis das Warnen ihres Verstandes auf: nichts @@ -5059,7 +5059,7 @@ hatten.</p> <p>Kate Mathew fehlte ihr.</p> <p>Die junge Holländerin, die ihre Pflege übernommen hatte, konnte sich -mit ihr nicht verständigen<span class="pagenum" id="Seite_187">[S. 187]</span> und brachte die Kranke, der alle Nerven +mit ihr nicht verständigen<span class="pagenum" id="Seite_193">[S. 193]</span> und brachte die Kranke, der alle Nerven bebten, zu Weinkrämpfen durch die Unerschütterlichkeit ihrer heiteren Seelenruhe, durch ihre roten Pausbacken und ihre blanken Augen — und durch die unschuldige Freude, die sie an den Tag legte, wenn Lisa @@ -5081,7 +5081,7 @@ die Klinke schon in der Hand hatte, schauderte sie und kehrte wieder um <p>Kyrill Petulikow sagte, er wolle sie trotzdem sprechen. Sie sei die Pflegerin seiner Mutter gewesen und habe immer gewußt, wie man am besten mit der Kranken fertig werden konnte. Vielleicht war sie -doch imstande, ihm das Mittel<span class="pagenum" id="Seite_188">[S. 188]</span> zu nennen, das sie angewandt, um Lisa +doch imstande, ihm das Mittel<span class="pagenum" id="Seite_194">[S. 194]</span> zu nennen, das sie angewandt, um Lisa Petulikowa zur Ruhe zu bringen ...</p> <p>»Versuchen Sie's,« meinte der Arzt. »Es wäre ein großes Glück, wenn @@ -5105,7 +5105,7 @@ Kinnbacken, als müsse sie etwas in ihrem Munde festhalten, an dem ihr Leben hing. Ihre Hände, die ganz durchsichtig geworden waren, lagen bleich und schmal ausgestreckt auf der bunten Decke ihres Bettes. Ihre Wangen waren so eingefallen, daß sich alle Zähne dahinter abzeichneten. -Sie glich sich selbst so wenig, daß<span class="pagenum" id="Seite_189">[S. 189]</span> Kyrill Petulikow Mühe hatte, sie +Sie glich sich selbst so wenig, daß<span class="pagenum" id="Seite_195">[S. 195]</span> Kyrill Petulikow Mühe hatte, sie zu erkennen.</p> <p>Und er dachte, während er auf sie niedersah, daß Kate Mathew nicht der @@ -5129,7 +5129,7 @@ blind stellte. Das Leben kannte seine Diensttauglichen ganz genau und rüttelte sie wach, wenn es glaubte, daß es Zeit sei.</p> <p>Sie war nicht Beate Hoyermann, die sich fallen lassen durfte und ihre -Not austrinken wie eine Schale voll von betäubendem Wein.<span class="pagenum" id="Seite_190">[S. 190]</span> Sie war +Not austrinken wie eine Schale voll von betäubendem Wein.<span class="pagenum" id="Seite_196">[S. 196]</span> Sie war Kate Mathew, Stewardeß auf der »Princeß of India« und Pflegerin einer kranken Frau, die nach ihr verlangte.</p> @@ -5156,7 +5156,7 @@ die Wände des Ganges berührend. Ihre Augen standen noch immer viel zu weit offen, und es sah aus, als hätten sie sich nie mehr geschlossen, seit sie das Letzte — das Bild des verwundeten Mannes auf der »Princeß of India« — geschaut, und als sähen sie es noch immer. Über ihre -Lippen, die das Fieber verbrannt hatte, flog der<span class="pagenum" id="Seite_191">[S. 191]</span> Atem. Ihre Füße +Lippen, die das Fieber verbrannt hatte, flog der<span class="pagenum" id="Seite_197">[S. 197]</span> Atem. Ihre Füße schlürften über den Boden, als seien sie sich selbst zu schwer.</p> <p>Unwillkürlich machte Kyrill Petulikow eine Bewegung, als wollte er ihr @@ -5181,7 +5181,7 @@ Petulikow hatte das Gefühl, daß sie mit derselben Widerstandslosigkeit in brennendes Feuer hineingegangen wäre, so völlig war sie ihres eigenen Willens beraubt.</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_192">[S. 192]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_198">[S. 198]</span></p> <p>»Hier ...« sagte er und schob ihr einen Stuhl hin. Das Sonnensegel dämpfte Licht und Wärme. Sie setzte sich und legte die flachen Hände im @@ -5209,7 +5209,7 @@ auf, um fortzugehen.</p> <p>Aber er ging nicht.</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_193">[S. 193]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_199">[S. 199]</span></p> <p>Kate Mathew hielt ihn zurück — weit mehr noch durch ihren Blick als durch die unschlüssige Gebärde ihrer Hände.</p> @@ -5238,7 +5238,7 @@ und etwas schwermütigen Blick begegnete, daß er, wenn auch auf falschem Wege, zum mindesten ein Stück der Wahrheit erraten hatte. Und sie begriff zugleich mit dem Instinkt der Frau, die sich in ihrer Liebe sicher weiß und es nur natürlich finden würde, wenn Gott und seine -Engel, die Menschen und die Tiere und alles, was auf der<span class="pagenum" id="Seite_194">[S. 194]</span> Welt ist, +Engel, die Menschen und die Tiere und alles, was auf der<span class="pagenum" id="Seite_200">[S. 200]</span> Welt ist, einzig dieser Liebe dienen würden, daß hier ein Mensch war, von dem sie alles erbitten und alles nehmen durfte, weil er wußte, wie groß ihre Liebe zu einem anderen war.</p> @@ -5264,7 +5264,7 @@ erwiderte und ihn auch nicht ansah.</p> <p>»Meine Mutter,« fuhr Kyrill Petulikow darum nach einer Pause fort, »hat Sie sehr entbehrt, Miß Kate. Sie haben eine feste und sanfte Art und sind der einzige Mensch, von dem sich meine Mutter etwas abschlagen -läßt, das ihrer Krankheit förderlich wäre. Wir haben<span class="pagenum" id="Seite_195">[S. 195]</span> noch eine endlose +läßt, das ihrer Krankheit förderlich wäre. Wir haben<span class="pagenum" id="Seite_201">[S. 201]</span> noch eine endlose Reise vor uns, die der Kriegszustand doppelt erschwert. Die Pforte hat die Dardanellen gesperrt. Ich glaube kaum, daß meine Mutter die Geduld besitzen wird, so lange in Ägypten zu bleiben, bis die Meerstraße @@ -5288,7 +5288,7 @@ Atem und sah sich um.</p> <p>Sie zögerte ein wenig; dann sagte sie, während ihr das Blut in die Schläfen stieg: »Ich habe Hunger ...«</p> -<p>»Gut, gut,« sagte der Russe, nun seinerseits<span class="pagenum" id="Seite_196">[S. 196]</span> lächelnd. »Wir wollen +<p>»Gut, gut,« sagte der Russe, nun seinerseits<span class="pagenum" id="Seite_202">[S. 202]</span> lächelnd. »Wir wollen also wieder leben, wie es scheint ...«</p> <p>Die Frau sah ihn an und nickte. Die Tränen standen ihr in den Augen.</p> @@ -5315,7 +5315,7 @@ Stelle war das Gesicht des Feldherrn getreten, der Soldaten suchte — Wachsamkeit und Nervosität.</p> <p>Es gab auf den Straßen sehr viele Männer, die keine Polizeiuniform -trugen, aber auf alles<span class="pagenum" id="Seite_197">[S. 197]</span> aufpaßten und stets bereit schienen, ihre +trugen, aber auf alles<span class="pagenum" id="Seite_203">[S. 203]</span> aufpaßten und stets bereit schienen, ihre Berechtigung dazu nachzuweisen. Sie waren sehr höflich, aber ebenso bestimmt, wenn sie es für gut befanden, ein Haus, eine Brücke, eine Straße für etliche Zeit zu schließen. Man erfuhr niemals den Grund @@ -5336,7 +5336,7 @@ verbündeten Nation. Sollte man ihn in Gottes Namen laufen lassen ...</p> <p>Lisa Petulikowa war großmütig genug, ihrer Pflegerin zuzureden, sich den forschenden und genießenden Streifereien Kyrills anzuschließen. Aber Kate Mathew machte keinen Gebrauch von dieser Erlaubnis. Die -Augen taten ihr weh,<span class="pagenum" id="Seite_198">[S. 198]</span> wenn sie über die Straßen ging und die turmhohen +Augen taten ihr weh,<span class="pagenum" id="Seite_204">[S. 204]</span> wenn sie über die Straßen ging und die turmhohen Buchstaben der angeschlagenen Extrablätter ihr in allen Farben entgegenbrannten.</p> @@ -5360,7 +5360,7 @@ Lemberg erobert ...</p> und die Schlacht an der Marne feierte ihren Triumph in der endgültigen Vertreibung des Feindes bis an das rechte Ufer des Rheins.</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_199">[S. 199]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_205">[S. 205]</span></p> <p>Bis Weihnachten war alles erledigt ...</p> @@ -5389,7 +5389,7 @@ mit!«</p> <p>»Wenn Sie es ausdrücklich wünschen, Kyrill Petulikow — und Ihre Mutter es gestattet ...«</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_200">[S. 200]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_206">[S. 206]</span></p> <p>»Beides, Miß Kate — da es nötig zu sein scheint ...«</p> @@ -5416,7 +5416,7 @@ Wasserverkäufer mit ihren schwappenden Ziegenschläuchen, Obsthändler und Schuhputzer priesen Gott und sich selbst als die Wohltäter der Menschheit. Ihre singenden Rufe gingen unter im Geschrei der Zeitungsverkäufer, die das neueste Extrablatt ausriefen und eine -grellrote, mit<span class="pagenum" id="Seite_201">[S. 201]</span> schwarzen Schrägstreifen geschmückte Broschüre: »Die +grellrote, mit<span class="pagenum" id="Seite_207">[S. 207]</span> schwarzen Schrägstreifen geschmückte Broschüre: »Die Greueltaten der Deutschen in Belgien, nach amtlich beglaubigten Aussagen von Augenzeugen!«</p> @@ -5440,7 +5440,7 @@ Wort »Bakhschisch« in seinem vollen Umfang auszusprechen, unaufhörlich: aber es war ein nutzloses Beginnen; das Elend schluckte seine Gaben ein wie die Wüste den Tau — und blieb Elend, wie sie Wüste bleibt.</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_202">[S. 202]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_208">[S. 208]</span></p> <p>Eine Schar von schwatzenden Fellachenweibern, verschleiert, dampfend vor Hitze, kehrte über den Kasr en Nil nach ihrem Dorfe zurück. Über @@ -5463,7 +5463,7 @@ Zeit der Schöpfung aufzudrängen.</p> <p>Achmed schlug mit dem Stecken unter zornigen Anrufen Allahs, des Allvermögenden, in das zudringliche Gesindel hinein, wobei -er nicht verfehlte, den scheinbar unerschöpflichen Sack<span class="pagenum" id="Seite_203">[S. 203]</span> seiner +er nicht verfehlte, den scheinbar unerschöpflichen Sack<span class="pagenum" id="Seite_209">[S. 209]</span> seiner schwerstwiegenden Schimpfwörter über das Gezücht von Hunden und Schakalen auszuschütteln. Aber es nützte ihm nur wenig. Bis an die Türe des Menahouse-Hotels, vor dem die mauerngefaßte Straße zu den @@ -5487,7 +5487,7 @@ Begleitung gebeten, Miß Kate.«</p> <p>»Verstehen Sie mich nicht falsch, Kyrill Petulikow,« antwortete sie. »Ich bin wahrscheinlich sehr ungerecht ... Das wird man, wenn man unfrei ist. Ich weiß, wie gut Sie es meinen, und danke Ihnen ehrlich -dafür. Aber ich wünschte mir eben so sehr, Sie möchten<span class="pagenum" id="Seite_204">[S. 204]</span> mich in Zukunft +dafür. Aber ich wünschte mir eben so sehr, Sie möchten<span class="pagenum" id="Seite_210">[S. 210]</span> mich in Zukunft nur als die dienende Pflegerin Ihrer Mutter betrachten, wie ich mir anderseits wünschen muß, daß ich von Ihrem guten Willen weniger abhängig wäre.«</p> @@ -5517,7 +5517,7 @@ Irgendein deutscher Dichter hat einmal so etwas gesagt.«</p> noch einmal zu widersprechen.</p> <p>Sie gingen allein. Achmed war bei seinen Eseln zurückgeblieben; die -drei Beduinen, die ihnen bei der Ersteigung der Cheopspyramide<span class="pagenum" id="Seite_205">[S. 205]</span> helfen +drei Beduinen, die ihnen bei der Ersteigung der Cheopspyramide<span class="pagenum" id="Seite_211">[S. 211]</span> helfen sollten, waren vorausgegangen und erwarteten sie am Fuße des Grabmals. Die Sonne stand nur noch zwei Hände breit über dem Horizont. Die Luft war sehr dunstig.</p> @@ -5543,7 +5543,7 @@ Gräbern ihrer Königsahnen, und mitten zwischen beiden pfiff der Schnellzug von Assuan.</p> <p>Beate Hoyermann sah und hörte dies alles und bemerkte es doch nicht. -Sie spürte in der<span class="pagenum" id="Seite_206">[S. 206]</span> Tasche ihres Mantels das grell gebundene Heft über +Sie spürte in der<span class="pagenum" id="Seite_212">[S. 212]</span> Tasche ihres Mantels das grell gebundene Heft über die Greueltaten der Deutschen in Belgien, und sie kam sich vor, im Angesicht der ausgebreiteten Herrlichkeit zu ihren Füßen, wie ein Mensch, der Brot braucht und jemand schenkt ihm eine Perlenkette.</p> @@ -5569,7 +5569,7 @@ Schweden ... Übrigens, was wollen Sie in Schweden, Miß Kate?«</p> <p>»O — und Sie wollen mit uns nach Rußland fahren —?«</p> -<p>»Es bleibt sich gleich für mich, auf welchem<span class="pagenum" id="Seite_207">[S. 207]</span> Umweg ich nach Hause +<p>»Es bleibt sich gleich für mich, auf welchem<span class="pagenum" id="Seite_213">[S. 213]</span> Umweg ich nach Hause reise,« antwortete Beate etwas herb. Sie merkte an seinem Schweigen, daß er diese Herbheit sehr wohl empfand. Mit einer unwillkürlichen und starken Gebärde faltete sie die Hände.</p> @@ -5593,7 +5593,7 @@ vielleicht trotz allem der beste ist ...«</p> <p>»Ja, das tue ich ... Sie nicht?«</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_208">[S. 208]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_214">[S. 214]</span></p> <p>»Nein,« sagte Kyrill Petulikow. »Nicht sehr. Nicht so, wie Sie es meinen.«</p> @@ -5621,7 +5621,7 @@ Nils, war der Himmel trüb golden vom Widerschein der erleuchteten Stadt.</p> miteinander. Allmählich verstummten sie auch. Ihre weißen Burnusse schimmerten in der Finsternis.</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_209">[S. 209]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_215">[S. 215]</span></p> <p>»Jetzt bin ich Ihnen ganz fremd geworden,« sagte Kyrill Petulikow nach einer tiefen Stille, ohne sich umzuwenden.</p> @@ -5650,7 +5650,7 @@ und richtete sich ein wenig auf.</p> in die Hand.</p> <p>»Ich wünschte mir doch, Sie hörten mich an,« meinte er schließlich, und -seine stille Stimme<span class="pagenum" id="Seite_210">[S. 210]</span> tastete sich vorsichtig durch die Dunkelheit, als +seine stille Stimme<span class="pagenum" id="Seite_216">[S. 216]</span> tastete sich vorsichtig durch die Dunkelheit, als sei sie ein lebendiges Wesen, das in der großen Einsamkeit verirrt und müde nach Hause verlangte. »Aber ich weiß nicht, ob Sie mich verstehen können, Miß Kate. Wir sind einander so unendlich fern und fremd. Wenn @@ -5671,7 +5671,7 @@ Sie mir Ihre Hände so geben wollen ...«</p> <p>»Das will ich, Kyrill Petulikow,« sagte Beate geduldig.</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_211">[S. 211]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_217">[S. 217]</span></p> <p>»Ja, vielleicht. Aber Sie wissen nicht, ob Sie es bis zum Ende wollen. Wer sind Sie und wer bin ich? Ich kenne nicht einmal Ihren Namen. Denn @@ -5693,7 +5693,7 @@ was ich schwerlich glauben kann, solange es Krieg ist. Können Sie sich nicht an Miß Kate gewöhnen?«</p> <p>»Nein,« sagte der Russe kopfschüttelnd. »Miß Kate ist irgend jemand, -aber nicht Sie ... Ich hatte eine kleine Schwester, die Mascha hieß.<span class="pagenum" id="Seite_212">[S. 212]</span> +aber nicht Sie ... Ich hatte eine kleine Schwester, die Mascha hieß.<span class="pagenum" id="Seite_218">[S. 218]</span> Sie ist als Kind gestorben; meine Mutter liebte sie nicht sehr. Meine Mutter liebte nur Jewgenij Iwanowitsch, der ein schöner und starker Mensch war und immer lachte ... Meine kleine Schwester war kein @@ -5714,7 +5714,7 @@ Glauben getäuscht habe —, daß meine kleine Schwester nun viel klüger und stärker sei als ich, weil sie das Leben und den Tod gleichermaßen überwunden hatte und bei Gott war, der sie liebte ...«</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_213">[S. 213]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_219">[S. 219]</span></p> <p>Kyrill Petulikow schwieg. Beate hatte den Arm aufs Knie gestemmt und ihr Kinn in die Hand gelegt. Sie sah mit ganz verträumten Augen in den @@ -5742,7 +5742,7 @@ ihm aufschauen als zu dem Älteren — dem, das vor uns war, geheiligt durch Überlieferungen, durch die Größe des Vergangenen — das Geliebte um der Ehrfurcht willen ... Und dennoch weiß ich: wenn ich mein Vaterland lieben würde, dann würde ich es tun in einem Gefühl — jenem -sehr verwandt, das wir für die<span class="pagenum" id="Seite_214">[S. 214]</span> Jüngeren haben, für die, die sind, wenn +sehr verwandt, das wir für die<span class="pagenum" id="Seite_220">[S. 220]</span> Jüngeren haben, für die, die sind, wenn wir nicht mehr sein werden, für die Kommenden, die Zukünftigen ... in einem Gefühl des grenzenlos beglückten Beiseitestehens, unverlangend, voller Ergriffenheit, dankbar und vertrauend ...«</p> @@ -5768,7 +5768,7 @@ Leben zu lieben, nur um es als gedoppeltes Opfer darbringen zu können <p>»Das ist ein sehr hartes Wort, Kyrill Iwanowitsch ...«</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_215">[S. 215]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_221">[S. 221]</span></p> <p>»Sie werden Rußland sehen, Miß Kate — Sie werden es mit Ihren klaren germanischen Augen sehen und werden sagen: er hatte Recht, der Kyrill @@ -5790,7 +5790,7 @@ uns ...</p> <p>»Es gibt auch andere — Schwärmer, ja ... die machen Revolutionen. Und es gibt auch Schurken; die machen den Krieg. Die einen wollen das -Heil für Rußland, die anderen für<span class="pagenum" id="Seite_216">[S. 216]</span> sich selbst. Und die Revolutionen +Heil für Rußland, die anderen für<span class="pagenum" id="Seite_222">[S. 222]</span> sich selbst. Und die Revolutionen kosten Blut und Geld, und der Krieg kostet Blut und Geld, und wenn irgend jemand dabei gewinnt, so ist es nicht Rußland. Wir haben uns in eine Sackgasse verrannt und finden nicht den Mut zur Umkehr, das ist @@ -5812,7 +5812,7 @@ können als in Petersburg,« antwortete Kyrill Petulikow vorsichtig.</p> <p>»Vielleicht wird man einmal behaupten,« fuhr Kyrill Petulikow fort, »daß dieser Krieg auch von Rußlands Seite aus wirtschaftlichen Gründen geführt worden ist. Und die Worte vom eisfreien Hafen und vom Einfluß -in Kleinasien werden wieder auftauchen ... Aber der schönste<span class="pagenum" id="Seite_217">[S. 217]</span> eisfreie +in Kleinasien werden wieder auftauchen ... Aber der schönste<span class="pagenum" id="Seite_223">[S. 223]</span> eisfreie Hafen kann dem russischen Reiche das nicht geben, was es braucht: eine andere Volksseele ...«</p> @@ -5839,7 +5839,7 @@ selber liegen ...«</p> <p>»Das Herz jedes Volkes — seine Mütter,« antwortete der Russe.</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_218">[S. 218]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_224">[S. 224]</span></p> <p>Kate Mathew machte eine Bewegung. »Die Mütter,« wiederholte sie. Und unwillkürlich kam das Wort sehr versonnen aus ihrem Munde.</p> @@ -5863,7 +5863,7 @@ Rausches willen und feiern unsere Feste nicht, weil wir das Leben lieben. Wir betrinken uns, weil wir dann vergessen, und sind ekstatisch heiter in der Erkenntnis, daß wir nichts anderes haben als den Taumel. Und dann kommen die grauen Stunden der Ernüchterung, aus denen es -keine Errettung gibt<span class="pagenum" id="Seite_219">[S. 219]</span> als die neue Trunkenheit des Vergessens ... Und +keine Errettung gibt<span class="pagenum" id="Seite_225">[S. 225]</span> als die neue Trunkenheit des Vergessens ... Und wir müssen sehr viel vergessen und haben nichts, daran wir uns gern erinnern — nicht einmal die Stunden, da wir Kinder waren. Wir haben auch keine Hoffnungen — wir haben nur das Vergessen.«</p> @@ -5884,7 +5884,7 @@ welchen Weg wir gehen müssen, um glücklich zu werden; vielleicht wissen unsere Mütter es selber nicht; auch das mag sein. Diese Frauen, die immer ein wenig träge sind, die das Leben bitter gemacht hat, weil sie es nicht verstanden, das Leben auszulachen — die legen ihre breiten -Schatten auf unsere kindischen Wege und nehmen uns den Glauben daran,<span class="pagenum" id="Seite_220">[S. 220]</span> +Schatten auf unsere kindischen Wege und nehmen uns den Glauben daran,<span class="pagenum" id="Seite_226">[S. 226]</span> daß unsere Zukunft einmal schöner sein könnte als ihre Gegenwart. Sie lieben uns vielleicht als Menschen, wenn wir erwachsen sind. Aber sie lieben uns nicht als Kinder, die beständig fragen, wünschen und hoffen. @@ -5914,7 +5914,7 @@ reicher sein als an Gräbern.«</p> <p>»Ich,« sagte die Frau. Dann verstummte sie. Sie legte ihren Kopf in beide Hände.</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_221">[S. 221]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_227">[S. 227]</span></p> <p>»Nun wissen Sie,« fuhr Kyrill Petulikow fort, »warum ich an dem großen Kriege weniger Anteil nehme, als Sie von einem Manne erwarteten — @@ -5941,7 +5941,7 @@ Unglück für das Land als eine Niederlage.«</p> <p>»Was dann? — Nichts ... Sommer und Winter, Frost und Hitze, Samen und Ernte — Tag und Nacht ...«</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_222">[S. 222]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_228">[S. 228]</span></p> <p>»Und Sie stehen abseits und bauen den Acker. Auch das ist schön ...«</p> @@ -5969,7 +5969,7 @@ Frieden; sie war ganz unerlöst und schön wie eine schöne Tote.</p> <p>»Warum fragten Sie mich, Miß Kate?« sagte Kyrill Petulikow tonlos.</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_223">[S. 223]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_229">[S. 229]</span></p> <p>»Sie wollten mich wie Ihre Schwester nennen — warum tun Sie's nicht?«</p> @@ -5999,7 +5999,7 @@ sehr treu geblieben ... bis auf den heutigen Tag ... Und vielleicht habe ich das Mittel gefunden, meine Mutter zu zwingen, daß sie mich wenigstens nach meinem Tode liebt ...«</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_224">[S. 224]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_230">[S. 230]</span></p> <p>»Wollen Sie sterben, Kyrill Iwanowitsch?«</p> @@ -6025,7 +6025,7 @@ erfahren wird ... ja, danach sehne ich mich sehr ...«</p> <p>»Sie lieben Ihre Mutter, Kyrill Iwanowitsch ...«</p> -<p>»Ja,« sagte der Mann. »Ja, ich liebe meine<span class="pagenum" id="Seite_225">[S. 225]</span> Mutter ... Oder ich weiß +<p>»Ja,« sagte der Mann. »Ja, ich liebe meine<span class="pagenum" id="Seite_231">[S. 231]</span> Mutter ... Oder ich weiß nicht einmal, ob ich sie liebe ... Ich möchte nur, daß sie mich liebt und daß ich ein Recht dazu hätte, es von ihr zu fordern — da sie mir das Recht nicht schenkt ...«</p> @@ -6047,7 +6047,7 @@ hineingetreten, Mascha, wie ein starkes, klares Licht und haben alles in mir zum Klingen gebracht, was steinern war ... Sie brauchen nicht zu erschrecken ... Was ich sage, ist ganz ehrfürchtig und ohne Wunsch. Ich habe Sie an jenem Tage — in jener Nacht, da die ›Princeß of India‹ -unterging, gesehen, wie Sie sich mit<span class="pagenum" id="Seite_226">[S. 226]</span> beiden Händen ins Haar griffen, +unterging, gesehen, wie Sie sich mit<span class="pagenum" id="Seite_232">[S. 232]</span> beiden Händen ins Haar griffen, weil da auf dem untergehenden Schiffe ein Mann war, dem das Blut übers Gesicht lief, und ich habe ihre irren Augen gesehen und die Gebärde, mit der Sie sich ins Meer warfen ... Und ich habe Sie gesehen, wie Sie @@ -6077,7 +6077,7 @@ ich als Stewardeß, um nach Hause zu gelangen ...«</p> <p>Kyrill Petulikow hob die Hand und fuhr sich über die Stirn.</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_227">[S. 227]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_233">[S. 233]</span></p> <p>»Sie müssen Ihr Vaterland sehr lieben,« sagte er still.</p> @@ -6107,7 +6107,7 @@ Hand wieder frei.</p> <p>Beate stand auf. Sie weckten ihre schlafenden Helfer und begannen den Abstieg, dem der Mond leuchtete.</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_228">[S. 228]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_234">[S. 234]</span></p> <p>»Ich möchte noch einmal der Sphinx ins Gesicht sehen,« sagte Beate.</p> @@ -6136,7 +6136,7 @@ wie wenn dünne, harte Hölzer sehr rasch gegeneinandergeschlagen werden.</p> <p>»Gewehrfeuer,« flüsterte Beate. Sie kannte den Laut aus ihren ostafrikanischen Tagen.</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_229">[S. 229]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_235">[S. 235]</span></p> <p>Kyrill Petulikow trieb seinen Esel an. Achmed trabte ihm dicht zur Seite. Er fürchtete sich anscheinend bedingungslos vor Menschen und @@ -6163,7 +6163,7 @@ Kate Mathew wandte, um gegen den Eingriff in die von Gott und aller Welt anerkannte persönliche Freiheit jedes britischen Staatsangehörigen Verwahrung einzulegen.</p> -<p>Der Offizier hörte sie ruhig bis zu Ende<span class="pagenum" id="Seite_230">[S. 230]</span> und sagte dann, ziemlich +<p>Der Offizier hörte sie ruhig bis zu Ende<span class="pagenum" id="Seite_236">[S. 236]</span> und sagte dann, ziemlich einsilbig: »Es ist Krieg ...«</p> <p>»In Ägypten —?!«</p> @@ -6187,7 +6187,7 @@ seien. Ein Pulvermagazin war in die Luft geflogen ...</p> <hr class="chap x-ebookmaker-drop"> <div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_231">[S. 231]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_237">[S. 237]</span></p> <h2 class="nobreak" id="7">7</h2> </div> @@ -6212,7 +6212,7 @@ ungemütlichen Reise auf dem Gute Lisa Petulikowas. Sie würden wahrscheinlich sehr erstaunt sein, wenn Sie dieses Gut kennenlernten. Es ist größer als manches kleine deutsche Fürstentum, und das Herrenhaus sieht aus wie eine große Scheune. Ein langgestreckter, -einstöckiger Kasten, grau beworfen,<span class="pagenum" id="Seite_232">[S. 232]</span> mit winzigen Fenstern. Das Land +einstöckiger Kasten, grau beworfen,<span class="pagenum" id="Seite_238">[S. 238]</span> mit winzigen Fenstern. Das Land ist so flach wie ein Tisch, aber nicht reizlos, namentlich nicht jetzt, da der Schnee kniehoch liegt.</p> @@ -6234,7 +6234,7 @@ seine Mutter, habe ich es vorgezogen, in dieser Richtung keine weiteren Schritte zu unternehmen, sondern auf bessere Gelegenheit zu warten ...</p> <p>Meine dringlichste Bitte an Sie, lieber Freund, ist nun die: Schicken -Sie einen genauen Bericht der Vorkommnisse in Japan in ihren ganzen<span class="pagenum" id="Seite_233">[S. 233]</span> +Sie einen genauen Bericht der Vorkommnisse in Japan in ihren ganzen<span class="pagenum" id="Seite_239">[S. 239]</span> Einzelheiten an eine schwedische Persönlichkeit, zu der Sie Vertrauen haben und an die ich mich wenden kann, wenn ich von Rußland aus über Schweden nach Hause zu kommen versuche. Und teilen Sie mir mit, ob Sie @@ -6256,7 +6256,7 @@ und ich erhalte keine Nachricht ...</p> Familien selbst. Die mörderischsten Schlachten werden geschlagen, aber weder das Ergebnis noch die Verluste werden bekannt. Die russischen Mütter und Frauen brauchen ihr ergebenes Lächeln jetzt sehr notwendig -und auch ihre Dumpfheit gegen das<span class="pagenum" id="Seite_234">[S. 234]</span> Schicksal. Ich, weiß Gott, besitze +und auch ihre Dumpfheit gegen das<span class="pagenum" id="Seite_240">[S. 240]</span> Schicksal. Ich, weiß Gott, besitze weder das eine noch das andere ...</p> <p>Was soll ich Ihnen noch schreiben? Meine Tage sind einförmig in @@ -6283,7 +6283,7 @@ den halben Erdball herumzuschicken. Alles wird schwerfällig und unklar. Auch muß ich immer denken, daß der Brief doch nicht in Ihre Hände kommen wird, und das macht mich ganz unfrei.</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_235">[S. 235]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_241">[S. 241]</span></p> <p>Ich lerne Russisch. Kyrill Petulikow gibt sich viel Mühe mit mir. Wenn nicht diese verwirrende Fülle fremder Schriftzeichen wäre, käme ich @@ -6309,7 +6309,7 @@ den Kopf in die Hände.</p> gab noch ein feines, unirdisches Licht.</p> <p>Das Zimmer, in dem Beate Hoyermann wohnte, lag im Giebel des Gutshauses -und schaute<span class="pagenum" id="Seite_236">[S. 236]</span> mit seinen drei niedrigen Fenstern auf das flache Feld +und schaute<span class="pagenum" id="Seite_242">[S. 242]</span> mit seinen drei niedrigen Fenstern auf das flache Feld hinaus. Der Himmel über dem Felde war so ungetönt wie Wasser. Seit Wochen hing er voller Schnee. Und Schnee lag, grenzenlos weit und dicht, über dem demütigen Lande.</p> @@ -6331,7 +6331,7 @@ das fleckenlose Weiß rundum.</p> <p>Tausend Schritte vom Gut entfernt lagen die geduckten Holzhäuser der Bauern, bis an die Fenster im Schnee versunken. Manchmal — ganz selten — kam ein Wagen, ein Schlitten aus der Stadt; die zwei Pferde, eins -vor das andere gespannt, dampften, daß sie kaum zu<span class="pagenum" id="Seite_237">[S. 237]</span> erkennen waren. +vor das andere gespannt, dampften, daß sie kaum zu<span class="pagenum" id="Seite_243">[S. 243]</span> erkennen waren. Und ihre kleinen Glocken klangen — es war ein fast rührender Klang in dieser furchtbaren und ihrer selbst ganz unbewußten Einsamkeit, in die er sich verirrt hatte und sich selbst zum Trost geschaffen schien.</p> @@ -6356,7 +6356,7 @@ blinzelnd.</p> <p>Der Alte deutete mit dem Kopf nach dem Hofe hinaus, in der Richtung der Werkstatt, die Kyrill Iwanowitsch sich eingerichtet hatte. Dmitri sprach nicht gern. Seine Stimme war wie eingerostet und schwer aus -ihrem Verlies heraufzulocken. Aber er hatte Ohren wie eine Katze und<span class="pagenum" id="Seite_238">[S. 238]</span> +ihrem Verlies heraufzulocken. Aber er hatte Ohren wie eine Katze und<span class="pagenum" id="Seite_244">[S. 244]</span> Augen wie ein Sperber und hätte sich für seinen jungen Herrn lebendigen Leibes zerreißen lassen. Und er liebte die junge fremde Frau, die mit seinem Herrn gekommen war, weil er es wohl gemerkt hatte, daß Kyrill @@ -6381,7 +6381,7 @@ Hand auf die Klinke, die sie erfassen wollte.</p> <p>»Nun, Dmitri!« sagte sie zuredend und lächelte, denn sie wußte, daß ihr sehr junges Russisch auf eine harte Probe gestellt werden würde.</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_239">[S. 239]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_245">[S. 245]</span></p> <p>Dmitri bückte sich, um den Saum ihres Kleides an die Lippen zu ziehen.</p> @@ -6409,7 +6409,7 @@ und das ist Sünde ...«</p> einer unwillkürlichen Schwermut, der sie sich nicht entziehen konnte.</p> <p>»Du gehst ihm nicht nach, Mütterchen — du siehst ihn nicht ... Ich -gehe ihm nach, und ich<span class="pagenum" id="Seite_240">[S. 240]</span> sehe ihn. Ich habe meine scharfen Augen noch, +gehe ihm nach, und ich<span class="pagenum" id="Seite_246">[S. 246]</span> sehe ihn. Ich habe meine scharfen Augen noch, obgleich ich alt geworden bin, und ich gebrauche sie, meine scharfen Augen ... Wenn unser Herr zum Flug aufsteigt — die Pest über die Maschinen, Mütterchen: sie denken nicht, sie sind tot —, gehe ich aufs @@ -6429,7 +6429,7 @@ wird das tun, weil er Gott versucht und weil er das Leben nicht liebt, Mütterchen — ich, Dmitri, sage es dir ...«</p> <p>»Warum sagst du es mir, Dmitri,« meinte Beate und sah über den Alten -fort ins Leere,<span class="pagenum" id="Seite_241">[S. 241]</span> »und sagst es nicht dem Herrn selbst? Er würde auf +fort ins Leere,<span class="pagenum" id="Seite_247">[S. 247]</span> »und sagst es nicht dem Herrn selbst? Er würde auf dich hören.«</p> <p>Der Alte schüttelte den Kopf.</p> @@ -6455,7 +6455,7 @@ das schwere Haustor vor ihr und ließ sie hinaus.</p> <p>Wie ein bissiger Hund sprang der Wind in den Flur hinein.</p> -<p>Beate hob den Muff vors Gesicht und stemmte<span class="pagenum" id="Seite_242">[S. 242]</span> die Stirn dem Druck der +<p>Beate hob den Muff vors Gesicht und stemmte<span class="pagenum" id="Seite_248">[S. 248]</span> die Stirn dem Druck der eisigen Luft entgegen. Es schneite nicht, aber der Wind blies die scharfgeschliffenen Kristalle von den Dächern und ließ sie tanzen; sie zerschnitten die Haut wie unsichtbare winzige Messer. Auf dem Wege @@ -6477,7 +6477,7 @@ wie Glück empfand.</p> <p>Sie trat bei ihm ein, ohne anzuklopfen. Sie wußte, daß es ihn freute, wenn sie wie eine Schwester, unangemeldet, zu allen Stunden, zu ihm kam. Er saß auf der Ecke der Hobelbank und prüfte das Gewinde einer -Schraube. Als<span class="pagenum" id="Seite_243">[S. 243]</span> er die Türe gehen hörte, hob er den Kopf und grüßte die +Schraube. Als<span class="pagenum" id="Seite_249">[S. 249]</span> er die Türe gehen hörte, hob er den Kopf und grüßte die Frau mit seinem stillen Lächeln, das immer unerwidert blieb.</p> <p>»Lassen Sie sich nicht stören,« sagte Beate etwas schüchtern, da sie @@ -6505,7 +6505,7 @@ anders über die Pferde verfügt haben.«</p> <p>»Warum fragen Sie das, Mascha?« sagte Kyrill Petulikow und sah sie kopfschüttelnd an. »Sie wissen, daß Sie die Herrin in diesem Hause -sind, solange Sie darin wohnen. Ich bin eigensüchtig:<span class="pagenum" id="Seite_244">[S. 244]</span> ich hoffe, +sind, solange Sie darin wohnen. Ich bin eigensüchtig:<span class="pagenum" id="Seite_250">[S. 250]</span> ich hoffe, daß es lange ist. Sie wünschen sich das Gegenteil, und ich sehe Sie nie nach der Stadt fahren, Mascha, ohne daß ich darauf vorbereitet wäre, Sie nicht wiederkommen zu sehen. Aber ich bitte Sie — nicht @@ -6526,7 +6526,7 @@ Verhältnisse eine halbe Gefangene, und während ich hier sitze und die Hände in den Schoß lege, bricht vielleicht mein ganzes Leben zusammen, und ich weiß es nicht einmal ... Ich will nach Hause ... Ich muß nach Hause ... Geben Sie mir ein wenig Hoffnung, daß ich bald nach Hause -komme,<span class="pagenum" id="Seite_245">[S. 245]</span> Kyrill Iwanowitsch — und ich will mich gedulden ...«</p> +komme,<span class="pagenum" id="Seite_251">[S. 251]</span> Kyrill Iwanowitsch — und ich will mich gedulden ...«</p> <p>Kyrill Petulikow arbeitete schweigend. Dann sagte er: »Ich verspreche Ihnen, daß ich in nächster Woche nach Moskau fahren werde, um mich für @@ -6550,7 +6550,7 @@ Gedanken gingen sehr verschiedene Wege.</p> <p>»Darf ich Sie darauf aufmerksam machen, Mascha,« begann der Russe, »daß Sie sich beeilen müssen, wenn Sie heute noch in die Stadt wollen? Es dunkelt früh, und die Wege sind keine Wege mehr ... Sie haben mir -nie erlaubt, Sie zu begleiten, und ich achte Ihre Gründe,<span class="pagenum" id="Seite_246">[S. 246]</span> obgleich +nie erlaubt, Sie zu begleiten, und ich achte Ihre Gründe,<span class="pagenum" id="Seite_252">[S. 252]</span> obgleich sie ein wenig schmerzlich für mich sind ... Aber Sie können mir nicht verwehren, daß ich mich um Sie sorge ...«</p> @@ -6582,7 +6582,7 @@ Herz es sagte ... Und das fragt nichts danach ... Seien Sie unbesorgt eins heraus; nur daß das Spiel des Todes keinen Ekel kennt. Und das ist schon viel wert ... Als ich den Gedanken faßte, Flieger zu werden, hatte er einen Sinn. Jetzt hat die Wirklichkeit einen anderen. Und ich -liebe sie beide und weiß<span class="pagenum" id="Seite_247">[S. 247]</span> manchmal nicht, welcher der stärkere ist. +liebe sie beide und weiß<span class="pagenum" id="Seite_253">[S. 253]</span> manchmal nicht, welcher der stärkere ist. Das, was ich auf der Erde niemals hatte, das breite und zufriedene Herrengefühl — da oben habe ich es. Und wenn ich es ausgekostet habe, was soll ich dann die Gewohnheit an seine Stelle treten lassen, und @@ -6611,7 +6611,7 @@ Hand. Aber er arbeitete nicht. Der Widerschein der großen Feuer spielte in seinen dennoch unerhellten Augen ...</p> <p>Eine halbe Stunde später wateten die Pferde, die Dmitri lenkte, durch -den kniehohen Schnee<span class="pagenum" id="Seite_248">[S. 248]</span> der Straße, die zum Dorfe führte. Es war ein +den kniehohen Schnee<span class="pagenum" id="Seite_254">[S. 254]</span> der Straße, die zum Dorfe führte. Es war ein weiter Weg nach der Stadt; sie würden die Gäule wechseln müssen.</p> <p>Als sie das Dorf hinter sich hatten, blies der Wind über die flachen @@ -6634,7 +6634,7 @@ Schnaps zu saufen! Brecht euch das Genick, aber lauft!«</p> <p>Schließlich erstickte auch sein Gemurmel hinter dem Vorhang aus dampfendem Eis, zu dem sein Bart geworden war.</p> -<p>Im Hause des Postmeisters, wo sie die Pferde<span class="pagenum" id="Seite_249">[S. 249]</span> wechseln mußten, war +<p>Im Hause des Postmeisters, wo sie die Pferde<span class="pagenum" id="Seite_255">[S. 255]</span> wechseln mußten, war Beate wohlbekannt; sie hatte immer die Taschen voll Süßigkeiten für das Kindergewimmel, das vom ersten Schneefall bis zur Schmelze nicht vom Backofen herunterkam.</p> @@ -6657,7 +6657,7 @@ Adern gepumpt; das dralle junge Weib war zur Vettel geworden.</p> <p>Wie immer, wenn sie in die Stadt fuhr, hatte Beate alle Hände voller Aufträge für das Gut. Aber da es ihr darum zu tun war, möglichst rasch -wieder nach Hause zu kommen, übertrug<span class="pagenum" id="Seite_250">[S. 250]</span> sie die Erledigung der Hälfte +wieder nach Hause zu kommen, übertrug<span class="pagenum" id="Seite_256">[S. 256]</span> sie die Erledigung der Hälfte Dmitri und erklärte ihm, sie werde sich zu Fuß auf den Weg machen, das übrige besorgen und nach einer Stunde im Gasthof sein, wo er ausspannte.</p> @@ -6679,7 +6679,7 @@ auf. Um zu bezahlen, zog sie ihre Pelzhandschuhe aus, die sie behinderten. Ein Mann stieß an sie an; die Handschuhe fielen zu Boden. Er entschuldigte sich sehr höflich und bückte sich, um seine Ungeschicklichkeit wieder gutzumachen. Beate dankte freundlich und -gedankenlos. Sie verließ das Postgebäude<span class="pagenum" id="Seite_251">[S. 251]</span> und sah nach ihrem Zettel, +gedankenlos. Sie verließ das Postgebäude<span class="pagenum" id="Seite_257">[S. 257]</span> und sah nach ihrem Zettel, auf den sie die notwendigen Besorgungen aufgeschrieben. Sie konnte ihn aber nicht finden.</p> @@ -6703,7 +6703,7 @@ verstehen, aber das Brausen der Rufe war nicht freundlich.</p> <p>Unwillkürlich blieb Beate stehen. Kyrill Petulikow hatte ihr genug von den Aufläufen in russischen Städten erzählt, daß sie wünschen mußte, keinem zu begegnen. Sie sah sich um, unschlüssig, wohin sie sich wenden -sollte. Aber<span class="pagenum" id="Seite_252">[S. 252]</span> sie kam nicht dazu, für sich selbst einen Entschluß zu +sollte. Aber<span class="pagenum" id="Seite_258">[S. 258]</span> sie kam nicht dazu, für sich selbst einen Entschluß zu fassen. Was sie sah, mehr noch als was sie hörte, hielt sie fest auf der Stelle, wo sie stand.</p> @@ -6726,7 +6726,7 @@ wurde verfolgt — was hatte er getan? Gleichgültig, was er getan hatte Gaffer schlossen sich zu einem neuen Trupp von Verfolgern zusammen.</p> <p>Aus der Richtung, von der der Flüchtende gekommen war, schwoll das -Geschrei näher heran. Immer spritzten die gellenden Stimmen<span class="pagenum" id="Seite_253">[S. 253]</span> der Weiber +Geschrei näher heran. Immer spritzten die gellenden Stimmen<span class="pagenum" id="Seite_259">[S. 259]</span> der Weiber über das dumpfere Brausen hinaus. Jetzt spülten sie um die Ecke, die ersten trüben Wellen einer Empörung, die satt werden wollte.</p> @@ -6754,7 +6754,7 @@ Tage ihrer Schöpfung.</p> <p>Doch das Unglück — oder die Gerechtigkeit (für die Sünder ist die Gerechtigkeit immer das Unglück) — wollte es, daß gestern Abend ein paar Dutzend Soldaten in die Stadt einrückten, die nach Moskau -weiterbefördert werden sollten.<span class="pagenum" id="Seite_254">[S. 254]</span> Es war Krieg, und man brauchte die +weiterbefördert werden sollten.<span class="pagenum" id="Seite_260">[S. 260]</span> Es war Krieg, und man brauchte die Soldaten, gut —!</p> <p>Als sie ankamen, waren sie so nüchtern wie frisches Stroh. Heute @@ -6781,7 +6781,7 @@ würden ja wohl noch übrig sein.</p> <p>War sein Nachbar ein Jude —?</p> <p>Ein polnischer Jude, meine Herren — ein krummer Hund, der es mit den -Deutschen gehalten hatte. Niemand wußte, mit wem er es<span class="pagenum" id="Seite_255">[S. 255]</span> jetzt hielt — +Deutschen gehalten hatte. Niemand wußte, mit wem er es<span class="pagenum" id="Seite_261">[S. 261]</span> jetzt hielt — er trieb sich in den Nächten viel draußen herum ... Wenn man seiner habhaft wurde, kam sicherlich manches an den Tag, wovon man sich bis heute nichts hatte träumen lassen ...</p> @@ -6804,7 +6804,7 @@ sie ihm zeigte — und daß der verfluchte Hund, der beschnittene, die Fässer heimlich in den Keller von Michail Michailowitsch geschafft hatte, um ihm zu schaden ...</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_256">[S. 256]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_262">[S. 262]</span></p> <p>Der Jude, dem die Verfolgung von Jahrhunderten ein gutes Gehör vererbt hatte, lief, sobald der Tumult in der Nachbarschaft nach der Polizei @@ -6832,7 +6832,7 @@ mußte auch die Verfolger auf sich hetzen — er selbst ... Sie durften nicht Zeit gewinnen, um nachzuforschen, wieviel Türen das Haus des Juden hatte ...</p> -<p>Und er rannte und rannte. Und die Meute<span class="pagenum" id="Seite_257">[S. 257]</span> hinter ihm drein ... O, es war +<p>Und er rannte und rannte. Und die Meute<span class="pagenum" id="Seite_263">[S. 263]</span> hinter ihm drein ... O, es war eine lustige Jagd, wahrhaftig! Sie rafften Schneeballen auf, so groß wie Kindsköpfe. Steine waren darin versteckt und Eisklumpen ... Um so besser flogen sie. Und wie sie flogen —! Da hatte einer den Juden am @@ -6857,7 +6857,7 @@ hast du den Schnaps her, Hundesohn —?!</p> wird dir das Geständnis aus allen Gedärmen treten —! Wo hast du den Schnaps her — hörst du nicht? Sie wollen eine Antwort, die Frager ...</p> -<p>»Ich habe keinen Schnaps, ihr Herren! Ich<span class="pagenum" id="Seite_258">[S. 258]</span> habe keinen! Und wenn ihr +<p>»Ich habe keinen Schnaps, ihr Herren! Ich<span class="pagenum" id="Seite_264">[S. 264]</span> habe keinen! Und wenn ihr mich totschlagt, ich weiß nicht, was ihr wollt —!«</p> <p>»Man wird dich totschlagen, sei ganz ruhig — aber alles zu seiner @@ -6887,7 +6887,7 @@ Stadt! Wenn man bei denen nachforschte ...</p> <p>Was scheren sie sich noch um den Einzelnen, der am Boden liegt und dem das Blut aus Nase und Mund läuft und den Schnee rot färbt ... Jetzt haben sie höhere Ziele ... Die Polizei setzt sich an die Spitze der -Menge ... Hunderte,<span class="pagenum" id="Seite_259">[S. 259]</span> Tausende folgen ihr. Das Geschrei löst sich auf +Menge ... Hunderte,<span class="pagenum" id="Seite_265">[S. 265]</span> Tausende folgen ihr. Das Geschrei löst sich auf in johlende Lieder. Sie müssen sich Luft machen; die Begeisterung macht sie trunken. Es gilt eine heilige Sache — eine herrliche Sache, Brüderchen ... die Juden haben unseren Herrn ans Kreuz geschlagen ... @@ -6911,7 +6911,7 @@ nichts nützen — ihr Kinderschlächter!</p> <p>Wo haben sie die Äxte, die Hacken, die Steine her? Niemand weiß es. Aber mit einem Male sind alle Fäuste bewaffnet und hochgeschwungen. Ein -Steinhagel prasselt gegen das erste beste<span class="pagenum" id="Seite_260">[S. 260]</span> Haus ... Kriech aus deinem +Steinhagel prasselt gegen das erste beste<span class="pagenum" id="Seite_266">[S. 266]</span> Haus ... Kriech aus deinem Loch, du Hundeseele ...!</p> <p>Willst du nicht? Nur Geduld — Geduld, sie werden dich schon holen —!</p> @@ -6937,7 +6937,7 @@ Schlupfwinkeln zu zerren.</p> <p>Im Innern des Hauses erhebt sich ein jämmerliches Geschrei ... Sie schleifen die Kinder aus den Betten, in die sie sich verkrochen hatten -... Ein junges Weib, eine Mutter, der das Haar in<span class="pagenum" id="Seite_261">[S. 261]</span> langen wirren +... Ein junges Weib, eine Mutter, der das Haar in<span class="pagenum" id="Seite_267">[S. 267]</span> langen wirren Strähnen um die zerkratzten Wangen hängt, klammert sich an den Arm eines Kerls, der so lang ist wie Saul und einen Säugling hoch über seinen Kopf hält ...</p> @@ -6970,7 +6970,7 @@ wendet sich plötzlich, reißt laut heulend alle Fächer, alle Schränke, alle Schübe auf, daß die Kästen herausfallen und ihr Inhalt sich in den Stuben verstreut ...</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_262">[S. 262]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_268">[S. 268]</span></p> <p>»Da —! ... Da — ... da —!!«</p> @@ -7008,7 +7008,7 @@ die Polizei ist da ...</p> <p>Hol' der Henker die Polizei — wo ist sie?</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_263">[S. 263]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_269">[S. 269]</span></p> <p>Verschwunden ...</p> @@ -7034,7 +7034,7 @@ dahin, wo das Gold in Haufen zu finden ist —? Warum sucht ihr nach dem Abfall, wo ihr die ganze Tafel voller Herrlichkeiten haben könnt —?</p> <p>Er hat Recht —! Freilich hat er Recht, der wackere Nikolai —! -Vorwärts, vorwärts — zu den Reichen! Zu den verdammten Blutsaugern,<span class="pagenum" id="Seite_264">[S. 264]</span> +Vorwärts, vorwärts — zu den Reichen! Zu den verdammten Blutsaugern,<span class="pagenum" id="Seite_270">[S. 270]</span> die auf ihren Goldsäcken sitzen! Wir wollen sie heruntertreiben, bei den Heiligen! Sie sollen uns Gold und Kleider, zu essen und zu trinken geben! Wir wollen an ihren Tischen sitzen, in ihren Betten schlafen ... @@ -7060,7 +7060,7 @@ Wäre er sonst geflohen? Du siehst ja, daß er nicht zu Hause ist! Er ist ausgerissen, der Feigling!</p> <p>Nun, was das betrifft — Nikolai Sontscheff hat ein wunderbares -Geschick, immer einen erhöhten Standort zu finden, von dem aus er<span class="pagenum" id="Seite_265">[S. 265]</span> +Geschick, immer einen erhöhten Standort zu finden, von dem aus er<span class="pagenum" id="Seite_271">[S. 271]</span> seine Reden in die Menge schleudert — was das betrifft, gute Freunde — vertraut euch meiner Führung an! Ich zeige euch Nester, in denen die Vögel noch sitzen ...</p> @@ -7090,7 +7090,7 @@ he — was hat sie es so eilig —? Sie hörte nichts, sie lief. Menschen kamen ihr entgegen, Gesichter beugten sich zu ihr, Hände streckten sich nach ihr aus. Sie sah nichts, sie lief.</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_266">[S. 266]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_272">[S. 272]</span></p> <p>Sie lief, und vor ihren Augen flirrte das Blut. Sie kam in die Straße, wo Dmitri auf sie warten sollte. Er war nicht da. Der Schlitten war @@ -7120,7 +7120,7 @@ Wildnis, kam näher und näher heran. Worte schäumten auf: »Nieder mit den Deutschen! Nieder mit den Juden —! Schlagt sie tot, die verdammten Hunde —! Hängt sie —! Hängt sie —!«</p> -<p>In dem Eckhaus der Straße, Beate zunächst,<span class="pagenum" id="Seite_267">[S. 267]</span> wo ein freier Platz sich +<p>In dem Eckhaus der Straße, Beate zunächst,<span class="pagenum" id="Seite_273">[S. 273]</span> wo ein freier Platz sich breitete, erloschen plötzlich die Lichter.</p> <p>Die Tür des Ladens schloß sich. Irgend jemand mühte sich, die Rolläden @@ -7146,7 +7146,7 @@ schönes Vergnügen bringen — um ihre Beute, um ihren herrlichen Raub <p>Glas splitterte und knirschte unter wütenden Tritten ... Wie hieß der Name, der auf den Scheiben stand? Lochmann — Julius Lochmann. Wagte es die schmierige Seele wahrhaftig noch, in einer gut russischen Stadt, -auf russischem Grund und Boden russisches Geld verdienen zu wollen?<span class="pagenum" id="Seite_268">[S. 268]</span> — +auf russischem Grund und Boden russisches Geld verdienen zu wollen?<span class="pagenum" id="Seite_274">[S. 274]</span> — Warte —! Dafür sollst du bluten! Wir wollen dein Geld schon finden — und dich dazu!</p> @@ -7176,7 +7176,7 @@ euren Weg bekommen, daß euch die Augen tränen sollen ...</p> braucht ihr eine Lampe? Es soll euch bald hell genug werden ... Oder steckt ihr vielleicht mit den deutschen Hunden unter einer Decke —?«</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_269">[S. 269]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_275">[S. 275]</span></p> <p>»Nein, nein ...« Es gab keinen Schwur, der hoch genug gewesen wäre, um in dieser Stunde die Gemeinschaft mit den Deutschen abzuschwören ....</p> @@ -7204,7 +7204,7 @@ Schnee blutrot ...</p> <p>Und dann zuckte eine Flamme auf. Eine breite, schöne und sehr helle Flamme. Jemand, der sein Geschäft verstand, hatte die brennende Petroleumlampe in ein Lager von Seidenstoffen geschleudert. Die Lampe -war gesprungen, und<span class="pagenum" id="Seite_270">[S. 270]</span> das Öl lief breit lohend über die köstlichen +war gesprungen, und<span class="pagenum" id="Seite_276">[S. 276]</span> das Öl lief breit lohend über die köstlichen Stoffe. Nun war die Straße bedeutend heller erleuchtet, als sie es jemals auf Kosten der Stadt gewesen.</p> @@ -7228,7 +7228,7 @@ sie's etwa nicht verdient?</p> <p>Greise, Frauen und Kinder — weiter niemand ... Die Männer waren schon längst aus der Stadt getrieben worden — nach Sibirien verschickt — geradeswegs aus den Betten in die Untersuchungsgefängnisse und dann in -die Bahnwagen.<span class="pagenum" id="Seite_271">[S. 271]</span> Man machte wirklich nicht viel Federlesens mit ihnen +die Bahnwagen.<span class="pagenum" id="Seite_277">[S. 277]</span> Man machte wirklich nicht viel Federlesens mit ihnen ... Warum sollte man es mit denen machen, die übriggeblieben waren?</p> <p>Die eine oder andere der Frauen war schön ... Und wenn man ihnen die @@ -7259,7 +7259,7 @@ Wölfin! He, he, Wassilij — nimm dich in acht! Sie hat blanke Zähne!«</p> <p>Aber das Weib ließ nicht los. Sie hatte ihm die Zähne in die Hand gegraben und krallte sich in seinen Rock.</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_272">[S. 272]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_278">[S. 278]</span></p> <p>»Du Teufel —! Du elender Teufel —!«</p> @@ -7291,7 +7291,7 @@ zuletzt ...</p> Stimme zischelte ihr am Ohr: »Wenn der Frau Baronin lieb is ihr Leben, soll se sein ganz still und laß mich machen.«</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_273">[S. 273]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_279">[S. 279]</span></p> <p>Beate bog den Kopf zurück; ihre Augen suchten. Sie kannte den Mann, der sich vor ihr hin in den Schnee warf, ihre Füße küßte und ihr Kleid @@ -7320,7 +7320,7 @@ Michailowitsch ...</p> <p>»Wohin —?«</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_274">[S. 274]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_280">[S. 280]</span></p> <p>»Auf die Wache ...«</p> @@ -7348,7 +7348,7 @@ der Windung der Treppe; Tabaksqualm — Stimmen und Faustschläge auf dröhnende Tischplatten. Dann abermals eine Tür, die sich öffnete ...</p> <p>Um einen Tisch, den die Holzwürmer zerfressen hatten, saßen fünf oder -sechs Polizisten, die beim Eintritt der Frau und ihrer Begleiter<span class="pagenum" id="Seite_275">[S. 275]</span> +sechs Polizisten, die beim Eintritt der Frau und ihrer Begleiter<span class="pagenum" id="Seite_281">[S. 281]</span> die Köpfe wandten. Sie spielten Karten und ließen sich nicht stören. Nur einer, der auf einem dreibeinigen Schemel an der Tür gesessen hatte, stand auf, wechselte ein paar Worte mit den Neuangekommenen @@ -7374,7 +7374,7 @@ ebenfalls deutsch redend: »Weil ich zu meinem Bedauern feststellen mußte, M'sieur, daß die Polizei nicht zur Hand war, um wehrlose Frauen und Kinder vor der Gemeinheit des Straßenpöbels zu bewahren.«</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_276">[S. 276]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_282">[S. 282]</span></p> <p>Der Beamte sah seine Kollegen an und lächelte ein wenig.</p> @@ -7408,7 +7408,7 @@ Gute von Kyrill Iwanowitsch Petulikow — nicht wahr?«</p> <p>Der Beamte lächelte leicht.</p> -<p>»Es dürfte Ihnen nicht unbekannt sein,«<span class="pagenum" id="Seite_277">[S. 277]</span> sagte er, »daß man Sie in der +<p>»Es dürfte Ihnen nicht unbekannt sein,«<span class="pagenum" id="Seite_283">[S. 283]</span> sagte er, »daß man Sie in der Stadt in nähere Beziehung zu Kyrill Petulikow selbst als zu seiner Mutter bringen will, Madame ...«</p> @@ -7442,7 +7442,7 @@ der, den sie an Tystendal geschrieben.</p> Zeiten — zur eigenen Sicherheit — um die Angelegenheiten seiner Bürger mehr noch als sonst bekümmern muß ...«</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_278">[S. 278]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_284">[S. 284]</span></p> <p>Er sah die Frau an; aber Beate schwieg.</p> @@ -7478,7 +7478,7 @@ verlassen!«</p> <p>»Bei der ersten Gelegenheit, die sich mir bietet.«</p> -<p>»Das heißt — Sie wünschen nach Deutschland<span class="pagenum" id="Seite_279">[S. 279]</span> zurückzukehren,« sagte der +<p>»Das heißt — Sie wünschen nach Deutschland<span class="pagenum" id="Seite_285">[S. 285]</span> zurückzukehren,« sagte der Beamte, ohne Beate anzusehen.</p> <p>»Ja,« sagte sie kurz und fest. Wenn ihr Leben davon abgehangen hätte — @@ -7516,7 +7516,7 @@ Regung gezeigt hätte.</p> <p>Der Beamte schob den Paß zu den übrigen Stücken der Akten.</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_280">[S. 280]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_286">[S. 286]</span></p> <p>»Ich bedaure, Madame, durch Ihr Verhalten dazu gezwungen zu sein, Sie verhaften zu lassen,« sagte er höflich, aber sehr ernst.</p> @@ -7538,7 +7538,7 @@ Beamte sagte ihm nur zwei Worte. Der Polizist öffnete die Tür ...</p> <hr class="chap x-ebookmaker-drop"> <div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_281">[S. 281]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_287">[S. 287]</span></p> <h2 class="nobreak" id="8">8</h2> </div> @@ -7560,7 +7560,7 @@ nicht weiß, das verrät er nicht. Als er die Stadt hinter sich hatte, hieb er auf die Gäule ein, daß sie den Schlittenkarren hinter sich dreinrissen, als säße ihnen der Satan im Genick. Sie hatten es nicht allzu schwer. Sie liefen auf der Spur eines anderen Schlittens, der die -gleiche Richtung hielt. Und dem Mann,<span class="pagenum" id="Seite_282">[S. 282]</span> der diesen Schlitten gelenkt +gleiche Richtung hielt. Und dem Mann,<span class="pagenum" id="Seite_288">[S. 288]</span> der diesen Schlitten gelenkt hatte, mußte es auch nicht auf das Leben oder die Beine seiner Pferde angekommen sein. Der Schlitten hatte Sprünge gemacht wie ein Ball ...</p> @@ -7584,7 +7584,7 @@ bei allen Heiligen —?</p> <p>Nathan Löb blinzelte.</p> <p>»Nu — was soll es gegeben haben —? Nichts ... Die Leute machten sich -ein Späßchen<span class="pagenum" id="Seite_283">[S. 283]</span> ... Warum sollen sie sich nicht ein Späßchen machen bei +ein Späßchen<span class="pagenum" id="Seite_289">[S. 289]</span> ... Warum sollen sie sich nicht ein Späßchen machen bei den ernsten Zeiten, so gut sie es verstehen? — Hübsche Kinderchen hast du, Mütterchen, unberufen — und gesunde Kinderchen ... Hundert Jahre sollst du werden und hundert Enkel haben, Mütterchen ... Gute Nacht ...«</p> @@ -7610,7 +7610,7 @@ Eis geworden.</p> aufzurichten. Er wandte sich, wischte sich den Schweiß aus den Augen und winkte.</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_284">[S. 284]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_290">[S. 290]</span></p> <p>»Jude, hilf mir und gib mir deine Pferde!«</p> @@ -7637,7 +7637,7 @@ alle Welt angerufen — niemand wußte etwas. Mit einem Male hatte das Amt keine Antwort mehr gegeben, was die Unruhe und Besorgtheit noch gesteigert hatte.</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_285">[S. 285]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_291">[S. 291]</span></p> <p>Kyrill Iwanowitsch war im Begriff gewesen, den nächsten besten Ackergaul zu nehmen, um nach der Stadt zu reiten und nach Beate zu @@ -7664,7 +7664,7 @@ Er war sehr hilflos, weil er schweigsam sein mußte. Er starrte die Straße an, als sei sie verantwortlich für das, was auf ihr entlang kommen mußte — und endlich auch kam.</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_286">[S. 286]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_292">[S. 292]</span></p> <p>Mit zwei Pferden war Dmitri fortgefahren; mit dreien kam er zurück. Kyrill Petulikow war sehr geneigt, diesen unvermuteten Zuwachs des @@ -7692,7 +7692,7 @@ Riegel seinen unruhigen Händen widerstanden.</p> <p>Die Stimme Lisa Petulikowas jammerte fort; hinter ihrer breiten Gestalt tanzte das Licht ihres Zimmers.</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_287">[S. 287]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_293">[S. 293]</span></p> <p>»Sprich nicht zu mir, hörst du —!« schrie Kyrill Petulikow in einer plötzlichen Wildheit. Er sah seine Mutter mit einem Blick an, der sie @@ -7723,7 +7723,7 @@ Mutter — ich kann nichts ...«</p> schüttelte den Diener an beiden Schultern, wie ein starker Hund ein Wild schüttelt.</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_288">[S. 288]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_294">[S. 294]</span></p> <p>»Wo hast du die Frau gelassen — du ...?!«</p> @@ -7753,7 +7753,7 @@ Pferd zu Tode. Hat er es gut gemeint — nu ... kann er dafür, daß er war allein und wußte nicht zu helfen sich selbst und der Herrin?«</p> <p>»Wo ist sie?« fragte Kyrill Petulikow. Er hatte nichts von allem -gehört, was der Jude<span class="pagenum" id="Seite_289">[S. 289]</span> sagte. Er hatte nur begriffen, daß der Jude etwas +gehört, was der Jude<span class="pagenum" id="Seite_295">[S. 295]</span> sagte. Er hatte nur begriffen, daß der Jude etwas von dem wußte, was geschehen war — vielleicht auch alles. Er fragte und fuhr sich mit der Hand über die Stirn, die vom Schweiße troff: »Wo ist sie —? Weißt du, wo sie ist —?«</p> @@ -7777,7 +7777,7 @@ Munde.</p> <p>Nathan Löb hatte die Haustüre hinter sich geschlossen.</p> <p>»Wo ist die Frau ...?« fragte Kyrill Petulikow. Er stand mit dem Rücken -gegen den Tisch im<span class="pagenum" id="Seite_290">[S. 290]</span> Flur gelehnt und stemmte die Hände rückwärts auf +gegen den Tisch im<span class="pagenum" id="Seite_296">[S. 296]</span> Flur gelehnt und stemmte die Hände rückwärts auf die Platte.</p> <p>»Müßt' ich lügen, Herr, wenn ich wollte sagen, ich wüßte, wo sie ist,« @@ -7803,7 +7803,7 @@ denen se haben eingeschmissen die Fenster und die Türen, denen se haben angezunden die Dächer über den Köpfen, denen se haben gegossen das brennende Öl über die feinen guten Stoffe und haben e mächtiges Feuer angerichtet und hineingeschmissen alles, was hat werden können zu Asche -... Se<span class="pagenum" id="Seite_291">[S. 291]</span> haben können sparen für de ganze Nacht de Straßenbeleuchtung +... Se<span class="pagenum" id="Seite_297">[S. 297]</span> haben können sparen für de ganze Nacht de Straßenbeleuchtung von der halben Stadt, Herr, wahrhaftig ...«</p> <p>»Wo ist die Frau —?« fragte Kyrill Petulikow mit einer gewaltsamen @@ -7823,7 +7823,7 @@ wie se sich hat geworfen über die Frau, die der Kerl hat von sich weggeschleudert wie 'nen Sack, weil se hat verteidigt ihr Kind, ihr kleines ... ›Du Feigling!‹ hat se gesagt, was is e deutsches Wort für en Lumpenkerl — ›Du Feigling —!‹ Und hat gedeckt mit ihrem Leibe die -Frau, die gelegen hat im Dreck auf der Straße ... Is der Nathan Löb<span class="pagenum" id="Seite_292">[S. 292]</span> e +Frau, die gelegen hat im Dreck auf der Straße ... Is der Nathan Löb<span class="pagenum" id="Seite_298">[S. 298]</span> e alter Mann geworden und hat doch nie gesehen soviel Verachtung und Mut und hat noch nie gehört soviel Haß, wie is gewesen in den Augen und in der Stimme von der Frau, die immer freundlich und sanft gesprochen hat @@ -7850,7 +7850,7 @@ se fortgeführt ...«</p> <p>»Wohin —?«</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_293">[S. 293]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_299">[S. 299]</span></p> <p>»Zum — Pristaw, Herr ...«</p> @@ -7880,7 +7880,7 @@ und zermürbte die alte Pelzmütze zwischen seinen knochigen Händen.</p> <p>»Herr,« fing er schließlich wieder an, »Se haben gescholten den Dmitri, weil er hat den Kopf verloren und is davongefahren ohne die Frau ... Ich hab' ihn gefragt: Dmitri, alter Esel, warum bist du davongefahren -ohne die<span class="pagenum" id="Seite_294">[S. 294]</span> Frau, wo du hast wissen müssen, se wird kommen in Gefahr +ohne die<span class="pagenum" id="Seite_300">[S. 300]</span> Frau, wo du hast wissen müssen, se wird kommen in Gefahr und wo's is gewesen deine Pflicht, se zu behüten vor Schaden. Er weiß nix, was is vorgegangen, in seinem dummen Schädel. Er is gefahren wie besessen und hat wollen melden, was is geschehen, auf dem Gut ... @@ -7905,7 +7905,7 @@ Heiligenbild hing.</p> <p>»Was sagt der Jude?« murmelte sie mit ihrem kurzen Atem.</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_295">[S. 295]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_301">[S. 301]</span></p> <p>Kyrill Petulikow blieb stehen. Er sah seine Mutter an, gab aber keine Antwort. Nathan Löb bückte sich bis zur Erde. Er zog sich nach der Tür @@ -7936,7 +7936,7 @@ handelt.</p> »du mußt noch in dieser Nacht zur Stadt und weiter — mit dem nächsten Zug, der nach Moskau fährt ...«</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_296">[S. 296]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_302">[S. 302]</span></p> <p>»Warum?«</p> @@ -7969,7 +7969,7 @@ und rief nach ihrer Jungfer.</p> sah ins Leere. Dann schien er mit sich im klaren zu sein. Das machte ihn still und gab ihm seine Sanftheit wieder.</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_297">[S. 297]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_303">[S. 303]</span></p> <p>»Du wirst mit uns fahren,« sagte er zu dem Juden. »Und du wirst mir helfen, nicht wahr? — Weil die fremde Frau freundlich zu dir und @@ -7994,7 +7994,7 @@ habhaft werden konnte, zusammen und polsterte den Karren damit aus. Er wünschte, daß Lisa Petulikowa möglichst wenig Grund zu Klagen haben sollte, denn er hoffte, dann würde sie auch wenig fragen.</p> -<p>Kyrill Iwanowitsch nahm alles Geld, das<span class="pagenum" id="Seite_298">[S. 298]</span> er im Hause hatte, legte einen +<p>Kyrill Iwanowitsch nahm alles Geld, das<span class="pagenum" id="Seite_304">[S. 304]</span> er im Hause hatte, legte einen Teil für Lisa Petulikowa beiseite und steckte das übrige zu sich. Er wußte, er würde es brauchen. Obgleich er sich beeilte, das Notwendige erwog und tat und nichts vergaß, war über seinem Gang und seinen @@ -8016,7 +8016,7 @@ die Türe hinter sich.</p> <p>Er ging die Treppe hinunter und rief nach Lisa Petulikowa. Es war nicht mehr weit von Mitternacht, aber niemand vom Gesinde hatte sich schlafen gelegt. Die Mädchen drängten sich im Winkel der Treppe zusammen. -Sie fürchteten<span class="pagenum" id="Seite_299">[S. 299]</span> sich und schienen darauf zu warten, daß jemand sie +Sie fürchteten<span class="pagenum" id="Seite_305">[S. 305]</span> sich und schienen darauf zu warten, daß jemand sie beruhigte. Aber keiner dachte daran. Die Älteste betete ununterbrochen, ohne zu wissen, was sie sagte. Als Lisa Petulikowa aus ihrem Zimmer trat und, fast unkenntlich in ihren Pelzen, mit Augen, die von der @@ -8039,7 +8039,7 @@ lustigerer Aufenthalt war als dieser Kuhstall zwischen Feldern und Wald.</p> <p>Sie war die einzige, die mit leichtem Herzen in die Nacht hineinsah.</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_300">[S. 300]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_306">[S. 306]</span></p> <p>An den Köpfen der Pferde stand Dmitri und schien bereit, vor seinem Herrn abermals auf die Knie zu fallen.</p> @@ -8067,7 +8067,7 @@ Jude. Kyrill hörte noch, wie Dmitri die Haustür schloß und die Riegel vorschob. Er wußte, daß das Haus in Flammen aufgehen konnte, aber Dmitri würde auch dann seinen Posten nicht verlassen.</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_301">[S. 301]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_307">[S. 307]</span></p> <p>Wassilissa, die zu den Füßen ihrer Herrin im Stroh kauerte, schlief ...</p> @@ -8096,7 +8096,7 @@ machen?«</p> <p>Sie war still geblieben, als man sie durch die Straßen schleppte und das Volk, das von der Plünderung der deutschen Läden, dem Feuer und ihrer Beute, von dem Rausch der Nacht und Grausamkeit noch trunken war, -auf sie aufmerksam<span class="pagenum" id="Seite_302">[S. 302]</span> wurde, ihr nachzulaufen begann und seine Wut und +auf sie aufmerksam<span class="pagenum" id="Seite_308">[S. 308]</span> wurde, ihr nachzulaufen begann und seine Wut und seine Freude johlend über sie ergoß.</p> <p>Es war nicht bei Worten geblieben, freilich, nein ... Sie hatten wissen @@ -8118,7 +8118,7 @@ Strick, der ganz gewiß nicht reißt —! Hängen soll sie, die Bestie!«</p> <p>Nikolai Sontscheff war so betrunken, daß er sich zwischen jedem Satz seiner geifernden Wut erbrach. Schließlich verlor er das Gleichgewicht -auf seinem erhöhten Standpunkt, stolperte und<span class="pagenum" id="Seite_303">[S. 303]</span> fiel vornüber. Niemand +auf seinem erhöhten Standpunkt, stolperte und<span class="pagenum" id="Seite_309">[S. 309]</span> fiel vornüber. Niemand kümmerte sich um ihn. Er blieb im Schnee und Schlamm liegen und schluchzte in herzzerreißendem Mitleid mit sich selbst. Endlich schlief er ein. Einer seiner guten Bekannten hatte nur auf diesen @@ -8139,7 +8139,7 @@ bis das Gefängnistor sich hinter ihr schloß.</p> <p>Mit einer wunderlichen krampfartigen Neugier hatte Beate ihre Umgebung betrachtet. Das Grausen, das sie aus hundert russischen -Schilderungen zorniger oder entsagender Dichter<span class="pagenum" id="Seite_304">[S. 304]</span> von den Gefängnissen +Schilderungen zorniger oder entsagender Dichter<span class="pagenum" id="Seite_310">[S. 310]</span> von den Gefängnissen des Zarenreiches in sich hinein gelesen, stellte sich noch nicht ein. Sie war sich noch nicht klar geworden, in welcher Lage sie sich befand. Noch schien alles ein Scherz zu sein — ein schlechter und roher Scherz @@ -8166,7 +8166,7 @@ Kerle fuhr ihm entgegen.</p> <p>Die Polizisten zogen sich nach der Tür zurück. Beate blieb mitten in dem freien Raum zwischen Tür und Tisch stehen. Noch war kein eigentlicher Schrecken in ihrem stillen Gesicht. Sie wandte den Kopf -mit einer langsamen und zaghaften<span class="pagenum" id="Seite_305">[S. 305]</span> Bewegung, wie manchmal Tiere sie +mit einer langsamen und zaghaften<span class="pagenum" id="Seite_311">[S. 311]</span> Bewegung, wie manchmal Tiere sie haben, die lange im Dunkeln waren und jäh ins Lichte gebracht werden. Sie war sehr müde, und die stinkende Hitze des niedrigen Zimmers legte sich ihr wie ein schnürendes Band um die Stirn.</p> @@ -8193,7 +8193,7 @@ sie zu.</p> <p>»Hast du Geld?« fragte er.</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_306">[S. 306]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_312">[S. 312]</span></p> <p>»Ja,« antwortete sie.</p> @@ -8226,7 +8226,7 @@ zu bereuen gehabt, denn es war durchaus unwahrscheinlich, daß dieses Weib in einem Zweikampf unterliegen konnte, den sie nicht mit einem Ringkämpfer von Beruf unternahm.</p> -<p>»Nastaßja, meine Taube,« sagte der Mann,<span class="pagenum" id="Seite_307">[S. 307]</span> der sie gerufen hatte, +<p>»Nastaßja, meine Taube,« sagte der Mann,<span class="pagenum" id="Seite_313">[S. 313]</span> der sie gerufen hatte, »verzeih, daß ich deinen Schlummer störte, aber es gibt zu tun. Nimm das Weib in deine Obhut und sieh nach, ob sie wirklich nicht mehr als die paar Rubelchen in der Tasche hat, wie sie behauptet ... Aber sieh @@ -8255,7 +8255,7 @@ wahrhaftig ...«</p> <p>Und sie griff nach dem Mantel ihrer Gefangenen.</p> -<p>Das Entsetzen, das Beate durchfuhr, als sie<span class="pagenum" id="Seite_308">[S. 308]</span> die rohen Hände an ihrem +<p>Das Entsetzen, das Beate durchfuhr, als sie<span class="pagenum" id="Seite_314">[S. 314]</span> die rohen Hände an ihrem Leibe fühlte, machte sie schlau.</p> <p>»Mütterchen,« sagte sie und bückte sich, um im Nebenzimmer nicht gehört @@ -8280,7 +8280,7 @@ hergeben müssen ... Nun, was willst du tun?«</p> <p>Beate nahm ihren Trauring und schob ihn mit einer krampfhaften Bewegung tief in ihr dichtes Haar. Dann zog sie ihre anderen Ringe ab, löste -ihre Schmucknadel und die feine goldene<span class="pagenum" id="Seite_309">[S. 309]</span> Kette vom Halse, legte die Uhr +ihre Schmucknadel und die feine goldene<span class="pagenum" id="Seite_315">[S. 315]</span> Kette vom Halse, legte die Uhr auf den Tisch und streckte die nackten Hände vor sich hin.</p> <p>»Ich bin fertig,« sagte sie, tief atemholend.</p> @@ -8310,7 +8310,7 @@ genug erfahren.«</p> <p>»He —! Schläfst du, Lumpenkerl? Mach auf, es gibt etwas Neues!«</p> <p>Die Türe ging auf. Ein Licht flackerte in einem schmalen und -schmutzigen Gang. Ein Mann stand auf der Schwelle. Er trug Uniform<span class="pagenum" id="Seite_310">[S. 310]</span> +schmutzigen Gang. Ein Mann stand auf der Schwelle. Er trug Uniform<span class="pagenum" id="Seite_316">[S. 316]</span> und Mütze. Hinter ihm an der Wand lehnte sein Gewehr. Er war sehr verschlafen.</p> @@ -8335,7 +8335,7 @@ ihr geschlossen hatte und die Stimmen ihrer Wächter nur noch gedämpft zu ihr hereindrangen. Sie hatte so viele Schrecknisse durchgemacht an diesem Tage und in dieser Nacht, daß sie vor jedem Schritt bebte, den sie zu gehen gezwungen war. Sie hätte sich nicht gewundert, wenn in -der Mitte dieser Gefängniszelle ein Loch gewesen wäre, in das man sie<span class="pagenum" id="Seite_311">[S. 311]</span> +der Mitte dieser Gefängniszelle ein Loch gewesen wäre, in das man sie<span class="pagenum" id="Seite_317">[S. 317]</span> stürzen lassen wollte, um sie loszusein und nichts von ihrem Verbleib zu wissen.</p> @@ -8363,7 +8363,7 @@ füllte ...</p> <p>Es war also Ernst — vollkommener Ernst ...</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_312">[S. 312]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_318">[S. 318]</span></p> <p>Gott — großer Gott im Himmel ... Das war ja Wahnsinn ... sie hatte ja nichts getan, das auch nur im entferntesten den Verdacht gerechtfertigt @@ -8390,7 +8390,7 @@ stoßen würde, um einmal für Sekunden auszuruhen ...</p> <p>Es war etwas über ihre Finger gelaufen ... Eine Spinne? ... Sie schleuderte das Unsichtbare von den Fingern ... Aber es war noch da -...<span class="pagenum" id="Seite_313">[S. 313]</span> Es kroch nicht, nein, es rieselte gleichsam über ihre Haut ...</p> +...<span class="pagenum" id="Seite_319">[S. 319]</span> Es kroch nicht, nein, es rieselte gleichsam über ihre Haut ...</p> <p>Sie streifte mit der rechten Hand über ihre linke ... Sie fühlte ... das war keine Spinne, das war überhaupt nicht ein Tier — das war eine @@ -8414,7 +8414,7 @@ lag, und schlug mit beiden Fäusten gegen die Türe ihres Gefängnisses. Sie schrie nicht mehr mit offenem Munde, denn die Wanzen waren ihr über die Lippen gekrochen, und sie hatte sie auf der Zunge gespürt. Sie schrie mit geschlossenen Zähnen wie ein gefangenes Raubtier, dem -man die Zähne verschnürt hat — schrie,<span class="pagenum" id="Seite_314">[S. 314]</span> daß ihr das Blut aus der Nase +man die Zähne verschnürt hat — schrie,<span class="pagenum" id="Seite_320">[S. 320]</span> daß ihr das Blut aus der Nase sprang — schlug sich die Fäuste wund an der summenden Türe.</p> <p>Aber der Wächter hörte sie nicht, denn er wollte sie nicht hören ... O, @@ -8440,7 +8440,7 @@ die da drin war nicht still, sie rüttelte mit aller Kraft an den Bohlen und röchelte dazwischen — als spräche sie mit geschlossenen Zähnen, so sonderbar klang's —: »Mach auf —! Mach auf —!«</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_315">[S. 315]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_321">[S. 321]</span></p> <p>»He, mein Täubchen, das werde ich bleiben lassen ... Es steht eine strenge Strafe darauf, wenn man sich mit den Gefangenen einläßt — und @@ -8462,7 +8462,7 @@ Stirn gegen die Türe ... Nur ein Ende machen ... ein Ende machen ... ganz gleich, welches — nur ein Ende ...</p> <p>Als sie mit voller Wucht, in der irrsinnigen Hoffnung, sich den Schädel -einzuschlagen, den Kopf gegen die Türe hämmerte, fiel ihr Trauring<span class="pagenum" id="Seite_316">[S. 316]</span> aus +einzuschlagen, den Kopf gegen die Türe hämmerte, fiel ihr Trauring<span class="pagenum" id="Seite_322">[S. 322]</span> aus ihrem Haar und mattklingend vor ihr auf den Boden.</p> <p>Mein Gott, mein Gott, den hatte sie vergessen ...</p> @@ -8488,7 +8488,7 @@ sich nicht gewehrt haben ...</p> <p>Und plötzlich hob sie ihn wieder.</p> <p>Sie hatte etwas gehört — nicht die Schritte des Postens — nicht sein -Summen noch das<span class="pagenum" id="Seite_317">[S. 317]</span> dumpfe Aufstoßen seines Gewehrkolbens auf dem Gange. +Summen noch das<span class="pagenum" id="Seite_323">[S. 323]</span> dumpfe Aufstoßen seines Gewehrkolbens auf dem Gange. Sie hatte eine Stimme gehört ... Die Stimme kannte sie ...</p> <p>Sie richtete sich mühsam auf; die Knie gehorchten ihr nicht. Ihre @@ -8521,7 +8521,7 @@ leuchtete; eine Stimme, die rief, als würde sie erwürgt: »Mascha —!«</p> <p>Beate taumelte vorwärts, in den Lichtstrahl hinein; er fiel auf ihr Gesicht.</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_318">[S. 318]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_324">[S. 324]</span></p> <p>Der Mann an der Türe, der die Lampe hielt, schrie beinahe auf: »Jesus — um Gottes willen!!« Und wollte nach ihr greifen. Aber sie wich vor @@ -8554,7 +8554,7 @@ auf —!«</p> <p>Sie gehorchte. Doch als er sie beim Arm nehmen wollte, wich sie wieder zurück.</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_319">[S. 319]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_325">[S. 325]</span></p> <p>»Das nicht!« sagte sie. »Das nicht ...«</p> @@ -8586,7 +8586,7 @@ um Knie und Hüften. Seine Hände waren ungeschickt vor Kälte oder Aufregung.</p> <p>Kyrill Petulikow nahm die Zügel auf und setzte sich zurecht. In dem -gleichen Augenblick,<span class="pagenum" id="Seite_320">[S. 320]</span> da er den Pferden die Nagajka über die Rücken +gleichen Augenblick,<span class="pagenum" id="Seite_326">[S. 326]</span> da er den Pferden die Nagajka über die Rücken jagte, richtete der Mann im Schlitten sich auf und schleuderte Waska ein schmales Bündel vor die Füße.</p> @@ -8612,7 +8612,7 @@ gnädige Frau aus dem Hundeloch, dem Gefängnis ... das ist doch von seinem ganzen Leben das Beste gewesen ...«</p> <p>Beate antwortete nicht. Es ging ein ganz verwirrtes Lächeln über ihr -Gesicht. Sie nahm den Ring — ihren Trauring — und schob ihn<span class="pagenum" id="Seite_321">[S. 321]</span> wieder +Gesicht. Sie nahm den Ring — ihren Trauring — und schob ihn<span class="pagenum" id="Seite_327">[S. 327]</span> wieder an seinen rechten Platz. Es ging nicht so leicht. Ihre Finger waren gequollen und wund, mit Blasen bedeckt.</p> @@ -8628,7 +8628,7 @@ meschugge ...«</p> <hr class="chap x-ebookmaker-drop"> <div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_322">[S. 322]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_328">[S. 328]</span></p> <h2 class="nobreak" id="9">9</h2> </div> @@ -8651,7 +8651,7 @@ Eigentums zu überzeugen.</p> <p>Kyrill redete ihr zu. Und er tat es mit einem so eigentümlichen Gesicht, daß Beate schließlich dachte, er müsse seine guten Gründe -haben.<span class="pagenum" id="Seite_323">[S. 323]</span> Vielleicht traute er den Pelzen, die Nathan und Rebekka +haben.<span class="pagenum" id="Seite_329">[S. 329]</span> Vielleicht traute er den Pelzen, die Nathan und Rebekka eilfertig herbeischleppten, auch nicht ganz, obgleich sie in keinem russischen Gefängnis gewesen waren. Aber es gab schließlich noch andere Liebhaber ... hm ...</p> @@ -8679,7 +8679,7 @@ als Kyrill an die Türe klopfte.</p> seit sie das Gefängnis verlassen hatte.</p> <p>»Nehmen Sie gut Abschied von Rebekka und Ihrer kleinen kranken -Freundin,« sagte Kyrill<span class="pagenum" id="Seite_324">[S. 324]</span> Petulikow vom Schlitten herunter. »Sie sehen +Freundin,« sagte Kyrill<span class="pagenum" id="Seite_330">[S. 330]</span> Petulikow vom Schlitten herunter. »Sie sehen sie nicht wieder ...«</p> <p>Er sagte es mit einer gewissen Herbheit und Bitterkeit, die Beate nicht @@ -8709,7 +8709,7 @@ Geschäfte mit dem gnädigen Herrn von Prontoff ...«</p> <p>»Und kennst auch den Wald — und wirst ihn finden ...?«</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_325">[S. 325]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_331">[S. 331]</span></p> <p>»Der gnädige Herr kann sein ohne Sorge ... Wenn der alte Nathan Löb sagt, er kennt den Wald, dann findet er ihn auch ...«</p> @@ -8737,7 +8737,7 @@ dem, was er gehört hatte.</p> gehen!«</p> <p>Er drückte dem Vater und dem Sohne herzlich die Hand und reichte dem -Alten die verheißenen<span class="pagenum" id="Seite_326">[S. 326]</span> fünfhundert Rubel. Aber Nathan Löb nahm sie +Alten die verheißenen<span class="pagenum" id="Seite_332">[S. 332]</span> fünfhundert Rubel. Aber Nathan Löb nahm sie nicht.</p> <p>»Für e Spazierfahrt und e Stund', wo ich soll warten, nehm' ich kein @@ -8773,7 +8773,7 @@ Sprach' verloren?«</p> Pferden. Der alte Nathan schaute ihm kopfschüttelnd nach. Aber er fragte nicht weiter. Sie fuhren schweigsam davon ...</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_327">[S. 327]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_333">[S. 333]</span></p> <p>Auch Kyrill und Beate schwiegen zunächst.</p> @@ -8806,7 +8806,7 @@ antwortete der Russe. Beate schwieg.</p> <p>Kyrill Petulikow wandte sich um, aber nicht nach ihr. Er sah die Straße zurück, die sie gekommen waren.</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_328">[S. 328]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_334">[S. 334]</span></p> <p>»Schauen Sie nach den Juden aus?« fragte die Frau.</p> @@ -8845,7 +8845,7 @@ den gnädigen Herrn vom Gut erkannte.</p> <p>»Du hast Pferde, gib sie her.«</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_329">[S. 329]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_335">[S. 335]</span></p> <p>»Ich hab' keine zum Totfahren übrig, Herr — oder willst du sie tauschen?«</p> @@ -8873,7 +8873,7 @@ verdrossen unter der Türe stand.</p> <p>»Gib es deinem kleinen Kinde um, wenn es ins Freie geht,« sagte sie.</p> -<p>Andrej Ljonotschka bückte sich bis zur Erde.<span class="pagenum" id="Seite_330">[S. 330]</span> Er rief dem Schlitten +<p>Andrej Ljonotschka bückte sich bis zur Erde.<span class="pagenum" id="Seite_336">[S. 336]</span> Er rief dem Schlitten seine Segenswünsche nach, bis er das Geläut der kleinen Glocken nicht mehr hörte.</p> @@ -8907,7 +8907,7 @@ sauste durch die Luft.</p> <p>»Vorwärts, vorwärts, meine Lieblinge — meine Falken —!«</p> <p>»Kyrill« — Beate Hoyermann richtete sich auf, hielt sich mit der einen -Hand krampfhaft fest und versuchte mit der anderen, dem Manne<span class="pagenum" id="Seite_331">[S. 331]</span> in den +Hand krampfhaft fest und versuchte mit der anderen, dem Manne<span class="pagenum" id="Seite_337">[S. 337]</span> in den Arm zu fallen — »Kyrill, haben Sie den Verstand verloren —?!«</p> <p>Keine Antwort. Kyrill Petulikow schlug auf die Gäule ein und rief ihnen @@ -8941,7 +8941,7 @@ handelt!«</p> <p>»Haben Sie vergessen, Mascha, daß Sie vor zwei Stunden noch eine politische Gefangene waren — der Spionage angeklagt?«</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_332">[S. 332]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_338">[S. 338]</span></p> <p>»Nun —?!«</p> @@ -8976,7 +8976,7 @@ in die Gesichter.</p> <p>»Nicht scherzen, Kyrill Iwanowitsch —! Damit nicht —!«</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_333">[S. 333]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_339">[S. 339]</span></p> <p>»Bei der Liebe Gottes, Mascha, meine Schwester — es ist kein Scherz!«</p> @@ -9012,7 +9012,7 @@ den Sie brauchen.«</p> <p>»Ja, meine Schwester ...«</p> -<p>Sie legte ihre Hände auf seine Schulter.<span class="pagenum" id="Seite_334">[S. 334]</span> »Ich glaube Ihnen,« sagte sie +<p>Sie legte ihre Hände auf seine Schulter.<span class="pagenum" id="Seite_340">[S. 340]</span> »Ich glaube Ihnen,« sagte sie einfach. »Ich werde tun, was Sie von mir verlangen. Was haben Sie mit mir vor?«</p> @@ -9047,7 +9047,7 @@ meinetwillen! Es geht auch um <em class="gesperrt">Ihr</em> Leben ...«</p> <p>»Was weiter? — Und Ihre Mutter, Kyrill Iwanowitsch?«</p> <p>Er lachte. »Meine Mutter ist in Moskau sehr in Sicherheit, Mascha, das -dürfen Sie mir glauben ... Und wenn ich ein Unglück hätte,<span class="pagenum" id="Seite_335">[S. 335]</span> so wäre es +dürfen Sie mir glauben ... Und wenn ich ein Unglück hätte,<span class="pagenum" id="Seite_341">[S. 341]</span> so wäre es das meine und nicht das meiner Mutter. Auch das dürfen Sie mir glauben ... Sprechen wir nicht mehr, Mascha! Achten wir auf den Weg ... Wir brauchen noch zehn Minuten ... Können Sie die Reiter hinter uns jetzt @@ -9084,7 +9084,7 @@ wie Füchse ...«</p> <p>Der Russe stand auf. Im Stehen holte er aus und wirbelte die Nagajka um den Kopf.</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_336">[S. 336]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_342">[S. 342]</span></p> <p>»Vorwärts, meine Falken, meine Tauben, vorwärts —!«</p> @@ -9119,7 +9119,7 @@ troff ihnen von den blanken Leibern ...</p> — verschwand. Die Riegel der Haustür kreischten. Der Schlüssel drehte sich, einmal, zweimal ... Licht fiel durch die sich öffnende Tür.</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_337">[S. 337]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_343">[S. 343]</span></p> <p>Kyrill Iwanowitsch war vom Schlitten gesprungen und strängte die Pferde aus.</p> @@ -9147,7 +9147,7 @@ Hund, der es wagen sollte, zurückzukommen —! Habt ihr mich verstanden?«</p> <p>Gemurmel ringsum ... Flüstern ... hastige Schritte ... Die Glöckchen der Pferde klangen ...</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_338">[S. 338]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_344">[S. 344]</span></p> <p>»Dmitri —!«</p> @@ -9185,7 +9185,7 @@ den Weg.</p> <p>»Was wollen Sie tun, Mascha!«</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_339">[S. 339]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_345">[S. 345]</span></p> <p>Ihr Atem flog, daß sie kaum reden konnte.</p> @@ -9210,7 +9210,7 @@ keine andere Weise gelang, nach Deutschland zu fliehen, dann wollte ich Sie bitten, mich das Notwendige zu lehren ... Ich wäre mit Ihnen geflogen, dreimal — zehnmal — und eines Tages hätte ich den Flug allein gewagt — bei Gott, Kyrill Iwanowitsch, das hätte ich getan! Und -ich hätte Ihnen einen Brief hinterlassen,<span class="pagenum" id="Seite_340">[S. 340]</span> der alles gesagt hätte, was +ich hätte Ihnen einen Brief hinterlassen,<span class="pagenum" id="Seite_346">[S. 346]</span> der alles gesagt hätte, was nötig gewesen wäre, um mir Ihr Verstehen, Ihr Verzeihen zu sichern. Aber so nicht! So nicht —! Ich will für mich selbst mein Leben wagen und werde mich nicht einen Augenblick besinnen — aber nicht das Ihre, @@ -9233,7 +9233,7 @@ Ihrem Leben, Mascha! Es ist mein tödlichster Ernst —!«</p> o, weit mehr als das, Mascha — auch für mich das Höchste und Größte, das ich gewinnen kann: das Bewußtsein einer Tat, die man vielleicht die eines Helden nennen kann — und was mehr wert ist als dies: die Tat -eines guten Menschen ... Sie wissen, daß ich Sie liebe ... Sie<span class="pagenum" id="Seite_341">[S. 341]</span> fragen +eines guten Menschen ... Sie wissen, daß ich Sie liebe ... Sie<span class="pagenum" id="Seite_347">[S. 347]</span> fragen nichts danach — nun, du großer Gott, was kümmert es Sie auch —? Aber ich will, wenn wir beide am Leben bleiben, daß Sie an mich denken, Mascha, meine Schwester, daß Sie mit Achtung und Stolz an mich denken @@ -9263,7 +9263,7 @@ Wasser tauchend, mit offenen Augen emporblickte.</p> <p>Sie ließ sich zerren und schieben ...</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_342">[S. 342]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_348">[S. 348]</span></p> <p>Die Rückwand des Schuppens, die nach dem freien Felde zu lag, war klaffend offen. Das bleiche Schneelicht war doppelt unwirklich und wie @@ -9293,7 +9293,7 @@ Sitz.</p> von Eisen; sie mußten schließlich nachgeben, wenn Fäuste, Fußtritte und Kolbenstöße weiter gegen sie anstürmten.</p> -<p>Beate zitterte vor Erregung, daß ihr die<span class="pagenum" id="Seite_343">[S. 343]</span> Zähne gegeneinanderschlugen. +<p>Beate zitterte vor Erregung, daß ihr die<span class="pagenum" id="Seite_349">[S. 349]</span> Zähne gegeneinanderschlugen. Sie klammerte sich mit beiden Händen rechts und links am stählernen Leib der Maschine fest. Das Brüllen der Einlaßbegehrenden vor dem Tore wurde übertönt von dem jäh einsetzenden, tosenden Brummen des Motors. @@ -9317,7 +9317,7 @@ Augen — riß sie wieder auf ...</p> stieß und sprang — die irrwitzige Angst eines Wesens, das von Feuer gepeitscht wird, lag über dieser hemmungslosen Vorwärtsbewegung ...</p> -<p>Aber mit einem Male hatte es sich auf sich<span class="pagenum" id="Seite_344">[S. 344]</span> selbst besonnen. Es löste +<p>Aber mit einem Male hatte es sich auf sich<span class="pagenum" id="Seite_350">[S. 350]</span> selbst besonnen. Es löste sich von der Erde, deren Rauheit und spröde Gesetze nicht für ein Wesen solcher Art geschaffen waren. Es hob sich; es schwebte ...</p> @@ -9342,7 +9342,7 @@ wegzutaumeln schien — wie von einem ungeheuren Schlund eingesogen. Und sie bemerkte, daß sie weniger vorwärts kamen, nur daß sich die Flugmaschine in weiten Spiralen höher und höher schraubte ...</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_345">[S. 345]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_351">[S. 351]</span></p> <p>Der dunkle Fleck im weißen Schneefeld unter ihnen — war das Gut?</p> @@ -9366,7 +9366,7 @@ in die Luft hinein, vorwärts — und nahm den Flug nach Westen.</p> so pfiff ihr der Wind entgegen, nicht fühlbar als etwas, das glitt und strich, sondern wie ein Brett — wie ein gepreßter Sack — unteilbar und unbeweglich. Sie fühlte eine Faust auf ihrem Kopf ... Sie hatte -nicht gewußt, daß Wind wie schweres Wasser sein<span class="pagenum" id="Seite_346">[S. 346]</span> kann. Sie bückte sich, +nicht gewußt, daß Wind wie schweres Wasser sein<span class="pagenum" id="Seite_352">[S. 352]</span> kann. Sie bückte sich, um nicht Widerstand leisten zu müssen; er hätte ihr die Halswirbel verdreht.</p> @@ -9393,7 +9393,7 @@ ein einziges erschütterndes Ja ...</p> <p>Je ruhiger sie wurde, desto stärker wurde sie sich des Erlebnisses dieser Stunde bewußt. Sie schaute.</p> -<p>Da waren dunkle und lichte Flecken in der<span class="pagenum" id="Seite_347">[S. 347]</span> ungeheuren Leere des Raums +<p>Da waren dunkle und lichte Flecken in der<span class="pagenum" id="Seite_353">[S. 353]</span> ungeheuren Leere des Raums vor ihr. Wolken? Sie rasten darauf zu ... Nun spülte es um sie her, wehende Nebel ... Nässe, eisige Kälte ... Was war das —? Sie bekam den Wind nicht mehr von vorn — seitwärts drückte er sich gegen sie an ... @@ -9417,7 +9417,7 @@ hinüber ... Wie die Saiten einer übergewaltigen Harfe summten und schwangen die Drähte ... Aber sie hielten — sie hielten sich gut ...</p> <p>Und plötzlich ... sank es nicht, nein — es fiel, fiel wie ein Sack, -lotrecht hinunter, als fiele<span class="pagenum" id="Seite_348">[S. 348]</span> es in einem luftleeren Raum ... Die Luft +lotrecht hinunter, als fiele<span class="pagenum" id="Seite_354">[S. 354]</span> es in einem luftleeren Raum ... Die Luft trug es nicht mehr — sie war gleichsam nicht mehr da ... nicht die Zeit noch die Tiefe dieses Fallens ließen sich messen ...</p> @@ -9442,7 +9442,7 @@ versöhnlich, zum Lächeln und Weinen lockend. Ja, mein Gott — Nathan Löb hatte Unrecht ... deine Welt ist ein herrliches Geschöpf ...</p> <p>Eine Menschenstimme gröhlte hinter ihr ... Ja so, der Kyrill —! Der -Kyrill Iwanowitsch Petulikow! Der sorgte sich um sie und wollte<span class="pagenum" id="Seite_349">[S. 349]</span> +Kyrill Iwanowitsch Petulikow! Der sorgte sich um sie und wollte<span class="pagenum" id="Seite_355">[S. 355]</span> wissen, ob sie noch lebte! Keine Angst, du lieber, guter Kerl —! Ich lebe! Und ob ich lebe! Jauchzend, jauchzend lebe ich —! Hei —!</p> @@ -9468,7 +9468,7 @@ zu überwinden?</p> <p>Übrigens — Nahrung ... Es war schon eine gute Weile her, seit sie zum letzten Mal gegessen hatte. Das fiel ihr jetzt ein — keineswegs zur rechten Zeit, wie sie meinte. Aber zum Kuckuck, das fehlte noch, daß -sie nicht einmal vierundzwanzig<span class="pagenum" id="Seite_350">[S. 350]</span> Stunden fasten konnte, wenn es nach +sie nicht einmal vierundzwanzig<span class="pagenum" id="Seite_356">[S. 356]</span> Stunden fasten konnte, wenn es nach Hause — nach Hause ging ...</p> <p>Sie flogen so hoch, daß sie die Erde nicht erkennen konnte; sie waren @@ -9494,7 +9494,7 @@ Hause ...</p> <p>Vor ihnen, über dem wallenden Ziehen der Schneewolken, erhob sich etwas — ein Berg? Ein Riesenfelsen —? Nein, nein, es hätte denn ein -Wunder geschehen müssen, das den gewaltigsten<span class="pagenum" id="Seite_351">[S. 351]</span> Giganten des Himalaja +Wunder geschehen müssen, das den gewaltigsten<span class="pagenum" id="Seite_357">[S. 357]</span> Giganten des Himalaja hierhergezaubert hätte ... Noch schien es grenzenlos fern und füllte dennoch aufragend allen Raum zwischen Erde und Himmel. Es ruhte in unerschütterlicher, erhabenster Gelassenheit mit seiner Grundfläche @@ -9517,7 +9517,7 @@ Farbe milder Rosen.</p> weichstem Blau über die durchglühten Wolken.</p> <p>Der Schneeriese der Ferne löste sich auf und verschwand. Die -Offenbarung der Schönheit<span class="pagenum" id="Seite_352">[S. 352]</span> zerstörte sich selbst. Das Flugzeug stieg +Offenbarung der Schönheit<span class="pagenum" id="Seite_358">[S. 358]</span> zerstörte sich selbst. Das Flugzeug stieg abermals und suchte die höheren Höhen mit der Kraft und Sicherheit des Adlers.</p> @@ -9542,7 +9542,7 @@ Flächen, zumal die Sonne schräge, blitzende Bänder dazwischen spann.</p> <p>Aber eines sah sie ... von der Erde unter ihr löste sich eine winzige weiße Wolke — und Sekunden später vernahm sie den Knall eines Schusses ... galt das ihnen? Hatte man sie entdeckt —? Und wenn: kam der Schuß -aus<span class="pagenum" id="Seite_353">[S. 353]</span> russischem oder — lieber, lieber Gott! — kam er aus einem +aus<span class="pagenum" id="Seite_359">[S. 359]</span> russischem oder — lieber, lieber Gott! — kam er aus einem deutschen Geschütz —?!</p> <p>Sie machte eine Kopfbewegung zur Seite hin — im gleichen Augenblick @@ -9569,7 +9569,7 @@ Eisernen Kreuzes ...</p> <p>Da lachte Beate Hoyermann aus ihrem tiefsten Herzen auf und ließ ihre weiße Fahne flattern ...</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_354">[S. 354]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_360">[S. 360]</span></p> <p>O, schön war das anzusehen, wie sich über ihr, unter ihr, neben ihr die deutschen Stößer sammelten, schwebten und wachten, daß ihnen die Beute @@ -9597,7 +9597,7 @@ seinen Kameraden sagte: »Nu kiek mal, Franz — det is ja 'n Mächen —!!«</p <hr class="chap x-ebookmaker-drop"> <div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_355">[S. 355]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_361">[S. 361]</span></p> <h2 class="nobreak" id="10">10</h2> </div> @@ -9621,7 +9621,7 @@ Wolke erschienen, und sie flogen einmütig und schön zu <em class="gesperrt">ei Ziele.</p> <p>Aber als sie näher kamen, verwandelten sie sich abermals und wurden zu -Hunderten und<span class="pagenum" id="Seite_356">[S. 356]</span> Hunderten von Flamingos, deren Gefieder die Farbe von +Hunderten und<span class="pagenum" id="Seite_362">[S. 362]</span> Hunderten von Flamingos, deren Gefieder die Farbe von milden Rosen hatte. Und sie erreichten Beate und schwebten um sie her, immer engere Kreise ziehend — und endlich waren sie ihr so nahe, daß ihre Schwingen Beatens Füße streiften.</p> @@ -9644,7 +9644,7 @@ Schlaf vollbracht hatte ... Sie hob den Kopf und sah sich um.</p> <p>Das war nicht so leicht. Sie mußte über einen Berg von Federbetten hinweg — oha! was für Federbetten! Jedes wog einen Viertelzentner, schlecht gerechnet. Und dann hatte sie einen Wärmkrug an den Füßen; das -war sehr mollig. Im übrigen konnte sie von ihrem Asyl<span class="pagenum" id="Seite_357">[S. 357]</span> nichts entdecken +war sehr mollig. Im übrigen konnte sie von ihrem Asyl<span class="pagenum" id="Seite_363">[S. 363]</span> nichts entdecken als den spielenden Feuerschein an der niedrigen, schneeweißen Decke, als die rosenroten Rosen und die himmelblauen Vergißmeinnicht, die, von sinnigen Sprüchen umrahmt, im Innern der mächtig hohen Bettstatt @@ -9669,7 +9669,7 @@ keiner darum schelten ...</p> <p>Sie war so munter, als hätte sie vierundzwanzig Stunden geschlafen; nur die Glieder schmerzten sie und hingen an ihr wie taub. Nun, man macht -nicht umsonst einen Flug von tausend<span class="pagenum" id="Seite_358">[S. 358]</span> Kilometern, vom Herzen Rußlands +nicht umsonst einen Flug von tausend<span class="pagenum" id="Seite_364">[S. 364]</span> Kilometern, vom Herzen Rußlands bis nach Deutschland hinein. Aber das schadete nichts. Sie war auf ihre Schmerzen so stolz, als seien die ihre Erfindung ...</p> @@ -9695,7 +9695,7 @@ und sei gefallen ...</p> <p>Ja so ... ja ...</p> -<p>Es war noch nicht die Zeit, von weißen<span class="pagenum" id="Seite_359">[S. 359]</span> Segeln und Schwänen zu träumen; +<p>Es war noch nicht die Zeit, von weißen<span class="pagenum" id="Seite_365">[S. 365]</span> Segeln und Schwänen zu träumen; noch nicht die Zeit der sieghaften Gewißheit. Nur des Hoffens — nur des Hoffens. Und der Arbeit und der Zuversicht ...</p> @@ -9720,7 +9720,7 @@ Ringelzöpfchen hoch droben auf dem Kopf und dem gutmütigsten Lächeln von der Welt fragte aufmunternd, ob die gnädige Frau was zu essen haben wollte.</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_360">[S. 360]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_366">[S. 366]</span></p> <p>»Und ob!« antwortete Beate.</p> @@ -9745,7 +9745,7 @@ um ihretwillen der Plünderung und dem Brande überließ — der sie liebte mit einer großen Liebe, ehrfürchtig und ernst, — daß der nun aus ihrem Leben gehen würde — und es schmerzte sie nicht.</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_361">[S. 361]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_367">[S. 367]</span></p> <p>Das Gefühl, das sie für ihn hegte und über das sie sich klar werden wollte, war nicht frei von einem schmerzlichen und ungeduldigen Zorn. @@ -9779,7 +9779,7 @@ Mascha, meine liebe Schwester ...«</p> glücklosen Lächeln, das voller Güte war. Aber Beate Hoyermann hatte eine ehrliche Seele.</p> -<p>»Seien Sie nicht so freundlich zu mir, Kyrill<span class="pagenum" id="Seite_362">[S. 362]</span> Iwanowitsch,« sagte sie +<p>»Seien Sie nicht so freundlich zu mir, Kyrill<span class="pagenum" id="Seite_368">[S. 368]</span> Iwanowitsch,« sagte sie und rüttelte leise seinen Arm. »Kurz ehe Sie kamen, war ich in meinen Gedanken ungerecht gegen Sie.«</p> @@ -9809,7 +9809,7 @@ Tische lag, zeichnete die Maserung des Holzes nach.</p> »Es liegt dem Russen vielleicht im Blute. Was können wir dafür? Wir sind kein fröhliches Volk und haben gute Gründe. Aber wir haben uns daran gewöhnt und lieben unsere Schwermut, wie andere Völker ihre -Laster lieben. Das heißt, wir haben aus der<span class="pagenum" id="Seite_363">[S. 363]</span> Not eine Tugend gemacht +Laster lieben. Das heißt, wir haben aus der<span class="pagenum" id="Seite_369">[S. 369]</span> Not eine Tugend gemacht ... Vielleicht kommt für uns einmal eine Zeit, in der wir von uns selbst erlöst werden ... Dann werden wir glücklich sein und unser Glück lieben. Jetzt sind wir noch sehr weit davon entfernt ... Lassen Sie @@ -9834,7 +9834,7 @@ finde den Weg nicht dazu.«</p> sanften und schönen Bewegung an seine Stirn hob, wo er sie festhielt.</p> <p>»Sie wissen den Weg wohl, aber Sie gehen ihn nicht und werden ihn nie -gehen,« sagte er mild. »Und das ist herrlich an Ihnen, Mascha,<span class="pagenum" id="Seite_364">[S. 364]</span> daß +gehen,« sagte er mild. »Und das ist herrlich an Ihnen, Mascha,<span class="pagenum" id="Seite_370">[S. 370]</span> daß Sie auch die kleinste Gebärde der Liebe nicht an das Mitleid oder die Freundschaft — oder die Dankbarkeit verzetteln ... Ich liebe Sie darum — ich liebe Sie um dieses leisen Zuckens willen, mit dem Sie Ihre Hand @@ -9860,7 +9860,7 @@ Schätze vor den zweien ausbreitete, strahlten ihre wasserblauen Augen mit einem Ausdruck unverkennbar mütterlichen Stolzes auf Beate Hoyermann.</p> -<p>»Gesegnete Mahlzeit!« wünschte sie, strich<span class="pagenum" id="Seite_365">[S. 365]</span> mit der flachen Hand über +<p>»Gesegnete Mahlzeit!« wünschte sie, strich<span class="pagenum" id="Seite_371">[S. 371]</span> mit der flachen Hand über das schimmernde Tischtuch und ging davon.</p> <p>»Wenn ich nur wüßte,« fing Beate an und füllte die Suppe auf, »warum @@ -9890,7 +9890,7 @@ anzustreichen ...«</p> <p>Beate entfaltete das Zeitungsblatt mit aller gebotenen Vorsicht, denn es war gewiß schon durch mehr als hundert Hände gegangen und hielt nur noch durch gütige Unterstützung von Briefmarkenschnitzeln. Auf -der dritten Seite stand ein rot angemerkter Aufsatz. Er trug die<span class="pagenum" id="Seite_366">[S. 366]</span> +der dritten Seite stand ein rot angemerkter Aufsatz. Er trug die<span class="pagenum" id="Seite_372">[S. 372]</span> Überschrift »Als Heizer und Stewardeß nach Deutschland zurück« und war unterzeichnet Chr. Ty.</p> @@ -9919,7 +9919,7 @@ und gelitten.«</p> <p>»Sie scheinen sich sehr geschwind in deutschen Verhältnissen zurechtgefragt zu haben,« meinte Beate, mehr erstaunt als erfreut.</p> -<p>»Das war nicht schwierig,« antwortete Kyrill<span class="pagenum" id="Seite_367">[S. 367]</span> Petulikow. »Man kam mir +<p>»Das war nicht schwierig,« antwortete Kyrill<span class="pagenum" id="Seite_373">[S. 373]</span> Petulikow. »Man kam mir mit soviel Liebenswürdigkeit entgegen, als sei ich Ihr Bruder. Wir haben — das heißt, meine Begleiter und ich — eine ebenso interessante wie schöne Autofahrt gemacht, und ich bin mit dem Bescheid entlassen @@ -9946,7 +9946,7 @@ darunter, der es sich nicht zur Ehre rechnen würde, Ihnen zu Diensten zu sein ...«</p> <p>»Danke,« sagte Beate. »Ich bedarf keines Dienstes mehr, als daß man -mir zur nächsten<span class="pagenum" id="Seite_368">[S. 368]</span> Bahnstation verhilft und mich gewissermaßen auf +mir zur nächsten<span class="pagenum" id="Seite_374">[S. 374]</span> Bahnstation verhilft und mich gewissermaßen auf Reichskosten nach Berlin befördert. Vorläufig bin ich mit Tystendal noch überquer. Ich mag mich nicht anstarren lassen wie ein Kalb mit zwei Köpfen ... Er hätte seinen Schnabel halten können! Was eine Tat @@ -9973,7 +9973,7 @@ sah ihn mit zurückgebogenem Nacken an und hatte feuchte Augen.</p> <p>Es war eine Weile still zwischen ihnen.</p> -<p>»Nun will ich Ihnen Lebewohl sagen,<span class="pagenum" id="Seite_369">[S. 369]</span> Mascha,« sprach er dann mit einer +<p>»Nun will ich Ihnen Lebewohl sagen,<span class="pagenum" id="Seite_375">[S. 375]</span> Mascha,« sprach er dann mit einer ganz verhaltenen Stimme, und sein sanftes Lächeln blieb ihm treu. »Ich nehme zum zweiten Male Abschied von meiner Schwester. Aber Sie leben und werden glücklich sein, Gott sei Dank ... Leben Sie wohl ...«</p> @@ -9997,7 +9997,7 @@ unablässig an. Aber es waren keine bitteren Tränen; das fühlte er.</p> <p>»Würden Sie mir danken, wenn ich das große Los gewonnen hätte?« fragte Kyrill Petulikow lächelnd.</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_370">[S. 370]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_376">[S. 376]</span></p> <p>»Ach nein, mein Freund ...«</p> @@ -10030,7 +10030,7 @@ bittend.</p> <p>Ihre Hände lösten sich von den seinen. Er ging. Die Türe schloß sich hinter ihm. Und Beate wußte, während sie seine Schritte sich entfernen hörte, daß Kyrill Iwanowitsch Petulikow ihr niemals schreiben würde -und daß dieser Mensch, der ein Russe war und ein Geschöpf<span class="pagenum" id="Seite_371">[S. 371]</span> der +und daß dieser Mensch, der ein Russe war und ein Geschöpf<span class="pagenum" id="Seite_377">[S. 377]</span> der unerfüllbaren Träume, aus seinem Leben gehen würde, wie andere Menschen aus dem Zimmer gehen. Sie hielt ihn nicht zurück; denn sie fühlte, daß sie dazu kein Recht besessen hätte ...</p> @@ -10056,7 +10056,7 @@ Festung im Sturm.</p> <p>»Guten Abend, Onkel,« sagte sie. »Für eine Nacht mußt du mir schon Quartier geben — morgen früh gehe ich von ganz allein —«</p> -<p>Sie wollte noch weiter sprechen, kam aber<span class="pagenum" id="Seite_372">[S. 372]</span> nicht dazu. Exzellenz von +<p>Sie wollte noch weiter sprechen, kam aber<span class="pagenum" id="Seite_378">[S. 378]</span> nicht dazu. Exzellenz von Köstmer, der beim ersten Wort, das sie in der Türe stehend sprach, einen Ruck bekommen hatte, machte jetzt drei Schritte auf sie zu, nahm sie in seine Arme und quetschte sie an seine Brust, daß ihr grün und @@ -10080,7 +10080,7 @@ auf der ›Princeß of India‹ weißt —?«</p> <p>»Wenn du mich noch mal Onkel Gustav nennst, liebes Kind, fliegst du zweimal in Arrest — erstens für den Onkel, zweitens für den Gustav. Man sagt jetzt nicht mehr Onkel, sondern Oheim in Preußisch-Berlin und -Umgebung, das mußt du dir merken! Und Gustav ist scheußlich — einfach<span class="pagenum" id="Seite_373">[S. 373]</span> +Umgebung, das mußt du dir merken! Und Gustav ist scheußlich — einfach<span class="pagenum" id="Seite_379">[S. 379]</span> scheußlich —! Habe nie begriffen, wie meine gute Mutter es überleben konnte, mich mit diesem Namen behaftet auf Erden herumlaufen zu lassen ... Na, sie ist tot, die gute alte Haut — ich hab' es ihr vergeben, @@ -10109,7 +10109,7 @@ ereiferte sich. »Das scheint mir im Gegenteil ein sehr netter junger Mensch zu sein! Und ein recht begabter auch noch! Der Artikel ist ganz famos geschrieben — wirklich ganz famos!«</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_374">[S. 374]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_380">[S. 380]</span></p> <p>»Das bestreite ich nicht!« warf Beate ein. »Aber ich wünschte doch, er hätte es nicht so weit gebracht, daß ich von sämtlichen Menschen, die @@ -10131,7 +10131,7 @@ als irgend möglich! Wenn's irgend geht, bis nach Amerika und Asien hinüber! Damit sie die Augen aufsperren lernen, die Herren Feinde und Neutralen, soweit es noch welche gibt! Das schafft viel mehr Segen als aller andere Quatsch, der über Deutschland geschrieben wird und den -doch kein Mensch glaubt! Laß du mir<span class="pagenum" id="Seite_375">[S. 375]</span> den Herrn Tystendal, oder wie er +doch kein Mensch glaubt! Laß du mir<span class="pagenum" id="Seite_381">[S. 381]</span> den Herrn Tystendal, oder wie er heißt, in Ruhe! Das ist ein ganz vortrefflicher Mann, dem meine volle Hochschätzung gehört! Und nun setze dich! Setze dich und erzähle! Wo kommst du her?!«</p> @@ -10164,7 +10164,7 @@ was weißt du von meinem Mann?«</p> <p>»Du sollst mich nicht Onkel Gustav nennen, zum Teufel —!«</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_376">[S. 376]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_382">[S. 382]</span></p> <p>»Das ist mir jetzt vollständig egal, hörst du —! Sage mir! Sage mir, was weißt du von meinem Mann?«</p> @@ -10190,7 +10190,7 @@ jetzt? Wo ist er jetzt —?!«</p> <p>»Wo er hingehört, mein Mädel — bei seinem alten Regiment!«</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_377">[S. 377]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_383">[S. 383]</span></p> <p>»Und wo ist sein Regiment?«</p> @@ -10215,7 +10215,7 @@ schäle oder im Laboratorium Salben quirle oder Binden aufwickle oder sonst was. Ich will nur arbeiten; helfen will ich. Er wird mir schon sagen können, wo's am meisten not tut.«</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_378">[S. 378]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_384">[S. 384]</span></p> <p>»Wie ich den Heßreuter kenne,« meinte Exzellenz von Köstmer, »wird er wissen, daß man Frauen wie dich nicht zum Kartoffelschälen oder @@ -10241,7 +10241,7 @@ Ich teile meine Not mit Tausenden und will von Tausenden nicht die Schwächste sein ...« —</p> <p>Beate hatte Recht gehabt, als sie sagte, ihr Dienst werde schwer sein. -Sie hatte sich sehr<span class="pagenum" id="Seite_379">[S. 379]</span> bald eine Stellung errungen, die ein Beweis +Sie hatte sich sehr<span class="pagenum" id="Seite_385">[S. 385]</span> bald eine Stellung errungen, die ein Beweis höchsten Vertrauens ihrer ärztlichen Vorgesetzten war, aber auch an ihre seelischen und körperlichen Kräfte die äußersten Anforderungen stellte. Sie versagte niemals. Sie wurde sehr schmal und hatte sich das @@ -10265,7 +10265,7 @@ Hufen der Pferde, unter den Stiefeln der durchziehenden Truppen.</p> pfiff ihnen um die Ohren. Aber sie sangen — sie sangen ... Ein Lied tauchte in das andere hinein. Und es klang dennoch schön ...</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_380">[S. 380]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_386">[S. 386]</span></p> <p>Immer, wenn Beate dieses Singen hörte, mußte sie die Zähne übereinanderbeißen. Es war kein Schmerz, den sie fühlte. Oder wenn es @@ -10295,7 +10295,7 @@ der Schrecken der Beschießung um die Hälfte ihres Verstandes gebracht hatte.</p> <p>Weiber und Kinder hockten auf den Trümmern ihrer Betten und sonstigen -Möbel, ohne den<span class="pagenum" id="Seite_381">[S. 381]</span> geringsten Versuch zu machen, noch Rettbares zu +Möbel, ohne den<span class="pagenum" id="Seite_387">[S. 387]</span> geringsten Versuch zu machen, noch Rettbares zu retten. Sie waren ganz stumm geworden, ergeben wie betäubte Tiere. Sie blickten mit verständnislosen Augen auf die fremden Menschen, die an ihnen vorüberzogen. Die zurückflutenden Truppen der Russen hatten sie @@ -10320,7 +10320,7 @@ verständliches Deutsch ...</p> wohl aufpassen, ihr Himmelhunde — oder soll der ganze Kram zum Teufel gehen —?«</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_382">[S. 382]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_388">[S. 388]</span></p> <p>Der Gegenstand dieser Standpauke war ein Lastauto, das der Fahrer zu weit nach der Seite gelenkt hatte und das, bis an die Achsen im Dreck @@ -10348,7 +10348,7 @@ russisch-polnischen Landstraße stand und sich nicht vorwärts wagte.</p> <p>Gerd Hoyermann aber besann sich nicht einen Augenblick. Er tat einen Satz mitten in den Schlamm hinein und auf die Frau zu — erreichte sie und nahm sie in seine Arme ... mochten die Menschen ringsum zu -Hunderten<span class="pagenum" id="Seite_383">[S. 383]</span> glotzen und flüstern und lachen — was ging es ihn an? — +Hunderten<span class="pagenum" id="Seite_389">[S. 389]</span> glotzen und flüstern und lachen — was ging es ihn an? — Er fühlte die Frau seiner Liebe in seinen Armen und trug sie über die Straße fort ins nächste beste Haus hinein und ließ sie auch nicht los, als sie auf steinernen Fliesen standen und auf hölzernen Stufen.</p> @@ -10377,7 +10377,7 @@ Sprich zu mir, Beate! Sage mir ... Nein, sage mir nichts ... Sieh mich an, du Liebe, du Geliebte ... Wie ist es dir ergangen? Wie kommst du hierher?«</p> -<p>»Jetzt nicht,« sagte sie lächelnd. »Ich schreibe<span class="pagenum" id="Seite_384">[S. 384]</span> dir ... Lange Briefe +<p>»Jetzt nicht,« sagte sie lächelnd. »Ich schreibe<span class="pagenum" id="Seite_390">[S. 390]</span> dir ... Lange Briefe will ich dir schreiben ... Hast meinen ersten nicht bekommen?«</p> <p>»Nein, Geliebte, nichts ...«</p> @@ -10416,7 +10416,7 @@ und er winkte wieder.</p> <p>Die Soldaten sangen.</p> -<p><span class="pagenum" id="Seite_385">[S. 385]</span></p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_391">[S. 391]</span></p> <p>An der Ecke der Straße wandte Gerd Hoyermann sich noch einmal um, stützte die Hand auf die Kruppe des Pferdes und suchte die Augen seiner @@ -10652,7 +10652,7 @@ Zwei Erzählungen <tr> <td class="book"> -—„— Das Martyrium der Charlotte v. Stein. 1. u. 2. Aufl. +—„— Das Martyrium der Charlotte v. Stein. 1. u. 2. Aufl. </td> <td class="price"> „ 3.—</td> </tr> @@ -11294,7 +11294,7 @@ Ein Familienhaus. Novelle. 2.-4. Aufl. <tr> <td class="book"> -—„— Merlin. Roman. 12. Aufl. 2 Bände in 1 Band +—„— Merlin. Roman. 12. Aufl. 2 Bände in 1 Band </td> <td class="price"> „ 5.80</td> </tr> @@ -11636,7 +11636,7 @@ Roman. 2. u. 3. Aufl. <tr> <td class="book"> -<em class="gesperrt">Kurz, Isolde</em>, Unsere Carlotta. Erzählung +<em class="gesperrt">Kurz, Isolde</em>, Unsere Carlotta. Erzählung </td> <td class="price"> „ 3.—</td> </tr> @@ -11678,7 +11678,7 @@ Roman. 2. u. 3. Aufl. <tr> <td class="book"> -—„— Phantasieen und Märchen +—„— Phantasieen und Märchen </td> <td class="price"> „ 3.—</td> </tr> @@ -11763,7 +11763,7 @@ Erzählungen und Geschichten. 2. Aufl. <tr> <td class="book"> -<em class="gesperrt">Mahn, Paul</em>, Der Kamerad. Roman +<em class="gesperrt">Mahn, Paul</em>, Der Kamerad. Roman </td> <td class="price"> „ 4.—</td> </tr> @@ -11856,7 +11856,7 @@ u. Skizzen. Buchschmuck von <em class="gesperrt">Hans Deiters</em>. 2. Aufl. <tr> <td class="book"> -<em class="gesperrt">Olfers, Marie v.</em>, Neue Novellen. +<em class="gesperrt">Olfers, Marie v.</em>, Neue Novellen. </td> <td class="price"> „ 4.50</td> </tr> @@ -11983,7 +11983,7 @@ aus der Revolutionszeit. 1.-5. Aufl. <tr> <td class="book"> -—„— Vorstadtgeschichten. Gesamt-Ausgabe. 1. Reihe. 2. Aufl. (4. u. 5. Tsd.) +—„— Vorstadtgeschichten. Gesamt-Ausgabe. 1. Reihe. 2. Aufl. (4. u. 5. Tsd.) </td> <td class="price"> „ 5.—</td> </tr> @@ -12004,7 +12004,7 @@ aus der Revolutionszeit. 1.-5. Aufl. <tr> <td class="book"> -—„— Heimatgeschichten. Gesamt-Ausgabe. 2. Reihe +—„— Heimatgeschichten. Gesamt-Ausgabe. 2. Reihe </td> <td class="price"> „ 5.—</td> </tr> diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt index 6312041..b5dba15 100644 --- a/LICENSE.txt +++ b/LICENSE.txt @@ -1,4 +1,4 @@ -This eBook, including all associated images, markup, improvements, +This book, including all associated images, markup, improvements, metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. @@ -7,5 +7,5 @@ the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. No investigation has been made concerning possible copyrights in jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize -this eBook outside of the United States should confirm copyright +this book outside of the United States should confirm copyright status under the laws that apply to them. @@ -1,2 +1,2 @@ -Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for eBook #77073 -(https://www.gutenberg.org/ebooks/77073) +Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for +book #77073 (https://www.gutenberg.org/ebooks/77073) |
