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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77153 ***
+
+
+=======================================================================
+
+ Anmerkungen zur Transkription.
+
+Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und Interpunktion des
+Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler
+sind stillschweigend korrigiert worden.
+
+Worte in Antiqua sind so =gekennzeichnet=, gesperrte so ~gesperrt~.
+
+=======================================================================
+
+
+ Reineke Fuchs
+
+
+ [Illustration: Reineke Fuchs 1.
+ Als der Wagen weiterfuhr, warf Reineke fortwährend Fische herab.
+ Der Wolf kam herbei und ließ sich's wohlschmecken.]
+
+
+
+
+ Reineke Fuchs
+
+ Der alten Sage nacherzählt
+
+ von
+
+ Helene Fuchs
+
+ Mit Illustrationen in Farbendruck
+ nach Originalen
+
+ von
+
+ Max Wulff
+
+ 1921
+
+ Meidinger's Jugendschriften Verlag G.m.b.H.
+ Berlin W. 66
+
+
+
+
+ Inhalt.
+
+
+ Seite
+
+ Einleitung 7
+
+ ~Reineke Fuchs.~
+
+ 1. Kapitel. Reineke wird angeklagt 9
+
+ 2. Kapitel. Braun entbietet Reineke an des Königs Hof 15
+
+ 3. Kapitel. Hinze überbringt den Befehl des Königs 22
+
+ 4. Kapitel. Grimbart bei Reineke. Die Beichte 26
+
+ 5. Kapitel. Das Gericht und der Urteilsspruch. Reineke unter
+ dem Galgen 33
+
+ 6. Kapitel. Die Geschichte von der Verschwörung 40
+
+ 7. Kapitel. Reineke tritt seine Pilgerfahrt an. Lampe und
+ Bellyn in Malepartus 49
+
+ 8. Kapitel. Die Sühne. Reineke wird abermals angeklagt 58
+
+ 9. Kapitel. Grimbart in Malepartus 65
+
+ 10. Kapitel. Reinekes zweite Beichte 69
+
+ 11. Kapitel. Reinekes Verteidigung 75
+
+ 12. Kapitel. Der Mann mit der Schlange 81
+
+ 13. Kapitel. Reineke verteidigt sich weiter. Der wunderbare
+ Ring, der Kamm und der Spiegel 87
+
+ 14. Kapitel. Neue Lügen Reinekes und seine Freisprechung 96
+
+ 15. Kapitel. Neue Anklagen Isegrims und Reinekes Verteidigung 102
+
+ 16. Kapitel. Die Forderung und die Vorbereitung zum Zweikampfe 111
+
+ 17. Kapitel. Der Zweikampf und seine Entscheidung 115
+
+
+ [Illustration]
+
+
+
+
+ Einleitung.
+
+
+Schon in den frühesten Zeiten des Menschengeschlechts hat sich die
+Phantasie des Volkes damit beschäftigt, das Leben der Tiere zu
+vermenschlichen, d. h. Tiere wie Menschen von bestimmtem Charakter und
+Stande reden und handeln zu lassen. Solche Tiermärchen und Tierfabeln
+waren bei den allerverschiedensten Völkern in Umlauf, sie haben
+aber für uns erst literarische Gestalt angenommen in den Äsopischen
+Fabeln, die sich von Griechenland aus auf dem Wege über Italien durch
+schriftliche und mündliche Überlieferung bei allen Völkern unseres
+Erdteils verbreiteten. Aus einer dieser Äsopischen Fabeln, die von der
+Feindschaft zwischen Fuchs und Wolf und dem Siege der List des einen
+über die rohe Kraft des anderen handelt, ist nun die mittelalterliche
+Tierdichtung hervorgegangen.
+
+Die frühesten Spuren derselben sind in einer lateinischen Dichtung des
+frühen Mittelalters, die einen Mönch aus Lothringen zum Verfasser hat,
+zu erkennen. Schon in dieser Erzählung von der Heilung des kranken
+Löwen durch die Haut des Wolfes stecken zahlreiche satirische Züge,
+Beziehungen auf kirchliche und politische Zustände, auf das Leben bei
+Hofe und im Kloster, und gerade diese satirische Behandlung gibt der
+ganzen späteren Tierdichtung bis auf unseren Reineke Fuchs das Gepräge.
+
+Auf dem Grenzgebiet zwischen Frankreich und Deutschland hat sich nun
+auch die weitere Ausbildung der Tiersage vollzogen. Hier wurden zuerst
+den Tieren menschliche Eigennamen verliehen; ein Vorgang, der an sich
+nichts Überraschendes hat, rufen doch auch wir unsere Haustiere, Hund
+und Katze, Ziege und Lamm, Kuh und Pferd, mit Personennamen. Die
+gewählten Namen sind meist Kose- oder Verkleinerungsformen: Reineke
+von Reinhart (franz. =Renard=), Hinze von Heinrich, Lampe von
+Lamprecht, Henning von Johannes usw.
+
+Die wichtigste und für die ganze spätere Zeit bedeutungsvollste
+Darstellung hat die Tiersage in Nordfrankreich gefunden. Französische
+Spielleute verfaßten eine Anzahl von Tierschwänken, =branches=,
+aus denen allmählich der große französische =Roman de Renard=
+herauswuchs.
+
+Indessen erreicht das Tierepos seine klassische Gestalt in den
+Niederlanden. Nach verschiedenen Vorstufen erhielt es seine endgültige
+Fassung im 15. Jahrhundert in Flandern durch Hinrik van Alkmar, dessen
+Werk dann von einem Unbekannten in die niedersächsische Mundart
+übertragen wurde. So entstand der »Reynke de Vos«, der zuerst im Jahre
+1498 in Lübeck gedruckt und darauf zu wiederholten Malen bis auf die
+neueste Zeit ins Hochdeutsche und in andere Sprachen übertragen wurde.
+
+Eine Prosaübersetzung dieses »Reynke« von dem bekannten Leipziger
+Professor Gottsched wurde endlich die Quelle für das klassische
+Tierepos der Neuzeit, für Goethes köstlichen »Reineke Fuchs«. Auch wir
+haben uns im ganzen dieser Quelle angeschlossen.
+
+Möge die alte Dichtung in der neuen Fassung auch weiter ihren
+Zauber ausüben und recht viele jugendliche Leser durch ihre frische
+Natürlichkeit und ihren gesunden Humor erfreuen!
+
+ [Illustration]
+
+
+
+
+ [Illustration]
+
+
+
+
+ Reineke Fuchs.
+
+ 1. Kapitel.
+
+ Reineke wird angeklagt.
+
+
+Es war an einem Pfingsttage; Wälder und Felder grünten und blühten; die
+Vögel sangen ihre fröhlichen Lieder; der Tag war heiter und das Wetter
+schön, als Nobel, der Löwe, der König der Tiere, Boten aussandte und
+alle seine Untertanen an seinen Hof entbieten ließ. Darauf erschienen
+viele große Herren mit starkem Gefolge: Braun, der Bär, Isegrim, der
+Wolf, Lütke, der Kranich, Marquart, der Häher, und viele andere;
+sie alle waren gekommen, um ihrem Herrn die schuldige Ehrfurcht zu
+bezeigen. Nur Reineke, der Fuchs, fehlte. Er mied den Hof, denn er
+hatte so viele lose Streiche begangen und den Tieren so viel Böses
+angetan, daß er unter ihnen nur noch einen Freund hatte, Grimbart, den
+Dachs, mit dem er nahe verwandt war.
+
+Als der ganze Hof versammelt war, trat Isegrim, der Wolf, vor den Thron
+des Königs und begann zu klagen: »Gnädigster Herr und König! Ihr seid
+edel und groß und verhelfet einem jeden zu seinem Rechte! So helfet
+auch mir jetzt und strafet Reineke für all das Böse, das er mir und
+den Meinen zugefügt hat. Mein Weib hat er beschimpft und meine Kinder
+hat er mit schädlichem Unrat besudelt, daß drei von ihnen blind in der
+Höhle liegen. Längst schon sollte er mir für seine bösen Taten Rede
+stehen, aber er hält sich in seiner starken Burg versteckt. Gnädigster
+Herr! Wollte ich all das Böse erzählen, das mir dieser Bube zugefügt
+hat, wahrlich, es gehörten Wochen dazu. Ich übergehe es daher mit
+Stillschweigen. Jedoch die Verhöhnung meines Weibes und das Unglück
+meiner Kinder sollen nicht ungerächt bleiben.«
+
+Kaum hatte Isegrim seine Rede beendet, da sprang Wackerlos, das
+Hündchen, hervor und erzählte kläglichen Tones in französischer
+Sprache, wie es einst so arm gewesen, daß es nur ein kleines Würstchen
+besaß, und auch dieses habe Reineke genommen.
+
+Funkelnden Auges trat Hinze, der Kater, hervor und sprach: »Wo ist
+wohl einer in der ganzen Versammlung, der nicht Reineke mehr fürchtete
+als Euch? Was aber die Klage des Wackerlos betrifft, so gehörte die
+Wurst mir. Ich kam einstmals bei Nacht in eine Mühle, fand den Müller
+schlafend und nahm die Wurst. Kam sie in den Besitz des Hundes, so
+verdankt er sie meiner List!«
+
+»Was nützen Klagen und Reden!« sprach der Panther. »Sind nicht genug
+Schandtaten des Frevlers bekannt? Er ist ein Dieb und ein Mörder!
+Verlören wir alle, auch der König, Gut, Ehre und Leben, er lachte dazu,
+würde ihm nur ein einziger Bissen von einem fetten Huhn dabei zuteil!
+Hört nur, was er noch gestern Lampe, dem Hasen, angetan! Hier steht
+er, der friedliche Mann, und wird die Wahrheit meiner Rede bezeugen.
+Reineke sagte, er wolle ihn singen lehren und zu einem Kaplan machen.
+Ohne Arg setzte sich Lampe vor ihm nieder, und beide begannen zu
+singen. Doch plötzlich ergriff Reineke den Hasen und versuchte ihn
+zu erwürgen. Wäre ich nicht zufällig des Weges gekommen, unfehlbar
+hätte er ihn getötet. So aber gelang mir's, den Braven zu retten. Seht
+hier die frischen Wunden am Halse des friedlichen Mannes, der gewiß
+niemandem Übles tut. So saget nun an, Herr König, und ihr, Vasallen des
+Reiches, soll es ohne Strafe hingehen, daß Reineke also freventlich des
+Königs Frieden zu brechen wagt?«
+
+Da sprach Isegrim: »Reineke tut nimmermehr Gutes! Am besten für alle
+würde es sein, Reineke wäre tot! Wird ihm aber auch diesmal verziehen,
+so wird es noch manchem unter uns schlimm ergehen, der es jetzt am
+wenigsten ahnt!«
+
+Länger vermochte Grimbart, der Dachs, nicht zu schweigen. Er trat mutig
+hervor, um seinen Verwandten zu verteidigen. »Herr Isegrim,« sprach er,
+»es ist ein altes Sprichwort: ›Feindes Mund schafft selten Frommen.‹
+Ihr habt es jetzt leicht, meinen Oheim zu schmähen, da er nicht
+zugegen! Stünde er hier und besäße wie Ihr des Königs Liebe, so hättet
+Ihr Euch wohl bedacht, ihn also anzuschwärzen und die alten Geschichten
+hervorzukramen! Freilich, von dem, was Ihr Reineke getan, schwieget Ihr
+weislich! Manche der Herren hier wissen es wohl, wie Ihr und Reineke
+einst ein Bündnis schlosset und einander versprachet, treue Freunde zu
+sein. Hört, Majestät, wie Isegrim die Treue gebrochen! Einmal fuhr ein
+Mann durch den Wald, der Fische auf seinen Wagen geladen hatte. Isegrim
+verspürte große Lust, von den Fischen zu essen. Er hatte aber kein
+Geld, sich welche zu kaufen. Da schaffte Reineke Rat. Er legte sich auf
+den Weg und stellte sich tot. Als nun der Fuhrmann herankam und meinen
+Oheim liegen sah, stieg er vom Wagen herab, zog sein Messer hervor
+und wollte ihm das Fell abziehen. Da Reineke sich aber nicht regte
+noch rührte, hielt er ihn für tot und warf ihn auf den Wagen. Alles
+dies wagte mein Oheim um Isegrims willen! Als der Wagen weiterfuhr,
+warf Reineke fortwährend Fische herab. Der Wolf kam herbei und ließ
+sich's wohl schmecken. Endlich sprang mein Oheim herab, um auch von den
+Fischen zu essen; allein Isegrim hatte sie alle verzehrt. Ja, er hatte
+so viel gefressen, daß er fast platzte. Meinem Oheim gab er die Gräten.
+
+Ein andermal entdeckte Reineke bei einem Bauern ein
+frischgeschlachtetes Schwein. Er vertraute es in gutem Glauben dem
+Wolfe. Beide gingen hin; Reineke kroch zum Fenster hinein und warf
+das Schwein herunter. Isegrim packte es und lief mit ihm davon. Da
+erwachten die Hunde im Hofe, ergriffen Reineke und zerzausten ihm
+furchtbar sein armes Fell. Mit knapper Not kam er davon, gelangte zum
+Wolfe und forderte sein Teil. Der hatte indessen das ganze Schwein
+verzehrt und gab meinem Oheim das Krummholz, daran es gehangen hatte.
+
+Erhabener Herrscher, so könnte ich hundert solcher Streiche und mehr
+erzählen, die Isegrim an Reineke verübt hat! Um aber auf das Märchen
+vom armen, mißhandelten Hasen zurückzukommen, so sage ich Euch: Soll
+der Lehrer nicht das Recht haben, den Schüler zu züchtigen? Sagt
+selbst, was soll aus der Jugend werden, wenn alle Unart unbestraft
+bliebe? Nun klagt Wackerlos, Reineke habe ihm einst ein Würstchen
+genommen. Er hätte besser geschwiegen! Hinze, der Kater, sagt ja, die
+Wurst war gestohlen! Reineke ist ein braver Mann! Hört nur, wie er
+lebt, seit des Königs Frieden den Tieren verkündet ward! Er speist nur
+einmal des Tages und enthält sich jeglichen Fleisches. Sein Schloß
+Malepartus hat er verlassen und baut sich eine einsame Klause. Mir,
+seinem Neffen, tut es weh, daß er hier so verklagt wird, und ich bitte
+Eure Majestät, ihn bald seinen Feinden gegenüberzustellen.«
+
+Kaum hatte Grimbart seine Rede beendet, da kam Henning, der Hahn, mit
+seinem ganzen Gefolge. Auf einer Bahre trugen sie Kratzefuß, die beste
+der Hennen. Traurig trat Henning vor den König und sprach: »Gnädiger
+Herr! Erbarmet Euch meiner und meiner Kinder, denen Reineke großes
+Leid zugefügt hat! Noch vor kurzem erfreute ich mich mit meiner Frau
+meines stolzen Geschlechtes. Zehn Söhne und vierzehn Töchter blühten
+uns lieblich heran. Starke Mauern umgeben den Klosterhof, auf welchem
+wir leben. Oftmals schlich Reineke bei Nacht um die Mauern, aber sechs
+treue Hunde wachten beständig und verjagten ihn immer. Da sann er auf
+List: Einstmals kam er als Klausner verkleidet mit einem Brief, daran
+Euer Siegel hing, zu mir. In dem Brief stand geschrieben, daß Ihr, Herr
+König, allen Tieren festen Frieden gebietet.
+
+Reineke fügte hinzu, er habe ein Gelübde getan, kein Fleisch mehr zu
+essen und ein frommes Leben zu führen; deshalb brauche sich niemand in
+Zukunft vor ihm zu fürchten. Darauf nahm er Abschied von mir und zog
+seines Weges.
+
+Da war ich sehr glücklich, eilte zu meiner Frau und den Kindern und
+erzählte ihnen die ganze Geschichte. Ach, wie waren sie froh! Wir
+eilten alle hinaus ins Freie, denn niemand lebt gern hinter Mauern.
+Doch wehe! Reineke hatte sich im Gebüsch versteckt, sprang hervor und
+holte sich eins meiner Kinder. Seitdem kam er immer wieder bei Tag und
+bei Nacht, so gut hatte ihm mein Söhnlein geschmeckt, und selbst die
+treuen Hunde konnten uns nicht mehr vor ihm schützen. Von allen meinen
+Kindern blieben mir nur noch fünf. Sehet, Herr König, diese blühende
+Tochter hat er mir gestern getötet, die Hunde jagten sie ihm ab. Ich
+bringe Euch nun den Leichnam, daß Ihr Euch meines Unglücks erbarmt und
+an dem Mörder Vergeltung übt!«
+
+Da sprach der König zornig: »Nun, Herr Dachs, höret Ihr wohl? Sind das
+die Fasten, die sich Euer Oheim auferlegt? Aber ich verkünde es Euch,
+er soll gestraft werden für alle seine Missetaten! Zunächst aber soll
+Eure Tochter, trauriger Henning, mit allen Ehren bestattet werden.«
+
+Darauf wurde von allen Anwesenden ein feierlicher Gesang angestimmt
+und die tote Henne in die Erde gesenkt. Auf ihr Grab setzte man
+einen schönen, blanken Marmorstein; darauf stand zu lesen in goldenen
+Buchstaben:
+
+ »Kratzefuß, Hahn Hennings Tochter, die beste,
+ Die stets viel Eier legte im Neste,
+ Die wohl mit ihren Füßen konnte schraben,
+ Liegt unter diesem Steine hier begraben.
+ Der falsche Reineke hat sie erbissen,
+ Sie will, daß die ganze Welt es soll wissen.«
+
+Darauf rief der König alle Weisen seines Reiches zusammen, um mit ihnen
+über Reinekes böse Taten zu Rate zu sitzen. Man beschloß, einen Boten
+zu ihm zu senden und ihn aufzufordern, am nächsten Gerichtstag bei Hofe
+zu erscheinen, bei Todesstrafe aber nicht auszubleiben. Braun, der Bär,
+wurde auserwählt, die Botschaft zu überbringen. Und der König sagte zu
+ihm: »Braun, sei auf deiner Hut! Der Fuchs ist falsch und hinterlistig,
+er wird dich belügen und betrügen!«
+
+»Das soll er wohl bleiben lassen!« versetzte der Bär. »Ich beteuere es
+mit meinem Eide: Reineke soll mir nicht das Geringste tun! Es würde ihm
+auch übel bekommen!«
+
+
+
+
+ 2. Kapitel.
+
+ Braun entbietet Reineke an des Königs Hof.
+
+
+Stolzen Mutes machte sich Braun auf den Weg zu Reinekes Burg
+Malepartus. Er wanderte durch eine große, sandige Wüste, bis er endlich
+die schönen, grünen Berge erreichte, an denen das Schloß lag.
+
+Er pochte mehrmals an die schwere, verschlossene Pforte. Es erschien
+aber niemand, zu öffnen. Da rief er laut: »Reineke, seid Ihr drinnen?
+Ich bin Braun und komme als Bote des Königs. Ihr sollt bei Hofe vor
+Gericht Euch stellen! Folget Ihr aber nicht dem Befehle, so seid Ihr
+des Todes! Darum rate ich Euch, folgt mir sogleich zum König!«
+
+Reineke lag drin auf der Lauer und hörte alle diese Worte.
+
+»Könnte ich doch diesem Braun,« so dachte er, »für seine hochmütige
+Rede etwas aufzählen!«
+
+Gleich zu öffnen, schien ihm nicht ratsam, Braun konnte ja noch andere
+Tiere im Hinterhalt haben. Um nachzudenken, was am besten zu tun sei,
+ging er tiefer in seine Festung hinein. Malepartus war kunstvoll
+gebaut, Löcher und Gänge gab es hier und manche verborgene Pforte, die
+er je nach Bedarf öffnete oder verschloß. Hier fand er Schutz, wenn er
+verfolgt ward, und manches unschuldige Tier verirrte sich hier hinein
+und fiel ihm zur Beute.
+
+Als Reineke sich überzeugt hatte, daß der Bär allein gekommen war, trat
+er hinaus und begrüßte ihn: »Seid willkommen, Oheim Braun! Ich las eben
+die Vesper. Darum konnte ich nicht sogleich kommen. Ich hoffe, daß Eure
+Ankunft mir zum Vorteil gereichen wird! Es war aber ein anstrengender
+Weg für Euch! Ihr schwitzt ja, daß Euer Haar naß ist! Hatte denn der
+König keinen anderen Boten als Euch, den edelsten Herrn des Reichs?
+Indessen ist es zu meinem Nutzen; Euer kluger Rat wird mir beim König
+zu statten kommen. Höret, werter Oheim, ich hatte beschlossen, morgen
+am Hof zu erscheinen, doch habe ich von einer Speise, an die ich nicht
+gewöhnt bin, zu viel gegessen, und sie verursacht mir große Schmerzen
+im Leibe.«
+
+»Was aßet Ihr denn?« fragte Braun.
+
+Reineke versetzte: »Was nützt es Euch, wenn ich es Euch sage! Es war
+nur eine einfache Speise! Ein armer Mann kann ja nicht wie ein Graf
+leben! So haben wir jetzt in der Not frische Honigscheiben gegessen,
+die es hier reichlich gibt. Davon bin ich so krank!«
+
+»Ei, ei,« versetzte Braun, »haltet Ihr Honig für etwas Schlechtes?
+Honig ist eine kräftige Speise, die ich allen anderen Gerichten
+vorziehe. Lieber Reineke, verschafft mir welchen, ich will Euch dafür
+nach Kräften dienen und Euch immer dankbar sein!«
+
+Reineke rief: »Treibt keinen Spott mit mir, Oheim Braun!« Braun
+erwiderte: »Nein, so wahr Gott mir helfe!« »Nun, wenn es Euer Ernst
+ist,« sprach Reineke, »so will ich Euch Honig verschaffen. Der Bauer
+Rüsteviel wohnt kaum eine halbe Meile von hier. Er hat so viel Honig,
+wie Ihr noch nie beisammen gesehen habt.«
+
+Brauns Gelüste nach der süßen Speise ward immer größer, und er sagte:
+»Führt mich nur sogleich hin, lieber Reineke, ich will es Euch stets
+gedenken. Sollte ich mich aber mal an Honig wirklich satt essen, so
+müßte man mir sehr viel davon vorsetzen.«
+
+»O,« versetzte Reineke, »Euch soll es an Honig nicht fehlen! Zwar wird
+mir das Gehen heute schwer, doch will ich Euch zuliebe den Weg gern
+machen. Denn Ihr seid mir der Liebste von allen meinen Verwandten. Und
+Ihr werdet mir auch am Hofe des Königs beistehen und mich gegen meine
+Feinde verteidigen. Folget mir nur! Ich will Euch so honigsatt machen,
+daß Ihr eine Weile genug habt!«
+
+Voller Freude folgte ihm der Bär; der Abend war hereingebrochen, als
+sie an des Bauern Rüsteviel Hof kamen. Dort lag eine mächtige Eiche,
+die weit aufgespalten war, denn der Bauer hatte zwei starke Keile
+hineingetrieben. Nun sprach Reineke: »Sehet, Oheim, in diesem Baum ist
+mehr Honig, als Ihr verzehren könnt. Nehmt nun davon, doch ja nicht
+zuviel, es könnte Euch schaden!«
+
+Braun erwiderte: »Sorget nur nicht! Ich weiß wohl Maß zu halten in
+allen Dingen.«
+
+Also ließ sich der Bär betören und steckte seinen Kopf und die
+Vorderpfoten tief in den Baum hinein. Nun zog der Fuchs mit großer
+Anstrengung die Keile heraus, der Spalt ging zusammen, und da war nun
+der Bär mit Kopf und Füßen gefangen! O, wie er da bat und flehte! Doch
+der Fuchs hatte kein Erbarmen. Da fing der Bär an zu heulen und mit
+den Hinterfüßen zu schlagen und machte solchen Lärm, daß der Bauer
+herbeikam. Als Reineke ihn sah, rief er dem Bären zu: »Nun, Freund
+Braun, schmeckt der Honig süß? Jetzt kommt Rüsteviel und wird Euch wohl
+zur Mahlzeit ein Schlückchen kredenzen.« Und damit machte er sich auf
+den Heimweg nach seinem Schloß Malepartus.
+
+Als Rüsteviel den Bären erblickte, lief er sogleich ins Dorf, rief alle
+Bauern zusammen und sprach: »In meinem Hof hat sich ein Bär gefangen,
+kommt geschwind mit mir!« Schleunigst folgten ihm alle; ein jeder nahm
+eine Waffe: der eine eine Heugabel, der andere eine Harke, der dritte
+einen alten Spieß, der vierte einen Zaunpfahl. Der Pfarrer und der
+Küster kamen auch herbei. Ja, sogar des Pfarrers alte Köchin wollte
+dabei nicht fehlen; sie hatte als Waffe ihren Spinnrocken ergriffen,
+um damit des Bären Fell gehörig zu bearbeiten. Als der arme Braune den
+Lärm und das Geschrei der vielen Menschen hörte, ward ihm himmelangst
+zumute. Mit gewaltigem Ruck riß er den Kopf aus der Spalte, doch, o
+weh! die ganze Haut mit beiden Ohren blieb darin stecken, und das
+Blut rieselte ihm am Halse herunter. Und noch immer war er an den
+Pfoten gefesselt. Näher und näher kam das Toben. Da riß er mit größter
+Kraftanstrengung die Tatzen heraus, doch das Fell blieb im Spalt
+stecken. Die Füße taten so weh, daß er nicht laufen konnte; da kamen
+auch schon die Bauern herbei und fielen über ihn her mit Schlägen und
+Stößen. Auch die Weiber halfen mit, ihm das Fell zu gerben. Der Pfarrer
+schlug ihn mit einem langen Stabe. Von fern warfen sie mit Steinen.
+Endlich kam auch noch Rüsteviels Bruder und versetzte ihm einen so
+wuchtigen Schlag vor den Kopf, daß ihm für einen Augenblick Hören und
+Sehen verging. Dann aber sprang er rasend vor Schmerz empor und geriet
+zwischen die Weiber. Diese erschraken gewaltig und sprangen so eilig
+davon, daß viele in den tiefen Mühlbach stürzten. Da rief der Pfarrer:
+»Kinder, seht, dort schwimmt Frau Jutte, meine treffliche Köchin! Zwei
+Tonnen Bier gebe ich zum Besten, wenn ihr sie rettet!« Da liefen alle
+zum Bache und retteten die Weiber.
+
+Indessen kroch der Bär, halbtot vor Schmerzen, zum Wasser hin, denn er
+dachte: Lieber den Tod im Wasser erdulden als von den Bauern erschlagen
+werden. Doch siehe da! Er ertrank nicht, der Strom trug ihn hinweg! Als
+die Bauern das sahen, riefen sie aus: »O, solche Schande, daß wir den
+Bären entwischen lassen! Daran sind nur die Frauen schuld, die immer
+nur stören! Doch komm' nur bald wieder, du Schelm, du hast ja deine
+Ohren und Handschuhe zum Pfande gelassen!« So folgte dem Schaden auch
+noch der Spott.
+
+Doch Braun war froh, daß er entkommen war. Er verfluchte den Baum,
+verfluchte die Bauern, verfluchte aber besonders Reineke, der ihn
+verraten hatte. Der reißende Strom riß ihn in kurzer Zeit eine Meile
+hinab. Er kroch ans Land und glaubte bald sterben zu müssen.
+
+Als Reineke den Bären in Rüsteviels Hofe verlassen hatte, war er auf
+die Hühnerjagd gegangen, aß sich tüchtig satt und lief dann zum Bache,
+um zu trinken. Dabei sprach er zu sich selbst: »Wie froh bin ich, daß
+ich es dem Bären mal ordentlich gegeben habe! Er hat jetzt gewiß schon
+mit Rüsteviels scharfem Beil Bekanntschaft gemacht! Er war von jeher
+mein Feind! Doch nun ist er tot und wird nicht mehr über mich klagen!«
+Da hörte er neben sich stöhnen und erblickte den Bären, der matt und
+blutend im Grase lag.
+
+Da rief Reineke aus: »O Rüsteviel, dummer Wicht, wie konntest du dir
+die vortreffliche Speise entgehen lassen!« Und höhnisch sprach er
+zum Bären: »Nun, Oheim Braun, wie hat der Honig gemundet? Habt Ihr
+vielleicht bei Rüsteviel etwas vergessen? Ich will es ihm melden, daß
+er es Euch bringe! Ihr habt ihm wohl gar den Honig gestohlen? Oder habt
+Ihr ihn bezahlt? Lieber Oheim, bei welchem Orden habt Ihr Euer Gelübde
+getan, daß Ihr ein rotes Barett auf dem Haupte tragt? Oder seid Ihr
+gar Abt geworden? Der hat Euch gewiß nach den Ohren geschnappt, der
+Euch die Platte geschoren hat! Auch das Fell von Euren Backen und die
+Handschuhe habt Ihr verloren!«
+
+Länger konnte Braun die höhnischen Reden nicht ertragen. Er kroch in
+den Bach, trieb mit dem Strome abwärts und kam an das andere Ufer.
+Krank und matt lag er da, und traurig sprach er zu sich selber: »Ach,
+daß mich nur einer tot schlüge! Ich kann kaum von der Stelle und muß
+noch an den Hof des Königs reisen. Wie wird man mich verspotten, daß
+ich so arg geschändet bin! Aber Reineke soll es mir büßen!«
+
+Er raffte sich endlich auf, schlich sich mit großer Mühe fort und
+erreichte am vierten Tage des Königs Schloß.
+
+Als Nobel den Bären so elend und blutend vor sich sah, erschrak er
+sehr und rief: »Bist du es wirklich, mein teurer Braun? Was ist dir
+geschehen?«
+
+»Gnädiger Herr König,« erwiderte der Bär, »ich klage Euch mein Leid!
+Sehet den schändlichen Verrat, den Reineke an mir verübt hat!«
+
+Zornig versetzte der König: »Solcher Frevel soll ohne alle Gnade
+gestraft werden! Wie konnte es Reineke wagen, einen so edlen Herrn so
+furchtbar zu schänden? Wahrlich, ich schwöre es bei meiner Ehre und
+bei meiner Krone: Reineke soll die Strafe erdulden, die du von mir
+forderst! Halte ich diese Zusage nicht, so will ich nimmermehr ein
+Schwert führen!«
+
+Sogleich traten alle Edlen zur Beratung zusammen, und man beschloß,
+einen neuen Gerichtstag zu halten, und Hinze, der Kater, der klug und
+gewandt war, sollte zu Reineke gehen und ihn zum Könige befehlen. Als
+dieser Entschluß gefaßt war, wandte sich der König an Hinze und sprach:
+»Geh' also und sage Reineke, wenn er sich noch länger weigern sollte,
+vor Gericht zu erscheinen, so würde es ihm und seinem Geschlecht zu
+ewigem Schaden gereichen.« Hinze erwiderte: »Verehrter Herr König,
+wollt Ihr nicht einen anderen mit der Botschaft betrauen? Braun ist
+stark und groß, und ihm mißlang der Auftrag; ich bin klein nur und
+schwächlich, wie wird es mir ergehen?« Der König versetzte: »Bist
+du auch nicht groß von Gestalt, so bist du doch klug und gewandt:
+Es bleibt dabei, du überbringst ihm die Botschaft!« »Herr König!«
+antwortete Hinze, »Euer Wille geschehe! Sehe ich ein gutes Zeichen zu
+meiner Rechten am Wege, so wird es mit meiner Reise wohl ablaufen!«
+
+
+
+
+ 3. Kapitel.
+
+ Hinze überbringt den Befehl des Königs.
+
+
+Als Hinze ein Stück des Weges gewandert war, sah er einen Martinsvogel
+und rief: »Glück auf, edler Vogel, wende deine Flügel und fliege nach
+meiner rechten Seite!« Der Vogel flog und setzte sich auf einen Baum,
+der links am Wege stand. Hinze war darüber sehr betrübt, doch machte er
+es, wie es so mancher tut, und sprach sich selber Mut zu. Darauf reiste
+er weiter nach Malepartus und traf Reineke vor der Tür seines Hauses
+sitzend.
+
+»Guten Abend, Reineke!« sprach Hinze höflich. »Der König sendet mich
+zu Euch, um Euch vor Gericht zu laden. Weigert Ihr Euch aber, mit mir
+zu kommen, sagt der König, so wird er Euch und Euer ganzes Geschlecht
+furchtbar strafen!«
+
+Reineke hieß den Kater herzlich willkommen. Im Innern aber sann er auf
+neue Ränke, wie er den Kater verraten und betrügen könne. Darum sprach
+er freundlich: »Lieber Neffe, was wünscht Ihr heute abend zu essen?
+Denn ich will Euer Wirt sein. Dann gehen wir morgen mit Tagesanbruch
+nach Hofe. Unter allen meinen Freunden habe ich niemanden, auf den ich
+mich besser verlassen kann als auf Euch. Nimmer hätte ich es gewagt,
+mit dem grimmigen Bären, der so stark ist, den Weg zu machen! Aber,
+Neffe, mit Euch gehe ich gern morgen früh.«
+
+Hinze erwiderte darauf: »Nein, laßt uns lieber jetzt fort! Der Mond
+scheint hell, der Weg ist gut, und die Luft ist warm.«
+
+Reineke antwortete: »Bei Nacht reisen, bringt Gefahr. Glaubt nur,
+mancher, der uns bei Tage freundlich grüßt, würde uns bei Nacht Böses
+tun!«
+
+Hinze sprach: »Vetter Reineke! Laßt mich also wissen, was ich essen
+soll, wenn ich bei Euch bleibe?« »Wir leben hier von sehr geringer
+Kost,« antwortete Reineke. »Ich will Euch Honigscheiben vorsetzen, die
+ganz frisch und süß sind.« »Die habe ich niemals gegessen!« rief Hinze
+aus. »Gebt mir doch eine fette Maus, die ist mir lieber als Honig!« »So
+gern eßt Ihr Mäuse?« fragte Reineke. »Ist das Euer Ernst? Nicht weit
+von hier wohnt der Pfarrer. In seiner Scheune wimmelt's von Mäusen. Wie
+oft hörte ich ihn darüber klagen!« Unbedachtsam sprach Hinze: »Vetter,
+bringt mich dahin! Denn mehr als jede andere Speise liebe ich die
+Mäuse!« »Gut,« sprach Reineke, »Ihr sollt eine Mahlzeit haben, wie Ihr
+sie niemals gehabt. Kommt, laßt uns gehen!«
+
+Beide kamen bald an die Scheune. Reineke hatte in der vorigen Nacht ein
+Loch durchgebrochen und einen Hahn geraubt. Um den Dieb das nächste Mal
+zu fangen, hatte Martinchen, des Pfarrers Sohn, eine Schlinge gelegt.
+Reineke wußte das, darum sprach er:
+
+»Neffe Hinze, kriechet in das Loch, Ihr werdet dort Mäuse in Menge
+finden. Ich werde indessen Wache stehen. Wenn Ihr satt seid, kommt
+wieder heraus. Wir bleiben dann die Nacht über in meiner Wohnung, und
+früh morgens machen wir uns auf den Weg zum König.« Ängstlich sprach
+Hinze: »Soll man es wirklich wagen, da hineinzukriechen? Die Pfaffen
+haben auch bisweilen Böses im Sinne.« Da sagte Reineke: »Seid Ihr so
+furchtsam? Das wußte ich nicht. So kommt, laßt uns umkehren! Mein Weib
+wird uns gute Speisen vorsetzen, wenn auch die Mäuse dabei fehlen.«
+
+Nun schämte sich Hinze seiner Ängstlichkeit. Er kroch in das Loch, aber
+o weh! er geriet in die Schlinge. Nun wollte er zurück, der Strick
+zog sich aber nur fester um seinen Hals, daß er weder vorwärts noch
+rückwärts konnte. Da fing er an zu heulen und flehte den Fuchs um Hilfe
+an. Dieser freute sich des wohlgelungenen Streichs, sprang vor das Loch
+und rief dem Kater zu: »Hinze, wie schmecken die Mäuse? Sind sie auch
+gut und fett? Ihr singt ja so schön beim Essen, ist das bei Euch Sitte?
+Wie gern wollte ich, daß Isegrim in demselben Loche steckte wie Ihr!
+Dann sollte er mir alles bezahlen, was er mir Leides getan hat!« Mit
+diesen Worten lief er davon.
+
+Der arme Hinze, der sich nicht befreien konnte, miaute und knurrte ganz
+jämmerlich. Das hörte Martinchen, des Pfarrers Sohn, der die Schlinge
+gelegt hatte. Schnell sprang er aus dem Bett, weckte Vater und Mutter
+und alles Gesinde und rief voll Freude: »Gott Lob und Dank! Mein Strick
+war gut gelegt! Nun ist der Hühnerdieb gefangen! Jetzt soll er aber
+auch seinen Lohn haben!« Alle liefen zur Scheune, selbst der Herr
+Pfarrer ging mit. Martinchen ging mit einem Stock auf den Kater los und
+versetzte ihm derbe Schläge, ja er schlug ihm sogar ein Auge aus. Der
+Pfarrer aber hatte einen Stiel von einer Mistgabel genommen, womit er
+Hinzen totschlagen wollte. Als der Kater merkte, daß er sterben sollte,
+wurde er sehr zornig. Er sprang auf den Pfarrer los und biß und kratzte
+ihn an den Beinen und an dem ganzen Leibe, bis dieser ohnmächtig zu
+Boden sank. Nun ließen alle vom Kater ab, eilten zum Pfarrer, trugen
+ihn ins Haus und legten ihn sorgfältig zu Bett. Hinze indessen in
+seiner großen Not dachte nur an seine Rettung. Verzweifelt fing er an
+den Strick zu zerbeißen und zu zernagen, und siehe da! endlich war er
+entzwei! Schnell kroch er zum Loche hinaus und machte sich auf den Weg
+nach des Königs Schlosse.
+
+Es war schon heller Tag, als er dort ankam. Der König erschrak, als er
+den armen Hinze so zerschlagen und auf einem Auge geblendet wiedersah.
+Er geriet in großen Zorn, als er von Reinekes neuer Freveltat hörte.
+
+Der Rat wurde einberufen, um über Reinekes Strafe zu beschließen. Da
+sprach Grimbart, der Dachs: »Unter diesen Herren sind freilich viele,
+die meinen, daß Reineke eine strenge Strafe verdient hat. Dennoch kann
+man ihm nicht das Recht des freien Mannes vorenthalten, dreimal vor
+Gericht geladen zu werden. Kommt er das dritte Mal nicht, so werde das
+Urteil gesprochen!«
+
+Der König versetzte: »Wer unter euch ist so kühn, daß er ihm die dritte
+Vorladung bringen möchte? Wer hat ein Auge oder einen Leib zuviel, den
+er um diesen Bösewicht aufs Spiel setzen möchte? Mich dünkt, es wird
+sich hier niemand finden, der dazu Lust hätte!«
+
+Da rief Grimbart mit lauter Stimme: »Höret, Herr König, ich übernehme
+die Botschaft!«
+
+Der König erwiderte: »So gehe denn hin und lade ihn vor Gericht! Doch
+nimm deine Weisheit zu Rate, du weißt, wie boshaft dein Oheim ist!«
+
+Grimbart versetzte: »Darauf wage ich es und hoffe, ihn gewiß mit mir an
+den Hof zu bringen.«
+
+
+
+
+ 4. Kapitel.
+
+ Grimbart bei Reineke. Die Beichte.
+
+
+Also ging Grimbart nach Malepartus und fand Reineke mit seiner Frau und
+seinen Kindern vor der Tür sitzend. Er redete ihn also an:
+
+»Oheim Reineke, zuerst biete ich Euch meinen freundlichen Gruß! Ihr
+seid so gelehrt, so weise und klug, daß ich mich wundere, wie Ihr des
+Königs Wort so unbeachtet lassen könnt! Ich rate es Euch, kommt mit
+mir an den Hof! Denn die Verzögerung kann Euch keinen Vorteil bringen!
+Es ist wahr, man hat viele Klagen gegen Euch vorgebracht, und Ihr
+werdet nunmehr zum dritten Male vorgeladen. Folgt Ihr aber auch dieses
+Mal nicht, so wird der König mit seinem Heere kommen und Euer Schloß
+belagern. Dann wird es Euch, Eurem Weibe und Euren Kindern Gut und
+Leben kosten. Da Ihr dem Könige also doch nicht entgehen könnt, so ist
+es gewiß am besten, wenn Ihr jetzt mit mir an den Hof kommt. Ihr habt
+Euch ja schon oftmals aus der Schlinge gezogen! Eurer Überredungskunst
+wird es auch diesmal gelingen, Eure Feinde zu widerlegen und den König
+für Euch zu stimmen!«
+
+»Euer Rat ist gut, Neffe!« versetzte der Fuchs. »Es ist freilich am
+besten, daß ich an den Hof komme und mein Recht selbst wahrnehme.
+Ich hoffe auch, der König wird mir Gnade widerfahren lassen. Er weiß
+es wohl, daß ich ihm in seinem Rate dienen kann, und das verdrießt
+manchen, der bei ihm ist. Der Hof kann ohne mich nicht bestehen. Hätte
+ich noch viel mehr Unrecht getan und viel schwerere Sünden auf mich
+geladen; gelingt es mir nur erst, mit dem König zu sprechen, so werde
+ich seinen Zorn schon besänftigen. Zwar hat er viele, die mit ihm zu
+Rate sitzen, doch wissen sie niemals das Richtige zu treffen. Soll
+irgendein Beschluß gefaßt werden, so ist es stets Reineke, der den
+Ausschlag geben muß. Viele mißgönnen mir das und haben mir deshalb den
+Tod geschworen. Das beklemmt mir das Herz, denn ihrer sind mehr denn
+zehn, und sie sind mächtiger als ich allein. Trotzdem ist es besser,
+ich gehe selbst mit Euch an den Hof und stelle mich meinen Anklägern
+gegenüber. Und wenn ich nicht gewinne, so ist mir's vielleicht möglich,
+mit meinen Feinden einen günstigen Vertrag abzuschließen.«
+
+Darauf rief Reineke seine Frau und seine Kinder herbei und sprach:
+»Frau Ermelyn, ich gehe mit Neffe Grimbart zu Hofe. Sorget mir
+indessen gut für unsere Kinder, ganz besonders für unseren Jüngsten,
+Reinhartchen! Seine Zähne stehen ihm so zierlich um sein Mündchen, daß
+ich hoffe, er wird einst ganz seinem Vater gleichen. Auch für Rossel
+sorgt gut, er ist gleichfalls ein hübsches Kind, und ich habe ihn
+ebenso lieb. Hütet die Kinder, während ich fern bin, und ich will Euch
+dankbar dafür sein, wenn ich glücklich zurückkehre.«
+
+Mit diesen Worten nahm er Abschied und ließ Frau und Kinder in Sorgen
+zurück.
+
+Kaum waren sie eine kleine Stunde gegangen, als Reineke sprach: »Hört
+mich, lieber Neffe und Freund! Ich bin recht in Angst, denn ich
+fürchte, ich gehe in den Tod. Meine Reue aber über meine begangenen
+Sünden ist so groß, daß ich zur Beichte gehen möchte. Da aber kein
+Pfarrer zur Stelle ist, so bitte ich Euch inständig, laßt mich vor Euch
+beichten! Habe ich all mein Unrecht gestanden, so wird mir leichter ums
+Herz werden.«
+
+Grimbart versetzte: »Ihr müßt vor allem geloben, in Zukunft nicht mehr
+zu rauben und von allem Verrat und anderen Tücken für immer abzulassen.
+Wenn Ihr das nicht beschwört, kann keine Beichte Euch nützen.«
+
+»Das weiß ich wohl!« erwiderte Reineke, »und so fange ich an. Hört wohl
+zu!
+
+=Confiteor tibi Pater et Mater=, daß ich der Otter und dem Kater
+und vielen anderen Tieren manches Unrecht zugefügt; das will ich reuig
+bekennen und Buße dafür tun!«
+
+Der Dachs unterbrach diese Rede: »Das verstehe ich nicht! Ihr müßt
+deutsch mit mir reden!«
+
+Reineke fuhr fort: »Ich habe gesündigt an allen Tieren, die jetzt
+leben! Und bitte sehr, sie mögen es mir verzeihen! Ich habe Braun, den
+Bären, nach Rüsteviels Hofe geführt. Dort habe ich ihn im Baumspalt
+eingeklemmt; er zerriß sich Gesicht und Tatzen und bekam Schläge in
+Menge.
+
+Hinze führte ich zur Scheune und hieß ihn Mäuse fangen. Er geriet in
+die Schlinge, mußte viele Prügel ertragen, ja verlor sogar ein Auge
+dabei.
+
+Auch der Hahn verklagt mich mit Recht. Ich habe ihm viele seiner Kinder
+geraubt und getötet.
+
+Isegrim, dem Wolf, habe ich mancherlei Tücke zugefügt. Einmal, es mögen
+wohl sechs Jahre her sein, besuchte er mich im Kloster Elkmar, wo ich
+mich damals aufhielt. Er wollte auch Mönch werden und hub an, an der
+Glocke zu läuten. Das gefiel ihm vorzüglich, und da ich das merkte,
+band ich ihm beide Vorderfüße an dem Strick zusammen. Nun konnte er
+läuten nach Herzenslust.
+
+Als das Läuten aber gar nicht aufhörte, liefen alle Leute auf der
+Straße herbei und die Mönche aus dem Kloster; sie meinten, der Teufel
+sei da. Als sie den Wolf sahen, schlugen sie alle furchtbar auf ihn
+los; man ließ ihm nicht Zeit, zu erklären, daß er ins Kloster wolle.
+Halb zu Tode geprügelt, entkam er schließlich. Dennoch blieb er dabei,
+in den geistlichen Stand eintreten zu wollen. Deshalb bat er mich, ihm
+die Platte zu scheren. Da brannte ich ihm die Haare so sehr ab, daß ihm
+die Haut zusammenschrumpfte.
+
+Einstmals führte ich ihn ins Jülicher Land zum Hause eines reichen
+Pfaffen. Dieser hatte ein großes Vorratshaus, in dem große, duftende
+Schinken, fette Würste und andere köstliche Speisen aufbewahrt waren.
+Auch ein Trog mit frisch eingesalzenem Fleische stand darin. Isegrim
+brach sich ein Loch durch die Wand, da er sich einmal recht satt an
+Fleisch essen wollte. Er kroch hinein und aß und aß, bis sein Hunger
+gestillt war. Nun wollte er wieder heraus, aber o weh! vom übermäßigen
+Essen war sein Bauch so dick geworden, daß er nicht durch das Loch
+zurück konnte. Wo er also hungrig hineingekrochen war, konnte er satt
+nicht mehr hinaus. Das war mir nun gerade recht, ich lief ins Dorf
+und machte Lärm und Geschrei, um die Leute auf die Spur des Wolfes zu
+bringen. Ich lief in das Haus des Pfaffen, der eben am Tisch saß und
+speiste.
+
+Ein fetter Kapaun stand vor ihm. Ich sprang plötzlich hinzu, erfaßte
+den Braten und eilte davon. Entsetzt sprang der Pfaffe auf, um mir
+nachzujagen. Dabei riß er den Tisch um: Gläser, Teller, Speise und
+Trank, alles fiel zur Erde. Immerfort schrie der Pfaffe: ›Schlaget,
+werfet, stechet, fanget den Dieb!‹ Da er aber in seinem blinden Zorn
+nicht sah, wo er lief, fiel er in die Pfütze. Eine Menge Menschen waren
+herbeigekommen, um über mich herzufallen, alle machten großes Geschrei.
+Aber die Stimme des Pfarrers übertönte alle anderen: ›Habt ihr jemals
+einen frecheren Dieb gesehen?‹ rief er; ›er hat mir das Huhn vom Tische
+genommen, an dem ich eben saß und speiste.‹
+
+Ich aber lief, so schnell ich laufen konnte. Als ich an den Speicher
+kam, in dem Isegrim war, ließ ich das Huhn fallen, weil es mir zu
+schwer wurde. Ihr könnt Euch denken, daß ich es ungern zurückließ! Als
+nun der Pfarrer das Huhn aufhob, erblickte er Isegrim, der in dem Loch
+steckte. Da rief er laut: ›Ihr Freunde, seht, hier ist noch ein viel
+ärgerer Dieb in meinem Speicher! Ein Wolf, den müssen wir fangen!‹ Alle
+fielen wie wild über den Wolf her, rissen ihn aus dem Loch heraus und
+schlugen auf ihn los, daß er wie tot liegen blieb. Darauf schleppten
+sie ihn auf die Straße über Stock und Stein und warfen ihn schließlich
+in eine schlammige Grube, denn sie hielten ihn für tot. In solchem
+Jammer und Schmerz lag er hilflos die ganze Nacht da; wie er endlich
+davongekommen, weiß ich nicht zu sagen.
+
+Gleichwohl schwur er mir abermals Treue, es war aber nur seines eigenen
+Vorteils wegen. Es gelüstete ihn, sich einmal an Hühnern recht satt zu
+essen. Ich sagte ihm, ich wüßte bei einem Bauern ein Hühnerhaus, in
+dem viele fette Hühner oben auf dem Balken unter dem Dach zu sitzen
+pflegten. Es war um Mitternacht, als ich ihn dorthin führte. Ein
+Fenster stand offen, und ich tat, als ob ich hineinkriechen wollte,
+trat aber wieder zurück und ließ Isegrim voran. ›Kriecht nur mutig
+hinein, Ihr werdet gewiß bald ein fettes Huhn fassen!‹ rief ich ihm zu.
+›Wer nicht wagt, gewinnt nicht!‹
+
+Er kroch mit Gefahr durch das enge Fenster, suchte hier und da herum
+und rief: ›Ich bin verraten, ich finde keine Hühner!‹ ›Ei,‹ sprach ich,
+›die werden weiter hinten sitzen.‹ Der Wolf vergaß jede Vorsicht, so
+groß war seine Begier nach Hühnern. Er ging immer weiter hinein, ich
+aber klappte von außen das Fenster zu, daß es laut anschlug. Der Wolf
+erschrak dermaßen, daß er vom Balken herab und schwer auf den Boden
+fiel. Die Leute im Hause erwachten von dem Geräusch. Sie kamen mit
+Licht und fanden den Wolf. Da wurde er wieder geprügelt, und zwar mit
+solcher Gewalt, daß es ein Wunder ist, wie er mit dem Leben davonkam.
+
+Sehet, Neffe, das sind nun alle meine Sünden, deren ich mich erinnern
+kann. Sprechet mich nun los davon, und leget mir eine beliebige Buße
+auf.«
+
+Grimbart war verschlagen und klug; er brach ein Reis am Wege und
+sprach: »Oheim, schlaget Euch dreimal mit diesem Reis; sodann legt es
+auf die Erde und springt dreimal quer darüber, ohne zu taumeln. Hernach
+küßt das Reis ohne Haß, zum Zeichen, daß Ihr gehorsam seid. Diese Buße
+lege ich Euch auf. Und hiermit spreche ich Euch von Euren Sünden frei;
+ich vergebe sie Euch alle, so groß auch ihre Zahl sein mag.«
+
+Als Reineke alles nach Grimbarts Vorschrift getan hatte, sprach dieser
+zu ihm:
+
+»Oheim Reineke, in Zukunft müßt Ihr nun aber ein besseres Leben führen.
+Alles Rauben, Stehlen, Betrügen und Verraten müßt Ihr lassen. Gehet
+fleißig zur Kirche; lest die Psalmen, haltet die Feiertage, tröstet die
+Kranken und gebt Almosen den Armen!«
+
+Reineke sprach: »Alles das will ich geloben und treulich halten mein
+Leben lang!«
+
+Darauf wanderten beide weiter, bis sie an ein Kloster kamen. Darin
+wohnten fromme Nonnen, die von früh bis spät zu Gott beteten. Sie
+hatten viele Hühner, Enten und Gänse auf ihrem Hofe, die oft außerhalb
+der Mauern herumliefen.
+
+Reineke bemerkte sofort die Hühner, und alle seine bösen Gelüste
+erwachten wieder. Ein junger, fetter Hahn gefiel ihm besonders, er
+konnte seine Augen nicht von ihm abwenden. Plötzlich sprang er auf ihn
+zu und packte ihn am Halse, daß die Federn umherflogen.
+
+Entrüstet rief Grimbart: »Unseliger Oheim, was macht Ihr da? Wollt Ihr
+um einen elenden Hahn wieder in Schande und Sünde verfallen? Wahrlich,
+das nenne ich eine schöne Buße!«
+
+Reuig sprach Reineke: »Das tat ich nur in Gedanken aus alter
+Gewohnheit. Bittet Gott, daß er es mir vergebe! Ich will es in Zukunft
+unterlassen.«
+
+Nun wanderten sie weiter auf der breiten Landstraße. Aber Reineke
+sah immer nach den Hühnern zurück, er hätte gar zu gern eins gehabt!
+Grimbart bemerkte das wohl und sprach: »Garstiger Vielfraß! Wo habt Ihr
+schon wieder Eure Augen?«
+
+Reineke erwiderte: »Ihr irrt Euch gewaltig, verehrter Neffe, wenn Ihr
+glaubt, ich habe böse Gedanken. Ich richtete eben ein frommes Gebet zum
+Himmel für die Seelen der Hühner und Gänse, die ich den Nonnen geraubt
+habe!«
+
+Grimbart schwieg, Reineke aber schaute nach den Hühnern zurück, solange
+er sie sehen konnte. Endlich erblickten sie das Schloß des Königs, das
+Ziel ihrer Wanderung.
+
+Aber je näher sie kamen, desto ängstlicher ward Reineke zumute. Er
+dachte an die vielen Anklagen, die gegen ihn erhoben waren, und wußte
+nicht, wie er sich rechtfertigen sollte. Am liebsten wäre er noch
+umgekehrt, aber er schämte sich vor seinem Begleiter, dem Dachs.
+
+[Illustration: Reineke Fuchs 2.
+
+Also ließ sich der Bär betören und steckte seine Vorderpfoten tief in
+den Baum hinein.]
+
+
+
+
+ 5. Kapitel.
+
+ Das Gericht und der Urteilsspruch. Reineke unter dem Galgen.
+
+
+Als man bei Hofe vernommen hatte, daß Reineke angekommen war, drängten
+sich alle herbei, ihn zu sehen. Reineke aber stellte sich, als würde er
+es gar nicht gewahr. Er ging so ruhig und stolz seines Weges, als wäre
+er des Königs eigener Sohn. Mutig, wie wenn er nie ein Unrecht begangen
+hätte, trat er vor den König Nobel und redete ihn an:
+
+»Edler König! Gnädiger Herr! Um Eurer Größe und Eurer Würde willen
+bitte ich Euch, hört meine Verantwortung an! Niemals hat ein Herr einen
+treueren Knecht, einen ergebeneren Diener gehabt, als Eure königliche
+Gnaden an mir haben! Zwar sind hier viele, die mich durch falsche
+Anklagen Eurer Freundschaft, die mich so stolz macht, berauben wollen.
+Aber Eure Weisheit wird das Lügengewebe meiner Feinde gewiß leicht
+durchschauen. Sie hassen mich, weil ich Euch jederzeit treulich gedient
+habe!«
+
+»Schweig'!« sprach der König, »und spare deine Worte! Dein Schmeicheln
+hilft dir nichts. Deine Übeltaten sollen dir jetzt vergolten werden!
+Sprich, wie hast du den Frieden gehalten, den ich allen Tieren geboten
+habe? O du falscher, treuloser Dieb! Hier steht der unglückliche Hahn,
+der sein ganzes Geschlecht durch dich verloren hat. Du sagst zwar, du
+liebst mich und willst mir treu dienen. Wie aber hast du meine Boten
+behandelt? Der arme Braun trägt noch Kopf und Tatzen verbunden. Und
+der bedauernswerte Hinze hat sogar ein Auge durch deine Falschheit
+eingebüßt. Ja, es sind Ankläger genug vorhanden, und diesmal soll es
+dir an den Hals gehen, du treuloser Verräter!«
+
+»Gnädigster Herr,« erwiderte Reineke, »was kann ich dafür, daß Braun
+mit blutiger Platte heimkam? Warum war er so dreist, sich an Rüsteviels
+Honig zu wagen? Und wenn er es tat, warum ließ er sich dann von den
+Bauern schlagen, er, der so stark von Gliedern ist? Und Hinze, der
+Kater! Ich habe ihn gut aufgenommen und bewirtet. Er war aber nicht
+zufrieden, sondern wollte sich durchaus Mäuse aus der Pfaffenscheune
+holen. Das bekam ihm freilich schlecht! Aber was kann ich dafür, und
+warum soll ich deshalb bestraft werden?
+
+Aber ich bin in Eurer Gewalt und füge mich demütig Eurem Spruche, er
+sei gut oder böse für mich. Ihr könnt mich sieden, blenden, köpfen
+oder hängen, alles will ich ohne Murren erdulden und mein Schicksal
+aus Eurer Hand empfangen. Mein Tod wird Euch freilich nur wenig Gewinn
+bringen!«
+
+Da trat Bellyn, der Widder, hervor und rief: »Ja, nun ist es Zeit,
+unsere Klagen gegen Reineke vorzubringen.«
+
+Da kam Isegrim mit allen seinen Verwandten, Braun, der Bär, und
+Hinze, der Kater; Boldewyn, der Esel, Lampe, der Hase, Wackerlos, das
+Hündchen, und Ryn, der große Hund; Metke, die Ziege, und Hermen, der
+Ziegenbock; auch der bedächtige Ochs und das weise Pferd hatten zu
+klagen. Selbst die Tiere des Waldes strömten herbei: der Hirsch, das
+Reh, der Biber und das Kaninchen, auch Martin, der Affe, und der wilde
+Eber. Ebenso kamen die Vögel herbei: Barthold, der Storch, Marquart,
+der Häher, und Lütke, der Kranich. Mit lautem Schnattern erschienen
+Dybke, die Ente, und Alheid, die Gans. Der Traurigste von allen aber
+war Henning, der Hahn, dem der Fuchs die Kinder geraubt hatte.
+
+Sie alle drängten sich zum König, und jeder klagte mit lebhaften Worten
+über die Missetaten, die der Fuchs verübt hatte. Das war ein Geschrei,
+Geheul und Gebrüll, daß der König häufig Ruhe gebieten mußte, um
+überhaupt etwas von dem Durcheinander der Stimmen zu verstehen.
+
+Auf alle diese Anklagen wußte Reineke mit großer Gewandtheit zu
+antworten. Er fand für alles die schönsten Entschuldigungen und tat,
+als ob er noch nie irgend jemand etwas Böses zugefügt hätte. Er sprach
+mit solcher Überzeugung, daß man glauben konnte, er sei ganz unschuldig
+und werde jetzt das Opfer seiner Feinde. Als aber alle Tiere erklärten,
+wahrheitsgemäß ausgesagt zu haben, wurde einstimmig das Urteil des
+Rates angenommen. Es lautete: ~Reineke, der Fuchs, ist zum Tode
+verurteilt. Man soll ihn fangen, binden und am Galgen aufhängen.~ So
+verkündete der König mit mächtiger Stimme vor der ganzen Versammlung.
+Da sah Reineke ein, daß sein Spiel verloren war. Er ließ sich willig
+binden, um den letzten Gang anzutreten.
+
+Voll Beifall hatten die Feinde des Fuchses das Urteil aufgenommen.
+Seine Freunde aber, Grimbart, der Dachs, Martin, der Affe, und einige
+von seinem Geschlechte standen betroffen und traurig da. Sie hatten es
+nicht für möglich gehalten, daß ein so strenger Urteilsspruch gefällt
+werden könnte. Denn Reineke war ein Freiherr, einer der ersten Barone
+im Reich, und sollte nun ein so schmähliches Ende durch Henkershand
+erdulden. Dieses Unglück konnten sie nicht ertragen. Darum nahmen sie
+Abschied vom König und verließen den Hof. Das war nun dem König sehr
+unangenehm, daß so viele tapfere Junker von ihm gingen, und er sprach
+zu einem seiner Räte: »Es wäre doch gut, wenn ich mir die Geschichte
+noch etwas überlegte. Reineke ist ja boshaft und treulos, aber in
+seinem Geschlechte ist doch mancher brave Mann, den der Hof nur
+schlecht entbehren kann.«
+
+Isegrim, Braun und Hinze gaben indessen auf Reineke wohl acht, daß er
+ihnen nicht entschlüpfte. Sie hatten vom König den ehrenvollen Auftrag
+bekommen, ihn zu hängen, und eilten nun, den Befehl zu vollstrecken.
+
+Sie führten ihn gebunden mit sich, und als sie den Galgen gewahr
+wurden, sprach Hinze: »Herr Isegrim, erinnert Euch nur, wie Eure Brüder
+durch Reinekes Verrat am Galgen enden mußten! Wie froh er darüber
+war, und wie er selbst mitging, als sie gehangen wurden! Bezahlt es
+ihm jetzt mit gleicher Münze! Und Ihr, Herr Braun, vergeßt nicht, wie
+er Euch in Rüsteviels Hofe verriet, wie Männer und Weiber auf Euch
+losschlugen und Ihr an Kopf und Tatzen verwundet waret! Seht wohl zu,
+daß er nicht entwische, denn seine List ist groß. Käme er uns diesmal
+aus den Händen, so könnten wir uns nimmermehr an ihm rächen. Drum laßt
+uns eilen und sehr auf der Hut sein!« Isegrim versetzte darauf: »Was
+braucht es vieler Worte? Hätten wir nur ein Seil, so wollten wir ihm
+die Pein schon verkürzen.«
+
+Reineke hatte alles mitangehört, aber geschwiegen. Jetzt begann er zu
+sprechen: »Da ihr euch alle rächen wollt, so wundert's mich, daß ihr
+nicht kurzen Prozeß macht. Hinze kennt ja ein starkes Seil. Er hatte es
+ja auf der Mäusejagd in des Pfaffen Scheune um den Hals. Es brachte ihm
+freilich wenig Ehre! Und ihr, Braun und Isegrim, ihr eilet auch gar zu
+sehr, euren Oheim und Vetter ums Leben zu bringen, und ihr meint, es
+müsse euch jetzt sicher gelingen.«
+
+Der König, die Königin und der ganze Hof waren inzwischen erschienen,
+um das Todesurteil vollstrecken zu sehen. Ihnen folgte eine große
+Menge, Hohe und Niedere, Reiche und Arme. Sie alle wollten dem
+Schauspiel beiwohnen.
+
+Isegrim befahl seinen nahen Verwandten, ja recht acht zu geben, daß
+Reineke nicht entwische. Zu seiner Frau sprach er: »So lieb dir dein
+Leben ist, hilf mir den Fuchs festhalten! Denn käme er diesmal wieder
+davon, so würde es uns übel ergehen!« Zu Braun sprach er: »Bedenket,
+was er Euch für Schaden zugefügt hat, das soll er jetzt reichlich
+bezahlen! Hinze soll den Strick oben am Ast befestigen, er ist leichter
+zu Fuß und behender als wir. Ich werde die Leiter zurechtstellen.
+Haltet Ihr nur einen Augenblick noch fest, dann ist's geschehen!« Braun
+erwiderte: »Setzt nur die Leiter recht fest an, ich will ihn schon
+halten, ich bin stark genug.«
+
+Reineke sprach: »Isegrim und Braun, ihr seid ja sehr geschäftig, euren
+Oheim hängen zu sehen! Ihr, die ihr euch seiner erbarmen und ihn
+beschützen müßtet! Gern flehte ich um Gnade! Doch sehe ich wohl, daß
+mein Tod beschlossen ist, und ich wollte, es wäre schon vorbei! Mein
+Vater starb auch in großen Ängsten, aber als es ans Sterben ging, da
+war es in kurzem getan. Beeilt euch also, und verschont mich nicht
+länger!«
+
+Während er nun die Leiter hinaufstieg, dachte Reineke in seiner großen
+Angst: »Wenn mir nur ein Gedanke käme, wie ich mein Leben retten
+könnte und die Schande dagegen auf meine drei Henker fiele! Gelänge es
+mir nur, zum König zu sprechen, so könnte ich vielleicht seinen Sinn
+wenden, und er schenkt mir das Leben.«
+
+Darauf erhob er laut seine Stimme, um durch den Lärm und das
+Stimmengewirr durchzudringen, und sprach: »Ich sehe nunmehr den Tod vor
+Augen, dem ich nicht entgehen kann. Ehe ich aber sterbe, möchte ich vor
+allen hier Versammelten meine Beichte ablegen. Ich will der Wahrheit
+gemäß alle Sünden bekennen, die ich begangen habe, damit ich mit
+leichterer Seele in den Tod gehen kann!«
+
+Durch diese Worte wurden viele Zuhörer gerührt. Sie baten den König,
+Reinekes Beichte entgegenzunehmen, und als der König seine Einwilligung
+gegeben hatte, begann der Fuchs:
+
+»Nun helfe mir der heilige Geist! Denn ich sehe hier niemanden, dem
+ich nicht Böses zugefügt hätte. Leider begann ich mein schlimmes Leben
+schon in frühester Kindheit. Das Blöken der Schafe und Ziegen lockte
+mich, ihnen zu folgen. Eines Tages biß ich ein Lämmchen tot. Sein Blut
+schmeckte mir so gut, daß ich bald darauf vier junge Ziegen tötete.
+Dann ward ich immer dreister und gieriger und schonte weder Hühner
+noch Vögel, weder Enten noch Gänse. Ja, ich tötete mehr, als ich essen
+konnte, und verscharrte sie im Sand.
+
+Später verlebte ich einen Winter am Rhein und traf dort mit Isegrim
+zusammen. Er rechnete mir vor, daß wir nahe verwandt wären, ja daß er
+sogar mein richtiger Oheim sei. Darauf wurden wir gute Kameraden und
+gelobten einander Treue. O, wie schmählich hat er den Eid gebrochen!
+Wir gingen zusammen auf die Wanderschaft, um zu rauben. Die Beute
+sollte redlich geteilt werden. Aber wie schlecht kam ich dabei fort!
+Er teilte selbst, und wie es ihm gefiel; niemals bekam ich die Hälfte.
+Hatte er ein Schaf oder eine Ziege erlegt, so stellte er sich davor und
+zeigte mir die Zähne, wenn ich herankam. Hatten wir einmal einen Ochsen
+oder eine Kuh gefangen, so rief er sein Weib und seine sieben Kinder
+dazu, und ich hatte das Nachsehen. Ja, bekam ich einmal eine kleine
+Rippe, so hatten sie das Fleisch davon schon abgenagt. Doch gottlob!
+Ich litt keine Not. Denn ich hatte ja den großen Schatz an Silber und
+Gold, daß sieben Wagen ihn nicht fortfahren könnten.«
+
+Da unterbrach ihn der König: »Was sagst du von einem Schatz? Hast du
+ihn noch? Und woher hast du ihn bekommen?«
+
+Reineke antwortete: »Was hülfe es mir, wenn ich es verschwiege? Mir
+kann er ja zu nichts mehr nützen! So will ich das Geheimnis vor meinem
+Tode offenbaren: der Schatz war gestohlen. Er war dazu bestimmt,
+Verräter zu bezahlen, die Eure Majestät ermorden sollten. Meinem Vater
+brachte der Diebstahl den Tod, Euch aber rettete er das Leben.«
+
+Die Königin fiel fast in Ohnmacht, als sie von dem geplanten Morde
+hörte. Schreckensbleich sprach sie zu Reineke: »Bedenket es wohl,
+Reineke! Ihr geht jetzt in den Tod! Sprecht nur die lautere Wahrheit!
+Sagt uns jetzt alles, was Ihr von der Verschwörung wißt!«
+
+Der König aber sprach mit gebietender Stimme: »Jedermann schweige jetzt
+und trete beiseite! Du aber, Reineke, steige herab, daß ich genau
+vernehme, was du mir zu sagen hast!«
+
+Braun, Isegrim, Hinze und alle übrigen Tiere hörten diesen Befehl
+mit größtem Verdruß, aber es half nichts, sie mußten den Fuchs von
+der Leiter herabsteigen lassen. Seelensfroh folgte Reineke der
+Aufforderung. Er dachte bei sich: »Welch ein Glück wäre es für mich,
+wenn es mir gelänge, die Gnade des Königs und der Königin zu gewinnen
+und meine Feinde ins Verderben zu stürzen! Was werde ich alles
+zusammenlügen müssen!«
+
+
+
+
+ 6. Kapitel.
+
+ Die Geschichte von der Verschwörung.
+
+
+Als Reineke vor dem Königspaar stand, ermahnte ihn die Königin
+nochmals, nur die lautere Wahrheit zu sagen.
+
+Reineke erwiderte: »Das will ich tun. Ich muß ja sterben und will mit
+reinem Gewissen ins ewige Leben hinübergehen! Deshalb darf ich auch
+meine nächsten Verwandten nicht verschonen, ja selbst meinen Vater muß
+ich anklagen, so schwer es mir auch wird.«
+
+Da ermahnte ihn der König noch einmal: »Reineke, sagst du auch die
+volle Wahrheit?«
+
+»O edler Herr,« versetzte Reineke. »So sündig ich auch sonst bin, heute
+werde ich nur die Wahrheit sagen. Wie könnte ich lügen, da mir der Tod
+vor Augen steht? Wenn es Euch recht ist, Majestät, so will ich jetzt
+alles bekennen, was ich von der Verschwörung weiß, und Euch die Namen
+der Verräter nennen.«
+
+Nun höre man die Lügen, die Reineke ersann, um sich zu retten und seine
+Feinde zu verderben! Seinen eigenen Vater beschimpfte er im Grabe. Und
+seinen treuen Freund, den Dachs, der ihm doch in allen Nöten beistand,
+schwärzte er an. Er hielt dies für notwendig, um seine Erzählung
+glaubhafter zu machen.
+
+»Mein Vater,« so sprach er, »hatte das Glück, König Emmerichs Schatz
+zu finden. Durch den Besitz dieser unermeßlichen Reichtümer wurde er
+stolz und hochmütig. Er schätzte seine früheren Kameraden nicht mehr,
+sondern suchte sich Freunde unter den Angesehenen und Hochstehenden
+des Reiches. Zuerst wollte er sich den Bären verpflichten. Er sandte
+Hinze, den Kater, zu Braun in das wilde Ardennerland und forderte ihn
+auf, nach Flandern zu kommen, um König an Eurer Statt zu werden. Braun
+gefiel der Vorschlag; er reiste sogleich nach Flandern und wurde von
+meinem Vater wohl aufgenommen. Er sandte nun nach Isegrim und Grimbart,
+dem Weisen, und diese vier, mit Hinze als fünftem im Bunde, berieten
+den ganzen Plan. Zwischen der Stadt Gent und dem Dörfchen Ifte kamen
+die Verräter zusammen, und hier war es, wo in finsterer Nacht Euer Tod,
+o Majestät, beschlossen wurde. Sie schwuren einander Treue und gelobten
+einstimmig, daß sie Braun zum König machen, ihn auf den Thron zu Aachen
+führen und ihm die goldene Krone aufs Haupt setzen wollten. Würde sich
+jemand von des Königs Anverwandten oder Freunden zu widersetzen wagen,
+so sollte er mittels Gold bestochen oder aus dem Reiche vertrieben
+werden.
+
+Dies alles bekam ich folgendermaßen zu wissen: Als Grimbart eines Tages
+in trunkenem Zustand war, erzählte er seiner Frau von dem Anschlage,
+gebot ihr aber, das tiefste Schweigen darüber zu bewahren. Sie schwieg
+auch so lange, bis sie es meinem Weibe sagte. Diese schwur ihr, bei
+allem, was ihr heilig sei, das Geheimnis treu zu hüten. Aber sie
+hielt nicht Wort; sobald sie zu mir kam, sagte sie mir alles, was sie
+vernommen hatte. Ich erschrak bis ins Innerste meiner Seele. Mir fiel
+die Geschichte von den Fröschen ein, die, ihrer Freiheit überdrüssig,
+Gott anriefen, ihnen einen König zu geben. Gott erhörte sie und sandte
+ihnen den Storch, der sie nach Belieben verfolgt und tötet. Da sahen
+sie ihre Torheit ein. Aber zu spät! Ihr Klagen half ihnen nichts: sie
+haben für immer die Tyrannei des Storchs zu ertragen. So, glaubte ich,
+würde es auch uns ergehen, wenn wir Braun zum Könige bekämen. Ich kenne
+seine Bosheit und Tücke. Ich weiß aber auch, wie edel und gütig unser
+jetziger, angestammter König ist. Das wäre ein schlimmer Tausch, dachte
+ich mir, an Eurer Majestät Stelle den plumpen Taugenichts zu setzen!
+Ich überlegte nun hin und her, wie dieser Plan zu zerstören sei.
+Behielt mein Vater seinen Schatz, so konnte er viele Tiere für seine
+Zwecke gewinnen. Ich mußte also vor allem darauf ausgehen, den Schatz
+zu rauben. Aber wo steckte er? Um das zu erfahren, schlich ich meinem
+Vater nach, wo er auch war, in Wald und Feld, bei Hitze oder Kälte, bei
+Tag und Nacht.
+
+Einstmals lag ich im Walde und zerbrach mir den Kopf, wie ich den
+Schatz entdecken könnte. Da sah ich plötzlich aus einer Felsenspalte
+meinen Vater herauskriechen. Ich verhielt mich ganz still, daß er meine
+Nähe nicht ahnte. Er sah sich nach allen Seiten vorsichtig um, als
+er aber niemanden gewahr ward, scharrte er das Loch mit Sand zu und
+machte es dem anderen Boden gleich. Er verwühlte mit dem Maule seine
+Fußstapfen und strich mit dem Wedel darüber hin. Diese Listen lernte
+ich von meinem schlauen Vater. Als ich diese großen Vorsichtsmaßregeln
+sah, kam mir sofort der Gedanke, daß hier der Schatz verborgen sein
+müsse. Kaum hatte sich mein Vater wegbegeben, da machte ich mich an die
+Arbeit, die Erde wegzuschaffen. Dann kroch ich in die Spalte und stieg
+in die Tiefe hinab. Da sah ich, was wohl noch selten jemand gesehen
+hat, Gold und Silber und kostbare Geräte, Edelsteine und Perlen in
+Hülle und Fülle! Nun trug und schleppte ich mit meinem Weibe Tag und
+Nacht und ruhte nicht eher, bis der ganze Schatz an eine andere Stelle
+gebracht war.
+
+Indessen war mein Vater täglich mit den Verrätern zusammen. Braun und
+Isegrim schrieben Briefe in alle Weltgegenden, um für ihre Zwecke
+Söldner zu werben. Braun wollte alle in seinen Dienst nehmen und ihnen
+einen reichlichen Sold auszahlen. Mein Vater lief also mit diesen
+Briefen durch alle Länder zwischen der Elbe und dem Rhein und gewann
+viele Söldner durch reiche Versprechungen. Er hatte mancherlei Gefahren
+auf seiner Reise zu bestehen. Die Jäger stellten ihm nach, die Hunde
+hetzten ihn, daß er mit knapper Not entkam. Endlich im Sommer kehrte
+er heim und zeigte den Mitverschworenen voll Stolz die Liste der
+Angeworbenen.
+
+Zwölfhundert Wölfe von Isegrims Sippschaft mit scharfen Gebissen und
+breiten Mäulern standen zum Kampfe bereit. Alle Bären und Kater waren
+auf Brauns Seite. Auch alle Vielfraße und Dachse aus Thüringen und dem
+Sachsenlande hatten zu kommen versprochen. Die einzige Bedingung war,
+daß man ihnen den Sold auf drei Wochen im voraus zahlen sollte, dann
+würden sie beim ersten Aufgebot dem Bären mit ganzer Macht zu Hilfe
+ziehen. Das Geld hatte mein Vater leicht versprechen können; vertraute
+er doch auf seinen unerschöpflichen Schatz!
+
+Er machte sich nun auch eiligst auf, um Gold und Silber
+herbeizuschaffen. Aber wie groß war seine Bestürzung, als er von seinen
+Schätzen keine Spur fand! Er suchte und scharrte -- alles vergeblich,
+der Schatz war und blieb verschwunden. In seiner Verzweiflung und
+Scham, seine Versprechungen nicht halten zu können, erhängte er sich.
+Damit schlug auch Brauns Verrat fehl.
+
+Der Tod meines Vaters betrübte mich tief; aber das Bewußtsein, durch
+meine List meinen König gerettet zu haben, richtete mich wieder auf.
+Jetzt wird mir freilich übler Lohn für meine Treue. Die Verräter stehen
+hoch in Ansehen, und der arme Reineke geht in den Tod. Mich tröstet nur
+der Gedanke, bis zum letzten Augenblick treu meine Pflicht getan zu
+haben.«
+
+So schloß Reineke seine Rede, verneigte sich tief und trat zurück.
+
+Im Herzen des Königs und der Königin war die Begier nach dem Besitze
+des Goldes erwacht. Sie nahmen daher Reineke beiseite und fragten ihn,
+wo er den großen Schatz aufbewahrt habe.
+
+Er antwortete: »Was hülfe mir das? Soll ich mein Vermögen dem König
+anzeigen, der mich hängen läßt? Ja, der den Dieben und Mördern glaubt,
+die mich mit ihren Lügen fälschlich beschweren und mich verräterisch
+ums Leben bringen wollen?«
+
+»Nein, Reineke,« rief die Königin unüberlegt. »Der König wird Euch
+leben lassen und Euch in Gnaden verzeihen. Aber sagt uns jetzt, wo der
+Schatz liegt.«
+
+Vorsichtig erwiderte Reineke: »Meine gnädige Frau, wenn der König mir
+vor Euch geloben will, mir meine Verbrechen und Sünden zu verzeihen und
+mir seine Huld aufs neue zu schenken, so will ich ihn zum reichsten
+Fürsten der Welt machen.«
+
+»Frau,« wandte sich der König an seine Gemahlin, »glaubet ihm nicht!
+Lügen, stehlen und rauben, das mögt Ihr ihm glauben! Er ist einer der
+ärgsten Lügner auf dem Erdboden.«
+
+Leise erwiderte die Königin: »Nein, mein Herr, jetzt hat Reineke nicht
+gelogen. Hat er doch seinen liebsten Freund und Verwandten, den Dachs,
+mit angezeigt! Ja, sogar seinen eigenen Vater hat er nicht verschont!
+Es wäre ihm doch leicht gewesen, alle Anklagen und Beschuldigungen
+seinen Feinden aufzuladen. Darum könnt Ihr seinen Worten glauben.«
+
+Nach einigem Nachdenken sagte der König leise zur Königin: »Wohlan
+denn! Wenn das Eure Meinung ist, so soll geschehen, was Ihr wünscht!«
+Und zum Fuchs gewendet, fügte er laut hinzu: »So will ich Euch denn
+noch einmal verzeihen; aber ich schwöre es bei meiner Krone! es ist das
+letzte Mal. Bei der nächsten Sünde, die Ihr begeht, seid Ihr und die
+Euren dem Tode verfallen!«
+
+Als Reineke den König so umgewandelt sah, faßte er neuen Mut und
+beteuerte: »Herr, wäre es nicht töricht von mir, jetzt zu lügen, da die
+Unwahrheit doch in kurzer Zeit zutage kommen müßte?«
+
+Das leuchtete dem König ein. »Gut,« sagte er, »da Ihr also die volle
+Wahrheit gesprochen habt, so will ich Euch verzeihen und Euch meine
+Gnade wieder zuwenden.«
+
+Wer war froher als der Fuchs? Dem sicheren Tode war er entgangen durch
+seine eigene List; nun galt es, noch weiter Lügen zu ersinnen und das
+Vertrauen des Königs wiederzugewinnen.
+
+»Hoher König, edler Herr!« begann er. »Möge Gott Euch für all die
+Gnade belohnen, die Ihr mir erweist! Ich will Euch mein Leben lang
+dafür dankbar sein und Euch in Treue dienen! In allen Ländern der Welt
+ist niemand, dem ich den Schatz so gönne wie Euch und meiner gnädigen
+Königin. Ihr sollt reicher werden als alle Fürsten unter der Sonne.
+Vernehmt denn, wo der Schatz verborgen liegt! Gegen Osten von Flandern
+liegt eine große Wüste; in dieser ist ein Gebüsch, Hüsterloh genannt.
+Nicht weit davon ist ein Bronnen, Krekelborn mit Namen. Niemals hat
+eines Menschen Fuß diese Wildnis betreten, nur die Eule und der Schuhu
+hausen dort. Da liegt nun der Schatz versteckt. Krekelborn wird der
+Ort genannt, merkt Euch wohl den Namen! Denn Ihr, Majestät, und die
+Königin müßt selbst dorthin, Ihr könnt keinen Boten mit der wichtigen
+Sache betrauen. Es wäre Euer Schade, wenn etwas von den Kostbarkeiten
+verloren ginge.
+
+Also Ihr, mein Herr, müßt selbst nach dem Orte gehen. Wenn Ihr an
+Krekelborn vorbei seid, werdet Ihr zwei junge Birken sehen. Sie stehen
+dicht an einer Pfütze. Unter diesen Birken liegt der Schatz vergraben.
+Dort müßt Ihr scharren und graben, dann findet Ihr versteckt im Moos
+manch köstliches Geschmeide, Gold, Silber und herrliche Edelsteine.
+Auch die Krone, die König Emmerich einst getragen, werdet Ihr dort
+sehen. Sie sollte des Bären Haupt schmücken, hätte meine List es nicht
+verhindert. Wenn alle diese Reichtümer vor Euch ausgebreitet liegen,
+werdet Ihr gewiß meiner gedenken und sprechen: ›O du braver Fuchs,
+treuer, redlicher Freund! Für deinen König hast du so viel Mühe und
+Arbeit gehabt und hast ihm durch deine Klugheit diese Schätze, ja sogar
+seine Krone erhalten! Möge es dir allezeit so gut ergehen, wie du es
+verdient hast!‹«
+
+Der König hatte aufmerksam zugehört. Die Geschichte kam ihm aber doch
+etwas merkwürdig vor, und er sagte zu Reineke: »Höre, Reineke, du mußt
+dich mit mir auf den Weg machen; es wäre doch möglich, daß ich allein
+die Stelle nicht fände. Von Aachen habe ich wohl schon reden hören, wie
+auch von Lüttich, Köln und Paris. Nie aber erzählte mir jemand etwas
+von Hüsterloh und Krekelborn. Reineke, Reineke! Ich fürchte fast, du
+erdichtest diese Namen und lügst uns etwas vor!«
+
+Ungern hörte Reineke diese Worte. Er wußte sich aber zu helfen.
+»Herr,« sprach er, »Euer Mißtrauen kränkt mich. Ich könnte es mir
+noch erklären, wenn ich Euch in ferne Lande, vielleicht an den Jordan
+schickte. Aber der Ort liegt ja nahe bei, in Flandern, und etliche von
+den Anwesenden werden ihn kennen. Sie sollen Euch sagen, daß Krekelborn
+bei Hüsterloh liegt und daß ich die Wahrheit geredet habe.«
+
+Darauf rief der Fuchs den Hasen, der heftig erschrak und zu zittern
+anfing.
+
+»Lampe,« sprach der Fuchs, »fürchtet Euch nicht! Es soll Euch nichts
+geschehen. Der König wünscht Euch zu sprechen. Ihr sollt ihm bei Eurem
+Eide der Wahrheit gemäß sagen, ob Ihr die Orte Hüsterloh und Krekelborn
+kennt.« Da atmete der Hase erleichtert auf und sagte: »Gnädigster
+König, gern will ich die Frage beantworten, da ich die Orte genau
+kenne. Hüsterloh liegt bei Krekelborn in der Wüste. Es ist ein dichtes
+Gebüsch, in dem ich bisweilen Zuflucht suchte, wenn ich von Jägern und
+Hunden verfolgt wurde. Ich habe da manchmal Frost und Hunger gelitten.«
+
+Reineke sagte: »Tretet zurück, Lampe, Ihr habt unserem königlichen
+Herrn genug gesagt.«
+
+Zu Reineke gewandt, sagte der König: »Ich sehe, daß Ihr wahr gesprochen
+habt, und bedaure die harten Worte, die ich dir in der Übereilung
+sagte. Führe mich nun eiligst zu dem Schatze!«
+
+Das kam dem Fuchse nun gar nicht gelegen. Wie konnte er den König zu
+einem Schatze führen, der gar nicht vorhanden war! Er wußte sich aber
+zu helfen.
+
+»Majestät,« sagte er, »welche Ehre wäre es für mich, und wie von
+Herzen gern würde ich Euch nach Flandern begleiten. Aber leider ist
+es mir nicht möglich. Ihr würdet Euch versündigen, wenn Ihr mich
+dazu nötigtet. Nur beschämt gestehe ich, was mich daran verhindert.
+Isegrim ließ sich vor einiger Zeit das Haupt scheren und trat in ein
+Kloster ein. Freilich, er tat es nicht aus Frömmigkeit, sondern um
+bequem zu leben und gut zu essen. Aber wenn man ihm auch für sechs zu
+essen gab, so wurde er doch niemals satt. Er klagte und jammerte und
+wurde krank und elend. Da hatte ich Mitleid mit ihm, als meinem nahen
+Verwandten, und verhalf ihm zur Flucht aus dem Kloster. Dafür traf mich
+der Bannstrahl des Papstes. Meine nächste Sorge ist nun, mich davon
+zu befreien, und deshalb will ich morgen mit Sonnenaufgang nach Rom
+ziehen, um Ablaß zu erbitten! Ist mir der zuteil geworden, dann will
+ich weiter übers Meer ziehen, bis ich, von allen Sünden gereinigt,
+zurückkehren kann. Dann erst bin ich würdig, neben Euch zu gehen.
+Reiste ich aber jetzt mit Euch, so würde jeder sagen: ›Seht, unser Herr
+geht mit Reineke, den er eben hängen lassen wollte, und der noch dazu
+im Bann ist!‹ Gestehet, gnädiger Herr, daß ich recht habe, und erteilt
+mir Urlaub!«
+
+»Es ist wahr,« sprach der König, »neben einem vom Banne Getroffenen
+kann ich nicht gehen. Lampe mag mich nach Hüsterloh führen. Du aber,
+Reineke, tritt deine Wallfahrt an, es wäre unrecht von mir, dich auch
+nur einen Tag davon zurückzuhalten. Es freut mich, daß du dich so
+eifrig zu bekehren strebst und dich in Zukunft vom Bösen zum Guten
+wenden willst. Gott lasse dich die Reise glücklich enden!«
+
+Darauf trat der König auf eine kleine Erhöhung, so daß er von allen
+gesehen wurde, und sprach:
+
+»Schweiget und höret meine Worte, ihr alle, die ihr hier versammelt
+seid! Große und Kleine, Reiche und Arme! Hier steht Reineke, der zum
+Tode verurteilt war, den ich aber begnadige. Er hat dem Königreich
+durch Mitteilung wichtiger Geheimnisse einen großen Dienst erwiesen.
+Ich schenke ihm deshalb Gut und Leben und wende ihm meine ganze Huld
+von neuem zu. Auch meine Gemahlin, die Königin, hat Fürsprache für ihn
+eingelegt. Euch allen gebiete ich bei Todesstrafe, daß ihr Reineke,
+seinem Weibe und seinen Kindern alle Ehren bezeigt, wo sie euch auch
+begegnen, es sei bei Tag oder bei Nacht. Ich will von jetzt an über
+Reineke keine Klage mehr hören. Hat er früher Übles getan, so wird er
+sich künftig bessern. Ich erteile ihm einen längeren Urlaub. Morgen
+früh will er Stab und Ranzen nehmen und zum Papst nach Rom wallfahrten,
+um Ablaß zu erbitten. Von da will er übers Meer ziehen und nicht eher
+zurückkehren, bis er von allen seinen Sünden gereinigt ist.«
+
+
+
+
+ 7. Kapitel.
+
+ Reineke tritt seine Pilgerfahrt an. Lampe und Bellyn in Malepartus.
+
+
+Mit Schrecken vernahmen Reinekes Feinde seine Begnadigung. Zornig
+sprach Hinze zu Isegrim und Braun: »Nun ist alle unsere Mühe und Arbeit
+verloren! Ich wollte, ich wäre am Ende der Welt! Ist der Fuchs wieder
+in des Königs Gunst, so wird er alle seine Künste brauchen, um uns ins
+Unglück zu bringen. Ein Auge hat er mir schon geblendet, nun steht auch
+das zweite in Gefahr.«
+
+Braun erwiderte: »Nun ist freilich guter Rat teuer!« Und Isegrim rief:
+»Wahrlich, es ist eine schlimme Sache! Aber laßt uns noch das Äußerste
+wagen und mit dem König sprechen!«
+
+Alles Abraten des Katers, diesen gewagten Schritt zu unterlassen,
+nutzte nichts. Entschlossen traten Braun und Isegrim vor das Königspaar
+und wollten ihre Klagen gegen Reineke von neuem anfangen.
+
+Aber der König unterbrach sie zornig: »Habt ihr meine Worte nicht
+vernommen? Ich will keine Klagen über Reineke mehr zu hören bekommen!
+Er ist von mir wieder in Gnaden aufgenommen worden. Euer Ungehorsam
+soll gestraft werden!«
+
+Darauf ließ er beide binden und ins Gefängnis werfen.
+
+Der König bestrafte die beiden so streng, weil er an die Verschwörung
+dachte, die sie angeblich gegen ihn geplant hatten. So kamen Reinekes
+Feinde ins Unglück, er selbst aber war frei und stand hoch in des
+Königs Gunst. Da er für seine Reise ein Ränzlein brauchte, so schnitt
+man von dem Rücken des Bären ein Stück Fell heraus, einen Fuß lang und
+einen Fuß breit und fertigte daraus einen Ranzen an. Nun fehlten noch
+die Schuhe für den frommen Pilger. Da mußte Isegrim das Fell von den
+Vorderfüßen hergeben; da man vier Schuhe brauchte, so zog man Frau
+Gieremund, Isegrims Weib, das Fell von den Hinterfüßen ab.
+
+Nun trat Reineke vor den König und die Königin, verneigte sich tief und
+sprach: »Nun habe ich Ränzel und Schuhwerk für die Reise und kann mich
+getrost auf die Wanderschaft begeben. Ich danke Euch untertänigst für
+alle Eure Güte und werde in meinen Gebeten stets Eurer gedenken!«
+
+Braun, Isegrim und seine Frau hatten indes große Schmerzen zu erdulden.
+Stöhnend und ächzend lagen sie auf ihrer Spreu im Gefängnis, denn auch
+Frau Gieremund hatte man mit eingesperrt.
+
+Ehe Reineke seine Pilgerfahrt antrat, ging er in den Kerker zu seinen
+Feinden, um sie zu verhöhnen und zu verspotten, und sagte:
+
+»Schönsten Dank, Oheim Braun, für das Ränzlein, das ich gut gebrauchen
+kann für meine Wanderschaft. Und auch euch, teurer Vetter Isegrim und
+liebes Mühmchen, danke ich von Herzen für die schönen Schuhe! Sie
+passen vortrefflich, und seht nur, wie hübsch sie mir stehen! Ihr habt
+euch große Mühe gegeben, mich ins Verderben zu stürzen. Aber das Blatt
+hat sich gewendet: ich bin frei, und ihr seid eingekerkert. Das ist
+aber ganz gesund, da habt ihr wenigstens Ruhe, eure Wunden heilen zu
+lassen. Nun, ich werde unterwegs eurer gedenken und euch von dem Ablaß
+ein gut Teil abgeben.«
+
+Braun und Isegrim vernahmen schweigend die spöttischen Worte. Frau
+Gieremund aber seufzte: »Möge der Himmel vergelten, was Ihr an uns
+getan habt!«
+
+In der Frühe des nächsten Morgens trat Reineke vor den König und
+sprach:
+
+»Majestät, Euer ergebener Knecht ist nunmehr bereit, die heilige
+Wanderung anzutreten. Befehlt gütigst Eurem Priester, mir den Segen des
+Himmels mit auf den Weg zu geben.«
+
+Da rief König Nobel Bellyn, den Widder, herbei, der damals Kaplan und
+Schreiber am Hofe war, und befahl ihm, Reineke den Segen zu erteilen
+und seinen Wanderstab zu weihen.
+
+Bellyn stand einen Augenblick ratlos da, dann sprach er schüchtern:
+»Majestät, Ihr wißt, daß Reineke noch in des Papstes Bann ist, und
+keinem Verbannten darf ich den Segen erteilen. Was würde der Bischof,
+Herr Ohnegrund, und der Propst, Herr Losefund, sagen, wenn ich mich so
+gegen die kirchlichen Bestimmungen verginge? Meines Amtes würde ich
+gewiß sofort entsetzt.«
+
+Da wurde der König sehr zornig und bestand auf seinem Willen.
+
+»Was kümmert mich der Propst und der Bischof?« rief er aus. »Reineke
+soll nach Rom und sich bekehren. Macht also nicht so viele unnütze
+Worte, sondern sprecht den Segen über ihn.«
+
+Da sah Bellyn ein, daß er sich nicht länger widersetzen durfte, zog
+sein Buch hervor und las die passenden Segenssprüche und weihte den
+Wanderstab. Reineke achtete nicht viel darauf, sondern lachte im Innern
+seines Herzens. Er tat aber sehr ergriffen, das Haupt tief gebeugt und
+die Augen voll Tränen der Reue. Empfand er aber wirklich Reue, so war
+es nur deshalb, weil es ihm nicht gelungen war, alle seine Feinde ins
+Unglück zu bringen.
+
+Er nahm nun Abschied und bat alle, fleißig für ihn zu beten. Darauf
+ergriff er Ränzel und Wanderstab und wollte eilig von dannen ziehen, da
+er sich noch nicht so ganz sicher am Hofe fühlte.
+
+»Warum eilst du dich plötzlich so sehr, fortzukommen?« fragte der König.
+
+Da versetzte Reineke: »Es ist hohe Zeit. Wer etwas Gutes vollbringen
+will, muß nicht säumen. Habt also die Gnade, mir Urlaub zu erteilen,
+und laßt mich ziehen!«
+
+Da gewährte ihm der König den gewünschten Urlaub, nahm Abschied von
+ihm und befahl allen Herren seines Hofes, den frommen Pilger ein Stück
+Weges zu begleiten.
+
+So verließ Reineke den Hof des Königs, um den nächsten Weg nach Rom
+einzuschlagen. Im Fortgehen rief er noch dem Herrscher zu: »Laßt
+wohl achtgeben auf die beiden Verräter im Gefängnis, daß sie nicht
+entweichen. Kämen sie los, so stände Euer Leben in Gefahr! Es sind ein
+paar schlimme Bösewichte!«
+
+Mit frommer Miene, Gebete murmelnd, schritt der Heuchler an der Spitze
+des Zuges dahin. Nachdem sie ein Stück gegangen waren, nahmen alle
+Abschied von dem Fuchs und kehrten an den Hof zurück. Nur Lampe, den
+Hasen, und Bellyn, den Widder, hielt Reineke zurück, indem er mit
+Tränen der Rührung sagte: »Muß ich denn nun wirklich allen Lebewohl
+sagen? Auf so lange Zeit soll ich mich von dir trennen, Freund Lampe?
+Und auch du, teurer Bellyn, willst jetzt von mir scheiden? Ihr könntet
+mich wohl noch ein Stück weiter begleiten. Denn euch liebe ich vor
+allen. Ihr seid brave Leute von guten Sitten und redlichem Sinn. Jeder
+lobt eure Frömmigkeit. Ihr seid genügsam und stillt euren Hunger mit
+Laub und Gras, wie auch ich es tat, als ich Mönch war, und fragt weder
+nach Fleisch und Brot noch nach anderen verbotenen Speisen.«
+
+O, wie ließen sich die beiden Einfältigen durch solches Lobreden
+betören! Sie gingen immer weiter mit ihm und begleiteten den
+Hinterlistigen schließlich bis zu seinem Schlosse Malepartus.
+
+Als sie das Schloß erreicht hatten, sprach Reineke zum Widder: »Neffe
+Bellyn, wartet hier draußen auf mich und erlabt Euch indessen an den
+saftigen Kräutern, die hier in Menge stehen. Ihr seid gewiß hungrig
+von dem weiten Wege. Und Ihr, Freund Lampe,« wendete er sich an den
+Hasen, »kommt mit mir hinein und helft mir mein armes Weib trösten.
+Sie wird sich gewiß sehr grämen, wenn sie hört, daß ich eine so lange
+Pilgerschaft antreten will.« So betrog Reineke diese beiden mit vielen
+süßen Worten.
+
+Frau Ermelyn war inzwischen in großer Sorge gewesen, wie es wohl
+Reineke vor Gericht ergehen würde. Als sie ihn nun vor sich sah,
+war sie sehr erfreut und fragte ihn, wie es ihm ergangen wäre. Er
+antwortete: »Ich war verurteilt, gehängt zu werden. Aber der König
+hat mich begnadigt. Braun und Isegrim sind ins Gefängnis geworfen.
+Ich muß nach Rom pilgern, um Buße zu tun. Zur Sühne gab mir der König
+den Hasen, mit dem ich tun kann, was mir beliebt. Denn er ist es, der
+mich verraten hat, wie mir der König sagte. Drum sage ich Euch, Frau
+Ermelyn, er verdient eine große Strafe.«
+
+Als Lampe diese Worte vernahm, erschrak er furchtbar und wollte
+fliehen. Reineke aber vertrat ihm den Weg und packte ihn am Halse.
+
+In Todesangst schrie er auf: »Bellyn, zu Hilfe, rettet mich! Ich bin
+verloren! Der Pilger tötet mich!« Mehr konnte er nicht hervorbringen,
+Reineke hatte ihm die Kehle durchgebissen. »Komm,« sprach er zu seiner
+Frau, »nun wollen wir es uns fein schmecken lassen. Es ist ein guter,
+fetter Hase. Nun ist doch der Geck zu etwas in der Welt nütze! Ich habe
+es ihm lange nachgetragen; nun wird er niemals mehr über mich klagen.«
+
+Nun machten sich alle über den Hasen her, Reineke, seine Frau und die
+Kinder, und ließen sich's prächtig schmecken. Einmal übers andere Mal
+rief die Füchsin aus: »Dank sei dem König, daß er uns ein so herrliches
+Mahl bereitet hat! Möge der Himmel es ihm lohnen!« Reineke sagte: »Eßt
+nur, soviel euch beliebt! Es ist genug da! So sollen alle, die Reineke
+verklagen, es zuletzt mit dem Leben büßen!«
+
+Als sie nun gesättigt waren, fragte Frau Ermelyn ihren Gatten: »Wie ist
+es denn gekommen, daß der König Euch wieder begnadigt hat und sich uns
+so gütig erweist?«
+
+Da lachte der Fuchs und sprach: »Wollte ich Euch das alles genau
+erzählen, so brauchte ich viele Stunden dazu! Kurzum, ich habe den
+König und seine verehrte Frau Gemahlin gewaltig beschwindelt. Freilich,
+die neue Freundschaft zwischen uns ist nur zart und gebrechlich und
+kann leicht in die Brüche gehen. Kommt er erst hinter die Wahrheit,
+so wird er rasen und mich mit Gewalt ergreifen lassen. Weder Gold
+noch Silber werden mich dann befreien können. Ich käme sicher nicht
+ungehängt davon! Darum müssen wir entfliehen, weit fort von hier in
+ein Land, wo uns niemand kennt. Am besten ist es, wir ziehen nach
+Schwaben! Das ist ein herrliches Land! Da gibt es Hühner, Gänse, Hasen
+und Kaninchen in Menge. Auch an Süßigkeiten fehlt es da nicht für
+unsere Kleinen, wie Feigen, Datteln, Rosinen und andere wohlschmeckende
+Früchte! O, wie armselig ist unser Land dagegen! In Schwaben gibt es
+viele große und kleine Vögel und in den Gewässern köstliche Fische.
+Ich lernte sie schätzen, als ich Klausner war und kein anderes Fleisch
+essen durfte. Die Namen der vielen Fische habe ich vergessen; Ich weiß
+nur, daß sie von größtem Wohlgeschmack waren. Man bäckt dortzulande
+das Brot mit Butter und Eiern. Die Luft ist erfrischend, das Wasser
+klar und gesund. Seht, liebe Frau! Dorthin wollen wir ziehen und da in
+Frieden leben!
+
+Damit Ihr mich aber recht versteht, so wisset: Der König begnadigte
+mich nur darum, weil ich ihm einen großen Schatz versprach. Ich sagte
+ihm, bei Krekelborn liege der Schatz des Königs Emmerich vergraben. Nun
+wird er dort Nachforschungen anstellen, aber soviel er auch gräbt, er
+wird weder Gold noch Silber noch die Königskrone finden. Denn solch ein
+Schatz ist ja gar nicht vorhanden! O, wie zornig wird er werden, wenn
+er merkt, daß er betrogen ist!
+
+Was meint Ihr wohl, was ich für schöne Lügen ersann, ehe ich entkam?
+Es war aber auch in der höchsten Not, denn schon stand ich auf der
+Leiter und hatte den Strick um den Hals. In solcher Angst bin ich
+noch nie gewesen! In Zukunft muß ich mich jedoch hüten, wieder in die
+Gewalt des Königs zu geraten, denn es würde mir ein zweites Mal gewiß
+nicht gelingen, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen! Darum laßt uns
+rechtzeitig fliehen!«
+
+Traurig erwiderte Frau Ermelyn: »Sollen wir in ein fernes Land ziehen,
+wo wir fremd und elend sein werden? Haben wir doch hier alles, was
+wir brauchen! Warum wollt Ihr Abenteuer suchen und das Ungewisse fürs
+Gewisse nehmen? Ein Spatz in der Hand gilt mehr als zehn Tauben auf dem
+Dache!
+
+Wir können auch hier in Sicherheit leben! Unsere Burg ist stark und
+gut gebaut. Und wenn uns selbst der König mit großer Heeresmacht
+angreift, so sollte es ihm schwer werden, uns zu ergreifen. Ihr wißt ja
+besser als ich, wie viele Seitentore unsere Festung hat, aus denen wir
+entwischen können! Nur das betrübt mich, daß Ihr geschworen habt, fern
+übers Meer zu fahren!«
+
+»Besser geschworen, als verloren!« sagte der Fuchs. »Ein gezwungener
+Eid taugt nicht viel. Und kurz, der Eid kümmert mich keinen Deut. Ich
+gehe nicht nach Rom, und hätte ich auch zehn Eide geschworen! Euer
+Rat aber ist klug, wir wollen hier bleiben! Wer weiß, wie es uns in
+Schwaben ergehen würde! Was der König gegen mich unternehmen wird,
+muß ich abwarten. Er ist mir zwar an Macht überlegen, das schadet
+aber nichts! Vielleicht kann ich ihn nochmals überlisten und ihm eine
+Narrenkappe mit Schellen über die Ohren ziehen!«
+
+»Lampe, Lampe!« erklang da die Stimme von Bellyn. »Wollt Ihr denn ewig
+da bleiben? Kommt doch heraus, wir müssen gehen.«
+
+Alle Kräuter hatte der Widder schon abgeweidet, und die Zeit wurde ihm
+lang.
+
+Auf den Ruf trat Reineke hinaus und sprach: »Bellyn, Lampe läßt Euch
+sagen, Ihr möchtet es nicht übelnehmen, daß er noch nicht kommt, und,
+wenn es Euch zu lange dauert, immer vorangehen. Er sitzt noch sehr
+vergnügt bei meiner Frau.«
+
+Da fragte Bellyn: »Was war denn das vorhin für ein Geschrei? Warum
+rief Lampe so kläglich: ›Helft mir, Bellyn!‹? Was habt Ihr ihm zuleide
+getan?«
+
+Reineke versetzte: »Hört nur, als ich meinem Weibe sagte, daß ich eine
+weite Seereise antreten müßte, fiel sie in Ohnmacht. Da erschrak Lampe
+und rief: ›Bellyn, helft mir, oder meine Muhme bleibt tot!‹«
+
+Der Widder sagte zweifelnd: »Er hat doch recht jämmerlich nach mir
+gerufen!«
+
+Aber Reineke versetzte: »Ihr braucht Euch nicht um ihn zu ängstigen.
+Lampen ist kein Haar gekrümmt worden! Ich wollte lieber selbst Schaden
+erleiden, als daß Lampen ein Leid widerführe! Doch hört, Bellyn, der
+König bat mich gestern, ihm noch ein paar Briefe zu schreiben. Wollt
+Ihr sie ihm bringen, lieber Neffe? Sie sind schon geschrieben und ganz
+fertig. Ich habe dem König darin manchen klugen Rat erteilt. Während
+ich schrieb, plauderte Lampe mit meiner Frau; sie redeten von alten
+Zeiten, aßen und tranken und waren seelensvergnügt!«
+
+Bellyn sprach: »Lieber Reineke, gern will ich die Briefe besorgen. Aber
+wie soll ich sie gut verwahren, daß kein Siegel zerbricht?«
+
+»Da weiß ich Rat,« sprach Reineke. »Das Ränzel aus Brauns Fell ist
+dicht und stark. Da hinein will ich die Briefe legen. Der König wird
+Euch gewiß mit Ehren empfangen und Euch reichlich belohnen!«
+
+Das alles glaubte der einfältige Widder dem Falschen.
+
+Reineke ging ins Haus zurück, nahm den Ranzen und steckte Lampens Kopf
+hinein, den er abgebissen hatte. Aber das durfte Bellyn nicht wissen.
+Deshalb sagte Reineke zu ihm: »Seht, hier ist das Ränzlein; hängt
+es Euch um den Hals! Doch hütet Euch, die Briefe zu lesen oder den
+Ranzen auch nur zu öffnen! Ich habe den Knoten so verschlungen, wie es
+zwischen dem König und mir ausgemacht ist. Hört mich also recht, und es
+wird Euer eigener Vorteil sein. Sagt auch dem König, daß Ihr mir bei
+den Briefen mit Rat und Tat beigestanden habt, so bekommt Ihr gewiß
+großen Lohn und Dank dafür.«
+
+Bellyn sprang vor Freude hoch in die Luft und rief: »Reineke, lieber
+Oheim, nun sehe ich, wie gut Ihr es mit mir meint! Was für Ehre werde
+ich bei Hofe einlegen, wenn sie hören, daß ich bei den schönen Briefen
+mitgeholfen habe! Ich danke Euch von Herzen! Wie gut war es, daß ich
+Euch so weit begleitete! Aber sagt, soll Lampe jetzt gleich mit mir
+gehen? Ich möchte doch so schnell wie möglich die Briefe dem König
+überbringen!«
+
+»Geht nur voran!« antwortete der Fuchs. »Lampe soll bald nachfolgen,
+ich habe nur noch etwas Wichtiges mit ihm zu besprechen.«
+
+»So seid Gott befohlen!« sagte Bellyn. »Ich mache mich auf den Weg.«
+Und er eilte fröhlich von dannen.
+
+
+
+
+ 8. Kapitel.
+
+ Die Sühne. Reineke wird abermals angeklagt.
+
+
+Es war gegen Mittag, als Bellyn bei Hofe ankam und vor den König trat.
+Dieser war sehr verwundert, als er Reinekes Ränzel sah, und fragte:
+»Wo kommst du her, Bellyn? Und wo ist Reineke geblieben, da du seinen
+Ranzen trägst?«
+
+Bellyn sprach: »Gnädiger Herr, Reineke bat mich, ich sollte Euch Briefe
+bringen, an denen ich mit Rat und Tat geholfen habe. Sie sind hier im
+Ranzen, öffnet ihn gütigst.«
+
+Da ließ der König den Biber kommen. Er hieß Bokert, war Schreiber und
+Notar am Hofe und verstand vielerlei Sprachen. Auch Hinze, der Kater,
+der klug und gelehrt war, mußte erscheinen.
+
+Als diese beiden den künstlichen Knoten gelöst hatten, zogen sie zu
+ihrem Entsetzen Lampes Kopf aus dem Ranzen hervor. O, wie erschrak da
+der König. Voll Zorn rief er: »O Reineke, schändlicher Verräter, hätte
+ich dir nur nicht geglaubt. Wie furchtbar hast du mich betrogen!« Und
+der König erhob ein so gewaltiges Gebrüll, daß alle Tiere herbeigeeilt
+kamen, um zu sehen, was sich ereignet hätte. Der Leopard, des Königs
+naher Verwandter, bat den König, sich zu beruhigen, und sprach ihm Mut
+zu. Da sagte der König: »Wundert Euch nicht, daß ich so verzweifelt
+bin! Habe ich mich doch selbst an meinen nächsten Freunden vergangen.
+Auf den bösen Rat des arglistigen Schelmen habe ich Braun und Isegrim
+ins Gefängnis geworfen. Das reuet meine Seele. Aber meine Frau trägt
+mit die Schuld daran. Hätte ich nur nicht auf ihre Worte gehört, als
+sie für den Betrüger bat! Aber nun ist es zu spät; ich habe ihn nicht
+mehr in meiner Gewalt!«
+
+Der Leopard sprach: »Hört mich, Herr König! Grämt Euch nicht gar zu
+sehr! Ist etwas übel getan, so kann man es doch wieder gut machen.
+Braun, Isegrim und seine Frau müssen sofort in Freiheit gesetzt werden.
+Als Sühne für das ungerecht ihnen zugefügte Leid soll man ihnen den
+Bock Bellyn übergeben. Er bekannte ja selbst, daß er zu Lampes Tode
+mit Rat und Tat geholfen habe. Dafür soll er seinen Lohn empfangen.
+Dann wollen wir Reineke aufsuchen, ihn fangen und, ohne ihn zu Worte
+kommen zu lassen, hängen. Denn kommt er zum Reden, schwatzt er sich
+gewiß wieder los. Mit dieser Genugtuung werden auch Braun und Isegrim
+zufrieden sein.«
+
+Dieser Rat gefiel dem König, und er sprach: »Ich will Euren Rat
+befolgen. Geht und setzt die beiden Herren in Freiheit. Man soll sie
+mit großen Ehren wieder in meinen Rat setzen. Darum bitte ich Euch:
+ruft meinen ganzen Hof zusammen. Jeder soll erfahren, wie listig
+Reineke entkommen ist, und wie er, im Verein mit Bellyn, den armen
+Lampe getötet hat. Ein jeder soll auch Braun und Isegrim alle Ehre
+erweisen. Zur Genugtuung gebe ich ihnen den verräterischen Bellyn und
+sein ganzes Geschlecht.«
+
+Sogleich begab sich der Leopard ins Gefängnis, wo Braun und Isegrim
+gebunden lagen. Unverzüglich wurden ihnen die Fesseln abgenommen,
+und der Leopard sagte zu ihnen: »Ich bringe euch gute Botschaft, ihr
+Herren! Der Betrug Reinekes kam an den Tag. Der König sieht ein, daß
+man euch unverdient Übles zugefügt hat, und bereut es von Herzen. Um
+euch dafür Genugtuung zu geben, überläßt er euch den Widder Bellyn
+mit seinem ganzen Geschlechte für jetzt und für alle Zeiten. Er gibt
+euch das Recht, sie anzugreifen, wo ihr sie auch trefft, im Wald und
+im Feld, bei Tag und bei Nacht. Außerdem gibt mein gnädiger Herr
+Reineke, der euch verraten hat, in eure Gewalt. Ihr mögt ihn mit aller
+Macht verfolgen, sowohl ihn selbst, wie auch sein Weib und alle seine
+Angehörigen. Dies alles soll ich euch im Namen des Königs verkündigen.
+Ihr sollt dann aber auch das Vergangene vergessen und ihm von neuem
+Treue schwören. Es wird euch nie mehr eine Ungerechtigkeit durch den
+König widerfahren!«
+
+So ward die Aussöhnung durch den Leoparden bewirkt. Noch an demselben
+Tage mußte Bellyn seinen Hals hergeben. Und von der Zeit an sind Bären
+und Wölfe die schlimmsten Feinde der Schafe und überfallen und töten
+sie, wo sie nur können.
+
+Der König aber ließ den Hof zwölf Tage länger beisammen bleiben und
+gab große Feste zu Ehren von Braun und Isegrim. Großer Jubel herrschte
+im ganzen Reiche, denn überall hin sandte der König seine Boten,
+um alle seine Untertanen ins Schloß einzuladen. Von allen Seiten
+strömten die Gäste herbei, um an der Freude teilzunehmen. Weithin
+erschollen Trompeten und Schalmeien, Pauken und Flöten. Große Turniere
+wurden veranstaltet, zierliche Tänze aufgeführt, und lustige Lieder
+erklangen. Der König hatte alles im Überfluß anschaffen lassen. An
+wohlschmeckenden Speisen gab es, was jedes Herz begehrte, und der Wein
+floß in Strömen.
+
+Als nun acht Tage in solchem Taumel vergangen waren und der König mit
+den Großen des Reiches gerade an der Tafel saß, um zu speisen, trat ein
+Kaninchen in den Festsaal hinein, das aus einer tiefen Wunde am Halse
+blutete. Es trat dicht vor den König und die Königin hin und sprach
+mit trauriger Gebärde: »Mein Herr König und alle, die ihr hier zugegen
+seid! Hört meine Klage und erbarmt euch meiner! Gestern früh machte
+ich mich auf den Weg zum Königsschloß, um der Einladung Eurer Majestät
+zu den Festen zu folgen. Ich mußte an der Festung Malepartus vorüber.
+
+Da saß Reineke vor seiner Tür, wie ein Pilger gekleidet, und schien
+eifrig im Gebetbuch zu lesen. Ich wollte ruhig weitergehen. Allein
+sowie er mich bemerkte, kam er mir entgegen, als wollte er mich
+freundlich begrüßen. Aber plötzlich sprang er auf mich zu und packte
+mich im Genick, daß ich glaubte, es wäre mein Ende. Er warf mich auf
+den Boden nieder und wollte mich verspeisen. Doch Gott sei Dank! Als
+sich einen Augenblick sein fester Griff lockerte, gelang es mir,
+seinen Klauen zu entschlüpfen. Freilich hatte ich bei dem Kampf ein
+Ohr eingebüßt und vier große Löcher im Kopf davongetragen. Ein Wunder
+ist's, daß ich dem Tode entrann! Er war sehr ergrimmt und fluchte noch
+lange hinter mir her. Seht, gnädiger Herr, so bricht der Fuchs den von
+Euch angeordneten heiligen Frieden! Wer darf künftighin noch wagen,
+über Land zu gehen, wenn Reineke die Straßen so unsicher macht?«
+
+Kaum hatte das Kaninchen seine Klage beendet, da kam Merkenau, die
+Krähe, herbeigeflogen und jammerte: »Hochwürdiger König, gnädiger
+Herr! Ich bringe Euch eine traurige Nachricht! Vor Aufregung kann
+ich kaum sprechen; das Herz zerspringt mir fast, so Schreckliches
+ist mir passiert! Heute morgen flog ich mit Scharfenibbe, meinem
+treuen Weibe, übers Feld. Da sah ich Reineke, den Fuchs, tot auf der
+Erde liegen. Er hatte alle Viere von sich gestreckt, das Maul stand
+weit offen, die Zunge hing lang zum Halse heraus, beide Augen waren
+verdreht. Vor Schreck fing ich an zu schreien, aber er rührte sich
+nicht, er war mausetot. Das betrübte mich sehr, und mein Weib fing
+an zu weinen, so sehr jammerte sie sein Tod. Wir traten näher an ihn
+heran und betasteten seinen Leib. Dann horchte meine Frau, ob noch ein
+Atemzug zu bemerken sei. Aber es war nichts zu spüren; wir hätten
+beide geschworen, er wäre tot! O, der Schändliche, wie betrog er uns!
+Als meine Frau recht nahe an seinem Haupte stand und nach seinem Atem
+horchte, packte er sie plötzlich am Hals und biß ihr den Kopf ab.
+Darauf sprang er auf mich los und hätte mich auch fast erschnappt,
+aber ich entkam noch mit knapper Not und rettete mich auf einen Baum,
+der dicht dabei stand. Von hier aus mußte ich nun mitansehen, wie der
+Bösewicht mein liebes Weib auffraß. Er war so gierig, daß er auch
+nicht ein Knöchelchen zurückließ. Als er fort war, flog ich herab und
+sammelte die blutigen Federn, um sie als teures Andenken aufzubewahren.
+Ich habe sie mitgebracht, um sie Eurer Majestät zu zeigen als Beweis
+des furchtbaren Mordes. Gnädiger Herr, rächet die grausige Tat! Laßt es
+den Verräter mit seinem Leben büßen! Denn wenn Ihr diese Sache gering
+achtet und Reineke ungestraft laßt, so wird es Eurem Namen keine Ehre
+machen. Man wird im ganzen Reiche schlecht von Euch sprechen. Denn man
+sagt: Wer Missetat nicht straft, der ist der Tat mitschuldig! Doch das
+wäre Eurer fürstlichen Ehre zu nahe getreten.«
+
+Als die Krähe ihre Klage beendet hatte, sprang König Nobel vom Throne
+auf und rief in höchstem Zorn: »Wahrlich, ich schwöre es, diese Untaten
+will ich strafen, daß man noch lange davon sprechen soll! Wie konnte
+der Frevler es wagen, mein Gebot zu übertreten und den Frieden zu
+brechen! Wie töricht war ich, daß ich ihn freigab! Daß ich allen seinen
+Lügen glaubte, mit denen er mich so listig hinterging! Ich stattete ihn
+noch selbst als Pilger aus, der nach Rom wandern sollte. Allein meine
+Frau trägt die größte Schuld daran. Ich bin freilich nicht der einzige,
+der durch den Rat der Frau zu Schaden kommt, es ist schon manchem so
+gegangen. Lassen wir Reineke noch länger sein ruchloses Wesen treiben,
+so müssen wir uns vor der ganzen Welt schämen. Darum, ihr Herren,
+denkt eifrig darüber nach, wie wir seiner am schnellsten habhaft
+werden können. Wenn wir es mit Ernst anfangen, so kann er uns unmöglich
+entkommen!«
+
+Isegrim und Braun waren mit den Worten des Königs äußerst zufrieden,
+denn sie hofften, dem Fuchs würde nun alles Üble, was er ihnen zugefügt
+hatte, doppelt und dreifach vergolten werden. Da sprach die Königin:
+»Ich bitte Euch, mein Gemahl, zürnt nicht zu sehr. Schwört auch nicht
+so leicht, damit Ihr bei Macht und Ansehen bleibt. Noch wißt Ihr ja
+nicht genau, wie sich die Sache zugetragen hat. Wäre nur Reineke
+zugegen! Vielleicht würden die dann schweigen, die jetzt über ihn
+klagen. Oft klagt auch der, der selber Übles tut. Ich hielt Reineke
+für klug und rechtschaffen, darum half ich ihm nach Vermögen. Ich tat
+es aber nur in der besten Absicht, Euch zu nutzen. Leider ist es nun
+zu Eurem Schaden ausgefallen. Doch, teurer Herr, übereilt Euch nicht!
+Vergeßt nicht, daß der Fuchs aus edlem Geschlecht ist! Straft ihn
+nicht, ohne ihn gehört zu haben! Ihr seid ja Herr im Lande, er kann
+Euch nicht entgehen. Wollt Ihr ihn fangen oder töten, Euer Urteil muß
+vollstreckt werden. Aber ich bitte Euch inständig, übereilt Euch nicht!«
+
+Da sprach der Leopard: »Herr, folgt ruhig dem Rate Eurer Frau Gemahlin!
+Was kann es Euch schaden, wenn Ihr den Fuchs erst anhört? Es steht
+immer in Eurer Macht, Euch an ihm zu rächen. Darum schlage ich vor,
+ihm noch einmal freies Geleit zu sichern und seine Verteidigung
+mitanzuhören.«
+
+Isegrim sagte darauf: »Es kann nicht schaden, wenn jeder seine Meinung
+sagt. Hört mal, Herr Leopard! Wäre Reineke hier zur Stelle und könnte
+beide Klagen von sich abschütteln, die heute gegen ihn vorgebracht
+sind, so kann ich doch eine so böse Sache von ihm melden, daß er
+durch sie sicher dem Tode verfallen wird. Allein ich will jetzt davon
+schweigen, bis ich in seiner Gegenwart die Klage vorbringen kann. Aber
+er wird nicht freiwillig kommen. Denn wie könnte er es wagen, dem
+König vor das Angesicht zu treten, nachdem er ihn in so schamloser
+Weise belogen hat. Wie konnte er es wagen, eine Geschichte zu erfinden
+von Hüsterloh und Krekelborn und dem verborgenen Schatze des Königs
+Emmerich, und das alles dem Könige für bare Münze auszugeben! Uns alle
+hat er betrogen, mich und Braun aber obendrein am eigenen Körper arg
+geschädigt. Ich werde mein Leben daran setzen, mich an ihm zu rächen.
+Sein Leben lang hat er nicht die rechte Wahrheit geredet. Nun raubt
+und mordet er auf der Heide. Wenn es dem König beliebt, so kann ja
+ein Bote zu ihm gesendet werden. Aber ich sage Euch: er wird nicht
+kommen. Er fühlt sich sicherer in seiner Festung Malepartus, die er für
+unbezwinglich hält.«
+
+Der König erwiderte: »Isegrim hat recht, er wird nicht an den Hof
+kommen. Wozu sollen wir also die Zeit mit Worten verlieren? Ich will
+den Klagen bald ein Ende machen. Der Bösewicht richtet mir sonst mein
+ganzes Land zugrunde! Darum wollen wir alle nach Malepartus ziehen und
+die Festung belagern. Ich gebiete, daß ihr euch alle bereit haltet,
+mir in sechs Tagen dorthin zu folgen. Bewaffnet euch mit Harnischen,
+Spießen und Bogen, mit Donnerbüchsen, Pallaschen und Hellebarden. Dann
+wollen wir mal sehen, ob die Feste wirklich uneinnehmbar ist!«
+
+Diesen Befehl des Königs hörten alle gern, und sie riefen: »Wir werden
+bereit sein, Euch nach Malepartus zu folgen!«
+
+
+
+
+ 9. Kapitel.
+
+ Grimbart in Malepartus.
+
+
+Grimbart, der Dachs, war mit am Hofe gewesen und hatte den Beschluß
+des Königs gehört. Er lief nun, so schnell es ihm möglich war, nach
+Reinekes Schloß, um ihm diese Nachricht zu überbringen. Er war sehr
+betrübt und sprach zu sich selber: »Ach, armer Oheim, wie wird es dir
+nun gehen! Du bist das Haupt unseres ganzen Geschlechts, und wir alle
+trauern um dich!«
+
+Als Grimbart in Malepartus anlangte, fand er Reineke vor der Tür seines
+Hauses stehen. Er hatte ein paar junge Tauben gefangen, die ihren
+ersten Flug aus dem Neste gewagt hatten. Ihre Flügelein waren aber noch
+zu schwach, um sie zu tragen. Sie fielen zur Erde nieder, Reineke sah
+es und erhaschte sie. Als Reineke den Dachs kommen sah, ging er ihm
+entgegen und sprach: »Willkommen, Neffe! Ihr lauft ja so sehr, daß Ihr
+schwitzt! Was bringt Ihr denn für frohe Botschaft?«
+
+Grimbart versetzte: »Eine Botschaft bringe ich Euch freilich, es ist
+aber leider eine recht schlechte. Hab und Gut, Leib und Leben, alles
+ist verloren! Der König hat geschworen, daß er Euch töten will. Er
+hat alle seine Ritter aufgeboten, sich mit Schwertern, Büchsen und
+Bogen zu bewaffnen. Mit Heeresmacht will er vor Malepartus ziehen und
+die Festung belagern. In sechs Tagen ist er hier. Wehe, teurer Oheim,
+dann seid Ihr verloren! Der König ist furchtbar erzürnt gegen Euch.
+Er war ganz außer sich über Euren Verrat an dem armen Lampe. Nun
+haben auch noch das Kaninchen und die Krähe schwere Klagen gegen Euch
+erhoben. Isegrim und Braun sind wieder hoch in Ehren am Hofe. Alles,
+was sie wollen, geschieht. Es wird nicht lange dauern, so wird der
+König Isegrim zum Marschall ernennen. Er ist schon jetzt mit dem König
+vertrauter als ich mit Euch. Seit er durch Eure Schuld ins Gefängnis
+geworfen wurde, hegt er einen furchtbaren Haß gegen Euch in seinem
+Herzen und schwört, sich an Euch zu rächen, sollte er auch sein Leben
+daran wagen. Er schimpft Euch Räuber und Mörder und drängt den König,
+das Todesurteil über Euch auszusprechen. Glaubt mir, Oheim, werdet Ihr
+gefangen, so müßt Ihr Abschied vom Leben nehmen.«
+
+»Weiter habt Ihr mir nichts zu sagen?« versetzte lachend der Fuchs.
+»Das ist ja nicht der Rede wert. Darum seid Ihr so sehr erschrocken?
+Wenn es weiter nichts ist! Hätten der König und alle seine Räte noch
+zehnmal mehr geschworen, so hilft es ihnen doch nichts. Komme ich
+nur zu Worte, so will ich meine Verteidigung schon führen, daß ich
+schließlich als Sieger dastehe und sie die Unterlegenen sind.
+
+Schlagt Euch die Sache aus dem Sinn, lieber Neffe. Kommt mit hinein und
+seht, was ich Euch vorzusetzen habe! Ein Paar Tauben, jung und fett!
+Ich esse keine Speise lieber, denn sie ist leicht zu verdauen, man mag
+sie ganz verschlucken oder klein gekaut haben. Auch die Knöchelchen
+schmecken süß; sie sind halb Milch, halb Blut. Ich esse gern leichte
+Speisen, und meine Frau hat denselben Geschmack. Kommt also herein,
+sie wird Euch wohl empfangen. Aber von der bewußten Angelegenheit
+müßt Ihr sie nichts merken lassen. Sie ist gar zu ängstlich und sieht
+bei kleinen Dingen oft große Gefahr. Seid darum verschwiegen! Morgen
+wollen wir an den Hof gehen. Aber werdet Ihr mir auch beistehen wie ein
+Verwandter dem anderen?«
+
+»Mit Leib und Seele stehe ich zu Euren Diensten!« rief Grimbart aus.
+
+»Habt Dank!« sprach der Fuchs, »wenn ich mit dem Leben davonkomme, so
+soll es Euer Schade nicht sein!«
+
+»Ihr könnt getrost vor den König treten!« sagte Grimbart, »um euch zu
+verantworten. Denn der Leopard gab den Rat, es solle Euch nichts Böses
+geschehen, ehe Ihr Euch nicht selbst verteidigt habt. Derselben Meinung
+ist auch die Königin. Ihr wißt, was für Macht sie über den König hat.
+Nutzt das zu Eurem Vorteil!«
+
+»Das werde ich tun!« sprach Reineke. »Hört mich der König nur erst an,
+so wird es mir auch gelingen, ihn umzustimmen!«
+
+Beide gingen nun in das Haus hinein und wurden von Frau Ermelyn
+freundlich empfangen.
+
+Sie bereitete ihnen ein köstliches Mahl von den mitgebrachten Tauben.
+Jeder aß sein Teil davon, aber satt wurde keiner. Jeder hätte mit
+Leichtigkeit noch ein halbes Dutzend solcher jungen Täubchen verzehrt.
+
+Nach Tisch rief Reineke seine Kinder herbei und zeigte sie dem Gast.
+»Seht, Neffe,« fragte er den Dachs, »wie gefallen Euch denn meine
+Kinder, Rossel und Reinhart? Sie fangen schon frühzeitig an, sich in
+mancherlei Geschicklichkeiten auszubilden. Der eine fängt ein Huhn,
+der andere ein Küchlein. Sie können auch schon unter Wasser tauchen,
+um Enten und Kibitze zu erhaschen. Ich könnte sie wohl öfter auf die
+Jagd schicken, aber ich will sie erst klüger machen und sie erst
+lehren, wie sie sich vor Jägern und Hunden in acht nehmen sollen. Wenn
+sie das erst recht verstehen, dann werden sie uns manche köstlichen
+Braten verschaffen, die wir jetzt entbehren müssen. Ich sage Euch, sie
+schlagen ganz nach mir. Kein Tier, dem sie nachstellen, kann ihnen
+etwas anhaben; sie beißen ihm gleich die Kehle durch, ganz wie Vater
+Reineke es zu machen pflegt! Mit einem schnellen Sprung ergreifen sie
+ihr Opfer. Kurzum, ich kann sie nur loben, sie sind geschickt und brav.«
+
+Grimbart sagte darauf: »Das gefällt mir, daß diese beiden unserem
+Geschlechte Ehre machen! Wer wohlerzogene Kinder hat, die schon früh
+nach Erwerb streben, hat alle Ursache, sich zu freuen.«
+
+»Doch jetzt, lieber Grimbart,« sprach Reineke, »wollen wir zur Ruhe
+gehen. Ihr seid gewiß müde von der weiten Wanderung!«
+
+Und sie gingen alle in den mit Heu bestreuten Saal und legten sich zum
+Schlafen nieder. Reineke aber konnte kein Auge schließen, ihm war doch
+sehr ängstlich zumute, und er sann hin und her über seine Rettung.
+
+So lag er in schweren Gedanken bis an den hellen Morgen. Dann stand er
+auf und sagte zu seiner Frau: »Ich muß heute mit Grimbart an den Hof
+gehen. Aber macht Euch deshalb keine Sorgen. Spricht jemand Schlechtes
+von mir, so denkt nur immer das Beste. Sorgt gut für die Kinder und
+verwahrt unsere Festung wohl!«
+
+»Das ist ja eine seltsame Sache!« sagte Frau Ermelyn. »Was habt Ihr
+denn bei Hofe zu suchen? Wißt Ihr nicht, wie schlecht es Euch neulich
+dort erging?«
+
+»Es ist freilich wahr,« erwiderte Reineke, »ich war damals in großer
+Gefahr. Manch einer war mir nicht gut gesinnt. Aber es geht bisweilen
+wunderlich in der Welt zu und kommt oft besser, als man denkt. Darum
+ängstigt Euch nicht! Ich muß nun einmal an den Hof, aber spätestens in
+fünf bis sechs Tagen bin ich wieder daheim. Lebt wohl indessen!«
+
+So nahm er Abschied von Frau und Kindern und verließ mit Grimbart die
+Burg.
+
+
+
+
+ 10. Kapitel.
+
+ Reinekes zweite Beichte.
+
+
+Reineke und Grimbart wanderten also miteinander über die Heide,
+geradeswegs nach des Königs Schlosse zu. Da sagte der Fuchs: »Es mag
+nun kommen, wie es will; aber ich ahne doch, daß mir die Reise zu
+großem Vorteil gereichen wird. Doch möchte ich gern meine Verteidigung
+mit leichtem Herzen führen können, und deshalb bitte ich Euch nochmals,
+meine Beichte mitanzuhören. Denn leider habe ich seitdem wieder manche
+Sünde begangen.«
+
+Grimbart erklärte sich bereit dazu, und der Fuchs begann: »Ich ließ
+Braun ein großes Stück aus seinem Fell schneiden und einen Ranzen
+daraus machen. Ich ließ dem Wolf und seiner Frau das Fell von den
+Füßen abziehen und Schuhe für mich davon machen. Das tat ich aus Haß
+und brachte es durch Lügen so weit, daß der König ihnen sehr zürnte
+und sie ins Gefängnis werfen ließ. Den König selbst habe ich furchtbar
+betrogen. Ich erzählte ihm von einem Schatz, der aber nirgends zu
+finden sein wird.
+
+Lampe habe ich getötet und verspeist. Darauf habe ich den ahnungslosen
+Bellyn mit Lampes Kopf zum König geschickt, der den Widder für den
+Übeltäter hielt und in großen Zorn geriet. Dem Kaninchen riß ich ein
+Ohr ab und tötete es beinahe.
+
+Auch die Krähe klagt mit Recht, ich fraß ihr Weibchen, Frau
+Scharfenibbe. Alles das habe ich seit meiner letzten Beichte begangen.
+Allein ich habe noch ein älteres Unrecht auf dem Gewissen, das ich
+neulich zu beichten vergessen hatte. Das sollt Ihr jetzt auch erfahren,
+lieber Neffe. Es war freilich ein recht loser Streich, den ich dem Wolf
+gespielt habe, und ich wollte nicht, daß mir widerführe, was ich ihm
+getan habe. Wir gingen einmal beide zwischen Kakys und Elverdingen.
+Da sahen wir auf der Wiese eine kohlschwarze Stute mit ihrem Füllen
+weiden. Das Junge mochte etwa vier Monate alt sein. Isegrim erblickte
+es kaum, als schon sein Gelüste nach dem zarten Bissen erwachte. Der
+Hunger plagte ihn überdies sehr. Da bat er mich: ›Lieber Freund, geht
+doch zu der Stute und fragt sie, ob sie mir das Fohlen verkaufen will!‹
+Ich tat ihm den Gefallen und fragte die Stute.
+
+›Ja,‹ sprach sie, ›wenn Ihr gut bezahlen wollt, könnt Ihr es haben.‹
+›Was fordert Ihr denn dafür?‹ fragte ich weiter. ›Der Preis steht auf
+meinem rechten Hinterfuß geschrieben. Wenn Ihr ihn wissen wollt, so
+lest ihn dort ab,‹ antwortete die Stute. Ich wußte gleich, was sie
+damit meinte, ließ mich's aber nicht merken, sondern sagte: ›Nein, gute
+Frau, lesen und schreiben kann ich nicht. Ich selbst begehre auch Euer
+Kind nicht. Isegrim hat mich zu Euch gesandt, er wünschte den Preis zu
+erfahren. ›So laßt ihn herkommen,‹ sprach sie, ›er mag ihn ablesen.‹
+
+Da ging ich zu Isegrim zurück und sagte: ›Die Alte will Euch das Fohlen
+lassen, der Preis steht auf ihrem rechten Hinterfuße geschrieben. Sie
+wollte es mich lesen lassen, ich bin ja aber leider des Lesens und
+Schreibens unkundig und habe oft Verdruß davon. Seht also selbst,
+Oheim, ob Ihr es entziffern könnt.‹
+
+›Wenn es weiter nichts ist!‹ versetzte Isegrim. ›Warum soll ich es
+nicht lesen können? Es sei, was es sei: Deutsch, Latein, Französisch!
+Habe ich doch zu Erfurt die hohe Schule besucht. Und was für Schriften
+man mir auch zeigt, ich lese sie so glatt und leicht wie meinen Namen.
+Wartet hier auf mich, ich will gehen und den Handel abschließen.‹ Er
+ging also hin und fragte die Stute, wofür sie das Füllen geben wolle,
+und zwar nach dem geringsten Preis. Sie erwiderte: ›Der Kaufpreis steht
+auf meinem rechten Hinterfuß geschrieben.‹ ›Laßt sehen,‹ sagte der
+Wolf. ›Gut,‹ versetzte sie und hob ihren Fuß hoch, der mit neuen Eisen
+und sechs Hufnägeln beschlagen war. Er bückte sich, um zu lesen. Da
+schlug sie aus und traf ihn so gewaltig vor den Kopf, daß er betäubt
+zur Erde stürzte und wie tot liegen blieb. Die Stute sprang mit ihrem
+Füllen davon, so schnell sie konnte. Es dauerte wohl eine halbe Stunde,
+ehe Isegrim wieder zur Besinnung kam. Er lag verwundet auf dem Boden
+und heulte vor Schmerzen. Ich ging zu ihm und fragte ihn: ›Herr, wo ist
+die Stute? Seid Ihr auch satt von dem Fohlen? Warum gabt Ihr mir nicht
+auch etwas ab, da ich doch die Botschaft gebracht habe? Habt Ihr etwa
+schon nach der Mahlzeit geschlafen? Was war es für eine Schrift unter
+ihrem Fuße? Ihr seid doch so weise und gelehrt!‹
+
+›Ach Reineke!‹ stöhnte er, ›spottet doch nicht! Mir armen Schelmen
+ist es so übel ergangen, daß es einen Stein erbarmen möchte. Die
+langbeinige Mähre hat ihre Füße mit Eisen beschlagen. Es stand auch
+keine Schrift darunter, sondern mit den sechs scharfen Nägeln, die
+darin steckten, schlug sie mir sechs tiefe Wunden in den Kopf.‹
+
+So kam Isegrim mit knapper Not mit dem Leben davon. Seht, Neffe, nun
+habe ich Euch alles gebeichtet und bitte Euch, mir meine Sünden zu
+vergeben. Ich will mich auch gern nach Eurem Rat bessern und in Zukunft
+ein frömmeres Leben führen.«
+
+Grimbart versetzte: »Eure Sünden sind groß. Da Ihr aber einem so
+schweren Schicksal entgegengeht, will ich sie Euch alle vergeben. Ich
+spreche Euch also feierlich davon los. Freilich, die Toten stehen
+nicht wieder auf. Wie gut wäre es, wenn sie noch lebten! So aber wird
+es Euch bei Hofe schlimm ergehen! Das, was Euch am meisten schaden
+wird, ist Lampes Tod. Und eine unerhörte Kühnheit war es von Euch, dem
+König seinen Kopf zuzuschicken!«
+
+»Teurer Neffe!« sagte Reineke, »wer durch die Welt kommen soll, kann
+sich unmöglich so heilig halten wie ein Mönch im Kloster. Lampes
+Anblick reizte mich so sehr. Er sprang vor mir her und sah so fett und
+appetitlich aus, daß ich Lust bekam, ihn zu fressen; und da tat ich es
+auch. Den Widder Bellyn konnte ich niemals leiden, er ist so plump und
+dumm und ungeschickt in allen Sachen. Ich gönnte ihm nie viel Gutes.
+Nun heißt es zwar: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Aber, um die
+Wahrheit zu sagen: diese beiden habe ich nie recht geachtet. Warum
+sollte ich also viel Umstände mit ihnen machen? Sie haben nun den
+Schaden, ich aber die Sünde davon. Indessen, wie Ihr selbst sagt, die
+Toten kehren nicht wieder. Sprechen wir von etwas anderem!
+
+Es ist jetzt eine gefährliche Zeit! Welches Beispiel wird uns von oben
+gegeben? Ich meine vom König? Raubt er nicht selbst? Oder läßt sich
+alles durch Bären und Wölfe heranschleppen? Gleichwohl meint er, das
+wäre sein gutes Recht. Niemand ist, der ihm die Wahrheit sagt oder
+zu sprechen wagt: Das ist unrecht getan! Weder sein Beichtvater noch
+sein Kaplan tut es. Warum? Sie genießen es alle mit und schweigen um
+ihres eigenen Vorteils willen. Will jemand kommen und klagen, so redet
+er in den Wind! Er vertrödelt nur unnütz die Zeit. Und was man ihm
+genommen hat, ist und bleibt fort. Seine Klage wird nicht beachtet, und
+schließlich muß er schweigen! Ja, es geht schlimm in der Welt zu! Und
+wird noch schlimmer werden jetzt, wo Wolf und Bär wieder beim König in
+Ansehen sind. Sie werden jetzt stehlen, rauben und morden, und immer
+heißt es, es sei im Namen des Königs. Nimmt aber mal ein armer Mann,
+wie Reineke, ein Huhn, dann wollen sie ihm gleich an den Hals. Ja, ja!
+Die kleinen Diebe hängt man, die großen läßt man laufen! Seht, Neffe,
+ist es nicht ganz natürlich, daß man auch an seinen eigenen Vorteil
+denkt? Die Großen nehmen, was sie kriegen können, also nehme ich mir
+auch so viel wie möglich. Bisweilen quält mich dann mein Gewissen,
+und ich bereue meine Taten. Lange dauert das aber nie. Und ich greife
+wieder zu, wo es etwas zu greifen gibt. Aus dem Gerede, das darüber
+entsteht, mache ich mir nichts. Denn wer kommt heutzutage nicht ins
+Gerede? Selbst über die Besten und Bravsten wird hergezogen! Ja,
+die Welt ist voll Lug und Trug, voll Heuchelei, Verrat und falschen
+Schwüren! Pfui, pfui und nochmals pfui!«
+
+Grimbart antwortete: »Lieber Oheim, warum beichtet Ihr mir eigentlich
+die Sünden der anderen? Ich denke, Ihr habt mit Euren eigenen gerade
+genug zu tun! Was gehen uns die anderen an? Jeder muß sehen, wie er mit
+sich selbst fertig wird!«
+
+Indessen waren sie am Schlosse des Königs angelangt. Reineke wurde
+nun sehr verzagt, denn er wußte noch nicht, wie er sich aus all den
+Anklagen herausschwindeln sollte. Doch raffte er seinen sinkenden Mut
+wieder zusammen und schritt stolz aufgerichtet geradeswegs auf das
+Schloß zu. Da kam ihm Martin, der Affe, entgegen. Er stand im Begriff,
+nach Rom zu reisen, und sagte zu Reineke: »Habt nur guten Mut, lieber
+Oheim! Ich weiß es wohl, wie Eure Sache steht.«
+
+Reineke erwiderte: »Das Glück hat sich in diesen Tagen sehr gegen mich
+gewendet. Ich bin abermals verklagt, und zwar von etlichen Verrätern,
+nämlich von der Krähe und dem ehrlosen Kaninchen. Der eine hat seine
+Frau und der andere sein Ohr verloren. Könnte ich nur mit dem König
+sprechen, so sollte es den Verleumdern schon schlecht bekommen! Das
+schlimmste ist, daß ich noch immer im Bann bin. Und das habe ich
+Isegrim zu verdanken. Als er in Elkmar im Kloster war, verhalf ich ihm
+zur Flucht. Er klagte, daß er das lange Fasten und Beten nicht ertragen
+könnte. Jetzt bereue ich es bitter, daß ich ihm zu Hilfe kam. Denn als
+Dank dafür verleumdet er mich beim König und schadet mir, wo er kann.
+Ginge ich nun nach Rom, um von dem Bann befreit zu werden, so täte er
+gewiß meiner Frau und meinen Kindern Böses an, und mit ihm die anderen,
+die mir gram sind. Darum muß ich hier bleiben und sie beschützen. O,
+wäre ich nur von dem Banne frei, so würde ich mit viel ruhigerem Herzen
+vor den König hintreten und meine Verteidigung führen!«
+
+»Reineke,« sprach Martin hierauf, »lieber Oheim, ich gehe gerade jetzt
+nach Rom und will sehen, was ich da für Euch tun kann. Bin ich doch des
+Bischofs Schreiber und verstehe gar wohl den Lauf des Rechts in Rom.
+Ich will den Domprobst, der Euch zürnt, nach Rom kommen lassen und dort
+ernstlich mit ihm rechten. Auch habe ich viele Freunde von mächtigem
+Einfluß in Rom. Seid versichert, ich verschaffe Euch Absolution!
+
+Geht nur getrost an den Hof. Dort findet Ihr mein Weib, Frau Rückenau.
+Sprecht nur mit ihr, sie ist klug und erfahren, und ihr Rat gilt viel
+beim König und der Königin. Der König weiß schon, daß ich Eure Sache in
+Rom führen will. Er weiß auch, daß es mir gelingen wird, Euch vom Bann
+zu erlösen. Er wird auch dessen eingedenk sein, daß viele vom Affen-
+und Fuchsgeschlechte ihm oft die besten Ratschläge gegeben haben. Und
+das wird Euch helfen, und Ihr werdet wie bisher siegreich aus dem
+Kampfe hervorgehen!«
+
+»Das ist ein guter Trost!« sagte Reineke. »Und ich will Eurer gedenken,
+wenn ich frei und los komme.«
+
+Hierauf schieden sie, und der Fuchs und der Dachs traten in das
+Königsschloß ein.
+
+
+
+
+ 11. Kapitel.
+
+ Reinekes Verteidigung.
+
+
+Reineke kam also an den Hof des Königs, wo er so hart verklagt war. Er
+fand daselbst viele, die ihm nichts Gutes gönnten, ja ihm sogar nach
+dem Leben trachteten. Er sah sie alle versammelt, und ihm wurde gar
+ängstlich zumute. Doch faßte er sich bald wieder ein Herz und schritt
+frei durch all die Fürsten und Grafen hindurch. Der Dachs aber ging
+ihm zur Seite, bis sie beide vor den König kamen. Leise flüsterte ihm
+der Dachs zu: »Freund Reineke, seid nicht blöde in dieser Stunde. Dem
+Blöden ist das Glück selten hold, dem Kühnen aber steht es bei.«
+
+Reineke versetzte: »Ihr redet die Wahrheit; ich danke Euch für Eure
+ermutigenden Worte!«
+
+Darauf trat er dicht vor den Thron des Königs, kniete zur Erde nieder
+und sprach: »Gott der Herr, dem alle Dinge bekannt sind, beschütze
+meinen Herrn, den König, und meine Gebieterin, die Königin! Er verleihe
+ihnen Weisheit, zu richten, wer Recht und Unrecht hat! Es gibt viele
+Bösewichte in der Welt, und manchen, der von außen schön gleißt, im
+Innern aber falsch und häßlich ist. Wollte Gott, daß es jedem an der
+Stirn geschrieben stände, was in ihm ist! Dann würde mein Herr und
+König sehen, daß ich nicht lüge, und daß ich nur darauf bedacht bin,
+Euch zu dienen. Gleichwohl bin ich von Boshaften, die mir zu schaden
+trachten, verklagt und durch schändliche Lügen angeschwärzt. Ohne
+alles Verschulden hat man mir Eure Huld geraubt, mein gnädiger König!
+Ich aber weiß, daß Ihr klug und weise seid und Euch nicht verleiten
+laßt, vom Wege des Rechtes abzuweichen. Ihr habt das Euer Leben lang
+nicht getan und werdet es auch jetzt nicht tun. Darauf setze ich mein
+Vertrauen!«
+
+Der König antwortete: »Du Bösewicht Reineke! Alle deine losen Worte
+helfen dir nichts. Du hast sie schon gar zu oft verschwendet und mir
+zu viel vorgelogen. Das alles soll nunmehr ein Ende nehmen. Wie treu
+du bist, das lehrt die Geschichte von der Krähe und dem Kaninchen. Und
+hätte ich sonst nichts wider dich, so wäre das schon allein genug, mich
+zu erzürnen. Aber täglich kommen neue Übeltaten von dir ans Licht. Du
+bist ein Schelm durch und durch! Und jetzt soll dir der Lohn für deine
+Schandtaten werden!«
+
+»O weh!« dachte Reineke. »Wie wird es mir ergehen! Wäre ich nur auf
+meiner sicheren Burg geblieben! Jetzt ist guter Rat teuer! Nun heißt es
+alle Kräfte zusammennehmen, um durchzukommen!«
+
+Und zum König gewendet, sagte er: »Großer König, edler Fürst! Habe
+ich nach Eurer Meinung den Tod verdient, so ist Euch die Sache nicht
+richtig mitgeteilt worden. Ich bitte Euch, mich anzuhören! Ich habe
+Euch in früherer Zeit manchen guten Rat gegeben und bin oftmals in
+der Not bei Euch geblieben, wenn manche von Euch wichen, die sich
+jetzt zwischen uns stellen und mich in meiner Abwesenheit Eurer Gnade
+berauben wollen. Edler König! Hört mich darum an! Und findet Ihr mich
+dann schuldig, so ergehe das Recht. Noch eins: Habe ich schuld, so
+dienet mir nichts besser als Geduld! Ihr, hoher Herr, habt meiner
+nicht viel gedacht, während ich oft an den Grenzen Eures Landes Wacht
+hielt. Meint Ihr, daß ich hier an den Hof vor Euer Angesicht und
+in die Schar aller meiner Feinde gekommen wäre, wenn ich mir das
+Geringste vorzuwerfen hätte? Nein, um alles Gold der Welt hätte ich das
+nicht getan! Dann wäre ich lieber auf meinem eigenen Grund und Boden
+geblieben, wo ich frei war. Aber ich kam, da ich mir keiner Missetat
+bewußt bin. Als mir mein Neffe Grimbart die Nachricht brachte, daß ich
+an den Hof kommen sollte, hatte ich mir gerade vorgenommen, mich von
+dem Banne zu befreien. Das sagte ich Martin, dem Affen, der eben im
+Begriff war, nach Rom zu pilgern. Er versprach mir, sich meiner Sache
+anzunehmen. Er riet mir, getrost an den Hof zu gehen, und gelobte mir
+auf Treu und Glauben, mich von dem Banne zu erlösen. So schieden wir,
+und ich kam an den Hof.
+
+Hier bin ich nun von dem Kaninchen sehr schwer verklagt worden. Jetzt
+steht Reineke hier, und wenn es die Wahrheit gesprochen hat, so trete
+es vor und klage öffentlich. Es ist leicht, jemanden zu verleumden,
+der abwesend ist. Nach Klage und Antwort erst soll man richten. Ich
+habe bei meiner Treu diesen beiden falschen Kerlen, der Krähe und dem
+Kaninchen, manches Gute getan. Gestern früh saß ich vor meiner Burg
+und las in den Gebeten. Da kam das Kaninchen vorbei, grüßte mich und
+erzählte, daß es an den Hof wollte. ›Geh' hin,‹ sagte ich, ›und Gott
+sei mit dir!‹ Da klagte es mir, es wäre müde und hungrig. Ich fragte
+es, ob es etwas essen wolle. ›Ja,‹ sprach es, ›gebt mir einen Bissen.‹
+›Von Herzen gern,‹ sagte ich, und holte Brot und Butter und etliche
+Kirschen. Es ist nämlich jetzt Fastenzeit, wo ich kein Fleisch zu essen
+pflege. Als es nun schon tüchtig zugegriffen hatte, kam mein kleiner
+Sohn hereingesprungen und wollte sich von dem Übriggebliebenen etwas
+nehmen. Kinder lieben das Essen und sind selten ganz satt. Wie er nach
+den Kirschen griff, schlug ihm das Kaninchen aufs Maul, daß ihm das
+Blut herunterlief. Da sprang mein älterer Sohn, Reinhartchen, herbei
+und packte das Kaninchen an der Kehle, daß es laut aufschrie. Ich lief
+hinzu, trennte die Kämpfenden und schlug meine Kinder. Hat aber das
+Kaninchen etwas davon gekriegt, so ist ihm recht geschehen, es hätte
+wohl noch mehr verdient. Sie hätten ihm unfehlbar das Leben genommen,
+wenn ich ihm nicht zu Hilfe gekommen wäre. Das ist nun der Dank dafür!
+Nun sagt es, ich habe ihm sein Ohr abgerissen!
+
+Seht, gnädiger Herr, da kommt nun der Rabe und klagt, er habe sein
+Weib verloren. Wie das geschehen ist, weiß er selbst am besten. Sie
+wollte ihren Hunger stillen und fraß einen Fisch mit allen Gräten auf.
+Die blieben ihr im Halse stecken, und sie ist daran erstickt. Nun sagt
+er, ich hätte sie totgebissen! Vielleicht hat er sie selbst ermordet!
+Ja, könnte ich ihn nur recht verhören, er würde vielleicht ganz anders
+aussagen! Wie hätte ich ihr auch so nahe kommen können, da sie fliegen
+kann und ich nur gehen? Will aber sonst jemand mich eines Unrechts
+beschuldigen, so tue er es mit gültigen Zeugen, wie es einem Edelmann
+gegenüber geziemt. Oder soll kein gütlicher Vertrag abgeschlossen
+werden, so ordne man einen Zweikampf an, bestimme Ort und Zeit und gebe
+mir einen Gegner, der mir an Geburt nicht nachsteht. Da kämpfe dann ein
+jeder für sein Recht, und wer dann die Ehre gewinnt, bei dem bleibe
+sie. So ist es von jeher Brauch gewesen, und ich, Herr König, werde mir
+mein Recht nicht nehmen lassen.«
+
+Alle, die zugegen waren, staunten über Reinekes kühne Worte. Der Rabe
+aber und das Kaninchen erschraken sehr. Was sollten sie aber tun? Sie
+wagten kein Wort zu sagen, und verließen schleunigst das Schloß. »Wie
+können wir den König überzeugen,« sprach eins zum anderen, »Reineke
+ist uns ja doch mit Worten überlegen. Zeugen für unsere Sache gibt es
+ja nicht, da niemand dabei gewesen ist. In einen Zweikampf mit ihm
+können wir uns doch nicht einlassen. Er ist falsch, behende, listig und
+boshaft. Ja, wenn unsrer auch noch fünfe wären, wir müßten's alle mit
+Leib und Leben bezahlen. Es bleibt uns also nichts weiter übrig, als
+den Schaden zu tragen! Möge es ihm der Teufel lohnen, was er an uns
+verbrochen hat!«
+
+Isegrim und Braun ward sehr unbehaglich zumute, als sie sahen, daß
+diese beiden das Feld räumten. Der König aber rief: »Wer etwas zu
+klagen hat, der trete vor!« Doch es meldete sich keiner; alles blieb
+stumm. »Merkwürdig!« sagte der König, »gestern kamen so viele! Heute
+ist Reineke hier, aber wo sind die Kläger geblieben?«
+
+»Herr,« versetzte der Fuchs, »mancher klagt einen anderen schwer an,
+der es wohl bleiben ließe, wenn sein Widerpart ihm gegenüberstände!
+So machen es auch jetzt diese beiden Verleumder, der Rabe und das
+Kaninchen, die mich gern in Schande und Strafe gebracht hätten.
+Würden sie mich um Gnade bitten, so hätte ich ihnen in Gegenwart
+dieser Herren gern vergeben. Nun haben sie sich aber aus dem Staube
+gemacht, die schlimmen, bösen Buben! Sollte man auf solche hören, das
+wäre ewig schade! An mir allein ist nicht viel gelegen, aber mancher
+rechtschaffene Mann, der Euch Tag und Nacht treu dient, könnte durch
+ihre Verleumdung leicht in Ungnade geraten!«
+
+»Höre mich an!« sprach der König. »Du bist und bleibst ein Betrüger und
+ein treuloser Verräter! Was trieb dich dazu, Lampe, den braven Ritter,
+ums Leben zu bringen? Eben erst hatte ich dir deine Sünden verziehen.
+Ich hatte dir Ränzel und Stab gegeben; du solltest nach Rom und übers
+Meer, und ich glaubte, du würdest ein besseres Leben beginnen. Allein
+das erste, was ich über dich zu hören bekam, war, daß du Lampen getötet
+hattest. Bellyn brachte mir den Ranzen mit Lampens Kopf. Er hat es mit
+dem Leben büßen müssen, und dir, du böser Bube, soll jetzt der gleiche
+Lohn zuteil werden!«
+
+»Was?« rief Reineke mit erheucheltem Erstaunen. »Ist Lampe tot? Und
+Bellyn auch? O, weh mir, daß ich je geboren bin! So habe ich den
+kostbarsten Schatz verloren! Denn ich sandte Euch durch diese Boten,
+Lampe und Bellyn, die herrlichsten Kleinodien, die je die Erde gesehen!
+Wer hätte auch ahnen können, daß Bellyn die Schätze rauben und den
+guten Lampe morden würde!«
+
+Der König hatte genug gehört. Zornig verließ er den Saal und war
+entschlossen, Reineke einen schmählichen Tod erleiden zu lassen.
+
+ [Illustration: Reineke Fuchs 3.
+
+O, wie erschrak der König. Wie furchtbar hat mich Reineke betrogen!]
+
+
+
+
+ 12. Kapitel.
+
+ Der Mann mit der Schlange.
+
+
+Im anstoßenden Gemach fand der Herrscher die Königin, seine Gemahlin,
+im Gespräch mit der Äffin, Frau Rückenau. Diese stand bei dem
+Königspaare in hohem Ansehen; sie war weise und unterrichtet, und jeder
+hörte auf sie, wohin sie nur kam.
+
+Als sie nun den König zornig sah, sprach sie: »Edler Herr, ich bitte
+Euch, zürnt doch nicht so sehr! Und gestattet mir, daß ich ein Wort
+zugunsten des armen Reineke spreche. Er ist doch meinem Geschlecht
+nahe verwandt, und sein Unglück geht mir sehr zu Herzen. An seine
+Schuld kann ich nicht glauben, er ist doch jetzt freiwillig vor Gericht
+erschienen! Sein Vater stand an Eurem Hofe in hohem Ansehen, weit mehr
+als jetzt Braun und Isegrim. Diese beide verstehen zu wenig von Urteil
+und Recht.«
+
+»Kann es Euch wundern,« versetzte der König, »daß ich gegen Reineke in
+Zorn bin? Vor kurzem erst nahm er Lampen das Leben und stürzte Bellyn
+mit ins Verderben. Jetzt tut er so, als wüßte er von der ganzen Sache
+nichts. Täglich bricht er den Frieden! Hättet Ihr nur gehört, was alles
+für Klagen sie gegen ihn vorbrachten, von Rauben, Stehlen, Verrätereien
+und Mordtaten!«
+
+»Gnädiger Herr,« erwiderte die Äffin, »Reineke wird sehr verleumdet!
+Er ist klüger als die anderen alle und erregt deshalb ihren Neid. Wie
+oft hat er Euch mit treuem Rat zur Seite gestanden! Ihr wißt wohl noch,
+wie vor einiger Zeit der Mann mit der Schlange vor Euren Thron kam?
+Damals wußte keiner von Euren Ratgebern die Sache zu entscheiden. Da
+ließet Ihr Reineke kommen, und er wußte gleich das Rechte zu treffen
+und erntete Lob von Euch in reichem Maße.«
+
+»Wie war doch die Geschichte?« fragte der König. »Ich erinnere mich
+ihrer nur noch undeutlich. Wenn Ihr es noch genau wißt, so laßt mich's
+hören.«
+
+»Mit Eurer Erlaubnis soll es geschehen!« sagte die Äffin. »Es sind nun
+zwei Jahre her, da kamen eines Tages eine Schlange und ein Mann vor
+Euren Thron. Die Schlange klagte sehr zornig, daß der Mann sich dem
+zweimal gefällten Urteilsspruch nicht fügen wolle. Und dann erfuhrt Ihr
+folgende Geschichte:
+
+Die Schlange war durch ein Loch in einem Zaun gekrochen und in einer
+Schlinge hängen geblieben, aus der sie sich nicht wieder freimachen
+konnte. Sie hätte gewiß da ihr Leben verloren. Da kam zufällig ein Mann
+des Weges daher. Die Schlange rief ihm zu: ›Ich bitte dich, erbarme
+dich meiner und mache mich los!‹ ›Von Herzen gern,‹ sagte der Mann,
+›wenn du geloben willst, mir nichts Böses zu tun. Denn du tust mir
+leid.‹ Da schwur die Schlange, ihm niemals Schaden zufügen zu wollen.
+Und da erlöste er sie aus ihrer verzweifelten Lage.
+
+Sie gingen miteinander weiter. Da die Schlange aber sehr verhungert
+war, schoß sie plötzlich auf den Mann zu, um ihn zu töten und zu
+fressen. Mit knapper Not entsprang ihr der Mann und sprach: ›Ist das
+der Dank dafür, daß ich dir in deiner Not geholfen habe? So hältst
+du deinen Schwur, mir nicht zu schaden?‹ Die Schlange erwiderte:
+›Der Hunger treibt mich dazu. Das ist meine Rechtfertigung. Not kennt
+kein Gebot.‹ Da sagte der Mann: ›Ich bitte dich, laß mich noch so
+lange frei, bis wir einige unparteiische Leute treffen, die mögen
+entscheiden, was Recht und Unrecht ist.‹ ›So lange will ich warten,‹
+versetzte die Schlange.
+
+Sie kamen über einen Graben und trafen dort den Raben Pflückebeutel
+mit seinem Sohne Quackeler. Diese rief die Schlange herbei, erzählte
+ihnen die Geschichte und fragte sie nach ihrer Meinung. ›Du darfst
+den Mann fressen!‹ entschied der Rabe, denn er hoffte dabei auch für
+sich ein Stück zu gewinnen. Die Schlange rief: ›Hurra, gewonnen! Nun
+will ich auch nicht länger warten, meinen Hunger zu stillen.‹ ›Halt,‹
+rief der Mann, ›frohlocke nicht zu früh! Sollte ein Räuber das Recht
+haben, mich zum Tode zu verdammen? Dann soll er wenigstens nicht allein
+über mich richten! Es müssen zum mindesten vier ihr Urteil sprechen!‹
+›Meinethalben!‹ erwiderte die Schlange. ›So wollen wir weitergehen!‹
+
+Da begegneten ihnen der Wolf und der Bär. Dem Mann ward sehr schlecht
+zumute, als er sich in der Gesellschaft sah. Fünf gefährliche Feinde
+umstanden ihn: die Schlange, der Wolf, der Bär und die beiden Raben.
+›Wie wird es mir ergehen!‹ dachte er bei sich. Bär und Wolf entschieden
+so: ›Die Schlange darf den Mann töten, weil der Hunger sie dazu zwingt.
+Die Not hebt den Eid auf.‹
+
+Da ward dem Mann angst und bange, denn alle trachteten ihm nach dem
+Leben. Die Schlange schoß auf ihn zu und spritzte ihr böses Gift auf
+ihn aus. Er sprang zur Seite und rief: ›Du tust mir unrecht, du darfst
+mich nicht töten.‹ ›Wie kannst du das sagen?‹ zischte die Schlange.
+›Schon zweimal ist für mich entschieden worden. Du gehörst mir, und ich
+fresse dich.‹ ›Ja,‹ sprach der Mann, ›das haben die gesagt, die selbst
+rauben und morden. Ich will mein Schicksal dem König anheimstellen.
+Bringt mich vor ihn; was er ausspricht, mag geschehen. Seinem Urteil
+unterwerfe ich mich, wie es auch sei.‹ Da sprachen Wolf und Bär zur
+Schlange: ›Das kannst du ruhig gewähren, denn auch der König wird zu
+deinen Gunsten entscheiden.‹
+
+So kamen sie alle an Euren Hof, gnädiger Herr: der Mann, die Schlange,
+die beiden Raben, der Bär und drei Wölfe, denn der Wolf hatte noch
+seine Kinder mitgebracht, Eitelbauch und Nimmersatt. Sie kamen in der
+Absicht, auch an dem Mahl teilzunehmen, wenn der Mann gefressen wurde.
+Sie heulten und benahmen sich so plump und grob, daß Ihr ihnen den Hof
+verbieten mußtet. Der Mann flehte Euch um Hilfe an. Er klagte, die
+Schlange wolle ihn töten. Und doch habe er ihr eine so große Wohltat
+erwiesen, und sie habe geschworen, ihm keinen Schaden zu tun. ›Das ist
+freilich wahr!‹ versetzte die Schlange. ›Allein der Hunger zwang mich
+dazu. Und der löst alle Eide!‹ Ihr, mein gnädigster Herr König, wart
+sehr bekümmert über diese Angelegenheit und wußtet nicht, wie jeder zu
+seinem Rechte kommen sollte. Eure Majestät hielt es für unbillig, den
+Mann zum Tode zu verurteilen, der der Schlange so aus der Not geholfen
+hatte. Ihr hattet aber auch Mitleid mit dem großen Hunger der Schlange.
+Deshalb rieft Ihr Eure Ratgeber zusammen. Die meisten stimmten für den
+Tod des Mannes. Da sandtet Ihr Boten an Reineke, denn was die anderen
+rieten, gefiel Euch nicht.
+
+Als der Fuchs kam, spracht Ihr: ›Wie Reineke entscheidet, so soll
+es geschehen!‹ Dieser sagte darauf mit Bescheidenheit: ›Herr König,
+laßt uns gleich hingehen und sehen, wo und wie der Mann die Schlange
+fand. Soll ich ein gerechtes Urteil sprechen, so muß ich die Schlange
+gefesselt sehen, wie der Mann sie angetroffen hat.‹ So gingen alle zu
+der Stelle hin, und die Schlange mußte in die Schlinge kriechen.
+
+Darauf sprach Reineke: ›Nun sind beide wieder in der Lage, in der sie
+vorher waren; sie haben weder gewonnen noch verloren. Der Mann mag nun,
+wenn er Lust dazu hat, die Schlange schwören lassen und sie befreien,
+oder er kann sie in der Schlinge lassen und ungefährdet seines Weges
+ziehen. Dies, denke ich, ist ein gerechtes Urteil; weiß aber jemand
+etwas Besseres, so sage er es.‹
+
+Sehet, Herr König, dieses Urteil gefiel Euch und auch Eurem Rate.
+Der Mann war frei und dankte Euch sehr für Eure Gnade; die Schlange
+aber kam in der Schlinge um. Reineke ward sehr gepriesen wegen seiner
+Klugheit. Braun und Isegrim, so sagte man, sind zwar stark und groß,
+und bei Fressereien sind sie stets die ersten. Aber an Klugheit fehlt
+es ihnen. Sie prahlen mit ihrem Mut; kommt es aber zur Tat, so zeigt
+es sich, was für Helden sie sind. Setzt es Schläge, so rücken sie aus,
+aber wirkliche Helden sollen vor dem Feind nicht weichen. Bären und
+Wölfe verderben das Land, sie fragen wenig danach, wessen Haus brennt,
+wenn sie sich nur an den Flammen wärmen können. Sie haben miteinander
+Erbarmen, wenn sie nur ihren Magen füllen können. Dem Armen rauben sie
+die Eier und meinen noch sehr gut zu handeln, wenn sie ihm die Schalen
+lassen. Kurz, ihr eigenes Wohl geht ihnen über alles! Wie anders
+Reineke Fuchs! Er liebt das Recht und die Weisheit. Braucht Ihr einen
+guten Rat, so könnt Ihr ihn nicht entbehren. Hat er einmal ein Unrecht
+getan, so ist er ja auch ein Sterblicher wie wir alle. Wie schwer
+würdet Ihr ihn vermissen, wenn Ihr ihm jetzt im Zorn das Leben raubt!
+Darum bitte ich, nehmt ihn wieder zu Gnaden an!«
+
+Der König erwiderte: »Ich will mir's überlegen. In der Angelegenheit
+mit der Schlange hat er freilich einen guten Rat gegeben, das ist wahr.
+Aber er ist trotzdem nicht viel wert und ein großer Betrüger. Alle,
+denen er erst Freundschaft heuchelt, verrät er schließlich. Dem Wolf,
+dem Bären, dem Kater, dem Kaninchen und der Krähe ist er zu schlau, sie
+lassen sich alle von ihm hintergehen. Er tut ihnen nichts wie Spott und
+Schande an. Der eine muß ihm ein Ohr, der andere ein Auge zum Pfande
+lassen, mancher kommt sogar dabei ums Leben. Ich weiß nicht, wie Ihr
+für den Bösewicht noch ein gutes Wort einlegen könnt! Er verdient es
+sicherlich nicht!«
+
+Die Äffin erwiderte: »Herr König, er ist mir nahe verwandt, und ich
+fühle die Verpflichtung, ihm in der Not zu helfen. Aber auch Ihr,
+großer König, bedenkt, daß sein Geschlecht groß und edel ist!«
+
+
+
+
+ 13. Kapitel.
+
+ Reineke verteidigt sich weiter. Der wunderbare Ring, der Kamm und der
+ Spiegel.
+
+
+Darauf schwieg die kluge Äffin, und der König ging wieder in den Saal
+zurück, wo alle auf ihn warteten. Viele von Reinekes Freunden und
+Verwandten waren herbeigekommen, um ihrem Vetter Beistand und Hilfe
+zu gewähren. Aber auch seine Feinde waren zahlreich erschienen und
+hofften, den verhaßten und gefürchteten Fuchs bald am Galgen hängen zu
+sehen.
+
+»Reineke,« sagte der König, »wie ging es zu, daß Bellyn und du dem
+frommen Lampe das Leben nahmt? Wie konntet ihr euch unterstehen, mich
+so zu verhöhnen, daß ihr mir Lampes Kopf zusandtet? Bellyn hat seine
+Strafe schon empfangen, und dir soll es nicht besser ergehen.«
+
+»Weh mir! in dieser großen Not!« rief Reineke aus. »O daß ich lieber
+schon tot wäre! Hört mich, gnädiger Herr, und findet Ihr mich
+schuldig, so laßt mich gleich töten! Der Verräter Bellyn hat mir einen
+furchtbaren Streich gespielt. Er hat den kostbarsten Schatz geraubt,
+der je auf Erden war. Ich vertraute ihm und Lampe die Kleinodien an,
+um sie meinem gnädigen König zu senden. Bellyn muß sie unterschlagen
+haben, und um nicht verraten zu werden, brachte er den armen Lampe ums
+Leben. O, könnte man nur erfahren, wo die Sachen geblieben sind!«
+
+»Wenn diese Schätze nur über der Erde sind,« sagte die Äffin, »so
+wollen wir sie schon auskundschaften. Wir wollen ohne Ermüden danach
+suchen, bis wir sie gefunden haben. Sagt nur, wie waren sie beschaffen?«
+
+Reineke antwortete: »Sie waren so kostbar, daß ich fürchte, wir
+bekommen sie niemals wieder. Wer sie einmal hat, gibt sie gewiß nicht
+wieder heraus. O, wenn mein Weib das erfährt, so wird sie außer sich
+sein. Sie riet mir dringend ab, den beiden diese Schätze anzuvertrauen.
+Hätte ich nur auf sie gehört! Nun bin ich betrogen und verraten! Wer
+hätte aber auch dem Widder so etwas zugetraut! Doch ich will nicht
+ruhen und rasten und durch die ganze Welt reisen, ja selbst mein Leben
+daran wagen, die Kostbarkeiten wiederzufinden! Gnädiger König!« fuhr
+Reineke fort, »gestattet mir, zu erzählen, welcher Art die Schätze
+waren, die ich Euch zum Geschenk bestimmt hatte, die Ihr aber leider
+nicht bekommen habt.«
+
+»Sprich,« sagte der König, »aber fasse dich kurz.«
+
+Da begann Reineke: »Das erste Kleinod, das der Widder Bellyn von
+mir empfing, war ein Ring. Dieser Ring besaß seltsame, wunderliche
+Eigenschaften. Er war aus feinstem Gold gemacht, und an der Innenseite
+standen Buchstaben eingeätzt. Die Schrift war in hebräischer Sprache
+und wies drei Namen auf. In diesen Landen war niemand so gelehrt, daß
+er diese Schrift gründlich verstanden hätte, außer dem Meister Abryon
+in Trier. Er versteht alle Sprachen von Poitou bis Lüneburg. Auch kennt
+er alle Kräuter und Steine und ihre Eigenschaften.
+
+Ich zeigte ihm diesen Ring, und er sprach: ›In diesem Ring sind
+wunderbare Kräfte verborgen. Als Seth das Öl der Barmherzigkeit im
+Paradiese suchte, brachte er auch diesen Stein mit. Auch die Namen
+stammen aus dem Paradiese. Wer diesen Stein bei sich tragt, der bleibt
+von Donner und Blitz und allem Bösen unberührt.‹ Er sagte ferner: Wer
+diesen Ring trüge, der könnte selbst in der grimmigsten Kälte nicht
+erfrieren, und die größte Hitze könnte ihm nichts anhaben. Außen an
+dem Fingerreife war ein heller Karfunkel, der so leuchtete, daß man in
+finsterster Nacht alles sehen konnte. Und noch andere Tugenden besaß
+der Stein. Alle Krankheiten heilte er: wer ihn berührte, der wurde
+gesund. Nur gegen den Tod vermochte er nichts. Wer den Ring am Finger
+trage, der käme glücklich durch alle Lande; Wasser und Feuer könnten
+ihm nicht schaden, und er könnte weder verraten noch gefangen werden.
+Kein Feind könnte ihn besiegen. Ja er würde die Gegner überwinden, und
+wenn ihrer hundert an der Zahl wären. Ferner schützte er vor Gift und
+anderen bösen Säften. Kurz, ich kann es nicht aussprechen, wie gut
+und köstlich der Ring war. Ich hielt mich auch nicht für würdig, ihn
+an der Hand zu tragen. Deshalb sandte ich ihn dem Könige, denn er ist
+der Edelste und Herrlichste im Lande. All unser Glück hängt von seinem
+Wohlergehen ab. Darum sollte der Ring ihn vor Krankheit und Gefahr
+schützen.
+
+Ferner übergab ich dem Widder für die Königin einen Kamm und einen
+Spiegel, dergleichen in aller Welt nicht zu finden sein mag. Diesen
+Kamm und Spiegel nahm ich auch aus dem Schatze meines Vaters. O, wie
+oft habe ich dieser Sachen wegen mit meinem Weibe Streit und Zank
+gehabt! Denn sie begehrte sonst nichts auf der Welt als diese Kleinode.
+Ich aber hatte sie für meine gnädige Königin bestimmt, denn sie hat mir
+oft Gutes getan. Ja, vor allen meinen Wohltätern steht sie obenan. Sie
+hat oft ein gutes Wort für mich eingelegt. Sie ist von edlem Stamm,
+tapfer und tugendhaft, kurz sie allein verdiente, Kamm und Spiegel
+zu besitzen. Doch leider wird sie diese Schätze wohl nie zu sehen
+bekommen! Der Kamm war aus dem Knochen eines Panthers gemacht. Der
+Panther ist ein edles Tier, das zwischen Indien und dem Paradiese zu
+Hause ist. Sein Fell ist bunt und prächtig. Er verbreitet einen süßen
+Geruch, so daß alle Tiere, groß und klein, ihm nachfolgen, wohin er
+auch geht. Aus einem Knochen von diesem Tiere war der Kamm gefertigt;
+so klar wie Silber, rein und weiß und wohlriechend. Denn wenn das Tier
+stirbt, so geht sein Geruch in die Knochen über; sie verderben niemals
+und bleiben immer wohlriechend.
+
+In diesen Kamm waren köstliche Bildnisse hineingeschnitzt aus rotem und
+blauem Lasurstein, von Goldranken durchzogen.
+
+Da sah man die Geschichte des Paris: wie er einstmals nahe bei einem
+Brunnen lag und die drei Göttinnen Pallas, Juno und Venus kommen
+sah. Sie hatten einen goldenen Apfel und zankten sich darum, wer ihn
+besitzen sollte. Als sie Paris erblickten, beschlossen sie, sich seinem
+Urteil zu unterwerfen. Diejenige, die er für die Schönste erklärte,
+sollte den Apfel erhalten. Jede der Göttinnen versuchte nun, Paris
+zu ihren Gunsten zu stimmen. Juno sprach zu ihm: ›Gibst du mir den
+Apfel und preist mich für die Schönste, so mache ich dich so reich,
+wie noch nie ein Fürst vor dir war.‹ Pallas sagte: ›Wenn du mir den
+Apfel zusprichst, so sollst du groß und mächtig werden, daß Freund und
+Feind dich fürchten sollen.‹ Venus sprach: ›Was nützen ihm Reichtum
+und Macht? Ist nicht König Priamus sein Vater? Sind nicht alle seine
+Brüder reich und mächtig?. Alles, was ihr ihm geben wollt, hat er ja
+schon! Willst du mich aber als die Schönste preisen und mir den Apfel
+übergeben, so soll dir das Kostbarste auf Erden zuteil werden. Ich
+gebe dir das schönste Weib, das je auf Erden gelebt hat, Helena, die
+Königin der Griechen. Sie ist schön und edel, tugendhaft und weise!‹
+Da gab Paris der Venus den Apfel und pries sie als die Schönste der
+drei Göttinnen. Sie aber führte ihn nach Griechenland und half ihm, die
+schöne Königin zu gewinnen und nach Troja zu bringen. Diese Geschichte
+stand auf dem Kamm in erhabener Arbeit, so klar und deutlich, daß es
+jeder verstehen konnte.
+
+Nun höret noch, wie der Spiegel beschaffen war! An Stelle des Glases
+war ein schöner, klarer Beryll eingesetzt. Man sah darin alles, was
+eine Meile entfernt geschah, bei Tag oder bei Nacht. Hatte jemand in
+seinem Auge einen Flecken oder in seinem Antlitze einen Fehler und sah
+in diesen Spiegel, so verschwanden die Gebrechen im selben Augenblick.
+Ist es da ein Wunder, daß ich mich gräme, einen so köstlichen Schatz
+verloren zu haben? Das Holz, aus dem der Rahmen gefertigt war,
+hieß Sethym. Es glich dem Ebenholz, war fest und blank und konnte
+nie verfaulen oder von Würmern zerstochen werden. Es war kostbarer
+als Gold. Aus solchem Holze war zu König Krompardes Zeit das Pferd
+gearbeitet, auf dem er in einer Stunde hundert Meilen weit reiten
+konnte. Das Pferd hat nie seinesgleichen gehabt, aber leider ist meine
+Zeit zu kurz, um Euch diese Geschichte gründlich erzählen zu können.
+Der Rahmen des Spiegels war anderthalb Fuß breit. Viele Bilder waren in
+ihn hineingeschnitzt, deren Bedeutung in goldener Schrift darunterstand.
+
+Die erste Geschichte handelte von dem Pferde, das neidisch war, weil es
+nicht wie der Hirsch laufen konnte. Es ging daher zu einem Hirten und
+sprach: ›Glück auf! Setze dich auf meinen Rücken und folge meinem Rat.
+Dort im Walde hat sich ein Hirsch versteckt. Den sollst du fangen, und
+ich sage dir, deine Mühe wird sich reichlich belohnen. Sein Fleisch,
+sein Geweih und sein Fell werden dir großen Nutzen bringen. Setze
+dich also auf und laß uns jagen!‹ Der Hirt sagte, er wolle es wagen,
+sprang auf den Rücken des Pferdes, und fort ging es in den Wald hinein.
+Bald kamen sie auf die Spur des Hirsches und jagten ihm, so eilig
+sie konnten, nach. Der Hirsch hatte aber einen großen Vorsprung, und
+es gelang ihnen nicht, ihn einzuholen. Da sprach das Pferd zum Mann:
+›Sitze ein wenig ab und laß mich etwas ruhen, denn ich bin sehr müde.‹
+›Nein,‹ erwiderte der Mann, ›wahrlich nicht! Wir reiten weiter. Und
+wenn du mir nicht gehorchst, sollst du meine Sporen fühlen.‹ Seht, so
+wurde das Pferd ein Sklave des Menschen. Es wurde hart gestraft für
+seine Absicht, dem Hirsch Tod und Verderben zu bringen. So geht es
+manchem, der einem anderen Schaden zufügen will!
+
+Ferner stand auf dem Rahmen die Geschichte von dem Hund und dem Esel.
+Beide gehörten einem reichen Manne. Der Hund aber stand bei dem Herrn
+in größerer Gunst als der Esel. Er saß an seines Herrn Tisch und
+bekam die besten Bissen zu essen. Er wurde auf den Schoß genommen und
+geliebkost. Dafür hatte er nichts weiter zu tun, als mit dem Schwanz zu
+wedeln und zu schmeicheln. Das sah der Esel Boldewein und grämte sich
+darüber. Er sprach zu sich selbst: ›Wie ist es nur möglich, daß mein
+Herr so freundlich zu diesem faulen Hund ist, der nichts weiter tut
+als lecken und schmeicheln? Ich aber muß die ganze Arbeit verrichten.
+Ich muß schwere Säcke tragen und in vier Wochen mehr tun als fünf, ja
+selbst zehn Hunde in einem ganzen Jahr ausrichten könnten. Er bekommt
+feine Speisen zu essen, mir aber gibt man nichts als Heu. Er schläft
+auf weichen Kissen, ich muß auf der harten Erde liegen. Ja, überall
+spottet man über mich. Ich will das aber nicht länger ertragen, sondern
+auch versuchen, die Huld meines Herrn zu erwerben.‹ Da kam der Herr
+gerade nach Haus. Der Esel lief ihm entgegen, wedelte mit dem Schwanz
+und schrie: Y--a -- Y--a. Er stellte sich auf die Hinterfüße und leckte
+seinem Herrn das Gesicht, wie er's vom Hunde gesehen. Dabei war er
+aber ungeschickt und stieß dem Herrn zwei große Beulen. Da rief dieser
+in großer Angst: ›Ergreift den Esel und schlagt ihn tot!‹ Die Knechte
+prügelten alle auf ihn los und trieben ihn wieder in den Stall. So
+blieb er, was er war -- ein Esel.
+
+So gibt es manchen dummen Esel, der anderen ihr Glück mißgönnt und
+es doch selbst nicht erringen kann. Ja, gelingt es einem auch, so
+eignet er sich nicht besser dazu als ein Schwein, das mit Löffeln ißt.
+Man lasse die Esel Säcke tragen und Disteln und Heu fressen. Tut man
+ihnen größere Ehre an, so bleibt es bei der alten Lehre: Wo Esel die
+Herrschaft haben, da sieht man selten großes Gedeihen. Meist suchen sie
+ihren eigenen Vorteil und fragen wenig nach anderer Leute Wohlfahrt.
+Dabei ist das Traurige, daß die Esel täglich an Macht höher steigen.
+
+Ferner war auf dem Rahmen zu sehen, wie mein Vater einstmals mit dem
+Kater Hinze Freundschaft schloß. Sie schwuren einander, alle Beute
+redlich zu teilen und sich in Gefahr treu beizustehen. So machten sie
+viele Reisen zusammen. Einstmals sahen sie einen Jäger und Hunde auf
+sich zukommen. Da rief Hinze in großer Angst: ›Jetzt ist guter Rat
+teuer!‹ Mein Vater aber sagte: ›An gutem Rat fehlt es uns nicht, ich
+habe noch einen ganzen Sack voll davon! Wir wollen aber unseren Schwur
+halten und treu beieinander bleiben, dann wird noch alles gut werden.‹
+Hinze versetzte: ›Hier gibt es nur einen guten Rat, den will ich mir
+zunutze machen.‹ Und damit sprang er auf einen Baum, wo ihn die Hunde
+nicht erreichen konnten. Meinen armen Vater ließ er in größter Gefahr
+allein. Spottend rief Hinze noch vom Baum herab: ›Wie steht es denn
+nun mit Eurem Rat? Ihr hattet doch eben noch einen ganzen Sack voll!
+Nehmt doch davon!‹ Da kamen auch schon Jäger und Hunde ganz nahe heran.
+Mein armer Vater wurde durch dick und dünn gehetzt, bis er endlich, zum
+Tode ermattet, seine Burg erreichte. Dort war er vor den Verfolgern
+sicher. So verriet ihn der, dem er am meisten vertraute. Es müßte also
+ein Wunder sein, wenn ich dem bösen Schelm, dem Hinze, gut wäre. Solche
+falschen Freunde gibt es häufig in der Welt, die uns im Glück anhangen
+und in der Not verlassen.
+
+Dann stand auf dem Spiegel die Fabel von dem Wolf, der für empfangene
+Wohltat nicht dankte. Der Wolf lief einstmals übers Feld und fand ein
+totes Pferd, dem das Fleisch schon von den Knochen abgezehrt war. Der
+Wolf war aber sehr hungrig und fiel über die abgenagten Überreste her.
+Da blieb ihm ein spitzer Knochen im Halse stecken, den er nicht wieder
+herausbringen konnte. Er war in großer Gefahr und glaubte sterben zu
+müssen. Zu den berühmtesten Ärzten schickte er und bot demjenigen
+großen Lohn, der ihn aus seiner Not befreien würde. Aber vergebens,
+keiner konnte ihm helfen. Da kam auch Lütke, der Kranich, herbei.
+Er trug ein rotes Barett auf dem Kopfe, weswegen der Wolf ihn Herr
+Doktor nannte. ›Hilf mir geschwind,‹ sagte Isegrim zu ihm, ›und zieh'
+mir den Knochen aus dem Hals, dann will ich dich reich belohnen.‹ Der
+Kranich glaubte den schönen Worten und steckte Schnabel und Kopf dem
+Wolf in den Rachen und zog den Knochen heraus. Da schrie der Wolf:
+›Weh mir! weh mir! Was machst du mir für Schmerzen! Doch ich will es
+dir verzeihen! Hätte mir das ein anderer getan, niemals hätte ich es
+erduldet!‹
+
+›Seid zufrieden!‹ sagte der Kranich, ›Ihr seid nun geheilt. Darum gebt
+mir meinen Lohn!‹
+
+Da sprach der Wolf: ›Höre mir nur einer diesen Narren! Er tut mir
+weh und begehrt noch Lohn dazu! Habe ich nicht genug des Guten an
+ihm getan? Er steckt seinen Kopf in meinen Rachen, und ich lasse ihn
+denselben wohlbehalten herausziehen! Hätte hier jemand ein Recht auf
+Lohn, so wäre ich es doch, denke ich!‹
+
+So belohnen Schurken ihre Wohltäter!
+
+Seht, solche Geschichten und noch andere waren in den Spiegel
+geschnitzt und mit goldener Schrift erklärt. Ich hielt mich für
+unwürdig und zu geringe, so köstliche Dinge zu besitzen. Darum sandte
+ich sie der Königin und dem Könige, meinem Herrn. Meine beiden Kinder
+waren sehr betrübt darüber; sie guckten gern in den Spiegel hinein,
+tanzten und sprangen davor und sahen, wie ihnen ihr Mäulchen stand, und
+wie ihnen die Schwänzchen hingen.
+
+Diese Kleinodien nun vertraute ich Bellyn und Lampe auf Treu und
+Glauben an. Ich zweifelte nicht an ihrer Redlichkeit, sie waren meine
+besten Freunde. Wie hätte ich ahnen können, daß Lampe dem nahen Tod
+entgegenging! Jetzt rufe ich wehe! über den Mörder. Aber ein Mord
+bleibt nicht lange verborgen. Die Wahrheit muß an das Tageslicht
+kommen. Ich will nicht eher ruhen, bis ich erfahren habe, wer die
+Kleinode gestohlen hat. Vielleicht ist sogar jemand unter den
+Versammelten, der weiß, wo die Schätze geblieben sind, und wie Lampe
+ums Leben kam.«
+
+
+
+
+ 14. Kapitel.
+
+ Neue Lügen Reinekes und seine Freisprechung.
+
+
+Da alles im Saal ruhig blieb und sich keiner zum Wort meldete, fuhr
+Reineke fort: »Seht, gnädigster Herr und König! Es kommen so viele
+Sachen vor Euch, daß Ihr unmöglich alles im Gedächtnis behalten könnt.
+Oder erinnert Ihr Euch vielleicht noch des großen Dienstes, den mein
+Vater dem Euren erwies? Euer Vater lag im Sterben, und mein Vater
+rettete ihm das Leben. Ich glaube zwar, Ihr könnt Euch dessen nicht
+entsinnen, denn Ihr wart damals erst 3 Jahre alt.
+
+Es war ein sehr kalter Winter. Euer Vater lag schwerkrank danieder.
+Er litt große Schmerzen und konnte sich nicht bewegen. Man mußte ihn
+heben und tragen. Er ließ von weit und breit alle Ärzte rufen; doch
+keiner konnte ihm helfen, alle erklärten, er sei dem Tode verfallen.
+Endlich schickte man zu meinem Vater. Der war damals sehr angesehen bei
+Hofe, denn er verstand die Kunst der Arzneimittel, konnte Zähne ziehen,
+Brechmittel geben und hatte schon manchem in der Not geholfen. Als er
+nun zu Eurem Vater kam und ihn so krank und schwach liegen sah, ging
+es ihm sehr zu Herzen, und er rief: ›O, mein König, gnädigster Herr!
+Könnte ich doch mein Leben hingeben, um Euch zu helfen! Ich täte es
+mit Freude und Stolz! Aber es gibt nur ein Mittel, um Euch zu retten.
+Ihr müßt die Leber eines siebenjährigen Wolfes essen. Dann werdet Ihr
+genesen. Aber Eile ist vonnöten, sonst stehe ich für nichts!‹ Der
+Wolf, der zugegen war, hörte diese Worte mit Schrecken. Der König
+sprach zu ihm: ›Hört Ihr es, Herr Wolf? Ich brauche Eure Leber, um
+gesund zu werden!‹ Der Wolf antwortete bebend: ›Herr, fürwahr, was
+nützt Euch meine Leber? Ich bin noch nicht fünf Jahr alt.‹ Da sagte
+mein Vater: ›Ich werde es der Leber schon ansehen, ob sie sich für den
+König eignet.‹ Darauf führte man den Wolf in die Küche und riß ihm die
+Leber heraus. Der König aß sie und wurde gesund.
+
+O, wie dankbar war er meinem Vater! Er schenkte ihm eine goldene Spange
+und ein rotes Barett. Das mußte mein Vater immer tragen, und alle Leute
+redeten ihn ›Herr Doktor‹ an. Der König schätzte ihn hoch und ehrte
+ihn sein Leben lang; er mußte stets zur Rechten des Königs gehen. Wie
+hat das Blatt sich jetzt gewendet! Mein Vater ist vergessen, und die
+eigennützigen Schelmen werden erhöht. Man trachtet nur nach Vorteil und
+Gewinn, aber rechte Weisheit wird nicht geschätzt. Leute aus niedrigem
+Stand spielen sich als große Herren auf und drücken die Armen. Sie
+vergessen ihre Herkunft und sind taub für alle Bitten, wenn nicht
+gleich eine Gabe dabei ist. Ihre Meinung ist: Bringt nur her, dies
+zuerst und hernach noch mehr! Solcher gierigen Wölfe gibt es viele. Die
+besten Bissen nehmen sie für sich. Und könnten sie auch ihres Herrn
+Leben mit einer Kleinigkeit retten, so täten sie es doch nicht. Jener
+Wolf wollte auch nicht seine Leber für seinen König hingeben. Und
+gleichwohl sähe ich es lieber, daß zwanzig Wölfe ihr Leben einbüßten,
+als daß der König oder die Königin von uns genommen würde!
+
+Dies alles, Herr König, geschah in Eurer frühsten Kindheit, und ich
+weiß wohl, daß Ihr Euch dessen nicht mehr erinnern könnt. Mir aber
+hat es sich so eingeprägt, als wäre es erst gestern geschehen. Diese
+Geschichte nun war auch auf dem Spiegel angebracht mit Gold und
+Edelsteinen, wie es mein Vater haben wollte. Könnte ich nur diesen
+Spiegel wieder ausfindig machen, so wollte ich mein Leben und Vermögen
+daransetzen.«
+
+»Reineke,« sprach der König, »Eure Worte habe ich wohl gehört und
+verstanden. War aber Euer Vater so tugendhaft und stand hier so hoch in
+Ehren, so muß das schon sehr lange her sein. Ich erinnere mich dessen
+nicht; auch hat mir's niemand berichtet. Von Euren schlimmen Ränken
+aber weiß ich viel. Jeder weiß davon zu erzählen. Tut man Euch damit
+unrecht? Das werdet Ihr schwerlich beweisen können! Wenn mir doch auch
+mal etwas Gutes von Euch berichtet würde! Aber nein, das geschieht
+niemals!«
+
+»Gnädigster Herr!« erwiderte Reineke. »Gestattet, daß ich hierauf
+antworte. Ihr selbst wißt ja Gutes von mir. Nicht als ob ich mich
+dessen rühmen wollte; denn ich bin jederzeit verpflichtet, alles
+für Euch zu tun, was in meinen Kräften steht. Denkt Ihr nicht mehr
+daran, wie einst Isegrim und ich ein Schwein gefangen hatten? Da es
+fürchterlich schrie, bissen wir es gleich tot! Da kamt Ihr, Herr König,
+und die Königin herzu. Ihr wart müde und hungrig und batet uns, die
+Beute mit Euch zu teilen. ›Ja,‹ sprach Isegrim brummig, denn er tat es
+höchst ungern. Ich aber sagte: ›Herr, es soll Euch von Herzen gegönnt
+sein! Ja, hätten wir noch der Schweine viel mehr, sie ständen Euch
+zu Diensten! Befehlt, wer es teilen soll!‹ ›Das soll der Wolf tun!‹
+spracht Ihr. Da freute sich Isegrim. Er teilte in seiner gewohnten
+Weise, ohne jede Gerechtigkeit, nur zu seinem eigenen Vorteil. Ein
+Viertel gab er Euch, ein Viertel Eurer Frau, die andere Hälfte nahm er
+für sich selbst. Er aß über die Maßen gierig. Nur die Ohren und die
+Schnauze und die halbe Lunge gab er mir. Alles andere behielt er für
+sich, wie Ihr selbst saht. So zeigte er seinen Edelmut. Als Ihr aber
+Euren Teil aufgegessen hattet, wart Ihr noch nicht satt. Das merkte ich
+wohl. Auch der Wolf sah es, tat aber, als merkte er nichts, und fraß
+ruhig weiter, ohne Euch etwas anzubieten. Da bekam er von Euch einen
+Schlag hinter die Ohren, daß er furchtbar heulend und mit blutiger
+Platte davonlief. ›Teile ein andermal besser,‹ rieft Ihr ihm nach,
+›sonst will ich's dir beibringen! Eile jetzt und schaffe uns was zu
+essen!‹ Da sprach ich: ›Herr, gebietet Ihr, so gehe ich mit ihm. Ich
+weiß etwas Gutes aufzufinden.‹
+
+Das war Euch recht, und so ging ich mit dem Wolfe. Seufzend und
+blutend trollte er neben mir her. Bald glückte es uns, ein fettes Kalb
+zu erlegen. Das gefiel Euch wohl; Ihr freutet Euch sehr, als wir es
+brachten, Ihr lobtet mich auch und sagtet, ich wäre gut, in der Zeit
+der Not ausgesendet zu werden. Darauf befahlt Ihr mir, das Kalb zu
+teilen. Ich sagte zu Euch: ›Herr, die eine Hälfte gehört Euch, die
+andere der Königin. Was darinnen ist, Herz, Leber und Lunge, gehört
+Euren Kindern. Mir gehören die Füße, und der Wolf soll das Beste haben
+-- den Kopf.‹ Als Ihr das hörtet, spracht Ihr: ›Reineke, wer hat Euch
+so hübsch teilen gelehrt?‹ Ich versetzte: ›Herr, jener mit dem blutigen
+Kopf hat's mich gelehrt! Denn heute, als Isegrim das Schwein teilte,
+paßte ich gut auf und lernte, wie man Schweine und Kälber teilen muß.‹
+
+Seht nun, Herr König, so habe ich Euch stets die Euch gebührende Ehre
+bewiesen. Alles was ich besitze und erwerbe, gehört Euch und der
+Königin. Wenn Ihr nur an die Teilung des Schweines oder des Kalbes
+denkt, so werdet Ihr erkennen, bei wem die rechte Treue ist, bei
+Reineke oder bei Isegrim? Nun steht aber der Wolf hoch in Ehren und ist
+Euer erster Minister. Euren Vorteil sucht er nicht; er ist stets nur
+auf seinen eigenen bedacht. Er und Braun führen das große Wort, aber
+Reinekes Sache wird nicht gehört.
+
+Es ist wahr, Herr, daß ich schwer verklagt bin. Doch will ich nicht
+eher weichen, bis mir mein Recht geworden ist. Ist hier bei Hofe
+jemand, der mir Böses nachweisen kann, so trete er mit seinen Zeugen
+hervor. Er setze da sein Vermögen, ein Ohr oder sogar sein Leben ein
+zum Pfand für die Wahrheit seiner Behauptungen. Solch Recht hat hier
+jederzeit gegolten -- ich nehme es auch für mich in Anspruch.«
+
+Dem König gefiel diese mutige Rede, und er erwiderte: »Es sei, wie
+es sei, Recht muß Recht bleiben. So sollst du auch, Reineke, mit
+Gerechtigkeit gerichtet werden. Man hat dich schwer angeklagt und dir
+Lampes Tod zur Last gelegt. O wie ungern habe ich ihn verloren. Denn
+ich hatte ihn sehr lieb. Und als mir Bellyn sein Haupt brachte, war
+ich im tiefsten Herzen betrübt. Dennoch ist es möglich, daß der Widder
+die Schandtat allein verübt hat. Ist aber sonst noch jemand, der über
+Reineke klagen will, so trete er vor. Was mich selbst betrifft, so will
+ich ihm vergeben, denn Reineke hat mir stets in Treue und Ergebenheit
+gedient. Hätte aber jemand glaubwürdige Zeugen, so bringe er sie her,
+und das Recht soll walten!«
+
+Reineke versetzte: »Gnädiger Herr, ich danke Euch sehr für Eure große
+Gnade und Gerechtigkeit. Ich schwöre es bei meinem Eide: als Lampe und
+Bellyn von mir schieden, tat mir das Herz recht weh; denn ich hatte
+diese beiden sehr lieb. Wie konnte ich aber ahnen, daß Lampe der Tod so
+nahe bevorstand!«
+
+So verstand es Reineke, den König und alle Anwesenden zu täuschen.
+Er sprach so sicher und sah so ernst dabei aus, daß niemand an der
+Wahrheit seiner Worte zweifeln konnte. Er hatte die Schätze so genau
+beschrieben, daß man unmöglich annehmen konnte, die ganze Geschichte
+sei nur erfunden. In dem König hatte er solche Begier nach den
+Kostbarkeiten erweckt, daß dieser nur danach trachtete, sie wieder
+aufzufinden. Darum sprach er zu dem Fuchs: »Seid ohne Sorgen,
+Reineke! Ihr sollt frei reisen und versuchen, die Kostbarkeiten wieder
+aufzufinden. Meine Hilfe soll Euch dabei zu Diensten stehen.«
+
+»Gnädiger Herr,« versetzte Reineke, »ich danke Eurer Majestät sehr für
+die trostreichen und ermutigenden Worte. Euch kommt es zu, Raub und
+Mord zu strafen, die leider der Schätze wegen begangen worden sind.
+Ich will allen Fleiß anwenden und Tag und Nacht reisen. Erfahre ich es
+dann, wo die Schätze geblieben sind, und reicht meine Kraft nicht aus,
+sie Euch zurückzugewinnen, so werde ich Euer Gnaden um Hilfe anrufen.
+Gelingt es dann, Euch die Kleinodien zu überliefern, so wäre meine Mühe
+reichlich belohnt.«
+
+Mit Wohlgefallen hörte der König diese Worte. Er glaubte alles, was
+Reineke sagte, obwohl ihn dieser so furchtbar betrogen und belogen
+hatte. Aber auch alle anderen hatte der Schelm betört, und sie fanden
+es ganz richtig, daß dem braven Reineke wieder die volle Freiheit
+gewährt wurde. Nun konnte er tun und lassen, was er wollte, denn er
+stand wieder in der Gunst seines Herrn.
+
+
+
+
+ 15. Kapitel.
+
+ Neue Anklagen Isegrims und Reinekes Verteidigung.
+
+
+Einer aber war in der Versammlung, dem die Freisprechung Reinekes
+durchaus nicht gefiel. Aufgeregt und zornig trat Isegrim vor den König
+und sagte: »Herr König, gnädiger Herr! Glaubt Ihr Reineke jetzt aufs
+neue, der Euch so viel vorgelogen hat? Wie könnt Ihr dem losen Schalk
+nur trauen? Er betrügt sicherlich uns alle, denn er lügt immer und
+sagt niemals die Wahrheit. Aber ich lasse ihn so noch nicht ziehen.
+Ihr sollt es noch hören und erkennen, daß er ein falscher Bube ist.
+Ich weiß noch drei schlimme Geschichten von ihm. Die will ich hier
+öffentlich bekannt machen und meine Aussage mit Leben und Ehre
+verfechten! Zeugen habe ich zwar nicht. Aber ist es denn möglich, für
+alles Zeugen zu finden? Es wagt ja auch niemand gegen ihn zu zeugen,
+denn er behält ja immer recht. Außerdem ist er niemandes Freund und
+weder Euch noch Eurem Hause zugetan. Ich will ihn aber heute nicht von
+hinnen lassen, ehe er mir nicht Rede gestanden hat. Gnädigster Herr,
+Reineke hat stets meinem ganzen Geschlechte zu schaden getrachtet. Was
+hat er nicht mir und meinem Weibe für Schimpf angetan?
+
+Einstmals führte er sie an einen Teich und befahl ihr, in den Schlamm
+zu treten. Er sagte, er wolle sie lehren, Fische zu fangen. Sie solle
+nur den Schwanz ins Wasser hängen, da würden so viele Fische anbeißen,
+daß sie gar nicht alle essen könnte. Sie watete also hinein und schwamm
+so lange, bis er ihr zurief, an der Stelle zu bleiben und den Schwanz
+ins Wasser zu hängen. Der Winter war kalt, und es fror sehr scharf.
+Endlich konnte es mein Weib nicht mehr aushalten, denn der Schwanz
+war fest eingefroren. Da er aber so schwer war, glaubte sie, es wären
+lauter Fische daran. Sie zog und zog, konnte aber den Schwanz nicht
+herausbekommen. Reineke aber freute sich seines schändlichen Streiches.
+Er stand am Ufer und verspottete sie. Da kam ich von ungefähr des
+Weges. Wie erschrak ich, als ich mein Weib laut jammern und um Hilfe
+rufen hörte! ›Reineke, was hast du getan?‹ rief ich. Aber kaum wurde
+er mich gewahr, so lief er spornstreichs davon. Traurig ging ich
+näher heran. Durch tiefen Morast mußte ich waten, durch kaltes Wasser
+schwimmen, bis ich zu ihr gelangte. Nun bemühte ich mich, das Eis zu
+brechen. Sie riß und zerrte, und endlich war sie frei. Aber ein Stück
+des Schwanzes war im Eise geblieben. Ihr lautes Schmerzensgeschrei
+war von den Bauern des Dorfes gehört worden. Sie wurden uns im Teiche
+gewahr und kamen herbei mit Knütteln, Äxten und Prügeln. Auch Weiber
+mit Spinnrocken liefen herzu. Alle riefen durcheinander: ›Fangt ihn,
+schlagt ihn, tötet ihn!‹ Nie war es mir banger zumute. Wir liefen
+beide, daß uns der Schweiß ausbrach. Da war ein böser Bube, der mit
+einer langen Pike nach uns stach. Dieser tat uns den meisten Schaden.
+Denn er war stark und leichtfüßig. Zum Glück war es Abend, und die
+Nacht brach herein; sonst wären wir nicht mit dem Leben davongekommen.
+Seht, Herr König, das war ein schändlicher Verrat, den Ihr sicher ohne
+alle Gnade strafen werdet.«
+
+Auf diese Klage Isegrims sagte der König: »Um gerecht zu urteilen, will
+ich erst hören, was der Verklagte zu sagen hat. Reineke, tretet vor!«
+
+»Wäre alles wahr, was Isegrim gesagt hat,« versetzte der Fuchs, »so
+würde es mir nicht zur Ehre gereichen. Verhüte Gott, daß man es für
+Wahrheit halte. Richtig ist, daß ich der Wölfin einmal zeigte, wie man
+Fische fangen sollte. Aber sie war so begierig danach, daß sie auf
+nichts weiter hörte. Das Schlimme war, daß sie den Schwanz zu lange im
+Wasser ließ. Darum fror er fest. Hätte sie ihn schneller herausgezogen,
+so würde sie genug Fische gehabt haben. Allein sie wollte sich nicht
+genügen lassen. Allzuviel begehren ist niemals gut. Einen Habgierigen
+kann niemand sättigen. So erging es auch Frau Gieremund, als sie im
+Eise festgefroren saß. Das ist jetzt der Dank dafür, daß ich ihr nach
+Kräften half, sie herauszuheben. Allein es war umsonst, sie war mir
+zu schwer. Da kam Isegrim dazu. Er stand am Ufer und schimpfte und
+fluchte, denn er meinte, ich sei an dem Mißgeschick seiner Frau schuld.
+Als ich seinen Zorn sah, machte ich, daß ich davonkam. Das war gewiß
+auch das Klügste, was ich tun konnte, denn er war sehr aufgebracht und
+drohte, es mir heimzahlen zu wollen. Sehet, Herr König, er klagt, daß
+ihn die Bauern verfolgt haben. Oh, das tat beiden sehr gut. Es erwärmte
+ihnen das Blut, nachdem sie im Wasser so sehr gefroren hatten. Was soll
+man also weiter darauf hören? Hier steht ja Frau Gieremund. Man mag sie
+befragen. Ich aber bitte mir eine Woche Frist aus, daß ich mich mit
+meinen Freunden besprechen und mich mit ihnen beraten kann, wie ich die
+Klage des Wolfes beantworten soll.«
+
+Da sprach Frau Gieremund: »Seht, Reineke, all Euer Wesen ist
+Schalkheit, List und Spitzbüberei, Lug, Trug und Verrat. Ja, wer
+Euren Worten traut, wird gewiß zuletzt hintergangen. Eure Worte sind
+leichtfertig und betrügerisch, wie ich es bei dem Brunnen wohl erfahren
+habe. Es hingen zwei Eimer daran. Ihr waret in den einen gestiegen
+und damit niedergesunken, daß Ihr nicht wieder in die Höhe konntet.
+Ich hörte Euch stöhnen und rief Euch zu: ›Wie seid Ihr denn da
+hineingeraten?‹ Da sagtet Ihr zu mir: ›Steigt nur in den anderen Eimer
+und kommt zu mir herab, so könnt Ihr Fische in Menge haben. Ich habe
+schon so viele gegessen, daß mir der Leib davon weh tut.‹ Ich dummes
+Weib glaubte das auch. Ich stieg in den Eimer und sank herab. Aber da
+stieg der andere Eimer, in dem Ihr saßet, in die Höhe. Darüber war ich
+sehr verwundert und fragte Euch, wie das zugehe? Darauf antwortetet
+Ihr: ›Das ist nun so der Lauf der Welt! Der eine steigt, der andre
+fällt! So geht es auch uns beiden. Der eine wird erniedrigt, der andere
+erhöht, nach den Tugenden, die ein jeder hat!‹
+
+Darauf sprangt Ihr aus dem Eimer und lieft davon. Ich mußte aber
+den ganzen Tag da sitzen und war hungrig und sehr betrübt. Da kamen
+zwei Bauern an den Brunnen, und wie sie mich sahen, riefen sie: ›Ha,
+da sitzt der Räuber, der uns unsere Lämmer würgt! Und sie zogen
+mich heraus und prügelten auf mich los, daß ich knapp mit dem Leben
+davonkam. Einen schlimmeren Tag habe ich nie erlebt!«
+
+»Das war zu Eurem Besten!« sprach Reineke, »daß Ihr so geschlagen
+wurdet. Und mir war es auch sehr angenehm. Ich hätte die Schläge nicht
+so gut vertragen können. Und einer von uns beiden mußte daran glauben.
+Ihr habt aber auch eine weise Lehre dabei erhalten: daß Ihr ein
+andermal besser auf Eurer Hut sein sollt und niemand zu viel Glauben
+schenken dürft. Denn die Welt ist voller Bosheit!«
+
+»Das ist wahr,« sprach Isegrim, »ich habe es besonders an Reineke
+erfahren. Wie oft hat er mich hintergangen! Ich habe noch lange nicht
+alles erzählt. Einst kamen wir an einen Berg im Sachsenlande, wo ein
+Geschlecht von Affen hauste. Er hieß mich in ihre Höhle kriechen und
+wußte recht gut, daß es mir übel darin ergehen würde. Wäre es mir
+nicht gelungen, den Ausgang zu erreichen, so hätte es mir gewiß ein Ohr
+gekostet. Den meisten Schaden tat mir die Äffin, seine Muhme. Ihm aber
+war es zuwider, daß ich mit dem Leben davonkam. Ich glaubte, ich sei in
+der Hölle gewesen!«
+
+Da wendete sich Reineke an alle Herren, die mit ihm bei Hofe waren, und
+sprach: »Isegrim ist nicht recht bei Sinnen, was er jetzt von der Äffin
+spricht. Und seine Worte sind nicht zu verstehen. Es ist wohl zwei und
+ein halbes Jahr her, daß ich mit ihm ins Sachsenland reiste. Es ist
+aber alles gelogen, was er sagt. Denn es war ein Meerkatzen-Geschlecht.
+Und auch das ist eine Unwahrheit, daß Meerkatzen meine Muhmen sind.
+Frau Rückenau und Martin, der Affe, das sind meine Verwandten. Er ist
+Notar und versteht das Recht. Was aber Isegrim von den Meerkatzen
+erzählt, das sagte er bloß mir zum Spott. Denn ich habe nichts mit
+ihnen zu tun. Sie sind niemals meine Freunde gewesen und sehen aus wie
+die Teufel in der Hölle. Daß ich aber die Meerkatze meine Muhme hieß,
+das tat ich nur aus Klugheit, um mir eine gute Aufnahme zu verschaffen.
+
+Die Sache verhielt sich nämlich so: Wir gingen einstmals um einen
+hohen Berg herum und kamen an eine tiefe, dunkle Höhle. Isegrim war
+vor Hunger ganz matt. Ich habe ihn übrigens nie so satt gesehen, daß
+er nicht gern noch mehr gehabt hätte. Ich sagte zu ihm: ›In der Höhle
+dort ist gewiß Speise genug vorhanden, und wer da wohnt, gibt einem
+wohl davon ab.‹ Da versetzte Isegrim: ›Oheim Reineke, ich will hier
+unter dem Baum warten. Geht hinein und fragt danach! Ihr eignet Euch
+besser dazu als ich.‹ Und so wollte er mich in die Falle bringen. Wenn
+ich aber etwas zu essen fände, so sollte ich es ihn wissen lassen. Ich
+ging in die Höhle hinein, einen langen, dunklen Gang hindurch, in dem
+mir angst und bange wurde. Solche Angst möchte ich um alles Gold in
+der Welt nicht noch einmal ausstehen. Denn es waren da viele häßliche
+Tiere, große und kleine. Das schlimmste aber war die alte Meerkatze.
+Als ich sie erblickte, glaubte ich den Teufel selbst zu sehen. Sie
+lag in der Ecke zusammengekauert. In ihrem großen, weit aufgesperrten
+Maul standen lange Zähne. An Händen und Füßen hatte sie furchtbare
+Krallen. Ihr Rücken endete in einem langen Schwanz. Nie habe ich ein
+häßlicheres Tier gesehen! Die Jungen waren kohlschwarz und sahen wie
+die leibhaftigen Teufel aus. Sie lagen in verfaultem Heu, bis an die
+Ohren mit Schmutz bedeckt, und ein Geruch war in der Höhle, daß mir
+übel davon wurde. Sie sahen mich sehr grimmig an, und ich dachte:
+Ach, wäre ich nur glücklich wieder hier heraus! Die Alte war größer
+als Isegrim und ihre Kinder fast ebenso groß. In dieser gefährlichen
+Gesellschaft schien es mir nicht ratsam, die Wahrheit zu sagen. Denn
+ihrer waren viele, und ich war allein, und alle sahen sehr böse aus.
+Da fand ich einen Ausweg. Ich grüßte sie höflich und tat, als ob ich
+sie kennte. Ich nannte die Meerkatze Muhme und die Kinder meine Neffen.
+Ich sagte: ›Gott erhalte Euch lange gesund! Diese sind Eure Kinder, das
+sehe ich wohl an der Ähnlichkeit. Sie gefallen mir über die Maßen gut.
+Wie schön, wie lustig sie sind! Ein jeder davon könnte eines Königs
+Sohn sein!‹
+
+Als ich sie nun so ehrerbietig begrüßte, wie ich es doch gar nicht
+meinte, tat sie auch, als ob sie mich kennte. Sie war sehr vergnügt
+und nannte mich Oheim, obgleich wir gar nicht verwandt sind. Und was
+schadete es, daß ich sie Muhme nannte, wenn mir auch der Angstschweiß
+dabei ausbrach?
+
+›Freund Reineke,‹ sprach sie zu mir, ›seid uns willkommen! Es ist mir
+eine rechte Freude, daß Ihr mich besucht! Ihr seid ein kluger Mann und
+könnt Eure kleinen Verwandten lehren, wie sie zu Ehre und Ruhm in der
+Welt kommen könnten.‹
+
+Seht, solch freundlichen Empfang hatte ich mir bloß dadurch verdient,
+daß ich sie Muhme nannte und ihre Kinder lobte! Ich wäre gern so
+schnell wie möglich fortgegangen, allein sie sagte: ›Oheim, ich lasse
+Euch nicht fort, ehe Ihr eine gute Mahlzeit bei mir gegessen habt.‹
+Darauf brachte sie voll Eifer so viel Speisen herbei, daß ich sie
+nicht alle aufzählen kann, Hirsche, Rehe und anderes Wildbret. Ich war
+verwundert, wie sie zu all dem gekommen war. Ich nahm davon, was mir
+gefiel, und aß mich recht satt. Als ich fertig war, gab sie mir noch
+ein Stück von einem Hirsch für mein Weib und meine Kinder mit. Darauf
+nahm ich Abschied von ihr, und sie sprach: ›Reineke, kommt oft wieder
+her!‹ Ich versprach es und machte, daß ich hinauskam. Denn hätte ich
+noch länger in dem Gestank aushalten müssen, ich hätte den Tod davon
+gehabt.
+
+Draußen fand ich Isegrim stöhnend und matt unter dem Baume liegend.
+›Wie geht es Euch, Oheim?‹ fragte ich ihn. ›Nicht gut,‹ erwiderte er.
+›Ich muß umkommen, ich sterbe vor Hunger.‹ Ich erbarmte mich seines
+Elends und gab ihm das Stück Fleisch, das ich geschenkt bekommen hatte.
+Er aß, und es schmeckte ihm sehr gut. Ja, er war mir sehr dankbar,
+obwohl er das jetzt vergessen zu haben scheint. Als nun der Wolf
+gegessen hatte, sagte er zu mir: ›Oheim Reineke, sagt mir doch, wer
+dort in der Höhle wohnt, und wie es darin aussieht, gut oder übel.‹ Ich
+sagte die Wahrheit und gab ihm die besten Lehren. ›Es ist ein garstiges
+Nest,‹ sagte ich, ›doch zu essen gibt es genug; wenn Ihr was haben
+wollt, so geht nur hinein. Aber hütet Euch wohl, die Wahrheit zu sagen.
+Die liebe Wahrheit müßt Ihr diesmal verbergen, wenn es Euch gut gehen
+soll. Wer immer die Wahrheit sagt, muß viel Verfolgung erdulden. Redet
+nur, was gerne gehört wird, und schweiget über das, was nicht zu sagen
+nötig ist.‹
+
+Seht, Herr König, das waren meine Worte, die ich ihm auf den Weg
+mitgab. Und so ging er fort, tat aber gerade das Gegenteil von dem,
+was ich ihm gesagt hatte. Hat er nun etwas abbekommen, so ist es seine
+eigene Schuld. Warum hat er meine Ratschläge nicht befolgt? Er sagte
+keck, er wüßte schon selber, was er zu tun hätte, und ging in die Höhle
+hinein.
+
+Da erblickte er nun die Meerkatzen, die wie die Teufel selbst aussahen.
+›Hilf Gott!‹ rief er aus, ›was für scheußliche Tiere sind das! Sind
+das Eure Kinder, oder sind sie aus der Hölle selbst entsprungen? Geht,
+ersäuft sie, das ist mein Rat! Gehörten sie mir, so würde ich sie alle
+hängen. Was soll solch böse Brut in der Welt? Wie garstig sehen sie
+aus!‹
+
+Die Meerkatze versetzte: ›Welcher Teufel hat Euch hergesandt? Was habt
+Ihr uns zu verspotten? Was habt Ihr überhaupt hier zu suchen? Ob meine
+Kinder häßlich oder schön sind, was geht es Euch an? Reineke, der
+Fuchs, ist doch gewiß klug; der war heute auch bei uns und fand meine
+Kinder schön, sittsam und von guter Art. Er begrüßte sie als seine
+nahen Anverwandten, und das vor kaum einer Stunde. Gefallen sie Euch
+nicht so gut wie ihm, wer hat Euch denn hierher gebeten? Das sage ich
+Euch, Herr Isegrim, wenn Ihr es wissen wollt.‹
+
+Da forderte der Wolf etwas zu essen von ihr. ›Gebt her,‹ rief er,
+›oder ich werde Euch dabei helfen. Für mich sind die Speisen nötiger
+als für diese Gespenster.‹ Da sprang die Meerkatze auf ihn zu, biß
+und kratzte auf ihn los, und die Kinder machten es ebenso, bissen und
+zerrten ihn aufs furchtbarste. Er fing an zu heulen und zu schreien.
+Das Blut lief ihm über die Backen. Er setzte sich nicht einmal zur
+Wehr, sondern lief, so schnell er konnte, aus der Höhle heraus. Ich
+stand draußen und erwartete ihn. Er war jämmerlich zerschunden. Sein
+Fell war zerzaust, ein Ohr war zerrissen. Mehrere Löcher hatten sie
+ihm in den Kopf geschlagen. Das Blut floß in Strömen herab. Ich fragte
+ihn: ›Habt Ihr etwa die Wahrheit gesagt?‹ ›Ja,‹ erwiderte er, ›ich
+sagte, wie ich es fand. Die garstige Hexe hat mich arg beschimpft. Wäre
+sie hier draußen, so sollte sie mir's teuer bezahlen! Wie gefallen Euch
+ihre Kinder, Reineke? Sehen sie nicht garstig und häßlich aus? Da ich
+ihr das aber sagte, war es um mich geschehen! Ich verscherzte mir damit
+sogleich ihre Gnade und kam sehr übel dabei an.‹ Da erwiderte ich:
+›Seid Ihr denn verrückt? So habe ich es Euch nicht gelehrt. Ihr hättet
+zu ihr sagen sollen: Liebe Muhme, wie geht es Euch und Euren reizenden
+Kinderchen? Sie sind alle, groß und klein, meine lieben Verwandten!‹
+
+Isegrim versetzte darauf: ›Ehe ich sie Muhme und die Kinder meine
+Neffen nennen würde, eher soll sie lieber der Teufel holen! Ihre
+Freundschaft kann ich gar wohl entbehren, denn es ist das ärgste
+Lumpengesindel von der Welt.‹
+
+Seht, Herr König, so empfing Isegrim für sein schlimmes Benehmen
+schlimmen Lohn. Hat er nicht unrecht, wenn er sagt, ich habe ihn
+verraten und bin schuld daran, daß es ihm so übel erging? Fragt
+ihn selbst, ob sich die Sache nicht so zugetragen hat, wie ich sie
+erzählte.«
+
+
+
+
+ 16. Kapitel.
+
+ Die Forderung und die Vorbereitung zum Zweikampfe.
+
+
+Auf diese Aufforderung versetzte Isegrim: »Wir wollen endlich zu
+schwatzen aufhören und dem Dinge ein Ende machen! Warum sollen wir
+uns fortwährend zanken? Reineke, Ihr sollt Euren Willen haben, ich
+will mit Euch einen Zweikampf wagen. Dann wird es sich zeigen, auf
+wessen Seite das Recht ist. Ihr sprecht hier von der Affenhöhle, wie
+ich großen Hunger litt und Ihr mir etwas zu essen brachtet. Das war
+aber ein bloßer Knochen, von dem Ihr schon alles Fleisch abgenagt
+hattet! Ihr spottet meiner und tretet meiner Ehre zu nah'! Ihr habt
+schändliche Lügen ersonnen, wie ich dem Könige, meinem Herrn, nach dem
+Leben getrachtet hätte. Alles, was Ihr dem König von dem Schatz erzählt
+habt, ist Lug und Trug. Niemand wird je die Kostbarkeiten zu sehen
+bekommen, da sie gar nicht vorhanden sind. Ihr habt mich und mein Weib
+unzählige Male betrogen und verraten. Mit freundlichen Worten habt Ihr
+mir geschmeichelt, aber weh mir, wenn ich Euch traute! Ich fordere Euch
+also jetzt zum Zweikampf auf Tod und Leben! So soll unser Zwist endlich
+aufhören! Ich sage, daß Ihr ein Mörder und Verräter seid, ein Dieb und
+ein Räuber! Hier werfe ich meinen Handschuh hin. Nehmt ihn auf, und der
+Kampf soll zwischen uns entscheiden. Ihr, Herr König, und alle ihr
+Herren, habt es gehört und sollt Zeugen bei dem Zweikampf sein! Der
+morgige Tag entscheide, wer im Recht ist, Reineke oder ich!«
+
+So sprach der Wolf. Reineke aber dachte in seinem Sinn: »Das wird nun
+um Gut und Leben gehen! Er ist groß, und ich bin klein. Er ist stark,
+und ich bin schwach. Mache ich meine Sache diesmal schlecht, so ist
+alles verloren. Doch wenn er auch stärker ist, so bin ich doch klüger
+und weiß mir besser zu helfen. Auch kann ich schneller laufen als er,
+denn ich habe noch die Klauen an meinen Vorderfüßen, während er sie
+eingebüßt hat.«
+
+Und zum Wolf gewendet, sagte er: »Isegrim, Ihr seid selbst ein
+Verräter! Alles, was Ihr mir hier zur Last legt, das lügt Ihr! Ich will
+es wagen, mit Euch zu kämpfen. Denn das war von jeher mein Wunsch.
+Alles, was Isegrim sagt, ist Lüge. Darauf setze ich mein Gegenpfand
+hier vor Gericht!« Damit warf er seinen Handschuh hin.
+
+Der König empfing das Pfand von Isegrim ebenso wie das von Reineke und
+sprach zu ihnen: »Ihr müßt nun beide Bürgen stellen, daß ihr morgen zum
+Kampfe erscheinen wollt. Eure Angelegenheiten sind so verworren, daß
+nur der Kampf zwischen euch entscheiden kann.«
+
+Isegrims Bürgen wurden Hinze, der Kater, und Braun, der Bär; Grimbart,
+der Dachs, und Mönke, der junge Affe, wurden Bürgen für Reineke.
+
+Darauf wurde die Versammlung beendet. Zu Reineke aber trat Frau
+Rückenau heran und sagte: »Freund Reineke, seid nur guten Mutes! Euer
+Oheim Martin, der jetzt nach Rom gegangen ist, lehrte mich einst ein
+gutes Gebet, das der Abt von Schluckauf verfaßt hat. Dieser Abt hatte
+Martin lieb und schenkte ihm das Gebet und sprach: ›Dieses Gebet ist
+allemal gut für den, der in den Streit geht. Man muß es frühmorgens
+nüchtern über ihn lesen, so soll er den Tag über von aller Not frei
+und selbst vor dem Tode sicher sein. An diesem Tage kann ihn niemand
+verwunden.‹ Darum, lieber Oheim, seid guten Mutes! Ich will es morgen
+früh über Euch lesen, so braucht Ihr Euch vor dem Tode nicht zu
+fürchten.«
+
+Reineke antwortete: »Meine liebe Muhme, ich danke Euch von Herzen
+dafür! Meine Sache ist gerecht, deshalb sehe ich getrost dem kommenden
+Tag entgegen!«
+
+Reinekes Freunde blieben die Nacht über bei ihm, um ihm die Sorgen zu
+vertreiben. Frau Rückenau, die Äffin, war beständig mit Rat und Tat
+um ihn herum. Sie ließ ihm vom Kopf bis zum Schwanze alle seine Haare
+abscheren und ihn ganz mit Öl bestreichen. Sie sprach zu ihm: »Reineke,
+paßt wohl auf, was Ihr tut. Hört guter Freunde Rat, das wird Euch gut
+tun und kann nie schaden. Ihr seid nun am ganzen Leibe rund und glatt;
+Isegrim wird Euch nun mit seinen Tatzen nicht fassen und festhalten
+können. Laßt Euch zuerst von ihm angreifen und jagen. Flieht eilig vor
+ihm, aber -- vergeßt das nicht -- immer gegen den Wind. Da wirbelt Ihr
+tüchtig Staub auf, der ihm in die Augen fliegt. Steht er dann still, um
+sich die Augen auszuwischen, so schleudert Ihr ihm mit Eurem Schwanz
+neuen Sand hinein. Er wird dann wie blind sein und nicht mehr wissen,
+wohin er sich wenden soll. So, lieber Oheim! Nun legt Euch ruhig
+schlafen, wir wollen Euch schon wecken, wenn es Zeit ist. Aber vorher
+muß ich über Euch die heiligen Worte lesen, von denen ich Euch gesagt
+habe.« Damit legte sie die Hand auf sein Haupt und sprach: »Gaudo
+statzi salphenio, Caßbu, garfonns Barbas aßbulfrio! -- Seht, Reineke,
+nun seid Ihr wohl verwahrt!«
+
+Darauf legte sich der Fuchs zu Bett und schlief, bis die Sonne aufging.
+Da kamen die Otter und der Dachs und weckten ihn.
+
+Die Otter brachte ihm eine junge Ente und sagte: »Ich habe manchen
+Sprung gewagt, ehe ich sie dem Vogelsteller bei der Hühnerburg rechts
+vom Damm wegstibitzen konnte. Laßt sie Euch wohlschmecken, lieber
+Vetter!«
+
+»Das ist ein guter Morgengruß!« versetzte Reineke. »Verschmähte ich
+das, so wäre ich ein Narr. Gott lohne es Euch, daß Ihr meiner so
+gedenkt!«
+
+Reineke aß und trank tüchtig, damit er sich recht gestärkt fühle, und
+ging dann in Begleitung seiner Freunde auf den Platz, wo der Kampf
+stattfinden sollte.
+
+
+
+
+ 17. Kapitel.
+
+ Der Zweikampf und seine Entscheidung.
+
+
+Als der König Reineke so geschoren und von Fett glänzend daherkommen
+sah, lachte er aus vollem Halse und rief: »O, Fuchs, wer hat dich das
+gelehrt? Wahrlich, an Schlauheit übertrifft dich niemand! Du weißt dir
+immer zu helfen!«
+
+Reineke verneigte sich tief vor dem König und grüßte auch die Königin
+mit größter Ehrerbietung. Er zeigte sich zum Kampf bereit und sprang
+munter in den Kreis hinein.
+
+Da stand auch schon der Wolf mit seinen Freunden, die ihm alle das
+Schlimmste wünschten. Sie sprachen manches boshafte Wort über ihn. Bald
+darauf traten die Kampfrichter herbei, der Luchs und der Leopard, und
+beide Kämpfer mußten den Eid leisten. Isegrim schwur, Reineke sei ein
+Verräter, ein Dieb und ein Mörder, dafür wolle er sein Leben einsetzen.
+Reineke dagegen tat den Schwur, Isegrim leiste einen falschen Eid,
+jedes Wort, das er sage, sei eine Lüge. Und das wolle er ihm beweisen!
+
+Da sprachen die Kreishüter: »Tut, was ihr zu tun habt! Wer im Recht
+ist, das wird sich bald zeigen!«
+
+Da gingen alle hinaus, groß und klein, die nichts darin zu tun hatten.
+Nur der Wolf und der Fuchs blieben in dem Kreise.
+
+Die Äffin flüsterte Reineke zu: »Vergeßt nicht, was ich Euch geraten
+habe!«
+
+Frohen Mutes erwiderte der Fuchs: »Ich weiß, Ihr sähet es gern,
+wenn es gut endete! Glaubt mir, ich werde meinem Feinde unverzagt
+entgegengehen! Bin ich doch schon mancher Gefahr entronnen! Wie oft
+habe ich schon mein Leben aufs Spiel gesetzt; so will ich es auch gegen
+diesen Bösewicht wagen. Und ich hoffe, ich werde siegreich aus dem
+Kampfe hervorgehen und sowohl ihn wie sein ganzes Geschlecht in Schande
+bringen! Mir aber und allen meinen Verwandten werde ich Ehre bereiten.
+Ich will dem Wolf schon eintränken, was er über mich gesagt hat!«
+
+Nun blieben diese beiden allein aus dem Kampfplatz, und ein paar
+tapfere Kämpfer waren es, die man da bewundern konnte.
+
+Es erschallte die Trompete zum Zeichen, daß der Kampf beginnen sollte.
+Voll Ingrimm, mit offenem Rachen und blitzenden Augen sprang der
+Wolf aus seinen Gegner los. Dieser aber, leichter und gewandter als
+der schwerfällige Wolf, sprang rasch zur Seite. Dann lief er immer
+gegen den Wind vor dem Wolf her, seinen Schwanz im Winde schleifend.
+Absichtlich ließ er Isegrim nahe herankommen, und als dieser glaubte,
+ihn schon fassen zu können, schlug ihm der Schlaue den mit Sand
+gefüllten Schweif so heftig in die Augen, daß dem Wolf Hören und
+Sehen verging. Während dieser nun stehen blieb, um sich die Augen
+auszuwischen, wirbelte Reineke immer mehr Staub und Sand auf und schlug
+dem Gegner mit dem Schweif in die Augen, daß dieser nicht das Geringste
+mehr sehen konnte. Schnell faßte ihn Reineke bei der Kehle, biß und
+kratzte ihn und gab ihm noch lose Worte dazu. »Ei, Herr Isegrim,«
+spottete er, »Ihr habt oftmals manch unschuldiges Lamm gefressen und
+manch anderes harmloses Tier verschlungen; ich hoffe, Ihr werdet es
+künftig nicht mehr tun. Das gereicht Eurer Seele sicher zum Heile, daß
+Ihr in Zukunft nicht mehr rauben und morden könnt. Seid nur geduldig,
+denn es ist bald aus mit Euch, da Ihr in Reinekes Macht geraten seid.
+Doch wollt Ihr abbitten und Euch versöhnen, so will ich Eures Lebens
+gern schonen.«
+
+Mit einem kräftigen Ruck riß sich Isegrim los. Da schlug ihm Reineke
+ins Gesicht, daß er ein Auge verlor! Vor Schmerzen heulte er laut auf
+und sprang wie rasend auf Reineke los. Er warf ihn auf die Erde nieder
+und packte den einen Vorderfuß des Fuchses mit seinen Zähnen, indem er
+rief: »O du Dieb, nun ist deine letzte Stunde gekommen! Erkläre dich
+als überwunden, oder ich schlage dich tot. Deine Betrügereien sind zu
+groß gewesen. Dein Staubaufwirbeln, dein Lügen und dein Fettschmieren
+soll dir nun nichts helfen! Du kannst mir nicht mehr entgehen! Du hast
+mir zu viel Schaden zugefügt und mir jetzt sogar ein Auge ausgerissen!«
+
+Reineke war sehr übel zumute. »Jetzt bin ich in der größten Gefahr,«
+dachte er. »Ergebe ich mich nicht, so ist es mein Tod; ergebe ich
+mich aber, so gerate ich in Schimpf und Schande.« Er legte sich also
+aufs Bitten: »Lieber Oheim, schont meiner, und ich will gern Euer
+Lehnsmann werden. Ich will für Euch zum Heiligen Grabe wallfahren und
+Ablaß für Eure Seele erflehen. Ich will Euch in Ehren halten, als ob
+Ihr der Papst in Rom wäret, ja Euch einen teuren Eid schwören, Euer
+Knecht in Ewigkeit zu sein. Auch meine Verwandten sollen Euch stets
+dienen. Alles, was ich fangen kann, das steht Euch zu Gebote; es mögen
+nun Gänse, Enten, Hühner oder Fische sein, so will ich sie an Euren
+Tisch liefern. Nur was Ihr übriglaßt, will ich für mich beanspruchen.
+Ich will jederzeit auf Euer Wohl bedacht sein, daß Euch kein Schaden
+geschehe. Ihr seid stark, und ich bin klug. Halten wir nun zusammen,
+der eine mit Rat, der andere mit Macht, wer will uns dann etwas
+anhaben? Wir sind so nahe Anverwandte, daß wir nicht miteinander
+streiten sollten. Ich bin auch ungern in diesen Kampf mit Euch
+gegangen; wenn ich ihm nur hätte entgehen können! Allein Ihr habt mich
+dazu herausgefordert, da mußte ich wohl kommen, so ungern ich es auch
+tat. Doch bin ich bisher noch sehr gnädig mit Euch verfahren und habe
+nicht meine ganzen Kampfmittel aufgeboten. Ich habe eine Ehre darin
+gesucht, Euch als meinen Oheim zu schonen. Sonst wäre ich ganz anders
+mit Euch verfahren. Jetzt ist Euch noch nicht viel Schaden geschehen,
+außer mit Eurem Auge. Und das geschah aus Versehen! O, wie leid tut es
+mir! Aber ich weiß einen Rat, Euch wieder zu heilen. Doch verliert Ihr
+selbst das Auge, und Ihr seid sonst gesund, so ist es nicht so schlimm.
+Denn Ihr braucht nur ein Fenster zuzumachen, wenn Ihr schlafen geht, da
+andere zwei schließen müssen.
+
+Noch eine andere Versöhnung will ich Euch anbieten. Alle meine Freunde,
+mein Weib und meine Kinder, sollen sich vor Euch neigen in Gegenwart
+des Königs, unseres Herrn, und sollen Euch um Reinekes Leben bitten.
+Ich will auch öffentlich bekennen, daß ich nicht die Wahrheit gesagt
+und Euch häufig belogen und betrogen habe. Schwören will ich, daß ich
+nichts Böses von Euch weiß. Tötet Ihr mich aber jetzt, so müßt Ihr
+allezeit in Angst vor meinen Verwandten und Freunden leben. Verschont
+Ihr mich hingegen, so erwerbt Ihr Euch Ruhm und Ansehen und gewinnt
+viele neue Freunde, die Euch jederzeit dienen werden. Tut nun, was Euch
+gut dünkt. Mir ist wenig daran gelegen, ob ich lebe oder sterbe!«
+
+Da sprach der Wolf: »O du falscher Fuchs, wie gerne wärst du wieder
+frei! Und wäre die ganze Welt aus rotem Golde, und du bötest mir
+dieselbe zum Ersatz, ich ließe dich doch nicht los. Du hast mich zu oft
+betrogen, du falscher, treuloser Gesell! Und gäbst nur sicherlich nicht
+eine Eierschale, wenn ich dir dein Leben schenkte. Nach deinen Freunden
+frage ich nicht viel. Ich will ihre Feindschaft schon ertragen und
+werde mich zu wehren wissen, wenn sie mich angreifen. Ach, wie würdest
+du mich verspotten, wenn ich mich durch deine Verlockungen verführen
+ließe, dich freizugeben! Wie würdest du künftighin noch manchen
+betrügen, der sich auf dein Lügen nicht verstände! Du sagst, du habest
+mich verschont! Schau' nur her, du Bösewicht! Hast du mir nicht ein
+Auge ausgerissen? Hast du mir nicht an allen Teilen meines Körpers mehr
+als zwanzig Wunden beigebracht? Du ließest mir ja nicht die Zeit zum
+Atemholen. Wie töricht würde ich handeln, wenn ich dir Gnade erwiese.
+Nein, nein! Diesmal sollst du es mit dem Leben büßen!«
+
+Während der Wolf so sprach, hatte Reineke auf neue List gesonnen.
+Er packte plötzlich den Wolf an der empfindlichsten Stelle seines
+Körpers mit solcher Gewalt, daß Isegrim vor Schmerz laut aufschrie. Den
+Augenblick benutzte Reineke, seine Pfote aus dem Rachen des Wolfes zu
+ziehen, und nun hielt er den Wolf mit beiden Tatzen fest umklammert und
+biß wie wild darauflos, wohin er eben traf. Isegrim schrie und heulte
+vor Schmerz und sank endlich, von Blut und Wunden bedeckt, betäubt zur
+Erde nieder.
+
+Voll Schrecken und Betrübnis sahen die Freunde des Wolfes dem Ausgang
+des Kampfes zu. Sie eilten zum König und baten ihn, den Befehl zur
+Beendigung des Kampfes zu geben. Der König war damit einverstanden.
+Er gebot den beiden Kampfrichtern, dem Luchs und dem Leopard, dem
+siegreichen Fuchs mitzuteilen, es sei nunmehr genug, und er, der König,
+wünsche, daß man den Kampf endige. Diese beiden eilten sogleich in den
+Kreis und sprachen: »Hört, Reineke! Wir Kampfrichter verkünden Euch
+den Befehl des Königs! Er will den Krieg zwischen euch beiden endigen
+und euch trennen. Er bittet Euch, Isegrim freizugeben und am Leben
+zu lassen. Es wäre dem König leid, wenn einer von euch beiden in dem
+Kampfe bliebe! Ihr, Reineke, habt den Sieg davongetragen, das sagt hier
+jung und alt, und alle rechtlich Denkenden zollen Euch Beifall.«
+
+Reineke entgegnete darauf: »Dafür sollen sie alle meinen Dank haben!
+Gern gebe ich den Worten des Königs Gehör und gehorche seinem Befehle.
+Mehr verlange ich nicht als den Sieg. Doch bitte ich den König, mir zu
+gestatten, daß ich erst meine Freunde befrage.«
+
+Da riefen alle seine Freunde und Verwandten: »Ja, Reineke, es dünkt
+auch uns gut, daß Ihr dem Willen des Königs folgt!«
+
+Darauf kamen sie von allen Seiten herbei, denn es hatten sich eine
+ganze Menge zu dem interessanten Schauspiel eingefunden. Der Dachs, der
+Affe und der Biber, die Otter, der Marder und das Eichhorn drängten
+sich nun alle an den Fuchs heran. Ja, viele, die gegen ihn geklagt
+hatten und nichts von ihm hatten wissen mögen, erzeigten ihm jetzt die
+größte Liebe. Jeder wollte sein nächster Verwandter sein und sich in
+seine Gunst setzen. Ja, so geht es in der Welt. Wem es gut geht, der
+hat viele Freunde, wem es aber übel geht, der hat gewiß keine! So war
+es auch hier. Als Reineke gewonnen hatte, wollte jeder auf seiner Seite
+stehen. Die einen pfiffen, die anderen sangen, bliesen auf Posaunen
+oder schlugen die Pauken. Alle seine Freunde riefen ihm zu: »Reineke,
+seid froh! Ihr habt Euch in dieser Stunde mit Ruhm bedeckt. Wir waren
+schon sehr betrübt, als Ihr zu unterliegen schienet. Aber das Glück hat
+sich bald gewendet. Ihr seid mit Ehren aus dem Kampf hervorgegangen!
+Das war ein treffliches Meisterstück!«
+
+Reineke dankte allen seinen Freunden und trat dann, von den
+Kampfrichtern begleitet, vor den König. Demütig kniete er vor dem
+Throne nieder. Der König aber hieß ihn aufstehen und sprach in
+Gegenwart aller Herren zu ihm: »Ihr habt den Streit mit Ehren bestanden
+und tapfer für Euer Recht gekämpft! So spreche ich Euch denn frei von
+jeder Schuld, und keine Strafe soll Euch treffen. Alles übrige soll
+entschieden werden, sobald Isegrim von seinen Wunden wiederhergestellt
+ist.«
+
+Reineke sprach: »Herr, Eurem Rate folge ich immer gern. Ehe ich herkam,
+klagte manch einer über mich, dem ich nie Schaden zugefügt hatte.
+Mancher stimmte wohl nur in das allgemeine Geschrei gegen mich ein
+aus Furcht vor dem Wolfe. Sie merkten, daß Isegrim damals besser bei
+Euch angeschrieben war als ich. Wer im Recht war, das kümmerte sie
+nicht. Sie glichen jenen gierigen Hunden, die vor der Küche warteten,
+ob man ihnen nicht einen Knochen hinauswerfe. Da sahen sie einen
+Hund herauskommen, der dem Koch ein großes Stück gesottenes Fleisch
+wegstibitzt hatte. Es war ihm aber auch schlecht bekommen. Der Koch
+hatte ihm sein Hinterteil mit kochendem Wasser begossen und ihm den
+ganzen Schwanz verbrüht. Gleichwohl hielt er das Gestohlene fest. Als
+er nun zu den anderen Hunden kam, riefen diese: ›Seht, diesem geht
+es gut! Er hat den Koch zum Freunde! Welch prachtvolles Stück hat er
+ihm gegeben!‹ Da sprach der arme Verbrannte traurig: ›Ihr preist mich
+glücklich, weil ihr mich nur von vorne seht und euch das Stück Fleisch
+gefällt. Aber seht mich nur mal von hinten an, da werdet ihr eure
+Meinung bald ändern!‹ Als sie ihn nun recht besahen und bemerkten, wie
+verbrannt er war, wie ihm die Haare ausfielen, und wie die ganze Haut
+eingeschrumpft war, da befiel sie ein Grauen. Kein einziger wollte in
+die Küche; sie liefen weg und ließen ihn allein.
+
+Herr, mit diesem Beispiel meine ich die Habgierigen. Kommen sie zu
+Macht und Ansehen, so will sie ein jeder zum Freunde haben. Man sieht
+täglich, ja stündlich auf sie, denn sie tragen das Fleisch im Munde.
+Ein jeder sagt, was sie gern hören. Jeder lobt sie, ob sie gleich
+nichts taugen. Und so wird ihre böse Sache immer von ihnen bestärkt.
+Allein die Strafe folgt ihnen endlich nach. Ihr Regiment schlägt
+schließlich um; zuletzt kann man sie nicht mehr leiden, und das Haar
+fällt ihnen auf beiden Seiten aus; das sind ihre großen und kleinen
+Freunde, die sämtlich von ihnen abfallen und sie allein stehen lassen,
+wie diese Hunde taten, als sie ihren Kameraden verbrannt, blutig und
+beschimpft vor sich sahen. Herr, versteht mich recht. Von Reineke soll
+dies nicht gesagt werden. Ich will das beste Teil erwählen, und meine
+Freunde sollen sich meiner nicht zu schämen haben. Ich danke Euer
+Gnaden gehorsamst und bin jederzeit bereit, nach Eurem Willen zu leben.«
+
+Der König sprach darauf: »Wohl habe ich Euch verstanden, Reineke! Ich
+setze Euch wieder in alle Eure Ehren ein. Ihr sollt zu den ersten
+Baronen meines Reiches gehören. Jederzeit sollt Ihr bereit sein,
+in meinem geheimen Rat zu erscheinen. Der Hof kann Euren Rat nicht
+entbehren. Wenn Ihr Eure Weisheit mit Tugend verbindet, so steht hier
+niemand so hoch wie Ihr. In Zukunft will ich keine Klagen mehr gegen
+Euch mit anhören. Ihr sollt als Kanzler des Reiches Euer eigenes Urteil
+sprechen. Mein königliches Siegel lege ich in Eure Hand. Was Ihr
+schreibt und siegelt, das hat Geltung, als hätte ich es selbst getan.«
+
+So wurde nun Reineke der erste Staatsdiener an des Königs Hofe. Er
+neigte sich vor König Nobel und sagte: »Gnädiger Herr, ich danke
+Euch sehr, daß Ihr mir so große Ehre erweist! Ich werde mich immer
+erkenntlich dafür zeigen und Eure Güte zu verdienen streben!«
+
+Dem Wolf erging es indessen sehr übel. Zum Tode ermattet und in großen
+Schmerzen war er auf der Erde liegen geblieben. Nur seine Frau, seine
+Kinder, Braun, der Bär, und Hinze, der Kater, waren um ihn versammelt.
+Sie schafften eine Bahre herbei, legten ihn vorsichtig hinauf und
+trugen ihn traurig vom Kampfplatz. Man rief sogleich Ärzte herbei, die
+seine Wunden untersuchten. Er hatte deren sechsundzwanzig. Er wurde
+verbunden und mußte Arznei zu sich nehmen; denn er war sehr schwach
+und krank. Endlich schlief er ein wenig ein. Aber es dauerte nicht
+lange, und er erwachte wieder. Der Kummer über die erlittene Schmach
+ließ ihn keine Ruhe finden. Sein Weib, Frau Gieremund, saß an seinem
+Lager in tiefer Betrübnis. Sie jammerte über die Schmerzen, die ihr
+armer Mann auszuhalten hatte, und ärgerte sich, daß der Bösewicht
+Reineke den Sieg über ihn davongetragen hatte.
+
+Reineke indessen weilte wohlgemut und frohen Sinnes im Kreise seiner
+Freunde, die ihn umschmeichelten. Der König sagte ihm freundliche Worte
+zum Abschied. »Reineke,« sprach er, »kehrt bald zurück, mein lieber
+Kanzler!«
+
+Der Fuchs kniete vor dem Throne nieder und sagte:
+
+»Gnädiger Herr, ich danke Euch aus vollem Herzen, wie auch meiner
+gnädigen Königin, Euren Räten und allen Herren am Hofe. Gott erhalte
+Euch lange, reich an Ruhm und Ehren! Was Ihr anordnet, werde ich
+jederzeit tun, nicht nur aus Pflicht, sondern auch aus Liebe! Denn ich
+liebe und ehre Euch, wie Ihr es verdient. Wenn Ihr es gestattet, hoher
+Herr, so will ich jetzt zu meinem Weibe und meinen Kindern reisen, die
+ungeduldig meiner harren und gewiß über mein langes Ausbleiben schon
+sehr bekümmert sind.«
+
+Der König sprach: »So reist denn glücklich, mein lieber Reineke!«
+
+So schied Reineke von des Königs Schloß, mit schönen Worten und in
+großer Gnade. Der König gab ihm ein ansehnliches Geleit mit auf den
+Weg. Wohl vierzig Ritter folgten ihm, alle sehr stolz auf diese Ehre.
+Reineke schritt wie ein Prinz voran. Es war ihm sehr wohl zumute. Er
+hatte des Königs Gnade wiedergewonnen und war Reichskanzler geworden.
+»Ei,« dachte er bei sich, »nun soll mir's nicht fehlen! Wem ich jetzt
+wohl will, dem kann ich helfen; wer mein Freund ist, dem soll's auch
+gut gehen! Daher preise ich die Weisheit mehr als alles Gold der Welt!«
+
+Also ging Reineke mit seinen Freunden nach seinem Hause Malepartus.
+Er dankte ihnen allen sehr für ihre Treue, daß sie ihm in der Not
+beigestanden hatten, und bot ihnen seine Dienste für die Zukunft an.
+Darauf schieden sie voneinander.
+
+Reineke trat in seine Burg ein, wo ihn Frau Ermelyn sehr erfreut
+willkommen hieß. Sie erkundigte sich nach den Angelegenheiten bei
+Hofe, und wie es ihm ergangen wäre. Der Fuchs sagte zu ihr: »Die Sache
+hat eine glückliche Wendung genommen. Ich stehe hoch in der Gnade des
+Königs. Er hat mich wieder zum Rat an seinem Hofe ernannt und mich über
+alle Herren gesetzt. Das gereicht unserem Geschlecht zu großen Ehren.
+Er hat mich zum Kanzler des Reiches erwählt, und ich werde künftighin
+seine Siegel führen. Was Reineke tut und schreibt, das hat Gültigkeit.
+Dem Wolfe habe ich wohl für immer die Lust benommen, mich zu verklagen.
+Er ist im Zweikampf unterlegen. Ich habe ihn auf einem Auge geblendet
+und schwer verwundet. Wer weiß, ob er mit dem Leben davonkommt! Aber
+wenn er auch lebt, Schaden kann er mir doch nicht mehr anhaben; denn
+ich bin sein Obermann geworden und aller seiner Gesellen dazu!«
+
+Da war nun die Frau Füchsin über die Maßen froh, und mit ihr freuten
+sich die beiden Söhnchen Reinhart und Rossel, daß ihr Vater so hoch
+erhoben war. Sie riefen: »Nun wollen wir froh und sorglos leben, unsere
+Burg befestigen und immer glücklich und zufrieden sein!«
+
+ [Illustration]
+
+
+ Druck von A. Seydel & Cie. G.m.b.H., Berlin SW 61.
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77153 ***
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+ Reineke Fuchs | Project Gutenberg
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+<body>
+<div style='text-align:center'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77153 ***</div>
+
+<div class="transnote">
+<p class="s3 center">Anmerkungen zur Transkription.</p>
+<p class="p0">Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und Interpunktion
+des Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche
+Druckfehler sind stillschweigend korrigiert worden.</p>
+<p class="p0">Worte in Antiqua sind "<i>kursiv</i>" dargestellt.</p>
+</div>
+
+<figure class="figcenter padbot2 illowp45" id="cover">
+ <img class="w100" src="images/cover.jpg" alt="">
+</figure>
+
+<p class="s3 center">Reineke Fuchs</p>
+
+<figure class="figcenter padtop3 padbot4 illowp51" id="002_illustration" style="max-width: 49.9375em;">
+ <img class="w100" src="images/002_illustration.jpg" alt="deko">
+ <figcaption class="caption"><p class="s6">Reineke Fuchs 1.</p>
+<p class="p0">Als der Wagen weiterfuhr, warf Reineke fortwährend Fische herab. Der
+Wolf kam herbei und ließ sich's wohlschmecken.</p></figcaption>
+</figure>
+
+<div class="chapter">
+<h1>Reineke Fuchs</h1>
+<p class="p3 s4 center ">Der alten Sage nacherzählt</p>
+<p class="s5 center">von</p>
+<p class="s3 center">Helene Fuchs</p>
+<p class="p2 center">Mit Illustrationen in Farbendruck</p>
+<p class="center" >nach Originalen</p>
+<p class="center s5">von</p>
+<p class="s4 center mbot3">Max Wulff</p>
+<p class="p4 center">1921</p>
+<p class="center">Meidinger's Jugendschriften Verlag G.m.b.H.</p>
+<p class="s5 center">Berlin W. 66</p>
+</div>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h2 class="nobreak" id="Inhalt">Inhalt.</h2>
+</div>
+
+<table class="autotable">
+
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+
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+<td class="tdl"><em class="gesperrt">Reineke Fuchs.</em></td>
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+</tr>
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+<td class="tdl">Einleitung</td>
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+<tr>
+<td class="tdl">1. Kapitel. Reineke wird angeklagt</td>
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+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl">2. Kapitel. Braun entbietet Reineke an des Königs Hof</td>
+<td class="tdr"><a href="#Seite_15">15</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl">3. Kapitel. Hinze überbringt den Befehl des Königs</td>
+<td class="tdr"><a href="#Seite_22">22</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl">4. Kapitel. Grimbart bei Reineke. Die Beichte</td>
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+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl">5. Kapitel. Das Gericht und der Urteilsspruch. Reineke unter dem Galgen</td>
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+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl">6. Kapitel. Die Geschichte von der Verschwörung</td>
+<td class="tdr"><a href="#Seite_40">40</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl">7. Kapitel. Reineke tritt seine Pilgerfahrt an. Lampe und Bellyn in Malepartus</td>
+<td class="tdr"><a href="#Seite_49">49</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl">8. Kapitel. Die Sühne. Reineke wird abermals angeklagt</td>
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+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl">9. Kapitel. Grimbart in Malepartus</td>
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+<tr>
+<td class="tdl">10. Kapitel. Reinekes zweite Beichte</td>
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+<tr>
+<td class="tdl">11. Kapitel. Reinekes Verteidigung</td>
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+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl">12. Kapitel. Der Mann mit der Schlange</td>
+<td class="tdr"><a href="#Seite_81">81</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl">13. Kapitel. Reineke verteidigt sich weiter. Der wunderbare
+Ring, der Kamm und der Spiegel</td>
+<td class="tdr"><a href="#Seite_87">87</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl">14. Kapitel. Neue Lügen Reinekes und seine Freisprechung</td>
+<td class="tdr"><a href="#Seite_96">96</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl">15. Kapitel. Neue Anklagen Isegrims und Reinekes Verteidigung</td>
+<td class="tdr"><a href="#Seite_102">102</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl">16. Kapitel. Die Forderung und die Vorbereitung zum Zweikampfe</td>
+<td class="tdr"><a href="#Seite_111">111</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl">17. Kapitel. Der Zweikampf und seine Entscheidung</td>
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+</tr>
+</table>
+
+<figure class="figcenter padtop2 illowe4" id="005_decoration">
+ <img class="w100" src="images/005_decoration.jpg" alt="deko">
+</figure>
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_7">[S. 7]</span></p>
+
+<h2>Einleitung.</h2>
+</div>
+
+
+<p>Schon in den frühesten Zeiten des Menschengeschlechts hat sich die
+Phantasie des Volkes damit beschäftigt, das Leben der Tiere zu
+vermenschlichen, d. h. Tiere wie Menschen von bestimmtem Charakter und
+Stande reden und handeln zu lassen. Solche Tiermärchen und Tierfabeln
+waren bei den allerverschiedensten Völkern in Umlauf, sie haben
+aber für uns erst literarische Gestalt angenommen in den Äsopischen
+Fabeln, die sich von Griechenland aus auf dem Wege über Italien durch
+schriftliche und mündliche Überlieferung bei allen Völkern unseres
+Erdteils verbreiteten. Aus einer dieser Äsopischen Fabeln, die von der
+Feindschaft zwischen Fuchs und Wolf und dem Siege der List des einen
+über die rohe Kraft des anderen handelt, ist nun die mittelalterliche
+Tierdichtung hervorgegangen.</p>
+
+<p>Die frühesten Spuren derselben sind in einer lateinischen Dichtung des
+frühen Mittelalters, die einen Mönch aus Lothringen zum Verfasser hat,
+zu erkennen. Schon in dieser Erzählung von der Heilung des kranken
+Löwen durch die Haut des Wolfes stecken zahlreiche satirische Züge,
+Beziehungen auf kirchliche und politische Zustände, auf das Leben bei
+Hofe und im Kloster, und gerade diese satirische Behandlung gibt der
+ganzen späteren Tierdichtung bis auf unseren Reineke Fuchs das Gepräge.</p>
+
+<p>Auf dem Grenzgebiet zwischen Frankreich und Deutschland hat sich nun
+auch die weitere Ausbildung der Tiersage vollzogen. Hier wurden zuerst
+den Tieren menschliche Eigennamen verliehen; ein Vorgang, der an sich
+nichts Überraschendes hat, rufen doch auch wir unsere Haustiere, Hund
+und Katze, Ziege und Lamm,<span class="pagenum" id="Seite_8">[S. 8]</span> Kuh und Pferd, mit Personennamen. Die
+gewählten Namen sind meist Kose- oder Verkleinerungsformen: Reineke
+von Reinhart (franz. <span class="antiqua">Renard</span>), Hinze von Heinrich, Lampe von
+Lamprecht, Henning von Johannes usw.</p>
+
+<p>Die wichtigste und für die ganze spätere Zeit bedeutungsvollste
+Darstellung hat die Tiersage in Nordfrankreich gefunden. Französische
+Spielleute verfaßten eine Anzahl von Tierschwänken, <span class="antiqua">branches</span>,
+aus denen allmählich der große französische <span class="antiqua">Roman de Renard</span>
+herauswuchs.</p>
+
+<p>Indessen erreicht das Tierepos seine klassische Gestalt in den
+Niederlanden. Nach verschiedenen Vorstufen erhielt es seine endgültige
+Fassung im 15. Jahrhundert in Flandern durch Hinrik van Alkmar, dessen
+Werk dann von einem Unbekannten in die niedersächsische Mundart
+übertragen wurde. So entstand der »Reynke de Vos«, der zuerst im Jahre
+1498 in Lübeck gedruckt und darauf zu wiederholten Malen bis auf die
+neueste Zeit ins Hochdeutsche und in andere Sprachen übertragen wurde.</p>
+
+<p>Eine Prosaübersetzung dieses »Reynke« von dem bekannten Leipziger
+Professor Gottsched wurde endlich die Quelle für das klassische
+Tierepos der Neuzeit, für Goethes köstlichen »Reineke Fuchs«. Auch wir
+haben uns im ganzen dieser Quelle angeschlossen.</p>
+
+<p>Möge die alte Dichtung in der neuen Fassung auch weiter ihren
+Zauber ausüben und recht viele jugendliche Leser durch ihre frische
+Natürlichkeit und ihren gesunden Humor erfreuen!</p>
+
+<figure class="figcenter padtop2 padbot4 illowe4" id="008_decoration">
+ <img class="w100" src="images/008_decoration.jpg" alt="deko">
+</figure>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_9">[S. 9]</span></p>
+
+<div class="chapter">
+<figure class="figcenter padtop2 padbot4 illowp100" id="009_decoration">
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+</figure>
+
+<p class="s2 center"><b>Reineke Fuchs.</b></p><br>
+<hr class="r5">
+</div>
+
+<h2 class="s4">1. Kapitel.<br>
+<span class="s3">Reineke wird angeklagt.</span></h2>
+
+
+<p>Es war an einem Pfingsttage; Wälder und Felder grünten und blühten; die
+Vögel sangen ihre fröhlichen Lieder; der Tag war heiter und das Wetter
+schön, als Nobel, der Löwe, der König der Tiere, Boten aussandte und
+alle seine Untertanen an seinen Hof entbieten ließ. Darauf erschienen
+viele große Herren mit starkem Gefolge: Braun, der Bär, Isegrim, der
+Wolf, Lütke, der Kranich, Marquart, der Häher, und viele andere;
+sie alle waren gekommen, um ihrem Herrn die schuldige Ehrfurcht zu
+bezeigen. Nur Reineke, der Fuchs, fehlte. Er mied den Hof, denn er
+hatte so viele lose Streiche begangen und den Tieren so viel Böses
+angetan, daß er unter ihnen nur noch einen Freund hatte, Grimbart, den
+Dachs, mit dem er nahe verwandt war.</p>
+
+<p>Als der ganze Hof versammelt war, trat Isegrim, der Wolf, vor den Thron
+des Königs und begann zu klagen: »Gnädigster Herr und König! Ihr seid
+edel und groß und verhelfet einem jeden zu seinem Rechte! So helfet
+auch mir jetzt und strafet Reineke für all das Böse, das er mir und
+den Meinen zugefügt hat. Mein<span class="pagenum" id="Seite_10">[S. 10]</span> Weib hat er beschimpft und meine Kinder
+hat er mit schädlichem Unrat besudelt, daß drei von ihnen blind in der
+Höhle liegen. Längst schon sollte er mir für seine bösen Taten Rede
+stehen, aber er hält sich in seiner starken Burg versteckt. Gnädigster
+Herr! Wollte ich all das Böse erzählen, das mir dieser Bube zugefügt
+hat, wahrlich, es gehörten Wochen dazu. Ich übergehe es daher mit
+Stillschweigen. Jedoch die Verhöhnung meines Weibes und das Unglück
+meiner Kinder sollen nicht ungerächt bleiben.«</p>
+
+<p>Kaum hatte Isegrim seine Rede beendet, da sprang Wackerlos, das
+Hündchen, hervor und erzählte kläglichen Tones in französischer
+Sprache, wie es einst so arm gewesen, daß es nur ein kleines Würstchen
+besaß, und auch dieses habe Reineke genommen.</p>
+
+<p>Funkelnden Auges trat Hinze, der Kater, hervor und sprach: »Wo ist
+wohl einer in der ganzen Versammlung, der nicht Reineke mehr fürchtete
+als Euch? Was aber die Klage des Wackerlos betrifft, so gehörte die
+Wurst mir. Ich kam einstmals bei Nacht in eine Mühle, fand den Müller
+schlafend und nahm die Wurst. Kam sie in den Besitz des Hundes, so
+verdankt er sie meiner List!«</p>
+
+<p>»Was nützen Klagen und Reden!« sprach der Panther. »Sind nicht genug
+Schandtaten des Frevlers bekannt? Er ist ein Dieb und ein Mörder!
+Verlören wir alle, auch der König, Gut, Ehre und Leben, er lachte dazu,
+würde ihm nur ein einziger Bissen von einem fetten Huhn dabei zuteil!
+Hört nur, was er noch gestern Lampe, dem Hasen, angetan! Hier steht
+er, der friedliche Mann, und wird die Wahrheit meiner Rede bezeugen.
+Reineke sagte, er wolle ihn singen lehren und zu einem Kaplan machen.
+Ohne Arg setzte sich Lampe vor ihm nieder, und beide begannen zu
+singen. Doch plötzlich ergriff Reineke den Hasen und versuchte ihn
+zu erwürgen. Wäre ich nicht zufällig des Weges gekommen, unfehlbar
+hätte er ihn getötet. So aber gelang mir's, den Braven zu retten. Seht
+hier die frischen Wunden am Halse des friedlichen<span class="pagenum" id="Seite_11">[S. 11]</span> Mannes, der gewiß
+niemandem Übles tut. So saget nun an, Herr König, und ihr, Vasallen des
+Reiches, soll es ohne Strafe hingehen, daß Reineke also freventlich des
+Königs Frieden zu brechen wagt?«</p>
+
+<p>Da sprach Isegrim: »Reineke tut nimmermehr Gutes! Am besten für alle
+würde es sein, Reineke wäre tot! Wird ihm aber auch diesmal verziehen,
+so wird es noch manchem unter uns schlimm ergehen, der es jetzt am
+wenigsten ahnt!«</p>
+
+<p>Länger vermochte Grimbart, der Dachs, nicht zu schweigen. Er trat mutig
+hervor, um seinen Verwandten zu verteidigen. »Herr Isegrim,« sprach er,
+»es ist ein altes Sprichwort: ›Feindes Mund schafft selten Frommen.‹
+Ihr habt es jetzt leicht, meinen Oheim zu schmähen, da er nicht
+zugegen! Stünde er hier und besäße wie Ihr des Königs Liebe, so hättet
+Ihr Euch wohl bedacht, ihn also anzuschwärzen und die alten Geschichten
+hervorzukramen! Freilich, von dem, was Ihr Reineke getan, schwieget Ihr
+weislich! Manche der Herren hier wissen es wohl, wie Ihr und Reineke
+einst ein Bündnis schlosset und einander versprachet, treue Freunde zu
+sein. Hört, Majestät, wie Isegrim die Treue gebrochen! Einmal fuhr ein
+Mann durch den Wald, der Fische auf seinen Wagen geladen hatte. Isegrim
+verspürte große Lust, von den Fischen zu essen. Er hatte aber kein
+Geld, sich welche zu kaufen. Da schaffte Reineke Rat. Er legte sich auf
+den Weg und stellte sich tot. Als nun der Fuhrmann herankam und meinen
+Oheim liegen sah, stieg er vom Wagen herab, zog sein Messer hervor
+und wollte ihm das Fell abziehen. Da Reineke sich aber nicht regte
+noch rührte, hielt er ihn für tot und warf ihn auf den Wagen. Alles
+dies wagte mein Oheim um Isegrims willen! Als der Wagen weiterfuhr,
+warf Reineke fortwährend Fische herab. Der Wolf kam herbei und ließ
+sich's wohl schmecken. Endlich sprang mein Oheim herab, um auch von den
+Fischen zu essen; allein Isegrim hatte sie alle verzehrt.<span class="pagenum" id="Seite_12">[S. 12]</span> Ja, er hatte
+so viel gefressen, daß er fast platzte. Meinem Oheim gab er die Gräten.</p>
+
+<p>Ein andermal entdeckte Reineke bei einem Bauern ein
+frischgeschlachtetes Schwein. Er vertraute es in gutem Glauben dem
+Wolfe. Beide gingen hin; Reineke kroch zum Fenster hinein und warf
+das Schwein herunter. Isegrim packte es und lief mit ihm davon. Da
+erwachten die Hunde im Hofe, ergriffen Reineke und zerzausten ihm
+furchtbar sein armes Fell. Mit knapper Not kam er davon, gelangte zum
+Wolfe und forderte sein Teil. Der hatte indessen das ganze Schwein
+verzehrt und gab meinem Oheim das Krummholz, daran es gehangen hatte.</p>
+
+<p>Erhabener Herrscher, so könnte ich hundert solcher Streiche und mehr
+erzählen, die Isegrim an Reineke verübt hat! Um aber auf das Märchen
+vom armen, mißhandelten Hasen zurückzukommen, so sage ich Euch: Soll
+der Lehrer nicht das Recht haben, den Schüler zu züchtigen? Sagt
+selbst, was soll aus der Jugend werden, wenn alle Unart unbestraft
+bliebe? Nun klagt Wackerlos, Reineke habe ihm einst ein Würstchen
+genommen. Er hätte besser geschwiegen! Hinze, der Kater, sagt ja, die
+Wurst war gestohlen! Reineke ist ein braver Mann! Hört nur, wie er
+lebt, seit des Königs Frieden den Tieren verkündet ward! Er speist nur
+einmal des Tages und enthält sich jeglichen Fleisches. Sein Schloß
+Malepartus hat er verlassen und baut sich eine einsame Klause. Mir,
+seinem Neffen, tut es weh, daß er hier so verklagt wird, und ich bitte
+Eure Majestät, ihn bald seinen Feinden gegenüberzustellen.«</p>
+
+<p>Kaum hatte Grimbart seine Rede beendet, da kam Henning, der Hahn, mit
+seinem ganzen Gefolge. Auf einer Bahre trugen sie Kratzefuß, die beste
+der Hennen. Traurig trat Henning vor den König und sprach: »Gnädiger
+Herr! Erbarmet Euch meiner und meiner Kinder, denen Reineke großes
+Leid zugefügt hat! Noch vor kurzem erfreute ich mich mit meiner Frau
+meines stolzen Geschlechtes.<span class="pagenum" id="Seite_13">[S. 13]</span> Zehn Söhne und vierzehn Töchter blühten
+uns lieblich heran. Starke Mauern umgeben den Klosterhof, auf welchem
+wir leben. Oftmals schlich Reineke bei Nacht um die Mauern, aber sechs
+treue Hunde wachten beständig und verjagten ihn immer. Da sann er auf
+List: Einstmals kam er als Klausner verkleidet mit einem Brief, daran
+Euer Siegel hing, zu mir. In dem Brief stand geschrieben, daß Ihr, Herr
+König, allen Tieren festen Frieden gebietet.</p>
+
+<p>Reineke fügte hinzu, er habe ein Gelübde getan, kein Fleisch mehr zu
+essen und ein frommes Leben zu führen; deshalb brauche sich niemand in
+Zukunft vor ihm zu fürchten. Darauf nahm er Abschied von mir und zog
+seines Weges.</p>
+
+<p>Da war ich sehr glücklich, eilte zu meiner Frau und den Kindern und
+erzählte ihnen die ganze Geschichte. Ach, wie waren sie froh! Wir
+eilten alle hinaus ins Freie, denn niemand lebt gern hinter Mauern.
+Doch wehe! Reineke hatte sich im Gebüsch versteckt, sprang hervor und
+holte sich eins meiner Kinder. Seitdem kam er immer wieder bei Tag und
+bei Nacht, so gut hatte ihm mein Söhnlein geschmeckt, und selbst die
+treuen Hunde konnten uns nicht mehr vor ihm schützen. Von allen meinen
+Kindern blieben mir nur noch fünf. Sehet, Herr König, diese blühende
+Tochter hat er mir gestern getötet, die Hunde jagten sie ihm ab. Ich
+bringe Euch nun den Leichnam, daß Ihr Euch meines Unglücks erbarmt und
+an dem Mörder Vergeltung übt!«</p>
+
+<p>Da sprach der König zornig: »Nun, Herr Dachs, höret Ihr wohl? Sind das
+die Fasten, die sich Euer Oheim auferlegt? Aber ich verkünde es Euch,
+er soll gestraft werden für alle seine Missetaten! Zunächst aber soll
+Eure Tochter, trauriger Henning, mit allen Ehren bestattet werden.«</p>
+
+<p>Darauf wurde von allen Anwesenden ein feierlicher Gesang angestimmt
+und die tote Henne in die Erde gesenkt. Auf ihr Grab<span class="pagenum" id="Seite_14">[S. 14]</span> setzte man
+einen schönen, blanken Marmorstein; darauf stand zu lesen in goldenen
+Buchstaben:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">»Kratzefuß, Hahn Hennings Tochter, die beste, </div>
+ <div class="verse indent0">Die stets viel Eier legte im Neste, </div>
+ <div class="verse indent0">Die wohl mit ihren Füßen konnte schraben, </div>
+ <div class="verse indent0">Liegt unter diesem Steine hier begraben. </div>
+ <div class="verse indent0">Der falsche Reineke hat sie erbissen, </div>
+ <div class="verse indent0">Sie will, daß die ganze Welt es soll wissen.« </div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Darauf rief der König alle Weisen seines Reiches zusammen, um mit ihnen
+über Reinekes böse Taten zu Rate zu sitzen. Man beschloß, einen Boten
+zu ihm zu senden und ihn aufzufordern, am nächsten Gerichtstag bei Hofe
+zu erscheinen, bei Todesstrafe aber nicht auszubleiben. Braun, der Bär,
+wurde auserwählt, die Botschaft zu überbringen. Und der König sagte zu
+ihm: »Braun, sei auf deiner Hut! Der Fuchs ist falsch und hinterlistig,
+er wird dich belügen und betrügen!«</p>
+
+<p>»Das soll er wohl bleiben lassen!« versetzte der Bär. »Ich beteuere es
+mit meinem Eide: Reineke soll mir nicht das Geringste tun! Es würde ihm
+auch übel bekommen!«</p>
+
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_15">[S. 15]</span></p>
+
+<h2 class="s4">2. Kapitel.<br>
+<span class="s3">Braun entbietet Reineke an des Königs Hof.</span></h2>
+</div>
+
+
+<p>Stolzen Mutes machte sich Braun auf den Weg zu Reinekes Burg
+Malepartus. Er wanderte durch eine große, sandige Wüste, bis er endlich
+die schönen, grünen Berge erreichte, an denen das Schloß lag.</p>
+
+<p>Er pochte mehrmals an die schwere, verschlossene Pforte. Es erschien
+aber niemand, zu öffnen. Da rief er laut: »Reineke, seid Ihr drinnen?
+Ich bin Braun und komme als Bote des Königs. Ihr sollt bei Hofe vor
+Gericht Euch stellen! Folget Ihr aber nicht dem Befehle, so seid Ihr
+des Todes! Darum rate ich Euch, folgt mir sogleich zum König!«</p>
+
+<p>Reineke lag drin auf der Lauer und hörte alle diese Worte.</p>
+
+<p>»Könnte ich doch diesem Braun,« so dachte er, »für seine hochmütige
+Rede etwas aufzählen!«</p>
+
+<p>Gleich zu öffnen, schien ihm nicht ratsam, Braun konnte ja noch andere
+Tiere im Hinterhalt haben. Um nachzudenken, was am besten zu tun sei,
+ging er tiefer in seine Festung hinein. Malepartus war kunstvoll
+gebaut, Löcher und Gänge gab es hier und manche verborgene Pforte, die
+er je nach Bedarf öffnete oder verschloß. Hier fand er Schutz, wenn er
+verfolgt ward, und manches unschuldige Tier verirrte sich hier hinein
+und fiel ihm zur Beute.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_16">[S. 16]</span></p>
+
+<p>Als Reineke sich überzeugt hatte, daß der Bär allein gekommen war, trat
+er hinaus und begrüßte ihn: »Seid willkommen, Oheim Braun! Ich las eben
+die Vesper. Darum konnte ich nicht sogleich kommen. Ich hoffe, daß Eure
+Ankunft mir zum Vorteil gereichen wird! Es war aber ein anstrengender
+Weg für Euch! Ihr schwitzt ja, daß Euer Haar naß ist! Hatte denn der
+König keinen anderen Boten als Euch, den edelsten Herrn des Reichs?
+Indessen ist es zu meinem Nutzen; Euer kluger Rat wird mir beim König
+zu statten kommen. Höret, werter Oheim, ich hatte beschlossen, morgen
+am Hof zu erscheinen, doch habe ich von einer Speise, an die ich nicht
+gewöhnt bin, zu viel gegessen, und sie verursacht mir große Schmerzen
+im Leibe.«</p>
+
+<p>»Was aßet Ihr denn?« fragte Braun.</p>
+
+<p>Reineke versetzte: »Was nützt es Euch, wenn ich es Euch sage! Es war
+nur eine einfache Speise! Ein armer Mann kann ja nicht wie ein Graf
+leben! So haben wir jetzt in der Not frische Honigscheiben gegessen,
+die es hier reichlich gibt. Davon bin ich so krank!«</p>
+
+<p>»Ei, ei,« versetzte Braun, »haltet Ihr Honig für etwas Schlechtes?
+Honig ist eine kräftige Speise, die ich allen anderen Gerichten
+vorziehe. Lieber Reineke, verschafft mir welchen, ich will Euch dafür
+nach Kräften dienen und Euch immer dankbar sein!«</p>
+
+<p>Reineke rief: »Treibt keinen Spott mit mir, Oheim Braun!« Braun
+erwiderte: »Nein, so wahr Gott mir helfe!« »Nun, wenn es Euer Ernst
+ist,« sprach Reineke, »so will ich Euch Honig verschaffen. Der Bauer
+Rüsteviel wohnt kaum eine halbe Meile von hier. Er hat so viel Honig,
+wie Ihr noch nie beisammen gesehen habt.«</p>
+
+<p>Brauns Gelüste nach der süßen Speise ward immer größer, und er sagte:
+»Führt mich nur sogleich hin, lieber Reineke, ich<span class="pagenum" id="Seite_17">[S. 17]</span> will es Euch stets
+gedenken. Sollte ich mich aber mal an Honig wirklich satt essen, so
+müßte man mir sehr viel davon vorsetzen.«</p>
+
+<p>»O,« versetzte Reineke, »Euch soll es an Honig nicht fehlen! Zwar wird
+mir das Gehen heute schwer, doch will ich Euch zuliebe den Weg gern
+machen. Denn Ihr seid mir der Liebste von allen meinen Verwandten. Und
+Ihr werdet mir auch am Hofe des Königs beistehen und mich gegen meine
+Feinde verteidigen. Folget mir nur! Ich will Euch so honigsatt machen,
+daß Ihr eine Weile genug habt!«</p>
+
+<p>Voller Freude folgte ihm der Bär; der Abend war hereingebrochen, als
+sie an des Bauern Rüsteviel Hof kamen. Dort lag eine mächtige Eiche,
+die weit aufgespalten war, denn der Bauer hatte zwei starke Keile
+hineingetrieben. Nun sprach Reineke: »Sehet, Oheim, in diesem Baum ist
+mehr Honig, als Ihr verzehren könnt. Nehmt nun davon, doch ja nicht
+zuviel, es könnte Euch schaden!«</p>
+
+<p>Braun erwiderte: »Sorget nur nicht! Ich weiß wohl Maß zu halten in
+allen Dingen.«</p>
+
+<p>Also ließ sich der Bär betören und steckte seinen Kopf und die
+Vorderpfoten tief in den Baum hinein. Nun zog der Fuchs mit großer
+Anstrengung die Keile heraus, der Spalt ging zusammen, und da war nun
+der Bär mit Kopf und Füßen gefangen! O, wie er da bat und flehte! Doch
+der Fuchs hatte kein Erbarmen. Da fing der Bär an zu heulen und mit
+den Hinterfüßen zu schlagen und machte solchen Lärm, daß der Bauer
+herbeikam. Als Reineke ihn sah, rief er dem Bären zu: »Nun, Freund
+Braun, schmeckt der Honig süß? Jetzt kommt Rüsteviel und wird Euch wohl
+zur Mahlzeit ein Schlückchen kredenzen.« Und damit machte er sich auf
+den Heimweg nach seinem Schloß Malepartus.</p>
+
+<p>Als Rüsteviel den Bären erblickte, lief er sogleich ins Dorf, rief alle
+Bauern zusammen und sprach: »In meinem Hof hat sich<span class="pagenum" id="Seite_18">[S. 18]</span> ein Bär gefangen,
+kommt geschwind mit mir!« Schleunigst folgten ihm alle; ein jeder nahm
+eine Waffe: der eine eine Heugabel, der andere eine Harke, der dritte
+einen alten Spieß, der vierte einen Zaunpfahl. Der Pfarrer und der
+Küster kamen auch herbei. Ja, sogar des Pfarrers alte Köchin wollte
+dabei nicht fehlen; sie hatte als Waffe ihren Spinnrocken ergriffen,
+um damit des Bären Fell gehörig zu bearbeiten. Als der arme Braune den
+Lärm und das Geschrei der vielen Menschen hörte, ward ihm himmelangst
+zumute. Mit gewaltigem Ruck riß er den Kopf aus der Spalte, doch, o
+weh! die ganze Haut mit beiden Ohren blieb darin stecken, und das
+Blut rieselte ihm am Halse herunter. Und noch immer war er an den
+Pfoten gefesselt. Näher und näher kam das Toben. Da riß er mit größter
+Kraftanstrengung die Tatzen heraus, doch das Fell blieb im Spalt
+stecken. Die Füße taten so weh, daß er nicht laufen konnte; da kamen
+auch schon die Bauern herbei und fielen über ihn her mit Schlägen und
+Stößen. Auch die Weiber halfen mit, ihm das Fell zu gerben. Der Pfarrer
+schlug ihn mit einem langen Stabe. Von fern warfen sie mit Steinen.
+Endlich kam auch noch Rüsteviels Bruder und versetzte ihm einen so
+wuchtigen Schlag vor den Kopf, daß ihm für einen Augenblick Hören und
+Sehen verging. Dann aber sprang er rasend vor Schmerz empor und geriet
+zwischen die Weiber. Diese erschraken gewaltig und sprangen so eilig
+davon, daß viele in den tiefen Mühlbach stürzten. Da rief der Pfarrer:
+»Kinder, seht, dort schwimmt Frau Jutte, meine treffliche Köchin! Zwei
+Tonnen Bier gebe ich zum Besten, wenn ihr sie rettet!« Da liefen alle
+zum Bache und retteten die Weiber.</p>
+
+<p>Indessen kroch der Bär, halbtot vor Schmerzen, zum Wasser hin, denn er
+dachte: Lieber den Tod im Wasser erdulden als von den Bauern erschlagen
+werden. Doch siehe da! Er ertrank nicht, der Strom trug ihn hinweg! Als
+die Bauern das sahen, riefen sie<span class="pagenum" id="Seite_19">[S. 19]</span> aus: »O, solche Schande, daß wir den
+Bären entwischen lassen! Daran sind nur die Frauen schuld, die immer
+nur stören! Doch komm' nur bald wieder, du Schelm, du hast ja deine
+Ohren und Handschuhe zum Pfande gelassen!« So folgte dem Schaden auch
+noch der Spott.</p>
+
+<p>Doch Braun war froh, daß er entkommen war. Er verfluchte den Baum,
+verfluchte die Bauern, verfluchte aber besonders Reineke, der ihn
+verraten hatte. Der reißende Strom riß ihn in kurzer Zeit eine Meile
+hinab. Er kroch ans Land und glaubte bald sterben zu müssen.</p>
+
+<p>Als Reineke den Bären in Rüsteviels Hofe verlassen hatte, war er auf
+die Hühnerjagd gegangen, aß sich tüchtig satt und lief dann zum Bache,
+um zu trinken. Dabei sprach er zu sich selbst: »Wie froh bin ich, daß
+ich es dem Bären mal ordentlich gegeben habe! Er hat jetzt gewiß schon
+mit Rüsteviels scharfem Beil Bekanntschaft gemacht! Er war von jeher
+mein Feind! Doch nun ist er tot und wird nicht mehr über mich klagen!«
+Da hörte er neben sich stöhnen und erblickte den Bären, der matt und
+blutend im Grase lag.</p>
+
+<p>Da rief Reineke aus: »O Rüsteviel, dummer Wicht, wie konntest du dir
+die vortreffliche Speise entgehen lassen!« Und höhnisch sprach er
+zum Bären: »Nun, Oheim Braun, wie hat der Honig gemundet? Habt Ihr
+vielleicht bei Rüsteviel etwas vergessen? Ich will es ihm melden, daß
+er es Euch bringe! Ihr habt ihm wohl gar den Honig gestohlen? Oder habt
+Ihr ihn bezahlt? Lieber Oheim, bei welchem Orden habt Ihr Euer Gelübde
+getan, daß Ihr ein rotes Barett auf dem Haupte tragt? Oder seid Ihr
+gar Abt geworden? Der hat Euch gewiß nach den Ohren geschnappt, der
+Euch die Platte geschoren hat! Auch das Fell von Euren Backen und die
+Handschuhe habt Ihr verloren!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_20">[S. 20]</span></p>
+
+<p>Länger konnte Braun die höhnischen Reden nicht ertragen. Er kroch in
+den Bach, trieb mit dem Strome abwärts und kam an das andere Ufer.
+Krank und matt lag er da, und traurig sprach er zu sich selber: »Ach,
+daß mich nur einer tot schlüge! Ich kann kaum von der Stelle und muß
+noch an den Hof des Königs reisen. Wie wird man mich verspotten, daß
+ich so arg geschändet bin! Aber Reineke soll es mir büßen!«</p>
+
+<p>Er raffte sich endlich auf, schlich sich mit großer Mühe fort und
+erreichte am vierten Tage des Königs Schloß.</p>
+
+<p>Als Nobel den Bären so elend und blutend vor sich sah, erschrak er
+sehr und rief: »Bist du es wirklich, mein teurer Braun? Was ist dir
+geschehen?«</p>
+
+<p>»Gnädiger Herr König,« erwiderte der Bär, »ich klage Euch mein Leid!
+Sehet den schändlichen Verrat, den Reineke an mir verübt hat!«</p>
+
+<p>Zornig versetzte der König: »Solcher Frevel soll ohne alle Gnade
+gestraft werden! Wie konnte es Reineke wagen, einen so edlen Herrn so
+furchtbar zu schänden? Wahrlich, ich schwöre es bei meiner Ehre und
+bei meiner Krone: Reineke soll die Strafe erdulden, die du von mir
+forderst! Halte ich diese Zusage nicht, so will ich nimmermehr ein
+Schwert führen!«</p>
+
+<p>Sogleich traten alle Edlen zur Beratung zusammen, und man beschloß,
+einen neuen Gerichtstag zu halten, und Hinze, der Kater, der klug und
+gewandt war, sollte zu Reineke gehen und ihn zum Könige befehlen. Als
+dieser Entschluß gefaßt war, wandte sich der König an Hinze und sprach:
+»Geh' also und sage Reineke, wenn er sich noch länger weigern sollte,
+vor Gericht zu erscheinen, so würde es ihm und seinem Geschlecht zu
+ewigem Schaden gereichen.« Hinze erwiderte: »Verehrter Herr König,
+wollt Ihr nicht einen anderen mit der Botschaft betrauen? Braun ist
+stark und groß, und ihm mißlang der Auftrag; ich bin klein nur und<span class="pagenum" id="Seite_21">[S. 21]</span>
+schwächlich, wie wird es mir ergehen?« Der König versetzte: »Bist
+du auch nicht groß von Gestalt, so bist du doch klug und gewandt:
+Es bleibt dabei, du überbringst ihm die Botschaft!« »Herr König!«
+antwortete Hinze, »Euer Wille geschehe! Sehe ich ein gutes Zeichen zu
+meiner Rechten am Wege, so wird es mit meiner Reise wohl ablaufen!«</p>
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_22">[S. 22]</span></p>
+
+<h2 class="s4">3. Kapitel.<br>
+<span class="s3">Hinze überbringt den Befehl des Königs.</span></h2>
+</div>
+
+
+<p>Als Hinze ein Stück des Weges gewandert war, sah er einen Martinsvogel
+und rief: »Glück auf, edler Vogel, wende deine Flügel und fliege nach
+meiner rechten Seite!« Der Vogel flog und setzte sich auf einen Baum,
+der links am Wege stand. Hinze war darüber sehr betrübt, doch machte er
+es, wie es so mancher tut, und sprach sich selber Mut zu. Darauf reiste
+er weiter nach Malepartus und traf Reineke vor der Tür seines Hauses
+sitzend.</p>
+
+<p>»Guten Abend, Reineke!« sprach Hinze höflich. »Der König sendet mich
+zu Euch, um Euch vor Gericht zu laden. Weigert Ihr Euch aber, mit mir
+zu kommen, sagt der König, so wird er Euch und Euer ganzes Geschlecht
+furchtbar strafen!«</p>
+
+<p>Reineke hieß den Kater herzlich willkommen. Im Innern aber sann er auf
+neue Ränke, wie er den Kater verraten und betrügen könne. Darum sprach
+er freundlich: »Lieber Neffe, was wünscht Ihr heute abend zu essen?
+Denn ich will Euer Wirt sein. Dann gehen wir morgen mit Tagesanbruch
+nach Hofe. Unter allen meinen Freunden habe ich niemanden, auf den ich
+mich besser verlassen kann als auf Euch. Nimmer hätte ich es gewagt,
+mit dem grimmigen Bären, der so stark ist, den Weg zu machen! Aber,
+Neffe, mit Euch gehe ich gern morgen früh.«</p>
+
+<p>Hinze erwiderte darauf: »Nein, laßt uns lieber jetzt fort! Der Mond
+scheint hell, der Weg ist gut, und die Luft ist warm.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_23">[S. 23]</span></p>
+
+<p>Reineke antwortete: »Bei Nacht reisen, bringt Gefahr. Glaubt nur,
+mancher, der uns bei Tage freundlich grüßt, würde uns bei Nacht Böses
+tun!«</p>
+
+<p>Hinze sprach: »Vetter Reineke! Laßt mich also wissen, was ich essen
+soll, wenn ich bei Euch bleibe?« »Wir leben hier von sehr geringer
+Kost,« antwortete Reineke. »Ich will Euch Honigscheiben vorsetzen, die
+ganz frisch und süß sind.« »Die habe ich niemals gegessen!« rief Hinze
+aus. »Gebt mir doch eine fette Maus, die ist mir lieber als Honig!« »So
+gern eßt Ihr Mäuse?« fragte Reineke. »Ist das Euer Ernst? Nicht weit
+von hier wohnt der Pfarrer. In seiner Scheune wimmelt's von Mäusen. Wie
+oft hörte ich ihn darüber klagen!« Unbedachtsam sprach Hinze: »Vetter,
+bringt mich dahin! Denn mehr als jede andere Speise liebe ich die
+Mäuse!« »Gut,« sprach Reineke, »Ihr sollt eine Mahlzeit haben, wie Ihr
+sie niemals gehabt. Kommt, laßt uns gehen!«</p>
+
+<p>Beide kamen bald an die Scheune. Reineke hatte in der vorigen Nacht ein
+Loch durchgebrochen und einen Hahn geraubt. Um den Dieb das nächste Mal
+zu fangen, hatte Martinchen, des Pfarrers Sohn, eine Schlinge gelegt.
+Reineke wußte das, darum sprach er:</p>
+
+<p>»Neffe Hinze, kriechet in das Loch, Ihr werdet dort Mäuse in Menge
+finden. Ich werde indessen Wache stehen. Wenn Ihr satt seid, kommt
+wieder heraus. Wir bleiben dann die Nacht über in meiner Wohnung, und
+früh morgens machen wir uns auf den Weg zum König.« Ängstlich sprach
+Hinze: »Soll man es wirklich wagen, da hineinzukriechen? Die Pfaffen
+haben auch bisweilen Böses im Sinne.« Da sagte Reineke: »Seid Ihr so
+furchtsam? Das wußte ich nicht. So kommt, laßt uns umkehren! Mein Weib
+wird uns gute Speisen vorsetzen, wenn auch die Mäuse dabei fehlen.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_24">[S. 24]</span></p>
+
+<p>Nun schämte sich Hinze seiner Ängstlichkeit. Er kroch in das Loch, aber
+o weh! er geriet in die Schlinge. Nun wollte er zurück, der Strick
+zog sich aber nur fester um seinen Hals, daß er weder vorwärts noch
+rückwärts konnte. Da fing er an zu heulen und flehte den Fuchs um Hilfe
+an. Dieser freute sich des wohlgelungenen Streichs, sprang vor das Loch
+und rief dem Kater zu: »Hinze, wie schmecken die Mäuse? Sind sie auch
+gut und fett? Ihr singt ja so schön beim Essen, ist das bei Euch Sitte?
+Wie gern wollte ich, daß Isegrim in demselben Loche steckte wie Ihr!
+Dann sollte er mir alles bezahlen, was er mir Leides getan hat!« Mit
+diesen Worten lief er davon.</p>
+
+<p>Der arme Hinze, der sich nicht befreien konnte, miaute und knurrte ganz
+jämmerlich. Das hörte Martinchen, des Pfarrers Sohn, der die Schlinge
+gelegt hatte. Schnell sprang er aus dem Bett, weckte Vater und Mutter
+und alles Gesinde und rief voll Freude: »Gott Lob und Dank! Mein Strick
+war gut gelegt! Nun ist der Hühnerdieb gefangen! Jetzt soll er aber
+auch seinen Lohn haben!« Alle liefen zur Scheune, selbst der Herr
+Pfarrer ging mit. Martinchen ging mit einem Stock auf den Kater los und
+versetzte ihm derbe Schläge, ja er schlug ihm sogar ein Auge aus. Der
+Pfarrer aber hatte einen Stiel von einer Mistgabel genommen, womit er
+Hinzen totschlagen wollte. Als der Kater merkte, daß er sterben sollte,
+wurde er sehr zornig. Er sprang auf den Pfarrer los und biß und kratzte
+ihn an den Beinen und an dem ganzen Leibe, bis dieser ohnmächtig zu
+Boden sank. Nun ließen alle vom Kater ab, eilten zum Pfarrer, trugen
+ihn ins Haus und legten ihn sorgfältig zu Bett. Hinze indessen in
+seiner großen Not dachte nur an seine Rettung. Verzweifelt fing er an
+den Strick zu zerbeißen und zu zernagen, und siehe da! endlich war er
+entzwei! Schnell kroch er zum Loche hinaus und machte sich auf den Weg
+nach des Königs Schlosse.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_25">[S. 25]</span></p>
+
+<p>Es war schon heller Tag, als er dort ankam. Der König erschrak, als er
+den armen Hinze so zerschlagen und auf einem Auge geblendet wiedersah.
+Er geriet in großen Zorn, als er von Reinekes neuer Freveltat hörte.</p>
+
+<p>Der Rat wurde einberufen, um über Reinekes Strafe zu beschließen. Da
+sprach Grimbart, der Dachs: »Unter diesen Herren sind freilich viele,
+die meinen, daß Reineke eine strenge Strafe verdient hat. Dennoch kann
+man ihm nicht das Recht des freien Mannes vorenthalten, dreimal vor
+Gericht geladen zu werden. Kommt er das dritte Mal nicht, so werde das
+Urteil gesprochen!«</p>
+
+<p>Der König versetzte: »Wer unter euch ist so kühn, daß er ihm die dritte
+Vorladung bringen möchte? Wer hat ein Auge oder einen Leib zuviel, den
+er um diesen Bösewicht aufs Spiel setzen möchte? Mich dünkt, es wird
+sich hier niemand finden, der dazu Lust hätte!«</p>
+
+<p>Da rief Grimbart mit lauter Stimme: »Höret, Herr König, ich übernehme
+die Botschaft!«</p>
+
+<p>Der König erwiderte: »So gehe denn hin und lade ihn vor Gericht! Doch
+nimm deine Weisheit zu Rate, du weißt, wie boshaft dein Oheim ist!«</p>
+
+<p>Grimbart versetzte: »Darauf wage ich es und hoffe, ihn gewiß mit mir an
+den Hof zu bringen.«</p>
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_26">[S. 26]</span></p>
+
+<h2 class="s4">4. Kapitel.<br>
+<span class="s3">Grimbart bei Reineke. Die Beichte.</span></h2>
+</div>
+
+
+<p>Also ging Grimbart nach Malepartus und fand Reineke mit seiner Frau und
+seinen Kindern vor der Tür sitzend. Er redete ihn also an:</p>
+
+<p>»Oheim Reineke, zuerst biete ich Euch meinen freundlichen Gruß! Ihr
+seid so gelehrt, so weise und klug, daß ich mich wundere, wie Ihr des
+Königs Wort so unbeachtet lassen könnt! Ich rate es Euch, kommt mit
+mir an den Hof! Denn die Verzögerung kann Euch keinen Vorteil bringen!
+Es ist wahr, man hat viele Klagen gegen Euch vorgebracht, und Ihr
+werdet nunmehr zum dritten Male vorgeladen. Folgt Ihr aber auch dieses
+Mal nicht, so wird der König mit seinem Heere kommen und Euer Schloß
+belagern. Dann wird es Euch, Eurem Weibe und Euren Kindern Gut und
+Leben kosten. Da Ihr dem Könige also doch nicht entgehen könnt, so ist
+es gewiß am besten, wenn Ihr jetzt mit mir an den Hof kommt. Ihr habt
+Euch ja schon oftmals aus der Schlinge gezogen! Eurer Überredungskunst
+wird es auch diesmal gelingen, Eure Feinde zu widerlegen und den König
+für Euch zu stimmen!«</p>
+
+<p>»Euer Rat ist gut, Neffe!« versetzte der Fuchs. »Es ist freilich am
+besten, daß ich an den Hof komme und mein Recht selbst wahrnehme.
+Ich hoffe auch, der König wird mir Gnade widerfahren lassen. Er weiß
+es wohl, daß ich ihm in seinem Rate dienen kann, und das verdrießt
+manchen, der bei ihm ist. Der Hof<span class="pagenum" id="Seite_27">[S. 27]</span> kann ohne mich nicht bestehen. Hätte
+ich noch viel mehr Unrecht getan und viel schwerere Sünden auf mich
+geladen; gelingt es mir nur erst, mit dem König zu sprechen, so werde
+ich seinen Zorn schon besänftigen. Zwar hat er viele, die mit ihm zu
+Rate sitzen, doch wissen sie niemals das Richtige zu treffen. Soll
+irgendein Beschluß gefaßt werden, so ist es stets Reineke, der den
+Ausschlag geben muß. Viele mißgönnen mir das und haben mir deshalb den
+Tod geschworen. Das beklemmt mir das Herz, denn ihrer sind mehr denn
+zehn, und sie sind mächtiger als ich allein. Trotzdem ist es besser,
+ich gehe selbst mit Euch an den Hof und stelle mich meinen Anklägern
+gegenüber. Und wenn ich nicht gewinne, so ist mir's vielleicht möglich,
+mit meinen Feinden einen günstigen Vertrag abzuschließen.«</p>
+
+<p>Darauf rief Reineke seine Frau und seine Kinder herbei und sprach:
+»Frau Ermelyn, ich gehe mit Neffe Grimbart zu Hofe. Sorget mir
+indessen gut für unsere Kinder, ganz besonders für unseren Jüngsten,
+Reinhartchen! Seine Zähne stehen ihm so zierlich um sein Mündchen, daß
+ich hoffe, er wird einst ganz seinem Vater gleichen. Auch für Rossel
+sorgt gut, er ist gleichfalls ein hübsches Kind, und ich habe ihn
+ebenso lieb. Hütet die Kinder, während ich fern bin, und ich will Euch
+dankbar dafür sein, wenn ich glücklich zurückkehre.«</p>
+
+<p>Mit diesen Worten nahm er Abschied und ließ Frau und Kinder in Sorgen
+zurück.</p>
+
+<p>Kaum waren sie eine kleine Stunde gegangen, als Reineke sprach: »Hört
+mich, lieber Neffe und Freund! Ich bin recht in Angst, denn ich
+fürchte, ich gehe in den Tod. Meine Reue aber über meine begangenen
+Sünden ist so groß, daß ich zur Beichte gehen möchte. Da aber kein
+Pfarrer zur Stelle ist, so bitte ich Euch inständig, laßt mich vor Euch
+beichten! Habe ich all mein Unrecht gestanden, so wird mir leichter ums
+Herz werden.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_28">[S. 28]</span></p>
+
+<p>Grimbart versetzte: »Ihr müßt vor allem geloben, in Zukunft nicht mehr
+zu rauben und von allem Verrat und anderen Tücken für immer abzulassen.
+Wenn Ihr das nicht beschwört, kann keine Beichte Euch nützen.«</p>
+
+<p>»Das weiß ich wohl!« erwiderte Reineke, »und so fange ich an. Hört wohl
+zu!</p>
+
+<p><span class="antiqua">Confiteor tibi Pater et Mater</span>, daß ich der Otter und dem Kater
+und vielen anderen Tieren manches Unrecht zugefügt; das will ich reuig
+bekennen und Buße dafür tun!«</p>
+
+<p>Der Dachs unterbrach diese Rede: »Das verstehe ich nicht! Ihr müßt
+deutsch mit mir reden!«</p>
+
+<p>Reineke fuhr fort: »Ich habe gesündigt an allen Tieren, die jetzt
+leben! Und bitte sehr, sie mögen es mir verzeihen! Ich habe Braun, den
+Bären, nach Rüsteviels Hofe geführt. Dort habe ich ihn im Baumspalt
+eingeklemmt; er zerriß sich Gesicht und Tatzen und bekam Schläge in
+Menge.</p>
+
+<p>Hinze führte ich zur Scheune und hieß ihn Mäuse fangen. Er geriet in
+die Schlinge, mußte viele Prügel ertragen, ja verlor sogar ein Auge
+dabei.</p>
+
+<p>Auch der Hahn verklagt mich mit Recht. Ich habe ihm viele seiner Kinder
+geraubt und getötet.</p>
+
+<p>Isegrim, dem Wolf, habe ich mancherlei Tücke zugefügt. Einmal, es mögen
+wohl sechs Jahre her sein, besuchte er mich im Kloster Elkmar, wo ich
+mich damals aufhielt. Er wollte auch Mönch werden und hub an, an der
+Glocke zu läuten. Das gefiel ihm vorzüglich, und da ich das merkte,
+band ich ihm beide Vorderfüße an dem Strick zusammen. Nun konnte er
+läuten nach Herzenslust.</p>
+
+<p>Als das Läuten aber gar nicht aufhörte, liefen alle Leute auf der
+Straße herbei und die Mönche aus dem Kloster; sie meinten,<span class="pagenum" id="Seite_29">[S. 29]</span> der Teufel
+sei da. Als sie den Wolf sahen, schlugen sie alle furchtbar auf ihn
+los; man ließ ihm nicht Zeit, zu erklären, daß er ins Kloster wolle.
+Halb zu Tode geprügelt, entkam er schließlich. Dennoch blieb er dabei,
+in den geistlichen Stand eintreten zu wollen. Deshalb bat er mich, ihm
+die Platte zu scheren. Da brannte ich ihm die Haare so sehr ab, daß ihm
+die Haut zusammenschrumpfte.</p>
+
+<p>Einstmals führte ich ihn ins Jülicher Land zum Hause eines reichen
+Pfaffen. Dieser hatte ein großes Vorratshaus, in dem große, duftende
+Schinken, fette Würste und andere köstliche Speisen aufbewahrt waren.
+Auch ein Trog mit frisch eingesalzenem Fleische stand darin. Isegrim
+brach sich ein Loch durch die Wand, da er sich einmal recht satt an
+Fleisch essen wollte. Er kroch hinein und aß und aß, bis sein Hunger
+gestillt war. Nun wollte er wieder heraus, aber o weh! vom übermäßigen
+Essen war sein Bauch so dick geworden, daß er nicht durch das Loch
+zurück konnte. Wo er also hungrig hineingekrochen war, konnte er satt
+nicht mehr hinaus. Das war mir nun gerade recht, ich lief ins Dorf
+und machte Lärm und Geschrei, um die Leute auf die Spur des Wolfes zu
+bringen. Ich lief in das Haus des Pfaffen, der eben am Tisch saß und
+speiste.</p>
+
+<p>Ein fetter Kapaun stand vor ihm. Ich sprang plötzlich hinzu, erfaßte
+den Braten und eilte davon. Entsetzt sprang der Pfaffe auf, um mir
+nachzujagen. Dabei riß er den Tisch um: Gläser, Teller, Speise und
+Trank, alles fiel zur Erde. Immerfort schrie der Pfaffe: ›Schlaget,
+werfet, stechet, fanget den Dieb!‹ Da er aber in seinem blinden Zorn
+nicht sah, wo er lief, fiel er in die Pfütze. Eine Menge Menschen waren
+herbeigekommen, um über mich herzufallen, alle machten großes Geschrei.
+Aber die Stimme des Pfarrers übertönte alle anderen: ›Habt ihr jemals
+einen frecheren Dieb gesehen?‹ rief er; ›er hat mir das Huhn vom Tische
+genommen, an dem ich eben saß und speiste.‹</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_30">[S. 30]</span></p>
+
+<p>Ich aber lief, so schnell ich laufen konnte. Als ich an den Speicher
+kam, in dem Isegrim war, ließ ich das Huhn fallen, weil es mir zu
+schwer wurde. Ihr könnt Euch denken, daß ich es ungern zurückließ! Als
+nun der Pfarrer das Huhn aufhob, erblickte er Isegrim, der in dem Loch
+steckte. Da rief er laut: ›Ihr Freunde, seht, hier ist noch ein viel
+ärgerer Dieb in meinem Speicher! Ein Wolf, den müssen wir fangen!‹ Alle
+fielen wie wild über den Wolf her, rissen ihn aus dem Loch heraus und
+schlugen auf ihn los, daß er wie tot liegen blieb. Darauf schleppten
+sie ihn auf die Straße über Stock und Stein und warfen ihn schließlich
+in eine schlammige Grube, denn sie hielten ihn für tot. In solchem
+Jammer und Schmerz lag er hilflos die ganze Nacht da; wie er endlich
+davongekommen, weiß ich nicht zu sagen.</p>
+
+<p>Gleichwohl schwur er mir abermals Treue, es war aber nur seines eigenen
+Vorteils wegen. Es gelüstete ihn, sich einmal an Hühnern recht satt zu
+essen. Ich sagte ihm, ich wüßte bei einem Bauern ein Hühnerhaus, in
+dem viele fette Hühner oben auf dem Balken unter dem Dach zu sitzen
+pflegten. Es war um Mitternacht, als ich ihn dorthin führte. Ein
+Fenster stand offen, und ich tat, als ob ich hineinkriechen wollte,
+trat aber wieder zurück und ließ Isegrim voran. ›Kriecht nur mutig
+hinein, Ihr werdet gewiß bald ein fettes Huhn fassen!‹ rief ich ihm zu.
+›Wer nicht wagt, gewinnt nicht!‹</p>
+
+<p>Er kroch mit Gefahr durch das enge Fenster, suchte hier und da herum
+und rief: ›Ich bin verraten, ich finde keine Hühner!‹ ›Ei,‹ sprach ich,
+›die werden weiter hinten sitzen.‹ Der Wolf vergaß jede Vorsicht, so
+groß war seine Begier nach Hühnern. Er ging immer weiter hinein, ich
+aber klappte von außen das Fenster zu, daß es laut anschlug. Der Wolf
+erschrak dermaßen, daß er vom Balken herab und schwer auf den Boden
+fiel. Die Leute im Hause erwachten von dem Geräusch. Sie kamen mit
+Licht und<span class="pagenum" id="Seite_31">[S. 31]</span> fanden den Wolf. Da wurde er wieder geprügelt, und zwar mit
+solcher Gewalt, daß es ein Wunder ist, wie er mit dem Leben davonkam.</p>
+
+<p>Sehet, Neffe, das sind nun alle meine Sünden, deren ich mich erinnern
+kann. Sprechet mich nun los davon, und leget mir eine beliebige Buße
+auf.«</p>
+
+<p>Grimbart war verschlagen und klug; er brach ein Reis am Wege und
+sprach: »Oheim, schlaget Euch dreimal mit diesem Reis; sodann legt es
+auf die Erde und springt dreimal quer darüber, ohne zu taumeln. Hernach
+küßt das Reis ohne Haß, zum Zeichen, daß Ihr gehorsam seid. Diese Buße
+lege ich Euch auf. Und hiermit spreche ich Euch von Euren Sünden frei;
+ich vergebe sie Euch alle, so groß auch ihre Zahl sein mag.«</p>
+
+<p>Als Reineke alles nach Grimbarts Vorschrift getan hatte, sprach dieser
+zu ihm:</p>
+
+<p>»Oheim Reineke, in Zukunft müßt Ihr nun aber ein besseres Leben führen.
+Alles Rauben, Stehlen, Betrügen und Verraten müßt Ihr lassen. Gehet
+fleißig zur Kirche; lest die Psalmen, haltet die Feiertage, tröstet die
+Kranken und gebt Almosen den Armen!«</p>
+
+<p>Reineke sprach: »Alles das will ich geloben und treulich halten mein
+Leben lang!«</p>
+
+<p>Darauf wanderten beide weiter, bis sie an ein Kloster kamen. Darin
+wohnten fromme Nonnen, die von früh bis spät zu Gott beteten. Sie
+hatten viele Hühner, Enten und Gänse auf ihrem Hofe, die oft außerhalb
+der Mauern herumliefen.</p>
+
+<p>Reineke bemerkte sofort die Hühner, und alle seine bösen Gelüste
+erwachten wieder. Ein junger, fetter Hahn gefiel ihm besonders, er
+konnte seine Augen nicht von ihm abwenden. Plötzlich sprang er auf ihn
+zu und packte ihn am Halse, daß die Federn umherflogen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_32">[S. 32]</span></p>
+
+<p>Entrüstet rief Grimbart: »Unseliger Oheim, was macht Ihr da? Wollt Ihr
+um einen elenden Hahn wieder in Schande und Sünde verfallen? Wahrlich,
+das nenne ich eine schöne Buße!«</p>
+
+<p>Reuig sprach Reineke: »Das tat ich nur in Gedanken aus alter
+Gewohnheit. Bittet Gott, daß er es mir vergebe! Ich will es in Zukunft
+unterlassen.«</p>
+
+<p>Nun wanderten sie weiter auf der breiten Landstraße. Aber Reineke
+sah immer nach den Hühnern zurück, er hätte gar zu gern eins gehabt!
+Grimbart bemerkte das wohl und sprach: »Garstiger Vielfraß! Wo habt Ihr
+schon wieder Eure Augen?«</p>
+
+<p>Reineke erwiderte: »Ihr irrt Euch gewaltig, verehrter Neffe, wenn Ihr
+glaubt, ich habe böse Gedanken. Ich richtete eben ein frommes Gebet zum
+Himmel für die Seelen der Hühner und Gänse, die ich den Nonnen geraubt
+habe!«</p>
+
+<p>Grimbart schwieg, Reineke aber schaute nach den Hühnern zurück, solange
+er sie sehen konnte. Endlich erblickten sie das Schloß des Königs, das
+Ziel ihrer Wanderung.</p>
+
+<p>Aber je näher sie kamen, desto ängstlicher ward Reineke zumute. Er
+dachte an die vielen Anklagen, die gegen ihn erhoben waren, und wußte
+nicht, wie er sich rechtfertigen sollte. Am liebsten wäre er noch
+umgekehrt, aber er schämte sich vor seinem Begleiter, dem Dachs.</p>
+
+
+<figure class="figcenter illowp51" id="0032_illustration" style="max-width: 49.9375em;">
+ <img class="w100" src="images/032_illustration.jpg" alt="">
+ <figcaption class="caption"><p class="s6">Reineke Fuchs 2.</p>
+<p class="p0">Also ließ sich der Bär betören und steckte seine Vorderpfoten tief in
+den Baum hinein.</p></figcaption>
+</figure>
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_33">[S. 33]</span></p>
+
+<h2 class="s4">5. Kapitel.<br>
+<span class="s3">Das Gericht und der Urteilsspruch. Reineke unter<br>
+dem Galgen.</span></h2>
+</div>
+
+
+<p>Als man bei Hofe vernommen hatte, daß Reineke angekommen war, drängten
+sich alle herbei, ihn zu sehen. Reineke aber stellte sich, als würde er
+es gar nicht gewahr. Er ging so ruhig und stolz seines Weges, als wäre
+er des Königs eigener Sohn. Mutig, wie wenn er nie ein Unrecht begangen
+hätte, trat er vor den König Nobel und redete ihn an:</p>
+
+<p>»Edler König! Gnädiger Herr! Um Eurer Größe und Eurer Würde willen
+bitte ich Euch, hört meine Verantwortung an! Niemals hat ein Herr einen
+treueren Knecht, einen ergebeneren Diener gehabt, als Eure königliche
+Gnaden an mir haben! Zwar sind hier viele, die mich durch falsche
+Anklagen Eurer Freundschaft, die mich so stolz macht, berauben wollen.
+Aber Eure Weisheit wird das Lügengewebe meiner Feinde gewiß leicht
+durchschauen. Sie hassen mich, weil ich Euch jederzeit treulich gedient
+habe!«</p>
+
+<p>»Schweig'!« sprach der König, »und spare deine Worte! Dein Schmeicheln
+hilft dir nichts. Deine Übeltaten sollen dir jetzt vergolten werden!
+Sprich, wie hast du den Frieden gehalten, den ich allen Tieren geboten
+habe? O du falscher, treuloser Dieb! Hier steht der unglückliche Hahn,
+der sein ganzes Geschlecht durch dich verloren hat. Du sagst zwar, du
+liebst mich und willst mir<span class="pagenum" id="Seite_34">[S. 34]</span> treu dienen. Wie aber hast du meine Boten
+behandelt? Der arme Braun trägt noch Kopf und Tatzen verbunden. Und
+der bedauernswerte Hinze hat sogar ein Auge durch deine Falschheit
+eingebüßt. Ja, es sind Ankläger genug vorhanden, und diesmal soll es
+dir an den Hals gehen, du treuloser Verräter!«</p>
+
+<p>»Gnädigster Herr,« erwiderte Reineke, »was kann ich dafür, daß Braun
+mit blutiger Platte heimkam? Warum war er so dreist, sich an Rüsteviels
+Honig zu wagen? Und wenn er es tat, warum ließ er sich dann von den
+Bauern schlagen, er, der so stark von Gliedern ist? Und Hinze, der
+Kater! Ich habe ihn gut aufgenommen und bewirtet. Er war aber nicht
+zufrieden, sondern wollte sich durchaus Mäuse aus der Pfaffenscheune
+holen. Das bekam ihm freilich schlecht! Aber was kann ich dafür, und
+warum soll ich deshalb bestraft werden?</p>
+
+<p>Aber ich bin in Eurer Gewalt und füge mich demütig Eurem Spruche, er
+sei gut oder böse für mich. Ihr könnt mich sieden, blenden, köpfen
+oder hängen, alles will ich ohne Murren erdulden und mein Schicksal
+aus Eurer Hand empfangen. Mein Tod wird Euch freilich nur wenig Gewinn
+bringen!«</p>
+
+<p>Da trat Bellyn, der Widder, hervor und rief: »Ja, nun ist es Zeit,
+unsere Klagen gegen Reineke vorzubringen.«</p>
+
+<p>Da kam Isegrim mit allen seinen Verwandten, Braun, der Bär, und
+Hinze, der Kater; Boldewyn, der Esel, Lampe, der Hase, Wackerlos, das
+Hündchen, und Ryn, der große Hund; Metke, die Ziege, und Hermen, der
+Ziegenbock; auch der bedächtige Ochs und das weise Pferd hatten zu
+klagen. Selbst die Tiere des Waldes strömten herbei: der Hirsch, das
+Reh, der Biber und das Kaninchen, auch Martin, der Affe, und der wilde
+Eber. Ebenso kamen die Vögel herbei: Barthold, der Storch, Marquart,
+der Häher, und Lütke, der Kranich. Mit lautem Schnattern erschienen
+Dybke, die<span class="pagenum" id="Seite_35">[S. 35]</span> Ente, und Alheid, die Gans. Der Traurigste von allen aber
+war Henning, der Hahn, dem der Fuchs die Kinder geraubt hatte.</p>
+
+<p>Sie alle drängten sich zum König, und jeder klagte mit lebhaften Worten
+über die Missetaten, die der Fuchs verübt hatte. Das war ein Geschrei,
+Geheul und Gebrüll, daß der König häufig Ruhe gebieten mußte, um
+überhaupt etwas von dem Durcheinander der Stimmen zu verstehen.</p>
+
+<p>Auf alle diese Anklagen wußte Reineke mit großer Gewandtheit zu
+antworten. Er fand für alles die schönsten Entschuldigungen und tat,
+als ob er noch nie irgend jemand etwas Böses zugefügt hätte. Er sprach
+mit solcher Überzeugung, daß man glauben konnte, er sei ganz unschuldig
+und werde jetzt das Opfer seiner Feinde. Als aber alle Tiere erklärten,
+wahrheitsgemäß ausgesagt zu haben, wurde einstimmig das Urteil des
+Rates angenommen. Es lautete: <em class="gesperrt">Reineke, der Fuchs, ist zum Tode
+verurteilt. Man soll ihn fangen, binden und am Galgen aufhängen.</em> So
+verkündete der König mit mächtiger Stimme vor der ganzen Versammlung.
+Da sah Reineke ein, daß sein Spiel verloren war. Er ließ sich willig
+binden, um den letzten Gang anzutreten.</p>
+
+<p>Voll Beifall hatten die Feinde des Fuchses das Urteil aufgenommen.
+Seine Freunde aber, Grimbart, der Dachs, Martin, der Affe, und einige
+von seinem Geschlechte standen betroffen und traurig da. Sie hatten es
+nicht für möglich gehalten, daß ein so strenger Urteilsspruch gefällt
+werden könnte. Denn Reineke war ein Freiherr, einer der ersten Barone
+im Reich, und sollte nun ein so schmähliches Ende durch Henkershand
+erdulden. Dieses Unglück konnten sie nicht ertragen. Darum nahmen sie
+Abschied vom König und verließen den Hof. Das war nun dem König sehr
+unangenehm, daß so viele tapfere Junker von ihm gingen, und er sprach
+zu einem seiner Räte: »Es wäre doch gut, wenn ich mir die Geschichte<span class="pagenum" id="Seite_36">[S. 36]</span>
+noch etwas überlegte. Reineke ist ja boshaft und treulos, aber in
+seinem Geschlechte ist doch mancher brave Mann, den der Hof nur
+schlecht entbehren kann.«</p>
+
+<p>Isegrim, Braun und Hinze gaben indessen auf Reineke wohl acht, daß er
+ihnen nicht entschlüpfte. Sie hatten vom König den ehrenvollen Auftrag
+bekommen, ihn zu hängen, und eilten nun, den Befehl zu vollstrecken.</p>
+
+<p>Sie führten ihn gebunden mit sich, und als sie den Galgen gewahr
+wurden, sprach Hinze: »Herr Isegrim, erinnert Euch nur, wie Eure Brüder
+durch Reinekes Verrat am Galgen enden mußten! Wie froh er darüber
+war, und wie er selbst mitging, als sie gehangen wurden! Bezahlt es
+ihm jetzt mit gleicher Münze! Und Ihr, Herr Braun, vergeßt nicht, wie
+er Euch in Rüsteviels Hofe verriet, wie Männer und Weiber auf Euch
+losschlugen und Ihr an Kopf und Tatzen verwundet waret! Seht wohl zu,
+daß er nicht entwische, denn seine List ist groß. Käme er uns diesmal
+aus den Händen, so könnten wir uns nimmermehr an ihm rächen. Drum laßt
+uns eilen und sehr auf der Hut sein!« Isegrim versetzte darauf: »Was
+braucht es vieler Worte? Hätten wir nur ein Seil, so wollten wir ihm
+die Pein schon verkürzen.«</p>
+
+<p>Reineke hatte alles mitangehört, aber geschwiegen. Jetzt begann er zu
+sprechen: »Da ihr euch alle rächen wollt, so wundert's mich, daß ihr
+nicht kurzen Prozeß macht. Hinze kennt ja ein starkes Seil. Er hatte es
+ja auf der Mäusejagd in des Pfaffen Scheune um den Hals. Es brachte ihm
+freilich wenig Ehre! Und ihr, Braun und Isegrim, ihr eilet auch gar zu
+sehr, euren Oheim und Vetter ums Leben zu bringen, und ihr meint, es
+müsse euch jetzt sicher gelingen.«</p>
+
+<p>Der König, die Königin und der ganze Hof waren inzwischen erschienen,
+um das Todesurteil vollstrecken zu sehen. Ihnen folgte<span class="pagenum" id="Seite_37">[S. 37]</span> eine große
+Menge, Hohe und Niedere, Reiche und Arme. Sie alle wollten dem
+Schauspiel beiwohnen.</p>
+
+<p>Isegrim befahl seinen nahen Verwandten, ja recht acht zu geben, daß
+Reineke nicht entwische. Zu seiner Frau sprach er: »So lieb dir dein
+Leben ist, hilf mir den Fuchs festhalten! Denn käme er diesmal wieder
+davon, so würde es uns übel ergehen!« Zu Braun sprach er: »Bedenket,
+was er Euch für Schaden zugefügt hat, das soll er jetzt reichlich
+bezahlen! Hinze soll den Strick oben am Ast befestigen, er ist leichter
+zu Fuß und behender als wir. Ich werde die Leiter zurechtstellen.
+Haltet Ihr nur einen Augenblick noch fest, dann ist's geschehen!« Braun
+erwiderte: »Setzt nur die Leiter recht fest an, ich will ihn schon
+halten, ich bin stark genug.«</p>
+
+<p>Reineke sprach: »Isegrim und Braun, ihr seid ja sehr geschäftig, euren
+Oheim hängen zu sehen! Ihr, die ihr euch seiner erbarmen und ihn
+beschützen müßtet! Gern flehte ich um Gnade! Doch sehe ich wohl, daß
+mein Tod beschlossen ist, und ich wollte, es wäre schon vorbei! Mein
+Vater starb auch in großen Ängsten, aber als es ans Sterben ging, da
+war es in kurzem getan. Beeilt euch also, und verschont mich nicht
+länger!«</p>
+
+<p>Während er nun die Leiter hinaufstieg, dachte Reineke in seiner großen
+Angst: »Wenn mir nur ein Gedanke käme, wie ich mein Leben retten
+könnte und die Schande dagegen auf meine drei Henker fiele! Gelänge es
+mir nur, zum König zu sprechen, so könnte ich vielleicht seinen Sinn
+wenden, und er schenkt mir das Leben.«</p>
+
+<p>Darauf erhob er laut seine Stimme, um durch den Lärm und das
+Stimmengewirr durchzudringen, und sprach: »Ich sehe nunmehr den Tod vor
+Augen, dem ich nicht entgehen kann. Ehe ich aber sterbe, möchte ich vor
+allen hier Versammelten meine Beichte ablegen. Ich will der Wahrheit
+gemäß alle Sünden bekennen, die<span class="pagenum" id="Seite_38">[S. 38]</span> ich begangen habe, damit ich mit
+leichterer Seele in den Tod gehen kann!«</p>
+
+<p>Durch diese Worte wurden viele Zuhörer gerührt. Sie baten den König,
+Reinekes Beichte entgegenzunehmen, und als der König seine Einwilligung
+gegeben hatte, begann der Fuchs:</p>
+
+<p>»Nun helfe mir der heilige Geist! Denn ich sehe hier niemanden, dem
+ich nicht Böses zugefügt hätte. Leider begann ich mein schlimmes Leben
+schon in frühester Kindheit. Das Blöken der Schafe und Ziegen lockte
+mich, ihnen zu folgen. Eines Tages biß ich ein Lämmchen tot. Sein Blut
+schmeckte mir so gut, daß ich bald darauf vier junge Ziegen tötete.
+Dann ward ich immer dreister und gieriger und schonte weder Hühner
+noch Vögel, weder Enten noch Gänse. Ja, ich tötete mehr, als ich essen
+konnte, und verscharrte sie im Sand.</p>
+
+<p>Später verlebte ich einen Winter am Rhein und traf dort mit Isegrim
+zusammen. Er rechnete mir vor, daß wir nahe verwandt wären, ja daß er
+sogar mein richtiger Oheim sei. Darauf wurden wir gute Kameraden und
+gelobten einander Treue. O, wie schmählich hat er den Eid gebrochen!
+Wir gingen zusammen auf die Wanderschaft, um zu rauben. Die Beute
+sollte redlich geteilt werden. Aber wie schlecht kam ich dabei fort!
+Er teilte selbst, und wie es ihm gefiel; niemals bekam ich die Hälfte.
+Hatte er ein Schaf oder eine Ziege erlegt, so stellte er sich davor und
+zeigte mir die Zähne, wenn ich herankam. Hatten wir einmal einen Ochsen
+oder eine Kuh gefangen, so rief er sein Weib und seine sieben Kinder
+dazu, und ich hatte das Nachsehen. Ja, bekam ich einmal eine kleine
+Rippe, so hatten sie das Fleisch davon schon abgenagt. Doch gottlob!
+Ich litt keine Not. Denn ich hatte ja den großen Schatz an Silber und
+Gold, daß sieben Wagen ihn nicht fortfahren könnten.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_39">[S. 39]</span></p>
+
+<p>Da unterbrach ihn der König: »Was sagst du von einem Schatz? Hast du
+ihn noch? Und woher hast du ihn bekommen?«</p>
+
+<p>Reineke antwortete: »Was hülfe es mir, wenn ich es verschwiege? Mir
+kann er ja zu nichts mehr nützen! So will ich das Geheimnis vor meinem
+Tode offenbaren: der Schatz war gestohlen. Er war dazu bestimmt,
+Verräter zu bezahlen, die Eure Majestät ermorden sollten. Meinem Vater
+brachte der Diebstahl den Tod, Euch aber rettete er das Leben.«</p>
+
+<p>Die Königin fiel fast in Ohnmacht, als sie von dem geplanten Morde
+hörte. Schreckensbleich sprach sie zu Reineke: »Bedenket es wohl,
+Reineke! Ihr geht jetzt in den Tod! Sprecht nur die lautere Wahrheit!
+Sagt uns jetzt alles, was Ihr von der Verschwörung wißt!«</p>
+
+<p>Der König aber sprach mit gebietender Stimme: »Jedermann schweige jetzt
+und trete beiseite! Du aber, Reineke, steige herab, daß ich genau
+vernehme, was du mir zu sagen hast!«</p>
+
+<p>Braun, Isegrim, Hinze und alle übrigen Tiere hörten diesen Befehl
+mit größtem Verdruß, aber es half nichts, sie mußten den Fuchs von
+der Leiter herabsteigen lassen. Seelensfroh folgte Reineke der
+Aufforderung. Er dachte bei sich: »Welch ein Glück wäre es für mich,
+wenn es mir gelänge, die Gnade des Königs und der Königin zu gewinnen
+und meine Feinde ins Verderben zu stürzen! Was werde ich alles
+zusammenlügen müssen!«</p>
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_40">[S. 40]</span></p>
+
+<h2 class="s4">6. Kapitel.<br>
+<span class="s3">Die Geschichte von der Verschwörung.</span></h2>
+</div>
+
+
+<p>Als Reineke vor dem Königspaar stand, ermahnte ihn die Königin
+nochmals, nur die lautere Wahrheit zu sagen.</p>
+
+<p>Reineke erwiderte: »Das will ich tun. Ich muß ja sterben und will mit
+reinem Gewissen ins ewige Leben hinübergehen! Deshalb darf ich auch
+meine nächsten Verwandten nicht verschonen, ja selbst meinen Vater muß
+ich anklagen, so schwer es mir auch wird.«</p>
+
+<p>Da ermahnte ihn der König noch einmal: »Reineke, sagst du auch die
+volle Wahrheit?«</p>
+
+<p>»O edler Herr,« versetzte Reineke. »So sündig ich auch sonst bin, heute
+werde ich nur die Wahrheit sagen. Wie könnte ich lügen, da mir der Tod
+vor Augen steht? Wenn es Euch recht ist, Majestät, so will ich jetzt
+alles bekennen, was ich von der Verschwörung weiß, und Euch die Namen
+der Verräter nennen.«</p>
+
+<p>Nun höre man die Lügen, die Reineke ersann, um sich zu retten und seine
+Feinde zu verderben! Seinen eigenen Vater beschimpfte er im Grabe. Und
+seinen treuen Freund, den Dachs, der ihm doch in allen Nöten beistand,
+schwärzte er an. Er hielt dies für notwendig, um seine Erzählung
+glaubhafter zu machen.</p>
+
+<p>»Mein Vater,« so sprach er, »hatte das Glück, König Emmerichs Schatz
+zu finden. Durch den Besitz dieser unermeßlichen<span class="pagenum" id="Seite_41">[S. 41]</span> Reichtümer wurde er
+stolz und hochmütig. Er schätzte seine früheren Kameraden nicht mehr,
+sondern suchte sich Freunde unter den Angesehenen und Hochstehenden
+des Reiches. Zuerst wollte er sich den Bären verpflichten. Er sandte
+Hinze, den Kater, zu Braun in das wilde Ardennerland und forderte ihn
+auf, nach Flandern zu kommen, um König an Eurer Statt zu werden. Braun
+gefiel der Vorschlag; er reiste sogleich nach Flandern und wurde von
+meinem Vater wohl aufgenommen. Er sandte nun nach Isegrim und Grimbart,
+dem Weisen, und diese vier, mit Hinze als fünftem im Bunde, berieten
+den ganzen Plan. Zwischen der Stadt Gent und dem Dörfchen Ifte kamen
+die Verräter zusammen, und hier war es, wo in finsterer Nacht Euer Tod,
+o Majestät, beschlossen wurde. Sie schwuren einander Treue und gelobten
+einstimmig, daß sie Braun zum König machen, ihn auf den Thron zu Aachen
+führen und ihm die goldene Krone aufs Haupt setzen wollten. Würde sich
+jemand von des Königs Anverwandten oder Freunden zu widersetzen wagen,
+so sollte er mittels Gold bestochen oder aus dem Reiche vertrieben
+werden.</p>
+
+<p>Dies alles bekam ich folgendermaßen zu wissen: Als Grimbart eines Tages
+in trunkenem Zustand war, erzählte er seiner Frau von dem Anschlage,
+gebot ihr aber, das tiefste Schweigen darüber zu bewahren. Sie schwieg
+auch so lange, bis sie es meinem Weibe sagte. Diese schwur ihr, bei
+allem, was ihr heilig sei, das Geheimnis treu zu hüten. Aber sie
+hielt nicht Wort; sobald sie zu mir kam, sagte sie mir alles, was sie
+vernommen hatte. Ich erschrak bis ins Innerste meiner Seele. Mir fiel
+die Geschichte von den Fröschen ein, die, ihrer Freiheit überdrüssig,
+Gott anriefen, ihnen einen König zu geben. Gott erhörte sie und sandte
+ihnen den Storch, der sie nach Belieben verfolgt und tötet. Da sahen
+sie ihre Torheit ein. Aber zu spät! Ihr Klagen half ihnen nichts: sie
+haben für immer die Tyrannei des Storchs zu ertragen. So,<span class="pagenum" id="Seite_42">[S. 42]</span> glaubte ich,
+würde es auch uns ergehen, wenn wir Braun zum Könige bekämen. Ich kenne
+seine Bosheit und Tücke. Ich weiß aber auch, wie edel und gütig unser
+jetziger, angestammter König ist. Das wäre ein schlimmer Tausch, dachte
+ich mir, an Eurer Majestät Stelle den plumpen Taugenichts zu setzen!
+Ich überlegte nun hin und her, wie dieser Plan zu zerstören sei.
+Behielt mein Vater seinen Schatz, so konnte er viele Tiere für seine
+Zwecke gewinnen. Ich mußte also vor allem darauf ausgehen, den Schatz
+zu rauben. Aber wo steckte er? Um das zu erfahren, schlich ich meinem
+Vater nach, wo er auch war, in Wald und Feld, bei Hitze oder Kälte, bei
+Tag und Nacht.</p>
+
+<p>Einstmals lag ich im Walde und zerbrach mir den Kopf, wie ich den
+Schatz entdecken könnte. Da sah ich plötzlich aus einer Felsenspalte
+meinen Vater herauskriechen. Ich verhielt mich ganz still, daß er meine
+Nähe nicht ahnte. Er sah sich nach allen Seiten vorsichtig um, als
+er aber niemanden gewahr ward, scharrte er das Loch mit Sand zu und
+machte es dem anderen Boden gleich. Er verwühlte mit dem Maule seine
+Fußstapfen und strich mit dem Wedel darüber hin. Diese Listen lernte
+ich von meinem schlauen Vater. Als ich diese großen Vorsichtsmaßregeln
+sah, kam mir sofort der Gedanke, daß hier der Schatz verborgen sein
+müsse. Kaum hatte sich mein Vater wegbegeben, da machte ich mich an die
+Arbeit, die Erde wegzuschaffen. Dann kroch ich in die Spalte und stieg
+in die Tiefe hinab. Da sah ich, was wohl noch selten jemand gesehen
+hat, Gold und Silber und kostbare Geräte, Edelsteine und Perlen in
+Hülle und Fülle! Nun trug und schleppte ich mit meinem Weibe Tag und
+Nacht und ruhte nicht eher, bis der ganze Schatz an eine andere Stelle
+gebracht war.</p>
+
+<p>Indessen war mein Vater täglich mit den Verrätern zusammen. Braun und
+Isegrim schrieben Briefe in alle Weltgegenden, um für ihre Zwecke
+Söldner zu werben. Braun wollte alle in<span class="pagenum" id="Seite_43">[S. 43]</span> seinen Dienst nehmen und ihnen
+einen reichlichen Sold auszahlen. Mein Vater lief also mit diesen
+Briefen durch alle Länder zwischen der Elbe und dem Rhein und gewann
+viele Söldner durch reiche Versprechungen. Er hatte mancherlei Gefahren
+auf seiner Reise zu bestehen. Die Jäger stellten ihm nach, die Hunde
+hetzten ihn, daß er mit knapper Not entkam. Endlich im Sommer kehrte
+er heim und zeigte den Mitverschworenen voll Stolz die Liste der
+Angeworbenen.</p>
+
+<p>Zwölfhundert Wölfe von Isegrims Sippschaft mit scharfen Gebissen und
+breiten Mäulern standen zum Kampfe bereit. Alle Bären und Kater waren
+auf Brauns Seite. Auch alle Vielfraße und Dachse aus Thüringen und dem
+Sachsenlande hatten zu kommen versprochen. Die einzige Bedingung war,
+daß man ihnen den Sold auf drei Wochen im voraus zahlen sollte, dann
+würden sie beim ersten Aufgebot dem Bären mit ganzer Macht zu Hilfe
+ziehen. Das Geld hatte mein Vater leicht versprechen können; vertraute
+er doch auf seinen unerschöpflichen Schatz!</p>
+
+<p>Er machte sich nun auch eiligst auf, um Gold und Silber
+herbeizuschaffen. Aber wie groß war seine Bestürzung, als er von seinen
+Schätzen keine Spur fand! Er suchte und scharrte — alles vergeblich,
+der Schatz war und blieb verschwunden. In seiner Verzweiflung und
+Scham, seine Versprechungen nicht halten zu können, erhängte er sich.
+Damit schlug auch Brauns Verrat fehl.</p>
+
+<p>Der Tod meines Vaters betrübte mich tief; aber das Bewußtsein, durch
+meine List meinen König gerettet zu haben, richtete mich wieder auf.
+Jetzt wird mir freilich übler Lohn für meine Treue. Die Verräter stehen
+hoch in Ansehen, und der arme Reineke geht in den Tod. Mich tröstet nur
+der Gedanke, bis zum letzten Augenblick treu meine Pflicht getan zu
+haben.«</p>
+
+<p>So schloß Reineke seine Rede, verneigte sich tief und trat zurück.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_44">[S. 44]</span></p>
+
+<p>Im Herzen des Königs und der Königin war die Begier nach dem Besitze
+des Goldes erwacht. Sie nahmen daher Reineke beiseite und fragten ihn,
+wo er den großen Schatz aufbewahrt habe.</p>
+
+<p>Er antwortete: »Was hülfe mir das? Soll ich mein Vermögen dem König
+anzeigen, der mich hängen läßt? Ja, der den Dieben und Mördern glaubt,
+die mich mit ihren Lügen fälschlich beschweren und mich verräterisch
+ums Leben bringen wollen?«</p>
+
+<p>»Nein, Reineke,« rief die Königin unüberlegt. »Der König wird Euch
+leben lassen und Euch in Gnaden verzeihen. Aber sagt uns jetzt, wo der
+Schatz liegt.«</p>
+
+<p>Vorsichtig erwiderte Reineke: »Meine gnädige Frau, wenn der König mir
+vor Euch geloben will, mir meine Verbrechen und Sünden zu verzeihen und
+mir seine Huld aufs neue zu schenken, so will ich ihn zum reichsten
+Fürsten der Welt machen.«</p>
+
+<p>»Frau,« wandte sich der König an seine Gemahlin, »glaubet ihm nicht!
+Lügen, stehlen und rauben, das mögt Ihr ihm glauben! Er ist einer der
+ärgsten Lügner auf dem Erdboden.«</p>
+
+<p>Leise erwiderte die Königin: »Nein, mein Herr, jetzt hat Reineke nicht
+gelogen. Hat er doch seinen liebsten Freund und Verwandten, den Dachs,
+mit angezeigt! Ja, sogar seinen eigenen Vater hat er nicht verschont!
+Es wäre ihm doch leicht gewesen, alle Anklagen und Beschuldigungen
+seinen Feinden aufzuladen. Darum könnt Ihr seinen Worten glauben.«</p>
+
+<p>Nach einigem Nachdenken sagte der König leise zur Königin: »Wohlan
+denn! Wenn das Eure Meinung ist, so soll geschehen, was Ihr wünscht!«
+Und zum Fuchs gewendet, fügte er laut hinzu: »So will ich Euch denn
+noch einmal verzeihen; aber ich schwöre es bei meiner Krone! es ist das
+letzte Mal. Bei der nächsten Sünde, die Ihr begeht, seid Ihr und die
+Euren dem Tode verfallen!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_45">[S. 45]</span></p>
+
+<p>Als Reineke den König so umgewandelt sah, faßte er neuen Mut und
+beteuerte: »Herr, wäre es nicht töricht von mir, jetzt zu lügen, da die
+Unwahrheit doch in kurzer Zeit zutage kommen müßte?«</p>
+
+<p>Das leuchtete dem König ein. »Gut,« sagte er, »da Ihr also die volle
+Wahrheit gesprochen habt, so will ich Euch verzeihen und Euch meine
+Gnade wieder zuwenden.«</p>
+
+<p>Wer war froher als der Fuchs? Dem sicheren Tode war er entgangen durch
+seine eigene List; nun galt es, noch weiter Lügen zu ersinnen und das
+Vertrauen des Königs wiederzugewinnen.</p>
+
+<p>»Hoher König, edler Herr!« begann er. »Möge Gott Euch für all die
+Gnade belohnen, die Ihr mir erweist! Ich will Euch mein Leben lang
+dafür dankbar sein und Euch in Treue dienen! In allen Ländern der Welt
+ist niemand, dem ich den Schatz so gönne wie Euch und meiner gnädigen
+Königin. Ihr sollt reicher werden als alle Fürsten unter der Sonne.
+Vernehmt denn, wo der Schatz verborgen liegt! Gegen Osten von Flandern
+liegt eine große Wüste; in dieser ist ein Gebüsch, Hüsterloh genannt.
+Nicht weit davon ist ein Bronnen, Krekelborn mit Namen. Niemals hat
+eines Menschen Fuß diese Wildnis betreten, nur die Eule und der Schuhu
+hausen dort. Da liegt nun der Schatz versteckt. Krekelborn wird der
+Ort genannt, merkt Euch wohl den Namen! Denn Ihr, Majestät, und die
+Königin müßt selbst dorthin, Ihr könnt keinen Boten mit der wichtigen
+Sache betrauen. Es wäre Euer Schade, wenn etwas von den Kostbarkeiten
+verloren ginge.</p>
+
+<p>Also Ihr, mein Herr, müßt selbst nach dem Orte gehen. Wenn Ihr an
+Krekelborn vorbei seid, werdet Ihr zwei junge Birken sehen. Sie stehen
+dicht an einer Pfütze. Unter diesen Birken liegt der Schatz vergraben.
+Dort müßt Ihr scharren und graben, dann findet Ihr versteckt im Moos
+manch köstliches Geschmeide, Gold, Silber und herrliche Edelsteine.
+Auch die Krone, die König<span class="pagenum" id="Seite_46">[S. 46]</span> Emmerich einst getragen, werdet Ihr dort
+sehen. Sie sollte des Bären Haupt schmücken, hätte meine List es nicht
+verhindert. Wenn alle diese Reichtümer vor Euch ausgebreitet liegen,
+werdet Ihr gewiß meiner gedenken und sprechen: ›O du braver Fuchs,
+treuer, redlicher Freund! Für deinen König hast du so viel Mühe und
+Arbeit gehabt und hast ihm durch deine Klugheit diese Schätze, ja sogar
+seine Krone erhalten! Möge es dir allezeit so gut ergehen, wie du es
+verdient hast!‹«</p>
+
+<p>Der König hatte aufmerksam zugehört. Die Geschichte kam ihm aber doch
+etwas merkwürdig vor, und er sagte zu Reineke: »Höre, Reineke, du mußt
+dich mit mir auf den Weg machen; es wäre doch möglich, daß ich allein
+die Stelle nicht fände. Von Aachen habe ich wohl schon reden hören, wie
+auch von Lüttich, Köln und Paris. Nie aber erzählte mir jemand etwas
+von Hüsterloh und Krekelborn. Reineke, Reineke! Ich fürchte fast, du
+erdichtest diese Namen und lügst uns etwas vor!«</p>
+
+<p>Ungern hörte Reineke diese Worte. Er wußte sich aber zu helfen.
+»Herr,« sprach er, »Euer Mißtrauen kränkt mich. Ich könnte es mir
+noch erklären, wenn ich Euch in ferne Lande, vielleicht an den Jordan
+schickte. Aber der Ort liegt ja nahe bei, in Flandern, und etliche von
+den Anwesenden werden ihn kennen. Sie sollen Euch sagen, daß Krekelborn
+bei Hüsterloh liegt und daß ich die Wahrheit geredet habe.«</p>
+
+<p>Darauf rief der Fuchs den Hasen, der heftig erschrak und zu zittern
+anfing.</p>
+
+<p>»Lampe,« sprach der Fuchs, »fürchtet Euch nicht! Es soll Euch nichts
+geschehen. Der König wünscht Euch zu sprechen. Ihr sollt ihm bei Eurem
+Eide der Wahrheit gemäß sagen, ob Ihr die Orte Hüsterloh und Krekelborn
+kennt.« Da atmete der Hase erleichtert auf und sagte: »Gnädigster
+König, gern will ich die Frage beantworten, da ich die Orte genau
+kenne. Hüsterloh liegt bei<span class="pagenum" id="Seite_47">[S. 47]</span> Krekelborn in der Wüste. Es ist ein dichtes
+Gebüsch, in dem ich bisweilen Zuflucht suchte, wenn ich von Jägern und
+Hunden verfolgt wurde. Ich habe da manchmal Frost und Hunger gelitten.«</p>
+
+<p>Reineke sagte: »Tretet zurück, Lampe, Ihr habt unserem königlichen
+Herrn genug gesagt.«</p>
+
+<p>Zu Reineke gewandt, sagte der König: »Ich sehe, daß Ihr wahr gesprochen
+habt, und bedaure die harten Worte, die ich dir in der Übereilung
+sagte. Führe mich nun eiligst zu dem Schatze!«</p>
+
+<p>Das kam dem Fuchse nun gar nicht gelegen. Wie konnte er den König zu
+einem Schatze führen, der gar nicht vorhanden war! Er wußte sich aber
+zu helfen.</p>
+
+<p>»Majestät,« sagte er, »welche Ehre wäre es für mich, und wie von
+Herzen gern würde ich Euch nach Flandern begleiten. Aber leider ist
+es mir nicht möglich. Ihr würdet Euch versündigen, wenn Ihr mich
+dazu nötigtet. Nur beschämt gestehe ich, was mich daran verhindert.
+Isegrim ließ sich vor einiger Zeit das Haupt scheren und trat in ein
+Kloster ein. Freilich, er tat es nicht aus Frömmigkeit, sondern um
+bequem zu leben und gut zu essen. Aber wenn man ihm auch für sechs zu
+essen gab, so wurde er doch niemals satt. Er klagte und jammerte und
+wurde krank und elend. Da hatte ich Mitleid mit ihm, als meinem nahen
+Verwandten, und verhalf ihm zur Flucht aus dem Kloster. Dafür traf mich
+der Bannstrahl des Papstes. Meine nächste Sorge ist nun, mich davon
+zu befreien, und deshalb will ich morgen mit Sonnenaufgang nach Rom
+ziehen, um Ablaß zu erbitten! Ist mir der zuteil geworden, dann will
+ich weiter übers Meer ziehen, bis ich, von allen Sünden gereinigt,
+zurückkehren kann. Dann erst bin ich würdig, neben Euch zu gehen.
+Reiste ich aber jetzt mit Euch, so würde jeder sagen: ›Seht, unser Herr
+geht mit Reineke, den er eben hängen lassen wollte, und der noch dazu
+im Bann ist!‹ Gestehet, gnädiger Herr, daß ich recht habe, und erteilt
+mir Urlaub!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_48">[S. 48]</span></p>
+
+<p>»Es ist wahr,« sprach der König, »neben einem vom Banne Getroffenen
+kann ich nicht gehen. Lampe mag mich nach Hüsterloh führen. Du aber,
+Reineke, tritt deine Wallfahrt an, es wäre unrecht von mir, dich auch
+nur einen Tag davon zurückzuhalten. Es freut mich, daß du dich so
+eifrig zu bekehren strebst und dich in Zukunft vom Bösen zum Guten
+wenden willst. Gott lasse dich die Reise glücklich enden!«</p>
+
+<p>Darauf trat der König auf eine kleine Erhöhung, so daß er von allen
+gesehen wurde, und sprach:</p>
+
+<p>»Schweiget und höret meine Worte, ihr alle, die ihr hier versammelt
+seid! Große und Kleine, Reiche und Arme! Hier steht Reineke, der zum
+Tode verurteilt war, den ich aber begnadige. Er hat dem Königreich
+durch Mitteilung wichtiger Geheimnisse einen großen Dienst erwiesen.
+Ich schenke ihm deshalb Gut und Leben und wende ihm meine ganze Huld
+von neuem zu. Auch meine Gemahlin, die Königin, hat Fürsprache für ihn
+eingelegt. Euch allen gebiete ich bei Todesstrafe, daß ihr Reineke,
+seinem Weibe und seinen Kindern alle Ehren bezeigt, wo sie euch auch
+begegnen, es sei bei Tag oder bei Nacht. Ich will von jetzt an über
+Reineke keine Klage mehr hören. Hat er früher Übles getan, so wird er
+sich künftig bessern. Ich erteile ihm einen längeren Urlaub. Morgen
+früh will er Stab und Ranzen nehmen und zum Papst nach Rom wallfahrten,
+um Ablaß zu erbitten. Von da will er übers Meer ziehen und nicht eher
+zurückkehren, bis er von allen seinen Sünden gereinigt ist.«</p>
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_49">[S. 49]</span></p>
+
+<h2 class="s4">7. Kapitel.<br>
+<span class="s3">Reineke tritt seine Pilgerfahrt an. Lampe und Bellyn<br>
+in Malepartus.</span></h2>
+</div>
+
+<p>Mit Schrecken vernahmen Reinekes Feinde seine Begnadigung. Zornig
+sprach Hinze zu Isegrim und Braun: »Nun ist alle unsere Mühe und Arbeit
+verloren! Ich wollte, ich wäre am Ende der Welt! Ist der Fuchs wieder
+in des Königs Gunst, so wird er alle seine Künste brauchen, um uns ins
+Unglück zu bringen. Ein Auge hat er mir schon geblendet, nun steht auch
+das zweite in Gefahr.«</p>
+
+<p>Braun erwiderte: »Nun ist freilich guter Rat teuer!« Und Isegrim rief:
+»Wahrlich, es ist eine schlimme Sache! Aber laßt uns noch das Äußerste
+wagen und mit dem König sprechen!«</p>
+
+<p>Alles Abraten des Katers, diesen gewagten Schritt zu unterlassen,
+nutzte nichts. Entschlossen traten Braun und Isegrim vor das Königspaar
+und wollten ihre Klagen gegen Reineke von neuem anfangen.</p>
+
+<p>Aber der König unterbrach sie zornig: »Habt ihr meine Worte nicht
+vernommen? Ich will keine Klagen über Reineke mehr zu hören bekommen!
+Er ist von mir wieder in Gnaden aufgenommen worden. Euer Ungehorsam
+soll gestraft werden!«</p>
+
+<p>Darauf ließ er beide binden und ins Gefängnis werfen.</p>
+
+<p>Der König bestrafte die beiden so streng, weil er an die Verschwörung
+dachte, die sie angeblich gegen ihn geplant hatten. So<span class="pagenum" id="Seite_50">[S. 50]</span> kamen Reinekes
+Feinde ins Unglück, er selbst aber war frei und stand hoch in des
+Königs Gunst. Da er für seine Reise ein Ränzlein brauchte, so schnitt
+man von dem Rücken des Bären ein Stück Fell heraus, einen Fuß lang und
+einen Fuß breit und fertigte daraus einen Ranzen an. Nun fehlten noch
+die Schuhe für den frommen Pilger. Da mußte Isegrim das Fell von den
+Vorderfüßen hergeben; da man vier Schuhe brauchte, so zog man Frau
+Gieremund, Isegrims Weib, das Fell von den Hinterfüßen ab.</p>
+
+<p>Nun trat Reineke vor den König und die Königin, verneigte sich tief und
+sprach: »Nun habe ich Ränzel und Schuhwerk für die Reise und kann mich
+getrost auf die Wanderschaft begeben. Ich danke Euch untertänigst für
+alle Eure Güte und werde in meinen Gebeten stets Eurer gedenken!«</p>
+
+<p>Braun, Isegrim und seine Frau hatten indes große Schmerzen zu erdulden.
+Stöhnend und ächzend lagen sie auf ihrer Spreu im Gefängnis, denn auch
+Frau Gieremund hatte man mit eingesperrt.</p>
+
+<p>Ehe Reineke seine Pilgerfahrt antrat, ging er in den Kerker zu seinen
+Feinden, um sie zu verhöhnen und zu verspotten, und sagte:</p>
+
+<p>»Schönsten Dank, Oheim Braun, für das Ränzlein, das ich gut gebrauchen
+kann für meine Wanderschaft. Und auch euch, teurer Vetter Isegrim und
+liebes Mühmchen, danke ich von Herzen für die schönen Schuhe! Sie
+passen vortrefflich, und seht nur, wie hübsch sie mir stehen! Ihr habt
+euch große Mühe gegeben, mich ins Verderben zu stürzen. Aber das Blatt
+hat sich gewendet: ich bin frei, und ihr seid eingekerkert. Das ist
+aber ganz gesund, da habt ihr wenigstens Ruhe, eure Wunden heilen zu
+lassen. Nun, ich werde unterwegs eurer gedenken und euch von dem Ablaß
+ein gut Teil abgeben.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_51">[S. 51]</span></p>
+
+<p>Braun und Isegrim vernahmen schweigend die spöttischen Worte. Frau
+Gieremund aber seufzte: »Möge der Himmel vergelten, was Ihr an uns
+getan habt!«</p>
+
+<p>In der Frühe des nächsten Morgens trat Reineke vor den König und sprach:</p>
+
+<p>»Majestät, Euer ergebener Knecht ist nunmehr bereit, die heilige
+Wanderung anzutreten. Befehlt gütigst Eurem Priester, mir den Segen des
+Himmels mit auf den Weg zu geben.«</p>
+
+<p>Da rief König Nobel Bellyn, den Widder, herbei, der damals Kaplan und
+Schreiber am Hofe war, und befahl ihm, Reineke den Segen zu erteilen
+und seinen Wanderstab zu weihen.</p>
+
+<p>Bellyn stand einen Augenblick ratlos da, dann sprach er schüchtern:
+»Majestät, Ihr wißt, daß Reineke noch in des Papstes Bann ist, und
+keinem Verbannten darf ich den Segen erteilen. Was würde der Bischof,
+Herr Ohnegrund, und der Propst, Herr Losefund, sagen, wenn ich mich so
+gegen die kirchlichen Bestimmungen verginge? Meines Amtes würde ich
+gewiß sofort entsetzt.«</p>
+
+<p>Da wurde der König sehr zornig und bestand auf seinem Willen.</p>
+
+<p>»Was kümmert mich der Propst und der Bischof?« rief er aus. »Reineke
+soll nach Rom und sich bekehren. Macht also nicht so viele unnütze
+Worte, sondern sprecht den Segen über ihn.«</p>
+
+<p>Da sah Bellyn ein, daß er sich nicht länger widersetzen durfte, zog
+sein Buch hervor und las die passenden Segenssprüche und weihte den
+Wanderstab. Reineke achtete nicht viel darauf, sondern lachte im Innern
+seines Herzens. Er tat aber sehr ergriffen, das Haupt tief gebeugt und
+die Augen voll Tränen der Reue. Empfand er aber wirklich Reue, so war
+es nur deshalb, weil es ihm nicht gelungen war, alle seine Feinde ins
+Unglück zu bringen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_52">[S. 52]</span></p>
+
+<p>Er nahm nun Abschied und bat alle, fleißig für ihn zu beten. Darauf
+ergriff er Ränzel und Wanderstab und wollte eilig von dannen ziehen, da
+er sich noch nicht so ganz sicher am Hofe fühlte.</p>
+
+<p>»Warum eilst du dich plötzlich so sehr, fortzukommen?« fragte der König.</p>
+
+<p>Da versetzte Reineke: »Es ist hohe Zeit. Wer etwas Gutes vollbringen
+will, muß nicht säumen. Habt also die Gnade, mir Urlaub zu erteilen,
+und laßt mich ziehen!«</p>
+
+<p>Da gewährte ihm der König den gewünschten Urlaub, nahm Abschied von
+ihm und befahl allen Herren seines Hofes, den frommen Pilger ein Stück
+Weges zu begleiten.</p>
+
+<p>So verließ Reineke den Hof des Königs, um den nächsten Weg nach Rom
+einzuschlagen. Im Fortgehen rief er noch dem Herrscher zu: »Laßt
+wohl achtgeben auf die beiden Verräter im Gefängnis, daß sie nicht
+entweichen. Kämen sie los, so stände Euer Leben in Gefahr! Es sind ein
+paar schlimme Bösewichte!«</p>
+
+<p>Mit frommer Miene, Gebete murmelnd, schritt der Heuchler an der Spitze
+des Zuges dahin. Nachdem sie ein Stück gegangen waren, nahmen alle
+Abschied von dem Fuchs und kehrten an den Hof zurück. Nur Lampe, den
+Hasen, und Bellyn, den Widder, hielt Reineke zurück, indem er mit
+Tränen der Rührung sagte: »Muß ich denn nun wirklich allen Lebewohl
+sagen? Auf so lange Zeit soll ich mich von dir trennen, Freund Lampe?
+Und auch du, teurer Bellyn, willst jetzt von mir scheiden? Ihr könntet
+mich wohl noch ein Stück weiter begleiten. Denn euch liebe ich vor
+allen. Ihr seid brave Leute von guten Sitten und redlichem Sinn. Jeder
+lobt eure Frömmigkeit. Ihr seid genügsam und stillt euren Hunger mit
+Laub und Gras, wie auch ich es tat, als ich Mönch war, und fragt weder
+nach Fleisch und Brot noch nach anderen verbotenen Speisen.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_53">[S. 53]</span></p>
+
+<p>O, wie ließen sich die beiden Einfältigen durch solches Lobreden
+betören! Sie gingen immer weiter mit ihm und begleiteten den
+Hinterlistigen schließlich bis zu seinem Schlosse Malepartus.</p>
+
+<p>Als sie das Schloß erreicht hatten, sprach Reineke zum Widder: »Neffe
+Bellyn, wartet hier draußen auf mich und erlabt Euch indessen an den
+saftigen Kräutern, die hier in Menge stehen. Ihr seid gewiß hungrig
+von dem weiten Wege. Und Ihr, Freund Lampe,« wendete er sich an den
+Hasen, »kommt mit mir hinein und helft mir mein armes Weib trösten.
+Sie wird sich gewiß sehr grämen, wenn sie hört, daß ich eine so lange
+Pilgerschaft antreten will.« So betrog Reineke diese beiden mit vielen
+süßen Worten.</p>
+
+<p>Frau Ermelyn war inzwischen in großer Sorge gewesen, wie es wohl
+Reineke vor Gericht ergehen würde. Als sie ihn nun vor sich sah,
+war sie sehr erfreut und fragte ihn, wie es ihm ergangen wäre. Er
+antwortete: »Ich war verurteilt, gehängt zu werden. Aber der König
+hat mich begnadigt. Braun und Isegrim sind ins Gefängnis geworfen.
+Ich muß nach Rom pilgern, um Buße zu tun. Zur Sühne gab mir der König
+den Hasen, mit dem ich tun kann, was mir beliebt. Denn er ist es, der
+mich verraten hat, wie mir der König sagte. Drum sage ich Euch, Frau
+Ermelyn, er verdient eine große Strafe.«</p>
+
+<p>Als Lampe diese Worte vernahm, erschrak er furchtbar und wollte
+fliehen. Reineke aber vertrat ihm den Weg und packte ihn am Halse.</p>
+
+<p>In Todesangst schrie er auf: »Bellyn, zu Hilfe, rettet mich! Ich bin
+verloren! Der Pilger tötet mich!« Mehr konnte er nicht hervorbringen,
+Reineke hatte ihm die Kehle durchgebissen. »Komm,« sprach er zu seiner
+Frau, »nun wollen wir es uns fein schmecken lassen. Es ist ein guter,
+fetter Hase. Nun ist doch der Geck zu etwas in der Welt nütze! Ich habe
+es ihm lange nachgetragen; nun wird er niemals mehr über mich klagen.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_54">[S. 54]</span></p>
+
+<p>Nun machten sich alle über den Hasen her, Reineke, seine Frau und die
+Kinder, und ließen sich's prächtig schmecken. Einmal übers andere Mal
+rief die Füchsin aus: »Dank sei dem König, daß er uns ein so herrliches
+Mahl bereitet hat! Möge der Himmel es ihm lohnen!« Reineke sagte: »Eßt
+nur, soviel euch beliebt! Es ist genug da! So sollen alle, die Reineke
+verklagen, es zuletzt mit dem Leben büßen!«</p>
+
+<p>Als sie nun gesättigt waren, fragte Frau Ermelyn ihren Gatten: »Wie ist
+es denn gekommen, daß der König Euch wieder begnadigt hat und sich uns
+so gütig erweist?«</p>
+
+<p>Da lachte der Fuchs und sprach: »Wollte ich Euch das alles genau
+erzählen, so brauchte ich viele Stunden dazu! Kurzum, ich habe den
+König und seine verehrte Frau Gemahlin gewaltig beschwindelt. Freilich,
+die neue Freundschaft zwischen uns ist nur zart und gebrechlich und
+kann leicht in die Brüche gehen. Kommt er erst hinter die Wahrheit,
+so wird er rasen und mich mit Gewalt ergreifen lassen. Weder Gold
+noch Silber werden mich dann befreien können. Ich käme sicher nicht
+ungehängt davon! Darum müssen wir entfliehen, weit fort von hier in
+ein Land, wo uns niemand kennt. Am besten ist es, wir ziehen nach
+Schwaben! Das ist ein herrliches Land! Da gibt es Hühner, Gänse, Hasen
+und Kaninchen in Menge. Auch an Süßigkeiten fehlt es da nicht für
+unsere Kleinen, wie Feigen, Datteln, Rosinen und andere wohlschmeckende
+Früchte! O, wie armselig ist unser Land dagegen! In Schwaben gibt es
+viele große und kleine Vögel und in den Gewässern köstliche Fische.
+Ich lernte sie schätzen, als ich Klausner war und kein anderes Fleisch
+essen durfte. Die Namen der vielen Fische habe ich vergessen; Ich weiß
+nur, daß sie von größtem Wohlgeschmack waren. Man bäckt dortzulande
+das Brot mit Butter und Eiern. Die Luft ist erfrischend, das Wasser
+klar und gesund. Seht, liebe Frau! Dorthin wollen wir ziehen und da in
+Frieden leben!</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_55">[S. 55]</span></p>
+
+<p>Damit Ihr mich aber recht versteht, so wisset: Der König begnadigte
+mich nur darum, weil ich ihm einen großen Schatz versprach. Ich sagte
+ihm, bei Krekelborn liege der Schatz des Königs Emmerich vergraben. Nun
+wird er dort Nachforschungen anstellen, aber soviel er auch gräbt, er
+wird weder Gold noch Silber noch die Königskrone finden. Denn solch ein
+Schatz ist ja gar nicht vorhanden! O, wie zornig wird er werden, wenn
+er merkt, daß er betrogen ist!</p>
+
+<p>Was meint Ihr wohl, was ich für schöne Lügen ersann, ehe ich entkam?
+Es war aber auch in der höchsten Not, denn schon stand ich auf der
+Leiter und hatte den Strick um den Hals. In solcher Angst bin ich
+noch nie gewesen! In Zukunft muß ich mich jedoch hüten, wieder in die
+Gewalt des Königs zu geraten, denn es würde mir ein zweites Mal gewiß
+nicht gelingen, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen! Darum laßt uns
+rechtzeitig fliehen!«</p>
+
+<p>Traurig erwiderte Frau Ermelyn: »Sollen wir in ein fernes Land ziehen,
+wo wir fremd und elend sein werden? Haben wir doch hier alles, was
+wir brauchen! Warum wollt Ihr Abenteuer suchen und das Ungewisse fürs
+Gewisse nehmen? Ein Spatz in der Hand gilt mehr als zehn Tauben auf dem
+Dache!</p>
+
+<p>Wir können auch hier in Sicherheit leben! Unsere Burg ist stark und
+gut gebaut. Und wenn uns selbst der König mit großer Heeresmacht
+angreift, so sollte es ihm schwer werden, uns zu ergreifen. Ihr wißt ja
+besser als ich, wie viele Seitentore unsere Festung hat, aus denen wir
+entwischen können! Nur das betrübt mich, daß Ihr geschworen habt, fern
+übers Meer zu fahren!«</p>
+
+<p>»Besser geschworen, als verloren!« sagte der Fuchs. »Ein gezwungener
+Eid taugt nicht viel. Und kurz, der Eid kümmert mich keinen Deut. Ich
+gehe nicht nach Rom, und hätte ich auch zehn Eide geschworen! Euer
+Rat aber ist klug, wir wollen hier bleiben! Wer weiß, wie es uns in
+Schwaben ergehen würde! Was der<span class="pagenum" id="Seite_56">[S. 56]</span> König gegen mich unternehmen wird,
+muß ich abwarten. Er ist mir zwar an Macht überlegen, das schadet
+aber nichts! Vielleicht kann ich ihn nochmals überlisten und ihm eine
+Narrenkappe mit Schellen über die Ohren ziehen!«</p>
+
+<p>»Lampe, Lampe!« erklang da die Stimme von Bellyn. »Wollt Ihr denn ewig
+da bleiben? Kommt doch heraus, wir müssen gehen.«</p>
+
+<p>Alle Kräuter hatte der Widder schon abgeweidet, und die Zeit wurde ihm
+lang.</p>
+
+<p>Auf den Ruf trat Reineke hinaus und sprach: »Bellyn, Lampe läßt Euch
+sagen, Ihr möchtet es nicht übelnehmen, daß er noch nicht kommt, und,
+wenn es Euch zu lange dauert, immer vorangehen. Er sitzt noch sehr
+vergnügt bei meiner Frau.«</p>
+
+<p>Da fragte Bellyn: »Was war denn das vorhin für ein Geschrei? Warum
+rief Lampe so kläglich: ›Helft mir, Bellyn!‹? Was habt Ihr ihm zuleide
+getan?«</p>
+
+<p>Reineke versetzte: »Hört nur, als ich meinem Weibe sagte, daß ich eine
+weite Seereise antreten müßte, fiel sie in Ohnmacht. Da erschrak Lampe
+und rief: ›Bellyn, helft mir, oder meine Muhme bleibt tot!‹«</p>
+
+<p>Der Widder sagte zweifelnd: »Er hat doch recht jämmerlich nach mir
+gerufen!«</p>
+
+<p>Aber Reineke versetzte: »Ihr braucht Euch nicht um ihn zu ängstigen.
+Lampen ist kein Haar gekrümmt worden! Ich wollte lieber selbst Schaden
+erleiden, als daß Lampen ein Leid widerführe! Doch hört, Bellyn, der
+König bat mich gestern, ihm noch ein paar Briefe zu schreiben. Wollt
+Ihr sie ihm bringen, lieber Neffe? Sie sind schon geschrieben und ganz
+fertig. Ich habe dem König darin manchen klugen Rat erteilt. Während
+ich schrieb, plauderte Lampe mit meiner Frau; sie redeten von alten
+Zeiten, aßen und tranken und waren seelensvergnügt!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_57">[S. 57]</span></p>
+
+<p>Bellyn sprach: »Lieber Reineke, gern will ich die Briefe besorgen. Aber
+wie soll ich sie gut verwahren, daß kein Siegel zerbricht?«</p>
+
+<p>»Da weiß ich Rat,« sprach Reineke. »Das Ränzel aus Brauns Fell ist
+dicht und stark. Da hinein will ich die Briefe legen. Der König wird
+Euch gewiß mit Ehren empfangen und Euch reichlich belohnen!«</p>
+
+<p>Das alles glaubte der einfältige Widder dem Falschen.</p>
+
+<p>Reineke ging ins Haus zurück, nahm den Ranzen und steckte Lampens Kopf
+hinein, den er abgebissen hatte. Aber das durfte Bellyn nicht wissen.
+Deshalb sagte Reineke zu ihm: »Seht, hier ist das Ränzlein; hängt
+es Euch um den Hals! Doch hütet Euch, die Briefe zu lesen oder den
+Ranzen auch nur zu öffnen! Ich habe den Knoten so verschlungen, wie es
+zwischen dem König und mir ausgemacht ist. Hört mich also recht, und es
+wird Euer eigener Vorteil sein. Sagt auch dem König, daß Ihr mir bei
+den Briefen mit Rat und Tat beigestanden habt, so bekommt Ihr gewiß
+großen Lohn und Dank dafür.«</p>
+
+<p>Bellyn sprang vor Freude hoch in die Luft und rief: »Reineke, lieber
+Oheim, nun sehe ich, wie gut Ihr es mit mir meint! Was für Ehre werde
+ich bei Hofe einlegen, wenn sie hören, daß ich bei den schönen Briefen
+mitgeholfen habe! Ich danke Euch von Herzen! Wie gut war es, daß ich
+Euch so weit begleitete! Aber sagt, soll Lampe jetzt gleich mit mir
+gehen? Ich möchte doch so schnell wie möglich die Briefe dem König
+überbringen!«</p>
+
+<p>»Geht nur voran!« antwortete der Fuchs. »Lampe soll bald nachfolgen,
+ich habe nur noch etwas Wichtiges mit ihm zu besprechen.«</p>
+
+<p>»So seid Gott befohlen!« sagte Bellyn. »Ich mache mich auf den Weg.«
+Und er eilte fröhlich von dannen.</p>
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_58">[S. 58]</span></p>
+
+<h2 class="s4">8. Kapitel.<br>
+<span class="s3">Die Sühne. Reineke wird abermals angeklagt.</span></h2>
+</div>
+
+
+<p>Es war gegen Mittag, als Bellyn bei Hofe ankam und vor den König trat.
+Dieser war sehr verwundert, als er Reinekes Ränzel sah, und fragte:
+»Wo kommst du her, Bellyn? Und wo ist Reineke geblieben, da du seinen
+Ranzen trägst?«</p>
+
+<p>Bellyn sprach: »Gnädiger Herr, Reineke bat mich, ich sollte Euch Briefe
+bringen, an denen ich mit Rat und Tat geholfen habe. Sie sind hier im
+Ranzen, öffnet ihn gütigst.«</p>
+
+<p>Da ließ der König den Biber kommen. Er hieß Bokert, war Schreiber und
+Notar am Hofe und verstand vielerlei Sprachen. Auch Hinze, der Kater,
+der klug und gelehrt war, mußte erscheinen.</p>
+
+<p>Als diese beiden den künstlichen Knoten gelöst hatten, zogen sie zu
+ihrem Entsetzen Lampes Kopf aus dem Ranzen hervor. O, wie erschrak da
+der König. Voll Zorn rief er: »O Reineke, schändlicher Verräter, hätte
+ich dir nur nicht geglaubt. Wie furchtbar hast du mich betrogen!« Und
+der König erhob ein so gewaltiges Gebrüll, daß alle Tiere herbeigeeilt
+kamen, um zu sehen, was sich ereignet hätte. Der Leopard, des Königs
+naher Verwandter, bat den König, sich zu beruhigen, und sprach ihm Mut
+zu. Da sagte der König: »Wundert Euch nicht, daß ich so verzweifelt
+bin! Habe ich mich doch selbst an meinen nächsten Freunden vergangen.
+Auf<span class="pagenum" id="Seite_59">[S. 59]</span> den bösen Rat des arglistigen Schelmen habe ich Braun und Isegrim
+ins Gefängnis geworfen. Das reuet meine Seele. Aber meine Frau trägt
+mit die Schuld daran. Hätte ich nur nicht auf ihre Worte gehört, als
+sie für den Betrüger bat! Aber nun ist es zu spät; ich habe ihn nicht
+mehr in meiner Gewalt!«</p>
+
+<p>Der Leopard sprach: »Hört mich, Herr König! Grämt Euch nicht gar zu
+sehr! Ist etwas übel getan, so kann man es doch wieder gut machen.
+Braun, Isegrim und seine Frau müssen sofort in Freiheit gesetzt werden.
+Als Sühne für das ungerecht ihnen zugefügte Leid soll man ihnen den
+Bock Bellyn übergeben. Er bekannte ja selbst, daß er zu Lampes Tode
+mit Rat und Tat geholfen habe. Dafür soll er seinen Lohn empfangen.
+Dann wollen wir Reineke aufsuchen, ihn fangen und, ohne ihn zu Worte
+kommen zu lassen, hängen. Denn kommt er zum Reden, schwatzt er sich
+gewiß wieder los. Mit dieser Genugtuung werden auch Braun und Isegrim
+zufrieden sein.«</p>
+
+<p>Dieser Rat gefiel dem König, und er sprach: »Ich will Euren Rat
+befolgen. Geht und setzt die beiden Herren in Freiheit. Man soll sie
+mit großen Ehren wieder in meinen Rat setzen. Darum bitte ich Euch:
+ruft meinen ganzen Hof zusammen. Jeder soll erfahren, wie listig
+Reineke entkommen ist, und wie er, im Verein mit Bellyn, den armen
+Lampe getötet hat. Ein jeder soll auch Braun und Isegrim alle Ehre
+erweisen. Zur Genugtuung gebe ich ihnen den verräterischen Bellyn und
+sein ganzes Geschlecht.«</p>
+
+<p>Sogleich begab sich der Leopard ins Gefängnis, wo Braun und Isegrim
+gebunden lagen. Unverzüglich wurden ihnen die Fesseln abgenommen,
+und der Leopard sagte zu ihnen: »Ich bringe euch gute Botschaft, ihr
+Herren! Der Betrug Reinekes kam an den Tag. Der König sieht ein, daß
+man euch unverdient Übles zugefügt hat, und bereut es von Herzen. Um
+euch dafür Genugtuung zu geben, überläßt er euch den Widder Bellyn
+mit seinem ganzen<span class="pagenum" id="Seite_60">[S. 60]</span> Geschlechte für jetzt und für alle Zeiten. Er gibt
+euch das Recht, sie anzugreifen, wo ihr sie auch trefft, im Wald und
+im Feld, bei Tag und bei Nacht. Außerdem gibt mein gnädiger Herr
+Reineke, der euch verraten hat, in eure Gewalt. Ihr mögt ihn mit aller
+Macht verfolgen, sowohl ihn selbst, wie auch sein Weib und alle seine
+Angehörigen. Dies alles soll ich euch im Namen des Königs verkündigen.
+Ihr sollt dann aber auch das Vergangene vergessen und ihm von neuem
+Treue schwören. Es wird euch nie mehr eine Ungerechtigkeit durch den
+König widerfahren!«</p>
+
+<p>So ward die Aussöhnung durch den Leoparden bewirkt. Noch an demselben
+Tage mußte Bellyn seinen Hals hergeben. Und von der Zeit an sind Bären
+und Wölfe die schlimmsten Feinde der Schafe und überfallen und töten
+sie, wo sie nur können.</p>
+
+<p>Der König aber ließ den Hof zwölf Tage länger beisammen bleiben und
+gab große Feste zu Ehren von Braun und Isegrim. Großer Jubel herrschte
+im ganzen Reiche, denn überall hin sandte der König seine Boten,
+um alle seine Untertanen ins Schloß einzuladen. Von allen Seiten
+strömten die Gäste herbei, um an der Freude teilzunehmen. Weithin
+erschollen Trompeten und Schalmeien, Pauken und Flöten. Große Turniere
+wurden veranstaltet, zierliche Tänze aufgeführt, und lustige Lieder
+erklangen. Der König hatte alles im Überfluß anschaffen lassen. An
+wohlschmeckenden Speisen gab es, was jedes Herz begehrte, und der Wein
+floß in Strömen.</p>
+
+<p>Als nun acht Tage in solchem Taumel vergangen waren und der König mit
+den Großen des Reiches gerade an der Tafel saß, um zu speisen, trat ein
+Kaninchen in den Festsaal hinein, das aus einer tiefen Wunde am Halse
+blutete. Es trat dicht vor den König und die Königin hin und sprach
+mit trauriger Gebärde: »Mein Herr König und alle, die ihr hier zugegen
+seid! Hört meine Klage<span class="pagenum" id="Seite_61">[S. 61]</span> und erbarmt euch meiner! Gestern früh machte
+ich mich auf den Weg zum Königsschloß, um der Einladung Eurer Majestät
+zu den Festen zu folgen. Ich mußte an der Festung Malepartus vorüber.</p>
+
+<p>Da saß Reineke vor seiner Tür, wie ein Pilger gekleidet, und schien
+eifrig im Gebetbuch zu lesen. Ich wollte ruhig weitergehen. Allein
+sowie er mich bemerkte, kam er mir entgegen, als wollte er mich
+freundlich begrüßen. Aber plötzlich sprang er auf mich zu und packte
+mich im Genick, daß ich glaubte, es wäre mein Ende. Er warf mich auf
+den Boden nieder und wollte mich verspeisen. Doch Gott sei Dank! Als
+sich einen Augenblick sein fester Griff lockerte, gelang es mir,
+seinen Klauen zu entschlüpfen. Freilich hatte ich bei dem Kampf ein
+Ohr eingebüßt und vier große Löcher im Kopf davongetragen. Ein Wunder
+ist's, daß ich dem Tode entrann! Er war sehr ergrimmt und fluchte noch
+lange hinter mir her. Seht, gnädiger Herr, so bricht der Fuchs den von
+Euch angeordneten heiligen Frieden! Wer darf künftighin noch wagen,
+über Land zu gehen, wenn Reineke die Straßen so unsicher macht?«</p>
+
+<p>Kaum hatte das Kaninchen seine Klage beendet, da kam Merkenau, die
+Krähe, herbeigeflogen und jammerte: »Hochwürdiger König, gnädiger
+Herr! Ich bringe Euch eine traurige Nachricht! Vor Aufregung kann
+ich kaum sprechen; das Herz zerspringt mir fast, so Schreckliches
+ist mir passiert! Heute morgen flog ich mit Scharfenibbe, meinem
+treuen Weibe, übers Feld. Da sah ich Reineke, den Fuchs, tot auf der
+Erde liegen. Er hatte alle Viere von sich gestreckt, das Maul stand
+weit offen, die Zunge hing lang zum Halse heraus, beide Augen waren
+verdreht. Vor Schreck fing ich an zu schreien, aber er rührte sich
+nicht, er war mausetot. Das betrübte mich sehr, und mein Weib fing
+an zu weinen, so sehr jammerte sie sein Tod. Wir traten näher an ihn
+heran und betasteten seinen Leib. Dann horchte meine Frau, ob noch ein
+Atemzug zu bemerken sei. Aber es war nichts zu spüren; wir hätten<span class="pagenum" id="Seite_62">[S. 62]</span>
+beide geschworen, er wäre tot! O, der Schändliche, wie betrog er uns!
+Als meine Frau recht nahe an seinem Haupte stand und nach seinem Atem
+horchte, packte er sie plötzlich am Hals und biß ihr den Kopf ab.
+Darauf sprang er auf mich los und hätte mich auch fast erschnappt,
+aber ich entkam noch mit knapper Not und rettete mich auf einen Baum,
+der dicht dabei stand. Von hier aus mußte ich nun mitansehen, wie der
+Bösewicht mein liebes Weib auffraß. Er war so gierig, daß er auch
+nicht ein Knöchelchen zurückließ. Als er fort war, flog ich herab und
+sammelte die blutigen Federn, um sie als teures Andenken aufzubewahren.
+Ich habe sie mitgebracht, um sie Eurer Majestät zu zeigen als Beweis
+des furchtbaren Mordes. Gnädiger Herr, rächet die grausige Tat! Laßt es
+den Verräter mit seinem Leben büßen! Denn wenn Ihr diese Sache gering
+achtet und Reineke ungestraft laßt, so wird es Eurem Namen keine Ehre
+machen. Man wird im ganzen Reiche schlecht von Euch sprechen. Denn man
+sagt: Wer Missetat nicht straft, der ist der Tat mitschuldig! Doch das
+wäre Eurer fürstlichen Ehre zu nahe getreten.«</p>
+
+<p>Als die Krähe ihre Klage beendet hatte, sprang König Nobel vom Throne
+auf und rief in höchstem Zorn: »Wahrlich, ich schwöre es, diese Untaten
+will ich strafen, daß man noch lange davon sprechen soll! Wie konnte
+der Frevler es wagen, mein Gebot zu übertreten und den Frieden zu
+brechen! Wie töricht war ich, daß ich ihn freigab! Daß ich allen seinen
+Lügen glaubte, mit denen er mich so listig hinterging! Ich stattete ihn
+noch selbst als Pilger aus, der nach Rom wandern sollte. Allein meine
+Frau trägt die größte Schuld daran. Ich bin freilich nicht der einzige,
+der durch den Rat der Frau zu Schaden kommt, es ist schon manchem so
+gegangen. Lassen wir Reineke noch länger sein ruchloses Wesen treiben,
+so müssen wir uns vor der ganzen Welt schämen. Darum, ihr Herren,
+denkt eifrig darüber nach, wie wir seiner am schnellsten<span class="pagenum" id="Seite_63">[S. 63]</span> habhaft
+werden können. Wenn wir es mit Ernst anfangen, so kann er uns unmöglich
+entkommen!«</p>
+
+<p>Isegrim und Braun waren mit den Worten des Königs äußerst zufrieden,
+denn sie hofften, dem Fuchs würde nun alles Üble, was er ihnen zugefügt
+hatte, doppelt und dreifach vergolten werden. Da sprach die Königin:
+»Ich bitte Euch, mein Gemahl, zürnt nicht zu sehr. Schwört auch nicht
+so leicht, damit Ihr bei Macht und Ansehen bleibt. Noch wißt Ihr ja
+nicht genau, wie sich die Sache zugetragen hat. Wäre nur Reineke
+zugegen! Vielleicht würden die dann schweigen, die jetzt über ihn
+klagen. Oft klagt auch der, der selber Übles tut. Ich hielt Reineke
+für klug und rechtschaffen, darum half ich ihm nach Vermögen. Ich tat
+es aber nur in der besten Absicht, Euch zu nutzen. Leider ist es nun
+zu Eurem Schaden ausgefallen. Doch, teurer Herr, übereilt Euch nicht!
+Vergeßt nicht, daß der Fuchs aus edlem Geschlecht ist! Straft ihn
+nicht, ohne ihn gehört zu haben! Ihr seid ja Herr im Lande, er kann
+Euch nicht entgehen. Wollt Ihr ihn fangen oder töten, Euer Urteil muß
+vollstreckt werden. Aber ich bitte Euch inständig, übereilt Euch nicht!«</p>
+
+<p>Da sprach der Leopard: »Herr, folgt ruhig dem Rate Eurer Frau Gemahlin!
+Was kann es Euch schaden, wenn Ihr den Fuchs erst anhört? Es steht
+immer in Eurer Macht, Euch an ihm zu rächen. Darum schlage ich vor,
+ihm noch einmal freies Geleit zu sichern und seine Verteidigung
+mitanzuhören.«</p>
+
+<p>Isegrim sagte darauf: »Es kann nicht schaden, wenn jeder seine Meinung
+sagt. Hört mal, Herr Leopard! Wäre Reineke hier zur Stelle und könnte
+beide Klagen von sich abschütteln, die heute gegen ihn vorgebracht
+sind, so kann ich doch eine so böse Sache von ihm melden, daß er
+durch sie sicher dem Tode verfallen wird. Allein ich will jetzt davon
+schweigen, bis ich in seiner Gegenwart die Klage vorbringen kann. Aber
+er wird nicht freiwillig kommen.<span class="pagenum" id="Seite_64">[S. 64]</span> Denn wie könnte er es wagen, dem
+König vor das Angesicht zu treten, nachdem er ihn in so schamloser
+Weise belogen hat. Wie konnte er es wagen, eine Geschichte zu erfinden
+von Hüsterloh und Krekelborn und dem verborgenen Schatze des Königs
+Emmerich, und das alles dem Könige für bare Münze auszugeben! Uns alle
+hat er betrogen, mich und Braun aber obendrein am eigenen Körper arg
+geschädigt. Ich werde mein Leben daran setzen, mich an ihm zu rächen.
+Sein Leben lang hat er nicht die rechte Wahrheit geredet. Nun raubt
+und mordet er auf der Heide. Wenn es dem König beliebt, so kann ja
+ein Bote zu ihm gesendet werden. Aber ich sage Euch: er wird nicht
+kommen. Er fühlt sich sicherer in seiner Festung Malepartus, die er für
+unbezwinglich hält.«</p>
+
+<p>Der König erwiderte: »Isegrim hat recht, er wird nicht an den Hof
+kommen. Wozu sollen wir also die Zeit mit Worten verlieren? Ich will
+den Klagen bald ein Ende machen. Der Bösewicht richtet mir sonst mein
+ganzes Land zugrunde! Darum wollen wir alle nach Malepartus ziehen und
+die Festung belagern. Ich gebiete, daß ihr euch alle bereit haltet,
+mir in sechs Tagen dorthin zu folgen. Bewaffnet euch mit Harnischen,
+Spießen und Bogen, mit Donnerbüchsen, Pallaschen und Hellebarden. Dann
+wollen wir mal sehen, ob die Feste wirklich uneinnehmbar ist!«</p>
+
+<p>Diesen Befehl des Königs hörten alle gern, und sie riefen: »Wir werden
+bereit sein, Euch nach Malepartus zu folgen!«</p>
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_65">[S. 65]</span></p>
+
+<h2 class="s4">9. Kapitel.<br>
+<span class="s3">Grimbart in Malepartus.</span></h2>
+</div>
+
+
+<p>Grimbart, der Dachs, war mit am Hofe gewesen und hatte den Beschluß
+des Königs gehört. Er lief nun, so schnell es ihm möglich war, nach
+Reinekes Schloß, um ihm diese Nachricht zu überbringen. Er war sehr
+betrübt und sprach zu sich selber: »Ach, armer Oheim, wie wird es dir
+nun gehen! Du bist das Haupt unseres ganzen Geschlechts, und wir alle
+trauern um dich!«</p>
+
+<p>Als Grimbart in Malepartus anlangte, fand er Reineke vor der Tür seines
+Hauses stehen. Er hatte ein paar junge Tauben gefangen, die ihren
+ersten Flug aus dem Neste gewagt hatten. Ihre Flügelein waren aber noch
+zu schwach, um sie zu tragen. Sie fielen zur Erde nieder, Reineke sah
+es und erhaschte sie. Als Reineke den Dachs kommen sah, ging er ihm
+entgegen und sprach: »Willkommen, Neffe! Ihr lauft ja so sehr, daß Ihr
+schwitzt! Was bringt Ihr denn für frohe Botschaft?«</p>
+
+<p>Grimbart versetzte: »Eine Botschaft bringe ich Euch freilich, es ist
+aber leider eine recht schlechte. Hab und Gut, Leib und Leben, alles
+ist verloren! Der König hat geschworen, daß er Euch töten will. Er
+hat alle seine Ritter aufgeboten, sich mit Schwertern, Büchsen und
+Bogen zu bewaffnen. Mit Heeresmacht will er vor Malepartus ziehen und
+die Festung belagern. In sechs Tagen ist er hier. Wehe, teurer Oheim,
+dann seid Ihr verloren! Der König ist furchtbar erzürnt gegen Euch.
+Er war ganz außer<span class="pagenum" id="Seite_66">[S. 66]</span> sich über Euren Verrat an dem armen Lampe. Nun
+haben auch noch das Kaninchen und die Krähe schwere Klagen gegen Euch
+erhoben. Isegrim und Braun sind wieder hoch in Ehren am Hofe. Alles,
+was sie wollen, geschieht. Es wird nicht lange dauern, so wird der
+König Isegrim zum Marschall ernennen. Er ist schon jetzt mit dem König
+vertrauter als ich mit Euch. Seit er durch Eure Schuld ins Gefängnis
+geworfen wurde, hegt er einen furchtbaren Haß gegen Euch in seinem
+Herzen und schwört, sich an Euch zu rächen, sollte er auch sein Leben
+daran wagen. Er schimpft Euch Räuber und Mörder und drängt den König,
+das Todesurteil über Euch auszusprechen. Glaubt mir, Oheim, werdet Ihr
+gefangen, so müßt Ihr Abschied vom Leben nehmen.«</p>
+
+<p>»Weiter habt Ihr mir nichts zu sagen?« versetzte lachend der Fuchs.
+»Das ist ja nicht der Rede wert. Darum seid Ihr so sehr erschrocken?
+Wenn es weiter nichts ist! Hätten der König und alle seine Räte noch
+zehnmal mehr geschworen, so hilft es ihnen doch nichts. Komme ich
+nur zu Worte, so will ich meine Verteidigung schon führen, daß ich
+schließlich als Sieger dastehe und sie die Unterlegenen sind.</p>
+
+<p>Schlagt Euch die Sache aus dem Sinn, lieber Neffe. Kommt mit hinein und
+seht, was ich Euch vorzusetzen habe! Ein Paar Tauben, jung und fett!
+Ich esse keine Speise lieber, denn sie ist leicht zu verdauen, man mag
+sie ganz verschlucken oder klein gekaut haben. Auch die Knöchelchen
+schmecken süß; sie sind halb Milch, halb Blut. Ich esse gern leichte
+Speisen, und meine Frau hat denselben Geschmack. Kommt also herein,
+sie wird Euch wohl empfangen. Aber von der bewußten Angelegenheit
+müßt Ihr sie nichts merken lassen. Sie ist gar zu ängstlich und sieht
+bei kleinen Dingen oft große Gefahr. Seid darum verschwiegen! Morgen
+wollen wir an den Hof gehen. Aber werdet Ihr mir auch beistehen wie ein
+Verwandter dem anderen?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_67">[S. 67]</span></p>
+
+<p>»Mit Leib und Seele stehe ich zu Euren Diensten!« rief Grimbart aus.</p>
+
+<p>»Habt Dank!« sprach der Fuchs, »wenn ich mit dem Leben davonkomme, so
+soll es Euer Schade nicht sein!«</p>
+
+<p>»Ihr könnt getrost vor den König treten!« sagte Grimbart, »um euch zu
+verantworten. Denn der Leopard gab den Rat, es solle Euch nichts Böses
+geschehen, ehe Ihr Euch nicht selbst verteidigt habt. Derselben Meinung
+ist auch die Königin. Ihr wißt, was für Macht sie über den König hat.
+Nutzt das zu Eurem Vorteil!«</p>
+
+<p>»Das werde ich tun!« sprach Reineke. »Hört mich der König nur erst an,
+so wird es mir auch gelingen, ihn umzustimmen!«</p>
+
+<p>Beide gingen nun in das Haus hinein und wurden von Frau Ermelyn
+freundlich empfangen.</p>
+
+<p>Sie bereitete ihnen ein köstliches Mahl von den mitgebrachten Tauben.
+Jeder aß sein Teil davon, aber satt wurde keiner. Jeder hätte mit
+Leichtigkeit noch ein halbes Dutzend solcher jungen Täubchen verzehrt.</p>
+
+<p>Nach Tisch rief Reineke seine Kinder herbei und zeigte sie dem Gast.
+»Seht, Neffe,« fragte er den Dachs, »wie gefallen Euch denn meine
+Kinder, Rossel und Reinhart? Sie fangen schon frühzeitig an, sich in
+mancherlei Geschicklichkeiten auszubilden. Der eine fängt ein Huhn,
+der andere ein Küchlein. Sie können auch schon unter Wasser tauchen,
+um Enten und Kibitze zu erhaschen. Ich könnte sie wohl öfter auf die
+Jagd schicken, aber ich will sie erst klüger machen und sie erst
+lehren, wie sie sich vor Jägern und Hunden in acht nehmen sollen. Wenn
+sie das erst recht verstehen, dann werden sie uns manche köstlichen
+Braten verschaffen, die wir jetzt entbehren müssen. Ich sage Euch, sie
+schlagen ganz nach mir. Kein Tier, dem sie nachstellen, kann ihnen
+etwas anhaben; sie beißen ihm gleich die Kehle durch, ganz wie Vater<span class="pagenum" id="Seite_68">[S. 68]</span>
+Reineke es zu machen pflegt! Mit einem schnellen Sprung ergreifen sie
+ihr Opfer. Kurzum, ich kann sie nur loben, sie sind geschickt und brav.«</p>
+
+<p>Grimbart sagte darauf: »Das gefällt mir, daß diese beiden unserem
+Geschlechte Ehre machen! Wer wohlerzogene Kinder hat, die schon früh
+nach Erwerb streben, hat alle Ursache, sich zu freuen.«</p>
+
+<p>»Doch jetzt, lieber Grimbart,« sprach Reineke, »wollen wir zur Ruhe
+gehen. Ihr seid gewiß müde von der weiten Wanderung!«</p>
+
+<p>Und sie gingen alle in den mit Heu bestreuten Saal und legten sich zum
+Schlafen nieder. Reineke aber konnte kein Auge schließen, ihm war doch
+sehr ängstlich zumute, und er sann hin und her über seine Rettung.</p>
+
+<p>So lag er in schweren Gedanken bis an den hellen Morgen. Dann stand er
+auf und sagte zu seiner Frau: »Ich muß heute mit Grimbart an den Hof
+gehen. Aber macht Euch deshalb keine Sorgen. Spricht jemand Schlechtes
+von mir, so denkt nur immer das Beste. Sorgt gut für die Kinder und
+verwahrt unsere Festung wohl!«</p>
+
+<p>»Das ist ja eine seltsame Sache!« sagte Frau Ermelyn. »Was habt Ihr
+denn bei Hofe zu suchen? Wißt Ihr nicht, wie schlecht es Euch neulich
+dort erging?«</p>
+
+<p>»Es ist freilich wahr,« erwiderte Reineke, »ich war damals in großer
+Gefahr. Manch einer war mir nicht gut gesinnt. Aber es geht bisweilen
+wunderlich in der Welt zu und kommt oft besser, als man denkt. Darum
+ängstigt Euch nicht! Ich muß nun einmal an den Hof, aber spätestens in
+fünf bis sechs Tagen bin ich wieder daheim. Lebt wohl indessen!«</p>
+
+<p>So nahm er Abschied von Frau und Kindern und verließ mit Grimbart die
+Burg.</p>
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_69">[S. 69]</span></p>
+
+<h2 class="s4">10. Kapitel.<br>
+<span class="s3">Reinekes zweite Beichte.</span></h2>
+</div>
+
+
+<p>Reineke und Grimbart wanderten also miteinander über die Heide,
+geradeswegs nach des Königs Schlosse zu. Da sagte der Fuchs: »Es mag
+nun kommen, wie es will; aber ich ahne doch, daß mir die Reise zu
+großem Vorteil gereichen wird. Doch möchte ich gern meine Verteidigung
+mit leichtem Herzen führen können, und deshalb bitte ich Euch nochmals,
+meine Beichte mitanzuhören. Denn leider habe ich seitdem wieder manche
+Sünde begangen.«</p>
+
+<p>Grimbart erklärte sich bereit dazu, und der Fuchs begann: »Ich ließ
+Braun ein großes Stück aus seinem Fell schneiden und einen Ranzen
+daraus machen. Ich ließ dem Wolf und seiner Frau das Fell von den
+Füßen abziehen und Schuhe für mich davon machen. Das tat ich aus Haß
+und brachte es durch Lügen so weit, daß der König ihnen sehr zürnte
+und sie ins Gefängnis werfen ließ. Den König selbst habe ich furchtbar
+betrogen. Ich erzählte ihm von einem Schatz, der aber nirgends zu
+finden sein wird.</p>
+
+<p>Lampe habe ich getötet und verspeist. Darauf habe ich den ahnungslosen
+Bellyn mit Lampes Kopf zum König geschickt, der den Widder für den
+Übeltäter hielt und in großen Zorn geriet. Dem Kaninchen riß ich ein
+Ohr ab und tötete es beinahe.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_70">[S. 70]</span></p>
+
+<p>Auch die Krähe klagt mit Recht, ich fraß ihr Weibchen, Frau
+Scharfenibbe. Alles das habe ich seit meiner letzten Beichte begangen.
+Allein ich habe noch ein älteres Unrecht auf dem Gewissen, das ich
+neulich zu beichten vergessen hatte. Das sollt Ihr jetzt auch erfahren,
+lieber Neffe. Es war freilich ein recht loser Streich, den ich dem Wolf
+gespielt habe, und ich wollte nicht, daß mir widerführe, was ich ihm
+getan habe. Wir gingen einmal beide zwischen Kakys und Elverdingen.
+Da sahen wir auf der Wiese eine kohlschwarze Stute mit ihrem Füllen
+weiden. Das Junge mochte etwa vier Monate alt sein. Isegrim erblickte
+es kaum, als schon sein Gelüste nach dem zarten Bissen erwachte. Der
+Hunger plagte ihn überdies sehr. Da bat er mich: ›Lieber Freund, geht
+doch zu der Stute und fragt sie, ob sie mir das Fohlen verkaufen will!‹
+Ich tat ihm den Gefallen und fragte die Stute.</p>
+
+<p>›Ja,‹ sprach sie, ›wenn Ihr gut bezahlen wollt, könnt Ihr es haben.‹
+›Was fordert Ihr denn dafür?‹ fragte ich weiter. ›Der Preis steht auf
+meinem rechten Hinterfuß geschrieben. Wenn Ihr ihn wissen wollt, so
+lest ihn dort ab,‹ antwortete die Stute. Ich wußte gleich, was sie
+damit meinte, ließ mich's aber nicht merken, sondern sagte: ›Nein, gute
+Frau, lesen und schreiben kann ich nicht. Ich selbst begehre auch Euer
+Kind nicht. Isegrim hat mich zu Euch gesandt, er wünschte den Preis zu
+erfahren. ›So laßt ihn herkommen,‹ sprach sie, ›er mag ihn ablesen.‹</p>
+
+<p>Da ging ich zu Isegrim zurück und sagte: ›Die Alte will Euch das Fohlen
+lassen, der Preis steht auf ihrem rechten Hinterfuße geschrieben. Sie
+wollte es mich lesen lassen, ich bin ja aber leider des Lesens und
+Schreibens unkundig und habe oft Verdruß davon. Seht also selbst,
+Oheim, ob Ihr es entziffern könnt.‹</p>
+
+<p>›Wenn es weiter nichts ist!‹ versetzte Isegrim. ›Warum soll ich es
+nicht lesen können? Es sei, was es sei: Deutsch, Latein, Französisch!
+Habe ich doch zu Erfurt die hohe Schule besucht. Und<span class="pagenum" id="Seite_71">[S. 71]</span> was für Schriften
+man mir auch zeigt, ich lese sie so glatt und leicht wie meinen Namen.
+Wartet hier auf mich, ich will gehen und den Handel abschließen.‹ Er
+ging also hin und fragte die Stute, wofür sie das Füllen geben wolle,
+und zwar nach dem geringsten Preis. Sie erwiderte: ›Der Kaufpreis steht
+auf meinem rechten Hinterfuß geschrieben.‹ ›Laßt sehen,‹ sagte der
+Wolf. ›Gut,‹ versetzte sie und hob ihren Fuß hoch, der mit neuen Eisen
+und sechs Hufnägeln beschlagen war. Er bückte sich, um zu lesen. Da
+schlug sie aus und traf ihn so gewaltig vor den Kopf, daß er betäubt
+zur Erde stürzte und wie tot liegen blieb. Die Stute sprang mit ihrem
+Füllen davon, so schnell sie konnte. Es dauerte wohl eine halbe Stunde,
+ehe Isegrim wieder zur Besinnung kam. Er lag verwundet auf dem Boden
+und heulte vor Schmerzen. Ich ging zu ihm und fragte ihn: ›Herr, wo ist
+die Stute? Seid Ihr auch satt von dem Fohlen? Warum gabt Ihr mir nicht
+auch etwas ab, da ich doch die Botschaft gebracht habe? Habt Ihr etwa
+schon nach der Mahlzeit geschlafen? Was war es für eine Schrift unter
+ihrem Fuße? Ihr seid doch so weise und gelehrt!‹</p>
+
+<p>›Ach Reineke!‹ stöhnte er, ›spottet doch nicht! Mir armen Schelmen
+ist es so übel ergangen, daß es einen Stein erbarmen möchte. Die
+langbeinige Mähre hat ihre Füße mit Eisen beschlagen. Es stand auch
+keine Schrift darunter, sondern mit den sechs scharfen Nägeln, die
+darin steckten, schlug sie mir sechs tiefe Wunden in den Kopf.‹</p>
+
+<p>So kam Isegrim mit knapper Not mit dem Leben davon. Seht, Neffe, nun
+habe ich Euch alles gebeichtet und bitte Euch, mir meine Sünden zu
+vergeben. Ich will mich auch gern nach Eurem Rat bessern und in Zukunft
+ein frömmeres Leben führen.«</p>
+
+<p>Grimbart versetzte: »Eure Sünden sind groß. Da Ihr aber einem so
+schweren Schicksal entgegengeht, will ich sie Euch alle vergeben. Ich
+spreche Euch also feierlich davon los. Freilich, die<span class="pagenum" id="Seite_72">[S. 72]</span> Toten stehen
+nicht wieder auf. Wie gut wäre es, wenn sie noch lebten! So aber wird
+es Euch bei Hofe schlimm ergehen! Das, was Euch am meisten schaden
+wird, ist Lampes Tod. Und eine unerhörte Kühnheit war es von Euch, dem
+König seinen Kopf zuzuschicken!«</p>
+
+<p>»Teurer Neffe!« sagte Reineke, »wer durch die Welt kommen soll, kann
+sich unmöglich so heilig halten wie ein Mönch im Kloster. Lampes
+Anblick reizte mich so sehr. Er sprang vor mir her und sah so fett und
+appetitlich aus, daß ich Lust bekam, ihn zu fressen; und da tat ich es
+auch. Den Widder Bellyn konnte ich niemals leiden, er ist so plump und
+dumm und ungeschickt in allen Sachen. Ich gönnte ihm nie viel Gutes.
+Nun heißt es zwar: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Aber, um die
+Wahrheit zu sagen: diese beiden habe ich nie recht geachtet. Warum
+sollte ich also viel Umstände mit ihnen machen? Sie haben nun den
+Schaden, ich aber die Sünde davon. Indessen, wie Ihr selbst sagt, die
+Toten kehren nicht wieder. Sprechen wir von etwas anderem!</p>
+
+<p>Es ist jetzt eine gefährliche Zeit! Welches Beispiel wird uns von oben
+gegeben? Ich meine vom König? Raubt er nicht selbst? Oder läßt sich
+alles durch Bären und Wölfe heranschleppen? Gleichwohl meint er, das
+wäre sein gutes Recht. Niemand ist, der ihm die Wahrheit sagt oder
+zu sprechen wagt: Das ist unrecht getan! Weder sein Beichtvater noch
+sein Kaplan tut es. Warum? Sie genießen es alle mit und schweigen um
+ihres eigenen Vorteils willen. Will jemand kommen und klagen, so redet
+er in den Wind! Er vertrödelt nur unnütz die Zeit. Und was man ihm
+genommen hat, ist und bleibt fort. Seine Klage wird nicht beachtet, und
+schließlich muß er schweigen! Ja, es geht schlimm in der Welt zu! Und
+wird noch schlimmer werden jetzt, wo Wolf und Bär wieder beim König in
+Ansehen sind. Sie werden jetzt stehlen, rauben und morden, und immer
+heißt es, es sei im Namen des Königs.<span class="pagenum" id="Seite_73">[S. 73]</span> Nimmt aber mal ein armer Mann,
+wie Reineke, ein Huhn, dann wollen sie ihm gleich an den Hals. Ja, ja!
+Die kleinen Diebe hängt man, die großen läßt man laufen! Seht, Neffe,
+ist es nicht ganz natürlich, daß man auch an seinen eigenen Vorteil
+denkt? Die Großen nehmen, was sie kriegen können, also nehme ich mir
+auch so viel wie möglich. Bisweilen quält mich dann mein Gewissen,
+und ich bereue meine Taten. Lange dauert das aber nie. Und ich greife
+wieder zu, wo es etwas zu greifen gibt. Aus dem Gerede, das darüber
+entsteht, mache ich mir nichts. Denn wer kommt heutzutage nicht ins
+Gerede? Selbst über die Besten und Bravsten wird hergezogen! Ja,
+die Welt ist voll Lug und Trug, voll Heuchelei, Verrat und falschen
+Schwüren! Pfui, pfui und nochmals pfui!«</p>
+
+<p>Grimbart antwortete: »Lieber Oheim, warum beichtet Ihr mir eigentlich
+die Sünden der anderen? Ich denke, Ihr habt mit Euren eigenen gerade
+genug zu tun! Was gehen uns die anderen an? Jeder muß sehen, wie er mit
+sich selbst fertig wird!«</p>
+
+<p>Indessen waren sie am Schlosse des Königs angelangt. Reineke wurde
+nun sehr verzagt, denn er wußte noch nicht, wie er sich aus all den
+Anklagen herausschwindeln sollte. Doch raffte er seinen sinkenden Mut
+wieder zusammen und schritt stolz aufgerichtet geradeswegs auf das
+Schloß zu. Da kam ihm Martin, der Affe, entgegen. Er stand im Begriff,
+nach Rom zu reisen, und sagte zu Reineke: »Habt nur guten Mut, lieber
+Oheim! Ich weiß es wohl, wie Eure Sache steht.«</p>
+
+<p>Reineke erwiderte: »Das Glück hat sich in diesen Tagen sehr gegen mich
+gewendet. Ich bin abermals verklagt, und zwar von etlichen Verrätern,
+nämlich von der Krähe und dem ehrlosen Kaninchen. Der eine hat seine
+Frau und der andere sein Ohr verloren. Könnte ich nur mit dem König
+sprechen, so sollte es den Verleumdern schon schlecht bekommen! Das
+schlimmste ist, daß ich<span class="pagenum" id="Seite_74">[S. 74]</span> noch immer im Bann bin. Und das habe ich
+Isegrim zu verdanken. Als er in Elkmar im Kloster war, verhalf ich ihm
+zur Flucht. Er klagte, daß er das lange Fasten und Beten nicht ertragen
+könnte. Jetzt bereue ich es bitter, daß ich ihm zu Hilfe kam. Denn als
+Dank dafür verleumdet er mich beim König und schadet mir, wo er kann.
+Ginge ich nun nach Rom, um von dem Bann befreit zu werden, so täte er
+gewiß meiner Frau und meinen Kindern Böses an, und mit ihm die anderen,
+die mir gram sind. Darum muß ich hier bleiben und sie beschützen. O,
+wäre ich nur von dem Banne frei, so würde ich mit viel ruhigerem Herzen
+vor den König hintreten und meine Verteidigung führen!«</p>
+
+<p>»Reineke,« sprach Martin hierauf, »lieber Oheim, ich gehe gerade jetzt
+nach Rom und will sehen, was ich da für Euch tun kann. Bin ich doch des
+Bischofs Schreiber und verstehe gar wohl den Lauf des Rechts in Rom.
+Ich will den Domprobst, der Euch zürnt, nach Rom kommen lassen und dort
+ernstlich mit ihm rechten. Auch habe ich viele Freunde von mächtigem
+Einfluß in Rom. Seid versichert, ich verschaffe Euch Absolution!</p>
+
+<p>Geht nur getrost an den Hof. Dort findet Ihr mein Weib, Frau Rückenau.
+Sprecht nur mit ihr, sie ist klug und erfahren, und ihr Rat gilt viel
+beim König und der Königin. Der König weiß schon, daß ich Eure Sache in
+Rom führen will. Er weiß auch, daß es mir gelingen wird, Euch vom Bann
+zu erlösen. Er wird auch dessen eingedenk sein, daß viele vom Affen-
+und Fuchsgeschlechte ihm oft die besten Ratschläge gegeben haben. Und
+das wird Euch helfen, und Ihr werdet wie bisher siegreich aus dem
+Kampfe hervorgehen!«</p>
+
+<p>»Das ist ein guter Trost!« sagte Reineke. »Und ich will Eurer gedenken,
+wenn ich frei und los komme.«</p>
+
+<p>Hierauf schieden sie, und der Fuchs und der Dachs traten in das
+Königsschloß ein.</p>
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_75">[S. 75]</span></p>
+
+<h2 class="s4">11. Kapitel.<br>
+<span class="s3">Reinekes Verteidigung.</span></h2>
+</div>
+
+
+<p>Reineke kam also an den Hof des Königs, wo er so hart verklagt war. Er
+fand daselbst viele, die ihm nichts Gutes gönnten, ja ihm sogar nach
+dem Leben trachteten. Er sah sie alle versammelt, und ihm wurde gar
+ängstlich zumute. Doch faßte er sich bald wieder ein Herz und schritt
+frei durch all die Fürsten und Grafen hindurch. Der Dachs aber ging
+ihm zur Seite, bis sie beide vor den König kamen. Leise flüsterte ihm
+der Dachs zu: »Freund Reineke, seid nicht blöde in dieser Stunde. Dem
+Blöden ist das Glück selten hold, dem Kühnen aber steht es bei.«</p>
+
+<p>Reineke versetzte: »Ihr redet die Wahrheit; ich danke Euch für Eure
+ermutigenden Worte!«</p>
+
+<p>Darauf trat er dicht vor den Thron des Königs, kniete zur Erde nieder
+und sprach: »Gott der Herr, dem alle Dinge bekannt sind, beschütze
+meinen Herrn, den König, und meine Gebieterin, die Königin! Er verleihe
+ihnen Weisheit, zu richten, wer Recht und Unrecht hat! Es gibt viele
+Bösewichte in der Welt, und manchen, der von außen schön gleißt, im
+Innern aber falsch und häßlich ist. Wollte Gott, daß es jedem an der
+Stirn geschrieben stände, was in ihm ist! Dann würde mein Herr und
+König sehen, daß ich nicht lüge, und daß ich nur darauf bedacht bin,
+Euch zu dienen. Gleichwohl bin ich von Boshaften, die mir zu schaden
+trachten, verklagt<span class="pagenum" id="Seite_76">[S. 76]</span> und durch schändliche Lügen angeschwärzt. Ohne
+alles Verschulden hat man mir Eure Huld geraubt, mein gnädiger König!
+Ich aber weiß, daß Ihr klug und weise seid und Euch nicht verleiten
+laßt, vom Wege des Rechtes abzuweichen. Ihr habt das Euer Leben lang
+nicht getan und werdet es auch jetzt nicht tun. Darauf setze ich mein
+Vertrauen!«</p>
+
+<p>Der König antwortete: »Du Bösewicht Reineke! Alle deine losen Worte
+helfen dir nichts. Du hast sie schon gar zu oft verschwendet und mir
+zu viel vorgelogen. Das alles soll nunmehr ein Ende nehmen. Wie treu
+du bist, das lehrt die Geschichte von der Krähe und dem Kaninchen. Und
+hätte ich sonst nichts wider dich, so wäre das schon allein genug, mich
+zu erzürnen. Aber täglich kommen neue Übeltaten von dir ans Licht. Du
+bist ein Schelm durch und durch! Und jetzt soll dir der Lohn für deine
+Schandtaten werden!«</p>
+
+<p>»O weh!« dachte Reineke. »Wie wird es mir ergehen! Wäre ich nur auf
+meiner sicheren Burg geblieben! Jetzt ist guter Rat teuer! Nun heißt es
+alle Kräfte zusammennehmen, um durchzukommen!«</p>
+
+<p>Und zum König gewendet, sagte er: »Großer König, edler Fürst! Habe
+ich nach Eurer Meinung den Tod verdient, so ist Euch die Sache nicht
+richtig mitgeteilt worden. Ich bitte Euch, mich anzuhören! Ich habe
+Euch in früherer Zeit manchen guten Rat gegeben und bin oftmals in
+der Not bei Euch geblieben, wenn manche von Euch wichen, die sich
+jetzt zwischen uns stellen und mich in meiner Abwesenheit Eurer Gnade
+berauben wollen. Edler König! Hört mich darum an! Und findet Ihr mich
+dann schuldig, so ergehe das Recht. Noch eins: Habe ich schuld, so
+dienet mir nichts besser als Geduld! Ihr, hoher Herr, habt meiner
+nicht viel gedacht, während ich oft an den Grenzen Eures Landes Wacht
+hielt. Meint Ihr, daß ich hier an den Hof vor Euer Angesicht und
+in die<span class="pagenum" id="Seite_77">[S. 77]</span> Schar aller meiner Feinde gekommen wäre, wenn ich mir das
+Geringste vorzuwerfen hätte? Nein, um alles Gold der Welt hätte ich das
+nicht getan! Dann wäre ich lieber auf meinem eigenen Grund und Boden
+geblieben, wo ich frei war. Aber ich kam, da ich mir keiner Missetat
+bewußt bin. Als mir mein Neffe Grimbart die Nachricht brachte, daß ich
+an den Hof kommen sollte, hatte ich mir gerade vorgenommen, mich von
+dem Banne zu befreien. Das sagte ich Martin, dem Affen, der eben im
+Begriff war, nach Rom zu pilgern. Er versprach mir, sich meiner Sache
+anzunehmen. Er riet mir, getrost an den Hof zu gehen, und gelobte mir
+auf Treu und Glauben, mich von dem Banne zu erlösen. So schieden wir,
+und ich kam an den Hof.</p>
+
+<p>Hier bin ich nun von dem Kaninchen sehr schwer verklagt worden. Jetzt
+steht Reineke hier, und wenn es die Wahrheit gesprochen hat, so trete
+es vor und klage öffentlich. Es ist leicht, jemanden zu verleumden,
+der abwesend ist. Nach Klage und Antwort erst soll man richten. Ich
+habe bei meiner Treu diesen beiden falschen Kerlen, der Krähe und dem
+Kaninchen, manches Gute getan. Gestern früh saß ich vor meiner Burg
+und las in den Gebeten. Da kam das Kaninchen vorbei, grüßte mich und
+erzählte, daß es an den Hof wollte. ›Geh' hin,‹ sagte ich, ›und Gott
+sei mit dir!‹ Da klagte es mir, es wäre müde und hungrig. Ich fragte
+es, ob es etwas essen wolle. ›Ja,‹ sprach es, ›gebt mir einen Bissen.‹
+›Von Herzen gern,‹ sagte ich, und holte Brot und Butter und etliche
+Kirschen. Es ist nämlich jetzt Fastenzeit, wo ich kein Fleisch zu essen
+pflege. Als es nun schon tüchtig zugegriffen hatte, kam mein kleiner
+Sohn hereingesprungen und wollte sich von dem Übriggebliebenen etwas
+nehmen. Kinder lieben das Essen und sind selten ganz satt. Wie er nach
+den Kirschen griff, schlug ihm das Kaninchen aufs Maul, daß ihm das
+Blut herunterlief. Da sprang mein älterer Sohn, Reinhartchen, herbei
+und packte das<span class="pagenum" id="Seite_78">[S. 78]</span> Kaninchen an der Kehle, daß es laut aufschrie. Ich lief
+hinzu, trennte die Kämpfenden und schlug meine Kinder. Hat aber das
+Kaninchen etwas davon gekriegt, so ist ihm recht geschehen, es hätte
+wohl noch mehr verdient. Sie hätten ihm unfehlbar das Leben genommen,
+wenn ich ihm nicht zu Hilfe gekommen wäre. Das ist nun der Dank dafür!
+Nun sagt es, ich habe ihm sein Ohr abgerissen!</p>
+
+<p>Seht, gnädiger Herr, da kommt nun der Rabe und klagt, er habe sein
+Weib verloren. Wie das geschehen ist, weiß er selbst am besten. Sie
+wollte ihren Hunger stillen und fraß einen Fisch mit allen Gräten auf.
+Die blieben ihr im Halse stecken, und sie ist daran erstickt. Nun sagt
+er, ich hätte sie totgebissen! Vielleicht hat er sie selbst ermordet!
+Ja, könnte ich ihn nur recht verhören, er würde vielleicht ganz anders
+aussagen! Wie hätte ich ihr auch so nahe kommen können, da sie fliegen
+kann und ich nur gehen? Will aber sonst jemand mich eines Unrechts
+beschuldigen, so tue er es mit gültigen Zeugen, wie es einem Edelmann
+gegenüber geziemt. Oder soll kein gütlicher Vertrag abgeschlossen
+werden, so ordne man einen Zweikampf an, bestimme Ort und Zeit und gebe
+mir einen Gegner, der mir an Geburt nicht nachsteht. Da kämpfe dann ein
+jeder für sein Recht, und wer dann die Ehre gewinnt, bei dem bleibe
+sie. So ist es von jeher Brauch gewesen, und ich, Herr König, werde mir
+mein Recht nicht nehmen lassen.«</p>
+
+<p>Alle, die zugegen waren, staunten über Reinekes kühne Worte. Der Rabe
+aber und das Kaninchen erschraken sehr. Was sollten sie aber tun? Sie
+wagten kein Wort zu sagen, und verließen schleunigst das Schloß. »Wie
+können wir den König überzeugen,« sprach eins zum anderen, »Reineke
+ist uns ja doch mit Worten überlegen. Zeugen für unsere Sache gibt es
+ja nicht, da niemand dabei gewesen ist. In einen Zweikampf mit ihm
+können wir uns doch nicht einlassen. Er ist falsch, behende, listig und
+boshaft. Ja,<span class="pagenum" id="Seite_79">[S. 79]</span> wenn unsrer auch noch fünfe wären, wir müßten's alle mit
+Leib und Leben bezahlen. Es bleibt uns also nichts weiter übrig, als
+den Schaden zu tragen! Möge es ihm der Teufel lohnen, was er an uns
+verbrochen hat!«</p>
+
+<p>Isegrim und Braun ward sehr unbehaglich zumute, als sie sahen, daß
+diese beiden das Feld räumten. Der König aber rief: »Wer etwas zu
+klagen hat, der trete vor!« Doch es meldete sich keiner; alles blieb
+stumm. »Merkwürdig!« sagte der König, »gestern kamen so viele! Heute
+ist Reineke hier, aber wo sind die Kläger geblieben?«</p>
+
+<p>»Herr,« versetzte der Fuchs, »mancher klagt einen anderen schwer an,
+der es wohl bleiben ließe, wenn sein Widerpart ihm gegenüberstände!
+So machen es auch jetzt diese beiden Verleumder, der Rabe und das
+Kaninchen, die mich gern in Schande und Strafe gebracht hätten.
+Würden sie mich um Gnade bitten, so hätte ich ihnen in Gegenwart
+dieser Herren gern vergeben. Nun haben sie sich aber aus dem Staube
+gemacht, die schlimmen, bösen Buben! Sollte man auf solche hören, das
+wäre ewig schade! An mir allein ist nicht viel gelegen, aber mancher
+rechtschaffene Mann, der Euch Tag und Nacht treu dient, könnte durch
+ihre Verleumdung leicht in Ungnade geraten!«</p>
+
+<p>»Höre mich an!« sprach der König. »Du bist und bleibst ein Betrüger und
+ein treuloser Verräter! Was trieb dich dazu, Lampe, den braven Ritter,
+ums Leben zu bringen? Eben erst hatte ich dir deine Sünden verziehen.
+Ich hatte dir Ränzel und Stab gegeben; du solltest nach Rom und übers
+Meer, und ich glaubte, du würdest ein besseres Leben beginnen. Allein
+das erste, was ich über dich zu hören bekam, war, daß du Lampen getötet
+hattest. Bellyn brachte mir den Ranzen mit Lampens Kopf. Er hat es mit
+dem Leben büßen müssen, und dir, du böser Bube, soll jetzt der gleiche
+Lohn zuteil werden!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_80">[S. 80]</span></p>
+
+<p>»Was?« rief Reineke mit erheucheltem Erstaunen. »Ist Lampe tot? Und
+Bellyn auch? O, weh mir, daß ich je geboren bin! So habe ich den
+kostbarsten Schatz verloren! Denn ich sandte Euch durch diese Boten,
+Lampe und Bellyn, die herrlichsten Kleinodien, die je die Erde gesehen!
+Wer hätte auch ahnen können, daß Bellyn die Schätze rauben und den
+guten Lampe morden würde!«</p>
+
+<p>Der König hatte genug gehört. Zornig verließ er den Saal und war
+entschlossen, Reineke einen schmählichen Tod erleiden zu lassen.</p>
+
+
+<figure class="figcenter illowp51" id="080_illustration" style="max-width: 40.4375em;">
+ <img class="w100" src="images/080_illustration.jpg" alt="">
+ <figcaption class="caption"><p class="s6"> Reineke Fuchs 3.</p>
+<p class="p0">O, wie erschrak der König. Wie furchtbar hat mich Reineke betrogen!</p></figcaption>
+</figure>
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_81">[S. 81]</span></p>
+
+<h2 class="s4">12. Kapitel.<br>
+<span class="s3">Der Mann mit der Schlange.</span></h2>
+</div>
+
+
+<p>Im anstoßenden Gemach fand der Herrscher die Königin, seine Gemahlin,
+im Gespräch mit der Äffin, Frau Rückenau. Diese stand bei dem
+Königspaare in hohem Ansehen; sie war weise und unterrichtet, und jeder
+hörte auf sie, wohin sie nur kam.</p>
+
+<p>Als sie nun den König zornig sah, sprach sie: »Edler Herr, ich bitte
+Euch, zürnt doch nicht so sehr! Und gestattet mir, daß ich ein Wort
+zugunsten des armen Reineke spreche. Er ist doch meinem Geschlecht
+nahe verwandt, und sein Unglück geht mir sehr zu Herzen. An seine
+Schuld kann ich nicht glauben, er ist doch jetzt freiwillig vor Gericht
+erschienen! Sein Vater stand an Eurem Hofe in hohem Ansehen, weit mehr
+als jetzt Braun und Isegrim. Diese beide verstehen zu wenig von Urteil
+und Recht.«</p>
+
+<p>»Kann es Euch wundern,« versetzte der König, »daß ich gegen Reineke in
+Zorn bin? Vor kurzem erst nahm er Lampen das Leben und stürzte Bellyn
+mit ins Verderben. Jetzt tut er so, als wüßte er von der ganzen Sache
+nichts. Täglich bricht er den Frieden! Hättet Ihr nur gehört, was alles
+für Klagen sie gegen ihn vorbrachten, von Rauben, Stehlen, Verrätereien
+und Mordtaten!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_82">[S. 82]</span></p>
+
+<p>»Gnädiger Herr,« erwiderte die Äffin, »Reineke wird sehr verleumdet!
+Er ist klüger als die anderen alle und erregt deshalb ihren Neid. Wie
+oft hat er Euch mit treuem Rat zur Seite gestanden! Ihr wißt wohl noch,
+wie vor einiger Zeit der Mann mit der Schlange vor Euren Thron kam?
+Damals wußte keiner von Euren Ratgebern die Sache zu entscheiden. Da
+ließet Ihr Reineke kommen, und er wußte gleich das Rechte zu treffen
+und erntete Lob von Euch in reichem Maße.«</p>
+
+<p>»Wie war doch die Geschichte?« fragte der König. »Ich erinnere mich
+ihrer nur noch undeutlich. Wenn Ihr es noch genau wißt, so laßt mich's
+hören.«</p>
+
+<p>»Mit Eurer Erlaubnis soll es geschehen!« sagte die Äffin. »Es sind nun
+zwei Jahre her, da kamen eines Tages eine Schlange und ein Mann vor
+Euren Thron. Die Schlange klagte sehr zornig, daß der Mann sich dem
+zweimal gefällten Urteilsspruch nicht fügen wolle. Und dann erfuhrt Ihr
+folgende Geschichte:</p>
+
+<p>Die Schlange war durch ein Loch in einem Zaun gekrochen und in einer
+Schlinge hängen geblieben, aus der sie sich nicht wieder freimachen
+konnte. Sie hätte gewiß da ihr Leben verloren. Da kam zufällig ein Mann
+des Weges daher. Die Schlange rief ihm zu: ›Ich bitte dich, erbarme
+dich meiner und mache mich los!‹ ›Von Herzen gern,‹ sagte der Mann,
+›wenn du geloben willst, mir nichts Böses zu tun. Denn du tust mir
+leid.‹ Da schwur die Schlange, ihm niemals Schaden zufügen zu wollen.
+Und da erlöste er sie aus ihrer verzweifelten Lage.</p>
+
+<p>Sie gingen miteinander weiter. Da die Schlange aber sehr verhungert
+war, schoß sie plötzlich auf den Mann zu, um ihn zu töten und zu
+fressen. Mit knapper Not entsprang ihr der Mann und sprach: ›Ist das
+der Dank dafür, daß ich dir in deiner Not geholfen habe? So hältst
+du deinen Schwur, mir nicht zu<span class="pagenum" id="Seite_83">[S. 83]</span> schaden?‹ Die Schlange erwiderte:
+›Der Hunger treibt mich dazu. Das ist meine Rechtfertigung. Not kennt
+kein Gebot.‹ Da sagte der Mann: ›Ich bitte dich, laß mich noch so
+lange frei, bis wir einige unparteiische Leute treffen, die mögen
+entscheiden, was Recht und Unrecht ist.‹ ›So lange will ich warten,«
+versetzte die Schlange.</p>
+
+<p>Sie kamen über einen Graben und trafen dort den Raben Pflückebeutel
+mit seinem Sohne Quackeler. Diese rief die Schlange herbei, erzählte
+ihnen die Geschichte und fragte sie nach ihrer Meinung. ›Du darfst
+den Mann fressen!‹ entschied der Rabe, denn er hoffte dabei auch für
+sich ein Stück zu gewinnen. Die Schlange rief: ›Hurra, gewonnen! Nun
+will ich auch nicht länger warten, meinen Hunger zu stillen.‹ ›Halt,‹
+rief der Mann, ›frohlocke nicht zu früh! Sollte ein Räuber das Recht
+haben, mich zum Tode zu verdammen? Dann soll er wenigstens nicht allein
+über mich richten! Es müssen zum mindesten vier ihr Urteil sprechen!‹
+›Meinethalben!‹ erwiderte die Schlange. ›So wollen wir weitergehen!‹</p>
+
+<p>Da begegneten ihnen der Wolf und der Bär. Dem Mann ward sehr schlecht
+zumute, als er sich in der Gesellschaft sah. Fünf gefährliche Feinde
+umstanden ihn: die Schlange, der Wolf, der Bär und die beiden Raben.
+›Wie wird es mir ergehen!‹ dachte er bei sich. Bär und Wolf entschieden
+so: ›Die Schlange darf den Mann töten, weil der Hunger sie dazu zwingt.
+Die Not hebt den Eid auf.‹</p>
+
+<p>Da ward dem Mann angst und bange, denn alle trachteten ihm nach dem
+Leben. Die Schlange schoß auf ihn zu und spritzte ihr böses Gift auf
+ihn aus. Er sprang zur Seite und rief: ›Du tust mir unrecht, du darfst
+mich nicht töten.‹ ›Wie kannst du das sagen?‹ zischte die Schlange.
+›Schon zweimal ist für mich entschieden worden. Du gehörst mir, und ich
+fresse dich.‹ ›Ja,‹ sprach der Mann, ›das haben die gesagt, die selbst
+rauben und morden.<span class="pagenum" id="Seite_84">[S. 84]</span> Ich will mein Schicksal dem König anheimstellen.
+Bringt mich vor ihn; was er ausspricht, mag geschehen. Seinem Urteil
+unterwerfe ich mich, wie es auch sei.‹ Da sprachen Wolf und Bär zur
+Schlange: ›Das kannst du ruhig gewähren, denn auch der König wird zu
+deinen Gunsten entscheiden.‹</p>
+
+<p>So kamen sie alle an Euren Hof, gnädiger Herr: der Mann, die Schlange,
+die beiden Raben, der Bär und drei Wölfe, denn der Wolf hatte noch
+seine Kinder mitgebracht, Eitelbauch und Nimmersatt. Sie kamen in der
+Absicht, auch an dem Mahl teilzunehmen, wenn der Mann gefressen wurde.
+Sie heulten und benahmen sich so plump und grob, daß Ihr ihnen den Hof
+verbieten mußtet. Der Mann flehte Euch um Hilfe an. Er klagte, die
+Schlange wolle ihn töten. Und doch habe er ihr eine so große Wohltat
+erwiesen, und sie habe geschworen, ihm keinen Schaden zu tun. ›Das ist
+freilich wahr!‹ versetzte die Schlange. ›Allein der Hunger zwang mich
+dazu. Und der löst alle Eide!‹ Ihr, mein gnädigster Herr König, wart
+sehr bekümmert über diese Angelegenheit und wußtet nicht, wie jeder zu
+seinem Rechte kommen sollte. Eure Majestät hielt es für unbillig, den
+Mann zum Tode zu verurteilen, der der Schlange so aus der Not geholfen
+hatte. Ihr hattet aber auch Mitleid mit dem großen Hunger der Schlange.
+Deshalb rieft Ihr Eure Ratgeber zusammen. Die meisten stimmten für den
+Tod des Mannes. Da sandtet Ihr Boten an Reineke, denn was die anderen
+rieten, gefiel Euch nicht.</p>
+
+<p>Als der Fuchs kam, spracht Ihr: ›Wie Reineke entscheidet, so soll
+es geschehen!‹ Dieser sagte darauf mit Bescheidenheit: ›Herr König,
+laßt uns gleich hingehen und sehen, wo und wie der Mann die Schlange
+fand. Soll ich ein gerechtes Urteil sprechen, so muß ich die Schlange
+gefesselt sehen, wie der Mann sie angetroffen hat.‹ So gingen alle zu
+der Stelle hin, und die Schlange mußte in die Schlinge kriechen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_85">[S. 85]</span></p>
+
+<p>Darauf sprach Reineke: ›Nun sind beide wieder in der Lage, in der sie
+vorher waren; sie haben weder gewonnen noch verloren. Der Mann mag nun,
+wenn er Lust dazu hat, die Schlange schwören lassen und sie befreien,
+oder er kann sie in der Schlinge lassen und ungefährdet seines Weges
+ziehen. Dies, denke ich, ist ein gerechtes Urteil; weiß aber jemand
+etwas Besseres, so sage er es.‹</p>
+
+<p>Sehet, Herr König, dieses Urteil gefiel Euch und auch Eurem Rate.
+Der Mann war frei und dankte Euch sehr für Eure Gnade; die Schlange
+aber kam in der Schlinge um. Reineke ward sehr gepriesen wegen seiner
+Klugheit. Braun und Isegrim, so sagte man, sind zwar stark und groß,
+und bei Fressereien sind sie stets die ersten. Aber an Klugheit fehlt
+es ihnen. Sie prahlen mit ihrem Mut; kommt es aber zur Tat, so zeigt
+es sich, was für Helden sie sind. Setzt es Schläge, so rücken sie aus,
+aber wirkliche Helden sollen vor dem Feind nicht weichen. Bären und
+Wölfe verderben das Land, sie fragen wenig danach, wessen Haus brennt,
+wenn sie sich nur an den Flammen wärmen können. Sie haben miteinander
+Erbarmen, wenn sie nur ihren Magen füllen können. Dem Armen rauben sie
+die Eier und meinen noch sehr gut zu handeln, wenn sie ihm die Schalen
+lassen. Kurz, ihr eigenes Wohl geht ihnen über alles! Wie anders
+Reineke Fuchs! Er liebt das Recht und die Weisheit. Braucht Ihr einen
+guten Rat, so könnt Ihr ihn nicht entbehren. Hat er einmal ein Unrecht
+getan, so ist er ja auch ein Sterblicher wie wir alle. Wie schwer
+würdet Ihr ihn vermissen, wenn Ihr ihm jetzt im Zorn das Leben raubt!
+Darum bitte ich, nehmt ihn wieder zu Gnaden an!«</p>
+
+<p>Der König erwiderte: »Ich will mir's überlegen. In der Angelegenheit
+mit der Schlange hat er freilich einen guten Rat gegeben, das ist wahr.
+Aber er ist trotzdem nicht viel wert und ein großer Betrüger. Alle,
+denen er erst Freundschaft heuchelt, verrät<span class="pagenum" id="Seite_86">[S. 86]</span> er schließlich. Dem Wolf,
+dem Bären, dem Kater, dem Kaninchen und der Krähe ist er zu schlau, sie
+lassen sich alle von ihm hintergehen. Er tut ihnen nichts wie Spott und
+Schande an. Der eine muß ihm ein Ohr, der andere ein Auge zum Pfande
+lassen, mancher kommt sogar dabei ums Leben. Ich weiß nicht, wie Ihr
+für den Bösewicht noch ein gutes Wort einlegen könnt! Er verdient es
+sicherlich nicht!«</p>
+
+<p>Die Äffin erwiderte: »Herr König, er ist mir nahe verwandt, und ich
+fühle die Verpflichtung, ihm in der Not zu helfen. Aber auch Ihr,
+großer König, bedenkt, daß sein Geschlecht groß und edel ist!«</p>
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_87">[S. 87]</span></p>
+
+<h2 class="s4">13. Kapitel.<br>
+<span class="s3">Reineke verteidigt sich weiter. Der wunderbare Ring,<br>
+der Kamm und der Spiegel.</span></h2>
+</div>
+
+<p>Darauf schwieg die kluge Äffin, und der König ging wieder in den Saal
+zurück, wo alle auf ihn warteten. Viele von Reinekes Freunden und
+Verwandten waren herbeigekommen, um ihrem Vetter Beistand und Hilfe
+zu gewähren. Aber auch seine Feinde waren zahlreich erschienen und
+hofften, den verhaßten und gefürchteten Fuchs bald am Galgen hängen zu
+sehen.</p>
+
+<p>»Reineke,« sagte der König, »wie ging es zu, daß Bellyn und du dem
+frommen Lampe das Leben nahmt? Wie konntet ihr euch unterstehen, mich
+so zu verhöhnen, daß ihr mir Lampes Kopf zusandtet? Bellyn hat seine
+Strafe schon empfangen, und dir soll es nicht besser ergehen.«</p>
+
+<p>»Weh mir! in dieser großen Not!« rief Reineke aus. »O daß ich lieber
+schon tot wäre! Hört mich, gnädiger Herr, und findet Ihr mich
+schuldig, so laßt mich gleich töten! Der Verräter Bellyn hat mir einen
+furchtbaren Streich gespielt. Er hat den kostbarsten Schatz geraubt,
+der je auf Erden war. Ich vertraute ihm und Lampe die Kleinodien an,
+um sie meinem gnädigen König zu senden. Bellyn muß sie unterschlagen
+haben, und um nicht verraten zu werden, brachte er den armen Lampe ums
+Leben. O, könnte man nur erfahren, wo die Sachen geblieben sind!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_88">[S. 88]</span></p>
+
+<p>»Wenn diese Schätze nur über der Erde sind,« sagte die Äffin, »so
+wollen wir sie schon auskundschaften. Wir wollen ohne Ermüden danach
+suchen, bis wir sie gefunden haben. Sagt nur, wie waren sie beschaffen?«</p>
+
+<p>Reineke antwortete: »Sie waren so kostbar, daß ich fürchte, wir
+bekommen sie niemals wieder. Wer sie einmal hat, gibt sie gewiß nicht
+wieder heraus. O, wenn mein Weib das erfährt, so wird sie außer sich
+sein. Sie riet mir dringend ab, den beiden diese Schätze anzuvertrauen.
+Hätte ich nur auf sie gehört! Nun bin ich betrogen und verraten! Wer
+hätte aber auch dem Widder so etwas zugetraut! Doch ich will nicht
+ruhen und rasten und durch die ganze Welt reisen, ja selbst mein Leben
+daran wagen, die Kostbarkeiten wiederzufinden! Gnädiger König!« fuhr
+Reineke fort, »gestattet mir, zu erzählen, welcher Art die Schätze
+waren, die ich Euch zum Geschenk bestimmt hatte, die Ihr aber leider
+nicht bekommen habt.«</p>
+
+<p>»Sprich,« sagte der König, »aber fasse dich kurz.«</p>
+
+<p>Da begann Reineke: »Das erste Kleinod, das der Widder Bellyn von
+mir empfing, war ein Ring. Dieser Ring besaß seltsame, wunderliche
+Eigenschaften. Er war aus feinstem Gold gemacht, und an der Innenseite
+standen Buchstaben eingeätzt. Die Schrift war in hebräischer Sprache
+und wies drei Namen auf. In diesen Landen war niemand so gelehrt, daß
+er diese Schrift gründlich verstanden hätte, außer dem Meister Abryon
+in Trier. Er versteht alle Sprachen von Poitou bis Lüneburg. Auch kennt
+er alle Kräuter und Steine und ihre Eigenschaften.</p>
+
+<p>Ich zeigte ihm diesen Ring, und er sprach: ›In diesem Ring sind
+wunderbare Kräfte verborgen. Als Seth das Öl der Barmherzigkeit im
+Paradiese suchte, brachte er auch diesen Stein mit. Auch die Namen
+stammen aus dem Paradiese. Wer diesen Stein<span class="pagenum" id="Seite_89">[S. 89]</span> bei sich tragt, der bleibt
+von Donner und Blitz und allem Bösen unberührt.‹ Er sagte ferner: Wer
+diesen Ring trüge, der könnte selbst in der grimmigsten Kälte nicht
+erfrieren, und die größte Hitze könnte ihm nichts anhaben. Außen an
+dem Fingerreife war ein heller Karfunkel, der so leuchtete, daß man in
+finsterster Nacht alles sehen konnte. Und noch andere Tugenden besaß
+der Stein. Alle Krankheiten heilte er: wer ihn berührte, der wurde
+gesund. Nur gegen den Tod vermochte er nichts. Wer den Ring am Finger
+trage, der käme glücklich durch alle Lande; Wasser und Feuer könnten
+ihm nicht schaden, und er könnte weder verraten noch gefangen werden.
+Kein Feind könnte ihn besiegen. Ja er würde die Gegner überwinden, und
+wenn ihrer hundert an der Zahl wären. Ferner schützte er vor Gift und
+anderen bösen Säften. Kurz, ich kann es nicht aussprechen, wie gut
+und köstlich der Ring war. Ich hielt mich auch nicht für würdig, ihn
+an der Hand zu tragen. Deshalb sandte ich ihn dem Könige, denn er ist
+der Edelste und Herrlichste im Lande. All unser Glück hängt von seinem
+Wohlergehen ab. Darum sollte der Ring ihn vor Krankheit und Gefahr
+schützen.</p>
+
+<p>Ferner übergab ich dem Widder für die Königin einen Kamm und einen
+Spiegel, dergleichen in aller Welt nicht zu finden sein mag. Diesen
+Kamm und Spiegel nahm ich auch aus dem Schatze meines Vaters. O, wie
+oft habe ich dieser Sachen wegen mit meinem Weibe Streit und Zank
+gehabt! Denn sie begehrte sonst nichts auf der Welt als diese Kleinode.
+Ich aber hatte sie für meine gnädige Königin bestimmt, denn sie hat mir
+oft Gutes getan. Ja, vor allen meinen Wohltätern steht sie obenan. Sie
+hat oft ein gutes Wort für mich eingelegt. Sie ist von edlem Stamm,
+tapfer und tugendhaft, kurz sie allein verdiente, Kamm und Spiegel
+zu besitzen. Doch leider wird sie diese Schätze wohl nie zu sehen
+bekommen! Der Kamm war aus dem Knochen eines Panthers gemacht. Der
+Panther ist ein edles Tier, das zwischen Indien und<span class="pagenum" id="Seite_90">[S. 90]</span> dem Paradiese zu
+Hause ist. Sein Fell ist bunt und prächtig. Er verbreitet einen süßen
+Geruch, so daß alle Tiere, groß und klein, ihm nachfolgen, wohin er
+auch geht. Aus einem Knochen von diesem Tiere war der Kamm gefertigt;
+so klar wie Silber, rein und weiß und wohlriechend. Denn wenn das Tier
+stirbt, so geht sein Geruch in die Knochen über; sie verderben niemals
+und bleiben immer wohlriechend.</p>
+
+<p>In diesen Kamm waren köstliche Bildnisse hineingeschnitzt aus rotem und
+blauem Lasurstein, von Goldranken durchzogen.</p>
+
+<p>Da sah man die Geschichte des Paris: wie er einstmals nahe bei einem
+Brunnen lag und die drei Göttinnen Pallas, Juno und Venus kommen
+sah. Sie hatten einen goldenen Apfel und zankten sich darum, wer ihn
+besitzen sollte. Als sie Paris erblickten, beschlossen sie, sich seinem
+Urteil zu unterwerfen. Diejenige, die er für die Schönste erklärte,
+sollte den Apfel erhalten. Jede der Göttinnen versuchte nun, Paris
+zu ihren Gunsten zu stimmen. Juno sprach zu ihm: ›Gibst du mir den
+Apfel und preist mich für die Schönste, so mache ich dich so reich,
+wie noch nie ein Fürst vor dir war.‹ Pallas sagte: ›Wenn du mir den
+Apfel zusprichst, so sollst du groß und mächtig werden, daß Freund und
+Feind dich fürchten sollen.‹ Venus sprach: ›Was nützen ihm Reichtum
+und Macht? Ist nicht König Priamus sein Vater? Sind nicht alle seine
+Brüder reich und mächtig?. Alles, was ihr ihm geben wollt, hat er ja
+schon! Willst du mich aber als die Schönste preisen und mir den Apfel
+übergeben, so soll dir das Kostbarste auf Erden zuteil werden. Ich
+gebe dir das schönste Weib, das je auf Erden gelebt hat, Helena, die
+Königin der Griechen. Sie ist schön und edel, tugendhaft und weise!‹
+Da gab Paris der Venus den Apfel und pries sie als die Schönste der
+drei Göttinnen. Sie aber führte ihn nach Griechenland und half ihm, die
+schöne Königin zu gewinnen und nach Troja zu bringen. Diese Geschichte
+stand auf dem Kamm<span class="pagenum" id="Seite_91">[S. 91]</span> in erhabener Arbeit, so klar und deutlich, daß es
+jeder verstehen konnte.</p>
+
+<p>Nun höret noch, wie der Spiegel beschaffen war! An Stelle des Glases
+war ein schöner, klarer Beryll eingesetzt. Man sah darin alles, was
+eine Meile entfernt geschah, bei Tag oder bei Nacht. Hatte jemand in
+seinem Auge einen Flecken oder in seinem Antlitze einen Fehler und sah
+in diesen Spiegel, so verschwanden die Gebrechen im selben Augenblick.
+Ist es da ein Wunder, daß ich mich gräme, einen so köstlichen Schatz
+verloren zu haben? Das Holz, aus dem der Rahmen gefertigt war,
+hieß Sethym. Es glich dem Ebenholz, war fest und blank und konnte
+nie verfaulen oder von Würmern zerstochen werden. Es war kostbarer
+als Gold. Aus solchem Holze war zu König Krompardes Zeit das Pferd
+gearbeitet, auf dem er in einer Stunde hundert Meilen weit reiten
+konnte. Das Pferd hat nie seinesgleichen gehabt, aber leider ist meine
+Zeit zu kurz, um Euch diese Geschichte gründlich erzählen zu können.
+Der Rahmen des Spiegels war anderthalb Fuß breit. Viele Bilder waren in
+ihn hineingeschnitzt, deren Bedeutung in goldener Schrift darunterstand.</p>
+
+<p>Die erste Geschichte handelte von dem Pferde, das neidisch war, weil es
+nicht wie der Hirsch laufen konnte. Es ging daher zu einem Hirten und
+sprach: ›Glück auf! Setze dich auf meinen Rücken und folge meinem Rat.
+Dort im Walde hat sich ein Hirsch versteckt. Den sollst du fangen, und
+ich sage dir, deine Mühe wird sich reichlich belohnen. Sein Fleisch,
+sein Geweih und sein Fell werden dir großen Nutzen bringen. Setze
+dich also auf und laß uns jagen!‹ Der Hirt sagte, er wolle es wagen,
+sprang auf den Rücken des Pferdes, und fort ging es in den Wald hinein.
+Bald kamen sie auf die Spur des Hirsches und jagten ihm, so eilig
+sie konnten, nach. Der Hirsch hatte aber einen großen Vorsprung, und
+es gelang ihnen nicht, ihn einzuholen. Da sprach das Pferd zum Mann:
+›Sitze<span class="pagenum" id="Seite_92">[S. 92]</span> ein wenig ab und laß mich etwas ruhen, denn ich bin sehr müde.‹
+›Nein,‹ erwiderte der Mann, ›wahrlich nicht! Wir reiten weiter. Und
+wenn du mir nicht gehorchst, sollst du meine Sporen fühlen.‹ Seht, so
+wurde das Pferd ein Sklave des Menschen. Es wurde hart gestraft für
+seine Absicht, dem Hirsch Tod und Verderben zu bringen. So geht es
+manchem, der einem anderen Schaden zufügen will!</p>
+
+<p>Ferner stand auf dem Rahmen die Geschichte von dem Hund und dem Esel.
+Beide gehörten einem reichen Manne. Der Hund aber stand bei dem Herrn
+in größerer Gunst als der Esel. Er saß an seines Herrn Tisch und
+bekam die besten Bissen zu essen. Er wurde auf den Schoß genommen und
+geliebkost. Dafür hatte er nichts weiter zu tun, als mit dem Schwanz zu
+wedeln und zu schmeicheln. Das sah der Esel Boldewein und grämte sich
+darüber. Er sprach zu sich selbst: ›Wie ist es nur möglich, daß mein
+Herr so freundlich zu diesem faulen Hund ist, der nichts weiter tut
+als lecken und schmeicheln? Ich aber muß die ganze Arbeit verrichten.
+Ich muß schwere Säcke tragen und in vier Wochen mehr tun als fünf, ja
+selbst zehn Hunde in einem ganzen Jahr ausrichten könnten. Er bekommt
+feine Speisen zu essen, mir aber gibt man nichts als Heu. Er schläft
+auf weichen Kissen, ich muß auf der harten Erde liegen. Ja, überall
+spottet man über mich. Ich will das aber nicht länger ertragen, sondern
+auch versuchen, die Huld meines Herrn zu erwerben.‹ Da kam der Herr
+gerade nach Haus. Der Esel lief ihm entgegen, wedelte mit dem Schwanz
+und schrie: Y—a — Y—a. Er stellte sich auf die Hinterfüße und leckte
+seinem Herrn das Gesicht, wie er's vom Hunde gesehen. Dabei war er
+aber ungeschickt und stieß dem Herrn zwei große Beulen. Da rief dieser
+in großer Angst: ›Ergreift den Esel und schlagt ihn tot!‹ Die Knechte
+prügelten alle auf ihn los und trieben ihn wieder in den Stall. So
+blieb er, was er war — ein Esel.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_93">[S. 93]</span></p>
+
+<p>So gibt es manchen dummen Esel, der anderen ihr Glück mißgönnt und
+es doch selbst nicht erringen kann. Ja, gelingt es einem auch, so
+eignet er sich nicht besser dazu als ein Schwein, das mit Löffeln ißt.
+Man lasse die Esel Säcke tragen und Disteln und Heu fressen. Tut man
+ihnen größere Ehre an, so bleibt es bei der alten Lehre: Wo Esel die
+Herrschaft haben, da sieht man selten großes Gedeihen. Meist suchen sie
+ihren eigenen Vorteil und fragen wenig nach anderer Leute Wohlfahrt.
+Dabei ist das Traurige, daß die Esel täglich an Macht höher steigen.</p>
+
+<p>Ferner war auf dem Rahmen zu sehen, wie mein Vater einstmals mit dem
+Kater Hinze Freundschaft schloß. Sie schwuren einander, alle Beute
+redlich zu teilen und sich in Gefahr treu beizustehen. So machten sie
+viele Reisen zusammen. Einstmals sahen sie einen Jäger und Hunde auf
+sich zukommen. Da rief Hinze in großer Angst: ›Jetzt ist guter Rat
+teuer!‹ Mein Vater aber sagte: ›An gutem Rat fehlt es uns nicht, ich
+habe noch einen ganzen Sack voll davon! Wir wollen aber unseren Schwur
+halten und treu beieinander bleiben, dann wird noch alles gut werden.‹
+Hinze versetzte: ›Hier gibt es nur einen guten Rat, den will ich mir
+zunutze machen.‹ Und damit sprang er auf einen Baum, wo ihn die Hunde
+nicht erreichen konnten. Meinen armen Vater ließ er in größter Gefahr
+allein. Spottend rief Hinze noch vom Baum herab: ›Wie steht es denn
+nun mit Eurem Rat? Ihr hattet doch eben noch einen ganzen Sack voll!
+Nehmt doch davon!‹ Da kamen auch schon Jäger und Hunde ganz nahe heran.
+Mein armer Vater wurde durch dick und dünn gehetzt, bis er endlich, zum
+Tode ermattet, seine Burg erreichte. Dort war er vor den Verfolgern
+sicher. So verriet ihn der, dem er am meisten vertraute. Es müßte also
+ein Wunder sein, wenn ich dem bösen Schelm, dem Hinze, gut wäre. Solche
+falschen Freunde gibt es häufig in der Welt, die uns im Glück anhangen
+und in der Not verlassen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_94">[S. 94]</span></p>
+
+<p>Dann stand auf dem Spiegel die Fabel von dem Wolf, der für empfangene
+Wohltat nicht dankte. Der Wolf lief einstmals übers Feld und fand ein
+totes Pferd, dem das Fleisch schon von den Knochen abgezehrt war. Der
+Wolf war aber sehr hungrig und fiel über die abgenagten Überreste her.
+Da blieb ihm ein spitzer Knochen im Halse stecken, den er nicht wieder
+herausbringen konnte. Er war in großer Gefahr und glaubte sterben zu
+müssen. Zu den berühmtesten Ärzten schickte er und bot demjenigen
+großen Lohn, der ihn aus seiner Not befreien würde. Aber vergebens,
+keiner konnte ihm helfen. Da kam auch Lütke, der Kranich, herbei.
+Er trug ein rotes Barett auf dem Kopfe, weswegen der Wolf ihn Herr
+Doktor nannte. ›Hilf mir geschwind,‹ sagte Isegrim zu ihm, ›und zieh'
+mir den Knochen aus dem Hals, dann will ich dich reich belohnen.‹ Der
+Kranich glaubte den schönen Worten und steckte Schnabel und Kopf dem
+Wolf in den Rachen und zog den Knochen heraus. Da schrie der Wolf:
+›Weh mir! weh mir! Was machst du mir für Schmerzen! Doch ich will es
+dir verzeihen! Hätte mir das ein anderer getan, niemals hätte ich es
+erduldet!‹</p>
+
+<p>›Seid zufrieden!‹ sagte der Kranich, ›Ihr seid nun geheilt. Darum gebt
+mir meinen Lohn!‹</p>
+
+<p>Da sprach der Wolf: ›Höre mir nur einer diesen Narren! Er tut mir
+weh und begehrt noch Lohn dazu! Habe ich nicht genug des Guten an
+ihm getan? Er steckt seinen Kopf in meinen Rachen, und ich lasse ihn
+denselben wohlbehalten herausziehen! Hätte hier jemand ein Recht auf
+Lohn, so wäre ich es doch, denke ich!‹</p>
+
+<p>So belohnen Schurken ihre Wohltäter!</p>
+
+<p>Seht, solche Geschichten und noch andere waren in den Spiegel
+geschnitzt und mit goldener Schrift erklärt. Ich hielt mich für
+unwürdig und zu geringe, so köstliche Dinge zu besitzen. Darum sandte
+ich sie der Königin und dem Könige, meinem Herrn. Meine beiden Kinder
+waren sehr betrübt darüber; sie guckten gern in den<span class="pagenum" id="Seite_95">[S. 95]</span> Spiegel hinein,
+tanzten und sprangen davor und sahen, wie ihnen ihr Mäulchen stand, und
+wie ihnen die Schwänzchen hingen.</p>
+
+<p>Diese Kleinodien nun vertraute ich Bellyn und Lampe auf Treu und
+Glauben an. Ich zweifelte nicht an ihrer Redlichkeit, sie waren meine
+besten Freunde. Wie hätte ich ahnen können, daß Lampe dem nahen Tod
+entgegenging! Jetzt rufe ich wehe! über den Mörder. Aber ein Mord
+bleibt nicht lange verborgen. Die Wahrheit muß an das Tageslicht
+kommen. Ich will nicht eher ruhen, bis ich erfahren habe, wer die
+Kleinode gestohlen hat. Vielleicht ist sogar jemand unter den
+Versammelten, der weiß, wo die Schätze geblieben sind, und wie Lampe
+ums Leben kam.«</p>
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_96">[S. 96]</span></p>
+
+<h2 class="s4">14. Kapitel.<br>
+<span class="s3">Neue Lügen Reinekes und seine Freisprechung.</span></h2>
+</div>
+
+
+<p>Da alles im Saal ruhig blieb und sich keiner zum Wort meldete, fuhr
+Reineke fort: »Seht, gnädigster Herr und König! Es kommen so viele
+Sachen vor Euch, daß Ihr unmöglich alles im Gedächtnis behalten könnt.
+Oder erinnert Ihr Euch vielleicht noch des großen Dienstes, den mein
+Vater dem Euren erwies? Euer Vater lag im Sterben, und mein Vater
+rettete ihm das Leben. Ich glaube zwar, Ihr könnt Euch dessen nicht
+entsinnen, denn Ihr wart damals erst 3 Jahre alt.</p>
+
+<p>Es war ein sehr kalter Winter. Euer Vater lag schwerkrank danieder.
+Er litt große Schmerzen und konnte sich nicht bewegen. Man mußte ihn
+heben und tragen. Er ließ von weit und breit alle Ärzte rufen; doch
+keiner konnte ihm helfen, alle erklärten, er sei dem Tode verfallen.
+Endlich schickte man zu meinem Vater. Der war damals sehr angesehen bei
+Hofe, denn er verstand die Kunst der Arzneimittel, konnte Zähne ziehen,
+Brechmittel geben und hatte schon manchem in der Not geholfen. Als er
+nun zu Eurem Vater kam und ihn so krank und schwach liegen sah, ging
+es ihm sehr zu Herzen, und er rief: ›O, mein König, gnädigster Herr!
+Könnte ich doch mein Leben hingeben, um Euch zu helfen! Ich täte es
+mit Freude und Stolz! Aber es gibt nur ein Mittel, um Euch zu retten.
+Ihr müßt die Leber eines siebenjährigen Wolfes essen. Dann werdet Ihr
+genesen.<span class="pagenum" id="Seite_97">[S. 97]</span> Aber Eile ist vonnöten, sonst stehe ich für nichts!‹ Der
+Wolf, der zugegen war, hörte diese Worte mit Schrecken. Der König
+sprach zu ihm: ›Hört Ihr es, Herr Wolf? Ich brauche Eure Leber, um
+gesund zu werden!‹ Der Wolf antwortete bebend: ›Herr, fürwahr, was
+nützt Euch meine Leber? Ich bin noch nicht fünf Jahr alt.‹ Da sagte
+mein Vater: ›Ich werde es der Leber schon ansehen, ob sie sich für den
+König eignet.‹ Darauf führte man den Wolf in die Küche und riß ihm die
+Leber heraus. Der König aß sie und wurde gesund.</p>
+
+<p>O, wie dankbar war er meinem Vater! Er schenkte ihm eine goldene Spange
+und ein rotes Barett. Das mußte mein Vater immer tragen, und alle Leute
+redeten ihn ›Herr Doktor‹ an. Der König schätzte ihn hoch und ehrte
+ihn sein Leben lang; er mußte stets zur Rechten des Königs gehen. Wie
+hat das Blatt sich jetzt gewendet! Mein Vater ist vergessen, und die
+eigennützigen Schelmen werden erhöht. Man trachtet nur nach Vorteil und
+Gewinn, aber rechte Weisheit wird nicht geschätzt. Leute aus niedrigem
+Stand spielen sich als große Herren auf und drücken die Armen. Sie
+vergessen ihre Herkunft und sind taub für alle Bitten, wenn nicht
+gleich eine Gabe dabei ist. Ihre Meinung ist: Bringt nur her, dies
+zuerst und hernach noch mehr! Solcher gierigen Wölfe gibt es viele. Die
+besten Bissen nehmen sie für sich. Und könnten sie auch ihres Herrn
+Leben mit einer Kleinigkeit retten, so täten sie es doch nicht. Jener
+Wolf wollte auch nicht seine Leber für seinen König hingeben. Und
+gleichwohl sähe ich es lieber, daß zwanzig Wölfe ihr Leben einbüßten,
+als daß der König oder die Königin von uns genommen würde!</p>
+
+<p>Dies alles, Herr König, geschah in Eurer frühsten Kindheit, und ich
+weiß wohl, daß Ihr Euch dessen nicht mehr erinnern könnt. Mir aber
+hat es sich so eingeprägt, als wäre es erst gestern geschehen.<span class="pagenum" id="Seite_98">[S. 98]</span> Diese
+Geschichte nun war auch auf dem Spiegel angebracht mit Gold und
+Edelsteinen, wie es mein Vater haben wollte. Könnte ich nur diesen
+Spiegel wieder ausfindig machen, so wollte ich mein Leben und Vermögen
+daransetzen.«</p>
+
+<p>»Reineke,« sprach der König, »Eure Worte habe ich wohl gehört und
+verstanden. War aber Euer Vater so tugendhaft und stand hier so hoch in
+Ehren, so muß das schon sehr lange her sein. Ich erinnere mich dessen
+nicht; auch hat mir's niemand berichtet. Von Euren schlimmen Ränken
+aber weiß ich viel. Jeder weiß davon zu erzählen. Tut man Euch damit
+unrecht? Das werdet Ihr schwerlich beweisen können! Wenn mir doch auch
+mal etwas Gutes von Euch berichtet würde! Aber nein, das geschieht
+niemals!«</p>
+
+<p>»Gnädigster Herr!« erwiderte Reineke. »Gestattet, daß ich hierauf
+antworte. Ihr selbst wißt ja Gutes von mir. Nicht als ob ich mich
+dessen rühmen wollte; denn ich bin jederzeit verpflichtet, alles
+für Euch zu tun, was in meinen Kräften steht. Denkt Ihr nicht mehr
+daran, wie einst Isegrim und ich ein Schwein gefangen hatten? Da es
+fürchterlich schrie, bissen wir es gleich tot! Da kamt Ihr, Herr König,
+und die Königin herzu. Ihr wart müde und hungrig und batet uns, die
+Beute mit Euch zu teilen. ›Ja,‹ sprach Isegrim brummig, denn er tat es
+höchst ungern. Ich aber sagte: ›Herr, es soll Euch von Herzen gegönnt
+sein! Ja, hätten wir noch der Schweine viel mehr, sie ständen Euch
+zu Diensten! Befehlt, wer es teilen soll!‹ ›Das soll der Wolf tun!‹
+spracht Ihr. Da freute sich Isegrim. Er teilte in seiner gewohnten
+Weise, ohne jede Gerechtigkeit, nur zu seinem eigenen Vorteil. Ein
+Viertel gab er Euch, ein Viertel Eurer Frau, die andere Hälfte nahm er
+für sich selbst. Er aß über die Maßen gierig. Nur die Ohren und die
+Schnauze und die halbe Lunge gab er mir. Alles andere behielt er für
+sich, wie Ihr selbst saht. So zeigte er seinen Edelmut. Als<span class="pagenum" id="Seite_99">[S. 99]</span> Ihr aber
+Euren Teil aufgegessen hattet, wart Ihr noch nicht satt. Das merkte ich
+wohl. Auch der Wolf sah es, tat aber, als merkte er nichts, und fraß
+ruhig weiter, ohne Euch etwas anzubieten. Da bekam er von Euch einen
+Schlag hinter die Ohren, daß er furchtbar heulend und mit blutiger
+Platte davonlief. ›Teile ein andermal besser,‹ rieft Ihr ihm nach,
+›sonst will ich's dir beibringen! Eile jetzt und schaffe uns was zu
+essen!‹ Da sprach ich: ›Herr, gebietet Ihr, so gehe ich mit ihm. Ich
+weiß etwas Gutes aufzufinden.‹</p>
+
+<p>Das war Euch recht, und so ging ich mit dem Wolfe. Seufzend und
+blutend trollte er neben mir her. Bald glückte es uns, ein fettes Kalb
+zu erlegen. Das gefiel Euch wohl; Ihr freutet Euch sehr, als wir es
+brachten, Ihr lobtet mich auch und sagtet, ich wäre gut, in der Zeit
+der Not ausgesendet zu werden. Darauf befahlt Ihr mir, das Kalb zu
+teilen. Ich sagte zu Euch: ›Herr, die eine Hälfte gehört Euch, die
+andere der Königin. Was darinnen ist, Herz, Leber und Lunge, gehört
+Euren Kindern. Mir gehören die Füße, und der Wolf soll das Beste haben
+— den Kopf.‹ Als Ihr das hörtet, spracht Ihr: ›Reineke, wer hat Euch
+so hübsch teilen gelehrt?‹ Ich versetzte: ›Herr, jener mit dem blutigen
+Kopf hat's mich gelehrt! Denn heute, als Isegrim das Schwein teilte,
+paßte ich gut auf und lernte, wie man Schweine und Kälber teilen muß.‹</p>
+
+<p>Seht nun, Herr König, so habe ich Euch stets die Euch gebührende Ehre
+bewiesen. Alles was ich besitze und erwerbe, gehört Euch und der
+Königin. Wenn Ihr nur an die Teilung des Schweines oder des Kalbes
+denkt, so werdet Ihr erkennen, bei wem die rechte Treue ist, bei
+Reineke oder bei Isegrim? Nun steht aber der Wolf hoch in Ehren und ist
+Euer erster Minister. Euren Vorteil sucht er nicht; er ist stets nur
+auf seinen eigenen bedacht. Er und Braun führen das große Wort, aber
+Reinekes Sache wird nicht gehört.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_100">[S. 100]</span></p>
+
+<p>Es ist wahr, Herr, daß ich schwer verklagt bin. Doch will ich nicht
+eher weichen, bis mir mein Recht geworden ist. Ist hier bei Hofe
+jemand, der mir Böses nachweisen kann, so trete er mit seinen Zeugen
+hervor. Er setze da sein Vermögen, ein Ohr oder sogar sein Leben ein
+zum Pfand für die Wahrheit seiner Behauptungen. Solch Recht hat hier
+jederzeit gegolten — ich nehme es auch für mich in Anspruch.«</p>
+
+<p>Dem König gefiel diese mutige Rede, und er erwiderte: »Es sei, wie
+es sei, Recht muß Recht bleiben. So sollst du auch, Reineke, mit
+Gerechtigkeit gerichtet werden. Man hat dich schwer angeklagt und dir
+Lampes Tod zur Last gelegt. O wie ungern habe ich ihn verloren. Denn
+ich hatte ihn sehr lieb. Und als mir Bellyn sein Haupt brachte, war
+ich im tiefsten Herzen betrübt. Dennoch ist es möglich, daß der Widder
+die Schandtat allein verübt hat. Ist aber sonst noch jemand, der über
+Reineke klagen will, so trete er vor. Was mich selbst betrifft, so will
+ich ihm vergeben, denn Reineke hat mir stets in Treue und Ergebenheit
+gedient. Hätte aber jemand glaubwürdige Zeugen, so bringe er sie her,
+und das Recht soll walten!«</p>
+
+<p>Reineke versetzte: »Gnädiger Herr, ich danke Euch sehr für Eure große
+Gnade und Gerechtigkeit. Ich schwöre es bei meinem Eide: als Lampe und
+Bellyn von mir schieden, tat mir das Herz recht weh; denn ich hatte
+diese beiden sehr lieb. Wie konnte ich aber ahnen, daß Lampe der Tod so
+nahe bevorstand!«</p>
+
+<p>So verstand es Reineke, den König und alle Anwesenden zu täuschen.
+Er sprach so sicher und sah so ernst dabei aus, daß niemand an der
+Wahrheit seiner Worte zweifeln konnte. Er hatte die Schätze so genau
+beschrieben, daß man unmöglich annehmen konnte, die ganze Geschichte
+sei nur erfunden. In dem König hatte er solche Begier nach den
+Kostbarkeiten erweckt, daß dieser nur danach trachtete, sie wieder
+aufzufinden. Darum sprach er zu dem<span class="pagenum" id="Seite_101">[S. 101]</span> Fuchs: »Seid ohne Sorgen,
+Reineke! Ihr sollt frei reisen und versuchen, die Kostbarkeiten wieder
+aufzufinden. Meine Hilfe soll Euch dabei zu Diensten stehen.«</p>
+
+<p>»Gnädiger Herr,« versetzte Reineke, »ich danke Eurer Majestät sehr für
+die trostreichen und ermutigenden Worte. Euch kommt es zu, Raub und
+Mord zu strafen, die leider der Schätze wegen begangen worden sind.
+Ich will allen Fleiß anwenden und Tag und Nacht reisen. Erfahre ich es
+dann, wo die Schätze geblieben sind, und reicht meine Kraft nicht aus,
+sie Euch zurückzugewinnen, so werde ich Euer Gnaden um Hilfe anrufen.
+Gelingt es dann, Euch die Kleinodien zu überliefern, so wäre meine Mühe
+reichlich belohnt.«</p>
+
+<p>Mit Wohlgefallen hörte der König diese Worte. Er glaubte alles, was
+Reineke sagte, obwohl ihn dieser so furchtbar betrogen und belogen
+hatte. Aber auch alle anderen hatte der Schelm betört, und sie fanden
+es ganz richtig, daß dem braven Reineke wieder die volle Freiheit
+gewährt wurde. Nun konnte er tun und lassen, was er wollte, denn er
+stand wieder in der Gunst seines Herrn.</p>
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_102">[S. 102]</span></p>
+
+<h2 class="s4">15. Kapitel.<br>
+<span class="s3">Neue Anklagen Isegrims und Reinekes Verteidigung.</span></h2>
+</div>
+
+
+<p>Einer aber war in der Versammlung, dem die Freisprechung Reinekes
+durchaus nicht gefiel. Aufgeregt und zornig trat Isegrim vor den König
+und sagte: »Herr König, gnädiger Herr! Glaubt Ihr Reineke jetzt aufs
+neue, der Euch so viel vorgelogen hat? Wie könnt Ihr dem losen Schalk
+nur trauen? Er betrügt sicherlich uns alle, denn er lügt immer und
+sagt niemals die Wahrheit. Aber ich lasse ihn so noch nicht ziehen.
+Ihr sollt es noch hören und erkennen, daß er ein falscher Bube ist.
+Ich weiß noch drei schlimme Geschichten von ihm. Die will ich hier
+öffentlich bekannt machen und meine Aussage mit Leben und Ehre
+verfechten! Zeugen habe ich zwar nicht. Aber ist es denn möglich, für
+alles Zeugen zu finden? Es wagt ja auch niemand gegen ihn zu zeugen,
+denn er behält ja immer recht. Außerdem ist er niemandes Freund und
+weder Euch noch Eurem Hause zugetan. Ich will ihn aber heute nicht von
+hinnen lassen, ehe er mir nicht Rede gestanden hat. Gnädigster Herr,
+Reineke hat stets meinem ganzen Geschlechte zu schaden getrachtet. Was
+hat er nicht mir und meinem Weibe für Schimpf angetan?</p>
+
+<p>Einstmals führte er sie an einen Teich und befahl ihr, in den Schlamm
+zu treten. Er sagte, er wolle sie lehren, Fische zu fangen. Sie solle
+nur den Schwanz ins Wasser hängen, da würden so viele<span class="pagenum" id="Seite_103">[S. 103]</span> Fische anbeißen,
+daß sie gar nicht alle essen könnte. Sie watete also hinein und schwamm
+so lange, bis er ihr zurief, an der Stelle zu bleiben und den Schwanz
+ins Wasser zu hängen. Der Winter war kalt, und es fror sehr scharf.
+Endlich konnte es mein Weib nicht mehr aushalten, denn der Schwanz
+war fest eingefroren. Da er aber so schwer war, glaubte sie, es wären
+lauter Fische daran. Sie zog und zog, konnte aber den Schwanz nicht
+herausbekommen. Reineke aber freute sich seines schändlichen Streiches.
+Er stand am Ufer und verspottete sie. Da kam ich von ungefähr des
+Weges. Wie erschrak ich, als ich mein Weib laut jammern und um Hilfe
+rufen hörte! ›Reineke, was hast du getan?‹ rief ich. Aber kaum wurde
+er mich gewahr, so lief er spornstreichs davon. Traurig ging ich
+näher heran. Durch tiefen Morast mußte ich waten, durch kaltes Wasser
+schwimmen, bis ich zu ihr gelangte. Nun bemühte ich mich, das Eis zu
+brechen. Sie riß und zerrte, und endlich war sie frei. Aber ein Stück
+des Schwanzes war im Eise geblieben. Ihr lautes Schmerzensgeschrei
+war von den Bauern des Dorfes gehört worden. Sie wurden uns im Teiche
+gewahr und kamen herbei mit Knütteln, Äxten und Prügeln. Auch Weiber
+mit Spinnrocken liefen herzu. Alle riefen durcheinander: ›Fangt ihn,
+schlagt ihn, tötet ihn!‹ Nie war es mir banger zumute. Wir liefen
+beide, daß uns der Schweiß ausbrach. Da war ein böser Bube, der mit
+einer langen Pike nach uns stach. Dieser tat uns den meisten Schaden.
+Denn er war stark und leichtfüßig. Zum Glück war es Abend, und die
+Nacht brach herein; sonst wären wir nicht mit dem Leben davongekommen.
+Seht, Herr König, das war ein schändlicher Verrat, den Ihr sicher ohne
+alle Gnade strafen werdet.«</p>
+
+<p>Auf diese Klage Isegrims sagte der König: »Um gerecht zu urteilen, will
+ich erst hören, was der Verklagte zu sagen hat. Reineke, tretet vor!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_104">[S. 104]</span></p>
+
+<p>»Wäre alles wahr, was Isegrim gesagt hat,« versetzte der Fuchs, »so
+würde es mir nicht zur Ehre gereichen. Verhüte Gott, daß man es für
+Wahrheit halte. Richtig ist, daß ich der Wölfin einmal zeigte, wie man
+Fische fangen sollte. Aber sie war so begierig danach, daß sie auf
+nichts weiter hörte. Das Schlimme war, daß sie den Schwanz zu lange im
+Wasser ließ. Darum fror er fest. Hätte sie ihn schneller herausgezogen,
+so würde sie genug Fische gehabt haben. Allein sie wollte sich nicht
+genügen lassen. Allzuviel begehren ist niemals gut. Einen Habgierigen
+kann niemand sättigen. So erging es auch Frau Gieremund, als sie im
+Eise festgefroren saß. Das ist jetzt der Dank dafür, daß ich ihr nach
+Kräften half, sie herauszuheben. Allein es war umsonst, sie war mir
+zu schwer. Da kam Isegrim dazu. Er stand am Ufer und schimpfte und
+fluchte, denn er meinte, ich sei an dem Mißgeschick seiner Frau schuld.
+Als ich seinen Zorn sah, machte ich, daß ich davonkam. Das war gewiß
+auch das Klügste, was ich tun konnte, denn er war sehr aufgebracht und
+drohte, es mir heimzahlen zu wollen. Sehet, Herr König, er klagt, daß
+ihn die Bauern verfolgt haben. Oh, das tat beiden sehr gut. Es erwärmte
+ihnen das Blut, nachdem sie im Wasser so sehr gefroren hatten. Was soll
+man also weiter darauf hören? Hier steht ja Frau Gieremund. Man mag sie
+befragen. Ich aber bitte mir eine Woche Frist aus, daß ich mich mit
+meinen Freunden besprechen und mich mit ihnen beraten kann, wie ich die
+Klage des Wolfes beantworten soll.«</p>
+
+<p>Da sprach Frau Gieremund: »Seht, Reineke, all Euer Wesen ist
+Schalkheit, List und Spitzbüberei, Lug, Trug und Verrat. Ja, wer
+Euren Worten traut, wird gewiß zuletzt hintergangen. Eure Worte sind
+leichtfertig und betrügerisch, wie ich es bei dem Brunnen wohl erfahren
+habe. Es hingen zwei Eimer daran. Ihr waret in den einen gestiegen
+und damit niedergesunken, daß Ihr nicht wieder in die Höhe konntet.
+Ich hörte Euch stöhnen und rief<span class="pagenum" id="Seite_105">[S. 105]</span> Euch zu: ›Wie seid Ihr denn da
+hineingeraten?‹ Da sagtet Ihr zu mir: ›Steigt nur in den anderen Eimer
+und kommt zu mir herab, so könnt Ihr Fische in Menge haben. Ich habe
+schon so viele gegessen, daß mir der Leib davon weh tut.‹ Ich dummes
+Weib glaubte das auch. Ich stieg in den Eimer und sank herab. Aber da
+stieg der andere Eimer, in dem Ihr saßet, in die Höhe. Darüber war ich
+sehr verwundert und fragte Euch, wie das zugehe? Darauf antwortetet
+Ihr: ›Das ist nun so der Lauf der Welt! Der eine steigt, der andre
+fällt! So geht es auch uns beiden. Der eine wird erniedrigt, der andere
+erhöht, nach den Tugenden, die ein jeder hat!‹</p>
+
+<p>Darauf sprangt Ihr aus dem Eimer und lieft davon. Ich mußte aber
+den ganzen Tag da sitzen und war hungrig und sehr betrübt. Da kamen
+zwei Bauern an den Brunnen, und wie sie mich sahen, riefen sie: ›Ha,
+da sitzt der Räuber, der uns unsere Lämmer würgt! Und sie zogen
+mich heraus und prügelten auf mich los, daß ich knapp mit dem Leben
+davonkam. Einen schlimmeren Tag habe ich nie erlebt!«</p>
+
+<p>»Das war zu Eurem Besten!« sprach Reineke, »daß Ihr so geschlagen
+wurdet. Und mir war es auch sehr angenehm. Ich hätte die Schläge nicht
+so gut vertragen können. Und einer von uns beiden mußte daran glauben.
+Ihr habt aber auch eine weise Lehre dabei erhalten: daß Ihr ein
+andermal besser auf Eurer Hut sein sollt und niemand zu viel Glauben
+schenken dürft. Denn die Welt ist voller Bosheit!«</p>
+
+<p>»Das ist wahr,« sprach Isegrim, »ich habe es besonders an Reineke
+erfahren. Wie oft hat er mich hintergangen! Ich habe noch lange nicht
+alles erzählt. Einst kamen wir an einen Berg im Sachsenlande, wo ein
+Geschlecht von Affen hauste. Er hieß mich in ihre Höhle kriechen und
+wußte recht gut, daß es mir übel darin<span class="pagenum" id="Seite_106">[S. 106]</span> ergehen würde. Wäre es mir
+nicht gelungen, den Ausgang zu erreichen, so hätte es mir gewiß ein Ohr
+gekostet. Den meisten Schaden tat mir die Äffin, seine Muhme. Ihm aber
+war es zuwider, daß ich mit dem Leben davonkam. Ich glaubte, ich sei in
+der Hölle gewesen!«</p>
+
+<p>Da wendete sich Reineke an alle Herren, die mit ihm bei Hofe waren, und
+sprach: »Isegrim ist nicht recht bei Sinnen, was er jetzt von der Äffin
+spricht. Und seine Worte sind nicht zu verstehen. Es ist wohl zwei und
+ein halbes Jahr her, daß ich mit ihm ins Sachsenland reiste. Es ist
+aber alles gelogen, was er sagt. Denn es war ein Meerkatzen-Geschlecht.
+Und auch das ist eine Unwahrheit, daß Meerkatzen meine Muhmen sind.
+Frau Rückenau und Martin, der Affe, das sind meine Verwandten. Er ist
+Notar und versteht das Recht. Was aber Isegrim von den Meerkatzen
+erzählt, das sagte er bloß mir zum Spott. Denn ich habe nichts mit
+ihnen zu tun. Sie sind niemals meine Freunde gewesen und sehen aus wie
+die Teufel in der Hölle. Daß ich aber die Meerkatze meine Muhme hieß,
+das tat ich nur aus Klugheit, um mir eine gute Aufnahme zu verschaffen.</p>
+
+<p>Die Sache verhielt sich nämlich so: Wir gingen einstmals um einen
+hohen Berg herum und kamen an eine tiefe, dunkle Höhle. Isegrim war
+vor Hunger ganz matt. Ich habe ihn übrigens nie so satt gesehen, daß
+er nicht gern noch mehr gehabt hätte. Ich sagte zu ihm: ›In der Höhle
+dort ist gewiß Speise genug vorhanden, und wer da wohnt, gibt einem
+wohl davon ab.‹ Da versetzte Isegrim: ›Oheim Reineke, ich will hier
+unter dem Baum warten. Geht hinein und fragt danach! Ihr eignet Euch
+besser dazu als ich.‹ Und so wollte er mich in die Falle bringen. Wenn
+ich aber etwas zu essen fände, so sollte ich es ihn wissen lassen. Ich
+ging in die Höhle hinein, einen langen, dunklen Gang hindurch, in dem
+mir angst und bange wurde. Solche Angst möchte ich um alles<span class="pagenum" id="Seite_107">[S. 107]</span> Gold in
+der Welt nicht noch einmal ausstehen. Denn es waren da viele häßliche
+Tiere, große und kleine. Das schlimmste aber war die alte Meerkatze.
+Als ich sie erblickte, glaubte ich den Teufel selbst zu sehen. Sie
+lag in der Ecke zusammengekauert. In ihrem großen, weit aufgesperrten
+Maul standen lange Zähne. An Händen und Füßen hatte sie furchtbare
+Krallen. Ihr Rücken endete in einem langen Schwanz. Nie habe ich ein
+häßlicheres Tier gesehen! Die Jungen waren kohlschwarz und sahen wie
+die leibhaftigen Teufel aus. Sie lagen in verfaultem Heu, bis an die
+Ohren mit Schmutz bedeckt, und ein Geruch war in der Höhle, daß mir
+übel davon wurde. Sie sahen mich sehr grimmig an, und ich dachte:
+Ach, wäre ich nur glücklich wieder hier heraus! Die Alte war größer
+als Isegrim und ihre Kinder fast ebenso groß. In dieser gefährlichen
+Gesellschaft schien es mir nicht ratsam, die Wahrheit zu sagen. Denn
+ihrer waren viele, und ich war allein, und alle sahen sehr böse aus.
+Da fand ich einen Ausweg. Ich grüßte sie höflich und tat, als ob ich
+sie kennte. Ich nannte die Meerkatze Muhme und die Kinder meine Neffen.
+Ich sagte: ›Gott erhalte Euch lange gesund! Diese sind Eure Kinder, das
+sehe ich wohl an der Ähnlichkeit. Sie gefallen mir über die Maßen gut.
+Wie schön, wie lustig sie sind! Ein jeder davon könnte eines Königs
+Sohn sein!‹</p>
+
+<p>Als ich sie nun so ehrerbietig begrüßte, wie ich es doch gar nicht
+meinte, tat sie auch, als ob sie mich kennte. Sie war sehr vergnügt
+und nannte mich Oheim, obgleich wir gar nicht verwandt sind. Und was
+schadete es, daß ich sie Muhme nannte, wenn mir auch der Angstschweiß
+dabei ausbrach?</p>
+
+<p>›Freund Reineke,‹ sprach sie zu mir, ›seid uns willkommen! Es ist mir
+eine rechte Freude, daß Ihr mich besucht! Ihr seid ein kluger Mann und
+könnt Eure kleinen Verwandten lehren, wie sie zu Ehre und Ruhm in der
+Welt kommen könnten.‹</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_108">[S. 108]</span></p>
+
+<p>Seht, solch freundlichen Empfang hatte ich mir bloß dadurch verdient,
+daß ich sie Muhme nannte und ihre Kinder lobte! Ich wäre gern so
+schnell wie möglich fortgegangen, allein sie sagte: ›Oheim, ich lasse
+Euch nicht fort, ehe Ihr eine gute Mahlzeit bei mir gegessen habt.‹
+Darauf brachte sie voll Eifer so viel Speisen herbei, daß ich sie
+nicht alle aufzählen kann, Hirsche, Rehe und anderes Wildbret. Ich war
+verwundert, wie sie zu all dem gekommen war. Ich nahm davon, was mir
+gefiel, und aß mich recht satt. Als ich fertig war, gab sie mir noch
+ein Stück von einem Hirsch für mein Weib und meine Kinder mit. Darauf
+nahm ich Abschied von ihr, und sie sprach: ›Reineke, kommt oft wieder
+her!‹ Ich versprach es und machte, daß ich hinauskam. Denn hätte ich
+noch länger in dem Gestank aushalten müssen, ich hätte den Tod davon
+gehabt.</p>
+
+<p>Draußen fand ich Isegrim stöhnend und matt unter dem Baume liegend.
+›Wie geht es Euch, Oheim?‹ fragte ich ihn. ›Nicht gut,‹ erwiderte er.
+›Ich muß umkommen, ich sterbe vor Hunger.‹ Ich erbarmte mich seines
+Elends und gab ihm das Stück Fleisch, das ich geschenkt bekommen hatte.
+Er aß, und es schmeckte ihm sehr gut. Ja, er war mir sehr dankbar,
+obwohl er das jetzt vergessen zu haben scheint. Als nun der Wolf
+gegessen hatte, sagte er zu mir: ›Oheim Reineke, sagt mir doch, wer
+dort in der Höhle wohnt, und wie es darin aussieht, gut oder übel.‹ Ich
+sagte die Wahrheit und gab ihm die besten Lehren. ›Es ist ein garstiges
+Nest,‹ sagte ich, ›doch zu essen gibt es genug; wenn Ihr was haben
+wollt, so geht nur hinein. Aber hütet Euch wohl, die Wahrheit zu sagen.
+Die liebe Wahrheit müßt Ihr diesmal verbergen, wenn es Euch gut gehen
+soll. Wer immer die Wahrheit sagt, muß viel Verfolgung erdulden. Redet
+nur, was gerne gehört wird, und schweiget über das, was nicht zu sagen
+nötig ist.‹</p>
+
+<p>Seht, Herr König, das waren meine Worte, die ich ihm auf den<span class="pagenum" id="Seite_109">[S. 109]</span> Weg
+mitgab. Und so ging er fort, tat aber gerade das Gegenteil von dem,
+was ich ihm gesagt hatte. Hat er nun etwas abbekommen, so ist es seine
+eigene Schuld. Warum hat er meine Ratschläge nicht befolgt? Er sagte
+keck, er wüßte schon selber, was er zu tun hätte, und ging in die Höhle
+hinein.</p>
+
+<p>Da erblickte er nun die Meerkatzen, die wie die Teufel selbst aussahen.
+›Hilf Gott!‹ rief er aus, ›was für scheußliche Tiere sind das! Sind
+das Eure Kinder, oder sind sie aus der Hölle selbst entsprungen? Geht,
+ersäuft sie, das ist mein Rat! Gehörten sie mir, so würde ich sie alle
+hängen. Was soll solch böse Brut in der Welt? Wie garstig sehen sie
+aus!‹</p>
+
+<p>Die Meerkatze versetzte: ›Welcher Teufel hat Euch hergesandt? Was habt
+Ihr uns zu verspotten? Was habt Ihr überhaupt hier zu suchen? Ob meine
+Kinder häßlich oder schön sind, was geht es Euch an? Reineke, der
+Fuchs, ist doch gewiß klug; der war heute auch bei uns und fand meine
+Kinder schön, sittsam und von guter Art. Er begrüßte sie als seine
+nahen Anverwandten, und das vor kaum einer Stunde. Gefallen sie Euch
+nicht so gut wie ihm, wer hat Euch denn hierher gebeten? Das sage ich
+Euch, Herr Isegrim, wenn Ihr es wissen wollt.‹</p>
+
+<p>Da forderte der Wolf etwas zu essen von ihr. ›Gebt her,‹ rief er,
+›oder ich werde Euch dabei helfen. Für mich sind die Speisen nötiger
+als für diese Gespenster.‹ Da sprang die Meerkatze auf ihn zu, biß
+und kratzte auf ihn los, und die Kinder machten es ebenso, bissen und
+zerrten ihn aufs furchtbarste. Er fing an zu heulen und zu schreien.
+Das Blut lief ihm über die Backen. Er setzte sich nicht einmal zur
+Wehr, sondern lief, so schnell er konnte, aus der Höhle heraus. Ich
+stand draußen und erwartete ihn. Er war jämmerlich zerschunden. Sein
+Fell war zerzaust, ein Ohr war zerrissen. Mehrere Löcher hatten sie
+ihm in den Kopf geschlagen. Das Blut floß in Strömen herab. Ich fragte
+ihn:<span class="pagenum" id="Seite_110">[S. 110]</span> ›Habt Ihr etwa die Wahrheit gesagt?‹ ›Ja,‹ erwiderte er, ›ich
+sagte, wie ich es fand. Die garstige Hexe hat mich arg beschimpft. Wäre
+sie hier draußen, so sollte sie mir's teuer bezahlen! Wie gefallen Euch
+ihre Kinder, Reineke? Sehen sie nicht garstig und häßlich aus? Da ich
+ihr das aber sagte, war es um mich geschehen! Ich verscherzte mir damit
+sogleich ihre Gnade und kam sehr übel dabei an.‹ Da erwiderte ich:
+›Seid Ihr denn verrückt? So habe ich es Euch nicht gelehrt. Ihr hättet
+zu ihr sagen sollen: Liebe Muhme, wie geht es Euch und Euren reizenden
+Kinderchen? Sie sind alle, groß und klein, meine lieben Verwandten!‹</p>
+
+<p>Isegrim versetzte darauf: ›Ehe ich sie Muhme und die Kinder meine
+Neffen nennen würde, eher soll sie lieber der Teufel holen! Ihre
+Freundschaft kann ich gar wohl entbehren, denn es ist das ärgste
+Lumpengesindel von der Welt.‹</p>
+
+<p>Seht, Herr König, so empfing Isegrim für sein schlimmes Benehmen
+schlimmen Lohn. Hat er nicht unrecht, wenn er sagt, ich habe ihn
+verraten und bin schuld daran, daß es ihm so übel erging? Fragt
+ihn selbst, ob sich die Sache nicht so zugetragen hat, wie ich sie
+erzählte.«</p>
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_111">[S. 111]</span></p>
+
+<h2 class="s4">16. Kapitel.<br>
+<span class="s3">Die Forderung und die Vorbereitung zum Zweikampfe.</span></h2>
+</div>
+
+
+<p>Auf diese Aufforderung versetzte Isegrim: »Wir wollen endlich zu
+schwatzen aufhören und dem Dinge ein Ende machen! Warum sollen wir
+uns fortwährend zanken? Reineke, Ihr sollt Euren Willen haben, ich
+will mit Euch einen Zweikampf wagen. Dann wird es sich zeigen, auf
+wessen Seite das Recht ist. Ihr sprecht hier von der Affenhöhle, wie
+ich großen Hunger litt und Ihr mir etwas zu essen brachtet. Das war
+aber ein bloßer Knochen, von dem Ihr schon alles Fleisch abgenagt
+hattet! Ihr spottet meiner und tretet meiner Ehre zu nah'! Ihr habt
+schändliche Lügen ersonnen, wie ich dem Könige, meinem Herrn, nach dem
+Leben getrachtet hätte. Alles, was Ihr dem König von dem Schatz erzählt
+habt, ist Lug und Trug. Niemand wird je die Kostbarkeiten zu sehen
+bekommen, da sie gar nicht vorhanden sind. Ihr habt mich und mein Weib
+unzählige Male betrogen und verraten. Mit freundlichen Worten habt Ihr
+mir geschmeichelt, aber weh mir, wenn ich Euch traute! Ich fordere Euch
+also jetzt zum Zweikampf auf Tod und Leben! So soll unser Zwist endlich
+aufhören! Ich sage, daß Ihr ein Mörder und Verräter seid, ein Dieb und
+ein Räuber! Hier werfe ich meinen Handschuh hin. Nehmt ihn auf, und der
+Kampf soll zwischen uns entscheiden. Ihr, Herr König, und alle ihr<span class="pagenum" id="Seite_112">[S. 112]</span>
+Herren, habt es gehört und sollt Zeugen bei dem Zweikampf sein! Der
+morgige Tag entscheide, wer im Recht ist, Reineke oder ich!«</p>
+
+<p>So sprach der Wolf. Reineke aber dachte in seinem Sinn: »Das wird nun
+um Gut und Leben gehen! Er ist groß, und ich bin klein. Er ist stark,
+und ich bin schwach. Mache ich meine Sache diesmal schlecht, so ist
+alles verloren. Doch wenn er auch stärker ist, so bin ich doch klüger
+und weiß mir besser zu helfen. Auch kann ich schneller laufen als er,
+denn ich habe noch die Klauen an meinen Vorderfüßen, während er sie
+eingebüßt hat.«</p>
+
+<p>Und zum Wolf gewendet, sagte er: »Isegrim, Ihr seid selbst ein
+Verräter! Alles, was Ihr mir hier zur Last legt, das lügt Ihr! Ich will
+es wagen, mit Euch zu kämpfen. Denn das war von jeher mein Wunsch.
+Alles, was Isegrim sagt, ist Lüge. Darauf setze ich mein Gegenpfand
+hier vor Gericht!« Damit warf er seinen Handschuh hin.</p>
+
+<p>Der König empfing das Pfand von Isegrim ebenso wie das von Reineke und
+sprach zu ihnen: »Ihr müßt nun beide Bürgen stellen, daß ihr morgen zum
+Kampfe erscheinen wollt. Eure Angelegenheiten sind so verworren, daß
+nur der Kampf zwischen euch entscheiden kann.«</p>
+
+<p>Isegrims Bürgen wurden Hinze, der Kater, und Braun, der Bär; Grimbart,
+der Dachs, und Mönke, der junge Affe, wurden Bürgen für Reineke.</p>
+
+<p>Darauf wurde die Versammlung beendet. Zu Reineke aber trat Frau
+Rückenau heran und sagte: »Freund Reineke, seid nur guten Mutes! Euer
+Oheim Martin, der jetzt nach Rom gegangen ist, lehrte mich einst ein
+gutes Gebet, das der Abt von Schluckauf verfaßt hat. Dieser Abt hatte
+Martin lieb und schenkte ihm das Gebet und sprach: ›Dieses Gebet ist
+allemal gut für den, der in den Streit geht. Man muß es frühmorgens
+nüchtern über ihn lesen, so soll er den Tag über von aller Not frei
+und selbst vor dem<span class="pagenum" id="Seite_113">[S. 113]</span> Tode sicher sein. An diesem Tage kann ihn niemand
+verwunden.‹ Darum, lieber Oheim, seid guten Mutes! Ich will es morgen
+früh über Euch lesen, so braucht Ihr Euch vor dem Tode nicht zu
+fürchten.«</p>
+
+<p>Reineke antwortete: »Meine liebe Muhme, ich danke Euch von Herzen
+dafür! Meine Sache ist gerecht, deshalb sehe ich getrost dem kommenden
+Tag entgegen!«</p>
+
+<p>Reinekes Freunde blieben die Nacht über bei ihm, um ihm die Sorgen zu
+vertreiben. Frau Rückenau, die Äffin, war beständig mit Rat und Tat
+um ihn herum. Sie ließ ihm vom Kopf bis zum Schwanze alle seine Haare
+abscheren und ihn ganz mit Öl bestreichen. Sie sprach zu ihm: »Reineke,
+paßt wohl auf, was Ihr tut. Hört guter Freunde Rat, das wird Euch gut
+tun und kann nie schaden. Ihr seid nun am ganzen Leibe rund und glatt;
+Isegrim wird Euch nun mit seinen Tatzen nicht fassen und festhalten
+können. Laßt Euch zuerst von ihm angreifen und jagen. Flieht eilig vor
+ihm, aber — vergeßt das nicht — immer gegen den Wind. Da wirbelt Ihr
+tüchtig Staub auf, der ihm in die Augen fliegt. Steht er dann still, um
+sich die Augen auszuwischen, so schleudert Ihr ihm mit Eurem Schwanz
+neuen Sand hinein. Er wird dann wie blind sein und nicht mehr wissen,
+wohin er sich wenden soll. So, lieber Oheim! Nun legt Euch ruhig
+schlafen, wir wollen Euch schon wecken, wenn es Zeit ist. Aber vorher
+muß ich über Euch die heiligen Worte lesen, von denen ich Euch gesagt
+habe.« Damit legte sie die Hand auf sein Haupt und sprach: »Gaudo
+statzi salphenio, Caßbu, garfonns Barbas aßbulfrio! — Seht, Reineke,
+nun seid Ihr wohl verwahrt!«</p>
+
+<p>Darauf legte sich der Fuchs zu Bett und schlief, bis die Sonne aufging.
+Da kamen die Otter und der Dachs und weckten ihn.</p>
+
+<p>Die Otter brachte ihm eine junge Ente und sagte: »Ich habe manchen
+Sprung gewagt, ehe ich sie dem Vogelsteller bei der<span class="pagenum" id="Seite_114">[S. 114]</span> Hühnerburg rechts
+vom Damm wegstibitzen konnte. Laßt sie Euch wohlschmecken, lieber
+Vetter!«</p>
+
+<p>»Das ist ein guter Morgengruß!« versetzte Reineke. »Verschmähte ich
+das, so wäre ich ein Narr. Gott lohne es Euch, daß Ihr meiner so
+gedenkt!«</p>
+
+<p>Reineke aß und trank tüchtig, damit er sich recht gestärkt fühle, und
+ging dann in Begleitung seiner Freunde auf den Platz, wo der Kampf
+stattfinden sollte.</p>
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_115">[S. 115]</span></p>
+
+<h2 class="s4">17. Kapitel.<br>
+<span class="s3">Der Zweikampf und seine Entscheidung.</span></h2>
+</div>
+
+
+<p>Als der König Reineke so geschoren und von Fett glänzend daherkommen
+sah, lachte er aus vollem Halse und rief: »O, Fuchs, wer hat dich das
+gelehrt? Wahrlich, an Schlauheit übertrifft dich niemand! Du weißt dir
+immer zu helfen!«</p>
+
+<p>Reineke verneigte sich tief vor dem König und grüßte auch die Königin
+mit größter Ehrerbietung. Er zeigte sich zum Kampf bereit und sprang
+munter in den Kreis hinein.</p>
+
+<p>Da stand auch schon der Wolf mit seinen Freunden, die ihm alle das
+Schlimmste wünschten. Sie sprachen manches boshafte Wort über ihn. Bald
+darauf traten die Kampfrichter herbei, der Luchs und der Leopard, und
+beide Kämpfer mußten den Eid leisten. Isegrim schwur, Reineke sei ein
+Verräter, ein Dieb und ein Mörder, dafür wolle er sein Leben einsetzen.
+Reineke dagegen tat den Schwur, Isegrim leiste einen falschen Eid,
+jedes Wort, das er sage, sei eine Lüge. Und das wolle er ihm beweisen!</p>
+
+<p>Da sprachen die Kreishüter: »Tut, was ihr zu tun habt! Wer im Recht
+ist, das wird sich bald zeigen!«</p>
+
+<p>Da gingen alle hinaus, groß und klein, die nichts darin zu tun hatten.
+Nur der Wolf und der Fuchs blieben in dem Kreise.</p>
+
+<p>Die Äffin flüsterte Reineke zu: »Vergeßt nicht, was ich Euch geraten
+habe!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_116">[S. 116]</span></p>
+
+<p>Frohen Mutes erwiderte der Fuchs: »Ich weiß, Ihr sähet es gern,
+wenn es gut endete! Glaubt mir, ich werde meinem Feinde unverzagt
+entgegengehen! Bin ich doch schon mancher Gefahr entronnen! Wie oft
+habe ich schon mein Leben aufs Spiel gesetzt; so will ich es auch gegen
+diesen Bösewicht wagen. Und ich hoffe, ich werde siegreich aus dem
+Kampfe hervorgehen und sowohl ihn wie sein ganzes Geschlecht in Schande
+bringen! Mir aber und allen meinen Verwandten werde ich Ehre bereiten.
+Ich will dem Wolf schon eintränken, was er über mich gesagt hat!«</p>
+
+<p>Nun blieben diese beiden allein aus dem Kampfplatz, und ein paar
+tapfere Kämpfer waren es, die man da bewundern konnte.</p>
+
+<p>Es erschallte die Trompete zum Zeichen, daß der Kampf beginnen sollte.
+Voll Ingrimm, mit offenem Rachen und blitzenden Augen sprang der
+Wolf aus seinen Gegner los. Dieser aber, leichter und gewandter als
+der schwerfällige Wolf, sprang rasch zur Seite. Dann lief er immer
+gegen den Wind vor dem Wolf her, seinen Schwanz im Winde schleifend.
+Absichtlich ließ er Isegrim nahe herankommen, und als dieser glaubte,
+ihn schon fassen zu können, schlug ihm der Schlaue den mit Sand
+gefüllten Schweif so heftig in die Augen, daß dem Wolf Hören und
+Sehen verging. Während dieser nun stehen blieb, um sich die Augen
+auszuwischen, wirbelte Reineke immer mehr Staub und Sand auf und schlug
+dem Gegner mit dem Schweif in die Augen, daß dieser nicht das Geringste
+mehr sehen konnte. Schnell faßte ihn Reineke bei der Kehle, biß und
+kratzte ihn und gab ihm noch lose Worte dazu. »Ei, Herr Isegrim,«
+spottete er, »Ihr habt oftmals manch unschuldiges Lamm gefressen und
+manch anderes harmloses Tier verschlungen; ich hoffe, Ihr werdet es
+künftig nicht mehr tun. Das gereicht Eurer Seele sicher zum Heile, daß
+Ihr in Zukunft nicht mehr rauben und morden könnt. Seid nur geduldig,
+denn es ist bald aus mit Euch, da Ihr in Reinekes Macht geraten seid.
+Doch<span class="pagenum" id="Seite_117">[S. 117]</span> wollt Ihr abbitten und Euch versöhnen, so will ich Eures Lebens
+gern schonen.«</p>
+
+<p>Mit einem kräftigen Ruck riß sich Isegrim los. Da schlug ihm Reineke
+ins Gesicht, daß er ein Auge verlor! Vor Schmerzen heulte er laut auf
+und sprang wie rasend auf Reineke los. Er warf ihn auf die Erde nieder
+und packte den einen Vorderfuß des Fuchses mit seinen Zähnen, indem er
+rief: »O du Dieb, nun ist deine letzte Stunde gekommen! Erkläre dich
+als überwunden, oder ich schlage dich tot. Deine Betrügereien sind zu
+groß gewesen. Dein Staubaufwirbeln, dein Lügen und dein Fettschmieren
+soll dir nun nichts helfen! Du kannst mir nicht mehr entgehen! Du hast
+mir zu viel Schaden zugefügt und mir jetzt sogar ein Auge ausgerissen!«</p>
+
+<p>Reineke war sehr übel zumute. »Jetzt bin ich in der größten Gefahr,«
+dachte er. »Ergebe ich mich nicht, so ist es mein Tod; ergebe ich
+mich aber, so gerate ich in Schimpf und Schande.« Er legte sich also
+aufs Bitten: »Lieber Oheim, schont meiner, und ich will gern Euer
+Lehnsmann werden. Ich will für Euch zum Heiligen Grabe wallfahren und
+Ablaß für Eure Seele erflehen. Ich will Euch in Ehren halten, als ob
+Ihr der Papst in Rom wäret, ja Euch einen teuren Eid schwören, Euer
+Knecht in Ewigkeit zu sein. Auch meine Verwandten sollen Euch stets
+dienen. Alles, was ich fangen kann, das steht Euch zu Gebote; es mögen
+nun Gänse, Enten, Hühner oder Fische sein, so will ich sie an Euren
+Tisch liefern. Nur was Ihr übriglaßt, will ich für mich beanspruchen.
+Ich will jederzeit auf Euer Wohl bedacht sein, daß Euch kein Schaden
+geschehe. Ihr seid stark, und ich bin klug. Halten wir nun zusammen,
+der eine mit Rat, der andere mit Macht, wer will uns dann etwas
+anhaben? Wir sind so nahe Anverwandte, daß wir nicht miteinander
+streiten sollten. Ich bin auch ungern in diesen Kampf mit Euch
+gegangen; wenn ich ihm nur hätte entgehen können! Allein Ihr habt mich
+dazu herausgefordert, da<span class="pagenum" id="Seite_118">[S. 118]</span> mußte ich wohl kommen, so ungern ich es auch
+tat. Doch bin ich bisher noch sehr gnädig mit Euch verfahren und habe
+nicht meine ganzen Kampfmittel aufgeboten. Ich habe eine Ehre darin
+gesucht, Euch als meinen Oheim zu schonen. Sonst wäre ich ganz anders
+mit Euch verfahren. Jetzt ist Euch noch nicht viel Schaden geschehen,
+außer mit Eurem Auge. Und das geschah aus Versehen! O, wie leid tut es
+mir! Aber ich weiß einen Rat, Euch wieder zu heilen. Doch verliert Ihr
+selbst das Auge, und Ihr seid sonst gesund, so ist es nicht so schlimm.
+Denn Ihr braucht nur ein Fenster zuzumachen, wenn Ihr schlafen geht, da
+andere zwei schließen müssen.</p>
+
+<p>Noch eine andere Versöhnung will ich Euch anbieten. Alle meine Freunde,
+mein Weib und meine Kinder, sollen sich vor Euch neigen in Gegenwart
+des Königs, unseres Herrn, und sollen Euch um Reinekes Leben bitten.
+Ich will auch öffentlich bekennen, daß ich nicht die Wahrheit gesagt
+und Euch häufig belogen und betrogen habe. Schwören will ich, daß ich
+nichts Böses von Euch weiß. Tötet Ihr mich aber jetzt, so müßt Ihr
+allezeit in Angst vor meinen Verwandten und Freunden leben. Verschont
+Ihr mich hingegen, so erwerbt Ihr Euch Ruhm und Ansehen und gewinnt
+viele neue Freunde, die Euch jederzeit dienen werden. Tut nun, was Euch
+gut dünkt. Mir ist wenig daran gelegen, ob ich lebe oder sterbe!«</p>
+
+<p>Da sprach der Wolf: »O du falscher Fuchs, wie gerne wärst du wieder
+frei! Und wäre die ganze Welt aus rotem Golde, und du bötest mir
+dieselbe zum Ersatz, ich ließe dich doch nicht los. Du hast mich zu oft
+betrogen, du falscher, treuloser Gesell! Und gäbst nur sicherlich nicht
+eine Eierschale, wenn ich dir dein Leben schenkte. Nach deinen Freunden
+frage ich nicht viel. Ich will ihre Feindschaft schon ertragen und
+werde mich zu wehren wissen, wenn sie mich angreifen. Ach, wie würdest
+du mich verspotten, wenn ich<span class="pagenum" id="Seite_119">[S. 119]</span> mich durch deine Verlockungen verführen
+ließe, dich freizugeben! Wie würdest du künftighin noch manchen
+betrügen, der sich auf dein Lügen nicht verstände! Du sagst, du habest
+mich verschont! Schau' nur her, du Bösewicht! Hast du mir nicht ein
+Auge ausgerissen? Hast du mir nicht an allen Teilen meines Körpers mehr
+als zwanzig Wunden beigebracht? Du ließest mir ja nicht die Zeit zum
+Atemholen. Wie töricht würde ich handeln, wenn ich dir Gnade erwiese.
+Nein, nein! Diesmal sollst du es mit dem Leben büßen!«</p>
+
+<p>Während der Wolf so sprach, hatte Reineke auf neue List gesonnen.
+Er packte plötzlich den Wolf an der empfindlichsten Stelle seines
+Körpers mit solcher Gewalt, daß Isegrim vor Schmerz laut aufschrie. Den
+Augenblick benutzte Reineke, seine Pfote aus dem Rachen des Wolfes zu
+ziehen, und nun hielt er den Wolf mit beiden Tatzen fest umklammert und
+biß wie wild darauflos, wohin er eben traf. Isegrim schrie und heulte
+vor Schmerz und sank endlich, von Blut und Wunden bedeckt, betäubt zur
+Erde nieder.</p>
+
+<p>Voll Schrecken und Betrübnis sahen die Freunde des Wolfes dem Ausgang
+des Kampfes zu. Sie eilten zum König und baten ihn, den Befehl zur
+Beendigung des Kampfes zu geben. Der König war damit einverstanden.
+Er gebot den beiden Kampfrichtern, dem Luchs und dem Leopard, dem
+siegreichen Fuchs mitzuteilen, es sei nunmehr genug, und er, der König,
+wünsche, daß man den Kampf endige. Diese beiden eilten sogleich in den
+Kreis und sprachen: »Hört, Reineke! Wir Kampfrichter verkünden Euch
+den Befehl des Königs! Er will den Krieg zwischen euch beiden endigen
+und euch trennen. Er bittet Euch, Isegrim freizugeben und am Leben
+zu lassen. Es wäre dem König leid, wenn einer von euch beiden in dem
+Kampfe bliebe! Ihr, Reineke, habt den Sieg davongetragen, das sagt hier
+jung und alt, und alle rechtlich Denkenden zollen Euch Beifall.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_120">[S. 120]</span></p>
+
+<p>Reineke entgegnete darauf: »Dafür sollen sie alle meinen Dank haben!
+Gern gebe ich den Worten des Königs Gehör und gehorche seinem Befehle.
+Mehr verlange ich nicht als den Sieg. Doch bitte ich den König, mir zu
+gestatten, daß ich erst meine Freunde befrage.«</p>
+
+<p>Da riefen alle seine Freunde und Verwandten: »Ja, Reineke, es dünkt
+auch uns gut, daß Ihr dem Willen des Königs folgt!«</p>
+
+<p>Darauf kamen sie von allen Seiten herbei, denn es hatten sich eine
+ganze Menge zu dem interessanten Schauspiel eingefunden. Der Dachs, der
+Affe und der Biber, die Otter, der Marder und das Eichhorn drängten
+sich nun alle an den Fuchs heran. Ja, viele, die gegen ihn geklagt
+hatten und nichts von ihm hatten wissen mögen, erzeigten ihm jetzt die
+größte Liebe. Jeder wollte sein nächster Verwandter sein und sich in
+seine Gunst setzen. Ja, so geht es in der Welt. Wem es gut geht, der
+hat viele Freunde, wem es aber übel geht, der hat gewiß keine! So war
+es auch hier. Als Reineke gewonnen hatte, wollte jeder auf seiner Seite
+stehen. Die einen pfiffen, die anderen sangen, bliesen auf Posaunen
+oder schlugen die Pauken. Alle seine Freunde riefen ihm zu: »Reineke,
+seid froh! Ihr habt Euch in dieser Stunde mit Ruhm bedeckt. Wir waren
+schon sehr betrübt, als Ihr zu unterliegen schienet. Aber das Glück hat
+sich bald gewendet. Ihr seid mit Ehren aus dem Kampf hervorgegangen!
+Das war ein treffliches Meisterstück!«</p>
+
+<p>Reineke dankte allen seinen Freunden und trat dann, von den
+Kampfrichtern begleitet, vor den König. Demütig kniete er vor dem
+Throne nieder. Der König aber hieß ihn aufstehen und sprach in
+Gegenwart aller Herren zu ihm: »Ihr habt den Streit mit Ehren bestanden
+und tapfer für Euer Recht gekämpft! So spreche ich Euch denn frei von
+jeder Schuld, und keine Strafe soll<span class="pagenum" id="Seite_121">[S. 121]</span> Euch treffen. Alles übrige soll
+entschieden werden, sobald Isegrim von seinen Wunden wiederhergestellt
+ist.«</p>
+
+<p>Reineke sprach: »Herr, Eurem Rate folge ich immer gern. Ehe ich herkam,
+klagte manch einer über mich, dem ich nie Schaden zugefügt hatte.
+Mancher stimmte wohl nur in das allgemeine Geschrei gegen mich ein
+aus Furcht vor dem Wolfe. Sie merkten, daß Isegrim damals besser bei
+Euch angeschrieben war als ich. Wer im Recht war, das kümmerte sie
+nicht. Sie glichen jenen gierigen Hunden, die vor der Küche warteten,
+ob man ihnen nicht einen Knochen hinauswerfe. Da sahen sie einen
+Hund herauskommen, der dem Koch ein großes Stück gesottenes Fleisch
+wegstibitzt hatte. Es war ihm aber auch schlecht bekommen. Der Koch
+hatte ihm sein Hinterteil mit kochendem Wasser begossen und ihm den
+ganzen Schwanz verbrüht. Gleichwohl hielt er das Gestohlene fest. Als
+er nun zu den anderen Hunden kam, riefen diese: ›Seht, diesem geht
+es gut! Er hat den Koch zum Freunde! Welch prachtvolles Stück hat er
+ihm gegeben!‹ Da sprach der arme Verbrannte traurig: ›Ihr preist mich
+glücklich, weil ihr mich nur von vorne seht und euch das Stück Fleisch
+gefällt. Aber seht mich nur mal von hinten an, da werdet ihr eure
+Meinung bald ändern!‹ Als sie ihn nun recht besahen und bemerkten, wie
+verbrannt er war, wie ihm die Haare ausfielen, und wie die ganze Haut
+eingeschrumpft war, da befiel sie ein Grauen. Kein einziger wollte in
+die Küche; sie liefen weg und ließen ihn allein.</p>
+
+<p>Herr, mit diesem Beispiel meine ich die Habgierigen. Kommen sie zu
+Macht und Ansehen, so will sie ein jeder zum Freunde haben. Man sieht
+täglich, ja stündlich auf sie, denn sie tragen das Fleisch im Munde.
+Ein jeder sagt, was sie gern hören. Jeder lobt sie, ob sie gleich
+nichts taugen. Und so wird ihre böse Sache immer von ihnen bestärkt.
+Allein die Strafe folgt ihnen endlich nach. Ihr Regiment schlägt
+schließlich um; zuletzt kann man sie<span class="pagenum" id="Seite_122">[S. 122]</span> nicht mehr leiden, und das Haar
+fällt ihnen auf beiden Seiten aus; das sind ihre großen und kleinen
+Freunde, die sämtlich von ihnen abfallen und sie allein stehen lassen,
+wie diese Hunde taten, als sie ihren Kameraden verbrannt, blutig und
+beschimpft vor sich sahen. Herr, versteht mich recht. Von Reineke soll
+dies nicht gesagt werden. Ich will das beste Teil erwählen, und meine
+Freunde sollen sich meiner nicht zu schämen haben. Ich danke Euer
+Gnaden gehorsamst und bin jederzeit bereit, nach Eurem Willen zu leben.«</p>
+
+<p>Der König sprach darauf: »Wohl habe ich Euch verstanden, Reineke! Ich
+setze Euch wieder in alle Eure Ehren ein. Ihr sollt zu den ersten
+Baronen meines Reiches gehören. Jederzeit sollt Ihr bereit sein,
+in meinem geheimen Rat zu erscheinen. Der Hof kann Euren Rat nicht
+entbehren. Wenn Ihr Eure Weisheit mit Tugend verbindet, so steht hier
+niemand so hoch wie Ihr. In Zukunft will ich keine Klagen mehr gegen
+Euch mit anhören. Ihr sollt als Kanzler des Reiches Euer eigenes Urteil
+sprechen. Mein königliches Siegel lege ich in Eure Hand. Was Ihr
+schreibt und siegelt, das hat Geltung, als hätte ich es selbst getan.«</p>
+
+<p>So wurde nun Reineke der erste Staatsdiener an des Königs Hofe. Er
+neigte sich vor König Nobel und sagte: »Gnädiger Herr, ich danke
+Euch sehr, daß Ihr mir so große Ehre erweist! Ich werde mich immer
+erkenntlich dafür zeigen und Eure Güte zu verdienen streben!«</p>
+
+<p>Dem Wolf erging es indessen sehr übel. Zum Tode ermattet und in großen
+Schmerzen war er auf der Erde liegen geblieben. Nur seine Frau, seine
+Kinder, Braun, der Bär, und Hinze, der Kater, waren um ihn versammelt.
+Sie schafften eine Bahre herbei, legten ihn vorsichtig hinauf und
+trugen ihn traurig vom Kampfplatz. Man rief sogleich Ärzte herbei, die
+seine Wunden untersuchten. Er hatte deren sechsundzwanzig. Er wurde
+verbunden und mußte Arznei zu sich nehmen; denn er war sehr schwach<span class="pagenum" id="Seite_123">[S. 123]</span>
+und krank. Endlich schlief er ein wenig ein. Aber es dauerte nicht
+lange, und er erwachte wieder. Der Kummer über die erlittene Schmach
+ließ ihn keine Ruhe finden. Sein Weib, Frau Gieremund, saß an seinem
+Lager in tiefer Betrübnis. Sie jammerte über die Schmerzen, die ihr
+armer Mann auszuhalten hatte, und ärgerte sich, daß der Bösewicht
+Reineke den Sieg über ihn davongetragen hatte.</p>
+
+<p>Reineke indessen weilte wohlgemut und frohen Sinnes im Kreise seiner
+Freunde, die ihn umschmeichelten. Der König sagte ihm freundliche Worte
+zum Abschied. »Reineke,« sprach er, »kehrt bald zurück, mein lieber
+Kanzler!«</p>
+
+<p>Der Fuchs kniete vor dem Throne nieder und sagte:</p>
+
+<p>»Gnädiger Herr, ich danke Euch aus vollem Herzen, wie auch meiner
+gnädigen Königin, Euren Räten und allen Herren am Hofe. Gott erhalte
+Euch lange, reich an Ruhm und Ehren! Was Ihr anordnet, werde ich
+jederzeit tun, nicht nur aus Pflicht, sondern auch aus Liebe! Denn ich
+liebe und ehre Euch, wie Ihr es verdient. Wenn Ihr es gestattet, hoher
+Herr, so will ich jetzt zu meinem Weibe und meinen Kindern reisen, die
+ungeduldig meiner harren und gewiß über mein langes Ausbleiben schon
+sehr bekümmert sind.«</p>
+
+<p>Der König sprach: »So reist denn glücklich, mein lieber Reineke!«</p>
+
+<p>So schied Reineke von des Königs Schloß, mit schönen Worten und in
+großer Gnade. Der König gab ihm ein ansehnliches Geleit mit auf den
+Weg. Wohl vierzig Ritter folgten ihm, alle sehr stolz auf diese Ehre.
+Reineke schritt wie ein Prinz voran. Es war ihm sehr wohl zumute. Er
+hatte des Königs Gnade wiedergewonnen und war Reichskanzler geworden.
+»Ei,« dachte er bei sich, »nun soll mir's nicht fehlen! Wem ich jetzt
+wohl will, dem kann ich<span class="pagenum" id="Seite_124">[S. 124]</span> helfen; wer mein Freund ist, dem soll's auch
+gut gehen! Daher preise ich die Weisheit mehr als alles Gold der Welt!«</p>
+
+<p>Also ging Reineke mit seinen Freunden nach seinem Hause Malepartus.
+Er dankte ihnen allen sehr für ihre Treue, daß sie ihm in der Not
+beigestanden hatten, und bot ihnen seine Dienste für die Zukunft an.
+Darauf schieden sie voneinander.</p>
+
+<p>Reineke trat in seine Burg ein, wo ihn Frau Ermelyn sehr erfreut
+willkommen hieß. Sie erkundigte sich nach den Angelegenheiten bei
+Hofe, und wie es ihm ergangen wäre. Der Fuchs sagte zu ihr: »Die Sache
+hat eine glückliche Wendung genommen. Ich stehe hoch in der Gnade des
+Königs. Er hat mich wieder zum Rat an seinem Hofe ernannt und mich über
+alle Herren gesetzt. Das gereicht unserem Geschlecht zu großen Ehren.
+Er hat mich zum Kanzler des Reiches erwählt, und ich werde künftighin
+seine Siegel führen. Was Reineke tut und schreibt, das hat Gültigkeit.
+Dem Wolfe habe ich wohl für immer die Lust benommen, mich zu verklagen.
+Er ist im Zweikampf unterlegen. Ich habe ihn auf einem Auge geblendet
+und schwer verwundet. Wer weiß, ob er mit dem Leben davonkommt! Aber
+wenn er auch lebt, Schaden kann er mir doch nicht mehr anhaben; denn
+ich bin sein Obermann geworden und aller seiner Gesellen dazu!«</p>
+
+<p>Da war nun die Frau Füchsin über die Maßen froh, und mit ihr freuten
+sich die beiden Söhnchen Reinhart und Rossel, daß ihr Vater so hoch
+erhoben war. Sie riefen: »Nun wollen wir froh und sorglos leben, unsere
+Burg befestigen und immer glücklich und zufrieden sein!«</p>
+
+<figure class="figcenter padtop2 padbot2 illowe4" id="124_decoration_2">
+ <img class="w100" src="images/124_decoration.jpg" alt="deko">
+</figure>
+
+<p class="s5 center">Druck von A. Seydel &amp; Cie. G.m.b.H., Berlin SW 61.</p>
+
+<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77153 ***</div>
+</body>
+</html>
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new file mode 100644
index 0000000..0f2a3e7
--- /dev/null
+++ b/README.md
@@ -0,0 +1,2 @@
+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for eBook #77153
+(https://www.gutenberg.org/ebooks/77153)