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diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes new file mode 100644 index 0000000..6833f05 --- /dev/null +++ b/.gitattributes @@ -0,0 +1,3 @@ +* text=auto +*.txt text +*.md text diff --git a/77153-0.txt b/77153-0.txt new file mode 100644 index 0000000..2123634 --- /dev/null +++ b/77153-0.txt @@ -0,0 +1,3619 @@ +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77153 *** + + +======================================================================= + + Anmerkungen zur Transkription. + +Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und Interpunktion des +Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler +sind stillschweigend korrigiert worden. + +Worte in Antiqua sind so =gekennzeichnet=, gesperrte so ~gesperrt~. + +======================================================================= + + + Reineke Fuchs + + + [Illustration: Reineke Fuchs 1. + Als der Wagen weiterfuhr, warf Reineke fortwährend Fische herab. + Der Wolf kam herbei und ließ sich's wohlschmecken.] + + + + + Reineke Fuchs + + Der alten Sage nacherzählt + + von + + Helene Fuchs + + Mit Illustrationen in Farbendruck + nach Originalen + + von + + Max Wulff + + 1921 + + Meidinger's Jugendschriften Verlag G.m.b.H. + Berlin W. 66 + + + + + Inhalt. + + + Seite + + Einleitung 7 + + ~Reineke Fuchs.~ + + 1. Kapitel. Reineke wird angeklagt 9 + + 2. Kapitel. Braun entbietet Reineke an des Königs Hof 15 + + 3. Kapitel. Hinze überbringt den Befehl des Königs 22 + + 4. Kapitel. Grimbart bei Reineke. Die Beichte 26 + + 5. Kapitel. Das Gericht und der Urteilsspruch. Reineke unter + dem Galgen 33 + + 6. Kapitel. Die Geschichte von der Verschwörung 40 + + 7. Kapitel. Reineke tritt seine Pilgerfahrt an. Lampe und + Bellyn in Malepartus 49 + + 8. Kapitel. Die Sühne. Reineke wird abermals angeklagt 58 + + 9. Kapitel. Grimbart in Malepartus 65 + + 10. Kapitel. Reinekes zweite Beichte 69 + + 11. Kapitel. Reinekes Verteidigung 75 + + 12. Kapitel. Der Mann mit der Schlange 81 + + 13. Kapitel. Reineke verteidigt sich weiter. Der wunderbare + Ring, der Kamm und der Spiegel 87 + + 14. Kapitel. Neue Lügen Reinekes und seine Freisprechung 96 + + 15. Kapitel. Neue Anklagen Isegrims und Reinekes Verteidigung 102 + + 16. Kapitel. Die Forderung und die Vorbereitung zum Zweikampfe 111 + + 17. Kapitel. Der Zweikampf und seine Entscheidung 115 + + + [Illustration] + + + + + Einleitung. + + +Schon in den frühesten Zeiten des Menschengeschlechts hat sich die +Phantasie des Volkes damit beschäftigt, das Leben der Tiere zu +vermenschlichen, d. h. Tiere wie Menschen von bestimmtem Charakter und +Stande reden und handeln zu lassen. Solche Tiermärchen und Tierfabeln +waren bei den allerverschiedensten Völkern in Umlauf, sie haben +aber für uns erst literarische Gestalt angenommen in den Äsopischen +Fabeln, die sich von Griechenland aus auf dem Wege über Italien durch +schriftliche und mündliche Überlieferung bei allen Völkern unseres +Erdteils verbreiteten. Aus einer dieser Äsopischen Fabeln, die von der +Feindschaft zwischen Fuchs und Wolf und dem Siege der List des einen +über die rohe Kraft des anderen handelt, ist nun die mittelalterliche +Tierdichtung hervorgegangen. + +Die frühesten Spuren derselben sind in einer lateinischen Dichtung des +frühen Mittelalters, die einen Mönch aus Lothringen zum Verfasser hat, +zu erkennen. Schon in dieser Erzählung von der Heilung des kranken +Löwen durch die Haut des Wolfes stecken zahlreiche satirische Züge, +Beziehungen auf kirchliche und politische Zustände, auf das Leben bei +Hofe und im Kloster, und gerade diese satirische Behandlung gibt der +ganzen späteren Tierdichtung bis auf unseren Reineke Fuchs das Gepräge. + +Auf dem Grenzgebiet zwischen Frankreich und Deutschland hat sich nun +auch die weitere Ausbildung der Tiersage vollzogen. Hier wurden zuerst +den Tieren menschliche Eigennamen verliehen; ein Vorgang, der an sich +nichts Überraschendes hat, rufen doch auch wir unsere Haustiere, Hund +und Katze, Ziege und Lamm, Kuh und Pferd, mit Personennamen. Die +gewählten Namen sind meist Kose- oder Verkleinerungsformen: Reineke +von Reinhart (franz. =Renard=), Hinze von Heinrich, Lampe von +Lamprecht, Henning von Johannes usw. + +Die wichtigste und für die ganze spätere Zeit bedeutungsvollste +Darstellung hat die Tiersage in Nordfrankreich gefunden. Französische +Spielleute verfaßten eine Anzahl von Tierschwänken, =branches=, +aus denen allmählich der große französische =Roman de Renard= +herauswuchs. + +Indessen erreicht das Tierepos seine klassische Gestalt in den +Niederlanden. Nach verschiedenen Vorstufen erhielt es seine endgültige +Fassung im 15. Jahrhundert in Flandern durch Hinrik van Alkmar, dessen +Werk dann von einem Unbekannten in die niedersächsische Mundart +übertragen wurde. So entstand der »Reynke de Vos«, der zuerst im Jahre +1498 in Lübeck gedruckt und darauf zu wiederholten Malen bis auf die +neueste Zeit ins Hochdeutsche und in andere Sprachen übertragen wurde. + +Eine Prosaübersetzung dieses »Reynke« von dem bekannten Leipziger +Professor Gottsched wurde endlich die Quelle für das klassische +Tierepos der Neuzeit, für Goethes köstlichen »Reineke Fuchs«. Auch wir +haben uns im ganzen dieser Quelle angeschlossen. + +Möge die alte Dichtung in der neuen Fassung auch weiter ihren +Zauber ausüben und recht viele jugendliche Leser durch ihre frische +Natürlichkeit und ihren gesunden Humor erfreuen! + + [Illustration] + + + + + [Illustration] + + + + + Reineke Fuchs. + + 1. Kapitel. + + Reineke wird angeklagt. + + +Es war an einem Pfingsttage; Wälder und Felder grünten und blühten; die +Vögel sangen ihre fröhlichen Lieder; der Tag war heiter und das Wetter +schön, als Nobel, der Löwe, der König der Tiere, Boten aussandte und +alle seine Untertanen an seinen Hof entbieten ließ. Darauf erschienen +viele große Herren mit starkem Gefolge: Braun, der Bär, Isegrim, der +Wolf, Lütke, der Kranich, Marquart, der Häher, und viele andere; +sie alle waren gekommen, um ihrem Herrn die schuldige Ehrfurcht zu +bezeigen. Nur Reineke, der Fuchs, fehlte. Er mied den Hof, denn er +hatte so viele lose Streiche begangen und den Tieren so viel Böses +angetan, daß er unter ihnen nur noch einen Freund hatte, Grimbart, den +Dachs, mit dem er nahe verwandt war. + +Als der ganze Hof versammelt war, trat Isegrim, der Wolf, vor den Thron +des Königs und begann zu klagen: »Gnädigster Herr und König! Ihr seid +edel und groß und verhelfet einem jeden zu seinem Rechte! So helfet +auch mir jetzt und strafet Reineke für all das Böse, das er mir und +den Meinen zugefügt hat. Mein Weib hat er beschimpft und meine Kinder +hat er mit schädlichem Unrat besudelt, daß drei von ihnen blind in der +Höhle liegen. Längst schon sollte er mir für seine bösen Taten Rede +stehen, aber er hält sich in seiner starken Burg versteckt. Gnädigster +Herr! Wollte ich all das Böse erzählen, das mir dieser Bube zugefügt +hat, wahrlich, es gehörten Wochen dazu. Ich übergehe es daher mit +Stillschweigen. Jedoch die Verhöhnung meines Weibes und das Unglück +meiner Kinder sollen nicht ungerächt bleiben.« + +Kaum hatte Isegrim seine Rede beendet, da sprang Wackerlos, das +Hündchen, hervor und erzählte kläglichen Tones in französischer +Sprache, wie es einst so arm gewesen, daß es nur ein kleines Würstchen +besaß, und auch dieses habe Reineke genommen. + +Funkelnden Auges trat Hinze, der Kater, hervor und sprach: »Wo ist +wohl einer in der ganzen Versammlung, der nicht Reineke mehr fürchtete +als Euch? Was aber die Klage des Wackerlos betrifft, so gehörte die +Wurst mir. Ich kam einstmals bei Nacht in eine Mühle, fand den Müller +schlafend und nahm die Wurst. Kam sie in den Besitz des Hundes, so +verdankt er sie meiner List!« + +»Was nützen Klagen und Reden!« sprach der Panther. »Sind nicht genug +Schandtaten des Frevlers bekannt? Er ist ein Dieb und ein Mörder! +Verlören wir alle, auch der König, Gut, Ehre und Leben, er lachte dazu, +würde ihm nur ein einziger Bissen von einem fetten Huhn dabei zuteil! +Hört nur, was er noch gestern Lampe, dem Hasen, angetan! Hier steht +er, der friedliche Mann, und wird die Wahrheit meiner Rede bezeugen. +Reineke sagte, er wolle ihn singen lehren und zu einem Kaplan machen. +Ohne Arg setzte sich Lampe vor ihm nieder, und beide begannen zu +singen. Doch plötzlich ergriff Reineke den Hasen und versuchte ihn +zu erwürgen. Wäre ich nicht zufällig des Weges gekommen, unfehlbar +hätte er ihn getötet. So aber gelang mir's, den Braven zu retten. Seht +hier die frischen Wunden am Halse des friedlichen Mannes, der gewiß +niemandem Übles tut. So saget nun an, Herr König, und ihr, Vasallen des +Reiches, soll es ohne Strafe hingehen, daß Reineke also freventlich des +Königs Frieden zu brechen wagt?« + +Da sprach Isegrim: »Reineke tut nimmermehr Gutes! Am besten für alle +würde es sein, Reineke wäre tot! Wird ihm aber auch diesmal verziehen, +so wird es noch manchem unter uns schlimm ergehen, der es jetzt am +wenigsten ahnt!« + +Länger vermochte Grimbart, der Dachs, nicht zu schweigen. Er trat mutig +hervor, um seinen Verwandten zu verteidigen. »Herr Isegrim,« sprach er, +»es ist ein altes Sprichwort: ›Feindes Mund schafft selten Frommen.‹ +Ihr habt es jetzt leicht, meinen Oheim zu schmähen, da er nicht +zugegen! Stünde er hier und besäße wie Ihr des Königs Liebe, so hättet +Ihr Euch wohl bedacht, ihn also anzuschwärzen und die alten Geschichten +hervorzukramen! Freilich, von dem, was Ihr Reineke getan, schwieget Ihr +weislich! Manche der Herren hier wissen es wohl, wie Ihr und Reineke +einst ein Bündnis schlosset und einander versprachet, treue Freunde zu +sein. Hört, Majestät, wie Isegrim die Treue gebrochen! Einmal fuhr ein +Mann durch den Wald, der Fische auf seinen Wagen geladen hatte. Isegrim +verspürte große Lust, von den Fischen zu essen. Er hatte aber kein +Geld, sich welche zu kaufen. Da schaffte Reineke Rat. Er legte sich auf +den Weg und stellte sich tot. Als nun der Fuhrmann herankam und meinen +Oheim liegen sah, stieg er vom Wagen herab, zog sein Messer hervor +und wollte ihm das Fell abziehen. Da Reineke sich aber nicht regte +noch rührte, hielt er ihn für tot und warf ihn auf den Wagen. Alles +dies wagte mein Oheim um Isegrims willen! Als der Wagen weiterfuhr, +warf Reineke fortwährend Fische herab. Der Wolf kam herbei und ließ +sich's wohl schmecken. Endlich sprang mein Oheim herab, um auch von den +Fischen zu essen; allein Isegrim hatte sie alle verzehrt. Ja, er hatte +so viel gefressen, daß er fast platzte. Meinem Oheim gab er die Gräten. + +Ein andermal entdeckte Reineke bei einem Bauern ein +frischgeschlachtetes Schwein. Er vertraute es in gutem Glauben dem +Wolfe. Beide gingen hin; Reineke kroch zum Fenster hinein und warf +das Schwein herunter. Isegrim packte es und lief mit ihm davon. Da +erwachten die Hunde im Hofe, ergriffen Reineke und zerzausten ihm +furchtbar sein armes Fell. Mit knapper Not kam er davon, gelangte zum +Wolfe und forderte sein Teil. Der hatte indessen das ganze Schwein +verzehrt und gab meinem Oheim das Krummholz, daran es gehangen hatte. + +Erhabener Herrscher, so könnte ich hundert solcher Streiche und mehr +erzählen, die Isegrim an Reineke verübt hat! Um aber auf das Märchen +vom armen, mißhandelten Hasen zurückzukommen, so sage ich Euch: Soll +der Lehrer nicht das Recht haben, den Schüler zu züchtigen? Sagt +selbst, was soll aus der Jugend werden, wenn alle Unart unbestraft +bliebe? Nun klagt Wackerlos, Reineke habe ihm einst ein Würstchen +genommen. Er hätte besser geschwiegen! Hinze, der Kater, sagt ja, die +Wurst war gestohlen! Reineke ist ein braver Mann! Hört nur, wie er +lebt, seit des Königs Frieden den Tieren verkündet ward! Er speist nur +einmal des Tages und enthält sich jeglichen Fleisches. Sein Schloß +Malepartus hat er verlassen und baut sich eine einsame Klause. Mir, +seinem Neffen, tut es weh, daß er hier so verklagt wird, und ich bitte +Eure Majestät, ihn bald seinen Feinden gegenüberzustellen.« + +Kaum hatte Grimbart seine Rede beendet, da kam Henning, der Hahn, mit +seinem ganzen Gefolge. Auf einer Bahre trugen sie Kratzefuß, die beste +der Hennen. Traurig trat Henning vor den König und sprach: »Gnädiger +Herr! Erbarmet Euch meiner und meiner Kinder, denen Reineke großes +Leid zugefügt hat! Noch vor kurzem erfreute ich mich mit meiner Frau +meines stolzen Geschlechtes. Zehn Söhne und vierzehn Töchter blühten +uns lieblich heran. Starke Mauern umgeben den Klosterhof, auf welchem +wir leben. Oftmals schlich Reineke bei Nacht um die Mauern, aber sechs +treue Hunde wachten beständig und verjagten ihn immer. Da sann er auf +List: Einstmals kam er als Klausner verkleidet mit einem Brief, daran +Euer Siegel hing, zu mir. In dem Brief stand geschrieben, daß Ihr, Herr +König, allen Tieren festen Frieden gebietet. + +Reineke fügte hinzu, er habe ein Gelübde getan, kein Fleisch mehr zu +essen und ein frommes Leben zu führen; deshalb brauche sich niemand in +Zukunft vor ihm zu fürchten. Darauf nahm er Abschied von mir und zog +seines Weges. + +Da war ich sehr glücklich, eilte zu meiner Frau und den Kindern und +erzählte ihnen die ganze Geschichte. Ach, wie waren sie froh! Wir +eilten alle hinaus ins Freie, denn niemand lebt gern hinter Mauern. +Doch wehe! Reineke hatte sich im Gebüsch versteckt, sprang hervor und +holte sich eins meiner Kinder. Seitdem kam er immer wieder bei Tag und +bei Nacht, so gut hatte ihm mein Söhnlein geschmeckt, und selbst die +treuen Hunde konnten uns nicht mehr vor ihm schützen. Von allen meinen +Kindern blieben mir nur noch fünf. Sehet, Herr König, diese blühende +Tochter hat er mir gestern getötet, die Hunde jagten sie ihm ab. Ich +bringe Euch nun den Leichnam, daß Ihr Euch meines Unglücks erbarmt und +an dem Mörder Vergeltung übt!« + +Da sprach der König zornig: »Nun, Herr Dachs, höret Ihr wohl? Sind das +die Fasten, die sich Euer Oheim auferlegt? Aber ich verkünde es Euch, +er soll gestraft werden für alle seine Missetaten! Zunächst aber soll +Eure Tochter, trauriger Henning, mit allen Ehren bestattet werden.« + +Darauf wurde von allen Anwesenden ein feierlicher Gesang angestimmt +und die tote Henne in die Erde gesenkt. Auf ihr Grab setzte man +einen schönen, blanken Marmorstein; darauf stand zu lesen in goldenen +Buchstaben: + + »Kratzefuß, Hahn Hennings Tochter, die beste, + Die stets viel Eier legte im Neste, + Die wohl mit ihren Füßen konnte schraben, + Liegt unter diesem Steine hier begraben. + Der falsche Reineke hat sie erbissen, + Sie will, daß die ganze Welt es soll wissen.« + +Darauf rief der König alle Weisen seines Reiches zusammen, um mit ihnen +über Reinekes böse Taten zu Rate zu sitzen. Man beschloß, einen Boten +zu ihm zu senden und ihn aufzufordern, am nächsten Gerichtstag bei Hofe +zu erscheinen, bei Todesstrafe aber nicht auszubleiben. Braun, der Bär, +wurde auserwählt, die Botschaft zu überbringen. Und der König sagte zu +ihm: »Braun, sei auf deiner Hut! Der Fuchs ist falsch und hinterlistig, +er wird dich belügen und betrügen!« + +»Das soll er wohl bleiben lassen!« versetzte der Bär. »Ich beteuere es +mit meinem Eide: Reineke soll mir nicht das Geringste tun! Es würde ihm +auch übel bekommen!« + + + + + 2. Kapitel. + + Braun entbietet Reineke an des Königs Hof. + + +Stolzen Mutes machte sich Braun auf den Weg zu Reinekes Burg +Malepartus. Er wanderte durch eine große, sandige Wüste, bis er endlich +die schönen, grünen Berge erreichte, an denen das Schloß lag. + +Er pochte mehrmals an die schwere, verschlossene Pforte. Es erschien +aber niemand, zu öffnen. Da rief er laut: »Reineke, seid Ihr drinnen? +Ich bin Braun und komme als Bote des Königs. Ihr sollt bei Hofe vor +Gericht Euch stellen! Folget Ihr aber nicht dem Befehle, so seid Ihr +des Todes! Darum rate ich Euch, folgt mir sogleich zum König!« + +Reineke lag drin auf der Lauer und hörte alle diese Worte. + +»Könnte ich doch diesem Braun,« so dachte er, »für seine hochmütige +Rede etwas aufzählen!« + +Gleich zu öffnen, schien ihm nicht ratsam, Braun konnte ja noch andere +Tiere im Hinterhalt haben. Um nachzudenken, was am besten zu tun sei, +ging er tiefer in seine Festung hinein. Malepartus war kunstvoll +gebaut, Löcher und Gänge gab es hier und manche verborgene Pforte, die +er je nach Bedarf öffnete oder verschloß. Hier fand er Schutz, wenn er +verfolgt ward, und manches unschuldige Tier verirrte sich hier hinein +und fiel ihm zur Beute. + +Als Reineke sich überzeugt hatte, daß der Bär allein gekommen war, trat +er hinaus und begrüßte ihn: »Seid willkommen, Oheim Braun! Ich las eben +die Vesper. Darum konnte ich nicht sogleich kommen. Ich hoffe, daß Eure +Ankunft mir zum Vorteil gereichen wird! Es war aber ein anstrengender +Weg für Euch! Ihr schwitzt ja, daß Euer Haar naß ist! Hatte denn der +König keinen anderen Boten als Euch, den edelsten Herrn des Reichs? +Indessen ist es zu meinem Nutzen; Euer kluger Rat wird mir beim König +zu statten kommen. Höret, werter Oheim, ich hatte beschlossen, morgen +am Hof zu erscheinen, doch habe ich von einer Speise, an die ich nicht +gewöhnt bin, zu viel gegessen, und sie verursacht mir große Schmerzen +im Leibe.« + +»Was aßet Ihr denn?« fragte Braun. + +Reineke versetzte: »Was nützt es Euch, wenn ich es Euch sage! Es war +nur eine einfache Speise! Ein armer Mann kann ja nicht wie ein Graf +leben! So haben wir jetzt in der Not frische Honigscheiben gegessen, +die es hier reichlich gibt. Davon bin ich so krank!« + +»Ei, ei,« versetzte Braun, »haltet Ihr Honig für etwas Schlechtes? +Honig ist eine kräftige Speise, die ich allen anderen Gerichten +vorziehe. Lieber Reineke, verschafft mir welchen, ich will Euch dafür +nach Kräften dienen und Euch immer dankbar sein!« + +Reineke rief: »Treibt keinen Spott mit mir, Oheim Braun!« Braun +erwiderte: »Nein, so wahr Gott mir helfe!« »Nun, wenn es Euer Ernst +ist,« sprach Reineke, »so will ich Euch Honig verschaffen. Der Bauer +Rüsteviel wohnt kaum eine halbe Meile von hier. Er hat so viel Honig, +wie Ihr noch nie beisammen gesehen habt.« + +Brauns Gelüste nach der süßen Speise ward immer größer, und er sagte: +»Führt mich nur sogleich hin, lieber Reineke, ich will es Euch stets +gedenken. Sollte ich mich aber mal an Honig wirklich satt essen, so +müßte man mir sehr viel davon vorsetzen.« + +»O,« versetzte Reineke, »Euch soll es an Honig nicht fehlen! Zwar wird +mir das Gehen heute schwer, doch will ich Euch zuliebe den Weg gern +machen. Denn Ihr seid mir der Liebste von allen meinen Verwandten. Und +Ihr werdet mir auch am Hofe des Königs beistehen und mich gegen meine +Feinde verteidigen. Folget mir nur! Ich will Euch so honigsatt machen, +daß Ihr eine Weile genug habt!« + +Voller Freude folgte ihm der Bär; der Abend war hereingebrochen, als +sie an des Bauern Rüsteviel Hof kamen. Dort lag eine mächtige Eiche, +die weit aufgespalten war, denn der Bauer hatte zwei starke Keile +hineingetrieben. Nun sprach Reineke: »Sehet, Oheim, in diesem Baum ist +mehr Honig, als Ihr verzehren könnt. Nehmt nun davon, doch ja nicht +zuviel, es könnte Euch schaden!« + +Braun erwiderte: »Sorget nur nicht! Ich weiß wohl Maß zu halten in +allen Dingen.« + +Also ließ sich der Bär betören und steckte seinen Kopf und die +Vorderpfoten tief in den Baum hinein. Nun zog der Fuchs mit großer +Anstrengung die Keile heraus, der Spalt ging zusammen, und da war nun +der Bär mit Kopf und Füßen gefangen! O, wie er da bat und flehte! Doch +der Fuchs hatte kein Erbarmen. Da fing der Bär an zu heulen und mit +den Hinterfüßen zu schlagen und machte solchen Lärm, daß der Bauer +herbeikam. Als Reineke ihn sah, rief er dem Bären zu: »Nun, Freund +Braun, schmeckt der Honig süß? Jetzt kommt Rüsteviel und wird Euch wohl +zur Mahlzeit ein Schlückchen kredenzen.« Und damit machte er sich auf +den Heimweg nach seinem Schloß Malepartus. + +Als Rüsteviel den Bären erblickte, lief er sogleich ins Dorf, rief alle +Bauern zusammen und sprach: »In meinem Hof hat sich ein Bär gefangen, +kommt geschwind mit mir!« Schleunigst folgten ihm alle; ein jeder nahm +eine Waffe: der eine eine Heugabel, der andere eine Harke, der dritte +einen alten Spieß, der vierte einen Zaunpfahl. Der Pfarrer und der +Küster kamen auch herbei. Ja, sogar des Pfarrers alte Köchin wollte +dabei nicht fehlen; sie hatte als Waffe ihren Spinnrocken ergriffen, +um damit des Bären Fell gehörig zu bearbeiten. Als der arme Braune den +Lärm und das Geschrei der vielen Menschen hörte, ward ihm himmelangst +zumute. Mit gewaltigem Ruck riß er den Kopf aus der Spalte, doch, o +weh! die ganze Haut mit beiden Ohren blieb darin stecken, und das +Blut rieselte ihm am Halse herunter. Und noch immer war er an den +Pfoten gefesselt. Näher und näher kam das Toben. Da riß er mit größter +Kraftanstrengung die Tatzen heraus, doch das Fell blieb im Spalt +stecken. Die Füße taten so weh, daß er nicht laufen konnte; da kamen +auch schon die Bauern herbei und fielen über ihn her mit Schlägen und +Stößen. Auch die Weiber halfen mit, ihm das Fell zu gerben. Der Pfarrer +schlug ihn mit einem langen Stabe. Von fern warfen sie mit Steinen. +Endlich kam auch noch Rüsteviels Bruder und versetzte ihm einen so +wuchtigen Schlag vor den Kopf, daß ihm für einen Augenblick Hören und +Sehen verging. Dann aber sprang er rasend vor Schmerz empor und geriet +zwischen die Weiber. Diese erschraken gewaltig und sprangen so eilig +davon, daß viele in den tiefen Mühlbach stürzten. Da rief der Pfarrer: +»Kinder, seht, dort schwimmt Frau Jutte, meine treffliche Köchin! Zwei +Tonnen Bier gebe ich zum Besten, wenn ihr sie rettet!« Da liefen alle +zum Bache und retteten die Weiber. + +Indessen kroch der Bär, halbtot vor Schmerzen, zum Wasser hin, denn er +dachte: Lieber den Tod im Wasser erdulden als von den Bauern erschlagen +werden. Doch siehe da! Er ertrank nicht, der Strom trug ihn hinweg! Als +die Bauern das sahen, riefen sie aus: »O, solche Schande, daß wir den +Bären entwischen lassen! Daran sind nur die Frauen schuld, die immer +nur stören! Doch komm' nur bald wieder, du Schelm, du hast ja deine +Ohren und Handschuhe zum Pfande gelassen!« So folgte dem Schaden auch +noch der Spott. + +Doch Braun war froh, daß er entkommen war. Er verfluchte den Baum, +verfluchte die Bauern, verfluchte aber besonders Reineke, der ihn +verraten hatte. Der reißende Strom riß ihn in kurzer Zeit eine Meile +hinab. Er kroch ans Land und glaubte bald sterben zu müssen. + +Als Reineke den Bären in Rüsteviels Hofe verlassen hatte, war er auf +die Hühnerjagd gegangen, aß sich tüchtig satt und lief dann zum Bache, +um zu trinken. Dabei sprach er zu sich selbst: »Wie froh bin ich, daß +ich es dem Bären mal ordentlich gegeben habe! Er hat jetzt gewiß schon +mit Rüsteviels scharfem Beil Bekanntschaft gemacht! Er war von jeher +mein Feind! Doch nun ist er tot und wird nicht mehr über mich klagen!« +Da hörte er neben sich stöhnen und erblickte den Bären, der matt und +blutend im Grase lag. + +Da rief Reineke aus: »O Rüsteviel, dummer Wicht, wie konntest du dir +die vortreffliche Speise entgehen lassen!« Und höhnisch sprach er +zum Bären: »Nun, Oheim Braun, wie hat der Honig gemundet? Habt Ihr +vielleicht bei Rüsteviel etwas vergessen? Ich will es ihm melden, daß +er es Euch bringe! Ihr habt ihm wohl gar den Honig gestohlen? Oder habt +Ihr ihn bezahlt? Lieber Oheim, bei welchem Orden habt Ihr Euer Gelübde +getan, daß Ihr ein rotes Barett auf dem Haupte tragt? Oder seid Ihr +gar Abt geworden? Der hat Euch gewiß nach den Ohren geschnappt, der +Euch die Platte geschoren hat! Auch das Fell von Euren Backen und die +Handschuhe habt Ihr verloren!« + +Länger konnte Braun die höhnischen Reden nicht ertragen. Er kroch in +den Bach, trieb mit dem Strome abwärts und kam an das andere Ufer. +Krank und matt lag er da, und traurig sprach er zu sich selber: »Ach, +daß mich nur einer tot schlüge! Ich kann kaum von der Stelle und muß +noch an den Hof des Königs reisen. Wie wird man mich verspotten, daß +ich so arg geschändet bin! Aber Reineke soll es mir büßen!« + +Er raffte sich endlich auf, schlich sich mit großer Mühe fort und +erreichte am vierten Tage des Königs Schloß. + +Als Nobel den Bären so elend und blutend vor sich sah, erschrak er +sehr und rief: »Bist du es wirklich, mein teurer Braun? Was ist dir +geschehen?« + +»Gnädiger Herr König,« erwiderte der Bär, »ich klage Euch mein Leid! +Sehet den schändlichen Verrat, den Reineke an mir verübt hat!« + +Zornig versetzte der König: »Solcher Frevel soll ohne alle Gnade +gestraft werden! Wie konnte es Reineke wagen, einen so edlen Herrn so +furchtbar zu schänden? Wahrlich, ich schwöre es bei meiner Ehre und +bei meiner Krone: Reineke soll die Strafe erdulden, die du von mir +forderst! Halte ich diese Zusage nicht, so will ich nimmermehr ein +Schwert führen!« + +Sogleich traten alle Edlen zur Beratung zusammen, und man beschloß, +einen neuen Gerichtstag zu halten, und Hinze, der Kater, der klug und +gewandt war, sollte zu Reineke gehen und ihn zum Könige befehlen. Als +dieser Entschluß gefaßt war, wandte sich der König an Hinze und sprach: +»Geh' also und sage Reineke, wenn er sich noch länger weigern sollte, +vor Gericht zu erscheinen, so würde es ihm und seinem Geschlecht zu +ewigem Schaden gereichen.« Hinze erwiderte: »Verehrter Herr König, +wollt Ihr nicht einen anderen mit der Botschaft betrauen? Braun ist +stark und groß, und ihm mißlang der Auftrag; ich bin klein nur und +schwächlich, wie wird es mir ergehen?« Der König versetzte: »Bist +du auch nicht groß von Gestalt, so bist du doch klug und gewandt: +Es bleibt dabei, du überbringst ihm die Botschaft!« »Herr König!« +antwortete Hinze, »Euer Wille geschehe! Sehe ich ein gutes Zeichen zu +meiner Rechten am Wege, so wird es mit meiner Reise wohl ablaufen!« + + + + + 3. Kapitel. + + Hinze überbringt den Befehl des Königs. + + +Als Hinze ein Stück des Weges gewandert war, sah er einen Martinsvogel +und rief: »Glück auf, edler Vogel, wende deine Flügel und fliege nach +meiner rechten Seite!« Der Vogel flog und setzte sich auf einen Baum, +der links am Wege stand. Hinze war darüber sehr betrübt, doch machte er +es, wie es so mancher tut, und sprach sich selber Mut zu. Darauf reiste +er weiter nach Malepartus und traf Reineke vor der Tür seines Hauses +sitzend. + +»Guten Abend, Reineke!« sprach Hinze höflich. »Der König sendet mich +zu Euch, um Euch vor Gericht zu laden. Weigert Ihr Euch aber, mit mir +zu kommen, sagt der König, so wird er Euch und Euer ganzes Geschlecht +furchtbar strafen!« + +Reineke hieß den Kater herzlich willkommen. Im Innern aber sann er auf +neue Ränke, wie er den Kater verraten und betrügen könne. Darum sprach +er freundlich: »Lieber Neffe, was wünscht Ihr heute abend zu essen? +Denn ich will Euer Wirt sein. Dann gehen wir morgen mit Tagesanbruch +nach Hofe. Unter allen meinen Freunden habe ich niemanden, auf den ich +mich besser verlassen kann als auf Euch. Nimmer hätte ich es gewagt, +mit dem grimmigen Bären, der so stark ist, den Weg zu machen! Aber, +Neffe, mit Euch gehe ich gern morgen früh.« + +Hinze erwiderte darauf: »Nein, laßt uns lieber jetzt fort! Der Mond +scheint hell, der Weg ist gut, und die Luft ist warm.« + +Reineke antwortete: »Bei Nacht reisen, bringt Gefahr. Glaubt nur, +mancher, der uns bei Tage freundlich grüßt, würde uns bei Nacht Böses +tun!« + +Hinze sprach: »Vetter Reineke! Laßt mich also wissen, was ich essen +soll, wenn ich bei Euch bleibe?« »Wir leben hier von sehr geringer +Kost,« antwortete Reineke. »Ich will Euch Honigscheiben vorsetzen, die +ganz frisch und süß sind.« »Die habe ich niemals gegessen!« rief Hinze +aus. »Gebt mir doch eine fette Maus, die ist mir lieber als Honig!« »So +gern eßt Ihr Mäuse?« fragte Reineke. »Ist das Euer Ernst? Nicht weit +von hier wohnt der Pfarrer. In seiner Scheune wimmelt's von Mäusen. Wie +oft hörte ich ihn darüber klagen!« Unbedachtsam sprach Hinze: »Vetter, +bringt mich dahin! Denn mehr als jede andere Speise liebe ich die +Mäuse!« »Gut,« sprach Reineke, »Ihr sollt eine Mahlzeit haben, wie Ihr +sie niemals gehabt. Kommt, laßt uns gehen!« + +Beide kamen bald an die Scheune. Reineke hatte in der vorigen Nacht ein +Loch durchgebrochen und einen Hahn geraubt. Um den Dieb das nächste Mal +zu fangen, hatte Martinchen, des Pfarrers Sohn, eine Schlinge gelegt. +Reineke wußte das, darum sprach er: + +»Neffe Hinze, kriechet in das Loch, Ihr werdet dort Mäuse in Menge +finden. Ich werde indessen Wache stehen. Wenn Ihr satt seid, kommt +wieder heraus. Wir bleiben dann die Nacht über in meiner Wohnung, und +früh morgens machen wir uns auf den Weg zum König.« Ängstlich sprach +Hinze: »Soll man es wirklich wagen, da hineinzukriechen? Die Pfaffen +haben auch bisweilen Böses im Sinne.« Da sagte Reineke: »Seid Ihr so +furchtsam? Das wußte ich nicht. So kommt, laßt uns umkehren! Mein Weib +wird uns gute Speisen vorsetzen, wenn auch die Mäuse dabei fehlen.« + +Nun schämte sich Hinze seiner Ängstlichkeit. Er kroch in das Loch, aber +o weh! er geriet in die Schlinge. Nun wollte er zurück, der Strick +zog sich aber nur fester um seinen Hals, daß er weder vorwärts noch +rückwärts konnte. Da fing er an zu heulen und flehte den Fuchs um Hilfe +an. Dieser freute sich des wohlgelungenen Streichs, sprang vor das Loch +und rief dem Kater zu: »Hinze, wie schmecken die Mäuse? Sind sie auch +gut und fett? Ihr singt ja so schön beim Essen, ist das bei Euch Sitte? +Wie gern wollte ich, daß Isegrim in demselben Loche steckte wie Ihr! +Dann sollte er mir alles bezahlen, was er mir Leides getan hat!« Mit +diesen Worten lief er davon. + +Der arme Hinze, der sich nicht befreien konnte, miaute und knurrte ganz +jämmerlich. Das hörte Martinchen, des Pfarrers Sohn, der die Schlinge +gelegt hatte. Schnell sprang er aus dem Bett, weckte Vater und Mutter +und alles Gesinde und rief voll Freude: »Gott Lob und Dank! Mein Strick +war gut gelegt! Nun ist der Hühnerdieb gefangen! Jetzt soll er aber +auch seinen Lohn haben!« Alle liefen zur Scheune, selbst der Herr +Pfarrer ging mit. Martinchen ging mit einem Stock auf den Kater los und +versetzte ihm derbe Schläge, ja er schlug ihm sogar ein Auge aus. Der +Pfarrer aber hatte einen Stiel von einer Mistgabel genommen, womit er +Hinzen totschlagen wollte. Als der Kater merkte, daß er sterben sollte, +wurde er sehr zornig. Er sprang auf den Pfarrer los und biß und kratzte +ihn an den Beinen und an dem ganzen Leibe, bis dieser ohnmächtig zu +Boden sank. Nun ließen alle vom Kater ab, eilten zum Pfarrer, trugen +ihn ins Haus und legten ihn sorgfältig zu Bett. Hinze indessen in +seiner großen Not dachte nur an seine Rettung. Verzweifelt fing er an +den Strick zu zerbeißen und zu zernagen, und siehe da! endlich war er +entzwei! Schnell kroch er zum Loche hinaus und machte sich auf den Weg +nach des Königs Schlosse. + +Es war schon heller Tag, als er dort ankam. Der König erschrak, als er +den armen Hinze so zerschlagen und auf einem Auge geblendet wiedersah. +Er geriet in großen Zorn, als er von Reinekes neuer Freveltat hörte. + +Der Rat wurde einberufen, um über Reinekes Strafe zu beschließen. Da +sprach Grimbart, der Dachs: »Unter diesen Herren sind freilich viele, +die meinen, daß Reineke eine strenge Strafe verdient hat. Dennoch kann +man ihm nicht das Recht des freien Mannes vorenthalten, dreimal vor +Gericht geladen zu werden. Kommt er das dritte Mal nicht, so werde das +Urteil gesprochen!« + +Der König versetzte: »Wer unter euch ist so kühn, daß er ihm die dritte +Vorladung bringen möchte? Wer hat ein Auge oder einen Leib zuviel, den +er um diesen Bösewicht aufs Spiel setzen möchte? Mich dünkt, es wird +sich hier niemand finden, der dazu Lust hätte!« + +Da rief Grimbart mit lauter Stimme: »Höret, Herr König, ich übernehme +die Botschaft!« + +Der König erwiderte: »So gehe denn hin und lade ihn vor Gericht! Doch +nimm deine Weisheit zu Rate, du weißt, wie boshaft dein Oheim ist!« + +Grimbart versetzte: »Darauf wage ich es und hoffe, ihn gewiß mit mir an +den Hof zu bringen.« + + + + + 4. Kapitel. + + Grimbart bei Reineke. Die Beichte. + + +Also ging Grimbart nach Malepartus und fand Reineke mit seiner Frau und +seinen Kindern vor der Tür sitzend. Er redete ihn also an: + +»Oheim Reineke, zuerst biete ich Euch meinen freundlichen Gruß! Ihr +seid so gelehrt, so weise und klug, daß ich mich wundere, wie Ihr des +Königs Wort so unbeachtet lassen könnt! Ich rate es Euch, kommt mit +mir an den Hof! Denn die Verzögerung kann Euch keinen Vorteil bringen! +Es ist wahr, man hat viele Klagen gegen Euch vorgebracht, und Ihr +werdet nunmehr zum dritten Male vorgeladen. Folgt Ihr aber auch dieses +Mal nicht, so wird der König mit seinem Heere kommen und Euer Schloß +belagern. Dann wird es Euch, Eurem Weibe und Euren Kindern Gut und +Leben kosten. Da Ihr dem Könige also doch nicht entgehen könnt, so ist +es gewiß am besten, wenn Ihr jetzt mit mir an den Hof kommt. Ihr habt +Euch ja schon oftmals aus der Schlinge gezogen! Eurer Überredungskunst +wird es auch diesmal gelingen, Eure Feinde zu widerlegen und den König +für Euch zu stimmen!« + +»Euer Rat ist gut, Neffe!« versetzte der Fuchs. »Es ist freilich am +besten, daß ich an den Hof komme und mein Recht selbst wahrnehme. +Ich hoffe auch, der König wird mir Gnade widerfahren lassen. Er weiß +es wohl, daß ich ihm in seinem Rate dienen kann, und das verdrießt +manchen, der bei ihm ist. Der Hof kann ohne mich nicht bestehen. Hätte +ich noch viel mehr Unrecht getan und viel schwerere Sünden auf mich +geladen; gelingt es mir nur erst, mit dem König zu sprechen, so werde +ich seinen Zorn schon besänftigen. Zwar hat er viele, die mit ihm zu +Rate sitzen, doch wissen sie niemals das Richtige zu treffen. Soll +irgendein Beschluß gefaßt werden, so ist es stets Reineke, der den +Ausschlag geben muß. Viele mißgönnen mir das und haben mir deshalb den +Tod geschworen. Das beklemmt mir das Herz, denn ihrer sind mehr denn +zehn, und sie sind mächtiger als ich allein. Trotzdem ist es besser, +ich gehe selbst mit Euch an den Hof und stelle mich meinen Anklägern +gegenüber. Und wenn ich nicht gewinne, so ist mir's vielleicht möglich, +mit meinen Feinden einen günstigen Vertrag abzuschließen.« + +Darauf rief Reineke seine Frau und seine Kinder herbei und sprach: +»Frau Ermelyn, ich gehe mit Neffe Grimbart zu Hofe. Sorget mir +indessen gut für unsere Kinder, ganz besonders für unseren Jüngsten, +Reinhartchen! Seine Zähne stehen ihm so zierlich um sein Mündchen, daß +ich hoffe, er wird einst ganz seinem Vater gleichen. Auch für Rossel +sorgt gut, er ist gleichfalls ein hübsches Kind, und ich habe ihn +ebenso lieb. Hütet die Kinder, während ich fern bin, und ich will Euch +dankbar dafür sein, wenn ich glücklich zurückkehre.« + +Mit diesen Worten nahm er Abschied und ließ Frau und Kinder in Sorgen +zurück. + +Kaum waren sie eine kleine Stunde gegangen, als Reineke sprach: »Hört +mich, lieber Neffe und Freund! Ich bin recht in Angst, denn ich +fürchte, ich gehe in den Tod. Meine Reue aber über meine begangenen +Sünden ist so groß, daß ich zur Beichte gehen möchte. Da aber kein +Pfarrer zur Stelle ist, so bitte ich Euch inständig, laßt mich vor Euch +beichten! Habe ich all mein Unrecht gestanden, so wird mir leichter ums +Herz werden.« + +Grimbart versetzte: »Ihr müßt vor allem geloben, in Zukunft nicht mehr +zu rauben und von allem Verrat und anderen Tücken für immer abzulassen. +Wenn Ihr das nicht beschwört, kann keine Beichte Euch nützen.« + +»Das weiß ich wohl!« erwiderte Reineke, »und so fange ich an. Hört wohl +zu! + +=Confiteor tibi Pater et Mater=, daß ich der Otter und dem Kater +und vielen anderen Tieren manches Unrecht zugefügt; das will ich reuig +bekennen und Buße dafür tun!« + +Der Dachs unterbrach diese Rede: »Das verstehe ich nicht! Ihr müßt +deutsch mit mir reden!« + +Reineke fuhr fort: »Ich habe gesündigt an allen Tieren, die jetzt +leben! Und bitte sehr, sie mögen es mir verzeihen! Ich habe Braun, den +Bären, nach Rüsteviels Hofe geführt. Dort habe ich ihn im Baumspalt +eingeklemmt; er zerriß sich Gesicht und Tatzen und bekam Schläge in +Menge. + +Hinze führte ich zur Scheune und hieß ihn Mäuse fangen. Er geriet in +die Schlinge, mußte viele Prügel ertragen, ja verlor sogar ein Auge +dabei. + +Auch der Hahn verklagt mich mit Recht. Ich habe ihm viele seiner Kinder +geraubt und getötet. + +Isegrim, dem Wolf, habe ich mancherlei Tücke zugefügt. Einmal, es mögen +wohl sechs Jahre her sein, besuchte er mich im Kloster Elkmar, wo ich +mich damals aufhielt. Er wollte auch Mönch werden und hub an, an der +Glocke zu läuten. Das gefiel ihm vorzüglich, und da ich das merkte, +band ich ihm beide Vorderfüße an dem Strick zusammen. Nun konnte er +läuten nach Herzenslust. + +Als das Läuten aber gar nicht aufhörte, liefen alle Leute auf der +Straße herbei und die Mönche aus dem Kloster; sie meinten, der Teufel +sei da. Als sie den Wolf sahen, schlugen sie alle furchtbar auf ihn +los; man ließ ihm nicht Zeit, zu erklären, daß er ins Kloster wolle. +Halb zu Tode geprügelt, entkam er schließlich. Dennoch blieb er dabei, +in den geistlichen Stand eintreten zu wollen. Deshalb bat er mich, ihm +die Platte zu scheren. Da brannte ich ihm die Haare so sehr ab, daß ihm +die Haut zusammenschrumpfte. + +Einstmals führte ich ihn ins Jülicher Land zum Hause eines reichen +Pfaffen. Dieser hatte ein großes Vorratshaus, in dem große, duftende +Schinken, fette Würste und andere köstliche Speisen aufbewahrt waren. +Auch ein Trog mit frisch eingesalzenem Fleische stand darin. Isegrim +brach sich ein Loch durch die Wand, da er sich einmal recht satt an +Fleisch essen wollte. Er kroch hinein und aß und aß, bis sein Hunger +gestillt war. Nun wollte er wieder heraus, aber o weh! vom übermäßigen +Essen war sein Bauch so dick geworden, daß er nicht durch das Loch +zurück konnte. Wo er also hungrig hineingekrochen war, konnte er satt +nicht mehr hinaus. Das war mir nun gerade recht, ich lief ins Dorf +und machte Lärm und Geschrei, um die Leute auf die Spur des Wolfes zu +bringen. Ich lief in das Haus des Pfaffen, der eben am Tisch saß und +speiste. + +Ein fetter Kapaun stand vor ihm. Ich sprang plötzlich hinzu, erfaßte +den Braten und eilte davon. Entsetzt sprang der Pfaffe auf, um mir +nachzujagen. Dabei riß er den Tisch um: Gläser, Teller, Speise und +Trank, alles fiel zur Erde. Immerfort schrie der Pfaffe: ›Schlaget, +werfet, stechet, fanget den Dieb!‹ Da er aber in seinem blinden Zorn +nicht sah, wo er lief, fiel er in die Pfütze. Eine Menge Menschen waren +herbeigekommen, um über mich herzufallen, alle machten großes Geschrei. +Aber die Stimme des Pfarrers übertönte alle anderen: ›Habt ihr jemals +einen frecheren Dieb gesehen?‹ rief er; ›er hat mir das Huhn vom Tische +genommen, an dem ich eben saß und speiste.‹ + +Ich aber lief, so schnell ich laufen konnte. Als ich an den Speicher +kam, in dem Isegrim war, ließ ich das Huhn fallen, weil es mir zu +schwer wurde. Ihr könnt Euch denken, daß ich es ungern zurückließ! Als +nun der Pfarrer das Huhn aufhob, erblickte er Isegrim, der in dem Loch +steckte. Da rief er laut: ›Ihr Freunde, seht, hier ist noch ein viel +ärgerer Dieb in meinem Speicher! Ein Wolf, den müssen wir fangen!‹ Alle +fielen wie wild über den Wolf her, rissen ihn aus dem Loch heraus und +schlugen auf ihn los, daß er wie tot liegen blieb. Darauf schleppten +sie ihn auf die Straße über Stock und Stein und warfen ihn schließlich +in eine schlammige Grube, denn sie hielten ihn für tot. In solchem +Jammer und Schmerz lag er hilflos die ganze Nacht da; wie er endlich +davongekommen, weiß ich nicht zu sagen. + +Gleichwohl schwur er mir abermals Treue, es war aber nur seines eigenen +Vorteils wegen. Es gelüstete ihn, sich einmal an Hühnern recht satt zu +essen. Ich sagte ihm, ich wüßte bei einem Bauern ein Hühnerhaus, in +dem viele fette Hühner oben auf dem Balken unter dem Dach zu sitzen +pflegten. Es war um Mitternacht, als ich ihn dorthin führte. Ein +Fenster stand offen, und ich tat, als ob ich hineinkriechen wollte, +trat aber wieder zurück und ließ Isegrim voran. ›Kriecht nur mutig +hinein, Ihr werdet gewiß bald ein fettes Huhn fassen!‹ rief ich ihm zu. +›Wer nicht wagt, gewinnt nicht!‹ + +Er kroch mit Gefahr durch das enge Fenster, suchte hier und da herum +und rief: ›Ich bin verraten, ich finde keine Hühner!‹ ›Ei,‹ sprach ich, +›die werden weiter hinten sitzen.‹ Der Wolf vergaß jede Vorsicht, so +groß war seine Begier nach Hühnern. Er ging immer weiter hinein, ich +aber klappte von außen das Fenster zu, daß es laut anschlug. Der Wolf +erschrak dermaßen, daß er vom Balken herab und schwer auf den Boden +fiel. Die Leute im Hause erwachten von dem Geräusch. Sie kamen mit +Licht und fanden den Wolf. Da wurde er wieder geprügelt, und zwar mit +solcher Gewalt, daß es ein Wunder ist, wie er mit dem Leben davonkam. + +Sehet, Neffe, das sind nun alle meine Sünden, deren ich mich erinnern +kann. Sprechet mich nun los davon, und leget mir eine beliebige Buße +auf.« + +Grimbart war verschlagen und klug; er brach ein Reis am Wege und +sprach: »Oheim, schlaget Euch dreimal mit diesem Reis; sodann legt es +auf die Erde und springt dreimal quer darüber, ohne zu taumeln. Hernach +küßt das Reis ohne Haß, zum Zeichen, daß Ihr gehorsam seid. Diese Buße +lege ich Euch auf. Und hiermit spreche ich Euch von Euren Sünden frei; +ich vergebe sie Euch alle, so groß auch ihre Zahl sein mag.« + +Als Reineke alles nach Grimbarts Vorschrift getan hatte, sprach dieser +zu ihm: + +»Oheim Reineke, in Zukunft müßt Ihr nun aber ein besseres Leben führen. +Alles Rauben, Stehlen, Betrügen und Verraten müßt Ihr lassen. Gehet +fleißig zur Kirche; lest die Psalmen, haltet die Feiertage, tröstet die +Kranken und gebt Almosen den Armen!« + +Reineke sprach: »Alles das will ich geloben und treulich halten mein +Leben lang!« + +Darauf wanderten beide weiter, bis sie an ein Kloster kamen. Darin +wohnten fromme Nonnen, die von früh bis spät zu Gott beteten. Sie +hatten viele Hühner, Enten und Gänse auf ihrem Hofe, die oft außerhalb +der Mauern herumliefen. + +Reineke bemerkte sofort die Hühner, und alle seine bösen Gelüste +erwachten wieder. Ein junger, fetter Hahn gefiel ihm besonders, er +konnte seine Augen nicht von ihm abwenden. Plötzlich sprang er auf ihn +zu und packte ihn am Halse, daß die Federn umherflogen. + +Entrüstet rief Grimbart: »Unseliger Oheim, was macht Ihr da? Wollt Ihr +um einen elenden Hahn wieder in Schande und Sünde verfallen? Wahrlich, +das nenne ich eine schöne Buße!« + +Reuig sprach Reineke: »Das tat ich nur in Gedanken aus alter +Gewohnheit. Bittet Gott, daß er es mir vergebe! Ich will es in Zukunft +unterlassen.« + +Nun wanderten sie weiter auf der breiten Landstraße. Aber Reineke +sah immer nach den Hühnern zurück, er hätte gar zu gern eins gehabt! +Grimbart bemerkte das wohl und sprach: »Garstiger Vielfraß! Wo habt Ihr +schon wieder Eure Augen?« + +Reineke erwiderte: »Ihr irrt Euch gewaltig, verehrter Neffe, wenn Ihr +glaubt, ich habe böse Gedanken. Ich richtete eben ein frommes Gebet zum +Himmel für die Seelen der Hühner und Gänse, die ich den Nonnen geraubt +habe!« + +Grimbart schwieg, Reineke aber schaute nach den Hühnern zurück, solange +er sie sehen konnte. Endlich erblickten sie das Schloß des Königs, das +Ziel ihrer Wanderung. + +Aber je näher sie kamen, desto ängstlicher ward Reineke zumute. Er +dachte an die vielen Anklagen, die gegen ihn erhoben waren, und wußte +nicht, wie er sich rechtfertigen sollte. Am liebsten wäre er noch +umgekehrt, aber er schämte sich vor seinem Begleiter, dem Dachs. + +[Illustration: Reineke Fuchs 2. + +Also ließ sich der Bär betören und steckte seine Vorderpfoten tief in +den Baum hinein.] + + + + + 5. Kapitel. + + Das Gericht und der Urteilsspruch. Reineke unter dem Galgen. + + +Als man bei Hofe vernommen hatte, daß Reineke angekommen war, drängten +sich alle herbei, ihn zu sehen. Reineke aber stellte sich, als würde er +es gar nicht gewahr. Er ging so ruhig und stolz seines Weges, als wäre +er des Königs eigener Sohn. Mutig, wie wenn er nie ein Unrecht begangen +hätte, trat er vor den König Nobel und redete ihn an: + +»Edler König! Gnädiger Herr! Um Eurer Größe und Eurer Würde willen +bitte ich Euch, hört meine Verantwortung an! Niemals hat ein Herr einen +treueren Knecht, einen ergebeneren Diener gehabt, als Eure königliche +Gnaden an mir haben! Zwar sind hier viele, die mich durch falsche +Anklagen Eurer Freundschaft, die mich so stolz macht, berauben wollen. +Aber Eure Weisheit wird das Lügengewebe meiner Feinde gewiß leicht +durchschauen. Sie hassen mich, weil ich Euch jederzeit treulich gedient +habe!« + +»Schweig'!« sprach der König, »und spare deine Worte! Dein Schmeicheln +hilft dir nichts. Deine Übeltaten sollen dir jetzt vergolten werden! +Sprich, wie hast du den Frieden gehalten, den ich allen Tieren geboten +habe? O du falscher, treuloser Dieb! Hier steht der unglückliche Hahn, +der sein ganzes Geschlecht durch dich verloren hat. Du sagst zwar, du +liebst mich und willst mir treu dienen. Wie aber hast du meine Boten +behandelt? Der arme Braun trägt noch Kopf und Tatzen verbunden. Und +der bedauernswerte Hinze hat sogar ein Auge durch deine Falschheit +eingebüßt. Ja, es sind Ankläger genug vorhanden, und diesmal soll es +dir an den Hals gehen, du treuloser Verräter!« + +»Gnädigster Herr,« erwiderte Reineke, »was kann ich dafür, daß Braun +mit blutiger Platte heimkam? Warum war er so dreist, sich an Rüsteviels +Honig zu wagen? Und wenn er es tat, warum ließ er sich dann von den +Bauern schlagen, er, der so stark von Gliedern ist? Und Hinze, der +Kater! Ich habe ihn gut aufgenommen und bewirtet. Er war aber nicht +zufrieden, sondern wollte sich durchaus Mäuse aus der Pfaffenscheune +holen. Das bekam ihm freilich schlecht! Aber was kann ich dafür, und +warum soll ich deshalb bestraft werden? + +Aber ich bin in Eurer Gewalt und füge mich demütig Eurem Spruche, er +sei gut oder böse für mich. Ihr könnt mich sieden, blenden, köpfen +oder hängen, alles will ich ohne Murren erdulden und mein Schicksal +aus Eurer Hand empfangen. Mein Tod wird Euch freilich nur wenig Gewinn +bringen!« + +Da trat Bellyn, der Widder, hervor und rief: »Ja, nun ist es Zeit, +unsere Klagen gegen Reineke vorzubringen.« + +Da kam Isegrim mit allen seinen Verwandten, Braun, der Bär, und +Hinze, der Kater; Boldewyn, der Esel, Lampe, der Hase, Wackerlos, das +Hündchen, und Ryn, der große Hund; Metke, die Ziege, und Hermen, der +Ziegenbock; auch der bedächtige Ochs und das weise Pferd hatten zu +klagen. Selbst die Tiere des Waldes strömten herbei: der Hirsch, das +Reh, der Biber und das Kaninchen, auch Martin, der Affe, und der wilde +Eber. Ebenso kamen die Vögel herbei: Barthold, der Storch, Marquart, +der Häher, und Lütke, der Kranich. Mit lautem Schnattern erschienen +Dybke, die Ente, und Alheid, die Gans. Der Traurigste von allen aber +war Henning, der Hahn, dem der Fuchs die Kinder geraubt hatte. + +Sie alle drängten sich zum König, und jeder klagte mit lebhaften Worten +über die Missetaten, die der Fuchs verübt hatte. Das war ein Geschrei, +Geheul und Gebrüll, daß der König häufig Ruhe gebieten mußte, um +überhaupt etwas von dem Durcheinander der Stimmen zu verstehen. + +Auf alle diese Anklagen wußte Reineke mit großer Gewandtheit zu +antworten. Er fand für alles die schönsten Entschuldigungen und tat, +als ob er noch nie irgend jemand etwas Böses zugefügt hätte. Er sprach +mit solcher Überzeugung, daß man glauben konnte, er sei ganz unschuldig +und werde jetzt das Opfer seiner Feinde. Als aber alle Tiere erklärten, +wahrheitsgemäß ausgesagt zu haben, wurde einstimmig das Urteil des +Rates angenommen. Es lautete: ~Reineke, der Fuchs, ist zum Tode +verurteilt. Man soll ihn fangen, binden und am Galgen aufhängen.~ So +verkündete der König mit mächtiger Stimme vor der ganzen Versammlung. +Da sah Reineke ein, daß sein Spiel verloren war. Er ließ sich willig +binden, um den letzten Gang anzutreten. + +Voll Beifall hatten die Feinde des Fuchses das Urteil aufgenommen. +Seine Freunde aber, Grimbart, der Dachs, Martin, der Affe, und einige +von seinem Geschlechte standen betroffen und traurig da. Sie hatten es +nicht für möglich gehalten, daß ein so strenger Urteilsspruch gefällt +werden könnte. Denn Reineke war ein Freiherr, einer der ersten Barone +im Reich, und sollte nun ein so schmähliches Ende durch Henkershand +erdulden. Dieses Unglück konnten sie nicht ertragen. Darum nahmen sie +Abschied vom König und verließen den Hof. Das war nun dem König sehr +unangenehm, daß so viele tapfere Junker von ihm gingen, und er sprach +zu einem seiner Räte: »Es wäre doch gut, wenn ich mir die Geschichte +noch etwas überlegte. Reineke ist ja boshaft und treulos, aber in +seinem Geschlechte ist doch mancher brave Mann, den der Hof nur +schlecht entbehren kann.« + +Isegrim, Braun und Hinze gaben indessen auf Reineke wohl acht, daß er +ihnen nicht entschlüpfte. Sie hatten vom König den ehrenvollen Auftrag +bekommen, ihn zu hängen, und eilten nun, den Befehl zu vollstrecken. + +Sie führten ihn gebunden mit sich, und als sie den Galgen gewahr +wurden, sprach Hinze: »Herr Isegrim, erinnert Euch nur, wie Eure Brüder +durch Reinekes Verrat am Galgen enden mußten! Wie froh er darüber +war, und wie er selbst mitging, als sie gehangen wurden! Bezahlt es +ihm jetzt mit gleicher Münze! Und Ihr, Herr Braun, vergeßt nicht, wie +er Euch in Rüsteviels Hofe verriet, wie Männer und Weiber auf Euch +losschlugen und Ihr an Kopf und Tatzen verwundet waret! Seht wohl zu, +daß er nicht entwische, denn seine List ist groß. Käme er uns diesmal +aus den Händen, so könnten wir uns nimmermehr an ihm rächen. Drum laßt +uns eilen und sehr auf der Hut sein!« Isegrim versetzte darauf: »Was +braucht es vieler Worte? Hätten wir nur ein Seil, so wollten wir ihm +die Pein schon verkürzen.« + +Reineke hatte alles mitangehört, aber geschwiegen. Jetzt begann er zu +sprechen: »Da ihr euch alle rächen wollt, so wundert's mich, daß ihr +nicht kurzen Prozeß macht. Hinze kennt ja ein starkes Seil. Er hatte es +ja auf der Mäusejagd in des Pfaffen Scheune um den Hals. Es brachte ihm +freilich wenig Ehre! Und ihr, Braun und Isegrim, ihr eilet auch gar zu +sehr, euren Oheim und Vetter ums Leben zu bringen, und ihr meint, es +müsse euch jetzt sicher gelingen.« + +Der König, die Königin und der ganze Hof waren inzwischen erschienen, +um das Todesurteil vollstrecken zu sehen. Ihnen folgte eine große +Menge, Hohe und Niedere, Reiche und Arme. Sie alle wollten dem +Schauspiel beiwohnen. + +Isegrim befahl seinen nahen Verwandten, ja recht acht zu geben, daß +Reineke nicht entwische. Zu seiner Frau sprach er: »So lieb dir dein +Leben ist, hilf mir den Fuchs festhalten! Denn käme er diesmal wieder +davon, so würde es uns übel ergehen!« Zu Braun sprach er: »Bedenket, +was er Euch für Schaden zugefügt hat, das soll er jetzt reichlich +bezahlen! Hinze soll den Strick oben am Ast befestigen, er ist leichter +zu Fuß und behender als wir. Ich werde die Leiter zurechtstellen. +Haltet Ihr nur einen Augenblick noch fest, dann ist's geschehen!« Braun +erwiderte: »Setzt nur die Leiter recht fest an, ich will ihn schon +halten, ich bin stark genug.« + +Reineke sprach: »Isegrim und Braun, ihr seid ja sehr geschäftig, euren +Oheim hängen zu sehen! Ihr, die ihr euch seiner erbarmen und ihn +beschützen müßtet! Gern flehte ich um Gnade! Doch sehe ich wohl, daß +mein Tod beschlossen ist, und ich wollte, es wäre schon vorbei! Mein +Vater starb auch in großen Ängsten, aber als es ans Sterben ging, da +war es in kurzem getan. Beeilt euch also, und verschont mich nicht +länger!« + +Während er nun die Leiter hinaufstieg, dachte Reineke in seiner großen +Angst: »Wenn mir nur ein Gedanke käme, wie ich mein Leben retten +könnte und die Schande dagegen auf meine drei Henker fiele! Gelänge es +mir nur, zum König zu sprechen, so könnte ich vielleicht seinen Sinn +wenden, und er schenkt mir das Leben.« + +Darauf erhob er laut seine Stimme, um durch den Lärm und das +Stimmengewirr durchzudringen, und sprach: »Ich sehe nunmehr den Tod vor +Augen, dem ich nicht entgehen kann. Ehe ich aber sterbe, möchte ich vor +allen hier Versammelten meine Beichte ablegen. Ich will der Wahrheit +gemäß alle Sünden bekennen, die ich begangen habe, damit ich mit +leichterer Seele in den Tod gehen kann!« + +Durch diese Worte wurden viele Zuhörer gerührt. Sie baten den König, +Reinekes Beichte entgegenzunehmen, und als der König seine Einwilligung +gegeben hatte, begann der Fuchs: + +»Nun helfe mir der heilige Geist! Denn ich sehe hier niemanden, dem +ich nicht Böses zugefügt hätte. Leider begann ich mein schlimmes Leben +schon in frühester Kindheit. Das Blöken der Schafe und Ziegen lockte +mich, ihnen zu folgen. Eines Tages biß ich ein Lämmchen tot. Sein Blut +schmeckte mir so gut, daß ich bald darauf vier junge Ziegen tötete. +Dann ward ich immer dreister und gieriger und schonte weder Hühner +noch Vögel, weder Enten noch Gänse. Ja, ich tötete mehr, als ich essen +konnte, und verscharrte sie im Sand. + +Später verlebte ich einen Winter am Rhein und traf dort mit Isegrim +zusammen. Er rechnete mir vor, daß wir nahe verwandt wären, ja daß er +sogar mein richtiger Oheim sei. Darauf wurden wir gute Kameraden und +gelobten einander Treue. O, wie schmählich hat er den Eid gebrochen! +Wir gingen zusammen auf die Wanderschaft, um zu rauben. Die Beute +sollte redlich geteilt werden. Aber wie schlecht kam ich dabei fort! +Er teilte selbst, und wie es ihm gefiel; niemals bekam ich die Hälfte. +Hatte er ein Schaf oder eine Ziege erlegt, so stellte er sich davor und +zeigte mir die Zähne, wenn ich herankam. Hatten wir einmal einen Ochsen +oder eine Kuh gefangen, so rief er sein Weib und seine sieben Kinder +dazu, und ich hatte das Nachsehen. Ja, bekam ich einmal eine kleine +Rippe, so hatten sie das Fleisch davon schon abgenagt. Doch gottlob! +Ich litt keine Not. Denn ich hatte ja den großen Schatz an Silber und +Gold, daß sieben Wagen ihn nicht fortfahren könnten.« + +Da unterbrach ihn der König: »Was sagst du von einem Schatz? Hast du +ihn noch? Und woher hast du ihn bekommen?« + +Reineke antwortete: »Was hülfe es mir, wenn ich es verschwiege? Mir +kann er ja zu nichts mehr nützen! So will ich das Geheimnis vor meinem +Tode offenbaren: der Schatz war gestohlen. Er war dazu bestimmt, +Verräter zu bezahlen, die Eure Majestät ermorden sollten. Meinem Vater +brachte der Diebstahl den Tod, Euch aber rettete er das Leben.« + +Die Königin fiel fast in Ohnmacht, als sie von dem geplanten Morde +hörte. Schreckensbleich sprach sie zu Reineke: »Bedenket es wohl, +Reineke! Ihr geht jetzt in den Tod! Sprecht nur die lautere Wahrheit! +Sagt uns jetzt alles, was Ihr von der Verschwörung wißt!« + +Der König aber sprach mit gebietender Stimme: »Jedermann schweige jetzt +und trete beiseite! Du aber, Reineke, steige herab, daß ich genau +vernehme, was du mir zu sagen hast!« + +Braun, Isegrim, Hinze und alle übrigen Tiere hörten diesen Befehl +mit größtem Verdruß, aber es half nichts, sie mußten den Fuchs von +der Leiter herabsteigen lassen. Seelensfroh folgte Reineke der +Aufforderung. Er dachte bei sich: »Welch ein Glück wäre es für mich, +wenn es mir gelänge, die Gnade des Königs und der Königin zu gewinnen +und meine Feinde ins Verderben zu stürzen! Was werde ich alles +zusammenlügen müssen!« + + + + + 6. Kapitel. + + Die Geschichte von der Verschwörung. + + +Als Reineke vor dem Königspaar stand, ermahnte ihn die Königin +nochmals, nur die lautere Wahrheit zu sagen. + +Reineke erwiderte: »Das will ich tun. Ich muß ja sterben und will mit +reinem Gewissen ins ewige Leben hinübergehen! Deshalb darf ich auch +meine nächsten Verwandten nicht verschonen, ja selbst meinen Vater muß +ich anklagen, so schwer es mir auch wird.« + +Da ermahnte ihn der König noch einmal: »Reineke, sagst du auch die +volle Wahrheit?« + +»O edler Herr,« versetzte Reineke. »So sündig ich auch sonst bin, heute +werde ich nur die Wahrheit sagen. Wie könnte ich lügen, da mir der Tod +vor Augen steht? Wenn es Euch recht ist, Majestät, so will ich jetzt +alles bekennen, was ich von der Verschwörung weiß, und Euch die Namen +der Verräter nennen.« + +Nun höre man die Lügen, die Reineke ersann, um sich zu retten und seine +Feinde zu verderben! Seinen eigenen Vater beschimpfte er im Grabe. Und +seinen treuen Freund, den Dachs, der ihm doch in allen Nöten beistand, +schwärzte er an. Er hielt dies für notwendig, um seine Erzählung +glaubhafter zu machen. + +»Mein Vater,« so sprach er, »hatte das Glück, König Emmerichs Schatz +zu finden. Durch den Besitz dieser unermeßlichen Reichtümer wurde er +stolz und hochmütig. Er schätzte seine früheren Kameraden nicht mehr, +sondern suchte sich Freunde unter den Angesehenen und Hochstehenden +des Reiches. Zuerst wollte er sich den Bären verpflichten. Er sandte +Hinze, den Kater, zu Braun in das wilde Ardennerland und forderte ihn +auf, nach Flandern zu kommen, um König an Eurer Statt zu werden. Braun +gefiel der Vorschlag; er reiste sogleich nach Flandern und wurde von +meinem Vater wohl aufgenommen. Er sandte nun nach Isegrim und Grimbart, +dem Weisen, und diese vier, mit Hinze als fünftem im Bunde, berieten +den ganzen Plan. Zwischen der Stadt Gent und dem Dörfchen Ifte kamen +die Verräter zusammen, und hier war es, wo in finsterer Nacht Euer Tod, +o Majestät, beschlossen wurde. Sie schwuren einander Treue und gelobten +einstimmig, daß sie Braun zum König machen, ihn auf den Thron zu Aachen +führen und ihm die goldene Krone aufs Haupt setzen wollten. Würde sich +jemand von des Königs Anverwandten oder Freunden zu widersetzen wagen, +so sollte er mittels Gold bestochen oder aus dem Reiche vertrieben +werden. + +Dies alles bekam ich folgendermaßen zu wissen: Als Grimbart eines Tages +in trunkenem Zustand war, erzählte er seiner Frau von dem Anschlage, +gebot ihr aber, das tiefste Schweigen darüber zu bewahren. Sie schwieg +auch so lange, bis sie es meinem Weibe sagte. Diese schwur ihr, bei +allem, was ihr heilig sei, das Geheimnis treu zu hüten. Aber sie +hielt nicht Wort; sobald sie zu mir kam, sagte sie mir alles, was sie +vernommen hatte. Ich erschrak bis ins Innerste meiner Seele. Mir fiel +die Geschichte von den Fröschen ein, die, ihrer Freiheit überdrüssig, +Gott anriefen, ihnen einen König zu geben. Gott erhörte sie und sandte +ihnen den Storch, der sie nach Belieben verfolgt und tötet. Da sahen +sie ihre Torheit ein. Aber zu spät! Ihr Klagen half ihnen nichts: sie +haben für immer die Tyrannei des Storchs zu ertragen. So, glaubte ich, +würde es auch uns ergehen, wenn wir Braun zum Könige bekämen. Ich kenne +seine Bosheit und Tücke. Ich weiß aber auch, wie edel und gütig unser +jetziger, angestammter König ist. Das wäre ein schlimmer Tausch, dachte +ich mir, an Eurer Majestät Stelle den plumpen Taugenichts zu setzen! +Ich überlegte nun hin und her, wie dieser Plan zu zerstören sei. +Behielt mein Vater seinen Schatz, so konnte er viele Tiere für seine +Zwecke gewinnen. Ich mußte also vor allem darauf ausgehen, den Schatz +zu rauben. Aber wo steckte er? Um das zu erfahren, schlich ich meinem +Vater nach, wo er auch war, in Wald und Feld, bei Hitze oder Kälte, bei +Tag und Nacht. + +Einstmals lag ich im Walde und zerbrach mir den Kopf, wie ich den +Schatz entdecken könnte. Da sah ich plötzlich aus einer Felsenspalte +meinen Vater herauskriechen. Ich verhielt mich ganz still, daß er meine +Nähe nicht ahnte. Er sah sich nach allen Seiten vorsichtig um, als +er aber niemanden gewahr ward, scharrte er das Loch mit Sand zu und +machte es dem anderen Boden gleich. Er verwühlte mit dem Maule seine +Fußstapfen und strich mit dem Wedel darüber hin. Diese Listen lernte +ich von meinem schlauen Vater. Als ich diese großen Vorsichtsmaßregeln +sah, kam mir sofort der Gedanke, daß hier der Schatz verborgen sein +müsse. Kaum hatte sich mein Vater wegbegeben, da machte ich mich an die +Arbeit, die Erde wegzuschaffen. Dann kroch ich in die Spalte und stieg +in die Tiefe hinab. Da sah ich, was wohl noch selten jemand gesehen +hat, Gold und Silber und kostbare Geräte, Edelsteine und Perlen in +Hülle und Fülle! Nun trug und schleppte ich mit meinem Weibe Tag und +Nacht und ruhte nicht eher, bis der ganze Schatz an eine andere Stelle +gebracht war. + +Indessen war mein Vater täglich mit den Verrätern zusammen. Braun und +Isegrim schrieben Briefe in alle Weltgegenden, um für ihre Zwecke +Söldner zu werben. Braun wollte alle in seinen Dienst nehmen und ihnen +einen reichlichen Sold auszahlen. Mein Vater lief also mit diesen +Briefen durch alle Länder zwischen der Elbe und dem Rhein und gewann +viele Söldner durch reiche Versprechungen. Er hatte mancherlei Gefahren +auf seiner Reise zu bestehen. Die Jäger stellten ihm nach, die Hunde +hetzten ihn, daß er mit knapper Not entkam. Endlich im Sommer kehrte +er heim und zeigte den Mitverschworenen voll Stolz die Liste der +Angeworbenen. + +Zwölfhundert Wölfe von Isegrims Sippschaft mit scharfen Gebissen und +breiten Mäulern standen zum Kampfe bereit. Alle Bären und Kater waren +auf Brauns Seite. Auch alle Vielfraße und Dachse aus Thüringen und dem +Sachsenlande hatten zu kommen versprochen. Die einzige Bedingung war, +daß man ihnen den Sold auf drei Wochen im voraus zahlen sollte, dann +würden sie beim ersten Aufgebot dem Bären mit ganzer Macht zu Hilfe +ziehen. Das Geld hatte mein Vater leicht versprechen können; vertraute +er doch auf seinen unerschöpflichen Schatz! + +Er machte sich nun auch eiligst auf, um Gold und Silber +herbeizuschaffen. Aber wie groß war seine Bestürzung, als er von seinen +Schätzen keine Spur fand! Er suchte und scharrte -- alles vergeblich, +der Schatz war und blieb verschwunden. In seiner Verzweiflung und +Scham, seine Versprechungen nicht halten zu können, erhängte er sich. +Damit schlug auch Brauns Verrat fehl. + +Der Tod meines Vaters betrübte mich tief; aber das Bewußtsein, durch +meine List meinen König gerettet zu haben, richtete mich wieder auf. +Jetzt wird mir freilich übler Lohn für meine Treue. Die Verräter stehen +hoch in Ansehen, und der arme Reineke geht in den Tod. Mich tröstet nur +der Gedanke, bis zum letzten Augenblick treu meine Pflicht getan zu +haben.« + +So schloß Reineke seine Rede, verneigte sich tief und trat zurück. + +Im Herzen des Königs und der Königin war die Begier nach dem Besitze +des Goldes erwacht. Sie nahmen daher Reineke beiseite und fragten ihn, +wo er den großen Schatz aufbewahrt habe. + +Er antwortete: »Was hülfe mir das? Soll ich mein Vermögen dem König +anzeigen, der mich hängen läßt? Ja, der den Dieben und Mördern glaubt, +die mich mit ihren Lügen fälschlich beschweren und mich verräterisch +ums Leben bringen wollen?« + +»Nein, Reineke,« rief die Königin unüberlegt. »Der König wird Euch +leben lassen und Euch in Gnaden verzeihen. Aber sagt uns jetzt, wo der +Schatz liegt.« + +Vorsichtig erwiderte Reineke: »Meine gnädige Frau, wenn der König mir +vor Euch geloben will, mir meine Verbrechen und Sünden zu verzeihen und +mir seine Huld aufs neue zu schenken, so will ich ihn zum reichsten +Fürsten der Welt machen.« + +»Frau,« wandte sich der König an seine Gemahlin, »glaubet ihm nicht! +Lügen, stehlen und rauben, das mögt Ihr ihm glauben! Er ist einer der +ärgsten Lügner auf dem Erdboden.« + +Leise erwiderte die Königin: »Nein, mein Herr, jetzt hat Reineke nicht +gelogen. Hat er doch seinen liebsten Freund und Verwandten, den Dachs, +mit angezeigt! Ja, sogar seinen eigenen Vater hat er nicht verschont! +Es wäre ihm doch leicht gewesen, alle Anklagen und Beschuldigungen +seinen Feinden aufzuladen. Darum könnt Ihr seinen Worten glauben.« + +Nach einigem Nachdenken sagte der König leise zur Königin: »Wohlan +denn! Wenn das Eure Meinung ist, so soll geschehen, was Ihr wünscht!« +Und zum Fuchs gewendet, fügte er laut hinzu: »So will ich Euch denn +noch einmal verzeihen; aber ich schwöre es bei meiner Krone! es ist das +letzte Mal. Bei der nächsten Sünde, die Ihr begeht, seid Ihr und die +Euren dem Tode verfallen!« + +Als Reineke den König so umgewandelt sah, faßte er neuen Mut und +beteuerte: »Herr, wäre es nicht töricht von mir, jetzt zu lügen, da die +Unwahrheit doch in kurzer Zeit zutage kommen müßte?« + +Das leuchtete dem König ein. »Gut,« sagte er, »da Ihr also die volle +Wahrheit gesprochen habt, so will ich Euch verzeihen und Euch meine +Gnade wieder zuwenden.« + +Wer war froher als der Fuchs? Dem sicheren Tode war er entgangen durch +seine eigene List; nun galt es, noch weiter Lügen zu ersinnen und das +Vertrauen des Königs wiederzugewinnen. + +»Hoher König, edler Herr!« begann er. »Möge Gott Euch für all die +Gnade belohnen, die Ihr mir erweist! Ich will Euch mein Leben lang +dafür dankbar sein und Euch in Treue dienen! In allen Ländern der Welt +ist niemand, dem ich den Schatz so gönne wie Euch und meiner gnädigen +Königin. Ihr sollt reicher werden als alle Fürsten unter der Sonne. +Vernehmt denn, wo der Schatz verborgen liegt! Gegen Osten von Flandern +liegt eine große Wüste; in dieser ist ein Gebüsch, Hüsterloh genannt. +Nicht weit davon ist ein Bronnen, Krekelborn mit Namen. Niemals hat +eines Menschen Fuß diese Wildnis betreten, nur die Eule und der Schuhu +hausen dort. Da liegt nun der Schatz versteckt. Krekelborn wird der +Ort genannt, merkt Euch wohl den Namen! Denn Ihr, Majestät, und die +Königin müßt selbst dorthin, Ihr könnt keinen Boten mit der wichtigen +Sache betrauen. Es wäre Euer Schade, wenn etwas von den Kostbarkeiten +verloren ginge. + +Also Ihr, mein Herr, müßt selbst nach dem Orte gehen. Wenn Ihr an +Krekelborn vorbei seid, werdet Ihr zwei junge Birken sehen. Sie stehen +dicht an einer Pfütze. Unter diesen Birken liegt der Schatz vergraben. +Dort müßt Ihr scharren und graben, dann findet Ihr versteckt im Moos +manch köstliches Geschmeide, Gold, Silber und herrliche Edelsteine. +Auch die Krone, die König Emmerich einst getragen, werdet Ihr dort +sehen. Sie sollte des Bären Haupt schmücken, hätte meine List es nicht +verhindert. Wenn alle diese Reichtümer vor Euch ausgebreitet liegen, +werdet Ihr gewiß meiner gedenken und sprechen: ›O du braver Fuchs, +treuer, redlicher Freund! Für deinen König hast du so viel Mühe und +Arbeit gehabt und hast ihm durch deine Klugheit diese Schätze, ja sogar +seine Krone erhalten! Möge es dir allezeit so gut ergehen, wie du es +verdient hast!‹« + +Der König hatte aufmerksam zugehört. Die Geschichte kam ihm aber doch +etwas merkwürdig vor, und er sagte zu Reineke: »Höre, Reineke, du mußt +dich mit mir auf den Weg machen; es wäre doch möglich, daß ich allein +die Stelle nicht fände. Von Aachen habe ich wohl schon reden hören, wie +auch von Lüttich, Köln und Paris. Nie aber erzählte mir jemand etwas +von Hüsterloh und Krekelborn. Reineke, Reineke! Ich fürchte fast, du +erdichtest diese Namen und lügst uns etwas vor!« + +Ungern hörte Reineke diese Worte. Er wußte sich aber zu helfen. +»Herr,« sprach er, »Euer Mißtrauen kränkt mich. Ich könnte es mir +noch erklären, wenn ich Euch in ferne Lande, vielleicht an den Jordan +schickte. Aber der Ort liegt ja nahe bei, in Flandern, und etliche von +den Anwesenden werden ihn kennen. Sie sollen Euch sagen, daß Krekelborn +bei Hüsterloh liegt und daß ich die Wahrheit geredet habe.« + +Darauf rief der Fuchs den Hasen, der heftig erschrak und zu zittern +anfing. + +»Lampe,« sprach der Fuchs, »fürchtet Euch nicht! Es soll Euch nichts +geschehen. Der König wünscht Euch zu sprechen. Ihr sollt ihm bei Eurem +Eide der Wahrheit gemäß sagen, ob Ihr die Orte Hüsterloh und Krekelborn +kennt.« Da atmete der Hase erleichtert auf und sagte: »Gnädigster +König, gern will ich die Frage beantworten, da ich die Orte genau +kenne. Hüsterloh liegt bei Krekelborn in der Wüste. Es ist ein dichtes +Gebüsch, in dem ich bisweilen Zuflucht suchte, wenn ich von Jägern und +Hunden verfolgt wurde. Ich habe da manchmal Frost und Hunger gelitten.« + +Reineke sagte: »Tretet zurück, Lampe, Ihr habt unserem königlichen +Herrn genug gesagt.« + +Zu Reineke gewandt, sagte der König: »Ich sehe, daß Ihr wahr gesprochen +habt, und bedaure die harten Worte, die ich dir in der Übereilung +sagte. Führe mich nun eiligst zu dem Schatze!« + +Das kam dem Fuchse nun gar nicht gelegen. Wie konnte er den König zu +einem Schatze führen, der gar nicht vorhanden war! Er wußte sich aber +zu helfen. + +»Majestät,« sagte er, »welche Ehre wäre es für mich, und wie von +Herzen gern würde ich Euch nach Flandern begleiten. Aber leider ist +es mir nicht möglich. Ihr würdet Euch versündigen, wenn Ihr mich +dazu nötigtet. Nur beschämt gestehe ich, was mich daran verhindert. +Isegrim ließ sich vor einiger Zeit das Haupt scheren und trat in ein +Kloster ein. Freilich, er tat es nicht aus Frömmigkeit, sondern um +bequem zu leben und gut zu essen. Aber wenn man ihm auch für sechs zu +essen gab, so wurde er doch niemals satt. Er klagte und jammerte und +wurde krank und elend. Da hatte ich Mitleid mit ihm, als meinem nahen +Verwandten, und verhalf ihm zur Flucht aus dem Kloster. Dafür traf mich +der Bannstrahl des Papstes. Meine nächste Sorge ist nun, mich davon +zu befreien, und deshalb will ich morgen mit Sonnenaufgang nach Rom +ziehen, um Ablaß zu erbitten! Ist mir der zuteil geworden, dann will +ich weiter übers Meer ziehen, bis ich, von allen Sünden gereinigt, +zurückkehren kann. Dann erst bin ich würdig, neben Euch zu gehen. +Reiste ich aber jetzt mit Euch, so würde jeder sagen: ›Seht, unser Herr +geht mit Reineke, den er eben hängen lassen wollte, und der noch dazu +im Bann ist!‹ Gestehet, gnädiger Herr, daß ich recht habe, und erteilt +mir Urlaub!« + +»Es ist wahr,« sprach der König, »neben einem vom Banne Getroffenen +kann ich nicht gehen. Lampe mag mich nach Hüsterloh führen. Du aber, +Reineke, tritt deine Wallfahrt an, es wäre unrecht von mir, dich auch +nur einen Tag davon zurückzuhalten. Es freut mich, daß du dich so +eifrig zu bekehren strebst und dich in Zukunft vom Bösen zum Guten +wenden willst. Gott lasse dich die Reise glücklich enden!« + +Darauf trat der König auf eine kleine Erhöhung, so daß er von allen +gesehen wurde, und sprach: + +»Schweiget und höret meine Worte, ihr alle, die ihr hier versammelt +seid! Große und Kleine, Reiche und Arme! Hier steht Reineke, der zum +Tode verurteilt war, den ich aber begnadige. Er hat dem Königreich +durch Mitteilung wichtiger Geheimnisse einen großen Dienst erwiesen. +Ich schenke ihm deshalb Gut und Leben und wende ihm meine ganze Huld +von neuem zu. Auch meine Gemahlin, die Königin, hat Fürsprache für ihn +eingelegt. Euch allen gebiete ich bei Todesstrafe, daß ihr Reineke, +seinem Weibe und seinen Kindern alle Ehren bezeigt, wo sie euch auch +begegnen, es sei bei Tag oder bei Nacht. Ich will von jetzt an über +Reineke keine Klage mehr hören. Hat er früher Übles getan, so wird er +sich künftig bessern. Ich erteile ihm einen längeren Urlaub. Morgen +früh will er Stab und Ranzen nehmen und zum Papst nach Rom wallfahrten, +um Ablaß zu erbitten. Von da will er übers Meer ziehen und nicht eher +zurückkehren, bis er von allen seinen Sünden gereinigt ist.« + + + + + 7. Kapitel. + + Reineke tritt seine Pilgerfahrt an. Lampe und Bellyn in Malepartus. + + +Mit Schrecken vernahmen Reinekes Feinde seine Begnadigung. Zornig +sprach Hinze zu Isegrim und Braun: »Nun ist alle unsere Mühe und Arbeit +verloren! Ich wollte, ich wäre am Ende der Welt! Ist der Fuchs wieder +in des Königs Gunst, so wird er alle seine Künste brauchen, um uns ins +Unglück zu bringen. Ein Auge hat er mir schon geblendet, nun steht auch +das zweite in Gefahr.« + +Braun erwiderte: »Nun ist freilich guter Rat teuer!« Und Isegrim rief: +»Wahrlich, es ist eine schlimme Sache! Aber laßt uns noch das Äußerste +wagen und mit dem König sprechen!« + +Alles Abraten des Katers, diesen gewagten Schritt zu unterlassen, +nutzte nichts. Entschlossen traten Braun und Isegrim vor das Königspaar +und wollten ihre Klagen gegen Reineke von neuem anfangen. + +Aber der König unterbrach sie zornig: »Habt ihr meine Worte nicht +vernommen? Ich will keine Klagen über Reineke mehr zu hören bekommen! +Er ist von mir wieder in Gnaden aufgenommen worden. Euer Ungehorsam +soll gestraft werden!« + +Darauf ließ er beide binden und ins Gefängnis werfen. + +Der König bestrafte die beiden so streng, weil er an die Verschwörung +dachte, die sie angeblich gegen ihn geplant hatten. So kamen Reinekes +Feinde ins Unglück, er selbst aber war frei und stand hoch in des +Königs Gunst. Da er für seine Reise ein Ränzlein brauchte, so schnitt +man von dem Rücken des Bären ein Stück Fell heraus, einen Fuß lang und +einen Fuß breit und fertigte daraus einen Ranzen an. Nun fehlten noch +die Schuhe für den frommen Pilger. Da mußte Isegrim das Fell von den +Vorderfüßen hergeben; da man vier Schuhe brauchte, so zog man Frau +Gieremund, Isegrims Weib, das Fell von den Hinterfüßen ab. + +Nun trat Reineke vor den König und die Königin, verneigte sich tief und +sprach: »Nun habe ich Ränzel und Schuhwerk für die Reise und kann mich +getrost auf die Wanderschaft begeben. Ich danke Euch untertänigst für +alle Eure Güte und werde in meinen Gebeten stets Eurer gedenken!« + +Braun, Isegrim und seine Frau hatten indes große Schmerzen zu erdulden. +Stöhnend und ächzend lagen sie auf ihrer Spreu im Gefängnis, denn auch +Frau Gieremund hatte man mit eingesperrt. + +Ehe Reineke seine Pilgerfahrt antrat, ging er in den Kerker zu seinen +Feinden, um sie zu verhöhnen und zu verspotten, und sagte: + +»Schönsten Dank, Oheim Braun, für das Ränzlein, das ich gut gebrauchen +kann für meine Wanderschaft. Und auch euch, teurer Vetter Isegrim und +liebes Mühmchen, danke ich von Herzen für die schönen Schuhe! Sie +passen vortrefflich, und seht nur, wie hübsch sie mir stehen! Ihr habt +euch große Mühe gegeben, mich ins Verderben zu stürzen. Aber das Blatt +hat sich gewendet: ich bin frei, und ihr seid eingekerkert. Das ist +aber ganz gesund, da habt ihr wenigstens Ruhe, eure Wunden heilen zu +lassen. Nun, ich werde unterwegs eurer gedenken und euch von dem Ablaß +ein gut Teil abgeben.« + +Braun und Isegrim vernahmen schweigend die spöttischen Worte. Frau +Gieremund aber seufzte: »Möge der Himmel vergelten, was Ihr an uns +getan habt!« + +In der Frühe des nächsten Morgens trat Reineke vor den König und +sprach: + +»Majestät, Euer ergebener Knecht ist nunmehr bereit, die heilige +Wanderung anzutreten. Befehlt gütigst Eurem Priester, mir den Segen des +Himmels mit auf den Weg zu geben.« + +Da rief König Nobel Bellyn, den Widder, herbei, der damals Kaplan und +Schreiber am Hofe war, und befahl ihm, Reineke den Segen zu erteilen +und seinen Wanderstab zu weihen. + +Bellyn stand einen Augenblick ratlos da, dann sprach er schüchtern: +»Majestät, Ihr wißt, daß Reineke noch in des Papstes Bann ist, und +keinem Verbannten darf ich den Segen erteilen. Was würde der Bischof, +Herr Ohnegrund, und der Propst, Herr Losefund, sagen, wenn ich mich so +gegen die kirchlichen Bestimmungen verginge? Meines Amtes würde ich +gewiß sofort entsetzt.« + +Da wurde der König sehr zornig und bestand auf seinem Willen. + +»Was kümmert mich der Propst und der Bischof?« rief er aus. »Reineke +soll nach Rom und sich bekehren. Macht also nicht so viele unnütze +Worte, sondern sprecht den Segen über ihn.« + +Da sah Bellyn ein, daß er sich nicht länger widersetzen durfte, zog +sein Buch hervor und las die passenden Segenssprüche und weihte den +Wanderstab. Reineke achtete nicht viel darauf, sondern lachte im Innern +seines Herzens. Er tat aber sehr ergriffen, das Haupt tief gebeugt und +die Augen voll Tränen der Reue. Empfand er aber wirklich Reue, so war +es nur deshalb, weil es ihm nicht gelungen war, alle seine Feinde ins +Unglück zu bringen. + +Er nahm nun Abschied und bat alle, fleißig für ihn zu beten. Darauf +ergriff er Ränzel und Wanderstab und wollte eilig von dannen ziehen, da +er sich noch nicht so ganz sicher am Hofe fühlte. + +»Warum eilst du dich plötzlich so sehr, fortzukommen?« fragte der König. + +Da versetzte Reineke: »Es ist hohe Zeit. Wer etwas Gutes vollbringen +will, muß nicht säumen. Habt also die Gnade, mir Urlaub zu erteilen, +und laßt mich ziehen!« + +Da gewährte ihm der König den gewünschten Urlaub, nahm Abschied von +ihm und befahl allen Herren seines Hofes, den frommen Pilger ein Stück +Weges zu begleiten. + +So verließ Reineke den Hof des Königs, um den nächsten Weg nach Rom +einzuschlagen. Im Fortgehen rief er noch dem Herrscher zu: »Laßt +wohl achtgeben auf die beiden Verräter im Gefängnis, daß sie nicht +entweichen. Kämen sie los, so stände Euer Leben in Gefahr! Es sind ein +paar schlimme Bösewichte!« + +Mit frommer Miene, Gebete murmelnd, schritt der Heuchler an der Spitze +des Zuges dahin. Nachdem sie ein Stück gegangen waren, nahmen alle +Abschied von dem Fuchs und kehrten an den Hof zurück. Nur Lampe, den +Hasen, und Bellyn, den Widder, hielt Reineke zurück, indem er mit +Tränen der Rührung sagte: »Muß ich denn nun wirklich allen Lebewohl +sagen? Auf so lange Zeit soll ich mich von dir trennen, Freund Lampe? +Und auch du, teurer Bellyn, willst jetzt von mir scheiden? Ihr könntet +mich wohl noch ein Stück weiter begleiten. Denn euch liebe ich vor +allen. Ihr seid brave Leute von guten Sitten und redlichem Sinn. Jeder +lobt eure Frömmigkeit. Ihr seid genügsam und stillt euren Hunger mit +Laub und Gras, wie auch ich es tat, als ich Mönch war, und fragt weder +nach Fleisch und Brot noch nach anderen verbotenen Speisen.« + +O, wie ließen sich die beiden Einfältigen durch solches Lobreden +betören! Sie gingen immer weiter mit ihm und begleiteten den +Hinterlistigen schließlich bis zu seinem Schlosse Malepartus. + +Als sie das Schloß erreicht hatten, sprach Reineke zum Widder: »Neffe +Bellyn, wartet hier draußen auf mich und erlabt Euch indessen an den +saftigen Kräutern, die hier in Menge stehen. Ihr seid gewiß hungrig +von dem weiten Wege. Und Ihr, Freund Lampe,« wendete er sich an den +Hasen, »kommt mit mir hinein und helft mir mein armes Weib trösten. +Sie wird sich gewiß sehr grämen, wenn sie hört, daß ich eine so lange +Pilgerschaft antreten will.« So betrog Reineke diese beiden mit vielen +süßen Worten. + +Frau Ermelyn war inzwischen in großer Sorge gewesen, wie es wohl +Reineke vor Gericht ergehen würde. Als sie ihn nun vor sich sah, +war sie sehr erfreut und fragte ihn, wie es ihm ergangen wäre. Er +antwortete: »Ich war verurteilt, gehängt zu werden. Aber der König +hat mich begnadigt. Braun und Isegrim sind ins Gefängnis geworfen. +Ich muß nach Rom pilgern, um Buße zu tun. Zur Sühne gab mir der König +den Hasen, mit dem ich tun kann, was mir beliebt. Denn er ist es, der +mich verraten hat, wie mir der König sagte. Drum sage ich Euch, Frau +Ermelyn, er verdient eine große Strafe.« + +Als Lampe diese Worte vernahm, erschrak er furchtbar und wollte +fliehen. Reineke aber vertrat ihm den Weg und packte ihn am Halse. + +In Todesangst schrie er auf: »Bellyn, zu Hilfe, rettet mich! Ich bin +verloren! Der Pilger tötet mich!« Mehr konnte er nicht hervorbringen, +Reineke hatte ihm die Kehle durchgebissen. »Komm,« sprach er zu seiner +Frau, »nun wollen wir es uns fein schmecken lassen. Es ist ein guter, +fetter Hase. Nun ist doch der Geck zu etwas in der Welt nütze! Ich habe +es ihm lange nachgetragen; nun wird er niemals mehr über mich klagen.« + +Nun machten sich alle über den Hasen her, Reineke, seine Frau und die +Kinder, und ließen sich's prächtig schmecken. Einmal übers andere Mal +rief die Füchsin aus: »Dank sei dem König, daß er uns ein so herrliches +Mahl bereitet hat! Möge der Himmel es ihm lohnen!« Reineke sagte: »Eßt +nur, soviel euch beliebt! Es ist genug da! So sollen alle, die Reineke +verklagen, es zuletzt mit dem Leben büßen!« + +Als sie nun gesättigt waren, fragte Frau Ermelyn ihren Gatten: »Wie ist +es denn gekommen, daß der König Euch wieder begnadigt hat und sich uns +so gütig erweist?« + +Da lachte der Fuchs und sprach: »Wollte ich Euch das alles genau +erzählen, so brauchte ich viele Stunden dazu! Kurzum, ich habe den +König und seine verehrte Frau Gemahlin gewaltig beschwindelt. Freilich, +die neue Freundschaft zwischen uns ist nur zart und gebrechlich und +kann leicht in die Brüche gehen. Kommt er erst hinter die Wahrheit, +so wird er rasen und mich mit Gewalt ergreifen lassen. Weder Gold +noch Silber werden mich dann befreien können. Ich käme sicher nicht +ungehängt davon! Darum müssen wir entfliehen, weit fort von hier in +ein Land, wo uns niemand kennt. Am besten ist es, wir ziehen nach +Schwaben! Das ist ein herrliches Land! Da gibt es Hühner, Gänse, Hasen +und Kaninchen in Menge. Auch an Süßigkeiten fehlt es da nicht für +unsere Kleinen, wie Feigen, Datteln, Rosinen und andere wohlschmeckende +Früchte! O, wie armselig ist unser Land dagegen! In Schwaben gibt es +viele große und kleine Vögel und in den Gewässern köstliche Fische. +Ich lernte sie schätzen, als ich Klausner war und kein anderes Fleisch +essen durfte. Die Namen der vielen Fische habe ich vergessen; Ich weiß +nur, daß sie von größtem Wohlgeschmack waren. Man bäckt dortzulande +das Brot mit Butter und Eiern. Die Luft ist erfrischend, das Wasser +klar und gesund. Seht, liebe Frau! Dorthin wollen wir ziehen und da in +Frieden leben! + +Damit Ihr mich aber recht versteht, so wisset: Der König begnadigte +mich nur darum, weil ich ihm einen großen Schatz versprach. Ich sagte +ihm, bei Krekelborn liege der Schatz des Königs Emmerich vergraben. Nun +wird er dort Nachforschungen anstellen, aber soviel er auch gräbt, er +wird weder Gold noch Silber noch die Königskrone finden. Denn solch ein +Schatz ist ja gar nicht vorhanden! O, wie zornig wird er werden, wenn +er merkt, daß er betrogen ist! + +Was meint Ihr wohl, was ich für schöne Lügen ersann, ehe ich entkam? +Es war aber auch in der höchsten Not, denn schon stand ich auf der +Leiter und hatte den Strick um den Hals. In solcher Angst bin ich +noch nie gewesen! In Zukunft muß ich mich jedoch hüten, wieder in die +Gewalt des Königs zu geraten, denn es würde mir ein zweites Mal gewiß +nicht gelingen, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen! Darum laßt uns +rechtzeitig fliehen!« + +Traurig erwiderte Frau Ermelyn: »Sollen wir in ein fernes Land ziehen, +wo wir fremd und elend sein werden? Haben wir doch hier alles, was +wir brauchen! Warum wollt Ihr Abenteuer suchen und das Ungewisse fürs +Gewisse nehmen? Ein Spatz in der Hand gilt mehr als zehn Tauben auf dem +Dache! + +Wir können auch hier in Sicherheit leben! Unsere Burg ist stark und +gut gebaut. Und wenn uns selbst der König mit großer Heeresmacht +angreift, so sollte es ihm schwer werden, uns zu ergreifen. Ihr wißt ja +besser als ich, wie viele Seitentore unsere Festung hat, aus denen wir +entwischen können! Nur das betrübt mich, daß Ihr geschworen habt, fern +übers Meer zu fahren!« + +»Besser geschworen, als verloren!« sagte der Fuchs. »Ein gezwungener +Eid taugt nicht viel. Und kurz, der Eid kümmert mich keinen Deut. Ich +gehe nicht nach Rom, und hätte ich auch zehn Eide geschworen! Euer +Rat aber ist klug, wir wollen hier bleiben! Wer weiß, wie es uns in +Schwaben ergehen würde! Was der König gegen mich unternehmen wird, +muß ich abwarten. Er ist mir zwar an Macht überlegen, das schadet +aber nichts! Vielleicht kann ich ihn nochmals überlisten und ihm eine +Narrenkappe mit Schellen über die Ohren ziehen!« + +»Lampe, Lampe!« erklang da die Stimme von Bellyn. »Wollt Ihr denn ewig +da bleiben? Kommt doch heraus, wir müssen gehen.« + +Alle Kräuter hatte der Widder schon abgeweidet, und die Zeit wurde ihm +lang. + +Auf den Ruf trat Reineke hinaus und sprach: »Bellyn, Lampe läßt Euch +sagen, Ihr möchtet es nicht übelnehmen, daß er noch nicht kommt, und, +wenn es Euch zu lange dauert, immer vorangehen. Er sitzt noch sehr +vergnügt bei meiner Frau.« + +Da fragte Bellyn: »Was war denn das vorhin für ein Geschrei? Warum +rief Lampe so kläglich: ›Helft mir, Bellyn!‹? Was habt Ihr ihm zuleide +getan?« + +Reineke versetzte: »Hört nur, als ich meinem Weibe sagte, daß ich eine +weite Seereise antreten müßte, fiel sie in Ohnmacht. Da erschrak Lampe +und rief: ›Bellyn, helft mir, oder meine Muhme bleibt tot!‹« + +Der Widder sagte zweifelnd: »Er hat doch recht jämmerlich nach mir +gerufen!« + +Aber Reineke versetzte: »Ihr braucht Euch nicht um ihn zu ängstigen. +Lampen ist kein Haar gekrümmt worden! Ich wollte lieber selbst Schaden +erleiden, als daß Lampen ein Leid widerführe! Doch hört, Bellyn, der +König bat mich gestern, ihm noch ein paar Briefe zu schreiben. Wollt +Ihr sie ihm bringen, lieber Neffe? Sie sind schon geschrieben und ganz +fertig. Ich habe dem König darin manchen klugen Rat erteilt. Während +ich schrieb, plauderte Lampe mit meiner Frau; sie redeten von alten +Zeiten, aßen und tranken und waren seelensvergnügt!« + +Bellyn sprach: »Lieber Reineke, gern will ich die Briefe besorgen. Aber +wie soll ich sie gut verwahren, daß kein Siegel zerbricht?« + +»Da weiß ich Rat,« sprach Reineke. »Das Ränzel aus Brauns Fell ist +dicht und stark. Da hinein will ich die Briefe legen. Der König wird +Euch gewiß mit Ehren empfangen und Euch reichlich belohnen!« + +Das alles glaubte der einfältige Widder dem Falschen. + +Reineke ging ins Haus zurück, nahm den Ranzen und steckte Lampens Kopf +hinein, den er abgebissen hatte. Aber das durfte Bellyn nicht wissen. +Deshalb sagte Reineke zu ihm: »Seht, hier ist das Ränzlein; hängt +es Euch um den Hals! Doch hütet Euch, die Briefe zu lesen oder den +Ranzen auch nur zu öffnen! Ich habe den Knoten so verschlungen, wie es +zwischen dem König und mir ausgemacht ist. Hört mich also recht, und es +wird Euer eigener Vorteil sein. Sagt auch dem König, daß Ihr mir bei +den Briefen mit Rat und Tat beigestanden habt, so bekommt Ihr gewiß +großen Lohn und Dank dafür.« + +Bellyn sprang vor Freude hoch in die Luft und rief: »Reineke, lieber +Oheim, nun sehe ich, wie gut Ihr es mit mir meint! Was für Ehre werde +ich bei Hofe einlegen, wenn sie hören, daß ich bei den schönen Briefen +mitgeholfen habe! Ich danke Euch von Herzen! Wie gut war es, daß ich +Euch so weit begleitete! Aber sagt, soll Lampe jetzt gleich mit mir +gehen? Ich möchte doch so schnell wie möglich die Briefe dem König +überbringen!« + +»Geht nur voran!« antwortete der Fuchs. »Lampe soll bald nachfolgen, +ich habe nur noch etwas Wichtiges mit ihm zu besprechen.« + +»So seid Gott befohlen!« sagte Bellyn. »Ich mache mich auf den Weg.« +Und er eilte fröhlich von dannen. + + + + + 8. Kapitel. + + Die Sühne. Reineke wird abermals angeklagt. + + +Es war gegen Mittag, als Bellyn bei Hofe ankam und vor den König trat. +Dieser war sehr verwundert, als er Reinekes Ränzel sah, und fragte: +»Wo kommst du her, Bellyn? Und wo ist Reineke geblieben, da du seinen +Ranzen trägst?« + +Bellyn sprach: »Gnädiger Herr, Reineke bat mich, ich sollte Euch Briefe +bringen, an denen ich mit Rat und Tat geholfen habe. Sie sind hier im +Ranzen, öffnet ihn gütigst.« + +Da ließ der König den Biber kommen. Er hieß Bokert, war Schreiber und +Notar am Hofe und verstand vielerlei Sprachen. Auch Hinze, der Kater, +der klug und gelehrt war, mußte erscheinen. + +Als diese beiden den künstlichen Knoten gelöst hatten, zogen sie zu +ihrem Entsetzen Lampes Kopf aus dem Ranzen hervor. O, wie erschrak da +der König. Voll Zorn rief er: »O Reineke, schändlicher Verräter, hätte +ich dir nur nicht geglaubt. Wie furchtbar hast du mich betrogen!« Und +der König erhob ein so gewaltiges Gebrüll, daß alle Tiere herbeigeeilt +kamen, um zu sehen, was sich ereignet hätte. Der Leopard, des Königs +naher Verwandter, bat den König, sich zu beruhigen, und sprach ihm Mut +zu. Da sagte der König: »Wundert Euch nicht, daß ich so verzweifelt +bin! Habe ich mich doch selbst an meinen nächsten Freunden vergangen. +Auf den bösen Rat des arglistigen Schelmen habe ich Braun und Isegrim +ins Gefängnis geworfen. Das reuet meine Seele. Aber meine Frau trägt +mit die Schuld daran. Hätte ich nur nicht auf ihre Worte gehört, als +sie für den Betrüger bat! Aber nun ist es zu spät; ich habe ihn nicht +mehr in meiner Gewalt!« + +Der Leopard sprach: »Hört mich, Herr König! Grämt Euch nicht gar zu +sehr! Ist etwas übel getan, so kann man es doch wieder gut machen. +Braun, Isegrim und seine Frau müssen sofort in Freiheit gesetzt werden. +Als Sühne für das ungerecht ihnen zugefügte Leid soll man ihnen den +Bock Bellyn übergeben. Er bekannte ja selbst, daß er zu Lampes Tode +mit Rat und Tat geholfen habe. Dafür soll er seinen Lohn empfangen. +Dann wollen wir Reineke aufsuchen, ihn fangen und, ohne ihn zu Worte +kommen zu lassen, hängen. Denn kommt er zum Reden, schwatzt er sich +gewiß wieder los. Mit dieser Genugtuung werden auch Braun und Isegrim +zufrieden sein.« + +Dieser Rat gefiel dem König, und er sprach: »Ich will Euren Rat +befolgen. Geht und setzt die beiden Herren in Freiheit. Man soll sie +mit großen Ehren wieder in meinen Rat setzen. Darum bitte ich Euch: +ruft meinen ganzen Hof zusammen. Jeder soll erfahren, wie listig +Reineke entkommen ist, und wie er, im Verein mit Bellyn, den armen +Lampe getötet hat. Ein jeder soll auch Braun und Isegrim alle Ehre +erweisen. Zur Genugtuung gebe ich ihnen den verräterischen Bellyn und +sein ganzes Geschlecht.« + +Sogleich begab sich der Leopard ins Gefängnis, wo Braun und Isegrim +gebunden lagen. Unverzüglich wurden ihnen die Fesseln abgenommen, +und der Leopard sagte zu ihnen: »Ich bringe euch gute Botschaft, ihr +Herren! Der Betrug Reinekes kam an den Tag. Der König sieht ein, daß +man euch unverdient Übles zugefügt hat, und bereut es von Herzen. Um +euch dafür Genugtuung zu geben, überläßt er euch den Widder Bellyn +mit seinem ganzen Geschlechte für jetzt und für alle Zeiten. Er gibt +euch das Recht, sie anzugreifen, wo ihr sie auch trefft, im Wald und +im Feld, bei Tag und bei Nacht. Außerdem gibt mein gnädiger Herr +Reineke, der euch verraten hat, in eure Gewalt. Ihr mögt ihn mit aller +Macht verfolgen, sowohl ihn selbst, wie auch sein Weib und alle seine +Angehörigen. Dies alles soll ich euch im Namen des Königs verkündigen. +Ihr sollt dann aber auch das Vergangene vergessen und ihm von neuem +Treue schwören. Es wird euch nie mehr eine Ungerechtigkeit durch den +König widerfahren!« + +So ward die Aussöhnung durch den Leoparden bewirkt. Noch an demselben +Tage mußte Bellyn seinen Hals hergeben. Und von der Zeit an sind Bären +und Wölfe die schlimmsten Feinde der Schafe und überfallen und töten +sie, wo sie nur können. + +Der König aber ließ den Hof zwölf Tage länger beisammen bleiben und +gab große Feste zu Ehren von Braun und Isegrim. Großer Jubel herrschte +im ganzen Reiche, denn überall hin sandte der König seine Boten, +um alle seine Untertanen ins Schloß einzuladen. Von allen Seiten +strömten die Gäste herbei, um an der Freude teilzunehmen. Weithin +erschollen Trompeten und Schalmeien, Pauken und Flöten. Große Turniere +wurden veranstaltet, zierliche Tänze aufgeführt, und lustige Lieder +erklangen. Der König hatte alles im Überfluß anschaffen lassen. An +wohlschmeckenden Speisen gab es, was jedes Herz begehrte, und der Wein +floß in Strömen. + +Als nun acht Tage in solchem Taumel vergangen waren und der König mit +den Großen des Reiches gerade an der Tafel saß, um zu speisen, trat ein +Kaninchen in den Festsaal hinein, das aus einer tiefen Wunde am Halse +blutete. Es trat dicht vor den König und die Königin hin und sprach +mit trauriger Gebärde: »Mein Herr König und alle, die ihr hier zugegen +seid! Hört meine Klage und erbarmt euch meiner! Gestern früh machte +ich mich auf den Weg zum Königsschloß, um der Einladung Eurer Majestät +zu den Festen zu folgen. Ich mußte an der Festung Malepartus vorüber. + +Da saß Reineke vor seiner Tür, wie ein Pilger gekleidet, und schien +eifrig im Gebetbuch zu lesen. Ich wollte ruhig weitergehen. Allein +sowie er mich bemerkte, kam er mir entgegen, als wollte er mich +freundlich begrüßen. Aber plötzlich sprang er auf mich zu und packte +mich im Genick, daß ich glaubte, es wäre mein Ende. Er warf mich auf +den Boden nieder und wollte mich verspeisen. Doch Gott sei Dank! Als +sich einen Augenblick sein fester Griff lockerte, gelang es mir, +seinen Klauen zu entschlüpfen. Freilich hatte ich bei dem Kampf ein +Ohr eingebüßt und vier große Löcher im Kopf davongetragen. Ein Wunder +ist's, daß ich dem Tode entrann! Er war sehr ergrimmt und fluchte noch +lange hinter mir her. Seht, gnädiger Herr, so bricht der Fuchs den von +Euch angeordneten heiligen Frieden! Wer darf künftighin noch wagen, +über Land zu gehen, wenn Reineke die Straßen so unsicher macht?« + +Kaum hatte das Kaninchen seine Klage beendet, da kam Merkenau, die +Krähe, herbeigeflogen und jammerte: »Hochwürdiger König, gnädiger +Herr! Ich bringe Euch eine traurige Nachricht! Vor Aufregung kann +ich kaum sprechen; das Herz zerspringt mir fast, so Schreckliches +ist mir passiert! Heute morgen flog ich mit Scharfenibbe, meinem +treuen Weibe, übers Feld. Da sah ich Reineke, den Fuchs, tot auf der +Erde liegen. Er hatte alle Viere von sich gestreckt, das Maul stand +weit offen, die Zunge hing lang zum Halse heraus, beide Augen waren +verdreht. Vor Schreck fing ich an zu schreien, aber er rührte sich +nicht, er war mausetot. Das betrübte mich sehr, und mein Weib fing +an zu weinen, so sehr jammerte sie sein Tod. Wir traten näher an ihn +heran und betasteten seinen Leib. Dann horchte meine Frau, ob noch ein +Atemzug zu bemerken sei. Aber es war nichts zu spüren; wir hätten +beide geschworen, er wäre tot! O, der Schändliche, wie betrog er uns! +Als meine Frau recht nahe an seinem Haupte stand und nach seinem Atem +horchte, packte er sie plötzlich am Hals und biß ihr den Kopf ab. +Darauf sprang er auf mich los und hätte mich auch fast erschnappt, +aber ich entkam noch mit knapper Not und rettete mich auf einen Baum, +der dicht dabei stand. Von hier aus mußte ich nun mitansehen, wie der +Bösewicht mein liebes Weib auffraß. Er war so gierig, daß er auch +nicht ein Knöchelchen zurückließ. Als er fort war, flog ich herab und +sammelte die blutigen Federn, um sie als teures Andenken aufzubewahren. +Ich habe sie mitgebracht, um sie Eurer Majestät zu zeigen als Beweis +des furchtbaren Mordes. Gnädiger Herr, rächet die grausige Tat! Laßt es +den Verräter mit seinem Leben büßen! Denn wenn Ihr diese Sache gering +achtet und Reineke ungestraft laßt, so wird es Eurem Namen keine Ehre +machen. Man wird im ganzen Reiche schlecht von Euch sprechen. Denn man +sagt: Wer Missetat nicht straft, der ist der Tat mitschuldig! Doch das +wäre Eurer fürstlichen Ehre zu nahe getreten.« + +Als die Krähe ihre Klage beendet hatte, sprang König Nobel vom Throne +auf und rief in höchstem Zorn: »Wahrlich, ich schwöre es, diese Untaten +will ich strafen, daß man noch lange davon sprechen soll! Wie konnte +der Frevler es wagen, mein Gebot zu übertreten und den Frieden zu +brechen! Wie töricht war ich, daß ich ihn freigab! Daß ich allen seinen +Lügen glaubte, mit denen er mich so listig hinterging! Ich stattete ihn +noch selbst als Pilger aus, der nach Rom wandern sollte. Allein meine +Frau trägt die größte Schuld daran. Ich bin freilich nicht der einzige, +der durch den Rat der Frau zu Schaden kommt, es ist schon manchem so +gegangen. Lassen wir Reineke noch länger sein ruchloses Wesen treiben, +so müssen wir uns vor der ganzen Welt schämen. Darum, ihr Herren, +denkt eifrig darüber nach, wie wir seiner am schnellsten habhaft +werden können. Wenn wir es mit Ernst anfangen, so kann er uns unmöglich +entkommen!« + +Isegrim und Braun waren mit den Worten des Königs äußerst zufrieden, +denn sie hofften, dem Fuchs würde nun alles Üble, was er ihnen zugefügt +hatte, doppelt und dreifach vergolten werden. Da sprach die Königin: +»Ich bitte Euch, mein Gemahl, zürnt nicht zu sehr. Schwört auch nicht +so leicht, damit Ihr bei Macht und Ansehen bleibt. Noch wißt Ihr ja +nicht genau, wie sich die Sache zugetragen hat. Wäre nur Reineke +zugegen! Vielleicht würden die dann schweigen, die jetzt über ihn +klagen. Oft klagt auch der, der selber Übles tut. Ich hielt Reineke +für klug und rechtschaffen, darum half ich ihm nach Vermögen. Ich tat +es aber nur in der besten Absicht, Euch zu nutzen. Leider ist es nun +zu Eurem Schaden ausgefallen. Doch, teurer Herr, übereilt Euch nicht! +Vergeßt nicht, daß der Fuchs aus edlem Geschlecht ist! Straft ihn +nicht, ohne ihn gehört zu haben! Ihr seid ja Herr im Lande, er kann +Euch nicht entgehen. Wollt Ihr ihn fangen oder töten, Euer Urteil muß +vollstreckt werden. Aber ich bitte Euch inständig, übereilt Euch nicht!« + +Da sprach der Leopard: »Herr, folgt ruhig dem Rate Eurer Frau Gemahlin! +Was kann es Euch schaden, wenn Ihr den Fuchs erst anhört? Es steht +immer in Eurer Macht, Euch an ihm zu rächen. Darum schlage ich vor, +ihm noch einmal freies Geleit zu sichern und seine Verteidigung +mitanzuhören.« + +Isegrim sagte darauf: »Es kann nicht schaden, wenn jeder seine Meinung +sagt. Hört mal, Herr Leopard! Wäre Reineke hier zur Stelle und könnte +beide Klagen von sich abschütteln, die heute gegen ihn vorgebracht +sind, so kann ich doch eine so böse Sache von ihm melden, daß er +durch sie sicher dem Tode verfallen wird. Allein ich will jetzt davon +schweigen, bis ich in seiner Gegenwart die Klage vorbringen kann. Aber +er wird nicht freiwillig kommen. Denn wie könnte er es wagen, dem +König vor das Angesicht zu treten, nachdem er ihn in so schamloser +Weise belogen hat. Wie konnte er es wagen, eine Geschichte zu erfinden +von Hüsterloh und Krekelborn und dem verborgenen Schatze des Königs +Emmerich, und das alles dem Könige für bare Münze auszugeben! Uns alle +hat er betrogen, mich und Braun aber obendrein am eigenen Körper arg +geschädigt. Ich werde mein Leben daran setzen, mich an ihm zu rächen. +Sein Leben lang hat er nicht die rechte Wahrheit geredet. Nun raubt +und mordet er auf der Heide. Wenn es dem König beliebt, so kann ja +ein Bote zu ihm gesendet werden. Aber ich sage Euch: er wird nicht +kommen. Er fühlt sich sicherer in seiner Festung Malepartus, die er für +unbezwinglich hält.« + +Der König erwiderte: »Isegrim hat recht, er wird nicht an den Hof +kommen. Wozu sollen wir also die Zeit mit Worten verlieren? Ich will +den Klagen bald ein Ende machen. Der Bösewicht richtet mir sonst mein +ganzes Land zugrunde! Darum wollen wir alle nach Malepartus ziehen und +die Festung belagern. Ich gebiete, daß ihr euch alle bereit haltet, +mir in sechs Tagen dorthin zu folgen. Bewaffnet euch mit Harnischen, +Spießen und Bogen, mit Donnerbüchsen, Pallaschen und Hellebarden. Dann +wollen wir mal sehen, ob die Feste wirklich uneinnehmbar ist!« + +Diesen Befehl des Königs hörten alle gern, und sie riefen: »Wir werden +bereit sein, Euch nach Malepartus zu folgen!« + + + + + 9. Kapitel. + + Grimbart in Malepartus. + + +Grimbart, der Dachs, war mit am Hofe gewesen und hatte den Beschluß +des Königs gehört. Er lief nun, so schnell es ihm möglich war, nach +Reinekes Schloß, um ihm diese Nachricht zu überbringen. Er war sehr +betrübt und sprach zu sich selber: »Ach, armer Oheim, wie wird es dir +nun gehen! Du bist das Haupt unseres ganzen Geschlechts, und wir alle +trauern um dich!« + +Als Grimbart in Malepartus anlangte, fand er Reineke vor der Tür seines +Hauses stehen. Er hatte ein paar junge Tauben gefangen, die ihren +ersten Flug aus dem Neste gewagt hatten. Ihre Flügelein waren aber noch +zu schwach, um sie zu tragen. Sie fielen zur Erde nieder, Reineke sah +es und erhaschte sie. Als Reineke den Dachs kommen sah, ging er ihm +entgegen und sprach: »Willkommen, Neffe! Ihr lauft ja so sehr, daß Ihr +schwitzt! Was bringt Ihr denn für frohe Botschaft?« + +Grimbart versetzte: »Eine Botschaft bringe ich Euch freilich, es ist +aber leider eine recht schlechte. Hab und Gut, Leib und Leben, alles +ist verloren! Der König hat geschworen, daß er Euch töten will. Er +hat alle seine Ritter aufgeboten, sich mit Schwertern, Büchsen und +Bogen zu bewaffnen. Mit Heeresmacht will er vor Malepartus ziehen und +die Festung belagern. In sechs Tagen ist er hier. Wehe, teurer Oheim, +dann seid Ihr verloren! Der König ist furchtbar erzürnt gegen Euch. +Er war ganz außer sich über Euren Verrat an dem armen Lampe. Nun +haben auch noch das Kaninchen und die Krähe schwere Klagen gegen Euch +erhoben. Isegrim und Braun sind wieder hoch in Ehren am Hofe. Alles, +was sie wollen, geschieht. Es wird nicht lange dauern, so wird der +König Isegrim zum Marschall ernennen. Er ist schon jetzt mit dem König +vertrauter als ich mit Euch. Seit er durch Eure Schuld ins Gefängnis +geworfen wurde, hegt er einen furchtbaren Haß gegen Euch in seinem +Herzen und schwört, sich an Euch zu rächen, sollte er auch sein Leben +daran wagen. Er schimpft Euch Räuber und Mörder und drängt den König, +das Todesurteil über Euch auszusprechen. Glaubt mir, Oheim, werdet Ihr +gefangen, so müßt Ihr Abschied vom Leben nehmen.« + +»Weiter habt Ihr mir nichts zu sagen?« versetzte lachend der Fuchs. +»Das ist ja nicht der Rede wert. Darum seid Ihr so sehr erschrocken? +Wenn es weiter nichts ist! Hätten der König und alle seine Räte noch +zehnmal mehr geschworen, so hilft es ihnen doch nichts. Komme ich +nur zu Worte, so will ich meine Verteidigung schon führen, daß ich +schließlich als Sieger dastehe und sie die Unterlegenen sind. + +Schlagt Euch die Sache aus dem Sinn, lieber Neffe. Kommt mit hinein und +seht, was ich Euch vorzusetzen habe! Ein Paar Tauben, jung und fett! +Ich esse keine Speise lieber, denn sie ist leicht zu verdauen, man mag +sie ganz verschlucken oder klein gekaut haben. Auch die Knöchelchen +schmecken süß; sie sind halb Milch, halb Blut. Ich esse gern leichte +Speisen, und meine Frau hat denselben Geschmack. Kommt also herein, +sie wird Euch wohl empfangen. Aber von der bewußten Angelegenheit +müßt Ihr sie nichts merken lassen. Sie ist gar zu ängstlich und sieht +bei kleinen Dingen oft große Gefahr. Seid darum verschwiegen! Morgen +wollen wir an den Hof gehen. Aber werdet Ihr mir auch beistehen wie ein +Verwandter dem anderen?« + +»Mit Leib und Seele stehe ich zu Euren Diensten!« rief Grimbart aus. + +»Habt Dank!« sprach der Fuchs, »wenn ich mit dem Leben davonkomme, so +soll es Euer Schade nicht sein!« + +»Ihr könnt getrost vor den König treten!« sagte Grimbart, »um euch zu +verantworten. Denn der Leopard gab den Rat, es solle Euch nichts Böses +geschehen, ehe Ihr Euch nicht selbst verteidigt habt. Derselben Meinung +ist auch die Königin. Ihr wißt, was für Macht sie über den König hat. +Nutzt das zu Eurem Vorteil!« + +»Das werde ich tun!« sprach Reineke. »Hört mich der König nur erst an, +so wird es mir auch gelingen, ihn umzustimmen!« + +Beide gingen nun in das Haus hinein und wurden von Frau Ermelyn +freundlich empfangen. + +Sie bereitete ihnen ein köstliches Mahl von den mitgebrachten Tauben. +Jeder aß sein Teil davon, aber satt wurde keiner. Jeder hätte mit +Leichtigkeit noch ein halbes Dutzend solcher jungen Täubchen verzehrt. + +Nach Tisch rief Reineke seine Kinder herbei und zeigte sie dem Gast. +»Seht, Neffe,« fragte er den Dachs, »wie gefallen Euch denn meine +Kinder, Rossel und Reinhart? Sie fangen schon frühzeitig an, sich in +mancherlei Geschicklichkeiten auszubilden. Der eine fängt ein Huhn, +der andere ein Küchlein. Sie können auch schon unter Wasser tauchen, +um Enten und Kibitze zu erhaschen. Ich könnte sie wohl öfter auf die +Jagd schicken, aber ich will sie erst klüger machen und sie erst +lehren, wie sie sich vor Jägern und Hunden in acht nehmen sollen. Wenn +sie das erst recht verstehen, dann werden sie uns manche köstlichen +Braten verschaffen, die wir jetzt entbehren müssen. Ich sage Euch, sie +schlagen ganz nach mir. Kein Tier, dem sie nachstellen, kann ihnen +etwas anhaben; sie beißen ihm gleich die Kehle durch, ganz wie Vater +Reineke es zu machen pflegt! Mit einem schnellen Sprung ergreifen sie +ihr Opfer. Kurzum, ich kann sie nur loben, sie sind geschickt und brav.« + +Grimbart sagte darauf: »Das gefällt mir, daß diese beiden unserem +Geschlechte Ehre machen! Wer wohlerzogene Kinder hat, die schon früh +nach Erwerb streben, hat alle Ursache, sich zu freuen.« + +»Doch jetzt, lieber Grimbart,« sprach Reineke, »wollen wir zur Ruhe +gehen. Ihr seid gewiß müde von der weiten Wanderung!« + +Und sie gingen alle in den mit Heu bestreuten Saal und legten sich zum +Schlafen nieder. Reineke aber konnte kein Auge schließen, ihm war doch +sehr ängstlich zumute, und er sann hin und her über seine Rettung. + +So lag er in schweren Gedanken bis an den hellen Morgen. Dann stand er +auf und sagte zu seiner Frau: »Ich muß heute mit Grimbart an den Hof +gehen. Aber macht Euch deshalb keine Sorgen. Spricht jemand Schlechtes +von mir, so denkt nur immer das Beste. Sorgt gut für die Kinder und +verwahrt unsere Festung wohl!« + +»Das ist ja eine seltsame Sache!« sagte Frau Ermelyn. »Was habt Ihr +denn bei Hofe zu suchen? Wißt Ihr nicht, wie schlecht es Euch neulich +dort erging?« + +»Es ist freilich wahr,« erwiderte Reineke, »ich war damals in großer +Gefahr. Manch einer war mir nicht gut gesinnt. Aber es geht bisweilen +wunderlich in der Welt zu und kommt oft besser, als man denkt. Darum +ängstigt Euch nicht! Ich muß nun einmal an den Hof, aber spätestens in +fünf bis sechs Tagen bin ich wieder daheim. Lebt wohl indessen!« + +So nahm er Abschied von Frau und Kindern und verließ mit Grimbart die +Burg. + + + + + 10. Kapitel. + + Reinekes zweite Beichte. + + +Reineke und Grimbart wanderten also miteinander über die Heide, +geradeswegs nach des Königs Schlosse zu. Da sagte der Fuchs: »Es mag +nun kommen, wie es will; aber ich ahne doch, daß mir die Reise zu +großem Vorteil gereichen wird. Doch möchte ich gern meine Verteidigung +mit leichtem Herzen führen können, und deshalb bitte ich Euch nochmals, +meine Beichte mitanzuhören. Denn leider habe ich seitdem wieder manche +Sünde begangen.« + +Grimbart erklärte sich bereit dazu, und der Fuchs begann: »Ich ließ +Braun ein großes Stück aus seinem Fell schneiden und einen Ranzen +daraus machen. Ich ließ dem Wolf und seiner Frau das Fell von den +Füßen abziehen und Schuhe für mich davon machen. Das tat ich aus Haß +und brachte es durch Lügen so weit, daß der König ihnen sehr zürnte +und sie ins Gefängnis werfen ließ. Den König selbst habe ich furchtbar +betrogen. Ich erzählte ihm von einem Schatz, der aber nirgends zu +finden sein wird. + +Lampe habe ich getötet und verspeist. Darauf habe ich den ahnungslosen +Bellyn mit Lampes Kopf zum König geschickt, der den Widder für den +Übeltäter hielt und in großen Zorn geriet. Dem Kaninchen riß ich ein +Ohr ab und tötete es beinahe. + +Auch die Krähe klagt mit Recht, ich fraß ihr Weibchen, Frau +Scharfenibbe. Alles das habe ich seit meiner letzten Beichte begangen. +Allein ich habe noch ein älteres Unrecht auf dem Gewissen, das ich +neulich zu beichten vergessen hatte. Das sollt Ihr jetzt auch erfahren, +lieber Neffe. Es war freilich ein recht loser Streich, den ich dem Wolf +gespielt habe, und ich wollte nicht, daß mir widerführe, was ich ihm +getan habe. Wir gingen einmal beide zwischen Kakys und Elverdingen. +Da sahen wir auf der Wiese eine kohlschwarze Stute mit ihrem Füllen +weiden. Das Junge mochte etwa vier Monate alt sein. Isegrim erblickte +es kaum, als schon sein Gelüste nach dem zarten Bissen erwachte. Der +Hunger plagte ihn überdies sehr. Da bat er mich: ›Lieber Freund, geht +doch zu der Stute und fragt sie, ob sie mir das Fohlen verkaufen will!‹ +Ich tat ihm den Gefallen und fragte die Stute. + +›Ja,‹ sprach sie, ›wenn Ihr gut bezahlen wollt, könnt Ihr es haben.‹ +›Was fordert Ihr denn dafür?‹ fragte ich weiter. ›Der Preis steht auf +meinem rechten Hinterfuß geschrieben. Wenn Ihr ihn wissen wollt, so +lest ihn dort ab,‹ antwortete die Stute. Ich wußte gleich, was sie +damit meinte, ließ mich's aber nicht merken, sondern sagte: ›Nein, gute +Frau, lesen und schreiben kann ich nicht. Ich selbst begehre auch Euer +Kind nicht. Isegrim hat mich zu Euch gesandt, er wünschte den Preis zu +erfahren. ›So laßt ihn herkommen,‹ sprach sie, ›er mag ihn ablesen.‹ + +Da ging ich zu Isegrim zurück und sagte: ›Die Alte will Euch das Fohlen +lassen, der Preis steht auf ihrem rechten Hinterfuße geschrieben. Sie +wollte es mich lesen lassen, ich bin ja aber leider des Lesens und +Schreibens unkundig und habe oft Verdruß davon. Seht also selbst, +Oheim, ob Ihr es entziffern könnt.‹ + +›Wenn es weiter nichts ist!‹ versetzte Isegrim. ›Warum soll ich es +nicht lesen können? Es sei, was es sei: Deutsch, Latein, Französisch! +Habe ich doch zu Erfurt die hohe Schule besucht. Und was für Schriften +man mir auch zeigt, ich lese sie so glatt und leicht wie meinen Namen. +Wartet hier auf mich, ich will gehen und den Handel abschließen.‹ Er +ging also hin und fragte die Stute, wofür sie das Füllen geben wolle, +und zwar nach dem geringsten Preis. Sie erwiderte: ›Der Kaufpreis steht +auf meinem rechten Hinterfuß geschrieben.‹ ›Laßt sehen,‹ sagte der +Wolf. ›Gut,‹ versetzte sie und hob ihren Fuß hoch, der mit neuen Eisen +und sechs Hufnägeln beschlagen war. Er bückte sich, um zu lesen. Da +schlug sie aus und traf ihn so gewaltig vor den Kopf, daß er betäubt +zur Erde stürzte und wie tot liegen blieb. Die Stute sprang mit ihrem +Füllen davon, so schnell sie konnte. Es dauerte wohl eine halbe Stunde, +ehe Isegrim wieder zur Besinnung kam. Er lag verwundet auf dem Boden +und heulte vor Schmerzen. Ich ging zu ihm und fragte ihn: ›Herr, wo ist +die Stute? Seid Ihr auch satt von dem Fohlen? Warum gabt Ihr mir nicht +auch etwas ab, da ich doch die Botschaft gebracht habe? Habt Ihr etwa +schon nach der Mahlzeit geschlafen? Was war es für eine Schrift unter +ihrem Fuße? Ihr seid doch so weise und gelehrt!‹ + +›Ach Reineke!‹ stöhnte er, ›spottet doch nicht! Mir armen Schelmen +ist es so übel ergangen, daß es einen Stein erbarmen möchte. Die +langbeinige Mähre hat ihre Füße mit Eisen beschlagen. Es stand auch +keine Schrift darunter, sondern mit den sechs scharfen Nägeln, die +darin steckten, schlug sie mir sechs tiefe Wunden in den Kopf.‹ + +So kam Isegrim mit knapper Not mit dem Leben davon. Seht, Neffe, nun +habe ich Euch alles gebeichtet und bitte Euch, mir meine Sünden zu +vergeben. Ich will mich auch gern nach Eurem Rat bessern und in Zukunft +ein frömmeres Leben führen.« + +Grimbart versetzte: »Eure Sünden sind groß. Da Ihr aber einem so +schweren Schicksal entgegengeht, will ich sie Euch alle vergeben. Ich +spreche Euch also feierlich davon los. Freilich, die Toten stehen +nicht wieder auf. Wie gut wäre es, wenn sie noch lebten! So aber wird +es Euch bei Hofe schlimm ergehen! Das, was Euch am meisten schaden +wird, ist Lampes Tod. Und eine unerhörte Kühnheit war es von Euch, dem +König seinen Kopf zuzuschicken!« + +»Teurer Neffe!« sagte Reineke, »wer durch die Welt kommen soll, kann +sich unmöglich so heilig halten wie ein Mönch im Kloster. Lampes +Anblick reizte mich so sehr. Er sprang vor mir her und sah so fett und +appetitlich aus, daß ich Lust bekam, ihn zu fressen; und da tat ich es +auch. Den Widder Bellyn konnte ich niemals leiden, er ist so plump und +dumm und ungeschickt in allen Sachen. Ich gönnte ihm nie viel Gutes. +Nun heißt es zwar: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Aber, um die +Wahrheit zu sagen: diese beiden habe ich nie recht geachtet. Warum +sollte ich also viel Umstände mit ihnen machen? Sie haben nun den +Schaden, ich aber die Sünde davon. Indessen, wie Ihr selbst sagt, die +Toten kehren nicht wieder. Sprechen wir von etwas anderem! + +Es ist jetzt eine gefährliche Zeit! Welches Beispiel wird uns von oben +gegeben? Ich meine vom König? Raubt er nicht selbst? Oder läßt sich +alles durch Bären und Wölfe heranschleppen? Gleichwohl meint er, das +wäre sein gutes Recht. Niemand ist, der ihm die Wahrheit sagt oder +zu sprechen wagt: Das ist unrecht getan! Weder sein Beichtvater noch +sein Kaplan tut es. Warum? Sie genießen es alle mit und schweigen um +ihres eigenen Vorteils willen. Will jemand kommen und klagen, so redet +er in den Wind! Er vertrödelt nur unnütz die Zeit. Und was man ihm +genommen hat, ist und bleibt fort. Seine Klage wird nicht beachtet, und +schließlich muß er schweigen! Ja, es geht schlimm in der Welt zu! Und +wird noch schlimmer werden jetzt, wo Wolf und Bär wieder beim König in +Ansehen sind. Sie werden jetzt stehlen, rauben und morden, und immer +heißt es, es sei im Namen des Königs. Nimmt aber mal ein armer Mann, +wie Reineke, ein Huhn, dann wollen sie ihm gleich an den Hals. Ja, ja! +Die kleinen Diebe hängt man, die großen läßt man laufen! Seht, Neffe, +ist es nicht ganz natürlich, daß man auch an seinen eigenen Vorteil +denkt? Die Großen nehmen, was sie kriegen können, also nehme ich mir +auch so viel wie möglich. Bisweilen quält mich dann mein Gewissen, +und ich bereue meine Taten. Lange dauert das aber nie. Und ich greife +wieder zu, wo es etwas zu greifen gibt. Aus dem Gerede, das darüber +entsteht, mache ich mir nichts. Denn wer kommt heutzutage nicht ins +Gerede? Selbst über die Besten und Bravsten wird hergezogen! Ja, +die Welt ist voll Lug und Trug, voll Heuchelei, Verrat und falschen +Schwüren! Pfui, pfui und nochmals pfui!« + +Grimbart antwortete: »Lieber Oheim, warum beichtet Ihr mir eigentlich +die Sünden der anderen? Ich denke, Ihr habt mit Euren eigenen gerade +genug zu tun! Was gehen uns die anderen an? Jeder muß sehen, wie er mit +sich selbst fertig wird!« + +Indessen waren sie am Schlosse des Königs angelangt. Reineke wurde +nun sehr verzagt, denn er wußte noch nicht, wie er sich aus all den +Anklagen herausschwindeln sollte. Doch raffte er seinen sinkenden Mut +wieder zusammen und schritt stolz aufgerichtet geradeswegs auf das +Schloß zu. Da kam ihm Martin, der Affe, entgegen. Er stand im Begriff, +nach Rom zu reisen, und sagte zu Reineke: »Habt nur guten Mut, lieber +Oheim! Ich weiß es wohl, wie Eure Sache steht.« + +Reineke erwiderte: »Das Glück hat sich in diesen Tagen sehr gegen mich +gewendet. Ich bin abermals verklagt, und zwar von etlichen Verrätern, +nämlich von der Krähe und dem ehrlosen Kaninchen. Der eine hat seine +Frau und der andere sein Ohr verloren. Könnte ich nur mit dem König +sprechen, so sollte es den Verleumdern schon schlecht bekommen! Das +schlimmste ist, daß ich noch immer im Bann bin. Und das habe ich +Isegrim zu verdanken. Als er in Elkmar im Kloster war, verhalf ich ihm +zur Flucht. Er klagte, daß er das lange Fasten und Beten nicht ertragen +könnte. Jetzt bereue ich es bitter, daß ich ihm zu Hilfe kam. Denn als +Dank dafür verleumdet er mich beim König und schadet mir, wo er kann. +Ginge ich nun nach Rom, um von dem Bann befreit zu werden, so täte er +gewiß meiner Frau und meinen Kindern Böses an, und mit ihm die anderen, +die mir gram sind. Darum muß ich hier bleiben und sie beschützen. O, +wäre ich nur von dem Banne frei, so würde ich mit viel ruhigerem Herzen +vor den König hintreten und meine Verteidigung führen!« + +»Reineke,« sprach Martin hierauf, »lieber Oheim, ich gehe gerade jetzt +nach Rom und will sehen, was ich da für Euch tun kann. Bin ich doch des +Bischofs Schreiber und verstehe gar wohl den Lauf des Rechts in Rom. +Ich will den Domprobst, der Euch zürnt, nach Rom kommen lassen und dort +ernstlich mit ihm rechten. Auch habe ich viele Freunde von mächtigem +Einfluß in Rom. Seid versichert, ich verschaffe Euch Absolution! + +Geht nur getrost an den Hof. Dort findet Ihr mein Weib, Frau Rückenau. +Sprecht nur mit ihr, sie ist klug und erfahren, und ihr Rat gilt viel +beim König und der Königin. Der König weiß schon, daß ich Eure Sache in +Rom führen will. Er weiß auch, daß es mir gelingen wird, Euch vom Bann +zu erlösen. Er wird auch dessen eingedenk sein, daß viele vom Affen- +und Fuchsgeschlechte ihm oft die besten Ratschläge gegeben haben. Und +das wird Euch helfen, und Ihr werdet wie bisher siegreich aus dem +Kampfe hervorgehen!« + +»Das ist ein guter Trost!« sagte Reineke. »Und ich will Eurer gedenken, +wenn ich frei und los komme.« + +Hierauf schieden sie, und der Fuchs und der Dachs traten in das +Königsschloß ein. + + + + + 11. Kapitel. + + Reinekes Verteidigung. + + +Reineke kam also an den Hof des Königs, wo er so hart verklagt war. Er +fand daselbst viele, die ihm nichts Gutes gönnten, ja ihm sogar nach +dem Leben trachteten. Er sah sie alle versammelt, und ihm wurde gar +ängstlich zumute. Doch faßte er sich bald wieder ein Herz und schritt +frei durch all die Fürsten und Grafen hindurch. Der Dachs aber ging +ihm zur Seite, bis sie beide vor den König kamen. Leise flüsterte ihm +der Dachs zu: »Freund Reineke, seid nicht blöde in dieser Stunde. Dem +Blöden ist das Glück selten hold, dem Kühnen aber steht es bei.« + +Reineke versetzte: »Ihr redet die Wahrheit; ich danke Euch für Eure +ermutigenden Worte!« + +Darauf trat er dicht vor den Thron des Königs, kniete zur Erde nieder +und sprach: »Gott der Herr, dem alle Dinge bekannt sind, beschütze +meinen Herrn, den König, und meine Gebieterin, die Königin! Er verleihe +ihnen Weisheit, zu richten, wer Recht und Unrecht hat! Es gibt viele +Bösewichte in der Welt, und manchen, der von außen schön gleißt, im +Innern aber falsch und häßlich ist. Wollte Gott, daß es jedem an der +Stirn geschrieben stände, was in ihm ist! Dann würde mein Herr und +König sehen, daß ich nicht lüge, und daß ich nur darauf bedacht bin, +Euch zu dienen. Gleichwohl bin ich von Boshaften, die mir zu schaden +trachten, verklagt und durch schändliche Lügen angeschwärzt. Ohne +alles Verschulden hat man mir Eure Huld geraubt, mein gnädiger König! +Ich aber weiß, daß Ihr klug und weise seid und Euch nicht verleiten +laßt, vom Wege des Rechtes abzuweichen. Ihr habt das Euer Leben lang +nicht getan und werdet es auch jetzt nicht tun. Darauf setze ich mein +Vertrauen!« + +Der König antwortete: »Du Bösewicht Reineke! Alle deine losen Worte +helfen dir nichts. Du hast sie schon gar zu oft verschwendet und mir +zu viel vorgelogen. Das alles soll nunmehr ein Ende nehmen. Wie treu +du bist, das lehrt die Geschichte von der Krähe und dem Kaninchen. Und +hätte ich sonst nichts wider dich, so wäre das schon allein genug, mich +zu erzürnen. Aber täglich kommen neue Übeltaten von dir ans Licht. Du +bist ein Schelm durch und durch! Und jetzt soll dir der Lohn für deine +Schandtaten werden!« + +»O weh!« dachte Reineke. »Wie wird es mir ergehen! Wäre ich nur auf +meiner sicheren Burg geblieben! Jetzt ist guter Rat teuer! Nun heißt es +alle Kräfte zusammennehmen, um durchzukommen!« + +Und zum König gewendet, sagte er: »Großer König, edler Fürst! Habe +ich nach Eurer Meinung den Tod verdient, so ist Euch die Sache nicht +richtig mitgeteilt worden. Ich bitte Euch, mich anzuhören! Ich habe +Euch in früherer Zeit manchen guten Rat gegeben und bin oftmals in +der Not bei Euch geblieben, wenn manche von Euch wichen, die sich +jetzt zwischen uns stellen und mich in meiner Abwesenheit Eurer Gnade +berauben wollen. Edler König! Hört mich darum an! Und findet Ihr mich +dann schuldig, so ergehe das Recht. Noch eins: Habe ich schuld, so +dienet mir nichts besser als Geduld! Ihr, hoher Herr, habt meiner +nicht viel gedacht, während ich oft an den Grenzen Eures Landes Wacht +hielt. Meint Ihr, daß ich hier an den Hof vor Euer Angesicht und +in die Schar aller meiner Feinde gekommen wäre, wenn ich mir das +Geringste vorzuwerfen hätte? Nein, um alles Gold der Welt hätte ich das +nicht getan! Dann wäre ich lieber auf meinem eigenen Grund und Boden +geblieben, wo ich frei war. Aber ich kam, da ich mir keiner Missetat +bewußt bin. Als mir mein Neffe Grimbart die Nachricht brachte, daß ich +an den Hof kommen sollte, hatte ich mir gerade vorgenommen, mich von +dem Banne zu befreien. Das sagte ich Martin, dem Affen, der eben im +Begriff war, nach Rom zu pilgern. Er versprach mir, sich meiner Sache +anzunehmen. Er riet mir, getrost an den Hof zu gehen, und gelobte mir +auf Treu und Glauben, mich von dem Banne zu erlösen. So schieden wir, +und ich kam an den Hof. + +Hier bin ich nun von dem Kaninchen sehr schwer verklagt worden. Jetzt +steht Reineke hier, und wenn es die Wahrheit gesprochen hat, so trete +es vor und klage öffentlich. Es ist leicht, jemanden zu verleumden, +der abwesend ist. Nach Klage und Antwort erst soll man richten. Ich +habe bei meiner Treu diesen beiden falschen Kerlen, der Krähe und dem +Kaninchen, manches Gute getan. Gestern früh saß ich vor meiner Burg +und las in den Gebeten. Da kam das Kaninchen vorbei, grüßte mich und +erzählte, daß es an den Hof wollte. ›Geh' hin,‹ sagte ich, ›und Gott +sei mit dir!‹ Da klagte es mir, es wäre müde und hungrig. Ich fragte +es, ob es etwas essen wolle. ›Ja,‹ sprach es, ›gebt mir einen Bissen.‹ +›Von Herzen gern,‹ sagte ich, und holte Brot und Butter und etliche +Kirschen. Es ist nämlich jetzt Fastenzeit, wo ich kein Fleisch zu essen +pflege. Als es nun schon tüchtig zugegriffen hatte, kam mein kleiner +Sohn hereingesprungen und wollte sich von dem Übriggebliebenen etwas +nehmen. Kinder lieben das Essen und sind selten ganz satt. Wie er nach +den Kirschen griff, schlug ihm das Kaninchen aufs Maul, daß ihm das +Blut herunterlief. Da sprang mein älterer Sohn, Reinhartchen, herbei +und packte das Kaninchen an der Kehle, daß es laut aufschrie. Ich lief +hinzu, trennte die Kämpfenden und schlug meine Kinder. Hat aber das +Kaninchen etwas davon gekriegt, so ist ihm recht geschehen, es hätte +wohl noch mehr verdient. Sie hätten ihm unfehlbar das Leben genommen, +wenn ich ihm nicht zu Hilfe gekommen wäre. Das ist nun der Dank dafür! +Nun sagt es, ich habe ihm sein Ohr abgerissen! + +Seht, gnädiger Herr, da kommt nun der Rabe und klagt, er habe sein +Weib verloren. Wie das geschehen ist, weiß er selbst am besten. Sie +wollte ihren Hunger stillen und fraß einen Fisch mit allen Gräten auf. +Die blieben ihr im Halse stecken, und sie ist daran erstickt. Nun sagt +er, ich hätte sie totgebissen! Vielleicht hat er sie selbst ermordet! +Ja, könnte ich ihn nur recht verhören, er würde vielleicht ganz anders +aussagen! Wie hätte ich ihr auch so nahe kommen können, da sie fliegen +kann und ich nur gehen? Will aber sonst jemand mich eines Unrechts +beschuldigen, so tue er es mit gültigen Zeugen, wie es einem Edelmann +gegenüber geziemt. Oder soll kein gütlicher Vertrag abgeschlossen +werden, so ordne man einen Zweikampf an, bestimme Ort und Zeit und gebe +mir einen Gegner, der mir an Geburt nicht nachsteht. Da kämpfe dann ein +jeder für sein Recht, und wer dann die Ehre gewinnt, bei dem bleibe +sie. So ist es von jeher Brauch gewesen, und ich, Herr König, werde mir +mein Recht nicht nehmen lassen.« + +Alle, die zugegen waren, staunten über Reinekes kühne Worte. Der Rabe +aber und das Kaninchen erschraken sehr. Was sollten sie aber tun? Sie +wagten kein Wort zu sagen, und verließen schleunigst das Schloß. »Wie +können wir den König überzeugen,« sprach eins zum anderen, »Reineke +ist uns ja doch mit Worten überlegen. Zeugen für unsere Sache gibt es +ja nicht, da niemand dabei gewesen ist. In einen Zweikampf mit ihm +können wir uns doch nicht einlassen. Er ist falsch, behende, listig und +boshaft. Ja, wenn unsrer auch noch fünfe wären, wir müßten's alle mit +Leib und Leben bezahlen. Es bleibt uns also nichts weiter übrig, als +den Schaden zu tragen! Möge es ihm der Teufel lohnen, was er an uns +verbrochen hat!« + +Isegrim und Braun ward sehr unbehaglich zumute, als sie sahen, daß +diese beiden das Feld räumten. Der König aber rief: »Wer etwas zu +klagen hat, der trete vor!« Doch es meldete sich keiner; alles blieb +stumm. »Merkwürdig!« sagte der König, »gestern kamen so viele! Heute +ist Reineke hier, aber wo sind die Kläger geblieben?« + +»Herr,« versetzte der Fuchs, »mancher klagt einen anderen schwer an, +der es wohl bleiben ließe, wenn sein Widerpart ihm gegenüberstände! +So machen es auch jetzt diese beiden Verleumder, der Rabe und das +Kaninchen, die mich gern in Schande und Strafe gebracht hätten. +Würden sie mich um Gnade bitten, so hätte ich ihnen in Gegenwart +dieser Herren gern vergeben. Nun haben sie sich aber aus dem Staube +gemacht, die schlimmen, bösen Buben! Sollte man auf solche hören, das +wäre ewig schade! An mir allein ist nicht viel gelegen, aber mancher +rechtschaffene Mann, der Euch Tag und Nacht treu dient, könnte durch +ihre Verleumdung leicht in Ungnade geraten!« + +»Höre mich an!« sprach der König. »Du bist und bleibst ein Betrüger und +ein treuloser Verräter! Was trieb dich dazu, Lampe, den braven Ritter, +ums Leben zu bringen? Eben erst hatte ich dir deine Sünden verziehen. +Ich hatte dir Ränzel und Stab gegeben; du solltest nach Rom und übers +Meer, und ich glaubte, du würdest ein besseres Leben beginnen. Allein +das erste, was ich über dich zu hören bekam, war, daß du Lampen getötet +hattest. Bellyn brachte mir den Ranzen mit Lampens Kopf. Er hat es mit +dem Leben büßen müssen, und dir, du böser Bube, soll jetzt der gleiche +Lohn zuteil werden!« + +»Was?« rief Reineke mit erheucheltem Erstaunen. »Ist Lampe tot? Und +Bellyn auch? O, weh mir, daß ich je geboren bin! So habe ich den +kostbarsten Schatz verloren! Denn ich sandte Euch durch diese Boten, +Lampe und Bellyn, die herrlichsten Kleinodien, die je die Erde gesehen! +Wer hätte auch ahnen können, daß Bellyn die Schätze rauben und den +guten Lampe morden würde!« + +Der König hatte genug gehört. Zornig verließ er den Saal und war +entschlossen, Reineke einen schmählichen Tod erleiden zu lassen. + + [Illustration: Reineke Fuchs 3. + +O, wie erschrak der König. Wie furchtbar hat mich Reineke betrogen!] + + + + + 12. Kapitel. + + Der Mann mit der Schlange. + + +Im anstoßenden Gemach fand der Herrscher die Königin, seine Gemahlin, +im Gespräch mit der Äffin, Frau Rückenau. Diese stand bei dem +Königspaare in hohem Ansehen; sie war weise und unterrichtet, und jeder +hörte auf sie, wohin sie nur kam. + +Als sie nun den König zornig sah, sprach sie: »Edler Herr, ich bitte +Euch, zürnt doch nicht so sehr! Und gestattet mir, daß ich ein Wort +zugunsten des armen Reineke spreche. Er ist doch meinem Geschlecht +nahe verwandt, und sein Unglück geht mir sehr zu Herzen. An seine +Schuld kann ich nicht glauben, er ist doch jetzt freiwillig vor Gericht +erschienen! Sein Vater stand an Eurem Hofe in hohem Ansehen, weit mehr +als jetzt Braun und Isegrim. Diese beide verstehen zu wenig von Urteil +und Recht.« + +»Kann es Euch wundern,« versetzte der König, »daß ich gegen Reineke in +Zorn bin? Vor kurzem erst nahm er Lampen das Leben und stürzte Bellyn +mit ins Verderben. Jetzt tut er so, als wüßte er von der ganzen Sache +nichts. Täglich bricht er den Frieden! Hättet Ihr nur gehört, was alles +für Klagen sie gegen ihn vorbrachten, von Rauben, Stehlen, Verrätereien +und Mordtaten!« + +»Gnädiger Herr,« erwiderte die Äffin, »Reineke wird sehr verleumdet! +Er ist klüger als die anderen alle und erregt deshalb ihren Neid. Wie +oft hat er Euch mit treuem Rat zur Seite gestanden! Ihr wißt wohl noch, +wie vor einiger Zeit der Mann mit der Schlange vor Euren Thron kam? +Damals wußte keiner von Euren Ratgebern die Sache zu entscheiden. Da +ließet Ihr Reineke kommen, und er wußte gleich das Rechte zu treffen +und erntete Lob von Euch in reichem Maße.« + +»Wie war doch die Geschichte?« fragte der König. »Ich erinnere mich +ihrer nur noch undeutlich. Wenn Ihr es noch genau wißt, so laßt mich's +hören.« + +»Mit Eurer Erlaubnis soll es geschehen!« sagte die Äffin. »Es sind nun +zwei Jahre her, da kamen eines Tages eine Schlange und ein Mann vor +Euren Thron. Die Schlange klagte sehr zornig, daß der Mann sich dem +zweimal gefällten Urteilsspruch nicht fügen wolle. Und dann erfuhrt Ihr +folgende Geschichte: + +Die Schlange war durch ein Loch in einem Zaun gekrochen und in einer +Schlinge hängen geblieben, aus der sie sich nicht wieder freimachen +konnte. Sie hätte gewiß da ihr Leben verloren. Da kam zufällig ein Mann +des Weges daher. Die Schlange rief ihm zu: ›Ich bitte dich, erbarme +dich meiner und mache mich los!‹ ›Von Herzen gern,‹ sagte der Mann, +›wenn du geloben willst, mir nichts Böses zu tun. Denn du tust mir +leid.‹ Da schwur die Schlange, ihm niemals Schaden zufügen zu wollen. +Und da erlöste er sie aus ihrer verzweifelten Lage. + +Sie gingen miteinander weiter. Da die Schlange aber sehr verhungert +war, schoß sie plötzlich auf den Mann zu, um ihn zu töten und zu +fressen. Mit knapper Not entsprang ihr der Mann und sprach: ›Ist das +der Dank dafür, daß ich dir in deiner Not geholfen habe? So hältst +du deinen Schwur, mir nicht zu schaden?‹ Die Schlange erwiderte: +›Der Hunger treibt mich dazu. Das ist meine Rechtfertigung. Not kennt +kein Gebot.‹ Da sagte der Mann: ›Ich bitte dich, laß mich noch so +lange frei, bis wir einige unparteiische Leute treffen, die mögen +entscheiden, was Recht und Unrecht ist.‹ ›So lange will ich warten,‹ +versetzte die Schlange. + +Sie kamen über einen Graben und trafen dort den Raben Pflückebeutel +mit seinem Sohne Quackeler. Diese rief die Schlange herbei, erzählte +ihnen die Geschichte und fragte sie nach ihrer Meinung. ›Du darfst +den Mann fressen!‹ entschied der Rabe, denn er hoffte dabei auch für +sich ein Stück zu gewinnen. Die Schlange rief: ›Hurra, gewonnen! Nun +will ich auch nicht länger warten, meinen Hunger zu stillen.‹ ›Halt,‹ +rief der Mann, ›frohlocke nicht zu früh! Sollte ein Räuber das Recht +haben, mich zum Tode zu verdammen? Dann soll er wenigstens nicht allein +über mich richten! Es müssen zum mindesten vier ihr Urteil sprechen!‹ +›Meinethalben!‹ erwiderte die Schlange. ›So wollen wir weitergehen!‹ + +Da begegneten ihnen der Wolf und der Bär. Dem Mann ward sehr schlecht +zumute, als er sich in der Gesellschaft sah. Fünf gefährliche Feinde +umstanden ihn: die Schlange, der Wolf, der Bär und die beiden Raben. +›Wie wird es mir ergehen!‹ dachte er bei sich. Bär und Wolf entschieden +so: ›Die Schlange darf den Mann töten, weil der Hunger sie dazu zwingt. +Die Not hebt den Eid auf.‹ + +Da ward dem Mann angst und bange, denn alle trachteten ihm nach dem +Leben. Die Schlange schoß auf ihn zu und spritzte ihr böses Gift auf +ihn aus. Er sprang zur Seite und rief: ›Du tust mir unrecht, du darfst +mich nicht töten.‹ ›Wie kannst du das sagen?‹ zischte die Schlange. +›Schon zweimal ist für mich entschieden worden. Du gehörst mir, und ich +fresse dich.‹ ›Ja,‹ sprach der Mann, ›das haben die gesagt, die selbst +rauben und morden. Ich will mein Schicksal dem König anheimstellen. +Bringt mich vor ihn; was er ausspricht, mag geschehen. Seinem Urteil +unterwerfe ich mich, wie es auch sei.‹ Da sprachen Wolf und Bär zur +Schlange: ›Das kannst du ruhig gewähren, denn auch der König wird zu +deinen Gunsten entscheiden.‹ + +So kamen sie alle an Euren Hof, gnädiger Herr: der Mann, die Schlange, +die beiden Raben, der Bär und drei Wölfe, denn der Wolf hatte noch +seine Kinder mitgebracht, Eitelbauch und Nimmersatt. Sie kamen in der +Absicht, auch an dem Mahl teilzunehmen, wenn der Mann gefressen wurde. +Sie heulten und benahmen sich so plump und grob, daß Ihr ihnen den Hof +verbieten mußtet. Der Mann flehte Euch um Hilfe an. Er klagte, die +Schlange wolle ihn töten. Und doch habe er ihr eine so große Wohltat +erwiesen, und sie habe geschworen, ihm keinen Schaden zu tun. ›Das ist +freilich wahr!‹ versetzte die Schlange. ›Allein der Hunger zwang mich +dazu. Und der löst alle Eide!‹ Ihr, mein gnädigster Herr König, wart +sehr bekümmert über diese Angelegenheit und wußtet nicht, wie jeder zu +seinem Rechte kommen sollte. Eure Majestät hielt es für unbillig, den +Mann zum Tode zu verurteilen, der der Schlange so aus der Not geholfen +hatte. Ihr hattet aber auch Mitleid mit dem großen Hunger der Schlange. +Deshalb rieft Ihr Eure Ratgeber zusammen. Die meisten stimmten für den +Tod des Mannes. Da sandtet Ihr Boten an Reineke, denn was die anderen +rieten, gefiel Euch nicht. + +Als der Fuchs kam, spracht Ihr: ›Wie Reineke entscheidet, so soll +es geschehen!‹ Dieser sagte darauf mit Bescheidenheit: ›Herr König, +laßt uns gleich hingehen und sehen, wo und wie der Mann die Schlange +fand. Soll ich ein gerechtes Urteil sprechen, so muß ich die Schlange +gefesselt sehen, wie der Mann sie angetroffen hat.‹ So gingen alle zu +der Stelle hin, und die Schlange mußte in die Schlinge kriechen. + +Darauf sprach Reineke: ›Nun sind beide wieder in der Lage, in der sie +vorher waren; sie haben weder gewonnen noch verloren. Der Mann mag nun, +wenn er Lust dazu hat, die Schlange schwören lassen und sie befreien, +oder er kann sie in der Schlinge lassen und ungefährdet seines Weges +ziehen. Dies, denke ich, ist ein gerechtes Urteil; weiß aber jemand +etwas Besseres, so sage er es.‹ + +Sehet, Herr König, dieses Urteil gefiel Euch und auch Eurem Rate. +Der Mann war frei und dankte Euch sehr für Eure Gnade; die Schlange +aber kam in der Schlinge um. Reineke ward sehr gepriesen wegen seiner +Klugheit. Braun und Isegrim, so sagte man, sind zwar stark und groß, +und bei Fressereien sind sie stets die ersten. Aber an Klugheit fehlt +es ihnen. Sie prahlen mit ihrem Mut; kommt es aber zur Tat, so zeigt +es sich, was für Helden sie sind. Setzt es Schläge, so rücken sie aus, +aber wirkliche Helden sollen vor dem Feind nicht weichen. Bären und +Wölfe verderben das Land, sie fragen wenig danach, wessen Haus brennt, +wenn sie sich nur an den Flammen wärmen können. Sie haben miteinander +Erbarmen, wenn sie nur ihren Magen füllen können. Dem Armen rauben sie +die Eier und meinen noch sehr gut zu handeln, wenn sie ihm die Schalen +lassen. Kurz, ihr eigenes Wohl geht ihnen über alles! Wie anders +Reineke Fuchs! Er liebt das Recht und die Weisheit. Braucht Ihr einen +guten Rat, so könnt Ihr ihn nicht entbehren. Hat er einmal ein Unrecht +getan, so ist er ja auch ein Sterblicher wie wir alle. Wie schwer +würdet Ihr ihn vermissen, wenn Ihr ihm jetzt im Zorn das Leben raubt! +Darum bitte ich, nehmt ihn wieder zu Gnaden an!« + +Der König erwiderte: »Ich will mir's überlegen. In der Angelegenheit +mit der Schlange hat er freilich einen guten Rat gegeben, das ist wahr. +Aber er ist trotzdem nicht viel wert und ein großer Betrüger. Alle, +denen er erst Freundschaft heuchelt, verrät er schließlich. Dem Wolf, +dem Bären, dem Kater, dem Kaninchen und der Krähe ist er zu schlau, sie +lassen sich alle von ihm hintergehen. Er tut ihnen nichts wie Spott und +Schande an. Der eine muß ihm ein Ohr, der andere ein Auge zum Pfande +lassen, mancher kommt sogar dabei ums Leben. Ich weiß nicht, wie Ihr +für den Bösewicht noch ein gutes Wort einlegen könnt! Er verdient es +sicherlich nicht!« + +Die Äffin erwiderte: »Herr König, er ist mir nahe verwandt, und ich +fühle die Verpflichtung, ihm in der Not zu helfen. Aber auch Ihr, +großer König, bedenkt, daß sein Geschlecht groß und edel ist!« + + + + + 13. Kapitel. + + Reineke verteidigt sich weiter. Der wunderbare Ring, der Kamm und der + Spiegel. + + +Darauf schwieg die kluge Äffin, und der König ging wieder in den Saal +zurück, wo alle auf ihn warteten. Viele von Reinekes Freunden und +Verwandten waren herbeigekommen, um ihrem Vetter Beistand und Hilfe +zu gewähren. Aber auch seine Feinde waren zahlreich erschienen und +hofften, den verhaßten und gefürchteten Fuchs bald am Galgen hängen zu +sehen. + +»Reineke,« sagte der König, »wie ging es zu, daß Bellyn und du dem +frommen Lampe das Leben nahmt? Wie konntet ihr euch unterstehen, mich +so zu verhöhnen, daß ihr mir Lampes Kopf zusandtet? Bellyn hat seine +Strafe schon empfangen, und dir soll es nicht besser ergehen.« + +»Weh mir! in dieser großen Not!« rief Reineke aus. »O daß ich lieber +schon tot wäre! Hört mich, gnädiger Herr, und findet Ihr mich +schuldig, so laßt mich gleich töten! Der Verräter Bellyn hat mir einen +furchtbaren Streich gespielt. Er hat den kostbarsten Schatz geraubt, +der je auf Erden war. Ich vertraute ihm und Lampe die Kleinodien an, +um sie meinem gnädigen König zu senden. Bellyn muß sie unterschlagen +haben, und um nicht verraten zu werden, brachte er den armen Lampe ums +Leben. O, könnte man nur erfahren, wo die Sachen geblieben sind!« + +»Wenn diese Schätze nur über der Erde sind,« sagte die Äffin, »so +wollen wir sie schon auskundschaften. Wir wollen ohne Ermüden danach +suchen, bis wir sie gefunden haben. Sagt nur, wie waren sie beschaffen?« + +Reineke antwortete: »Sie waren so kostbar, daß ich fürchte, wir +bekommen sie niemals wieder. Wer sie einmal hat, gibt sie gewiß nicht +wieder heraus. O, wenn mein Weib das erfährt, so wird sie außer sich +sein. Sie riet mir dringend ab, den beiden diese Schätze anzuvertrauen. +Hätte ich nur auf sie gehört! Nun bin ich betrogen und verraten! Wer +hätte aber auch dem Widder so etwas zugetraut! Doch ich will nicht +ruhen und rasten und durch die ganze Welt reisen, ja selbst mein Leben +daran wagen, die Kostbarkeiten wiederzufinden! Gnädiger König!« fuhr +Reineke fort, »gestattet mir, zu erzählen, welcher Art die Schätze +waren, die ich Euch zum Geschenk bestimmt hatte, die Ihr aber leider +nicht bekommen habt.« + +»Sprich,« sagte der König, »aber fasse dich kurz.« + +Da begann Reineke: »Das erste Kleinod, das der Widder Bellyn von +mir empfing, war ein Ring. Dieser Ring besaß seltsame, wunderliche +Eigenschaften. Er war aus feinstem Gold gemacht, und an der Innenseite +standen Buchstaben eingeätzt. Die Schrift war in hebräischer Sprache +und wies drei Namen auf. In diesen Landen war niemand so gelehrt, daß +er diese Schrift gründlich verstanden hätte, außer dem Meister Abryon +in Trier. Er versteht alle Sprachen von Poitou bis Lüneburg. Auch kennt +er alle Kräuter und Steine und ihre Eigenschaften. + +Ich zeigte ihm diesen Ring, und er sprach: ›In diesem Ring sind +wunderbare Kräfte verborgen. Als Seth das Öl der Barmherzigkeit im +Paradiese suchte, brachte er auch diesen Stein mit. Auch die Namen +stammen aus dem Paradiese. Wer diesen Stein bei sich tragt, der bleibt +von Donner und Blitz und allem Bösen unberührt.‹ Er sagte ferner: Wer +diesen Ring trüge, der könnte selbst in der grimmigsten Kälte nicht +erfrieren, und die größte Hitze könnte ihm nichts anhaben. Außen an +dem Fingerreife war ein heller Karfunkel, der so leuchtete, daß man in +finsterster Nacht alles sehen konnte. Und noch andere Tugenden besaß +der Stein. Alle Krankheiten heilte er: wer ihn berührte, der wurde +gesund. Nur gegen den Tod vermochte er nichts. Wer den Ring am Finger +trage, der käme glücklich durch alle Lande; Wasser und Feuer könnten +ihm nicht schaden, und er könnte weder verraten noch gefangen werden. +Kein Feind könnte ihn besiegen. Ja er würde die Gegner überwinden, und +wenn ihrer hundert an der Zahl wären. Ferner schützte er vor Gift und +anderen bösen Säften. Kurz, ich kann es nicht aussprechen, wie gut +und köstlich der Ring war. Ich hielt mich auch nicht für würdig, ihn +an der Hand zu tragen. Deshalb sandte ich ihn dem Könige, denn er ist +der Edelste und Herrlichste im Lande. All unser Glück hängt von seinem +Wohlergehen ab. Darum sollte der Ring ihn vor Krankheit und Gefahr +schützen. + +Ferner übergab ich dem Widder für die Königin einen Kamm und einen +Spiegel, dergleichen in aller Welt nicht zu finden sein mag. Diesen +Kamm und Spiegel nahm ich auch aus dem Schatze meines Vaters. O, wie +oft habe ich dieser Sachen wegen mit meinem Weibe Streit und Zank +gehabt! Denn sie begehrte sonst nichts auf der Welt als diese Kleinode. +Ich aber hatte sie für meine gnädige Königin bestimmt, denn sie hat mir +oft Gutes getan. Ja, vor allen meinen Wohltätern steht sie obenan. Sie +hat oft ein gutes Wort für mich eingelegt. Sie ist von edlem Stamm, +tapfer und tugendhaft, kurz sie allein verdiente, Kamm und Spiegel +zu besitzen. Doch leider wird sie diese Schätze wohl nie zu sehen +bekommen! Der Kamm war aus dem Knochen eines Panthers gemacht. Der +Panther ist ein edles Tier, das zwischen Indien und dem Paradiese zu +Hause ist. Sein Fell ist bunt und prächtig. Er verbreitet einen süßen +Geruch, so daß alle Tiere, groß und klein, ihm nachfolgen, wohin er +auch geht. Aus einem Knochen von diesem Tiere war der Kamm gefertigt; +so klar wie Silber, rein und weiß und wohlriechend. Denn wenn das Tier +stirbt, so geht sein Geruch in die Knochen über; sie verderben niemals +und bleiben immer wohlriechend. + +In diesen Kamm waren köstliche Bildnisse hineingeschnitzt aus rotem und +blauem Lasurstein, von Goldranken durchzogen. + +Da sah man die Geschichte des Paris: wie er einstmals nahe bei einem +Brunnen lag und die drei Göttinnen Pallas, Juno und Venus kommen +sah. Sie hatten einen goldenen Apfel und zankten sich darum, wer ihn +besitzen sollte. Als sie Paris erblickten, beschlossen sie, sich seinem +Urteil zu unterwerfen. Diejenige, die er für die Schönste erklärte, +sollte den Apfel erhalten. Jede der Göttinnen versuchte nun, Paris +zu ihren Gunsten zu stimmen. Juno sprach zu ihm: ›Gibst du mir den +Apfel und preist mich für die Schönste, so mache ich dich so reich, +wie noch nie ein Fürst vor dir war.‹ Pallas sagte: ›Wenn du mir den +Apfel zusprichst, so sollst du groß und mächtig werden, daß Freund und +Feind dich fürchten sollen.‹ Venus sprach: ›Was nützen ihm Reichtum +und Macht? Ist nicht König Priamus sein Vater? Sind nicht alle seine +Brüder reich und mächtig?. Alles, was ihr ihm geben wollt, hat er ja +schon! Willst du mich aber als die Schönste preisen und mir den Apfel +übergeben, so soll dir das Kostbarste auf Erden zuteil werden. Ich +gebe dir das schönste Weib, das je auf Erden gelebt hat, Helena, die +Königin der Griechen. Sie ist schön und edel, tugendhaft und weise!‹ +Da gab Paris der Venus den Apfel und pries sie als die Schönste der +drei Göttinnen. Sie aber führte ihn nach Griechenland und half ihm, die +schöne Königin zu gewinnen und nach Troja zu bringen. Diese Geschichte +stand auf dem Kamm in erhabener Arbeit, so klar und deutlich, daß es +jeder verstehen konnte. + +Nun höret noch, wie der Spiegel beschaffen war! An Stelle des Glases +war ein schöner, klarer Beryll eingesetzt. Man sah darin alles, was +eine Meile entfernt geschah, bei Tag oder bei Nacht. Hatte jemand in +seinem Auge einen Flecken oder in seinem Antlitze einen Fehler und sah +in diesen Spiegel, so verschwanden die Gebrechen im selben Augenblick. +Ist es da ein Wunder, daß ich mich gräme, einen so köstlichen Schatz +verloren zu haben? Das Holz, aus dem der Rahmen gefertigt war, +hieß Sethym. Es glich dem Ebenholz, war fest und blank und konnte +nie verfaulen oder von Würmern zerstochen werden. Es war kostbarer +als Gold. Aus solchem Holze war zu König Krompardes Zeit das Pferd +gearbeitet, auf dem er in einer Stunde hundert Meilen weit reiten +konnte. Das Pferd hat nie seinesgleichen gehabt, aber leider ist meine +Zeit zu kurz, um Euch diese Geschichte gründlich erzählen zu können. +Der Rahmen des Spiegels war anderthalb Fuß breit. Viele Bilder waren in +ihn hineingeschnitzt, deren Bedeutung in goldener Schrift darunterstand. + +Die erste Geschichte handelte von dem Pferde, das neidisch war, weil es +nicht wie der Hirsch laufen konnte. Es ging daher zu einem Hirten und +sprach: ›Glück auf! Setze dich auf meinen Rücken und folge meinem Rat. +Dort im Walde hat sich ein Hirsch versteckt. Den sollst du fangen, und +ich sage dir, deine Mühe wird sich reichlich belohnen. Sein Fleisch, +sein Geweih und sein Fell werden dir großen Nutzen bringen. Setze +dich also auf und laß uns jagen!‹ Der Hirt sagte, er wolle es wagen, +sprang auf den Rücken des Pferdes, und fort ging es in den Wald hinein. +Bald kamen sie auf die Spur des Hirsches und jagten ihm, so eilig +sie konnten, nach. Der Hirsch hatte aber einen großen Vorsprung, und +es gelang ihnen nicht, ihn einzuholen. Da sprach das Pferd zum Mann: +›Sitze ein wenig ab und laß mich etwas ruhen, denn ich bin sehr müde.‹ +›Nein,‹ erwiderte der Mann, ›wahrlich nicht! Wir reiten weiter. Und +wenn du mir nicht gehorchst, sollst du meine Sporen fühlen.‹ Seht, so +wurde das Pferd ein Sklave des Menschen. Es wurde hart gestraft für +seine Absicht, dem Hirsch Tod und Verderben zu bringen. So geht es +manchem, der einem anderen Schaden zufügen will! + +Ferner stand auf dem Rahmen die Geschichte von dem Hund und dem Esel. +Beide gehörten einem reichen Manne. Der Hund aber stand bei dem Herrn +in größerer Gunst als der Esel. Er saß an seines Herrn Tisch und +bekam die besten Bissen zu essen. Er wurde auf den Schoß genommen und +geliebkost. Dafür hatte er nichts weiter zu tun, als mit dem Schwanz zu +wedeln und zu schmeicheln. Das sah der Esel Boldewein und grämte sich +darüber. Er sprach zu sich selbst: ›Wie ist es nur möglich, daß mein +Herr so freundlich zu diesem faulen Hund ist, der nichts weiter tut +als lecken und schmeicheln? Ich aber muß die ganze Arbeit verrichten. +Ich muß schwere Säcke tragen und in vier Wochen mehr tun als fünf, ja +selbst zehn Hunde in einem ganzen Jahr ausrichten könnten. Er bekommt +feine Speisen zu essen, mir aber gibt man nichts als Heu. Er schläft +auf weichen Kissen, ich muß auf der harten Erde liegen. Ja, überall +spottet man über mich. Ich will das aber nicht länger ertragen, sondern +auch versuchen, die Huld meines Herrn zu erwerben.‹ Da kam der Herr +gerade nach Haus. Der Esel lief ihm entgegen, wedelte mit dem Schwanz +und schrie: Y--a -- Y--a. Er stellte sich auf die Hinterfüße und leckte +seinem Herrn das Gesicht, wie er's vom Hunde gesehen. Dabei war er +aber ungeschickt und stieß dem Herrn zwei große Beulen. Da rief dieser +in großer Angst: ›Ergreift den Esel und schlagt ihn tot!‹ Die Knechte +prügelten alle auf ihn los und trieben ihn wieder in den Stall. So +blieb er, was er war -- ein Esel. + +So gibt es manchen dummen Esel, der anderen ihr Glück mißgönnt und +es doch selbst nicht erringen kann. Ja, gelingt es einem auch, so +eignet er sich nicht besser dazu als ein Schwein, das mit Löffeln ißt. +Man lasse die Esel Säcke tragen und Disteln und Heu fressen. Tut man +ihnen größere Ehre an, so bleibt es bei der alten Lehre: Wo Esel die +Herrschaft haben, da sieht man selten großes Gedeihen. Meist suchen sie +ihren eigenen Vorteil und fragen wenig nach anderer Leute Wohlfahrt. +Dabei ist das Traurige, daß die Esel täglich an Macht höher steigen. + +Ferner war auf dem Rahmen zu sehen, wie mein Vater einstmals mit dem +Kater Hinze Freundschaft schloß. Sie schwuren einander, alle Beute +redlich zu teilen und sich in Gefahr treu beizustehen. So machten sie +viele Reisen zusammen. Einstmals sahen sie einen Jäger und Hunde auf +sich zukommen. Da rief Hinze in großer Angst: ›Jetzt ist guter Rat +teuer!‹ Mein Vater aber sagte: ›An gutem Rat fehlt es uns nicht, ich +habe noch einen ganzen Sack voll davon! Wir wollen aber unseren Schwur +halten und treu beieinander bleiben, dann wird noch alles gut werden.‹ +Hinze versetzte: ›Hier gibt es nur einen guten Rat, den will ich mir +zunutze machen.‹ Und damit sprang er auf einen Baum, wo ihn die Hunde +nicht erreichen konnten. Meinen armen Vater ließ er in größter Gefahr +allein. Spottend rief Hinze noch vom Baum herab: ›Wie steht es denn +nun mit Eurem Rat? Ihr hattet doch eben noch einen ganzen Sack voll! +Nehmt doch davon!‹ Da kamen auch schon Jäger und Hunde ganz nahe heran. +Mein armer Vater wurde durch dick und dünn gehetzt, bis er endlich, zum +Tode ermattet, seine Burg erreichte. Dort war er vor den Verfolgern +sicher. So verriet ihn der, dem er am meisten vertraute. Es müßte also +ein Wunder sein, wenn ich dem bösen Schelm, dem Hinze, gut wäre. Solche +falschen Freunde gibt es häufig in der Welt, die uns im Glück anhangen +und in der Not verlassen. + +Dann stand auf dem Spiegel die Fabel von dem Wolf, der für empfangene +Wohltat nicht dankte. Der Wolf lief einstmals übers Feld und fand ein +totes Pferd, dem das Fleisch schon von den Knochen abgezehrt war. Der +Wolf war aber sehr hungrig und fiel über die abgenagten Überreste her. +Da blieb ihm ein spitzer Knochen im Halse stecken, den er nicht wieder +herausbringen konnte. Er war in großer Gefahr und glaubte sterben zu +müssen. Zu den berühmtesten Ärzten schickte er und bot demjenigen +großen Lohn, der ihn aus seiner Not befreien würde. Aber vergebens, +keiner konnte ihm helfen. Da kam auch Lütke, der Kranich, herbei. +Er trug ein rotes Barett auf dem Kopfe, weswegen der Wolf ihn Herr +Doktor nannte. ›Hilf mir geschwind,‹ sagte Isegrim zu ihm, ›und zieh' +mir den Knochen aus dem Hals, dann will ich dich reich belohnen.‹ Der +Kranich glaubte den schönen Worten und steckte Schnabel und Kopf dem +Wolf in den Rachen und zog den Knochen heraus. Da schrie der Wolf: +›Weh mir! weh mir! Was machst du mir für Schmerzen! Doch ich will es +dir verzeihen! Hätte mir das ein anderer getan, niemals hätte ich es +erduldet!‹ + +›Seid zufrieden!‹ sagte der Kranich, ›Ihr seid nun geheilt. Darum gebt +mir meinen Lohn!‹ + +Da sprach der Wolf: ›Höre mir nur einer diesen Narren! Er tut mir +weh und begehrt noch Lohn dazu! Habe ich nicht genug des Guten an +ihm getan? Er steckt seinen Kopf in meinen Rachen, und ich lasse ihn +denselben wohlbehalten herausziehen! Hätte hier jemand ein Recht auf +Lohn, so wäre ich es doch, denke ich!‹ + +So belohnen Schurken ihre Wohltäter! + +Seht, solche Geschichten und noch andere waren in den Spiegel +geschnitzt und mit goldener Schrift erklärt. Ich hielt mich für +unwürdig und zu geringe, so köstliche Dinge zu besitzen. Darum sandte +ich sie der Königin und dem Könige, meinem Herrn. Meine beiden Kinder +waren sehr betrübt darüber; sie guckten gern in den Spiegel hinein, +tanzten und sprangen davor und sahen, wie ihnen ihr Mäulchen stand, und +wie ihnen die Schwänzchen hingen. + +Diese Kleinodien nun vertraute ich Bellyn und Lampe auf Treu und +Glauben an. Ich zweifelte nicht an ihrer Redlichkeit, sie waren meine +besten Freunde. Wie hätte ich ahnen können, daß Lampe dem nahen Tod +entgegenging! Jetzt rufe ich wehe! über den Mörder. Aber ein Mord +bleibt nicht lange verborgen. Die Wahrheit muß an das Tageslicht +kommen. Ich will nicht eher ruhen, bis ich erfahren habe, wer die +Kleinode gestohlen hat. Vielleicht ist sogar jemand unter den +Versammelten, der weiß, wo die Schätze geblieben sind, und wie Lampe +ums Leben kam.« + + + + + 14. Kapitel. + + Neue Lügen Reinekes und seine Freisprechung. + + +Da alles im Saal ruhig blieb und sich keiner zum Wort meldete, fuhr +Reineke fort: »Seht, gnädigster Herr und König! Es kommen so viele +Sachen vor Euch, daß Ihr unmöglich alles im Gedächtnis behalten könnt. +Oder erinnert Ihr Euch vielleicht noch des großen Dienstes, den mein +Vater dem Euren erwies? Euer Vater lag im Sterben, und mein Vater +rettete ihm das Leben. Ich glaube zwar, Ihr könnt Euch dessen nicht +entsinnen, denn Ihr wart damals erst 3 Jahre alt. + +Es war ein sehr kalter Winter. Euer Vater lag schwerkrank danieder. +Er litt große Schmerzen und konnte sich nicht bewegen. Man mußte ihn +heben und tragen. Er ließ von weit und breit alle Ärzte rufen; doch +keiner konnte ihm helfen, alle erklärten, er sei dem Tode verfallen. +Endlich schickte man zu meinem Vater. Der war damals sehr angesehen bei +Hofe, denn er verstand die Kunst der Arzneimittel, konnte Zähne ziehen, +Brechmittel geben und hatte schon manchem in der Not geholfen. Als er +nun zu Eurem Vater kam und ihn so krank und schwach liegen sah, ging +es ihm sehr zu Herzen, und er rief: ›O, mein König, gnädigster Herr! +Könnte ich doch mein Leben hingeben, um Euch zu helfen! Ich täte es +mit Freude und Stolz! Aber es gibt nur ein Mittel, um Euch zu retten. +Ihr müßt die Leber eines siebenjährigen Wolfes essen. Dann werdet Ihr +genesen. Aber Eile ist vonnöten, sonst stehe ich für nichts!‹ Der +Wolf, der zugegen war, hörte diese Worte mit Schrecken. Der König +sprach zu ihm: ›Hört Ihr es, Herr Wolf? Ich brauche Eure Leber, um +gesund zu werden!‹ Der Wolf antwortete bebend: ›Herr, fürwahr, was +nützt Euch meine Leber? Ich bin noch nicht fünf Jahr alt.‹ Da sagte +mein Vater: ›Ich werde es der Leber schon ansehen, ob sie sich für den +König eignet.‹ Darauf führte man den Wolf in die Küche und riß ihm die +Leber heraus. Der König aß sie und wurde gesund. + +O, wie dankbar war er meinem Vater! Er schenkte ihm eine goldene Spange +und ein rotes Barett. Das mußte mein Vater immer tragen, und alle Leute +redeten ihn ›Herr Doktor‹ an. Der König schätzte ihn hoch und ehrte +ihn sein Leben lang; er mußte stets zur Rechten des Königs gehen. Wie +hat das Blatt sich jetzt gewendet! Mein Vater ist vergessen, und die +eigennützigen Schelmen werden erhöht. Man trachtet nur nach Vorteil und +Gewinn, aber rechte Weisheit wird nicht geschätzt. Leute aus niedrigem +Stand spielen sich als große Herren auf und drücken die Armen. Sie +vergessen ihre Herkunft und sind taub für alle Bitten, wenn nicht +gleich eine Gabe dabei ist. Ihre Meinung ist: Bringt nur her, dies +zuerst und hernach noch mehr! Solcher gierigen Wölfe gibt es viele. Die +besten Bissen nehmen sie für sich. Und könnten sie auch ihres Herrn +Leben mit einer Kleinigkeit retten, so täten sie es doch nicht. Jener +Wolf wollte auch nicht seine Leber für seinen König hingeben. Und +gleichwohl sähe ich es lieber, daß zwanzig Wölfe ihr Leben einbüßten, +als daß der König oder die Königin von uns genommen würde! + +Dies alles, Herr König, geschah in Eurer frühsten Kindheit, und ich +weiß wohl, daß Ihr Euch dessen nicht mehr erinnern könnt. Mir aber +hat es sich so eingeprägt, als wäre es erst gestern geschehen. Diese +Geschichte nun war auch auf dem Spiegel angebracht mit Gold und +Edelsteinen, wie es mein Vater haben wollte. Könnte ich nur diesen +Spiegel wieder ausfindig machen, so wollte ich mein Leben und Vermögen +daransetzen.« + +»Reineke,« sprach der König, »Eure Worte habe ich wohl gehört und +verstanden. War aber Euer Vater so tugendhaft und stand hier so hoch in +Ehren, so muß das schon sehr lange her sein. Ich erinnere mich dessen +nicht; auch hat mir's niemand berichtet. Von Euren schlimmen Ränken +aber weiß ich viel. Jeder weiß davon zu erzählen. Tut man Euch damit +unrecht? Das werdet Ihr schwerlich beweisen können! Wenn mir doch auch +mal etwas Gutes von Euch berichtet würde! Aber nein, das geschieht +niemals!« + +»Gnädigster Herr!« erwiderte Reineke. »Gestattet, daß ich hierauf +antworte. Ihr selbst wißt ja Gutes von mir. Nicht als ob ich mich +dessen rühmen wollte; denn ich bin jederzeit verpflichtet, alles +für Euch zu tun, was in meinen Kräften steht. Denkt Ihr nicht mehr +daran, wie einst Isegrim und ich ein Schwein gefangen hatten? Da es +fürchterlich schrie, bissen wir es gleich tot! Da kamt Ihr, Herr König, +und die Königin herzu. Ihr wart müde und hungrig und batet uns, die +Beute mit Euch zu teilen. ›Ja,‹ sprach Isegrim brummig, denn er tat es +höchst ungern. Ich aber sagte: ›Herr, es soll Euch von Herzen gegönnt +sein! Ja, hätten wir noch der Schweine viel mehr, sie ständen Euch +zu Diensten! Befehlt, wer es teilen soll!‹ ›Das soll der Wolf tun!‹ +spracht Ihr. Da freute sich Isegrim. Er teilte in seiner gewohnten +Weise, ohne jede Gerechtigkeit, nur zu seinem eigenen Vorteil. Ein +Viertel gab er Euch, ein Viertel Eurer Frau, die andere Hälfte nahm er +für sich selbst. Er aß über die Maßen gierig. Nur die Ohren und die +Schnauze und die halbe Lunge gab er mir. Alles andere behielt er für +sich, wie Ihr selbst saht. So zeigte er seinen Edelmut. Als Ihr aber +Euren Teil aufgegessen hattet, wart Ihr noch nicht satt. Das merkte ich +wohl. Auch der Wolf sah es, tat aber, als merkte er nichts, und fraß +ruhig weiter, ohne Euch etwas anzubieten. Da bekam er von Euch einen +Schlag hinter die Ohren, daß er furchtbar heulend und mit blutiger +Platte davonlief. ›Teile ein andermal besser,‹ rieft Ihr ihm nach, +›sonst will ich's dir beibringen! Eile jetzt und schaffe uns was zu +essen!‹ Da sprach ich: ›Herr, gebietet Ihr, so gehe ich mit ihm. Ich +weiß etwas Gutes aufzufinden.‹ + +Das war Euch recht, und so ging ich mit dem Wolfe. Seufzend und +blutend trollte er neben mir her. Bald glückte es uns, ein fettes Kalb +zu erlegen. Das gefiel Euch wohl; Ihr freutet Euch sehr, als wir es +brachten, Ihr lobtet mich auch und sagtet, ich wäre gut, in der Zeit +der Not ausgesendet zu werden. Darauf befahlt Ihr mir, das Kalb zu +teilen. Ich sagte zu Euch: ›Herr, die eine Hälfte gehört Euch, die +andere der Königin. Was darinnen ist, Herz, Leber und Lunge, gehört +Euren Kindern. Mir gehören die Füße, und der Wolf soll das Beste haben +-- den Kopf.‹ Als Ihr das hörtet, spracht Ihr: ›Reineke, wer hat Euch +so hübsch teilen gelehrt?‹ Ich versetzte: ›Herr, jener mit dem blutigen +Kopf hat's mich gelehrt! Denn heute, als Isegrim das Schwein teilte, +paßte ich gut auf und lernte, wie man Schweine und Kälber teilen muß.‹ + +Seht nun, Herr König, so habe ich Euch stets die Euch gebührende Ehre +bewiesen. Alles was ich besitze und erwerbe, gehört Euch und der +Königin. Wenn Ihr nur an die Teilung des Schweines oder des Kalbes +denkt, so werdet Ihr erkennen, bei wem die rechte Treue ist, bei +Reineke oder bei Isegrim? Nun steht aber der Wolf hoch in Ehren und ist +Euer erster Minister. Euren Vorteil sucht er nicht; er ist stets nur +auf seinen eigenen bedacht. Er und Braun führen das große Wort, aber +Reinekes Sache wird nicht gehört. + +Es ist wahr, Herr, daß ich schwer verklagt bin. Doch will ich nicht +eher weichen, bis mir mein Recht geworden ist. Ist hier bei Hofe +jemand, der mir Böses nachweisen kann, so trete er mit seinen Zeugen +hervor. Er setze da sein Vermögen, ein Ohr oder sogar sein Leben ein +zum Pfand für die Wahrheit seiner Behauptungen. Solch Recht hat hier +jederzeit gegolten -- ich nehme es auch für mich in Anspruch.« + +Dem König gefiel diese mutige Rede, und er erwiderte: »Es sei, wie +es sei, Recht muß Recht bleiben. So sollst du auch, Reineke, mit +Gerechtigkeit gerichtet werden. Man hat dich schwer angeklagt und dir +Lampes Tod zur Last gelegt. O wie ungern habe ich ihn verloren. Denn +ich hatte ihn sehr lieb. Und als mir Bellyn sein Haupt brachte, war +ich im tiefsten Herzen betrübt. Dennoch ist es möglich, daß der Widder +die Schandtat allein verübt hat. Ist aber sonst noch jemand, der über +Reineke klagen will, so trete er vor. Was mich selbst betrifft, so will +ich ihm vergeben, denn Reineke hat mir stets in Treue und Ergebenheit +gedient. Hätte aber jemand glaubwürdige Zeugen, so bringe er sie her, +und das Recht soll walten!« + +Reineke versetzte: »Gnädiger Herr, ich danke Euch sehr für Eure große +Gnade und Gerechtigkeit. Ich schwöre es bei meinem Eide: als Lampe und +Bellyn von mir schieden, tat mir das Herz recht weh; denn ich hatte +diese beiden sehr lieb. Wie konnte ich aber ahnen, daß Lampe der Tod so +nahe bevorstand!« + +So verstand es Reineke, den König und alle Anwesenden zu täuschen. +Er sprach so sicher und sah so ernst dabei aus, daß niemand an der +Wahrheit seiner Worte zweifeln konnte. Er hatte die Schätze so genau +beschrieben, daß man unmöglich annehmen konnte, die ganze Geschichte +sei nur erfunden. In dem König hatte er solche Begier nach den +Kostbarkeiten erweckt, daß dieser nur danach trachtete, sie wieder +aufzufinden. Darum sprach er zu dem Fuchs: »Seid ohne Sorgen, +Reineke! Ihr sollt frei reisen und versuchen, die Kostbarkeiten wieder +aufzufinden. Meine Hilfe soll Euch dabei zu Diensten stehen.« + +»Gnädiger Herr,« versetzte Reineke, »ich danke Eurer Majestät sehr für +die trostreichen und ermutigenden Worte. Euch kommt es zu, Raub und +Mord zu strafen, die leider der Schätze wegen begangen worden sind. +Ich will allen Fleiß anwenden und Tag und Nacht reisen. Erfahre ich es +dann, wo die Schätze geblieben sind, und reicht meine Kraft nicht aus, +sie Euch zurückzugewinnen, so werde ich Euer Gnaden um Hilfe anrufen. +Gelingt es dann, Euch die Kleinodien zu überliefern, so wäre meine Mühe +reichlich belohnt.« + +Mit Wohlgefallen hörte der König diese Worte. Er glaubte alles, was +Reineke sagte, obwohl ihn dieser so furchtbar betrogen und belogen +hatte. Aber auch alle anderen hatte der Schelm betört, und sie fanden +es ganz richtig, daß dem braven Reineke wieder die volle Freiheit +gewährt wurde. Nun konnte er tun und lassen, was er wollte, denn er +stand wieder in der Gunst seines Herrn. + + + + + 15. Kapitel. + + Neue Anklagen Isegrims und Reinekes Verteidigung. + + +Einer aber war in der Versammlung, dem die Freisprechung Reinekes +durchaus nicht gefiel. Aufgeregt und zornig trat Isegrim vor den König +und sagte: »Herr König, gnädiger Herr! Glaubt Ihr Reineke jetzt aufs +neue, der Euch so viel vorgelogen hat? Wie könnt Ihr dem losen Schalk +nur trauen? Er betrügt sicherlich uns alle, denn er lügt immer und +sagt niemals die Wahrheit. Aber ich lasse ihn so noch nicht ziehen. +Ihr sollt es noch hören und erkennen, daß er ein falscher Bube ist. +Ich weiß noch drei schlimme Geschichten von ihm. Die will ich hier +öffentlich bekannt machen und meine Aussage mit Leben und Ehre +verfechten! Zeugen habe ich zwar nicht. Aber ist es denn möglich, für +alles Zeugen zu finden? Es wagt ja auch niemand gegen ihn zu zeugen, +denn er behält ja immer recht. Außerdem ist er niemandes Freund und +weder Euch noch Eurem Hause zugetan. Ich will ihn aber heute nicht von +hinnen lassen, ehe er mir nicht Rede gestanden hat. Gnädigster Herr, +Reineke hat stets meinem ganzen Geschlechte zu schaden getrachtet. Was +hat er nicht mir und meinem Weibe für Schimpf angetan? + +Einstmals führte er sie an einen Teich und befahl ihr, in den Schlamm +zu treten. Er sagte, er wolle sie lehren, Fische zu fangen. Sie solle +nur den Schwanz ins Wasser hängen, da würden so viele Fische anbeißen, +daß sie gar nicht alle essen könnte. Sie watete also hinein und schwamm +so lange, bis er ihr zurief, an der Stelle zu bleiben und den Schwanz +ins Wasser zu hängen. Der Winter war kalt, und es fror sehr scharf. +Endlich konnte es mein Weib nicht mehr aushalten, denn der Schwanz +war fest eingefroren. Da er aber so schwer war, glaubte sie, es wären +lauter Fische daran. Sie zog und zog, konnte aber den Schwanz nicht +herausbekommen. Reineke aber freute sich seines schändlichen Streiches. +Er stand am Ufer und verspottete sie. Da kam ich von ungefähr des +Weges. Wie erschrak ich, als ich mein Weib laut jammern und um Hilfe +rufen hörte! ›Reineke, was hast du getan?‹ rief ich. Aber kaum wurde +er mich gewahr, so lief er spornstreichs davon. Traurig ging ich +näher heran. Durch tiefen Morast mußte ich waten, durch kaltes Wasser +schwimmen, bis ich zu ihr gelangte. Nun bemühte ich mich, das Eis zu +brechen. Sie riß und zerrte, und endlich war sie frei. Aber ein Stück +des Schwanzes war im Eise geblieben. Ihr lautes Schmerzensgeschrei +war von den Bauern des Dorfes gehört worden. Sie wurden uns im Teiche +gewahr und kamen herbei mit Knütteln, Äxten und Prügeln. Auch Weiber +mit Spinnrocken liefen herzu. Alle riefen durcheinander: ›Fangt ihn, +schlagt ihn, tötet ihn!‹ Nie war es mir banger zumute. Wir liefen +beide, daß uns der Schweiß ausbrach. Da war ein böser Bube, der mit +einer langen Pike nach uns stach. Dieser tat uns den meisten Schaden. +Denn er war stark und leichtfüßig. Zum Glück war es Abend, und die +Nacht brach herein; sonst wären wir nicht mit dem Leben davongekommen. +Seht, Herr König, das war ein schändlicher Verrat, den Ihr sicher ohne +alle Gnade strafen werdet.« + +Auf diese Klage Isegrims sagte der König: »Um gerecht zu urteilen, will +ich erst hören, was der Verklagte zu sagen hat. Reineke, tretet vor!« + +»Wäre alles wahr, was Isegrim gesagt hat,« versetzte der Fuchs, »so +würde es mir nicht zur Ehre gereichen. Verhüte Gott, daß man es für +Wahrheit halte. Richtig ist, daß ich der Wölfin einmal zeigte, wie man +Fische fangen sollte. Aber sie war so begierig danach, daß sie auf +nichts weiter hörte. Das Schlimme war, daß sie den Schwanz zu lange im +Wasser ließ. Darum fror er fest. Hätte sie ihn schneller herausgezogen, +so würde sie genug Fische gehabt haben. Allein sie wollte sich nicht +genügen lassen. Allzuviel begehren ist niemals gut. Einen Habgierigen +kann niemand sättigen. So erging es auch Frau Gieremund, als sie im +Eise festgefroren saß. Das ist jetzt der Dank dafür, daß ich ihr nach +Kräften half, sie herauszuheben. Allein es war umsonst, sie war mir +zu schwer. Da kam Isegrim dazu. Er stand am Ufer und schimpfte und +fluchte, denn er meinte, ich sei an dem Mißgeschick seiner Frau schuld. +Als ich seinen Zorn sah, machte ich, daß ich davonkam. Das war gewiß +auch das Klügste, was ich tun konnte, denn er war sehr aufgebracht und +drohte, es mir heimzahlen zu wollen. Sehet, Herr König, er klagt, daß +ihn die Bauern verfolgt haben. Oh, das tat beiden sehr gut. Es erwärmte +ihnen das Blut, nachdem sie im Wasser so sehr gefroren hatten. Was soll +man also weiter darauf hören? Hier steht ja Frau Gieremund. Man mag sie +befragen. Ich aber bitte mir eine Woche Frist aus, daß ich mich mit +meinen Freunden besprechen und mich mit ihnen beraten kann, wie ich die +Klage des Wolfes beantworten soll.« + +Da sprach Frau Gieremund: »Seht, Reineke, all Euer Wesen ist +Schalkheit, List und Spitzbüberei, Lug, Trug und Verrat. Ja, wer +Euren Worten traut, wird gewiß zuletzt hintergangen. Eure Worte sind +leichtfertig und betrügerisch, wie ich es bei dem Brunnen wohl erfahren +habe. Es hingen zwei Eimer daran. Ihr waret in den einen gestiegen +und damit niedergesunken, daß Ihr nicht wieder in die Höhe konntet. +Ich hörte Euch stöhnen und rief Euch zu: ›Wie seid Ihr denn da +hineingeraten?‹ Da sagtet Ihr zu mir: ›Steigt nur in den anderen Eimer +und kommt zu mir herab, so könnt Ihr Fische in Menge haben. Ich habe +schon so viele gegessen, daß mir der Leib davon weh tut.‹ Ich dummes +Weib glaubte das auch. Ich stieg in den Eimer und sank herab. Aber da +stieg der andere Eimer, in dem Ihr saßet, in die Höhe. Darüber war ich +sehr verwundert und fragte Euch, wie das zugehe? Darauf antwortetet +Ihr: ›Das ist nun so der Lauf der Welt! Der eine steigt, der andre +fällt! So geht es auch uns beiden. Der eine wird erniedrigt, der andere +erhöht, nach den Tugenden, die ein jeder hat!‹ + +Darauf sprangt Ihr aus dem Eimer und lieft davon. Ich mußte aber +den ganzen Tag da sitzen und war hungrig und sehr betrübt. Da kamen +zwei Bauern an den Brunnen, und wie sie mich sahen, riefen sie: ›Ha, +da sitzt der Räuber, der uns unsere Lämmer würgt! Und sie zogen +mich heraus und prügelten auf mich los, daß ich knapp mit dem Leben +davonkam. Einen schlimmeren Tag habe ich nie erlebt!« + +»Das war zu Eurem Besten!« sprach Reineke, »daß Ihr so geschlagen +wurdet. Und mir war es auch sehr angenehm. Ich hätte die Schläge nicht +so gut vertragen können. Und einer von uns beiden mußte daran glauben. +Ihr habt aber auch eine weise Lehre dabei erhalten: daß Ihr ein +andermal besser auf Eurer Hut sein sollt und niemand zu viel Glauben +schenken dürft. Denn die Welt ist voller Bosheit!« + +»Das ist wahr,« sprach Isegrim, »ich habe es besonders an Reineke +erfahren. Wie oft hat er mich hintergangen! Ich habe noch lange nicht +alles erzählt. Einst kamen wir an einen Berg im Sachsenlande, wo ein +Geschlecht von Affen hauste. Er hieß mich in ihre Höhle kriechen und +wußte recht gut, daß es mir übel darin ergehen würde. Wäre es mir +nicht gelungen, den Ausgang zu erreichen, so hätte es mir gewiß ein Ohr +gekostet. Den meisten Schaden tat mir die Äffin, seine Muhme. Ihm aber +war es zuwider, daß ich mit dem Leben davonkam. Ich glaubte, ich sei in +der Hölle gewesen!« + +Da wendete sich Reineke an alle Herren, die mit ihm bei Hofe waren, und +sprach: »Isegrim ist nicht recht bei Sinnen, was er jetzt von der Äffin +spricht. Und seine Worte sind nicht zu verstehen. Es ist wohl zwei und +ein halbes Jahr her, daß ich mit ihm ins Sachsenland reiste. Es ist +aber alles gelogen, was er sagt. Denn es war ein Meerkatzen-Geschlecht. +Und auch das ist eine Unwahrheit, daß Meerkatzen meine Muhmen sind. +Frau Rückenau und Martin, der Affe, das sind meine Verwandten. Er ist +Notar und versteht das Recht. Was aber Isegrim von den Meerkatzen +erzählt, das sagte er bloß mir zum Spott. Denn ich habe nichts mit +ihnen zu tun. Sie sind niemals meine Freunde gewesen und sehen aus wie +die Teufel in der Hölle. Daß ich aber die Meerkatze meine Muhme hieß, +das tat ich nur aus Klugheit, um mir eine gute Aufnahme zu verschaffen. + +Die Sache verhielt sich nämlich so: Wir gingen einstmals um einen +hohen Berg herum und kamen an eine tiefe, dunkle Höhle. Isegrim war +vor Hunger ganz matt. Ich habe ihn übrigens nie so satt gesehen, daß +er nicht gern noch mehr gehabt hätte. Ich sagte zu ihm: ›In der Höhle +dort ist gewiß Speise genug vorhanden, und wer da wohnt, gibt einem +wohl davon ab.‹ Da versetzte Isegrim: ›Oheim Reineke, ich will hier +unter dem Baum warten. Geht hinein und fragt danach! Ihr eignet Euch +besser dazu als ich.‹ Und so wollte er mich in die Falle bringen. Wenn +ich aber etwas zu essen fände, so sollte ich es ihn wissen lassen. Ich +ging in die Höhle hinein, einen langen, dunklen Gang hindurch, in dem +mir angst und bange wurde. Solche Angst möchte ich um alles Gold in +der Welt nicht noch einmal ausstehen. Denn es waren da viele häßliche +Tiere, große und kleine. Das schlimmste aber war die alte Meerkatze. +Als ich sie erblickte, glaubte ich den Teufel selbst zu sehen. Sie +lag in der Ecke zusammengekauert. In ihrem großen, weit aufgesperrten +Maul standen lange Zähne. An Händen und Füßen hatte sie furchtbare +Krallen. Ihr Rücken endete in einem langen Schwanz. Nie habe ich ein +häßlicheres Tier gesehen! Die Jungen waren kohlschwarz und sahen wie +die leibhaftigen Teufel aus. Sie lagen in verfaultem Heu, bis an die +Ohren mit Schmutz bedeckt, und ein Geruch war in der Höhle, daß mir +übel davon wurde. Sie sahen mich sehr grimmig an, und ich dachte: +Ach, wäre ich nur glücklich wieder hier heraus! Die Alte war größer +als Isegrim und ihre Kinder fast ebenso groß. In dieser gefährlichen +Gesellschaft schien es mir nicht ratsam, die Wahrheit zu sagen. Denn +ihrer waren viele, und ich war allein, und alle sahen sehr böse aus. +Da fand ich einen Ausweg. Ich grüßte sie höflich und tat, als ob ich +sie kennte. Ich nannte die Meerkatze Muhme und die Kinder meine Neffen. +Ich sagte: ›Gott erhalte Euch lange gesund! Diese sind Eure Kinder, das +sehe ich wohl an der Ähnlichkeit. Sie gefallen mir über die Maßen gut. +Wie schön, wie lustig sie sind! Ein jeder davon könnte eines Königs +Sohn sein!‹ + +Als ich sie nun so ehrerbietig begrüßte, wie ich es doch gar nicht +meinte, tat sie auch, als ob sie mich kennte. Sie war sehr vergnügt +und nannte mich Oheim, obgleich wir gar nicht verwandt sind. Und was +schadete es, daß ich sie Muhme nannte, wenn mir auch der Angstschweiß +dabei ausbrach? + +›Freund Reineke,‹ sprach sie zu mir, ›seid uns willkommen! Es ist mir +eine rechte Freude, daß Ihr mich besucht! Ihr seid ein kluger Mann und +könnt Eure kleinen Verwandten lehren, wie sie zu Ehre und Ruhm in der +Welt kommen könnten.‹ + +Seht, solch freundlichen Empfang hatte ich mir bloß dadurch verdient, +daß ich sie Muhme nannte und ihre Kinder lobte! Ich wäre gern so +schnell wie möglich fortgegangen, allein sie sagte: ›Oheim, ich lasse +Euch nicht fort, ehe Ihr eine gute Mahlzeit bei mir gegessen habt.‹ +Darauf brachte sie voll Eifer so viel Speisen herbei, daß ich sie +nicht alle aufzählen kann, Hirsche, Rehe und anderes Wildbret. Ich war +verwundert, wie sie zu all dem gekommen war. Ich nahm davon, was mir +gefiel, und aß mich recht satt. Als ich fertig war, gab sie mir noch +ein Stück von einem Hirsch für mein Weib und meine Kinder mit. Darauf +nahm ich Abschied von ihr, und sie sprach: ›Reineke, kommt oft wieder +her!‹ Ich versprach es und machte, daß ich hinauskam. Denn hätte ich +noch länger in dem Gestank aushalten müssen, ich hätte den Tod davon +gehabt. + +Draußen fand ich Isegrim stöhnend und matt unter dem Baume liegend. +›Wie geht es Euch, Oheim?‹ fragte ich ihn. ›Nicht gut,‹ erwiderte er. +›Ich muß umkommen, ich sterbe vor Hunger.‹ Ich erbarmte mich seines +Elends und gab ihm das Stück Fleisch, das ich geschenkt bekommen hatte. +Er aß, und es schmeckte ihm sehr gut. Ja, er war mir sehr dankbar, +obwohl er das jetzt vergessen zu haben scheint. Als nun der Wolf +gegessen hatte, sagte er zu mir: ›Oheim Reineke, sagt mir doch, wer +dort in der Höhle wohnt, und wie es darin aussieht, gut oder übel.‹ Ich +sagte die Wahrheit und gab ihm die besten Lehren. ›Es ist ein garstiges +Nest,‹ sagte ich, ›doch zu essen gibt es genug; wenn Ihr was haben +wollt, so geht nur hinein. Aber hütet Euch wohl, die Wahrheit zu sagen. +Die liebe Wahrheit müßt Ihr diesmal verbergen, wenn es Euch gut gehen +soll. Wer immer die Wahrheit sagt, muß viel Verfolgung erdulden. Redet +nur, was gerne gehört wird, und schweiget über das, was nicht zu sagen +nötig ist.‹ + +Seht, Herr König, das waren meine Worte, die ich ihm auf den Weg +mitgab. Und so ging er fort, tat aber gerade das Gegenteil von dem, +was ich ihm gesagt hatte. Hat er nun etwas abbekommen, so ist es seine +eigene Schuld. Warum hat er meine Ratschläge nicht befolgt? Er sagte +keck, er wüßte schon selber, was er zu tun hätte, und ging in die Höhle +hinein. + +Da erblickte er nun die Meerkatzen, die wie die Teufel selbst aussahen. +›Hilf Gott!‹ rief er aus, ›was für scheußliche Tiere sind das! Sind +das Eure Kinder, oder sind sie aus der Hölle selbst entsprungen? Geht, +ersäuft sie, das ist mein Rat! Gehörten sie mir, so würde ich sie alle +hängen. Was soll solch böse Brut in der Welt? Wie garstig sehen sie +aus!‹ + +Die Meerkatze versetzte: ›Welcher Teufel hat Euch hergesandt? Was habt +Ihr uns zu verspotten? Was habt Ihr überhaupt hier zu suchen? Ob meine +Kinder häßlich oder schön sind, was geht es Euch an? Reineke, der +Fuchs, ist doch gewiß klug; der war heute auch bei uns und fand meine +Kinder schön, sittsam und von guter Art. Er begrüßte sie als seine +nahen Anverwandten, und das vor kaum einer Stunde. Gefallen sie Euch +nicht so gut wie ihm, wer hat Euch denn hierher gebeten? Das sage ich +Euch, Herr Isegrim, wenn Ihr es wissen wollt.‹ + +Da forderte der Wolf etwas zu essen von ihr. ›Gebt her,‹ rief er, +›oder ich werde Euch dabei helfen. Für mich sind die Speisen nötiger +als für diese Gespenster.‹ Da sprang die Meerkatze auf ihn zu, biß +und kratzte auf ihn los, und die Kinder machten es ebenso, bissen und +zerrten ihn aufs furchtbarste. Er fing an zu heulen und zu schreien. +Das Blut lief ihm über die Backen. Er setzte sich nicht einmal zur +Wehr, sondern lief, so schnell er konnte, aus der Höhle heraus. Ich +stand draußen und erwartete ihn. Er war jämmerlich zerschunden. Sein +Fell war zerzaust, ein Ohr war zerrissen. Mehrere Löcher hatten sie +ihm in den Kopf geschlagen. Das Blut floß in Strömen herab. Ich fragte +ihn: ›Habt Ihr etwa die Wahrheit gesagt?‹ ›Ja,‹ erwiderte er, ›ich +sagte, wie ich es fand. Die garstige Hexe hat mich arg beschimpft. Wäre +sie hier draußen, so sollte sie mir's teuer bezahlen! Wie gefallen Euch +ihre Kinder, Reineke? Sehen sie nicht garstig und häßlich aus? Da ich +ihr das aber sagte, war es um mich geschehen! Ich verscherzte mir damit +sogleich ihre Gnade und kam sehr übel dabei an.‹ Da erwiderte ich: +›Seid Ihr denn verrückt? So habe ich es Euch nicht gelehrt. Ihr hättet +zu ihr sagen sollen: Liebe Muhme, wie geht es Euch und Euren reizenden +Kinderchen? Sie sind alle, groß und klein, meine lieben Verwandten!‹ + +Isegrim versetzte darauf: ›Ehe ich sie Muhme und die Kinder meine +Neffen nennen würde, eher soll sie lieber der Teufel holen! Ihre +Freundschaft kann ich gar wohl entbehren, denn es ist das ärgste +Lumpengesindel von der Welt.‹ + +Seht, Herr König, so empfing Isegrim für sein schlimmes Benehmen +schlimmen Lohn. Hat er nicht unrecht, wenn er sagt, ich habe ihn +verraten und bin schuld daran, daß es ihm so übel erging? Fragt +ihn selbst, ob sich die Sache nicht so zugetragen hat, wie ich sie +erzählte.« + + + + + 16. Kapitel. + + Die Forderung und die Vorbereitung zum Zweikampfe. + + +Auf diese Aufforderung versetzte Isegrim: »Wir wollen endlich zu +schwatzen aufhören und dem Dinge ein Ende machen! Warum sollen wir +uns fortwährend zanken? Reineke, Ihr sollt Euren Willen haben, ich +will mit Euch einen Zweikampf wagen. Dann wird es sich zeigen, auf +wessen Seite das Recht ist. Ihr sprecht hier von der Affenhöhle, wie +ich großen Hunger litt und Ihr mir etwas zu essen brachtet. Das war +aber ein bloßer Knochen, von dem Ihr schon alles Fleisch abgenagt +hattet! Ihr spottet meiner und tretet meiner Ehre zu nah'! Ihr habt +schändliche Lügen ersonnen, wie ich dem Könige, meinem Herrn, nach dem +Leben getrachtet hätte. Alles, was Ihr dem König von dem Schatz erzählt +habt, ist Lug und Trug. Niemand wird je die Kostbarkeiten zu sehen +bekommen, da sie gar nicht vorhanden sind. Ihr habt mich und mein Weib +unzählige Male betrogen und verraten. Mit freundlichen Worten habt Ihr +mir geschmeichelt, aber weh mir, wenn ich Euch traute! Ich fordere Euch +also jetzt zum Zweikampf auf Tod und Leben! So soll unser Zwist endlich +aufhören! Ich sage, daß Ihr ein Mörder und Verräter seid, ein Dieb und +ein Räuber! Hier werfe ich meinen Handschuh hin. Nehmt ihn auf, und der +Kampf soll zwischen uns entscheiden. Ihr, Herr König, und alle ihr +Herren, habt es gehört und sollt Zeugen bei dem Zweikampf sein! Der +morgige Tag entscheide, wer im Recht ist, Reineke oder ich!« + +So sprach der Wolf. Reineke aber dachte in seinem Sinn: »Das wird nun +um Gut und Leben gehen! Er ist groß, und ich bin klein. Er ist stark, +und ich bin schwach. Mache ich meine Sache diesmal schlecht, so ist +alles verloren. Doch wenn er auch stärker ist, so bin ich doch klüger +und weiß mir besser zu helfen. Auch kann ich schneller laufen als er, +denn ich habe noch die Klauen an meinen Vorderfüßen, während er sie +eingebüßt hat.« + +Und zum Wolf gewendet, sagte er: »Isegrim, Ihr seid selbst ein +Verräter! Alles, was Ihr mir hier zur Last legt, das lügt Ihr! Ich will +es wagen, mit Euch zu kämpfen. Denn das war von jeher mein Wunsch. +Alles, was Isegrim sagt, ist Lüge. Darauf setze ich mein Gegenpfand +hier vor Gericht!« Damit warf er seinen Handschuh hin. + +Der König empfing das Pfand von Isegrim ebenso wie das von Reineke und +sprach zu ihnen: »Ihr müßt nun beide Bürgen stellen, daß ihr morgen zum +Kampfe erscheinen wollt. Eure Angelegenheiten sind so verworren, daß +nur der Kampf zwischen euch entscheiden kann.« + +Isegrims Bürgen wurden Hinze, der Kater, und Braun, der Bär; Grimbart, +der Dachs, und Mönke, der junge Affe, wurden Bürgen für Reineke. + +Darauf wurde die Versammlung beendet. Zu Reineke aber trat Frau +Rückenau heran und sagte: »Freund Reineke, seid nur guten Mutes! Euer +Oheim Martin, der jetzt nach Rom gegangen ist, lehrte mich einst ein +gutes Gebet, das der Abt von Schluckauf verfaßt hat. Dieser Abt hatte +Martin lieb und schenkte ihm das Gebet und sprach: ›Dieses Gebet ist +allemal gut für den, der in den Streit geht. Man muß es frühmorgens +nüchtern über ihn lesen, so soll er den Tag über von aller Not frei +und selbst vor dem Tode sicher sein. An diesem Tage kann ihn niemand +verwunden.‹ Darum, lieber Oheim, seid guten Mutes! Ich will es morgen +früh über Euch lesen, so braucht Ihr Euch vor dem Tode nicht zu +fürchten.« + +Reineke antwortete: »Meine liebe Muhme, ich danke Euch von Herzen +dafür! Meine Sache ist gerecht, deshalb sehe ich getrost dem kommenden +Tag entgegen!« + +Reinekes Freunde blieben die Nacht über bei ihm, um ihm die Sorgen zu +vertreiben. Frau Rückenau, die Äffin, war beständig mit Rat und Tat +um ihn herum. Sie ließ ihm vom Kopf bis zum Schwanze alle seine Haare +abscheren und ihn ganz mit Öl bestreichen. Sie sprach zu ihm: »Reineke, +paßt wohl auf, was Ihr tut. Hört guter Freunde Rat, das wird Euch gut +tun und kann nie schaden. Ihr seid nun am ganzen Leibe rund und glatt; +Isegrim wird Euch nun mit seinen Tatzen nicht fassen und festhalten +können. Laßt Euch zuerst von ihm angreifen und jagen. Flieht eilig vor +ihm, aber -- vergeßt das nicht -- immer gegen den Wind. Da wirbelt Ihr +tüchtig Staub auf, der ihm in die Augen fliegt. Steht er dann still, um +sich die Augen auszuwischen, so schleudert Ihr ihm mit Eurem Schwanz +neuen Sand hinein. Er wird dann wie blind sein und nicht mehr wissen, +wohin er sich wenden soll. So, lieber Oheim! Nun legt Euch ruhig +schlafen, wir wollen Euch schon wecken, wenn es Zeit ist. Aber vorher +muß ich über Euch die heiligen Worte lesen, von denen ich Euch gesagt +habe.« Damit legte sie die Hand auf sein Haupt und sprach: »Gaudo +statzi salphenio, Caßbu, garfonns Barbas aßbulfrio! -- Seht, Reineke, +nun seid Ihr wohl verwahrt!« + +Darauf legte sich der Fuchs zu Bett und schlief, bis die Sonne aufging. +Da kamen die Otter und der Dachs und weckten ihn. + +Die Otter brachte ihm eine junge Ente und sagte: »Ich habe manchen +Sprung gewagt, ehe ich sie dem Vogelsteller bei der Hühnerburg rechts +vom Damm wegstibitzen konnte. Laßt sie Euch wohlschmecken, lieber +Vetter!« + +»Das ist ein guter Morgengruß!« versetzte Reineke. »Verschmähte ich +das, so wäre ich ein Narr. Gott lohne es Euch, daß Ihr meiner so +gedenkt!« + +Reineke aß und trank tüchtig, damit er sich recht gestärkt fühle, und +ging dann in Begleitung seiner Freunde auf den Platz, wo der Kampf +stattfinden sollte. + + + + + 17. Kapitel. + + Der Zweikampf und seine Entscheidung. + + +Als der König Reineke so geschoren und von Fett glänzend daherkommen +sah, lachte er aus vollem Halse und rief: »O, Fuchs, wer hat dich das +gelehrt? Wahrlich, an Schlauheit übertrifft dich niemand! Du weißt dir +immer zu helfen!« + +Reineke verneigte sich tief vor dem König und grüßte auch die Königin +mit größter Ehrerbietung. Er zeigte sich zum Kampf bereit und sprang +munter in den Kreis hinein. + +Da stand auch schon der Wolf mit seinen Freunden, die ihm alle das +Schlimmste wünschten. Sie sprachen manches boshafte Wort über ihn. Bald +darauf traten die Kampfrichter herbei, der Luchs und der Leopard, und +beide Kämpfer mußten den Eid leisten. Isegrim schwur, Reineke sei ein +Verräter, ein Dieb und ein Mörder, dafür wolle er sein Leben einsetzen. +Reineke dagegen tat den Schwur, Isegrim leiste einen falschen Eid, +jedes Wort, das er sage, sei eine Lüge. Und das wolle er ihm beweisen! + +Da sprachen die Kreishüter: »Tut, was ihr zu tun habt! Wer im Recht +ist, das wird sich bald zeigen!« + +Da gingen alle hinaus, groß und klein, die nichts darin zu tun hatten. +Nur der Wolf und der Fuchs blieben in dem Kreise. + +Die Äffin flüsterte Reineke zu: »Vergeßt nicht, was ich Euch geraten +habe!« + +Frohen Mutes erwiderte der Fuchs: »Ich weiß, Ihr sähet es gern, +wenn es gut endete! Glaubt mir, ich werde meinem Feinde unverzagt +entgegengehen! Bin ich doch schon mancher Gefahr entronnen! Wie oft +habe ich schon mein Leben aufs Spiel gesetzt; so will ich es auch gegen +diesen Bösewicht wagen. Und ich hoffe, ich werde siegreich aus dem +Kampfe hervorgehen und sowohl ihn wie sein ganzes Geschlecht in Schande +bringen! Mir aber und allen meinen Verwandten werde ich Ehre bereiten. +Ich will dem Wolf schon eintränken, was er über mich gesagt hat!« + +Nun blieben diese beiden allein aus dem Kampfplatz, und ein paar +tapfere Kämpfer waren es, die man da bewundern konnte. + +Es erschallte die Trompete zum Zeichen, daß der Kampf beginnen sollte. +Voll Ingrimm, mit offenem Rachen und blitzenden Augen sprang der +Wolf aus seinen Gegner los. Dieser aber, leichter und gewandter als +der schwerfällige Wolf, sprang rasch zur Seite. Dann lief er immer +gegen den Wind vor dem Wolf her, seinen Schwanz im Winde schleifend. +Absichtlich ließ er Isegrim nahe herankommen, und als dieser glaubte, +ihn schon fassen zu können, schlug ihm der Schlaue den mit Sand +gefüllten Schweif so heftig in die Augen, daß dem Wolf Hören und +Sehen verging. Während dieser nun stehen blieb, um sich die Augen +auszuwischen, wirbelte Reineke immer mehr Staub und Sand auf und schlug +dem Gegner mit dem Schweif in die Augen, daß dieser nicht das Geringste +mehr sehen konnte. Schnell faßte ihn Reineke bei der Kehle, biß und +kratzte ihn und gab ihm noch lose Worte dazu. »Ei, Herr Isegrim,« +spottete er, »Ihr habt oftmals manch unschuldiges Lamm gefressen und +manch anderes harmloses Tier verschlungen; ich hoffe, Ihr werdet es +künftig nicht mehr tun. Das gereicht Eurer Seele sicher zum Heile, daß +Ihr in Zukunft nicht mehr rauben und morden könnt. Seid nur geduldig, +denn es ist bald aus mit Euch, da Ihr in Reinekes Macht geraten seid. +Doch wollt Ihr abbitten und Euch versöhnen, so will ich Eures Lebens +gern schonen.« + +Mit einem kräftigen Ruck riß sich Isegrim los. Da schlug ihm Reineke +ins Gesicht, daß er ein Auge verlor! Vor Schmerzen heulte er laut auf +und sprang wie rasend auf Reineke los. Er warf ihn auf die Erde nieder +und packte den einen Vorderfuß des Fuchses mit seinen Zähnen, indem er +rief: »O du Dieb, nun ist deine letzte Stunde gekommen! Erkläre dich +als überwunden, oder ich schlage dich tot. Deine Betrügereien sind zu +groß gewesen. Dein Staubaufwirbeln, dein Lügen und dein Fettschmieren +soll dir nun nichts helfen! Du kannst mir nicht mehr entgehen! Du hast +mir zu viel Schaden zugefügt und mir jetzt sogar ein Auge ausgerissen!« + +Reineke war sehr übel zumute. »Jetzt bin ich in der größten Gefahr,« +dachte er. »Ergebe ich mich nicht, so ist es mein Tod; ergebe ich +mich aber, so gerate ich in Schimpf und Schande.« Er legte sich also +aufs Bitten: »Lieber Oheim, schont meiner, und ich will gern Euer +Lehnsmann werden. Ich will für Euch zum Heiligen Grabe wallfahren und +Ablaß für Eure Seele erflehen. Ich will Euch in Ehren halten, als ob +Ihr der Papst in Rom wäret, ja Euch einen teuren Eid schwören, Euer +Knecht in Ewigkeit zu sein. Auch meine Verwandten sollen Euch stets +dienen. Alles, was ich fangen kann, das steht Euch zu Gebote; es mögen +nun Gänse, Enten, Hühner oder Fische sein, so will ich sie an Euren +Tisch liefern. Nur was Ihr übriglaßt, will ich für mich beanspruchen. +Ich will jederzeit auf Euer Wohl bedacht sein, daß Euch kein Schaden +geschehe. Ihr seid stark, und ich bin klug. Halten wir nun zusammen, +der eine mit Rat, der andere mit Macht, wer will uns dann etwas +anhaben? Wir sind so nahe Anverwandte, daß wir nicht miteinander +streiten sollten. Ich bin auch ungern in diesen Kampf mit Euch +gegangen; wenn ich ihm nur hätte entgehen können! Allein Ihr habt mich +dazu herausgefordert, da mußte ich wohl kommen, so ungern ich es auch +tat. Doch bin ich bisher noch sehr gnädig mit Euch verfahren und habe +nicht meine ganzen Kampfmittel aufgeboten. Ich habe eine Ehre darin +gesucht, Euch als meinen Oheim zu schonen. Sonst wäre ich ganz anders +mit Euch verfahren. Jetzt ist Euch noch nicht viel Schaden geschehen, +außer mit Eurem Auge. Und das geschah aus Versehen! O, wie leid tut es +mir! Aber ich weiß einen Rat, Euch wieder zu heilen. Doch verliert Ihr +selbst das Auge, und Ihr seid sonst gesund, so ist es nicht so schlimm. +Denn Ihr braucht nur ein Fenster zuzumachen, wenn Ihr schlafen geht, da +andere zwei schließen müssen. + +Noch eine andere Versöhnung will ich Euch anbieten. Alle meine Freunde, +mein Weib und meine Kinder, sollen sich vor Euch neigen in Gegenwart +des Königs, unseres Herrn, und sollen Euch um Reinekes Leben bitten. +Ich will auch öffentlich bekennen, daß ich nicht die Wahrheit gesagt +und Euch häufig belogen und betrogen habe. Schwören will ich, daß ich +nichts Böses von Euch weiß. Tötet Ihr mich aber jetzt, so müßt Ihr +allezeit in Angst vor meinen Verwandten und Freunden leben. Verschont +Ihr mich hingegen, so erwerbt Ihr Euch Ruhm und Ansehen und gewinnt +viele neue Freunde, die Euch jederzeit dienen werden. Tut nun, was Euch +gut dünkt. Mir ist wenig daran gelegen, ob ich lebe oder sterbe!« + +Da sprach der Wolf: »O du falscher Fuchs, wie gerne wärst du wieder +frei! Und wäre die ganze Welt aus rotem Golde, und du bötest mir +dieselbe zum Ersatz, ich ließe dich doch nicht los. Du hast mich zu oft +betrogen, du falscher, treuloser Gesell! Und gäbst nur sicherlich nicht +eine Eierschale, wenn ich dir dein Leben schenkte. Nach deinen Freunden +frage ich nicht viel. Ich will ihre Feindschaft schon ertragen und +werde mich zu wehren wissen, wenn sie mich angreifen. Ach, wie würdest +du mich verspotten, wenn ich mich durch deine Verlockungen verführen +ließe, dich freizugeben! Wie würdest du künftighin noch manchen +betrügen, der sich auf dein Lügen nicht verstände! Du sagst, du habest +mich verschont! Schau' nur her, du Bösewicht! Hast du mir nicht ein +Auge ausgerissen? Hast du mir nicht an allen Teilen meines Körpers mehr +als zwanzig Wunden beigebracht? Du ließest mir ja nicht die Zeit zum +Atemholen. Wie töricht würde ich handeln, wenn ich dir Gnade erwiese. +Nein, nein! Diesmal sollst du es mit dem Leben büßen!« + +Während der Wolf so sprach, hatte Reineke auf neue List gesonnen. +Er packte plötzlich den Wolf an der empfindlichsten Stelle seines +Körpers mit solcher Gewalt, daß Isegrim vor Schmerz laut aufschrie. Den +Augenblick benutzte Reineke, seine Pfote aus dem Rachen des Wolfes zu +ziehen, und nun hielt er den Wolf mit beiden Tatzen fest umklammert und +biß wie wild darauflos, wohin er eben traf. Isegrim schrie und heulte +vor Schmerz und sank endlich, von Blut und Wunden bedeckt, betäubt zur +Erde nieder. + +Voll Schrecken und Betrübnis sahen die Freunde des Wolfes dem Ausgang +des Kampfes zu. Sie eilten zum König und baten ihn, den Befehl zur +Beendigung des Kampfes zu geben. Der König war damit einverstanden. +Er gebot den beiden Kampfrichtern, dem Luchs und dem Leopard, dem +siegreichen Fuchs mitzuteilen, es sei nunmehr genug, und er, der König, +wünsche, daß man den Kampf endige. Diese beiden eilten sogleich in den +Kreis und sprachen: »Hört, Reineke! Wir Kampfrichter verkünden Euch +den Befehl des Königs! Er will den Krieg zwischen euch beiden endigen +und euch trennen. Er bittet Euch, Isegrim freizugeben und am Leben +zu lassen. Es wäre dem König leid, wenn einer von euch beiden in dem +Kampfe bliebe! Ihr, Reineke, habt den Sieg davongetragen, das sagt hier +jung und alt, und alle rechtlich Denkenden zollen Euch Beifall.« + +Reineke entgegnete darauf: »Dafür sollen sie alle meinen Dank haben! +Gern gebe ich den Worten des Königs Gehör und gehorche seinem Befehle. +Mehr verlange ich nicht als den Sieg. Doch bitte ich den König, mir zu +gestatten, daß ich erst meine Freunde befrage.« + +Da riefen alle seine Freunde und Verwandten: »Ja, Reineke, es dünkt +auch uns gut, daß Ihr dem Willen des Königs folgt!« + +Darauf kamen sie von allen Seiten herbei, denn es hatten sich eine +ganze Menge zu dem interessanten Schauspiel eingefunden. Der Dachs, der +Affe und der Biber, die Otter, der Marder und das Eichhorn drängten +sich nun alle an den Fuchs heran. Ja, viele, die gegen ihn geklagt +hatten und nichts von ihm hatten wissen mögen, erzeigten ihm jetzt die +größte Liebe. Jeder wollte sein nächster Verwandter sein und sich in +seine Gunst setzen. Ja, so geht es in der Welt. Wem es gut geht, der +hat viele Freunde, wem es aber übel geht, der hat gewiß keine! So war +es auch hier. Als Reineke gewonnen hatte, wollte jeder auf seiner Seite +stehen. Die einen pfiffen, die anderen sangen, bliesen auf Posaunen +oder schlugen die Pauken. Alle seine Freunde riefen ihm zu: »Reineke, +seid froh! Ihr habt Euch in dieser Stunde mit Ruhm bedeckt. Wir waren +schon sehr betrübt, als Ihr zu unterliegen schienet. Aber das Glück hat +sich bald gewendet. Ihr seid mit Ehren aus dem Kampf hervorgegangen! +Das war ein treffliches Meisterstück!« + +Reineke dankte allen seinen Freunden und trat dann, von den +Kampfrichtern begleitet, vor den König. Demütig kniete er vor dem +Throne nieder. Der König aber hieß ihn aufstehen und sprach in +Gegenwart aller Herren zu ihm: »Ihr habt den Streit mit Ehren bestanden +und tapfer für Euer Recht gekämpft! So spreche ich Euch denn frei von +jeder Schuld, und keine Strafe soll Euch treffen. Alles übrige soll +entschieden werden, sobald Isegrim von seinen Wunden wiederhergestellt +ist.« + +Reineke sprach: »Herr, Eurem Rate folge ich immer gern. Ehe ich herkam, +klagte manch einer über mich, dem ich nie Schaden zugefügt hatte. +Mancher stimmte wohl nur in das allgemeine Geschrei gegen mich ein +aus Furcht vor dem Wolfe. Sie merkten, daß Isegrim damals besser bei +Euch angeschrieben war als ich. Wer im Recht war, das kümmerte sie +nicht. Sie glichen jenen gierigen Hunden, die vor der Küche warteten, +ob man ihnen nicht einen Knochen hinauswerfe. Da sahen sie einen +Hund herauskommen, der dem Koch ein großes Stück gesottenes Fleisch +wegstibitzt hatte. Es war ihm aber auch schlecht bekommen. Der Koch +hatte ihm sein Hinterteil mit kochendem Wasser begossen und ihm den +ganzen Schwanz verbrüht. Gleichwohl hielt er das Gestohlene fest. Als +er nun zu den anderen Hunden kam, riefen diese: ›Seht, diesem geht +es gut! Er hat den Koch zum Freunde! Welch prachtvolles Stück hat er +ihm gegeben!‹ Da sprach der arme Verbrannte traurig: ›Ihr preist mich +glücklich, weil ihr mich nur von vorne seht und euch das Stück Fleisch +gefällt. Aber seht mich nur mal von hinten an, da werdet ihr eure +Meinung bald ändern!‹ Als sie ihn nun recht besahen und bemerkten, wie +verbrannt er war, wie ihm die Haare ausfielen, und wie die ganze Haut +eingeschrumpft war, da befiel sie ein Grauen. Kein einziger wollte in +die Küche; sie liefen weg und ließen ihn allein. + +Herr, mit diesem Beispiel meine ich die Habgierigen. Kommen sie zu +Macht und Ansehen, so will sie ein jeder zum Freunde haben. Man sieht +täglich, ja stündlich auf sie, denn sie tragen das Fleisch im Munde. +Ein jeder sagt, was sie gern hören. Jeder lobt sie, ob sie gleich +nichts taugen. Und so wird ihre böse Sache immer von ihnen bestärkt. +Allein die Strafe folgt ihnen endlich nach. Ihr Regiment schlägt +schließlich um; zuletzt kann man sie nicht mehr leiden, und das Haar +fällt ihnen auf beiden Seiten aus; das sind ihre großen und kleinen +Freunde, die sämtlich von ihnen abfallen und sie allein stehen lassen, +wie diese Hunde taten, als sie ihren Kameraden verbrannt, blutig und +beschimpft vor sich sahen. Herr, versteht mich recht. Von Reineke soll +dies nicht gesagt werden. Ich will das beste Teil erwählen, und meine +Freunde sollen sich meiner nicht zu schämen haben. Ich danke Euer +Gnaden gehorsamst und bin jederzeit bereit, nach Eurem Willen zu leben.« + +Der König sprach darauf: »Wohl habe ich Euch verstanden, Reineke! Ich +setze Euch wieder in alle Eure Ehren ein. Ihr sollt zu den ersten +Baronen meines Reiches gehören. Jederzeit sollt Ihr bereit sein, +in meinem geheimen Rat zu erscheinen. Der Hof kann Euren Rat nicht +entbehren. Wenn Ihr Eure Weisheit mit Tugend verbindet, so steht hier +niemand so hoch wie Ihr. In Zukunft will ich keine Klagen mehr gegen +Euch mit anhören. Ihr sollt als Kanzler des Reiches Euer eigenes Urteil +sprechen. Mein königliches Siegel lege ich in Eure Hand. Was Ihr +schreibt und siegelt, das hat Geltung, als hätte ich es selbst getan.« + +So wurde nun Reineke der erste Staatsdiener an des Königs Hofe. Er +neigte sich vor König Nobel und sagte: »Gnädiger Herr, ich danke +Euch sehr, daß Ihr mir so große Ehre erweist! Ich werde mich immer +erkenntlich dafür zeigen und Eure Güte zu verdienen streben!« + +Dem Wolf erging es indessen sehr übel. Zum Tode ermattet und in großen +Schmerzen war er auf der Erde liegen geblieben. Nur seine Frau, seine +Kinder, Braun, der Bär, und Hinze, der Kater, waren um ihn versammelt. +Sie schafften eine Bahre herbei, legten ihn vorsichtig hinauf und +trugen ihn traurig vom Kampfplatz. Man rief sogleich Ärzte herbei, die +seine Wunden untersuchten. Er hatte deren sechsundzwanzig. Er wurde +verbunden und mußte Arznei zu sich nehmen; denn er war sehr schwach +und krank. Endlich schlief er ein wenig ein. Aber es dauerte nicht +lange, und er erwachte wieder. Der Kummer über die erlittene Schmach +ließ ihn keine Ruhe finden. Sein Weib, Frau Gieremund, saß an seinem +Lager in tiefer Betrübnis. Sie jammerte über die Schmerzen, die ihr +armer Mann auszuhalten hatte, und ärgerte sich, daß der Bösewicht +Reineke den Sieg über ihn davongetragen hatte. + +Reineke indessen weilte wohlgemut und frohen Sinnes im Kreise seiner +Freunde, die ihn umschmeichelten. Der König sagte ihm freundliche Worte +zum Abschied. »Reineke,« sprach er, »kehrt bald zurück, mein lieber +Kanzler!« + +Der Fuchs kniete vor dem Throne nieder und sagte: + +»Gnädiger Herr, ich danke Euch aus vollem Herzen, wie auch meiner +gnädigen Königin, Euren Räten und allen Herren am Hofe. Gott erhalte +Euch lange, reich an Ruhm und Ehren! Was Ihr anordnet, werde ich +jederzeit tun, nicht nur aus Pflicht, sondern auch aus Liebe! Denn ich +liebe und ehre Euch, wie Ihr es verdient. Wenn Ihr es gestattet, hoher +Herr, so will ich jetzt zu meinem Weibe und meinen Kindern reisen, die +ungeduldig meiner harren und gewiß über mein langes Ausbleiben schon +sehr bekümmert sind.« + +Der König sprach: »So reist denn glücklich, mein lieber Reineke!« + +So schied Reineke von des Königs Schloß, mit schönen Worten und in +großer Gnade. Der König gab ihm ein ansehnliches Geleit mit auf den +Weg. Wohl vierzig Ritter folgten ihm, alle sehr stolz auf diese Ehre. +Reineke schritt wie ein Prinz voran. Es war ihm sehr wohl zumute. Er +hatte des Königs Gnade wiedergewonnen und war Reichskanzler geworden. +»Ei,« dachte er bei sich, »nun soll mir's nicht fehlen! Wem ich jetzt +wohl will, dem kann ich helfen; wer mein Freund ist, dem soll's auch +gut gehen! Daher preise ich die Weisheit mehr als alles Gold der Welt!« + +Also ging Reineke mit seinen Freunden nach seinem Hause Malepartus. +Er dankte ihnen allen sehr für ihre Treue, daß sie ihm in der Not +beigestanden hatten, und bot ihnen seine Dienste für die Zukunft an. +Darauf schieden sie voneinander. + +Reineke trat in seine Burg ein, wo ihn Frau Ermelyn sehr erfreut +willkommen hieß. Sie erkundigte sich nach den Angelegenheiten bei +Hofe, und wie es ihm ergangen wäre. Der Fuchs sagte zu ihr: »Die Sache +hat eine glückliche Wendung genommen. Ich stehe hoch in der Gnade des +Königs. Er hat mich wieder zum Rat an seinem Hofe ernannt und mich über +alle Herren gesetzt. Das gereicht unserem Geschlecht zu großen Ehren. +Er hat mich zum Kanzler des Reiches erwählt, und ich werde künftighin +seine Siegel führen. Was Reineke tut und schreibt, das hat Gültigkeit. +Dem Wolfe habe ich wohl für immer die Lust benommen, mich zu verklagen. +Er ist im Zweikampf unterlegen. Ich habe ihn auf einem Auge geblendet +und schwer verwundet. Wer weiß, ob er mit dem Leben davonkommt! Aber +wenn er auch lebt, Schaden kann er mir doch nicht mehr anhaben; denn +ich bin sein Obermann geworden und aller seiner Gesellen dazu!« + +Da war nun die Frau Füchsin über die Maßen froh, und mit ihr freuten +sich die beiden Söhnchen Reinhart und Rossel, daß ihr Vater so hoch +erhoben war. Sie riefen: »Nun wollen wir froh und sorglos leben, unsere +Burg befestigen und immer glücklich und zufrieden sein!« + + [Illustration] + + + Druck von A. Seydel & Cie. G.m.b.H., Berlin SW 61. + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77153 *** diff --git a/77153-h/77153-h.htm b/77153-h/77153-h.htm new file mode 100644 index 0000000..881a06f --- /dev/null +++ b/77153-h/77153-h.htm @@ -0,0 +1,3892 @@ +<!DOCTYPE html> +<html lang="de"> +<head> + <meta charset="UTF-8"> + <title> + Reineke Fuchs | Project Gutenberg + </title> + <link rel="icon" href="images/cover.jpg" type="image/x-cover"> + <style> + +body { + margin-left: 10%; + margin-right: 10%;} + + h1,h2{ + text-align: center; /* all headings centered */ + clear: both;} + +h2,.s2 {font-size: 160%} +.s3 {font-size: 135%} +.s4 {font-size: 105%} +.s5 {font-size: 75%;} +.s6 {font-size: 65%;} + +h1 {font-size: 210%; + page-break-before: always; + font-weight: normal;} + +h2 { + padding-top: 3.0em; + margin-bottom: 1.5em; + page-break-before: avoid; + font-weight: normal; + text-indent: 1em; } + +p { + margin-top: .51em; + text-align: justify; + margin-bottom: .49em; + text-indent: 1em; } + +.p0 {text-indent: 0em;} +.p2 {margin-top: 2em;} +.p3 {margin-top: 3em;} +.p4 {margin-top: 4em;} + +.padtop2 {padding-top: 2em;} +.padtop3 {padding-top: 3em;} + +.padbot2 {padding-bottom: 2em;} +.padbot4 {padding-bottom: 4em;} + +.mbot3 {margin-bottom: 3em;} + +hr { + width: 33%; + margin-top: 2em; + margin-bottom: 2em; + margin-left: 33.5%; + margin-right: 33.5%; + clear: both;} + +hr.chap {width: 65%; margin-left: 17.5%; margin-right: 17.5%;} +@media print { hr.chap {display: none; visibility: hidden;} } +hr.r5 {width: 5%; margin-top: 1em; margin-bottom: 1em; margin-left: 47.5%; margin-right: 47.5%;} + +div.chapter {page-break-before: always;} +h2.nobreak {page-break-before: avoid;} + +table { + margin-left: auto; + margin-right: auto;} + +table.autotable { border-collapse: collapse; } +table.autotable td, +table.autotable { padding: 0.25em; } + +.tdl {text-align: left;} +.tdr {text-align: right;} + +.pagenum { /* uncomment the next line for invisible page numbers */ + /* visibility: hidden; */ + position: absolute; + left: 92%; + font-size: small; + text-align: right; + font-style: normal; + font-weight: normal; + font-variant: normal; + text-indent: 0;} + +.center {text-align: center;} + +.antiqua {font-style: italic;} + +.gesperrt { + letter-spacing: 0.2em; + margin-right: -0.2em;} + +em.gesperrt { + font-style: normal;} + +.x-ebookmaker em.gesperrt { + font-family: sans-serif, serif; + font-size: 90%; + margin-right: 0;} + +.caption {font-weight: bold;} + +img { + max-width: 100%; + height: auto;} + +img.w100 {width: 100%;} + +.figcenter { + margin: auto; + text-align: center; + page-break-inside: avoid; + max-width: 100%;} + +/* Poetry */ +/* uncomment the next line for centered poetry */ + .poetry-container {text-align: center;} +.poetry {text-align: left; margin-left: 5%; margin-right: 5%;} +.poetry .stanza {margin: 1em auto;} +.poetry .verse {text-indent: -3em; padding-left: 3em;} +@media print { .poetry {display: block;} } +.x-ebookmaker .poetry { + margin-left: 2em; + display: block;} + +.poetry .indent0 {text-indent: -3em;} + +/* Transcriber's notes */ +.transnote {background-color: #E6E6FA; + color: black; + font-size:small; + padding:0.5em; + margin-bottom:5em; + font-family:sans-serif, serif;} + +/* Illustration classes/ + +/* Illustration classes */ +.illowe4 {width: 4em;} + +.illowp45 {width: 45%;} +.illowp51 {width: 51%;} +.illowp100 {width: 100%;} +.x-ebookmaker .illowp51 {width: 100%;} + +/* Illustration classes (e-Books)**/ +.x-ebookmaker .illowe4 {width: 8%; margin: auto 46%;} + + </style> +</head> +<body> +<div style='text-align:center'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77153 ***</div> + +<div class="transnote"> +<p class="s3 center">Anmerkungen zur Transkription.</p> +<p class="p0">Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und Interpunktion +des Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche +Druckfehler sind stillschweigend korrigiert worden.</p> +<p class="p0">Worte in Antiqua sind "<i>kursiv</i>" dargestellt.</p> +</div> + +<figure class="figcenter padbot2 illowp45" id="cover"> + <img class="w100" src="images/cover.jpg" alt=""> +</figure> + +<p class="s3 center">Reineke Fuchs</p> + +<figure class="figcenter padtop3 padbot4 illowp51" id="002_illustration" style="max-width: 49.9375em;"> + <img class="w100" src="images/002_illustration.jpg" alt="deko"> + <figcaption class="caption"><p class="s6">Reineke Fuchs 1.</p> +<p class="p0">Als der Wagen weiterfuhr, warf Reineke fortwährend Fische herab. Der +Wolf kam herbei und ließ sich's wohlschmecken.</p></figcaption> +</figure> + +<div class="chapter"> +<h1>Reineke Fuchs</h1> +<p class="p3 s4 center ">Der alten Sage nacherzählt</p> +<p class="s5 center">von</p> +<p class="s3 center">Helene Fuchs</p> +<p class="p2 center">Mit Illustrationen in Farbendruck</p> +<p class="center" >nach Originalen</p> +<p class="center s5">von</p> +<p class="s4 center mbot3">Max Wulff</p> +<p class="p4 center">1921</p> +<p class="center">Meidinger's Jugendschriften Verlag G.m.b.H.</p> +<p class="s5 center">Berlin W. 66</p> +</div> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h2 class="nobreak" id="Inhalt">Inhalt.</h2> +</div> + +<table class="autotable"> + +<tr> +<td class="tdl"></td> +<td class="tdr">Seite</td> +</tr> + +<tr> +<td class="tdl"><em class="gesperrt">Reineke Fuchs.</em></td> +<td class="tdr"></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl">Einleitung</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_7">7</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl">1. Kapitel. Reineke wird angeklagt</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_9">9</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl">2. Kapitel. Braun entbietet Reineke an des Königs Hof</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_15">15</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl">3. Kapitel. Hinze überbringt den Befehl des Königs</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_22">22</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl">4. Kapitel. Grimbart bei Reineke. Die Beichte</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_26">26</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl">5. Kapitel. Das Gericht und der Urteilsspruch. Reineke unter dem Galgen</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_33">33</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl">6. Kapitel. Die Geschichte von der Verschwörung</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_40">40</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl">7. Kapitel. Reineke tritt seine Pilgerfahrt an. Lampe und Bellyn in Malepartus</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_49">49</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl">8. Kapitel. Die Sühne. Reineke wird abermals angeklagt</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_58">58</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl">9. Kapitel. Grimbart in Malepartus</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_65">65</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl">10. Kapitel. Reinekes zweite Beichte</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_69">69</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl">11. Kapitel. Reinekes Verteidigung</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_75">75</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl">12. Kapitel. Der Mann mit der Schlange</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_81">81</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl">13. Kapitel. Reineke verteidigt sich weiter. Der wunderbare +Ring, der Kamm und der Spiegel</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_87">87</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl">14. Kapitel. Neue Lügen Reinekes und seine Freisprechung</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_96">96</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl">15. Kapitel. Neue Anklagen Isegrims und Reinekes Verteidigung</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_102">102</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl">16. Kapitel. Die Forderung und die Vorbereitung zum Zweikampfe</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_111">111</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl">17. Kapitel. Der Zweikampf und seine Entscheidung</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_115">115</a></td> +</tr> +</table> + +<figure class="figcenter padtop2 illowe4" id="005_decoration"> + <img class="w100" src="images/005_decoration.jpg" alt="deko"> +</figure> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_7">[S. 7]</span></p> + +<h2>Einleitung.</h2> +</div> + + +<p>Schon in den frühesten Zeiten des Menschengeschlechts hat sich die +Phantasie des Volkes damit beschäftigt, das Leben der Tiere zu +vermenschlichen, d. h. Tiere wie Menschen von bestimmtem Charakter und +Stande reden und handeln zu lassen. Solche Tiermärchen und Tierfabeln +waren bei den allerverschiedensten Völkern in Umlauf, sie haben +aber für uns erst literarische Gestalt angenommen in den Äsopischen +Fabeln, die sich von Griechenland aus auf dem Wege über Italien durch +schriftliche und mündliche Überlieferung bei allen Völkern unseres +Erdteils verbreiteten. Aus einer dieser Äsopischen Fabeln, die von der +Feindschaft zwischen Fuchs und Wolf und dem Siege der List des einen +über die rohe Kraft des anderen handelt, ist nun die mittelalterliche +Tierdichtung hervorgegangen.</p> + +<p>Die frühesten Spuren derselben sind in einer lateinischen Dichtung des +frühen Mittelalters, die einen Mönch aus Lothringen zum Verfasser hat, +zu erkennen. Schon in dieser Erzählung von der Heilung des kranken +Löwen durch die Haut des Wolfes stecken zahlreiche satirische Züge, +Beziehungen auf kirchliche und politische Zustände, auf das Leben bei +Hofe und im Kloster, und gerade diese satirische Behandlung gibt der +ganzen späteren Tierdichtung bis auf unseren Reineke Fuchs das Gepräge.</p> + +<p>Auf dem Grenzgebiet zwischen Frankreich und Deutschland hat sich nun +auch die weitere Ausbildung der Tiersage vollzogen. Hier wurden zuerst +den Tieren menschliche Eigennamen verliehen; ein Vorgang, der an sich +nichts Überraschendes hat, rufen doch auch wir unsere Haustiere, Hund +und Katze, Ziege und Lamm,<span class="pagenum" id="Seite_8">[S. 8]</span> Kuh und Pferd, mit Personennamen. Die +gewählten Namen sind meist Kose- oder Verkleinerungsformen: Reineke +von Reinhart (franz. <span class="antiqua">Renard</span>), Hinze von Heinrich, Lampe von +Lamprecht, Henning von Johannes usw.</p> + +<p>Die wichtigste und für die ganze spätere Zeit bedeutungsvollste +Darstellung hat die Tiersage in Nordfrankreich gefunden. Französische +Spielleute verfaßten eine Anzahl von Tierschwänken, <span class="antiqua">branches</span>, +aus denen allmählich der große französische <span class="antiqua">Roman de Renard</span> +herauswuchs.</p> + +<p>Indessen erreicht das Tierepos seine klassische Gestalt in den +Niederlanden. Nach verschiedenen Vorstufen erhielt es seine endgültige +Fassung im 15. Jahrhundert in Flandern durch Hinrik van Alkmar, dessen +Werk dann von einem Unbekannten in die niedersächsische Mundart +übertragen wurde. So entstand der »Reynke de Vos«, der zuerst im Jahre +1498 in Lübeck gedruckt und darauf zu wiederholten Malen bis auf die +neueste Zeit ins Hochdeutsche und in andere Sprachen übertragen wurde.</p> + +<p>Eine Prosaübersetzung dieses »Reynke« von dem bekannten Leipziger +Professor Gottsched wurde endlich die Quelle für das klassische +Tierepos der Neuzeit, für Goethes köstlichen »Reineke Fuchs«. Auch wir +haben uns im ganzen dieser Quelle angeschlossen.</p> + +<p>Möge die alte Dichtung in der neuen Fassung auch weiter ihren +Zauber ausüben und recht viele jugendliche Leser durch ihre frische +Natürlichkeit und ihren gesunden Humor erfreuen!</p> + +<figure class="figcenter padtop2 padbot4 illowe4" id="008_decoration"> + <img class="w100" src="images/008_decoration.jpg" alt="deko"> +</figure> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_9">[S. 9]</span></p> + +<div class="chapter"> +<figure class="figcenter padtop2 padbot4 illowp100" id="009_decoration"> + <img class="w100" src="images/009_decoration.jpg" alt="deko"> +</figure> + +<p class="s2 center"><b>Reineke Fuchs.</b></p><br> +<hr class="r5"> +</div> + +<h2 class="s4">1. Kapitel.<br> +<span class="s3">Reineke wird angeklagt.</span></h2> + + +<p>Es war an einem Pfingsttage; Wälder und Felder grünten und blühten; die +Vögel sangen ihre fröhlichen Lieder; der Tag war heiter und das Wetter +schön, als Nobel, der Löwe, der König der Tiere, Boten aussandte und +alle seine Untertanen an seinen Hof entbieten ließ. Darauf erschienen +viele große Herren mit starkem Gefolge: Braun, der Bär, Isegrim, der +Wolf, Lütke, der Kranich, Marquart, der Häher, und viele andere; +sie alle waren gekommen, um ihrem Herrn die schuldige Ehrfurcht zu +bezeigen. Nur Reineke, der Fuchs, fehlte. Er mied den Hof, denn er +hatte so viele lose Streiche begangen und den Tieren so viel Böses +angetan, daß er unter ihnen nur noch einen Freund hatte, Grimbart, den +Dachs, mit dem er nahe verwandt war.</p> + +<p>Als der ganze Hof versammelt war, trat Isegrim, der Wolf, vor den Thron +des Königs und begann zu klagen: »Gnädigster Herr und König! Ihr seid +edel und groß und verhelfet einem jeden zu seinem Rechte! So helfet +auch mir jetzt und strafet Reineke für all das Böse, das er mir und +den Meinen zugefügt hat. Mein<span class="pagenum" id="Seite_10">[S. 10]</span> Weib hat er beschimpft und meine Kinder +hat er mit schädlichem Unrat besudelt, daß drei von ihnen blind in der +Höhle liegen. Längst schon sollte er mir für seine bösen Taten Rede +stehen, aber er hält sich in seiner starken Burg versteckt. Gnädigster +Herr! Wollte ich all das Böse erzählen, das mir dieser Bube zugefügt +hat, wahrlich, es gehörten Wochen dazu. Ich übergehe es daher mit +Stillschweigen. Jedoch die Verhöhnung meines Weibes und das Unglück +meiner Kinder sollen nicht ungerächt bleiben.«</p> + +<p>Kaum hatte Isegrim seine Rede beendet, da sprang Wackerlos, das +Hündchen, hervor und erzählte kläglichen Tones in französischer +Sprache, wie es einst so arm gewesen, daß es nur ein kleines Würstchen +besaß, und auch dieses habe Reineke genommen.</p> + +<p>Funkelnden Auges trat Hinze, der Kater, hervor und sprach: »Wo ist +wohl einer in der ganzen Versammlung, der nicht Reineke mehr fürchtete +als Euch? Was aber die Klage des Wackerlos betrifft, so gehörte die +Wurst mir. Ich kam einstmals bei Nacht in eine Mühle, fand den Müller +schlafend und nahm die Wurst. Kam sie in den Besitz des Hundes, so +verdankt er sie meiner List!«</p> + +<p>»Was nützen Klagen und Reden!« sprach der Panther. »Sind nicht genug +Schandtaten des Frevlers bekannt? Er ist ein Dieb und ein Mörder! +Verlören wir alle, auch der König, Gut, Ehre und Leben, er lachte dazu, +würde ihm nur ein einziger Bissen von einem fetten Huhn dabei zuteil! +Hört nur, was er noch gestern Lampe, dem Hasen, angetan! Hier steht +er, der friedliche Mann, und wird die Wahrheit meiner Rede bezeugen. +Reineke sagte, er wolle ihn singen lehren und zu einem Kaplan machen. +Ohne Arg setzte sich Lampe vor ihm nieder, und beide begannen zu +singen. Doch plötzlich ergriff Reineke den Hasen und versuchte ihn +zu erwürgen. Wäre ich nicht zufällig des Weges gekommen, unfehlbar +hätte er ihn getötet. So aber gelang mir's, den Braven zu retten. Seht +hier die frischen Wunden am Halse des friedlichen<span class="pagenum" id="Seite_11">[S. 11]</span> Mannes, der gewiß +niemandem Übles tut. So saget nun an, Herr König, und ihr, Vasallen des +Reiches, soll es ohne Strafe hingehen, daß Reineke also freventlich des +Königs Frieden zu brechen wagt?«</p> + +<p>Da sprach Isegrim: »Reineke tut nimmermehr Gutes! Am besten für alle +würde es sein, Reineke wäre tot! Wird ihm aber auch diesmal verziehen, +so wird es noch manchem unter uns schlimm ergehen, der es jetzt am +wenigsten ahnt!«</p> + +<p>Länger vermochte Grimbart, der Dachs, nicht zu schweigen. Er trat mutig +hervor, um seinen Verwandten zu verteidigen. »Herr Isegrim,« sprach er, +»es ist ein altes Sprichwort: ›Feindes Mund schafft selten Frommen.‹ +Ihr habt es jetzt leicht, meinen Oheim zu schmähen, da er nicht +zugegen! Stünde er hier und besäße wie Ihr des Königs Liebe, so hättet +Ihr Euch wohl bedacht, ihn also anzuschwärzen und die alten Geschichten +hervorzukramen! Freilich, von dem, was Ihr Reineke getan, schwieget Ihr +weislich! Manche der Herren hier wissen es wohl, wie Ihr und Reineke +einst ein Bündnis schlosset und einander versprachet, treue Freunde zu +sein. Hört, Majestät, wie Isegrim die Treue gebrochen! Einmal fuhr ein +Mann durch den Wald, der Fische auf seinen Wagen geladen hatte. Isegrim +verspürte große Lust, von den Fischen zu essen. Er hatte aber kein +Geld, sich welche zu kaufen. Da schaffte Reineke Rat. Er legte sich auf +den Weg und stellte sich tot. Als nun der Fuhrmann herankam und meinen +Oheim liegen sah, stieg er vom Wagen herab, zog sein Messer hervor +und wollte ihm das Fell abziehen. Da Reineke sich aber nicht regte +noch rührte, hielt er ihn für tot und warf ihn auf den Wagen. Alles +dies wagte mein Oheim um Isegrims willen! Als der Wagen weiterfuhr, +warf Reineke fortwährend Fische herab. Der Wolf kam herbei und ließ +sich's wohl schmecken. Endlich sprang mein Oheim herab, um auch von den +Fischen zu essen; allein Isegrim hatte sie alle verzehrt.<span class="pagenum" id="Seite_12">[S. 12]</span> Ja, er hatte +so viel gefressen, daß er fast platzte. Meinem Oheim gab er die Gräten.</p> + +<p>Ein andermal entdeckte Reineke bei einem Bauern ein +frischgeschlachtetes Schwein. Er vertraute es in gutem Glauben dem +Wolfe. Beide gingen hin; Reineke kroch zum Fenster hinein und warf +das Schwein herunter. Isegrim packte es und lief mit ihm davon. Da +erwachten die Hunde im Hofe, ergriffen Reineke und zerzausten ihm +furchtbar sein armes Fell. Mit knapper Not kam er davon, gelangte zum +Wolfe und forderte sein Teil. Der hatte indessen das ganze Schwein +verzehrt und gab meinem Oheim das Krummholz, daran es gehangen hatte.</p> + +<p>Erhabener Herrscher, so könnte ich hundert solcher Streiche und mehr +erzählen, die Isegrim an Reineke verübt hat! Um aber auf das Märchen +vom armen, mißhandelten Hasen zurückzukommen, so sage ich Euch: Soll +der Lehrer nicht das Recht haben, den Schüler zu züchtigen? Sagt +selbst, was soll aus der Jugend werden, wenn alle Unart unbestraft +bliebe? Nun klagt Wackerlos, Reineke habe ihm einst ein Würstchen +genommen. Er hätte besser geschwiegen! Hinze, der Kater, sagt ja, die +Wurst war gestohlen! Reineke ist ein braver Mann! Hört nur, wie er +lebt, seit des Königs Frieden den Tieren verkündet ward! Er speist nur +einmal des Tages und enthält sich jeglichen Fleisches. Sein Schloß +Malepartus hat er verlassen und baut sich eine einsame Klause. Mir, +seinem Neffen, tut es weh, daß er hier so verklagt wird, und ich bitte +Eure Majestät, ihn bald seinen Feinden gegenüberzustellen.«</p> + +<p>Kaum hatte Grimbart seine Rede beendet, da kam Henning, der Hahn, mit +seinem ganzen Gefolge. Auf einer Bahre trugen sie Kratzefuß, die beste +der Hennen. Traurig trat Henning vor den König und sprach: »Gnädiger +Herr! Erbarmet Euch meiner und meiner Kinder, denen Reineke großes +Leid zugefügt hat! Noch vor kurzem erfreute ich mich mit meiner Frau +meines stolzen Geschlechtes.<span class="pagenum" id="Seite_13">[S. 13]</span> Zehn Söhne und vierzehn Töchter blühten +uns lieblich heran. Starke Mauern umgeben den Klosterhof, auf welchem +wir leben. Oftmals schlich Reineke bei Nacht um die Mauern, aber sechs +treue Hunde wachten beständig und verjagten ihn immer. Da sann er auf +List: Einstmals kam er als Klausner verkleidet mit einem Brief, daran +Euer Siegel hing, zu mir. In dem Brief stand geschrieben, daß Ihr, Herr +König, allen Tieren festen Frieden gebietet.</p> + +<p>Reineke fügte hinzu, er habe ein Gelübde getan, kein Fleisch mehr zu +essen und ein frommes Leben zu führen; deshalb brauche sich niemand in +Zukunft vor ihm zu fürchten. Darauf nahm er Abschied von mir und zog +seines Weges.</p> + +<p>Da war ich sehr glücklich, eilte zu meiner Frau und den Kindern und +erzählte ihnen die ganze Geschichte. Ach, wie waren sie froh! Wir +eilten alle hinaus ins Freie, denn niemand lebt gern hinter Mauern. +Doch wehe! Reineke hatte sich im Gebüsch versteckt, sprang hervor und +holte sich eins meiner Kinder. Seitdem kam er immer wieder bei Tag und +bei Nacht, so gut hatte ihm mein Söhnlein geschmeckt, und selbst die +treuen Hunde konnten uns nicht mehr vor ihm schützen. Von allen meinen +Kindern blieben mir nur noch fünf. Sehet, Herr König, diese blühende +Tochter hat er mir gestern getötet, die Hunde jagten sie ihm ab. Ich +bringe Euch nun den Leichnam, daß Ihr Euch meines Unglücks erbarmt und +an dem Mörder Vergeltung übt!«</p> + +<p>Da sprach der König zornig: »Nun, Herr Dachs, höret Ihr wohl? Sind das +die Fasten, die sich Euer Oheim auferlegt? Aber ich verkünde es Euch, +er soll gestraft werden für alle seine Missetaten! Zunächst aber soll +Eure Tochter, trauriger Henning, mit allen Ehren bestattet werden.«</p> + +<p>Darauf wurde von allen Anwesenden ein feierlicher Gesang angestimmt +und die tote Henne in die Erde gesenkt. Auf ihr Grab<span class="pagenum" id="Seite_14">[S. 14]</span> setzte man +einen schönen, blanken Marmorstein; darauf stand zu lesen in goldenen +Buchstaben:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">»Kratzefuß, Hahn Hennings Tochter, die beste, </div> + <div class="verse indent0">Die stets viel Eier legte im Neste, </div> + <div class="verse indent0">Die wohl mit ihren Füßen konnte schraben, </div> + <div class="verse indent0">Liegt unter diesem Steine hier begraben. </div> + <div class="verse indent0">Der falsche Reineke hat sie erbissen, </div> + <div class="verse indent0">Sie will, daß die ganze Welt es soll wissen.« </div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Darauf rief der König alle Weisen seines Reiches zusammen, um mit ihnen +über Reinekes böse Taten zu Rate zu sitzen. Man beschloß, einen Boten +zu ihm zu senden und ihn aufzufordern, am nächsten Gerichtstag bei Hofe +zu erscheinen, bei Todesstrafe aber nicht auszubleiben. Braun, der Bär, +wurde auserwählt, die Botschaft zu überbringen. Und der König sagte zu +ihm: »Braun, sei auf deiner Hut! Der Fuchs ist falsch und hinterlistig, +er wird dich belügen und betrügen!«</p> + +<p>»Das soll er wohl bleiben lassen!« versetzte der Bär. »Ich beteuere es +mit meinem Eide: Reineke soll mir nicht das Geringste tun! Es würde ihm +auch übel bekommen!«</p> + + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_15">[S. 15]</span></p> + +<h2 class="s4">2. Kapitel.<br> +<span class="s3">Braun entbietet Reineke an des Königs Hof.</span></h2> +</div> + + +<p>Stolzen Mutes machte sich Braun auf den Weg zu Reinekes Burg +Malepartus. Er wanderte durch eine große, sandige Wüste, bis er endlich +die schönen, grünen Berge erreichte, an denen das Schloß lag.</p> + +<p>Er pochte mehrmals an die schwere, verschlossene Pforte. Es erschien +aber niemand, zu öffnen. Da rief er laut: »Reineke, seid Ihr drinnen? +Ich bin Braun und komme als Bote des Königs. Ihr sollt bei Hofe vor +Gericht Euch stellen! Folget Ihr aber nicht dem Befehle, so seid Ihr +des Todes! Darum rate ich Euch, folgt mir sogleich zum König!«</p> + +<p>Reineke lag drin auf der Lauer und hörte alle diese Worte.</p> + +<p>»Könnte ich doch diesem Braun,« so dachte er, »für seine hochmütige +Rede etwas aufzählen!«</p> + +<p>Gleich zu öffnen, schien ihm nicht ratsam, Braun konnte ja noch andere +Tiere im Hinterhalt haben. Um nachzudenken, was am besten zu tun sei, +ging er tiefer in seine Festung hinein. Malepartus war kunstvoll +gebaut, Löcher und Gänge gab es hier und manche verborgene Pforte, die +er je nach Bedarf öffnete oder verschloß. Hier fand er Schutz, wenn er +verfolgt ward, und manches unschuldige Tier verirrte sich hier hinein +und fiel ihm zur Beute.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_16">[S. 16]</span></p> + +<p>Als Reineke sich überzeugt hatte, daß der Bär allein gekommen war, trat +er hinaus und begrüßte ihn: »Seid willkommen, Oheim Braun! Ich las eben +die Vesper. Darum konnte ich nicht sogleich kommen. Ich hoffe, daß Eure +Ankunft mir zum Vorteil gereichen wird! Es war aber ein anstrengender +Weg für Euch! Ihr schwitzt ja, daß Euer Haar naß ist! Hatte denn der +König keinen anderen Boten als Euch, den edelsten Herrn des Reichs? +Indessen ist es zu meinem Nutzen; Euer kluger Rat wird mir beim König +zu statten kommen. Höret, werter Oheim, ich hatte beschlossen, morgen +am Hof zu erscheinen, doch habe ich von einer Speise, an die ich nicht +gewöhnt bin, zu viel gegessen, und sie verursacht mir große Schmerzen +im Leibe.«</p> + +<p>»Was aßet Ihr denn?« fragte Braun.</p> + +<p>Reineke versetzte: »Was nützt es Euch, wenn ich es Euch sage! Es war +nur eine einfache Speise! Ein armer Mann kann ja nicht wie ein Graf +leben! So haben wir jetzt in der Not frische Honigscheiben gegessen, +die es hier reichlich gibt. Davon bin ich so krank!«</p> + +<p>»Ei, ei,« versetzte Braun, »haltet Ihr Honig für etwas Schlechtes? +Honig ist eine kräftige Speise, die ich allen anderen Gerichten +vorziehe. Lieber Reineke, verschafft mir welchen, ich will Euch dafür +nach Kräften dienen und Euch immer dankbar sein!«</p> + +<p>Reineke rief: »Treibt keinen Spott mit mir, Oheim Braun!« Braun +erwiderte: »Nein, so wahr Gott mir helfe!« »Nun, wenn es Euer Ernst +ist,« sprach Reineke, »so will ich Euch Honig verschaffen. Der Bauer +Rüsteviel wohnt kaum eine halbe Meile von hier. Er hat so viel Honig, +wie Ihr noch nie beisammen gesehen habt.«</p> + +<p>Brauns Gelüste nach der süßen Speise ward immer größer, und er sagte: +»Führt mich nur sogleich hin, lieber Reineke, ich<span class="pagenum" id="Seite_17">[S. 17]</span> will es Euch stets +gedenken. Sollte ich mich aber mal an Honig wirklich satt essen, so +müßte man mir sehr viel davon vorsetzen.«</p> + +<p>»O,« versetzte Reineke, »Euch soll es an Honig nicht fehlen! Zwar wird +mir das Gehen heute schwer, doch will ich Euch zuliebe den Weg gern +machen. Denn Ihr seid mir der Liebste von allen meinen Verwandten. Und +Ihr werdet mir auch am Hofe des Königs beistehen und mich gegen meine +Feinde verteidigen. Folget mir nur! Ich will Euch so honigsatt machen, +daß Ihr eine Weile genug habt!«</p> + +<p>Voller Freude folgte ihm der Bär; der Abend war hereingebrochen, als +sie an des Bauern Rüsteviel Hof kamen. Dort lag eine mächtige Eiche, +die weit aufgespalten war, denn der Bauer hatte zwei starke Keile +hineingetrieben. Nun sprach Reineke: »Sehet, Oheim, in diesem Baum ist +mehr Honig, als Ihr verzehren könnt. Nehmt nun davon, doch ja nicht +zuviel, es könnte Euch schaden!«</p> + +<p>Braun erwiderte: »Sorget nur nicht! Ich weiß wohl Maß zu halten in +allen Dingen.«</p> + +<p>Also ließ sich der Bär betören und steckte seinen Kopf und die +Vorderpfoten tief in den Baum hinein. Nun zog der Fuchs mit großer +Anstrengung die Keile heraus, der Spalt ging zusammen, und da war nun +der Bär mit Kopf und Füßen gefangen! O, wie er da bat und flehte! Doch +der Fuchs hatte kein Erbarmen. Da fing der Bär an zu heulen und mit +den Hinterfüßen zu schlagen und machte solchen Lärm, daß der Bauer +herbeikam. Als Reineke ihn sah, rief er dem Bären zu: »Nun, Freund +Braun, schmeckt der Honig süß? Jetzt kommt Rüsteviel und wird Euch wohl +zur Mahlzeit ein Schlückchen kredenzen.« Und damit machte er sich auf +den Heimweg nach seinem Schloß Malepartus.</p> + +<p>Als Rüsteviel den Bären erblickte, lief er sogleich ins Dorf, rief alle +Bauern zusammen und sprach: »In meinem Hof hat sich<span class="pagenum" id="Seite_18">[S. 18]</span> ein Bär gefangen, +kommt geschwind mit mir!« Schleunigst folgten ihm alle; ein jeder nahm +eine Waffe: der eine eine Heugabel, der andere eine Harke, der dritte +einen alten Spieß, der vierte einen Zaunpfahl. Der Pfarrer und der +Küster kamen auch herbei. Ja, sogar des Pfarrers alte Köchin wollte +dabei nicht fehlen; sie hatte als Waffe ihren Spinnrocken ergriffen, +um damit des Bären Fell gehörig zu bearbeiten. Als der arme Braune den +Lärm und das Geschrei der vielen Menschen hörte, ward ihm himmelangst +zumute. Mit gewaltigem Ruck riß er den Kopf aus der Spalte, doch, o +weh! die ganze Haut mit beiden Ohren blieb darin stecken, und das +Blut rieselte ihm am Halse herunter. Und noch immer war er an den +Pfoten gefesselt. Näher und näher kam das Toben. Da riß er mit größter +Kraftanstrengung die Tatzen heraus, doch das Fell blieb im Spalt +stecken. Die Füße taten so weh, daß er nicht laufen konnte; da kamen +auch schon die Bauern herbei und fielen über ihn her mit Schlägen und +Stößen. Auch die Weiber halfen mit, ihm das Fell zu gerben. Der Pfarrer +schlug ihn mit einem langen Stabe. Von fern warfen sie mit Steinen. +Endlich kam auch noch Rüsteviels Bruder und versetzte ihm einen so +wuchtigen Schlag vor den Kopf, daß ihm für einen Augenblick Hören und +Sehen verging. Dann aber sprang er rasend vor Schmerz empor und geriet +zwischen die Weiber. Diese erschraken gewaltig und sprangen so eilig +davon, daß viele in den tiefen Mühlbach stürzten. Da rief der Pfarrer: +»Kinder, seht, dort schwimmt Frau Jutte, meine treffliche Köchin! Zwei +Tonnen Bier gebe ich zum Besten, wenn ihr sie rettet!« Da liefen alle +zum Bache und retteten die Weiber.</p> + +<p>Indessen kroch der Bär, halbtot vor Schmerzen, zum Wasser hin, denn er +dachte: Lieber den Tod im Wasser erdulden als von den Bauern erschlagen +werden. Doch siehe da! Er ertrank nicht, der Strom trug ihn hinweg! Als +die Bauern das sahen, riefen sie<span class="pagenum" id="Seite_19">[S. 19]</span> aus: »O, solche Schande, daß wir den +Bären entwischen lassen! Daran sind nur die Frauen schuld, die immer +nur stören! Doch komm' nur bald wieder, du Schelm, du hast ja deine +Ohren und Handschuhe zum Pfande gelassen!« So folgte dem Schaden auch +noch der Spott.</p> + +<p>Doch Braun war froh, daß er entkommen war. Er verfluchte den Baum, +verfluchte die Bauern, verfluchte aber besonders Reineke, der ihn +verraten hatte. Der reißende Strom riß ihn in kurzer Zeit eine Meile +hinab. Er kroch ans Land und glaubte bald sterben zu müssen.</p> + +<p>Als Reineke den Bären in Rüsteviels Hofe verlassen hatte, war er auf +die Hühnerjagd gegangen, aß sich tüchtig satt und lief dann zum Bache, +um zu trinken. Dabei sprach er zu sich selbst: »Wie froh bin ich, daß +ich es dem Bären mal ordentlich gegeben habe! Er hat jetzt gewiß schon +mit Rüsteviels scharfem Beil Bekanntschaft gemacht! Er war von jeher +mein Feind! Doch nun ist er tot und wird nicht mehr über mich klagen!« +Da hörte er neben sich stöhnen und erblickte den Bären, der matt und +blutend im Grase lag.</p> + +<p>Da rief Reineke aus: »O Rüsteviel, dummer Wicht, wie konntest du dir +die vortreffliche Speise entgehen lassen!« Und höhnisch sprach er +zum Bären: »Nun, Oheim Braun, wie hat der Honig gemundet? Habt Ihr +vielleicht bei Rüsteviel etwas vergessen? Ich will es ihm melden, daß +er es Euch bringe! Ihr habt ihm wohl gar den Honig gestohlen? Oder habt +Ihr ihn bezahlt? Lieber Oheim, bei welchem Orden habt Ihr Euer Gelübde +getan, daß Ihr ein rotes Barett auf dem Haupte tragt? Oder seid Ihr +gar Abt geworden? Der hat Euch gewiß nach den Ohren geschnappt, der +Euch die Platte geschoren hat! Auch das Fell von Euren Backen und die +Handschuhe habt Ihr verloren!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_20">[S. 20]</span></p> + +<p>Länger konnte Braun die höhnischen Reden nicht ertragen. Er kroch in +den Bach, trieb mit dem Strome abwärts und kam an das andere Ufer. +Krank und matt lag er da, und traurig sprach er zu sich selber: »Ach, +daß mich nur einer tot schlüge! Ich kann kaum von der Stelle und muß +noch an den Hof des Königs reisen. Wie wird man mich verspotten, daß +ich so arg geschändet bin! Aber Reineke soll es mir büßen!«</p> + +<p>Er raffte sich endlich auf, schlich sich mit großer Mühe fort und +erreichte am vierten Tage des Königs Schloß.</p> + +<p>Als Nobel den Bären so elend und blutend vor sich sah, erschrak er +sehr und rief: »Bist du es wirklich, mein teurer Braun? Was ist dir +geschehen?«</p> + +<p>»Gnädiger Herr König,« erwiderte der Bär, »ich klage Euch mein Leid! +Sehet den schändlichen Verrat, den Reineke an mir verübt hat!«</p> + +<p>Zornig versetzte der König: »Solcher Frevel soll ohne alle Gnade +gestraft werden! Wie konnte es Reineke wagen, einen so edlen Herrn so +furchtbar zu schänden? Wahrlich, ich schwöre es bei meiner Ehre und +bei meiner Krone: Reineke soll die Strafe erdulden, die du von mir +forderst! Halte ich diese Zusage nicht, so will ich nimmermehr ein +Schwert führen!«</p> + +<p>Sogleich traten alle Edlen zur Beratung zusammen, und man beschloß, +einen neuen Gerichtstag zu halten, und Hinze, der Kater, der klug und +gewandt war, sollte zu Reineke gehen und ihn zum Könige befehlen. Als +dieser Entschluß gefaßt war, wandte sich der König an Hinze und sprach: +»Geh' also und sage Reineke, wenn er sich noch länger weigern sollte, +vor Gericht zu erscheinen, so würde es ihm und seinem Geschlecht zu +ewigem Schaden gereichen.« Hinze erwiderte: »Verehrter Herr König, +wollt Ihr nicht einen anderen mit der Botschaft betrauen? Braun ist +stark und groß, und ihm mißlang der Auftrag; ich bin klein nur und<span class="pagenum" id="Seite_21">[S. 21]</span> +schwächlich, wie wird es mir ergehen?« Der König versetzte: »Bist +du auch nicht groß von Gestalt, so bist du doch klug und gewandt: +Es bleibt dabei, du überbringst ihm die Botschaft!« »Herr König!« +antwortete Hinze, »Euer Wille geschehe! Sehe ich ein gutes Zeichen zu +meiner Rechten am Wege, so wird es mit meiner Reise wohl ablaufen!«</p> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_22">[S. 22]</span></p> + +<h2 class="s4">3. Kapitel.<br> +<span class="s3">Hinze überbringt den Befehl des Königs.</span></h2> +</div> + + +<p>Als Hinze ein Stück des Weges gewandert war, sah er einen Martinsvogel +und rief: »Glück auf, edler Vogel, wende deine Flügel und fliege nach +meiner rechten Seite!« Der Vogel flog und setzte sich auf einen Baum, +der links am Wege stand. Hinze war darüber sehr betrübt, doch machte er +es, wie es so mancher tut, und sprach sich selber Mut zu. Darauf reiste +er weiter nach Malepartus und traf Reineke vor der Tür seines Hauses +sitzend.</p> + +<p>»Guten Abend, Reineke!« sprach Hinze höflich. »Der König sendet mich +zu Euch, um Euch vor Gericht zu laden. Weigert Ihr Euch aber, mit mir +zu kommen, sagt der König, so wird er Euch und Euer ganzes Geschlecht +furchtbar strafen!«</p> + +<p>Reineke hieß den Kater herzlich willkommen. Im Innern aber sann er auf +neue Ränke, wie er den Kater verraten und betrügen könne. Darum sprach +er freundlich: »Lieber Neffe, was wünscht Ihr heute abend zu essen? +Denn ich will Euer Wirt sein. Dann gehen wir morgen mit Tagesanbruch +nach Hofe. Unter allen meinen Freunden habe ich niemanden, auf den ich +mich besser verlassen kann als auf Euch. Nimmer hätte ich es gewagt, +mit dem grimmigen Bären, der so stark ist, den Weg zu machen! Aber, +Neffe, mit Euch gehe ich gern morgen früh.«</p> + +<p>Hinze erwiderte darauf: »Nein, laßt uns lieber jetzt fort! Der Mond +scheint hell, der Weg ist gut, und die Luft ist warm.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_23">[S. 23]</span></p> + +<p>Reineke antwortete: »Bei Nacht reisen, bringt Gefahr. Glaubt nur, +mancher, der uns bei Tage freundlich grüßt, würde uns bei Nacht Böses +tun!«</p> + +<p>Hinze sprach: »Vetter Reineke! Laßt mich also wissen, was ich essen +soll, wenn ich bei Euch bleibe?« »Wir leben hier von sehr geringer +Kost,« antwortete Reineke. »Ich will Euch Honigscheiben vorsetzen, die +ganz frisch und süß sind.« »Die habe ich niemals gegessen!« rief Hinze +aus. »Gebt mir doch eine fette Maus, die ist mir lieber als Honig!« »So +gern eßt Ihr Mäuse?« fragte Reineke. »Ist das Euer Ernst? Nicht weit +von hier wohnt der Pfarrer. In seiner Scheune wimmelt's von Mäusen. Wie +oft hörte ich ihn darüber klagen!« Unbedachtsam sprach Hinze: »Vetter, +bringt mich dahin! Denn mehr als jede andere Speise liebe ich die +Mäuse!« »Gut,« sprach Reineke, »Ihr sollt eine Mahlzeit haben, wie Ihr +sie niemals gehabt. Kommt, laßt uns gehen!«</p> + +<p>Beide kamen bald an die Scheune. Reineke hatte in der vorigen Nacht ein +Loch durchgebrochen und einen Hahn geraubt. Um den Dieb das nächste Mal +zu fangen, hatte Martinchen, des Pfarrers Sohn, eine Schlinge gelegt. +Reineke wußte das, darum sprach er:</p> + +<p>»Neffe Hinze, kriechet in das Loch, Ihr werdet dort Mäuse in Menge +finden. Ich werde indessen Wache stehen. Wenn Ihr satt seid, kommt +wieder heraus. Wir bleiben dann die Nacht über in meiner Wohnung, und +früh morgens machen wir uns auf den Weg zum König.« Ängstlich sprach +Hinze: »Soll man es wirklich wagen, da hineinzukriechen? Die Pfaffen +haben auch bisweilen Böses im Sinne.« Da sagte Reineke: »Seid Ihr so +furchtsam? Das wußte ich nicht. So kommt, laßt uns umkehren! Mein Weib +wird uns gute Speisen vorsetzen, wenn auch die Mäuse dabei fehlen.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_24">[S. 24]</span></p> + +<p>Nun schämte sich Hinze seiner Ängstlichkeit. Er kroch in das Loch, aber +o weh! er geriet in die Schlinge. Nun wollte er zurück, der Strick +zog sich aber nur fester um seinen Hals, daß er weder vorwärts noch +rückwärts konnte. Da fing er an zu heulen und flehte den Fuchs um Hilfe +an. Dieser freute sich des wohlgelungenen Streichs, sprang vor das Loch +und rief dem Kater zu: »Hinze, wie schmecken die Mäuse? Sind sie auch +gut und fett? Ihr singt ja so schön beim Essen, ist das bei Euch Sitte? +Wie gern wollte ich, daß Isegrim in demselben Loche steckte wie Ihr! +Dann sollte er mir alles bezahlen, was er mir Leides getan hat!« Mit +diesen Worten lief er davon.</p> + +<p>Der arme Hinze, der sich nicht befreien konnte, miaute und knurrte ganz +jämmerlich. Das hörte Martinchen, des Pfarrers Sohn, der die Schlinge +gelegt hatte. Schnell sprang er aus dem Bett, weckte Vater und Mutter +und alles Gesinde und rief voll Freude: »Gott Lob und Dank! Mein Strick +war gut gelegt! Nun ist der Hühnerdieb gefangen! Jetzt soll er aber +auch seinen Lohn haben!« Alle liefen zur Scheune, selbst der Herr +Pfarrer ging mit. Martinchen ging mit einem Stock auf den Kater los und +versetzte ihm derbe Schläge, ja er schlug ihm sogar ein Auge aus. Der +Pfarrer aber hatte einen Stiel von einer Mistgabel genommen, womit er +Hinzen totschlagen wollte. Als der Kater merkte, daß er sterben sollte, +wurde er sehr zornig. Er sprang auf den Pfarrer los und biß und kratzte +ihn an den Beinen und an dem ganzen Leibe, bis dieser ohnmächtig zu +Boden sank. Nun ließen alle vom Kater ab, eilten zum Pfarrer, trugen +ihn ins Haus und legten ihn sorgfältig zu Bett. Hinze indessen in +seiner großen Not dachte nur an seine Rettung. Verzweifelt fing er an +den Strick zu zerbeißen und zu zernagen, und siehe da! endlich war er +entzwei! Schnell kroch er zum Loche hinaus und machte sich auf den Weg +nach des Königs Schlosse.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_25">[S. 25]</span></p> + +<p>Es war schon heller Tag, als er dort ankam. Der König erschrak, als er +den armen Hinze so zerschlagen und auf einem Auge geblendet wiedersah. +Er geriet in großen Zorn, als er von Reinekes neuer Freveltat hörte.</p> + +<p>Der Rat wurde einberufen, um über Reinekes Strafe zu beschließen. Da +sprach Grimbart, der Dachs: »Unter diesen Herren sind freilich viele, +die meinen, daß Reineke eine strenge Strafe verdient hat. Dennoch kann +man ihm nicht das Recht des freien Mannes vorenthalten, dreimal vor +Gericht geladen zu werden. Kommt er das dritte Mal nicht, so werde das +Urteil gesprochen!«</p> + +<p>Der König versetzte: »Wer unter euch ist so kühn, daß er ihm die dritte +Vorladung bringen möchte? Wer hat ein Auge oder einen Leib zuviel, den +er um diesen Bösewicht aufs Spiel setzen möchte? Mich dünkt, es wird +sich hier niemand finden, der dazu Lust hätte!«</p> + +<p>Da rief Grimbart mit lauter Stimme: »Höret, Herr König, ich übernehme +die Botschaft!«</p> + +<p>Der König erwiderte: »So gehe denn hin und lade ihn vor Gericht! Doch +nimm deine Weisheit zu Rate, du weißt, wie boshaft dein Oheim ist!«</p> + +<p>Grimbart versetzte: »Darauf wage ich es und hoffe, ihn gewiß mit mir an +den Hof zu bringen.«</p> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_26">[S. 26]</span></p> + +<h2 class="s4">4. Kapitel.<br> +<span class="s3">Grimbart bei Reineke. Die Beichte.</span></h2> +</div> + + +<p>Also ging Grimbart nach Malepartus und fand Reineke mit seiner Frau und +seinen Kindern vor der Tür sitzend. Er redete ihn also an:</p> + +<p>»Oheim Reineke, zuerst biete ich Euch meinen freundlichen Gruß! Ihr +seid so gelehrt, so weise und klug, daß ich mich wundere, wie Ihr des +Königs Wort so unbeachtet lassen könnt! Ich rate es Euch, kommt mit +mir an den Hof! Denn die Verzögerung kann Euch keinen Vorteil bringen! +Es ist wahr, man hat viele Klagen gegen Euch vorgebracht, und Ihr +werdet nunmehr zum dritten Male vorgeladen. Folgt Ihr aber auch dieses +Mal nicht, so wird der König mit seinem Heere kommen und Euer Schloß +belagern. Dann wird es Euch, Eurem Weibe und Euren Kindern Gut und +Leben kosten. Da Ihr dem Könige also doch nicht entgehen könnt, so ist +es gewiß am besten, wenn Ihr jetzt mit mir an den Hof kommt. Ihr habt +Euch ja schon oftmals aus der Schlinge gezogen! Eurer Überredungskunst +wird es auch diesmal gelingen, Eure Feinde zu widerlegen und den König +für Euch zu stimmen!«</p> + +<p>»Euer Rat ist gut, Neffe!« versetzte der Fuchs. »Es ist freilich am +besten, daß ich an den Hof komme und mein Recht selbst wahrnehme. +Ich hoffe auch, der König wird mir Gnade widerfahren lassen. Er weiß +es wohl, daß ich ihm in seinem Rate dienen kann, und das verdrießt +manchen, der bei ihm ist. Der Hof<span class="pagenum" id="Seite_27">[S. 27]</span> kann ohne mich nicht bestehen. Hätte +ich noch viel mehr Unrecht getan und viel schwerere Sünden auf mich +geladen; gelingt es mir nur erst, mit dem König zu sprechen, so werde +ich seinen Zorn schon besänftigen. Zwar hat er viele, die mit ihm zu +Rate sitzen, doch wissen sie niemals das Richtige zu treffen. Soll +irgendein Beschluß gefaßt werden, so ist es stets Reineke, der den +Ausschlag geben muß. Viele mißgönnen mir das und haben mir deshalb den +Tod geschworen. Das beklemmt mir das Herz, denn ihrer sind mehr denn +zehn, und sie sind mächtiger als ich allein. Trotzdem ist es besser, +ich gehe selbst mit Euch an den Hof und stelle mich meinen Anklägern +gegenüber. Und wenn ich nicht gewinne, so ist mir's vielleicht möglich, +mit meinen Feinden einen günstigen Vertrag abzuschließen.«</p> + +<p>Darauf rief Reineke seine Frau und seine Kinder herbei und sprach: +»Frau Ermelyn, ich gehe mit Neffe Grimbart zu Hofe. Sorget mir +indessen gut für unsere Kinder, ganz besonders für unseren Jüngsten, +Reinhartchen! Seine Zähne stehen ihm so zierlich um sein Mündchen, daß +ich hoffe, er wird einst ganz seinem Vater gleichen. Auch für Rossel +sorgt gut, er ist gleichfalls ein hübsches Kind, und ich habe ihn +ebenso lieb. Hütet die Kinder, während ich fern bin, und ich will Euch +dankbar dafür sein, wenn ich glücklich zurückkehre.«</p> + +<p>Mit diesen Worten nahm er Abschied und ließ Frau und Kinder in Sorgen +zurück.</p> + +<p>Kaum waren sie eine kleine Stunde gegangen, als Reineke sprach: »Hört +mich, lieber Neffe und Freund! Ich bin recht in Angst, denn ich +fürchte, ich gehe in den Tod. Meine Reue aber über meine begangenen +Sünden ist so groß, daß ich zur Beichte gehen möchte. Da aber kein +Pfarrer zur Stelle ist, so bitte ich Euch inständig, laßt mich vor Euch +beichten! Habe ich all mein Unrecht gestanden, so wird mir leichter ums +Herz werden.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_28">[S. 28]</span></p> + +<p>Grimbart versetzte: »Ihr müßt vor allem geloben, in Zukunft nicht mehr +zu rauben und von allem Verrat und anderen Tücken für immer abzulassen. +Wenn Ihr das nicht beschwört, kann keine Beichte Euch nützen.«</p> + +<p>»Das weiß ich wohl!« erwiderte Reineke, »und so fange ich an. Hört wohl +zu!</p> + +<p><span class="antiqua">Confiteor tibi Pater et Mater</span>, daß ich der Otter und dem Kater +und vielen anderen Tieren manches Unrecht zugefügt; das will ich reuig +bekennen und Buße dafür tun!«</p> + +<p>Der Dachs unterbrach diese Rede: »Das verstehe ich nicht! Ihr müßt +deutsch mit mir reden!«</p> + +<p>Reineke fuhr fort: »Ich habe gesündigt an allen Tieren, die jetzt +leben! Und bitte sehr, sie mögen es mir verzeihen! Ich habe Braun, den +Bären, nach Rüsteviels Hofe geführt. Dort habe ich ihn im Baumspalt +eingeklemmt; er zerriß sich Gesicht und Tatzen und bekam Schläge in +Menge.</p> + +<p>Hinze führte ich zur Scheune und hieß ihn Mäuse fangen. Er geriet in +die Schlinge, mußte viele Prügel ertragen, ja verlor sogar ein Auge +dabei.</p> + +<p>Auch der Hahn verklagt mich mit Recht. Ich habe ihm viele seiner Kinder +geraubt und getötet.</p> + +<p>Isegrim, dem Wolf, habe ich mancherlei Tücke zugefügt. Einmal, es mögen +wohl sechs Jahre her sein, besuchte er mich im Kloster Elkmar, wo ich +mich damals aufhielt. Er wollte auch Mönch werden und hub an, an der +Glocke zu läuten. Das gefiel ihm vorzüglich, und da ich das merkte, +band ich ihm beide Vorderfüße an dem Strick zusammen. Nun konnte er +läuten nach Herzenslust.</p> + +<p>Als das Läuten aber gar nicht aufhörte, liefen alle Leute auf der +Straße herbei und die Mönche aus dem Kloster; sie meinten,<span class="pagenum" id="Seite_29">[S. 29]</span> der Teufel +sei da. Als sie den Wolf sahen, schlugen sie alle furchtbar auf ihn +los; man ließ ihm nicht Zeit, zu erklären, daß er ins Kloster wolle. +Halb zu Tode geprügelt, entkam er schließlich. Dennoch blieb er dabei, +in den geistlichen Stand eintreten zu wollen. Deshalb bat er mich, ihm +die Platte zu scheren. Da brannte ich ihm die Haare so sehr ab, daß ihm +die Haut zusammenschrumpfte.</p> + +<p>Einstmals führte ich ihn ins Jülicher Land zum Hause eines reichen +Pfaffen. Dieser hatte ein großes Vorratshaus, in dem große, duftende +Schinken, fette Würste und andere köstliche Speisen aufbewahrt waren. +Auch ein Trog mit frisch eingesalzenem Fleische stand darin. Isegrim +brach sich ein Loch durch die Wand, da er sich einmal recht satt an +Fleisch essen wollte. Er kroch hinein und aß und aß, bis sein Hunger +gestillt war. Nun wollte er wieder heraus, aber o weh! vom übermäßigen +Essen war sein Bauch so dick geworden, daß er nicht durch das Loch +zurück konnte. Wo er also hungrig hineingekrochen war, konnte er satt +nicht mehr hinaus. Das war mir nun gerade recht, ich lief ins Dorf +und machte Lärm und Geschrei, um die Leute auf die Spur des Wolfes zu +bringen. Ich lief in das Haus des Pfaffen, der eben am Tisch saß und +speiste.</p> + +<p>Ein fetter Kapaun stand vor ihm. Ich sprang plötzlich hinzu, erfaßte +den Braten und eilte davon. Entsetzt sprang der Pfaffe auf, um mir +nachzujagen. Dabei riß er den Tisch um: Gläser, Teller, Speise und +Trank, alles fiel zur Erde. Immerfort schrie der Pfaffe: ›Schlaget, +werfet, stechet, fanget den Dieb!‹ Da er aber in seinem blinden Zorn +nicht sah, wo er lief, fiel er in die Pfütze. Eine Menge Menschen waren +herbeigekommen, um über mich herzufallen, alle machten großes Geschrei. +Aber die Stimme des Pfarrers übertönte alle anderen: ›Habt ihr jemals +einen frecheren Dieb gesehen?‹ rief er; ›er hat mir das Huhn vom Tische +genommen, an dem ich eben saß und speiste.‹</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_30">[S. 30]</span></p> + +<p>Ich aber lief, so schnell ich laufen konnte. Als ich an den Speicher +kam, in dem Isegrim war, ließ ich das Huhn fallen, weil es mir zu +schwer wurde. Ihr könnt Euch denken, daß ich es ungern zurückließ! Als +nun der Pfarrer das Huhn aufhob, erblickte er Isegrim, der in dem Loch +steckte. Da rief er laut: ›Ihr Freunde, seht, hier ist noch ein viel +ärgerer Dieb in meinem Speicher! Ein Wolf, den müssen wir fangen!‹ Alle +fielen wie wild über den Wolf her, rissen ihn aus dem Loch heraus und +schlugen auf ihn los, daß er wie tot liegen blieb. Darauf schleppten +sie ihn auf die Straße über Stock und Stein und warfen ihn schließlich +in eine schlammige Grube, denn sie hielten ihn für tot. In solchem +Jammer und Schmerz lag er hilflos die ganze Nacht da; wie er endlich +davongekommen, weiß ich nicht zu sagen.</p> + +<p>Gleichwohl schwur er mir abermals Treue, es war aber nur seines eigenen +Vorteils wegen. Es gelüstete ihn, sich einmal an Hühnern recht satt zu +essen. Ich sagte ihm, ich wüßte bei einem Bauern ein Hühnerhaus, in +dem viele fette Hühner oben auf dem Balken unter dem Dach zu sitzen +pflegten. Es war um Mitternacht, als ich ihn dorthin führte. Ein +Fenster stand offen, und ich tat, als ob ich hineinkriechen wollte, +trat aber wieder zurück und ließ Isegrim voran. ›Kriecht nur mutig +hinein, Ihr werdet gewiß bald ein fettes Huhn fassen!‹ rief ich ihm zu. +›Wer nicht wagt, gewinnt nicht!‹</p> + +<p>Er kroch mit Gefahr durch das enge Fenster, suchte hier und da herum +und rief: ›Ich bin verraten, ich finde keine Hühner!‹ ›Ei,‹ sprach ich, +›die werden weiter hinten sitzen.‹ Der Wolf vergaß jede Vorsicht, so +groß war seine Begier nach Hühnern. Er ging immer weiter hinein, ich +aber klappte von außen das Fenster zu, daß es laut anschlug. Der Wolf +erschrak dermaßen, daß er vom Balken herab und schwer auf den Boden +fiel. Die Leute im Hause erwachten von dem Geräusch. Sie kamen mit +Licht und<span class="pagenum" id="Seite_31">[S. 31]</span> fanden den Wolf. Da wurde er wieder geprügelt, und zwar mit +solcher Gewalt, daß es ein Wunder ist, wie er mit dem Leben davonkam.</p> + +<p>Sehet, Neffe, das sind nun alle meine Sünden, deren ich mich erinnern +kann. Sprechet mich nun los davon, und leget mir eine beliebige Buße +auf.«</p> + +<p>Grimbart war verschlagen und klug; er brach ein Reis am Wege und +sprach: »Oheim, schlaget Euch dreimal mit diesem Reis; sodann legt es +auf die Erde und springt dreimal quer darüber, ohne zu taumeln. Hernach +küßt das Reis ohne Haß, zum Zeichen, daß Ihr gehorsam seid. Diese Buße +lege ich Euch auf. Und hiermit spreche ich Euch von Euren Sünden frei; +ich vergebe sie Euch alle, so groß auch ihre Zahl sein mag.«</p> + +<p>Als Reineke alles nach Grimbarts Vorschrift getan hatte, sprach dieser +zu ihm:</p> + +<p>»Oheim Reineke, in Zukunft müßt Ihr nun aber ein besseres Leben führen. +Alles Rauben, Stehlen, Betrügen und Verraten müßt Ihr lassen. Gehet +fleißig zur Kirche; lest die Psalmen, haltet die Feiertage, tröstet die +Kranken und gebt Almosen den Armen!«</p> + +<p>Reineke sprach: »Alles das will ich geloben und treulich halten mein +Leben lang!«</p> + +<p>Darauf wanderten beide weiter, bis sie an ein Kloster kamen. Darin +wohnten fromme Nonnen, die von früh bis spät zu Gott beteten. Sie +hatten viele Hühner, Enten und Gänse auf ihrem Hofe, die oft außerhalb +der Mauern herumliefen.</p> + +<p>Reineke bemerkte sofort die Hühner, und alle seine bösen Gelüste +erwachten wieder. Ein junger, fetter Hahn gefiel ihm besonders, er +konnte seine Augen nicht von ihm abwenden. Plötzlich sprang er auf ihn +zu und packte ihn am Halse, daß die Federn umherflogen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_32">[S. 32]</span></p> + +<p>Entrüstet rief Grimbart: »Unseliger Oheim, was macht Ihr da? Wollt Ihr +um einen elenden Hahn wieder in Schande und Sünde verfallen? Wahrlich, +das nenne ich eine schöne Buße!«</p> + +<p>Reuig sprach Reineke: »Das tat ich nur in Gedanken aus alter +Gewohnheit. Bittet Gott, daß er es mir vergebe! Ich will es in Zukunft +unterlassen.«</p> + +<p>Nun wanderten sie weiter auf der breiten Landstraße. Aber Reineke +sah immer nach den Hühnern zurück, er hätte gar zu gern eins gehabt! +Grimbart bemerkte das wohl und sprach: »Garstiger Vielfraß! Wo habt Ihr +schon wieder Eure Augen?«</p> + +<p>Reineke erwiderte: »Ihr irrt Euch gewaltig, verehrter Neffe, wenn Ihr +glaubt, ich habe böse Gedanken. Ich richtete eben ein frommes Gebet zum +Himmel für die Seelen der Hühner und Gänse, die ich den Nonnen geraubt +habe!«</p> + +<p>Grimbart schwieg, Reineke aber schaute nach den Hühnern zurück, solange +er sie sehen konnte. Endlich erblickten sie das Schloß des Königs, das +Ziel ihrer Wanderung.</p> + +<p>Aber je näher sie kamen, desto ängstlicher ward Reineke zumute. Er +dachte an die vielen Anklagen, die gegen ihn erhoben waren, und wußte +nicht, wie er sich rechtfertigen sollte. Am liebsten wäre er noch +umgekehrt, aber er schämte sich vor seinem Begleiter, dem Dachs.</p> + + +<figure class="figcenter illowp51" id="0032_illustration" style="max-width: 49.9375em;"> + <img class="w100" src="images/032_illustration.jpg" alt=""> + <figcaption class="caption"><p class="s6">Reineke Fuchs 2.</p> +<p class="p0">Also ließ sich der Bär betören und steckte seine Vorderpfoten tief in +den Baum hinein.</p></figcaption> +</figure> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_33">[S. 33]</span></p> + +<h2 class="s4">5. Kapitel.<br> +<span class="s3">Das Gericht und der Urteilsspruch. Reineke unter<br> +dem Galgen.</span></h2> +</div> + + +<p>Als man bei Hofe vernommen hatte, daß Reineke angekommen war, drängten +sich alle herbei, ihn zu sehen. Reineke aber stellte sich, als würde er +es gar nicht gewahr. Er ging so ruhig und stolz seines Weges, als wäre +er des Königs eigener Sohn. Mutig, wie wenn er nie ein Unrecht begangen +hätte, trat er vor den König Nobel und redete ihn an:</p> + +<p>»Edler König! Gnädiger Herr! Um Eurer Größe und Eurer Würde willen +bitte ich Euch, hört meine Verantwortung an! Niemals hat ein Herr einen +treueren Knecht, einen ergebeneren Diener gehabt, als Eure königliche +Gnaden an mir haben! Zwar sind hier viele, die mich durch falsche +Anklagen Eurer Freundschaft, die mich so stolz macht, berauben wollen. +Aber Eure Weisheit wird das Lügengewebe meiner Feinde gewiß leicht +durchschauen. Sie hassen mich, weil ich Euch jederzeit treulich gedient +habe!«</p> + +<p>»Schweig'!« sprach der König, »und spare deine Worte! Dein Schmeicheln +hilft dir nichts. Deine Übeltaten sollen dir jetzt vergolten werden! +Sprich, wie hast du den Frieden gehalten, den ich allen Tieren geboten +habe? O du falscher, treuloser Dieb! Hier steht der unglückliche Hahn, +der sein ganzes Geschlecht durch dich verloren hat. Du sagst zwar, du +liebst mich und willst mir<span class="pagenum" id="Seite_34">[S. 34]</span> treu dienen. Wie aber hast du meine Boten +behandelt? Der arme Braun trägt noch Kopf und Tatzen verbunden. Und +der bedauernswerte Hinze hat sogar ein Auge durch deine Falschheit +eingebüßt. Ja, es sind Ankläger genug vorhanden, und diesmal soll es +dir an den Hals gehen, du treuloser Verräter!«</p> + +<p>»Gnädigster Herr,« erwiderte Reineke, »was kann ich dafür, daß Braun +mit blutiger Platte heimkam? Warum war er so dreist, sich an Rüsteviels +Honig zu wagen? Und wenn er es tat, warum ließ er sich dann von den +Bauern schlagen, er, der so stark von Gliedern ist? Und Hinze, der +Kater! Ich habe ihn gut aufgenommen und bewirtet. Er war aber nicht +zufrieden, sondern wollte sich durchaus Mäuse aus der Pfaffenscheune +holen. Das bekam ihm freilich schlecht! Aber was kann ich dafür, und +warum soll ich deshalb bestraft werden?</p> + +<p>Aber ich bin in Eurer Gewalt und füge mich demütig Eurem Spruche, er +sei gut oder böse für mich. Ihr könnt mich sieden, blenden, köpfen +oder hängen, alles will ich ohne Murren erdulden und mein Schicksal +aus Eurer Hand empfangen. Mein Tod wird Euch freilich nur wenig Gewinn +bringen!«</p> + +<p>Da trat Bellyn, der Widder, hervor und rief: »Ja, nun ist es Zeit, +unsere Klagen gegen Reineke vorzubringen.«</p> + +<p>Da kam Isegrim mit allen seinen Verwandten, Braun, der Bär, und +Hinze, der Kater; Boldewyn, der Esel, Lampe, der Hase, Wackerlos, das +Hündchen, und Ryn, der große Hund; Metke, die Ziege, und Hermen, der +Ziegenbock; auch der bedächtige Ochs und das weise Pferd hatten zu +klagen. Selbst die Tiere des Waldes strömten herbei: der Hirsch, das +Reh, der Biber und das Kaninchen, auch Martin, der Affe, und der wilde +Eber. Ebenso kamen die Vögel herbei: Barthold, der Storch, Marquart, +der Häher, und Lütke, der Kranich. Mit lautem Schnattern erschienen +Dybke, die<span class="pagenum" id="Seite_35">[S. 35]</span> Ente, und Alheid, die Gans. Der Traurigste von allen aber +war Henning, der Hahn, dem der Fuchs die Kinder geraubt hatte.</p> + +<p>Sie alle drängten sich zum König, und jeder klagte mit lebhaften Worten +über die Missetaten, die der Fuchs verübt hatte. Das war ein Geschrei, +Geheul und Gebrüll, daß der König häufig Ruhe gebieten mußte, um +überhaupt etwas von dem Durcheinander der Stimmen zu verstehen.</p> + +<p>Auf alle diese Anklagen wußte Reineke mit großer Gewandtheit zu +antworten. Er fand für alles die schönsten Entschuldigungen und tat, +als ob er noch nie irgend jemand etwas Böses zugefügt hätte. Er sprach +mit solcher Überzeugung, daß man glauben konnte, er sei ganz unschuldig +und werde jetzt das Opfer seiner Feinde. Als aber alle Tiere erklärten, +wahrheitsgemäß ausgesagt zu haben, wurde einstimmig das Urteil des +Rates angenommen. Es lautete: <em class="gesperrt">Reineke, der Fuchs, ist zum Tode +verurteilt. Man soll ihn fangen, binden und am Galgen aufhängen.</em> So +verkündete der König mit mächtiger Stimme vor der ganzen Versammlung. +Da sah Reineke ein, daß sein Spiel verloren war. Er ließ sich willig +binden, um den letzten Gang anzutreten.</p> + +<p>Voll Beifall hatten die Feinde des Fuchses das Urteil aufgenommen. +Seine Freunde aber, Grimbart, der Dachs, Martin, der Affe, und einige +von seinem Geschlechte standen betroffen und traurig da. Sie hatten es +nicht für möglich gehalten, daß ein so strenger Urteilsspruch gefällt +werden könnte. Denn Reineke war ein Freiherr, einer der ersten Barone +im Reich, und sollte nun ein so schmähliches Ende durch Henkershand +erdulden. Dieses Unglück konnten sie nicht ertragen. Darum nahmen sie +Abschied vom König und verließen den Hof. Das war nun dem König sehr +unangenehm, daß so viele tapfere Junker von ihm gingen, und er sprach +zu einem seiner Räte: »Es wäre doch gut, wenn ich mir die Geschichte<span class="pagenum" id="Seite_36">[S. 36]</span> +noch etwas überlegte. Reineke ist ja boshaft und treulos, aber in +seinem Geschlechte ist doch mancher brave Mann, den der Hof nur +schlecht entbehren kann.«</p> + +<p>Isegrim, Braun und Hinze gaben indessen auf Reineke wohl acht, daß er +ihnen nicht entschlüpfte. Sie hatten vom König den ehrenvollen Auftrag +bekommen, ihn zu hängen, und eilten nun, den Befehl zu vollstrecken.</p> + +<p>Sie führten ihn gebunden mit sich, und als sie den Galgen gewahr +wurden, sprach Hinze: »Herr Isegrim, erinnert Euch nur, wie Eure Brüder +durch Reinekes Verrat am Galgen enden mußten! Wie froh er darüber +war, und wie er selbst mitging, als sie gehangen wurden! Bezahlt es +ihm jetzt mit gleicher Münze! Und Ihr, Herr Braun, vergeßt nicht, wie +er Euch in Rüsteviels Hofe verriet, wie Männer und Weiber auf Euch +losschlugen und Ihr an Kopf und Tatzen verwundet waret! Seht wohl zu, +daß er nicht entwische, denn seine List ist groß. Käme er uns diesmal +aus den Händen, so könnten wir uns nimmermehr an ihm rächen. Drum laßt +uns eilen und sehr auf der Hut sein!« Isegrim versetzte darauf: »Was +braucht es vieler Worte? Hätten wir nur ein Seil, so wollten wir ihm +die Pein schon verkürzen.«</p> + +<p>Reineke hatte alles mitangehört, aber geschwiegen. Jetzt begann er zu +sprechen: »Da ihr euch alle rächen wollt, so wundert's mich, daß ihr +nicht kurzen Prozeß macht. Hinze kennt ja ein starkes Seil. Er hatte es +ja auf der Mäusejagd in des Pfaffen Scheune um den Hals. Es brachte ihm +freilich wenig Ehre! Und ihr, Braun und Isegrim, ihr eilet auch gar zu +sehr, euren Oheim und Vetter ums Leben zu bringen, und ihr meint, es +müsse euch jetzt sicher gelingen.«</p> + +<p>Der König, die Königin und der ganze Hof waren inzwischen erschienen, +um das Todesurteil vollstrecken zu sehen. Ihnen folgte<span class="pagenum" id="Seite_37">[S. 37]</span> eine große +Menge, Hohe und Niedere, Reiche und Arme. Sie alle wollten dem +Schauspiel beiwohnen.</p> + +<p>Isegrim befahl seinen nahen Verwandten, ja recht acht zu geben, daß +Reineke nicht entwische. Zu seiner Frau sprach er: »So lieb dir dein +Leben ist, hilf mir den Fuchs festhalten! Denn käme er diesmal wieder +davon, so würde es uns übel ergehen!« Zu Braun sprach er: »Bedenket, +was er Euch für Schaden zugefügt hat, das soll er jetzt reichlich +bezahlen! Hinze soll den Strick oben am Ast befestigen, er ist leichter +zu Fuß und behender als wir. Ich werde die Leiter zurechtstellen. +Haltet Ihr nur einen Augenblick noch fest, dann ist's geschehen!« Braun +erwiderte: »Setzt nur die Leiter recht fest an, ich will ihn schon +halten, ich bin stark genug.«</p> + +<p>Reineke sprach: »Isegrim und Braun, ihr seid ja sehr geschäftig, euren +Oheim hängen zu sehen! Ihr, die ihr euch seiner erbarmen und ihn +beschützen müßtet! Gern flehte ich um Gnade! Doch sehe ich wohl, daß +mein Tod beschlossen ist, und ich wollte, es wäre schon vorbei! Mein +Vater starb auch in großen Ängsten, aber als es ans Sterben ging, da +war es in kurzem getan. Beeilt euch also, und verschont mich nicht +länger!«</p> + +<p>Während er nun die Leiter hinaufstieg, dachte Reineke in seiner großen +Angst: »Wenn mir nur ein Gedanke käme, wie ich mein Leben retten +könnte und die Schande dagegen auf meine drei Henker fiele! Gelänge es +mir nur, zum König zu sprechen, so könnte ich vielleicht seinen Sinn +wenden, und er schenkt mir das Leben.«</p> + +<p>Darauf erhob er laut seine Stimme, um durch den Lärm und das +Stimmengewirr durchzudringen, und sprach: »Ich sehe nunmehr den Tod vor +Augen, dem ich nicht entgehen kann. Ehe ich aber sterbe, möchte ich vor +allen hier Versammelten meine Beichte ablegen. Ich will der Wahrheit +gemäß alle Sünden bekennen, die<span class="pagenum" id="Seite_38">[S. 38]</span> ich begangen habe, damit ich mit +leichterer Seele in den Tod gehen kann!«</p> + +<p>Durch diese Worte wurden viele Zuhörer gerührt. Sie baten den König, +Reinekes Beichte entgegenzunehmen, und als der König seine Einwilligung +gegeben hatte, begann der Fuchs:</p> + +<p>»Nun helfe mir der heilige Geist! Denn ich sehe hier niemanden, dem +ich nicht Böses zugefügt hätte. Leider begann ich mein schlimmes Leben +schon in frühester Kindheit. Das Blöken der Schafe und Ziegen lockte +mich, ihnen zu folgen. Eines Tages biß ich ein Lämmchen tot. Sein Blut +schmeckte mir so gut, daß ich bald darauf vier junge Ziegen tötete. +Dann ward ich immer dreister und gieriger und schonte weder Hühner +noch Vögel, weder Enten noch Gänse. Ja, ich tötete mehr, als ich essen +konnte, und verscharrte sie im Sand.</p> + +<p>Später verlebte ich einen Winter am Rhein und traf dort mit Isegrim +zusammen. Er rechnete mir vor, daß wir nahe verwandt wären, ja daß er +sogar mein richtiger Oheim sei. Darauf wurden wir gute Kameraden und +gelobten einander Treue. O, wie schmählich hat er den Eid gebrochen! +Wir gingen zusammen auf die Wanderschaft, um zu rauben. Die Beute +sollte redlich geteilt werden. Aber wie schlecht kam ich dabei fort! +Er teilte selbst, und wie es ihm gefiel; niemals bekam ich die Hälfte. +Hatte er ein Schaf oder eine Ziege erlegt, so stellte er sich davor und +zeigte mir die Zähne, wenn ich herankam. Hatten wir einmal einen Ochsen +oder eine Kuh gefangen, so rief er sein Weib und seine sieben Kinder +dazu, und ich hatte das Nachsehen. Ja, bekam ich einmal eine kleine +Rippe, so hatten sie das Fleisch davon schon abgenagt. Doch gottlob! +Ich litt keine Not. Denn ich hatte ja den großen Schatz an Silber und +Gold, daß sieben Wagen ihn nicht fortfahren könnten.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_39">[S. 39]</span></p> + +<p>Da unterbrach ihn der König: »Was sagst du von einem Schatz? Hast du +ihn noch? Und woher hast du ihn bekommen?«</p> + +<p>Reineke antwortete: »Was hülfe es mir, wenn ich es verschwiege? Mir +kann er ja zu nichts mehr nützen! So will ich das Geheimnis vor meinem +Tode offenbaren: der Schatz war gestohlen. Er war dazu bestimmt, +Verräter zu bezahlen, die Eure Majestät ermorden sollten. Meinem Vater +brachte der Diebstahl den Tod, Euch aber rettete er das Leben.«</p> + +<p>Die Königin fiel fast in Ohnmacht, als sie von dem geplanten Morde +hörte. Schreckensbleich sprach sie zu Reineke: »Bedenket es wohl, +Reineke! Ihr geht jetzt in den Tod! Sprecht nur die lautere Wahrheit! +Sagt uns jetzt alles, was Ihr von der Verschwörung wißt!«</p> + +<p>Der König aber sprach mit gebietender Stimme: »Jedermann schweige jetzt +und trete beiseite! Du aber, Reineke, steige herab, daß ich genau +vernehme, was du mir zu sagen hast!«</p> + +<p>Braun, Isegrim, Hinze und alle übrigen Tiere hörten diesen Befehl +mit größtem Verdruß, aber es half nichts, sie mußten den Fuchs von +der Leiter herabsteigen lassen. Seelensfroh folgte Reineke der +Aufforderung. Er dachte bei sich: »Welch ein Glück wäre es für mich, +wenn es mir gelänge, die Gnade des Königs und der Königin zu gewinnen +und meine Feinde ins Verderben zu stürzen! Was werde ich alles +zusammenlügen müssen!«</p> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_40">[S. 40]</span></p> + +<h2 class="s4">6. Kapitel.<br> +<span class="s3">Die Geschichte von der Verschwörung.</span></h2> +</div> + + +<p>Als Reineke vor dem Königspaar stand, ermahnte ihn die Königin +nochmals, nur die lautere Wahrheit zu sagen.</p> + +<p>Reineke erwiderte: »Das will ich tun. Ich muß ja sterben und will mit +reinem Gewissen ins ewige Leben hinübergehen! Deshalb darf ich auch +meine nächsten Verwandten nicht verschonen, ja selbst meinen Vater muß +ich anklagen, so schwer es mir auch wird.«</p> + +<p>Da ermahnte ihn der König noch einmal: »Reineke, sagst du auch die +volle Wahrheit?«</p> + +<p>»O edler Herr,« versetzte Reineke. »So sündig ich auch sonst bin, heute +werde ich nur die Wahrheit sagen. Wie könnte ich lügen, da mir der Tod +vor Augen steht? Wenn es Euch recht ist, Majestät, so will ich jetzt +alles bekennen, was ich von der Verschwörung weiß, und Euch die Namen +der Verräter nennen.«</p> + +<p>Nun höre man die Lügen, die Reineke ersann, um sich zu retten und seine +Feinde zu verderben! Seinen eigenen Vater beschimpfte er im Grabe. Und +seinen treuen Freund, den Dachs, der ihm doch in allen Nöten beistand, +schwärzte er an. Er hielt dies für notwendig, um seine Erzählung +glaubhafter zu machen.</p> + +<p>»Mein Vater,« so sprach er, »hatte das Glück, König Emmerichs Schatz +zu finden. Durch den Besitz dieser unermeßlichen<span class="pagenum" id="Seite_41">[S. 41]</span> Reichtümer wurde er +stolz und hochmütig. Er schätzte seine früheren Kameraden nicht mehr, +sondern suchte sich Freunde unter den Angesehenen und Hochstehenden +des Reiches. Zuerst wollte er sich den Bären verpflichten. Er sandte +Hinze, den Kater, zu Braun in das wilde Ardennerland und forderte ihn +auf, nach Flandern zu kommen, um König an Eurer Statt zu werden. Braun +gefiel der Vorschlag; er reiste sogleich nach Flandern und wurde von +meinem Vater wohl aufgenommen. Er sandte nun nach Isegrim und Grimbart, +dem Weisen, und diese vier, mit Hinze als fünftem im Bunde, berieten +den ganzen Plan. Zwischen der Stadt Gent und dem Dörfchen Ifte kamen +die Verräter zusammen, und hier war es, wo in finsterer Nacht Euer Tod, +o Majestät, beschlossen wurde. Sie schwuren einander Treue und gelobten +einstimmig, daß sie Braun zum König machen, ihn auf den Thron zu Aachen +führen und ihm die goldene Krone aufs Haupt setzen wollten. Würde sich +jemand von des Königs Anverwandten oder Freunden zu widersetzen wagen, +so sollte er mittels Gold bestochen oder aus dem Reiche vertrieben +werden.</p> + +<p>Dies alles bekam ich folgendermaßen zu wissen: Als Grimbart eines Tages +in trunkenem Zustand war, erzählte er seiner Frau von dem Anschlage, +gebot ihr aber, das tiefste Schweigen darüber zu bewahren. Sie schwieg +auch so lange, bis sie es meinem Weibe sagte. Diese schwur ihr, bei +allem, was ihr heilig sei, das Geheimnis treu zu hüten. Aber sie +hielt nicht Wort; sobald sie zu mir kam, sagte sie mir alles, was sie +vernommen hatte. Ich erschrak bis ins Innerste meiner Seele. Mir fiel +die Geschichte von den Fröschen ein, die, ihrer Freiheit überdrüssig, +Gott anriefen, ihnen einen König zu geben. Gott erhörte sie und sandte +ihnen den Storch, der sie nach Belieben verfolgt und tötet. Da sahen +sie ihre Torheit ein. Aber zu spät! Ihr Klagen half ihnen nichts: sie +haben für immer die Tyrannei des Storchs zu ertragen. So,<span class="pagenum" id="Seite_42">[S. 42]</span> glaubte ich, +würde es auch uns ergehen, wenn wir Braun zum Könige bekämen. Ich kenne +seine Bosheit und Tücke. Ich weiß aber auch, wie edel und gütig unser +jetziger, angestammter König ist. Das wäre ein schlimmer Tausch, dachte +ich mir, an Eurer Majestät Stelle den plumpen Taugenichts zu setzen! +Ich überlegte nun hin und her, wie dieser Plan zu zerstören sei. +Behielt mein Vater seinen Schatz, so konnte er viele Tiere für seine +Zwecke gewinnen. Ich mußte also vor allem darauf ausgehen, den Schatz +zu rauben. Aber wo steckte er? Um das zu erfahren, schlich ich meinem +Vater nach, wo er auch war, in Wald und Feld, bei Hitze oder Kälte, bei +Tag und Nacht.</p> + +<p>Einstmals lag ich im Walde und zerbrach mir den Kopf, wie ich den +Schatz entdecken könnte. Da sah ich plötzlich aus einer Felsenspalte +meinen Vater herauskriechen. Ich verhielt mich ganz still, daß er meine +Nähe nicht ahnte. Er sah sich nach allen Seiten vorsichtig um, als +er aber niemanden gewahr ward, scharrte er das Loch mit Sand zu und +machte es dem anderen Boden gleich. Er verwühlte mit dem Maule seine +Fußstapfen und strich mit dem Wedel darüber hin. Diese Listen lernte +ich von meinem schlauen Vater. Als ich diese großen Vorsichtsmaßregeln +sah, kam mir sofort der Gedanke, daß hier der Schatz verborgen sein +müsse. Kaum hatte sich mein Vater wegbegeben, da machte ich mich an die +Arbeit, die Erde wegzuschaffen. Dann kroch ich in die Spalte und stieg +in die Tiefe hinab. Da sah ich, was wohl noch selten jemand gesehen +hat, Gold und Silber und kostbare Geräte, Edelsteine und Perlen in +Hülle und Fülle! Nun trug und schleppte ich mit meinem Weibe Tag und +Nacht und ruhte nicht eher, bis der ganze Schatz an eine andere Stelle +gebracht war.</p> + +<p>Indessen war mein Vater täglich mit den Verrätern zusammen. Braun und +Isegrim schrieben Briefe in alle Weltgegenden, um für ihre Zwecke +Söldner zu werben. Braun wollte alle in<span class="pagenum" id="Seite_43">[S. 43]</span> seinen Dienst nehmen und ihnen +einen reichlichen Sold auszahlen. Mein Vater lief also mit diesen +Briefen durch alle Länder zwischen der Elbe und dem Rhein und gewann +viele Söldner durch reiche Versprechungen. Er hatte mancherlei Gefahren +auf seiner Reise zu bestehen. Die Jäger stellten ihm nach, die Hunde +hetzten ihn, daß er mit knapper Not entkam. Endlich im Sommer kehrte +er heim und zeigte den Mitverschworenen voll Stolz die Liste der +Angeworbenen.</p> + +<p>Zwölfhundert Wölfe von Isegrims Sippschaft mit scharfen Gebissen und +breiten Mäulern standen zum Kampfe bereit. Alle Bären und Kater waren +auf Brauns Seite. Auch alle Vielfraße und Dachse aus Thüringen und dem +Sachsenlande hatten zu kommen versprochen. Die einzige Bedingung war, +daß man ihnen den Sold auf drei Wochen im voraus zahlen sollte, dann +würden sie beim ersten Aufgebot dem Bären mit ganzer Macht zu Hilfe +ziehen. Das Geld hatte mein Vater leicht versprechen können; vertraute +er doch auf seinen unerschöpflichen Schatz!</p> + +<p>Er machte sich nun auch eiligst auf, um Gold und Silber +herbeizuschaffen. Aber wie groß war seine Bestürzung, als er von seinen +Schätzen keine Spur fand! Er suchte und scharrte — alles vergeblich, +der Schatz war und blieb verschwunden. In seiner Verzweiflung und +Scham, seine Versprechungen nicht halten zu können, erhängte er sich. +Damit schlug auch Brauns Verrat fehl.</p> + +<p>Der Tod meines Vaters betrübte mich tief; aber das Bewußtsein, durch +meine List meinen König gerettet zu haben, richtete mich wieder auf. +Jetzt wird mir freilich übler Lohn für meine Treue. Die Verräter stehen +hoch in Ansehen, und der arme Reineke geht in den Tod. Mich tröstet nur +der Gedanke, bis zum letzten Augenblick treu meine Pflicht getan zu +haben.«</p> + +<p>So schloß Reineke seine Rede, verneigte sich tief und trat zurück.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_44">[S. 44]</span></p> + +<p>Im Herzen des Königs und der Königin war die Begier nach dem Besitze +des Goldes erwacht. Sie nahmen daher Reineke beiseite und fragten ihn, +wo er den großen Schatz aufbewahrt habe.</p> + +<p>Er antwortete: »Was hülfe mir das? Soll ich mein Vermögen dem König +anzeigen, der mich hängen läßt? Ja, der den Dieben und Mördern glaubt, +die mich mit ihren Lügen fälschlich beschweren und mich verräterisch +ums Leben bringen wollen?«</p> + +<p>»Nein, Reineke,« rief die Königin unüberlegt. »Der König wird Euch +leben lassen und Euch in Gnaden verzeihen. Aber sagt uns jetzt, wo der +Schatz liegt.«</p> + +<p>Vorsichtig erwiderte Reineke: »Meine gnädige Frau, wenn der König mir +vor Euch geloben will, mir meine Verbrechen und Sünden zu verzeihen und +mir seine Huld aufs neue zu schenken, so will ich ihn zum reichsten +Fürsten der Welt machen.«</p> + +<p>»Frau,« wandte sich der König an seine Gemahlin, »glaubet ihm nicht! +Lügen, stehlen und rauben, das mögt Ihr ihm glauben! Er ist einer der +ärgsten Lügner auf dem Erdboden.«</p> + +<p>Leise erwiderte die Königin: »Nein, mein Herr, jetzt hat Reineke nicht +gelogen. Hat er doch seinen liebsten Freund und Verwandten, den Dachs, +mit angezeigt! Ja, sogar seinen eigenen Vater hat er nicht verschont! +Es wäre ihm doch leicht gewesen, alle Anklagen und Beschuldigungen +seinen Feinden aufzuladen. Darum könnt Ihr seinen Worten glauben.«</p> + +<p>Nach einigem Nachdenken sagte der König leise zur Königin: »Wohlan +denn! Wenn das Eure Meinung ist, so soll geschehen, was Ihr wünscht!« +Und zum Fuchs gewendet, fügte er laut hinzu: »So will ich Euch denn +noch einmal verzeihen; aber ich schwöre es bei meiner Krone! es ist das +letzte Mal. Bei der nächsten Sünde, die Ihr begeht, seid Ihr und die +Euren dem Tode verfallen!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_45">[S. 45]</span></p> + +<p>Als Reineke den König so umgewandelt sah, faßte er neuen Mut und +beteuerte: »Herr, wäre es nicht töricht von mir, jetzt zu lügen, da die +Unwahrheit doch in kurzer Zeit zutage kommen müßte?«</p> + +<p>Das leuchtete dem König ein. »Gut,« sagte er, »da Ihr also die volle +Wahrheit gesprochen habt, so will ich Euch verzeihen und Euch meine +Gnade wieder zuwenden.«</p> + +<p>Wer war froher als der Fuchs? Dem sicheren Tode war er entgangen durch +seine eigene List; nun galt es, noch weiter Lügen zu ersinnen und das +Vertrauen des Königs wiederzugewinnen.</p> + +<p>»Hoher König, edler Herr!« begann er. »Möge Gott Euch für all die +Gnade belohnen, die Ihr mir erweist! Ich will Euch mein Leben lang +dafür dankbar sein und Euch in Treue dienen! In allen Ländern der Welt +ist niemand, dem ich den Schatz so gönne wie Euch und meiner gnädigen +Königin. Ihr sollt reicher werden als alle Fürsten unter der Sonne. +Vernehmt denn, wo der Schatz verborgen liegt! Gegen Osten von Flandern +liegt eine große Wüste; in dieser ist ein Gebüsch, Hüsterloh genannt. +Nicht weit davon ist ein Bronnen, Krekelborn mit Namen. Niemals hat +eines Menschen Fuß diese Wildnis betreten, nur die Eule und der Schuhu +hausen dort. Da liegt nun der Schatz versteckt. Krekelborn wird der +Ort genannt, merkt Euch wohl den Namen! Denn Ihr, Majestät, und die +Königin müßt selbst dorthin, Ihr könnt keinen Boten mit der wichtigen +Sache betrauen. Es wäre Euer Schade, wenn etwas von den Kostbarkeiten +verloren ginge.</p> + +<p>Also Ihr, mein Herr, müßt selbst nach dem Orte gehen. Wenn Ihr an +Krekelborn vorbei seid, werdet Ihr zwei junge Birken sehen. Sie stehen +dicht an einer Pfütze. Unter diesen Birken liegt der Schatz vergraben. +Dort müßt Ihr scharren und graben, dann findet Ihr versteckt im Moos +manch köstliches Geschmeide, Gold, Silber und herrliche Edelsteine. +Auch die Krone, die König<span class="pagenum" id="Seite_46">[S. 46]</span> Emmerich einst getragen, werdet Ihr dort +sehen. Sie sollte des Bären Haupt schmücken, hätte meine List es nicht +verhindert. Wenn alle diese Reichtümer vor Euch ausgebreitet liegen, +werdet Ihr gewiß meiner gedenken und sprechen: ›O du braver Fuchs, +treuer, redlicher Freund! Für deinen König hast du so viel Mühe und +Arbeit gehabt und hast ihm durch deine Klugheit diese Schätze, ja sogar +seine Krone erhalten! Möge es dir allezeit so gut ergehen, wie du es +verdient hast!‹«</p> + +<p>Der König hatte aufmerksam zugehört. Die Geschichte kam ihm aber doch +etwas merkwürdig vor, und er sagte zu Reineke: »Höre, Reineke, du mußt +dich mit mir auf den Weg machen; es wäre doch möglich, daß ich allein +die Stelle nicht fände. Von Aachen habe ich wohl schon reden hören, wie +auch von Lüttich, Köln und Paris. Nie aber erzählte mir jemand etwas +von Hüsterloh und Krekelborn. Reineke, Reineke! Ich fürchte fast, du +erdichtest diese Namen und lügst uns etwas vor!«</p> + +<p>Ungern hörte Reineke diese Worte. Er wußte sich aber zu helfen. +»Herr,« sprach er, »Euer Mißtrauen kränkt mich. Ich könnte es mir +noch erklären, wenn ich Euch in ferne Lande, vielleicht an den Jordan +schickte. Aber der Ort liegt ja nahe bei, in Flandern, und etliche von +den Anwesenden werden ihn kennen. Sie sollen Euch sagen, daß Krekelborn +bei Hüsterloh liegt und daß ich die Wahrheit geredet habe.«</p> + +<p>Darauf rief der Fuchs den Hasen, der heftig erschrak und zu zittern +anfing.</p> + +<p>»Lampe,« sprach der Fuchs, »fürchtet Euch nicht! Es soll Euch nichts +geschehen. Der König wünscht Euch zu sprechen. Ihr sollt ihm bei Eurem +Eide der Wahrheit gemäß sagen, ob Ihr die Orte Hüsterloh und Krekelborn +kennt.« Da atmete der Hase erleichtert auf und sagte: »Gnädigster +König, gern will ich die Frage beantworten, da ich die Orte genau +kenne. Hüsterloh liegt bei<span class="pagenum" id="Seite_47">[S. 47]</span> Krekelborn in der Wüste. Es ist ein dichtes +Gebüsch, in dem ich bisweilen Zuflucht suchte, wenn ich von Jägern und +Hunden verfolgt wurde. Ich habe da manchmal Frost und Hunger gelitten.«</p> + +<p>Reineke sagte: »Tretet zurück, Lampe, Ihr habt unserem königlichen +Herrn genug gesagt.«</p> + +<p>Zu Reineke gewandt, sagte der König: »Ich sehe, daß Ihr wahr gesprochen +habt, und bedaure die harten Worte, die ich dir in der Übereilung +sagte. Führe mich nun eiligst zu dem Schatze!«</p> + +<p>Das kam dem Fuchse nun gar nicht gelegen. Wie konnte er den König zu +einem Schatze führen, der gar nicht vorhanden war! Er wußte sich aber +zu helfen.</p> + +<p>»Majestät,« sagte er, »welche Ehre wäre es für mich, und wie von +Herzen gern würde ich Euch nach Flandern begleiten. Aber leider ist +es mir nicht möglich. Ihr würdet Euch versündigen, wenn Ihr mich +dazu nötigtet. Nur beschämt gestehe ich, was mich daran verhindert. +Isegrim ließ sich vor einiger Zeit das Haupt scheren und trat in ein +Kloster ein. Freilich, er tat es nicht aus Frömmigkeit, sondern um +bequem zu leben und gut zu essen. Aber wenn man ihm auch für sechs zu +essen gab, so wurde er doch niemals satt. Er klagte und jammerte und +wurde krank und elend. Da hatte ich Mitleid mit ihm, als meinem nahen +Verwandten, und verhalf ihm zur Flucht aus dem Kloster. Dafür traf mich +der Bannstrahl des Papstes. Meine nächste Sorge ist nun, mich davon +zu befreien, und deshalb will ich morgen mit Sonnenaufgang nach Rom +ziehen, um Ablaß zu erbitten! Ist mir der zuteil geworden, dann will +ich weiter übers Meer ziehen, bis ich, von allen Sünden gereinigt, +zurückkehren kann. Dann erst bin ich würdig, neben Euch zu gehen. +Reiste ich aber jetzt mit Euch, so würde jeder sagen: ›Seht, unser Herr +geht mit Reineke, den er eben hängen lassen wollte, und der noch dazu +im Bann ist!‹ Gestehet, gnädiger Herr, daß ich recht habe, und erteilt +mir Urlaub!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_48">[S. 48]</span></p> + +<p>»Es ist wahr,« sprach der König, »neben einem vom Banne Getroffenen +kann ich nicht gehen. Lampe mag mich nach Hüsterloh führen. Du aber, +Reineke, tritt deine Wallfahrt an, es wäre unrecht von mir, dich auch +nur einen Tag davon zurückzuhalten. Es freut mich, daß du dich so +eifrig zu bekehren strebst und dich in Zukunft vom Bösen zum Guten +wenden willst. Gott lasse dich die Reise glücklich enden!«</p> + +<p>Darauf trat der König auf eine kleine Erhöhung, so daß er von allen +gesehen wurde, und sprach:</p> + +<p>»Schweiget und höret meine Worte, ihr alle, die ihr hier versammelt +seid! Große und Kleine, Reiche und Arme! Hier steht Reineke, der zum +Tode verurteilt war, den ich aber begnadige. Er hat dem Königreich +durch Mitteilung wichtiger Geheimnisse einen großen Dienst erwiesen. +Ich schenke ihm deshalb Gut und Leben und wende ihm meine ganze Huld +von neuem zu. Auch meine Gemahlin, die Königin, hat Fürsprache für ihn +eingelegt. Euch allen gebiete ich bei Todesstrafe, daß ihr Reineke, +seinem Weibe und seinen Kindern alle Ehren bezeigt, wo sie euch auch +begegnen, es sei bei Tag oder bei Nacht. Ich will von jetzt an über +Reineke keine Klage mehr hören. Hat er früher Übles getan, so wird er +sich künftig bessern. Ich erteile ihm einen längeren Urlaub. Morgen +früh will er Stab und Ranzen nehmen und zum Papst nach Rom wallfahrten, +um Ablaß zu erbitten. Von da will er übers Meer ziehen und nicht eher +zurückkehren, bis er von allen seinen Sünden gereinigt ist.«</p> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_49">[S. 49]</span></p> + +<h2 class="s4">7. Kapitel.<br> +<span class="s3">Reineke tritt seine Pilgerfahrt an. Lampe und Bellyn<br> +in Malepartus.</span></h2> +</div> + +<p>Mit Schrecken vernahmen Reinekes Feinde seine Begnadigung. Zornig +sprach Hinze zu Isegrim und Braun: »Nun ist alle unsere Mühe und Arbeit +verloren! Ich wollte, ich wäre am Ende der Welt! Ist der Fuchs wieder +in des Königs Gunst, so wird er alle seine Künste brauchen, um uns ins +Unglück zu bringen. Ein Auge hat er mir schon geblendet, nun steht auch +das zweite in Gefahr.«</p> + +<p>Braun erwiderte: »Nun ist freilich guter Rat teuer!« Und Isegrim rief: +»Wahrlich, es ist eine schlimme Sache! Aber laßt uns noch das Äußerste +wagen und mit dem König sprechen!«</p> + +<p>Alles Abraten des Katers, diesen gewagten Schritt zu unterlassen, +nutzte nichts. Entschlossen traten Braun und Isegrim vor das Königspaar +und wollten ihre Klagen gegen Reineke von neuem anfangen.</p> + +<p>Aber der König unterbrach sie zornig: »Habt ihr meine Worte nicht +vernommen? Ich will keine Klagen über Reineke mehr zu hören bekommen! +Er ist von mir wieder in Gnaden aufgenommen worden. Euer Ungehorsam +soll gestraft werden!«</p> + +<p>Darauf ließ er beide binden und ins Gefängnis werfen.</p> + +<p>Der König bestrafte die beiden so streng, weil er an die Verschwörung +dachte, die sie angeblich gegen ihn geplant hatten. So<span class="pagenum" id="Seite_50">[S. 50]</span> kamen Reinekes +Feinde ins Unglück, er selbst aber war frei und stand hoch in des +Königs Gunst. Da er für seine Reise ein Ränzlein brauchte, so schnitt +man von dem Rücken des Bären ein Stück Fell heraus, einen Fuß lang und +einen Fuß breit und fertigte daraus einen Ranzen an. Nun fehlten noch +die Schuhe für den frommen Pilger. Da mußte Isegrim das Fell von den +Vorderfüßen hergeben; da man vier Schuhe brauchte, so zog man Frau +Gieremund, Isegrims Weib, das Fell von den Hinterfüßen ab.</p> + +<p>Nun trat Reineke vor den König und die Königin, verneigte sich tief und +sprach: »Nun habe ich Ränzel und Schuhwerk für die Reise und kann mich +getrost auf die Wanderschaft begeben. Ich danke Euch untertänigst für +alle Eure Güte und werde in meinen Gebeten stets Eurer gedenken!«</p> + +<p>Braun, Isegrim und seine Frau hatten indes große Schmerzen zu erdulden. +Stöhnend und ächzend lagen sie auf ihrer Spreu im Gefängnis, denn auch +Frau Gieremund hatte man mit eingesperrt.</p> + +<p>Ehe Reineke seine Pilgerfahrt antrat, ging er in den Kerker zu seinen +Feinden, um sie zu verhöhnen und zu verspotten, und sagte:</p> + +<p>»Schönsten Dank, Oheim Braun, für das Ränzlein, das ich gut gebrauchen +kann für meine Wanderschaft. Und auch euch, teurer Vetter Isegrim und +liebes Mühmchen, danke ich von Herzen für die schönen Schuhe! Sie +passen vortrefflich, und seht nur, wie hübsch sie mir stehen! Ihr habt +euch große Mühe gegeben, mich ins Verderben zu stürzen. Aber das Blatt +hat sich gewendet: ich bin frei, und ihr seid eingekerkert. Das ist +aber ganz gesund, da habt ihr wenigstens Ruhe, eure Wunden heilen zu +lassen. Nun, ich werde unterwegs eurer gedenken und euch von dem Ablaß +ein gut Teil abgeben.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_51">[S. 51]</span></p> + +<p>Braun und Isegrim vernahmen schweigend die spöttischen Worte. Frau +Gieremund aber seufzte: »Möge der Himmel vergelten, was Ihr an uns +getan habt!«</p> + +<p>In der Frühe des nächsten Morgens trat Reineke vor den König und sprach:</p> + +<p>»Majestät, Euer ergebener Knecht ist nunmehr bereit, die heilige +Wanderung anzutreten. Befehlt gütigst Eurem Priester, mir den Segen des +Himmels mit auf den Weg zu geben.«</p> + +<p>Da rief König Nobel Bellyn, den Widder, herbei, der damals Kaplan und +Schreiber am Hofe war, und befahl ihm, Reineke den Segen zu erteilen +und seinen Wanderstab zu weihen.</p> + +<p>Bellyn stand einen Augenblick ratlos da, dann sprach er schüchtern: +»Majestät, Ihr wißt, daß Reineke noch in des Papstes Bann ist, und +keinem Verbannten darf ich den Segen erteilen. Was würde der Bischof, +Herr Ohnegrund, und der Propst, Herr Losefund, sagen, wenn ich mich so +gegen die kirchlichen Bestimmungen verginge? Meines Amtes würde ich +gewiß sofort entsetzt.«</p> + +<p>Da wurde der König sehr zornig und bestand auf seinem Willen.</p> + +<p>»Was kümmert mich der Propst und der Bischof?« rief er aus. »Reineke +soll nach Rom und sich bekehren. Macht also nicht so viele unnütze +Worte, sondern sprecht den Segen über ihn.«</p> + +<p>Da sah Bellyn ein, daß er sich nicht länger widersetzen durfte, zog +sein Buch hervor und las die passenden Segenssprüche und weihte den +Wanderstab. Reineke achtete nicht viel darauf, sondern lachte im Innern +seines Herzens. Er tat aber sehr ergriffen, das Haupt tief gebeugt und +die Augen voll Tränen der Reue. Empfand er aber wirklich Reue, so war +es nur deshalb, weil es ihm nicht gelungen war, alle seine Feinde ins +Unglück zu bringen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_52">[S. 52]</span></p> + +<p>Er nahm nun Abschied und bat alle, fleißig für ihn zu beten. Darauf +ergriff er Ränzel und Wanderstab und wollte eilig von dannen ziehen, da +er sich noch nicht so ganz sicher am Hofe fühlte.</p> + +<p>»Warum eilst du dich plötzlich so sehr, fortzukommen?« fragte der König.</p> + +<p>Da versetzte Reineke: »Es ist hohe Zeit. Wer etwas Gutes vollbringen +will, muß nicht säumen. Habt also die Gnade, mir Urlaub zu erteilen, +und laßt mich ziehen!«</p> + +<p>Da gewährte ihm der König den gewünschten Urlaub, nahm Abschied von +ihm und befahl allen Herren seines Hofes, den frommen Pilger ein Stück +Weges zu begleiten.</p> + +<p>So verließ Reineke den Hof des Königs, um den nächsten Weg nach Rom +einzuschlagen. Im Fortgehen rief er noch dem Herrscher zu: »Laßt +wohl achtgeben auf die beiden Verräter im Gefängnis, daß sie nicht +entweichen. Kämen sie los, so stände Euer Leben in Gefahr! Es sind ein +paar schlimme Bösewichte!«</p> + +<p>Mit frommer Miene, Gebete murmelnd, schritt der Heuchler an der Spitze +des Zuges dahin. Nachdem sie ein Stück gegangen waren, nahmen alle +Abschied von dem Fuchs und kehrten an den Hof zurück. Nur Lampe, den +Hasen, und Bellyn, den Widder, hielt Reineke zurück, indem er mit +Tränen der Rührung sagte: »Muß ich denn nun wirklich allen Lebewohl +sagen? Auf so lange Zeit soll ich mich von dir trennen, Freund Lampe? +Und auch du, teurer Bellyn, willst jetzt von mir scheiden? Ihr könntet +mich wohl noch ein Stück weiter begleiten. Denn euch liebe ich vor +allen. Ihr seid brave Leute von guten Sitten und redlichem Sinn. Jeder +lobt eure Frömmigkeit. Ihr seid genügsam und stillt euren Hunger mit +Laub und Gras, wie auch ich es tat, als ich Mönch war, und fragt weder +nach Fleisch und Brot noch nach anderen verbotenen Speisen.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_53">[S. 53]</span></p> + +<p>O, wie ließen sich die beiden Einfältigen durch solches Lobreden +betören! Sie gingen immer weiter mit ihm und begleiteten den +Hinterlistigen schließlich bis zu seinem Schlosse Malepartus.</p> + +<p>Als sie das Schloß erreicht hatten, sprach Reineke zum Widder: »Neffe +Bellyn, wartet hier draußen auf mich und erlabt Euch indessen an den +saftigen Kräutern, die hier in Menge stehen. Ihr seid gewiß hungrig +von dem weiten Wege. Und Ihr, Freund Lampe,« wendete er sich an den +Hasen, »kommt mit mir hinein und helft mir mein armes Weib trösten. +Sie wird sich gewiß sehr grämen, wenn sie hört, daß ich eine so lange +Pilgerschaft antreten will.« So betrog Reineke diese beiden mit vielen +süßen Worten.</p> + +<p>Frau Ermelyn war inzwischen in großer Sorge gewesen, wie es wohl +Reineke vor Gericht ergehen würde. Als sie ihn nun vor sich sah, +war sie sehr erfreut und fragte ihn, wie es ihm ergangen wäre. Er +antwortete: »Ich war verurteilt, gehängt zu werden. Aber der König +hat mich begnadigt. Braun und Isegrim sind ins Gefängnis geworfen. +Ich muß nach Rom pilgern, um Buße zu tun. Zur Sühne gab mir der König +den Hasen, mit dem ich tun kann, was mir beliebt. Denn er ist es, der +mich verraten hat, wie mir der König sagte. Drum sage ich Euch, Frau +Ermelyn, er verdient eine große Strafe.«</p> + +<p>Als Lampe diese Worte vernahm, erschrak er furchtbar und wollte +fliehen. Reineke aber vertrat ihm den Weg und packte ihn am Halse.</p> + +<p>In Todesangst schrie er auf: »Bellyn, zu Hilfe, rettet mich! Ich bin +verloren! Der Pilger tötet mich!« Mehr konnte er nicht hervorbringen, +Reineke hatte ihm die Kehle durchgebissen. »Komm,« sprach er zu seiner +Frau, »nun wollen wir es uns fein schmecken lassen. Es ist ein guter, +fetter Hase. Nun ist doch der Geck zu etwas in der Welt nütze! Ich habe +es ihm lange nachgetragen; nun wird er niemals mehr über mich klagen.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_54">[S. 54]</span></p> + +<p>Nun machten sich alle über den Hasen her, Reineke, seine Frau und die +Kinder, und ließen sich's prächtig schmecken. Einmal übers andere Mal +rief die Füchsin aus: »Dank sei dem König, daß er uns ein so herrliches +Mahl bereitet hat! Möge der Himmel es ihm lohnen!« Reineke sagte: »Eßt +nur, soviel euch beliebt! Es ist genug da! So sollen alle, die Reineke +verklagen, es zuletzt mit dem Leben büßen!«</p> + +<p>Als sie nun gesättigt waren, fragte Frau Ermelyn ihren Gatten: »Wie ist +es denn gekommen, daß der König Euch wieder begnadigt hat und sich uns +so gütig erweist?«</p> + +<p>Da lachte der Fuchs und sprach: »Wollte ich Euch das alles genau +erzählen, so brauchte ich viele Stunden dazu! Kurzum, ich habe den +König und seine verehrte Frau Gemahlin gewaltig beschwindelt. Freilich, +die neue Freundschaft zwischen uns ist nur zart und gebrechlich und +kann leicht in die Brüche gehen. Kommt er erst hinter die Wahrheit, +so wird er rasen und mich mit Gewalt ergreifen lassen. Weder Gold +noch Silber werden mich dann befreien können. Ich käme sicher nicht +ungehängt davon! Darum müssen wir entfliehen, weit fort von hier in +ein Land, wo uns niemand kennt. Am besten ist es, wir ziehen nach +Schwaben! Das ist ein herrliches Land! Da gibt es Hühner, Gänse, Hasen +und Kaninchen in Menge. Auch an Süßigkeiten fehlt es da nicht für +unsere Kleinen, wie Feigen, Datteln, Rosinen und andere wohlschmeckende +Früchte! O, wie armselig ist unser Land dagegen! In Schwaben gibt es +viele große und kleine Vögel und in den Gewässern köstliche Fische. +Ich lernte sie schätzen, als ich Klausner war und kein anderes Fleisch +essen durfte. Die Namen der vielen Fische habe ich vergessen; Ich weiß +nur, daß sie von größtem Wohlgeschmack waren. Man bäckt dortzulande +das Brot mit Butter und Eiern. Die Luft ist erfrischend, das Wasser +klar und gesund. Seht, liebe Frau! Dorthin wollen wir ziehen und da in +Frieden leben!</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_55">[S. 55]</span></p> + +<p>Damit Ihr mich aber recht versteht, so wisset: Der König begnadigte +mich nur darum, weil ich ihm einen großen Schatz versprach. Ich sagte +ihm, bei Krekelborn liege der Schatz des Königs Emmerich vergraben. Nun +wird er dort Nachforschungen anstellen, aber soviel er auch gräbt, er +wird weder Gold noch Silber noch die Königskrone finden. Denn solch ein +Schatz ist ja gar nicht vorhanden! O, wie zornig wird er werden, wenn +er merkt, daß er betrogen ist!</p> + +<p>Was meint Ihr wohl, was ich für schöne Lügen ersann, ehe ich entkam? +Es war aber auch in der höchsten Not, denn schon stand ich auf der +Leiter und hatte den Strick um den Hals. In solcher Angst bin ich +noch nie gewesen! In Zukunft muß ich mich jedoch hüten, wieder in die +Gewalt des Königs zu geraten, denn es würde mir ein zweites Mal gewiß +nicht gelingen, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen! Darum laßt uns +rechtzeitig fliehen!«</p> + +<p>Traurig erwiderte Frau Ermelyn: »Sollen wir in ein fernes Land ziehen, +wo wir fremd und elend sein werden? Haben wir doch hier alles, was +wir brauchen! Warum wollt Ihr Abenteuer suchen und das Ungewisse fürs +Gewisse nehmen? Ein Spatz in der Hand gilt mehr als zehn Tauben auf dem +Dache!</p> + +<p>Wir können auch hier in Sicherheit leben! Unsere Burg ist stark und +gut gebaut. Und wenn uns selbst der König mit großer Heeresmacht +angreift, so sollte es ihm schwer werden, uns zu ergreifen. Ihr wißt ja +besser als ich, wie viele Seitentore unsere Festung hat, aus denen wir +entwischen können! Nur das betrübt mich, daß Ihr geschworen habt, fern +übers Meer zu fahren!«</p> + +<p>»Besser geschworen, als verloren!« sagte der Fuchs. »Ein gezwungener +Eid taugt nicht viel. Und kurz, der Eid kümmert mich keinen Deut. Ich +gehe nicht nach Rom, und hätte ich auch zehn Eide geschworen! Euer +Rat aber ist klug, wir wollen hier bleiben! Wer weiß, wie es uns in +Schwaben ergehen würde! Was der<span class="pagenum" id="Seite_56">[S. 56]</span> König gegen mich unternehmen wird, +muß ich abwarten. Er ist mir zwar an Macht überlegen, das schadet +aber nichts! Vielleicht kann ich ihn nochmals überlisten und ihm eine +Narrenkappe mit Schellen über die Ohren ziehen!«</p> + +<p>»Lampe, Lampe!« erklang da die Stimme von Bellyn. »Wollt Ihr denn ewig +da bleiben? Kommt doch heraus, wir müssen gehen.«</p> + +<p>Alle Kräuter hatte der Widder schon abgeweidet, und die Zeit wurde ihm +lang.</p> + +<p>Auf den Ruf trat Reineke hinaus und sprach: »Bellyn, Lampe läßt Euch +sagen, Ihr möchtet es nicht übelnehmen, daß er noch nicht kommt, und, +wenn es Euch zu lange dauert, immer vorangehen. Er sitzt noch sehr +vergnügt bei meiner Frau.«</p> + +<p>Da fragte Bellyn: »Was war denn das vorhin für ein Geschrei? Warum +rief Lampe so kläglich: ›Helft mir, Bellyn!‹? Was habt Ihr ihm zuleide +getan?«</p> + +<p>Reineke versetzte: »Hört nur, als ich meinem Weibe sagte, daß ich eine +weite Seereise antreten müßte, fiel sie in Ohnmacht. Da erschrak Lampe +und rief: ›Bellyn, helft mir, oder meine Muhme bleibt tot!‹«</p> + +<p>Der Widder sagte zweifelnd: »Er hat doch recht jämmerlich nach mir +gerufen!«</p> + +<p>Aber Reineke versetzte: »Ihr braucht Euch nicht um ihn zu ängstigen. +Lampen ist kein Haar gekrümmt worden! Ich wollte lieber selbst Schaden +erleiden, als daß Lampen ein Leid widerführe! Doch hört, Bellyn, der +König bat mich gestern, ihm noch ein paar Briefe zu schreiben. Wollt +Ihr sie ihm bringen, lieber Neffe? Sie sind schon geschrieben und ganz +fertig. Ich habe dem König darin manchen klugen Rat erteilt. Während +ich schrieb, plauderte Lampe mit meiner Frau; sie redeten von alten +Zeiten, aßen und tranken und waren seelensvergnügt!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_57">[S. 57]</span></p> + +<p>Bellyn sprach: »Lieber Reineke, gern will ich die Briefe besorgen. Aber +wie soll ich sie gut verwahren, daß kein Siegel zerbricht?«</p> + +<p>»Da weiß ich Rat,« sprach Reineke. »Das Ränzel aus Brauns Fell ist +dicht und stark. Da hinein will ich die Briefe legen. Der König wird +Euch gewiß mit Ehren empfangen und Euch reichlich belohnen!«</p> + +<p>Das alles glaubte der einfältige Widder dem Falschen.</p> + +<p>Reineke ging ins Haus zurück, nahm den Ranzen und steckte Lampens Kopf +hinein, den er abgebissen hatte. Aber das durfte Bellyn nicht wissen. +Deshalb sagte Reineke zu ihm: »Seht, hier ist das Ränzlein; hängt +es Euch um den Hals! Doch hütet Euch, die Briefe zu lesen oder den +Ranzen auch nur zu öffnen! Ich habe den Knoten so verschlungen, wie es +zwischen dem König und mir ausgemacht ist. Hört mich also recht, und es +wird Euer eigener Vorteil sein. Sagt auch dem König, daß Ihr mir bei +den Briefen mit Rat und Tat beigestanden habt, so bekommt Ihr gewiß +großen Lohn und Dank dafür.«</p> + +<p>Bellyn sprang vor Freude hoch in die Luft und rief: »Reineke, lieber +Oheim, nun sehe ich, wie gut Ihr es mit mir meint! Was für Ehre werde +ich bei Hofe einlegen, wenn sie hören, daß ich bei den schönen Briefen +mitgeholfen habe! Ich danke Euch von Herzen! Wie gut war es, daß ich +Euch so weit begleitete! Aber sagt, soll Lampe jetzt gleich mit mir +gehen? Ich möchte doch so schnell wie möglich die Briefe dem König +überbringen!«</p> + +<p>»Geht nur voran!« antwortete der Fuchs. »Lampe soll bald nachfolgen, +ich habe nur noch etwas Wichtiges mit ihm zu besprechen.«</p> + +<p>»So seid Gott befohlen!« sagte Bellyn. »Ich mache mich auf den Weg.« +Und er eilte fröhlich von dannen.</p> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_58">[S. 58]</span></p> + +<h2 class="s4">8. Kapitel.<br> +<span class="s3">Die Sühne. Reineke wird abermals angeklagt.</span></h2> +</div> + + +<p>Es war gegen Mittag, als Bellyn bei Hofe ankam und vor den König trat. +Dieser war sehr verwundert, als er Reinekes Ränzel sah, und fragte: +»Wo kommst du her, Bellyn? Und wo ist Reineke geblieben, da du seinen +Ranzen trägst?«</p> + +<p>Bellyn sprach: »Gnädiger Herr, Reineke bat mich, ich sollte Euch Briefe +bringen, an denen ich mit Rat und Tat geholfen habe. Sie sind hier im +Ranzen, öffnet ihn gütigst.«</p> + +<p>Da ließ der König den Biber kommen. Er hieß Bokert, war Schreiber und +Notar am Hofe und verstand vielerlei Sprachen. Auch Hinze, der Kater, +der klug und gelehrt war, mußte erscheinen.</p> + +<p>Als diese beiden den künstlichen Knoten gelöst hatten, zogen sie zu +ihrem Entsetzen Lampes Kopf aus dem Ranzen hervor. O, wie erschrak da +der König. Voll Zorn rief er: »O Reineke, schändlicher Verräter, hätte +ich dir nur nicht geglaubt. Wie furchtbar hast du mich betrogen!« Und +der König erhob ein so gewaltiges Gebrüll, daß alle Tiere herbeigeeilt +kamen, um zu sehen, was sich ereignet hätte. Der Leopard, des Königs +naher Verwandter, bat den König, sich zu beruhigen, und sprach ihm Mut +zu. Da sagte der König: »Wundert Euch nicht, daß ich so verzweifelt +bin! Habe ich mich doch selbst an meinen nächsten Freunden vergangen. +Auf<span class="pagenum" id="Seite_59">[S. 59]</span> den bösen Rat des arglistigen Schelmen habe ich Braun und Isegrim +ins Gefängnis geworfen. Das reuet meine Seele. Aber meine Frau trägt +mit die Schuld daran. Hätte ich nur nicht auf ihre Worte gehört, als +sie für den Betrüger bat! Aber nun ist es zu spät; ich habe ihn nicht +mehr in meiner Gewalt!«</p> + +<p>Der Leopard sprach: »Hört mich, Herr König! Grämt Euch nicht gar zu +sehr! Ist etwas übel getan, so kann man es doch wieder gut machen. +Braun, Isegrim und seine Frau müssen sofort in Freiheit gesetzt werden. +Als Sühne für das ungerecht ihnen zugefügte Leid soll man ihnen den +Bock Bellyn übergeben. Er bekannte ja selbst, daß er zu Lampes Tode +mit Rat und Tat geholfen habe. Dafür soll er seinen Lohn empfangen. +Dann wollen wir Reineke aufsuchen, ihn fangen und, ohne ihn zu Worte +kommen zu lassen, hängen. Denn kommt er zum Reden, schwatzt er sich +gewiß wieder los. Mit dieser Genugtuung werden auch Braun und Isegrim +zufrieden sein.«</p> + +<p>Dieser Rat gefiel dem König, und er sprach: »Ich will Euren Rat +befolgen. Geht und setzt die beiden Herren in Freiheit. Man soll sie +mit großen Ehren wieder in meinen Rat setzen. Darum bitte ich Euch: +ruft meinen ganzen Hof zusammen. Jeder soll erfahren, wie listig +Reineke entkommen ist, und wie er, im Verein mit Bellyn, den armen +Lampe getötet hat. Ein jeder soll auch Braun und Isegrim alle Ehre +erweisen. Zur Genugtuung gebe ich ihnen den verräterischen Bellyn und +sein ganzes Geschlecht.«</p> + +<p>Sogleich begab sich der Leopard ins Gefängnis, wo Braun und Isegrim +gebunden lagen. Unverzüglich wurden ihnen die Fesseln abgenommen, +und der Leopard sagte zu ihnen: »Ich bringe euch gute Botschaft, ihr +Herren! Der Betrug Reinekes kam an den Tag. Der König sieht ein, daß +man euch unverdient Übles zugefügt hat, und bereut es von Herzen. Um +euch dafür Genugtuung zu geben, überläßt er euch den Widder Bellyn +mit seinem ganzen<span class="pagenum" id="Seite_60">[S. 60]</span> Geschlechte für jetzt und für alle Zeiten. Er gibt +euch das Recht, sie anzugreifen, wo ihr sie auch trefft, im Wald und +im Feld, bei Tag und bei Nacht. Außerdem gibt mein gnädiger Herr +Reineke, der euch verraten hat, in eure Gewalt. Ihr mögt ihn mit aller +Macht verfolgen, sowohl ihn selbst, wie auch sein Weib und alle seine +Angehörigen. Dies alles soll ich euch im Namen des Königs verkündigen. +Ihr sollt dann aber auch das Vergangene vergessen und ihm von neuem +Treue schwören. Es wird euch nie mehr eine Ungerechtigkeit durch den +König widerfahren!«</p> + +<p>So ward die Aussöhnung durch den Leoparden bewirkt. Noch an demselben +Tage mußte Bellyn seinen Hals hergeben. Und von der Zeit an sind Bären +und Wölfe die schlimmsten Feinde der Schafe und überfallen und töten +sie, wo sie nur können.</p> + +<p>Der König aber ließ den Hof zwölf Tage länger beisammen bleiben und +gab große Feste zu Ehren von Braun und Isegrim. Großer Jubel herrschte +im ganzen Reiche, denn überall hin sandte der König seine Boten, +um alle seine Untertanen ins Schloß einzuladen. Von allen Seiten +strömten die Gäste herbei, um an der Freude teilzunehmen. Weithin +erschollen Trompeten und Schalmeien, Pauken und Flöten. Große Turniere +wurden veranstaltet, zierliche Tänze aufgeführt, und lustige Lieder +erklangen. Der König hatte alles im Überfluß anschaffen lassen. An +wohlschmeckenden Speisen gab es, was jedes Herz begehrte, und der Wein +floß in Strömen.</p> + +<p>Als nun acht Tage in solchem Taumel vergangen waren und der König mit +den Großen des Reiches gerade an der Tafel saß, um zu speisen, trat ein +Kaninchen in den Festsaal hinein, das aus einer tiefen Wunde am Halse +blutete. Es trat dicht vor den König und die Königin hin und sprach +mit trauriger Gebärde: »Mein Herr König und alle, die ihr hier zugegen +seid! Hört meine Klage<span class="pagenum" id="Seite_61">[S. 61]</span> und erbarmt euch meiner! Gestern früh machte +ich mich auf den Weg zum Königsschloß, um der Einladung Eurer Majestät +zu den Festen zu folgen. Ich mußte an der Festung Malepartus vorüber.</p> + +<p>Da saß Reineke vor seiner Tür, wie ein Pilger gekleidet, und schien +eifrig im Gebetbuch zu lesen. Ich wollte ruhig weitergehen. Allein +sowie er mich bemerkte, kam er mir entgegen, als wollte er mich +freundlich begrüßen. Aber plötzlich sprang er auf mich zu und packte +mich im Genick, daß ich glaubte, es wäre mein Ende. Er warf mich auf +den Boden nieder und wollte mich verspeisen. Doch Gott sei Dank! Als +sich einen Augenblick sein fester Griff lockerte, gelang es mir, +seinen Klauen zu entschlüpfen. Freilich hatte ich bei dem Kampf ein +Ohr eingebüßt und vier große Löcher im Kopf davongetragen. Ein Wunder +ist's, daß ich dem Tode entrann! Er war sehr ergrimmt und fluchte noch +lange hinter mir her. Seht, gnädiger Herr, so bricht der Fuchs den von +Euch angeordneten heiligen Frieden! Wer darf künftighin noch wagen, +über Land zu gehen, wenn Reineke die Straßen so unsicher macht?«</p> + +<p>Kaum hatte das Kaninchen seine Klage beendet, da kam Merkenau, die +Krähe, herbeigeflogen und jammerte: »Hochwürdiger König, gnädiger +Herr! Ich bringe Euch eine traurige Nachricht! Vor Aufregung kann +ich kaum sprechen; das Herz zerspringt mir fast, so Schreckliches +ist mir passiert! Heute morgen flog ich mit Scharfenibbe, meinem +treuen Weibe, übers Feld. Da sah ich Reineke, den Fuchs, tot auf der +Erde liegen. Er hatte alle Viere von sich gestreckt, das Maul stand +weit offen, die Zunge hing lang zum Halse heraus, beide Augen waren +verdreht. Vor Schreck fing ich an zu schreien, aber er rührte sich +nicht, er war mausetot. Das betrübte mich sehr, und mein Weib fing +an zu weinen, so sehr jammerte sie sein Tod. Wir traten näher an ihn +heran und betasteten seinen Leib. Dann horchte meine Frau, ob noch ein +Atemzug zu bemerken sei. Aber es war nichts zu spüren; wir hätten<span class="pagenum" id="Seite_62">[S. 62]</span> +beide geschworen, er wäre tot! O, der Schändliche, wie betrog er uns! +Als meine Frau recht nahe an seinem Haupte stand und nach seinem Atem +horchte, packte er sie plötzlich am Hals und biß ihr den Kopf ab. +Darauf sprang er auf mich los und hätte mich auch fast erschnappt, +aber ich entkam noch mit knapper Not und rettete mich auf einen Baum, +der dicht dabei stand. Von hier aus mußte ich nun mitansehen, wie der +Bösewicht mein liebes Weib auffraß. Er war so gierig, daß er auch +nicht ein Knöchelchen zurückließ. Als er fort war, flog ich herab und +sammelte die blutigen Federn, um sie als teures Andenken aufzubewahren. +Ich habe sie mitgebracht, um sie Eurer Majestät zu zeigen als Beweis +des furchtbaren Mordes. Gnädiger Herr, rächet die grausige Tat! Laßt es +den Verräter mit seinem Leben büßen! Denn wenn Ihr diese Sache gering +achtet und Reineke ungestraft laßt, so wird es Eurem Namen keine Ehre +machen. Man wird im ganzen Reiche schlecht von Euch sprechen. Denn man +sagt: Wer Missetat nicht straft, der ist der Tat mitschuldig! Doch das +wäre Eurer fürstlichen Ehre zu nahe getreten.«</p> + +<p>Als die Krähe ihre Klage beendet hatte, sprang König Nobel vom Throne +auf und rief in höchstem Zorn: »Wahrlich, ich schwöre es, diese Untaten +will ich strafen, daß man noch lange davon sprechen soll! Wie konnte +der Frevler es wagen, mein Gebot zu übertreten und den Frieden zu +brechen! Wie töricht war ich, daß ich ihn freigab! Daß ich allen seinen +Lügen glaubte, mit denen er mich so listig hinterging! Ich stattete ihn +noch selbst als Pilger aus, der nach Rom wandern sollte. Allein meine +Frau trägt die größte Schuld daran. Ich bin freilich nicht der einzige, +der durch den Rat der Frau zu Schaden kommt, es ist schon manchem so +gegangen. Lassen wir Reineke noch länger sein ruchloses Wesen treiben, +so müssen wir uns vor der ganzen Welt schämen. Darum, ihr Herren, +denkt eifrig darüber nach, wie wir seiner am schnellsten<span class="pagenum" id="Seite_63">[S. 63]</span> habhaft +werden können. Wenn wir es mit Ernst anfangen, so kann er uns unmöglich +entkommen!«</p> + +<p>Isegrim und Braun waren mit den Worten des Königs äußerst zufrieden, +denn sie hofften, dem Fuchs würde nun alles Üble, was er ihnen zugefügt +hatte, doppelt und dreifach vergolten werden. Da sprach die Königin: +»Ich bitte Euch, mein Gemahl, zürnt nicht zu sehr. Schwört auch nicht +so leicht, damit Ihr bei Macht und Ansehen bleibt. Noch wißt Ihr ja +nicht genau, wie sich die Sache zugetragen hat. Wäre nur Reineke +zugegen! Vielleicht würden die dann schweigen, die jetzt über ihn +klagen. Oft klagt auch der, der selber Übles tut. Ich hielt Reineke +für klug und rechtschaffen, darum half ich ihm nach Vermögen. Ich tat +es aber nur in der besten Absicht, Euch zu nutzen. Leider ist es nun +zu Eurem Schaden ausgefallen. Doch, teurer Herr, übereilt Euch nicht! +Vergeßt nicht, daß der Fuchs aus edlem Geschlecht ist! Straft ihn +nicht, ohne ihn gehört zu haben! Ihr seid ja Herr im Lande, er kann +Euch nicht entgehen. Wollt Ihr ihn fangen oder töten, Euer Urteil muß +vollstreckt werden. Aber ich bitte Euch inständig, übereilt Euch nicht!«</p> + +<p>Da sprach der Leopard: »Herr, folgt ruhig dem Rate Eurer Frau Gemahlin! +Was kann es Euch schaden, wenn Ihr den Fuchs erst anhört? Es steht +immer in Eurer Macht, Euch an ihm zu rächen. Darum schlage ich vor, +ihm noch einmal freies Geleit zu sichern und seine Verteidigung +mitanzuhören.«</p> + +<p>Isegrim sagte darauf: »Es kann nicht schaden, wenn jeder seine Meinung +sagt. Hört mal, Herr Leopard! Wäre Reineke hier zur Stelle und könnte +beide Klagen von sich abschütteln, die heute gegen ihn vorgebracht +sind, so kann ich doch eine so böse Sache von ihm melden, daß er +durch sie sicher dem Tode verfallen wird. Allein ich will jetzt davon +schweigen, bis ich in seiner Gegenwart die Klage vorbringen kann. Aber +er wird nicht freiwillig kommen.<span class="pagenum" id="Seite_64">[S. 64]</span> Denn wie könnte er es wagen, dem +König vor das Angesicht zu treten, nachdem er ihn in so schamloser +Weise belogen hat. Wie konnte er es wagen, eine Geschichte zu erfinden +von Hüsterloh und Krekelborn und dem verborgenen Schatze des Königs +Emmerich, und das alles dem Könige für bare Münze auszugeben! Uns alle +hat er betrogen, mich und Braun aber obendrein am eigenen Körper arg +geschädigt. Ich werde mein Leben daran setzen, mich an ihm zu rächen. +Sein Leben lang hat er nicht die rechte Wahrheit geredet. Nun raubt +und mordet er auf der Heide. Wenn es dem König beliebt, so kann ja +ein Bote zu ihm gesendet werden. Aber ich sage Euch: er wird nicht +kommen. Er fühlt sich sicherer in seiner Festung Malepartus, die er für +unbezwinglich hält.«</p> + +<p>Der König erwiderte: »Isegrim hat recht, er wird nicht an den Hof +kommen. Wozu sollen wir also die Zeit mit Worten verlieren? Ich will +den Klagen bald ein Ende machen. Der Bösewicht richtet mir sonst mein +ganzes Land zugrunde! Darum wollen wir alle nach Malepartus ziehen und +die Festung belagern. Ich gebiete, daß ihr euch alle bereit haltet, +mir in sechs Tagen dorthin zu folgen. Bewaffnet euch mit Harnischen, +Spießen und Bogen, mit Donnerbüchsen, Pallaschen und Hellebarden. Dann +wollen wir mal sehen, ob die Feste wirklich uneinnehmbar ist!«</p> + +<p>Diesen Befehl des Königs hörten alle gern, und sie riefen: »Wir werden +bereit sein, Euch nach Malepartus zu folgen!«</p> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_65">[S. 65]</span></p> + +<h2 class="s4">9. Kapitel.<br> +<span class="s3">Grimbart in Malepartus.</span></h2> +</div> + + +<p>Grimbart, der Dachs, war mit am Hofe gewesen und hatte den Beschluß +des Königs gehört. Er lief nun, so schnell es ihm möglich war, nach +Reinekes Schloß, um ihm diese Nachricht zu überbringen. Er war sehr +betrübt und sprach zu sich selber: »Ach, armer Oheim, wie wird es dir +nun gehen! Du bist das Haupt unseres ganzen Geschlechts, und wir alle +trauern um dich!«</p> + +<p>Als Grimbart in Malepartus anlangte, fand er Reineke vor der Tür seines +Hauses stehen. Er hatte ein paar junge Tauben gefangen, die ihren +ersten Flug aus dem Neste gewagt hatten. Ihre Flügelein waren aber noch +zu schwach, um sie zu tragen. Sie fielen zur Erde nieder, Reineke sah +es und erhaschte sie. Als Reineke den Dachs kommen sah, ging er ihm +entgegen und sprach: »Willkommen, Neffe! Ihr lauft ja so sehr, daß Ihr +schwitzt! Was bringt Ihr denn für frohe Botschaft?«</p> + +<p>Grimbart versetzte: »Eine Botschaft bringe ich Euch freilich, es ist +aber leider eine recht schlechte. Hab und Gut, Leib und Leben, alles +ist verloren! Der König hat geschworen, daß er Euch töten will. Er +hat alle seine Ritter aufgeboten, sich mit Schwertern, Büchsen und +Bogen zu bewaffnen. Mit Heeresmacht will er vor Malepartus ziehen und +die Festung belagern. In sechs Tagen ist er hier. Wehe, teurer Oheim, +dann seid Ihr verloren! Der König ist furchtbar erzürnt gegen Euch. +Er war ganz außer<span class="pagenum" id="Seite_66">[S. 66]</span> sich über Euren Verrat an dem armen Lampe. Nun +haben auch noch das Kaninchen und die Krähe schwere Klagen gegen Euch +erhoben. Isegrim und Braun sind wieder hoch in Ehren am Hofe. Alles, +was sie wollen, geschieht. Es wird nicht lange dauern, so wird der +König Isegrim zum Marschall ernennen. Er ist schon jetzt mit dem König +vertrauter als ich mit Euch. Seit er durch Eure Schuld ins Gefängnis +geworfen wurde, hegt er einen furchtbaren Haß gegen Euch in seinem +Herzen und schwört, sich an Euch zu rächen, sollte er auch sein Leben +daran wagen. Er schimpft Euch Räuber und Mörder und drängt den König, +das Todesurteil über Euch auszusprechen. Glaubt mir, Oheim, werdet Ihr +gefangen, so müßt Ihr Abschied vom Leben nehmen.«</p> + +<p>»Weiter habt Ihr mir nichts zu sagen?« versetzte lachend der Fuchs. +»Das ist ja nicht der Rede wert. Darum seid Ihr so sehr erschrocken? +Wenn es weiter nichts ist! Hätten der König und alle seine Räte noch +zehnmal mehr geschworen, so hilft es ihnen doch nichts. Komme ich +nur zu Worte, so will ich meine Verteidigung schon führen, daß ich +schließlich als Sieger dastehe und sie die Unterlegenen sind.</p> + +<p>Schlagt Euch die Sache aus dem Sinn, lieber Neffe. Kommt mit hinein und +seht, was ich Euch vorzusetzen habe! Ein Paar Tauben, jung und fett! +Ich esse keine Speise lieber, denn sie ist leicht zu verdauen, man mag +sie ganz verschlucken oder klein gekaut haben. Auch die Knöchelchen +schmecken süß; sie sind halb Milch, halb Blut. Ich esse gern leichte +Speisen, und meine Frau hat denselben Geschmack. Kommt also herein, +sie wird Euch wohl empfangen. Aber von der bewußten Angelegenheit +müßt Ihr sie nichts merken lassen. Sie ist gar zu ängstlich und sieht +bei kleinen Dingen oft große Gefahr. Seid darum verschwiegen! Morgen +wollen wir an den Hof gehen. Aber werdet Ihr mir auch beistehen wie ein +Verwandter dem anderen?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_67">[S. 67]</span></p> + +<p>»Mit Leib und Seele stehe ich zu Euren Diensten!« rief Grimbart aus.</p> + +<p>»Habt Dank!« sprach der Fuchs, »wenn ich mit dem Leben davonkomme, so +soll es Euer Schade nicht sein!«</p> + +<p>»Ihr könnt getrost vor den König treten!« sagte Grimbart, »um euch zu +verantworten. Denn der Leopard gab den Rat, es solle Euch nichts Böses +geschehen, ehe Ihr Euch nicht selbst verteidigt habt. Derselben Meinung +ist auch die Königin. Ihr wißt, was für Macht sie über den König hat. +Nutzt das zu Eurem Vorteil!«</p> + +<p>»Das werde ich tun!« sprach Reineke. »Hört mich der König nur erst an, +so wird es mir auch gelingen, ihn umzustimmen!«</p> + +<p>Beide gingen nun in das Haus hinein und wurden von Frau Ermelyn +freundlich empfangen.</p> + +<p>Sie bereitete ihnen ein köstliches Mahl von den mitgebrachten Tauben. +Jeder aß sein Teil davon, aber satt wurde keiner. Jeder hätte mit +Leichtigkeit noch ein halbes Dutzend solcher jungen Täubchen verzehrt.</p> + +<p>Nach Tisch rief Reineke seine Kinder herbei und zeigte sie dem Gast. +»Seht, Neffe,« fragte er den Dachs, »wie gefallen Euch denn meine +Kinder, Rossel und Reinhart? Sie fangen schon frühzeitig an, sich in +mancherlei Geschicklichkeiten auszubilden. Der eine fängt ein Huhn, +der andere ein Küchlein. Sie können auch schon unter Wasser tauchen, +um Enten und Kibitze zu erhaschen. Ich könnte sie wohl öfter auf die +Jagd schicken, aber ich will sie erst klüger machen und sie erst +lehren, wie sie sich vor Jägern und Hunden in acht nehmen sollen. Wenn +sie das erst recht verstehen, dann werden sie uns manche köstlichen +Braten verschaffen, die wir jetzt entbehren müssen. Ich sage Euch, sie +schlagen ganz nach mir. Kein Tier, dem sie nachstellen, kann ihnen +etwas anhaben; sie beißen ihm gleich die Kehle durch, ganz wie Vater<span class="pagenum" id="Seite_68">[S. 68]</span> +Reineke es zu machen pflegt! Mit einem schnellen Sprung ergreifen sie +ihr Opfer. Kurzum, ich kann sie nur loben, sie sind geschickt und brav.«</p> + +<p>Grimbart sagte darauf: »Das gefällt mir, daß diese beiden unserem +Geschlechte Ehre machen! Wer wohlerzogene Kinder hat, die schon früh +nach Erwerb streben, hat alle Ursache, sich zu freuen.«</p> + +<p>»Doch jetzt, lieber Grimbart,« sprach Reineke, »wollen wir zur Ruhe +gehen. Ihr seid gewiß müde von der weiten Wanderung!«</p> + +<p>Und sie gingen alle in den mit Heu bestreuten Saal und legten sich zum +Schlafen nieder. Reineke aber konnte kein Auge schließen, ihm war doch +sehr ängstlich zumute, und er sann hin und her über seine Rettung.</p> + +<p>So lag er in schweren Gedanken bis an den hellen Morgen. Dann stand er +auf und sagte zu seiner Frau: »Ich muß heute mit Grimbart an den Hof +gehen. Aber macht Euch deshalb keine Sorgen. Spricht jemand Schlechtes +von mir, so denkt nur immer das Beste. Sorgt gut für die Kinder und +verwahrt unsere Festung wohl!«</p> + +<p>»Das ist ja eine seltsame Sache!« sagte Frau Ermelyn. »Was habt Ihr +denn bei Hofe zu suchen? Wißt Ihr nicht, wie schlecht es Euch neulich +dort erging?«</p> + +<p>»Es ist freilich wahr,« erwiderte Reineke, »ich war damals in großer +Gefahr. Manch einer war mir nicht gut gesinnt. Aber es geht bisweilen +wunderlich in der Welt zu und kommt oft besser, als man denkt. Darum +ängstigt Euch nicht! Ich muß nun einmal an den Hof, aber spätestens in +fünf bis sechs Tagen bin ich wieder daheim. Lebt wohl indessen!«</p> + +<p>So nahm er Abschied von Frau und Kindern und verließ mit Grimbart die +Burg.</p> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_69">[S. 69]</span></p> + +<h2 class="s4">10. Kapitel.<br> +<span class="s3">Reinekes zweite Beichte.</span></h2> +</div> + + +<p>Reineke und Grimbart wanderten also miteinander über die Heide, +geradeswegs nach des Königs Schlosse zu. Da sagte der Fuchs: »Es mag +nun kommen, wie es will; aber ich ahne doch, daß mir die Reise zu +großem Vorteil gereichen wird. Doch möchte ich gern meine Verteidigung +mit leichtem Herzen führen können, und deshalb bitte ich Euch nochmals, +meine Beichte mitanzuhören. Denn leider habe ich seitdem wieder manche +Sünde begangen.«</p> + +<p>Grimbart erklärte sich bereit dazu, und der Fuchs begann: »Ich ließ +Braun ein großes Stück aus seinem Fell schneiden und einen Ranzen +daraus machen. Ich ließ dem Wolf und seiner Frau das Fell von den +Füßen abziehen und Schuhe für mich davon machen. Das tat ich aus Haß +und brachte es durch Lügen so weit, daß der König ihnen sehr zürnte +und sie ins Gefängnis werfen ließ. Den König selbst habe ich furchtbar +betrogen. Ich erzählte ihm von einem Schatz, der aber nirgends zu +finden sein wird.</p> + +<p>Lampe habe ich getötet und verspeist. Darauf habe ich den ahnungslosen +Bellyn mit Lampes Kopf zum König geschickt, der den Widder für den +Übeltäter hielt und in großen Zorn geriet. Dem Kaninchen riß ich ein +Ohr ab und tötete es beinahe.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_70">[S. 70]</span></p> + +<p>Auch die Krähe klagt mit Recht, ich fraß ihr Weibchen, Frau +Scharfenibbe. Alles das habe ich seit meiner letzten Beichte begangen. +Allein ich habe noch ein älteres Unrecht auf dem Gewissen, das ich +neulich zu beichten vergessen hatte. Das sollt Ihr jetzt auch erfahren, +lieber Neffe. Es war freilich ein recht loser Streich, den ich dem Wolf +gespielt habe, und ich wollte nicht, daß mir widerführe, was ich ihm +getan habe. Wir gingen einmal beide zwischen Kakys und Elverdingen. +Da sahen wir auf der Wiese eine kohlschwarze Stute mit ihrem Füllen +weiden. Das Junge mochte etwa vier Monate alt sein. Isegrim erblickte +es kaum, als schon sein Gelüste nach dem zarten Bissen erwachte. Der +Hunger plagte ihn überdies sehr. Da bat er mich: ›Lieber Freund, geht +doch zu der Stute und fragt sie, ob sie mir das Fohlen verkaufen will!‹ +Ich tat ihm den Gefallen und fragte die Stute.</p> + +<p>›Ja,‹ sprach sie, ›wenn Ihr gut bezahlen wollt, könnt Ihr es haben.‹ +›Was fordert Ihr denn dafür?‹ fragte ich weiter. ›Der Preis steht auf +meinem rechten Hinterfuß geschrieben. Wenn Ihr ihn wissen wollt, so +lest ihn dort ab,‹ antwortete die Stute. Ich wußte gleich, was sie +damit meinte, ließ mich's aber nicht merken, sondern sagte: ›Nein, gute +Frau, lesen und schreiben kann ich nicht. Ich selbst begehre auch Euer +Kind nicht. Isegrim hat mich zu Euch gesandt, er wünschte den Preis zu +erfahren. ›So laßt ihn herkommen,‹ sprach sie, ›er mag ihn ablesen.‹</p> + +<p>Da ging ich zu Isegrim zurück und sagte: ›Die Alte will Euch das Fohlen +lassen, der Preis steht auf ihrem rechten Hinterfuße geschrieben. Sie +wollte es mich lesen lassen, ich bin ja aber leider des Lesens und +Schreibens unkundig und habe oft Verdruß davon. Seht also selbst, +Oheim, ob Ihr es entziffern könnt.‹</p> + +<p>›Wenn es weiter nichts ist!‹ versetzte Isegrim. ›Warum soll ich es +nicht lesen können? Es sei, was es sei: Deutsch, Latein, Französisch! +Habe ich doch zu Erfurt die hohe Schule besucht. Und<span class="pagenum" id="Seite_71">[S. 71]</span> was für Schriften +man mir auch zeigt, ich lese sie so glatt und leicht wie meinen Namen. +Wartet hier auf mich, ich will gehen und den Handel abschließen.‹ Er +ging also hin und fragte die Stute, wofür sie das Füllen geben wolle, +und zwar nach dem geringsten Preis. Sie erwiderte: ›Der Kaufpreis steht +auf meinem rechten Hinterfuß geschrieben.‹ ›Laßt sehen,‹ sagte der +Wolf. ›Gut,‹ versetzte sie und hob ihren Fuß hoch, der mit neuen Eisen +und sechs Hufnägeln beschlagen war. Er bückte sich, um zu lesen. Da +schlug sie aus und traf ihn so gewaltig vor den Kopf, daß er betäubt +zur Erde stürzte und wie tot liegen blieb. Die Stute sprang mit ihrem +Füllen davon, so schnell sie konnte. Es dauerte wohl eine halbe Stunde, +ehe Isegrim wieder zur Besinnung kam. Er lag verwundet auf dem Boden +und heulte vor Schmerzen. Ich ging zu ihm und fragte ihn: ›Herr, wo ist +die Stute? Seid Ihr auch satt von dem Fohlen? Warum gabt Ihr mir nicht +auch etwas ab, da ich doch die Botschaft gebracht habe? Habt Ihr etwa +schon nach der Mahlzeit geschlafen? Was war es für eine Schrift unter +ihrem Fuße? Ihr seid doch so weise und gelehrt!‹</p> + +<p>›Ach Reineke!‹ stöhnte er, ›spottet doch nicht! Mir armen Schelmen +ist es so übel ergangen, daß es einen Stein erbarmen möchte. Die +langbeinige Mähre hat ihre Füße mit Eisen beschlagen. Es stand auch +keine Schrift darunter, sondern mit den sechs scharfen Nägeln, die +darin steckten, schlug sie mir sechs tiefe Wunden in den Kopf.‹</p> + +<p>So kam Isegrim mit knapper Not mit dem Leben davon. Seht, Neffe, nun +habe ich Euch alles gebeichtet und bitte Euch, mir meine Sünden zu +vergeben. Ich will mich auch gern nach Eurem Rat bessern und in Zukunft +ein frömmeres Leben führen.«</p> + +<p>Grimbart versetzte: »Eure Sünden sind groß. Da Ihr aber einem so +schweren Schicksal entgegengeht, will ich sie Euch alle vergeben. Ich +spreche Euch also feierlich davon los. Freilich, die<span class="pagenum" id="Seite_72">[S. 72]</span> Toten stehen +nicht wieder auf. Wie gut wäre es, wenn sie noch lebten! So aber wird +es Euch bei Hofe schlimm ergehen! Das, was Euch am meisten schaden +wird, ist Lampes Tod. Und eine unerhörte Kühnheit war es von Euch, dem +König seinen Kopf zuzuschicken!«</p> + +<p>»Teurer Neffe!« sagte Reineke, »wer durch die Welt kommen soll, kann +sich unmöglich so heilig halten wie ein Mönch im Kloster. Lampes +Anblick reizte mich so sehr. Er sprang vor mir her und sah so fett und +appetitlich aus, daß ich Lust bekam, ihn zu fressen; und da tat ich es +auch. Den Widder Bellyn konnte ich niemals leiden, er ist so plump und +dumm und ungeschickt in allen Sachen. Ich gönnte ihm nie viel Gutes. +Nun heißt es zwar: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Aber, um die +Wahrheit zu sagen: diese beiden habe ich nie recht geachtet. Warum +sollte ich also viel Umstände mit ihnen machen? Sie haben nun den +Schaden, ich aber die Sünde davon. Indessen, wie Ihr selbst sagt, die +Toten kehren nicht wieder. Sprechen wir von etwas anderem!</p> + +<p>Es ist jetzt eine gefährliche Zeit! Welches Beispiel wird uns von oben +gegeben? Ich meine vom König? Raubt er nicht selbst? Oder läßt sich +alles durch Bären und Wölfe heranschleppen? Gleichwohl meint er, das +wäre sein gutes Recht. Niemand ist, der ihm die Wahrheit sagt oder +zu sprechen wagt: Das ist unrecht getan! Weder sein Beichtvater noch +sein Kaplan tut es. Warum? Sie genießen es alle mit und schweigen um +ihres eigenen Vorteils willen. Will jemand kommen und klagen, so redet +er in den Wind! Er vertrödelt nur unnütz die Zeit. Und was man ihm +genommen hat, ist und bleibt fort. Seine Klage wird nicht beachtet, und +schließlich muß er schweigen! Ja, es geht schlimm in der Welt zu! Und +wird noch schlimmer werden jetzt, wo Wolf und Bär wieder beim König in +Ansehen sind. Sie werden jetzt stehlen, rauben und morden, und immer +heißt es, es sei im Namen des Königs.<span class="pagenum" id="Seite_73">[S. 73]</span> Nimmt aber mal ein armer Mann, +wie Reineke, ein Huhn, dann wollen sie ihm gleich an den Hals. Ja, ja! +Die kleinen Diebe hängt man, die großen läßt man laufen! Seht, Neffe, +ist es nicht ganz natürlich, daß man auch an seinen eigenen Vorteil +denkt? Die Großen nehmen, was sie kriegen können, also nehme ich mir +auch so viel wie möglich. Bisweilen quält mich dann mein Gewissen, +und ich bereue meine Taten. Lange dauert das aber nie. Und ich greife +wieder zu, wo es etwas zu greifen gibt. Aus dem Gerede, das darüber +entsteht, mache ich mir nichts. Denn wer kommt heutzutage nicht ins +Gerede? Selbst über die Besten und Bravsten wird hergezogen! Ja, +die Welt ist voll Lug und Trug, voll Heuchelei, Verrat und falschen +Schwüren! Pfui, pfui und nochmals pfui!«</p> + +<p>Grimbart antwortete: »Lieber Oheim, warum beichtet Ihr mir eigentlich +die Sünden der anderen? Ich denke, Ihr habt mit Euren eigenen gerade +genug zu tun! Was gehen uns die anderen an? Jeder muß sehen, wie er mit +sich selbst fertig wird!«</p> + +<p>Indessen waren sie am Schlosse des Königs angelangt. Reineke wurde +nun sehr verzagt, denn er wußte noch nicht, wie er sich aus all den +Anklagen herausschwindeln sollte. Doch raffte er seinen sinkenden Mut +wieder zusammen und schritt stolz aufgerichtet geradeswegs auf das +Schloß zu. Da kam ihm Martin, der Affe, entgegen. Er stand im Begriff, +nach Rom zu reisen, und sagte zu Reineke: »Habt nur guten Mut, lieber +Oheim! Ich weiß es wohl, wie Eure Sache steht.«</p> + +<p>Reineke erwiderte: »Das Glück hat sich in diesen Tagen sehr gegen mich +gewendet. Ich bin abermals verklagt, und zwar von etlichen Verrätern, +nämlich von der Krähe und dem ehrlosen Kaninchen. Der eine hat seine +Frau und der andere sein Ohr verloren. Könnte ich nur mit dem König +sprechen, so sollte es den Verleumdern schon schlecht bekommen! Das +schlimmste ist, daß ich<span class="pagenum" id="Seite_74">[S. 74]</span> noch immer im Bann bin. Und das habe ich +Isegrim zu verdanken. Als er in Elkmar im Kloster war, verhalf ich ihm +zur Flucht. Er klagte, daß er das lange Fasten und Beten nicht ertragen +könnte. Jetzt bereue ich es bitter, daß ich ihm zu Hilfe kam. Denn als +Dank dafür verleumdet er mich beim König und schadet mir, wo er kann. +Ginge ich nun nach Rom, um von dem Bann befreit zu werden, so täte er +gewiß meiner Frau und meinen Kindern Böses an, und mit ihm die anderen, +die mir gram sind. Darum muß ich hier bleiben und sie beschützen. O, +wäre ich nur von dem Banne frei, so würde ich mit viel ruhigerem Herzen +vor den König hintreten und meine Verteidigung führen!«</p> + +<p>»Reineke,« sprach Martin hierauf, »lieber Oheim, ich gehe gerade jetzt +nach Rom und will sehen, was ich da für Euch tun kann. Bin ich doch des +Bischofs Schreiber und verstehe gar wohl den Lauf des Rechts in Rom. +Ich will den Domprobst, der Euch zürnt, nach Rom kommen lassen und dort +ernstlich mit ihm rechten. Auch habe ich viele Freunde von mächtigem +Einfluß in Rom. Seid versichert, ich verschaffe Euch Absolution!</p> + +<p>Geht nur getrost an den Hof. Dort findet Ihr mein Weib, Frau Rückenau. +Sprecht nur mit ihr, sie ist klug und erfahren, und ihr Rat gilt viel +beim König und der Königin. Der König weiß schon, daß ich Eure Sache in +Rom führen will. Er weiß auch, daß es mir gelingen wird, Euch vom Bann +zu erlösen. Er wird auch dessen eingedenk sein, daß viele vom Affen- +und Fuchsgeschlechte ihm oft die besten Ratschläge gegeben haben. Und +das wird Euch helfen, und Ihr werdet wie bisher siegreich aus dem +Kampfe hervorgehen!«</p> + +<p>»Das ist ein guter Trost!« sagte Reineke. »Und ich will Eurer gedenken, +wenn ich frei und los komme.«</p> + +<p>Hierauf schieden sie, und der Fuchs und der Dachs traten in das +Königsschloß ein.</p> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_75">[S. 75]</span></p> + +<h2 class="s4">11. Kapitel.<br> +<span class="s3">Reinekes Verteidigung.</span></h2> +</div> + + +<p>Reineke kam also an den Hof des Königs, wo er so hart verklagt war. Er +fand daselbst viele, die ihm nichts Gutes gönnten, ja ihm sogar nach +dem Leben trachteten. Er sah sie alle versammelt, und ihm wurde gar +ängstlich zumute. Doch faßte er sich bald wieder ein Herz und schritt +frei durch all die Fürsten und Grafen hindurch. Der Dachs aber ging +ihm zur Seite, bis sie beide vor den König kamen. Leise flüsterte ihm +der Dachs zu: »Freund Reineke, seid nicht blöde in dieser Stunde. Dem +Blöden ist das Glück selten hold, dem Kühnen aber steht es bei.«</p> + +<p>Reineke versetzte: »Ihr redet die Wahrheit; ich danke Euch für Eure +ermutigenden Worte!«</p> + +<p>Darauf trat er dicht vor den Thron des Königs, kniete zur Erde nieder +und sprach: »Gott der Herr, dem alle Dinge bekannt sind, beschütze +meinen Herrn, den König, und meine Gebieterin, die Königin! Er verleihe +ihnen Weisheit, zu richten, wer Recht und Unrecht hat! Es gibt viele +Bösewichte in der Welt, und manchen, der von außen schön gleißt, im +Innern aber falsch und häßlich ist. Wollte Gott, daß es jedem an der +Stirn geschrieben stände, was in ihm ist! Dann würde mein Herr und +König sehen, daß ich nicht lüge, und daß ich nur darauf bedacht bin, +Euch zu dienen. Gleichwohl bin ich von Boshaften, die mir zu schaden +trachten, verklagt<span class="pagenum" id="Seite_76">[S. 76]</span> und durch schändliche Lügen angeschwärzt. Ohne +alles Verschulden hat man mir Eure Huld geraubt, mein gnädiger König! +Ich aber weiß, daß Ihr klug und weise seid und Euch nicht verleiten +laßt, vom Wege des Rechtes abzuweichen. Ihr habt das Euer Leben lang +nicht getan und werdet es auch jetzt nicht tun. Darauf setze ich mein +Vertrauen!«</p> + +<p>Der König antwortete: »Du Bösewicht Reineke! Alle deine losen Worte +helfen dir nichts. Du hast sie schon gar zu oft verschwendet und mir +zu viel vorgelogen. Das alles soll nunmehr ein Ende nehmen. Wie treu +du bist, das lehrt die Geschichte von der Krähe und dem Kaninchen. Und +hätte ich sonst nichts wider dich, so wäre das schon allein genug, mich +zu erzürnen. Aber täglich kommen neue Übeltaten von dir ans Licht. Du +bist ein Schelm durch und durch! Und jetzt soll dir der Lohn für deine +Schandtaten werden!«</p> + +<p>»O weh!« dachte Reineke. »Wie wird es mir ergehen! Wäre ich nur auf +meiner sicheren Burg geblieben! Jetzt ist guter Rat teuer! Nun heißt es +alle Kräfte zusammennehmen, um durchzukommen!«</p> + +<p>Und zum König gewendet, sagte er: »Großer König, edler Fürst! Habe +ich nach Eurer Meinung den Tod verdient, so ist Euch die Sache nicht +richtig mitgeteilt worden. Ich bitte Euch, mich anzuhören! Ich habe +Euch in früherer Zeit manchen guten Rat gegeben und bin oftmals in +der Not bei Euch geblieben, wenn manche von Euch wichen, die sich +jetzt zwischen uns stellen und mich in meiner Abwesenheit Eurer Gnade +berauben wollen. Edler König! Hört mich darum an! Und findet Ihr mich +dann schuldig, so ergehe das Recht. Noch eins: Habe ich schuld, so +dienet mir nichts besser als Geduld! Ihr, hoher Herr, habt meiner +nicht viel gedacht, während ich oft an den Grenzen Eures Landes Wacht +hielt. Meint Ihr, daß ich hier an den Hof vor Euer Angesicht und +in die<span class="pagenum" id="Seite_77">[S. 77]</span> Schar aller meiner Feinde gekommen wäre, wenn ich mir das +Geringste vorzuwerfen hätte? Nein, um alles Gold der Welt hätte ich das +nicht getan! Dann wäre ich lieber auf meinem eigenen Grund und Boden +geblieben, wo ich frei war. Aber ich kam, da ich mir keiner Missetat +bewußt bin. Als mir mein Neffe Grimbart die Nachricht brachte, daß ich +an den Hof kommen sollte, hatte ich mir gerade vorgenommen, mich von +dem Banne zu befreien. Das sagte ich Martin, dem Affen, der eben im +Begriff war, nach Rom zu pilgern. Er versprach mir, sich meiner Sache +anzunehmen. Er riet mir, getrost an den Hof zu gehen, und gelobte mir +auf Treu und Glauben, mich von dem Banne zu erlösen. So schieden wir, +und ich kam an den Hof.</p> + +<p>Hier bin ich nun von dem Kaninchen sehr schwer verklagt worden. Jetzt +steht Reineke hier, und wenn es die Wahrheit gesprochen hat, so trete +es vor und klage öffentlich. Es ist leicht, jemanden zu verleumden, +der abwesend ist. Nach Klage und Antwort erst soll man richten. Ich +habe bei meiner Treu diesen beiden falschen Kerlen, der Krähe und dem +Kaninchen, manches Gute getan. Gestern früh saß ich vor meiner Burg +und las in den Gebeten. Da kam das Kaninchen vorbei, grüßte mich und +erzählte, daß es an den Hof wollte. ›Geh' hin,‹ sagte ich, ›und Gott +sei mit dir!‹ Da klagte es mir, es wäre müde und hungrig. Ich fragte +es, ob es etwas essen wolle. ›Ja,‹ sprach es, ›gebt mir einen Bissen.‹ +›Von Herzen gern,‹ sagte ich, und holte Brot und Butter und etliche +Kirschen. Es ist nämlich jetzt Fastenzeit, wo ich kein Fleisch zu essen +pflege. Als es nun schon tüchtig zugegriffen hatte, kam mein kleiner +Sohn hereingesprungen und wollte sich von dem Übriggebliebenen etwas +nehmen. Kinder lieben das Essen und sind selten ganz satt. Wie er nach +den Kirschen griff, schlug ihm das Kaninchen aufs Maul, daß ihm das +Blut herunterlief. Da sprang mein älterer Sohn, Reinhartchen, herbei +und packte das<span class="pagenum" id="Seite_78">[S. 78]</span> Kaninchen an der Kehle, daß es laut aufschrie. Ich lief +hinzu, trennte die Kämpfenden und schlug meine Kinder. Hat aber das +Kaninchen etwas davon gekriegt, so ist ihm recht geschehen, es hätte +wohl noch mehr verdient. Sie hätten ihm unfehlbar das Leben genommen, +wenn ich ihm nicht zu Hilfe gekommen wäre. Das ist nun der Dank dafür! +Nun sagt es, ich habe ihm sein Ohr abgerissen!</p> + +<p>Seht, gnädiger Herr, da kommt nun der Rabe und klagt, er habe sein +Weib verloren. Wie das geschehen ist, weiß er selbst am besten. Sie +wollte ihren Hunger stillen und fraß einen Fisch mit allen Gräten auf. +Die blieben ihr im Halse stecken, und sie ist daran erstickt. Nun sagt +er, ich hätte sie totgebissen! Vielleicht hat er sie selbst ermordet! +Ja, könnte ich ihn nur recht verhören, er würde vielleicht ganz anders +aussagen! Wie hätte ich ihr auch so nahe kommen können, da sie fliegen +kann und ich nur gehen? Will aber sonst jemand mich eines Unrechts +beschuldigen, so tue er es mit gültigen Zeugen, wie es einem Edelmann +gegenüber geziemt. Oder soll kein gütlicher Vertrag abgeschlossen +werden, so ordne man einen Zweikampf an, bestimme Ort und Zeit und gebe +mir einen Gegner, der mir an Geburt nicht nachsteht. Da kämpfe dann ein +jeder für sein Recht, und wer dann die Ehre gewinnt, bei dem bleibe +sie. So ist es von jeher Brauch gewesen, und ich, Herr König, werde mir +mein Recht nicht nehmen lassen.«</p> + +<p>Alle, die zugegen waren, staunten über Reinekes kühne Worte. Der Rabe +aber und das Kaninchen erschraken sehr. Was sollten sie aber tun? Sie +wagten kein Wort zu sagen, und verließen schleunigst das Schloß. »Wie +können wir den König überzeugen,« sprach eins zum anderen, »Reineke +ist uns ja doch mit Worten überlegen. Zeugen für unsere Sache gibt es +ja nicht, da niemand dabei gewesen ist. In einen Zweikampf mit ihm +können wir uns doch nicht einlassen. Er ist falsch, behende, listig und +boshaft. Ja,<span class="pagenum" id="Seite_79">[S. 79]</span> wenn unsrer auch noch fünfe wären, wir müßten's alle mit +Leib und Leben bezahlen. Es bleibt uns also nichts weiter übrig, als +den Schaden zu tragen! Möge es ihm der Teufel lohnen, was er an uns +verbrochen hat!«</p> + +<p>Isegrim und Braun ward sehr unbehaglich zumute, als sie sahen, daß +diese beiden das Feld räumten. Der König aber rief: »Wer etwas zu +klagen hat, der trete vor!« Doch es meldete sich keiner; alles blieb +stumm. »Merkwürdig!« sagte der König, »gestern kamen so viele! Heute +ist Reineke hier, aber wo sind die Kläger geblieben?«</p> + +<p>»Herr,« versetzte der Fuchs, »mancher klagt einen anderen schwer an, +der es wohl bleiben ließe, wenn sein Widerpart ihm gegenüberstände! +So machen es auch jetzt diese beiden Verleumder, der Rabe und das +Kaninchen, die mich gern in Schande und Strafe gebracht hätten. +Würden sie mich um Gnade bitten, so hätte ich ihnen in Gegenwart +dieser Herren gern vergeben. Nun haben sie sich aber aus dem Staube +gemacht, die schlimmen, bösen Buben! Sollte man auf solche hören, das +wäre ewig schade! An mir allein ist nicht viel gelegen, aber mancher +rechtschaffene Mann, der Euch Tag und Nacht treu dient, könnte durch +ihre Verleumdung leicht in Ungnade geraten!«</p> + +<p>»Höre mich an!« sprach der König. »Du bist und bleibst ein Betrüger und +ein treuloser Verräter! Was trieb dich dazu, Lampe, den braven Ritter, +ums Leben zu bringen? Eben erst hatte ich dir deine Sünden verziehen. +Ich hatte dir Ränzel und Stab gegeben; du solltest nach Rom und übers +Meer, und ich glaubte, du würdest ein besseres Leben beginnen. Allein +das erste, was ich über dich zu hören bekam, war, daß du Lampen getötet +hattest. Bellyn brachte mir den Ranzen mit Lampens Kopf. Er hat es mit +dem Leben büßen müssen, und dir, du böser Bube, soll jetzt der gleiche +Lohn zuteil werden!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_80">[S. 80]</span></p> + +<p>»Was?« rief Reineke mit erheucheltem Erstaunen. »Ist Lampe tot? Und +Bellyn auch? O, weh mir, daß ich je geboren bin! So habe ich den +kostbarsten Schatz verloren! Denn ich sandte Euch durch diese Boten, +Lampe und Bellyn, die herrlichsten Kleinodien, die je die Erde gesehen! +Wer hätte auch ahnen können, daß Bellyn die Schätze rauben und den +guten Lampe morden würde!«</p> + +<p>Der König hatte genug gehört. Zornig verließ er den Saal und war +entschlossen, Reineke einen schmählichen Tod erleiden zu lassen.</p> + + +<figure class="figcenter illowp51" id="080_illustration" style="max-width: 40.4375em;"> + <img class="w100" src="images/080_illustration.jpg" alt=""> + <figcaption class="caption"><p class="s6"> Reineke Fuchs 3.</p> +<p class="p0">O, wie erschrak der König. Wie furchtbar hat mich Reineke betrogen!</p></figcaption> +</figure> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_81">[S. 81]</span></p> + +<h2 class="s4">12. Kapitel.<br> +<span class="s3">Der Mann mit der Schlange.</span></h2> +</div> + + +<p>Im anstoßenden Gemach fand der Herrscher die Königin, seine Gemahlin, +im Gespräch mit der Äffin, Frau Rückenau. Diese stand bei dem +Königspaare in hohem Ansehen; sie war weise und unterrichtet, und jeder +hörte auf sie, wohin sie nur kam.</p> + +<p>Als sie nun den König zornig sah, sprach sie: »Edler Herr, ich bitte +Euch, zürnt doch nicht so sehr! Und gestattet mir, daß ich ein Wort +zugunsten des armen Reineke spreche. Er ist doch meinem Geschlecht +nahe verwandt, und sein Unglück geht mir sehr zu Herzen. An seine +Schuld kann ich nicht glauben, er ist doch jetzt freiwillig vor Gericht +erschienen! Sein Vater stand an Eurem Hofe in hohem Ansehen, weit mehr +als jetzt Braun und Isegrim. Diese beide verstehen zu wenig von Urteil +und Recht.«</p> + +<p>»Kann es Euch wundern,« versetzte der König, »daß ich gegen Reineke in +Zorn bin? Vor kurzem erst nahm er Lampen das Leben und stürzte Bellyn +mit ins Verderben. Jetzt tut er so, als wüßte er von der ganzen Sache +nichts. Täglich bricht er den Frieden! Hättet Ihr nur gehört, was alles +für Klagen sie gegen ihn vorbrachten, von Rauben, Stehlen, Verrätereien +und Mordtaten!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_82">[S. 82]</span></p> + +<p>»Gnädiger Herr,« erwiderte die Äffin, »Reineke wird sehr verleumdet! +Er ist klüger als die anderen alle und erregt deshalb ihren Neid. Wie +oft hat er Euch mit treuem Rat zur Seite gestanden! Ihr wißt wohl noch, +wie vor einiger Zeit der Mann mit der Schlange vor Euren Thron kam? +Damals wußte keiner von Euren Ratgebern die Sache zu entscheiden. Da +ließet Ihr Reineke kommen, und er wußte gleich das Rechte zu treffen +und erntete Lob von Euch in reichem Maße.«</p> + +<p>»Wie war doch die Geschichte?« fragte der König. »Ich erinnere mich +ihrer nur noch undeutlich. Wenn Ihr es noch genau wißt, so laßt mich's +hören.«</p> + +<p>»Mit Eurer Erlaubnis soll es geschehen!« sagte die Äffin. »Es sind nun +zwei Jahre her, da kamen eines Tages eine Schlange und ein Mann vor +Euren Thron. Die Schlange klagte sehr zornig, daß der Mann sich dem +zweimal gefällten Urteilsspruch nicht fügen wolle. Und dann erfuhrt Ihr +folgende Geschichte:</p> + +<p>Die Schlange war durch ein Loch in einem Zaun gekrochen und in einer +Schlinge hängen geblieben, aus der sie sich nicht wieder freimachen +konnte. Sie hätte gewiß da ihr Leben verloren. Da kam zufällig ein Mann +des Weges daher. Die Schlange rief ihm zu: ›Ich bitte dich, erbarme +dich meiner und mache mich los!‹ ›Von Herzen gern,‹ sagte der Mann, +›wenn du geloben willst, mir nichts Böses zu tun. Denn du tust mir +leid.‹ Da schwur die Schlange, ihm niemals Schaden zufügen zu wollen. +Und da erlöste er sie aus ihrer verzweifelten Lage.</p> + +<p>Sie gingen miteinander weiter. Da die Schlange aber sehr verhungert +war, schoß sie plötzlich auf den Mann zu, um ihn zu töten und zu +fressen. Mit knapper Not entsprang ihr der Mann und sprach: ›Ist das +der Dank dafür, daß ich dir in deiner Not geholfen habe? So hältst +du deinen Schwur, mir nicht zu<span class="pagenum" id="Seite_83">[S. 83]</span> schaden?‹ Die Schlange erwiderte: +›Der Hunger treibt mich dazu. Das ist meine Rechtfertigung. Not kennt +kein Gebot.‹ Da sagte der Mann: ›Ich bitte dich, laß mich noch so +lange frei, bis wir einige unparteiische Leute treffen, die mögen +entscheiden, was Recht und Unrecht ist.‹ ›So lange will ich warten,« +versetzte die Schlange.</p> + +<p>Sie kamen über einen Graben und trafen dort den Raben Pflückebeutel +mit seinem Sohne Quackeler. Diese rief die Schlange herbei, erzählte +ihnen die Geschichte und fragte sie nach ihrer Meinung. ›Du darfst +den Mann fressen!‹ entschied der Rabe, denn er hoffte dabei auch für +sich ein Stück zu gewinnen. Die Schlange rief: ›Hurra, gewonnen! Nun +will ich auch nicht länger warten, meinen Hunger zu stillen.‹ ›Halt,‹ +rief der Mann, ›frohlocke nicht zu früh! Sollte ein Räuber das Recht +haben, mich zum Tode zu verdammen? Dann soll er wenigstens nicht allein +über mich richten! Es müssen zum mindesten vier ihr Urteil sprechen!‹ +›Meinethalben!‹ erwiderte die Schlange. ›So wollen wir weitergehen!‹</p> + +<p>Da begegneten ihnen der Wolf und der Bär. Dem Mann ward sehr schlecht +zumute, als er sich in der Gesellschaft sah. Fünf gefährliche Feinde +umstanden ihn: die Schlange, der Wolf, der Bär und die beiden Raben. +›Wie wird es mir ergehen!‹ dachte er bei sich. Bär und Wolf entschieden +so: ›Die Schlange darf den Mann töten, weil der Hunger sie dazu zwingt. +Die Not hebt den Eid auf.‹</p> + +<p>Da ward dem Mann angst und bange, denn alle trachteten ihm nach dem +Leben. Die Schlange schoß auf ihn zu und spritzte ihr böses Gift auf +ihn aus. Er sprang zur Seite und rief: ›Du tust mir unrecht, du darfst +mich nicht töten.‹ ›Wie kannst du das sagen?‹ zischte die Schlange. +›Schon zweimal ist für mich entschieden worden. Du gehörst mir, und ich +fresse dich.‹ ›Ja,‹ sprach der Mann, ›das haben die gesagt, die selbst +rauben und morden.<span class="pagenum" id="Seite_84">[S. 84]</span> Ich will mein Schicksal dem König anheimstellen. +Bringt mich vor ihn; was er ausspricht, mag geschehen. Seinem Urteil +unterwerfe ich mich, wie es auch sei.‹ Da sprachen Wolf und Bär zur +Schlange: ›Das kannst du ruhig gewähren, denn auch der König wird zu +deinen Gunsten entscheiden.‹</p> + +<p>So kamen sie alle an Euren Hof, gnädiger Herr: der Mann, die Schlange, +die beiden Raben, der Bär und drei Wölfe, denn der Wolf hatte noch +seine Kinder mitgebracht, Eitelbauch und Nimmersatt. Sie kamen in der +Absicht, auch an dem Mahl teilzunehmen, wenn der Mann gefressen wurde. +Sie heulten und benahmen sich so plump und grob, daß Ihr ihnen den Hof +verbieten mußtet. Der Mann flehte Euch um Hilfe an. Er klagte, die +Schlange wolle ihn töten. Und doch habe er ihr eine so große Wohltat +erwiesen, und sie habe geschworen, ihm keinen Schaden zu tun. ›Das ist +freilich wahr!‹ versetzte die Schlange. ›Allein der Hunger zwang mich +dazu. Und der löst alle Eide!‹ Ihr, mein gnädigster Herr König, wart +sehr bekümmert über diese Angelegenheit und wußtet nicht, wie jeder zu +seinem Rechte kommen sollte. Eure Majestät hielt es für unbillig, den +Mann zum Tode zu verurteilen, der der Schlange so aus der Not geholfen +hatte. Ihr hattet aber auch Mitleid mit dem großen Hunger der Schlange. +Deshalb rieft Ihr Eure Ratgeber zusammen. Die meisten stimmten für den +Tod des Mannes. Da sandtet Ihr Boten an Reineke, denn was die anderen +rieten, gefiel Euch nicht.</p> + +<p>Als der Fuchs kam, spracht Ihr: ›Wie Reineke entscheidet, so soll +es geschehen!‹ Dieser sagte darauf mit Bescheidenheit: ›Herr König, +laßt uns gleich hingehen und sehen, wo und wie der Mann die Schlange +fand. Soll ich ein gerechtes Urteil sprechen, so muß ich die Schlange +gefesselt sehen, wie der Mann sie angetroffen hat.‹ So gingen alle zu +der Stelle hin, und die Schlange mußte in die Schlinge kriechen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_85">[S. 85]</span></p> + +<p>Darauf sprach Reineke: ›Nun sind beide wieder in der Lage, in der sie +vorher waren; sie haben weder gewonnen noch verloren. Der Mann mag nun, +wenn er Lust dazu hat, die Schlange schwören lassen und sie befreien, +oder er kann sie in der Schlinge lassen und ungefährdet seines Weges +ziehen. Dies, denke ich, ist ein gerechtes Urteil; weiß aber jemand +etwas Besseres, so sage er es.‹</p> + +<p>Sehet, Herr König, dieses Urteil gefiel Euch und auch Eurem Rate. +Der Mann war frei und dankte Euch sehr für Eure Gnade; die Schlange +aber kam in der Schlinge um. Reineke ward sehr gepriesen wegen seiner +Klugheit. Braun und Isegrim, so sagte man, sind zwar stark und groß, +und bei Fressereien sind sie stets die ersten. Aber an Klugheit fehlt +es ihnen. Sie prahlen mit ihrem Mut; kommt es aber zur Tat, so zeigt +es sich, was für Helden sie sind. Setzt es Schläge, so rücken sie aus, +aber wirkliche Helden sollen vor dem Feind nicht weichen. Bären und +Wölfe verderben das Land, sie fragen wenig danach, wessen Haus brennt, +wenn sie sich nur an den Flammen wärmen können. Sie haben miteinander +Erbarmen, wenn sie nur ihren Magen füllen können. Dem Armen rauben sie +die Eier und meinen noch sehr gut zu handeln, wenn sie ihm die Schalen +lassen. Kurz, ihr eigenes Wohl geht ihnen über alles! Wie anders +Reineke Fuchs! Er liebt das Recht und die Weisheit. Braucht Ihr einen +guten Rat, so könnt Ihr ihn nicht entbehren. Hat er einmal ein Unrecht +getan, so ist er ja auch ein Sterblicher wie wir alle. Wie schwer +würdet Ihr ihn vermissen, wenn Ihr ihm jetzt im Zorn das Leben raubt! +Darum bitte ich, nehmt ihn wieder zu Gnaden an!«</p> + +<p>Der König erwiderte: »Ich will mir's überlegen. In der Angelegenheit +mit der Schlange hat er freilich einen guten Rat gegeben, das ist wahr. +Aber er ist trotzdem nicht viel wert und ein großer Betrüger. Alle, +denen er erst Freundschaft heuchelt, verrät<span class="pagenum" id="Seite_86">[S. 86]</span> er schließlich. Dem Wolf, +dem Bären, dem Kater, dem Kaninchen und der Krähe ist er zu schlau, sie +lassen sich alle von ihm hintergehen. Er tut ihnen nichts wie Spott und +Schande an. Der eine muß ihm ein Ohr, der andere ein Auge zum Pfande +lassen, mancher kommt sogar dabei ums Leben. Ich weiß nicht, wie Ihr +für den Bösewicht noch ein gutes Wort einlegen könnt! Er verdient es +sicherlich nicht!«</p> + +<p>Die Äffin erwiderte: »Herr König, er ist mir nahe verwandt, und ich +fühle die Verpflichtung, ihm in der Not zu helfen. Aber auch Ihr, +großer König, bedenkt, daß sein Geschlecht groß und edel ist!«</p> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_87">[S. 87]</span></p> + +<h2 class="s4">13. Kapitel.<br> +<span class="s3">Reineke verteidigt sich weiter. Der wunderbare Ring,<br> +der Kamm und der Spiegel.</span></h2> +</div> + +<p>Darauf schwieg die kluge Äffin, und der König ging wieder in den Saal +zurück, wo alle auf ihn warteten. Viele von Reinekes Freunden und +Verwandten waren herbeigekommen, um ihrem Vetter Beistand und Hilfe +zu gewähren. Aber auch seine Feinde waren zahlreich erschienen und +hofften, den verhaßten und gefürchteten Fuchs bald am Galgen hängen zu +sehen.</p> + +<p>»Reineke,« sagte der König, »wie ging es zu, daß Bellyn und du dem +frommen Lampe das Leben nahmt? Wie konntet ihr euch unterstehen, mich +so zu verhöhnen, daß ihr mir Lampes Kopf zusandtet? Bellyn hat seine +Strafe schon empfangen, und dir soll es nicht besser ergehen.«</p> + +<p>»Weh mir! in dieser großen Not!« rief Reineke aus. »O daß ich lieber +schon tot wäre! Hört mich, gnädiger Herr, und findet Ihr mich +schuldig, so laßt mich gleich töten! Der Verräter Bellyn hat mir einen +furchtbaren Streich gespielt. Er hat den kostbarsten Schatz geraubt, +der je auf Erden war. Ich vertraute ihm und Lampe die Kleinodien an, +um sie meinem gnädigen König zu senden. Bellyn muß sie unterschlagen +haben, und um nicht verraten zu werden, brachte er den armen Lampe ums +Leben. O, könnte man nur erfahren, wo die Sachen geblieben sind!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_88">[S. 88]</span></p> + +<p>»Wenn diese Schätze nur über der Erde sind,« sagte die Äffin, »so +wollen wir sie schon auskundschaften. Wir wollen ohne Ermüden danach +suchen, bis wir sie gefunden haben. Sagt nur, wie waren sie beschaffen?«</p> + +<p>Reineke antwortete: »Sie waren so kostbar, daß ich fürchte, wir +bekommen sie niemals wieder. Wer sie einmal hat, gibt sie gewiß nicht +wieder heraus. O, wenn mein Weib das erfährt, so wird sie außer sich +sein. Sie riet mir dringend ab, den beiden diese Schätze anzuvertrauen. +Hätte ich nur auf sie gehört! Nun bin ich betrogen und verraten! Wer +hätte aber auch dem Widder so etwas zugetraut! Doch ich will nicht +ruhen und rasten und durch die ganze Welt reisen, ja selbst mein Leben +daran wagen, die Kostbarkeiten wiederzufinden! Gnädiger König!« fuhr +Reineke fort, »gestattet mir, zu erzählen, welcher Art die Schätze +waren, die ich Euch zum Geschenk bestimmt hatte, die Ihr aber leider +nicht bekommen habt.«</p> + +<p>»Sprich,« sagte der König, »aber fasse dich kurz.«</p> + +<p>Da begann Reineke: »Das erste Kleinod, das der Widder Bellyn von +mir empfing, war ein Ring. Dieser Ring besaß seltsame, wunderliche +Eigenschaften. Er war aus feinstem Gold gemacht, und an der Innenseite +standen Buchstaben eingeätzt. Die Schrift war in hebräischer Sprache +und wies drei Namen auf. In diesen Landen war niemand so gelehrt, daß +er diese Schrift gründlich verstanden hätte, außer dem Meister Abryon +in Trier. Er versteht alle Sprachen von Poitou bis Lüneburg. Auch kennt +er alle Kräuter und Steine und ihre Eigenschaften.</p> + +<p>Ich zeigte ihm diesen Ring, und er sprach: ›In diesem Ring sind +wunderbare Kräfte verborgen. Als Seth das Öl der Barmherzigkeit im +Paradiese suchte, brachte er auch diesen Stein mit. Auch die Namen +stammen aus dem Paradiese. Wer diesen Stein<span class="pagenum" id="Seite_89">[S. 89]</span> bei sich tragt, der bleibt +von Donner und Blitz und allem Bösen unberührt.‹ Er sagte ferner: Wer +diesen Ring trüge, der könnte selbst in der grimmigsten Kälte nicht +erfrieren, und die größte Hitze könnte ihm nichts anhaben. Außen an +dem Fingerreife war ein heller Karfunkel, der so leuchtete, daß man in +finsterster Nacht alles sehen konnte. Und noch andere Tugenden besaß +der Stein. Alle Krankheiten heilte er: wer ihn berührte, der wurde +gesund. Nur gegen den Tod vermochte er nichts. Wer den Ring am Finger +trage, der käme glücklich durch alle Lande; Wasser und Feuer könnten +ihm nicht schaden, und er könnte weder verraten noch gefangen werden. +Kein Feind könnte ihn besiegen. Ja er würde die Gegner überwinden, und +wenn ihrer hundert an der Zahl wären. Ferner schützte er vor Gift und +anderen bösen Säften. Kurz, ich kann es nicht aussprechen, wie gut +und köstlich der Ring war. Ich hielt mich auch nicht für würdig, ihn +an der Hand zu tragen. Deshalb sandte ich ihn dem Könige, denn er ist +der Edelste und Herrlichste im Lande. All unser Glück hängt von seinem +Wohlergehen ab. Darum sollte der Ring ihn vor Krankheit und Gefahr +schützen.</p> + +<p>Ferner übergab ich dem Widder für die Königin einen Kamm und einen +Spiegel, dergleichen in aller Welt nicht zu finden sein mag. Diesen +Kamm und Spiegel nahm ich auch aus dem Schatze meines Vaters. O, wie +oft habe ich dieser Sachen wegen mit meinem Weibe Streit und Zank +gehabt! Denn sie begehrte sonst nichts auf der Welt als diese Kleinode. +Ich aber hatte sie für meine gnädige Königin bestimmt, denn sie hat mir +oft Gutes getan. Ja, vor allen meinen Wohltätern steht sie obenan. Sie +hat oft ein gutes Wort für mich eingelegt. Sie ist von edlem Stamm, +tapfer und tugendhaft, kurz sie allein verdiente, Kamm und Spiegel +zu besitzen. Doch leider wird sie diese Schätze wohl nie zu sehen +bekommen! Der Kamm war aus dem Knochen eines Panthers gemacht. Der +Panther ist ein edles Tier, das zwischen Indien und<span class="pagenum" id="Seite_90">[S. 90]</span> dem Paradiese zu +Hause ist. Sein Fell ist bunt und prächtig. Er verbreitet einen süßen +Geruch, so daß alle Tiere, groß und klein, ihm nachfolgen, wohin er +auch geht. Aus einem Knochen von diesem Tiere war der Kamm gefertigt; +so klar wie Silber, rein und weiß und wohlriechend. Denn wenn das Tier +stirbt, so geht sein Geruch in die Knochen über; sie verderben niemals +und bleiben immer wohlriechend.</p> + +<p>In diesen Kamm waren köstliche Bildnisse hineingeschnitzt aus rotem und +blauem Lasurstein, von Goldranken durchzogen.</p> + +<p>Da sah man die Geschichte des Paris: wie er einstmals nahe bei einem +Brunnen lag und die drei Göttinnen Pallas, Juno und Venus kommen +sah. Sie hatten einen goldenen Apfel und zankten sich darum, wer ihn +besitzen sollte. Als sie Paris erblickten, beschlossen sie, sich seinem +Urteil zu unterwerfen. Diejenige, die er für die Schönste erklärte, +sollte den Apfel erhalten. Jede der Göttinnen versuchte nun, Paris +zu ihren Gunsten zu stimmen. Juno sprach zu ihm: ›Gibst du mir den +Apfel und preist mich für die Schönste, so mache ich dich so reich, +wie noch nie ein Fürst vor dir war.‹ Pallas sagte: ›Wenn du mir den +Apfel zusprichst, so sollst du groß und mächtig werden, daß Freund und +Feind dich fürchten sollen.‹ Venus sprach: ›Was nützen ihm Reichtum +und Macht? Ist nicht König Priamus sein Vater? Sind nicht alle seine +Brüder reich und mächtig?. Alles, was ihr ihm geben wollt, hat er ja +schon! Willst du mich aber als die Schönste preisen und mir den Apfel +übergeben, so soll dir das Kostbarste auf Erden zuteil werden. Ich +gebe dir das schönste Weib, das je auf Erden gelebt hat, Helena, die +Königin der Griechen. Sie ist schön und edel, tugendhaft und weise!‹ +Da gab Paris der Venus den Apfel und pries sie als die Schönste der +drei Göttinnen. Sie aber führte ihn nach Griechenland und half ihm, die +schöne Königin zu gewinnen und nach Troja zu bringen. Diese Geschichte +stand auf dem Kamm<span class="pagenum" id="Seite_91">[S. 91]</span> in erhabener Arbeit, so klar und deutlich, daß es +jeder verstehen konnte.</p> + +<p>Nun höret noch, wie der Spiegel beschaffen war! An Stelle des Glases +war ein schöner, klarer Beryll eingesetzt. Man sah darin alles, was +eine Meile entfernt geschah, bei Tag oder bei Nacht. Hatte jemand in +seinem Auge einen Flecken oder in seinem Antlitze einen Fehler und sah +in diesen Spiegel, so verschwanden die Gebrechen im selben Augenblick. +Ist es da ein Wunder, daß ich mich gräme, einen so köstlichen Schatz +verloren zu haben? Das Holz, aus dem der Rahmen gefertigt war, +hieß Sethym. Es glich dem Ebenholz, war fest und blank und konnte +nie verfaulen oder von Würmern zerstochen werden. Es war kostbarer +als Gold. Aus solchem Holze war zu König Krompardes Zeit das Pferd +gearbeitet, auf dem er in einer Stunde hundert Meilen weit reiten +konnte. Das Pferd hat nie seinesgleichen gehabt, aber leider ist meine +Zeit zu kurz, um Euch diese Geschichte gründlich erzählen zu können. +Der Rahmen des Spiegels war anderthalb Fuß breit. Viele Bilder waren in +ihn hineingeschnitzt, deren Bedeutung in goldener Schrift darunterstand.</p> + +<p>Die erste Geschichte handelte von dem Pferde, das neidisch war, weil es +nicht wie der Hirsch laufen konnte. Es ging daher zu einem Hirten und +sprach: ›Glück auf! Setze dich auf meinen Rücken und folge meinem Rat. +Dort im Walde hat sich ein Hirsch versteckt. Den sollst du fangen, und +ich sage dir, deine Mühe wird sich reichlich belohnen. Sein Fleisch, +sein Geweih und sein Fell werden dir großen Nutzen bringen. Setze +dich also auf und laß uns jagen!‹ Der Hirt sagte, er wolle es wagen, +sprang auf den Rücken des Pferdes, und fort ging es in den Wald hinein. +Bald kamen sie auf die Spur des Hirsches und jagten ihm, so eilig +sie konnten, nach. Der Hirsch hatte aber einen großen Vorsprung, und +es gelang ihnen nicht, ihn einzuholen. Da sprach das Pferd zum Mann: +›Sitze<span class="pagenum" id="Seite_92">[S. 92]</span> ein wenig ab und laß mich etwas ruhen, denn ich bin sehr müde.‹ +›Nein,‹ erwiderte der Mann, ›wahrlich nicht! Wir reiten weiter. Und +wenn du mir nicht gehorchst, sollst du meine Sporen fühlen.‹ Seht, so +wurde das Pferd ein Sklave des Menschen. Es wurde hart gestraft für +seine Absicht, dem Hirsch Tod und Verderben zu bringen. So geht es +manchem, der einem anderen Schaden zufügen will!</p> + +<p>Ferner stand auf dem Rahmen die Geschichte von dem Hund und dem Esel. +Beide gehörten einem reichen Manne. Der Hund aber stand bei dem Herrn +in größerer Gunst als der Esel. Er saß an seines Herrn Tisch und +bekam die besten Bissen zu essen. Er wurde auf den Schoß genommen und +geliebkost. Dafür hatte er nichts weiter zu tun, als mit dem Schwanz zu +wedeln und zu schmeicheln. Das sah der Esel Boldewein und grämte sich +darüber. Er sprach zu sich selbst: ›Wie ist es nur möglich, daß mein +Herr so freundlich zu diesem faulen Hund ist, der nichts weiter tut +als lecken und schmeicheln? Ich aber muß die ganze Arbeit verrichten. +Ich muß schwere Säcke tragen und in vier Wochen mehr tun als fünf, ja +selbst zehn Hunde in einem ganzen Jahr ausrichten könnten. Er bekommt +feine Speisen zu essen, mir aber gibt man nichts als Heu. Er schläft +auf weichen Kissen, ich muß auf der harten Erde liegen. Ja, überall +spottet man über mich. Ich will das aber nicht länger ertragen, sondern +auch versuchen, die Huld meines Herrn zu erwerben.‹ Da kam der Herr +gerade nach Haus. Der Esel lief ihm entgegen, wedelte mit dem Schwanz +und schrie: Y—a — Y—a. Er stellte sich auf die Hinterfüße und leckte +seinem Herrn das Gesicht, wie er's vom Hunde gesehen. Dabei war er +aber ungeschickt und stieß dem Herrn zwei große Beulen. Da rief dieser +in großer Angst: ›Ergreift den Esel und schlagt ihn tot!‹ Die Knechte +prügelten alle auf ihn los und trieben ihn wieder in den Stall. So +blieb er, was er war — ein Esel.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_93">[S. 93]</span></p> + +<p>So gibt es manchen dummen Esel, der anderen ihr Glück mißgönnt und +es doch selbst nicht erringen kann. Ja, gelingt es einem auch, so +eignet er sich nicht besser dazu als ein Schwein, das mit Löffeln ißt. +Man lasse die Esel Säcke tragen und Disteln und Heu fressen. Tut man +ihnen größere Ehre an, so bleibt es bei der alten Lehre: Wo Esel die +Herrschaft haben, da sieht man selten großes Gedeihen. Meist suchen sie +ihren eigenen Vorteil und fragen wenig nach anderer Leute Wohlfahrt. +Dabei ist das Traurige, daß die Esel täglich an Macht höher steigen.</p> + +<p>Ferner war auf dem Rahmen zu sehen, wie mein Vater einstmals mit dem +Kater Hinze Freundschaft schloß. Sie schwuren einander, alle Beute +redlich zu teilen und sich in Gefahr treu beizustehen. So machten sie +viele Reisen zusammen. Einstmals sahen sie einen Jäger und Hunde auf +sich zukommen. Da rief Hinze in großer Angst: ›Jetzt ist guter Rat +teuer!‹ Mein Vater aber sagte: ›An gutem Rat fehlt es uns nicht, ich +habe noch einen ganzen Sack voll davon! Wir wollen aber unseren Schwur +halten und treu beieinander bleiben, dann wird noch alles gut werden.‹ +Hinze versetzte: ›Hier gibt es nur einen guten Rat, den will ich mir +zunutze machen.‹ Und damit sprang er auf einen Baum, wo ihn die Hunde +nicht erreichen konnten. Meinen armen Vater ließ er in größter Gefahr +allein. Spottend rief Hinze noch vom Baum herab: ›Wie steht es denn +nun mit Eurem Rat? Ihr hattet doch eben noch einen ganzen Sack voll! +Nehmt doch davon!‹ Da kamen auch schon Jäger und Hunde ganz nahe heran. +Mein armer Vater wurde durch dick und dünn gehetzt, bis er endlich, zum +Tode ermattet, seine Burg erreichte. Dort war er vor den Verfolgern +sicher. So verriet ihn der, dem er am meisten vertraute. Es müßte also +ein Wunder sein, wenn ich dem bösen Schelm, dem Hinze, gut wäre. Solche +falschen Freunde gibt es häufig in der Welt, die uns im Glück anhangen +und in der Not verlassen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_94">[S. 94]</span></p> + +<p>Dann stand auf dem Spiegel die Fabel von dem Wolf, der für empfangene +Wohltat nicht dankte. Der Wolf lief einstmals übers Feld und fand ein +totes Pferd, dem das Fleisch schon von den Knochen abgezehrt war. Der +Wolf war aber sehr hungrig und fiel über die abgenagten Überreste her. +Da blieb ihm ein spitzer Knochen im Halse stecken, den er nicht wieder +herausbringen konnte. Er war in großer Gefahr und glaubte sterben zu +müssen. Zu den berühmtesten Ärzten schickte er und bot demjenigen +großen Lohn, der ihn aus seiner Not befreien würde. Aber vergebens, +keiner konnte ihm helfen. Da kam auch Lütke, der Kranich, herbei. +Er trug ein rotes Barett auf dem Kopfe, weswegen der Wolf ihn Herr +Doktor nannte. ›Hilf mir geschwind,‹ sagte Isegrim zu ihm, ›und zieh' +mir den Knochen aus dem Hals, dann will ich dich reich belohnen.‹ Der +Kranich glaubte den schönen Worten und steckte Schnabel und Kopf dem +Wolf in den Rachen und zog den Knochen heraus. Da schrie der Wolf: +›Weh mir! weh mir! Was machst du mir für Schmerzen! Doch ich will es +dir verzeihen! Hätte mir das ein anderer getan, niemals hätte ich es +erduldet!‹</p> + +<p>›Seid zufrieden!‹ sagte der Kranich, ›Ihr seid nun geheilt. Darum gebt +mir meinen Lohn!‹</p> + +<p>Da sprach der Wolf: ›Höre mir nur einer diesen Narren! Er tut mir +weh und begehrt noch Lohn dazu! Habe ich nicht genug des Guten an +ihm getan? Er steckt seinen Kopf in meinen Rachen, und ich lasse ihn +denselben wohlbehalten herausziehen! Hätte hier jemand ein Recht auf +Lohn, so wäre ich es doch, denke ich!‹</p> + +<p>So belohnen Schurken ihre Wohltäter!</p> + +<p>Seht, solche Geschichten und noch andere waren in den Spiegel +geschnitzt und mit goldener Schrift erklärt. Ich hielt mich für +unwürdig und zu geringe, so köstliche Dinge zu besitzen. Darum sandte +ich sie der Königin und dem Könige, meinem Herrn. Meine beiden Kinder +waren sehr betrübt darüber; sie guckten gern in den<span class="pagenum" id="Seite_95">[S. 95]</span> Spiegel hinein, +tanzten und sprangen davor und sahen, wie ihnen ihr Mäulchen stand, und +wie ihnen die Schwänzchen hingen.</p> + +<p>Diese Kleinodien nun vertraute ich Bellyn und Lampe auf Treu und +Glauben an. Ich zweifelte nicht an ihrer Redlichkeit, sie waren meine +besten Freunde. Wie hätte ich ahnen können, daß Lampe dem nahen Tod +entgegenging! Jetzt rufe ich wehe! über den Mörder. Aber ein Mord +bleibt nicht lange verborgen. Die Wahrheit muß an das Tageslicht +kommen. Ich will nicht eher ruhen, bis ich erfahren habe, wer die +Kleinode gestohlen hat. Vielleicht ist sogar jemand unter den +Versammelten, der weiß, wo die Schätze geblieben sind, und wie Lampe +ums Leben kam.«</p> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_96">[S. 96]</span></p> + +<h2 class="s4">14. Kapitel.<br> +<span class="s3">Neue Lügen Reinekes und seine Freisprechung.</span></h2> +</div> + + +<p>Da alles im Saal ruhig blieb und sich keiner zum Wort meldete, fuhr +Reineke fort: »Seht, gnädigster Herr und König! Es kommen so viele +Sachen vor Euch, daß Ihr unmöglich alles im Gedächtnis behalten könnt. +Oder erinnert Ihr Euch vielleicht noch des großen Dienstes, den mein +Vater dem Euren erwies? Euer Vater lag im Sterben, und mein Vater +rettete ihm das Leben. Ich glaube zwar, Ihr könnt Euch dessen nicht +entsinnen, denn Ihr wart damals erst 3 Jahre alt.</p> + +<p>Es war ein sehr kalter Winter. Euer Vater lag schwerkrank danieder. +Er litt große Schmerzen und konnte sich nicht bewegen. Man mußte ihn +heben und tragen. Er ließ von weit und breit alle Ärzte rufen; doch +keiner konnte ihm helfen, alle erklärten, er sei dem Tode verfallen. +Endlich schickte man zu meinem Vater. Der war damals sehr angesehen bei +Hofe, denn er verstand die Kunst der Arzneimittel, konnte Zähne ziehen, +Brechmittel geben und hatte schon manchem in der Not geholfen. Als er +nun zu Eurem Vater kam und ihn so krank und schwach liegen sah, ging +es ihm sehr zu Herzen, und er rief: ›O, mein König, gnädigster Herr! +Könnte ich doch mein Leben hingeben, um Euch zu helfen! Ich täte es +mit Freude und Stolz! Aber es gibt nur ein Mittel, um Euch zu retten. +Ihr müßt die Leber eines siebenjährigen Wolfes essen. Dann werdet Ihr +genesen.<span class="pagenum" id="Seite_97">[S. 97]</span> Aber Eile ist vonnöten, sonst stehe ich für nichts!‹ Der +Wolf, der zugegen war, hörte diese Worte mit Schrecken. Der König +sprach zu ihm: ›Hört Ihr es, Herr Wolf? Ich brauche Eure Leber, um +gesund zu werden!‹ Der Wolf antwortete bebend: ›Herr, fürwahr, was +nützt Euch meine Leber? Ich bin noch nicht fünf Jahr alt.‹ Da sagte +mein Vater: ›Ich werde es der Leber schon ansehen, ob sie sich für den +König eignet.‹ Darauf führte man den Wolf in die Küche und riß ihm die +Leber heraus. Der König aß sie und wurde gesund.</p> + +<p>O, wie dankbar war er meinem Vater! Er schenkte ihm eine goldene Spange +und ein rotes Barett. Das mußte mein Vater immer tragen, und alle Leute +redeten ihn ›Herr Doktor‹ an. Der König schätzte ihn hoch und ehrte +ihn sein Leben lang; er mußte stets zur Rechten des Königs gehen. Wie +hat das Blatt sich jetzt gewendet! Mein Vater ist vergessen, und die +eigennützigen Schelmen werden erhöht. Man trachtet nur nach Vorteil und +Gewinn, aber rechte Weisheit wird nicht geschätzt. Leute aus niedrigem +Stand spielen sich als große Herren auf und drücken die Armen. Sie +vergessen ihre Herkunft und sind taub für alle Bitten, wenn nicht +gleich eine Gabe dabei ist. Ihre Meinung ist: Bringt nur her, dies +zuerst und hernach noch mehr! Solcher gierigen Wölfe gibt es viele. Die +besten Bissen nehmen sie für sich. Und könnten sie auch ihres Herrn +Leben mit einer Kleinigkeit retten, so täten sie es doch nicht. Jener +Wolf wollte auch nicht seine Leber für seinen König hingeben. Und +gleichwohl sähe ich es lieber, daß zwanzig Wölfe ihr Leben einbüßten, +als daß der König oder die Königin von uns genommen würde!</p> + +<p>Dies alles, Herr König, geschah in Eurer frühsten Kindheit, und ich +weiß wohl, daß Ihr Euch dessen nicht mehr erinnern könnt. Mir aber +hat es sich so eingeprägt, als wäre es erst gestern geschehen.<span class="pagenum" id="Seite_98">[S. 98]</span> Diese +Geschichte nun war auch auf dem Spiegel angebracht mit Gold und +Edelsteinen, wie es mein Vater haben wollte. Könnte ich nur diesen +Spiegel wieder ausfindig machen, so wollte ich mein Leben und Vermögen +daransetzen.«</p> + +<p>»Reineke,« sprach der König, »Eure Worte habe ich wohl gehört und +verstanden. War aber Euer Vater so tugendhaft und stand hier so hoch in +Ehren, so muß das schon sehr lange her sein. Ich erinnere mich dessen +nicht; auch hat mir's niemand berichtet. Von Euren schlimmen Ränken +aber weiß ich viel. Jeder weiß davon zu erzählen. Tut man Euch damit +unrecht? Das werdet Ihr schwerlich beweisen können! Wenn mir doch auch +mal etwas Gutes von Euch berichtet würde! Aber nein, das geschieht +niemals!«</p> + +<p>»Gnädigster Herr!« erwiderte Reineke. »Gestattet, daß ich hierauf +antworte. Ihr selbst wißt ja Gutes von mir. Nicht als ob ich mich +dessen rühmen wollte; denn ich bin jederzeit verpflichtet, alles +für Euch zu tun, was in meinen Kräften steht. Denkt Ihr nicht mehr +daran, wie einst Isegrim und ich ein Schwein gefangen hatten? Da es +fürchterlich schrie, bissen wir es gleich tot! Da kamt Ihr, Herr König, +und die Königin herzu. Ihr wart müde und hungrig und batet uns, die +Beute mit Euch zu teilen. ›Ja,‹ sprach Isegrim brummig, denn er tat es +höchst ungern. Ich aber sagte: ›Herr, es soll Euch von Herzen gegönnt +sein! Ja, hätten wir noch der Schweine viel mehr, sie ständen Euch +zu Diensten! Befehlt, wer es teilen soll!‹ ›Das soll der Wolf tun!‹ +spracht Ihr. Da freute sich Isegrim. Er teilte in seiner gewohnten +Weise, ohne jede Gerechtigkeit, nur zu seinem eigenen Vorteil. Ein +Viertel gab er Euch, ein Viertel Eurer Frau, die andere Hälfte nahm er +für sich selbst. Er aß über die Maßen gierig. Nur die Ohren und die +Schnauze und die halbe Lunge gab er mir. Alles andere behielt er für +sich, wie Ihr selbst saht. So zeigte er seinen Edelmut. Als<span class="pagenum" id="Seite_99">[S. 99]</span> Ihr aber +Euren Teil aufgegessen hattet, wart Ihr noch nicht satt. Das merkte ich +wohl. Auch der Wolf sah es, tat aber, als merkte er nichts, und fraß +ruhig weiter, ohne Euch etwas anzubieten. Da bekam er von Euch einen +Schlag hinter die Ohren, daß er furchtbar heulend und mit blutiger +Platte davonlief. ›Teile ein andermal besser,‹ rieft Ihr ihm nach, +›sonst will ich's dir beibringen! Eile jetzt und schaffe uns was zu +essen!‹ Da sprach ich: ›Herr, gebietet Ihr, so gehe ich mit ihm. Ich +weiß etwas Gutes aufzufinden.‹</p> + +<p>Das war Euch recht, und so ging ich mit dem Wolfe. Seufzend und +blutend trollte er neben mir her. Bald glückte es uns, ein fettes Kalb +zu erlegen. Das gefiel Euch wohl; Ihr freutet Euch sehr, als wir es +brachten, Ihr lobtet mich auch und sagtet, ich wäre gut, in der Zeit +der Not ausgesendet zu werden. Darauf befahlt Ihr mir, das Kalb zu +teilen. Ich sagte zu Euch: ›Herr, die eine Hälfte gehört Euch, die +andere der Königin. Was darinnen ist, Herz, Leber und Lunge, gehört +Euren Kindern. Mir gehören die Füße, und der Wolf soll das Beste haben +— den Kopf.‹ Als Ihr das hörtet, spracht Ihr: ›Reineke, wer hat Euch +so hübsch teilen gelehrt?‹ Ich versetzte: ›Herr, jener mit dem blutigen +Kopf hat's mich gelehrt! Denn heute, als Isegrim das Schwein teilte, +paßte ich gut auf und lernte, wie man Schweine und Kälber teilen muß.‹</p> + +<p>Seht nun, Herr König, so habe ich Euch stets die Euch gebührende Ehre +bewiesen. Alles was ich besitze und erwerbe, gehört Euch und der +Königin. Wenn Ihr nur an die Teilung des Schweines oder des Kalbes +denkt, so werdet Ihr erkennen, bei wem die rechte Treue ist, bei +Reineke oder bei Isegrim? Nun steht aber der Wolf hoch in Ehren und ist +Euer erster Minister. Euren Vorteil sucht er nicht; er ist stets nur +auf seinen eigenen bedacht. Er und Braun führen das große Wort, aber +Reinekes Sache wird nicht gehört.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_100">[S. 100]</span></p> + +<p>Es ist wahr, Herr, daß ich schwer verklagt bin. Doch will ich nicht +eher weichen, bis mir mein Recht geworden ist. Ist hier bei Hofe +jemand, der mir Böses nachweisen kann, so trete er mit seinen Zeugen +hervor. Er setze da sein Vermögen, ein Ohr oder sogar sein Leben ein +zum Pfand für die Wahrheit seiner Behauptungen. Solch Recht hat hier +jederzeit gegolten — ich nehme es auch für mich in Anspruch.«</p> + +<p>Dem König gefiel diese mutige Rede, und er erwiderte: »Es sei, wie +es sei, Recht muß Recht bleiben. So sollst du auch, Reineke, mit +Gerechtigkeit gerichtet werden. Man hat dich schwer angeklagt und dir +Lampes Tod zur Last gelegt. O wie ungern habe ich ihn verloren. Denn +ich hatte ihn sehr lieb. Und als mir Bellyn sein Haupt brachte, war +ich im tiefsten Herzen betrübt. Dennoch ist es möglich, daß der Widder +die Schandtat allein verübt hat. Ist aber sonst noch jemand, der über +Reineke klagen will, so trete er vor. Was mich selbst betrifft, so will +ich ihm vergeben, denn Reineke hat mir stets in Treue und Ergebenheit +gedient. Hätte aber jemand glaubwürdige Zeugen, so bringe er sie her, +und das Recht soll walten!«</p> + +<p>Reineke versetzte: »Gnädiger Herr, ich danke Euch sehr für Eure große +Gnade und Gerechtigkeit. Ich schwöre es bei meinem Eide: als Lampe und +Bellyn von mir schieden, tat mir das Herz recht weh; denn ich hatte +diese beiden sehr lieb. Wie konnte ich aber ahnen, daß Lampe der Tod so +nahe bevorstand!«</p> + +<p>So verstand es Reineke, den König und alle Anwesenden zu täuschen. +Er sprach so sicher und sah so ernst dabei aus, daß niemand an der +Wahrheit seiner Worte zweifeln konnte. Er hatte die Schätze so genau +beschrieben, daß man unmöglich annehmen konnte, die ganze Geschichte +sei nur erfunden. In dem König hatte er solche Begier nach den +Kostbarkeiten erweckt, daß dieser nur danach trachtete, sie wieder +aufzufinden. Darum sprach er zu dem<span class="pagenum" id="Seite_101">[S. 101]</span> Fuchs: »Seid ohne Sorgen, +Reineke! Ihr sollt frei reisen und versuchen, die Kostbarkeiten wieder +aufzufinden. Meine Hilfe soll Euch dabei zu Diensten stehen.«</p> + +<p>»Gnädiger Herr,« versetzte Reineke, »ich danke Eurer Majestät sehr für +die trostreichen und ermutigenden Worte. Euch kommt es zu, Raub und +Mord zu strafen, die leider der Schätze wegen begangen worden sind. +Ich will allen Fleiß anwenden und Tag und Nacht reisen. Erfahre ich es +dann, wo die Schätze geblieben sind, und reicht meine Kraft nicht aus, +sie Euch zurückzugewinnen, so werde ich Euer Gnaden um Hilfe anrufen. +Gelingt es dann, Euch die Kleinodien zu überliefern, so wäre meine Mühe +reichlich belohnt.«</p> + +<p>Mit Wohlgefallen hörte der König diese Worte. Er glaubte alles, was +Reineke sagte, obwohl ihn dieser so furchtbar betrogen und belogen +hatte. Aber auch alle anderen hatte der Schelm betört, und sie fanden +es ganz richtig, daß dem braven Reineke wieder die volle Freiheit +gewährt wurde. Nun konnte er tun und lassen, was er wollte, denn er +stand wieder in der Gunst seines Herrn.</p> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_102">[S. 102]</span></p> + +<h2 class="s4">15. Kapitel.<br> +<span class="s3">Neue Anklagen Isegrims und Reinekes Verteidigung.</span></h2> +</div> + + +<p>Einer aber war in der Versammlung, dem die Freisprechung Reinekes +durchaus nicht gefiel. Aufgeregt und zornig trat Isegrim vor den König +und sagte: »Herr König, gnädiger Herr! Glaubt Ihr Reineke jetzt aufs +neue, der Euch so viel vorgelogen hat? Wie könnt Ihr dem losen Schalk +nur trauen? Er betrügt sicherlich uns alle, denn er lügt immer und +sagt niemals die Wahrheit. Aber ich lasse ihn so noch nicht ziehen. +Ihr sollt es noch hören und erkennen, daß er ein falscher Bube ist. +Ich weiß noch drei schlimme Geschichten von ihm. Die will ich hier +öffentlich bekannt machen und meine Aussage mit Leben und Ehre +verfechten! Zeugen habe ich zwar nicht. Aber ist es denn möglich, für +alles Zeugen zu finden? Es wagt ja auch niemand gegen ihn zu zeugen, +denn er behält ja immer recht. Außerdem ist er niemandes Freund und +weder Euch noch Eurem Hause zugetan. Ich will ihn aber heute nicht von +hinnen lassen, ehe er mir nicht Rede gestanden hat. Gnädigster Herr, +Reineke hat stets meinem ganzen Geschlechte zu schaden getrachtet. Was +hat er nicht mir und meinem Weibe für Schimpf angetan?</p> + +<p>Einstmals führte er sie an einen Teich und befahl ihr, in den Schlamm +zu treten. Er sagte, er wolle sie lehren, Fische zu fangen. Sie solle +nur den Schwanz ins Wasser hängen, da würden so viele<span class="pagenum" id="Seite_103">[S. 103]</span> Fische anbeißen, +daß sie gar nicht alle essen könnte. Sie watete also hinein und schwamm +so lange, bis er ihr zurief, an der Stelle zu bleiben und den Schwanz +ins Wasser zu hängen. Der Winter war kalt, und es fror sehr scharf. +Endlich konnte es mein Weib nicht mehr aushalten, denn der Schwanz +war fest eingefroren. Da er aber so schwer war, glaubte sie, es wären +lauter Fische daran. Sie zog und zog, konnte aber den Schwanz nicht +herausbekommen. Reineke aber freute sich seines schändlichen Streiches. +Er stand am Ufer und verspottete sie. Da kam ich von ungefähr des +Weges. Wie erschrak ich, als ich mein Weib laut jammern und um Hilfe +rufen hörte! ›Reineke, was hast du getan?‹ rief ich. Aber kaum wurde +er mich gewahr, so lief er spornstreichs davon. Traurig ging ich +näher heran. Durch tiefen Morast mußte ich waten, durch kaltes Wasser +schwimmen, bis ich zu ihr gelangte. Nun bemühte ich mich, das Eis zu +brechen. Sie riß und zerrte, und endlich war sie frei. Aber ein Stück +des Schwanzes war im Eise geblieben. Ihr lautes Schmerzensgeschrei +war von den Bauern des Dorfes gehört worden. Sie wurden uns im Teiche +gewahr und kamen herbei mit Knütteln, Äxten und Prügeln. Auch Weiber +mit Spinnrocken liefen herzu. Alle riefen durcheinander: ›Fangt ihn, +schlagt ihn, tötet ihn!‹ Nie war es mir banger zumute. Wir liefen +beide, daß uns der Schweiß ausbrach. Da war ein böser Bube, der mit +einer langen Pike nach uns stach. Dieser tat uns den meisten Schaden. +Denn er war stark und leichtfüßig. Zum Glück war es Abend, und die +Nacht brach herein; sonst wären wir nicht mit dem Leben davongekommen. +Seht, Herr König, das war ein schändlicher Verrat, den Ihr sicher ohne +alle Gnade strafen werdet.«</p> + +<p>Auf diese Klage Isegrims sagte der König: »Um gerecht zu urteilen, will +ich erst hören, was der Verklagte zu sagen hat. Reineke, tretet vor!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_104">[S. 104]</span></p> + +<p>»Wäre alles wahr, was Isegrim gesagt hat,« versetzte der Fuchs, »so +würde es mir nicht zur Ehre gereichen. Verhüte Gott, daß man es für +Wahrheit halte. Richtig ist, daß ich der Wölfin einmal zeigte, wie man +Fische fangen sollte. Aber sie war so begierig danach, daß sie auf +nichts weiter hörte. Das Schlimme war, daß sie den Schwanz zu lange im +Wasser ließ. Darum fror er fest. Hätte sie ihn schneller herausgezogen, +so würde sie genug Fische gehabt haben. Allein sie wollte sich nicht +genügen lassen. Allzuviel begehren ist niemals gut. Einen Habgierigen +kann niemand sättigen. So erging es auch Frau Gieremund, als sie im +Eise festgefroren saß. Das ist jetzt der Dank dafür, daß ich ihr nach +Kräften half, sie herauszuheben. Allein es war umsonst, sie war mir +zu schwer. Da kam Isegrim dazu. Er stand am Ufer und schimpfte und +fluchte, denn er meinte, ich sei an dem Mißgeschick seiner Frau schuld. +Als ich seinen Zorn sah, machte ich, daß ich davonkam. Das war gewiß +auch das Klügste, was ich tun konnte, denn er war sehr aufgebracht und +drohte, es mir heimzahlen zu wollen. Sehet, Herr König, er klagt, daß +ihn die Bauern verfolgt haben. Oh, das tat beiden sehr gut. Es erwärmte +ihnen das Blut, nachdem sie im Wasser so sehr gefroren hatten. Was soll +man also weiter darauf hören? Hier steht ja Frau Gieremund. Man mag sie +befragen. Ich aber bitte mir eine Woche Frist aus, daß ich mich mit +meinen Freunden besprechen und mich mit ihnen beraten kann, wie ich die +Klage des Wolfes beantworten soll.«</p> + +<p>Da sprach Frau Gieremund: »Seht, Reineke, all Euer Wesen ist +Schalkheit, List und Spitzbüberei, Lug, Trug und Verrat. Ja, wer +Euren Worten traut, wird gewiß zuletzt hintergangen. Eure Worte sind +leichtfertig und betrügerisch, wie ich es bei dem Brunnen wohl erfahren +habe. Es hingen zwei Eimer daran. Ihr waret in den einen gestiegen +und damit niedergesunken, daß Ihr nicht wieder in die Höhe konntet. +Ich hörte Euch stöhnen und rief<span class="pagenum" id="Seite_105">[S. 105]</span> Euch zu: ›Wie seid Ihr denn da +hineingeraten?‹ Da sagtet Ihr zu mir: ›Steigt nur in den anderen Eimer +und kommt zu mir herab, so könnt Ihr Fische in Menge haben. Ich habe +schon so viele gegessen, daß mir der Leib davon weh tut.‹ Ich dummes +Weib glaubte das auch. Ich stieg in den Eimer und sank herab. Aber da +stieg der andere Eimer, in dem Ihr saßet, in die Höhe. Darüber war ich +sehr verwundert und fragte Euch, wie das zugehe? Darauf antwortetet +Ihr: ›Das ist nun so der Lauf der Welt! Der eine steigt, der andre +fällt! So geht es auch uns beiden. Der eine wird erniedrigt, der andere +erhöht, nach den Tugenden, die ein jeder hat!‹</p> + +<p>Darauf sprangt Ihr aus dem Eimer und lieft davon. Ich mußte aber +den ganzen Tag da sitzen und war hungrig und sehr betrübt. Da kamen +zwei Bauern an den Brunnen, und wie sie mich sahen, riefen sie: ›Ha, +da sitzt der Räuber, der uns unsere Lämmer würgt! Und sie zogen +mich heraus und prügelten auf mich los, daß ich knapp mit dem Leben +davonkam. Einen schlimmeren Tag habe ich nie erlebt!«</p> + +<p>»Das war zu Eurem Besten!« sprach Reineke, »daß Ihr so geschlagen +wurdet. Und mir war es auch sehr angenehm. Ich hätte die Schläge nicht +so gut vertragen können. Und einer von uns beiden mußte daran glauben. +Ihr habt aber auch eine weise Lehre dabei erhalten: daß Ihr ein +andermal besser auf Eurer Hut sein sollt und niemand zu viel Glauben +schenken dürft. Denn die Welt ist voller Bosheit!«</p> + +<p>»Das ist wahr,« sprach Isegrim, »ich habe es besonders an Reineke +erfahren. Wie oft hat er mich hintergangen! Ich habe noch lange nicht +alles erzählt. Einst kamen wir an einen Berg im Sachsenlande, wo ein +Geschlecht von Affen hauste. Er hieß mich in ihre Höhle kriechen und +wußte recht gut, daß es mir übel darin<span class="pagenum" id="Seite_106">[S. 106]</span> ergehen würde. Wäre es mir +nicht gelungen, den Ausgang zu erreichen, so hätte es mir gewiß ein Ohr +gekostet. Den meisten Schaden tat mir die Äffin, seine Muhme. Ihm aber +war es zuwider, daß ich mit dem Leben davonkam. Ich glaubte, ich sei in +der Hölle gewesen!«</p> + +<p>Da wendete sich Reineke an alle Herren, die mit ihm bei Hofe waren, und +sprach: »Isegrim ist nicht recht bei Sinnen, was er jetzt von der Äffin +spricht. Und seine Worte sind nicht zu verstehen. Es ist wohl zwei und +ein halbes Jahr her, daß ich mit ihm ins Sachsenland reiste. Es ist +aber alles gelogen, was er sagt. Denn es war ein Meerkatzen-Geschlecht. +Und auch das ist eine Unwahrheit, daß Meerkatzen meine Muhmen sind. +Frau Rückenau und Martin, der Affe, das sind meine Verwandten. Er ist +Notar und versteht das Recht. Was aber Isegrim von den Meerkatzen +erzählt, das sagte er bloß mir zum Spott. Denn ich habe nichts mit +ihnen zu tun. Sie sind niemals meine Freunde gewesen und sehen aus wie +die Teufel in der Hölle. Daß ich aber die Meerkatze meine Muhme hieß, +das tat ich nur aus Klugheit, um mir eine gute Aufnahme zu verschaffen.</p> + +<p>Die Sache verhielt sich nämlich so: Wir gingen einstmals um einen +hohen Berg herum und kamen an eine tiefe, dunkle Höhle. Isegrim war +vor Hunger ganz matt. Ich habe ihn übrigens nie so satt gesehen, daß +er nicht gern noch mehr gehabt hätte. Ich sagte zu ihm: ›In der Höhle +dort ist gewiß Speise genug vorhanden, und wer da wohnt, gibt einem +wohl davon ab.‹ Da versetzte Isegrim: ›Oheim Reineke, ich will hier +unter dem Baum warten. Geht hinein und fragt danach! Ihr eignet Euch +besser dazu als ich.‹ Und so wollte er mich in die Falle bringen. Wenn +ich aber etwas zu essen fände, so sollte ich es ihn wissen lassen. Ich +ging in die Höhle hinein, einen langen, dunklen Gang hindurch, in dem +mir angst und bange wurde. Solche Angst möchte ich um alles<span class="pagenum" id="Seite_107">[S. 107]</span> Gold in +der Welt nicht noch einmal ausstehen. Denn es waren da viele häßliche +Tiere, große und kleine. Das schlimmste aber war die alte Meerkatze. +Als ich sie erblickte, glaubte ich den Teufel selbst zu sehen. Sie +lag in der Ecke zusammengekauert. In ihrem großen, weit aufgesperrten +Maul standen lange Zähne. An Händen und Füßen hatte sie furchtbare +Krallen. Ihr Rücken endete in einem langen Schwanz. Nie habe ich ein +häßlicheres Tier gesehen! Die Jungen waren kohlschwarz und sahen wie +die leibhaftigen Teufel aus. Sie lagen in verfaultem Heu, bis an die +Ohren mit Schmutz bedeckt, und ein Geruch war in der Höhle, daß mir +übel davon wurde. Sie sahen mich sehr grimmig an, und ich dachte: +Ach, wäre ich nur glücklich wieder hier heraus! Die Alte war größer +als Isegrim und ihre Kinder fast ebenso groß. In dieser gefährlichen +Gesellschaft schien es mir nicht ratsam, die Wahrheit zu sagen. Denn +ihrer waren viele, und ich war allein, und alle sahen sehr böse aus. +Da fand ich einen Ausweg. Ich grüßte sie höflich und tat, als ob ich +sie kennte. Ich nannte die Meerkatze Muhme und die Kinder meine Neffen. +Ich sagte: ›Gott erhalte Euch lange gesund! Diese sind Eure Kinder, das +sehe ich wohl an der Ähnlichkeit. Sie gefallen mir über die Maßen gut. +Wie schön, wie lustig sie sind! Ein jeder davon könnte eines Königs +Sohn sein!‹</p> + +<p>Als ich sie nun so ehrerbietig begrüßte, wie ich es doch gar nicht +meinte, tat sie auch, als ob sie mich kennte. Sie war sehr vergnügt +und nannte mich Oheim, obgleich wir gar nicht verwandt sind. Und was +schadete es, daß ich sie Muhme nannte, wenn mir auch der Angstschweiß +dabei ausbrach?</p> + +<p>›Freund Reineke,‹ sprach sie zu mir, ›seid uns willkommen! Es ist mir +eine rechte Freude, daß Ihr mich besucht! Ihr seid ein kluger Mann und +könnt Eure kleinen Verwandten lehren, wie sie zu Ehre und Ruhm in der +Welt kommen könnten.‹</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_108">[S. 108]</span></p> + +<p>Seht, solch freundlichen Empfang hatte ich mir bloß dadurch verdient, +daß ich sie Muhme nannte und ihre Kinder lobte! Ich wäre gern so +schnell wie möglich fortgegangen, allein sie sagte: ›Oheim, ich lasse +Euch nicht fort, ehe Ihr eine gute Mahlzeit bei mir gegessen habt.‹ +Darauf brachte sie voll Eifer so viel Speisen herbei, daß ich sie +nicht alle aufzählen kann, Hirsche, Rehe und anderes Wildbret. Ich war +verwundert, wie sie zu all dem gekommen war. Ich nahm davon, was mir +gefiel, und aß mich recht satt. Als ich fertig war, gab sie mir noch +ein Stück von einem Hirsch für mein Weib und meine Kinder mit. Darauf +nahm ich Abschied von ihr, und sie sprach: ›Reineke, kommt oft wieder +her!‹ Ich versprach es und machte, daß ich hinauskam. Denn hätte ich +noch länger in dem Gestank aushalten müssen, ich hätte den Tod davon +gehabt.</p> + +<p>Draußen fand ich Isegrim stöhnend und matt unter dem Baume liegend. +›Wie geht es Euch, Oheim?‹ fragte ich ihn. ›Nicht gut,‹ erwiderte er. +›Ich muß umkommen, ich sterbe vor Hunger.‹ Ich erbarmte mich seines +Elends und gab ihm das Stück Fleisch, das ich geschenkt bekommen hatte. +Er aß, und es schmeckte ihm sehr gut. Ja, er war mir sehr dankbar, +obwohl er das jetzt vergessen zu haben scheint. Als nun der Wolf +gegessen hatte, sagte er zu mir: ›Oheim Reineke, sagt mir doch, wer +dort in der Höhle wohnt, und wie es darin aussieht, gut oder übel.‹ Ich +sagte die Wahrheit und gab ihm die besten Lehren. ›Es ist ein garstiges +Nest,‹ sagte ich, ›doch zu essen gibt es genug; wenn Ihr was haben +wollt, so geht nur hinein. Aber hütet Euch wohl, die Wahrheit zu sagen. +Die liebe Wahrheit müßt Ihr diesmal verbergen, wenn es Euch gut gehen +soll. Wer immer die Wahrheit sagt, muß viel Verfolgung erdulden. Redet +nur, was gerne gehört wird, und schweiget über das, was nicht zu sagen +nötig ist.‹</p> + +<p>Seht, Herr König, das waren meine Worte, die ich ihm auf den<span class="pagenum" id="Seite_109">[S. 109]</span> Weg +mitgab. Und so ging er fort, tat aber gerade das Gegenteil von dem, +was ich ihm gesagt hatte. Hat er nun etwas abbekommen, so ist es seine +eigene Schuld. Warum hat er meine Ratschläge nicht befolgt? Er sagte +keck, er wüßte schon selber, was er zu tun hätte, und ging in die Höhle +hinein.</p> + +<p>Da erblickte er nun die Meerkatzen, die wie die Teufel selbst aussahen. +›Hilf Gott!‹ rief er aus, ›was für scheußliche Tiere sind das! Sind +das Eure Kinder, oder sind sie aus der Hölle selbst entsprungen? Geht, +ersäuft sie, das ist mein Rat! Gehörten sie mir, so würde ich sie alle +hängen. Was soll solch böse Brut in der Welt? Wie garstig sehen sie +aus!‹</p> + +<p>Die Meerkatze versetzte: ›Welcher Teufel hat Euch hergesandt? Was habt +Ihr uns zu verspotten? Was habt Ihr überhaupt hier zu suchen? Ob meine +Kinder häßlich oder schön sind, was geht es Euch an? Reineke, der +Fuchs, ist doch gewiß klug; der war heute auch bei uns und fand meine +Kinder schön, sittsam und von guter Art. Er begrüßte sie als seine +nahen Anverwandten, und das vor kaum einer Stunde. Gefallen sie Euch +nicht so gut wie ihm, wer hat Euch denn hierher gebeten? Das sage ich +Euch, Herr Isegrim, wenn Ihr es wissen wollt.‹</p> + +<p>Da forderte der Wolf etwas zu essen von ihr. ›Gebt her,‹ rief er, +›oder ich werde Euch dabei helfen. Für mich sind die Speisen nötiger +als für diese Gespenster.‹ Da sprang die Meerkatze auf ihn zu, biß +und kratzte auf ihn los, und die Kinder machten es ebenso, bissen und +zerrten ihn aufs furchtbarste. Er fing an zu heulen und zu schreien. +Das Blut lief ihm über die Backen. Er setzte sich nicht einmal zur +Wehr, sondern lief, so schnell er konnte, aus der Höhle heraus. Ich +stand draußen und erwartete ihn. Er war jämmerlich zerschunden. Sein +Fell war zerzaust, ein Ohr war zerrissen. Mehrere Löcher hatten sie +ihm in den Kopf geschlagen. Das Blut floß in Strömen herab. Ich fragte +ihn:<span class="pagenum" id="Seite_110">[S. 110]</span> ›Habt Ihr etwa die Wahrheit gesagt?‹ ›Ja,‹ erwiderte er, ›ich +sagte, wie ich es fand. Die garstige Hexe hat mich arg beschimpft. Wäre +sie hier draußen, so sollte sie mir's teuer bezahlen! Wie gefallen Euch +ihre Kinder, Reineke? Sehen sie nicht garstig und häßlich aus? Da ich +ihr das aber sagte, war es um mich geschehen! Ich verscherzte mir damit +sogleich ihre Gnade und kam sehr übel dabei an.‹ Da erwiderte ich: +›Seid Ihr denn verrückt? So habe ich es Euch nicht gelehrt. Ihr hättet +zu ihr sagen sollen: Liebe Muhme, wie geht es Euch und Euren reizenden +Kinderchen? Sie sind alle, groß und klein, meine lieben Verwandten!‹</p> + +<p>Isegrim versetzte darauf: ›Ehe ich sie Muhme und die Kinder meine +Neffen nennen würde, eher soll sie lieber der Teufel holen! Ihre +Freundschaft kann ich gar wohl entbehren, denn es ist das ärgste +Lumpengesindel von der Welt.‹</p> + +<p>Seht, Herr König, so empfing Isegrim für sein schlimmes Benehmen +schlimmen Lohn. Hat er nicht unrecht, wenn er sagt, ich habe ihn +verraten und bin schuld daran, daß es ihm so übel erging? Fragt +ihn selbst, ob sich die Sache nicht so zugetragen hat, wie ich sie +erzählte.«</p> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_111">[S. 111]</span></p> + +<h2 class="s4">16. Kapitel.<br> +<span class="s3">Die Forderung und die Vorbereitung zum Zweikampfe.</span></h2> +</div> + + +<p>Auf diese Aufforderung versetzte Isegrim: »Wir wollen endlich zu +schwatzen aufhören und dem Dinge ein Ende machen! Warum sollen wir +uns fortwährend zanken? Reineke, Ihr sollt Euren Willen haben, ich +will mit Euch einen Zweikampf wagen. Dann wird es sich zeigen, auf +wessen Seite das Recht ist. Ihr sprecht hier von der Affenhöhle, wie +ich großen Hunger litt und Ihr mir etwas zu essen brachtet. Das war +aber ein bloßer Knochen, von dem Ihr schon alles Fleisch abgenagt +hattet! Ihr spottet meiner und tretet meiner Ehre zu nah'! Ihr habt +schändliche Lügen ersonnen, wie ich dem Könige, meinem Herrn, nach dem +Leben getrachtet hätte. Alles, was Ihr dem König von dem Schatz erzählt +habt, ist Lug und Trug. Niemand wird je die Kostbarkeiten zu sehen +bekommen, da sie gar nicht vorhanden sind. Ihr habt mich und mein Weib +unzählige Male betrogen und verraten. Mit freundlichen Worten habt Ihr +mir geschmeichelt, aber weh mir, wenn ich Euch traute! Ich fordere Euch +also jetzt zum Zweikampf auf Tod und Leben! So soll unser Zwist endlich +aufhören! Ich sage, daß Ihr ein Mörder und Verräter seid, ein Dieb und +ein Räuber! Hier werfe ich meinen Handschuh hin. Nehmt ihn auf, und der +Kampf soll zwischen uns entscheiden. Ihr, Herr König, und alle ihr<span class="pagenum" id="Seite_112">[S. 112]</span> +Herren, habt es gehört und sollt Zeugen bei dem Zweikampf sein! Der +morgige Tag entscheide, wer im Recht ist, Reineke oder ich!«</p> + +<p>So sprach der Wolf. Reineke aber dachte in seinem Sinn: »Das wird nun +um Gut und Leben gehen! Er ist groß, und ich bin klein. Er ist stark, +und ich bin schwach. Mache ich meine Sache diesmal schlecht, so ist +alles verloren. Doch wenn er auch stärker ist, so bin ich doch klüger +und weiß mir besser zu helfen. Auch kann ich schneller laufen als er, +denn ich habe noch die Klauen an meinen Vorderfüßen, während er sie +eingebüßt hat.«</p> + +<p>Und zum Wolf gewendet, sagte er: »Isegrim, Ihr seid selbst ein +Verräter! Alles, was Ihr mir hier zur Last legt, das lügt Ihr! Ich will +es wagen, mit Euch zu kämpfen. Denn das war von jeher mein Wunsch. +Alles, was Isegrim sagt, ist Lüge. Darauf setze ich mein Gegenpfand +hier vor Gericht!« Damit warf er seinen Handschuh hin.</p> + +<p>Der König empfing das Pfand von Isegrim ebenso wie das von Reineke und +sprach zu ihnen: »Ihr müßt nun beide Bürgen stellen, daß ihr morgen zum +Kampfe erscheinen wollt. Eure Angelegenheiten sind so verworren, daß +nur der Kampf zwischen euch entscheiden kann.«</p> + +<p>Isegrims Bürgen wurden Hinze, der Kater, und Braun, der Bär; Grimbart, +der Dachs, und Mönke, der junge Affe, wurden Bürgen für Reineke.</p> + +<p>Darauf wurde die Versammlung beendet. Zu Reineke aber trat Frau +Rückenau heran und sagte: »Freund Reineke, seid nur guten Mutes! Euer +Oheim Martin, der jetzt nach Rom gegangen ist, lehrte mich einst ein +gutes Gebet, das der Abt von Schluckauf verfaßt hat. Dieser Abt hatte +Martin lieb und schenkte ihm das Gebet und sprach: ›Dieses Gebet ist +allemal gut für den, der in den Streit geht. Man muß es frühmorgens +nüchtern über ihn lesen, so soll er den Tag über von aller Not frei +und selbst vor dem<span class="pagenum" id="Seite_113">[S. 113]</span> Tode sicher sein. An diesem Tage kann ihn niemand +verwunden.‹ Darum, lieber Oheim, seid guten Mutes! Ich will es morgen +früh über Euch lesen, so braucht Ihr Euch vor dem Tode nicht zu +fürchten.«</p> + +<p>Reineke antwortete: »Meine liebe Muhme, ich danke Euch von Herzen +dafür! Meine Sache ist gerecht, deshalb sehe ich getrost dem kommenden +Tag entgegen!«</p> + +<p>Reinekes Freunde blieben die Nacht über bei ihm, um ihm die Sorgen zu +vertreiben. Frau Rückenau, die Äffin, war beständig mit Rat und Tat +um ihn herum. Sie ließ ihm vom Kopf bis zum Schwanze alle seine Haare +abscheren und ihn ganz mit Öl bestreichen. Sie sprach zu ihm: »Reineke, +paßt wohl auf, was Ihr tut. Hört guter Freunde Rat, das wird Euch gut +tun und kann nie schaden. Ihr seid nun am ganzen Leibe rund und glatt; +Isegrim wird Euch nun mit seinen Tatzen nicht fassen und festhalten +können. Laßt Euch zuerst von ihm angreifen und jagen. Flieht eilig vor +ihm, aber — vergeßt das nicht — immer gegen den Wind. Da wirbelt Ihr +tüchtig Staub auf, der ihm in die Augen fliegt. Steht er dann still, um +sich die Augen auszuwischen, so schleudert Ihr ihm mit Eurem Schwanz +neuen Sand hinein. Er wird dann wie blind sein und nicht mehr wissen, +wohin er sich wenden soll. So, lieber Oheim! Nun legt Euch ruhig +schlafen, wir wollen Euch schon wecken, wenn es Zeit ist. Aber vorher +muß ich über Euch die heiligen Worte lesen, von denen ich Euch gesagt +habe.« Damit legte sie die Hand auf sein Haupt und sprach: »Gaudo +statzi salphenio, Caßbu, garfonns Barbas aßbulfrio! — Seht, Reineke, +nun seid Ihr wohl verwahrt!«</p> + +<p>Darauf legte sich der Fuchs zu Bett und schlief, bis die Sonne aufging. +Da kamen die Otter und der Dachs und weckten ihn.</p> + +<p>Die Otter brachte ihm eine junge Ente und sagte: »Ich habe manchen +Sprung gewagt, ehe ich sie dem Vogelsteller bei der<span class="pagenum" id="Seite_114">[S. 114]</span> Hühnerburg rechts +vom Damm wegstibitzen konnte. Laßt sie Euch wohlschmecken, lieber +Vetter!«</p> + +<p>»Das ist ein guter Morgengruß!« versetzte Reineke. »Verschmähte ich +das, so wäre ich ein Narr. Gott lohne es Euch, daß Ihr meiner so +gedenkt!«</p> + +<p>Reineke aß und trank tüchtig, damit er sich recht gestärkt fühle, und +ging dann in Begleitung seiner Freunde auf den Platz, wo der Kampf +stattfinden sollte.</p> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_115">[S. 115]</span></p> + +<h2 class="s4">17. Kapitel.<br> +<span class="s3">Der Zweikampf und seine Entscheidung.</span></h2> +</div> + + +<p>Als der König Reineke so geschoren und von Fett glänzend daherkommen +sah, lachte er aus vollem Halse und rief: »O, Fuchs, wer hat dich das +gelehrt? Wahrlich, an Schlauheit übertrifft dich niemand! Du weißt dir +immer zu helfen!«</p> + +<p>Reineke verneigte sich tief vor dem König und grüßte auch die Königin +mit größter Ehrerbietung. Er zeigte sich zum Kampf bereit und sprang +munter in den Kreis hinein.</p> + +<p>Da stand auch schon der Wolf mit seinen Freunden, die ihm alle das +Schlimmste wünschten. Sie sprachen manches boshafte Wort über ihn. Bald +darauf traten die Kampfrichter herbei, der Luchs und der Leopard, und +beide Kämpfer mußten den Eid leisten. Isegrim schwur, Reineke sei ein +Verräter, ein Dieb und ein Mörder, dafür wolle er sein Leben einsetzen. +Reineke dagegen tat den Schwur, Isegrim leiste einen falschen Eid, +jedes Wort, das er sage, sei eine Lüge. Und das wolle er ihm beweisen!</p> + +<p>Da sprachen die Kreishüter: »Tut, was ihr zu tun habt! Wer im Recht +ist, das wird sich bald zeigen!«</p> + +<p>Da gingen alle hinaus, groß und klein, die nichts darin zu tun hatten. +Nur der Wolf und der Fuchs blieben in dem Kreise.</p> + +<p>Die Äffin flüsterte Reineke zu: »Vergeßt nicht, was ich Euch geraten +habe!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_116">[S. 116]</span></p> + +<p>Frohen Mutes erwiderte der Fuchs: »Ich weiß, Ihr sähet es gern, +wenn es gut endete! Glaubt mir, ich werde meinem Feinde unverzagt +entgegengehen! Bin ich doch schon mancher Gefahr entronnen! Wie oft +habe ich schon mein Leben aufs Spiel gesetzt; so will ich es auch gegen +diesen Bösewicht wagen. Und ich hoffe, ich werde siegreich aus dem +Kampfe hervorgehen und sowohl ihn wie sein ganzes Geschlecht in Schande +bringen! Mir aber und allen meinen Verwandten werde ich Ehre bereiten. +Ich will dem Wolf schon eintränken, was er über mich gesagt hat!«</p> + +<p>Nun blieben diese beiden allein aus dem Kampfplatz, und ein paar +tapfere Kämpfer waren es, die man da bewundern konnte.</p> + +<p>Es erschallte die Trompete zum Zeichen, daß der Kampf beginnen sollte. +Voll Ingrimm, mit offenem Rachen und blitzenden Augen sprang der +Wolf aus seinen Gegner los. Dieser aber, leichter und gewandter als +der schwerfällige Wolf, sprang rasch zur Seite. Dann lief er immer +gegen den Wind vor dem Wolf her, seinen Schwanz im Winde schleifend. +Absichtlich ließ er Isegrim nahe herankommen, und als dieser glaubte, +ihn schon fassen zu können, schlug ihm der Schlaue den mit Sand +gefüllten Schweif so heftig in die Augen, daß dem Wolf Hören und +Sehen verging. Während dieser nun stehen blieb, um sich die Augen +auszuwischen, wirbelte Reineke immer mehr Staub und Sand auf und schlug +dem Gegner mit dem Schweif in die Augen, daß dieser nicht das Geringste +mehr sehen konnte. Schnell faßte ihn Reineke bei der Kehle, biß und +kratzte ihn und gab ihm noch lose Worte dazu. »Ei, Herr Isegrim,« +spottete er, »Ihr habt oftmals manch unschuldiges Lamm gefressen und +manch anderes harmloses Tier verschlungen; ich hoffe, Ihr werdet es +künftig nicht mehr tun. Das gereicht Eurer Seele sicher zum Heile, daß +Ihr in Zukunft nicht mehr rauben und morden könnt. Seid nur geduldig, +denn es ist bald aus mit Euch, da Ihr in Reinekes Macht geraten seid. +Doch<span class="pagenum" id="Seite_117">[S. 117]</span> wollt Ihr abbitten und Euch versöhnen, so will ich Eures Lebens +gern schonen.«</p> + +<p>Mit einem kräftigen Ruck riß sich Isegrim los. Da schlug ihm Reineke +ins Gesicht, daß er ein Auge verlor! Vor Schmerzen heulte er laut auf +und sprang wie rasend auf Reineke los. Er warf ihn auf die Erde nieder +und packte den einen Vorderfuß des Fuchses mit seinen Zähnen, indem er +rief: »O du Dieb, nun ist deine letzte Stunde gekommen! Erkläre dich +als überwunden, oder ich schlage dich tot. Deine Betrügereien sind zu +groß gewesen. Dein Staubaufwirbeln, dein Lügen und dein Fettschmieren +soll dir nun nichts helfen! Du kannst mir nicht mehr entgehen! Du hast +mir zu viel Schaden zugefügt und mir jetzt sogar ein Auge ausgerissen!«</p> + +<p>Reineke war sehr übel zumute. »Jetzt bin ich in der größten Gefahr,« +dachte er. »Ergebe ich mich nicht, so ist es mein Tod; ergebe ich +mich aber, so gerate ich in Schimpf und Schande.« Er legte sich also +aufs Bitten: »Lieber Oheim, schont meiner, und ich will gern Euer +Lehnsmann werden. Ich will für Euch zum Heiligen Grabe wallfahren und +Ablaß für Eure Seele erflehen. Ich will Euch in Ehren halten, als ob +Ihr der Papst in Rom wäret, ja Euch einen teuren Eid schwören, Euer +Knecht in Ewigkeit zu sein. Auch meine Verwandten sollen Euch stets +dienen. Alles, was ich fangen kann, das steht Euch zu Gebote; es mögen +nun Gänse, Enten, Hühner oder Fische sein, so will ich sie an Euren +Tisch liefern. Nur was Ihr übriglaßt, will ich für mich beanspruchen. +Ich will jederzeit auf Euer Wohl bedacht sein, daß Euch kein Schaden +geschehe. Ihr seid stark, und ich bin klug. Halten wir nun zusammen, +der eine mit Rat, der andere mit Macht, wer will uns dann etwas +anhaben? Wir sind so nahe Anverwandte, daß wir nicht miteinander +streiten sollten. Ich bin auch ungern in diesen Kampf mit Euch +gegangen; wenn ich ihm nur hätte entgehen können! Allein Ihr habt mich +dazu herausgefordert, da<span class="pagenum" id="Seite_118">[S. 118]</span> mußte ich wohl kommen, so ungern ich es auch +tat. Doch bin ich bisher noch sehr gnädig mit Euch verfahren und habe +nicht meine ganzen Kampfmittel aufgeboten. Ich habe eine Ehre darin +gesucht, Euch als meinen Oheim zu schonen. Sonst wäre ich ganz anders +mit Euch verfahren. Jetzt ist Euch noch nicht viel Schaden geschehen, +außer mit Eurem Auge. Und das geschah aus Versehen! O, wie leid tut es +mir! Aber ich weiß einen Rat, Euch wieder zu heilen. Doch verliert Ihr +selbst das Auge, und Ihr seid sonst gesund, so ist es nicht so schlimm. +Denn Ihr braucht nur ein Fenster zuzumachen, wenn Ihr schlafen geht, da +andere zwei schließen müssen.</p> + +<p>Noch eine andere Versöhnung will ich Euch anbieten. Alle meine Freunde, +mein Weib und meine Kinder, sollen sich vor Euch neigen in Gegenwart +des Königs, unseres Herrn, und sollen Euch um Reinekes Leben bitten. +Ich will auch öffentlich bekennen, daß ich nicht die Wahrheit gesagt +und Euch häufig belogen und betrogen habe. Schwören will ich, daß ich +nichts Böses von Euch weiß. Tötet Ihr mich aber jetzt, so müßt Ihr +allezeit in Angst vor meinen Verwandten und Freunden leben. Verschont +Ihr mich hingegen, so erwerbt Ihr Euch Ruhm und Ansehen und gewinnt +viele neue Freunde, die Euch jederzeit dienen werden. Tut nun, was Euch +gut dünkt. Mir ist wenig daran gelegen, ob ich lebe oder sterbe!«</p> + +<p>Da sprach der Wolf: »O du falscher Fuchs, wie gerne wärst du wieder +frei! Und wäre die ganze Welt aus rotem Golde, und du bötest mir +dieselbe zum Ersatz, ich ließe dich doch nicht los. Du hast mich zu oft +betrogen, du falscher, treuloser Gesell! Und gäbst nur sicherlich nicht +eine Eierschale, wenn ich dir dein Leben schenkte. Nach deinen Freunden +frage ich nicht viel. Ich will ihre Feindschaft schon ertragen und +werde mich zu wehren wissen, wenn sie mich angreifen. Ach, wie würdest +du mich verspotten, wenn ich<span class="pagenum" id="Seite_119">[S. 119]</span> mich durch deine Verlockungen verführen +ließe, dich freizugeben! Wie würdest du künftighin noch manchen +betrügen, der sich auf dein Lügen nicht verstände! Du sagst, du habest +mich verschont! Schau' nur her, du Bösewicht! Hast du mir nicht ein +Auge ausgerissen? Hast du mir nicht an allen Teilen meines Körpers mehr +als zwanzig Wunden beigebracht? Du ließest mir ja nicht die Zeit zum +Atemholen. Wie töricht würde ich handeln, wenn ich dir Gnade erwiese. +Nein, nein! Diesmal sollst du es mit dem Leben büßen!«</p> + +<p>Während der Wolf so sprach, hatte Reineke auf neue List gesonnen. +Er packte plötzlich den Wolf an der empfindlichsten Stelle seines +Körpers mit solcher Gewalt, daß Isegrim vor Schmerz laut aufschrie. Den +Augenblick benutzte Reineke, seine Pfote aus dem Rachen des Wolfes zu +ziehen, und nun hielt er den Wolf mit beiden Tatzen fest umklammert und +biß wie wild darauflos, wohin er eben traf. Isegrim schrie und heulte +vor Schmerz und sank endlich, von Blut und Wunden bedeckt, betäubt zur +Erde nieder.</p> + +<p>Voll Schrecken und Betrübnis sahen die Freunde des Wolfes dem Ausgang +des Kampfes zu. Sie eilten zum König und baten ihn, den Befehl zur +Beendigung des Kampfes zu geben. Der König war damit einverstanden. +Er gebot den beiden Kampfrichtern, dem Luchs und dem Leopard, dem +siegreichen Fuchs mitzuteilen, es sei nunmehr genug, und er, der König, +wünsche, daß man den Kampf endige. Diese beiden eilten sogleich in den +Kreis und sprachen: »Hört, Reineke! Wir Kampfrichter verkünden Euch +den Befehl des Königs! Er will den Krieg zwischen euch beiden endigen +und euch trennen. Er bittet Euch, Isegrim freizugeben und am Leben +zu lassen. Es wäre dem König leid, wenn einer von euch beiden in dem +Kampfe bliebe! Ihr, Reineke, habt den Sieg davongetragen, das sagt hier +jung und alt, und alle rechtlich Denkenden zollen Euch Beifall.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_120">[S. 120]</span></p> + +<p>Reineke entgegnete darauf: »Dafür sollen sie alle meinen Dank haben! +Gern gebe ich den Worten des Königs Gehör und gehorche seinem Befehle. +Mehr verlange ich nicht als den Sieg. Doch bitte ich den König, mir zu +gestatten, daß ich erst meine Freunde befrage.«</p> + +<p>Da riefen alle seine Freunde und Verwandten: »Ja, Reineke, es dünkt +auch uns gut, daß Ihr dem Willen des Königs folgt!«</p> + +<p>Darauf kamen sie von allen Seiten herbei, denn es hatten sich eine +ganze Menge zu dem interessanten Schauspiel eingefunden. Der Dachs, der +Affe und der Biber, die Otter, der Marder und das Eichhorn drängten +sich nun alle an den Fuchs heran. Ja, viele, die gegen ihn geklagt +hatten und nichts von ihm hatten wissen mögen, erzeigten ihm jetzt die +größte Liebe. Jeder wollte sein nächster Verwandter sein und sich in +seine Gunst setzen. Ja, so geht es in der Welt. Wem es gut geht, der +hat viele Freunde, wem es aber übel geht, der hat gewiß keine! So war +es auch hier. Als Reineke gewonnen hatte, wollte jeder auf seiner Seite +stehen. Die einen pfiffen, die anderen sangen, bliesen auf Posaunen +oder schlugen die Pauken. Alle seine Freunde riefen ihm zu: »Reineke, +seid froh! Ihr habt Euch in dieser Stunde mit Ruhm bedeckt. Wir waren +schon sehr betrübt, als Ihr zu unterliegen schienet. Aber das Glück hat +sich bald gewendet. Ihr seid mit Ehren aus dem Kampf hervorgegangen! +Das war ein treffliches Meisterstück!«</p> + +<p>Reineke dankte allen seinen Freunden und trat dann, von den +Kampfrichtern begleitet, vor den König. Demütig kniete er vor dem +Throne nieder. Der König aber hieß ihn aufstehen und sprach in +Gegenwart aller Herren zu ihm: »Ihr habt den Streit mit Ehren bestanden +und tapfer für Euer Recht gekämpft! So spreche ich Euch denn frei von +jeder Schuld, und keine Strafe soll<span class="pagenum" id="Seite_121">[S. 121]</span> Euch treffen. Alles übrige soll +entschieden werden, sobald Isegrim von seinen Wunden wiederhergestellt +ist.«</p> + +<p>Reineke sprach: »Herr, Eurem Rate folge ich immer gern. Ehe ich herkam, +klagte manch einer über mich, dem ich nie Schaden zugefügt hatte. +Mancher stimmte wohl nur in das allgemeine Geschrei gegen mich ein +aus Furcht vor dem Wolfe. Sie merkten, daß Isegrim damals besser bei +Euch angeschrieben war als ich. Wer im Recht war, das kümmerte sie +nicht. Sie glichen jenen gierigen Hunden, die vor der Küche warteten, +ob man ihnen nicht einen Knochen hinauswerfe. Da sahen sie einen +Hund herauskommen, der dem Koch ein großes Stück gesottenes Fleisch +wegstibitzt hatte. Es war ihm aber auch schlecht bekommen. Der Koch +hatte ihm sein Hinterteil mit kochendem Wasser begossen und ihm den +ganzen Schwanz verbrüht. Gleichwohl hielt er das Gestohlene fest. Als +er nun zu den anderen Hunden kam, riefen diese: ›Seht, diesem geht +es gut! Er hat den Koch zum Freunde! Welch prachtvolles Stück hat er +ihm gegeben!‹ Da sprach der arme Verbrannte traurig: ›Ihr preist mich +glücklich, weil ihr mich nur von vorne seht und euch das Stück Fleisch +gefällt. Aber seht mich nur mal von hinten an, da werdet ihr eure +Meinung bald ändern!‹ Als sie ihn nun recht besahen und bemerkten, wie +verbrannt er war, wie ihm die Haare ausfielen, und wie die ganze Haut +eingeschrumpft war, da befiel sie ein Grauen. Kein einziger wollte in +die Küche; sie liefen weg und ließen ihn allein.</p> + +<p>Herr, mit diesem Beispiel meine ich die Habgierigen. Kommen sie zu +Macht und Ansehen, so will sie ein jeder zum Freunde haben. Man sieht +täglich, ja stündlich auf sie, denn sie tragen das Fleisch im Munde. +Ein jeder sagt, was sie gern hören. Jeder lobt sie, ob sie gleich +nichts taugen. Und so wird ihre böse Sache immer von ihnen bestärkt. +Allein die Strafe folgt ihnen endlich nach. Ihr Regiment schlägt +schließlich um; zuletzt kann man sie<span class="pagenum" id="Seite_122">[S. 122]</span> nicht mehr leiden, und das Haar +fällt ihnen auf beiden Seiten aus; das sind ihre großen und kleinen +Freunde, die sämtlich von ihnen abfallen und sie allein stehen lassen, +wie diese Hunde taten, als sie ihren Kameraden verbrannt, blutig und +beschimpft vor sich sahen. Herr, versteht mich recht. Von Reineke soll +dies nicht gesagt werden. Ich will das beste Teil erwählen, und meine +Freunde sollen sich meiner nicht zu schämen haben. Ich danke Euer +Gnaden gehorsamst und bin jederzeit bereit, nach Eurem Willen zu leben.«</p> + +<p>Der König sprach darauf: »Wohl habe ich Euch verstanden, Reineke! Ich +setze Euch wieder in alle Eure Ehren ein. Ihr sollt zu den ersten +Baronen meines Reiches gehören. Jederzeit sollt Ihr bereit sein, +in meinem geheimen Rat zu erscheinen. Der Hof kann Euren Rat nicht +entbehren. Wenn Ihr Eure Weisheit mit Tugend verbindet, so steht hier +niemand so hoch wie Ihr. In Zukunft will ich keine Klagen mehr gegen +Euch mit anhören. Ihr sollt als Kanzler des Reiches Euer eigenes Urteil +sprechen. Mein königliches Siegel lege ich in Eure Hand. Was Ihr +schreibt und siegelt, das hat Geltung, als hätte ich es selbst getan.«</p> + +<p>So wurde nun Reineke der erste Staatsdiener an des Königs Hofe. Er +neigte sich vor König Nobel und sagte: »Gnädiger Herr, ich danke +Euch sehr, daß Ihr mir so große Ehre erweist! Ich werde mich immer +erkenntlich dafür zeigen und Eure Güte zu verdienen streben!«</p> + +<p>Dem Wolf erging es indessen sehr übel. Zum Tode ermattet und in großen +Schmerzen war er auf der Erde liegen geblieben. Nur seine Frau, seine +Kinder, Braun, der Bär, und Hinze, der Kater, waren um ihn versammelt. +Sie schafften eine Bahre herbei, legten ihn vorsichtig hinauf und +trugen ihn traurig vom Kampfplatz. Man rief sogleich Ärzte herbei, die +seine Wunden untersuchten. Er hatte deren sechsundzwanzig. Er wurde +verbunden und mußte Arznei zu sich nehmen; denn er war sehr schwach<span class="pagenum" id="Seite_123">[S. 123]</span> +und krank. Endlich schlief er ein wenig ein. Aber es dauerte nicht +lange, und er erwachte wieder. Der Kummer über die erlittene Schmach +ließ ihn keine Ruhe finden. Sein Weib, Frau Gieremund, saß an seinem +Lager in tiefer Betrübnis. Sie jammerte über die Schmerzen, die ihr +armer Mann auszuhalten hatte, und ärgerte sich, daß der Bösewicht +Reineke den Sieg über ihn davongetragen hatte.</p> + +<p>Reineke indessen weilte wohlgemut und frohen Sinnes im Kreise seiner +Freunde, die ihn umschmeichelten. Der König sagte ihm freundliche Worte +zum Abschied. »Reineke,« sprach er, »kehrt bald zurück, mein lieber +Kanzler!«</p> + +<p>Der Fuchs kniete vor dem Throne nieder und sagte:</p> + +<p>»Gnädiger Herr, ich danke Euch aus vollem Herzen, wie auch meiner +gnädigen Königin, Euren Räten und allen Herren am Hofe. Gott erhalte +Euch lange, reich an Ruhm und Ehren! Was Ihr anordnet, werde ich +jederzeit tun, nicht nur aus Pflicht, sondern auch aus Liebe! Denn ich +liebe und ehre Euch, wie Ihr es verdient. Wenn Ihr es gestattet, hoher +Herr, so will ich jetzt zu meinem Weibe und meinen Kindern reisen, die +ungeduldig meiner harren und gewiß über mein langes Ausbleiben schon +sehr bekümmert sind.«</p> + +<p>Der König sprach: »So reist denn glücklich, mein lieber Reineke!«</p> + +<p>So schied Reineke von des Königs Schloß, mit schönen Worten und in +großer Gnade. Der König gab ihm ein ansehnliches Geleit mit auf den +Weg. Wohl vierzig Ritter folgten ihm, alle sehr stolz auf diese Ehre. +Reineke schritt wie ein Prinz voran. Es war ihm sehr wohl zumute. Er +hatte des Königs Gnade wiedergewonnen und war Reichskanzler geworden. +»Ei,« dachte er bei sich, »nun soll mir's nicht fehlen! Wem ich jetzt +wohl will, dem kann ich<span class="pagenum" id="Seite_124">[S. 124]</span> helfen; wer mein Freund ist, dem soll's auch +gut gehen! Daher preise ich die Weisheit mehr als alles Gold der Welt!«</p> + +<p>Also ging Reineke mit seinen Freunden nach seinem Hause Malepartus. +Er dankte ihnen allen sehr für ihre Treue, daß sie ihm in der Not +beigestanden hatten, und bot ihnen seine Dienste für die Zukunft an. +Darauf schieden sie voneinander.</p> + +<p>Reineke trat in seine Burg ein, wo ihn Frau Ermelyn sehr erfreut +willkommen hieß. Sie erkundigte sich nach den Angelegenheiten bei +Hofe, und wie es ihm ergangen wäre. Der Fuchs sagte zu ihr: »Die Sache +hat eine glückliche Wendung genommen. Ich stehe hoch in der Gnade des +Königs. Er hat mich wieder zum Rat an seinem Hofe ernannt und mich über +alle Herren gesetzt. Das gereicht unserem Geschlecht zu großen Ehren. +Er hat mich zum Kanzler des Reiches erwählt, und ich werde künftighin +seine Siegel führen. Was Reineke tut und schreibt, das hat Gültigkeit. +Dem Wolfe habe ich wohl für immer die Lust benommen, mich zu verklagen. +Er ist im Zweikampf unterlegen. Ich habe ihn auf einem Auge geblendet +und schwer verwundet. Wer weiß, ob er mit dem Leben davonkommt! Aber +wenn er auch lebt, Schaden kann er mir doch nicht mehr anhaben; denn +ich bin sein Obermann geworden und aller seiner Gesellen dazu!«</p> + +<p>Da war nun die Frau Füchsin über die Maßen froh, und mit ihr freuten +sich die beiden Söhnchen Reinhart und Rossel, daß ihr Vater so hoch +erhoben war. Sie riefen: »Nun wollen wir froh und sorglos leben, unsere +Burg befestigen und immer glücklich und zufrieden sein!«</p> + +<figure class="figcenter padtop2 padbot2 illowe4" id="124_decoration_2"> + <img class="w100" src="images/124_decoration.jpg" alt="deko"> +</figure> + +<p class="s5 center">Druck von A. Seydel & Cie. G.m.b.H., Berlin SW 61.</p> + +<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77153 ***</div> +</body> +</html> diff --git a/77153-h/images/002_illustration.jpg b/77153-h/images/002_illustration.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..5145d36 --- /dev/null +++ b/77153-h/images/002_illustration.jpg diff --git a/77153-h/images/005_decoration.jpg b/77153-h/images/005_decoration.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..01f7159 --- /dev/null +++ b/77153-h/images/005_decoration.jpg diff --git a/77153-h/images/008_decoration.jpg b/77153-h/images/008_decoration.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..f7e0c52 --- /dev/null +++ b/77153-h/images/008_decoration.jpg diff --git a/77153-h/images/009_decoration.jpg b/77153-h/images/009_decoration.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..d952379 --- /dev/null +++ b/77153-h/images/009_decoration.jpg diff --git a/77153-h/images/032_illustration.jpg b/77153-h/images/032_illustration.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..a8f6aa7 --- /dev/null +++ b/77153-h/images/032_illustration.jpg diff --git a/77153-h/images/080_illustration.jpg b/77153-h/images/080_illustration.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..c8b6be9 --- /dev/null +++ b/77153-h/images/080_illustration.jpg diff --git a/77153-h/images/124_decoration.jpg b/77153-h/images/124_decoration.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..2135478 --- /dev/null +++ b/77153-h/images/124_decoration.jpg diff --git a/77153-h/images/cover.jpg b/77153-h/images/cover.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..791fa20 --- /dev/null +++ b/77153-h/images/cover.jpg diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6c72794 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This book, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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